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If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Römische Geschichte Book 5 + +Author: Theodor Mommsen + +Release Date: February, 2002 [Etext #3064] +[Most recently updated: January 15, 2020] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + + + + +Römische Geschichte + +Fünftes Buch +Die Begründung der Militärmonarchie + +von Theodor Mommsen + +The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some +(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a +modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek +words, nor is there any differentiation between the different accents of +ancient Greek and the subscript iotas are missing as well. + +Contents + + Fünftes Buch—Die Begründung der Militärmonarchie + KAPITEL I. Marcus Lepidus und Quintus Sertorius + KAPITEL II. Die Sullanische Restaurationsherrschaft + KAPITEL III. Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius + KAPITEL IV. Pompeius und der Oste + KAPITEL V. Der Parteienkampf während Pompeius’ Abwesenheit + KAPITEL VI. Pompeius’ Rücktritt und die Koalition der Prätendenten + KAPITEL VII. Die Unterwerfung des Westens + KAPITEL VIII. Pompeius’ und Caesars Gesamtherrschaft + KAPITEL IX. Crassus’ Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher. + KAPITEL X. Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus + KAPITEL XI. Die alte Republik und die neue Monarchie + KAPITEL XII. Religion, Bildung, Literatur und Kunst + + + + +Fünftes Buch +Die Begründung der Militärmonarchie + + +Wie er sich sieht so um und um, +Kehrt es ihm fast den Kopf herum, +Wie er wollt’ Worte zu allem finden? +Wie er möcht’ so viel Schwall verbinden +Wie er möcht’ immer mutig bleiben +So fort und weiter fort zu schreiben? + +Goethe + + + + +KAPITEL I. +Marcus Lepidus und Quintus Sertorius + + +Als Sulla im Jahre 676 (78) starb, beherrschte die von ihm restaurierte +Oligarchie unbeschränkt den römischen Staat; allein wie sie durch +Gewalt gegründet war, bedurfte sie auch ferner der Gewalt, um sich +gegen ihre zahlreichen heimlichen und offenen Gegner zu behaupten. Was +ihr entgegenstand, war nicht etwa eine einfache Partei mit klar +ausgesprochenen Zwecken und unter bestimmt anerkannten Führern, sondern +eine Masse der mannigfaltigsten Elemente, die wohl im allgemeinen unter +dem Namen der Popularpartei sich zusammenfaßten, aber doch in der Tat +aus den verschiedenartigsten Gründen und in der verschiedenartigsten +Absicht gegen die Sullanische Ordnung des Gemeinwesens Opposition +machten. Da waren die Männer des positiven Rechts, die Politik weder +machten noch verstanden, denen aber Sullas willkürliches Schalten mit +dem Leben und Eigentum der Bürger ein Greuel war. Noch bei Lebzeiten +Sullas, während jede andere Opposition schwieg, lehnten die strengen +Juristen gegen den Regenten sich auf: es wurden zum Beispiel die +Cornelischen Gesetze, welche verschiedenen italischen Bürgerschaften +das römische Bürgerrecht aberkannten, in gerichtlichen Entscheidungen +als nichtig behandelt, ebenso das Bürgerrecht von den Gerichten +erachtet als nicht aufgehoben durch die Kriegsgefangenschaft und den +Verkauf in die Sklaverei während der Revolution. Da waren ferner die +Überreste der alten liberalen Senatsminorität, welche in früheren +Zeiten auf eine Transaktion mit der Reformpartei und mit den Italikern +hingearbeitet hatte und jetzt in ähnlicher Weise geneigt war, die starr +oligarchische Verfassung Sullas durch Zugeständnisse an die Popularen +zu mildern. Da waren ferner die eigentlichen Popularen, die ehrlich +gläubigen bornierten Radikalen, die für die Schlagwörter des +Parteiprogramms Vermögen und Leben einsetzten, um nach dem Siege mit +schmerzlichem Erstaunen zu erkennen, daß sie nicht für eine Sache, +sondern für eine Phrase gefochten hatten. Ihnen galt es vornehmlich um +die Wiederherstellung der von Sulla zwar nicht aufgehobenen, aber doch +ihrer wesentlichsten Befugnisse entkleideten tribunizischen Gewalt, +welche nur mit um so geheimnisvollerem Zauber auf die Menge wirkte, +weil das Institut ohne handgreiflichen praktischen Nutzen und in der +Tat ein leeres Gespenst war - hat doch der Name des Volkstribuns noch +über ein Jahrtausend später Rom revolutioniert. Da waren vor allem die +zahlreichen und wichtigen Klassen, die die Sullanische Restauration +unbefriedigt gelassen oder geradezu in ihren politischen oder +Privatinteressen verletzt hatte. Aus solchen Ursachen gehörte der +Opposition an die dichte und wohlhabende Bevölkerung der Landschaft +zwischen dem Po und den Alpen, die natürlich die Gewährung des +launischen Rechts im Jahre 665 (89) nur als eine Abschlagszahlung auf +das volle römische Bürgerrecht betrachtete und der Agitation einen +willfährigen Boden gewährte. Desgleichen die ebenfalls durch Anzahl und +Reichtum einflußreichen und durch ihre Zusammendrängung in der +Hauptstadt noch besonders gefährlichen Freigelassenen, die es nicht +verschmerzen konnten, durch die Restauration wieder auf ihr früheres, +praktisch nichtiges Stimmrecht zurückgeführt worden zu sein. +Desgleichen ferner die hohe Finanz, die zwar vorsichtig sich still +verhielt, aber ihren zähen Groll und ihre nicht minder zähe Macht nach +wie vor sich bewahrte. Ebenso mißvergnügt war die hauptstädtische +Menge, die die wahre Freiheit im freien Brotkorn erkannte. Noch tiefere +Erbitterung gärte in den von den Sullanischen Konfiskationen +betroffenen Bürgerschaften, mochten sie nun, wie zum Beispiel die +Pompeianer, in ihrem durch die Sullanischen Kolonisten geschmälerten +Eigentum innerhalb desselben Stadtgebiets mit diesen zusammen und mit +ihnen in ewigem Hader leben oder, wie die Arretiner und Volaterraner, +zwar noch im tatsächlichen Besitz ihrer Mark, aber unter dem +Damoklesschwert der vom römischen Volke über sie verhängten +Konfiskation sich befinden oder endlich, wie dies besonders in Etrurien +der Fall war, als Bettler in ihren ehemaligen Wohnsitzen oder als +Räuber in den Wäldern verkommen. Es war endlich in Gärung der ganze +Familien- und Freigelassenenanhang derjenigen demokratischen Häupter, +die infolge der Restauration das Leben verloren hatten oder in allem +Elend des Emigrantenrums teils an den mauretanischen Küsten +umherirrten, teils am Hofe und im Heere Mithradats verweilten; denn +nach der von strenger Familiengeschlossenheit beherrschten politischen +Gesinnung dieser Zeit galt es den Zurückgebliebenen als Ehrensache ^1, +für die flüchtigen Angehörigen die Rückkehr in die Heimat, für die +toten wenigstens Aufhebung der auf ihrem Andenken und auf ihren Kindern +haftenden Makel und Rückgabe des väterlichen Vermögens auszuwirken. Vor +allem die eigenen Kinder der Geächteten, die der Regent von Rechts +wegen zu politischen Parias herabgesetzt hatte, hatten damit gleichsam +von dem Gesetze selbst die Aufforderung empfangen, gegen die bestehende +Ordnung sich zu empören. + +——————————————————————— + +^1 Ein bezeichnender Zug ist es, daß ein angesehener Literaturlehrer, +der Freigelassene Staberius Eros, die Kinder der Geächteten +unentgeltlich an seinem Kursus teilnehmen ließ. + +———————————————————————- + +Zu allen diesen oppositionellen Fraktionen kam weiter hinzu die ganze +Masse der ruinierten Leute. All das vornehme und geringe Gesindel, dem +im eleganten oder im banausischen Schlemmen Habe und Haltung darauf +gegangen war; die adligen Herren, an denen nichts mehr vornehm war als +ihre Schulden; die Sullanischen Lanzknechte, die der Machtspruch des +Regenten wohl in Gutsbesitzer, aber nicht in Ackerbauer hatte +umschaffen können, und die nach der verpraßten ersten Erbschaft der +Geächteten sich sehnten, eine zweite ähnliche zu tun - sie alle +warteten nur auf die Entfaltung der Fahne, die zum Kampfe gegen die +bestehenden Verhältnisse einlud, mochte sonst was immer darauf +geschrieben sein. Mit gleicher Notwendigkeit schlossen alle +aufstrebenden und der Popularität bedürftigen Talente der Opposition +sich an, sowohl diejenigen, denen der streng geschlossene +Optimatenkreis die Aufnahme oder doch das rasche Emporkommen verwehrte +und die deshalb in die Phalanx gewaltsam sich einzudrängen und die +Gesetze der oligarchischen Exklusivität und Anciennität durch die +Volksgunst zu brechen versuchten, als auch die gefährlicheren Männer, +deren Ehrgeiz nach einem höheren Ziel strebte, als die Geschicke der +Welt innerhalb der kollegialischen Umtriebe bestimmen zu helfen. +Namentlich auf der Advokatentribüne, dem einzigen von Sulla +offengelassenen Boden gesetzlicher Opposition, ward schon bei Lebzeiten +des Regenten von solchen Aspiranten mit den Waffen der formalen +Jurisprudenz und der schlagfertigen Rede lebhaft gegen die Restauration +gestritten; zum Beispiel der gewandte Sprecher Marcus Tullius Cicero +(geboren 3. Januar 648 106), eines Gutsbesitzers von Arpinum Sohn, +machte durch seine halb vorsichtige, halb dreiste Opposition gegen den +Machthaber sich rasch einen Namen. Dergleichen Bestrebungen hatten +nicht viel zu bedeuten, wenn der Opponent nichts weiter begehrte, als +den kurulischen Stuhl damit sich einzuhandeln und sodann als +Befriedigter den Rest seiner Jahre auf demselben zu versitzen. Wenn +freilich einem populären Mann dieser Stuhl nicht genügen und Gaius +Gracchus einen Nachfolger finden sollte, so war ein Kampf auf Tod und +Leben unvermeidlich; indes für jetzt wenigstens war noch kein Name zu +nennen, dessen Träger ein so hohes Ziel sich vorgesteckt hätte. + +Derart war die Opposition, mit der das von Sulla eingesetzte +oligarchische Regiment zu kämpfen hatte, nachdem dasselbe, früher als +Sulla selbst gedacht haben mochte, durch seinen Tod auf sich selber +angewiesen worden war. Die Aufgabe war an sich nicht leicht und ward +noch erschwert durch die sonstigen sozialen und politischen Übelstände +dieser Zeit, vor allem durch die ungemeine Schwierigkeit, teils die +Militärchefs in den Provinzen in Unterwürfigkeit gegen die höchste +bürgerliche Obrigkeit zu erhalten, teils in der Hauptstadt mit den +Massen des daselbst sich anhäufenden italischen und außeritalischen +Gesindels und der in Rom großenteils in faktischer Freiheit lebenden +Sklaven fertig zu werden, ohne doch Truppen zur Verfügung zu haben. Der +Senat stand wie in einer von allen Seiten ausgesetzten und bedrohten +Festung, und ernstliche Kämpfe konnten nicht ausbleiben. Aber auch die +von Sulla geordneten Widerstandsmittel waren ansehnlich und nachhaltig; +und wenngleich die Majorität der Nation der Regierung, wie Sulla sie +eingesetzt hatte, offenbar abgeneigt, ja ihr feindselig gesinnt war, so +konnte nichtsdestoweniger gegen die irre und wirre Masse einer +Opposition, welche weder im Ziel noch im Weg zusammen und hauptlos in +hundert Fraktionen auseinanderging, die Regierung sehr wohl noch auf +lange hinaus in ihrer festen Burg sich behaupten. Nur freilich mußte +sie auch sich behaupten wollen und wenigstens einen Funken jener +Energie, die ihre Festung gebaut hatte, zu deren Verteidigung +heranbringen; für eine Besatzung, die sich nicht wehren will, zieht der +größte Schanzkünstler vergebens seine Mauern und Gräben. + +Je mehr schließlich alles ankam auf die Persönlichkeit der leitenden +Männer auf beiden Seiten, desto übler war es, daß es genau genommen auf +beiden Seiten an Führern fehlte. Die Politik dieser Zeit ward durchaus +beherrscht von dem Koteriewesen in seiner schlimmsten Gestalt. Wohl war +dasselbe nichts Neues; die Familien- und Klubgeschlossenheit ist +untrennbar von der aristokratischen Ordnung des Staats und war seit +Jahrhunderten in Rom übermächtig. Aber allmächtig wurde dieselbe doch +erst in dieser Epoche, wie denn ihr Einfluß auch erst jetzt (zuerst 690 +64) durch gesetzliche Repressivmaßregeln weniger gehemmt als +konstatiert ward. Alle Vornehmen, die popular Gesinnten nicht minder +als die eigentliche Oligarchie, taten sich in Hetärien zusammen; die +Masse der Bürgerschaft, soweit sie überhaupt an den politischen +Vorgängen regelmäßig sich beteiligte, bildete nach den Stimmbezirken +gleichfalls geschlossene und fast militärisch organisierte Vereine, die +an den Vorstehern der Bezirke, den “Bezirksverteilern” (divisores +tribuum), ihre natürlichen Hauptleute und Mittelsmänner fanden. Feil +war diesen politischen Klubs alles: die Stimme des Wählers vor allem, +aber auch die des Ratsmanns und des Richters, auch die Fäuste, die den +Straßenkrawall machten, und die Rottenführer, die ihn lenkten - nur im +Tarif unterschieden sich die Assoziationen der Vornehmen und der +Geringen. Die Hetärie entschied die Wahlen, die Hetärie beschloß die +Anklagen, die Hetärie leitete die Verteidigung; sie gewann den +angesehenen Advokaten, sie akkordierte im Notfall wegen der +Freisprechung mit einem der Spekulanten, die den einträglichen Handel +mit Richterstimmen im großen betrieben. Die Hetärie beherrschte durch +ihre geschlossenen Banden die Straßen der Hauptstadt und damit nur zu +oft den Staat. All diese Dinge geschahen nach einer gewissen Regel und +sozusagen öffentlich; das Hetärienwesen war besser geordnet und besorgt +als irgendein Zweig der Staatsverwaltung; wenn auch, wie es unter +zivilisierten Gaunern üblich ist, von dem verbrecherischen Treiben nach +stillschweigendem Einverständnis nicht geradezu gesprochen ward, so +hatte doch niemand dessen ein Hehl, und angesehene Sachwalter scheuten +sich nicht, ihr Verhältnis zu den Hetärien ihrer Klienten öffentlich +und verständlich anzudeuten. Fand sich hier und da ein einzelner Mann, +der diesem Treiben und nicht zugleich dem öffentlichen Leben sich +entzog, so war er sicher, wie Marcus Cato, ein politischer Don +Quichotte. An die Stelle der Parteien und des Parteienkampfes traten +die Klubs und deren Konkurrenz, an die Stelle des Regiments die +Intrige. Ein mehr als zweideutiger Charakter, Publius Cethegus, einst +einer der eifrigsten Marianer, später als Überläufer zu Sulla zu Gnaden +aufgenommen, spielte in dem politischen Treiben dieser Zeit eine der +einflußreichsten Rollen, einzig als schlauer Zwischenträger und +Vermittler zwischen den senatorischen Fraktionen und als +staatsmännischer Kenner aller Kabalengeheimnisse; zu Zeiten entschied +über die Besetzung der wichtigsten Befehlshaberstellen das Wort seiner +Mätresse Praecia. Eine solche Misere war eben nur möglich, wo keiner +der politisch tätigen Männer sich über die Linie des Gewöhnlichen +erhob; jedes außerordentliche Talent hätte diese Faktionenwirtschaft +wie Spinnweben weggefegt; aber eben an politischen und militärischen +Kapazitäten war der bitterste Mangel. Von dem älteren Geschlecht hatten +die Bürgerkriege keinen einzigen angesehenen Mann übriggelassen als den +alten, klugen, redegewandten Lucius Philippus (Konsul 663 91),. der, +früher popular gesinnt, darauf Führer der Kapitalistenpartei gegen den +Senat und mit den Marianern eng verknüpft, endlich zeitig genug, um +Dank und Lohn zu ernten, übergetreten zu der siegenden Oligarchie, +zwischen den Parteien durchgeschlüpft war. Unter den Männern der +folgenden Generation waren die namhaftesten Häupter der reinen +Aristokratie Quintus Metellus Pius (Konsul 674 80), Sullas Genosse in +Gefahren und Siegen; Quintus Lutatius Catulus, Konsul in Sullas +Todesjahr 676 (78), der Sohn des Siegers von Vercellae; und zwei +jüngere Offiziere, die beiden Brüder Lucius und Marcus Lucullus, von +denen jener in Asien, dieser in Italien mit Auszeichnung unter Sulla +gefochten hatten; um zu schweigen von Optimaten wie Quintus Hortensius +(640-704 114-50), der nur als Sachwalter etwas bedeutete, oder gar wie +Decimus Iunius Brutus (Konsul 677 77), Mamercus Aemilius Lepidus +Livianus (Konsul 677 77) und andern solchen Nullitäten, an denen der +vollklingende aristokratische Name das gute Beste war. Aber auch jene +vier Männer erhoben sich wenig über den Durchschnittswert der vornehmen +Adligen dieser Zeit. Catulus war gleich seinem Vater ein feingebildeter +Mann und ehrlicher Aristokrat, aber von mäßigen Talenten und namentlich +kein Soldat. Metellus war nicht bloß ein persönlich achtbarer +Charakter, sondern auch ein fähiger und erprobter Offizier: nicht so +sehr wegen seiner engen verwandtschaftlichen und kollegialischen +Beziehungen zu dem Regenten, als besonders wegen seiner anerkannten +Tüchtigkeit war er im Jahre 675 (79) nach Niederlegung des Konsulats +nach Spanien gesandt worden, als dort die Lusitaner und die römischen +Emigranten unter Quintus Sertorius abermals sich regten. Tüchtige +Offiziere waren auch die beiden Lucullus, namentlich der ältere, der +ein sehr achtbares militärisches Talent mit gründlicher literarischer +Bildung und schriftstellerischen Neigungen vereinigte und auch als +Mensch ehrenwert erschien. Allein als Staatsmänner waren doch selbst +diese besseren Aristokraten nicht viel weniger schlaff und kurzsichtig +als die Dutzendsenatoren der Zeit. Dem äußeren Feind gegenüber +bewährten die namhafteren darunter sich wohl als brauchbar und brav; +aber keiner von ihnen bezeigte Lust und Geschick, die eigentlich +politischen Aufgaben zu lösen und das Staatsschiff durch die bewegte +See der Intrigen und Parteiungen als rechter Steuermann zu lenken. Ihre +politische Weisheit beschränkte sich darauf, aufrichtig zu glauben an +die alleinseligmachende Oligarchie, dagegen die Demagogie ebenso wie +jede sich emanzipierende Einzelgewalt herzlich zu hassen und mutig zu +verwünschen. Ihr kleiner Ehrgeiz nahm mit wenigem vorlieb. Was von +Metellus in Spanien erzählt wird, daß er nicht bloß die wenig +harmonische Leier der spanischen Gelegenheitspoeten sich gefallen, +sondern sogar, wo er hinkam, sich gleich einem Gotte mit Weinspenden +und Weihrauchduft empfangen und bei Tafel von niederschwebenden +Viktorien unter Theaterdonner das Haupt mit dem goldenen Siegeslorbeer +sich kränzen ließ, ist nicht besser beglaubigt als die meisten +geschichtlichen Anekdoten; aber auch in solchem Klatsch spiegelt sich +der heruntergekommene Ehrgeiz der Epigonengeschlechter. Selbst die +Besseren waren befriedigt, wenn nicht Macht und Einfluß, sondern das +Konsulat und der Triumph und im Rate ein Ehrenplatz errungen war, und +traten da, wo sie bei rechtem Ehrgeiz erst angefangen haben würden, +ihrem Vaterland und ihrer Partei wahrhaft nützlich zu sein, von der +politischen Bühne zurück, um in fürstlichem Luxus unterzugehen. Männer +wie Metellus und Lucius Lucullus waren schon als Feldherren nicht +weniger als auf die Erweiterung des römischen Gebiets durch neu +unterworfene Könige und Völkerschaften bedacht auf die der endlosen +Wildbret-, Geflügel- und Dessertliste der römischen Gastronomie durch +neue afrikanische und kleinasiatische Delikatessen und haben den besten +Teil ihres Lebens in mehr oder minder geistreichem Müßiggang verdorben. +Das traditionelle Geschick und die individuelle Resignation, auf denen +alles oligarchische Regiment beruht, waren der verfallenen und +künstlich wiederhergestellten römischen Aristokratie dieser Zeit +abhanden gekommen; ihr galt durchgängig der Cliquengeist als +Patriotismus, die Eitelkeit als Ehrgeiz, die Borniertheit als +Konsequenz. Wäre die Sullanische Verfassung unter die Obhut von Männern +gekommen, wie sie wohl im römischen Kardinalskollegium und im +venezianischen Rat der Zehn gesessen haben, so ist es nicht zu sagen, +ob die Opposition vermocht haben würde, sie so bald zu erschüttern; mit +solchen Verteidigern war allerdings jeder Angriff eine ernste Gefahr. + +Unter den Männern, die weder unbedingte Anhänger noch offene Gegner der +Sullanischen Verfassung waren, zog keiner mehr die Augen der Menge auf +sich als der junge, bei Sullas Tode achtundzwanzigjährige Gnaeus +Pompeius (geb. 29. September 648 106). Es war das ein Unglück für den +Bewunderten wie für die Bewunderer; aber es war natürlich. Gesund an +Leib und Seele, ein tüchtiger Turner, der noch als Oberoffizier mit +seinen Soldaten um die Wette sprang, lief und hob, ein kräftiger und +gewandter Reiter und Fechter, ein kecker Freischarenführer, war der +Jüngling in einem Alter, das ihn von jedem Amt und vom Senat ausschloß, +Imperator und Triumphator geworden und hatte in der öffentlichen +Meinung den ersten Platz nächst Sulla, ja von dem läßlichen, halb +anerkennenden, halb ironischen Regenten selbst den Beinamen des Großen +sich erworben. Zum Unglück entsprach seine geistige Begabung diesen +unerhörten Erfolgen schlechterdings nicht. Er war kein böser und kein +unfähiger, aber ein durchaus gewöhnlicher Mensch, durch die Natur +geschaffen, ein tüchtiger Wachtmeister, durch die Umstände berufen, +Feldherr und Staatsmann zu sein. Ein einsichtiger, tapferer und +erfahrener, durchaus vorzüglicher Soldat, war er doch auch als Militär +ohne eine Spur höherer Begabung; als Feldherr wie überhaupt ist es ihm +eigen, mit einer an Ängstlichkeit grenzenden Vorsicht zu Werke zu gehen +und womöglich den entscheidenden Schlag erst dann zu führen, wenn die +ungeheuerste Überlegenheit über den Gegner hergestellt ist. Seine +Bildung ist die Dutzendbildung der Zeit; obwohl durch und durch Soldat +versäumte er doch nicht, als er nach Rhodos kam, die dortigen +Redekünstler pflichtmäßig zu bewundern und zu beschenken. Seine +Rechtschaffenheit war die des reichen Mannes, der mit seinem +beträchtlichen ererbten und erworbenen Vermögen verständig Haus hält; +er verschmähte es nicht, in der üblichen senatorischen Weise Geld zu +machen, aber er war zu kalt und zu reich, um deswegen sich in besondere +Gefahren zu begeben und hervorragende Schande sich aufzuladen. Die +unter seinen Zeitgenossen im Schwange gehende Lasterhaftigkeit hat mehr +als seine eigene Tugend ihm den - relativ allerdings wohl +gerechtfertigten - Ruhm der Tüchtigkeit und Uneigennützigkeit +verschafft. Sein “ehrliches Gesicht” ward fast sprichwörtlich, und noch +nach seinem Tode war er ein würdiger und sittlicher Mann; in der Tat +war er ein guter Nachbar, welcher die empörende Sitte der Großen jener +Zeit, ihre Gebietsgrenzen durch Zwangskäufe oder, noch Schlimmeres, auf +Kosten der kleineren Nachbarn auszudehnen, nicht mitmachte, und zeigte +er im Familienleben Anhänglichkeit an Frau und Kinder; es gereicht ihm +ferner zur Ehre, daß er zuerst von der barbarischen Sitte abging, die +gefangenen feindlichen Könige und Feldherrn nach ihrer Aufführung im +Triumph hinrichten zu lassen. Aber das hielt ihn nicht ab, wenn sein +Herr und Meister Sulla befahl, sich von der geliebten Frau zu scheiden, +weil sie einem verfemten Geschlecht angehörte, und auf desselben +Gebieters Wink Männer, die ihm in schwerer Zeit hilfreich beigestanden +hatten, mit großer Seelenruhe vor seinen Augen hinrichten zu lassen; er +war nicht grausam, wie man ihm vorwarf, aber, was vielleicht schlimmer +ist, kalt und im Guten wie im Bösen ohne Leidenschaft. Im +Schlachtgetümmel sah er dem Feinde das Weiße im Auge; im bürgerlichen +Leben war er ein schüchterner Mann, dem bei der geringsten Veranlassung +das Blut in die Wangen stieg und der nicht ohne Verlegenheit öffentlich +sprach, überhaupt eckig, steif und ungelenk im Verkehr. Bei all seinem +hoffärtigen Eigensinn war er, wie ja in der Regel diejenigen es sind, +die ihre Selbständigkeit zur Schau tragen, ein lenksames Werkzeug in +der Hand derjenigen, die ihn zu nehmen verstanden, namentlich seiner +Freigelassenen und Klienten, von denen er nicht fürchtete, beherrscht +zu werden. Zu nichts war er minder geschaffen als zum Staatsmann. +Unklar über seine Ziele, ungewandt in der Wahl seiner Mittel, im +kleinen wie im großen kurzsichtig und ratlos, pflegte er seine +Unschlüssigkeit und Unsicherheit unter feierlichem Schweigen zu +verbergen und, wenn er fein zu spielen meinte, nur mit dem Glauben +andere zu täuschen, sich selber zu betrügen. Durch seine militärische +Stellung und seine landsmannschaftlichen Beziehungen fiel ihm fast ohne +sein Zutun eine ansehnliche, ihm persönlich ergebene Partei zu, mit der +sich die größten Dinge hätten durchführen lassen; allein Pompeius war +in jeder Beziehung unfähig, eine Partei zu leiten und zusammenzuhalten, +und wenn sie dennoch zusammenhielt, so geschah dies gleichfalls ohne +sein Zutun durch das bloße Schwergewicht der Verhältnisse. Hierin wie +in andern Dingen erinnert er an Marius; aber Marius ist mit seinem +bauerhaft rohen, sinnlich leidenschaftlichen Wesen doch noch minder +unerträglich als dieser langweiligste und steifleinenste aller +nachgemachten großen Männer. Seine politische Stellung war durchaus +schief. Er war Sullanischer Offizier und für die restaurierte +Verfassung einzustehen verpflichtet, und doch auch wieder in Opposition +gegen Sulla persönlich wie gegen das ganze senatorische Regiment. Das +Geschlecht der Pompeier, das erst seit etwa sechzig Jahren in den +Konsularverzeichnissen genannt ward, galt in den Augen der Aristokratie +noch keineswegs als voll; auch hatte der Vater dieses Pompeius gegen +den Senat eine sehr gehässige Zwitterstellung eingenommen und er selbst +einst in den Reihen der Cinnaner gestanden - Erinnerungen, die wohl +verschwiegen, aber nicht vergessen wurden. Die hervorragende Stellung, +die Pompeius unter Sulla sich erwarb, entzweite ihn innerlich +ebensosehr mit der Aristokratie, wie sie ihn äußerlich mit derselben +verflocht. Schwachköpfig wie er war, ward Pompeius auf der so +bedenklich rasch und leicht erklommenen Ruhmeshöhe vom Schwindel +ergriffen. Gleich als wolle er seine dürr prosaische Natur durch die +Parallele mit der poetischsten aller Heldengestalten selber verhöhnen, +fing er an sich mit Alexander dem Großen zu vergleichen und sich für +einen einzigen Mann zu halten, dem es nicht gezieme, bloß einer von den +fünfhundert römischen Ratsherren zu sein. In der Tat war niemand mehr +geschaffen, in ein aristokratisches Regiment als Glied sich einzufügen, +als er. Pompeius’ würdevolles Äußere, seine feierliche Förmlichkeit, +seine persönliche Tapferkeit, sein ehrbares Privatleben, sein Mangel an +aller Initiative hätten ihm, wäre er zweihundert Jahre früher geboren +worden, neben Quintus Maximus und Publius Decius einen ehrenvollen +Platz gewinnen mögen; zu der Wahlverwandtschaft, die zwischen Pompeius +und der Masse der Bürgerschaft und des Senats zu allen Zeiten bestand, +hat diese echt optimatische und echt römische Mediokrität nicht am +wenigsten beigetragen. Auch in seiner Zeit noch hätte es eine klare und +ansehnliche Stellung für ihn gegeben, wofern er damit sich genügen +ließ, der Feldherr des Rates zu sein, zu dem er von Haus aus bestimmt +war. Es genügte ihm nicht und so geriet er in die verhängnisvolle Lage, +etwas anderes sein zu wollen als er sein konnte. Beständig trachtete er +nach einer Sonderstellung im Staat und wenn sie sich darbot, konnte er +sich nicht entschließen, sie einzunehmen; mit tiefer Erbitterung nahm +er es auf, wenn Personen und Gesetze nicht unbedingt vor ihm sich +beugten, und doch trat er selbst mit nicht bloß affektierter +Bescheidenheit überall auf als einer von vielen Gleichberechtigten und +zitterte vor dem bloßen Gedanken, etwas Verfassungswidriges zu +beginnen. Also beständig in gründlicher Spannung mit und doch zugleich +der gehorsame Diener der Oligarchie, beständig gepeinigt von einem +Ehrgeiz, der vor seinem eigenen Ziele erschrickt, verfloß ihm in ewigem +innerem Widerspruch freudelos sein vielbewegtes Leben. + +Ebensowenig als Pompeius kann Marcus Crassus zu den unbedingten +Anhängern der Oligarchie gezählt werden. Er ist eine für diese Epoche +höchst charakteristische Figur. Wie Pompeius, dem er im Alter um wenige +Jahre voranging, gehörte auch er zu dem Kreise der hohen römischen +Aristokratie, hatte die gewöhnliche standesmäßige Erziehung erhalten +und gleich Pompeius unter Sulla im Italischen Kriege mit Auszeichnung +gefochten. An geistiger Begabung, literarischer Bildung und +militärischem Talent weit zurückstehend hinter vielen seinesgleichen, +überflügelte er sie durch seine grenzenlose Rührigkeit und durch die +Beharrlichkeit, mit der er rang, alles zu besitzen und zu bedeuten. Vor +allen Dingen warf er sich in die Spekulation. Güterkäufe während der +Revolution begründeten sein Vermögen; aber er verschmähte keinen +Erwerbszweig; er betrieb das Baugeschäft in der Hauptstadt ebenso +großartig wie vorsichtig; er ging mit seinen Freigelassenen bei den +mannigfaltigsten Unternehmungen in Kompagnie; er machte in und außer +Rom, selbst oder durch seine Leute den Bankier; er Schoß seinen +Kollegen Im Senat Geld vor und unternahm es, für ihre Rechnung wie es +fiel Arbeiten auszuführen oder Richterkollegien zu bestechen. +Wählerisch im Profitmachen war er eben nicht. Schon bei den +Sullanischen Ächtungen war ihm eine Fälschung in den Listen +nachgewiesen worden, weshalb Sulla sich von da an in Staatsgeschäften +seiner nicht weiter bedient hatte; die Erbschaft nahm er darum nicht +weniger, weil die Testamentsurkunde, in der sein Name stand, notorisch +gefälscht war; er hatte nichts dagegen, wenn seine Meier die kleinen +Anlieger ihres Herrn von ihren Ländereien gewaltsam oder heimlich +verdrängten. Übrigens vermied er offene Kollisionen mit der +Kriminaljustiz und lebte als echter Geldmann selbst bürgerlich und +einfach. Auf diesem Wege ward Crassus binnen wenig Jahren aus einem +Mann von gewöhnlichem senatorischen, der Herr eines Vermögens, das +nicht lange vor seinem Tode nach Bestreitung ungeheurer +außerordentlicher Ausgaben sich noch auf 170 Mill. Sesterzen (13 Mill. +Taler) belief: er war der reichste Römer geworden und damit zugleich +eine politische Größe. Wenn nach seiner Äußerung niemand sich reich +nennen durfte, der nicht aus seinen Zinsen ein Kriegsheer zu +unterhalten vermochte, so war, wer dies vermochte, kaum noch ein bloßer +Bürger. In der Tat war Crassus’ Blick auf ein höheres Ziel gerichtet +als auf den Besitz der gefülltesten Geldkiste in Rom. Er ließ es sich +keine Mühe verdrießen, seine Verbindungen auszudehnen. Jeden Bürger der +Hauptstadt wußte er beim Namen zu grüßen. Keinem Bittenden versagte er +seinen Beistand vor Gericht. Zwar die Natur hatte nicht viel für ihn +als Sprecher getan: seine Rede war trocken, der Vortrag eintönig, er +hörte schwer; aber sein zäher Sinn, den keine Langeweile abschreckte +wie kein Genuß abzog, überwand die Hindernisse. Nie erschien er +unvorbereitet, nie extemporierte er, und so ward er ein allzeit +gesuchter und allzeit fertiger Anwalt, dem es keinen Eintrag tat, daß +ihm nicht leicht eine Sache zu schlecht war und daß er nicht bloß durch +sein Wort, sondern auch durch seine Verbindungen und vorkommenden Falls +durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der halbe Rat war +ihm verschuldet; seine Gewohnheit, den Freunden Geld ohne Zinsen auf +beliebige Rückforderung vorzuschießen, machte eine Menge einflußreicher +Männer von ihm abhängig, um so mehr, da er als echter Geschäftsmann +keinen Unterschied unter den Parteien machte, überall Verbindungen +unterhielt und bereitwillig jedem borgte, der zahlungsfähig oder sonst +brauchbar war. Die verwegensten Parteiführer, die rücksichtslos nach +allen Seiten hin ihre Angriffe richteten, hüteten sich, mit Crassus +anzubinden; man verglich ihn dem Stier der Herde, den zu reizen für +keinen rätlich war. Daß ein so gearteter und so gestellter Mann nicht +nach niedrigen Zielen streben konnte, leuchtet ein; und, anders als +Pompeius, wußte Crassus genau wie ein Bankier, worauf und womit er +politisch spekulierte. Seit Rom stand, war daselbst das Kapital eine +politische Macht; die Zeit war von der Art, daß dem Golde wie dem Eisen +alles zugänglich schien. Wenn in der Revolutionszeit eine +Kapitalistenaristokratie daran hatte denken mögen, die Oligarchie der +Geschlechter zu stürzen, so durfte auch ein Mann wie Crassus die Blicke +höher erheben als zu den Rutenbündeln und dem gestickten Mantel der +Triumphatoren. Augenblicklich war er Sullaner und Anhänger des Senats; +allein er war viel zu sehr Finanzmann, um einer bestimmten politischen +Partei sich zu eigen zu geben und etwas anderes zu verfolgen als seinen +persönlichen Vorteil. Warum sollte Crassus, der reichste und der +intriganteste Mann in Rom und kein scharrender Geizhals, sondern ein +Spekulant im größten Maßstab, nicht spekulieren auch auf die Krone? +Vielleicht vermochte er allein es nicht, dies Ziel zu erreichen; aber +er hatte ja schon manches großartige Gesellschaftsgeschäft gemacht: es +war nicht unmöglich, daß auch hierfür ein passender Teilnehmer sich +darbot. Es gehörte zur Signatur der Zeit, daß ein mittelmäßiger Redner +und Offizier, ein Politiker, der seine Rührigkeit für Energie, seine +Begehrlichkeit für Ehrgeiz hielt, der im Grunde nichts hatte als ein +kolossales Vermögen und das kaufmännische Talent, Verbindungen +anzuknüpfen - daß ein solcher Mann, gestützt auf die Allmacht der +Koterien und Intrigen, den ersten Feldherren und Staatsmännern der Zeit +sich ebenbürtig achten und mit ihnen um den höchsten Preis ringen +durfte, der dem politischen Ehrgeiz winkt. + +In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen +Konservativen als unter den Popuhren, hatten die Stürme der Revolution +mit erschreckender Gründlichkeit aufgeräumt. Unter jenen war der einzig +übriggebliebene namhafte Mann Gaius Cotta (630 bis ca. 681 124 -73), +der Freund und Bundesgenosse des Drusus und deswegen im Jahre 663 (91) +verbannt, sodann durch Sullas Krieg zurückgeführt in die Heimat; er war +ein kluger Mann und ein tüchtiger Anwalt, aber weder durch das Gewicht +seiner Partei noch durch das seiner Persönlichkeit zu mehr berufen als +zu einer achtbaren Nebenrolle. In der demokratischen Partei zog unter +dem jungen Nachwuchs der vierundzwanzigjährige Gaius Iulius Caesar +(geb. 12. Juli 652? 102) ^2 die Blicke von Freund und Feind auf sich. +Seine Verschwägerung mit Marius und Cinna - seines Vaters Schwester war +Marius’ Gemahlin gewesen, er selbst mit Cinnas Tochter vermählt -; die +mutige Weigerung des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings, nach +dem Befehl des Diktators seiner jungen Gemahlin Cornelia den +Scheidebrief zuzusenden, wie es doch im gleichen Falle Pompeius getan; +ein keckes Beharren auf dem ihm von Marius zugeteilten, von Sulla aber +wieder aberkannten Priesteramt; seine Irrfahrten während der ihm +drohenden und mühsam durch Fürbitte seiner Verwandten abgewandten +Ächtung; seiner Tapferkeit in den Gefechten vor Mytilene und in +Kilikien, die dem zärtlich erzogenen und fast weiblich stutzerhaften +Knaben niemand zugetraut hatte; selbst die Warnungen Sullas vor dem +“Knaben im Unterrock”, in dem mehr als ein Marius stecke - alles dies +waren ebenso viele Empfehlungen in den Augen der demokratischen Partei. +Indes an Caesar konnten doch nur Hoffnungen für die Zukunft sich +knüpfen; und die Männer, die durch ihr Alter und ihre Stellung im Staat +schon jetzt berufen gewesen sein würden, der Zügel der Partei und des +Staates sich zu bemächtigen, waren sämtliche tot oder geächtet. So war +die Führerschaft der Demokratie in Ermangelung eines wahrhaft Berufenen +für jeden zu haben, dem es belieben mochte, sich zum Vertreter der +unterdrückten Volksfreiheit aufzuwerfen; und in dieser Weise kam sie an +Marcus Aemilius Lepidus, einen Sullaner, der aus mehr als zweideutigen +Beweggründen überging in das Lager der Demokratie. Einst ein eifriger +Optimat und stark beteiligt bei den über die Güter der Geächteten +abgehaltenen Auktionen, hatte er als Statthalter von Sizilien die +Provinz so arg geplündert, daß ihm eine Anklage drohte, und, um dieser +zu entgehen, sich in die Opposition geworfen. Es war ein Gewinn von +zweifelhaftem Werte. Zwar ein bekannter Name, ein vornehmer Mann, ein +hitziger Redner auf dem Markt war damit der Opposition erworben; aber +Lepidus war ein unbedeutender und unbesonnener Kopf, der weder im Rate +noch im Felde verdiente, an der Spitze zu stehen. Nichtsdestoweniger +hieß die Opposition ihn willkommen, und dem neuen Demokratenführer +gelang es nicht bloß, seine Ankläger von der Fortsetzung des gegen ihn +begonnenen Angriffs abzuschrecken, sondern auch, seine Wahl zum Konsul +für 676 (78) durchzusetzen, wobei ihm übrigens außer den in Sizilien +erpreßten Schätzen auch Pompeius’ albernes Bestreben förderlich war, +bei dieser Gelegenheit Sulla und den reinen Sullanern zu zeigen, was er +vermöge. Da also, als Sulla starb, die Opposition an Lepidus wieder ein +Haupt gefunden hatte und da dieser ihr Führer der höchste Beamte des +Staats geworden war, so ließ sich der nahe Ausbruch einer neuen +Revolution in der Hauptstadt mit Sicherheit vorhersehen. + +——————————————————————————— + +^2 Als Caesars Geburtsjahr pflegt man das Jahr 654 (100) anzusetzen, +weil er nach Sueton (Caes. 88), Plutarch (Caes. 69) und Appian (civ. 2 +149) bei seinem Tode (15. März 710 44) im 56. Jahre stand; womit auch +die Angabe, daß er zur Zeit der Sullanischen Proskription (672 82) +achtzehn Jahre alt gewesen (Vell. 2, 41), ungefähr übereinstimmt. Aber +in unauflöslichem Widerspruch damit steht es, daß Caesar im Jahre 689 +(65) die Ädilität, 692 (62) die Prätur, 695 (59) das Konsulat bekleidet +hat und jene Ämter nach den Annalgesetzen frühestens resp. im 37/38., +40/41. und 43/44. Lebensjahr bekleidet werden durften. Es ist nicht +abzusehen, wie Caesar sämtliche kurulischen Ämter zwei Jahre vor der +gesetzlichen Zeit bekleidet haben, noch weniger, daß hiervon nirgends +Erwähnung geschehen sein sollte. Vielmehr legen diese Tatsachen die +Vermutung nahe, daß er, da sein Geburtstag unbezweifelt auf den 12. +Juli fiel, nicht 654 (100), sondern 652 (102) geboren ist, also im +Jahre 672 (82) im 20/21. Lebensjahre stand und nicht im 56., sondern 57 +Jahre 8 Monate alt starb. Für diesen letzteren Ansatz läßt sich ferner +geltend machen, was man auffallenderweise dagegen angeführt hat, daß +Caesar “paene puer” von Marius und Cinna zum Flamen des Jupiter +bestellt wurde (Vell. 2, 43); denn Marius starb im Januar 668 (86), wo +Caesar nach dem gewöhnlichen Ansatz dreizehn Jahre und sechs Monate +alt, also nicht “beinahe”, wie Velleius sagt, sondern wirklich noch +Knabe und aus diesem Grunde eines solchen Priestertums kaum fähig war. +War er dagegen im Juli 652 (102) geboren, so stand er bei dem Tode des +Marius im sechzehnten Lebensjahr; und dazu stimmt die Bezeichnung bei +Velleius wie die allgemeine Regel, daß bürgerliche Stellungen nicht vor +Ablauf des Knabenalters übernommen werden. Zu diesem letzteren Ansatz +paßt es ferner allein, daß die um den Ausbruch des Bürgerkrieges von +Caesar geschlagenen Denare mit der Zahl LII, wahrscheinlich dem +Lebensjahr, bezeichnet sind; denn als er begann, war Caesar hiernach +etwas über 52 Jahre alt. Auch ist es nicht so verwegen, wie es uns an +regelmäßige und amtliche Geburtslisten Gewöhnten erscheint, in dieser +Hinsicht unsere Gewährsmänner eines Irrtum zu zeihen. Jene vier Angaben +können sehr wohl alle auf eine gemeinschaftliche Quelle zurückgehen und +dürfen überhaupt, da für die ältere Zeit vor dem Beginn der acta diurna +die Angaben über die Geburtsjahre auch der bekanntesten und +höchstgestellten Römer, zum Beispiel über das des Pompeius, in der +auffallendsten Weise schwanken, auf keine sehr hohe Glaubwürdigkeit +Anspruch machen. Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 1, S. 570. + +In dem ‘Leben Caesars’ von Napoleon III. (Bd. 2, Kap. 1) ist hiergegen +eingewandt worden, teils daß das Annalgesetz für Caesars Geburtsjahr +nicht auf 652 (102), sondern 651 (103) führen würde, teils besonders, +daß auch sonst Fälle bekannt sind, wo dasselbe nicht befolgt worden +ist. Allein die erste Behauptung beruht auf einem Versehen; denn wie +Ciceros Beispiel zeigt, forderte das Annalgesetz nur, daß bei Antritt +des Amtes das 43. Lebensjahr begonnen, nicht daß es zurückgelegt sei. +Die behaupteten Ausnahmen aber von der Regel treffen sämtlich nicht zu. +Wenn Tacitus (ann. 11, 22) sagt, daß man ehemals bei der Vergebung der +Ämter gar keine Rücksicht auf das Alter genommen und Konsulat und +Diktatur an ganz junge Leute übertragen habe, so hat er natürlich, wie +auch alle Erklärer anerkennen, dabei die ältere Zeit im Sinne, vor +Erlaß der Annalgesetze, das Konsulat des dreiundzwanzigjährigen M. +Valerius Corvus und ähnliche Fälle. Daß Lucullus das höchste Amt vor +dem gesetzlichen Alter empfing, ist falsch; es wird nur berichtet (Cic. +ac. 2. 1, 1), daß auf Grund einer uns nicht näher bekannten +Ausnahmeklausel zur Belohnung für irgendwelche von ihm verrichtete Tat +er von dem gesetzlichen zweijährigen Intervall zwischen Ädilität und +Prätur dispensiert war - in der Tat war er 675 Ädil, wahrscheinlich 677 +Prätor, 680 Konsul. Daß der Fall des Pompeius ein gänzlich +verschiedener ist, liegt auf der Hand; aber auch von Pompeius wird +mehrfach ausdrücklich gemeldet (Cic. imp. Cn. Pomp. 21, 62; App. civ. +3, 88), daß der Senat ihn von den Altersgesetzen entband. Daß dies für +Pompeius geschah, der als sieggekrönter Oberfeldherr und Triumphator, +an der Spitze eines Heeres und seit seiner Koalition mit Crassus auch +einer mächtigen Partei, sich um das Konsulat bewarb, ist ebenso +begreiflich, als es im höchsten Grade auffallend sein würde, wenn +dasselbe für Caesar bei seiner Bewerbung um die minderen Ämter +geschehen sein sollte, wo er wenig mehr bedeutete als andere politische +Anfänger; und noch viel auffallender ist es, daß wohl von jener +selbstverständlichen Ausnahme, aber nicht von dieser mehr als seltsamen +sich Erwähnung findet, so nahe solche Erwähnungen, namentlich im +Hinblick auf den 21jährigen Konsul Caesar den Sohn auch gelegen haben +würden (vgl. z. B. App. civ. 3, 88). Wenn aus diesen unzutreffenden +Beispielen dann die Folgerung gezogen wird, daß “man in Rom das Gesetz +wenig beachtet habe, wenn es sich um ausgezeichnete Männer handelte”, +so ist über Rom und die Römer wohl nie etwas Irrigeres gesagt worden +als dieser Satz. Die Größe des römischen Gemeinwesens wie nicht minder +die seiner großen Feldherren und Staatsmänner beruht vor allen Dingen +darauf, daß das Gesetz auch für sie galt. + +——————————————————————- + +Schon früher aber als die Demokraten in der Hauptstadt hatten sich in +Spanien die demokratischen Emigranten wieder geregt. Die Seele dieser +Bewegung war Quintus Sertorius. Dieser vorzügliche Mann, geboren in +Nursia im Sabinerland, war von Haus aus zart und selbst weich +organisiert - die fast schwärmerische Liebe für seine Mutter Raia zeigt +es - und zugleich von der ritterlichsten Tapferkeit, wie die aus dem +Kimbrischen, dem Spanischen und dem Italischen Krieg heimgebrachten +ehrenvollen Narben bewiesen. Obwohl als Redner gänzlich ungeschult, +erregte er durch den natürlichen Fluß und die treffende Sicherheit +seiner Rede die Bewunderung der gelernten Sachwalter. Sein ungemeines +militärisches und staatsmännisches Talent hatte er namentlich in dem +von den Demokraten so über die Maßen elend und kopflos geführten +Revolutionskrieg Gelegenheit gefunden in glänzendem Kontrast zu +beweisen: anerkanntermaßen war er der einzige demokratische Offizier, +der den Krieg vorzubereiten und zu leiten verstand, und der einzige +demokratische Staatsmann, der dem gedankenlosen Treiben und Wüten +seiner Partei mit staatsmännischer Energie entgegentrat. Seine +spanischen Soldaten nannten ihn den neuen Hannibal und nicht bloß +deswegen, weil er gleich diesem im Kriege ein Auge eingebüßt hatte. Er +erinnert in der Tat an den großen Phöniker durch seine ebenso +verschlagene als mutige Kriegführung, sein seltenes Talent, den Krieg +durch den Krieg zu organisieren, seine Gewandtheit, fremde Nationen in +sein Interesse zu ziehen und seinen Zwecken dienstbar zu machen, seine +Besonnenheit im Glück und Unglück, seine erfinderische Raschheit in der +Benutzung seiner Siege wie in der Abwendung der Folgen seiner +Niederlagen. Man darf zweifeln, ob irgendein römischer Staatsmann der +früheren oder der gegenwärtigen Zeit an allseitigem Talent mit +Sertorius sich vergleichen läßt. Nachdem Sullas Feldherren ihn +gezwungen hatten, aus Spanien zu weichen, hatte er an den spanischen +und afrikanischen Küsten ein unstetes Abenteuerleben geführt, bald im +Bunde, bald im Kriege mit den auch hier einheimischen kilikischen +Piraten und den Häuptlingen der schweifenden Stämme Libyens. Selbst +hierhin hatte die siegreiche römische Restauration ihn verfolgt; als er +Tingis (Tanger) belagerte, war dem Fürsten der Stadt zu Hilfe aus dem +römischen Afrika ein Korps unter Pacciaecus erschienen; aber Pacciaecus +ward von Sertorius völlig geschlagen und Tingis genommen. Auf das +weithin erschallende Gerücht von solchen Kriegstaten des römischen +Flüchtlings sandten die Lusitaner, die trotz ihrer angeblichen +Unterwerfung unter die römische Oberhoheit tatsächlich ihre +Unabhängigkeit behaupteten und jährlich mit den Statthaltern des +Jenseitigen Spaniens fochten, Botschaft an Sertorius nach Afrika, um +ihn zu sich einzuladen und ihm das Feldherrnamt über ihre Miliz zu +übertragen. Sertorius, der zwanzig Jahre zuvor unter Titus Didius in +Spanien gedient hatte und die Hilfsquellen des Landes kannte, beschloß, +der Einladung Folge zu leisten, und schiffte mit Zurücklassung eines +kleinen Postens an der mauretanischen Küste nach Spanien sich ein (um +674 80). Die Meerenge, die Spanien und Afrika scheidet, war besetzt +durch ein römisches, von Cotta geführtes Geschwader; sich +durchzuschleichen war nicht möglich; so schlug Sertorius sich durch und +gelangte glücklich zu den Lusitanern. Es waren nicht mehr als zwanzig +lusitanische Gemeinden, die sich unter seine Befehle stellten, und auch +von “Römern” musterte er nur 2600 Mann, von denen ein guter Teil +Übergetretene aus dem Heer des Pacciaecus oder römisch bewaffnete +Afrikaner waren. Sertorius erkannte es, daß alles darauf ankam, den +losen Guerillaschwärmen einen festen Kern römisch organisierter und +disziplinierter Truppen zu geben; er verstärkte zu diesem Ende seine +mitgebrachte Schar durch Aushebung von 4000 Fußsoldaten und 700 Reitern +und rückte mit dieser einen Legion und den Schwärmen der spanischen +Freiwilligen gegen die Römer vor. Den Befehl im jenseitigen Spanien +führte Lucius Fufidius, der durch seine unbedingte und bei den +Ächtungen erprobte Hingebung an Sulla vom Unteroffizier zum Proprätor +aufgerückt war; am Baetis ward dieser völlig geschlagen; 2000 Römer +bedeckten die Walstatt. Eilige Boten beriefen den Statthalter der +benachbarten Ebroprovinz, Marcus Domitius Calvinus, um dem weiteren +Vordringen der Sertorianer ein Ziel zu setzen; bald erschien (675 79) +auch der erprobte Feldherr Quintus Metellus, von Sulla gesandt, um den +unbrauchbaren Fufidius im südlichen Spanien abzulösen. Aber es gelang +doch nicht, des Aufstandes Herr zu werden. In der Ebroprovinz wurde von +dem Unterfeldherrn des Sertorius, dem Quästor Lucius Hirtuleius, nicht +bloß Calvinus’ Heer vernichtet und er selbst getötet, sondern auch +Lucius Manlius, der Statthalter des jenseitigen Galliens, der seinem +Kollegen zu Hilfe mit drei Legionen die Pyrenäen überschritten, von +demselben tapferen Führer vollständig geschlagen. Mühsam rettete +Manlius sich mit weniger Mannschaft nach Ilerda (Lerida) und von da in +seine Provinz, auf welchem Marsch er noch durch einen Überfall der +aquitanischen Völkerschaften sein ganzes Gepäck einbüßte. Im +Jenseitigen Spanien drang Metellus in das lusitanische Gebiet ein; +allein es gelang Sertorius, während der Belagerung von Longobriga +(unweit der Tajomündung) eine Abteilung unter Aquinus in einen +Hinterhalt zu locken und dadurch Metellus selbst zur Aufhebung der +Belagerung und zur Räumung des lusitanischen Gebietes zu zwingen. +Sertorius folgte ihm, schlug am Anas (Guadiana) das Korps des Thorius +und tat dem feindlichen Oberfeldherrn selbst unsäglichen Abbruch im +kleinen Kriege. Metellus, ein methodischer und etwas schwerfälliger +Taktiker, war in Verzweiflung über diesen Gegner, der die +Entscheidungsschlacht beharrlich verweigerte, aber Zufuhr und +Kommunikationen ihm abschnitt und von allen Seiten ihn beständig +umschwärmte. + +Diese ungemeinen Erfolge, die Sertorius in beiden spanischen Provinzen +erfocht, waren im so bedeutsamer, als sie nicht bloß durch die Waffen +errungen wurden und nicht bloß militärischer Natur waren. Die +Emigrierten als solche waren nicht furchtbar; auch an einzelnen +Erfolgen der Lusitaner unter diesem oder jenem fremden Führer war wenig +gelegen. Aber mit dem sichersten politischen und patriotischen Takt +trat Sertorius, sowie er irgend es vermochte, statt als Condottiere der +gegen Rom empörten Lusitaner auf als römischer Feldherr und Statthalter +von Spanien, in welcher Eigenschaft er ja von den ehemaligen +Machthabern dorthin gesandt worden war. Er fing an ^3, aus den Häuptern +der Emigration einen Senat zu bilden, der bis auf dreihundert +Mitglieder steigen und in römischen Formen die Geschäfte leiten und die +Beamten ernennen sollte. Er betrachtete sein Heer als ein römisches und +besetzte die Offiziersstellen ohne Ausnahme mit Römern. Den Spaniern +gegenüber war er der Statthalter, der kraft seines Amtes Mannschaft und +sonstige Unterstützung von ihnen einmahnte; aber freilich ein +Statthalter, der statt des gewohnten despotischen Regiments bemüht war, +die Provinzialen an Rom und an sich persönlich zu fesseln. Sein +ritterliches Wesen machte ihm das Eingehen auf die spanische Weise +leicht und erweckte bei dem spanischen Adel für den wahlverwandten +wunderbaren Fremdling die glühendste Begeisterung; nach der auch hier +wie bei den Kelten und den Deutschen bestehenden kriegerischen Sitte +der Gefolgschaft schworen Tausende der edelsten Spanier, zu ihrem +römischen Feldherrn treu bis zum Tode zu stehen, und Sertorius fand in +ihnen zuverlässigere Waffengefährten als in seinen Landsleuten und +Parteigenossen. Er verschmähte es nicht, auch den Aberglauben der +roheren spanischen Völkerschaften für sich nutzbar zu machen und seine +kriegerischen Pläne als Befehle der Diana durch die weiße Hindin der +Göttin sich zutragen zu lassen. Durchaus führte er ein gerechtes und +gelindes Regiment. Seine Truppen mußten, wenigstens so weit sein Auge +und sein Arm reichten, die strengste Mannszucht halten; so mild er im +allgemeinen im Strafen war, so unerbittlich erwies er sich bei jedem +von seinen Leuten auf befreundetem Gebiet verübten Frevel. Aber auch +auf dauernde Erleichterung der Lage der Provinzialen war er bedacht; er +setzte die Tribute herab und wies die Soldaten an, sich für den Winter +Baracken zu erbauen, wodurch die drückende Last der Einquartierung +wegfiel und damit eine Quelle unsäglicher Übelstände und Quälereien +verstopft ward. Für die Kinder der vornehmen Spanier ward in Osca +(Huesca) eine Akademie errichtet, in der sie den in Rom gewöhnlichen +höheren Jugendunterricht empfingen, römisch und griechisch reden und +die Toga tragen lernten - eine merkwürdige Maßregel, die keineswegs +bloß den Zweck hatte, von den Verbündeten die in Spanien nun einmal +unvermeidlichen Geiseln in möglichst schonender Form zu nehmen, sondern +vor allem ein Ausfluß und eine Steigerung war des großen Gedankens des +Gaius Gracchus und der demokratischen Partei, die Provinzen allmählich +zu romanisieren. Hier zuerst wurde der Anfang dazu gemacht, die +Romanisierung nicht durch Ausrottung der alten Bewohner und Ersetzung +derselben durch italische Emigranten zu bewerkstelligen, sondern die +Provinzialen selbst zu romanisieren. Die Optimaten in Rom spotteten +über den elenden Emigranten, den Ausreißer aus der italischen Armee, +den letzten von der Räuberbande des Carbo; der dürftige Hohn fiel auf +sie selber zurück. Man rechnete die Massen, die gegen Sertorius ins +Feld geführt worden waren, mit Einschluß des spanischen Landsturms auf +120000 Mann zu Fuß, 2000 Bogenschützen und Schleuderer und 6000 Reiter. +Gegen diese ungeheure Übermacht hatte Sertorius nicht bloß sich in +einer Kette von glücklichen Gefechten und Siegen behauptet, sondern +auch den größten Teil Spaniens in seine Gewalt gebracht. In der +jenseitigen Provinz sah sich Metellus beschränkt auf die unmittelbar +von seinen Truppen besetzten Gebietsteile; hier hatten alle +Völkerschaften, die es konnten, Partei für Sertorius ergriffen. In der +diesseitigen gab es nach den Siegen des Hirtuleius kein römisches Heer +mehr. Sertorianische Emissäre durchstreiften das ganze gallische +Gebiet; schon fingen auch hier die Stämme an, sich zu regen, und +zusammengerottete Haufen, die Alpenpässe unsicher zu machen. Die See +endlich gehörte ebensosehr den Insurgenten wie der legitimen Regierung, +da die Verbündetem jener, die Korsaren, in den spanischen Gewässern +fast so mächtig waren wie die römischen Kriegsschiffe. Auf dem +Vorgebirge der Diana (jetzt Denia zwischen Valencia und Alicante) +richtet Sertorius jenen eine feste Station ein, wo sie teils den +römischen Schiffen auflauerten, die den römischen Seestädten und dem +Heer ihren Bedarf zuführten, teils den Insurgenten die Waren abnahmen +oder lieferten, teils deren Verkehr mit Italien und Kleinasien +vermittelten. Daß diese allzeit fertigen Vermittler von der lohenden +Brandstätte überall hin die Funken trugen, war in hohem Grade +besorgniserregend, zumal in einer Zeit, wo überall im Römischen Reiche +so viel Brennstoff aufgehäuft war. + +—————————————————————————— + +^3 Wenigstens die Grundzüge dieser Organisation müssen in die Jahre 674 +(80), 675 (79), 676 (78) fallen, wenngleich die Ausführung ohne Zweifel +zum guten Teil erst den späteren Jahren angehört. + +—————————————————————————— + +In diese Verhältnisse hinein traf Sullas plötzlicher Tod (676 78). +Solange der Mann lebte, auf dessen Stimme ein geübtes und zuverlässiges +Veteranenheer jeden Augenblick sich zu erheben bereit war, mochte die +Oligarchie den fast, wie es schien, entschiedenen Verlust der +spanischen Provinzen an die Emigranten sowie die Wahl des Führers der +Opposition daheim zum höchsten Beamten des Reiches allenfalls als +vorübergehende Mißgeschicke ertragen und, freilich in ihrer +kurzsichtigen Art, aber doch nicht ganz mit Unrecht, darauf sich +verlassen, daß entweder die Opposition es nicht wagen werde, zum +offenen Kampfe zu schreiten, oder daß, wenn sie es wage, der zweimalige +Erretter der Oligarchie dieselbe zum dritten Male herstellen werde. +Jetzt war der Stand der Dinge ein anderer geworden. Die demokratischen +Heißsporne in der Hauptstadt, längst ungeduldig über das endlose Zögern +und angefeuert durch die glänzenden Botschaften aus Spanien, drängten +zum Losschlagen, und Lepidus, bei dem augenblicklich die Entscheidung +stand, ging mit dem ganzen Eifer des Renegaten und mit der ihm +persönlich eigenen Leichtfertigkeit darauf ein. Einen Augenblick schien +es, als solle an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten +anzündete, auch der Bürgerkrieg sich entflammen; indes Pompeius’ +Einfluß und die Stimmung der Sullanischen Veteranen bestimmten die +Opposition, das Leichenbegängnis des Regenten noch ruhig vorübergehen +zu lassen. Allein nur um so offener traf man sodann die Einleitung zur +abermaligen Revolution. Bereits hallte der Markt der Hauptstadt wider +von Anklagen gegen den “karikierten Romulus” und seine Schergen. Noch +bevor der Gewaltige die Augen geschlossen hatte, wurden von Lepidus und +seinen Anhängern der Umsturz der Sullanischen Verfassung, die +Wiederherstellung der Getreideverteilungen, die Wiedereinsetzung der +Volkstribune in den vorigen Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig +Verbannten, die Rückgabe der konfiszierten Ländereien offen als das +Ziel der Agitation bezeichnet. Jetzt wurden mit den Geächteten +Verbindungen angeknüpft; Marcus Perpenna, in der cinnanischen Zeit +Statthalter von Sizilien, fand sich ein in der Hauptstadt. Die Söhne +der Sullanischen Hochverräter, auf denen die Restaurationsgesetze mit +unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die namhafteren +marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert; nicht +wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an; andere freilich +folgten dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die Nachricht von +Sullas Tode und Lepidus’ Plänen aus Asien heimgekehrt war, aber nachdem +er den Charakter des Führers und der Bewegung genauer kennengelernt +hatte, vorsichtig sich zurückzog. In der Hauptstadt ward auf Lepidus’ +Rechnung in den Weinhäusern und den Bordellen gezecht und geworben. +Unter den etruskischen Mißvergnügten endlich ward eine Verschwörung +gegen die neue Ordnung der Dinge angezettelt ^4. + +————————————————————————————— + +^4 Die folgende Erzählung beruht wesentlich auf dem Bericht des +Licinianus, der, so trümmerhaft er auch gerade hier ist, dennoch über +die Insurrektion des Lepidus wichtige Aufschlüsse gibt. + +————————————————————————————- + +Alles dies geschah unter den Augen der Regierung. Der Konsul Catulus +sowie die verständigeren Optimaten drangen darauf, sofort entschieden +einzuschreiten und den Aufstand im Keime zu ersticken; allein die +schlaffe Majorität konnte sich nicht entschließen, den Kampf zu +beginnen, sondern versuchte so lange wie möglich, durch ein System von +Transaktionen und Konzessionen sich selber zu täuschen. Lepidus ging +zunächst auf dasselbe auch seinerseits ein. Das Ansinnen, die +Zurückgabe der den Volkstribunen entzogenen Befugnisse zu beantragen, +wies er nicht minder ab wie sein Kollege Catulus. Dagegen wurde die +Gracchische Kornverteilung in beschränktem Umfang wiederhergestellt. Es +scheinen danach nicht wie nach dem Sempronischen Gesetz alle, sondern +nur eine bestimmte Anzahl - vermutlich 40000 - ärmere Bürger die +früheren Spenden, wie sie Gracchus bestimmt hatte, fünf Scheffel +monatlich für den Preis von 6 1/3 Assen (2¾ Groschen) empfangen zu +haben - eine Bestimmung, aus der dem Ärar ein jährlicher Nettoverlust +von mindestens 300000 Talern erwuchs ^5. Die Opposition, durch diese +halbe Nachgiebigkeit natürlich ebensowenig befriedigt wie entschieden +ermutigt, trat in der Hauptstadt nur um so schroffer und gewaltsamer +auf; und in Etrurien, dem rechten Herd aller italischen +Proletarierinsurrektionen, brach bereits der Bürgerkrieg aus: die +expropriierten Faesulaner setzten sich mit gewaffneter Hand wieder in +den Besitz ihrer verlorenen Güter und mehrere der von Sulla daselbst +angesiedelten Veteranen kamen bei dem Auflauf um. Der Senat beschloß +auf diese Nachricht, die beiden Konsuln dorthin zu senden, um Truppen +aufzubieten und den Aufstand zu unterdrücken ^6. Es war nicht möglich, +kopfloser zu verfahren. Der Senat konstatierte der Insurrektion +gegenüber seine Schwachmütigkeit und seine Besorgnisse durch die +Wiederherstellung des Getreidegesetzes: er gab, um vor dem Straßenlärm +Ruhe zu haben, dem notorischen Haupte der Insurrektion ein Heer; und +wenn die beiden Konsuln durch den feierlichsten Eid, den man zu +ersinnen vermochte, verpflichtet wurden, die ihnen anvertrauten Waffen +nicht gegeneinander zu kehren, so gehörte wahrlich die dämonische +Verstocktheit oligarchischer Gewissen dazu, um ein solches Bollwerk +gegen die drohende Insurrektion aufrichten zu mögen. Natürlich rüstete +Lepidus in Etrurien nicht für den Senat, sondern für die Insurrektion, +höhnisch erklärend, daß der geleistete Eid nur für das laufende Jahr +ihn binde. Der Senat setzte die Orakelmaschine in Bewegung, um ihn zur +Rückkehr zu bestimmen, und übertrug ihm die Leitung der bevorstehenden +Konsulwahlen: allein Lepidus wich aus, und während die Boten deswegen +kamen und gingen und über Vergleichsvorschlägen das Amtsjahr zu Ende +lief, schwoll seine Mannschaft zu einem Heer an. Als endlich im Anfang +des folgenden Jahres (677 77) an Lepidus der bestimmte Befehl des +Senats erging, nun ungesäumt zurückzukehren, weigerte der Prokonsul +trotzig den Gehorsam und forderte seinerseits die Erneuerung der +ehemaligen tribunizischen Gewalt und die Wiedereinsetzung der +gewalttätig Vertriebenen in ihr Bürgerrecht und ihr Eigentum, überdies +für sich die Wiederwahl zum Konsul für das laufende Jahr, das heißt die +Tyrannis in gesetzlicher Form. Damit war der Krieg erklärt. Die +Senatspartei konnte, außer auf die Sullanischen Veteranen, deren +bürgerliche Existenz durch Lepidus bedroht ward, zählen auf das von dem +Prokonsul Catulus unter die Waffen gerufene Heer; und auf die +dringenden Mahnungen der Einsichtigen, namentlich des Philippus, wurde +demgemäß die Verteidigung der Hauptstadt und die Abwehr der in Etrurien +stehenden Hauptmacht der Demokratenpartei dem Catulus vom Senat +übertragen, auch gleichzeitig Gnaeus Pompeius mit einem anderen Haufen +ausgesandt, um seinem ehemaligen Schützling das Potal zu entreißen, das +dessen Unterbefehlshaber Marcus Brutus besetzt hielt. Während Pompeius +rasch seinen Auftrag vollzog und den feindlichen Feldherrn eng in +Mutina einschloß, erschien Lepidus vor der Hauptstadt, um, wie einst +Marius, sie mit stürmender Hand für die Revolution zu erobern. Das +rechte Tiberufer geriet ganz in seine Gewalt und er konnte sogar den +Fluß überschreiten; auf dem Marsfelde, hart unter den Mauern der Stadt, +wurde die entscheidende Schlacht geschlagen. Allein Catulus siegte; +Lepidus mußte zurückweichen nach Etrurien, während eine andere +Abteilung unter Lepidus’ Sohn Scipio sich in die Festung Alba warf. +Damit war der Aufstand im wesentlichen zu Ende. Mutina ergab sich an +Pompeius; Brutus wurde trotz des ihm zugestandenen sicheren Geleits +nachträglich auf Befehl des Pompeius getötet. Ebenso ward Alba nach +langer Belagerung durch Hunger bezwungen und der Führer gleichfalls +hingerichtet. Lepidus, durch Catulus und Pompeius von zwei Seiten +gedrängt, lieferte am etrurischen Gestade noch ein Treffen, um nur den +Rückzug sich zu ermöglichen, und schiffte dann in dem Hafen Cosa nach +Sardinien sich ein, von wo aus er der Hauptstadt die Zufuhr +abzuschneiden und die Verbindung mit den spanischen Insurgenten zu +gewinnen hoffte. Allein der Statthalter der Insel leistete ihm +kräftigen Widerstand, und er selbst starb nicht lange nach seiner +Landung an der Schwindsucht (677 77), womit in Sardinien der Krieg zu +Ende war. Ein Teil seiner Soldaten verlief sich; mit dem Kern der +Insurrektionsarmee und mit wohlgefüllten Kassen begab sich der gewesene +Prätor Marcus Perpenna nach Ligurien und von da nach Spanien zu der +Sertorianern. + +———————————————————————- + +^5 Unter dem Jahre 676 (78) berichtet Licinianus (p. 23 Pertz, p. 42 +Bonn): (Lepidus) [Ie]gem frumentari[am] nullo resistente l[argi]tus est +ut annon[ae] quinque modi popu[lo da]rentur. Danach hat also das Gesetz +der Konsuln des Jahres 681 (73) Marcus Terentius Lucullus und Gaius +Cassius Varus, welches Cicero (Verr. 3, 70, 136; 5, 21, 52) erwähnt und +auf das auch Sallust (hist. 3, 61, 19 Dietsch) sich bezieht, die fünf +Scheffel nicht erst wiederhergestellt, sondern nur durch Regulierung +der sizilischen Getreideankäufe die Kornspenden gesichert und +vielleicht im einzelnen manches geändert. Daß das Sempronische Gesetz +jedem in Rom domizilierenden Bürger gestattete, an den Getreidespenden +teilzunehmen, steht fest. Allein die spätere Getreideverteilung hat +diesen Umfang nicht gehabt; denn da das Monatkorn der römischen +Bürgerschaft wenig mehr als 33000 Medimnen = 198000 röm. Scheffel +betrug (Cic. Verr. 3, 30, 72), so empfingen damals nur etwa 40000 +Bürger Getreide, während doch die Zahl der in der Hauptstadt +domizilierenden Bürger sicher weit beträchtlicher war. Diese +Einrichtung rührt wahrscheinlich aus dem Octavischen Gesetze her, das +im Gegensatze zu der übertriebenen Sempronischen eine “mäßige, für den +Staat erträgliche und für das gemeine Volk notwendige Spendung” (Cic. +off. 2, 21, 72; Brut. 62, 222) einführte; und allem Anschein nach ist +ebendies Gesetz die von Licinianus erwähnte lex frumentaria. Daß +Lepidus sich auf einen solchen Ausgleichsvorschlag einließ, stimmt zu +seinem Verhalten in Betreff der Restitution des Tribunats. Ebenso paßt +es zu den Verhältnissen, daß die Demokratie durch die hiermit +herbeigeführte Regulierung der Kornverteilung sich keineswegs +befriedigt fand (Sallust a. a. O.). + +Die Verlustsumme ist danach berechnet, daß das Getreide mindestens den +doppelten Wert hatte; wenn die Piraterie oder andere Ursachen die +Kornpreise in die Höhe trieben, mußte sich ein noch weit +beträchtlicherer Schaden herausstellen. + +^6 Aus den Trümmern des Licinianischen Berichts (p. 44 Bonn) geht auch +dies hervor, daß der Beschluß des Senats: “uti Lepidus et Catulus +decretis exercitibus maturrume proficiscerentur” (Sall. hist. 1, 14 +Dietsch) - nicht von einer Entsendung der Konsuln vor Ablauf des +Konsulats in ihre prokonsularischen Provinzen zu verstehen ist, wozu es +auch an jedem Grunde gefehlt haben würde, sondern von der Sendung nach +Etrurien gegen die aufständischen Faesulaner, ganz ähnlich wie im +Catilinarischen Kriege der Konsul Gaius Antonius ebendorthin geschickt +ward. Wenn Philippus bei Sallust (hist. 1, 84, 4) sagt daß Lepidus ob +seditionem provinciam cum exercitu adeptus est so ist dies damit +vollständig im Einklang; denn das außerordentliche konsularische +Kommando in Etrurien ist ebensowohl eine provincia wie das ordentliche +prokonsularische im Narbonensischen Gallien. + +———————————————————————— + +Über Lepidus also hafte die Oligarchie gesiegt; dagegen sah sie sich +durch die gefährliche Wendung des Sertorianischen Krieges zu +Zugeständnissen genötigt, die den Buchstaben wie den Geist der +Sullanischen Verfassung verletzten. Es war schlechterdings notwendig, +ein starkes Heer und einen fähigen Feldherrn nach Spanien zu senden; +und Pompeius gab sehr deutlich zu verstehen, daß er diesen Auftrag +wünsche oder vielmehr fordere. Die Zumutung war stark. Es war schon +übel genug, daß man diesen geheimen Gegner in dem Drange der +Lepidianischen Revolution wieder zu einem außerordentlichen Kommando +hatte gelangen lassen; aber noch viel bedenklicher war es, mit +Beseitigung aller von Sulla aufgestellten Regeln der Beamtenhierarchie +einem Manne, der noch kein bürgerliches Amt bekleidet hatte, eine der +wichtigsten ordentlichen Provinzialstatthalterschaften in einer Art zu +übertragen, wobei an Einhaltung der gesetzlichen Jahresfrist nicht zu +denken war. Die Oligarchie hatte somit, auch abgesehen von der ihrem +Feldherrn Metellus schuldigen Rücksicht, wohl Ursache, diesem neuen +Versuch des ehrgeizigen Jünglings, seine Sonderstellung zu verewigen, +allen Ernstes sich zu widersetzen; allein leicht war dies nicht. +Zunächst fehlte es ihr durchaus an einem für den schwierigen spanischen +Feldherrnposten geeigneten Mann. Keiner der Konsuln des Jahres bezeigte +Lust, sich mit Sertorius zu messen, und man mußte es hinnehmen, was +Lucius Philippus in voller Ratsversammlung sagte, daß unter den +sämtlichen namhaften Senatoren nicht einer fähig und willig sei, in +einem ernsthaften Kriege zu kommandieren. Vielleicht hätte man dennoch +hierüber sich hinweggesetzt und nach Oligarchenart, da man keinen +fähigen Kandidaten hatte, die Stelle mit irgendeinem Lückenbüßer +ausgefüllt, wenn Pompeius den Befehl bloß gewünscht und nicht ihn an +der Spitze einer Armee gefordert hätte. Catulus’ Weisungen, das Heer zu +entlassen, hatte er bereits überhört; es war mindestens zweifelhaft, ob +die des Senats eine bessere Aufnahme finden würden, und die Folgen +eines Bruchs konnte niemand berechnen - gar leicht konnte die Schale +der Aristokratie emporschnellen, wenn in die entgegengesetzte das +Schwert eines bekannten Generals fiel. So entschloß sich die Majorität +zur Nachgiebigkeit. Nicht vom Volke, das hier, wo es um die Bekleidung +eines Privatmannes mit der höchsten Amtsgewalt sich handelte, +verfassungsmäßig hätte befragt werden müssen, sondern vom Senate +empfing Pompeius die prokonsularische Gewalt und den Oberbefehl im +diesseitigen Spanien und ging vierzig Tage nach dessen Empfang, im +Sommer 677 (77), über die Alpen. + +Zunächst fand der neue Feldherr im Keltenland zu tun, wo zwar eine +förmliche Insurrektion nicht ausgebrochen, aber doch an mehreren Orten +die Ruhe ernstlich gestört worden war; infolgedessen Pompeius den +Kantons der Volker-Arekomiker und der Helvier ihre Selbständigkeit +entzog und sie unter Massalia legte. Auch ward von ihm durch Anlegung +einer neuen Alpenstraße über den Kottischen Berg (Mont Genèvre; 2, 105) +eine kürzere Verbindung zwischen dem Potal und dem Keltenlande +hergestellt. über dieser Arbeit verfloß die gute Jahreszeit: erst spät +im Herbst überschritt Pompeius die Pyrenäen. + +Sertorius hatte inzwischen nicht gefeiert. Er hatte Hirtuleius in die +jenseitige Provinz entsandt, um Metellus in Schach zu halten, und war +selbst bemüht, seinen vollständigen Sieg in der diesseitigen zu +verfolgen und sich auf Pompeius’ Empfang vorzubereiten. Die einzelnen +keltiberischen Städte, die hier noch zu Rom hielten, wurden angegriffen +und eine nach der andern bezwungen; zuletzt, schon mitten im Winter, +war das feste Contrebia (südöstlich von Saragossa) gefallen. Vergeblich +hatten die bedrängten Städte Boten über Boten an Pompeius gesandt: er +ließ sich durch keine Bitten aus seinem gewohnten Geleise langsamen +Vorschreitens bringen. Mit Ausnahme der Seestädte, die durch die +römische Flotte verteidigt wurden, und der Distrikte der Indigeten und +Laletaner im nordöstlichen Winkel Spaniens, wo Pompeius, als er endlich +die Pyrenäen überschritten, sich festsetzte und seine ungeübten +Truppen, um sie an die Strapazen zu gewöhnen, den Winter hindurch +biwakieren ließ, war am Ende des Jahres 677 (77) das ganze diesseitige +Spanien durch Vertrag oder Gewalt von Sertorius abhängig geworden, und +die Landschaft am oberen und mittleren Ebro blieb seitdem die festeste +Stütze seiner Macht. Selbst die Besorgnis, die das frische römische +Heer und der gefeierte Name des Feldherrn in der Insurgentenarmee +hervorrief, hatte für dieselbe heilsame Folgen. Marcus Perpenna, der +bis dahin als Sertorius im Range gleich auf ein selbständiges Kommando +über die von ihm aus Ligurien mitgebrachte Mannschaft Anspruch gemacht +hatte, wurde auf die Nachricht von Pompeius’ Eintreffen in Spanien von +seinen Soldaten genötigt, sich unter die Befehle seines fähigeren +Kollegen zu stellen. + +Für den Feldzug des Jahres 678 (76) verwandte Sertorius gegen Metellus +wieder das Korps das Hirtuleius, während Perpenna mit einem starken +Heer am unteren Laufe des Ebro sich aufstellte, um Pompeius den +Übergang über diesen Fluß zu wehren, wenn er, wie zu erwarten war, in +der Absicht, Metellus die Hand zu reichen, in südlicher Richtung und, +der Verpflegung seiner Truppen wegen, an der Küste entlang marschieren +würde. Zu Perpennas Unterstützung war zunächst das Korps des Gaius +Herennius bestimmt; weiter landeinwärts, am oberen Ebro, holte +Sertorius selbst die Unterwerfung einzelner, römisch gesinnter +Distrikte nach und hielt zugleich sich dort bereit, nach den Umständen +Perpenna oder Hirtuleius zu Hilfe zu eilen. Auch diesmal war seine +Absicht darauf gerichtet, jeder Hauptschlacht auszuweichen und den +Feind durch kleine Kämpfe und Abschneiden der Zufuhr aufzureiben. Indes +Pompeius erzwang gegen Perpenna den Übergang über den Ebro und nahm +Stellung am Fluß Pallantia bei Saguntum, unweit des Vorgebirgs der +Diana, von wo aus, wie schon gesagt ward, die Sertorianer ihre +Verbindungen mit Italien und dem Osten unterhielten. Es war Zeit, daß +Sertorius selber erschien und die Überlegenheit seiner Truppenzahl und +seines Genies gegen die größere Tüchtigkeit der Soldaten seines Gegners +in die Waagschale warf. Um die Stadt Lauro (am Xucar südlich von +Valencia), die sich für Pompeius erklärt hatte und deshalb von +Sertorius belagert ward, konzentrierte der Kampf sich längere Zeit. +Pompeius strengte sich aufs äußerste an, sie zu entsetzen; allein +nachdem vorher ihm mehrere Abteilungen einzeln überfallen und +zusammengehauen worden waren, sah sich der große Kriegsmann, ebenda er +die Sertorianer umzingelt zu haben meinte und schon die Belagerten +eingeladen hatte, dem Abfangen der Belagerungsarmee zuzuschauen, +plötzlich vollständig ausmanövriert und mußte, um nicht selber +umzingelt zu werden, die Einnahme und Einäscherung der verbündeten +Stadt und die Abführung der Einwohner nach Lusitanien von seinem Lager +aus ansehen - ein Ereignis, das eine Reihe schwankend gewordener Städte +im mittleren und östlichen Spanien wieder an Sertorius festzuhalten +bestimmte. Glücklicher focht inzwischen Metellus. In einem heftigen +Treffen bei Italica (unweit Sevilla), das Hirtuleius unvorsichtig +gewagt hatte und in dem beide Feldherrn persönlich ins Handgemenge +kamen, Hirtuleius auch verwundet ward, schlug er diesen und zwang ihn, +das eigentliche römische Gebiet zu räumen und sich nach Lusitanien zu +werfen. Dieser Sieg gestattete Metellus, sich mit Pompeius zu +vereinigen. Die Winterquartiere 678/79 (76/75) nahmen beide Feldherren +an den Pyrenäen. Für den nächsten Feldzug 679 (75), beschlossen sie, +den Feind in seiner Stellung bei Valentia gemeinschaftlich anzugreifen. +Aber während Metellus heranzog, bot Pompeius, um die Scharte von Lauro +auszuwetzen und die gehofften Lorbeeren womöglich allein zu gewinnen, +vorher dem feindlichen Hauptheer die Schlacht an. Mit Freuden ergriff +Sertorius die Gelegenheit, mit Pompeius zu schlagen, bevor Metellus +eintraf. Am Flusse Sucro (Xucar) trafen die Heere aufeinander; nach +heftigem Gefecht ward Pompeius auf dem rechten Flügel geschlagen und +selbst schwer verwundet vom Schlachtfelde weggetragen. Zwar siegte +Afranius mit dem linken und nahm das Lager der Sertorianer, allein +während der Plünderung von Sertorius überrascht, ward auch er gezwungen +zu weichen. Hätte Sertorius am folgenden Tage die Schlacht zu erneuern +vermocht, Pompeius’ Heer wäre vielleicht vernichtet worden. Allein +inzwischen war Metellus herangekommen, hatte das gegen ihn aufgestellte +Korps des Perpenna niedergerannt und dessen Lager genommen; es war +nicht möglich, die Schlacht gegen die beiden vereinigten Heere +wiederaufzunehmen. Die Erfolge des Metellus, die Vereinigung der +feindlichen Streitkräfte, das plötzliche Stocken nach dem Sieg +verbreiteten Schrecken unter den Sertorianern, und wie es bei +spanischen Heeren nicht selten vorkam, verlief infolge dieses +Umschwungs der Dinge sich der größte Teil der sertorianischen Soldaten. +Indes die Entmutigung verflog so rasch wie sie gekommen war; die weiße +Hindin, die die militärischen Pläne des Feldherrn bei der Menge +vertrat, war bald wieder populärer als je; in kurzer Zeit trat in der +gleichen Gegend, südlich von Saguntum (Murviedro), das fest an Rom +hielt, Sertorius mit einer neuen Armee den Römern entgegen, während die +sertorianischen Kaper den Römern die Zufuhr von der Seeseite +erschwerten und bereits im römischen Lager der Mangel sich bemerklich +machte. Es kam abermals zur Schlacht in den Ebenen des Turiaflusses +(Guadalaviar), und lange schwankte der Kampf. Pompeius mit der Reiterei +ward von Sertorius geschlagen und sein Schwager und Quästor, der +tapfere Lucius Memmius, getötet; dagegen überwand Metellus den Perpenna +und schlug den gegen ihn gerichteten Angriff der feindlichen Hauptarmee +siegreich zurück, wobei er selbst im Handgemenge eine Wunde empfing. +Abermals zerstreute sich hierauf das Sertorianische Heer. Valentia, das +Gaius Herennius für Sertorius besetzt hielt, ward eingenommen und +geschleift. Römischerseits mochte man einen Augenblick der Hoffnung +sich hingeben mit dem zähen Gegner fertig zu sein. Die Sertorianische +Armee war verschwunden; die römischen Truppen, tief in das Binnenland +eingedrungen, belagerten den Feldherrn selbst in der Festung Clunia am +oberen Duero. Allein während sie vergeblich diese Felsenburg umstanden, +sammelten sich anderswo die Kontingente der insurgierten Gemeinden; +Sertorius entschlüpfte aus der Festung und stand noch vor Ablauf des +Jahres wieder als Feldherr an der Spitze einer Armee. Wieder mußten die +römischen Feldherrn mit der trostlosen Aussicht auf die unausbleibliche +Erneuerung der sisypheischen Kriegsarbeit die Winterquartiere beziehen. +Es war nicht einmal möglich, sie in dem wegen der Kommunikation mit +Italien und dem Osten so wichtigen, aber von Freund und Feind +entsetzlich verheerten Gebiet von Valentia zu nehmen; Pompeius führte +seine Truppen zunächst in das Gebiet der Vasconen ^7 (Biscaya) und +überwinterte dann in dem der Vaccäer (um Valladolid), Metellus gar in +Gallien. + +——————————————————————- + +^7 In den neu gefundenen Sallustischen Bruchstücken, welche dem Ende +des Feldzuges von 75 anzugehören scheinen, gehören hierher die Worte: +Romanus [exer]citus (des Pompeius) frumenti gra[tia r]emotus in +Vascones i .. [it]emque Sertorius mon …o, cuius multum in[terer]at, ne +ei perinde Asiae [iter et Italiae intercluderetur]. + +——————————————————————- + +Fünf Jahre währte also der Sertorianische Krieg und noch war weder +hüben noch drüben ein Ende abzusehen. Unbeschreiblich litt unter +demselben der Staat. Eine Blüte der italischen Jugend ging in den +aufreibenden Strapazen dieser Feldzüge zugrunde. Die öffentlichen +Kassen entbehrten nicht bloß die spanischen Einnahmen, sondern hatten +auch für die Besoldung und Verpflegung der spanischen Heere jährlich +sehr ansehnliche Summen nach Spanien zu senden, die man kaum +aufzubringen wußte. Daß Spanien verödete und verarmte und die so schön +daselbst sich entfaltende römische Zivilisation einen schweren Stoß +erhielt, versteht sich von selbst, zumal bei einem so erbittert +geführten und nur zu oft die Vernichtung ganzer Gemeinden +veranlassenden Insurrektionskrieg. Selbst die Städte, die zu der in Rom +herrschenden Partei hielten, hatten unsägliche Not zu erdulden; die an +der Küste gelegenen mußten durch die römische Flotte mit dem +Notwendigen versehen werden, und die Lage der treuen binnenländischen +Gemeinden war beinahe verzweifelt. Fast nicht weniger litt die +gallische Landschaft, teils durch die Requisitionen an Zuzug zu Fuß und +zu Pferde, an Getreide und Geld, teils durch die drückende Last der +Winterquartiere, die infolge der Mißernte 680 (74) sich ins +unerträgliche steigerte; fast alle Gemeindekassen waren genötigt, zu +den römischen Bankiers ihre Zuflucht zu nehmen und eine erdrückende +Schuldenlast sich aufzubürden. Feldherren und Soldaten führten den +Krieg mit Widerwillen. Die Feldherren waren getroffen auf einen an +Talent weit überlegenen Gegner, auf einen langweilig zähen Widerstand, +auf einen Krieg sehr ernsthafter Gefahren und schwer erfochtener, wenig +glänzender Erfolge; es ward behauptet, daß Pompeius damit umgehe, sich +aus Spanien abberufen und irgend anderswo ein erwünschteres Kommando +sich übertragen zu lassen. Die Soldaten waren gleichfalls wenig erbaut +von einem Feldzug, in dem es nicht allein weiter nichts zu holen gab +als harte Schläge und wertlose Beute, sondern auch ihr Sold ihnen +höchst unregelmäßig gezahlt ward; Pompeius berichtete Ende 679 (75) an +den Senat, daß seit zwei Jahren der Sold im Rückstand sei und das Heer +sich aufzulösen drohe. Einen ansehnlichen Teil dieser Übelstände hätte +die römische Regierung allerdings zu beseitigen vermocht, wenn sie es +über sich hätte gewinnen können, den Spanischen Krieg mit minderer +Schlaffheit, um nicht zu sagen mit besserem Willen zu führen. In der +Hauptsache aber war es weder ihre Schuld noch die Schuld der +Feldherren, daß ein so überlegenes Genie, wie Sertorius war, auf einem +für den Insurrektions- und Korsarenkrieg so überaus günstigen Boden +aller numerischen und militärischen Überlegenheit zum Trotz den kleinen +Krieg Jahre und Jahre fortzuführen vermochte. Ein Ende war hier so +wenig abzusehen, daß vielmehr die Sertorianische Insurrektion sich mit +andern gleichzeitigen Aufständen verschlingen und dadurch ihre +Gefährlichkeit steigern zu wollen schien. Ebendamals ward auf allen +Meeren mit den Flibustierflotten, ward in Italien mit den +aufständischen Sklaven, in Makedonien mit den Völkerschaften an der +unteren Donau gefochten, und entschloß sich im Osten König Mithradates, +mitbestimmt durch die Erfolge der spanischen Insurrektion, das Glück +der Waffen noch einmal zu versuchen. Daß Sertorius mit den italischen +und makedonischen Feinden Roms Verbindungen angeknüpft hat, läßt sich +nicht bestimmt erweisen, obwohl er allerdings mit den Marianern in +Italien in beständigem Verkehr stand; mit den Piraten dagegen hatte er +schon früher offenes Bündnis gemacht, und mit dem pontischen König, mit +welchem er längst durch Vermittlung der an dessen Hof verweilenden +römischen Emigranten Einverständnisse unterhalten hatte, schloß er +jetzt einen förmlichen Allianztraktat, in dem Sertorius dem König die +kleinasiatischen Klientelstaaten, nicht aber die römische Provinz Asia +abtrat, überdies ihm einen zum Führer seiner Truppen geeigneten +Offizier und eine Anzahl Soldaten zu senden versprach, der König +dagegen ihm 40 Schiffe und 3000 Talente (4½ Mill. Taler) zu überweisen +sich anheischig machte. Schon erinnerten die klugen Politiker in der +Hauptstadt an die Zeit, als Italien sich durch Philippos und durch +Hannibal von Osten und von Westen aus bedroht sah; der neue Hannibal, +meinte man, könne, nachdem er, wie sein Vorfahr, Spanien durch sich +selbst bezwungen, eben wie dieser mit den Steilkräften Spaniens in +Italien gar leicht früher als Pompeius eintreffen, um, wie einst der +Phöniker, die Etrusker und Samniten gegen Rom unter die Waffen zu +rufen. + +Indes dieser Vergleich war doch mehr witzig als richtig. Sertorius war +bei weitem nicht stark genug, um das Riesenunternehmen Hannibals zu +erneuern; er war verloren, wenn er Spanien verließ, an dessen Landes- +und Volkseigentümlichkeit all seine Erfolge hingen, und auch hier mehr +und mehr genötigt, der Offensive zu entsagen. Sein bewundernswertes +Führergeschick konnte die Beschaffenheit seiner Truppen nicht ändern; +der spanische Landsturm blieb, was er war, unzuverlässig wie die Welle +und der Wind, bald in Massen bis zu 150000 Köpfen versammelt, bald +wieder auf eine Handvoll Leute zusammengeschmolzen; in gleicher Weise +blieben die römischen Emigranten unbotmäßig, hoffärtig und eigensinnig. +Die Waffengattungen, die längeres Zusammenhalten der Korps erfordern, +wie namentlich die Reiterei, waren natürlich in seinem Heer sehr +ungenügend vertreten. Seine fähigsten Offiziere und den Kern seiner +Veteranen rieb der Krieg allmählich auf, und auch die zuverlässigsten +Gemeinden fingen an, der Plackerei durch die Römer und der Mißhandlung +durch die Sertorianischen Offiziere müde zu werden und Zeichen der +Ungeduld und der schwankenden Treue zu geben. Es ist bemerkenswert, daß +Sertorius, auch darin Hannibal gleich, niemals über die +Hoffnungslosigkeit seiner Stellung sich getäuscht hat; er ließ keine +Gegenheil vorübergehen, um einen Vergleich herbeizuführen und wäre +jeden Augenblick bereit gewesen, gegen die Zusicherung, in seiner +Heimat friedlich leben zu dürfen, seinen Kommandostab niederzulegen. +Allein die politische Orthodoxie weiß nichts von Vergleich und +Versöhnung. Sertorius durfte nicht rückwärts noch seitwärts; +unvermeidlich mußte er weiter auf der einmal betretenen Bahn, wie sie +auch schmaler und schwindelnder ward. + +Pompeius’ Vorstellungen in Rom, denen Mithradates’ Auftreten im Osten +Nachdruck gab, hatten Erfolg. Er erhielt vom Senat die nötigen Gelder +zugesandt und Verstärkung durch zwei frische Legionen. So gingen die +beiden Feldherren im Frühjahr 680 (74) wieder an die Arbeit und +überschritten aufs neue den Ebro. Das östliche Spanien war infolge der +Schlachten am Xucar und Guadalaviar den Sertorianern entrissen; der +Kampf konzentrierte sich fortan am oberen und mittleren Ebro um die +Hauptwaffenplätze der Sertorianer Calagurris, Osca, Ilerda. Wie +Metellus in den früheren Feldzügen das Beste getan hatte, so gewann er +auch diesmal die wichtigsten Erfolge. Sein alter Gegner Hirtuleius, der +ihm wieder entgegentrat, ward vollständig geschlagen und fiel selbst +mit seinem Bruder - ein unersetzlicher Verlust für die Sertorianer. +Sertorius, den die Unglücksbotschaft erreichte, als er selbst im +Begriff war, die ihm gegenüberstehenden Feinde anzugreifen, stieß den +Boten nieder, damit die Nachricht die Seinigen nicht entmutigte; aber +lange war die Kunde nicht zu verbergen. Eine Stadt nach der andern +ergab sich. Metellus besetzte die keltiberischen Städte Segobriga +(zwischen Toledo und Cuenca) und Bilbilis (bei Calatayud). Pompeius +belagerte Pallantia (Palencia oberhalb Valladolid), das aber Sertorius +entsetzte und den Pompeius nötigte, sich auf Metellus zurückzuziehen; +vor Calagurris (Calahorra am oberen Ebro), wohin Sertorius sich +geworfen, erlitten sie beide empfindliche Verluste. Dennoch konnten +sie, als sie in die Winterquartiere gingen, Pompeius nach Gallien, +Metellus in seine eigene Provinz, auf beträchtliche Erfolge +zurücksehen; ein großer Teil der Insurgenten hatte sich gefügt oder war +mit den Waffen bezwungen worden. + +In ähnlicher Weise verlief der Feldzug des folgenden Jahres (681 78); +in diesem war es vor allem Pompeius, der langsam, aber stetig das +Gebiet der Insurrektion einschränkte. + +Der Rückschlag des Niedergangs ihrer Waffen auf die Stimmung im +Insurgentenlager blieb nicht aus. Wie Hannibals wurden auch Sertorius’ +kriegerische Erfolge notwendig immer geringer; man fing an, sein +militärisches Talent in Zweifel zu ziehen; er sei nicht mehr der alte, +hieß es, er verbringe der Tag beim Schmaus oder beim Becher und +verschleudere die Gelder wie die Stunden. Die Zahl der Ausreißer, der +abfallenden Gemeinden mehrte sich. Bald kamen Pläne der römischen +Emigranten gegen das Leben des Feldherrn bei diesem zur Anzeige; sie +klangen glaublich genug, zumal da so manche Offiziere der +Insurgentenarmee, namentlich Perpenna, nur widerwillig sich unter den +Oberbefehl des Sertorius gefügt hatten und seit langem von den +römischen Statthaltern dem Mörder des feindlichen Oberfeldherrn +Amnestie und ein hohes Blutgeld ausgelobt war. Sertorius entzog auf +jene Inzichten hin die Hut seiner Person den römischen Soldaten und gab +sie erlesenen Spaniern. Gegen die Verdächtigen selbst schritt er mit +furchtbarer, aber notwendiger Strenge ein und verurteilte, ohne wie +sonst Ratmänner zuzuziehen, verschiedene Angeschuldigte zum Tode; den +Freunden, hieß es darauf in den Kreisen der Mißvergnügten, sei er jetzt +gefährlicher als den Feinden. Bald ward eine zweite Verschwörung +entdeckt, die ihren Sitz in seinem eigenen Stabe hatte; wer zur Anzeige +gebracht ward, mußte flüchtig werden oder sterben, aber nicht alle +wurden verraten und die übrigen Verschworenen, unter ihnen vor allem +Perpenna, fanden hierin nur einen Antrieb, sich zu eilen. Man befand +sich im Hauptquartier zu Osca. Hier ward auf Perpennas Veranstaltung +dem Feldherrn ein glänzender Sieg berichtet, den seine Truppen +erfochten hätten; und bei der zur Feier dieses Sieges von Perpenna +veranstalteten festlichen Mahlzeit erschien denn auch Sertorius, +begleitet, wie er pflegte, von seinem spanischen Gefolge. Gegen den +sonstigen Brauch im Sertorianischen Hauptquartier ward das Fest bald +zum Bacchanal; wüste Reden flogen über den Tisch, und es schien, als +wenn einige der Gäste Gelegenheit suchten, einen Wortwechsel zu +beginnen; Sertorius warf sich auf seinem Lager zurück und schien den +Lärm überhören zu wollen. Da klirrte eine Trinkschale auf den Boden: +Perpenna gab das verabredete Zeichen. Marcus Antonius, Sertorius’ +Nachbar bei Tische, führte den ersten Streich gegen ihn, und da der +Getroffene sich umwandte und sich aufzurichten versuchte, stürzte der +Mörder sich über ihn und hielt ihn nieder, bis die übrigen Tischgäste, +sämtlich Teilnehmer der Verschwörung, sich auf die Ringenden warfen und +den wehrlosen, an beiden Armen festgehaltenen Feldherrn erstachen (682 +72). Mit ihm starben seine treuen Begleiter. So endigte einer der +größten, wo nicht der größte Mann, den Rom bisher hervorgebracht, ein +Mann, der unter glücklicheren Umständen vielleicht der Regenerator +seines Vaterlandes geworden sein würde, durch den Verrat der elenden +Emigrantenbande, die er gegen die Heimat zu führen verdammt war. Die +Geschichte liebt die Coriolane nicht; auch mit diesem hochherzigsten, +genialsten, bedauernswertesten unter allen hat sie keine Ausnahme +gemacht. + +Die Erbschaft des Gemordeten dachten die Mörder zu tun. Nach Sertorius’ +Tode machte Perpenna als der höchste unter den römischen Offizieren der +spanischen Armee Ansprüche auf den Oberbefehl. Man fügte sich, aber +mißtrauend und widerstrebend. Wie man auch gegen Sertorius bei seinen +Lebzeiten gemurrt hatte, der Tod setzte den Helden wieder in sein Recht +ein, und gewaltig brauste der Unwille der Soldaten auf, als bei der +Publikation seines Testaments unter den Namen der Erben auch der des +Perpenna verlesen ward. Ein Teil der Soldaten, namentlich die +lusitanischen, verliefen sich; die zurückgebliebenen beschlich die +Ahnung, daß mit Sertorius’ Tode der Geist und das Glück von ihnen +gewichen sei. Bei der ersten Begegnung mit Pompeius wurden denn auch +die elend geführten und mutlosen Insurgentenhaufen vollständig +zersprengt und unter anderen Offizieren auch Perpenna gefangen +eingebracht. Durch die Auslieferung der Korrespondenz des Sertorius, +die zahlreiche angesehene Männer in Italien kompromittiert haben würde, +suchte der Elende sich das Leben zu erkaufen; indes Pompeius befahl, +die Papiere ungelesen zu verbrennen und überantwortete ihn sowie die +übrigen Insurgentenchefs dem Scharfrichter. Die entkommenen Emigranten +verliefen sich und gingen größtenteils in die mauretanischen Wüsten +oder zu den Piraten. Einem Teil derselben eröffnete bald darauf das +Plotische Gesetz, das namentlich der junge Caesar eifrig unterstützte, +die Rückkehr in die Heimat; diejenigen aber, die von ihnen an dem Morde +des Sertorius teilgenommen hatten, starben, mit Ausnahme eines +einzigen, sämtlich eines gewaltsamen Todes. Osca und überhaupt die +meisten Städte, die im Diesseitigen Spanien noch zu Sertorius gehalten +hatten, öffneten dem Pompeius jetzt freiwillig ihre Tore; nur Uxama +(Osma), Clunia und Calagurris mußten mit den Waffen bezwungen werden. +Die beiden Provinzen wurden neu geordnet; in der jenseitigen erhöhte +Metellus den schuldigsten Gemeinden die Jahrestribute; in der +diesseitigen schaltete Pompeius belohnend und bestrafend, wie zum +Beispiel Calagurris seine Selbständigkeit verlor und unter Osca gelegt +ward. Einen Haufen Sertorianischer Soldaten, der in den Pyrenäen sich +zusammengefunden hatte, bewog Pompeius zur Unterwerfung und siedelte +ihn nordwärts der Pyrenäen bei Lugudunum (St. Bertrand im Departement +Haute-Garonne) als die Gemeinde der “Zusammengelaufenen” (convenae) an. +Auf der Paßhöhe der Pyrenäen wurden die römischen Siegeszeichen +errichtet; am Ende des Jahres 683 (71) zogen Metellus und Pompeius mit +ihren Heeren durch die Straßen der Hauptstadt, um den Dank der Nation +für die Besiegung der Spanier dem Vater Jovis auf dem Kapitol +darzubringen. Noch über das Grab hinaus schien Sullas Glück mit seiner +Schöpfung zu sein und dieselbe besser zu schirmen als die zu ihrer Hut +bestellten unfähigen und schlaffen Wächter. Die italische Opposition +hatte durch die Unfähigkeit und Vorschnelligkeit ihres Führers, die +Emigration durch inneren Zwist sich selber gesprengt. Diese +Niederlagen, obwohl weit mehr das Werk ihrer eigenen Verkehrtheit und +Zerfahrenheit als der Anstrengungen ihrer Gegner, waren doch +ebensoviele Siege der Oligarchie. Noch einmal waren die kurulischen +Stühle befestigt. + + + + +KAPITEL II. +Die Sullanische Restaurationsherrschaft + + +Als nach Unterdrückung der den Senat in seiner Existenz bedrohenden +Cinnanischen Revolution es der restaurierten Senatsregierung möglich +ward, der inneren und äußeren Sicherheit des Reiches wiederum die +erforderliche Aufmerksamkeit zu widmen, zeigten sich der +Angelegenheiten genug, deren Lösung nicht verschoben werden konnte, +ohne die wichtigsten Interessen zu verletzen und gegenwärtige +Unbequemlichkeiten zu künftigen Gefahren anwachsen zu lassen. Abgesehen +von der sehr ernsten Verwicklung in Spanien war es schlechterdings +notwendig teils die Barbaren in Thrakien und den Donauländern, die +Sulla bei seinem Marsch durch Makedonien nur oberflächlich hatte +züchtigen können, nachhaltig zu Paaren zu treiben und die verwirrten +Verhältnisse an der Nordgrenze der griechischen Halbinsel militärisch +zu regulieren, teils den überall, namentlich aber in den östlichen +Gewässern herrschenden Flibustierbanden gründlich das Handwerk zu +legen, teils endlich in die unklaren kleinasiatischen Verhältnisse eine +bessere Ordnung zu bringen. Der Friede, den Sulla im Jahre 670 (84) mit +König Mithradates von Pontos abgeschlossen hatte und von dem der +Vertrag mit Murena 673 (81) wesentlich eine Wiederholung war, trug +durchaus den Stempel eines notdürftig für den Augenblick hergestellten +Provisoriums; und das Verhältnis der Römer zu König Tigranes von +Armenien, mit dem sie doch faktisch Krieg geführt hatten, war in diesem +Frieden ganz unberührt geblieben. Mit Recht hatte Tigranes darin die +stillschweigende Erlaubnis gefunden, die römischen Besitzungen in Asien +in seine Gewalt zu bringen. Wenn dieselben nicht preisgegeben bleiben +sollten, war es notwendig in Güte oder Gewalt mit dem neuen Großkönig +Asiens sich abzufinden. + +Betrachten wir, nachdem in dem vorhergehenden Kapitel die mit dem +demokratischen Treiben zusammenhängende Bewegung in Italien und Spanien +und deren Überwältigung durch die senatorische Regierung dargestellt +wurde, in diesem das äußere Regiment, wie die von Sulla eingesetzte +Behörde es geführt oder auch nicht geführt hat. + +Man erkennt noch Sullas kräftige Hand in den energischen Maßregeln, die +in der letzten Zeit seiner Regentschaft der Senat ungefähr gleichzeitig +gegen die Sertorianer, gegen die Dalmater und Thraker und gegen die +kilikischen Piraten verfügte. + +Die Expedition nach der griechisch-illyrischen Halbinsel hatte den +Zweck, teils die barbarischen Stämme botmäßig oder doch zahm zu machen, +die das ganze Binnenland vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meere +durchstreiften und unter denen vornehmlich die Besser (im großen +Balkan), wie man damals sagte, selbst unter den Räubern als Räuber +verrufen waren, teils die namentlich im dalmatischen Litoral sich +bergenden Korsaren zu vernichten. Wie gewöhnlich ging der Angriff +gleichzeitig von Dalmatien und von Makedonien aus, in welcher letzteren +Provinz ein Heer von fünf Legionen hierzu gesammelt ward. Der gewesene +Prätor Gaius Cosconius, welcher in Dalmatien den Befehl führte, +durchstreifte das Land nach allen Richtungen und erstürmte nach +zweijähriger Belagerung die Festung Salona. In Makedonien versuchte der +Prokonsul Appius Claudius (676 bis 678 78-76) zunächst sich an der +makedonisch-thrakischen Grenze der Berglandschaften am linken Ufer des +Karasu zu bemeistern. Von beiden Seiten ward der Krieg mit arger +Wildheit geführt; die Thraker zerstörten die eroberten Ortschaften und +metzelten die Gefangenen nieder und die Römer vergalten Gleiches mit +Gleichem. Ernstliche Erfolge aber wurden nicht erreicht; die +beschwerlichen Märsche und die beständigen Gefechte mit den zahlreichen +und tapferen Gebirgsbewohnern dezimierten nutzlos die Armee; der +Feldherr selbst erkrankte und starb. Sein Nachfolger Gaius Scribonius +Curio (679-681 75-73) wurde durch mancherlei Hindernisse, namentlich +auch durch einen nicht unbedeutenden Militäraufstand bewogen, die +schwierige Expedition gegen die Thraker fallen zu lassen und dafür sich +nach der makedonischen Nordgrenze zu wenden, wo er die schwächeren +Dardaner (in Serbien) unterwarf und bis an die Donau gelangte. Erst der +tapfere und fähige Marcus Lucullus (682, 683 72, 71) rückte wieder +gegen Osten vor, schlug die Besser in ihren Bergen, nahm ihre +Hauptstadt Uscudama (Adrianopel) und zwang sie, der römischen +Oberhoheit sich zu fügen. Der König der Odrysen, Sadalas, und die +griechischen Städte an der Ostküste nördlich und südlich vom +Balkangebirge: Istropolis, Tomoi, Kallatis, Odessos (bei Varna), +Mesembria und andere, wurden abhängig von den Römern; Thrakien, von dem +die Römer bisher kaum mehr inne gehabt hatten als die attalischen +Besitzungen auf dem Chersones, ward jetzt ein freilich wenig botmäßiger +Teil der Provinz Makedonien. + +Aber weit nachteiliger als die immer doch auf einen geringen Teil des +Reiches sich beschränkenden Raubzüge der Thraker und Dardaner war für +den Staat wie für die einzelnen die Piraterie, die immer weiter um sich +griff und immer fester sich organisierte. Der Seeverkehr war auf dem +ganzen Mittelmeer in ihrer Gewalt. Italien konnte weder seine Produkte +aus-, noch das Getreide aus den Provinzen einführen; dort hungerten die +Leute, hier stockte wegen Mangels an Absatz die Bestellung der +Getreidefelder. Keine Geldsendung, kein Reisender war mehr sicher; die +Staatskasse erlitt die empfindlichsten Verluste; eine große Anzahl +angesehener Römer wurde von den Korsaren aufgebracht und mußte mit +schweren Summen sich ranzionieren, wenn es nicht gar den Piraten +beliebte, an einzelnen derselben das Blutgericht zu vollstrecken, das +dann auch wohl mit wildem Humor gewürzt ward. Die Kaufleute, ja die +nach dem Osten bestimmten römischen Truppenabteilungen fingen an, ihre +Fahrten vorwiegend in die ungünstige Jahreszeit zu verlegen und die +Winterstürme weniger zu scheuen als die Piratenschiffe, die freilich +selbst in dieser Jahreszeit doch nicht ganz vom Meere verschwanden. +Aber wie empfindlich die Sperrung der See war, sie war eher zu ertragen +als die Heimsuchung der griechischen und kleinasiatischen Inseln und +Küsten. Ganz wie später in der Normannenzeit liefen die +Korsarengeschwader bei den Seestädten an und zwangen sie, entweder mit +großen Summen sich loszukaufen, oder belagerten und stürmten sie mit +gewaffneter Hand. Wenn unter Sullas Augen nach geschlossenem Frieden +mit Mithradates Samothrake, Klazomenä, Samos, Iassos von den Piraten +ausgeraubt wurden (670 84), so kann man sich denken, wie es da zuging, +wo weder eine römische Flotte noch ein römisches Heer in der Nähe +stand. All die alten reichen Tempel an den griechischen und +kleinasiatischen Küsten wurden nach der Reihe geplündert; allein aus +Samothrake soll ein Schatz von 1000 Talenten (1500000 Talern) +weggeführt worden sein. Apollon, heißt es bei einem römischen Dichter +dieser Zeit, ist durch die Piraten so arm geworden, daß er, wenn die +Schwalbe bei ihm auf Besuch ist, aus all seinen Schätzen auch nicht ein +Quentchen Gold mehr ihr vorzeigen kann. Man rechnete über vierhundert +von den Piraten eingenommene oder gebrandschatzte Ortschaften, darunter +Städte wie Knidos, Samos, Kolophon; aus nicht wenigen früher blühenden +Insel- und Küstenplätzen wanderte die gesamte Bevölkerung aus, um nicht +von den Piraten fortgeschleppt zu werden. Nicht einmal im Binnenland +mehr war man vor denselben sicher; es kam vor, daß sie ein bis zwei +Tagemärsche von der Küste belegene Ortschaften überfielen. Die +entsetzliche Verschuldung, der späterhin alle Gemeinden im griechischen +Osten erliegen, stammt großenteils aus diesen verhängnisvollen Zeiten. +Das Korsarenwesen hatte seinen Charakter gänzlich verändert. Es waren +nicht mehr dreiste Schnapphähne, die in den kretischen Gewässern +zwischen Kyrene und dem Peloponnes - in der Flibustiersprache dem +“goldenen Meer” - von dem großen Zug des italisch-orientalischen +Sklaven- und Luxushandels ihren Tribut nahmen; auch nicht mehr +bewaffnete Sklavenfänger, die “Krieg, Handel und Piraterie” ebenmäßig +nebeneinander betrieben, es war ein Korsarenstaat mit einem +eigentümlichen Gemeingeist; mit einer festen, sehr respektablen +Organisation, mit einer eigenen Heimat und den Anfängen einer +Symmachie, ohne Zweifel auch mit bestimmten politischen Zwecken. Die +Flibustier nannten sich Kiliker; in der Tat fanden auf ihren Schiffen +die Verzweifelten und Abenteurer aller Nationen sich zusammen: die +entlassenen Söldner von den kretischen Werbeplätzen, die Bürger der +vernichteten Ortschaften Italiens, Spaniens und Asiens, die Soldaten +und Offiziere aus Fimbrias und Sertorius’ Heeren, überhaupt die +verdorbenen Leute aller Nationen, die gehetzten Flüchtlinge aller +überwundenen Parteien, alles was elend und verwegen war - und wo war +nicht Jammer und Frevel in dieser unseligen Zeit? Es war keine +zusammengelaufene Diebesbande mehr, sondern ein geschlossener +Soldatenstaat, in dem die Freimaurerei der Ächtung und der Missetat an +die Stelle der Nationalität trat und innerhalb dessen das Verbrechen, +wie so oft, vor sich selbst sich rettete in den hochherzigsten +Gemeinsinn. In einer zuchtlosen Zeit, wo Feigheit und Unbotmäßigkeit +alle Bande der gesellschaftlichen Ordnung erschlafft hatten, mochten +die legitimen Gemeinwesen sich ein Muster nehmen an diesem Bastardstaat +der Not und Gewalt, in den allein von allen das unverbrüchliche +Zusammenstehen, der kameradschaftliche Sinn, die Achtung vor dem +gegebenen Treuwort und den selbstgewählten Häuptern, die Tapferkeit und +die Gewandtheit sich geflüchtet zu haben schienen. Wenn auf der Fahne +dieses Staats die Rache an der bürgerlichen Gesellschaft geschrieben +war, die, mit Recht oder mit Unrecht, seine Mitglieder von sich +ausgestoßen hatte, so ließ sich darüber streiten, ob diese Devise viel +schlechter war als die der italischen Oligarchie und des orientalischen +Sultanismus, die im Zuge schienen, die Welt unter sich zu teilen. Die +Korsaren wenigstens fühlten jedem legitimen Staate sich ebenbürtig; von +ihrem Räuberstolz, ihrer Räuberpracht und ihrem Räuberhumor zeugt noch +manche echte Flibustiergeschichte toller Lustigkeit und ritterlicher +Banditenweise; sie meinten, und rühmten sich dessen, in einem gerechten +Krieg mit der ganzen Welt zu leben; was sie darin gewannen, das hieß +ihnen nicht Raubgut, sondern Kriegsbeute; und wenn dem ergriffenen +Flibustier in jedem römischen Hafen das Kreuz gewiß war, so nahmen auch +sie als ihr Recht in Anspruch, jeden ihrer Gefangenen hinrichten zu +dürfen. Ihre militärisch-politische Organisation war namentlich seit +dem Mithradatischen Krieg festgeschlossen. Ihre Schiffe, größtenteils +“Mauskähne”, das heißt kleine, offene, schnellsegelnde Barken, nur zum +kleineren Teil Zwei- und Dreidecker, fuhren jetzt regelmäßig in +Geschwader vereinigt und unter Admiralen, deren Barken in Gold und +Purpur zu glänzen pflegten. Dem bedrohten Kameraden, mochte er auch +völlig unbekannt sein, weigerte kein Piratenkapitän den erbetenen +Beistand; der mit einem aus ihrer Mitte abgeschlossene Vertrag ward von +der ganzen Gesellschaft unweigerlich anerkannt, aber auch jede einem +zugefügte Unbill von allen geahndet. Ihre rechte Heimat war das Meer +von den Säulen des Herkules bis in die syrischen und ägyptischen +Gewässer; die Zufluchtsstätten, deren sie für sich und ihre +schwimmenden Häuser auf dem Festlande bedurften, gewährten ihnen +bereitwillig die mauretanischen und dalmatischen Gestade, die Insel +Kreta, vor allem die an Vorsprüngen und Schlupfwinkeln reiche, die +Hauptstraße des Seehandels jener Zeit beherrschende und so gut wie +herrenlose Südküste Kleinasiens. Der lykische Städtebund daselbst und +die pamphylischen Gemeinden hatten wenig zu bedeuten; die seit 652 +(102) in Kilikien bestehende römische Station reichte zur Beherrschung +der weitläufigen Küste bei weitem nicht aus; die syrische Herrschaft +über Kilikien war immer nur nominell gewesen und seit kurzem gar +ersetzt worden durch die armenische, deren Inhaber als echter Großkönig +um das Meer gar nicht sich kümmerte und dasselbe bereitwillig den +Kilikern zur Plünderung preisgab. So war es kein Wunder, wenn die +Korsaren hier gediehen wie nirgends sonst. Nicht bloß besaßen sie hier +überall am Ufer Signalplätze und Stationen, sondern auch weiter +landeinwärts, in den abgelegensten Verstecken des unwegsamen und +gebirgigen lykischen, pamphylischen, kilikischen Binnenlandes, hatten +sie sich ihre Felsschlösser erbaut, in denen, während sie selbst zur +See fuhren, sie ihre Weiber, Kinder und Schätze bargen, auch wohl in +gefährlichen Zeiten selbst dort eine Zufluchtsstätte fanden. Namentlich +gab es solche Korsarenschlösser in großer Zahl in dem rauhen Kilikien, +dessen Waldungen zugleich den Piraten das vortrefflichste Holz zum +Schiffbau lieferten und wo deshalb ihre hauptsächlichsten +Schiffbaustätten und Arsenale sich befanden. Es war nicht zu +verwundern, daß dieser geordnete Militärstaat unter den mehr oder +minder sich selber überlassenen und sich selber verwaltenden +griechischen Seestädten sich eine feste Klientel bildete, die mit den +Piraten wie mit einer befreundeten Macht auf Grund bestimmter Verträge +in Handelsverkehr trat und der Aufforderung der römischen Statthalter, +Schiffe gegen sie zu stellen, nicht nachkam; wie denn zum Beispiel die +nicht unbeträchtliche Stadt Side in Pamphylien den Piraten gestattete +auf ihren Werften Schiffe zu bauen und die gefangenen Freien auf ihrem +Marktplatz feilzubieten. + +Eine solche Seeräuberschaft war eine politische Macht; und als +politische Macht gab sie sich und ward sie genommen, seit zuerst der +syrische König Tryphon sie als solche benutzt und seine Herrschaft auf +sie gestützt hatte. Wir finden die Piraten als Verbündete des Königs +Mithradates von Pontos sowie der römischen demokratischen Emigration; +wir finden sie Schlachten liefern gegen die Flotten Sullas in den +östlichen wie in den westlichen Gewässern. Wir finden einzelne +Piratenfürsten, die über eine Kette von ansehnlichen Küstenplätzen +gebieten. Es läßt sich nicht sagen, wieweit die innere politische +Entwicklung dieses schwimmenden Staates bereits gediehen war; aber +unleugbar liegt in diesen Bildungen der Keim eines Seekönigtums, das +bereits sich ansässig zu machen beginnt und aus dem unter günstigen +Verhältnissen wohl ein dauernder Staat sich hätte entwickeln mögen. + +Es ist hiermit ausgesprochen und ward zum Teil schon früher bezeichnet, +wie die Römer auf “ihrem Meere” die Ordnung hielten oder vielmehr nicht +hielten. Roms Schutzherrschaft über die Ämter bestand wesentlich in der +militärischen Vormundschaft; für die in der Hand der Römer vereinigte +Verteidigung zur See und zu Lande zahlten oder zinsten den Römern die +Provinzialen. Aber wohl niemals hat ein Vormund seinen Mündel +unverschämter betrogen als die römische Oligarchie die untertänigen +Gemeinden. Statt daß Rom eine allgemeine Reichsflotte aufgestellt und +die Seepolizei zentralisiert hätte, ließ der Senat die einheitliche +Oberleitung des Seepolizeiwesens, ohne die ebenhier gar nichts +auszurichten war, gänzlich fallen und überließ es jedem einzelnen +Statthalter und jedem einzelnen Klientelstaat, sich der Piraten zu +erwehren, wie jeder wollte und konnte. Statt daß Rom, wie es sich +anheischig gemacht, das Flottenwesen mit seinem und der formell +souverän gebliebenen Klientelstaaten Gut und Blut ausschließlich +bestritten hätte, ließ man die italische Kriegsmarine eingehen und +lernte sich behelfen mit den von den einzelnen Kaufstädten requirierten +Schiffen oder noch häufiger mit den überall organisierten Strandwachen, +wo dann in beiden Fällen alle Kosten und Beschwerden die Untertanen +trafen. Die Provinzialen mochten sich glücklich schätzen, wenn der +römische Statthalter die für die Küstenverteidigung ausgeschriebenen +Requisitionen nur wirklich zu diesem Zwecke verwandte und nicht für +sich unterschlug, oder wenn sie nicht, wie sehr häufig geschah, +angewiesen wurden, für einen von den Seeräubern gefangenen vornehmen +Römer die Ranzion zu bezahlen. Was etwa Verständiges begonnen ward, wie +die Besetzung Kilikiens 652 (102), verkümmerte sicher in der +Ausführung. Wer von den Römern dieser Zeit nicht gänzlich in der +gangbaren duseligen Vorstellung von nationaler Größe befangen war, der +hätte wünschen müssen, von der Rednerbühne auf dem Markte die +Schiffsschnäbel herabreißen zu dürfen, um wenigstens nicht stets durch +sie an die in besserer Zeit erfochtenen Seesiege sich gemahnt zu +finden. + +Indes tat doch Sulla, der in dem Kriege gegen Mithradates wahrlich +hinreichend sich hatte überzeugen können, welche Gefahren die +Vernachlässigung des Flottenwesens mit sich bringe, verschiedene +Schritte, um dem Übel ernstlich zu steuern. Der Auftrag zwar, welchen +er den von ihm in Asien eingesetzten Statthaltern zurückgelassen, in +den Seestädten eine Flotte gegen die Seeräuber auszurüsten, hatte wenig +gefruchtet, da Murena es vorzog, Krieg mit Mithradates anzufangen, und +der Statthalter von Kilikien, Gnaeus Dolabella, sich ganz unfähig +erwies. Deshalb beschloß im Jahre 675 (79) der Senat, einen der Konsuln +nach Kilikien zu senden; das Los traf den tüchtigen Publius Servilius. +Er schlug in einem blutigen Treffen die Flotte der Piraten und wandte +sich darauf zur Zerstörung derjenigen Städte an der kleinasiatischen +Südküste, die ihnen als Ankerplätze und Handelsstationen dienten. Die +Festungen des mächtigen Seefürsten Zeniketes: Olympos, Korykos, +Phaselis im östlichen Lykien, Attaleia in Pamphylien wurden gebrochen, +und in den Flammen der Burg Olympos fand der Fürst selbst den Tod. +Weiter ging es gegen die Isaurer, welche im nordwestlichen Winkel des +rauben Kilikiens am nördlichen Abhang des Tauros ein mit prachtvollen +Eichenwäldern bedecktes Labyrinth von steilen Bergrücken, zerklüfteten +Felsen und tiefgeschnittenen Tälern bewohnten - eine Gegend, die noch +heute von den Erinnerungen an die alte Räuberzeit erfüllt ist. Um diese +isaurischen Felsennester, die letzten und sichersten Zufluchtsstätten +der Flibustier, zu bezwingen, führte Servilius die erste römische Armee +über den Tauros und brach die feindlichen Festungen Oroanda und vor +allem Isaura selbst, das Ideal einer Räuberstadt, auf der Höhe eines +schwer zugänglichen Bergzuges gelegen und die weite Ebene von Ikonion +vollständig überschauend und beherrschend. Der erst im Jahre 679 (75) +beendigte Krieg, aus dem Publius Servilius für sich und seine +Nachkommen den Beinamen des Isaurikers heimbrachte, war nicht ohne +Frucht; eine große Anzahl von Korsaren und Korsarenschiffen geriet +durch denselben in die Gewalt der Römer; Lykien, Pamphylien, +Westkilikien wurden arg verheert, die Gebiete der zerstörten Städte +eingezogen und die Provinz Kilikien mit ihnen erweitert. Allein es lag +in der Natur der Sache, daß die Piraterie doch damit keineswegs +unterdrückt war, sondern nur sich zunächst nach andern Gegenden, +namentlich nach der ältesten Herberge der Korsaren des Mittelmeers, +nach Kreta, zog. Nur umfassend und einheitlich durchgeführte +Repressivmaßregeln oder vielmehr nur die Einrichtung einer ständigen +Seepolizei konnten hier durchgreifende Abhilfe gewähren. + +In vielfacher Beziehung mit diesem Seekrieg standen die Verhältnisse +des kleinasiatischen Festlandes. Die Spannung, die hier zwischen Rom +und den Königen von Pontos und Armenien bestand, ließ nicht nach, +sondern steigerte sich mehr und mehr. Auf der einen Seite griff König +Tigranes von Armenien in der rücksichtslosesten Weise erobernd um sich. +Die Parther, deren in dieser Zeit auch durch innere Unruhen zerrissener +Staat tief daniederlag, wurden in andauernden Fehden weiter und weiter +in das innere Asien zurückgedrängt. Von den Landschaften zwischen +Armenien, Mesopotamien und Iran wurden Corduene (nördliches Kurdistan) +und das Atropatenische Medien (Aserbeidschan) aus parthischen in +armenische Lehnkönigreiche verwandelt und das Reich von Ninive (Mosul) +oder Adiabene, wenigstens vorübergehend, gleichfalls gezwungen, in die +armenische Klientel einzutreten. Auch in Mesopotamien, namentlich in +und um Nisibis, ward die armenische Herrschaft begründet; nur die +südliche, großenteils wüste Hälfte, scheint nicht in festen Besitz des +neuen Großkönigs gekommen und namentlich Seleukeia am Tigris ihm nicht +untertänig geworden zu sein. Das Reich von Edessa oder Osrhoene übergab +er einem Stamme der schweifenden Araber, den er aus dem südlichen +Mesopotamien hierher verpflanzte und hier ansässig machte, um durch ihn +den Euphratübergang und die große Handelsstraße zu beherrschen ^1. Aber +Tigranes beschränkte seine Eroberungen keineswegs auf das östliche Ufer +des Euphrat. Vor allem Kappadokien war das Ziel seiner Angriffe und +erlitt, wehrlos wie es war, von dem übermächtigen Nachbar vernichtende +Schläge. Die östliche Landschaft Melitene riß Tigranes von Kappadokien +ab und vereinigte sie mit der gegenüberliegenden armenischen Provinz +Sophene, wodurch er den Euphratübergang mit der großen +kleinasiatisch-armenischen Handelsstraße in seine Gewalt bekam. Nach +Sullas Tode rückten die Armenier sogar in das eigentliche Kappadokien +ein und führten die Bewohner der Hauptstadt Mazaka (später Caesarea) +und elf anderer griechisch geordneter Städte weg nach Armenien. Nicht +mehr Widerstand vermochte das in voller Auflösung begriffene +Seleukidenreich dem neuen Großkönig entgegenzustellen. Hier herrschte +im Süden von der ägyptischen Grenze bis nach Stratons Turm (Caesarea) +der Judenfürst Alexandros Jannaeos, der im Kampfe mit den syrischen, +ägyptischen und arabischen Nachbarn und mit den Reichsstädten seine +Herrschaft Schritt vor Schritt erweiterte und befestigte. Die größeren +Städte Syriens, Gaza, Stratons Turm, Ptolemais, Beröa versuchten, sich +bald als freie Gemeinden, bald unter sogenannten Tyrannen auf eigene +Hand zu behaupten; vor allem die Hauptstadt Antiocheia war so gut wie +selbständig. Damaskos und die Libanostäler hatten sich dem nabatäischen +Fürsten Aretas von Petra unterworfen. In Kilikien endlich herrschten +die Seeräuber oder die Römer. Und um diese in tausend Splitter +zerschellende Krone fuhren die Seleukidenprinzen, als gälte es das +Königtum allen zum Spott und zum Ärgernis zu machen, beharrlich fort, +untereinander zu hadern, ja, während von diesem gleich dem Hause des +Laios zum ewigen Zwiste verfluchten Geschlechte die eigenen Untertanen +alle abtrünnig wurden, sogar Ansprüche auf den durch den erblosen +Abgang des Königs Alexander Il. erledigten Thron von Ägypten zu +erheben. So griff König Tigranes hier ohne Umstände zu. Das östliche +Kilikien ward mit Leichtigkeit von ihm unterworfen und die +Bürgerschaften von Soloi und anderen Städten ebenwie die kappadokischen +nach Armenien abgeführt. Ebenso wurde die obere syrische Landschaft, +mit Ausnahme der tapfer verteidigten Stadt Seleukeia an der Mündung des +Orontes, und der größte Teil von Phönike mit den Waffen bezwungen: um +680 (74) ward Ptolemais von den Armeniern eingenommen und schon der +Judenstaat ernstlich von ihnen bedroht. Die alte Hauptstadt der +Seleukiden Antiocheia ward eine der Residenzen des Großkönigs. Bereits +von dem Jahre 671 (83) an, dem nächsten nach dem Frieden zwischen Sulla +und Mithradates, wird Tigranes in den syrischen Jahrbüchern als der +Landesherr bezeichnet und erscheint Kilikien und Syrien als eine +armenische Satrapie unter dem Statthalter des Großkönigs Magadates. Die +Zeit der Könige von Ninive, der Salmanassar und Sanherib, schien sich +zu erneuern: wieder lastete der orientalische Despotismus schwer auf +der handeltreibenden Bevölkerung der syrischen Küste, wie einst auf +Tyros und Sidon; wieder warfen binnenländische Großstaaten sich auf die +Landschaften am Mittelmeer; wieder standen asiatische Heere von +angeblich einer halben Million Streiter an den kilikischen und +syrischen Küsten. Wie einst Salmanassar und Nebukadnezar die Juden nach +Babylon geführt hatten, so mußten jetzt aus allen Grenzlandschaften des +neuen Reiches, aus Corduene, Adiabene, Assyrien, Kilikien, Kappadokien, +die Einwohner, namentlich die griechischen oder halbgriechischen +Stadtbürger, mit ihrer gesamten Habe bei Strafe der Konfiskation alles +dessen, was sie zurücklassen würden, sich zusammensiedeln in der neuen +Residenz, einer von jenen mehr die Nichtigkeit der Völker als die Größe +der Herrscher verkündigenden Riesenstädten, wie sie in den +Euphratlandschaften bei jedem Wechsel des Oberkönigtums auf das +Machtwort des neuen Großsultans aus der Erde springen. Die neue +“Tigranesstadt”, Tigranokerta, gegründet an der Grenze Armeniens und +Mesopotamiens und bestimmt zur Hauptstadt der neu für Armenien +gewonnenen Gebiete, ward eine Stadt wie Ninive und Babylon, mit Mauern +von fünfzig Ellen Höhe und den zum Sultanismus nun einmal mitgehörigen +Palast-, Garten- und Parkanlagen. Auch sonst verleugnete der neue +Großkönig sich nicht: wie in der ewigen Kindheit des Ostens überhaupt +die kindlichen Vorstellungen von den Königen mit wirklichen Kronen auf +dem Haupte niemals verschwunden sind, so erschien auch Tigranes, wo er +öffentlich sich zeigte, in Pracht und Tracht eines Nachfolgers des +Dareios und Xerxes, mit dem purpurnen Kaftan, dem halb weißen, halb +purpurnen Untergewand, den langen faltigen Beinkleidern, dem hohen +Turban und der königlichen Stirnbinde, wo er ging und stand von vier +“Königen” in Sklavenart begleitet und bedient. + +—————————————————————————————— + +^1 Das Reich von Edessa, dessen Gründung die einheimischen Chroniken +620 (134) setzen, kam erst einige Zeit nach seiner Entstehung unter die +arabische Dynastie der Abgaros und Mannos, die wir später daselbst +finden. Offenbar hängt dies zusammen mit der Ansiedlung vieler Araber +durch Tigranes den Großen in der Gegend von Edessa, Kallirhoe, Karrhä +(Plin. nat. 5, 20, 85; 21, 86; 6, 28, 142); wovon auch Plutarch (Luc. +21) berichtet, daß Tigranes, die Sitten der Zeltaraber umwandelnd, sie +seinem Reiche näher ansiedelte, um durch sie des Handels sich zu +bemächtigen. Vermutlich ist dies so zu verstehen, daß die Beduinen, die +gewohnt waren, durch ihr Gebiet Handelsstraßen zu eröffnen und auf +diesen feste Durchgangszölle zu erheben (Strab. 14, 748), dem Großkönig +als eine Art von Zollkontrolleuren dienen und an der Euphratpassage für +ihn und für sich Zölle erheben sollten. Diese “osrhoenischen Araber” +(Orei Arabes), wie sie Plinius nennt, müssen auch die Araber am Berg +Amanos sein, die Afranius überwand (Plut. Pomp. 39). + +———————————————————————————— + +Bescheidener trat König Mithradates auf. Er enthielt sich in Kleinasien +der Übergriffe und begnügte sich, was kein Traktat ihm verbot, seine +Herrschaft am Schwarzen Meere fester zu begründen und die Landschaften, +die das Bosporanische jetzt unter seiner Oberhoheit von seinem Sohn +Machares beherrschte Königreich von dem Pontischen trennten, allmählich +in bestimmtere Abhängigkeit zu bringen. Aber auch er wandte alle +Anstrengungen darauf, seine Flotte und sein Heer instand zu setzen und +namentlich das letztere nach römischem Muster zu bewaffnen und zu +organisieren, wobei die römischen Emigranten, die in großer Zahl an +seinem Hofe verweilten, ihm wesentliche Dienste leisteten. + +Den Römern war nichts daran gelegen, in die orientalischen +Angelegenheiten noch weiter verwickelt zu werden, als sie es bereits +waren. Es zeigt sich dies namentlich mit schlagender Deutlichkeit +darin, daß die Gelegenheit, die in dieser Zeit sich darbot, das +Ägyptische Reich auf friedlichem Wege unter unmittelbare römische +Herrschaft zu bringen, vom Senat verschmäht ward. Die legitime +Deszendenz des Ptolemaeos Lagos Sohns war zu Ende gegangen, als der +nach dem Tode des Ptolemaeos Soter II. Königs Lathyros von Sulla +eingesetzte König Alexandros II., ein Sohn Königs Alexandros I., wenige +Tage nach seiner Thronbesteigung bei einem Auflauf in der Hauptstadt +getötet ward (673 81). Dieser Alexandros hatte in seinem Testament ^2 +zum Erben die römische Gemeinde eingesetzt. Die Echtheit dieses +Dokuments ward zwar bestritten; allein diese erkannte der Senat an, +indem er auf Grund desselben die in Tyros für Rechnung des verstorbenen +Königs niedergelegten Summen erhob. Nichtsdestoweniger gestattete er +zwei notorisch illegitimen Söhnen des Königs Lathyros, dem einen, +Ptolemaeos XI., der neue Dionysos oder der Flötenbläser (Auletes) +genannt, Ägypten, dem andern, Ptolemäos dem Kyprier, Kypros tatsächlich +in Besitz zu nehmen; sie wurden zwar vom Senat nicht ausdrücklich +anerkannt, aber doch auch keine bestimmte Forderung auf Herausgabe der +Reiche an sie gerichtet. Die Ursache, weshalb der Senat diesen unklaren +Zustand fortdauern ließ und nicht dazu kam, in bindender Weise auf +Ägypten und Kypros zu verzichten, war ohne Zweifel die ansehnliche +Rente, welche jene gleichsam auf Bittbesitz herrschenden Könige für die +Fortdauer desselben den römischen Koteriehäuptern fortwährend zahlten. +Allein der Grund, jenem lockenden Erwerb überhaupt zu entsagen, liegt +anderswo. Ägypten gab durch seine eigentümliche Lage und seine +finanzielle Organisation jedem dort befehligenden Statthalter eine +Geld- und Seemacht und überhaupt eine unabhängige Gewalt in die Hände, +wie sie mit dem argwöhnischen und schwächlichen Regiment der Oligarchie +sich schlechterdings nicht vertrug; von diesem Standpunkt aus war es +verständig, dem unmittelbaren Besitz der Nillandschaft zu entsagen. + +———————————————————————————— + +^2 Die streitige Frage, ob dies angebliche oder wirkliche Testament von +Alexander I. († 666 88) oder Alexander II. († 673 81) herrühre, wird +gewöhnlich für die erste Alternative entschieden. Allein die Gründe +sind unzulänglich; denn Cicero (leg. agr. 1, 4, 12; 15, 38; 16, 41) +sagt nicht, daß Ägypten im Jahre 666 (88), sondern daß es in oder nach +diesem Jahr an Rom gefallen sei; und wenn man daraus, daß Alexander I. +im Ausland, Alexander II. in Alexandreia umkam, gefolgert hat, daß die +in dem fraglichen Testament erwähnten in Tyros lagernden Schätze dem +ersteren gehört haben werden, so ist übersehen, daß Alexander II. +neunzehn Tage nach seiner Ankunft in Ägypten getötet ward (J. A. +Letronne, Recueil des inscriptions grecques et latines de l’Egypte. Bd. +2, Paris 1848, S. 20), wo seine Kasse noch sehr wohl in Tyros sein +konnte. Entscheidend ist dagegen der Umstand, daß der zweite Alexander +der letzte echte Lagide war, da bei den ähnlichen Erwerbungen von +Pergamon Kyrene und Bithynien Rom stets von dem letzten Sproß der +berechtigten Herrscherfamilie eingesetzt worden ist. Das alte +Staatsrecht, wie es wenigstens für die römischen Klientelstaaten +maßgebend gewesen ist, scheint dem Regenten das letztwillige +Verfügungsrecht über sein Reich nicht unbedingt, sondern nur in +Ermangelung erbberechtigter Agnaten zugestanden zu haben. Vgl. +Gutschmids Anmerkung zu der deutschen Übersetzung von S. Sharper, +Geschichte Ägyptens. Bd. 2, S. 17. Ob das Testament echt oder falsch +war, ist nicht auszumachen und auch ziemlich gleichgültig; besondere +Gründe, eine Fälschung anzunehmen, liegen nicht vor. + +——————————————————————————- + +Weniger läßt es sich rechtfertigen, daß der Senat es unterließ, in die +kleinasiatischen und syrischen Angelegenheiten unmittelbar +einzugreifen. Die römische Regierung erkannte zwar den armenischen +Eroberer nicht als König von Kappadokien und Syrien an; aber sie tat +doch auch nichts, um ihn zurückzudrängen, wie nahe immer der Krieg, den +sie 676 (78) notgedrungen in Kilikien gegen die Piraten begann, ihr +namentlich das Einschreiten in Syrien legte. In der Tat gab sie, indem +sie den Verlust Kappadokiens und Syriens ohne Kriegserklärung hinnahm, +damit nicht bloß ihre Schutzbefohlenen, sondern die wichtigsten +Grundlagen ihrer eigenen Machtstellung preis. Es war schon bedenklich, +wenn sie in den griechischen Ansiedlungen und Reichen am Euphrat und +Tigris die Vorwerke ihrer Herrschaft opferte; aber wenn sie die Asiaten +am Mittelmeer sich festsetzen ließ, welches die politische Basis ihres +Reiches war, so war dies nicht ein Beweis von Friedensliebe, sondern +das Bekenntnis, daß die Oligarchie durch die Sullanische Restauration +wohl oligarchischer, aber weder klüger noch energischer geworden war, +und für die römische Weltmacht der Anfang des Endes. + +Auch auf der andern Seite wollte man den Krieg nicht. Tigranes hatte +keine Ursache, ihn zu wünschen, wenn Rom ihm auch ohne Krieg all seine +Bundesgenossen preisgab. Mithradates, der denn doch nicht bloß Sultan +war und Gelegenheit genug gehabt hatte, im Glück und Unglück +Erfahrungen über Freunde und Feinde zu machen, wußte sehr wohl, daß er +in einem zweiten römischen Krieg sehr wahrscheinlich ebenso allein +stehen würde wie in dem ersten und daß er nichts Klügeres tun konnte, +als sich ruhig zu verhalten und sein Reich im Innern zu stärken. Daß es +ihm mit seinen friedlichen Erklärungen Ernst war, hatte er in dem +Zusammentreffen mit Murena hinreichend bewiesen; er fuhr fort, alles zu +vermeiden, was dazu führen mußte, die römische Regierung aus ihrer +Passivität herauszudrängen. + +Allein wie schon der Erste Mithradatische Krieg sich entsponnen hatte, +ohne daß eine der Parteien ihn eigentlich wünschte, so entwickelte auch +jetzt aus den entgegengesetzten Interessen sich gegenseitiger Argwohn, +aus diesem gegenseitige Verteidigungsanstalten, und es führten diese +endlich durch ihr eigenes Schwergewicht zum offenen Bruch. Das seit +langem die römische Politik beherrschende Mißtrauen in die eigene +Schlagfertigkeit und Kampfbereitschaft, welches bei dem Mangel +stehender Armeen und dem wenig musterhaften kollegialischen Regiment +wohl erklärlich ist, machte es gleichsam zu einem Axiom der römischen +Politik, jeden Krieg nicht bloß bis zur Überwältigung, sondern bis zur +Vernichtung des Gegners zu führen; man war insofern mit dem Frieden +Sullas von Haus aus in Rom so wenig zufrieden wie einst mit den +Bedingungen, die Scipio Africanus den Karthagern gewährt hatte. Die +vielfach geäußerte Besorgnis, daß ein zweiter Angriff des pontischen +Königs bevorstehe, ward einigermaßen gerechtfertigt durch die ungemeine +Ähnlichkeit der gegenwärtigen Verhältnisse mit denen vor zwölf Jahren. +Wieder traf ein gefährlicher Bürgerkrieg zusammen mit ernstlichen +Rüstungen Mithradats; wieder überschwemmten die Thraker Makedonien und +bedeckten die Korsarenflotten das ganze Mittelmeer; wieder kamen und +gingen die Emissäre, wie einst zwischen Mithradates und den Italikern, +so jetzt zwischen den römischen Emigranten in Spanien und denen am Hofe +von Sinope. Schon im Anfang des Jahres 677 (77) ward es im Senat +ausgesprochen, daß der König nur auf die Gelegenheit warte, während des +italischen Bürgerkriegs über das römische Asien herzufallen; die +römischen Armeen in Asia und Kilikien wurden verstärkt, um möglichen +Ereignissen zu begegnen. + +Andererseits verfolgte auch Mithradates mit steigender Besorgnis die +Entwicklung der römischen Politik. Er mußte es fühlen, daß ein Krieg +der Römer gegen Tigranes, wie sehr auch der schwächliche Senat davor +sich scheute, doch auf die Länge kaum vermeidlich sei und er nicht +umhin können werde, sich an demselben zu beteiligen. Der Versuch, das +immer noch mangelnde schriftliche Friedensinstrument von dem römischen +Senat zu erlangen, war in die Wirren der Lepidianischen Revolution +gefallen und ohne Erfolg geblieben; Mithradates fand darin ein +Anzeichen der bevorstehenden Erneuerung des Kampfes. Die Einleitung +dazu schien die Expedition gegen die Seeräuber, die mittelbar doch auch +die Könige des Ostens traf, deren Verbündete sie waren. Noch +bedenklicher waren die schwebenden Ansprüche Roms auf Ägypten und +Kypros; es ist bezeichnend, daß der pontische König den beiden +Ptolemäern, denen der Senat fortfuhr, die Anerkennung zu weigern, seine +beiden Töchter Mithradatis und Nyssa verlobte. Die Emigranten drängten +zum Losschlagen; Sertorius’ Stellung in Spanien, die zu erkunden +Mithradates unter passenden Vorwänden Boten in das Pompeianische +Hauptquartier abordnete, und die in der Tat eben um diese Zeit imposant +war, eröffnete dem König die Aussicht, nicht wie in dem ersten Krieg +gegen die beiden römischen Parteien, sondern mit der einen gegen die +andere zu fechten. Ein günstigerer Moment konnte kaum gehofft werden, +und am Ende war es immer besser, den Krieg zu erklären, als ihn sich +erklären zu lassen. Da starb im Jahre 679 (75) König Nikomedes III. +Philopator von Bithynien und hinterließ als der letzte seines Stammes - +denn ein von der Nysa geborener Sohn war oder hieß unecht - sein Reich +im Testament den Römern, welche diese mit der römischen Provinz +grenzende und längst von römischen Beamten und Kaufleuten erfüllte +Landschaft in Besitz zu nehmen nicht säumten. Gleichzeitig wurde auch +Kyrene, das bereits seit dem Jahr 658 (96) den Römern angefallen war, +endlich als Provinz eingerichtet und ein römischer Statthalter dorthin +geschickt (679 75). Diese Maßregeln in Verbindung mit den um dieselbe +Zeit an der Südküste von Kleinasien gegen die Piraten ausgeführten +Angriffen müssen in dem Könige Besorgnisse erregt haben; die Einziehung +Bithyniens namentlich machte die Römer zu unmittelbaren Nachbarn des +Pontischen Reiches; und dies vermutlich gab den Ausschlag. Der König +tat den entscheidenden Schritt und erklärte im Winter 679/80 (75/74) +den Römern den Krieg. + +Gern hätte Mithradates die schwere Arbeit nicht allein übernommen. Sein +nächster und natürlicher Bundesgenosse war der Großkönig Tigranes; +allein der kurzsichtige Mann lehnte den Antrag seines Schwiegervaters +ab. So blieben nur die Insurgenten und die Piraten. Mithradates ließ es +sich angelegen sein, mit beiden durch starke, nach Spanien und nach +Kreta entsandte Geschwader sich in Verbindung zu setzen. Mit Sertorius +ward ein förmlicher Vertrag abgeschlossen, durch den Rom an den König +Bithynien, Paphlagonien, Galanen und Kappadokien abtrat - freilich +lauter Erwerbungen, die erst auf dem Schlachtfeld ratifiziert werden +mußten. Wichtiger war die Unterstützung, die der spanische Feldherr dem +König durch Sendung römischer Offiziere zur Führung seiner Heere und +Flotten gewährte. Die tätigsten unter den Emigranten im Osten, Lucius +Magius und Lucius Fannius, wurden von Sertorius zu seinen Vertretern am +Hofe von Sinope bestellt. Auch von den Piraten kam Hilfe; sie stellten +in großer Anzahl im Pontischen Reich sich ein, und namentlich durch sie +scheint es dem Könige gelungen zu sein, eine durch die Zahl wie durch +die Tüchtigkeit der Schiffe imponierende Seemacht zu bilden. Die +Hauptstütze blieben die eigenen Streitkräfte, mit denen der König, +bevor die Römer in Asien eintreffen würden, sich ihrer Besitzungen +daselbst bemächtigen zu können hoffte, zumal da in der Provinz Asia die +durch die Sullanische Kriegssteuer hervorgerufene finanzielle Not, in +Bithymen der Widerwille gegen das neue römische Regiment, in Kilikien +und Pamphylien der von dem kürzlich beendigten verheerenden Krieg +zurückgebliebene Brandstoff einer pontischen Invasion günstige +Aussichten eröffnete. An Vorräten fehlte es nicht; in den königlichen +Speichern lagen zwei Millionen Medimnen Getreide. Flotte und Mannschaft +waren zahlreich und wohlgeübt, namentlich die bastarnischen Soldknechte +eine auserlesene, selbst italischen Legionären gewachsene Schar. Auch +diesmal war es der König, der die Offensive begann. Ein Korps unter +Diophantos ruckte in Kappadokien ein, um die Festungen daselbst zu +besetzen und den Römern den Weg in das Pontische Reich zu verlegen; der +von Sertorius gesandte Führer, der Proprätor Marcus Marius, ging in +Gemeinschaft mit dem pontischen Offizier Eumachos nach Phrygien, um die +römische Provinz und das Taurusgebirge zu insurgieren; die Hauptarmee, +über 100000 Mann nebst 16000 Reitern und 100 Sichelwagen, geführt von +Taxiles und Hermokrates unter der persönlichen Oberleitung des Königs, +und die von Aristonikos befehligte Kriegsflotte von 400 Segeln bewegten +sich die kleinasiatische Nordküste entlang, um Paphlagonien und +Bithymen zu besetzen. Römischerseits ward zur Führung des Krieges in +erster Reihe der Konsul des Jahres 680 (74), Lucius Lucullus, +ausersehen, der als Statthalter von Asien und Kilikien an die Spitze +der in Kleinasien stehenden vier Legionen und einer fünften von ihm aus +Italien mitgebrachten gestellt und angewiesen ward, mit dieser auf +30000 Mann zu Fuß und 1600 Reiter sich belaufenden Armee durch Phrygien +in das Pontische Reich einzudringen. Sein Kollege Marcus Cotta ging mit +der Flotte und einem anderen römischen Korps nach der Propontis, um +Asia und Bithynien zu decken. Endlich wurde eine allgemeine Armierung +der Küsten, namentlich der von der pontischen Flotte zunächst bedrohten +thrakischen, angeordnet und die Säuberung der sämtlichen Meere und +Küsten von den Piraten und ihren pontischen Genossen +außerordentlicherweise einem einzigen Beamten übertragen, wofür die +Wahl auf den Prätor Marcus Antonius fiel, den Sohn des Mannes, der +dreißig Jahre zuvor zuerst die kilikischen Korsaren gezüchtigt hatte. +Außerdem stellte der Senat dem Lucullus eine Summe von 72 Mill. +Sesterzen (5½ Mill. Talern) zur Verfügung, um davon eine Flotte zu +erbauen; was Lucullus indes ablehnte. Aus allem sieht man, daß die +römische Regierung in der Vernachlässigung des Seewesens den Kern des +Übels erkannte und hierin wenigstens so weit Ernst machte, als ihre +Dekrete reichten. + +So begann im Jahre 680 (74) der Krieg auf allen Punkten. Es war ein +Unglück für Mithradates, daß eben im Moment seiner Kriegserklärung der +Wendepunkt im Sertorianischen Kriege eintrat, wodurch von vornherein +eine seiner hauptsächlichsten Hoffnungen ihm zugrunde ging und es der +römischen Regierung möglich ward, ihre ganze Macht auf den See- und den +kleinasiatischen Krieg zu verwenden. In Kleinasien dagegen erntete +Mithradat die Vorteile der Offensive und der weiten Entfernung der +Römer von dem unmittelbaren Kriegsschauplatz. Dem Sertorianischen +Proprätor, der in der römischen Provinz Asia vorangestellt ward, +öffneten eine beträchtliche Anzahl kleinasiatischer Städte die Tore und +metzelten wie im Jahre 666 (88) die bei ihnen ansässigen römischen +Familien nieder; die Pisider, Isaurer, Kiliker ergriffen gegen Rom die +Waffen. Die Römer hatten an den bedrohten Punkten augenblicklich keine +Truppen. Einzelne tüchtige Männer versuchten wohl auf ihre eigene Hand +dieser Aufwiegelung der Provinzialen zu steuern - so verließ auf die +Kunde von diesen Ereignissen der junge Gaius Caesar Rhodos, wo er +seiner Studien wegen sich aufhielt, und warf sich mit einer rasch +zusammengerafften Schar den Insurgenten entgegen; allein viel konnten +solche Freikorps nicht ausrichten. Wenn nicht der tapfere Vierfürst des +um Pessinus ansässigen Keltenstammes der Tolistoboger, Deiotarus, die +Partei der Römer ergriffen und glücklich gegen die pontischen Feldherrn +gefochten hätte, so hätte Lucullus damit beginnen müssen, das +Binnenland der römischen Provinz dem Feind wiederabzunehmen. Auch so +aber verlor er mit der Beruhigung der Landschaft und mit der +Zurückdrängung des Feindes eine kostbare Zeit, die durch die geringen +Erfolge, welche seine Reiterei dabei erfocht, nichts weniger als +vergütet ward. Ungünstiger noch als in Phrygien gestalteten sich die +Dinge für die Römer an der Nordküste Kleinasiens. Hier hatte die große +Armee und die Flotte der Pontiker sich Bithyniens vollständig +bemeistert und den römischen Konsul Cotta genötigt, mit seiner wenig +zahlreichen Mannschaft und seinen Schiffen in den Mauern und dem Hafen +von Kalchedon Schutz zu suchen, wo Mithradates sie blockiert hielt. +Indes war diese Einschließung insofern ein günstiges Ereignis für die +Römer, als, wenn Cotta die pontische Armee vor Kalchedon festhielt und +Lucullus ebendahin sich wandte, die sämtlichen römischen Streitkräfte +bei Kalchedon sich vereinigen und schon hier statt in dem ferneren und +unwegsamen pontischen Land, die Waffenentscheidung erzwingen konnten. +Lucullus schlug auch die Straße nach Kalchedon ein; allein Cotta, um +noch vor dem Eintreffen des Kollegen auf eigene Hand eine Großtat +auszuführen, ließ seinen Flottenführer Publius Rutilius Nudus einen +Ausfall machen, der nicht bloß mit einer blutigen Niederlage der Römer +endigte, sondern auch den Pontikern es möglich machte, den Hafen +anzugreifen, die Kette, die denselben sperrte, zu sprengen und +sämtliche daselbst befindliche römische Kriegsschiffe, gegen siebzig an +der Zahl, zu verbrennen. Auf die Nachricht von diesen Unfällen, die +Lucullus am Fluß Sangarios erhielt, beschleunigte derselbe seinen +Marsch, zur großen Unzufriedenheit seiner Soldaten, welche nach ihrer +Meinung Cotta nichts anging und die weit lieber ein unverteidigtes Land +geplündert als ihre Kameraden siegen gelehrt hätten. Sein Eintreffen +machte die erlittenen Unfälle zum Teil wieder gut: der König hob die +Belagerung von Kalchedon auf, ging aber nicht nach Pontos zurück, +sondern südwärts in die altrömische Provinz, wo er an der Propontis und +am Hellespont sich ausbreitete, Lampsakos besetzte und die große und +reiche Stadt Kyzikos zu belagern begann. Immer fester verrannte er sich +also in die Sackgasse, die er eingeschlagen hatte, statt, was allein +für ihn Erfolg versprach, die weiten Entfernungen gegen die Römer ins +Spiel zu bringen. In Kyzikos hatte die alte hellenische Gewandtheit und +Tüchtigkeit sich so rein erhalten wie an wenigen anderen Orten; ihre +Bürgerschaft, obwohl sie in der unglücklichen Doppelschlacht von +Kalchedon an Schiffen und Mannschaft starke Einbuße erlitten hatte, +leistete dennoch den entschlossensten Widerstand. Kyzikos lag auf einer +Insel unmittelbar dem Festland gegenüber und durch eine Brücke mit +demselben verbunden. Die Belagerer bemächtigten sich sowohl des +Höhenzuges auf dem Festland, der an der Brücke endigt, und der hier +gelegenen Vorstadt, als auch auf der Insel selbst der berühmten +Dindymenischen Höhen, und auf der Festland- wie auf der Inselseite +boten die griechischen Ingenieure alle ihre Kunst auf, den Sturm +möglich zu machen. Allein die Bresche, die endlich zu machen gelang, +wurde während der Nacht wieder von den Belagerten geschlossen und die +Anstrengungen der königlichen Armee blieben ebenso fruchtlos wie die +barbarische Drohung des Königs, die gefangenen Kyzikener vor den Mauern +töten zu lassen, wenn die Bürgerschaft noch länger die Übergabe +verweigere. Die Kyzikener setzten die Verteidigung mit Mut und Glück +fort; es fehlte nicht viel, so hätten sie im Laufe der Belagerung den +König selbst gefangengenommen. Inzwischen hatte Lucullus sich einer +sehr festen Position im Rücken der pontischen Armee bemächtigt, die ihm +zwar nicht gestattete, der bedrängten Stadt unmittelbar zu Hilfe zu +kommen, aber wohl dem Feinde alle Zufuhr zu Lande abzuschneiden. So +stand die ungeheure, mit dem Troß auf 300000 Köpfe geschätzte +Mithradatische Armee, weder imstande zu schlagen, noch zu marschieren, +fest eingekeilt zwischen der unbezwinglichen Stadt und dem unbeweglich +stehenden römischen Heer und für allen ihren Bedarf einzig angewiesen +auf die See, die zum Glück für die Pontiker ihre Flotte ausschließlich +beherrschte. Aber die schlechte Jahreszeit brach herein; ein Unwetter +zerstörte einen großen Teil der Belagerungsbauten; der Mangel an +Lebensmitteln und vor allem an Pferdefutter fing an unerträglich zu +werden. Die Lasttiere und der Troß wurden unter Bedeckung des größten +Teils der pontischen Reiterei weggesandt mit dem Auftrag, um jeden +Preis sich durchzuschleichen oder durchzuschlagen; aber am Fluß +Rhyndakos östlich von Kyzikos holte Lucullus sie ein und hieb den +ganzen Haufen zusammen. Eine andere Reiterabteilung unter Metrophanes +und Lucius Fannius mußte nach langer Irrfahrt im westlichen Kleinasien +wieder in das Lager vor Kyzikos zurückkehren. Hunger und Seuchen +räumten unter den pontischen Scharen fürchterlich auf. Als der Frühling +herankam (681 73), verdoppelten die Belagerten ihre Anstrengungen und +nahmen die auf dem Dindymon angelegten Schanzen; es blieb dem König +nichts übrig, als die Belagerung aufzuheben und mit Hilfe der Flotte zu +retten, was zu retten war. Er selber ging mit der Flotte nach dem +Hellespont, erlitt aber teils bei der Abfahrt, teils unterwegs durch +Stürme beträchtliche Einbuße. Eben dahin brach auch das Landheer unter +Hermaeos und Marius auf, um in Lampsakos und von dessen Mauern +geschützt sich einzuschiffen. Ihr Gepäck ließen sie im Stich, sowie die +Kranken und Verwundeten, die von den erbitterten Kyzikenern sämtlich +niedergemacht wurden. Unterwegs fügte ihnen Lucullus beim Übergang über +die Flüsse Äsepos und Granikos sehr ansehnlichen Verlust zu; doch +erreichten sie ihr Ziel: die pontischen Schiffe entführten die +Überreste der großen Armee und die lampsakenische Bürgerschaft selbst +aus dem Bereiche der Römer. + +Lucullus’ folgerechte und bedächtige Kriegführung hatte nicht bloß die +Fehler seines Kollegen wieder gutgemacht, sondern auch, ohne eine +Hauptschlacht zu liefern, den Kern der feindlichen Armee - angeblich +200 000 Soldaten - aufgerieben. Hätte er noch die Flotte gehabt, die im +Hafen von Kalchedon verbrannt war, so würde er die ganze feindliche +Armee vernichtet haben; so blieb das Zerstörungswerk unvollendet, und +er mußte sogar es leiden, daß trotz der Katastrophe von Kyzikos die +pontische Flotte in der Propontis sich aufstellte, Perinthos und +Byzantion auf der europäischen Küste von ihr blockiert, Priapos auf der +asiatischen ausgeraubt, das königliche Hauptquartier nach dem +bithynischen Hafen Nikomedeia gelegt ward. Ja ein erlesenes Geschwader +von fünfzig Segeln, das 10000 erlesene Leute, darunter Marcus Marius +und den Kern der römischen Emigranten trug, fuhr sogar hinaus in das +Ägäische Meer; es ging die Rede, daß es bestimmt sei, in Italien zu +landen, um dort aufs neue den Bürgerkrieg zu entfachen. Indes fingen +die Schiffe, die Lucullus nach dem Unfall von Kalchedon von den +asiatischen Gemeinden eingefordert hatte, an, sich einzustellen und ein +Geschwader lief aus, um das in das Ägäische Meer abgegangene feindliche +aufzusuchen. Lucullus selbst, als Flottenführer erprobt, übernahm das +Kommando. Vor dem Achäerhafen, in den Gewässern zwischen der troischen +Küste und der Insel Tenedos, wurden dreizehn feindliche, auf der Fahrt +nach Lemnos begriffene Fünfruderer unter Isidoros überfallen und +versenkt. Bei der kleinen Insel Neä zwischen Lemnos und Skyros sodann, +an welchem wenig besuchten Punkte die pontische Flottille von 32 Segeln +auf den Strand gezogen lag, fand sie Lucullus, griff zugleich die +Schiffe und die auf der Insel zerstreute Bemannung an und bemächtigte +sich des ganzen Geschwaders. Hier fanden Marcus Marius und die +tüchtigsten der römischen Emigrierten entweder im Kampfe oder nachher +durch das Henkerbeil den Tod. Die ganze ägäische Flotte der Feinde war +von Lucullus vernichtet. Den Krieg in Bithynien hatten inzwischen mit +dem durch Nachsendungen aus Italien verstärkten Landheer und einem in +Asien zusammengezogenen Geschwader Cotta und die Legaten Luculls +Voconius, Gaius Valerius Triarius und Barba fortgesetzt. Barba nahm im +Binnenland Prusias am Olymp und Nikäa, Triarius an der Küste Apameia +(sonst Myrleia) und Prusias am Meer (sonst Kios). Man vereinigte sich +dann zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen gegen Mithradates selbst +in Nikomedeia; indes der König, ohne nur den Kampf zu versuchen, +entwich auf seine Schiffe und fuhr heimwärts, und auch dies gelang ihm +nur, weil der mit der Blockierung des Hafens von Nikomedeia beauftragte +römische Flottenführer Voconius zu spät eintraf. Unterwegs ward zwar +das wichtige Herakleia an den König verraten und von ihm besetzt; aber +ein Sturm in diesen Gewässern versenkte über sechzig seiner Schiffe und +zerstreute die übrigen; fast allein gelangte der König nach Sinope. Die +Offensive Mithradats endigte mit einer vollständigen und durchaus +nicht, am wenigsten für den obersten Leiter, rühmlichen Niederlage der +pontischen Land- und Seemacht. + +Lucullus ging jetzt seinerseits zum Angriff vor. Triarius übernahm den +Befehl über die Flotte mit dem Auftrag, vor allem den Hellespont zu +sperren und den aus Kreta und Spanien rückkehrenden pontischen Schiffen +aufzupassen, Cotta die Belagerung von Herakleia; das schwierige +Verpflegungsgeschäft ward den treuen und tätigen Galaterfürsten und dem +König Ariobarzanes von Kappadokien übertragen; Lucullus selbst rückte +im Herbst 681 (73) ein in die gesegnete und seit langem von keinem +Feinde betretene pontische Landschaft. Mithradates, jetzt entschlossen +zur strengsten Defensive, wich, ohne eine Schlacht zu liefern, zurück +von Sinope nach Amisos, von Amisos nach Kabeira (später Neo-Caesarea, +jetzt Niksar) am Lykos, einem Nebenfluß des Iris; er begnügte sich, den +Feind immer tiefer landeinwärts sich nachzuziehen und ihm die Zufuhren +und Verbindungen zu erschweren. Rasch folgte Lucullus; Sinope blieb +seitwärts liegen; die alte Grenze des römischen Machtgebiets, der +Halys, ward überschritten, die ansehnlichen Städte Amisos, Eupatoria +(am Iris), Themiskyra (am Thermodon) umstellt, bis endlich der Winter +den Märschen, aber nicht den Einschließungen der Städte ein Ende +machte. Die Soldaten Luculls murrten über das unaufhaltsame Vordringen, +das ihnen nicht gestattete, die Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten, +und über die weitläufigen und in der rauben Jahreszeit beschwerlichen +Blockaden. Allein es war nicht Lucullus’ Art, auf dergleichen Klagen zu +hören; im Frühjahr 682 (72) ging es sofort weiter gegen Kabeira unter +Zurücklassung zweier Legionen vor Amisos unter Lucius Murena. Der König +hatte während des Winters neue Versuche gemacht, den Großkönig von +Armenien zum Eintritt in den Kampf zu bestimmen; sie blieben wie die +früheren vergeblich oder führten doch nur zu leeren Verheißungen. Noch +weniger bezeigten die Parther Lust, bei der verlorenen Sache sich zu +beteiligen. Indes hatte sich, besonders durch Werbungen im Skythenland, +wieder eine ansehnliche Armee unter Diophantos und Taxiles bei Kabeira +zusammengefunden. Das römische Heer, das nur noch drei Legionen zählte +und das an Reiterei den Pontikern entschieden nachstand, sah sich +genötigt, das Blachfeld möglichst zu vermeiden, und gelangte nach +Kabeira auf schwierigen Nebenpfaden, nicht ohne Beschwerden und +Verluste. Bei dieser Stadt lagerten die beiden Armeen längere Zeit +einander gegenüber. Gestritten ward hauptsächlich um die Zufuhr, die +auf beiden Seiten knapp war; Mithradates bildete deswegen aus dem Kern +seiner Reiterei und einer Abteilung erlesener Fußsoldaten unter +Diophantos und Taxiles ein fliegendes Korps, das bestimmt war, zwischen +dem Lykos und dem Halys zu streifen und die aus Kappadokien kommenden +römischen Lebensmitteltransporte aufzufangen. Allein der +Unterbefehlshaber Lucullus, Marcus Fabius Hadrianus, der einen solchen +Zug eskortierte, schlug nicht bloß die ihm auflauernde Schar in dem +Engpaß, wo sie ihn zu überfallen gedachte, vollständig aufs Haupt, +sondern auch, nachdem er Verstärkung aus dem Lager erhalten hatte, die +Armee des Diophantos und Taxiles selbst, so daß dieselbe völlig sich +auflöste. Es war für den König ein unersetzlicher Verlust, daß seine +Reiterei, auf die er allein vertraute, ihm hier zugrunde gegangen war; +sowie er durch die ersten vom Schlachtfeld nach Kabeira gelangenden +Flüchtlinge - bezeichnend genug die geschlagenen Generale selbst - die +Hiobspost, früher noch als Lucullus die Nachricht von dem Sieg, +erhalten hatte, beschloß er sofortigen weiteren Rückzug. Aber der +gefaßte Entschluß des Königs verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter +seiner nächsten Umgebung; und wie die Soldaten die Vertrauten des +Königs eiligst einpacken sahen, wurden auch sie von panischem Schreck +ergriffen. Niemand wollte bei dem Aufbruch der letzte sein; Vornehme +und Geringe liefen durcheinander wie gescheuchtes Wild; keine +Autorität, nicht einmal die des Königs, ward noch beachtet und der +König selbst fortgerissen in dem wilden Getümmel. Die Verwirrung +gewahrend, griff Lucullus an, und fast ohne Widerstand zu leisten +ließen die pontischen Scharen sich niedermetzeln. Hätten die Legionen +Mannszucht zu halten und ihre Beutegier zu mäßigen vermocht, so wäre +kaum ein Mann ihnen entronnen und der König ohne Zweifel selbst +gefangen worden. Mit Not entkam Mithradates mit wenigen Begleitern +durch die Berge nach Komana (unweit Tokat und der Irisquelle), von wo +ihn aber auch bald eine römische Schar unter Marcus Pompeius +wiederaufscheuchte und ihn verfolgte, bis er, von nicht mehr als 2000 +Reitern begleitet, in Talaura in Klein-Armenien die Grenze seines +Reiches überschritt. In dem Reiche des Großkönigs fand er eine +Zufluchtsstätte, aber auch nicht mehr (Ende 682 72). Tigranes ließ +seinem flüchtigen Schwiegervater zwar königliche Ehre erzeigen, aber er +lud ihn nicht einmal an seinen Hof, sondern hielt ihn in der +abgelegenen Grenzlandschaft, wo er sich befand, in einer Art von +anständiger Haft. Ganz Pontos und Klein-Armenien überschwemmten die +römischen Truppen und bis nach Trapezus hinauf unterwarf sich das +platte Land ohne Widerstand dem Sieger. Auch die Befehlshaber der +königlichen Schatzhäuser ergaben sich nach kürzerem oder längerem +Zaudern und lieferten ihre Kassenvorräte aus. Die Frauen des +königlichen Harems, die königlichen Schwestern, seine zahlreichen +Gemahlinnen und Kebse ließ der König, da sie zu flüchten nicht möglich +war, durch einen seiner Verschnittenen in Pharnakeia (Kerasunt) +sämtlich töten. Hartnäckigen Widerstand leisteten nur die Städte. Zwar +die wenigen im Binnenland, Kabeira, Amaseia, Eupatoria, waren bald in +der Gewalt der Römer; aber die größeren Seestädte, Amisos und Sinope in +Pontos, Amastris in Paphlagonien, Tios und das pontische Herakleia in +Bithynien, wehrten sich wie Verzweifelte, teils begeistert durch die +Anhänglichkeit an den König und die von ihm geschirmte freie +hellenische Stadtverfassung, teils terrorisiert durch die Scharen der +vom König herbeigerufenen Korsaren. Sinope und Herakleia ließen sogar +die Schiffe gegen die Römer auslaufen, und das sinopische Geschwader +bemächtigte sich einer römischen Flottille, die von der Taurischen +Halbinsel für Lucullus’ Heer Getreide brachte. Herakleia unterlag erst +nach zweijähriger Belagerung, nachdem die römische Flotte der Stadt den +Verkehr mit den griechischen Städten auf der Taurischen Halbinsel +abgeschnitten hatte und in den Reihen der Besatzung Verräterei +ausgebrochen war. Als Amisos aufs äußerste gebracht war, zündete die +Besatzung die Stadt an und bestieg unter dem Schutze der Flammen ihre +Schiffe. In Sinope, wo der kecke Piratenkapitän Seleukos und der +königliche Verschnittene Bakchides die Verteidigung leiteten, plünderte +die Besatzung die Häuser, bevor sie abzog, und steckte die Schiffe, die +sie nicht mitnehmen konnte, in Brand; es sollen hier, obwohl der größte +Teil der Verteidiger sich hatte einschiffen können, doch noch 8000 +Korsaren von Lucullus getötet worden sein. Zwei volle Jahre nach der +Schlacht von Kabeira und darüber (682-684 72-70) währten diese +Städtebelagerungen, die Lucullus großenteils durch seine +Unterbefehlshaber betrieb, während er selbst die Verhältnisse der +Provinz Asia ordnete, die eine gründliche Reform erheischten und +erhielten. Wie geschichtlich merkwürdig auch jener hartnäckige +Widerstand der pontischen Kaufstädte gegen die siegreichen Römer ist, +so kam doch zunächst wenig dabei heraus; die Sache des Königs +Mithradates war darum nicht minder verloren. Der Großkönig hatte +offenbar für jetzt wenigstens durchaus nicht die Absicht, ihn in sein +Reich zurückzuführen. Die römische Emigration in Asien hatte durch die +Vernichtung der ägäischen Flotte ihre Besten eingebüßt; von den +Übriggebliebenen hatten nicht wenige, wie zum Beispiel die tätigen +Führer Lucius Magius und Lucius Fannius, ihren Frieden mit Lucullus +gemacht, und mit dem Tode des Sertorius, der in dem Jahre der Schlacht +von Kabeira umkam, schwand die letzte Hoffnung der Emigration. Die +eigene Macht Mithradats war vollständig zerschmettert und eine nach der +andern brachen ihre noch übrigen Stützen zusammen: auch seine von Kreta +und Spanien heimkehrenden Geschwader, siebzig Segel stark, wurden von +Triarius bei der Insel Tenedos angegriffen und vernichtet; auch der +Statthalter des Bosporanischen Reiches, des Königs eigener Sohn +Machares, fiel von ihm ab und schloß als selbständiger Fürst des +Taurischen Chersones auf eigene Hand mit den Römern Frieden und +Freundschaft (684 70). Der König selbst saß nach nicht allzurühmlicher +Gegenwehr in einem entlegenen armenischen Bergschloß, ein Flüchtling +aus seinem Reiche und fast ein Gefangener seines Schwiegersohns. +Mochten die Korsarenscharen noch auf Kreta sich behaupten und was aus +Amisos und Sinope entkommen war, an die schwer zugängliche Ostküste des +Schwarzen Meeres zu den Sanigen und Lazen sich retten: Lucullus’ +geschickte Kriegführung und seine verständige Mäßigung, die es nicht +verschmähte, den gerechten Beschwerden der Provinzialen abzuhelfen und +die reumütigen Emigranten als Offiziere in seinem Heere anzustellen, +hatte mit mäßigen Opfern Kleinasien vom Feinde befreit und das +Pontische Reich vernichtet, so daß dasselbe aus einem römischen +Klientelstaat in eine römische Provinz verwandelt werden konnte. Eine +Kommission des Senats ward erwartet, um in Gemeinschaft mit dem +Oberfeldherrn die neue Provinzialorganisation festzustellen. + +Aber noch waren die Verhältnisse mit Armenien nicht geschlichtet. Daß +eine Kriegserklärung der Römer gegen Tigranes an sich gerechtfertigt, +ja geboten war, wurde früher gezeigt. Lucullus, der die Verhältnisse +aus größerer Nähe und mit höherem Sinn betrachtete als das +Senatorenkollegium in Rom, erkannte deutlich die Notwendigkeit, +Armenien über den Tigris zurückzuweisen und die verlorene Herrschaft +Roms über das Mittelmeer wiederherzustellen. Er zeigte in der Leitung +der asiatischen Angelegenheiten sich als keinen unwürdigen Nachfolger +seines Lehrmeisters und Freundes Sulla; Philhellene wie wenige Römer +seiner Zeit, war er nicht unempfänglich für die Verpflichtung, die Rom +mit der Erbschaft Alexanders übernommen hatte: Schild und Schwert der +Griechen im Osten zu sein. Persönliche Beweggründe, der Wunsch, auch +jenseits des Euphrat Lorbeeren zu ernten, die Empfindlichkeit darüber, +daß der Großkönig in einem Schreiben an ihn den Imperatorentitel +weggelassen, können freilich Lucullus mitbestimmt haben; allein es ist +ungerecht, kleinliche und egoistische Motive für Handlungen anzunehmen, +zu deren Erklärung die pflichtmäßigen vollkommen ausreichen. Indes von +dem ängstlichen, lässigen, schlecht unterrichteten und vor allen Dingen +von ewiger Finanznot bedrängten römischen Regierungskollegium ließ sich +nimmermehr erwarten, daß es, ohne unmittelbar dazu genötigt zu sein, +die Initiative zu einer so weitschichtigen und kostspieligen Expedition +ergreifen werde. Um das Jahr 682 (72) waren die legitimen +Repräsentanten der Seleukidendynastie, Antiochos, der Asiate genannt, +und dessen Bruder, veranlaßt durch die günstige Wendung des Pontischen +Krieges, nach Rom gegangen, um eine römische Intervention in Syrien und +nebenbei die Anerkennung ihrer Erbansprüche auf Ägypten zu erwirken. +Wenn die letztere Anforderung nicht gewährt werden konnte, so ließen +doch der Augenblick wie die Veranlassung sich nicht günstiger finden, +um den längst notwendigen Krieg gegen Tigranes zu beginnen. Allein der +Senat hatte die Prinzen wohl als die rechtmäßigen Könige Syriens +anerkannt, aber sich nicht entschließen können, die bewaffnete +Intervention zu verfügen. Sollte die gute Gelegenheit benutzt und gegen +Armenien Ernst gemacht werden, so mußte Lucullus den Krieg ohne +eigentlichen Auftrag des Senats auf eigene Hand und eigene Gefahr +beginnen; auch er sah sich ebenwie Sulla in die Notwendigkeit versetzt, +was er im offenbarsten Interesse der bestehenden Regierung tat, nicht +mit ihr, sondern ihr zum Trotz ins Werk zu setzen. Erleichtert ward ihm +der Entschluß durch die seit langem unklar zwischen Krieg und Frieden +schwankenden Verhältnisse Roms zu Armenien, welche die Eigenmächtigkeit +seines Verfahrens einigermaßen bedeckten und es an formellen +Kriegsgründen nicht fehlen ließen. Die kappadokischen und syrischen +Zustände boten Anlässe genug, und es hatten auch schon bei der +Verfolgung des pontischen Königs römische Truppen das Gebiet des +Großkönigs verletzt. Da indes Lucullus’ Auftrag auf Führung des Krieges +gegen Mithradates ging und er hieran anzuknüpfen wünschte, so zog er es +vor, einen seiner Offiziere, Appius Claudius, an den Großkönig nach +Antiochien zu senden, um Mithradates’ Auslieferung zu fordern, was denn +freilich zum Kriege führen mußte. Der Entschluß war ernst, zumal bei +der Beschaffenheit der römischen Armee. Es war unvermeidlich, während +des Feldzugs in Armenien das ausgedehnte pontische Gebiet stark besetzt +zu halten, da sonst dem in Armenien stehenden Heer die Verbindung mit +der Heimat verloren ging und überdies ein Einfall Mithradats in sein +ehemaliges Reich leicht vorherzusehen war. Offenbar reichte die Armee, +an deren Spitze Lucullus den Mithradatischen Krieg beendigt hatte, von +beiläufig 30000 Mann für diese verdoppelte Aufgabe nicht aus. Unter +gewöhnlichen Verhältnissen würde der Feldherr von seiner Regierung die +Nachsendung einer zweiten Armee erbeten und erhalten haben; allein da +Lucullus den Krieg der Regierung über den Kopf nehmen wollte und +gewissermaßen mußte, sah er sich genötigt, hierauf zu verzichten und, +ob er gleich selbst die gefangenen thrakischen Söldner des pontischen +Königs seinen Truppen einreihte, dennoch mit nicht mehr als zwei +Legionen oder höchstens 15000 Mann den Krieg über den Euphrat zu +tragen. Schon dies war bedenklich; indes die Geringfügigkeit der Zahl +mochte durch die erprobte Tapferkeit der durchaus aus Veteranen +bestehenden Armee einigermaßen ersetzt werden. Weit schlimmer war die +Stimmung der Soldaten, auf die Lucullus in seiner hochadligen Art viel +zu wenig Rücksicht nahm. Lucullus war ein tüchtiger General und - nach +aristokratischem Maßstab - ein rechtschaffener und wohlwollender Mann, +aber nichts weniger als beliebt bei seinen Soldaten. Er war unpopulär +als entschiedener Anhänger der Oligarchie, unpopulär, weil er in +Kleinasien der greulichen Wucherei der römischen Kapitalisten +nachdrücklich gesteuert hatte, unpopulär wegen der Arbeiten und +Strapazen, die er dem Soldaten zumutete, unpopulär, weil er von seinen +Soldaten strenge Mannszucht forderte und die Plünderung der +griechischen Städte durch seine Leute möglichst verhinderte, daneben +aber doch für sich selber manchen Wagen und manches Kamel mit den +Schätzen des Ostens beladen ließ, unpopulär wegen seiner feinen, +vornehmen, hellenisierenden, durchaus nicht kameradschaftlichen und, wo +immer möglich, zu bequemem Wohlleben sich hinneigenden Weise. Nicht +eine Spur des Zaubers war in ihm, der zwischen dem Feldherrn und dem +Soldaten ein persönliches Band schlingt. Hierzu kam endlich, daß ein +großer Teil seiner tüchtigsten Soldaten alle Ursache hatte, sich über +die maßlose Verlängerung ihrer Dienstzeit zu beschweren. Seine beiden +besten Legionen waren ebendiejenigen, die Flaccus und Fimbria 668 (86) +nach dem Osten geführt hatten; ungeachtet ihnen vor kurzem nach der +Schlacht von Kabeira der durch dreizehn Feldzüge wohlverdiente Abschied +zugesichert worden war, führte sie Lucullus jetzt dennoch über den +Euphrat, einem neuen unabsehbaren Krieg entgegen - es schien, als wolle +man die Sieger von Kabeira schlimmer behandeln als die Geschlagenen von +Cannae. Daß mit so schwachen und so gestimmten Truppen ein Feldherr auf +eigene Faust und streng genommen verfassungswidrig eine Expedition +begann in ein fernes und unbekanntes Land voll reißender Ströme und +schneebedeckter Berge, das schon durch seine gewaltige Ausdehnung jeden +leichtsinnig unternommenen Angriff gefährlich machte, war in der Tat +mehr als gewagt. Vielfach und nicht ohne Grund wurde deshalb Lucullus’ +Verfahren in Rom getadelt; nur hätte man dabei nicht verschweigen +sollen, daß zunächst die Verkehrtheit der Regierung dieses verwegene +Vorgehen des Feldherrn veranlaßte und dasselbe wo nicht rechtfertigte, +doch entschuldbar machte. + +Schon die Sendung des Appius Claudius hatte neben der Aufgabe, den +Krieg diplomatisch zu motivieren, den Zweck gehabt, die Fürsten und +Städte zunächst Syriens gegen den Großkönig unter die Waffen zu +bringen; im Frühling 685 (69) erfolgte der förmliche Angriff. Während +des Winters hatte der König von Kappadokien im stillen für +Transportschiffe gesorgt; auf diesen ward der Euphrat bei Melitene +überschritten und der Marsch dann weiter über die Tauruspässe auf den +Tigris gerichtet. Auch diesen überschritt Lucullus in der Gegend von +Amida (Diarbekr) und rückte weiter vor auf die Straße zu, welche die an +der südlichen Grenze Armeniens neu gegründete zweite Hauptstadt +Tigranokerta ^3 mit der alten Metropole Artaxata verband. Bei jener +stand der Großkönig, kurz zuvor aus Syrien zurückgekommen, nachdem er +die Verfolgung seiner Eroberungspläne am Mittelmeer wegen der +Verwicklung mit den Römern vorläufig vertagt hatte. Eben entwarf er +einen Einfall in das römische Kleinasien von Kilikien und Lykaonien aus +und überlegte bei sich, ob die Römer Asien sofort räumen oder vorher +noch, etwa bei Ephesos, sich ihm zur Schlacht stellen würden, als ihm +die Nachricht von dem Anmarsche Luculls gebracht ward, welcher ihn von +der Verbindung mit Artaxata abzuschneiden drohte. Er ließ den Boten +aufknüpfen, aber die lästige Wirklichkeit blieb wie sie war; so verließ +er denn die neue Hauptstadt und begab sich in das innere Armenien, um +dort, was bis jetzt nicht geschehen war, gegen die Römer zu rüsten. +Inzwischen sollte Mithrobarzanes mit den eben zur Verfügung stehenden +Truppen in Verbindung mit den schleunigst aufgebotenen benachbarten +Beduinenstämmen die Römer beschäftigen. Allein das Korps des +Mithrobarzanes ward schon von dem römischen Vortrab, die Araber von +einem Detachement unter Sextilius zersprengt; Lucullus gewann die von +Tigranokerta nach Artaxata führende Straße, und während auf dem rechten +Tigrisufer ein römisches Detachement den nordwärts abziehenden +Großkönig verfolgte, ging er selbst auf das linke über und rückte vor +Tigranokerta. Der nie versiegende Pfeilregen, mit dem die Besatzung das +römische Heer überschüttete, und die Anzündung der Belagerungsmaschinen +durch Naphtha weihten hier die Römer ein in die neuen Gefahren der +iranischen Kriege, und der tapfere Kommandant Mankäos behauptete die +Stadt, bis endlich die große königliche Entsatzarmee aus allen Teilen +des weiten Reiches und den angrenzenden, den armenischen Werbern +offenstehenden Landschaften versammelt und durch die nordöstlichen +Pässe zum Entsatz der Hauptstadt herangerückt war. Der in den Kriegen +Mithradats erprobte Führer Taxiles riet, die Schlacht zu vermeiden und +die kleine römische Schar durch die Reiterei zu umstellen und +auszuhungern. Allein als der König den römischen Feldherrn, der sich +entschieden hatte, die Schlacht zu liefern, ohne darum die Belagerung +aufzuheben, mit nicht viel mehr als 10000 Mann gegen die zwanzigfache +Übermacht ausrücken und keck das Gewässer überschreiten sah, das beide +Heere trennte; als er auf der einen Seite diese kleine Schar +überblickte, “zur Gesandtschaft zu viel, zum Heere zu wenig”, auf der +andern seine ungeheuren Heerhaufen, in denen die Völker vom Schwarzen +und vom Kaspischen mit denen vom Mittelmeer und vom Persischen Golf +sich begegneten, deren gefürchtete eisenbedeckte Lanzenreiter allein +zahlreicher waren als Lucullus’ ganzes Heer und in denen es auch an +römisch gerüstetem Fußvolk nicht mangelte: da entschloß er sich, die +vom Feinde begehrte Schlacht ungesäumt anzunehmen. Während aber die +Armenier noch sich dazu ordneten, erkannte Lucullus’ scharfes Auge, daß +sie es versäumt hatten, eine Höhe zu besetzen, die ihre ganze +Reiterstellung beherrschte: er eilte sie mit zwei Kohorten einzunehmen, +indem zugleich seine schwache Reiterei durch einen Flankenangriff die +Aufmerksamkeit der Feinde von dieser Bewegung ablenkte, und sowie er +oben angekommen war, führte er seinen kleinen Haufen der feindlichen +Reiterei in den Rücken. Sie ward gänzlich zersprengt und warf sich auf +die noch nicht völlig geordnete Infanterie, die davonlief, ohne auch +nur zum Schlagen zu kommen. Das Bulletin des Siegers, daß 100000 +Armenier und 5 Römer gefallen seien und der König Turban und Stirnbinde +von sich werfend unerkannt mit wenigen Reitern davongesprengt sei, ist +im Stile seines Meisters Sulla abgefaßt; allein nichtdestoweniger +bleibt der am 6. Oktober 685 (69) vor Tigranokerta erfochtene Sieg +einer der glänzendsten Sterne in der ruhmreichen Kriegsgeschichte Roms; +und er war nicht minder erfolgreich als glänzend. Alle südlich vom +Tigris den Parthern oder den Syrern entrissenen Landschaften waren +damit strategisch den Armeniern verloren und gingen größtenteils ohne +weiteres über in den Besitz des Siegers. Die neu erbaute zweite +Hauptstadt selber machte den Anfang. Die in ihr sehr zahlreichen +griechischen Zwangsansiedler empörten sich gegen die Besatzung und +öffneten dem römischen Heere die Pforten der Stadt, die den Soldaten +zur Plünderung preisgegeben ward. Sie war geschaffen für das neue +Großreich und ward wie dieses von dem Sieger vertilgt. Aus Kilikien und +Syrien hatte der armenische Satrap Magadates bereits alle Truppen +herausgezogen, um die Entsatzarmee vor Tigranokerta zu verstärken. +Lucullus rückte in die nördlichste Landschaft Syriens Kommagene ein und +erstürmte die Hauptstadt Samosata; bis in das eigentliche Syrien kam er +nicht, doch langten von den Dynasten und Gemeinden bis zum Roten Meere +hinab, von Hellenen, Syrern, Juden, Arabern, Gesandte an, um den Römern +als den neuen Oberherren zu huldigen. Selbst der Fürst von Corduene, +der östlich von Tigranokerta gelegenen Landschaft, unterwarf sich; +wogegen freilich in Nisibis und damit in Mesopotamien der Bruder des +Großkönigs Guras sich behauptete. Durchaus trat Lucullus auf als +Schirmherr der hellenischen Fürsten und Bürgerschaften; in Kommagene +setzte er einen Prinzen des seleukidischen Hauses, Antiochos, auf den +Thron; Antiochos den Asiaten, der nach dem Abzug der Armenier nach +Antiocheia zurückgekehrt war, erkannte er an als König von Syrien; die +gezwungenen Ansiedler von Tigranokerta entließ er wieder in ihre +Heimatorte. Die unermeßlichen Vorräte und Schätze des Großkönigs - an +Getreide wurden 30 Millionen Medimnen, an Geld allein in Tigranokerta +8000 Talente (12½ Mill. Taler) erbeutet - machten es Lucullus möglich, +die Kosten des Krieges zu bestreiten, ohne die Staatskasse in Anspruch +zu nehmen, und jedem seiner Soldaten außer reichlichster Verpflegung +noch eine Verehrung von 800 Denaren (240 Taler) zu machen. + +————————————————————————- + +^3 Daß Tigranokerta in der Gegend von Mardin etwa zwei Tagemärsche +westlich von Nisibis gelegen hat, hat die von K. E. Sachau (Über die +Lage von Tigranokerta, Abh. der Berliner Akademie, 1880) an Ort und +Stelle angestellte Untersuchung erwiesen, wenn auch die von Sachau +vorgeschlagene genauere Fixierung der Örtlichkeit nicht außer Zweifel +ist. Dagegen steht seiner Auseinandersetzung über den Feldzug Luculls +das Bedenken entgegen, daß auf der dabei angenommenen Route von einer +Überschreitung des Tigris in der Tat nicht die Rede sein kann. + +——————————————————————— + +Der Großkönig war tief gedemütigt. Er war ein schwächlicher Charakter, +übermütig im Glück, im Unglück verzagt; wahrscheinlich würde zwischen +ihm und Lucullus ein Abkommen zustande gekommen sein, das der Großkönig +mit ansehnlichen Opfern zu erkaufen, der römische Feldherr unter +leidlichen Bedingungen zu gewähren beide alle Ursache hatten, wenn der +alte Mithradates nicht gewesen wäre. Dieser hatte nicht teilgenommen an +den Kämpfen um Tigranokerta. Durch die zwischen dem Großkönig und den +Römern eingetretene Spannung nach zwanzigmonatlicher Haft um die Mitte +des Jahres 684 (70) befreit, war er mit 10000 armenischen Reitern in +sein ehemaliges Reich abgesandt worden, um die Kommunikationen des +Feindes zu bedrohen. Zurückgerufen, noch ehe er hier etwas ausrichten +konnte, als der Großkönig seine gesamte Macht aufbot, um die von ihm +erbaute Hauptstadt zu entsetzen, kamen bei seinem Eintreffen vor +Tigranokerta ihm schon die vom Schlachtfeld flüchtenden Haufen +entgegen. Vom Großkönig bis zum gemeinen Soldaten schien allen alles +verloren. Wenn aber Tigranes jetzt Frieden machte, so schwand für +Mithradates nicht bloß die letzte Möglichkeit der Wiedereinsetzung in +sein Reich, sondern seine Auslieferung war ohne Zweifel die erste +Bedingung des Friedens; und sicher würde Tigranes gegen ihn nicht +anders gehandelt haben als Bocchus einst gegen Jugurtha. Seine ganze +Persönlichkeit setzte darum der König ein, um diese Wendung zu +verhindern und den armenischen Hof zur Fortführung des Krieges zu +bestimmen, bei der er nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatte; +und flüchtig und entthront wie Mithradates war, war sein Einfluß an +diesem Hofe nicht gering. Noch war er ein stattlicher und gewaltiger +Mann, der, obwohl schon über sechzig Jahre alt, sich in voller Rüstung +auf das Pferd schwang und im Handgemenge gleich dem Besten seinen Mann +stand. Seinen Geist schienen die Jahre und die Schicksale gestählt zu +haben: während er in früheren Zeiten seine Heerführer aussandte und +selbst an dem Kriege nicht unmittelbar teilnahm, finden wir fortan als +Greis ihn in der Schlacht selber befehligen und selber fechten. Ihm, +der während seines fünfzigjährigen Regiments so viele unerhörte +Glückswechsel erlebt hatte, schien die Sache des Großkönigs durch die +Niederlage von Tigranokerta noch keineswegs verloren, vielmehr +Lucullus’ Stellung sehr schwierig und, wenn es jetzt nicht zum Frieden +kam und der Krieg in zweckmäßiger Weise fortgeführt ward, sogar in +hohem Maße bedenklich. Der vielerfahrene Greis, der fast wie ein Vater +dem Großkönig gegenüberstand und jetzt persönlich auf denselben zu +wirken vermochte, bezwang den schwachen Mann durch seine Energie und +bestimmte ihn, nicht nur sich für die Fortsetzung des Krieges zu +entscheiden, sondern auch ihn selber mit dessen politischer und +militärischer Leitung zu betrauen. Aus einem Kabinettskrieg sollte der +König jetzt ein national asiatischer werden, die Könige und die Völker +Asiens sich vereinigen gegen die übermächtigen und übermütigen +Okzidentalen. Es wurden die größten Anstrengungen gemacht, die Armenier +und die Parther miteinander zu versöhnen und sie zum gemeinschaftlichen +Kampfe gegen Rom zu bestimmen. Auf Mithradates’ Betrieb erbot sich +Tigranes, dem Arsakiden Phraates, dem Gott (regierte seit 684 70), die +von den Armeniern eroberten Landschaften Mesopotamien, Adiabene, die +“großen Täler”, zurückzugeben und mit ihm Freundschaft und Bündnis zu +machen. Allein nach allem, was vorhergegangen war, konnte dieses +Anerbieten kaum auf eine günstige Aufnahme rechnen; Phraates zog es +vor, die Euphratgrenze durch einen Vertrag nicht mit den Armeniern, +sondern mit den Römern sich zu sichern und zuzusehen, wie sich der +verhaßte Nachbar und der unbequeme Fremdling untereinander aufrieben. +Mit größerem Erfolg als an die Könige wandte Mithradates sich an die +Völker des Ostens. Es hielt nicht schwer, den Krieg darzustellen als +einen nationalen des Orients gegen den Okzident, denn er war es; gar +wohl konnte er auch zum Religionskrieg gemacht und die Rede verbreitet +werden, daß das Ziel des Lucullischen Heeres der Tempel der persischen +Nanäa oder Anaitis in Elymais oder dem heutigen Luristan sei, das +gefeiertste und das reichste Heiligtum der ganzen Euphratlandschaft ^4. +Scharenweise drängten sich von nah und fern die Asiaten unter die +Banner der Könige, welche sie aufriefen, den Osten und seine Götter vor +den gottlosen Fremdlingen zu schirmen. Allein die Tatsachen hatten +gezeigt, daß das bloße Zusammentreiben ungeheurer Heerhaufen nicht +allein fruchtlos war, sondern durch die Einfügung in dieselben selbst +die wirklich marschier- und schlagfähigen Scharen unbrauchbar gemacht +und in das allgemeine Verderben mitverwickelt wurden. Mithradates +suchte vor allem die Waffe auszubilden, die zugleich die schwächste der +Okzidentalen und die stärkste der Asiaten war, die Reiterei: in der von +ihm neugebildeten Armee war die Hälfte der Mannschaft beritten. Für den +Dienst zu Fuß las er aus der Masse der aufgebotenen oder freiwillig +sich meldenden Rekruten die dienstfähigen Leute sorgfältig aus und ließ +diese durch seine pontischen Offiziere dressieren. Das ansehnliche +Heer, das bald wieder unter den Fahnen des Großkönigs zusammenstand, +war aber nicht bestimmt, auf der ersten Walstatt mit den römischen +Veteranen sich zu messen, sondern sich auf die Verteidigung und auf den +kleinen Krieg zu beschränken. Schon den letzten Krieg in seinem Reiche +hatte Mithradates stetig zurückweichend und die Schlacht vermeidend +geführt; auch diesmal wurde eine ähnliche Taktik angenommen und zum +Kriegsschauplatz das eigentliche Armenien bestimmt, das vom Feinde noch +vollkommen unberührte Erbland des Tigranes, durch seine physische +Beschaffenheit ebenso wie durch den Patriotismus seiner Bewohner +vortrefflich für diese Kriegsweise geeignet. + +——————————————————————- + +^4 Cicero (imp. Cn. Pomp. 9, 23) meint schwerlich einen anderen als +einen der reichen Tempel der Landschaft Elymais, wohin die Raubzüge der +syrischen wie der parthischen Könige regelmäßig sich richteten (Strab. +16, 744; Polyb. 31, 11; 1. Makk. 6 u. a. m.), und wahrscheinlich diesen +als den bekanntesten; auf keinen Fall darf an den Tempel von Komana +oder überhaupt irgendein Heiligtum im Pontischen Reiche gedacht werden. + +——————————————————————- + +Das Jahr 686 (68) fand Lucullus in einer schwierigen und täglich +bedenklicher sich gestaltenden Lage. Trotz seiner glänzenden Siege war +man in Rom durchaus nicht mit ihm zufrieden. Der Senat empfand die +Eigenmächtigkeit seines Verfahrens; die von ihm empfindlich verletzte +Kapitalistenpartei setzte alle Mittel der Intrige und Bestechung in +Bewegung, um seine Abberufung durchzusetzen. Täglich erscholl der Markt +der Hauptstadt von gerechten und ungerechten Beschwerden über den +tollkühnen, den habsüchtigen, den unrömischen, den hochverräterischen +Feldherrn. Den Klagen über die Vereinigung einer so grenzenlosen Macht, +zweier ordentlicher Statthalterschaften und eines wichtigen +außerordentlichen Kommandos, in der Hand eines solchen Mannes gab auch +der Senat insoweit nach, daß er die Provinz Asia einem der Prätoren, +die Provinz Kilikien nebst drei neu ausgehobenen Legionen dem Konsul +Quintus Marcius Rex bestimmte, und den Feldherrn auf das Kommando gegen +Mithradates und Tigranes beschränkte. + +Diese in Rom gegen den Feldherrn sich erhebenden Anklagen fanden einen +gefährlichen Widerhall in den Quartieren am Iris und am Tigris: um so +mehr, als einzelne Offiziere, darunter der eigene Schwager des +Feldherrn, Publius Clodius, in diesem Sinne die Soldaten bearbeiteten. +Das ohne Zweifel von diesen in Umlauf gesetzte Gerücht, daß Lucullus +jetzt mit dem Pontisch-Armenischen Krieg noch eine Expedition gegen die +Parther zu verbinden gedenke, nährte die Erbitterung der Truppen. +Während aber also die schwierige Stimmung der Regierung wie der +Soldaten den siegreichen Feldherrn mit Abberufung und Meuterei +bedrohte, fuhr er selber fort, dem verzweifelten Spieler gleich, seinen +Einsatz und sein Wagen zu steigern. Zwar gegen die Parther zog er +nicht; aber als Tigranes sich weder bereit zeigte, Frieden zu machen, +noch, wie Lucullus es wünschte, eine zweite Hauptschlacht zu bestehen, +entschloß sich Lucullus von Tigranokerta durch die schwierige +Berglandschaft am östlichen Ufer des Wansees in das Tal des östlichen +Euphrat (oder des Arsanias, jetzt Murad Tschai) und aus diesem in das +des Araxes vorzudringen, wo, am nördlichen Abhang des Ararat, die +Hauptstadt des eigentlichen Armeniens Artaxata mit dem Erbschloß und +dem Harem des Königs lag. Er hoffte den König durch die Bedrohung +seiner angestammten Residenz entweder unterwegs oder mindestens doch +vor Artaxata zum Schlagen zu zwingen. Unumgänglich notwendig war es +freilich, bei Tigranokerta eine Abteilung zurückzulassen; und da das +Marschheer unmöglich noch weiter vermindert werden konnte, so blieb +nichts übrig als die Stellung im Pontos zu schwächen und von dort +Truppen nach Tigranokerta zu berufen. Die Hauptschwierigkeit aber war +die für militärische Unternehmungen so unbequeme Kürze des armenischen +Sommers. Auf der armenischen Hochebene, die 5000 Fuß und mehr über der +Meeresfläche liegt, sproßt bei Erzerum das Korn erst Anfang Juni, und +mit der Ernte im September stellt auch schon der Winter sich ein; in +höchstens vier Monaten mußte Artaxata erreicht und die Kampagne +beendigt sein. + +Im Mittsommer 686 (68) brach Lucullus von Tigranokerta auf und +gelangte, ohne Zweifel durch den Bitlispaß und weiter westlich am +Wansee hinauf marschierend, auf das Plateau von Musch und an den +Euphrat. Der Marsch ging, unter beständigen sehr lästigen Scharmützeln +mit der feindlichen Reiterei, namentlich den berittenen Bogenschützen, +langsam, aber ohne wesentliches Hindernis vonstatten, und auch der +Euphratübergang, den die armenische Reiterei ernstlich verteidigte, +ward durch ein glückliches Treffen erzwungen; die armenische Infanterie +zeigte sich, aber es glückte nicht, sie in das Gefecht zu verwickeln. +So gelangte die Armee auf die eigentliche Hochebene Armeniens und +marschierte weiter hinein in das unbekannte Land. Man hatte keinen +eigentlichen Unfall erlitten; aber die bloße unabwendbare Verzögerung +des Marsches durch die Terrainschwierigkeiten und die feindlichen +Reiter war an sich schon ein sehr empfindlicher Nachteil. Lange bevor +man Artaxata erreicht hatte, brach der Winter herein; und wie die +italischen Soldaten Schnee und Eis um sich sahen, riß der allzu straff +gespannte Bogen der militärischen Zucht. Eine förmliche Meuterei +nötigte den Feldherrn, den Rückzug anzuordnen, den er mit seiner +gewöhnlichen Geschicklichkeit bewerkstelligte. Glücklich angekommen in +Mesopotamien, wo die Jahreszeit noch weitere Unternehmungen gestattete, +überschritt Lucullus den Tigris und warf sich mit der Masse seines +Heeres auf die letzte hier den Armeniern gebliebene Stadt Nisibis. Der +Großkönig, gewitzigt durch die vor Tigranokerta gemachte Erfahrung, +überließ die Stadt sich selbst; trotz ihrer tapferen Verteidigung ward +sie in einer finsteren Regennacht von den Belagerern erstürmt und +Lucullus’ Heer fand daselbst nicht minder reiche Beute und nicht minder +bequeme Winterquartiere wie das Jahr vorher in Tigranokerta. Allein +inzwischen fiel die ganze Gewalt der feindlichen Offensive auf die +schwachen, im Pontos und in Armenien zurückgebliebenen römischen Korps. +Hier zwang Tigranes den römischen Befehlshaber Lucius Fannius - +denselben, der früher zwischen Sertorius und Mithradates den Vermittler +gemacht hatte -, sich in eine Festung zu werfen und hielt ihn darin +belagert. Dort rückte Mithradates ein mit 4000 armenischen und 4000 +eigenen Reitern und rief als Befreier und Rächer die Nation auf gegen +den Landesfeind. Alles fiel ihm zu; die zerstreuten römischen Soldaten +wurden überall aufgehoben und getötet; als der römische Kommandant im +Pontos, Hadrianus, seine Truppen gegen ihn führte, machten die +ehemaligen Söldner des Königs und die zahlreichen, als Sklaven dem +Heere folgenden Pontiker gemeinschaftliche Sache mit dem Feind. Zwei +Tage nacheinander währte der ungleiche Kampf; nur daß der König nach +zwei empfangenen Wunden vom Schlachtfeld weggetragen werden mußte, gab +dem römischen Befehlshaber die Möglichkeit, die so gut wie verlorene +Schlacht abzubrechen und mit dem kleinen Rest seiner Leute sich nach +Kabeira zu werfen. Ein anderer von Lucullus’ Unterbefehlshabern, der +zufällig in diese Gegend kam, der entschlossene Triarius, sammelte zwar +wieder einen Heerhaufen um sich und lieferte dem König ein glückliches +Gefecht; allein er war viel zu schwach, um ihn wieder vom pontischen +Boden zu vertreiben und mußte es geschehen lassen, daß der König +Winterquartiere in Komana nahm. + +So kam das Frühjahr 687 (67) heran. Die Vereinigung der Armee in +Nisibis, die Muße der Winterquartiere, die häufige Abwesenheit des +Feldherrn hatten die Unbotmäßigkeit der Truppen inzwischen noch +gesteigert; sie verlangten nicht bloß ungestüm, zurückgeführt zu +werden, sondern es war bereits ziemlich offenbar, daß sie, wenn der +Feldherr sich weigerte, sie heimzuführen, von selbst aufbrechen würden. +Die Vorräte waren knapp; Fannius und Triarius sandten in ihrer +bedrängten Lage die inständigsten Bitten um Hilfeleistung an den +Oberfeldherrn. Schweren Herzens entschloß sich Lucullus, der +Notwendigkeit zu weichen, Nisibis und Tigranokerta aufzugeben und, auf +all die glänzenden Hoffnungen seiner armenischen Expedition +verzichtend, zurückzukehren auf das rechte Ufer des Euphrat. Fannius +wurde befreit; im Pontos aber war es schon zu spät. Triarius, nicht +stark genug, um mit Mithradates zu schlagen, hatte bei Gaziura (Turksal +am Iris, westlich von Tokat) eine feste Stellung genommen, während das +Gepäck bei Dadasa zurückblieb. Als indes Mithradates den letzteren Ort +belagerte, zwangen die römischen Soldaten, um ihre Habseligkeiten +besorgt, den Führer, seine gesicherte Stellung zu verlassen und +zwischen Gaziura und Ziela (Zilleh) auf den Skotischen Anhöhen dem +König eine Schlacht zu liefern. Was Triarius vorhergesehen hatte trat +ein: trotz der tapfersten Gegenwehr durchbrach der Flügel, den der +König persönlich führte, die römische Linie und drängte das Fußvolk in +eine lehmige Schlucht zusammen, in der es weder vor noch seitwärts +rücken konnte und erbarmungslos niedergehauen ward. Zwar ward durch +einen römischen Centurio, der dafür sein Leben opferte, der König auf +den Tod verwundet; aber die Niederlage war darum nicht minder +vollständig. Das römische Lager ward genommen; der Kern des Fußvolks, +fast alle Ober- und Unteroffiziere bedeckten den Boden; die Leichen +blieben unbegraben auf dem Schlachtfeld liegen, und als Lucullus auf +dem rechten Euphratufer ankam, erfuhr er nicht von den Seinigen, +sondern durch die Berichte der Eingeborenen die Niederlage. + +Hand in Hand mit dieser Niederlage ging der Ausbruch der +Militärverschwörung. Ebenjetzt traf aus Rom die Nachricht ein, daß das +Volk beschlossen habe, den Soldaten, deren gesetzmäßige Dienstzeit +abgelaufen sei, das heißt den Fimbrianern, den Abschied zu bewilligen +und einem der Konsuln des laufenden Jahres den Oberbefehl in Bithynien +und Pontus zu übertragen; schon war der Nachfolger Luculls, der Konsul +Manius Acilius Glabrio, in Kleinasien gelandet. Die Verabschiedung der +tapfersten und unruhigsten Legionen und die Abberufung des +Oberfeldherrn in Verbindung mit dem Eindruck der Niederlage von Ziela +lösten in dem Heer alle Bande der Autorität auf, eben da der Feldherr +ihrer am notwendigsten bedurfte. Bei Talaura in Klein-Armenien stand er +den pontischen Truppen gegenüber, an deren Spitze Tigranes’ +Schwiegersohn, Mithradates von Medien, den Römern bereits ein +glückliches Reitergefecht geliefert hatte; ebendahin war von Armenien +her die Hauptmacht des Großkönigs in Anmarsch. Lucullus sandte an den +neuen Statthalter von Kilikien, Quintus Marcius, der auf dem Marsch +nach seiner Provinz soeben mit drei Legionen in Lykaonien angelangt +war, um von ihm Hilfe zu erhalten; derselbe erklärte, daß seine +Soldaten sich weigerten, nach Armenien zu marschieren. Er sandte an +Glabrio mit dem Ersuchen, den ihm vom Volke übertragenen Oberbefehl zu +übernehmen; derselbe bezeigte noch weniger Lust, dieser jetzt so +schwierig und gefährlich gewordenen Aufgabe sich zu unterziehen. +Lucullus, genötigt den Oberbefehl zu behalten, befahl, um nicht bei +Talaura zugleich gegen die Armenier und die Pontiker schlagen zu +müssen, den Aufbruch gegen das anrückende armenische Heer. Die Soldaten +kamen dem Marschbefehl nach; allein da angelangt, wo die Straßen nach +Armenien und nach Kappadokien sich schieden, schlug die Masse des +Heeres die letztere ein und begab sich in die Provinz Asia. Hier +begehrten die Fimbrianer ihren augenblicklichen Abschied; und obwohl +sie auf die inständige Bitte des Oberfeldherrn und der übrigen Korps +hiervon wieder abließen, beharrten sie doch dabei, wenn der Winter +herankäme, ohne daß ihnen ein Feind gegenüberstände, sich auflösen zu +wollen; was denn auch geschah. Mithradates besetzte nicht bloß abermals +fast sein ganzes Königreich, sondern seine Reiter streiften durch ganz +Kappadokien und bis nach Bithymen; gleich vergeblich bat König +Ariobarzanes bei Quintus Marcius, bei Lucullus und bei Glabrio um +Hilfe. Es war ein seltsamer, fast unglaublicher Ausgang des in so +glorreicher Weise geführten Krieges. Wenn man bloß auf die +militärischen Leistungen sieht, so hat kaum ein anderer römischer +General mit so geringen Mitteln so viel ausgerichtet wie Lucullus; das +Talent und das Glück Sullas schienen auf diesen seinen Schüler sich +vererbt zu haben. Daß unter den obwaltenden Verhältnissen das römische +Heer aus Armenien unversehrt nach Kleinasien zurückkam, ist ein +militärisches Wunderwerk, das, soweit wir urteilen können, den +Xenophontischen Rückzug weit übertrifft und wohl zunächst aus der +Solidität des römischen und der Untüchtigkeit des orientalischen +Kriegswesens sich erklärt, aber doch unter allen Umständen dem Leiter +dieses Zuges einen ehrenvollen Platz unter den militärischen +Kapazitäten ersten Ranges sichert. Wenn Lucullus’ Name gewöhnlich nicht +unter diesen genannt wird, so liegt die Ursache allem Anschein nach nur +darin, daß teils kein militärisch auch nur leidlicher Bericht über +seine Feldzüge auf uns gekommen ist, teils überall, und vor allem im +Kriege, zunächst nichts gilt als das schließliche Resultat, und dies +freilich kam einer vollständigen Niederlage gleich. Durch die letzte +unglückliche Wendung der Dinge, hauptsächlich durch die Meuterei der +Soldaten, waren alle Erfolge eines achtjährigen Krieges wieder verloren +worden; man stand im Winter 687/88 (67/66) genau wieder an demselben +Fleck wie im Winter 679/80 (75/74). + +Nicht bessere Resultate als der Kontinentalkrieg lieferte der Seekrieg +gegen die Piraten, der mit demselben zugleich begann und beständig mit +ihm in der engsten Verbindung stand. Es ward bereits erzählt, daß der +Senat im Jahre 680 (74) den verständigen Beschluß faßte, die Säuberung +der Meere von den Korsaren einem einzigen höchstkommandierenden +Admiral, dem Prätor Marcus Antonius, zu übertragen. Allein gleich von +vornherein hatte man sich in der Wahl des Führers durchaus vergriffen, +oder vielmehr diejenigen, welche diese an sich zweckmäßige Maßregel +durchgesetzt hätten, hatten nicht berechnet, daß im Senat alle +Personenfragen durch Cethegus’ Einfluß und ähnliche Koterierücksichten +entschieden wurden. Man hatte ferner versäumt, den gewählten Admiral in +einer seiner umfassenden Aufgabe angemessenen Weise mit Geld und +Schiffen auszustatten, so daß er durch seine ungeheuren Requisitionen +den befreundeten Provinzialen fast ebenso lästig fiel wie die Korsaren. +Die Erfolge waren entsprechend. In den kampanischen Gewässern brachte +die Flotte des Antonius eine Anzahl Piratenschiffe auf. Mit den +Kretensern aber, die mit den Piraten Freundschaft und Bündnis gemacht +hatten und seine Forderung, von dieser Gemeinschaft abzulassen, schroff +zurückwiesen, kam es zum Gefecht; und die Ketten, die Antonius +vorsorglich auf seinen Schiffen in Vorrat gelegt hatte, um die +gefangenen Flibustier damit zu fesseln, dienten dazu, den Quästor und +die übrigen römischen Gefangenen an die Masten der eroberten römischen +Schiffe zu schließen, als die kretischen Feldherren Lasthenes und +Panares aus dem bei ihrer Insel den Römern gelieferten Seetreffen +triumphierend nach Kydonia zurücksteuerten. Antonius, nachdem er mit +seiner leichtsinnigen Kriegführung ungeheure Summen vergeudet und nicht +das geringste ausgerichtet hatte, starb im Jahre 683 (71) auf Kreta. +Teils der schlechte Erfolg seiner Expedition, teils die Kostbarkeit des +Flottenbaus, teils der Widerwille der Oligarchie gegen jede +umfassendere Beamtenkompetenz bewirkten, daß man nach der faktischen +Beendigung dieser Unternehmung durch Antonius’ Tod keinen Oberadmiral +wieder ernannte und auf die alte Weise zurückkam, jeden Statthalter in +seiner Provinz für die Unterdrückung der Piraterie sorgen zu lassen; +wie denn zum Beispiel die von Lucullus hergestellte Flotte hierfür im +Ägäischen Meer tätig war. Nur was die Kreter anbetrifft, schien eine +Schmach wie die vor Kydonia erlittene doch selbst diesem gesunkenen +Geschlecht allein durch die Kriegserklärung beantwortet werden zu +können. Dennoch hätten die kretischen Gesandten, die im Jahre 684 (70) +in Rom mit der Bitte erschienen, die Gefangenen zurücknehmen und das +alte Bündnis wieder herstellen zu wollen, fast einen günstigen +Senatsbeschluß erlangt; was die ganze Korporation eine Schande nannte, +das verkaufte bereitwillig für klingenden Preis der einzelne Senator. +Erst nachdem ein förmlicher Senatsbeschluß die Anlehen der kretischen +Gesandten bei den römischen Bankiers klaglos gestellt, das heißt +nachdem der Senat sich selber in die Unmöglichkeit versetzt hatte, sich +bestechen zu lassen, kam das Dekret zustande, daß die kretischen +Gemeinden außer den römischen Überläufern, die Urheber des vor Kydonia +verübten Frevels, die Führer Lasthenes und Panares, den Römern zu +geeigneter Bestrafung zu übergeben, ferner sämtliche Schiffe und Boote +von vier oder mehr Rudern auszuliefern, 400 Geiseln zu stellen und eine +Buße von 4000 Talenten (6250000 Taler) zu zahlen hätten, wofern sie den +Krieg zu vermeiden wünschten. Als die Gesandten sich zur Eingebung +solcher Bedingungen nicht bevollmächtigt erklärten, wurde einer der +Konsuln des nächsten Jahres bestimmt, nach Ablauf seines Amtsjahres +nach Kreta abzugehen, um dort entweder das Geforderte in Empfang zu +nehmen oder den Krieg zu beginnen. Demgemäß erschien im Jahre 685 (69) +der Prokonsul Quintus Metellus in den kretischen Gewässern. Die +Gemeinden der Insel, voran die größeren Städte Gortyna, Knossos, +Kydonia, waren entschlossen, lieber mit den Waffen sich zu verteidigen, +als jenen übermäßigen Forderungen sich zu fügen. Die Kretenser waren +ein ruchloses und entartetes Volk, mit deren öffentlicher und privater +Existenz der Seeraub so innig verwachsen war wie der Landraub mit dem +Gemeinwesen der Ätoler; allein sie glichen den Ätolern wie überhaupt in +vielen Stücken so auch in der Tapferkeit, und es sind denn auch diese +beiden griechischen Gemeinden die einzigen, die den Kampf um die +Unabhängigkeit mutig und ehrenhaft geführt haben. Bei Kydonia, wo +Metellus seine drei Legionen ans Land setzte, stand eine kretische +Armee von 24000 Mann unter Lasthenes und Panares bereit, ihn zu +empfangen; es kam zu einer Schlacht im offenen Felde, in der der Sieg +nach hartem Kampf den Römern blieb. Allein die Städte trotzten dem +römischen Feldherrn nichtsdestoweniger hinter ihren Mauern; Metellus +mußte sich entschließen, eine nach der andern zu belagern. Zuerst ward +Kydonia, wohin die Trümmer der geschlagenen Armee sich geworfen hatten, +nach langer Belagerung von Panares gegen das Versprechen freien Abzuges +für sich selber übergeben. Lasthenes, der aus der Stadt entwichen war, +mußte zum zweiten Male in Knossos belagert werden, und da auch diese +Festung im Begriff war zu fallen, vernichtete er seine Schätze und +entschlüpfte abermals nach Orten, welche, wie Lyktos, Eleutherna und +andere, die Verteidigung noch fortsetzten. Zwei Jahre (686, 687 68, 67) +vergingen, bevor Metellus der ganzen Insel Herr und damit der letzte +Fleck freier griechischer Erde in die Gewalt der übermächtigen Römer +gekommen war; die kretischen Gemeinden, wie sie zuerst von allen +griechischen die freie Stadtverfassung und die Seeherrschaft bei sich +entwickelt hatten, sollten auch die letzten von allen jenen, einst das +Mittelmeer erfüllenden griechischen Seestaaten sein, die der römischen +Kontinentalmacht erlagen. + +Alle Rechtsbedingungen waren erfüllt, um wiederum einen der üblichen +pomphaften Triumphe zu feiern; das Geschlecht der Meteller konnte +seinen makedonischen, numidischen, dalmatischen, baliarischen Titeln +mit gleichem Recht den neuen kretischen beifügen, und Rom besaß einen +stolzen Namen mehr. Nichtsdestoweniger stand die Macht der Römer auf +dem Mittelmeer nie tiefer, die der Korsaren nie höher als in diesen +Jahren. Wohl mochten die Kiliker und Kreter der Meere, die in dieser +Zeit bis 1000 Schiffe gezählt haben sollen, des Isaurikers wie des +Kretikers und ihrer nichtigen Siege spotten. Wie nachdrücklich die +Seeräuber in den Mithradatischen Krieg eingriffen und wie die +hartnäckige Gegenwehr der pontischen Seestädte ihre besten Kräfte aus +dem Korsarenstaat zog, ward bereits erzählt. Aber derselbe machte auch +auf eigene Hand kaum minder großartige Geschäfte. Fast unter den Augen +der Flotte Luculls überfiel im Jahre 685 (69) der Pirat Athenodoros die +Insel Delos, zerstörte deren vielgefeierte Heiligtümer und Tempel und +führte die ganze Bevölkerung fort in die Sklaverei. Die Insel Lipara +bei Sizilien zahlte den Piraten jährlich einen festen Tribut, um von +ähnlichen Überfällen verschont zu bleiben. Ein anderer Piratenchef, +Herakleon, zerstörte im Jahre 682 (72) das in Sizilien gegen ihn +ausgerüstete Geschwader und wagte es, mit nicht mehr als vier offenen +Booten in den Hafen von Syrakus einzufahren. Zwei Jahre später stieg +sein Kollege Pyrganion in demselben Hafen sogar an das Land, setzte +daselbst sich fest und schickte von dort aus Streifpartien in die +Insel, bis ihn der römische Statthalter endlich zwang, sich +wiedereinzuschiffen. Das war man am Ende nachgerade gewohnt, daß alle +Provinzen Geschwader ausrüsteten und Strandwachen aufstellten oder doch +für beides steuerten, und dennoch die Korsaren so regelmäßig +erschienen, um die Provinzen auszuplündern wie die römischen +Statthalter. Aber selbst den geweihten Boden Italiens respektierten +jetzt die unverschämten Frevler nicht mehr: von Kroton führten sie den +Tempelschatz der Lakinischen Hera mit sich fort; sie landeten in +Brundisium, Misenum, Caieta, in den etruskischen Häfen, ja in Ostia +selbst; sie brachten die vornehmsten römischen Offiziere als Gefangene +auf, unter andern den Flottenführer der kilikischen Armee und zwei +Prätoren mit ihrem ganzen Gefolge, mit den gefürchteten Beilen und +Ruten selbst und allen Abzeichen ihrer Würde; sie entführten aus einer +Villa bei Misenum die eigene Schwester des zur Vernichtung der Piraten +ausgesandten römischen Oberadmirals Antonius; sie vernichteten im Hafen +von Ostia die gegen sie ausgerüstete und von einem Konsul befehligte +römische Kriegsflotte. Der latinische Bauersmann, der Reisende auf der +Appischen Straße, der vornehme Badegast in dem irdischen Paradiese von +Baiae waren ihrer Habe und ihres Lebens fürder keinen Augenblick +sicher; aller Handel und aller Verkehr stockte; die entsetzlichste +Teuerung herrschte in Italien und namentlich in der von überseeischem +Korn lebenden Hauptstadt. Die Mitwelt wie die Geschichte sind freigebig +mit Klagen über unerträglichen Notstand; hier dürfte die Bezeichnung +passen. + +Es ist bisher geschildert worden, wie der von Sulla restaurierte Senat +die Grenzbewachung in Makedonien, die Disziplin über die Klientelkönige +Kleinasiens, wie er endlich die Seepolizei geübt hat; die Resultate +waren nirgends erfreulich. Nicht bessere Erfolge erzielte die Regierung +in einer anderen, vielleicht noch dringenderen Angelegenheit, der +Überwachung des provinzialen und vor allem des italischen Proletariats. +Der Krebsschaden des Sklavenproletariats zehrte an dem Marke aller +Staaten des Altertums und um so mehr, je mächtiger sie emporgeblüht +waren; denn Macht und Reichtum des Staats führten unter den bestehenden +Verhältnissen regelmäßig zu einer unverhältnismäßigen Vermehrung der +Sklavenmenge. Natürlich litt demnach Rom darunter schwerer als +irgendein anderer Staat des Altertums. Schon die Regierung des sechsten +Jahrhunderts hatte gegen die Banden entlaufener Hirten- und Feldsklaven +Truppen schicken müssen. Die unter den italischen Spekulanten mehr und +mehr um sich greifende Plantagenwirtschaft hatte das gefährliche Übel +ins unendliche gesteigert; in der Zeit der Gracchischen und der +Marianischen Krise und mit denselben in engem Zusammenhang hatten +Sklavenaufstände an zahlreichen Punkten des Römischen Reiches +stattgehabt, in Sizilien sogar zu zwei blutigen Kriegen (619-622 und +652-654 135-132 und 102-100) sich entwickelt. Aber das Dezennium der +Restaurationsherrschaft nach Sullas Tode ward die goldene Zeit wie für +die Flibustier zur See so für die gleichartigen Banden auf dem +Festland, vor allem in der bisher noch verhältnismäßig leidlich +geordneten italischen Halbinsel. Von einem Landfrieden konnte daselbst +kaum mehr die Rede sein. In der Hauptstadt und den minder bevölkerten +Landschaften Italiens waren Räubereien alltäglich, Mordtaten häufig. +Gegen Menschenraub an fremden Sklaven wie an freien Leuten erging - +vielleicht in dieser Epoche - ein besonderer Volksschluß; gegen +gewaltsame Besitzentziehung von Grundstücken ward um diese Zeit eine +eigene summarische Klage neu eingeführt. Diese Verbrechen mußten +besonders deswegen gefährlich erscheinen, weil sie zwar gewöhnlich +begangen wurden von dem Proletariat, aber als moralische Urheber und +Teilnehmer an dem Gewinn auch die vornehme Klasse in großem Umfang +dabei mittätig war. Namentlich der Menschen- und der Ackerraub wurde +sehr häufig durch die Aufseher der großen Güter veranlaßt und durch die +daselbst vereinigten häufig bewaffneten Sklavenscharen ins Werk +gesetzt; und gar mancher hochangesehene Mann verschmähte nicht, was +einer seiner diensteifrigen Sklavenaufseher so für ihn erwarb wie +Mephisto für Faust die Linden Philemons. Wie die Dinge standen, zeigt +die verschärfte Bestrafung der durch bewaffnete Banden verübten +Eigentumsfrevel, welche einer der besseren Optimaten, Marcus Lucullus, +als Vorstand der hauptstädtischen Rechtspflege um das Jahr 676 (78) +einführte ^5, mit der ausgesprochenen Absicht, die Eigentümer der +großen Sklavenherden durch die Gefahr sich dieselben aberkannt zu +sehen, zu nachdrücklicherer Beaufsichtigung derselben anzuhalten. Wo +also im Auftrag der vornehmen Welt geplündert und gemordet ward, lag es +diesen Sklaven- und Proletariermassen nahe, das gleiche Geschäft für +eigene Rechnung zu treiben; es genügte ein Funke, um den furchtbaren +Brennstoff in Flammen zu setzen und das Proletariat in eine +Insurrektionsarmee zu verwandeln. Die Veranlassung fand sich bald. + +————————————————————————- + +^5 Aus diesen Bestimmungen hat sich der Begriff des Raubes als eines +besonderen Verbrechens entwickelt, während das ältere Recht den Raub +unter dem Diebstahl mitbegriff. + +————————————————————————- + +Die Fechterspiele, die unter den Volkslustbarkeiten in Italien jetzt +den ersten Rang behaupteten, hatten die Errichtung zahlreicher +Anstalten namentlich in und um Capua herbeigeführt, worin diejenigen +Sklaven teils aufbewahrt, teils eingeschult wurden, die bestimmt waren, +zur Belustigung der souveränen Menge zu töten oder zu sterben - +natürlich großenteils tapfere kriegsgefangene Leute, die es nicht +vergessen hatten, einst gegen die Römer im Felde gestanden zu haben. +Eine Anzahl solcher verzweifelter Menschen brach aus einer der +capuanischen Fechterschulen aus (681 73) und warf sich auf den Vesuv. +An ihrer Spitze standen zwei keltische Männer, die mit ihren +Sklavennamen Krixos und Önomaos genannt werden, und der Thraker +Spartacus. Dieser, vielleicht ein Sprößling des edlen, in der +thrakischen Heimat wie in Pantikapäon sogar zu königlichen Ehren +gelangten Geschlechts der Spartokiden, hatte unter den thrakischen +Hilfstruppen im römischen Heer gedient, war desertiert und als Räuber +in die Berge gegangen und hier wiedereingefangen und für die +Kampfspiele bestimmt worden. Die Streifereien dieser kleinen, +anfänglich nur vierundsiebzig Köpfe zählenden, aber rasch durch Zulauf +aus der Umgegend anschwellenden Schar wurden den Bewohnern der reichen +kampanischen Landschaft bald so lästig, daß dieselben, nachdem sie +vergeblich versucht hatten, sich selber ihrer zu erwehren, gegen sie +Hilfe von Rom erbaten. Es erschien eine schleunig zusammengeraffte +Abteilung von 3000 Mann unter Führung des Clodius Glaber und besetzte +die Aufgänge zum Vesuv, um die Sklavenschar auszuhungern. Aber die +Räuber wagten es trotz ihrer geringen Anzahl und ihrer mangelhaften +Bewaffnung, über jähe Abhänge hinabkletternd die römischen Posten zu +überfallen; und als die elende Miliz den kleinen Haufen verzweifelter +Männer unvermutet auf sich eindringen sah, gab sie Fersengeld und +verlief sich nach allen Seiten. Dieser erste Erfolg verschaffte den +Räubern Waffen und steigenden Zulauf. Wenngleich auch jetzt noch ein +großer Teil von ihnen nichts führte als zugespitzte Knüttel, so fand +die neue und stärkere Abteilung der Landwehr, zwei Legionen unter dem +Prätor Publius Varinius, die von Rom her in Kampanien einrückte, sie +schon fast wie ein Kriegsheer in der Ebene lagernd. Varinius hatte +einen schwierigen Stand. Seine Milizen, genötigt, dem Feind gegenüber +zu biwakieren, wurden durch die feuchte Herbstwitterung und die dadurch +erzeugten Krankheiten arg mitgenommen; und schlimmer noch als die +Epidemien lichteten Feigheit und Unbotmäßigkeit die Reihen. Gleich zu +Anfang lief eine seiner Abteilungen vollständig auseinander, so daß die +Flüchtigen nicht etwa auf das Hauptkorps zurück, sondern geradewegs +nach Hause gingen. Als sodann der Befehl gegeben ward, gegen die +feindlichen Verschanzungen vorzugehen und anzugreifen, weigerte sich +der größte Teil der Leute, ihm Folge zu leisten. Nichtsdestoweniger +brach Varinius mit denen, die standhielten, gegen die Räuberschar auf; +allein er fand sie nicht mehr, wo er sie suchte. In tiefster Stille war +sie aufgebrochen und hatte sich südwärts gegen Picentia (Vicenza bei +Amalfi) gewendet, wo Varinius sie zwar einholte, aber es doch nicht +wehren konnte, daß sie über den Silarus zurückwich bis in das innere +Lucanien, das gelobte Land der Hirten und der Räuber. Auch dorthin +folgte Varinius und hier endlich stellte der verachtete Feind sich zum +Treffen. Alle Verhältnisse, unter denen der Kampf stattfand, waren zum +Nachteil der Römer; die Soldaten, so ungestüm sie kurz zuvor die +Schlacht gefordert hatten, schlugen dennoch sich schlecht; Varinius +ward vollständig besiegt, sein Pferd und die Insignien seiner Amtswürde +gerieten mit dem römischen Lager selbst in Feindeshand. Massenweise +strömten die süditalischen Sklaven, namentlich die tapferen halbwilden +Hirten, unter die Fahne der so unverhofft erschienenen Erlöser; nach +den mäßigen Angaben stieg die Zahl der bewaffneten Insurgenten auf +40000 Mann. Kampanien, soeben geräumt, ward rasch wieder eingenommen, +das daselbst unter dem Quästor des Varinius, Gaius Thoranius, +zurückgebliebene römische Korps zersprengt und aufgerieben. Im ganzen +Süden und Südwesten Italiens war das offene Land in den Händen der +siegreichen Räuberhauptleute; selbst ansehnliche Städte, wie Consentia +im bruttischen Land, Thurii und Metapont in Lucanien, Nola und Nuceria +in Kampanien, wurden von ihnen erstürmt und erlitten alle Greuel, die +siegreiche Barbaren über wehrlose Zivilisierte, entfesselte Sklaven +über ihre gewesenen Herren zu bringen vermögen. Daß ein Kampf wie +dieser überhaupt rechtlos und mehr eine Metzelei als ein Krieg war, +versteht sich leider von selbst: die Herren schlugen jeden gefangenen +Sklaven von Rechts wegen ans Kreuz; diese machten natürlich gleichfalls +ihre Gefangenen nieder oder zwangen gar in noch höhnischerer Vergeltung +die kriegsgefangenen Römer, im Fechtspiel einander selber zu morden; +wie dies später mit dreihundert derselben bei der Leichenfeier eines im +Kampfe gefallenen Räuberhauptmanns geschah. In Rom war man mit Recht in +Besorgnis über den immer weiter um sich greifenden verheerenden Brand. +Es ward beschlossen, das nächste Jahr (682 72) beide Konsuln gegen die +furchtbaren Bandenchefs auszusenden. In der Tat gelang es dem Prätor +Quintus Arrius, einem Unterfeldherrn des Konsuls Lucius Genius, den +keltischen Haufen, der unter Krixos von der Masse des Räuberheers sich +gesondert hatte und auf eigene Hand brandschatzte, in Apulien am +Garganus zu fassen und zu vernichten. Aber um so glänzendere Siege +erfocht Spartacus im Apennin und im nördlichen Italien, wo der Konsul +Gnaeus Lentulus, während er die Räuber zu umzingeln und aufzuheben +vermeinte, sodann sein Kollege Gellius und der soeben noch siegreiche +Prätor Arrius, endlich bei Mutina der Statthalter des Diesseitigen +Gallien, Gaius Cassius (Konsul 681 73), und der Prätor Gnaeus Manlius +einer nach dem andern seinen Streichen erlagen. Die kaum bewaffneten +Sklavenrotten waren der Schreck der Legionen; die Kette der Niederlagen +erinnerte an die ersten Jahre des Hannibalischen Krieges. Was hätte +kommen mögen, wenn nicht entlaufene Fechtersklaven, sondern die +Volkskönige aus den Bergen der Auvergne oder des Balkan an der Spitze +der siegreichen Scharen gestanden hätten, ist nicht zu sagen; wie die +Bewegung einmal war, blieb sie trotz ihrer glänzenden Siege ein +Räuberaufstand und unterlag weniger der Übermacht ihrer Gegner als der +eignen Zwietracht und Planlosigkeit. Die Einigkeit gegen den +gemeinschaftlichen Feind, die in den früheren sizilischen +Sklavenkriegen in so bemerkenswerter Weise hervorgetreten war, wird in +diesem italischen vermißt, wovon wohl die Ursache darin zu suchen ist, +daß die sizilischen Sklaven in dem gemeinsamen Syrohellenismus einen +gleichsam nationalen Einigungspunkt fanden, die italischen dagegen in +die beiden Massen der Hellenobarbaren und der Keltogermanen sich +schieden. Die Spaltung zwischen dem Kelten Krixos und dem Thraker +Spartacus - Önomaos war gleich in einem der ersten Gefechte gefallen - +und ähnlicher Hader lähmte die Benutzung der errungenen Erfolge und +verschaffte den Römern manchen wichtigen Sieg. Aber noch weit +nachteiliger als die keltisch-germanische Unbotmäßigkeit wirkte auf das +Unternehmen der Mangel eines festen Planes und Zieles. Wohl stand +Spartacus, nach dem Wenigen zu schließen, was wir von dem seltenen Mann +erfahren, hierin über seiner Partei. Er verriet neben seinem +strategischen ein nicht gemeines Organisationstalent, wie denn gleich +von Haus aus die Gerechtigkeit, mit der er seiner Schar vorstand und +die Beute verteilte, wenigstens ebensosehr wie seine Tapferkeit die +Augen der Masse auf ihn gelenkt hatte. Um dem empfindlichen Mangel an +Reiterei und an Waffen abzuhelfen, versuchte er mit Hilfe der in +Unteritalien aufgegriffenen Pferdeherden, sich eine Kavallerie zu +schulen und zu disziplinieren und, sowie er den Hafen von Thurii in die +Hände bekam, von dort aus Eisen und Kupfer, ohne Zweifel durch +Vermittlung der Piraten, sich zu verschaffen. Aber in den Hauptsachen +vermochte auch er nicht die wilden Horden, die er anführte, auf feste +Endziele hinzulenken. Gern hätte er den tollen Bacchanalien der +Grausamkeit gewehrt, die die Räuber in den eingenommenen Städten sich +gestatteten und die die hauptsächliche Ursache waren, weshalb keine +italische Stadt freiwillig mit den Insurgenten gemeinschaftliche Sache +machte; aber der Gehorsam, den der Räuberhauptmann im Kampfe fand, +hörte mit dem Siege auf und seine Vorstellungen und Bitten waren +vergeblich. Nach den im Apennin 682 (72) erfochtenen Siegen stand dem +Sklavenheer nach jeder Richtung hin der Weg frei. Spartacus selbst soll +beabsichtigt haben, die Alpen zu überschreiten, um sich und den +Seinigen die Rückkehr in ihre keltische oder thrakische Heimat zu +öffnen; wenn der Bericht gegründet ist, so zeigt er, wie wenig der +Sieger seine Erfolge und seine Macht überschätzte. Da die Mannschaft +sich weigerte, dem reichen Italien so rasch den Rücken zu wenden, +schlug Spartacus den Weg nach Rom ein und soll daran gedacht haben, die +Hauptstadt zu blockieren. Indes auch diesem zwar verzweifelten, aber +doch planmäßigen Beginnen zeigten die Scharen sich abgeneigt; sie +zwangen ihren Führer, da er Feldherr sein wollte, Räuberhauptmann zu +bleiben und ziellos weiter in Italien auf Plünderung umherzuziehen. Rom +mochte sich glücklich preisen, daß es also kam; auch so aber war guter +Rat teuer. Es fehlte an geübten Soldaten wie an erprobten Feldherren; +Quintus Metellus und Gnaeus Pompeius waren in Spanien, Marcus Lucullus +in Thrakien, Lucius Lucullus in Kleinasien beschäftigt, und zur +Verfügung standen nur rohe Milizen und höchstens mittelmäßige +Offiziere. Man bekleidete mit dem außerordentlichen Oberbefehl in +Italien den Prätor Marcus Crassus, der zwar kein namhafter Feldherr +war, aber doch unter Sulla mit Ehren gefochten und wenigstens Charakter +hatte, und stellte ihm eine wenn nicht durch ihre Qualität, doch durch +ihre Zahl imponierende Armee von acht Legionen zur Verfügung. Der neue +Oberfeldherr begann damit, die erste Abteilung, die wieder mit +Wegwerfung ihrer Waffen vor den Räubern davonlief, nach der ganzen +Strenge der Kriegsgesetze zu behandeln und den zehnten Mann davon +hinrichten zu lassen; worauf in der Tat die Legionen sich wieder etwas +mehr zusammennahmen. Spartacus, in dem nächsten Gefecht besiegt, zog +sich zurück und suchte durch Lucanien nach Rhegion zu gelangen. +Ebendamals beherrschten die Piraten nicht bloß die sizilischen +Gewässer, sondern selbst den Hafen von Syrakus; mit Hilfe ihrer Boote +gedachte Spartacus ein Korps nach Sizilien zu werfen, wo die Sklaven +nur auf einen Anstoß warteten, um zum dritten Male loszuschlagen. Der +Marsch nach Rhegion gelang, allein die Korsaren, vielleicht geschreckt +durch die von dem Prätor Gaius Verres auf Sizilien eingerichteten +Strandwachen, vielleicht auch von den Römern bestochen, nahmen von +Spartacus den bedungenen Lohn, ohne ihm die Gegenleistung dafür zu +gewähren. Crassus inzwischen war dem Räuberheer bis etwa an die +Krathismündung gefolgt und ließ, ähnlich wie Scipio vor Numantia, seine +Soldaten, da sie nicht schlugen, wie sie sollten, einen festungsähnlich +verschanzten Wall in der Länge von sieben deutschen Meilen aufführen, +der die Bruttische Halbinsel von dem übrigen Italien absperrte ^6 und +dem von Rhegion zurückkehrenden Insurgentenheer den Weg verlegte und +die Zufuhr abschnitt. Indes in einer dunklen Winternacht durchbrach +Spartacus die feindlichen Linien und stand im Frühjahr 683 (71) ^7 +wieder in Lucanien. Das mühsame Werk war also vergebens gewesen. +Crassus fing an, an der Lösung seiner Aufgabe zu verzweifeln, und +forderte vom Senat, daß er die in Makedonien unter Marcus Lucullus, im +diesseitigen Spanien unter Gnaeus Pompeius stehenden Heere zu seiner +Unterstützung nach Italien berufe. Es bedurfte indes dieses äußersten +Notschrittes nicht; die Uneinigkeit und der Übermut der Räuberhaufen +genügten, um ihre Erfolge wieder zu vereiteln. Abermals lösten sich die +Kelten und Germanen von dem Bunde, dessen Haupt und Seele der Thraker +war, um unter Führern ihrer eigenen Nation, Gannicus und Castus, sich +vereinzelt den Römern ans Messer zu liefern. Einmal, am Lucanischen +See, rettete sie Spartacus’ rechtzeitiges Erscheinen; sie schlugen nun +zwar wohl ihr Lager nahe bei dem seinigen auf, aber dennoch gelang es +Crassus, den Spartacus durch die Reiterei zu beschäftigen und indessen +die keltischen Haufen zu umstellen und zum Sonderkampf zu zwingen, in +welchem sie sämtlich, man sagt 12300 Streiter, tapfer kämpfend fielen, +alle auf dem Platze und mit den Wunden nach vorn. Spartacus versuchte +darauf, sich mit seiner Abteilung in die Berge um Petelia (bei +Strongoli in Kalabrien) zu werfen und schlug nachdrücklich die römische +Vorhut, die dem Weichenden folgte. Allein dieser Sieg gereichte mehr +dem Sieger als dem Besiegten zum Nachteil. Berauscht von dem Erfolg +weigerten sich die Räuber, weiter zurückzuweichen, und nötigten ihren +Feldherrn, sie durch Lucanien nach Apulien dem letzten entscheidenden +Kampf entgegenzuführen. Vor der Schlacht stieß Spartacus sein Roß +nieder; wie er im Glück und im Unglück treu bei den Seinen ausgeharrt +hatte, so zeigte er ihnen jetzt durch die Tat, daß es ihm wie allen +hier gehe um Sieg oder Tod. Auch in der Schlacht stritt er mit dem Mut +eines Löwen: zwei Centurionen fielen von seiner Hand; verwundet und in +die Knie gesunken noch führte er den Speer gegen die andringenden +Feinde. Also starben der große Räuberhauptmann und mit ihm die besten +seiner Gesellen den Tod freier Männer und ehrlicher Soldaten (683 71). +Nach dem teuer erkauften Siege ward von den Truppen, die ihn erfochten, +und von denen des Pompeius, die inzwischen nach Überwindung der +Sertorianer aus Spanien eingetroffen waren, durch ganz Apulien und +Lucanien eine Menschenhetze angestellt, wie sie noch nicht dagewesen +war, um die letzten Funken des gewaltigen Brandes zu zertreten. Obwohl +in den südlichen Landschaften, wo zum Beispiel das Städtchen Tempsa 683 +(71) von einer Räuberschar eingenommen ward, und in dem durch Sullas +Expropriationen schwer betroffenen Etrurien ein rechter Landfriede noch +keineswegs sich einfand, galt doch derselbe offiziell als in Italien +wiederhergestellt. Wenigstens die schmachvoll verlorenen Adler waren +wiedergewonnen - allein nach dem Sieg über die Kelten brachte man deren +fünf ein; und längs der Straße von Capua nach Rom zeugten die +sechstausend Kreuze, die gefangene Sklaven trugen, von der neu +begründeten Ordnung und dem abermaligen Siege des anerkannten Rechts +über das rebellierende lebendige Eigen. + +——————————————————————— + +^6 Da die Linie sieben deutsche Meilen (Sall. hist. 4, 19 Dietsch; +Plut. Crass. 10) lang war, so ging sie wohl nicht von Squillace nach +Pizzo, sondern nördlicher, etwa bei Castrovillari und Cassano über die +hier in gerader Linie etwa sechs deutsche Meilen breite Halbinsel. + +^7 Daß Crassus noch 682 (72) den Oberbefehl übernahm, ergibt sich aus +der Beseitigung der Konsuln (Plot. Crass. 10); daß der Winter 682/83 +(72/71) den beiden Heeren am Bruttischen Wall verstrich, aus der +“Schneenacht (Plot. a. a. O.). + +—————————————————————————- + +Blicken wir zurück auf die Ereignisse, die das Dezennium der +sullanischen Restauration erfüllen. Eine gewaltige, den Lebensnerv der +Nation notwendig berührende Gefahr war an sich in keiner der während +dieser Zeit vorgekommenen äußeren oder inneren Bewegungen enthalten, +weder in der Insurrektion des Lepidus, noch in den Unternehmungen der +spanischen Emigranten, noch in den thrakisch-makedonischen und +kleinasiatischen Kriegen, noch in den Piraten- und Sklavenaufständen; +und dennoch hatte der Staat fast in all diesen Kämpfen um seine +Existenz gefochten. Die Ursache war, daß die Aufgaben, solange sie noch +mit Leichtigkeit lösbar waren, überall ungelöst blieben; die +Vernachlässigung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln erzeugte die +entsetzlichsten Mißstände und Unglücksfälle und schuf abhängige Klassen +und machtlose Könige in ebenbürtige Gegner um. Die Demokratie zwar, und +die Sklaveninsurrektion hatte man besiegt; aber wie die Siege waren, +ward durch sie der Sieger weder innerlich gehoben noch äußerlich +gekräftigt. Es war keine Ehre, daß die beiden gefeiertsten Generale der +Regierungspartei in einem achtjährigen, mit mehr Niederlagen als Siegen +bezeichneten Kampf des Insurgentenchefs Sertorius und seiner spanischen +Guerillas nicht Herr geworden waren, daß erst der Mordstahl seiner +Freunde den Sertorianischen Krieg zu Gunsten der legitimen Regierung +entschieden hatte. Die Sklaven nun gar war es viel weniger eine Ehre +besiegt, als eine Schande, ihnen jahrelang in gleichem Kampfe +gegenübergestanden zu haben. Wenig mehr als ein Jahrhundert war seit +dem Hannibalischen Kriege verflossen; es mußte dem ehrbaren Römer das +Blut in die Wangen treiben, wenn er den furchtbar raschen Rücktritt der +Nation seit jener großen Zeit erwog. Damals standen die italischen +Sklaven wie die Mauern gegen Hannibals Veteranen; jetzt stäubte die +italische Landwehr vor den Knütteln ihrer entlaufenen Knechte wie Spreu +auseinander. Damals machte jeder einfache Oberst im Fall der Not den +Feldherrn und focht oft ohne Glück, doch immer mit Ehren; jetzt hielt +es hart, unter all den vornehmen Offizieren nur einen Führer von +gewöhnlicher Brauchbarkeit zu finden. Damals nahm die Regierung lieber +den letzten Bauer vom Pflug, als daß sie darauf verzichtet hätte, +Griechenland und Spanien zu erobern; jetzt war man drauf und dran, +beide längst erworbene Gebiete wieder preiszugeben, nur um daheim der +aufständischen Knechte sich erwehren zu können. Auch Spartacus hatte, +so gut wie Hannibal, vom Po bis an die sizilische Meerenge Italien mit +Heeresmacht durchzogen, beide Konsuln geschlagen und Rom mit der +Blockade bedroht; wozu es gegen das ehemalige Rom des größten Feldherrn +des Altertums bedurft hatte, das vermochte gegen das jetzige ein kecker +Räuberhauptmann. War es ein Wunder, daß solchen Siegen über Insurgenten +und Räuberführer kein frisches Leben entkeimte? + +Ein noch minder erfreuliches Ergebnis aber hatten die äußeren Kriege +herausgestellt. Zwar der thrakisch-makedonische hatte, wenn kein dem +ansehnlichen Aufwand von Menschen und Feld entsprechendes, doch auch +kein geradezu ungünstiges Resultat gegeben. Dagegen in dem +kleinasiatischen und in dem Piratenkrieg hatte die Regierung +vollständigen Bankrott gemacht. Jener schloß ab mit dem Verlust der +gesamten, in acht blutigen Feldzügen gemachten Eroberungen, dieser mit +der vollständigen Verdrängung der Römer von “ihrem Meer”. Einst hatte +Rom im Vollgefühl der Unwiderstehlichkeit seiner Landmacht das +Übergewicht auch auf das zweite Element übertragen; jetzt war der +gewaltige Staat zur See ohnmächtig und, wie es schien, im Begriff, auch +wenigstens über den asiatischen Kontinent die Herrschaft einzubüßen. +Die materiellen Wohltaten des staatlichen Daseins: Sicherheit der +Grenzen, ungestörter friedlicher Verkehr, Rechtsschutz, geordnete +Verwaltung, fingen an, alle miteinander den sämtlichen im römischen +Staat vereinigten Nationen zu verschwinden; die segnenden Götter alle +schienen zum Olymp emporgestiegen zu sein und die jammervolle Erde den +amtlich berufenen oder freiwilligen Plünderern oder Peinigern +überlassen zu haben. Dieser Verfall des Staats ward auch nicht etwa +bloß von dem, der politische Rechte und Bürgersinn hatte, als ein +öffentliches Unglück gefühlt, sondern die Proletariatsinsurrektion und +die an die Zeiten der neapolitanischen Ferdinande erinnernde Räuber- +und Piratenwirtschaft trugen das Gefühl dieses Verfalls in das +entlegenste Tal, in die niedrigste Hütte Italiens, ließen ihn jeden, +der Handel und Verkehr trieb, der nur einen Scheffel Weizen kaufte, als +persönlichen Notstand empfinden. + +Wenn nach den Urhebern dieses heillosen und beispiellosen Jammers +gefragt ward, so war es nicht schwer, mit gutem Recht gar viele deshalb +anzuklagen. Die Sklavenwirte, deren Herz im Geldbeutel saß, die +unbotmäßigen Soldaten, die bald feigen, bald unfähigen, bald tollkühnen +Generale, die meist am falschen Ende hetzenden Demagogen des Marktes +trugen ihren Teil der Schuld, oder vielmehr, wer trug an derselben +nicht mit? Instinktmäßig ward es empfunden, daß dieser Jammer, diese +Schande, diese Zerrüttung zu kolossal waren, um das Werk eines +einzelnen zu sein. Wie die Größe des römischen Gemeinwesens nicht das +Werk hervorragender Individuen, sondern das einer tüchtig organisierten +Bürgerschaft gewesen ist, so ist auch der Verfall dieses gewaltigen +Gebäudes nicht aus der verderblichen Genialität einzelner, sondern aus +der allgemeinen Desorganisation hervorgegangen. Die große Majorität der +Bürgerschaft taugte nichts und jeder morsche Baustein half mit zu dem +Ruin des ganzen Gebäudes; es büßte die ganze Nation, was die ganze +Nation verschuldete. Es war ungerecht, wenn man die Regierung als den +letzten greifbaren Ausdruck des Staats für alle heilbaren und +unheilbaren Krankheiten desselben verantwortlich machte; aber das +allerdings war wahr, daß die Regierung in furchtbar schwerer Weise +mittrug an dem allgemeinen Verschulden. In dem Kleinasiatischen Kriege +zum Beispiel, wo kein einzelner der regierenden Herren sich in +hervorragender Weise verfehlt, Lucullus sogar, militärisch wenigstens, +tüchtig, ja glorreich sich geführt hatte, ward es nur um so deutlicher, +daß die Schuld des Mißlingens in dem System und in der Regierung als +solcher, hier zunächst in dem früheren schlaffen Preisgeben +Kappadokiens und Syriens und in der schiefen Stellung des tüchtigen +Feldherrn gegenüber dem keines energischen Beschlusses fähigen +Regierungskollegium lag. Ebenso hatte in der Seepolizei der Senat den +einmal gefaßten richtigen Gedanken einer allgemeinen Piratenjagd erst +in der Ausführung verdorben und dann ihn gänzlich fallen lassen, um +wieder nach dem alten törichten System gegen die Rosse des Meeres +Legionen zu senden. Nach diesem System wurden die Expeditionen des +Servilius und des Marcius nach Kilikien, des Metellus nach Kreta +unternommen; nach diesem ließ Triarius die Insel Delos zum Schutz vor +den Piraten mit einer Mauer umziehen. Solche Versuche, der +Seeherrschaft sich zu versichern, erinnern an jenen persischen +Großkönig, der das Meer mit Ruten peitschen ließ, um es sich untertänig +zu machen. Wohl hatte also die Nation guten Grund, ihren Bankrott +zunächst der Restaurationsregierung zur Last zu legen. Immer schon war +mit der Wiederherstellung der Oligarchie ein ähnliches Mißregiment +gekommen, nach dem Sturz der Gracchen wie nach dem des Marius und +Saturninus; aber so gewaltsam und zugleich doch auch so schlaff, so +verdorben und verderblich war dasselbe nie zuvor aufgetreten. Wenn aber +eine Regierung nicht regieren kann, hört sie auf legitim zu sein und es +hat, wer die Macht, auch das Recht, sie zu stürzen. Zwar ist es leider +wahr, daß eine unfähige und verbrecherische Regierung lange Zeit das +Wohl und die Ehre des Landes mit Füßen zu treten vermag, bevor die +Männer sich finden, welche die von dieser Regierung selbst +geschmiedeten entsetzlichen Waffen gegen sie schwingen und aus der +sittlichen Empörung der Tüchtigen und dem Notstande der vielen die in +solchem Fall legitime Revolution heraufbeschwören können und wollen. +Aber wenn das Spiel mit dem Glücke der Völker ein lustiges sein mag und +wohl lange Zeit hindurch ungestört gespielt werden kann, so ist es doch +auch ein tückisches, das zu seiner Zeit die Spieler verschlingt; und +niemand schilt dann die Axt, wenn sie dem Baum, der solche Früchte +trägt, sich an die Wurzel legt. Für die römische Oligarchie war diese +Zeit jetzt gekommen. Der Pontisch-Armenische Krieg und die +Piratenangelegenheit wurden die nächsten Ursachen zum Umsturz der +Sullanischen Verfassung und zur Einsetzung einer revolutionären +Militärdiktatur. + + + + +KAPITEL III. +Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius + + +Noch stand die Sullanische Verfassung unerschüttert. Der Sturm, den +Lepidus und Sertorius gegen sie gewagt hatten, war mit geringer Einbuße +zurückgeschlagen worden. Das halbfertige Gebäude mit dem energischen +Geiste seines Urhebers auszubauen, hatte die Regierung freilich +versäumt. Es zeichnet sie, daß sie die von Sulla zur Verteilung +bestimmten, aber noch nicht von ihm selbst parzellierten Ländereien +weder aufteilte noch auch den Anspruch auf dieselben geradezu aufgab, +sondern die früheren Eigentümer ohne Regulierung des Titels vorläufig +im Besitze duldete, manche noch unverteilte Strecke sullanischen +Domaniallandes auch wohl gar von einzelnen Personen nach dem alten, +durch die Gracchischen Reformen rechtlich und faktisch beseitigten +Okkupationssystem willkürlich in Besitz nehmen ließ. Was den Optimaten +unter den Sullanischen Bestimmungen gleichgültig oder unbequem war, +wurde ohne Bedenken ignoriert oder kassiert; so die gegen ganze +Gemeinden ausgesprochene Aberkennung des Staatsbürgerrechts; so das +Verbot der Zusammenschlagung der neuen Bauernstellen; so manche der von +Sulla einzelnen Gemeinden erteilten Freibriefe, natürlich ohne daß man +die für diese Exemtionen gezahlten Summen den Gemeinden zurückgegeben +hätte. Aber wenn auch diese Verletzungen der Ordnungen Sullas durch die +Regierung selbst dazu beitrugen, die Fundamente seines Gebäudes zu +erschüttern, waren und blieben doch die Sempronischen Gesetze im +wesentlichen abgeschafft. + +Wohl fehlte es nicht an Männern, die die Wiederherstellung der +Gracchischen Verfassung im Sinn trugen, und nicht an Entwürfen, um das, +was Lepidus und Sertorius im Wege der Revolution versucht hatten, +stückweise auf dem Wege verfassungsmäßiger Reform zu erreichen. In die +beschränkte Wiederherstellung der Getreidespenden hatte die Regierung +bereits unter dem Druck der Agitation des Lepidus unmittelbar nach +Sullas Tode gewilligt (676 78) und sie tat ferner was irgend möglich +war, um in dieser Lebensfrage für das hauptstädtische Proletariat ihm +zu Willen zu sein. Als trotz jener Verteilungen die hohen, +hauptsächlich durch die Piraterie hervorgerufenen Kornpreise eine so +drückende Teuerung in Rom hervorriefen, daß es darüber im Jahre 679 +(75) zu einem heftigen Straßenauflauf kam, halfen zunächst +außerordentliche Ankäufe von sizilischem Getreide für Rechnung der +Regierung der ärgsten Not ab; für die Zukunft aber regelte ein von den +Konsuln des Jahres 681 (78) eingebrachtes Getreidegesetz die Ankäufe +des sizilischen Getreides und gab, freilich auf Kosten der +Provinzialen, der Regierung die Mittel, um ähnliche Mißstände besser zu +verhüten. Aber auch die minder materiellen Differenzpunkte, die +Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt in ihrem alten Umfang und +die Beseitigung der senatorischen Gerichte, hörten nicht auf, +Gegenstände populärer Agitation zu bilden, und hier leistete die +Regierung nachdrücklicheren Widerstand. Den Streit um das tribunizische +Amt eröffnete schon 678 (76), unmittelbar nach der Niederlage des +Lepidus, der Volkstribun Lucius Sicinius, vielleicht ein Nachkomme des +gleichnamigen Mannes, der mehr als vierhundert Jahre zuvor zuerst +dieses Amt bekleidet hatte; allein er scheiterte an dem Widerstand, den +der rührige Konsul Gaius Curio ihm entgegensetzte. Im Jahre 680 (74) +nahm Lucius Quinctius die Agitation wieder auf, ließ sich aber durch +die Autorität des Konsuls Lucius Lucullus bestimmen, von seinem +Vorhaben abzustehen. Mit größerem Eifer trat das Jahr darauf in seine +Fußstapfen Gaius Licinius Macer, der - bezeichnend für die Zeit - in +das öffentliche Leben seine literarischen Studien hineintrug und, wie +er es in der Chronik gelesen, der Bürgerschaft anriet, die Konskription +zu verweigern. + +Auch über die schlechte Handhabung der Rechtspflege durch die +senatorischen Geschworenen wurden bald nur zu wohl begründete +Beschwerden laut. Die Verurteilung eines einigermaßen einflußreichen +Mannes war kaum mehr zu erlangen. Nicht bloß empfand der Kollege mit +dem Kollegen, der gewesene oder künftige Angeklagte mit dem +gegenwärtigen armen Sünder billiges Mitleid; auch die Käuflichkeit der +Geschworenenstimmen war kaum noch eine Ausnahme. Mehrere Senatoren +waren gerichtlich dieses Verbrechens überwiesen worden; auf andere +gleich schuldige wies man mit Fingern; die angesehensten Optimaten, wie +Quintus Catulus, räumten in offener Senatssitzung es ein, daß die +Beschwerden vollkommen gegründet seien; einzelne besonders eklatante +Fälle zwangen den Senat mehrmals, zum Beispiel im Jahre 680 (74), über +Maßregeln gegen die Freiheit der Geschworenen zu deliberieren, +natürlich nur so lange, bis der erste Lärm sich gelegt hatte und man +die Sache unter das Eis gleiten lassen konnte. Die Folgen dieser +elenden Rechtspflege zeigten sich namentlich in einem System der +Plünderung und Peinigung der Provinzialen, mit dem verglichen selbst +die bisherigen Frevel erträglich und gemäßigt erschienen. Das Stehlen +und Rauben war gewissermaßen durch Gewohnheit legitim geworden; die +Erpressungskommission konnte als eine Anstalt gelten, um die aus den +Vogteien heimkehrenden Senatoren zu Gunsten ihrer daheimgebliebenen +Kollegen zu besteuern. Aber als ein angesehener Sikeliote, weil er dem +Statthalter nicht hatte zu einem Verbrechen die Hand bieten wollen, +dafür von diesem abwesend und ungehört zum Tode verurteilt ward; als +selbst römische Bürger, wenn sie nicht Ritter oder Senatoren waren, in +der Provinz nicht mehr sicher waren vor den Ruten und Beilen des +römischen Vogts, und die älteste Errungenschaft der römischen +Demokratie, die Sicherheit des Leibes und Lebens, von der herrschenden +Oligarchie anfing mit Füßen getreten zu werden: da hatte auch das +Publikum auf dem römischen Markte ein Ohr für die Klagen über seine +Vögte in den Provinzen und über die ungerechten Richter, die solche +Untaten moralisch mitverschuldeten. Die Opposition unterließ es +natürlich nicht, auf dem fast allein ihr übriggebliebenen Terrain, dem +gerichtlichen, ihre Gegner anzugreifen. So zog der junge Gaius Caesar, +der auch, soweit sein Alter es gestattete, sich bei der Agitation um +die Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt eifrig beteiligte, im +Jahre 677 (77) einen der angesehensten Sullanischen Parteimänner, den +Konsular Gnaeus Dolabella, und im folgenden Jahr einen andern +Sullanischen Offizier, Gaius Antonius, vor Gericht; so Marcus Cicero +684 (70) den Gaius Verres, eine der elendesten unter den Kreaturen +Sullas und eine der schlimmsten Geißeln der Provinzialen. Wieder und +wieder wurden die Bilder jener finsteren Zeit der Ächtungen, die +entsetzlichen Leiden der Provinzialen, der schmachvolle Stand der +römischen Kriminalrechtspflege mit allem Pomp italienischer Rhetorik, +mit aller Bitterkeit italienischen Spottes vor der versammelten Menge +entfaltet und der gewaltige Tote sowie seine lebenden Schergen ihrem +Zorn und Hohn unnachsichtlich preisgegeben. Die Wiederherstellung der +vollen tribunizischen Gewalt, an deren Bestehen die Freiheit, die Macht +und das Glück der Volksgemeinde wie durch uralt heiligen Zauber +geknüpft schien, die Wiedereinführung der “strengen” Gerichte der +Ritterschaft, die Erneuerung der von Sulla beseitigten Zensur zur +Reinigung der höchsten Staatsbehörde von den faulen und schädlichen +Elementen wurden täglich mit lautem Ruf von den Rednern der Volkspartei +gefordert. + +Indes mit alledem kam man nicht weiter. Es gab Skandal und Lärm genug, +aber ein eigentlicher Erfolg ward dadurch, daß man die Regierung nach +und über Verdienst prostituierte, doch noch keineswegs erreicht. Die +materielle Macht lag immer noch, solange militärische Einmischung fern +blieb, in den Händen der hauptstädtischen Bürgerschaft; und dies +“Volk”, das in den Gassen Roms sich drängte und auf dem Markt Beamte +und Gesetze machte, war eben um nichts besser als der regierende Senat: +Zwar mußte die Regierung mit der Menge sich abfinden, wo deren eigenes +nächstes Interesse in Frage kam; dies ist die Ursache der Erneuerung +des Sempronischen Korngesetzes. Allein daran war nicht zu denken, daß +diese Bürgerschaft um einer Idee oder gar um einer zweckmäßigen Reform +willen Ernst gemacht hätte. Mit Recht ward auf die Römer dieser Zeit +angewandt, was Demosthenes von seinen Athenern sagte: daß die Leute gar +eifrig täten, solange sie um die Rednerbühne ständen und die Vorschläge +zu Reformen vernähmen; aber wenn sie nach Hause gekommen seien, denke +keiner weiter an das, was er auf dem Markte gehört habe. Wie auch jene +demokratischen Agitatoren die Flammen schürten, es half eben nichts, da +der Brennstoff fehlte. Die Regierung wußte dies und ließ in den +wichtigen Prinzipienfragen sich keinerlei Zugeständnis entreißen; +höchstens daß sie sich dazu verstand (um 682 72), einem Teil der mit +Lepidus landflüchtig gewordenen Leute die Amnestie zuzugestehen. Was +von Konzessionen erfolgte, ging nicht so sehr aus dem Drängen der +Demokratie hervor, als aus den Vermittlungsversuchen der gemäßigten +Aristokratie. Allein von den beiden Gesetzen, die der einzige noch +übrige Führer dieser Fraktion, Gaius Cotta, in seinem Konsulat 679 (75) +durchsetzte, wurde das die Gerichte betreffende schon im nächsten Jahre +wieder beseitigt, und auch das zweite, welches die Sullanische +Bestimmung aufhob, daß die Bekleidung des Tribunats zur Übernahme +anderer Magistraturen unfähig mache, die übrigen Beschränkungen aber +bestehen ließ, erregte wie jede halbe Maßregel nur den Unwillen beider +Parteien. Die Partei der reformistisch gesinnten Konservativen, die +durch Cottas bald nachher (um 681 73) erfolgten frühen Tod ihr +namhaftestes Haupt verlor, sank mehr und mehr in sich selbst zusammen, +erdrückt zwischen den immer schroffer hervortretenden Extremen. Von +diesen aber blieb die Partei der Regierung, schlecht und schlaff wie +sie war, der gleich schlechten und gleich schlaffen Opposition +gegenüber notwendig im Vorteil. + +Aber dies der Regierung so günstige Verhältnis änderte sich, als die +Differenzen zwischen ihr und denjenigen ihrer Parteigänger sich +schärfer entwickelten, deren Hoffnungen über den Ehrensitz in der Kurie +und das aristokratische Landhaus hinaus zu höheren Zielen sich erhoben. +In erster Linie stand hier Gnaeus Pompeius. Wohl war er Sullaner; aber +es ist früher gezeigt worden, wie wenig er unter seiner eigenen Partei +sich zurechtfand, wie von der Nobilität, als deren Schild und Schwert +er offiziell angesehen ward, ihn doch seine Herkunft, seine +Vergangenheit, seine Hoffnungen immer wieder schieden. Der schon +klaffende Riß hatte während der spanischen Feldzüge (677 - 683 77 - 71) +des Feldherrn sich unheilbar erweitert. Unwillig und halb gezwungen +hatte die Regierung ihn ihrem rechten Vertreter Quintus Metellus als +Kollegen beigesellt; und wieder er beschuldigte, wohl nicht ohne Grund, +den Senat durch die sei es liederliche, sei es böswillige +Vernachlässigung der spanischen Armeen deren Niederlagen verschuldet +und das Schicksal der Expedition aufs Spiel gesetzt zu haben. Nun kam +er zurück als Sieger über die heimlichen Feinde, an der Spitze eines +krieggewohnten und ihm ganz ergebenen Heeres, für seine Soldaten +Landanweisungen begehrend, für sich Triumph und Konsulat. Die letzteren +Forderungen verstießen gegen das Gesetz. Pompeius, obwohl mehrmals +schon außerordentlicherweise mit der höchsten Amtsgewalt bekleidet, +hatte noch kein ordentliches Amt, nicht einmal die Quästur verwaltet +und war noch immer nicht Mitglied des Rats; und Konsul durfte nur +werden, wer die Staffel der geringeren ordentlichen Ämter durchmessen, +triumphieren nur, wer die ordentliche höchste Gewalt bekleidet hatte. +Der Senat war gesetzlich befugt, ihn, wenn er um das Konsulat sich +bewarb, auf die Bewerbung um die Quästur zu verweisen, wenn er den +Triumph erbat, ihn an den großen Scipio zu erinnern, der unter gleichen +Verhältnissen auf den Triumph über das eroberte Spanien verzichtet +hatte. Nicht minder hing Pompeius hinsichtlich der seinen Soldaten +versprochenen Domänen verfassungsmäßig ab von dem guten Willen des +Senats. Indes wenn auch der Senat, wie es bei seiner Schwächlichkeit +auch im Grollen wohl denkbar war, hierin nachgab und dem siegreichen +Feldherrn für den gegen die Demokratenchefs geleisteten Schergendienst +den Triumph, das Konsulat, die Landanweisungen zugestand, so war doch +eine ehrenvolle Annulierung in ratsherrlicher Indolenz unter der langen +Reihe der friedlichen senatorischen Imperatoren das günstigste Los, das +die Oligarchie dem sechsunddreißigjährigen Feldherrn zu bereiten +vermochte. Das, wonach sein Herz eigentlich verlangte, das Kommando im +Mithradatischen Krieg freiwillig vom Senat bewilligt zu erhalten, +konnte er nimmer erwarten; in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse +durfte die Oligarchie es nicht zulassen, daß er den afrikanischen und +europäischen noch die Trophäen des dritten Weltteils hinzufügte; die im +Osten reichlich und bequem zu pflückenden Lorbeeren blieben auf jeden +Fall der reinen Aristokratie vorbehalten. Wenn aber der gefeierte +General bei der herrschenden Oligarchie seine Rechnung nicht fand, so +blieb - da zu einer rein persönlichen, ausgesprochen dynastischen +Politik weder die Zeit reif noch Pompeius’ ganze Persönlichkeit +geeignet war - ihm keine andere Wahl, als mit der Demokratie +gemeinschaftliche Sache zu machen. An die Sullanische Verfassung band +ihn kein eigenes Interesse: er konnte seine persönlichen Zwecke auch +innerhalb einer mehr demokratischen ebensogut, wo nicht besser +verfolgen. Dagegen fand er alles, was er brauchte, bei der +demokratischen Partei. Die tätigen und gewandten Führer derselben waren +bereit und fähig, dem unbehilflichen und etwas hölzernen Helden die +mühselige politische Leitung abzunehmen, und doch viel zu gering, um +dem gefeierten Feldherrn die erste Rolle und namentlich die +militärische Oberleitung streitig machen zu können oder auch nur zu +wollen. Selbst der weitaus bedeutendste von ihnen, Gaius Caesar, war +nichts als ein junger Mensch, dem seine dreisten Fahrten und eleganten +Schulden weit mehr als seine feurige demokratische Beredsamkeit einen +Namen gemacht hatten und der sich sehr geehrt fühlen mußte, wenn der +weltberühmte Imperator ihm gestattete, sein politischer Adjutant zu +sein. Die Popularität, auf welche Menschen wie Pompeius, von größeren +Ansprüchen als Fähigkeiten, mehr Wert zu legen pflegen, als sie gern +sich selber gestehen, mußte im höchsten Maß dem jungen General zuteil +werden, dessen Übertritt der fast aussichtslosen Sache der Demokratie +den Sieg gab. Der von ihm für sich und seine Soldaten geforderte +Siegeslohn fand damit sich von selbst. Überhaupt schien, wenn die +Oligarchie gestürzt ward, bei dem gänzlichen Mangel anderer +ansehnlicher Oppositionshäupter es nur von Pompeius abzuhängen, seine +weitere Stellung sich selber zu bestimmen. Daran aber konnte kaum +gezweifelt werden, daß der Übertritt des Feldherrn der soeben siegreich +aus Spanien heimkehrenden und noch in Italien geschlossen +zusammenstehenden Armee zur Oppositionspartei den Sturz der bestehenden +Ordnung zur Folge haben müsse. Regierung und Opposition waren gleich +machtlos; sowie die letztere nicht mehr bloß mit Deklamationen focht, +sondern das Schwert eines siegreichen Feldherrn bereit war, ihren +Anforderungen Nachdruck zu geben, war die Regierung jedenfalls, +vielleicht sogar ohne Kampf, überwunden. + +So sah man von beiden Seiten sich gedrängt zur Koalition. An +persönlichen Abneigungen mochte es dort wie hier nicht fehlen; der +siegreiche Feldherr konnte die Straßenredner unmöglich lieben, diese +noch weniger den Henker des Carbo und Brutus mit Freuden als ihr Haupt +begrüßen; indes die politische Notwendigkeit überwog, wenigstens für +den Augenblick, jedes sittliche Bedenken. + +Aber die Demokraten und Pompeius schlossen ihren Bund nicht allein. +Auch Marcus Crassus war in einer ähnlichen Lage wie Pompeius. Obwohl +Sullaner wie dieser, war doch auch seine Politik, ganz wie die des +Pompeius, vor allem eine persönliche und durchaus nicht die der +herrschenden Oligarchie; und auch er stand jetzt in Italien an der +Spitze einer starken und siegreichen Armee, mit welcher er soeben den +Sklavenaufstand niedergeschlagen hatte. Es blieb ihm die Wahl entweder +gegen die Koalition mit der Oligarchie sich zu verbinden oder in die +Koalition einzutreten; er wählte den letzteren und damit ohne Zweifel +den sichereren Weg. Bei seinem kolossalen Vermögen und seinem Einfluß +auf die hauptstädtischen Klubs war er überhaupt ein schätzbarer +Bundesgenosse; unter den obwaltenden Umständen aber war es ein +unberechenbarer Gewinn, wenn das einzige Heer, mit welchem der Senat +den Truppen des Pompeius hätte begegnen können, der angreifenden Macht +sich beigesellte. Die Demokraten überdies, denen bei der Allianz mit +dem übermächtigen Feldherrn nicht wohl zu Mute sein mochte, sahen nicht +ungern in Marcus Crassus ihm ein Gegengewicht und vielleicht einen +künftigen Rivalen zur Seite gestellt. + +So kam im Sommer des Jahres 683 (71) die erste Koalition zustande +zwischen der Demokratie einer- und den beiden Sullanischen Generalen +Gnaeus Pompeius und Marcus Crassus andererseits. Beide machten das +Parteiprogramm der Demokratie zu dem ihrigen; es ward ihnen dafür +zunächst das Konsulat auf das kommende Jahr, Pompeius überdies der +Triumph und die begehrten Landlose für seine Soldaten, Crassus als dem +Überwinder des Spartacus wenigstens die Ehre des feierlichen Einzugs in +die Hauptstadt zugesichert. + +Den beiden italischen Armeen, der hohen Finanz und der Demokratie, die +also zum Sturz der Sullanischen Verfassung verbündet auftraten, hatte +der Senat nichts gegenüberzustellen als etwa das zweite spanische Heer +unter Quintus Metellus Pius. Allein Sulla hatte richtig vorhergesagt, +daß das, was er getan, nicht zum zweitenmal geschehen werde: Metellus, +durchaus nicht geneigt, sich in einen Bürgerkrieg zu verwickeln, hatte +sofort nach Überschreitung der Alpen seine Soldaten entlassen. So blieb +der Oligarchie nichts übrig, als in das Unvermeidliche sich zu fügen. +Der Rat bewilligte die für Konsulat und Triumph erforderlichen +Dispensationen; Pompeius und Crassus wurden, ohne Widerstand zu finden, +zu Konsuln für das Jahr 684 (70) gewählt, während ihre Heere, angeblich +in Erwartung des Triumphs, vor der Stadt lagerten. Noch vor dem Antritt +seines Amtes bekannte sodann Pompeius in einer von dem Volkstribun +Marcus Lollius Palicanus abgehaltenen Volksversammlung sich öffentlich +und förmlich zu dem demokratischen Programm. Die Verfassungsänderung +war damit im Prinzip entschieden. + +Allen Ernstes ging man nun an die Beseitigung der sullanischen +Institutionen. Vor allen Dingen erhielt das tribunizische Amt wieder +seine frühere Geltung. Pompeius selbst als Konsul brachte das Gesetz +ein, das den Volkstribunen ihre althergebrachten Befugnisse, namentlich +auch die legislatorische Initiative zurückgab - freilich eine seltsame +Gabe aus der Hand des Mannes, der mehr als irgend ein Lebender dazu +getan hatte, der Gemeinde ihre alten Privilegien zu entreißen. + +Hinsichtlich der Geschworenenstellung wurde die Bestimmung Sullas, daß +das Verzeichnis der Senatoren als Geschworenenliste dienen solle, zwar +abgeschafft; allein es kam doch keineswegs zu einer einfachen +Wiederherstellung der Gracchischen Rittergerichte. Künftig, so +bestimmte das neue Aurelische Gesetz, sollten die Geschworenenkollegien +zu einem Dritteil aus Senatoren bestehen, zu zwei Dritteilen aus +Männern vom Ritterzensus, von welchen letzteren wieder die Hälfte die +Distriktvorsteherschaft oder das sogenannte Kassentribunat bekleidet +haben mußte. Es war diese letzte Neuerung eine weitere, den Demokraten +gemachte Konzession, indem hiernach wenigstens der dritte Teil der +Kriminalgeschworenen mittelbar hervorging aus den Wahlen der Distrikte. +Wenn dagegen der Senat nicht gänzlich aus den Gerichten verdrängt ward, +so ist die Ursache davon wahrscheinlich teils in Crassus’ Beziehungen +zum Senat zu suchen, teils in dem Beitritt der senatorischen +Mittelpartei zu der Koalition, mit dem es auch wohl zusammenhängt, daß +der Bruder ihres kürzlich verstorbenen Führers, der Prätor Lucius +Cotta, dies Gesetz einbrachte. + +Nicht weniger wichtig war die Beseitigung der für Asien von Sulla +festgesetzten Steuerordnung, welche vermutlich ebenfalls in dies Jahr +fällt; der damalige Statthalter Asiens, Lucius Lucullus, ward +angewiesen, das von Gaius Gracchus eingeführte Verpachtungssystem +wiederherzustellen und damit der hohen Finanz diese wichtige Geld- und +Machtquelle zurückzugeben. + +Endlich ward die Zensur wieder ins Leben gerufen. Die Wahlen dafür, +welche die neuen Konsuln kurz nach Antritt ihres Amtes anberaumten, +fielen, in offenbarer Verhöhnung des Senats, auf die beiden Konsuln des +Jahres 682 (73) Gnaeus Lentulus Clodianus und Lucius Genius, die wegen +ihrer elenden Kriegführung gegen Spartacus durch den Senat vom Kommando +entfernt worden waren. Es begreift sich, daß diese Männer alle Mittel, +die ihr wichtiges und ernstes Amt ihnen zu Gebote stellte, in Bewegung +setzten, um den neuen Machthabern zu huldigen und den Senat zu ärgern. +Mindestens der achte Teil des Senats, vierundsechzig Senatoren, eine +bis dahin unerhörte Zahl, wurden von der Liste gestrichen, darunter der +einst von Gaius Caesar ohne Erfolg angeklagte Gaius Antonius und der +Konsul des Jahres 683 (71), Publius Lentulus Sura, vermutlich auch +nicht wenige der verhaßten Kreaturen Sullas. + +So war man mit dem Jahre 684 (70) wieder im wesentlichen zurückgekommen +auf die vor der sullanischen Restauration bestehenden Ordnungen. Wieder +ward die hauptstädtische Menge aus der Staatskasse, das heißt von den +Provinzen gespeist; wieder gab die tribunizische Gewalt jedem Demagogen +den gesetzlichen Freibrief, die staatlichen Ordnungen zu verkehren; +wieder erhob der Geldadel, als Inhaber der Steuerpachtungen und der +gerichtlichen Kontrolle über die Statthalter, neben der Regierung sein +Haupt so mächtig wie nur je zuvor; wieder zitterte der Senat vor dem +Wahrspruch der Geschworenen des Ritterstandes und vor der zensorischen +Rüge. Das System Sullas, das auf die politische Vernichtung der +kaufmännischen Aristokratie und der Demagogie die Alleinherrschaft der +Nobilität begründet hatte, war damit vollständig über den Haufen +geworfen. Abgesehen von einzelnen untergeordneten Bestimmungen, deren +Abschaffung erst später nachgeholt wurde, wie zum Beispiel der +Zurückgabe des Selbstergänzungsrechts an die Priesterkollegien, blieb +von Sullas allgemeinen Ordnungen hiernach nichts übrig als teils die +Konzessionen, die er selbst der Opposition zu machen notwendig gefunden +hatte, wie namentlich die Anerkennung des römischen Bürgerrechts der +sämtlichen Italiker, teils Verfügungen ohne schroffe Parteitendenz, an +denen deshalb auch die verständigen Demokraten nichts auszusetzen +fanden, wie unter anderm die Beschränkung der Freigelassenen, die +Regulierung der Beamtenkompetenzen und die materiellen Änderungen im +Kriminalrecht. + +Weniger einig als über diese prinzipiellen war die Koalition +hinsichtlich der persönlichen Fragen, die eine solche Staatsumwälzung +anregte. Begreiflicherweise ließen die Demokraten sich nicht genügen +mit der allgemeinen Anerkennung ihres Programms, sondern auch sie +forderten jetzt eine Restauration in ihrem Sinn: Wiederherstellung des +Andenkens ihrer Toten, Bestrafung der Mörder, Rückberufung der +Geächteten aus der Verbannung, Aufhebung der auf ihren Kindern +lastenden politischen Zurücksetzung, Rückgabe der von Sulla +eingezogenen Güter, Schadenersatz aus dem Vermögen der Erben und +Gehilfen des Diktators. Es waren das allerdings die logischen +Konsequenzen, die aus einem reinen Sieg der Demokratie sich ergaben; +allein der Sieg der Koalition von 683 (71) war doch weit entfernt, ein +solcher zu sein. Die Demokratie gab dazu den Namen und das Programm, +die übergetretenen Offiziere aber, vor allen Pompeius, die Macht und +die Vollendung; und nun- und nimmermehr konnten diese zu einer Reaktion +ihre Zustimmung geben, die nicht bloß die bestehenden Verhältnisse bis +in ihre Grundfesten erschüttert, sondern auch schließlich sich gegen +sie selbst gewandt haben würde - war es doch noch im frischen Andenken, +welcher Männer Blut Pompeius vergossen, wie Crassus zu seinem ugeheuren +Vermögen den Grund gelegt hatte. So ist es wohl erklärlich, aber auch +zugleich bezeichnend für die Schwäche der Demokratie, daß die Koalition +von 683 (71) nicht das geringste tat, um den Demokraten Rache oder auch +nur Rehabilitation zu gewähren. Die nachträgliche Einforderung aller +der für erstandene konfiszierte Güter noch rückständigen oder auch von +Sulla den Käufern erlassenen Kaufgelder, welche der Zensor Lentulus in +einem besonderen Erlaß feststellte, kann kaum als Ausnahme bezeichnet +werden; denn wenn auch nicht wenige Sullaner dadurch in ihren +persönlichen Interessen empfindlich verletzt wurden, so war doch die +Maßregel selbst wesentlich eine Bestätigung der von Sulla vorgenommenen +Konfiskationen. + +Sullas Werk war also zerstört; aber was nun werden sollte, war damit +viel mehr in Frage gestellt als entschieden. Die Koalition, einzig +zusammengehalten durch den gemeinschaftlichen Zweck, das +Restaurationswerk zu beseitigen, löste sich, als dieser erreicht war, +wenn nicht förmlich, doch der Sache nach von selber auf; für die Frage +aber, wohin nun zunächst das Schwergewicht der Macht fallen sollte, +schien sich eine ebenso rasche wie gewaltsame Lösung vorzubereiten. Die +Heere des Pompeius und Crassus lagerten immer noch vor den Toren der +Stadt. Jener hatte zwar zugesagt, nach dem Triumph (am letzten Dezember +683 71) seine Soldaten zu verabschieden; allein zunächst war es +unterblieben, um unter dem Druck, den das spanische Heer vor der +Hauptstadt auf diese und den Senat ausübte, die Staatsumwälzung +ungestört zu vollenden, was denn in gleicher Weise auch auf die Armee +des Crassus Anwendung fand. Diese Ursache bestand jetzt nicht mehr; +aber dennoch unterblieb die Auflösung der Heere. Die Dinge nahmen die +Wendung, als werde einer der beiden mit der Demokratie alliierten +Feldherrn die Militärdiktatur ergreifen und Oligarchen und Demokraten +in dieselben Fesseln schlagen. Dieser eine aber konnte nur Pompeius +sein. Von Anfang an hatte Crassus in der Koalition eine untergeordnete +Rolle gespielt; er hatte sich antragen müssen und verdankte selbst +seine Wahl zum Konsulat hauptsächlich Pompeius’ stolzer Verwendung. +Weitaus der stärkere, war Pompeius offenbar der Herr der Situation; +wenn er zugriff, so schien er werden zu müssen, als was ihn der +Instinkt der Menge schon jetzt bezeichnete: der unumschränkte Gebieter +des mächtigsten Staates der zivilisierten Welt. Schon drängte sich die +ganze Masse der Servilen um den künftigen Monarchen. Schon suchten die +schwächeren Gegner eine letzte Hilfe in einer neuen Koalition; Crassus, +voll alter und neuer Eifersucht auf den jüngeren, so durchaus ihn +überflügelnden Rivalen, näherte sich dem Senat und versuchte, durch +beispiellose Spenden die hauptstädtische Menge an sich zu fesseln - als +ob die durch Crassus selbst mitgebrochene Oligarchie und der ewig +undankbare Pöbel vermocht haben würden, gegen die Veteranen der +spanischen Armee irgendwelchen Schutz zu gewähren. Einen Augenblick +schien es, als würde es vor den Toren der Hauptstadt zwischen den +Heeren des Pompeius und Crassus zur Schlacht kommen. + +Allein diese Katastrophe wandten die Demokraten durch ihre Einsicht und +ihre Geschmeidigkeit ab. Auch ihrer Partei lag, ebenwie dem Senat und +Crassus, alles daran, daß Pompeius nicht die Diktatur ergriff; aber mit +richtigerer Einsicht in ihre eigene Schwäche und in den Charakter des +mächtigen Gegners versuchten ihre Führer den Weg der Güte. Pompeius +fehlte keine Bedingung, um nach der Krone zu greifen, als die erste von +allen: der eigene königliche Mut. Wir haben den Mann früher +geschildert, mit seinem Streben, zugleich loyaler Republikaner und Herr +von Rom zu sein, mit seiner Unklarheit und Willenlosigkeit, mit seiner, +unter dem Pochen auf selbständige Entschlüsse sich verbergenden +Lenksamkeit. Es war dies die erste große Probe, auf die das Verhängnis +ihn stellte; er hat sie nicht bestanden. Der Vorwand, unter dem +Pompeius die Entlassung der Armee verweigerte, war, daß er Crassus +mißtraute und darum nicht mit der Entlassung der Soldaten den Anfang +machen könne. Die Demokraten bestimmten den Crassus, hierin +entgegenkommende Schritte zu tun, dem Kollegen vor aller Augen zum +Frieden die Hand zu bieten; öffentlich und insgeheim bestürmten sie +diesen, daß er zu dem zwiefachen Verdienst, den Feind besiegt und die +Parteien versöhnt zu haben, noch das dritte und größte fügen möge, dem +Vaterland den inneren Frieden zu erhalten und das drohende Schreckbild +des Bürgerkrieges zu bannen. Was nur immer auf einen eitlen, +ungewandten, unsicheren Mann zu wirken vermag, alle Schmeichelkünste +der Diplomatie, aller theatralische Apparat patriotischer Begeisterung +wurde in Bewegung gesetzt, um das ersehnte Ziel zu erreichen; was aber +die Hauptsache war, die Dinge hatten durch Crassus’ rechtzeitige +Nachgiebigkeit sich so gestaltet, daß Pompeius nur die Wahl blieb, +entweder geradezu als Tyrann von Rom auf- oder zurückzutreten. So gab +er endlich nach und willigte in die Entlassung der Truppen. Das +Kommando im Mithradatischen Krieg, das zu erlangen er ohne Zweifel +hoffte, als er sich für 684 (70) zum Konsul hatte wählen lassen, konnte +er jetzt nicht wünschen, da mit dem Feldzuge von 683 (71) Lucullus +diesen Krieg in der Tat beendigt zu haben schien; die vom Senat in +Gemäßheit des Sempronischen Gesetzes ihm angewiesene Konsularprovinz +anzunehmen, hielt er unter seiner Würde, und Crassus folgte darin +seinem Beispiel. So zog Pompeius, als er nach Entlassung seiner +Soldaten am letzten Tage des Jahres 684 (70) sein Konsulat niederlegte, +sich zunächst ganz von den öffentlichen Geschäften zurück und erklärte, +fortan als einfacher Bürger in stiller Muße leben zu wollen. Er hatte +sich so gestellt, daß er nach der Krone greifen mußte und, da er dies +nicht wollte, ihm keine Rolle übrig blieb als die nichtige eines +resignierenden Thronkandidaten. + +Der Rücktritt des Mannes, dem nach der Lage der Sachen die erste Stelle +zukam, vom politischen Schauplatz führte zunächst ungefähr dieselbe +Parteistellung wieder herbei, wie wir sie in der gracchischen und +marianischen Epoche fanden. Sulla hatte dem Senat das Regiment nur +befestigt, nicht gegeben; so blieb denn auch dasselbe, nachdem die von +Sulla errichteten Bollwerke wieder gefallen waren, nichtsdestoweniger +zunächst dem Senat, während die Verfassung freilich, mit der er +regierte, im wesentlichen die wiederhergestellte Gracchische, +durchdrungen war von einem der Oligarchie feindlichen Geiste. Die +Demokratie hatte die Wiederherstellung der Gracchischen Verfassung +bewirkt; aber ohne einen neuen Gracchus war diese ein Körper ohne +Haupt, und daß weder Pompeius noch Crassus auf die Dauer dieses Haupt +sein konnten, war an sich klar und durch die letzten Vorgänge noch +deutlicher dargetan worden. So mußte die demokratische Opposition in +Ermangelung eines Führers, der geradezu das Ruder in die Hand genommen +hätte, vorläufig sich begnügen, die Regierung auf Schritt und Tritt zu +hemmen und zu ärgern. Zwischen der Oligarchie aber und der Demokratie +erhob sich zu neuem Ansehen die Kapitalistenpartei, welche in der +jüngsten Krise mit der letzteren gemeinschaftliche Sache gemacht hatte, +die aber zu sich hinüberzuziehen und an ihr ein Gegengewicht gegen die +Demokratie zu gewinnen, die Oligarchen jetzt eifrig bemüht waren. Also +von beiden Seiten umworben, säumten die Geldherren nicht, ihre +vorteilhafte Lage sich zunutze zu machen und das einzige ihrer früheren +Privilegien, das sie noch nicht zurückerlangt hatten, die dem +Ritterstand reservierten vierzehn Bänke im Theater, sich jetzt (687 67) +durch Volksschluß wiedergeben zu lassen. Im ganzen näherten sie, ohne +mit der Demokratie schroff zu brechen, doch wieder mehr sich der +Regierung. Schon die Beziehungen des Senats zu Crassus und seiner +Klientel gehören in diesen Zusammenhang; hauptsächlich aber scheint ein +besseres Verhältnis zwischen dem Senat und der Geldaristokratie dadurch +hergestellt zu sein, daß dieser dem tüchtigsten unter den senatorischen +Offizieren, Lucius Lucullus, auf Andringen der von demselben schwer +gekränkten Kapitalisten im Jahre 686 (68) die Verwaltung der für diese +so wichtigen Provinz Asia abnahm. + +Während aber die hauptstädtischen Faktionen miteinander des gewohnten +Haders pflegten, bei dem denn doch nimmermehr eine eigentliche +Entscheidung herauskommen konnte, gingen im Osten die Ereignisse ihren +verhängnisvollen Gang, wie wir ihn früher geschildert haben, und sie +waren es, die den zögernden Verlauf der hauptstädtischen Politik zur +Krise drängten. Der Land- wie der Seekrieg hatte dort die ungünstigste +Wendung genommen. Im Anfang des Jahres 687 (67) war die pontische Armee +der Römer aufgerieben, die armenische in voller Auflösung auf dem +Rückzug, alle Eroberungen verloren, das Meer ausschließlich in der +Gewalt der Piraten, die Kornpreise in Italien dadurch so in die Höhe +getrieben, daß man eine förmliche Hungersnot befürchtete. Wohl hatten, +wie wir sahen, die Fehler der Feldherren, namentlich die völlige +Unfähigkeit des Admirals Marcus Antonius und die Verwegenheit des sonst +tüchtigen Lucius Lucullus, diesen Notstand zum Teil verschuldet, wohl +auch die Demokratie durch ihre Wühlereien zu der Auflösung des +armenischen Heeres wesentlich beigetragen. Aber natürlich ward die +Regierung jetzt für alles, was sie und was andere verdorben hatten, in +Bausch und Bogen verantwortlich gemacht und die grollende hungrige +Menge verlangte nur eine Gelegenheit, um mit dem Senat abzurechnen. + +Es war eine entscheidende Krise. Die Oligarchie, wie auch +herabgewürdigt und entwaffnet, war noch nicht gestürzt, dennoch lag die +Führung der öffentlichen Angelegenheiten in den Händen des Senats; sie +stürzte aber, wenn die Gegner diese, daß heißt namentlich die +Oberleitung der militärischen Angelegenheiten, sich selber zueigneten; +und jetzt war dies möglich. Wenn jetzt Vorschläge über eine andere und +bessere Führung des Land- und Seekrieges an die Komitien gebracht +wurden, so war bei der Stimmung der Bürgerschaft der Senat +voraussichtlich nicht imstande, deren Durchsetzung zu verhindern; und +eine Intervention der Bürgerschaft in diesen höchsten Verwaltungsfragen +war tatsächlich die Absetzung des Senats und die Übertragung der +Leitung des Staats an die Führer der Opposition. Wieder einmal brachte +die Verkettung der Dinge die Entscheidung in die Hände des Pompeius. +Seit mehr als zwei Jahren lebte der gefeierte Feldherr als Privatmann +in der Hauptstadt. Seine Stimme ward im Rathaus wie auf dem Markte +selten vernommen; dort war er nicht gern gesehen und ohne +entscheidenden Einfluß, hier scheute er sich vor dem stürmischen +Treiben der Parteien. Wenn er aber sich zeigte, geschah es mit dem +vollständigen Hofstaat seiner vornehmen und geringen Klienten, und eben +seine feierliche Zurückgezogenheit imponierte der Menge. Wenn er, an +dem der volle Glanz seiner ungemeinen Erfolge noch unvermindert +haftete, jetzt sich erbot, nach dem Osten abzugehen, so ward er ohne +Zweifel mit aller von ihm selbst geforderten militärischen und +politischen Machtvollkommenheit von der Bürgerschaft bereitwillig +bekleidet. Für die Oligarchie, die in der politischen Militärdiktatur +ihren sicheren Ruin, in Pompeius selbst seit der Koalition von 683 (71) +ihren verhaßtesten Feind sah, war dies ein vernichtender Schlag; aber +auch der demokratischen Partei konnte dabei nicht wohl zu Mute sein. So +wünschenswert es ihr an sich sein mußte, dem Regiment des Senats ein +Ende zu machen, so war es doch, wenn es in dieser Weise geschah, weit +weniger ein Sieg ihrer Partei als ein persönlicher ihres übermächtigen +Verbündeten. Leicht konnte in diesem der demokratischen Partei ein weit +gefährlicherer Gegner aufstehen als der Senat war. Die wenige Jahre +zuvor durch die Entlassung der spanischen Armee und Pompeius’ Rücktritt +glücklich vermiedene Gefahr kehrte in verstärktem Maße wieder, wenn +Pompeius jetzt an die Spitze der Armeen des Ostens trat. + +Diesmal indes griff Pompeius zu oder ließ es wenigstens geschehen, daß +andere für ihn zugriffen. Es wurden im Jahre 687 (67) zwei +Gesetzvorschläge eingebracht, von denen der eine außer der längst von +der Demokratie geforderten Entlassung der ausgedienten Soldaten der +asiatischen Armee die Abberufung des Oberfeldherrn derselben, Lucius +Lucullus, und dessen Ersetzung durch einen der Konsuln des laufenden +Jahres, Gaius Piso oder Manius Glabrio, verfügte, der zweite den sieben +Jahre zuvor zur Reinigung der Meere von den Piraten vom Senat selbst +aufgestellten Plan wiederaufnahm und erweiterte. Ein einziger, vom +Senat aus den Konsularen zu bezeichnender Feldherr sollte bestellt +werden, um zur See auf dem gesamten Mittelländischen Meer von den +Säulen des Herkules bis an die pontische und syrische Küste +ausschließlich, zu Lande über sämtliche Küsten bis zehn deutsche Meilen +landeinwärts mit den betreffenden römischen Statthaltern konkurrierend, +den Oberbefehl zu übernehmen. Auf drei Jahre hinaus war demselben das +Amt gesichert. Ihn umgab ein Generalstab, wie Rom noch keinen gesehen +hatte, von fünfundzwanzig Unterbefehlshabern senatorischen Standes, +alle mit prätorischen Insignien und prätorischer Gewalt bekleidet, und +von zwei Unterschatzmeistern mit quästorischen Befugnissen, sie alle +erlesen durch den ausschließlichen Willen des höchstkommandierenden +Feldherrn. Es ward demselben gestattet, bis zu 120000 Mann Fußvolk, +5000 Reitern, 500 Kriegsschiffen aufzustellen und zu dem Ende über die +Mittel der Provinzen und Klientelstaaten unbeschränkt zu verfügen; +überdies wurden die vorhandenen Kriegsschiffe und eine ansehnliche +Truppenzahl sofort ihm überwiesen. Die Kassen des Staats in der +Hauptstadt wie in den Provinzen sowie die der abhängigen Gemeinden +sollten ihm unbeschränkt zu Gebot stehen und trotz der peinlichen +Finanznot sofort aus der Staatskasse ihm eine Summe von 11 Mill. Talern +(144 Mill. Sesterzen) ausgezahlt werden. + +Es leuchtet ein, daß durch diese Gesetzentwürfe, namentlich durch den +die Expedition gegen die Piraten betreffenden, das Regiment des Senats +über den Haufen fiel. Wohl waren die von der Bürgerschaft ernannten +ordentlichen höchsten Beamten von selbst die rechten Feldherren der +Gemeinde und bedurften auch die außerordentlichen Beamten, um +Feldherren sein zu können, wenigstens nach strengem Recht der +Bestätigung durch die Bürgerschaft; aber auf die Besetzung der +einzelnen Kommandos stand der Gemeinde verfassungsmäßig kein Einfluß zu +und nur entweder auf Antrag des Senats oder doch auf Antrag eines an +sich zum Feldherrnamt berechtigten Beamten hatten bisher die Komitien +hin und wieder hier sich eingemischt und auch die spezielle Kompetenz +vergeben. Hierin stand vielmehr, seit es einen römischen Freistaat gab, +dem Senate das tatsächlich entscheidende Wort zu und es war diese seine +Befugnis im Laufe der Zeit zu endgültiger Anerkennung gelangt. Freilich +hatte die Demokratie auch hieran schon gerüttelt; allein selbst in dem +bedenklichsten der bisher vorgekommenen Fälle, bei der Übertragung des +afrikanischen Kommandos auf Gaius Marius 647 (107), war nur ein +verfassungsmäßig zum Feldherrnamt überhaupt berechtigter Beamter durch +den Schluß der Bürgerschaft mit einer bestimmten Expedition beauftragt +worden. Aber jetzt sollte die Bürgerschaft einen beliebigen Privatmann +nicht bloß mit der außerordentlichen höchsten Amtsgewalt ausstatten, +sondern auch mit einer bestimmt von ihr normierten Kompetenz. Daß der +Senat diesen Mann aus der Reihe der Konsulare zu erkiesen hatte, war +eine Milderung nur in der Form; denn die Auswahl blieb demselben nur +deshalb überlassen, weil es eben eine Wahl nicht war und der stürmisch +aufgeregten Menge gegenüber der Senat den Oberbefehl der Meere und +Küsten schlechterdings keinem andern übertragen konnte als einzig dem +Pompeius. Aber bedenklicher noch als diese prinzipielle Negierung der +Senatsherrschaft war die tatsächliche Aufhebung derselben durch die +Einrichtung eines Amtes von fast unbeschränkter militärischer und +finanzieller Kompetenz. Während das Feldherrnamt sonst auf eine +einjährige Frist, auf eine bestimmte Provinz, auf streng zugemessene +militärische und finanzielle Hilfsmittel beschränkt war, war dem neuen +außerordentlichen Amt von vornherein eine dreijährige Dauer gesichert, +die natürlich weitere Verlängerung nicht ausschloß, war demselben der +größte Teil der sämtlichen Provinzen, ja sogar Italien selbst, das +sonst von militärischer Amtsgewalt frei war, untergeordnet, waren ihm +die Soldaten, Schiffe, Kassen des Staats fast unbeschränkt zur +Verfügung gestellt. Selbst der eben erwähnte uralte Fundamentalsatz des +republikanisch-römischen Staatsrechts, daß die höchste militärische und +bürgerliche Amtsgewalt nicht ohne Mitwirkung der Bürgerschaft vergeben +werden könne, ward zu Gunsten des neuen Oberfeldherrn gebrochen: indem +das Gesetz den fünfundzwanzig Adjutanten, die er sich ernennen würde, +im voraus prätorischen Rang und prätorische Befugnisse verlieh ^1, +wurde das höchste Amt des republikanischen Rom einem neu geschaffenen +untergeordnet, für das den geeigneten Namen zu finden der Zukunft +überlassen blieb, das aber der Sache nach schon jetzt die Monarchie in +sich enthielt. Es war eine vollständige Umwälzung der bestehenden +Ordnung, zu der mit diesem Gesetzvorschlag der Grund gelegt ward. + +—————————————————————————————————- + +^1 Die außerordentliche Amtsgewalt (pro consule, pro praetore, pro +quaestore) konnte nach römischem Staatsrecht in dreifacher Weise +entstehen. Entweder ging sie hervor aus dem für die nichtstädtische +Amtstätigkeit geltenden Grundsatz, daß das Amt bis zu dem gesetzlichen +Endtermin, die Amtsgewalt aber bis zum Eintreffen des Nachfolgers +fortdauert, was der älteste, einfachste und häufigste Fall ist. Oder +sie entstand auf dem Wege, daß die beikommenden Organe, namentlich die +Komitien, in späterer Zeit auch wohl der Senat, einen nicht in der +Verfassung vorgesehenen Oberbeamten ernannten, indem dieser zwar sonst +dem ordentlichen Beamten gleichstand, aber doch zum Kennzeichen der +Außerordentlichkeit seines Amtes sich nur “an Prätors” oder “an Konsuls +Statt” nannte. Hierher gehören auch die in ordentlichem Wege zu +Quästoren ernannten, dann aber außerordentlicherweise mit prätorischer +oder gar konsularischer Amtsgewalt ausgestatteten Beamten (quaestores +pro praetore oder pro consule), in welcher Eigenschaft zum Beispiel +Publius Lentulus Marcellinus 679 (73) nach Kyrene (Sall. hist. 2, 39 +Dietsch), Gnaeus Piso 689 (65) nach dem Diesseitigen Spanien (Sall. +Cat. 19), Cato 696 (58) nach Kypros (Vell. 2, 45) gingen. Oder endlich +es beruht die außerordentliche Amtsgewalt auf dem Mandierungsrecht des +höchsten Beamten. Derselbe ist, wenn er seinen Amtsbezirk verläßt oder +sonst behindert ist, sein Amt zu versehen, befugt, einen seiner Leute +zu seinem Stellvertreter zu ernennen, welcher dann legatus pro praetore +(Sall. Iug. 36-38) oder wenn die Wahl auf den Quästor fällt, quaestor +pro praetore (Sall. Iug. 103) heißt. In gleicher Weise ist er befugt, +wenn er keinen Quästor hat, dessen Geschäfte durch einen seines +Gefolges versehen zu lassen, welcher dann legatus pro quaestore heißt +und mit diesem Namen wohl zuerst auf den makedonischen Tetradrachmen +des Sura, Unterbefehlshabers des Statthalters von Makedonien 665-667 +(89-87) begegnet. Das aber ist dem Wesen der Mandierung zuwider und +darum nach älterem Staatsrecht unzulässig, daß der höchste Beamte, ohne +in seiner Funktionierung gehindert zu sein, gleich bei Antritt seines +Amtes von vornherein einen oder mehrere seiner Untergebenen mit +höchster Amtsgewalt ausstattet; und insofern sind die legati pro +praetore des Prokonsuls Pompeius eine Neuerung und schon denen +gleichartig, die in der Kaiserzeit eine so große Rolle spielen. + +————————————————————————————— + +Diese Maßregeln eines Mannes, der soeben noch von seiner Halbheit und +Schwäche so auffallende Beweise geliefert hatte, befremden durch ihre +durchgreifende Energie. Indes ist es doch wohl erklärlich, daß Pompeius +diesmal entschlossener verfuhr als während seines Konsulats. Handelte +es sich doch nicht darum, sofort als Monarch aufzutreten, sondern die +Monarchie zunächst nur vorzubereiten durch eine militärische +Ausnahmemaßregel, die, wie revolutionär sie ihrem Wesen nach war, doch +noch in den Formen der bestehenden Verfassung vollzogen werden konnte, +und die zunächst Pompeius dem alten Ziel seiner Wünsche, dem Kommando +gegen Mithradates und Tigranes, entgegenführte. Auch gewichtige +Zweckmäßigkeitsgründe sprachen für die Emanzipation der Militärgewalt +von dem Senat. Pompeius konnte nicht vergessen haben, daß ein nach ganz +gleichen Grundsätzen angelegter Plan zur Unterdrückung der Piraterie +wenige Jahre zuvor an der verkehrten Ausführung durch den Senat +gescheitert, daß der Ausgang des Spanischen Krieges durch die +Vernachlässigung der Heere von sehen des Senats und dessen +unverständige Finanzwirtschaft aufs höchste gefährdet worden war; er +konnte nicht übersehen, wie die große Majorität der Aristokratie gegen +ihn, den abtrünnigen Sullaner, gesinnt war und welchem Schicksal er +entgegenging, wenn er als Feldherr der Regierung mit der gewöhnlichen +Kompetenz sich nach dem Osten senden ließ. Begreiflich ist es daher, +daß er als die erste Bedingung der Übernahme des Kommandos eine vom +Senat unabhängige Stellung bezeichnete und daß die Bürgerschaft +bereitwillig darauf einging. Es ist ferner in hohem Grade +wahrscheinlich, daß Pompeius diesmal durch seine Umgebungen, die über +sein Zurückweichen vor zwei Jahren vermutlich nicht wenig ungehalten +waren, zu rascherem Handeln fortgerissen ward. Die Gesetzvorschläge +über Lucullus’ Abberufung und die Expedition gegen die Piraten wurden +eingebracht von dem Volkstribun Aulus Gabinius, einem ökonomisch und +sittlich ruinierten Mann, aber einem gewandten Unterhändler, dreisten +Redner und tapferen Soldaten. So wenig ernsthaft auch Pompeius’ +Beteuerungen gemeint waren, daß er den Oberbefehl in dem +Seeräuberkriege durchaus nicht wünsche und nur nach häuslicher Ruhe +sich sehne, so ist doch davon wahrscheinlich so viel wahr, daß der +kecke und bewegliche Klient, der mit Pompeius und dessen engerem Kreise +im vertraulichen Verkehr stand und die Verhältnisse und die Menschen +vollkommen durchschaute, seinem kurzsichtigen und unbehilflichen Patron +die Entscheidung zum guten Teil über den Kopf nahm. + +—————————————————————————— + +Die Demokratie, wie unzufrieden ihre Führer im stillen sein mochten, +konnte doch nicht wohl öffentlich gegen den Gesetzvorschlag auftreten. +Die Durchbringung desselben hätte sie allem Anschein nach auf keinen +Fall zu hindern vermocht, wohl aber durch Opposition dagegen mit +Pompeius offen gebrochen und dadurch ihn genötigt, entweder der +Oligarchie sich zu nähern oder gar beiden Parteien gegenüber seine +persönliche Politik rücksichtslos zu verfolgen. Es blieb den Demokraten +nichts übrig, als ihre Allianz mit Pompeius, wie hohl sie immer war, +auch diesmal noch festzuhalten und diese Gelegenheit zu ergreifen, um +wenigstens den Senat endlich definitiv zu stürzen und aus der +Opposition in das Regiment überzugehen, das weitere aber der Zukunft +und Pompeius’ wohlbekannter Charakterschwäche zu überlassen. So +unterstützten denn auch ihre Führer, der Prätor Lucius Quinctius, +derselbe, der sieben Jahre zuvor für die Wiederherstellung der +tribunizischen Gewalt tätig gewesen war, und der gewesene Quästor Gaius +Caesar, die Gabinischen Gesetzvorschläge. + +Die privilegierten Klassen waren außer sich, nicht bloß die Nobilität, +sondern ebenso die kaufmännische Aristokratie, die auch ihre +Sonderrechte durch eine so gründliche Staatsumwälzung bedroht fühlte +und wieder einmal ihren rechten Patron in dem Senat erkannte. Als der +Tribun Gabinius nach Einbringung seiner Anträge in der Kurie sich +zeigte, fehlte nicht viel, daß ihn die Väter der Stadt mit eigenen +Händen erwürgt hätten, ohne in ihrem Eifer zu erwägen, wie höchst +unvorteilhaft diese Methode zu argumentieren für sie ablaufen wußte. +Der Tribun entkam auf den Markt und rief die Menge auf, das Rathaus zu +stürmen, als eben zur rechten Zeit noch die Sitzung aufgehoben ward. +Der Konsul Piso, der Vorkämpfer der Oligarchie, der zufällig der Menge +in die Hände geriet, wäre sicher ein Opfer der Volkswut geworden, wenn +nicht Gabinius darüber zugekommen wäre und, um nicht durch unzeitige +Freveltaten seinen gewissen Erfolg auf das Spiel zu stellen, den Konsul +befreit hätte. Inzwischen blieb die Erbitterung der Menge unvermindert +und fand stets neue Nahrung in den hohen Getreidepreisen und den +zahlreichen, zum Teil ganz tollen Gerüchten, zum Beispiel, daß Lucius +Lucullus die ihm zur Kriegführung überwiesenen Gelder teils in Rom +zinsbar belegt, teils mit denselben den Prätor Quinctius der Sache des +Volkes abwendig zu machen versucht habe; daß der Senat dem “zweiten +Romulus”, wie man Pompeius nannte, das Schicksal des ersten ^2 zu +bereiten gedenke und dergleichen mehr. Darüber kam der Tag der +Abstimmung heran. Kopf an Kopf gedrängt stand die Menge auf dem Markte; +bis an die Dächer hinauf waren alle Gebäude, von wo aus die Rednerbühne +gesehen werden konnte, mit Menschen bedeckt. Sämtliche Kollegen des +Gabinius hatten dem Senat die Interzession zugesagt: aber den +brausenden Wogen der Massen gegenüber schwiegen alle bis auf den +einzigen Lucius Trebellius, der sich und dem Senat geschworen hatte, +lieber zu sterben als zu weichen. Als dieser interzedierte, unterbrach +Gabinius sogleich die Abstimmung über seine Gesetzvorschläge und +beantragte bei dem versammelten Volke, mit seinem widerstrebenden +Kollegen zu verfahren, wie einst auf Tiberius Gracchus’ Antrag mit dem +Octavius verfahren war, das heißt ihn sofort seines Amtes zu entsetzen. +Es ward abgestimmt und die Verlesung der Stimmtafeln begann; als die +ersten siebzehn Bezirke, die zur Verlesung kamen, sich für den Antrag +erklärten und die nächste bejahende Stimme demselben die Majorität gab, +zog Trebellius, seines Eides vergessend, die Interzession kleinmütig +zurück. Vergeblich bemühte sich darauf der Tribun Otho zu bewirken, daß +wenigstens die Kollegialität gewahrt und statt eines Feldherrn zwei +gewählt werden möchten; vergeblich strengte der hochbejahrte Quintus +Catulus, der geachtetste Mann im Senat, seine letzten Kräfte dafür an, +daß die Unterfeldherren nicht vom Oberfeldherrn ernannt, sondern vom +Volke gewählt werden möchten. Otho konnte in dem Toben der Menge nicht +einmal sich Gehör verschaffen; dem Catulus verschaffte es Gabinius’ +wohlberechnete Zuvorkommenheit, und in ehrerbietigem Schweigen horchte +die Menge den Worten des Greises; aber verloren waren sie darum nicht +minder. Die Vorschläge wurden nicht bloß mit allen Klauseln unverändert +zum Gesetz erhoben, sondern auch, was Pompeius noch im einzelnen +nachträglich begehrte, augenblicklich und vollständig bewilligt. + +——————————————————————————————— + +^2 Der Sage nach ward König Romulus von den Senatoren in Stücke +zerrissen. + +——————————————————————————————- + +Mit hochgespannten Hoffnungen sah man die beiden Feldherren Pompeius +und Glabrio nach ihren Bestimmungsorten abgehen. Die Kornpreise waren +nach dem Durchgehen der Gabinischen Gesetze sogleich auf die +gewöhnlichen Sätze zurückgegangen: ein Beweis, welche Hoffnungen an die +großartige Expedition und ihren ruhmvollen Führer sich knüpften. Sie +wurden, wie später erzählt wird, nicht bloß erfüllt, sondern +übertroffen; in drei Monaten war die Säuberung der Meere vollendet. +Seit dem Hannibalischen Kriege war die römische Regierung nicht mit +solcher Energie nach außen hin aufgetreten; gegenüber der schlaffen und +unfähigen Verwaltung der Oligarchie hatte die demokratisch-militärische +Opposition auf das glänzendste ihren Beruf dargetan, die Zügel des +Staates zu fassen und zu lenken. Die ebenso unpatriotischen wie +ungeschickten Versuche des Konsuls Piso, den Anstalten des Pompeius zu +Unterdrückung der Piraterie im Narbonensischen Gallien kleinliche +Hindernisse in den Weg zu legen, steigerten nur die Erbitterung der +Bürgerschaft gegen die Oligarchie und ihren Enthusiasmus für Pompeius: +einzig dessen persönliche Dazwischenkunft verhinderte es, daß die +Volksversammlung nicht den Konsul kurzweg seines Amtes entsetzte. + +Inzwischen war auf dem asiatischen Festland die Verwirrung nur noch +ärger geworden. Glabrio, der an Lucullus’ Stelle den Oberbefehl gegen +Mithradates und Tigranes übernehmen sollte, war in Vorderasien sitzen +geblieben und hatte zwar durch verschiedene Proklamationen die Soldaten +gegen Lucullus aufgestiftet, aber den Oberbefehl nicht angetreten, so +daß Lucullus denselben fortzuführen gezwungen war. Gegen Mithradates +war natürlich nichts geschehen; die pontischen Reiter plünderten +ungescheut und ungestraft in Bithynien und Kappadokien. Durch den +Piratenkrieg war auch Pompeius veranlaßt worden, sich mit seinem Heer +nach Kleinasien zu begeben; nichts lag näher, als ihm den Oberbefehl in +dem Pontisch-Armenischen Kriege zu übertragen, dem er selbst seit +langem nachtrachtete. Allein die demokratische Partei in Rom teilte +begreiflicherweise die Wünsche ihres Generals nicht und hütete sich +wohl, hierin die Initiative zu ergreifen. Es ist sehr wahrscheinlich, +daß sie den Gabinius bestimmt hatte, den Mithradatischen und den +Piratenkrieg nicht von vornherein beide zugleich an Pompeius, sondern +den ersteren an Glabrio zu übertragen; auf keinen Fall konnte sie jetzt +die Ausnahmestellung des schon allzumächtigen Feldherrn steigern und +verewigen wollen. Auch Pompeius selbst verhielt nach seiner Gewohnheit +sich leidend, und vielleicht wäre er in der Tat nach Vollziehung des +ihm gewordenen Auftrags heimgekehrt, wenn nicht ein allen Parteien +unerwarteter Zwischenfall eingetreten wäre. Ein gewisser Gaius +Manilius, ein ganz nichtiger und unbedeutender Mensch, hatte als +Volkstribun es durch seine ungeschickten Gesetzvorschläge zugleich mit +der Aristokratie und der Demokratie verdorben. In der Hoffnung, sich +unter des mächtigen Feldherrn Flügeln zu bergen, wenn er diesem +verschaffe, was er, wie jedem bekannt war, sehnlichst wünschte, aber +doch zu fordern sich nicht getraute, stellte er bei der Bürgerschaft +den Antrag, die Statthalter Glabrio aus Bithynien und Pontos, Marcius +Rex aus Kilikien abzuberufen und diese Ämter sowie die Führung des +Krieges im Osten, wie es scheint ohne bestimmte Zeitgrenze und +jedenfalls mit der freiesten Befugnis, Frieden und Bündnis zu +schließen, dem Prokonsul der Meere und Küsten neben seinem bisherigen +Amte zu übertragen (Anfang 688 66). Es zeigte hier sich einmal recht +deutlich, wie zerrüttet die römische Verfassungsmaschine war, seit die +gesetzgeberische Gewalt teils der Initiative nach jedem noch so +geringen Demagogen, und der Beschlußfassung nach der unmündigen Menge +in die Hände gegeben, teils auf die wichtigsten Verwaltungsfragen +erstreckt war. Der Manilische Vorschlag war keiner der politischen +Parteien genehm; dennoch fand er kaum irgendwo ernstlichen Widerstand. +Die demokratischen Führer konnten aus denselben Gründen, die sie +gezwungen hatten, das Gabinische Gesetz sich gefallen zu lassen, es +nicht wagen, sich dem Manilischen geradezu zu widersetzen; sie +verschlossen ihren Unwillen und ihre Besorgnisse in sich und redeten +öffentlich für den Feldherrn der Demokratie. Die gemäßigten Optimaten +erklärten sich für den Manilischen Antrag, weil nach dem Gabinischen +Gesetz der Widerstand auf jeden Fall vergeblich war und weiterblickende +Männer schon damals erkannten, daß es für den Senat die richtige +Politik sei, sich Pompeius möglichst zu nähern und bei dem +vorauszusehenden Bruch zwischen ihm und den Demokraten ihn auf ihre +Seite hinüberzuziehen. Die Männer des Schaukelsystems endlich segneten +den Tag, wo auch sie eine Meinung zu haben scheinen und entschieden +auftreten konnten, ohne es mit einer der Parteien zu verderben - es ist +bezeichnend, daß mit der Verteidigung des Manilischen Antrags Marcus +Cicero zuerst die politische Rednerbühne betrat. Einzig die strengen +Optimaten, Quintus Catulus an der Spitze, zeigten wenigstens Farbe und +sprachen gegen den Vorschlag. Natürlich wurde derselbe mit einer an +Einstimmigkeit grenzenden Majorität zum Gesetz erhoben. Pompeius +erhielt dadurch zu seiner früheren ausgedehnten Machtfülle noch die +Verwaltung der wichtigsten kleinasiatischen Provinzen, so daß es +innerhalb der weiten römischen Grenzen kaum noch einen Fleck Landes +gab, der ihm nicht gehorcht hätte, und die Führung eines Krieges, von +dem man, wie von Alexanders Heerfahrt, wohl sagen konnte, wo und wann +er begann, aber nicht, wo und wann er enden möge. Niemals noch, seit +Rom stand, war solche Gewalt in den Händen eines einzigen Mannes +vereinigt gewesen. + +Die Gabinisch-Manilischen Anträge beendigten den Kampf zwischen dem +Senat und der Popularpartei, den vor siebenundsechzig Jahren die +Sempronischen Gesetze begonnen hatten. Wie die Sempronischen Gesetze +die Revolutionspartei zunächst als politische Opposition +konstituierten, so ging dieselbe mit den Gabinisch-Manilischen über aus +der Opposition in das Regiment; und wie es ein großartiger Moment +gewesen war, als mit der vergeblichen Interzession des Octavius der +erste Bruch in die bestehende Verfassung geschah, so war es nicht +minder ein bedeutungsvoller Augenblick, als mit dem Rücktritt des +Trebellius das letzte Bollwerk des senatorischen Regiments +zusammenbrach. Auf beiden Seiten ward dies wohl empfunden, und selbst +die schlaffen Senatorenseelen zuckten auf in diesem Todeskampf; aber es +lief doch die Verfassungsfehde in gar anderer und gar viel +kümmerlicherer Weise zu Ende, als sie angefangen hatte. Ein in jedem +Sinne adliger Jüngling hatte die Revolution eröffnet; sie ward +beschlossen durch kecke Intriganten und Demagogen des niedrigsten +Schlages. Wenn andererseits die Optimaten mit gemessenem Widerstand, +mit einer selbst auf den verlorenen Posten ernst ausharrenden +Verteidigung begonnen hatten, so endigten sie mit der Initiative zum +Faustrecht, mit großwortiger Schwäche und jämmerlichem Eidbruch. Es war +nun erreicht, was einst als ein kecker Traum erschienen war: der Senat +hatte aufgehört zu regieren. Aber wenn die einzelnen alten Männer, die +noch die ersten Stürme der Revolution gesehen, die Worte der Gracchen +vernommen hatten, jene Zeit und diese miteinander verglichen, so fanden +sie alles inzwischen verändert, Landschaft und Bürgerschaft, +Staatsrecht und Kriegszucht, Leben und Sitte, und wohl mochte +schmerzlich lächeln, wer die Ideale der Gracchenzeit mit ihrer +Realisierung verglich. Indes solche Betrachtungen gehörten der +Vergangenheit an. Für jetzt und wohl auch für die Zukunft war der Sturz +der Aristokratie eine vollendete Tatsache. Die Oligarchen glichen einer +vollständig aufgelösten Armee, deren versprengte Haufen noch eine +andere Heeresmasse verstärken, aber selbst nirgends mehr das Feld +halten, noch auf eigene Rechnung ein Gefecht wagen konnten. Aber indem +der alte Kampf zu Ende lief, bereitete zugleich ein neuer sich vor: der +Kampf der beiden bisher zum Sturz der aristokratischen Staatsverfassung +verbündeten Mächte, der bürgerlich demokratischen Opposition und der +immer übermächtiger aufstrebenden Militärgewalt. Pompeius’ +Ausnahmestellung war schon nach dem Gabinischen, um wie viel mehr nach +dem Manilischen Gesetz mit einer republikanischen Staatsordnung +unvereinbar. Er war, wie schon damals die Gegner mit gutem Grund +sagten, durch das Gabinische Gesetz nicht zum Admiral, sondern zum +Reichsregenten bestellt worden; nicht mit Unrecht heißt er einem mit +den östlichen Verhältnissen vertrauten Griechen “König der Könige”. +Wenn er dereinst, wiederum siegreich und mit erhöhtem Ruhm, mit +gefüllten Kassen, mit schlagfertigen und ergebenen Truppen zurückkehrt +aus dem Osten, nach der Krone die Hand ausstreckte - wer wollte dann +ihm in den Arm fallen? Sollte etwa gegen den ersten Feldherrn seiner +Zeit und seine erprobten Legionen der Konsular Quintus Catulus die +Senatoren aufbieten? Oder der designierte Ädil Gaius Caesar die +städtische Menge, deren Augen er soeben an seinen dreihundertzwanzig +silbergerüsteten Fechterpaaren geweidet hatte? Bald werde man, rief +Catulus, abermals auf die Felsen des Kapitols flüchten müssen, um die +Freiheit zu retten. Es war nicht die Schuld des Propheten, wenn der +Sturm nicht, wie er meinte, von Osten kam, sondern das Schicksal, +buchstäblicher als er selbst es ahnte seine Worte erfüllend, das +vernichtende Unwetter wenige Jahre später aus dem Keltenland +heranführte. + + + + +KAPITEL IV. +Pompeius und der Osten + + +Wir haben früher gesehen, wie trostlos im Osten zu Lande und zur See +die Angelegenheiten Roms standen, als im Anfang des Jahres 687 (67) +Pompeius zunächst die Führung des Krieges gegen die Piraten mit beinahe +unumschränkter Machtvollkommenheit übernahm. Er begann damit, das +ungeheure ihm überwiesene Gebiet in dreizehn Bezirke zu teilen und +jeden derselben einem seiner Unterfeldherren zu überweisen, um daselbst +Schiffe und Mannschaften zu rüsten, die Küsten abzusuchen und die +Piratenboote aufzubringen oder einem der Kollegen ins Garn zu jagen. Er +selbst ging mit dem besten Teil der vorhandenen Kriegsschiffe, unter +denen auch diesmal die rhodischen sich auszeichneten, früh im Jahr in +See und reinigte zunächst die sizilischen, afrikanischen und sardischen +Gewässer, um vor allem die Getreidezufuhr aus diesen Provinzen nach +Italien wieder in Gang zu bringen. Für die Säuberung der spanischen und +gallischen Küsten sorgten inzwischen die Unterfeldherren. Es war bei +dieser Gelegenheit, daß der Konsul Gaius Piso von Rom aus die +Aushebungen zu hemmen versuchte, welche Pompeius’ Legat Marcus +Pomponius kraft des Gabinischen Gesetzes in der Provinz Narbo +veranstaltete - ein unkluges Beginnen, dem zu steuern und zugleich die +gerechte Erbitterung der Menge gegen den Konsul in den gesetzlichen +Schranken zu halten Pompeius vorübergehend wieder in Rom erschien. Als +nach vierzig Tagen im westlichen Becken des Mittelmeers die Schiffahrt +überall freigemacht war, ging Pompeius mit seinen sechzig besten +Fahrzeugen weiter in das östliche Meer, zunächst nach dem Ur- und +Hauptsitz der Piraterie, den lykischen und kilikischen Gewässern. Auf +die Kunde von dem Herannahen der römischen Flotte verschwanden nicht +bloß die Piratenkähne überall von der offenen See; auch die starken +lykischen Festen Antikragos und Kragos ergaben sich, ohne ernstlichen +Widerstand zu leisten. Mehr noch als die Furcht öffnete Pompeius’ +wohlberechnete Milde die Tore dieser schwer zugänglichen Seeburgen. +Seine Vorgänger hatten jeden gefangenen Seeräuber ans Kreuz heften +lassen; er gab ohne Bedenken allen Quartier und behandelte namentlich +die auf den genommenen Piratenbooten vorgefundenen gemeinen Ruderer mit +ungewohnter Nachsicht. Nur die kühnen kilikischen Seekönige wagten +einen Versuch, wenigstens ihre eigenen Gewässer mit den Waffen gegen +die Römer zu behaupten: nachdem sie ihre Kinder und Frauen und ihre +reichen Schätze in die Bergschlösser des Taurus geflüchtet hatten, +erwarteten sie die römische Flotte an der Westgrenze Kilikiens, auf der +Höhe von Korakesion. Aber Pompeius’ wohlbemannte und mit allem +Kriegszeug wohlversehene Schiffe erfochten hier einen vollständigen +Sieg. Ohne weiteres Hindernis landete er darauf und begann die +Bergschlösser der Korsaren zu stürmen und zu brechen, während er +fortfuhr, ihnen selbst als Preis der Unterwerfung Freiheit und Leben zu +bieten. Bald gab die große Menge es auf, in ihren Burgen und Bergen +einen hoffnungslosen Krieg fortzusetzen und bequemte sich zur Ergebung. +Neunundvierzig Tage nachdem Pompeius in der östlichen See erschienen, +war Kilikien unterworfen und der Krieg zu Ende. Die rasche +Überwältigung der Piraterie war eine große Erleichterung, aber keine +großartige Tat: mit den Hilfsmitteln des römischen Staates, die in +verschwenderischem Maße waren aufgeboten worden, konnten die Korsaren +so wenig sich messen als die vereinigten Diebesbanden einer großen +Stadt mit einer wohlorganisierten Polizei. Es war naiv, eine solche +Razzia als einen Sieg zu feiern. Aber verglichen mit dem langjährigen +Bestehen und der grenzenlosen, täglich weiter um sich greifenden +Ausdehnung des Übels ist es erklärlich, daß die überraschend schnelle +Überwältigung der gefürchteten Piraten auf das Publikum den +gewaltigsten Eindruck machte; um so mehr, da dies die erste Probe des +in einer Hand zentralisierten Regiments war und die Parteien gespannt +darauf harrten, ob es verstehen werde, besser als das kollegialische zu +regieren. Gegen 400 Schiffe und Boote, darunter 90 eigentliche +Kriegsfahrzeuge, wurden teils von Pompeius genommen, teils ihm +ausgeliefert; im ganzen sollen an 1300 Piratenfahrzeuge zugrunde +gerichtet und außerdem die reichgefüllten Arsenale und Zeughäuser der +Flibustier in Flammen aufgegangen sein. Von den Seeräubern waren gegen +10000 umgekommen, über 20000 dem Sieger lebend in die Hände gefallen, +wogegen Publius Clodius, der Flottenführer der in Kilikien stehenden +römischen Armee, und eine Menge anderer von den Piraten weggeführter, +zum Teil daheim längst tot geglaubter Individuen durch Pompeius ihre +Freiheit wiedererlangten. Im Sommer 687 (67), drei Monate nach dem +Beginn des Feldzugs, gingen Handel und Wandel wieder ihren gewohnten +Gang und anstatt der früheren Hungersnot herrschte in Italien Überfluß. + +Ein verdrießliches Zwischenspiel auf der Insel Kreta trübte indes +einigermaßen diesen erfreulichen Erfolg der römischen Waffen. Dort +stand schon im zweiten Jahre Quintus Metellus, beschäftigt, die im +wesentlichen bereits bewirkte Unterwerfung der Insel zu vollenden, als +Pompeius in den östlichen Gewässern erschien. Eine Kollision lag nahe, +denn nach dem Gabinischen Gesetz erstreckte sich Pompeius’ Kommando +konkurrierend mit dem des Metellus auf die ganze Ianggestreckte, aber +nirgends über zwanzig deutsche Meilen breite Insel; doch war Pompeius +so rücksichtsvoll, sie keinem seiner Unterbefehlshaber zu überweisen. +Allein die noch widerstrebenden kretischen Gemeinden, die ihre +unterworfenen Landsleute von Metellus mit der grausamsten Strenge zur +Verantwortung hatten ziehen sehen und dagegen die milden Bedingungen +vernahmen, welche Pompeius den ihm sich ergebenden Ortschaften des +südlichen Kleinasiens zu stellen pflegte, zogen es vor, ihre +Gesamtunterwerfung an Pompeius einzugeben, der sie auch in Pamphylien, +wo er eben sich befand, von ihren Gesandten entgegennahm und ihnen +seinen Legaten Lucius Octavius mitgab, um Metellus den Abschluß der +Verträge anzuzeigen und die Städte zu übernehmen. Kollegialisch war +dies Verfahren freilich nicht; allein das formelle Recht war durchaus +auf seiten des Pompeius und Metellus im offenbarsten Unrecht, wenn er, +den Vertrag der Städte mit Pompeius vollständig ignorierend, dieselben +als feindliche zu behandeln fortfuhr. Vergeblich protestierte Octavius; +vergeblich rief er, da er selbst ohne Truppen gekommen war, aus Achaia +den dort stehenden Unterfeldherrn des Pompeius, Lucius Sisenna, herbei; +Metellus, weder um Octavius noch um Sisenna sich bekümmernd, belagerte +Eleutherna und nahm Lappa mit Sturm, wo Octavius selbst +gefangengenommen und beschimpft entlassen, die mit ihm gefangenen +Kreter aber dem Henker überliefert wurden. So kam es zu förmlichen +Gefechten zwischen Sisennas Truppen, an deren Spitze nach dieses +Führers Tode sich Octavius stellte, und denen des Metellus; selbst als +jene nach Achaia zurückkommandiert worden waren, setzte Octavius in +Gemeinschaft mit dem Kreter Aristion den Krieg fort, und Hierapytna, wo +beide sich hielten, ward von Metellus erst nach der hartnäckigsten +Gegenwehr bezwungen. + +In der Tat hatte damit der eifrige Optimat Metellus gegen den +Oberfeldherrn der Demokratie auf eigene Hand den förmlichen Bürgerkrieg +begonnen; es zeugt von der unbeschreiblichen Zerrüttung der römischen +Staatsverhältnisse, daß diese Auftritte zu nichts weiterem führten als +zu einer bitteren Korrespondenz zwischen den beiden Generalen, die ein +paar Jahre darauf wieder friedlich und sogar “freundschaftlich” +nebeneinander im Senate saßen. + +Pompeius stand während dieser Vorgänge in Kilikien; für das nächste +Jahr, wie es schien, einen Feldzug vorbereitend gegen die Kretenser +oder vielmehr gegen Metellus, in der Tat des Winkes harrend, der ihn +zum Eingreifen in die gründlich verwirrten Angelegenheiten des +kleinasiatischen Kontinents berief. Was von Lucullus’ Heer nach den +erlittenen Verlusten und der Verabschiedung der Fimbrianischen Legionen +noch übrig war, stand untätig am oberen Halys in der Landschaft der +Trokmer an der Grenze des pontischen Gebietes. Den Oberbefehl führte +einstweilen immer noch Lucullus, da sein ernannter Nachfolger Glabrio +fortfuhr, in Vorderasien zu säumen. Ebenso untätig lagerten in Kilikien +die drei von Quintus Marcius Rex befehligten Legionen. Das pontische +Gebiet war wieder ganz in der Gewalt des Königs Mithradates, der die +einzelnen Männer und Gemeinden, die den Römern sich angeschlossen +hatten, wie zum Beispiel die Stadt Eupatoria, mit grausamer Strenge +ihren Abfall büßen ließ. Zu einer ernsten Offensive gegen die Römer +schritten die Könige des Ostens nicht, sei es daß sie überhaupt nicht +in ihrem Plan lag, sei es, was auch behauptet wurde, daß Pompeius’ +Landung in Kilikien die Könige Mithradates und Tigranes bewog, von +weiterem Vorgehen abzustehen. Rascher als Pompeius selbst es gehofft +haben mochte, verwirklichte das Manilische Gesetz seine im stillen +genährten Hoffnungen: Glabrio und Rex wurden abberufen und die +Statthalterschaften Pontus-Bithynien und Kilikien mit den darin +stehenden Truppen sowie die Führung des Pontisch-Armenischen Krieges +nebst der Befugnis, mit den Dynasten des Ostens nach eigenem Gutdünken +Krieg, Frieden und Bündnis zu machen, auf Pompeius übertragen. Über die +Aussicht auf so reiche Ehren und Spolien vergaß Pompeius gern die +Züchtigung eines übellaunigen und seine sparsamen Lorbeerblätter +neidisch hütenden Optimaten, gab den Zug gegen Kreta und die fernere +Verfolgung der Korsaren auf und bestimmte auch seine Flotte zu +Unterstützung des Angriffs, den er gegen die Könige von Pontus und +Armenien entwarf. Doch verlor er über diesen Landkrieg die immer wieder +aufs neue ihr Haupt erhebende Piraterie keineswegs völlig aus den +Augen. Ehe er Asien verließ (691 63), ließ er daselbst noch die nötigen +Schiffe gegen die Korsaren instand setzen; auf seinen Antrag ward das +Jahr darauf für Italien eine ähnliche Maßregel beschlossen und die dazu +nötige Summe vom Senat bewilligt. Man fuhr fort, die Küsten mit +Reiterbesatzungen und kleinen Geschwadern zu decken. Wenn man auch, wie +schon die später zu erwähnenden Expeditionen gegen Kypros 696 (58) und +gegen Ägypten 699 (55) beweisen, der Piraterie nicht durchaus Herr +ward, so hat dieselbe doch nach der Expedition des Pompeius unter allen +Wechselfällen und politischen Krisen Roms niemals wieder so ihr Haupt +emporheben und so völlig die Römer an der See verdrängen können, wie es +unter dem Regiment der verrotteten Oligarchie geschehen war. + +Die wenigen Monate, die vor dem Beginn des kleinasiatischen Feldzugs +noch übrig waren, wurden von dem neuen Oberfeldherrn mit angestrengter +Tätigkeit zu diplomatischen und militärischen Vorbereitungen benutzt. +Es gingen Gesandte an Mithradates, mehr um zu kundschaften, als um eine +ernstliche Vermittlung zu versuchen. Am pontischen Hofe hoffte man, daß +der König der Parther, Phraates, durch die letzten bedeutenden Erfolge, +die die Verbündeten über Rom davongetragen hatten, sich zum Eintritt in +das pontisch-armenische Bündnis bestimmen lassen werde. Dem +entgegenzuwirken gingen römische Boten an den Hof von Ktesiphon; und +ihnen kamen die inneren Wirren zu Hilfe, die das armenische +Herrscherhaus zerrissen. Des Großkönigs Tigranes gleichnamiger Sohn +hatte sich gegen seinen Vater empört, sei es daß er den Tod des Greises +nicht abwarten mochte, sei es daß der Argwohn desselben, der schon +mehreren seiner Brüder das Leben gekostet hatte, ihn die einzige +Möglichkeit der Rettung in der offenen Empörung sehen ließ. Vom Vater +überwunden, hatte er mit einer Anzahl vornehmer Armenier sich an den +Hof des Arsakiden geflüchtet und intrigierte dort gegen den Vater. Es +war zum Teil sein Werk, daß Phraates den Lohn für den Beitritt, der ihm +von beiden Seiten geboten ward, den gesicherten Besitz Mesopotamiens, +lieber aus der Hand der Römer nahm und den mit Lucullus hinsichtlich +der Euphratgrenze abgeschlossenen Vertrag mit Pompeius erneuerte, ja +sogar darauf einging, mit den Römern gemeinschaftlich gegen Armenien zu +operieren. Noch größeren Schaden als durch die Förderung des Bündnisses +zwischen den Römern und den Parthern tat der jüngere Tigranes den +Königen Tigranes und Mithradates dadurch, daß sein Aufstand eine +Spaltung zwischen ihnen selbst hervorrief. Der Großkönig näherte im +geheimen den Argwohn, daß der Schwiegervater bei der Schilderhebung +seines Enkels - die Mutter des jüngeren Tigranes, Kleopatra, war die +Tochter Mithradats - die Hand im Spiel gehabt haben möge, und wenn es +auch darüber nicht zum offenen Bruch kam, so war doch das gute +Einverständnis der beiden Monarchen eben in dem Augenblick gestört, wo +sie desselben am dringendsten bedurften. + +Zugleich betrieb Pompeius die Rüstungen mit Energie. Die asiatischen +Bundes- und Klientelgemeinden wurden gemahnt, den vertragsmäßigen Zuzug +zu leisten. Öffentliche Anschläge forderten die entlassenen Veteranen +der Legionen Fimbrias auf, als Freiwillige wieder unter die Fahnen +zurückzutreten, und durch große Versprechungen und den Namen des +Pompeius ließ ein ansehnlicher Teil derselben in der Tat sich +bestimmen, dem Rufe zu folgen. Die gesamte Streitmacht, die unter +Pompeius’ Befehlen vereinigt war, mochte mit Ausschluß der Hilfsvölker +sich auf etwa 40-50000 Mann belaufen ^1. + +——————————————————————— + +^1 Pompeius verteilte unter seine Soldaten und Offiziere als +Ehrengeschenk 384 Mill. Sesterzen (= 16000 Talente; App. Mithr. 116); +da die Offiziere 100 Mill. empfingen (Plin. nat. 37, 2, 16), von den +gemeinen Soldaten aber jeder 6000 Sesterzen (Plin., App.), so zählte +das Heer noch bei dem Triumph etwa 40000 Mann. + +——————————————————————- + +Im Frühjahr 688 (66) begab sich Pompeius nach Galatien, um den +Oberbefehl über die Truppen Luculls zu übernehmen und mit ihnen in das +pontische Gebiet einzurücken, wohin die kilikischen Legionen angewiesen +waren zu folgen. In Danala, einer Ortschaft der Trokmer, trafen die +beiden Feldherren zusammen; die Versöhnung aber, die die beiderseitigen +Freunde zu bewirken gehofft hatten, ward nicht erreicht. Die +einleitenden Höflichkeiten gingen bald über in bittere Erörterungen und +diese in heftigen Wortwechsel; man schied verstimmter, als man gekommen +war. Da Lucullus fortfuhr, gleich als wäre er noch im Amte, +Ehrengeschenke zu machen und Ländereien zu verteilen, so erklärte +Pompeius alle nach seinem Eintreffen von seinem Amtsvorgänger +vollzogenen Handlungen für nichtig. Formell war er in seinem Recht; +sittlichen Takt in der Behandlung eines verdienten und mehr als genug +gekränkten Gegners durfte man bei ihm nicht suchen. + +Sowie es die Jahreszeit erlaubte, überschritten die römischen Truppen +die pontische Grenze. Gegen sie stand hier mit 30000 Mann zu Fuß und +3000 Reitern König Mithradates. Im Stich gelassen von seinen +Verbündeten und mit verstärkter Macht und Energie von Rom angegriffen, +machte er einen Versuch, Frieden zu erwirken; allein von unbedingter +Unterwerfung, die Pompeius forderte, wollte er nichts hören - was +konnte der unglücklichste Feldzug ihm Schlimmeres bringen? Um sein +Heer, größtenteils Schützen und Reiter, nicht dem furchtbaren Stoß der +römischen Linieninfanterie preiszugeben, wich er langsam vor dem Feinde +zurück und nötigte die Römer, ihm auf seinen Kreuz- und Quermärschen zu +folgen, wobei er, wo Gelegenheit dazu war, mit seiner überlegenen +Reiterei der feindlichen standhielt und den Römern durch die +Erschwerung der Verpflegung nicht geringe Drangsale bereitete. +Ungeduldig gab endlich Pompeius es auf, die pontische Armee zu +begleiten und ging, den König stehen lassend, daran, das Land zu +unterwerfen: er rückte an den oberen Euphrat, überschritt ihn und +betrat die östlichen Provinzen des Pontischen Reiches. Aber auch +Mithradates folgte auf das linke Euphratufer nach, und in der +Anaitischen oder Akilisenischen Landschaft angelangt, verlegte er den +Römern den Weg bei der festen und mit Wasser wohl versehenen Burg +Dasteira, von wo aus er mit seinen leichten Truppen das Blachfeld +beherrschte. Pompeius, immer noch der kilikischen Legionen entbehrend +und ohne sie nicht stark genug, um sich in dieser Lage zu behaupten, +mußte über den Euphrat zurückgehen und in dem waldigen, von +Felsschluchten und Tieftälern vielfach durchschnittenen Terrain des +pontischen Armenien vor den Reitern und Bogenschützen des Königs Schutz +suchen. Erst als die Truppen aus Kilikien eintrafen und es möglich +machten, nun mit Übermacht die Offensive wiederaufzunehmen, ging +Pompeius wieder vor, umschloß das Lager des Königs mit einer +Postenkette von fast vier deutschen Meilen Länge und hielt ihn hier +förmlich blockiert, während die römischen Detachements die Gegend weit +umher durchstreiften. Die Not im pontischen Lager war groß; schon mußte +die Bespannung niedergestoßen werden, endlich nach +fünfundvierzigtägigem Verweilen ließ der König seine Kranken und +Verwundeten, da er sie weder retten konnte, noch dem Feinde in die +Hände fallen lassen wollte, durch die eigenen Leute niedermachen und +brach zur Nachtzeit in möglichster Stille auf gegen Osten. Vorsichtig +folgte Pompeius durch das unbekannte Land; schon näherte der Marsch +sich der Grenze, die Mithradates’ und Tigranes’ Gebiete voneinander +schied. Als der römische Feldherr erkannte, daß Mithradates nicht +innerhalb seines Gebietes den Kampf zur Entscheidung zu bringen, +sondern den Feind in die grenzenlosen Fernen des Ostens sich +nachzuziehen gedenke, entschloß er sich, dies nicht zu gestatten. Die +beiden Heere lagerten hart aneinander. Während der Mittagsrast brach +das römische auf, ohne daß der Feind es bemerkte, umging ihn und +besetzte die vorwärts liegenden und einen vom Feinde zu passierenden +Engpaß beherrschenden Anhöhen am südlichen Ufer des Flusses Lykos +(Jeschil Irmak) unweit des heutigen Enderes, da wo später Nikopolis +erbaut ward. Den folgenden Morgen brachen die Pontiker in gewohnter +Weise auf und, den Feind wie bisher hinter sich vermutend, schlugen sie +nach zurückgelegtem Tagesmarsch ihr Lager eben in dem Tale, dessen +Höhenring die Römer besetzt hatten. Plötzlich erscholl in der Stille +der Nacht rings im Kreise um sie der gefürchtete Schlachtruf der +Legionen und regneten von allen Seiten die Geschosse in die asiatischen +Heerhaufen, in denen Soldaten und Troß, Wagen, Pferde, Kamele sich +durcheinander schoben und in deren dichtem Knäuel trotz der Dunkelheit +kein Geschoß fehlging. Als die Römer sich verschossen hatten, stürmten +sie von den Höhen herab auf die in dem Scheine des inzwischen +aufgegangen Mondes sichtbar gewordenen und fast wehrlos ihnen +preisgegebenen Scharen, und was nicht von dem Eisen der Feinde fiel, +ward in dem fürchterlichen Gedränge unter den Hufen und Rädern +zermalmt. Es war das letzte Schlachtfeld, auf welchem der greise König +mit den Römern gestritten hat. Mit drei Begleitern, zweien seiner +Reiter und einer Kebse, die in Männertracht ihm zu folgen und tapfer +neben ihm zu streiten gewohnt war, entrann er von dort zu der Feste +Sinoria, wo sich ein Teil seiner Getreuen zu ihm fand. Er teilte seine +hier aufbewahrten Schätze, 6000 Talente Goldes (11 Mill. Taler), unter +sie aus, versah sie und sich mit Gift und eilte mit dem ihm gebliebenen +Haufen den Euphrat hinauf, um mit seinem Verbündeten, dem Großkönig von +Armenien, sich zu vereinigen. + +Auch diese Hoffnung war eitel; das Bündnis, auf das vertrauend +Mithradates den Weg nach Armenien einschlug, bestand damals bereits +nicht mehr. Während der eben erzählten Kämpfe zwischen Mithradates und +Pompeius war der Partherkönig, dem Drängen der Römer und vor allem dem +des landflüchtigen armenischen Prinzen nachgebend, mit gewaffneter Hand +in das Reich des Tigranes eingefallen und hatte denselben gezwungen, +sich in die unzugänglichen Gebirge zurückzuziehen. Die Invasionsarmee +begann sogar die Belagerung der Hauptstadt Artaxata; allein da dieselbe +sich in die Länge zog, entfernte sich König Phraates mit dem größten +Teil seiner Truppen, worauf Tigranes das zurückgebliebene parthische +Korps und die von seinem Sohn geführten armenischen Emigranten +überwältigte und in dem ganzen Reiche seine Herrschaft +wiederherstellte. Begreiflicherweise indes war unter diesen Umständen +der König wenig geneigt, mit den aufs neue siegreichen Römern zu +schlagen, am wenigsten sich für Mithradates aufzuopfern, dem er minder +traute als je, seit ihm die Meldung zugekommen war, daß sein +rebellischer Sohn beabsichtige, sich zu dem Großvater zu begeben. So +knüpfte er mit den Römern Unterhandlungen über einen Sonderfrieden an; +aber er wartete den Abschluß des Vertrages nicht ab, um das Bündnis, +das ihn an Mithradates fesselte, zu zerreißen. An der armenischen +Grenze angelangt, mußte dieser vernehmen, daß der Großkönig Tigranes +einen Preis von 100 Talenten (150000 Taler) auf seinen Kopf gesetzt, +seine Gesandten festgenommen und sie den Römern ausgeliefert habe. +König Mithradates sah sein Reich in den Händen des Feindes, seine +Bundesgenossen im Begriff, mit demselben sich zu vergleichen; es war +nicht möglich, den Krieg fortzusetzen; er mußte sich glücklich +schätzen, wenn es ihm gelang, sich an die Ost- und Nordgestade des +Schwarzen Meeres zu retten, vielleicht seinen abtrünnigen und mit den +Römern in Verbindung getretenen Sohn Machares wieder aus dem +Bosporanischen Reiche zu verdrängen und an der Mäotis für neue Entwürfe +einen neuen Boden zu finden. So schlug er sich nordwärts. Als der König +auf der Flucht die alte Grenze Kleinasiens, den Phasis, überschritten +hatte, stellte Pompeius vorläufig seine Verfolgung ein; statt aber in +das Quellgebiet des Euphrat zurückzukehren, wandte er sich seitwärts in +das Gebiet des Araxes, um mit Tigranes ein Ende zu machen. Fast ohne +Widerstand zu finden gelangte er in die Gegend von Artaxata (unweit +Eriwan) und schlug drei deutsche Meilen von der Stadt sein Lager. +Daselbst fand der Sohn des Großkönigs sich zu ihm, der nach dem Sturze +des Vaters das armenische Diadem aus der Hand der Römer zu empfangen +hoffte und darum den Abschluß des Vertrages zwischen seinem Vater und +den Römern in jeder Weise zu hindern bemüht war. Der Großkönig war nur +um so mehr entschlossen, den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu +Pferd und ohne Purpurgewand, aber geschmückt mit der königlichen +Stirnbinde und dem königlichen Turban erschien er an der Pforte des +römischen Lagers und begehrte, vor den römischen Feldherrn geführt zu +werden. Nachdem er hier auf Geheiß der Liktoren, wie die römische +Lagerordnung es erheischte, sein Roß und sein Schwert abgegeben hatte, +warf er nach Barbarenart sich dem Prokonsul zu Füßen und legte zum +Zeichen der unbedingten Unterwerfung Diadem und Tiara in seine Hände. +Pompeius, hocherfreut über den mühelosen Sieg, hob den gedemütigten +König der Könige auf, schmückte ihn wieder mit den Abzeichen seiner +Würde und diktierte den Frieden. Außer einer Zahlung von 9 Mill. Talern +(6000 Talente) an die Kriegskasse und einem Geschenk an die Soldaten, +wovon auf jeden einzelnen 50 Denare (15 Taler) kamen, trat der König +alle gemachten Eroberungen wieder ab, nicht bloß die phönikischen, +syrischen, kilikischen, kappadokischen Besitzungen, sondern auch am +rechten Ufer des Euphrat Sophene und Korduene; er ward wieder +beschränkt auf das eigentliche Armenien und mit seinem Großkönigtum war +es von selber vorbei. In einem einzigen Feldzuge hatte Pompeius die +beiden mächtigen Könige von Pontus und Armenien vollständig +unterworfen. Am Anfang des Jahres 688 (66) stand kein römischer Soldat +jenseits der Grenze der altrömischen Besitzungen, am Schlusse desselben +irrte König Mithradates landflüchtig und ohne Heer in den Schluchten +des Kaukasus und saß König Tigranes auf dem armenischen Thron nicht +mehr als König der Könige, sondern als römischer Lehnfürst. Das gesamte +kleinasiatische Gebiet westlich vom Euphrat gehorchte den Römern +unbedingt; die siegreiche Armee nahm ihre Winterquartiere östlich von +diesem Strom auf armenischem Boden, in der Landschaft vom oberen +Euphrat bis an den aus welchem damals zuerst die Italiker ihre Rosse +tränkten. + +Aber das neue Gebiet, das die Römer hier betraten, erweckte ihnen neue +Kämpfe. Unwillig sahen die tapferen Völkerschaften des mittleren und +östlichen Kaukasus die fernen Okzidentalen auf ihrem Gebiet lagern. Es +wohnten dort in der fruchtbaren und wasserreichen Hochebene des +heutigen Georgien die Iberer, eine tapfere, wohlgeordnete, ackerbauende +Nation, deren Geschlechtergaue unter ihren Ältesten das Land nach +Feldgemeinschaft bestellten, ohne Sondereigentum der einzelnen Bauern. +Heer und Volk waren eins; an der Spitze des Volkes standen teils die +Herrengeschlechter, daraus immer der Älteste der ganzen iberischen +Nation als König, der Nächstälteste als Richter und Heerführer +vorstand, teils besondere Priesterfamilien, denen vornehmlich oblag, +die Kunde der mit anderen Völkern geschlossenen Verträge zu bewahren +und über deren Einhaltung zu wachen. Die Masse der Unfreien galten als +Leibeigene des Königs. Auf einer weit niedrigeren Kulturstufe standen +ihre östlichen Nachbarn, die Albaner oder Alaner, die am unteren Kur +bis zum Kaspischen Meere hinab saßen. Vorwiegend ein Hirtenvolk, +weideten sie, zu Fuß oder zu Pferde, ihre zahlreichen Herden auf den +üppigen Wiesen des heutigen Schirwan; die wenigen Ackerfelder wurden +noch mit dem alten Holzpflug ohne eiserne Schar bestellt. Münze war +unbekannt und über hundert ward nicht gezählt. Jeder ihrer Stämme, +deren sechsundzwanzig waren, hatten seinen eigenen Häuptling und sprach +seinen besonderen Dialekt. An Zahl den Iberern weit überlegen, +vermochten sich die Albaner an Tapferkeit durchaus nicht mit denselben +zu messen. Die Fechtart beider Nationen war übrigens im ganzen die +gleiche: sie stritten vorwiegend mit Pfeilen und leichten Wurfspießen, +die sie häufig nach Indianerart aus Waldverstecken, hinter Baumstämmen +hervor oder von den Baumwipfeln herab, auf den Feind entsendeten; die +Albaner hatten auch zahlreiche, zum Teil nach medisch-armenischer Art +mit schweren Kürassen und Schienen gepanzerte Reiter. Beide Nationen +lebten auf ihren Äckern und Triften in vollkommener, seit +unvordenklicher Zeit bewahrter Unabhängigkeit. Den Kaukasus scheint +gleichsam die Natur selbst zwischen Europa und Asien als Damm gegen die +Völkerfluten aufgerichtet zu haben: an ihm hatten einst die Waffen des +Kyros wie die Alexanders ihre Grenze gefunden; jetzt schickte die +tapfere Besatzung dieser Scheidewand sich an, sie auch gegen die Römer +zu verteidigen. Aufgeschreckt durch die Kunde, daß der römische +Oberfeldherr im nächsten Frühjahr das Gebirge zu überschreiten und den +pontischen König jenseits des Kaukasus zu verfolgen beabsichtige - den +Mithradates, vernahm man, überwinterte in Dioskurias (Iskuria zwischen +Suchum Kale und Anaklia) am Schwarzen Meer -, überschritten zuerst die +Albaner unter dem Fürsten Oroizes noch im Mittwinter 688/89 (66/65) den +Kur und warfen sich auf das der Verpflegung wegen in drei größere Korps +unter Quintus Metellus Celer, Lucius Flaccus und Pompeius selbst +auseinander gelegte Heer. Aber Celer, den der Hauptangriff traf, hielt +tapfer stand und Pompeius selbst verfolgte, nachdem er sich des gegen +ihn geschickten Haufens entledigt, die auf allen Punkten geschlagenen +Barbaren bis an den Kur. Der König der Iberer, Artokes, hielt sich +ruhig und versprach Frieden und Freundschaft; allein Pompeius, davon +benachrichtigt, daß er insgeheim rüste, um die Römer bei ihrem Marsche +in den Pässen des Kaukasus zu überfallen, rückte im Frühjahr 689 (65), +bevor er die Verfolgung des Mithradates wiederaufnahm, vor die beiden +kaum eine halbe deutsche Meile voneinander entfernten Festungen +Harmozika (Horumziche oder Armazi) und Seusamora (Tsumar), welche wenig +oberhalb des heutigen Tiflis die beiden Flußtäler des Kur und seines +Nebenflusses Aragua und damit die einzigen von Armenien nach Iberien +führenden Pässe beherrschen. Artokes, eher er dessen sich versah, vom +Feinde überrascht, brannte eiligst die Kurbrücke ab und wich +unterhandelnd in das innere Land zurück. Pompeius besetzte die +Festungen und folgte den Iberern auf das andere Ufer des Kur, wodurch +er sie zu sofortiger Unterwerfung zu bestimmen hoffte. Artokes aber +wich weiter und weiter in das innere Land zurück, und als er endlich am +Fluß Peloros Halt machte, geschah es nicht, um sich zu ergeben, sondern +um zu schlagen. Allein dem Anprall der Legionen standen doch die +iberischen Schützen keinen Augenblick, und da Artokes auch den Peioros +von den Römern überschritten sah, fügte er sich endlich den +Bedingungen, die der Sieger stellte, und sandte seine Kinder als +Geiseln. Pompeius marschierte jetzt, seinem früher entworfenen Plane +gemäß, durch den Sarapanapaß aus dem Gebiet des Kur in das des Phasis +und von da am Flusse hinab an das Schwarze Meer, wo an der kolchischen +Küste die Flotte unter Servilius bereits seiner harrte. Aber es war ein +unsicherer Gedanke und fast ein wesenloses Ziel, dem zuliebe man Heer +und Flotte an den märchenreichen kolchischen Strand geführt hatte. Der +soeben mühselig zurückgelegte Zug durch unbekannte und meist feindliche +Nationen war nichts, verglichen mit dem, der noch bevorstand; und wenn +es denn wirklich gelang, von der Phasismündung aus die Streitmacht nach +der Krim zu führen, durch kriegerische und arme Barbarenstämme, auf +unwirtlichen und unbekannten Gewässern, längs einer Küste, wo an +einzelnen Stellen die Gebirge lotrecht in die See hinabfallen und es +schlechterdings notwendig gewesen wäre, die Schiffe zu besteigen; wenn +es gelang, diesen Zug zu vollenden, der vielleicht schwieriger war als +die Heerfahrten Alexanders und Hannibals - was ward im besten Falle +damit erzielt, das irgend den Mühen und Gefahren entsprach? Freilich +war der Krieg nicht geendigt, solange der alte König noch unter den +Lebenden war; aber wer bürgte dafür, daß es wirklich gelang, das +königliche Wild zu fangen, um dessentwillen diese beispiellose Jagd +angestellt werden sollte? War es nicht besser, selbst auf die Gefahr +hin, daß Mithradates noch einmal die Kriegsfackel nach Kleinasien +schleudere, von einer Verfolgung abzustehen, die so wenig Gewinn und so +viele Gefahren verhieß? Wohl drängten den Feldherrn zahlreiche Stimmen +im Heer, noch zahlreichere in der Hauptstadt, die Verfolgung unablässig +und um jeden Preis fortzusetzen; aber es waren Stimmen teils +tolldreister Hitzköpfe, teils derjenigen perfiden Freunde, die den +allzumächtigen Imperator gern um jeden Preis von der Hauptstadt +ferngehalten und ihn im Osten in unabsehbare Unternehmungen verwickelt +hätten. Pompeius war ein zu erfahrener und zu bedächtiger Offizier, um +im hartnäckigen Festhalten an einer so unverständigen Expedition seinen +Ruhm und sein Heer auf das Spiel zu setzen; ein Aufstand der Albaner im +Rücken des Heeres gab den Vorwand her, um die weitere Verfolgung des +Königs aufzugeben und die Rückkehr anzuordnen. Die Flotte erhielt den +Auftrag, in dem Schwarzen Meer zu kreuzen, die kleinasiatische +Nordküste gegen jeden feindlichen Einfall zu decken, den Kimmerischen +Bosporus aber streng zu blockieren unter Androhung der Lebensstrafe für +jeden Kauffahrer, der die Blockade brechen würde. Die Landtruppen +führte Pompeius nicht ohne große Beschwerden durch das kolchische und +armenische Gebiet an den unteren Lauf des Kur und weiter, den Strom +überschreitend, in die albanische Ebene. Mehrere Tage mußte das +römische Heer in der glühenden Hitze durch dies wasserarme Blachland +marschieren, ohne auf den Feind zu treffen; erst am linken Ufer des +Abas (wahrscheinlich der sonst Alazonios, jetzt Alasan genannte Fluß) +stellte unter Führung des Koses, Bruders des Königs Oroizes, sich die +Streitmacht der Albaner den Römern entgegen; sie soll mit Einschluß des +von den transkaukasischen Steppenbewohnern eingetroffenen Zuzuges 60000 +Mann zu Fuß und 12000 Reiter gezählt haben. Dennoch hätte sie +schwerlich den Kampf gewagt, wenn sie nicht gemeint hätte, bloß mit der +römischen Reiterei fechten zu sollen; aber die Reiter waren nur +vorangestellt und wie diese sich zurückzogen, zeigten sich dahinter +verborgen die römischen Infanteriemassen. Nach kurzem Kampfe war das +Heer der Barbaren in die Wälder versprengt, die Pompeius zu umstellen +und anzuzünden befahl. Die Albaner bequemten sich hierauf, Frieden zu +machen und dem Beispiele der mächtigeren Völker folgend, schlossen alle +zwischen dem Kur und dem Kaspischen Meer sitzenden Stämme mit dem +römischen Feldherrn Vertrag ab. Die Albaner, Iberer und überhaupt die +südlich am und unter dem Kaukasus ansässigen Völkerschaften traten also +wenigstens für den Augenblick in ein abhängiges Verhältnis zu Rom. Wenn +dagegen auch die Völker zwischen dem Phasis und der Mäotis, Kolcher, +Soaner, Heniocher, Zyger, Achäer, sogar die fernen Bastarner dem langen +Verzeichnis der von Pompeius unterworfenen Nationen eingereiht wurden, +so nahm man dabei offenbar es mit dem Begriff der Unterwerfung sehr +wenig genau. Der Kaukasus bewährte sich abermals in seiner +weltgeschichtlichen Bedeutung; wie die persische und die hellenische +fand auch die römische Eroberung an ihm ihre Grenze. + +So blieb denn König Mithradates sich selbst und dem Verhängnis +überlassen. Wie einst sein Ahnherr, der Gründer des Pontischen Staates, +sein künftiges Reich zuerst betreten hatte, flüchtend vor den Häschern +des Antigonos und nur von sechs Reitern begleitet, so hatte nun der +Enkel die Grenzen seines Reiches wieder überschreiten und seine und +seiner Väter Eroberungen mit dem Rücken ansehen müssen. Aber die Würfel +des Verhängnisses hatten keinem öfter und launenhafter die höchsten +Gewinste und die gewaltigsten Verluste zugeworfen als dem alten Sultan +von Sinope, und rasch und unberechenbar wechseln die Geschicke im +Osten. Wohl mochte Mithradates jetzt am Abend seines Lebens jeden neuen +Wechselfall mit dem Gedanken hinnehmen, daß auch er nur wieder einen +neuen Umschwung vorbereite und das einzig Stetige der ewige Wandel der +Geschicke sei. War doch die römische Herrschaft der Orientalen im +tiefsten Grunde ihres Wesens unerträglich und Mithradates selbst, im +Guten wie im Bösen, der rechte Fürst des Ostens; bei der Schlaffheit +des Regiments, wie der römische Senat es über die Provinzen übte, und +bei dem gärenden und zum Bürgerkriege reifenden Hader der politischen +Parteien in Rom konnte Mithradates, wenn es ihm glückte, seine Zeit +abzuwarten, gar wohl noch zum drittenmal seine Herrschaft +wiederherstellen. Darum eben, weil er hoffte und plante, solange Leben +in ihm war, blieb er den Römern gefährlich, solange er lebte, als +landflüchtiger Greis nicht minder wie da er mit seinen Hunderttausenden +ausgezogen war, um Hellas und Makedonien den Römern zu entreißen. Der +rastlose alte Mann gelangte im Jahre 689 (85) von Dioskurias unter +unsäglichen Beschwerden teils zu Lande, teils zur See in das Reich von +Pantikapäon, stürzte hier durch sein Ansehen und sein starkes Gefolge +seinen abtrünnigen Sohn Machares vom Thron und zwang ihn, sich selber +den Tod zu geben. Von hier aus versuchte er noch einmal, mit den Römern +zu unterhandeln; er bat, ihm sein väterliches Reich zurückzugeben und +erklärte sich bereit, die Oberhoheit Roms anzuerkennen und als +Lehnfürst Zins zu entrichten. Allein Pompeius weigerte sich, dem König +eine Stellung zu gewähren, in der er das alte Spiel aufs neue begonnen +haben würde, und bestand darauf, daß er sich persönlich unterwerfe. +Mithradates aber dachte nicht daran, sich dem Feinde in die Hände zu +liefern, sondern entwarf neue und immer ausschweifendere Pläne. Mit +Anspannung aller der Mittel, die seine geretteten Schätze und der Rest +seiner Staaten ihm darboten, rüstete er ein neues, zum Teil aus Sklaven +bestehendes Heer von 36000 Mann, das er nach römischer Art bewaffnete +und einübte, und eine Kriegsflotte; dem Gerücht zufolge beabsichtigte +er durch Thrakien, Makedonien und Pannonien westwärts zu ziehen, die +Skythen in den sarmatischen Steppen, die Kelten an der Donau als +Bundesgenossen mit sich fortzureißen und mit dieser Völkerlawine sich +auf Italien zu stürzen. Man hat dies wohl großartig gefunden und den +Kriegsplan des pontischen Königs mit dem Heereszug Hannibals +verglichen; aber derselbe Entwurf, der in einem genialen Geiste genial +ist, wird eine Torheit in einem verkehrten. Diese beabsichtigte +Invasion der Orientalen in Italien war einfach lächerlich und nichts +als die Ausgeburt einer ohnmächtigen phantasierenden Verzweiflung. +Durch die vorsichtige Kaltblütigkeit ihres Führers blieben die Römer +davor bewahrt, dem abenteuerlichen Gegner abenteuernd zu folgen und in +der fernen Krim einen Angriff abzuwehren, dem, wenn er nicht in sich +selber erstickte, immer noch früh genug am Fuße der Alpen begegnet +ward. In der Tat, während Pompeius, ohne weiter um die Drohungen des +ohnmächtigen Riesen sich zu bekümmern, das gewonnene Gebiet zu ordnen +beschäftigt war, erfüllten ohne sein Zutun sich im entlegenen Norden +die Geschicke des greisen Königs. Die unverhältnismäßigen Rüstungen +hatten unter den Bosporanern, denen man die Häuser einriß, die Ochsen +vom Pflug spannte und niederstieß, um Balken und Flechsen zum +Maschinenbau zu gewinnen, die heftigste Gärung hervorgerufen. Auch die +Soldaten gingen unlustig an die hoffnungslose italische Expedition. +Stets war Mithradates umgeben gewesen von Argwohn und Verrat; er hatte +nicht die Gabe, Liebe und Treue bei den Seinigen zu erwecken. Wie er in +früheren Jahren seinen ausgezeichneten Feldherrn Archelaos genötigt +hatte, im römischen Lager Schutz zu suchen, wie während der Feldzüge +Luculls seine vertrautesten Offiziere Diokles, Phönix, sogar die +namhaftesten römischen Emigranten zum Feind übergegangen waren, so +folgte jetzt, wo sein Stern erblich und der alte, kranke, verbitterte +Sultan keinem mehr als seinen Verschnittenen zugänglich war, noch +rascher Abfall auf Abfall. Der Kommandant der Festung Phanagoria (auf +der asiatischen Küste Kertsch gegenüber), Kastor, erhob zuerst die +Fahne des Aufstandes; er proklamierte die Freiheit der Stadt und +lieferte die in der Festung befindlichen Söhne Mithradats in die Hände +der Römer. Während unter den bosporanischen Städten der Aufstand sich +ausbreitete, Chersonesos (unweit Sevastopol), Theudosia (Kaffa) und +andere sich den Phanagoriten anschlossen, ließ der König seinem Argwohn +und seiner Grausamkeit den Lauf. Auf die Anzeige verächtlicher Eunuchen +hin wurden seine Vertrautesten an das Kreuz geschlagen; die eigenen +Söhne des Königs waren ihres Lebens am wenigsten sicher. Derjenige von +ihnen, der des Vaters Liebling und wahrscheinlich von ihm zum +Nachfolger bestimmt war, Pharnakes, entschloß sich und trat an die +Spitze des Insurgenten. Die Häscher, welche Mithradates sandte, um ihn +zu verhaften, die gegen ihn ausgeschickten Truppen gingen zu ihm über; +das Korps der italischen Überläufer, vielleicht der tüchtigste unter +den Mithradatischen Heerhaufen und ebendarum am wenigsten geneigt, die +abenteuerliche und für die Überläufer besonders bedenkliche Expedition +gegen Italien mitzumachen, erklärte sich in Masse für den Prinzen; die +übrigen Heerabteilungen und die Flotte folgten dem gegebenen Beispiel. +Nachdem die Landschaft und die Armee den König verlassen hatten, +öffnete endlich auch die Hauptstadt Pantikapäon den Insurgenten die +Tore und überlieferte ihnen den alten, in seinem Palaste +eingeschlossenen König. Von der hohen Mauer seiner Burg flehte dieser +den Sohn an, ihm wenigstens das Leben zu gewähren und nicht in das Blut +des Vaters die Hände zu tauchen; aber die Bitte klang übel aus dem +Munde eines Mannes, an dessen eigenen Händen das Blut der Mutter und +das frisch vergossene seines unschuldigen Sohnes Xiphares klebte, und +in seelenloser Härte und Unmenschlichkeit übertraf Pharnakes noch +seinen Vater. Da es nun also zum Tode ging, so beschloß der Sultan, +wenigstens zu sterben, wie er gelebt hatte: seine Frauen, seine Kebse +und seine Töchter, unter diesen die jugendlichen Bräute der Könige von +Ägypten und Kypros, sie alle mußten die Bitterkeit des Todes erleiden +und den Giftbecher leeren, bevor auch er denselben nahm und dann, da +der Trank nicht schnell genug wirkte, einem keltischen Söldner Betuitus +den Nacken zum tödlichen Streiche darbot. So starb im Jahre 691 (63) +Mithradates Eupator, im achtundsechzigsten Jahre seines Lebens, im +siebenundfünfzigsten seiner Regierung, sechsundzwanzig Jahre nachdem er +zum ersten Male gegen die Römer ins Feld gezogen war. Die Leiche, die +König Pharnakes als Belegstück seiner Verdienste und seiner Loyalität +an Pompeius sandte, ward auf dessen Anordnung beigesetzt in den +Königsgräbern von Sinope. + +Mithradates’ Tod galt den Römern einem Siege gleich: lorbeerbekränzt, +als hätten sie einen solchen zu melden, erschienen die Boten, welche +dem Feldherrn die Katastrophe berichteten, im römischen Lager von +Jericho. Ein großer Feind ward mit ihm zu Grabe getragen, ein größerer, +als je noch in dem schlaffen Osten einer den Römern erstanden war. +Instinktmäßig fühlte es die Menge; wie einst Scipio mehr noch über +Hannibal als über Karthago triumphiert hatte, so wurde auch die +Überwindung der zahlreichen Stämme des Ostens und des Großkönigs selbst +fast vergessen über Mithradates’ Tod, und bei Pompeius’ feierlichem +Einzug zog nichts mehr die Blicke der Menge auf sich als die +Schildereien, in denen man den König Mithradates als Flüchtling sein +Pferd am Zügel führen, dann ihn sterbend zwischen den Leichen seiner +Töchter niedersinken sah. Wie man auch über die Eigenartigkeit des +Königs urteilen mag, er ist eine bedeutende, im vollen Sinne des Wortes +weltgeschichtliche Gestalt. Er war keine geniale, wahrscheinlich nicht +einmal eine reichbegabte Persönlichkeit; aber er besaß die sehr +respektable Gabe zu hassen, und mit diesem Hasse hat er den ungleichen +Kampf gegen die übermächtigen Feinde ein halbes Jahrhundert hindurch +zwar ohne Erfolg, aber mit Ehren bestanden. Bedeutungsvoller noch als +durch seine Individualität ward er durch den Platz, auf den die +Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorläufer der nationalen Reaktion +des Orients gegen die Okzidentalen hat er den neuen Kampf des Ostens +gegen den Westen eröffnet; und das Gefühl, daß man mit seinem Tode +nicht am Ende, sondern am Anfang sei, blieb den Besiegten wie den +Siegern. + +Pompeius inzwischen war, nachdem er im Jahre 689 (65) mit den Völkern +des Kaukasus gekriegt hatte, zurückgegangen in das Pontische Reich und +bezwang daselbst die letzten noch Widerstand leistenden Schlösser, +welche, um dem Räuberunwesen zu steuern, geschleift, die Schloßbrunnen +durch hineingewälzte Felsblöcke unbrauchbar gemacht wurden. Von da +brach er im Sommer 690 (64) nach Syrien auf, um dessen Verhältnisse zu +ordnen. + +Es ist schwierig, den aufgelösten Zustand, in dem die syrischen +Landschaften damals sich befanden, anschaulich darzulegen. Zwar hatte +infolge der Angriffe Luculls der armenische Statthalter Magadates im +Jahre 685 (69), diese Provinzen geräumt, und auch die Ptolemäer, so +gern sie die Versuche ihrer Vorfahren, die syrische Küste zu ihrem +Reiche zu fügen, erneuert haben würden, scheuten sich doch, durch die +Okkupation Syriens die römische Regierung zu reizen, um so mehr als +diese noch nicht einmal für Ägypten ihren mehr als zweifelhaften +Rechtstitel reguliert hatte und von den syrischen Prinzen mehrfach +angegangen worden war, sie als die legitimen Erben des erloschenen +Lagidenhauses anzuerkennen. Aber wenn auch die größeren Mächte sich +augenblicklich sämtlich der Einmischung in die Angelegenheiten Syriens +enthielten, so litt das Land doch weit mehr, als es unter einem großen +Krieg hätte leiden können, durch die end- und ziellosen Fehden der +Fürsten, Ritter und Städte. Die faktischen Herren im Seleukidenreich +waren derzeit die Beduinen, die Juden und die Nabatäer. Die +unwirtliche, quell- und baumlose Sandsteppe, die von der Arabischen +Halbinsel aus bis an und über den Euphrat sich hinziehend gegen Westen +bis an den syrischen Gebirgszug und seinen schmalen Küstensaum, gegen +Osten bis zu den reichen Niederungen des Tigris und des unteren Euphrat +reicht, diese asiatische Sahara ist die uralte Heimat der Söhne +Ismaels; seit es eine Überlieferung gibt, finden wir dort den +“Bedawin”, den “Sohn der Wüste”, seine Zelte schlagen und seine Kamele +weiden oder auch auf seinem geschwinden Roß Jagd machen, bald auf den +Stammfeind, bald auf den wandernden Handelsmann. Begünstigt früher +durch König Tigranes, der sich ihrer für seine handelspolitischen Pläne +bediente, nachher durch die vollständige Meisterlosigkeit in dem +syrischen Lande, breiteten diese Kinder der Wüste über das nördliche +Syrien sich aus; namentlich spielten diejenigen Stämme hier politisch +fast die erste Rolle, die durch die Nachbarschaft der zivilisierten +Syrer die ersten Anfänge einer geordneten Existenz in sich aufgenommen +hatten. Die namhaftesten unter diesen Emiren waren Abgaros, der +Häuptling des Araberstammes der Mardaner, den Tigranes um Edessa und +Karrhä im oberen Mesopotamien angesiedelt hatte; dann westlich vom +Euphrat Sampsikeramos, Emir der Araber von Hemesa (Homs) zwischen +Damaskos und Antiocheia und Herr der starken Festung Arethusa; Azizos, +das Haupt einer anderen, in derselben Gegend streifenden Horde; +Alchaudonios, der Fürst der Rhambäer, der schon mit Lucullus sich in +Verbindung gesetzt hatte, und andere mehr. Neben diesen Beduinenfürsten +waren überall dreiste Gesellen aufgetreten, die es den Kindern der +Wüste in dem edlen Gewerbe der Wegelagerung gleich- oder auch +zuvortaten: so Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn, vielleicht der mächtigste +unter diesen syrischen Raubrittern und einer der reichsten Männer +dieser Zeit, der über das Gebiet der Ityräer - der heutigen Drusen - in +den Tälern des Libanos wie an der Küste und über die nördlich +vorliegende Marsyasebene mit den Städten Heliopolis (Baalbek) und +Chalkis gebot und 8000 Reiter aus seiner Tasche besoldete; so +Dionaysios und Kinyras, die Herren der Seestädte Tripolis (Tarablus) +und Byblos (zwischen Tarablus und Beirut); so der Jude Silas in Lysias, +einer Festung unweit Apameia am Orontes. + +Im Süden Syriens dagegen schien der Stamm der Juden sich um diese Zeit +zu einer politischen Macht konsolidieren zu wollen. Durch die fromme +und kühne Verteidigung des uralten jüdischen Nationalkultus, den der +nivellierende Hellenismus der syrischen Könige bedrohte, war das +Geschlecht der Hasmonäer oder der Makkabi nicht bloß zum erblichen +Prinzipal und allmählich zu königlichen Ehren gelangt, sondern es +hatten auch die fürstlichen Hochpriester erobernd nach Norden, Osten +und Süden um sich gegriffen. Als der tapfere Jannaeos Alexandros starb +(675 79) erstreckte sich das Jüdische Reich gegen Süden über das ganze +philistäische Gebiet bis an die ägyptische Grenze, gegen Südosten bis +an die des Nabatäerreiches von Petra, von welchem Jannaeos +beträchtliche Strecken am rechten Ufer des Jordan und des Toten Meeres +abgerissen hatte, gegen Norden über Samaria und die Dekapolis bis zum +See Genezareth; schon machte er hier Anstalt, Ptolemais (Acco) +einzunehmen und die Übergriffe der Ityräer erobernd zurückzuweisen. Die +Küste gehorchte den Juden vom Berg Karmel bis nach Rhinokorura mit +Einschluß des wichtigen Gaza - nur Askalon war noch frei -, so daß das +einst vom Meer fast abgeschnittene Gebiet der Juden jetzt mit unter den +Freistätten der Piraterie aufgeführt werden konnte. Wahrscheinlich +hätten, zumal da der armenische Sturm, eben als er sich den Grenzen +Judäas nahte, durch Lucullus’ Dazwischenkunft von dieser Landschaft +abgewendet ward, die begabten Herrscher des Hasmonäischen Hauses ihre +Waffen noch weiter getragen, wenn nicht die Machtentwicklung dieses +merkwürdigen, erobernden Priesterstaates durch innere Spaltungen im +Keime geknickt worden wäre. Der konfessionelle und der nationale +Unabhängigkeitssinn, deren energische Vereinigung den Makkabäerstaat +ins Leben gerufen hatte, traten rasch wieder aus- und sogar +gegeneinander. Der jüdischen Orthodoxie oder dem sogenannten +Pharisäismus genügte die freie Religionsübung, wie sie den syrischen +Herrschern abgetrotzt worden war; ihr praktisches Ziel war eine von dem +weltlichen Regiment wesentlich absehende, aus den Orthodoxen in aller +Herren Ländern zusammengesetzte Judengemeinschaft, welche in der jedem +gewissenhaften Juden obliegenden Steuer für den Tempel zu Jerusalem und +in den Religionsschulen und geistlichen Gerichten ihre sichtbaren +Vereinigungspunkte fand. Dieser von dem staatlichen Leben sich +abwendenden, mehr und mehr in theologischer Gedankenlosigkeit und +peinlichem Zeremonialdienst erstarrenden Orthodoxie gegenüber standen +die Vertreter der nationalen Unabhängigkeit, erstarkt in den +glücklichen Kämpfen gegen die Fremdherrschaft, vorschreitend zu dem +Gedanken einer Wiederherstellung des jüdischen Staates, die Vertreter +der alten großen Geschlechter, die sogenannten Sadduzäer, teils +dogmatisch, indem sie nur die heiligen Bücher selber gelten ließen und +den Vermächtnissen der Schriftgelehrten, das ist der kanonischen +Tradition, nur Autorität, nicht Kanonizität zusprachen ^2; teils und +vor allem politisch, indem sie anstatt des fatalistischen Zuwartens auf +den starken Arm des Herrn Zebaoth das Heil der Nation erwarten lehrten +von den Waffen dieser Welt und von der innerlichen und äußerlichen +Stärkung des in den glorreichen Makkabäerzeiten wiederaufgerichteten +Davidischen Reiches. Jene Orthodoxen fanden ihren Halt in der +Priesterschaft und der Menge; sie bestritten den Hasmonäern die +Legitimität ihrer Hohenpriesterschaft und fochten gegen die bösen +Ketzer mit der ganzen rücksichtslosen Unversöhnlichkeit, womit die +Frommen für den Besitz irdischer Güter zu streiten gewohnt sind. Die +staatliche Partei dagegen stützte sich auf die von den Einflüssen des +Hellenismus berührte Intelligenz, auf das Heer, in dem zahlreiche +pisidische und kilikische Söldner dienten, und auf die tüchtigeren +Könige, welche hier mit der Kirchengewalt rangen, ähnlich wie ein +Jahrtausend später die Hohenstaufen mit dem Papsttum. Mit starker Hand +hatte Jannaeos die Priesterschaft niedergehalten; unter seinen beiden +Söhnen kam es (685f. 69) zu einem Bürger- und Bruderkrieg, indem die +Pharisäer sich dem kräftigen Aristobulos widersetzten und versuchten, +unter der nominellen Herrschaft seines Bruders, des gutmütigen und +schlaffen Hyrkanos, ihre Zwecke zu erreichen. Dieser Zwist brachte +nicht bloß die jüdischen Eroberungen ins Stocken, sondern gab auch +auswärtigen Nationen Gelegenheit, sich einzumischen und dadurch im +südlichen Syrien eine gebietende Stellung zu gewinnen. Zunächst gilt +dies von den Nabatäern. Diese merkwürdige Nation ist oft mit ihren +östlichen Nachbarn, den schweifenden Arabern, zusammengeworfen worden, +aber näher als den eigentlichen Kindern Ismaels ist sie dem aramäischen +Zweige verwandt. Dieser aramäische oder, nach der Benennung der +Okzidentalen, syrische Stamm muß von seinen ältesten Sitzen um Babylon, +wahrscheinlich des Handels wegen, in sehr früher Zeit eine Kolonie an +die Nordspitze des Arabischen Meerbusens ausgeführt haben: dies sind +die Nabatäer auf der Sinaitischen Halbinsel zwischen dem Golf von Suez +und Aila und in der Gegend von Petra (Wadi Musa). In ihren Häfen wurden +die Waren vom Mittelmeer gegen indische umgesetzt; die große südliche +Karawanenstraße, die von Gaza zur Euphratmündung und dem Persischen +Meerbusen lief, führte durch die Hauptstadt der Nabatäer Petra, deren +heute noch prachtvolle Felspaläste und Felsengräber deutlicheres +Zeugnis von der nabatäischen Zivilisation ablegen als die fast +verschollene Überlieferung. Die Pharisäerführer, denen nach Priesterart +der Sieg ihrer Partei um den Preis der Unabhängigkeit und Integrität +des Landes nicht zu teuer erkauft schien, ersuchten den König der +Nabatäer, Aretas, um Hilfe gegen Aristobulos, wofür sie alle von +Jannäos ihm entrissenen Eroberungen an ihn zurückzugeben verhießen. +Daraufhin war Aretas mit angeblich 50000 Mann in das jüdische Land +eingerückt und, verstärkt durch den Anhang der Pharisäer, hielt er den +König Aristobulos in seiner Hauptstadt belagert. + +——————————————————————————- + +^2 So verwarfen die Sadduzäer die Engel- und Geisterlehre und die +Auferstehung der Toten. Die meisten überlieferten Differenzpunkte +zwischen Pharisäern und Sadduzäern beziehen sich auf untergeordnete +rituelle, juristische und Kalenderfragen. Charakteristisch ist es, daß +die siegenden Pharisäer diejenigen Tage, an denen sie in den einzelnen +Kontroversen definitiv die Oberhand behalten oder ketzerische +Mitglieder aus dem Oberkonsistorium ausgestoßen hatten, in das +Verzeichnis der Gedenk- und Festtage der Nation eingetragen haben. + +—————————————————————————- + +Unter dem Faust- und Fehderecht, die also von einem Ende Syriens zum +andern herrschten, litten natürlich vor allen Dingen die größeren +Städte, wie Antiocheia, Seleukeia, Damaskos, deren Bürger in ihrem +Feldbau wie in ihrem See- und Karawanenhandel sich gelähmt sahen. Die +Bürger von Byblos und Berytos (Beirut) vermochten weder ihre Äcker noch +ihre Schiffe vor den Ityräern zu schützen, die von ihren Berg- und +Seekastellen aus Land und Meer gleich unsicher machten. Die von +Damaskos suchten der Angriffe der Ityräer und des Ptolemaeos dadurch +sich zu erwehren, daß sie sich den entfernteren Königen der Nabatäer +oder der Juden zu eigen gaben. In Antiocheia mischten sich +Sampsikeramos und Azizos in die inneren Fehden der Bürgerschaft und +fast wäre die hellenische Großstadt schon jetzt der Sitz eines +arabischen Emirs geworden. Es waren Zustände, die an die königlosen +Zeiten des deutschen Mittelalters erinnern, als Nürnberg und Augsburg +nicht in des Königs Recht und Gericht, sondern einzig in ihren Wällen +noch Schutz fanden; ungeduldig harrten die syrischen Kaufbürger des +starken Arms, der ihnen Frieden und Verkehrssicherheit wiedergab. An +einem legitimen König übrigens fehlte es in Syrien nicht; man hatte +deren sogar zwei oder drei. Ein Prinz Antiochos aus dem Hause der +Seleukiden war von Lucullus als Herr der nördlichsten syrischen Provinz +Kommagene eingesetzt worden, Antiochos der Asiate, dessen Ansprüche auf +den syrischen Thron sowohl bei dem Senat als bei Lucullus Anerkennung +gefunden hatten, war nach dem Abzug der Armenier in Antiocheia +aufgenommen und daselbst als König anerkannt worden. Ihm war dort +sogleich ein dritter Seleukidenprinz, Philippos, als Nebenbuhler +entgegengetreten, und es hatte die große, fast wie die alexandrinische +bewegliche und oppositionslustige Bürgerschaft von Antiocheia sowie +dieser und jener benachbarte arabische Emir sich eingemischt in den +Familienzwist, der nun einmal von der Herrschaft der Seleukiden +unzertrennlich schien. War es ein Wunder, daß die Legitimität den +Untertanen zum Spott und zum Ekel ward und daß die sogenannten +rechtmäßigen Könige noch etwas weniger im Lande galten als die kleinen +Fürsten und Raubritter? + +In diesem Chaos Ordnung zu schaffen, bedurfte es weder genialer +Konzeptionen noch gewaltiger Machtentfaltung, wohl aber der klaren +Einsicht in die Interessen Roms und seiner Untertanen, und der +kräftigen und folgerechten Aufrichtung und Aufrechthaltung der als +notwendig erkannten Institutionen. Die Legitimitätspolitik des Senats +hatte sich sattsam prostituiert; den Feldherrn, den die Opposition ans +Regiment gebracht, durften nicht dynastische Rücksichten leiten, +sondern er hatte einzig darauf zu sehen, daß das Syrische Reich in +Zukunft weder durch Zwist der Prätendenten noch durch die +Begehrlichkeit der Nachbarn der römischen Klientel entzogen werde. Dazu +aber gab es nur einen Weg: daß die römische Gemeinde durch einen von +ihr gesandten Satrapen mit kräftiger Hand die Zügel der Regierung +erfasse, die den Königen des regierenden Hauses mehr noch durch eigene +Verschuldung als durch äußere Unfälle seit langem tatsächlich +entglitten waren. Den Weg schlug Pompeius ein. Antiochos der Asiate +erhielt auf seine Bitte, ihn als den angestammten Herrscher Syriens +anzuerkennen, die Antwort, daß Pompeius einem Könige, der sein Reich +weder zu behaupten noch zu regieren wisse, die Herrschaft nicht einmal +auf die Bitte seiner Untertanen, geschweige denn gegen deren bestimmt +ausgesprochene Wünsche zurückgeben werde. Mit diesem Briefe des +römischen Prokonsuls war das Haus des Seleukos von dem Throne gestoßen, +den es seit zweihundertfünfzig Jahren eingenommen hatte. Antiochos +verlor bald darauf sein Leben durch die Hinterlist des Emirs +Sampsikeramos, als dessen Klient er in Antiocheia den Herrn spielte; +seitdem ist von diesen Schattenkönigen und ihren Ansprüchen nicht +weiter die Rede. Wohl aber war es, um das neue römische Regiment zu +begründen und eine leidliche Ordnung in die verwirrten Verhältnisse zu +bringen, noch erforderlich, mit Heeresmacht in Syrien einzurücken und +all die Störer der friedlichen Ordnung, die während der vieljährigen +Anarchie emporgewachsen waren, durch die römischen Legionen zu +schrecken oder niederzuwerfen. Schon während der Feldzüge im Pontischen +Reiche und am Kaukasus hatte Pompeius den Angelegenheiten Syriens seine +Aufmerksamkeit zugewandt und einzelne Beauftragte und Abteilungen wo es +not tat eingreifen lassen. Aulus Gabinius - derselbe, der als +Volkstribun Pompeius nach dem Osten gesandt hatte - war schon 689 (65) +an den Tigris und sodann quer durch Mesopotamien nach Syrien +marschiert, um die verwickelten Verhältnisse im jüdischen Lande zu +schlichten. Ebenso war das schwer bedrängte Damaskos bereits durch +Lollius und Metellus besetzt worden. Bald nachher traf ein anderer +Adjutant des Pompeius, Marcus Scaurus, in Judäa ein, um die immer neu +wieder daselbst ausbrechenden Fehden beizulegen. Auch Lucius Afrianus, +der während Pompeius’ Expedition nach dem Kaukasus das Kommando über +die römischen Truppen in Armenien führte, hatte von Korduene (dem +nördlichen Kurdistan) aus sich in das obere Mesopotamien begeben und, +nachdem er durch die hilfreiche Teilnahme der in Karrhä angesiedelten +Hellenen den gefährlichen Weg durch die Wüste glücklich zurückgelegt +hatte, die Araber in Osrhoene zur Botmäßigkeit gebracht. Gegen Ende des +Jahres 690 (64), langte dann Pompeius selbst in Syrien an ^3 und +verweilte dort bis zum Sommer des folgenden Jahres, entschlossen +durchgreifend und für jetzt und künftig die Verhältnisse ordnend. +Zurückgehend auf die Zustände des Reiches in den besseren Zeiten der +Seleukidenherrschaft, wurden alle usurpierten Gewalten beseitigt, die +Raubherren aufgefordert, ihre Burgen zu übergeben, die arabischen +Scheichs wieder auf ihr Wüstengebiet beschränkt, die Verhältnisse der +einzelnen Gemeinden definitiv geregelt. Diesen strengen Befehlen +Gehorsam zu verschaffen, standen die Legionen bereit, und ihr +Einschreiten erwies sich insbesondere gegen die verwegenen Raubritter +als notwendig. Silas, der Herr von Lysias, der Herr von Tripolis, +Dionysios, der Herr von Byblos, Kinyras, wurden in ihren Burgen +gefangengenommen und hingerichtet, die Berg- und Seeschlösser der +Ityräer gebrochen, Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn in Chalkis gezwungen, mit +1000 Talenten (1827000 Taler) Lösegeld sich Freiheit und Herrschaft zu +erkaufen. Im übrigen fanden die Befehle des neuen Machthabers +meistenteils widerstandslosen Gehorsam. Nur die Juden schwankten. Die +früher von Pompeius gesandten Vermittler, Gabinius und Scaurus, hatten +- beide, wie es heißt, mit bedeutenden Summen bestochen - im Streite +der beiden Brüder Hyrkanos und Aristobulos zu Gunsten des letzteren +entschieden, auch den König Aretas veranlaßt, die Belagerung von +Jerusalem aufzuheben und sich in seine Heimat zu begeben, wobei er auf +dem Rückweg noch von Aristobulos eine Niederlage erlitt. Als aber +Pompeius in Syrien eintraf, kassierte er die Anordnungen seiner +Untergebenen und wies die Juden an, ihre alte Hochpriesterverfassung, +wie der Senat sie um 593 (61) anerkannt hatte, wieder einzuführen und +wie auf das Fürstentum selbst, so auch auf alle von den Hasmonäischen +Fürsten gemachten Eroberungen zu verzichten. Es waren die Pharisäer, +welche eine Gesandtschaft von zweihundert ihrer angesehensten Männer an +den römischen Feldherrn gesandt und von ihm den Sturz des Königtums +ausgewirkt hatten; nicht zum Vorteil der eigenen Nation, aber wohl zu +dem der Römer, die der Natur der Sache nach auch hier zurückkommen +mußten auf die alten Rechte der Seleukiden und eine erobernde Macht, +wie die des Jannaeos war, innerhalb ihres Reiches nicht dulden konnten. +Aristobulos schwankte, ob es besser sei, das Unvermeidliche geduldig +über sich ergehen zu lassen oder mit den Waffen in der Hand dem +Verhängnis zu erliegen; bald schien er im Begriff, sich Pompeius zu +unterwerfen, bald die nationale Partei unter den Juden zum Kampfe gegen +die Römer aufzurufen. Als endlich, da schon die Legionen vor den Toren +standen, er sich dem Feinde ergab, weigerte sich der entschlossenere +oder fanatisiertere Teil seiner Armee, den Befehlen des unfreien Königs +Folge zu leisten. Die Hauptstadt unterwarf sich; den steilen +Tempelfelsen verteidigte jene fanatische Schar drei Monate hindurch mit +todesmutiger Hartnäckigkeit, bis endlich während der Sabbathruhe der +Belagerten die Belagerer eindrangen, des Heiligtums sich bemächtigten +und die Anstifter dieser verzweifelten Gegenwehr, soweit sie nicht +unter den römischen Schwertern gefallen waren, unter die Beile der +Liktoren sandten. Damit ging der letzte Widerstand in den neu zum +römischen Staat gezogenen Gebieten zu Ende. + +————————————————————- + +^3 Den Winter 689/90 (65/64) brachte Pompeius noch in der Nähe des +Kaspischen Meeres zu (Dio 37, 7). Im Jahre 690 (64) unterwarf er +zunächst im Pontischen Reiche die letzten noch Widerstand leistenden +Burgen und zog dann langsam, überall die Verhältnisse regelnd, gegen +Süden. Daß die Ordnung Syriens 690 (64) begann, bestätigt sich dadurch, +daß die syrische Provinzialära mit diesem Jahre anhebt und durch +Ciceros Angabe hinsichtlich Kommagenes (ad. Q. fr. 2. 12, 2; vgl. Dio +37, 7). Den Winter 691/90 (64/63) scheint Pompeius in Antiocheia sein +Hauptquartier gehabt zu haben (Ios. bel. Iud. 14, 3, 1 u. 2, wo die +Verwirrung von Niese im Hermes 11, 1877, S. 471 berichtigt worden ist). + +————————————————————- + +Das von Lucullus begonnene Werk hatte Pompeius vollendet: die bisher +formell selbständigen Staaten Bithynien, Pontus und Syrien waren mit +dem römischen vereinigt, die seit mehr als hundert Jahren als notwendig +erkannte Vertauschung des schwächlichen Klientelsystems mit der +unmittelbaren Herrschaft über die wichtigeren abhängigen Gebiete war +endlich verwirklicht worden, sowie der Senat gestürzt und die +Gracchische Partei ans Ruder gekommen war. Man hatte im Osten neue +Grenzen erhalten, neue Nachbarn, neue freundliche und feindliche +Beziehungen. Neu traten unter die mittelbar römischen Gebiete ein das +Königreich Armenien und die kaukasischen Fürstentümer, ferner das Reich +am Kimmerischen Bosporus, der geringe Überrest der ausgedehnten +Eroberungen Mithradates Eupators, jetzt unter der Regierung seines +Sohnes und Mörders Pharnakes ein römischer Klientelstaat; nur die Stadt +Phanagoria, deren Befehlshaber Kastor das Signal zum Aufstand gegeben +hatte, wurde dafür von den Römern als frei und unabhängig anerkannt. +Nicht gleicher Erfolge konnte man gegen die Nabatäer sich rühmen. König +Aretas hatte zwar, dem Begehren der Römer sich fügend, das jüdische +Land geräumt; allein Damaskos war noch in seinen Händen und das +Nabatäerland nun gar hatte noch kein römischer Soldat betreten. Um dies +zu unterwerfen oder mindestens doch den neuen Nachbarn im arabischen +Lande zu zeigen, daß jetzt am Orontes und am Jordan die römischen Adler +geboten und daß die Zeit vorbei war, wo die syrischen Landschaften als +herrenloses Gut zu brandschatzen jedem freistand, begann Pompeius im +Jahre 691 (63) eine Expedition gegen Petra; allein aufgehalten durch +den Aufstand der Juden, der während dieses Zuges zum Ausbruch kam, +überließ er seinem Nachfolger Marcus Scaurus nicht ungern die +Ausführung der schwierigen Unternehmung gegen die fern inmitten der +Wüste gelegene Nabatäerstadt ^4. In der Tat sah auch Scaurus sich bald +genötigt, unverrichteter Sache umzukehren. Er mußte sich begnügen, in +den Wüsten am linken Ufer des Jordan die Nabatäer zu bekriegen, wo er +sich auf die Juden zu stützen vermochte, aber doch auch nur sehr +unbedeutende Erfolge davontrug. Schließlich überredete der gewandte +jüdische Minister Antipatros aus Idumäa den Aretas, sich die Gewähr +seiner sämtlichen Besitzungen mit Einschluß von Damaskos von dem +römischen Statthalter um eine Geldsumme zu erkaufen; und dies ist denn +der auf den Münzen des Scaurus verherrlichte Friede, wo König Aretas, +das Kamel am Zügel, kniefällig, dem Römer den Ölzweig darreichend +erscheint. + +—————————————————————- + +^4 Zwar lassen Orosius (6, 6) und Dio (37, 15), ohne Zweifel beide nach +Livius, Pompeius bis nach Petra gelangen, auch wohl die Stadt einnehmen +oder gar das Rote Meer erreichen; allein daß er im Gegenteil bald nach +Empfang der Nachricht von dem Tode Mithradats, die ihm auf dem Marsche +nach Jerusalem zukam, aus Syrien nach Pontus zurückging, sagt Plutarch +(Pomp. 41, 42) und wird durch Florus (1, 39) und Josephus (bel. Iud. +14, 3, 3 u. 4) bestätigt. Wenn König Aretas unter den von Pompeius +Besiegten in den Bulletins figuriert, so genügte hierfür sein durch +Pompeius veranlaßter Abzug von Jerusalem. + +————————————————————— + +Bei weitem folgenreicher als diese neuen Beziehungen der Römer zu den +Armeniern, Iberern, Bosporanern und Nabatäern war die Nachbarschaft, in +welche sie durch die Okkupation Syriens zu dem parthischen Staate +traten. So geschmeidig die römische Diplomatie gegen Phraates +aufgetreten war, als noch der pontische und der armenische Staat +aufrecht standen, so willig damals sowohl Lucullus als Pompeius ihm den +Besitz der Landschaften jenseits des Euphrat zugestanden hatten, so +schroff stellte jetzt der neue Nachbar sich neben den Arsakiden; und +wenn die königliche Kunst, die eigenen Fehler zu vergessen, es ihm +gestattete, mochte Phraates wohl jetzt sich der warnenden Worte +Mithradats erinnern, daß der Parther durch das Bündnis mit den +Okzidentalen gegen die stammverwandten Reiche erst diesen und sodann +sich selber das Verderben bereite. Römer und Parther im Bunde hatten +Armenien zugrunde gerichtet; als es gestürzt war, kehrte Rom, seiner +alten Politik getreu, die Rollen um und begünstigte den gedemütigten +Feind auf Kosten des allzumächtigen Bundesgenossen. Schon die +auffallende Bevorzugung gehört hierher, die der Vater Tigranes seinem +Sohne, dem Verbündeten und Tochtermann des Partherkönigs, gegenüber bei +Pompeius fand; es war eine unmittelbare Beleidigung, als bald nachher +auf Pompeius’ Befehl der jüngere Tigranes mit seiner Familie zur Haft +gebracht und selbst dann nicht freigegeben ward, als sich Phraates bei +dem befreundeten Feldherrn für seine Tochter und seinen Schwiegersohn +verwandte. Aber Pompeius blieb hierbei nicht stehen. Die Landschaft +Korduene, auf welche sowohl Phraates als Tigranes Ansprüche erhoben, +wurde auf Pompeius’ Befehl durch römische Truppen für den letzteren +okkupiert und die im Besitz befindlichen Parther über die Grenze +hinausgeschlagen, ja bis nach Arbela in Adiabene verfolgt, ohne daß die +Regierung von Ktesiphon auch nur vorher gehört worden wäre (689 65). +Weitaus am bedenklichsten jedoch war es, daß die Römer keineswegs +geneigt schienen, die traktatenmäßig festgestellte Euphratgrenze zu +respektieren. Mehrmals marschierten römische, von Armenien nach Syrien +bestimmte Abteilungen quer durch Mesopotamien; der arabische Emir +Abgaros von Osrhoene ward unter auffallend günstigen Bedingungen in die +römische Klientel aufgenommen; ja Oruros, das im oberen Mesopotamien +etwa zwischen Nisibis und dem Tigris 50 deutsche Meilen östlich von dem +kommagenischen Euphratübergang liegt, ward bezeichnet als östlicher +Grenzpunkt der römischen Herrschaft, vermutlich der mittelbaren, +insofern die größere und fruchtbarere nördliche Hälfte Mesopotamiens +von den Römern ebenso wie Korduene dem Armenischen Reiche zugelegt +worden war. Die Grenze zwischen Römern und Parthern ward also statt des +Euphrat die große syrisch-mesopotamische Wüste; und auch dies schien +nur vorläufig. Den parthischen Gesandten, die kamen, um auf das +Einhalten der allerdings, wie es scheint, nur mündlich abgeschlossenen +Verträge hinsichtlich der Euphratgrenze zu dringen, gab Pompeius die +zweideutige Antwort, daß Roms Gebiet sich so weit erstrecke wie sein +Recht. Ein Kommentar zu dieser Rede schien der auffällige Verkehr +zwischen dem römischen Oberfeldherrn und den parthischen Satrapen der +Landschaft Medien und selbst der fernen Provinz Elymais (zwischen +Susiana, Medien und Persien im heutigen Luristan) ^5. Die Statthalter +dieses letzteren, gebirgigen, kriegerischen und entlegenen Landes waren +von je her bestrebt gewesen, eine von dem Großkönig unabhängige +Stellung zu gewinnen; um so verletzender und bedrohlicher war es für +die parthische Regierung, wenn Pompeius von diesem Dynasten die +dargebotene Huldigung annahm. Nicht minder war es bezeichnend, daß der +Titel des “Königs der Könige”, der dem Partherkönig bis dahin auch von +den Römern im offiziellen Verkehr zugestanden worden war, jetzt auf +einmal von ihnen mit dem einfachen Königstitel vertauscht ward. Es war +das mehr noch eine Drohung als eine Verletzung der Etikette. Seit Rom +die Erbschaft der Seleukiden getan, schien es fast, als gedenke man +dort im gelegenen Augenblick auf jene alten Zeiten zurückzugreifen, da +ganz Iran und Turan von Antiocheia aus beherrscht wurden und es doch +kein Parthisches Reich gab, sondern nur eine parthische Satrapie. Der +Hof von Ktesiphon hätte also Grund genug gehabt, mit Rom den Krieg zu +beginnen; es schien die Einleitung dazu, daß er im Jahre 690 (64) wegen +der Grenzfrage ihn an Armenien erklärte. Aber Phraates hatte doch nicht +den Mut, eben jetzt, wo der gefürchtete Feldherr mit seiner starken +Armee an den Grenzen des Parthischen Reiches stand, mit den Römern +offen zu brechen. Als Pompeius Kommissarien sandte, um den Streit +zwischen Parthien und Armenien gütlich beizulegen, fügte Phraates sich +der aufgezwungenen römischen Vermittlung und ließ es sich gefallen, daß +ihr Schiedsspruch den Armeniern Korduene und das nördliche Mesopotamien +zuwies. Bald nachher schmückte seine Tochter mit ihrem Sohne und ihrem +Gemahl den Triumph des römischen Feldherrn. Auch die Parther zitterten +vor der römischen Übermacht; und wenn sie nicht wie die Pontiker und +die Armenier den römischen Waffen erlegen waren, so schien die Ursache +davon nur die zu sein, daß sie es nicht gewagt hatten, den Kampf zu +bestehen. + +——————————————————————————- + +^5 Diese Auffassung beruht auf der Erzählung Plutarchs (Pomp. 36), +welche durch Strabons (16, 744) Schilderung der Stellung des Satrapen +von Elymais unterstützt wird. Eine Ausschmückung davon ist es, wenn in +den Verzeichnissen der von Pompeius besiegten Landschaften und Könige +Medien und dessen König Dareios aufgeführt werden (Diod. fr. Vat. p. +140; App. Mithr. 117); und daraus weiter herausgesponnen ist Pompeius’ +Krieg mit den Medern (Vell. 2, 40; App. Mithr. 106, 114) und nun gar +der Zug desselben nach Ekbatana (Oros. hist. 6, 5). Eine Verwechselung +mit der fabelhaften gleichnamigen Stadt auf dem Karmel hat hier +schwerlich stattgefunden; es ist einfach jene unleidliche, wie es +scheint aus Pompeius’ großartigen und absichtlich zweideutigen +Bulletins sich herleitende, Übertreibung, die aus seiner Razzia gegen +die Gätuler einen Zug an die afrikanische Westküste (Plut. Pomp. 38), +aus seiner fehlgeschlagenen Expedition gegen die Nabatäer eine +Eroberung der Stadt Petra, aus seinem Schiedsspruch hinsichtlich der +Grenzen Armeniens eine Feststellung der römischen Reichsgrenze jenseits +Nisibis gemacht hat. + +———————————————————————————- + +Noch lag es dem Feldherrn ob, die inneren Verhältnisse der +neugewonnenen Landschaften zu regulieren und die Spuren eines +dreizehnjährigen, verheerenden Krieges soweit möglich zu tilgen. Das in +Kleinasien von Lucullus und der ihm beigegebenen Kommission, auf Kreta +von Metellus begonnene Organisationsgeschäft erhielt den endlichen +Abschluß durch Pompeius. Die bisherige Provinz Asia, die Mysien, +Lydien, Phrygien und Karien umfaßte, ward aus einer Grenz- eine +Mittelprovinz; neu eingerichtet wurden die Provinz Bithynien und +Pontus, welche gebildet ward aus dem gesamten ehemaligen Reiche des +Nikomedes und der westlichen Hälfte des ehemaligen pontischen Staates +bis an und über den Halys; die Provinz Kilikien, die zwar schon älter +war, aber doch erst jetzt ihrem Namen entsprechend erweitert und +organisiert ward und auch Pamphylien und Isaurien miteinschloß; die +Provinz Syrien und die Provinz Kreta. Freilich fehlte viel, daß jene +Ländermasse als römischer Territorialbesitz in dem heutigen Sinne des +Wortes hätte betrachtet werden können. Form und Ordnung des Regiments +blieben im wesentlichen, wie sie waren; nur trat an den Platz der +bisherigen Monarchen die römische Gemeinde. Wie bisher bestanden jene +asiatischen Landschaften aus einer bunten Mischung von +Domanialbesitzungen, tatsächlich oder rechtlich autonomen +Stadtgebieten, fürstlichen und priesterlichen Herrschaften und +Königreichen, welche alle für die innere Verwaltung mehr oder minder +sich selbst überlassen waren, übrigens aber bald in milderen, bald in +strengeren Formen von der römischen Regierung und deren Prokonsuln in +ähnlicher Weise abhingen, wie früher von dem Großkönig und dessen +Satrapen. Wenigstens dem Range nach nahm unter den abhängigen Dynasten +den ersten Platz ein der König von Kappadokien, dessen Gebiet schon +Lucullus durch die Belehnung mit der Landschaft Melitene (um Malatia) +bis an den Euphrat erweitert hatte und dem Pompeius noch teils an der +Westgrenze einige von Kilikien abgerissene Bezirke von Kastabala bis +nach Derbe bei Ikonion, teils an der Ostgrenze die am linken +Euphratufer Melitene gegenüber gelegene, anfänglich dem armenischen +Prinzen Tigranes zugedachte Landschaft Sophene verlieh, wodurch also +die wichtigste Euphratpassage ganz in die Gewalt dieses Fürsten kam. +Die kleine Landschaft Kommagene zwischen Syrien und Kappadokien mit der +Hauptstadt Samosata (Samsat) blieb als abhängiges Königtum dem schon +genannten Seleukiden Antiochos ^6: demselben wurden auch die wichtige, +den südlicheren Übergang über den. Euphrat beherrschende Festung +Seleukeia (bei Biradjik) und die nächsten Striche am linken Ufer des +Euphrat zugeteilt und somit dafür gesorgt, daß die beiden +Hauptübergänge über den Euphrat mit einem entsprechenden Gebiet am +östlichen Ufer in den Händen zweier von Rom völlig abhängigen Dynasten +blieben. Neben den Königen von Kappadokien und Kommagene und an +wirklicher Macht ihnen bei weitem überlegen herrschte in Kleinasien der +neue König Deiotarus. Einer der Vierfürsten des um Pessinus ansässigen +Keltenstammes der Tolistoboger und von Lucullus und Pompeius mit den +anderen kleinen römischen Klienten zur Heerfolge aufgeboten, hatte +Deiotarus in diesen Feldzügen, im Gegensatz zu all den schlaffen +Orientalen, seine Zuverlässigkeit und seine Tatkraft so glänzend +bewährt, daß die römischen Feldherren zu seinem galatischen Erbe und +seinen Besitzungen in der reichen Landschaft zwischen Amisos und der +Halysmündung ihm noch die östliche Hälfte des ehemals Pontischen +Reiches mit den Seestädten Pharnakia und Trapezus und das pontische +Armenien bis zur kolchischen und großarmenischen Grenze als Königreich +Klein-Armenien verliehen. Bald nachher vermehrte er sein schon +ansehnliches Gebiet noch durch die Landschaft der keltischen Trokmer, +deren Vierfürsten er verdrängte. So ward der geringe Lehnsmann einer +der mächtigsten Dynasten Kleinasiens, dem die Hut eines wichtigen Teils +der Reichsgrenze anvertraut werden konnte. Vasallen geringerer +Bedeutung waren die übrigen zahlreichen galatischen Vierfürsten, von +denen einer, der Trokmerfürst Bogodiatarus, wegen seiner im +Mithradatischen Kriege bewährten Tüchtigkeit von Pompeius mit der +ehemals pontischen Grenzstadt Mithradation beschenkt ward; der Fürst +von Paphlagonien, Attalos, der sein Geschlecht auf das alte +Herrscherhaus der Pylämeniden zurückführte; Aristarchos und andere +kleine Herren im kolchischen Gebiet; Tarkondimotos, der im östlichen +Kilikien in den Bergtälern des Amanos gebot; Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn, +der fortfuhr, in Chalkis am Libanos zu herrschen; der Nabatäerkönig +Aretas als Herr von Damaskos; endlich die arabischen Emirs in den +Landschaften dies- und jenseits des Euphrat, Abgaros in Osrhoene, den +die Römer, um ihn als vorgeschobenen Posten gegen die Parther zu +benutzen, auf alle Weise in ihr Interesse zu ziehen sich bemühten, +Sampsikeramos in Hemesa, Alchaudonios der Rhambäer, ein anderer Emir in +Bostra. Dazu kamen ferner die geistlichen Herren, die im Osten häufig +gleich den weltlichen Dynasten über Land und Leute geboten, und an +deren in dieser Heimat des Fanatismus fest gegründeter Autorität zu +rütteln oder auch nur die Tempel ihrer Schätze zu berauben die Römer +klüglich sich enthielten: der Hochpriester der Göttin Mutter in +Pessinus; die beiden Hochpriester der Göttin Ma in dem kappadokischen +Komana (am oberen Saros) und in der gleichnamigen pontischen Stadt +(Gümenek bei Tokat), welche beide Herren in ihren Landschaften nur dem +König an Macht nachstanden und deren jeder noch in viel späterer Zeit +ausgedehnte Liegenschaften mit eigener Gerichtsbarkeit und an +sechstausend Tempelsklaven besaß - mit dem pontischen Hochpriesteramt +ward Archelaos, der Sohn des gleichnamigen, von Mithradates zu den +Römern übergegangenen Feldherrn, von Pompeius belehnt -; der +Hochpriester des Venasischen Zeus in dem kappadokischen Amt Morimene, +dessen Einkünfte sich auf jährlich 23300 Taler (15 Talente) beliefen; +der “Erzpriester und Herr” desjenigen Gebiets im Rauhen Kilikien, wo +Teukros, des Aias Sohn, dem Zeus einen Tempel gegründet hatte, welche +seine Nachkommen kraft Erbrechts vorstanden; der “Erzpriester und Herr +des Volkes” der Juden, dem Pompeius, nachdem er die Mauern der +Hauptstadt und die königlichen Schatz- und Zwingburgen im Lande +geschleift hatte, unter ernstlicher Verwarnung, Friede zu halten und +nicht weiter auf Eroberungen auszugehen, die Vorstandschaft seiner +Nation zurückgab. Neben diesen weltlichen und geistlichen Potentaten +standen die Stadtgemeinden. Zum Teil waren dieselben zu größeren +Verbänden zusammengeordnet, welche einer verhältnismäßigen +Selbständigkeit sich erfreuten, wie namentlich der wohlgeordnete und +zum Beispiel der Teilnahme an der wüsten Piratenwirtschaft stets +ferngebliebene Bund der dreiundzwanzig lykischen Städte; wogegen die +zahlreichen vereinzelt stehenden Gemeinden, selbst wenn sie die +Selbstregierung verbrieft erhalten hatten, tatsächlich von den +römischen Statthaltern durchaus abhängig waren. Die Römer verkannten es +nicht, daß mit der Aufgabe, den Hellenismus zu vertreten und im Osten +Alexanders Marken zu schirmen und zu erweitern, vor allem die Hebung +des städtischen Wesens ihnen zur Pflicht geworden war; denn wenn die +Städte überall die Träger der Gesittung sind, so faßte vor allem der +Antagonismus der Orientalen und Okzidentalen in seiner ganzen Schärfe +sich zusammen in dem Gegensatz der orientalischen, +militärisch-despotischen Lebenshierarchie und des hellenisch-italischen +gewerb- und handeltreibenden städtischen Gemeinwesens. Lucullus und +Pompeius, sowenig sie auch sonst auf die Nivellierung der Zustände im +Osten ausgingen, und sosehr auch der letztere in Detailfragen die +Anordnungen seines Vorgängers zu meistern und zu ändern geneigt war, +trafen doch vollständig zusammen in dem Grundsatz, das städtische Wesen +in Kleinasien und Syrien bach Kräften zu fördern. Kyzikos, an dessen +kräftiger Gegenwehr die erste Heftigkeit des letzten Krieges sich +gebrochen hatte, empfing von Lucullus eine beträchtliche Erweiterung +seines Gebietes. Das pontische Herakleia, wie energisch es auch den +Römern widerstanden hatte, erhielt dennoch sein Gebiet und seine Häfen +zurück, und Cottas barbarisches Wüten gegen die unglückliche Stadt +erfuhr im Senat den schärfsten Tadel. Lucullus hatte es tief und +aufrichtig beklagt, daß das Schicksal ihm das Glück versagt hatte, +Sinope und Amisos von der Verheerung durch die pontische und die eigene +Soldateska zu erretten; er tat wenigstens, was er vermochte, um sie +wiederherzustellen, erweiterte ansehnlich ihre Gebiete, bevölkerte sie +aufs neue teils mit den alten Bewohnern, die auf seine Einladung +scharenweise in die geliebte Heimat zurückkehrten, teils mit neuen +Ansiedlern hellenischer Abstammung und sorgte für den Wiederaufbau der +zerstörten Gebäude. In gleichem Sinn und in noch größerem Maßstab +verfuhr Pompeius. Schon nach der Überwindung der Piraten hatte er die +Gefangenen, deren Zahl 20000 überstieg, statt nach dem Beispiel seiner +Vorgänger sie zu kreuzigen, angesiedelt teils in den verödeten Städten +des Ebenen Kilikien, wie in Mallos, Adana, Epiphaneia, und besonders in +Soloi, das seitdem den Namen der Pompeiusstadt (Pompeiopolis) führte, +teils in Dyme in Achaia, ja sogar in Tarent. Die Piratenkolonisierung +fand vielfachen Tadel ^7, da sie gewissermaßen auf das Verbrechen eine +Belohnung zu setzen schien; in der Tat war sie politisch und sittlich +wohl gerechtfertigt, denn wie die Dinge damals standen, war die +Piraterie etwas anderes als Räuberei und die Gefangenen billig, nach +Kriegsrecht zu behandeln. Vor allen Dingen aber ließ Pompeius es sich +angelegen sein, in den neuen römischen Provinzen das städtische Wesen +emporzubringen. Wie städtearm das Pontische Reich war, ward schon +bemerkt; die meisten Distrikte Kappadokiens hatten noch ein Jahrhundert +später keine Städte, sondern nur Bergfestungen als Zufluchtsort für die +ackerbauende Bevölkerung im Kriege: im ganzen östlichen Kleinasien wird +es, abgesehen von den sparsam gesäten griechischen Kolonien an den +Küsten, zu dieser Zeit nicht anders gewesen sein. Die Zahl der von +Pompeius in diesen Landschaften neu gegründeten Städte wird +einschließlich der kilikischen Ansiedlungen auf neununddreißig +angegeben, von denen mehrere zu hoher Blüte gelangten. Die namhaftesten +dieser Ortschaften in dem ehemaligen Pontischen Reiche sind Nikopolis, +die “Siegesstadt”, gegründet an dem Orte, wo Mithradates die letzte +einschneidende Niederlage erlitt - das schönste Siegesdenkmal des +trophäenreichen Feldherrn; Megalopolis, nach Pompeius’ Beinamen +genannt, an der Grenze von Kappadokien und Klein-Armenien, das spätere +Sebasteia (jetzt Siwas); Ziela, wo die Römer die unglückliche Schlacht +lieferten, eine um den dasigen Tempel der Anaitis entstandene und +bisher dem Hochpriester derselben eigene Ortschaft, der Pompeius +städtische Form und städtisches Recht gab; Diopolis, früher Kabeira, +später Neo-Caesarea (Niksar), gleichfalls eine der Walstätten des +letzten Krieges; Magnopolis oder Pompeiopolis, das wiederhergestellte +Eupatoria am Zusammenfluß des Lykos und des Iris, ursprünglich von +Mithradates erbaut, aber wegen des Abfalls der Stadt zu den Römern +wieder von ihm zerstört; Neapolis, sonst Phazemon, zwischen Amaseia und +dem Halys. Die meisten dieser Stadtgründungen wurden nicht durch +Kolonisten aus der Ferne bewirkt, sondern durch Niederlegung der Dörfer +und Zusammenziehung ihrer Bewohnerin den neuen Mauerring; nur in +Nikopolis siedelte Pompeius die Invaliden und Bejahrten seiner Armee +an, die es vorzogen, statt später in Italien, hier sofort eine Heimat +sich zu gründen. Aber auch an anderen Orten entstanden auf den Wink des +Machthabers neue Brennpunkte der hellenischen Zivilisation. In +Paphlagonien bezeichnete ein drittes Pompeiupolis die Stätte, wo +Mithradates’ Armee im Jahre 666 (88) den großen Sieg über die Bithyner +erfocht. In Kappadokien, das vielleicht mehr als irgendeine andere +Provinz durch den Krieg gelitten hatte, wurden die Residenz Mazaka +(später Caesarea, jetzt Kayseri) und sieben andere Ortschaften von +Pompeius wiederhergestellt und städtisch eingerichtet. In Kilikien und +Koilesyrien zählte man zwanzig von Pompeius angelegte Städte. In den +von den Juden geräumten Distrikten erhob sich Gadara in der Dekapolis +auf Pompeius’ Befehl aus seinen Trümmern und ward die Stadt Seleukis +gegründet. Bei weitem der größte Teil des auf dem asiatischen Kontinent +zur Verfügung stehenden Domaniallandes muß von Pompeius für seine neuen +Ansiedlungen verwandt worden sein, wogegen auf Kreta, um das Pompeius +sich wenig oder gar nicht kümmerte, der römische Domanialbesitz +ziemlich ausgedehnt geblieben zu sein scheint. + +—————————————————————————- + +^6 Der Krieg, den dieser Antiochos mit Pompeius geführt haben soll +(App. Mithr. 106, 117), stimmt sehr wenig zu dem Vertrag, den derselbe +mit Lucullus abschloß (Dio 36, 4) und seinem ungestörten Verbleiben in +der Herrschaft; vermutlich ist auch er bloß daraus herausgesponnen, daß +Antiochos von Kommagene unter den von Pompeius unterworfenen Königen +figurierte. + +^7 Hierauf zielt vermutlich Ciceros Vorwurf (off. 3, 12, 49): piratas +immunes habemus, socios vectigales; insofern nämlich jene +Piratenkolonien wahrscheinlich von Pompeius zugleich mit der Immunität +beschenkt wurden, während bekanntlich die von Rom abhängigen +Provinzialgemeinden durchschnittlich steuerpflichtig waren. + +—————————————————————————- + +Nicht minder wie auf Gründung neuer Ortschaften war Pompeius darauf +bedacht, die bestehenden Gemeinden zu ordnen und zu heben. Die +eingerissenen Mißbräuche und Usurpationen wurden nach Vermögen +abgestellt; ausführliche und für die verschiedenen Provinzen mit +Sorgfalt entworfene Gemeindeordnungen regelten im einzelnen das +Munizipalwesen. Eine Reihe der ansehnlichsten Städte ward mit neuen +Privilegien beschenkt. Die Autonomie erhielten Antiocheia am Orontes, +die bedeutendste Stadt des römischen Asien und nur wenig zurückstehend +hinter dem ägyptischen Alexandreia und hinter dem Bagdad des Altertums, +der Stadt Seleukeia im Parthischen Reiche, ferner die Nachbarstadt von +Antiocheia, das persische Seleukeia, das damit für seine mutige +Gegenwehr gegen Tigranes den Lohn empfing; Gaza und überhaupt alle von +der jüdischen Herrschaft befreite Städte; in Vorderasien Mytilene; +Phanagoria am Schwarzen Meer. + +So war der Bau des asiatischen Römerstaates vollendet, der mit seinen +Lehnkönigen und Vasallen, den gefürsteten Priestern und der Reihe ganz- +und halbfreier Städte lebhaft erinnert an das Heilige Römische Reich +Deutscher Nation. Er war kein Wunderwerk, weder hinsichtlich der +überwundenen Schwierigkeiten, noch hinsichtlich der erreichten +Vollendung, und ward es auch nicht durch all die großen Worte, mit +denen in Rom die vornehme Welt zu Gunsten des Lucullus, die lautere +Menge zum Preise des Pompeius freigebig waren. Pompeius namentlich ließ +sich feiern und feierte sich selbst in einer Weise, daß man ihn fast +für noch schwachköpfiger hätte halten mögen, als er in der Tat war. +Wenn die Mytilenäer ihm eine Bildsäule errichteten als ihrem Erretter +und Gründer, als demjenigen, der die den Erdkreis erfüllenden Kriege +sowohl zu Lande wie zur See beendigt, so mochte eine solche Huldigung +für den Bezwinger der Piraten und der Reiche des Ostens nicht allzu +überschwenglich scheinen. Aber die Römer übertrafen diesmal die +Griechen. Pompeius’ eigene Triumphalinschriften rechneten 12 Millionen +unterworfener Seelen und 1538 eroberte Städte und Burgen heraus - es +schien, als solle die Quantität die Qualität ersetzen - und erstreckten +den Kreis seiner Siege vom Mäotischen zum Kaspischen, von diesem zum +Roten Meer, von welchen drei Meeren er keines je mit Augen gesehen hat; +ja wenn er es auch nicht geradezu sagte, so veranlaßte er doch das +Publikum zu meinen, daß die Einziehung Syriens, die wahrlich keine +Heldentat war, den ganzen Osten bis nach Baktrien und Indien zum +Römischen Reiche gebracht habe - in so nebelhafte Ferne verschwamm in +seinen Angaben die Grenzlinie seiner östlichen Eroberungen. Die +demokratische Servilität, die zu allen Zeiten mit der höfischen +gewetteifert hat, ging bereitwillig auf dergleichen geschmacklosen +Schwindel ein. Ihr genügte nicht der pomphafte Triumphalzug, der am 28. +und 29. September 593 (61), dem sechsundvierzigsten Geburtstag Pompeius +des Großen, durch die Gassen Roms sich bewegte, verherrlicht, um von +den Kleinodien aller Art zu schweigen, durch die Kroninsignien +Mithradats und durch die Kinder der drei mächtigsten Könige Asiens, des +Mithradates, Tigranes und Phraates: sie lohnte ihrem Feldherrn, der +zweiundzwanzig Könige besiegt, dafür mit königlichen Ehren und verlieh +ihm den goldenen Kranz und die Insignien der Magistratur auf +Lebenszeit. Die ihm zu Ehren geschlagenen Münzen zeigen gar die +Weltkugel zwischen dem dreifachen, aus den drei Weltteilen +heimgebrachten Lorbeer und über ihr schwebend jenen dem Triumphator +über Afrika, Spanien und Asien von der Bürgerschaft verehrten +Goldkranz. Es kann solchen kindischen Huldigungen gegenüber nicht +wundernehmen, daß auch im entgegengesetzten Sinne Stimmen laut wurden. +Unter der römischen vornehmen Welt war es eine geläufige Rede, daß das +eigentliche Verdienst der Unterwerfung des Ostens Lucullus zukomme und +Pompeius nur nach dem Osten gegangen sei, um Lucullus zu verdrängen und +die von fremder Hand gebrochenen Lorbeeren um die eigene Stirn zu +flechten. Beides war vollständig falsch; nicht Pompeius, sondern +Glabrio ward nach Asien gesandt, um Lucullus abzulösen, und wie wacker +auch Lucullus gefochten, es war Tatsache, daß, als Pompeius den +Oberbefehl übernahm, die Römer all ihre früheren Erfolge wieder +eingebüßt und keinen Fußbreit pontischen Bodens innehatten. Mehr zum +Ziele traf der Spott der Hauptstädter, die nicht ermangelten, dem +mächtigen Besieger des Erdballs die Namen der von ihm überwundenen +Großmächte als Spitznamen beizulegen und ihn bald als “Sieger von +Salem” bald als “Emir” (Arabarches), bald als den römischen +Sampsikeramos begrüßten. Der unbefangene Urteiler wird indes weder in +jene Überschwenglichkeiten noch in diese Verkleinerungen einstimmen. +Lucullus und Pompeius haben, indem sie Asien unterwarfen und ordneten, +sich nicht als Helden und Staatsschöpfer bewährt, aber wohl als +einsichtige und kräftige Heerführer und Statthalter. Als Feldherr +bewies Lucullus nicht gemeine Talente und ein an Verwegenheit +grenzendes Selbstvertrauen, Pompeius militärische Einsicht und eine +seltene Zurückhaltung, wie denn kaum je ein General mit solchen +Streitkräften und einer so vollkommen freien Stellung so vorsichtig +aufgetreten ist wie Pompeius im Osten. Die glänzendsten Aufgaben trugen +von allen Seiten sich ihm gleichsam selber an: er konnte nach dem +Kimmerischen Bosporus und gegen das Rote Meer hin aufbrechen; er hatte +Gelegenheit, den Parthern den Krieg zu erklären; die aufständischen +Landschaften Ägyptens luden ihn ein, den von Rom nicht anerkannten +König Ptolemaeos vom Thron zu stoßen und das Testament Alexanders in +Vollzug zu setzen; aber Pompeius ist weder nach Pantikapäon noch nach +Petra, weder nach Ktesiphon noch nach Alexandreia gezogen; durchaus +pflückte er nur diejenigen Früchte, die ihm von selber in die Hand +fielen. Ebenso schlug er alle seine Schlachten zur See wie zu Lande mit +einer erdrückenden Übermacht. Wäre diese Mäßigung hervorgegangen aus +dem strengen Einhalten der erteilten Instruktionen, wie Pompeius +vorzugehen pflegte, oder auch aus der Einsicht, daß Roms Eroberungen +irgendwo eine Grenze finden müßten und neuer Gebietszuwachs dem Staat +nicht förderlich sei, so würde sie ein höheres Lob verdienen, als die +Geschichte es dem talentvollsten Offizier erteilt; allein wie Pompeius +war, ist seine Zurückhaltung ohne Zweifel einzig das Resultat des ihm +eigentümlichen Mangels an Sicherheit und an Initiative - Mängel +freilich, die dem Staate in diesem Falle weit nützlicher wurden als die +entgegengesetzten Vorzüge seines Vorgängers. Allerdings sind auch von +Lucullus wie von Pompeius sehr arge Fehler begangen worden. Lucullus +erntete deren Früchte selbst, indem sein unbesonnenes Verfahren ihm +alle Resultate seiner Siege wieder entriß; Pompeius überließ es seinen +Nachfolgern, die Folgen seiner falschen Politik gegen die Parther zu +tragen. Er konnte diese entweder bekriegen, wenn er dessen sich +getraute, oder mit ihnen Frieden halten und, wie er versprochen, den +Euphrat als Grenze anerkennen; zu jenem war er zu zaghaft, zu diesem zu +eitel, und so kam er denn zu der einfältigen Perfidie, die gute +Nachbarschaft, die der Hof von Ktesiphon wünschte und seinerseits übte, +durch die maßlosesten Übergriffe unmöglich zu machen, dennoch aber dem +Feinde zu gestatten, sich die Zeit des Bruches und der Vergeltung +selber wählen zu dürfen. Als Verwalter Asiens erwarb Lucullus ein mehr +als fürstliches Vermögen, und auch Pompeius empfing als Lohn für seine +Organisation von dem König von Kappadokien, von der reichen Stadt +Antiocheia und anderen Herren und Gemeinden große Barsummen und noch +ansehnlichere Schuldverschreibungen. Indes dergleichen Erpressungen +waren fast eine gewohnheitsmäßige Steuer geworden, und beide Feldherren +bewiesen doch nicht gerade in wichtigeren Fragen sich käuflich, ließen +auch womöglich sich von der Partei bezahlen, deren Interessen mit denen +Roms zusammenfielen. Wie die Zeiten einmal waren, hindert dies nicht, +die Verwaltung beider Männer als eine relativ löbliche und zunächst im +Interesse Roms, demnächst in dem der Provinzialen geführte zu +bezeichnen. Die Verwandlung der Klienten in Untertanen, die bessere +Regulierung der Ostgrenze, die Begründung eines einheitlichen und +starken Regiments waren segensreich für die Herrscher wie für die +Beherrschten. Der finanzielle Gewinn, den Rom machte, war unermeßlich; +die neue Vermögenssteuer, die mit Ausnahme einzelner, besonders +befreiter Gemeinden all jene Fürsten, Priester und Städte nach Rom zu +zahlen hatten, steigerte die römischen Staatseinnahmen fast um die +Hälfte ihres bisherigen Betrags. Freilich litt Asien schwer. Pompeius +legte an Geld und Kleinodien einen Betrag von 15 Mill. Talern (200 +Mill. Sesterzen) in die Staatskasse nieder und verteilte 29 Millionen +(16000 Talente) unter seine Offiziere und Soldaten; wenn man hierzu die +bedeutenden von Lucullus heimgebrachten Summen, die nichtoffiziellen +Erpressungen der römischen Armee und den Betrag der Kriegsschäden +selbst rechnet, so ist die finanzielle Erschöpfung des Landes +begreiflich. Die römische Besteuerung Asiens war vielleicht an sich +nicht schlimmer als die der früheren Regenten, aber lastete doch +insofern schwerer auf dem Lande, als die Abgaben fortan in das Ausland +gingen und nur zum kleineren Teil wieder in Asien verwandt wurden; und +auf jeden Fall war sie in den alten wie in den neugewonnenen Provinzen +basiert auf die systematische Ausbeutung der Landschaften zu Gunsten +Roms. Aber die Verantwortung hierfür trifft weit weniger die Feldherren +persönlich als die Parteien daheim, auf die jene Rücksicht zu nehmen +hatten; Lucullus war sogar energisch bemüht, dem wucherischen Treiben +der römischen Kapitalisten in Asien Schranken zu setzen, und sein Sturz +ward wesentlich mit hierdurch herbeigeführt. Wie sehr es beiden Männern +Ernst damit war, die heruntergekommenen Landschaften wieder in die Höhe +zu bringen, beweist ihre Tätigkeit da, wo keine Rücksichten der +Parteipolitik ihnen die Hände banden, namentlich ihre Fürsorge für die +kleinasiatischen Städte. Wenn auch noch Jahrhunderte später manches in +Ruinen liegende asiatische Dorf an die Zeiten des großen Krieges +erinnerte, so mochte doch Sinope wohl mit dem Jahr der +Wiederherstellung durch Lucullus eine neue Ära beginnen und fast alle +ansehnlicheren Binnenstädte des Pontischen Reiches Pompeius als ihren +Stifter dankbar verehren. Die Einrichtung des römischen Asien durch +Lucullus und Pompeius darf bei all ihren unleugbaren Mängeln eine im +ganzen verständige und löbliche genannt werden; wie schwere Übelstände +aber auch ihr anhaften mochten, den vielgeplagten Asiaten mußte sie +schon darum willkommen sein, weil sie zugleich kam mit dem so lange und +so schmerzlich entbehrten inneren und äußeren Frieden. + +Es blieb auch im wesentlichen Friede im Orient, bis der von Pompeius +mit der ihm eigenen Zaghaftigkeit nur angedeutete Gedanke, die +Landschaften östlich vom Euphrat zum Römischen Reiche zu fügen, von der +neuen Triarchie der römischen Machthaber energisch, aber unglücklich +wiederaufgenommen ward und bald darauf der Bürgerkrieg wie alle anderen +so auch die östlichen Provinzen in seinen verhängnisvollen Strudel +hineinzog. Daß in der Zwischenzeit die Statthalter Kilikiens beständig +mit den Bergvölkern des Amanos, die von Syrien mit den Schwärmen der +Wüste zu fechten hatten und namentlich in diesem Kriege gegen die +Beduinen manche römische Truppe aufgerieben ward, ist ohne weitere +Bedeutung. Bemerkenswerter ist der eigensinnige Widerstand, den die +zähe jüdische Nation den Eroberern entgegensetzte. Teils des +abgesetzten Königs Aristobulos Sohn Alexandros, teils Aristobulos +selbst, dem es nach einiger Zeit gelang, aus der Gefangenschaft zu +entkommen, erregten während der Statthalterschaft des Aulus Gabinius +(697-700 57-54) drei verschiedene Aufstände gegen die neuen Machthaber, +deren jedem die von Rom eingesetzte Regierung des Hochpriesters +Hyrkanos ohnmächtig erlag. Es war nicht politische Überlegung, sondern +der unbesiegbare Widerwille des Orientalen gegen das unnatürliche Joch, +der sie zwang, gegen den Stachel zu löcken; wie denn auch der letzte +und gefährlichste dieser Aufstände, zu welchem die durch die +ägyptischen Krisen veranlaßte Wegziehung der syrischen Okkupationsarmee +den nächsten Anstoß gab, begann mit der Ermordung der in Palästina +ansässigen Römer. Nicht ohne Mühe gelang es dem tüchtigen Statthalter, +die wenigen Römer, die diesem Schicksal sich entzogen und eine +vorläufige Zuflucht auf dem Berge Garizim gefunden hatten, von den dort +sie blockiert haltenden Insurgenten zu erretten und nach mehreren hart +bestrittenen Feldschlachten und langwierigen Belagerungen den Aufstand +zu bewältigen. Infolgedessen ward die Hohenpriestermonarchie +abgeschafft und das jüdische Land, wie einst Makedonien, in fünf +selbständige, von optimatisch geordneten Regierungskollegien verwaltete +Kreise aufgelöst, auch Samaria und andere, von den Juden geschleifte +Ortschaften wiederhergestellt, um ein Gegengewicht gegen Jerusalem zu +bilden, endlich den Juden ein schwererer Tribut auferlegt als den +übrigen syrischen Untertanen Roms. + +Noch ist es übrig, auf das Königreich Ägypten nebst dem letzten ihm von +den ausgedehnten Eroberungen der Lagiden übriggebliebenen Nebenland, +der schönen Insel Kypros, einen Blick zu werfen. Ägypten war jetzt der +einzige wenigstens dem Namen nach noch unabhängige Staat des +hellenischen Ostens; ebenwie einst, als die Perser an der östlichen +Hälfte des Mittelmeers sich festsetzten, Ägypten ihre letzte Eroberung +war, säumten auch die mächtigen Eroberer aus dem Westen am längsten mit +der Einziehung dieser reichen und eigenartigen Landschaft. Die Ursache +lag, wie bereits angedeutet wurde, weder in der Furcht vor dem +Widerstand Ägyptens noch in dem Mangel einer geeigneten Veranlassung. +Ägypten war ungefähr ebenso machtlos wie Syrien und bereits im Jahre +673 (81) in aller Form Rechtens der römischen Gemeinde angestorben; das +am Hofe von Alexandreia herrschende Regiment der königlichen Garde, +welche Minister und gelegentlich Könige ein- und absetzte, für sich +nahm, was ihr gefiel, und, wenn ihr die Erhöhung des Soldes verweigert +ward, den König in seinem Palast belagerte, war im Lande oder vielmehr +in der Hauptstadt - denn das Land mit seiner Ackersklavenbevölkerung +kam überhaupt kaum in Betracht - ganz und gar nicht beliebt, und +wenigstens eine Partei daselbst wünschte die Einziehung Ägyptens durch +Rom und tat sogar Schritte, um sie herbeizuführen. Allein je weniger +die Könige Ägyptens daran denken konnten, mit den Waffen gegen Rom zu +streiten, desto energischer setzte das ägyptische Gold gegen die +römischen Reunionspläne sich zur Wehre; und infolge der eigentümlichen +despotisch-kommunistischen Zentralisation der ägyptischen +Volkswirtschaft waren die Einkünfte des Hofes von Alexandreia der +römischen Staatseinnahme, selbst nach deren Vermehrung durch Pompeius, +noch ungefähr gleich. Die argwöhnische Eifersucht der Oligarchie, die +weder die Eroberung noch die Verwaltung Ägyptens gern einem einzelnen +gönnte, kam hinzu. So vermochten die faktischen Herren von Ägypten und +Kypros durch Bestechung der führenden Männer im Senat sich ihre +schwankenden Kronen nicht bloß zu fristen, sondern sogar neu zu +befestigen und vom Senat die Bestätigung ihrer Königstitel zu erkaufen. +Allein damit waren sie noch nicht am Ziel. Das formelle Staatsrecht +forderte einen Beschluß der römischen Bürgerschaft; bevor dieser +erlassen war, waren die Ptolemäer abhängig von der Laune jedes +demokratischen Machthabers, und sie hatten also den Bestechungskrieg +auch gegen die andere römische Partei zu eröffnen, welche als die +mächtigere weit höhere Preise bedang. Der Ausgang war ungleich. Die +Einziehung von Kypros ward im Jahre 696 (58) vom Volke, das heißt von +den Führern der Demokratie verfügt, wobei als offizieller Grund, +weshalb dieselbe jetzt vorgenommen werde, die Förderung der Piraterie +durch die Kyprioten angegeben ward. Marcus Cato, von seinen Gegnern mit +der Ausführung dieser Maßregel beauftragt, kam nach der Insel ohne +Heer; allein es bedurfte dessen auch nicht. Der König nahm Gift; die +Einwohner fügten sich, ohne Widerstand zu leisten, dem unvermeidlichen +Verhängnis und wurden dem Statthalter von Kilikien untergeordnet. Der +überreiche Schatz von fast 7000 Talenten (fast 13 Mill. Taler), den der +ebenso habsüchtige wie geizige König sich nicht hatte überwinden +können, für die zur Rettung seiner Krone erforderlichen Bestechungen +anzugreifen, fiel mit dieser zugleich an die Römer und füllte in +erwünschter Weise die leeren Gewölbe ihres Ärars. + +Dagegen gelang es dem Bruder, der in Ägypten regierte, die Anerkennung +durch Volksschluß von den neuen Herren Roms im Jahre 695 (59) zu +erkaufen; der Kaufpreis soll 6000 Talente (11 Mill. Taler) betragen +haben. Die Bürgerschaft freilich, längst gegen den guten Flötenbläser +und schlechten Regenten erbittert und nun durch den definitiven Verlust +von Kypros und den infolge der Transaktionen mit den Römern +unerträglich gesteigerten Steuerdruck aufs äußerste gebracht (696 58), +jagte ihn dafür aus dem Lande. Als der König darauf, gleichsam wie +wegen Entwährung des Kaufobjekts, sich an seine Verkäufer wandte, waren +diese billig genug einzusehen, daß es ihnen als redlichen +Geschäftsmännern obliege, dem Ptolemaeos sein Reich +wiederzuverschaffen; nur konnten die Parteien sich nicht einig werden, +wem der wichtige Auftrag, Ägypten mit bewaffneter Hand zu besetzen, +nebst den davon zu erhoffenden Sporteln zukommen solle. Erst als die +Triarchie auf der Konferenz von Luca sich neu befestigte, wurde +zugleich auch diese Angelegenheit geordnet, nachdem Ptolemaeos noch +sich zur Erlegung weiterer 10000 Talente (18 Mill. Taler) verstanden +hatte: der Statthalter Syriens, Aulus Gabinius, erhielt jetzt von den +Machthabern Befehl, sofort zur Zurückführung des Königs die nötigen +Schritte zu tun. Die Bürgerschaft von Alexandreia hatte inzwischen des +vertriebenen Königs ältester Tochter Berenike die Krone aufgesetzt und +ihr in der Person eines der geistlichen Fürsten des römischen Asien, +des Hochpriesters von Komana Archelaos, einen Gemahl gegeben, der +Ehrgeiz genug besaß, um an die Hoffnung, den Thron der Lagiden zu +besteigen, seine gesicherte und ansehnliche Stellung zu setzen. Seine +Versuche, die römischen Machthaber für sich zu gewinnen, blieben ohne +Erfolg; aber er schrak auch nicht zurück vor dem Gedanken, sein neues +Reich mit den Waffen in der Hand selbst gegen die Römer behaupten zu +müssen. Gabinius, ohne ostensible Vollmacht, den Krieg gegen Ägypten zu +beginnen, aber von den Machthabern dazu angewiesen, nahm die angebliche +Förderung der Piraterie durch die Ägypter und den Flottenbau des +Archelaos zum Vorwand und brach ungesäumt auf gegen die ägyptische +Grenze (699 55). Der Marsch durch die Sandwüste zwischen Gaza und +Pelusion, an der so manche gegen Ägypten gerichtete Invasion +gescheitert war, ward diesmal glücklich zurückgelegt, was besonders +.dem raschen und geschickten Führer der Reiterei, Marcus Antonius, +verdankt ward. Auch die Grenzfestung Pelusion wurde von der dort +stehenden jüdischen Besatzung ohne Gegenwehr übergeben. Vorwärts dieser +Stadt trafen die Römer auf die Ägypter, schlugen sie, wobei Antonius +wiederum sich auszeichnete, und gelangten, die erste römische Armee, an +den Nil. Hier hatten Flotte und Heer der Ägypter zum letzten +entscheidenden Kampfe sich aufgestellt; aber die Römer siegten abermals +und Archelaos selbst fand mit vielen der Seinigen kämpfend den Tod. +Sofort nach dieser Schlacht ergab sich die Hauptstadt und damit war +jeder Widerstand am Ende. Das unglückliche Land ward seinem +rechtmäßigen Zwingherrn überliefert: das Henken und Köpfen, womit ohne +des ritterlichen Antonius’ Dazwischenkunft Ptolemaeos die +Wiederherstellung des legitimen Regiments bereits in Pelusion zu feiern +begonnen haben würde, ging nun ungehemmt seinen Gang, und vor allen +anderen ward die unschuldige Tochter von dem Vater auf das Schafott +gesandt. Die Bezahlung des mit den Machthabern vereinbarten Lohnes +scheiterte an der absoluten Unmöglichkeit, dem ausgesogenen Lande die +verlangten ungeheuren Summen abzupressen, obwohl man dem armen Volke +den letzten Pfennig nahm; dafür aber, daß das Land wenigstens ruhig +blieb, sorgte die in der Hauptstadt zurückgelassene Besatzung von +römischer Infanterie und keltischer und deutscher Reiterei, welche die +einheimischen Prätorianer ablöste und übrigens nicht unglücklich ihnen +nacheiferte. Die bisherige Hegemonie Roms über Ägypten ward damit in +eine unmittelbare militärische Okkupation verwandelt und die nominelle +Fortdauer des einheimischen Königtums war nicht so sehr eine +Bevorzugung des Landes als eine zwiefache Belastung. + + + + +KAPITEL V. +Der Parteienkampf während Pompeius’ Abwesenheit + + +Mit dem Gabinischen Gesetze wechselten die hauptstädtischen Parteien +die Rollen. Seit der erwählte Feldherr der Demokratie das Schwert in +der Hand hielt, war seine Partei oder was dafür galt auch in der +Hauptstadt übermächtig. Wohl stand die Nobilität noch geschlossen +zusammen und gingen nach wie vor aus der Komitialmaschine nur Konsuln +hervor, die nach dem Ausdrucke der Demokraten schon in den Windeln zum +Konsulate designiert waren; die Wahlen zu beherrschen und hier den +Einfluß der alten Familien zu brechen, vermochten selbst die Machthaber +nicht. Aber leider fing das Konsulat, ebenda man es so weit gebracht +hatte, die “neuen Menschen” so gut wie vollständig davon +auszuschließen, selber an, vor dem neu aufgehenden Gestirn der; +exzeptionellen Militärgewalt zu erbleichen. Die Aristokratie empfand +es, wenn sie auch nicht gerade es sich gestand; sie gab sich selber +verloren. Außer Quintus Catulus, der mit achtbarer Festigkeit auf +seinem wenig erfreulichen Posten als Vorfechter einer überwundenen +Partei bis zu seinem Tode (694 60) ausharrte, ist aus den obersten +Reihen der Nobilität kein Optimat zu nennen, der die Interessen der +Aristokratie mit Mut und Stetigkeit vertreten hätte. Eben ihre +talentvollsten und gefeiertsten Männer, wie Quintus Metellus Pius und +Lucius Lucullus, abdizierten tatsächlich und zogen sich, soweit es +irgend schicklicherweise anging, auf ihre Villen zurück, um über Gärten +und Bibliotheken, über Vogelhäusern und Fischteichen den Markt und das +Rathaus möglichst zu vergessen. Noch viel mehr gilt dies natürlich von +der jüngeren Generation der Aristokratie, die entweder ganz in Luxus +und Literatur unterging oder der aufgehenden Sonne sich zuwandte. Ein +einziger unter den Jüngeren machte hiervon eine Ausnahme: es ist Marcus +Porcius Cato (geboren 659 95), ein Mann vom besten Willen und seltener +Hingebung, und doch eine der abenteuerlichsten und eine der +unerfreulichsten Erscheinungen in dieser an politischen Zerrbildern +überreichen Zeit. Ehrlich und stetig, ernsthaft im Wollen und im +Handeln, voll Anhänglichkeit an sein Vaterland und die angestammte +Verfassung, aber ein langsamer Kopf und sinnlich wie sittlich ohne +Leidenschaft, hätte er allenfalls einen leidlichen Staatsrechenmeister +abgeben mögen. Unglücklicherweise aber geriet er früh unter die Gewalt +der Phrase, und, teils beherrscht von den Redensarten der Stoa, wie sie +in abstrakter Kahlheit und geistloser Abgerissenheit in der damaligen +vornehmen Welt im Umlauf waren, teils von dem Exempel seines +Urgroßvaters, den zu erneuern er für seine besondere Aufgabe hielt, +fing er an, als Musterbürger und Tugendspiegel in der sündigen +Hauptstadt umherzuwandeln, gleich dem alten Cato auf die Zeiten zu +schelten, zu Fuß zu gehen statt zu reiten, keine Zinsen zu nehmen, +soldatische Ehrenzeichen abzulehnen und die Wiederherstellung der guten +alten Zeit damit einzuleiten, daß er nach König Romulus’ Vorgang ohne +Hemd ging. Eine seltsame Karikatur seines Ahnen, des greisen Bauern, +den Haß und Zorn zum Redner machten, der den Pflug wie das Schwert +meisterlich führte, der mit seinem bornierten, aber originellen und +gesunden Menschenverstand in der Regel den Nagel auf den Kopf traf, war +dieser junge kühle Gelehrte, dem die Schulmeisterweisheit von den +Lippen troff und den man immer mit dem Buche in der Hand sitzen sah, +dieser Philosoph, der weder das Kriegs- noch sonst irgendein Handwerk +verstand, dieser Wolkenwandler im Reiche der abstrakten Moral. Dennoch +gelangte er zu sittlicher und dadurch selbst zu politischer Bedeutung. +In einer durchaus elenden und feigen Zeit imponierten sein Mut und +seine negativen Tugenden der Menge; er machte sogar Schule, und es gab +einzelne - freilich waren sie danach -, die die lebendige +Philosophenschablone weiter kopierten und abermals karikierten. Auf +derselben Ursache beruht auch sein politischer Einfluß. Da er der +einzige namhafte Konservative war, der wo nicht Talent und Einsicht, +doch Ehrlichkeit und Mut besaß und immer bereitstand, wo es nötig und +nicht nötig war, seine Person in die Schanze zu schlagen, so ward er, +obwohl weder sein Alter noch sein Rang noch sein Geist ihn dazu +berechtigten, dennoch bald der anerkannte Vormann der Optimatenpartei. +Wo das Ausharren eines einzelnen entschlossenen Mannes entscheiden +konnte, hat er auch wohl einen Erfolg erzielt und in Detailfragen, +namentlich finanzieller Art, oft zweckmäßig eingegriffen, wie er denn +in keiner Senatssitzung fehlte und mit seiner Quästur in der Tat Epoche +machte, auch solange er lebte das öffentliche Budget im einzelnen +kontrollierte und natürlich denn auch darüber mit den Steuerpächtern in +beständigem Kriege lebte. übrigens fehlte ihm zum Staatsmann nicht mehr +als alles. Er war unfähig, einen politischen Zweck auch nur zu +begreifen und politische Verhältnisse zu überblicken; seine ganze +Taktik bestand darin, gegen jeden Front zu machen, der von dem +traditionellen moralisch-politischen Katechismus der Aristokratie +abwich oder ihm abzuweichen schien, womit er denn natürlich ebensooft +dem Gegner wie dem Parteigenossen in die Hände gearbeitet hat. Der Don +Quichotte der Aristokratie, bewährte er durch sein Wesen und sein Tun, +daß damals allenfalls noch eine Aristokratie vorhanden, die +aristokratische Politik aber nichts mehr war als eine Chimäre. + +Mit dieser Aristokratie den Kampf fortzusetzen, brachte geringe Ehre. +Natürlich ruhten die Angriffe der Demokratie gegen den überwundenen +Feind darum nicht. Wie die Troßbuben über ein erobertes Lager, stürzte +sich die populäre Meute auf die gesprengte Nobilität, und wenigstens +die Oberfläche der Politik ward von dieser Agitation zu hohen +Schaumwellen emporgetrieben. Die Menge ging um so bereitwilliger mit, +als namentlich Gaius Caesar sie bei guter Laune hielt durch die +verschwenderische Pracht seiner Spiele (689 65), bei welchen alles +Gerät, selbst die Käfige der wilden Bestien, aus massivem Silber +erschien, und überhaupt durch eine Freigebigkeit, welche darum nur um +so mehr fürstlich war, weil sie einzig auf Schuldenmachen beruhte. Die +Angriffe auf die Nobilität waren von der mannigfaltigsten Art. Reichen +Stoff gewährten die Mißbräuche des aristokratischen Regiments: liberale +oder liberal schillernde Beamte und Sachverwalter wie Gaius Cornelius, +Aulus Gabinius, Marcus Cicero fuhren fort, die ärgerlichsten und +schändlichsten Seiten der Optimatenwirtschaft systematisch zu enthüllen +und Gesetze dagegen zu beantragen. Der Senat ward angewiesen, den +auswärtigen Boten an bestimmten Tagen Zutritt zu gewähren, um dadurch +der üblichen Verschleppung der Audienzen Einhalt zu tun. Die von +fremden Gesandten in Rom aufgenommenen Darlehen wurden klaglos +gestellt, da dies das einzige Mittel sei, den Bestechungen, die im +Senat an der Tagesordnung waren, ernstlich zu steuern (687 67). Das +Recht des Senats, in einzelnen Fällen von den Gesetzen zu dispensieren, +wurde beschränkt (687 67); ebenso der Mißbrauch, daß jeder vornehme +Römer, der in den Provinzen Privatgeschäfte zu besorgen hatte, sich +dazu vom Senat den Charakter eines römischen Gesandten erteilen ließ +(691 63). Man schärfte die Strafen gegen Stimmenkauf und Wahlumtriebe +(687, 691 67, 63), welche letztere namentlich in ärgerlicher Weise +gesteigert wurden durch die Versuche der aus dem Senat gestoßenen +Individuen, durch Wiederwahl in denselben zurückzugelangen. Es wurde +gesetzlich ausgesprochen, was bis dahin sich nur von selbst verstanden +hatte, daß die Gerichtsherren verbunden seien in Gemäßheit der nach +römischer Weise zu Anfang des Amtes von ihnen aufgestellten Normen +Recht zu sprechen (687 67). + +Vor allem aber arbeitete man daran, die demokratische Restauration zu +vervollkommnen und die leitenden Gedanken der gracchischen Zeit in +zeitgemäßer Form zu verwirklichen. Die Wahl der Priester durch die +Komitien, wie sie Gnaeus Domitius eingeführt, Sulla wieder abgeschafft +hatte, ward durch ein Gesetz des Volkstribuns Titus Labienus im Jahre +691 (63) hergestellt. Man wies gern darauf hin, wieviel zur +Wiederherstellung der Sempronischen Getreidegesetze in ihrem vollen +Umfang noch fehle, und überging dabei mit Stillschweigen, daß unter den +veränderten Umständen, bei der bedrängten Lage der öffentlichen +Finanzen und der so sehr vermehrten Zahl der vollberechtigten römischen +Bürger, diese Wiederherstellung schlechterdings unausführbar war. In +der Landschaft zwischen dem Po und den Alpen nährte man eifrig die +Agitation um politische Gleichberechtigung mit den Italikern. Schon 686 +(68) reiste Gaius Caesar zu diesem Zweck daselbst von Ort zu Ort; 689 +(65) machte Marcus Crassus als Zensor Anstalt, die Einwohner geradewegs +in die Bürgerliste einzuschreiben, was nur an dem Widerstand seines +Kollegen scheiterte; bei den folgenden Zensuren scheint dieser Versuch +sich regelmäßig wiederholt zu haben. Wie einst Gracchus und Flaccus die +Patrone der Latiner gewesen waren, so warfen sich die gegenwärtigen +Führer der Demokratie zu Beschützern der Transpadaner auf, und Gaius +Piso (Konsul 687 67) hatte es schwer zu bereuen, daß er gewagt hatte, +an einem dieser Klienten des Caesar und Crassus sich zu vergreifen. +Dagegen zeigten sich dieselben Führer keineswegs geneigt, die +politische Gleichberechtigung der Freigelassenen zu befürworten; der +Volkstribun Gaius Manilius, der in einer nur von wenigen Leuten +besuchten Versammlung das Sulpicische Gesetz über das Stimmrecht der +Freigelassenen hatte erneuern lassen (31. Dezember 687 67), ward von +den leitenden Männern der Demokratie alsbald desavouiert und mit ihrer +Zustimmung das Gesetz schon am Tage nach seiner Durchbringung vom +Senate kassiert. In demselben Sinn wurden im Jahre 689 (65) durch +Volksbeschluß die sämtlichen Fremden, die weder römisches noch +latinisches Bürgerrecht besaßen, aus der Hauptstadt ausgewiesen. Man +sieht, der innere Widerspruch der Gracchischen Politik, zugleich dem +Bestreben der Ausgeschlossenen um Aufnahme in den Kreis der +Privilegierten und dem der Privilegierten um Aufrechterhaltung ihrer +Sonderrechte Rechnung zu tragen, war auch auf ihre Nachfolger +übergegangen: während Caesar und die Seinen einerseits den +Transpadanern das Bürgerrecht in Aussicht stellten, gaben sie +andererseits ihre Zustimmung zu der Fortdauer der Zurücksetzung der +Freigelassenen und zu der barbarischen Beseitigung der Konkurrenz, die +die Industrie und das Handelsgeschick der Hellenen und Orientalen in +Italien selber den Italikern machte. Charakteristisch ist die Art, wie +die Demokratie hinsichtlich der alten Kriminalgerichtsbarkeit der +Komitien verfuhr. Sulla hatte dieselbe nicht eigentlich aufgehoben, +aber tatsächlich waren doch die Geschworenenkommissionen über +Hochverrat und Mord an ihre Stelle getreten, und an eine ernstliche +Wiederherstellung des alten, schon lange vor Sulla durchaus +unpraktischen Verfahrens konnte kein vernünftiger Mensch denken. Aber +da doch die Idee der Volkssouveränität eine Anerkennung der peinlichen +Gerichtsbarkeit der Bürgerschaft wenigstens im Prinzip zu fordern +schien, so zog der Volkstribun Titus Labienus im Jahre 691 (63) den +alten Mann, der vor achtunddreißig Jahren den Volkstribun Lucius +Saturninus erschlagen hatte oder haben sollte, vor dasselbe +hochnotpeinliche Halsgericht, kraft dessen, wenn die Chronik recht +berichtete, der König Tullus den Schwestermörder Horatius +verrechtfertigt hatte. Der Angeklagte war ein gewisser Gaius Rabirius, +der den Saturninus wenn nicht getötet, doch wenigstens mit dem +abgehauenen Kopf desselben an den Tafeln der Vornehmen Parade gemacht +hatte, und der überdies unter den apulischen Gutsbesitzern wegen seiner +Menschenfängerei und seiner Bluttaten verrufen war. Es war, wenn nicht +dem Ankläger selbst, doch den klügeren Männern, die hinter ihm standen, +durchaus nicht darum zu tun, diesen elenden Gesellen den Tod am Kreuze +sterben zu lassen; nicht ungern ließ man es geschehen, daß zunächst die +Form der Anklage vom Senat wesentlich gemildert, sodann die zur +Aburteilung des Schuldigen berufene Volksversammlung unter irgendeinem +Vorwand von der Gegenpartei aufgelöst und damit die ganze Prozedur +beseitigt ward. Immer waren durch dies Verfahren die beiden Palladien +der römischen Freiheit, das Provokationsrecht der Bürgerschaft und die +Unverletzlichkeit des Volkstribunats, noch einmal als praktisches Recht +festgestellt und der demokratische Rechtsboden neu ausgebessert worden. + +Mit noch größerer Leidenschaftlichkeit trat die demokratische Reaktion +in allen Personenfragen auf, wo sie nur irgend konnte und durfte. Zwar +gebot ihr die Klugheit, die Rückgabe der von Sulla eingezogenen Güter +an die ehemaligen Eigentümer nicht zu betonen, um nicht mit den eigenen +Verbündeten sich zu entzweien und zugleich mit den materiellen +Interessen in einen Kampf zu geraten, dem die Tendenzpolitik selten +gewachsen ist; auch die Rückberufung der Emigrierten hing mit dieser +Vermögensfrage zu eng zusammen, um nicht ebenso unrätlich zu +erscheinen. Dagegen machte man große Anstrengungen, um den Kindern der +Geächteten die ihnen entzogenen politischen Rechte zurückzugegeben (691 +63) und die Spitzen der Senatspartei wurden von persönlichen Angriffen +unablässig verfolgt. So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre +688 (66) einen Tendenzprozeß an. So ließ man dessen berühmteren Bruder +vor den Toren der Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph +harren (688-691 66-63). Ähnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von +Kreta, Quintus Metellus, insultiert. Größeres Aufsehen noch machte es, +daß der junge Führer der Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63) +nicht bloß sich es herausnahm, bei der Bewerbung um das höchste +Priesteramt mit den beiden angesehensten Männern der Nobilität, Quintus +Catulus und Publius Servilius, dem Sieger von Isaura, zu konkurrieren, +sondern sogar bei der Bürgerschaft ihnen den Rang ablief. Die Erben +Sullas, namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich beständig bedroht von +einer Klage auf Rückerstattung der von dem Regenten angeblich +unterschlagenen öffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der +Wiederaufnahme der im Jahre 664 (99) sistierten demokratischen Anklagen +auf Grund des Varischen Gesetzes. Am nachdrücklichsten wurden +begreiflicherweise die bei den Sullanischen Exekutionen beteiligten +Individuen gerichtlich verfolgt. Wenn der Quästor Marcus Cato in seiner +täppischen Ehrlichkeit selber den Anfang damit machte, ihnen die +empfangenen Mordprämien als widerrechtlich dem Staate entfremdetes Gut +wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, daß das Jahr +darauf (690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht die +Klausel in der Sullanischen Ordnung, welche die Tötung eines Geächteten +straflos erklärte, kurzweg als nichtig behandelte und die namhaftesten +unter den Schergen Sullas, Lucius Catilina, Lucius Bellienus, Lucius +Luscius, vor seine Geschworenen stellen und zum Teil auch verurteilen +ließ. Endlich unterließ man nicht, die lange verfemten Namen der Helden +und Märtyrer der Demokratie jetzt wieder öffentlich zu nennen und ihre +Andenken zu feiern. Wie Saturninus durch den gegen seinen Mörder +gerichteten Prozeß rehabilitiert ward, ist schon erzählt worden. Aber +einen anderen Klang noch hatte der Name des Gaius Marius, bei dessen +Nennung einst alle Herzen geklopft hatten; und es traf sich, daß +derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den nordischen Barbaren +verdankte, zugleich der Oheim des gegenwärtigen Führers der Demokratie +war. Laut hatte die Menge gejubelt, als im Jahre 686 (68) Gaius Caesar +es wagte, den Verboten zuwider bei der Beerdigung der Witwe des Marius +die verehrten Züge des Helden auf dem Markte öffentlich zu zeigen. Aber +als gar drei Jahre nachher (689 65) die Siegeszeichen, die Marius auf +dem Kapitol hatte errichten und Sulla umstürzen lassen, eines Morgens, +allen unerwartet, wieder an der alten Stelle frisch in Gold und Marmor +glänzten, da drängten sich die Invaliden aus dem Afrikanischen und +Kimbrischen Kriege, Tränen in den Augen, um das Bild des geliebten +Feldherrn, und den jubelnden Massen gegenüber wagte der Senat nicht, an +den Trophäen sich zu vergreifen, welche dieselbe kühne Hand den +Gesetzen zum Trotz erneuert hatte. + +Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Lärm es auch machte, war +politisch betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie +war überwunden, die Demokratie ans Ruder gelangt. Daß die Kleinen und +Kleinsten herbeieilten, um dem am Boden liegenden Feind noch einen +Fußtritt zu versetzen; daß auch die Demokraten ihren Rechtsboden und +ihren Prinzipienkult hatten; daß ihre Doktrinäre nicht ruhten, bis die +sämtlichen Privilegien der Gemeinde in allen Stücken wiederhergestellt +waren und dabei gelegentlich sich lächerlich machten, wie Legitimisten +es pflegen - das alles war ebenso begreiflich wie gleichgültig. Im +ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr die +Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand für ihre Tätigkeit zu +finden, wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon +erledigte oder um Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In +dem Kampfe gegen die Aristokratie waren die Demokraten Sieger +geblieben; aber sie hatten nicht allein gesiegt und die Feuerprobe +stand ihnen noch bevor - die Abrechnung nicht mit dem bisherigen Feind, +sondern mit dem übermächtigen Bundesgenossen, dem sie in dem Kampfe mit +der Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie jetzt eine +beispiellose militärische und politische Gewalt selbst in die Hände +gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war +der Feldherr des Ostens und der Meere beschäftigt, Könige ein- und +abzusetzen; wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das +Kriegsgeschäft für beendet erklären werde, konnte keiner sagen als er +selbst, da wie alles andere, so auch der Zeitpunkt seiner Rückkehr nach +Italien, das heißt der Entscheidung in seine Hand gelegt war. Die +Parteien in Rom inzwischen saßen und harrten. Die Optimaten freilich +sahen der Ankunft des gefürchteten Feldherrn verhältnismäßig ruhig +entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der Demokratie, dessen +Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht verlieren, +sondern nur gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher +Angst und suchten während der durch Pompeius’ Abwesenheit noch +vergönnten Frist gegen die drohende Explosion eine Kontermine zu legen. +Hierin trafen sie wieder zusammen mit Crassus, dem nichts übrig blieb, +um dem beneideten und gehaßten Nebenbuhler zu begegnen, als sich neu +und enger als zuvor mit der Demokratie zu verbünden. Schon bei der +ersten Koalition hatten Caesar und Crassus als die beiden Schwächeren +sich besonders nahe gestanden; das gemeinschaftliche Interesse und die +gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch fester, das den reichsten +und den verschuldetsten Mann von Rom zu engster Allianz verknüpfte. +Während öffentlich die Demokraten den abwesenden Feldherrn als das +Haupt und den Stolz ihrer Partei bezeichneten und alle ihre Pfeile +gegen die Aristokratie zu richten schienen, ward im stillen gegen +Pompeius gerüstet; und diese Versuche der Demokratie, sich der +drohenden Militärdiktatur zu entwinden, haben geschichtlich eine weit +höhere Bedeutung als die lärmende und größtenteils nur als Maske +benutzte Agitation gegen die Nobilität. Freilich bewegten sie sich in +einem Dunkel, in das unsere Überlieferung nur einzelne Streiflichter +fallen läßt; denn nicht die Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte +ihre Ursachen, einen Schleier darüber zu werfen. Indes im allgemeinen +sind sowohl der Gang wie das Ziel dieser Bestrebungen vollkommen klar. +Der Militärgewalt konnte nur durch eine andere Militärgewalt wirksam +Schach geboten werden. Die Absicht der Demokraten war, sich nach dem +Beispiel des Marius und Cinna der Zügel der Regierung zu bemächtigen, +sodann einen ihrer Führer sei es mit der Eroberung Ägyptens, sei es mit +der Statthalterschaft Spaniens oder einem ähnlichen ordentlichen oder +außerordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer ein +Gegengewicht gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften +sie einer Revolution, die zunächst gegen die nominelle Regierung, in +der Tat gegen Pompeius ging als den designierten Monarchen; und um +diese Revolution zu bewirken, war von der Erlassung der +Gabinisch-Manilischen Gesetze an bis auf Pompeius’ Rückkehr (688 - 692 +66 - 62) die Verschwörung in Rom in Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in +ängstlicher Spannung; die gedrückte Stimmung der Kapitalisten, die +Zahlungsstockungen, die häufigen Bankrotte waren Vorboten der gärenden +Umwälzung, die zugleich eine gänzlich neue Stellung der Parteien +herbeiführen zu müssen schien. Der Anschlag der Demokratie, der über +den Senat hinweg auf Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen +diesen nahe. Die Demokratie aber, indem sie der Diktatur des Pompeius +die eines ihr genehmeren Mannes entgegenzustellen versuchte, erkannte +genau genommen auch ihrerseits das Militärregiment an und trieb in der +Tat den Teufel aus durch Beelzebub; unter den Händen ward ihr die +Prinzipien- zur Personenfrage. + +—————————————————————————————- + +^1 Wer die Gesamtlage der politischen Verhältnisse dieser Zeit +übersieht, wird spezieller Beweise nicht bedürfen, um zu der Einsicht +zu gelangen, daß das letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f. +(66) nicht der Sturz des Senats war, sondern der des Pompeius. Doch +fehlt es auch an solchen Beweisen nicht. Daß die Gabinisch-Manilischen +Gesetze der Demokratie einen tödlichen Schlag versetzten, sagt Sallust +(Cat. 39); daß die Verschwörung 688-689 (66-65) und die Servilische +Rogation speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist gleichfalls +bezeugt (Sall. Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17, 46). +Überdies zeigt Crassus’ Stellung zu der Verschwörung allein schon +hinreichend, daß sie gegen Pompeius gerichtet war. + +————————————————————————————— + +Die Einleitung zu der von den Führern der Demokratie entworfenen +Revolution sollte also der Sturz der bestehenden Regierung durch eine +zunächst in Rom von demokratischen Verschworenen angestiftete +Insurrektion sein. Der sittliche Zustand der niedrigsten wie der +höchsten Schichten der hauptstädtischen Gesellschaft bot hierzu den +Stoff in beklagenswerter Fülle. Wie das freie und das +Sklavenproletariat der Hauptstadt beschaffen waren, braucht hier nicht +wiederholt zu werden. Es ward schon das bezeichnende Wort vernommen, +daß nur der Arme den Armen zu vertreten fähig sei - der Gedanke regte +sich also, daß die Masse der Armen so gut wie die Oligarchie der +Reichen sich als selbständige Macht konstituieren und, statt sich +tyrannisieren zu lassen, auch wohl ihrerseits den Tyrannen spielen +könne. Aber auch in den Kreisen der vornehmen Jugend fanden ähnliche +Gedanken einen Widerhall. Das hauptstädtische Modeleben zerrüttete +nicht bloß das Vermögen, sondern auch die Kraft des Leibes und des +Geistes. Jene elegante Welt der duftenden Haarlocken, der modischen +Stutzbärte und Manschetten, so lustig es auch darin bei Tanz und +Zitherspiel und früh und spät beim Becher herging, barg doch in sich +einen erschreckenden Abgrund sittlichen und ökonomischen Verfalls, gut +oder schlecht verhehlter Verzweiflung und wahnsinniger oder bübischer +Entschlüsse. In diesen Kreisen ward unverhohlen geseufzt nach der +Wiederkehr der cinnanischen Zeit mit ihren Ächtungen und Konfiskationen +und ihrer Vernichtung der Schuldbücher; es gab Leute genug, darunter +nicht wenige von nicht gemeiner Herkunft und ungewöhnlichen Anlagen, +die nur auf das Signal warteten, um wie eine Räuberschar über die +bürgerliche Gesellschaft herzufallen und das verlotterte Vermögen sich +wieder zu erplündern. Wo eine Bande sich bildet, fehlt es an Führern +nicht; auch hier fanden sich bald Männer, die zu Räuberhauptleuten sich +eigneten. Der gewesene Prätor Lucius Catilina, der Quästor Gnaeus Piso +zeichneten unter ihren Genossen nicht bloß durch ihre vornehme Geburt +und ihren höheren Rang sich aus. Sie hatten die Brücke vollständig +hinter sich abgebrochen und imponierten ihren Spießgesellen durch ihre +Ruchlosigkeit ebensosehr wie durch ihre Talente. Vor allem Catilina war +einer der frevelhaftesten dieser frevelhaften Zeit. Seine Bubenstücke +gehören in die Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon sein +Äußeres, das bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald träge, bald +hastige Gang verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade +besaß er die Eigenschaften, die von dem Führer einer solchen Rotte +verlangt werden: die Fähigkeit, alles zu genießen und alles zu +entbehren, Mut, militärisches Talent, Menschenkenntnis, +Verbrecherenergie und jene entsetzliche Pädagogik des Lasters, die den +Schwachen zu Falle zu bringen, den Gefallenen zum Verbrecher zu +erziehen versteht. + +Aus solchen Elementen eine Verschwörung zum Umsturz der bestehenden +Ordnung zu bilden, konnte Männern, die Geld und politischen Einfluß +besaßen, nicht schwerfallen. Catilina, Piso und ihresgleichen gingen +bereitwillig auf jeden Plan ein, der ihnen Ächtungen und Kassation der +Schuldbücher in Aussicht stellte; jener war überdies noch mit der +Aristokratie speziell verfeindet, weil sie sich der Bewerbung des +verworfenen und gefährlichen Menschen um das Konsulat widersetzt hatte. +Wie er einst als Scherge Sullas an der Spitze einer Keltenschar auf die +Geächteten Jagd gemacht und unter anderen seinen eigenen hochbejahrten +Schwager mit eigener Hand niedergestoßen hatte, so ließ er jetzt sich +bereitwillig dazu herbei, der Gegenpartei ähnliche Dienst zuzusagen. +Ein geheimer Bund ward gestiftet. Die Zahl der in denselben +aufgenommenen Individuen soll 400 überstiegen haben; er zählte +Affiliierte in allen Landschaften und Stadtgemeinden Italiens; überdies +verstand es sich von selbst, daß einer Insurrektion, die das zeitgemäße +Programm der Schuldentilgung auf ihre Fahne schrieb, aus den Reihen der +liederlichen Jugend zahlreiche Rekruten ungeheißen zuströmen würden. + +Im Dezember 688 (66) - so wird erzählt - glaubten die Leiter des Bundes +den geeigneten Anlaß gefunden zu haben, um loszuschlagen. Die beiden +für 689 (65) erwählten Konsuln Publius Cornelius Sulla und Publius +Autronius Paetus waren vor kurzem der Wahlbestechung gerichtlich +überwiesen und deshalb nach gesetzlicher Vorschrift ihrer Anwartschaft +auf das höchste Amt verlustig erklärt worden. Beide traten hierauf dem +Bunde bei. Die Verschworenen beschlossen, ihnen das Konsulat mit Gewalt +zu verschaffen und dadurch sich selbst in den Besitz der höchsten +Gewalt im Staate zu setzen. An dem Tage, wo die neuen Konsuln ihr Amt +antreten würden, dem 1. Januar 689 (65) sollte die Kurie von +Bewaffneten gestürmt, die neuen Konsuln und die sonst bezeichneten +Opfer niedergemacht und Sulla und Paetus nach Kassierung des +gerichtlichen Urteils, das sie ausschloß, als Konsuln proklamiert +werden. Crassus sollte sodann die Diktatur, Caesar das Reiterführeramt +übernehmen, ohne Zweifel, um eine imposante Militärmacht auf die Beine +zu bringen, während Pompeius fern am Kaukasus beschäftigt war. +Hauptleute und Gemeine waren gedungen und angewiesen; Catilina wartete +an dem bestimmten Tage in der Nähe des Rathauses auf das verabredete +Zeichen, das auf Crassus’ Wink ihm von Caesar gegeben werden sollte. +Allein er wartete vergebens; Crassus fehlte in der entscheidenden +Senatssitzung, und daran scheiterte für diesmal die projektierte +Insurrektion. Ein ähnlicher noch umfassenderer Mordplan ward dann für +den 5. Februar verabredet; allein auch dieser ward vereitelt, da +Catilina das Zeichen zu früh gab, bevor noch die bestellten Banditen +sich alle eingefunden hatten. Darüber ward das Geheimnis ruchbar. Die +Regierung wagte zwar nicht, offen der Verschwörung entgegenzutreten, +aber sie gab doch den zunächst bedrohten Konsuln Wachen bei und stellte +der Bande der Verschworenen eine von der Regierung bezahlte entgegen. +Um Piso zu entfernen, wurde der Antrag gestellt, ihn als Quästor mit +prätorischen Befugnissen nach dem diesseitigen Spanien zu senden; +worauf Crassus einging, in der Hoffnung, durch denselben die +Hilfsquellen dieser wichtigen Provinz für die Insurrektion zu gewinnen. +Weitergehende Vorschläge wurden durch die Tribune verhindert. + +Also lautet die Überlieferung, welche offenbar die in den +Regierungskreisen umlaufende Version wiedergibt und deren +Glaubwürdigkeit im einzelnen in Ermangelung jeder Kontrolle +dahingestellt bleiben muß. Was die Hauptsache anlangt, die Beteiligung +von Caesar und Crassus, so kann allerdings das Zeugnis ihrer +politischen Gegner nicht als ausreichender Beweis dafür angesehen +werden. Aber es paßt doch ihre offenkundige Tätigkeit in dieser Epoche +auffallend genau zu der geheimen, die dieser Bericht ihnen beimißt. Daß +Crassus, der in diesem Jahre Zensor war, als solcher den Versuch +machte, die Transpadaner in die Bürgerliste einzuschreiben, war schon +geradezu ein revolutionäres Beginnen. Noch bemerkenswerter ist es, daß +Crassus bei derselben Gelegenheit Anstalt machte, Ägypten und Kypros in +das Verzeichnis der römischen Domänen einzutragen ^2 und daß Caesar um +die gleiche Zeit (689 oder 690 65 oder 64) durch einige Tribune bei der +Bürgerschaft den Antrag stellen ließ, ihn nach Ägypten zu senden, um +den von den Alexandrinern vertriebenen König Ptolemaeos +wiedereinzusetzen. Diese Machinationen stimmen mit den von den Gegnern +erhobenen Anklagen in bedenklicher Weise zusammen. Gewisses läßt sich +hier nicht ermitteln; aber die große Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß +Crassus und Caesar den Plan entworfen hatten, sich während Pompeius’ +Abwesenheit der Militärdiktatur zu bemächtigen; daß Ägypten zur Basis +dieser demokratischen Militärmacht ausersehen war; daß endlich der +Insurrektionsversuch von 689 (65) angezettelt worden ist, um diese +Entwürfe zu realisieren und Catilina und Piso also Werkzeuge in den +Händen von Crassus und Caesar gewesen sind. + +——————————————————————- + +^2 Plut. Crass. 13; Cic. leg. agr. 2, 17, 44. In dies Jahr (689 65) +gehört Ciceros Rede De rege Alexandrino, die man unrichtig in das Jahr +698 (56) gesetzt hat. Cicero widerlegt darin, wie die Fragmente +deutlich zeigen, Crassus’ Behauptung, daß durch das Testament des +Königs Alexandros Ägypten römisches Eigentum geworden sei. Diese +Rechtsfrage konnte und mußte im Jahre 689 (65) diskutiert werden; im +Jahre 698 (56) aber war sie durch das Julische Gesetz von 695 (59) +bedeutungslos geworden. Auch handelte es sich im Jahre 698 (56) gar +nicht um die Frage, wem Ägypten gehöre, sondern um die Zurückführung +des durch einen Aufstand vertriebenen Königs, und es hat bei dieser uns +genau bekannten Verhandlung Crassus keine Rolle gespielt. Endlich war +Cicero nach der Konferenz von Luca durchaus nicht in der Lage, gegen +einen der Triumvirn ernstlich zu opponieren. + +———————————————————————- + +Einen Augenblick kam die Verschwörung ins Stocken. Die Wahlen für 690 +(64) fanden statt, ohne daß Crassus und Caesar ihren Versuch sich des +Konsulats zu bemeistern, dabei erneuert hätten; wozu mit beigetragen +haben mag, daß ein Verwandter des Führers der Demokratie, Lucius +Caesar, ein schwacher und von seinem Geschlechtsfreund nicht selten als +Werkzeug benutzter Mann, diesmal um das Konsulat sich bewarb. Indes +drängten die Berichte aus Asien zur Eile. Die kleinasiatischen und +armenischen Angelegenheiten waren bereits vollständig geordnet. So klar +auch die demokratischen Strategen es bewiesen, daß der Mithradatische +Krieg erst mit der Gefangennahme des Königs als beendigt gelten könne +und daß es deshalb notwendig sei, die Hetzjagd um das Schwarze Meer +herum zu beginnen, vor allen Dingen aber von Syrien fernzubleiben - +Pompeius war, unbekümmert um solches Geschwätz, im Frühjahr 690 (64) +aus Armenien aufgebrochen und nach Syrien marschiert. Wenn Ägypten +wirklich zum Hauptquartier der Demokratie ausersehen war, so war keine +Zeit zu verlieren; leicht konnte sonst Pompeius eher als Caesar in +Ägypten stehen. Die Verschwörung von 688 (66) durch die schlaffen und +ängstlichen Repressivmaßregeln keineswegs gesprengt, regte sich wieder, +als die Konsulwahlen für 691 (63) herankamen. Die Personen waren +vermutlich wesentlich dieselben und auch der Plan nur wenig verändert. +Die Leiter der Bewegung hielten wieder sich im Hintergrund. Als +Bewerber um das Konsulat hatten sie diesmal aufgestellt: Catilina +selbst und Gaius Antonius, den jüngeren Sohn des Redners, einen Bruder +des von Kreta her übel berufenen Feldherrn. Catilinas war man sicher; +Antonius, ursprünglich Sullaner wie Catilina und wie dieser vor einigen +Jahren von der demokratischen Partei deshalb vor Gericht gestellt und +aus dem Senat ausgestoßen, übrigens ein schlaffer, unbedeutender, in +keiner Hinsicht zum Führer berufener, vollständig bankrotter Mann, gab +um den Preis des Konsulats und der daran geknüpften Vorteile sich den +Demokraten willig zum Werkzeug hin. Durch diese Konsuln beabsichtigten +die Häupter der Verschwörung, sich des Regiments zu bemächtigen, die in +der Hauptstadt zurückgebliebenen Kinder des Pompeius als Geiseln +festzunehmen und in Italien und den Provinzen gegen Pompeius zu rüsten. +Auf die erste Nachricht von dem in der Hauptstadt gefallenen Schlage +sollte der Statthalter Gnaeus Piso im diesseitigen Spanien die Fahne +der Insurrektion aufstecken. Die Kommunikation mit ihm konnte auf dem +Seeweg nicht stattfinden, da Pompeius das Meer beherrschte; man zählte +dafür auf die Transpadaner, die alten Klienten der Demokratie, unter +denen es gewaltig gärte und die natürlich sofort das Bürgerrecht +erhalten haben würden, ferner auf verschiedene keltische Stämme ^3. Bis +nach Mauretanien hin liefen die Fäden dieser Verbindung. Einer der +Mitverschworenen, der römische Großhändler Publius Sittius aus Nuceria, +durch finanzielle Verwicklungen gezwungen, Italien zu meiden, hatte +daselbst und in Spanien einen Trupp verzweifelter Leute bewaffnet und +zog mit diesen als Freischarenführer im westlichen Afrika herum, wo er +alte Handelsverbindungen hatte. + +————————————————————————- + +^3 Die Ambrani (Suet. Caes. 9) sind wohl nicht die mit den Kimbern +zusammen genannten Ambronen (Plot. Mar. 19), sondern verschrieben für +Arverni. + +————————————————————————- + +Die Partei strengte alle ihre Kräfte für den Wahlkampf an. Crassus und +Caesar setzten ihr Geld - eigenes oder geborgtes -und ihre Verbindungen +ein, um Catilina und Antonius das Konsulat zu verschaffen; Catilinas +Genossen spannten jeden Nerv an, um den Mann an das Ruder zu bringen, +der ihnen die Ämter und Priestertümer, die Paläste und Landgüter ihrer +Gegner und vor allen Dingen Befreiung von ihren Schulden verhieß und +von dem man wußte, daß er Wort halten werde. Die Aristokratie war in +großer Not, hauptsächlich weil sie nicht einmal Gegenkandidaten +aufzustellen vermochte. Daß ein solcher seinen Kopf wagte, war +offenbar; und die Zeiten waren nicht mehr, wo der Posten der Gefahr den +Bürger lockte - jetzt schwieg selbst der Ehrgeiz vor der Angst. So +begnügte sich die Nobilität, einen schwächlichen Versuch zu machen, den +Wahlumtrieben durch Erlassung eines neuen Gesetzes über den Stimmenkauf +zu steuern -was übrigens an der Interzession eines Volkstribunen +scheiterte - und ihre Stimmen auf einen Bewerber zu werfen, der ihr +zwar auch nicht genehm, aber doch wenigstens unschädlich war. Es war +dies Marcus Cicero, notorisch ein politischer Achselträger ^4, gewohnt +bald mit den Demokraten, bald mit Pompeius, bald aus etwas weiterer +Ferne mit der Aristokratie zu liebäugeln und jedem einflußreichen +Beklagten ohne Unterschied der Person oder Partei - auch Catilina +zählte er unter seinen Klienten - Advokatendienste zu leisten, +eigentlich von keiner Partei oder, was ziemlich dasselbe ist, von der +Partei der materiellen Interessen, die in den Griechen dominierte und +den beredten Sachwalter, den höflichen und witzigen Gesellschafter gern +hatte. Er hatte Verbindungen genug in der Hauptstadt und den +Landstädten, um neben den vor der Demokratie aufgestellten Kandidaten +eine Chance zu haben; und da auch die Nobilität, obwohl nicht gern, und +die Pompeianer für ihn stimmten, ward er mit großer Majorität gewählt. +Die beiden Kandidaten der Demokratie erhielten fast gleich viele +Stimmen, jedoch fielen auf Antonius, dessen Familie angesehener war als +die seines Konkurrenten, einige mehr. Dieser Zufall vereitelte die Wahl +Catilinas und rettete Rom vor einem zweiten Cinna. Schon etwas früher +war Piso, es hieß auf Anstiften seines politischen und persönlichen +Feindes Pompeius, in Spanien von seiner einheimischen Eskorte +niedergemacht worden ^5. Mit dem Konsul Antonius allein war nichts +anzufangen; Cicero sprengte das lockere Band, das ihn an die +Verschwörung knüpfte, noch ehe sie beide ihre Ämter antraten, indem er +auf die von Rechts wegen ihm zustehende Losung um die Konsularprovinzen +Verzicht leistete und dem tief verschuldeten Kollegen die einträgliche +Statthalterschaft Makedonien überließ. Die wesentlichen Vorbedingungen +auch dieses Anschlags waren also gefallen. + +——————————————————————————————- + +^4 Naiver kann dies nicht ausgesprochen werden, als es in der seinem +Bruder untergeschobenen Denkschrift geschieht (pet. 1, 5; 13, 51 53 vom +Jahre 690 64); der Bruder selbst würde schwerlich sich so offenherzig +öffentlich geäußert haben. Als authentisches Belegstück dazu werden +unbefangene Leute nicht ohne Interesse die zweite Rede gegen Rullus +lesen, wo der “erste demokratische Konsul”, in sehr ergötzlicher Weise +das liebe Publikum nasführend, ihm die “richtige Demokratie” +entwickelt. + +^5 Seine noch vorhandene Grabschrift lautet: Cn. Calpurnius Cn, f. Piso +quaestor pro pr. ex s. c. provinciam Hispaniam citeriorem optinuit. + +——————————————————————————————- + +Inzwischen entwickelten die orientalischen Verhältnisse sich immer +bedrohlicher für die Demokratie. Die Ordnung Syriens schritt rasch +vorwärts; schon waren von Ägypten Aufforderungen an Pompeius ergangen, +daselbst einzurücken und das Land für Rom einzuziehen; man mußte +fürchten, demnächst zu vernehmen, daß Pompeius selbst das Niltal in +Besitz genommen habe. Eben hierdurch mag Caesars Versuch, sich geradezu +vom Volke nach Ägypten senden zu lassen, um dem Könige gegen seine +aufrührerischen Untertanen Beistand zu leisten, hervorgerufen worden +sein; er scheiterte, wie es scheint, an der Abneigung der Großen und +Kleinen, irgend etwas gegen Pompeius’ Interesse zu unternehmen. +Pompeius’ Heimkehr und damit die wahrscheinliche Katastrophe rückten +immer näher; wie oft auch die Sehne gerissen war, es mußte doch wieder +versucht werden, denselben Boten zu spannen. Die Stadt war in dumpfer +Gärung: häufige Konferenzen der Häupter der Bewegung deuteten an, daß +wieder etwas im Werke sei. Was das sei, ward offenbar, als die neuen +Volkstribune ihr Amt antraten (10. Dezember 690 64) und sogleich einer +von ihnen, Publius Servillius Rullus, ein Ackergesetz beantragte, das +den Führern der Demokraten eine ähnliche Stellung verschaffen sollte, +wie sie infolge der Gabinisch-Manilischen Anträge Pompeius einnahm. Der +nominelle Zweck war die Gründung von Kolonien in Italien, wozu der +Boden indes nicht durch Expropriation gewonnen werden sollte - vielmehr +wurden alle bestehenden Privatrechte garantiert, ja sogar die +widerrechtlichen Okkupationen der jüngsten Zeit in volles Eigentum +umgewandelt. Nur die verpachtete kampanische Domäne sollte parzelliert +und kolonisiert werden, im übrigen die Regierung das zur Assignation +bestimmte Land durch gewöhnlichen Kauf erwerben. Um die hierzu nötigen +Summen zu beschaffen, sollte das übrige italische und vor allem alles +außeritalische Domanialland sukzessiv zum Verkauf gebracht werden; +worunter namentlich die ehemaligen königlichen Tafelgüter in +Makedonien, dem Thrakischen Chersones, Bithynien, Pontus, Kyrene, +ferner die Gebiete der nach Kriegsrecht zu vollem Eigen gewonnenen +Städte in Spanien, Afrika, Sizilien, Hellas, Kilikien verstanden waren. +Verkauft werden sollte ingleichen alles, was der Staat an beweglichen +und unbeweglichem Gut seit dem Jahre 666 (88) erworben und worüber er +nicht früher verfügt hatte; was hauptsächlich auf Ägypten und Kypros +zielte. Zu dem gleichen Zweck wurden alle untertänigen Gemeinden mit +Ausnahme der Städte latinischen Rechts und der sonstigen Freistädte mit +sehr hoch gegriffenen Gefällen und Zehnten belastet. Ebenfalls ward +endlich für jene Ankäufe bestimmt der Ertrag der neuen +Provinzialgefälle, anzurechnen vom Jahre 692 (62) und der Erlös aus der +sämtlichen, noch nicht gesetzmäßig verwandten Beute; welche Anordnungen +auf die neuen, von Pompeius im Osten eröffneten Steuerquellen und auf +die in den Händen des Pompeius und der Erben Sullas befindlichen +öffentlichen Gelder sich bezog. Zur Ausführung dieser Maßregel sollten +Zehnmänner mit eigener Jurisdiktion und eigenem Imperium ernannt +werden, welche fünf Jahre im Amte zu bleiben und mit 200 Unterbeamten +aus dem Ritterstand sich zu umgeben hatten; bei der Wahl der Zehnmänner +aber sollten nur die Kandidaten, die persönlich sich melden würden, +berücksichtigt werden dürfen und, ähnlich wie bei den Priesterwahlen, +nur siebzehn durch Los aus den fünfunddreißig zu bestimmende Bezirke +wählen. Es war ohne großen Scharfsinn zu erkennen, daß man in diesem +Zehnmännerkollegium eine der des Pompeius nachgebildete, nur etwas +weniger militärisch und mehr demokratisch gefärbte Gewalt zu schaffen +beabsichtigte. Man bedurfte der Gerichtsbarkeit namentlich, um die +ägyptische Frage zu entscheiden, der Militärgewalt, um gegen Pompeius +zu rüsten; die Klausel, welche die Wahl eines Abwesenden untersagte, +schloß Pompeius aus, und die Verminderung der stimmberechtigten Bezirke +sowie die Manipulation des Auslosens sollten die Lenkung der Wahl im +Sinne der Demokratie erleichtern. + +Indes dieser Versuch verfehlte gänzlich sein Ziel. Die Menge, die es +bequemer fand, das Getreide im Schatten der römischen Hallen aus den +öffentlichen Magazinen sich zumessen zu lassen, als es im Schweiße des +Angesichts selber zu bauen, nahm den Antrag an sich schon mit +vollkommener Gleichgültigkeit auf. Sie fühlte auch bald heraus, daß +Pompeius einen solchen, in jeder Hinsicht ihn verletzenden Beschluß +sich nimmermehr gefallen lassen werde und daß es nicht gut stehen könne +mit einer Partei, die in ihrer peinlichen Angst sich zu so +ausschweifenden Anerbietungen herbeilasse. Unter solchen Umständen fiel +es der Regierung nicht schwer, den Antrag zu vereiteln; der neue Konsul +Cicero nahm die Gelegenheit wahr, sein Talent, offene Türen +einzulaufen, auch hier geltend zu machen; noch ehe die bereitstehenden +Tribune interzedierten, zog der Urheber selbst den Vorschlag zurück (1. +Januar 691 62). Die Demokratie hatte nichts gewonnen als die +unerfreuliche Belehrung, daß die große Menge in Liebe oder in Furcht +fortwährend noch zu Pompeius hielt und daß jeder Antrag sicher fiel, +den das Publikum als gegen Pompeius gerichtet erkannte. + +Ermüdet von all diesem vergeblichen Wühlen und resultatlosem Planen, +beschloß Catilina, die Sache zur Entscheidung zu treiben und ein für +allemal ein Ende zu machen. Er traf im Laufe des Sommers seine +Maßregeln, um den Bürgerkrieg zu eröffnen. Faesulae (Fiesole), eine +sehr feste Stadt in dem von Verarmten und Verschworenen wimmelnden +Etrurien und fünfzehn Jahre zuvor der Herd des Lepidianischen +Aufstandes, ward wiederum zum Hauptquartier der Insurrektion +ausersehen. Dorthin gingen die Geldsendungen, wozu namentlich die in +die Verschwörung verwickelten vornehmen Damen der Hauptstadt die Mittel +hergaben; dort wurden Waffen und Soldaten gesammelt; ein alter +sullanischer Hauptmann, Gaius Manlius, so tapfer und so frei von +Gewissensskrupeln wie nur je ein Lanzknecht, übernahm daselbst +vorläufig den Oberbefehl. Ähnliche wenn auch minder ausgedehnte +Zurüstungen wurden an andern Punkten Italiens gemacht. Die Transpadaner +waren so aufgeregt, daß sie nur auf das Zeichen zum Losschlagen zu +warten schienen. Im bruttischen Lande, an der Ostküste Italiens, in +Capua, wo überall große Sklavenmassen angehäuft waren, schien eine +zweite Sklaveninsurrektion, gleich der des Spartacus, im Entstehen. +Auch in der Hauptstadt bereitete etwas sich vor; wer die trotzige +Haltung sah, in der die vorgeforderten Schuldner vor dem Stadtprätor +erschienen, mußte der Szenen gedenken, die der Ermordung des Asellio +vorangegangen waren. Die Kapitalisten schwebten in namenloser Angst; es +zeigte sich nötig, das Verbot der Gold- und Silberausfuhr einzuschärfen +und die Haupthäfen überwachen zu lassen. Der Plan der Verschworenen +war, bei der Konsulwahl für 692 (62) zu der Catilina sich wieder +gemeldet hatte, den wahlleitenden Konsul sowie die unbequemen +Mitbewerber kurzweg niederzumachen und Catilinas Wahl um jeden Preis +durchzusetzen, nötigenfalls selbst bewaffnete Scharen von Faesulae und +den anderen Sammelpunkten gegen die Hauptstadt zu führen und mit ihnen +den Widerstand zu brechen. + +Cicero, beständig durch seine Agenten und Agentinnen von den +Verhandlungen der Verschworenen rasch und vollständig unterrichtet, +denunzierte an dem anberaumten Wahltag (20. Oktober) die Verschwörung +in vollem Senat und im Beisein ihrer hauptsächlichsten Führer. Catilina +ließ sich nicht dazu herab zu leugnen; er antwortete trotzig, wenn die +Wahl zum Konsul auf ihn fallen sollte, so werde es allerdings der +großen hauptlosen Partei gegen die kleine, von elenden Häuptern +geleitete an einem Führer nicht länger fehlen. Indes da handgreifliche +Beweise des Komplotts nicht vorlagen, war von dem ängstlichen Senat +nichts weiter zu erreichen, als daß er in der üblichen Weise den von +den Beamten zweckmäßig befundenen Ausnahmemaßregeln im voraus seine +Sanktion erteilte (21. Oktober). So nahte die Wahlschlacht, diesmal +mehr eine Schlacht als eine Wahl; denn auch Cicero hatte aus den +jüngeren Männern namentlich des Kaufmannsstandes sich eine bewaffnete +Leibwache gebildet; und seine Bewaffneten waren es, die am 28. Oktober, +auf welchen Tag die Wahl vom Senat verschoben worden war, das Marsfeld +bedeckten und beherrschten. Den Verschworenen gelang es weder, den +wahlleitenden Konsul niederzumachen noch die Wahlen in ihrem Sinne zu +entscheiden. + +Inzwischen aber hatte der Bürgerkrieg begonnen. Am 27. Oktober hatte +Gaius Manlius bei Faesulae den Adler aufgepflanzt, um den die Armee der +Insurrektion sich scharen sollte - es war einer der Marianischen aus +dem Kimbrischen Kriege -, und die Räuber aus den Bergen wie das +Landvolk aufgerufen, sich ihm anzuschließen. Seine Proklamationen +forderten, anknüpfend an die alten Traditionen der Volkspartei, +Befreiung von der erdrückendem Schuldenlast und Milderung des +Schuldprozesses, der, wenn der Schuldbestand in der Tat das Vermögen +überstieg, allerdings immer noch rechtlich den Verlust der Freiheit für +den Schuldner nach sich zog. Es schien, als wolle das hauptstädtische +Gesindel, indem es gleichsam als legitimer Nachfolger der alten +plebejischen Bauernschaft auftrat und unter den ruhmvollen Adlern des +Kimbrischen Krieges seine Schlachten schlug, nicht bloß die Gegenwart, +sondern auch die Vergangenheit Roms beschmutzen. Indes blieb diese +Schilderhebung vereinzelt; in den anderen Sammelpunkten kam die +Verschwörung nicht hinaus über Waffenaufhäufung und Veranstaltung +geheimer Zusammenkünfte, da es überall an entschlossenen Führern +gebrach. Es war ein Glück für die Regierung; denn wie offen auch seit +längerer Zeit der bevorstehende Bürgerkrieg angekündigt war, hatten +doch die eigene Unentschlossenheit und die Schwerfälligkeit der +verrosteten Verwaltungsmaschinerie ihr nicht gestattet, irgendwelche +militärische Vorbereitungen zu treffen. Erst jetzt ward der Landsturm +aufgerufen und wurden in die einzelnen Landschaften Italiens höhere +Offiziere kommandiert, um jeder in seinem Bezirk die Insurrektion zu +unterdrücken, zugleich aus der Hauptstadt die Fechtersklaven +ausgewiesen und wegen der befürchteten Brandstiftungen Patrouillen +angeordnet. Catilina war in einer peinlichen Lage. Nach seiner Absicht +hatte bei den Konsularwahlen gleichzeitig in der Hauptstadt und in +Etrurien Iosgeschlagen werden sollen; das Scheitern der ersteren und +das Ausbrechen der zweiten Bewegung gefährdete ihn persönlich wie den +ganzen Erfolg seines Unternehmens. Nachdem einmal die Seinigen bei +Faesulae die Waffen gegen die Regierung erhaben hatten, war in Rom +seines Bleibens nicht mehr; und dennoch lag ihm nicht bloß alles daran, +die hauptstädtische Verschwörung jetzt wenigstens zum raschen +Losschlagen zu bestimmen, sondern wußte dies auch geschehen sein, bevor +er Rom verließ - denn er kannte seine Gehilfen zu gut, um sich dafür +auf sie zu verlassen. Die angesehenen unter den Mitverschworenen, +Publius Lentulus Sura, Konsul 683 (71), später aus dem Senat gestoßen +und jetzt, um in den Senat zurückzugelangen, wieder Prätor, und die +beiden gewesenen Prätoren Publius Autronius und Lucius Cassius waren +unfähige Menschen, Lentulus ein gewöhnlicher Aristokrat von großen +Warten und großen Ansprüchen, aber langsam im Begreifen und +unentschlossen im Handeln, Autronius durch nichts ausgezeichnet als +durch seine gewaltige Kreischstimme; von Lucius Cassius gar begriff es +niemand, wie ein so dicker und so einfältiger Mensch unter die +Verschwörer geraten sei. Die fähigeren Teilnehmer aber, wie den jungen +Senator Gaius Cethegus und die Ritter Lucius Statilius und Publius +Gabinius Capito, durfte Catilina nicht wagen, an die Spitze zu stellen, +da selbst unter den Verschworenen noch die traditionelle +Standeshierarchie ihren Platz behauptete und auch die Anarchisten nicht +meinten, obsiegen zu können, wenn nicht ein Konsular oder mindestens +ein Prätorier an der Spitze stand. Wie dringend darum immer die +Insurrektionsarmee nach ihrem Feldherrn verlangte und wie mißlich es +für diesen war, nach dem Ausbruch des Aufstandes länger am Sitze der +Regierung zu verweilen, entschloß Catilina sich dennoch, vorläufig noch +in Rom zu bleiben. Gewohnt, durch seinen kecken Übermut den feigen +Gegnern zu imponieren, zeigte er sich öffentlich auf dem Markte wie im +Rathaus und antwortete auf die Drohungen, die dort gegen ihn fielen, +daß man sich hüten möge, ihn aufs äußerste zu treiben; wem man das Haus +anzünde, der werde genötigt, den Brand unter Trümmern zu löschen. In +der Tat wagten es weder Private noch Behörden, auf den gefährlichen +Menschen die Hand zulegen; es war ziemlich gleichgültig, daß ein junger +Adliger ihn wegen Vergewaltigung vor Gericht zog, denn bevor der Prozeß +zu Ende kommen konnte, mußte längst anderweitig entschieden sein. Aber +auch Catilinas Entwürfe scheiterten, hauptsächlich daran, daß die +Agenten der Regierung sich in den Kreis der Verschworenen gedrängt +hatten und dieselbe stets von allem Detail des Kornplatts genau +unterrichtet hielten. Als zum Beispiel die Verschworenen vor dem festen +Praeneste erschienen (1. November), das sie durch einen Handstreich zu +überrumpeln gehofft hatten, fanden sie die Bewohner gewarnt und +gerüstet; und in ähnlicher Weise schlug alles fehl. Catilina fand bei +all seiner Tollkühnheit es doch geraten, jetzt seine Abreise auf einen +der nächsten Tage festzusetzen; vorher aber wurde noch auf seine +dringende Mahnung in einer letzten Zusammenkunft der Verschworenen in +der Nacht vom 6. auf den 7. November beschlossen, den Konsul Cicero, +der die Kontermine hauptsächlich leitete, noch vor der Abreise des +Führers zu ermorden und, um jedem Verrat zuvorzukommen, diesen Beschluß +augenblicklich ins Werk zu setzen. Früh am Morgen des 7. November +pochten denn auch die erkorenen Mörder an dem Hause des Konsuls; aber +sie sahen die Wachen verstärkt und sich selber abgewiesen - auch +diesmal hatten die Spione der Regierung den Verschworenen den Rang +abgelaufen. Am Tage darauf (8. November) berief Cicero den Senat. Noch +jetzt wagte es Catilina zu erscheinen und gegen die zornigen Angriffe +des Konsuls, der ihm ins Gesicht die Vorgänge der letzten Tage +enthüllte, eine Verteidigung zu versuchen, aber man hörte nicht mehr +auf ihn und in der Nähe des Platzes, auf dem er saß, leerten sich die +Bänke. Er verließ die Sitzung und begab sich, wie er übrigens auch ohne +diesen Zwischenfall ohne Zweifel getan haben würde, der Verabredung +gemäß nach Etrurien. Hier rief er sich selber zum Konsul aus und nahm +eine zuwartende Stellung, um auf die erste Meldung von dem Ausbruch +einer Insurrektion in der Hauptstadt die Truppen gegen dieselbe in +Bewegung zu setzen. Die Regierung erklärte die beiden Führer Catilina +und Manlius sowie diejenigen ihrer Genossen, die nicht bis zu einem +bestimmten Tag die Waffen niedergelegt haben würden, in die Acht und +rief neue Milizen ein; aber an die Spitze des gegen Catilina Gestimmten +Heeres ward der Konsul Gaius Antonius gestellt, der notorisch in die +Verschwörung verwickelt war und bei dessen Charakter es durchaus vom +Zufall abhing, ob er seine Truppen gegen Catilina oder ihm zuführen +werde. Man schien es geradezu darauf angelegt zu haben, aus diesem +Antonius einen zweiten Lepidus zu machen. Ebensowenig ward +eingeschritten gegen die in der Hauptstadt zurückgebliebenen Leiter der +Verschwörung, obwohl jedermann mit Fingern auf sie wies und die +Insurrektion in der Hauptstadt von den Verschworenen nichts weniger als +aufgegeben, vielmehr der Plan derselben noch von Catilina selbst vor +seinem Abgang von Rom festgelegt worden war. Ein Tribun sollte durch +Berufung einer Volksversammlung das Zeichen geben, die Nacht darauf +Cethegus den Konsul Cicero aus dem Wege räumen, Gabinius und Statilius +die Stadt an zwölf Stellen zugleich in Brand stecken und mit dem +inzwischen herangezogenen Heere Catilinas die Verbindung in möglichster +Geschwindigkeit hergestellt werden. Hätten Cethegus’ dringende +Vorstellungen gefruchtet und Lentulus, der nach Catilinas Abreise an +die Spitze der Verschworenen gestellt war, sich zu raschem Losschlagen +entschlossen, so konnte die Verschwörung auch jetzt noch gelingen. +Allein die Konspiratoren waren gerade ebenso unfähig und ebenso feig +wie ihre Gegner; Wochen verflossen und es kam zu keiner Entscheidung. + +Endlich führte die Kontermine sie herbei. In seiner weitläufigen und +gern die Säumigkeit in dem Nächsten und Notwendigen durch die +Entwerfung fernliegender und weitsichtiger Pläne bedeckenden Art hatte +Lentulus sich mit den eben in Rom anwesenden Deputierten eines +Keltengaus, der Allobrogen, eingelassen und diese, die Vertreter eines +gründlich zerrütteten Gemeinwesens und selber tief verschuldet, +versucht in die Verschwörung zu verwickeln, auch ihnen bei ihrer +Abreise Boten und Briefe an die Vertrauten mitgegeben. Die Allobrogen +verließen Rom, wurden aber in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember hart +an den Toren von den römischen Behörden angehalten und ihre Papiere +ihnen abgenommen. Es zeigte sich, daß die allobrogischen Abgeordneten +sich zu Spionen der römischen Regierung hergegeben und die +Verhandlungen nur deshalb geführt hatten, um dieser die gewünschten +Beweisstücke gegen die Hauptleiter der Verschwörung in die Hände zu +spielen. Am Morgen darauf wurden von Cicero in möglichster Stille +Verhaftsbefehle gegen die gefährlichsten Führer des Komplotts erlassen +und gegen Lentulus, Cethegus, Gabinius und Statilius auch vollzogen, +während einige andere durch die Flucht der Festnehmung entgingen. Die +Schuld der Ergriffenen wie der Flüchtigen war vollkommen evident. +Unmittelbar nach der Verhaftung wurden dem Senat die weggenommenen +Briefschaften vorgelegt, zu deren Siegel und Handschrift die +Verhafteten nicht umhin konnten, sich zu bekennen, und die Gefangenen +und Zeugen verhört; weitere bestätigende Tatsachen, Waffenniederlagen +in den Häusern der Verschworenen, drohende Äußerungen, die sie getan, +ergaben sich alsbald; der Tatbestand der Verschwörung war vollständig +und rechtskräftig festgestellt und die wichtigsten Aktenstücke sogleich +auf Ciceros Veranstaltung durch fliegende Blätter publiziert. + +Die Erbitterung gegen die anarchistische Verschwörung war allgemein. +Gern hätte die oligarchische Partei die Enthüllungen benutzt, um mit +der Demokratie überhaupt und namentlich mit Caesar abzurechnen, allein +sie war viel zu gründlich gesprengt, um dies durchsetzen und ihm das +Ende bereiten zu können, das sie vor Zeiten den beiden Gracchen und dem +Saturninus bereitet hatte; in dieser Hinsicht blieb es bei dem guten +Willen. Die hauptstädtische Menge empörten namentlich die +Brandstiftungspläne der Verschworenen. Die Kaufmannschaft und die ganze +Partei der materiellen Interessen erkannte in diesem Krieg der +Schuldner gegen die. Gläubiger natürlich einen Kampf um ihre Existenz; +in stürmischer Aufregung drängte sich ihre Jugend, die Schwerter in den +Händen, um das Rathaus und zückte dieselben gegen die offenen und +heimlichen Parteigenossen Catilinas. In der Tat war für den Augenblick +die Verschwörung paralysiert; wenn auch vielleicht ihre letzten Urheber +noch auf freien Füßen waren, so war doch der ganze mit der Ausführung +beauftragte Stab der Verschwörung entweder gefangen oder auf der +Flucht; der bei Faesulae versammelte Haufen konnte ohne Unterstützung +durch eine Insurrektion in der Hauptstadt unmöglich viel ausrichten. + +In einem leidlich geordneten Gemeinwesen wäre die Sache hiermit +politisch zu Ende gewesen und hätten das Militär und die Gerichte das +weitere übernommen. Allein in Rom war es so weit gekommen, daß die +Regierung nicht einmal ein paar angesehene Adlige in sicherem Gewahrsam +zu halten imstande war. Die Sklaven und Freigelassenen des Lentulus und +der übrigen Verhafteten regten sich; Pläne, hieß es, seien geschmiedet, +um sie mit Gewalt aus den Privathäusern, in denen sie gefangen saßen, +zu befreien; es fehlte, dank dem anarchischen Treiben der letzten +Jahre, in Rom nicht an Bandenführern, die nach einer gewissen Taxe +Aufläufe und Gewalttaten in Akkord nahmen; Catilina endlich war von dem +Ereignis benachrichtigt und nahe genug, um mit seinen Scharen einer. +dreisten Streich zu versuchen. Wieviel an diesen Reden Wahres war, läßt +sich nicht sagen; die Besorgnisse aber waren gegründet, da der +Verfassung gemäß in der Hauptstadt der Regierung weder Truppen noch +auch nur eine achtunggebietende Polizeimacht zu Gebote stand und sie in +der Tat jedem Banditenhaufen preisgegeben war. Der Gedanke ward laut, +eile etwaigen Befreiungsversuche durch sofortige Hinrichtung der +Gefangenen abzuschneiden. Verfassungmäßig war dies nicht möglich. Nach +dem altgeheiligten Provokationsrecht konnte über den Gemeindebürger ein +Todesurteil nur von der gesamten Bürgerschaft und sonst von keiner +andren Behörde verhängt werden; seit die Bürgerschaftsgerichte selbst +zur Antiquität geworden waren, ward überhaupt nicht mehr auf den Tod +erkannt. Gern hätte Cicero das bedenkliche Ansinnen zurückgewiesen; so +gleichgültig auch an sich die Rechtsfrage dem Advokaten sein mochte, er +wußte wohl, wie nützlich es ebendiesem ist, liberal zu heißen, und +verspürte wenig Lust, durch dies vergossene Blut sich auf ewig von der +demokratischen Partei zu scheiden. Indes seine Umgebung, namentlich +seine vornehme Gemahlin drängten ihn, seine Verdienste um das Vaterland +durch diesen kühnen Schritt zu krönen; der Konsul, wie alle Feigen +ängstlich bemüht, den Schein der Feigheit zu vermeiden und doch auch +vor der furchtbaren Verantwortung zitternd, berief in seiner Not den +Senat und überließ es diesem, über Leben und Tod der vier Gefangenen zu +entscheiden. Freilich hatte dies keinen Sinn; denn da der Senat +verfassungmäßig noch viel weniger hierüber erkennen konnte als der +Konsul, so fiel rechtlich doch immer alle Verantwortung auf den +letzteren zurück; aber wann ist je die Feigheit konsequent gewesen? +Caesar bot alles auf, um die Gefangenen zu retten, und seine Rede voll +versteckter Drohungen vor der künftigen unausbleiblichen Rache der +Demokratie machte den tiefsten Eindruck. Obwohl bereits sämtliche +Konsulare und die große Majorität des Senats sich für die Hinrichtung +ausgesprochen hatten, schienen doch nun wieder die meisten, Cicero +voran, sich zur Enthaltung der rechtlichen Schranken zu neigen. Allein +indem Cato nach Rabulistenart die Verfechter der milderen Meinung der +Mitwisserschaft an dem Komplott verdächtigte und auf die Vorbereitungen +zur Befreiung der Gefangenen durch einen Straßenaufstand hinwies, wußte +er die schwankenden Seelen wieder in eine andere Furcht zu werfen und +für die sofortige Hinrichtung der Verbrecher die Majorität zu gewinnen. +Die Vollziehung des Beschlusses lag natürlich dem Konsul ob, der ihn +hervorgerufen hatte. Spät am Abend des fünften Dezembers wurden die +Verhafteten aus ihren bisherigen Quartieren abgeholt und über den immer +noch dicht von Menschen vollgedrängten Marktplatz in das Gefängnis +gebracht, worin die zum Tode verurteilten Verbrecher aufbewahrt zu +werden pflegten. Es war ein unterirdisches, zwölf Fuß tiefes Gewölbe am +Fuß des Kapitols, das ehemals als Brunnenhaus gedient hatte. Der Konsul +selbst führte den Lentulus, Prätoren die übrigen, alle von starken +Wachen begleitet; doch fand der Befreiungsversuch, den man erwartete, +nicht statt. Niemand wußte, ob die Verhafteten in ein gesichertes +Gewahrsam oder zur Richtstätte geführt wurden. An der Türe des Kerkers +wurden sie den Dreimännern übergeben, die die Hinrichtungen leiteten, +und in dem unterirdischen Gewölbe bei Fackelschein erdrosselt. Vor der +Türe hatte, bis die Exekutionen vollzogen waren, der Konsul gewartet +und rief darauf über den Markt hin mit seiner lauten wohlbekannten +Stimme der stumm harrenden Menge die Worte zu: “Sie sind tot!” Bis tief +in die Nacht hinein wogten die Haufen durch die Straßen und begrüßten +jubelnd den Konsul, dem sie meinten, die Sicherung ihrer Häuser und +ihrer Habe schuldig geworden zu sein. Der Rat ordnete öffentliche +Dankfeste an und die ersten Männer der Nobilität, Marcus Cato und +Quintus Catulus, begrüßten den Urheber des Todesurteils mit dem - hier +zuerst vernommenen - Namen eines Vaters des Vaterlandes. + +Aber es war eine grauenvolle Tat und nur um so grauenvoller, weil sie +einem ganzen Volke als groß und preisenswert erschien. Elender hat sich +wohl nie ein Gemeinwesen bankrott erklärt, als Rom durch diesen, mit +kaltem Blute von der Majorität der Regierung gefaßten, von der +öffentlichen Meinung gebilligten Beschluß, einige politische Gefangene, +die nach den Gesetzen zwar strafbar waren, aber das Leben nicht +verwirkt hatten, eiligst umzubringen, weil man der Sicherheit der +Gefängnisse nicht traute und es keine ausreichende Polizei gab! Es war +der humoristische Zug, der selten einer geschichtlichen Tragödie fehlt, +daß dieser Akt der brutalsten Tyrannei von dem haltungslosesten und +ängstlichsten aller römischen Staatsmänner vollzogen werden mußte und +daß der “erste demokratische Konsul” dazu ausersehen war, das Palladium +der alten römischen Gemeindefreiheit, das Provokationsrecht, zu +zerstören. + +Nachdem in der Hauptstadt die Verschwörung erstickt worden war noch +bevor sie zum Ausbruch kam, blieb es noch übrig, der Insurrektion in +Etrurien ein Ende zu machen. Der Heerbestand von etwa 2000 Mann, den +Catilina vorfand, hatte sich durch die zahlreich herbeiströmenden +Rekruten nahezu verfünffacht und bildete schon zwei ziemlich +vollzählige Legionen, worin freilich nur etwa der vierte Teil der +Mannschaft genügend bewaffnet war. Catilina hatte sich mit ihnen in die +Berge geworfen und ein Schlacht mit den Truppen des Antonius vermieden, +um die Organisierung seiner Scharen zu vollenden und den Ausbruch des +Aufstandes in Rom abzuwarten. Aber die Nachricht von dem Scheitern +desselben sprengte auch die Armee der Insurgenten: die Masse der minder +Kompromittierten ging daraufhin wieder nach Hause. Der zurückbleibende +Rest entschlossener oder vielmehr verzweifelter Leute machte einen +Versuch, sich durch die Apenninenpässe nach Gallien durchzuschlagen; +aber als die kleine Schar an dem Fuß des Gebirges bei Pistoria +(Pistoja) anlangte, fand sie sich hier von zwei Heeren in die Mitte +genommen. Vor sich hatte sie das Korps des Quintus Metellus, das von +Ravenna und Ariminum herangezogen war, um den nördlichen Abhang des +Apennin zu besetzen; hinter sich die Armee des Antonius, der dem +Drängen seiner Offiziere endlich nachgegeben und sich zu einem +Winterfeldzuge verstanden hatte. Catilina war nach beiden Seiten hin +eingekeilt und die Lebensmittel gingen zu Ende; es blieb nichts übrig, +als sich auf den näherstehenden Feind, das heißt auf Antonius zu +werfen. In einem engen von felsigen Bergen eingeschlossenen Tale kam es +zum Kampfe zwischen den Insurgenten und den Truppen des Antonius, +welche derselbe, um die Exekution gegen seine ehemaligen Verbündeten +wenigstens nicht selbst vollstrecken zu müssen, für diesen Tag unter +einem Vorwand einem tapferen, unter den Waffen ergrauten Offizier, dem +Marcus Petreius, anvertraut hatte. Die Übermacht der Regierungsarmee +kam bei der Beschaffenheit des Schlachtfeldes wenig in Betracht. +Catilina wie Petreius stellten ihre zuverlässigsten Leute in die +vordersten Reihen; Quartier ward weder gegeben noch genommen. Lange +stand der Kampf und von beiden Seiten fielen viele tapfere Männer; +Catilina, der vor dem Anfange der Schlacht sein Pferd und die der +sämtlichen Offiziere zurückgeschickt hatte, bewies an diesem Tage, daß +ihn die Natur zu nicht gewöhnlichen Dingen bestimmt hatte und daß er es +verstand, zugleich als Feldherr zu kommandieren und als Soldat zu +fechten. Endlich sprengte Petreius mit seiner Garde das Zentrum des +Feindes und faßte, nachdem er dies geworfen hatte, die beiden Flügel +von innen; der Sieg war damit entschieden. Die Leichen der Catilinarier +- man zählte ihrer 3000 - deckten gleichsam in Reihe und Glied den +Boden, wo sie gefochten hatten; die Offiziere und der Feldherr selbst +hatten, da alles verloren war, sich in die Feinde gestürzt und dort den +Tod gesucht und gefunden (Anfang 692 62). Antonius ward wegen dieses +Sieges vom Senat mit dem Imperatorentitel gebrandmarkt und neue +Dankfeste bewiesen, daß Regierung und Regierte anfingen, sich an den +Bürgerkrieg zu gewöhnen. + +Das anarchistische Komplott war also in der Hauptstadt wie in Italien +mit blutiger Gewalt niedergeschlagen worden; man ward nur noch an +dasselbe erinnert durch die Kriminalprozesse, die in den etruskischen +Landstädten und in der Hauptstadt unter den Affiliierten der +geschlagenen Partei aufräumten, und durch die anschwellenden italischen +Räuberbanden, wie deren zum Beispiel eine aus den Resten der Heere des +Spartacus und des Catilina erwachsene im Jahre 694 (60) im Gebiet von +Thurii durch Militärgewalt vernichtet ward. Aber es ist wichtig, es im +Auge zu behalten, daß der Schlag keineswegs bloß die eigentlichen +Anarchisten traf, die zur Anzündung der Hauptstadt sich verschworen und +bei Pistoria gefochten hatten, sondern die ganze demokratische Partei. +Daß diese, insbesondere Crassus und Caesar, hier so gut wie bei dem +Komplott von 688 (66) die Hand im Spiele hatten, darf als eine nicht +juristisch, aber historisch ausgemachte Tatsache angesehen werden. Zwar +daß Catulus und die übrigen Häupter der Senatspartei den Führer der +Demokraten der Mitwisserschaft um das anarchistische Komplott ziehen +und daß dieser als Senator gegen den von der Oligarchie beabsichtigten +brutalen Justizmord sprach und stimmte, konnte nur von der +Parteischikane als Beweis seiner Beteiligung an den Plänen Catilinas +geltend gemacht werden. Aber mehr ins Gewicht fällt eine Reihe anderer +Tatsachen. Nach ausdrücklichen und unabweisbaren Zeugnissen waren es +vor allen Crassus und Caesar, die Catilinas Bewerbung um das Konsulat +unterstützten. Als Caesar 690 (64) die Schergen Sullas vor das +Mordgericht zog, ließ er die übrigen verurteilen, den schuldigsten und +schädlichsten aber von ihnen allen, den Catilina, freisprechen. Bei den +Enthüllungen des dritten Dezember nannte Cicero zwar unter den Namen +der bei ihm angezeigten Verschworenen die der beiden einflußreichen +Männer nicht; allein es ist notorisch, daß die Denunzianten nicht bloß +auf diejenigen aussagten, gegen die nachher die Untersuchung gerichtet +ward, sondern außerdem noch auf “viele Unschuldige”, die der Konsul +Cicero aus dem Verzeichnis zu streichen für gut fand; und in späteren +Jahren, als er keine Ursache hatte, die Wahrheit zu entstellen, hat +eben er ausdrücklich Caesar unter den Mitwissern genannt. Eine +indirekte, aber sehr verständliche Bezichtigung liegt auch darin, daß +von den vier am dritten Dezember Verhafteten die beiden am wenigsten +gefährlichen, Statilius und Gabinius, den Senatoren Caesar und Crassus +zur Bewachung übergeben wurden; offenbar sollten sie entweder, wenn sie +sie entrinnen ließen, vor der öffentlichen Meinung als Mitschuldige +oder, wenn sie in der Tat sie festhielten, vor ihren Mitverschworenen +als Abtrünnige kompromittiert werden. Bezeichnend für die Situation ist +die folgende im Senat vorgefallene Szene. Unmittelbar nach der +Verhaftung des Lentulus und seiner Genossen wurde ein von den +Verschworenen in der Hauptstadt an Catilina abgesandter Bote von den +Agenten der Regierung aufgegriffen und derselbe, nachdem ihm +Straflosigkeit zugesichert war, in voller Senatssitzung ein umfassendes +Geständnis abzulegen veranlaßt. Wie er aber an die bedenklichen Teile +seiner Konfession kam und namentlich als seinen Auftraggeber den +Crassus nannte, ward er von den Senatoren unterbrochen und auf Ciceros +Vorschlag beschlossen, die ganze Angabe ohne weitere Untersuchung zu +kassieren, ihren Urheber aber ungeachtet der zugesicherten Amnestie so +lange einzusperren, bis er nicht bloß die Angabe zurückgenommen, +sondern auch bekannt haben werde, wer ihn zu solchem falschen Zeugnis +aufgestiftet habe! Hier liegt es deutlich zu Tage, nicht bloß daß jener +Mann die Verhältnisse recht genau kannte, der auf die Aufforderung, +einen Angriff auf Crassus zu machen, zur Antwort gab, er habe keine +Lust, den Stier der Herde zu reizen, sondern auch daß die +Senatsmajorität, Cicero an der Spitze, unter sich einig geworden war, +die Enthüllungen nicht über eine bestimmte Grenze vorschreiten zu +lassen. Das Publikum war so heikel nicht; die jungen Leute, die zur +Abwehr der Mordbrenner die Waffen ergriffen hatten, waren gegen keinen +so erbittert wie gegen Caesar; sie richteten am fünften Dezember, als +er die Kurie verließ, die Schwerter auf seine Brust und es fehlte nicht +viel, daß er schon jetzt an derselben Stelle sein Leben gelassen hätte, +wo siebzehn Jahre später ihn der Todesstreich traf; längere Zeit hat er +die Kurie nicht wieder betreten. Wer überall den Verlauf der +Verschwörung unbefangen erwägt, wird des Argwohns sich nicht zu +erwehren vermögen, daß während dieser ganzen Zeit hinter Catilina +mächtigere Männer standen, welche, gestützt auf den Mangel rechtlich +vollständiger Beweise und auf die Lauheit und Feigheit der nur halb +eingeweihten und nach jedem Vorwande zur Untätigkeit begierig +greifenden Senatsmehrheit, es verstanden, jedes ernstliche Einschreiten +der Behörden gegen die Verschwörung zu hemmen, dem Chef der Insurgenten +freien Abzug zu verschaffen und selbst die Kriegserklärung und +Truppensendungen gegen die Insurrektion so zu lenken, daß sie beinahe +auf die Sendung einer Hilfsarmee hinauslief. Wenn also der Gang der +Ereignisse selbst dafür zeugt, daß die Fäden des Catilinarischen +Komplotts weit höher hinaufreichen als bis zu Lentulus und Catilina, so +wird auch das Beachtung verdienen, daß in viel späterer Zeit, als +Caesar an die Spitze des Staates gelangt war, er mit dem einzigen noch +übrigen Catilinarier, dem mauretanischen Freischarenführer Publius +Sittius, im engsten Bündnis stand, und daß er das Schuldrecht ganz in +dem Sinne milderte, wie es die Proklamationen des Manlius begehrten. + +All diese einzelnen Inzichten reden deutlich genug; wäre das aber auch +nicht, die verzweifelte Lage der Demokratie gegenüber der seit den +Gabinisch-Manilischen Gesetzen drohender als je ihr zur Seite sich +erhebenden Militärgewalt macht es an sich schon fast zur Gewißheit, daß +sie, wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, in den geheimen +Komplotten und dem Bündnis mit der Anarchie eine letzte Hilfe gesucht +hat. Die Verhältnisse waren denen der cinnanischen Zeit sehr ähnlich. +Wenn im Osten Pompeius eine Stellung einnahm ungefähr wie damals Sulla, +so suchten Crassus und Caesar ihm gegenüber in Italien eine Gewalt +aufzurichten, wie Marius und Cinna sie besessen hatten, um sie dann +womöglich besser als diese zu benutzen. Der Weg dahin ging wieder durch +Terrorismus und Anarchie, und diesen zu bahnen war Catilina allerdings +der geeignete Mann. Natürlich hielten die reputierlicheren Führer der +Demokratie sich hierbei möglichst im Hintergrund und überließen den +unsauberen Genossen die Ausführung der unsauberen Arbeit, deren +politisches Resultat sie späterhin sich zuzueignen hofften. Noch mehr +wandten, als das Unternehmen gescheitert war, die höhergestellten +Teilnehmer alles an, um ihre Beteiligung daran zu verhüllen. Und auch +in späterer Zeit, als der ehemalige Konspirator selbst die Zielscheibe +der politischen Komplotte geworden war, zog ebendarum über diese +düsteren Jahre in dem Leben des großen Mannes der Schleier nur um so +dichter sich zusammen und wurden in diesem Sinne sogar eigene Apologien +für ihn geschrieben ^6. + +—————————————————————————— + +^6 Eine solche ist der ‘Catilina’ des Sallustius, der von dem +Verfasser, einem notorischen Caesarianer, nach dem Jahre 708 (46) +entweder unter Caesars Alleinherrschaft oder wahrscheinlicher unter dem +Triumvirat seiner Erben veröffentlicht wurde; offenbar als politische +Tendenzschrift, welche sich bemüht, die demokratische Partei, auf +welcher ja die römische Monarchie beruht, zu Ehren zu bringen und +Caesars Andenken von dem schwärzesten Fleck, der darauf haftete, zu +reinigen, nebenher auch den Oheim des Trimvirn Marcus Antonius +möglichst weißzuwaschen (vgl. z. B. c. 59 mit Dio 37, 39). Ganz ähnlich +soll der ‘Jugurtha’ desselben Verfassers teils die Erbärmlichkeit des +oligarchischen Regiments aufdecken, teils den Koryphäen der Demokratie +Gaius Marius verherrlichen. Daß der gewandte Schriftsteller den +apologetischen und akkusatorischen Charakter dieser seiner Bücher +zurücktreten läßt, beweist nicht, daß sie keine, sondern daß sie gute +Parteischriften sind. + +——————————————————————————— + +Seit fünf Jahren stand Pompeius im Osten an der Spitze seiner Heere und +Flotten; seit fünf Jahren konspirierte die Demokratie daheim, um ihn zu +stürzen. Das Ergebnis war entmutigend. Mit unsäglichen Anstrengungen +hatte man nicht bloß nichts erreicht, sondern moralisch wie materiell +ungeheure Einbuße gemacht. Schon die Koalition vom Jahre 683 (71) mußte +den Demokraten vom reinen Wasser ein Ärgernis sein, obwohl die +Demokratie damals nur mit zwei angesehenen Männern der Gegenpartei sich +einließ und diese auf ihr Programm verpflichtete. Jetzt aber hatte die +demokratische Partei gemeinschaftliche Sache gemacht mit einer Bande +von Mördern und Bankerottierern, die fast alle gleichfalls Überläufer +aus dem Lager der Aristokratie waren, und hatte deren Programm, das +heißt den Cinnanischen Terrorismus, wenigstens vorläufig akzeptiert. +Die Partei der materiellen Interessen, eines der Hauptelemente der +Koalition von 683 (71) wurde hierdurch der Demokratie entfremdet und +zunächst den Optimaten, überhaupt aber jeder Macht, die Schutz vor der +Anarchie gewähren wollte und konnte, in die Arme getrieben. Selbst die +hauptstädtische Menge, die zwar gegen einen Straßenkrawall nichts +einzuwenden hatte, aber es doch unbequem fand, sich das Haus über dem +Kopfe anzünden zu lassen, ward einigermaßen scheu. Es ist merkwürdig, +daß eben in diesem Jahr (691 63) die volle Wiederherstellung der +Sempronischen Getreidespenden stattfand, und zwar von Seiten des Senats +auf den Antrag Catos. Offenbar hatte der Bund der Demokratenführer mit +der Anarchie zwischen jene und die Stadtbürgerschaft einen Keil +getrieben, und suchte die Oligarchie, nicht ohne wenigstens +augenblicklichen Erfolg, diesen Riß zu erweitern und die Massen auf +ihre Seite hinüberzuziehen. Endlich war Gnaeus Pompeius durch all diese +Kabalen teils gewarnt, teils erbittert worden; nach allem, was +vorgefallen war, und nachdem die Demokratie die Bande, die sie mit +Pompeius verknüpften, selber so gut wie zerrissen hatte, konnte sie +nicht mehr schicklicherweise von ihm begehren, was im Jahre 684 (70) +eine gewisse Billigkeit für sich gehabt hatte, daß er die demokratische +Macht, die er und die ihn emporgebracht, nicht selber mit dem Schwerte +zerstöre. So war die Demokratie entehrt und geschwächt; vor allen +Dingen aber war sie lächerlich geworden durch die unbarmherzige +Aufdeckung ihrer Ratlosigkeit und Schwäche. Wo es sich um die +Demütigung des gestürzten Regiments und ähnliche Nichtigkeiten +handelte, war sie groß und gewaltig; aber jeder ihrer Versuche, einen +wirklich politischen Erfolg zu erreichen, war platt zur Erde gefallen. +Ihr Verhältnis zu Pompeius war so falsch wie kläglich. Während sie ihn +mit Lobsprüchen und Huldigungen überschüttete, spann sie gegen ihn eine +Intrige nach der anderen, die eine nach der anderen, Seifenblasen +gleich, von selber zerplatzten. Der Feldherr des Ostens und der Meere, +weit entfernt, sich dagegen zur Wehr zu setzen, schien das ganze +geschäftige Treiben nicht einmal zu bemerken und seine Siege über sie +zu erfechten wie Herakles den über die Pygmäen, ohne selber darum +gewahr zu werden. Der Versuch, den Bürgerkrieg zu entflammen, war +jämmerlich gescheitert; hatte die anarchistische Fraktion wenigstens +einige Energie entwickelt, so hatte die reine Demokratie die Rotten +wohl zu dingen verstanden, aber weder sie zu führen, noch sie zu +retten, noch mit ihnen zu sterben. Selbst die alte todesmatte +Oligarchie hatte, gestärkt durch die aus den Reihen der Demokratie zu +ihr übertretenden Massen und vor allem durch die in dieser +Angelegenheit unverkennbare Gleichheit ihrer Interessen und derjenigen +des Pompeius, es vermocht, diesen Revolutionsversuch niederzuschlagen +und damit noch einen letzten Sieg über die Demokratie zu erfechten. +Inzwischen war König Mithradates gestorben, Kleinasien und Syrien +geordnet, Pompeius’ Heimkehr nach Italien jeden Augenblick zu erwarten. +Die Entscheidung war nicht fern; aber konnte in der Tat noch die Rede +sein von einer Entscheidung zwischen dem Feldherrn, der ruhmvoller und +gewaltiger als je zurückkam, und der beispiellos gedemütigten und +völlig machtlosen Demokratie? Crassus schickte sich an, seine Familie +und sein Gold zu Schiffe zu bringen und irgendwo im Osten eine +Freistatt aufzusuchen; und selbst eine so elastische und so energische +Natur wie Caesar schien im Begriff, das Spiel verloren zu geben. In +dieses Jahr (691 63) fällt seine Bewerbung um die Stelle des +Oberpontifex; als er am Morgen der Wahl seine Wohnung verließ, äußerte +er, wenn auch dieses ihm fehlschlage, werde er, die Schwelle seines +Hauses nicht wieder überschreiten. + + + + +KAPITEL VI. +Pompeius’ Rücktritt und die Koalition der Prätendenten + + +Als Pompeius nach Erledigung der ihm aufgetragenen Verrichtungen seine +Blicke wieder der Heimat zuwandte, fand er zum zweiten Male das Diadem +zu seinen Füßen. Längst neigte die Entwicklung des römischen +Gemeinwesens einer solchen Katastrophe sich zu; es war jedem +Unbefangenen offenbar und war tausendmal gesagt worden, daß, wenn der +Herrschaft der Aristokratie ein Ende gemacht sein werde, die Monarchie +unausbleiblich sei. Jetzt war der Senat gestürzt zugleich durch die +bürgerliche, liberale Opposition und die soldatische Gewalt; es konnte +sich nur noch darum handeln, für die neue Ordnung der Dinge die +Personen, die Namen und Formen festzustellen, die übrigens in den teils +demokratischen, teils militärischen Elementen der Umwälzung bereits +klar genug angedeutet waren. Die Ereignisse der letzten fünf Jahre +hatten auf diese bevorstehende Umwandlung des Gemeinwesens gleichsam +das letzte Siegel gedrückt. In den neu eingerichteten asiatischen +Provinzen, die in ihrem Ordner den Nachfolger des großen Alexander +königlich verehrten und schon seine begünstigten Freigelassenen wie +Prinzen empfingen, hatte Pompeius den Grund seiner Herrschaft gelegt +und zugleich die Schätze, das Heer und den Nimbus gefunden, deren der +künftige Fürst des römischen Staats bedurfte. Die anarchistische +Verschwörung aber in der Hauptstadt mit dem daran sich knüpfenden +Bürgerkrieg hatte es jedem, der politische oder auch nur materielle +Interessen hegte, mit empfindlicher Schärfe dargelegt, daß eine +Regierung ohne Autorität und ohne militärische Macht, wie die des +Senats war, den Staat der ebenso lächerlichen wie furchtbaren Tyrannei +der politischen Industrieritter aussetzte und daß eine +Verfassungsänderung, welche die Militärgewalt enger mit dem Regiment +verknüpfte, eine unabweisliche Notwendigkeit war, wenn die +gesellschaftliche Ordnung ferner Bestand haben sollte. So war im Osten +der Herrscher aufgestanden, in Italien der Thron errichtet; allem +Anschein nach war das Jahr 692 (62) das letzte der Republik, das erste +der Monarchie. + +Zwar ohne Kampf war an dieses Ziel nicht zu gelangen. Die Verfassung, +die ein halbes Jahrtausend gedauert hatte und unter der die +unbedeutende Stadt am Tiber zu beispielloser Größe und Herrlichkeit +gediehen war, hatte ihre Wurzeln man wußte nicht wie tief in den Boden +gesenkt, und es ließ sich durchaus nicht berechnen, bis in welche +Schichten hinab der Versuch, sie umzustürzen, die bürgerliche +Gesellschaft aufwühlen werde. Mehrere Nebenbuhler waren in dem Wettlauf +nach dem großen Ziel von Pompeius überholt, aber nicht völlig beseitigt +worden. Es lag durchaus nicht außer der Berechnung, daß alle diese +Elemente sich verbanden, um den neuen Machthaber zu stürzen und +Pompeius sich gegenüber Quintus Catulus und Marcus Cato mit Marcus +Crassus, Gaius Caesar und Titus Labienus vereinigt fand. Aber nicht +leicht konnte der unvermeidliche und unzweifelhaft ernste Kampf unter +günstigeren Verhältnissen aufgenommen werden. Es war in hohem Grade +wahrscheinlich, daß unter dem frischen Eindrucke des Catilinarischen +Aufstandes einem Regimente, das Ordnung und Sicherheit, wenngleich um +den Preis der Freiheit, verhieß, die gesamte Mittelpartei sich fügen +werde, vor allem die einzig um ihre materiellen Interessen bekümmerte +Kaufmannschaft, aber nicht minder ein großer Teil der Aristokratie, +die, in sich zerrüttet und politisch hoffnungslos, zufrieden sein +mußte, durch zeitige Transaktion mit dem Fürsten sich Reichtum, Rang +und Einfluß zu sichern; vielleicht sogar mochte ein Teil der von den +letzten Schlägen schwer getroffenen Demokratie sich bescheiden, von +einem durch sie auf den Schild gehobenen Militärchef die Realisierung +eines Teils ihrer Forderungen zu erhoffen. Aber wie auch immer die +Parteiverhältnisse sich stellten, was kam, zunächst wenigstens, auf die +Parteien in Italien überhaupt noch an, Pompeius gegenüber und seinem +siegreichen Heer? Zwanzig Jahre zuvor hatte Sulla, nachdem er mit +Mithradates einen Notfrieden abgeschlossen hatte, gegen die gesamte, +seit Jahren massenhaft rüstende liberale Partei, von den gemäßigten +Aristokraten und der liberalen Kaufmannschaft an bis hinab zu den +Anarchisten, mit seinen fünf Legionen eine der natürlichen Entwicklung +der Dinge zuwiderlaufende Restauration durchzusetzen vermocht. +Pompeius’ Aufgabe war weit minder schwer. Er kam zurück, nachdem er zur +See und zu Lande seine verschiedenen Aufgaben vollständig und +gewissenhaft gelöst hatte. Er durfte erwarten, auf keine andere +ernstliche Opposition zu treffen als auf die der verschiedenen extremen +Parteien, von denen jede einzeln gar nichts vermochte und die, selbst +verbündet, immer nicht mehr waren als eine Koalition eben noch hitzig +sich befehdender und innerlich gründlich entzweiter Faktionen. +Vollkommen ungerüstet waren sie ohne Heer und Haupt, ohne Organisation +in Italien, ohne Rückhalt in den Provinzen, vor allen Dingen ohne einen +Feldherrn; es war in ihren Reihen kaum ein namhafter Militär, +geschweige denn ein Offizier, der es hätte wagen dürfen, die Bürger zum +Kampfe gegen Pompeius aufzurufen. Auch das durfte in Anschlag kommen, +daß der jetzt seit siebzig Jahren rastlos flammende und an seiner +eigenen Glut zehrende Vulkan der Revolution sichtlich ausbrannte und +anfing, in sich selber zu erlöschen. Es war sehr zweifelhaft, ob es +jetzt gelingen werde, die Italiker so für Parteiinteressen zu +bewaffnen, wie noch Cinna und Carbo dies vermocht hatten. Wenn Pompeius +zugriff, wie konnte es ihm fehlen, eine Staatsumwälzung durchzusetzen, +die in der organischen Entwicklung des römischen Gemeinwesens mit einer +gewissen Naturnotwendigkeit vorgezeichnet war? + +Pompeius hatte den Moment erfaßt, indem er die Mission nach dem Orient +übernahm; er schien fortfahren zu wollen. Im Herbste des Jahres 691 +(63) traf Quintus Metellus Nepos aus dem Lager des Pompeius in der +Hauptstadt ein und trat auf als Bewerber um das Tribunat, in der +ausgesprochenen Absicht, als Volkstribun Pompeius das Konsulat für das +Jahr 693 (61) und zunächst durch speziellen Volksbeschluß die Führung +des Krieges gegen Catilina zu verschaffen. Die Aufregung in Rom war +gewaltig. Es war nicht zu bezweifeln, daß Nepos im direkten oder +indirekten Auftrag des Pompeius handelte; Pompeius’ Begehren, in +Italien an der Spitze seiner asiatischen Legionen als Feldherr +aufzutreten und daselbst die höchste militärische und die höchste +bürgerliche Gewalt zugleich zu verwalten, ward aufgefaßt als ein +weiterer Schritt auf dem Wege zum Throne, Nepos’ Sendung als die +halboffizielle Ankündigung der Monarchie. + +Es kam alles darauf an, wie die beiden großen politischen Parteien zu +diesen Eröffnungen sich verhielten; ihre künftige Stellung und die +Zukunft der Nation hingen davon ab. Die Aufnahme aber, die Nepos fand, +war selbst wieder bestimmt durch das damalige Verhältnis der Parteien +zu Pompeius, das sehr eigentümlicher Art war. Als Feldherr der +Demokratie war Pompeius nach dem Osten gegangen. Er hatte Ursache +genug, mit Caesar und seinem Anhang unzufrieden zu sein, aber ein +offener Bruch war nicht erfolgt. Es ist wahrscheinlich, daß Pompeius, +der weit entfernt und mit andern Dingen beschäftigt war, überdies der +Gabe, sich politisch zu orientieren, durchaus entbehrte, den Umfang und +den Zusammenhang der gegen ihn gesponnenen demokratischen Umtriebe +damals wenigstens keineswegs durchschaute, vielleicht sogar in seiner +hochmütigen und kurzsichtigen Weise einen gewissen Stolz darein setzte, +diese Maulwurfstätigkeit zu ignorieren. Dazu kam, was bei einem +Charakter von Pompeius’ Art sehr ins Gewicht fiel, daß die Demokratie +den äußeren Respekt gegen den großen Mann nie aus den Augen gesetzt, ja +eben jetzt (691 63), unaufgefordert wie er es liebte, ihm durch einen +besonderen Volksschluß unerhörte Ehren und Dekorationen gewährt hatte. +Indes wäre auch alles dies nicht gewesen, so lag es in Pompeius’ +eigenem wohlverstandenen Interesse, sich wenigstens äußerlich +fortwährend zur Popularpartei zu halten; Demokratie und Monarchie +stehen in so enger Wahlverwandtschaft, daß Pompeius, indem er nach der +Krone griff, kaum anders konnte, als sich wie bisher den Vorfechter der +Volksrechte nennen. Wie also persönliche und politische Gründe, +zusammenwirkten, um trotz allem Vorgefallenen Pompeius und die Führer +der Demokratie bei ihrer bisherigen Verbindung festzuhalten, so geschah +auf der entgegengesetzten Seite nichts, um die Kluft auszufüllen, die +ihn seit seinem Übertritt in das Lager der Demokratie von seinen +sullanischen Parteigenossen trennte. Sein persönliches Zerwürfnis mit +Metellus und Lucullus übertrug sich auf deren ausgedehnte und +einflußreiche Koterien. Eine kleinliche, aber für einen so kleinlich +zugeschnittenen Charakter eben ihrer Kleinlichkeit wegen um so tiefer +erbitternde Opposition des Senats hatte ihn auf seiner ganzen +Feldherrnlaufbahn begleitet. Er empfand es schmerzlich, daß der Senat +nicht das geringste getan, um den außerordentlichen Mann nach +Verdienst, das heißt außerordentlich zu ehren. Endlich ist es nicht aus +der Acht zu lassen, daß die Aristokratie eben damals von ihrem frischen +Siege berauscht, die Demokratie tief gedemütigt war, und daß die +Aristokratie von dem bocksteifen und halb närrischen Cato, die +Demokratie von dem schmiegsamen Meister der Intrige Caesar geleitet +ward. + +In diese Verhältnisse traf das Auftreten des von Pompeius gesandten +Emissärs. Die Aristokratie betrachtete nicht bloß die Anträge, die +derselbe zu Pompeius’ Gunsten ankündigte, als eine Kriegserklärung +gegen die bestehende Verfassung, sondern behandelte sie auch öffentlich +als solche und gab sich nicht die mindeste Mühe, ihre Besorgnis und +ihren Ingrimm zu verhehlen: in der ausgesprochenen Absicht, diese +Anträge zu bekämpfen, ließ sich Marcus Cato mit Nepos zugleich zum +Volkstribun wählen und wies Pompeius’ wiederholten Versuch, sich ihm +persönlich zu nähern, schroff zurück. Es ist begreiflich, daß Nepos +hiernach sich nicht veranlaßt fand, die Aristokratie zu schonen, +dagegen den Demokraten sich um so bereitwilliger anschloß, als diese, +geschmeidig wie immer, in das Unvermeidliche sich fügten und das +Feldherrnamt in Italien wie das Konsulat lieber freiwillig zugestanden +als es mit den Waffen sich abzwingen ließen. Das herzliche +Einverständnis offenbarte sich bald. Nepos bekannte sich (Dezember 691 +63) öffentlich zu der demokratischen Auffassung der von der +Senatsmajorität kürzlich verfügten Exekutionen als verfassungswidriger +Justizmorde; und daß auch sein Herr und Meister sie nicht anders ansah, +bewies sein bedeutsames Stillschweigen auf die voluminöse +Rechtfertigungsschrift, die ihm Cicero übersandt hatte. Andererseits +war es der erste Akt, womit Caesar seine Prätur eröffnete, daß er den +Quintus Catulus wegen der bei dem Wiederaufbau des Kapitolinischen +Tempels angeblich von ihm unterschlagenen Gelder zur Rechenschaft zog +und die Vollendung des Tempels an Pompeius übertrug. Es war das ein +Meisterzug. Catulus baute an dem Tempel jetzt bereits im sechzehnten +Jahr und schien gute Lust zu haben, als Oberaufseher der +kapitolinischen Bauten wie zu leben so zu sterben; ein Angriff auf +diesen, nur durch das Ansehen des vornehmen Beauftragten zugedeckten +Mißbrauch eines öffentlichen Auftrags war der Sache nach vollkommen +begründet und in hohem Maße populär. Indem aber zugleich dadurch +Pompeius die Aussicht eröffnet ward, an dieser stolzesten Stelle der +ersten Stadt des Erdkreises den Namen des Catulus tilgen und den +seinigen eingraben zu dürfen, ward ihm ebendas geboten, was ihn vor +allem reizte und der Demokratie nicht schadete, überschwengliche, aber +leere Ehre, und ward zugleich die Aristokratie, die doch ihren besten +Mann unmöglich fallen lassen konnte, auf die ärgerlichste Weise mit +Pompeius verwickelt. + +Inzwischen hatte Nepos seine Pompeius betreffenden Anträge bei der +Bürgerschaft eingebracht. Am Tage der Abstimmung interzedierten Cato +und sein Freund und Kollege Quintus Minucius. Als Nepos sich daran +nicht kehrte und mit der Verlesung fortfuhr, kam es zu einem förmlichen +Handgemenge: Cato und Minucius warfen sich über ihren Kollegen und +zwangen ihn innezuhalten; eine bewaffnete Schar befreite ihn zwar und +vertrieb die aristokratische Fraktion vom Markte; aber Cato und +Minucius kamen wieder, nun gleichfalls von bewaffneten Haufen +begleitet, und behaupteten schließlich das Schlachtfeld für die +Regierung. Durch diesen Sieg ihrer Bande über die des Gegners ermutigt, +suspendierte der Senat den Tribun Nepos sowie den Prätor Caesar, der +denselben bei der Einbringung des Gesetzes nach Kräften unterstützt +hatte, von ihren Ämtern; die Absetzung, die im Senat beantragt ward, +wurde, mehr wohl wegen ihrer Verfassungs- als wegen ihrer +Zweckwidrigkeit, von Cato verhindert. Caesar kehrte sich an den +Beschluß nicht und fuhr in seinen Amtshandlungen fort, bis der Senat +Gewalt gegen ihn brauchte. Sowie dies bekannt ward, erschien die Menge +vor seinem Hause und stellte sich ihm zur Verfügung; es hätte nur von +ihm abgehangen, den Straßenkampf zu beginnen oder wenigstens die von +Metellus gestellten Anträge jetzt wiederaufzunehmen und Pompeius das +von ihm gewünschte Militärkommando in Italien zu verschaffen; allein +dies lag nicht in seinem Interesse, und so bewog er die Haufen, sich +wieder zu zerstreuen, worauf der Senat die gegen ihn verhängte Strafe +zurücknahm. Nepos selbst hatte sogleich nach seiner Suspension die +Stadt verlassen und sich nach Asien eingeschifft, um Pompeius von dem +Erfolg seiner Sendung Bericht zu erstatten. + +Pompeius hatte alle Ursache, mit der Wendung der Dinge zufrieden zu +sein. Der Weg zum Thron ging nun einmal notwendig durch den +Bürgerkrieg; und diesen mit gutem Fug beginnen zu können dankte er +Catos unverbesserlicher Verkehrtheit. Nach der rechtswidrigen +Verurteilung der Anhänger Catilinas, nach den unerhörten +Gewaltsamkeiten gegen den Volkstribun Metellus konnte Pompeius ihn +führen zugleich als Verfechter der beiden Palladien der römischen +Gemeindefreiheit, des Berufungsrechts und der Unverletzlichkeit des +Volkstribunats, gegen die Aristokratie und als Vorkämpfer der +Ordnungspartei gegen die Catilinarische Bande. Es schien fast +unmöglich, daß Pompeius dies unterlassen und mit sehenden Augen sich +zum zweitenmal in die peinliche Situation begeben werde, in die die +Entlassung seiner Armee im Jahre 684 (70) ihn versetzt und aus der erst +das Gabinische Gesetz ihn erlöst hatte. Indes, wie nahe es ihm auch +gelegt war, die weiße Binde um seine Stirn zu legen, wie sehr seine +eigene Seele danach gelüstete: als es galt, den Griff zu tun, versagten +ihm abermals Herz und Hand. Dieser in allem, nur in seinen Ansprüchen +nicht, ganz gewöhnliche Mensch hätte wohl gern außerhalb des Gesetzes +sich gestellt, wenn dies nur hätte geschehen können, ohne den +gesetzlichen Boden zu verlassen. Schon sein Zaudern in Asien ließ dies +ahnen. Er hätte, wenn er gewollt, sehr wohl im Januar 692 (62) mit +Flotte und Heer im Hafen von Brundisium eintreffen und Nepos hier +empfangen können. Daß er den ganzen Winter 691/92 (63/62) in Asien +säumte, hatte zunächst die nachteilige Folge, daß die Aristokratie, die +natürlich den Feldzug gegen Catilina nach Kräften beschleunigte, +inzwischen mit dessen Banden fertiggeworden war und damit der +schicklichste Vorwand, die asiatischen Legionen in Italien +zusammenzuhalten, hinwegfiel. Für einen Mann von Pompeius’ Art, der in +Ermangelung des Glaubens an sich und an seinen Stern sich im +öffentlichen Leben ängstlich an das formale Recht anklammerte, und bei +dem der Vorwand ungefähr ebensoviel wog wie der Grund, fiel dieser +Umstand schwer ins Gewicht. Er mochte sich ferner sagen, daß, selbst +wenn er sein Heer entlasse, er dasselbe nicht völlig aus der Hand gebe +und im Notfall doch noch eher als jedes andere Parteihaupt eine +schlagfertige Armee aufzubringen vermöge; daß die Demokratie in +unterwürfiger Haltung seines Winkes gewärtig und mit dem +widerspenstigen Senat auch ohne Soldaten fertig zu werden sei und was +weiter sich von solchen Erwägungen darbot, in denen gerade genug Wahres +war, um sie dem, der sich selber betrügen wollte, plausibel erscheinen +zu lassen. Den Anschlag gab natürlich wiederum Pompeius’ eigenstes +Naturell. Er gehörte zu den Menschen, die wohl eines Verbrechens fähig +sind, aber keiner Insurbordination; im guten wie im schlimmen Sinne war +er durch und durch Soldat. Bedeutende Individualitäten achten das +Gesetz als die sittliche Notwendigkeit, gemeine als die hergebrachte +alltägliche Regel; ebendarum fesselt die militärische Ordnung, in der +mehr als irgendwo sonst das Gesetz als Gewohnheit auftritt, jeden nicht +ganz in sich festen Menschen wie mit einem Zauberbann. Es ist oft +beobachtet worden, daß der Soldat, auch wenn er den Entschluß gefaßt +hat, seinen Vorgesetzten den Gehorsam zu versagen, dennoch, wenn dieser +Gehorsam gefordert wird, unwillkürlich wieder in Reihe und Glied tritt; +es war dies Gefühl, das Lafayette und Dumouriez im letzten Augenblick +vor dem Treuebruch schwanken und scheitern machte, und eben demselben +ist auch Pompeius unterlegen. + +Im Herbst 692 (62) schiffte Pompeius nach Italien sich ein. Während in +der Hauptstadt alles sich bereitete, den neuen Monarchen zu empfangen, +kam der Bericht, daß Pompeius, kaum in Brundisium gelandet, seine +Legionen aufgelöst und mit geringem Gefolge die Reise nach der +Hauptstadt angetreten habe. Wenn es ein Glück ist, eine Krone mühelos +zu gewinnen, so hat das Glück nie mehr für einen Sterblichen getan, als +es für Pompeius tat; aber an den Mutlosen verschwenden die Götter alle +Gunst und alle Gabe umsonst. + +Die Parteien atmeten auf. Zum zweiten Male hatte Pompeius abgedankt; +die schon überwundenen Mitbewerber konnten abermals den Wettlauf +beginnen, wobei wohl das wunderlichste war, daß in diesem Pompeius +wieder mitlief. Im Januar 693 (61) kam er nach Rom. Seine Stellung war +schief und schwankte so unklar zwischen den Parteien, daß man ihm den +Spottnamen Gnaeus Cicero verlieh. Er hatte es eben mit allen verdorben. +Die Anarchisten sahen in ihm einen Widersacher, die Demokraten einen +unbequemen Freund, Marcus Crassus einen Nebenbuhler, die vermögende +Klasse einen unzuverlässigen Beschützer, die Aristokratie einen +erklärten Feind ^1. Er war wohl immer noch der mächtigste Mann im +Staat; sein durch ganz Italien zerstreuter militärischer Anhang, sein +Einfluß in den Provinzen, namentlich den östlichen, sein militärischer +Ruf, sein ungeheurer Reichtum gaben ihm ein Gewicht wie es kein anderer +hatte; aber statt des begeisterten Empfanges, auf den er gezählt hatte, +war die Aufnahme, die er fand, mehr als kühl, und noch kühler +behandelte man die Forderungen, die er stellte. Er begehrte für sich, +wie er schon durch Nepos hatte ankündigen lassen, das zweite Konsulat, +außerdem natürlich die Bestätigung der vor. ihm im Osten getroffenen +Anordnungen und die Erfüllung des seinen Soldaten gegebenen +Versprechens, sie mit Ländereien auszustatten. Hiergegen erhob sich im +Senat eine systematische Opposition, zu der die persönliche Erbitterung +des Lucullus und des Metellus Creticus, der alte Groll des Crassus und +Catos gewissenhafte Torheit die hauptsächlichsten Elemente hergaben. +Das gewünschte zweite Konsulat ward sofort und unverblümt verweigert. +Gleich die erste Bitte, die der heimkehrende Feldherr an den Senat +richtete, die Wahl der Konsuln für 693 (61) bis nach seinem Eintreffen +in der Hauptstadt aufzuschieben, war ihm abgeschlagen worden; viel +weniger war daran zu denken, die erforderliche Dispensation von dem +Gesetze Sullas über die Wiederwahl vom Senat zu erlangen. Für die in +den östlichen Provinzen von ihm getroffenen Anordnungen begehrte +Pompeius die Bestätigung natürlich im ganzen; Lucullus setzte es durch, +daß über jede Verfügung besonders verhandelt und abgestimmt ward, womit +für endlose Trakasserien und eine Menge Niederlagen im einzelnen das +Feld eröffnet war. Das Versprechen einer Landschenkung an die Soldaten +der asiatischen Armee ward vom Senat wohl im allgemeinen ratifiziert, +jedoch zugleich ausgedehnt auf die kretischen Legionen des Metellus +und, was schlimmer war, es wurde nicht ausgeführt, da die Gemeindekasse +leer und der Senat nicht gemeint war, die Domänen für diesen Zweck +anzugreifen. Pompeius, daran verzweifelnd, der zähen und tückischen +Opposition des Rates Herr zu werden, wandte sich an die Bürgerschaft. +Allein auf diesem Gebiet verstand er noch weniger sich zu bewegen. Die +demokratischen Führer, obwohl sie ihm nicht offen entgegentraten, +hatten doch auch durchaus keine Ursache, seine Interessen zu den +ihrigen zu machen und hielten sich beiseite. Pompeius’ eigene +Werkzeuge, wie zum Beispiel die durch seinen Einfloß und zum Teil durch +sein Geld gewählten Konsuln Marcus Pupius Piso 693 (61) und Lucius +Afranius 694 (60), erwiesen sich als ungeschickt und unbrauchbar. Als +endlich durch den Volkstribun Lucius Flavius in Form eines allgemeinen +Ackergesetzes die Landanweisung für Pompeius’ alte Soldaten an die +Bürgerschaft gebracht :ward, blieb der von den Demokraten nicht +unterstützte, von den Aristokraten offen bekämpfte Antrag in der +Minorität (Anfang 694 60). Fast demütig buhlte der hochgestellte +Feldherr jetzt um die Gunst der Massen, wie denn auf seinem Antrieb +durch ein von dem Prätor Metellus Nepos eingebrachtes Gesetz die +italischen Zölle abgeschafft wanden (694 60). Aber er spielte den +Demagogen ohne Geschick und ohne Glück; sein Ansehen litt darunter, und +was er wollte, erreichte er nicht. Er hatte sich vollständig +festgezogen. Einer seiner Gegner fußt seine damalige politische +Stellung dahin zusammen, daß er bemüht sei, “seinen gestickten +Triumphalmantel schweigend zu konservieren”. Es blieb ihm in der Tat +nichts übrig, als sich zu ärgern. + +———————————————————————- + +^1 Der Eindruck der ersten Ansprache, die Pompeius nach seiner Rückkehr +an die Bürgerschaft richtete, wird von Cicero (Art. 1, 14) so +geschildert: prima contio Pornpei non iucunda miseris, inanis improbis, +beatis non grata, bonis non gravis; + +———————————————————————- + +Da bot sich eine neue Kombination dar. Der Führer der demokratischem +Partei hatte die politische Windstille, die zunächst auf den Rücktritt +des bisherigen Machthabers gefolgt war, in seinem Interesse tätig +benutzt. Als Pompeius aus Asien zurückkam, war Caesar wenig mehr +gewesen als was auch Catilina war: der Chef einer fast zu einem +Verschwörerklub eingeschwundenen politischen Partei und ein bankrotter +Mann. Seitdem aber hatte er nach verwalteter Prätur (692 62) die +Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien übernommen und dadurch Mittel +gefunden, teils seiner Schulden sich zu entledigen; teils zu seinem +militärischen Ruf den Grund zu legen. Sein alter Freund und +Bundesgenosse Crassus hatte durch die Hoffnung, den. Rückhalt gegen +Pompeius, den er an Piso verloren, jetzt an Caesar wiederzufinden, sich +bestimmen lassen, ihn noch vor seinem Abgang in die Provinz von dem +drückendsten Teil seiner Schuldenlast zu befreien. Er selbst hatte den +kurzen Aufenthalt daselbst energisch benutzt. Im Jahre 694 (60) mit +gefüllten Kassen und als Imperator mit wohlgegründeten Ansprüchen auf +den Triumph aus Spanien zurückgekehrt, trat er für das folgende Jahr +als Bewerber um das Konsulat auf, um dessentwillen er, da der Senat ihm +die Erlaubnis, abwesend sich zu der Konsulwahl zu melden, abschlug, die +Ehre des Triumphes unbedenklich darangab. Seit Jahren hatte die +Demokratie danach gerungen, einen der Ihrigen in den Besitz des +höchsten Amtes zu bringen, um auf dieser Brücke zu einer eigenen +militärischen Macht zu gelangen. Längst war es ja den Einsichtigen +aller Farben klar geworden, daß der Parteienstreit nicht durch +bürgerlichen Kampf, sondern nur noch durch Militärmacht entschieden +werden könne; der Verlauf aber der Koalition zwischen der Demokratie +und den mächtigen Militärchefs, durch die der Senatsherrschaft ein Ende +gemacht worden war, zeigte mit unerbittlicher Schärfe, daß jede solche +Allianz schließlich auf eine Unterordnung der bürgerlichen unter die +militärischen Elemente hinauslief und daß die Volkspartei, wenn sie +wirklich herrschen wollte, nicht mit ihr eigentlich fremden, ja +feindlichen Generalen sich verbünden, sondern ihre Führer selbst zu +Generalen machen müsse. Die dahin zielenden Versuche, Catilinas Wahl +zum Konsul durchzusetzen, in Spanien oder Ägypten einen militärischen +Rückhalt zu gewinnen, waren gescheitert; jetzt bot sich ihr die +Möglichkeit, ihrem bedeutendsten Manne das Konsulat und die +Konsularprovinz auf dem gewöhnlichen, verfassungsmäßigen Wege zu +verschaffen und durch Begründung, wenn man so sagen darf, einer +demokratischen Hausmacht sich von dem zweifelhaften und gefährlichen +Bundesgenossen Pompeius unabhängig zu machen. + +Aber je mehr der Demokratie daran gelegen sein mußte, sich diese Bahn +zu eröffnen, die ihr nicht so sehr die günstigste als die einzige +Aussicht auf ernstliche Erfolge darbot, desto gewisser konnte sie dabei +auf den entschlossenen Widerstand ihrer politischen Gegner zählen. Es +kam darauf an, wen sie hierbei sich gegenüber fand. Die Aristokratie +vereinzelt war nicht furchtbar; aber es hatte doch soeben in der +Catilinarischen Angelegenheit sich herausgestellt, daß sie da +allerdings noch etwas vermochte, wo sie von den Männern der materiellen +Interessen und von den Anhängern des Pompeius mehr oder minder offen +unterstützt ward. Sie hatte Catilinas Bewerbung um das Konsulat +mehrmals vereitelt, und daß sie das gleiche gegen Caesar versuchen +werde, war gewiß genug. Aber wenn auch vielleicht Caesar ihr zum Trotze +gewählt ward, so reichte die Wahl allein nicht aus. Er bedurfte +mindestens einige Jahre ungestörter Wirksamkeit außerhalb Italiens, um +eine feste militärische Stellung zu gewinnen, und sicherlich ließ die +Nobilität kein Mittel unversucht, um während dieser Vorbereitungszeit +seine Pläne zu durchkreuzen. Der Gedanke lag nahe, ob es nicht gelingen +könne, die Aristokratie wieder, wie im Jahre 683/84 (71 /70) zu +isolieren und zwischen den Demokraten nebst ihrem Bundesgenossen +Crassus einer- und Pompeius und der hohen Finanz andererseits ein auf +gemeinschaftlichen Vorteil fest begründetes Bündnis aufzurichten. Für +Pompeius war ein solches allerdings ein politischer Selbstmord. Sein +bisheriges Gewicht im Staate beruhte darauf, daß er das einzige +Parteihaupt war, das zugleich über Legionen, wenn auch jetzt +aufgelöste, doch immer noch in einem gewissen Maße verfügte. Der Plan +der Demokratie war ebendarauf gerichtet, ihn dieses Übergewichtes zu +berauben und ihm in ihrem eigenen Haupt einen militärischen Nebenbuhler +zur Seite zu stellen. Nimmermehr durfte er hierauf eingehen, am +allerwenigsten aber einem Manne wie Caesar, der schon als bloßer +politischer Agitator ihm genug zu schaffen gemacht und soeben in +Spanien die glänzendsten Beweise auch militärischer Kapazität gegeben +hatte, selber zu einer Oberfeldherrnstelle verhelfen. Allein auf der +anderen Seite war, infolge der schikanösen Opposition des Senats und +der Gleichgültigkeit der Menge für Pompeius und Pompeius’ Wünsche, +seine Stellung, namentlich seinen alten Soldaten gegenüber, so peinlich +und so demütigend geworden, daß man bei seinem Charakter wohl erwarten +konnte, um den Preis der Erlösung aus dieser unbequemen Lage ihn für +eine solche Koalition zu gewinnen. Was aber die sogenannte Ritterpartei +anlangt, so fand diese überall da sich ein, wo die Macht war, und es +verstand sich von selbst, daß sie nicht lange auf sich werde warten +lassen, wenn sie Pompeius und die Demokratie aufs neue ernstlich sich +verbünden sah. Es kam hinzu, daß wegen Catos übrigens sehr löblicher +Strenge gegen die Steuerpächter die hohe Finanz eben jetzt wieder mit +dem Senat in heftigem Hader lag. + +So ward im Sommer 694 (60) die zweite Koalition abgeschlossen. Caesar +ließ sich das Konsulat für das folgende Jahr und demnächst die +Statthalterschaft zusichern; Pompeius ward die Ratifikation seiner im +Osten getroffenen Verfügungen und Anweisung von Ländereien an die +Soldaten der asiatischen Armee zugesagt; der Ritterschaft versprach +Caesar gleichfalls das, was der Senat verweigert hatte, ihr durch die +Bürgerschaft zu verschaffen; Crassus endlich, der unvermeidliche, +durfte wenigstens dem Bunde sich anschließen, freilich ohne für den +Beitritt, den er nicht verweigern konnte, bestimmte Zusagen zu +erhalten. Es waren genau dieselben Elemente, ja dieselben Personen, die +im Herbst 683 (71) und die im Sommer 684 (70) den Bund miteinander +schlossen; aber wie so ganz anders standen doch damals und jetzt die +Parteien! Damals war die Demokratie nichts als eine politische Partei, +ihre Verbündeten siegreiche, an der Spitze ihrer Armeen stehende +Feldherren; jetzt war der Führer der Demokraten selber ein +sieggekrönter, von großartigen militärischen Entwürfen erfüllter +Imperator, die Bundesgenossen gewesene Generale ohne Armee. Damals +siegte die Demokratie in Prinzipienfragen und räumte um diesen Preis +die höchsten Staatsämter ihren beiden Verbündeten ein; jetzt war sie +praktischer geworden und nahm die höchste bürgerliche und militärische +Gewalt für sich selber, wogegen nur in untergeordneten Dingen den +Bundesgenossen Konzessionen gemacht und, bezeichnend genug, nicht +einmal Pompeius’ alte Forderung eines zweiten Konsulats berücksichtigt +wurde. Damals gab sich die Demokratie ihren Verbündeten hin; jetzt +mußten diese sich ihr anvertrauen. Alle Verhältnisse sind vollständig +verändert, am meisten jedoch der Charakter der Demokratie selbst. Wohl +hatte dieselbe, seit sie überhaupt war, im innersten Kern ein +monarchisches Element in sich getragen; allein das Verfassungsideal, +wie es ihren besten Köpfen in mehr oder minder deutlichen Umrissen +vorschwebte, blieb doch immer ein bürgerliches Gemeinwesen, eine +perikleische Staatsordnung, in der die Macht des Fürsten darauf +beruhte, daß er die Bürgerschaft in edelster und vollkommenster Weise +vertrat und der vollkommenste und edelste Teil der Bürgschaft ihren +rechten Vertrauensmann in ihm erkannte. Auch Caesar ist von solchen +Anschauungen ausgegangen; aber es waren nun einmal Ideale, die wohl auf +die Realitäten einwirken, aber nicht geradezu realisiert werden +konnten. Weder die einfache bürgerliche Gewalt, wie Gaius Gracchus sie +besessen, noch die Bewaffnung der demokratischen Partei, wie sie Cinna, +freilich in sehr unzulänglicher Art, versucht hatte, vermochten in dem +römischen Gemeinwesen als dauerndes Schwergewicht sich zu behaupten; +die nicht für eine Partei, sondern für einen Feldherrn fechtende +Heeresmaschine, die rohe Macht der Condottieri zeigte sich, nachdem sie +zuerst im Dienste der Restauration auf den Schauplatz getreten war, +bald allen politischen Parteien unbedingt überlegen. Auch Caesar mußte +im praktischen Parteitreiben hiervon sich überzeugen und also reifte in +ihm der verhängnisvolle Entschluß, diese Heeresmaschine selbst seinen +Idealen dienstbar zu machen und das Gemeinwesen, wie er es im Sinne +trug, durch Condottiergewalt aufzurichten. In dieser Absicht schloß er +im Jahre 683 (71) den Bund mit den Generalen der Gegenpartei, welcher, +ungeachtet dieselben das demokratische Programm akzeptiert hatten, doch +die Demokratie und Caesar selbst an den Rand des Unterganges führte. In +der gleichen Absicht trat elf Jahre später er selber als Condottiere +auf. Es geschah in beiden Fällen mit einer gewissen Naivität, mit dem +guten Glauben an die Möglichkeit, ein freies Gemeinwesen wo nicht durch +fremde, doch durch den eigenen Säbel begründen zu können. Man sieht es +ohne Mühe ein, daß dieser Glaube trog und daß niemand den bösen Geist +zum Diener nimmt, ohne ihm selbst zum Knecht zu werden; aber die +größten Männer sind nicht die, welche am wenigsten irren. Wenn noch +nach Jahrtausenden wir ehrfurchtsvoll uns neigen vor denn, was Caesar +gewollt und getan hat, so liegt die Ursache nicht darin, daß er eine +Krone begehrt und gewonnen hat, was an sich so wenig etwas Großes ist +wie die Krone selbst, sondern darin, daß sein mächtiges Ideal: eines +freien Gemeinwesens unter einem Herrscher - ihn nie verlassen und auch +als Monarchen ihn davor bewahrt hat, in das gemeine Königtum zu +versinken. + +Ohne Schwierigkeit ward von den vereinigten Parteien Caesars Wahl zum +Konsul für das Jahr 695 (59) durchgesetzt. Die Aristokratie mußte +zufrieden sein, durch einen selbst in dieser Zeit tiefster Korruption +Aufsehen erregenden Stimmenkauf, wofür der ganze Herrenstand die Mittel +zusammenschoß, ihm in der Person des Marcus Bibulus einen Kollegen +zuzugesellen, dessen bornierter Starrsinn in ihren Kreisen als +konservative Energie betrachtet ward und an dessen gutem Willen +wenigstens es nicht lag, wenn die vornehmen Herren ihre patriotischen +Auslagen nicht wieder herausbekamen. + +Als Konsul brachte Caesar zunächst die Begehren seiner Verbündeten zur +Verhandlung, unter denen die Landanweisung an die Veteranen des +asiatischen Heeres bei weitem das wichtigste war. Das zu diesem Ende +von Caesar entworfene Ackergesetz hielt im allgemeinen fest an den +Grundzügen, wie sie der das Jahr zuvor in Pompeius’ Auftrag +eingebrachte, aber gescheiterte Gesetzesentwurf aufgestellt hatte. Zur +Verteilung ward nur das italische Domanialland bestimmt, das heißt +wesentlich das Gebiet von Capua, und, wenn dies nicht ausreichen +sollte, anderer italischer Grundbesitz, der aus dem Ertrage der neuen +östlichen Provinzen zu dem in den zensorischen Listen verzeichneten +Taxationswert angekauft werden sollte; alle bestehenden Eigentums- und +Erbbesitzrechte blieben also unangetastet. Die einzelnen Parzellen +waren klein. Die Landempfänger sollten arme Bürger, Väter von +wenigstens drei Kindern sein; der bedenkliche Grundsatz, daß der +geleistete Militärdienst Anspruch auf Grundbesitz gebe, ward nicht +aufgestellt, sondern es wurden nur, wie es billig und zu allen Zeiten +geschehen war, die alten Soldaten sowie nicht minder die auszuweisenden +Zeitpächter den Landausteilern vorzugsweise zur Berücksichtigung +empfohlen. Die Ausführung ward einer Kommission von zwanzig Männern +übertragen, in die Caesar bestimmt erklärte, sich selber nicht wählen +lassen zu wollen. + +Die Opposition hatte gegen diesen Vorschlag einen schweren Stand. Es +ließ sich vernünftigerweise nicht leugnen, daß die Staatsfinanzen nach +Einrichtung der Provinzen Pontus und Syrien imstande sein mußten, auf +die kampanischen Pachtgelder zu verzichten; daß es unverantwortlich +war, einen der schönsten und eben zum Kleinbesitz vorzüglich geeigneten +Distrikt Italiens dem Privatverkehr zu entziehen; daß es endlich ebenso +ungerecht wie lächerlich war, noch jetzt nach der Erstreckung des +Bürgerrechts auf ganz Italien der Ortschaft Capua die Munizipalrechte +vorzuenthalten. Der ganze Vorschlag trug den Stempel der Mäßigung, der +Ehrlichkeit und der Solidarität, womit sehr geschickt der demokratische +Parteicharakter verbunden war; denn im wesentlichen lief derselbe doch +hinaus auf die Wiederherstellung der in der marianischen Zeit +gegründeten und von Sulla wiederaufgehobenen capuanischen Kolonie. Auch +in der Form beobachtete Caesar jede mögliche Rücksicht. Er legte den +Entwurf des Ackergesetzes, sowie zugleich den Antrag, die von Pompeius +im Osten erlassenen Verfügungen in Bausch und Bogen zu ratifizieren und +die Petition der Steuerpächter um Nachlaß eines Drittels der +Pachtsummen, zunächst dem Senat zur Begutachtung vor und erklärte sich +bereit, Abänderungsvorschläge entgegenzunehmen und zu diskutieren. Das +Kollegium hatte jetzt Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie töricht es +gehandelt hatte, durch Verweigerung dieser Begehren Pompeius und die +Ritterpartei dem Gegner in die Arme zu treiben. Vielleicht war es das +stille Gefühl hiervon, das die hochgeborenen Herren zu dem lautesten +und mit dem gehaltenen Auftreten Caesars übel kontrastierenden +Widerbellen trieb. Das Ackergesetz ward von ihnen einfach und selbst +ohne Diskussion zurückgewiesen. Der Beschluß über Pompeius’ +Einrichtungen in Asien fand ebensowenig Gnade vor ihren Augen. Den +Antrag hinsichtlich der Steuerpächter versuchte Cato nach der +unlöblichen Sitte des römischen Parlamentarismus totzusprechen, das +heißt bis zu der gesetzlichen Schlußstunde der Sitzung seine Rede +fortzuspinnen; als Caesar Miene machte, den störrigen Mann verhaften zu +lassen, ward schließlich auch dieser Antrag verworfen. + +Natürlich gingen nun sämtliche Anträge an die Bürgerschaft. Ohne sich +weit von der Wahrheit zu entfernen, konnte Caesar der Menge sagen, daß +der Senat die vernünftigsten und notwendigsten, in der achtungsvollsten +Form an ihn gebrachten Vorschläge, bloß weil sie von dem demokratischen +Konsul kamen, schnöde zurückgewiesen habe. Wenn er hinzufügte, daß die +Aristokraten ein Komplott gesponnen hätten, um die Verwerfung der +Anträge zu bewirken, und die Bürgerschaft, namentlich Pompeius selbst +und dessen alte Soldaten, aufforderte, gegen List und Gewalt ihm +beizustehen, so war auch dies keineswegs aus der Luft gegriffen. Die +Aristokratie, voran der eigensinnige Schwachkopf Bibulus und der +standhafte Prinzipiennarr Cato, hatte in der Tat vor, die Sache bis zu +offenbarer Gewalt zu treiben. Pompeius, von Caesar veranlaßt, sich über +seine Stellung zu der obschwebenden Frage auszusprechen, erklärte +unumwunden, wie es sonst seine Art nicht war, daß, wenn jemand wagen +sollte, das Schwert zu zücken, auch er nach dem seinigen greifen und +dann den Schild nicht zu Hause lassen werde; ebenso sprach Crassus sich +aus. Pompeius’ alte Soldaten wurden angewiesen, am Tage der Abstimmung, +die ja zunächst sie anging, zahlreich mit Waffen unter den Kleidern auf +dem Stimmplatz zu erscheinen. + +Die Nobilität ließ dennoch kein Mittel unversucht, um die Anträge +Caesars zu vereiteln. An jedem Tage, wo Caesar vor dem Volke auftrat, +stellte sein Kollege Bibulus die bekannten politischen +Wetterbeobachtungen an, die alle öffentlichen Geschäfte unterbrachen; +Caesar kümmerte sich um den Himmel nicht, sondern fuhr fort, seine +irdischen Geschäfte zu betreiben. Die tribunizische Interzession ward +eingelegt; Caesar begnügte sich, sie nicht zu beachten. Bibulus und +Cato sprangen auf die Rednertribüne, harangierten die Menge und +veranlaßten den gewöhnlichen Krawall; Caesar ließ sie durch +Gerichtsdiener vom Markte hinwegführen und übrigens dafür sorgen, daß +ihnen kein Leides geschah - es lag auch in seinem Interesse, daß die +politische Komödie das blieb, was sie war. Alles Schikanierens und +alles Folterns der Nobilität ungeachtet, wurden das Ackergesetz, die +Bestätigung der asiatischen Organisationen und der Nachlaß für die +Steuerpächter von der Bürgerschaft angenommen, die Zwanzigerkommission, +an ihrer Spitze Pompeius und Crassus, erwählt und in ihr Amt +eingesetzt; mit allen ihren Anstrengungen hatte die Aristokratie nichts +weiter erreicht, als daß ihre blinde und gehässige Widersetzlichkeit +die Bande der Koalition noch fester gezogen und ihre Energie, deren sie +bald bei. wichtigeren Dingen bedürfen sollte, an diesen im Grunde +gleichgültigen Angelegenheiten sich erschöpft hatte. Man +beglückwünschte sich untereinander über den bewiesenen Heldenmut; daß +Bibulus erklärt hatte, lieber sterben als weichen zu wollen, daß Cato +noch in den Händen der Büttel fortgefahren hatte zu perorieren, waren +große patriotische Taten; übrigens ergab man sich in sein Schicksal. +Der Konsul Bibulus schloß sich für den noch übrigen Teil des Jahres in +sein Haus ein, wobei er zugleich durch öffentlichen Anschlag bekannt +machte, daß er die fromme Absicht habe, an allen in diesem Jahr zu +Volksversammlungen geeigneten Tagen nach Himmelszeichen zu spähen. +Seine Kollegen bewunderten wieder den großen Mann, der, gleich wie +Ennius von dem alten Fabius gesagt, “den Staat durch Zaudern errette”, +und taten wie er; die meisten derselben, darunter Cato, erschienen +nicht mehr im Senat und halfen innerhalb ihrer vier Wände ihrem Konsul +sich ärgern, daß der politischen Astronomie zum Trotz die +Weltgeschichte weiterging. Dem Publikum erschien diese Passivität des +Konsuls sowie der Aristokratie überhaupt wie billig als politische +Abdikation; und die Koalition war natürlich sehr wohl damit zufrieden, +daß man sie die weiteren Schritte fast ungestört tun ließ. Der +wichtigste darunter war die Regulierung der künftigen Stellung Caesars. +Verfassungsmäßig lag es dem Senat ob, die Kompetenzen des zweiten +konsularischen Amtsjahrs nach vor der Wahl der Konsuln festzustellen; +demgemäß hatte er denn auch, in Voraussicht der Wahl Caesars, dazu für +696 (58) zwei Provinzen ausersehen, in denen der Statthalter nichts +anderes vorzunehmen fand als Straßenbauten und dergleichen nützliche +Dinge mehr. Natürlich konnte es nicht dabei bleiben; es war unter den +Verbündeten ausgemacht, daß Caesar ein außerordentliches nach dem +Muster der Gabinisch-Manilischen Gesetze zugeschnittenes Kommando durch +Volksschluß erhalten solle. Caesar indes hatte öffentlich erklärt, +keinen Antrag zu seinen eigenen Gunsten einbringen zu wollen; der +Volkstribun Publius Vatinius übernahm es also, den Antrag bei der +Bürgerschaft zu stellen, die natürlich unbedingt gehorchte. Caesar +erhielt dadurch die Statthalterschaft des cisalpinischen Galliens und +den Oberbefehl der drei daselbst stehenden, schon im Grenzkrieg unter +Lucius Afranius erprobten Legionen, ferner proprätorischen Rang für +seine Adjutanten, wie die Pompeianischen ihn gehabt hatten; auf fünf +Jahre hinaus, auf längere Zeit, als je früher ein überhaupt auf +bestimmte Zeit beschränkter Feldherr bestellt worden war, ward dies Amt +ihm gesichert. Den Kern seiner Statthalterschaft bildeten die +Transpadaner, seit Jahren schon, in Hoffnung auf das Bürgerrecht, die +Klienten der demokratischen Partei in Rom und insbesondere Caesars. +Sein Sprengel erstreckte sich südlich bis zum Arnus und zum Rubico und +schloß Luca und Ravenna ein. Nachträglich ward dann noch die Provinz +Narbo mit der einen daselbst befindlichen Legion zu Caesars Amtsbezirk +hinzugefügt, was auf Pompeius’ Antrag der Senat beschloß, um wenigstens +nicht auch dies Kommando durch außerordentlichen Bürgerschaftsbeschluß +auf Caesar übergehen zu sehen. Man hatte damit, was man wollte. Da +verfassungsmäßig in dem eigentlichen Italien keine Truppen stehen +durften, so beherrschte der Kommandant der norditalischen und +gallischen Legionen auf die nächsten fünf Jahre zugleich Italien und +Rom; und wer auf fünf Jahre, ist auch Herr auf Lebenszeit. Caesars +Konsulat hatte seinen Zweck erreicht. Es versteht sich, daß die neuen +Machthaber nebenbei nicht versäumten, die Menge durch Spiele und +Lustbarkeiten aller Art bei guter Laune zu erhalten, und daß sie jede +Gelegenheit ergriffen, ihre Kasse zu füllen; wie denn zum Beispiel dem +König von Ägypten der Volksschluß, der ihn als legitimen Herrscher +anerkannte, von der Koalition um hohen Preis verkauft ward, und ebenso +andere Dynasten und Gemeinden Freibriefe und Privilegien bei dieser +Gelegenheit erwarben. + +Auch die Dauerhaftigkeit der getroffenen Einrichtungen schien +hinlänglich gesichert. Das Konsulat ward wenigstens für das nächste +Jahr sicheren Händen anvertraut. Das Publikum glaubte anfangs, daß es +Pompeius und Crassus selber bestimmt sei; die Machthaber zogen es indes +vor, zwei untergeordnete, aber zuverlässige Männer ihrer Partei, Aulus +Gabinius, den besten unter Pompeius’ Adjutanten, und Lucius Piso, der +minder bedeutend, aber Caesars Schwiegervater war, für 696 (58) zu +Konsuln wählen zu lassen. Pompeius übernahm es persönlich, Italien zu +bewachen, wo er an der Spitze der Zwanzigerkommission die Ausführung +des Ackergesetzes betrieb und gegen 20000 Bürger, großenteils alte +Soldaten aus seiner Armee, im Gebiete von Capua mit Grundbesitz +ausstattete; als Rückhalt gegen die hauptstädtische Opposition dienten +ihm Caesars norditalische Legionen. Auf einen Bruch unter den +Machthabern selbst war zunächst wenigstens keine Aussicht. Die von +Caesar als Konsul erlassenen Gesetze, an deren Aufrechterhaltung +Pompeius wenigstens ebensoviel gelegen war als Caesar, verbürgten die +Fortdauer der Spaltung zwischen Pompeius und der Aristokratie, deren +Spitzen, namentlich Cato, fortfuhren, die Gesetze als nichtig zu +behandeln, und damit den Fortbestand der Koalition. Es kam hinzu, daß +auch die persönlichen Bande zwischen ihren Häuptern sich enger +zusammenzogen. Caesar hatte seinen Verbündeten redlich und treulich +Wort gehalten, ohne sie in dem Versprochenen zu beknappen oder zu +schikanieren, und namentlich das in Pompeius’ Interesse beantragte +Ackergesetz völlig wie seine eigene Sache mit Gewandtheit und Energie +durchgefochten; Pompeius war nicht unempfänglich für rechtliches +Verhalten und gute Treue und wohlwollend gestimmt gegen denjenigen, der +ihm über die seit drei Jahren gespielte armselige Petentenrolle mit +einem Schlag hinweggeholfen hatte. Der häufige und vertraute Verkehr +mit einem Manne von der unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit Caesars tat +das übrige, um den Bund der Interessen in einen Freundschaftsbund +umzugestalten. Das Ergebnis und das Unterpfand dieser Freundschaft, +freilich zugleich auch eine öffentliche, schwer mißzuverstehende +Ankündigung der neubegründeten Gesamtherrschaft, war die Ehe, die +Pompeius mit Caesars einziger, dreiundzwanzigjähriger Tochter einging. +Julia, die die Anmut ihres Vaters geerbt hatte, lebte mit ihrem um das +doppelte älteren Gemahl in der glücklichsten Häuslichkeit, und die nach +so vielen Nöten und Krisen Ruhe und Ordnung herbeisehnende Bürgerschaft +sah in diesem Ehebündnis die Gewähr einer friedlichen und gedeihlichen +Zukunft. + +Je fester und enger also das Bündnis zwischen Pompeius und Caesar sich +knüpfte, desto hoffnungsloser gestaltete sich die Sache der +Aristokratie. Sie fühlte das Schwert über ihrem Haupte schweben und +kannte Caesar hinlänglich, um nicht zu bezweifeln, daß er, wenn nötig, +es unbedenklich brauchen werde. “Von allen Seiten”, schrieb einer von +ihnen, “stehen wir im Schach; schon haben wir aus Furcht vor dem Tode +oder vor der Verbannung auf die ‘Freiheit’ verzichtet; jeder seufzt, zu +reden wagt keiner”. Mehr konnten die Verbündeten nicht verlangen. Aber +wenn auch die Majorität der Aristokratie in dieser wünschenswerten +Stimmung sich befand, so fehlte es doch natürlich in dieser Partei auch +nicht an Heißspornen. Kaum hatte Caesar das Konsulat niedergelegt, als +einige der hitzigsten Aristokraten, Lucius Domitius und Gaius Memmius, +im vollen Senat den Antrag stellten, die Julischen Gesetze zu +kassieren. Es war das freilich nichts als eine Torheit, die nur zum +Vorteil der Koalition ausschlug; denn da Caesar nun selbst darauf +bestand, daß der Senat die Gültigkeit der angefochtenen Gesetze +untersuchen möge, konnte dieser nicht anders, als deren Legalität +förmlich anerkennen. Allein begreiflicherweise fanden dennoch die +Machthaber hierin eine neue Aufforderung, an einigen der namhaftesten +und vorlautesten Opponenten ein Exempel zu statuieren, und dadurch sich +zu versichern, daß die übrige Masse bei jenem zweckmäßigen Seufzen und +Schweigen beharre. Anfangs hatte man gehofft, daß die Klausel des +Ackergesetzes, welche wie üblich den Eid auf das neue Gesetz von den +sämtlichen Senatoren bei Verlust ihrer politischen Rechte forderte, die +heftigsten Widersacher bestimmen werde, nach dem Vorgange des Metellus +Numidicus sich durch die Eidverweigerung selber zu verbannen. Allein so +gefällig erwiesen sich dieselben doch nicht; selbst der gestrenge Cato +bequemte sich zu schwören, und seine Sanchos folgten ihm nach. Ein +zweiter wenig ehrbarer Versuch, die Häupter der Aristokratie wegen +eines angeblich gegen Pompeius gesponnenen Mordanschlags mit +Kriminalanklagen zu bedrohen und dadurch sie in die Verbannung zu +treiben, ward durch die Unfähigkeit der Werkzeuge vereitelt; der +Denunziant, ein gewisser Vettius, übertrieb und widersprach sich so arg +und der Tribun Vatinius, der die unsaubere Maschine dirigierte, zeigte +sein Einverständnis mit jenem Vettius so deutlich, daß man es geraten +fand, den letzteren im Gefängnis zu erdrosseln und die ganze Sache +fallen zu lassen. Indes hatte man bei dieser Gelegenheit von der +vollständigen Auflösung der Aristokratie und der grenzenlosen Angst der +vornehmen Herren sich sattsam überzeugt; selbst ein Mann wie Lucius +Lucullus hatte sich persönlich Caesar zu Füßen geworfen und öffentlich +erklärt, daß er seines hohen Alters wegen sich genötigt sehe, vom +öffentlichen Leben zurückzutreten. Man ließ sich denn endlich an +einigen wenigen Opfern genügen. Hauptsächlich galt es Cato zu +entfernen, welcher seiner Überzeugung von der Nichtigkeit der +sämtlichen Julischen Gesetze keinen Hehl hatte, und der Mann war so, +wie er dachte zu handeln. Ein solcher Mann war freilich Marcus Cicero +nicht, und man gab sich nicht die Mühe, ihn zu fürchten. Allein die +demokratische Partei, die in der Koalition die erste Rolle spielte, +konnte den Justizmord des 5. Dezember 691 (63), den sie so laut und mit +so gutem Rechte getadelt hatte, unmöglich nach ihrem Siege ungeahndet +lassen. Hätte man die wirklichen Urheber des verhängnisvollen +Beschlusses zur Rechenschaft ziehen wollen, so maßte man freilich sich +nicht an den schwachmütigen Konsul halten, sondern an die Fraktion der +strengen Aristokratie, die den ängstlichen Mann zu jener Exekution +gedrängt hatte. Aber nach formellem Recht waren für dieselbe allerdings +nicht die Ratgeber des Konsuls, sondern der Konsul selbst +verantwortlich, und vor allem war es der mildere Weg, nur den Konsul +zur Rechenschaft zu ziehen und das Senatskollegium ganz aus dem Spiele +zu lassen, weshalb auch in den Motiven des gegen Cicero gerichteten +Antrags der Senatsbeschluß, kraft dessen derselbe die Hinrichtung +anordnete, geradezu als untergeschoben bezeichnet ward. Selbst gegen +Cicero hätten die Machthaber gern Aufsehen erregende Schritte +vermieden; allein derselbe konnte es nicht über sich gewinnen, weder +den Machthabern die verlangten Garantien zu geben, noch unter einem der +mehrfach ihm dargebotenen schicklichen Vorwände sich selbst von Rom zu +verbannen, noch auch nur zu schweigen. Bei dem besten Willen, jeden +Anstoß zu vermeiden, und der aufrichtigsten Angst hatte er doch nicht +Haltung genug, um vorsichtig zu sein; das Wort maßte heraus, wenn ein +petulanter Witz ihn prickelte oder wenn sein durch das Lob so vieler +adliger Herren fast übergeschnapptes Selbstbewußtsein die +wohlkadenzierten Perioden des plebejischen Advokaten schwellte. Die +Ausführung der gegen Cato und Cicero beschlossenen Maßregeln ward dem +lockeren und wüsten, aber gescheiten und vor allen Dingen dreisten +Publius Clodius übertragen, der seit Jahren mit Cicero in der +bittersten Feindschaft lebte und, um diese befriedigen und als Demagog +eine Rolle spielen zu können, unter Caesars Konsulat sich durch eilige +Adoption aus einem Patrizier in einen Plebejer verwandelt und dann für +das Jahr 696 (58) zum Volkstribun hatte wählen lassen. Als Rückhalt für +Clodius verweilte der Prokonsul Caesar, bis der Schlag gegen die beiden +Opfer gefallen war, in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt. Den +erhaltenen Aufträgen gemäß schlug Clodius der Bürgerschaft vor, Cato +mit der Regulierung der verwickelten Gemeindeverhältnisse der Byzantier +und mit der Einziehung des Königreichs Kypros zu beauftragen, welches +ebenso wie Ägypten durch das Testament Alexanders II. den Römern +angefallen war und nicht, wie Ägypten, die römische Einziehung +abgekauft, dessen König überdies den Clodius vor Zeiten persönlich +beleidigt hatte. Hinsichtlich Ciceros brachte Clodius einen +Gesetzentwurf ein, welcher die Hinrichtung eines Bürgers ohne Urteil +und Recht als ein mit Landesverweisung zu bestrafendes Verbrechen +bezeichnete. Cato also ward durch eine ehrenvolle Sendung entfernt, +Cicero wenigstens mit der möglichst gelinden Strafe belegt, überdies in +dem Antrag doch nicht mit Namen genannt. Das Vergnügen aber versagte +man sich nicht, einerseits einen notorisch zaghaften und zu der Gattung +der politischen Wetterfahnen zählenden Mann wegen von ihm bewiesener +Energie zu bestrafen, andererseits den verbissenen Gegner aller +Eingriffe der Bürgerschaft in die Administration und aller +außerordentlichen Kommandos durch Bürgerschaftsbeschluß selbst mit +einem solchen auszustatten; und mit gleichem Humor ward der Cato +betreffende Antrag motiviert mit der abnormen Tugendhaftigkeit dieses +Mannes, welche ihn vor jedem andern geeignet erscheinen lasse, einen so +kitzlichen Auftrag, wie die Einziehung des ansehnlichen kyprischen +Kronschatzes war, auszuführen, ohne zu stehlen. Beide Anträge tragen +überhaupt den Charakter rücksichtsvoller Deferenz und kühler Ironie, +der Caesars Verhalten dem Senat gegenüber durchgängig bezeichnet. Auf +Widerstand stießen sie nicht. Es half natürlich nichts, daß die +Senatsmajorität, um doch auf irgendeine Art gegen die Verhöhnung und +Brandmarkung ihres Beschlusses in der Catilinarischen Sache zu +protestieren, öffentlich das Trauergewand anlegte und daß Cicero +selbst, nun da es zu spät war, bei Pompeius kniefällig um Gnade bat; er +mußte, noch bevor das Gesetz durchging, das ihm die Heimat verschloß, +sich selber verbannen (April 696 58). Cato ließ es gleichfalls nicht +darauf ankommen, durch Ablehnung des ihm gewordenen Auftrags schärfere +Maßregeln zu provozieren, sondern nahm denselben an und schiffte sich +ein nach dem Osten. Das Nächste war getan; auch Caesar konnte Italien +verlassen, um sich ernsteren Aufgaben zu widmen. + + + + +KAPITEL VII. +Die Unterwerfung des Westens + + +Wenn von dem armseligen Einerlei des politischen Egoismus, der in der +Kurie und auf den Straßen der Hauptstadt seine Schlachten schlug, sich +der Gang der Geschichte wieder zu Dingen wendet, die wichtiger sind als +die Frage, ob der erste Monarch Roms Gnaeus, Gaius oder Marcus heißen +wird, so mag es wohl gestattet sein, an der Schwelle eines Ereignisses, +dessen Folgen noch heute die Geschicke der Welt bestimmen, einen +Augenblick umzuschauen und den Zusammenhang zu bezeichnen, in welchem +die Eroberung des heutigen Frankreich durch die Römer und ihre ersten +Berührungen mit den Bewohnern Deutschlands und Großbritanniens +weltgeschichtlich aufzufassen sind. + +Kraft des Gesetzes, daß das zum Staat entwickelte Volk die politisch +unmündigen, das zivilisierte die geistig unmündigen Nachbarn in sich +auflöst - kraft dieses Gesetzes, das so allgemeingültig und so sehr +Naturgesetz ist wie das Gesetz der Schwere, war die italische Nation, +die einzige des Altertums, welche die höhere politische Entwicklung und +die höhere Zivilisation, wenn auch letztere nur in unvollkommener und +äußerlicher Weise, miteinander zu verbinden vermocht hat, befugt, die +zum Untergang reifen griechischen Staaten des Ostens sich untertan zu +machen und die Völkerschaften niedrigerer Kulturgrade im Westen, +Libyer, Iberer, Kelten, Germanen, durch ihre Ansiedler zu verdrängen - +eben wie England mit gleichem Recht in Asien eine ebenbürtige, aber +politisch impotente Zivilisation sich unterworfen, in Amerika und +Australien ausgedehnte barbarische Landschaften mit dem Stempel seiner +Nationalität bezeichnet und geadelt hat und noch fortwährend bezeichnet +und adelt. Die Vorbedingung dieser Aufgabe, die Einigung Italiens, +hatte die römische Aristokratie vollbracht; die Aufgabe selber hat sie +nicht gelöst, sondern die außeritalischen Eroberungen stets nur +entweder als notwendiges Übel oder auch als einen gleichsam außerhalb +des Staates stehenden Rentenbesitz betrachtet. Es ist der +unvergängliche Ruhm der römischen Demokratie oder Monarchie - denn +beides fällt zusammen -, daß sie jene höchste Bestimmung richtig +begriffen und kräftig verwirklicht hat. Was die unwiderstehliche Macht +der Verhältnisse durch den wider seinen Willen die Grundlagen der +künftigen römischen Herrschaft im Westen wie im Osten feststellenden +Senat vorbereitet hatte, was dann die römische Emigration in die +Provinzen, die zwar als Landplage kam, aber in die westlichen +Landschaften doch auch als Pionier einer höheren Kultur, instinktmäßig +betrieb, das hat der Schöpfer der römischen Demokratie Gaius Gracchus +mit staatsmännischer Klarheit und Sicherheit erfaßt und durchzuführen +begonnen. Die beiden Grundgedanken der neuen Politik: das Machtgebiet +Roms, soweit es hellenisch war, zu reunieren, soweit es nicht +hellenisch war, zu kolonisieren, waren mit der Einziehung des +Attalischen Reiches, mit den transalpinischen Eroberungen des Flaccus +bereits in der gracchischen Zeit praktisch anerkannt worden; aber die +obsiegende Reaktion ließ sie wieder verkümmern. Der römische Staat +blieb eine wüste Ländermasse ohne intensive Okkupation und ohne +gehörige Grenzen; Spanien und die griechisch-asiatischen Besitzungen +waren durch weite, kaum in ihren Küstensäumen den Römern untertänige +Gebiete von dem Mutterland geschieden, an der afrikanischen Nordküste +nur die Gebiete von Karthago und Kyrene inselartig okkupiert, selbst +von dem untertänigen Gebiet große Strecken, namentlich in Spanien, den +Römern nur dem Namen nach unterworfen: von Seiten der Regierung aber +geschah zur Konzentrierung und Arrondierung der Herrschaft +schlechterdings nichts, und der Verfall der Flotte schien endlich das +letzte Band zwischen den entlegenen Besitzungen zu lösen. Wohl +versuchte die Demokratie, wie sie nur wieder ihr Haupt erhob, auch die +äußere Politik im Geiste des Gracchus zu gestalten, wie denn namentlich +Marius mit solchen Ideen sich trug; aber da sie nicht auf die Dauer ans +Ruder kam, blieb es bei Entwürfen. Erst als mit dem Sturz der +Sullanischen Verfassung im Jahre 684 (70) die Demokratie tatsächlich +das Regiment in die Hand nahm, trat auch in dieser Hinsicht ein +Umschwung ein. Vor allen Dingen ward die Herrschaft auf dem +Mittelländischen Meere wiederhergestellt, die erste Lebensfrage für +einen Staat wie der römische war. Gegen Osten wurde weiter durch die +Einziehung der pontischen und syrischen Landschaften die Euphratgrenze +gesichert. Aber noch war es übrig, jenseits der Alpen zugleich das +römische Gebiet gegen Norden und Westen abzuschließen und der +hellenischen Zivilisation, der noch keineswegs gebrochenen Kraft des +italischen Stammes hier einen neuen jungfräulichen Boden zu gewinnen. +Dieser Aufgabe hat Gaius Caesar sich unterzogen. Es ist mehr als ein +Irrtum, es ist ein Frevel gegen den in der Geschichte mächtigen +heiligen Geist, wenn man Gallien einzig als den Exerzierplatz +betrachtet, auf dem Caesar sich und seine Legionen für den +bevorstehenden Bürgerkrieg übte. Wenn auch die Unterwerfung des Westens +für Caesar insofern ein Mittel zum Zweck war, als er in den +transalpinischen Kriegen seine spätere Machtstellung begründet hat, so +ist ebendies das Privilegium des staatsmännischen Genius, daß seine +Mittel selbst wieder Zwecke sind. Caesar bedurfte wohl für seine +Parteizwecke einer militärischen Macht; Gallien aber hat er nicht als +Parteimann erobert. Es war zunächst für Rom eine politische +Notwendigkeit, der ewig drohenden Invasion der Deutschen schon jenseits +der Alpen zu begegnen und dort einen Damm zu ziehen, der der römischen +Welt den Frieden sicherte. Aber auch dieser wichtige Zweck war noch +nicht der höchste und letzte, weshalb Gallien von Caesar erobert ward. +Als der römischen Bürgerschaft die alte Heimat zu eng geworden war und +sie in Gefahr stand zu verkümmern, rettete die italische +Eroberungspolitik des Senats dieselbe vom Untergang. Jetzt war auch die +italische Heimat wieder zu eng geworden; wieder siechte der Staat an +denselben in gleicher Art, nur in größeren Verhältnissen sich +wiederholenden sozialen Mißständen. Es war ein genialer Gedanke, eine +großartige Hoffnung, welche Caesar über die Alpen führte: der Gedanke +und die Zuversicht, dort seinen Mitbürgern eine neue, grenzenlose +Heimat zu gewinnen und den Staat zum zweitenmal dadurch zu +regenerieren, daß er auf eine breitere Basis gestellt ward. + +Gewissermaßen läßt sich zu den auf die Unterwerfung des Westens +abzielenden Unternehmungen schon der Feldzug rechnen, den Caesar im +Jahre 693 (61) im Jenseitigen Spanien unternahm. Wielange auch Spanien +schon den Römern gehorchte, immer noch war selbst nach der Expedition +des Decimus Brutus gegen die Callaeker das westliche Gestade von den +Römern wesentlich unabhängig geblieben und die Nordküste noch gar von +ihnen nicht betreten worden; und die Raubzüge, denen von dort aus die +untertänigen Landschaften fortwährend sich ausgesetzt sahen, taten der +Zivilisierung und Romanisierung Spaniens nicht geringen Eintrag. +Hiergegen richtete sich Caesars Zug an der Westküste hinauf. Er +überschritt die den Tajo nördlich begrenzende Kette der Herminischen +Berge (Sierra de Estrella), nachdem er die Bewohner derselben +überwunden und zum Teil in die Ebene übergesiedelt hatte, unterwarf die +Landschaft zu beiden Seiten des Duero und gelangte bis an die +nordwestliche Spitze der Halbinsel, wo er mit Hilfe einer von Gades +herbeigezogenen Flottille Brigantium (Coruña) einnahm. Dadurch wurden +die Anwohner des Atlantischen Ozeans, Lusitaner und Callaeker zur +Anerkennung der römischen Suprematie gezwungen, während der Überwinder +zugleich darauf bedacht war, durch Herabsetzung der nach Rom zu +entrichtenden Tribute und Regulierung der ökonomischen Verhältnisse der +Gemeinden die Lage der Untertanen überhaupt leidlicher zu gestalten. + +Indes wenn auch schon in diesem militärischen und administrativen Debüt +des großen Feldherrn und Staatsmannes dieselben Talente und dieselben +leitenden Gedanken durchschimmern, die er später auf größeren +Schauplätzen bewährt hat, so war doch seine Wirksamkeit auf der +Iberischen Halbinsel viel zu vorübergehend, um tief einzugreifen, um so +mehr als bei deren eigentümlichen physischen und nationalen +Verhältnissen nur eine längere Zeit hindurch mit Stetigkeit +fortgesetzte Tätigkeit hier eine dauernde Wirkung äußern konnte. + +Eine bedeutendere Rolle in der romanischen Entwicklung des Westens war +der Landschaft bestimmt, welche zwischen den Pyrenäen und dem Rheine, +dem Mittelmeer und dem Atlantischen Ozean sich ausbreitet und an der +seit der augustinischen Zeit der Name des Keltenlandes, Gallien, +vorzugsweise haftet, obwohl genau genommen das Keltenland teils enger +ist, teils viel weiter sich erstreckt und jene Landschaft niemals eine +nationale und nicht vor Augustus eine politische Einheit gebildet hat. +Es ist eben darum nicht leicht, von den in sich sehr ungleichartigen +Zuständen, die Caesar bei seinem Eintreffen daselbst im Jahre 696 (58) +vorfand, ein anschauliches Bild zu entwerfen. + +In der Landschaft am Mittelmeer, welche ungefähr, im Westen der Rhone +Languedoc, im Osten Dauphiné und Provence umfassend, seit sechzig +Jahren römische Provinz war, hatten seit dem kimbrischen Sturm, der +auch über sie hingebraust war, die römischen Waffen selten geruht. 664 +(90) hatte Gaius Caelius mit den Salyern um Aquae Sextiae, 674 (80) +Gaius Flaccus auf dem Marsch nach Spanien mit anderen keltischen Gauen +gekämpft. Als im Sertorianischen Krieg der Statthalter Lucius Manlius, +genötigt, seinen Kollegen jenseits der Pyrenäen zu Hilfe zu eilen, +geschlagen von Ilerda (Lerida) zurückkam und auf dem Heimweg von den +westlichen Nachbarn der römischen Provinz, den Aquitanern, zum +zweitenmal besiegt ward (um 676 78), scheint dies einen allgemeinen +Aufstand der Provinzialen zwischen den Pyrenäen und der Rhone, +vielleicht selbst derer zwischen Rhone und Alpen hervorgerufen zu +haben. Pompeius mußte sich durch das empörte Gallien seinen Weg nach +Spanien mit dem Schwerte bahnen und gab zur Strafe für die Empörung die +Marken der Volker-Arekomiker und der Helvier (Departement Gard und +Ardèche) den Massalioten zu eigen; der Statthalter Manius Fonteius +(678-680 76-74) führte diese Anordnungen aus und stellte die Ruhe in +der Provinz wieder her, indem er die Vocontier (Departement Drôme) +niederwarf, Massalia vor den Aufständischen schützte und die römische +Hauptstadt Narbo, die sie berannten, wieder befreite. Die Verzweiflung +indes und die ökonomische Zerrüttung, welche die Mitleidenschaft unter +dem Spanischen Krieg und überhaupt die amtlichen und nichtamtlichen +Erpressungen der Römer über die gallischen Besitzungen brachten, ließ +dieselben nicht zur Ruhe kommen und namentlich der von Narbo am +weitesten entfernte Kanton der Allobrogen war in beständiger Gärung, +von der die “Friedensstiftung”, die Gaius Piso dort 688 (66) vornahm, +sowie das Verhalten der allobrogischen Gesandtschaft in Rom bei +Gelegenheit des Anarchistenkomplotts 691 (63) Zeugnis ablegen und die +bald darauf (693 61) in offene Empörung ausbrach. Catugnatus, der +Führer der Allobrogen in diesem Kriege der Verzweiflung, ward, nachdem +er anfangs nicht unglücklich gefochten, bei Solonium nach rühmlicher +Gegenwehr von dem Statthalter Gaius Pomptinus überwunden. + +Trotz aller dieser Kämpfe wurden die Grenzer. des römischen Gebiets +nicht wesentlich vorgeschoben; Lugudunum Convenarum, wo Pompeius die +Trümmer der Sertorianischen Armee angesiedelt hatte, Tolosa, Vienna und +Genava waren immer noch die äußersten römischen Ortschaften gegen +Westen und Norden. Dabei aber war die Bedeutung dieser gallischen +Besitzungen für das Mutterland beständig im Steigen; das herrliche, dem +italischen verwandte Klima, die günstigen Bodenverhältnisse, das dem +Handel so förderliche große und reiche Hinterland mit seinen bis nach +Britannien reichenden Kaufstraßen, der bequeme Land- und Seeverkehr mit +der Heimat gaben rasch dem südlichen Kettenland eine ökonomische +Wichtigkeit für Italien, die viel ältere Besitzungen, wie zum Beispiel +die spanischen, in Jahrhunderten nicht erreicht hatten; und wie die +politisch schiffbrüchigen Römer in dieser Zeit vorzugsweise in Massalia +eine Zufluchtsstätte suchten und dort italische Bildung wie italischen +Luxus wiederfanden, so zogen sich auch die freiwilligen Auswanderer aus +Italien mehr und mehr an die Rhone und die Garonne. “Die Provinz +Gallien”, heißt es in einer zehn Jahre vor Caesars Ankunft entworfenen +Schilderung, “ist voll von Kaufleuten; sie wimmelt von römischen +Bürgern. Kein Gallier macht ein Geschäft ohne Vermittlung eines Römers; +jeder Pfennig, der in Gallien aus einer Hand in die andere kommt, geht +durch die Rechnungsbücher der römischen Bürger”. Aus derselben +Schilderung ergibt sich, daß in Gallien auch außer den Kolonisten von +Narbo römische Landwirte und Viehzüchter in großer Anzahl sich +aufhielten; wobei übrigens nicht außer acht zu lassen ist, daß das +meiste von Römern besessene Provinzland, eben wie in frühester Zeit der +größte Teil der englischen Besitzungen in Nordamerika, in den Händen +des hohen, in Italien lebenden Adels war und jene Ackerbauer und +Viehzüchter zum größten Teil aus deren Verwaltern, Sklaven oder +Freigelassenen bestanden. Es ist begreiflich, daß unter solchen +Verhältnissen die Zivilisierung und die Romanisierung unter den +Eingeborenen rasch um sich griff. Diese Kelten liebten den Ackerbau +nicht; ihre neuen Herren aber zwangen sie, das Schwert mit dem Pfluge +zu vertauschen, und es ist sehr glaublich, daß der erbitterte +Widerstand der Allobrogen zum Teil eben durch dergleichen Anordnungen +hervorgerufen ward. In älteren Zeiten hatte der Hellenismus auch diese +Landschaften bis zu einem gewissen Grade beherrscht; die Elemente +höherer Gesittung, die Anregungen zu Wein- und Ölbau, zum Gebrauche der +Schrift ^1 und zur Münzprägung kamen ihnen von Massalia. Auch durch die +Römer ward die hellenische Kultur hier nichts weniger als verdrängt; +Massalia gewann durch sie mehr an Einfluß als es verlor, und noch in +der römischen Zeit wurden griechische Ärzte und Rhetoren in den +gallischen Kantons von Gemeinde wegen angestellt. Allein +begreiflicherweise erhielt doch der Hellenismus im südlichen Keltenland +durch die Römer denselben Charakter wie in Italien: die spezifisch +hellenische Zivilisation wich der lateinisch-griechischen Mischkultur, +die bald hier Proselyten in großer Anzahl machte. Die “Hosengallier”, +wie man im Gegensatz zu den norditalischen “Galliern in der Toga” die +Bewohner des südlichen Keltenlandes nannte, waren zwar nicht wie jene +bereits vollständig romanisiert, aber sie unterschieden sich doch schon +sehr merklich von den “langhaarigen Galliern” der noch unbezwungenen +nördlichen Landschaften. Die bei ihnen sich einbürgernde Halbkultur gab +zwar Stoff genug her zu Spöttereien über ihr barbarisches Latein, und +man unterließ es nicht, dem, der im Verdacht keltischer Abstammung +stand, seine “behoste Verwandtschaft” zu Gemüte zu führen; aber dies +schlechte Latein reichte doch dazu aus, daß selbst die entfernten +Allobrogen mit den römischen Behörden in Geschäftsverkehr treten und +sogar in römischen Gerichten ohne Dolmetsch Zeugnis ablegen konnten. + +—————————————————————- + +^1 So ward zum Beispiel in Vaison im Vocontischen Gau eine in +keltischer Sprache mit gewöhnlichem griechischen Alphabet geschriebene +Inschrift gefunden. Sie lautet: σεγομαρος ουιλλονεος τοουτιους +ναμαυσατις εωρουβηλησαμισοσιν νεμητον. Das letzte Wort heißt “heilig”. + +—————————————————————- + +Wenn also die keltische und ligurische Bevölkerung dieser Gegenden auf +dem Wege war, ihre Nationalität einzubüßen und daneben siechte und +verkümmerte unter einem politischen und ökonomischen Druck, von dessen +Unerträglichkeit die hoffnungslosen Aufstände hinreichend Zeugnis +ablegen, so ging doch hier der Untergang der eingeborenen Bevölkerung +Hand in Hand mit der Einbürgerung derselben höheren Kultur, welche wir +in dieser Zeit in Italien finden. Aquae Sextiae und mehr noch Narbo +waren ansehnliche Ortschaften, die wohl neben Benevent und Capua +genannt werden mochten; und Massalia, die bestgeordnete, freieste, +wehrhafteste, mächtigste unter allen von Rom abhängigen griechischen +Städten, unter ihrem streng aristokratischen Regiment, auf das die +römischen Konservativen wohl als auf das Muster einer guten +Stadtverfassung hinwiesen, im Besitz eines bedeutenden und von den +Römern noch ansehnlich vergrößerten Gebiets und eines ausgebreiteten +Handels, stand neben jenen launischen Städten wie in Italien neben +Capua und Benevent Rhegion und Neapolis. + +Anders sah es aus, wenn man die römische Grenze überschritt. Die große +keltische Nation, die in den südlichen Landschaften schon von der +italischen Einwanderung anfing unterdrückt zu werden, bewegte sich +nördlich der Cevennen noch in althergebrachter Freiheit. Es ist nicht +das erste Mal, daß wir ihr begegnen; mit den Ausläufern und Vorposten +des ungeheuren Stammes hatten die Italiker bereits am Tiber und am Po, +in den Bergen Kastiliens und Kärntens, ja tief im inneren Kleinasien +gefochten, erst hier aber ward der Hauptstock in seinem Kerne von ihren +Angriffen erfaßt. Der Keltenstamm hatte bei seiner Ansiedlung in +Mitteleuropa sich vornehmlich über die reichen Flußtäler und das +anmutige Hügelland des heutigen Frankreich mit Einschluß der westlichen +Striche Deutschlands und der Schweiz ergossen und von hier aus +wenigstens den südlichen Teil von England, vielleicht schon damals ganz +Großbritannien und Irland besetzt ^2; mehr als irgendwo sonst bildete +er hier eine breite, geographisch geschlossene Völkermasse. Trotz der +Unterschiede in Sprache und Sitte, die natürlich innerhalb dieses +weiten Gebietes nicht fehlten, scheint dennoch ein enger gegenseitiger +Verkehr, ein geistiges Gefühl der Gemeinschaft die Völkerschaften von +der Rhone und Garonne bis zum Rhein und der Themse zusammengeknüpft zu +haben; wogegen dieselben mit den Kelten in Spanien und im heutigen +Österreich wohl örtlich gewissermaßen zusammenhingen, aber doch teils +die gewaltigen Bergscheiden der Pyrenäen und der Alpen, teils die hier +ebenfalls einwirkenden Obergriffe der Römer und der Germanen den +Verkehr und den geistigen Zusammenhang der Stammverwandten ganz anders +unterbrachen als der schmale Meerarm den der kontinentalen und der +britischen Kelten. Leider ist es uns nicht vergönnt, die innere +Entwicklungsgeschichte des merkwürdigen Volkes in diesen seinen +Hauptsitzen von Stufe zu Stufe zu verfolgen; wir müssen uns begnügen, +dessen kulturhistorischen und politischen Zustand, wie er hier zu +Caesars Zeit uns entgegentritt, wenigstens in seinen Umrissen +darzustellen. + +————————————————————————- + +^2 Auf eine längere Zeit hindurch fortgesetzte Einwanderung belgischer +Kelten nach Britannien deuten die von belgischen Gauen entlehnten Namen +englischer Völkerschaften an beiden Ufern der Themse, wie der +Atrebaten, der Belgen, ja der Britanner selbst, welcher von den an der +Somme unterhalb Amiens ansässigen Britonen zuerst auf einen englischen +Gau und sodann auf die ganze Insel übertragen zu sein scheint. Auch die +englische Goldmünzung ist aus der belgischen abgeleitet und +ursprünglich mit ihr identisch. + +—————————————————————————- + +Gallien war nach den Berichten der Alten verhältnismäßig wohl +bevölkert. Einzelne Angaben lassen schließen, daß in den belgischen +Distrikten etwa 900 Köpfe auf die Quadratmeile kamen - ein Verhältnis, +wie es heutzutage etwa für Wallis und für Livland gilt, - in dem +helvetischen Kanton etwa 1100 ^3; es ist wahrscheinlich, daß in den +Distrikten, die kultivierter waren als die belgischen und weniger +gebirgig als der helvetische, wie bei den Biturigen, Arvernern, +Häduern, sich die Ziffer noch höher stellte. Der Ackerbau ward in +Gallien wohl getrieben, wie denn schon Caesars Zeitgenossen in der +Rheinlandschaft die Sitte des Mergelns auffiel ^4 und die uralte +keltische Sitte, aus Gerste Bier (cervesia) zu bereiten, ebenfalls für +die frühe und weite Verbreitung der Getreidekultur spricht; allein er +ward nicht geachtet. Selbst in dem zivilisierteren Süden galt es noch +für den freien Kelten als nicht anständig, den Pflug zu führen. Weit +höher stand bei den Kelten die Viehzucht, für welche die römischen +Gutsbesitzer dieser Epoche sich sowohl des keltischen Viehschlags als +auch der tapferen, des Reitens kundigen und mit der Pflege der Tiere +vertrauten keltischen Sklaven vorzugsweise gern bedienten ^5. +Namentlich in den nördlichen keltischen Landschaften überwog die +Viehzucht durchaus. Die Bretagne war zu Caesars Zeit ein kornarmes +Land. Im Nordosten reichten dichte Wälder, an den Kern der Ardennen +sich anschließend, fast ununterbrochen von der Nordsee bis zum Rheine, +und auf den heute so gesegneten Fluren Flanderns und Lothringens +weidete damals der menapische und treverische Hirte im +undurchdringlichen Eichenwald seine halbwilden Säue. Ebenwie im Potal +durch die Römer an die Stelle der keltischen Eichelmast Wollproduktion +und Kornbau getreten sind, so gehen auch die Schafzucht und die +Ackerwirtschaft in den Ebenen der Schelde und der Maas auf sie zurück. +In Britannien gar war das Dreschen des Kornes noch nicht üblich, und in +den nördlicheren Strichen hörte hier der Ackerbau ganz auf und war die +Viehzucht die einzige bekannte Bodenbenutzung. Der Öl- und Weinbau, der +den Massalioten reichen Ertrag abwarf, ward jenseits der Cevennen zu +Caesars Zeiten noch nicht betrieben. + +——————————————————————————- + +^3 Das erste Aufgebot der belgischen Kantone ausschließlich der Remer, +also der Landschaft zwischen Seine und Schelde und östlich bis gegen +Reims und Andernach von 2000-2200 Quadratmeilen, wird auf etwa 300000 +Mann berechnet; wonach, wenn man das für die Bellovaker angegebene +Verhältnis des ersten Aufgebots zu der gesamten waffenfähigen +Mannschaft als allgemein gültig betrachtet, die Zahl der waffenfähigen +Belgen auf 500000 und danach die Gesamtbevölkerung auf mindestens 2 +Millionen sich stellt. Die Helvetier mit den Nebenvölkern zählten vor +ihrem Auszug 336000 Köpfe; wenn man annimmt, daß sie damals schon vom +rechten Rheinufer verdrängt waren, kann ihr Gebiet auf ungefähr 300 +Quadratmeilen angeschlagen werden. Ob die Knechte hierbei mitgezählt +sind, läßt sich um so weniger entscheiden, als wir nicht wissen, welche +Form die Sklaverei bei den Kelten angenommen hatte; was Caesar (Gall. +1, 4) von Orgetorix’ Sklaven, Hörigen und Schuldnern erzählt, spricht +eher für als gegen die Mitzählung. + +Daß übrigens jeder solche Versuch, das, was der alten Geschichte vor +allen Dingen fehlt, die statistische Grundlage, durch Kombination zu +ersetzen, mit billiger Vorsicht aufgenommen werden muß, wird der +verständige Leser ebensowenig verkennen als ihn darum unbedingt +wegwerfen. + +^4 “In Gallien, jenseits der Alpen im Binnenland am Rhein, habe ich,” +erzählt Scrofa bei Varro rust. 1, 7, 8, “als ich dort kommandierte, +einige Striche betreten, wo weder die Rebe noch die Olive noch der +Obstbaum fortkommt, wo man mit weißer Grubenkreide die Äcker düngt, wo +man weder Gruben- noch Seesalz hat, sondern die salzige Kohle gewisser +verbrannter Hölzer statt Salz benutzt.” Diese Schilderung bezieht sich +wahrscheinlich auf die vorcaesarische Zeit und auf die östlichen +Striche der alten Provinz, wie zum Beispiel die allobrogische +Landschaft; später beschreibt Plinius (nat. 17, 6, 42f.) ausführlich +das gallisch-britannische Mergeln. + +^5 “Von gutem Schlag sind in Italien besonders die gallischen Ochsen, +zur Feldarbeit nämlich; wogegen die ligurischen nichts Rechtes +beschaffen” (Varr. rust. 2, 5, 9). Hier ist zwar das Cisalpinische +Gallien gemeint, allein die Viehwirtschaft daselbst geht doch +unzweifelhaft zurück auf die keltische Epoche. Der “gallischen Klepper” +(Gallici canterii) gedenkt schon Plautus (Aul. 3, 5, 21). “Nicht jede +Rasse schickt sich für das Hirtengeschäft; weder die Bastuler noch die +Turduler (beide in Andalusien) eignen sich dafür; am besten sind die +Kelten, besonders für Reit- und Lasttiere (iumenta)” (Varro rust. 2, +10, 4). + +————————————————————- + +Dem Zusammensiedeln waren die Gallier von Haus aus geneigt; offene +Dörfer gab es überall und allein der helvetische Kanton zählte deren im +Jahre 696 (58) vierhundert außer einer Menge einzelner Höfe. Aber es +fehlte auch nicht an ummauerten Städten, deren Mauern von Fachwerk +sowohl durch ihre Zweckmäßigkeit als durch die zierliche +Ineinanderfügung von Balken und Steinen den Römern auffielen, während +freilich selbst in den Städten der Allobrogen die Gebäude allein aus +Holz aufgeführt waren. Solcher Städte hatten die Helvetier zwölf und +ebensoviele die Suessionen; wogegen allerdings in den nördlicheren +Distrikten, zum Beispiel bei den Nerviern, es wohl auch Städte gab, +aber doch die Bevölkerung im Kriege mehr in den Sümpfen und Wäldern als +hinter den Mauern Schutz suchte und jenseits der Themse gar die +primitive Schutzwehr der Waldverhacke durchaus an die Stelle der Städte +trat und im Krieg die einzige Zufluchtsstätte für Menschen und Herden +war. Mit der verhältnismäßig bedeutenden Entwicklung des städtischen +Lebens steht in enger Verbindung die Regsamkeit des Verkehrs zu Lande +und zu Wasser. Überall gab es Straßen und Brücken. Die Flußschiffahrt, +wozu Ströme wie Rhone, Garonne, Loire und Seine von selber +aufforderten, war ansehnlich und ergiebig. Aber weit merkwürdiger noch +ist die Seeschiffahrt der Kelten. Nicht bloß sind die Kelten allem +Anschein nach diejenige Nation, die zuerst den Atlantischen Ozean +regelmäßig befahren hat, sondern wir finden auch hier die Kunst, +Schiffe zu bauen und zu lenken, auf einer bemerkenswerten Höhe. Die +Schiffahrt der Völker des Mittelmeers ist, wie dies bei der +Beschaffenheit der von ihnen befahrenen Gewässer begreiflich ist, +verhältnismäßig lange bei dem Ruder stehengeblieben: die +Kriegsfahrzeuge der Phöniker, Hellenen und Römer waren zu allen Zeiten +Rudergaleeren, auf welchen das Segel nur als gelegentliche Verstärkung +des Ruders verwendet wurde; nur die Handelsschiffe sind in der Epoche +der entwickelten antiken Zivilisation eigentliche Segler gewesen ^6. +Die Gallier dagegen bedienten zwar auf dem Kanal sich zu Caesars Zeit +wie noch lange nachher einer Art tragbarer lederner Kähne, die im +wesentlichen gewöhnliche Ruderboote gewesen zu sein scheinen; aber an +der Westküste Galliens fuhren die Santonen, die Pictonen, vor allem die +Veneter mit großen, freilich plump gebauten Schiffen, die nicht mit +Rudern bewegt wurden, sondern mit Ledersegeln und eisernen Ankerketten +versehen waren, und verwandten diese nicht nur für ihren Handelsverkehr +mit Britannien, sondern auch im Seegefecht. Hier also begegnen wir +nicht bloß zuerst der Schiffahrt auf dem freien Ozean, sondern hier hat +auch zuerst das Segelschiff völlig den Platz des Ruderbootes +eingenommen - ein Fortschritt, den freilich die sinkende Regsamkeit der +alten Welt nicht zu nutzen verstanden hat und dessen unübersehliche +Resultate erst unsere verjüngte Kulturperiode beschäftigt ist, +allmählich zu ziehen. + +—————————————————————————————- + +^6 Dahin führt die Benennung des Kauffahrtei- oder des “runden” im +Gegensatz zu dem “langen” oder dem Kriegsschiff und die ähnliche +Gegeneinanderstellung der “Ruderschiffe” (επίκωποι νήες) und der +“Kauffahrer” (ολκάδες" Dion. Hal. 3, 44); ferner die geringe Bemannung +der Kauffahrteischiffe, die auf den allergrößten nicht mehr betrug als +200 Mann (Rheinisches Museum N. F. 11, 1874, S. 625), während auf der +gewöhnlichen Galeere von drei Verdecken schon 170 Ruderer gebraucht +wurden. Vgl. F. K. Movers, Die Phönicier. Bonn-Berlin 1840-56, Bd. 2, +3, S. 167f. + +————————————————————————————— + +Bei diesem regelmäßigen Seeverkehr zwischen der britischen und der +gallischen Küste ist die überaus enge politische Verbindung zwischen +den beiderseitigen Anwohnern des Kanals ebenso erklärlich wie das +Aufblühen des überseeischen Handels und der Fischerei. Es waren die +Kelten, namentlich der Bretagne, die das Zinn der Gruben von Cornwallis +aus England holten und es auf den Fluß- und Landstraßen des +Keltenlandes nach Narbo und Massalia verfuhren. Die Angabe, daß zu +Caesars Zeit einzelne Völkerschaften an der Rheinmündung von Fischen +und Vogeleiern lebten, darf man wohl darauf beziehen, daß hier die +Seefischerei und das Einsammeln der Seevögeleier in ausgedehntem Umfang +betrieben ward. Faßt man die vereinzelten und spärlichen Angaben, die +über den keltischen Handel und Verkehr uns geblieben sind, in Gedanken +ergänzend zusammen, so begreift man es, daß die Zölle der Fluß- und +Seehäfen in den Budgets einzelner Kantons, zum Beispiel in denen der +Häduer und der Veneter, eine große Rolle spielten und daß der Hauptgott +der Nation ihr galt als der Beschützer der Straßen und des Handels und +zugleich als Erfinder der Gewerke. Ganz nichtig kann danach auch die +keltische Industrie nicht gewesen sein; wie denn die ungemeine +Anstelligkeit der Kelten und ihr eigentümliches Geschick, jedes Muster +nachzuahmen und jede Anweisung auszuführen auch von Caesar +hervorgehoben wird. In den meisten Zweigen scheint aber doch das Gewerk +bei ihnen sich nicht über das Maß des Gewöhnlichen erhoben zu haben; +die später im mittleren und nördlichen Gallien blühende Fabrikation +leinener und wollener Stoffe ist nachweislich erst durch die Römer ins +Leben gerufen worden. Eine Ausnahme, und soviel wir wissen die einzige, +macht die Bearbeitung der Metalle. Das nicht selten technisch +vorzügliche und noch jetzt geschmeidige Kupfergerät, das in den Gräbern +des Keltenlandes zum Vorschein kommt, und die sorgfältig justierten +arvernischen Goldmünzen sind heute noch lebendige Zeugen der +Geschicklichkeit der keltischen Kupfer- und Goldarbeiter; und wohl +stimmen dazu die Berichte der Alten, daß die Römer von den Biturigen +das Verzinnen, von den Alesiern das Versilbern lernten - Erfindungen, +von denen die erste durch den Zinnhandel nahe genug gelegt war und die +doch wahrscheinlich beide noch in der Zeit der keltischen Freiheit +gemacht worden sind. Hand in Hand mit der Gewandtheit in der +Bearbeitung der Metalle ging die Kunst, sie zu gewinnen, die zum Teil, +namentlich in den Eisengruben an der Loire, eine solche bergmännische +Höhe erreicht hatte, daß die Grubenarbeiter bei den Belagerungen eine +bedeutende Rolle spielten. Die den Römern dieser Zeit geläufige +Meinung, daß Gallien eines der goldreichsten Länder der Erde sei, wird +freilich widerlegt durch die wohlbekannten Bodenverhältnisse und durch +die Fundbestände der keltischen Gräber, in denen Gold nur sparsam und +bei weitem minder häufig erscheint als in den gleichartigen Funden der +wahren Heimatländer des Goldes; es ist auch diese Vorstellung wohl nur +hervorgerufen worden durch das, was griechische Reisende und römische +Soldaten, ohne Zweifel nicht ohne starke Übertreibung, ihren +Landsleuten von der Pracht der arvernischen Könige und den Schätzen der +tolosanischen Tempel zu erzählen wußten. Aber völlig aus der Luft +griffen die Erzähler doch nicht. Es ist sehr glaublich, daß in und an +den Flüssen, welche aus den Alpen und den Pyrenäen strömen, +Goldwäschereien und Goldsuchereien, die bei dem heutigen Wert der +Arbeitskraft unergiebig sind, in roheren Zeiten und bei +Sklavenwirtschaft mit Nutzen und in bedeutendem Umfang betrieben +wurden; überdies mögen die Handelsverhältnisse Galliens, wie nicht +selten die der halbzivilisierten Völker, das Aufhäufen eines toten +Kapitals edler Metalle begünstigt haben. + +Bemerkenswert ist der niedrige Stand der bildenden Kunst, der bei der +mechanischen Geschicklichkeit in Behandlung der Metalle nur um so +greller hervortritt. Die Vorliebe für bunte und glänzende Zieraten +zeigt den Mangel an Schönheitssinn, und eine leidige Bestätigung +gewähren die gallischen Münzen mit ihren bald übereinfach, bald +abenteuerlich, immer aber kindisch entworfenen und fast ohne Ausnahme +mit unvergleichlicher Roheit ausgeführten Darstellungen. Es ist +vielleicht ohne Beispiel, daß eine Jahrhunderte hindurch mit einem +gewissen technischen Geschick geübte Münzprägung sich wesentlich darauf +beschränkt hat, zwei oder drei griechische Stempel immer wieder und +immer entstellter nachzuschneiden. Dagegen wurde die Dichtkunst von den +Kelten hoch geschätzt und verwuchs eng mit den religiösen und selbst +mit den politischen Institutionen der Nation; wir finden die geistliche +wie die Hof- und Bettelpoesie in Blüte. Auch Naturwissenschaft und +Philosophie fanden, wenngleich in den Formen und den Banden der +Landestheologie, bei den Kelten eine gewisse Pflege und der hellenische +Humanismus eine bereitwillige Aufnahme, wo und wie er an sie herantrat. +Die Kunde der Schrift war wenigstens bei den Priestern allgemein. +Meistenteils bediente man in dem freien Gallien zu Caesars Zeit sich +der griechischen, wie unter andern die Helvetier taten; nur in den +südlichsten Distrikten desselben war schon damals infolge des Verkehrs +mit den romanisierten Kelten die lateinische überwiegend, der wir zum +Beispiel auf den arvernischen Münzen dieser Zeit begegnen. + +Auch die politische Entwicklung der keltischen Nation bietet sehr +bemerkenswerte Erscheinungen. Die staatliche Verfassung ruht bei ihr +wie überall auf dem Geschlechtsgau mit dem Fürsten, dem Rat der +Ältesten und der Gemeinde der freien waffenfähigen Männer; dies aber +ist ihr eigentümlich, daß sie über diese Gauverfassung niemals +hinausgelangt ist. Bei den Griechen und Römern trat sehr früh an die +Stelle des Gaues als die Grundlage der politischen Einheit der +Mauerring: wo zwei Gaue in denselben Mauern sich zusammenfanden, +verschmolzen sie zu einem Gemeinwesen; wo eine Bürgerschaft einem Teil +ihrer Mitbürger einen neuen Mauerring anwies, entstand regelmäßig damit +auch ein neuer, nur durch die Bande der Pietät und höchstens der +Klientel mit der Muttergemeinde, verknüpfter Staat. Bei den Kelten +dagegen bleibt die “Bürgerschaft” zu allen Zeiten der Clan; dem Gau und +nicht irgendeiner Stadt stehen Fürst und Rat vor, und der allgemeine +Gautag bildet die letzte Instanz im Staate. Die Stadt hat, wie im +Orient, nur merkantile und strategische, nicht politische Bedeutung; +weshalb denn auch die gallischen Ortschaften, selbst ummauerte und sehr +ansehnliche wie Vienna und Genava, den Griechen und Römern nichts sind +als Dörfer. Zu Caesars Zeit bestand die ursprüngliche Clanverfassung +noch wesentlich ungeändert bei den Inselkelten und in den nördlichen +Gauen des Festlandes: die Landesgemeinde behauptete die höchste +Autorität; der Fürst ward in wesentlichen Fragen durch ihre Beschlüsse +gebunden; der Gemeinderat war zahlreich - er zählte in einzelnen Clans +sechshundert Mitglieder -, scheint aber nicht mehr bedeutet zu haben +als der Senat unter den römischen Königen. Dagegen in dem regsameren +Süden des Landes war ein oder zwei Menschenalter vor Caesar - die +Kinder der letzten Könige lebten noch zu seiner Zeit - wenigstens bei +den größeren Clans, den Arvernern, Häduern, Sequanern, Helvetiern, eine +Umwälzung eingetreten, die die Königsherrschaft beseitigte und dem Adel +die Gewalt in die Hände gab. Es ist nur die Kehrseite des +ebenbezeichneten vollständigen Mangels städtischer Gemeinwesen bei den +Kelten, daß der entgegengesetzte Pol der politischen Entwicklung, das +Rittertum, in der keltischen Clanverfassung so völlig überwiegt. Die +keltische Aristokratie war allem Anschein nach ein hoher Adel, +größtenteils vielleicht die Glieder der königlichen oder ehemals +königlichen Familien, wie es denn bemerkenswert ist, daß die Häupter +der entgegengesetzten Parteien in demselben Clan sehr häufig dem +gleichen Geschlecht angehören. Diese großen Familien vereinigten in +ihrer Hand die ökonomische, kriegerische und politische Übermacht. Sie +monopolisierten die Pachtungen der nutzbaren Rechte des Staates. Sie +nötigen die Gemeinfreien, die die Steuerlast erdrückte, bei ihnen zu +borgen und zuerst tatsächlich als Schuldner, dann rechtlich als Hörige +sich ihrer Freiheit zu begeben. Sie entwickelten bei sich das +Gefolgwesen, das heißt das Vorrecht des Adels, sich mit einer Anzahl +gelöhnter reisiger Knechte, sogenannter Ambakten ^7, zu umgeben und +damit einen Staat im Staate zu bilden; und gestützt auf diese ihre +eigenen Leute trotzten sie den gesetzlichen Behörden und dem +Gemeindeaufgebot und sprengten tatsächlich das Gemeinwesen. Wenn in +einem Clan, dar etwa 80000 Waffenfähige zählte, ein einzelner Adliger +mit 10000 Knechten, ungerechnet die Hörigen und die Schuldner, auf dem +Landtage erscheinen konnte, so ist es einleuchtend, daß ein solcher +mehr ein unabhängiger Dynast war als ein Bürger seines Clans. Es kam +hinzu, daß die vornehmen Familien der verschiedenen Clans innig unter +sich zusammenhingen und durch Zwischenheiraten und Sonderverträge +gleichsam einen geschlossenen Bund bildeten, dem gegenüber der einzelne +Clan ohnmächtig war. Darum vermochten die Gemeinden nicht länger den +Landfrieden aufrecht zu halten und regierte durchgängig das Faustrecht. +Schutz fand nur noch der hörige Mann bei seinem Herrn, den Pflicht und +Interesse nötigten, die seinem Klienten zugefügte Unbill zu ahnden; die +Freien zu beschirmen hatte der Staat die Gewalt nicht mehr, weshalb +diese zahlreich sich als Hörige einem Mächtigen zu eigen gaben. Die +Gemeindeversammlung verlor ihre politische Bedeutung; und auch das +Fürstentum, das den Übergriffen des Adels hätte steuern sollen, erlag +demselben bei den Kelten so gut wie in Latium. An die Stelle des Königs +trat der “Rechtswirker” oder Vergobretus ^8, der wie der römische +Konsul nur auf ein Jahr ernannt ward. Soweit der Gau überhaupt noch +zusammenhielt, ward er durch den Gemeinderat geleitet, in dem natürlich +die Häupter der Aristokratie die Regierung an sich rissen. Es versteht +sich von selbst, daß unter solchen Verhältnissen es in den einzelnen +Clans in ganz ähnlicher Weise gärte, wie es in Latium nach der +Vertreibung der Könige Jahrhunderte lang gegärt hatte: während die +Adelschaften der verschiedenen Gemeinden sich zu einem der +Gemeindemacht feindlichen Sonderbündnis zusammentaten, hörte die Menge +nicht auf, die Wiederherstellung des Königtums zu begehren, und +versuchte nicht selten ein hervorragender Edelmann, wie Spurius Cassius +in Rom getan, gestützt auf die Masse der Gauangehörigen, die Macht +seiner Standesgenossen zu brechen und zu seinem Besten die Krone wieder +in ihre Rechte einzusetzen. + +—————————————————————————- + +^7 Dies merkwürdige Wort muß schon im sechsten Jahrhundert Roms bei den +Kelten im Potal gebräuchlich gewesen sein; denn bereits Ennius kennt +es, und es kann nur von da her in so früher Zeit den Italikern +zugekommen sein. Es ist dasselbe aber nicht bloß keltisch, sondern auch +deutsch, die Wurzel unseres “Amt”; wie ja auch das Gefolgwesen selbst +den Kelten und den Deutschen gemeinsam ist. Von großer geschichtlicher +Wichtigkeit wäre es, auszumachen ob das Wort und also auch die Sache zu +den Kelten von den Deutschen oder zu den Deutschen von den Kelten kam. +Wenn, wie man gewöhnlich annimmt, das Wort ursprünglich deutsch ist und +zunächst den in der Schlacht dem Herrn “gegen den Rücken” (and = gegen, +bak = Rücken) stehenden Knecht bezeichnet, so ist dies mit dem +auffallend frühen Vorkommen dieses Wortes bei den Kelten nicht gerade +unvereinbar. Nach allen Analogien kann das Recht Ambakten, das ist +δούλοι μισθωτοί, zu halten, dem keltischen Adel nicht von Haus aus +zugestanden, sondern erst allmählich im Gegensatz zu dem älteren +Königtum wie zu der Gleichheit der Gemeinfreien sich entwickelt haben. +Wenn also das Ambaktentum bei den Kelten keine altnationale, sondern +eine relativ junge Institution ist, so ist es auch, bei dem zwischen +den Kelten und Deutschen Jahrhunderte lang bestehenden und weiterhin zu +erörternden Verhältnis, nicht bloß möglich, sondern sogar +wahrscheinlich, daß die Kelten, in Italien wie in Gallien, zu diesen +gedungenen Waffenknechten hauptsächlich Deutsche nahmen. Die +“Schweizer” würden also in diesem Falle um einige Jahrtausende älter +sein, als man meint. + +Sollte die Benennung, womit, vielleicht nach dem Beispiel der Kelten, +die Römer die Deutschen als Nation bezeichnen, der Name Germani +wirklich keltischen Ursprungs sein, so steht dies damit, wie man sieht, +im besten Einklang. + +Freilich werden diese Annahmen immer zurückstehen müssen, falls es +gelingt, das Wort ambactus in befriedigender Weise aus keltischer +Wurzel zu erklären; wie denn J. K. Zeuß (Grammatica celtica. Leipzig +1853, S. 796), wenngleich zweifelnd, dasselbe auf ambi = um und ag = +agere, = Herumbeweger oder Herumbewegter, also Begleiter, Diener +zurückführt. Daß das Wort auch als keltischer Eigenname vorkommt (Zeuß, +S. 77) und vielleicht noch in dem cambrischen amaeth = Bauer, Arbeiter +erhalten ist (Zeuß, S. 156), kann nach keiner Seite hin entscheiden. + +^8 Von den keltischen Wörtern guerg = Wirker und breth = Gericht. + +———————————————————————————————— + +Wenn also die einzelnen Gaue unheilbar hinsiechten, so regte sich wohl +daneben mächtig in der Nation das Gefühl der Einheit und suchte in +mancherlei Weise Form und Halt zu gewinnen. Jenes Zusammenschließen des +gesamten keltischen Adels im Gegensatz gegen die einzelnen Gauverbände +zerrüttete zwar die bestehende Ordnung der Dinge, aber weckte und +nährte doch auch die Vorstellung der Zusammengehörigkeit der Nation. +Ebendahin wirkten die von außen her gegen die Nation gerichteten +Angriffe und die fortwährende Schmälerung ihres Gebiets im Kriege mit +den Nachbarn. Wie die Hellenen in den Kriegen gegen die Perser, die +Italiker in denen gegen die cisalpinischen Kelten, so scheinen die +transalpinischen Gallier in den Kriegen gegen Rom des Bestehens und der +Macht der nationalen Einheit sich bewußt geworden zu sein. Unter dem +Hader der rivalisierenden Clans und all jenem feudalistischen Gezänk +machten doch auch die Stimmen derer sich bemerklich, die die +Unabhängigkeit der Nation um den Preis der Selbständigkeit der +einzelnen Gaue und selbst um den der ritterschaftlichen Herrenrechte zu +erkaufen bereit waren. Wie durchweg populär die Opposition gegen die +Fremdherrschaft war, bewiesen die Kriege Caesars, dem gegenüber die +keltische Patriotenpartei eine ganz ähnliche Stellung hatte wie die +deutschen Patrioten gegen Napoleon: für ihre Ausdehnung und ihre +Organisation zeugt unter anderem die Telegraphengeschwindigkeit, mit +der sie sich Nachrichten mitteilte. + +Die Allgemeinheit und die Mächtigkeit des keltischen +Nationalbewußtseins würden unerklärlich sein, wenn nicht bei der +größten politischen Zersplitterung die keltische Nation seit langem +religiös und selbst theologisch zentralisiert gewesen wäre. Die +keltische Priesterschaft oder, mit dem einheimischen Namen, die +Korporation der Druiden umfaßte sicher die Britischen Inseln und ganz +Gallien, vielleicht noch andere Keltenländer mit einem gemeinsamen +religiös-nationalen Bande. Sie stand unter einem eigenen Haupte, das +die Priester selber sich wählten, mit eigenen Schulen, in denen die +sehr umfängliche Tradition fortgepflanzt ward, mit eigenen Privilegien, +namentlich Befreiung von Steuer und Kriegsdienst, welche jeder Clan +respektierte, mit jährlichen Konzilien, die bei Chartres im +“Mittelpunkt der keltischen Erde” abgehalten wurden, und vor allen +Dingen mit einer gläubigen Gemeinde, die an peinlicher Frömmigkeit und +an blindem Gehorsam gegen ihre Priester den heutigen Iren nichts +nachgegeben zu haben scheint. Es ist begreiflich, daß eine solche +Priesterschaft auch das weltliche Regiment an sich zu reißen versuchte +und teilweise an sich riß: sie leitete, wo das Jahrkönigtum bestand, im +Fall eines Interregnums die Wahlen; sie nahm mit Erfolg das Recht in +Anspruch, einzelne Männer und ganze Gemeinden von der religiösen und +folgeweise auch der bürgerlichen Gemeinschaft auszuschließen; sie wußte +die wichtigsten Zivilsachen, namentlich Grenz- und Erbschaftsprozesse +an sich zu ziehen, sie entwickelte, gestützt wie es scheint auf ihr +Recht, aus der Gemeinde auszuschließen, und vielleicht auch auf die +Landesgewohnheit, daß zu den üblichen Menschenopfern vorzugsweise +Verbrecher genommen wurden, eine ausgedehnte priesterliche +Kriminalgerichtsbarkeit, die mit der der Könige und Vergobreten +konkurrierte; sie nahm sogar die Entscheidung über Krieg und Frieden in +Anspruch. Man war nicht fern von einem Kirchenstaat mit Papst und +Konzilien, mit Immunitäten, Interdikten und geistlichen Gerichten; nur +daß dieser Kirchenstaat nicht, wie der der Neuzeit, von den Nationen +abstrahierte, sondern vielmehr vor allen Dingen national war. + +Aber wenn also das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den keltischen +Stämmen mit voller Lebendigkeit erwacht war, so blieb es dennoch der +Nation versagt, zu einem Haltpunkt politischer Zentralisation zu +gelangen, wie ihn Italien an der römischen Bürgerschaft, Hellenen und +Germanen an den makedonischen und fränkischen Königen fanden. Die +keltische Priester- und ebenso die Adelschaft, obwohl beide in gewissem +Sinn die Nation vertraten und verbanden, waren doch einerseits ihrer +ständisch-partikularistischen Interessen wegen unfähig, sie zu einigen, +andererseits mächtig genug, um keinem König und keinem Gau das Werk der +Einigung zu gestatten. Ansätze zu demselben fehlen nicht; sie gingen, +wie die Gauverfassung es an die Hand gab, den Weg des Hegemoniesystems. +Der mächtige Kanton bestimmte den schwächeren, sich ihm in der Art +unterzuordnen, daß die führende Gemeinde nach außen die andere +mitvertrat und in Staatsverträgen für sie mitstipulierte, der +Klientelgau dagegen sich zur Heeresfolge, auch wohl zur Erlegung eines +Tributs verpflichtete. Auf diesem Wege entstanden eine Reihe von +Sonderbünden: einen führenden Gau für das ganze Keltenland, einen wenn +auch noch so losen Verband der gesamten Nation gab es nicht. Es ward +bereits erwähnt, daß die Römer bei dem Beginn ihrer transalpinischen +Eroberungen dort im Norden einen britisch-belgischen Bund unter Führung +der Suessionen, im mittleren und südlichen Gallien die +Arvernerkonföderation vorfanden, mit welcher letzteren die Häduer mit +ihrer schwächeren Klientel rivalisierten. In Caesars Zeit finden wir +die Belgen im nordöstlichen Gallien zwischen Seine und Rhein noch in +einer solchen Gemeinschaft, die sich indes wie es scheint auf +Britannien nicht mehr erstreckt; neben ihnen erscheint in der heutigen +Normandie und Bretagne der Bund der aremorikanischen, das heißt der +Seegaue; im mittleren oder dem eigentlichen Gallien ringen wie ehemals +zwei Parteien um die Hegemonie, an deren Spitze einerseits die Häduer +stehen, andererseits, nachdem die Arverner, durch die Kriege mit Rom +geschwächt, zurückgetreten waren, die Sequaner. Diese verschiedenen +Eidgenossenschaften standen unabhängig nebeneinander; die führenden +Staaten des mittleren Gallien scheinen ihre Klientel nie auf das +nordöstliche und ernstlich wohl auch nicht auf den Nordwesten Galliens +erstreckt zu haben. Der Freiheitsdrang der Nation fand in diesen +Gauverbänden eine gewisse Befriedigung; aber sie waren doch in jeder +Hinsicht ungenügend. Die Verbindung war von der lockersten, beständig +zwischen Allianz und Hegemonie schwankenden Art, die Repräsentation der +Gesamtheit im Frieden durch die Bundestage, im Kriege durch den Herzog +^9 im höchsten Grade schwächlich. Nur die belgische Eidgenossenschaft +scheint etwas fester zusammengehalten zu haben; der nationale +Aufschwung, aus dem die glückliche Abwehr der Kimbrer hervorging, mag +ihr zugute gekommen sein. Die Rivalitäten um die Hegemonie machten +einen Riß in jeden einzelnen Bund, den die Zeit nicht schloß, sondern +erweiterte, weil selbst der Sieg des einen Nebenbuhlers dem Gegner die +politische Existenz ließ und demselben, auch wenn er in die Klientel +sich gefügt hatte, immer gestattet blieb, den Kampf späterhin zu +erneuern. Der Wettstreit der mächtigeren Gaue entzweite nicht bloß +diese, sondern in jedem abhängigen Clan, in jedem Dorfe, ja oft in +jedem Hause setzte er sich fort, indem jeder einzelne nach seinen +persönlichen Verhältnissen Partei ergriff. Wie Hellas sich aufrieb +nicht so sehr in dem Kampfe Athens gegen Sparta als in dem inneren +Zwist athenischer und lakedämonischer Faktionen in jeder abhängigen +Gemeinde, ja in Athen selbst: so hat auch die Rivalität der Arverner +und Häduer mit ihren Wiederholungen in kleinem und immer kleinerem +Maßstab das Kelterwolk vernichtet. + +——————————————————————- + +^9 Welche Stellung ein solcher Bundesfeldherr seinen Leuten gegenüber +einnahm, zeigt die gegen Vercingetorix erhobene Anklage auf +Landesverrat (Caes. Gall. 7, 20). + +——————————————————————- + +Die Wehrhaftigkeit der Nation empfand den Rückschlag dieser politischen +und sozialen Verhältnisse. Die Reiterei war durchaus die vorwiegende +Waffe, woneben bei den Belgen und mehr noch auf den Britischen Inseln +die altnationalen Streitwagen in bemerkenswerter Vervollkommnung +erscheinen. Diese ebenso zahlreichen wie tüchtigen Reiter- und +Wagenkämpferscharen wurden gebildet aus dem Adel und dessen Mannen, der +denn auch echt ritterlich an Hunden und Pferden seine Lust hatte und es +sich viel kosten ließ, edle Rosse ausländischer Rasse zu reiten. Für +den Geist und die Kampfweise dieser Edelleute ist es bezeichnend, daß, +wenn das Aufgebot erging, wer irgend von ihnen sich zu Pferde halten +konnte, selbst der hochbejahrte Greis mit aufsaß, und daß sie, im +Begriff mit einem gering geschätzten Feinde ein Gefecht zu beginnen, +Mann für Mann schwuren, Haus und Hof meiden zu wollen, wenn ihre Schar +nicht wenigstens zweimal durch die feindliche Linie setzen werde. Unter +den gedungenen Mannen herrschte das Lanzknechttum mit all seiner +entsittlichten und entgeistigten Gleichgültigkeit gegen fremdes und +eigenes Leben - das zeigen die Erzählungen, wie anekdotenhaft sie auch +gefärbt sind, von der keltischen Sitte, beim Gastmahl zum Scherz zu +rapieren und gelegentlich auf Leben und Tod zu fechten; von dem dort +herrschenden, selbst die römischen Fechterspiele noch überbietenden +Gebrauch, sich gegen eine bestimmte Geldsumme oder eine Anzahl Fässer +Wein zum Schlachten zu verkaufen und vor den Augen der ganzen Menge auf +dem Schilde hingestreckt den Todesstreich freiwillig hinzunehmen. + +Neben diesen Reisigen trat das Fußvolk in den Hintergrund. In der +Hauptsache glich es wesentlich noch den Keltenscharen, mit denen die +Römer in Italien und Spanien gefochten hatten. Der große Schild war wie +damals die hauptsächlichste Wehr; unter den Waffen spielte dagegen +statt des Schwertes jetzt die lange Stoßlanze die erste Rolle. Wo +mehrere Gaue verbündet Krieg führten, lagerte und stritt natürlich Clan +gegen Clan; es findet sich keine Spur, daß man das Aufgebot des +einzelnen Gaues militärisch gegliedert und kleinere und regelrechtere +taktische Abteilungen gebildet hätte. Noch immer schleppte ein langer +Wagentroß dem Keltenheer das Gepäck nach; anstatt des verschanzten +Lagers, wie es die Römer allabendlich schlugen, diente noch immer das +dürftige Surrogat der Wagenburg. Von einzelnen Gauen, wie zum Beispiel +den Nerviern, wird ausnahmsweise die Tüchtigkeit ihres Fußvolks +hervorgehoben; bemerkenswert ist es, daß eben diese keine Ritterschaft +hatten und vielleicht sogar kein keltischer, sondern ein eingewanderter +deutscher Stamm waren. Im allgemeinen aber erscheint das keltische +Fußvolk dieser Zeit als ein unkriegerischer und schwerfälliger +Landsturm; am meisten in den südlicheren Landschaften, wo mit der Rohen +auch die Tapferkeit geschwunden war. Der Kelte, sagt Caesar, wagt es +nicht, dem Germanen im Kampfe ins Auge zu sehen; noch schärfer als +durch dieses Urteil kritisierte der römische Feldherr die keltische +Infanterie dadurch, daß, nachdem er sie in seinem ersten Feldzug +kennengelernt hatte, er sie nie wieder in Verbindung mit der römischen +verwandt hat. + +Überblicken wir den Gesamtzustand der Kelten, wie ihn Caesar in den +transalpinischen Landschaften vorfand, so ist, verglichen mit der +Kulturstufe, auf der anderthalb Jahrhunderte zuvor die Kelten im Potal +uns entgegentraten, ein Fortschritt in der Zivilisation unverkennbar. +Damals überwog in den Heeren durchaus die in ihrer Art vortreffliche +Landwehr (I, 340); jetzt nimmt die Ritterschaft den ersten Platz ein. +Damals wohnten die Kelten in offenen Flecken; jetzt umgaben ihre +Ortschaften wohlgefügte Mauern. Auch die lombardischen Gräberfunde +stehen, namentlich in dem Kupfer- und Glasgerät, weit zurück hinter +denen des nördlichen Keltenlandes. Vielleicht der zuverlässigste Messer +der steigenden Kultur ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit der +Nation; sowenig davon in den auf dem Boden der heutigen Lombardei +geschlagenen Keltenkämpfen zu Tage tritt, so lebendig erscheint es in +den Kämpfen gegen Caesar. Allem Anschein nach hatte die keltische +Nation, als Caesar ihr gegenübertrat, das Maximum der ihr beschiedenen +Kultur bereits erreicht und war schon wieder im Sinken. Die +Zivilisation der transalpinischen Kelten in der caesarischen Zeit +bietet selbst für uns, die wir nur sehr unvollkommen über sie berichtet +sind, manche achtbare und noch mehr interessante Seite; in mehr als +einer Hinsicht schließt sie sich enger der modernen an als der +hellenisch-römischen, mit ihren Segelschiffen, ihrem Rittertum, ihrer +Kirchenverfassung, vor allen Dingen mit ihren, wenn auch unvollkommenen +Versuchen, den Staat nicht auf die Stadt, sondern auf den Stamm und in +höherer Potenz auf die Nation zu bauen. Aber ebendarum, weil wir hier +der keltischen Nation auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung begegnen, +tritt um so bestimmter ihre mindere sittliche Begabung oder, was +dasselbe ist, ihre mindere Kulturfähigkeit hervor. Sie vermochte aus +sich weder eine nationale Kunst noch einen nationalen Staat zu erzeugen +und brachte es höchstens zu einer nationalen Theologie und einem +eigenen Adeltum. Die ursprüngliche naive Tapferkeit war nicht mehr; der +auf höhere Sittlichkeit und zweckmäßige Ordnungen gestützte +militärische Mut, wie er im Gefolge der gesteigerten Zivilisation +eintritt, hatte nur in sehr verkümmerter Gestalt sich eingestellt in +dem Rittertum. Wohl war die eigentliche Barbarei überwunden; die Zeiten +waren nicht mehr, wo im Keltenland das fette Hüftstück dem tapfersten +der Gäste zugeteilt ward, aber jedem der Mitgeladenen, der sich dadurch +verletzt erachtete, freistand, den Empfänger deswegen zum Kampfe zu +fordern, und wo man mit dem verstorbenen Häuptling seine treuesten +Gefolgsmänner verbrannte. Aber doch dauerten die Menschenopfer noch +fort, und der Rechtssatz, daß die Folterung des freien Mannes +unzulässig, aber die der freien Frau erlaubt sei so gut wie die +Folterung des Sklaven, wirft ein unerfreuliches Licht auf die Stellung, +die das weibliche Geschlecht bei den Kelten auch noch in ihrer +Kulturzeit einnahm. Die Vorzüge, die der primitiven Epoche der Nationen +eigen sind, hatten die Kelten eingebüßt, aber diejenigen nicht +erworben, die die Gesittung dann mit sich bringt, wenn sie ein Volk +innerlich und völlig durchdringt. + +Also war die keltische Nation in ihren inneren Zuständen beschaffen. Es +bleibt noch übrig, ihre äußeren Beziehungen zu den Nachbarn +darzustellen und zu schildern, welche Rolle sie in diesem Augenblick +einnahmen in dem gewaltigen Wettlauf und Wettkampf der Nationen, in dem +das Behaupten sich überall noch schwieriger erweist als das Erringen. +An den Pyrenäen hatten die Verhältnisse der Völker längst sich +friedlich geordnet und waren die Zeiten längst vorbei, wo die Kelten +hier die iberische, das heißt baskische Urbevölkerung bedrängten und +zum Teil verdrängten. Die Täler der Pyrenäen wie die Gebirge Bearns und +der Gascogne und ebenso die Küstensteppen südlich von der Garonne +standen zu Caesars Zeit im unangefochtenen Besitz der Aquitaner, einer +großen Anzahl kleiner, wenig unter sich und noch weniger mit dem +Ausland sich berührender Völkerschaften iberischer Abstammung; hier war +nur die Garonnemündung selbst mit dem wichtigen Hafen Burdigala +(Bordeaux) in den Händen eines keltischen Stammes, der +Bituriger-Vivisker. + +Von weit größerer Bedeutung waren die Berührungen der keltischen Nation +mit dem Römervolk und mit den Deutschen. Es soll hier nicht wiederholt +werden, was früher erzählt worden ist, wie die Römer in langsamem +Vordringen die Kelten allmählich zurückgedrückt, zuletzt auch den +Küstensaum zwischen den Alpen und den Pyrenäen besetzt und sie dadurch +von Italien, Spanien und dem Mittelländischen Meer gänzlich +abgeschnitten hatten, nachdem bereits Jahrhunderte zuvor durch die +Anlage der hellenischen Zwingburg an der Rhonemündung diese Katastrophe +vorbereitet worden war; daran aber müssen wir hier wieder erinnern, daß +nicht bloß die Überlegenheit der römischen Waffen die Kelten bedrängte, +sondern ebensosehr die der römischen Kultur, der die ansehnlichen +Anfänge der hellenischen Zivilisation im Keltenlande ebenfalls in +letzter Instanz zugute kamen. Auch hier bahnten Handel und Verkehr wie +so oft der Eroberung den Weg. Der Kelte liebte nach nordischer Weise +feurige Getränke; daß er den edlen Wein wie der Skythe unvermischt und +bis zum Rausche trank, erregte die Verwunderung und den Ekel des +mäßigen Südländers, aber der Händler verkehrt nicht ungern mit solchen +Kunden. Bald ward der Handel nach dem Keltenland eine Goldgrube für den +italischen Kaufmann; es war nichts Seltenes, daß daselbst ein Krug Wein +um einen Sklaven getauscht ward. Auch andere Luxusartikel, wie zum +Beispiel italische Pferde, fanden in dem Keltenland vorteilhaften +Absatz. Es kam sogar bereits vor, daß römische Bürger jenseits der +römischen Grenze Grundbesitz erwarben und denselben nach italischer Art +nutzten, wie denn zum Beispiel römische Landgüter im Kanton der +Segusiaver (bei Lyon) schon um 673 (81) erwähnt werden. Ohne Zweifel +ist es hiervon eine Folge, daß, wie schon gesagt ward, selbst in dem +freien Gallien, zum Beispiel bei den Arvernern, die römische Sprache +schon vor der Eroberung nicht unbekannt war; obwohl sich freilich diese +Kunde vermutlich noch auf wenige beschränkte und selbst mit den +Vornehmen des verbündeten Gaues der Häduer durch Dolmetscher verkehrt +werden mußte. So gut wie die Händler mit Feuerwasser und die Squatters +die Besetzung Nordamerikas einleiteten, so wiesen und winkten diese +römischen Weinhändler und Gutsbesitzer den künftigen Eroberer Galliens +heran. Wie lebhaft man auch auf der entgegengesetzten Seite dies +empfand, zeigt das Verbot, das einer der tüchtigsten Stämme des +Keltenlandes, der Gau der Nervier, gleich einzelnen deutschen +Völkerschaften, gegen den Handelsverkehr mit den Römern erließ. + +Ungestümer noch als vom Mittelländischen Meere die Römer, drängten vom +Baltischen und der Nordsee herab die Deutschen, ein frischer Stamm aus +der großen Völkerwiege des Ostens, der sich Platz machte neben seinen +älteren Brüdern mit jugendlicher Kraft, freilich auch mit jugendlicher +Roheit. Wenn auch die nächst am Rhein wohnenden Völkerschaften dieses +Stammes, die Usipeten, Tencterer, Sugambrer, Ubier, sich einigermaßen +zu zivilisieren angefangen und wenigstens aufgehört hatten, freiwillig +ihre Sitze zu wechseln, so stimmen doch alle Nachrichten dahin +zusammen, daß weiter landeinwärts der Ackerbau wenig bedeutete und die +einzelnen Stämme kaum noch zu festen Sitzen gelangt waren. Es ist +bezeichnend dafür, daß die westlichen Nachbarn in dieser Zeit kaum +eines der Völker des inneren Deutschlands seinem Gaunamen nach zu +nennen wußten, sondern dieselben ihnen nur bekannt sind unter den +allgemeinen Bezeichnungen der Sueben, das ist der schweifenden Leute, +der Nomaden, und der Markomannen, das ist der Landwehr ^10 - Namen, die +in Caesars Zeit schwerlich schon Gaunamen waren, obwohl sie den Römern +als solche erschienen und später auch vielfach Gaunamen geworden sind. +Der gewaltigste Andrang dieser großen Nation traf die Kelten. Die +Kämpfe, die die Deutschen um den Besitz der Landschaften östlich vom +Rheine mit den Kelten geführt haben mögen, entziehen sich vollständig +unseren Blicken. Wir vermögen nur zu erkennen, daß um das Ende des +siebenten Jahrhunderts Roms schon alles Land bis zum Rhein den Kelten +verloren war, die Boier, die einst in Bayern und Böhmen gesessen haben +mochten, heimatlos herumirrten und selbst der ehemals von den +Helvetiern besessene Schwarzwald wenn auch noch nicht von den +nächstwohnenden deutschen Stämmen in Besitz genommen, doch wenigstens +wüstes Grenzstreitland war - vermutlich schon damals das, was es später +hieß: die helvetische Einöde. Die barbarische Strategik der Deutschen, +durch meilenweite Wüstlegung der Nachbarschaft sich vor feindlichen +Überfällen zu sichern, scheint hier im größten Maßstab Anwendung +gefunden zu haben. + +——————————————————————————- + +^10 So sind Caesars Sueben wahrscheinlich die Chatten; aber dieselbe +Benennung kam sicher zu Caesars Zeit und noch viel später auch jedem +anderen deutschen Stamme zu, der als ein regelmäßig wandernder +bezeichnet werden konnte. Wenn also auch, wie nicht zu bezweifeln, der +“König der Sueben” bei Mela (3, 1) und Plinius (nat. 2, 67, 170) +Ariovist ist, so folgt darum noch keineswegs, daß Ariovist ein Chatte +war. Die Markomannen als ein bestimmtes Volk lassen sich vor Marbod +nicht nachweisen; es ist sehr möglich, daß das Wort bis dahin nichts +bezeichnet als was es etymologisch bedeutet, die Land- oder Grenzwehr. +Wenn Caesar (Galt. 1, 51) unter den im Heere Ariovists fechtenden +Völkern Markomannen erwähnt, so kann er auch hier eine bloß appellative +Bezeichnung ebenso mißverstanden haben, wie dies bei den Sueben +entschieden der Fall ist. + +—————————————————————————- + +Aber die Deutschen waren nicht stehen geblieben am Rheine. Der seinem +Kern nach aus deutschen Stämmen zusammengesetzte Heereszug der Kimbrer +und Teutonen, der fünfzig Jahre zuvor über Pannonien, Gallien, Italien +und Spanien so gewaltig hingebraust war, schien nichts gewesen zu sein +als eine großartige Rekognoszierung. Schon hatten westlich vom Rhein, +namentlich dem untern Lauf desselben, verschiedene deutsche Stämme +bleibende Sitze gefunden: als Eroberer eingedrungen, fuhren diese +Ansiedler fort, von ihren gallischen Umwohnern gleich wie von +Untertanen Geiseln einzufordern und jährlichen Tribut zu erheben. Dahin +gehörten die Aduatuker, die aus einem Splitter der Kimbrermasse zu +einem ansehnlichen Gau geworden waren, und eine Anzahl anderer, später +unter dem Namen der Tungrer zusammengefaßter Völkerschaften an der Maas +in der Gegend von Lüttich; sogar die Treverer (um Trier) und die +Nervier (im Hennegau), zwei der größten und mächtigsten Völkerschaften +dieser Gegend, bezeichnen achtbare Autoritäten geradezu als Germanen. +Die vollständige Glaubwürdigkeit dieser Berichte muß allerdings +dahingestellt bleiben, da es, wie Tacitus in Beziehung auf die zuletzt +erwähnten beiden Völker bemerkt, späterhin wenigstens in diesen +Strichen für eine Ehre galt, von deutschem Blute abzustammen und nicht +zu der gering geachteten keltischen Nation zu gehören: doch scheint die +Bevölkerung in dem Gebiet der Schelde, Maas und Mosel allerdings in der +einen oder andern Weise sich stark mit deutschen Elementen gemischt +oder doch unter deutschen Einflüssen gestanden zu haben. Die deutschen +Ansiedlungen selbst waren vielleicht geringfügig; unbedeutend waren sie +nicht, denn in dem chaotischen Dunkel, in dem wir um diese Zeit die +Völkerschaften am rechten Rheinufer auf- und niederwogen sehen, läßt +sich doch wohl erkennen, daß größere deutsche Massen auf der Spur jener +Vorposten sich anschickten, den Rhein zu überschreiten. Von zwei Seiten +durch die Fremdherrschaft bedroht und in sich zerrissen, war es kaum zu +erwarten, daß die unglückliche keltische Nation sich jetzt noch +emporraffen und mit eigener Kraft sich erretten werde. Die +Zersplitterung und der Untergang in der Zersplitterung war bisher ihre +Geschichte; wie sollte eine Nation, die keinen Tag nannte gleich denen +von Marathon und Salamis, von Aricia und dem Raudischen Felde, eine +Nation, die selbst in ihrer frischen Zeit keinen Versuch gemacht hatte, +Massalia mit gesamter Hand zu vernichten, jetzt, da es Abend ward, so +furchtbarer Feinde sich erwehren? + +Je weniger die Kelten, sich selbst überlassen, den Germanen gewachsen +waren, desto mehr Ursache hatten die Römer, die zwischen den beiden +Nationen obwaltenden Verwicklungen sorgsam zu überwachen. Wenn auch die +daraus entspringenden Bewegungen sie bis jetzt nicht unmittelbar +berührt hatten, so waren sie doch bei dem Ausgang derselben mit ihren +wichtigsten Interessen beteiligt. Begreiflicherweise hatte die innere +Haltung der keltischen Nation sich mit ihren auswärtigen Beziehungen +rasch und nachhaltig verflochten. Wie in Griechenland die +lakedämonische Partei sich gegen die Athener mit Persien verband, so +hatten die Römer von ihrem ersten Auftreten jenseits der Alpen an gegen +die Arverner, die damals unter den südlichen Kelten die führende Macht +waren, an deren Nebenbuhlern um die Hegemonie, den Häduern, eine Stütze +gefunden und mit Hilfe dieser neuen “Brüder der römischen Nation” nicht +bloß die Allobrogen und einen großen Teil des mittelbaren Gebiets der +Arverner sich untertänig gemacht, sondern auch in dem freigebliebenen +Gallien durch ihren Einfluß den Übergang der Hegemonie von den +Arvernern auf diese Häduer veranlaßt. Allein wenn den Griechen nur von +einer Seite her für ihre Nationalität Gefahr drohte, so sahen sich die +Kelten zugleich von zwei Landesfeinden bedrängt, und es war natürlich, +daß man bei dem einen vor dem anderen Schutz suchte und daß, wenn die +eine Keltenpartei sich den Römern anschloß, ihre Gegner dagegen mit den +Deutschen Bündnis machten. Am nächsten lag dies den Belgen, die durch +Nachbarschaft und vielfältige Mischung den überrheinischen Deutschen +genähert waren und überdies bei ihrer minder entwickelten Kultur sich +dem stammfremden Sueben wenigstens ebenso verwandt fühlen mochten als +dem gebildeten allobrogischen oder helvetischen Landsmann. Aber auch +die südlichen Kelten, bei welchen jetzt, wie schon gesagt, der +ansehnliche Gau der Sequaner (um Besançon) an der Spitze der den Römern +feindlichen Partei stand, hatten alle Ursache, gegen die sie zunächst +bedrohenden Römer ebenjetzt die Deutschen herbeizurufen; das lässige +Regiment des Senats und die Anzeichen der in Rom sich vorbereitenden +Revolution, die den Kelten nicht unbekannt geblieben waren, ließen +gerade diesen Moment als geeignet erscheinen, um des römischen +Einflusses sich zu entledigen und zunächst deren Klienten, die Häduer, +zu demütigen. Über die Zölle auf der Saône, die das Gebiet der Häduer +von dem der Sequaner schied, war es zwischen den beiden Gauen zum Bruch +gekommen und um das Jahr 683 (71) hatte der deutsche Fürst Ariovist mit +etwa 15000 Bewaffneten als Condottiere der Sequaner den Rhein +überschritten. Der Krieg zog manches Jahr unter wechselnden Erfolgen +sich hin; im ganzen waren die Ergebnisse den Häduern ungünstig. Ihr +Führer Eporedorix bot endlich die ganze Klientel auf und zog mit +ungeheurer Übermacht aus gegen die Germanen. Diese verweigerten +beharrlich den Kampf und hielten sich gedeckt in Sümpfen und Wäldern. +Als aber dann die Clans, des Harrens müde, anfingen aufzubrechen und +sich aufzulösen, erschienen die Deutschen in freiem Felde und nun +erzwang bei Admagetobriga Ariovist die Schlacht, in der die Blüte der +Ritterschaft der Häduer auf dem Kampfplatze blieb. Die Häduer, durch +diese Niederlage gezwungen, auf die Bedingungen, wie der Sieger sie +stellte, Frieden zu schließen, mußten auf die Hegemonie verzichten und +mit ihrem ganzen Anhang in die Klientel der Sequaner sich fügen, auch +sich anheischig machen, den Sequanern oder vielmehr dem Ariovist Tribut +zu zahlen und die Kinder ihrer vornehmsten Adligen als Geiseln zu +stellen, endlich eidlich versprechen, weder diese Geiseln je +zurückzufordern noch die Intervention der Römer anzurufen. Dieser +Friede ward, wie es scheint, um 693 (61) geschlossen ^11. Ehre und +Vorteil geboten den Römern, dagegen aufzutreten; der vornehme Häduer +Divitiacus, das Haupt der römischen Partei in seinem Clan und darum +jetzt von seinen Landsleuten verbannt, ging persönlich nach Rom, um +ihre Dazwischenkunft zu erbitten; eine noch ernstere Warnung war der +Aufstand der Allobrogen 693 (61), der Nachbarn der Sequaner, welcher +ohne Zweifel mit diesen Ereignissen zusammenhing. In der Tat ergingen +Befehle an die gallischen Statthalter, den Häduern beizustehen; man +sprach davon, Konsuln und konsularische Armeen über die Alpen zu +senden; allein der Senat, an den diese Angelegenheiten zunächst zur +Entscheidung kamen, krönte schließlich auch hier große Worte mit +kleinen Taten: die allobrogische Insurrektion ward mit den Waffen +unterdrückt, für die Häduer aber geschah nicht nur nichts, sondern es +ward sogar Ariovist im Jahre 695 (59) in das Verzeichnis der den Römern +befreundeten Könige eingeschrieben ^12. Der deutsche Kriegsfürst nahm +dies begreiflicherweise als Verzicht der Römer auf das nicht von ihnen +eingenommene Keltenland; er richtete demgemäß sich hier häuslich ein +und fing an, auf gallischem Boden ein deutsches Fürstentum zu +begründen. Die zahlreichen Haufen, die er mitgebracht hatte, die noch +zahlreicheren, die auf seinen Ruf später aus der Heimat nachkamen - man +rechnete, daß bis zum Jahre 696 (58) etwa 120000 Deutsche den Rhein +überschritten -, diese ganze gewaltige Einwanderung der deutschen +Nation, welche durch die einmal geöffneten Schleusen stromweise über +den schönen Westen sich ergoß, gedachte er daselbst ansässig zu machen +und auf dieser Grundlage seine Herrschaft über das Keltenland +aufzubauen. Der Umfang der von ihm am linken Rheinufer ins Leben +gerufenen deutschen Ansiedlungen läßt sich nicht bestimmen; ohne +Zweifel reichte er weit und noch viel weiter seine Entwürfe. Die Kelten +wurden von ihm als eine im ganzen unterworfene Nation behandelt und +zwischen den einzelnen Gauen kein Unterschied gemacht. Selbst die +Sequaner, als deren gedungener Feldhauptmann er den Rhein überschritten +hatte, mußten dennoch, als wären auch sie besiegte Feinde, ihm für +seine Leute ein Drittel ihrer Mark abtreten - vermutlich den später von +den Tribokern bewohnten oberen Elsaß, wo Ariovist sich mit den Seinigen +auf die Dauer einrichtete; ja als sei dies nicht genug, ward ihnen +nachher für die nachgekommenen Haruder noch ein zweites Drittel +abverlangt. Ariovist schien im Keltenland die Rolle des makedonischen +Philipp übernehmen und über die germanisch gesinnten Kelten nicht +minder wie über die den Römern anhängenden den Herrn spielen zu wollen. + +————————————————————————- + +^11 Ariovists Ankunft in Gallien ist nach Caesar (Gall. 1, 36) auf 683 +(71), die Schlacht von Admagetobriga (denn so heißt der einer falschen +Inschrift zuliebe jetzt gewöhnlich Magetobriga genannte Ort) nach +Caesar (Gall. 1, 35) und Cicero (Art. 1, 19) auf 693 (61) gesetzt +worden. + +^12 Um diesen Hergang der Dinge nicht unglaublich zu finden oder +demselben gar tiefere Motive unterzulegen, als staatsmännische +Unwissenheit und Faulheit sind, wird man wohltun, den leichtfertigen +Ton sich zu vergegenwärtigen, in dem ein angesehener Senator wie Cicero +in seiner Korrespondenz sich über diese wichtigen transalpinischen +Angelegenheiten ausläßt. + +———————————————————————— + +Das Auftreten des kräftigen deutschen Fürsten in einer so gefährlichen +Nähe, das schon an sich die ernstesten Besorgnisse der Römer erwecken +mußte, erschien noch bedrohlicher insofern, als dasselbe keineswegs +vereinzelt stand. Auch die am rechten Rheinufer ansässigen Usipeten und +Tencterer waren, der unaufhörlichen Verheerung ihres Gebiets durch die +übermütigen Suebenstämme müde, das Jahr bevor Caesar in Gallien eintraf +(695 59) aus ihren bisherigen Sitzen aufgebrochen, um sich andere an +der Rheinmündung zu suchen. Schon hatten sie dort den Menapiern den auf +dem rechten Ufer belegenen Teil ihres Gebiets weggenommen, und es war +vorherzusehen, daß sie den Versuch machen würden, auch auf dem linken +sich festzusetzen. Zwischen Köln und Mainz sammelten ferner sich +suebische Haufen und drohten in dem gegenüberliegenden Keltengau der +Treverer als ungeladene Gäste zu erscheinen. Endlich ward auch das +Gebiet des östlichsten Clans der Kelten, der streitbaren und +zahlreichen Helvetier, immer nachdrücklicher von den Germanen +heimgesucht, so daß die Helvetier, die vielleicht schon ohnehin durch +das Zurückströmen ihrer Ansiedler aus dem verlorenen Gebiet nordwärts +vom Rheine an Überbevölkerung litten, überdies durch die Festsetzung +Ariovists im Gebiet der Sequaner, einer völligen Isolierung von ihren +Stammgenossen entgegengingen, den verzweifelten Entschluß faßten, ihr +bisheriges Gebiet freiwillig den Germanen zu räumen und westlich vom +Jura geräumigere und fruchtbarere Sitze und zugleich womöglich die +Hegemanie im inneren Gallien zu gewinnen - ein Plan, den schon während +der kimbrischen Invasion einige ihrer Distrikte gefaßt und auszuführen +versucht hatten. Die Rauraker, deren Gebiet (Basel und der südliche +Elsaß) in ähnlicher Weise bedroht war, ferner die Reste der Boier, die +bereits früher von den Germanen gezwungen waren, ihrer Heimat den +Rücken zu kehren, und nun unstet umherirrten, und andere kleinere +Stämme machten mit den Helvetiern gemeinschaftliche Sache. Bereits 693 +(61) kamen ihre Streiftrupps über den Jura und selbst bis in die +römische Provinz; der Aufbruch selbst konnte nicht mehr lange sich +verzögern; unvermeidlich rückten alsdann germanische Ansiedler nach in +die von ihren Verteidigern verlassene wichtige Landschaft zwischen dem +Boden- und dem Genfersee. Von den Rheinquellen bis zum Atlantischen +Ozean waren die deutschen Stämme in Bewegung, die ganze Rheinlinie von +ihnen bedroht; es war ein Moment wie da die Alamannen und Franken sich +über das sinkende Reich der Caesaren warfen, und jetzt gleich schien +gegen die Kelten ebendas ins Werk gesetzt werden zu sollen, was ein +halbes Jahrtausend später gegen die Römer gelang. + +Unter diesen Verhältnissen traf der neue Statthalter Gaius Caesar im +Frühling 696 (58) in dem Narbonensischen Gallien ein, das zu seiner +ursprünglichen, das Diesseitige Gallien nebst Istrien und Dalmatien +umfassenden Statthalterschaft durch Senatsbeschluß hinzugefügt worden +war. Sein Amt, das ihm zuerst auf fünf (bis Ende 700 54), dann im Jahre +699 (55) auf weitere fünf Jahre (bis Ende 705 49) übertragen ward, gab +ihm das Recht, zehn Unterbefehlshaber von proprätorischem Rang zu +ernennen, und - wenigstens nach seiner Auslegung - aus der besonders im +Diesseitigen Gallien zahlreichen Bürgerbevölkerung des ihm gehorchenden +Gebiets nach Gutdünken seine Legionen zu ergänzen oder auch neue zu +bilden. Das Heer, das er in den beiden Provinzen übernahm, bestand an +Linienfußvolk aus vier geschulten und kriegsgewohnten Legionen, der +siebenten, achten, neunten und zehnten, oder höchstens 24000 Mann, wozu +dann, wie üblich, die Untertanenkontingente hinzutraten. Reiterei und +Leichtbewaffnete waren außerdem vertreten durch Reiter aus Spanien und +numidische, kretische, balearische Schützen und Schleuderer. Caesars +Stab, die Elite der hauptstädtischen Demokratie, enthielt neben nicht +wenigen unbrauchbaren, vornehmen jungen Männern einzelne fähige +Offiziere, wie Publius Crassus, den jüngeren Sohn des alten politischen +Bundesgenossen Caesars, und Titus Labienus, der dem Haupt der +Demokratie als treuer Adjutant vom Forum auf das Schlachtfeld gefolgt +war. Bestimmte Aufträge hatte Caesar nicht erhalten; für den +Einsichtigen und Mutigen lagen sie in den Verhältnissen. Auch hier war +nachzuholen, was der Senat versäumt hatte, und vor allen Dingen der +Strom der deutschen Völkerwanderung zu hemmen. Ebenjetzt begann die mit +der deutschen eng verflochtene und seit langen Jahren vorbereitete +helvetische Invasion. Um die verlassenen Hütten nicht den Germanen zu +gönnen, und um sich selber die Rückkehr unmöglich zu machen, hatten die +Helvetier ihre Städte und Weiler niedergebrannt, und ihre langen +Wagenzüge, mit Weibern, Kindern und dem besten Teil der Fahrnis +beladen, trafen von allen Seiten her am Leman bei Genava (Genf) ein, wo +sie und ihre Genossen sich zum 28. März ^13 dieses Jahres Rendezvous +gegeben hatten. Nach ihrer eigenen Zählung bestand die gesamte Masse +aus 368000 Köpfen, wovon etwa der vierte Teil imstande war, die Waffen +zu tragen. Das Juragebirge, das vom Rhein bis zur Rhone sich +erstreckend die helvetische Landschaft gegen Westen fast vollständig +abschloß und dessen schmale Defileen für den Durchzug einer solchen +Karawane ebenso schlecht geeignet waren wie gut für die Verteidigung, +hatten darum die Führer beschlossen, in südlicher Richtung zu umgehen +und den Weg nach Westen sich da zu eröffnen, wo zwischen dem +südwestlichen und höchsten Teil des Jura und den savoyischen Bergen bei +dem heutigen Fort de l’Ecluse die Rhone die Gebirgsketten durchbrochen +hat. Allein am rechten Ufer treten hier die Felsen und Abgründe so hart +an den Fluß, daß nur ein schmaler, leicht zu sperrender Pfad übrig +bleibt und die Sequaner, denen dies Ufer gehörte, den Helvetiern mit +Leichtigkeit den Paß verlegen konnten. Sie zogen es darum vor, oberhalb +des Durchbruchs der Rhone auf das linke allobrogische Ufer überzugehen, +um weiter stromabwärts, wo die Rhone in die Ebene eintritt, wieder das +rechte zu gewinnen und dann weiter nach dem ebenen Westen Galliens zu +ziehen; dort war der fruchtbare Kanton der Santonen (Saintonge, das Tal +der Charente) am Atlantischen Meer von den Wanderern zu ihrem neuen +Wohnsitz ausersehen. Dieser Marsch führte, wo er das linke Rhoneufer +betrat, durch römisches Gebiet; und Caesar, ohnehin nicht gemeint, sich +die Festsetzung der Helvetier im westlichen Gallien gefallen zu lassen, +war fest entschlossen, ihnen den Durchzug nicht zu gestatten. Allein +von seinen vier Legionen standen drei weit entfernt bei Aquileia; +obwohl er die Milizen der jenseitigen Provinz schleunigst aufbot, +schien es kaum möglich, mit einer so geringen Mannschaft dem zahllosen +Keltenschwarm den Übergang über die Rhone, von ihrem Austritt aus dem +Leman bei Genf bis zu ihrem Durchbruch, auf einer Strecke von mehr als +drei deutschen Meilen, zu verwehren. Caesar gewann indes durch +Unterhandlungen mit den Helvetiern, die den Übergang über den Fluß und +den Marsch durch das allobrogische Gebiet gern in friedlicher Weise +bewerkstelligt hätten, eine Frist von fünfzehn Tagen, welche dazu +benutzt ward, die Rhonebrücke bei Genava (Genf) abzubrechen und das +südliche Ufer der Rhone durch eine fast vier deutsche Meilen lange +Verschanzung dem Feinde zu sperren - es war die erste Anwendung des von +den Römern später in so ungeheurem Umfang durchgeführten Systems, +mittels einer Kette einzelner, durch Wälle und Gräben miteinander in +Verbindung gesetzter Schanzen die Reichsgrenze militärisch zu +schließen. Die Versuche der Helvetier, auf Kähnen oder mittels Furten +an verschiedenen Stellen das andere Ufer zu gewinnen, wurden in diesen +Linien von den Römern glücklich vereitelt und die Helvetier genötigt, +von dem Rhoneübergang abzustehen. Dagegen vermittelte die den Römern +feindlich gesinnte Partei in Gallien, die an den Helvetiern eine +mächtige Verstärkung zu erhalten hoffte, namentlich der Häduer +Dumnorix, des Divitiacus Bruder und in seinem Gau wie dieser an der +Spitze der römischen so seinerseits an der Spitze der nationalen +Partei, ihnen den Durchmarsch durch die Jurapässe und das Gebiet der +Sequaner. Dies zu verbieten hatten die Römer keinen Rechtsgrund; allein +es standen für sie bei dem helvetischen Heerzug andere und höhere +Interessen auf dem Spiel als die Frage der formellen Integrität des +römischen Gebiets - Interessen, die nur gewahrt werden konnten, wenn +Caesar, statt, wie alle Statthalter des Senats, wie selbst Marius +getan, auf die bescheidene Aufgabe der Grenzbewachung sich zu +beschränken, an der Spitze einer ansehnlichen Armee die bisherige +Reichsgrenze überschritt. Caesar war Feldherr nicht des Senats, sondern +des Staates: er schwankte nicht. Sogleich von Genava aus hatte er sich +in eigener Person nach Italien begeben und mit der ihm eigenen +Raschheit die drei dort kantonnierenden sowie zwei neugebildete +Rekrutenlegionen herangeführt. Diese Truppen vereinigte er mit dem bei +Genava stehenden Korps und überschritt mit der gesamten Macht die +Rhone. Sein unvermutetes Erscheinen im Gebiete der Häduer brachte +natürlich daselbst sofort wieder die römische Partei ans Regiment, was +der Verpflegung wegen nicht gleichgültig war. Die Helvetier fand er +beschäftigt, die Saône zu passieren und aus dem Gebiet der Sequaner in +das der Häduer einzurücken; was von ihnen noch am linken Saôneufer +stand, namentlich das Korps der Tigoriner, ward von den rasch +vordringenden Römern aufgehoben und vernichtet. Das Gros des Zuges war +indes bereits auf das rechte Ufer des Flusses übergesetzt; Caesar +folgte ihnen und bewerkstelligte den Übergang, den der ungeschlachte +Zug der Helvetier in zwanzig Tagen nicht hatte vollenden können, in +vierundzwanzig Stunden. Die Helvetier, durch diesen Übergang der +römischen Armee über den Fluß gehindert, ihren Marsch in westlicher +Richtung fortzusetzen, schlugen die Richtung nach Norden ein, ohne +Zweifel in der Voraussetzung, daß Caesar nicht wagen werde, ihnen weit +in das innere Gallien hinein zu folgen, und in der Absicht, wenn er von +ihnen abgelassen habe, sich wieder ihrem eigentlichen Ziel zuzuwenden. +Fünfzehn Tage marschierte das römische Heer in dem Abstand etwa einer +deutschen Meile von dem feindlichen hinter demselben her, an seine +Fersen sich heftend und auf einen günstigen Augenblick hoffend, um den +feindlichen Heereszug unter den Bedingungen des Sieges anzugreifen und +zu vernichten. Allein dieser Augenblick kam nicht; wie schwerfällig +auch die helvetische Karawane einherzog, die Führer wußten einen +Überfall zu verhüten und zeigten sich wie mit Vorräten reichlich +versehen, so durch ihre Spione von jedem Vorgang im römischen Lager +aufs genaueste unterrichtet. Dagegen fingen die Römer an, Mangel an dem +Notwendigsten zu leiden, namentlich als die Helvetier sich von der +Saône entfernten und der Flußtransport aufhörte. Das Ausbleiben der von +den Häduern versprochenen Zufuhren, aus dem diese Verlegenheit zunächst +hervorging, erregte um so mehr Verdacht, als beide Heere immer noch auf +ihrem Gebiete sich herumbewegten. Ferner zeigte sich die ansehnliche, +fast 4000 Pferde zählende römische Reiterei völlig unzuverlässig - was +freilich erklärlich war, da dieselbe fast ganz aus keltischer +Ritterschaft, namentlich den Reitern der Häduer unter dem Befehl des +wohlbekannten Römerfeindes Dumnorix bestand und Caesar selbst sie mehr +noch als Geiseln denn als Soldaten übernommen hatte. Man hatte guten +Grund zu glauben, daß eine Niederlage, die sie von der weit schwächeren +helvetischen Reiterei erlitten, durch sie selbst herbeigeführt worden +war, und daß durch sie der Feind von allen Vorfällen im römischen Lager +unterrichtet ward. Caesars Lage wurde bedenklich; in leidiger +Deutlichkeit kam es zu Tage, was selbst bei den Häduern, trotz ihres +offiziellen Bündnisses mit Rom und der nach Rom sich neigenden +Sonderinteressen dieses Gaus, die keltische Patriotenpartei vermochte; +was sollte daraus werden, wenn man in die gärende Landschaft tiefer und +tiefer sich hineinwagte und von den Verbindungen immer weiter sich +entfernte? Eben zogen die Heere an der Hauptstadt der Häduer, Bibracte +(Autun), in mäßiger Entfernung vorüber; Caesar beschloß, dieses +wichtigen Ortes sich mit gewaffneter Hand zu bemächtigen, bevor er den +Marsch in das Binnenland fortsetzte, und es ist wohl möglich, daß er +überhaupt beabsichtigte, von weiterer Verfolgung abzustehen und in +Bibracte sich festzusetzen. Allein da er, von der Verfolgung ablassend, +sich gegen Bibracte wendete, meinten die Helvetier, daß die Römer zur +Flucht Anstalt machten, und griffen nun ihrerseits an. Mehr hatte +Caesar nicht gewünscht. Auf zwei parallel laufenden Hügelreihen +stellten die beiden Heere sich auf; die Kelten begannen das Gefecht, +sprengten die in die Ebene vorgeschobene römische Reiterei auseinander +und liefen an gegen die am Abhang des Hügels postierten römischen +Legionen, mußten aber hier vor Caesars Veteranen weichen. Als darauf +die Römer, ihren Vorteil verfolgend, nun ihrerseits in die Ebene +hinabstiegen, gingen die Kelten wieder gegen sie vor und ein +zurückgehaltenes keltisches Korps nahm sie zugleich in die Flanke. Dem +letzteren ward die Reserve der römischen Angriffskolonne +entgegengeworfen; sie drängte dasselbe von der Hauptmasse ab auf das +Gepäck und die Wagenburg, wo es aufgerieben ward. Auch das Gros des +helvetischen Zuges ward endlich zum Weichen gebracht und genötigt, den +Rückzug in östlicher Richtung zu nehmen - der entgegengesetzten von +derjenigen, in die ihr Zug sie führte. Den Plan der Helvetier, am +Atlantischen Meer sich neue Wohnsitze zu gründen, hatte dieser Tag +vereitelt und die Helvetier der Willkür des Siegers überliefert; aber +es war ein heißer auch für die Sieger gewesen. Caesar, der Ursache +hatte, seinem Offizierkorps nicht durchgängig zu trauen, hatte gleich +zu Anfang alle Offizierspferde fortgeschickt, um die Notwendigkeit +standzuhalten den Seinigen gründlich klar zu machen; in der Tat würde +die Schlacht, hätten die Römer sie verloren, wahrscheinlich die +Vernichtung der römischen Armee herbeigeführt haben. Die römischen +Truppen waren zu erschöpft, um die Überwundenen kräftig zu verfolgen; +allein infolge der Bekanntmachung Caesars, daß er alle, die die +Helvetier unterstützen würden, wie diese selbst als Feinde der Römer +behandeln werde, ward, wohin die geschlagene Armee kam, zunächst in dem +Gau der Lingonen (um Langres), ihr jede Unterstützung verweigert und, +aller Zufuhr und ihres Gepäcks beraubt und belastet von der Masse des +nicht kampffähigen Trosses, mußten sie wohl dem römischen Feldherrn +sich unterwerfen. Das Los der Besiegten war ein verhältnismäßig mildes. +Den heimatlosen Boiern wurden die Häduer angewiesen, in ihrem Gebiet +Wohnsitze einzuräumen; und diese Ansiedlung der überwundenen Feinde +inmitten der mächtigsten Kettengaue tat fast die Dienste einer +römischen Kolonie. Die von den Helvetiern und Raurakern noch übrigen, +etwas mehr als ein Drittel der ausgezogenen Mannschaft, wurden +natürlich in ihr ehemaliges Gebiet zurückgesandt. Dasselbe wurde der +römischen Provinz einverleibt, aber die Bewohner zum Bündnis mit Rom +unter günstigen Bedingungen zugelassen, um unter römischer Hoheit am +oberen Rhein die Grenze gegen die Deutschen zu verteidigen. Nur die +südwestliche Spitze des helvetischen Gaus wurde von den Römern in +unmittelbaren Besitz genommen und späterhin hier, an dem anmutigen +Gestade des Leman, die alte Keltenstadt Noviodunum (jetzt Nyon) in eine +römische Grenzfestung, die Julische Reiterkolonie ^14, umgewandelt. + +—————————————————————————- + +^13 Nach dem unberichtigten Kalender. Nach der gangbaren Rektifikation, +die indes hier keineswegs auf hinreichend zuverlässigen Daten beruht, +entspricht dieser Tag dem 16. April des Julianischen Kalenders. + +^14 Julia Equestris, wo der letzte Beiname zu fassen ist wie in anderen +Kolonien Caesars die Beinamen sextanorum, decimanorum, u. a. m. Es +waren keltische oder deutsche Reiter Caesars, die, natürlich unter +Erteilung des römischen oder doch des latinischen Bürgerrechts, hier +Landlose empfingen. + +————————————————————————- + +Am Oberrhein also war der drohenden Invasion der Deutschen vorgebeugt +und zugleich die den Römern feindliche Partei unter den Kelten +gedemütigt. Auch am Mittelrhein, wo die Deutschen bereits vor Jahren +übergegangen waren und die in Gallien mit der römischen wetteifernde +Macht des Ariovist täglich weiter um sich griff, mußte in ähnlicher +Weise durchgegriffen werden, und leicht war die Veranlassung zum Bruche +gefunden. Im Vergleich mit dem von Ariovist ihnen drohenden oder +bereits auferlegten Joch mochte hier dem größeren Teil der Kelten jetzt +die römische Suprematie das geringere Übel dünken; die Minorität, die +an ihrem Römerhaß festhielt, mußte wenigstens verstummen. Ein unter +römischem Einfluß abgehaltener Landtag der Keltenstämme des mittleren +Galliens ersuchte im Namen der keltischen Nation den römischen +Feldherrn um Beistand gegen die Deutschen. Caesar ging darauf ein. Auf +seine Veranlassung stellten die Häduer die Zahlung des vertragsmäßig an +Ariovist zu entrichtenden Tributes ein und forderten die gestellten +Geiseln zurück, und da Ariovist wegen dieses Vertragsbruchs die +Klienten Roms angriff, nahm Caesar davon Veranlassung, mit ihm in +direkte Verhandlung zu treten und, außer der Rückgabe der Geiseln und +dem Versprechen, mit den Häduern Frieden zu halten, namentlich zu +fordern, daß Ariovist sich anheischig mache, keine Deutschen mehr über +den Rhein nachzuziehen. Der deutsche Feldherr antwortete dem römischen +in dem Vollgefühl ebenbürtigen Rechtes. Ihm sei das nördliche Gallien +so gut nach Kriegsrecht untertänig geworden wie den Römern das +südliche; wie er die Römer nicht hindere, von den Allobrogen Tribut zu +nehmen, so dürften auch sie ihm nicht wehren, seine Untertanen zu +besteuern. In späteren geheimen Eröffnungen zeigte es sich, daß der +Fürst der römischen Verhältnisse wohl kundig war: er erwähnte der +Aufforderungen, die ihm von Rom aus zugekommen seien, Caesar aus dem +Wege zu räumen, und erbot sich, wenn Caesar ihm das nördliche Gallien +überlassen wolle, ihm dagegen zur Erlangung der Herrschaft über Italien +behilflich zu sein - wie ihm der Parteihader der keltischen Nation den +Eintritt in Gallien eröffnet hatte, so schien er von dem Parteihader +der italischen die Befestigung seiner Herrschaft daselbst zu erwarten. +Seit Jahrhunderten war den Römern gegenüber diese Sprache der +vollkommen ebenbürtigen und ihre Selbständigkeit schroff und +rücksichtslos äußernden Macht nicht geführt worden, wie man sie jetzt +von dem deutschen Heerkönig vernahm: kurzweg weigerte er sich zu +kommen, als der römische Feldherr nach der bei Klientelfürsten +hergebrachten Übung ihm ansann, vor ihm persönlich zu erscheinen. Um so +notwendiger war es, nicht zu zaudern: sogleich brach Caesar auf gegen +Ariovist. Ein panischer Schrecken ergriff seine Truppen, vor allem +seine Offiziere, als sie daran sollten, mit den seit vierzehn Jahren +nicht unter Dach und Fach gekommenen deutschen Kernscharen sich zu +messen - auch in Caesars Lager schien die tiefgesunkene römische +Sitten- und Kriegszucht sich geltend machen und Desertion und Meuterei +hervorrufen zu wollen. Allein der Feldherr, indem er erklärte, +nötigenfalls mit der zehnten Legion allein gegen den Feind zu ziehen, +wußte nicht bloß durch solche Ehrenmahnung diese, sondern durch den +kriegerischen Wetteifer auch die übrigen Regimenter an die Adler zu +fesseln und etwas von seiner eigenen Energie den Truppen einzuhauchen. +Ohne ihnen Zeit zu lassen, sich zu besinnen, führte er in raschen +Märschen sie weiter und kam glücklich Ariovist in der Besetzung der +sequanischen Hauptstadt Vesontio (Besançon) zuvor. Eine persönliche +Zusammenkunft der beiden Feldherrn, die auf Ariovists Begehren +stattfand, schien einzig einen Versuch gegen Caesars Person bedecken zu +sollen; zwischen den beiden Zwingherren Galliens konnten nur die Waffen +entscheiden. Vorläufig kam der Krieg zum Stehen. Im unteren Elsaß, etwa +in der Gegend von Mülhausen, eine deutsche Meile vom Rhein ^15, +lagerten die beiden Heere in geringer Entfernung voneinander, bis es +Ariovist gelang, mit seiner sehr überlegenen Macht an dem römischen +Lager vorbeimarschierend, sich ihm in den Rücken zu legen und die Römer +von ihrer Basis und ihren Zufuhren abzuschneiden. Caesar versuchte sich +aus seiner peinlichen Lage durch eine Schlacht zu befreien; allein +Ariovist nahm sie nicht an. Dem römischen Feldherrn blieb nichts übrig, +als trotz seiner geringen Stärke, die Bewegung des Feindes nachzuahmen +und seine Verbindungen dadurch wieder zu gewinnen, daß er zwei Legionen +am Feinde vorbeiziehen und jenseits des Lagers der Deutschen eine +Stellung nehmen ließ, während vier in dem bisherigen Lager +zurückblieben. Ariovist, da er die Römer geteilt sah, versuchte einen +Sturm auf ihr kleineres Lager; allein die Römer schlugen ihn ab. Unter +dem Eindruck dieses Erfolges ward das gesamte römische Heer zum Angriff +vorgeführt; und auch die Deutschen stellten in Schlachtordnung sich +auf, in langer Linie, jeder Stamm für sich, hinter sich, um die Flucht +zu erschweren, die Karren der Armee mit dem Gepäck und den Weibern. Der +rechte Flügel der Römer unter Caesars eigener Führung stürzte sich +rasch auf den Feind und trieb ihn vor sich her; dasselbe gelang dem +rechten Flügel der Deutschen. Noch stand die Waage gleich; allein die +Taktik der Reserven entschied, wie so manchen anderen Kampf gegen +Barbaren, so auch den gegen die Germanen zu Gunsten der Römer; ihre +dritte Linie, die Publius Crassus rechtzeitig zur Hilfe sandte, stellte +auf dem linken Flügel die Schlacht wieder her und damit war der Sieg +entschieden. Bis an den Rhein ward die Verfolgung fortgesetzt; nur +wenigen, darunter dem König, gelang es, auf das andere Ufer zu +entkommen (696 58). + +———————————————————— + +^15 F. W. A. Göler (Cäsars gallischer Krieg. Karlsruhe 1858, S. 45f.) +meint, das Schlachtfeld bei Cernay unweit Mühlhausen aufgefunden zu +haben, was im ganzen übereinkommt mit Napoleons (précis p. 35) +Ansetzung des Schlachtfeldes in der Gegend von Belfort. Diese Annahme +ist zwar nicht sicher, aber den Umständen angemessen; denn daß Caesar +für die kurze Strecke von Besançon bis dahin sieben Tagemärsche +brauchte, erklärt er selbst (Lall. 1, 41) durch die Bemerkung, daß er +einen Umweg von über zehn deutschen Meilen genommen, um die Bergwege zu +vermeiden, und dafür, daß die Schlacht 5, nicht 50 Milien vom Rhein +geschlagen ward, entscheidet bei gleicher Autorität der Überlieferung +die ganze Darstellung der bis zum Rhein fortgesetzten und offenbar +nicht mehrtägigen, sondern an dem Schlachttag selbst beendigten +Verfolgung. Der Vorschlag W. Rüstows (Einleitung zu Caesars Kommentar, +S. 117), das Schlachtfeld an die obere Saar zu verlegen, beruht auf +einem Mißverständnis. Das von den Sequanern, Denkern, Lingonen +erwartete Getreide soll dem römischen Heere nicht unterwegs auf dem +Marsche gegen Ariovist zukommen, sondern vor dem Aufbruch nach Besançon +geliefert und von den Truppen mitgenommen werden; wie dies sehr +deutlich daraus hervorgeht, daß Caesar, indem er seine Truppen auf jene +Lieferungen hinweist, daneben sie auf das unterwegs einzubringende Korn +vertröstet. Von Besançon aus beherrschte Caesar die Gegend von Langres +und Epinal und schrieb, wie begreiflich, seine Lieferungen lieber hier +aus als in den ausfouragierten Distrikten, aus denen er kam. + +———————————————————— + +So glänzend kündigte dem mächtigen Strom, den hier die italischen +Soldaten zum erstenmal erblickten, das römische Regiment sich an; mit +einer einzigen glücklichen Schlacht war die Rheinlinie gewonnen. Das +Schicksal der deutschen Ansiedlungen am linken Rheinufer lag in Caesars +Hand; der Sieger konnte sie vernichten, aber er tat es nicht. Die +benachbarten keltischen Gaue, die Sequaner, Leuker, Mediomatriker, +waren weder wehrhaft noch zuverlässig; die übersiedelten Deutschen +versprachen nicht bloß tapfere Grenzhüter, sondern auch bessere +Untertanen Roms zu werden, da sie von den Kelten die Nationalität, von +ihren überrheinischen Landsleuten das eigene Interesse an der Bewahrung +der neugewonnenen Wohnsitze schied und sie bei ihrer isolierten +Stellung nicht umhin konnten, an der Zentralgewalt festzuhalten. Caesar +zog hier wie überall die überwundenen Feinde den zweifelhaften Freunden +vor; er ließ den von Ariovist längs des linken Rheinufers angesiedelten +Germanen, den Tribokern um Straßburg, den Nemetern um Speyer, den +Vangionen um Worms, ihre neuen Sitze und vertraute ihnen die Bewachung +der Rheingrenze gegen ihre Landsleute an ^16. + +——————————————————————— + +^16 Das scheint die einfachste Annahme über den Ursprung dieser +germanischen Ansiedlungen. Daß Ariovist jene Völker am Mittelrhein +ansiedelte, ist deshalb wahrscheinlich, weil sie in seinem Heer fechten +(Caes. Gall. 1, 51) und früher nicht vorkommen; daß ihnen Caesar ihre +Sitze ließ, deshalb, weil er Ariovist gegenüber sich bereit erklärte, +die in Gallien bereits ansässigen Deutschen zu dulden (Caes. Gall. 1, +35. 43), und weil wir sie später in diesen Sitzen finden. Caesar +gedenkt der nach der Schlacht hinsichtlich dieser germanischen +Ansiedlungen getroffenen Verfügungen nicht, weil er über alle in +Gallien von ihm vorgenommenen organischen Einrichtungen grundsätzlich +Stillschweigen beobachtet. + +——————————————————————— + +Die Sueben aber, die am Mittelrhein das treverische Gebiet bedrohten, +zogen auf die Nachricht von Ariovists Niederlage wieder zurück in das +innere Deutschland, wobei sie unterwegs durch die nächstwohnenden +Völkerschaften ansehnliche Einbuße erlitten. + +Die Folgen dieses einen Feldzuges waren unermeßlich; noch Jahrtausende +nachher wurden sie empfunden. Der Rhein war die Grenze des Römischen +Reiches gegen die Deutschen geworden. In Gallien, das nicht mehr +vermochte, sich selber zu gebieten, hatten bisher die Römer an der +Südküste geherrscht, seit kurzem die Deutschen versucht, weiter +oberwärts sich festzusetzen. Die letzten Ereignisse hatten es +entschieden, daß Gallien nicht nur zum Teil, sondern ganz der römischen +Oberhoheit zu verfallen und daß die Naturgrenze, die der mächtige Fluß +darbietet, auch die staatliche Grenze zu werden bestimmt war. In seiner +besseren Zeit hatte der Senat nicht geruht, bis Roms Herrschaft +Italiens natürliche Grenzen, die Alpen und das Mittelmeer und dessen +nächste Inseln, erreicht hatte. Einer ähnlichen militärischen Abrundung +bedurfte auch das erweiterte Reich; aber die gegenwärtige Regierung +überließ dieselbe dem Zufall und sah höchstens darauf, nicht daß die +Grenzen verteidigt werden konnten, sondern daß sie nicht unmittelbar +von ihr selbst verteidigt zu werden brauchten. Man fühlte es, daß jetzt +ein anderer Geist und ein anderer Arm die Geschicke Roms zu lenken +begannen. + +Die Grundmauern des künftigen Gebäudes standen; um aber dasselbe +auszubauen und bei den Galliern die Anerkennung der römischen +Herrschaft und der Rheingrenze bei den Deutschen vollständig +durchzuführen, fehlte doch noch gar viel. Ganz Mittelgallien zwar von +der römischen Grenze bis hinauf nach Chartres und Trier fügte sich ohne +Widerrede dem neuen Machthaber, und am oberen und mittleren Rhein war +auch von den Deutschen vorläufig kein Angriff zu besorgen. Allein die +nördlichen Landschaften, sowohl die aremorikanischen Gaue in der +Bretagne und der Normandie als auch die mächtigere Konföderation der +Belgen, waren von den gegen das mittlere Gallien geführten Schlägen +nicht mitgetroffen worden und fanden sich nicht veranlaßt, dem Besieger +Ariovists sich zu unterwerfen. Es kam hinzu, daß, wie bemerkt, zwischen +den Belgen und den überrheinischen Deutschen sehr enge Beziehungen +bestanden und auch an der Rheinmündung germanische Stämme sich fertig +machten, den Strom zu überschreiten. Infolgedessen brach Caesar mit +seinem jetzt auf acht Legionen vermehrten Heer im Frühjahr 697 (57) auf +gegen die belgischen Gaue. Eingedenk des tapferen und glücklichen +Widerstandes, den sie fünfzig Jahre zuvor mit gesamter Hand an der +Landgrenze den Kimbrern geleistet hatte, und gespornt durch die +zahlreich aus Mittelgallien zu ihnen geflüchteten Patrioten, sandte die +Eidgenossenschaft der Belgen ihr gesamtes erstes Aufgebot, 300000 +Bewaffnete unter Anführung des Königs der Suessionen, Galba, an ihre +Südgrenze, um Caesar daselbst zu empfangen. Nur ein einziger Gau, der +der mächtigen Remer (um Reims), ersah in dieser Invasion der Fremden +die Gelegenheit, das Regiment abzuschütteln, das ihre Nachbarn, die +Suessionen, über sie ausübten, und schickte sich an, die Rolle, die in +Mittelgallien die Häduer gespielt hatten, im nördlichen zu übernehmen. +In ihrem Gebiet trafen das römische und das belgische Heer fast +gleichzeitig ein. Caesar unternahm es nicht, dem tapferen, sechsfach +stärkeren Feinde eine Schlacht zu liefern; nordwärts der Aisne, unweit +des heutigen Pontavert, zwischen Reims und Laon, nahm er sein Lager auf +einem teils durch den Fluß und durch Sümpfe, teils durch Gräben und +Redouten von allen Seiten fast unangreifbar gemachten Plateau und +begnügte sich, die Versuche der Belgen, die Aisne zu überschreiten und +ihn damit von seinen Verbindungen abzuschneiden, durch defensive +Maßregeln zu vereiteln. Wenn er darauf zählte, daß die Koalition +demnächst unter ihrer eigenen Schwere zusammenbrechen werde, so hatte +er richtig gerechnet. König Galba war ein redlicher, allgemein +geachteter Mann; aber der Lenkung einer Armee von 300000 Mann auf +feindlichem Boden war er nicht gewachsen. Man kam nicht weiter und die +Vorräte gingen auf die Neige; Unzufriedenheit und Entzweiung fingen an, +im Lager der Eidgenossen sich einzunisten. Die Bellovaker vor allem, +den Suessionen an Macht gleich und schon verstimmt darüber, daß die +Feldhauptmannschaft des eidgenössischen Heeres nicht an sie gekommen +war, waren nicht länger zu halten, seit die Meldung eingetroffen war, +daß die Häduer als Bundesgenossen der Römer Anstalt machten, in das +bellovakische Gebiet einzurücken. Man beschloß, sich aufzulösen und +nach Hause zu gehen; wenn Schande halber die sämtlichen Gaue zugleich +sich verpflichteten, dem zunächst angegriffenen mit gesamter Hand zu +Hilfe zu eilen, so ward durch solche unausführbare Stipulationen das +klägliche Auseinanderlaufen der Eidgenossenschaft nur kläglich +beschönigt. Es war eine Katastrophe, welche lebhaft an diejenige +erinnert, die im Jahre 1792 fast auf demselben Boden eintrat; und +gleichwie in dem Feldzug in der Champagne war die Niederlage nur um so +schwerer, weil sie ohne Schlacht erfolgt war. Die schlechte Leitung der +abziehenden Armee gestattete dem römischen Feldherrn, dieselbe zu +verfolgen, als wäre sie eine geschlagene, und einen Teil der bis +zuletzt gebliebenen Kontingente aufzureiben. Aber die Folgen des Sieges +beschränkten sich hierauf nicht. Wie Caesar in die westlichen Kantone +der Belgen einrückte, gab einer nach dem andern fast ohne Gegenwehr +sich verloren: die mächtigen Suessionen (um Soissons), ebenso wie ihre +Nebenbuhler, die Bellovaker (um Beauvais) und die Ambianer (um Amiens). +Die Städte öffneten die Tore, als sie die fremdartigen +Belagerungsmaschinen, die auf die Mauern zurollenden Türme erblickten; +wer sich dem fremden Herrn nicht ergeben mochte, suchte eine Zuflucht +jenseits des Meeres in Britannien. Aber in den östlichen Kantonen regte +sich energischer das Nationalgefühl. Die Viromanduer (um Arras), die +Atrebaten (um Saint-Quentin), die deutschen Aduatuker (um Namur), vor +allem aber die Nervier (im Hennegau) mit ihrer nicht geringen Klientel, +an Zahl den Suessionen und Bellovakern wenig nachgebend, an Tapferkeit +und kräftigem Vaterlandssinn ihnen weit überlegen, schlossen einen +zweiten und engeren Bund und zogen ihre Mannschaften an der oberen +Samtire zusammen. Keltische Spione unterrichteten sie aufs genaueste +über die Bewegungen der römischen Armee; ihre eigene Ortskunde sowie +die hohen Verzäunungen, welche in diesen Landschaften überall angelegt +waren, um den dieselben oft heimsuchenden berittenen Räuberscharen den +Weg zu versperren, gestatteten den Verbündeten, ihre eigenen +Operationen dem Blick der Römer größtenteils zu entziehen. Als diese an +der Sambre unweit Bavay anlangten und die Legionen eben beschäftigt +waren, auf dem Kamm des linken Ufers das Lager zu schlagen, die +Reiterei und leichte Infanterie die jenseitigen Höhen zu erkunden, +wurden auf einmal die letzteren von der gesamten Masse des feindlichen +Landsturms überfallen und den Hügel hinab in den Fluß gesprengt. In +einem Augenblick hatte der Feind auch diesen überschritten und stürmte +mit todverachtender Entschlossenheit die Höhen des linken Ufers. Kaum +blieb den schanzenden Legionären die Zeit, um die Hacke mit dem Schwert +zu vertauschen; die Soldaten, viele unbehelmt, mußten fechten, wo sie +eben standen, ohne Schlachtlinie, ohne Plan, ohne eigentliches +Kommando, denn bei der Plötzlichkeit des Überfalls und dem von hohen +Hecken durchschnittenen Terrain hatten die einzelnen Abteilungen die +Verbindung völlig verloren. Statt der Schlacht entspann sich eine +Anzahl zusammenhangloser Gefechte. Labienus mit dem linken Flügel warf +die Atrebaten und verfolgte sie bis über den Fluß. Das römische +Mitteltreffen drängte die Viromanduer den Abhang hinab. Der rechte +Flügel aber, bei dem der Feldherr selbst sich befand, wurde von den +weit zahlreicheren Nerviern um so leichter überflügelt, als das +Mitteltreffen, durch seinen Erfolg fortgerissen, den Platz neben ihm +geräumt hatte, und selbst das halbfertige Lager von den Nerviern +besetzt; die beiden Legionen, jede einzeln in ein dichtes Knäuel +zusammengeballt und von vorn und in beiden Flanken angegriffen, ihrer +meisten Offiziere und ihrer besten Soldaten beraubt, schienen im +Begriff, gesprengt und zusammengehauen zu werden. Schon flohen der +römische Troß und die Bundestruppen nach allen Seiten; von der +keltischen Reiterei jagten ganze Abteilungen, wie das Kontingent der +Treverer, mit verhängten Zügeln davon, um vom Schlachtfelde selbst die +willkommene Kunde der erlittenen Niederlage daheim zu melden. Es stand +alles auf dem Spiel. Der Feldherr selbst ergriff den Schild und focht +unter den Vordersten; sein Beispiel, sein auch jetzt noch begeisternder +Zuruf brachten die schwankenden Reihen wieder zum Stehen. Schon hatte +man einigermaßen sich Luft gemacht und wenigstens die Verbindung der +beiden Legionen dieses Flügels wiederhergestellt, als Succurs +herbeikam: teils von dem Uferkamm herab, wo währenddessen mit dem +Gepäck die römische Nachhut eingetroffen war, teils vom anderen +Flußufer her, wo Labienus inzwischen bis an das feindliche Lager +vorgedrungen war und sich dessen bemächtigt hatte und nun, endlich die +auf dem rechten Flügel drohende Gefahr gewahrend, die siegreiche zehnte +Legion seinem Feldherrn zu Hilfe sandte. Die Nervier, von ihren +Verbündeten getrennt und von allen Seiten zugleich angegriffen, +bewährten jetzt, wo das Glück sich wandte, denselben Heldenmut, wie da +sie sich Sieger glaubten; noch von den Leichenbergen der Ihrigen +herunter fochten sie bis auf den letzten Mann. Nach ihrer eigenen +Angabe überlebten von ihren sechshundert Ratsherren nur drei diesen +Tag. Nach dieser vernichtenden Niederlage mußten die Nervier, Atrebaten +und Viromanduer wohl die römische Hoheit anerkennen. Die Aduatuker, zu +spät eingetroffen, um an dem Kampfe an der Sambre teilzunehmen, +versuchten zwar noch, in der festesten ihrer Städte (auf dem Berge +Falhize an der Maas unweit Huy) sich zu halten, allein bald unterwarfen +auch sie sich. Ein noch nach der Ergebung gewagter nächtlicher Überfall +des römischen Lagers vor der Stadt schlug fehl und der Treubruch ward +von den Römern mit furchtbarer Strenge geahndet. Die Klientel der +Aduatuker, die aus den Eburonen zwischen Maas und Rhein und anderen +kleinen, benachbarten Stämmen bestand, wurde von den Römern selbständig +erklärt, die gefangenen Aduatuker aber in Masse zu Gunsten des +römischen Schatzes unter dem Hammer verkauft. Es schien, als ob das +Verhängnis, das die Kimbrer betroffen hatte, auch diesen letzten +kimbrischen Splitter noch verfolge. Den übrigen unterworfenen Stämmen +begnügte sich Caesar eine allgemeine Entwaffnung und Geiselstellung +aufzuerlegen. Die Remer wurden natürlich der führende Gau im belgischen +wie die Häduer im mittleren Gallien; sogar in diesem begaben sich +manche mit den Häduern verfeindete Clans vielmehr in die Klientel der +Reiner. Nur die entlegenen Seekantone der Moriner (Artois) und der +Menapier (Flandern und Brabant) und die großenteils von Deutschen +bewohnte Landschaft zwischen Schelde und Rhein blieben für diesmal von +der römischen Invasion noch verschont und im Besitz ihrer angestammten +Freiheit. + +Die Reihe kam an die aremorikanischen Gaue. Noch im Herbst 697 (57) +ward Publius Crassus mit einem römischen Korps dahin gesandt; er +bewirkte, daß die Veneter, die, als Herren der Häfen des heutigen +Morbihan und einer ansehnlichen Flotte, in Schiffahrt und Handel unter +allen keltischen Gauen den ersten Platz einnahmen, und überhaupt die +Küstendistrikte zwischen Loire und Seine sich den Römern unterwarfen +und ihnen Geiseln stellten. Allein es gereute sie bald. Als im +folgenden Winter (697/98 57/5 römische Offiziere in diese Gegenden +kamen, um Getreidelieferungen daselbst auszuschreiben, wurden sie von +den Venetern als Gegengeiseln festgehalten. Dem gegebenen Beispiel +folgten rasch nicht bloß die aremoricanischen, sondern auch die noch +freigebliebenen Seekantone der Belgen; wo, wie in einigen Gauen der +Normandie, der Gemeinderat sich weigerte, der Insurrektion beizutreten, +machte die Menge ihn nieder und schloß mit verdoppeltem Eifer der +Nationalsache sich an. Die ganze Küste von der Mündung der Loire bis zu +der des Rheins stand auf gegen Rom; die entschlossensten Patrioten aus +allen keltischen Gauen eilten dorthin, um mitzuwirken an dem großen +Werke der Befreiung; man rechnete schon auf den Aufstand der gesamten +belgischen Eidgenossenschaft, auf Beistand aus Britannien, auf das +Einrücken der überrheinischen Germanen. + +Caesar sandte Labienus mit der ganzen Reiterei an den Rhein, um die +gärende belgische Landschaft niederzuhalten und nötigenfalls den +Deutschen den Übergang über den Fluß zu wehren; ein anderer seiner +Unterbefehlshaber, Quintus Titurius Sabinus, ging mit drei Legionen +nach der Normandie, wo die Hauptmasse der Insurgenten sich sammelte. +Allein der eigentliche Herd der Insurrektion waren die mächtigen und +intelligenten Veneter; gegen sie ward zu Lande und zur See der +Hauptangriff gerichtet. Die teils aus den Schiffen der untertänigen +Keltengaue, teils aus einer Anzahl römischer, eiligst auf der Loire +erbauter und mit Ruderern aus der Narbonensischen Provinz bemannter +Galeeren gebildete Flotte führte der Unterfeldherr Decimus Brutus +heran; Caesar selbst rückte mit dem Kern seiner Infanterie ein in das +Gebiet der Veneter. Aber man war dort vorbereitet und hatte ebenso +geschickt wie entschlossen die günstigen Verhältnisse benutzt, die das +bretagnische Terrain und der Besitz einer ansehnlichen Seemacht darbot. +Die Landschaft war durchschnitten und getreidearm, die Städte +größtenteils auf Klippen und Landspitzen gelegen und vom Festlande her +nur auf schwer zu passierenden Watten zugänglich; die Verpflegung wie +die Belagerung waren für das zu Lande angreifende Heer gleich +schwierig, während die Kelten durch ihre Schiffe die Städte leicht mit +allem Nötigen versehen und im schlimmsten Fall die Räumung derselben +bewerkstelligen konnten. Die Legionen verschwendeten in den +Belagerungen der venetischen Ortschaften Zeit und Kraft, um zuletzt die +wesentlichen Früchte des Sieges auf den Schiffen der Feinde +verschwinden zu sehen. Als daher die römische Flotte, lange in der +Loiremündung von Stürmen zurückgehalten, endlich an der bretagnischen +Küste eintraf, überließ man es ihr, den Kampf durch eine Seeschlacht zu +entscheiden. Die Kelten, ihrer Überlegenheit auf diesem Elemente sich +bewußt, führten gegen die von Brutus befehligte römische Flotte die +ihrige vor. Nicht bloß zählte diese zweihundertzwanzig Segel, weit +mehr, als die Römer hatten aufbringen können; ihre hochbordigen, +festgebauten Segelschiffe von flachem Boden waren auch bei weitem +geeigneter für die hochgehenden Fluten des Atlantischen Meeres als die +niedrigen leichtgefugten Rudergaleeren der Römer mit ihren scharfen +Kielen. Weder die Geschosse noch die Enterbrücken der Römer vermochten +das hohe Deck der feindlichen Schiffe zu erreichen und an den mächtigen +Eichenplanken derselben prallten die eisernen Schnäbel machtlos ab. +Allein die römischen Schiffsleute zerschnitten die Taue, durch welche +die Rahen an den Masten befestigt waren, mittels an langen Stangen +befestigter Sicheln; Rahen und Segel stürzten herab und, da man den +Schaden nicht rasch zu ersetzen verstand, ward das Schiff dadurch zum +Wrack, wie heutzutage durch Stürzen der Maste, und leicht gelang es den +römischen Booten, durch vereinigten Angriff des gelähmten feindlichen +Schiffes sich zu bemeistern. Als die Gallier dieses Manövers +innewurden, versuchten sie von der Küste, an der sie den Kampf mit den +Römern aufgenommen hatten, sich zu entfernen und die hohe See zu +gewinnen, wohin die römischen Galeeren ihnen nicht folgen konnten; +allein zum Unglück für sie trat plötzlich eine vollständige Windstille +ein und die ungeheure Flotte, an deren Ausrüstung die Seegaue alle ihre +Kräfte gesetzt hatten, ward von den Römern fast gänzlich vernichtet. So +ward diese Seeschlacht - soweit die geschichtliche Kunde reicht, die +älteste auf dem Atlantischen Ozean geschlagene - ebenwie zweihundert +Jahre zuvor das Treffen bei Mylae trotz der ungünstigsten Verhältnisse +durch eine von der Not eingegebene glückliche Erfindung zum Vorteil der +Römer entschieden. Die Folge des von Brutus erfochtenen Sieges war die +Ergebung der Veneter und der ganzen Bretagne. Mehr, um der keltischen +Nation, nach so vielfältigen Beweisen von Milde gegen die +Unterworfenen, jetzt durch ein Beispiel furchtbarer Strenge gegen die +hartnäckig Widerstrebenden zu imponieren, als um den Vertragsbruch und +die Festnahme der römischen Offiziere zu ahnden, ließ Caesar den +gesamten Gemeinderat hinrichten und die Bürgerschaft des venetischen +Gaus bis auf den letzten Mann in die Knechtschaft verkaufen. Durch dies +entsetzliche Geschick wie durch ihre Intelligenz und ihren Patriotismus +haben die Veneter mehr als irgendein anderer Keltenclan sich ein +Anrecht erworben auf die Teilnahme der Nachwelt. Dem am Kanal +versammelten Aufgebot der Küstenstaaten setzte Sabinus inzwischen +dieselbe Taktik entgegen, durch die Caesar das Jahr zuvor den +belgischen Landsturm an der Aisne überwunden hatte; er verhielt sich +verteidigend, bis Ungeduld und Mangel in den Reihen der Feinde +einrissen, und wußte sie dann durch Täuschung über die Stimmung und +Stärke seiner Truppen und vor allem durch die eigene Ungeduld zu einem +unbesonnenen Sturm auf das römische Lager zu verlocken und dabei zu +schlagen, worauf die Milizen sich zerstreuten und die Landschaft bis +zur Seine sich unterwarf. + +Nur die Moriner und Menapier beharrten dabei, sich der Anerkennung der +römischen Hoheit zu entziehen. Um sie dazu zu zwingen, erschien Caesar +an ihren Grenzen: aber gewitzigt durch die von ihren Landsleuten +gemachten Erfahrungen, vermieden sie es, den Kampf an der Landesgrenze +aufzunehmen und wichen zurück in die damals von den Ardennen gegen die +Nordsee hin fast ununterbrochen sich erstreckenden Wälder. Die Römer +versuchten, sich durch dieselben mit der Axt eine Straße zu bahnen, zu +deren beiden Seiten die gefällten Bäume als Verbacke gegen feindliche +Überfälle aufgeschichtet wurden; allein selbst Caesar, verwegen wie er +war, fand nach einigen Tagen mühseligsten Marschierens es ratsam, zumal +da es gegen den Winter ging, den Rückzug anzuordnen, obwohl von den +Morinern nur ein kleiner Teil unterworfen und die mächtigen Menapier +gar nicht erreicht worden waren. Das folgende Jahr (699 55) ward, +während Caesar selbst in Britannien beschäftigt war, der größte Teil +des Heeres aufs neue gegen diese Völkerschaften gesandt; allein auch +diese Expedition blieb in der Hauptsache erfolglos. Dennoch war das +Ergebnis der letzten Feldzüge die fast vollständige Unterwerfung +Galliens unter die Herrschaft der Römer. Wenn Mittelgallien ohne +Gegenwehr sich unter dieselbe gefügt hatte, so waren durch den Feldzug +des Jahres 697 (57) die belgischen, durch den des folgenden Jahres die +Seegaue mit den Waffen zur Anerkennung der römischen Herrschaft +gezwungen worden. Die hochfliegenden Hoffnungen aber, mit denen die +keltischen Patrioten den letzten Feldzug begonnen, hatten nirgends sich +erfüllt. Weder Deutsche noch Briten waren ihnen zu Hilfe gekommen, und +in Belgien hatte Labienus’ Anwesenheit genügt, die Erneuerung der +vorjährigen Kämpfe zu verhüten. + +Während also Caesar das römische Gebiet im Westen mit den Waffen zu +einem geschlossenen Ganzen fortbildete, versäumte er nicht, der neu +unterworfenen Landschaft, welche ja bestimmt war, die zwischen Italien +und Spanien klaffende Gebietslücke auszufüllen, mit der italischen +Heimat wie mit den spanischen Provinzen Kommunikationen zu eröffnen. +Die Verbindung zwischen Gallien und Italien war allerdings durch die +von Pompeius im Jahre 677 (77) angelegte Heerstraße über den Mont +Genèvre wesentlich erleichtert worden; allein seit das ganze Gallien +den Römern unterworfen war, bedurfte man einer aus dem Potal nicht in +westlicher, sondern in nördlicher Richtung den Alpenkamm +überschreitenden und eine kürzere Verbindung zwischen Italien und dem +mittleren Gallien herstellenden Straße. Dem Kaufmann diente hierzu +längst der Weg, der über den Großen Bernhard in das Wallis und an den +Genfer See führt; um diese Straße in seine Gewalt zu bringen, ließ +Caesar schon im Herbst 697 (57) durch Servius Galba Octodurum +(Martigny) besetzen und die Bewohner des Wallis zur Botmäßigkeit +bringen, was durch die tapfere Gegenwehr dieser Bergvölker natürlich +nur verzögert, nicht verhindert ward. + +Um ferner die Verbindung mit Spanien zu gewinnen, wurde im folgenden +Jahr (698 56) Publius Crassus nach Aquitanien gesandt mit dem Auftrag, +die daselbst wohnenden iberischen Stämme zur Anerkennung der römischen +Herrschaft zu zwingen. Die Aufgabe war nicht ohne Schwierigkeit; die +Iberer hielten fester zusammen als die Kelten und verstanden es besser +als diese, von ihren Feinden zu lernen. Die Stämme jenseits der +Pyrenäen, namentlich die tüchtigen Kantabrer sandten ihren bedrohten +Landsleuten Zuzug; mit diesem kamen erfahrene, unter Sertorius’ Führung +römisch geschulte Offiziere, die soweit möglich die Grundsätze der +römischen Kriegskunst, namentlich das Lagerschlagen, bei dem schon +durch seine Zahl und seine Tapferkeit ansehnlichen aquitanischen +Aufgebot einführten. Allein der vorzügliche Offizier, der die Römer +führte, wußte alle Schwierigkeiten zu überwinden, und nach einigen hart +bestrittenen, aber glücklich gewonnenen Feldschlachten die +Völkerschaften von der Garonne bis nahe an die Pyrenäen zur Ergebung +unter den neuen Herrn zu bestimmen. + +Das eine Ziel, das Caesar sich gesteckt hatte, die Unterwerfung +Galliens, war mit kaum nennenswerten Ausnahmen im wesentlichen soweit +erreicht, als es überhaupt mit dem Schwert sich erreichen ließ. Allein +die andere Hälfte des von Caesar begonnenen Werkes war noch bei weitem +nicht genügend erledigt und die Deutschen noch keineswegs überall +genötigt, den Rhein als Grenze anzuerkennen. Eben jetzt, im Winter +698/99 (56/55) hatte an dem unteren Laufe des Flusses, bis wohin die +Römer noch nicht vorgedrungen waren, eine abermalige +Grenzüberschreitung stattgefunden. Die deutschen Stämme der Usipeten +und Tencterer, deren Versuche, in dem Gebiet der Menapier über den +Rhein zu setzen, bereits erwähnt wurden, waren endlich doch, die +Wachsamkeit ihrer Gegner durch einen verstellten Abzug täuschend, auf +den eigenen Schiffen der Menapier übergegangen - ein ungeheurer +Schwarm, der sich mit Einschluß der Weiber und Kinder auf 430000 Köpfe +belaufen haben soll. Noch lagerten sie, es scheint in der Gegend von +Nimwegen und Kleve; aber es hieß, daß sie, den Aufforderungen der +keltischen Patriotenpartei folgend, in das Innere Galliens einzurücken +beabsichtigten, und das Gerücht ward dadurch bestärkt, daß ihre +Reiterscharen bereits bis an die Grenzen der Treuerer streiften. Indes +als Caesar mit seinen Legionen ihnen gegenüber anlangte, schienen die +vielgeplagten Auswanderer nicht nach neuen Kämpfen begierig, sondern +gern bereit, von den Römern Land zu nehmen und es unter ihrer Hoheit in +Frieden zu bestellen. Während darüber verhandelt ward, stieg in dem +römischen Feldherrn der Argwohn auf, daß die Deutschen nur Zeit zu +gewinnen suchten, bis die von ihnen entsendeten Reiterscharen +wiedereingetroffen seien. Ob derselbe gegründet war oder nicht, läßt +sich nicht sagen; aber darin bestärkt durch einen Angriff, den trotz +des tatsächlichen Waffenstillstandes ein feindlicher Trupp auf seine +Vorhut unternahm, und erbittert durch den dabei erlittenen +empfindlichen Verlust, glaubte Caesar sich berechtigt, jede +völkerrechtliche Rücksicht aus den Augen zu setzen. Als am anderen +Morgen die Fürsten und Ältesten der Deutschen, den ohne ihr Vorwissen +unternommenen Angriff zu entschuldigen, im römischen Lager erschienen, +wurden sie festgehalten und die nichts ahnende, ihrer Führer beraubte +Menge von dem römischen Heer plötzlich überfallen. Es war mehr eine +Menschenjagd als eine Schlacht; was nicht unter den Schwertern der +Römer fiel, ertrank im Rheine; fast nur die zur Zeit des Überfalls +detachierten Abteilungen entkamen dem Blutbad und gelangten zurück über +den Rhein, wo ihnen die Sugambrer in ihrem Gebiet, es scheint an der +Lippe, eine Freistatt gewährten. Das Verfahren Caesars gegen diese +deutschen Einwanderer fand im Senat schweren und gerechten Tadel; +allein wie wenig auch dasselbe entschuldigt werden kann, den deutschen +Übergriffen war dadurch mit erschreckendem Nachdruck gesteuert. Doch +fand es Caesar ratsam, noch einen Schritt weiter zu gehen und die +Legionen über den Rhein zu führen. An Verbindungen jenseits desselben +mangelte es ihm nicht. Den Deutschen auf ihrer damaligen Bildungsstufe +fehlte noch jeder nationale Zusammenhang; an politischer Zerfahrenheit +gaben sie, wenn auch aus anderen Ursachen, den Kelten nichts nach. Die +Ubier (an der Sieg und Lahn), der zivilisierteste unter den deutschen +Stämmen, waren vor kurzem von einem mächtigen suebischen Gau des +Binnenlandes botmäßig und zinspflichtig gemacht worden und hatten schon +697 (57) Caesar durch ihre Boten ersucht, auch sie wie die Gallier von +der suebischen Herrschaft zu befreien. Es war Caesars Absicht nicht, +diesem Ansinnen, das ihn in endlose Unternehmungen verwickelt haben +würde, ernstlich zu entsprechen; aber wohl schien es zweckmäßig, um das +Erscheinen der germanischen Waffen diesseits des Rheines zu verhindern, +die römischen jenseits desselben wenigstens zu zeigen. Der Schutz, den +die entronnenen Usipeten und Tencterer bei den Sugambrern gefunden +hatten, bot eine geeignete Veranlassung dar. In der Gegend, wie es +scheint, zwischen Koblenz und Andernach schlug Caesar eine Pfahlbrücke +über den Rhein und führte seine Legionen hinüber aus dem treverischen +in das ubische Gebiet. Einige kleinere Gaue gaben ihre Unterwerfung +ein; allein die Sugambrer, gegen die der Zug zunächst gerichtet war, +zogen, wie das römische Heer herankam, mit ihren Schutzbefohlenen sich +in das innere Land zurück. In gleicher Weise ließ der mächtige +suebische Gau, der die Ubier bedrängte, vermutlich derjenige, der +später unter dem Namen der Chatten auftritt, die zunächst an das +ubische Gebiet angrenzenden Distrikte räumen und das nicht streitbare +Volk in Sicherheit bringen, während alle waffenfähige Mannschaft +angewiesen ward, im Mittelpunkt des Gaues sich zu versammeln. Diesen +Handschuh aufzuheben hatte der römische Feldherr weder Veranlassung +noch Lust; sein Zweck, teils zu rekognoszieren, teils durch einen Zug +über den Rhein womöglich den Deutschen, wenigstens aber den Kelten und +den Landsleuten daheim zu imponieren, war im wesentlichen erreicht; +nach achtzehntägigem Verweilen am rechten Rheinufer traf er wieder in +Gallien ein und brach die Rheinbrücke hinter sich ab (699 55). + +Es blieben die Inselkelten. Bei dem engen Zusammenhang zwischen ihnen +und den Kelten des Festlandes, namentlich den Seegauen, ist es +begreiflich, daß sie an dem nationalen Widerstand wenigstens mit ihren +Sympathien sich beteiligt hatten und den Patrioten wenn auch nicht +bewaffneten Beistand, doch mindestens jedem von ihnen, für den die +Heimat nicht mehr sicher war, auf ihrer meerbeschützten Insel eine +ehrenvolle Freistatt gewährten. Eine Gefahr lag hierin allerdings, wenn +nicht für die Gegenwart, doch für die Zukunft; es schien zweckmäßig, wo +nicht die Eroberung der Insel selbst zu unternehmen, doch auch hier die +Defensive offensiv zu führen und durch eine Landung an der Küste den +Insulanern zu zeigen, daß der Arm der Römer auch über den Kanal reiche. +Schon der erste römische Offizier, der die Bretagne betrat, Publius +Crassus, war von dort nach den “Zinninseln” an der Westspitze Englands +(Scillyinseln) hinübergefahren (697 57); im Sommer 699 (55) ging Caesar +selbst mit nur zwei Legionen da, wo er am schmalsten ist ^17, über den +Kanal. Er fand die Küste mit feindlichen Truppenmassen bedeckt und fuhr +mit seinen Schiffen weiter; aber die britischen Streitwagen bewegten +sich ebenso schnell zu Lande fort wie die römischen Galeeren auf der +See, und nur mit größter Mühe gelang es den römischen Soldaten unter +dem Schutze der Kriegsschiffe, die durch Wurfmaschinen und +Handgeschütze den Strand fegten, im Angesicht der Feinde teils watend, +teils in Kähnen das Ufer zu gewinnen. Im ersten Schreck unterwarfen +sich die nächsten Dörfer; allein bald wurden die Insulaner gewahr, wie +schwach der Feind sei und wie er nicht wage, sich vom Ufer zu +entfernen. Die Eingeborenen verschwanden in das Binnenland und kamen +nur zurück, um das Lager zu bedrohen; die Flotte aber, die man auf der +offenen Reede gelassen hatte, erlitt durch den ersten über sie +hereinbrechenden Sturmwind sehr bedeutenden Schaden. Man mußte sich +glücklich schätzen, die Angriffe der Barbaren abzuschlagen, bis man die +Schiffe notdürftig repariert hatte, und mit denselben, noch ehe die +schlimme Jahreszeit hereinbrach, die gallische Küste wiederzuerreichen. + +—————————————————————- + +^17 Daß Caesars Überfahrten nach Britannien aus den Häfen der Küste von +Calais bis Boulogne an die Küste von Kent gingen, ergibt die Natur der +Sache sowie Caesars ausdrückliche Angabe. Die genauere Bestimmung der +Örtlichkeit ist oft versucht worden, aber nicht gelungen. Überliefert +ist nur, daß bei der ersten Fahrt die Infanterie in dem einen, die +Reiterei in einem anderen, von jenem 8 Milien in östlicher Richtung +entfernten Hafen sich einschiffte (Gall. 4, 22, 23, 28) und daß die +zweite Fahrt aus demjenigen von diesen beiden Häfen, den Caesar am +bequemsten gefunden, dem (sonst nicht weiter genannten) Irischen, von +der britannischen Küste 30 (so nach Caesars Handschriften 5, 2) oder 40 +(= 320 Stadien, nach Strab. 4, 5, 2, der unzweifelhaft aus Caesar +schöpfte) Milien entfernten abging. Aus Caesars Worten (Gall. 4, 21), +daß er “die kürzeste Überfahrt” gewählt habe, kann man +verständigerweise wohl folgern, daß er nicht durch den Kanal, sondern +durch den Pas de Calais, aber keineswegs, daß er durch diesen auf der +mathematisch kürzesten Linie fuhr. Es gehört der Inspirationsglaube der +Lokaltopographen dazu, um mit solchen Daten in der Hand, von denen das +an sich beste noch durch die schwankende Überlieferung der Zahl fast +unbrauchbar wird, an die Bestimmung der Örtlichkeit zu gehen; doch +möchte unter den vielen Möglichkeiten am meisten für sich zu haben, daß +der Irische Hafen (den schon Strab. a. a. O. wahrscheinlich richtig mit +demjenigen identifiziert, von dem bei der ersten Fahrt die Infanterie +überging) bei Ambleteuse, westlich vom Cap Gris Nez, der Reiterhaufen +bei Ecale (Wissant), östlich von demselben Vorgebirge, zu suchen ist, +die Landung aber östlich von Dover bei Walmercastle stattfand. + +—————————————————————- + +Caesar selbst war mit den Ergebnissen dieser leichtsinnig und mit +unzulänglichen Mitteln unternommenen Expedition so unzufrieden, daß er +sogleich (Winter 699/700 55/54) eine Transportflotte von 800 Segeln +instand setzen ließ und im Frühling 700 (54), diesmal mit fünf Legionen +und 2000 Reitern, zum zweitenmal nach der kentischen Küste unter Segel +ging. Vor der gewaltigen Armada wich die auch diesmal am Ufer +versammelte Streitmacht der Briten, ohne einen Kampf zu wagen; Caesar +trat sofort den Marsch ins Binnenland an und überschritt nach einigen +glücklichen Gefechten den Fluß Stour; allein er mußte sehr wider seinen +Willen innehalten, weil die Flotte auf der offenen Reede wiederum von +den Stürmen des Kanals halb vernichtet worden war. Bis man die Schiffe +auf den Strand gezogen und für die Reparatur umfassende Vorkehrungen +getroffen, ging eine kostbare Zeit verloren, die die Kelten weislich +benutzten. Der tapfere und umsichtige Fürst Cassivellaunus, der in dem +heutigen Middlesex und der Umgegend gebot, sonst der Schreck der Kelten +südlich von der Themse, jetzt aber Hort und Vorfechter der ganzen +Nation, war an die Spitze der Landesverteidigung getreten. Er sah bald, +daß mit dem keltischen Fußvolk gegen das römische schlechterdings +nichts auszurichten und die schwer zu ernährende und schwer zu +regierende Masse des Landsturms der Verteidigung nur hinderlich war; +also entließ er diesen und behielt nur die Streitwagen, deren er 4000 +zusammenbrachte und deren Kämpfer, geübt vom Wagen herabspringend zu +Fuß zu fechten, gleich der Bürgerreiterei des ältesten Rom in +zwiefacher Weise verwendet werden konnten. Als Caesar den Marsch wieder +fortzusetzen imstande war, fand er denselben nirgend sich verlegt; aber +die britischen Streitwagen zogen stets dem römischen Heer vorauf und +zur Seite, bewirkten die Räumung des Landes, die bei dem Mangel an +Städten keine große Schwierigkeit machte, hinderten jede Detachierung +und bedrohten die Kommunikationen. Die Themse ward - wie es scheint +zwischen Kingston und Brentford oberhalb London - von den Römern +überschritten; man kam vorwärts, aber nicht eigentlich weiter; der +Feldherr erfocht keinen Sieg, der Soldat machte keine Beute und das +einzige wirkliche Resultat, die Unterwerfung der Trinobanten im +heutigen Essex, war weniger die Folge der Furcht vor den Römern als der +tiefen Verfeindung dieses Gaus mit Cassivellaunus. Mit jedem Schritte +vorwärts stieg die Gefahr, und der Angriff, den die Fürsten von Kent +nach Cassivellaunus’ Anordnung auf das römische Schiffslager machten, +mahnte, obwohl er abgeschlagen ward, doch dringend zur Umkehr. Die +Erstürmung eines großen britischen Verhacks, in dem eine Menge Vieh den +Römern in die Hände fiel, gab für das ziellose Vordringen einen +leidlichen Abschluß und einen erträglichen Vorwand für die Umkehr. Auch +Cassivellaunus war einsichtig genug, den gefährlichen Feind nicht aufs +Äußerste zu treiben, und versprach, wie Caesar verlangte, die +Trinobanten nicht zu beunruhigen, Abgaben zu zahlen und Geiseln zu +stellen; von Auslieferung der Waffen oder Zurücklassung einer römischen +Besatzung war nicht die Rede, und selbst jene Versprechungen wurden +vermutlich, soweit sie die Zukunft betrafen, ernstlich weder gegeben +noch genommen. Nach Empfang der Geiseln kehrte Caesar in das +Schiffslager und von da nach Gallien zurück. Wenn er, wie es allerdings +scheint, gehofft hatte, Britannien diesmal zu erobern, so war dieser +Plan teils an dem klugen Verteidigungssystem des Cassivellaunus, teils +und vor allem an der Unbrauchbarkeit der italischen Ruderflotte auf den +Gewässern der Nordsee vollkommen gescheitert; denn daß der bedungene +Tribut niemals erlegt ward, ist gewiß. Der nächste Zweck aber: die +Inselkelten aus ihrer trotzigen Sicherheit aufzurütteln und sie zu +veranlassen, in ihrem eigenen Interesse ihre Inseln nicht länger zum +Herd der festländischen Emigration herzugeben, scheint allerdings +erreicht worden zu sein; wenigstens werden Beschwerden über dergleichen +Schutzverleihung späterhin nicht wieder vernommen. + +Das Werk der Zurückweisung der germanischen Invasion und der +Unterwerfung der festländischen Kelten war vollendet. Aber oft ist es +leichter, eine freie Nation zu unterwerfen als eine unterworfene in +Botmäßigkeit zu erhalten. Die Rivalität um die Hegemonie, an der mehr +noch als an den Angriffen Roms die keltische Nation zugrunde gegangen +war, ward durch die Eroberung gewissermaßen aufgehoben, indem der +Eroberer die Hegemonie für sich selbst nahm. Die Sonderinteressen +schwiegen; in dem gemeinsamen Druck fühlte man doch sich wieder als ein +Volk, und was man, da man es besaß, gleichgültig verspielt hatte, die +Freiheit und die Nationalität, dessen unendlicher Wert ward nun, da es +zu spät war, von der unendlichen Sehnsucht vollständig ermessen. Aber +war es denn zu spät? Mit zorniger Scham gestand man es sich, daß eine +Nation, die mindestens eine Million waffenfähiger Männer zählte, eine +Nation von altem und wohlbegründetem kriegerischen Ruhm, von höchstens +50000 Römern sich hatte das Joch auflegen lassen. Die Unterwerfung der +Eidgenossenschaft des mittleren Galliens, ohne daß sie auch nur einen +Schlag getan, die der belgischen, ohne daß sie mehr getan als schlagen +wollen; dagegen wieder der heldenmütige Untergang der Nervier und +Veneter, der kluge und glückliche Widerstand der Moriner und der Briten +unter Cassivellaunus - alles, was im einzelnen versäumt und geleistet, +gescheitert und erreicht war, spornte die Gemüter aller Patrioten zu +neuen, womöglich einigeren und erfolgreicheren Versuchen. Namentlich +unter dem keltischen Adel herrschte eine Gärung, die jeden Augenblick +in einen allgemeinen Aufstand ausbrechen zu müssen schien. Schon vor +dem zweiten Zug nach Britannien im Frühjahr 700 (54) hatte Caesar es +notwendig gefunden, sich persönlich zu den Treverern zu begeben, die, +seit sie 697 (57) in der Nervierschlacht sich kompromittiert hatten, +auf den allgemeinen Landtagen nicht mehr erschienen waren und mit den +überrheinischen Deutschen mehr als verdächtige Verbindungen angeknüpft +hatten. Damals hatte Caesar sich begnügt, die namhaftesten Männer der +Patriotenpartei, namentlich den Indutiomarus, unter dem treverischen +Reiterkontingent mit sich nach Britannien zu führen; er tat sein +mögliches, die Verschwörung nicht zu sehen, um nicht durch strenge +Maßregeln sie zur Insurrektion zu zeitigen. Allein als der Häduer +Dumnorix, der gleichfalls dem Namen nach als Reiteroffizier, in der Tat +aber als Geisel sich bei dem nach Britannien bestimmten Heere befand, +geradezu verweigerte sich einzuschiffen und statt dessen nach Hause +ritt, konnte Caesar nicht umhin, ihn als Ausreißer verfolgen zu lassen, +wobei er von der nachgeschickten Abteilung eingeholt und, da er gegen +dieselbe sich zur Wehre setzte, niedergehauen ward (700 54). Daß der +angesehenste Ritter des mächtigsten und noch am wenigsten abhängigen +Keltengaus von den Römern getötet worden, war ein Donnerschlag für den +ganzen keltischen Adel; jeder, der sich ähnlicher Gesinnung bewußt war +- und es war dies die ungeheure Majorität -, sah in jener Katastrophe +das Bild dessen, was ihm selber bevorstand. Wenn Patriotismus und +Verzweiflung die Häupter des keltischen Adels bestimmt hatte sich zu +verschwören, so trieb jetzt Furcht und Notwehr die Verschworenen zum +Losschlagen. Im Winter 700/01 (54/53) lagerte, mit Ausnahme einer in +die Bretagne und einer zweiten in den sehr unruhigen Gau der Carnuten +(bei Chartres) verlegten Legion, das gesamte römische Heer, sechs +Legionen stark, im belgischen Gebiet. Die Knappheit der Getreidevorräte +hatte Caesar bewogen, seine Truppen weiter, als er sonst zu tun +pflegte, auseinander und in sechs verschiedene, in den Gauen der +Bellovaker, Ambianer, Moriner, Nervier, Reiner und Eburonen, errichtete +Lager zu verlegen. Das am weitesten gegen Osten im eburonischen Gebiet, +wahrscheinlich unweit des späteren Aduatuca, des heutigen Tongern, +angelegte Standlager, das stärkste von allen, bestehend aus einer +Legion unter einem der angesehensten Caesarischen Divisionsführer, dem +Quintus Titurius Sabinus, und außerdem verschiedenen, von dem tapferen +Lucius Aurunculeius Cotta, geführten Detachements zusammen von der +Stärke einer halben Legion ^18, fand sich urplötzlich von dem Landsturm +der Eburonen unter den Königen Ambiorix und Catuvolcus umzingelt. Der +Angriff kam so unerwartet, daß die eben vom Lager abwesenden +Mannschaften nicht einberufen werden konnten und von den Feinden +aufgehoben wurden; übrigens war zunächst die Gefahr nicht groß, da es +an Vorräten nicht mangelte und der Sturm, den die Eburonen versuchten, +an den römischen Verschanzungen machtlos abprallte. Aber König Ambiorix +eröffnete dem römischen Befehlshaber, daß die sämtlichen römischen +Lager in Gallien an demselben Tage in gleicher Weise angegriffen und +die Römer unzweifelhaft verloren seien, wenn die einzelnen Korps nicht +rasch aufbrächen und miteinander sich vereinigten; daß Sabinus damit um +so mehr Ursache habe zu eilen, als gegen ihn auch die überrheinischen +Deutschen bereits im Anmarsch seien; daß er selbst aus Freundschaft für +die Römer ihnen freien Abzug bis zu dem nächsten, nur zwei Tagemärsche +entfernten römischen Lager zusichere. Einiges in diesen Angaben schien +nicht erfunden; daß der kleine, von den Römern besonders begünstigte +Gau der Eburonen den Angriff auf eigene Hand unternommen habe, war in +der Tat unglaublich und bei der Schwierigkeit, mit den anderen, weit +entfernten Lagern sich in Verbindung zu setzen, die Gefahr von der +ganzen Masse der Insurgenten angegriffen und vereinzelt aufgerieben zu +werden, keineswegs gering zu achten; nichtsdestoweniger konnte es nicht +dem geringsten Zweifel unterliegen, daß sowohl die Ehre wie die +Klugheit gebot, die vom Feinde angebotene Kapitulation zurückzuweisen +und an dem anvertrauten Posten auszuharren. Auch im Kriegsrat vertraten +zahlreiche Stimmen, namentlich die gewichtige des Lucius Aurunculeius +Cotta diese Ansicht. Dennoch entschied sich der Kommandant dafür, den +Vorschlag des Ambiorix anzunehmen. Die römischen Truppen zogen also am +anderen Morgen ab; aber in einem schmalen Tal, kaum eine halbe Meile +vom Lager, angelangt, fanden sie sich von den Eburonen umzingelt und +jeden Ausweg gesperrt. Sie versuchten, mit den Waffen sich den Weg zu +öffnen; allein die Eburonen ließen sich auf kein Nahgefecht ein und +begnügten sich, aus ihren unangreifbaren Stellungen ihre Geschosse in +den Knäuel der Römer zu entsenden. Wie verwirrt, als ob er Rettung vor +dem Verrat bei dem Verräter suchte, begehrte Sabinus eine Zusammenkunft +mit Ambiorix; sie wurde gewährt und er und die ihn begleitenden +Offiziere erst entwaffnet, dann niedergemacht. Nach dem Fall des +Befehlshabers warfen sich die Eburonen von allen Seiten zugleich auf +die erschöpften und verzweifelnden Römer und brachen ihre Reihen: die +meisten, unter ihnen der schon früher verwundete Cotta, fanden bei +diesem Angriff ihren Tod; ein kleiner Teil, dem es gelungen war, das +verlassene Lager wiederzugewinnen, stürzte sich während der folgenden +Nacht in die eigenen Schwerter. Der ganze Heerhaufen ward vernichtet. + +——————————————————————— + +^18 Daß Cotta, obwohl nicht Unterfeldherr des Sabinus, sondern gleich +ihm Legat, doch der jüngere und minder angesehene General und +wahrscheinlich im Fall einer Differenz sich zu fügen angewiesen war, +ergibt sich sowohl aus den früheren Leistungen des Sabinus, als daraus, +daß, wo beide zusammen genannt werden (Gall. 4, 22, 37; 5, 24, 26, 52; +6, 32; anders 6, 37), Sabinus regelmäßig voransteht, nicht minder aus +der Erzählung der Katastrophe selbst. überdies kann man doch unmöglich +annehmen, daß Caesar einem Lager zwei Offiziere mit gleicher Befugnis +vorgesetzt und für den Fall der Meinungsverschiedenheit gar keine +Anordnung getroffen haben soll. Auch zählen die fünf Kohorten nicht als +Legion mit (vgl. Gall. 6, 32, 33), so wenig wie die zwölf Kohorten an +der Rheinbrücke (Gall. 6, 29 vgl. 32, 33), und scheinen aus +Detachements anderer Heerteile bestanden zu haben, die diesem den +Germanen zunächst gelegenen Lager zur Verstärkung zugeteilt worden +waren. + +——————————————————————— + +Dieser Erfolg, wie die Insurgenten ihn selber kaum gehofft haben +mochten, steigerte die Gärung unter den keltischen Patrioten so +gewaltig, daß die Römer, mit Ausnahme der Häduer und der Reiner, keines +einzigen Distrikts ferner sicher waren und an den verschiedensten +Punkten der Aufstand losbrach. Vor allen Dingen verfolgten die Eburonen +ihren Sieg. Verstärkt durch das Aufgebot der Aduatuker, die gern die +Gelegenheit ergriffen, das von Caesar ihnen zugefügte Leid zu +vergelten, und der mächtigen und noch unbezwungenen Menapier, +erschienen sie in dem Gebiet der Nervier, welche sogleich sich +anschlossen, und der ganze also auf 60000 Köpfe angeschwollene Schwarm +rückte vor das im nervischen Gau befindliche römische Lager. Quintus +Cicero, der hier kommandierte, hatte mit seinem schwachen Korps einen +schweren Stand, namentlich als die Belagerer, von dem Feinde lernend, +Wälle und Gräben, Schilddächer und bewegliche Türme in römischer Weise +aufführten und die strohgedeckten Lagerhütten mit Brandschleudern und +Brandspeeren überschütteten. Die einzige Hoffnung der Belagerten +beruhte auf Caesar, der nicht allzuweit entfernt in der Gegend von +Amiens mit drei Legionen im Winterlager stand. Allein - ein +charakteristischer Beweis für die im Keltenland herrschende Stimmung - +geraume Zeit hindurch kam dem Oberfeldherrn nicht die geringste +Andeutung zu weder von der Katastrophe des Sabinus, noch von der +gefährlichen Lage Ciceros. Endlich gelang es einem keltischen Reiter +aus Ciceros Lager, sich durch die Feinde bis zu Caesar +durchzuschleichen. Auf die erschütternde Kunde brach Caesar +augenblicklich auf, zwar nur mit zwei schwachen Legionen, zusammen etwa +7000 Mann stark, und 400 Reitern; aber nichtsdestoweniger genügte die +Meldung, daß Caesar anrückte, um die Insurgenten zur Aufhebung der +Belagerung zu bestimmen. Es war Zeit; nicht der zehnte Mann in Ciceros +Lager war unverwundet. Caesar, gegen den das Insurgentenheer sich +gewandt hatte, täuschte die Feinde in der schon mehrmals mit Erfolg +angewandten Weise über seine Stärke; unter den ungünstigsten +Verhältnissen wagten sie einen Sturm auf das Römerlager und erlitten +dabei eine Niederlage. Es ist seltsam, aber charakteristisch für die +keltische Nation, daß infolge dieser einen verlorenen Schlacht, oder +vielleicht mehr noch infolge von Caesars persönlichem Erscheinen auf +dem Kampfplatz die so siegreich aufgetretene, so weithin ausgedehnte +Insurrektion plötzlich und kläglich den Krieg abbrach. Nervier, +Menapier, Aduatuker, Eburonen begaben sich nach Hause. Das gleiche +taten die Mannschaften der Seegaue, die Anstalt gemacht hatten, die +Legion in der Bretagne zu überfallen. Die Treverer, durch deren Führer +Indutiomarus die Eburonen, die Klienten des mächtigen Nachbargaus, zu +jenem so erfolgreichen Angriff hauptsächlich bestimmt worden waren, +hatten auf die Kunde der Katastrophe von Aduatuca die Waffen ergriffen +und waren in das Gebiet der Remer eingerückt, um die unter Labienus’ +Befehl dort kantonnierende Legion anzugreifen; auch sie stellten für +jetzt die Fortsetzung des Kampfes ein. Nicht ungern verschob Caesar die +weiteren Maßregeln gegen die aufgestandenen Distrikte auf das Frühjahr, +um seine hart mitgenommenen Truppen nicht der ganzen Strenge des +gallischen Winters auszusetzen und um erst dann wieder auf dem +Kampfplatze zu erscheinen, wenn durch die angeordnete Aushebung von +dreißig neuen Kohorten die vernichteten fünfzehn in imponierender Weise +ersetzt sein würden. Die Insurrektion spann inzwischen sich fort, wenn +auch zunächst die Waffen ruhten. Ihre Hauptsitze in Mittelgallien waren +teils die Distrikte der Carnuten und der benachbarten Senonen (um +Sens), welche letztere den von Caesar eingesetzten König aus dem Lande +jagten, teils die Landschaft der Treverer, welche die gesamte keltische +Emigration und die überrheinischen Deutschen zur Teilnahme an dem +bevorstehenden Nationalkrieg aufforderten und ihre ganze Mannschaft +aufboten, um mit dem Frühjahr zum zweitenmal in das Gebiet der Römer +einzurücken, das Korps des Labienus aufzuheben und die Verbindung mit +den Aufständischen an der Seine und Loire zu suchen. Die Abgeordneten +dieser drei Gaue blieben auf dem von Caesar im mittleren Gallien +ausgeschriebenen Landtag aus und erklärten damit ebenso offen den +Krieg, wie es ein Teil der belgischen Gaue durch die Angriffe auf das +Lager des Sabinus und Cicero getan hatte. Der Winter neigte sich zu +Ende, als Caesar mit seinem inzwischen ansehnlich verstärkten Heer +aufbrach gegen die Insurgenten. Die Versuche der Treverer, den Aufstand +zu konzentrieren, waren nicht geglückt; die gärenden Landschaften +wurden durch den Einmarsch römischer Truppen im Zaum gehalten, die in +offener Empörung stehenden vereinzelt angegriffen. Zuerst wurden die +Nervier von Caesar selbst zu Paaren getrieben. Das gleiche widerfuhr +den Senonen und Carnuten. Auch die Menapier, der einzige Gau, der sich +niemals noch den Römern unterworfen hatte, wurden durch einen von drei +Seiten zugleich gegen sie gerichteten Gesamtangriff genötigt, der lange +bewahrten Freiheit zu entsagen. Den Treverern bereitete inzwischen +Labienus dasselbe Schicksal. Ihr erster Angriff war gelähmt worden +teils durch die Weigerung der nächstwohnenden deutschen Stämme, ihnen +Söldner zu liefern, teils dadurch, daß Indutiomarus, die Seele der +ganzen Bewegung, in einem Scharmützel mit den Reitern des Labienus +geblieben war. Allein sie gaben ihre Entwürfe darum nicht auf. Mit +ihrem gesamten Aufgebot erschienen sie Labienus gegenüber und harrten +der nachfolgenden deutschen Scharen; denn bessere Aufnahme als bei den +Anwohnern des Rheines hatten ihre Werber bei den streitbaren +Völkerschaften des inneren Deutschlands, namentlich, wie es scheint, +den Chatten gefunden. Allein da Labienus Miene machte, diesen +ausweichen und Hals über Kopf abmarschieren zu wollen, griffen die +Treverer, noch ehe die Deutschen angelangt waren und in der +ungünstigsten Örtlichkeit, die Römer an und wurden vollständig +geschlagen. Den zu spät eintreffenden Deutschen blieb nichts übrig als +umzukehren, dem treverischen Gau nichts als sich zu unterwerfen; das +Regiment daselbst kam wieder an das Haupt der römischen Partei, an des +Indutiomarus Schwiegersohn Cingetorix. Nach diesen Expeditionen Caesars +gegen die Menapier und des Labienus gegen die Treverer traf in dem +Gebiet der letzteren die ganze römische Armee wieder zusammen. Um den +Deutschen das Wiederkommen zu verleiden, ging Caesar noch einmal über +den Rhein, um womöglich gegen die lästigen Nachbarn einen +nachdrücklichen Schlag zu führen; allein da die Chatten, ihrer +erprobten Taktik getreu, sich nicht an ihrer Westgrenze, sondern weit +landeinwärts, es scheint am Harz, zur Landesverteidigung sammelten, +kehrte er sogleich wieder um und begnügte sich, an dem Rheinübergang +Besatzung zurückzulassen. Mit den sämtlichen an dem Aufstand +beteiligten Völkerschaften war also abgerechnet; nur die Eburonen waren +übergangen, aber nicht vergessen. Seit Caesar die Katastrophe von +Aduatuca erfahren hatte, trug er das Trauergewand und hatte geschworen, +erst dann es abzulegen, wenn er seine nicht im ehrlichen Kriege +gefallenen, sondern heimtückisch ermordeten Soldaten gerächt haben +würde. Rat- und tatlos saßen die Eburonen in ihren Hütten und sahen zu, +wie einer nach dem andern die Nachbargaue den Römern sich unterwarfen, +bis die römische Reiterei vom treverischen Gebiet aus durch die +Ardennen in ihr Land einrückte. Man war so wenig auf den Angriff +gefaßt, daß sie beinahe den König Ambiorix in seinem Hause ergriffen +hätte; mit genauer Not, während sein Gefolge für ihn sich aufopferte, +entkam er in das nahe Gehölz. Bald folgten den Reitern zehn römische +Legionen. Zugleich erging an die umwohnenden Völkerschaften die +Aufforderung, mit den römischen Soldaten in Gemeinschaft die +vogelfreien Eburonen zu hetzen und ihr Land zu plündern; nicht wenige +folgten dem Ruf, sogar von jenseits des Rheines eine kecke Schar +sugambrischer Reiter, die übrigens es den Römern nicht besser machte +wie den Eburonen und fast durch einen kecken Handstreich das römische +Lager bei Aduatuca überrumpelt hätte. Das Schicksal der Eburonen war +entsetzlich. Wie sie auch in Wäldern und Sümpfen sich bargen, der Jäger +waren mehr als des Wildes. Mancher gab sich selbst den Tod wie der +greise Fürst Catuvolcus; nur einzelne retteten Leben und Freiheit, +unter diesen wenigen aber der Mann, auf den die Römer vor allem +fahndeten, der Fürst Ambiorix: mit nur vier Reitern entrann er über den +Rhein. Auf diese Exekution gegen den Gau, der vor allen andern +gefrevelt, folgten in den anderen Landschaften die Hochverratsprozesse +gegen die einzelnen. Die Zeit der Milde war vorbei. Nach dem Spruche +des römischen Prokonsuls ward der angesehene carnutische Ritter Acco +von römischen Liktoren enthauptet (701 53) und die Herrschaft der Ruten +und Beile damit förmlich eingeweiht. Die Opposition verstummte: überall +herrschte Ruhe. Caesar ging, wie er pflegte, im Spätjahr 701 (53) über +die Alpen, um den Winter hindurch die immer mehr sich verwickelnden +Verhältnisse in der Hauptstadt aus der Nähe zu beobachten. + +Der kluge Rechner hatte diesmal sich verrechnet. Das Feuer war +gedämpft, aber nicht gelöscht. Den Streich, unter dem Accos Haupt fiel, +fühlte der ganze keltische Adel. Eben jetzt bot die Lage der Dinge mehr +Aussicht als je. Die Insurrektion des letzten Winters war offenbar nur +daran gescheitert, daß Caesar selbst auf dem Kampfplatz erschienen war; +jetzt war er fern, durch den nahe bevorstehenden Bürgerkrieg +festgehalten am Po, und das gallische Heer, das an der oberen Seine +zusammengezogen stand, weit getrennt von dem gefürchteten Feldherrn. +Wenn jetzt ein allgemeiner Aufstand in Mittelgallien ausbrach, so +konnte das römische Heer umzingelt, die fast unverteidigte altrömische +Provinz überschwemmt sein, bevor Caesar wieder jenseits der Alpen +stand, selbst wenn die italischen Verwicklungen nicht überhaupt ihn +abhielten, sich ferner um Gallien zu kümmern. Verschworene aus allen +mittelgallischen Gauen traten zusammen; die Carnuten, als durch Accos +Hinrichtung zunächst betroffen, erboten sich voranzugehen. An dem +festgesetzten Tage im Winter 701/02 (53/52) gaben die carnutischen +Ritter Gutruatus und Conconnetodumnus in Cenabum (Orleans) das Zeichen +zur Erhebung und machten die daselbst anwesenden Römer insgesamt +nieder. Die gewaltigste Bewegung ergriff das ganze Keltenland; überall +regten sich die Patrioten. Nichts aber ergriff so tief die Nation wie +die Schilderhebung der Arverner. Die Regierung dieser Gemeinde, die +einst unter ihren Königen die erste im südlichen Gallien gewesen und +noch nach dem durch die unglücklichen Kriege gegen Rom herbeigeführten +Zusammensturz ihres Prinzipats eine der reichsten, gebildetsten und +mächtigsten in ganz Gallien geblieben war, hatte bisher unverbrüchlich +zu Rom gehalten. Auch jetzt war die Patriotenpartei in dem regierenden +Gemeinderat in der Minorität; ein Versuch, von demselben den Beitritt +zu der Insurrektion zu erlangen, war vergeblich. Die Angriffe der +Patrioten richteten sich also gegen den Gemeinderat und die bestehende +Verfassung selbst, und um so mehr, als die Verfassungsänderung, die bei +den Arvernern den Gemeinderat an die Stelle des Fürsten gesetzt hatte, +nach den Siegen der Römer und wahrscheinlich unter dem Einfluß +derselben erfolgt war. Der Führer der arvernischen Patrioten, +Vercingetorix, einer jener Adligen, wie sie wohl bei den Kelten +begegnen, von fast königlichem Ansehen in und außer seinem Gau, dazu +ein stattlicher, tapferer, kluger Mann, verließ die Hauptstadt und rief +das Landvolk, das der herrschenden Oligarchie ebenso feind war wie den +Römern, zugleich zur Wiederherstellung des arvernischen Königtums und +zum Krieg gegen Rom auf. Rasch fiel die Menge ihm zu; die +Wiederherstellung des Thrones des Luerius und Betuhus war zugleich die +Erklärung des Nationalkriegs gegen Rom. Den einheitlichen Halt, an +dessen Mangel alle bisherigen Versuche der Nation, das fremdländische +Joch von sich abzuschütteln, gescheitert waren, fand sie jetzt in dem +neuen selbsternannten König der Arverner. Vercingetorix ward für die +Kelten des Festlandes, was für die Inselkelten Cassivellaunus; gewaltig +durchdrang die Massen das Gefühl, daß er oder keiner der Mann sei, die +Nation zu erretten. Rasch war der Westen von der Mündung der Garonne +bis zu der der Seine von der Insurrektion erfaßt und Vercingetorix hier +von allen Gauen als Oberfeldherr anerkannt; wo der Gemeinderat +Schwierigkeit machte, nötigte ihn die Menge zum Anschluß an die +Bewegung; nur wenige Gaue, wie der der Biturigen, ließen zum Beitritt +sich zwingen, und vielleicht auch diese nur zum Schein. Weniger +günstigen Boden fand der Aufstand in den Landschaften östlich von der +oberen Loire. Alles kam hier auf die Häduer an; und diese schwankten. +Die Patriotenpartei war in diesem Gau sehr mächtig; aber der alte +Antagonismus gegen die führenden Arverner hielt ihrem Einfluß die Waage +- zum empfindlichsten Nachteil der Insurrektion, da der Anschluß der +östlichen Kantone, namentlich der Sequaner und der Helvetier, durch den +Beitritt der Häduer bedingt war und überhaupt in diesem Teile Galliens +die Entscheidung bei ihnen stand. Während also die Aufständischen daran +arbeiteten, teils die noch schwankenden Kantone, vor allen die Häduer, +zum Beitritt zu bewegen, teils sich Narbos zu bemächtigen - einer ihrer +Führer, der verwegene Lucterius, hatte bereits innerhalb der Grenzen +der alten Provinz am Tarn sich gezeigt -, erschien plötzlich im tiefen +Winter, Freunden und Feinden gleich unerwartet, der römische +Oberfeldherr diesseits der Alpen. Rasch traf er nicht bloß die nötigen +Anstalten, um die alte Provinz zu decken, sondern sandte auch über die +schneebedeckten Cevennen einen Haufen in das arvernische Gebiet; aber +seines Bleibens war nicht hier, wo ihn jeden Augenblick der Zutritt der +Häduer zu dem gallischen Bündnis von seiner um Sens und Langres +lagernden Armee abschneiden konnte. In aller Stille ging er nach Vienna +und von da, nur von wenigen Reitern begleitet, durch das Gebiet der +Häduer zu seinen Truppen. Die Hoffnungen schwanden, welche die +Verschworenen zum Losschlagen bestimmt hatten; in Italien blieb es +Friede und Caesar stand abermals an der Spitze seiner Armee. + +Was aber sollten sie beginnen? Es war eine Torheit, unter solchen +Umständen auf die Entscheidung der Waffen es ankommen zu lassen; denn +diese hatten bereits unwiderruflich entschieden. Man konnte ebensogut +versuchen, mit Steinwürfen die Alpen zu erschüttern, wie die Legionen +mit den keltischen Haufen, mochten dieselben nun in ungeheuren Massen +zusammengeballt oder vereinzelt ein Gau nach dem andern preisgegeben +werden. Vercingetorix verzichtete darauf, die Römer zu schlagen. Er +nahm ein ähnliches Kriegssystem an, wie dasjenige war, durch das +Cassivellaunus die Inselkelten gerettet hatte. Das römische Fußvolk war +nicht zu besiegen; aber Caesars Reiterei bestand fast ausschließlich +aus dem Zuzug des keltischen Adels und war durch den allgemeinen Abfall +tatsächlich aufgelöst. Es war der Insurrektion, die ja eben wesentlich +aus dem keltischen Adel bestand, möglich, in dieser Waffe eine solche +Überlegenheit zu entwickeln, daß sie weit und breit das Land öde legen, +Städte und Dörfer niederbrennen, die Vorräte vernichten, die +Verpflegung und die Verbindungen des Feindes gefährden konnte, ohne daß +derselbe es ernstlich zu hindern vermochte. Vercingetorix richtete +demzufolge all seine Anstrengung auf die Vermehrung der Reiterei und +der nach damaliger Fechtweise regelmäßig damit verbundenen +Bogenschützen zu Fuß. Die ungeheuren und sich selber lähmenden Massen +der Linienmiliz schickte er zwar nicht nach Hause, ließ sie aber doch +nicht vor den Feind und versuchte, ihnen allmählich einige Schanz-, +Marschier- und Manövrierfähigkeit und die Erkenntnis beizubringen, daß +der Soldat nicht bloß bestimmt ist, sich zu raufen. Von den Feinden +lernend, adoptierte er namentlich das römische Lagersystem, auf dem das +ganze Geheimnis der taktischen Überlegenheit der Römer beruhte; denn +infolgedessen vereinigte jedes römische Korps alle Vorteile der +Festungsbesatzung mit allen Vorteilen der Offensivarmee ^19. Freilich +war jenes dem städtearmen Britannien und seinen rauhen, entschlossenen +und im ganzen einigen Bewohnern vollkommen angemessene System auf die +reichen Landschaften an der Loire und deren schlaffe, in vollständiger +politischer Auflösung begriffene Bewohner nicht unbedingt übertragbar. +Vercingetorix setzte wenigstens durch, daß man nicht wie bisher jede +Stadt zu halten versuchte und darum keine hielt; man ward sich einig, +die der Verteidigung nicht fähigen Ortschaften, bevor der Angriff sie +erreichte, zu vernichten, die starken Festungen aber mit gesamter Hand +zu verteidigen. Daneben tat der Arvernerkönig, was er vermochte, um +durch unnachsichtliche Strenge die Feigen und Säumigen, durch Bitten +und Vorstellungen die Schwankenden, die Habsüchtigen durch Gold, die +entschiedenen Gegner durch Zwang an die Sache des Vaterlandes zu +fesseln und selbst dem vornehmen oder niedrigen Gesindel einigen +Patriotismus aufzunötigen oder abzulisten. + +———————————————————————————— + +^19 Freilich war dies nur möglich, solange die Offensivwaffen +hauptsächlich auf Hieb und Stich gerichtet waren. In der heutigen +Kriegführung ist, wie dies Napoleon I. vortrefflich auseinandergesetzt +hat, dies System deshalb unanwendbar geworden, weil bei unseren, aus +der Ferne wirkenden Offensivwaffen die deployierte Stellung +vorteilhafter ist als die konzentrische. In Caesars Zeit verhielt es +sich umgekehrt. + +——————————————————————————- + +Noch bevor der Winter zu Ende war, warf er sich auf die im Gebiet der +Häduer von Caesar angesiedelten Boier, um diese fast einzigen +zuverlässigen Bundesgenossen Roms zu vernichten, bevor Caesar herankam. +Die Nachricht von diesem Angriff bestimmte auch Caesar, mit +Zurücklassung des Gepäcks und zweier Legionen in den Winterquartieren +von Agedincum (Sens), sogleich und früher, als er sonst wohl getan +haben würde, gegen die Insurgenten zu marschieren. Dem empfindlichen +Mangel an Reiterei und leichtem Fußvolk half er einigermaßen ab durch +nach und nach herbeigezogene deutsche Söldner, die statt ihrer eigenen +kleinen und schwachen Klepper mit italischen und spanischen, teils +gekauften, teils von den Offizieren requirierten Pferden ausgerüstet +wurden. Caesar, nachdem er unterwegs die Hauptstadt der Carnuten, +Cenabum, die das Zeichen zum Abfall gegeben, hatte plündern und in +Asche legen lassen, rückte über die Loire in die Landschaft der +Biturigen. Er erreichte damit, daß Vercingetorix die Belagerung der +Stadt der Boier aufgab und gleichfalls sich zu den Biturigen begab. +Hier zuerst sollte die neue Kriegführung sich erproben. Auf +Vercingetorix’ Geheiß gingen an einem Tage mehr als zwanzig Ortschaften +der Biturigen in Flammen auf; die gleiche Selbstverwüstung verhängte +der Feldherr über die benachbarten Gaue, soweit sie von römischen +Streifparteien erreicht werden konnten. Nach seiner Absicht sollte auch +die reiche und feste Hauptstadt der Biturigen Avaricum (Bourges) +dasselbe Schicksal treffen; allein die Majorität des Kriegsrats gab den +kniefälligen Bitten der biturigischen Behörden nach und beschloß, diese +Stadt vielmehr mit allem Nachdruck zu verteidigen. So konzentrierte +sich der Krieg zunächst um Avaricum. Vercingetorix stellte sein Fußvolk +inmitten der der Stadt benachbarten Sümpfe in einer so unnahbaren. +Stellung auf, daß es, auch ohne von der Reiterei gedeckt zu sein, den +Angriff der Legionen nicht zu fürchten brauchte. Die keltische Reiterei +bedeckte alle Straßen und hemmte die Kommunikation. Die Stadt wurde +stark besetzt und zwischen ihr und der Armee vor den Mauern die +Verbindung offen gehalten. Caesars Lage war sehr schwierig. Der +Versuch, das keltische Fußvolk zum Schlagen zu bringen, mißlang; es +rührte sich nicht aus seinen unangreifbaren Linien. Wie tapfer vor der +Stadt auch seine Soldaten schanzten und fochten, die Belagerten +wetteiferten mit ihnen an Erfindsamkeit und Mut, und fast wäre es ihnen +gelungen, das Belagerungszeug der Gegner in Brand zu stecken. Dabei +ward die Aufgabe, ein Heer von beiläufig 60000 Mann in einer weithin +öde gelegten und von weit überlegenen Reitermassen durchstreiften +Landschaft mit Lebensmitteln zu versorgen, täglich schwieriger. Die +geringen Vorräte der Boier waren bald verbraucht; die von den Häduern +versprochene Zufuhr blieb aus; schon war das Getreide aufgezehrt und +der Soldat ausschließlich auf Fleischrationen gesetzt. Indes rückte der +Augenblick heran, wo die Stadt, wie todverachtend auch die Besatzung +kämpfte, nicht länger zu halten war. Noch war es nicht unmöglich, die +Truppen bei nächtlicher Weile in der Stille herauszuziehen und die +Stadt zu vernichten, bevor der Feind sie besetzte. Vercingetorix traf +die Anstalten dazu, allein das Jammergeschrei, das im Augenblick des +Abmarsches die zurückbleibenden Weiber und Kinder erhoben, machte die +Römer aufmerksam; der Abzug mißlang. An dem folgenden trüben und +regnichten Tage überstiegen die Römer die Mauern und schonten, +erbittert durch die hartnäckige Gegenwehr, in der eroberten Stadt weder +Geschlecht noch Alter. Die reichen Vorräte, die die Kelten in derselben +aufgehäuft hatten, kamen den ausgehungerten Soldaten Caesars zugute. +Mit der Einnahme von Avaricum (Frühling 702 52) war über die +Insurrektion ein erster Erfolg erfochten und nach früheren Erfahrungen +mochte Caesar wohl erwarten, daß damit dieselbe sich auflösen und es +nur noch erforderlich sein werde, einzelne Gaue zu Paaren zu treiben. +Nachdem er also mit seiner gesamten Armee sich in dem Gau der Häduer +gezeigt und durch diese imposante Demonstration die gärende +Patriotenpartei daselbst genötigt hatte, für den Augenblick wenigstens, +sich ruhig zu verhalten, teilte er sein Heer und sandte Labienus zurück +nach Agedincum, um in Verbindung mit den dort zurückgelassenen Truppen +an der Spitze von vier Legionen die Bewegung zunächst in dem Gebiet der +Carnuten und Senonen, die auch diesmal wieder voranstanden, zu +unterdrücken, während er selber mit den sechs übrigen Legionen sich +südwärts wandte und sich anschickte, den Krieg in die arvernischen +Berge, das eigene Gebiet des Vercingetorix, zu tragen. + +Labienus rückte von Agedincum aus das linke Seineufer hinauf, um der +auf einer Insel in der Seine gelegenen Stadt der Parisier, Lutetia +(Paris), sich zu bemächtigen und von dieser gesicherten und im Herzen +der aufständischen Landschaft befindlichen Stellung aus diese wieder zu +unterwerfen. Allein hinter Melodunum (Melun) fand er sich den Weg +verlegt durch das gesamte Insurgentenheer, das unter der Führung des +greisen Camulogenus zwischen unangreifbaren Sümpfen hier sich +aufgestellt hatte. Labienus ging eine Strecke zurück, überschritt bei +Melodunum die Seine und rückte auf dem rechten Ufer derselben +ungehindert gegen Lutetia; Camulogenus ließ diese Stadt abbrennen und +die auf das linke Ufer führenden Brücken abbrechen und nahm Labienus +gegenüber eine Stellung ein, in welcher dieser weder ihn zum Schlagen +zu bringen, noch unter den Augen der feindlichen Armee den Übergang zu +bewirken imstande war. + +Die römische Hauptarmee ihrerseits rückte am Allier hinab in den +Arvernergau. Vercingetorix versuchte, ihr den Übergang auf das linke +Ufer des Allier zu verwehren, allein Caesar überlistete ihn und stand +nach einigen Tagen vor der arvernischen Hauptstadt Gergovia ^20. Indes +hatte Vercingetorix, ohne Zweifel schon, während er Caesar am Allier +gegenüberstand, in Gergovia hinreichende Vorräte zusammenbringen und +vor den Mauern der auf der Spitze eines ziemlich steil sich erhebenden +Hügels gelegenen Stadt ein mit starken Steinwällen versehenes +Standlager für seine Truppen anlegen lassen; und da er hinreichenden +Vorsprung hatte, langte er vor Caesar bei Gergovia an und erwartete in +dem befestigten Lager unter der Festungsmauer den Angriff. Caesar mit +seiner verhältnismäßig schwachen Armee konnte den Platz weder +regelrecht belagern, noch auch nur hinreichend blockieren; er schlug +sein Lager unterhalb der von Vercingetorix besetzten Anhöhe und +verhielt sich notgedrungen ebenso untätig wie sein Gegner. Für die +Insurgenten war es fast ein Sieg, daß Caesars von Triumph zu Triumph +fortschreitender Lauf an der Seine wie am Allier plötzlich gestockt +war. In der Tat kamen die Folgen dieser Stockung für Caesar beinahe +denen einer Niederlage gleich. Die Häduer, die bisher immer noch +geschwankt hatten, machten jetzt ernstlich Anstalt, der Patriotenpartei +sich anzuschließen; schon war die Mannschaft, die Caesar nach Gergovia +entboten hatte, auf dem Marsche durch die Offiziere bestimmt worden, +sich für die Insurgenten zu erklären; schon hatte man gleichzeitig im +Kanton selbst angefangen, die daselbst ansässigen Römer zu plündern und +zu erschlagen. Noch hatte Caesar, indem er jenem auf Gergovia +zurückenden Korps der Häduer mit zwei Dritteln des Blockadeheeres +entgegengegangen war, dasselbe durch sein plötzliches Erscheinen wieder +zum nominellen Gehorsam zurückgebracht; allein es war mehr als je ein +hohles und brüchiges Verhältnis, dessen Fortbestand fast zu teuer +erkauft worden war durch die große Gefahr der vor Gergovia +zurückgelassenen beiden Legionen. Denn auf diese hatte Vercingetorix, +Caesars Abmarsch rasch und entschlossen benutzend, während dessen +Abwesenheit einen Angriff gemacht, der um ein Haar mit der +Überwältigung derselben und der Erstürmung des römischen Lagers +geendigt hätte. Nur Caesars unvergleichliche Raschheit wandte eine +zweite Katastrophe wie die von Aduatuca hier ab. Wenn auch die Häduer +jetzt wieder gute Worte gaben, war es doch vorherzusehen, daß sie, wenn +die Blockade sich noch länger ohne Erfolg hinspann, sich offen auf die +Seite der Aufständischen schlagen und dadurch Caesar nötigen würden, +dieselbe aufzuheben; denn ihr Beitritt würde die Verbindung zwischen +ihm und Labienus unterbrochen und namentlich den letzteren in seiner +Vereinzelung der größten Gefahr ausgesetzt haben. Caesar war +entschlossen, es hierzu nicht kommen zu lassen, sondern, wie peinlich +und selbst gefährlich es auch war, unverrichteter Sache von Gergovia +abzuziehen, dennoch, wenn es einmal geschehen mußte, lieber sogleich +aufzubrechen und, in den Gau der Häduer einrückend, deren förmlichen +Übertritt um jeden Preis zu verhindern. Ehe er indes diesen, seinem +raschen und sicheren Naturell wenig zusagenden Rückzug antrat, machte +er noch einen letzten Versuch, sich aus seiner peinlichen Verlegenheit +durch einen glänzenden Erfolg zu befreien. Während die Masse der +Besatzung von Gergovia beschäftigt war, die Seite, auf der der Sturm +erwartet ward, zu verschanzen, ersah der römische Feldherr sich die +Gelegenheit, einen anderen, weniger bequem gelegenen, aber +augenblicklich entblößten Aufgang zu überrumpeln. In der Tat +überstiegen die römischen Sturmkolonnen die Lagermauer und besetzten +die nächstliegenden Quartiere des Lagers; allein schon war auch die +ganze Besatzung alarmiert und bei den geringen Entfernungen fand es +Caesar nicht rätlich, den zweiten Sturm auf die Stadtmauer zu wagen. Er +gab das Zeichen zum Rückzug; indes die vordersten Legionen, vom +Ungestüm des Sieges hingerissen, hörten nicht oder wollten nicht hören, +und drangen unaufhaltsam vor bis an die Stadtmauer, einzelne sogar bis +in die Stadt. Aber immer dichtere Massen warfen den Eingedrungenen sich +entgegen; die vordersten fielen, die Kolonnen stockten; vergeblich +stritten Centurionen und Legionäre mit dem aufopferndsten Heldenmut; +die Stürmenden wurden mit sehr beträchtlichem Verlust aus der Stadt +hinaus und den Berg hinuntergejagt, wo die von Caesar in der Ebene +aufgestellten Truppen sie aufnahmen und größeres Unglück verhüteten. +Die gehoffte Einnahme von Gergovia hatte sich in eine Niederlage +verwandelt, und der beträchtliche Verlust an Verwundeten und Toten - +man zählte 700 gefallene Soldaten, darunter 46 Centurionen - war der +kleinste Teil des erlittenen Unfalls. Caesars imponierende Stellung in +Gallien beruhte wesentlich auf seinem Siegernimbus; und dieser fing an +zu erblassen. Schon die Kämpfe um Avaricum, Caesars vergebliche +Versuche, den Feind zum Schlagen zu zwingen, die entschlossene +Verteidigung der Stadt und ihre fast zufällige Erstürmung, trugen einen +anderen Stempel als die früheren Keltenkriege und hatten den Kelten +Vertrauen auf sich und ihren Führer eher gegeben als genommen. Weiter +hatte das neue System der Kriegführung: unter dem Schutze der Festungen +in verschanzten Lagern dem Feind die Stirne zu bieten - bei Lutetia +sowohl wie bei Gergovia sich vollkommen bewährt. Diese Niederlage +endlich, die erste, die Caesar selbst von den Kelten erlitten hatte, +krönte den Erfolg, und sie gab denn auch gleichsam das Signal für einen +zweiten Ausbruch der Insurrektion. Die Häduer brachen jetzt förmlich +mit Caesar und traten mit Vercingetorix in Verbindung. Ihr Kontingent, +das noch bei Caesars Armee sich befand, machte nicht bloß von dieser +sich los, sondern nahm auch bei der Gelegenheit in Noviodunum an der +Loire die Depots der Armee Caesars weg, wodurch die Kassen und +Magazine, eine Menge Remontepferde und sämtliche Caesar gestellte +Geiseln den Insurgenten in die Hände fielen. Wenigstens ebensowichtig +war es, daß auf diese Nachrichten hin auch die Belgen, die bisher der +ganzen Bewegung sich ferngehalten hatten, anfingen sich zu rühren. Der +mächtige Gau der Bellovaker machte sich auf, um das Korps des Labienus, +während es bei Lutetia dem Aufgebot der umliegenden mittelgallischen +Gaue gegenüberstand, im Rücken anzugreifen. Auch sonst ward überall +gerüstet; die Gewalt des patriotischen Aufschwungs riß selbst die +entschiedensten und begünstigtsten Parteigänger Roms mit sich fort, wie +zum Beispiel den König der Atrebaten, Commius, der seiner treuen +Dienste wegen von den Römern wichtige Privilegien für seine Gemeinde +und die Hegemonie über die Moriner empfangen hatte. Bis in die +altrömische Provinz gingen die Fäden der Insurrektion: sie machte, +vielleicht nicht ohne Grund, sich Hoffnung, selbst die Allobrogen gegen +die Römer unter die Waffen zu bringen. Mit einziger Ausnahme der Reiner +und der von den Remern zunächst abhängigen Distrikte der Suessionen, +Leuker und Lingonen, deren Partikularismus selbst unter diesem +allgemeinen Enthusiasmus nicht mürbe ward, stand jetzt in der Tat, zum +ersten und zum letzten Male, die ganze keltische Nation von den +Pyrenäen bis zum Rhein für ihre Freiheit und Nationalität unter den +Waffen; wogegen, merkwürdig genug, die sämtlichen deutschen Gemeinden, +die bei den bisherigen Kämpfen in erster Reihe gestanden hatten, sich +ausschlossen, ja sogar die Treuerer und, wie es scheint, auch die +Menapier durch ihre Fehden mit den Deutschen verhindert wurden, an dem +Nationalkrieg tätigen Anteil zu nehmen. + +————————————————————————- + +^20 Man sucht diesen Ort auf einer Anhöhe eine Stunde südlich von der +arvernischen Hauptstadt Nemetum, dem heutigen Clermont welche noch +jetzt Gergoie genannt wird; und sowohl die bei den Ausgrabungen +daselbst zu Tage gekommenen Überreste von rohen Festungsmauern, wie die +urkundlich bis ins zehnte Jahrhundert hinauf verfolgte Überlieferung +des Namens lassen an der Richtigkeit dieser Ortsbestimmung keinen +Zweifel. Auch paßt dieselbe wie zu den übrigen Angaben Caesars, so +namentlich dazu daß er Gergovia ziemlich deutlich als Hauptort der +Arverner bezeichnet (Gall. 7, 4). Man wird demnach anzunehmen haben, +daß die Arverner nach der Niederlage genötigt wurden, sich von Gergovia +nach dem nahen, weniger festen Nemetum überzusiedeln. + +—————————————————————————- + +Es war ein schwerer, entscheidungsvoller Augenblick, als nach dem Abzug +von Gergovia und dem Verlust von Noviodunum in Caesars Hauptquartier +über die nun zu ergreifenden Maßregeln Kriegsrat gehalten ward. Manche +Stimmen sprachen sich für den Rückzug über die Cevennen in die +altrömische Provinz aus, welche jetzt der Insurrektion von allen Seiten +her offenstand und allerdings der zunächst doch zu ihrem Schutze von +Rom gesandten Legionen dringend bedurfte. Allein Caesar verwarf diese +ängstliche, nicht durch die Lage der Dinge, sondern durch +Regierungsinstruktionen und Verantwortungsfurcht bestimmte Strategie. +Er begnügte sich, in der Provinz den Landsturm der dort ansässigen +Römer unter die Waffen zu rufen und durch ihn, so gut es eben ging, die +Grenzen besetzen zu lassen. Dagegen brach er selbst in +entgegengesetzter Richtung auf und rückte in Gewaltmärschen auf +Agedincum zu, auf das er Labienus sich in möglichster Eile +zurückzuziehen befahl. Die Kelten versuchten natürlich, die Vereinigung +der beiden römischen Heere zu verhindern. Labienus hätte wohl, über die +Marne setzend und am rechten Seineufer flußabwärts marschierend, +Agedincum erreichen können, wo er seine Reserve und sein Gepäck +zurückgelassen hatte; aber er zog es vor, den Kelten nicht abermals das +Schauspiel des Rückzugs römischer Truppen zu gewähren. Er ging daher, +statt über die Marne, vielmehr unter den Augen des getäuschten Feindes +über die Seine und lieferte am linken Ufer derselben den feindlichen +Massen eine Schlacht, in welcher er siegte und unter vielen andern auch +der keltische Feldherr selbst, der alte Camulogenus, auf der Walstatt +blieb. Ebensowenig gelang es den Insurgenten, Caesar an der Loire +aufzuhalten; Caesar gab ihnen keine Zeit, dort größere Massen zu +versammeln, und sprengte die Milizen der Häduer, die er allein dort +vorfand, ohne Mühe auseinander. So ward die Vereinigung der beiden +Heerhaufen glücklich bewerkstelligt. Die Aufständischen inzwischen +hatten über die weitere Kriegführung in Bibracte (Autun), der +Hauptstadt der Häduer, geratschlagt; die Seele dieser Beratungen war +wieder Vercingetorix, dem nach dem Siege von Gergovia die Nation +begeistert anhing. Zwar schwieg der Partikularismus auch jetzt nicht; +die Häduer machten noch in diesem Todeskampf der Nation ihre Ansprüche +auf die Hegemonie geltend und stellten auf der Landesversammlung den +Antrag, an die Stelle des Vercingetorix einen der Ihrigen zu setzen. +Allein die Landesvertreter hatten dies nicht bloß abgelehnt und +Vercingetorix im Oberbefehl bestätigt, sondern auch seinen Kriegsplan +unverändert angenommen. Es war im wesentlichen derselbe, nach dem er +bei Avaricum und bei Gergovia operiert hatte. Zum Angelpunkt der neuen +Stellung ward die feste Stadt der Mandubier, Alesia (Alise Sainte-Reine +bei Semur im Departement Côte d’Or ^21), ausersehen und unter deren +Mauern abermals ein verschanztes Lager angelegt. Ungeheure Vorräte +wurden hier aufgehäuft und die Armee von Gergovia dorthin beordert, +deren Reiterei nach Beschluß der Landesversammlung bis auf 15000 Pferde +gebracht ward. Caesar schlug mit seiner gesamten Heeresmacht, nachdem +er sie bei Agedincum wiedervereinigt hatte, die Richtung auf Vesontio +ein, um sich nun der geängsteten Provinz zu nähern und sie vor einem +Einfall zu beschützen, wie denn in der Tat sich Insurgentenscharen +schon in dem Gebiet der Helvier am Südabhang der Cevennen gezeigt +hatten. Alesia lag fast auf seinem Wege; die Reiterei der Kelten, die +einzige Waffe, mit der Vercingetorix operieren mochte, griff unterwegs +ihn an, zog aber zu aller Erstaunen den kürzeren gegen Caesars neue +deutsche Schwadronen und die zu deren Rückhalt aufgestellte römische +Infanterie. Vercingetorix eilte um so mehr, sich in Alesia +einzuschließen; und wenn Caesar nicht überhaupt auf die Offensive +verzichten wollte, blieb ihm nichts übrig, als zum drittenmal in diesem +Feldzug gegen eine, unter einer wohlbesetzten und verproviantierten +Festung gelagerte und mit ungeheuren Reitermassen versehene Armee mit +einer weit schwächeren Angriffsweise vorzugehen. Allein, wenn den +Kelten bisher nur ein Teil der römischen Legionen gegenübergestanden, +so war in den Linien um Alesia Caesars ganze Streitmacht vereinigt und +es gelang Vercingetorix nicht, wie es ihm bei Avaricum und Gergovia +gelungen war, sein Fußvolk unter dem Schutz der Festungsmauern +aufzustellen und durch seine Reiterei seine Verbindungen nach außen hin +sich offen zu halten, während er die des Feindes unterbrach. Die +keltische Reiterei, schon entmutigt durch jene von den +geringgeschätzten Gegnern ihnen beigebrachte Niederlage, wurde von +Caesars deutschen Berittenen in jedem Zusammentreffen geschlagen. Die +Umwallungslinie der Belagerer erhob sich in der Ausdehnung von zwei +deutschen Meilen um die ganze Stadt mit Einschluß des an sie +angelehnten Lagers. Auf einen Kampf unter den Mauern war Vercingetorix +gefaßt gewesen, aber nicht darauf, in Alesia belagert zu werden - dazu +genügten für seine angeblich 80000 Mann Infanterie und 15000 Reiter +zählende Armee und die zahlreiche Stadtbewohnerschaft die +aufgespeicherten Vorräte, wie ansehnlich sie waren, doch bei weitem +nicht. Vercingetorix mußte sich überzeugen, daß sein Kriegsplan diesmal +zu seinem eigenen Verderben ausgeschlagen und er verloren war, wofern +nicht die gesamte Nation herbeieilte und ihren eingeschlossenen +Feldherrn befreite. Noch reichten, als die römische Umwallung sich +schloß, die vorhandenen Lebensmittel aus auf einen Monat und vielleicht +etwas darüber; im letzten Augenblick, wo der Weg wenigstens für +Berittene noch frei war, entließ Vercingetorix seine gesamte Reiterei +und entsandte zugleich an die Häupter der Nation die Weisung, alle +Mannschaft aufzubieten und sie zum Entsatz von Alesia heranzuführen. Er +selbst, entschlossen, die Verantwortung für den von ihm entworfenen und +fehlgeschlagenen Kriegsplan auch persönlich zu tragen, blieb in der +Festung, um im Guten und Bösen das Schicksal der Seinigen zu teilen. +Caesar aber machte sich gefaßt, zugleich zu belagern und belagert zu +werden. Er richtete seine Umwallungslinie auch an der Außenseite zur +Verteidigung ein und versah sich auf längere Zeit mit Lebensmitteln. +Die Tage verflossen; schon hatte man in der Festung keinen Malter +Getreide mehr, schon die unglücklichen Stadtbewohner austreiben müssen, +um zwischen den Verschanzungen der Kelten und der Römer, an beiden +unbarmherzig zurückgewiesen, elend umzukommen. Da, in der letzten +Stunde, zeigten hinter Caesars Linien sich die unabsehbaren Züge des +keltisch-belgischen Entsatzheeres, angeblich 250000 Mann zu Fuß und +8000 Reiter. Vom Kanal bis zu den Cevennen hatten die insurgierten Gaue +jeden Nerv angestrengt, um den Kern ihrer Patrioten, den Feldherrn +ihrer Wahl zu retten - einzig die Bellovaker hatten geantwortet, daß +sie wohl gegen die Römer, aber nicht außerhalb der eigenen Grenzen zu +fechten gesonnen seien. Der erste Sturm, der die Belagerten von Alesia +und die Entsatztruppen draußen auf die römische Doppellinie +unternahmen, ward abgeschlagen; aber als nach eintägiger Rast derselbe +wiederholt ward, gelang es an einer Stelle, wo die Umwallungslinie über +den Abhang eines Berges hinlief und von dessen Höhe herab angegriffen +werden konnte, die Gräben zuzuschütten und die Verteidiger von dem Wall +herunterzuwerfen. Da nahm Labienus, von Caesar hierher gesandt, die +nächsten Kohorten zusammen und warf sich mit vier Legionen auf den +Feind. Unter den Augen des Feldherrn, der selbst in dem gefährlichsten +Augenblick erschien, wurden im verzweifelten Nahgefecht die Stürmenden +zurückgejagt und die mit Caesar gekommenen, die Flüchtenden in den +Rücken fassenden Reiterscharen vollendeten die Niederlage. Es war mehr +als ein großer Sieg; über Alesia, ja über die keltische Nation war +damit unwiderruflich entschieden. Das Keltenheer, völlig entmutigt, +verlief unmittelbar vom Schlachtfeld sich nach Hause. Vercingetorix +hätte vielleicht noch jetzt fliehen, wenigstens durch das letzte Mittel +des freien Mannes sich erretten können; er tat es nicht, sondern +erklärte im Kriegsrat, daß, da es ihm nicht gelungen sei, die +Fremdherrschaft zu brechen, er bereit sei, sich als Opfer hinzugeben +und soweit möglich das Verderben von der Nation auf sein Haupt +abzulenken. So geschah es. Die keltischen Offiziere lieferten ihren von +der ganzen Nation feierlich erwählten Feldherrn dem Landesfeind zu +geeigneter Bestrafung aus. Hoch zu Roß und im vollen Waffenschmucke +erschien der König der Arverner vor dem römischen Prokonsul und umritt +dessen Tribunal; darauf gab er Roß und Waffen ab und ließ schweigend +auf den Stufen zu Caesars Füßen sich nieder (702 52). Fünf Jahre später +ward er im Triumph durch die Gassen der italischen Hauptstadt geführt +und als Hochverräter an der römischen Nation, während sein Überwinder +den Göttern derselben den Feierdank auf der Höhe des Kapitols +darbrachte, an dessen Fuß enthauptet. Wie nach trübe verlaufenem Tage +wohl die Sonne im Sinken durchbricht, so verleiht das Geschick noch +untergehenden Völkern wohl einen letzten großartigen Mann. Also steht +am Ausgang der phönikischen Geschichte Hannibal, also an dem der +keltischen Vercingetorix. Keiner von beiden vermochte seine Nation von +der Fremdherrschaft zu erretten, aber sie haben ihr die letzte noch +übrige Schande, einen ruhmlosen Untergang, erspart. Auch Vercingetorix +hat ebenwie der Karthager nicht bloß gegen den Landesfeind kämpfen +müssen, sondern vor allem gegen die antinationale Opposition verletzter +Egoisten und aufgestörter Feiglinge, wie sie die entartete Zivilisation +regelmäßig begleitet; auch ihm sichern seinen Platz in der Geschichte +nicht seine Schlachten und Belagerungen, sondern daß er es vermocht +hat, einer zerfahrenen und im Partikularismus verkommenen Nation in +seiner Person einen Mittel- und Haltpunkt zu geben. Und doch gibt es +wieder kaum einen schärferen Gegensatz als der ist zwischen dem +nüchternen Bürgersmann der phönikischen Kaufstadt mit seinen, auf das +eine große Ziel hin fünfzig Jahre hindurch mit unwandelbarer Energie +gerichteten Plänen, und dem kühnen Fürsten des Keltenlandes, dessen +gewaltige Taten zugleich mit seiner hochherzigen Aufopferung, ein +kurzer Sommer einschließt. Das ganze Altertum kennt keinen +ritterlicheren Mann in seinem innersten Wesen wie in seiner äußeren +Erscheinung. Aber der Mensch soll kein Ritter sein und am wenigsten der +Staatsmann. Es war der Ritter, nicht der Held, der es verschmähte, sich +aus Alesia zu retten, während doch an ihm allein der Nation mehr +gelegen war als an hunderttausend gewöhnlichen tapferen Männern. Es war +der Ritter, nicht der Held, der sich da zum Opfer hingab, wo durch +dieses Opfer nichts weiter erreicht ward, als daß die Nation sich +öffentlich entehrte und ebenso feig wie widersinnig mit ihrem letzten +Atemzug ihren weltgeschichtlichen Todeskampf ein Verbrechen gegen ihren +Zwingherrn nannte. Wie so ganz anders hat in den gleichen Lagen +Hannibal gehandelt! Es ist nicht möglich, ohne geschichtliche und +menschliche Teilnahme von dem edlen Arvernerkönig zu scheiden; aber es +gehört zur Signatur der keltischen Nation, daß ihr größter Mann doch +nur ein Ritter war. + +——————————————————————- + +^21 Die kürzlich viel erörterte Frage, ob Alesia nicht vielmehr in +Alaise (25 Kilometer südlich von Besançon, Dep. Doubs) zu erkennen sei, +ist von allen besonnenen Forschern mit Recht verneint worden. + +——————————————————————- + +Der Fall von Alesia und die Kapitulation der daselbst eingeschlossenen +Armee war für die keltische Insurrektion ein furchtbarer Schlag; indes +es hatten schon ebensoschwere die Nation betroffen und doch war der +Kampf wieder erneuert worden. Aber Vercingetorix’ Verlust war +unersetzlich. Mit ihm war die Einheit in die Nation gekommen; mit ihm +schien sie auch wieder entwichen. Wir finden nicht, daß die +Insurrektion einen Versuch machte, die Gesamtverteidigung fortzusetzen +und einen anderen Oberfeldherrn zu bestellen; der Patriotenbund fiel +von selbst auseinander und jedem Clan blieb es überlassen, wie es ihm +beliebte, mit den Römern zu streiten oder auch sich zu vertragen. +Natürlich überwog durchgängig das Verlangen nach Ruhe. Auch Caesar +hatte ein Interesse daran, rasch zu Ende zu kommen. Von den zehn Jahren +seiner Statthalterschaft waren sieben verstrichen. Das letzte aber +durch seine politischen Gegner in der Hauptstadt ihm in Frage gestellt; +nur auf zwei Sommer noch konnte er mit einiger Sicherheit rechnen und +wenn sein Interesse wie seine Ehre verlangte, daß er die neu gewonnenen +Landschaften seinem Nachfolger in einem leidlichen und einigermaßen +beruhigten Friedensstand übergab, so war, um einen solchen +herzustellen, die Zeit wahrlich karg zugemessen. Gnade zu üben war in +diesem Falle noch mehr als für die Besiegten Bedürfnis für den Sieger; +und er durfte seinen Stern preisen, daß die innere Zerfahrenheit und +das leichte Naturell der Kelten ihm hierin auf halbem Wege entgegenkam. +Wo, wie in den beiden angesehensten mittelgallischen Kantons, dem der +Häduer und dem der Arverner, eine starke römisch gesinnte Partei +bestand, wurde den Landschaften sogleich nach dem Fall von Alesia die +vollständige Wiederherstellung ihres früheren Verhältnisses zu Rom +gewährt und selbst ihre Gefangenen, 20000 an der Zahl, ohne Lösegeld +entlassen, während die der übrigen Clans in die harte Knechtschaft der +siegreichen Legionäre kamen. Wie die Häduer und die Arverner ergab sich +überhaupt der größere Teil der gallischen Distrikte in sein Schicksal +und ließ ohne weitere Gegenwehr die unvermeidlichen Strafgerichte über +sich ergehen. Aber nicht wenige harrten auch in törichtem Leichtsinn +oder dumpfer Verzweiflung bei der verlorenen Sache aus, bis die +römischen Exekutionstruppen innerhalb ihrer Grenzen erschienen. Solche +Expeditionen wurden noch im Winter 702/03 (52/51) gegen die Biturigen +und die Carnuten unternommen. Ernsteren Widerstand leisteten die +Bellovaker, die das Jahr zuvor von dem Entsatz Alesias sich +ausgeschlossen hatten; sie schienen beweisen zu wollen, daß sie an +jenem entscheidenden Tage wenigstens nicht aus Mangel an Mut und an +Freiheitsliebe gefehlt hatten. Es beteiligten sich an diesem Kampfe die +Atrebaten, Ambianer, Caleten und andere belgische Gaue; der tapfere +König der Atrebaten, Commius, dem die Römer seinen Beitritt zur +Insurrektion am wenigsten verziehen und gegen den kürzlich Labienus +sogar einen widerwärtig tückischen Mordversuch gerichtet hatte, führte +den Bellovakern 500 deutsche Reiter zu, deren Wert der vorjährige +Feldzug hatte kennen lehren. Der entschlossene und talentvolle +Bellovaker Correus, dem die oberste Leitung des Krieges zugefallen war, +führte den Krieg, wie Vercingetorix ihn geführt hatte, und mit nicht +geringem Erfolg; Caesar, obwohl er nach und nach den größten Teil +seines Heeres heranzog, konnte das Fußvolk der Bellovaker weder zum +Schlagen bringen noch auch nur dasselbe verhindern, andere, gegen +Caesars verstärkte Streitmacht besseren Schutz gewährende Stellungen +einzunehmen; die römischen Reiter aber, namentlich die keltischen +Kontingente, erlitten in verschiedenen Gefechten durch die feindliche +Reiterei, besonders die deutsche des Commius, die empfindlichsten +Verluste. Allein nachdem in einem Scharmützel mit den römischen +Fouragierern Correus den Tod gefunden, war der Widerstand auch hier +gebrochen; der Sieger stellte erträgliche Bedingungen, auf die hin die +Bellovaker nebst ihren Verbündeten sich unterwarfen. Die Treuerer +wurden durch Labienus zum Gehorsam zurückgebracht und beiläufig das +Gebiet der verfemten Eburonen noch einmal durchzogen und verwüstet. +Also ward der letzte Widerstand der belgischen Eidgenossenschaft +gebrochen. Noch einen Versuch, der Römerherrschaft sich zu erwehren, +machten die Seegaue in Verbindung mit ihren Nachbarn an der Loire. +Insurgentenscharen aus dem andischen, dem carnutischen und anderen +umliegenden Gauen sammelten sich an der unteren Loire und belagerten in +Lemonum (Poitiers) den römisch gesinnten Fürsten der Pictonen. Allein +bald trat auch hier eine ansehnliche römische Macht ihnen entgegen; die +Insurgenten gaben die Belagerung auf und zogen ab, um die Loire +zwischen sich und den Feind zu bringen, wurden aber auf dem Marsche +dahin eingeholt und geschlagen, worauf die Carnuten und die übrigen +aufständischen Kantons, selbst die Seegaue ihre Unterwerfung +einsandten. Der Widerstand war zu Ende; kaum daß ein einzelner +Freischarenführer hie und da noch das nationale Banner aufrecht hielt. +Der kühne Drappes und des Vercingetorix treuer Waffengefährte Lucterius +sammelten nach der Auflösung der an der Loire vereinigten Armee die +Entschlossensten und warfen sich mit diesen in die feste Bergstadt +Uxellodunum am Lot ^22, die ihnen unter schweren und verlustvollen +Gefechten ausreichend zu verproviantieren gelang. Trotz des Verlustes +ihrer Führer, von denen Drappes gefangen, Lucterius von der Stadt +abgesprengt ward, wehrte die Besatzung sich auf das äußerste; erst als +Caesar selbst erschien und auf seine Anordnung die Quelle, aus der die +Belagerten ihr Wasser holten, mittels unterirdischer Stollen abgeleitet +ward, fiel die Festung, die letzte Burg der keltischen Nation. Um die +letzten Verfechter der Sache der Freiheit zu kennzeichnen, befahl +Caesar, der gesamten Besatzung die Hände abzuhauen und sie also, einen +jeden in seine Heimat, zu entlassen. Dem König Commius, der noch in der +Gegend von Arras sich hielt und daselbst bis in den Winter 703/04 +(51/50) mit den römischen Truppen sich herumschlug, gestattete Caesar, +dem alles daran lag, in ganz Gallien wenigstens dem offenen Widerstand +ein Ziel zu setzen, seinen Frieden zu machen und ließ es sogar +hingehen, daß der erbitterte und mit Recht mißtrauische Mann trotzig +sich weigerte, persönlich im römischen Lager zu erscheinen. Es ist sehr +wahrscheinlich, daß Caesar in ähnlicher Weise bei den schwer +zugänglichen Distrikten im Nordwesten wie im Nordosten Galliens mit +einer nur nominellen Unterwerfung, vielleicht sogar schon mit der +faktischen Waffenruhe sich genügen ließ ^23. + +—————————————————————- + +^22 Man sucht dies gewöhnlich bei Capdenac unweit Figeac; F. W. A. +Göler hat sich neuerlich für das auch früher schon in Vorschlag +gebrachte Luzech westlich von Cahors erklärt. + +^23 Bei Caesar selbst steht dies freilich begreiflicherweise nicht +geschrieben; aber eine verständliche Andeutung in dieser Beziehung +macht Sallust (hist. 1, 9 Kritz), obwohl auch er als Caesarianer +schrieb. Weitere Beweise ergeben die Münzen. + +————————————————————————- + +Also ward Gallien, das heißt das Land westlich vom Rhein und nördlich +von den Pyrenäen, nach nur achtjährigen Kämpfen (696 bis 703 58-51) den +Römern untertänig. Kaum ein Jahr nach der völligen Beruhigung des +Landes, zu Anfang des Jahres 705 (49), mußten die römischen Truppen +infolge des nun endlich in Italien ausgebrochenen Bürgerkrieges über +die Alpen zurückgezogen werden und es blieben nichts als höchstens +einige schwache Rekrutenabteilungen im Keltenland zurück. Dennoch +standen die Kelten nicht wieder gegen die Fremdherrschaft auf; und +während in allen alten Provinzen des Reichs gegen Caesar gestritten +ward, blieb allein die neugewonnene Landschaft ihrem Besieger +fortwährend botmäßig. Auch die Deutschen haben ihre Versuche, auf dem +linken Rheinufer sich erobernd festzusetzen, während dieser +entscheidenden Jahre nicht wiederholt. Ebensowenig kam es in Gallien +während der nachfolgenden Krisen zu einer neuen nationalen Insurrektion +oder deutschen Invasion, obgleich sie die günstigsten Gelegenheiten +darboten. Wenn ja irgendwo Unruhen ausbrachen, wie zum Beispiel 708 +(46) die Bellovaker gegen die Römer sich erhoben, so waren diese +Bewegungen so vereinzelt und so außer Zusammenhang mit den +Verwicklungen in Italien, daß sie ohne wesentliche Schwierigkeit von +den römischen Statthaltern unterdrückt wurden. Allerdings ward dieser +Friedenszustand höchst wahrscheinlich, ähnlich wie Jahrhunderte lang +der spanische, damit erkauft, daß man den entlegensten und am +lebendigsten von dem Nationalgefühl durchdrungenen Landschaften, der +Bretagne, den Scheldedistrikten, der Pyrenäengegend, vorläufig +gestattete, sich in mehr oder minder bestimmter Weise der römischen +Botmäßigkeit tatsächlich zu entziehen. Aber darum nicht weniger erwies +sich Caesars Bau, wie knapp er auch dazu zwischen anderen, zunächst +noch dringenderen Arbeiten die Zeit gefunden, wie unfertig und nur +notdürftig abgeschlossen er ihn auch verlassen hatte, dennoch, sowohl +hinsichtlich der Zurückweisung der Deutschen als der Unterwerfung der +Kelten, in dieser Feuerprobe im wesentlichen als haltbar. + +In der Oberverwaltung blieben die von dem Statthalter des +Narbonensischen Galliens neu gewonnenen Gebiete vorläufig mit der +Provinz Narbo vereinigt; erst als Caesar dieses Amt abgab (710 44), +wurden aus dem von ihm eroberten Gebiet zwei neue Statthalterschaften, +das eigentliche Gallien und Belgica, gebildet. Daß die einzelnen Gaue +ihre politische Selbständigkeit verloren, lag im Wesen der Eroberung. +Sie wurden durchgängig der römischen Gemeinde steuerpflichtig. Ihr +Steuersystem indes war natürlich nicht dasjenige, mittels dessen die +adlige und finanzielle Aristokratie Asia ausnutzte, sondern es wurde, +wie in Spanien geschah, einer jeden einzelnen Gemeinde eine ein für +allemal bestimmte Abgabe auferlegt und deren Erhebung ihr selbst +überlassen. Auf diesem Wege flossen jährlich 40 Mill. Sesterzen (3 +Mill. Taler) aus Gallien in die Kassen der römischen Regierung, die +dafür freilich die Kosten der Verteidigung der Rheingrenze übernahm. +Daß außerdem die in den Tempeln der Götter und den Schatzkammern der +Großen aufgehäuften Goldmassen infolge des Krieges ihren Weg nach Rom +fanden, versteht sich von selbst; wenn Caesar im ganzen Römischen Reich +sein gallisches Gold ausbot und davon auf einmal solche Massen auf den +Geldmarkt brachte, daß das Gold gegen Silber um 25 Prozent fiel, so +läßt dies ahnen, welche Summen Gallien durch den Krieg eingebüßt hat. + +Die bisherigen Gauverfassungen mit ihren Erbkönigen oder ihren +feudal-oligarchischen Vorstandschaften blieben auch nach der Eroberung +im wesentlichen bestehen, und selbst das Klientelsystem, das einzelne +Kantons von anderen, mächtigeren abhängig machte, ward nicht +abgeschafft, obwohl freilich mit dem Verlust der staatlichen +Selbständigkeit ihm die Spitze abgebrochen war; Caesar war nur darauf +bedacht, unter Benutzung der bestehenden dynastischen, feudalistischen +und hegemonischen Spaltungen die Verhältnisse im Interesse Roms zu +ordnen und überall die der Fremdherrschaft genehmen Männer an die +Spitze zu bringen. Überhaupt sparte Caesar keine Mühe, um in Gallien +eine römische Partei zu bilden; seinen Anhängern wurden ausgedehnte +Belohnungen an Geld und besonders an konfiszierten Landgütern bewilligt +und ihnen durch seinen Einfluß Plätze im Gemeinderat und die ersten +Gemeindeämter in ihren Gauen verschafft. Diejenigen Gaue, in denen eine +hinreichend starke und zuverlässige römische Partei bestand, wie die +der Remer, der Lingonen, der Häduer, wurden durch Erteilung einer +freieren Kommunalverfassung - des sogenannten Bündnisrechts - und durch +Bevorzugungen bei der Ordnung des Hegemoniewesens gefördert. Den +Nationalkult und dessen Priester scheint Caesar von Anfang an soweit +irgend möglich geschont zu haben; von Maßregeln, wie sie in späterer +Zeit von den römischen Machthabern gegen das Druidenwesen ergriffen +wurden, findet bei ihm sich keine Spur, und wahrscheinlich damit hängt +es zusammen, daß seine gallischen Kriege, soviel wir sehen, den +Charakter des Religionskrieges durchaus nicht in der Art tragen, wie er +bei den britannischen später so bestimmt hervortritt. + +Wenn Caesar also der besiegten Nation jede zulässige Rücksicht bewies +und ihre nationalen, politischen und religiösen Institutionen soweit +schonte, als es mit der Unterwerfung unter Rom irgend sich vertrug, so +geschah dies nicht, um auf den Grundgedanken seiner Eroberung, die +Romanisierung Galliens, zu verzichten, sondern um denselben in +möglichst schonender Weise zu verwirklichen. Auch begnügte er sich +nicht, dieselben Verhältnisse, die die Südprovinz bereits großenteils +romanisiert hatten, im Norden ihre Wirkung ebenfalls tun zu lassen, +sondern er förderte, als echter Staatsmann, von oben herab die +naturgemäße Entwicklung und tat dazu, die immer peinliche Übergangszeit +möglichst zu verkürzen. Um zu schweigen von der Aufnahme einer Anzahl +vornehmer Kelten in den römischen Bürgerverband, ja einzelner +vielleicht schon in den römischen Senat, so ist wahrscheinlich Caesar +es gewesen, der in Gallien auch innerhalb der einzelnen Gaue als +offizielle Sprache anstatt der einheimischen die lateinische, wenn auch +noch mit gewissen Einschränkungen, und anstatt des nationalen das +römische Münzsystem in der Art einführte, daß die Gold- und die +Denarprägung den römischen Behörden vorbehalten blieb, dagegen die +Scheidemünze von den einzelnen Gauen und nur zur Zirkulation innerhalb +der Gaugrenzen, aber doch auch nach römischem Fuß geschlagen werden +sollte. Man mag lächeln über das kauderwelsche Latein, dessen die +Anwohner der Loire und Seine fortan verordnungsmäßig sich beflissen +^24; es lag doch in diesen Sprachfehlern eine größere Zukunft als in +dem korrekten, hauptstädtischen Latein. Vielleicht geht es auch auf +Caesar zurück, wenn die Gauverfassung im Keltenland späterhin der +italischen Stadtverfassung genähert erscheint und die Hauptorte des +Gaues sowie die Gemeinderäte in ihr schärfer hervortreten, als dies in +der ursprünglichen keltischen Ordnung wahrscheinlich der Fall war. Wie +wünschenswert in militärischer wie in politischer Hinsicht es gewesen +wäre, als Stützpunkte der neuen Herrschaft und Ausgangspunkte der neuen +Zivilisation eine Reihe transalpinischer Kolonien zu begründen, mochte +niemand mehr empfinden als der politische Erbe des Gaius Gracchus und +des Marius. Wenn er dennoch sich beschränkte auf die Ansiedlung seiner +keltischen oder deutschen Reiter in Noviodunum und auf die der Boier im +Häduergau, welche letztere Niederlassung in dem Krieg gegen +Vercingetorix schon völlig die Dienste einer römischen Kolonie tat, so +war die Ursache nur die, daß seine weiteren Pläne ihm noch nicht +gestatteten, seinen Legionen statt des Schwertes den Pflug in die Hand +zu geben. Was er in späteren Jahren für die altrömische Provinz in +dieser Beziehung getan, wird seines Orts dargelegt werden; es ist +wahrscheinlich, daß nur die Zeit ihm gemangelt hat, um das gleiche auch +auf die von ihm neu unterworfenen Landschaften zu erstrecken. + +————————————————————————- + +^24 So lesen wir auf einem Semis, den ein Vergobret der Lexovier +(Lisieux, Dep. Calvados) schlagen ließ, folgende Aufschrift: Cisiambos +Cattos vercobreto; simissos (so) publicos Lixovio. Die oft kaum +leserliche Schrift und das unglaublich abscheuliche Gepräge dieser +Münzen stehen mit ihrem stammelnden Latein in bester Harmonie. + +———————————————————————— + +Mit der keltischen Nation war es zu Ende. Ihre politische Auflösung war +durch Caesar eine vollendete Tatsache geworden, ihre nationale +eingeleitet und im regelmäßigen Fortschreiten begriffen. Es war dies +kein zufälliges Verderben, wie das Verhängnis es auch +entwicklungsfähigen Völkern wohl zuweilen bereitet, sondern eine +selbstverschuldete und gewissermaßen geschichtlich notwendige +Katastrophe. Schon der Verlauf des letzten Krieges beweist dies, mag +man ihn nun im ganzen oder im einzelnen betrachten. Als die +Fremdherrschaft gegründet werden sollte, leisteten ihr nur einzelne, +noch dazu meistens deutsche oder halbdeutsche Landschaften energischen +Widerstand. Als die Fremdherrschaft gegründet war, wurden die Versuche, +sie abzuschütteln, entweder ganz kopflos unternommen, oder sie waren +mehr als billig das Werk einzelner hervorragender Adliger und darum mit +dem Tod oder der Gefangennahme eines Indutiomarus, Camulogenus, +Vercingetorix, Correus sogleich und völlig zu Ende. Der Belagerungs- +und der kleine Krieg, in denen sich sonst die ganze sittliche Tiefe der +Volkskriege entfaltet, waren und blieben in diesem keltischen von +charakteristischer Erbärmlichkeit. Jedes Blatt der keltischen +Geschichte bestätigt das strenge Wort eines der wenigen Römer, die es +verstanden, die sogenannten Barbaren nicht zu verachten, daß die Kelten +dreist die künftige Gefahr herausfordern, vor der gegenwärtigen aber +der Mut ihnen entsinkt. In dem gewaltigen Wirbel der Weltgeschichte, +der alle nicht gleich dem Stahl harten und gleich dem Stahl +geschmeidigen Völker unerbittlich zermalmt, konnte eine solche Nation +auf die Länge sich nicht behaupten; billig erlitten die Kelten des +Festlandes dasselbe Schicksal von den Römern, das ihre Stammgenossen +auf der irischen Insel bis in unsere Tage hinein von den Sachsen +erleiden: das Schicksal, als Gärungsstoff künftiger Entwicklung +aufzugehen in eine staatlich überlegene Nationalität. Im Begriff, von +der merkwürdigen Nation zu scheiden, mag es gestattet sein, noch daran +zu erinnern, daß in den Berichten der Alten über die Kelten an der +Loire und Seine kaum einer der charakteristischen Züge vermißt wird, an +denen wir gewohnt sind, Paddy zu erkennen. Es findet alles sich wieder: +die Lässigkeit in der Bestellung der Felder; die Lust am Zechen und +Raufen; die Prahlhansigkeit - wir erinnern an jenes in dem heiligen +Hain der Arverner nach dem Sieg von Gergovia aufgehangene Schwert des +Caesar, das sein angeblicher ehemaliger Besitzer an der geweihten +Stätte lächelnd betrachtete und das heilige Gut sorgfältig zu schonen +befahl; die Rede voll von Vergleichen und Hyperbeln, von Anspielungen +und barocken Wendungen; der drollige Humor - ein vorzügliches Beispiel +davon ist die Satzung, daß, wenn jemand einem öffentlich Redenden ins +Wort fällt, dem Störenfried von Polizei wegen ein derbes und wohl +sichtbares Loch in den Rock geschnitten wird; die innige Freude am +Singen und Sagen von den Taten der Vorzeit und die entschiedenste +Redner- und Dichtergabe; die Neugier - kein Kaufmann wird +durchgelassen, bevor er auf offener Straße erzählt hat, was er an +Neuigkeiten weiß oder nicht weiß - und die tolle Leichtgläubigkeit, die +auf solche Nachrichten hin handelt, weshalb in den besser geordneten +Kantons den Wandersleuten bei strenger Strafe verboten war, +unbeglaubigte Berichte andern als Gemeindebeamten mitzuteilen; die +kindliche Frömmigkeit, die in dem Priester den Vater sieht und ihn in +allen Dingen um Rat fragt; die unübertroffene Innigkeit des +Nationalgefühls und das fast familienartige Zusammenhalten der +Landsleute gegen den Fremden; die Geneigtheit, unter dem ersten besten +Führer sich aufzulehnen und Banden zu bilden, daneben aber die völlige +Unfähigkeit, den sicheren, von Übermut wie von Kleinmut entfernten Mut +sich zu bewahren, die rechte Zeit zum Abwarten und zum Losschlagen +wahrzunehmen, zu irgendeiner Organisation, zu irgend fester +militärischer oder politischer Disziplin zu gelangen oder auch nur sie +zu ertragen. Es ist und bleibt zu allen Zeiten und aller Orten dieselbe +faule und poetische, schwachmütige und innige, neugierige, +leichtgläubige, liebenswürdige, gescheite, aber politisch durch und +durch unbrauchbare Nation, und darum ist denn auch ihr Schicksal immer +und überall dasselbe gewesen. + +Aber daß dieses große Volk durch Caesars transalpinische Kriege +zugrunde ging, ist noch nicht das bedeutendste Ergebnis dieses +großartigen Unternehmens; weit folgenreicher als das negative war das +positive Resultat. Es leidet kaum einen Zweifel, daß, wenn das +Senatsregiment sein Scheinleben noch einige Menschenalter länger +gefristet hätte, die sogenannte Völkerwanderung vierhundert Jahre +früher eingetreten sein würde, als sie eingetreten ist, und eingetreten +sein würde zu einer Zeit, wo die italische Zivilisation sich weder in +Gallien noch an der Donau noch in Afrika und Spanien häuslich +niedergelassen hatte. Indem der große Feldherr und Staatsmann Roms mit +sicherem Blick in den deutschen Stämmen den ebenbürtigen Feind der +römisch-griechischen Welt erkannte; indem er das neue System offensiver +Verteidigung mit fester Hand selbst bis ins einzelne hinein begründete +und die Reichsgrenzen durch Flüsse oder künstliche Wälle verteidigen, +längs der Grenze die nächsten Barbarenstämme zur Abwehr der +entfernteren kolonisieren, das römische Heer durch geworbene Leute aus +den feindlichen Ländern rekrutieren lehrte, gewann er der +hellenisch-italischen Kultur die nötige Frist, um den Westen ebenso zu +zivilisieren, wie der Osten bereits von ihr zivilisiert war. +Gewöhnliche Menschen schauen die Früchte ihres Tuns; der Same, den +geniale Naturen streuen, geht langsam auf. Es dauerte Jahrhunderte, bis +man begriff, daß Alexander nicht bloß ein ephemeres Königreich im Osten +errichtet, sondern den Hellenismus nach Asien getragen habe; wieder +Jahrhunderte, bis man begriff, daß Caesar nicht bloß den Römern eine +neue Provinz erobert, sondern die Romanisierung der westlichen +Landschaften begründet habe. Auch von jenen militärisch leichtsinnigen +und zunächst erfolglosen Zügen nach England und Deutschland haben erst +die späten Nachfahren den Sinn erkannt. Ein ungeheurer Völkerkreis, von +dessen Dasein und Zuständen bis dahin kaum der Schiffer und der +Kaufmann einige Wahrheit und viele Dichtung berichtet hatten, ward +durch sie der römisch-griechischen Welt aufgeschlossen. “Täglich”, +heißt es in einer römischen Schrift vom Mai 698 (56), “melden die +gallischen Briefe und Botschaften uns bisher unbekannte Namen von +Völkern, Gauen und Landschaften”. Diese Erweiterung des geschichtlichen +Horizonts durch Caesars Züge jenseits der Alpen war ein +weltgeschichtliches Ereignis, so gut wie die Erkundung Amerikas durch +europäische Scharen. Zu dem engen Kreis der Mittelmeerstaaten traten +die mittel- und nordeuropäischen Völker, die Anwohner der Ost- und der +Nordsee hinzu, zu der alten Welt eine neue, die fortan durch jene +mitbestimmt ward und sie mitbestimmte. Es hat nicht viel gefehlt, daß +bereits von Ariovist das durchgeführt ward, was später dem gotischen +Theoderich gelang. Wäre dies geschehen, so würde unsere Zivilisation zu +der römisch-griechischen schwerlich in einem innerlicheren Verhältnis +stehen als zu der indischen und assyrischen Kultur. Daß von Hellas und +Italien vergangener Herrlichkeit zu dem stolzeren Bau der neueren +Weltgeschichte eine Brücke hinüberführt, daß Westeuropa romanisch, das +germanische Europa klassisch ist, daß die Namen Themistokles und Scipio +für uns einen anderen Klang haben, als Asoka und Salmanassar, daß Homer +und Sophokles nicht wie die Veden und Kalidasa nur den literarischen +Botaniker anziehen, sondern in dem eigenen Garten uns blühen, das ist +Caesars Werk; und wenn die Schöpfung seines großen Vorgängers im Osten +von den Sturmfluten des Mittelalters fast ganz zertrümmert worden ist, +so hat Caesars Bau die Jahrtausende überdauert, die dem +Menschengeschlecht Religion und Staat verwandelt, den Schwerpunkt der +Zivilisation selbst ihm verschoben haben, und für das, was wir Ewigkeit +nennen, steht er aufrecht. + +Um das Bild der Verhältnisse Roms zu den Völkern des Nordens in dieser +Zeit zu vollenden, bleibt es noch übrig, einen Blick auf die +Landschaften zu werfen, die nördlich der italischen und der +griechischen Halbinsel, von den Rheinquellen bis zum Schwarzen Meer +sich erstrecken. Zwar in das gewaltige Völkergetümmel, das auch dort +damals gewogt haben mag, reicht die Fackel der Geschichte nicht und die +einzelnen Streiflichter, die in dieses Gebiet fallen, sind, wie der +schwache Schimmer in tiefer Finsternis, mehr geeignet zu verwirren als +aufzuklären. Indes es ist die Pflicht des Geschichtschreibers, auch die +Lücken in dem Buche der Völkergeschichte zu bezeichnen; er darf es +nicht verschmähen, neben Caesars großartigem Verteidigungssystem der +dürftigen Anstalten zu gedenken, durch die die Feldherren des Senats +nach dieser Seite hin die Reichsgrenze zu schützen vermeinten. + +Das nordöstliche Italien blieb nach wie vor den Angriffen der +alpinischen Völkerschaften preisgegeben. Das im Jahre 695 (59) bei +Aquileia lagernde starke römische Heer und der Triumph des Statthalters +des Cisalpinischen Galliens, Lucius Afranius, lassen schließen, daß um +diese Zeit eine Expedition in die Alpen stattgefunden; wovon es eine +Folge sein mag, daß wir bald darauf die Römer in näherer Verbindung mit +einem König der Noriker finden. Daß aber auch nachher Italien durchaus +von dieser Seite nicht gesichert war, bewies der Überfall der blühenden +Stadt Tergeste durch die alpinischen Barbaren im Jahre 702 (52), als +die transalpinische Insurrektion Caesar genötigt hatte, Oberitalien +ganz von Truppen zu entblößen. + +Auch die unruhigen Völker, die den illyrischen Küstenstrich innehatten, +machten ihren römischen Herren beständig zu schaffen. Die Dalmater, +schon früher das ansehnlichste Volk dieser Gegend, vergrößerten durch +Aufnahme der Nachbarn in ihren Verband sich so ansehnlich, daß die Zahl +ihrer Ortschaften von zwanzig auf achtzig stieg. Als sie die Stadt +Promona (nicht weit vom Kerkafluß), die sie den Liburniern entrissen +hatten, diesen wiederherauszugeben sich weigerten, ließ Caesar nach der +Pharsalischen Schlacht gegen sie marschieren; aber die Römer zogen +hierbei zunächst den kürzeren, und infolgedessen ward Dalmatien für +einige Zeit ein Herd der Caesar feindlichen Partei und wurde hier den +Feldherren Caesars von den Einwohnern, in Verbindung mit den +Pompeianern und mit den Seeräubern, zu Lande und zu Wasser energischer +Widerstand geleistet. + +Makedonien endlich nebst Epirus und Hellas war so verödet und +heruntergekommen wie kaum ein anderer Teil des Römischen Reiches. +Dyrrhachion, Thessalonike, Byzantion hatten noch einigen Handel und +Verkehr; Athen zog durch seinen Namen und seine Philosophenschule die +Reisenden und die Studenten an; im ganzen aber lag über Hellas’ einst +volkreichen Städten und menschenwimmelnden Häfen die Ruhe des Grabes. +Aber wenn die Griechen sich nicht regten, so setzten dagegen die +Bewohner der schwer zugänglichen makedonischen Gebirge nach alter Weise +ihre Raubzüge und Fehden fort, wie denn zum Beispiel um 697/98 (57/56) +Agräer und Doloper die ätolischen Städte, im Jahre 700 (54) die in den +Drintälern wohnenden Pirusten das südliche Illyrien überrannten. Ebenso +hielten es die Anwohner. Die Dardaner an der Nordgrenze wie die Thraker +im Osten waren zwar in den achtjährigen Kämpfen 676 bis 683 (78-71) von +den Römern gedemütigt worden; der mächtigste unter den thrakischen +Fürsten, der Herr des alten Odrysenreichs Kotys, ward seitdem den +römischen Klientelkönigen beigezählt. Allein nichtsdestoweniger hatte +das befriedete Land nach wie vor von Norden und Osten her Einfälle zu +leiden. Der Statthalter Gaius Antonius ward übel heimgeschickt, sowohl +von den Dardanern, als auch von den in der heutigen Dobrudscha +ansässigen Stämmen, welche mit Hilfe der vom linken Donauufer +herbeigezogenen, gefürchteten Bastarner ihm bei Istropolis (Istere +unweit Kustendsche) eine bedeutende Niederlage beibrachten (692-693 +62-61). Glücklicher focht Gaius Octavius gegen Besser und Thraker (694 +60). Dagegen machte Marcus Piso (697-698 57-56) wiederum als +Oberfeldherr sehr schlechte Geschäfte, was auch kein Wunder war, da er +um Geld Freunden und Feinden gewährte, was sie wünschten. Die +thrakischen Dentheleten (am Strymon) plünderten unter seiner +Statthalterschaft Makedonien weit und breit und stellten auf der +großen, von Dyrrhachion nach Thessalonike führenden römischen +Heerstraße selbst ihre Posten aus; in Thessalonike machte man sich +darauf gefaßt, von ihnen eine Belagerung auszuhalten, während die +starke römische Armee in der Provinz nur da zu sein schien, um +zuzusehen, wie die Bergbewohner und die Nachbarvölker die friedlichen +Untertanen Roms brandschatzten. + +Dergleichen Angriffe konnten freilich Roms Macht nicht gefährden, und +auf eine Schande mehr kam es längst nicht mehr an. Aber eben um diese +Zeit begann jenseits der Donau, in den weiten dakischen Steppen, ein +Volk sich staatlich zu konsolidieren, das eine andere Rolle in der +Geschichte zu spielen bestimmt schien als die Besser und die +Dentheleten. Bei den Geten oder Dakern war in uralter Zeit dem König +des Volkes ein heiliger Mann zur Seite getreten, Zalmoxis genannt, der, +nachdem er der Götter Wege und Wunder auf weiten Reisen in der Fremde +erkundet und namentlich die Weisheit der ägyptischen Priester und der +griechischen Pythagoreer ergründet hatte, in seine Heimat +zurückgekommen war, um in einer Höhle des ‘Heiligen Berges’ als frommer +Einsiedler sein Leben zu beschließen. Nur dem König und dessen Dienern +blieb er zugänglich und spendete ihm und durch ihn dem Volke seine +Orakel für jedes wichtige Beginnen. Seinen Landsleuten galt er anfangs +als Priester des höchsten Gottes und zuletzt selber als Gott, ähnlich +wie es von Moses und Aaron heißt, daß der Herr den Aaron zum Propheten +und zum Gotte des Propheten den Moses gesetzt habe. Es war hieraus eine +bleibende Institution geworden: von Rechts wegen stand dem König der +Geten ein solcher Gott zur Seite, aus dessen Munde alles kam oder zu +kommen schien, was der König befahl. Diese eigentümliche Verfassung, in +der die theokratische Idee der, wie es scheint, absoluten Königsgewalt +dienstbar geworden war, mag den getischen Königen eine Stellung ihren +Untertanen gegenüber gegeben haben, wie etwa die Kalifen sie gegenüber +den Arabern haben; und eine Folge davon war die wunderbare +religiös-politische Reform der Nation, welche um diese Zeit der König +der Geten, Burebistas, und der Gott, Dekäneos, durchsetzten. Das +namentlich durch beispiellose Völlerei sittlich und staatlich gänzlich +heruntergekommene Volk ward durch das neue Mäßigkeits- und +Tapferkeitsevangelium wie umgewandelt; mit seinen sozusagen puritanisch +disziplinierten und begeisterten Scharen gründete König Burebistas +binnen wenigen Jahren ein gewaltiges Reich, das auf beiden Ufern der +Donau sich ausbreitete und südwärts bis tief in Thrakien, Illyrien und +das nordische Land hinein reichte. Eine unmittelbare Berührung mit den +Römern hatte noch nicht stattgefunden, und es konnte niemand sagen, was +aus diesem sonderbaren, an die Anfänge des Islam erinnernden Staat +werden möge; das aber mochte man, auch ohne Prophet zu sein, +vorherzusagen, daß Prokonsuln wie Antonius und Piso nicht berufen +waren, mit Göttern zu streiten. + + + + +KAPITEL VIII. +Pompeius’ und Caesars Gesamtherrschaft + + +Unter den Demokratenchefs, die seit Caesars Konsulat sozusagen +offiziell als die gemeinschaftlichen Beherrscher des Gemeinwesens, als +die regierenden “Dreimänner” anerkannt waren, nahm der öffentlichen +Meinung zufolge durchaus die erste Stelle Pompeius ein. Er war es, der +den Optimaten der “Privatdiktator” hieß; vor ihm tat Cicero seinen +vergeblichen Fußfall; ihm galten die schärfsten Sarkasmen in den +Mauerplakaten des Bibulus, die giftigsten Pfeile in den Salonreden der +Opposition. Es war dies nur in der Ordnung. Nach den vorliegenden +Tatsachen war Pompeius unbestritten der erste Feldherr seiner Zeit, +Caesar ein gewandter Parteiführer und Parteiredner, von unleugbaren +Talenten, aber ebenso notorisch von unkriegerischem, ja weibischem +Naturell. Diese Urteile waren seit langem geläufig; man konnte es von +dem vornehmen Pöbel nicht erwarten, daß er um das Wesen der Dinge sich +kümmere und einmal festgestellte Plattheiten wegen obskurer Heldentaten +am Tajo aufgebe. Offenbar spielte Caesar in dem Bunde nur die Rolle des +Adjutanten, der das für seinen Chef ausführte, was Flavius, Afranius +und andere, weniger fähige Werkzeuge versucht und nicht geleistet +hatten. Selbst seine Statthalterschaft schien dies Verhältnis nicht zu +ändern. Eine sehr ähnliche Stellung hatte erst kürzlich Afranius +eingenommen, ohne darum etwas Besonderes zu bedeuten; mehrere Provinzen +zugleich waren in den letzten Jahren wiederholentlich einem Statthalter +untergeben und schon oft weit mehr als vier Legionen in einer Hand +vereinigt gewesen; da es jenseits der Alpen wieder ruhig und Fürst +Ariovist von den Römern als Freund und Nachbar anerkannt war, so war +auch keine Aussicht zur Führung eines irgend ins Gewicht fallenden +Krieges. Die Vergleichung der Stellungen, wie sie Pompeius durch das +Gabinisch-Manilische, Caesar durch das Vatinische Gesetz erhalten +hatten, lag nahe; allein sie fiel nicht zu Caesars Vorteil aus. +Pompeius gebot fast über das gesamte Römische Reich, Caesar über zwei +Provinzen. Pompeius standen die Soldaten und die Kassen des Staats +beinahe unbeschränkt zur Verfügung, Caesar nur die ihm angewiesenen +Summen und ein Heer von 24000 Mann. Pompeius war es anheimgegeben, den +Zeitpunkt seines Rücktritts selber zu bestimmen; Caesars Kommando war +ihm zwar auf lange hinaus, aber doch nur auf eine begrenzte Frist +gesichert. Pompeius endlich war mit den wichtigsten Unternehmungen zur +See und zu Lande betraut worden; Caesar ward nach Norden gesandt, um +von Oberitalien aus die Hauptstadt zu überwachen und dafür zu sorgen, +daß Pompeius ungestört sie beherrsche. + +Aber als Pompeius von der Koalition zum Beherrscher der Hauptstadt +bestellt ward, übernahm er, was über seine Kräfte weit hinausging. +Pompeius verstand vom Herrschen nichts weiter, als was sich +zusammenfassen läßt in Parole und Kommando. Die Wellen des +hauptstädtischen Treibens gingen hohl, zugleich von vergangenen und von +zukünftigen Revolutionen; die Aufgabe, diese in jeder Hinsicht dem +Paris des neunzehnten Jahrhunderts vergleichbare Stadt ohne bewaffnete +Macht zu regieren, war unendlich schwer, für jenen eckigen vornehmen +Mustersoldaten aber geradezu unlösbar. Sehr bald war er so weit, daß +Feinde und Freunde, beide ihm gleich unbequem, seinetwegen machen +konnten, was ihnen beliebte; nach Caesars Abgang von Rom beherrschte +die Koalition wohl noch die Geschicke der Welt, aber nicht die Straßen +der Hauptstadt. Auch der Senat, dem ja immer noch eine Art nominellen +Regiments zustand, ließ die Dinge in der Hauptstadt gehen, wie sie +gehen konnten und mochten; zum Teil, weil der von der Koalition +beherrschten Fraktion dieser Körperschaft die Instruktionen der +Machthaber fehlten, zum Teil, weil die grollende Opposition aus +Gleichgültigkeit oder Pessimismus beiseite trat, hauptsächlich aber, +weil die gesamte hochadlige Körperschaft ihre vollständige Ohnmacht wo +nicht zu begreifen, doch zu fühlen begann. Augenblicklich also gab es +in Rom nirgends eine Widerstandskraft irgendwelcher Regierung, nirgends +eine wirkliche Autorität. Man lebte im Interregnum zwischen dem +zertrümmerten aristokratischen und dem werdenden militärischen +Regiment; und wenn das römische Gemeinwesen wie kein anderes alter oder +neuer Zeit alle verschiedensten politischen Funktionen und +Organisationen rein und normal dargestellt hat, so erscheint in ihm +auch die politische Desorganisation, die Anarchie, in einer nicht +beneidenswerten Schärfe. Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß in +denselben Jahren, in welchen Caesar jenseits der Alpen ein Werk für die +Ewigkeit schuf, in Rom eine der tollsten politischen Grotesken +aufgeführt ward, die jemals über die Bretter der Weltgeschichte +gegangen ist. Der neue Regent des Gemeinwesens regierte nicht, sondern +schloß sich in sein Haus ein und maulte im stillen. Die ehemalige, halb +abgesetzte Regierung regierte gleichfalls nicht, sondern seufzte, bald +einzeln in den traulichen Zirkeln der Villen, bald in der Kurie im +Chor. Der Teil der Bürgerschaft, dem Freiheit und Ordnung noch am +Herzen lagen, war des wüsten Treibens übersatt; aber völlig führer- und +ratlos verharrte er in nichtiger Passivität und mied nicht bloß jede +politische Tätigkeit, sondern, soweit es anging, das politische Sodom +selbst. Dagegen: das Gesindel aller Art hatte nie bessere Tage, nie +lustigere Tummelplätze gehabt. Die Zahl der kleinen großen Männer war +Legion. Die Demagogie ward völlig zum Handwerk, dem denn auch das +Handwerkszeug nicht fehlte: der verschabte Mantel, der verwilderte +Bart, das langflatternde Haar, die tiefe Baßstimme; und nicht selten +war es ein Handwerk mit goldenem Boden. Für die stehenden Brüllaktionen +waren die geprüften Gurgeln des Theaterpersonals ein begehrter Artikel +^1; Griechen und Juden, Freigelassene und Sklaven waren in den +öffentlichen Versammlungen die regelmäßigsten Besucher und die +lautesten Schreier; selbst wenn es zum Stimmen ging, bestand häufig nur +der kleinere Teil der Stimmenden aus verfassungsmäßig stimmberechtigten +Bürgern. “Nächstens”, heißt es in einem Briefe aus dieser Zeit, “können +wir erwarten, daß unsere Lakaien die Freilassungssteuer abvotieren.” +Die eigentlichen Mächte des Tages waren die geschlossenen und +bewaffneten Banden, die von vornehmen Abenteurern aus fechtgewohnten +Sklaven und Lumpen aufgestellten Bataillone der Anarchie. Ihre Inhaber +hatten von Haus aus meistenteils zur Popularpartei gezählt; aber seit +Caesars Entfernung, der der Demokratie allein zu imponieren und allein +sie zu lenken verstanden hatte, war aus derselben alle Disziplin +entwichen und jeder Parteigänger machte Politik auf seine eigene Hand. +Am liebsten fochten diese Leute freilich auch jetzt noch unter dem +Panier der Freiheit; aber genau genommen waren sie weder demokratisch +noch antidemokratisch gesinnt, sondern schrieben auf die einmal +unentbehrliche Fahne, wie es fiel, bald den Volksnamen, bald den Namen +des Senats oder den eines Parteichefs; wie denn zum Beispiel Clodius +nacheinander für die herrschende Demokratie, für den Senat und für +Crassus gefochten oder zu fechten vorgegeben hat. Farbe hielten die +Bandenführer nur insofern, als sie ihre persönlichen Feinde, wie +Clodius den Cicero, Milo den Clodius, unerbittlich verfolgten, wogegen +die Parteistellung ihnen nur als Schachzug in diesen Personenfehden +diente. Man könnte ebensogut ein Charivari auf Noten setzen als die +Geschichte dieses politischen Hexensabbaths schreiben wollen; es liegt +auch nichts daran, all die Mordtaten, Häuserbelagerungen, +Brandstiftungen und sonstigen Räuberszenen inmitten einer Weltstadt +aufzuzählen und nachzurechnen, wie oft die Skala vom Zischen und +Schreien zum Anspeien und Niedertreten und von da zum Steinewerfen und +Schwerterzücken durchgemacht ward. Der Protagonist auf diesem +politischen Lumpentheater war jener Publius Clodius, dessen, wie schon +erwähnt ward, die Machthaber sich gegen Cato und Cicero bedienten. Sich +selbst überlassen, trieb dieser einflußreiche, talentvolle, energische +und in seinem Metier in der Tat musterhafte Parteigänger während seines +Volkstribunats (696 58) ultrademokratische Politik, gab den Städtern +das Getreide umsonst, beschränkte das Recht der Zensoren, sittenlose +Bürger zu bemäkeln, untersagte den Beamten, durch religiöse +Formalitäten den Gang der Komitialmaschine zu hemmen, beseitigte die +Schranken, die kurz zuvor (690 64), um dem Bandenwesen zu steuern, dem +Assoziationsrecht der niederen Klassen gesetzt worden waren, und +stellte die damals aufgehobenen “Straßenklubs” (collegia compitalicia) +wieder her, welche nichts anderes waren als eine förmliche, nach den +Gassen abgeteilte und fast militärisch gegliederte Organisation des +gesamten hauptstädtischen Freien- oder Sklavenproletariats. Wenn dazu +noch das weitere Gesetz, das Clodius ebenfalls bereits entworfen hatte +und als Prätor 702 (52) einzubringen gedachte, den Freigelassenen und +den im tatsächlichen Besitz der Freiheit lebenden Sklaven die gleichen +politischen Rechte mit den Freigeborenen gab, so konnte der Urheber all +dieser tapferen Verfassungsbesserungen sein Werk für vollendet erklären +und als neuer Numa der Freiheit und Gleichheit den süßen Pöbel der +Hauptstadt einladen, in dem auf einer seiner Brandstätten am Palatin +von ihm errichteten Tempel der Freiheit ihn zur Feier des eingetretenen +demokratischen Millenniums das Hochamt zelebrieren zu sehen. Natürlich +schlossen diese Freiheitsbestrebungen den Schacher mit +Bürgerschaftsbeschlüssen nicht aus; wie Caesar hielt auch Caesars Affe +für seine Mitbürger Statthalterschaften und andere Posten und Pöstchen, +für die untertänigen Könige und Städte die Herrlichkeitsrechte des +Staates feil. + +———————————————————————— + +^1 Das heißt cantorum convicio contiones celebrare (Cic. Sest. 55, +118). + +———————————————————————— + +All diesen Dingen sah Pompeius zu, ohne sich zu regen. Wenn er es nicht +empfand, wie arg er damit sich kompromittierte, so empfand es sein +Gegner. Clodius ward so dreist, daß er über eine ganz gleichgültige +Frage, die Rücksendung eines gefangenen armenischen Prinzen, mit dem +Regenten von Rom geradezu anband; und bald ward der Zwist zur +förmlichen Fehde, in der Pompeius’ völlige Hilflosigkeit zu Tage kam. +Das Haupt des Staates wußte dem Parteigänger nichts anders zu begegnen +als mit dessen eigenen, nur weit ungeschickter geführten Waffen. War er +von Clodius wegen des armenischen Prinzen schikaniert worden, so +ärgerte er ihn wieder, indem er den von Clodius über alles gehaßten +Cicero aus dem Exil erlöste, in das ihn Clodius gesandt hatte, und +erreichte denn auch so gründlich seinen Zweck, daß er den Gegner in +einen unversöhnlichen Feind verwandelte. Wenn Clodius mit seinen Banden +die Straßen unsicher machte, so ließ der siegreiche Feldherr +gleichfalls Sklaven und Fechter marschieren, in welchen Balgereien +natürlich der General gegen den Demagogen den kürzeren zog, auf der +Straße geschlagen, und von Clodius und dessen Spießgesellen Gaius Cato +in seinem Garten fast beständig in Belagerung gehalten ward. Es ist +nicht der am wenigsten merkwürdige Zug in diesem merkwürdigen +Schauspiel, daß in ihrem Hader der Regent und der Schwindler beide +wetteifernd um die Gunst der gestürzten Regierung buhlten, Pompeius, +zum Teil auch, um dem Senat gefällig zu sein, Ciceros Zurückberufung +zuließ, Clodius dagegen die Julischen Gesetze für nichtig erklärte und +Marcus Bibulus aufrief, deren verfassungswidrige Durchbringung +öffentlich zu bezeugen! + +Ein positives Resultat konnte natürlicherweise aus diesem Brodel trüber +Leidenschaften nicht hervorgehen; der eigentlichste Charakter desselben +war eben seine bis zum Gräßlichen lächerliche Zwecklosigkeit. Selbst +ein Mann von Caesars Genialität hatte es erfahren müssen, daß das +demokratische Treiben vollständig abgenutzt war und sogar der Weg zum +Thron nicht mehr durch die Demagogie ging. Es war nichts weiter als ein +geschichtlicher Lückenbüßer, wenn jetzt, in dem Interregnum zwischen +Republik und Monarchie, irgendein toller Geselle mit des Propheten +Mantel und Stab, die Caesar selbst abgelegt hatte, sich noch einmal +staffierte und noch einmal Gaius Gracchus’ große Ideale parodisch +verzerrt über die Szene gingen; die sogenannte Partei, von der diese +demokratische Agitation ausging, war so wenig eine, daß ihr später in +dem Entscheidungskampf nicht einmal eine Rolle zufiel. Selbst das läßt +sich nicht behaupten, daß durch diesen anarchistischen Zustand das +Verlangen nach einer starken, auf Militärmacht gegründeten Regierung in +den Gemütern der politisch indifferent Gesinnten lebendig angefacht +worden sei. Auch abgesehen davon, daß diese neutrale Bürgerschaft +hauptsächlich außerhalb Roms zu suchen war und also von dem +hauptstädtischen Krawallieren nicht unmittelbar berührt ward, so waren +diejenigen Gemüter, die überhaupt durch solche Motive sich bestimmen +ließen, schon durch frühere Erfahrungen, namentlich die Catilinarische +Verschwörung, gründlich zum Autoritätsprinzip bekehrt worden; auf die +eigentlichen Ängsterlinge aber wirkte die Furcht vor der von dem +Verfassungsumsturz unzertrennlichen, ungeheuren Krise bei weitem +nachdrücklicher als die Furcht vor der bloßen Fortdauer der im Grunde +doch sehr oberflächlichen hauptstädtischen Anarchie. Das einzige +Ergebnis derselben, das geschichtlich in Anschlag kommt, ist die +peinliche Stellung, in die Pompeius durch die Angriffe der Clodianer +geriet und durch die seine weiteren Schritte wesentlich mitbedingt +wurden. + +Wie wenig Pompeius auch die Initiative liebte und verstand, so ward er +doch diesmal durch die Veränderung seiner Stellung sowohl Clodius als +Caesar gegenüber gezwungen, aus seiner bisherigen Passivität +herauszutreten. Die verdrießliche und schimpfliche Lage, in die ihn +Clodius versetzt hatte, mußte auf die Länge selbst seine träge Natur zu +Haß und Zorn entflammen. Aber weit wichtiger war die Verwandlung, die +in seinem Verhältnis zu Caesar stattgefunden hatte. Wenn von den beiden +verbündeten Machthabern Pompeius in der übernommenen Tätigkeit +vollkommen bankrott geworden war, so hatte Caesar aus seiner Kompetenz +etwas zu machen gewußt, was jede Berechnung wie jede Befürchtung weit +hinter sich ließ. Ohne wegen der Erlaubnis viel anzufragen, hatte +Caesar durch Aushebungen in seiner großenteils von römischen Bürgern +bewohnten südlichen Provinz sein Heer verdoppelt, hatte mit diesem, +statt von Norditalien aus über Rom Wache zu halten, die Alpen +überschritten, eine neue kimbrische Invasion im Beginn erstickt und +binnen zwei Jahren (696, 697 58, 57) die römischen Waffen bis an den +Rhein und den Kanal getragen. Solchen Tatsachen gegenüber ging selbst +der aristokratischen Taktik des Ignorierens und Verkleinerns der Atem +aus. Der oft als Zärtling Verhöhnte war jetzt der Abgott der Armee, der +gefeierte sieggekrönte Held, dessen junge Lorbeeren die welken des +Pompeius überglänzten und dem sogar der Senat die nach glücklichen +Feldzügen üblichen Ehrenbezeigungen schon 697 (57) in reicherem Maße +zuerkannte, als sie je Pompeius zuteil geworden waren. Pompeius stand +zu seinem ehemaligen Adjutanten, genau wie nach den +Gabinisch-Manilischen Gesetzen dieser gegen ihn gestanden hatte. Jetzt +war Caesar der Held des Tages und der Herr der mächtigsten römischen +Armee, Pompeius ein ehemals berühmter Exgeneral. Zwar war es zwischen +Schwiegervater und Schwiegersohn noch zu keiner Kollision gekommen und +das Verhältnis äußerlich ungetrübt; aber jedes politische Bündnis ist +innerlich aufgelöst, wenn das Machtverhältnis der Beteiligten sich +wesentlich verschiebt. Wenn der Zank mit Clodius nur ärgerlich war, so +lag in der veränderten Stellung Caesars für Pompeius eine sehr ernste +Gefahr: ebenwie einst Caesar und dessen Verbündete gegen ihn, so sah +jetzt er sich genötigt, gegen Caesar einen militärischen Rückhalt zu +suchen und, seine stolze Amtlosigkeit beiseitelegend, aufzutreten als +Bewerber um irgendein außerordentliches Amt, das ihn in den Stand +setzte, dem Statthalter der beiden Gallien mit gleicher und womöglich +mit überlegener Macht zur Seite zu bleiben. Wie seine Lage, war auch +seine Taktik genau die Caesars während des Mithradatischen Krieges. Um +die Militärmacht des überlegenen, aber noch entfernten Gegners durch +die Erlangung eines ähnlichen Kommandos aufzuwiegen, bedurfte Pompeius +zunächst der offiziellen Regierungsmaschine. Anderthalb Jahre zuvor +hatte diese unbedingt ihm zur Verfügung gestanden. Die Machthaber +beherrschten den Senat damals sowohl durch die Komitien, die ihnen als +den Herren der Straße unbedingt gehorchten, wie durch den von Caesar +energisch terrorisierten Senat; als Vertreter der Koalition in Rom und +als deren anerkanntes Haupt hätte Pompeius vom Senat wie von der +Bürgerschaft ohne Zweifel jeden Beschluß erlangt, den er wünschte, +selbst wenn er gegen Caesars Interesse war. Allein durch den +ungeschickten Handel mit Clodius hatte Pompeius die Straßenherrschaft +eingebüßt und konnte nicht daran denken, einen Antrag zu seinen Gunsten +bei der Volksgemeinde durchzusetzen. Nicht ganz so ungünstig standen +die Dinge für ihn im Senat; doch war es auch hier zweifelhaft, ob +Pompeius nach dieser langen und verhängnisvollen Passivität die Zügel +der Majorität noch fest genug in der Hand habe, um einen Beschluß, wie +er ihn brauchte, zu bewirken. + +Auch die Stellung des Senats, oder vielmehr der Nobilität überhaupt, +war inzwischen eine andere geworden. Eben aus ihrer vollständigen +Erniedrigung schöpfte sie frische Kräfte. Es war bei der Koalition von +694 (60) verschiedenes an den Tag gekommen, was für das Sonnenlicht +noch keineswegs reif war. Die Entfernung Catos und Ciceros, welche die +öffentliche Meinung, wie sehr auch die Machthaber dabei sich +zurückhielten und sogar sich die Miene gaben, sie zu beklagen, mit +ungeirrtem Takt auf ihre wahren Urheber zurückführte, und die +Verschwägerung zwischen Caesar und Pompeius erinnerten mit +unerfreulicher Deutlichkeit an monarchische Ausweisungsdekrete und +Familienallianzen. Auch das größere Publikum, das den politischen +Ereignissen ferner stand, ward aufmerksam auf die immer bestimmter +hervortretenden Grundlagen der künftigen Monarchie. Von dem Augenblick +an, wo dieses begriff, daß es Caesar nicht um eine Modifikation der +republikanischen Verfassung zu tun sei, sondern daß es sich handle um +Sein oder Nichtsein der Republik, werden unfehlbar eine Menge der +besten Männer, die bisher sich zur Popularpartei gerechnet und in +Caesar ihr Haupt verehrt hatten, auf die entgegengesetzte Seite +übergetreten sein. Nicht mehr in den Salons und den Landhäusern des +regierenden Adels allein wurden die Reden von den “drei Dynasten”, dem +“dreiköpfigen Ungeheuer” vernommen. Caesars konsularischen Reden +horchte die Menge dichtgedrängt, ohne daß Zuruf oder Beifall aus ihr +erscholl; keine Hand regte sich zum Klatschen, wenn der demokratische +Konsul in das Theater trat. Wohl aber pfiff man, wo eines der Werkzeuge +der Machthaber öffentlich sich sehen ließ, und selbst gesetzte Männer +klatschten, wenn ein Schauspieler eine antimonarchische Sentenz oder +eine Anspielung gegen Pompeius vorbrachte. Ja als Cicero ausgewiesen +werden sollte, legten eine große Zahl - angeblich zwanzigtausend - +Bürger, größtenteils aus den Mittelklassen, nach dem Beispiel des +Senats das Trauergewand an. “Nichts ist jetzt populärer”, heißt es in +einem Briefe aus dieser Zeit, “als der Haß der Popularpartei.” Die +Machthaber ließen Andeutungen fallen, daß durch solche Opposition +leicht die Ritter ihre neuen Sonderplätze im Theater, der gemeine Mann +sein Brotkorn einbüßen könne; man nahm darauf mit den Äußerungen des +Unwillens sich vielleicht etwas mehr in acht, aber die Stimmung blieb +die gleiche. Mit besserem Erfolg ward der Hebel der materiellen +Interessen angesetzt. Caesars Gold floß in Strömen. Scheinreiche mit +zerrütteten Finanzen, einflußreiche, in Geldverlegenheiten befangene +Damen, verschuldete junge Adlige, bedrängte Kaufleute und Bankiers +gingen entweder selbst nach Gallien, um an der Quelle zu schöpfen, oder +wandten sich an Caesars hauptstädtische Agenten; und nicht leicht ward +ein äußerlich anständiger Mann - mit ganz verlorenem Gesindel mied +Caesar sich einzulassen - dort oder hier zurückgewiesen. Dazu kamen die +ungeheuren Bauten, die Caesar für seine Rechnung in der Hauptstadt +ausführen ließ und bei denen eine Unzahl von Menschen aller Stände vom +Konsular bis zum Lastträger hinab Gelegenheit fand zu verdienen, sowie +die unermeßlichen, für öffentliche Lustbarkeiten aufgewandten Summen. +In beschränkterem Maße tat Pompeius das gleiche; ihm verdankte die +Hauptstadt das erste steinerne Theater, und er feierte dessen +Einweihung mit einer nie zuvor gesehenen Pracht. Daß solche Spenden +eine Menge oppositionell Gesinnter, namentlich in der Hauptstadt, mit +der neuen Ordnung der Dinge bis zu einem gewissen Grade aussöhnten, +versteht sich ebenso von selbst, wie daß der Kern der Opposition diesem +Korruptionssystem nicht erreichbar war. Immer deutlicher kam es zu +Tage, wie tief die bestehende Verfassung im Volke Wurzel geschlagen +hatte und wie wenig namentlich die dem unmittelbaren Parteitreiben +ferner stehenden Kreise, vor allem die Landstädte, der Monarchie +geneigt oder auch nur bereit waren, sie über sich ergehen zu lassen. +Hätte Rom eine Repräsentativverfassung gehabt, so würde die +Unzufriedenheit der Bürgerschaft ihren natürlichen Ausdruck in den +Wahlen gefunden und, indem sie sich aussprach, sich gesteigert haben; +unter den bestehenden Verhältnissen blieb den Verfassungstreuen nichts +übrig als dem Senat, der, herabgekommen wie er war, doch immer noch als +Vertreter und Verfechter der legitimen Republik erschien, sich +unterzuordnen. So kam es, daß der Senat, jetzt da er gestürzt worden +war, plötzlich eine weit ansehnlichere und weit ernstlicher getreue +Armee zu seiner Verfügung fand, als da er in Macht und Glanz die +Gracchen stürzte und, geschirmt durch Sullas Säbel, den Staat +restaurierte. Die Aristokratie empfand es; sie fing wieder an sich zu +regen. Eben jetzt hatte Marcus Cicero, nachdem er sich verpflichtet +hatte, den Gehorsam im Senat sich anzuschließen und nicht bloß keine +Opposition zu machen, sondern nach Kräften für die Machthaber zu +wirken, von denselben die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten. Obwohl +Pompeius der Oligarchie hiermit nur beiläufig eine Konzession machte +und vor allem dem Clodius einen Possen zu spielen, demnächst ein durch +hinreichende Schläge geschmeidigtes Werkzeug in dem redefertigen +Konsular zu erwerben bedacht war, so nahm man doch die Gelegenheit +wahr, wie Ciceros Verbannung eine Demonstration gegen den Senat gewesen +war, so seine Rückkehr zu republikanischen Demonstrationen zu benutzen. +In möglichst feierlicher Weise, übrigens gegen die Clodianer durch die +Bande des Titus Annius Milo geschützt, brachten beide Konsuln nach +vorgängigem Senatsbeschluß einen Antrag an die Bürgerschaft, dem +Konsular Cicero die Rückkehr zu gestatten, und der Senat rief sämtliche +verfassungstreue Bürger auf, bei der Abstimmung nicht zu fehlen. +Wirklich versammelte sich am Tage der Abstimmung (4. August 697 57) in +Rom namentlich aus den Landstädten eine ungewöhnliche Anzahl achtbarer +Männer. Die Reise des Konsulars von Brundisium nach der Hauptstadt gab +Gelegenheit zu einer Reihe ähnlicher, nicht minder glänzender +Manifestationen der öffentlichen Meinung. Das neue Bündnis zwischen dem +Senat und der verfassungstreuen Bürgerschaft ward bei dieser +Gelegenheit gleichsam öffentlich bekannt gemacht und eine Art Revue +über die letztere gehalten, deren überraschend günstiges Ergebnis nicht +wenig dazu beitrug, den gesunkenen Mut der Aristokratie +wiederaufzurichten. Pompeius’ Hilflosigkeit gegenüber diesen trotzigen +Demonstrationen sowie die unwürdige und beinahe lächerliche Stellung, +in die er Clodius gegenüber geraten war, brachten ihn und die Koalition +um ihren Kredit; und die Fraktion des Senats, welche derselben anhing, +durch Pompeius’ seltene Ungeschicklichkeit demoralisiert und ratlos +sich selber überlassen, konnte nicht verhindern, daß in dem Kollegium +die republikanisch-aristokratische Partei wieder völlig die Oberhand +gewann. Das Spiel dieser stand in der Tat damals - 697 (57) - für einen +mutigen und geschickten Spieler noch keineswegs verzweifelt. Sie hatte +jetzt, was sie seit einem Jahrhundert nicht gehabt, festen Rückhalt in +dem Volke; vertraute sie diesem und sich selber, so konnte sie auf dem +kürzesten und ehrenvollsten Wege zum Ziel gelangen. Warum nicht die +Machthaber mit offenem Visier angreifen? Warum kassierte nicht ein +entschlossener und namhafter Mann an der Spitze des Senats die +außerordentlichen Gewalten als verfassungswidrig und rief die +sämtlichen Republikaner Italiens gegen die Tyrannen und deren Anhang +unter die Waffen? Möglich war es wohl, auf diesem Wege die +Senatsherrschaft noch einmal zu restaurieren. Allerdings spielten die +Republikaner damit hohes Spiel; aber vielleicht wäre auch hier, wie so +oft, der mutigste Entschluß zugleich der klügste gewesen. Nur freilich +war die schlaffe Aristokratie dieser Zeit eines solchen einfachen und +mutigen Entschlusses kaum noch fähig. Aber es gab einen anderen, +vielleicht sichereren, auf jeden Fall der Art und Natur dieser +Verfassungsgetreuen angemesseneren Weg: sie konnten darauf hinarbeiten, +die beiden Machthaber zu entzweien und durch diese Entzweiung +schließlich selber ans Ruder zu gelangen. Das Verhältnis der den Staat +beherrschenden Männer hatte sich verschoben und gelockert, seit Caesar +übermächtig neben Pompeius sich gestellt und diesen genötigt hatte, um +eine neue Machtstellung zu werben; es war wahrscheinlich, daß, wenn er +dieselbe erlangte, es damit auf die eine oder die andere Weise zwischen +ihnen zum Bruch und zum Kampfe kam. Blieb in diesem Pompeius allein, so +war seine Niederlage kaum zweifelhaft, und die Verfassungspartei fand +in diesem Fall nach beendigtem Kampfe nur statt unter der Zwei-, sich +unter der Einherrschaft. Allein, wenn die Nobilität gegen Caesar +dasselbe Mittel wandte, durch das dieser seine bisherigen Siege +erfochten hatte, und mit dem schwächeren Nebenbuhler in Bündnis trat, +so blieb mit einem Feldherrn wie Pompeius, mit einem Heere wie das der +Verfassungstreuen war, der Sieg wahrscheinlich diesen; nach dem Siege +aber mit Pompeius fertig zu werden, konnte, nach den Beweisen von +politischer Unfähigkeit, die derselbe zeither gegeben, nicht als eine +besonders schwierige Aufgabe erscheinen. + +Die Dinge hatten sich dahin gewandt, eine Verständigung zwischen +Pompeius und der republikanischen Partei beiden nahezulegen; ob es zu +einer solchen Annäherung kommen und wie überhaupt das völlig unklar +gewordene Verhältnis der beiden Machthaber und der Aristokratie +gegeneinander zunächst sich stellen werde, mußte sich entscheiden, als +im Herbst 697 (57) Pompeius mit dem Antrag an den Senat ging, ihn mit +einer außerordentlichen Amtsgewalt zu betrauen. Er knüpfte wieder an an +das, wodurch er elf Jahre zuvor seine Macht begründet hatte: an die +Brotpreise in der Hauptstadt, die ebendamals wie vor dem Gabinischen +Gesetz eine drückende Höhe erreicht hatten. Ob sie durch besondere +Machinationen hinaufgetrieben worden waren, wie deren Clodius bald dem +Pompeius, bald dem Cicero und diese wieder jenem Schuld gaben, läßt +sich nicht entscheiden; die fortdauernde Piraterie, die Leere des +öffentlichen Schatzes und die lässige und unordentliche Überwachung der +Kornzufuhr durch die Regierung reichten übrigens auch ohne politischen +Kornwucher an sich schon vollkommen aus, um in einer fast lediglich auf +überseeische Zufuhr angewiesenen Großstadt Brotteuerungen +herbeizuführen. Pompeius’ Plan war, sich vom Senat die Oberaufsicht +über das Getreidewesen im ganzen Umfang des Römischen Reiches und zu +diesem Endzwecke teils das unbeschränkte Verfügungsrecht über die +römische Staatskasse, teils Heer und Flotte übertragen zu lassen, sowie +ein Kommando, welches nicht bloß über das ganze Römische Reich sich +erstreckte, sondern dem auch in jeder Provinz das des Statthalters wich +- kurz, er beabsichtigte, eine verbesserte Auflage des Gabinischen +Gesetzes zu veranstalten, woran sich sodann die Führung des eben damals +schwebenden Ägyptischen Krieges ebenso von selbst angeschlossen haben +würde wie die des Mithradatischen an die Razzia gegen die Piraten. Wie +sehr auch die Opposition gegen die neuen Dynasten in den letzten Jahren +Boden gewonnen hatte, es stand dennoch, als diese Angelegenheit im +September 697 (57) im Senat zur Verhandlung kam, die Majorität +desselben noch unter dem Bann des von Caesar erregten Schreckens. +Gehorsam nahm sie den Vorschlag im Prinzip an, und zwar auf Antrag des +Marcus Cicero, der hier den ersten Beweis der in der Verbannung +gelernten Fügsamkeit geben sollte und gab. Allein bei der Feststellung +der Modalitäten wurden von dem ursprünglichen Plane, den der +Volkstribun Gaius Messius vorlegte, doch sehr wesentliche Stücke +abgedungen. Pompeius erhielt weder freie Verfügung über das Ärar, noch +eigene Legionen und Schiffe, noch auch eine der der Statthalter +übergeordnete Gewalt, sondern man begnügte sich, ihm zum Behuf der +Ordnung des hauptstädtischen Verpflegungswesens ansehnliche Summen, +fünfzehn Adjutanten und in allen Verpflegungsangelegenheiten volle +prokonsularische Gewalt im ganzen römischen Gebiet auf die nächsten +fünf Jahre zu bewilligen und dies Dekret von der Bürgerschaft +bestätigen zu lassen. Es waren sehr mannigfaltige Ursachen, welche +diese, fast einer Ablehnung gleichkommende Abänderung des +ursprünglichen Planes herbeiführten: die Rücksicht auf Caesar, dem in +Gallien selbst seinen Kollegen nicht bloß neben-, sondern überzuordnen +eben die Furchtsamsten am meisten Bedenken tragen mußten; die +versteckte Opposition von Pompeius’ Erbfeind und widerwilligem +Bundesgenossen Crassus, dem Pompeius selber zunächst das Scheitern +seines Planes beimaß oder beizumessen vorgab; die Antipathien der +republikanischen Opposition im Senat gegen jeden die Gewalt der +Machthaber der Sache oder auch nur dem Namen nach erweiternden +Beschluß; endlich und zunächst die eigene Unfähigkeit des Pompeius, +der, selbst nachdem er hatte handeln müssen, es nicht über sich +gewinnen konnte, zum Handeln sich zu bekennen, sondern wie immer seine +wahre Absicht gleichsam im Inkognito durch seine Freunde vorführen +ließ, selber aber in bekannter Bescheidenheit erklärte, auch mit +Geringerem sich begnügen zu wollen. Kein Wunder, daß man ihn beim Worte +nahm und ihm das Geringere gab. Pompeius war nichtsdestoweniger froh, +wenigstens eine ernstliche Tätigkeit und vor allen Dingen einen +schicklichen Vorwand gefunden zu haben, um die Hauptstadt zu verlassen; +es gelang ihm auch, freilich nicht ohne daß die Provinzen den +Rückschlag schwer empfanden, dieselbe mit reichlicher und billiger +Zufuhr zu versehen. Aber seinen eigentlichen Zweck hatte er verfehlt; +der Prokonsulartitel, den er berechtigt war in allen Provinzen zu +führen, blieb ein leerer Name, solange er nicht über eigene Truppen +verfügte. Darum ließ er bald darauf den zweiten Antrag an den Senat +gelangen, daß derselbe ihm den Auftrag erteilen möge, den vertriebenen +König von Ägypten, wenn nötig mit Waffengewalt, in seine Heimat +zurückzuführen. Allein je mehr es offenbar ward, wie dringend er des +Senats bedurfte, desto weniger nachgiebig und weniger rücksichtsvoll +nahmen die Senatoren sein Anliegen auf. Zunächst ward in den +Sibyllinischen Orakeln entdeckt, daß es gottlos sei, ein römisches Heer +nach Ägypten zu senden; worauf der fromme Senat fast einstimmig +beschloß, von der bewaffneten Intervention abzustehen. Pompeius war +bereits so gedemütigt, daß er auch ohne Heer die Sendung angenommen +haben würde; allein in seiner unverbesserlichen Hinterhältigkeit ließ +er auch dies nur durch seine Freunde erklären und sprach und stimmte +für die Absendung eines anderen Senators. Natürlich wies der Senat +jenen Vorschlag zurück, der ein dem Vaterlande so kostbares Leben +freventlich preisgab, und das schließliche Ergebnis der endlosen +Verhandlungen war der Beschluß, überhaupt in Ägypten nicht zu +intervenieren (Januar 698 56). + +Diese wiederholten Zurückweisungen, die Pompeius im Senat erfuhr und, +was schlimmer war, hingehen lassen mußte, ohne sie wettzumachen, galten +natürlich, mochten sie kommen von welcher Seite sie wollten, dem großen +Publikum als ebensoviele Siege der Republikaner und Niederlagen der +Machthaber überhaupt; die Flut der republikanischen Opposition war +demgemäß im stetigen Steigen. Schon die Wahlen für 698 (56) waren nur +zum Teil im Sinne der Dynasten ausgefallen: Caesars Kandidaten für die +Prätur, Publius Vatinius und Gaius Alfius, waren durchgegangen, dagegen +zwei entschiedene Anhänger der gestürzten Regierung, Gnaeus Lentulus +Marcellinus und Gnaeus Domitius Calvinus, jener zum Konsul, dieser zum +Prätor gewählt worden. Für 699 (55) aber war als Bewerber um das +Konsulat gar Lucius Domitius Ahenobarbus aufgetreten, dessen Wahl bei +seinem Einfluß in der Hauptstadt und seinem kolossalen Vermögen schwer +zu verhindern und von dem es hinreichend bekannt war, daß er sich nicht +an verdeckter Opposition werde genügen lassen. Die Komitien also +rebellierten; und der Senat stimmte ein. Es ward feierlich von ihm +geratschlagt über ein Gutachten, das etruskische Wahrsager von +anerkannter Weisheit über gewisse Zeichen und Wunder auf Verlangen des +Senats abgegeben hatten. Die himmlische Offenbarung verkündete, daß +durch den Zwist der höheren Stände die ganze Gewalt über Heer und +Schatz auf einen Gebieter überzugehen und der Staat in Unfreiheit zu +geraten drohe - es schien, daß die Götter zunächst auf den Antrag des +Gaius Messius zielten. Bald stiegen die Republikaner vom Himmel auf die +Erde herab. Das Gesetz über das Gebiet von Capua und die übrigen von +Caesar als Konsul erlassenen Gesetze waren von ihnen stets als nichtig +bezeichnet, und schon im Dezember 697 (57) im Senat geäußert worden, +daß es erforderlich sei, sie wegen ihrer Formfehler zu kassieren. Am 6. +April 698 (56) stellte der Konsular Cicero im vollen Senat den Antrag, +die Beratung über die kampanische Ackerverteilung für den 15. Mai auf +die Tagesordnung zu setzen. Es war die förmliche Kriegserklärung; und +sie war um so bezeichnender, als sie aus dem Munde eines jener Männer +kam, die nur dann ihre Farbe zeigen, wenn sie meinen, es mit Sicherheit +tun zu können. Offenbar hielt die Aristokratie den Augenblick gekommen, +um den Kampf nicht mit Pompeius gegen Caesar, sondern gegen die +Tyrannis überhaupt zu beginnen. Was weiter folgen werde, war leicht zu +sehen. Domitius hatte es kein Hehl, daß er als Konsul Caesars sofortige +Abberufung aus Gallien bei der Bürgerschaft zu beantragen beabsichtige. +Eine aristokratische Restauration war im Werke; und mit dem Angriff auf +die Kolonie Capua warf die Nobilität den Machthabern den Handschuh hin. + +Caesar, obwohl er über die hauptstädtischen Ereignisse von Tag zu Tag +detaillierte Berichte empfing und, wenn die militärischen Rücksichten +es irgend erlaubten, sie von seiner Südprovinz aus in möglichster Nähe +verfolgte, hatte doch bisher sichtbar wenigstens nicht in dieselben +eingegriffen. Aber jetzt hatte man ihm so gut wie seinen Kollegen, ja +ihm vornehmlich, den Krieg erklärt, er mußte handeln und handelte +rasch. Eben befand er sich in der Nähe; die Aristokratie hatte nicht +einmal für gut befunden, mit dem Bruche zu warten, bis er wieder über +die Alpen zurückgegangen sein würde. Anfang April 698 (56) verließ +Crassus die Hauptstadt, um mit seinem mächtigeren Kollegen das +Erforderliche zu verabreden; er fand Caesar in Ravenna. Von da aus +begaben beide sich nach Luca und hier traf auch Pompeius mit ihnen +zusammen, der bald nach Crassus (11. April), angeblich um die +Getreidesendungen aus Sardinien und Afrika zu betreiben, sich von Rom +entfernt hatte. Die namhaftesten Anhänger der Machthaber, wie der +Prokonsul des diesseitigen Spaniens, Metellus Nepos, der Proprätor von +Sardinien, Appius Claudius, und viele andere, folgten ihnen nach; +hundertundzwanzig Liktoren, über zweihundert Senatoren zählte man auf +dieser Konferenz, wo bereits, im Gegensatz zu dem republikanischen, der +neue monarchische Senat repräsentiert war. In jeder Hinsicht stand das +entscheidende Wort bei Caesar. Er benutzte es, um die bestehende +Gesamtherrschaft auf einer neuen Basis gleichmäßigerer Machtverteilung +wiederherzustellen und fester zu gründen. Die militärisch bedeutendsten +Statthalterschaften, die es neben der der beiden Gallien gab, wurden +den zwei Kollegen zugestanden: Pompeius die beider Spanien, Crassus die +von Syrien, welche Ämter ihnen durch Volksschluß auf fünf Jahre +(700-704 54-50) gesichert und militärisch wie finanziell angemessen +ausgestattet werden sollten. Dagegen bedang Caesar sich die +Verlängerung seines Kommandos, das mit dem Jahre 700 (54) zu Ende lief, +bis zum Schluß des Jahres 705 (49) aus, sowie die Befugnis, seine +Legionen auf zehn zu vermehren und die Übernahme des Soldes für die +eigenmächtig von ihm ausgehobenen Truppen auf die Staatskasse. Pompeius +und Crassus ward ferner für das nächste Jahr (699 55), bevor sie in +ihre Statthalterschaften abgingen, das zweite Konsulat zugesagt, +während Caesar es sich offen hielt, gleich nach Beendigung seiner +Statthalterschaft im Jahre 706 (48), wo das gesetzlich zwischen zwei +Konsulaten erforderliche zehnjährige Intervall für ihn verstrichen war, +zum zweitenmal das höchste Amt zu verwalten. Den militärischen +Rückhalt, dessen Pompeius und Crassus zur Regulierung der +hauptstädtischen Verhältnisse um so mehr bedurften, als die +ursprünglich hierzu bestimmten Legionen Caesars jetzt aus dem +Transalpinischen Gallien nicht weggezogen werden konnten, fanden sie in +den Legionen, die sie für die spanischen und syrischen Armeen neu +ausheben und erst, wenn es ihnen selber angemessen schiene, von Italien +aus an ihre verschiedenen Bestimmungsplätze abgehen lassen sollten. Die +Hauptfragen waren damit erledigt; die untergeordneten Dinge, wie die +Festsetzung der gegen die hauptstädtische Opposition zu befolgenden +Taktik, die Regulierung der Kandidaturen für die nächsten Jahre und +dergleichen mehr, hielten nicht lange auf. Die persönlichen +Zwistigkeiten, die dem Verträgnis im Wege standen, schlichtete der +große Meister der Vermittlung mit gewohnter Leichtigkeit und zwang die +widerstrebenden Elemente, sich miteinander zu behaben. Zwischen +Pompeius und Crassus ward äußerlich wenigstens ein kollegialisches +Einvernehmen wiederhergestellt. Sogar Publius Clodius ward bestimmt, +sich und seine Meute ruhig zu halten und Pompeius nicht ferner zu +belästigen - keine der geringsten Wundertaten des mächtigen Zauberers. + +Daß diese ganze Schlichtung der schwebenden Fragen nicht aus einem +Kompromiß selbständiger und ebenbürtig rivalisierender Machthaber, +sondern lediglich aus dem guten Willen Caesars hervorging, zeigen die +Verhältnisse. Pompeius befand sich in Luca in der peinlichen Lage eines +machtlosen Flüchtlings, welcher kommt, bei seinem Gegner Hilfe zu +erbitten. Mochte Caesar ihn zurückweisen und die Koalition als gelöst +erklären oder auch ihn aufnehmen und den Bund fortbestehen lassen, wie +er eben war - Pompeius war sowieso politisch vernichtet. Wenn er in +diesem Fall mit Caesar nicht brach, so war er der machtlose +Schutzbefohlene seines Verbündeten. Wenn er dagegen mit Caesar brach +und, was nicht gerade wahrscheinlich war, noch jetzt eine Koalition mit +der Aristokratie zustande brachte, so war doch auch dieses notgedrungen +und im letzten Augenblick abgeschlossene Bündnis der Gegner so wenig +furchtbar, daß Caesar schwerlich, um dies abzuwenden, sich zu jenen +Konzessionen verstanden hat. Eine ernstliche Rivalität des Crassus +Caesar gegenüber war vollends unmöglich. Es ist schwer zu sage., welche +Motive Caesar bestimmten, seine überlegene Stellung ohne Not aufzugeben +und, was er seinem Nebenbuhler selbst bei dem Abschluß des Bundes 694 +(60) versagt und dieser seitdem, in der offenbaren Absicht gegen Caesar +gerüstet zu sein, auf verschiedenen Wegen ohne, ja gegen Caesars Willen +vergeblich angestrebt hatte, das zweite Konsulat und die militärische +Macht, jetzt freiwillig ihm einzuräumen. Allerdings ward nicht Pompeius +allein an die Spitze eines Heeres gestellt, sondern auch sein alter +Feind und Caesars langjähriger Verbündeter Crassus; und unzweifelhaft +erhielt Crassus seine ansehnliche militärische Stellung nur als +Gegengewicht gegen Pompeius’ neue Macht. Allein nichtsdestoweniger +verlor Caesar unendlich, indem sein Rival für seine bisherige +Machtlosigkeit ein bedeutendes Kommando eintauschte. Es ist möglich, +daß Caesar sich seiner Soldaten noch nicht hinreichend Herr fühlte, um +sie mit Zuversicht in den Krieg gegen die formellen Autoritäten des +Landes zu führen, und darum ihm daran gelegen war, nicht jetzt durch +die Abberufung aus Gallien zum Bürgerkrieg gedrängt zu werden; allein +ob es zum Bürgerkriege kam oder nicht, stand augenblicklich weit mehr +bei der hauptstädtischen Aristokratie als bei Pompeius, und es wäre +dies höchstens ein Grund für Caesar gewesen, nicht offen mit Pompeius +zu brechen, um nicht durch diesen Bruch die Opposition zu ermutigen, +nicht aber ihm das zuzugestehen, was er ihm zugestand. Rein persönliche +Motive mochten mitwirken; es kann sein, daß Caesar sich erinnerte, +einstmals in gleicher Machtlosigkeit Pompeius gegenübergestanden zu +haben und nur durch dessen freilich mehr schwach- als großmütiges +Zurücktreten vom Untergang gerettet worden zu sein; es ist +wahrscheinlich, daß Caesar sich scheute, das Herz seiner geliebten und +ihren Gemahl aufrichtig liebenden Tochter zu zerreißen - in seiner +Seele war für vieles Raum noch neben dem Staatsmann. Allein die +entscheidende Ursache war unzweifelhaft die Rücksicht auf Gallien. +Caesar betrachtete - anders als seine Biographen - die Unterwerfung +Galliens nicht als eine zur Gewinnung der Krone ihm nützliche +beiläufige Unternehmung, sondern es hing ihm die äußerliche Sicherheit +und die innere Reorganisation, mit einem Worte, die Zukunft des +Vaterlandes daran. Um diese Eroberung ungestört vollenden zu können und +nicht gleich jetzt die Entwirrung der italischen Verhältnisse in die +Hand nehmen zu müssen, gab er unbedenklich seine Überlegenheit über +seinen Rivalen daran und gewährte Pompeius hinreichende Macht, um mit +dem Senat und dessen Anhang fertigzuwerden. Es war das ein arger +politischer Fehler, wenn Caesar nichts wollte, als möglichst rasch +König von Rom werden; allein der Ehrgeiz des seltenen Mannes +beschränkte sich nicht auf das niedrige Ziel einer Krone. Er traute es +sich zu, die beiden ungeheuren Arbeiten: die Ordnung der inneren +Verhältnisse Italiens und die Gewinnung und Sicherung eines neuen und +frischen Bodens für die italische Zivilisation, nebeneinander zu +betreiben und zu vollenden. Natürlich kreuzten sich diese Aufgaben; +seine gallischen Eroberungen haben ihn auf seinem Wege zum Thron viel +mehr noch gehemmt als gefördert. Es trug ihm bittere Früchte, daß er +die italische Revolution, statt sie im Jahre 698 (56) zu erledigen, auf +das Jahr 706 (48) hinausschob. Allein als Staatsmann wie als Feldherr +war Caesar ein überverwegener Spieler, der, sich selber vertrauend wie +seine Gegner verachtend, ihnen immer viel und mitunter über alles Maß +hinaus vorgab. + +Es war nun also an der Aristokratie, ihren hohen Einsatz gutzumachen +und den Krieg so kühn zu führen, wie sie kühn ihn erklärt hatte. Allein +es gibt kein kläglicheres Schauspiel, als wenn feige Menschen das +Unglück haben, einen mutigen Entschluß zu fassen. Man hatte sich eben +auf gar nichts vorgesehen. Keinem schien es beigefallen zu sein, daß +Caesar möglicherweise sich zur Wehr setzen, daß nun gar Pompeius und +Crassus sich mit ihm aufs neue und enger als je vereinigen würden. Das +scheint unglaublich; man begreift es, wenn man die Persönlichkeiten ins +Auge faßt, die damals die verfassungstreue Opposition im Senate +führten. Cato war noch abwesend ^2; der einflußreichste Mann im Senat +war in dieser Zeit Marcus Bibulus, der Held des passiven Widerstandes, +der eigensinnigste und stumpfsinnigste aller Konsulare. Man hatte die +Waffen lediglich ergriffen, um sie zu strecken, sowie der Gegner nur an +die Scheide schlug; die bloße Kunde von den Konferenzen in Luca +genügte, um jeden Gedanken einer ernstlichen Opposition +niederzuschlagen und die Masse der Ängstlichen, das heißt die ungeheure +Majorität des Senats, wieder zu ihrer in unglücklicher Stunde +verlassenen Untertanenpflicht zurückzubringen. Von der anberaumten +Verhandlung zur Prüfung der Gültigkeit der Julischen Gesetze war nicht +weiter die Rede; die von Caesar auf eigene Hand errichteten Legionen +wurden durch Beschluß des Senats auf die Staatskasse übernommen; die +Versuche, bei der Regulierung der nächsten Konsularprovinzen Caesar +beide Gallien oder doch das eine derselben hinwegzudekretieren, wurden +von der Majorität abgewiesen (Ende Mai 698 56). So tat die Körperschaft +öffentlich Buße. Im geheimen kamen die einzelnen Herren, einer nach dem +andern, tödlich erschrocken über ihre eigene Verwegenheit, um ihren +Frieden zu machen und unbedingten Gehorsam zu geloben - keiner +schneller als Marcus Cicero, der seine Wortbrüchigkeit zu spät bereute +und hinsichtlich seiner jüngsten Vergangenheit sich mit Ehrentiteln +belegte, die durchaus mehr treffend als schmeichelhaft waren ^3. +Natürlich ließen die Machthaber sich beschwichtigen; man versagte +keinem den Pardon, da keiner die Mühe lohnte, mit ihm eine Ausnahme zu +machen. Um zu erkennen, wie plötzlich nach dem Bekanntwerden der +Beschlüsse von Luca der Ton in den aristokratischen Kreisen umschlug, +ist es der Mühe wert, die kurz zuvor von Cicero ausgegangenen +Broschüren mit der Palinodie zu vergleichen, die er ausgehen ließ, um +seine Reue und seine guten Vorsätze öffentlich zu konstatieren ^4. + +——————————————————————- + +^2 Cato war noch nicht in Rom, als Cicero am 11. März 698 (56) für +Sestius sprach (Sest. 28, 60) und als im Senat infolge der Beschlüsse +von Luca über Caesars Legionen verhandelt ward (Plut. Caes. 21); erst +bei den Verhandlungen im Anfang 699 (55) finden wir ihn wieder tätig; +und da er im Winter reiste (Plus. Cato min 38), kehrte er also Ende 698 +(56) nach Rom zurück. Er kann daher auch nicht, wie man mißverständlich +aus Asconius (p. 35, 53) gefolgert hat, im Februar 698 (56) verteidigt +haben. + +^3 Me asinum germanum fuisse (Art. 4, 5, 3). + +^4 Diese Palinodie ist die noch vorhandene Rede über die den Konsuln +des Jahres 699 (55) anzuweisenden Provinzen. Sie ist Ausgang Mai 698 +(56) gehalten; die Gegenstücke dazu sind die Reden für Sestius und +gegen Vatinius und die über das Gutachten der etruskischen Wahrsager +aus den Monaten März und April, in denen das aristokratische Regime +nach Kräften verherrlicht und namentlich in sehr kavalierem Ton +behandelt wird. Man kann es nur billigen, daß Cicero, wie er selbst +gesteht (Att. 4, 5, 1), sogar vertrauten Freunden jenes Dokument seines +wiedergekehrten Gehorsams zu übersenden sich schämte. + +————————————————————— + +Wie es ihnen gefiel und gründlicher als zuvor konnten also die +Machthaber die italischen Verhältnisse ordnen. Italien und die +Hauptstadt erhielten tatsächlich eine, wenn auch nicht unter den Waffen +versammelte Besatzung und einen der Machthaber zum Kommandanten. Von +den für Syrien und Spanien durch Crassus und Pompeius ausgehobenen +Truppen gingen zwar die ersteren nach dem Osten ab; allein Pompeius +ließ die beiden spanischen Provinzen durch seine Unterbefehlshaber mit +der bisher dort stehenden Besatzung verwalten, während er die Offiziere +und Soldaten der neu, dem Namen nach zum Abgang nach Spanien +ausgehobenen Legionen auf Urlaub entließ und selbst mit ihnen in +Italien blieb. Wohl steigerte sich der stille Widerstand der +öffentlichen Meinung, je deutlicher und allgemeineres begriffen ward, +daß die Machthaber daran arbeiteten, mit der alten Verfassung ein Ende +zu machen und in möglichst schonender Weise die bestehenden +Verhältnisse der Regierung und Verwaltung in die Formen der Monarchie +zu fügen; allein man gehorchte, weil man mußte. Vor allen Dingen wurden +alle wichtigeren Angelegenheiten und namentlich alle das Militärwesen +und die äußeren Verhältnisse betreffenden, ohne den Senat deswegen zu +fragen, bald durch Volksbeschluß, bald durch das bloße Gutfinden der +Herrscher erledigt. Die in Luca vereinbarten Bestimmungen hinsichtlich +des Militärkommandos von Gallien wurden durch Crassus und Pompeius, die +Spanien und Syrien betreffenden durch den Volkstribun Gaius Trebonius +unmittelbar an die Bürgerschaft gebracht, auch sonst wichtigere +Statthalterschaften häufig durch Volksschluß besetzt. Daß für die +Machthaber es der Einwilligung der Behörden nicht bedürfe, um ihre +Truppen beliebig zu vermehren, hatte Caesar bereits hinreichend +dargetan; ebensowenig trugen sie Bedenken, ihre Truppen sich +untereinander zu borgen, wie zum Beispiel Caesar von Pompeius für den +Gallischen, Crassus von Caesar für den Parthischen Krieg solche +kollegialische Unterstützung empfing. Die Transpadaner, denen nach der +bestehenden Verfassung nur das latinische Recht zustand, wurden von +Caesar während seiner Verwaltung tatsächlich als römische Vollbürger +behandelt ^5. Wenn sonst die Einrichtung neu erworbener Gebiete durch +eine Senatskommission beschafft worden war, so organisierte Caesar +seine ausgedehnten gallischen Eroberungen durchaus nach eigenem +Ermessen und gründete zum Beispiel ohne jede weitere Vollmacht +Bürgerkolonien, namentlich Novum Comum (Como) mit fünftausend +Kolonisten. Piso führte den Thrakischen, Gabinius den Ägyptischen, +Crassus den Parthischen Krieg, ohne den Senat zu fragen, ja ohne auch +nur, wie es herkömmlich war, an den Senat zu berichten; in ähnlicher +Weise wurden Triumphe und andere Ehrenbezeigungen bewilligt und +vollzogen, ohne daß der Senat darum begrüßt ward. Offenbar liegt hierin +nicht eine bloße Vernachlässigung der Formen, die um so weniger +erklärlich wäre, als in den bei weitem meisten Fällen eine Opposition +des Senats durchaus nicht zu erwarten war. Vielmehr war es die +wohlberechnete Absicht, den Senat von dem militärischen und dem Gebiet +der höheren Politik zu verdrängen und seine Teilnahme an der Verwaltung +auf die finanziellen Fragen und die inneren Angelegenheiten zu +beschränken; und auch die Gegner erkannten dies wohl und protestierten, +soweit sie konnten, gegen dies Verfahren der Machthaber durch +Senatsbeschlüsse und Kriminalklagen. Während die Machthaber also den +Senat in der Hauptsache beiseite schoben, bedienten sie sich der minder +gefährlichen Volksversammlungen auch ferner noch - es war dafür +gesorgt, daß die Herren der Straße denen des Staats dabei keine +Schwierigkeit mehr in den Weg legten; indes in vielen Fällen entledigte +man sich auch dieses leeren Schemens und gebrauchte unverhohlen +autokratische Formen. + +——————————————————————— + +^5 Überliefert ist dies nicht. Allein daß Caesar auf den latinischen +Gemeinden, das heißt aus dem bei weitem größeren Teil seiner Provinz +überhaupt keine Soldaten ausgehoben hat, ist an sich schon völlig +unglaublich und wird geradezu widerlegt dadurch, daß die Gegenpartei +die von Caesar ausgehobene Mannschaft geringschätzig bezeichnet als +“größtenteils aus den transpadanischen Kolonie* gebürtig” (Caes. civ. +3, 87); denn hier sind offenbar die launischen Kolonien Strabos (Ascon. +Pis. p. 3; Suet. Caes. 8) gemeint. Von launischen Kohorten aber findet +sich in Caesars gallischer Armee keine Spur; vielmehr sind nach seinen +ausdrücklichen Angaben alle von ihm im Cisalpinischen Gallien +ausgehobenen Rekruten den Legionen zu- oder in Legionen eingeteilt +worden. Es ist möglich, daß Caesar mit der Aushebung die Schenkung des +Bürgerrechts verband; aber wahrscheinlicher hielt er vielmehr in dieser +Angelegenheit den Standpunkt seiner Partei fest, welche den +Transpadanern das römische Bürgerrecht nicht so sehr zu verschaffen +suchte, als vielmehr es ansah, als ihnen schon gesetzlich zustehend. +Nur so konnte sich das Gerücht verbreiten, daß Caesar von sich aus bei +den transpadanischen Gemeinden römische Munizipalverfassung eingeführt +habe (Cic. Att. 5, 3, 2; ad fam. 8, 1 2). So erklärt es sich auch, +warum Hirtius die transpadanischen Städte als “Kolonien römischer +Bürger” bezeichnet (Gall. 8, 24) und warum Caesar die von ihm +gegründete Kolonie Comum als Bürgerkolonie behandelte (Suet. Caes. 28; +Strab. 5, 1 p. 213; Plut. Caes. 29), während die gemäßigte Partei der +Aristokratie ihr nur dasselbe Recht wie den übrigen transpadanischen +Gemeinden, also das launische, zugestand, die Ultras sogar das den +Ansiedlern erteilte Stadtrecht überhaupt für nichtig erklärten, also +auch die an die Bekleidung eines launischen Munizipalamtes geknüpften +Privilegien den Comensern nicht zugestanden (Cic. Att. 5, 11, 2; App. +civ. 2, 26). Vgl. Hermes 16, 1880, S. 30. + +————————————————————————- + +Der gedemütigte Senat mußte wohl oder übel in seine Lage sich schicken. +Der Führer der gehorsamen Majorität blieb Marcus Cicero. Er war +brauchbar wegen seines Advokatentalents, für alles Gründe oder doch +Worte zu finden, und es lag eine echt Caesarische Ironie darin, den +Mann, mittels dessen vorzugsweise die Aristokratie ihre Demonstrationen +gegen die Machthaber aufgeführt hatte, als Mundstück des Servilismus zu +verwenden. Darum erteilte man ihm Verzeihung für sein kurzes Gelüsten, +wider den Stachel zu löcken, jedoch nicht ohne sich vorher seiner +Unterwürfigkeit in jeder Weise versichert zu haben. Gewissermaßen um +als Geisel für ihn zu haften, hatte sein Bruder einen Offizierposten im +gallischen Heere übernehmen müssen; ihn selbst hatte Pompeius genötigt, +eine Unterbefehlshaberstelle unter ihm anzunehmen, welche eine Handhabe +hergab, um ihn jeden Augenblick mit Manier zu verbannen. Clodius war +zwar angewiesen worden, ihn bis weiter in Ruhe zu lassen, aber Caesar +ließ ebensowenig um Ciceros willen den Clodius fallen wie den Cicero um +des Clodius willen, und der große Vaterlandserretter wie der nicht +minder große Freiheitsmann machten im Hauptquartier von Samarobriva +sich eine Antichambrekonkurrenz, die gehörig zu illustrieren es leider +an einem römischen Aristophanes gebrach. Aber nicht bloß ward dieselbe +Rute über Ciceros Haupte schwebend erhalten, die ihn bereits einmal so +schmerzlich getroffen hatte; auch goldene Fesseln wurden ihm angelegt. +Bei seinen bedenklich verwickelten Finanzen waren ihm die zinsfreien +Darlehen Caesars und die Mitaufseherschaft über die ungeheure Summen in +Umlauf setzenden Bauten desselben in hohem Grade willkommen und manche +unsterbliche Senatsrede erstickte in dem Gedanken an den +Geschäftsträger Caesars, der nach dem Schluß der Sitzung ihm den +Wechsel präsentieren möchte. Also gelobte er sich, “künftig nicht mehr +nach Recht und Ehre zu fragen, sondern um die Gunst der Machthaber sich +zu bemühen” und “geschmeidig zu sein wie ein Ohrläppchen”. Man brauchte +ihn denn, wozu er gut war: als Advokaten, wo es vielfach sein Los war, +eben seine bittersten Feinde auf höheren Befehl verteidigen zu müssen, +und vor allem im Senat, wo er fast regelmäßig den Dynasten als Organ +diente und die Anträge stellte, “denen andere wohl zustimmten, er aber +selbst nicht”; ja als anerkannter Führer der Majorität der Gehorsamen +erlangte er sogar eine gewisse politische Bedeutung. In ähnlicher Weise +wie mit Cicero verfuhr man mit den übrigen der Furcht, der Schmeichelei +oder dem Golde zugänglichen Mitgliedern des regierenden Kollegiums, und +es gelang, dasselbe im ganzen botmäßig zu erhalten. + +Allerdings blieb eine Fraktion von Gegnern, die wenigstens Farbe +hielten und weder zu schrecken noch zu gewinnen waren. Die Machthaber +hatten sich überzeugt, daß Ausnahmemaßregeln, wie die gegen Cato und +Cicero, der Sache mehr schadeten als nützten und daß es ein minderes +Übel sei, die unbequeme republikanische Opposition zu ertragen, als aus +den Opponenten Märtyrer der Republik zu machen. Darum ließ man es +geschehen, daß Cato zurückkam (Ende 698 56) und von da an wieder im +Senat und auf dem Markte, oft unter Lebensgefahr, den Machthabern eine +Opposition machte, die wohl ehrenwert, aber leider doch auch zugleich +lächerlich war. Man ließ es geschehen, daß er es bei Gelegenheit der +Anträge des Trebonius auf dein Marktplatz wieder einmal bis zum +Handgemenge trieb und daß er im Senat den Antrag stellte, den Prokonsul +Caesar wegen seines treulosen Benehmens gegen die Usipeten und +Tencterer diesen Barbaren auszuliefern. Man nahm es hin, daß Marcus +Favonius, Catos Sancho, nachdem der Senat den Beschluß gefaßt hatte, +die Legionen Caesars auf die Staatskasse zu übernehmen, zur Tür der +Kurie sprang und die Gefahr des Vaterlandes auf die Gasse hinausrief; +daß derselbe in seiner skurrilen Art die weiße Binde, die Pompeius um +sein krankes Bein trug, ein deplaziertes Diadem hieß; daß der Konsular +Lentulus Marcellinus, da man ihm Beifall klatschte, der Versammlung +zurief, sich dieses Rechts, ihre Meinung zu äußern, jetzt ja fleißig zu +bedienen, da es ihnen noch gestattet sei; daß der Volkstribun Gaius +Ateius Capito den Crassus bei seinem Abzug nach Syrien in allen Formen +damaliger Theologie öffentlich den bösen Geistern überantwortete. Im +ganzen waren dies eitle Demonstrationen einer verbissenen Minorität: +doch war die kleine Partei, von der sie ausgingen, insofern von +Bedeutung, als sie teils der im stillen gärenden republikanischen +Opposition Nahrung und Losung gab, teils ab und zu doch die +Senatsmajorität, die ja im Grunde ganz dieselben Gesinnungen gegen die +Machthaber hegte, zu einem gegen diese gerichteten Beschluß fortriß. +Denn auch die Majorität fühlte das Bedürfnis, wenigstens zuweilen und +in untergeordneten Dingen ihrem verhaltenen Groll Luft zu machen und +namentlich, nach der Weise der widerwillig Servilen, ihren Groll gegen +die großen Feinde wenigstens an den kleinen auszulassen. Wo es nur +anging, ward den Werkzeugen der Machthaber ein leiser Fußtritt +versetzt: so wurde Gabinius das erbetene Dankfest verweigert (698 56), +so Piso aus der Provinz abberufen, so vom Senat Trauer angelegt, als +der Volkstribun Gaius Cato die Wahlen für 699 (55) so lange hinderte, +bis der der Verfassungspartei angehörige Konsul Marcellinus vom Amt +abgetreten war. Sogar Cicero, wie demütig er immer vor den Machthabern +sich neigte, ließ doch auch eine ebenso giftige wie geschmacklose +Broschüre gegen Caesars Schwiegervater ausgehen. Aber sowohl diese +oppositionellen Velleitäten der Senatsmajorität wie der resultatlose +Widerstand der Minorität zeigen nur um so deutlicher, daß das Regiment, +wie einst von der Bürgerschaft auf den Senat, so jetzt von diesem auf +die Machthaber übergegangen und der Senat schon nicht viel mehr war als +ein monarchischer, aber auch zur Absorbierung der antimonarchischen +Elemente benutzter Staatsrat. “Kein Mensch”, klagten die Anhänger der +gestürzten Regierung, “gilt das mindeste außer den dreien; die +Herrscher sind allmächtig und sie sorgen dafür, daß keiner darüber im +unklaren bleibe; der ganze Senat ist wie umgewandelt und gehorcht den +Gebietern; unsere Generation wird einen Umschwung der Dinge nicht +erleben.” Man lebte eben nicht in der Republik, sondern in der +Monarchie. + +Aber wenn über die Lenkung des Staats von den Machthabern unumschränkt +verfügt ward, so blieb noch ein von dem eigentlichen Regiment +gewissermaßen abgesondertes politisches Gebiet, das leichter zu +verteidigen und schwerer zu erobern war: das der ordentlichen +Beamtenwahlen und das der Geschworenengerichte. Daß die letzteren nicht +unmittelbar unter die Politik fallen, aber überall und vor allem in Rom +von dem das Staatswesen beherrschenden Geiste mitbeherrscht werden, ist +von selber klar. Die Wahlen der Beamten gehörten allerdings von Rechts +wegen zu dem eigentlichen Regiment des Staates; allein da in dieser +Zeit derselbe wesentlich durch außerordentliche Beamte oder auch ganz +titellose Männer verwaltet ward und selbst die höchsten ordentlichen +Beamten, wenn sie zu der antimonarchischen Partei gehörten, auf die +Staatsmaschine in irgend fühlbarer Weise einzuwirken nicht vermochten, +so sanken die ordentlichen Beamten mehr und mehr herab zu Figuranten, +wie sich denn auch eben die oppositionellsten von ihnen geradezu und +mit vollem Recht als machtlose Nullen bezeichneten, ihre Wahlen also zu +Demonstrationen. So konnte, nachdem die Opposition von dem eigentlichen +Schlachtfeld bereits gänzlich verdrängt war, dennoch die Fehde noch in +den Wahlen und den Prozessen fortgeführt werden. Die Machthaber sparten +keine Mühe, um auch hier Sieger zu bleiben. Hinsichtlich der Wahlen +hatten sie bereits in Luca für die nächsten Jahre die Kandidatenlisten +untereinander festgestellt und ließen kein Mittel unversucht, um die +dort vereinbarten Kandidaten durchzubringen. Zunächst zum Zweck der +Wahlagitation spendeten sie ihr Gold aus. Jährlich wurden aus Caesars +und Pompeius’ Heeren eine große Anzahl Soldaten auf Urlaub entlassen, +um an den Abstimmungen in Rom teilzunehmen. Caesar pflegte selbst von +Oberitalien aus in möglichster Nähe die Wahlbewegungen zu leiten und zu +überwachen. Dennoch ward der Zweck nur sehr unvollkommen erreicht. Für +699 (55) wurden zwar, dem Vertrag von Luca entsprechend, Pompeius und +Crassus zu Konsuln gewählt und der einzige ausharrende Kandidat der +Opposition, Lucius Domitius, beseitigt; allein schon dies war nur durch +offenbare Gewalt durchgesetzt worden, wobei Cato verwundet ward und +andere höchst ärgerliche Auftritte vorfielen. In den nächsten +Konsularwahlen für 700 (54) ward gar, allen Anstrengungen der +Machthaber zum Trotz, Domitius wirklich gewählt, und auch Cato siegte +jetzt ob in der Bewerbung um die Prätur, in der ihn das Jahr zuvor zum +Ärgernis der ganzen Bürgerschaft Caesars Klient Vatinius aus dem Felde +geschlagen hatte. Bei den Wahlen für 701 (53) gelang es der Opposition, +unter andern Kandidaten auch die der Machthaber so unwidersprechlich +der ärgerlichsten Wahlumtriebe zu überweisen, daß diese, auf die der +Skandal zurückfiel, nicht anders konnten als sie fallen lassen. Diese +wiederholten und argen Niederlagen der Dynasten auf dem +Wahlschlachtfeld mögen zum Teil zurückzuführen sein auf die +Unregierlichkeit der eingerosteten Maschinerie, die unberechenbaren +Zufälligkeiten des Wahlgeschäfts, die Gesinnungsopposition der +Mittelklassen, die mancherlei hier eingreifenden und die Parteistellung +oft seltsam durchkreuzenden Privatrücksichten; die Hauptursache aber +liegt anderswo. Die Wahlen waren in dieser Zeit wesentlich in der +Gewalt der verschiedenen Klubs, in die die Aristokratie sich +gruppierte; das Bestechungswesen war von denselben im umfassendsten +Maßstab und mit größter Ordnung organisiert. Dieselbe Aristokratie +also, die im Senat vertreten war, beherrschte auch die Wahlen; aber +wenn sie im Senat grollend nachgab, wirkte und stimmte sie hier im +geheimen und vor jeder Rechenschaft sicher den Machthabern unbedingt +entgegen. Daß durch das strenge Strafgesetz gegen die klubbistischen +Wahlumtriebe, das Crassus als Konsul 699 (55) durch die Bürgerschaft +bestätigen ließ, der Einfluß der Nobilität auf diesem Felde keineswegs +gebrochen ward, versteht sich von selbst und zeigen die Wahlen der +nächsten Jahre. + +Ebensogroße Schwierigkeiten machten den Machthabern die +Geschworenengerichte. Bei ihrer dermaligen Zusammensetzung entschied in +denselben, neben dem auch hier einflußreichen Senatsadel, vorwiegend +die Mittelklasse. Die Festsetzung eines hochgegriffenen +Geschworenenzensus durch ein von Pompeius 699 (55) beantragtes Gesetz +ist ein bemerkenswerter Beweis dafür, daß die Opposition gegen die +Machthaber ihren Hauptsitz in dem eigentlichen Mittelstand hatte und +die hohe Finanz hier wie überall sich gefügiger erwies als dieser. +Nichtsdestoweniger war der republikanischen Partei hier noch nicht +aller Boden entzogen und sie ward nicht müde, mit politischen +Kriminalanklagen, zwar nicht die Machthaber selbst, aber wohl deren +hervorragende Werkzeuge zu verfolgen. Dieser Prozeßkrieg ward um so +lebhafter geführt, als dem Herkommen gemäß das Anklagegeschäft der +senatorischen Jugend zukam und begreiflicherweise unter diesen +Jünglingen mehr als unter den älteren Standesgenossen noch +republikanische Leidenschaft, frisches Talent und kecke Angriffslust zu +finden war. Allerdings waren die Gerichte nicht frei; wenn die +Machthaber Ernst machten, wagten sie so wenig wie der Senat den +Gehorsam zu verweigern. Keiner von den Gegnern wurde von der Opposition +mit so grimmigem, fast sprichwörtlich gewordenem Hasse verfolgt wie +Vatinius, bei weitem der verwegenste und unbedenklichste unter den +engeren Anhängern Caesars; aber sein Herr befahl, und er ward in allen +gegen ihn erhobenen Prozessen freigesprochen. Indes Anklagen von +Männern, die so wie Gaius Licinius Calvus und Gaius Asinius Pollio das +Schwert der Dialektik und die Geißel des Spottes zu schwingen +verstanden, verfehlten ihr Ziel selbst dann nicht, wenn sie +scheiterten; und auch einzelne Erfolge blieben nicht aus. Meistens +freilich wurden sie über untergeordnete Individuen davongetragen, +allein auch einer der höchstgestellten und verhaßtesten Anhänger der +Dynasten, der Konsulat Gabinius, ward auf diesem Wege gestürzt. +Allerdings vereinigte mit dem unversöhnlichen Haß der Aristokratie, die +ihm das Gesetz über die Führung des Seeräuberkrieges so wenig vergab +wie die wegwerfende Behandlung des Senats während seiner syrischen +Statthalterschaft, sich gegen Gabinius die Wut der hohen Finanz, der +gegenüber er als Statthalter Syriens es gewagt hatte, die Interessen +der Provinzialen zu vertreten, und selbst der Groll des Crassus, dem er +bei Übergabe der Provinz Weitläufigkeiten gemacht hatte. Sein einziger +Schutz gegen alle diese Feinde war Pompeius, und dieser hatte alle +Ursache, seinen fähigsten, kecksten und treuesten Adjutanten um jeden +Preis zu verteidigen; aber hier wie überall verstand er es nicht, seine +Macht zu gebrauchen und seine Klienten so zu vertreten, wie Caesar die +seinigen vertrat: Ende 700 (54) fanden die Geschworenen den Gabinius +der Erpressungen schuldig und schickten ihn in die Verbannung. + +Im ganzen waren also auf dem Gebiete der Volkswahlen und der +Geschworenengerichte es die Machthaber, welche den kürzeren zogen. Die +Faktoren, die darin herrschten, waren minder greifbar und darum +schwerer zu terrorisieren oder zu korrumpieren als die unmittelbaren +Organe der Regierung und Verwaltung. Die Gewalthaber stießen hier, +namentlich in den Volkswahlen, auf die zähe Kraft der geschlossenen und +in Koterien gruppierten Oligarchie, mit der man noch durchaus nicht +fertig ist, wenn man ihr Regiment gestürzt hat, und die um so schwerer +zu brechen ist, je verdeckter sie auftritt. Sie stießen hier ferner, +namentlich in den Geschworenengerichten, auf den Widerwillen der +Mittelklassen gegen das neue, monarchische Regiment, den mit allen +daraus entspringenden Verlegenheiten sie ebensowenig zu beseitigen +vermochten. Sie erlitten auf beiden Gebieten eine Reihe von +Niederlagen, von denen die Wahlsiege der Opposition zwar nur den Wert +von Demonstrationen hatten, da die Machthaber die Mittel besaßen und +gebrauchten, um jeden mißliebigen Beamten tatsächlich zu annullieren, +die oppositionellen Kriminalverurteilungen aber in empfindlicher Weise +sie brauchbarer Gehilfen beraubten. Wie die Dinge standen, vermochten +die Machthaber die Volkswahlen und die Geschworenengerichte weder zu +beseitigen noch ausreichend zu beherrschen, und die Opposition, wie +sehr sie auch hier sich eingeengt fand, behauptete bis zu einem +gewissen Grade doch den Kampfplatz. + +Noch schwieriger aber erwies es sich, der Opposition auf einem Felde zu +begegnen, dem sie immer eifriger sich zuwandte, je mehr sie aus der +unmittelbaren politischen Tätigkeit herausgedrängt ward. Es war dies +die Literatur. Schon die gerichtliche Opposition war zugleich, ja, vor +allem eine literarische, da die Reden regelmäßig veröffentlicht wurden +und als politische Flugschriften dienten. Rascher und schärfer noch +trafen die Pfeile der Poesie. Die lebhafte hocharistokratische Jugend, +noch energischer vielleicht der gebildete Mittelstand in den italischen +Landstädten, führten den Pamphleten- und Epigrammenkrieg mit Eifer und +Erfolg. Nebeneinander fochten auf diesem Felde der vornehme +Senatorensohn Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48), der als Redner und +Pamphletist ebenso wie als gewandter Dichter gefürchtet war, und die +Munizipalen von Cremona und Verona, Marcus Furius Bibaculus (652-691 +102-63) und Quintus Valerius Catullus (667 bis ca. 700 87-54), deren +elegante und beißende Epigramme pfeilschnell durch Italien flogen und +sicher ihr Ziel trafen. Durchaus herrscht in der Literatur dieser Jahre +der oppositionelle Ton. Sie ist voll von grimmigem Hohn gegen den +“großen Caesar”, “den einzigen Feldherrn”, gegen den liebevollen +Schwiegervater und Schwiegersohn, welche den ganzen Erdkreis zugrunde +richten, um ihren verlotterten Günstlingen Gelegenheit zu geben, die +Spolien der langhaarigen Kelten durch die Straßen Roms zu paradieren, +mit der Beute der fernsten Insel des Westens königliche Schmäuse +auszurichten und als goldregnende Konkurrenten die ehrlichen Jungen +daheim bei ihren Mädchen auszustechen. Es ist in den Catullischen +Gedichten ^6 und den sonstigen Trümmern der Literatur dieser Zeit etwas +von jener Genialität des persönlich-politischen Hasses, von jener in +rasender Lust oder ernster Verzweiflung überschäumenden +republikanischen Agonie, wie sie in mächtigerer Weise hervortreten in +Aristophanes und Demosthenes. Wenigstens der einsichtigste der drei +Herrscher erkannte es wohl, daß es ebenso unmöglich war, diese +Opposition zu verachten wie durch Machtbefehl sie zu unterdrücken. +Soweit er konnte, versuchte Caesar vielmehr die namhaftesten +Schriftsteller persönlich zu gewinnen. Schon Cicero hatte die +rücksichtsvolle Behandlung, die er vorzugsweise von Caesar erfuhr, zum +guten Teil seinem literarischen Ruf zu danken; aber der Statthalter +Galliens verschmähte es nicht, selbst mit jenem Catullus durch +Vermittlung seines in Verona ihm persönlich bekannt gewordenen Vaters +einen Spezialfrieden zu schließen; der junge Dichter, der den mächtigen +General eben mit den bittersten und persönlichsten Sarkasmen +überschüttet hatte, ward von demselben mit der schmeichelhaftesten +Auszeichnung behandelt. Ja Caesar war genialisch genug, um seinen +literarischen Gegnern auf ihr eigenes Gebiet zu folgen und als +indirekte Abwehr vielfältiger Angriffe einen ausführlichen +Gesamtbericht über die gallischen Kriege zu veröffentlichen, welcher +die Notwendigkeit und Verfassungsmäßigkeit seiner Kriegführung mit +glücklich angenommener Naivität vor dem Publikum entwickelte. Allein +poetisch und schöpferisch ist nun einmal unbedingt und ausschließlich +die Freiheit; sie, und sie allein, vermag es, noch in der elendesten +Karikatur, noch mit ihrem letzten Atemzug frische Naturen zu +begeistern. Alle tüchtigen Elemente der Literatur waren und blieben +antimonarchisch, und wenn Caesar selbst sich auf dieses Gebiet wagen +durfte ohne zu scheitern, so war der Grund doch nur, daß er selbst +sogar jetzt noch den großartigen Traum eines freien Gemeinwesens im +Sinne trug, den er freilich weder auf seine Gegner noch auf seine +Anhänger zu übertragen vermochte. Die praktische Politik ward nicht +unbedingter von den Machthabern beherrscht als die Literatur von den +Republikanern ^7. + +————————————————————- + +^6 Die uns aufbehaltene Sammlung ist voll von Beziehungen auf die +Ereignisse der Jahre 699 (55) und 700 (54) und ward ohne Zweifel in dem +letzteren bekannt gemacht; der jüngste Vorfall, dessen sie gedenkt, ist +der Prozeß des Vatinius (August 700 54). Hieronymus’ Angabe, daß +Catullus 697/98 (57/56) gestorben, braucht also nur um wenige Jahre +verschoben zu sein. Daraus, daß Vatinius bei “seinem Konsulat sich +verschwört”, hat man mit Unrecht geschlossen, daß die Sammlung erst +nach Vatinius’ Konsulat (707 47) erschienen ist; es folgt daraus nur, +daß Vatinius, als sie erschien, schon darauf rechnen durfte, in einem +bestimmten Jahre Konsul zu werden, wozu er bereits 700 (54) alle +Ursache hatte; denn sicher stand sein Name mit auf der in Luca +vereinbarten Kandidatenliste (Cic. Art. 4, 8 b, 2). + +^7 Das folgende Gedicht Catulls (29) ist im Jahre 699 (53) oder 700 +(54), nach Caesars britannischer Expedition und vor dem Tode der Julia, +geschrieben. + +Wer kann es ansehn, wer vermag es auszustehn, + +Wer nicht ein Bock, ein Spieler oder Schlemmer ist, + +Daß jetzt Mamurra sein nennt das, was einst besaß + +Der Langhaarkelten und der fernen Briten Land? + +Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu? + +Der also soll in Übermut und salbenschwer , + +Als süßer Schnabelierer, als Adonis nun + +Hier ziehn in aller unsrer Mädchen Zimmer ein? + +Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu? + +Ein Schlemmer bist du, bist ein Spieler, bist ein Bock! + +Drum also übersetztest, einziger General, + +Zum fernstentlegnen Eiland du des Okzidents, + +Damit hier euer ausgedienter Zeitvertreib + +Zwei Millionen könne oder drei vertun? + +Was heißt verkehrt freigebig sein, wenn dieses nicht? + +Hat nicht genug schon er verdorben und verpraßt? + +Zuerst verlottert ward das väterliche Gut, + +Sodann des Pontus Beute, dann Iberiens, + +Davon des Tajo goldbeschwerte Welle weiß. + +Den fürchtet, ihr Britanner; Kelten, fürchtet den! + +Was heget ihr den Lumpen, welcher gar nichts als + +Ein fettes Erbe durch die Gurgel jagen kann? + +Drum also ruiniertet ihr der Erde Kreis, + +Ihr liebevollen Schwiegervater-Schwiegersohn? + +Mamurra aus Formiae, Caesars Günstling und eine Zeitlang während der +gallischen Kriege Offizier in dessen Heer, war, vermutlich kurz vor +Abfassung dieses Gedichts, nach der Hauptstadt zurückgekehrt und +wahrscheinlich damals beschäftigt mit dem Bau seines vielbesprochenen, +mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Marmorpalastes auf dem +Caelischen Berge. Die iberische Beute wird sich auf Caesars +Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien beziehen und Mamurra schon +damals, wie sicher später in Gallien, in seinem Hauptquartier sich +befunden haben; das pontische geht vermutlich auf Pompeius’ Krieg gegen +Mithradates, da zumal. nach der Andeutung des Dichters nicht bloß +Caesar den Mamurra bereichert hat. + +Unschuldiger als diese giftige, von Caesar bitter empfundene Invektive +(Suet. Caes. 73) ist ein anderes, ungefähr gleichzeitiges Gedicht +desselben Poeten (11), das hier auch stehen mag, weil es mit seiner +pathetischen Einleitung zu einer nichts weniger als pathetischen +Kommission den Generalstab der neuen Machthaber, die aus der Spelunke +plötzlich ins Hauptquartier avancierten Gabinius, Antonius und wie sie +weiter heißen, sehr artig persifliert. Man erinnere sich, daß es in +einer Zeit geschrieben ward, wo Caesar am Rhein und an der Themse +kämpfte und wo die Expeditionen des Crassus nach Parthien, des Gabinius +nach Ägypten vorbereitet wurden. Der Dichter, gleichsam auch von einem +der Machthaber einen der vakanten Posten erhoffend, gibt zweien seiner +Klienten die letzten Aufträge vor der Abreise: + +Furius und Aurelius, Adjutanten + +Ihr Catulls, mag ziehn er an Indiens Ende, + +Wo des Ostmeers brandende Welle weithin + +Hallend den Strand schlägt, + +Oder nach Hyrkanien und Arabien, + +In der pfeilfroh’n Parther Gebiet und Saker + +Oder wo den Spiegel des Meers der siebenfältige Nil färbt; + +Oder führt sein Weg ihn die Alpen über, + +Wo den Malstein setzte der große Caesar, + +Wo der Rhein fließt und an dem Erdrand hausen + +Wilde Britanner - + +Ihr, bereit, all das mit Catullus, was ihm + +Götterratsschluß davon bestimmt, zu teilen, + +Meinem Schatz noch bringet zuvor die kurze + +Leidige Botschaft! + +Mag sie stehn und gehen mit ihren Männern, + +Welche sie dreihundert zugleich umarmt hält, + +Keinem treulieb, aber zu jeder Stunde + +Jedem zu Willen. + +Nicht wie sonst nachblickte sie meiner Liebe, + +Die geknickt mutwillig sie, gleich dem Veilchen, + +Das entlang am Saume des Ackers wandelnd + +Streifte die Pflugschar. + +—————————————————————- + +Es ward nötig, gegen diese zwar machtlose, aber immer lästiger und +dreister werdende Opposition mit Ernst einzuschreiten. Den Ausschlag +gab, wie es scheint, die Verurteilung des Gabinius (Ende 700 54). Die +Herrscher kamen überein, eine wenn auch nur zeitweilige Diktatur +eintreten zu lassen und mittels dieser neue Zwangsmaßregeln namentlich +hinsichtlich der Wahlen und der Geschworenengerichte durchzusetzen. Als +derjenige, dem zunächst die Regierung Roms und Italiens oblag, übernahm +die Ausführung dieses Beschlusses Pompeius; sie trug denn auch den +Stempel der ihm eigenen Schwerfälligkeit im Entschließen und im Handeln +und seiner wunderlichen Unfähigkeit, selbst da, wo er befehlen wollte +und konnte, mit der Sprache herauszugehen. Bereits Ausgang 700 (54) +ward in Andeutungen und nicht durch Pompeius selbst die Forderung der +Diktatur im Senat vorgebracht. Als ostensibler Grund diente die +fortwährende Klub- und Bandenwirtschaft in der Hauptstadt, die durch +Bestechungen und Gewalttätigkeiten allerdings auf die Wahlen wie auf +die Geschworenengerichte den verderblichsten Druck ausübte und den +Krawall daselbst in Permanenz hielt; man muß es zugeben, daß sie es den +Machthabern leichtmachte, ihre Ausnahmemaßregeln zu rechtfertigen. +Allein begreiflicherweise scheute sogar die servile Majorität davor +zurück, das zu bewilligen, was der künftige Diktator selbst sich zu +scheuen schien offen zu begehren. Als dann die beispiellose Agitation +für die Wahlen zum Konsulat für 701 (53) die ärgerlichsten Auftritte +herbeiführte, die Wahlen ein volles Jahr über die festgesetzte Zeit +sich verschleppten und erst nach siebenmonatlichem Interregnum im Juli +701 (53) stattfanden, fand Pompeius darin den erwünschten Anlaß als das +einzige Mittel, den Knoten wo nicht zu lösen, doch zu zerhauen, dem +Senat jetzt bestimmt die Diktatur zu bezeichnen; allein das +entscheidende Befehlswort ward immer noch nicht gesprochen. Vielleicht +wäre es noch lange ungesprochen geblieben, wenn nicht bei den +Konsularwahlen für 702 (52) gegen die Kandidaten der Machthaber Quintus +Metellus Scipio und Publius Plautius Hypsaeus, beide dem Pompeius +persönlich nahestehende und durchaus ergebene Männer, der verwegenste +Parteigänger der republikanischen Opposition, Titus Annius Milo, als +Gegenkandidat in die Schranken getreten wäre. Milo, ausgestattet mit +physischem Mut, mit einem gewissen Talent zur Intrige und zum +Schuldenmachen und vor allem mit reichlich angeborener und sorgfältig +ausgebildeter Dreistigkeit, hatte unter den politischen +Industrierittern jener Tage sich einen Namen gemacht und war in seinem +Handwerk nächst Clodius der renommierteste Mann, natürlich also auch +mit diesem in tödlichster Konkurrenzfeindschaft. Da dieser Achill der +Straße von den Machthabern acquiriert worden war und mit ihrer +Zulassung wieder den Ultrademokraten spielte, so ward der Hektor der +Straße selbstverständlich Aristokrat, und die republikanische +Opposition, die jetzt mit Catilina selbst Bündnis geschlossen haben +würde, wenn er sich ihr angetragen hätte, erkannte Milo bereitwillig an +als ihren rechtmäßigen Vorfechter in allen Krawallen. In der Tat waren +die wenigen Erfolge, die sie auf diesem Schlachtfelde davon trug, das +Werk Milos und seiner wohlgeschulten Fechterbande. So unterstützten +denn hinwiederum Cato und die Seinigen Milos Bewerbung um das Konsulat; +selbst Cicero konnte nicht umhin, seines Feindes Feind, seinen +langjährigen Beschützer, zu empfehlen; und da Milo selbst weder Geld +noch Gewalt sparte, um seine Wahl durchzusetzen, so schien dieselbe +gesichert. Für die Machthaber wäre sie nicht bloß eine neue +empfindliche Niederlage gewesen, sondern auch eine wirkliche Gefahr; +denn es war vorauszusehen, daß der verwegene Parteigänger sich nicht so +leicht wie Domitius und andere Männer der anständigen Opposition als +Konsul werde annullieren lassen. Da begab es sich, daß zufällig unweit +der Hauptstadt, auf der Appischen Straße, Achill und Hektor +aufeinandertrafen und zwischen den beiderseitigen Banden eine Rauferei +entstand, in welcher Clodius selbst einen Säbelhieb in die Schulter +erhielt und genötigt ward, in ein benachbartes Haus sich zu flüchten. +Es war dies ohne Auftrag Milos geschehen; da die Sache aber so weit +gekommen war und der Sturm nun doch einmal bestanden werden mußte, so +schien das ganze Verbrechen Milo wünschenswerter und selbst minder +gefährlich als das halbe: er befahl seinen Leuten, den Clodius aus +seinem Versteck hervorzuziehen und ihn niederzumachen (13. Januar 702 +52). Die Straßenführer von der Partei der Machthaber, die Volkstribune +Titus Munatius Plancus, Quintus Pompeius Rufus und Gaius Sallustius +Crispus, sahen in diesem Vorfall einen passenden Anlaß, um im Interesse +ihrer Herren Milos Kandidatur zu vereiteln und Pompeius’ Diktatur +durchzusetzen. Die Hefe des Pöbels, namentlich die Freigelassenen und +Sklaven, hatten mit Clodius ihren Patron und künftigen Befreier +eingebüßt: die erforderliche Aufregung war also leicht bewirkt. Nachdem +der blutige Leichnam auf der Rednerbühne des Marktes in Parade +ausgestellt und die dazu gehörigen Reden gehalten worden waren, ging +der Krawall los. Zum Scheiterhaufen für den großen Befreier ward der +Sitz der perfiden Aristokratie bestimmt: die Rotte trug den Körper in +das Rathaus und zündete das Gebäude an. Hierauf zog der Schwarm vor +Milos Haus und hielt dasselbe belagert, bis dessen Bande die Angreifer +mit Pfeilschüssen vertrieb. Weiter ging es vor das Haus des Pompeius +und seiner Konsularkandidaten, von denen jener als Diktator, diese als +Konsuln begrüßt wurden, und von da vor das des Zwischenkönigs Marcus +Lepidus, dem die Leitung der Konsulwahlen oblag. Da dieser pflichtmäßig +sich weigerte, dieselben, wie die brüllenden Haufen es forderten, +sofort zu veranstalten, so ward auch er fünf Tage lang in seiner +Wohnung belagert gehalten. + +Aber die Unternehmer dieser skandalösen Auftritte hatten ihre Rolle +überspielt. Allerdings war auch ihr Herr und Meister entschlossen, +diesen günstigen Zwischenfall zu benutzen, um nicht bloß Milo zu +beseitigen, sondern auch die Diktatur zu ergreifen; allein er wollte +sie nicht von einem Haufen Knüttelmänner empfangen, sondern vom Senat. +Pompeius zog Truppen heran, um die in der Hauptstadt herrschende und in +der Tat aller Welt unerträglich gewordene Anarchie niederzuschlagen; +zugleich befahl er jetzt, was er bisher erbeten, und der Senat gab +nach. Es war nur ein nichtiger Winkelzug, daß auf Vorschlag von Cato +und Bibulus der Prokonsul Pompeius unter Belassung seiner bisherigen +Ämter statt zum Diktator zum “Konsul ohne Kollegen” ernannt ward (25. +des Schaltmonats ^8 702 52) - ein Winkelzug, welcher eine mit +zwiefachem inneren Widerspruch behaftete ^9 Benennung zuließ, um nur +die einfach sachbezeichnende zu vermeiden, und der lebhaft erinnert an +den weisen Beschluß des verschollenen Junkertums, den Plebejern nicht +das Konsulat, sondern nur die konsularische Gewalt einzuräumen. + +—————————————————————————— + +^8 In diesem Jahr folgte auf den Januar mit 29 und den Februar mit 23 +Tagen der Schaltmonat mit 28 und sodann der März. + +^9 Consul heißt Kollege (I, 260) und ein Konsul, der zugleich Prokonsul +ist, ist zugleich wirklicher und stellvertretender Konsul. + +—————————————————————————— + +Also im legalen Besitz der Vollmacht, ging Pompeius an das Werk und +schritt nachdrücklich vor gegen die in den Klubs und den +Geschworenengerichten mächtige republikanische Partei. Die bestehenden +Wahlvorschriften wurden durch ein besonderes Gesetz wiederholt +eingeschärft und durch ein anderes gegen die Wahlumtriebe, das für alle +seit 684 (70) begangenen Vergehen dieser Art rückwirkende Kraft +erhielt, die bisher darauf gesetzten Strafen gesteigert. Wichtiger noch +war die Verfügung, daß die Statthalterschaften, also die bei weitem +bedeutendere und besonders die weit einträglichere Hälfte der +Amtstätigkeit, an die Konsuln und Prätoren nicht sofort bei dem +Rücktritt vom Konsulat oder der Prätur, sondern erst nach Ablauf von +weiteren fünf Jahren vergeben werden sollten, welche Ordnung +selbstverständlich erst nach vier Jahren ins Leben treten konnte und +daher für die nächste Zeit die Besetzung der Statthalterschaften +wesentlich von den zur Regulierung dieses Interim zu erlassenden +Senatsbeschlüssen, also tatsächlich von der augenblicklich den Senat +beherrschenden Person oder Fraktion abhängig machte. Die +Geschworenenkommissionen blieben zwar bestehen, aber dem +Rekusationsrecht wurden Grenzen gesetzt und, was vielleicht noch +wichtiger war, die Redefreiheit in den Gerichten aufgehoben, indem +sowohl die Zahl der Advokaten als die jedem zugemessene Sprechzeit +durch Maximalsätze beschränkt und die eingerissene Unsitte: neben den +Tat- auch noch Charakterzeugen oder sogenannte “Lobredner” zugunsten +des Angeklagten beizubringen, untersagt ward. Der gehorsame Senat +dekretierte ferner auf Pompeius’ Wink, daß durch den Raufhandel auf der +Appischen Straße das Vaterland in Gefahr geraten sei; demnach wurde für +alle mit demselben zusammenhängenden Verbrechen durch ein +Ausnahmegesetz eine Spezialkommission bestellt und deren Mitglieder +geradezu von Pompeius ernannt. Es ward auch ein Versuch gemacht, dem +zensorischen Amt wieder eine ernstliche Bedeutung zu verschaffen und +durch dasselbe die tief zerrüttete Bürgerschaft von dem schlimmsten +Gesindel zu säubern. + +Alle diese Maßregeln erfolgten unter dem Drucke des Säbels. Infolge der +Erklärung des Senats, daß das Vaterland gefährdet sei, rief Pompeius in +ganz Italien die dienstpflichtige Mannschaft unter die Waffen und nahm +sie für alle Fälle in Eid und Pflicht; vorläufig ward eine ausreichende +und zuverlässige Truppe auf das Kapitol gelegt; bei jeder +oppositionellen Regung drohte Pompeius mit bewaffnetem Einschreiten und +stellte während der Prozeßverhandlungen über die Ermordung des Clodius +allem Herkommen zuwider auf der Gerichtsstätte selbst Wache auf. + +Der Plan zur Wiederbelebung der Zensur scheiterte daran, daß unter der +servilen Senatsmajorität niemand sittlichen Mut und Autorität genug +besaß, um sich um ein solches Amt auch nur zu bewerben. Dagegen ward +Milo von den Geschworenen verurteilt (8. April 702 52), Catos Bewerbung +um das Konsulat für 703 (51) vereitelt. Die Reden- und +Pamphletenopposition erhielt durch die neue Prozeßordnung einen Schlag, +von dem sie sich nicht wieder erholt hat; die gefürchtete gerichtliche +Beredsamkeit ward damit von dem politischen Gebiet verdrängt und trug +fortan die Zügel der Monarchie. Verschwunden war die Opposition +natürlich weder aus den Gemütern der großen Majorität der Nation noch +auch nur völlig aus dem öffentlichen Leben - dazu hätte man die +Volkswahlen, die Geschworenengerichte und die Literatur nicht bloß +beschränken, sondern vernichten müssen. Ja eben bei diesen Vorgängen +selbst tat Pompeius durch seine Ungeschicklichkeit und Verkehrtheit +wieder dazu, daß den Republikanern selbst unter seiner Diktatur +einzelne, für ihn empfindliche Triumphe zuteil wurden. Die +Tendenzmaßregeln, die die Herrscher zur Befestigung ihrer Macht +ergriffen, wurden natürlicherweise offiziell als im Interesse der +öffentlichen Ruhe und Ordnung getroffene Verfügungen charakterisiert +und jeder Bürger, der die Anarchie nicht wollte, als mit denselben +wesentlich einverstanden bezeichnet. Mit dieser durchsichtigen Fiktion +trieb es Pompeius aber so weit, daß er in die Spezialkommission zur +Untersuchung des letzten Auflaufs statt sicherer Werkzeuge die +achtbarsten Männer aller Parteien, sogar Cato einwählte und seinen +Einfluß auf das Gericht wesentlich dazu anwandte, um die Ordnung zu +handhaben und das in den Gerichten dieser Zeit hergebrachte Spektakeln +seinen Anhängern so gut wie den Gegnern unmöglich zu machen. Diese +Neutralität des Regenten sah man den Urteilen des Spezialhofes an. Die +Geschworenen wagten zwar nicht, Milo selbst freizusprechen; aber die +meisten untergeordneten Angeklagten von der Partei der republikanischen +Opposition gingen frei aus, während die Verurteilung unnachsichtlich +diejenigen traf, die in dem letzten Krawall für Clodius, das heißt für +die Machthaber Partei genommen hatten, unter ihnen nicht wenige von +Caesars und selbst von Pompeius’ vertrautesten Freunden, sogar seinen +Kandidaten zum Konsulat, Hypsaeus, und die Volkstribune Plancus und +Rufus, die in seinem Interesse die Erneute dirigiert hatten. Wenn +Pompeius deren Verurteilung nicht hinderte, um unparteiisch zu +erscheinen, so war dies eine Albernheit, und eine zweite, daß er denn +doch wieder in ganz gleichgültigen Dingen zu Gunsten seiner Freunde +seine eigenen Gesetze verletzte, zum Beispiel im Prozeß des Plancus als +Charakterzeuge auftrat, und einzelne ihm besonders nahestehende +Angeklagte, wie den Metellus Scipio, in der Tat vor der Verurteilung +schützte. Wie gewöhnlich wollte er auch hier entgegengesetzte Dinge: +indem er versuchte, zugleich den Pflichten des unparteiischen Regenten +und des Parteihauptes Genüge zu tun, erfüllte er weder diese noch jene +und erschien der öffentlichen Meinung mit Recht als ein despotischer +Regent, seinen Anhängern mit gleichem Recht als ein Führer, der die +Seinigen entweder nicht schützen konnte oder nicht schützen wollte. + +Indes wenn auch die Republikaner noch sich regten und sogar, +hauptsächlich durch Pompeius’ Fehlgriffe, hie und da ein einzelner +Erfolg sie anfrischte, so war doch der Zweck, den die Machthaber bei +jener Diktatur sich gesteckt hatten, im ganzen erreicht, der Zügel +straffer angezogen, die republikanische Partei gedemütigt und die neue +Monarchie befestigt. Das Publikum fing an sich in diese zu finden. Als +Pompeius nicht lange nachher von einer ernsthaften Krankheit genas, +ward seine Wiederherstellung durch ganz Italien mit den obligaten +Freudenbezeigungen gefeiert, die bei solchen Gelegenheiten in +Monarchien üblich sind. Die Machthaber zeigten sich befriedigt: schon +am 1. August 702 (52) legte Pompeius die Diktatur nieder und teilte das +Konsulat mit seinem Klienten Metellus Scipio. + + + + +KAPITEL IX. +Crassus’ Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher. + + +Unter den Häuptern des “dreiköpfigen Ungeheuers” war Marcus Crassus +jahrelang mitgerechnet worden, ohne eigentlich mitzuzählen. Er diente +den wirklichen Machthabern Pompeius und Caesar als Gleichgewichtstein, +oder genauer gesagt, er fiel in Caesars Waagschale gegen Pompeius. +Diese Rolle ist nicht allzu ehrenvoll; aber Crassus ward nie durch +leidenschaftliches Ehrgefühl gehindert, seinen Vorteil zu verfolgen. Er +war Kaufmann und ließ mit sich handeln. Was ihm geboten ward, war nicht +viel; da indes mehr nicht zu erhalten war, nahm er es an und suchte den +nagenden Ehrgeiz und den Verdruß über seine der Macht so nahe und doch +machtlose Stellung über den immer höher sich ihm häufenden Goldbergen +zu vergessen. Aber die Konferenz zu Luca wandelte auch für ihn die +Verhältnisse um: um gegen Pompeius nach den so ausgedehnten +Zugeständnissen auch ferner im Übergewicht zu bleiben, gab Caesar +seinem alten Verbündeten Crassus Gelegenheit, durch den Parthischen +Krieg ebendahin in Syrien zu gelangen, wohin Caesar durch den +keltischen in Gallien gelangt war. Es war schwer zu sagen, ob diese +neuen Aussichten mehr den Heißhunger nach Gold reizten, der dem jetzt +sechzigjährigen Manne zur anderen Natur geworden war und mit jeder neu +erworbenen Million nur um so zehrender ward, oder mehr den in der Brust +des Graukopfs lange mühsam niedergekämpften und jetzt mit unheimlichem +Feuer in ihr glühenden Ehrgeiz. Bereits Anfang 700 (54) traf er in +Syrien ein: nicht einmal den Ablauf seines Konsulats hatte er +abgewartet um aufzubrechen. Voll hastiger Leidenschaft schien er jede +Minute auskaufen zu wollen, um das Versäumte nachzuholen, zu den +Schätzen des Westens noch die des Ostens einzutun, Feldherrnmacht und +Feldherrnruhm rasch wie Caesar und mühelos wie Pompeius zu erjagen. + +Er fand den Parthischen Krieg bereits eingeleitet. Pompeius’ illoyales +Verhalten gegen die Parther ist früher erzählt worden; er hatte die +vertragsmäßige Euphratgrenze nicht respektiert und zu Gunsten +Armeniens, das jetzt römischer Klientelstaat war, mehrere Landschaften +vom Parthischen Reich abgerissen. König Phraates hatte sich das +gefallen lassen: nachdem er aber von seinen beiden Söhnen Mithradates +und Orodes ermordet worden war, erklärte der neue König Mithradates dem +König von Armenien, des kürzlich verstorbenen Tigranes Sohn Artavasdes, +sofort den Krieg (um 698 ^1 56). Es war dies zugleich eine +Kriegserklärung gegen Rom; sowie daher der Aufstand der Juden +unterdrückt war, führte der tüchtige und mutige Statthalter Syriens, +Gabinius, die Legionen über den Euphrat. Im Partherreich indes war +inzwischen eine Umwälzung eingetreten; die Großen des Reiches, an ihrer +Spitze der junge, kühne und talentvolle Großwesir, hatten den König +Mithradates gestürzt und dessen Bruder Orodes auf den Thron gesetzt. +Mithradates machte deshalb gemeinschaftliche Sache mit den Römern und +begab sich in Gabinius’ Lager. Alles versprach dem Unternehmen des +römischen Statthalters den besten Erfolg, als er unvermutet Befehl +bekam, den König von Ägypten mit Waffengewalt nach Alexandreia +zurückzuführen. Er wußte gehorchen; aber in der Erwartung, bald wieder +zurück zu sein, veranlaßte er den bei ihm um Hilfe bittenden +entthronten Partherfürsten, den Krieg inzwischen auf eigene Faust zu +eröffnen. Mithradates tat es und Seleukeia und Babylon erklärten sich +für ihn; aber Seleukeia nahm der Wesir, er persönlich der erste auf der +Zinne, mit stürmender Hand ein, und in Babylon wußte Mithradates +selbst, durch Hunger bezwungen, sich ergeben, worauf er auf Befehl des +Bruders hingerichtet ward. Sein Tod war ein fühlbarer Verlust für die +Römer; aber die Gärung im Parthischen Reich war doch keineswegs damit +zu Ende und auch der armenische Krieg währte noch fort. Eben war +Gabinius im Begriff, nach Beendigung des ägyptischen Feldzuges die +immer noch günstige Gelegenheit zu nutzen und den unterbrochenen +Parthischen Krieg wiederaufzunehmen, als Crassus in Syrien eintraf und +mit dem Kommando zugleich die Pläne seines Vorgängers übernahm. Voll +hochfliegender Hoffnungen schlug er die Schwierigkeiten des Marsches +gering, die Widerstandskraft der feindlichen Heere noch geringer an; +zuversichtlich sprach er nicht bloß von der Unterwerfung der Panther, +sondern eroberte schon in Gedanken die Reiche von Baktrien und Indien. + +—————————————————————————- + +^1 Tigranes lebte noch im Februar 698 (56) (Cic. Sest. 27, 59); dagegen +herrschte Artavasdes schon vor 700 (54) (Iust. 42, 2, 4; Plut. Crass. +49). + +—————————————————————————- + +Eile indes hatte der neue Alexander nicht. Erfand, bevor er so große +Pläne ins Werk setzte, noch Muße zu sehr weitläufigen und sehr +einträglichen Nebengeschäften. Der Tempel der Derketo in Hierapolis +Bambyke, des Jehova in Jerusalem und andere reiche Heiligtümer der +syrischen Provinz wurden auf Crassus’ Befehl ihrer Schätze beraubt und +von allen Untertanen Zuzug oder lieber noch statt desselben Geldsummen +beigetrieben. Die militärischen Operationen des ersten Sommers +beschränkten sich auf eine umfassende Rekognoszierung in Mesopotamien: +der Euphrat ward überschritten, bei Ichnä (am Belik, nördlich von +Rakkah) der parthische Satrap geschlagen und die nächstliegenden +Städte, darunter das ansehnliche Nikephorion (Rakkah), besetzt, worauf +man mit Zurücklassung von Besatzungen in denselben wieder nach Syrien +zurückging. Man hatte bisher geschwankt, ob es ratsamer sei, auf dem +Umweg über Armenien oder auf der geraden Straße durch die +mesopotamische Wüste nach Parthien zu marschieren. Der erste Weg durch +gebirgige und von zuverlässigen Verbündeten beherrschte Landschaften +empfahl sich durch die größere Sicherheit; König Artavasdes kam selbst +in das römische Hauptquartier, um diesen Feldzugsplan zu befürworten. +Allein jene Rekognoszierung entschied für den Marsch durch +Mesopotamien. Die zahlreichen und blühenden griechischen und +halbgriechischen Städte in den Landschaften am Euphrat und Tigris, vor +allen die Weltstadt Seleukeia, waren der parthischen Herrschaft +durchaus abgeneigt; wie früher die Bürger von Karrhä, so hatten jetzt +alle von den Römern berührten griechischen Ortschaften es mit der Tat +bewiesen, wie bereit sie waren, die unerträgliche Fremdherrschaft +abzuschütteln und die Römer als Befreier, beinahe als Landsleute zu +empfangen. Der Araberfürst Abgaros, der die Wüste von Edessa und Karrhä +und damit die gewöhnliche Straße vom Euphrat an den Tigris beherrschte, +hatte im Lager der Römer sich eingefunden, um dieselben seiner +Ergebenheit persönlich zu versichern. Durchaus hatten die Parther sich +unvorbereitet gezeigt. So ward denn der Euphrat (bei Biradjik) +überschritten (701 53). Um von da an den Tigris zu gelangen, konnte man +einen zwiefachen Weg wählen: entweder rückte das Heer am Euphrat hinab +bis auf die Höhe von Seleukeia, wo der Euphrat und der Tigris nur noch +wenige Meilen voneinander entfernt sind; oder man schlug sogleich nach +dem Übergang auf der kürzesten Linie, quer durch die große +mesopotamische Wüste, den Weg zum Tigris ein. Der erste Weg führte +unmittelbar auf die parthische Hauptstadt Ktesiphon zu, die Seleukeia +gegenüber am andern Ufer des Tigris lag; es erhoben sich für diesen im +römischen Kriegsrat mehrere gewichtige Stimmen; namentlich der Quästor +Gaius Cassius wies auf die Schwierigkeiten des Wüstenmarsches und auf +die bedenklichen, von den römischen Besatzungen am linken Euphratufer +über die parthischen Kriegsvorbereitungen einlaufender. Berichte hin. +Allein damit im Widerspruch meldete der arabische Fürst Abgaros, daß +die Parther beschäftigt seien, ihre westlichen Landschaften zu räumen. +Bereits hätten sie ihre Schätze eingepackt und sich in Bewegung +gesetzt, um zu den Hyrkanern und Skythen zu flüchten; nur durch einen +Gewaltmarsch auf dem kürzesten Wege sei es überhaupt noch möglich, sie +zu erreichen; durch einen solchen werde es aber auch wahrscheinlich +gelingen, wenigstens den Nachtrab der großen Armee unter Sillakes und +dem Wesir einzuholen und aufzureiben und die ungeheure Beute zu +gewinnen. Diese Rapporte der befreundeten Beduinen entschieden über die +Marschrichtung; das römische Heer, bestehend aus sieben Legionen, 4000 +Reitern und 4000 Schleuderern und Schützen, wandte vom Euphrat sich ab +und hinein in die unwirtlichen Ebenen des nördlichen Mesopotamiens. +Weit und breit zeigte sich kein Feind; nur Hunger und Durst und die +endlose Sandwüste schienen Wache zu halten an den Pforten des Ostens. +Endlich, nach vieltägigem mühseligen Marsch, unweit des ersten Flusses, +den das römische Heer zu überschreiten hatte, des Balissos (Belik), +zeigten sich die ersten feindlichen Reiter. Abgaros mit seinen Arabern +ward ausgesandt, um zu kundschaften; die parthischen Reiterscharen +wichen zurück bis an und über den Fluß und verschwanden in der Ferne, +verfolgt von Abgaros und den Seinen. Ungeduldig harrte man auf die +Rückkehr desselben und auf genauere Kundschaft. Der Feldherr hoffte, +hier endlich an den ewig zurückweichenden Feind zu kommen; sein junger +tapferer Sohn Publius, der mit der größten Auszeichnung in Gallien +unter Caesar gefochten hatte und von diesem an der Spitze einer +keltischen Reiterschar zur Teilnahme an dem Parthischen Kriege entsandt +worden war, brannte vor stürmischer Kampflust. Da keine Botschaft kam, +entschloß man sich, auf gut Glück vorwärts zu gehen: das Zeichen zum +Aufbruch ward gegeben, der Balissos überschritten, das Heer nach +kurzer, ungenügender Mittagsrast ohne Aufenthalt im Sturmschritt +weitergeführt. Da erschollen plötzlich rings umher die Kesselpauken der +Parther; auf allen Seiten sah man ihre seidenen, goldgestickten Fahnen +flattern, ihre Eisenhelme und Panzer im Strahl der heißen Mittagssonne +glänzen; und neben dem Wesir hielt Fürst Abgaros mit seinen Beduinen. + +Man begriff zu spät, in welches Netz man sich hatte verstricken lassen. +Mit sicherem Blick hatte der Wesir sowohl die Gefahr durchschaut wie +die Mittel, ihr zu begegnen. Mit orientalischem Fußvolk war gegen die +römische Linieninfanterie nichts auszurichten: er hatte sich desselben +entledigt und, indem er diese auf dem Hauptschlachtfeld unbrauchbare +Masse unter König Orodes’ eigener Führung gegen Armenien sandte, den +König Artavasdes gehindert, die versprochenen 10000 schweren Reiter zu +Crassus’ Heer stoßen zu lassen, die dieser jetzt schmerzlich vermißte. +Dagegen trat der römischen, in ihrer Art unübertrefflichen Taktik der +Wesir mit einer vollkommen verschiedenen gegenüber. Sein Heer bestand +ausschließlich aus Reiterei; die Linie bildeten die schweren Reiter, +mit langen Stoßlanzen bewaffnet und Mann und Roß durch metallene +Schuppenpanzer oder Lederkoller und durch ähnliche Schienen geschirmt; +die Masse der Truppen bestand aus berittenen Bogenschützen. Diesen +gegenüber waren die Römer in den gleichen Waffen sowohl der Zahl wie +der Tüchtigkeit nach durchaus im Nachteil. Ihre Linieninfanterie, wie +vorzüglich sie auch im Nahkampf, sowohl auf kurze Distanz mit dem +schweren Wurfspeer als im Handgemenge mit dem Schwert, war, konnte doch +eine bloß aus Reiterei bestehende Armee nicht zwingen, sich mit ihr +einzulassen, und fand, wenn es zum Handgemenge kam, auch hier in den +eisenstarrenden Scharen der Lanzenreiter einen ihr gewachsenen, wo +nicht überlegenen Gegner. Einem Heer gegenüber, wie dies parthische +war, stand das römische strategisch im Nachteil, weil die Reiterei die +Kommunikationen beherrschte; taktisch, weil jede Nahwaffe der Fernwaffe +unterliegen muß, wenn jene nicht zum Kampfe Mann gegen Mann gelangt. +Die konzentrierte Stellung, auf der die ganze römische Kriegsweise +beruhte, steigerte einem solchen Angriff gegenüber die Gefahr; je +dichter die römische Kolonne sich scharte, desto unwiderstehlicher ward +allerdings ihr Stoß, aber desto weniger fehlten auch die Fernwaffen ihr +Ziel. Unter gewöhnlichen Verhältnissen, wo Städte zu verteidigen und +Bodenschwierigkeiten zu berücksichtigen sind, hätte jene bloß mit +Reiterei gegen Fußvolk operierende Taktik sich niemals vollständig +durchführen lassen; in der mesopotamischen Wüste aber, wo das Heer, +fast wie das Schiff auf der hohen See, viele Tagemärsche hindurch weder +auf ein Hindernis noch auf einen strategischen Anhaltspunkt traf, war +diese Kriegführung eben darum so unwiderstehlich, weil die Verhältnisse +hier gestatteten, sie in ihrer ganzen Reinheit und also in ihrer ganzen +Gewalt zu entwickeln. Hier vereinigte sich alles, um die fremden +Fußgänger gegen die einheimischen Reiter in Nachteil zu setzen. Wo der +schwerbeladene römische Infanterist mühsam durch den Sand oder die +Steppe sich hinschleppte und auf dem pfadlosen, durch weit +auseinandergelegene und schwer aufzufindende Quellen bezeichneten Wege +vor Hunger und mehr noch vor Durst verkam, flog der parthische +Reitersmann, von Kindesbeinen an gewohnt, auf seinem geschwinden Roß +oder Kamel zu sitzen, ja fast auf demselben zu leben, leicht durch die +Wüste, deren Ungemach er seit langem gelernt hatte sich zu erleichtern +und im Notfall zu ertragen. Hier fiel kein Regen, der die unerträgliche +Hitze gemildert und die Bogensehnen und Schleuderriemen der feindlichen +Schützen und Schleuderer erschlafft hätte; hier waren in dem tiefen +Sande an vielen Stellen kaum ordentliche Gräben und Wälle für das Lager +zu ziehen. Kaum vermag die Phantasie eine Lage zu erdenken, in der die +militärischen Vorteile alle mehr auf der einen, die Nachteile alle mehr +auf der andern Seite waren. + +Auf die Frage, unter welchen Verhältnissen bei den Parthern diese neue +Taktik entstand, die erste nationale, die auf ihrem rechten Terrain +sich der römischen überlegen erwies, können wir leider nur mit +Mutmaßungen antworten. Die Lanzenreiter und berittenen Bogenschützen +sind im Orient uralt und bildeten bereits die Kerntruppen in den Heeren +des Kyros und Dareios; bisher aber waren diese Waffen nur in zweiter +Reihe und wesentlich zur Deckung der durchaus unbrauchbaren +orientalischen Infanterie verwendet worden. Auch die parthischen Heere +wichen hierin von den übrigen orientalischen keineswegs ab; es werden +dergleichen erwähnt, die zu fünf Sechsteln aus Fußvolk bestanden. In +dem Feldzug des Crassus dagegen trat die Reiterei zum ersten Male +selbständig auf, und es erhielt diese Waffe dadurch eine ganz neue +Verwendung und einen ganz anderen Wert. Die unwiderstehliche +Überlegenheit des römischen Fußvolks im Nahkampf scheint unabhängig +voneinander die Gegner Roms in den verschiedensten Weltgegenden zu +gleicher Zeit und mit ähnlichem Erfolg darauf geführt zu haben, ihm mit +der Reiterei und dem Fernkampf entgegenzutreten. Was Cassivellaunus in +Britannien vollständig, Vercingetorix in Gallien zum Teil gelang, was +bis zu einem gewissen Grade schon Mithradates Eupator versuchte, das +hat der Wesir des Orodes nur in größerem Maßstab und vollständiger +durchgeführt: wobei es ihm namentlich zustatten kam, daß er in der +schweren Kavallerie das Mittel, eine Linie zu bilden, in dem im Orient +nationalen und vornehmlich in den persischen Landschaften mit +meisterlicher Schützenkunst gehandhabten Bogen eine wirksame Fernwaffe, +endlich in den Eigentümlichkeiten des Landes und des Volkes die +Möglichkeit fand, seinen genialen Gedanken rein zu realisieren. Hier, +wo die römische Nahwaffe und das römische Konzentrierungssystem zum +ersten Male der Fernwaffe und dem Deployierungssystem unterlagen, +bereitete diejenige militärische Revolution sich vor, die erst mit der +Einführung des Feuergewehrs ihren vollständigen Abschluß erhalten hat. + +Unter diesen Verhältnissen ward sechs Meilen südlich von Karrhä +(Harran), wo römische Besatzung stand, in nördlicher Richtung etwas +näher an Ichnä, inmitten der Sandwüste die erste Schlacht zwischen +Römern und Parthern geschlagen. Die römischen Schützen wurden +vorgesandt, wichen aber augenblicklich zurück vor der ungeheuren +Überzahl und der weit größeren Spannkraft und Tragweite der parthischen +Bogen. Die Legionen, die trotz der Mahnung der einsichtigeren +Offiziere, sie möglichst entfaltet gegen den Feind zu führen, in ein +dichtes Viereck von zwölf Kohorten an jeder Seite gestellt worden +waren, waren bald überflügelt und von den furchtbaren Pfeilen +überschüttet, die hier auch ungezielt ihren Mann trafen und denen die +Soldaten mit nichts auch nur zu erwidern vermochten. Die Hoffnung, daß +der Feind sich verschießen möge, verschwand bei einem Blick auf die +endlose Reihe der mit Pfeilen beladenen Kamele. Immer weiter dehnten +die Parther sich aus. Damit die Überflügelung nicht zur Umzingelung +werde, rückte Publius Crassus mit einem auserlesenen Korps von Reitern, +Schützen und Linieninfanterie zum Angriff vor. In der Tat gab der Feind +es auf, den Kreis zu schließen, und wich zurück, hitzig verfolgt von +dem ungestümen Führer der Römer. Als aber darüber das Korps des Publius +die Hauptarmee ganz aus dem Gesicht verloren hatte, hielten die +schweren Reiter ihm gegenüber stand, und wie ein Netz zogen die von +allen Seiten herbeieilenden parthischen Haufen sich um dasselbe +zusammen. Publius, der die Seinigen unter den Pfeilen der berittenen +Schützen dicht und nutzlos um sich fallen sah, stürzte verzweifelt mit +seiner unbepanzerten keltischen Reiterei sich auf die eisenstarrenden +Lanzenreiter der Feinde; allein die todesverachtende Tapferkeit seiner +Kelten, die die Lanzen mit den Händen packten oder von den Pferden +sprangen, um die Feinde niederzustechen, tat ihre Wunder umsonst. Die +Trümmer des Korps, unter ihnen der am Schwertarm verwundete Führer, +wurden auf eine kleine Anhöhe gedrängt, wo sie den feindlichen Schützen +erst recht zur bequemen Zielscheibe dienten. Mesopotamische Griechen, +die der Gegend genau kundig waren, beschworen den Crassus, mit ihnen +abzureiten und einen Versuch zu machen, sich zu retten; aber er +weigerte sich, sein Schicksal von dem der tapferen Männer zu trennen, +die sein verwegener Mut in den Tod geführt hatte, und ließ von der Hand +seines Schildträgers sich durchbohren. Gleich ihm gaben die meisten +noch übrigen Offiziere sich selbst den Tod. Von der ganzen gegen 6000 +Mann starken Abteilung wurden nicht mehr als 500 gefangen; zu retten +vermochte sich keiner. Gegen das Hauptheer hatte inzwischen der Angriff +nachgelassen und man rastete nur zu gern. Als endlich das Ausbleiben +jeder Meldung von dem entsandten Korps es aus der trügerischen Ruhe +aufschreckte und es, um dasselbe aufzusuchen, der Walstatt sich +näherte, ward dem Vater das Haupt des Sohnes auf einer Stange +entgegengetragen; und abermals begann nun gegen das Hauptheer die +schreckliche Schlacht, mit demselben Ungestüm und derselben +hoffnungslosen Gleichförmigkeit. Man vermochte weder die Lanzenreiter +zu sprengen noch die Schützen zu erreichen; erst die Nacht machte dem +Morden ein Ende. Hätten die Parther auf dem Schlachtfeld biwakiert, es +wäre schwerlich vom römischen Heer ein Mann entkommen. Allein nicht +geübt, anders als beritten zu fechten, und darum besorgt vor einem +Überfall, hatten sie die Gewohnheit, niemals hart am Feinde zu lagern; +höhnisch riefen sie den Römern zu, daß sie dem Feldherrn eine Nacht +schenkten, um seinen Sohn zu beweinen, und jagten davon, um am anderen +Morgen wiederzukehren und das blutend am Boden liegende Wild +abzufangen. Natürlich warteten die Römer den Morgen nicht ab. Die +Unterfeldherren Cassius und Octavius - Crassus selbst hatte gänzlich +den Kopf verloren - ließen sofort und in möglichster Stille, mit +Zurücklassung der sämtlichen - angeblich 4000 - Verwundeten und +Versprengten, die noch marschfähigen Leute aufbrechen, um in den Mauern +von Karrhä Schutz zu suchen. Daß die Parther, als sie den folgenden Tag +wiederkamen, zunächst sich daran machten, die zerstreut +Zurückgelassenen aufzusuchen und niederzumetzeln, und daß die Besatzung +und die Einwohnerschaft von Karrhä, durch Ausreißer frühzeitig von der +Katastrophe in Kenntnis gesetzt, schleunigst der geschlagenen Armee +entgegengerückt waren, rettete die Trümmer derselben vor der, wie es +schien, unausbleiblichen Vernichtung. An eine Belagerung von Karrhä +konnten die parthischen Reiterscharen nicht denken. Allein bald brachen +die Römer freiwillig auf, sei es durch Mangel an Lebensmitteln +genötigt, sei es infolge der mutlosen Übereilung des Oberfeldherrn, den +die Soldaten vergeblich versucht hatten vom Kommando zu entfernen und +durch Cassius zu ersetzen. Man schlug die Richtung nach den armenischen +Bergen ein; die Nacht marschierend und am Tage rastend, erreichte +Octavius mit einem Haufen von 5000 Mann die Festung Sinnaka, die nur +noch einen Tagesmarsch von den sicheren Höhen entfernt war, und +befreite sogar mit eigener Lebensgefahr den Oberfeldherrn, den der +Führer irregeleitet und dem Feinde preisgegeben hatte. Da ritt der +Wesir vor das römische Lager, um im Namen seines Königs den Römern +Frieden und Freundschaft zu bieten und auf eine persönliche +Zusammenkunft der beiden Feldherren anzutragen. Das römische Heer, +demoralisiert wie es war, beschwor, ja zwang seinen Führer, das +Anerbieten anzunehmen. Der Wesir empfing den Konsular und dessen Stab +mit den üblichen Ehren und erbot sich aufs neue, einen +Freundschaftspakt abzuschließen; nur forderte er, mit gerechter +Bitterkeit an das Schicksal der mit Lucullus und Pompeius hinsichtlich +der Euphratgrenze abgeschlossenen Verträge erinnernd, daß derselbe +sogleich schriftlich abgefaßt werde. Ein reichgeschmückter Zelter ward +vorgeführt: es war ein Geschenk des Königs für den römischen +Oberfeldherrn; die Diener des Wesirs drängten sich um Crassus, +beeifert, ihn aufs Pferd zu heben. Es schien den römischen Offizieren, +als beabsichtige man, sich der Person des Oberfeldherrn zu bemächtigen; +Octavius, unbewaffnet wie er war, riß einem Parther das Schwert aus der +Scheide und stieß den Pferdeknecht nieder. In dem Anlauf, der sich +hieraus entspann, wurden die römischen Offiziere alle getötet; auch der +greise Oberfeldherr wollte, wie sein Großohm, dem Feinde nicht lebend +als Trophäe dienen und suchte und fand den Tod. Die im Lager +zurückgebliebene führerlose Menge ward zum Teil gefangen, zum Teil +versprengt. Was der Tag von Karrhä begonnen hatte, vollendete der von +Sinnaka (9. Juni 701 53); beide nahmen ihren Platz neben den Daten von +der Allia, von Cannae und von Arausio. Die Euphratarmee war nicht mehr. +Nur der Reiterschar des Gaius Cassius, welche bei dem Abmarsch von +Karrhä von dem Hauptheer abgesprengt worden war, und einigen anderen +zerstreuten Haufen und vereinzelten Flüchtlingen gelang es, sich den +Parthern und den Beduinen zu entziehen und einzeln den Rückweg nach +Syrien zu finden. Von über 40000 römischen Legionären, die den Euphrat +überschritten hatten, kam nicht der vierte Mann zurück; die Hälfte war +umgekommen; gegen 10000 römische Gefangene wurden von den Siegern im +äußersten Osten ihres Reiches, in der Oase von Merv, nach parthischer +Art als heerpflichtige Leibeigene angesiedelt. Zum ersten Male, seit +die Adler die Legionen führten, waren dieselben in diesem Jahre zu +Siegeszeichen in den Händen fremder Nationen, fast gleichzeitig eines +deutschen Stammes im Westen und im Osten der Parther geworden. Von dem +Eindruck, den die Niederlage der Römer im Osten machte, ist uns leider +keine ausreichende Kunde geworden; aber tief und bleibend muß er +gewesen sein. König Orodes richtete eben die Hochzeit seines Sohnes +Pakoros mit der Schwester seines neuen Verbündeten, des Königs +Artavasdes von Armenien, aus, als die Siegesbotschaft seines Wesirs bei +ihm einlief und, nach orientalischer Sitte, zugleich mit ihr der +abgehauene Kopf des Crassus. Schon war die Tafel aufgehoben; eine der +wandernden kleinasiatischen Schauspielertruppen, wie sie in jener Zeit +zahlreich bestanden und die hellenische Poesie und die hellenische +Bühnenkunst bis tief in den Osten hineintrugen, führten eben vor dem +versammelten Hofe Euripides’ ‘Bakchen’ auf. Der Schauspieler, der die +Rolle der Agaue spielte, welche in wahnsinnig dionysischer Begeisterung +ihren Sohn zerrissen hat und nun das Haupt desselben auf dem Thyrsus +tragend, vom Kithäron zurückkehrt, vertauschte dieses mit dem blutigen +Kopfe des Crassus, und zum unendlichen Jubel seines Publikums von +halbhellenisierten Barbaren begann er aufs neue das wohlbekannte Lied: + +Wir bringen vom Berge + +Nach Hause getragen + +Die herrliche Beute, + +Das blutende Wild. + +Es war seit den Zeiten der Achämeniden der erste ernsthafte Sieg, den +die Orientalen über den Okzident erfochten; und wohl lag auch darin ein +tiefer Sinn, daß zur Feier dieses Sieges das schönste Erzeugnis der +okzidentalischen Welt, die griechische Tragödie, durch ihre +herabgekommenen Vertreter in jener grausigen Groteske sich selber +parodierte. Das römische Bürgertum und der Genius von Hellas fingen +gleichzeitig an, sich auf die Ketten des Sultanismus zu schicken. + +Die Katastrophe, entsetzlich an sich, schien auch in ihren Folgen +furchtbar zu werden und die Grundfesten der römischen Macht im Osten +erschüttern zu sollen. Es war das wenigste, daß jetzt die Parther. +jenseits des Euphrat unbeschränkt schalteten, daß Armenien, nachdem es +schon vor der Katastrophe des Crassus vom römischen Bündnis abgefallen +war, durch dieselbe ganz in parthische Klientel geriet, daß den treuen +Bürgern von Karrhä durch den von den Parthern ihnen gesetzten neuen +Herrn, einen der verräterischen Wegweiser der Römer namens Andromachos, +ihre Anhänglichkeit an die Okzidentalen bitter vergolten ward. Allen +Ernstes schickten die Parther sich an, nun ihrerseits die Euphratgrenze +zu überschreiten und im Verein mit den Armeniern und den Arabern die +Römer aus Syrien zu vertreiben. Die Juden und andere Orientalen mehr +harrten hier der Erlösung von der römischen Herrschaft nicht minder +ungeduldig, wie die Hellenen jenseits des Euphrat der Erlösung von der +parthischen; in Rom stand der Bürgerkrieg vor der Tür; der Angriff +ebenhier und ebenjetzt war eine schwere Gefahr. Allein zum Glücke Roms +hatten auf beiden Seiten die Führer gewechselt. Sultan Orodes verdankte +dem heldenmütigen Fürsten, der ihm erst die Krone aufgesetzt und dann +das Land von den Feinden gesäubert hatte, zu viel, um sich seiner nicht +baldmöglichst durch den Henker zu entledigen. Seinen Platz als +Oberfeldherr der nach Syrien bestimmten Invasionsarmee füllte ein Prinz +aus, des Königs Sohn Pakoros, dem seiner Jugend und Unerfahrenheit +wegen der Fürst Osakes als militärischer Ratgeber beigegeben werden +mußte. Andererseits übernahm an Crassus’ Stelle das Kommando in Syrien +interimistisch der besonnene und entschlossene Quästor Gaius Cassius. +Da die Parther, ebenwie früher Crassus, den Angriff nicht beeilten, +sondern in den Jahren 701 (53) und 702 (52) nur schwache, leicht +zurückgeworfene Streifscharen über den Euphrat sandten, so behielt +Cassius Zeit, das Heer einigermaßen zu reorganisieren und die Juden, +die die Erbitterung über die von Crassus verübte Spoliation des Tempels +schon jetzt unter die Waffen getrieben hatte, mit Hilfe des treuen +Anhängers der Römer, Herodos Antipatros, zum Gehorsam zurückzubringen. +Die römische Regierung hätte also volle Zeit gehabt, zur Verteidigung +dar bedrohten Grenze frische Truppen zu senden; allein es unterblieb +über den Konvulsionen der beginnenden Revolution, und als endlich im +Jahre 703 (51) die große parthische Invasionsarmee am Euphrat erschien, +hatte Cassius immer noch nur die zwei schwachen, aus den Trümmern der +Armee des Crassus gebildeten Legionen ihr entgegenzustellen. Natürlich +konnte er damit weder den Übergang wehren noch die Provinz verteidigen. +Syrien ward von den Parthern überrannt und ganz Vorderasien zitterte. +Allein die Parther verstanden es nicht, Städte zu belagern. Von +Antiocheia, in das Cassius mit seinen Truppen sich geworfen hatte, +zogen sie nicht bloß unverrichteter Sache ab, sondern wurden auf dem +Rückzug am Orontes noch durch Cassius’ Reiterei in einen Hinterhalt +gelockt und hier durch die römische Infanterie übel zugerichtet; Fürst +Osakes selbst war unter den Toten. Freund und Feind ward hier inne, daß +die parthische Armee unter einem gewöhnlichen Feldherrn und auf einem +gewöhnlichen Terrain nicht viel mehr leiste als jede andere +orientalische. Indes aufgegeben war der Angriff nicht. Noch im Winter +703/04 (51/50) lagerte Pakoros in Kyrrhestike diesseits des Euphrat; +und der neue Statthalter Syriens, Marcus Bibulus, ein ebenso elender +Feldherr wie unfähiger Staatsmann, wußte nichts Besseres zu tun, als +sich in seine Festungen einzuschließen. Allgemein ward erwartet, daß +der Krieg im Jahre 704 (50) mit erneuter Heftigkeit ausbrechen werde. +Allein statt gegen die Römer wandte Pakoros die Waffen gegen seinen +eigenen Vater und trat deshalb sogar mit dem römischen Statthalter in +Einverständnis. Damit war zwar weder der Fleck von dem Schilde der +römischen Ehre gewaschen noch auch Roms Ansehen im Orient +wiederhergestellt, allein mit der parthischen Invasion in Vorderasien +war es vorbei, und es blieb, vorläufig wenigstens, die Euphratgrenze +erhalten. + +In Rom wirbelte inzwischen der kreisende Vulkan der Revolution seine +Rauchwolken sinnbetäubend empor. Man fing an, keinen Soldaten und +keinen Denar mehr gegen den Landesfeind, keinen Gedanken mehr übrig zu +haben für die Geschichte der Völker. Es ist eines der entsetzlichsten +Zeichen der Zeit, daß das ungeheure Nationalunglück von Karrhä und +Sinnaka den derzeitigen Politikern weit weniger zu denken und zu reden +gab als jener elende Krawall auf der Appischen Straße, in dem ein paar +Monate nach Crassus der Bandenführer Clodius umkam; aber es ist +begreiflich und beinahe verzeihlich. Der Bruch zwischen den beiden +Machthabern, lange als unvermeidlich gefühlt und oft so nahe +verkündigt, rückte jetzt unaufhaltsam heran. Wie in der alten +griechischen Schiffersage befand sich das Fahrzeug der römischen +Gemeinde gleichsam zwischen zwei aufeinander zuschwimmenden Felsen; von +Augenblick zu Augenblick den krachenden Zusammenstoß erwartend, +starrten die, welche es trug, von namenloser Angst gebannt, in die hoch +und höher strudelnde Brandung, und während jedes kleinste Rücken hier +tausend Augen auf sich zog, wagte nicht eines, den Blick nach rechts +oder links zu verwenden. + +Nachdem auf der Zusammenkunft von Luca im April 698 (36) Caesar sich +Pompeius gegenüber zu ansehnlichen Konzessionen verstanden und die +Machthaber damit sich wesentlich ins Gleichgewicht gesetzt hatten, +fehlte es ihrem Verhältnis nicht an den äußeren Bedingungen der +Haltbarkeit, insoweit eine Teilung der an sich unteilbaren +monarchischen Gewalt überhaupt haltbar sein kann. Eine andere Frage war +es, ob die Machthaber, wenigstens für jetzt, entschlossen waren, +zusammenzuhalten und gegenseitig sich ohne Hinterhalt als +gleichberechtigt anzuerkennen. Daß dies bei Caesar insofern der Fall +war, als er um den Preis der Gleichstellung mit Pompeius sich die zur +Unterwerfung Galliens notwendige Frist erkauft hatte, ist früher +dargelegt worden. Aber Pompeius war es schwerlich jemals auch nur +vorläufig Ernst mit der Kollegialität. Er war eine von den kleinlichen +und gemeinen Naturen, gegen die es gefährlich ist, Großmut zu üben: +seinem kleinlichen Sinn erschien es sicher als Gebot der Klugheit, dem +unwillig anerkannten Nebenbuhler bei erster Gelegenheit ein Bein zu +stellen, und seine gemeine Seele dürstete nach der Möglichkeit, die +durch Caesars Nachsicht erlittene Demütigung ihm umgekehrt zu +vergelten. Wenn aber Pompeius wahrscheinlich nach seiner dumpfen und +trägen Natur niemals recht sich dazu verstanden hatte, Caesar neben +sich gelten zu lassen, so ist doch die Absicht, das Bündnis zu +sprengen, ihm wohl erst allmählich zum klaren Bewußtsein gelangt. Auf +keinen Fall wird das Publikum, das überhaupt Pompeius’ An- und +Absichten gewöhnlich besser durchschaute als er selbst, darin sich +getäuscht haben, daß wenigstens mit dem Tode der schönen Julia, welche +in der Blüte ihrer Jahre im Herbst 700 (54) starb und der ihr einziges +Kind bald in das Grab nachfolgte, das persönliche Verhältnis zwischen +ihrem Vater und ihrem Gemahl gelöst war. Caesar versuchte, die vom +Schicksal getrennten verwandtschaftlichen Bande wiederherzustellen; er +warb für sich um die Hand der einzigen Tochter des Pompeius und trug +diesem seine jetzt nächste Verwandte, seiner Schwester Enkelin Octavia, +als Gemahlin an; allein Pompeius ließ seine Tochter ihrem bisherigen +Gatten Faustus Sulla, dem Sohn des Regenten, und vermählte sich selber +mit der Tochter des Quintus Metellus Scipio. Der persönliche Bruch war +unverkennbar eingetreten, und Pompeius war es, der die Hand zurückzog. +Man erwartete, daß der politische ihm auf dem Fuße folgen werde; allein +hierin hatte man sich getäuscht: in öffentlichen Angelegenheiten blieb +vorläufig noch ein kollegialisches Einvernehmen bestehen. Die Ursache +war, daß Caesar nicht geradezu das Verhältnis lösen wollte, bevor +Galliens Unterwerfung eine vollendete Tatsache war, Pompeius nicht, +bevor durch die Übernahme der Diktatur die Regierungsbehörden und +Italien vollständig in seine Gewalt gebracht sein würden. Es ist +sonderbar, aber wohl erklärlich, daß die Machthaber hierbei sich +gegenseitig unterstützten; Pompeius überließ nach der Katastrophe von +Aduatuca im Winter 700 (54) eine seiner auf Urlaub entlassenen +italienischen Legionen leihweise an Caesar; andererseits gewährte +Caesar Pompeius seine Einwilligung und seine moralische Unterstützung +bei den Repressivmaßregeln, die dieser gegen die störrige +republikanische Opposition ergriff. Erst nachdem Pompeius auf diesem +Wege im Anfang des Jahres 702 (52) sich das ungeteilte Konsulat und +einen durchaus den Caesars überwiegenden Einfluß in der Hauptstadt +verschafft und die sämtliche waffenfähige Mannschaft in Italien den +Soldateneid in seine Hände und auf seinen Namen abgeleistet hatte, +faßte er den Entschluß, baldmöglichst mit Caesar förmlich zu brechen; +und die Absicht trat auch klar genug hervor. Daß die nach dem Auflauf +auf der Appischen Straße stattfindende gerichtliche Verfolgung eben +Caesars alte demokratische Parteigenossen mit schonungsloser Härte +traf, konnte vielleicht noch als bloße Ungeschicklichkeit hingehen. Daß +das neue Gesetz gegen die Wahlumtriebe, indem es bis 684 (70) +zurückgriff, auch die bedenklichen Vorgänge bei Caesars Bewerbung um +das Konsulat miteinschloß, mochte gleichfalls nicht mehr sein, obgleich +nicht wenige Caesarianer darin eine bestimmte Absicht zu erkennen +meinten. Aber auch bei dem besten Willen konnte man nicht mehr die +Augen verschließen, als Pompeius sich zum Kollegen im Konsulat nicht +seinen früheren Schwiegervater Caesar erkor, wie es der Lage des Sache +entsprach und vielfach gefordert ward, sondern in seinem neuen +Schwiegervater Scipio sich einen von ihm völlig abhängigen Figuranten +an die Seite setzte; noch weniger, als Pompeius sich gleichzeitig die +Statthalterschaft beider Spanien auf weitere fünf Jahre, also bis 709 +(45) verlängern und für die Besoldung seiner Truppen sich aus der +Staatskasse eine ansehnliche feste Summe auswerfen ließ, nicht nur, +ohne für Caesar die gleiche Verlängerung des Kommandos und die gleiche +Geldbewilligung zu bedingen, sondern sogar durch die gleichzeitig +ergangenen neuen Regulative über die Besetzung der Statthalterschaften +von weitem hinarbeitend auf eine Abberufung Caesars vor dem früher +verabredeten Termin. Unverkennbar waren diese Übergriffe darauf +berechnet, Caesars Stellung zu untergraben und demnächst ihn zu +stürzen. Der Augenblick konnte nicht günstiger sein. Nur darum hatte +Caesar in Luca Pompeius so viel eingeräumt, weil Crassus und dessen +syrische Armee bei einem etwaigen Bruch mit Pompeius notwendig in +Caesars Waagschale fielen; denn auf Crassus, der seit der sullanischen +Zeit mit Pompeius aufs tiefste verfeindet und fast ebensolange mit +Caesar politisch und persönlich verbündet war, und der nach seiner +Eigentümlichkeit allenfalls, wenn er nicht selbst König von Rom werden +konnte, auch damit sich begnügt haben würde, des neuen Königs von Rom +Bankier zu sein, durfte Caesar überhaupt zählen und auf keinen Fall +besorgen, ihn sich gegenüber als Verbündeten seiner Feinde zu +erblicken. Die Katastrophe von Juni 791 (53), in der Heer und Feldherr +in Syrien zu Grunde gingen, war darum auch für Caesar ein furchtbar +schwerer Schlag. Wenige Monate später loderte in Gallien, ebenda es +vollständig unterworfen schien, die nationale Insurrektion gewaltiger +empor als je und trat zum erstenmal hier gegen Caesar ein ebenbürtiger +Gegner in dem Arvernerkönig Vercingetorix auf. Wieder einmal hatte das +Geschick für Pompeius gearbeitet: Crassus war tot, ganz Gallien im +Aufstand, Pompeius faktisch Diktator von Rom und Herr des Senats - was +hätte kommen mögen, wenn er jetzt, statt in weite Ferne hinein gegen +Caesar zu intrigieren, kurzweg die Bürgerschaft oder den Senat zwang, +Caesar sofort aus Gallien abzurufen! + +Aber Pompeius hat es nie verstanden, das Glück bei der Locke zu fassen. +Er kündigte den Bruch deutlich genug an; bereits 702 (52) ließen seine +Handlungen darüber keinen Zweifel und schon im Frühjahr 703 (51) sprach +er seine Absicht, mit Caesar zu brechen, unverhohlen aus; aber er brach +nicht und ließ ungenutzt die Monate verstreichen. + +Indes wie auch Pompeius zögerte, die Krise rückte doch durch das +Schwergewicht der Dinge selbst unaufhaltsam heran. Der bevorstehende +Krieg war nicht etwa ein Kampf zwischen Republik und Monarchie - die +Entscheidung darüber war bereits vor Jahren gefallen -, sondern ein +Kampf um den Besitz der Krone Roms zwischen Pompeius und Caesar. Aber +keiner der Prätendenten fand seine Rechnung dabei, die rechte Parole +auszusprechen; er hätte damit den ganzen sehr ansehnlichen Teil der +Bürgerschaft, der den Fortbestand der Republik wünschte und an dessen +Möglichkeit glaubte, dem Gegner geradezu ins Lager getrieben. Die alten +Schlachtrufe, wie sie Gracchus und Drusus, Cinna und Sulla angestimmt +hatten, wie verbraucht und inhaltlos sie waren, blieben immer noch gut +genug zum Feldgeschrei für den Kampf der beiden um die Alleinherrschaft +ringenden Generale; und wenn auch für den Augenblick sowohl Pompeius +wie Caesar offiziell sich zu der sogenannten Popularpartei rechneten, +so konnte es doch keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß Caesar das +Volk und den demokratischen Fortschritt, Pompeius die Aristokratie und +die legitime Verfassung auf sein Panier schreiben werde. Caesar hatte +keine Wahl. Er war von Haus aus und sehr ernstlich Demokrat, die +Monarchie, wie er sie verstand, mehr äußerlich als im Wesen selbst von +dem gracchischen Volksregiment verschieden; und er war ein zu +hochsinniger und zu tiefer Staatsmann, um seine Farbe zu decken und +unter einem anderen als seinem eigenen Wappen zu fechten. Der +unmittelbare Nutzen freilich, den dies Feldgeschrei ihm brachte, war +gering; er beschränkte in der Hauptsache sich darauf, daß er dadurch +der Unbequemlichkeit überhoben ward, das Königtum beim Namen zu nennen +und mit dem verfemten Worte die Masse der Lauen und die eigenen +Anhänger zu konsternieren. Positiven Gewinn trug die demokratische +Fahne kaum noch ein, seit die gracchischen Ideale durch Clodius +schändlich und lächerlich geworden waren; denn wo gab es jetzt, +abgesehen etwa von den Transpadanern, einen Kreis von irgendwelcher +Bedeutung, der durch die Schlachtrufe der Demokratie zur Teilnahme an +dem Kampfe sich hätte bestimmen lassen? + +Damit wäre auch Pompeius’ Rolle in dem bevorstehenden Kampf entschieden +gewesen, wenn nicht ohnehin schon es sich von selbst verstanden hätte, +daß er in denselben eintreten wußte als der Feldherr der legitimen +Republik. Ihn hatte, wenn je einen, die Natur zum Glied einer +Aristokratie bestimmt, und nur sehr zufällige und sehr egoistische +Motive hatten ihn als Überläufer aus dem aristokratischen in das +demokratische Lager geführt. Daß er jetzt wieder auf seine sullanischen +Traditionen zurückkam, war nicht bloß sachgemäß, sondern in jeder +Beziehung von wesentlichem Nutzen. So verbraucht das demokratische +Feldgeschrei war, von so gewaltiger Wirkung wußte das konservative +sein, wenn es von dem rechten Mann ausging. Vielleicht die Majorität, +auf jeden Fall der Kern der Bürgerschaft, gehörte der verfassungstreuen +Partei an, und ihrer numerischen und moralischen Stärke nach war +dieselbe wohl berufen, in dem bevorstehenden Prätendentenkampf in +mächtiger, vielleicht in entscheidender Weise zu intervenieren. Es +fehlte ihr nichts als ein Führer. Marcus Cato, ihr gegenwärtiges Haupt, +tat als Vormann seine Schuldigkeit, wie er sie verstand, unter +täglicher Lebensgefahr und vielleicht ohne Hoffnung auf Erfolg; seine +Pflichttreue ist achtbar, aber der letzte auf einem verlorenen Posten +zu sein, ist Soldaten-, nicht Feldherrnlob. Die gewaltige Reserve, die +der Partei der gestürzten Regierung wie von selber in Italien erwachsen +war, wußte er weder zu organisieren noch rechtzeitig in den Kampf zu +ziehen; und, worauf am Ende alles ankam, die militärische Führung hat +er aus guten Gründen niemals in Anspruch genommen. Wenn anstatt dieses +Mannes, der weder Parteihaupt noch General zu sein verstand, ein Mann +von Pompeius’ politischer und militärischer Bedeutung das Banner der +bestehenden Verfassung erhob, so strömten notwendig die Munizipalen +Italiens haufenweise demselben zu, um darunter, zwar nicht für den +König Pompeius, aber doch gegen den König Caesar fechten zu helfen. +Hierzu kam ein anderes, wenigstens ebenso wichtiges Moment. Es war +Pompeius’ Art, selbst wenn er sich entschlossen hatte, nicht den Weg +zur Ausführung seines Entschlusses finden zu können. Wenn er den Krieg +vielleicht zu führen, aber gewiß nicht zu erklären verstand, so war die +catonische Partei sicher unfähig, ihn zu führen, aber sehr fähig und +vor allem sehr bereit gegen die in der Gründung begriffene Monarchie +den Krieg zu motivieren. Nach Pompeius’ Absicht sollte, während er +selbst sich beiseite hielt und in seiner Art bald davon redete +demnächst in seine spanischen Provinzen abgehen zu wollen, bald zur +Übernahme des Kommandos am Euphrat sich reisefertig machte, die +legitime Regierungsbehörde, das heißt der Senat, mit Caesar brechen, +ihm den Krieg erklären und mit dessen Führung Pompeius beauftragen, der +dann, dem allgemeinen Verlangen nachgebend, als Beschützer der +Verfassung gegen demagogisch-monarchische Wühlereien, als rechtlicher +Mann und Soldat der bestehenden Ordnung gegen die Wüstlinge und +Anarchisten, als wohlbestallter Feldherr der Kurie gegen den Imperator +von der Gasse aufzutreten und wieder einmal das Vaterland zu retten +gedachte. Also gewann Pompeius durch die Allianz mit den Konservativen, +teils zu seinen persönlichen Anhängern eine zweite Armee, teils ein +angemessenes Kriegsmanifest - Vorteile, die allerdings erkauft wurden +um den hohen Preis des Zusammengehens mit prinzipiellen Gegnern. Von +den unzähligen Übelständen, die in dieser Koalition lagen, entwickelte +sich vorläufig nur erst der eine, aber bereits sehr ernste, daß +Pompeius es aus der Hand gab, wann und wie es ihm gefiel, gegen Caesar +loszuschlagen, und in diesem entscheidenden Punkte sich abhängig machte +von allen Zufälligkeiten und Launen einer aristokratischen Korporation. + +So ward also die republikanische Opposition, nachdem sie sich Jahre +lang mit der Zuschauerrolle hatte begnügen müssen und kaum hatte wagen +dürfen zu pfeifen, jetzt durch den bevorstehenden Bruch der Machthaber +wieder auf die politische Schaubühne zurückgeführt. Es war dies +zunächst der Kreis, der in Cato seinen Mittelpunkt fand, diejenigen +Republikaner, die den Kampf für die Republik und gegen die Monarchie +unter allen Umständen und je eher desto lieber zu wagen entschlossen +waren. Der klägliche Ausgang des im Jahre 698 (56) gemachten Versuchs +hatte sie belehrt, daß sie für sich allein den Krieg weder zu führen +noch auch nur hervorzurufen imstande waren; männiglich war es bekannt, +daß selbst in dem Senat zwar die ganze Körperschaft mit wenigen +vereinzelten Ausnahmen der Monarchie abgeneigt war, allein die +Majorität doch das oligarchische Regiment nur dann restaurieren wollte, +wenn es ohne Gefahr sich restaurieren ließ, womit es denn freilich gute +Weile hatte. Gegenüber einesteils den Machthabern, andernteils dieser +schlaffen Majorität, die vor allen Dingen und um jeden Preis Frieden +verlangte und jedem entschiedenen Handeln, am meisten einem +entschiedenen Bruch mit dem einen oder dem anderen der Machthaber +abgeneigt war, lag für die Catonische Partei die einzige Möglichkeit, +zu einer Restauration des alten Regiments zu gelangen, in der Koalition +mit dem minder gefährlichen der Herrscher. Wenn Pompeius sich zu der +oligarchischen Verfassung bekannte und für sie gegen Caesar zu streiten +sich erbot, so konnte und mußte die republikanische Opposition ihn als +ihren Feldherrn anerkennen und mit ihm im Bunde die furchtsame +Majorität zur Kriegserklärung zwingen. Daß es Pompeius mit seiner +Verfassungstreue nicht voller Ernst war, konnte zwar niemand entgehen; +aber halb, wie er in allem war, war es ihm doch auch keineswegs so wie +Caesar zum deutlichen und sicheren Bewußtsein gekommen, daß es das +erste Geschäft des neuen Monarchen sein müsse, mit dem oligarchischen +Gerümpel gründlich und abschließend aufzuräumen. Auf alle Fälle bildete +der Krieg ein wirklich republikanisches Heer und wirklich +republikanische Feldherren heran, und es konnte dann, nach dem Siege +über Caesar, unter günstigeren Aussichten dazu geschritten werden, +nicht bloß einen der Monarchen, sondern die im Werden begriffene +Monarchie selbst zu beseitigen. Verzweifelt wie die Sache der +Oligarchie stand, war das Anerbieten des Pompeius, mit ihr sich zu +verbünden, für sie die möglichst günstige Fügung. + +Der Abschluß der Allianz zwischen Pompeius und der catonischen Partei +erfolgte verhältnismäßig rasch. Schon während Pompeius’ Diktatur hatte +beiderseits eine bemerkenswerte Annäherung stattgefunden. Pompeius +ganzes Verhalten in der Milonischen Krise, seine schroffe Zurückweisung +des die Diktatur ihm antragenden Pöbels, seine bestimmte Erklärung, nur +vom Senat dies Amt annehmen zu wollen, seine unnachsichtige Strenge +gegen die Ruhestörer jeder Art und namentlich gegen die +Ultrademokraten, die auffallende Zuvorkommenheit, womit er Cato und +dessen Gesinnungsgenossen behandelte, schienen ebenso darauf berechnet, +die Männer der Ordnung zu gewinnen, wie sie für den Demokraten Caesar +beleidigend waren. Andererseits hatten auch Cato und seine Getreuen den +Antrag, Pompeius die Diktatur zu übertragen, statt ihn mit gewohntem +Rigorismus zu bekämpfen, unter unwesentlichen Formänderungen zu dem +ihrigen gemacht; zunächst aus den Händen des Bibulus und Cato hatte +Pompeius das ungeteilte Konsulat empfangen. Wenn so schon zu Anfang des +Jahres 702 (52) die Catonische Partei und Pompeius wenigstens +stillschweigend sich verstanden, so durfte das Bündnis als förmlich +abgeschlossen gelten, als bei den Konsulwahlen für 703 (51) zwar nicht +Cato selbst gewählt ward, aber doch neben einem unbedeutenden Manne der +Senatsmajorität einer der entschiedensten Anhänger Catos, Marcus +Claudius Marcellus. Marcellus war kein stürmischer Eiferer und noch +weniger ein Genie, aber ein charakterfester und strenger Aristokrat, +eben der rechte Mann, um, wenn mit Caesar der Krieg begonnen werden +sollte, denselben zu erklären. Wie die Verhältnisse lagen, kann diese +nach den unmittelbar vorher gegen die republikanische Opposition +ergriffenen Repressivmaßregeln so auffallende Wahl kaum anders erfolgt +sein als mit Einwilligung oder wenigstens unter stillschweigender +Zulassung des derzeitigen Machthabers von Rom. Langsam und +schwerfällig, wie er pflegte, aber unverwandt schritt Pompeius auf den +Bruch zu. + +In Caesars Absicht lag es dagegen nicht, in diesem Augenblicke mit +Pompeius sich zu überwerfen. Zwar ernstlich und auf die Dauer konnte er +die Herrschergewalt mit keinem Kollegen teilen wollen, am wenigsten mit +einem so untergeordneter Art, wie Pompeius war, und ohne Zweifel war er +längst entschlossen, nach Beendigung der gallischen Eroberung die +Alleinherrschaft für sich zu nehmen und nötigenfalls mit den Waffen zu +erzwingen. Allein ein Mann wie Caesar, in dem der Offizier durchaus dem +Staatsmann untergeordnet war, konnte nicht verkennen, daß die +Regulierung des staatlichen Organismus durch Waffengewalt denselben in +ihren Folgen tief und oft für immer zerrüttet, und mußte darum, wenn +irgend möglich, die Verwicklung durch friedliche Mittel oder wenigstens +ohne offenbaren Bürgerkrieg zu lösen suchen. War aber dennoch der +Bürgerkrieg nicht zu vermeiden, so konnte er doch nicht wünschen, jetzt +dazu gedrängt zu werden, wo in Gallien der Aufstand des Vercingetorix +eben alles Erreichte aufs neue in Frage stellte und ihn vom Winter +701/02 (53/52) bis zum Winter 702/03 (52/51) unausgesetzt beschäftigte, +wo Pompeius und die grundsätzlich ihm feindliche Verfassungspartei in +Italien geboten. Darum suchte er das Verhältnis mit Pompeius und damit +den Frieden aufrecht zu halten und, wenn irgend möglich, in friedlicher +Weise zu dem bereits in Luca ihm zugesicherten Konsulat für 706 (48) zu +gelangen. Ward er alsdann nach abschließender Erledigung der keltischen +Angelegenheiten in ordnungsgemäßer Weise an die Spitze des Staates +gestellt, so konnte er, der dem Staatsmann Pompeius noch weit +entschiedener überlegen war als dem Feldherrn, wohl darauf rechnen, +ohne besondere Schwierigkeit diesen in der Kurie und auf dem Forum +auszumanövrieren. Vielleicht war es möglich, für seinen schwerfälligen, +unklaren und hoffärtigen Nebenbuhler irgendeine ehrenvolle und +einflußreiche Stellung zu ermitteln, in der dieser sich zu annullieren +zufrieden war; die wiederholten Versuche Caesars, sich mit Pompeius +verschwägert zu halten, mochten darauf abzielen, eine solche Lösung +anzubahnen und in der Sukzession der aus beider Nebenbuhler Blut +herstammenden Sprößlinge die letzte Schlichtung des alten Haders +herbeizuführen. Die republikanische Opposition blieb dann führerlos, +also wahrscheinlich ebenfalls ruhig und der Friede ward erhalten. +Gelang dies nicht und mußten, wie es allerdings wahrscheinlich war, +schließlich die Waffen entscheiden, so verfügte dann Caesar als Konsul +in Rom über die gehorsame Senatsmajorität und konnte die Koalition der +Pompeianer und der Republikaner erschweren, ja vielleicht vereiteln und +den Krieg weit schicklicher und vorteilhafter führen, als wenn er jetzt +als Prokonsul von Gallien gegen den Senat und dessen Feldherrn +marschieren ließ. Allerdings hing das Gelingen dieses Planes davon ab, +daß Pompeius gutmütig genug war, jetzt noch Caesar zu dem ihm in Luca +zugesicherten Konsulat für 706 (48) gelangen zu lassen; aber selbst +wenn er fehlschlug, war es für Caesar immer noch nützlich, die größte +Nachgiebigkeit tatsächlich und wiederholt zu dokumentieren. Teils ward +dadurch Zeit gewonnen, um inzwischen im Keltenland zum Ziele zu kommen, +teils blieb den Gegnern die gehässige Initiative des Bruches und also +des Bürgerkriegs, was sowohl der Senatsmajorität und der Partei der +materiellen Interessen, also auch namentlich den eigenen Soldaten +gegenüber für Caesar vom größten Belang war. + +Hiernach handelte er. Er rüstete freilich: durch neue Aushebungen im +Winter 702/03 (52/51) stieg die Zahl seiner Legionen, einschließlich +der von Pompeius entlehnten, auf elf. Aber zugleich billigte er +ausdrücklich und öffentlich Pompeius’ Verhalten während der Diktatur +und die durch ihn bewirkte Wiederherstellung der Ordnung in der +Hauptstadt, wies die Warnungen geschäftiger Freunde als Verleumdungen +zurück, rechnete jeden Tag, um den es gelang, die Katastrophe zu +verzögern, sich zum Gewinn, übersah, was sich übersehen ließ, und +ertrug, was ertragen werden konnte, unerschütterlich festhaltend nur an +der einen und entscheidenden Forderung, daß, wenn mit dem Jahre 705 +(49) seine Statthalterschaft zu Ende ging, das nach republikanischem +Staatsrecht zulässige, von seinem Kollegen vertragsmäßig zugestandene +zweite Konsulat für das Jahr 706 (48) ihm zuteil werde. + +Ebendies wurde das Schlachtfeld des jetzt beginnenden diplomatischen +Krieges. Wenn Caesar genötigt wurde, entweder sein Statthalteramt vor +dem letzten Dezember 705 (49) niederzulegen oder die Übernahme des +hauptstädtischen Amtes über den 1. Januar 706 (48) hinauszuschieben, er +also eine Zeitlang zwischen Statthalterschaft und Konsulat ohne Amt, +folglich der - nach römischem Recht nur gegen den amtlosen Mann +zulässigen - Kriminalanklage ausgesetzt blieb, so hatte, da Cato längst +bereit stand, ihn peinlich zu belangen, und da Pompeius ein mehr als +zweifelhafter Beschützer war, das Publikum guten Grund, ihm in diesem +Fall das Schicksal Milos zu prophezeien. Um aber jenes zu erreichen, +gab es für Caesars Gegner ein sehr einfaches Mittel. Nach der +bestehenden Wahlordnung war jeder Bewerber um das Konsulat +verpflichtet, vor der Wahl, also ein halbes Jahr vor dem Amtsantritt, +sich persönlich bei dem wahlleitenden Beamten zu melden und die +Einzeichnung seines Namens in die offizielle Kandidatenliste zu +bewirken. Es mag bei den Verträgen von Luca als selbstverständlich +angesehen worden sein, daß Caesar von dieser rein formellen und sehr +oft den Kandidaten erlassenen Verpflichtung dispensiert werde; allein +das desfällige Dekret war noch nicht ergangen, und da Pompeius jetzt im +Besitz der Dekretiermaschine war, hing Caesar in dieser Hinsicht von +dem guten Willen seines Nebenbuhlers ab. Unbegreiflicherweise gab +Pompeius diese vollkommen sichere Stellung freiwillig auf; mit seiner +Einwilligung und während seiner Diktatur 702 (52) ward durch ein +tribunizisches Gesetz Caesar die persönliche Meldung erlassen. Als +indes bald darauf die neue Wahlordnung erging, war darin die +Verpflichtung der Kandidaten, persönlich sich einschreiben zu lassen, +allgemein wiederholt und keinerlei Ausnahme zu Gunsten der durch ältere +Volksschlüsse davon Entbundenen hinzugefügt; nach formellem Recht war +das zu Gunsten Caesars ergangene Privileg durch das jüngere allgemeine +Gesetz aufgehoben. Caesar beschwerte sich, und die Klausel wurde auch +nachgetragen, aber nicht durch besonderen Volksschluß bestätigt, so daß +diese durch reine Interpolation dem schon promulgierten Gesetz +eingefügte Bestimmung rechtlich nur als eine Nullität angesehen werden +konnte. Was also Pompeius einfach hätte festhalten können, hatte er +vorgezogen erst zu verschenken, sodann zurückzunehmen und diese +Zurücknahme schließlich in illoyalster Weise zu bemänteln. + +Wenn hiermit nur mittelbar auf Verkürzung der Statthalterschaft Caesars +hingearbeitet ward, so verfolgte dagegen das gleichzeitig ergangene +Regulativ über die Statthalterschaften dasselbe Ziel geradezu. Die zehn +Jahre, auf welche, zuletzt durch das von Pompeius selbst in +Gemeinschaft mit Crassus beantragte Gesetz, Caesar die +Statthalterschaft gesichert worden war, liefen nach der hierfür +üblichen Rechnung vom 1. März 695 (59) bis zum letzten Februar 705 +(49). Da ferner nach der früheren Übung dem Prokonsul oder Proprätor +das Recht zustand, unmittelbar nach Beendigung seines Konsulats oder +seiner Prätur in sein Provinzialamt einzutreten, so war Caesars +Nachfolger nicht aus den städtischen Beamten des Jahres 704 (50), +sondern aus denen des Jahres 705 (49) zu ernennen und konnte also nicht +vor dem 1. Januar 706 (48) eintreten. Insofern hatte Caesar auch noch +während der letzten zehn Monate des Jahres 705 (49) ein Anrecht auf das +Kommando, nicht auf Grund des Pompeisch-Licinischen Gesetzes, aber auf +Grund der alten Regel, daß das befristete Kommando auch nach Ablauf der +Frist bis zum Eintreffen des Nachfolgers fortdauert. Seitdem nun aber +das neue Regulativ des Jahres 702 (52) nicht die abgehenden, sondern +die vor fünf Jahren oder länger abgegangenen Konsuln und Prätoren zu +den Statthalterschaften berief und also zwischen dem bürgerlichen Amt +und dem Kommando, statt der bisherigen unmittelbaren Aufeinanderfolge, +ein Intervall vorschrieb, war nichts mehr im Wege, jede gesetzlich +erledigte Statthalterschaft sofort anderweitig zu besetzen, also in dem +gegebenen Falle für die gallischen Provinzen den Kommandowechsel statt +am 1. Januar 706 (48) vielmehr am 1. März 705 (49) herbeizuführen. +Pompeius’ kümmerliche Hinterhältigkeit und zögernde Tücke sind in +diesen Veranstaltungen in merkwürdiger Weise gemischt mit dem +knifflichen Formalismus und der konstitutionellen Gelehrsamkeit der +Verfassungspartei. Jahre zuvor, ehe diese staatsrechtlichen Waffen +gebraucht werden konnten, legte man sie sich zurecht und setzte sich in +die Verfassung, teils Caesar vor dem Tage, wo die durch Pompeius’ +eigenes Gesetz ihm zugesicherte Frist zu Ende lief, also vom 1. März +705 (49) an, durch Sendung der Nachfolger zur Niederlegung des +Kommandos nötigen, teils die bei den Wahlen für 706 (48) auf ihn +lautenden Stimmtafeln als nichtige behandeln zu können. Caesar, nicht +in der Lage, diese Schachzüge zu hindern, schwieg dazu und ließ die +Dinge an sich kommen. + +Allgemach rückte denn der verfassungsmäßige Schneckengang weiter. Nach +der Observanz hatte der Senat über die Statthalterschaften des Jahres +705 (49), insofern sie an gewesene Konsuln kamen, zu Anfang des Jahres +703 (51), insofern sie an gewesene Prätoren kamen, zu Anfang des Jahres +704 (50) zu beraten; jene erstere Beratung gab den ersten Anlaß, die +Ernennung von neuen Statthaltern für beide Gallien im Senat zur Sprache +zu bringen und damit den ersten Anlaß zu offener Kollision zwischen der +von Pompeius vorgeschobenen Verfassungspartei und den Vertretern +Caesars im Senat. Der Konsul Marcus Marcellus brachte den Antrag ein, +den beiden für 705 (49) mit Statthalterschaften auszustattenden +Konsularen die beiden bisher von dem Prokonsul Gaius Caesar verwalteten +vom 1. März jenes Jahres an zu überweisen. Die lange zurückgehaltene +Erbitterung brach im Strom durch die einmal aufgezogene Schleuse; es +kam bei diesen Unterhandlungen alles zur Sprache, was die Catonianer +gegen Caesar im Sinn trugen. Für sie stand es fest, daß das durch +Ausnahmegesetz dem Prokonsul Caesar gestattete Recht, sich abwesend zur +Konsulwahl zu melden, durch späteren Volksschluß wieder aufgehoben, +auch in diesem nicht in gültiger Weise vorbehalten sei. Der Senat +sollte ihrer Meinung nach diesen Beamten veranlassen, da die +Unterwerfung Galliens beendigt sei, die ausgedienten Soldaten sofort zu +verabschieden. Die von Caesar in Oberitalien vorgenommenen +Bürgerrechtsverleihungen und Koloniegründungen wurden von ihnen als +verfassungswidrig und nichtig bezeichnet; davon zu weiterer +Verdeutlichung verhängte Marcellus über einen angesehenen Ratsherrn der +Caesarischen Kolonie Comum, der, selbst wenn diesem Ort nicht Bürger-, +sondern nur latinisches Recht zukam, befugt war, das römische +Bürgerrecht in Anspruch zu nehmen, die nur gegen Nichtbürger zulässige +Strafe des Auspeitschens. + +Caesars derzeitige Vertreter, unter denen Gaius Vibius Pansa, der Sohn +eines von Sulla geächteten Mannes, aber dennoch in die politische +Laufbahn gelangt, früher Offizier in Caesars Heer und in diesem Jahre +Volkstribun, der namhafteste war, machten im Senat geltend, daß sowohl +der Stand der Dinge in Gallien als auch die Billigkeit erfordere, nicht +nur Caesar nicht vor der Zeit abzurufen, sondern vielmehr ihm das +Kommando neben dem Konsulat zu lassen; sie wiesen ohne Zweifel darauf +hin, daß vor wenigen Jahren Pompeius ganz ebenso die spanischen +Statthalterschaften mit dem Konsulat vereinigt habe und noch +gegenwärtig, außer dem wichtigen Oberaufsichtsamt über das +hauptstädtische Verpflegungswesen, mit dem spanischen Oberkommando das +von Italien kumuliere, ja dessen sämtliche waffenfähige Mannschaft von +ihm eingeschworen und ihres Eides noch nicht entbunden sei. + +Der Prozeß fing an sich zu formulieren, aber er kam darum nicht in +rascheren Gang. Die Majorität des Senats, den Bruch kommen sehend, ließ +es Monate lang zu keiner beschlußfähigen Sitzung kommen; und wieder +andere Monate gingen über Pompeius’ feierlichem Zaudern verloren. +Endlich brach dieser das Schweigen und stellte sich zwar wie immer in +rückhaltiger und unsicherer Weise, doch deutlich genug, gegen seinen +bisherigen Verbündeten auf die Seite der Verfassungspartei. Die +Forderung der Caesarianer, ihrem Herrn die Kumulierung des Konsulats +mit dem Prokonsulat zu gestatten, wies er kurz und schroff von der +Hand; dies Verlangen, fügte er mit plumper Grobheit hinzu, komme ihm +nicht besser vor, als wenn der Sohn dem Vater Stockschläge anbiete. Dem +Antrag des Marcellus stimmte er im Prinzip insofern bei, als auch er +erklärte, Caesar den unmittelbaren Anschluß des Konsulats an das +Prokonsulat nicht erlauben zu wollen. Indes ließ er durchblicken, ohne +doch hierüber sich bindend zu erklären, daß man die Zulassung zu den +Wahlen für 706 (48) unter Beseitigung der persönlichen Meldung sowie +die Fortführung der Statthalterschaft bis zum 13. November 705 (49) +äußersten Falls Caesar vielleicht gestatten werde. Zunächst aber +willigte der unverbesserliche Zauderer in die Vertagung der +Nachfolgerernennung bis nach dem letzten Februar 704 (50), was von +Caesars Wortführern verlangt ward, wahrscheinlich auf Grund einer +Klausel des Pompeisch-Licinischen Gesetzes, welche vor dem Anfang von +Caesars letztem Statthalterjahr jede Verhandlung des Senats über die +Nachfolgerernennung untersagte. + +In diesem Sinne fielen denn die Beschlüsse des Senats aus (29. +September 703 51). Die Besetzung der gallischen Statthalterschaften +ward für den 1. März 704 (50) auf die Tagesordnung gebracht, schon +jetzt aber die Sprengung der Armee Caesars, ähnlich wie es einst durch +Volksschluß mit dem Heere des Lucullus geschehen war, in der Art in die +Hand genommen, daß die Veteranen desselben veranlaßt wurden, sich wegen +ihrer Verabschiedung an den Senat zu wenden. Caesars Vertreter +bewirkten zwar, soweit sie verfassungsmäßig es konnten, die Kassation +dieser Beschlüsse durch ihr tribunizisches Veto; allein Pompeius sprach +sehr bestimmt aus, daß die Beamten verpflichtet seien, dem Staat +unbedingt zu gehorchen und Interzessionen und ähnliche antiquierte +Formalitäten hierin nichts ändern würden. Die oligarchische Partei, zu +deren Organ Pompeius jetzt sich machte, verriet nicht undeutlich die +Absicht, nach einem allfälligen Siege die Verfassung in ihrem Sinn zu +revidieren und alles zu beseitigen, was wie Volksfreiheit auch nur +aussah; wie sie denn auch, ohne Zweifel aus diesem Grunde, es +unterließ, bei ihren gegen Caesar gerichteten Angriffen sich irgendwie +der Komitien zu bedienen. Die Koalition zwischen Pompeius und der +Verfassungspartei war also förmlich erklärt, auch über Caesar das +Urteil offenbar bereits gefällt und nur der Termin der Eröffnung +verschoben. Die Wahlen für das folgende Jahr fielen durchgängig gegen +ihn aus. + +Während dieser kriegsvorbereitenden Parteimanöver der Gegner war es +Caesar gelungen, mit der gallischen Insurrektion fertigzuwerden und in +dem ganzen unterworfenen Gebiet den Friedensstand herzustellen. Schon +im Sommer 703 (51) zog er, unter dem schicklichen Vorwand der +Grenzverteidigung, aber offenbar zum Zeichen dessen, daß die Legionen +in Gallien jetzt anfingen entbehrt werden zu können, eine derselben +nach Norditalien. Er mußte, wenn nicht früher, jedenfalls wohl jetzt +erkennen, daß es ihm nicht erspart bleiben werde, das Schwert gegen +seine Mitbürger zu ziehen; allein nichtsdestoweniger suchte er, da es +höchst wünschenswert war, die Legionen noch eine Zeitlang in dem kaum +beschwichtigten Gallien zu lassen, auch jetzt noch zu zögern und gab, +wohl bekannt mit der extremen Friedensliebe der Senatsmajorität, die +Hoffnung nicht auf, sie ungeachtet des von Pompeius auf sie ausgeübten +Druckes von der Kriegserklärung noch zurückzuhalten. Selbst große Opfer +scheute er nicht, um nur für jetzt nicht mit der obersten +Regierungsbehörde in offenen Widerspruch zu geraten. Als der Senat +(Frühling 704 50) auf Betrieb des Pompeius sowohl an diesen wie an +Caesar das Ansuchen stellte, je eine Legion für den bevorstehenden +Parthischen Krieg abzugeben, und als in Gemäßheit dieses Beschlusses +Pompeius die vor mehreren Jahren an Caesar überlassene Legion von +diesem zurückverlangte, um sie nach Syrien einzuschiffen, kam Caesar +der zwiefachen Aufforderung nach, da an sich weder die Opportunität +dieses Senatsbeschlusses noch die Berechtigung der Forderung des +Pompeius sich bestreiten ließ und Caesar an der Einhaltung der +Schranken des Gesetzes und der formalen Loyalität mehr gelegen war als +an einigen tausend Soldaten mehr. Die beiden Legionen kamen ohne Verzug +und stellten sich der Regierung zur Verfügung, aber statt sie an den +Euphrat zu senden, hielt diese sie in Capua für Pompeius in +Bereitschaft, und das Publikum hatte wieder einmal Gelegenheit, Caesars +offenkundige Bemühungen, den Bruch abzuwenden, mit der perfiden +Kriegsvorbereitung der Gegner zu vergleichen. + +Für die Verhandlungen mit dem Senat war es Caesar gelungen, nicht nur +den einen der beiden Konsuln des Jahres, Lucius Aemilius Paullus, zu +erkaufen, sondern vor allem den Volkstribun Gaius Curio, wahrscheinlich +das eminenteste unter den vielen liederlichen Genies dieser Epoche ^2: +unübertroffen an vornehmer Eleganz, an fließender und geistreicher +Rede, an Intrigengeschick und an jener Tatkraft, welche bei energisch +angelegten, aber verlotterten Charakteren in den Pausen des Müßiggangs +nur um so mächtiger sich regt; aber auch unübertroffen in wüster +Wirtschaft, im Borgtalent - man schlug seine Schulden auf 60 Mill. +Sesterzen (4½ Mill. Taler) an - und in sittlicher wie politischer +Grundsatzlosigkeit. Schon früher hatte er Caesar sich zu Kauf +angetragen und war abgewiesen worden: das Talent, das er seitdem in +seinen Angriffen auf Caesar entwickelt hatte, bestimmte diesen, ihn +nachträglich zu erstehen - der Preis war hoch, aber die Ware war es +wert. Curio hatte in den ersten Monaten seines Volkstribunats den +unabhängigen Republikaner gespielt und als solcher sowohl gegen Caesar +wie gegen Pompeius gedonnert. Die anscheinend unparteiische Stellung, +die dies ihm gab, benutzte er mit seltener Gewandtheit, um, als im März +704 (50) der Antrag über die Besetzung der gallischen +Statthalterschaften für das nächste Jahr aufs neue im Senat zur +Verhandlung kam, diesem Beschlusse vollständig beizupflichten, aber die +gleichzeitige Ausdehnung desselben auch auf Pompeius und dessen +außerordentliche Kommandos zu verlangen. Seine Auseinandersetzung, daß +ein verfassungsmäßiger Zustand sich nur durch Beseitigung sämtlicher +Ausnahmestellungen herbeiführen lasse, daß Pompeius, als nur vom Senat +mit dem Prokonsulat betraut, noch viel weniger als Caesar demselben den +Gehorsam verweigern könne, daß die einseitige Beseitigung des einen der +beiden Generäle die Gefahr für die Verfassung nur steigere, leuchtete +den politischen Halbweisen wie dem großen Publikum vollkommen ein, und +Curios Erklärung, daß er jedes einseitige Vorschreiten gegen Caesar +durch das verfassungsmäßig ihm zustehende Veto zu verhindern gedenke, +fand in und außer dem Senat vielfach Billigung. Caesar erklärte sich +mit Curios Vorschlag sofort einverstanden und erbot sich, +Statthalterschaft und Kommando jeden Augenblick auf Anforderndes Senats +niederzulegen, wofern Pompeius das gleiche tue; er durfte es, denn ohne +sein italisch-spanisches Kommando war Pompeius nicht länger furchtbar. +Dagegen konnte Pompeius eben deswegen nicht umhin sich zu weigern; +seine Erwiderung, daß Caesar zuerst niederlegen müsse und er dem +gegebenen Beispiel bald zu folgen gedenke, befriedigte um so weniger, +als er nicht einmal einen bestimmten Termin für seinen Rücktritt +ansetzte. Wieder stockte Monate lang die Entscheidung; Pompeius und die +Catonianer, die bedenkliche Stimmung der Senatsmajorität erkennend, +wagten es nicht, Curios Antrag zur Abstimmung zu bringen. Caesar +benutzte den Sommer, um den Friedensstand in den von ihm eroberten +Landschaften zu konstatieren, an der Schelde eine große Heerschau über +seine Truppen und durch die ihm völlig ergebene norditalische +Statthalterschaft einen Triumphzug zu halten; der Herbst fand ihn in +der südlichen Grenzstadt seiner Provinz, in Ravenna. Die nicht länger +zu verzögernde Abstimmung über Curios Antrag fand endlich statt und +konstatierte die Niederlage der Partei des Pompeius und Cato in ihrem +ganzen Umfang. Mit 370 gegen 30 Stimmen beschloß der Senat, daß die +Prokonsuln von Spanien und Gallien beide aufzufordern seien, ihre Ämter +zugleich niederzulegen; und mit grenzenlosem Jubel vernahmen die guten +Bürger von Rom die frohe Botschaft von Curios rettender Tat. Pompeius +ward also vom Senat nicht minder abberufen als Caesar, und während +Caesar bereit stand, dem Befehl nachzukommen, verweigerte Pompeius +geradezu den Gehorsam. Der vorsitzende Konsul Gaius Marcellus, des +Marcus Marcellus Vetter und gleich diesem zur Catonischen Partei +gehörig, hielt der servilen Majorität eine bittere Strafpredigt; und +ärgerlich war es freilich, so im eigenen Lager geschlagen zu werden und +geschlagen mittels der Phalanx der Memmen. Aber wo sollte der Sieg auch +herkommen unter einem Führer, der, statt kurz und bestimmt den +Senatoren seine Befehle zu diktieren, sich auf seine alten Tage bei +einem Professor der Redekunst zum zweitenmal in die Lehre begab, um dem +jugendfrischen glänzenden Talente Curios mit neu aufpolierter Eloquenz +zu begegnen? + +—————————————————————————————- + +^2 homo ingeniosissime nequam (Vell, 2, 48). + +—————————————————————————————- + +Die im Senat geschlagene Koalition war in der peinlichsten Lage. Die +Catonische Fraktion hatte es übernommen, die Dinge zum Bruche zu +treiben und den Senat mit sich fortzureißen und sah nun in der +ärgerlichsten Weise ihr Fahrzeug auf den Sandbänken der schlaffen +Majorität stranden. Von Pompeius mußten ihre Führer in den Konferenzen +die bittersten Vorwürfe hören; er wies mit Nachdruck und mit vollem +Recht auf die Gefahren des Scheinfriedens hin, und wenn es auch nur an +ihm selber lag den Knoten durch eine rasche Tat zu durchhauen, so +wußten seine Verbündeten doch sehr wohl, daß sie diese von ihm +nimmermehr erwarten durften und daß es an ihnen war, wie sie es +zugesagt, ein Ende zu machen. Nachdem die Vorfechter der Verfassung und +des Senatsregiments bereits früher die verfassungsmäßigen Rechte der +Bürgerschaft und der Volkstribune für inhaltlose Formalitäten erklärt +hatten, sahen sie sich jetzt in die Notwendigkeit versetzt, die +verfassungsmäßigen Entscheidungen des Senats selbst in ähnlicher Weise +zu behandeln und, da die legitime Regierung nicht mit ihrem Willen sich +wollte retten lassen, sie wider ihren Willen zu erretten. Es war das +weder neu noch zufällig; in ganz ähnlicher Weise wie jetzt Cato und die +Seinen hatten auch Sulla und Lucullus jeden im rechten Interesse der +Regierung gefaßten energischen Entschluß derselben über den Kopf nehmen +zu müssen: die Verfassungsmaschine war eben vollständig abgenutzt, und +wie seit Jahrhunderten die Komitien, so jetzt auch der Senat nichts als +ein lahmes, aus dem Geleise weichendes Rad. + +Es ging die Rede (Oktober 704 50), daß Caesar vier Legionen aus dem +Jenseitigen in das Diesseitige Gallien gezogen und bei Placentia +aufgestellt habe. Obwohl diese Truppenverlegung an sich in den +Befugnissen des Statthalters lag, Curio überdies die vollständige +Grundlosigkeit des Gerüchts im Senat handgreiflich dartat und die Kurie +den Antrag des Konsuls Gaius Marcellus, daraufhin Pompeius Marschbefehl +gegen Caesar zu erteilen, mit Mehrheit verwarf, so begab sich dennoch +der genannte Konsul in Verbindung mit den beiden für 705 (49) erwählten +gleichfalls zur Catonischen Partei gehörigen Konsuln zu Pompeius, und +diese drei Männer ersuchten kraft eigener Machtvollkommenheit den +General, sich an die Spitze der beiden bei Capua stehenden Legionen zu +stellen und nach Ermessen die italische Wehrmannschaft unter die Waffen +zu rufen. Eine formwidrigere Vollmacht zur Eröffnung des Bürgerkrieges +ließ schwer sich denken; allein man hatte keine Zeit mehr, auf solche +Nebensachen Rücksicht zu nehmen: Pompeius nahm sie an. Die +Kriegsvorbereitungen, die Aushebungen begannen; um sie persönlich zu +fördern, verließ Pompeius im Dezember 704 (50) die Hauptstadt. + +Caesar hatte es vollständig erreicht, den Gegnern die Initiative des +Bürgerkrieges zuzuschieben. Er hatte, während er selber den Rechtsboden +festhielt, Pompeius gezwungen, den Krieg zu erklären, und ihn zu +erklären nicht als Vertreter der legitimen Gewalt, sondern als Feldherr +einer offenbar revolutionären und die Mehrheit terrorisierenden +Senatsminorität. Es war dieser Erfolg nicht gering anzuschlagen, +wenngleich der Instinkt der Massen sich keinen Augenblick darüber +täuschen konnte und täuschte, daß es in diesem Krieg sich um andere +Dinge handelte als um formale Rechtsfragen. Nun, wo der Krieg erklärt +war, lag es in Caesars Interesse, baldmöglichst zum Schlagen zu kommen. +Die Rüstungen der Gegner waren erst im Beginnen und selbst die +Hauptstadt unbesetzt. In zehn bis zwölf Tagen konnte daselbst eine den +in Oberitalien stehenden Truppen Caesars dreifach überlegene Armee +beisammen sein; aber noch war es nicht unmöglich, Rom unverteidigt zu +überrumpeln, ja vielleicht durch einen raschen Winterfeldzug ganz +Italien einzunehmen und den Gegnern ihre besten Hilfsquellen zu +verschließen, bevor sie noch dieselben nutzbar zu machen vermochten. +Der kluge und energische Curio, der nach Niederlegung seines Tribunats +(9. Dezember 704 50) sofort zu Caesar nach Ravenna gegangen war, +stellte seinem Meister die Lage der Dinge lebhaft vor, und es bedurfte +dessen schwerlich, um Caesar zu überzeugen, daß jetzt längeres Zaudern +nur schaden könne. Allein da er, um nicht den Gegnern Veranlassung zu +Beschwerden zu geben, nach Ravenna selbst bisher keine Truppen gezogen +hatte, konnte er für jetzt nichts tun, als seinen sämtlichen Korps den +Befehl zum schleunigsten Aufbruch zufertigen und mußte warten, bis +wenigstens die eine in Oberitalien stehende Legion in Ravenna eintraf. +Inzwischen sandte er ein Ultimatum nach Rom, das, wenn zu nichts +anderem, doch dazu nützlich war, daß es durch Nachgiebigkeit bis aufs +äußerste seine Gegner noch weiter in der öffentlichen Meinung +kompromittierte und vielleicht sogar, indem er selber zu zaudern +schien, sie bestimmte, die Rüstungen gegen ihn lässiger zu betreiben. +In diesem Ultimatum ließ Caesar alle früheren an Pompeius gestellten +Gegenforderungen fallen und erbot sich seinerseits, bis zu der von dem +Senate festgesetzten Frist sowohl die Statthalterschaft des Jenseitigen +Galliens niederzulegen als auch von den zehn ihm eigenen Legionen acht +aufzulösen; er erklärte sich befriedigt, wenn der Senat ihm entweder +die Statthalterschaft des Diesseitigen Galliens und Illyriens mit einer +oder auch die des Diesseitigen Galliens allein mit zwei Legionen, nicht +etwa bis zur Übernahme des Konsulats, sondern bis nach Beendigung der +Konsulwahlen für 706 (48) belasse. Er ging also auf diejenigen +Vergleichsvorschläge ein, mit denen zu Anfang der Verhandlungen die +Senatspartei, ja Pompeius selbst erklärt hatten, sich befriedigen zu +wollen, und zeigte sich bereit, von der Wahl zum Konsulat bis zum +Antritt desselben im Privatstand zu verharren. Ob es Caesar mit diesen +erstaunlichen Zugeständnissen Ernst war und er sein Spiel gegen +Pompeius selbst bei solchem Vorgeben durchführen zu können sich +getraute oder ob er darauf rechnete, daß man auf der andern Seite +bereits zu weit gegangen sei, um in diesen Vergleichsvorschlägen mehr +zu finden als den Beweis dafür, daß Caesar seine Sache selbst als +verloren betrachte, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit entscheiden. +Die Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß Caesar weit eher den Fehler +allzukecken Spielens als den schlimmeren beging, etwas zu versprechen, +was er nicht zu halten gesonnen war, und daß, wenn wunderbarerweise +seine Vorschläge angenommen worden wären, er sein Wort gutgemacht haben +würde. Curio übernahm es, seinen Herrn noch einmal in der Höhle des +Löwen zu vertreten. In drei Tagen durchflog er die Straße von Ravenna +nach Rom; als die neuen Konsuln Lucius Lentulus und Gaius Marcellus der +jüngere ^3 zum erstenmal am 1. Januar 705 (49) den Senat versammelten, +übergab er in voller Sitzung das von dem Feldherrn an den Senat +gerichtete Schreiben. Die Volkstribune Marcus Antonius, in der +Skandalchronik der Stadt bekannt als Curios vertrauter Freund und aller +seiner Torheiten Genosse, aber zugleich auch aus den ägyptischen und +gallischen Feldzügen als glänzender Reiteroffizier, und Quintus +Cassius, Pompeius’ ehemaliger Quästor, welche beide jetzt an Curios +Stelle Caesars Sache in Rom führten, erzwangen die sofortige Verlesung +der Depesche. Die ernsten und klaren Warte, in denen Caesar den +drohenden Bürgerkrieg, den allgemeinen Wunsch nach Frieden, Pompeius’ +Übermut, seine eigene Nachgiebigkeit mit der ganzen unwiderstehlichen +Macht der Wahrheit darlegte, die Vergleichsvorschläge von einer ohne +Zweifel seine eigenen Anhänger überraschenden Mäßigung, die bestimmte +Erklärung, daß hiermit die Hand zum Frieden zum letztenmal geboten sei, +machten den tiefsten Eindruck. Trotz der Furcht vor den zahlreich in +die Hauptstadt geströmten Soldaten des Pompeius war die Gesinnung der +Majorität nicht zweifelhaft; man durfte nicht wagen, sie sich +aussprechen zu lassen. Über den von Caesar erneuerten Vorschlag, daß +beiden Statthaltern zugleich die Niederlegung ihres Kommandos +aufgegeben werden möge, über alle durch sein Schreiben nahegelegten +Vergleichsvorschläge und über den von Marcus Caelius Rufus und Marcus +Calidius gestellten Antrag, Pompeius zur sofortigen Abreise nach +Spanien zu veranlassen, weigerten sich die Konsuln, wie sie als +Vorsitzende es durften, die Abstimmung zu eröffnen. Selbst der Antrag +eines der entschiedensten Gesinnungsgenossen, der nur nicht gegen die +militärische Lage der Dinge so blind war wie seine Partei, des Marcus +Marcellus: die Beschlußfassung auszusetzen, bis der italische Landsturm +unter Waffen stehe und den Senat zu schützen vermöge, durfte nicht zur +Abstimmung gebracht werden. Pompeius ließ durch sein gewöhnliches Organ +Quintus Scipio erklären, daß er jetzt oder nie die Sache des Senats +aufzunehmen entschlossen sei und sie fallen lasse, wenn man noch länger +zaudere. Der Konsul Lentulus sprach es unumwunden aus, daß es gar auf +den Beschluß des Senats nicht mehr ankomme, sondern, wenn derselbe bei +seiner Servilität verharren sollte, er von sich aus handeln und mit +seinen mächtigen Freunden das weitere veranlassen werde. So +terrorisiert, beschloß die Majorität, was ihr befohlen ward: daß Caesar +bis zu einem bestimmten, nicht fernen Tage das Jenseitige Gallien an +Lucius Domitius Ahenobarbus, das Diesseitige an Marcus Servilius +Nonianus abzugeben und das Heer zu entlassen habe, widrigenfalls er als +Hochverräter erachtet werde. Als die Tribune von Caesars Partei gegen +diesen Beschluß ihres Interzessionsrechts sich bedienten, wurden sie +nicht bloß, wie sie wenigstens behaupteten, in der Kurie selbst von +Pompeianischen Soldaten mit den Schwertern bedroht und, um ihr Leben zu +retten, in Sklavenkleidern aus der Hauptstadt zu flüchten gezwungen, +sondern es behandelte auch der nun hinreichend eingeschüchterte Senat +ihr formell durchaus verfassungsmäßiges Einschreiten wie einen +Revolutionsversuch, erklärte das Vaterland in Gefahr und rief in den +üblichen Formen die gesamte Bürgerschaft unter die Waffen und an die +Spitze der Bewaffneten die sämtlichen verfassungstreuen Beamten (7. +Januar 705 49). + +———————————————————————- + +^3 Zu unterscheiden von dem gleichnamigen Konsul des Jahres 704 (SO); +dieser war ein Vetter, der Konsul des Jahres 705 (49) ein Bruder des +Marcus Marcellus, Konsul 703 (51). + +——————————————————————— + +Nun war es genug. Wie Caesar durch die schutzflehend zu ihm ins Lager +flüchtenden Tribune von der Aufnahme in Kenntnis gesetzt ward, welche +seine Vorschläge in der Hauptstadt gefunden hatten, rief er die +Soldaten der dreizehnten Legion, die inzwischen aus ihren +Kantonierungen bei Tergeste (Triest) in Ravenna eingetroffen war, +zusammen und entwickelte vor ihnen den Stand der Dinge. Es war nicht +bloß der geniale Herzenskündiger und Geisterbeherrscher, dessen +glänzende Rede in diesem erschütternden Wendepunkt seines und des +Weltgeschicks hoch emporleuchtete und flammte; nicht bloß der +freigebige Heermeister und der sieghafte Feldherr, welcher zu den +Soldaten sprach, die von ihm selbst unter die Waffen gerufen und seit +acht Jahren mit immer steigender Begeisterung seinen Fahnen gefolgt +waren; es sprach vor allem der energische und konsequente Staatsmann, +der nun seit neunundzwanzig Jahren die Sache der Freiheit in guter und +böser Zeit vertreten, für sie den Dolchen der Mörder und den Henkern +der Aristokratie, den Schwertern der Deutschen und den Fluten des +unbekannten Ozeans Trotz geboten hatte, ohne je zu weichen und zu +wanken, der die Sullanische Verfassung zerrissen, das Regiment des +Senats gestürzt, die wehr- und waffenlose Demokratie in dem Kampfe +jenseits der Alpen beschildet und bewehrt hatte; und er sprach nicht zu +dem clodianischen Publikum, dessen republikanischer Enthusiasmus längst +zu Asche und Schlacken niedergebrannt war, sondern zu den jungen +Mannschaften aus den Städten und Dörfern Norditaliens, die den +mächtigen Gedanken der bürgerlichen Freiheit noch frisch und rein +empfanden, die noch fähig waren, für Ideale zu fechten und zu sterben, +die selbst für ihre Landschaft das von der Regierung ihnen versagte +Bürgerrecht in revolutionärer Weise von Caesar empfangen hatten, die +Caesars Sturz den Ruten und Beilen abermals preisgab und die die +tatsächlichen Beweise bereits davon besaßen, wie unerbittlichen +Gebrauch die Oligarchie davon gegen die Transpadaner zu machen +gedachte. Vor solchen Zuhörern legte ein solcher Redner die Tatsachen +dar: den Dank für die Eroberung Galliens, den der Adel dem Feldherrn +und dem Heer bereitete, die geringschätzige Beseitigung der Komitien, +die Terrorisierung des Senats, die heilige Pflicht, das vor einem +halben Jahrtausend von den Vätern mit den Waffen in der Hand dem Adel +abgezwungene Volkstribunat mit gewaffneter Hand zu schirmen, den alten +Schwur zu halten, den jene für sich wie für die Enkel ihrer Enkel +geleistet, für die Tribune der Gemeinde Mann für Mann einzustehen bis +in den Tod. Als dann er, der Führer und Feldherr der Popularpartei, die +Soldaten des Volkes aufrief, jetzt, nachdem der Güteversuch erschöpft, +die Nachgiebigkeit an den äußersten Grenzen angelangt war, jetzt ihm zu +folgen in den letzten, den unvermeidlichen, den entscheidenden Kampf +gegen den ebenso verhaßten wie verachteten, ebenso perfiden wie +unfähigen und bis zur Lächerlichkeit unverbesserlichen Adel - da war +kein Offizier und kein Soldat, der sich zurückgehalten hätte. Der +Aufbruch war befohlen; an der Spitze seines Vortrabs überschritt Caesar +den schmalen Bach, der seine Provinz von Italien schied und jenseits +dessen die Verfassung den Prokonsul von Gallien bannte. Indem er nach +neunjähriger Abwesenheit den Boden des Vaterlandes wieder betrat, +betrat er zugleich die Bahn der Revolution. “Die Würfel waren +geworfen.” + + + + +KAPITEL X. +Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus + + +Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also +die Waffen entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster +Alleinherrscher zu sein. Sehen wir, wie für die bevorstehende +Kriegführung zwischen Caesar und Pompeius sich das Machtverhältnis +gestellt hatte. + +Caesars Macht ruhte zunächst auf der völlig unumschränkten Gewalt, +deren er innerhalb seiner Partei genoß. Wenn die Ideen der Demokratie +und der Monarchie in ihr zusammenflossen, so war dies nicht die Folge +einer zufällig eingegangenen und zufällig lösbaren Koalition, sondern +es war im tiefsten Wesen der Demokratie ohne Repräsentativverfassung +begründet, daß Demokratie wie Monarchie zugleich ihren höchsten und +letzten Ausdruck in Caesar fanden. Politisch wie militärisch entschied +Caesar durchaus in erster und letzter Instanz. In wie hohen Ehren er +auch jedes brauchbare Werkzeug hielt, so blieb es doch immer Werkzeug: +Caesar stand innerhalb seiner Partei ohne Genossen, nur umgeben von +militärisch-politischen Adjutanten, die in der Regel aus der Armee +hervorgegangen und als Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und +Zweck zu fragen, sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in +dem entscheidenden Augenblick, als der Bürgerkrieg begann, von allen +Soldaten und Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam +verweigert; und es bestätigt nur diese Auffassung des Verhältnisses +Caesars zu seinen Anhängern, daß dieser eine eben von allen der Erste +war. Titus Labienus hatte mit Caesar alle Drangsale der düsteren +catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen Siegeslaufbahn +geteilt, hatte regelmäßig selbständig befehligt und häufig die halbe +Armee geführt; er war ohne Frage wie der älteste, tüchtigste und +treueste unter Caesars Adjutanten, so auch der höchstgestellte und am +höchsten geehrte. Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den +Oberbefehl im Diesseitigen Gallien übertragen, um teils diesen +Vertrauensposten in sichere Hand zu geben, teils zugleich Labienus in +seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu fördern. Allein ebenhier trat +Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim Beginn der +Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in Pompeius’ +Hauptquartier und kämpfte während des ganzen Bürgerkrieges mit +beispielloser Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn. +Wir sind weder über Labienus’ Charakter noch über die einzelnen +Umstände seines Parteiwechsels genügend unterrichtet; im wesentlichen +aber liegt hier sicher nichts vor als ein weiterer Beleg dafür, daß der +Kriegsfürst weit sicherer auf seine Hauptleute als auf seine Marschälle +zählen kann. Allem Anschein nach war Labienus eine jener +Persönlichkeiten, die mit militärischer Brauchbarkeit vollständige +staatsmännische Unfähigkeit vereinigen und die dann, wenn sie +unglücklicherweise Politik machen wollen oder müssen, jenen tollen +Schwindelanfällen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der +Napoleonischen Marschälle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt. +Er mochte wohl sich berechtigt halten, als das zweite Haupt der +Demokratie neben Caesar zu gelten; und daß er mit diesem Anspruch +zurückgewiesen ward, wird ihn in das Lager der Gegner geführt haben. Es +zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des Übelstandes, daß +Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbständiger Adjutanten +keine zur Übernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Männer in +seinem Lager emporkommen ließ, während er doch bei der leicht +vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegführung durch +alle Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Männer dringend bedurfte. +Allein dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste +und nur um diesen Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs, +die Einheit der obersten Leitung. + +Die einheitliche Leitung erhielt ihre volle Gewalt durch die +Brauchbarkeit der Werkzeuge. Hier kam in erster Linie in Betracht die +Armee. Sie zählte noch neun Legionen Infanterie oder höchstens 50000 +Mann, welche aber alle vor dem Feinde gestanden und von denen zwei +Drittel sämtliche Feldzüge gegen die Kelten mitgemacht hatten. Die +Reiterei bestand aus deutschen und norischen Söldnern, deren +Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit in dem Kriege gegen Vercingetorix +erprobt worden war. Der achtjährige Krieg voll mannigfacher +Wechselfälle gegen die tapfere, wenn auch militärisch der italischen +entschieden nachstehende keltische Nation hatte Caesar die Gelegenheit +gegeben, seine Armee zu organisieren, wie nur er zu organisieren +verstand. Alle Brauchbarkeit des Soldaten setzt physische Tüchtigkeit +voraus: bei Caesars Aushebungen wurde auf Stärke und Gewandtheit der +Rekruten mehr als auf Vermögen und Moralität gesehen. Aber die +Leistungsfähigkeit der Armee beruht, wie die einer jeden Maschine, vor +allen Dingen auf der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegung: in +der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder Zeit und in der +Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine selten +erreichte und wohl nie übertroffene Vollkommenheit. Mut galt natürlich +über alles: die Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den Korpsgeist +anzufachen, so daß die Bevorzugung einzelner Soldaten und Abteilungen +selbst den Zurückstehenden als die notwendige Hierarchie der Tapferkeit +erschien, übte Caesar mit unerreichter Meisterschaft. Er gewöhnte den +Leuten das Fürchten ab, indem er, wo es ohne ernste Gefahr geschehen +konnte, die Soldaten nicht selten von einem bevorstehenden Kampf nicht +in Kenntnis setzte, sondern sie unvermutet auf den Feind treffen ließ. +Aber der Tapferkeit gleich stand der Gehorsam. Der Soldat wurde +angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach Ursache und Absicht zu +fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig als Übung in der +schweren Kunst der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt. Die Disziplin war +streng, aber nicht peinlich: unnachsichtlich ward sie gehandhabt, wenn +der Soldat vor dem Feinde stand; zu anderen Zeiten, vor allem nach dem +Siege, wurden die Zügel nachgelassen, und wenn es dem sonst brauchbaren +Soldaten dann beliebte, sich zu parfümieren oder mit eleganten Waffen +und andern Dingen sich zu putzen, ja sogar, wenn er Brutalitäten oder +Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art sich zu Schulden kommen +ließ und nur nicht zunächst die militärischen Verhältnisse dadurch +berührt wurden, so ging die Narrenteidung wie das Verbrechen ihm hin +und die desfälligen Klagen der Provinzialen fanden bei dem Feldherrn +ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloß den Anstiftern, +sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der rechte Soldat +soll nicht bloß überhaupt tüchtig, tapfer und gehorsam, sondern er soll +dies alles willig, ja freiwillig sein; und nur genialen Naturen ist es +gegeben, durch Beispiel und durch Hoffnung und vor allem durch das +Bewußtsein, zweckmäßig gebraucht zu werden, die beseelte Maschine, die +sie regieren, zum freudigen Dienen zu bestimmen. Wenn der Offizier, um +von seinen Leuten Tapferkeit zu verlangen, selbst mit ihnen der Gefahr +ins Auge gesehen haben muß, so hatte Caesar auch als Feldherr +Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich dem Besten ihn +gebraucht; an Tätigkeit aber und Strapazen mutete er stets sich selbst +weit mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafür, daß an den Sieg, +der zunächst freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch auch für den +Soldaten sich persönliche Hoffnungen knüpften. Daß er es verstand, die +Soldaten für die Sache der Demokratie zu begeistern, soweit die +prosaisch gewordene Zeit noch Begeisterung gestattet, und daß die +politische Gleichstellung der transpadanischen Landschaft, der Heimat +seiner meisten Soldaten, mit dem eigentlichen Italien als eines der +Kampfziele hingestellt ward, wurde schon erwähnt. Es versteht sich, daß +daneben auch materielle Prämien nicht fehlten, sowohl besondere für +hervorragende Waffentaten, wie allgemeine für jeden tüchtigen Soldaten; +daß die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und für den Triumph +die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden. Aber vor +allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in jedem +einzelnen großen oder kleinen Triebrad des mächtigen Instruments das +Gefühl zweckmäßiger Verwendung zu erwecken. Der gewöhnliche Mensch ist +zum Dienen bestimmt und er sträubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn +er fühlt, daß ein Meister ihn lenkt. Allgegenwärtig und jederzeit ruhte +der Adlerblick des Feldherrn auf dem ganzen Heer, mit unparteiischer +Gerechtigkeit belohnend und bestrafend und der Tätigkeit eines jeden +die zum Besten aller dienenden Wege weisend, so daß auch mit des +Geringsten Schweiß und Blut nicht experimentiert oder gespielt, darum +aber auch, wo es nötig war, unbedingte Hingebung bis in den Tod +gefordert ward. Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den +Einblick zu gestatten, ließ Caesar ihn doch genug von dem politischen +und militärischen Zusammenhang der Dinge ahnen, um als Staatsmann und +Feldherr von dem Soldaten erkannt, auch wohl idealisiert zu werden. +Durchaus behandelte er die Soldaten nicht als seinesgleichen, aber als +Männer, welche Wahrheit zu fordern berechtigt und zu ertragen fähig +waren, und die den Versprechungen und Versicherungen des Feldherrn +Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu vermuten oder auf +Gerüchte zu horchen; als langjährige Kameraden in Krieg und Sieg, unter +denen kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem sich +nicht in all den Feldzügen ein mehr oder minder persönliches Verhältnis +zu dem Feldherrn gebildet hätte; als gute Genossen, mit denen er +zutraulich und mit der ihm eigenen heiteren Elastizität schwatzte und +verkehrte; als Schutzbefohlene, deren Dienste zu vergelten, deren +Unbill und Tod zu rächen ihm heilige Pflicht war. Vielleicht nie hat es +eine Armee gegeben, die so vollkommen war, was die Armee sein soll: +eine für ihre Zwecke fähige und für ihre Zwecke willige Maschine in der +Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene Spannkraft überträgt. +Caesars Soldaten waren und fühlten sich zehnfacher Übermacht gewachsen: +wobei nicht übersehen werden darf, daß bei der durchaus auf das +Handgemenge und vornehmlich den Schwertkampf berechneten römischen +Taktik der geübte römische Soldat dem Neuling in noch weit höherem +Grade überlegen war, als dies unter den heutigen Verhältnissen der Fall +ist ^1. Aber noch mehr als durch die überlegene Tapferkeit fühlten die +Gegner sich gedemütigt durch die unwandelbare und rührende Treue, mit +der Caesars Soldaten an ihrem Feldherrn hingen. Es ist wohl ohne +Beispiel in der Geschichte, daß, als der Feldherr seine Soldaten +aufrief, ihm in den Bürgerkrieg zu folgen, mit der einzigen, schon +erwähnten Ausnahme des Labienus kein römischer Offizier und kein +römischer Soldat ihn im Stich ließ. Die Hoffnungen der Gegner auf eine +ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmählich wie der frühere +Versuch, sein Heer wie das des Lucullus auseinander zu sprengen; selbst +Labienus erschien in Pompeius’ Lager wohl mit einem Haufen keltischer +und deutscher Reiter, aber ohne einen einzigen Legionär. Ja die +Soldaten, als wollten sie zeigen, daß der Krieg ganz ebenso ihre Sache +sei wie die des Feldherrn, machten unter sich aus, daß sie den Sold, +den ihnen Caesar beim Ausbruch des Bürgerkrieges zu verdoppeln +versprochen hatte, bis zu dessen Beendigung dem Feldherrn kreditieren +und inzwischen die ärmeren Kameraden aus allgemeinen Mitteln +unterstützen wollten; überdies rüstete und besoldete jeder +Unteroffizier einen Reiter aus seiner Tasche. + +——————————————————————————— + +^1 Ein gefangener Centurio von der zehnten Legion Caesars erklärte dem +feindlichen Oberfeldherrn daß er bereit sei, es mit zehn von seinen +Leuten gegen die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell. +Afr. 45). “In der Fechtweise der Alten”, urteilt Napoleon I., “bestand +die Schlacht aus lauter Zweikämpfen; in dem Munde des heutigen Soldaten +würde es Prahlerei sein, was in dem jenes Centurionen nur richtig war.” +Von dem Soldatengeist, der Caesars Armee durchdrang, legen die seinen +Memoiren angehängten Berichte über den Afrikanischen und den Zweiten +Spanischen Krieg, von denen jener einen Offizier zweiten Ranges zum +Verfasser zu haben scheint, dieser ein in jeder Beziehung subalternes +Lagerjournal ist, lebendigen Beweis ab. + +——————————————————————————— + +Wenn also Caesar das eine hatte, was not tat: unbeschränkte politische +und militärische Gewalt und eine schlagfertige zuverlässige Armee, so +dehnte seine Macht verhältnismäßig sich nur über einen sehr +beschränkten Raum aus. Sie ruhte wesentlich auf der oberitalischen +Provinz. Diese Landschaft war nicht bloß die am besten bevölkerte unter +allen italischen, sondern auch der Sache der Demokratie als ihrer +eigenen ergeben. Von der daselbst herrschenden Stimmung zeugt das +Verhalten einer Abteilung Rekruten von Opitergium (Oderzo in der +Delegation Treviso), die nicht lange nach dem Ausbruch des Krieges in +den illyrischen Gewässern, auf einem elenden Floß von den feindlichen +Kriegsschiffen umzingelt, den ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne sich +zusammenschießen ließen, ohne sich zu ergeben, und, soweit sie den +Geschossen entgangen waren, in der folgenden Nacht mit eigener Hand +sich den Tod gaben. Man begreift, was einer solchen Bevölkerung +zugemutet werden konnte. Wie sie Caesar bereits die Mittel gewährt +hatte, seine ursprüngliche Armee mehr als zu verdoppeln, so stellten +auch nach Ausbruch des Bürgerkrieges zu den sofort angeordneten +umfassenden Aushebungen die Rekruten zahlreich sich ein. In dem +eigentlichen Italien dagegen war Caesars Einfluß dem der Gegner nicht +entfernt zu vergleichen. Wenn er auch durch geschickte Manöver die +Catonische Partei ins Unrecht zu setzen gewußt und alle, die einen +Vorwand wünschten, um mit gutem Gewissen entweder neutral zu bleiben, +wie die Senatsmajorität, oder seine Partei zu ergreifen, wie seine +Soldaten und die Transpadaner, von seinem guten Recht hinreichend +überzeugt hatte, so ließ sich doch die Masse der Bürgerschaft natürlich +dadurch nicht irren und sah, als der Kommandant von Gallien seine +Legionen gegen Rom in Bewegung setzte, allen formalen +Rechtserörterungen zum Trotz, in Cato und Pompeius die Verteidiger der +legitimen Republik, in Caesar den demokratischen Usurpator. Allgemein +erwartete man ferner von dem Neffen des Marius, dem Schwiegersöhne des +Cinna, dem Verbündeten des Catilina die Wiederholung der +Marianisch-Cinnanischen Greuel, die Realisierung der von Catilina +entworfenen Saturnalien der Anarchie; und wenn auch Caesar hierdurch +allerdings Verbündete gewann, die politischen Flüchtlinge sofort in +Masse sich ihm zur Verfügung stellten, die verlorenen Leute ihren +Erlöser in ihm sahen, die niedrigsten Schichten des haupt- und +landstädtischen Pöbels auf die Kunde von seinem Anmarsch in Gärung +gerieten, so waren dies doch von den Freunden, die gefährlicher als die +Feinde sind. Noch weniger als in Italien hatte Caesar in den Provinzen +und den Klientelstaaten Einfluß. Das Transalpinische Gallien bis zum +Rhein und zum Kanal gehorchte ihm zwar, und die Kolonisten von Narbo +sowie die sonst daselbst ansässigen römischen Bürger waren ihm ergeben; +allein selbst in der Narbonensischen Provinz hatte die +Verfassungspartei zahlreiche Anhänger, und nun gar die neueroberten +Landschaften waren für Caesar in dem bevorstehenden Bürgerkrieg weit +mehr eine Last als ein Vorteil, wie er denn aus guten Gründen in +demselben von dem keltischen Fußvolk gar keinen, von der Reiterei nur +sparsamen Gebrauch machte. In den übrigen Provinzen und den +benachbarten, halb oder ganz unabhängigen Staaten hatte Caesar wohl +auch versucht, sich Rückhalt zu verschaffen, hatte den Fürsten reiche +Geschenke gespendet, in manchen Städten große Bauten ausführen lassen +und in Notfällen ihnen finanziellen und militärischen Beistand gewährt; +allein im ganzen war natürlich damit nicht viel erreicht worden, und +die Beziehungen zu den deutschen und keltischen Fürsten in den Rhein- +und Donaulandschaften, namentlich die der Reiterwerbung wegen wichtige +zu dem norischen König Voccio waren wohl die einzigen derartigen +Verhältnisse, die für ihn etwas bedeuten mochten. + +Wenn Caesar also in den Kampf eintrat nur als Kommandant von Gallien, +ohne andere wesentliche Hilfsmittel als brauchbare Adjutanten, ein +treues Heer und eine ergebene Provinz, so begann ihn Pompeius als +tatsächliches Oberhaupt des römischen Gemeinwesens und im Vollbesitz +aller der legitimen Regierung des großen römischen Reiches zur +Verfügung stehenden Hilfsquellen. Allein wenn seine Stellung politisch +und militärisch weit ansehnlicher war, so war sie dagegen auch weit +minder klar und fest. Die Einheit der Oberleitung, die aus Caesars +Stellung sich von selbst und mit Notwendigkeit ergab, war dem Wesen der +Koalition zuwider; und obwohl Pompeius, zu sehr Soldat, um sich über +die Unentbehrlichkeit derselben zu täuschen, sie der Koalition +aufzuzwingen versuchte und sich vom Senat zum alleinigen und +unumschränkten Oberfeldherrn zu Lande und zur See ernennen ließ, so +konnte doch der Senat selbst nicht beseitigt und ein überwiegender +Einfluß auf die politische, ein gelegentliches und darum doppelt +schädliches Eingreifen in die militärische Oberleitung ihm nicht +verwehrt werden. Die Erinnerung an den zwanzigjährigen, auf beiden +Seiten mit vergifteten Waffen geführten Krieg zwischen Pompeius und der +Verfassungspartei, das auf beiden Seiten lebhaft vorhandene und mühsam +verhehlte Bewußtsein, daß die nächste Folge des erfochtenen Sieges der +Bruch zwischen den Siegern sein werde, die Verachtung, die man +gegenseitig und von beiden Seiten mit nur zu gutem Grund sich zollte, +die unbequeme Anzahl angesehener und einflußreicher Männer in den +Reihen der Aristokratie und die geistige und sittliche Inferiorität +fast aller Beteiligten erzeugten überhaupt bei den Gegnern Caesars ein +widerwilliges und widersetzliches Zusammenwirken, das mit dem +einträchtigen und geschlossenen Handeln auf der anderen Seite den +übelsten Kontrast bildet. + +Wenn also alle Nachteile der Koalition unter sich feindlicher Mächte +von Caesars Gegnern in ungewöhnlichem Maße empfunden wurden, so war +doch allerdings auch diese Koalition eine sehr ansehnliche Macht. Die +See beherrschte sie ausschließlich: alle Häfen, alle Kriegsschiffe, +alles Flottenmaterial standen zu ihrer Verfügung. Die beiden Spanien, +gleichsam Pompeius’ Hausmacht so gut wie die beiden Gallien Caesars, +waren ihrem Herrn treu anhänglich und in den Händen tüchtiger und +zuverlässiger Verwalter. Auch in den übrigen Provinzen, natürlich mit +Ausnahme der beiden Gallien, waren die Statthalter- und +Kommandantenstellen während der letzten Jahre unter dem Einfluß von +Pompeius und der Senatsminorität mit sicheren Männern besetzt worden. +Durchaus und mit großer Entschiedenheit ergriffen die Klientelstaaten +Partei gegen Caesar und für Pompeius. Die bedeutendsten Fürsten und +Städte waren in den verschiedenen Abschnitten seiner mannigfaltigen +Wirksamkeit zu Pompeius in die engsten persönlichen Beziehungen +getreten - wie er denn in dem Kriege gegen die Marianer der +Waffengenosse der Könige von Numidien und Mauretanien gewesen war und +das Reich des ersteren wiederaufgerichtet hatte; wie er im +Mithradatischen Kriege außer einer Menge anderer kleinerer geistlicher +und weltlicher Fürstentümer die Königreiche Bosporus, Armenien und +Kappadokien wiederhergestellt, das galatische des Deiotarus geschaffen +hatte; wie zunächst auf seine Veranlassung der Ägyptische Krieg +unternommen und durch seinen Adjutanten die Lagidenherrschaft neu +befestigt worden war. Selbst die Stadt Massalia in Caesars eigener +Provinz verdankte wohl auch diesem manche Vergünstigungen, aber +Pompeius vom Sertorianischen Kriege her eine sehr ansehnliche +Gebietserweiterung, und es stand außerdem die hier regierende +Oligarchie mit der römischen in einem natürlichen und durch vielfache +Zwischenbeziehungen befestigten Bunde. Diese persönlichen Rücksichten +und Verhältnisse sowie die Glorie des Siegers in drei Weltteilen, +welche in diesen abgelegeneren Teilen des Reiches die des Eroberers von +Gallien noch weit überstrahlte, schadeten indes hier Caesar vielleicht +weniger noch als die daselbst nicht unbekannt gebliebenen An- und +Absichten des Erben des Gaius Gracchus über die Notwendigkeit der +Reunion der abhängigen Staaten und die Nützlichkeit der +Provinzialkolonisationen. Keiner unter den abhängigen Dynasten sah von +dieser Gefahr sich näher bedroht als König Juba von Numidien. Nicht +bloß war er vor Jahren, noch bei Lebzeiten seines Vaters Hiempsal, mit +Caesar persönlich aufs heftigste zusammengeraten, sondern es hatte auch +kürzlich derselbe Curio, der jetzt unter Caesars Adjutanten fast den +ersten Platz einnahm, bei der römischen Bürgerschaft den Antrag auf +Einziehung des Numidischen Reiches gestellt. Sollte endlich es so weit +kommen, daß die unabhängigen Nachbarstaaten in den römischen +Bürgerkrieg eingriffen, so war der einzige wirklich mächtige, der der +Parther, durch die zwischen Pakoros und Bibulus angeknüpfte Verbindung +tatsächlich bereits mit der aristokratischen Partei alliiert, während +Caesar viel zu sehr Römer war, um aus Parteiinteressen sich mit den +Überwindern seines Freundes Crassus zu verkuppeln. + +Was Italien anlangt, so war, wie schon gesagt, die große Majorität der +Bürgerschaft Caesar abgeneigt; vor allem natürlich die gesamte +Aristokratie mit ihrem sehr beträchtlichen Anhang, nicht viel minder +aber auch die hohe Finanz, die nicht hoffen durfte, bei einer +durchgreifenden Reform des Gemeinwesens ihre parteiischen +Geschworenengerichte und ihr Erpressungsmonopol zu konservieren. Ebenso +antidemokratisch gesinnt waren die kleinen Kapitalisten, die +Landgutsbesitzer und überhaupt alle Klassen, die etwas zu verlieren +hatten; nur daß freilich in diesen Schichten die Sorge um die nächsten +Zinstermine und um Saaten und Ernten in der Regel jede andere Rücksicht +überwog. + +Die Armee, über die Pompeius verfügte, bestand hauptsächlich in den +spanischen Truppen, sieben krieggewohnten und in jeder Hinsicht +zuverlässigen Legionen, wozu die weiter in Syrien, Asia, Makedonien, +Afrika, Sizilien und sonst befindlichen, freilich schwachen und sehr +zerstreuten Truppenabteilungen kamen. In Italien standen unter den +Waffen zunächst nur die zwei von Caesar kürzlich abgegebenen Legionen, +deren Effektivbestand sich nicht über 7000 Mann belief und deren +Zuverlässigkeit mehr als zweifelhaft war, da sie, ausgehoben im +Diesseitigen Gallien und alte Waffengefährten Caesars, über die unfeine +Intrige, durch die man sie das Lager hatte wechseln machen, in hohem +Grade mißvergnügt waren und ihres Feldherrn, der die für den Triumph +jedem Soldaten versprochenen Geschenke ihnen vor ihrem Abmarsch +großmütig vorausgezahlt hatte, sehnsüchtig gedachten. Allein abgesehen +davon, daß die spanischen Truppen mit dem Frühjahr entweder auf dem +Landweg durch Gallien oder zur See in Italien eintreffen konnten, +konnten in Italien die Mannschaften der von den Aushebungen von 699 +(55) noch übrigen drei Legionen sowie das im Jahre 702 (52) in Pflicht +genommene italische Aufgebot aus dem Urlaub einberufen werden. Mit +Einrechnung dieser stellte sich die Zahl der Pompeius im ganzen zur +Verfügung stehenden Truppen, ohne die sieben Legionen in Spanien und +die in den andern Provinzen zerstreuten zu rechnen, bloß in Italien auf +zehn Legionen ^2 oder gegen 60000 Mann, so daß es eben keine +Übertreibung war, wenn Pompeius behauptete, nur mit dem Fuße stampfen +zu dürfen, um den Boden mit Bewaffneten zu bedecken. Freilich bedurfte +es wenn auch kurzer, doch einiger Frist, um diese Truppen zu +mobilisieren; die Anstalten dazu sowie zur Effektuierung der neuen, +infolge des Ausbruchs des Bürgerkrieges vom Senat angeordneten +Aushebungen waren aber auch bereits überall im Gange. Unmittelbar nach +dem entscheidenden Senatsbeschluß (7. Januar 705 49), mitten im tiefen +Winter, waren die angesehensten Männer der Aristokratie in die +verschiedenen Landschaften abgegangen, um die Einberufung der Rekruten +und die Anfertigung von Waffen zu beschleunigen. Sehr empfindlich war +der Mangel an Reiterei, da man für diese gewohnt war, sich gänzlich auf +die Provinzen und namentlich die keltischen Kontingente zu verlassen; +um wenigstens einen Anfang zu machen, wurden dreihundert Caesar +gehörende Gladiatoren aus den Fechtschulen von Capua entnommen und +beritten gemacht, was indes so allgemeine Mißbilligung fand, daß +Pompeius diese Truppe wieder auflöste und dafür aus den berittenen +Hirtensklaven Apuliens 300 Reiter aushob. + +———————————————————————— + +^2 Diese Ziffer gab Pompeius selbst an (Caes. civ. 1, 6) und es stimmt +damit, daß er in Italien etwa 60 Kohorten oder 30000 Mann einbüßte und +25000 nach Griechenland überführte (Caes, civ. 3, 10). + +————————————————————————- + +In der Staatskasse war Ebbe wie gewöhnlich; man war beschäftigt, aus +den Gemeindekassen und selbst den Tempelschätzen der Munizipien den +unzureichenden Barbestand zu ergänzen. + +Unter diesen Umständen ward zu Anfang Januar 705 (49) der Krieg +eröffnet. Von marschfähigen Truppen hatte Caesar nicht mehr als eine +Legion, 5000 Mann Infanterie und 300 Reiter, bei Ravenna, das auf der +Chaussee etwa 50 deutsche Meilen von Rom entfernt war; Pompeius zwei +schwache Legionen, 7000 Mann Infanterie und eine geringe Reiterschar, +unter Appius Claudius’ Befehlen bei Luceria, von wo man, ebenfalls auf +der Chaussee, ungefähr ebensoweit nach der Hauptstadt hatte. Die +anderen Truppen Caesars, abgesehen von den rohen, noch in der Bildung +begriffenen Rekrutenabteilungen, standen zur Hälfte an der Saône und +Loire, zur Hälfte in Belgien, während Pompeius’ italische Reserven +bereits von allen Seiten in den Sammelplätzen eintrafen; lange bevor +auch nur die Spitze der transalpinischen Heerhaufen Caesars in Italien +einrücken konnte, wußte hier ein weit überlegenes Heer bereit stehen, +sie zu empfangen. Es schien eine Torheit, mit einem Haufen von der +Stärke des Catilinarischen und augenblicklich ohne wirksame Reserve +angreifend vorzugehen gegen eine überlegene und stündlich anwachsende +Armee unter einem fähigen Feldherrn; allein es war eine Torheit im +Geiste Hannibals. Wenn der Anfang des Kampfes bis zum Frühjahr sich +hinauszog, so ergriffen Pompeius’ spanische Truppen im +Transalpinischen, seine italischen im Cisalpinischen Gallien die +Offensive, und Pompeius, als Taktiker Caesar gewachsen, an Erfahrung +ihm überlegen, war in einem solchen regelmäßig verlaufenden Feldzug ein +furchtbarer Gegner. Jetzt ließ er vielleicht, gewohnt, mit überlegenen +Massen langsam und sicher zu operieren, durch einen durchaus +improvisierten Angriff sich deroutieren; und was Caesars dreizehnte +Legion nach der ernsten Probe des gallischen Überfalls und der +Januarkampagne im Bellovakerland nicht aus der Fassung bringen konnte, +die Plötzlichkeit des Krieges und die Mühsal des Winterfeldzuges, maßte +die Pompeianischen aus alten Caesarischen Soldaten oder auch schlecht +geübten Rekruten bestehenden und noch in der Bildung begriffenen +Heerhaufen desorganisieren. + +So rückte denn Caesar in Italien ein ^3. Zwei Chausseen führten damals +aus der Romagna nach Süden: die Aemilisch-Cassische, die von Bononia +über den Apennin nach Arretium und Rom, und die Popillisch-Flaminische, +die von Ravenna an der Küste des Adriatischen Meeres nach Fanum und, +dort sich teilend, in westlicher Richtung durch den Furlopaß nach Rom, +in südlicher nach Ancona und weiter nach Apulien lief. Auf der ersteren +gelangte Marcus Antonius bis Arretium; auf der zweiten drang Caesar +selbst vor. Widerstand ward nirgends geleistet: die vornehmen +Werbeoffiziere waren keine Militärs, die Rekrutenmassen keine Soldaten, +die Landstädter nur besorgt, nicht in eine Belagerung verwickelt zu +werden. Als Curio mit 1500 Mann auf Iguvium anrückte, wo ein paar +tausend umbrische Rekruten unter dem Prätor Quintus Minucius Thermus +sich gesammelt hatten, suchten, auf die bloße Meldung seines +Anmarsches, General und Soldaten das Weite; und ähnlich ging es im +kleinen überall. Caesar hatte die Wahl, entweder gegen Rom, dem seine +Reiter in Arretium bereits auf 28 deutsche Meilen sich genähert hatten, +oder gegen die bei Luceria lagernden Legionen zu marschieren. Er wählte +das letztere. Die Konsternation der Gegenpartei war grenzenlos. +Pompeius erhielt die Meldung von Caesars Anmarsch in Rom; er schien +anfangs die Hauptstadt verteidigen zu wollen, aber als die Nachricht +von Caesars Einrücken in das Picenische und von seinen ersten Erfolgen +daselbst einlief, gab er sie auf und befahl die Räumung. Ein panischer +Schreck, vermehrt durch das falsche Gerücht, daß vor den Toren sich +Caesars Reiter gezeigt hätten, kam über die vornehme Welt. Die +Senatoren, denen angezeigt worden war, daß man jeden in der Hauptstadt +Zurückbleibenden als Mitschuldigen des Rebellen Caesar behandeln werde, +strömten scharenweise aus den Toren. Die Konsuln selbst hatten so +vollständig den Kopf verloren, daß sie nicht einmal die Kassen in +Sicherheit brachten; als Pompeius sie aufforderte, dies nachzuholen, +wozu ausreichend Zeit war, ließen sie ihm zurücksagen, daß sie es für +sicherer hielten, wenn er zuvor Picenum besetze! Man war ratlos; also +ward großer Kriegsrat in Teanum Sidicinum gehalten (23. Januar), dem +Pompeius, Labienus und beide Konsuln beiwohnten. Zunächst lagen wieder +Vergleichsvorschläge Caesars vor: selbst jetzt noch erklärte dieser +sich bereit, sein Heer sofort zu entlassen, seine Provinzen den +ernannten Nachfolgern zu übergeben und sich in regelrechter Weise um +das Konsulat zu bewerben, wofern Pompeius nach Spanien abgehe und +Italien entwaffnet werde. Die Antwort war, daß man, wenn Caesar +sogleich in seine Provinz zurückkehre, sich anheischig mache, die +Entwaffnung Italiens und die Abreise des Pompeius durch einen +ordnungsmäßig in der Hauptstadt zu fassenden Senatsbeschluß +herbeizuführen; was vielleicht nicht eine plumpe Prellerei, sondern +eine Annahme des Vergleichsvorschlags sein sollte, jedenfalls aber der +Sache nach das Gegenteil war. Die von Caesar gewünschte persönliche +Zusammenkunft mit Pompeius lehnte dieser ab und mußte sie ablehnen, um +nicht durch den Anschein einer neuen Koalition mit Caesar das schon +rege Mißtrauen der Verfassungspartei noch mehr zu reizen. Die +Kriegführung anlangend einigte man in Teanum sich dahin, daß Pompeius +das Kommando der bei Luceria stehenden Truppen, auf denen trotz ihrer +Unzuverlässigkeit doch alle Hoffnung beruhte, übernehmen, mit diesen in +seine und Labienus’ Heimat, in Picenum, einrücken, dort wie einst vor +fünfunddreißig Jahren den Landsturm persönlich zu den Waffen rufen und +an der Spitze der treuen picenischen und der kriegsgewohnten, ehemals +Caesarischen Kohorten versuchen solle, dem Vordringen des Feindes eine +Schranke zu setzen. Es kam nur darauf an, ob die picenische Landschaft +sich so lange hielt, bis Pompeius zu ihrer Verteidigung herankam. +Bereits war Caesar mit seiner wiedervereinigten Armee auf der +Küstenstraße über Ancona in dieselbe eingedrungen. Auch hier waren die +Rüstungen in vollem Gange; gleich in der nördlichsten picenischen Stadt +Auximum stand ein ansehnlicher Haufe von Rekruten unter Publius Attius +Varus beisammen; allein auf Ersuchen der Munizipalität räumte Varus die +Stadt, noch ehe Caesar erschien, und eine Handvoll von dessen Soldaten, +die den Trupp unweit Auximum einholten, zerstreuten ihn vollständig +nach kurzem Gefecht - es war das erste in diesem Kriege. Ebenso räumten +bald darauf Gaius Lucilius Hirrus mit 3000 Mann Camerinum, Publius +Lentulus Spinther mit 5000 Asculum. Die Pompeius ganz ergebenen +Mannschaften ließen zum größten Teil Haus und Hof willig im Stich und +folgten den Führern über die Grenze: die Landschaft selbst aber war +schon verloren, als der zur vorläufigen Leitung der Verteidigung von +Pompeius gesandte Offizier Lucius Vibullius Rufus, kein vornehmer +Senator, aber ein kriegskundiger Militär, daselbst eintraf; er mußte +sich begnügen, die geretteten etwa 6000 bis 7000 Rekruten den unfähigen +Werbeoffizieren abzunehmen und sie vorläufig nach dem nächsten +Sammelplatz zu führen. Dies war Corfinium, der Mittelpunkt der +Aushebungen im albensischen, marsischen und pälignischen Gebiet; die +hier versammelte Rekrutenmasse von beiläufig 15000 Mann war das +Kontingent der streitbarsten und der zuverlässigsten Landschaften +Italiens und der Kern des in der Bildung begriffenen Heeres der +Verfassungspartei. Als Vibullius hier eintraf, war Caesar noch mehrere +Tagemärsche zurück; es war nichts im Wege, Pompeius’ Instruktionen +gemäß sofort aufzubrechen und die geretteten picenischen nebst den in +Corfinium gesammelten Rekruten dem Hauptheer in Apulien zuzuführen. +Allein in Corfinium kommandierte der designierte Nachfolger Caesars in +der Statthalterschaft des Jenseitigen Gallien, Lucius Domitius, einer +der borniertesten Starrköpfe der römischen Aristokratie; und dieser +weigerte sich nicht bloß, Pompeius’ Befehlen Folge zu leisten, sondern +verhinderte auch den Vibullius, wenigstens mit der picenischen +Mannschaft nach Apulien abzurücken. So fest hielt er sich überzeugt, +daß Pompeius nur aus Eigensinn zaudere und notwendig zum Entsatz +herbeikommen müsse, daß er kaum sich ernstlich auf die Belagerung +gefußt machte und nicht einmal die in die umliegenden Städte verlegten +Rekrutenhaufen in Corfinium zusammenzog. Pompeius aber erschien nicht +und aus guten Gründen; denn seine beiden unzuverlässigen Legionen +konnte er wohl als Rückhalt für den picenischen Landsturm verwenden, +aber nicht mit ihnen allein Caesar die Schlacht anbieten. Dafür kam +nach wenigen Tagen Caesar (14. Februar). Zu den Truppen desselben war +in Picenum die zwölfte und vor Corfinium die achte von den +transalpinischen Legionen gestoßen, und außerdem wurden teils aus den +gefangenen oder freiwillig sich stellenden Pompeianischen Mannschaften, +teils aus den überall sofort ausgehobenen Rekruten drei neue Legionen +gebildet, so daß Caesar vor Corfinium bereits an der Spitze einer Armee +von 40000 Mann, zur Hälfte gedienter Leute, stand. Solange Domitius auf +Pompeius’ Eintreffen hoffte, ließ er die Stadt verteidigen; als dessen +Briefe ihn endlich enttäuscht hatten, beschloß er nicht etwa, auf dem +verlorenen Posten auszuharren, womit er seiner Partei den größten +Dienst geleistet haben würde, auch nicht einmal zu kapitulieren, +sondern, während dem gemeinen Soldaten der Entsatz als nahe +bevorstehend angekündigt ward, selber mit den vornehmen Offizieren in +der nächsten Nacht auszureißen. Indes selbst diesen sauberen Plan ins +Werk zu setzen verstand er nicht. Sein verwirrtes Benehmen verriet ihn. +Ein Teil der Mannschaften fing an zu meutern: die marsischen Rekruten, +die eine solche Schändlichkeit ihres Feldherrn nicht für möglich +hielten, wollten gegen die Meuterer kämpfen; aber auch sie mußten sich +widerwillig von der Wahrheit der Anschuldigung überzeugen, worauf denn +die gesamte Besatzung ihren Stab festnahm und ihn, sich und die Stadt +an Caesar übergab (20. Februar). Das 3000 Mann starke Korps in Alba und +1500 in Tarracina gesammelte Rekruten streckten hierauf die Waffen, +sowie Caesars Reiterpatrouillen sich zeigten; eine dritte Abteilung in +Sulmo von 3500 Mann war bereits früher genötigt worden zu kapitulieren. + +———————————————————————- + +^3 Der Senatsbeschluß war vom 7. Januar; am 18. wußte man schon in Rom +seit mehreren Tagen, daß Caesar die Grenze überschritten habe (Cic. +Att. 7, 10; 9, 10, 4); der Bote brauchte von Rom nach Ravenna +allermindestens drei Tage. Danach fällt der Aufbruch um den 12. Januar, +welcher nach der gangbaren Reduktion dem julianischen 24. November 704 +(50) entspricht. + +———————————————————————- + +Pompeius hatte Italien verloren gegeben, sowie Caesar Picenum +eingenommen hatte; nur wollte er die Einschiffung so lange wie möglich +verzögern, um von den Mannschaften zu retten, was noch zu retten war. +Langsam hatte er demnach sich nach dem nächsten Hafenplatz Brundisium +in Bewegung gesetzt. Hier fanden die beiden Legionen von Luceria und +was Pompeius in dem menschenleeren Apulien an Rekruten in der Eile +hatte zusammenraffen können, sowie die von den Konsuln und sonstigen +Beauftragten in Kompanien ausgehobenen und eiligst nach Brundisium +geführten Leute sich ein; ebendahin begab sich eine Menge politischer +Flüchtlinge, unter ihnen die angesehensten Senatoren in Begleitung +ihrer Familien. Die Einschiffung begann; allein die vorrätigen +Fahrzeuge genügten nicht, um die ganze Masse, die sich doch noch auf +25000 Köpfe belief, auf einmal zu transportieren. Es blieb nichts +übrig, als das Heer zu teilen. Die größere Hälfte ging vorauf (4. +März), mit der kleineren von etwa 10000 Mann erwartete Pompeius in +Brundisium die Rückkehr der Flotte; denn wie wünschenswert für einen +etwaigen Versuch, Italien wieder einzunehmen, auch der Besitz von +Brundisium war, so getraute man sich doch nicht, den Platz auf die +Dauer gegen Caesar zu halten. Inzwischen traf Caesar vor Brundisium +ein; die Belagerung begann. Caesar versuchte vor allem, die +Hafenmündung durch Dämme und schwimmende Brücken zu schließen, um die +rückkehrende Flotte auszusperren; allein Pompeius ließ die im Hafen +liegenden Handelsfahrzeuge armieren und wußte die völlige Schließung +des Hafens so lange zu verhindern, bis die Flotte erschien und die von +Pompeius, trotz der Wachsamkeit der Belagerer und der feindlichen +Gesinnung der Stadtbewohner, mit großer Geschicklichkeit bis auf den +letzten Mann unbeschädigt aus der Stadt herausgezogenen Truppen aus +Caesars Bereich nach Griechenland entführte (17. März). An dem Mangel +einer Flotte scheiterte wie die Belagerung selbst, so auch die weitere +Verfolgung. + +In einem zweimonatlichen Feldzug, ohne ein einziges ernstliches +Gefecht, hatte Caesar eine Armee von zehn Legionen so aufgelöst, daß +mit genauer Not die kleinere Hälfte derselben in verwirrter Flucht über +das Meer entkommen, die ganze italische Halbinsel aber mit Einschluß +der Hauptstadt nebst der Staatskasse und allen daselbst aufgehäuften +Vorräten in die Gewalt des Siegers geraten war. Nicht ohne Grund klagte +die geschlagene Partei über die schauerliche Raschheit, Einsicht und +Energie des “Ungeheuers”. + +Indes es ließ sich fragen, ob Caesar durch die Eroberung Italiens mehr +gewann oder mehr verlor. In militärischer Hinsicht wurden zwar jetzt +sehr ansehnliche Hilfsquellen nicht bloß den Gegnern entzogen, sondern +auch für Caesar flüssig gemacht; schon im Frühjahr 705 (49) zählte +seine Armee infolge der überall angeordneten massenhaften Aushebungen +außer den neun alten eine bedeutende Anzahl von Rekrutenlegionen. +Andererseits aber wurde es jetzt nicht bloß nötig, in Italien eine +ansehnliche Besatzung zurückzulassen, sondern auch Maßregeln zu treffen +gegen die von den seemächtigen Gegnern beabsichtigte Sperrung des +überseeischen Verkehrs und die infolgedessen namentlich der Hauptstadt +drohende Hungersnot, wodurch Caesars bereits hinreichend verwickelte +militärische Aufgabe noch weiter sich komplizierte. Finanziell war es +allerdings von Belang, daß es Caesar geglückt war, der hauptstädtischen +Kassenbestände sich zu bemächtigen; aber die hauptsächlichsten +Einnahmequellen, namentlich die Abgaben aus dem Orient, waren doch in +den Händen des Feindes und bei den so sehr vermehrten Bedürfnissen für +das Heer sowie der neuen Verpflichtung, für die darbende +hauptstädtische Bevölkerung zu sorgen, zerrannen die vorgefundenen +ansehnlichen Summen so schnell, daß Caesar sich bald genötigt sah, den +Privatkredit anzusprechen, und, da er unmöglich damit lange sich +fristen zu können schien, allgemein als die einzig übrig bleibende +Aushilfe umfassende Konfiskationen erwartet wurden. + +Ernstere Schwierigkeiten noch bereiteten die politischen Verhältnisse, +in welche Caesar mit der Eroberung Italiens eintrat. Die Besorgnis der +besitzenden Klassen vor einer anarchischen Umwälzung war allgemein. +Feinde und Freunde sahen in Caesar einen zweiten Catilina; Pompeius +glaubte oder behauptete zu glauben, daß Caesar nur durch die +Unmöglichkeit, seine Schulden zu bezahlen, zum Bürgerkrieg getrieben +worden sei. Das war allerdings absurd; aber in der Tat waren Caesars +Antezedentien nichts weniger als beruhigend und noch weniger beruhigend +der Hinblick auf das Gefolge, das jetzt ihn umgab. Individuen des +anbrüchigsten Rufes, stadtkundige Gesellen wie Quintus Hortensius, +Gaius Curio, Marcus Antonius - dieser der Stiefsohn des auf Ciceros +Befehl hingerichteten Catilinariers Lentulus - spielten darin die +ersten Rollen; die höchsten Vertrauensposten wurden an Männer vergeben, +die es längst aufgegeben hatten, ihre Schulden auch nur zu summieren; +man sah Caesarische Beamte Tänzerinnen nicht bloß unterhalten - das +taten andere auch -, sondern öffentlich in Begleitung solcher Dirnen +erscheinen. War es ein Wunder, daß auch ernsthafte und politisch +parteilose Männer Amnestie für alle landflüchtigen Verbrecher, +Vernichtung der Schuldbücher, umfassende Konfiskations-, Acht- und +Mordbefehle erwarteten, ja eine Plünderung Roms durch die gallische +Soldateska? + +Indes hierin täuschte das “Ungeheuer” die Erwartungen seiner Feinde wie +seiner Freunde. Schon wie Caesar die erste italische Stadt Ariminum +besetzte, untersagte er allen gemeinen Soldaten, sich bewaffnet +innerhalb der Mauern sehen zu lassen; durchaus und ohne Unterschied, ob +sie ihn freundlich oder feindlich empfangen hatten, wurden die +Landstädte vor jeder Unbill geschützt. Als die meuterische Garnison am +späten Abend Corfinium übergab, verschob er, gegen jede militärische +Rücksicht, die Besetzung der Stadt bis zum anderen Morgen, einzig, um +die Bürgerschaft nicht einem nächtlichen Einmarsch seiner erbitterten +Soldaten preiszugeben. Von den Gefangenen wurden die Gemeinen, als +voraussetzlich politisch indifferent, in die eigene Armee eingereiht, +die Offiziere aber nicht bloß verschont, sondern auch ohne Unterschied +der Person und ohne Annahme irgendwelcher Zusagen frei entlassen, und +was sie als Privateigentum in Anspruch nahmen, ohne auch nur die +Berechtigung der Reklamationen mit Strenge zu untersuchen, ihnen ohne +Weiterungen verabfolgt. So ward selbst Lucius Domitius behandelt, ja +sogar dem Labienus das zurückgelassene Geld und Gepäck ins feindliche +Lager nachgesandt. In der peinlichsten Finanznot wurden dennoch die +ungeheuren Güter der anwesenden wie der abwesenden Gegner nicht +angegriffen; ja Caesar borgte lieber bei den Freunden, als daß er auch +nur durch Ausschreibung der formell zulässigen, aber tatsächlich +antiquierten Grundsteuer die Besitzenden gegen sich aufgeregt hätte. +Nur die Hälfte, und nicht die schwerere, seiner Aufgabe betrachtete der +Sieger als mit dem Siege gelöst; die Bürgschaft der Dauer sah er nach +seiner eigenen Äußerung allein in der unbedingten Begnadigung der +Besiegten und hatte darum auch auf dem ganzen Marsche von Ravenna bis +Brundisium unablässig die Versuche erneuert, eine persönliche +Zusammenkunft mit Pompeius und einen erträglichen Vergleich +einzuleiten. Aber wenn die Aristokratie schon früher von keiner +Aussöhnung hatte wissen wollen, so hatte die unerwartete und so +schimpfliche Emigration ihren Zorn bis zum Wahnsinn gesteigert, und das +wilde Racheschnauben der Geschlagenen kontrastierte seltsam mit der +Versöhnlichkeit des Siegers. Die aus dem Emigrantenlager den in Italien +zurückgebliebenen Freunden regelmäßig zukommenden Mitteilungen flossen +über von Entwürfen zu Konfiskationen und Proskriptionen, von +Epurationsplänen des Senats und des Staats, gegen die Sullas +Restaurationen Kinderspiel waren und die selbst die gemäßigten +Parteigenossen mit Entsetzen vernahmen. Die tolle Leidenschaft der +Ohnmacht, die weise Mäßigung der Macht taten ihre Wirkung. Die ganze +Masse, der die materiellen Interessen über die politischen gingen, warf +sich Caesar in die Arme. Die Landstädte vergötterten “die +Rechtschaffenheit, die Mäßigung, die Klugheit” des Siegers; und selbst +die Gegner räumten ein, daß es mit diesen Huldigungen Ernst war. Die +hohe Finanz, Steuerpächter und Geschworene verspürten nach dem argen +Schiffbruch, der die Verfassungspartei in Italien betroffen hatte, +keine besondere Lust, sich weiter denselben Steuermännern +anzuvertrauen; die Kapitalien kamen wieder zum Vorschein und “die +reichen Herren begaben sich wieder an ihr Tagewerk, die Zinsbücher zu +schreiben”. Selbst die große Majorität des Senats, wenigstens der Zahl +nach - denn allerdings befanden sich von den vornehmeren und +einflußreichen Senatsmitgliedern nur wenige darunter - war, trotz der +Befehle des Pompeius und der Konsuln, in Italien, zum Teil sogar in der +Hauptstadt selbst zurückgeblieben und ließ Caesars Regiment sich +gefallen. Caesars eben in ihrer scheinbaren Überschwenglichkeit +wohlberechnete Milde erreichte ihren Zweck: die zappelnde Angst der +besitzenden Klassen vor der drohenden Anarchie wurde einigermaßen +beschwichtigt. Wohl war dies für die Folgezeit ein unberechenbarer +Gewinn; die Abwendung der Anarchie und der fast nicht minder +gefährlichen Angst vor der Anarchie war die Vorbedingung der künftigen +Reorganisation des Gemeinwesens. Aber für den Augenblick war diese +Milde für Caesar gefährlicher als die Erneuerung der cinnanischen und +catilinarischen Raserei gewesen sein würde; sie verwandelte Feinde +nicht in Freunde und Freunde in Feinde. Caesars catilinarischer Anhang +grollte, daß das Morden und Plündern unterblieb; von diesen verwegenen, +verzweifelten und zum Teil talentvollen Gesellen waren die +bedenklichsten Quersprünge zu erwarten. Die Republikaner aller +Schattierungen dagegen wurden durch die Gnade des Überwinders weder +bekehrt noch versöhnt. Nach dem Credo der Catonischen Partei entband +die Pflicht gegen das, was sie Vaterland nannte, von jeder anderen +Rücksicht; selbst wer Caesar Freiheit und Leben verdankte, blieb befugt +und verpflichtet, gegen ihn die Waffen zu ergreifen oder doch +mindestens gegen ihn zu komplottieren. Die minder entschiedenen +Fraktionen der Verfassungspartei ließen zwar allenfalls sich willig +finden, von dem neuen Monarchen Frieden und Schutz anzunehmen; aber sie +hörten doch darum nicht auf, die Monarchie wie den Monarchen von Herzen +zu verwünschen. Je offenbarer die Verfassungsänderung hervortrat, desto +bestimmter kam der großen Majorität der Bürgerschaft, sowohl in der +politisch lebhaften, aufgeregten Hauptstadt wie in der energischen +ländlichen und landstädtischen Bevölkerung, ihre republikanische +Besinnung zum Bewußtsein; insofern berichteten die Verfassungsfreunde +in Rom mit Recht an ihre Gesinnungsgenossen im Exil, daß daheim alle +Klassen und alle Individuen pompeianisch gesinnt seien. Die schwierige +Stimmung all dieser Kreise wurde noch gesteigert durch den moralischen +Druck, den die entschiedeneren und vornehmeren Gesinnungsgenossen eben +als Emigranten auf die Menge der Geringeren und Lauen ausübten. Dem +ehrlichen Mann schlug über sein Verbleiben in Italien das Gewissen; der +Halbaristokrat glaubte sich zu den Plebejern zu stellen, wenn er nicht +mit den Domitiern und den Metellern ins Exil ging und gar, wenn er in +dem Caesarischen Senat der Nullitäten mitsaß. Die eigene Milde des +Siegers gab dieser stillen Opposition erhöhte politische Bedeutung: da +Caesar nun einmal des Terrorismus sich enthielt, so schienen die +heimlichen Gegner ihre Abneigung gegen sein Regiment ohne viele Gefahr +betätigen zu können. Sehr bald machte er in dieser Beziehung +merkwürdige Erfahrungen mit dem Senat. Caesar hatte den Kampf begonnen, +um den terrorisierten Senat von seinen Unterdrückern zu befreien. Dies +war geschehen; er wünschte also von dem Senat die Billigung des +Geschehenen, die Vollmacht zu weiterer Fortsetzung des Krieges zu +erlangen. Zu diesem Zwecke beriefen, als Caesar vor der Hauptstadt +erschien (Ende März), die Volkstribune seiner Partei ihm den Senat (1. +April). Die Versammlung war ziemlich zahlreich, aber selbst von den in +Italien verbliebenen Senatoren waren doch die namhaftesten +ausgeblieben, sogar der ehemalige Führer der servilen Majorität, Marcus +Cicero, und Caesars eigener Schwiegervater Lucius Piso; und was +schlimmer war, auch die Erschienenen waren nicht geneigt, auf Caesars +Vorschläge einzugehen. Als Caesar von einer Vollmacht zur Fortsetzung +des Krieges sprach, meinte der eine der zwei einzigen anwesenden +Konsulare, Servius Sulpicius Rufus, ein urfurchtsamer Mann, der nichts +wünschte als einen ruhigen Tod in seinem Bette, daß Caesar sich mehr um +das Vaterland verdient machen werde, wenn er es aufgebe, den Krieg nach +Griechenland und Spanien zu tragen. Als dann Caesar den Senat ersuchte, +wenigstens seine Friedensvorschläge an Pompeius zu übermitteln, war man +dem an sich zwar nicht entgegen, aber die Drohungen der Emigranten +gegen die Neutralen hatten diese so in Furcht gesetzt, daß niemand sich +fand, um die Friedensbotschaft zu übernehmen. An der Abneigung der +Aristokratie, den Thron des Monarchen errichten zu helfen, und an +derselben Schlaffheit des hohen Kollegiums, durch die kurz zuvor Caesar +Pompeius’ legale Ernennung zum Oberfeldherrn in dem Bürgerkrieg +vereitelt hatte, scheiterte jetzt auch er mit dem gleichen Verlangen. +Andere Hemmungen kamen hinzu. Caesar wünschte, um seine Stellung doch +irgendwie zu regulieren, zum Diktator ernannt zu werden; es geschah +nicht, weil ein solcher verfassungsmäßig nur von einem der Konsuln +bestellt werden konnte und der Versuch, den Konsul Lentulus zu kaufen, +wozu bei dessen zerrütteten Vermögensverhältnissen wohl Aussicht war, +dennoch fehlschlug. Der Volkstribun Lucius Metellus ferner legte gegen +sämtliche Schritte des Prokonsuls Protest ein und machte Miene, die +Staatskasse, als Caesars Leute kamen, um sie zu leeren, mit seinem +Leibe zu decken. Caesar konnte in diesem Falle nicht umhin, den +Unverletzlichen so sänftiglich wie möglich beiseiteschieben zu lassen; +übrigens blieb er dabei, sich aller Gewaltschritte zu enthalten. Dem +Senat erklärte er, ebenwie es kurz zuvor die Verfassungspartei getan, +daß er zwar gewünscht habe, auf gesetzlichem Wege und mit Beihilfe der +höchsten Behörde die Verhältnisse zu ordnen; allein da diese verweigert +werde, könne er ihrer auch entraten. Ohne weiter um den Senat und die +staatsrechtlichen Formalien sich zu kümmern, übergab er die +einstweilige Verwaltung der Hauptstadt dem Prätor Marcus Aemilius +Lepidus als Stadtpräfekten und ordnete für die Verwaltung der ihm +gehorchenden Landschaften und die Fortsetzung des Krieges das +Erforderliche an. Selbst unter dem Getöse des Riesenkampfes und neben +dem lockenden Klang der verschwenderischen Versprechungen Caesars +machte es noch tiefen Eindruck auf die hauptstädtische Menge, als sie +in ihrem freien Rom zum erstenmal den Monarchen als Monarchen schalten +und die Tür der Staatskasse durch seine Soldaten aufsprengen sah. +Allein die Zeiten waren nicht mehr, wo Eindrücke und Stimmungen der +Masse den Gang der Ereignisse bestimmten; die Legionen entschieden und +auf einige schmerzliche Empfindungen mehr oder weniger kam eben nichts +weiter an. + +Caesar eilte, den Krieg wiederaufzunehmen. Seine bisherigen Erfolge +verdankte er der Offensive, und er gedachte auch ferner, dieselbe +festzuhalten. Die Lage seines Gegners war seltsam. Nachdem der +ursprüngliche Plan, den Feldzug zugleich von Italien und Spanien aus in +den beiden Gallien offensiv zu führen, durch Caesars Angriff vereitelt +war, hatte Pompeius nach Spanien zu gehen beabsichtigt. Hier hatte er +eine sehr starke Stellung. Das Heer zählte sieben Legionen; es dienten +darin eine große Anzahl von Pompeius’ Veteranen, und die mehrjährigen +Kämpfe in den lusitanischen Bergen hatten Soldaten und Offiziere +gestählt. Unter den Anführern war Marcus Varro zwar nichts als ein +berühmter Gelehrter und ein getreuer Anhänger; aber Lucius Afranius +hatte mit Auszeichnung im Orient und in den Alpen gefochten, und Marcus +Petreius, der Überwinder Catilinas, war ein ebenso unerschrockener wie +fähiger Offizier. Wenn in der jenseitigen Provinz Caesar noch von +seiner Statthalterschaft her mancherlei Anhang hatte, so war dagegen +die wichtigere Ebroprovinz mit allen Banden der Verehrung und der +Dankbarkeit an den berühmten General gefesselt, der zwanzig Jahre zuvor +im Sertorianischen Kriege in ihr das Kommando geführt und nach dessen +Beendigung sie neu eingerichtet hatte. Pompeius konnte nach der +italischen Katastrophe offenbar nichts Besseres tun als mit den +geretteten Heerestrümmern sich dorthin begeben und an der Spitze seiner +gesamten Macht Caesar entgegentreten. Unglücklicherweise aber hatte er, +in der Hoffnung, die in Corfinium stehenden Truppen noch retten zu +können, so lange in Apulien sich verweilt, daß er statt der +kampanischen Häfen das nähere Brundisium zum Einschiffungsort zu wählen +genötigt war. Warum er, Herr der See und Siziliens, nicht späterhin auf +den ursprünglichen Plan wieder zurück kam, läßt sich nicht entscheiden; +ob vielleicht die Aristokratie in ihrer kurzsichtigen und mißtrauischen +Art keine Lust bezeigte, sich den spanischen Truppen und der spanischen +Bevölkerung anzuvertrauen - genug, Pompeius blieb im Osten und Caesar +hatte die Wahl, den nächsten Angriff entweder gegen die Armee zu +richten, die in Griechenland unter Pompeius’ eigenem Befehl sich +organisierte, oder gegen die schlagfertige seiner Unterfeldherren in +Spanien. Er hatte für das letztere sich entschieden und, sowie der +italische Feldzug zu Ende ging, Maßregeln getroffen, um neun seiner +besten Legionen, ferner 6000 Reiter, teils in den Keltengauen von +Caesar einzeln ausgesuchte Leute, teils deutsche Söldner, und eine +Anzahl iberischer und ligurischer Schützen an der unteren Rhone +zusammenzuziehen. + +Aber ebenhier waren auch seine Gegner tätig gewesen. Der vom Senat an +Caesars Stelle zum Statthalter des Jenseitigen Galliens ernannte Lucius +Domitius hatte von Corfinium aus, sowie Caesar ihn freigegeben, sich +mit seinem Gesinde und mit Pompeius’ Vertrauensmann Lucius Vibullius +Rufus nach Massalia auf den Weg gemacht und in der Tat die Stadt +bestimmt, sich für Pompeius zu erklären, ja Caesars Truppen den +Durchmarsch zu weigern. Von den spanischen Truppen blieben die zwei am +wenigsten zuverlässigen Legionen unter Varros Oberbefehl in der +jenseitigen Provinz stehen; dagegen hatten die fünf besten, verstärkt +durch 40000 Mann spanischen Fußvolks, teils keltiberischer +Linieninfanterie, teils lusitanischer und anderer Leichten, und durch +5000 spanische Reiter, unter Afranius und Petreius, den durch Vibullius +überbrachten Befehlen des Pompeius gemäß sich aufgemacht, um die +Pyrenäen dem Feinde zu sperren. + +Hierüber traf Caesar selbst in Gallien ein und entsandte sogleich, da +die Einleitung der Belagerung von Massalia ihn selber noch zurückhielt, +den größten Teil seiner an der Rhone versammelten Truppen, sechs +Legionen und die Reiterei, auf der großen, über Narbo (Narbonne) nach +Rhode (Rosas) führenden Chaussee, um an den Pyrenäen dem Feinde +zuvorzukommen. Es gelang; als Afranius und Petreius an den Pässen +anlangten, fanden sie dieselben bereits besetzt von den Caesarianern +und die Linie der Pyrenäen verloren. Sie nahmen darauf zwischen diesen +und dem Ebro eine Stellung bei Ilerda (Lerida). Diese Stadt liegt vier +Meilen nördlich vom Ebro an dem rechten Ufer eines Nebenflusses +desselben, des Sicoris (Segre), über den nur eine einzige solide Brücke +unmittelbar bei Ilerda führte. Südlich von Ilerda treten die das linke +Ufer des Ebro begleitenden Gebirge ziemlich nahe an die Stadt hinan; +nordwärts erstreckt sich zu beiden Seiten des Sicoris ebenes Land, das +von dem Hügel, auf welchem die Stadt gebaut ist, beherrscht wird. Für +eine Armee, die sich mußte belagern lassen, war es eine vortreffliche +Stellung; aber die Verteidigung Spaniens konnte, nachdem die Besetzung +der Pyrenäenlinie versäumt war, doch nur hinter dem Ebro ernstlich +aufgenommen werden, und da weder eine feste Verbindung zwischen Ilerda +und dem Ebro hergestellt, noch dieser Fluß überbrückt war, so war der +Rückzug aus der vorläufigen in die wahre Verteidigungsstellung nicht +hinreichend gesichert. Die Caesarianer setzten sich oberhalb Ilerda in +dem Delta fest, das der Fluß Sicoris mit dem unterhalb Ilerda mit ihm +sich vereinigenden Cinga (Cinca) bildet; indes ward es mit dem Angriff +erst Ernst, nachdem Caesar im Lager eingetroffen war (23. Juni). Unter +den Mauern der Stadt ward von beiden Teilen gleich erbittert und gleich +tapfer mit vielfach wechselndem Erfolg gekämpft; ihren Zweck aber: +zwischen dem Pompeianischen Lager und der Stadt sich festzusetzen und +dadurch der Steinbrücke sich zu bemächtigen., erreichten die +Caesarianer nicht und blieben also für ihre Kommunikation mit Gallien +lediglich angewiesen auf zwei Brücken, welche sie über den Sicoris und +zwar, da der Fluß bei Ilerda selbst zu solcher Überbrückung schon zu +ansehnlich war, vier bis fünf deutsche Meilen weiter oberwärts in der +Eile geschlagen hatten. Als dann mit der Schneeschmelze die Hochwasser +kamen, wurden diese Notbrücken weggerissen; und da es an Schiffen +fehlte, um die hochangeschwollenen Flüsse zu passieren, und unter +diesen Umständen an Wiederherstellung der Brücken zunächst nicht +gedacht werden konnte, so war die Caesarische Armee beschränkt auf den +schmalen Raum zwischen der Cinca und dem Sicoris, das linke Ufer des +Sicoris aber und damit die Straße, auf der die Armee mit Gallien und +Italien kommunizierte, fast unverteidigt den Pompeianern preisgegeben, +die den Fluß teils auf der Stadtbrücke, teils nach lusitanischer Art +auf Schläuchen schwimmend passierten. Es war die Zeit kurz vor der +Ernte; die alte Frucht war fast aufgebraucht, die neue noch nicht +eingebracht und der enge Landstreif zwischen den beiden Bächen bald +ausgezehrt. Im Lager herrschte förmliche Hungersnot - der preußische +Scheffel Weizen kostete 300 Denare (90 Taler) - und brachen bedenkliche +Krankheiten aus; dagegen häufte am linken Ufer Proviant und die +mannigfaltigste Zufuhr sich an, dazu Mannschaften aller Art: Nachschub +aus Gallien von Reiterei und Schützen, beurlaubte Offiziere und +Soldaten, heimkehrende Streifscharen, im ganzen eine Masse von 6000 +Köpfen, welche von den Pompeianern mit überlegener Macht angegriffen +und mit großem Verlust in die Berge gedrängt wurden, während die +Caesarianer am rechten Ufer dem ungleichen Gefecht untätig zusehen +mußten. Die Verbindungen der Armee waren in den Händen der Pompeianer; +in Italien blieben die Nachrichten aus Spanien plötzlich aus, und die +bedenklichen Gerüchte, die dort umzulaufen begannen, waren von der +Wahrheit nicht allzuweit entfernt. Hätten die Pompeianer ihren Vorteil +mit einigem Nachdruck verfolgt, so konnte es ihnen nicht fehlen, die +auf dem linken Ufer des Sicoris zusammengedrängte, kaum +widerstandsfähige Masse entweder in ihre Gewalt zu bringen oder +wenigstens nach Gallien zurückzuwerfen und dies Ufer so vollständig zu +besetzen, daß ohne ihr Wissen kein Mann den Fluß überschritt. Allein +beides war versäumt worden; jene Haufen waren wohl mit Verlust beiseite +gedrängt, aber doch weder vernichtet noch völlig zurückgeworfen worden, +und die Überschreitung des Flusses zu wehren, überließ man wesentlich +dem Flusse selbst. Hierauf baute Caesar seinen Plan. Er ließ tragbare +Kähne von leichtem Holzgestell und Korbgeflecht mit lederner +Bekleidung, nach dem Muster der im Kanal bei den Briten und später den +Sachsen üblichen, im Lager anfertigen und sie auf Wagen an den Punkt, +wo die Brücken gestanden hatten, transportieren. Auf diesen +gebrechlichen Nachen wurde das andere Ufer erreicht und, da man es +unbesetzt fand, ohne große Schwierigkeit die Brücke wiederhergestellt; +rasch war dann auch die Verbindungsstraße freigemacht und die sehnlich +erwartete Zufuhr in das Lager geschafft. Caesars glücklicher Einfall +riß also das Heer aus der ungeheuren Gefahr, in der es schwebte. Sofort +begann dann Caesars an Tüchtigkeit der feindlichen weit überlegene +Reiterei, die Landschaft am linken Ufer des Sicoris zu durchstreifen; +schon traten die ansehnlichsten spanischen Gemeinden zwischen den +Pyrenäen und dem Ebro, Osca, Tarraco, Dertosa und andere, ja selbst +einzelne südlich vom Ebro auf Caesars Seite. Durch die Streiftrupps +Caesars und die Übertritte der benachbarten Gemeinden wurde nun den +Pompeianern die Zufuhr knapp; sie entschlossen sich endlich zum Rückzug +hinter die Ebrolinie und gingen eiligst daran, unterhalb der +Sicorismündung eine Schiffbrücke über den Ebro zu schlagen. Caesar +suchte den Gegnern den Rückweg über den Ebro abzuschneiden und sie in +Ilerda festzuhalten; allein solange die Feinde im Besitz der Brücke bei +Ilerda blieben und er dort weder Furt noch Brücken in seiner Gewalt +hatte, durfte er seine Armee nicht auf die beiden Flußufer verteilen +und konnte Ilerda nicht einschließen. Seine Soldaten schanzten also Tag +und Nacht, um durch Abzugsgräben den Fluß so viel tiefer zu legen, daß +die Infanterie ihn durchwaten könne. Aber die Vorbereitungen der +Pompeianer, den Ebro zu passieren, kamen früher zu Ende als die +Anstalten der Caesarianer zur Einschließung von Ilerda; als jene nach +Vollendung der Schiffbrücke den Marsch nach dem Ebro zu am linken Ufer +des Sicoris antraten, schienen die Ableitungsgräben der Caesarianer dem +Feldherrn doch nicht weit genug vorgerückt, um die Furt für die +Infanterie zu benutzen; nur seine Reiter ließ er den Strom passieren +und, dem Feinde an die Fersen sich heftend, wenigstens ihn aufhalten +und schädigen. Allein als Caesars Legionen am grauenden Morgen die seit +Mitternacht abziehenden feindlichen Kolonnen erblickten, begriffen sie +mit der instinktmäßigen Sicherheit krieggewohnter Veteranen die +strategische Bedeutung dieses Rückzugs, der sie nötigte, dem Gegner in +ferne, unwegsame und von feindlichen Scharen erfüllte Landschaften zu +folgen; auf ihre eigene Bitte wagte es der Feldherr, auch das Fußvolk +in den Fluß zu führen, und obwohl den Leuten das Wasser bis an die +Schultern ging, ward er doch ohne Unfall durchschritten. Es war die +höchste Zeit. Wenn die schmale Ebene, welche die Stadt Ilerda von den +den Ebro einfassenden Gebirgen trennt, einmal durchschritten und das +Heer der Pompeianer in die Berge eingetreten war, so konnte der Rückzug +an den Ebro ihnen nicht mehr verwehrt werden. Schon hatten dieselben, +trotz der beständigen, den Marsch ungemein verzögernden Angriffe der +feindlichen Reiterei, den Bergen sich bis auf eine Meile genähert, als +sie, seit Mitternacht auf dem Marsche und unsäglich erschöpft, ihren +ursprünglichen Plan, die Ebene noch an diesem Tage ganz zu +durchschreiten, aufgaben und Lager schlugen. Hier holte Caesars +Infanterie sie ein und lagerte am Abend und in der Nacht ihnen +gegenüber, indem der anfänglich beabsichtigte nächtliche Weitermarsch +von den Pompeianern aus Furcht vor den nächtlichen Angriffen der +Reiterei wieder aufgegeben ward. Auch am folgenden Tage standen beide +Heere unbeweglich, nur beschäftigt, die Gegend zu rekognoszieren. Am +frühen Morgen des dritten brach Caesars Fußvolk auf, um, durch die +pfadlosen Berge zur Seite der Straße die Stellung der Feinde umgehend, +ihnen den Weg zum Ebro zu verlegen. Der Zweck des seltsamen Marsches, +der anfangs in das Lager vor Ilerda sich zurückzuwenden schien, ward +von den Pompeianischen Offizieren nicht sogleich erkannt. Als sie ihn +faßten, opferten sie Lager und Gepäck und rückten im Gewaltmarsch auf +der Hauptstraße vor, um den Uferkamm vor den Caesarianern zu gewinnen. +Indes es war bereits zu spät; schon hielten, als sie herankamen, auf +der großen Straße selbst die geschlossenen Massen des Feindes. Ein +verzweifelter Versuch der Pompeianer, über die Bergsteile andere Wege +zum Ebro ausfindig zu machen, ward von Caesars Reiterei vereitelt, +welche die dazu vorgesandten lusitanischen Truppen umzingelte und +zusammenhieb. Wäre es zwischen der Pompeianischen Armee, die die +feindlichen Reiter im Rücken, das Fußvolk von vorne sich gegenüber +hatte und gänzlich demoralisiert war, und den Caesarianern zu einer +Schlacht gekommen, so war deren Ausgang kaum zweifelhaft, und die +Gelegenheit zum Schlagen bot mehrfach sich dar; aber Caesar machte +keinen Gebrauch davon und zügelte nicht ohne Mühe die ungeduldige +Kampfeslust seiner siegesgewissen Soldaten. Die Pompeianische Armee war +ohnehin strategisch verloren; Caesar vermied es, durch nutzloses +Blutvergießen sein Heer zu schwächen und die arge Fehde noch weiter zu +vergiften. Schon am Tage, nachdem es gelungen war, die Pompeianer vom +Ebro abzuschneiden, hatten die Soldaten der beiden Heere miteinander +angefangen zu fraternisieren und wegen der Übergabe zu unterhandeln, ja +es waren bereits die von den Pompeianern geforderten Bedingungen, +namentlich Schonung der Offiziere, von Caesar zugestanden worden, als +Petreius mit seiner aus Sklaven und Spaniern bestehenden Eskorte über +die Unterhändler zukam und die Caesarianer, deren er habhaft ward, +niedermachen ließ. Caesar sandte dennoch die zu ihm in das Lager +gekommenen Pompeianer ungeschädigt zurück und beharrte dabei, eine +friedliche Lösung zu suchen. Ilerda, wo die Pompeianer noch Besatzung +und ansehnliche Magazine hatten, ward jetzt das Ziel ihres Marsches; +allein vor sich das feindliche Heer und zwischen sich und der Festung +den Sicoris, marschierten sie, ohne ihrem Ziele näher zu kommen. Ihre +Reiterei ward allmählich so eingeschüchtert, daß das Fußvolk sie in die +Mitte nehmen und Legionen in die Nachhut gestellt werden mußten; die +Beschaffung von Wasser und Fourage ward immer schwieriger; schon mußte +man die Lasttiere niederstoßen, da man sie nicht ernähren konnte. +Endlich fand die umherirrende Armee sich förmlich eingeschlossen, den +Sicoris im Rücken, vor sich das feindliche Heer, das Wall und Graben um +sie herumzog. Sie versuchte den Fluß zu überschreiten, aber Caesars +deutsche Reiter und leichte Infanterie kamen in der Besetzung des +entgegenstehenden Ufers ihr zuvor. Alle Tapferkeit und alle Treue +konnten die unvermeidliche Kapitulation nicht länger abwenden (2. +August 705 49). Caesar gewährte nicht bloß Offizieren und Soldaten +Leben und Freiheit und sowohl den Besitz der ihnen noch gebliebenen +Habe wie auch die Zurückgabe der bereits ihnen abgenommenen, deren +vollen Wert er selber seinen Soldaten zu erstatten übernahm, sondern +während er die in Italien gefangenen Rekruten zwangsweise in seine +Armee eingereiht hatte, ehrte er diese alten Legionäre des Pompeius +durch die Zusage, daß keiner wider seinen Willen genötigt werden solle, +in sein Heer einzutreten. Er forderte nur, daß ein jeder die Waffen +abgebe und sich in seine Heimat verfüge. Demgemäß wurden die aus +Spanien gebürtigen Soldaten, etwa der dritte Teil der Armee, sogleich, +die italischen an der Grenze des Jen- und Diesseitigen Galliens +verabschiedet. + +Das Diesseitige Spanien fiel mit der Auflösung dieser Armee von selbst +in die Gewalt des Siegers. Im Jenseitigen, wo Marcus Varro für Pompeius +den Oberbefehl führte, schien es diesem, als er die Katastrophe von +Ilerda erfuhr, das rätlichste, sich in die Inselstadt Gades zu werfen +und die beträchtlichen Summen, die er durch Einziehung der +Tempelschätze und der Vermögen angesehener Caesarianer zusammengebracht +hatte, die nicht unbedeutende von ihm aufgestellte Flotte und die ihm +anvertrauten zwei Legionen dorthin in Sicherheit zu bringen. Allein auf +das bloße Gerücht von Caesars Ankunft erklärten die namhaftesten Städte +der Caesar seit langem anhänglichen Provinz sich für diesen und +verjagten die Pompeianischen Besatzungen oder bestimmten sie zu +gleichem Abfall: so Corduba, Carmo und Gades selbst. Auch eine der +Legionen brach auf eigene Hand nach Hispalis auf und trat mit dieser +Stadt zugleich auf Caesars Seite. Als endlich selbst Italica dem Varro +die Tore sperrte, entschloß dieser sich zu kapitulieren. + +Ungefähr gleichzeitig unterwarf sich auch Massalia. Mit seltener +Energie hatten die Massalioten nicht bloß die Belagerung ertragen, +sondern auch die See gegen Caesar behauptet; es war ihr heimisches +Element und sie durften hoffen, auf diesem kräftige Unterstützung von +Pompeius zu empfangen, welcher ja das Meer ausschließlich beherrschte. +Indes Caesars Unterfeldherr, der tüchtige Decimus Brutus, derselbe, der +über die Veneter den ersten Seesieg im Ozean erfochten hatte, wußte +rasch eine Flotte herzustellen und, trotz der wackeren Gegenwehr der +feindlichen, teils aus albiökischen Soldknechten der Massalioten, teils +aus Hirtensklaven des Domitius bestehenden Flottenmannschaft, durch +seine tapferen, aus den Legionen auserlesenen Schiffssoldaten die +stärkere massaliotische Flotte zu überwinden und die größere Hälfte der +Schiffe zu versenken oder zu erobern. Als dann ein kleines +Pompeianisches Geschwader unter Lucius Nasidius aus dem Osten über +Sizilien und Sardinien im Hafen von Massalia eintraf, erneuerten die +Massalioten noch einmal ihre Seerüstung und liefen zugleich mit den +Schiffendes Nasidius gegen Brutus aus. Hätten in dem Treffen, das auf +der Höhe von Tauroeis (La Ciotat, östlich von Marseille) geschlagen +ward, die Schiffe des Nasidius mit demselben verzweifelten Mut +gestritten, den die massaliotischen an diesem Tage bewiesen, so möchte +das Ergebnis desselben wohl ein verschiedenes gewesen sein; allein die +Flucht der Nasidianer entschied den Sieg für Brutus und die Trümmer der +Pompeianischen Flotte flüchteten nach Spanien. Die Belagerten waren von +der See vollständig verdrängt. Auf der Landseite, wo Gaius Trebonius +die Belagerung leitete, ward auch nachher noch die entschlossenste +Gegenwehr fortgesetzt; allein trotz der häufigen Ausfälle der +albiökischen Söldner und der geschickten Verwendung der ungeheuren, in +der Stadt aufgehäuften Geschützvorräte rückten endlich doch die +Arbeiten der Belagerer bis an die Mauer vor und einer der Türme stürzte +zusammen. Die Massalioten erklärten, daß sie die Verteidigung aufgäben, +aber mit Caesar selbst die Kapitulation abzuschließen wünschten, und +ersuchten den römischen Befehlshaber, bis zu Caesars Ankunft die +Belagerungsarbeiten einzustellen. Trebonius hatte von Caesar gemessenen +Befehl, die Stadt so weit irgend möglich zu schonen; er gewährte den +erbetenen Waffenstillstand. Allein da die Massalioten ihn zu einem +tückischen Ausfall benutzten, in dem sie die eine Hälfte der fast +unbewachten römischen Werke vollständig niederbrannten, begann von +neuem und mit gesteigerter Erbitterung der Belagerungskampf. Der +tüchtige Befehlshaber der Römer stellte mit überraschender +Schnelligkeit die vernichteten Türme und den Damm wieder her; bald +waren die Massalioten abermals vollständig eingeschlossen. Als Caesar, +von der Unterwerfung Spaniens zurückkehrend, vor ihrer Stadt ankam, +fand er dieselbe teils durch die feindlichen Angriffe, teils durch +Hunger und Seuchen aufs Äußerste gebracht und zum zweitenmal, und +diesmal ernstlich, bereit, auf jede Bedingung zu kapitulieren. Nur +Domitius, der schmählich mißbrauchten Nachsicht des Siegers eingedenk, +bestieg einen Nachen und schlich sich durch die römische Flotte, um für +seinen unversöhnlichen Groll ein drittes Schlachtfeld zu suchen. +Caesars Soldaten hatten geschworen, die ganze männliche Bevölkerung der +treubrüchigen Stadt über die Klinge springen zu lassen und forderten +mit Ungestüm von dem Feldherrn das Zeichen zur Plünderung. Allein +Caesar, seiner großen Aufgabe, die hellenisch-italische Zivilisation im +Westen zu begründen auch hier eingedenk, ließ sich nicht zwingen, zu +der Zerstörung Korinths die Fortsetzung zu liefern. Massalia, von jenen +einst so zahlreichen freien und seemächtigen Städten der alten +ionischen Schiffernation die von der Heimat am weitesten entfernte und +fast die letzte, in der das hellenische Seefahrerleben noch rein und +frisch sich erhalten hatte, wie denn auch die letzte griechische Stadt, +die zur See geschlagen hat - Massalia mußte zwar seine Waffen- und +Flottenvorräte an den Sieger abliefern und verlor einen Teil seines +Gebietes und seiner Privilegien, aber behielt seine Freiheit und seine +Nationalität und blieb, wenn auch materiell in geschmälerten +Verhältnissen, doch geistig nach wie vor der Mittelpunkt der +hellenischen Kultur in der fernen, eben jetzt zu neuer geschichtlicher +Bedeutung gelangenden keltischen Landschaft. + +Während also in den westlichen Landschaften der Krieg nach manchen +bedenklichen Wechselfällen schließlich sich durchaus zu Caesars Gunsten +entschied und Spanien und Massalia unterworfen, die feindliche +Hauptarmee bis auf den letzten Mann gefangengenommen wurde, hatte auch +auf dem zweiten Kriegsschauplatze, auf welchem Caesar es notwendig +gefunden, sofort nach der Eroberung Italiens die Offensive zu +ergreifen, die Waffenentscheidung stattgefunden. + +Es ward schon gesagt, daß die Pompeianer die Absicht hatten, Italien +auszuhungern. Die Mittel dazu hatten sie in Händen. Sie beherrschten +die See durchaus und arbeiteten allerorts, in Gades, Utica, Messana, +vor allem im Osten, mit großem Eifer an der Vermehrung ihrer Flotte; +sie hatten ferner die sämtlichen Provinzen inne, aus denen die +Hauptstadt ihre Subsistenzmittel zog: Sardinien und Korsika durch +Marcus Cotta, Sizilien durch Marcus Cato, Afrika durch den selbst +ernannten Oberfeldherrn Titus Attius Varus und ihren Verbündeten, den +König Juba von Numidien. Es war für Caesar unumgänglich nötig, diese +Pläne des Feindes zu durchkreuzen und demselben die Getreideprovinzen +zu entreißen. Quintus Valerius ward mit einer Legion nach Sardinien +gesandt und zwang den Pompeianischen Statthalter, die Insel zu räumen. +Die wichtigere Unternehmung, Sizilien und Afrika dem Feinde abzunehmen, +wurde unter Beistand des tüchtigen und kriegserfahrenen Gaius Caninius +Rebilus dem jungen Gaius Curio anvertraut. Sizilien ward von ihm ohne +Schwertstreich besetzt; Cato, ohne rechte Armee und kein Mann des +Degens, räumte die Insel, nachdem er in seiner rechtschaffenen Art die +Sikelioten vorher gewarnt hatte, sich nicht durch unzulänglichen +Widerstand nutzlos zu kompromittieren. Curio ließ zur Deckung dieser +für die Hauptstadt so wichtigen Insel die Hälfte seiner Truppen zurück +und schiffte sich mit der anderen, zwei Legionen und 500 Reitern, nach +Afrika ein. Hier durfte er erwarten, ernsteren Widerstand zu finden: +außer der ansehnlichen und in ihrer Art tüchtigen Armee Jubas hatte der +Statthalter Varus aus den in Afrika ansässigen Römern zwei Legionen +gebildet und auch ein kleines Geschwader von zehn Segeln aufgestellt. +Mit Hilfe seiner überlegenen Flotte bewerkstelligte indes Curio ohne +Schwierigkeit die Landung zwischen Hadrumetum, wo die eine Legion der +Feinde nebst ihren Kriegsschiffen, und Utica, vor welcher Stadt die +zweite Legion unter Varus selbst stand. Curio wandte sich gegen die +letztere und schlug sein Lager unweit Utica, ebenda, wo anderthalb +Jahrhunderte zuvor der ältere Scipio sein erstes Winterlager in Afrika +genommen hatte. Caesar, genötigt, seine Kerntruppen für den Spanischen +Krieg zusammenzuhalten, hatte die sizilisch-afrikanische Armee +größtenteils aus den vom Feind übernommenen Legionen, namentlich den +Kriegsgefangenen von Corfinium, zusammensetzen müssen; die Offiziere +der Pompeianischen Armee in Afrika, die zum Teil bei denselben in +Corfinium überwundenen Legionen gestanden hatten, ließen jetzt kein +Mittel unversucht, ihre alten, nun gegen sie fechtenden Soldaten zu +ihrem ersten Eidschwur wieder zurückzubringen. Indes Caesar hatte in +seinem Stellvertreter sich nicht vergriffen. Curio verstand es, +ebensowohl die Bewegung des Heeres und der Flotte zu lenken, als auch +persönlichen Einfluß auf die Soldaten zu gewinnen; die Verpflegung war +reichlich, die Gefechte ohne Ausnahme glücklich. Als Varus, in der +Voraussetzung, daß es den Truppen Curios an Gelegenheit fehlte, auf +seine Seite überzugehen, hauptsächlich, um ihnen diese zu verschaffen, +sich entschloß, eine Schlacht zu liefern, rechtfertigte der Erfolg +seine Erwartungen nicht. Begeistert durch die feurige Ansprache ihres +jugendlichen Führers schlugen Curios Reiter die feindlichen in die +Flucht und säbelten im Angesichte beider Heere die mit den Reitern +ausgerückte leichte Infanterie der Feinde nieder; und ermutigt durch +diesen Erfolg und durch Curios persönliches Beispiel, gingen auch seine +Legionen durch die schwierige, die beiden Linien trennende Talschlucht +vor zum Angriff, den die Pompeianer aber nicht erwarteten, sondern +schimpflich in ihr Lager zurückflohen und auch dies die Nacht darauf +räumten. Der Sieg war so vollständig, daß Curio sofort dazu schritt, +Utica zu belagern. Als indes die Meldung eintraf, daß König Juba mit +seiner gesamten Heeresmacht zum Entsatz heranrückte, entschloß sich +Curio, ebenwie bei Syphax’ Eintreffen Scipio getan, die Belagerung +aufzuheben und in Scipios ehemaliges Lager zurückzugehen, bis aus +Sizilien Verstärkung nachkommen werde. Bald darauf lief ein zweiter +Bericht ein, daß König Juba durch Angriffe seiner Nachbarfürsten +veranlaßt worden sei, mit seiner Hauptmacht wieder umzukehren, und den +Belagerten nur ein mäßiges Korps unter Saburra zur Hilfe sende. Curio, +der bei seinem lebhaften Naturell nur sehr ungern sich entschlossen +hatte zu rasten, brach nun sofort wieder auf, um mit Saburra zu +schlagen, bevor derselbe mit der Besatzung von Utica in Verbindung +treten könne. Seiner Reiterei, die am Abend voraufgegangen war, gelang +es in der Tat, das Korps des Saburra am Bagradas bei nächtlicher Weile +zu überraschen und übel zuzurichten; und auf diese Siegesbotschaft +beschleunigte Curio den Marsch der Infanterie, um durch sie die +Niederlage zu vollenden. Bald erblickte man auf den letzten Abhängen +der gegen den Bagradas sich senkenden Anhöhen das Korps des Saburra, +das mit den römischen Reitern sich herumschlug; die heranrückenden +Legionen halfen, dasselbe völlig in die Ebene hinabdrängen. Allein hier +wendete sich das Gefecht. Saburra stand nicht, wie man meinte, ohne +Rückhalt, sondern nicht viel mehr als eine deutsche Meile entfernt von +der numidischen Hauptmacht. Bereits trafen der Kern des numidischen +Fußvolks und 2000 gallische und spanische Reiter auf dem Schlachtfeld +ein, um Saburra zu unterstützen, und der König selbst mit dem Gros der +Armee und sechzehn Elefanten war im Anmarsch. Nach dem Nachtmarsch und +dem hitzigen Gefecht waren von den römischen Reitern augenblicklich +nicht viel über 200 beisammen, und diese sowie die Infanterie von den +Strapazen und dem Fechten aufs äußerste erschöpft, alle in der weiten +Ebene, in die man sich hatte verlocken lassen, rings eingeschlossen von +den beständig sich mehrenden feindlichen Scharen. Vergeblich suchte +Curio, handgemein zu werden; die libyschen Reiter wichen, wie sie +pflegten, sowie eine römische Abteilung vorging, um, wenn sie umkehrte, +sie zu verfolgen. Vergeblich versuchte er, die Höhen wiederzugewinnen; +sie wurden von den feindlichen Reitern besetzt und versperrt. Es war +alles verloren. Das Fußvolk ward niedergehauen bis auf den letzten +Mann. Von der Reiterei gelang es einzelnen sich durchzuschlagen; und +Curio hätte wohl sich zu retten vermocht, aber er ertrug es nicht, ohne +das ihm anvertraute Heer allein vor seinem Herrn zu erscheinen, und +starb mit dem Degen in der Hand. Selbst die Mannschaft, die im Lager +vor Utica sich zusammenfand, und die Flottenbesatzung, die sich so +leicht nach Sizilien hätte retten können, ergaben sich unter dem +Eindruck der fürchterlich raschen Katastrophe den Tag darauf an Varus +(August oder September 705 49). + +So endigte die von Caesar angeordnete sizilisch-afrikanische +Expedition. Sie erreichte insofern ihren Zweck, als durch die Besetzung +Siziliens in Verbindung mit der von Sardinien wenigstens dem +dringendsten Bedürfnis der Hauptstadt abgeholfen ward; die vereitelte +Eroberung Afrikas, aus welcher die siegende Partei keinen weiteren +wesentlichen Gewinn zog, und der Verlust zweier unzuverlässiger +Legionen ließen sich verschmerzen. Aber ein unersetzlicher Verlust für +Caesar, ja für Rom, war Curios früher Tod. Nicht ohne Ursache hatte +Caesar dem militärisch unerfahrenen und wegen seines Lotterlebens +berufenen jungen Mann das wichtigste selbständige Kommando anvertraut; +es war ein Funken von Caesars eigenem Geist in dem feurigen Jüngling. +Auch er hatte wie Caesar den Becher der Lust bis auf die Hefen geleert; +auch er ward nicht darum Staatsmann, weil er Offizier war, sondern es +gab seine politische Tätigkeit ihm das Schwert in die Hand; auch seine +Beredsamkeit war nicht die der gerundeten Perioden, sondern die +Beredsamkeit des tief empfundenen Gedankens; auch seine Kriegführung +ruhte auf dem raschen Handeln mit geringen Mitteln; auch sein Wesen war +Leichtigkeit und oft Leichtfertigkeit, anmutige Offenherzigkeit und +volles Leben im Augenblick. Wenn, wie sein Feldherr von ihm sagt, +Jugendfeuer und hoher Mut ihn zu Unvorsichtigkeiten hinrissen und wenn +er, um nicht einen verzeihlichen Fehler sich verzeihen zu lassen, allzu +stolz den Tod nahm, so fehlen Momente gleicher Unvorsichtigkeit und +gleichen Stolzes auch in Caesars Geschichte nicht. Man darf es +beklagen, daß es dieser übersprudelnden Natur nicht vergönnt war, +auszuschäumen und sich aufzubewahren für die folgende, an Talenten so +bettelarme, dem schrecklichen Regiment der Mittelmäßigkeiten so rasch +verfallende Generation. + +Inwiefern diese Kriegsvorgänge des Jahres 705 (49) in Pompeius’ +allgemeinen Feldzugsplan eingriffen, namentlich welche Rolle in diesem +nach dem Verlust Italiens den wichtigen Heereskörpern im Westen +zugeteilt war, läßt sich nur vermutungsweise bestimmen. Daß Pompeius +die Absicht gehabt, seinem in Spanien fechtenden Heer zu Lande über +Afrika und Mauretanien zu Hilfe zu kommen, war nichts als ein im Lager +von Ilerda umherlaufendes abenteuerliches und ohne Zweifel durchaus +grundloses Gerücht. Viel wahrscheinlicher ist es, daß er bei seinem +früheren Plan, Caesar im Dies- und Jenseitigen Gallien von zwei Seiten +anzugreifen, selbst nach dem Verlust von Italien noch beharrte und +einen kombinierten Angriff zugleich von Spanien und Makedonien aus +beabsichtigte. Vermutlich sollte die spanische Armee so lange an den +Pyrenäen sich defensiv verhalten, bis die in der Organisation +begriffene makedonische gleichfalls marschfähig war; worauf dann beide +zugleich aufgebrochen sein und, je nach den Umständen, entweder an der +Rhone oder am Po sich die Hand gereicht, auch die Flotte vermutlich +gleichzeitig versucht haben würde, das eigentliche Italien +zurückzuerobern. In dieser Voraussetzung, wie es scheint, hatte Caesar +zunächst sich darauf gefaßt gemacht, einem Angriff auf Italien zu +begegnen. Einer der tüchtigsten seiner Offiziere, der Volkstribun +Marcus Antonius, befehligte hier mit proprätorischer Gewalt. Die +südöstlichen Häfen Sipus, Brundisium, Tarent, wo am ersten ein +Landungsversuch zu erwarten war, hatten eine Besatzung von drei +Legionen erhalten. Außerdem zog Quintus Hortensius, des bekannten +Redners ungeratener Sohn, eine Flotte im Tyrrhenischen, Publius +Dolabella eine zweite im Adriatischen Meere zusammen, welche teils die +Verteidigung unterstützten, teils für die bevorstehende Überfahrt nach +Griechenland mitverwandt werden sollten. Falls Pompeius versuchen +würde, zu Lande in Italien einzudringen, hatten Marcus Licinius +Crassus, der älteste Sohn des alten Kollegen Caesars, die Verteidigung +des Diesseitigen Galliens, des Marcus Antonius jüngerer Bruder Gaius +die von Illyricum zu leiten. Indes der vermutete Angriff ließ lange auf +sich warten. Erst im Hochsommer des Jahres ward man in Illyrien +handgemein. Hier stand Caesars Statthalter Gaius Antonius mit seinen +zwei Legionen auf der Insel Curicta (Veglia, im Golf von Quarnero), +Caesars Admiral Publius Dolabella mit 40 Schiffen in dem schmalen +Meerarm zwischen dieser Insel und dem Festland. Das letztere Geschwader +griffen Pompeius’ Flottenführer im Adriatischen Meer, Marcus Octavius +mit der griechischen, Lucius Scribonius Libo mit der illyrischen +Flottenabteilung an, vernichteten sämtliche Schiffe Dolabellas und +schnitten Antonius auf seiner Insel ab. Ihn zu retten, kamen aus +Italien ein Korps unter Basilus und Sallustius und das Geschwader des +Hortensius aus dem Tyrrhenischen Meer; allein weder jenes noch dieses +vermochten der weit überlegenen feindlichen Flotte etwas anzuhaben. Die +Legionen des Antonius mußten ihrem Schicksal überlassen werden. Die +Vorräte gingen zu Ende, die Truppen wurden schwierig und meuterisch; +mit Ausnahme weniger Abteilungen, denen es gelang, auf Flößen das +Festland zu erreichen, streckte das Korps, immer noch fünfzehn Kohorten +stark, die Waffen und ward auf den Schiffen Libos nach Makedonien +geführt, um dort in die Pompeianische Armee eingereiht zu werden, +während Octavius zurückblieb, um die Unterwerfung der von Truppen +entblößten illyrischen Küste zu vollenden. Die Delmater, jetzt in +diesen Gegenden die bei weitem mächtigste Völkerschaft, die wichtige +Inselstadt Issa (Lissa) und andere Ortschaften ergriffen die Partei des +Pompeius; allein die Anhänger Caesars behaupteten sich in Salome +(Spalato) und Lissos (Alessio) und hielten in der ersteren Stadt nicht +bloß die Belagerung mutig aus, sondern machten, als sie aufs Äußerste +gebracht waren, einen Ausfall mit solchem Erfolg, daß Octavius die +Belagerung aufhob und nach Dyrrhachion abfuhr, um dort zu überwintern. + +Dieser in Illyricum von der Pompeianischen Flotte erfochtene Erfolg, +obwohl an sich nicht unbedeutend, wirkte doch auf den Gesamtgang des +Feldzuges wenig ein; und zwerghaft gering erscheint er, wenn man +erwägt, daß die Verrichtungen der unter Pompeius’ Oberbefehl stehenden +Land- und Seemacht während des ganzen ereignisreichen Jahres 705 (49) +sich auf diese einzige Waffentat beschränkten und daß vom Osten her, wo +der Feldherr, der Senat, die zweite große Armee, die Hauptflotte, +ungeheure militärische und noch ausgedehntere finanzielle Hilfsmittel +der Gegner Caesars vereinigt waren, da, wo es not tat, in jenen +allentscheidenden Kampf im Westen gar nicht eingegriffen ward. Der +aufgelöste Zustand der in der östlichen Hälfte des Reiches befindlichen +Streitkräfte, die Methode des Feldherrn, nie anders als mit überlegenen +Massen zu operieren, seine Schwerfälligkeit und Weitschichtigkeit und +die Zerfahrenheit der Koalition mag vielleicht die Untätigkeit der +Landmacht zwar nicht entschuldigen, aber doch einigermaßen erklären; +aber daß die Flotte, die doch ohne Nebenbuhler das Mittelmeer +beherrschte, so gar nichts tat, um den Gang der Dinge bestimmen zu +helfen, nichts für Spanien, so gut wie nichts für die treuen +Massalioten, nichts, um Sardinien, Sizilien, Afrika zu verteidigen und +Italien wo nicht wieder zu besetzen, doch wenigstens ihm die Zufuhr +abzusperren - das macht an unsere Vorstellungen von der im +Pompeianischen Lager herrschenden Verwirrung und Verkehrtheit +Ansprüche, denen wir nur mit Mühe zu genügen vermögen. + +Das Gesamtresultat dieses Feldzugs war entsprechend. Caesars doppelte +Offensive gegen Spanien und gegen Sizilien und Afrika war dort +vollständig, hier wenigstens teilweise gelungen; dagegen ward Pompeius’ +Plan, Italien auszuhungern, durch die Wegnahme Siziliens in der +Hauptsache, sein allgemeiner Feldzugsplan durch die Vernichtung der +spanischen Armee vollständig vereitelt; und in Italien waren Caesars +Verteidigungsanstalten nur zum kleinsten Teil zur Verwendung gekommen. +Trotz der empfindlichen Verluste in Afrika und Illyrien ging doch +Caesar in der entschiedensten und entscheidendsten Weise aus diesem +ersten Kriegsjahr als Sieger hervor. + +Wenn indes vom Osten aus nichts Wesentliches geschah, um Caesar an der +Unterwerfung des Westens zu hindern, so arbeitete man doch wenigstens +dort in der so schmählich gewonnenen Frist daran, sich politisch und +militärisch zu konsolidieren. Der große Sammelplatz der Gegner Caesars +ward Makedonien. Dorthin begab sich Pompeius selbst und die Masse der +brundisinischen Emigranten; dorthin die übrigen Flüchtlinge aus dem +Westen: Marcus Cato aus Sizilien, Lucius Domitius von Massalia; +namentlich aber aus Spanien eine Menge der besten Offiziere und +Soldaten der aufgelösten Armee, an der Spitze ihre Feldherrn Afranius +und Varro. In Italien ward die Emigration unter den Aristokraten +allmählich nicht bloß Ehren-, sondern fast Modesache, und neuen Schwung +erhielt sie durch die ungünstigen Nachrichten, die über Caesars Lage +vor Ilerda eintrafen; auch von den laueren Parteigenossen und den +politischen Achselträgern kamen nach und nach nicht wenige an, und +selbst Marcus Cicero überzeugte sich endlich, daß er seiner +Bürgerpflicht nicht ausreichend damit genüge, wenn er eine Abhandlung +über die Eintracht schreibe. Der Emigrantensenat in Thessalonike, wo +das offizielle Rom seinen interimistischen Sitz aufschlug, zählte gegen +200 Mitglieder, darunter manche hochbejahrte Greise und fast sämtliche +Konsulare. Aber freilich waren es Emigranten. Auch dieses römische +Koblenz stellte die hohen Ansprüche und dürftigen Leistungen der +vornehmen Welt Roms, ihre unzeitigen Reminiszenzen und unzeitigeren +Rekriminationen, ihre politischen Verkehrtheiten und finanziellen +Verlegenheiten in kläglicher Weise zur Schau. Es war das wenigste, daß +man, während der alte Bau zusammensank, mit der peinlichsten +Wichtigkeit jeden alten Schnörkel und Rostfleck der Verfassung in +Obacht nahm: am Ende war es bloß lächerlich, wenn es den vornehmen +Herren Gewissensskrupel machte, außerhalb des geheiligten städtischen +Bodens ihre Ratversammlung Senat zu heißen und sie vorsichtig sich die +“Dreihundert” titulierten ^4; oder wenn man weitläufige +staatsrechtliche Untersuchungen anstellte, ob und wie ein Kuriatgesetz +von Rechts wegen sich anderswo zustande bringen lasse als im römischen +Mauerring. Weit schlimmer war die Gleichgültigkeit der Lauen und die +bornierte Verbissenheit der Ultras. Jene waren weder zum Handeln zu +bringen noch auch nur zum Schweigen. Wurden sie aufgefordert, in einer +bestimmten Weise für das gemeine Beste tätig zu sein, so betrachteten +sie, mit der schwachen Leuten eigenen Inkonsequenz, jedes solche +Ansinnen als einen böswilligen Versuch, sie noch weiter zu +kompromittieren und taten das Befohlene gar nicht oder mit halbem +Herzen. Dabei aber fielen sie natürlich mit ihrem verspäteten +Besserwissen und ihren superklugen Unausführbarkeiten den Handelnden +beständig zur Last; ihr Tagewerk bestand darin, jeden kleinen und +großen Vorgang zu bekritteln, zu bespötteln und zu beseufzen und durch +ihre eigene Lässigkeit und Hoffnungslosigkeit die Menge abzuspannen und +zu entmutigen. Wenn hier die Atome der Schwäche zu schauen war, so +stand dagegen deren Hypertonie bei den Ultras in voller Blüte. Hier +hatte man es kein Hehl, daß die Vorbedingung für jede +Friedensverhandlung die Überbringung von Caesars Kopf sei: jeder der +Friedensversuche, die Caesar auch jetzt noch wiederholentlich machte, +ward unbesehen von der Hand gewiesen oder nur benutzt, um auf +heimtückische Weise den Beauftragten des Gegners nach dem Leben zu +stellen. Daß die erklärten Caesarianer samt und sonders Leben und Gut +verwirkt hatten, verstand sich von selbst; aber auch den mehr oder +minder Neutralen ging es wenig besser. Lucius Domitius, der Held von +Corfinium, machte im Kriegsrat alles Ernstes den Vorschlag, diejenigen +Senatoren, die im Heer des Pompeius gefochten hätten, über alle, die +entweder neutral geblieben oder zwar emigriert, aber nicht in das Heer +eingetreten seien, abstimmen zu lassen und diese einzeln je nach +Befinden freizusprechen oder mit Geldbuße oder auch mit dem Verlust des +Lebens und des Vermögens zu bestrafen. Ein anderer dieser Ultras erhob +bei Pompeius gegen Lucius Afranius wegen seiner mangelhaften +Verteidigung Spaniens eine förmliche Anklage auf Bestechung und Verrat. +Diesen in der Wolle gefärbten Republikanern nahm ihre politische +Theorie fast den Charakter eines religiösen Glaubensbekenntnisses an; +sie haßten denn auch die laueren Parteigenossen und den Pompeius mit +seinem persönlichen Anhang womöglich noch mehr als die offenbaren +Gegner, und durchaus mit jener Stupidität des Hasses, wie sie +orthodoxen Theologen eigen zu sein pflegt; sie wesentlich verschuldeten +die zahllosen und erbitterten Sonderfehden, welche die Emigrantenarmee +und den Emigrantensenat zerrissen. Aber sie ließen es nicht bei Worten. +Marcus Bibulus, Titus Labienus und andere dieser Koterie führten ihre +Theorie praktisch durch und ließen, was ihnen von Caesars Armee an +Offizieren oder Soldaten in die Hände fiel, in Masse hinrichten; was +begreiflicherweise Caesars Truppen nicht gerade bewog, mit minderer +Energie zu fechten. Wenn während Caesars Abwesenheit von Italien die +Konterrevolution zu Gunsten der Verfassungsfreunde, zu der alle +Elemente vorhanden waren, dennoch daselbst nicht ausbrach, so lag, nach +der Versicherung einsichtiger Gegner Caesars, die Ursache hauptsächlich +in der allgemeinen Besorgnis vor dem unbezähmbaren Wüten der +republikanischen Ultras nach erfolgter Restauration. Die Besseren im +Pompeianischen Lager waren in Verzweiflung über dies rasende Treiben. +Pompeius, selbst ein tapferer Soldat, schonte, soweit er durfte und +konnte, der Gefangenen; aber er war zu schwachmütig und in einer zu +schiefen Stellung, um, wie es ihm als Oberfeldherrn zukam, alle Greuel +dieser Art zu hemmen oder gar zu ahnden. Energischer versuchte der +einzige Mann, der wenigstens mit sittlicher Haltung in den Kampf +eintrat, Marcus Cato, diesem Treiben zu steuern, er erwirkte, daß der +Emigrantensenat durch ein eigenes Dekret es untersagte, untertänige +Städte zu plündern und einen Bürger anders als in der Schlacht zu +töten. Ebenso dachte der tüchtige Marcus Marcellus. Freilich wußte es +niemand besser als Cato und Marcellus, daß die extreme Partei ihre +rettenden Taten wenn nötig allen Senatsbeschlüssen zum Trotze vollzog. +Wenn aber bereits jetzt, wo man noch Klugheitsrücksichten zu beobachten +hatte, die Wut der Ultras sich nicht bändigen ließ, so mochte man nach +dem Siege auf eine Schreckensherrschaft sich gefaßt machen, von der +Marius und Sulla selbst sich schaudernd abgewandt haben würden; und man +begreift es, daß Cato, seinem eigenen Geständnis zufolge, mehr noch als +vor der Niederlage, graute vor dem Siege seiner eigenen Partei. + +————————————————————- + +^4 Da nach formellem Recht die “gesetzliche Ratversammlung” +unzweifelhaft ebenso wie das “gesetzliche Gericht” nur in der Stadt +selbst oder innerhalb der Bannmeile stattfinden konnte, so nannte die +bei dem afrikanischen Heer den Senat vertretende Versammlung sich die +“Dreihundert” (Bell. Afr. 88, 90; App. hist. 2, 95), nicht weil er aus +300 Mitgliedern bestand, sondern weil dies die uralte Normzahl der +Senatoren war. Es ist sehr glaublich, daß diese Versammlung sich durch +angesehene Ritter verstärkte; aber wenn Plutarch (Cato min. 59, 61) die +Dreihundert zu italischen Großhändlern macht, so hat er seine Quelle +(Bell. Afr. 90) mißverstanden. Ähnlich wird der Quasisenat schon in +Thessalonike geordnet gewesen sein. + +———————————————————- + +Die Leitung der militärischen Vorbereitungen im makedonischen Lager lag +in der Hand des Oberfeldherrn Pompeius. Die stets schwierige und +gedrückte Stellung desselben hatte durch die unglücklichen Ereignisse +des Jahres 705 (49) sich noch verschlimmert. In den Augen seiner +Parteigenossen trug wesentlich er davon die Schuld. Es war das in +vieler Hinsicht nicht gerecht. Ein guter Teil der erlittenen Unfälle +kam auf Rechnung der Verkehrtheit und Unbotmäßigkeit der +Unterfeldherren, namentlich des Konsuls Lentulus und des Lucius +Domitius; von dem Augenblick an, wo Pompeius an die Spitze der Armee +getreten war, hatte er sie geschickt und mutig geführt und wenigstens +sehr ansehnliche Streitkräfte aus dem Schiffbruch gerettet; daß er +Caesars jetzt von allen anerkanntem, durchaus überlegenem Genie nicht +gewachsen war, konnte billigerweise ihm nicht vorgeworfen werden. Indes +es entschied allein der Erfolg. Im Vertrauen auf den Feldherrn Pompeius +hatte die Verfassungspartei mit Caesar gebrochen; die verderblichen +Folgen dieses Bruches fielen auf den Feldherrn Pompeius zurück, und +wenn auch bei der notorischen militärischen Unfähigkeit aller übrigen +Chefs kein Versuch gemacht ward, das Oberkommando zu wechseln, so war +doch wenigstens das Vertrauen zu dem Oberfeldherrn paralysiert. Zu +diesen Nachwehen der erlittenen Niederlagen kamen die nachteiligen +Einflüsse der Emigration. Unter den eintreffenden Flüchtlingen war +allerdings eine Anzahl tüchtiger Soldaten und fähiger Offiziere +namentlich der ehemaligen spanischen Armee; allein die Zahl derer, die +kamen, um zu dienen und zu fechten, war ebenso gering, wie zum +Erschrecken groß die der vornehmen Generale, die mit ebenso gutem Fug +wie Pompeius sich Prokonsuln und Imperatoren nannten, und der vornehmen +Herren, die mehr oder weniger unfreiwillig am aktiven Kriegsdienst sich +beteiligten. Durch diese ward die hauptstädtische Lebensweise in das +Feldlager eingebürgert, keineswegs zum Vorteil des Heeres: die Zelte +solcher Herren waren anmutige Lauben, der Boden mit frischem Rasen +zierlich bedeckt, die Wände mit Efeu bekleidet; auf dem Tisch stand +silbernes Tafelgeschirr und oft kreiste dort schon am hellen Tage der +Becher. Diese eleganten Krieger machten einen seltsamen Kontrast mit +Caesars Grasteufeln, vor deren grobem Brot jene erschraken und die in +Ermangelung dessen auch Wurzeln aßen und schwuren, eher Baumrinde zu +kauen als vom Feinde abzulassen. Wenn ferner die unvermeidliche +Rücksicht auf eine kollegialische und ihm persönlich abgeneigte Behörde +Pompeius schon an sich in seiner Tätigkeit hemmte, so steigerte diese +Verlegenheit sich ungemein, als der Emigrantensenat beinahe im +Hauptquartier selbst seinen Sitz aufschlug und nun alles Gift der +Emigration in diesen Senatssitzungen sich entleerte. Eine bedeutende +Persönlichkeit endlich, die gegen all diese Verkehrtheiten ihr eigenes +Gewicht hätte einsetzen können, war nirgends vorhanden. Pompeius selbst +war dazu geistig viel zu untergeordnet und viel zu zögernd, +schwerfällig und versteckt. Marcus Cato würde wenigstens die +erforderliche moralische Autorität gehabt und auch des guten Willens, +Pompeius damit zu unterstützen, nicht ermangelt haben; allein Pompeius, +statt ihn zum Beistand aufzufordern, setzte ihn mit mißtrauischer +Eifersucht zurück und übertrug zum Beispiel das so wichtige +Oberkommando der Flotte lieber an den in jeder Beziehung unfähigen +Bibulus als an Cato. Wenn somit Pompeius die politische Seite seiner +Stellung mit der ihm eigenen Verkehrtheit behandelte und was an sich +schon verdorben war, nach Kräften weiter verdarb, so widmete er dagegen +mit anerkennenswertem Eifer sich seiner Pflicht, die bedeutenden, aber +aufgelösten Streitkräfte der Partei militärisch zu organisieren. Den +Kern derselben bildeten die aus Italien mitgebrachten Truppen, aus +denen mit den Ergänzungen aus den illyrischen Kriegsgefangenen und den +in Griechenland domizilierten Römern zusammen fünf Legionen gebildet +wurden. Drei andere kamen aus dem Osten: die beiden aus den Trümmern +der Armee des Crassus gebildeten syrischen und eine aus den zwei +schwachen, bisher in Kilikien stehenden kombinierte. Der Wegziehung +dieser Besatzungstruppen stellte sich nichts in den Weg, da teils die +Pompeianer mit den Parthern im Einvernehmen standen und selbst ein +Bündnis mit ihnen hätten haben können, wenn Pompeius nicht unwillig +sich geweigert hätte, den geforderten Preis: die Abtretung der von ihm +selbst zum Reiche gebrachten syrischen Landschaft, dafür zu zahlen; +teils Caesars Plan, zwei Legionen nach Syrien zu entsenden und durch +den in Rom gefangengehaltenen Prinzen Aristobulos die Juden abermals +unter die Waffen zu bringen, zum Teil durch andere Ursachen, zum Teil +durch Aristobulos’ Tod vereitelt ward. Weiter wurden aus den in Kreta +und Makedonien angesiedelten gedienten Soldaten eine, aus den +kleinasiatischen Römern zwei neue Legionen ausgehoben. Zu allem dem +kamen 2000 Freiwillige, die aus den Trümmern der spanischen Kernscharen +und anderen ähnlichen Zuzügen hervorgingen, und endlich die Kontingente +der Untertanen. Wie Caesar hatte Pompeius es verschmäht, von denselben +Infanterie zu requirieren; nur zur Küstenbesatzung waren die +epirotischen, ätolischen und thrakischen Milizen aufgeboten und +außerdem an leichten Truppen 3000 griechische und kleinasiatische +Schützen und 1200 Schleuderer angenommen worden. Die Reiterei dagegen +bestand, außer einer aus dem jungen Adel Roms gebildeten, mehr +ansehnlichen als militärisch bedeutenden Nobelgarde und den von +Pompeius beritten gemachten apulischen Hirtensklaven, ausschließlich +aus den Zuzügen der Untertanen und Klienten Roms. Den Kern bildeten die +Kelten, teils von der Besatzung von Alexandreia, teils die Kontingente +des Königs Deiotarus, der trotz seines hohen Alters an der Spitze +seiner Reiterei in Person erschienen war, und der übrigen galatischen +Dynasten. Mit ihnen wurden vereinigt die vortrefflichen thrakischen +Reiter, die teils von ihren Fürsten Sadala und Rhaskuporis +herangeführt, teils von Pompeius in der makedonischen Provinz +angeworben waren; die kappadokische Reiterei; die von König Antiochos +von Kommagene gesendeten, berittenen Schützen; die Zuzüge der Armenier +von diesseits des Euphrat unter Taxiles, von jenseits desselben unter +Megabares und die von König Juba gesandten numidischen Scharen - die +gesamte Masse stieg auf 7000 Pferde. + +Sehr ansehnlich endlich war die Pompeianische Flotte. Sie ward gebildet +teils aus den von Brundisium mitgeführten oder später erbauten +römischen Fahrzeugen, teils aus den Kriegsschiffen des Königs von +Ägypten, der kolchischen Fürsten, des kilikischen Dynasten +Tarkondimotos, der Städte Tyros, Rhodos, Athen, Kerkyra und überhaupt +der sämtlichen asiatischen und griechischen Seestaaten und zählte gegen +500 Segel, wovon die römischen den fünften Teil ausmachten. An Getreide +und Kriegsmaterial waren in Dyrrhachion ungeheure Vorräte aufgehäuft. +Die Kriegskasse war wohlgefüllt, da die Pompeianer sich im Besitz der +hauptsächlichen Einnahmequellen des Staats befanden und die Geldmittel +der Klientelfürsten, der angesehenen Senatoren, der Steuerpächter und +überhaupt der gesamten römischen und nichtrömischen Bevölkerung in +ihrem Bereich für sich nutzbar machten. Was in Afrika, Ägypten, +Makedonien, Griechenland, Vorderasien und Syrien das Ansehen der +legitimen Regierung und Pompeius’ oftgefeierte Königs- und +Völkerklientel vermochte, war zum Schutz der römischen Republik in +Bewegung gesetzt worden; wenn in Italien die Rede ging, daß Pompeius +die Geten, Kolcher und Armenier gegen Rom bewaffne, wenn im Lager er +der “König der Könige” hieß, so waren dies kaum Übertreibungen zu +nennen. Im ganzen gebot derselbe über eine Armee von 7000 Reitern und +elf Legionen, von denen freilich höchstens fünf als kriegsgewohnt +bezeichnet werden durften, und über eine Flotte von 500 Segeln. Die +Stimmung der Soldaten, für deren Verpflegung und Sold Pompeius genügend +sorgte und denen für den Fall des Sieges die überschwenglichsten +Belohnungen zugesichert waren, war durchgängig gut, in manchen und eben +den tüchtigsten Abteilungen sogar vortrefflich; indes bestand doch ein +großer Teil der Armee aus neu ausgehobenen Truppen, deren Formierung +und Exerzierung, wie eifrig sie auch betrieben ward, notwendigerweise +Zeit erforderte. Die Kriegsmacht überhaupt war imposant, aber zugleich +einigermaßen buntscheckig. + +Nach der Absicht des Oberfeldherrn sollten bis zum Winter 705/06 +(49/48) Heer und Flotte wesentlich vollständig an der Küste und in den +Gewässern von Epirus vereinigt sein. Der Admiral Bibulus war auch +bereits mit 110 Schiffen in seinem neuen Hauptquartier Kerkyra +eingetroffen. Dagegen war das Landheer, dessen Hauptquartier während +des Sommers zu Berrhöa am Haliakmon gewesen war, noch zurück; die Masse +bewegte sich langsam auf der großen Kunststraße von Thessalonike nach +der Westküste auf das künftige Hauptquartier Dyrrhachion zu; die beiden +Legionen, die Metellus Scipio aus Syrien heranführte, standen gar noch +bei Pergamon in Kleinasien im Winterquartier und wurden erst zum +Frühjahr in Europa erwartet. Man nahm sich eben Zeit. Vorläufig waren +die epirotischen Häfen außer durch die Flotte nur noch durch die +Bürgerwehren und die Aufgebote der Umgegend verteidigt. + +So war es Caesar möglich geblieben, trotz des dazwischenfallenden +Spanischen Krieges auch in Makedonien die Offensive für sich zu nehmen, +und er wenigstens säumte nicht. Längst hatte er die Zusammenziehung von +Kriegs- und Transportschiffen in Brundisium angeordnet und nach der +Kapitulation der spanischen Armee und dem Fall von Massalia die dort +verwendeten Kerntruppen zum größten Teil ebendahin dirigiert. Die +unerhörten Anstrengungen zwar, die also von Caesar den Soldaten +zugemutet wurden, lichteten mehr als die Gefechte die Reihen, und die +Meuterei einer der vier ältesten Legionen, der neunten, auf ihrem +Durchmarsch durch Placentia war ein gefährliches Zeichen der bei der +Armee einreißenden Stimmung; doch wurden Caesars Geistesgegenwart und +persönliche Autorität derselben Herr, und von dieser Seite stand der +Einschiffung nichts im Wege. Allein woran schon im März 705 (49) die +Verfolgung des Pompeius gescheitert war, der Mangel an Schiffen, drohte +auch diese Expedition zu vereiteln. Die Kriegsschiffe, die Caesar in +den gallischen, sizilischen und italischen Häfen zu erbauen befohlen +hatte, waren noch nicht fertig oder doch nicht zur Stelle; sein +Geschwader im Adriatischen Meer war das Jahr zuvor bei Curicta +vernichtet worden; er fand bei Brundisium nicht mehr als zwölf +Kriegsschiffe und kaum Transportfahrzeuge genug, um den dritten Teil +seiner nach Griechenland bestimmten Armee von zwölf Legionen und 10000 +Reitern auf einmal überzuführen. Die ansehnliche feindliche Flotte +beherrschte ausschließlich das Adriatische Meer und namentlich die +sämtlichen festländischen und Inselhäfen der Ostküste. Unter solchen +Umständen drängt die Frage sich auf, warum Caesar nicht statt des +Seeweges den zu Lande durch Illyrien einschlug, welcher aller von der +Flotte drohenden Gefahren ihn überhob und überdies für seine +größtenteils aus Gallien kommenden Truppen kürzer war als der über +Brundisium. Zwar waren die illyrischen Landschaften unbeschreiblich +rauh und arm; aber sie sind doch von anderen Armeen nicht lange nachher +durchschritten worden, und dieses Hindernis ist dem Eroberer Galliens +schwerlich unübersteiglich erschienen. Vielleicht besorgte er, daß +während des schwierigen illyrischen Marsches Pompeius seine gesamte +Streitmacht über das Adriatische Meer führen möchte, wodurch die Rollen +auf einmal sich umkehren, Caesar in Makedonien, Pompeius in Italien zu +stehen kommen konnte; obwohl ein solcher rascher Wechsel dem +schwerfälligen Gegner doch kaum zuzutrauen war. Vielleicht hatte Caesar +auch in der Voraussetzung, daß seine Flotte inzwischen auf einen +achtunggebietenden Stand gebracht sein würde, sich für den Seeweg +entschieden, und als er nach seiner Rückkehr aus Spanien des wahren +Standes der Dinge im Adriatischen Meere inne ward, mochte es zu spät +sein, den Feldzugsplan zu ändern. Vielleicht, ja nach Caesars raschem, +stets zur Entscheidung drängenden Naturell darf man sagen +wahrscheinlich, fand er durch die augenblicklich noch unbesetzte, aber +sicher in wenigen Tagen mit Feinden sich bedeckende epirotische Küste +sich unwiderstehlich gelockt, den ganzen Plan des Gegners wieder einmal +durch einen verwegenen Zug zu durchkreuzen. Wie dem auch sei, am 4. +Januar 706 ^5 (48) ging Caesar mit sechs, durch die Strapazen und +Krankheiten sehr gelichteten Legionen und 600 Reitern von Brundisium +nach der epirotischen Küste unter Segel. Es war ein Seitenstück zu der +tollkühnen britannischen Expedition; indes wenigstens der erste Wurf +war glücklich. Inmitten der akrokeraunischen (Chimara-) Klippen, auf +der wenig besuchten Reede von Paleassa (Paljassa) ward die Küste +erreicht. Man sah die Transportschiffe sowohl aus dem Hafen von Orikon +(Bucht von Avlona), wo ein Pompeianisches Geschwader von achtzehn +Schiffen lag, als auch aus dem Hauptquartier der feindlichen Flotte bei +Kerkyra; aber dort hielt man sich zu schwach, hier war man nicht +segelfertig, und ungehindert ward der erste Transport ans Land gesetzt. +Während die Schiffe sogleich zurückgingen, um den zweiten nachzuholen, +überstieg Caesar noch denselben Abend die akrokeraunischen Berge. Seine +ersten Erfolge waren so groß wie die Überraschung der Feinde. Der +epirotische Landsturm setzte nirgends sich zur Wehr; die wichtigen +Hafenstädte Orikon und Apollonia nebst einer Menge kleinerer +Ortschaften wurden weggenommen; Dyrrhachion, von den Pompeianern zum +Hauptwaffenplatz ausersehen und mit Vorräten aller Art angefüllt, aber +nur schwach besetzt, schwebte in der größten Gefahr. + +———————————————————————————— + +^5 Nach dem berichtigten Kalender am 5. November 705 (49). + +———————————————————————————— + +Indes der weitere Verlauf des Feldzuges entsprach diesem glänzenden +Anfange nicht. Bibulus machte die Nachlässigkeit, die er sich hatte zu +Schulden kommen lassen, nachträglich durch verdoppelte Anstrengungen +zum Teil wieder gut. Nicht bloß brachte er von den heimkehrenden +Transportschiffen gegen dreißig auf, die er sämtlich mit Mann und Maus +verbrennen ließ, sondern er richtete auch längs des ganzen von Caesar +besetzten Küstenstrichs, von der Insel Sason (Saseno) bis zu den Häfen +von Kerkyra, den sorgfältigsten Wachtdienst ein, so beschwerlich auch +die rauhe Jahreszeit und die Notwendigkeit, den Wachtschiffen alle +Bedürfnisse, selbst Holz und Wasser, von Kerkyra zuzuführen, denselben +machten; ja sein Nachfolger Libo - er selbst unterlag bald den +ungewohnten Strapazen - sperrte sogar eine Zeitlang den Hafen von +Brundisium, bis ihn von der kleinen Insel vor demselben, auf der er +sich festgesetzt hatte, der Wassermangel wieder vertrieb. Es war +Caesars Offizieren nicht möglich, ihrem Feldherrn den zweiten Transport +der Armee nachzuführen. Ebensowenig gelang ihm selbst die Wegnahme von +Dyrrhachion. Pompeius erfuhr durch einen der Friedensboten Caesars von +dessen Vorbereitungen zur Fahrt nach der epirotischen Küste und darauf +den Marsch beschleunigend warf er sich noch eben zu rechter Zeit in +diesen wichtigen Waffenplatz. Caesars Lage war kritisch. Obwohl er in +Epirus so weit sich ausbreitete, als es bei seiner geringen Stärke nur +irgend möglich war, so blieb die Subsistenz seiner Armee doch schwierig +und unsicher, während die Feinde, im Besitz der Magazine von +Dyrrhachion und Herren der See, Überfluß an allem hatten. Mit seinem +vermutlich wenig über 20000 Mann starken Heer konnte er dem wenigstens +doppelt so zahlreichen Pompeianischen keine Schlacht anbieten, sondern +mußte sich glücklich schätzen, daß Pompeius methodisch zu Werke ging +und, statt sofort die Schlacht zu erzwingen, zwischen Dyrrhachion und +Apollonia am rechten Ufer des Apsos, Caesar auf dem linken gegenüber, +das Winterlager bezog, um mit dem Frühjahr, nach dem Eintreffen der +Legionen von Pergamon, mit unwiderstehlicher Übermacht den Feind zu +vernichten. So verflossen Monate. Wenn der Eintritt der besseren +Jahreszeit, die dem Feinde starken Zuzug und den freien Gebrauch seiner +Flotte brachte, Caesar noch in derselben Lage fand, so war er, mit +seiner schwachen Schar zwischen der ungeheuren Flotte und dem dreifach +überlegenen Landheer der Feinde in den epirotischen Felsen eingekeilt, +allem Anscheine nach verloren; und schon neigte der Winter sich zu +Ende. Alle Hoffnung beruhte immer noch auf der Transportflotte: daß +diese durch die Blockade sich durchschlich oder durchschlug, war kaum +zu hoffen; aber nach der ersten freiwilligen Tollkühnheit war diese +zweite durch die Notwendigkeit geboten. Wie verzweifelt Caesar selbst +seine Lage erschien, beweist sein Entschluß, da die Flotte immer nicht +kam, allein auf einer Fischerbarke durch das Adriatische Meer nach +Brundisium zu fahren, um sie zu holen; was in der Tat nur darum +unterblieb, weil sich kein Schiffer fand, die verwegene Fahrt zu +unternehmen. Indes es bedurfte seines persönlichen Erscheinens nicht, +um den treuen Offizier, der in Italien kommandierte, Marcus Antonius, +zu bestimmen, diesen letzten Versuch zur Rettung seines Herrn zu +machen. Abermals lief die Transportflotte, mit vier Legionen und 800 +Reitern an Bord, aus dem Hafen von Brundisium aus und glücklich führte +ein starker Südwind sie an Libos Galeeren vorüber. Allein derselbe +Wind, der hier die Flotte rettete, machte es ihr unmöglich, wie ihr +befohlen war, an der apolloniatischen Küste zu landen, und zwang sie, +an Caesars und Pompeius’ Lager vorbeizufahren und nördlich von +Dyrrhachion nach Lissos zu steuern, welche Stadt zu gutem Glück noch zu +Caesar hielt. Als sie an dem Hafen von Dyrrhachion vorüberfuhr, brachen +die rhodischen Galeeren auf, um sie zu verfolgen, und kaum waren +Antonius’ Schiffe in den Hafen von Lissos eingefahren, als auch das +feindliche Geschwader vor demselben erschien. Aber eben in diesem +Augenblick schlug plötzlich der Wind um und warf die verfolgenden +Galeeren wieder zurück in die offene See und zum Teil an die felsige +Küste. Durch die wunderbarsten Glückszufälle war die Landung auch des +zweiten Transportes gelungen. Noch standen zwar Antonius und Caesar +etwa vier Tagemärsche voneinander, getrennt durch Dyrrhachion und die +gesamte feindliche Armee; indes Antonius bewerkstelligte glücklich den +gefährlichen Marsch um Dyrrhachion herum durch die Pässe des Graba +Balkan und ward von Caesar, der ihm entgegengegangen war, am rechten +Ufer des Apsos aufgenommen. Pompeius, nachdem er vergeblich versucht +hatte, die Vereinigung der beiden feindlichen Armeen zu verhindern und +das Korps des Antonius einzeln zum Schlagen zu zwingen, nahm eine neue +Stellung bei Asparagion an dem Flusse Genusas (Uschkomobin), der dem +Apsos parallel zwischen diesem und der Stadt Dyrrhachion fließt, und +hielt hier sich wieder unbeweglich. Caesar fühlte jetzt sich stark +genug, eine Schlacht zu liefern; aber Pompeius ging nicht darauf ein. +Dagegen gelang es Caesar, den Gegner zu täuschen und unversehens mit +seinen besser marschierenden Truppen sich, ähnlich wie bei Ilerda, +zwischen das feindliche Lager und die Festung Dyrrhachion zu werfen, +auf die dieses sich stützte. Die Kette des Graba Balkan, die in der +Richtung von Osten nach Westen streichend am Adriatischen Meere in der +schmalen dyrrhachinischen Landzunge endigt, entsendet drei Meilen +östlich von Dyrrhachion in südwestlicher Richtung einen Seitenarm, der +in bogenförmiger Richtung ebenfalls zum Meere sich wendet, und der +Haupt- und der Seitenarm des Gebirges schließen zwischen sich eine +kleine, um eine Klippe am Meeresstrand sich ausbreitende Ebene ein. +Hier nahm Pompeius jetzt sein Lager, und obwohl die Caesarische Armee +ihm den Landweg nach Dyrrhachion verlegt hielt, blieb er doch mit Hilfe +seiner Flotte fortwährend mit dieser Stadt in Verbindung und ward von +dort mit allem Nötigen reichlich und bequem versehen, während bei den +Caesarianern, trotz starker Detachierungen in das Hinterland und trotz +aller Anstrengungen des Feldherrn, ein geordnetes Fahrwesen und damit +eine regelmäßige Verpflegung in Gang zu bringen, es doch mehr als knapp +herging und Fleisch, Gerste, ja Wurzeln sehr häufig die Stelle des +gewohnten Weizens vertreten maßten. Da der phlegmatische Gegner +beharrlich bei seiner Passivität blieb, unternahm Caesar, den +Höhenkreis zu besetzen, der die von Pompeius eingenommene Strandebene +umschloß, um wenigstens die überlegene feindliche Reiterei +festzustellen und ungestörter gegen Dyrrhachion operieren zu können, +womöglich aber den Gegner entweder zur Schlacht oder zur Einschiffung +zu nötigen. Von Caesars Truppen war beinahe die Hälfte ins Binnenland +detachiert; es schien fast abenteuerlich, mit dem Rest eine vielleicht +doppelt so zahlreiche, konzentriert aufgestellte, auf die See und die +Flotte gestützte Armee gewissermaßen belagern zu wollen. Dennoch +schlossen Caesars Veteranen unter unsäglichen Anstrengungen das +Pompeianische Lager mit einer drei und eine halbe deutsche Meile langen +Postenkette ein und fügten später, ebenwie vor Alesia, zu dieser +inneren Linie noch eine zweite äußere hinzu, um sich vor Angriffen von +Dyrrhachion aus und vor den mit Hilfe der Flotte so leicht ausführbaren +Umgehungen zu schützen. Pompeius griff mehrmals einzelne dieser +Verschanzungen an, um womöglich die feindliche Linie zu sprengen, +allein durch eine Schlacht die Einschließung zu hindern versuchte er +nicht, sondern zog es vor, auch seinerseits um sein Lager herum eine +Anzahl Schanzen anzulegen und dieselben durch Linien miteinander zu +verbinden. Beiderseits war man bemüht, die Schanzen möglichst weit +vorzuschieben und die Erdarbeiten rückten unter beständigen Gefechten +nur langsam vor. Zugleich schlug man auf der entgegengesetzten Seite +des Caesarischen Lagers sich herum mit der Besatzung vor Dyrrhachion; +durch Einverständnisse innerhalb der Festung hoffte Caesar sie in seine +Gewalt zu bringen, ward aber durch die feindliche Flotte daran +verhindert. Unaufhörlich ward an den verschiedensten Punkten - an einem +der heißesten Tage an sechs Stellen zugleich - gefochten und in der +Regel behielt in diesen Scharmützeln die erprobte Tapferkeit der +Caesarianer die Oberhand; wie denn zum Beispiel einmal eine einzige +Kohorte sich gegen vier Legionen mehrere Stunden lang in ihrer Schanze +hielt, bis Unterstützung herbeikam. Ein Haupterfolg ward auf keiner +Seite erreicht; doch machten sich die Folgen der Einschließung den +Pompeianern allmählich in drückender Weise fühlbar. Die Stauung der von +den Höhen in die Ebene sich ergießenden Bäche nötigte sie, sich mit +sparsamem und schlechtem Brunnenwasser zu begnügen. Noch empfindlicher +war der Mangel an Futter für die Lasttiere und die Pferde, dem auch die +Flotte nicht genügend abzuhelfen vermochte; sie fielen zahlreich und es +half nur wenig, daß die Pferde durch die Flotte nach Dyrrhachion +geschafft wurden, da sie auch hier nicht ausreichend Futter fanden. +Lange konnte Pompeius nicht mehr zögern, sich durch einen gegen den +Feind geführten Schlag aus seiner unbequemen Lage zu befreien. Da ward +er durch keltische Überläufer davon in Kenntnis gesetzt, daß der Feind +es versäumt habe, den Strand zwischen seinen beiden 600 Fuß voneinander +entfernten Schanzenketten durch einen Querwall zu sichern, und baute +hierauf seinen Plan. Während er die innere Linie der Verschanzungen +Caesars vom Lager aus durch die Legionen, die äußere durch die auf +Schiffe gesetzten und jenseits der feindlichen Verschanzungen +gelandeten leichten Truppen angreifen ließ, landete eine dritte +Abteilung in dem Zwischenraum zwischen beiden Linien und griff die +schon hinreichend beschäftigten Verteidiger derselben im Rücken an. Die +zunächst am Meer befindliche Schanze wurde genommen und die Besatzung +floh in wilder Verwirrung; mit Mühe gelang es dem Befehlshaber der +nächsten Schanze, Marcus Antonius, diese zu behaupten und für den +Augenblick dem Vordringen der Pompeianer ein Ziel zu setzen; aber, +abgesehen von dem ansehnlichen Verlust, blieb die äußerste Schanze am +Meer in den Händen der Pompeianer und die Linie durchbrochen. Um so +eifriger ergriff Caesar die Gelegenheit, die bald darauf sich ihm +darbot, eine unvorsichtig sich vereinzelnde Pompeianische Legion mit +dem Gros seiner Infanterie anzugreifen. Allein die Angegriffenen +leisteten tapferen Widerstand, und in dem mehrmals zum Lager größerer +und kleinerer Abteilungen benutzten und kreuz und quer von Wällen und +Gräben durchzogenen Terrain, auf dem gefochten ward, kam Caesars +rechter Flügel nebst der Reiterei ganz vom Wege ab statt den linken im +Angriff auf die Pompeianische Legion zu unterstützen, geriet er in +einen engen, aus einem der alten Lager zum Fluß hingeführten +Laufgraben. So fand Pompeius, der den Seinigen zu Hilfe mit fünf +Legionen eiligst herbeikam, die beiden Flügel der Feinde voneinander +getrennt und den einen in einer gänzlich preisgegebenen Stellung. Wie +die Caesarianer ihn anrücken sahen, ergriff sie ein panischer Schreck; +alles stürzte in wilder Flucht zurück, und wenn es bei dem Verlust von +1000 der besten Soldaten blieb und Caesars Armee nicht eine +vollständige Niederlage erlitt, so hatte sie dies nur dem Umstand zu +danken, daß auch Pompeius sich auf dem durchschnittenen Boden nicht +frei entwickeln konnte und überdies, eine Kriegslist besorgend, seine +Truppen anfangs zurückhielt. Aber auch so waren es unheilvolle Tage. +Nicht bloß hatte Caesar die empfindlichsten Verluste erlitten und seine +Verschanzungen, das Resultat einer viermonatlichen Riesenarbeit, auf +einen Schlag eingebüßt: er war durch die letzten Gefechte wieder genau +auf den Punkt zurückgeworfen, von welchem er ausgegangen war. Von der +See war er vollständiger verdrängt als je, seit des Pompeius ältester +Sohn Gnaeus Caesars wenige, im Hafen von Orikon lagernde Kriegsschiffe +durch einen kühnen Angriff teils verbrannt, teils weggeführt und bald +nachher die in Lissos zurückgebliebene Truppenflotte gleichfalls in +Brand gesteckt hatte; jede Möglichkeit, von Brundisium noch weitere +Verstärkungen zur See heranzuziehen, war damit für Caesar verloren. Die +zahlreiche Pompeianische Reiterei, jetzt ihrer Fesseln entledigt, ergoß +sich in die Umgegend und drohte Caesar die stets schwierige Verpflegung +der Armee völlig unmöglich zu machen. Caesars verwegenes Unternehmen, +gegen einen seemächtigen, auf die Flotte gestützten Feind ohne Schiffe +offensiv zu operieren, war vollständig gescheitert. Auf dem bisherigen +Kriegsschauplatz fand er sich einer unbezwinglichen +Verteidigungsstellung gegenüber und weder gegen Dyrrhachion noch gegen +das feindliche Heer einen ernstlichen Schlag auszuführen imstande; +dagegen hing es jetzt nur von Pompeius ab, gegen den bereits in seinen +Subsistenzmitteln sehr gefährdeten Gegner unter den günstigsten +Verhältnissen zum Angriff überzugehen. Der Krieg war an einem +Wendepunkt angelangt. Bisher hatte Pompeius, allem Anscheine nach, das +Kriegsspiel ohne eigenen Plan gespielt und nur nach dem jedesmaligen +Angriff seine Verteidigung bemessen; und es war dies nicht zu tadeln, +da das Hinziehen des Krieges ihm Gelegenheit gab, seine Rekruten +schlagfähig zu machen, seine Reserven heranzuziehen und das Übergewicht +seiner Flotte im Adriatischen Meer immer vollständiger zu entwickeln. +Caesar war nicht bloß taktisch, sondern auch strategisch geschlagen. +Diese Niederlage hatte zwar nicht diejenige Folge, die Pompeius nicht +ohne Ursache erhoffte: zu einer sofortigen völligen Auflösung der Armee +durch Hunger und Meuterei ließ die eminente soldatische Energie der +Veteranen Caesars es nicht kommen. Allein es schien doch nur von dem +Gegner abzuhängen, durch zweckmäßige Verfolgung seines Sieges die volle +Frucht desselben zu ernten. + +An Pompeius war es, die Offensive zu ergreifen, und er war dazu +entschlossen. Es boten sich ihm drei verschiedene Wege dar, um seinen +Sieg fruchtbar zu machen. Der erste und einfachste war, von der +überwundenen Armee nicht abzulassen und, wenn sie aufbrach, sie zu +verfolgen. Ferner konnte Pompeius Caesar selbst und dessen Kerntruppen +in Griechenland stehen lassen und selber, wie er längst vorbereitet +hatte, mit der Hauptarmee nach Italien überfahren, wo die Stimmung +entschieden antimonarchisch war und die Streitmacht Caesars, nach +Entsendung der besten Truppen und des tapfern und zuverlässigen +Kommandanten zu der griechischen Armee, nicht gar viel bedeuten wollte. +Endlich konnte der Sieger sich auch in das Binnenland wenden, die +Legionen des Metellus Scipio an sich liehen und versuchen, die im +Binnenlande stehenden Truppen Caesars aufzuheben. Es hatte nämlich +dieser, unmittelbar nachdem der zweite Transport bei ihm eingetroffen +war, teils, um die Subsistenzmittel für seine Armee herbeizuschaffen, +starke Detachements nach Ätolien und Thessalien entsandt, teils ein +Korps von zwei Legionen unter Gnaeus Domitius Calvinus auf der +Egnatischen Chaussee gegen Makedonien vorgehen lassen, das dem auf +derselben Straße von Thessalonike her anrückenden Korps des Scipio den +Weg verlegen und womöglich es einzeln schlagen sollte. Schon hatten +Calvinus und Scipio sich bis auf wenige Meilen einander genähert, als +Scipio sich plötzlich rückwärts wandte und, rasch den Haliakmon +(Jadsche Karasu) überschreitend und dort sein Gepäck unter Marcus +Favonius zurücklassend, in Thessalien eindrang, um die mit der +Unterwerfung des Landes beschäftigte Rekrutenlegion Caesars unter +Lucius Cassius Longinus mit Übermacht anzugreifen. Longinus aber zog +sich über die Berge nach Ambrakia auf das von Caesar nach Ätolien +gesandte Detachement unter Gnaeus Calvisius Sabinus zurück, und Scipio +konnte ihn nur durch seine thrakischen Reiter verfolgen lassen, da +Calvinus seine unter Favonius am Haliakmon zurückgelassene Reserve mit +dem gleichen Schicksale bedrohte, welches er selbst dem Longinus zu +bereiten gedachte. So trafen Calvinus und Scipio am Haliakmon wieder +zusammen und lagerten hier längere Zeit einander gegenüber. + +Pompeius konnte zwischen diesen Plänen wählen; Caesar blieb keine Wahl. +Er trat nach jenem unglücklichen Gefechte den Rückzug auf Apollonia an. +Pompeius folgte. Der Marsch von Dyrrhachion nach Apollonia auf einer +schwierigen, von mehreren Flüssen durchschnittenen Straße war keine +leichte Aufgabe für eine geschlagene und vom Feinde verfolgte Armee; +indes die geschickte Leitung ihres Feldherrn und die unverwüstliche +Marschfähigkeit der Soldaten nötigten Pompeius nach viertägiger +Verfolgung, dieselbe als nutzlos einzustellen. Er hatte jetzt sich zu +entscheiden zwischen der italischen Expedition und dem Marsch in das +Binnenland; und so rätlich und lockend auch jene schien, so manche +Stimmen auch dafür sich erhoben, er zog es doch vor, das Korps des +Scipio nicht preiszugeben, um so mehr, als er durch diesen Marsch das +des Calvinus in die Hände zu bekommen hoffte. Calvinus stand +augenblicklich auf der Egnatischen Straße bei Herakleia Lynkestis, +zwischen Pompeius und Scipio und, nachdem Caesar sich auf Apollonia +zurückgezogen, von diesem weiter entfernt als von der großen Armee des +Pompeius, zu allem dem ohne Kenntnis von den Vorgängen bei Dyrrhachion +und von seiner bedenklichen Lage, da nach den bei Dyrrhachion erlangten +Erfolgen die ganze Landschaft sich zu Pompeius neigte und die Boten +Caesars überall aufgegriffen wurden. Erst als die feindliche Hauptmacht +bis auf wenige Stunden sich ihm genähert hatte, erfuhr Calvinus aus den +Erzählungen der feindlichen Vorposten selbst den Stand der Dinge. Ein +rascher Aufbruch in südlicher Richtung gegen Thessalien zu entzog ihn +im letzten Augenblick der drohenden Vernichtung; Pompeius mußte sich +damit begnügen, Scipio aus seiner gefährdeten Stellung befreit zu +haben. Caesar war inzwischen unangefochten nach Apollonia gelangt. +Sogleich nach der Katastrophe von Dyrrhachion hatte er sich +entschlossen, wenn möglich den Kampf von der Küste weg in das +Binnenland zu verlegen, um die letzte Ursache des Fehlschlagens seiner +bisherigen Anstrengungen, die feindliche Flotte, aus dem Spiel zu +bringen. Der Marsch nach Apollonia hatte nur den Zweck gehabt, dort, wo +seine Depots sich befanden, seine Verwundeten in Sicherheit zu bringen +und seinen Soldaten die Löhnung zu zahlen; sowie dies geschehen war, +brach er, mit Hinterlassung von Besatzungen in Apollonia, Orikon und +Lissos, nach Thessalien auf. Nach Thessalien hatte auch das Korps des +Calvinus sich in Bewegung gesetzt; und die aus Italien, jetzt auf dem +Landwege durch Illyrien, anrückenden Verstärkungen, zwei Legionen unter +Quintus Cornificius, konnte er gleichfalls hier leichter noch als in +Epirus an sich ziehen. Auf schwierigen Pfaden im Tale des Aoos +aufwärtssteigend und die Bergkette überschreitend, die Epirus von +Thessalien scheidet, gelangte er an den Peneios; ebendorthin ward +Calvinus dirigiert und die Vereinigung der beiden Armeen also auf dem +kürzesten und dem Feinde am wenigsten ausgesetzten Wege bewerkstelligt. +Sie erfolgte bei Aeginion unweit der Quelle des Peneios. Die erste +thessalische Stadt, vor der die jetzt vereinigte Armee erschien, +Gomphoi, schloß ihr die Tore; sie ward rasch erstürmt und der +Plünderung preisgegeben, und dadurch geschreckt unterwarfen sich die +übrigen Städte Thessaliens, sowie nur Caesars Legionen vor den Mauern +sich zeigten. Über diesen Märschen und Gefechten und mit Hilfe der, +wenn auch nicht allzureichlichen, Vorräte, die die Landschaft am +Peneios darbot, schwanden allmählich die Spuren und die Erinnerungen +der überstandenen unheilvollen Tage. + +Unmittelbare Früchte also hatten die Siege von Dyrrhachion für die +Sieger nicht viele getragen. Pompeius, mit seiner schwerfälligen Armee +und seiner zahlreichen Reiterei, hatte dem beweglichen Feind in die +Gebirge zu folgen nicht vermocht; Caesar wie Calvinus hatten der +Verfolgung sich entzogen und beide standen vereinigt und in voller +Sicherheit in Thessalien. Vielleicht wäre es das richtigste gewesen, +wenn Pompeius jetzt ohne weiteres mit seiner Hauptmacht zu Schiff nach +Italien gegangen wäre, wo der Erfolg kaum zweifelhaft war. Indes +vorläufig ging nur eine Abteilung der Flotte nach Sizilien und Italien +ab. Man betrachtete im Lager der Koalition durch die Schlachten von +Dyrrhachion die Sache mit Caesar als so vollständig entschieden, daß es +nur galt, die Früchte der Siege zu ernten, das heißt, die geschlagene +Armee aufzusuchen und abzufangen. An die Stelle der bisherigen +übervorsichtigen Zurückhaltung trat ein durch die Umstände noch weniger +gerechtfertigter Übermut; man achtete es nicht, daß man in der +Verfolgung doch eigentlich gescheitert war, daß man sich gefaßt halten +mußte, in Thessalien auf eine völlig erfrischte und reorganisierte +Armee zu treffen und daß es nicht geringe Bedenken hatte, vom Meere +sich entfernend und auf die Unterstützung der Flotte verzichtend, dem +Gegner auf das von ihm gewählte Schlachtfeld zu folgen. Man war eben +entschlossen, um jeden Preis mit Caesar zu schlagen und darum +baldmöglichst und auf dem möglichst bequemen Wege an ihn zu kommen. +Cato übernahm das Kommando in Dyrrhachion, wo eine Besatzung von +achtzehn Kohorten, und in Kerkyra, wo 300 Kriegsschiffe zurückblieben: +Pompeius und Scipio begaben sich, jener wie es scheint die Egnatische +Chaussee bis Pella verfolgend und dann die große Straße nach Süden +einschlagend, dieser vom Haliakmon aus durch die Pässe des Olymp, an +den unteren Peneios und trafen bei Larisa zusammen. Caesar stand +südlich davon in der Ebene, die zwischen dem Hügelland von Kynoskephalä +und dem Othrysgebirge sich ausbreitet und von dem Nebenfluß des +Peneios, dem Enipeus, durchschnitten wird, am linken Ufer desselben bei +der Stadt Pharsalos; ihm gegenüber, am rechten Ufer des Enipeus am +Abhang der Höhen von Kynoskephalä, schlug Pompeius sein Lager ^6. +Pompeius’ Armee war vollständig beisammen; Caesar dagegen erwartete +noch das früher nach Ätolien und Thessalien detachierte, jetzt unter +Quintus Fufius Calenus in Griechenland stehende Korps von fast zwei +Legionen und die auf dem Landweg von Italien ihm nachgesandten und +bereits in Illyrien angelangten zwei Legionen des Cornificius. +Pompeius’ Heer, elf Legionen oder 47000 Mann und 7000 Pferde stark, war +dem Caesar an Fußvolk um mehr als das Doppelte, an Reiterei um das +Siebenfache überlegen; Strapazen und Gefechte hatten Caesars Truppen so +dezimiert, daß seine acht Legionen nicht über 22000 Mann unter den +Waffen, also bei weitem nicht die Hälfte des Normalbestandes zählten. +Pompeius’ siegreiche, mit einer zahllosen Reiterei und guten Magazinen +versehene Armee hatte Lebensmittel in Fülle, während Caesars Truppen +notdürftig sich hinhielten und erst von der nicht fernen Getreideernte +bessere Verpflegung erhofften. Die Stimmung der Pompeianischen +Soldaten, die in der letzten Kampagne den Krieg kennen und ihrem Führer +vertrauen gelernt hatten, war die beste. Alle militärischen Gründe +sprachen auf Pompeius’ Seite dafür, da man nun einmal in Thessalien +Caesar gegenüberstand, mit der Entscheidungsschlacht nicht lange zu +zögern; und mehr wohl noch als diese wog im Kriegsrat die +Emigrantenungeduld der vielen vornehmen Offiziere und Heerbegleiter. +Seit den Ereignissen von Dyrrhachion betrachteten diese Herren den +Triumph ihrer Partei als eine ausgemachte Tatsache; bereits wurde +eifrig gehadert über die Besetzung von Caesars Oberpontifikat und +Aufträge nach Rom gesandt, um für die nächsten Wahlen Häuser am Markt +zu mieten. Als Pompeius Bedenken zeigte, den Bach, der beide Heere +schied und den Caesar mit seinem viel schwächeren Heer zu passieren +sich nicht getraute, seinerseits zu überschreiten, erregte dies großen +Unwillen; Pompeius, hieß es, zaudere nur mit der Schlacht, um noch +etwas länger über so viele Konsulare und Prätorier zu gebieten und +seine Agamemnonrolle zu verewigen. Pompeius gab nach; und Caesar, der +in der Meinung, daß es nicht zum Kampf kommen werde, eben eine Umgehung +der feindlichen Armee entworfen hatte und dazu gegen Skotussa +aufzubrechen im Begriff war, ordnete ebenfalls seine Legionen zur +Schlacht, als er die Pompeianer sich anschicken sah, sie auf seinem +Ufer ihm anzubieten. Also ward, fast auf derselben Walstatt, wo +hundertfünfzig Jahre zuvor die Römer ihre Herrschaft im Osten begründet +hatten, am 9. August 706 (48) die Schlacht von Pharsalos geschlagen. +Pompeius lehnte den rechten Flügel an den Enipeus, Caesar ihm gegenüber +den linken an das vor dem Enipeus sich ausbreitende durchschnittene +Terrain; die beiden anderen Flügel standen in die Ebene hinaus, +beiderseits gedeckt durch die Reiterei und die leichten Truppen. +Pompeius’ Absicht war, sein Fußvolk in der Verteidigung zu halten, +dagegen mit seiner Reiterei die schwache Reiterschar, die, nach +deutscher Art mit leichter Infanterie gemischt, ihr gegenüberstand, zu +zersprengen und sodann Caesars rechten Flügel in den Rücken zu nehmen. +Sein Fußvolk hielt den ersten Stoß der feindlichen Infanterie mutig aus +und es kam das Gefecht hier zum Stehen. Labienus sprengte ebenfalls die +feindliche Reiterei nach tapferem, aber kurzem Widerstand auseinander +und entwickelte sich linkshin, um das Fußvolk zu umgehen. Aber Caesar, +die Niederlage seiner Reiterei voraussehend, hatte hinter ihr auf der +bedrohten Flanke seines rechten Flügels etwa 2000 seiner besten +Legionäre aufgestellt. Wie die feindlichen Reiter, die Caesarischen vor +sich hertreibend, heran und um die Linie herum jagten, prallten sie +plötzlich auf diese unerschrocken gegen sie anrückende Kernschar und, +durch den unerwarteten und ungewohnten Infanterieangriff ^7 rasch in +Verwirrung gebracht, sprengten sie mit verhängten Zügeln vom +Schlachtfeld. Die siegreichen Legionäre hieben die preisgegebenen +feindlichen Schützen zusammen, rückten dann auf den linken Flügel des +Feindes los und begannen nun ihrerseits dessen Umgehung. Zugleich ging +Caesars bisher zurückgehaltenes drittes Treffen auf der ganzen Linie +zum Angriff vor. Die unverhoffte Niederlage der besten Waffe des +Pompeianischen Heeres, wie sie den Mut der Gegner hob, brach den der +Armee und vor allem den des Feldherrn. Als Pompeius, der seinem Fußvolk +von Haus aus nicht traute, die Reiter zurückjagen sah, ritt er sofort +von dem Schlachtfeld zurück in das Lager, ohne auch nur den Ausgang des +von Caesar befohlenen Gesamtangriffs abzuwarten. Seine Legionen fingen +an zu schwanken und bald über den Bach in das Lager zurückzuweichen, +was nicht ohne schweren Verlust bewerkstelligt ward. Der Tag war also +verloren und mancher tüchtige Soldat gefallen, die Armee indes noch im +wesentlichen intakt und Pompeius’ Lage weit minder bedenklich als die +Caesars nach der Niederlage von Dyrrhachion. Aber wenn Caesar in den +Wechselfällen seiner Geschicke es gelernt hatte, daß das Glück auch +seinen Günstlingen wohl auf Augenblicke sich zu entziehen liebt, um +durch Beharrlichkeit von ihnen abermals bezwungen zu werden, so kannte +Pompeius das Glück bis dahin nur als die beständige Göttin und +verzweifelte an sich und an ihr, als sie ihm entwich; und wenn in +Caesars großartiger Natur die Verzweiflung nur immer mächtigere Kräfte +entwickelte, so versank Pompeius’ dürftige Seele unter dem gleichen +Druck in den bodenlosen Abgrund der Kümmerlichkeit. Wie er einst im +Kriege mit Sertorius im Begriff gewesen war, das anvertraute Amt im +Stiche lassend vor dem überlegenen Gegner auf und davon zu gehen, so +warf er jetzt, da er die Legionen über den Bach zurückweichen sah, die +verhängnisvolle Feldherrnschärpe von sich und ritt auf dem nächsten Weg +dem Meere zu, um dort ein Schiff sich zu suchen. Seine Armee, entmutigt +und führerlos - denn Scipio, obwohl von Pompeius als Kollege im +Oberkommando anerkannt, war doch nur dem Namen nach Oberfeldherr -, +hoffte hinter den Lagerwällen Schutz zu finden; aber Caesar gestattete +ihr keine Rast: rasch wurde die hartnäckige Gegenwehr der römischen und +thrakischen Lagerwachen überwältigt und die Masse genötigt, sich in +Unordnung die Anhöhen von Krannon und Skotussa hinaufzuziehen, an deren +Fuße das Lager geschlagen war. Sie versuchte, auf diesen Hügeln sich +fortbewegend Larisa wiederzuerreichen; allein Caesars Truppen, weder +der Beute noch der Müdigkeit achtend und auf besseren Wegen in die +Ebene vorrückend, verlegten den Flüchtigen den Weg; ja, als am späten +Abend die Pompeianer ihren Marsch einstellten, vermochten ihre +Verfolger es noch, eine Schanzlinie zu ziehen, die den Flüchtigen den +Zugang zu dem einzigen in der Nähe befindlichen Bach verschloß. So +endigte der Tag von Pharsalos. Die feindliche Armee war nicht bloß +geschlagen, sondern vernichtet. 15000 der Feinde lagen tot oder +verwundet auf dem Schlachtfeld, während die Caesarianer nur 200 Mann +vermißten; die noch zusammengebliebene Masse, immer noch gegen 20000 +Mann, streckte am Morgen nach der Schlacht die Waffen; nur einzelne +Trupps, darunter freilich die namhaftesten Offiziere, suchten eine +Zuflucht in den Bergen; von den elf feindlichen Adlern wurden neun +Caesar überbracht. Caesar, der schon am Tage der Schlacht die Soldaten +erinnert hatte, im Feinde nicht den Mitbürger zu vergessen, behandelte +die Gefangenen nicht wie Bibulus und Labienus es taten; indes auch er +fand doch nötig, jetzt die Strenge walten zu lassen. Die gemeinen +Soldaten wurden in das Heer eingereiht, gegen die Leute besseren +Standes Geldbußen oder Vermögenskonfiskationen erkannt; die gefangenen +Senatoren und namhaften Ritter erlitten, mit wenigen Ausnahmen, den +Tod. Die Zeiten der Gnade waren vorbei; je länger er währte, desto +rücksichtsloser und unversöhnlicher waltete der Bürgerkrieg. + +————————————————————— + +^6 Die genaue Bestimmung des Schlachtfeldes ist schwierig. Appian +(bist. 2, 75) setzt dasselbe ausdrücklich zwischen (Neu-) Pharsalos +(jetzt Fersala) und den Enipeus. Von den beiden Gewässern, die hier +allein von einiger Bedeutung und unzweifelhaft der Apidanos und Enipeus +der Alten sind, dem Sofadhitiko und dem Fersaliti, hat jener seine +Quellen auf den Bergen von Thaumakoi (Dhomoko) und den Dolopischen +Höhen, dieser auf dem Othrys, und fließt nur der Fersaliti bei +Pharsalos vorbei; da nun aber der Enipeus nach Strabon (9 p. 432) auf +dem Othrys entspringt und bei Pharsalos vorbeifließt, so ist der +Fersaliti mit vollem Recht von W. M. Leake (Travels in Northern Greece. +Bd. 4. London 1835, S. 320) für den Enipeus erklärt worden und die von +Göler befolgte Annahme, daß der Fersaliti der Apidanos sei, unhaltbar. +Damit stimmen auch alle sonstigen Angaben der Alten über beide Flüsse. +Nur muß freilich mit Leake angenommen werden, daß der durch die +Vereinigung des Fersaliti und des Sofadhitiko gebildete, zum Peneios +gehende Fluß von Vlokho bei den Alten, wie der Sofadhitiko, Apidanos +hieß: was aber auch um so natürlicher ist als wohl der Sofadhitiko, +nicht aber der Fersaliti beständig Wasser hat (Leake, Bd. 4, S. 321). +Zwischen Fersala also und dem Fersaliti muß Altpharsalos gelegen haben, +wovon die Schlacht den Namen trägt. Demnach ward die Schlacht am linken +Ufer des Fersaliti gefochten, und zwar so, daß die Pompeianer, mit dem +Gesicht nach Pharsalos stehend, ihren rechten Flügel an den Fluß +lehnten (Caes. civ. 3, 83. Frontin. strat. 2, 3, 22). Aber das Lager +der Pompeianer kann hier nicht gestanden haben, sondern nur am Abhang +der Höhen von Kynoskephalae am rechten Ufer des Enipeus, teils weil sie +Caesar den Weg nach Skotussa verlegten, teils weil ihre Rückzugslinie +offenbar über die oberhalb des Lagers befindlichen Berge nach Larisa +ging; hätten sie, nach Leakes (Bd. 4, S. 482) Annahme, östlich von +Pharsalos am linken Ufer des Enipeus gelagert, so konnten sie +nimmermehr durch diesen gerade hier tief eingeschnittenen Bach (Leake, +Bd. 4, S. 469) nordwärts gelangen und Pompeius hätte statt nach Larisa, +nach Lamia flüchten müssen. Wahrscheinlich schlugen also die Pompeianer +am rechten Ufer des Fersaliti ihr Lager und passierten den Fluß, sowohl +um zu schlagen, als um nach der Schlacht wieder in ihr Lager zu +gelangen von wo sie sodann sich die Abhänge von Krannon und Skotussa +hinaufzogen, die über dem letzteren Orte zu den Höhen von Kynoskephalae +sich gipfeln. Unmöglich war dies nicht. Der Enipeus ist ein schmaler, +langsam fließender Bach, den Leake im November zwei Fuß tief fand und +der in der heißen Jahreszeit oft ganz trocken liegt (Leake, Bd. 1, S. +448 und Bd. 4, S. 472; vgl. Lucan. 6, 373), und die Schlacht ward im +Hochsommer geschlagen. Ferner standen die Heere vor der Schlacht drei +Viertelmeilen auseinander (App. civ. 2, 65), so daß die Pompeianer alle +Vorbereitungen treffen und auch die Verbindung mit ihrem Lager durch +Brücken gehörig sichern konnten. Wäre die Schlacht in eine völlige +Deroute ausgegangen, so hätte freilich der Rückzug an und über den Fluß +nicht ausgeführt werden können, und ohne Zweifel aus diesem Grunde +verstand Pompeius nur ungern sich dazu, hier zu schlagen. Der am +weitesten von der Rückzugsbasis entfernte linke Flügel der Pompeianer +hat dies auch empfunden; aber der Rückzug wenigstens ihres Zentrums und +ihres rechten Flügels ward nicht in solcher Hast bewerkstelligt, daß er +unter den gegebenen Bedingungen unausführbar wäre. Caesar und seine +Ausschreiber verschweigen die Überschreitung des Flusses, weil dieselbe +die übrigens aus der ganzen Erzählung hervorgehende Kampfbegierde der +Pompeianer zu deutlich ins Licht stellen würde, und ebenso die für +diese günstigen Momente des Rückzugs. + +^7 In diesen Zusammenhang gehört die bekannte Anweisung Caesars an +seine Soldaten, nach den Gesichtern der feindlichen Reiter zu stoßen. +Die Infanterie, welche hier in ganz irregulärer Weise offensiv gegen +die Kavallerie auftrat, der mit den Säbeln nicht beizukommen war, +sollte ihre Pila nicht abwerfen, sondern sie als Handspeere gegen die +Reiter brauchen und, um dieser sich besser zu erwehren, damit nach oben +zu stoßen (Plut. Pomp. 69. 71; Plut. Caes. 45; App, civ. 2, 76, 78; +Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15; irrig Frontin strat. 4, 7, 32). +Die anekdotenhafte Umwandlung dieser Instruktion, daß die +Pompeianischen Reiter durch die Furcht vor Schmarren im Gesicht zum +Weglaufen sollten gebracht werden und auch wirklich “die Hände vor die +Augen haltend” (Plutarch) davongaloppiert seien, fällt in sich selbst +zusammen: denn sie hat nur dann eine Pointe, wenn die Pompeianische +Reiterei hauptsächlich aus dem jungen Adel Roms, den “artigen Tänzern”, +bestand; und dies ist falsch. Höchstens kann es sein, daß der Lagerwitz +jener einfachen und zweckmäßigen militärischen Ordre diese sehr +unsinnige, aber allerdings lustige Wendung gab. + +———————————————————————————— + +Es dauerte einige Zeit, bevor die Folgen des 9. August 706 (48) +vollständig sich übersehen ließen. Was am wenigsten Zweifel litt, war +der Übertritt aller derer, die zu der bei Pharsalos überwundenen Partei +nur als zu der mächtigeren sich geschlagen hatten, auf die Seite +Caesars; die Niederlage war eine so völlig entscheidende, daß dem +Sieger alles zufiel, was nicht für eine verlorene Sache streiten wollte +oder mußte. Alle die Könige, Völker und Städte, die bisher Pompeius’ +Klientel gebildet hatten, riefen jetzt ihre Flotten- und +Heereskontingente zurück und verweigerten den Flüchtlingen der +geschlagenen Partei die Aufnahme - so Ägypten, Kyrene, die Gemeinden +Syriens, Phönikiens, Kilikiens und Kleinasiens, Rhodos, Athen und +überhaupt der ganze Osten. Ja, König Pharnakes vom Bosporus trieb den +Diensteifer so weit, daß er auf die Nachricht von der Pharsalischen +Schlacht nicht bloß die manches Jahr zuvor vom Pompeius frei erklärte +Stadt Phanagoria und die Gebiete der von ihm bestätigten kolchischen +Fürsten, sondern selbst das von demselben dem König Deiotarus +verliehene Königreich Klein-Armenien in Besitz nahm. Fast die einzigen +Ausnahmen von dieser allgemeinen Unterwerfung waren die kleine Stadt +Megara, die von den Caesarianern sich belagern und erstürmen ließ, und +König Juba von Numidien, der von Caesar die Einziehung seines Reiches +schon längst und nach dem Siege über Curio nur um so sicherer zu +gewärtigen hatte und also freilich, wohl oder übel, bei der +geschlagenen Partei ausharren mußte. Ebenso wie die Klientelgemeinden +sich dem Sieger von Pharsalos unterwarfen, kam auch der Schweif der +Verfassungspartei, alle, die mit halbem Herzen mitgemacht hatten oder +gar, wie Marcus Cicero und seinesgleichen, nur um die Aristokratie +herumtrippelten wie die Halbhexen um den Blocksberg, herbei, um mit dem +neuen Alleinherrscher ihren Frieden zu machen, den denn auch dessen +geringschätzige Nachsicht den Bittstellern bereitwillig und höflich +gewährte. Aber der Kern der geschlagenen Partei transigierte nicht. Mit +der Aristokratie war es vorbei; aber die Aristokraten konnten doch sich +nimmermehr zur Monarchie bekehren. Auch die höchsten Offenbarungen der +Menschheit sind vergänglich; die einmal wahre Religion kann zur Lüge, +die einst segenhafte Staatsordnung zum Fluche werden; aber selbst das +vergangene Evangelium noch findet Bekenner, und wenn solcher Glaube +nicht Berge versetzen kann wie der Glaube an die lebendige Wahrheit, so +bleibt er doch sich selber bis zu seinem Untergange treu und weicht aus +dem Reiche der Lebendigen nicht, bevor er seine letzten Priester und +seine letzten Bürger sich nachgezogen hat und ein neues Geschlecht, von +jenen Schemen des Gewesenen und Verwesenden befreit, über die verjüngte +Welt regiert. So war es in Rom. In welchen Abgrund der Entartung auch +jetzt das aristokratische Regiment versunken war, es war einst ein +großartiges politisches System gewesen; das heilige Feuer, durch das +Italien erobert und Hannibal besiegt worden war, glühte, wie getrübt +und verdumpft, dennoch fort in dem römischen Adel, solange es einen +solchen gab, und machte eine innerliche Verständigung zwischen den +Männern des alten Regiments und dem neuen Monarchen unmöglich. Ein +großer Teil der Verfassungspartei fügte sich wenigstens äußerlich und +erkannte die Monarchie insofern an, als sie von Caesar Gnade annahmen +und soweit möglich, sich ins Privatleben zurückzogen; was freilich +regelmäßig nicht ohne den Hintergedanken geschah, sich damit auf einen +künftigen Umschwung der Dinge aufzusparen. Vorzugsweise taten dies die +minder namhaften Parteigenossen; doch zählte auch der tüchtige Marcus +Marcellus, derselbe, der den Bruch mit Caesar herbeigeführt hatte, zu +diesen Verständigen und verbannte sich freiwillig nach Lesbos. Aber in +der Majorität der echten Aristokratie war die Leidenschaft mächtiger +als die kühle Überlegung; wobei freilich auch Selbsttäuschungen über +den noch möglichen Erfolg und Besorgnisse vor der unvermeidlichen Rache +des Siegers mannigfaltig mitwirkten. Keiner wohl beurteilte mit so +schmerzlicher Klarheit und so frei von Furcht wie von Hoffnung für sich +die Lage der Dinge wie Marcus Cato. Vollkommen überzeugt, daß nach den +Tagen von Ilerda und Pharsalos die Monarchie unvermeidlich sei, und +sittlich fest genug, um auch diese bittere Wahrheit sich einzugestehen +und danach zu handeln, schwankte er einen Augenblick, ob die +Verfassungspartei den Krieg überhaupt noch fortsetzen dürfe, der +notwendig für eine verlorene Sache vielen Opfer zumutete, die nicht +wußten, wofür sie sie brachten. Aber wenn er sich entschloß, weiter +gegen die Monarchie zu kämpfen, nicht um den Sieg, sondern um rascheren +und ehrenvolleren Untergang, so suchte er doch soweit möglich in diesen +Krieg keinen hineinzuziehen, der den Untergang der Republik überleben +und mit der Monarchie sich abfinden mochte. Solange die Republik nur +bedroht gewesen, meinte er, habe man das Recht und die Pflicht gehabt, +auch den lauen und schlechten Bürger zur Teilnahme an dem Kampfe zu +zwingen; aber jetzt sei es sinnlos und grausam, den einzelnen zu +nötigen, daß er mit der verlorenen Republik sich zugrunde richte. Nicht +bloß entließ er selbst jeden, der nach Italien heimzukehren begehrte; +als der wildeste unter den wilden Parteimännern, Gnaeus Pompeius der +Sohn, auf die Hinrichtung dieser Leute, namentlich des Cicero drang, +war es einzig Cato, der sie durch seine sittliche Autorität +verhinderte. + +Auch Pompeius begehrte keinen Frieden. Wäre er ein Mann gewesen, der es +verdiente, an dem Platze zu stehen, wo er stand, so möchte man meinen, +er habe es begriffen, daß, wer nach der Krone greift, nicht wieder +zurück kann in das Geleise der gewöhnlichen Existenz und darum für den, +der fehlgegriffen, kein Platz mehr auf der Erde ist. Allein schwerlich +dachte Pompeius zu groß, um eine Gnade zu erbitten, die der Sieger +vielleicht hochherzig genug gewesen wäre, ihm nicht zu versagen, +sondern vielmehr wahrscheinlich dazu zu gering. Sei es, daß er es nicht +über sich gewann, Caesar sich anzuvertrauen, sei es, daß er in seiner +gewöhnlichen unklaren und unentschiedenen Weise, nachdem der erste +unmittelbare Eindruck der Katastrophe von Pharsalos geschwunden war, +wieder anfing, Hoffnung zu schöpfen, Pompeius war entschlossen, den +Kampf gegen Caesar fortzusetzen und nach dem Pharsalischen noch ein +anderes Schlachtfeld sich zu suchen. + +So ging also, wie Caesar immer durch Klugheit und Mäßigung den Groll +seiner Gegner zu beschwichtigen und ihre Zahl zu mindern bemüht war, +der Kampf nichtsdestoweniger unabänderlich weiter. Allein die führenden +Männer hatten fast alle bei Pharsalos mitgefochten, und obwohl sie, mit +Ausnahme von Lucius Domitius Ahenobarbus, der auf der Flucht +niedergemacht ward, sämtlich sich retteten, wurden sie doch nach allen +Seiten hin versprengt, weshalb sie nicht dazu kamen, einen +gemeinschaftlichen Plan für die Fortsetzung des Feldzuges zu +verabreden. Die meisten von ihnen gelangten, teils durch die öden +makedonischen und illyrischen Gebirge, teils mit Hilfe der Flotte, nach +Kerkyra, wo Marcus Cato die zurückgelassene Reserve kommandierte. Hier +fand unter Catos Vorsitz eine Art Kriegsrat statt, dem Metellus Scipio, +Titus Labienus, Lucius Afranius, Gnaeus Pompeius der Sohn und andere +beiwohnten; allein teils die Abwesenheit des Oberfeldherrn und die +peinliche Ungewißheit über sein Schicksal, teils die innere +Zerfahrenheit der Partei verhinderte eine gemeinsame Beschlußfassung, +und es schlug schließlich jeder den Weg ein, der ihm für sich oder für +die gemeine Sache der zweckmäßigste zu sein schien. Es war in der Tat +in hohem Grade schwierig, unter den vielen Strohhalmen, an die man etwa +sich anklammern konnte, denjenigen zu bezeichnen, der am längsten über +Wasser halten würde. Makedonien und Griechenland waren durch die +Schlacht von Pharsalos verloren. Zwar hielt Cato, nachdem er auf die +Nachricht von der Niederlage Dyrrhachion sogleich geräumt hatte, nach +Kerkyra, Rutilius Lupus noch den Peloponnes eine Zeitlang für die +Verfassungspartei. Einen Augenblick schien es auch, als wollten die +Pompeianer sich in Paträ auf dem Peloponnes verteidigen; allein die +Nachricht von Calenus’ Anrücken genügte, um sie von hier zu +verscheuchen. Kerkyra zu behaupten wurde ebensowenig versucht. An der +italischen und sizilischen Küste hatten die nach den Siegen von +Dyrrhachion dorthin entsandten Pompeianischen Geschwader gegen die +Häfen von Brundisium, Messana und Vibo nicht unbedeutende Erfolge +errungen und in Messana namentlich die ganze in der Ausrüstung +begriffene Flotte Caesars niedergebrannt; allein die hier tätigen +Schiffe, größtenteils kleinasiatische und syrische, wurden infolge der +Pharsalischen Schlacht von ihren Gemeinden abberufen, so daß die +Expedition damit von selber ein Ende nahm. In Kleinasien und Syrien +standen augenblicklich gar keine Truppen, weder der einen noch der +anderen Partei, mit Ausnahme der bosporanischen Armee des Pharnakes, +die, angeblich für Rechnung Caesars, verschiedene Landschaften der +Gegner desselben eingenommen hatte. In Ägypten stand zwar noch ein +ansehnliches römisches Heer, gebildet aus den dort von Gabinius +zurückgelassenen und seitdem aus italischen Landstreichern und +syrischem oder kilikischem Räubergesindel rekrutierten Truppen; allein +es verstand sich von selbst und ward durch die Rückberufung der +ägyptischen Schiffe bald offiziell bestätigt, daß der Hof von +Alexandreia keineswegs die Absicht hatte, bei der geschlagenen Partei +auszuhalten oder gar ihr seine Truppenmacht zur Verfügung zu stellen. +Etwas günstigere Aussichten boten sich den Besiegten im Westen dar. In +Spanien waren unter der Bevölkerung die Pompeianischen Sympathien so +mächtig, daß die Caesarianer den von dort aus gegen Afrika +beabsichtigten Angriff deswegen unterlassen mußten und eine +Insurrektion unausbleiblich schien, sowie ein namhafter Führer auf der +Halbinsel sich zeigen würde. In Afrika aber hatte die Koalition oder +vielmehr der eigentliche Machthaber daselbst, König Juba von Numidien, +seit dem Herbst 705 (49) ungestört gerüstet. Wenn also der ganze Osten +durch die Schlacht von Pharsalos der Koalition verloren war, so konnte +sie dagegen in Spanien wahrscheinlich und sicher in Afrika den Krieg in +ehrenhafter Weise weiterführen; denn die Hilfe des längst der römischen +Gemeinde untertänigen Königs von Numidien gegen revolutionäre Mitbürger +in Anspruch zu nehmen, war für den Römer wohl eine peinliche +Demütigung, aber keineswegs ein Landesverrat. Wem freilich in diesem +Kampfe der Verzweiflung weder Recht noch Ehre etwas weiter galt, der +mochte auch, sich selber außerhalb des Gesetzes erklärend, die +Räuberfehde eröffnen oder, mit unabhängigen Nachbarstaaten in Bündnis +tretend, den Landesfeind in den inneren Streit hineinziehen oder +endlich, die Monarchie mit den Lippen bekennend, die Restauration der +legitimen Republik mit dem Dolch des Meuchelmörders betreiben. Daß die +Überwundenen austraten und der neuen Monarchie absagten, war wenigstens +der natürliche und insofern richtigste Ausdruck ihrer verzweifelten +Lage. Das Gebirge und vor allem das Meer waren in jener Zeit seit +Menschengedenken wie die Freistatt allen Frevels, so auch die des +unerträglichen Elends und des unterdrückten Rechtes; Pompeianern und +Republikanern lag es nahe, der Monarchie Caesars, die sie ausstieß, in +den Bergen und auf den Meeren trotzig den Krieg zu machen, und +namentlich nahe, die Piraterie in größerem Maßstab, in festerer +Geschlossenheit, mit bestimmteren Zielen aufzunehmen. Selbst nach der +Abberufung der aus dem Osten gekommenen Geschwader besaßen sie noch +eine sehr ansehnliche eigene Flotte, während Caesar immer noch so gut +wie ohne Kriegsschiffe war; und ihre Verbindung mit den Delmatern, die +im eigenen Interesse gegen Caesar aufgestanden waren, ihre Herrschaft +über die wichtigsten Meere und Hafenplätze, gaben für den Seekrieg, +namentlich im kleinen, die vorteilhaftesten Aussichten. Wie einst +Sullas Demokratenhetze geendigt hatte mit dem Sertorianischen Aufstand, +der anfangs Piraten-, dann Räuberfehde war und schließlich doch ein +sehr ernstlicher Krieg ward, so konnte, wenn in der catonischen +Aristokratie oder unter den Anhängern des Pompeius so viel Geist und +Feuer war wie in der marianischen Demokratie, und wenn in ihr der +rechte Seekönig sich fand, auf dem noch unbezwungenen Meere wohl ein +von Caesars Monarchie unabhängiges und vielleicht dieser gewachsenes +Gemeinwesen entstehen. + +In jeder Hinsicht weit schärfere Mißbilligung verdient der Gedanke, +einen unabhängigen Nachbarstaat in den römischen Bürgerkrieg +hineinzuziehen und durch ihn eine Konterrevolution herbeizuführen: +Gesetz und Gewissen verurteilen den Überläufer strenger als den Räuber, +und leichter findet die siegreiche Räuberschar den Rückweg zu einem +freien und geordneten Gemeinwesen, als die vom Landesfeind +zurückgeführte Emigration. Übrigens war es auch kaum wahrscheinlich, +daß die geschlagene Partei auf diesem Wege eine Restauration würde +bewirken können. Der einzige Staat, auf den sie versuchen konnte sich +zu stützen, war der der Parther; und von diesem war es wenigstens +zweifelhaft, ob er ihre Sache zu der seinigen machen, und sehr +unwahrscheinlich, daß er gegen Caesar sie durchfechten werde. Die Zeit +der republikanischen Verschwörungen aber war noch nicht gekommen. + +Während also die Trümmer der geschlagenen Partei ratlos vom Schicksal +sich treiben ließen und auch die den Kampf fortzusetzen entschieden +waren nicht wußten, wie noch wo, hatte Caesar, wie immer rasch +entschlossen und rasch handelnd, alles beiseite gelassen, um Pompeius +zu verfolgen, den einzigen seiner Gegner, den er als Offizier achtete, +und denjenigen, dessen persönliche Gefangennahme die eine und +vielleicht die gefährlichere Hälfte seiner Gegner wahrscheinlich +paralysiert haben würde. Mit weniger Mannschaft fuhr er über den +Hellespont - seine einzelne Barke traf in demselben auf eine +feindliche, nach dem Schwarzen Meere bestimmte Flotte und nahm die +ganze, durch die Kunde von der Pharsalischen Schlacht wie mit Betäubung +geschlagene Mannschaft derselben gefangen - und eilte, sowie die +notwendigsten Anordnungen getroffen waren, Pompeius in den Osten nach. +Dieser war vom Pharsalischen Schlachtfeld nach Lesbos gegangen, wo er +seine Gemahlin und seinen zweiten Sohn Sextus abholte, und weiter um +Kleinasien herum nach Kilikien und von da nach Kypros gesegelt. Er +hätte zu seinen Parteigenossen nach Kerkyra oder Afrika gelangen +können; allein der Widerwille gegen seine aristokratischen Verbündeten +und der Gedanke an die Aufnahme, die nach dem Tage von Pharsalos und +vor allem nach seiner schimpflichen Flucht ihn dort erwartete, scheinen +ihn bewogen zu haben, seinen Weg für sich zu gehen und lieber in den +Schutz des Partherkönigs als in den Catos sich zu begeben. Während er +beschäftigt war, von den römischen Steuerpächtern und Kaufleuten auf +Kypros Geld und Sklaven beizutreiben und einen Haufen von 2000 Sklaven +zu bewaffnen, erhielt er die Nachricht, daß Antiocheia sich für Caesar +erklärt habe und der Weg zu den Parthern nicht mehr offen sei. So +änderte er seinen Plan und ging unter Segel nach Ägypten, wo in dem +Heere eine Menge seiner alten Soldaten dienten und die Lage und die +reichen Hilfsmittel des Landes Zeit und Gelegenheit gewährten, den +Krieg zu reorganisieren. + +In Ägypten hatten nach Ptolemaeos Auletes’ Tode (Mai 703 51) dessen +Kinder, die etwa sechzehnjährige Kleopatra und der zehnjährige +Ptolemaeos Dionysos, nach dem Willen ihres Vaters gemeinschaftlich und +als Gatten, den Thron bestiegen; allein bald hatte der Bruder oder +vielmehr dessen Vormund Potheinos die Schwester aus dem Reiche +getrieben und sie genötigt, eine Zuflucht in Syrien zu suchen, von wo +aus sie Anstalten traf, um in ihr väterliches Reich zurückzugelangen. +Ptolemaeos und Potheinos standen eben, um gegen sie die Ostgrenze zu +decken, mit der ganzen ägyptischen Armee bei Pelusion, als Pompeius bei +dem Kasischen Vorgebirge vor Anker ging und den König ersuchen ließ, +ihm die Landung zu gestatten. Der ägyptische Hof, längst von der +Katastrophe bei Pharsalos unterrichtet, war im Begriffe, Pompeius +zurückzuweisen; allein der Hofmeister des Königs, Theodotos, wies +darauf hin, daß in diesem Falle Pompeius wahrscheinlich seine +Verbindungen in der ägyptischen Armee benutzen werde, um dieselbe +aufzuwiegeln; es sei sicherer und auch mit Rücksicht auf Caesar +vorzuziehen, wenn man die Gelegenheit wahrnehme, um Pompeius aus der +Welt zu schaffen. Dergleichen politische Räsonnements verfehlten bei +den Staatsmännern der hellenischen Welt nicht leicht ihre Wirkung. Der +General der königlichen Truppen, Achillas, und einige von Pompeius’ +ehemaligen Soldaten fuhren mit einem Kahn an Pompeius’ Schiff heran und +luden ihn ein, zum König zu kommen und, da das Fahrwasser seicht sei, +ihre Barke zu besteigen. Im Aussteigen stach der Kriegstribun Lucius +Septimius ihn hinterrücks nieder, unter den Augen seiner Gattin und +seines Sohnes, welche von dem Verdeck ihres Schiffes aus dem Morde +zusehen mußten, ohne retten oder rächen zu können (28. September 706 +48). An demselben Tage, an dem er dreizehn Jahre zuvor, über +Mithradates triumphierend, in die Hauptstadt eingezogen war, endigte +auf einer öden Düne des unwirtlichen kasischen Strandes durch die Hand +eines seiner alten Soldaten der Mann, der ein Menschenalter hindurch +der Große geheißen und Jahre lang Rom beherrscht hatte. Ein guter +Offizier, übrigens aber von mittelmäßigen Gaben des Geistes und des +Herzens, hatte das Schicksal mit dreißigjähriger dämonischer +Beständigkeit alle glänzenden mühelosen Aufgaben nur darum ihm zu lösen +gewährt, alle von anderen gepflanzten und gepflegten Lorbeeren nur +darum ihm zu brechen gestattet, nur darum alle Bedingungen zur +Erlangung der höchsten Gewalt ihm entgegengetragen, um an ihm ein +Beispiel falscher Größe aufzustellen, wie die Geschichte kein zweites +kennt. Unter allen kläglichen Rollen gibt es keine kläglichere als die, +mehr zu gelten als zu sein; und es ist das Verhängnis der Monarchie, da +doch kaum alle tausend Jahre in dem Volke ein Mann aufsteht, welcher +König nicht bloß heißt, sondern auch ist, daß diese Kläglichkeit +unvermeidlich an ihr haftet. Wenn dies Mißverhältnis zwischen Scheinen +und Sein vielleicht nie so schroff hervorgetreten ist wie in Pompeius, +so mag der ernste Gedanke wohl dabei verweilen, daß er eben in gewissem +Sinn die Reihe der römischen Monarchen eröffnet. + +Als Caesar, Pompeius’ Spuren folgend, auf der Reede von Alexandreia +eintraf, war bereits alles vorüber. Mit tiefer Erschütterung wandte er +sich ab, als ihm der Mörder das Haupt des Mannes auf das Schiff +entgegentrug, der sein Schwiegersohn und lange Jahre sein Genosse in +der Herrschaft gewesen und den lebend in seine Gewalt zu bringen er +nach Ägypten gekommen war. Die Antwort auf die Frage, wie Caesar mit +dem gefangenen Pompeius verfahren sein würde, hat der Dolch des +voreiligen Mörders abgeschnitten; aber wenn die menschliche Teilnahme, +die in Caesars großer Seele noch neben dem Ehrgeiz Raum fand, ihm die +Schonung des ehemaligen Freundes gebot, so forderte auch sein +Interesse, denselben auf andere Art zu annullieren als durch den +Henker. Pompeius war zwanzig Jahre lang der anerkannte Gebieter von Rom +gewesen; eine so tief gewurzelte Herrschaft geht nicht unter mit dem +Tode des Herrn. Pompeius’ Tod löste die Pompeianer nicht auf, sondern +gab ihnen statt eines bejahrten, unfähigen und vernutzten Hauptes an +dessen beiden Söhnen Gnaeus und Sextus zwei Führer, welche beide jung +und rührig und von denen der zweite eine entschiedene Kapazität war. +Der neugegründeten Erbmonarchie heftete sogleich parasitisch sich das +erbliche Prätendententum an, und es war sehr zweifelhaft, ob bei diesem +Wechsel der Personen Caesar nicht mehr verlor, als er gewann. + +Indes in Ägypten hatte Caesar jetzt nichts weiter zu tun, und Römer und +Ägypter erwarteten, daß er sofort wieder unter Segel gehen und sich an +die Unterwerfung Afrikas und an das unermeßliche Organisationswerk +machen werde, das ihm nach dem Siege bevorstand. Allein Caesar, seiner +Gewohnheit getreu, wo er einmal in dem weiten Reiche sich befand, die +Verhältnisse sogleich und persönlich endgültig zu regeln, und fest +überzeugt, daß weder von der römischen Besatzung noch von dem Hofe +irgendein Widerstand zu erwarten sei, überdies in dringender +Geldverlegenheit, landete in Alexandreia mit den zwei ihn begleitenden, +auf 3200 Mann zusammengeschmolzenen Legionen und 800 keltischen und +deutschen Reitern, nahm Quartier in der königlichen Burg und ging +daran, die nötigen Summen beizutreiben und die ägyptische Erbfolge zu +ordnen, ohne sich stören zu lassen durch Potheinos’ naseweise +Bemerkung, daß Caesar doch über diese Kleinigkeiten nicht seine so +wichtigen eigenen Angelegenheiten versäumen möge. Gegen die Ägypter +verfuhr er dabei gerecht und selbst nachsichtig. Obwohl der Beistand, +den sie Pompeius geleistet hatten, zur Auflegung einer +Kriegskontribution berechtigte, ward doch das erschöpfte Land damit +verschont und unter Erlaß dessen, was auf die im Jahre 695 (59) +stipulierte und seitdem erst etwa zur Hälfte abbezahlte Summe weiter +rückständig war, lediglich eine Schlußzahlung von 10 Mill. Denaren (3 +Mill. Taler) gefordert. Den beiden kriegführenden Geschwistern ward die +sofortige Einstellung der Feindseligkeiten anbefohlen und beide zur +Untersuchung und Entscheidung des Streites vor den Schiedsherrn +geladen. Man fügte sich; der königliche Knabe befand sich bereits in +der Burg und auch Kleopatra stellte dort sich ein. Caesar sprach das +Reich Ägypten, dem Testament des Auletes gemäß, den beiden +geschwisterlichen Gatten Kleopatra und Ptolemaeos Dionysos zu und gab +ferner unaufgefordert, unter Kassierung der früher verfügten Einziehung +des Kyprischen Reiches, dieses als ägyptische Sekundogenitur an die +jüngeren Kinder des Auletes Arsinoe und Ptolemaeos den Jüngeren. + +Allein im stillen bereitete ein Ungewitter sich vor. Alexandreia war +eine Weltstadt so gut wie Rom, an Einwohnerzahl der italischen +Hauptstadt schwerlich nachstehend, an rührigem Handelsgeist, an +Handwerkergeschick, an Sinn für Wissenschaft und Kunst ihr weit +überlegen; in der Bürgerschaft war ein reges nationales Selbstgefühl +und wenn kein politischer Sinn, doch ein unruhiger Geist, der sie ihre +Straßenkrawalle so regelmäßig und so herzhaft abhalten ließ wie +heutzutage die Pariser; man kann sich ihre Empfindungen denken, als sie +in der Residenz der Lagiden den römischen Feldherrn schalten und ihre +Könige vor seinem Tribunal Recht nehmen sah. Potheinos und der +königliche Knabe, beide begreiflicherweise sehr unzufrieden sowohl mit +der peremtorischen Einmahnung alter Schulden wie mit der Intervention +in dem Thronstreit, welche nur zu Gunsten der Kleopatra ausfallen +konnte und ausfiel, schickten zur Befriedigung der römischen +Forderungen die Schätze der Tempel und das goldene Tischgerät des +Königs mit absichtlicher Ostentation zum Einschmelzen in die Münze; mit +tiefer Erbitterung schauten die abergläubisch frommen und der +weltberühmten Pracht ihres Hofes wie eines eigenen Besitzes sich +erfreuenden Ägypter die nackten Wände ihrer Tempel und die hölzernen +Becher auf der Tafel ihres Königs. Auch die römische Okkupationsarmee, +welche durch den langen Aufenthalt in Ägypten und die vielen +Zwischenheiraten zwischen den Soldaten und ägyptischen Mädchen +wesentlich denationalisiert war und überdies eine Menge alter Soldaten +des Pompeius und verlaufener italischer Verbrecher und Sklaven in ihren +Reihen zählte, grollte Caesar, auf dessen Befehl sie ihre Aktion an der +syrischen Grenze hatte einstellen müssen, und seiner Handvoll +hochmütiger Legionäre. Schon der Auflauf bei der Landung, als die Menge +die römischen Beile in die alte Königsburg tragen sah, und die +zahlreichen Meuchelmorde, welche gegen seine Soldaten in der Stadt +verübt wurden, hatten Caesar darüber belehrt, in welcher ungeheuren +Gefahr er mit seinen wenigen Leuten dieser erbitterten Menge gegenüber +schwebte. Allein die Umkehr war wegen der in dieser Jahreszeit +herrschenden Nordwestwinde schwierig, und der Versuch der Einschiffung +konnte leicht das Signal zum Ausbruch der Insurrektion werden; +überhaupt lag es nicht in Caesars Art, unverrichteter Sache sich +davonzumachen. Er beorderte also zwar sogleich Verstärkungen aus Asien +herbei, trug aber, bis diese eintrafen, zunächst die größte Sicherheit +zur Schau. Nie war es lustiger in seinem Lager hergegangen als während +dieser alexandrinischen Rast; und wenn die schöne und geistreiche +Kleopatra mit ihren Reizen überhaupt nicht, und am wenigsten gegen +ihren Richter, sparsam war, so schien auch Caesar unter all seinen +Siegen die über schöne Frauen am höchsten zu schätzen. Es war ein +lustiges Vorspiel zu sehr ernsten Auftritten. Unter Führung des +Achillas und, wie später sich auswies, auf geheimen Befehl des Königs +und seines Vormundes, erschien die in Ägypten stehende römische +Okkupationsarmee unvermutet in Alexandreia; und sowie die Bürgerschaft +sah, daß sie kam, um Caesar anzugreifen, machte sie mit den Soldaten +gemeinschaftliche Sache. Mit einer Geistesgegenwart, die seine frühere +Tolldreistigkeit gewissermaßen rechtfertigt, raffte Caesar schleunigst +seine zerstreuten Mannschaften zusammen, bemächtigte sich der Person +des Königs und seiner Minister, verschanzte sich in der königlichen +Burg und dem benachbarten Theater, ließ, da es an Zeit gebrach, die in +dem Haupthafen unmittelbar vor dem Theater stationierte Kriegsflotte in +Sicherheit zu bringen, dieselbe anzünden und die den Hafen +beherrschende Leuchtturminsel Pharos durch Boote besetzen. So war +wenigstens eine beschränkte Verteidigungsstellung gewonnen und der Weg +offen gehalten, um Zufuhr und Verstärkungen herbeizuschaffen. Zugleich +ging dem Kornmandanten von Kleinasien sowie den nächsten untertänigen +Landschaften, den Syrern und Nabatäern, den Kretensern und den +Rhodiern, der Befehl zu, schleunigst Truppen und Schiffe nach Ägypten +zu senden. Die Insurrektion, an deren Spitze die Prinzessin Arsinoe und +deren Vertreter, der Eunuch Ganymedes, sich gestellt hatten, schaltete +indes frei in ganz Ägypten und in dem größten Teil der Hauptstadt, in +deren Straßen täglich gefochten ward, ohne daß es weder Caesar gelang, +sich freier zu entwickeln und bis zu dem hinter der Stadt befindlichen +Süßwassersee von Marea durchzubrechen, wo er sich mit Wasser und mit +Fourage hätte versorgen können, noch den Alexandrinern, der Belagerten +Herr zu werden und sie alles Trinkwassers zu berauben; denn als die +Nilkanäle in Caesars Stadtteil durch hineingeleitetes Seewasser +verdorben waren, fand sich unerwartet trinkbares Wasser in den am +Strande gegrabenen Brunnen. Da Caesar von der Landseite nicht zu +überwältigen war, richteten sich die Anstrengungen der Belagerer +darauf, seine Flotte zu vernichten und ihn von der See abzuschneiden, +auf der die Zufuhr ihm zukam. Die Leuchtturminsel und der Damm, durch +den diese mit dem Festland zusammenhing, teilte den Hafen in eine +westliche und eine östliche Hälfte, die durch zwei Bogenöffnungen des +Dammes miteinander in Verbindung standen. Caesar beherrschte die Insel +und den Osthafen, während der Damm und der Westhafen im Besitz der +Bürgerschaft war, und seine Schiffe fuhren, da die alexandrinische +Flotte verbrannt war, ungehindert ab und zu. Die Alexandriner, nachdem +sie vergeblich versucht hatten, aus dem Westhafen in den östlichen +Brander einzuführen, stellten darauf mit den Resten ihres Arsenals ein +kleines Geschwader her und verlegten damit Caesars Schiffen den Weg, +als dieselben eine Transportflotte mit einer aus Kleinasien +nachgekommenen Legion hereinbugsierten; indes wurden Caesars +vortreffliche rhodische Seeleute des Feindes Herr. Nicht lange darauf +nahmen indes die Bürger die Leuchtturminsel weg ^8 und sperrten von da +aus die schmale und klippige Mündung des Osthafens für größere Schiffe +gänzlich; so daß Caesars Flotte genötigt war, auf der offenen Reede vor +dem Osthafen zu stationieren und seine Verbindung mit der See nur noch +an einem schwachen Faden hing. Caesars Flotte, auf jener Reede zu +wiederholten Malen von der überlegenen feindlichen Seemacht +angegriffen, konnte weder dem ungleichen Kampf ausweichen, da der +Verlust der Leuchtturminsel ihr den inneren Hafen verschloß, noch auch +das Weite suchen, da der Verlust der Reede Caesar ganz von der See +abgesperrt haben würde. Wenn auch die tapfern Legionäre, unterstützt +durch die Gewandtheit der rhodischen Matrosen, bisher noch immer diese +Gefechte zu Gunsten der Römer entschieden hatten, so erneuerten und +steigerten doch die Alexandriner mit unermüdeter Beharrlichkeit ihre +Flottenrüstungen; die Belagerten mußten schlagen, so oft es den +Belagerern beliebte, und wurden jene ein einziges Mal überwunden, so +war Caesar vollständig eingeschlossen und wahrscheinlich verloren. Es +ward schlechterdings nötig, einen Versuch zur Wiedergewinnung der +Leuchtturminsel zu machen. Der zwiefache Angriff, der durch Boote von +der Hafen-, durch die Kriegsschiffe von der Seeseite her gemacht ward, +brachte in der Tat nicht bloß die Insel, sondern auch den unteren Teil +des Dammes in Caesars Gewalt; erst bei der zweiten Bogenöffnung des +Dammes befahl Caesar anzuhalten und den Damm hier gegen die Stadt zu +durch einen Querwall zu sperren. Allein während hier um die Schanzenden +ein hitziges Gefecht sich entspann, entblößten die römischen Truppen +den unteren, an die Insel anstoßenden Teil des Dammes; unversehens +landete hier eine Abteilung Ägypter, griff die auf dem Damm am Querwall +zusammengedrängten römischen Soldaten und Matrosen von hinten an und +sprengte die ganze Masse in wilder Verwirrung in das Meer. Ein Teil +ward von den römischen Schiffen aufgenommen; die meisten ertranken. +Etwa 400 Soldaten und eine noch größere Zahl von der Flottenmannschaft +wurden das Opfer dieses Tages; der Feldherr selbst, der das Schicksal +der Seinigen geteilt, hatte sich auf sein Schiff und, als dieses von +Menschen überschwert sank, schwimmend auf ein anderes retten müssen. +Indes so empfindlich auch der erlittene Verlust war, er ward durch den +Wiedergewinn der Leuchtturminsel, die samt dem Damm bis zur ersten +Bogenöffnung in Caesars Händen blieb, reichlich aufgewogen. Endlich kam +der ersehnte Entsatz. Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger +Kriegsmann aus der Schule des Mithradates Eupator, dessen natürlicher +Sohn er zu sein behauptete, führte zu Lande von Syrien her eine +buntscheckige Armee heran: die Ityräer des Fürsten von Libanos, die +Beduinen des Jamblichos, Sampsikeramos’ Sohn, die Juden unter dem +Minister Antipatros, überhaupt die Kontingente der kleinen Häuptlinge +und Gemeinden Kilikiens und Syriens. Von Pelusion, das Mithradates am +Tage seiner Ankunft zu besetzen geglückt war, schlug er, um das +durchschnittene Terrain des Delta zu vermeiden und den Nil vor seiner +Teilung zu überschreiten, die große Straße nach Memphis ein, wobei +seine Truppen von den besonders in diesem Teil Ägyptens zahlreich +ansässigen Juden vielfache landsmannschaftliche Unterstützung +empfingen. Die Ägypter, jetzt den jungen König Ptolemaeos an der +Spitze, welchen Caesar in der vergeblichen Hoffnung, die Insurrektion +durch ihn zu beschwichtigen, zu den Seinigen entlassen hatte, +entsandten ein Heer auf dem Nil, um Mithradates auf dessen jenseitigem +Ufer festzuhalten. Dasselbe traf auch, noch jenseits Memphis bei dem +sogenannten Judenlager, zwischen Omion und Heliopolis, auf den Feind; +allein Mithradates, geübt, in römischer Weise zu manövrieren und zu +lagern, gewann dennoch unter glücklichen Gefechten das andere Ufer bei +Memphis. Caesar andererseits, sowie er von dem Eintreffen der +Entsatzarmee Kunde erhielt, führte einen Teil seiner Truppen auf +Schiffen an die Spitze des Sees von Marea westlich von Alexandreia und +marschierte um diesen herum und den Nil hinab dem flußaufwärts +herankommenden Mithradates entgegen. Die Vereinigung erfolgte, ohne daß +der Feind sie zu hindern versucht hätte. Caesar rückte dann in das +Delta, wohin der König sich zurückgezogen hatte, warf, trotz des +tiefeingeschnittenen Kanals vor ihrer Front, die ägyptische Vorhut im +ersten Anlauf und stürmte sofort das ägyptische Lager selbst. Es befand +sich am Fuß einer Anhöhe zwischen dem Nil, von dem nur ein schmaler Weg +es trennte, und schwer zugänglichen Sümpfen. Caesar ließ zugleich von +vorn und seitwärts auf dem Weg am Nil das Lager berennen und während +dieses Sturmes ein drittes Detachement die Anhöhen hinter dem Lager +ungesehen ersteigen. Der Sieg war vollständig; das Lager ward genommen +und was von den Ägyptern nicht unter den feindlichen Schwertern fiel, +ertrank bei dem Versuch, zu der Nilflotte zu entkommen. Mit einem der +Boote, die mit Menschen überladen sanken, verschwand auch der junge +König in den Wellen seines heimischen Stromes. Unmittelbar vom +Schlachtfeld rückte Caesar von der Landseite her geradeswegs an der +Spitze seiner Reiterei in den von den Ägyptern besetzten Teil der +Hauptstadt. Im Trauergewande, ihre Götterbilder in den Händen, +empfingen ihn um Friede bittend die Feinde, die Seinigen aber, da sie +ihn von der anderen Seite, als von der er ausgezogen als Sieger +wiederkehren sahen, mit grenzenlosem Jubel. Das Schicksal der Stadt, +die den Herrn der Welt in seinen Plänen zu kreuzen gewagt und um ein +Haar seinen Untergang herbeigeführt hatte, lag in Caesars Hand; allein +er war zu sehr Regent, um empfindlich zu sein, und verfuhr mit den +Alexandrinern wie mit den Massalioten. Caesar, hinweisend auf die arg +verwüstete und bei Gelegenheit des Flottenbrandes ihrer Kornmagazine, +ihrer weltberühmten Bibliothek und anderer bedeutender öffentlicher +Gebäude beraubte Stadt, ermahnte die Einwohnerschaft, sich künftig +allein der Künste des Friedens ernstlich zu befleißigen und die Wunden +zu heilen, die sie sich selber geschlagen; übrigens begnügte er sich, +den in Alexandreia angesessenen Juden dieselben Rechte zu gewähren, +deren die griechische Stadtbevölkerung genoß, und anstatt der +bisherigen, wenigstens dem Namen nach den Königen von Ägypten +gehorchenden römischen Okkupationsarmee eine förmliche römische +Besatzung, zwei der daselbst belagerten und eine dritte später aus +Syrien nachgekommene Legion, unter einem von ihm selbst ernannten +Befehlshaber nach Alexandreia zu legen. Zu diesem Vertrauensposten ward +absichtlich ein Mann ausersehen, dessen Geburt es ihm unmöglich machte, +denselben zu mißbrauchen, Rufio, ein tüchtiger Soldat, aber eines +Freigelassenen Sohn. Das Regiment Ägyptens unter Roms Oberhoheit +erhielten Kleopatra und deren jüngerer Bruder Ptolemaeos; die +Prinzessin Arsinoe ward, um nicht den nach orientalischer Art der +Dynastie ebenso ergebenen wie gegen den einzelnen Dynasten +gleichgültigen Ägyptern abermals als Vorwand für Insurrektionen zu +dienen, nach Italien abgeführt; Kypros wurde wieder ein Teil der +römischen Provinz Kilikien. + +———————————————————- + +^8 Der Verlust der Leuchtturminsel muß in der Lücke Bell. Alex. 12 +ausgefallen sein, da die Insel anfänglich ja in Caesars Gewalt war +(civ. 3,112; Bell. Alex. 8). Der Damm muß beständig in der Gewalt der +Feinde gewesen sein, da Caesar mit der Insel nur durch Schiffe +verkehrte. + +————————————————————- + +Dieser alexandrinische Aufstand, so geringfügig er an sich war und so +wenig er innerlich zusammenhing mit den weltgeschichtlichen +Ereignissen, die zugleich im römischen Staate sich vollzogen, griff +dennoch insofern in dieselben folgenreich ein, als er den Mann, der +alles in allem war und ohne den nichts gefördert und nichts gelöst +werden konnte, vom Oktober 706 (48) bis zum März 707 (47) nötigte, +seine eigentlichen Aufgaben liegen zu lassen, um mit Juden und Beduinen +gegen einen Stadtpöbel zu kämpfen. Die Folgen des persönlichen +Regiments fingen an, sich fühlbar zu machen. Man hatte die Monarchie; +aber überall herrschte die entsetzlichste Verwirrung und der Monarch +war nicht da. Ebenwie die Pompeianer waren augenblicklich auch die +Caesarianer ohne obere Leitung; es entschied überall die Fähigkeit der +einzelnen Offiziere und vor allen Dingen der Zufall. + +In Kleinasien stand bei Caesars Abreise nach Ägypten kein Feind. Indes +hatte Caesars Statthalter daselbst, der tüchtige Gnaeus Domitius +Calvinus, Befehl erhalten, dem König Pharnakes wiederabzunehmen, was +derselbe den Verbündeten des Pompeius ohne Auftrag entrissen hatte; und +da dieser, ein starrköpfiger und übermütiger Despot wie sein Vater, die +Räumung Klein-Armeniens beharrlich verweigerte, so blieb nichts übrig, +als gegen ihn marschieren zu lassen. Calvinus hatte von den drei ihm +zurückgelassenen, aus pharsalischen Kriegsgefangenen gebildeten +Legionen zwei nach Ägypten absenden müssen; er ergänzte die Lücke durch +eine eiligst aus den im Pontus domizilierten Römern zusammengeraffte +und zwei nach römischer Art exerzierte Legionen des Deiotarus und +rückte in Klein-Armenien ein. Allein das bosporanische, in zahlreichen +Kämpfen mit den Anwohnern des Schwarzen Meeres erprobte Heer erwies +sich tüchtiger als das seinige. In dem Treffen bei Nikopolis ward +Calvinus’ pontisches Aufgebot zusammengehauen und liefen die +galatischen Legionen davon; nur die eine alte Legion der Römer schlug +mit mäßigem Verlust sich durch. Statt Klein-Armenien zu erobern, konnte +Calvinus nicht einmal verhindern, daß Pharnakes sich seiner pontischen +“Erbstaaten” wieder bemächtigte und über deren Bewohner, namentlich die +unglücklichen Amisener, die ganze Schale seiner scheußlichen +Sultanslaunen ausgoß (Winter 706/07 48/47). Als dann Caesar selbst in +Kleinasien eintraf und ihm sagen ließ, daß der Dienst, den Pharnakes +ihm persönlich geleistet, indem er Pompeius keine Hilfe gewährt habe, +nicht in Betracht kommen dürfe gegen den dem Reiche zugefügten Schaden +und daß vor jeder Unterhandlung er die Provinz Pontus räumen und das +geraubte Gut zurückstellen müsse, erklärte er sich zwar bereit zu +gehorchen; aber wohl wissend, wie guten Grund Caesar hatte, nach dem +Westen zu eilen, machte er dennoch keine ernstlichen Anstalten zur +Räumung. Er wußte nicht, daß Caesar abtat, was er angriff. Ohne weiter +zu verhandeln, nahm Caesar die eine von Alexandreia mitgebrachte Legion +und die Truppen des Calvinus und Deiotarus zusammen und rückte gegen +Pharnakes’ Lager bei Ziela. Wie die Bosporaner ihn kommen sahen, +durchschritten sie keck den tiefen Bergspalt, der ihre Front deckte, +und griffen den Hügel hinauf die Römer an. Caesars Soldaten waren noch +mit dem Lagerschlagen beschäftigt und einen Augenblick schwankten die +Reihen; allein die kriegsgewohnten Veteranen sammelten sich rasch und +gaben das Beispiel zum allgemeinen Angriff und zum vollkommenen Siege +(2. August 707 47). In fünf Tagen war der Feldzug beendigt - zu dieser +Zeit, wo jede Stunde kostbar war, ein unschätzbarer Glücksfall. Mit der +Verfolgung des Königs, der über Sinope heimgegangen war, beauftragte +Caesar des Pharnakes illegitimen Bruder, den tapferen Mithradates von +Pergamon, welcher zum Lohn für die in Ägypten geleisteten Dienste an +Pharnakes’ Stelle die bosporanische Königskrone empfing. Im übrigen +wurden die syrischen und kleinasiatischen Angelegenheiten friedlich +geschlichtet, die eigenen Bundesgenossen reich belohnt, die des +Pompeius im ganzen mit Geldbußen oder Verweisen entlassen. Nur der +mächtigste unter den Klienten des Pompeius, Deiotarus, wurde wieder auf +sein angestammtes enges Gebiet, den tolistobogischen Gau, beschränkt. +An seiner Stelle ward mit Klein-Armenien König Ariobarzanes von +Kappadokien belehnt, mit dem von Deiotarus usurpierten Vierfürstentum +der Trokmer aber der neue König des Bosporus, welcher wie von +väterlicher Seite dem pontischen, so von mütterlicher einem der +galatischen Fürstengeschlechter entstammte. + +Auch in Illyrien hatten, während Caesar in Ägypten war, sehr ernsthafte +Auftritte sich zugetragen. Die delmatische Küste war seit Jahrhunderten +ein wunder Fleck der römischen Herrschaft und die Bewohner mit Caesar +seit den Kämpfen um Dyrrhachion in offener Fehde; im Binnenland aber +wimmelte es noch von dem thessalischen Kriege her von versprengten +Pompeianern. Indes hatte Quintus Cornificius mit den aus Italien +nachrückenden Legionen sowohl die Eingeborenen wie die Flüchtlinge im +Zaum gehalten und zugleich der in diesen rauben Gegenden so schwierigen +Verpflegung der Truppen genügt. Selbst als der tüchtige Marcus +Octavius, der Sieger von Curicta, mit einem Teil der Pompeianischen +Flotte in diesen Gewässern erschien, um hier zur See und zu Lande den +Krieg gegen Caesar zu leiten, wußte Cornificius, gestützt auf die +Schiffe und den Hafen der Iadestiner (Zara), nicht bloß sich zu +behaupten, sondern bestand auch selbst zur See gegen die Flotte des +Gegners manches glückliche Gefecht. Aber als der neue Statthalter von +Illyrien, der von Caesar aus dem Exil zurückberufene Aulus Gabinius, +mit fünfzehn Kohorten und 3000 Reitern im Winter 706/07 (48/47) auf dem +Landweg in Illyrien eintraf, wechselte das System der Kriegführung. +Statt wie sein Vorgänger sich auf den kleinen Krieg zu beschränken, +unternahm der kühne tätige Mann sogleich, trotz der rauben Jahreszeit, +mit seiner gesamten Streitmacht eine Expedition in die Gebirge. Aber +die ungünstige Witterung, die Schwierigkeit der Verpflegung und der +tapfere Widerstand der Delmater rieben das Heer auf; Gabinius mußte den +Rückzug antreten, ward auf diesem von den Delmatern angegriffen und +schmählich geschlagen, und erreichte mit den schwachen Überresten +seiner stattlichen Armee mühsam Salome, wo er bald darauf starb. Die +meisten illyrischen Küstenstädte ergaben sich hierauf der Flotte des +Octavius; die an Caesar festhielten, wie Salome und Epidauros (Ragusa +vecchia), wurden von der Flotte zur See, zu Lande von den Barbaren so +heftig bedrängt, daß die Übergabe und die Kapitulation der in Salome +eingeschlossenen Heerestrümmer nicht mehr fern schien. Da ließ der +Kommandant des brundisischen Depots, der energische Publius Vatinius, +in Ermangelung von Kriegsschiffen gewöhnliche Boote mit Schnäbeln +versehen und sie mit den aus den Hospitälern entlassenen Soldaten +bemannen und lieferte mit dieser improvisierten Kriegsflotte der weit +überlegenen Octavianischen bei der Insel Tauris (Torcola zwischen +Lelina und Curzola) ein Treffen, in dem die Tapferkeit des Anführers +und der Schiffssoldaten wie so oft ersetzte, was den Schiffen abging, +und die Caesarianer einen glänzenden Sieg erfochten. Marcus Octavius +verließ diese Gewässer und begab sich nach Afrika (Frühjahr 707 47); +die Delmater setzten zwar noch Jahre lang mit großer Hartnäckigkeit +sich zur Wehr, allein es war dies nichts als ein örtlicher +Gebirgskrieg. Als Caesar aus Ägypten zurückkam, hatte sein +entschlossener Adjutant die in Illyrien drohende Gefahr bereits +beseitigt. + +Um so ernster stand es in Afrika, wo die Verfassungspartei vom Anfang +des Bürgerkrieges an unumschränkt geherrscht und ihre Macht fortwährend +gesteigert hatte. Bis zur Pharsalischen Schlacht hatte hier eigentlich +König Juba das Regiment geführt; er hatte Curio überwunden, und die +Kraft des Heeres waren seine flüchtigen Reiter und seine zahllosen +Schützen; der Pompeianische Statthalter Varus spielte neben ihm eine so +subalterne Rolle, daß er sogar diejenigen Soldaten Curios, die sich ihm +ergeben hatten, dem König hatte ausliefern und deren Hinrichtung oder +Abführung in das innere Numidien hatte mitansehen müssen. Dies änderte +sich nach der Pharsalischen Schlacht. An eine Flucht zu den Parthern +dachte, mit Ausnahme des Pompeius selbst, kein namhafter Mann der +geschlagenen Partei. Ebensowenig versuchte man, die See mit vereinten +Kräften zu behaupten; Marcus Octavius’ Kriegführung in den illyrischen +Gewässern stand vereinzelt und war ohne dauernden Erfolg. Die große +Majorität der Republikaner wie der Pompeianer wandte sich nach Afrika, +wo allein noch ein ehrenhafter und verfassungsmäßiger Kampf gegen den +Usurpator möglich schien. Dort fanden die Trümmer der bei Pharsalos +zersprengten Armee, die Besatzungstruppen von Dyrrhachion, Kerkyra und +dem Peloponnes, die Reste der illyrischen Flotte sich allmählich +zusammen; es trafen dort ein der zweite Oberfeldherr Metellus Scipio, +die beiden Söhne des Pompeius, Gnaeus und Sextus, der politische Führer +der Republikaner Marcus Cato, die tüchtigen Offiziere Labienus, +Afranius, Petreius, Octavius und andere. Wenn die Kräfte der Emigration +verringert waren, so hatte dagegen ihr Fanatismus sich womöglich noch +gesteigert. Man fuhr nicht bloß fort, die Gefangenen und selbst die +Parlamentäre Caesars zu ermorden, sondern König Juba, in dem die +Erbitterung des Parteimannes mit der Wut des halbbarbarischen +Afrikaners zusammenfloß, stellte die Maxime auf, daß in jeder der +Sympathien mit dem Feinde verdächtigen Gemeinde die Bürgerschaft +ausgerottet und die Stadt niedergebrannt werden müsse, und führte auch +gegen einige Ortschaften, zum Beispiel das unglückliche Vaga bei +Hadrumetum, diese Theorie in der Tat praktisch durch. Ja daß nicht die +Hauptstadt der Provinz selber, das blühende, ebenwie einst Karthago von +den numidischen Königen längst mit scheelem Auge angesehene Utica, von +König Juba dieselbe Behandlung erfuhr und daß man gegen die, allerdings +nicht mit Unrecht, der Hinneigung zu Caesar beschuldigte Bürgerschaft +mit Vorsichtsmaßregeln sich begnügte, hatte sie nur Catos energischem +Auftreten zu danken. + +Da weder Caesar selbst noch einer seiner Statthalter das geringste +gegen Afrika unternahm, so hatte die Koalition vollkommen Zeit, sich +dort politisch und militärisch zu reorganisieren. Vor allem war es +notwendig, die durch Pompeius’ Tod erledigte Oberfeldherrnstelle aufs +neue zu besetzen. König Juba hatte nicht übel Lust, die Stellung, die +er bis auf die Pharsalische Schlacht in Afrika gehabt, auch ferner zu +behaupten; wie er denn überhaupt nicht mehr als Klient der Römer, +sondern als gleichberechtigter Verbündeter oder gar als Schutzherr +auftrat und zum Beispiel es sich herausnahm, römisches Silbergeld mit +seinem Namen und Wappen zu schlagen, ja sogar den Anspruch erhob, +allein im Lager den Purpur zu führen und den römischen Heerführern +ansann, den purpurnen Feldherrnmantel abzulegen. Metellus Scipio ferner +forderte den Oberbefehl für sich, weil Pompeius ihn, mehr aus +schwiegersöhnlichen als aus militärischen Rücksichten, im thessalischen +Feldzug als sich gleichberechtigt anerkannt hatte. Die gleiche +Forderung erhob Varus als - freilich selbsternannter - Statthalter von +Afrika, da der Krieg in seiner Provinz geführt werden sollte. Endlich +die Armee begehrte zum Führer den Proprätor Marcus Cato. Offenbar hatte +sie recht. Cato war der einzige Mann, der für das schwere Amt die +erforderliche Hingebung, Energie und Autorität besaß; wenn er kein +Militär war, so war es doch unendlich besser, einen Nichtmilitär, der +sich zu bescheiden und seine Unterfeldherrn handeln zu lassen verstand, +als einen Offizier von unerprobter Fähigkeit, wie Varus, oder gar einen +von erprobter Unfähigkeit, wie Metellus Scipio, zum Oberfeldherrn zu +bestellen. Indes die Entscheidung fiel schließlich auf ebendiesen +Scipio, und Cato selbst war es, der sie im wesentlichen bestimmte. Es +geschah dies nicht, weil er jener Aufgabe sich nicht gewachsen fühlte +oder weil seine Eitelkeit bei dem Ausschlagen mehr ihre Rechnung fand +als bei dem Annehmen; noch weniger, weil er Scipio liebte oder achtete, +mit dem er vielmehr persönlich verfeindet war und der überall bei +seiner notorischen Untüchtigkeit einzig durch seine +Schwiegervaterschaft zu einer gewissen Bedeutung gelangt war; sondern +einzig und allein, weil sein verbissener Rechtsformalismus lieber die +Republik von Rechts wegen zugrunde gehen ließ, als sie auf irreguläre +Weise rettete. Als er nach der Pharsalischen Schlacht auf Kerkyra mit +Marcus Cicero zusammentraf, hatte er sich erboten, diesem, der noch von +seiner kilikischen Statthalterschaft her mit der Generalschaft behaftet +war, als dem höherstehenden Offizier, wie es Rechtens war, das Kommando +in Kerkyra zu übertragen und den unglücklichen Advokaten, der seine +Lorbeeren vom Amanos jetzt tausendmal verwünschte, durch diese +Bereitwilligkeit fast zur Verzweiflung, aber auch alle halbwegs +einsichtigen Männer zum Erstaunen gebracht. Die gleichen Prinzipien +wurden hier geritten, wo etwas mehr darauf ankam; Cato erwog die Frage, +wem die Oberfeldherrnstelle gebühre, als handelte es sich um ein +Ackerfeld bei Tusculum, und sprach sie dem Scipio zu. Durch diesen +Ausspruch wurde seine eigene und die Kandidatur des Varus beseitigt. Er +war es aber auch, und er allein, der mit Energie den Ansprüchen des +Königs Juba entgegentrat und es ihn fühlen ließ, daß der römische Adel +zu ihm nicht bittend komme wie zu dem Großfürsten der Parther, um bei +dem Schutzherrn Beistand zu suchen, sondern befehlend und von dem +Untertan Beistand fordernd. Bei dem gegenwärtigen Stande der römischen +Streitkräfte in Afrika konnte Juba nicht umhin, etwas gelindere Saiten +aufzuziehen, obgleich er freilich bei dem schwachen Scipio es dennoch +durchsetzte, daß die Besoldung seiner Truppen der römischen Kasse +aufgebürdet und für den Fall des Sieges ihm die Abtretung der Provinz +Afrika zugesichert ward. + +Dem neuen Oberfeldherrn zur Seite trat wiederum der Senat der +“Dreihundert”, der in Utica seinen Sitz aufschlug und seine gelichteten +Reihen durch Aufnahme der angesehensten und vermögendsten Männer des +Ritterstandes ergänzte. + +Die Rüstungen wurden, hauptsächlich durch Catos Eifer, mit der größten +Energie gefördert und jeder waffenfähige Mann, selbst Freigelassene und +Libyer, in die Legionen eingestellt; wodurch dem Ackerbau die Hände so +sehr entzogen wurden, daß ein großer Teil der Felder unbestellt blieb, +aber allerdings auch ein imposantes Resultat erzielt ward. Das schwere +Fußvolk zählte vierzehn Legionen, wovon zwei bereits durch Varus +aufgestellt, acht andere teils aus den Flüchtigen, teils aus den in der +Provinz Konskribierten gebildet und vier römisch bewaffnete Legionen +des Königs Juba waren. Die schwere Reiterei, bestehend aus den mit +Labienus eingetroffenen Kelten und Deutschen und allerlei darunter +eingereihten Leuten, war ohne Jubas römisch gerüstete Reiterschar 1600 +Mann stark. Die leichten Truppen bestanden aus zahllosen Massen ohne +Zaum und Zügel reitender und bloß mit Wurfspeeren bewaffneter Numidier, +aus einer Anzahl berittener Bogenschützen und großen Schwärmen von +Schützen zu Fuß. Dazu kamen endlich Jubas 120 Elefanten und die von +Publius Varus und Marcus Octavius befehligte 55 Segel starke Flotte. +Dem drückenden Geldmangel wurde einigermaßen durch eine +Selbstbesteuerung des Senats abgeholfen, die um so ergiebiger war, als +die reichsten afrikanischen Kapitalisten in denselben einzutreten +veranlaßt worden waren. Getreide und andere Vorräte hatte man in den +verteidigungsfähigen Festungen in ungeheuren Massen aufgehäuft, +zugleich aus den offenen Ortschaften die Vorräte möglichst entfernt. +Die Abwesenheit Caesars, die schwierige Stimmung seiner Legionen, die +Gärung in Spanien und Italien hoben allmählich die Stimmung, und die +Erinnerung an die Pharsalische Schlacht fing an, neuen Siegeshoffnungen +zu weichen. + +Die von Caesar in Ägypten verlorene Zeit rächte nirgend sich schwerer +als hier. Hätte er unmittelbar nach Pompeius’ Tode sich nach Afrika +gewendet, so würde er daselbst ein schwaches, desorganisiertes und +konsterniertes Heer und vollständige Anarchie unter den Führern +vorgefunden haben; wogegen jetzt, namentlich durch Catos Energie, eine +der bei Pharsalos geschlagenen an Zahl gleiche Armee unter namhaften +Führern und unter einer geregelten Oberleitung in Afrika stand. + +Es schien überhaupt über dieser afrikanischen Expedition Caesars ein +eigener Unstern zu walten. Noch vor seiner Einschiffung nach Ägypten +hatte Caesar in Spanien und Italien verschiedene Maßregeln zur +Einleitung und Vorbereitung des afrikanischen Krieges angeordnet; aus +allen war aber nichts als Unheil entsprungen. Von Spanien aus sollte, +Caesars Anordnung zufolge, der Statthalter der südlichen Provinz, +Quintus Cassius Longinus, mit vier Legionen nach Afrika übersetzen, +dort den König Bogud von Westmauretanien ^9 an sich ziehen und mit ihm +gegen Numidien und Afrika vorgehen. Aber jenes nach Afrika bestimmte +Heer schloß eine Menge geborener Spanier und zwei ganze ehemals +Pompeianische Legionen in sich; Pompeianische Sympathien herrschten in +der Armee wie in der Provinz, und das ungeschickte und tyrannische +Auftreten des Caesarischen Statthalters war nicht geeignet, sie zu +beschwichtigen. Es kam förmlich zum Aufstande; Truppen und Städte +ergriffen Partei für oder gegen den Statthalter; schon war es darauf +oder daran, daß die, welche gegen den Statthalter Caesars sich erhoben +hatten, offen die Fahne des Pompeius aufsteckten; schon hatte Pompeius’ +ältester Sohn Gnaeus, um diese günstige Wendung zu benutzen, sich von +Afrika nach Spanien eingeschifft, als die Desavouierung des +Statthalters durch die angesehensten Caesarianer selbst und das +Einschreiten des Befehlshabers der nördlichen Provinz den Aufstand eben +noch rechtzeitig unterdrückten. Gnaeus Pompeius, der unterwegs mit +einem vergeblichen Versuch, sich in Mauretanien festzusetzen, Zeit +verloren hatte, kam zu spät; Gaius Trebonius, den Caesar nach seiner +Heimkehr aus dem Osten zur Ablösung des Cassius nach Spanien sandte +(Herbst 707 47), fand überall unweigerlichen Gehorsam. Aber natürlich +war über diesen Irrungen von Spanien aus nichts geschehen, um die +Organisation der Republikaner in Afrika zu stören; ja es war sogar, +infolge der Verwicklungen mit Longinus, König Bogud von +Westmauretanien, der auf Caesars Seite stand und wenigstens König Juba +einige Hindernisse hätte in den Weg legen können, mit seinen Truppen +nach Spanien abgerufen worden. + +——————————————————————————————————— + +^9 Die Staatengestaltung im nordwestlichen Afrika während dieser Zeit +liegt sehr im Dunkel. Nach dem Jugurthinischen Kriege herrschte König +Bocchus von Mauretanien wahrscheinlich vom westlichen Meere bis zum +Hafen von Saldae, in dem heutigen Marokko und Algier; die von den +mauretanischen Oberkönigen wohl von Haus aus verschiedenen Fürsten von +Tingis (Tanger), die schon früher vorkommen (Plut. Sert. 9) und zu +denen vermutlich Sallusts (hist. 3, 31 Kritz) Leptasta und Ciceros +(Vat. 5, 12) Mastanesosus gehören, mögen in beschränkten Grenzen +selbständig gewesen oder auch bei ihm zu Lehen gegangen sein; ähnlich +wie schon Syphax über viele Stammfürsten gebot (App. Pun. 10) und um +diese Zeit in dem benachbarten Numidien Cirta, wahrscheinlich doch +unter Jubas Oberherrlichkeit, von dem Fürsten Massinissa besessen ward +(App. civ. 4, 54). Um 672 (82) finden wir an Bocchus’ Stelle einen +König Bocud oder Bogud (Oros. hist. 5, 21, 14), des Bocchus Sohn. Von +705 (49) an erscheint das Reich geteilt zwischen dem König Bogud, der +die westliche, und dem König Bocchus, der die östliche Hälfte besitzt +und auf welche die spätere Scheidung Mauretaniens in Boguds Reich oder +den Staat von Tingis und Bocchus’ Reich oder den Staat von Jol +(Caesarea) zurückgeht (Plin. nat. 5, 2, 19, vergl. Bell. Afr. 23). + +————————————————————————————————- + +Bedenklicher noch waren die Vorgänge unter den Truppen, die Caesar im +südlichen Italien hatte zusammenziehen lassen, um mit ihnen nach Afrika +überzuschiffen. Es waren größtenteils die alten Legionen, die in +Gallien, Spanien, Thessalien Caesars Thron begründet hatten. Den Geist +dieser Truppen hatten die Siege nicht gebessert, die lange Rast in +Unteritalien vollständig zerrüttet. Die fast übermenschlichen +Zumutungen, die der Feldherr an sie machte und deren Folgen in den +schrecklich gelichteten Reihen nur zu grell hervortraten, ließen selbst +in diesen Eisenmännern einen Sauerteig des Grolls zurück, der nur der +Zeit und Ruhe bedurfte, um die Gemüter in Gärung zu bringen. Der +einzige Mann, der ihnen imponierte, war seit einem Jahre fern und fast +verschollen, ihre vorgesetzten Offiziere aber scheuten weit mehr sich +vor den Soldaten als diese vor ihnen und sahen den Weltbesiegern jede +Brutalität gegen ihre Quartiergeber und jede Indisziplin nach. Als nun +der Befehl, sich nach Sizilien einzuschiffen, kam und der Soldat das +üppige Wohlleben in Kampanien wieder mit einer dritten, der spanischen +und thessalischen an Drangsalen sicher nicht nachstehenden Kampagne +vertauschen sollte, rissen die allzulange gelockerten und +allzuplötzlich wiederangezogenen Zügel. Die Legionen weigerten sich zu +gehorchen, bevor die versprochenen Geschenke ihnen gezahlt seien, und +wiesen die von Caesar gesandten Offiziere mit Hohnreden, ja mit +Steinwürfen zurück. Ein Versuch, den beginnenden Aufstand durch +Steigerung der versprochenen Summen zu dämpfen, hatte nicht bloß keinen +Erfolg, sondern die Soldaten brachen massenweise auf, um die Erfüllung +der Versprechungen in der Hauptstadt von dem Feldherrn zu erpressen. +Einzelne Offiziere, die die meuterischen Rotten unterwegs +zurückzuhalten versuchten, wurden erschlagen. Es war eine furchtbare +Gefahr. Caesar ließ die wenigen in der Stadt befindlichen Soldaten die +Tore besetzen, um die mit Recht befürchtete Plünderung wenigstens für +den ersten Anlauf abzuwehren, und erschien plötzlich unter dem tobenden +Haufen mit der Frage, was sie begehrten. Man rief: den Abschied. +Augenblicklich ward er, wie gebeten, erteilt. Wegen der Geschenke, +fügte Caesar hinzu, welche er für den Triumph seinen Soldaten zugesagt +habe, sowie wegen der Äcker, die er ihnen nicht versprochen, aber +bestimmt gehabt, möchten sie an dem Tage, wo er mit den anderen +Soldaten triumphieren werde, sich bei ihm melden; an dem Triumphe +selbst freilich könnten sie, als vorher entlassen, natürlich nicht +teilnehmen. Auf diese Wendung waren die Massen nicht gefaßt; überzeugt, +daß Caesar ihrer für den afrikanischen Feldzug nicht entraten könne, +hatten sie den Abschied nur gefordert, um, wenn er ihnen verweigert +werde, daran ihre Bedingungen zu knüpfen. Halb irre geworden in dem +Glauben an ihre eigene Unentbehrlichkeit; zu unbehilflich um wieder +einzulenken und die verfahrene Unterhandlung in das rechte Geleise +zurückzubringen; als Menschen beschämt durch die Treue, mit der der +Imperator auch seinen treuvergessenen Soldaten Wort hielt, und durch +die Hochherzigkeit desselben, welche ebenjetzt weit mehr gewährte, als +er je zugesagt hatte; als Soldaten tief ergriffen, da der Feldherr +ihnen in Aussicht stellte, dem Triumph ihrer Kameraden als Bürgersleute +zuschauen zu müssen und da er sie nicht mehr “Kameraden” hieß, sondern +“Bürger” und mit dieser aus seinem Munde so fremdartig klingenden +Anrede gleichsam mit einem Schlage ihre ganze stolze +Soldatenvergangenheit zerstörte, und zu alledem unter dem Zauber des +unwiderstehlich gewaltigen Menschen - standen die Soldaten eine Weile +stumm und zaudernd, bis von allen Seiten der Ruf erscholl, daß der +Feldherr sie wieder zu Gnaden annehmen und es ihnen wieder gestatten +möge, Caesars Soldaten zu heißen. Caesar gestattete es, nachdem er +hinreichend sich hatte bitten lassen; den Rädelsführern bei dieser +Meuterei aber wurde an ihren Triumphalgeschenken ein Dritteil gekürzt. +Ein größeres psychologisches Meisterstück kennt die Geschichte nicht, +und keines, das vollständiger gelungen wäre. + +Auf den afrikanischen Feldzug wirkte diese Meuterei immerhin wenigstens +insofern nachteilig ein, als sie die Eröffnung desselben beträchtlich +verzögerte. Als Caesar in dem zur Einschiffung bestimmten Hafen von +Lilybäon eintraf, waren die zehn nach Afrika bestimmten Legionen dort +bei weitem noch nicht vollständig versammelt und eben die erprobten +Truppen noch am weitesten zurück. Indes kaum waren sechs Legionen, +darunter fünf neu gebildete, daselbst angelangt und die nötigen Kriegs- +und Transportschiffe angekommen, als Caesar mit denselben in See stach +(25. Dezember 707 47 des unberichtigten, etwa 8. Oktober des +Julianischen Kalenders). Die feindliche Flotte, die der herrschenden +Äquinoktialstürme wegen bei der Insel Ägimuros vor der Karthagischen +Bucht auf den Strand gezogen war, hinderte die Überfahrt nicht; allein +dieselben Stürme zerstreuten die Flotte Caesars nach allen Richtungen, +und als Caesar unweit Hadrumetum (Susa) die Gelegenheit zu landen +ersah, konnte er nicht mehr als etwa 3000 Mann, größtenteils Rekruten, +und 150 Reiter ausschiffen. Der Versuch, das vom Feinde stark besetzte +Hadrumetum wegzunehmen, mißlang; dagegen bemächtigte Caesar sich der +beiden nicht weit voneinander entfernten Hafenplätze Ruspina (Monastir +bei Susa) und Klein-Leptis. Hier verschanzte er sich; aber seine +Stellung war so unsicher, daß er seine Reiter auf den Schiffen und +diese segelfertig und mit Wasservorrat versehen hielt, um jeden +Augenblick, wenn er mit Übermacht sollte angegriffen werden, wieder +sich einschiffen zu können. Indes war dies nicht nötig, da eben noch zu +rechter Zeit die verschlagenen Schiffe anlangten (3. Januar 708 46). +Gleich am folgenden Tage unternahm Caesar, dessen Heer infolge der von +den Pompeianern getroffenen Anstalten Mangel an Getreide litt, mit drei +Legionen einen Zug in das innere Land, ward aber nicht weit von Ruspina +auf dem Marsche von den Heerhaufen angegriffen, die Labienus +heranführte, um Caesar von der Küste zu vertreiben. Da Labienus +ausschließlich Reiterei und Schützen, Caesar fast nichts als +Linieninfanterie hatte, so wurden die Legionen rasch umzingelt und den +Geschossen der Feinde preisgegeben, ohne sie erwidern oder mit Erfolg +angreifen zu können. Zwar machte die Deployierung der ganzen Linie die +Flügel wieder frei und mutige Angriffe retteten die Ehre der Waffen; +allein der Rückzug war unvermeidlich, und wäre Ruspina nicht so nahe +gewesen, so hätte der maurische Wurfspeer vielleicht hier dasselbe +ausgerichtet, was bei Karrhä der parthische Bogen. Caesar, den dieser +Tag von der ganzen Schwierigkeit des bevorstehenden Krieges überzeugt +hatte, wollte seine unerprobten und durch die neue Gefechtsweise +entmutigten Soldaten keinem solchen Angriff wieder aussetzen, sondern +wartete das Eintreffen seiner Veteranenlegionen ab. Die Zwischenzeit +wurde benutzt, um die drückende Überlegenheit des Feindes in den +Fernwaffen einigermaßen auszugleichen. Daß die geeigneten Leute von der +Flotte als leichte Reiter oder Schützen in die Landarmee eingereiht +wurden, konnte nicht viel helfen. Etwas mehr wirkten die von Caesar +veranlaßten Diversionen. Es gelang, die am südlichen Abhang des Großen +Atlas gegen die Sahara zu schweifenden gaetulischen Hirtenstämme gegen +Juba in Waffen zu bringen; denn selbst bis zu ihnen hatten die Schläge +der marianisch-sullanischen Zeit sich erstreckt, und ihr Groll gegen +den Pompeius, der sie damals den numidischen Königen untergeordnet +hatte, machte sie den Erben des mächtigen, bei ihnen noch vom +Jugurthinischen Feldzug her in gutem Andenken lebenden Marius von vorn +herein geneigt. Die mauretanischen Könige, Bogud in Tingis, Bocchus in +Jol, waren Jubas natürliche Rivalen und zum Teil längst mit Caesar in +Bündnis. Endlich streifte in dem Grenzgebiet zwischen den Reichen des +Juba und des Bocchus noch der letzte der Catilinarier, jener Publius +Sittius aus Nuceria, der achtzehn Jahre zuvor aus einem bankrotten +italischen Kaufmann sich in einen mauretanischen Freischarenführer +verwandelt und seitdem in den libyschen Händeln sich einen Namen und +ein Heergefolge geschaffen hatte. Bocchus und Sittius fielen vereinigt +in das numidische Land, besetzten die wichtige Stadt Cirta, und ihr +Angriff sowie der der Gätuler nötigte den König Juba, einen Teil seiner +Truppen an seine Süd- und Westgrenze zu senden. Indes blieb Caesars +Lage unbequem genug. Seine Armee war auf den Raum einer Quadratmeile +zusammengedrängt; wenn auch die Flotte Getreide herbeischaffte, so ward +doch der Mangel an Fourage von Caesars Reitern ebenso gefühlt wie vor +Dyrrhachion von denen des Pompeius. Die leichten Truppen des Feindes +blieben, aller Anstrengungen Caesars ungeachtet, den seinigen so +unermeßlich überlegen, daß es fast unmöglich schien, die Offensive in +das Binnenland hinein auch mit Veteranen durchzuführen. Wenn Scipio +zurückwich und die Küstenstädte preisgab, so konnte er vielleicht einen +Sieg erfechten wie die, welche des Orodes Wesir über Crassus, Juba über +Curio davongetragen hatten, wenigstens aber den Krieg ins unendliche +hinausziehen. Diesen Feldzugsplan ergab die einfachste Überlegung: +selbst Cato, obwohl nichts weniger als ein Strateg, riet dazu und erbot +sich, zugleich mit einem Korps nach Italien überzufahren und dort die +Republikaner unter die Waffen zu rufen, was bei der gründlichen +Verwirrung daselbst gar wohl Erfolg haben konnte. Allein Cato konnte +nur raten, nicht befehlen; der Oberbefehlshaber Scipio entschied, daß +der Krieg in der Küstenlandschaft geführt werden solle. Es war dies +nicht bloß insofern verkehrt, als man damit einen sicheren Erfolg +verheißenden Kriegsplan fahren ließ, sondern auch insofern, als die +Landschaft, in die man den Krieg verlegte, in bedenklicher Gärung, und +das Heer, das man Caesar gegenüberstellte, zum guten Teil ebenfalls +schwierig war. Die fürchterlich strenge Aushebung, die Wegschleppung +der Vorräte, die Verwüstung der kleineren Ortschaften, überhaupt das +Gefühl einer von Haus aus fremden und bereits verlorenen Sache +aufgeopfert zu werden, hatten die einheimische Bevölkerung erbittert +gegen die auf afrikanischem Boden ihren letzten Verzweiflungskampf +kämpfenden römischen Republikaner; und das terroristische Verfahren der +letzteren gegen alle auch nur der Gleichgültigkeit verdächtigen +Gemeinden hatte diese Erbitterung zum furchtbarsten Haß gesteigert. Die +afrikanischen Städte erklärten, wo sie irgend es wagen konnten, sich +für Caesar; unter den Gätulern und den Libyern, die unter den leichten +Truppen und selbst in den Legionen in Menge dienten, riß die Desertion +ein. Indes Scipio beharrte mit aller dem Unverstand eigenen +Hartnäckigkeit auf seinem Plan, zog mit gesamter Heeresmacht von Utica +her vor die von Caesar besetzten Städte Ruspina und Klein-Leptis, +belegte nördlich davon Hadrumetum, südlich Thapsus (am Vorgebirge Râs +Dimâs) mit starken Besatzungen und bot in Gemeinschaft mit Juba, der +mit all seinen nicht durch die Grenzverteidigung in Anspruch genommenen +Truppen gleichfalls vor Ruspina erschien, zu wiederholten Malen dem +Feinde die Schlacht an. Aber Caesar war entschlossen, seine +Veteranenlegionen zu erwarten. Als diese dann nach und nach eintrafen +und auf dem Kampfplatz erschienen, verloren Scipio und Juba die Lust, +eine Feldschlacht zu wagen, und Caesar hatte kein Mittel, sie bei ihrer +außerordentlichen Überlegenheit an leichter Reiterei zu einer solchen +zu zwingen. Über Märsche und Scharmützel in der Umgegend von Ruspina +und Thapsus, die hauptsächlich um die Auffindung der landüblichen +Kellerverstecke (Silos) und um Ausbreitung der Posten sich bewegten, +verflossen fast zwei Monate. Caesar, durch die feindlichen Reiter +genötigt, sich möglichst auf den Anhöhen zu halten oder auch seine +Flanken durch verschanzte Linien zu decken, gewöhnte doch während +dieser mühseligen und aussichtslosen Kriegführung allmählich seine +Soldaten an die fremdartige Kampfweise. Freund und Feind erkannten in +dem vorsichtigen Fechtmeister, der seine Leute sorgfältig und nicht +selten persönlich einschulte, den raschen Feldherrn nicht wieder und +wurden fast irre an dieser im Zögern wie im Zuschlagen sich +gleichbleibenden Meisterschaft. Endlich wandte Caesar, nachdem er seine +letzten Verstärkungen an sich gezogen hatte, sich seitwärts gegen +Thapsus. Scipio hatte diese Stadt, wie gesagt, stark besetzt und damit +den Fehler begangen, seinem Gegner ein leicht zu fassendes +Angriffsobjekt darzubieten; zu dem ersten fügte er bald den zweiten, +noch minder verzeihlichen hinzu, die von Caesar gewünschte und von +Scipio mit Recht bisher verweigerte Feldschlacht jetzt zur Rettung von +Thapsus auf einem Terrain zu liefern, das die Entscheidung in die Hände +der Linieninfanterie gab. Unmittelbar am Strande, Caesars Lager +gegenüber, traten Scipios und Jubas Legionen an, die vorderen Reihen +kampffertig, die hinteren beschäftigt, ein verschanztes Lager zu +schlagen; zugleich bereitete die Besatzung von Thapsus einen Ausfall +vor. Den letzteren zurückzuweisen, genügten Caesars Lagerwachen. Seine +kriegsgewohnten Legionen, schon nach der unsicheren Aufstellung und den +schlecht geschlossenen Gliedern den Feind richtig würdigend, zwangen, +während drüben noch geschanzt ward und ehe noch der Feldherr das +Zeichen gab, einen Trompeter, zum Angriff zu blasen, und gingen auf der +ganzen Linie vor, allen voran Caesar selbst, der, da er die Seinigen +ohne seinen Befehl abzuwarten vorrücken sah, an ihrer Spitze auf den +Feind eingaloppierte. Der rechte Flügel, den übrigen Abteilungen voran, +scheuchte die ihm gegenüberstehende Linie der Elefanten - es war dies +die letzte große Schlacht, in der die Bestien verwendet worden sind - +durch Schleuderkugeln und Pfeile zurück auf ihre eigenen Leute. Die +Deckungsmannschaft ward niedergehauen, der linke Flügel der Feinde +gesprengt und die ganze Linie aufgerollt. Die Niederlage war um so +vernichtender, als das neue Lager der geschlagenen Armee noch nicht +fertig und das alte beträchtlich entfernt war; beide wurden +nacheinander fast ohne Gegenwehr erobert. Die Masse der geschlagenen +Armee warf die Waffen weg und bat um Quartier; aber Caesars Soldaten +waren nicht mehr dieselben, die vor Ilerda willig der Schlacht sich +enthalten, bei Pharsalos der Wehrlosen ehrenvoll geschont hatten. Die +Gewohnheit des Bürgerkrieges und der von der Meuterei zurückgebliebene +Groll machten auf dem Schlachtfelde von Thapsus in schrecklicher Weise +sich geltend. Wenn der Hydra, mit der man kämpfte, stets neue Köpfe +nachwuchsen, wenn die Armee von Italien nach Spanien, von Spanien nach +Makedonien, von Makedonien nach Afrika geschleudert ward, die immer +heißer ersehnte Ruhe immer nicht kam, so suchte, und nicht ganz ohne +Ursache, der Soldat davon den Grund in Caesars unzeitiger Milde. Er +hatte es sich geschworen nachzuholen, was der Feldherr versäumt, und +blieb taub für das Flehen der entwaffneten Mitbürger wie für die +Befehle Caesars und der höheren Offiziere. Die fünfzigtausend Leichen, +die das Schlachtfeld von Thapsus bedeckten, darunter auch mehrere als +heimliche Gegner der neuen Monarchie bekannte und deshalb bei dieser +Gelegenheit von ihren eigenen Leuten niedergemachte Caesarische +Offiziere, zeigten, wie der Soldat sich Ruhe schafft. Die siegende +Armee dagegen zählte nicht mehr als fünfzig Tote (6. April 708 46). + +Eine Fortsetzung des Kampfes fand nach der Schlacht von Thapsus so +wenig in Afrika statt, wie anderthalb Jahre zuvor im Osten nach der +Pharsalischen Niederlage. Cato als Kommandant von Utica berief den +Senat, legte den Stand der Verteidigungsmittel dar und stellte es zur +Entscheidung der Versammelten, ob man sich unterwerfen oder bis auf den +letzten Mann sich verteidigen wolle, einzig sie beschwörend, nicht +jeder für sich, sondern alle für einen zu beschließen und zu handeln. +Die mutigere Meinung fand manchen Vertreter; es wurde beantragt, die +waffenfähigen Sklaven von Staats wegen freizusprechen, was aber Cato +als einen ungesetzlichen Eingriff in das Privateigentum zurückwies und +statt dessen einen patriotischen Aufruf an die Sklaveneigentümer +vorschlug. Allein bald verging der größtenteils aus afrikanischen +Großhändlern bestehenden Versammlung diese Anwandlung von +Entschlossenheit, und man ward sich einig zu kapitulieren. Als dann +Faustus Sulla, des Regenten Sohn, und Lucius Afranius mit einer starken +Abteilung Reiterei vom Schlachtfelde her in Utica eintrafen, machte +Cato noch einen Versuch, durch sie die Stadt zu halten; allein ihre +Forderung, sie zuvörderst die unzuverlässige Bürgerschaft von Utica +insgesamt niedermachen zu lassen, wies er unwillig zurück und ließ +lieber die letzte Burg der Republikaner dem Monarchen ohne Gegenwehr in +die Hände fallen als die letzten Atemzüge der Republik durch eine +solche Metzelei entweihen. Nachdem er, teils durch seine Autorität, +teils durch freigebige Spenden, dem Wüten der Soldateska gegen die +unglücklichen Uticenser nach Vermögen gesteuert und, soweit es in +seiner Macht stand, denen, die Caesars Gnade sich nicht anvertrauen +mochten, die Mittel zur Flucht, denen, die bleiben wollten, die +Gelegenheit, unter möglichst leidlichen Bedingungen zu kapitulieren mit +rührender Sorgfalt gewährt und durchaus sich überzeugt hatte, daß er +niemand weiter Hilfe zu leisten vermöge, hielt er seines Kommandos sich +entbunden, zog sich in sein Schlafgemach zurück und stieß sich das +Schwert in die Brust. Auch von den übrigen geflüchteten Reitern +retteten sich nur wenige. Die von Thapsus geflüchteten Reiter stießen +auf die Scharen des Sittius und wurden von ihnen niedergehauen oder +gefangen; ihre Führer Afranius und Faustus wurden an Caesar +ausgeliefert und, da dieser sie nicht sogleich hinrichten ließ, von +dessen Veteranen in einem Auflauf erschlagen. Der Oberfeldherr Metellus +Scipio geriet mit der Flotte der geschlagenen Partei in die Gewalt der +Kreuzer des Sittius und durchbohrte sich selbst, da man Hand an ihn +legen wollte. König Juba, nicht unvorbereitet auf einen solchen +Ausgang, hatte für diesen Fall beschlossen, zu enden, wie es ihm +königlich dünkte, und auf dem Markte seiner Stadt Zama einen ungeheuren +Scheiterhaufen rüsten lassen, der mit seinem Körper auch all seine +Schätze und die Leichen der gesamten Bürgerschaft von Zama verzehren +sollte. Allein die Stadtbewohner verspürten kein Verlangen, bei der +Leichenfeier des afrikanischen Sardanapal sich als Dekoration verwenden +zu lassen und schlossen dem König, da er, vom Schlachtfeld flüchtend, +in Begleitung von Marcus Petreius vor der Stadt erschien, die Tore. Der +König, eine jener im grellen und übermütigen Lebensgenuß verwilderten +Naturen, die auch aus dem Tode sich ein Taumelfest bereiten, begab sich +mit seinem Begleiter nach einem seiner Landhäuser, ließ einen +reichlichen Schmaus auftragen und forderte nach geendeter Mahlzeit den +Petreius auf, mit ihm im Zweikampf um den Tod zu fechten. Es war der +Besieger Catilinas, der ihn von der Hand des Königs empfing; der König +ließ darauf von einem seiner Sklaven sich durchbohren. Die wenigen +angesehenen Männer, welche entkamen, wie Labienus und Sextus Pompeius, +folgten dem älteren Bruder des letzteren nach Spanien und suchten, wie +einst Sertorius, in den Gebirgen und Gewässern dieser immer noch halb +unabhängigen Landschaften ein letztes Räuber- und Piratenasyl. Ohne +Widerstand ordnete Caesar die afrikanischen Verhältnisse. Wie schon +Curio beantragt hatte, ward das Reich des Massinissa aufgelöst. Der +östlichste Teil oder die Landschaft von Sitifis ward mit dem Reich des +Königs Bocchus von Ostmauretanien vereinigt, auch der treue König Bogud +von Tingis mit ansehnlichen Gaben bedacht. Cirta (Constantine) und den +umliegenden Landstrich, die bisher, unter Jubas Oberhoheit, der Fürst +Massinissa und dessen Sohn Arabion besessen hatten, erhielt der +Condottiere Publius Sittius, um seine halbrömischen Scharen daselbst +anzusiedeln ^10; zugleich aber wurde dieser Distrikt sowie überhaupt +der bei weitem größte und fruchtbarste Teil des bisherigen Numidischen +Reiches als “Neuafrika” mit der älteren Provinz Afrika vereinigt und +die Verteidigung der Küstenlandschaft gegen die schweifenden Stämme der +Wüste, welche die Republik einem Klientelkönig überlassen hatte, von +dem neuen Herrscher auf das Reich selbst übernommen. + +——————————————————————— + +^10 Die Inschriften der bezeichneten Gegend bewahren zahlreiche Spuren +dieser Kolonisierung. Der Name der Sittier ist dort ungemein häufig; +die afrikanische Ortschaft Milev führt als römische den Namen colonia +Sarnensis (CIL VIII, p. 1094), offenbar von dem nucerinischen Flußgott +Sarnus (Suet. rhet. 4). + +——————————————————————— + +Der Kampf, den Pompeius und die Republikaner gegen Caesars Monarchie +unternommen hatten, endigte also nach vierjähriger Dauer mit dem +vollständigen Sieg des neuen Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht +erst auf den Schlachtfeldern von Pharsalos und Thapsus festgestellt; +sie durfte bereits sich datieren von dem Augenblick, wo Pompeius und +Caesar im Bunde die Gesamtherrschaft begründet und die bisherige +aristokratische Verfassung über den Haufen geworfen hatten. Doch waren +es erst jene Bluttaufen des 9. August 706 (48) und des 6. April 708 +(46), die das dem Wesen der Alleinherrschaft widerstreitende +Gesamtregiment beseitigten und der neuen Monarchie festen Bestand und +förmliche Anerkennung verliehen. Prätendenteninsurrektionen und +republikanische Verschwörungen mochten nachfolgen und neue +Erschütterungen, vielleicht sogar neue Revolutionen und Restaurationen +hervorrufen; aber die während eines halben Jahrtausend ununterbrochene +Kontinuität der freien Republik war durchrissen und im ganzen Umfang +des weiten Römischen Reiches durch die Legitimität der vollendeten +Tatsache die Monarchie begründet. Der verfassungsmäßige Kampf war zu +Ende; und daß er zu Ende war, das sprach Marcus Cato aus, als er zu +Utica sich in sein Schwert stürzte. Seit vielen Jahren war er in dem +Kampfe der legitimen Republik gegen ihre Bedränger der Vormann gewesen; +er hatte ihn fortgesetzt, lange nachdem jede Hoffnung zu siegen in ihm +erloschen war. Jetzt aber war der Kampf selbst unmöglich geworden; die +Republik, die Marcus Brutus begründet hatte, war tot und niemals wieder +zum Leben zu erwecken; was sollten die Republikaner noch auf der Erde? +Der Schatz war geraubt, die Schildwache damit abgelöst; wer konnte sie +schelten, wenn sie heimging? Es ist mehr Adel und vor allem mehr +Verstand in Catos Tode, als in seinem Leben gewesen war. Cato war +nichts weniger als ein großer Mann; aber bei all jener Kurzsichtigkeit, +jener Verkehrtheit, jener dürren Langweiligkeit und jenen falschen +Phrasen, die ihn, für seine wie für alle Zeit, zum Ideal des +gedankenlosen Republikanertums und zum Liebling aller damit spielenden +Individuen gestempelt haben, war er dennoch der einzige, der das große, +dem Untergang verfallene System in dessen Agonie ehrlich und mutig +vertrat. Darum, weil vor der einfältigen Wahrheit die klügste Lüge +innerlich sich zernichtet fühlt und weil alle Hoheit und Herrlichkeit +der Menschennatur schließlich nicht auf der Klugheit beruht, sondern +auf der Ehrlichkeit, darum hat Cato eine größere geschichtliche Rolle +gespielt als viele an Geist ihm weit überlegene Männer. Es erhöht nur +die tiefe und tragische Bedeutung seines Todes, daß er selber ein Tor +war: eben weil Don Quichotte ein Tor ist, ist er ja eine tragische +Gestalt. Es ist erschütternd, daß auf jener Weltbühne, darauf so viele +große und weise Männer gewandelt und gehandelt hatten, der Narr +bestimmt war zu epilogieren. Auch ist er nicht umsonst gestorben. Es +war ein furchtbar schlagender Protest der Republik gegen die Monarchie, +daß der letzte Republikaner ging, als der erste Monarch kam; ein +Protest, der all jene sogenannte Verfassungsmäßigkeit, mit welcher +Caesar seine Monarchie umkleidete, wie Spinneweben zerriß und das +Schibboleth der Versöhnung aller Parteien, unter dessen Ägide das +Herrentum erwuchs, in seiner ganzen gleisnerischen Lügenhaftigkeit +prostituierte. Der unerbittliche Krieg, den das Gespenst der legitimen +Republik Jahrhunderte lang, von Cassius und Brutus an bis auf Thrasea +und Tacitus, ja noch viel weiter hinab, gegen die Caesarische Monarchie +geführt hat - dieser Krieg der Komplotte und der Literatur ist die +Erbschaft, die Cato sterbend seinem Feinde vermachte. Ihre ganze +vornehme, rhetorisch transzendentale, anspruchsvoll strenge, +hoffnungslose und bis zum Tode getreue Haltung hat diese +republikanische Opposition von Cato übernommen und dann auch den Mann, +der im Leben nicht selten ihr Spott und ihr Ärgernis gewesen war, schon +unmittelbar nach seinem Tode als Heiligen zu verehren begonnen. Die +größte aber unter diesen Huldigungen war die unfreiwillige, die Caesar +ihm erwies, indem er von der geringschätzigen Milde, mit welcher er +seine Gegner, Pompeianer wie Republikaner, zu behandeln gewohnt war, +allein gegen Cato eine Ausnahme machte und noch über das Grab hinaus +ihn mit demjenigen energischen Hasse verfolgte; welchen praktische +Staatsmänner zu empfinden pflegen gegen die auf dem idealen Gebiet, +ihnen ebenso gefährlich wie unerreichbar, opponierenden Gegner. + + + + +KAPITEL XI. +Die alte Republik und die neue Monarchie + + +Der neue Monarch von Rom, der erste Herrscher über das ganze Gebiet +römisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im +sechsundfünfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652 ? 102), als die +Schlacht bei Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette +folgenschwerer Siege, die Entscheidung über die Zukunft der Welt in +seine Hände legte. Weniger Menschen Spannkraft ist also auf die Probe +gestellt worden wie die dieses einzigen schöpferischen Genies, das Rom, +und des letzten, das die alte Welt hervorgebracht und in dessen Bahnen +sie denn auch bis zu ihrem eigenen Untergange sich bewegt hat. Der +Sprößling einer der ältesten Adelsfamilien Latiums, welche ihren +Stammbaum auf die Helden der Ilias und die Könige Roms, ja auf die +beiden Nationen gemeinsame Venus-Aphrodite zurückführte, waren seine +Knaben- und ersten Jünglingsjahre vergangen, wie sie der vornehmen +Jugend jener Epoche zu vergehen pflegten. Auch er hatte von dem Becher +des Modelebens den Schaum wie die Hefen gekostet, hatte rezitiert und +deklamiert, auf dem Faulbett Literatur getrieben und Verse gemacht, +Liebeshändel jeder Gattung abgespielt und sich einweihen lassen in alle +Rasier-, Frisier- und Manschettenmysterien der damaligen +Toilettenweisheit, sowie in die noch weit geheimnisvollere Kunst, immer +zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame Stahl dieser Natur +widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb +sowohl die körperliche Frische ungeschwächt wie die Spannkraft des +Geistes und des Herzens. Im Fechten und im Reiten nahm er es mit jedem +seiner Soldaten auf, und sein Schwimmen rettete ihm bei Alexandreia das +Leben; die unglaubliche Schnelligkeit seiner gewöhnlich des Zeitgewinns +halber nächtlichen Reisen - das rechte Gegenstück zu der +prozessionsartigen Langsamkeit, mit der Pompeius sich von einem Ort zum +andern bewegte - war das Erstaunen seiner Zeitgenossen und nicht die +letzte Ursache seiner Erfolge. Wie der Körper war der Geist. Sein +bewunderungswürdiges Anschauungsvermögen offenbarte sich in der +Sicherheit und Ausführbarkeit all seiner Anordungen, selbst wo er +befahl, ohne mit eigenen Augen zu sehen. Sein Gedächtnis war +unvergleichlich und es war ihm geläufig, mehrere Geschäfte mit gleicher +Sicherheit nebeneinander zu betreiben.: Obgleich Gentleman, Genie und +Monarch hatte er dennoch ein Herz. Solange er lebte, bewahrte er für +seine würdige Mutter Aurelia - der Vater starb ihm früh - die reinste +Verehrung; seinen Frauen und vor allem seiner Tochter Iulia widmete er +eine ehrliche Zuneigung, die selbst auf die politischen Verhältnisse +nicht ohne Rückwirkung blieb. Mit den tüchtigsten und kernigsten +Männern seiner Zeit, hohen und niederen Ranges, stand er in einem +schönen Verhältnis gegenseitiger Treue, mit jedem nach seiner Art. Wie +er selbst niemals einen der Seinen in Pompeius’ kleinmütiger und +gefühlloser Art fallen ließ und, nicht bloß aus Berechnung, in guter +und böser Zeit ungeirrt an den Freunden festhielt, so haben auch von +diesen manche, wie Aulus Hirtius und Gaius Matius, noch nach seinem +Tode ihm in schönen Zeugnissen ihre Anhänglichkeit bewahrt. Wenn in +einer so harmonisch organisierten Natur überhaupt eine einzelne Seite +als charakteristisch hervorgehoben werden kann, so ist es die, daß alle +Ideologie und alles Phantastische ihm fern lag. Es versteht sich von +selbst, daß Caesar ein leidenschaftlicher Mann war, denn ohne +Leidenschaft gibt es keine Genialität; aber seine Leidenschaft war +niemals mächtiger als er. Er hatte eine Jugend gehabt, und Lieder, +Liebe und Wein waren auch in sein Gemüt in lebendigem Leben eingezogen; +aber sie drangen ihm doch nicht bis in den innerlichsten Kern seines +Wesens. :Die Literatur beschäftigte ihn lange und ernstlich; aber wenn +Alexandern der homerische Achill nicht schlafen ließ, so stellte Caesar +in seinen schlaflosen Stunden Betrachtungen über die Beugungen der +lateinischen Haupt- und Zeitwörter an. Er machte Verse wie damals +jeder, aber sie waren schwach; dagegen interessierten ihn astronomische +und naturwissenschaftliche Gegenstände. Wenn der Wein für Alexander der +Sorgenbrecher war und blieb, so mied nach durchschwärmter Jugendzeit +der nüchterne Römer denselben durchaus. Wie allen denen, die in der +Jugend der volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt hat, blieb ein +Schimmer davon unvergänglich auf ihm ruhen: noch in späteren Jahren +begegneten ihm Liebesabenteuer und Erfolge bei Frauen und blieb ihm +eine gewisse Stutzerhaftigkeit im äußeren Auftreten oder richtiger das +erfreuliche Bewußtsein der eigenen männlich schönen Erscheinung. +Sorgfältig deckte er mit dem Lorbeerkranz, mit dem er in späteren +Jahren öffentlich erschien, die schmerzlich empfundene Glatze und hätte +ohne Zweifel manchen seiner Siege darum gegeben, wenn er damit die +jugendlichen Locken hätte zurückkaufen können. Aber wie gern er auch +noch als Monarch mit den Frauen verkehrte, so hat er doch nur mit ihnen +gespielt und ihnen keinerlei Einfluß über sich eingeräumt; selbst sein +vielbesprochenes Verhältnis zu der Königin Kleopatra ward nur +angesponnen, um einen schwacher Punkt in seiner politischen Stellung zu +maskieren. Caesar war durchaus Realist und Verstandesmensch; und was er +angriff und tat, war von der genialen Nüchternheit durchdrungen und +getragen, die seine innerste Eigentümlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte +er das Vermögen, unbeirrt durch Erinnern und Erwarten energisch im +Augenblick zu leben; ihr die Fähigkeit, in jedem Augenblick mit +gesammelter Kraft zu handeln und auch dem kleinsten und beiläufigsten +Beginnen seine volle Genialität zuzuwenden; ihr die Vielseitigkeit, mit +der er erfaßte und beherrschte, was der Verstand begreifen und der +Wille zwingen kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er seine +Perioden fügte, wie seine Feldzüge entwarf; ihr die “wunderbare +Heiterkeit”, die in guten und bösen Tagen ihm treu blieb; ihr die +vollendete Selbständigkeit, die keinem Liebling und keiner Mätresse, ja +nicht einmal dem Freunde Gewalt über sich gestattete. Aus dieser +Verstandesklarheit rührt es aber auch her, daß Cäsar sich über die +Macht des Schicksals und das Können des Menschen niemals Illusionen +machte; für ihn war der holde Schleier gehoben, der dem Menschen die +Unzulänglichkeit seines Wirkens verdeckt. Wie klug er auch plante und +alle Möglichkeiten bedachte, das Gefühl wich doch nie aus seiner Brust, +daß in allen Dingen das Glück, das heißt der Zufall das gute Beste tun +müsse; und damit mag es denn auch zusammenhängen, daß er so oft dem +Schicksal Paroli geboten und namentlich mit verwegener Gleichgültigkeit +seine Person wieder und wieder auf das Spiel gesetzt hat. Wie ja wohl +überwiegend verständige Menschen in das reine Hasardspiel sich +flüchten, so war auch in Caesars Rationalismus ein Punkt, wo er mit dem +Mystizismus gewissermaßen sich berührte. + +Aus einer solchen Anlage konnte nur ein Staatsmann hervorgehen. Von +früher Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne +des Wortes und sein Ziel das höchste, das dem Menschen gestattet ist +sich zu stecken: die politische, militärische, geistige und sittliche +Wiedergeburt der tiefgesunkenen eigenen und der noch tiefer gesunkenen, +mit der seinigen innig verschwisterten hellenischen Nation. Die harte +Schule dreißigjähriger Erfahrungen änderte seine Ärasichten über die +Mittel, wie dies Ziel zu erreichen sei; das Ziel blieb ihm dasselbe in +den Zeiten hoffnungsvoller Erniedrigung wie unbegrenzter +Machtvollkommenheit, in den Zeiten, wo er als Demagog und Verschworener +auf dunklen Wegen zu ihm hinschlich, wie da er als Mitinhaber der +höchsten Gewalt und sodann als Monarch vor den Augen einer Welt im +vollen Sonnenschein an seinem Werke schuf. Alle zu den verschiedensten +Zeiten von ihm ausgegangenen Maßregeln bleibender Art ordnen in den +großen Bauplan zweckmäßig sich ein. Von einzelnen Leistungen Caesars +sollte darum eigentlich nicht geredet werden; er hat nichts Einzelnes +geschaffen. Mit Recht rühmt man den Redner Caesar wegen seiner aller +Advokatenkunst spottenden männlichen Beredsamkeit, die wie die klare +Flamme zugleich erleuchtete und erwärmte. Mit Recht bewundert man an +dem Schriftsteller Caesar die unnachahmliche Einfachheit der +Komposition, die einzige Reinheit und Schönheit der Sprache. Mit Recht +haben die größten Kriegsmeister aller Zeiten den Feldherrn Caesar +gepriesen, der wie kein anderer ungeirrt von Routine und Tradition +immer diejenige Kriegführung zu finden wußte, durch welche in dem +gegebenen Falle der Feind besiegt wird und welche also in dem gegebenen +Falle die rechte ist; der mit divinatorischer Sicherheit für jeden +Zweck das rechte Mittel fand; der nach der Niederlage schlagfertig +dastand, wie Wilhelm von Oranien, und mit dem Siege ohne Ausnahme den +Feldzug beendigte; der das Element der Kriegführung, dessen Behandlung +das militärische Genie von der gewöhnlichen Offiziertüchtigkeit +unterscheidet, die rasche Bewegung der Massen mit unübertroffener +Vollkommenheit handhabte und nicht in der Massenhaftigkeit der +Streitkräfte, sondern in der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, nicht im +langen Vorbereiten, sondern im raschen, ja verwegenen Handeln, selbst +mit unzulänglichen Mitteln, die Bürgschaft des Sieges fand. Allein +alles dieses ist bei Caesar nur Nebensache; er war zwar ein großer +Redner, Schriftsteller und Feldherr, aber jedes davon ist er nur +geworden, weil er ein vollendeter Staumann war. Namentlich spielt der +Soldat in ihm eine durchaus beiläufige Rolle, und es ist eine der +hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten, die ihn von Alexander, Hannibal +und Napoleon unterscheidet, daß in ihm nicht der Offizier, sondern der +Demagog der Ausgangspunkt der politischen Tätigkeit war. Seinem +ursprünglichsten Plan zufolge hatte er sein Ziel wie Perikles und Gaius +Gracchus ohne Waffengewalt zu erreichen gedacht, und achtzehn Jahre +hindurch hatte er als Führer der Popularpartei ausschließlich in +politischen Plänen und Intrigen sich bewegt, bevor er, ungern sich +überzeugend von der Notwendigkeit eines militärischen Rückhalts, schon +ein Vierziger, an die Spitze einer Armee trat. Es war erklärlich, daß +er auch späterhin immer noch mehr Staatsmann blieb als General - +ähnlich wie Cromwell, der auch aus dem Oppositionsführer zum +Militärchef und Demokratenkönig sich umschuf und der überhaupt, wie +wenig der Puritanerfürst dem lockeren Römer zu gleichen scheint, doch +in seiner Entwicklung wie in seinen Zielen und Erfolgen vielleicht +unter allen Staatsmännern Caesar am nächsten verwandt ist. Selbst in +seiner Kriegführung ist diese improvisierte Feldherrnschaft noch wohl +zu erkennen; in Napoleons Unternehmungen gegen Ägypten und gegen +England ist der zum Feldherrn aufgediente Artillerieleutnant nicht +deutlicher sichtbar wie in den gleichartigen Caesars der zum Feldherrn +metamorphosierte Demagog. Ein geschulter Offizier würde es schwerlich +fertig gebracht haben, aus politischen Rücksichten nicht durchaus +zwingender Natur die gegründetsten militärischen Bedenken in der Art +beiseite zu schieben, wie dies Caesar mehrmals, am auffallendsten bei +seiner Landung in Epirus getan hat. Einzelne seiner Handlungen sind +darum militärisch tadelhaft; aber der Feldherr verliert nur, was der +Staatsmann gewinnt. Die Aufgabe des Staatsmanns ist universeller Natur +wie Caesars Genie: wenn er die vielfältigsten und voneinander +entlegensten Dinge angriff, so gingen sie doch alle ohne Ausnahme +zurück auf das eine große Ziel, dem er mit unbedingter Treue und +Folgerichtigkeit diente; und nie hat er von den vielfältigen Seiten und +Richtgen seiner großen Tätigkeit eine vor der andern bevorzugt. Obwohl +ein Meister der Kriegskunst, hat er doch aus staatsmännischen +Rücksichten das Äußerste getan, um den Bürgerkrieg abzuwenden und um, +da er dennoch begann, wenigstens so unblutige Lorbeeren wie möglich zu +ernten. Obwohl der Begründer der Militärmonarchie, hat er doch mit +einer in der Geschichte beispiellosen Energie weder +Marschallshierarchie noch Prätorianerregiment aufkommen lassen. Wenn +überhaupt eine Seite der bürgerlichen Verdienste, so wurden von ihm +vielmehr die Wissenschafter, und die Künste des Friedens vor den +militärischen bevorzugt. Die bemerkenswerteste Eigentümlichkeit seines +staatsmännischen Schaffens ist dessen vollkommene Harmonie. In der Tat +waren alle Bedingungen zu dieser schwersten aller menschlichen +Leistungen in Caesar vereinigt. Durch und durch Realist, ließ er die +Bilder der Vergangenheit und die ehrwürdige Tradition nirgends sich +anfechten: ihm galt nichts in der Politik als die lebendige Gegenwart +und das verständige Gesetz, ebenwie er, auch als Grammatiker die +historisch-antiquarische Forschung beiseite schob und nichts anerkannte +als einerseits den lebendigen Sprachgebrauch, andererseits die Regel +der Gleichmäßigkeit Ein geborener Herrscher, regierte er die Gemüter +der Menschen, wie der Wind die Wolken zwingt, und nötigte die +verschiedenartigsten Naturen, ihm sich zu eigen zu geben, den +schlichten Bürger und den derben Unteroffizier, die vornehmen Damen +Roms und die schönen Fürstinnen Ägyptens und Mauretaniens, den +glänzenden Kavalleriegeneral und den kalkulierenden Bankier. Sein +Organisationstalent ist wunderbar; nie hat ein Staatsmann seine +Bündnisse, nie ein Feldherr seine Armee aus ungefügen und +widerstrebenden Elementen so entschieden zusammengezwungen und so fest +zusammengehalten wie Caesar seine Koalitionen und seine Legionen; nie +ein Regent mit so scharfem Blick seine Werkzeuge beurteilt und ein +jedes an den ihm angemessenen Platz gestellt. Er war Monarch; aber nie +hat er den König gespielt. Auch als unumschränkter Herr von Rom blieb +er in seinem Auftreten der Parteiführer; vollkommen biegsam und +geschmeidig, bequem und anmutig in der Unterhaltung, zuvorkommend gegen +jeden, schien er nichts sein zu wollen als der Erste unter +seinesgleichen. Den Fehler so vieler ihm sonst ebenbürtiger Männer, den +militärischen Kommandoton auf die Politik zu übertragen, hat Caesar +durchaus vermieden; wie vielen Anlaß das verdrießliche Verhältnis zum +Senat ihm auch dazu gab, er hat nie zu Brutalitäten gegriffen, wie die +des achtzehnten Brumaire eine war. Caesar war Monarch; aber nie hat ihn +der Tyrannenschwindel erfaßt. Er ist vielleicht der einzige unter den +Gewaltigen des Herrn, welcher im großen wie im kleinen nie nach Neigung +oder Laune, sondern ohne Ausnahme nach seiner Regentenpflicht gehandelt +hat, und der, wenn er auf sein Leben zurücksah, wohl falsche Rechnungen +zu bedauern, aber keinen Fehltritt der Leidenschaft zu bereuen fand. Es +ist nichts in Caesars Lebensgeschichte, das auch nur im kleinen ^1 sich +vergleichen ließe mit jenen poetisch-sinnlichen Aufwallungen, mit der +Ermordung des Kleitos oder dem Brand von Persepolis, welche die +Geschichte von seinem großen Vorgänger im Osten berichtet. Er ist +endlich vielleicht der einzige unter jenen Gewaltigen, der den +staatsmännischen Takt für das Mögliche und Unmögliche bis an das Ende +seiner Laufbahn sich bewahrt hat und nicht gescheitert ist an +derjenigen Aufgabe, die für großartig angelegte Naturen von allen die +schwerste ist, an der Aufgabe, auf der Zinne des Erfolgs dessen +natürliche Schranken zu erkennen. Was möglich war, hat er geleistet und +nie um des unmöglichen Besseren willen das mögliche Gute unterlassen, +nie es verschmäht, unheilbare Übel durch Palliative wenigstens zu +lindern. Aber wo er erkannte, daß das Schicksal gesprochen, hat er +immer gehorcht. Alexander am Hypanis, Napoleon in Moskau kehrten um, +weil sie mußten, und zürnten dem Geschick, daß es auch seinen +Lieblingen nur begrenzte Erfolge gönnt; Caesar ist an der Themse und am +Rhein freiwillig zurückgegangen und gedachte auch an der Donau und am +Euphrat nicht ungemessene Pläne der Weltüberwindung, sondern bloß +wohlerwogene Grenzregulierungen ins Werk zu setzen. + +——————————————————————— + +^1 Wenn der Handel mit Laberius, den der bekannte Prolog erzählt, als +ein Beispiel von Caesars Tyrannenlaunen angeführt worden ist, so hat +man die Ironie der Situation wie des Dichters gründlich verkannt; ganz +abgesehen von der Naivität, den sein Honorar bereitwillig +einstreichenden Poeten als Märtyrer zu behandeln. + +——————————————————————— + +So war dieser einzige Mann, den zu schildern so leicht scheint und doch +so unendlich schwer ist. Seine ganze Natur ist durchsichtige Klarheit; +und die Überlieferung bewahrt über ihn ausgiebigere und lebendigere +Kunde als über irgendeinen seiner Pairs in der antiken Welt. Eine +solche Persönlichkeit konnte wohl flacher oder tiefer, aber nicht +eigentlich verschieden aufgefaßt werden; jedem nicht ganz verkehrten +Forscher ist das hohe Bild mit denselben wesentlichen Zügen erschienen, +und doch ist dasselbe anschaulich wiederzugeben noch keinem gelungen. +Das Geheimnis liegt in dessen Vollendung. Menschlich wie geschichtlich +steht Caesar in dem Gleichungspunkt, in welchem die großen Gegensätze +des Daseins sich ineinander aufheben. Von gewaltiger Schöpferkraft und +doch zugleich vom durchdringendsten Verstande; nicht mehr Jüngling und +noch nicht Greis; vom höchsten Wollen und vom höchsten Vollbringen; +erfüllt von republikanischen Idealen und zugleich geboren zum König; +ein Römer im tiefsten Kern seines Wesens und wieder berufen, die +römische und die hellenische Entwicklung in sich wie nach außen hin zu +versöhnen und zu vermählen, ist Caesar der ganze und vollständige Mann. +Darum fehlt es denn auch bei ihm mehr als bei irgendeiner anderen +geschichtlichen Persönlichkeit an den sogenannten charakteristischen +Zügen, welche ja doch nichts anderes sind als Abweichungen von der +naturgemäßen menschlichen Entwicklung. Was dem ersten oberflächlichen +Blick dafür gilt, zeigt sich bei näherer Betrachtung nicht als +Individualität, sondern als Eigentümlichkeit der Kulturepoche oder der +Nation; wie denn seine Jugendabenteuer ihm mit allen gleichgestellten +begabteren Zeitgenossen gemein sind, sein unpoetisches, aber energisch +logisches Naturell das Naturell der Römer überhaupt ist. Es gehört dies +mit zu Caesars voller Menschlichkeit, daß er im höchsten Grade durch +Zeit und Ort bedingt ward; denn eine Menschlichkeit an sich gibt es +nicht, sondern der lebendige Mensch kann eben nicht anders als in einer +gegebenen Volkseigentümlichkeit und in einem bestimmten Kulturzug +stehen. Nur dadurch war Caesar ein voller Mann, weil er wie kein +anderer mitten in die Strömungen seiner Zeit sich gestellt hatte und +weil er die kernige Eigentümlichkeit der römischen Nation, die reale +bürgerliche Tüchtigkeit vollendet wie kein anderer in sich trug; wie +denn auch sein Hellenismus nur der mit der italischen Nationalität +längst innig verwachsene war. Aber eben hierin liegt auch die +Schwierigkeit, man darf vielleicht sagen die Unmöglichkeit, Caesar +anschaulich zu schildern. Wie der Künstler alles machen kann, nur nicht +die vollendete Schönheit, so kann auch der Geschichtschreiber, wo ihm +alle tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet, nur darüber +schweigen. Denn es läßt die Regel wohl sich aussprechen, aber sie gibt +uns nur die negative Vorstellung von der Abwesenheit des Mangels; das +Geheimnis der Natur, in ihren vollendetsten Offenbarungen Normalität +und Individualität miteinander zu verbinden, ist unaussprechlich. Uns +bleibt nichts, als diejenigen glücklich zu preisen, die dieses +Vollkommene schauten, und eine Ahnung desselben aus dem Abglanz zu +gewinnen, der auf den von dieser großen Natur geschaffenen Werken +unvergänglich ruht. Zwar tragen auch diese den Stempel der Zeit. Der +römische Mann selbst stellte seinem jugendlichen griechischen Vorgänger +nicht bloß ebenbürtig, sondern überlegen sich an die Seite; aber die +Welt war inzwischen alt geworden und ihr Jugendschimmer verblaßt. +Caesars Tätigkeit ist nicht mehr wie die Alexanders ein freudiges +Vorwärtsstreben in die ungemessene Weite; er baute auf und aus Ruinen +und war zufrieden, in den einmal angewiesenen weiten, aber begrenzten +Räumen möglichst erträglich und möglichst sicher sich einzurichten. Mit +Recht hat denn auch der feine Dichtertakt der Völker um den +unpoetischen Römer sich nicht bekümmert und dagegen den Sohn des +Philippos mit allem Goldglanz der Poesie, mit allen Regenbogenfarben +der Sage bekleidet. Aber mit gleichem Recht hat das staatliche Leben +der Nationen seit Jahrtausenden wieder und wieder auf die Linien +zurückgelenkt, die Caesar gezogen hat, und wenn die Völker, denen die +Welt gehört, noch heute mit seinem Namen die höchsten ihrer Monarchen +nennen, so liegt darin eine tiefsinnige, leider auch eine beschämende +Mahnung. + +Wenn es gelingen sollte, aus den alten in jeder Hinsicht heillosen +Zuständen herauszukommen und das Gemeinwesen zu verjüngen, so mußte vor +allen Dingen das Land tatsächlich beruhigt und der Boden von den +Trümmern, die von der letzten Katastrophe her überall ihn bedeckten, +gesäubert werden. Caesar ging dabei aus von dem Grundsatz der +Versöhnung der bisherigen Parteien oder, richtiger gesagt - denn von +wirklicher Ausgleichung kann bei unversöhnlichen Gegensätzen nicht +gesprochen werden -, von dem Grundsatz, daß der Kampfplatz, auf dem die +Nobilität und die Popularen bisher miteinander gestritten hatten, von +beiden Teilen aufzugeben sei und beide auf dem Boden der neuen +monarchischen Verfassung sich zusammenzufinden hätten. Vor allen Dingen +also galt aller ältere Hader der republikanischen Vergangenheit als +abgetan für immer und ewig. Während Caesar die auf die Nachricht von +der Pharsalischen Schlacht von dem hauptstädtischen Pöbel umgestürzten +Bildsäulen Sullas wiederaufzurichten befahl und also es anerkannte, daß +über diesen großen Mann einzig der Geschichte Gericht zu halten +gebühre, hob er zugleich die letzten noch nachwirkenden Folgen seiner +Ausnahmegesetze auf, rief die noch von den cinnanischen und +sertorianischen Wirren her Verbannten aus dem Exil zurück und gab den +Kindern der von Sulla Geächteten die verlorene passive Wahlfähigkeit +wieder. Ebenso wurden alle diejenigen restituiert, die in dem +vorbereitenden Stadium der letzten Katastrophe durch Zensorenspruch +oder politischen Prozeß, namentlich durch die auf Grund der +Exzeptionalgesetze von 702 (52) erhobenen Anklagen, ihren Sitz im Senat +oder ihre bürgerliche Existenz eingebüßt hatten. Nur blieben, wie +billig, diejenigen, die Geächtete für Geld getötet hatten, auch ferner +bescholten und ward der verwegenste Condottiere der Senatspartei, Milo, +von der allgemeinen Begnadigung ausgeschlossen. + +Weit schwieriger als die Ordnung dieser im wesentlichen bereits der +Vergangenheit anheimgefallenen Fragen war die Behandlung der im +Augenblick sich gegenüberstehenden Parteien: teils des eigenen +demokratischen Anhangs Caesars, teils der gestürzten Aristokratie. Daß +jener mit Caesars Verfahren nach dem Sieg und mit seiner Aufforderung, +den alten Parteistandpunkt aufzugeben, womöglich noch minder +einverstanden war als diese, versteht sich von selbst. Caesar selbst +wollte wohl im ganzen dasselbe, was Gaius Gracchus im Sinne getragen +hatte; allein die Absichten der Caesarianer waren nicht mehr die der +Gracchaner. Die römische Popularpartei war in immer steigender +Progression aus der Reform in die Revolution, aus der Revolution in die +Anarchie, aus der Anarchie in den Krieg gegen das Eigentum gedrängt +worden; sie feierte unter sich das Andenken der Schreckensherrschaft +und schmückte, wie einst der Gracchen, so jetzt des Catilina Grab mit +Blumen und Kränzen; sie hatte unter Caesars Fahne sich gestellt, weil +sie von ihm das erwartete, was Catilina ihr nicht hatte verschaffen +können. Als nun aber sehr bald sich herausstellte, daß Caesar nichts +weniger sein wollte als der Testamentsvollstrecker Catilinas, daß die +Verschuldeten von ihm höchstens Zahlungserleichterungen und +Prozeßmilderungen zu hoffen hatten, da ward die erbitterte Frage laut, +für wen denn die Volkspartei gesiegt habe, wenn nicht für das Volk? und +fing das vornehme und niedere Gesindel dieser Art vor lauter Ärger über +die fehlgeschlagenen politisch-ökonomischen Saturnalien erst an, mit +den Pompeianern zu liebäugeln, dann sogar während Caesars fast +zweijähriger Abwesenheit von Italien (Januar 706 48 bis Herbst 707 47) +daselbst einen Bürgerkrieg im Bürgerkriege anzuzetteln. Der Prätor +Marcus Caelius Rufus, ein guter Adliger und schlechter +Schuldenbezahler, von einigem Talent und vieler Bildung, als ein +heftiger und redefertiger Mann bisher im Senat und auf dem Markte einer +der eifrigsten Vorkämpfer für Caesar, brachte, ohne höheren Auftrag, +bei dem Volke ein Gesetz ein, das den Schuldnern ein sechsjähriges +zinsfreies Moratorium gewährte, sodann, da man ihm hierbei in den Weg +trat, ein zweites, das gar alle Forderungen aus Darlehen und laufenden +Hausmieten kassiert; worauf der Caesarische Senat ihn seines Amtes +entsetzte. Es war eben die Zeit vor der Pharsalischen Schlacht, und die +Waagschale in dem großen Kampfe schien sich auf die Seite der +Pompeianer zu neigen; Rufus trat mit dem alten senatorischen +Bandenführer Milo in Verbindung und beide stifteten eine +Konterrevolution an, die teils die republikanische Verfassung, teils +Kassation der Forderungen und Freierklärung der Sklaven auf ihr Panier +schrieb. Milo verließ seinen Verbannungsort Massalia und rief in der +Gegend von Thurii die Pompeianer und die Hirtensklaven unter die +Waffen; Rufus machte Anstalt, sich durch bewaffnete Sklaven der Stadt +Capua zu bemächtigen. Allein der letztere Plan ward vor der Ausführung +entdeckt und durch die capuanische Bürgerwehr vereitelt; Quintus +Pedius, der mit einer Legion in das thurinische Gebiet einrückte, +zerstreute die daselbst hausende Bande; und der Fall der beiden Führer +machte dem Skandal ein Ende (706 48). Dennoch fand sich das Jahr darauf +(707 47) ein zweiter Tor, der Volkstribun Publius Dolabella, der, +gleich verschuldet, aber ungleich weniger begabt als sein Vorgänger, +dessen Gesetz über die Forderungen und Hausmieten abermals einbrachte +und mit seinem Kollegen Lucius Trebellius darüber noch einmal - es war +das letzte Mal - den Demagogenkrieg begann; es gab arge Händel zwischen +den, beiderseitigen bewaffneten Banden und vielfachen Straßenlärm, bis +der Kommandant von Italien, Marcus Antonius, das Militär einschreiten +ließ und bald darauf Caesars Rückkehr aus dem Osten dem tollen Treiben +vollständig ein Ziel setzte. Caesar legte diesen hirnlosen Versuchen, +die Catilinarischen Projekte wieder aufzuwärmen, so wenig Gewicht bei, +daß er selbst den Dolabella in Italien duldete, ja nach einiger Zeit +ihn sogar wieder zu Gnaden annahm. Gegen solches Gesindel, dem es nicht +um irgend welche politische Frage, sondern einzig um den Krieg gegen +das Eigentum zu, tun ist, genügt, wie gegen die Räuberbanden, das bloße +Dasein einer starken Regierung; und Caesar war zu groß und zu besonnen, +um mit der Angst, die die italischen Trembleurs vor diesen damaligen +Kommunisten empfanden, Geschäfte zu machen und damit seiner Monarchie +eine falsche Popularität zu erschwindeln. + +Wenn Caesar also die gewesene demokratische Partei ihrem schon bis an +die äußerste Grenze vorgeschrittenen Zersetzungsprozeß überlassen +konnte und überließ, so hatte er dagegen gegenüber der bei weitem +lebenskräftigeren ehemaligen aristokratischen Partei durch die gehörige +Verbindung des Niederdrückens und des Entgegenkommens die Auflösung +nicht herbeizuführen - dies vermochte nur die Zeit - sondern sie +vorzubereiten und einzuleiten. Es war das wenigste, daß Caesar, schon +aus natürlichem Anstandsgefühl, es vermied, die gestürzte Partei durch +leeren Hohn zu erbittern, über die besiegten Mitbürger nicht +triumphierte ^2, des Pompeius oft und immer mit Achtung gedachte und +sein vom Volke umgestürztes Standbild am Rathaus bei der Herstellung +des Gebäudes an dem früheren ausgezeichneten Platze wiederum errichten +ließ. Der politischen Verfolgung nach dem Siege steckte Caesar die +möglichst engen Grenzen. Es fand keine Untersuchung statt über die +vielfachen Verbindungen, die die Verfassungspartei auch mit nominellen +Caesarianern gehabt hatte; Caesar warf die in den feindlichen +Hauptquartieren von Pharsalos und Thapsus vorgefundenen Papierstöße +ungelesen ins Feuer und verschonte sich und das Land mit politischen +Prozessen gegen des Hochverrats verdächtige Individuen. Ferner gingen +straffrei aus alle gemeinen Soldaten, die ihren römischen oder +provinzialen Offizieren in den Kampf gegen Caesar gefolgt waren. Eine +Ausnahme ward nur gemacht mit denjenigen römischen Bürgern, die in dem +Heere des numidischen Königs Juba Dienste genommen hatten; ihnen wurde +zur Strafe des Landesverrates das Vermögen eingezogen. Auch den +Offizieren der besiegten Partei hatte Caesar bis zum Ausgang des +spanischen Feldzugs 705 (49) uneingeschränkte Begnadigung gewährt; +allein er überzeugte sich, daß er hiermit zu weit gegangen und daß die +Beseitigung wenigstens der Häupter unvermeidlich sei. Die Regel, die er +von jetzt an zur Richtschnur nahm, war, daß wer nach der Kapitulation +von Ilerda im feindlichen Heere als Offizier gedient oder im Gegensenat +gesessen hatte, wenn er das Ende des Kampfes erlebte, sein Vermögen und +seine politischen Rechte verlor und für Lebenszeit aus Italien verbannt +ward, wenn er das Ende des Kampfes nicht erlebte, wenigstens sein +Vermögen an den Staat fiel, wer aber von diesen früher von Caesar Gnade +angenommen hatte und abermals in den feindlichen Reihen betroffen ward, +damit das Leben verwirkt hatte. In der Ausführung indes wurden diese +Sätze wesentlich gemildert. Todesurteile wurden nur gegen die wenigsten +unter den zahlreichen Rückfälligen wirklich vollstreckt. Bei der +Konfiskation des Vermögens der Gefallenen wurden nicht nur die auf den +einzelnen Massen haftenden Schulden sowie die Mitgiftforderungen der +Witwen wie billig ausgezahlt, sondern auch den Kindern der Toten ein +Teil des väterlichen Vermögens gelassen. Von denjenigen endlich, die +jenen Regeln zufolge Verbannung und Vermögenskonfiskation traf, wurden +nicht wenige sogleich ganz begnadigt oder kamen, wie die zu Mitgliedern +des Senats von Utica gepreßten afrikanischen Großhändler, mit Geldbußen +davon. Aber auch den übrigen ward fast ohne Ausnahme Freiheit und +Vermögen zurückgegeben, wenn sie nur es über sich gewannen, deshalb +bittend bei Caesar einzukommen; manchem, der dessen sich weigerte, wie +zum Beispiel dem Konsular Marcus Marcellus, ward die Begnadigung auch +ungebeten oktroyiert und endlich im Jahre 710 (44) für alle noch nicht +Zurückberufenen eine allgemeine Amnestie erlassen. + +———————————————————————————- + +^2 Auch der Triumph nach der später zu erzählenden Schlacht bei Munda +galt wohl nur den zahlreich in dem besiegten Heer dienenden Lusitanern. + +———————————————————————————— + +Die republikanische Opposition ließ sich denn begnadigen; aber sie war +nicht versöhnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und +Erbitterung gegen den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem +politischen Widerstand gab es freilich keine Gelegenheit mehr - es kam +kaum in Betracht, daß einige oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der +Titelfrage durch demonstratives Einschreiten gegen die, welche Caesar +König genannt hatten, sich die republikanische Märtyrerkrone erwarben; +aber um so entschiedener äußerte der Republikanismus sich als +Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und Wühlen. Keine Hand +regte sich, wenn der Imperator öffentlich erschien. Es regnete +Maueranschläge und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire +gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische +Anspielung wagte, begrüßte ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und +Preis war das Modethema der oppositionellen Broschürenschreiber, und +die Schriften derselben fanden nur ein um so dankbareres Publikum, weil +auch die Literatur nicht mehr frei war. Caesar bekämpfte zwar auch +jetzt noch die Republikaner auf dem eigenen Gebiet; er selbst und seine +fähigeren Vertrauten antworteten auf die Catoliteratur mit Anticatonen, +und es ward zwischen den republikanischen und den Caesarischen +Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen Troern +und Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich von +selbst, daß in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch +gestimmte Publikum Richter war, die Caesarianer den kürzeren zogen. Es +blieb nichts übrig, als die Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb +denn unter den Verbannten die literarisch bekannten und gefährlichen +Männer, wie Publius Nigidius Figulus und Aulus Caecina, schwerer als +andere die Erlaubnis zur Rückkehr nach Italien erhielten, die in +Italien geduldeten oppositionellen Schriftsteller aber einer +tatsächlichen Zensur unterworfen wurden, die um so peinlicher fesselte, +weil das Maß der zu befürchtenden Strafe durchaus arbiträr war ^3. Das +Wühlen und Treiben der gestürzten Parteien gegen die neue Monarchie +wird zweckmäßiger in einem andern Zusammenhang dargestellt werden; hier +genügt es zu sagen, daß Prätendenten- wie republikanische Aufstände +unaufhörlich im ganzen Umfange des Römischen Reiches gärten, daß die +Flamme des Bürgerkrieges, bald von den Pompeianern, bald von den +Republikanern angefacht, an verschiedenen Orten hell wieder emporschlug +und in der Hauptstadt die Verschwörung gegen das Leben des Herrschers +in Permanenz blieb, Caesar aber durch die Anschläge sich nicht einmal +bewegen ließ, auf die Dauer sich mit einer Leibwache zu umgeben und in +der Regel sich begnügte, die entdeckten Konspirationen durch +öffentliche Anschläge bekannt zu machen. Wie sehr Caesar alle seine +persönliche Sicherheit angehenden Dinge mit gleichgültiger Verwegenheit +zu behandeln pflegte, die ernste Gefahr konnte er doch sich unmöglich +verhehlen, mit der diese Masse Mißvergnügter nicht bloß ihn, sondern +auch seine Schöpfungen bedrohte. Wenn er dennoch, alles Warnens und +Hetzens seiner Freunde nicht achtend, ohne über die Unversöhnlichkeit +auch der begnadigten Gegner sich zu täuschen, mit einer wunderbar +kaltblütigen Energie dabei beharrte, der bei weitem größeren Anzahl +derselben zu verzeihen, so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit +einer stolzen, noch Gefühlsmilde einer weichen Natur, sondern es war +die richtige staatsmännische Erwägung, daß überwundene Parteien rascher +und mit minderem Schaden für den Staat innerhalb des Staats sich +absorbieren, als wenn man sie durch Ächtung auszurotten oder durch +Verbannung aus dem Gemeinwesen auszuscheiden versucht. Caesar konnte +für seine hohen Zwecke die Verfassungspartei selbst nicht entbehren, +die ja nicht etwa bloß die Aristokratie, sondern alle Elemente des +Freiheits- und des Nationalsinns innerhalb der italischen Bürgerschaft +in sich schloß; für seine Pläne zur Verjüngung des alternden Staats +bedurfte er der ganzen Masse von Talenten, Bildung, ererbtem und +selbsterworbenem Ansehen, die diese Partei in sich schloß; und wohl in +diesem Sinne mag er die Begnadigung der Gegner den schönsten Lohn des +Siegs genannt haben. So wurden denn zwar die hervorragendsten Spitzen +der geschlagenen Parteien beseitigt; aber den Männern zweiten und +dritten Ranges und namentlich der jüngeren Generation ward die volle +Begnadigung nicht vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in +passiver Opposition zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder +minder gelinden Zwang veranlaßt, sich an der neuen Verwaltung tätig zu +beteiligen und Ehren und Ämter von ihr anzunehmen. Wie für Heinrich IV. +und Wilhelm von Oranien so begannen auch für Caesar die größten +Schwierigkeiten erst nach dem Siege. Jeder revolutionäre Sieger macht +die Erfahrung, daß, wenn er nach Überwältigung der Gegner nicht, wie +Cinna und Sulla, Parteihaupt bleibt, sondern wie Caesar, wie Heinrich +IV. und Wilhelm von Oranien, an die Stelle des notwendig einseitigen +Parteiprogramms die Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen will, +augenblicklich alle Parteien, die eigene wie die besiegt, sich gegen +das neue Oberhaupt vereinigen; und um so mehr, je größer und reiner +dasselbe seinen neuen Beruf auffaßt. Die Verfassungsfreunde und die +Pompeianer, wenn sie auch mit den Lippen Caesar huldigten, grollten +doch im Herzen entweder der Monarchie oder wenigstens der Dynastie; die +gesunkene Demokratie war, seit sie begriffen, daß Caesars Zwecke +keineswegs die ihrigen waren, gegen denselben in offenem Aufruhr; +selbst die persönlichen Anhänger Caesars murrten, als sie ihr Haupt +statt eines Condottierstaats eine allen gliche und gerechte Monarchie +gründen und die auf sie treffenden Gewinnportionen durch das +Hinzutreten der Besiegten sich verringern sahen. Diese Ordnung des +Gemeinwesens war keiner Partei genehm und mußte den Genossen nicht +minder als den Gegnern oktroyiert werden. Caesars eigene Stellung war +jetzt in gewissem Sinne gefährdeter als vor dem Siege; aber was er +verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien vernichtete und die +Parteimänner nicht bloß schonte, sondern jeden Mann von Talent oder +auch nur von guter Herkunft, ohne Rücksicht auf seine politische +Vergangenheit, zu Ämtern gelangen ließ, gewann er nicht bloß für seinen +großen Bau alle im Staate vorhandene Arbeitskraft, sondern das +freiwillige oder gezwungene Schaffen der Männer aller Parteien an +demselben Werke führte auch unmerklich die Nation hinüber auf den +neubereiteten Boden. Wenn diese Ausgleichung der Parteien für den +Augenklick nur äußerlicher Art war und dieselben sich für jetzt viel +weniger in der Anhänglichkeit an die neuen Zustände begegneten als in +dem Hasse gegen Caesar, so irrte dies ihn nicht; er wußte es wohl, daß +die Gegensätze doch in solcher äußerlichen Vereinigung sich abstumpfen +und daß nur auf diesem Wege der Staatsmann der Zeit vorarbeitet, welche +freilich allein vermag, solchen Hader schließlich zu sühnen, indem sie +das alte Geschlecht ins Grab legt. Noch weniger fragte er, wer ihn +haßte oder auf Mord gegen ihn sann. Wie jeder echte Staatsmann diente +er dem Volke nicht um Lohn, auch nicht um den Lohn seiner Liebe, +sondern gab die Gunst der Zeitgenossen hin für den Segen der Zukunft +und vor allem für die Erlaubnis, seien Nation retten und verjüngen zu +dürfen. + +—————————————————————————- + +^3 Wer alte und neue Schriftstellerbedrängnisse zu vergleichen wünscht, +wird in dem Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu +finden. + +—————————————————————————— + +Versuchen wir im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Überführung +der alten Zustände in die neue Bahn, so ist zunächst daran zu erinnern, +daß Caesar nicht kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan +zu einer zeitgemäßen Politik, längst von Gaius Gracchus entworfen, war +von seinen Anhängern und Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist +und Glück, aber ohne Schwanken festgehalten worden. Caesar, von Haus +aus und gleichsam schon nach Erbrecht das Haupt der Popularpartei, +hatte seit dreißig Jahren deren Schild hoch emporgehalten, ohne je die +Farbe zu wechseln oder auch nur zu decken; er blieb Demokrat auch als +Monarch. Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen natürlich von +den catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschränkt antrat, +der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst +persönlichen Haß zollte und die wesentlichen Gedanken der römischen +Demokratie: die Milderung der Lage der Schuldner, die überseeische +Kolonisation, die allmähliche Nivellierung der unter den Klassen der +Staatsangehörigen bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die +Emanzipierung der exekutiven Gewalt vom Senat, unverändert festhielt, +so war auch seine Monarchie so wenig mit der Demokratie im Widerspruch, +daß vielmehr diese erst durch jene zur Vollendung und Erfüllung +gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die orientalische Despotie von +Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius Gracchus sie gründen +wollte, wie Perikles und Cromwell sie gründeten: die Vertretung der +Nation durch ihren höchsten und unumschränkten Vertrauensmann. Es waren +insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen, nicht +eigentlich neue; aber ihm gehört ihre Verwirklichung, die zuletzt +überall die Hauptsache bleibt, und ihm die Großheit der Ausführung, die +selbst den genialen Entwerfer, wenn er sie hätte schauen können, +überrascht haben möchte und die jeden, dem sie in lebendiger +Wirklichkeit oder im Spiegel der Geschichte entgegengetreten ist, +welcher geschichtlichen Epoche und welcher politischen Farbe immer er +angehöre, je nach dem Maß seiner Fassungskraft für menschliche und +geschichtliche Größe mit tiefer und tieferer Bewegung und Bewunderung +ergriffen hat und ewig ergreifen wird. + +Wohl aber wird es gerade hier am Orte sein, das, was der +Geschichtschreiber stillschweigend überall voraussetzt, einmal +ausdrücklich zu fordern und Einspruch zu tun gegen die der Einfalt und +der Perfidie gemeinschaftliche Sitte, geschichtliches Lob und +geschichtlichen Tadel, von den gegebenen Verhältnissen abgelöst, als +allgemein gültige Phrase zu verbrauchen, in diesem Falle das Urteil +über Caesar in ein Urteil über den sogenannten Caesarismus umzudeuten. +Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die +Lehrmeisterin des laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als +könne man die Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten über die +Vergangenheit nur einfach wiederaufblättern und aus denselben der +politischen Diagnose und Rezeptierkunst die Symptome und Spezifika +zusammenlesen; sondern sie ist lehrhaft einzig insofern, als die +Beobachtung der älteren Kulturen die organischen Bedingungen der +Zivilisation überhaupt, die überall gleichen Grundkräfte und die +überall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart und statt zum +gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbständigen Nachschöpfen +anleitet und begeistert. In diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und +des römischen Caesarentums, bei aller unübertroffenen Großheit des +Werkmeisters, bei aller geschichtlichen Notwendigkeit des Werkes, +wahrlich eine schärfere Kritik der modernen Autokratie, als eines +Menschen Hand sie zu schreiben vermag. Nach dem gleichen Naturgesetz, +weshalb der geringste Organismus unendlich mehr ist als die +kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so mangelhafte Verfassung, +die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von Bürgern Spielraum +läßt, unendlich mehr als der genialste und humanste Absolutismus; denn +jene ist der Entwicklung fähig, also lebendig, dieser ist was er ist, +also tot. Dieses Naturgesetz hat auch an der römischen absoluten +Militärmonarchie sich bewährt und nur um so vollständiger sich bewährt, +als sie, unter dem genialen Impuls ihres Schöpfers und bei der +Abwesenheit aller wesentlichen Verwicklungen mit dem Ausland, sich +reiner und freier als irgendein ähnlicher Staat gestaltet hat. Von +Caesar an hielt, wie die späteren Bücher dies darlegen werden und +Gibbon längst es dargelegt hat, das römische Wesen nur noch äußerlich +zusammen und ward nur mechanisch erweitert, während es innerlich eben +mit ihm völlig vertrocknete und abstarb. Wenn in den Anfängen der +Autokratie und vor allem in Caesars eigener Seele noch der +hoffnungsreiche Traum einer Vereinigung freier Volksentwicklung und +absoluter Herrschaft waltet, so hat schon das Regiment der hochbegabten +Kaiser des Julianischen Geschlechts in schrecklicher Weise gelehrt, +inwiefern es möglich ist, Feuer und Wasser in dasselbe Gefäß zu fassen. +Caesars Werk war notwendig und heilsam, nicht weil es an sich Segen +brachte oder auch nur bringen konnte, sondern weil, bei der antiken, +auf Sklavenrum gebauten, von der republikanisch-konstitutionellen +Vertretung völlig abgewandten Volksorganisation und gegenüber der +legitimen, in der Entwicklung eines halben Jahrtausends zum +oligarchischen Absolutismus herangereiften Stadtverfassung, die +absolute Militärmonarchie der logisch notwendige Schlußstein und das +geringste Übel war. Wenn einmal in Virginien und den Carolinas die +Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben wird wie ihre +Wahlverwandten in dem sullanischen Rom, so wird dort auch der +Caesarismus vor dem Geist der Geschichte legitimiert sein ^4; wo er +unter andern Entwicklungsverhältnissen auftritt, ist er zugleich eine +Fratze und eine Usurpation. Die Geschichte aber wird sich nicht +bescheiden, dem rechten Caesar deshalb die Ehre zu verkürzen, weil ein +solcher Wahlspruch den schlechten Caesaren gegenüber die Einfalt irren +und der Bosheit zu Lug und Trug Gelegenheit geben kann. Sie ist auch +eine Bibel, und wenn sie so wenig wie diese, weder dem Toren es wehren +kann sie mißzuverstehen, noch dem Teufel sie zu zitieren, so wird auch +sie imstande sein, beides zu ertragen wie zu vergiften. + +——————————————————————————- + +^4 Als dies geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht +wissen, wie bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten +Sieg, den die Geschichte des Menschengeschlechts bisher verzeichnet +hat, demselben diese furchtbare Probe erspart und dessen Zukunft der +unbedingten, durch keinen fokalen Cäsarismus auf dir Dauer zu hemmenden +sich selbst beherrschenden Freiheit gesichert werden sollte. + +——————————————————————————— + +Die Stellung des neuen Staatsoberhaupts erscheint formell, zunächst +wenigstens, als Diktatur. Caesar übernahm dieselbe zuerst nach der +Rückkehr aus Spanien im Jahre 705 (49), legte sie aber nach wenigen +Tagen wieder nieder und führte den entscheidenden Feldzug des Jahres +706 (48) lediglich als Konsul - es war dies das Amt, über dessen +Bekleidung zunächst der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Aber im Herbst +dieses Jahres, nach der Pharsalischen Schlacht, kam er wieder auf die +Diktatur zurück und ließ sich dieselbe abermals übertragen, zuerst auf +unbestimmte Zeit, jedoch vom 1. Januar 709 (45) an als Jahresamt, +alsdann im Januar oder Februar 710 ^5 (44) auf die Dauer seines Lebens, +so daß er die früher vorbehaltene Niederlegung des Amtes schließlich +ausdrücklich fallen ließ und der Lebenslänglichkeit des Amtes in dem +neuen Titel dictator perpetuus formellen Ausdruck gab. Diese Diktatur, +sowohl jene erste ephemere wie die zweite dauernde, ist nicht die der +alten Verfassung, sondern das nur in dem Namen mit dieser +zusammentreffende höchste Ausnahmeamt nach der Ordnung Sullas; ein Amt, +dessen Kompetenz nicht durch die verfassungsmäßigen Ordnungen über das +höchste Einzelamt, sondern durch besonderen Volksschluß festgestellt +ward und zwar dahin, daß der Inhaber in dem Auftrag, Gesetze zu +entwerfen und das Gemeinwesen zu ordnen, eine rechtlich unumschränkte, +die republikanische Teilung der Gewalten aufhebende Amtsbefugnis +empfing. Es sind nur Anwendungen von dieser allgemeinen Befugnis auf +den einzelnen Fall, wenn dem Machthaber das Recht ohne Befragen des +Senats und des Volkes über Krieg und Frieden zu entscheiden, die +selbständige Verfügung über Heere und Kassen, die Ernennung der +Provinzialstatthalter nach durch besondere Akte übertragen wurden. +Selbst solche Befugnisse, welche außerhalb der magistratischen, ja +außerhalb der Kompetenz der Staatsgewalten überhaupt lagen, konnte +Caesar hiernach von Rechts wegen sich beilegen; und es erscheint fast +als eine Konzession seinerseits, daß er darauf verzichtete, die +Magistrate anstatt der Komitien zu ernennen, und sich darauf +beschränkte, für einen Teil der Prätoren und der niederen Magistrate +ein bindendes Vorschlagsrecht in Anspruch zu nehmen; daß er sich ferner +zu der nach dem Herkommen überhaupt nicht statthaften Kreierung von +Patriziern noch durch besonderen Volksschluß ermächtigen ließ. + +———————————————————————————- + +^5 Am 26. Januar 710 ;44) heißt Caesar noch dictator IIII +(Triumphaltafel); am 25. Februar des Jahres war er bereits dictator +perpetuus (Cic. Phil. 2, 34, 87). Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. +Aufl.. S. 726. + +———————————————————————————- + +Für andere Ämter im eigentlichen Sinn bleibt neben dieser Diktatur kein +Raum. Die Zensur als solche hat Caesar nicht übernommen ^6, wohl aber +die zensorischen Rechte, namentlich das wichtige der Senatorenernennung +in umfassender Weise geübt. + +———————————————————————- + +^6 Die Formulierung jener Diktatur scheint die “Sittenbesserung” +ausdrücklich mithervorgehoben zu haben; aber ein eigenes Amt derart hat +Caesar nicht bekleidet (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. +705). + +———————————————————————- + +Das Konsulat hat er häufig neben der Diktatur, einmal auch ohne +Kollegen bekleidet, aber keineswegs dauernd an seine Person geknüpft +und den Aufforderungen, dasselbe auf fünf oder gar auf zehn Jahre +nacheinander zu übernehmen, keine Folge gegeben. + +Die Oberaufsicht über den Kult brauchte Caesar nicht erst sich +übertragen zu lassen, da er bereits Oberpontifex war. Es versteht sich, +daß auch die Mitgliedschaft des Augurnkollegiums ihm zuteil ward und +überhaupt alte und neue Ehrenrechte in Fülle, wie der Titel eines +Vaters des Vaterlandes, die Benennung seines Geburtsmonats mit dem +Namen, den er nach heute führt, des Julius, und andere, zuletzt in +platte Vergötterung sich verlaufende Manifestationen des beginnenden +Hoftons. Hervorgehoben zu werden verdienen nur zwei Einrichtungen: daß +Caesar den Tribunen des Volkes namentlich in ihrer besonderen +persönlichen Unverletzlichkeit gleichgestellt und daß die +Imperatorenbenennung dauernd an seine Person geknüpft und neben den +sonstigen Amtsbezeichnungen von ihm als Titel geführt ward ^7. + +————————————————————————————————— + +^7 Caesar führt die Bezeichnung Imperator immer ohne Iterationsziffer +und immer hinter dem Namen an erster Stelle (Römisches Staatsrecht, Bd. +2, 3. Aufl., S. 767, A. 1). + +————————————————————————————————— + +Für den Verständigen wird es weder dafür eines Beweises bedürfen, daß +Caesar beabsichtigte, die höchste Gewalt dem Gemeinwesen einzufügen, +und zwar nicht nur auf einige Jahre oder auch als persönliches Amt auf +unbestimmte Zeit, etwa wie Sullas Regentschaft, sondern als +wesentliches und bleibendes Organ, noch auch dafür, daß er für die neue +Institution eine entsprechende und einfache Bezeichnung ausersah; denn +wenn es ein politischer Fehler ist, inhaltlose Namen zu schaffen, so +ist es kaum ein geringerer, den Inhalt der Machtfülle ohne Namen +hinzustellen. Nur ist es freilich, teils weil in dieser Übergangszeit +die ephemeren und die bleibenden Bauten sich noch nicht klar +voneinander sondern, teils weil die dem Winke bereits zuvorkommende +Devotion der Klienten den Herrn mit einer ohne Zweifel ihm selbst +widerwärtigen Fülle von Vertrauensdekreten und Ehrengesetzen +überschüttete, nicht leicht festzustellen, welche definitive +Formulierung Caesar im Sinne gehabt hat. Am wenigsten konnte die neue +Monarchie an das Konsulat anknüpfen, schon wegen der von diesem Amt +nicht wohl zu trennenden Kollegialität, es hat auch Caesar offenbar +darauf hingearbeitet, dieses bisher höchste Amt zum leeren Titel +herabzusetzen und späterhin, wenn er es übernahm, dasselbe nicht das +ganze Jahr hindurch geführt, sondern vor dem Ablauf an Personen zweiten +Ranges abgegeben. Die Diktatur tritt praktisch am häufigsten und +bestimmtesten hervor, aber wahrscheinlich nur, weil Caesar sie als das +benutzen wollte, was sie von alters her im Verfassungsorganismus +bedeutet hatte, als außerordentliche Vorstandschaft zur Überwindung +außerordentlicher Krisen. Als Trägerin der neuen Monarchie dagegen +empfahl sie sich wenig, da Exzeptionalität und Unpopularität diesem +Amte einmal anhafteten und es dem Vertreter der Demokratie kaum +zugetraut werden kann, diejenige Form, die der genialste Vorfechter der +Gegenpartei für seine Zwecke geschaffen hatte, für die dauernde +Organisation zu wählen. Bei weitem geeigneter für die Formulierung der +Monarchie erscheint der neue Imperatorenname, schon darum, weil er in +dieser Verwendung ^8 neu ist und kein bestimmter äußerer Anlaß zur +Einführung desselben erhellt. Der neue Wein durfte nicht in alte +Schläuche gefüllt werden: hier ist zu der neuen Sache der neue Name und +in demselben in prägnantester Weise zusammengefaßt, was schon in dem +Gabinischen Gesetz, nur mit minderer Schärfe, die demokratische Partei +als Kompetenz ihres Oberhauptes formuliert hatte: die Konzentrierung +und Perpetuierung der Amtsgewalt (imperium) in der Hand eines vom Senat +unabhängigen Volkshauptes. Auch begegnet auf Caesars Münzen, namentlich +auf denen der letzten Zeit, neben der Diktatur vorwiegend der +Imperatorentitel und scheint in Caesars Gesetz über politische +Verbrechen der Monarch mit diesem Ausdruck bezeichnet worden zu sein. +Es hat denn auch die Folgezeit, wenngleich nicht unmittelbar, die +Monarchie an den Imperatornamen geknüpft. Um diesem neuen Amt zugleich +die demokratische und die religiöse Weihe zu verleihen, beabsichtigte +Caesar wahrscheinlich, mit demselben teils die tribunizische Gewalt, +teils das Oberpontifikat ein für allemal zu verknüpfen. + +—————————————————————————— + +^8 In republikanischer Zeit wird der Imperatorname, der den siegreichen +Feldherrn bezeichnet, abgelegt mit dem Ende des Feldzugs; als dauernde +Titulatur erscheint er bei Caesar zuerst. + +—————————————————————————— + +Daß die neue Organisation nicht bloß auf die Lebenszeit ihres Stifters +beschränkt bleiben sollte, ist unzweifelhaft; aber derselbe ist nicht +dazu gelangt, die vor allem schwierige Frage der Nachfolge zu +erledigen, und es muß dahingestellt bleiben, ob er die Aufstellung +irgendeiner Form für die Nachfolgerwahl im Sinn gehabt hat, wie sie bei +dem ursprünglichen Königtum bestanden hatte, oder ob er für das höchste +Amt wie die Lebenslänglichkeit, so auch die Erblichkeit hat einführen +wollen, wie dies sein Adoptivsohn späterhin behauptet hat ^9. Es ist +nicht unwahrscheinlich, daß er die Absicht gehabt hat, beide Systeme +gewissermaßen miteinander zu verbinden und die Nachfolge, ähnlich wie +Cromwell und wie Napoleon, in der Weise zu ordnen, daß dem Herrscher +der Sohn in der Herrschaft nachfolgt, wenn er aber keinen Sohn hat oder +der Sohn ihm nicht zur Nachfolge geeignet scheint, der Herrscher in der +Form der Adoption den Nachfolger nach freier Wahl ernennt. + +——————————————————————————- + +^9 Daß bei Caesars Lebzeiten das Imperium sowohl wie das Oberpontifikat +für seine agnatische - leibliche oder durch Adoption vermittelte - +Deszendenz durch einen förmlichen legislatorischen Akt erblich gemacht +worden ist, hat Caesar der Sohn als seinen Rechtstitel zur Herrschaft +geltend gemacht. Nach der Beschaffenheit unserer Überlieferung muß die +Existenz eines derartigen Gesetzes oder Senatsbeschlusses entschieden +in Abrede gestellt werden; es bleibt aber wohl möglich, daß Caesar die +Erlassung eines solchen beabsichtigt hat. Vgl. Römisches Staatsrecht, +Bd. 2, 3. Aufl., S. 767, 1106. + +——————————————————————————- + +Staatsrechtlich lehnte das neue Imperatorenamt sich an an die Stellung, +welche die Konsuln oder Prokonsuln außerhalb der Bannmeile einnahmen, +so daß zunächst das militärische Kommando, daneben aber auch die +höchste richterliche und folgeweise auch die administrative Gewalt +darin enthalten war ^10. Insofern aber war die Gewalt des Imperators +qualitativ der konsularisch-prokonsularischen überlegen, als jene nicht +nach Zeit und Raum begrenzt, sondern lebenslänglich und auch in der +Hauptstadt wirksam war ^11, als der Imperator nicht, wohl aber der +Konsul, durch gleich mächtige Kollegen gehemmt werden konnte und als +alle im Laufe der Zeit der ursprünglicher. höchsten Amtsgewalt +gesetzten Beschränkungen, namentlich die Verpflichtung der Provokation +stattzugeben und die Ratschläge des Senats zu beachten, für den +Imperator wegfielen. Um es mit einem Worte zu sagen: dies neue +Imperatorenamt war nichts anderes als das wiederhergestellte uralte +Königtum; denn ebenjene Beschränkungen in der zeitlichen und örtlichen +Begrenzung der Gewalt, in der Kollegialität und der für gewisse Fälle +notwendigen Mitwirkung des Rats oder der Gemeinde waren es ja, die den +Konsul vom König unterschieden. Es ist kaum ein Zug der neuen +Monarchie, der nicht in der alten sich wiederfände: die Vereinigung der +höchsten militärischen, richterlichen und administrativen Gewalt in der +Hand des Fürsten; eine religiöse Vorstandschaft über das Gemeinwesen; +das Recht, Verordnungen mit bindender Kraft zu erlassen; die +Herabdrückung des Senats zum Staatsrat; die Wiedererweckung des +Patriziats und der Stadtpräfektur. Aber schlagender noch als diese +Analogien ist die innere Gleichartigkeit der Monarchie des Servius +Tullius und der Monarchie Caesars: wenn jene alten Könige vor. Rom bei +all ihrer Vollgewalt doch Herrn einer freien Gemeinde und eben sie die +Schutzmänner des gemeinen Mannes gegen den Adel gewesen waren, so war +auch Caesar nicht gekommen, um die Freiheit aufzulösen, sondern um sie +zu erfüllen, und zunächst, um das unerträgliche Joch der Aristokratie +zu brechen. Es darf auch nicht befremden, daß Caesar, nichts weniger +als ein politischer Antiquarius, ein halbes Jahrtausend zurückgriff, um +zu seinem neuen Staat das Muster zu finden; denn da das höchste Amt des +römischen Gemeinwesens zu allen Zeiten ein durch eine Anzahl +Spezialgesetze eingeschränktes Königtum geblieben war, war auch der +Begriff des Königtums selbst keineswegs verschollen. Zu den +verschiedensten Zeiten und von sehr verschiedenen Seiten her, in der +Dezemviralgewalt, in der Sullanischen und in seiner eigenen Diktatur, +war man während der Republik praktisch auf denselben zurückgekommen; ja +mit einer gewissen logischen Notwendigkeit trat überall, wo das +Bedürfnis einer Ausnahmegewalt .sich zeigte, im Gegensatz gegen das +gewöhnliche beschränkte das unbeschränkte Imperium hervor, welches eben +nichts anderes war als die königliche Gewalt. Endlich empfahlen auch +äußere Rücksichten dies Zurückgehen auf das ehemalige Königtum. Die +Menschheit gelangt zu Neuschöpfungen unsäglich schwer und hegt darum +die einmal entwickelten Formen als ein heiliges Erbstück. Darum knüpfte +Caesar mit gutem Bedacht an Servius Tullius in ähnlicher Weise an, wie +später Karl der Große an ihn angeknüpft hat und Napoleon an Karl den +Großen wenigstens anzuknüpfen versuchte. Er tat dies auch nicht etwa +auf Umwegen und heimlich, sondern so gut wie seine Nachfahren in +möglichst offenkundiger Weise; es war ja eben der Zweck dieser +Anknüpfung, eine klare, nationale und populäre Formulierung für den +neuen Staat zu finden. Seit alter Zeit standen auf dem Kapitol die +Standbilder derjenigen sieben Könige, welche die konventionelle +Geschichte Roms aufzuführen pflegte; Caesar befahl, daneben das seinige +als das achte zu errichten. Er erschien öffentlich in der Tracht der +alten Könige von Alba. In seinem neuen Gesetz über politische +Verbrechen war die hauptsächlichste Abweichung von dem Sullanischen +die, daß neben die Volksgemeinde und auf eine Linie mit ihr der +Imperator als der lebendige und persönliche Ausdruck des Volkes +gestellt ward. In der für die politischen Eide üblichen Formel ward zu +dem Jovis und den Penaten des römischen Volkes der Genius des Imperator +hinzugefügt. Das äußere Kennzeichen der Monarchie war nach der im +ganzen Altertum verbreiteten Ansicht das Bild des Monarchen auf den +Münzen: seit dem Jahre 710 (44) erscheint auf denen des römischen +Staats der Kopf Caesars. Man konnte hiernach wenigstens darüber sich +nicht beschweren, daß Caesar das Publikum über die Auffassung seiner +Stellung im dunkeln ließ; so bestimmt und so förmlich wie möglich trat +er auf, nicht bloß als Monarch, sondern eben als König von Rom. Möglich +ist es sogar, obwohl nicht gerade wahrscheinlich und auf jeden Fall von +untergeordneter Bedeutung, daß er im Sinne gehabt hat, seine Amtsgewalt +nicht mit dem neuen Imperatoren-, sondern geradezu mit dem alten +Königsnamen zu bezeichnen ^12. Schon bei seinen Lebzeiten waren viele +seiner Feinde wie seine Freunde der Ansicht, daß er beabsichtige, sich +ausdrücklich zum König von Rom ernennen zu lassen; ja einzelne seiner +leidenschaftlichsten Anhänger legten ihm die Aufsetzung der Krone auf +verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten nahe; am auffallendsten +Marcus Antonius, indem er als Konsul vor allem Volke Caesar das Diadem +darbot (15. Februar 710 44). Caesar aber wies diese Anträge ohne +Ausnahme von der Hand. Wenn er zugleich gegen diejenigen einschritt, +die diese Vorfälle benutzten, um republikanische Opposition zu machen, +so folgt daraus noch keineswegs, daß es ihm mit der Zurückweisung nicht +Ernst war. Die Annahme nun gar, daß diese Aufforderungen auf sein +Geheiß erfolgt seien, um die Menge auf das ungewohnte Schauspiel des +römischen Diadems vorzubereiten, verkennt völlig die gewaltige Macht +der Gesinnungsopposition, mit welcher Caesar zu rechnen hatte und die +durch eine solche öffentliche Anerkennung ihrer Berechtigung von Seiten +Caesars selbst nicht nachgiebiger werden konnte, vielmehr notwendig +dadurch weiteren Boden gewann. Es kann der unberufene Eifer +leidenschaftlicher Anhänger allein diese Auftritte veranlaßt haben; es +kann auch sein, daß Caesar die Szene mit Antonius nur zuließ oder auch +veranstaltete, um durch die vor den Augen der Bürgerschaft erfolgte und +auf seinen Befehl selbst in die Kalender des Staats eingetragene, in +der Tat nicht wohl wieder zurückzunehmende Ablehnung des Königstitels +dem unbequemen Klatsch auf möglichst eklatante Weise ein Ende zu +machen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Caesar, der den Wert +einer geläufigen Formulierung ebenso würdigte wie die mehr an die Namen +als an das Wesen der Dinge sich heftenden Antipathien der Menge, +entschlossen war, den mit uraltem Bannfluch behafteten und den Römern +seiner Zeit mehr noch für die Despoten des Orients als für ihren Numa +und Servius geläufigen Königsnamen zu vermeiden und das Wesen des +Königtums unter dem Imperatorentitel sich anzueignen. + +——————————————————————- + +^10 Die verbreitete Meinung, die in dem kaiserlichen Imperatorenamt +nichts als die lebenslängliche Reichsfeldherrnwürde sieht, wird weder +durch die Bedeutung des Wortes noch durch die Auffassung der alten +Berichterstatter gerechtfertigt. Imperium ist die Befehlsgewalt, +imperator der Inhaber derselben; in diesen Worten wie in den +entsprechenden griechischen Ausdrucken κράτωρ, αυτοκράτωρ liegt so +wenig eine spezifisch militärische Beziehung, daß es vielmehr eben das +Charakteristische der römischen Amtsgewalt ist, wo sie rein und +vollständig auftritt, Krieg und Prozeß, das ist die militärische und +die bürgerliche Befehlsgewalt, als ein untrennbares Ganze in sich zu +enthalten. Ganz richtig sagt Dio Cassius (53, 17, vgl. 43, 44; 52, 41), +daß der Name Imperator von den Kaisern angenommen ward “zur Anzeige +ihrer Vollgewalt anstatt des Königs- und Diktaturtitels (πρός δήλωσιν +τής αυτοτελούς σφών εξουσίας, αντί τής τού βασιλέως τού τε δικτάτωρος +επικλήσεως); denn diese älteren Titel sind dem Namen nach verschwunden, +der Sache nach aber gibt der Imperatorname dieselben Befugnisse (τό δέ +δή έργον αυτών τή τού αυτοκράτωρος προςηγορία βεβαισύνται), zum +Beispiel das Recht, Soldaten auszuheben, Steuern; auszuschreiben, Krieg +zu erklären und Frieden zu schließen, über Bürger und Nichtbürger in +und außer der Stadt die höchste Gewalt zu üben und jeden an jedem Orte +am Leben oder sonst zu strafen., überhaupt der mit dem höchsten +Imperium in ältester Zeit verbundenen Befugnisse sich anzumaßen”. +Deutlicher kann es wohl nicht gesagt werden, daß imperator eben gar +nichts ist als ein Synonym für rex, so gut wie imperare mit regere +zusammenfällt. + +^11 Als Augustus bei Konstituierung des Prinzipats das Caesarische +Imperium wiederaufnahm, geschah dies mit der Beschränkung, daß es +räumlich und in gewissem Sinn auch zeitlich begrenzt sein solle; die +prokonsularische Gewalt der Kaiser, welche nichts ist als ebendies +Imperium, sollte für Rom und Italien nicht zur Anwendung kommen +(Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3, Aufl., S. 854j. Auf diesem Moment +ruht der wesentliche Unterschied des Caesarischen Imperiums und des +Augustfischen Prinzipats, sowie andererseits auf der schon prinzipiell +und mehr noch praktisch unvollständigen Verwirklichung jener Schranke +die reale Gleichheit beider Institutionen. + +^12 Über diese Frage läßt sich streiten; dagegen muß die Annahme, daß +es Caesars Absicht gewesen, die Römer als Imperator, die Nichtrömer als +Rex zu beherrschen, einfach verworfen werden. Sie stützt sich einzig +auf die Erzählung, daß in der Senatssitzung, in welcher Caesar ermordet +ward, von einem der Orakelpriester Lucius Cotta ein Sibyllenspruch, +wonach die Parther nur von einem “König” könnten überwunden werden, +habe vorgelegt und infolgedessen der Beschluß gefaßt werden sollen, +Caesar das Königtum über die römischen Provinzen zu übertragen. Diese +Erzählung war allerdings schon unmittelbar nach Caesars Tod in Umlauf. +Allein nicht bloß findet sie nirgends irgendwelche auch nur mittelbare +Bestätigung, sondern sie wird von dem Zeitgenossen Cicero (div. 2, 54, +119) sogar ausdrücklich für falsch erklärt und von den späteren +Geschichtschreibern, namentlich von Sueton (79) und Dio (44, 15) nur +als ein Gerücht berichtet, das sie weit entfernt sind, verbürgen zu +wollen; und sie wird denn auch dadurch nicht besser beglaubigt, daß +Plutarch (Caes. 60, 64; Brut. 10) und Appian (civ. 2, 110) ihrer +Gewohnheit gemäß jener anekdotenhaft, dieser pragmatisierend, sie +wiederholen. Es ist diese Erzählung aber nicht bloß unbezeugt, sondern +auch innerlich unmöglich. Wenn man auch davon absehen will, daß Caesar +zu viel Geist und zu viel politischen Takt hatte, um nach Oligarchenart +wichtige Staatsfragen durch einen Schlag mit der Orakelmaschine zu +entscheiden, so konnte er doch nimmermehr daran denken, den Staat, den +er nivellieren wollte, also förmlich und rechtlich zu spalten. + +——————————————————————- + +Indes wie auch die definitive Titulatur gedacht gewesen sein mag, der +Herr war da, und sogleich richtete denn auch der Hof in obligatem Pomp +und obligater Geschmacklosigkeit und Leerheft sich ein. Caesar erschien +öffentlich statt in dem mit Purpurstreifen verbrämten Gewande der +Konsuln in dem ganzpurpurnen, das im Altertum als das Königskleid galt, +und empfing, auf seinem Goldsessel sitzend, ohne sich von demselben zu +erheben, den feierlichen Zug des Senats. Die Geburtstags-, Sieges- und +Gelübdefeste zu seinen Ehren füllten den Kalender. Wenn Caesar nach der +Hauptstadt kam, zogen die vornehmsten seiner Diener scharenweise auf +weite Strecken ihm entgegen ihn einzuholen. Ihm nahe zu sein fing an so +viel zu bedeuten, daß die Mietpreise in dem von ihm bewohnten +Stadtviertel in die Höhe gingen. Durch die Menge der zur Audienz sich +drängenden Personen ward die persönliche Verhandlung mit ihm so +erschwert, daß Caesar sogar mit seinen Vertrauten vielfach schriftlich +zu verkehren sich genötigt sah und daß auch die Vornehmsten stundenlang +im Vorzimmer zu warten hatten. Man empfand es, deutlicher als es Caesar +selber lieb war, daß man nicht mehr zu einem Mitbürger kam. Es entstand +ein monarchischer Adel, welcher in merkwürdiger Weise zugleich neu und +alt war und aus dem Gedanken entsprang, den Adel der Oligarchie durch +den des Königtums, die Nobilität durch das Patriziat in Schatten zu +stellen. Noch immer bestand die Patrizierschaft, wenngleich ohne +wesentliche ständische Vorrechte, doch als geschlossene Junkergilde +fort; aber da sie keine neuen Geschlechter aufnehmen konnte, war sie im +Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zusammengestorben: nicht mehr als +fünfzehn bis sechzehn Patriziergeschlechter waren zu Caesars Zeit noch +vorhanden. Indem Caesar, selber einem derselben entsprossen, das Recht, +neue patrizische Geschlechter zu kreieren, durch Volksbeschluß dem +Imperator erteilen ließ, gründete er, im Gegensatz zu der +republikanischen Nobilität, den neuen Adel des Patriziats, der alle +Erfordernisse eines monarchischen Adels: altersgrauen Zauber, +vollständige Abhängigkeit von der Regierung und gänzliche +Bedeutungslosigkeit auf das glücklichste vereinigte. Nach allen Seiten +hin offenbarte sich das neue Herrenrum. + +Unter einem also tatsächlich unumschränkten Monarchen konnte kaum von +einer Verfassung die Rede sein, geschweige denn von denn Fortbestand +des bisherigen, auf dem gesetzlichen Zusammenwirken der Bürgerschaft, +des Senats und der einzelner. Beamten beruhenden Gemeinwesens. Mit +voller Bestimmtheit ging Caesar zurück auf die Überlieferung der +Königszeit: die Bürgerschaftsversammlung blieb, was sie schon in der +Königszeit gewesen war, neben und mit dem König der höchste und letzte +Ausdruck des souveränen Volkswillens; der Senat ward wieder auf seine +ursprüngliche Bestimmung zurückgeführt, dem Herrn auf dessen Verlangen +Rat zu erteilen; der Herrscher endlich konzentrierte in seiner Person +aufs neue die gesamte Beamtengewalt, so daß es einen anderen +selbständigen Staatsbeamten neben ihm so wenig gab wie neben den +Königen der ältesten Zeit. + +Für die Gesetzgebung hielt der demokratische Monarch fest an dem +uralten Satz des römischen Staatsrechts, daß nur die Volksgemeinde in +Gemeinschaft mit dem sie berufenden König vermögend sei, das +Gemeinwesen organisch zu regulieren, und sanktionierte seine +konstitutiven Verfügungen regelmäßig durch Volksschluß. Die freie Kraft +und die sittlich-staatliche Autorität, die das Ja oder Nein jener alten +Wehrmannschaften in sich getragen hatte, ließ sich freilich den +sogenannten Komitien dieser Zeit nicht wiedereinflößen; die Mitwirkung +der Bürgerschaft bei der Gesetzgebung, die in der alten Verfassung +höchst beschränkt, aber wirklich und lebendig gewesen war, war in der +neuen in praktischer Hinsicht ein wesenloser Schatten. Besonderer +beschränkender Maßregeln gegen die Komitien bedurfte es darum auch +nicht; eine vieljährige Erfahrung hatte gezeigt, daß mit diesem +formellen Souverän jede Regierung, die Oligarchie wie der Monarch, +bequem auskam. Nur insofern, als diese Caesarischen Komitien dazu +dienten, die Volkssouveränität prinzipiell festzuhalten und energisch +gegen den Sultanismus zu protestieren, waren sie ein wichtiges Moment +in dem Caesarischen System und mittelbar von praktischer Bedeutung. + +Daneben aber wurde, wie nicht bloß an sich klar, sondern auch bestimmt +bezeugt ist, schon von Caesar selbst und nicht erst von seinen +Nachfolgern auch der andere Satz des ältesten Staatsrechts wieder +aufgenommen, daß, was der höchste oder vielmehr einzige Beamte +befiehlt, unbedingt Gültigkeit hat, solange er im Amte bleibt, und die +Gesetzgebung zwar nur dem König und der Bürgerschaft gemeinschaftlich +zukommt, die königliche Verordnung aber, wenigstens bis zum Abgang +ihres Urhebers, dem Gesetz gleichsteht. + +Wenn der Demokratenkönig also der Volksgemeinde wenigstens einen +formellen Anteil an der Souveränität zugestand, so war es dagegen +keineswegs seine Absicht, mit der bisherigen Regierung, dem +Senatorenkollegium, die Gewalt zu teilen. Caesars Senat sollte - ganz +anders als der spätere Augusteische - nichts sein als ein höchster +Reichsrat, den er benutzte, um die Gesetze mit ihm vorzuberaten und die +wichtigeren administrativer. Verfügungen durch ihn oder wenigstens +unter seinem Namen zu erlassen, denn es kam freilich auch vor, daß +Senatsbeschlüsse ergingen, von denen selbst von den als bei der +Redaktion gegenwärtig aufgeführten Senatoren keiner eine Ahnung hatte. +Es hatte keine wesentlichen Formschwierigkeiten, den Senat wieder auf +seine ursprüngliche beratende Stellung zurückzuführen, aus der er mehr +tatsächlich als rechtlich herausgetreten war; dagegen war es hier +notwendig, sich vor praktischem Widerstand zu schützen, da der römische +Senat ebenso der Herd der Opposition gegen Caesar war wie der attische +Areopag derjenige gegen Perikles. Hauptsächlich aus diesem Grunde wurde +die Zahl der Senatoren, die bisher höchstens sechshundert im +Normalbestand betragen hatte und durch die letzten Krisen stark +zusammengeschwunden war, durch außerordentliche Ergänzung bis auf +neunhundert gebracht und zugleich, um sie mindestens auf dieser Höhe zu +halten, die Zahl der jährlich zu ernennenden Quästoren, das heißt der +jährlich in den Senat eintretenden Mitglieder, von zwanzig auf vierzig +erhöht ^13. Die außerordentliche Ergänzung des Senats nahm der Monarch +allein vor. Bei der ordentlichen sicherte er einen dauernden Einfluß +sich dadurch, daß die Wahlkollegien durch Gesetz ^14 verpflichtet +wurden, den ersten zwanzig vom Monarchen mit Empfehlungsschreiben +versehenen Bewerbern um die Quästur ihre Stimmen zu geben; überdies +stand es der Krone frei, die an die Quästur oder ein derselben +übergeordnetes Amt geknüpften Ehrenrechte, also namentlich den Sitz im +Senat, ausnahmsweise auch an nichtqualifizierte Individuen zu vergeben. +Die außerordentlichen Ergänzungswahlen fielen natürlich wesentlich auf +Anhänger der neuen Ordnung der Dinge und brachten neben angesehenen +Rittern auch manche zweifelhafte und plebejische Individuen in die hohe +Korporation: ehemalige, durch den Zensor oder infolge eines +Richterspruchs von der Liste gestrichene Senatoren, Ausländer aus +Spanien und Gallien, welche zum Teil erst im Senat ihr Lateinisch zu +lernen hatten, gewesene Unteroffiziere, die bisher nicht einmal den +Ritterring gehabt, Söhne von freigelassenen Leuten oder von solchen, +die unehrenhafte Gewerbe betrieben, und dergleichen Elemente mehr. Die +exklusiven Kreise der Nobilität, denen diese Umgestaltung des +senatorischen Personals natürlich zum bittersten Ärger gereichte, sahen +darin eine absichtliche Herabwürdigung der Institution des Senats +selbst. Einer solchen sich selber vernichtenden Staatskunst war Caesar +nicht fähig; er war ebenso entschlossen, sich nicht von seinem Rat +regieren zu lassen, als überzeugt von der Notwendigkeit des Instituts +an sich. Richtiger hätten sie in diesem Verfahren die Absicht des +Monarchen erkannt, dem Senat seinen bisherigen Charakter der +ausschließlichen Repräsentation des oligarchischen Adels zu nehmen und +ihn wieder zu dem zu machen, was er in der Königszeit gewesen war: zu +einem alle Klassen der Staatsangehörigen durch ihre intelligentesten +Elemente vertretenden und auch den niedrig geborenen und selbst den +fremden Mann nicht mit Notwendigkeit ausschließenden Reichsrat - gerade +wie jene ältesten Könige Nichtbürger, zog Caesar Nichtitaliker in +seinen Senat. + +———————————————————————————— + +^13 Nach der früher angenommenen Wahrscheinlichkeitsrechnung würde dies +eine durchschnittliche Gesamtzahl von 1000-1200 Senatoren ergeben. + +^14 Dasselbe bezog sich allerdings nur auf die Wahlen für das Jahr 711 +(43) und 712 (42) (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 730); +aber gewiß sollte die Einrichtung bleibend werden. + +———————————————————————————— + +Wenn hiermit das Regiment der Nobilität beseitigt und ihre Existenz +untergraben, der Senat in seiner neuen Gestalt aber nichts als ein +Werkzeug des Monarchen war, so wurde zugleich in der Verwaltung und +Regierung des Staats die Autokratie in der schärfsten Weise +durchgeführt und die gesamte Exekutive in der Hand des Monarchen +vereinigt. Vor allen Dingen entschied natürlich in jeder irgend +wesentlichen Frage der Imperator in eigener Person. Caesar hat es +vermocht, das persönliche Regiment in einer Ausdehnung durchzuführen, +die für uns geringe Menschen kaum faßlich ist und die doch nicht allein +aus der beispiellosen Raschheit und Sicherheit seines Arbeitens sich +erklärt, sondern außerdem noch begründet ist in einer allgemeineren +Ursache. Wenn wir Caesar, Sulla, Gaius Gracchus, überhaupt die +römischen Staatsmänner durchweg eine unsere Vorstellungen von +menschlicher Arbeitskraft übersteigende Tätigkeit entwickeln sehen, so +liegt die Ursache nicht in der seit jener Zeit veränderten +Menschennatur, sondern in der seit jener Zeit veränderten Organisation +des Hauswesens. Das römische Haus war eine Maschine, in der dem Herrn +auch die geistigen Kräfte seiner Sklaven und Freigelassenen zuwuchsen; +ein Herr, der diese zu regieren verstand, arbeitete gleichsam mit +unzähligen Geistern. Es war das Ideal bürokratischer Zentralisation, +dem unser Kontorwesen zwar mit Eifer nachstrebt, aber doch hinter dem +Urbild ebenso weit zurückbleibt wie die heutige Kapitalherrschaft +hinter dem antiken Sklavensystem. Caesar verstand diesen Vorteil zu +nutzen: wo ein Posten besonderes Vertrauen in Anspruch nimmt, sehen wir +grundsätzlich, soweit irgend andere Rücksichten es gestatten, ihn +denselben mit seinen Sklaven, Freigelassenen, niedrig geborenen +Klienten besetzen. Seine Werke im ganzen zeigen, was ein +organisierendes Genie wie das seinige mit einem solchen Werkzeug +auszurichten vermochte; auf die Frage, wie im einzelnen diese +wunderbaren Leistungen durchgeführt wurden, haben wir keine +hinreichende Antwort - die Bürokratie gleicht der Fabrik auch darin, +daß das geschaffene Werk nicht als das des einzelnen erscheint, der es +gearbeitet hat, sondern als das der Fabrik, die es stempelt. Nur das +ist vollkommen klar, daß Caesar durchaus keinen Gehilfen bei seinem +Werke gehabt hat, der von persönlichem Einfluß auf dasselbe oder auch +nur in den ganzen Plan eingeweiht gewesen wäre; er war nicht nur allein +Meister, sondern er arbeitete auch ohne Gesellen, nur mit Handlangern. + +Im einzelnen versteht sich von selbst, daß in den eigentlich +politischen Angelegenheiten Caesar soweit irgend möglich jede +Stellvertretung vermied. Wo sie unumgänglich war, wie denn Caesar +namentlich während seiner häufigen Abwesenheit von Rom eines höheren +Organs daselbst durchaus bedurfte, wurde in bezeichnender Weise hierzu +nicht der legale Stellvertreter des Monarchen, der Stadtpräfekt, +bestimmt, sondern ein Vertrauensmann ohne offiziell anerkannte +Kompetenz, gewöhnlich Caesars Bankier, der kluge und geschmeidige +phönikische Kaufmann Lucius Cornelius Balbus aus Gades. In der +Verwaltung war Caesar vor allem darauf bedacht, die Schlüssel der +Staatskasse, die der Senat nach dem Sturze des Königtums sich +zugeeignet und mittels deren er sich des Regiments bemächtigt hatte, +wiederum an sich zu nehmen und sie nur solchen Dienern anzuvertrauen, +die mit ihrem Kopfe unbedingt und ausschließlich ihm hafteten. Zwar dem +Eigentum nach blieb das Privatvermögen des Monarchen von dem Staatsgut +natürlich streng geschieden; aber die Verwaltung des ganzen Finanz- und +Geldwesens des Staates nahm Caesar in die Hand und führte sie durchaus +in der Art, wie er, und überhaupt die römischen Großen, die Verwaltung +ihres eigenen Vermögens zu führen pflegten. Für die Zukunft wurden die +Erhebung der Provinzialgefälle und in der Hauptsache auch die Leitung +des Münzwesens den Sklaven und Freigelassenen des Imperators übertragen +und die Männer senatorischen Standes davon ausgeschlossen - ein +folgenreicher Schritt, aus dem im Laufe der Zeit der so wichtige +Prokuratorenstand und das “kaiserliche Haus” sich entwickelt haben. +Dagegen von den Statthalterschaften, die, nachdem sie ihre finanziellen +Geschäfte an die neuen kaiserlichen Steuereinnehmer abgegeben, mehr +noch als bisher wesentlich Militärkommandos waren, ging nur das +ägyptische Kommando an die eigenen Leute des Monarchen über. Die in +eigentümlicher Art geographisch isolierte und politisch zentralisierte +Landschaft am Nil war, wie schon die während der letzten Krise mehrfach +vorgekommenen Versuche bedrängter italischer Parteichefs, daselbst sich +festzusetzen, hinreichend bewiesen, wie kein anderer Distrikt geeignet, +unter einem fähigen Führer auf die Dauer sich von der Zentralgewalt +loszumachen. Wahrscheinlich war es eben diese Rücksicht, die Caesar +bestimmte, das Land nicht förmlich zur Provinz zu erklären, sondern die +ungefährlichen Lagiden daselbst zu belassen; und sicher wurden aus +diesem Grunde die in Ägypten stationierenden Legionen nicht einem dem +Senat, das heißt der ehemaligen Regierung angehörigen Manne anvertraut, +sondern dieses Kommando, ähnlich wie die Steuereinnehmerstellen, als +ein Gesindeposten behandelt. Im allgemeinen aber überwog bei Caesar die +Rücksicht, die Soldaten Roms nicht, wie die der Könige des Ostens, +durch Lakaien kommandieren zu lassen. Es blieb Regel, die bedeutenderen +Statthalterschaften mit gewesenen Konsuln, die geringeren mit gewesenen +Prätoren zu besetzen; anstatt des fünfjährigen Zwischenraums, den das +Gesetz von 702 (52) vorgeschrieben, knüpfte wahrscheinlich wieder in +alter Weise der Anfang der Statthalterschaft unmittelbar an das Ende +der städtischen Amtstätigkeit an. Dagegen die Verteilung der Provinzen +unter die qualifizierten Kandidaten, die bisher bald durch Volks- oder +Senatsbeschluß, bald durch Vereinbarung der Beamten oder durch das Los +erfolgt war, ging über an den Monarchen; und indem die Konsuln häufig +veranlaßt wurden, vor Ende des Jahres abzudanken und nachgewählten +Konsuln (consules suffecti) Platz zu machen, ferner die Zahl der +jährlich ernannten Prätoren von acht auf sechzehn erhöht und dem +Imperator die Ernennung der Hälfte derselben in ähnlicher Art wie die +der Hälfte der Quästoren übertragen ward, endlich demselben das Recht +reserviert blieb, zwar nicht Titularkonsuln, aber doch Titularprätoren +wie Titularquästoren zu ernennen, sicherte Caesar sich für die +Besetzung der Statthalterschaften eine hinreichende Zahl ihm genehmer +Kandidaten. Die Abberufung blieb natürlich dem Ermessen des Regenten +anheimgestellt, ebenso wie die Ernennung; als Regel wurde angenommen, +daß der konsularische Statthalter nicht über zwei, der prätorische +nicht über ein Jahr in der Provinz bleiben solle. Was endlich die +Verwaltung der Haupt- und Residenzstadt anlangt, so beabsichtigte der +Imperator eine Zeitlang offenbar, auch diese in ähnlicher Weise von ihm +ernannten Beamten anzuvertrauen. Er rief die alte Stadtverweserschaft +der Königszeit wieder ins Leben; zu verschiedenen Malen übertrug er +während seiner Abwesenheit die Verwaltung der Hauptstadt einem oder +mehreren solchen von ihm ohne Befragen des Volkes und auf unbestimmte +Zeit ernannten Stellvertretern, welche die Geschäfte der sämtlichen +Verwaltungsbeamten in sich vereinigten und sogar das Recht besaßen, mit +eigenem Namen, obwohl natürlich nicht mit eigenem Bilde, Münze zu +schlagen. In dem Jahre 707 (47) und in den ersten neun Monaten des +Jahres 709 (45) gab es ferner weder Prätoren noch kurulische Ädilen +noch Quästoren; auch die Konsuln wurden in jenem Jahre erst gegen das +Ende ernannt, und in diesem war gar Caesar Konsul ohne Kollegen. Es +sieht dies ganz aus wie ein Versuch, die alte königliche Gewalt auch +innerhalb der Stadt Rom, bis auf die durch die demokratische +Vergangenheit des neuen Monarchen gebotenen Beschränkungen, vollständig +zu erneuern, also von Beamten, außer dem König selbst, nur den +Stadtpräfekten während des Königs Abwesenheit und die zum Schutz der +Volksfreiheit bestellten Tribunen und Volksädilen bestehen zu lassen, +aber das Konsulat, die Zensur, die Prätur, die kurulische Ädilität und +die Quästur wiederabzuschaffen ^15. Indes ging Caesar hiervon später +wieder ab: weder nahm er selbst den Königstitel an, noch tilgte er jene +ehrwürdigen, mit der glorreichen Geschichte der Republik verwachsenen +Namen. Den Konsuln, Prätoren, Ädilen, Tribunen und Quästoren blieb im +wesentlichen ihre bisherige formelle Kompetenz, allein ihre Stellung +ward dennoch gänzlich umgewandelt. Es war der politische Grundgedanke +der Republik, daß das Römische Reich in der Stadt Rom aufgehe, und +deshalb waren konsequent die hauptstädtischen Munizipal- durchaus als +Reichsbeamte behandelt worden. In Caesars Monarchie fiel mit jener +Auffassung auch diese Folge weg; die Beamten Roms bildeten fortan nur +die erste unter den vielen Reichsmunizipalitäten, und namentlich das +Konsulat ward ein reiner Titularposten, der nur durch die daran +geknüpfte Expektanz einer höheren Statthalterschaft eine gewisse +praktische Bedeutung bewahrte. Das Schicksal, das die römische Gemeinde +den unterworfenen zu bereiten gewohnt gewesen, widerfuhr durch Caesar +ihr selber: ihre Souveränität über das Römische Reich verwandelte sich +in eine beschränkte Kommunalfreiheit innerhalb des römischen Staates. +Daß zugleich die Zahl der Prätoren und Quästoren verdoppelt ward, wurde +schon erwähnt; das gleiche geschah hinsichtlich der Volksädilen, zu +denen zwei neue “Getreideädilen” (aediles Ceriales) zur Überwachung der +hauptstädtischen Zufuhr hinzukamen. Die Besetzung dieser Ämter blieb +der Gemeinde und ward hinsichtlich der Konsuln, vielleicht auch der +Volkstribune und der Volksädilen, nicht beschränkt; daß für die Hälfte +der jährlich zu ernennenden Prätoren, kurulischen Ädilen und Quästoren +der Imperator ein die Wähler bindendes Vorschlagsrecht erhielt, ward in +der Hauptsache schon erwähnt. Überhaupt wurden die altheiligen +Palladien der Volksfreiheit nicht angetastet; was natürlich nicht +hinderte, gegen den einzelnen aufsätzigen Volkstribun ernstlich +einzuschreiten, ja ihn abzusetzen und von der Liste der Senatoren zu +streichen. Indem also der Imperator für die allgemeineren und +wichtigeren Fragen sein eigener Minister war; indem er die Finanzen +durch seine Bedienten, das Heer durch seine Adjutanten beherrschte; +indem die alten republikanischen Staatsämter wieder in Gemeindeämter +der Stadt Rom umgewandelt waren, war die Autokratie hinreichend +begründet. + +————————————————————- + +^15 Daher denn auch die vorsichtigen Wendungen bei Erwähnung dieser +Ämter in Caesars Gesetzen: cum censor aliusve quis magistratus Romae +populi censum aget (Lex Iul. munic., Z. 144); praetor isve quei Romae +iure deicundo praerit (Lex Rubr. oft); quaestor urbanes queive aerario +praerit (Lex Iul. munic., Z. 37 u. ö.). + +————————————————————- + +In der geistlichen Hierarchie dagegen hat Caesar, obwohl er auch über +diesen Teil des Staatshaushalts ein ausführliches Gesetz erließ, nichts +Wesentliches geneuert, außer daß er das Oberpontifikat und vielleicht +die Mitgliedschaft der höheren Priesterkollegien überhaupt mit der +Person des Regenten verknüpfte; womit es teilweise zusammenhängt, daß +in den drei höchsten Kollegien je eine, in dem vierten der +Schmausherren drei neue Stellen geschaffen wurden. Hatte die römische +Staatskirche bisher der herrschenden Oligarchie zur Stütze gedient, so +konnte sie ebendenselben Dienst auch der neuen Monarchie leisten. Die +konservative Religionspolitik des Senats ging über auf die neuen Könige +von Rom; als der streng konservative Varro um diese Zeit seine +‘Altertümer der göttlichen Dinge’, das Haupt- und Grundbuch der +römischen Staatstheologie, bekannt machte, durfte er dieselben dem +Oberpontifex Caesar zueignen. Der matte Glanz, den der Joviskult noch +zu geben vermochte, umfloß den neugegründeten Thron, und der alte +Landesglaube ward in seinen letzten Stadien das Werkzeug eines freilich +von Haus aus hohlen und schwächlichen Caesaropapismus. + +Im Gerichtswesen ward zunächst die alte königliche Gerichtsbarkeit +wiederhergestellt. Wie der König ursprünglich in Kriminal- und +Zivilsachen Richter gewesen war, ohne in jenen an die Gnadeninstanz des +Volkes, in diesen an die Überweisung der Entscheidung der streitigen +Frage an Geschworene rechtlich gebunden zu sein: so nahm auch Caesar +das Recht in Anspruch, Blutgerichte wie Privatprozesse zu alleiniger +und endgültiger Entscheidung an sich zu ziehen und sie im Falle seiner +Anwesenheit selbst, im Fall seiner Abwesenheit durch den Stadtverweser +zu erledigen. In der Tat finden wir ihn, ganz nach der Weise der alten +Könige, teils öffentlich auf dem Markte der Hauptstadt zu Gericht +sitzen über des Hochverrats angeklagte römische Bürger, teils in seinem +Hause Gericht halten über die des gleichen Vergehens beschuldigten +Klientelfürsten; so daß das Vorrecht, das die römischen Bürger vor den +übrigen Untertanen des Königs voraus hatten, allein in der +Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlung bestanden zu haben scheint. +Indes dieses wiedererweckte königliche Oberrichtertum konnte, +wenngleich Caesar mit Unparteilichkeit und Sorgfalt sich demselben +unterzog, doch der Natur der Sache nach tatsächlich nur in +Ausnahmefällen zur Anwendung kommen. Für den gewöhnlichen Rechtsgang in +Kriminal- und Zivilsachen blieb daneben die bisherige republikanische +Rechtspflege im wesentlichen bestehen. Die Kriminalsachen fanden nach +wie vor ihre Erledigung vor den verschiedener, für die einzelnen +Verbrechen kompetenten Geschworenenkommissionen, die Zivilsachen teils +vor dem Erbschafts- oder dem sogenannten “Hundertmännergericht”, teils +vor den Einzelgeschworenen; die Leitung der Gerichte ward, wie bisher, +in der Hauptstadt hauptsächlich von den Prätoren, in den Provinzen von +den Statthaltern beschafft. Auch die politischen Verbrechen blieben +selbst unter der Monarchie einer Geschworenenkommission überwiesen; die +neue Ordnung, die Caesar für dieselbe erließ, spezifizierte die +gesetzlich strafbaren Handlungen genau und in liberaler, jede +Gesinnungsverfolgung ausschließender Weise und setzte als Strafe nicht +den Tod fest, sondern die Verbannung. Hinsichtlich der Auswahl der +Geschworenen, die die Senatorenpartei ausschließlich aus dem Senat, die +strengen Gracchaner ausschließlich aus dem Ritterstand erkoren wissen +wollten, ließ Caesar, getreu dem Grundsatz der Versöhnung der Parteien, +es bei dem Transaktionsgesetze Cottas, jedoch mit der wahrscheinlich +schon durch das Gesetz des Pompeius vom Jahre 699 (55) vorbereiteten +Modifikation, daß die aus den unteren Schichten des Volkes +hervorgegangenen Ärartribunen beseitigt, damit also ein +Geschworenenzensus von mindestens 400000 Sesterzen (30000 Taler) +festgesetzt ward, und Senatoren und Ritter in die +Geschworenenfunktionen, die so lange der Zankapfel zwischen ihnen +gewesen waren, jetzt sich teilten. + +Das Verhältnis der königlichen und der republikanischen Gerichtsbarkeit +war im ganzen konkurrierender Art, so daß jede Sache sowohl vor dem +Königsgericht als vor dem beikommenden republikanischen Gerichtshof +anhängig gemacht werden konnte, wobei im Kollisionsfall natürlich der +letztere zurückstand; wenn dagegen das eine oder das andere Gericht den +Spruch gefällt hatte, die Sache damit endgültig erledigt war. + +Zur Umstoßung eines in einer Zivil- oder in einer Kriminalsache von den +berufenen Geschworenen gefällten Verdikts war auch der neue Herrscher +nicht befugt, ausgenommen wo besondere Momente, zum Beispiel Bestechung +oder Gewalt, schon nach dem Recht der Republik die Kassation des +Geschworenenspruchs herbeiführten. Dagegen erhielt der Satz, daß wegen +eines jeden bloß magistratischen Dekrets der dadurch Beschwerte an den +Vorgesetzten des Dezernenten zu appellieren befugt sei, wahrscheinlich +schon jetzt die große Ausdehnung, aus der die spätere kaiserliche +Appellationsinstanz hervorgegangen ist: es wurden vielleicht sämtliche +rechtsprechende Magistrate, mindestens aber die Statthalter der +sämtlichen Provinzen insofern als Unterbeamte des Herrschers angesehen, +daß von jedem ihrer Dekrete Berufung an denselben eingelegt werden +konnte. + +Allerdings haben diese Neuerungen, von denen die wichtigste, die +Generalisierung der Appellation, nicht einmal unbedingt zu den +Besserungen gezählt werden kann, die Schäden, an denen die römische +Rechtspflege daniederlag, keineswegs ausgeheilt. Der Kriminalprozeß +kann in keinem Sklavenstaat gesund sein, da das Verfahren gegen Sklaven +wenn nicht rechtlich, doch tatsächlich in der Hand des Herrn liegt. Der +römische Herr ahndete begreiflicherweise das Verbrechen seines Knechts +durchgängig nicht als solches, sondern nur insofern es den Sklaven ihm +unbrauchbar oder unangenehm machte; die Verbrechersklaven wurden eben +nur ausrangiert, etwa wie die stößigen Ochsen, und, wie diese an den +Schlächter, so jene in die Fechtbude verkauft. Aber auch der +Kriminalprozeß gegen Freie, der von Haus aus politischer Prozeß gewesen +und zum guten Teil immer geblieben war, hatte in dem wüsten Treiben der +letzten Generationen aus einem ernstlichen Rechtshandel sich +umgewandelt in eine mit Gunst, Geld und Gewalt zu schlagende +Cliquenschlacht. Die Schuld lag an allen Beteiligten zugleich, an den +Beamten, der Jury, den Parteien, sogar dem Zuschauerpublikum; aber die +unheilbarsten Wunden schlug dem Rechte das Treiben der Advokaten. Indem +die Schmarotzerpflanze der römischen Advokatenberedsamkeit gedieh, +wurden alle positiven Rechtsbegriffe zersetzt und der dem Publikum so +schwer einleuchtende Unterschied zwischen Meinung und Beweis aus der +römischen Kriminalpraxis recht eigentlich ausgetrieben. “Ein recht +schlechter Angeklagter”, sagt ein vielerfahrener römischer Advokat +dieser Zeit, “kann auf jedes beliebige Verbrechen, das er begangen oder +nicht begangen hat, angeklagt werden und wird sicher verurteilt.” Es +sind aus dieser Epoche zahlreiche Plädoyers in Kriminalsachen erhalten; +kaum eines ist darunter, das auch nur ernstlich versuchte, das +fragliche Verbrechen zu fixieren und den Beweis oder Gegenbeweis zu +formulieren ^16. Daß der gleichzeitige Zivilprozeß ebenfalls vielfach +ungesund war, bedarf kaum der Erwähnung; auch er litt unter den Folgen +der in alles sich mengenden Parteipolitik, wie denn zum Beispiel in dem +Prozeß des Publius Quinctius (671-673 83-81) die widersprechendsten +Entscheidungen fielen, je nachdem Cinna oder Sulla in Rom die Oberhand +hatte; und die Anwälte, häufig Nichtjuristen, stifteten auch hier +absichtlich und unabsichtlich Verwirrung genug. Aber es lag doch in der +Natur der Sache, daß teils die Partei hier nur ausnahmsweise sich +einmengte, teils die Advokatenrabulistik nicht so rasch und nicht so +tief die Rechtsbegriffe aufzulösen vermochte; wie denn auch die +Zivilplädoyers, die wir aus dieser Epoche besitzen, zwar nicht nach +unseren strengeren Begriffen gute Advokatenschriften, aber doch weit +weniger libellistischen und weit mehr juristischen Inhalts sind als die +gleichzeitigen Kriminalreden. Wenn Caesar der Advokatenberedsamkeit den +von Pompeius ihr angelegten Maulkorb ließ oder gar ihn noch +verschärfte, war damit wenigstens nichts verloren; und viel war +gewonnen, wenn besser gewählte und besser beaufsichtigte Beamte und +Geschworene ernannt wurden und die handgreifliche Bestechung und +Einschüchterung der Gerichte ein Ende nahm. Aber das heilige +Rechtsgefühl und die Ehrfurcht vor dem Gesetz, schwer in den Gemütern +der Menge zu zerrütten, sind schwerer noch wiederzuerzeugen. Wie auch +der Gesetzgeber mannigfaltigen Mißbrauch abstellte, den Grundschaden +vermochte er nicht zu heilen; und man durfte zweifeln, ob die Zeit, die +alles Heilbare heilt, hier Hilfe bringen werde. + +————————————————————————- + +^16 “Weit öfter”, sagt Cicero in seiner Anweisung zur Redekunst (De +orat. 2, 42, 178), zunächst in Beziehung auf den Kriminalprozeß, +“bestimmen Abneigung oder Zuneigung oder Parteilichkeit oder +Erbitterung oder Schmerz oder Freude oder Hoffnung oder Furcht oder +Täuschung oder überhaupt eine Leidenschaft den Wahrspruch der Leute als +der Beweis oder die Vorschrift oder eine Rechtsregel oder die +Prozeßinstruktion oder die Gesetze.” Darauf wird denn die weitere +Unterweisung für den angehenden Sachwalter begründet. + +————————————————————————- + +Das römische Heerwesen dieser Zeit war ungefähr in derselben Verfassung +wie das karthagische zur Zeit Hannibals. Die regierenden Klassen +sendeten nur noch die Offiziere; die Untertanenschaft, Plebejer und +Provinzialen, bildeten das Heer. Der Feldherr war von der +Zentralregierung finanziell und militärisch fast unabhängig und im +Glück wie im Unglück wesentlich auf sich selbst und auf die +Hilfsquellen seines Sprengels angewiesen. Bürger- und sogar +Nationalsinn waren aus dem Heere verschwunden und als innerliches Band +einzig der Korpsgeist übriggeblieben. Die Armee hatte aufgehört ein +Werkzeug des Gemeinwesens zu sein; politisch hatte sie einen eigenen +Willen nicht, wohl aber vermochte sie den des Werkmeisters sich +anzueignen; militärisch sank sie unter den gewöhnlichen elenden Führern +zu einer aufgelösten, unbrauchbaren Rotte herab, entwickelte aber auch +unter dem rechten Feldherrn sich zu einer dem Bürgerheer unerreichbaren +militärischen Vollkommenheit. Der Offiziersstand vor allem war im +tiefsten Verfall. Die höheren Stände, Senatoren und Ritter entwöhnten +immer mehr sich der Waffen. Wenn man sonst um die Stabsoffizierstellen +eifrig geworben hatte, so war jetzt jeder Mann von Ritterrang, welcher +dienen mochte, einer Kriegstribunenstelle sicher und schon mußten +manche dieser Posten mit Männern niedrigeren Standes besetzt werden; +wer aber überhaupt von den Vornehmen noch diente, suchte wenigstens +seine Dienstzeit in Sizilien oder einer anderen Provinz abzutun, wo man +sicher war, nicht vor den Feind zu kommen. Offiziere von gewöhnlicher +Bravour und Brauchbarkeit wurden wie Meerwunder angestaunt; wie denn +namentlich mit Pompeius seine Zeitgenossen eine sie in jeder Hinsicht +kompromittierende militärische Vergötterung trieben. Zum Ausreißen wie +zur Meuterei gab in der Regel der Stab das Signal; trotz der +sträflichen Nachsicht der Kommandierenden waren Anträge auf Kassation +vornehmer Offiziere alltägliche Vorfälle. Noch besitzen wir das von +Caesars eigener Hand nicht ohne Ironie gezeichnete Bild, wie in seinem +eigenen Hauptquartier, als es gegen Ariovist gehen sollte, geflucht und +geweint und an Testamenten und sogar an Urlaubsgesuchen gearbeitet +ward. In der Soldatenschaft war von den besseren Ständen keine Spur +mehr zu entdecken. Gesetzlich bestand die allgemeine Wehrpflicht noch, +allein die Aushebung erfolgte, wenn es neben der Anwerbung dazu kam, in +regelloser Weise; zahlreiche Pflichtige wurden übergangen und die +einmal Eingetretenen dreißig Jahre und länger bei den Adlern +festgehalten. Die römische Bürgerreiterei vegetierte nur noch als eine +Art berittener Nobelgarde, deren salbenduftende Kavaliere und +ausgesuchte Luxuspferde einzig bei den hauptstädtischen Festen eine +Rolle spielten; das sogenannte Bürgerfußvolk war eine aus den +niedrigsten Schichten der Bürgerbevölkerung zusammengeraffte +Lanzknechttruppe; die Untertanen stellten die Reiterei und die leichten +Truppen ausschließlich und fingen an, auch im Fußvolk immer stärker +mitverwendet zu werden. Die Rottenführerstellen in den Legionen, auf +denen bei der damaligen Kriegführung die Tüchtigkeit der Abteilungen +wesentlich beruhte und zu denen nach der nationalen Kriegsverfassung +der Soldat mit der Pike sich empordiente, wurden jetzt nicht bloß +regelmäßig nach Gunst vergeben, sondern sogar nicht selten an den +Meistbietenden verkauft. Die Zahlung des Soldes erfolgte bei der +schlechten Finanzwirtschaft der Regierung und der Feilheit und +Betrügerei der großen Majorität der Beamten höchst mangelhaft und +unregelmäßig. + +Die notwendige Folge hiervon war, daß im gewöhnlichen Laufe der Dinge +die römischen Armeen die Provinzen ausraubten, gegen die Offiziere +meuterten und vor dem Feinde davonliefen; es kam vor, daß beträchtliche +Heere, wie das makedonische des Piso im Jahre 697 (57), ohne +eigentliche Niederlage, bloß durch diese Mißwirtschaft vollständig +ruiniert wurden. Fähige Führer dagegen, wie Pompeius, Caesar, Gabinius, +bildeten wohl aus dem vorhandenen Material tüchtige und schlagfertige, +zum Teil musterhafte Armeen; allein es gehörten diese Armeen viel mehr +ihrem Heerführer als dem Gemeinwesen. Der noch weit vollständigere +Verfall der römischen Marine, die zu allem andern den Römern +antipathisch geblieben und nie völlig nationalisiert worden war, bedarf +kaum der Erwähnung. Es war eben auch hier nach allen Seiten hin unter +dem oligarchischen Regiment ruiniert worden, was überhaupt ruiniert +werden konnte. + +Caesars Reorganisation des römischen Militärwesens beschränkte sich im +wesentlichen darauf, die unter der bisherigen schlaffen und unfähigen +Oberleitung gelockerten Zügel der Disziplin wieder straff und fest +anzuziehen. Einer radikalen Reform schien ihm das römische Heerwesen +entweder nicht bedürftig oder auch nicht fähig; die Elemente der Armee +akzeptierte er, ebenwie Hannibal sie akzeptiert hatte. Die Bestimmung +seiner Gemeindeordnung, daß, um vor dem dreißigsten Jahre ein +Gemeindeamt zu bekleiden oder im Gemeinderat zu sitzen, ein +dreijähriger Dienst zu Pferde - das heißt als Offizier - oder ein +sechsjähriger zu Fuß erforderlich sei, beweist wohl, daß er die +besseren Stände in das Heer zu ziehen wünschte, aber ebenso deutlich +auch, daß bei dem immer mehr einreißenden unkriegerischen Geist der +Nation er selbst es nicht mehr für möglich hielt, die Bekleidung eines +Ehrenamtes an die Überstehung der Dienstzeit unbedingt wie ehedem zu +knüpfen. Ebendaraus wird es sich erklären, daß Caesar keinen Versuch +gemacht hat, die römische Bürgerreiterei wiederherzustellen. Die +Aushebung ward besser geordnet, die Dienstzeit geregelt und abgekürzt; +übrigens blieb es dabei, daß die Linieninfanterie vorwiegend aus den +niederen Ständen der römischen Bürgerschaft, die Reiterei und die +leichte Infanterie aus der Untertanenschaft ausgehoben ward - daß für +die Reorganisation der Kriegsflotte nichts geschah, ist auffallend. +Eine ohne Zweifel ihrem Urheber selbst bedenkliche Neuerung, zu der die +Unzuverlässigkeit der Untertanenreiterei zwang, war es, daß Caesar +zuerst von dem altrömischen System abwich, niemals mit Söldnern zu +fechten, und in die Reiterei gemietete Ausländer, namentlich Deutsche, +einstellte. Eine andere Neuerung war die Einsetzung der +Legionsadjutanten (legati legionis). Bis dahin hatten die teils von der +Bürgerschaft, teils von dem betreffenden Statthalter ernannten +Kriegstribune in der Art die Legionen geführt, daß jeder derselben je +sechs vorgesetzt waren und unter diesen das Kommando wechselte; einen +Einzelkommandanten der Legion bestellte nur vorübergehend und +außerordentlicherweise der Feldherr. In späterer Zeit dagegen +erscheinen jene Legionsobersten oder Legionsadjutanten teils als eine +bleibende und organische Institution, teils als ernannt nicht mehr von +dem Statthalter, dem sie gehorchen, sondern von dem Oberkommando in +Rom; beides scheint auf Caesars an das Gabinische Gesetz anknüpfende +Einrichtungen zurückzugehen. Der Grund der Einführung dieser wichtigen +Zwischenstufe in die militärische Hierarchie wird teils in dem +Bedürfnis einer energischen Zentralisierung des Kommandos, teils in dem +fühlbaren Mangel an fähigen Oberoffizieren, teils und vor allem in der +Absicht zu suchen sein, durch Zuordnung eines oder mehrerer vom +Imperator ernannten Obersten dem Statthalter ein Gegengewicht zu geben. +Die wesentlichste Veränderung im Heerwesen bestand in der Aufstellung +eines bleibenden Kriegshauptes in dem Imperator, welcher anstatt des +bisherigen unmilitärischen und in jeder Beziehung unfähigen +Regierungskollegiums das gesamte Armeeregiment in seinen Händen +vereinigte und dasselbe also aus einer meist bloß nominellen Direktion +in ein wirkliches und energisches Oberkommando umschuf. Wir sind nicht +gehörig darüber unterrichtet, in welcher Weise dies Oberkommando sich +zu den bis dahin in ihren Sprengeln allmächtigen Spezialkommandos +stellte. Wahrscheinlich lag dabei im allgemeinen die Analogie des +zwischen dem Prätor und dem Konsul oder auch dem Konsul und dem +Diktator obwaltenden Verhältnisses zu Grunde, so daß der Statthalter +zwar an sich die höchste militärische Gewalt in seinem Sprengel +behielt, aber der Imperator in jedem Augenblick dieselbe ihm ab und sie +für sich oder seine Beauftragten zu nehmen befugt war und daß, während +die Gewalt des Statthalters auf den Sprengel beschränkt war, die des +Imperators wieder, wie die königliche und die ältere konsularische, +sich über das gesamte Reich erstreckte. Ferner ist höchst +wahrscheinlich schon jetzt die Ernennung der Offiziere, sowohl der +Kriegstribune als der Centurionen, soweit sie bisher dem Statthalter +zugestanden ^17, ebenso wie die Ernennung der neuen Legionsadjutanten +unmittelbar an den Imperator gekommen und ebenso mögen schon jetzt die +Anordnung der Aushebungen, die Abschiedserteilung, die wichtigeren +Kriminalfälle an das Oberkommando gezogen worden sein. Bei dieser +Beschränkung der Kompetenz der Statthalter und bei der regulierten +Kontrolle des Imperators war fernerhin nicht leicht, weder eine völlige +Verwahrlosung der Armeen noch eine Umwandlung derselben in persönliche +Gefolgschaften der einzelnen Offiziere zu befürchten. Indes, so +entschieden auch die Verhältnisse zur Militärmonarchie hindrängten und +so bestimmt Caesar das Oberkommando ausschließlich für sich nahm, war +er dennoch keineswegs gesonnen, seine Gewalt durch und auf das Heer zu +begründen. Er hielt zwar eine stehende Armee notwendig für seinen +Staat, aber nur, weil derselbe seiner geographischen Lage nach einer +umfassenden Grenzregulierung und stehender Grenzbesatzungen bedurfte. +Teils in früheren Epochen, teils während des letzten Bürgerkrieges +hatte er an Spaniens Befriedigung gearbeitet und in Afrika längs der +großen Wüste, im Nordwesten des Reiches an der Rheinlinie feste +Stellungen für die Grenzverteidigung eingerichtet. Mit ähnlichen Plänen +beschäftigte er sich für die Landschaften am Euphrat und an der Donau. +Vor allen Dingen gedachte er gegen die Parther zu ziehen und den Tag +von Karrhä zu rächen; er hatte drei Jahre für diesen Krieg bestimmt und +war entschlossen, mit diesen gefährlichen Feinden ein für allemal und +ebenso vorsichtig wie gründlich abzurechnen. Ebenso hatte er den Plan +entworfen, den zu beiden Seiten der Donau gewaltig um sich greifenden +Getenkönig Burebistas anzugreifen und auch im Nordosten Italien durch +ähnliche Marken zu schützen, wie er sie ihm im Keltenland geschaffen. +Dagegen liegen durchaus keine Beweise dafür vor, daß Caesar gleich +Alexander einen Siegeslauf in die unendliche Ferne im Sinn hatte; es +wird wohl erzählt, daß er von Parthien aus an das Kaspische und von +diesem an das Schwarze Meer, sodann an dem Nordufer desselben bis zur +Donau zu ziehen, ganz Skythien und Germanien bis an den - nach +damaliger Vorstellung vom Mittelmeer nicht allzu fernen - nördlichen +Ozean zum Reiche zu bringen und durch Gallien heimzukehren beabsichtigt +habe; allein keine irgend glaubwürdige Autorität verbürgt die Existenz +dieser fabulosen Projekte. Bei einem Staat, der, wie der römische +Caesars, bereits eine schwer zu bewältigende Masse barbarischer +Elemente in sich schloß und mit deren Assimilierung noch auf +Jahrhunderte hinaus mehr als genug zu tun hatte, wären solche +Eroberungen, auch ihre militärische Ausführbarkeit angenommen, doch +nichts gewesen als noch weit glänzendere und noch weit schlimmere +Fehler als die indische Heerfahrt Alexanders. Sowohl nach Caesars +Verfahren in Britannien und Deutschland wie nach dem Verhalten +derjenigen, die die Erben seiner politischen Gedanken wurden, ist es in +hohem Grade wahrscheinlich, daß Caesar, mit Scipio Aemilianus, die +Götter nicht anrief, das Reich zu mehren, sondern es zu erhalten, und +daß seine Eroberungspläne sich beschränkten auf eine, freilich nach +seinem großartigen Maßstab bemessene, Grenzregulierung, welche die +Euphratlinie sichern und anstatt der völlig schwankenden und +militärisch nichtigen nordöstlichen Reichsgrenze die Donaulinie +feststellen und verteidigungsfähig machen sollte. Indes wenn es nur +wahrscheinlich bleibt, daß Caesar nicht in dem Sinne als Welteroberer +bezeichnet werden darf wie Alexander und Napoleon, so ist das +vollkommen gewiß, daß er seine neue Monarchie nicht zunächst auf die +Armee zu stützen, überhaupt nicht die militärische Gewalt über die +bürgerliche zu setzen, sondern sie dem bürgerlichen Gemeinwesen ein- +und soweit möglich unterzuordnen gedachte. Die unschätzbaren Stützen +eines Soldatenstaates, jene alten vielgefeierten gallischen Legionen, +wurden eben wegen ihres mit einem bürgerlichen Gemeinwesen +unverträglichen Korpsgeistes in ehrenvoller Weise annulliert und ihre +ruhmvollen Namen pflanzten nur sich fort in neugegründeten städtischen +Gemeinden. Die von Caesar bei der Entlassung mit Landlosen beschenkten +Soldaten wurden nicht wie die Sullas in eigenen Kolonien gleichsam +militärisch zusammengesiedelt, sondern, namentlich soweit sie in +Italien ansässig wurden, möglichst vereinzelt und durch die ganze +Halbinsel zerstreut; nur war es freilich nicht zu vermeiden, daß auf +den zur Verfügung gebliebenen Teilen des kampanischen Ackers die alten +Soldaten Caesars dennoch in Masse sich zusammenfanden. Der schwierigen +Aufgabe, die Soldaten einer stehenden Armee innerhalb der Kreise des +bürgerlichen Lebens zu halten, suchte Caesar zu genügen teils durch +Festhaltung der bisherigen nur gewisse Dienstjahre, nicht aber einen +eigentlich stehenden, das heißt durch keine Entlassung unterbrochenen +Dienst vorschreibenden Ordnung, teils durch die schon erwähnte +Verkürzung der Dienstzeit, welche einen rascheren Wechsel des +Soldatenpersonals herbeiführte, teils durch regelmäßige Ansiedlung der +ausgedienten Soldaten als Ackerkolonisten, teils und vornehmlich +dadurch, daß die Armee von Italien und überhaupt von den eigentlichen +Sitzen des bürgerlichen und politischen Lebens der Nation ferngehalten +und der Soldat dahin gewiesen ward, wo er nach der Meinung des großen +Königs allein an seinem Platze war: in die Grenzstationen zur Abwehr +des auswärtigen Feindes. Das rechte Kriterium des Militärstaates, die +Entwicklung und Bevorzugung der Gardetruppe, findet ebenfalls bei +Caesar sich nicht. Obwohl in der aktiven Armee das Institut einer +besonderen Leibwache des Feldherrn bereits seit langem bestand, so +tritt diese doch in Caesars Heerführung vollständig in den Hintergrund; +seine prätorische Kohorte scheint wesentlich nur aus +Ordonnanzoffizieren oder nichtmilitärischen Begleitern bestanden zu +haben und niemals ein eigentliches Elitenkorps, also auch niemals +Gegenstand der Eifersucht der Linientruppen gewesen zu sein. Wenn +Caesar schon als Feldherr die Leibwache tatsächlich fallen ließ, so +duldete er um so weniger als König eine Garde um sich. Obwohl +beständig, und ihm wohl bewußt, von Mördern umschlichen, wies er +dennoch den Antrag des Senats auf Errichtung einer Nobelgarde zurück, +entließ, sowie die Dinge einigermaßen sich beruhigten, die spanische +Eskorte, deren er in der ersten Zeit in der Hauptstadt sich bedient +hatte, und begnügte sich mit dem Gefolge von Gerichtsdienern, wie es +für die römischen Oberbeamten hergebracht war. Wie viel auch Caesar von +dem Gedanken seiner Partei und seiner Jugend, ein perikleisches +Regiment in Rom nicht kraft des Säbels, sondern kraft des Vertrauens +der Nation zu begründen, im Kampfe mit den Realitäten hatte müssen +fallen lassen - den Grundgedanken, keine Militärmonarchie zu stiften, +hielt er auch jetzt noch mit einer Energie fest, zu der die Geschichte +kaum eine Parallele darbietet. Allerdings war auch dies ein +unausführbares Ideal - es war die einzige Illusion, in der das +sehnsüchtige Verlangen in diesem starken Geiste mächtiger war als der +klare Verstand. Ein Regiment, wie es Caesar im Sinne trug, war nicht +bloß notwendig höchst persönlicher Natur und mußte mit dem Tode des +Urhebers ebenso zugrunde gehen wie die verwandten Schöpfungen Perikles’ +und Cromwells mit dem Tode ihrer Stifter; sondern bei dem tief +zerrütteten Zustand der Nation war es nicht einmal glaublich, daß es +dem achten König von Rom auch nur für seine Lebenszeit gelingen werde, +so wie seine sieben Vorgänger seine Mitbürger bloß kraft Gesetz und +Recht zu beherrschen, und ebensowenig wahrscheinlich, daß es ihm +gelingen werde, das stehende Heer, nachdem es im letzten Bürgerkrieg +seine Macht kennengelernt und die Scheu verlernt hatte, wieder als +dienendes Glied in die bürgerliche Ordnung einzufügen. Wer kaltblütig +erwog, bis zu welchem Grade die Furcht vor dem Gesetz aus den untersten +wie aus den obersten Schichten der Gesellschaft entwichen war, dem +mußte die erstere Hoffnung vielmehr ein Traum dünken; und wenn mit der +Marianischen Reform des Heerwesens der Soldat überhaupt aufgehört hat, +Bürger zu sein, so zeigten die kampanische Meuterei und das +Schlachtfeld von Thapsus mit leidiger Deutlichkeit, in welcher Art +jetzt die Armee dem Gesetze ihren Arm lieh. Selbst der große Demokrat +vermochte die Gewalten, die er entfesselt hatte, nur mühsam und +mangelhaft wieder zu bändigen; Tausende von Schwertern flogen noch auf +seinen Wink aus der Scheide, aber zurück in die Scheide kehrten sie +schon nicht mehr auf seinen Wink. Das Verhängnis ist mächtiger als das +Genie. Caesar wollte der Wiederhersteller des bürgerlichen Gemeinwesens +werden und ward der Gründer der von ihm verabscheuten Militärmonarchie; +er stürzte den Aristokraten- und Bankierstaat im Staate nur, um an +deren Platz den Soldatenstaat im Staate zu setzen, und das Gemeinwesen +blieb wie bisher tyrannisiert und exploitiert von einer privilegierten +Minorität. Aber dennoch ist es ein Privilegium der höchsten Naturen, +also schöpferisch zu irren. Die genialen Versuche großer Männer, das +Ideal zu realisieren, wenn sie auch ihr Ziel nicht erreichen, bilden +den besten Schatz der Nationen. Es ist Caesars Werk, daß der römische +Militärstaat erst nach mehreren Jahrhunderten zum Polizeistaat ward und +daß die römischen Imperatoren, wie wenig sie sonst auch dem großen +Begründer ihrer Herrschaft glichen, doch den Soldaten wesentlich nicht +gegen den Bürger verwandten, sondern gegen den Feind, und Nation und +Armee beide zu hoch achteten, um diese zum Konstabler über jene zu +setzen. + +———————————————————————————— + +^17 An die Ernennung eines Teiles der Kriegstribune durch die +Bürgerschaft hat Caesar, auch hierin Demokrat, nicht gerührt. + +———————————————————————————— + +Die Ordnung des Finanzwesens machte bei den soliden Grundlagen, die die +ungeheure Größe des Reiches und der Ausschluß des Kreditsystems +gewährten, verhältnismäßig geringe Schwierigkeit. Wenn der Staat bisher +in beständiger Finanzverlegenheit sich befunden hatte, so war daran die +Unzulänglichkeit der Staatseinnahmen am wenigsten schuld; vielmehr +hatten diese eben in den letzten Jahren sich ungemein vermehrt. Zu der +älteren Gesamteinnahme, die auf 200 Mill. Sesterzen (15 Mill. Taler) +angeschlagen wird, waren durch die Einrichtung der Provinzen +Bithynien-Pontus und Syrien 85 Mill. Sesterzen (6500000 Taler) +gekommen; welcher Zuwachs, nebst den sonstigen neueröffneten oder +gesteigerten Einnahmequellen, namentlich durch den beständig steigenden +Ertrag der Luxusabgaben, den Verlust der kampanischen Pachtgelder weit +überwog. Außerdem waren durch Lucullus, Metellus, Pompeius, Cato und +andere außerordentlicherweise dem Staatsschatz ungeheure Summen +zugeflossen. Die Ursache der finanziellen Verlegenheiten lag vielmehr +teils in den gesteigerten ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben, +teils in der geschäftlichen Verwirrung. Unter jenen nahm die +Getreideverteilung an die hauptstädtische Menge fast unerschwingliche +Summen in Anspruch: durch die von Cato 691 (63) ihr gegebene Ausdehnung +stieg die jährliche Ausgabe dafür auf 30 Mill. Sesterzen (2300000 +Taler), und seit Abschaffung der bisher gezahlten Vergütung im Jahre +696 (58) verschlang dieselbe gar den fünften Teil der Staatseinkünfte. +Auch das Militärbudget war gestiegen, seit zu den Besatzungen von +Spanien, Makedonien und den übrigen Provinzen noch die von Kilikien, +Syrien und Gallien hinzukamen. Unter den außerordentlichen Ausgaben +sind in erster Linie die großen Kosten der Flottenrüstungen zu nennen, +wofür zum Beispiel fünf Jahre nach der großen Razzia von 687 (67) auf +einmal 34 Mill. Sesterzen (2600000 Taler) verausgabt wurden. Dazu kamen +die sehr ansehnlichen Summen, welche die Kriegszüge und +Kriegsvorbereitungen wegnahmen, wie denn bloß für Ausrüstung des +makedonischen Heeres an Piso auf einmal 18 Mill. Sesterzen (1370000 +Taler), an Pompeius für die Unterhaltung und Besoldung der spanischen +Armee gar jährlich 24 Mill. Sesterzen (1826000 Taler) und ähnliche +Summen an Caesar für die gallischen Legionen gezahlt wurden. So +beträchtlich aber auch diese Ansprüche waren, die an die römische +Staatskasse gemacht wurden, so hätte dennoch dieselbe ihnen zu genügen +vermocht, wenn nicht ihre einst so musterhafte Verwaltung von der +allgemeinen Schlaffheit und Unehrlichkeit dieser Zeit mitergriffen +worden wäre; oft stockten die Zahlungen des Ärars bloß deshalb, weil +man dessen ausstehende Forderungen einzumahnen versäumte. Die +vorgesetzten Beamten, zwei von den Quästoren, junge, jährlich +gewechselte Menschen, verhielten im besten Fall sich passiv; unter dem +früherhin seiner Ehrenhaftigkeit wegen mit Recht hoch angesehenen +Schreiber- und sonstigen Büropersonal waren jetzt, namentlich seit +diese Posten käuflich geworden waren, die ärgsten Mißbräuche im +Schwange. + +Sowie indes die Fäden des römischen Staatsfinanzwesens nicht mehr wie +bisher im Senat, sondern in Caesars Kabinett zusammenliefen, kam von +selbst neues Leben, strengere Ordnung und festerer Zusammenhang in alle +Räder und Triebfedern dieser großen Maschine. Die beiden von Gaius +Gracchus herrührenden und Krebsschäden gleich das römische Finanzwesen +zerfressenden Institutionen: die Verpachtung der direkten Abgaben und +die Getreideverteilungen, wurden teils abgeschafft, teils umgestaltet. +Caesar wollte nicht wie sein Vorläufer die Nobilität durch die +Bankieraristokratie und den hauptstädtischen Pöbel in Schach halten, +sondern sie beseitigen und das Gemeinwesen von sämtlichen Parasiten +hohen und niederen Ranges befreien; und darum ging er in diesen beiden +wichtigen Fragen nicht mit Gaius Gracchus, sondern mit dem Oligarchen +Sulla. Das Verpachtungssystem blieb für die indirekten Abgaben +bestehen, bei denen es uralt war und, bei der auch von Caesar +unverbrüchlich festgehaltenen Maxime der römischen Finanzverwaltung, +die Abgabenerhebung um jeden Preis einfach und übersichtlich zu +erhalten, schlechterdings nicht entbehrt werden konnte. Die direkten +Abgaben aber wurden fortan durchgängig entweder, wie die afrikanischen +und sardinischen Korn- und Öllieferungen, behandelt als unmittelbar an +den Staat abzuführende Naturalleistungen, oder, wie die +kleinasiatischen Gefälle, in feste Geldabgaben verwandelt und die +Einziehung der Einzelbeträge den Steuerdistrikten selbst überlassen. +Die Kornverteilungen in der Hauptstadt waren bisher als nutzbares Recht +der herrschenden und, weil sie herrschte, von den Untertanen zu +speisenden Gemeinde angesehen worden. Dieser ehrlose Grundsatz ward von +Caesar beseitigt; aber es konnte nicht übersehen werden, daß eine Menge +gänzlich unvermögender Bürger lediglich durch diese Speisungen vor dem +Verhungern geschützt worden war. In diesem Sinne hielt Caesar dieselben +fest. Hatte nach der Sempronischen, von Cato wiedererneuerten Ordnung +jeder in Rom angesessene römische Bürger rechtlich Anspruch gehabt auf +unentgeltliches Brotkorn, so wurde diese Empfängerliste, welche zuletzt +bis auf 320000 Nummern gestiegen war, durch Ausscheidung aller +wohlhabenden oder anderweit versorgten Individuen auf 150000 +herabgebracht und diese Zahl als Maximalzahl der Freikornstellen ein +für allemal fixiert, zugleich eine jährliche Revision der Liste +angeordnet, um die durch Austritt oder Tod leergewordenen Plätze mit +den bedürftigsten unter den Bewerbern wieder zu besetzen. Indem also +das politische Privilegium in eine Armenversorgung umgewandelt ward, +trat ein in sittlicher wie in geschichtlicher Hinsicht bemerkenswerter +Satz zum erstenmal in lebendige Wirksamkeit. Nur langsam und von Stufe +zu Stufe ringt die bürgerliche Gesellschaft sich durch zu der +Solidarität der Interessen; im früheren Altertum schützte der Staat die +Seinigen wohl vor dem Landesfeind und dem Mörder, aber er war nicht +verpflichtet, durch Verabreichung der notwendigen Subsistenzmittel den +gänzlich hilflosen Mitbürger vor dem schlimmeren Feinde des Mangels zu +bewahren. Die attische Zivilisation ist es gewesen, die in der +Solonischen und nachsolonischen Gesetzgebung zuerst den Grundsatz +entwickelt hat, daß es Pflicht der Gemeinde ist, für ihre Invaliden, ja +für ihre Armen überhaupt zu sorgen; und zuerst Caesar hat, was in der +beschränkten Enge des attischen Lebens Gemeindesache geblieben war, zu +einer organischen Staatsinstitution entwickelt und eine Einrichtung, +die für den Staat eine Last und eine Schmach war, umgeschaffen in die +erste jener heute so unzählbaren wie segensreichen Anstalten, in denen +das unendliche menschliche Erbarmen mit dem unendlichen menschlichen +Elend ringt. + +Außer diesen prinzipiellen Reformen fand eine durchgängige Revision des +Einnahme- und Ausgabewesens statt. Die ordentlichen Einnahmen wurden +überall reguliert und fixiert. Nicht wenigen Gemeinden, ja ganzen +Landschaften ward, sei es mittelbar durch Verleihung des römischen oder +latinischen Bürgerrechts, sei es unmittelbar durch Privilegium, die +Steuerfreiheit bewilligt; so erhielten sie zum Beispiel alle +sizilischen ^18 Gemeinden auf jenem, die Stadt Ilion auf diesem Wege. +Noch größer war die Zahl derjenigen, deren Steuerquantum herabgesetzt +ward; wie denn den Gemeinden im Jenseitigen Spanien schon nach Caesars +Statthalterschaft auf dessen Betrieb eine Steuerherabsetzung vom Senat +bewilligt worden war, und jetzt der am meisten gedrückten Provinz Asia +nicht bloß die Hebung ihrer direkten Steuern erleichtert, sondern auch +der dritte Teil derselben ganz erlassen ward. Die neu hinzukommenden +Abgaben, wie die der in Illyrien unterworfenen und vor allem der +gallischen Gemeinden, welche letztere zusammen 40 Mill. Sesterzen (3 +Mill. Taler) jährlich entrichteten, waren durchgängig niedrig +gegriffen. Freilich ward dagegen auch einzelnen Städten, wie +Klein-Leptis in Afrika, Sulci auf Sardinien und mehreren spanischen +Gemeinden, zur Strafe ihres Verhaltens während des letzten Krieges die +Steuer erhöht. Die sehr einträglichen, in den letzten Zeiten der +Anarchie abgeschafften italischen Hafenzölle wurden um so mehr +wiederhergestellt, als diese Abgabe wesentlich die aus dem Osten +eingehenden Luxuswaren traf. Zu diesen neu- oder wiedereröffneten +ordentlichen Einnahmequellen kamen die Summen hinzu, die +außerordentlicherweise, namentlich infolge des Bürgerkrieges, an den +Sieger gelangten: die in Gallien gesammelte Beute; der hauptstädtische +Kassenbestand; die aus den italischen und spanischen Tempeln +entnommenen Schätze, die in Formen der Zwangsanleihe, des +Zwangsgeschenkes oder der Buße von den abhängigen Gemeinden und +Dynasten erhobenen Summen und die in ähnlicher Weise durch Rechtsspruch +oder auch bloß durch Zusendung des Zahlungsbefehls einzelnen reichen +Römern auferlegten Strafgelder; vor allen Dingen aber der Erlös aus dem +Vermögen der geschlagenen Gegner. Wie ergiebig diese Einnahmequellen +waren, mag man daraus abnehmen, daß allein die Buße der afrikanischen +Großhändler, die in dem Gegensenat gesessen, sich auf 100 Mill. +Sesterzen (7½ Mill. Taler) und der von den Käufern des Vermögens des +Pompeius gezahlte Preis auf 70 Mill. Sesterzen (5300000 Taler) belief. +Dieses Verfahren war notwendig, weil die Macht der geschlagenen +Nobilität zum guten Teil auf ihrem kolossalen Reichtum ruhte und nur +dadurch wirksam gebrochen werden konnte, daß ihr die Tragung der +Kriegskosten auferlegt ward. Die Gehässigkeit der Konfiskationen aber +ward einigermaßen dadurch gemildert, daß Caesar ihren Ertrag allein dem +Staate zugute kommen ließ und, statt in Sullas Weise seinen Günstlingen +jeden Unterschleif nachzusehen, selbst von seinen treuesten Anhängern, +zum Beispiel von Marcus Antonius, die Kaufgelder mit Strenge beitrieb. + +—————————————————————————————————- + +^18 Den Wegfall der sizilischen Zehnten bezeugt Varro in einer nach +Ciceros Tode publizierten Schrift (rust. 2 praef.), indem er als die +Kornprovinzen, aus denen Rom seine Subsistenz entnimmt, nur Afrika und +Sardinien, nicht mehr Sizilien nennt. Die Latinität, wie sie Sizilien +erhielt, muß also wohl die Immunität eingeschlossen haben (vgl. +Römisches Staatsrecht, Bd. 3, S. 684). + +—————————————————————————————————- + +In den Ausgaben wurde zunächst durch die ansehnliche Beschränkung der +Getreidespenden eine Verminderung erzielt. Die beibehaltene +Kornverteilung an die hauptstädtischen Armen sowie die verwandte, von +Caesar neu eingeführte Öllieferung für die hauptstädtischen Bäder ward +wenigstens zum großen Teil ein- für allemal fundiert auf die +Naturalabgaben von Sardinien und namentlich von Afrika und schied +dadurch aus dem Kassenwesen ganz oder größtenteils aus. Andererseits +stiegen die regelmäßigen Ausgaben für das Militärwesen, teils durch die +Vermehrung des stehenden Heeres, teils durch die Erhöhung der +bisherigen Löhnung des Legionärs, von jährlich 480 (36 Taler) auf +jährlich 900 Sesterzen (68½ Taler). Beides war in der Tat unerläßlich. +Eine ernstliche Grenzverteidigung mangelte ganz und die unerläßliche +Voraussetzung derselben war eine ansehnliche Vermehrung der Armee. Die +Verdoppelung des Soldes hat Caesar wohl benutzt, um seine Soldaten fest +an sich zu ketten, aber nicht aus diesem Grunde als bleibende Neuerung +eingeführt. Der bisherige Sold von 1 1/3 Sesterz (2 Groschen) den Tag +war festgesetzt worden in uralten Zeiten, wo das Geld einen ganz +anderen Wert hatte als in dem damaligen Rom; nur deshalb hatte er bis +in eine Zeit hinein, wo der gemeine Tagelöhner in der Hauptstadt mit +seiner Hände Arbeit täglich durchschnittlich 3 Sesterzen (5 Groschen) +verdiente, beibehalten werden können, weil in diesen Zeiten der Soldat +nicht des Soldes halber, sondern hauptsächlich wegen der größtenteils +unerlaubten Akzidentien des Militärdienstes in das Heer eintrat. Zu +einer ernstlichen Reform des Militärwesens und zur Beseitigung des +meist den Provinzialen aufgebürdeten unregelmäßigen Soldatenverdienstes +war die erste Bedingung eine zeitgemäße Erhöhung der regulären Löhnung; +und die Fixierung derselben auf 2½ Sesterzen (4 Groschen) darf als eine +billige, die dem Ärar dadurch aufgebürdete große Last als eine +notwendige und in ihren Folgen segensreiche betrachtet werden. Von dem +Belauf der außerordentlichen Ausgaben, die Caesar übernehmen mußte oder +freiwillig übernahm, ist es schwer, sich eine Vorstellung zu machen. +Die Kriege selbst fraßen ungeheure Summen; und vielleicht nicht +geringere wurden erfordert, um die Zusicherungen zu erfüllen, die +Caesar während des Bürgerkrieges zu machen genötigt worden war. Es war +ein schlimmes und für die Folgezeit leider nicht verlorenes Beispiel, +daß jeder gemeine Soldat für seine Teilnahme am Bürgerkrieg 20000 +Sesterzen (1500 Taler), jeder Bürger der hauptstädtischen Menge für +seine Nichtbeteiligung an demselben als Zulage zum Brotkorn 300 +Sesterzen (22 Taler) empfing; Caesar indes, nachdem er einmal in dem +Drange der Umstände sein Wort verpfändet, war zu sehr König, um davon +abzudingen. Außerdem genügte Caesar unzähligen Anforderungen +ehrenhafter Freigebigkeit und machte namentlich für das Bauwesen, das +während der Finanznot der letzten Zeit der Republik schmählich +vernachlässigt worden war, ungeheure Summen flüssig - man berechnete +den Kostenbetrag seiner teils während der gallischen Feldzüge, teils +nachher in der Hauptstadt ausgeführten Bauten auf 160 Mill. Sesterzen +(12 Mill. Taler). Das Gesamtresultat der finanziellen Verwaltung +Caesars ist darin ausgesprochen, daß er durch einsichtige und +energische Reformen und durch die rechte Vereinigung von Sparsamkeit +und Liberalität allen billigen Ansprüchen reichlich und völlig genügte +und dennoch bereits im März 710 (44) in der Kasse des Staats 700, in +seiner eigenen 100 Mill. Sesterzen (zusammen 61 Mill. Taler) bar lagen +- eine Summe, die den Kassenbestand der Republik in ihrer blühendsten +Zeit um das Zehnfache überstieg. + +Aber die Aufgabe, die alten Parteien aufzulösen und das neue +Gemeinwesen mit einer angemessenen Verfassung, einer schlagfertigen +Armee und geordneten Finanzen auszustatten, so schwierig sie war, war +nicht der schwierigste Teil von Caesars Werk. Sollte in Wahrheit die +italische Nation wiedergeboren werden, so bedurfte es einer +Reorganisation, die alle Teile des großen Reiches, Rom, Italien und die +Provinzen, umwandelte. Versuchen wir auch hier sowohl die alten +Zustände als auch die Anfänge einer neuen und leidlicheren Zeit zu +schildern. + +Aus Rom war der gute Stamm latinischer Nation längst völlig +verschwunden. Es liegt in den Verhältnissen, daß die Hauptstadt ihr +munizipales und selbst ihr nationales Gepräge schneller verschleift als +jedes untergeordnete Gemeinwesen. Hier scheiden die höheren Klassen +rasch aus dem städtischen Gemeinleben aus, um mehr in dem ganzen Staate +als in einer einzelnen Stadt ihre Heimat zu finden; hier konzentriert +sich unvermeidlich die ausländische Ansiedlung, die fluktuierende +Bevölkerung von Vergnügens- und Geschäftsreisenden, die Masse des +müßigen, faulen, verbrecherischen, ökonomisch und moralisch bankrotten +und eben darum kosmopolitischen Gesindels. Auf Rom fand dies alles in +hervorragender Weise Anwendung. Der wohlhabende Römer betrachtete sein +Stadthaus häufig nur als ein Absteigequartier. Indem aus der +städtischen Munizipalität die Reichsämter hervorgingen, das städtische +Vogtding die Versammlung der Reichsbürger ward, kleinere, sich selber +regierende Bezirks- oder sonstige Gemeinschaften innerhalb der +Hauptstadt nicht geduldet wurden, hörte jedes eigentliche Kommunalleben +für Rom auf. Aus dem ganzen Umfange des weitumfassenden Reiches strömte +man nach Rom, um zu spekulieren, zu debauchieren, zu intrigieren, zum +Verbrecher sich auszubilden oder auch daselbst vor dem Auge des +Gesetzes sich zu verbergen. Diese Übel gingen aus dem hauptstädtischen +Wesen gewissermaßen mit Notwendigkeit hervor; andere, mehr zufällige +und vielleicht noch ernstere gesellten sich dazu. Es hat vielleicht nie +eine Großstadt gegeben, die so durchaus nahrungslos war wie Rom; teils +die Einfuhr, teils die häusliche Fabrikation durch Sklaven machten hier +jede freie Industrie von vornherein unmöglich. Die nachteiligen Folgen +des Grundübels der Staatenbildung im Altertum überhaupt, des +Sklavensystems, traten in der Hauptstadt schärfer als irgendwo sonst +hervor. Nirgends häuften solche Sklavenmassen sich an wie in den +hauptstädtischen Palästen der großen Familien oder der reichen +Emporkömmlinge. Nirgends mischten sich so wie in der hauptstädtischen +Sklavenschaft die Nationen dreier Weltteile, Syrer, Phryger und andere +Halbhellenen mit Libyern und Mohren, Geten und Iberer mit den immer +zahlreicher einströmenden Kelten und Deutschen. Die von der Unfreiheit +unzertrennliche Demoralisation und der scheußliche Widerspruch des +formellen und des sittlichen Rechts kamen weit greller zum Vorschein +bei dem halb oder ganz gebildeten, gleichsam vornehmen Stadtsklaven als +bei dem Ackerknecht, der das Feld gleich dem gefesselten Stier in +Ketten bestellte. Schlimmer noch als die Sklavenmassen waren die der +rechtlich oder auch bloß tatsächlich freigegebenen Leute, ein Gemisch +bettelhaften Gesindels und schwerreicher Parvenus, nicht mehr Sklaven +und doch nicht völlig Bürger, ökonomisch und selbst rechtlich von ihrem +Herrn abhängig und doch mit den Ansprüchen freier Männer; und eben die +Freigelassenen zogen sich vor allem nach der Hauptstadt, wo es +Verdienst mancherlei Art gab und der Kleinhandel wie das kleine +Handwerk fast ganz in ihren Händen waren. Ihr Einfluß auf die Wahlen +wird ausdrücklich bezeugt; und daß sie auch bei den Straßenkrawallen +voran waren, zeigt schon das gewöhnliche Signal, wodurch diese von den +Demagogen gleichsam angesagt wurden, die Schließung der Buden und +Verkaufslokale. Zu allem dem kam, daß die Regierung nicht bloß nichts +tat, um dieser Korrumpierung der hauptstädtischen Bevölkerung +entgegenzuwirken, sondern sogar ihrer egoistischen Politik zuliebe ihr +Vorschub leistete. Die verständige Gesetzvorschrift, welche dem wegen +Kapitalverbrechens verurteilten Individuum den Aufenthalt in der +Hauptstadt untersagte, ward von der schlaffen Polizei nicht zur +Ausführung gebracht. Die dringend nahegelegte polizeiliche Überwachung +der Assoziation des Gesindels ward anfangs vernachlässigt, späterhin +als freiheitswidrige Volksbeschränkung sogar für strafbar erklärt. Die +Volksfeste hatte man so anwachsen lassen, daß die sieben ordentlichen +allein, die römischen, die plebejischen, die der Göttermutter, der +Ceres, des Apoll, der Flora und der Victoria, zusammen zweiundsechzig +Tage währten, wozu dann noch die Fechterspiele und unzählige andere +außerordentliche Lustbarkeiten kamen. Die bei einem solchen, durchaus +von der Hand in den Mund lebenden Proletariat unumgängliche Fürsorge +für niedrige Getreidepreise ward mit dem gewissenlosesten Leichtsinn +gehandhabt, und die Preisschwankungen des Brotkorns waren fabelhafter +und unberechenbarer Art ^19. Endlich, die Getreideverteilungen luden +das gesamte nahrungslose und arbeitsscheue Bürgerproletariat offiziell +ein, seinen Sitz in der Hauptstadt aufzuschlagen. Es war eine arge Saat +und die Ernte entsprach ihr. Das Klub- und Bandenwesen auf dem +politischen Gebiet, auf dem religiösen der Isisdienst und der +gleichartige fromme Schwindel hatten hier ihre Wurzeln. Man war +beständig im Angesicht einer Teuerung und nicht selten in voller +Hungersnot. Nirgends war man seines Lebens weniger sicher als in der +Hauptstadt: der gewerbsmäßig betriebene Banditenmord war das einzige +derselben eigene Handwerk; es war die Einleitung zur Ermordung, daß das +Schlachtopfer nach Rom gelockt ward; niemand wagte sich ohne +bewaffnetes Gefolge in die Umgegend der Hauptstadt. Auch die äußere +Beschaffenheit derselben entsprach dieser inneren Zerrüttung und schien +eine lebendige Satire auf das aristokratische Regiment. Für die +Regulierung des Tiberstromes ward nichts getan; kaum daß man die +einzige Brücke, mit der man immer noch sich behalf, wenigstens bis zur +Tiberinsel von Stein aufführen ließ. Für die Planierung der +Siebenhügelstadt war ebensowenig etwas geschehen, außer wo etwa die +Schutthaufen ausgeglichen hatten. Die Straßen gingen eng und winkelig +Hügel auf und ab und waren elend gehalten, die Trottoirs schmal und +schlecht gepflastert. Die gewöhnlichen Häuser waren von Ziegeln ebenso +liederlich wie schwindelnd hoch gebaut, meistens von spekulierenden +Baumeistern für Rechnung der kleinen Besitzer, wobei jene steinreich, +diese zu Bettlern wurden. Wie einzelne Inseln in diesem Meer von +elenden Gebäuden erschienen die glänzenden Paläste der Reichen, die den +kleinen Häusern ebenso den Raum verengten wie ihre Besitzer den kleinen +Leuten ihr Bürgerrecht im Staat und neben deren Marmorsäulen und +griechischen Statuen die verfallenden Tempel mit ihren großenteils noch +holzgeschnitzten Götterbildern eine traurige Figur machten. Von einer +Straßen-, einer Ufer-, Feuer- und Baupolizei war kaum die Rede; wenn +die Regierung um die alljährlich eintretenden Überschwemmungen, +Feuersbrünste und Häusereinstürze überhaupt sich bekümmerte, so geschah +es, um von den Staatstheologen Bericht und Bedenken über den wahren +Sinn solcher Zeichen und Wunder zu begehren. Man versuche sich ein +London zu denken mit der Sklavenbevölkerung von New Orleans, mit der +Polizei von Konstantinopel, mit der Industrielosigkeit des heutigen Rom +und bewegt von einer Politik nach dem Muster der Pariser von 1848, und +man wird eine ungefähre Vorstellung von der republikanischen +Herrlichkeit gewinnen, deren Untergang Cicero und seine Genossen in +ihren Schmollbriefen betrauern. + +—————————————————————————- + +^19 In dem Produktionsland Sizilien ward der römische Scheffel +innerhalb weniger Jahre zu 2 und zu 20 Sesterzen verkauft; man rechne +danach, wie die Preisschwankungen in Rom sich stellen mußten, das von +überseeischem Korn lebte und der Sitz der Spekulanten war. + +—————————————————————————- + +Caesar trauerte nicht, aber er suchte zu helfen, soweit zu helfen war. +Rom blieb natürlich, was es war, eine Weltstadt. Der Versuch ihm +wiederum einen spezifisch italischen Charakter zu geben, wäre nicht +bloß unausführbar gewesen, sondern hätte auch in Caesars Plan nicht +gepaßt. Ähnlich wie Alexander für sein griechisch-orientalisches Reich +eine angemessene Hauptstadt in dem hellenisch-jüdisch-ägyptischen und +vor allem kosmopolitischen Alexandreia fand, so sollte auch die im +Mittelpunkt des Orients und Okzidents gelegene Hauptstadt des neuen +römisch-hellenischen Weltreichs nicht eine italische Gemeinde sein, +sondern die denationalisierte Kapitale vieler Nationen. Darum duldete +es Caesar, daß neben dem Vater Jovis die neu angesiedelten ägyptischen +Götter verehrt wurden, und gestattete sogar den Juden die freie Übung +ihres seltsam fremdartigen Rituals auch in der Hauptstadt des Reiches. +Wie widerlich bunt immer die parasitische, namentlich +hellenisch-orientalische Bevölkerung in Rom sich mischte, er trat ihrer +Ausbreitung nirgends in den Weg; es ist bezeichnend, daß er bei seinen +hauptstädtischen Volksfesten Schauspiele nicht bloß in lateinischer und +griechischer, sondern auch in anderen Zungen, vermutlich in +phönikischer, hebräischer, syrischer, spanischer aufführen ließ. + +Aber wenn Caesar den Grundcharakter der Hauptstadt so, wie er ihn fand, +mit vollem Bewußtsein akzeptierte, so wirkte er doch energisch hin auf +die Besserung der daselbst obwaltenden kläglichen und schimpflichen +Zustände. Leider waren eben die Grundübel am wenigsten austilgbar. Die +Sklaverei mit ihrem Gefolge von Landplagen konnte Caesar nicht +abstellen; es muß dahingestellt bleiben, ob er mit der Zeit versucht +haben würde, die Sklavenbevölkerung in der Hauptstadt wenigstens zu +beschränken, wie er dies auf einem anderen Gebiete unternahm. +Ebensowenig vermochte Caesar eine freie hauptstädtische Industrie aus +dem Boden zu zaubern; doch halfen die ungeheuren Bauten der +Nahrungslosigkeit daselbst einigermaßen ab und eröffneten dem +Proletariat eine Quelle schmalen, aber ehrlichen Erwerbes. Dagegen +wirkte Caesar energisch darauf hin, die Masse des freien Proletariats +zu vermindern. Der stehende Zufluß von solchen, die die Getreidespenden +nach Rom führten, ward durch Verwandlung derselben in eine auf eine +feste Kopfzahl beschränkte Armenversorgung wenn nicht ganz verstopfte +^20, doch sehr wesentlich beschränkt. Unter dem vorhandenen Proletariat +räumten einerseits die Gerichte auf, die angewiesen wurden, mit +unnachsichtlicher Strenge gegen das Gesindel einzuschreiten, +andererseits die umfassende überseeische Kolonisation; von den 80000 +Kolonisten, die Caesar in den wenigen Jahren seiner Regierung über das +Meer führte, wird ein sehr großer Teil den unteren Schichten der +hauptstädtischen Bevölkerung entnommen sein, wie denn die meisten +korinthischen Ansiedler Freigelassene waren. Daß in Abweichung von der +bisherigen Ordnung, die dem Freigelassenen jedes städtische Ehrenamt +verschloß, Caesar ihnen in seinen Kolonien die Türe des Rathauses +eröffnete, geschah ohne Zweifel, um die besser gestellten von ihnen für +die Auswanderung zu gewinnen. Diese Auswanderung muß aber auch mehr +gewesen sein als eine bloß vorübergehende Veranstaltung; Caesar, +überzeugt wie jeder andere verständige Mann, daß die einzige wahrhafte +Hilfe gegen das Elend des Proletariats in einem wohlregulierten +Kolonisierungssystem besteht, und durch die Beschaffenheit des Reiches +in den Stand gesetzt, dasselbe in fast ungemessener Ausdehnung zu +verwirklichen, wird die Absicht gehabt haben, hiermit dauernd +fortzufahren und dem stets wieder sich erzeugenden Übel einen +bleibenden Abzug zu eröffnen. Maßregeln wurden ferner ergriffen, um den +argen Preisschwankungen der wichtigsten Nahrungsmittel auf den +hauptstädtischen Märkten Grenzen zu setzen. Die neu geordneten und +liberal verwalteten Staatsfinanzen lieferten hierzu die Mittel und zwei +neu ernannte Beamte, die Getreideädilen, übernahmen die spezielle +Beaufsichtigung der Lieferanten und des Marktes der Hauptstadt. Dem +Klubwesen wurde wirksamer, als es durch Prohibitivgesetze möglich war, +gesteuert durch die veränderte Verfassung, indem mit der Republik und +den republikanischen Wahlen und Gerichten die Bestechung und +Vergewaltigung der Wahl- und Richterkollegien, überhaupt die +politischen Saturnalien der Kanaille von selbst ein Ende hatten. +Außerdem wurden die durch das Clodische Gesetz ins Leben getretenen +Verbindungen aufgelöst und das ganze Assoziationswesen unter die +Oberaufsicht der Regierungsbehörden gestellt. Mit Ausnahme der +althergebrachten Zünfte und Vergesellschaftungen, der religiösen +Vereinigungen der Juden und anderer besonders ausgenommener Kategorien, +wofür die einfache Anzeige an den Senat genügt zu haben scheint, wurde +die Erlaubnis, eine bleibende Gesellschaft mit festen +Versammlungsfristen und stehenden Einschüssen zu konstituieren, an eine +vom Senat und regelmäßig wohl erst nach eingeholter Willensmeinung des +Monarchen zu erteilende Konzession geknüpft. Dazu kam eine strengere +Kriminalrechtspflege und eine energische Polizei. Die Gesetze, +namentlich hinsichtlich des Verbrechens der Vergewaltigung, wurden +verschärft und die unvernünftige Bestimmung des republikanischen +Rechts, daß der überwiesene Verbrecher befugt sei, durch +Selbstverbannung einem Teil der verwirkten Strafe sich zu entziehen, +wie billig beseitigt. Das detaillierte Regulativ, das Caesar über die +hauptstädtische Polizei erließ, ist großenteils noch erhalten und es +kann, wer da will, sich überzeugen, daß der Imperator es nicht +verschmähte, die Hausbesitzer zur Instandsetzung der Straßen und zur +Pflasterung der Trottoirs in ihrer ganzen Breite mit behauenen Steinen +anzuhalten und geeignete Bestimmungen über das Tragen der Sänften und +das Fahren der Wagen zu erlassen, die bei der Beschaffenheit der +Straßen nur zur Abend- und Nachtzeit in der Hauptstadt frei zirkulieren +durften. Die Oberaufsicht über die Lokalpolizei blieb wie bisher +hauptsächlich den vier Ädilen, welche, wenn nicht schon früher, +wenigstens jetzt angewiesen wurden, jeder einen bestimmt abgegrenzten +Polizeidistrikt innerhalb der Hauptstadt zu überwachen. Endlich das +hauptstädtische Bauwesen und die damit zusammenhängende Fürsorge für +die gemeinnützigen Anstalten überhaupt nahm durch Caesar, der die +Baulust des Römers und des Organisators in sich vereinigte, plötzlich +einen Aufschwung, der nicht bloß die Mißwirtschaft der letzten +anarchischen Zeiten beschämte, sondern auch alles, was die römische +Aristokratie in ihrer besten Zeit geleistet hatte, so weit hinter sich +ließ wie Caesars Genie das redliche Bemühen der Marcier und der +Aemilier. Es war nicht bloß die Ausdehnung der Bauten an sich und die +Größe der darauf verwandten Summen, durch die Caesar seine Vorgänger +übertraf, sondern der echt staatsmännische und gemeinnützige Sinn, der +das, was Caesar für die öffentlichen Anstalten Roms tat, vor allen +ähnlichen Leistungen auszeichnet. Er baute nicht, wie seine Nachfolger, +Tempel und sonstige Prachtgebäude, sondern er entlastete den Markt von +Rom, auf dem sich immer noch die Bürgerversammlungen, die +Hauptgerichtsstätten, die Börse und der tägliche Geschäftsverkehr wie +der tägliche Müßiggang zusammendrängten, wenigstens von den +Versammlungen und den Gerichten, indem er für jene eine neue +Dingstätte, die Saepta Iulia auf dem Marsfeld, für diese einen +besonderen Gerichtsmarkt, das Forum Iulium zwischen Kapitol und +Palatin, anlegen ließ. Verwandten Geistes ist die von ihm herrührende +Einrichtung, daß den hauptstädtischen Bädern jährlich 3 Millionen Pfund +Öl, größtenteils aus Afrika, geliefert und diese dadurch in den Stand +gesetzt wurden, den Badenden das zum Salben des Körpers erforderliche +Öl unentgeltlich zu verabfolgen - eine nach der alten wesentlich auf +Baden und Salben gegründeten Diätetik höchst zweckmäßige Maßregel der +Reinlichkeits- und Gesundheitspolizei. Indes diese großartigen +Einrichtungen waren nur die ersten Anfänge einer vollständigen +Umwandlung Roms. Bereits waren die Entwürfe gemacht zu einem neuen +Rathaus, einem neuen prachtvollen Basar, einem mit dem Pompeischen +wetteifernden Theater, einer öffentlichen lateinischen und griechischen +Bibliothek nach dem Muster der kürzlich zugrunde gegangenen von +Alexandreia - die erste Anstalt derart in Rom -, endlich zu einem +Tempel des Mars, der an Reichtum und Herrlichkeit alles bisher +Dagewesene überboten haben würde. Genialer noch war der Gedanke, einmal +durch die Pomptinischen Sümpfe einen Kanal zu legen und deren Wasser +nach Tarracina abzuleiten, sodann den unteren Lauf des Tiberstroms zu +ändern und ihn von dem heutigen Ponte Molle an, statt zwischen dem +Vaticanischen und dem Marsfelde hindurch, vielmehr um das Vaticanische +Feld und das Ianiculum herum nach Ostia zu führen, wo die schlechte +Reede einem vollgenügenden Kunsthafen Platz machen sollte. Durch diesen +Riesenplan wurde einerseits der gefährlichste Feind der Hauptstadt, die +böse Luft der Nachbarschaft, gebannt, andrerseits auf einen Schlag die +äußerst beschränkte Baugelegenheit in der Hauptstadt in der Art +erweitert, daß das damit auf das linke Tiberufer verlegte Vaticanische +Feld an die Stelle des Marsfeldes treten und das geräumige Marsfeld für +öffentliche und Privatbauten verwendet werden konnte, während sie +zugleich den so schmerzlich vermißten sicheren Seehafen erhielt. Es +schien, als wolle der Imperator Berge und Flüsse versetzen und mit der +Natur selber den Wettlauf wagen. Indessen so sehr auch durch die neue +Ordnung die Stadt Rom an Bequemlichkeit und Herrlichkeit gewann, ihre +politische Suprematie ging ihr, wie schon gesagt ward, durch +ebendieselbe unwiderbringlich verloren. Daß der römische Staat mit der +Stadt Rom zusammenfalle, war zwar im Laufe der Zeit immer unnatürlicher +und verkehrter geworden; aber der Satz war doch so innig mit dem Wesen +der römischen Republik verwachsen, daß er nicht vor dieser selbst +zugrunde gehen konnte. Erst in dem neuen Staate Caesars ward er, etwa +mit Ausnahme einiger legaler Fiktionen, vollständig beseitigt und das +hauptstädtische Gemeinwesen rechtlich auf eine Linie mit allen übrigen +Munizipalitäten gestellt; wie denn Caesar, hier wie überall bemüht, +nicht bloß die Sache zu ordnen, sondern auch sie offiziell bei dem +rechten Namen zu nennen, seine italische Gemeindeordnung, ohne Zweifel +absichtlich, zugleich für die Hauptstadt und für die übrigen +Stadtgemeinden erließ. Man kann hinzufügen, daß Rom, eben weil es eines +lebendigen Kommunalwesens als Hauptstadt nicht fähig war, hinter den +übrigen Munizipalitäten der Kaiserzeit sogar wesentlich zurückstand. +Das republikanische Rom war eine Räuberhöhle, aber zugleich der Staat; +das Rom der Monarchie, obwohl es mit allen Herrlichkeiten dreier +Weltteile sich zu schmücken und in Gold und Marmor zu schimmern begann, +war doch nichts im Staate als das Königsschloß in Verbindung mit dem +Armenhaus, das heißt ein notwendiges übel. + +—————————————————————- + +^20 Es ist nicht ohne Interesse, daß ein späterer, aber einsichtiger +politischer Schriftsteller, der Verfasser der unter Sallustius’ Namen +an Caesar gerichteten Briefe, diesem den Rat erteilt, die +hauptstädtische Getreideverteilung in die einzelnen Munizipien zu +verlegen. Die Kritik hat ihren guten Sinn; wie denn bei der großartigen +munizipalen Waisenversorgung unter Traian offenbar ähnliche Gedanken +gewaltet haben. + +—————————————————————- + +Wenn es in der Hauptstadt sich nur darum handelte, durch polizeiliche +Ordnungen im größten Maßstab handgreifliche Übelstände hinwegzuräumen, +so war es dagegen eine bei weitem schwierigere Aufgabe, der tief +zerrütteten italischen Volkswirtschaft aufzuhelfen. Die Grundleiden +waren die bereits früher ausführlich hervorgehobenen, das +Zusammenschwinden der ackerbauenden und die unnatürliche Vermehrung der +kaufmännischen Bevölkerung, woran ein unabsehbares Gefolge anderer +Übelstände sich anschloß. Wie es mit der italischen Bodenwirtschaft +stand, wird dem Leser unvergessen sein. Trotz der ernstlichsten +Versuche, der Vernichtung des kleinen Grundbesitzes zu steuern, war +doch in dieser Epoche kaum mehr in einer Landschaft des eigentlichen +Italien, etwa mit Ausnahme der Apenninen- und Abruzzentäler, die +Bauernwirtschaft die vorwiegende Wirtschaftsweise. Was die +Gutswirtschaft anlangt, so ist zwischen der früher dargestellten +Catonischen und derjenigen, die uns Varro schildert, kein wesentlicher +Unterschied wahrzunehmen, nur daß die letztere im Guten wie im +Schlimmen von dem gesteigerten großstädtischen Leben in Rom die Spuren +zeigt. “Sonst”, sagt Varro, “war die Scheune auf dem Gut größer als das +Herrenhaus; jetzt pflegt es umgekehrt zu sein.” In der tusculanischen +und tiburtinischen Feldmark, an den Gestaden von Tarracina und Baiae +erhoben sich da, wo die alten latinischen und italischen Bauernschaften +gesät und geerntet hatten, jetzt in unfruchtbarem Glanz die Landhäuser +der römischen Großen, von denen manches mit den dazu gehörigen +Gartenanlagen und Wasserleitungen, den Süß- und Salzwasserreservoirs +zur Aufbewahrung und Züchtung von Fluß- und Seefischen, den Schnecken- +und Siebenschläferzüchtungen, den Wildschonungen zur Hegung von Hasen, +Kaninchen, Hirschen, Rehen und Wildschweinen und den Vogelhäusern, in +denen selbst Kraniche und Pfauen gehalten wurden, den Raum einer +mäßigen Stadt bedeckte. Aber der großstädtische Luxus macht auch manche +fleißige Hand reich und ernährt mehr Arme als die almosenspendende +Menschenliebe. Jene Vogelhäuser und Fischteiche der vornehmen Herren +waren natürlich in der Regel eine sehr kostspielige Liebhaberei. Allein +extensiv und intensiv hatte diese Wirtschaft sich so hoch entwickelt, +daß zum Beispiel der Bestand eines Taubenhauses bis auf 100000 +Sesterzen (7600 Taler) geschätzt ward; daß eine rationelle +Mästungswirtschaft entstanden war und der in den Vogelhäusern gewonnene +Dünger landwirtschaftlich in Betracht kam; daß ein einziger +Vogelhändler auf einmal 5000 Krammetsvögel - denn auch diese wußte man +zu hegen - das Stück zu 3 Denaren (21 Groschen), ein einziger +Fischteichbesitzer 2000 Muränen zu liefern imstande war und aus den von +Lucius Lucullus hinterlassenen Fischen 40000 Sesterzen (3050 Taler) +gelöst wurden. Begreiflicherweise konnte unter solchen Umständen, wer +diese Wirtschaft geschäftlich und intelligent betrieb, mit +verhältnismäßig geringem Anlagekapital sehr hohen Gewinn erzielen. Ein +kleiner Bienenzüchter dieser Zeit verkaufte von seinem nicht mehr als +einen Morgen großen, in der Nähe von Falerii gelegenen Thymiangärtchen +Jahr aus Jahr ein an Honig für mindestens 10000 Sesterzen (760 Taler). +Der Wetteifer der Obstzüchter ging so weit, daß in eleganten +Landhäusern die marmorgetäfelte Obstkammer nicht selten zugleich als +Tafelzimmer eingerichtet, auch wohl gekauftes Prachtobst dort zur Schau +als eigenes Gewächs gestellt ward. In dieser Zeit wurden auch zuerst +die kleinasiatische Kirsche und andere ausländische Fruchtbäume in den +italischen Gärten angepflanzt. Die Gemüsegärten, die Rosen- und +Veilchenbeete in Latium und Kampanien warfen reichen Ertrag ab und der +“Naschmarkt” (forum cupedinis) neben der Heiligen Straße, wo Früchte, +Honig und Kränze feilgeboten zu werden pflegten, spielte eine wichtige +Rolle im hauptstädtischen Leben. Überhaupt stand die Gutswirtschaft, +Plantagenwirtschaft wie sie war, ökonomisch auf einer schwer zu +übertreffenden Höhe der Entwicklung. Das Tal von Rieti, die Umgegend +des Fuciner Sees, die Landschaften am Liris und Volturnus, ja +Mittelitalien überhaupt, waren landwirtschaftlich in dem blühendsten +Zustand; selbst gewisse Industrien, die geeignet waren, sich an den +Betrieb des Guts mittels Sklaven anzuschließen, wurden von den +intelligenten Landwirten mit aufgenommen und, wo die Verhältnisse +günstig waren, Wirtshäuser, Webereien und besonders Ziegeleien auf dem +Gute angelegt. Die italischen Produzenten, namentlich von Wein und Öl, +versorgten nicht bloß die italischen Märkte, sondern machten auch in +beiden Artikeln ansehnliche überseeische Ausfuhrgeschäfte. Eine +schlichte fachwissenschaftliche Schrift dieser Zeit vergleicht Italien +einem großen Fruchtgarten; und die Schilderungen, die ein +gleichzeitiger Dichter von seinem schönen Heimatland entwirft, wo die +wohlbewässerte Wiese, das üppige Kornfeld, der lustige Rebenhügel von +der dunklen Zeile der Ölbäume umsäumt wird, wo der Schmuck des Landes, +lachend in mannigfaltiger Anmut, die holdesten Gärten in seinem Schoße +hegt und selber von nahrunggebenden Bäumen umkränzt wird diese +Schilderungen, offenbar treue Gemälde der dem Dichter täglich vor Augen +stehenden Landschaft, versetzen uns in die blühendsten Striche von +Toscana und Terra di lavoro. Die Weidewirtschaft freilich, die aus den +früher entwickelten Ursachen besonders im Süden und Südosten Italiens +immer weiter vordrang, war in jeder Beziehung ein Rückschritt; allein +auch sie nahm doch bis zu einem gewissen Grade teil an der allgemeinen +Steigerung des Betriebes, wie denn für die Verbesserung der Rassen +vieles geschah und zum Beispiel Zuchtesel mit 60000 (4600 Taler), +100000 (7570 Taler), ja 400000 Sesterzen (30000 Taler) bezahlt wurden. +Die gediegene italische Bodenwirtschaft erzielte in dieser Zeit, wo die +allgemeine Entwicklung der Intelligenz und die Fülle der Kapitalien sie +befruchtete, bei weitem glänzendere Resultate als jemals die alte +Bauernwirtschaft hatte geben können, und ging sogar schon hinaus über +die Grenzen Italiens, indem der italische Ökonom auch in den Provinzen +große Strecken viehzüchtend und selbst kornbauend exploitierte. + +Welche Dimensionen aber neben dieser auf dem Ruin der kleinen +Bauernschaft unnatürlich gedeihenden Gutswirtschaft die Geldwirtschaft +angenommen, wie die italische Kaufmannschaft mit den Juden um die Wette +in alle Provinzen und Klientelstaaten des Reiches sich ergossen hatte, +alles Kapital endlich in Rom zusammenfloß, dafür wird es, nach dem +früher darüber Gesagten, hier genügen, auf die einzige Tatsache +hinzuweisen, daß auf dem hauptstädtischen Geldmarkt der regelmäßige +Zinsfuß in dieser Zeit sechs vom Hundert, das Geld daselbst also um die +Hälfte billiger war als sonst durchschnittlich im Altertume. + +Infolge dieser agrarisch wie merkantil auf Kapitalmassen und +Spekulation begründeten Volkswirtschaft ergab sich das fürchterlichste +Mißverhältnis in der Verteilung des Vermögens. Die oft gebrauchte und +oft gemißbrauchte Rede von einem aus Millionären und Bettlern +zusammengesetzten Gemeinwesen trifft vielleicht nirgends so vollständig +zu wie bei dem Rom der letzten Zeit der Republik; und nirgends wohl +auch ist der Kernsatz des Sklavenstaats, daß der reiche Mann, der von +der Tätigkeit seiner Sklaven lebt, notwendig respektabel, der arme +Mann, der von seiner Hände Arbeit lebt, notwendig gemein ist, mit so +grauenvoller Sicherheit als der unwidersprechliche Grundgedanke des +ganzen öffentlichen und privaten Verkehrs anerkannt worden ^21. Einen +wirklichen Mittelstand in unserm Sinne gibt es nicht, wie es denn in +keinem vollkommen entwickelten Sklavenstaat einen solchen geben kann; +was gleichsam als guter Mittelstand erscheint und gewissermaßen auch es +ist, sind diejenigen reichen Geschäftsmänner und Grundbesitzer, die so +ungebildet oder auch so gebildet sind, um sich innerhalb der Sphäre +ihrer Tätigkeit zu bescheiden und vom öffentlichen Leben sich +fernzuhalten. Unter den Geschäftsmännern, wo die zahlreichen +Freigelassenen und sonstigen emporgekommenen Leute in der Regel von dem +Schwindel erfaßt wurden, den vornehmen Mann zu spielen, gab es solcher +Verständigen nicht allzuviel: ein Musterbild dieser Gattung ist der in +den Berichten aus dieser Zeit häufig erwähnte Titus Pomponius Atticus, +der teils mit der großen Gutswirtschaft, welche er in Italien und in +Epirus betrieb, teils mit seinen durch ganz Italien, Griechenland, +Makedonien, Kleinasien sich verzweigenden Geldgeschäften ein ungeheures +Vermögen gewann, dabei aber durchaus der einfache Geschäftsmann blieb, +sich nicht verleiten ließ, um ein Amt zu werben oder auch nur +Staatsgeldgeschäfte zu machen, und, dem geizigen Knausern ebenso fern +wie dem wüsten und lästigen Luxus dieser Zeit - seine Tafel zum +Beispiel ward mit 100 Sesterzen (7½ Talern) täglich bestritten -, sich +genügen ließ an einer bequemen, die Anmut des Land- und des +Stadtlebens, die Freuden des Verkehrs mit der besten Gesellschaft Roms +und Griechenlands und jeden Genuß der Literatur und der Kunst sich +aneignenden Existenz. Zahlreicher und tüchtiger waren die italischen +Gutsbesitzer alten Schlages. Die gleichzeitige Literatur bewahrt in der +Schilderung des Sextus Roscius, der bei den Proskriptionen 673 (81) +mitermordet ward, das Bild eines solchen Landedelmanns (pater familias +rusticanus); sein Vermögen, angeschlagen auf 6 Mill. Sesterzen (457000 +Taler), ist wesentlich angelegt in seinen dreizehn Landgütern; die +Wirtschaft betreibt er selbst rationell und mit Leidenschaft; nach der +Hauptstadt kommt er selten oder nie, und wenn er dort erscheint, so +sticht er mit seinen ungehobelten Manieren nicht minder von dem feinen +Senator ab wie die zahllosen Scharen seiner rauben Ackerknechte von dem +zierlichen hauptstädtischen Bedientenschwarm. Mehr als die +kosmopolitisch gebildeten Adelskreise und der überall und nirgends +heimische Kaufmannsstand bewahrten diese Gutsbesitzer und die +wesentlich durch dieselben gehaltenen “Ackerstädte” (municipia +rusticana) sowohl die Zucht und Sitte der Väter als auch deren reine +und edle Sprache. Der Gutsbesitzerstand gilt als der Kern der Nation; +der Spekulant, der sein Vermögen gemacht hat und unter die Notabeln des +Landes einzutreten wünscht, kauft sich an und sucht wenn nicht selbst +Squire zu werden, doch wenigstens einen Sohn dazu zu erziehen. Den +Spuren dieser Gutsbesitzerschaft begegnen wir, wo in der Politik eine +volkstümliche Regung sich zeigt und wo die Literatur einen grünen Sproß +treibt: aus ihr sog die patriotische Opposition gegen die neue +Monarchie ihre beste Kraft; ihr gehören Varro, Lucretius, Catullus an; +und vielleicht nirgends tritt die relative Frische dieser +Gutsbesitzerexistenz charakteristischer hervor als in der anmutigen +arpinatischen Einleitung zu dem zweiten Buche der Schrift Ciceros von +den Gesetzen, einer grünen Oase in der fürchterlichen Öde dieses ebenso +leeren wie voluminösen Skribenten. + +———————————————————————————- + +^21 Charakteristisch ist die folgende Auseinandersetzung in Ciceros +‘Pflichtenlehre’ (off. 1, 42): “Darüber, welche Geschäfte und +Erwerbszweige als anständig gelten können und welche als gemein, +herrschen im allgemeinen folgende Vorstellungen. Bescholten sind +zunächst die Erwerbszweige, wobei man den Haß des Publikums sich +zuzieht, wie der der Zolleinnehmer, der der Geldverleiher. Unanständig +und gemein ist auch das Geschäft der Lohnarbeiter, denen ihre +körperliche, nicht ihre Geistesarbeit bezahlt wird; denn für diesen +selben Lohn verkaufen sie gleichsam sich in die Sklaverei. Gemeine +Leute sind auch die von dem Kaufmann zu sofortigem Verschleiß +einkaufenden Trödler; denn sie kommen nicht fort, wenn sie nicht über +alle Maßen lügen, und nichts ist minder ehrenhaft als der Schwindel. +Auch die Handwerker treiben sämtlich gemeine Geschäfte; denn man kann +nicht Gentleman sein in der Werkstatt. Am wenigsten ehrbar sind die +Handwerker, die der Schlemmerei an die Hand gehen, zum Beispiel: +‘Wurstmacher, Salzfischhändler, Koch, Geflügelverkäufer, Fischer’ mit +Terenz (Eun. 2, 2, 26) zu reden; dazu noch etwa die Parfümerienhändler, +die Tanzmeister und die ganze Sippschaft der Spielbuden. Diejenigen +Erwerbszweige aber, welche entweder eine höhere Bildung voraussetzen +oder einen nicht geringen Ertrag abwerfen, wie die Heilkunst, die +Baukunst, der Unterricht in anständigen Gegenständen, sind anständig +für diejenigen, deren Stande sie angemessen sind. Der Handel aber, wenn +er Kleinhandel ist, ist gemein; der große Kaufmann freilich, der aus +den verschiedensten Ländern eine Menge von Waren einführt und sie an +eine Menge von Leuten ohne Schwindel absetzt, ist nicht gerade sehr zu +schelten; ja wenn er, des Gewinstes satt oder vielmehr mit dem Gewinste +zufrieden, wie oft zuvor vom Meere in den Hafen, so schließlich aus dem +Hafen selbst zu Grundbesitz gelangt, so darf man wohl mit gutem Recht +ihn loben. Aber unter allen Erwerbszweigen ist keiner besser, keiner +ergiebiger, keiner erfreulicher, keiner dem freien Manne anständiger +als der Grundbesitz.” + +Also der anständige Mann muß streng genommen Gutsbesitzer sein; das +Kaufmannsgewerbe passiert ihm nur, insofern es Mittel zu diesem letzten +Zweck ist, die Wissenschaft als Profession nur den Griechen und den +nicht den herrschenden Ständen angehörigen Römern, welche damit sich in +den vornehmen Kreisen allenfalls für ihre Person eine gewisse Duldung +erkaufen dürfen. Es ist die vollkommen ausgebildete +Plantagenbesitzeraristokratie, mit einer starken Schattierung von +kaufmännischer Spekulation und einer leisen Nuance von allgemeiner +Bildung. + +———————————————————————————- + +Aber die gebildete Kaufmannschaft und der tüchtige Gutsbesitzerstand +wird weit überwuchert von den beiden tonangebenden Klassen der +Gesellschaft: dem Bettelvolk und der eigentlichen vornehmen Welt. Wir +haben keine statistischen Ziffern, um das relative Maß der Armut und +des Reichtums für diese Epoche scharf zu bezeichnen; doch darf hier +wohl wieder an die Äußerung erinnert werden, die etwa fünfzig Jahre +früher ein römischer Staatsmann tat: daß die Zahl der Familien von +festgegründetem Reichtum innerhalb der römischen Bürgerschaft nicht auf +2000 sich belaufe. Die Bürgerschaft war seitdem eine andere geworden; +aber daß das Mißverhältnis zwischen arm und reich sich wenigstens +gleichgeblieben war, dafür sprechen deutliche Spuren. Die +fortschreitende Verarmung der Menge offenbart sich nur zu grell in dem +Zudrang zu den Getreidespenden und zur Anwerbung unter das Heer; die +entsprechende Steigerung des Reichtums bezeugt ausdrücklich ein +Schriftsteller dieser Generation, indem er, von den Verhältnissen der +marianischen Zeit sprechend, ein Vermögen von 2 Mill. Sesterzen (152 +000 Taler) “nach damaligen Verhältnissen Reichtum” nennt; und ebendahin +führen die Angaben, die wir über das Vermögen einzelner Individuen +finden. Der schwerreiche Lucius Domitius Ahenobarbus verhieß +zwanzigtausend Soldaten jedem vier Jugera Land aus eigenem Besitz; das +Vermögen des Pompeius belief sich auf 70 Mill. Sesterzen (5300000 +Taler), das des Schauspielers Aesopus auf 20 (1520000 Taler); Marcus +Crassus, der reichste der Reichen, besaß am Anfang seiner Laufbahn 7 +(530000 Taler), am Ausgang derselben nach Verspendung ungeheurer Summen +an das Volk 170 Millionen Sesterzen (13 Mill. Taler). Die Folgen +solcher Armut und solchen Reichtums waren nach beiden Seiten eine +äußerlich verschiedene, aber wesentlich gleichartige ökonomische und +sittliche Zerrüttung. Wenn der gemeine Mann einzig durch die +Unterstützung aus Staatsmitteln vor dem Verhungern gerettet ward, so +war es die notwendige Folge dieses Bettlerelends, die freilich +wechselwirkend auch wieder als Ursache auftrat, daß er der +Bettlerfaulheit und dem bettlerhaften Wohlleben sich ergab. Statt zu +arbeiten, gaffte der römische Plebejer lieber im Theater; die Schenken +und Bordelle hatten solchen Zuspruch, daß die Demagogen ihre Rechnung +dabei fanden, vorwiegend die Besitzer derartiger Etablissements in ihr +Interesse zu ziehen. Die Fechterspiele, die Offenbarung wie die Nahrung +der ärgsten Demoralisation in der alten Welt, waren zu solcher Blüte +gelangt, daß mit dem Verkauf der Programme derselben ein einträgliches +Geschäft gemacht ward, und nahmen in dieser Zeit die entsetzliche +Neuerung auf, daß über Leben und Tod des Besiegten nicht das +Duellgesetz oder die Willkür des Siegers, sondern die Laune des +zuschauenden Publikums entschied und nach dessen Wink der Sieger den +daniederliegenden Besiegten entweder verschonte oder durchbohrte. Das +Handwerk des Fechters war so im Preise gestiegen oder auch die Freiheit +so im Preise gesunken, daß die Unerschrockenheit und der Wetteifer, die +auf den Schlachtfeldern dieser Zeit vermißt wurden, in den Heeren der +Arena allgemein waren und, wo das Duellgesetz es mit sich brachte, +jeder Gladiator lautlos und ohne zu zucken sich durchbohren ließ, ja +daß freie Männer nicht selten sich den Unternehmern für Kost und Lohn +als Fechtknechte verkauften. Auch die Plebejer des fünften Jahrhunderts +hatten gedarbt und gehungert, aber ihre Freiheit hatten sie nicht +verkauft; und noch weniger würden die Rechtweiser jener Zeit sich dazu +hergegeben haben, den ebenso sitten- wie rechtswidrigen Kontrakt eines +solchen Fechtknechts, “sich unweigerlich fesseln, peitschen, brennen +oder töten zu lassen, wenn die Gesetze der Anstalt dies mit sich +bringen würden”, auf unfeinen juristischen Schleichwegen als statthaft +und klagbar hinzustellen. + +In der vornehmen Welt kam nun dergleichen nicht vor; aber im Grunde war +sie kaum anders, am wenigsten besser. Im Nichtstun nahm es der +Aristokrat dreist mit dem Proletarier auf; wenn dieser auf dem Pflaster +lungerte, dehnte jener sich bis in den hellen Tag hinein in den +Feldern. Die Verschwendung regierte hier ebenso maß- wie geschmacklos. +Sie warf sich auf die Politik wie auf das Theater, natürlich zu beider +Verderben: man kaufte das Konsulamt um unglaublichen Preis - im Sommer +700 (54) ward allein die erste Stimmabteilung mit 10 Mill. Sesterzen +(760000 Talern) bezahlt - und verdarb durch den tollen Dekorationsluxus +dem Gebildeten alle Freude am Bühnenspiel. Die Mietpreise scheinen in +Rom durchschnittlich vierfach höher als in den Landstädten sich +gestellt zu haben; ein Haus daselbst ward einmal für 15 Mill. Sesterzen +(1150000 Taler) verkauft. Das Haus des Marcus Lepidus (Konsul 676 78), +als Sulla starb, das schönste in Rom, war ein Menschenalter später noch +nicht der hundertste in der Rangfolge der römischen Paläste. Des mit +den Landhäusern getriebenen Schwindels ward bereits gedacht; wir +finden, daß für ein solches, das hauptsächlich seines Fischteiches +wegen geschätzt war, 4 Mill. Sesterzen (300000 Taler) bezahlt wurden; +und der ganz vornehme Mann bedurfte jetzt schon wenigstens zweier +Landhäuser, eines in den Sabiner- oder Albaner Bergen bei der +Hauptstadt und eines zweiten in der Nähe der kampanischen Bäder, dazu +noch womöglich eines Gartens unmittelbar vor den Toren Roms. Noch +unsinniger als diese Villen- waren die Grabpaläste, von denen einzelne +noch bis auf den heutigen Tag es bezeugen, welches himmelhohen +Quaderhaufens der reiche Römer bedurfte, um standesmäßig gestorben zu +sein. Die Pferde- und Hundeliebhaber fehlten auch nicht; für ein +Luxuspferd waren 24000 Sesterzen (1830 Taler) ein nicht ungewöhnlicher +Preis. Man raffinierte auf Möbel von feinem Holz - ein Tisch von +afrikanischem Zypressenholz ward mit 1 Mill. Sesterzen (67000 Taler) +bezahlt; auf Gewänder von Purpurstoffen oder durchsichtiger Gaze und +daneben auch auf die zierlich vor dem Spiegel zurechtgelegten Falten - +der Redner Hortensius soll einen Kollegen wegen Injurien belangt haben, +weil er ihm im Gedränge den Rock zerknittert; auf Edelsteine und +Perlen, die zuerst in dieser Zeit an die Stelle des alten, unendlich +schöneren und kunstvolleren Goldschmucks traten: es war schon +vollkommenes Barbarentum, wenn bei Pompeius’ Triumph über Mithradates +das Bild des Siegers ganz von Perlen gearbeitet erschien und wenn man +im Speisesaal die Sofas und die Etageren mit Silber beschlagen, ja das +Küchengeschirr von Silber fertigen ließ. Gleicher Art ist es, wenn die +Sammler dieser Zeit aus den alten Silberbechern die kunstvollen +Medaillons herausbrachen um sie in goldene Gefäße wiedereinzusetzen. +Auch der Reiseluxus ward nicht vermißt. “Wenn der Statthalter reiste”, +erzählt Cicero von einem der sizilischen, “was natürlich im Winter +nicht geschah, sondern erst mit Frühlingsanfang, nicht dem des +Kalenders, sondern dem Anfang der Rosenzeit, so ließ er, wie es bei den +Königen von Bithynien Brauch war, sich auf einer Achtträgersänfte +befördern, sitzend auf Kissen von maltesischer Gaze und mit +Rosenblättern gestopft, einen Kranz auf dem Kopf, einen zweiten um den +Hals geschlungen, ein feines, leinenes, kleingetüpfeltes, mit Rosen +angefülltes Riechsäckchen an die Nase haltend; und so ließ er bis vor +sein Schlafzimmer sich tragen.” Aber keine Gattung des Luxus blühte so +wie die roheste von allen, der Luxus der Tafel. Die ganze +Villeneinrichtung und das ganze Villenleben lief schließlich hinaus auf +das Dinieren; man hatte nicht bloß verschiedene Tafelzimmer für Winter +und Sommer, sondern auch in der Bildergalerie, in der Obstkammer, im +Vogelhaus wurde serviert oder auf einer im Wildpark aufgeschlagenen +Estrade, um welche dann, wenn der bestellte “Orpheus” im Theaterkostüm +erschien und Tusch blies, die dazu abgerichteten Rehe und Wildschweine +sich drängten. So ward für Dekoration gesorgt, aber die Realität +darüber durchaus nicht vergessen. Nicht bloß der Koch war ein +graduierter Gastronom, sondern oft machte der Herr selbst den +Lehrmeister seiner Köche. Längst war der Braten durch Seefische und +Austern in den Schatten gestellt; jetzt waren die italischen Flußfische +völlig von der guten Tafel verbannt und galten die italischen +Delikatessen und die italischen Weine fast für gemein. Es wurden jetzt +schon bei Volksfesten außer dem italischen Falerner drei Sorten +ausländischen Weines - Sizilianer, Lesbier, Chier - verteilt, während +ein Menschenalter zuvor es auch bei großen Schmäusen genügt hatte, +einmal griechischen Wein herumzugeben; in dem Keller des Redners +Hortensius fand sich ein Lager von 10000 Krügen (zu 33 Berliner Quart) +fremden Weines. Es war kein Wunder, daß die italischen Weinbauer +anfingen, über die Konkurrenz der griechischen Inselweine zu klagen. +Kein Naturforscher kann eifriger die Länder und Meere nach neuen Tieren +und Pflanzen durchsuchen, als es von den Eßkünstlern jener Zeit wegen +neuer Küchenelegantien geschah ^22. Wenn dann der Gast, um den Folgen +der ihm vorgesetzten Mannigfaltigkeiten zu entgehen, nach der Mahlzeit +ein Vomitiv nahm, so fiel dies niemand mehr auf. Die Debauche aller Art +ward so systematisch und so schwerfällig, daß sie ihre Professoren +fand, die davon lebten, vornehmen Jünglingen theoretisch und praktisch +als Lastermeister zu dienen. Es wird nicht nötig sein, bei diesem +wüsten Gemälde eintönigster Mannigfaltigkeit noch länger zu verweilen; +um so weniger, als ja auch auf diesem Gebiet die Römer nichts weniger +als originell waren und sich darauf beschränkten, von dem +hellenisch-orientalischen Luxus eine noch maß- und noch geistlosere +Kopie zu liefern. Natürlich verschlingt Plutos seine Kinder so gut wie +Kronos; die Konkurrenz um alle jene meist nichtigen Gegenstände +vornehmer Begehrlichkeit trieb die Preise so in die Höhe, daß den mit +dem Strome Schwimmenden in kurzer Zeit das kolossalste Vermögen zerrann +und auch diejenigen, die nur Ehren halber das Notwendigste mitmachten, +den ererbten und festgegründeten Wohlstand rasch sich unterhöhlen +sahen. Die Bewerbung um das Konsulat zum Beispiel war die gewöhnliche +Landstraße zum Ruin angesehener Häuser; und fast dasselbe gilt von den +Spielen, den großen Bauten und all jenen andern, zwar lustigen, aber +teuren Metiers. Der fürstliche Reichtum jener Zeit wird nur von der +noch fürstlicheren Verschuldung überboten: Caesar schuldete um 692 (62) +nach Abzug seiner Aktiva 25 Mill. Sesterzen (1900000 Taler), Marcus +Antonius als Vierundzwanzigjähriger 6 Mill. Sesterzen (460000 Taler), +vierzehn Jahre später 40 (3 Mill. Taler), Curio 60 (4½ Mill. Taler), +Milo 70 Mill. (5½ Mill. Taler). Wie durchgängig jenes verschwenderische +Leben und Treiben der vornehmen römischen Welt auf Kredit beruhte, +davon zeugt die Tatsache, daß durch die Anleihen der verschiedenen +Konkurrenten um das Konsulat einmal in Rom der Monatzins plötzlich von +vier auf acht vom Hundert aufschlug. Die Insolvenz, statt rechtzeitig +den Konkurs oder doch die Liquidation herbeizuführen und damit +wenigstens wieder ein klares Verhältnis herzustellen, ward in der Regel +von dem Schuldner, solange es irgend ging, verschleppt; statt seine +Habe, namentlich seine Grundstücke zu verkaufen, fuhr er fort, zu +borgen und den Scheinreichen weiter zu spielen, bis denn der Krach nur +um so ärger kam und Konkurse ausbrachen wie zum Beispiel der des Milo, +bei dem die Gläubiger etwas über vier vom Hundert der liquidierten +Summen erhielten. Es gewann bei diesem rasend schnellen Umschlagen vom +Reichtum zum Bankrott und diesem systematischen Schwindel natürlich +niemand als der kühle Bankier, der es verstand, Kredit zu geben und zu +verweigern. So kamen denn die Kreditverhältnisse fast auf demselben +Punkte wieder an, wo sie in den schlimmsten Zeiten der sozialen Krise +des fünften Jahrhunderts gestanden hatten: die nominellen +Grundeigentümer waren gleichsam die Bittbesitzer ihrer Gläubiger, die +Schuldner entweder ihren Gläubigern knechtisch untertan, so daß die +geringeren von ihnen, gleich den Freigelassenen, in dem Gefolge +derselben erschienen, die vornehmeren selbst im Senat nach dem Wink +ihres Schuldherrn sprachen und stimmten, oder auch im Begriff, dem +Eigentum selbst den Krieg zu erklären und ihre Gläubiger entweder durch +Drohungen zu terrorisieren oder gar sich ihrer durch Komplott und +Bürgerkrieg zu entledigen. Auf diesen Verhältnissen ruhte die Macht des +Crassus; aus ihnen entsprangen die Aufläufe, deren Signal das “freie +Folium” war, des Cinna und bestimmter noch des Catilina, des Caelius, +des Dolabella, vollkommen gleichartig jenen Schlachten der Besitzenden +und Nichtbesitzenden, die ein Jahrhundert zuvor die hellenische Welt +bewegten. Daß bei so unterhöhlten ökonomischen Zuständen jede +finanzielle oder politische Krise die entsetzlichste Verwirrung +hervorrief, lag in der Natur der Dinge: es bedarf kaum gesagt zu +werden, daß die gewöhnlichen Erscheinungen: das Verschwinden des +Kapitals, die plötzliche Entwertung der Grundstücke, zahllose Bankrotte +und eine fast allgemeine Insolvenz, ebenwie während des +Bundesgenössischen und Mithradatischen, so auch jetzt während des +Bürgerkrieges sich einstellten. + +—————————————————————————- + +^22 Wir haben noch (Macr. Sat. 3, 13) den Speisezettel derjenigen +Mahlzeit, welche Lucius Lentulus Niger vor 691 (63) bei Antritt seines +Pontifikats gab und an der die Pontifices - darunter Caesar -, die +Vestalischen Jungfrauen und einige andere Priester und nah verwandte +Damen Anteil nahmen. Vor der Mahlzeit kamen Meerigel; frische Austern +soviel die Gäste wollten; Gienmuscheln; Lazarusklappen; Krammetsvögel +mit Spargeln; gemästetes Huhn; Auster- und Muschelpastete; schwarze und +weiße Meereicheln; noch einmal Lazarusklappen; Glykymarismuscheln; +Nesselmuscheln; Feigenschnepfen; Rehrippen; Schweinsrippen; Geflügel in +Mehl gebacken; Feigenschnepfen; Purpurmuscheln, zwei Sorten. Die +Mahlzeit selbst bestand aus Schweinsbrust, Schweinskopf; Fischpastete; +Schweinspastete; Enten; Kriechenten gekocht; Hasen; gebratenem +Geflügel; Kraftmehlbackwerk; pontischem Backwerk. + +Das sind die Kollegienschmäuse, von denen Varro (rust. 3, 2, 16) sagt, +daß sie die Preise aller Delikatessen in die Höhe trieben. Derselbe +zählt in einer seiner Satiren als die namhaftesten ausländischen +Delikatessen folgende auf: Pfauen von Samos; Haselhühner aus Phrygien; +Kraniche von Melos; Zicklein von Ambrakia; Thunfische von Kalchedon; +Muränen aus der Gaditanischen Meerenge; Edelfische (?) von Pessinus. +Austern und Muscheln von Tarent; Störe (?) von Rhodos; Scarusfische (?) +von Kilikien; Nüsse von Thasos; Datteln aus Ägypten; spanische Eicheln. + +—————————————————————————- + +Daß Sittlichkeit und Familienleben unter solchen Verhältnissen in allen +Schichten der Gesellschaft zur Antiquität wurden, versteht sich von +selbst. Es war nicht mehr der ärgste Schimpf und das schlimmste +Verbrechen, arm zu sein, sondern das einzige: um Geld verkaufte der +Staatsmann den Staat, der Bürger seine Freiheit; um Geld war die +Offizierstelle wie die Kugel des Geschworenen feil; um Geld gab die +vornehme Dame so gut sich preis wie die gemeine Dirne; +Urkundenfälschung und Meineide waren so gemein geworden, daß bei einem +Volkspoeten dieser Zeit der Eid “das Schuldenpflaster” heißt. Man hatte +vergessen, was Ehrlichkeit war; wer eine Bestechung zurückwies, galt +nicht für einen rechtschaffenen Mann, sondern für einen persönlichen +Feind. Die Kriminalstatistik aller Zeiten und Länder wird schwerlich +ein Seitenstück bieten zu einem Schaudergemälde so mannigfaltiger, so +entsetzlicher und so widernatürlicher Verbrechen, wie es der Prozeß des +Aulus Cluentius in dem Schoß einer der angesehensten Familien einer +italischen Ackerstadt vor uns aufrollt. + +Wie aber im tiefen Grunde des Volkslebens der Schlamm immer giftiger +und immer bodenloser sich sammelte, so legte sich um so viel glatter +und gleißender über die Oberfläche der Firnis feiner Sitten und +allgemeiner Freundschaft. Alle Welt besuchte sich einander, so daß in +den vornehmen Häusern es schon nötig wird, die jeden Morgen zum Lever +sich einstellenden Personen in einer gewissen, von dem Herrn oder +gelegentlich auch dem Kammerdiener festgesetzten Reihenfolge +vorzulassen, auch nur den namhafteren einzeln Audienz zu geben, die +übrigen aber teils in Gruppen, teils schließlich in Masse abzufertigen, +mit welcher Scheidung Gaius Gracchus, auch hierin der Pfadfinder der +neuen Monarchie, vorangegangen sein soll. Eine ebenso große Ausdehnung +wie die Höflichkeitsbesuche hat auch der Höflichkeitsbriefwechsel +gewonnen; zwischen Personen, die weder ein persönliches Verhältnis noch +Geschäfte miteinander haben, fliegen dennoch die “freundschaftlichen” +Briefe über Land und Meer, und umgekehrt kommen eigentliche und +förmliche Geschäftsbriefe fast nur da noch vor, wo das Schreiben an +eine Korporation gerichtet ist. In der gleichen Weise werden die +Einladungen zur Tafel, die üblichen Neujahrsgeschenke, die häuslichen +Feste ihrem Wesen entfremdet und fast in öffentliche Festlichkeiten +verwandelt; ja, der Tod selbst befreit nicht von diesen Rücksichten auf +die unzähligen “Nächsten”, sondern, um anständig gestorben zu sein, muß +der Römer jeden derselben wenigstens mit einem Andenken bedacht haben. +Ebenwie in gewissen Kreisen unserer Börsenwelt war der eigentliche +innige häusliche und hausfreundliche Zusammenhang dem damaligen Rom so +vollständig abhanden gekommen, daß mit den inhaltlos gewordenen Formen +und Floskeln desselben der gesamte Geschäfts- und Bekanntenverkehr sich +staffieren und dann allmählich an die Stelle der wirklichen jenes +Gespenst der “Freundschaft” treten konnte, welches unter den mancherlei +über den Ächtungen und Bürgerkriegen dieser Zeit schwebenden +Höllengeistern nicht den letzten Platz einnimmt. + +Ein ebenso charakteristischer Zug in dem schimmernden Verfall dieser +Zeit ist die Emanzipation der Frauenwelt. ökonomisch hatten die Frauen +längst sich selbständig gemacht; in der gegenwärtigen Epoche begegnen +schon eigene Frauenanwälte, die einzelnstehenden reichen Damen bei +ihrer Vermögensverwaltung und ihren Prozessen dienstbeflissen zur Hand +gehen, durch Geschäfts- und Rechtskenntnis ihnen imponieren und damit +reichlichere Trinkgelder und Erbschaftsquoten herausschlagen als andere +Pflastertreter der Börse. Aber nicht bloß der ökonomischen +Vormundschaft des Vaters oder des Mannes fühlten die Frauen sich +entbunden. Liebeshändel aller Art waren beständig auf dem Tapet. +Ballettänzerinnen (mimae) nahmen an Mannigfaltigkeit und Virtuosität +ihrer Industrien mit den heutigen es vollkommen auf; ihre Primadonnen, +die Cytheris und wie sie weiter heißen, beschmutzen selbst die Blätter +der Geschichte. Indes ihrem gleichsam konzessionierten Gewerbe tat sehr +wesentlichen Abbruch die freie Kunst der Damen der aristokratischen +Kreise. Liaisons in den ersten Häusern waren so häufig geworden, daß +nur ein ganz ausnehmendes Ärgernis sie zum Gegenstand besonderen +Klatsches machen konnte; ein gerichtliches Einschreiten nun gar schien +beinahe lächerlich. Ein Skandal ohnegleichen, wie ihn Publius Clodius +693 (61) bei dem Weiberfest im Hause des Oberpontifex aufführte, obwohl +tausendmal ärger als die Vorfälle, die noch fünfzig Jahre zuvor zu +einer Reihe von Todesurteilen geführt hatten, ging fast ohne +Untersuchung und ganz ohne Strafe hin. Die Badesaison - im April, wo +die Staatsgeschäfte ruhten und die vornehme Welt in Baiae und Puteoli +zusammenströmte - zog ihren Hauptreiz mit aus den erlaubten und +unerlaubten Verhältnissen, die neben Musik und Gesang und eleganten +Frühstücken im Nachen oder am Ufer die Gondelfahrten belebten. Hier +herrschten die Damen unumschränkt; indes begnügten sie sich keineswegs +mit dieser ihnen von Rechts wegen zustehenden Domäne, sondern sie +machten auch Politik, erschienen in Parteizusammenkünften und +beteiligten sich mit ihrem Geld und ihren Intrigen an dem wüsten +Koterietreiben der Zeit. Wer diese Staatsmänninnen auf der Bühne +Scipios und Catos agieren sah und daneben den jungen Elegant, wie er +mit glattem Kinn, feiner Stimme und trippelndem Gang, mit Kopf- und +Busentüchern, Manschettenhemden und Frauensandalen das lockere Dirnchen +kopierte, dem mochte wohl grauen vor der unnatürlichen Welt, in der die +Geschlechter die Rollen schienen wechseln zu wollen. Wie man in den +Kreisen dieser Aristokratie über Ehescheidung dachte, läßt das +Verfahren ihres besten und sittlichsten Mannes Marcus Cato erkennen, +der auf Bitten eines heiratslustigen Freundes von seiner Frau sich zu +scheiden, keinen Anstand nahm und ebensowenig daran, nach dem Tode +dieses Freundes dieselbe Frau zum zweitenmal zu heiraten. Ehe- und +Kinderlosigkeit griffen vornehmlich in den höheren Ständen immer weiter +um sich. Wenn unter diesen die Ehe längst als eine Last galt, die man +höchstens im öffentlichen Interesse über sich nahm, so begegnen wir +jetzt schon auch bei Cato und Catos Gesinnungsgenossen der Maxime, aus +der ein Jahrhundert zuvor Polybios den Verfall von Hellas ableitete: +daß es Bürgerpflicht sei, die großen Vermögen zusammenzuhalten und +darum nicht zu viel Kinder zu zeugen. Wo waren die Zeiten, als die +Benennung “Kinderzeuger” (proletarius) für den Römer ein Ehrenname +gewesen war! + +Infolge dieser sozialen Zustände schwand der latinische Stamm in +Italien in erschreckender Weise zusammen und legte sich über die +schönen Landschaften teils die parasitische Einwanderung, teils die +reine Öde. Ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung Italiens strömte in +das Ausland. Schon die Summe von Kapazitäten und Arbeitskräften, welche +die Lieferung von italischen Beamten und italischen Besatzungen für das +gesamte Mittelmeergebiet in Anspruch nahm, überstieg die Kräfte der +Halbinsel, zumal da die also in die Fremde gesandten Elemente zum +großen Teil der Nation für immer verloren gingen. Denn je mehr die +römische Gemeinde zu einem viele Nationen umfassenden Reiche erwuchs, +desto mehr entwöhnte sich die regierende Aristokratie, Italien als ihre +ausschließliche Heimat zu betrachten; von der zum Dienst ausgehobenen +oder angeworbenen Mannschaft aber ging ein ansehnlicher Teil in den +vielen Kriegen, namentlich in dem blutigen Bürgerkriege zugrunde, und +ein anderer ward durch die lange, zuweilen auf ein Menschenalter sich +erstreckende Dienstzeit der Heimat völlig entfremdet. In gleicher Weise +wie der öffentliche Dienst hielt die Spekulation einen Teil der +Grundbesitzer- und fast die ganze Kaufmannschaft wenn nicht auf +zeitlebens, doch auf lange Zeit außer Landes fest und entwöhnte +namentlich die letztere in dem demoralisierenden Handelsreiseleben +überhaupt der bürgerlichen Existenz im Mutterlande und der vielfach +bedingten innerhalb der Familie. Als Ersatz dafür erhielt Italien teils +das Sklaven- und Freigelassenenproletariat, teils die aus Kleinasien, +Syrien und Ägypten einströmenden Handwerker und Händler, die +vornehmlich in der Hauptstadt und mehr noch in den Hafenstädten Ostia, +Puteoli, Brundisium wucherten. Aber in dem größten und wichtigsten Teil +Italiens trat nicht einmal ein solcher Ersatz der reinen Elemente durch +unreine ein, sondern schwand die Bevölkerung sichtlich hin. Vor allem +galt dies von den Weidelandschaften, wie denn das gelobte Land der +Viehzucht, Apulien, von Gleichzeitigen der menschenleerste Teil +Italiens genannt wird, und von der Umgegend Roms, wo die Campagna unter +der steten Wechselwirkung des zurückgehenden Ackerbaues und der +zunehmenden bösen Luft jährlich mehr verödete. Labici, Gabii, Bovillae, +einst freundliche Landstädtchen, waren so verfallen, daß es schwer +hielt, Vertreter derselben für die Zeremonie des Latinerfestes +aufzutreiben. Tusculum, obwohl immer noch eine der angesehensten +Gemeinden Latiums, bestand fast nur noch aus einigen vornehmen +Familien, die in der Hauptstadt lebten, aber ihr tusculanisches +Heimatrecht festhielten, und stand an Zahl der stimmfähigen Bürger weit +zurück selbst hinter kleinen Gemeinden des inneren Italiens. Der Stamm +der waffenfähigen Mannschaft war in diesem Landstrich, auf dem einst +Roms Wehrhaftigkeit wesentlich beruht hatte, so vollständig +ausgegangen, daß man die im Vergleich mit den gegenwärtigen +Verhältnissen fabelhaft klingenden Berichte der Chronik von den Äquer- +und Volskerkriegen mit Staunen und vielleicht mit Grauen las. Nicht +überall war es so arg, namentlich nicht in den übrigen Teilen +Mittelitaliens und in Kampanien: aber dennoch “standen”, wie Varro +klagt, durchgängig einst menschenreiche Städte verödet. + +Es ist ein grauenvolles Bild, dies Bild Italiens unter dem Regiment der +Oligarchie. Zwischen der Welt der Bettler und der Welt der Reichen ist +der verhängnisvolle Gegensatz durch nichts vermittelt oder gemildert. +Je deutlicher und peinlicher er auf beiden Seiten empfunden ward, je +schwindelnd höher der Reichtum stieg, je tiefer der Abgrund der Armut +gähnte, desto häufiger ward in dieser wechselvollen Welt der +Spekulation und des Glücksspiels der einzelne aus der Tiefe in die Höhe +und wieder aus der Höhe in die Tiefe geschleudert. Je weiter äußerlich +die beiden Welten auseinanderklafften, desto vollständiger begegneten +sie sich in der gleichen Vernichtung des Familienlebens, das doch aller +Nationalität Keim und Kern ist, in der gleichen Faulheit und Üppigkeit, +der gleichen bodenlosen Ökonomie, der gleichen unmännlichen +Abhängigkeit, der gleichen, nur im Tarif unterschiedenen Korruption, +der gleichen Verbrecherentsittlichung, dem gleichen Gelüsten, mit dem +Eigentum den Krieg zu beginnen. Reichtum und Elend im innigen Bunde +treiben die Italiker aus Italien aus und füllen die Halbinsel halb mit +Sklavengewimmel, halb mit schauerlicher Stille. Es ist ein grauenvolles +Bild, aber kein eigentümliches; überall, wo das Kapitalistenregiment im +Sklavenstaat sich vollständig entwickelt, hat es Gottes schöne Welt in +gleicher Weise verwüstet. Wie die Ströme in verschiedenen Farben +spiegeln, die Kloake aber überall sich gleich sieht, so gleicht auch +das Italien der ciceronischen Epoche wesentlich dem Hellas des Polybios +und bestimmter noch dem Karthago der hannibalischen Zeit, wo in ganz +ähnlicher Weise das allmächtig regierende Kapital den Mittelstand +zugrunde gerichtet, den Handel und die Gutswirtschaft zur höchsten +Blüte gesteigert und schließlich eine gleißend übertünchte sittliche +und politische Verwesung der Nation herbeigeführt hatte. Alles, was in +der heutigen Welt das Kapital an argen Sünden gegen Nation und +Zivilisation begangen hat, bleibt so tief unter den Greueln der alten +Kapitalistenstaaten, wie der freie Mann, sei er auch noch so arm, über +dem Sklaven bleibt; und erst wenn Nordamerikas Drachensaat reift, wird +die Welt wieder ähnliche Früchte zu ernten haben. + +Diese Leiden, an denen die italische Volkswirtschaft daniederlag, waren +ihrem tiefsten Kerne nach unheilbar, und was daran noch geheilt werden +konnte, mußte wesentlich das Volk und die Zeit bessern; denn auch die +weiseste Regierung vermag so wenig wie der geschickteste Arzt, die +verdorbenen Säfte des Organismus in frische zu verwandeln oder bei +tieferliegenden Übeln mehr zu tun, als die Zufälligkeiten abzuwehren, +die die Heilkraft der Natur in ihrem Wirken hindern. Eine solche Abwehr +gewährte an sich schon die friedliche Energie des neuen Regiments, +durch welche einige der ärgsten Auswüchse von selber wegfielen, wie zum +Beispiel die künstliche Großziehung des Proletariats, die +Straflosigkeit der Verbrechen, der Ämterkauf und anderes mehr. Allein +etwas mehr konnte die Regierung doch tun als bloß nicht schaden. Caesar +gehörte nicht zu den überklugen Leuten, die das Meer darum nicht +eindämmen, weil der Springflut doch kein Deich zu trotzen vermag. Es +ist besser, wenn die Nation und ihre Ökonomie von selbst die +naturgemäße Bahn geht; aber da sie aus dieser ausgewichen war, so +setzte Caesar alle seine Energie ein, um von oben herab die Nation in +das heimatliche und Familienleben zurückzubringen und die Volksökonomie +durch Gesetz und Dekret zu reformieren. Um der dauernden Abwesenheit +der Italiker aus Italien zu steuern und die vornehme Welt und die +Kaufmannschaft zur Gründung eigener Herde in der Heimat zu veranlassen, +wurde nicht bloß die Dienstzeit der Soldaten verkürzt, sondern auch den +Männern senatorischen Standes überhaupt untersagt, anders als in +öffentlichen Geschäften ihren Aufenthalt außerhalb Italiens zunehmen, +den übrigen Italikern in heiratsfähigem Alter (vom zwanzigsten bis zum +vierzigsten Jahr) vorgeschrieben, nicht über drei Jahre hintereinander +von Italien abwesend zu sein. In demselben Sinn hatte Caesar schon in +seinem ersten Konsulat bei Gründung der Kolonie Capua die Väter +mehrerer Kinder vorzugsweise bedacht und setzte nun als Imperator den +Vätern zahlreicher Familien außerordentliche Belohnungen aus, während +er zugleich als oberster Richter der Nation Scheidung und Ehebruch mit +einem nach römischen Begriffen unerhörten Rigorismus behandelte. Er +verschmähte es sogar nicht, ein detailliertes Luxusgesetz zu erlassen, +das unter anderm die Bauverschwendung wenigstens in einem ihrer +unsinnigsten Auswüchse, den Grabmonumenten, beschnitt, den Gebrauch von +Purpurgewändern und Perlen auf gewisse Zeiten, Alters- und Rangklassen +beschränkte und ihn erwachsenen Männern ganz untersagte, dem +Tafelaufwand ein Maximum setzte und eine Anzahl Luxusgerichte geradezu +verbot. Dergleichen Verordnungen waren freilich nicht neu; neu aber war +es, daß der “Sittenmeister” ernstlich über deren Befolgung hielt, die +Eßwarenmärkte durch bezahlte Aufpasser überwachte, ja, den vornehmen +Herren durch seine Gerichtsdiener die Tafel revidieren und die +verbotenen Schüsseln auf dieser selbst konfiszieren ließ. Durch solche +theoretische und praktische Unterweisung in der Mäßigkeit, welche die +neue monarchische Polizei der vornehmen Welt erteilte, konnte freilich +kaum mehr erreicht werden, als daß der Luxus sich etwas mehr in die +Verborgenheit zurückzog; allein wenn die Heuchelei die Huldigung ist, +die das Laster der Tugend darbringt, so war unter den damaligen +Verhältnissen selbst eine polizeilich hergestellte Scheinehrbarkeit ein +nicht zu verachtender Fortschritt zum Bessern. + +Ernsterer Art waren und mehr Erfolg versprachen die Maßregeln Caesars +zur besseren Regulierung der italischen Geld- und Bodenwirtschaft. +Zunächst handelte es sich hier um transitorische Bestimmungen +hinsichtlich des Geldmangels und der Schuldenkrise überhaupt. Das durch +den Lärm über die zurückgehaltenen Kapitalien hervorgerufene Gesetz, +daß niemand über 60000 Sesterzen (4600 Taler) an barem Gold und Silber +vorrätig haben dürfe, mag wohl nur erlassen sein, um den Zorn des +blinden Publikums gegen die Wucherer zu beschwichtigen; die Form der +Publikation, wobei fingiert ward, daß hiermit nur ein älteres, in +Vergessenheit geratenes Gesetz wieder eingeschärft werde, zeigt es, daß +Caesar dieser Verfügung sich schämte, und schwerlich wird von ihr +wirklich Anwendung gemacht sein. Eine weit ernstere Frage war die +Behandlung der schwebenden Forderungen, deren vollständigen Erlaß die +Partei, die sich die seine nannte, von Caesar mit Ungestüm begehrte. +Daß derselbe auf dieses Begehren so nicht einging, ward schon gesagt; +indes wurden doch, und zwar schon im Jahre 705 (49), den Schuldnern +zwei wichtige Zugeständnisse gemacht. Einmal wurden die rückständigen +Zinsen niedergeschlagen ^23 und die gezahlten vom Kapital abgezogen. +Zweitens ward der Gläubiger genötigt, die bewegliche und unbewegliche +Habe des Schuldners an Zahlungs Statt nach demjenigen Taxwert +anzunehmen, welchen die Sachen vor dem Bürgerkrieg und der durch +denselben herbeigeführten allgemeinen Entwertung gehabt hatten. Die +letztere Festsetzung war nicht unbillig; wenn der Gläubiger tatsächlich +als der Eigentümer der Habe seines Schuldners bis zum Belauf der ihm +geschuldeten Summe anzusehen war, so war es wohl gerechtfertigt, daß er +an der allgemeinen Entwertung des Besitzes seinen Anteil mittrug. +Dagegen die Annullierung der geleisteten oder ausstehenden +Zinszahlungen, durch welche der Sache nach die Gläubiger außer den +Zinsen selbst von dem, was sie zur Zeit der Erlassung des Gesetzes an +Kapital zu fordern hatten, durchschnittlich 25 Prozent einbüßten, war +in der Tat nichts anderes als eine teilweise Gewährung der von den +Demokraten so ungestüm begehrten Kassation der aus Darlehen +herrührenden Forderungen; und wie arg auch die Zinswucherer +gewirtschaftet haben mochten, so ist es doch nicht möglich, damit die +rückwirkende Vernichtung aller Zinsforderungen ohne Unterschied zu +rechtfertigen. Um diese Agitation wenigstens zu begreifen, muß man sich +erinnern, wie die demokratische Partei zu der Zinsfrage stand. Das +gesetzliche Verbot, Zinsen zu nehmen, das die alte Plebejeropposition +im Jahre 412 (342) erzwungen hatte, war zwar durch die mittels der +Prätur den Zivilprozeß beherrschende Nobilität tatsächlich außer +Anwendung gesetzt, aber doch formell seit jener Zeit in Gültigkeit +geblieben; und die Demokraten des siebenten Jahrhunderts, die sich +durchaus als die Fortsetzer jener alten ständisch-sozialen Bewegung +betrachteten, hatten die Nichtigkeit der Zinszahlungen zu jeder Zeit +behauptet, auch schon in den Wirren der marianischen Zeit dieselbe +wenigstens vorübergehend praktisch geltend gemacht. Es ist nicht +glaublich, daß Caesar die kruden Ansichten seiner Partei über die +Zinsfrage teilte; wenn er in seinem Bericht über die +Liquidationsangelegenheit der Verfügung über die Hingabe der Habe der +Schuldner an Zahlungs Statt gedenkt, aber von der Kassation der Zinsen +schweigt, so ist dies vielleicht ein stummer Selbstvorwurf. Allein wie +jeder Parteiführer hing doch auch er von seiner Partei ab und konnte +die traditionellen Sätze der Demokratie in der Zinsfrage nicht geradezu +verleugnen; um so mehr, als er über diese Frage nicht als der +allmächtige Sieger von Pharsalos, sondern schon vor seinem Abgang nach +Epirus zu entscheiden hatte. Wenn er aber diesen Bruch in die +Rechtsordnung und das Eigentum vielleicht mehr zuließ als bewirkte, so +ist es sicher sein Verdienst, daß jenes ungeheuerliche Begehren der +Kassation sämtlicher Darlehnsforderungen zurückgewiesen ward: und es +darf wohl als eine Ehrenrettung für ihn angesehen werden, daß die +Schuldner über das ihnen gemachte, nach ihrer Ansicht höchst +ungenügende Zugeständnis noch weit ungehaltener waren als die +verkürzten Gläubiger und unter Caelius und Dolabella jene törichten +und, wie bereits früher erzählt, rasch vereitelten Versuche machten, +das, was Caesar ihnen verweigert hatte, durch Krawall und Bürgerkrieg +zu erzwingen. + +————————————————————— + +^23 Dieses ist zwar nicht überliefert, folgt aber notwendig aus der +Gestattung, die durch Barzahlung oder Anweisung gezahlten Zinsen (si +quid usurae nomine numeratum auf perscriptum fuisset: Suet. Caes. 42) +als gesetzwidrig gezahlt an dem Kapital zu kürzen. + +————————————————————— + +Aber Caesar beschränkte sich nicht darauf, dem Schuldner für den +Augenblick zu helfen, sondern er tat, was er als Gesetzgeber tun +konnte, um die fürchterliche Allmacht des Kapitals auf die Dauer zu +beugen. Vor allen Dingen ward der große Rechtssatz proklamiert, daß die +Freiheit nicht ein dem Eigentum kommensurables Gut ist, sondern ein +ewiges Menschenrecht, das der Staat nur dem Schuldigen, nicht dem +Schuldner abzuerkennen das Recht hat. Es ist Caesar, der, vielleicht +auch hier angeregt durch die humanere ägyptische und griechische, +besonders die Solonische Gesetzgebung ^24, dieses den Satzungen der +älteren Konkursordnung schnurstracks widersprechende Prinzip eingeführt +hat in das gemeine Recht, wo es seit ihm unangefochten sich behauptet. +Nach römischem Landrecht ward der zahlungsunfähige Schuldner Knecht +seines Gläubigers. Das Poetelische Gesetz hatte zwar dem nur durch +Verlegenheiten, nicht durch wahre Überschuldung augenblicklich +zahlungsunfähig Gewordenen verstattet, durch Abtretung seiner Habe die +persönliche Freiheit zu retten; für den wirklich Überschuldeten jedoch +war jener Rechtssatz wohl in Nebenpunkten gemildert, aber in der +Hauptsache durch ein halbes Jahrtausend unverändert festgehalten +worden; ein zunächst auf das Vermögen gerichteter Konkurs kam nur +ausnahmsweise vor dann, wenn der Schuldner tot oder seines Bürgerrechts +verlustig gegangen oder nicht aufzufinden war. Erst Caesar gab dem +überschuldeten Manne das Recht, worauf noch unsere heutigen +Konkursordnungen beruhen: durch förmliche Abtretung der Habe an die +Gläubiger, mochte sie zu ihrer Befriedigung ausreichen oder nicht, +allemal seine persönliche Freiheit, wenn auch mit geschmälerten Ehren- +und politischen Rechten, zu erretten und eine neue Vermögensexistenz zu +beginnen, in der er wegen der aus der älteren Zeit herrührenden und im +Konkurs nicht gedeckten Forderungen nur dann eingeklagt werden durfte, +wenn er sie bezahlen konnte, ohne wiederum sich ökonomisch zu +ruinieren. Wenn also dem großen Demokraten die unvergängliche Ehre +zuteil ward, die persönliche Freiheit prinzipiell vom Kapital zu +emanzipieren, so versuchte er ferner, die Übermacht des Kapitals durch +Wuchergesetze auch polizeilich einzudämmen. Die demokratische +Antipathie gegen die Zinsverträge verleugnete auch er nicht. Für den +italischen Geldverkehr wurde eine Maximalsumme der dem einzelnen +Kapitalisten zu gestattenden Zinsdarlehen festgestellt, welche sich +nach dem einem jeden zuständigen italischen Grundbesitz gerichtet zu +haben scheint und vielleicht die Hälfte des Wertes desselben betrug. +Übertretungen dieser Bestimmung wurden, nach Art des in den +republikanischen Wuchergesetzen vorgeschriebenen Verfahrens, als +Kriminalvergehen behandelt und vor eine eigene Geschworenenkommission +gewiesen. Wenn es gelang, diese Vorschriften praktisch durchzuführen, +so wurde jeder italische Geschäftsmann dadurch genötigt, vor allem +zugleich auch italischer Grundbesitzer zu werden, und die Klasse der +bloß von ihren Zinsen zehrenden Kapitalisten verschwand in Italien +gänzlich. Mittelbar wurde damit auch die nicht minder schädliche +Kategorie der überschuldeten und der Sache nach nur für ihre Gläubiger +das Gut verwaltenden Grundeigentümer wesentlich beschränkt, indem die +Gläubiger, wenn sie ihr Zinsgeschäft fortführen wollten, gezwungen +wurden, selber sich anzukaufen. Schon hierin übrigens liegt es, daß +Caesar keineswegs jenes naive Zinsverbot der alten Popularpartei +einfach erneuern, sondern vielmehr das Zinsnehmen innerhalb gewisser +Grenzen gestatten wollte. Sehr wahrscheinlich aber hat er dabei sich +nicht auf jene bloß für Italien gültige Anordnung eines Maximalsatzes +der auszuleihenden Summen beschränkt, sondern auch, namentlich mit +Rücksicht auf die Provinzen, für die Zinsen selbst Maximalsätze +vorgeschrieben. Die Verfügungen, daß es unstatthaft sei, höhere Zinsen +als eins vom Hundert monatlich oder von rückständigen Zinsen wieder +Zinsen zu nehmen oder endlich an rückständigen Zinsen mehr als eine dem +Kapital gleichkommende Summe gerichtlich geltend zu machen, wurden, +wahrscheinlich ebenfalls nach griechisch-ägyptischem Muster ^25, im +Römischen Reiche zuerst von Lucius Lucullus für Kleinasien aufgestellt +und daselbst von seinen besseren Nachfolgern beibehalten, sodann bald +auch auf andere Provinzen durch Statthalterverordnungen übertragen und +endlich wenigstens ein Teil derselben durch einen Beschluß des +römischen Senats vom Jahre 704 (50) mit Gesetzeskraft in allen +Provinzen versehen. Wenn diese Lucullischen Verfügungen späterhin in +ihrem vollen Umfang als Reichsgesetz erscheinen und durchaus die +Grundlage der römischen, ja der heutigen Zinsgesetzgebung geworden +sind, so darf auch dies vielleicht auf eine Bestimmung Caesars +zurückgeführt werden. + +————————————————————————- + +^24 Die ägyptischen Königsgesetze (Diod. 1, 79) und ebenso das +Solonische Recht (Plut. Sol. 13, 15) untersagten die Schuldbriefe, +worin auf die Nichtzahlung der Verlust der persönlichen Freiheit des +Schuldners gesetzt war; und wenigstens das letztere legte auch im Falle +des Konkurses dem Schuldner nicht mehr auf als die Abtretung seiner +sämtlichen Aktiva. + +^25 Wenigstens der letztere Satz kehrt wieder in den alten ägyptischen +Königsgesetzen (Diod. 1, 79). Dagegen kennt das Solonische Recht keine +Zinsbeschränkungen, erlaubt vielmehr ausdrücklich, Zinsen von jeder +beliebigen Höhe auszumachen. + +————————————————————————- + +Hand in Hand mit diesen Bestrebungen, der Kapitalübermacht zu wehren, +gingen die Bemühungen, die Bodenwirtschaft in diejenige Bahn +zurückzuleiten, die dem Gemeinwesen die förderlichste war. Sehr +wesentlich war hierfür schon die Verbesserung der Rechtspflege und der +Polizei. Wenn bisher niemand in Italien seines Lebens und seines +beweglichen oder unbeweglichen Eigentums sicher gewesen war, wenn zum +Beispiel die römischen Bandenführer in den Zwischenzeiten, wo ihre +Leute nicht in der Hauptstadt Politik machen halfen, in den Wäldern +Etruriens dem Raube obgelegen oder auch die Landgüter ihrer Soldherren +durch Eroberungen arrondiert hatten, so hatte dergleichen Faustrecht +nunmehr ein Ende; und vor allem die ackerbauende Bevölkerung aller +Klassen mußte davon die wohltätigen Folgen empfinden. Auch Caesars +Baupläne, die sich durchaus nicht auf die Hauptstadt beschränkten, +waren bestimmt, hier einzugreifen; so sollte zum Beispiel die Anlegung +einer bequemen Fahrstraße von Rom durch die Apenninenpässe zum +Adriatischen Meer den italischen Binnenverkehr beleben, die +Niedrigerlegung des Fuciner Sees der marsischen Bauernschaft zugute +kommen. Allein auch unmittelbar griff Caesar in die wirtschaftlichen +Zustände Italiens ein. Den italischen Viehzüchtern wurde auferlegt, +wenigstens den dritten Teil ihrer Hirten aus freigeborenen, erwachsenen +Leuten zu nehmen, wodurch zugleich dem Banditenwesen gesteuert und dem +freien Proletariat eine Erwerbsquelle geöffnet ward. In der agrarischen +Frage ging Caesar, der bereits in seinem ersten Konsulat in die Lage +gekommen war, sie zu regulieren, verständiger als Tiberius Gracchus, +nicht darauf aus, die Bauernwirtschaft wiederherzustellen um jeden +Preis, selbst um den einer unter juristischen Klauseln versteckten +Revolution gegen das Eigentum; ihm wie jedem andern echten Staatsmann +galt vielmehr als die erste und unverbrüchlichste aller politischen +Maximen die Sicherheit dessen, was Eigentum ist oder doch im Publikum +als Eigentum gilt, und nur innerhalb der hierdurch gezogenen Schranken +suchte er die Hebung des italischen Kleinbesitzes, die auch ihm als +eine Lebensfrage der Nation erschien, zu bewerkstelligen. Es ließ auch +so noch viel in dieser Beziehung sich tun. Jedes Privatrecht, mochte es +Eigentum oder titulierter Erbbesitz heißen, auf Gracchus oder auf Sulla +zurückgehen, ward unbedingt von ihm respektiert. Dagegen das sämtliche +wirkliche Domanialland in Italien, mit Einschluß eines ansehnlichen +Teils der in den Händen geistlicher Innungen befindlichen, rechtlich +dem Staate zuständigen Liegenschaften, wurde von Caesar, nachdem er in +seiner streng sparsamen, auch im kleinen keine Verschleuderung und +Vernachlässigung duldenden Weise durch die wiedererweckte +Zwanzigerkommission eine allgemeine Revision der italischen Besitztitel +veranstaltet hatte, zur Verteilung in gracchanischer Weise bestimmt, +natürlich soweit es sich zum Ackerbau eignete - die dem Staate +gehörigen apulischen Sommer- und samnitischen Winterweiden blieben auch +ferner Domäne; und es war wenigstens die Absicht des Imperators, wenn +diese Domänen nicht ausreichen würden, das weiter erforderliche Land +durch Ankauf italischer Grundstücke aus der Staatskasse zu beschaffen. +Bei der Auswahl der neuen Bauern wurden natürlich vor allen die +gedienten Soldaten berücksichtigt und soweit möglich die Last, welche +die Aushebung für das Mutterland war, dadurch in eine Wohltat +umgewandelt, daß Caesar den als Rekruten ausgehobenen Proletarier ihm +als Bauer zurückgab; bemerkenswert ist es auch, daß die verödeten +latinischen Gemeinden, wie zum Beispiel Veii und Capena, vorzugsweise +mit neuen Kolonisten bedacht worden zu sein scheinen. Die Vorschrift +Caesars, daß die neuen Eigentümer erst nach zwanzig Jahren befugt sein +sollten, die empfangenen Ländereien zu veräußern, war ein glücklicher +Mittelweg zwischen der völligen Freigebung des Veräußerungsrechts, die +den größten Teil des verteilten Landes rasch wieder in die Hände der +großen Kapitalisten zurückgeführt haben würde, und den bleibenden +Beschränkungen der Verkehrsfreiheit, wie sie Tiberius Gracchus und +Sulla, beide gleich vergeblich, verfügt hatten. + +Wenn also die Regierung energisch dazu tat, die kranken Elemente des +italischen Volkslebens zu entfernen und die gesunden zu stärken, so +sollte endlich das neu regulierte Munizipalwesen, nachdem sich dasselbe +erst jüngst aus der Krise des Bundesgenossenkriegs in und neben dem +Staatswesen entwickelt hatte, der neuen absoluten Monarchie das mit ihr +verträgliche Gemeindeleben mitteilen und die stockende Zirkulation der +edelsten Elemente des öffentlichen Lebens wieder zu rascheren +Pulsschlägen erwecken. Als leitender Grundsatz in den beiden im Jahre +705 (49) für das Cisalpinische Gallien, im Jahre 709 (45) für Italien +erlassenen Gemeindeordnungen ^26, von denen namentlich die letztere für +die ganze Folgezeit Grundgesetz blieb, erscheint teils die strenge +Reinigung der städtischen Kollegien von allen unsittlichen Elementen, +während von politischer Polizei darin keine Spur vorkommt, teils die +möglichste Beschränkung des Zentralisierens und die möglichst freie +Bewegung der Gemeinden, denen auch jetzt noch die Wahl der Beamten und +eine wenngleich beschränkte Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit +verblieb. Die allgemeinen polizeilichen Bestimmungen, zum Beispiel die +Beschränkungen des Assoziationsrechts, griffen freilich auch hier +Platz. + +——————————————————————— + +^26 Von beiden Gesetzen sind beträchtliche Bruchstücke noch vorhanden. + +——————————————————————— + +Dies sind die Ordnungen, durch die Caesar versuchte, die italische +Volkswirtschaft zu reformieren. Es ist leicht, sowohl ihre +Unzulänglichkeit darzutun, indem auch sie noch eine Menge von +Übelständen bestehen ließen, als auch nachzuweisen, daß sie vielfach +schädlich wirkten, indem sie die Verkehrsfreiheit zum Teil sehr +empfindlich beschränkten. Es ist noch leichter nachzuweisen, daß die +Schäden der italischen Volkswirtschaft überhaupt unheilbarer Art waren. +Aber trotzdem wird der praktische Staatsmann das Werk wie den Meister +bewundern. Es war schon etwas, daß da, wo ein Mann wie Sulla, an +Abhilfe verzweifelnd, mit einer bloß formalen Reorganisation sich +begnügt hatte, das Übel an seinem eigentlichen Sitze angefaßt und hier +mit ihm gerungen ward; und wir dürfen wohl urteilen, daß Caesar mit +seinen Reformen dem Maße des Möglichen so nahe kam, als zu kommen dem +Staatsmann und dem Römer gegeben war. Die Verjüngung Italiens hat auch +er von ihnen nicht erwarten können noch erwartet, sondern diese +vielmehr auf einem sehr verschiedenen Wege zu erreichen gesucht, den +darzulegen es nötig wird, zunächst die Lage der Provinzen, wie Caesar +sie vorfand, ins Auge zu fassen. + +Die Provinzen, welche Caesar vorfand, waren vierzehn an der Zahl; +sieben europäische: das Jenseitige und das Diesseitige Spanien; das +Transalpinische Gallien; das Italische Gallien mit Illyricum; +Makedonien mit Griechenland; Sizilien; Sardinien mit Korsika; fünf +asiatische: Asia; Bithynien und Pontus; Kilikien mit Kypros; Syrien; +Kreta; und zwei afrikanische: Kyrene und Afrika; wozu Caesar durch die +Einrichtung der beiden neuen Statthalterschaften des Lugdunensischen +Galliens und Belgiens und durch Konstituierung Illyricums als einer +eigenen Provinz noch drei neue Sprengel hinzufügte ^27. + +————————————————————— + +^27 Da nach Caesars Ordnung jährlich sechzehn Proprätoren und zwei +Prokonsuln in die Statthalterschaften sich teilten und die letzteren +zwei Jahre im Amt blieben, so möchte man schließen daß er die Zahl der +Provinzen insgesamt auf zwanzig zu bringen beabsichtigte. Zu einer +Gewißheit ist indes hier um so weniger zu gelangen, als Caesar +vielleicht absichtlich weniger Ämter einrichtete als Kandidaturen. + +————————————————————— + +In dem Regiment über diese Provinzen war die oligarchische +Mißwirtschaft auf einem Punkte angekommen, wie ihn wenigstens im +Okzident, trotz mancher achtbarer Leistungen in diesem Fach, keine +zweite Regierung jemals erreicht hat und wo nach unserer Fassungskraft +eine Steigerung nicht mehr möglich scheint. Allerdings traf die +Verantwortung hierfür die Römer nicht allein. Fast überall hatte +bereits vor ihnen das griechische, phönikische oder asiatische Regiment +den Völkern den höheren Sinn und das Rechts- und Freiheitsgefühl +besserer Zeiten ausgetrieben. Es war wohl arg, daß jeder angeschuldigte +Provinziale auf Verlangen in Rom persönlich zur Verantwortung sich zu +stellen verpflichtet war; daß der römische Statthalter beliebig in die +Rechtspflege und in die Verwaltung der abhängigen Gemeinden eingriff, +Bluturteile fällte und Verhandlungen des Gemeinderats kassierte; daß er +im Kriegsfall mit den Milizen nach Gutdünken und oft in schandbarer +Weise schaltete, wie zum Beispiel Cotta bei der Belagerung des +pontischen Herakleia der Miliz alle gefährlichen Posten anwies, um +seine Italiker zu schonen, und, da die Belagerung nicht nach Wunsch +ging, seinen Werkmeistern den Kopf vor die Füße zu legen befahl. Es war +wohl arg, daß keine Vorschrift der Sittlichkeit oder des Strafrechts +weder die römischen Vögte noch ihr Gefolge band und daß +Vergewaltigungen, Schändungen und Ermordungen mit oder ohne Form +Rechtens in den Provinzen alltägliche Auftritte waren. Allein es war +dies wenigstens nichts Neues: fast überall war man sklavischer +Behandlung längst gewohnt und es kam am Ende wenig darauf an, ob ein +karthagischer Vogt, ein syrischer Satrap oder ein römischer Prokonsul +den Lokaltyrannen spielte. Das materielle Wohlbefinden, ziemlich das +einzige, wofür man in den Provinzen noch Sinn hatte, ward durch jene +Vorgänge, die zwar bei den vielen Tyrannen viele, aber doch nur +einzelne Individuen trafen, weit minder gestört als durch die auf allen +zugleich lastende finanzielle Exploitierung, welche mit solcher Energie +doch niemals noch aufgetreten war. Die Römer bewährten ihre alte +Meisterschaft im Geldwesen jetzt auf diesem Gebiet in einer +entsetzlichen Weise. Es ist früher versucht worden, das römische System +der Provinzialbelastung in seinen bescheidenen und verständigen +Grundlagen wie in seiner Steigerung und Verderbung darzustellen. Daß +die letztere progressiv zunahm, versteht sich von selbst. Die +ordentlichen Abgaben wurden weit drückender durch die Ungleichheit der +Steuerverteilung und durch das verkehrte Hebesystem als durch ihre +Höhe. Über die Einquartierungslast äußerten römische Staatsmänner +selbst, daß eine Stadt ungefähr gleich viel leide, wenn der Feind sie +erstürme und wenn ein römisches Heer Winterquartier in ihr nehme. +Während die Besteuerung nach ihrem ursprünglichen Charakter die +Vergütung für die von Rom übernommene Kriegslast gewesen war und die +steuernde Gemeinde also ein Recht darauf hatte, vom ordentlichen Dienst +verschont zu bleiben, wurde jetzt, wie zum Beispiel für Sardinien +bezeugt ist, der Besatzungsdienst größtenteils den Provinzialen +aufgebürdet und sogar in den ordentlichen Heeren außer anderen +Leistungen die ganze schwere Last des Reiterdienstes auf sie abgewälzt. +Die außerordentlichen Leistungen, wie zum Beispiel die Kornlieferungen +gegen geringe oder gar keine Vergütung zum Besten des hauptstädtischen +Proletariats, die häufigen und kostspieligen Flottenrüstungen und +Strandverteidigungen, um der Piraterie zu steuern, die Aufgaben, +Kunstwerke, wilde Bestien oder andere Bedürfnisse des wahnwitzigen +römischen Theater- und Tierhetzenluxus herbeizuschaffen, die +militärischen Requisitionen im Kriegsfall, waren ebenso häufig wie +erdrückend und unberechenbar. Ein einzelnes Beispiel mag zeigen, wie +weit die Dinge gingen. Während der dreijährigen Verwaltung Siziliens +durch Gaius Verres sank die Zahl der Ackerwirte in Leontinoi von 84 auf +32, in Motuka von 187 auf 86, in Herbita von 252 auf 120, in Agyrion +von 250 auf 80; so daß in vier der fruchtbarsten Distrikte Siziliens +von hundert Grundbesitzern 59 ihre Äcker lieber brach liegen ließen, +als sie unter diesem Regiment bestellten. Und diese Ackerwirte waren, +wie schon ihre geringe Zahl zeigt und auch ausdrücklich gesagt wird, +keineswegs kleine Bauern, sondern ansehnliche Plantagenbesitzer und zum +großen Teil römische Bürger! + +In den Klientelstaaten waren die Formen der Besteuerung etwas +verschieden, aber die Lasten selbst womöglich noch ärger, da außer den +Römern hier auch noch die einheimischen Höfe erpreßten. In Kappadokien +und Ägypten war der Bauer wie der König bankrott und jener den +Steuereinnehmer, dieser den römischen Gläubiger zu befriedigen +außerstande. Dazu kamen denn die eigentlichen Erpressungen nicht bloß +des Statthalters selbst, sondern auch seiner “Freunde”, von denen jeder +gleichsam eine Anweisung auf den Statthalter zu haben meinte und ein +Anrecht, durch ihn aus der Provinz als ein gemachter Mann +zurückzukommen. Die römische Oligarchie glich in dieser Beziehung +vollständig einer Räuberbande und betrieb das Plündern der Provinzialen +berufs- und handwerksmäßig: ein tüchtiges Mitglied griff nicht allzu +säuberlich zu, da man ja mit den Sachwaltern und den Geschworenen zu +teilen hatte und je mehr, um desto sicherer stahl. Auch die Diebesehre +war bereits entwickelt: der große Räuber sah auf den kleinen, dieser +auf den bloßen Dieb geringschätzig herab; wer einmal wunderbarerweise +verurteilt worden war, tat groß mit der hohen Ziffer der als erpreßt +ihm nachgewiesenen Summen. So wirtschafteten in den Ämtern die +Nachfolger jener Männer, die von ihrer Verwaltung nichts nach Hause zu +bringen gewohnt gewesen als den Dank der Untertanen und den Beifall der +Mitbürger. + +Aber womöglich noch ärger und noch weniger einer Kontrolle unterworfen +hausten die italischen Geschäftsmänner unter den unglücklichen +Provinzialen. Die einträglichsten Stücke des Grundbesitzes und das +gesamte Handels- und Geldwesen in den Ämtern konzentrierten sich in +ihren Händen. Die Güter in den überseeischen Gebieten, welche +italischen Vornehmen gehörten, waren allem Elend der +Verwalterwirtschaft ausgesetzt und sahen niemals ihren Herrn, +ausgenommen etwa die Jagdparke, welche schon in dieser Zeit im +Transalpinischen Gallien mit einem Flächeninhalt bis fast zu einer +deutschen Quadratmeile vorkommen. Die Wucherei florierte wie nie zuvor. +Die kleinen Landeigentümer in Illyricum, Asia, Ägypten wirtschafteten +schon zu Varros Zeit größtenteils tatsächlich als Schuldknechte ihrer +römischen oder nichtrömischen Gläubiger, ebenwie einst die Plebejer für +ihre patrizischen Zinsherren. Es kam vor, daß Kapitalien selbst an +Stadtgemeinden zu vier Prozent monatlich verborgt wurden. Es war etwas +Gewöhnliches, daß ein energischer und einflußreicher Geschäftsmann zu +besserer Betreibung seiner Geschäfte entweder vom Senat sich den +Gesandten- ^28 oder auch vom Statthalter den Offizierstitel geben ließ +und womöglich auch Mannschaft dazu; in beglaubigter Weise wird ein Fall +erzählt, wo einer dieser ehrenwerten kriegerischen Bankiers wegen einer +Forderung an die Stadt Salamis auf Kypros den Gemeinderat derselben im +Rathaus so lange blockiert hielt, bis fünf der Ratsmitglieder Hungers +gestorben waren. + +——————————————————————————- + +^28 Dies ist die sogenannte “freie Gesandtschaft” (libera legatio), +nämlich eine Gesandtschaft ohne eigentliche öffentliche Aufträge. + +——————————————————————————- + +Zu dieser gedoppelten Pressung, von denen jede allein unerträglich war +und deren Ineinandergreifen immer besser sich regulierte, kamen dann +die allgemeinen Drangsale hinzu, von denen doch auch die römische +Regierung die Schuld, zum großen Teil wenigstens mittelbar trug. In den +vielfachen Kriegen wurden bald von den Barbaren, bald von den römischen +Heeren große Kapitalien aus dem Lande weggeschleppt und größere +verdorben. Bei der Nichtigkeit der römischen Land- und Seepolizei +wimmelte es überall von Land- und Seeräubern. In Sardinien und im +inneren Kleinasien war die Bandenwirtschaft endemisch; in Afrika und im +Jenseitigen Spanien machte sie es nötig, alle außerhalb der städtischen +Ringmauern angelegten Gebäude mit Mauern und Türmen zu befestigen. Das +furchtbare Übel der Piraterie ward bereits in einem anderen +Zusammenhang geschildert. Die Panazeen des Prohibitivsystems, mit denen +der römische Statthalter dazwischenzufahren pflegte, wenn, wie das +unter solchen Verhältnissen nicht fehlen konnte, Geldklemme oder +Brotteuerung eintrat, die Verbote der Gold- und Getreideausfuhr aus der +Provinz, machten denn auch die Sache nicht besser. Die +Kommunalverhältnisse waren fast überall, außer durch den allgemeinen +Notstand, auch noch durch lokale Wirren und Unterschleife der +Gemeindebeamten zerrüttet. Wo solche Bedrängnisse nicht etwa +vorübergehend, sondern Menschenalter hindurch auf den Gemeinden und den +einzelnen mit unabwendbar stetigem, jährlich steigendem Drucke +lasteten, mußte wohl der bestgeordnete öffentliche oder Privathaushalt +ihnen erliegen und das unsäglichste Elend über alle Nationen vom Tajo +bis zum Euphrat sich ausbreiten. “Alle Gemeinden”, heißt es in einer +schon 684 (70) veröffentlichten Schrift “sind zugrunde gerichtet”; +ebendasselbe wird für Spanien und das Narbonensische Gallien, also die +verhältnismäßig ökonomisch noch am leidlichsten gestellten Provinzen, +insbesondere bezeugt. In Kleinasien gar standen Städte wie Samos und +Halikarnassos fast leer; der rechtliche Sklavenstand schien hier, +verglichen mit den Peinigungen, denen der freie Provinziale unterlag, +ein Hafen der Ruhe, und sogar der geduldige Asiate war, nach den +Schilderungen römischer Staatsmänner selbst, des Lebens überdrüssig +geworden. Wen zu ergründen gelüstet, wie tief der Mensch sinken kann, +sowohl in dem frevelhaften Zufügen wie in dem nicht minder frevelhaften +Ertragen alles denkbaren Unrechts, der mag aus den Kriminalakten dieser +Zeit zusammenlesen, was römische Große zu tun, was Griechen, Syrer und +Phöniker zu leiden vermochten. Selbst die eigenen Staatsmänner räumten +öffentlich und ohne Umschweife ein, daß der römische Name durch ganz +Griechenland und Asien unaussprechlich verhaßt sei; und wenn die Bürger +des pontischen Herakleia einmal die römischen Zöllner sämtlich +erschlugen, so war dabei nur zu bedauern, daß dergleichen nicht öfter +geschah. + +Die Optimaten spotteten über den neuen Herrn, der seine “Meierhöfe” +einen nach dem andern selbst zu besichtigen kam; in der Tat forderte +der Zustand aller Provinzen den ganzen Ernst und die ganze Weisheit +eines jener seltenen Männer, denen der Königsname es verdankt, daß er +den Völkern nicht bloß gilt als leuchtendes Exempel menschlicher +Unzulänglichkeit. Die geschlagenen Wunden mußte die Zeit heilen; daß +sie es konnte und daß nicht ferner neue geschlagen wurden, dafür sorgte +Caesar. Das Verwaltungswesen ward durchgreifend umgestaltet. Die +Sullanischen Prokonsuln und Proprätoren waren in ihrem Sprengel +wesentlich souverän und tatsächlich keiner Kontrolle unterworfen +gewesen; die Caesarischen waren die wohl in Zucht gehaltenen Diener +eines strengen Herrn, der schon durch die Einheit und die +lebenslängliche Dauer seiner Macht zu den Untertanen ein natürlicheres +und leidlicheres Verhältnis hatte als jene vielen, jährlich wechselnden +kleinen Tyrannen. Die Statthalterschaften wurden zwar auch ferner unter +die jährlich abtretenden zwei Konsuln und sechzehn Prätoren verteilt, +aber dennoch, indem der Imperator acht von den letzteren geradezu +ernannte und die Verteilung der Provinzen unter die Konkurrenten +lediglich von ihm abhing, der Sache nach von dem Imperator vergeben. +Auch die Kompetenz der Statthalter ward tatsächlich beschränkt. Es +blieb ihnen die Leitung der Rechtspflege und die administrative +Kontrolle der Gemeinden, aber ihr Kommando ward paralysiert durch das +neue Oberkommando in Rom und dessen, dem Statthalter zur Seite +gestellte Adjutanten, das Hebewesen wahrscheinlich schon jetzt, auch in +den Provinzen wesentlich an kaiserliche Bediente übertragen, so daß der +Statthalter fortan mit einem Hilfspersonal umringt war, welches +entweder durch die Gesetze der militärischen Hierarchie oder durch die +noch strengeren der häuslichen Zucht unbedingt von dem Imperator +abhing. Wenn bisher der Prokonsul und sein Quästor erschienen waren +gleichsam als die zur Einziehung der Brandschatzung abgesandten +Mitglieder einer Räuberbande, so waren Caesars Beamte dazu da, um den +Schwachen gegen den Starken zu beschützen; und an die Stelle der +bisherigen, schlimmer als nichtigen Kontrolle der Ritter- oder +senatorischen Gerichte trat für sie die Verantwortung vor einem +gerechten und unnachsichtigen Monarchen. Das Gesetz über Erpressungen, +dessen Bestimmungen Caesar schon in seinem ersten Konsulat verschärft +hatte, wurde gegen die Oberkommandanten in den Ämtern von ihm mit +unerbittlicher, selbst über den Buchstaben desselben hinausgehender +Schärfe zur Anwendung gebracht; und die Steuerbeamten gar, wenn sie ja +es wagten, sich eine Unrechtfertigkeit zu erlauben, büßten ihrem Herrn, +wie Knechte und Freigelassene nach dem grausamen Hausrecht jener Zeit +zu büßen pflegten. Die außerordentlichen öffentlichen Lasten wurden auf +das richtige Maß und den wirklichen Notfall zurückgeführt, die +ordentlichen wesentlich vermindert. Der durchgreifenden Regulierung des +Steuerwesens ward bereits früher gedacht: die Ausdehnung der +Steuerfreiheiten, die durchgängige Herabsetzung der direkten Abgaben, +die Beschränkung des Zehntsystems auf Afrika und Sardinien, die +vollständige Beseitigung der Mittelsmänner bei der Einziehung der +direkten Abgaben waren für die Provinzialen segensreiche Reformen. Daß +Caesar nach dem Beispiel eines seiner größten demokratischen Vorgänger, +des Sertorius, die Untertanen von der Einquartierungslast hat befreien +und die Soldaten anhalten wollen, sich selber bleibende stadtartige +Standlager zu errichten, ist zwar nicht nachzuweisen; aber er war, +wenigstens nachdem er die Prätendenten- mit der Königsrolle vertauscht +hatte, nicht der Mann, den Untertan dem Soldaten preiszugeben; und es +war in seinem Geiste gedacht, als die Erben seiner Politik solche +Kriegslager und aus diesen Kriegslagern wieder Städte erschufen, in +denen die italische Zivilisation Brennpunkte inmitten der barbarischen +Grenzlandschaften fand. + +Bei weitem schwieriger als dem Beamtenunwesen zu steuern war es, die +Provinzialen von der erdrückenden Übermacht des römischen Kapitals zu +befreien. Geradezu brechen ließ dieselbe sich nicht, ohne Mittel +anzuwenden, die noch gefährlicher waren als das Übel; die Regierung +konnte vorläufig nur einzelne Mißbräuche abstellen, wie zum Beispiel +Caesar die Benutzung des Staatsgesandtentitels zu wucherlichen Zwecken +untersagte, und der offenbaren Vergewaltigung und dem handgreiflichen +Wucher durch scharfe Handhabung der allgemeinen Straf- und der auch auf +die Provinzen sich erstreckenden Wuchergesetze entgegentreten, eine +gründlichere Heilung des Übels aber von dem unter der besseren +Verwaltung wiederaufblühenden Wohlstand der Provinzialen erwarten. +Transitorische Verfügungen, um der Überschuldung einzelner Provinzen +abzuhelfen, waren in den letzten Zeiten mehrfach ergangen. Caesar +selbst hatte 694 (60) als Statthalter des Jenseitigen Spaniens den +Gläubigern zwei Drittel der Einnahmen ihrer Schuldner zugewiesen, um +daraus sich bezahlt zu machen. Ähnlich hatte schon Lucius Lucullus als +Statthalter von Kleinasien einen Teil der maßlos angeschwollenen +Zinsreste geradezu kassiert, für den übrigen Teil die Gläubiger +angewiesen auf den vierten Teil des Ertrages der Ländereien ihrer +Schuldner sowie auf eine angemessene Quote der aus Hausmiete oder +Sklavenarbeit denselben zufließenden Nutzungen. Es ist nicht +überliefert, daß Caesar nach dem Bürgerkrieg ähnliche allgemeine +Schuldenliquidationen in den Provinzen veranlaßt hätte; doch kann es, +nach dem eben Bemerkten und nach dem, was für Italien geschah, kaum +bezweifelt werden, daß Caesar darauf ebenfalls hingearbeitet hat oder +dies wenigstens in seinem Plan lag. + +Wenn also der Imperator, soweit Menschenkraft es vermochte, die +Provinzialen der Bedrückungen durch die Beamten und Kapitalisten Roms +entlastete, so durfte man zugleich von der durch ihn neu erstarkenden +Regierung mit Sicherheit erwarten, daß sie die wilden Grenzvölker +verscheuchen und die Land- und Seepiraten zerstreuen werde, wie die +aufsteigende Sonne die Nebel verjagt. Wie auch noch die alten Wunden +schmerzten, mit Caesar erschien den vielgeplagten Untertanen die +Morgenröte einer erträglicheren Zeit, seit Jahrhunderten wieder die +erste intelligente und humane Regierung und eine Friedenspolitik, die +nicht auf der Feigheit, sondern auf der Kraft beruhte. Wohl mochten mit +den besten Römern vor allem die Untertanen an der Leiche des großen +Befreiers trauern. + +Allein diese Abstellung der bestehenden Mißbräuche war nicht die +Hauptsache in Caesars Provinzialreform. In der römischen Republik +waren, nach der Ansicht der Aristokratie wie der Demokratie, die Ämter +nichts gewesen als wie sie häufig genannt werden: Landgüter des +römischen Volkes, und als solche waren sie benutzt und ausgenutzt +worden. Damit war es jetzt vorbei. Die Provinzen als solche sollten +allmählich untergehen, um der verjüngten hellenisch-italischen Nation +eine neue und geräumigere Heimat zu bereiten, von deren einzelnen +Bezirken keiner nur um eines andern willen da war, sondern alle für +einen und einer für alle; die Leiden und Schäden der Nation, für die in +dem alten Italien keine Hilfe war, sollte das neue Dasein in der +verjüngten Heimat, das frischere, breitere, großartigere Volksleben von +selber überwinden. Bekanntlich waren diese Gedanken nicht neu. Die seit +Jahrhunderten stehend gewordene Emigration aus Italien in die Provinzen +hatte längst, freilich den Emigranten selber unbewußt, eine solche +Ausdehnung Italiens vorbereitet. In planmäßiger Weise hatte zuerst +Gaius Gracchus, der Schöpfer der römischen demokratischen Monarchie, +der Urheber der transalpinischen Eroberungen, der Gründer der Kolonien +Karthago und Narbo, die Italiker über Italiens Grenzen hinausgelenkt, +sodann der zweite geniale Staatsmann, den die römische Demokratie +hervorgebracht, Quintus Sertorius, damit begonnen, die barbarischen +Okzidentalen zur latinischen Zivilisation anzuleiten; er gab der +vornehmen spanischen Jugend römische Tracht und hielt sie an, +lateinisch zu sprechen und auf der von ihm gegründeten Bildungsanstalt +in Osca sich die höhere italische Bildung anzueignen. Bei Caesars +Regierungsantritt war bereits eine massenhafte, freilich der Stetigkeit +wie der Konzentration großenteils ermangelnde italische Bevölkerung in +allen Provinzen und Klientelstaaten vorhanden - um von den förmlich +italischen Städten in Spanien und dem südlichen Gallien zu schweigen, +erinnern wir nur an die zahlreichen Bürgertruppen, die Sertorius und +Pompeius in Spanien, Caesar in Gallien, Juba in Numidien, die +Verfassungspartei in Afrika, Makedonien, Griechenland, Kleinasien und +Kreta aushoben; an die freilich übelgestimmte lateinische Leier, auf +der die Stadtpoeten von Corduba schon im Sertorianischen Kriege der +römischen Feldherren Lob und Preis sangen; an die eben ihrer +sprachlichen Eleganz wegen geschätzten Übersetzungen griechischer +Poesien, die der älteste namhafte außeritalische Poet, der Transalpiner +Publius Terentius Varro von der Aude, kurz nach Caesars Tode +veröffentlichte. + +Andererseits war die Durchdringung des latinischen und des hellenischen +Wesens, man möchte sagen, so alt wie Rom. Schon bei der Einigung +Italiens hatte die obsiegende latinische Nation alle anderen besiegten +Nationalitäten sich assimiliert, nur die einzige griechische, so wie +sie war, sich eingefügt, ohne sie äußerlich mit sich zu verschmelzen. +Wohin der römische Legionär kam, dahin folgte der griechische +Schulmeister, in seiner Art nicht minder ein Eroberer, ihm nach; schon +früh finden wir namhafte griechische Sprachlehrer ansässig am +Guadalquivir, und in der Anstalt von Osca ward so gut griechisch +gelehrt wie lateinisch. Die höhere römische Bildung selbst war ja +durchaus nichts anderes als die Verkündung des großen Evangeliums +hellenischer Art und Kunst im italischen Idiom; gegen die bescheidene +Anmaßung der zivilisierenden Eroberer, dasselbe zunächst in ihrer +Sprache den Barbaren des Westens zu verkündigen, konnte der Hellene +wenigstens nicht laut protestieren. Schon längst erblickte der Grieche +überall, und am entschiedensten eben da, wo das Nationalgefühl am +reinsten und am stärksten war, an den von barbarischer +Denationalisierung bedrohten Grenzen, wie zum Beispiel in Massalia, am +Nordgestade des Schwarzen Meeres und am Euphrat und Tigris, den Schild +und das Schwert des Hellenismus in Rom; und in der Tat nahmen Pompeius’ +Städtegründungen im fernen Osten nach jahrhundertelanger Unterbrechung +Alexanders segensreiches Werk wieder auf. + +Der Gedanke eines italisch-hellenischen Reiches mit zweien Sprachen und +einer einheitlichen Nationalität war nicht neu - er wäre sonst auch +nichts gewesen als ein Fehler; aber daß er aus schwankenden Entwürfen +zu sicherer Fassung, aus zerstreuten Anfängen zu konzentrierter +Grundlegung fortschritt, ist das Werk des dritten und größten der +demokratischen Staatsmänner Roms. + +Die erste und wesentlichste Bedingung zu der politischen und nationalen +Nivellierung des Reichs war die Erhaltung und Ausdehnung der beiden zu +gemeinschaftlichem Herrschen bestimmten Nationen, unter möglichst +rascher Beseitigung der neben ihr stehenden barbarischen oder +barbarisch genannten Stämme. In gewissem Sinne könnte man allerdings +neben Römern und Griechen noch eine dritte Nationalität nennen, die mit +denselben in der damaligen Welt an Ubiquität wetteiferte und auch in +dem neuen Staate Caesars eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen +bestimmt war. Es sind dies die Juden. Das merkwürdige, nachgiebig zähe +Volk war in der alten wie in der heutigen Welt überall und nirgends +heimisch und überall und nirgends mächtig. Die Diadochen Davids und +Salomos bedeuteten für die Juden jener Zeit kaum mehr, als heutzutage +Jerusalem für sie bedeutet; die Nation fand wohl für ihre religiöse und +geistige Einheit einen sichtbaren Anhalt in dem kleinen Königreich von +Jerusalem, aber sie selbst bestand keineswegs in der Untertanenschaft +der Hasmonäer, sondern in den zahllos durch das ganze Parthische und +das ganze Römische Reich zerstreuten Judenschaften. In Alexandreia +namentlich und ähnlich in Kyrene bildeten die Juden innerhalb dieser +Städte eigene, administrativ und selbst lokal abgegrenzte Gemeinwesen, +den Judenvierteln unserer Städte nicht ungleich, aber freier gestellt +und von einem “Volksherrn” als oberstem Richter und Verwalter geleitet. +Wie zahlreich selbst in Rom die jüdische Bevölkerung bereits vor Caesar +war, und zugleich, wie landsmannschaftlich eng die Juden auch damals +zusammenhielten, beweist die Bemerkung eines Schriftstellers dieser +Zeit, daß es für den Statthalter bedenklich sei, den Juden in seiner +Provinz zu nahe zu treten, weil er dann sicher darauf zählen dürfe, +nach seiner Heimkehr von dem hauptstädtischen Pöbel ausgepfiffen zu +werden. Auch zu jener Zeit war das vorwiegende Geschäft der Juden der +Handel: mit dem erobernden römischen Kaufmann zog damals der jüdische +Händler ebenso überall hin wie später mit dem genuesischen und +venezianischen, und neben der römischen strömte das Kapital allerorts +bei der jüdischen Kaufmannschaft zusammen. Auch zu jener Zeit endlich +begegnen wir der eigentümlichen Antipathie der Okzidentalen gegen diese +so gründlich orientalische Rasse und ihre fremdartigen Meinungen und +Sitten. Dies Judentum, obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem +nirgends erfreulichen Bilde der damaligen Völkermengung, war +nichtsdestoweniger ein im natürlichen Verlauf der Dinge sich +entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich +ableugnen noch bekämpfen durfte und dem Caesar vielmehr, ebenwie sein +Vorgänger Alexander, in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse möglichst +Vorschub tat. Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischen +Judentums, damit nicht viel weniger für die Nation tat wie ihr eigener +David durch den Tempelbau von Jerusalem, so förderte auch Caesar die +Juden in Alexandreia wie in Rom durch besondere Begünstigungen und +Vorrechte und schützte namentlich ihren eigentümlichen Kult gegen die +römischen wie gegen die griechischen Lokalpfaffen. Die beiden großen +Männer dachten natürlich nicht daran, der hellenischen oder +italisch-hellenischen Nationalität die jüdische ebenbürtig zur Seite zu +stellen. Aber der Jude, der nicht wie der Okzidentale die Pandoragabe +politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich +wesentlich gleichgültig verhält; der ferner ebenso schwer den Kern +seiner nationalen Eigentümlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben +mit jeder beliebigen Nationalität umhüllt und bis zu einem gewissen +Grad der fremden Volkstümlichkeit sich anschmiegt - der Jude war +ebendarum wie geschaffen für einen Staat, welcher auf den Trümmern von +hundert lebendigen Politien erbaut und mit einer gewissermaßen +abstrakten und von vornherein verschliffenen Nationalität ausgestattet +werden sollte. Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames +Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition und +insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem Caesarischen +Staate, dessen Politie doch eigentlich nichts als Weltbürgertum, dessen +Volkstümlichkeit im Grunde nichts als Humanität war. + +Indes die positiven Elemente des neuen Bürgertums blieben +ausschließlich die latinische und die hellenische Nationalität. Mit dem +spezifisch italischen Staat der Republik war es also zu Ende; jedoch +war es nichts als ein sehr erklärliches, aber auch sehr albernes Gerede +des grollenden Adels, daß Caesar Italien und Rom absichtlich zugrunde +richte, um den Schwerpunkt des Reiches in den griechischen Osten zu +verlegen und zur Hauptstadt desselben Ilion oder Alexandreia zu machen. +Vielmehr behielt in Caesars Organisation die latinische Nationalität +immer das Übergewicht; wie sich dies schon darin ausspricht, daß er +jede Verfügung in lateinischer, aber die für die griechisch redenden +Landschaften bestimmten daneben in griechischer Sprache erließ. Im +allgemeinen ordnete er die Verhältnisse der beiden großen Nationen in +seiner Monarchie ebenwie sie in dem geeinigten Italien seine +republikanischen Vorgänger geordnet hatten: die hellenische +Nationalität wurde geschützt, wo sie bestand, die italische nach +Vermögen erweitert und ihr die Erbschaft der aufzulösenden Rassen +bestimmt. Es war dies schon deshalb notwendig, weil eine völlige +Gleichstellung des griechischen und lateinischen Elements im Staate +aller Wahrscheinlichkeit nach in sehr kurzer Zeit diejenige Katastrophe +herbeigeführt haben würde, die manche Jahrhunderte später der +Byzantinismus vollzog; denn das Griechentum war nicht bloß geistig nach +allen Richtungen hin dem römischen Wesen überlegen, sondern auch an +Masse, und hatte in Italien selbst an den Schwärmen der gezwungen oder +freiwillig nach Italien wandernden Hellenen und Halbhellenen eine +Unzahl unscheinbarer, aber in ihrem Einfluß nicht hoch genug +anzuschlagender Apostel. Um nur der eminentesten Erscheinung auf diesem +Gebiete zu gedenken, so ist das Regiment der griechischen Lakaien über +die römischen Monarchen so alt wie die Monarchie: der erste in der +ebenso langen wie widerwärtigen Liste dieser Individuen ist Pompeius’ +vertrauter Bedienter Theophanes von Mytilene, welcher durch seine +Gewalt über den schwachen Herrn wahrscheinlich mehr als irgendein +anderer Mann zu dem Ausbruch des Krieges zwischen Pompeius und Caesar +beigetragen hat. Nicht ganz mit Unrecht ward er nach seinem Tode von +seinen Landsleuten göttlich verehrt: eröffnete er doch die +Kammerdienerregierung der Kaiserzeit, die gewissermaßen eben auch eine +Herrschaft der Hellenen über die Römer war. Die Regierung hatte demnach +allen Grund, die Ausbreitung des Hellenismus wenigstens im Westen nicht +noch von oben herab zu fördern. Wenn Sizilien nicht bloß des +Zehntendrucks entlastet, sondern auch seinen Gemeinden das latinische +Recht bestimmt ward, dem seiner Zeit vermutlich die volle +Gleichstellung mit Italien nachfolgen sollte, so kann Caesars Absicht +nur gewesen sein, die herrliche, aber damals verödete und +wirtschaftlich zum größten Teil in italische Hände gelangte Insel, +welche die Natur nicht so sehr zum Nachbarland Italiens bestimmt hat +als zu der schönsten seiner Landschaften, völlig in Italien aufgehen zu +lassen. Im übrigen aber ward das Griechentum, wo es bestand, erhalten +und geschützt. Wie nahe auch die politischen Krisen es dem Imperator +legten, die festen Pfeiler des Hellenismus im Okzident und in Ägypten +umzustürzen, Massalia und Alexandreia wurden weder vernichtet noch +denationalisiert. + +Dagegen das römische Wesen ward durch Kolonisierung wie durch +Latinisierung mit allen Kräften und an den verschiedensten Punkten des +Reiches von der Regierung gehoben. Der zwar aus einer argen Vereinigung +formeller Rechts- und brutaler Machtentwicklung hervorgegangene, aber, +um freie Hand gegen die zur Vernichtung bestimmten Nationen zu haben, +unumgänglich notwendige Satz, daß an allem, nicht durch besonderen Akt +der Regierung an Gemeinden oder Private abgetretenen Grund und Boden in +den Provinzen der Staat das Eigentum, der zeitige Inhaber nur einen +geduldeten und jederzeit widerruflichen Erbbesitz habe, wurde auch von +Caesar festgehalten und durch ihn aus einer demokratischen +Parteitheorie zu einem Fundamentalprinzip des monarchischen Rechts +erhoben. In erster Linie kam für die Ausbreitung der römischen +Nationalität natürlich Gallien in Frage. Gallien diesseits der Alpen +erhielt durch die längst von der Demokratie als vollzogen angenommene +und nun (705 49) durch Caesar schließlich vollzogene Aufnahme der +transpadanischen Gemeinden in den römischen Bürgerverband durchgängig, +was ein großer Teil der Bewohner längst gehabt: politische +Gleichberechtigung mit dem Hauptland. Tatsächlich hatte sich diese +Provinz in den vierzig Jahren, die seit Erteilung des Latinerrechts +verflossen waren, bereits vollständig latinisiert. Die Exklusiven +mochten spotten über den breiten und gurgelnden Akzent des +Kettenlateins und ein “ich weiß nicht was von hauptstädtischer Anmut” +bei dem Insubrer und Veneter vermissen, der sich als Caesars Legionär +mit dem Schwert einen Platz auf dem römischen Markt und sogar in der +römischen Kurie erobert hatte. Nichtsdestoweniger war das Cisalpinische +Gallien mit seiner dichten, vorwiegend bauernschaftlichen Bevölkerung +schon vor Caesar der Sache nach eine italische Landschaft und blieb +Jahrhunderte lang der rechte Zufluchtsort italischer Sitte und +italischer Bildung; wie denn die Lehrer der latinischen Literatur +nirgends sonst außerhalb der Hauptstadt so vielen Zuspruch und Anklang +fanden. Wenn also das Cisalpinische Gallien wesentlich in Italien +aufging, so trat zugleich an die Stelle, die es bisher eingenommen +hatte, die transalpinische Provinz, die ja durch Caesars Eroberungen +aus einer Grenz- in eine Binnenprovinz umgewandelt worden war und die +durch ihre Nähe wie durch ihr Klima vor allen anderen Gebieten sich +dazu eignete, mit der Zeit gleichfalls eine italische Landschaft zu +werden. Dorthin hauptsächlich, nach dem alten Zielpunkt der +überseeischen Ansiedlungen der römischen Demokratie, ward der Strom der +italischen Emigration gelenkt. Es wurden daselbst teils die alte +Kolonie Narbo durch neue Ansiedler verstärkt, teils in Baeterrae +(Béziers) unweit Narbo, in Arelate (Arles) und Arausio (Orange) an der +Rhone und in der neuen Hafenstadt Forum Iulii (Fréjus) vier neue +Bürgerkolonien angelegt, deren Namen zugleich das Andenken der tapferen +Legionen bewahrten, die das nördliche Gallien zum Reiche gebracht +hatten ^29. Die nicht mit Kolonisten belegten Ortschaften scheinen +zugleich, wenigstens größtenteils, in derselben Art wie einst das +transpadanische Kettenland, der Romanisierung entgegengeführt worden zu +sein durch Verleihung latinischen Stadtrechts; namentlich wurde +Nemausus (Nîmes) als der Hauptort des den Massalioten infolge ihrer +Auflehnung gegen Caesar aberkannten Gebiets aus einem massaliotischen +Flecken in eine latinische Stadtgemeinde umgewandelt und mit +ansehnlichem Gebiet und selbst mit Münzrecht ausgestattet ^30. Indem +also das Cisalpinische Gallien von der vorbereitenden Stufe zur vollen +Gleichstellung mit Italien fortschritt, rückte gleichzeitig die +narbonensische Provinz in jenes vorbereitende Stadium nach; ganz wie +bisher im Cisalpinischen Gallien hatten die ansehnlichsten Gemeinden +daselbst das volle Bürger-, die übrigen latinisches Recht. + +————————————————- + +^29 Narbo heißt Kolonie der Decimaner, Baeterrae der Septimaner, Forum +Iulii der Octavaner, Arelate der Sextaner, Arausio der Secundaner. Die +neunte Legion fehlt, weil sie ihre Nummer durch die Meuterei von +Placentia entehrt hatte. Daß übrigens die Kolonisten dieser Kolonien +den eponymen Legionen angehörten, wird nicht gesagt und ist nicht +glaublich; die Veteranen selbst wurden wenigstens der großen Mehrzahl +nach in Italien angesiedelt. Ciceros Klage, daß Caesar “ganze Provinzen +und Landschaften auf einen Schlag konfisziert habe” (off. 2, 7, 27, +vgl. Phil. 13,15; 31, 32), geht ohne Zweifel, wie schon die enge +Verknüpfung derselben mit dem Tadel des Triumphs über die Massalioten +beweist, auf die dieser Kolonien wegen in der narbonensischen Provinz +vorgenommenen Landeinziehungen und zunächst auf die Massalia +auferlegten Gebietsverluste. + +^30 Ausdrücklich überliefert ist es nicht, von wem das latinische Recht +der nichtkolonisierten Ortschaften dieser Gegend und namentlich von +Nemausus herrührt. Aber da Caesar selbst (civ. 1, 35) so gut wie +geradezu sagt, daß Nemausus bis 705 (49) ein massaliotisches Dorf war; +da nach dem Livianischen Bericht (Dio 41, 25; Flor. epit. 2, 13; Oros. +hist. 6, 15) eben dieser Teil des Gebietes den Massalioten von Caesar +entzogen ward da endlich schon auf voraugustischen Münzen und sodann +bei Strabon die Stadt als Gemeinde latinischen Rechts vorkommt, so kann +nur Caesar der Urheber dieser Latinitätsverleihung sein. Von Ruscino +(Roussillon bei Perpignan) und anderen, im Narbonensischen Gallien früh +zu latinischer Stadtverfassung gelangten Gemeinden läßt sich nur +vermuten, daß sie dieselbe gleichzeitig mit Nemausus empfingen. + +————————————————- + +In den anderen nichtgriechischen und nichtlatinischen Landschaften des +Reiches, welche der Einwirkung Italiens und dem Assimilationsprozeß +noch ferner standen, beschränkte Caesar sich darauf, einzelne +Brennpunkte für die italische Zivilisation zu gründen, wie dies bisher +in Gallien Narbo gewesen war, um durch sie die künftige vollständige +Ausgleichung vorzubereiten. Solche Anfänge lassen, mit Ausnahme der +ärmsten und geringsten von allen, der sardinischen, in sämtlichen +Provinzen des Reiches sich nachweisen. Wie Caesar im nördlichen Gallien +verfuhr, ward schon dargelegt; die lateinische Sprache erhielt hier, +wenn auch noch nicht für alle Zweige des öffentlichen Verkehrs, +durchgängig offizielle Geltung und es entstand am Lemansee als die +nördlichste Stadt italischer Verfassung die Kolonie Noviodunum (Nyon). + +In Spanien, vermutlich damals der am dichtesten bevölkerten Landschaft +des Römischen Reiches, wurden nicht bloß in der wichtigen +hellenisch-iberischen Hafenstadt Emporiae neben der alten Bevölkerung +Caesarische Kolonisten angesiedelt, sondern, wie neuerdings +aufgefundene Urkunden gezeigt haben, auch eine Anzahl wahrscheinlich +überwiegend dem hauptstädtischen Proletariat entnommener Kolonisten in +der Stadt Urso (Osuna), unweit Sevilla im Herzen von Andalusien, und +vielleicht noch in mehreren anderen Ortschaften dieser Provinz +versorgt. Die alte und reiche Kaufstadt Gades, deren Munizipalwesen +Caesar schon als Prätor zeitgemäß umgestaltet hatte, erhielt jetzt von +dem Imperator das volle Recht der italischen Munizipien (705 49) und +wurde, was in Italien Tusculum gewesen war, die erste außeritalische, +nicht von Rom gegründete Gemeinde, die in den römischen Bürgerverband +eintrat. Einige Jahre nachher (709 45) wurde das gleiche Recht auch +einigen anderen spanischen Gemeinden und vermutlich noch mehreren das +latinische zuteil. + +In Afrika wurde, was Gaius Gracchus nicht hatte zu Ende führen sollen, +jetzt ins Werk gesetzt und an derjenigen Stätte, wo die Stadt der +Erbfeinde Roms gestanden, 3000 italische Kolonisten und eine große +Anzahl der im karthagischen Gebiet ansässigen Pacht- und Bittbesitzer +angesiedelt; und zum Erstaunen rasch wuchs unter den unvergleichlich +günstigen Lokalverhältnissen die neue “Venuskolonie”, das römische +Karthago, wieder empor. Utica, bis dahin die Haupt- und erste +Handelsstadt der Provinz, war schon im vorweg, es scheint durch +Erteilung des latinischen Rechts, für die Wiedererweckung des +überlegenen Konkurrenten einigermaßen entschädigt worden. In dem neu +zum Reiche gefügten numidischen Gebiet erhielten das wichtige Cirta und +die übrigen, dem römischen Condottiere Publius Sittius für sich und die +Seinigen überwiesenen Gemeinden das Recht römischer Militärkolonien. +Die stattlichen Provinzstädte freilich, die das wahnsinnige Wüten Jubas +und der verzweifelten Reste der Verfassungspartei in Schutthaufen +verwandelt hatte, erhoben sich nicht so rasch wieder, wie sie +eingeäschert worden waren, und manche Trümmerstätte erinnerte noch +lange nachher an diese verhängnisvolle Zeit; allein die beiden neuen +Julischen Kolonien, Karthago und Cirta, wurden und blieben die +Mittelpunkte der afrikanisch-römischen Zivilisation. + +In dem verödeten griechischen Land beschäftigte Caesar außer mit +anderen Plänen, zum Beispiel der Anlage einer römischen Kolonie in +Buthroton (Korfu gegenüber), vor allem sich mit der Wiederherstellung +von Korinth; nicht bloß wurde eine ansehnliche Bürgerkolonie dorthin +geführt, sondern auch der Plan entworfen, durch den Durchstich des +Isthmus die gefährliche Umschiffung des Peloponnes abzuschneiden und +den ganzen italisch-asiatischen Verkehr durch den +Korinthisch-Saronischen Meerbusen zu leiten. Endlich rief selbst in dem +entlegenen hellenischen Osten der Monarch italische Ansiedlungen ins +Leben: so am Schwarzen Meer in Herakleia und in Sinope, welche Städte +die italischen Kolonisten ähnlich wie Emporiae mit den alten Bewohnern +teilten; so an der syrischen Küste in dem wichtigen Hafen von Berytos, +das wie Sinope italische Verfassung erhielt; ja sogar in Ägypten wurde +auf der den Hafen von Alexandreia beherrschenden Leuchtturminsel eine +römische Station gegründet. + +Durch diese Anordnungen ward die italische Gemeindefreiheit in weit +umfassenderer Weise, als es bisher geschehen war, in die Provinzen +getragen. Die Vollbürgergemeinden, also sämtliche Städte der +cisalpinischen Provinz und die in dem Transalpinischen Gallien und +sonst zerstreuten Bürgerkolonien und Bürgermunizipien, standen den +italischen insofern gleich, als sie sich selber verwalteten und selbst +eine, allerdings beschränkte, Gerichtsbarkeit ausübten: wogegen +freilich die wichtigeren Prozesse vor die hier kompetenten römischen +Behörden, in der Regel den Statthalter des Sprengels gehörten ^31. Die +formell autonomen latinischen und die sonstigen befreiten Gemeinden, +also jetzt die sizilischen und die des Narbonensischen Galliens, soweit +sie nicht Bürgergemeinden waren, alle und auch in anderen Provinzen +eine beträchtliche Zahl, hatten nicht bloß die freie Verwaltung, +sondern wahrscheinlich unbeschränkte Gerichtsbarkeit, so daß der +Statthalter hier nur kraft seiner allerdings sehr arbiträren +Verwaltungskontrolle einzugreifen befugt war. Wohl hatte es auch früher +schon Vollbürgergemeinden innerhalb der Statthaltersprengel gegeben, +wie zum Beispiel Aquileia und Narbo, und hatten ganze +Statthaltersprengel, wie das Diesseitige Gallien, aus Gemeinden mit +italischer Verfassung bestanden; aber wenn nicht rechtlich, war es doch +politisch eine ungemein wichtige Neuerung, daß es jetzt eine Provinz +gab, die so gut wie Italien lediglich von römischen Bürgern bevölkert +war ^32, und daß andere es zu werden versprachen. Es fiel damit der +eine große tatsächliche Gegensatz, in dem Italien zu den Provinzen +gestanden hatte; und auch der zweite, daß in Italien regelmäßig keine +Truppen standen, wohl aber in den Provinzen, war gleichermaßen im +Verschwinden: die Truppen standen jetzt nur da, wo es eine Grenze zu +verteidigen gab, und die Kommandanten der Provinzen, bei denen dies +nicht zutraf, wie zum Beispiel bei Narbo und Sizilien, waren nur dem +Namen nach noch Offiziere. Der formelle Gegensatz zwischen Italien und +den Provinzen, der zu allen Zeiten auf anderen Unterschieden beruht +hatte, blieb allerdings auch jetzt bestehen, Italien der Sprengel der +bürgerlichen Rechtspflege und der Konsuln-Prätoren, die Provinzen +kriegsrechtliche Jurisdiktionsbezirke und den Prokonsuln und +Proprätoren unterworfen; allein der Prozeß nach Bürger- und nach +Kriegsrecht fiel längst praktisch zusammen, und die verschiedene +Titulatur der Beamten hatte wenig zu bedeuten, seit über allen der eine +Imperator stand. + +———————————————————————- + +^31 Daß keiner Vollbürgergemeinde mehr als beschränkte Gerichtsbarkeit +zustand, ist ausgemacht. Auffallend ist es aber, was aus der +Caesarischen Gemeindeordnung für das Cisalpinische Gallien bestimmt +hervorgeht, daß die jenseits der munizipalen Kompetenz liegenden +Prozesse aus dieser Provinz nicht vor den Statthalter derselben, +sondern vor den römischen Prätor gehen; denn im übrigen ist der +Statthalter ja in seinem Sprengel ebensowohl anstatt des Prätors, der +zwischen Bürgern, wie anstatt dessen, der zwischen Bürgern und +Nichtbürgern Recht spricht, und durchaus für alle Prozesse kompetent. +Ohne Zweifel ist dies ein Überrest der vorsullanischen Ordnung, wo in +dem ganzen festländischen Gebiet bis zu den Alpen lediglich die +Stadtbeamten kompetent waren und also hier sämtliche Prozesse, wo sie +die munizipale Kompetenz überschritten, notwendig vor die Prätoren in +Rom kamen. Dagegen in Narbo, Gades, Karthago, Korinth gingen die +Prozesse in diesem Fall sicher an den betreffenden Statthalter; wie +denn auch schon aus praktischen Rücksichten nicht wohl an einen +Rechtszug nach Rom gedacht werden kann. + +^32 Warum die Erteilung des römischen Bürgerrechts an eine Landschaft +insgesamt und der Fortbestand der Provinzialverwaltung für dieselbe als +sich einander ausschließende Gegensätze gedacht zu werden pflegen, ist +nicht abzusehen. Überdies erhielt notorisch das Cisalpinische Gallien +durch den Roscischen Volksschluß vom 11. März 705 (49) die Civität, +während es Provinz blieb, solange Caesar lebte, und erst nach seinem +Tode mit Italien vereinigt ward (Dio 48, 12), auch die Statthalter bis +711 (43) nachweisbar sind. Schon daß die Caesarische Gemeindeordnung +die Landschaft nie als Italien, sondern als Cisalpinisches Gallien +bezeichnet, mußte auf das Richtige führen. + +———————————————————————- + +Offenbar ist in all diesen einzelnen munizipalen Gründungen und +Ordnungen, die wenigstens dem Plan, wenn auch vielleicht nicht alle der +Ausführung nach, auf Caesar zurückgehen, ein bestimmtes System. Italien +ward aus der Herrin der unterworfenen Völkerschaften umgewandelt in die +Mutter der verjüngten italisch-hellenischen Nation. Die dem Mutterlande +vollständig gleichgestellte cisalpinische Provinz verhieß und verbürgte +es, daß in der Monarchie Caesars, ebenwie in der frischeren Epoche der +Republik, jede latinisierte Landschaft erwarten durfte, den älteren +Schwestern und der Mutter selbst ebenbürtig an die Seite zu treten. Auf +der Vorstufe zur vollen nationalen und politischen Ausgleichung mit +Italien standen dessen Nebenländer, das griechische Sizilien und das +rasch sich latinisierende südliche Gallien. Auf einer entfernteren +Stufe zu dieser Ausgleichung standen die übrigen Landschaften des +Reiches, in denen, wie bisher in Südgallien Narbo römische Kolonie +gewesen war, jetzt die großen Seestädte: Emporiae, Gades, Karthago, +Korinth, Herakleia im Pontos, Sinope, Berytos, Alexandreia, italische +oder hellenisch-italische Gemeinden wurden, die Stützpunkte einer +italischen Zivilisation selbst im griechischen Osten, die Grundpfeiler +der künftigen nationalen und politischen Nivellierung des Reiches. Die +Herrschaft der Stadtgemeinde Rom über das Litoral des Mittelmeeres war +zu Ende; an ihre Stelle trat der neue Mittelmeerstaat und sein erster +Akt war die Sühnung der beiden größten Untaten, die jene Stadtgemeinde +an der Zivilisation begangen hatte. Wenn die Zerstörung der beiden +größten Handelsplätze im römischen Gebiet den Wendepunkt bezeichnete, +wo die Schutzherrschaft der römischen Gemeinde in politische +Tyrannisierung und finanzielle Ausnutzung der untertänigen Landschaften +überging, so bezeichnete jetzt die sofortige und glänzende +Wiederherstellung von Karthago und Korinth die Begründung des neuen, +alle Landschaften am Mittelmeer zu nationaler und politischer +Gleichheit, zu wahrhaft staatlicher Einigung heranbildenden großen +Gemeinwesens. Wohl durfte Caesar der Stadt Korinth zu ihrem +vielberühmten alten den neuen Namen der “Julischen Ehre” verleihen. + +Wenn also das neue einheitliche Reich mit einer Nationalität +ausgestattet ward, die freilich notwendigerweise der volkstümlichen +Individualität entbehrte und mehr ein unlebendiges Kunstprodukt als ein +frischer Trieb der Natur war, so bedurfte dasselbe ferner der Einheit +in denjenigen Institutionen, in denen das allgemeine Leben der Nationen +sich bewegt: in Verfassung und Verwaltung, in Religion und +Rechtspflege, in Münze, Maß und Gewicht; wobei natürlich lokale +Besonderheiten mannigfaltigster Art mit wesentlicher Einigung sich +vollkommen vertrugen. Überall kann auf diesen Gebieten nur von Anfängen +die Rede sein, da die einheitliche Durchbildung der Monarchie Caesars +in der Zukunft lag und er nichts tat, als für den Bau von Jahrhunderten +den Grund legen. Aber von den Linien, die der große Mann auf diesen +Gebieten gezogen hat, lassen noch manche sich erkennen; und es ist +erfreulicher, hier ihm nachzugehen, als in dem Trümmerbau der +Nationalitäten. + +Hinsichtlich der Verfassung und Verwaltung wurden bereits in einem +anderen Zusammenhang die wichtigsten Momente der neuen Einheit +hervorgehoben: der Übergang der Souveränität von dem römischen +Gemeinderat auf den Alleinherrscher der Mittelmeermonarchie; die +Umwandlung jenes Gemeinderats in einen höchsten, Italien wie die +Provinzen repräsentierenden Reichsrat: vor allem die begonnene +Übertragung der römischen und überhaupt der italischen Gemeindeordnung +auf die Provinzialgemeinden. Es führte dieser letztere Weg, die +Verleihung latinischen und demnach römischen Rechts an die zum +vollständigen Eintritt in den Einheitsstaat reifen Gemeinden, +gleichmäßige kommunale Ordnungen allmählich von selbst herbei. Nur in +einer Hinsicht konnte man hierauf nicht warten. Das neue Reich bedurfte +sofort einer Institution, die der Regierung die hauptsächlichen +Grundlagen der Verwaltung, die Bevölkerungs- und Vermögensverhältnisse +der einzelnen Gemeinden, übersichtlich vor Augen legte, das heißt eines +verbesserten Zensus. Zunächst ward der italische reformiert. Nach +Caesars Verordnung ^33, die freilich wohl nur die infolge des +Bundesgenossenkrieges wenigstens im Prinzip getroffenen Anordnungen zur +Ausführung brachte, sollten künftig, wenn in der römischen Gemeinde die +Schatzung stattfand, gleichzeitig in jeder italischen der Name eines +jeden Gemeindebürgers und der seines Vaters oder Freilassers, sein +Bezirk, sein Alter und sein Vermögen von der höchsten Behörde der +Gemeinde aufgezeichnet und diese Listen an den römischen Schatzmeister +so früh abgeliefert werden, daß dieser das allgemeine Verzeichnis der +römischen Bürger und der römischen Habe rechtzeitig vollenden konnte. +Daß es Caesars Absicht war, ähnliche Institutionen auch in den +Provinzen einzuführen, dafür bürgt teils die von Caesar angeordnete +Vermessung und Katastrierung des gesamten Reiches, teils die +Einrichtung selbst; denn es war ja damit die allgemeine Formel +gefunden, um so gut in den italischen wie in den nichtitalischen +Gemeinden des Staats die für die Zentralverwaltung erforderlichen +Aufnahmen zu bewirken. Offenbar war es auch hier Caesars Absicht, auf +die Traditionen der älteren republikanischen Zeit zurückzugehen und die +Reichsschatzung wiedereinzuführen, welche die ältere Republik, +wesentlich in derselben Weise wie Caesar die italische, durch analoge +Ausdehnung des Instituts der städtischen Zensur mit seinen Fristen und +sonstigen wesentlichen Normen auf die sämtlichen Untertanengemeinden +Italiens und Siziliens bewirkt hatte. Es war dies eines der ersten +Institute gewesen, das die erstarrende Aristokratie verfallen und damit +der obersten Verwaltungsbehörde jede Übersicht über die disponiblen +Mannschaften und Steuerkräfte und also jede Möglichkeit einer wirksamen +Kontrolle verloren gehen ließ. Die vorhandenen Spuren und der +Zusammenhang der Dinge selbst zeigen unwidersprechlich, daß Caesar die +Erneuerung der seit Jahrhunderten verschollenen Reichsschatzung +vorbereitete. + +—————————————————————————- + +^33 Das Fortbestehen der munizipalen Schatzungsbehörden spricht dafür, +daß die örtliche Abhaltung des Zensus bereits infolge des +Bundesgenossenkriegs für Italien fortgesetzt worden war (Römisches +Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 368); wahrscheinlich aber ist die +Durchführung dieses Systems Caesars Werk. + +—————————————————————————- + +Daß in der Religion und in der Rechtspflege an eine durchgreifende +Nivellierung nicht gedacht werden konnte, ist kaum nötig zu sagen; doch +bedurfte der neue Staat bei aller Toleranz gegen Lokalglauben und +Munizipalstatute eines gemeinsamen, der italisch-hellenischen +Nationalität entsprechenden Kultus und einer allgemeinen, den +Munizipalstatuten übergeordneten Rechtssatzung. Er bedurfte ihrer: denn +beides war tatsächlich schon da. Auf dem religiösen Gebiet war man seit +Jahrhunderten tätig gewesen, den italischen und den hellenischen Kult +teils durch äußerliche Aufnahme, teils durch innerliche Ausgleichung +der Gottheitsbegriffe ineinanderzuarbeiten und bei der nachgiebigen +Formlosigkeit der italischen Götter hatte es nicht einmal große +Schwierigkeit gemacht, den Jupiter in dem Zeus, die Venus in der +Aphrodite und so jede wesentliche Idee des latinischen Glaubens in +ihrem hellenischen Gegenbild aufzuheben. Die italisch-hellenische +Religion stand bereits in den Grundzügen fertig da; wie sehr man eben +auf diesem Gebiete sich dessen bewußt war, über die spezifisch römische +hinaus und zu einer italisch-hellenischen Quasinationalität +fortgeschritten zu sein, beweist zum Beispiel die in Varros schon +erwähnter Theologie aufgestellte Unterscheidung der “gemeinen”, d. h. +der von den Römern wie den Griechen anerkannten Götter, von den +besonderen der römischen Gemeinde. + +Im Rechtswesen hatte es auf dem Gebiete des Kriminal- und +Polizeirechts, wo die Regierung unmittelbar eingreift und dem +rechtlichen Bedürfnis wesentlich durch eine verständige Legislation +genügt wird, keine Schwierigkeit, auf dem Wege der gesetzgeberischen +Tätigkeit denjenigen Grad materieller Gleichförmigkeit zu erreichen, +der allerdings auch hier für die Reichseinheit notwendig war. Im +Zivilrecht dagegen, wo die Initiative dem Verkehr, dem Gesetzgeber nur +die Formulierung zusteht, war das einheitliche Reichszivilrecht, das +der Gesetzgeber zu schaffen freilich nicht vermocht hätte, längst auch +bereits auf naturgemäßem Wege durch den Verkehr selber entwickelt +worden. Das römische Stadtrecht zwar beruhte rechtlich immer noch auf +der in den Zwölf Tafeln enthaltenen Formulierung des latinischen +Landrechts. Die späteren Gesetze hatten wohl im einzelnen mancherlei +zeitgemäße Verbesserungen eingeführt, unter denen leicht die wichtigste +sein mochte die Abschaffung der alten ungeschickten Prozeßeröffnung +durch stehende Spruchformeln der Parteien und ihre Ersetzung durch eine +von dem prozeßleitenden Beamten schriftlich abgefaßte Instruktion für +den Einzelgeschworenen (formula); allein in der Hauptsache hatte die +Volkslegislation nur über jene altersgraue Grundlage einen den +englischen Statutargesetzen vergleichbaren unübersehlichen Wust +großenteils längst veralteter und vergessener Spezialgesetze +aufgeschichtet. Die Versuche wissenschaftlicher Formulierung und +Systematisierung hatten die verschlungenen Gänge des alten Zivilrechts +allerdings zugänglich gemacht und erhellt; allein dem Grundmangel, daß +ein vor vierhundert Jahren abgefaßtes städtisches Weistum mit seinen +ebenso diffusen wie konfusen Nachträgen jetzt als das Recht eines +großen Staates dienen sollte, konnte kein römischer Blackstone +abhelfen. Gründlicher half der Verkehr sich selbst. Längst hatte in Rom +der rege Verkehr zwischen Römern und Nichtrömern ein internationales +Privatrecht (ius gentium; 1, 167) entwickelt, das heißt einen Komplex +von Satzungen namentlich über Verkehrsverhältnisse, nach welchen +römische Richter dann sprachen, wenn eine Sache weder nach ihrem +eigenen noch nach irgendeinem anderen Landrecht entschieden werden +konnte, sondern sie genötigt waren, von den römischen, hellenischen, +phönikischen und sonstigen Rechtseigentümlichkeiten absehend, auf die +allem Verkehr zu Grunde liegenden gemeinsamen Rechtsanschauungen +zurückzugehen. Hier knüpfte die neuere Rechtsbildung an. Zunächst als +Richtschnur für den rechtlichen Verkehr der römischen Bürger unter sich +setzte sie an die Stelle des alten, praktisch unbrauchbar gewordenen +tatsächlich ein neues Stadtrecht, das materiell beruhte auf einem +Kompromiß zwischen dem nationalen Zwölftafelrecht und dem +internationalen oder dem sogenannten Rechte der Völker. An jenem wurde +wesentlich, wenn auch natürlich mit zeitgemäßen Modifikationen, +festgehalten im Ehe-, Familien- und Erbfolgerecht; dagegen ward in +allen Bestimmungen, die den Vermögensverkehr betrafen, also für +Eigentum und Kontrakte, das Internationalrecht maßgebend; ja hier wurde +sogar dem lokalen Provinzialrecht manche wichtige Einrichtung entlehnt, +zum Beispiel die Wuchergesetzgebung und das Hypothekarinstitut. Ob auf +einmal oder allmählich, ob durch einen oder mehrere Urheber, durch wen, +wann und wie diese tiefgreifende Neuerung ins Leben trat, sind Fragen, +auf die wir eine genügende Antwort schuldig bleiben müssen; wir wissen +nur, daß diese Reform, wie natürlich, zunächst ausging von dem +Stadtgericht, daß sie zuerst sich formulierte in den jährlich von dem +neu antretenden Stadtrichter zur Nachachtung für die Parteien +ergehenden Belehrungen über die wichtigsten, in dem beginnenden +Gerichtsjahr einzuhaltenden Rechtsmaximen (edictum annuum oder +perpetuum praetoris urbani de iuris dictione) und daß sie, wenn auch +manche vorbereitende Schritte in früheren Zeiten getan sein mögen, +sicher erst in dieser Epoche ihre Vollendung fand. Die neue +Rechtssatzung war theoretisch abstrakt, insofern die römische +Rechtsanschauung darin ihrer nationalen Besonderheit insoweit sich +entäußert hatte, als sie derselben sich bewußt worden war; sie war aber +zugleich praktisch positiv, indem sie keineswegs in die trübe Dämmerung +allgemeiner Billigkeit oder gar in das reine Nichts des sogenannten +Naturrechts verschwamm, sondern von bestimmten Behörden für bestimmte +konkrete Fälle nach festen Normen angewandt ward und einer gesetzlichen +Formulierung nicht bloß fähig, sondern in dem Stadtedikt wesentlich +schon teilhaft geworden war. Diese Satzung entsprach ferner materiell +den Bedürfnissen der Zeit, insofern sie für Prozeß, Eigentumserwerb, +Kontraktabschluß die durch den gesteigerten Verkehr geforderten +bequemeren Formen darbot. Sie war endlich bereits im wesentlichen im +ganzen Umfang des römischen Reiches allgemein subsidiäres Recht +geworden, indem man die mannigfaltigen Lokalstatuten für diejenigen +Rechtsverhältnisse, die nicht zunächst Verkehrsverhältnisse sind, sowie +für den Lokalverkehr zwischen Gliedern desselben Rechtssprengels +beibehielt, dagegen den Vermögensverkehr zwischen Reichsangehörigen +verschiedener Rechtskreise durchgängig nach dem Muster des, rechtlich +auf diese Fälle freilich nicht anwendbaren, Stadtediktes sowohl in +Italien wie in den Provinzen regulierte. Das Recht des Stadtedikts +hatte also wesentlich dieselbe Stellung in jener Zeit, die in unserer +staatlichen Entwicklung das römische Recht eingenommen hat: auch dies +ist, soweit solche Gegensätze sich vereinigen lassen, zugleich abstrakt +und positiv; auch dies empfahl sich durch seine, verglichen mit dem +älteren Satzungsrecht, geschmeidigen Verkehrsformen und trat neben den +Lokalstatuten als allgemeines Hilfsrecht ein. Nur darin hatte die +römische Rechtsentwicklung vor der unsrigen einen wesentlichen Vorzug, +daß die denationalisierte Gesetzgebung nicht, wie bei uns, vorzeitig +und durch Kunstgeburt, sondern rechtzeitig und naturgemäß sich einfand. + +Diesen Rechtszustand fand Caesar vor. Wenn er den Plan entwarf zu einem +neuen Gesetzbuch, so ist es nicht schwer zu sagen, was er damit +beabsichtigt hat. Es konnte dies Gesetzbuch einzig das Recht der +römischen Bürger zusammenfassen und allgemeines Reichsgesetzbuch nur +insofern sein, als ein zeitgemäßes Gesetzbuch der herrschenden Nation +von selbst im ganzen Umfange des Reiches allgemeines Subsidiarrecht +werden mußte. Im Kriminalrecht, wenn überhaupt der Plan sich auf dies +miterstreckte, bedurfte es nur einer Revision und Redaktion der +Sullanischen Ordnungen. Im Zivilrecht war für einen Staat, dessen +Nationalität eigentlich die Humanität war, die notwendige und einzig +mögliche Formulierung jenes schon aus dem rechtlichen Verkehr +freiwillig hervorgewachsene Stadtedikt in gesetzlicher Sicherung und +Präzisierung. Den ersten Schritt zu dieser hatte das Cornelische Gesetz +von 687 (67) getan, indem es den Richter an die zu Anfang seines Amtes +aufgestellten Maximen band und ihm vorschrieb, nicht willkürlich +anderes Recht zu sprechen - eine Bestimmung, die wohl mit dem +Zwölftafelgesetz verglichen werden darf und für die Fixierung des +neueren Stadtrechts fast ebenso bedeutsam geworden ist wie jenes für +die Fixierung des älteren. Aber wenn auch seit dem Cornelischen +Volksschluß das Edikt nicht mehr unter dem Richter stand, sondern +gesetzlich der Richter unter dem Edikt; wenn auch das neue Gesetzbuch +im Gerichtsgebrauch wie im Rechtsunterricht das alte Stadtrecht +tatsächlich verdrängt hatte, so stand es doch noch jedem Stadtrichter +frei, bei Antritt seines Amtes das Edikt unbeschränkt und willkürlich +zu verändern, und überwog das Zwölftafelrecht mit seinen Zusätzen +formell immer noch das Stadtedikt, so daß in jedem einzelnen +Kollisionsfall die veraltete Satzung durch arbiträres Eingreifen der +Beamten, also genau genommen durch Verletzung des formellen Rechts, +beseitigt werden mußte. Die subsidiäre Anwendung des Stadtedikts in dem +Fremdengericht in Rom und in den verschiedenen Provinzialgerichtshöfen +war nun gar gänzlich in die Willkür der einzelnen Oberbeamten gestellt. +Offenbar war es notwendig, das alte Stadtrecht, soweit es nicht in das +neuere übergegangen war, definitiv zu beseitigen und in dem letzteren +der willkürlichen Änderung durch jeden einzelnen Stadtrichter +angemessene Grenzen zu setzen, etwa auch die subsidiäre Anwendung +desselben neben den Lokalstatuten zu regulieren. Dies war Caesars +Absicht, als er den Plan zu einem Gesetzbuch entwarf; denn dies mußte +sie sein. Der Plan ward nicht ausgeführt und damit jener lästige +Übergangszustand in dem römischen Rechtswesen verewigt, bis nach +sechshundert Jahren, und auch dann nur unvollkommen, diese notwendige +Reform von einem der Nachfolger Caesars, dem Kaiser Justinianus, +vollzogen ward. + +Endlich in Münze, Maß und Gewicht war die wesentliche Ausgleichung des +latinischen und des hellenischen Systems längst im Zuge. Sie war uralt +in den für Handel und Verkehr unentbehrlichen Bestimmungen des +Gewichts, der Körper- und Längenmaße und in dem Münzwesen wenig jünger +als die Einführung der Silberprägung. Indes reichten diese älteren +Gleichungen nicht aus, da in der hellenischen Welt selbst die +verschiedenartigsten metrischen und Münzsysteme nebeneinander +bestanden; es war notwendig und lag auch ohne Zweifel in Caesars Plan, +in dem neuen einheitlichen Reich, soweit es nicht bereits früher schon +geschehen war, römische Münze, römisches Maß und römisches Gewicht +jetzt überall in der Art einzuführen, daß im offiziellen Verkehr allein +danach gerechnet, und die nichtrömischen Systeme teils auf lokale +Geltung beschränkt, teils zu den römischen in ein ein für allemal +reguliertes Verhältnis gesetzt wurden ^34. Nachweisen indes läßt +Caesars Tätigkeit sich nur auf zweien der wichtigsten dieser Gebiete, +in dem Geld- und im Kalenderwesen. + +———————————————————————— + +^34 Kürzlich zum Vorschein gekommene pompeianische Gewichte legen die +Annahme nahe, daß im Anfang der Kaiserzeit neben dem römischen Pfund +die attische Mine (vermutlich im Verhältnis von 3 : 4) als zweites +Reichsgewicht Geltung gehabt hat (Heymes 16, 1880, S. 311). + +———————————————————————— + +Das römische Geldwesen beruhte auf den beiden neben und in einem festen +Verhältnis zueinander umlaufenden edlen Metallen, von denen das Gold +nach dem Gewicht ^35, das Silber nach dem Gepräge gegeben und genommen +ward, tatsächlich aber infolge des ausgedehnten überseeischen Verkehrs +das Gold bei weitem das Silber überwog. Ob nicht schon früher im ganzen +Umfange des Reiches die Annahme des römischen Silbergeldes +obligatorisch war, ist ungewiß; auf jeden Fall vertrat die Stelle des +Reichsgeldes im ganzen römischen Gebiet wesentlich das ungemünzte Gold, +um so mehr als die Römer in allen Provinzen und Klientelstaaten die +Goldprägung untersagt hatten, und hatte der Denar außer in Italien auch +im Cisalpinischen Gallien, in Sizilien, in Spanien und sonst vielfach, +namentlich im Westen, gesetzlich oder faktisch sich eingebürgert. Mit +Caesar aber beginnt die Reichsmünze. Ebenwie Alexander bezeichnete auch +er die Gründung der neuen, die zivilisierte Welt umfassenden Monarchie +dadurch, daß das einzig weltenvermittelnde Metall auch in der Münze den +ersten Platz erhielt. In wie großartigem Umfang sogleich das neue +Caesarische Goldstück (zu 7 Taler, 18 Groschen nach heutigem +Metallwert) geprägt ward, beweist die Tatsache, daß in einem einzelnen, +sieben Jahre nach Caesars Tode vergrabenen Schatz sich 80000 dieser +Stücke beisammen gefunden haben. Freilich mögen hier nebenbei auch +finanzielle Spekulationen von Einfluß gewesen sein ^36. Was das +Silbergeld anlangt, so ward durch Caesar die Alleinherrschaft des +römischen Denars im gesamten Westen, zu der der Grund schon früher +gelegt worden war, schließlich festgestellt, indem er die einzige +okzidentalische Münzstätte, die im Silbercourant noch mit der römischen +konkurrierte, die massaliotische, definitiv schloß. Die Prägung von +silberner oder kupferner Scheidemünze blieb einer Anzahl +okzidentalischer Gemeinden erlaubt, wie denn Dreivierteldenare von +einigen latinischen Gemeinden des südlichen Galliens, halbe Denare von +mehreren nordgallischen Gauen, kupferne Kleinmünzen vielfach auch noch +nach Caesar von Kommunen des Westens geschlagen worden sind; allein +auch diese Scheidemünze war durchgängig auf römischen Fuß geprägt und +ihre Annahme überdies wahrscheinlich nur im Lokalverkehr obligatorisch. +An eine einheitliche Regulierung des Münzwesens im Osten, wo große +Massen groben, großenteils zu leicht ausgebrachten oder vernutzten +Silbergeldes, zum Teil sogar, wie in Ägypten, eine unserem Papiergeld +verwandte Kupfermünze umlief, auch die syrischen Handelsstädte den +Mangel ihrer bisherigen, dem mesopotamischen Courant entsprechenden +Landesmünze sehr schwer empfunden haben würden, scheint Caesar so wenig +gedacht zu haben wie die frühere Regierung. Wir finden hier später die +Einrichtung, daß der Denar überall gesetzlichen Kurs hat und offiziell +nur nach ihm gerechnet wird ^37, die Lokalmünzen aber innerhalb ihres +beschränkten Rayons zwar auch Legalkurs, aber nach einem für sie +ungünstigen Tarif gegen den Denar haben ^38; dieselbe ist +wahrscheinlich nicht auf einmal und zum Teil auch wohl schon von Caesar +eingeführt worden, auf jeden Fall aber die wesentliche Ergänzung der +Caesarischen Reichsmünzordnung, deren neues Goldstück in dem ungefähr +gleich schweren Alexanders sein unmittelbares Muster fand und wohl ganz +besonders auf die Zirkulation im Orient berechnet war. + +——————————————————————————— + +^35 Die Goldstücke, die Sulla und gleichzeitig Pompeius, beide in +geringer Zahl, schlagen ließen, heben diesen Satz nicht auf: denn sie +wurden wahrscheinlich lediglich nach dem Gewicht genommen ähnlich wie +die goldenen Philippeer, die auch bis nach Caesars Zeit im Umlauf +gewesen sind. Merkwürdig sind sie allerdings, insofern sie das +Caesarische Reichsgold ähnlich einleiten wie Sullas Regentschaft die +neue Monarchie. + +^36 Es scheint nämlich, daß man in älterer Zeit die auf Silber +lautenden Forderungen der Staatsgläubiger nicht wider deren Willen in +Gold, nach dem legalen Kurs desselben zum Silber, bezahlen konnte; +wogegen es keinen Zweifel leidet, daß seit Caesar das Goldstück +unweigerlich für 100 Silbersesterzen angenommen werden mußte. Es war +dies ebendamals um so wichtiger, als infolge der durch Caesar in Umlauf +gebrachten großen Quantitäten Goldes dasselbe eine Zeitlang im +Handelskurs 25 Prozent unter dem Legalkurs stand. + +^37 Es gibt wohl keine Inschrift der Kaiserzeit, die Geldsummen anders +als in römischer Münze angäbe. + +^38 So gilt die attische Drachme, obwohl merklich schwerer als der +Denar, doch diesem gleich; das antiochische Tetradrachmon, +durchschnittlich 15 Gramm Silber schwer, gleich 3 römischen Denaren, +die nur gegen 12 Gramm wiegen; so der kleinasiatische Cistophorus nach +Silberwert über 3, nach dem Legaltarif 2 Denare; so die rhodische halbe +Drachme nach Silberwert ¾, nach dem Legaltarif 5/8 Denare und so +weiter. + +——————————————————————————— + +Verwandter Art war die Kalenderreform. Der republikanische Kalender, +unglaublicherweise immer noch der alte, aus der vormetonischen +Oktaeteris verunstaltete Dezemviralkalender, war durch die Verbindung +elendester Mathematik und elendester Administration dahin gelangt, um +volle 67 Tage der wahren Zeit voranzugehen und zum Beispiel das +Blütenfest statt am 28. April am 11. Juli zu feiern. Caesar beseitigte +endlich diesen Mißstand und führte mit Hilfe des griechischen +Mathematikers Sosigenes das nach dem ägyptischen Eudoxischen Kalender +geordnete italische Bauernjahr sowie ein verständiges +Einschaltungssystem in den religiösen und offiziellen Gebrauch ein, +indem zugleich das alte Kalenderneujahr des 1. März abgeschafft, +dagegen der zunächst für den Amtswechsel der höchsten Magistrate +festgestellte und infolgedessen längst im bürgerlichen Leben +überwiegende Termin des 1. Januar auch als Kalenderepoche für den +Jahreswechsel angenommen ward. Beide Änderungen traten mit dem 1. +Januar 709 der Stadt, 45 vor Chr., ins Leben und mit ihnen der Gebrauch +des von seinem Urheber benannten Julianischen Kalenders, der lange nach +dem Untergang der Monarchie Caesars in der gebildeten Welt maßgebend +geblieben und in der Hauptsache es noch ist. Zur Erläuterung ward in +einem ausführlichen Edikt ein den ägyptischen Himmelsbeobachtungen +entnommener und, freilich nicht geschickt, auf Italien übertragener +Sternkalender hinzugefügt, welcher den Auf- und Untergang der namhaften +Gestirne nach Kalendertagen bestimmte ^39. Auch auf diesem Gebiet also +setzten die römische und die griechische Welt sich ins gleiche. + +————————————————————————————— + +^39 Die Identität dieses vielleicht von Marcus Flavius redigierten +Edikts (Macr. Sat. I, 14, 2) und der angeblichen Schrift Caesars von +den Gestirnen beweist der Scherz Ciceros (Plut. Caes. 59), daß jetzt +die Leier nach Verordnung aufgehe. + +Übrigens wußte man schon vor Caesar, daß das Sonnenjahr von 365 Tagen +sechs Stunden, das dem ägyptischen Kalender zugrunde lag und das er +seinem Kalender zugrunde legte, etwas zu lang angesetzt sei. Die +genaueste Berechnung des tropischen Jahres, die die alte Welt kannte, +die des Hipparchos, setzte dasselbe auf 365 Tage 5 Stunden 52' 12"; die +wahre Länge ist 365 Tage 5 Stunden 48' 48". + +————————————————————————————— + +Dies waren die Grundlagen der Mittelmeermonarchie Caesars. Zum +zweitenmal war in Rom die soziale Frage zu einer Krise gelangt, wo die +Gegensätze, so wie sie aufgestellt waren, unauflöslich, so wie sie +ausgesprochen waren, unversöhnlich nicht bloß schienen, sondern waren. +Damals war Rom dadurch gerettet worden, daß Italien in Rom und Rom in +Italien aufging und in der neuen erweiterten und verwandelten Heimat +jene alten Gegensätze nicht ausgeglichen wurden, sondern wegfielen. +Wieder ward jetzt Rom dadurch gerettet, daß die Landschaften des +Mittelmeeres in ihm aufgingen oder zum Aufgehen vorbereitet wurden; der +Krieg der italischen Armen und Reichen, der in dem alten Italien nur +mit der Vernichtung der Nation endigen konnte, hatte in dem Italien +dreier Weltteile kein Schlachtfeld und keinen Sinn mehr. Die +latinischen Kolonien schlossen die Kluft, die im fünften Jahrhundert +die römische Gemeinde zu verschlingen drohte; den tieferen Riß des +siebenten Jahrhunderts füllten Gaius Gracchus’ und Caesars +transalpinische und überseeische Kolonisationen. Für das einzige Rom +hat die Geschichte nicht bloß Wunder getan, sondern auch seine Wunder +wiederholt und zweimal die im Staate selbst unheilbare innere Krise +dadurch geheilt, daß sie den Staat verjüngte. Wohl ist viel Verwesung +in dieser Verjüngung; wie die Einigung Italiens auf den Trümmern der +samnitischen und etruskischen Nation sich vollzog, so erbaute auch die +Mittelmeermonarchie sich auf den Ruinen unzähliger, einst lebendiger +und tüchtiger Staaten und Stämme; aber es ist eine Verwesung, der +frische und zum Teil noch heute grünende Saaten entkeimten. Was +zugrunde ging um des neuen Gebäudes willen, waren nur die längst schon +von der nivellierenden Zivilisation zum Untergang bezeichneten +sekundären Nationalitäten. Caesar hat, wo er zerstörend auftrat, nur +den ausgefällten Spruch der geschichtlichen Entwicklung vollzogen, die +Keime der Kultur aber geschützt, wo und wie er sie fand, in seinem +eigenen Lande so gut wie bei der verschwisterten Nation der Hellenen. +Er hat das Römertum gerettet und erneuert, aber auch das Griechentum +hat er nicht bloß geschont, sondern mit derselben sicheren Genialität, +womit er die Neugründung Roms vollbrachte, auch der Regeneration der +Hellenen sich unterzogen und das unterbrochene Werk des großen +Alexander wiederaufgenommen, dessen Bild, wohl mag man es glauben, +niemals aus Caesars Seele wich. Er hat diese beiden großen Aufgaben +nicht bloß nebeneinander, sondern eine durch die andere gelöst. Die +beiden großen Wesenheiten des Menschentums, die allgemeine und die +individuelle Entwicklung oder Staat und Kultur, einst im Keime +vereinigt in jenen alten, fern von den Küsten und Inseln des +Mittelmeers in urväterlicher Einfachheit ihre Herden weidenden +Graecoitalikern, hatten sich geschieden, als dieselben sich sonderten +in Italiker und Hellenen, und waren seitdem durch Jahrtausende +geschieden geblieben. Jetzt erschuf der Enkel des troischen Fürsten und +der latinischen Königstochter aus einem Staat ohne eigene Kultur und +einer kosmopolitischen Zivilisation ein neues Ganzes, in welchem auf +dem Gipfel menschlichen Daseins, in der reichen Fülle des glückseligen +Alters Staat und Kultur wiederum sich zusammenfanden und den einem +solchen Inhalt angemessenen Umkreis würdig erfüllten. + +Die Linien sind dargelegt, welche Caesar für dieses Werk gezogen hat, +nach denen er selbst arbeitete und nach denen die Späteren, viele +Jahrhunderte hindurch gebannt in die von diesem Manne vorgezeichneten +Bahnen, wo nicht mit dem Geiste und der Energie, doch im ganzen nach +den Intentionen des großen Meisters weiter zu arbeiten versuchten. +Vollendet ist wenig, gar manches nur angelegt. Ob der Plan vollständig +ist, mag entscheiden, wer mit einem solchen Mann in die Wette zu denken +wagt; wir bemerken keine wesentlichen Lücken in dem, was vorliegt, +jeder einzelne Baustein genug, um einen Mann unsterblich zu machen, und +doch wieder alle zusammen ein harmonisches Ganzes. Fünf und ein halbes +Jahr, nicht halb so lange wie Alexander, schaltete Caesar als König von +Rom; zwischen sieben großen Feldzügen, die ihm nicht mehr als zusammen +fünfzehn Monate ^40 in der Hauptstadt seines Reiches zu verweilen +erlaubten, ordnete er die Geschicke der Welt für die Gegenwart und die +Zukunft; von der Feststellung der Grenzlinie zwischen Zivilisation und +Barbarei an bis hinab zu der Beseitigung der Regenpfützen auf den +Gassen der Hauptstadt, und behielt dabei noch Zeit und Heiterkeit +genug, um den Preisstücken im Theater aufmerksam zu folgen und dem +Sieger den Kranz mit improvisierten Versen zu erteilen. Die +Schnelligkeit und Sicherheit der Ausführung des Planes beweist, daß er +lange durchdacht und in allen Teilen im einzelnen festgestellt war; +allein auch so bleibt sie nicht viel weniger wunderbar als der Plan +selbst. Die Grundzüge waren gegeben und damit der neue Staat für alle +Zukunft bestimmt; vollenden konnte den Bau nur die grenzenlose Zukunft. +Insofern durfte Caesar sich sagen, daß sein Ziel erreicht sei, und das +wohl mochten die Worte bedeuten, die man zuweilen aus seinem Munde +vernahm, daß er genug gelebt habe. Aber eben weil der Bau ein +unendlicher war, fügte der Meister, solange er lebte, rastlos Stein auf +Stein, mit immer gleicher Geschmeidigkeit und immer gleicher Spannkraft +tätig an seinem Werk, ohne je zu überstürzen oder zu verschieben, eben +als gebe es für ihn nur ein Heute und kein Morgen. So wirkte und +schaffte er wie nie ein Sterblicher vor und nach ihm, und als ein +Wirkender und Schaffender lebt er noch nach Jahrtausenden im Gedächtnis +der Nationen, der erste und doch auch der einzige Imperator Caesar. + +———————————————————————————- + +^40 Caesar verweilte in Rom im April und Dezember 705 (49), beide Male +auf wenige Tage; vom September bis Dezember 707 (47); etwa vier +Herbstmonate des fünfzehnmonatlichen Jahres 708 (46) und vom Oktober +709 (45) bis zum März 710 (44). + + + + +KAPITEL XII. +Religion, Bildung, Literatur und Kunst + + +In der religiös-philosophischen Entwicklung tritt in dieser Epoche kein +neues Moment hervor. Die römisch-hellenische Staatsreligion und die +damit untrennbar verbundene stoische Staatsphilosophie waren für jede +Regierung, Oligarchie, Demokratie oder Monarchie, nicht bloß ein +bequemes Instrument, sondern deshalb geradezu unentbehrlich, weil es +ebenso unmöglich war, den Staat ganz ohne religiöse Elemente zu +konstruieren als irgendeine neue zur Ersetzung der alten geeignete +Staatsreligion aufzufinden. So fuhr denn zwar der revolutionäre Besen +gelegentlich sehr unsanft in die Spinnweben der auguralen Vogelweisheit +hinein; aber die morsche, in allen Fugen krachende Maschine überdauerte +dennoch das Erdbeben, das die Republik selber verschlang, und rettete +ihre Geistlosigkeit und ihre Hoffart ungeschmälert hinüber in die neue +Monarchie. Es versteht sich, daß sie zunahm an Ungnade bei allen denen, +die ein freies Urteil sich bewahrten. Zwar gegen die Staatsreligion +verhielt die öffentliche Meinung sich wesentlich gleichgültig; sie war +allerseits als eine Institution politischer Konvenienz anerkannt und es +bekümmerte sich niemand sonderlich um sie, mit Ausnahme der politischen +und antiquarischen Gelehrten. Aber gegen ihre philosophische Schwester +entwickelte sich in dem unbefangenen Publikum jene Feindseligkeit, die +die leere und doch auch perfide Phrasenheuchelei auf die Länge nie +verfehlt zu erwecken. Daß der Stoa selbst von ihrer eigenen Nichtigkeit +eine Ahnung aufzugehen begann, beweist ihr Versuch, auf dem Wege des +Synkretismus sich wieder einigen Geist künstlich einzuflößen: Antiochos +von Askalon (blüht 675 79), der mit dem stoischen System das +platonisch-aristotelische zu einer organischen Einheit +zusammengeklittert zu haben behauptete, brachte es in der Tat dahin, +daß seine mißgeschaffene Doktrin die Modephilosophie der Konservativen +seiner Zeit und von den vornehmen Dilettanten und Literaten Roms +gewissenhaft studiert ward. Wer irgend in geistiger Frische sich regte, +opponierte der Stoa oder ignorierte sie. Es war hauptsächlich der +Widerwille gegen die großmauligen und langweiligen römischen Pharisäer, +daneben freilich auch der zunehmende Hang, sich aus dem praktischen +Leben in schlaffe Apathie oder nichtige Ironie zu flüchten, dem während +dieser Epoche das System Epikurs seine Ausbreitung in weiteren Kreisen +und die Diogenische Hundephilosophie ihre Einbürgerung in Rom +verdankte. Wie matt und gedankenarm auch jenes sein mochte, eine +Philosophie, die nicht in der Veränderung der hergebrachten +Bezeichnungen den Weg zur Freiheit suchte, sondern mit den vorhandenen +sich begnügte und durchaus nur die sinnliche Wahrnehmung als wahr +gelten ließ, war immer noch besser als das terminologische Geklapper +und die hohlen Begriffe der stoischen Weisheit; und die +Hundephilosophie gar war von allen damaligen philosophischen Systemen +insofern bei weitem das vorzüglichste, als ihr System sich darauf +beschränkte, gar kein System zu haben, sondern alle Systeme und alle +Systematiker zu verhöhnen. Auf beiden Gebieten wurde gegen die Stoa mit +Eifer und Glück Krieg geführt; für ernste Männer predigte der Epikureer +Lucretius mit dem vollen Akzent der innigen Überzeugung und des +heiligen Eifers gegen den stoischen Götter- und Vorsehungsglauben und +die stoische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele; für das große +lachbereite Publikum traf der Kyniker Varro mit den flüchtigen Pfeilen +seiner vielgelesenen Satiren noch schärfer zum Ziel. Wenn also die +tüchtigsten Männer der älteren Generation die Stoa befehdeten, so stand +dagegen die jüngere, wie zum Beispiel Catullus, zu ihr in gar keinem +innerlichen Verhältnis mehr und kritisierte sie noch bei weitem +schärfer durch vollständiges Ignorieren. + +Indes wenn hier ein glaubenloser Glaube aus politischer Konvenienz +aufrecht erhalten ward, so brachte man dies anderswo reichlich wieder +ein. Unglaube und Aberglaube, verschiedene Farbenbrechungen desselben +geschichtlichen Phänomens, gingen auch in der damaligen römischen Welt +Hand in Hand und es fehlte nicht an Individuen, welche sie beide in +sich vereinigten, mit Epikuros die Götter leugneten und doch vor jeder +Kapelle beteten und opferten. Natürlich galten nur noch die aus dem +Orient gekommenen Götter, und wie die Menschen fortfuhren, aus den +griechischen Landschaften nach Italien zu strömen, so wanderten auch +die Götter des Ostens in immer steigender Zahl nach dem Westen hinüber. +Was der phrygische Kult damals in Rom bedeutete, beweist sowohl die +Polemik bei den älteren Männern, wie bei Varro und Lucretius, als auch +die poetische Verherrlichung desselben bei dem modernen Catullus, die +mit der charakteristischen Bitte schließt, daß die Göttin geneigen +möge, nur andere, nicht den Dichter selbst verrückt zu machen. Neu trat +hinzu der persische Götterdienst, der zuerst durch Vermittlung der von +Osten und von Westen her auf dem Mittelmeere sich begegnenden Piraten +zu den Okzidentalen gelangt sein soll und als dessen älteste Kultstätte +im Westen der Berg Olympos in Lykien bezeichnet wird. Dafür, daß man +bei der Aufnahme der orientalischen Kulte im Okzident das, was sie von +höheren spekulativen und sittlichen Elementen enthielten, durchgängig +fallen ließ, ist es ein merkwürdiger Beleg, daß der höchste Gott der +reinen Lehre Zarathustras, Ahuramazda, im Westen so gut wie unbekannt +blieb und hier die Verehrung sich vorzugsweise wieder demjenigen Gott +zuwandte, der in der alten persischen Volksreligion den ersten Platz +eingenommen hatte und durch Zarathustra an den zweiten gerückt worden +war, dem Sonnengott Mithra. Rascher noch als die lichteren und milderen +persischen Himmelsgestalten traf der langweilig geheimnisvolle Schwarm +der ägyptischen Götterkarikaturen in Rom ein, die Naturmutter Isis mit +ihrem ganzen Gefolge, dem ewig sterbenden und ewig wiederauflebenden +Osiris, dem finsteren Sarapis, dem schweigsam ernsten Harpokrates, dem +hundsköpfigen Anubis. In dem Jahre, wo Clodius die Klubs und +Konventikel freigab (696 58), und ohne Zweifel eben infolge dieser +Emanzipation des Pöbels, machte jener Schwarm sogar Anstalt, in die +alte Burg des römischen Jupiter auf dem Kapitol seinen Einzug zu +halten, und kaum gelang es, von hier ihn noch abzuwehren und die +unvermeidlichen Tempel wenigstens in die Vorstädte Roms zu bannen. Kein +Kult war in den unteren Schichten der hauptstädtischen Bevölkerung +gleich populär: als der Senat die innerhalb der Ringmauer angelegten +Isistempel einzureißen befahl, wagte kein Arbeiter, die erste Hand +daran zu legen, und der Konsul Lucius Paullus mußte selber den ersten +Axtschlag tun (704 50); man konnte darauf wetten, daß je lockerer ein +Dirnchen war, es desto frommer die Isis verehrte. Daß Loswerfen, +Traumdeuten und dergleichen freie Künste ihren Mann ernährten, versteht +sich von selbst. Das Horoskopstellen ward schon wissenschaftlich +betrieben: Lucius Tarutius aus Firmum, ein angesehener und in seiner +Art gelehrter, mit Varro und Cicero befreundeter Mann, stellte ganz +ernsthaft den Königen Romulus und Numa und der Stadt Rom selbst die +Nativität und erhärtete zur Erbauung der beiderseitigen Gläubigen +mittels seiner chaldäischen und ägyptischen Weisheit die Berichte der +römischen Chronik. Aber bei weitem die merkwürdigste Erscheinung auf +diesem Gebiet ist der erste Versuch, das rohe Glauben mit dem +spekulativen Denken zu verquicken, das erste Hervortreten derjenigen +Tendenzen, die wir als neuplatonische zu bezeichnen gewohnt sind, in +der römischen Welt. Ihr ältester Apostel daselbst war Publius Nigidius +Figulus, ein vornehmer Römer von der strengsten Fraktion der +Aristokratie, der 696 (58) die Prätur bekleidete und im Jahre 709 (45) +als politischer Verbannter außerhalb Italiens starb. Mit staunenswerter +Vielgelehrtheit und noch staunenswerterer Glaubensstärke schuf er aus +den disparatesten Elementen einen philosophisch-religiösen Bau, dessen +wunderlichen Grundriß er mehr wohl noch in mündlichen Verkündigungen +entwickelte als in seinen theologischen und naturwissenschaftlichen +Schriften. In der Philosophie griff er, Erlösung suchend von den +Totengerippen der umgehenden Systeme und Abstraktionen, zurück auf den +verschütteten Born der vorsokratischen Philosophie, deren alten Weisen +der Gedanke selber noch mit sinnlicher Lebendigkeit erschienen war. Die +naturwissenschaftliche Forschung, die, zweckmäßig behandelt, dem +mystischen Schwindel und der frommen Taschenspielerei auch jetzt noch +so vortreffliche Handhaben darbietet und im Altertum, bei der +mangelhafteren Einsicht in die physikalischen Gesetze, sie noch +bequemer darbot, spielte begreiflicherweise auch hier eine ansehnliche +Rolle. Seine Theologie beruhte wesentlich auf dem wunderlichen Gebräu, +in dem den geistesverwandten Griechen orphische und andere uralte oder +sehr neue einheimische Weisheit mit persischen, chaldäischen und +ägyptischen Geheimlehren zusammengeflossen war und in welches Figulus +noch die Quasiresultate der tuskischen Forschung in das Nichts und die +einheimische Vogelfluglehre zu weiterer harmonischer Konfusion +einarbeitete. Dem ganzen System gab die politisch-religiös-nationale +Weihe der Name des Pythagoras, des ultrakonservativen Staatsmannes, +dessen oberster Grundsatz war, “die Ordnung zu fördern und der +Unordnung zu wehren”, des Wundermannes und Geisterbeschwörers, des in +Italien heimischen, selbst in Roms Sagengeschichte verflochtenen und +auf dem römischen Markte im Standbilde zu schauenden uralten Weisen. +Wie Geburt und Tod miteinander verwandt sind, so, schien es, sollte +Pythagoras nicht bloß an der Wiege der Republik stehen als des weisen +Numa Freund und der klugen Mutter Egeria Kollege, sondern auch als der +letzte Hort der heiligen Vogelweisheit an ihrem Grabe. Das neue System +war aber nicht bloß wunderhaft, es wirkte auch Wunder: Nigidius +verkündigte dem Vater des nachmaligen Kaisers Augustus an dem Tage +selbst, wo dieser geboren ward, die künftige Größe des Sohnes; ja die +Propheten bannten den Gläubigen Geister und, was mehr sagen will, sie +wiesen ihnen die Plätze nach, wo ihre verlorenen Münzen lagen. Die +neu-alte Weisheit, wie sie nun eben war, machte doch auf die +Zeitgenossen einen tiefen Eindruck; die vornehmsten, gelehrtesten, +tüchtigsten Männer der verschiedensten Parteien, der Konsul des Jahres +705 (49), Appius Claudius, der gelehrte Marcus Varro, der tapfere +Offizier Publius Vatinius, machten das Geisterzitieren mit, und es +scheint sogar, daß gegen das Treiben dieser Gesellschaften polizeilich +eingeschritten werden mußte. Diese letzten Versuche, die römische +Theologie zu retten, machen, ähnlich wie Catos verwandte Bestrebungen +auf dem politischen Gebiet, zugleich einen komischen und einen +wehmütigen Eindruck; man darf über das Evangelium wie über die Apostel +lächeln, aber immer ist es eine ernsthafte Sache, wenn auch die +tüchtigen Männer anfangen, sich dem Absurden zu ergeben. + +Die Jugendbildung bewegte sich, wie sich von selbst versteht, in dem in +der vorigen Epoche vorgezeichneten Kreise zwiesprachiger Humanität, und +mehr und mehr ging die allgemeine Bildung auch der römischen Welt ein +auf die von den Griechen dafür festgestellten Formeln. Selbst die +körperlichen Übungen schritten von dem Ballspiel, dem Laufen und +Fechten fort zu den kunstmäßiger entwickelten griechischen Turnkämpfen; +wenn es auch für diese noch keine öffentlichen Anstalten gab, pflegte +doch in den vornehmen Landhäusern schon neben den Badezimmern die +Palästra nicht zu fehlen. In welcher Art der Kreis der allgemeinen +Bildung sich in der römischen Welt im Laufe eines Jahrhunderts +umgewandelt hatte, zeigt die Vergleichung der Catonischen +‘Encyklopädie’ mit der gleichartigen Schrift Varros ‘Von den +Schulwissenschaften’. Als Bestandteile der nichtfachwissenschaftlichen +Bildung erscheinen bei Cato die Redekunst, die Ackerbau-, Rechts-, +Kriegs- und Arzneikunde, bei Varro - nach wahrscheinlicher Vermutung - +Grammatik, Logik oder Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, +Astronomie, Musik, Medizin und Architektur. Es sind also im Verlaufe +des siebenten Jahrhunderts Kriegs-, Rechts- und Ackerbaukunde aus +allgemeinen zu Fachwissenschaften geworden. Dagegen tritt bei Varro die +hellenische Jugendbildung bereits in ihrer ganzen Vollständigkeit auf: +neben dem grammatisch-rhetorisch-philosophischen Kursus, der schon +früher in Italien eingeführt war, findet jetzt auch der länger +spezifisch hellenisch gebliebene +geometrisch-arithmetisch-astronomisch-musikalische ^1 sich ein. Daß +namentlich die Astronomie, die in der Nomenklatur der Gestirne dem +gedankenlosen gelehrten Dilettantismus der Zeit, in ihren Beziehungen +zur Astrologie dem herrschenden religiösen Schwindel entgegenkam, in +Italien von der Jugend regelmäßig und eifrig studiert ward, läßt sich +auch anderweitig belegen: Aratos’ astronomische Lehrgedichte fanden +unter allen Werken der alexandrinischen Literatur am frühesten Eingang +in den römischen Jugendunterricht. Zu diesem hellenischen Kursus trat +dann noch die aus dem älteren römischen Jugendunterricht +stehengebliebene Medizin und endlich die dem damaligen statt des Ackers +Häuser und Villen bauenden vornehmen Römer unentbehrliche Architektur. + +——————————————————————- + +^1 Es sind dies, wie bekannt, die sogenannten sieben freien Künste, die +mit dieser Unterscheidung der früher in Italien eingebürgerten drei und +der nachträglich rezipierten vier Disziplinen sich durch das ganze +Mittelalter behauptet haben. + +——————————————————————- + +Im Vergleich mit der vorigen Epoche nimmt die griechische wie die +lateinische Bildung an Umfang und an Schulstrenge ebenso zu wie ab an +Reinheit und an Feinheit. Der steigende Drang nach griechischem Wissen +gab dem Unterricht von selbst einen gelehrten Charakter. Horneros oder +Euripides zu exponieren war am Ende keine Kunst; Lehrer und Schüler +fanden besser ihre Rechnung bei den alexandrinischen Poesien, welche +überdies auch ihrem Geiste nach der damaligen römischen Welt weit näher +standen als die echte griechische Nationalpoesie und die, wenn sie +nicht ganz so ehrwürdig wie die Ilias waren, doch bereits ein +hinreichend achtbares Alter besaßen, um Schulmeistern als Klassiker zu +gelten. Euphorions Liebesgedichte, Kalkmachos’ ‘Ursachen’ und seine +‘Ibis’, Lykophrons komisch dunkle ‘Alexandra’ enthielten in reicher +Fülle seltene Vokabeln (glossae), die zum Exzerpieren und +Interpretieren sich eigneten, mühsam verschlungene und mühsam +aufzulösende Sätze, weitläufige Exkurse voll Zusammengeheimnissung +verlegener Mythen, überhaupt Vorrat zu beschwerlicher Gelehrsamkeit +aller Art. Der Unterricht bedurfte immer schwierigerer Übungsstücke; +jene Produkte, großenteils Musterarbeiten von Schulmeistern, eigneten +sich vortrefflich zu Lehrstücken für Musterschüler. So nahmen die +alexandrinischen Poesien in dem italischen Schulunterricht, namentlich +als Probeaufgaben, bleibenden Platz und förderten allerdings das +Wissen, aber auf Kosten des Geschmacks und der Gescheitheit. Derselbe +ungesunde Bildungshunger drängte ferner die römische Jugend, den +Hellenismus so viel wie möglich an der Quelle zu schöpfen. Die Kurse +bei den griechischen Meistern in Rom genügten nur noch für den ersten +Anlauf; wer irgend wollte mitsprechen können, hörte griechische +Philosophie in Athen, griechische Rhetorik in Rhodos und machte eine +literarische und Kunstreise durch Kleinasien, wo noch am meisten von +den alten Kunstschätzen der Hellenen an Ort und Stelle anzutreffen war +und, wenn auch handwerksmäßig, die musische Bildung derselben sich +fortgepflanzt hatte; wogegen das fernere und mehr als Sitz der strengen +Wissenschaften gefeierte Alexandreia weit seltener das Reiseziel der +bildungslustigen jungen Leute war. + +Ähnlich wie der griechische steigert sich auch der lateinische +Unterricht. Zum Teil geschah dies schon durch die bloße Rückwirkung des +griechischen, dem er ja seine Methode und seine Anregungen wesentlich +entlehnte. Ferner trugen die politischen Verhältnisse, der durch das +demokratische Treiben in immer weitere Kreise getragene Zudrang zu der +Rednerbühne auf dem Markte, zur Verbreitung und Steigerung der +Redeübungen nicht wenig bei; “wo man hinblickt”, sagt Cicero, “ist +alles von Rhetoren voll”. Es kam hinzu, daß die Schriften des sechsten +Jahrhunderts, je weiter sie in die Vergangenheit zurücktraten, desto +entschiedener als klassische Texte der goldenen Zeit der lateinischen +Literatur zu gelten anfingen und damit dem wesentlich auf sie sich +konzentrierenden Unterricht ein größeres Schwergewicht gaben. Endlich +gab die von vielen Seiten her einreißende und einwandernde Barbarei und +die beginnende Latinisierung ausgedehnter keltischer und spanischer +Landschaften der lateinischen Sprachlehre und dem lateinischen +Unterricht von selbst eine höhere Bedeutung, als er sie hatte haben +können, solange nur Latium lateinisch sprach: der Lehrer der +lateinischen Literatur hatte in Comum und Narbo von Haus aus eine +andere Stellung als in Praeneste und Ardea. Im ganzen genommen war die +Bildung mehr im Sinken als im Steigen. Der Ruin der italischen +Landstädte, das massenhafte Eindringen fremder Elemente, die +politische, ökonomische und sittliche Verwilderung der Nation, vor +allem die zerrüttenden Bürgerkriege verdarben auch in der Sprache mehr, +als alle Schulmeister der Welt wieder gutmachen konnten. Die engere +Berührung mit der hellenischen Bildung der Gegenwart, der bestimmtere +Einfluß der geschwätzigeren athenischen Weisheit und der rhodischen und +kleinasiatischen Rhetorik führten vorwiegend eben die schädlichsten +Elemente des Hellenismus der römischen Jugend zu. Die propagandistische +Mission, die Latium unter den Kelten, Iberern und Libyern übernahm, wie +stolz die Aufgabe auch war, mußte doch für die lateinische Sprache +ähnliche Folgen haben, wie die Hellenisierung des Ostens sie für die +hellenische gehabt hatte. Wenn das römische Publikum dieser Zeit die +wohlgefügte und rhythmisch kadenzierte Periode des Redners beklatschte +und dem Schauspieler ein sprachlicher oder metrischer Verstoß teuer zu +stehen kam, so zeigt dies wohl, daß die schulmäßig reflektierte +Einsicht in die Muttersprache in immer weiteren Kreisen Gemeingut ward: +aber daneben klagen urteilsfähige Zeitgenossen, daß die hellenische +Bildung in Italien um 690 (64) weit tiefer gestanden als ein +Menschenalter zuvor; daß man das reine gute Latein nur selten mehr, am +ersten noch aus dem Munde älterer gebildeter Frauen zu hören bekomme; +daß die Überlieferung echter Bildung, der alte, gute lateinische +Mutterwitz, die Lucilische Feinheit, der gebildete Leserkreis der +scipionischen Zeit allmählich ausgingen. Daß Wort und Begriff der +“Urbanität”, das heißt der feinen nationalen Gesittung, in dieser Zeit +aufkamen, beweist nicht, daß sie herrschte, sondern daß sie im +Verschwinden war und daß man in der Sprache und dem Wesen der +latinisierten Barbaren oder barbarisierten Lateiner die Abwesenheit +dieser Urbanität schneidend empfand. Wo noch der urbane +Konversationston begegnet, wie in Varros Satiren und Ciceros Briefen, +da ist es ein Nachklang der alten in Reate und Arpinum noch nicht so +wie in Rom verschollenen Weise. + +So blieb die bisherige Jugendbildung ihrem Wesen nach unverändert, nur +daß sie, nicht so sehr durch ihren eigenen als durch den allgemeinen +Verfall der Nation, weniger Gutes und mehr Übles stiftete als in der +vorhergegangenen Epoche. Eine Revolution auch auf diesem Gebiet leitete +Caesar ein. Wenn der römische Senat die Bildung erst bekämpft und +sodann höchstens geduldet hatte, so mußte die Regierung des neuen +italisch-hellenischen Reiches, dessen Wesen ja die Humanität war, +dieselbe notwendig in hellenischer Weise von oben herab fördern. Wenn +Caesar sämtlichen Lehrern der freien Wissenschaften und sämtlichen +Ärzten der Hauptstadt das römische Bürgerrecht verlieh, so darf darin +wohl eine gewisse Einleitung gefunden werden zu jenen Anstalten, in +denen späterhin für die höhere zwiesprachige Bildung der Jugend des +Reiches von Staats wegen gesorgt ward und die der prägnanteste Ausdruck +des neuen Staates der Humanität sind; und wenn Caesar ferner die +Gründung einer öffentlichen griechischen und lateinischen Bibliothek in +der Hauptstadt beschlossen und bereits den gelehrtesten Römer der Zeit, +Marcus Varro, zum Oberbibliothekar ernannt hatte, so liegt darin +unverkennbar die Absicht, mit der Weltmonarchie die Weltliteratur zu +verknüpfen. + +Die sprachliche Entwicklung dieser Zeit knüpfte an den Gegensatz an +zwischen dem klassischen Latein der gebildeten Gesellschaft und der +Vulgärsprache des gemeinen Lebens. Jenes selbst war ein Erzeugnis der +spezifischen italischen Bildung; schon in dem Scipionischen Kreise war +das “reine Latein” Stichwort gewesen und wurde die Muttersprache nicht +mehr völlig naiv gesprochen, sondern in bewußtem Unterschied von der +Sprache des großen Haufens. Diese Epoche eröffnet mit einer +merkwürdigen Reaktion gegen den bisher in der höheren Umgangssprache +und demnach auch in der Literatur alleinherrschenden Klassizismus, +einer Reaktion, die innerlich und äußerlich mit der gleichartigen +Sprachreaktion in Griechenland eng zusammenhing. Eben um diese Zeit +begannen der Rhetor und Romanschreiber Hegesias von Magnesia und die +zahlreichen, an ihn sich anschließenden kleinasiatischen Rhetoren und +Literaten sich aufzulehnen gegen den orthodoxen Attizismus. Sie +forderten das Bürgerrecht für die Sprache des Lebens, ohne Unterschied, +ob das Wort und die Wendung in Attika entstanden sei oder in Karien und +Phrygien; sie selber sprachen und schrieben nicht für den Geschmack der +gelehrten Cliquen, sondern für den des großen Publikums. Gegen den +Grundsatz ließ sich nicht viel einwenden; nur freilich konnte das +Resultat nicht besser sein als das damalige kleinasiatische Publikum +war, das den Sinn für Strenge und Reinheit der Produktion gänzlich +verloren hatte und nur nach dem Zierlichen und Brillanten verlangte. Um +von den aus dieser Richtung entsprungenen Afterkunstgattungen, +namentlich dem Roman und der romanhaften Geschichte, hier zu schweigen, +so war schon der Stil dieser Asiaten begreiflicherweise zerhackt und +ohne Kadenz und Periode, verzwickt und weichlich, voll Flitter und +Bombast, durchaus gemein und manieriert; “wer Hegesias kennt”, sagt +Cicero, “der weiß, was albern ist”. + +Dennoch fand dieser neue Stil seinen Weg auch in die latinische Welt. +Als die hellenische Moderhetorik, nachdem sie am Ende der vorigen +Epoche in den latinischen Jugendunterricht sich eingedrängt hatte, zu +Anfang der gegenwärtigen den letzten Schritt tat und mit Quintus +Hortensius (640-704 114-50), dem gefeiertsten Sachwalter der +sullanischen Zeit, die römische Rednerbühne selbst betrat, da schmiegte +sie auch in dem lateinischen Idiom dem schlechten griechischen +Zeitgeschmack eng sich an; und das römische Publikum, nicht mehr das +rein und streng gebildete der scipionischen Zeit, beklatschte natürlich +eifrig den Neuerer, der es verstand, dem Vulgarismus den Schein +kunstgerechter Leistung zu geben. Es war dies von großer Bedeutung. Wie +in Griechenland der Sprachstreit immer zunächst in den Rhetorenschulden +geführt ward, so war auch in Rom die gerichtliche Rede gewissermaßen +mehr noch als die Literatur maßgebend für den Stil, und es war deshalb +mit dem Sachwalterprinzipat gleichsam von Rechts wegen die Befugnis +verbunden, den Ton der modischen Sprech- und Schreibweise anzugeben. +Hortensius’ asiatischer Vulgarismus verdrängte also den Klassizismus +von der römischen Rednerbühne und zum Teil auch aus der Literatur. Aber +bald schlug in Griechenland wie in Rom die Mode wieder um. Dort war es +die Rhodische Rhetorenschule, die ohne auf die ganze keusche Strenge +des attischen Stils zurückzugehen, doch versuchte, zwischen ihm und der +modernen Weise einen Mittelweg einzuschlagen; wenn die rhodischen +Meister es mit der innerlichen Korrektheit des Denkens und Sprechens +nicht allzu genau nahmen, so drangen sie doch wenigstens auf +sprachliche und stilistische Reinheit, auf sorgfältige Auswahl der +Wörter und Wendungen und durchgeführte Kadenzierung der Sätze. In +Italien war es Marcus Tullius Cicero (648-711 106-43), der, nachdem er +in seiner ersten Jugend die Hortensische Manier mitgemacht hatte, durch +das Hören der rhodischen Meister und durch eigenen gereifteren +Geschmack auf bessere Wege zurückgeführt ward und fortan sich strenger +Reinheit der Sprache und durchgängiger Periodisierung und Kadenzierung +der Rede befliß. Die Sprachmuster, an die er hierbei sich anschloß, +fand er vor allen Dingen in denjenigen Kreisen der höheren römischen +Gesellschaft, welche von dem Vulgarismus noch wenig oder gar nicht +gelitten hatten; und wie schon gesagt ward, es gab deren noch, obwohl +sie anfingen zu schwinden. Die ältere lateinische und die gute +griechische Literatur, so bedeutend auch namentlich auf den Numerus der +Rede die letztere eingewirkt hat, standen daneben doch nur in zweiter +Linie; es war diese Sprachreinigung also keineswegs eine Reaktion der +Buch- gegen die Umgangssprache, sondern eine Reaktion der Sprache der +wirklich Gebildeten gegen den Jargon der falschen und halben Bildung. +Caesar, auch auf dem Gebiet der Sprache der größte Meister seiner Zeit, +sprach den Grundgedanken des römischen Klassizismus aus, indem er in +Rede und Schrift jedes fremdartige Wort so zu vermeiden gebot, wie der +Schiffer die Klippe meidet: man verwarf das poetische und das +verschollene Wort der älteren Literatur ebenso, wie die bäurische oder +der Sprache des gemeinen Lebens entlehnte Wendung und namentlich die, +wie die Briefe dieser Zeit es beweisen, in sehr weitem Umfang in die +Umgangssprache eingedrungenen griechischen Wörter und Phrasen. Aber +nichtsdestoweniger verhielt dieser schulmäßige und künstliche +Klassizismus der ciceronischen Zeit sich zu dem scipionischen, wie zu +der Unschuld die bekehrte Sünde oder wie zu dem mustergültigen +Französisch Molières und Boileaus das der napoleonischen Klassizisten; +wenn jener aus dem vollen Leben geschöpft hatte, so fing dieser +gleichsam die letzten Atemzüge eines unwiderbringlich untergehenden +Geschlechts noch eben rechtzeitig auf. Wie er nun war, er breitete +rasch sich aus. Mit dem Sachwalterprinzipat ging auch die Sprach- und +Geschmacksdiktatur von Hortensius auf Cicero über, und die +mannigfaltige und weitläufige Schriftstellerei des letzteren gab diesem +Klassizismus, was ihm noch gefehlt hatte, ausgedehnte prosaische Texte. +So wurde Cicero der Schöpfer der modernen klassischen lateinischen +Prosa und knüpfte der römische Klassizismus durchaus und überall an +Cicero als Stilisten an; dem Stilisten Cicero, nicht dem +Schriftsteller, geschweige denn dem Staatsmanne, galten die +überschwenglichen und doch nicht ganz phrasenhaften Lobsprüche, mit +denen die begabtesten Vertreter des Klassizismus, namentlich Caesar und +Catullus, ihn überhäufen. + +Bald ging man weiter. Was Cicero in der Prosa, das führte in der Poesie +gegen das Ende der Epoche die neurömische an die griechische Modepoesie +sich anlehnende Dichterschule durch, deren bedeutendstes Talent +Catullus war. Auch hier verdrängte die höhere Umgangssprache die bisher +auf diesem Gebiet noch vielfach waltenden archaistischen Reminiszenzen +und fügte wie die lateinische Prosa sich dem attischen Numerus, so die +lateinische Poesie sich allmählich den strengen oder vielmehr +peinlichen metrischen Gesetzen der Alexandriner; so zum Beispiel wird +von Catullus an es nicht mehr verstattet, mit einem einsilbigen oder +einem nicht besonders schwerwichtigen zweisilbigen Wort zugleich einen +Vers zu beginnen und einen im vorigen begonnenen Satz zu schließen. +Endlich trat denn die Wissenschaft hinzu, fixierte das Sprachgesetz und +entwickelte die Regel, die nicht mehr aus der Empirie bestimmt ward, +sondern den Anspruch machte, die Empirie zu bestimmen. Die +Deklinationsendungen, die bisher noch zum Teil geschwankt hatten, +sollten jetzt ein für allemal fixiert werden, wie zum Beispiel von den +bisher nebeneinander gangbaren Genetiv- und Dativformen der sogenannten +vierten Deklination (senatuis und senatus, senatui und senatu) Caesar +ausschließlich die zusammengezogenen (us und u) gelten ließ. In der +Orthographie wurde mancherlei geändert, um die Schrift mit der Sprache +wieder vollständiger ins gleiche zu setzen - so ward das inlautende u +in Wörtern wie maxumus nach Caesars Vorgang durch i ersetzt und von den +beiden überflüssig gewordenen Buchstaben k und q die Beseitigung des +ersten durchgesetzt, die des zweiten wenigstens vorgeschlagen. Die +Sprache war, wenn noch nicht erstarrt, doch im Erstarren begriffen, von +der Regel zwar noch nicht gedankenlos beherrscht, aber doch bereits +ihrer sich bewußt geworden. Daß für diese Tätigkeit auf dem Gebiete der +lateinischen Grammatik die griechische nicht bloß im allgemeinen den +Geist und die Methode hergab, sondern die lateinische Sprache auch wohl +geradezu nach jener rektifiziert ward, beweist zum Beispiel die +Behandlung des schließenden s, das bis gegen den Ausgang dieser Epoche +nach Gefallen bald als Konsonant, bald nicht als solcher gegolten +hatte, von den neumodischen Poeten aber durchgängig wie im Griechischen +als konsonantischer Auslaut behandelt ward. Diese Sprachregulierung ist +die eigentliche Domäne des römischen Klassizismus; in der +verschiedensten Weise und ebendarum nur um so bedeutsamer wird bei den +Koryphäen desselben, bei Cicero, Caesar, sogar in den Gedichten +Catulls, die Regel eingeschärft und der Verstoß dagegen abgetrumpft; +wogegen die ältere Generation sich über die auf dem sprachlichen Gebiet +ebenso rücksichtslos wie auf dem politischen durchgreifende Revolution +mit begreiflicher Empfindlichkeit äußert ^2. Indem aber der neue +Klassizismus, das heißt das regulierte und mit dem mustergültigen +Griechisch soweit möglich ins gleiche gesetzte mustergültige Latein, +hervorgehend aus der bewußten Reaktion gegen den in die höhere +Gesellschaft und selbst in die Literatur eingedrungenen Vulgarismus, +sich literarisch fixierte und schematisch formulierte, räumte dieser +doch keineswegs das Feld. Wir finden ihn nicht bloß naiv in den Werken +untergeordneter, nur zufällig unter die Schriftsteller verschlagener +Individuen, wie in dem Bericht über Caesars zweiten spanischen Krieg, +sondern wir werden ihm auch in der eigentlichen Literatur, im Mimus, im +Halbroman, in den ästhetischen Schriften Varros mehr oder weniger +ausgeprägt begegnen; und charakteristisch ist es, daß er eben in den am +meisten volkstümlichen Gebieten der Literatur sich behauptet und daß +wahrhaft konservative Männer, wie Varro, ihn in Schutz nehmen. Der +Klassizismus ruht auf dem Tode der italischen Sprache wie die Monarchie +auf dem Untergang der italischen Nation; es war vollkommen konsequent, +daß die Männer, in denen die Republik noch lebendig war, auch der +lebenden Sprache fortfuhren, ihr Recht zu geben und ihrer relativen +Lebendigkeit und Volkstümlichkeit zuliebe ihre ästhetischen Mängel +ertrugen. So gehen denn die sprachlichen Meinungen und Richtungen +dieser Epoche überall hin auseinander: neben der altfränkischen Poesie +des Lucretius erscheint die durchaus moderne des Catullus, neben +Ciceros kadenzierter Periode Varros absichtlich jede Gliederung +verschmähender Satz. Auch hierin spiegelt sich die Zerrissenheit der +Zeit. + +———————————————————— + +^2 So sagt Varro (rust. 1, 2): ab aeditimo, ut dicere didicimus a +patribus nostris; ut corrigimur ab recentibus urbanis, ab aedituo. + +———————————————————— + +In der Literatur dieser Periode fällt zunächst, im Vergleich mit der +früheren, die äußere Steigerung des literarischen Treibens in Rom auf. +Die literarische Tätigkeit der Griechen gedieh längst nicht mehr in der +freien Luft der bürgerlichen Unabhängigkeit, sondern nur noch in den +wissenschaftlichen Anstalten der größeren Städte und besonders der +Höfe. Angewiesen auf Gunst und Schutz der Großen und durch das +Erlöschen der Dynastien von Pergamon (621 133), Kyrene (658 96), +Bithynien (679 75) und Syrien (690 64), durch den sinkenden Glanz der +Hofhaltung der Lagiden aus den bisherigen Musensitzen verdrängt ^3, +überdies seit Alexanders des Großen Tod notwendig kosmopolitisch und +unter den Ägyptern und Syrern wenigstens ebenso fremd wie unter den +Lateinern, fingen die hellenischen Literaten mehr und mehr an, ihre +Blicke nach Rom zu wenden. Neben dem Koch, dem Buhlknaben und dem +Spaßmacher spielten unter dem Schwarm griechischer Bedienten, mit denen +der vornehme Römer dieser Zeit sich umgab, auch der Philosoph, der Poet +und der Memoirenschreiber hervorragende Rollen. Schon begegnen in +diesen Stellungen namhafte Literaten; wie zum Beispiel der Epikureer +Philodemos als Hauptphilosoph bei Lucius Piso, Konsul 696 (58), +angestellt war und nebenbei mit seinen artigen Epigrammen auf den +grobdrähtigen Epikureismus seines Patrons die Eingeweihten erbaute. Von +allen Seiten zogen immer zahlreicher die angesehensten Vertreter der +griechischen Kunst und Wissenschaft sich nach Rom, wo der literarische +Verdienst jetzt reichlicher floß als irgendwo sonst; so werden als in +Rom ansässig genannt der Arzt Asklepiades, den König Mithradates +vergeblich von dort weg in seinen Dienst zu ziehen versuchte, der +Gelehrte für alles, Alexandros von Milet, genannt der Polyhistor; der +Poet Parthenios aus Nikäa in Bithymen; der als Reisender, Lehrer und +Schriftsteller gleich gefeierte Poseidonios von Apameia in Syrien, der +hochbejahrt im Jahre 703 (51) von Rhodos nach Rom übersiedelte, und +andere mehr. Ein Haus wie das des Lucius Lucullus war, fast wie das +alexandrinische Museion, ein Sitz hellenischer Bildung und ein +Sammelplatz hellenischer Literaten; römische Mittel und hellenische +Kennerschaft hatten in diesen Hallen des Reichtums und der Wissenschaft +einen unvergleichlichen Schatz von Bildwerken und Gemälden älterer und +gleichzeitiger Meister sowie eine ebenso sorgfältig ausgewählte wie +prachtvoll ausgestattete Bibliothek vereinigt und jeder Gebildete und +namentlich jeder Grieche war hier willkommen - oft sah man den +Hausherrn selbst mit einem seiner gelehrten Gäste in philologischem +oder philosophischem Gespräch den schönen Säulengang auf- und +niederwandeln. Freilich trugen diese Griechen mit ihren reichen +Bildungsschätzen auch zugleich ihre Verkehrtheit und +Bedientenhaftigkeit nach Italien; wie sich denn zum Beispiel einer +dieser gelehrten Landläufer, der Verfasser der ‘Schmeichelredekunst’, +Aristodemos von Nysa, um 700 (54) seinen Herren durch den Nachweis +empfahl, daß Horneros ein geborener Römer gewesen sei. In demselben +Maße wie das Treiben der griechischen Literaten in Rom stieg auch bei +den Römern selbst die literarische Tätigkeit und das literarische +Interesse. Selbst die griechische Schriftstellerei, die der strengere +Geschmack des scipionischen Zeitalters gänzlich beseitigt hatte, +tauchte jetzt wieder auf. Die griechische Sprache war nun einmal +Weltsprache, und eine griechische Schrift fand ein ganz anderes +Publikum als eine lateinische; darum ließen, wie die Könige von +Armenien und Mauretanien, so auch römische Vornehme, wie zum Beispiel +Lucius Lucullus, Marcus Cicero, Titus Atticus, Quintus Scaevola +(Volkstribun 700 54), gelegentlich griechische Prosa und sogar +griechische Verse ausgehen. Indes dergleichen griechische +Schriftstellerei geborener Römer blieb Nebensache und beinahe +Spielerei; die literarischen wie die politischen Parteien Italiens +trafen doch alle zusammen in dem Festhalten an der italischen, nur mehr +oder minder vom Hellenismus durchdrungenen Nationalität. Auch konnte +man in dem Gebiet lateinischer Schriftstellerei wenigstens über Mangel +an Rührigkeit sich nicht beklagen. Es regnete in Rom Bücher und +Flugschriften aller Art und vor allen Dingen Poesien. Die Dichter +wimmelten daselbst wie nur in Tarsos oder Alexandreia; poetische +Publikationen waren zur stehenden Jugendsünde regerer Naturen geworden, +und auch damals pries man denjenigen glücklich, dessen Jugendgedichte +die mitleidige Vergessenheit der Kritik entzog. Wer das Handwerk einmal +verstand, schrieb ohne Mühe auf einen Ansatz seine fünfhundert +Hexameter, an denen kein Schulmeister etwas zu tadeln, freilich auch +kein Leser etwas zu loben fand. Auch die Frauenwelt beteiligte sich +lebhaft an diesem literarischen Treiben; die Damen beschränkten sich +nicht darauf, Tanz und Musik zu machen, sondern beherrschten durch +Geist und Witz die Konversation und sprachen vortrefflich über +griechische und lateinische Literatur; und wenn die Poesie auf die +Mädchenherzen Sturm lief, so kapitulierte die belagerte Festung nicht +selten gleichfalls in artigen Versen. Die Rhythmen wurden immer mehr +das elegante Spielzeug der großen Kinder beiderlei Geschlechts; +poetische Billets, gemeinschaftliche poetische Übungen und +Wettdichtungen unter guten Freunden waren etwas Gewöhnliches, und gegen +das Ende dieser Epoche wurden auch bereits in der Hauptstadt Anstalten +eröffnet, in denen unflügge lateinische Poeten das Versemachen für Geld +erlernen konnten. Infolge des starken Bücherkonsums wurde die Technik +des fabrikmäßigen Abschreibens wesentlich vervollkommnet und die +Publikation verhältnismäßig rasch und wohlfeil bewirkt; der Buchhandel +ward ein angesehenes und einträgliches Gewerbe und der Laden des +Buchhändlers ein gewöhnlicher Versammlungsort gebildeter Männer. Das +Lesen war zur Mode, ja zur Manie geworden; bei Tafel ward, wo nicht +bereits roherer Zeitvertreib sich eingedrängt hatte, regelmäßig +vorgelesen, und wer eine Reise vorhatte, vergaß nicht leicht, eine +Reisebibliothek einzupacken. Den Oberoffizier sah man im Lagerzelt den +schlüpfrigen griechischen Roman, den Staatsmann im Senat den +philosophischem Traktat in der Hand. Es stand denn auch im römischen +Staate, wie es in jedem Staate gestanden hat und stehen wird, wo die +Bürger lesen “von der Türschwell an bis zum Privet”. Der parthische +Wesir hatte nicht unrecht, wenn er den Bürgern von Seleukeia die im +Lager des Crassus gefundenen Romane wies und sie fragte, ob sie die +Leser solcher Bücher noch für furchtbare Gegner hielten. + +————————————————————————- + +^3 Merkwürdig ist für diese Verhältnisse die Dedikation der auf den +Namen des Skymnos gehenden poetischen Erdbeschreibung. Nachdem der +Dichter seine Absicht erklärt hat, in dem beliebten menandrischen Maß +einen für Schüler faßlichen und leicht auswendig zu lernenden Abriß der +Geographie zu bearbeiten, widmet er, wie Apollodoros sein ähnliches +historisches Kompendium dem König Attalos Philadelphos von Pergamon +widmete, + +dem es ewigen Ruhm + +Gebracht, daß seinen Namen dies Geschichtswerk trägt, + +sein Handbuch dem König Nikomedes III. (663? - 679 91 - 75) von +Bithynien: + +Daß, wie die Leute sagen, königliche Huld + +Von allen jetzigen Königen nur du erzeigst, + +Dies zu erproben an mir selbst, entschloß ich mich, + +Zu kommen und zu sehen, was ein König sei. + +Bestärkt in diesem durch Apolls Orakelwort, + +Nah’ ich mich billig deinem fast, auf deinen Wink, + +Zu der Gelehrten insgemein gewordnen Herd. + +————————————————————————- + +Die literarische Tendenz dieser Zeit war keine einfache und konnte es +nicht sein, da die Zeit selbst zwischen der alten und der neuen Weise +geteilt war. Dieselben Richtungen, die auf dem politischen Gebiet sich +bekämpften, die national-italische der Konservativen, die +hellenisch-italische oder, wenn man will, kosmopolitische der neuen +Monarchie, haben auch auf dem literarischen ihre Schlachten geschlagen. +Jene lehnt sich auf die ältere lateinische Literatur, die auf dem +Theater, in der Schule und in der gelehrten Forschung mehr und mehr den +Charakter der Klassizität annimmt. Mit minderem Geschmack und stärkerer +Parteitendenz, als die scipionische Epoche bewies, werden jetzt Ennius, +Pacuvius und namentlich Plautus in den Himmel erhoben. Die Blätter der +Sibylle steigen im Preise, je weniger ihrer werden; die relative +Nationalität und relative Produktivität der Dichter des sechsten +Jahrhunderts wurde nie lebhafter empfunden als in dieser Epoche des +ausgebildeten Epigonentums, die in der Literatur ebenso entschieden wie +in der Politik zu dem Jahrhundert der Hannibalskämpfer hinaufsah als zu +der goldenen, leider unwiederbringlich dahingegangenen Zeit. Freilich +war in dieser Bewunderung der alten Klassiker ein guter Teil derselben +Hohlheit und Heuchelei, die dem konservativen Wesen dieser Zeit +überhaupt eigen sind, und die Zwischengänger mangelten auch hier nicht. +Cicero zum Beispiel, obwohl in der Prosa einer der Hauptvertreter der +modernen Tendenz, verehrte dennoch die ältere nationale Poesie ungefähr +mit demselben anbrüchigen Respekt, welchen er der aristokratischen +Verfassung und der Auguraldisziplin zollte; “der Patriotismus erfordert +es”, heißt es bei ihm, “lieber eine notorisch elende Übersetzung des +Sophokles zu lesen als das Original”. Wenn also die moderne, der +demokratischen Monarchie verwandte literarische Richtung selbst unter +den rechtgläubigen Enniusbewunderern stille Bekenner genug zählte, so +fehlte es auch schon nicht an dreisteren Urteilern, die mit der +einheimischen Literatur ebenso unsäuberlich umgingen wie mit der +senatorischen Politik. Man nahm nicht bloß die strenge Kritik der +scipionischen Epoche wieder auf und ließ den Terenz nur gelten, um +Ennius und mehr noch die Ennianisten zu verdammen, sondern die jüngere +und verwegenere Welt ging weit darüber hinaus und wagte es schon, wenn +auch nur noch in ketzerischer Auflehnung gegen die literarische +Orthodoxie, den Plautus einen rohen Spaßmacher, den Lucilius einen +schlechten Verseschmied zu heißen. Statt auf die einheimische lehnt +sich diese moderne Richtung vielmehr auf die neuere griechische +Literatur oder den sogenannten Alexandrinismus. + +Es kann nicht umgangen werden, von diesem merkwürdigen Wintergarten +hellenischer Sprache und Kunst hier wenigstens so viel zu sagen, als +für das Verständnis der römischen Literatur dieser und der späteren +Epochen erforderlich ist. Die alexandrinische Literatur ruht auf dem +Untergang des reinen hellenischen Idioms, das seit der Zeit Alexanders +des Großen im Leben ersetzt ward durch einen verkommenen, zunächst aus +der Berührung des makedonischen Dialekts mit vielfachen griechischen +und barbarischen Stämmen hervorgegangenen Jargon; oder genauer gesagt, +die alexandrinische Literatur ist hervorgegangen aus dem Ruin der +hellenischen Nation überhaupt, die, um die alexandrinische +Weltmonarchie und das Reich des Hellenismus zu begründen, in ihrer +volkstümlichen Individualität untergehen mußte und unterging. Hätte +Alexanders Weltreich Bestand gehabt, so würde an die Stelle der +ehemaligen nationalen und volkstümlichen eine nur dem Namen nach +hellenische, wesentlich denationalisierte und gewissermaßen von oben +herab ins Leben gerufene, aber allerdings die Welt beherrschende, +kosmopolitische Literatur getreten sein; indes wie der Staat Alexanders +mit seinem Tode aus den Fugen wich, gingen auch die Anfänge der ihm +entsprechenden Literatur rasch zugrunde. Die griechische Nation aber +gehörte darum nicht weniger mit allem, was sie gehabt, mit ihrer +Volkstümlichkeit, ihrer Sprache, ihrer Kunst, der Vergangenheit an. Nur +in einem verhältnismäßig engen Kreis nicht von Gebildeten, die es als +solche nicht mehr gab, sondern von Gelehrten wurde die griechische +Literatur noch als tote gepflegt, ihr reicher Nachlaß in wehmütiger +Freude oder trockener Grübelei inventarisiert und auch wohl das +lebendige Nachgefühl oder die tote Gelehrsamkeit bis zu einer +Scheinproduktivität gesteigert. Diese posthume Produktivität ist der +sogenannte Alexandrinismus. Er ist wesentlich gleichartig derjenigen +Gelehrtenliteratur, welche, abstrahierend von den lebendigen +romanischen Nationalitäten und ihren vulgären Idiomen, in einem +philologisch gelehrten, kosmopolitischen Kreise als künstliche +Nachblüte des untergegangenen Altertums während des fünfzehnten und +sechzehnten Jahrhunderts erwuchs; der Gegensatz zwischen dem +klassischen und dem Vulgärgriechisch der Diadochenzeit ist wohl minder +schroff, aber nicht eigentlich ein anderer als der zwischen dem Latein +des Manutius und dem Italienischen Macchiavellis. + +Italien hatte bisher sich gegen den Alexandrinismus im wesentlichen +ablehnend verhalten. Die relative Blütezeit desselben ist die Zeit kurz +vor und nach dem Ersten Punischen Krieg; dennoch schlossen Naevius, +Ennius, Pacuvius und schloß überhaupt die gesamte nationalrömische +Schriftstellerei bis hinab auf Varro und Lucretius in allen Zweigen +poetischer Produktion, selbst das Lehrgedicht nicht ausgenommen, nicht +an ihre griechischen Zeitgenossen oder jüngsten Vorgänger sich an, +sondern ohne Ausnahme an Homer, Euripides, Menandros und die anderen +Meister der lebendigen und volkstümlichen griechischen Literatur. Die +römische Literatur ist niemals frisch und national gewesen; aber +solange es ein römisches Volk gab, griffen seine Schriftsteller +instinktmäßig nach lebendigen und volkstümlichen Mustern und kopierten, +wenn auch nicht immer aufs beste noch die besten, doch wenigstens +Originale. Die ersten römischen Nachahmer - denn die geringen Anfänge +aus der marianischen Zeit können kaum mitgezählt werden - fand die nach +Alexander entstandene griechische Literatur unter den Zeitgenossen +Ciceros und Caesars; und nun griff der römische Alexandrinismus mit +reißender Schnelligkeit um sich. Zum Teil ging dies aus äußerlichen +Ursachen hervor. Die gesteigerte Berührung mit den Griechen, namentlich +die häufigen Reisen der Römer in die hellenischen Landschaften und die +Ansammlung griechischer Literaten in Rom, verschafften natürlich der +griechischen Tagesliteratur, den zu jener Zeit in Griechenland +gangbaren epischen und elegischen Poesien, Epigrammen und milesischen +Märchen, auch unter den Italikern ein Publikum. Indem ferner die +alexandrinische Poesie, wie früher dargestellt ward, in dem italischen +Jugendunterricht sich festsetzte, wirkte dies auf die lateinische +Literatur um so mehr zurück, als diese von der hellenischen +Schulbildung zu allen Zeiten wesentlich abhängig war und blieb. Es +findet sich hier sogar eine unmittelbare Anknüpfung der neurömischen an +die neugriechische Literatur: der schon genannte Parthenios, einer der +bekannteren alexandrinischen Elegiker, eröffnete, es scheint um 700 +(54), eine Literatur- und Poesieschule in Rom, und es sind noch die +Exzerpte vorhanden, in denen er Stoffe für lateinische +erotisch-mythologische Elegien nach dem bekannten alexandrinischen +Rezept einem seiner vornehmen Schüler an die Hand gab. Aber es waren +keineswegs bloß diese zufälligen Veranlassungen, die den römischen +Alexandrinismus ins Leben riefen; er war vielmehr ein vielleicht nicht +erfreuliches, aber durchaus unvermeidliches Erzeugnis der politischen +und nationalen Entwicklung Roms. Einerseits löste, wie Hellas im +Hellenismus, so jetzt Latium im Romanismus sich auf; die nationale +Entwicklung Italiens überwuchs und zersprengte sich in ganz ähnlicher +Weise in Caesars Mittelmeer - wie die hellenische in Alexanders +Ostreich. Wenn andererseits das neue Reich darauf beruhte, daß die +mächtigen Ströme der griechischen und lateinischen Nationalität, +nachdem sie Jahrtausende hindurch in parallelen Betten geflossen, nun +endlich zusammenfielen, so mußte auch die italische Literatur nicht +bloß wie bisher an der griechischen überhaupt einen Halt suchen, +sondern eben mit der griechischen Literatur der Gegenwart, das heißt +mit dem Alexandrinismus sich ins Niveau setzen. Mit dem schulmäßigen +Latein, der geschlossenen Klassikerzahl, dem exklusiven Kreise der +klassikerlesenden “Urbanen” war die volkstümliche lateinische Literatur +tot und zu Ende; es entstand dafür eine durchaus epigonenhafte, +künstlich großgezogene Reichsliteratur, die nicht auf einer bestimmten +Volkstümlichkeit ruhte, sondern in zweien Sprachen das allgemeine +Evangelium der Humanität verkündigte und geistig durchaus und bewußt +von der hellenischen, sprachlich teils von dieser, teils von der +altrömischen Volksliteratur abhing. Es war dies kein Fortschritt. Die +Mittelmeermonarchie Caesars war wohl eine großartige und, was mehr ist, +eine notwendige Schöpfung; aber sie war von oben herab ins Leben +gerufen und darum nichts in ihr zu finden von dem frischen Volksleben, +von der übersprudelnden Nationalkraft, wie sie jüngeren, +beschränkteren, natürlicheren Gemeinwesen eigen sind, wie noch der +Staat Italien des sechsten Jahrhunderts sie hatte aufzeigen können. Der +Untergang der italischen Volkstümlichkeit, abgeschlossen in Caesars +Schöpfung, brach der Literatur das Herzblatt aus. Wer ein Gefühl hat +für die innige Wahlverwandtschaft der Kunst und der Nationalität, der +wird stets sich von Cicero und Horaz ab zurück zu Cato und Lucretius +wenden; und nur die, freilich auf diesem Gebiete verjährte, +schulmeisterliche Auffassung der Geschichte wie der Literatur hat es +vermocht, die mit der neuen Monarchie beginnende Kunstepoche +vorzugsweise die goldene zu heißen. Aber wenn der römisch-hellenische +Alexandrinismus der caesarischen und augusteischen Zeit zurückstehen +muß hinter der, wie immer unvollkommenen, älteren nationalen Literatur, +so ist er andererseits dem Alexandrinismus der Diadochenzeit ebenso +entschieden überlegen wie Caesars Dauerbau der ephemeren Schöpfung +Alexanders. Es wird später darzustellen sein, daß die augustische +Literatur, verglichen mit der verwandten der Diadochenzeit, weit minder +eine Philologen- und weit mehr eine Reichsliteratur gewesen ist als +diese und darum auch in den höheren Kreisen der Gesellschaft weit +dauernder und weit allgemeiner als jemals der griechische +Alexandrinismus gewirkt hat. + +Nirgends sah es trübseliger aus als in der Bühnenliteratur. Trauerspiel +wie Lustspiel waren in der römischen Nationalliteratur bereits vor der +gegenwärtigen Epoche innerlich abgestorben. Neue Stücke wurden nicht +mehr gespielt. Daß noch in der sullanischen Zeit das Publikum +dergleichen zu sehen erwartete, zeigen die dieser Zeit angehörigen +Wiederaufführungen Plautinischer Komödien mit gewechselten Titeln und +Personennamen, wobei die Direktion wohl hinzufügte, daß es besser sei, +ein gutes altes, als ein schlechtes neues Stück zu sehen. Davon hatte +man denn nicht weit zu der völligen Einräumung der Bühne an die toten +Poeten, die wir in der ciceronischen Zeit finden und der der +Alexandrinismus sich gar nicht widersetzte. Seine Produktivität auf +diesem Gebiete war schlimmer als keine. Eine wirkliche Bühnendichtung +hat die alexandrinische Literatur nie gekannt; nur das Afterdrama, das +zunächst zum Lesen, nicht zur Aufführung geschrieben ward, konnte durch +sie in Italien eingebürgert werden, und bald fingen denn diese +dramatischen Jamben auch an, in Rom ebenso wie in Alexandreia zu +grassieren und namentlich das Trauerspielschreiben unter den stehenden +Entwicklungskrankheiten zu figurieren. Welcher Art diese Produktionen +waren, kann man ungefähr danach bemessen, daß Quintus Cicero, um die +Langeweile des gallischen Winterquartiers homöopathisch zu vertreiben, +in sechzehn Tagen vier Trauerspiele verfertigte. Einzig in dem +“Lebensbild” oder dem Mimus verwuchs der letzte noch grünende Trieb der +nationalen Literatur, die Atellanenposse, mit den ethologischen +Ausläufern des griechischen Lustspiels, die der Alexandrinismus mit +größerer poetischer Kraft und besserem Erfolg als jeden anderen Zweig +der Poesie kultivierte. Der Mimus ging hervor aus den seit langem +üblichen Charaktertänzen zur Flöte, die teils bei anderen +Gelegenheiten, namentlich zur Unterhaltung der Gäste während der Tafel, +teils besonders im Parterre des Theaters während der Zwischenakte +aufgeführt wurden. Es war nicht schwer, aus diesen Tänzen, bei denen +die Rede wohl längst gelegentlich zur Hilfe genommen ward, durch +Einführung einer geordneteren Fabel und eines regelrechten Dialogs +kleine Komödien zu machen, die jedoch von dem früheren Lustspiel und +selbst von der Posse sich doch dadurch noch wesentlich unterschieden, +daß der Tanz und die von solchem Tanz unzertrennliche Laszivität hier +fortfuhren, eine Hauptrolle zu spielen, und daß der Mimus, als nicht +eigentlich auf den Brettern, sondern im Parterre zu Hause, jede +szenische Idealisierung wie die Gesichtsmasken und die Theaterschuhe, +beiseite warf und, was besonders wichtig war, die Frauenrollen auch von +Frauen darstellen ließ. Dieser neue Mimus, der zuerst um 672 (82) auf +die hauptstädtische Bühne gekommen zu sein scheint, verschlang bald die +nationale Harlekinade, mit der er ja in den wesentlichsten Beziehungen +zusammenfiel, und ward als das gewöhnliche Zwischen- und namentlich +Nachspiel neben den sonstigen Schauspielen verwendet ^4. Die Fabel war +natürlich noch gleichgültiger, lockerer und toller als in der +Harlekinade; wenn es nur bunt herging, so fragte das Publikum nicht, +warum es lachte, und rechtete nicht mit dem Poeten, der, statt den +Knoten zu lösen, ihn zerhieb. Die Sujets waren vorwiegend verliebter +Art, meistens von der frechsten Sorte; gegen den Ehemann zum Beispiel +nahmen Poet und Publikum ohne Ausnahme Partei und die poetische +Gerechtigkeit bestand in der Verhöhnung der guten Sitte. Der +künstlerische Reiz beruhte ganz wie bei der Atellane auf der +Sittenmalerei des gemeinen und gemeinsten Lebens, wobei die ländlichen +Bilder vor denen des hauptstädtischen Lebens und Treibens zurücktreten +und der süße Pöbel von Rom, ganz wie in den gleichartigen griechischen +Stücken der von Alexandreia, aufgefordert wird, sein eigenes Konterfei +zu beklatschen. Viele Stoffe sind dem Handwerkerleben entnommen: es +erscheinen der auch hier unvermeidliche ‘Walker’, dann ‘Der Seiler’, +‘Der Färber, ‘Der Salzmann’, ‘Die Weberinnen’, ‘Der Hundejunge’; andere +Stücke geben Charakterfiguren: ‘Der Vergeßliche’, ‘Das Großmaul’, ‘Der +Mann von 100000 Sesterzen’ ^5; oder Bilder des Auslandes: ‘Die +Etruskerin’, ‘Die Gallier’, ‘Der Kretenser’, ‘Alexandreia’; oder +Schilderungen von Volksfesten: ‘Die Compitalien’, ‘Die Saturnalien’, +‘Anna Perenna’, ‘Die warmen Bäder’; oder travestierte Mythologie: ‘Die +Fahrt in die Unterwelt’, ‘Der Arverner See’. Treffende Schlagwörter und +kurze, leicht behalt- und anwendbare Gemeinsprüche sind willkommen; +aber auch jeder Unsinn hat von selber das Bürgerrecht: in dieser +verkehrten Welt wird Bacchus um Wasser, die Quellnymphe um Wein +angegangen. Sogar von den auf dem römischen Theater sonst so streng +untersagten politischen Anspielungen finden in diesen Mimen sich +einzelne Beispiele ^6. Was die metrische Form anlangt, so gaben sich +diese Poeten, wie sie selber sagen, “nur mäßige Mühe mit dem Versemaß”; +die Sprache strömte selbst in den zur Veröffentlichung redigierten +Stücken über von Vulgärausdrücken und gemeinen Wortbildungen. Es ist, +wie man sieht, der Mimus wesentlich nichts als die bisherige Posse; nur +daß die Charaktermasken und die stehende Szenerie von Atella sowie das +bäuerliche Gepräge wegfällt und dafür das hauptstädtische Leben in +seiner grenzenlosen Freiheit und Frechheit auf die Bretter kommt. Die +meisten Stücke dieser Art waren ohne Zweifel flüchtigster Natur und +machten nicht Anspruch auf einen Platz in der Literatur; die Mimen aber +des Laberius, voll drastischer Charakterzeichnung und sprachlich und +metrisch in ihrer Art meisterlich behandelt, haben in derselben sich +behauptet und auch der Geschichtschreiber muß es bedauern, daß es uns +nicht mehr vergönnt ist, das Drama der republikanischen Agonie in Rom +mit seinem großen attischen Gegenbild zu vergleichen. + +—————————————————————————— + +^4 Daß der Mimus zu seiner Zeit an die Stelle der Atellane getreten +sei, bezeugt Cicero (ad fam. 9 16); damit stimmt überein, daß die Mimen +und Miminnen zuerst um die sullanische Zeit hervortreten (Rhet. Her. 1, +14, 24; 2, 13, 19; Atta com. 1 Ribbeck.; Plin. nat. 7, 48, 158; Plut. +Sull. z. 36). Übrigens wird die Bezeichnung mimus zuweilen ungenau von +dem Komöden überhaupt gebraucht. So war der bei der Apollonischen +Festfeier 542/43 212/211 auftretende mimus (Festus v. salva res est; +vgl. Cic. De orat. 2, 59, 242) offenbar nichts als ein Schauspieler der +palliata, denn für wirkliche Mimen im spätem Sinn ist in dieser Zeit in +der römischen Theaterentwicklung kein Raum. + +Zu dem Mimus der klassischen griechischen Zeit, prosaischen Dialogen, +in denen Genrebilder, namentlich ländliche, dargestellt wurden, hat der +römische Mimus keine nähere Beziehung. + +^5 Mit dem Besitz dieser Summe, wodurch man in die erste Stimmklasse +eintritt und die Erbschaft dem Voconischen Gesetz unterworfen wird, ist +die Grenze überschritten, welche die geringen (tenuiores) von den +anständigen Leuten scheidet. Darum fleht auch der arme Klient Catulls +(23, 26) die Götter an, ihm zu diesem Vermögen zu verhelfen. + +^6 In Laberius’ ‘Fahrt in die Unterwelt’ tritt allerlei Volk auf, das +Wunder und Zeichen gesehen hat; dem einen ist ein Ehemann mit zwei +Frauen erschienen, worauf der Nachbar meint, das sei ja noch ärger als +das kürzlich von einem Wahrsager erblickte Traumgesicht von sechs +Ädilen. Nämlich Caesar wollte - nach dem Klatsch der Zeit - die +Vielweiberei in Rom einführen (Suet. Caes. 82) und ernannte in der Tat +statt vier Ädilen deren sechs. Man sieht auch hieraus, daß Laberius +Narrenrecht zu üben und Caesar Narrenfreiheit zu gestatten verstand. + +—————————————————————————— + +Mit der Nichtigkeit der Bühnenliteratur Hand in Hand geht die +Steigerung des Bühnenspiels und der Bühnenpracht. Dramatische +Vorstellungen erhielten ihren regelmäßigen Platz im öffentlichen Leben +nicht bloß der Hauptstadt, sondern auch der Landstädte; auch jene bekam +nun endlich durch Pompeius ein stehendes Theater (699 55) und die +kampanische Sitte, während des in alter Zeit stets unter freiem Himmel +stattfindenden Schauspiels zum Schutze der Spieler und der Zuschauer +Segeldecken über das Theater zu spannen, fand ebenfalls jetzt Eingang +in Rom (676 78). Wie derzeit in Griechenland nicht die mehr als blassen +Siebengestirne der alexandrinischen Dramatiker, sondern das klassische +Schauspiel, vor allem die Euripideische Tragödie in reichster +Entfaltung szenischer Mittel die Bühne behauptete, so wurden auch in +Rom zu Ciceros Zeit vorzugsweise die Trauerspiele des Ennius, Pacuvius +und Accius, die Lustspiele des Plautus gegeben. Wenn der letztere in +der vorigen Periode durch den geschmackvolleren, aber an komischer +Kraft freilich geringeren Terenz verdrängt worden war, so wirkten jetzt +Roscius und Varro, das heißt das Theater und die Philologie zusammen, +um ihm eine ähnliche Wiederaufstehung zu bereiten, wie sie Shakespeare +durch Garrick und Johnson widerfuhr; und auch Plautus hatte dabei von +der gesunkenen Empfänglichkeit und der unruhigen Hast des durch die +kurzen und lotterigen Possen verwöhnten Publikums zu leiden, so daß die +Direktion die Länge der Plautinischen Komödien zu entschuldigen, ja +vielleicht auch zu streichen und zu ändern sich genötigt sah. Je +beschränkter das Repertoire war, desto mehr richtete sich sowohl die +Tätigkeit des dirigierenden und exekutierenden Personals, als auch das +Interesse des Publikums auf die szenische Darstellung der Stücke. Kaum +gab es in Rom ein einträglicheres Gewerbe als das des Schauspielers und +der Tänzerin ersten Ranges. Das fürstliche Vermögen des tragischen +Schauspielers Aesopus ward bereits erwähnt; sein noch höher gefeierter +Zeitgenosse Roscius schlug seine Jahreseinnahme auf 600000 Sesterzen +(46000 Taler) an ^7 und die Tänzerin Dionysia die ihrige auf 200000 +Sesterzen (15000 Taler). Daneben wandte man ungeheure Summen auf +Dekorationen und Kostüme: gelegentlich schritten Züge von sechshundert +aufgeschirrten Maultieren über die Bühne und das troische Theaterheer +ward dazu benutzt, um dem Publikum eine Musterkarte der von Pompeius in +Asien besiegten Nationen vorzuführen. Die den Vortrag der eingelegten +Gesangstücke begleitende Musik erlangte gleichfalls größere und +selbständigere Bedeutung; wie der Wind die Wellen, sagt Varro, so lenkt +der kundige Flötenspieler die Gemüter der Zuhörer mit jeder Abwandlung +der Melodie. Sie gewöhnte sich, das Tempo rascher zu nehmen und nötigte +dadurch den Schauspieler zu lebhafterer Aktion. Die musikalische und +Bühnenkennerschaft entwickelte sich; der Habitué erkannte jedes +Tonstück an der ersten Note und wußte die Texte auswendig; jeder +musikalische oder Rezitationsfehler ward streng von dem Publikum +gerügt. Lebhaft erinnert das römische Bühnenwesen der ciceronischen +Zeit an das heutige französische Theater. Wie den losen Tableaus der +Tagesstücke der römische Mimus entspricht, für den wie für jene nichts +zu gut und nichts zu schlecht war, so findet auch in beiden sich +dasselbe traditionell klassische Trauerspiel und Lustspiel, die zu +bewundern oder mindestens zu beklatschen der gebildete Mann von Rechts +wegen verpflichtet ist. Der Menge wird Genüge getan, indem sie in der +Posse sich selber wiederfindet, in dem Schauspiel den dekorativen Pomp +anstaunt und den allgemeinen Eindruck einer idealen Welt empfängt; der +höher Gebildete kümmert im Theater sich nicht um das Stück, sondern +einzig um die künstlerische Darstellung. Endlich die römische +Schauspielkunst selbst pendelte in ihren verschiedenen Sphären, ähnlich +wie die französische, zwischen der Chaumière und dem Salon. Es war +nichts Ungewöhnliches, daß die römischen Tänzerinnen bei dem Finale das +Obergewand abwarfen und dem Publikum einen Tanz im Hemde zum besten +gaben; andererseits aber galt auch dem römischen Talma als das höchste +Gesetz seiner Kunst nicht die Naturwahrheit, sondern das Ebenmaß. + +———————————————————————————— + +^7 Vom Staat erhielt er für jeden Spieltag 1000 Denare (300 Taler) und +außerdem die Besoldung für seine Truppe. In späteren Jahren wies er für +sich das Honorar zurück. + +———————————————————————————— + +In der rezitativen Poesie scheint es an metrischen Chroniken nach dem +Muster der Ennianischen nicht gefehlt zu haben; aber sie dürften +ausreichend kritisiert sein durch jenes artige Mädchengelübde, von dem +Catullus singt: der heiligen Venus, wenn sie den geliebten Mann von +seiner bösen politischen Poesie ihr wieder zurück in die Arme führe, +das schlechteste der schlechten Heldengedichte zum Brandopfer +darzubringen. In der Tat ist auf dem ganzen Gebiet der rezitativen +Dichtung in dieser Epoche die ältere nationalrömische Tendenz nur durch +ein einziges namhaftes Werk vertreten, das aber auch zu den +bedeutendsten dichterischen Erzeugnissen der römischen Literatur +überhaupt gehört. Es ist das Lehrgedicht des Titus Lucretius Carus +(655-699 99-55) ‘Vom Wesen der Dinge’, dessen Verfasser, den besten +Kreisen der römischen Gesellschaft angehörig, vom öffentlichen Leben +aber, sei es durch Kränklichkeit, sei es durch Abneigung ferngehalten, +kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges im besten Mannesalter starb. +Als Dichter knüpft er energisch an Ennius an und damit an die +klassische griechische Literatur. Unwillig wendet er sich weg von dem +“hohlen Hellenismus” seiner Zeit und bekennt sich mit ganzer Seele und +vollem Herzen als den Schüler der “strengen Griechen”, wie denn selbst +des Thukydides heiliger Ernst in einem der bekanntesten Abschnitte +dieser römischen Dichtung keinen unwürdigen Widerhall gefunden hat. Wie +Ennius bei Epicharmos und Euhemeros seine Weisheit schöpft, so entlehnt +Lucretius die Form seiner Darstellung dem Empedokles, “dem herrlichsten +Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands”, und liest dem Stoffe nach +“die goldenen Worte alle zusammen aus den Rollen des Epikuros”, +“welcher die anderen Weisen überstrahlt, wie die Sonne die Sterne +verdunkelt”. Wie Ennius verschmäht auch Lucretius die der Poesie von +dem Alexandrinismus aufgelastete mythologische Gelehrsamkeit und +fordert nichts von seinem Leser als die Kenntnis der allgemein +geläufigen Sagen ^8. Dem modernen Purismus zum Trotz, der die +Fremdwörter aus der Poesie auswies, setzt Lucretius, wie es Ennius +getan, statt matten und undeutlichen Lateins lieber das bezeichnende +griechische Wort. Die altrömische Alliteration, das +Nichtineinandergreifen der Vers- und Satzeinschnitte und überhaupt die +ältere Rede- und Dichtweise begegnen noch häufig in Lucretius’ +Rhythmen, und obwohl er den Vers melodischer behandelt als Ennius, so +wälzen sich doch seine Hexameter nicht wie die der modernen +Dichterschule zierlich hüpfend gleich dem rieselnden Bache, sondern mit +gewaltiger Langsamkeit gleich dem Strome flüssigen Goldes. Auch +philosophisch und praktisch lehnt Lucretius durchaus an Ennius sich an, +den einzigen einheimischen Dichter, den sein Gedicht feiert; das +Glaubensbekenntnis des Sängers von Rudiae: + +Himmelsgötter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch, + +Doch sie kümmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los + +bezeichnet vollständig auch Lucretius’ religiösen Standpunkt und nicht +mit Unrecht nennt er deshalb selbst sein Lied gleichsam die Fortsetzung +dessen, + +Das uns Ennius sang, der des unverwelklichen Lorbeers + +Kranz zuerst mitbracht’ aus des Helikon lieblichem Haine, + +Daß Italiens Völkern er strahl’ in glänzender Glorie. + +—————————————————————————- + +^8 Einzelne scheinbare Ausnahmen, wie das Weihrauchland Panchaea, sind +daraus zu erklären, daß dies aus dem Reiseroman des Euhemeros +vielleicht schon in die Ennianische Poesie, auf jeden Fall in die +Gedichte des Lucius Manlius (Plin. nat. 10, 2, 4) übergegangen und +daher dem Publikum, für das Lucretius schrieb, wohlbekannt war. + +—————————————————————————- + +Noch einmal, zum letztenmal noch erklingt in Lucretius’ Gedicht der +ganze Dichterstolz und der ganze Dichterernst des sechsten +Jahrhunderts, in welchem, in den Bildern von dem furchtbaren Pöner und +dem herrlichen Scipiaden, die Anschauung des Dichters heimischer ist +als in seiner eigenen gesunkenen Zeit ^9. Auch ihm klingt der eigene +“aus dem reichen Gemüt anmutig quillende” Gesang den gemeinen Liedern +gegenüber “wie gegen das Geschrei der Kraniche das kurze Lied des +Schwanes”; auch ihm schwillt das Herz, den selbsterfundenen Melodien +lauschend, von hoher Ehren Hoffnung - ebenwie Ennius den Menschen, +denen er “das Feuerlied kredenzet aus der tiefen Brust”, verbietet, an +seinem, des unsterblichen Sängers Grabe zu trauern. + +———————————————————————- + +^9 Naiv erscheint dies in den kriegerischen Schilderungen, in denen die +heerverderbenden Seestürme, die die eigenen Leute zertretenden +Elefantenscharen, also Bilder aus den Punischen Kriegen, erscheinen, +als gehörten sie der unmittelbaren Gegenwart an. Vgl. 2, 41; 5, 1226, +1303, 1339. + +———————————————————————- + +Es ist ein seltsames Verhängnis, daß dieses ungemeine, an +ursprünglicher poetischer Begabung den meisten, wo nicht allen seinen +Vorgängern weit überlegene Talent in eine Zeit gefallen war, in der es +selber sich fremd und verwaist fühlte und infolgedessen in der +wunderlichsten Weise sich im Stoffe vergriffen hat. Epikuros’ System, +welches das All in einen großen Atomenwirbel verwandelt und die +Entstehung und das Ende der Welt sowie alle Probleme der Natur und des +Lebens in rein mechanischer Weise abzuwickeln unternimmt, war wohl +etwas weniger albern als die Mythenhistorisierung, wie Euhemeros und +nach ihm Ennius sie versucht hatten; aber ein geistreiches und frisches +System war es nicht, und die Aufgabe nun gar, diese mechanische +Weltanschauung poetisch zu entwickeln, war von der Art, daß wohl nie +ein Dichter an einen undankbareren Stoff Leben und Kunst verschwendet +hat. Der philosophische Leser tadelt an dem Lucretischen Lehrgedicht +die Weglassung der feineren Pointen des Systems, die Oberflächlichkeit +namentlich in der Darstellung der Kontroversen, die mangelhafte +Gliederung, die häufigen Wiederholungen mit ebensogutem Recht, wie der +poetische an der rhythmisierten Mathematik sich ärgert, die einen +großen Teil des Gedichtes geradezu unlesbar macht. Trotz dieser +unglaublichen Mängel, denen jedes mittelmäßige Talent unvermeidlich +hätte erliegen müssen, durfte dieser Dichter mit Recht sich rühmen, aus +der poetischen Wildnis einen neuen Kranz davongetragen zu haben, wie +die Musen noch keinen verliehen hatten; und es sind auch keineswegs +bloß die gelegentlichen Gleichnisse und sonstigen eingelegten +Schilderungen mächtiger Naturerscheinungen und mächtigerer +Leidenschaften, die dem Dichter diesen Kranz erwarben. Die Genialität +der Lebensanschauung wie der Poesie des Lucretius ruht auf seinem +Unglauben, welcher mit der vollen Siegeskraft der Wahrheit und darum +mit der vollen Lebendigkeit der Dichtung dem herrschenden Heuchel- oder +Aberglauben gegenübertrat und treten durfte. + +Als danieder er sah das Dasein liegen der Menschheit + +Jammervoll auf der Erd’, erdrückt von der lastenden Gottfurcht, + +Die vom Himmelsgewölb ihr Antlitz offenbarend, + +Schauerlich anzusehen, hinab auf die Sterblichen drohte, + +Wagt’ es ein griechischer Mann zuerst das sterbliche Auge + +Ihr entgegenzuheben, zuerst ihr entgegenzutreten; + +Und die mutige Macht des Gedankens siegte; gewaltig + +Trat hinaus er über die flammenden Schranken des Weltalls + +Und der verständige Geist durchschritt das unendliche Ganze. + +Also eiferte der Dichter, die Götter zu stürzen, wie Brutus die Könige +gestürzt, und “die Natur von ihren strengen Herren zu erlösen”. Aber +nicht gegen Jovis altersschwachen Thron wurden diese Flammenworte +geschleudert; ebenwie Ennius kämpft Lucretius praktisch vor allen +Dingen gegen den wüsten Fremd- und Aberglauben der Menge, den Kult der +Großen Mutter zum Beispiel und die kindische Blitzweisheit der +Etrusker. Das Grauen und der Widerwille gegen die entsetzliche Welt +überhaupt, in der und für die der Dichter schrieb, haben dies Gedicht +eingegeben. Es wurde verfaßt in jener hoffnungslosen Zeit, wo das +Regiment der Oligarchie gestürzt und das Caesars noch nicht +aufgerichtet war, in den schwülen Jahren, während deren der Ausbruch +des Bürgerkrieges in langer peinlicher Spannung erwartet ward. Wenn man +dem ungleichartigen und unruhigen Vortrag es anzufühlen meint, daß der +Dichter täglich erwartete, den wüsten Lärm der Revolution über sich und +sein Werk hereinbrechen zu sehen, so wird man auch bei seiner +Anschauung der Menschen und der Dinge nicht vergessen dürfen, unter +welchen Menschen und in Aussicht auf welche Dinge sie ihm entstand. War +es doch in Hellas in der Epoche vor Alexander ein gangbares und von +allen Besten tief empfundenes Wort, daß nicht geboren zu sein das Beste +von allem, das nächstdem Beste aber sei zu sterben. Unter allen in der +verwandten caesarischen Zeit einem zarten und poetisch organisierten +Gemüt möglichen Weltanschauungen war diese die edelste und die +veredelndste, daß es eine Wohltat für den Menschen ist, erlöst zu +werden von dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und damit von +der bösen die Menschen, gleichwie die Kinder die Angst im dunkeln +Gemach, tückisch beschleichenden Furcht vor dem Tode und vor den +Göttern; daß, wie der Schlaf der Nacht erquicklicher ist als die Plage +des Tages, so auch der Tod, das ewige Ausruhen von allem Hoffen und +Fürchten, besser ist als das Leben, wie denn auch die Götter des +Dichters selber nichts sind noch haben als die ewige selige Ruhe; daß +die Höllenstrafen nicht nach dem Leben den Menschen peinigen, sondern +während desselben in den wilden und rastlosen Leidenschaften des +klopfenden Herzens; daß die Aufgabe des Menschen ist, seine Seele zum +ruhigen Gleichmaß zu stimmen, den Purpur nicht höher zu schätzen als +das warme Hauskleid, lieber unter den Gehorchenden zu verharren, als in +das Getümmel der Bewerber um das Herrenamt sich zu drängen, lieber am +Bach im Grase zu liegen, als unter dem goldenen Plafond des Reichen +dessen zahllose Schüsseln leeren zu helfen. Diese +philosophisch-praktische Tendenz ist der eigentliche ideelle Kern des +Lucretischen Lehrgedichts und durch alle öde physikalischer +Demonstrationen nur verschüttet, nicht erdrückt. Wesentlich auf ihr +beruht dessen relative Weisheit und Wahrheit. Der Mann, der mit einer +Ehrfurcht vor seinen großen Vorgängern, mit einem gewaltsamen Eifer, +wie sie dies Jahrhundert sonst nicht kennt, solche Lehre gepredigt und +sie mit musischem Zauber verklärt hat, darf zugleich ein guter Bürger +und ein großer Dichter genannt werden. Das Lehrgedicht vom Wesen der +Dinge, wie vieles auch daran den Tadel herausfordert, ist eines der +glänzendsten Gestirne in den sternenarmen Räumen der römischen +Literatur geblieben, und billig wählte der größte deutsche +Sprachenmeister die Wiederlesbarmachung des Lucretischen Gedichts zu +seiner letzten und meisterlichsten Arbeit. + +Lucretius, obwohl seine poetische Kraft wie seine Kunst schon von den +gebildeten Zeitgenossen bewundert ward, blieb doch, Spätling wie er +war, ein Meister ohne Schüler. In der hellenischen Modedichtung dagegen +fehlte es an Schülern wenigstens nicht, die den alexandrinischen +Meistern nachzueifern sich mühten. Mit richtigem Takt hatten die +begabteren unter den alexandrinischen Poeten die größeren Arbeiten und +die reinen Dichtgattungen, das Drama, das Epos, die Lyrik, vermieden; +ihre erfreulichsten Leistungen waren ihnen, ähnlich wie den +neulateinischen Dichtern, in “kurzatmigen” Aufgaben gelungen und +vorzugsweise in solchen, die auf den Grenzgebieten der Kunstgattungen, +namentlich dem weiten, zwischen Erzählung und Lied in der Mitte +liegenden sich bewegten. Lehrgedichte wurden vielfach geschrieben. Sehr +beliebt waren ferner kleine heroisch-erotische Epen, vornehmlich aber +eine diesem Altweibersommer der griechischen Poesie eigentümliche und +für ihre philologische Hippokrene charakteristische, gelehrte +Liebeselegie, wobei der Dichter die Schilderung der eigenen, vorwiegend +sinnlichen Empfindungen mit epischen Fetzen aus dem griechischen +Sagenkreis mehr oder minder willkürlich durchflocht. Festlieder wurden +fleißig und künstlich gezimmert; überhaupt waltete bei dem Mangel an +freiwilliger poetischer Erfindung das Gelegenheitsgedicht vor und +namentlich das Epigramm, worin die Alexandriner Vortreffliches +geleistet haben. Die Dürftigkeit der Stoffe und die sprachliche und +rhythmische Unfrische, die jeder nicht volkstümlichen Literatur +unvermeidlich anhaftet, suchte man möglichst zu verstecken unter +verzwickten Themen, geschraubten Wendungen, seltenen Wörtern und +künstlicher Versbehandlung, überhaupt dem ganzen Apparat +philologisch-antiquarischer Gelehrsamkeit und technischer Gewandtheit. + +Dies war das Evangelium, das den römischen Knaben dieser Zeit gepredigt +ward, und sie kamen in hellen Haufen, um zu hören und auszuüben: schon +um 700 (54) waren Euphorions Liebesgedichte und ähnliche +alexandrinische Poesien die gewöhnliche Lektüre und die gewöhnlichen +Deklamationsstücke der gebildeten Jugend ^10. Die literarische +Revolution war da; aber sie lieferte zunächst mit seltenen Ausnahmen +nur frühreife oder unreife Früchte. Die Zahl der “neumodischen Dichter” +war Legion, aber die Poesie war rar und Apollo, wie immer, wenn es so +gedrang am Parnasse hergeht, genötigt, sehr kurzen Prozeß zu machen. +Die langen Gedichte taugten niemals etwas, die kurzen selten. Auch in +diesem literarischen Zeitalter war die Tagespoesie zur Landplage +geworden; es begegnete wohl, daß einem der Freund zum Hohn als +Festtagsgeschenk einen Stoß schofler Verse frisch vom Buchhändlerlager +ins Haus schickte, deren Wert der zierliche Einband und das glatte +Papier schon auf drei Schritte verriet. Ein eigentliches Publikum, in +dem Sinne wie die volkstümliche Literatur ein Publikum hat, fehlte den +römischen Alexandrinern so gut wie den hellenischen: es ist durchaus +die Poesie der Clique oder vielmehr der Cliquen, deren Glieder eng +zusammenhalten, dem Eindringling übel mitspielen, unter sich die neuen +Poesien vorlesen und kritisieren, auch wohl in ganz alexandrinischer +Weise die gelungenen Produktionen wieder poetisch feiern und vielfach +durch Cliquenlob einen falschen und ephemeren Ruhm erschwindeln. Ein +namhafter und selbst in dieser neuen Richtung poetisch tätiger Lehrer +der lateinischen Literatur, Valerius Cato, scheint über den +angesehensten dieser Zirkel eine Art Schulpatronat ausgeübt und über +den relativen Wert der Poesien in letzter Instanz entschieden zu haben. +Ihren griechischen Mustern gegenüber sind diese römischen Poeten +durchgängig unfrei, zuweilen schülerhaft abhängig; die meisten ihrer +Produkte werden nichts gewesen sein als die herben Früchte einer im +Lernen begriffenen und noch keineswegs als reif entlassenen +Schuldichtung. Indem man in der Sprache und im Maß weit enger, als je +die volkstümliche lateinische Poesie es getan, an die griechischen +Vorbilder sich anschmiegte, ward allerdings eine größere sprachliche +und metrische Korrektheit und Konsequenz erreicht; aber es geschah auf +Kosten der Biegsamkeit und Fülle des nationalen Idioms. Stofflich +erhielten unter dem Einfluß teils der weichlichen Muster, teils der +sittenlosen Zeit die erotischen Themen ein auffallendes, der Poesie +wenig zuträgliches Übergewicht; doch wurden auch die beliebten +metrischen Kompendien der Griechen schon vielfach übersetzt, so das +astronomische des Aratos von Cicero und entweder am Ende dieser oder +wahrscheinlicher am Anfang der folgenden Periode das geographische +Lehrbuch des Eratosthenes von Publius Varro von der Aude und die +physikalisch-medizinischen des Nikandros von Aemilius Macer. Es ist +weder zu verwundern noch zu bedauern, daß von dieser zahllosen +Dichterschar uns nur wenige Namen aufbehalten worden sind; und auch +diese werden meistens nur genannt als Kuriositäten oder als gewesene +Größen: so der Redner Quintus Hortensius mit seinen “fünfhunderttausend +Zeilen” langweiliger Schlüpfrigkeit und der etwas häufiger erwähnte +Laevius, dessen ‘Liebesscherze’ nur durch ihre verwickelten Maße und +manierierten Wendungen ein gewisses Interesse auf sich zogen. Nun gar +das Kleinepos ‘Smyrna’ des Gaius Helvius Cinna († 710? 44), so sehr es +von der Clique angepriesen ward, trägt sowohl in dem Stoff, der +geschlechtlichen Liebe der Tochter zu dem eigenen Vater, wie in der +neunjährigen darauf verwandten Mühsal die schlimmsten Kennzeichen der +Zeit an sich. Eine originelle und erfreuliche Ausnahme machen allein +diejenigen Dichter dieser Schule, die es verstanden, mit der Sauberkeit +und der Formgewandtheit derselben den in dem republikanischen und +namentlich dem landstädtischen Leben noch vorhandenen volkstümlichen +Gehalt zu verbinden. Es galt dies, um von Laberius und Varro hier zu +schweigen, namentlich von den drei schon oben erwähnten Poeten der +republikanischen Opposition Marcus Furius Bibaculus (652-691 102-63), +Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48) und Quintus Valerius Catullus +(667 bis ca. 700 87-54). + +—————————————————————————— + +^10 “Freilich”, sagt Cicero (Tusc. 3, 19, 45) in Beziehung auf Ennius, +“wird der herrliche Dichter von unseren Euphorionrezitierern +verachtet.” “Ich bin glücklich angelangt”, schreibt derselbe an Atticus +(7, 2 z. A.), “da uns von Epirus herüber der günstige Nordwind wehte. +Diesen Spondaicus kannst du, wenn du Lust hast, einem von den +Neumodischen als dein eigen verkaufen” (ita belle nobis flavit ab Epiro +lenissumus Onchesmites. Hunc σποδειάζοντα si cui voles τών νεοτέρων pro +tuo vendito). + +—————————————————————————— + +Von den beiden ersten, deren Schriften untergegangen sind, können wir +dies freilich nur mutmaßen; über die Gedichte des Catullus steht auch +uns noch ein Urteil zu. Auch er hängt in Stoff und Form ab von den +Alexandrinern. Wir finden in seiner Sammlung Übersetzungen von Stücken +des Kallimachos und nicht gerade von den recht guten, sondern von den +recht schwierigen. Auch unter den Originalen begegnen gedrechselte +Modepoesien, wie die überkünstlichen Galliamben zum Lobe der +Phrygischen Mutter; und selbst das sonst so schöne Gedicht von der +Hochzeit der Thetis ist durch die echt alexandrinische Einschachtelung +der Ariadneklage in das Hauptgedicht künstlerisch verdorben. Aber neben +diesen Schulstücken steht die melodische Klage der echten Elegie, steht +das Festgedicht im vollen Schmuck individueller und fast dramatischer +Durchführung, steht vor allem die solideste Kleinmalerei gebildeter +Geselligkeit, die anmutigen sehr ungenierten Mädchenabenteuer, davon +das halbe Vergnügen im Ausschwatzen und Poetisieren der +Liebesgeheimnisse besteht, das liebe Leben der Jugend bei vollen +Bechern und leeren Beuteln, die Reise- und die Dichterlust; die +römische und öfter noch die veronesische Stadtanekdote und der launige +Scherz in dem vertrauten Zirkel der Freunde. Jedoch nicht bloß in die +Saiten greift des Dichters Apoll, sondern er führt auch den Bogen: der +geflügelte Pfeil des Spottes verschont weder den langweiligen +Versemacher noch den sprachverderbenden Provinzialen, aber keinen +trifft er öfter und schärfer als die Gewaltigen, von denen der Freiheit +des Volkes Gefahr droht. Die kurzzeiligen und kurzweiligen, oft von +anmutigen Refrains belebten Maße sind von vollendeter Kunst und doch +ohne die widerwärtige Glätte der Fabrik. Umeinander führen diese +Gedichte in das Nil- und in das Potal; aber in dem letzteren ist der +Dichter unvergleichlich besser zu Hause. Seine Dichtungen ruhen wohl +auf der alexandrinischen Kunst, aber doch auch auf dem bürgerlichen, ja +dem landstädtischen Selbstgefühl, auf dem Gegensatz von Verona zu Rom, +auf dem Gegensatz des schlichten Munizipalen gegen die hochgeborenen, +ihren geringen Freunden gewöhnlich übel mitspielenden Herren vom Senat, +wie er in Catulls Heimat, dem blühenden und verhältnismäßig frischen +Cisalpinischen Gallien, lebendiger noch als irgendwo anders empfunden +werden mochte. In die schönsten seiner Lieder spielen die süßen Bilder +vom Gardasee hinein und schwerlich hätte in dieser Zeit ein +Hauptstädter ein Gedicht zu schreiben vermocht wie das tief empfundene +auf des Bruders Tod oder das brave, echt bürgerliche Festlied zu der +Hochzeit des Manlius und der Arunculeia. Catullus, obwohl abhängig von +den alexandrinischen Meistern und mitten in der Mode- und +Cliquendichtung jener Zeit stehend, war doch nicht bloß ein guter +Schüler unter vielen mäßigen und schlechten, sondern seinen Meistern +selbst um so viel überlegen, als der Bürger einer freien italischen +Gemeinde mehr war als der kosmopolitische hellenische Literat. Eminente +schöpferische Kraft und hohe poetische Intentionen darf man freilich +bei ihm nicht suchen; er ist ein reichbegabter und anmutiger, aber kein +großer Poet, und seine Gedichte sind, wie er selbst sie nennt, nichts +als “Scherze und Torheiten”. Aber wenn nicht bloß die Zeitgenossen von +diesen flüchtigen Liedchen elektrisiert wurden, sondern auch die +Kunstkritiker der augustischen Zeit ihn neben Lucretius als den +bedeutendsten Dichter dieser Epoche bezeichnen, so hatten die +Zeitgenossen wie die Späteren vollkommen recht. Die lateinische Nation +hat keinen zweiten Dichter hervorgebracht, in dem der künstlerische +Gehalt und die künstlerische Form in so gleichmäßiger Vollendung +wiedererscheinen wie bei Catullus; und in diesem Sinne ist Catullus’ +Gedichtsammlung allerdings das Vollkommenste, was die lateinische +Poesie überhaupt aufzuweisen vermag. + +Es beginnt endlich in dieser Epoche die Dichtung in prosaischer Form. +Das bisher unwandelbar festgehaltene Gesetz der echten, naiven wie +bewußten, Kunst, daß der poetische Stoff und die metrische Fassung sich +einander bedingen, weicht der Vermischung und Trübung aller +Kunstgattungen und Kunstformen, welche zu den bezeichnendsten Zügen +dieser Zeit gehört. Zwar von Romanen ist noch weiter nichts anzuführen, +als daß der berühmteste Geschichtschreiber dieser Epoche, Sisenna, sich +nicht für zu gut hielt, die viel gelesenen Milesischen Erzählungen des +Aristeides, schlüpfrige Modenovellen der plattesten Sorte, ins +Lateinische zu übersetzen. Eine originellere und erfreulichere +Erscheinung auf diesem zweifelhaften poetisch-prosaischen Grenzgebiet +sind die ästhetischen Schriften Varros, der nicht bloß der bedeutendste +Vertreter der lateinischen philologisch-historischen Forschung, sondern +auch in der schönen Literatur einer der fruchtbarsten und +interessantesten Schriftsteller ist. Einem in der sabinischen +Landschaft heimischen, dem römischen Senat seit zweihundert Jahren +angehörigen Plebejergeschlechte entsprossen, streng in altertümlicher +Zucht und Ehrbarkeit erzogen ^11 und bereits am Anfang dieser Epoche +ein reifer Mann, gehörte Marcus Terentius Varro von Reate (638-727 +116-27) politisch, wie sich von selbst versteht, der Verfassungspartei +an und beteiligte sich ehrlich und energisch an ihrem Tun und Leiden. +Er tat dies teils literarisch, indem er zum Beispiel die erste +Koalition, das “dreiköpfige Ungeheuer” in Flugschriften bekämpfte, +teils im ernsteren Kriege, wo wir ihn im Heere des Pompeius als +Kommandanten des Jenseitigen Spaniens fanden. Als die Sache der +Republik verloren war, ward Varro von seinem Überwinder zum +Bibliothekar der neu zu schaffenden Bibliothek in der Hauptstadt +bestimmt. Die Wirren der folgenden Zeit rissen den alten Mann noch +einmal in ihren Strudel hinein, und erst siebzehn Jahre nach Caesars +Tode, im neunundachtzigsten seines wohlausgefüllten Lebens rief der Tod +ihn ab. Die ästhetischen Schriften, die ihm einen Namen gemacht haben, +waren kürzere Aufsätze, teils einfach prosaische ernsteren Inhalts, +teils launige Schilderungen, deren prosaisches Grundwerk vielfach +eingelegte Poesien durchwirken. Jenes sind die +‘Philosophisch-historischen Abhandlungen’ (logistorici), dies die +Menippischen Satiren. Beide schließen nicht an lateinische Vorbilder +sich an, namentlich die Varronische Satura keineswegs an die +Lucilische; wie denn überhaupt die römische Satura nicht eigentlich +eine feste Kunstgattung, sondern nur negativ das bezeichnet, daß “das +mannigfaltige Gedicht” zu keiner der anerkannten Kunstgattungen gezählt +sein will und darum denn auch die Saturapoesie bei jedem begabten +Poeten wieder einen andern und eigenartigen Charakter annimmt. Es war +vielmehr die voralexandrinische griechische Philosophie, in der Varro +die Muster für seine strengeren wie für seine leichteren ästhetischen +Arbeiten fand: für die ernsteren Abhandlungen in den Dialogen des +Herakleides von Herakleia am Schwarzen Meer († um 450 300), für die +Satiren in den Schriften des Menippos von Gadara in Syrien (blüht um +475 280). Die Wahl war bezeichnend. Herakleides, als Schriftsteller +angeregt durch Platons philosophische Gespräche, hatte über deren +glänzende Form den wissenschaftlichen Inhalt gänzlich aus den Augen +verloren und die poetisch-fabulistische Einkleidung zur Hauptsache +gemacht; er war ein angenehmer und vielgelesener Autor, aber nichts +weniger als ein Philosoph. Menippos war es ebensowenig, sondern der +echteste literarische Vertreter derjenigen Philosophie, deren Weisheit +darin besteht, die Philosophie zu leugnen und die Philosophen zu +verhöhnen, der Hundeweisheit des Diogenes; ein lustiger Meister +ernsthafter Weisheit, bewies er in Exempeln und Schnurren, daß außer +dem rechtschaffenen Leben alles auf Erden und im Himmel eitel sei, +nichts aber eitler als der Hader der sogenannten Weisen. Dies waren die +rechten Muster für Varro, einen Mann voll altrömischen Unwillens über +die erbärmliche Zeit und voll altrömischer Laune, dabei durchaus nicht +ohne plastisches Talent, aber für alles, was nicht wie Bild und +Tatsache aussah, sondern wie Begriff oder gar wie System, vollständig +vernagelt und vielleicht den unphilosophischsten unter den +unphilosophischen Römern ^12. Allein Varro war kein unfreier Schüler. +Die Anregung und im allgemeinen die Form entlehnte er von Herakleides +und Mennippos; aber er war eine zu individuelle und zu entschieden +römische Natur, um nicht seine Nachschöpfungen wesentlich selbständig +und national zu halten. Für seine ernsten Abhandlungen, in denen ein +moralischer Satz oder sonst ein Gegenstand von allgemeinem Interesse +behandelt ward, verschmähte er in der Fabulierung an die Milesischen +Märchen zu streifen, wie Herakleides es getan, und so gar kinderhafte +Geschichten wie die vom Abaris und von dem nach siebentägigem Tode +wieder zum Leben erwachenden Mädchen dem Leser aufzutischen. Nur selten +entnahm er die Einkleidung den edleren Mythen der Griechen, wie in dem +Aufsatz ‘Orestes oder vom Wahnsinn’; regelmäßig gab ihm einen +würdigeren Rahmen für seine Stoffe die Geschichte, namentlich die +gleichzeitige vaterländische, wodurch diese Aufsätze zugleich, wie sie +auch heißen, ‘Lobschriften’ wurden auf geachtete Römer, vor allem auf +die Koryphäen der Verfassungspartei. So war die Abhandlung ‘Vom +Frieden’ zugleich eine Denkschrift auf Metellus Pius, den letzten in +der glänzenden Reihe der glücklichen Feldherrn des Senats; die ‘Von der +Götterverehrung’ zugleich bestimmt, das Andenken an den hochgeachteten +Optimaten und Pontifex Gaius Curio zu bewahren; der Aufsatz ‘Über das +Schicksal’ knüpfte an Marius an, der ‘Über die Geschichtschreibung’ an +den ersten Historiker dieser Epoche, Sisenna, der ‘Über die Anfänge der +römischen Schaubühne’ an den fürstlichen Spielgeber Scaurus, der ‘Über +die Zahlen’ an den feingebildeten römischen Bankier Atticus. Die beiden +philosophisch-historischen Aufsätze ‘Laelius oder von der Freundschaft, +‘Cato oder vom Alter’, welche Cicero, wahrscheinlich nach dem Muster +der Varronischen, schrieb, mögen von Varros halb lehrhafter, halb +erzählender Behandlung dieser Stoffe ungefähr eine Vorstellung geben. + +——————————————————————————— + +^11 “Mir als Knaben”, sagt er irgendwo, “genügte ein einziger Flausrock +und ein einziges Unterkleid, Schuhe ohne Strümpfe, ein Pferd ohne +Sattel; ein warmes Bad hatte ich nicht täglich, ein Flußbad selten.” +Wegen seiner persönlichen Tapferkeit erhielt er im Piratenkrieg, wo er +eine Flottenabteilung führte, den Schiffskranz. + +^12 Etwas Kindischeres gibt es kaum als Varros Schema der sämtlichen +Philosophien, das erstlich alle nicht die Beglückung des Menschen als +letztes Ziel aufstellenden Systeme kurzweg für nicht vorhanden erklärt +und dann die Zahl der unter dieser Voraussetzung denkbaren Philosophien +auf zweihundertachtundachtzig berechnet. Der tüchtige Mann war leider +zu sehr Gelehrter um einzugestehen, daß er Philosoph weder sein könne +noch sein möge, und hat deshalb als solcher zeit seines Lebens zwischen +Stoa, Pythagoreismus und Diogenismus einen nicht schönen Eiertanz +aufgeführt. + +——————————————————————————— + +Ebenso originell in Form und Inhalt ward von Varro die Menippische +Satire behandelt; die dreiste Mischung von Prosa und Versen ist dem +griechischen Original fremd und der ganze geistige Inhalt von römischer +Eigentümlichkeit, man möchte sagen von sabinischem Erdgeschmack +durchdrungen. Auch diese Satiren behandeln, wie die +philosophisch-historischen Aufsätze, irgendein moralisches oder sonst +für das größere Publikum geeignetes Thema, wie dies schon einzelne +Titel zeigen: ‘Hercules’ Säulen oder vom Ruhm’; ‘Der Topf findet den +Deckel oder von den Pflichten des Ehemanns’; ‘Der Nachttopf hat sein +Maß oder vom Zechen’; ‘Papperlapapp oder von der Lobrede’. Die +plastische Einkleidung, die auch hier nicht fehlen durfte, ist +natürlich der vaterländischen Geschichte nur selten entlehnt, wie in +der Satire ‘Serranus oder von den Wahlen’. Dagegen spielt die +Diogenische Hundewelt wie billig eine große Rolle: es begegnen der Hund +Gelehrter, der Hund Rhetor, der Ritter-Hund, der Wassertrinker-Hund, +der Hundekatechismus und dergleichen mehr. Ferner wird die Mythologie +zu komischen Zwecken in Kontribution gesetzt: wir finden einen +‘Befreiten Prometheus’, einen ‘Strohernen Aias’, einen ‘Herkules +Sokratiker’, einen ‘Anderthalb Odysseus’, der nicht bloß zehn, sondern +fünfzehn Jahre in Irrfahrten sich umhergetrieben hat. Der +dramatisch-novellistische Rahmen schimmert in einzelnen Stücken, zum +Beispiel im ‘Befreiten Prometheus’, in dem ‘Mann von sechzig Jahren’, +im ‘Frühauf’ noch aus den Trümmern hervor; es scheint, daß Varro die +Fabel häufig, vielleicht regelmäßig als eigenes Erlebnis erzählte, wie +zum Beispiel im ‘Frühauf’ die handelnden Personen zum Varro hingehen +und ihm Vortrag halten, “da er als Büchermacher ihnen bekannt war”. +Über den poetischen Wert dieser Einkleidung ist uns ein sicheres Urteil +nicht mehr gestattet; einzeln begegnen noch in unseren Trümmern +allerliebste Schilderungen voll Witz und Lebendigkeit - so eröffnet im +‘Befreiten Prometheus’ der Heros nach Lösung seiner Fesseln eine +Menschenfabrik, in welcher Goldschuh, der Reiche, sich ein Mädchen +bestellt von Milch und feinstem Wachs, wie es die milesischen Bienen +aus mannigfachen Blüten sammeln, ein Mädchen ohne Knochen und Sehnen, +ohne Haut und Haar, rein und fein, schlank, glatt, zart, allerliebst. +Der Lebensatem dieser Dichtung ist die Polemik - nicht so sehr die +politische der Partei, wie Lucilius und Catullus sie übten, sondern die +allgemeine sittliche des strengen Alten gegen die zügellose und +verkehrte Jugend, des in seinen Klassikern lebenden Gelehrten gegen die +lockere und schofle oder doch ihrer Tendenz nach verwerfliche moderne +Poesie ^13, des guten Bürgers von altem Schlag gegen das neue Rom, in +dem der Markt, mit Varro zu reden, ein Schweinestall ist und Numa, wenn +er auf seine Stadt den Blick wendet, keine Spur seiner weisen Satzungen +mehr gewahrt. Varro tat in dem Verfassungskampf, was ihm Bürgerpflicht +schien; aber sein Herz war bei diesem Parteitreiben nicht - “warum”, +klagt er einmal, “riefet ihr mich aus meinem reinen Leben in den +Rathausschmutz?” Er gehörte der guten alten Zeit an, wo die Rede nach +Zwiebeln und Knoblauch duftete, aber das Herz gesund war. Nur eine +einzelne Seite dieser altväterischen Opposition gegen den Geist der +neuen Zeit ist die Polemik gegen die Erbfeinde des echten Römertums, +die griechischen Weltweisen; aber es lag sowohl im Wesen der +Hundephilosophie als in Varros Naturell, daß die menippische Geißel +ganz besonders den Philosophen um die Ohren schwirrte und sie denn auch +in angemessene Angst versetzte - nicht ohne Herzklopfen übersandten die +philosophischen Skribenten der Zeit dem “scharfen Mann” ihre neu +erschienenen Traktate. Das Philosophieren ist wahrlich keine Kunst. Mit +dem zehnten Teil der Mühe, womit der Herr den Sklaven zum Kunstbäcker +erzieht, bildet er selbst sich zum Philosophen; freilich, wenn dann der +Bäcker und der Philosoph beide unter den Hammer kommen, geht der +Kuchenkünstler hundertmal teurer weg als der Weltweise. Sonderbare +Leute, diese Philosophen! Der eine befiehlt, die Leichen in Honig +beizusetzen - ein Glück, daß man ihm nicht den Willen tut, wo bliebe +sonst der Honigwein? Der andere meint, daß die Menschen wie die Kresse +aus der Erde gewachsen sind. Der dritte hat einen Weltbohrer erfunden, +durch den die Erde einst untergehen wird. + +———————————————————————————— + +^13 “Willst du etwa”, schreibt er einmal, “die Redefiguren und Verse +des Quintussklaven Clodius abgurgeln und ausrufen: O Geschick! o +Schicksalsgeschick!” Anderswo: “Da der Quintussklave Clodius eine +solche Anzahl von Komödien ohne irgendeine Muse gemacht hat, sollte ich +da nicht einmal ein einziges Büchlein mit Ennius zu reden ‘fabrizieren’ +können?” Dieser sonst nicht bekannte Clodius muß wohl ein schlechter +Nachahmer des Terenz gewesen sein, da zumal jene ihm spöttisch +heimgegebenen Worte: “O Geschick! o Schicksalsgeschick!” in einem +Terenzischen Lustspiel sich wiederfinden. Die folgende +Selbstvorstellung eines Poeten in Varros ‘Esel beim Lautenspiel’: + +Schüler mich heißt man Pacuvs; er dann war des Ennius Schüler, + +Dieser der Musen; ich selbst nenne Pompilius mich + +könnte füglich die Einleitung des Lucretius parodieren, dem Varro schon +als abgesagter Feind des epikurischen Systems nicht geneigt gewesen +sein kann und den er nie anführt. + +———————————————————————————— + +Gewiß, niemals hat ein Kranker etwas je geträumt + +So toll, was nicht gelehrt schon hätte ein Philosoph. + +Es ist spaßhaft anzusehen, wie so ein Langbart- der etymologisierende +Stoiker ist gemeint - ein jedes Wort bedächtig auf der Goldwaage wägt; +aber nichts geht doch über den echten Philosophenzank - ein stoischer +Faustkampf übertrifft weit jede Athletenbalgerei. In der Satire ‘Die +Marcusstadt oder vom Regimente’, wo Marcus sich ein Wolkenkuckucksheim +nach seinem Herzen schuf, erging es, ebenwie in dem attischen, dem +Bauern gut, dem Philosophen aber übel; der +Schnell-durch-ein-Glied-Beweis (Celer-δι΄-ενός-λήμματος-λόγος), +Antipatros, des Stoikers Sohn, schlägt darin seinem Gegner, offenbar +dem philosophischen Zweiglied (Dilemma), mit der Feldhacke den Schädel +ein. Mit dieser sittlich polemischen Tendenz und diesem Talent, einen +kaustischen und pittoresken Ausdruck für sie zu finden, das, wie die +dialogische Einkleidung der im achtzigsten Jahre geschriebenen Bücher +vom Landbau beweist, bis in das höchste Alter ihn nicht verließ, +vereinigte sich auf das glücklichste Varros unvergleichliche Kunde der +nationalen Sitte und Sprache, die in den philologischen Schriften +seines Greisenalters kollektaneenartig, hier aber in ihrer ganzen +unmittelbaren Fülle und Frische sich entfaltet. Varro war im besten und +vollsten Sinne des Wortes ein Lokalgelehrter, der seine Nation in ihrer +ehemaligen Eigentümlichkeit und Abgeschlossenheit wie in ihrer modernen +Verschliffenheit und Zerstreuung aus vieljähriger eigener Anschauung +kannte und seine unmittelbare Kenntnis der Landessitte und +Landessprache durch die umfassendste Durchforschung der geschichtlichen +und literarischen Archive ergänzt und vertieft hatte. Was insofern an +verstandesmäßiger Auffassung und Gelehrsamkeit in unserem Sinn ihm +abging, das gewann die Anschauung und die in ihm lebendige Poesie. Er +haschte weder nach antiquarischen Notizen noch nach seltenen veralteten +oder poetischen Wörtern ^14; aber er selbst war ein alter und +altfränkischer Mann und beinah ein Bauer, die Klassiker seiner Nation +ihm liebe, langgewohnte Genossen; wie konnte es fehlen, daß von der +Sitte der Väter, die er über alles liebte und vor allen kannte, gar +vielerlei in seinen Schriften erzählt ward, und daß seine Rede überfloß +von sprichwörtlichen griechischen und lateinischen Wendungen, von guten +alten, in der sabinischen Umgangssprache bewahrten Wörtern, von +Ennianischen, Lucilischen, vor allem Plautinischen Reminiszenzen? Den +Prosastil dieser ästhetischen Schriften aus Varros früherer Zeit darf +man sich nicht vorstellen nach dem seines im hohen Alter geschriebenen +und wahrscheinlich im unfertigen Zustand veröffentlichten +sprachwissenschaftlichen Werkes, wo allerdings die Satzglieder am Faden +der Relative aufgereiht werden wie die Drosseln an der Schnur; daß aber +Varro grundsätzlich die strenge Stilisierung und die attische +Periodisierung verwarf, wurde früher schon bemerkt, und seine +ästhetischen Aufsätze waren zwar ohne den gemeinen Schwulst und die +falschen Flitter des Vulgarismus, aber in mehr lebendig gefügten als +wohl gegliederten Sätzen unklassisch und selbst schluderig geschrieben. +Die eingelegten Poesien dagegen bewiesen nicht bloß, daß ihr Urheber +die mannigfaltigsten Maße meisterlich wie nur einer der Modepoeten zu +bilden verstand, sondern auch, daß er ein Recht hatte, denen sich +zuzuzählen, welchen ein Gott es vergönnt hat, “die Sorgen aus dem +Herzen zu bannen durch das Lied und die heilige Dichtkunst” ^15. Schule +machte die Varronische Skizze so wenig wie das Lucretische Lehrgedicht; +zu den allgemeineren Ursachen kam hier noch hinzu das durchaus +individuelle Gepräge derselben, welches unzertrennlich war von dem +höheren Alter, der Bauernhaftigkeit und selbst von der eigenartigen +Gelehrsamkeit ihres Verfassers. Aber die Anmut und Laune vor allem der +menippischen Satiren, welche an Zahl wie an Bedeutung Varros ernsteren +Arbeiten weit überlegen gewesen zu sein scheinen, fesselte die +Zeitgenossen sowohl wie diejenigen Späteren, die für Originalität und +Volkstümlichkeit Sinn hatten; und auch wir noch, denen es nicht mehr +vergönnt ist, sie zu lesen, mögen aus den erhaltenen Bruchstücken +einigermaßen es nachempfinden, daß der Schreiber “es verstand, zu +lachen und mit Maß zu scherzen”. Und schon als der letzte Hauch des +scheidenden guten Geistes der alten Bürgerzeit, als der jüngste grüne +Sproß, den die volkstümliche lateinische Poesie getrieben hat, +verdienten es Varros Satiren, daß der Dichter in seinem poetischen +Testament diese seine menippischen Kinder jedem empfahl, + +Dem da Romas liegt und Latiums Blühen am Herzen, + +und sie behaupten denn auch einen ehrenvollen Platz in der Literatur +wie in der Geschichte des italischen Volkes ^16. + +——————————————————————— + +^14 Er selbst sagt einmal treffend, daß er veraltete Wörter nicht +besonders liebe, aber öfter brauche, poetische Wörter sehr liebe, aber +nicht brauche. + +^15 Die folgende Schilderung ist dem ‘Marcussklaven’ entnommen: + +Auf einmal, um die Zeit der Mitternacht etwa, + +Als uns mit Feuerflammen weit und breit gestickt + +Der luftige Raum den Himmelssternenreigen wies, + +Umschleierte des Himmels goldenes Gewölb + +Mit kühlem Regenflor der raschen Wolken Zug, + +Hinab das Wasser schüttend auf die Sterblichen, + +Und schossen, los sich reißend von dem eisigen Pol, + +Die Wind’, heran, des Großen Bären tolle Brut, + +Fortführend mit sich Ziegel, Zweig’ und Wetterwust. + +Doch wir, gestürzt, schiffbrüchig, gleich der Störche Schwarm, + +Die an zweizackigen Blitzes Glut die Flügel sich + +Versengt, wir fielen traurig jäh zur Erd’ hinab. + +In der ‘Menschenstadt’ heißt es: + +Nicht wird frei dir die Brust durch Gold und Fülle der Schätze; + +Nicht dem Sterblichen nimmt von der Seele der persische Goldberg + +Sorg’ und Furcht, und auch der Saal nicht Crassus des Reichen. + +Aber auch leichtere Weise gelang dem Dichter. In ‘Der Topf hat sein +Maß’ stand folgender zierliche Lobspruch auf den Wein: + +Es bleibt der Wein für jedermann der beste Trank. + +Er ist das Mittel, das den Kranken macht gesund; + +Er ist der süße Keimeplatz der Fröhlichkeit, + +Er ist der Kitt, der Freundeskreis zusammenhält. + +Und in dem ‘Weltbohrer’ schließt der heimkehrende Wandersmann also +seinen Zuruf an die Schiffer: + +Laßt schießen die Zügel dem leisesten Hauch, + +Bis daß uns des frischeren Windes Geleit + +Rückführt in die liebliche Heimat! + +^16 Die Skizzen Varros haben eine so ungemeine historische und selbst +poetische Bedeutsamkeit und sind doch infolge der trümmerhaften +Gestalt, in der uns die Kunde davon zugekommen ist, so wenigen bekannt +und so verdrießlich kennenzulernen, daß es wohl erlaubt sein wird, +einige derselben hier mit der wenigen zur Lesbarkeit unumgänglichen +Restauration zu resümieren. + +Die Satire ‘Frühauf’ schildert die ländliche Haushaltung. “Frühauf ruft +mit der Sonne zum Aufstehen und führt selbst die Leute auf den +Arbeitsplatz. Die Jungen machen selbst sich ihr Bett, das die Arbeit +ihnen weich macht, und stellen sich selber Wasserkrug und Lampe dazu. +Der Trank ist der klare frische Quell, die Kost Brot und als Zubrot +Zwiebeln. In Haus und Feld gedeiht alles. Das Haus ist kein Kunstbau; +aber der Architekt könnte Symmetrie daran lernen. Für den Acker wird +gesorgt, daß er nicht unordentlich und wüst in Unsauberkeit und +Vernachlässigung verkomme; dafür wehrt die dankbare Ceres den Schaden +von der Frucht, daß die Schober hochgeschichtet das Herz des Landmannes +erfreuen. Hier gilt noch das Gastrecht; willkommen ist, wer nur +Muttermilch gesogen hat. Brotkammer und Weinfaß und der Wurstvorrat am +Hausbalken, Schlüssel und Schloß sind dem Wandersmann dienstwillig, und +hoch türmen vor ihm die Speisen sich auf; zufrieden sitzt der +gesättigte Gast, nicht vor- noch rückwärts schauend, nickend am Herde +in der Küche. Zum Lager wird der wärmste doppelwollige Schafpelz für +ihn ausgebreitet. Hier gehorcht man noch als guter Bürger dem gerechten +Gesetz, das weder aus Mißgunst Unschuldigen zu nahe tritt, noch aus +Gunst Schuldigen verzeiht. Hier redet man nicht Böses wider den +Nächsten. Hier rekelt man nicht mit den Füßen auf dem heiligen Herd, +sondern ehrt die Götter mit Andacht und mit Opfern, wirft dem Hausgeist +sein Stückchen Fleisch in das bestimmte Schüsselchen und geleitet, wenn +der Hausherr stirbt, die Bahre mit demselben Gebet, mit welchem die des +Vaters und des Großvaters hinweggetragen wurde.” + +In einer anderen Satire tritt ein “Lehrer der Alten auf, dessen die +gesunkene Zeit dringender zu bedürfen scheint als des Jugendlehrers, +und setzt auseinander, “wie einst alles in Rom keusch und fromm war und +jetzt alles so ganz anders ist”. “Trügt mich mein Auge oder sehe ich +Sklaven in Waffen gegen ihre Herren? - Einst ward, wer zur Aushebung +sich nicht stellte, von Staats wegen als Sklave in die Fremde verkauft; +jetzt heißt [der Aristokratie, 2, 225; 3, 358; 4, 103 u. 330] der +Zensor, der Feigheit und alles hingehen läßt, ein großer Bürger und +erntet Lob, daß er nicht darauf aus ist, sich durch Kränkung der +Mitbürger einen Namen zu machen. - Einst ließ der römische Bauer sich +alle Woche einmal den Bart scheren; jetzt kann der Ackersklave es nicht +fein genug haben. - Einst sah man auf den Gütern einen Kornspeicher, +der zehn Ernten faßte, geräumige Keller für die Weinfässer und +entsprechende Keltern; jetzt hält der Herr sich Pfauenherden und läßt +seine Türen mit afrikanischem Zypressenholz einlegen. - Einst drehte +die Hausfrau mit der Hand die Spindel und hielt dabei den Topf auf dem +Herd im Auge, damit der Brei nicht verbrenne; jetzt” - heißt es in +einer andern Satire -“bettelt die Tochter den Vater um ein Pfund +Edelsteine, das Weib den Mann um einen Scheffel Perlen an. - Einst war +der Mann in der Brautnacht stumm und blöde; jetzt gibt die Frau sich +dem ersten besten Kutscher preis. - Einst war der Kindersegen der Stolz +des Weibes, jetzt, wenn der Mann sich Kinder wünscht, antwortet sie: +Weißt du nicht, was Ennius sagt?: + +Lieber will ich ja das Leben dreimal wagen in der Schlacht, + +Als ein einzig Mal gebären. - + +Einst war die Frau vollkommen zufrieden, wenn der Mann ein- oder +zweimal im Jahre sie in dem ungepolsterten Wagen über Land fuhr”; jetzt +- konnte er hinzusetzen (vgl. Cic. Mil. 21, 55) - schmollt die Frau, +wenn der Mann ohne sie auf sein Landgut geht, und folgt der reisenden +Dame das elegante griechische Bedientengesindel und die Kapelle nach +auf die Villa.” + +In einer Schrift der ernsteren Gattung ‘Catus oder die Kinderzucht’ +belehrt Varro den Freund, der ihn deswegen um Rat gefragt, nicht bloß +über die Gottheiten, denen nach altem Brauch für der Kinder Wohl zu +opfern war, sondern, hinweisend auf die verständigere Kindererziehung +der Perser und auf seine eigene streng verlebte Jugend, warnt er vor +überfüttern und überschlafen, vor süßem Brot und feiner Kost - die +jungen Hunde, meint der Alte, werden jetzt verständiger genährt als die +Kinder -, ebenso vor dem Besiebnen und Besegnen, das in +Krankheitsfällen so oft die Stelle des ärztlichen Rates vertrat. Er +rät, die Mädchen zum Sticken anzuhalten, damit sie später die +Stickereien und Webereien richtig zu beurteilen verständen, und sie +nicht zu früh das Kinderkleid ablegen zu lassen; er warnt davor, die +Knaben in die Fechterspiele zu führen, in denen früh das Herz verhärtet +und die Grausamkeit gelernt wird. + +In dem ‘Mann von sechzig Jahren’ erscheint Varro als ein römischer +Epimenides, der, als zehnjähriger Knabe eingeschlafen, nach einem +halben Jahrhundert wiedererwacht. Er staunt darüber, statt seines +glattgeschorenen Knabenkopfes ein altes Glatzhaupt wiederzufinden, mit +häßlicher Schnauze und wüsten Borsten gleich dem Igel; mehr noch aber +staunt er über das verwandelte Rom. Die lucrinischen Austern, sonst +eine Hochzeitschüssel, sind jetzt ein Alltagsgericht; dafür rüstet denn +auch der bankrotte Schlemmer im stillen die Brandfackel. Wenn sonst der +Vater dem Knaben vergab, so ist jetzt das Vergeben an den Knaben +gekommen; das heißt, er vergibt dem Vater mit Gift. Der Wahlplatz ist +zur Börse geworden, der Kriminalprozeß zur Goldgrube für die +Geschworenen. Keinem Gesetze wird noch gehorcht, außer dem einen, daß +nichts für nichts gegeben wird. Alle Tugenden sind geschwunden; dafür +begrüßen den Erwachten als neue Insassen die Gotteslästerung, die +Wortlosigkeit, die Geilheit. “O wehe dir, Marcus, über solchen Schlaf +und solches Erwachen!” + +Die Skizze gleicht der catilinarischen Zeit, kurz nach welcher (um 697 +57) sie der alte Mann geschrieben haben muß, und es lag eine Wahrheit +in der bitteren Schlußwendung, wo der Marcus, gehörig ausgescholten +wegen seiner unzeitgemäßen Anklagen und antiquarischen Reminiszenzen, +mit parodischer Anwendung einer uralten römischen Sitte, als unnützer +Greis auf die Brücke geschleppt und in den Tiber gestürzt wird. Es war +allerdings für solche Männer in Rom kein Platz mehr. + +——————————————————————— + +Zu einer kritischen Geschichtschreibung in der Art, wie die +Nationalgeschichte von den Attikern in ihrer klassischen Zeit, wie die +Weltgeschichte von Polybios geschrieben ward, ist man in Rom eigentlich +niemals gelangt. Selbst auf dem dafür am meisten geeigneten Boden, in +der Darstellung der gleichzeitigen und der jüngst vergangenen +Ereignisse, blieb es im ganzen bei mehr oder minder unzulänglichen +Versuchen; in der Epoche namentlich von Sulla bis auf Caesar wurden die +nicht sehr bedeutenden Leistungen, welche die vorhergehende auf diesem +Gebiet aufzuweisen hatte, die Arbeiten Antipaters und Asellios, kaum +auch nur erreicht. Das einzige diesem Gebiete angehörende namhafte +Werk, das in der gegenwärtigen Epoche entstand, ist des Lucius +Cornelius Sisenna (Prätor 676 78) Geschichte des Bundesgenossen- und +Bürgerkrieges. Von ihr bezeugen die, welche sie lasen, daß sie an +Lebendigkeit und Lesbarkeit die alten trockenen Chroniken weit +übertraf, dafür aber in einem durchaus unreinen und selbst in das +Kindische verfallenden Stil geschrieben war; wie denn auch die wenigen +übrigen Bruchstücke eine kleinliche Detailmalerei des Gräßlichen ^17 +und eine Menge neugebildeter oder der Umgangssprache entnommener Wörter +aufzeigen. Wenn noch hinzugefügt wird, daß das Muster des Verfassers +und sozusagen der einzige ihm geläufige griechische Historiker +Kleitarchos war, der Verfasser einer zwischen Geschichte und Fiktion +schwankenden Biographie Alexanders des Großen in der Art des +Halbromans, der den Namen des Curtius trägt, so wird man nicht +anstehen, in Sisennas vielgerühmtem Geschichtswerk nicht ein Erzeugnis +echter historischer Kritik und Kunst zu erkennen, sondern den ersten +römischen Versuch in der bei den Griechen so beliebten Zwittergattung +von Geschichte und Roman, welche das tatsächliche Grundwerk durch +erfundene Ausführung lebendig und interessant machen möchte und es +dadurch schal und unwahr macht; und es wird nicht ferner Verwunderung +erregen demselben Sisenna auch als Übersetzer griechischer Moderomane +zu begegnen. + +——————————————————————— + +^17 “Die Unschuldigen”, hieß es in einer Rede, “zitternd an allen +Gliedern, schleppst du heraus und am hohen Uferrande des Flusses beim +Morgengrauen (lässest du sie schlachten).” Solche ohne Mühe einer +Taschenbuchsnovelle einzufügende Phrasen begegnen mehrere. + +——————————————————————— + +Daß es auf dem Gebiet der allgemeinen Stadt- und gar der Weltchronik +noch weit erbärmlicher aussah, lag in der Natur der Sache. Die +steigende Regsamkeit der antiquarischen Forschung ließ erwarten, daß +aus Urkunden und sonstigen zuverlässigen Quellen die gangbare Erzählung +rektifiziert werden würde; allein diese Hoffnung erfüllte sich nicht. +Je mehr und je tiefer man forschte, desto deutlicher trat es hervor, +was es hieß, eine kritische Geschichte Roms schreiben. Schon die +Schwierigkeiten, die der Forschung und Darstellung sich +entgegenstellten, waren unermeßlich; aber die bedenklichsten +Hindernisse waren nicht die literarischer Art. Die konventionelle +Urgeschichte Roms, wie sie jetzt seit wenigstens zehn Menschenaltern +erzählt und geglaubt ward, war mit dem bürgerlichen Leben der Nation +aufs innigste zusammengewachsen; und doch mußte bei jeder eingehenden +und ehrlichen Forschung nicht bloß einzelnes hie und da modifiziert, +sondern das ganze Gebäude so gut umgeworfen werden wie die fränkische +Urgeschichte vom König Pharamund und die britische vom König Arthur. +Ein konservativ gesinnter Forscher, wie zum Beispiel Varro war, konnte +an dieses Werk nicht Hand legen wollen; und hätte ein verwegener +Freigeist sich dazu gefunden, so würde gegen diesen schlimmsten aller +Revolutionäre, der der Verfassungspartei sogar ihre Vergangenheit zu +nehmen Anstalt machte, von allen guten Bürgern das “Kreuzige” +erschollen sein. So führte die philologische und antiquarische +Forschung von der Geschichtschreibung mehr ab als zu ihr hin. Varro und +die Einsichtigeren überhaupt gaben die Chronik als solche offenbar +verloren; höchstens daß man, wie Titus Pomponius Atticus tat, die +Beamten- und Geschlechtsverzeichnisse in tabellarischer +Anspruchslosigkeit zusammenstellte - ein Werk übrigens, durch das die +synchronistische griechisch-römische Jahrzählung in der Weise, wie sie +den Späteren konventionell feststand, zum Abschluß geführt worden ist. +Die Stadtchronikenfabrik stellte aber darum ihre Tätigkeit natürlich +nicht ein, sondern fuhr fort zu der großen, von der Langenweile für die +Langeweile geschriebenen Bibliothek ihre Beiträge so gut in Prosa wie +in Versen zu liefern, ohne daß die Buchmacher, zum Teil bereits +Freigelassene, um die eigentliche Forschung irgend sich bekümmert +hätten. Was uns von diesen Schriften genannt wird - erhalten ist keine +derselben -, scheint nicht bloß durchaus untergeordneter Art, sondern +großenteils sogar von unlauterer Fälschung durchdrungen gewesen zu +sein. Zwar die Chronik des Quintus Claudius Quadrigarius (um 676? 78) +war in einem altmodischen, aber guten Stil geschrieben und befliß in +der Darstellung der Fabelzeit sich wenigstens einer löblichen Kürze. +Aber wenn Gaius Licinius Macer († als gewesener Prätor 688 66), des +Dichters Calvus Vater und ein eifriger Demokrat, mehr als irgendein +anderer Chronist auf Urkundenforschung und Kritik Anspruch machte, so +sind seine “leinenen Bücher” und anderes ihm Eigentümliche im höchsten +Grade verdächtig und wird wahrscheinlich eine sehr umfassende und zum +Teil in die späteren Annalisten übergegangene Interpolation der +gesamten Chronik zu demokratisch-tendenziösen Zwecken auf ihn +zurückgehen. Valerius Antias endlich übertraf in der Weitläufigkeit wie +in der kindischen Fabulierung alle seine Vorgänger. Die Zahlenlüge war +hier systematisch bis auf die gleichzeitige Geschichte herab +durchgeführt und die Urgeschichte Roms aus dem Platten abermals ins +Platte gearbeitet; wie denn zum Beispiel die Erzählung, in welcher Art +der weise Numa nach Anweisung der Nymphe Egeria die Götter Faunus und +Picus mit Weine fing, und die schöne, von selbigem Numa hierauf mit +Gott Jupiter gepflogene Unterhaltung allen Verehrern der sogenannten +Sagengeschichte Roms nicht dringend genug empfohlen werden können, um +womöglich auch sie, versteht sich ihrem Kerne nach, zu glauben. Es wäre +ein Wunder gewesen, wenn die griechischen Novellenschreiber dieser Zeit +solche für sie wie gemachte Stoffe sich hätten entgehen lassen. In der +Tat fehlte es auch nicht an griechischen Literaten, welche die römische +Geschichte zu Romanen verarbeiteten: eine solche Schrift waren zum +Beispiel des schon unter den in Rom lebenden griechischen Literaten +erwähnten Polyhistors Alexandros fünf Bücher ‘Über Rom’, ein +widerwärtiges Gemisch abgestandener historischer Überlieferung und +trivialer, vorwiegend erotischer Erfindung. Er vermutlich hat den +Anfang dazu gemacht, das halbe Jahrtausend, welches mangelte, um Troias +Untergang und Roms Entstehung in den durch die beiderseitigen Fabeln +geforderten chronologischen Zusammenhang zu bringen, auszufüllen mit +einer jener tatenlosen Königslisten, wie sie den ägyptischen und +griechischen Chronisten leider geläufig waren; denn allem Anschein nach +ist er es, der die Könige Aventinus und Tiberinus und das albanische +Silviergeschlecht in die Welt gesetzt hat, welche dann im einzelnen mit +Namen, Regierungszeit und mehrerer Anschaulichkeit wegen auch einem +Konterfei auszustatten die Folgezeit nicht versäumte. + +So dringt von verschiedenen Seiten her der historische Roman der +Griechen in die römische Historiographie ein; und es ist mehr als +wahrscheinlich, daß von dem, was man heute Tradition der römischen +Urzeit zu nennen gewohnt ist, nicht der kleinste Teil aus Quellen +herrührt von dem Schlage der ‘Amadis von Gallien’ und der Fouquéschen +Ritterromane - eine erbauliche Betrachtung wenigstens für diejenigen, +die Sinn haben für den Humor der Geschichte und die Komik der noch in +gewissen Zirkeln des neunzehnten Jahrhunderts für König Numa gehegten +Pietät zu würdigen verstehen. Neu ein in die römische Literatur tritt +in dieser Epoche neben der Landes- die Universal- oder, richtiger +gesagt, die zusammengefaßte römisch-hellenische Geschichte. Cornelius +Nepos aus Ticinum (ca. 650 - ca. 725 100-30) liefert zuerst eine +allgemeine Chronik (herausgegeben vor 700 54) und eine nach gewissen +Kategorien geordnete allgemeine Biographiensammlung politisch oder +literarisch ausgezeichneter römischer und griechischer oder doch in die +römische oder griechische Geschichte eingreifender Männer. Diese +Arbeiten schließen an die Universalgeschichten sich an, wie sie die +Griechen schon seit längerer Zeit schrieben; und ebendiese griechischen +Weltchroniken begannen jetzt auch, wie zum Beispiel die im Jahre 698 +(56) abgeschlossene des Kastor, Schwiegersohns des galatischen Königs +Deiotarus, die bisher von ihnen vernachlässigte römische Geschichte in +ihren Kreis zu ziehen. Diese Arbeiten haben allerdings, ebenwie +Polybios, versucht, an die Stelle der lokalen die Geschichte der +Mittelmeerwelt zu setzen; aber was bei Polybios aus großartig klarer +Auffassung und tiefem geschichtlichen Sinn hervorging, ist in diesen +Chroniken vielmehr das Produkt des praktischen Bedürfnisses für den +Schul- und den Selbstunterricht. Der künstlerischen Geschichtschreibung +können diese Weltchroniken, Lehrbücher für den Schulunterricht oder +Handbücher zum Nachschlagen, und die ganze damit zusammenhängende, auch +in lateinischer Sprache späterhin sehr weitschichtig gewordene +Literatur kaum zugezählt werden; und namentlich Nepos selbst war ein +reiner, weder durch Geist noch auch nur durch Planmäßigkeit +ausgezeichneter Kompilator. + +Merkwürdig und in hohem Grade charakteristisch ist die Historiographie +dieser Zeit allerdings, aber freilich so unerfreulich wie die Zeit +selbst. Das Ineinandergreifen der griechischen und der lateinischen +Literatur tritt auf keinem Gebiet so deutlich hervor wie auf dem der +Geschichte; hier setzen die beiderseitigen Literaturen in Stoff und +Form am frühesten sich ins gleiche und die einheitliche Auffassung der +hellenisch-italischen Geschichte, mit der Polybios seiner Zeit +vorangeeilt war, lernte jetzt bereits der griechische wie der römische +Knabe in der Schule. Allein wenn der Mittelmeerstaat einen +Geschichtschreiber gefunden hatte, ehe er seiner selbst sich bewußt +worden war, so stand jetzt, wo dies Bewußtsein sich eingestellt hatte, +weder bei den Griechen noch bei den Römern ein Mann auf, der ihm den +rechten Ausdruck zu leihen vermochte. Eine römische +Geschichtschreibung, sagt Cicero, gibt es nicht; und soweit wir +urteilen können, ist dies nicht mehr als die einfache Wahrheit. Die +Forschung wendet von der Geschichtschreibung sich ab, die +Geschichtschreibung von der Forschung; die historische Literatur +schwankt zwischen dem Schulbuch und dem Roman. Alle reinen +Kunstgattungen, Epos, Drama, Lyrik, Historie, sind nichtig in dieser +nichtigen Welt; aber in keiner Gattung spiegelt doch der geistige +Verfall der ciceronischen Zeit in so grauenvoller Klarheit sich wieder +wie in ihrer Historiographie. + +Die kleine historische Literatur dieser Zeit weist dagegen unter vielen +geringfügigen und verschollenen Produktionen eine Schrift ersten Ranges +auf: die Memoiren Caesars oder vielmehr der militärische Rapport des +demokratischen Generals an das Volk, von dem er seinen Auftrag erhalten +hatte. Der vollendete und allein von dem Verfasser selbst +veröffentlichte Abschnitt, der die keltischen Feldzüge bis zum Jahre +702 (52) schildert, hat offenbar den Zweck, das formell +verfassungswidrige Beginnen Caesars, ohne Auftrag der kompetenten +Behörde ein großes Land zu erobern und zu diesem Ende sein Heer +beständig zu vermehren, so gut wie möglich vor dem Publikum zu +rechtfertigen; es ward geschrieben und bekannt gemacht im Jahre 703 +(51), als in Rom der Sturm gegen Caesar losbrach und er aufgefordert +ward, sein Heer zu entlassen und sich zur Verantwortung zu stellen ^18. +Der Verfasser dieser Rechtfertigungsschrift schreibt, wie er auch +selber sagt, durchaus als Offizier und vermeidet es sorgfältig, die +militärische Berichterstattung auf die bedenklichen Gebiete der +politischen Organisation und Administration zu erstrecken. Seine in der +Form eines Militärberichts entworfene Gelegenheits- und Parteischrift +ist selber ein Stück Geschichte wie die Bulletins Napoleons, aber ein +Geschichtswerk im rechten Sinne des Wortes ist sie nicht und soll sie +nicht sein; die Objektivität der Darstellung ist nicht die historische, +sondern die des Beamten. Allein in dieser bescheidenen Gattung ist die +Arbeit meisterlich und vollendet wie keine andere in der gesamten +römischen Literatur. Die Darstellung ist immer knapp und nie karg, +immer schlicht und nie nachlässig, immer von durchsichtiger +Lebendigkeit und nie gespannt oder manieriert. Die Sprache ist +vollkommen rein von Archaismen wie von Vulgarismen, der Typus der +modernen Urbanität. Den Büchern vom Bürgerkrieg meint man es +anzufühlen, daß der Verfasser den Krieg hatte vermeiden wollen und +nicht vermeiden können, vielleicht auch, daß in Caesars Seele wie in +jeder anderen die Zeit der Hoffnung eine reinere und frischere war als +die der Erfüllung; aber über die Schrift vom Gallischen Krieg ist eine +helle Heiterkeit, eine einfache Anmut ausgegossen, welche nicht minder +einzig in der Literatur dastehen wie Caesar in der Geschichte. + +———————————————————————— + +^18 Daß die Schrift über den Gallischen Krieg auf einmal publiziert +worden ist, hat man längst vermutet; den bestimmten Beweis dafür +liefert die Erwähnung der Gleichstellung der Boier und der Häduer schon +im ersten Buch (c. 28), während doch die Boier noch im siebenten (c. +10) als zinspflichtige Untertanen der Häduer vorkommen und offenbar +erst wegen ihres Verhaltens und desjenigen der Häduer in dem Kriege +gegen Vercingetorix gleiches Recht mit ihren bisherigen Herren +erhielten. Andererseits wird, wer die Geschichte der Zeit aufmerksam +verfolgt, in der Äußerung über die Milonische Krise (7, 6) den Beweis +finden, daß die Schrift vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges publiziert +ward; nicht weil Pompeius hier gelobt wird, sondern weil Caesar +daselbst die Ausnahmegesetze vom Jahr 702 (52) billigt. Dies konnte und +mußte er tun, solange er ein friedliches Abkommen mit Pompeius +herbeizuführen suchte, nicht aber nach dem Bruch, wo er die aufgrund +jener für ihn verletzenden Gesetze erfolgten Verurteilungen umstieß. +Darum ist die Veröffentlichung dieser Schrift mit vollem Recht in das +Jahr 703 (51) gesetzt worden. + +Die Tendenz der Schrift erkennt man am deutlichsten in der beständigen, +oft, am entschiedensten wohl bei der aquitanischen Expedition, nicht +glücklichen Motivierung jedes einzelnen Kriegsakts als einer nach Lage +der Dinge unvermeidlichen Defensivmaßregel. Daß die Gegner Caesars +Angriffe auf die Kelten und Deutschen vor allem als unprovoziert +tadelten, ist bekannt (Suet. Caes. 24). + +———————————————————————— + +Verwandter Art sind die Briefwechsel von Staatsmännern und Literaten +dieser Zeit, die in der folgenden Epoche mit Sorgfalt gesammelt und +veröffentlicht wurden: so die Korrespondenz von Caesar selbst, von +Cicero, Calvus und andern. Den eigentlich literarischen Leistungen +können sie noch weniger beigezählt werden; aber für die geschichtliche +wie für jede andere Forschung war diese Korrespondenzliteratur ein +reiches Archiv und das treueste Spiegelbild einer Epoche, in der so +viel würdiger Gehalt vergangener Zeiten und so viel Geist, +Geschicklichkeit und Talent im kleinen Treiben sich verflüchtigte und +verzettelte. + +Eine Journalistik in dem heutigen Sinn hat bei den Römern niemals sich +gebildet; die literarische Polemik blieb angewiesen auf die +Broschürenliteratur und daneben allenfalls auf die zu jener Zeit +allgemein verbreitete Sitte die für das Publikum bestimmten Notizen an +öffentlichen Orten mit dem Pinsel oder dem Griffel anzuschreiben. +Dagegen wurden untergeordnete Individuen dazu verwandt, für die +abwesenden Vornehmen die Tagesvorfälle und Stadtneuigkeiten +aufzuzeichnen; auch für die sofortige Veröffentlichung eines Auszugs +aus den Senatsverhandlungen traf Caesar schon in seinem ersten Konsulat +geeignete Maßregeln. Aus den Privatjournalen jener römischen +Penny-a-liners und diesen offiziellen laufenden Berichten entstand eine +Art von hauptstädtischem Intelligenzblatt (acta diurna), in dem das +Resümee der vor dem Volke und im Senat verhandelten Geschäfte, ferner +Geburten, Todesfälle und dergleichen mehr verzeichnet wurden. Dasselbe +wurde eine nicht unwichtige geschichtliche Quelle, blieb aber ohne +eigentliche politische wie ohne literarische Bedeutung. + +Zu der historischen Nebenliteratur gehört von Rechts wegen auch die +Redeschriftstellerei. Die Rede, aufgezeichnet oder nicht, ist ihrer +Natur nach ephemer und gehört der Literatur nicht an; indes kann sie, +wie der Bericht und der Brief, und sie noch leichter als diese, durch +die Prägnanz des Moments und die Macht des Geistes, denen sie +entspringt, eintreten unter die bleibenden Schätze der nationalen +Literatur. So spielten denn auch in Rom die Aufzeichnungen der vor der +Bürgerschaft oder den Geschworenen gehaltenen Reden politischen Inhalts +nicht bloß seit langem eine große Rolle in dem öffentlichen Leben, +sondern es wurden auch die Reden namentlich des Gaius Gracchus mit +Recht gezählt zu den klassischen römischen Schriften. In dieser Epoche +aber tritt hier nach allen Seiten hin eine seltsame Verwandlung ein. +Die politische Redeschriftstellerei ist im Sinken wie die Staatsrede +selbst. Die politische Rede fand, in Rom wie überhaupt in den alten +Politien, ihren Höhepunkt in den Verhandlungen vor der Bürgerschaft: +hier fesselten den Redner nicht, wie im Senat, kollegialische +Rücksichten und lästige Formen, nicht, wie in den Gerichtsreden, die +der Politik an sich fremden Interessen der Anklage und Verteidigung; +hier allein schwoll ihm das Herz hoch vor der ganzen, an seinen Lippen +hangenden großen und mächtigen römischen Volksgemeinde. Allein damit +war es nun vorbei. Nicht als hätte es an Rednern gemangelt oder an der +Veröffentlichung der vor der Bürgerschaft gehaltenen Reden; vielmehr +ward die politische Schriftstellerei jetzt erst recht weitläufig und es +fing an, zu den stehenden Tafelbeschwerden zu gehören, daß der Wirt die +Gäste durch Vorlesung seiner neuesten Reden inkommodierte. Auch Publius +Clodius ließ seine Volksreden als Broschüren ausgehen, ebenwie Gaius +Gracchus; aber es ist nicht dasselbe, wenn zwei Männer dasselbe tun. +Die bedeutenderen Führer selbst der Opposition, vor allem Caesar +selbst, sprachen zu der Bürgerschaft nicht oft und veröffentlichten +nicht mehr die vor ihr gehaltenen Reden; ja sie suchten zum Teil für +ihre politischen Flugschriften sich eine andere Form als die +hergebrachte der Contionen, in welcher Hinsicht namentlich die Lob- und +Tadelschriften auf Cato bemerkenswert sind. Es ist das wohl erklärlich. +Gaius Gracchus hatte zur Bürgerschaft gesprochen; jetzt sprach man zu +dem Pöbel; und wie das Publikum, so die Rede. Kein Wunder, wenn der +reputierliche politische Schriftsteller auch die Einkleidung vermied, +als habe er seine Worte an die auf dem Markte der Hauptstadt +versammelten Haufen gerichtet. Wenn also die Redeschriftstellerei in +ihrer bisherigen literarischen und politischen Geltung in derselben +Weise verfällt, wie alle naturgemäß aus dem nationalen Leben +entwickelten Zweige der Literatur, so beginnt zugleich eine seltsame +nichtpolitische Plädoyerliteratur. Bisher hatte man nichts davon +gewußt, daß der Advokatenvortrag als solcher, außer für die Richter und +die Parteien, auch noch für Mit- und Nachwelt zur literarischen +Erbauung bestimmt sei; kein Sachwalter hatte seine Plädoyers +aufgezeichnet und veröffentlicht, wofern dieselben nicht etwa zugleich +politische Reden waren und insofern sich dazu eigneten, als +Parteischriften verbreitet zu werden, und auch dies war nicht gerade +häufig geschehen. Noch Quintus Hortensius (640-704 114-50), in den +ersten Jahren dieser Periode der gefeiertste römische Advokat, +veröffentlichte nur wenige und wie es scheint nur die ganz oder halb +politischen Reden. Erst sein Nachfolger in dem Prinzipat der römischen +Sachwalter, Marcus Tullius Cicero (648-711 106-43), war von Haus aus +ebensosehr Schriftsteller wie Gerichtsredner; er publizierte seine +Plädoyers regelmäßig und auch dann, wenn sie nicht oder nur entfernt +mit der Politik zusammenhingen. Dies ist nicht Fortschritt, sondern +Unnatur und Verfall. Auch in Athen ist das Auftreten der +nichtpolitischen Advokatenreden unter den Gattungen der Literatur ein +Zeichen der Krankheit; und zwiefach ist es dies in Rom, das diese +Mißbildung nicht wie Athen aus dem überspannten rhetorischen Treiben +mit einer gewissen Notwendigkeit erzeugt, sondern willkürlich und im +Widerspruch mit den besseren Traditionen der Nation dem Ausland +abgeborgt hat. Dennoch kam diese neue Gattung rasch in Aufnahme, teils +weil sie mit der älteren politischen Redeschriftstellerei vielfach sich +berührte und zusammenfloß, teils weil das unpoetische, rechthaberische, +rhetorisierende Naturell der Römer für den neuen Samen einen günstigen +Boden darbot, wie ja denn noch heute die Advokatenrede und selbst eine +Art von Prozeßliteratur in Italien etwas bedeutet. Also erwarb die von +der Politik emanzipierte Redeschriftstellerei das Bürgerrecht in der +römischen Literatenwelt durch Cicero. Wir haben dieses vielseitigen +Mannes schon mehrfach gedenken müssen. Als Staatsmann ohne Einsicht, +Ansicht und Absicht, hat er nacheinander als Demokrat, als Aristokrat +und als Werkzeug der Monarchen figuriert und ist nie mehr gewesen als +ein kurzsichtiger Egoist. Wo er zu handeln schien, waren die Fragen, +auf die es ankam, regelmäßig eben abgetan: so trat er im Prozeß des +Verres gegen die Senatsgerichte auf, als sie bereits beseitigt waren; +so schwieg er bei der Verhandlung über das Gabinische und verfocht das +Manilische Gesetz; so polterte er gegen Catilina, als dessen Abgang +bereits feststand, und so weiter. Gegen Scheinangriffe war er gewaltig +und Mauern von Pappe hat er viele mit Geprassel eingerannt; eine +ernstliche Sache ist nie, weder im guten noch im bösen, durch ihn +entschieden worden und vor allem die Hinrichtung der Catilinarier hat +er weit mehr geschehen lassen als selber bewirkt. In literarischer +Hinsicht ist es bereits hervorgehoben worden, daß er der Schöpfer der +modernen lateinischen Prosa war; auf seiner Stilistik ruht seine +Bedeutung, und allein als Stilist auch zeigt er ein sicheres +Selbstgefühl. Als Schriftsteller dagegen steht er vollkommen ebenso +tief wie als Staatsmann. Er hat in den mannigfaltigsten Aufgaben sich +versucht, in unendlichen Hexametern Marius’ Groß- und seine eigenen +Kleintaten besungen, mit seinen Reden den Demosthenes, mit seinen +philosophischen Gesprächen den Platon aus dem Felde geschlagen und nur +die Zeit hat ihm gefehlt, um auch den Thukydides zu überwinden. Er war +in der Tat so durchaus Pfuscher, daß es ziemlich einerlei war, welchen +Acker er pflügte. Eine Journalistennatur im schlechtesten Sinne des +Wortes, an Worten, wie er selber sagt, überreich, an Gedanken über alle +Begriffe arm, gab es kein Fach, worin er nicht mit Hilfe weniger Bücher +rasch einen lesbaren Aufsatz übersetzend oder kompilierend hergestellt +hätte. Am treuesten gibt seine Korrespondenz sein Bild wieder. Man +pflegt sie interessant und geistreich zu nennen: sie ist es auch, +solange sie das hauptstädtische oder Villenleben der vornehmen Welt +widerspiegelt; aber wo der Schreiber auf sich selbst angewiesen ist, +wie im Exil, in Kilikien und nach der Pharsalischen Schlacht, ist sie +matt und leer, wie nur je die Seele eines aus seinen Kreisen +verschlagenen Feuilletonisten. Daß ein solcher Staatsmann und ein +solcher Literat auch als Mensch nicht anders sein konnte als von +schwach überfirnißter Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit, ist kaum +noch nötig zu sagen. Sollen wir den Redner noch schildern? Der große +Schriftsteller ist doch auch ein großer Mensch; und vor allem dem +großen Redner strömt die Überzeugung und die Leidenschaft klarer und +brausender aus den Tiefen der Brust hervor als den dürftigen vielen, +die nur zählen und nicht sind. Cicero hatte keine Überzeugung und keine +Leidenschaft; er war nichts als Advokat und kein guter Advokat. Er +verstand es, seine Sacherzählung anekdotenhaft pikant vorzutragen, wenn +nicht das Gefühl, doch die Sentimentalität seiner Zuhörer zu erregen +und durch Witze oder Witzeleien meist persönlicher Art das trockene +Geschäft der Rechtspflege zu erheitern; seine besseren Reden, +wenngleich auch sie die freie Anmut und den sicheren Treff der +vorzüglichsten Kompositionen dieser Art, zum Beispiel der Memoiren von +Beaumarchais, bei weitem nicht erreichen, sind doch eine leichte und +angenehme Lektüre. Werden aber schon die eben bezeichneten Vorzüge dem +ernsten Richter als Vorzüge sehr zweifelhaften Wertes erscheinen, so +muß der absolute Mangel politischen Sinnes in den staatsrechtlichen, +juristischer Deduktion in den Gerichtsreden, der pflichtvergessene, die +Sache stets über dem Anwalt aus den Augen verlierende Egoismus, die +gräßliche Gedankenöde jeden Leser der Ciceronischen Reden von Herz und +Verstand empören. Wenn hier etwas wunderbar ist, so sind es wahrlich +nicht die Reden, sondern die Bewunderung, die dieselben fanden. Mit +Cicero wird jeder Unbefangene bald im reinen sein; der Ciceronianismus +ist ein Problem, das in der Tat nicht eigentlich aufgelöst, sondern nur +aufgehoben werden kann in dem größeren Geheimnis der Menschennatur: der +Sprache und der Wirkung der Sprache auf das Gemüt. Indem die edle +lateinische Sprache, eben bevor sie als Volksidiom unterging, von jenem +gewandten Stilisten noch einmal gleichsam zusammengefaßt und in seinen +weitläufigen Schriften niedergelegt ward, ging auf das unwürdige Gefäß +etwas über von der Gewalt, die die Sprache ausübt, und von der Pietät, +die sie erweckt. Man besaß einen großen lateinischen Prosaiker; denn +Caesar war, wie Napoleon, nur beiläufig Schriftsteller. War es zu +verwundern, daß man in Ermangelung eines solchen wenigstens den Genius +der Sprache ehrte in dem großen Stilisten? und daß, wie Cicero selbst, +so auch Ciceros Leser sich gewöhnten zu fragen, nicht was, sondern wie +er geschrieben? Gewohnheit und Schulmeisterei vollendeten dann, was die +Macht der Sprache begonnen hatte. Ciceros Zeitgenossen übrigens waren +begreiflicherweise in dieser seltsamen Abgötterei weit weniger befangen +als viele der Späteren. Die Ciceronische Manier beherrschte wohl ein +Menschenalter hindurch die römische Advokatenwelt, so gut wie die noch +weit schlechtere des Hortensius es getan; allein die bedeutendsten +Männer, zum Beispiel Caesar, hielten doch stets derselben sich fern, +und unter der jüngeren Generation regte bei allen frischen und +lebendigen Talenten sich die entschiedenste Opposition gegen jene +zwitterhafte und schwächliche Redekunst. Man vermißte in Ciceros +Sprache Knappheit und Strenge, in den Späßen das Leben, in der +Anordnung Klarheit und Gliederung, vor allen Dingen aber in der ganzen +Beredsamkeit das Feuer, das den Redner macht. Statt der rhodischen +Eklektiker fing man an, auf die echten Attiker, namentlich auf Lysias +und Demosthenes zurückzugehen und suchte eine kräftigere und +männlichere Beredsamkeit in Rom einzubürgern. Dieser Richtung gehörten +an der feierliche, aber steife Marcus Iunius Brutus (669-712 85-42), +die beiden politischen Parteigänger Marcus Caelius Rufus (672-706 +82-48) und Gaius Scribonius Curio († 705 49), beide als Redner voll +Geist und Leben, der auch als Dichter bekannte Calvus (672-706 82-48), +die literarische Koryphäe dieses jüngeren Rednerkreises, und der ernste +und gewissenhafte Gaius Asinius Pollio (678-757 76-4 n. Chr.). +Unleugbar war in dieser jüngeren Redeliteratur mehr Geschmack und mehr +Geist als in der Hortensischen und Ciceronischen zusammengenommen; +indes vermögen wir nicht zu ermessen, wie weit unter den Stürmen der +Revolution, die diesen ganzen reichbegabten Kreis mit einziger Ausnahme +des Pollio rasch wegrafften, die besseren Keime noch zur Entwicklung +gelangten. Die Zeit war ihnen allzu kurz gemessen. Die neue Monarchie +begann damit, der Redefreiheit den Krieg zu machen und unterdrückte die +politische Rede bald ganz. Seitdem ward wohl noch die untergeordnete +Gattung des reinen Advokatenplädoyers in der Literatur festgehalten; +aber die höhere Redekunst und Redeliteratur, die durchaus ruht auf dem +politischen Treiben, ging mit diesem selbst notwendig und für immer zu +Grabe. + +Endlich entwickelt sich in der ästhetischen Literatur dieser Zeit die +künstlerische Behandlung fachwissenschaftlicher Stoffe in der Form des +stilisierten Dialogs, wie sie bei den Griechen sehr verbreitet und +vereinzelt auch bereits früher bei den Römern vorgekommen war. +Namentlich Cicero versuchte sich vielfach in der Darstellung +rhetorischer und philosophischer Stoffe in dieser Form und in der +Verschmelzung des Lehrbuchs mit dem Lesebuche. Seine Hauptschriften +sind die ‘Vom Redner’ (geschrieben 699 55), wozu die Geschichte der +römischen Beredsamkeit (der Dialog ‘Brutus’, geschrieben 708 46) und +andere kleinere rhetorische Aufsätze ergänzend hinzutreten, und die +Schrift ‘Vom Staat’ (geschrieben 700 54), womit die Schrift ‘Von den +Gesetzen’ (geschrieben 702? 52) nach Platonischem Muster in Verbindung +gesetzt ist. Es sind keine große Kunstwerke, aber unzweifelhaft +diejenigen Arbeiten, in denen die Vorzüge des Verfassers am meisten und +seine Mängel am wenigsten hervortreten. Die rhetorischen Schriften +erreichen bei weitem nicht die lehrhafte Strenge und begriffliche +Schärfe der dem Herennius gewidmeten Rhetorik, aber enthalten dafür +einen Schatz von praktischer Sachwaltererfahrung und +Sachwalteranekdoten aller Art in leichter und geschmackvoller +Darstellung und lösen in der Tat das Problem einer amüsanten +Lehrschrift. Die Schrift vom Staat führt in einem wunderlichen, +geschichtlich-philosophischen Zwittergebilde den Grundgedanken durch, +daß die bestehende Verfassung Roms wesentlich die von den Philosophen +gesuchte ideale Staatsordnung sei; eine freilich eben so +unphilosophische wie unhistorische, übrigens auch nicht einmal dem +Verfasser eigentümliche Idee, die aber begreiflicherweise populär ward +und blieb. Das wissenschaftliche Grundwerk dieser rhetorischen und +politischen Schriften Ciceros gehört natürlich durchaus den Griechen +und auch vieles einzelne, zum Beispiel der große Schlußeffekt in der +Schrift vom Staate, der Traum des Scipio, ist geradezu ihnen abgeborgt; +doch kommt denselben insofern eine relative Originalität zu, als die +Bearbeitung durchaus römische Lokalfarbe zeigt und das staatliche +Selbstgefühl, zu dem der Römer den Griechen gegenüber allerdings +berechtigt war, den Verfasser sogar mit einer gewissen Selbständigkeit +seinen griechischen Lehrmeistern entgegentreten ließ. Auch die +Gesprächsform Ciceros ist zwar weder die echte Fragedialektik der +besten griechischen Kunstdialoge noch der echte Konversationston +Diderots oder Lessings; aber die großen Gruppen der um Crassus und +Antonius sich versammelnden Advokaten und der älteren und jüngeren +Staatsmänner des Scipionischen Zirkels geben doch einen lebendigen und +bedeutenden Rahmen, passende Anknüpfungen für geschichtliche +Beziehungen und Anekdoten und geschickte Ruhepunkte für die +wissenschaftliche Erörterung. Der Stil ist ebenso durchgearbeitet und +gefeilt wie in den bestgeschriebenen Reden und insofern erfreulicher +als diese, als der Verfasser hier nicht oft einen vergeblichen Anlauf +zum Pathos nimmt. Wenn diese philosophisch gefärbten rhetorischen und +politischen Schriften Ciceros nicht ohne Verdienst sind, so fiel +dagegen der Kompilator vollständig durch, als er in der unfreiwilligen +Muße seiner letzten Lebensjahre (709, 710 45, 44) sich an die +eigentliche Philosophie machte und mit ebenso großer Verdrießlichkeit +wie Eilfertigkeit in ein paar Monaten eine philosophische Bibliothek +zusammenschrieb. Das Rezept war sehr einfach. In roher Nachahmung der +populären aristotelischen Schriften, in welchen die dialogische Form +hauptsächlich zur Entwicklung und Kritisierung der verschiedenen +älteren Systeme benutzt war, nähte Cicero die das gleiche Problem +behandelnden epikureischen, stoischen und synkretistischen Schriften, +wie sie ihm in die Hand kamen oder gegeben wurden, zu einem sogenannten +Dialog aneinander, ohne von sich mehr dazu zu tun als teils irgendeine, +aus der reichen Sammlung von Vorreden für künftige Werke, die er liegen +hatte, dem neuen Buche vorgeschobene Einleitung, teils eine gewisse +Popularisierung, indem er römische Beispiele und Beziehungen einflocht, +auch wohl auf ungehörige, aber dem Schreiber wie dem Leser geläufigere +Gegenstände, in der Ethik zum Beispiel auf den rednerischen Anstand, +abschweifte, teils diejenige Verhunzung, ohne welche ein weder zum +philosophischen Denken noch auch nur zum philosophischen Wissen +gelangter, schnell und dreist arbeitender Literat dialektische +Gedankenreihen nicht reproduziert. Auf diesem Wege konnten denn +freilich sehr schnell eine Menge dicker Bücher entstehen - “es sind +Abschriften”, schrieb der Verfasser selbst einem über seine +Fruchtbarkeit verwunderten Freunde; “sie machen mir wenig Mühe, denn +ich gebe nur die Worte dazu und die habe ich in Überfluß”. Dagegen war +denn weiter nichts zu sagen; wer aber in solchen Schreibereien +klassische Produktionen sucht, dem kann man nur raten sich in +literarischen Dingen eines schönen Stillschweigens zu befleißigen. + +Unter den Wissenschaften herrschte reges Leben nur in einer einzigen: +es war dies die lateinische Philologie. Das von Stilo angelegte Gebäude +sprachlicher und sachlicher Forschung innerhalb des latinischen +Volksbereichs wurde vor allem von seinem Schüler Varro in der +großartigsten Weise ausgebaut. Es erschienen umfassende +Durcharbeitungen des gesamten Sprachschatzes, namentlich Figulus’ +weitschichtige grammatische Kommentarien und Varros großes Werk ‘Von +der lateinischen Sprache’; grammatische und sprachgeschichtliche +Monographien, wie Varros Schriften vom lateinischen Sprachgebrauch, +über die Synonymen, über das Alter der Buchstaben, über die Entstehung +der lateinischen Sprache; Scholien zu der älteren Literatur, besonders +zum Plautus; literargeschichtliche Arbeiten, Dichterbiographien, +Untersuchungen über die ältere Schaubühne, über die szenische Teilung +der Plautinischen Komödien und über die Echtheit derselben. Die +lateinische Realphilologie, welche die gesamte ältere Geschichte und +das aus der praktischen Jurisprudenz ausfallende Sakralrecht in ihren +Kreis zog, wurde zusammengefaßt in Varros fundamentalen und für alle +Zeiten fundamental gebliebenen ‘Altertümern der menschlichen und der +göttlichen Dinge’ (bekanntgemacht zwischen 687 und 709 67 und 45). Die +erste Hälfte ‘Von den menschlichen Dingen’ schilderte die Urzeit Roms, +die Stadt- und Landeinteilung, die Wissenschaft von den Jahren, Monaten +und Tagen, endlich die öffentlichen Handlungen daheim und im Kriege; in +der zweiten Hälfte ‘Von den göttlichen Dingen’ wurde die +Staatstheologie, das Wesen und die Bedeutung der +Sachverständigenkollegien, der heiligen Stätten, der religiösen Feste, +der Opfer- und Weihgeschenke, endlich der Götter selbst übersichtlich +entwickelt. Dazu kam außer einer Anzahl von Monographien - zum Beispiel +über die Herkunft des römischen Volkes, über die aus Troia stammenden +römischen Geschlechter, über die Distrikte - als ein größerer und +selbständigerer Nachtrag die Schrift ‘Vom Leben des römischen Volkes’; +ein merkwürdiger Versuch einer römischen Sittengeschichte, die ein Bild +des häuslichen finanziellen und Kulturzustandes in der Königs-, der +ersten republikanischen, der hannibalischen und der jüngsten Zeit +entwarf. Diese Arbeiten Varros ruhen auf einer so vielseitigen und in +ihrer Art so großartigen empirischen Kenntnis der römischen Welt und +ihres hellenischen Grenzgebiets, wie sie nie weder vor- noch nachher +ein anderer Römer besessen hat und zu der die lebendige Anschauung der +Dinge und das Studium der Literatur gleichmäßig beigetragen haben; das +Lob der Zeitgenossen war wohlverdient, daß Varro seine in ihrer eigenen +Welt fremden Landsleute in der Heimat orientiert und die Römer kennen +gelehrt habe, wer und wo sie seien. Kritik aber und System wird man +vergebens suchen. Die griechische Kunde scheint aus ziemlich trüben +Quellen geflossen und es finden sich Spuren, daß auch in der römischen +der Schreiber von dem Einfluß des historischen Romans seiner Zeit nicht +frei war. Der Stoff ist wohl in ein bequemes und symmetrisches Fachwerk +eingereiht, aber methodisch weder gegliedert noch behandelt und bei +allem Bestreben, Überlieferung und eigene Beobachtung harmonisch zu +verarbeiten, sind doch Varros wissenschaftliche Arbeiten weder von +einem gewissen Köhlerglauben gegenüber der Tradition noch von +unpraktischer Scholastik freizusprechen ^19. Die Anlehnung an die +griechische Philologie besteht mehr im Nachahmen der Mängel als der +Vorzüge derselben, wie denn vor allem das Etymologisieren auf bloßen +Anklang hin sowohl bei Varro selbst wie bei den sonstigen +Sprachgelehrten dieser Zeit sich in die reine Scharade und oft geradezu +ins Alberne verläuft ^20. In ihrer empirischen Sicherheit und Fülle wie +auch in ihrer empirischen Unzulänglichkeit und Unmethode erinnert die +Varronische lebhaft an die englische Nationalphilologie und findet auch +ebenwie diese ihren Mittelpunkt in dem Studium der älteren Schaubühne. +Daß die monarchische Literatur im Gegensatz gegen diese sprachliche +Empirie die Sprachregel entwickelte, ward bereits bemerkt. Es ist in +hohem Grade bedeutsam, daß an der Spitze der modernen Grammatiker kein +geringerer Mann steht als Caesar selbst, der in seiner Schrift über die +Analogie (bekanntgemacht zwischen 696 und 704 68 und 50) es zuerst +unternahm die freie Sprache unter die Gewalt des Gesetzes zu zwingen. + +———————————————————————————— + +^19 Ein merkwürdiges Exempel ist in der Schrift von der Landwirtschaft +die allgemeine Auseinandersetzung über das Vieh (2, 1), mit den neunmal +neun Unterabteilungen der Viehzuchtlehre, mit der “unglaublichen” aber +“wahren” Tatsache, daß die Stuten bei Olisipo (Lissabon) vom Winde +befruchtet werden, überhaupt mit ihrem sonderbaren Gemenge +philosophischer, historischer und landwirtschaftlicher Notizen. + +^20 So leitet Varro facere her von facies, weil wer etwas macht, der +Sache ein Ansehn gibt, volpes, den Fuchs, nach Stilo von volare pedibus +als den Fliegefuß; Gaius Trebatius, ein philosophischer Jurist dieser +Zeit, sacellum von sacra cella; Figulus frater von fere alter und so +weiter. Dies Treiben, das nicht etwa vereinzelt, sondern als +Hauptelement der philologischen Literatur dieser Zeit erscheint hat die +größte Ähnlichkeit mit der Weise, wie man bis vor kurzem +Sprachvergleichung trieb, ehe die Einsicht in den Sprachenorganismus +hier den Empirikern das Handwerk legte. + +———————————————————————————— + +Neben dieser ungemeinen Regsamkeit auf dem Gebiet der Philologie fällt +die geringe Tätigkeit in den übrigen Wissenschaften auf. Was von Belang +in der Philosophie erschien, wie Lucretius’ Darstellung des +epikureischen Systems in dem poetischen Kinderkleide der +vorsokratischen Philosophie und die besseren Schriften Ciceros, tat +seine Wirkung und fand sein Publikum nicht durch, sondern trotz des +philosophischen Inhalts einzig durch die ästhetische Form; die +zahlreichen Übersetzungen epikureischer Schriften und die +pythagoreischen Arbeiten, wie Varros großes Werk über die Elemente der +Zahlen und das noch ausführlichere des Figulus von den Göttern, hatten +ohne Zweifel weder wissenschaftlichen noch formellen Wert. + +Auch in den Fachwissenschaften ist es schwach bestellt. Varros +dialogisch geschriebene Bücher vom Landbau sind freilich methodischer +als die seiner Vorgänger Cato und Saserna, auf die denn auch mancher +tadelnde Seitenblick fällt, dafür aber im ganzen mehr aus der +Schreibstube hervorgegangen als, wie jene älteren Werke, aus der +lebendigen Erfahrung. Von desselben sowie des Servius Sulpicius Rufus +(Konsul 703 51) juristischen Arbeiten ist kaum etwas weiter zu sagen, +als daß sie zu dem dialektischen und philologischen Aufputz der +römischen Jurisprudenz beigetragen haben. Weiter aber ist hier nichts +zu nennen als etwa noch des Gaius Matius drei Bücher über Kochen, +Einsalzen und Einmachen, unseres Wissens das älteste römische Kochbuch +und als das Werk eines vornehmen Mannes allerdings eine bemerkenswerte +Erscheinung. Daß Mathematik und Physik durch die gesteigerten +hellenistischen und utilitarischen Tendenzen der Monarchie gefördert +wurden, zeigt sich wohl in der steigenden Bedeutung derselben im +Jugendunterricht und in einzelnen praktischen Anwendungen, wohin, außer +der Reform des Kalenders, etwa noch gezählt werden können das Aufkommen +der Wandkarten in dieser Zeit; die verbesserte Technik des Schiffsbaus +und der musikalischen Instrumente; Anlagen und Bauten wie das von Varro +angegebene Vogelhaus, die von Caesars Ingenieuren ausgeführte +Pfahlbrücke über den Rhein, sogar zwei halbkreisförmige, zum +Zusammenschieben eingerichtete, zuerst gesondert als zwei Theater, dann +zusammen als Amphitheater benutzte Brettergerüste. Ausländische +Naturmerkwürdigkeiten bei den Volksfesten öffentlich zur Schau zu +stellen war nicht ungewöhnlich; und die Schilderungen merkwürdiger +Tiere, die Caesar in seine Feldzugsberichte eingelegt hat, beweisen, +daß ein Aristoteles, wenn er aufgetreten wäre, seinen Fürsten wiederum +gefunden haben würde. Was aber von literarischen Leistungen auf diesem +Gebiet erwähnt wird, hängt wesentlich an den Neupythagoreismus sich an; +so des Figulus Zusammenstellung griechischer und barbarischer, d. h. +ägyptischer Himmelsbeobachtungen und desselben Schriften von den +Tieren, den Winden, den Geschlechtsteilen. Nachdem überhaupt die +griechische Naturforschung von dem Aristotelischen Streben, im +einzelnen das Gesetz zu finden, mehr und mehr zu der empirischen und +meistens unkritischen Beobachtung des Äußerlichen und Auffallenden in +der Natur abgeirrt war, konnte die Naturwissenschaft, indem sie als +mystische Naturphilosophie auftrat, statt aufzuklären und anzuregen, +nur noch mehr verdummen und lähmen; und solchem Treiben gegenüber ließ +man es besser noch bei der Plattheit bewenden, welche Cicero als +sokratische Weisheit vorträgt, daß die Naturforschung entweder nach +Dingen sucht, die niemand wissen könne, oder nach solchen, die niemand +zu wissen brauche. + +Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die Kunst, so zeigen auch +hier sich dieselben unerfreulichen Erscheinungen, die das ganze +geistige Leben dieser Periode erfüllen. Das Staatsbauwesen stockte in +der Geldklemme der letzten Zeit der Republik so gut wie ganz. Von dem +Bauluxus der Vornehmen Roms war bereits die Rede; die Architekten +lernten infolgedessen den Marmor verschwenden - die farbigen Sorten wie +der gelbe numidische (Giallo antico) und andere kamen in dieser Zeit in +Aufnahme und auch die lunensischen (carrarischen) Marmorbrüche wurden +jetzt zuerst benutzt - und fingen an, die Fußböden der Zimmer mit +Mosaik auszulegen, die Wände mit Marmorplatten zu täfeln oder auch den +Stuck marmorartig zu bemalen - die ersten Anfänge der späteren +Zimmerwandmalerei. Die Kunst aber gewann nicht bei dieser +verschwenderischen Pracht. + +In den bildenden Künsten waren Kennerschaft und Sammelei in weiterem +Zunehmen. Es war eine bloße Affektation catonischer Simplizität, wenn +ein Advokat vor den Geschworenen von den Kunstwerken “eines gewissen +Praxiteles” sprach; alles reiste und schaute und das Handwerk der +Kunstciceronen oder, wie sie damals hießen, der Exegeten, war keines +von den schlechtesten. Auf alte Kunstwerke wurde förmlich Jagd gemacht +- weniger freilich noch auf Statuen und Gemälde, als nach der rohen Art +römischer Prachtwirtschaft auf kunstvolles Gerät und Zimmer- und +Tafeldekoration aller Art. Schon zu jener Zeit wühlte man die alten +griechischen Gräber von Capua und Korinth um wegen der Erz- und +Tongefäße, die den Toten waren mit ins Grab gegeben worden. Für eine +kleine Nippfigur von Bronze wurden 40000 (3000 Taler), für ein paar +kostbare Teppiche 200000 Sesterzen (15000 Taler) bezahlt; eine +gutgearbeitete kupferne Kochmaschine kam höher zu stehen als ein +Landgut. Wie billig ward bei dieser barbarischen Kunstjagd der reiche +Liebhaber von seinen Zuträgern häufig geprellt: aber der ökonomische +Ruin namentlich des an Kunstwerken überreichen Kleinasiens brachte auch +manches wirklich alte und seltene Prachtstück und Kunststück auf den +Markt und von Athen, Syrakus, Kyzikos, Pergamon, Chios, Samos und wie +die alten Kunststätten weiter hießen, wanderte alles, was feil war und +gar manches, was es nicht war, in die Paläste und Villen der römischen +Großen. Welche Kunstschätze zum Beispiel das Haus des Lucullus barg, +der freilich wohl nicht mit Unrecht beschuldigt wurde, sein +artistisches Interesse auf Kosten seiner Feldherrnpflichten befriedigt +zu haben, ward bereits erwähnt. Die Kunstliebhaber drängten sich +daselbst wie heutzutage in Villa Borghese und beklagten auch damals +schon sich über die Verbannung der Kunstschätze auf die Paläste und +Landhäuser der vornehmen Herren, wo sie schwierig und nur nach +besonders von dem Besitzer eingeholter Erlaubnis gesehen werden +konnten. Die öffentlichen Gebäude dagegen füllten sich keineswegs im +Verhältnis mit berühmten Werken griechischer Meister, und vielfach +standen noch in den Tempeln der Hauptstadt nichts als die alten +holzgeschnitzten Götterbilder. Von Ausübung der Kunst ist so gut wie +gar nichts zu berichten; kaum wird aus dieser Zeit ein anderer +römischer Bildhauer oder Maler mit Namen genannt als ein gewisser +Arellius, dessen Bilder reißend abgingen, nicht ihres künstlerischen +Wertes wegen, sondern weil der arge Roué in den Bildern der Göttinnen +getreue Konterfeie seiner jedesmaligen Mätressen lieferte. + +Die Bedeutung von Musik und Tanz stieg im öffentlichen wie im +häuslichen Leben. Wie die Theatermusik und das Tanzstück in der +Bühnenentwicklung dieser Zeit zu selbständigerer Geltung gelangte, +wurde bereits dargestellt; es kann noch hinzugefügt werden, daß jetzt +in Rom selbst auf der öffentlichen Bühne schon sehr häufig von +griechischen Musikern, Tänzern und Deklamatoren Vorstellungen gegeben +wurden, wie sie in Kleinasien und überhaupt in der ganzen hellenischen +und hellenisierenden Welt üblich waren ^21. Dazu kamen denn die +Musikanten und Tänzerinnen, die bei Tafel und sonst auf Bestellung ihre +Künste produzierten, und die in vornehmen Häusern nicht mehr seltenen +eigenen Kapellen von Saiten- und Blasinstrumenten und Sängern. Daß aber +auch die vornehme Welt selbst fleißig spielte und sang, beweist schon +die Aufnahme der Musik in den Kreis der allgemein anerkannten +Unterrichtsgegenstände; und was das Tanzen anlangt, so wurde, um von +den Frauen zu schweigen, selbst Konsularen es vorgehalten, daß sie im +kleinen Zirkel sich mit Tanzvorstellungen produzierten. + +—————————————————————- + +^21 Dergleichen “griechische Spiele” waren nicht bloß in den +griechischen Städten Italiens, namentlich in Neapel (Cic. Arch. 5, 10; +Plut. Brut. 21), sondern jetzt schon auch in Rom sehr häufig (Cic. ad. +fam. 7, 1, 3; Att. 16, 5, 1; Suet. Caes. 39; Plut. Brut. 21). Wenn die +bekannte Grabschrift der vierzehnjährigen Licinia Eucharis, die +wahrscheinlich dem Ende dieser Epoche angehört, dieses +“wohlunterrichtete und in allen Künsten von den Musen selbst +unterwiesene Mädchen”, in den Privatvorstellungen der vornehmen Häuser +als Tänzerin glänzen und öffentlich zuerst auf der griechischen +Schaubühne auftreten läßt (modo nobilium ludos decoravi choro, Et +Graeca in scaena prima populo apparui), so kann dies wohl nur heißen, +daß sie das erste Mädchen war, das auf der öffentlichen griechischen +Schaubühne in Rom erschien, wie denn überhaupt erst in dieser Epoche +die Frauenzimmer in Rom anfingen, öffentlich aufzutreten. + +Diese “griechischen Spielen in Rom scheinen nicht eigentlich szenische +gewesen zu sein, sondern vielmehr zu der Gattung der zusammengesetzten, +zunächst musikalisch-deklamatorischen Aufführungen gehört zu haben, wie +sie auch in Griechenland in späterer Zeit nicht selten vorkamen (F. G. +Welcker, Die griechischen Tragödien. Bonn 1839-41, S. 1277). Dahin +führt das Hervortreten des Flötenspiels bei Polybios (30, 13) des +Tanzes in dem Berichte Suetons über die bei Caesars Spielen +aufgeführten kleinasiatischen Waffentänze und in der Grabschrift der +Eucharis; auch die Beschreibung des Kitharöden Her. Rhet. 4, 47, 60 +(vgl. Vitr. 5, 7) wird solchen “griechischen Spielen” entnommen sein. +Bezeichnend ist noch die Verbindung dieser Vorstellungen in Rom mit +griechischen Athletenkämpfen (Polyb. a. a. O.; Liv. 39, 22). +Dramatische Rezitationen waren von diesen Mischspielen keineswegs +ausgeschlossen, wie denn unter den Spielern, die Lucius Anicius 587 +(167) in Rom auftreten ließ, ausdrücklich Tragödien miterwähnt werden; +aber es wurden doch dabei nicht eigentlich Schauspiele aufgeführt, +sondern vielmehr von einzelnen Künstlern entweder ganze Dramen oder +wohl noch häufiger Stücke daraus deklamierend oder singend zur Flöte +vorgetragen. Das wird denn auch in Rom vorgekommen sein; aber allem +Anschein nach war für das römische Publikum die Hauptsache bei diesen +griechischen Spielen Musik und Tanz, und die Texte mögen für sie wenig +mehr bedeutet haben als heutzutage die der italienischen Oper für die +Londoner und Pariser. Jene zusammengesetzten Spiele mit ihrem wüsten +Potpourri eigneten sich auch weit besser für das römische Publikum und +namentlich für die Aufführungen in Privathäusern als eigentlich +szenische Aufführungen in griechischer Sprache; daß auch die letzteren +in Rom vorgekommen sind, läßt sich nicht widerlegen, aber auch nicht +beweisen. + +—————————————————————- + +Indes gegen das Ende dieser Periode zeigen mit der beginnenden +Monarchie sich auch in der Kunst die Anfänge einer besseren Zeit. +Welchen gewaltigen Aufschwung das hauptstädtische Bauwesen durch Caesar +nahm und das Reichsbauwesen nehmen sollte, ist früher erzählt worden. +Sogar im Stempelschnitt der Münzen erscheint um das Jahr 700 (54) eine +bemerkenswerte Änderung: das bis dahin größtenteils rohe und +nachlässige Gepräge wird seitdem feiner und sorgsamer behandelt. + +Wir stehen am Ende der römischen Republik. Wir sahen sie ein halbes +Jahrtausend in Italien und in den Landschaften am Mittelmeer schalten; +wir sahen sie nicht durch äußere Gewalt, sondern durch inneren Verfall +politisch und sittlich, religiös und literarisch zugrunde gehen und der +neuen Monarchie Caesars Platz machen. Es war in der Welt, wie Caesar +sie vorfand, viel edle Erbschaft vergangener Jahrhunderte und eine +unendliche Fülle von Pracht und Herrlichkeit, aber wenig Geist, noch +weniger Geschmack und am wenigsten Freude im und am Leben. Wohl war es +eine alte Welt; und auch Caesars genialer Patriotismus vermochte nicht, +sie wieder jung zu machen. Die Morgenröte kehrt nicht wieder, bevor die +Nacht völlig hereingebrochen ist. Aber doch kam mit ihm den +vielgeplagten Völkern am Mittelmeer nach schwülem Mittag ein leidlicher +Abend; und als sodann nach langer geschichtlicher Nacht der neue +Völkertag abermals anbrach und frische Nationen in freier +Selbstbewegung nach neuen und höheren Zielen den Lauf begannen, da +fanden sich manche darunter, in denen der von Caesar ausgestreute Same +aufgegangen war und die ihm ihre nationale Individualität verdankten +und verdanken. + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + +***** This file should be named 3064-0.txt or 3064-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/0/6/3064/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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