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+The Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Römische Geschichte Book 5
+
+Author: Theodor Mommsen
+
+Release Date: February, 2002 [Etext #3064]
+[Most recently updated: January 15, 2020]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
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+
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+
+Römische Geschichte
+
+Fünftes Buch
+Die Begründung der Militärmonarchie
+
+von Theodor Mommsen
+
+The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some
+(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a
+modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek
+words, nor is there any differentiation between the different accents of
+ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.
+
+Contents
+
+ Fünftes Buch—Die Begründung der Militärmonarchie
+ KAPITEL I. Marcus Lepidus und Quintus Sertorius
+ KAPITEL II. Die Sullanische Restaurationsherrschaft
+ KAPITEL III. Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius
+ KAPITEL IV. Pompeius und der Oste
+ KAPITEL V. Der Parteienkampf während Pompeius’ Abwesenheit
+ KAPITEL VI. Pompeius’ Rücktritt und die Koalition der Prätendenten
+ KAPITEL VII. Die Unterwerfung des Westens
+ KAPITEL VIII. Pompeius’ und Caesars Gesamtherrschaft
+ KAPITEL IX. Crassus’ Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher.
+ KAPITEL X. Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus
+ KAPITEL XI. Die alte Republik und die neue Monarchie
+ KAPITEL XII. Religion, Bildung, Literatur und Kunst
+
+
+
+
+Fünftes Buch
+Die Begründung der Militärmonarchie
+
+
+Wie er sich sieht so um und um,
+Kehrt es ihm fast den Kopf herum,
+Wie er wollt’ Worte zu allem finden?
+Wie er möcht’ so viel Schwall verbinden
+Wie er möcht’ immer mutig bleiben
+So fort und weiter fort zu schreiben?
+
+Goethe
+
+
+
+
+KAPITEL I.
+Marcus Lepidus und Quintus Sertorius
+
+
+Als Sulla im Jahre 676 (78) starb, beherrschte die von ihm restaurierte
+Oligarchie unbeschränkt den römischen Staat; allein wie sie durch
+Gewalt gegründet war, bedurfte sie auch ferner der Gewalt, um sich
+gegen ihre zahlreichen heimlichen und offenen Gegner zu behaupten. Was
+ihr entgegenstand, war nicht etwa eine einfache Partei mit klar
+ausgesprochenen Zwecken und unter bestimmt anerkannten Führern, sondern
+eine Masse der mannigfaltigsten Elemente, die wohl im allgemeinen unter
+dem Namen der Popularpartei sich zusammenfaßten, aber doch in der Tat
+aus den verschiedenartigsten Gründen und in der verschiedenartigsten
+Absicht gegen die Sullanische Ordnung des Gemeinwesens Opposition
+machten. Da waren die Männer des positiven Rechts, die Politik weder
+machten noch verstanden, denen aber Sullas willkürliches Schalten mit
+dem Leben und Eigentum der Bürger ein Greuel war. Noch bei Lebzeiten
+Sullas, während jede andere Opposition schwieg, lehnten die strengen
+Juristen gegen den Regenten sich auf: es wurden zum Beispiel die
+Cornelischen Gesetze, welche verschiedenen italischen Bürgerschaften
+das römische Bürgerrecht aberkannten, in gerichtlichen Entscheidungen
+als nichtig behandelt, ebenso das Bürgerrecht von den Gerichten
+erachtet als nicht aufgehoben durch die Kriegsgefangenschaft und den
+Verkauf in die Sklaverei während der Revolution. Da waren ferner die
+Überreste der alten liberalen Senatsminorität, welche in früheren
+Zeiten auf eine Transaktion mit der Reformpartei und mit den Italikern
+hingearbeitet hatte und jetzt in ähnlicher Weise geneigt war, die starr
+oligarchische Verfassung Sullas durch Zugeständnisse an die Popularen
+zu mildern. Da waren ferner die eigentlichen Popularen, die ehrlich
+gläubigen bornierten Radikalen, die für die Schlagwörter des
+Parteiprogramms Vermögen und Leben einsetzten, um nach dem Siege mit
+schmerzlichem Erstaunen zu erkennen, daß sie nicht für eine Sache,
+sondern für eine Phrase gefochten hatten. Ihnen galt es vornehmlich um
+die Wiederherstellung der von Sulla zwar nicht aufgehobenen, aber doch
+ihrer wesentlichsten Befugnisse entkleideten tribunizischen Gewalt,
+welche nur mit um so geheimnisvollerem Zauber auf die Menge wirkte,
+weil das Institut ohne handgreiflichen praktischen Nutzen und in der
+Tat ein leeres Gespenst war - hat doch der Name des Volkstribuns noch
+über ein Jahrtausend später Rom revolutioniert. Da waren vor allem die
+zahlreichen und wichtigen Klassen, die die Sullanische Restauration
+unbefriedigt gelassen oder geradezu in ihren politischen oder
+Privatinteressen verletzt hatte. Aus solchen Ursachen gehörte der
+Opposition an die dichte und wohlhabende Bevölkerung der Landschaft
+zwischen dem Po und den Alpen, die natürlich die Gewährung des
+launischen Rechts im Jahre 665 (89) nur als eine Abschlagszahlung auf
+das volle römische Bürgerrecht betrachtete und der Agitation einen
+willfährigen Boden gewährte. Desgleichen die ebenfalls durch Anzahl und
+Reichtum einflußreichen und durch ihre Zusammendrängung in der
+Hauptstadt noch besonders gefährlichen Freigelassenen, die es nicht
+verschmerzen konnten, durch die Restauration wieder auf ihr früheres,
+praktisch nichtiges Stimmrecht zurückgeführt worden zu sein.
+Desgleichen ferner die hohe Finanz, die zwar vorsichtig sich still
+verhielt, aber ihren zähen Groll und ihre nicht minder zähe Macht nach
+wie vor sich bewahrte. Ebenso mißvergnügt war die hauptstädtische
+Menge, die die wahre Freiheit im freien Brotkorn erkannte. Noch tiefere
+Erbitterung gärte in den von den Sullanischen Konfiskationen
+betroffenen Bürgerschaften, mochten sie nun, wie zum Beispiel die
+Pompeianer, in ihrem durch die Sullanischen Kolonisten geschmälerten
+Eigentum innerhalb desselben Stadtgebiets mit diesen zusammen und mit
+ihnen in ewigem Hader leben oder, wie die Arretiner und Volaterraner,
+zwar noch im tatsächlichen Besitz ihrer Mark, aber unter dem
+Damoklesschwert der vom römischen Volke über sie verhängten
+Konfiskation sich befinden oder endlich, wie dies besonders in Etrurien
+der Fall war, als Bettler in ihren ehemaligen Wohnsitzen oder als
+Räuber in den Wäldern verkommen. Es war endlich in Gärung der ganze
+Familien- und Freigelassenenanhang derjenigen demokratischen Häupter,
+die infolge der Restauration das Leben verloren hatten oder in allem
+Elend des Emigrantenrums teils an den mauretanischen Küsten
+umherirrten, teils am Hofe und im Heere Mithradats verweilten; denn
+nach der von strenger Familiengeschlossenheit beherrschten politischen
+Gesinnung dieser Zeit galt es den Zurückgebliebenen als Ehrensache ^1,
+für die flüchtigen Angehörigen die Rückkehr in die Heimat, für die
+toten wenigstens Aufhebung der auf ihrem Andenken und auf ihren Kindern
+haftenden Makel und Rückgabe des väterlichen Vermögens auszuwirken. Vor
+allem die eigenen Kinder der Geächteten, die der Regent von Rechts
+wegen zu politischen Parias herabgesetzt hatte, hatten damit gleichsam
+von dem Gesetze selbst die Aufforderung empfangen, gegen die bestehende
+Ordnung sich zu empören.
+
+———————————————————————
+
+^1 Ein bezeichnender Zug ist es, daß ein angesehener Literaturlehrer,
+der Freigelassene Staberius Eros, die Kinder der Geächteten
+unentgeltlich an seinem Kursus teilnehmen ließ.
+
+———————————————————————-
+
+Zu allen diesen oppositionellen Fraktionen kam weiter hinzu die ganze
+Masse der ruinierten Leute. All das vornehme und geringe Gesindel, dem
+im eleganten oder im banausischen Schlemmen Habe und Haltung darauf
+gegangen war; die adligen Herren, an denen nichts mehr vornehm war als
+ihre Schulden; die Sullanischen Lanzknechte, die der Machtspruch des
+Regenten wohl in Gutsbesitzer, aber nicht in Ackerbauer hatte
+umschaffen können, und die nach der verpraßten ersten Erbschaft der
+Geächteten sich sehnten, eine zweite ähnliche zu tun - sie alle
+warteten nur auf die Entfaltung der Fahne, die zum Kampfe gegen die
+bestehenden Verhältnisse einlud, mochte sonst was immer darauf
+geschrieben sein. Mit gleicher Notwendigkeit schlossen alle
+aufstrebenden und der Popularität bedürftigen Talente der Opposition
+sich an, sowohl diejenigen, denen der streng geschlossene
+Optimatenkreis die Aufnahme oder doch das rasche Emporkommen verwehrte
+und die deshalb in die Phalanx gewaltsam sich einzudrängen und die
+Gesetze der oligarchischen Exklusivität und Anciennität durch die
+Volksgunst zu brechen versuchten, als auch die gefährlicheren Männer,
+deren Ehrgeiz nach einem höheren Ziel strebte, als die Geschicke der
+Welt innerhalb der kollegialischen Umtriebe bestimmen zu helfen.
+Namentlich auf der Advokatentribüne, dem einzigen von Sulla
+offengelassenen Boden gesetzlicher Opposition, ward schon bei Lebzeiten
+des Regenten von solchen Aspiranten mit den Waffen der formalen
+Jurisprudenz und der schlagfertigen Rede lebhaft gegen die Restauration
+gestritten; zum Beispiel der gewandte Sprecher Marcus Tullius Cicero
+(geboren 3. Januar 648 106), eines Gutsbesitzers von Arpinum Sohn,
+machte durch seine halb vorsichtige, halb dreiste Opposition gegen den
+Machthaber sich rasch einen Namen. Dergleichen Bestrebungen hatten
+nicht viel zu bedeuten, wenn der Opponent nichts weiter begehrte, als
+den kurulischen Stuhl damit sich einzuhandeln und sodann als
+Befriedigter den Rest seiner Jahre auf demselben zu versitzen. Wenn
+freilich einem populären Mann dieser Stuhl nicht genügen und Gaius
+Gracchus einen Nachfolger finden sollte, so war ein Kampf auf Tod und
+Leben unvermeidlich; indes für jetzt wenigstens war noch kein Name zu
+nennen, dessen Träger ein so hohes Ziel sich vorgesteckt hätte.
+
+Derart war die Opposition, mit der das von Sulla eingesetzte
+oligarchische Regiment zu kämpfen hatte, nachdem dasselbe, früher als
+Sulla selbst gedacht haben mochte, durch seinen Tod auf sich selber
+angewiesen worden war. Die Aufgabe war an sich nicht leicht und ward
+noch erschwert durch die sonstigen sozialen und politischen Übelstände
+dieser Zeit, vor allem durch die ungemeine Schwierigkeit, teils die
+Militärchefs in den Provinzen in Unterwürfigkeit gegen die höchste
+bürgerliche Obrigkeit zu erhalten, teils in der Hauptstadt mit den
+Massen des daselbst sich anhäufenden italischen und außeritalischen
+Gesindels und der in Rom großenteils in faktischer Freiheit lebenden
+Sklaven fertig zu werden, ohne doch Truppen zur Verfügung zu haben. Der
+Senat stand wie in einer von allen Seiten ausgesetzten und bedrohten
+Festung, und ernstliche Kämpfe konnten nicht ausbleiben. Aber auch die
+von Sulla geordneten Widerstandsmittel waren ansehnlich und nachhaltig;
+und wenngleich die Majorität der Nation der Regierung, wie Sulla sie
+eingesetzt hatte, offenbar abgeneigt, ja ihr feindselig gesinnt war, so
+konnte nichtsdestoweniger gegen die irre und wirre Masse einer
+Opposition, welche weder im Ziel noch im Weg zusammen und hauptlos in
+hundert Fraktionen auseinanderging, die Regierung sehr wohl noch auf
+lange hinaus in ihrer festen Burg sich behaupten. Nur freilich mußte
+sie auch sich behaupten wollen und wenigstens einen Funken jener
+Energie, die ihre Festung gebaut hatte, zu deren Verteidigung
+heranbringen; für eine Besatzung, die sich nicht wehren will, zieht der
+größte Schanzkünstler vergebens seine Mauern und Gräben.
+
+Je mehr schließlich alles ankam auf die Persönlichkeit der leitenden
+Männer auf beiden Seiten, desto übler war es, daß es genau genommen auf
+beiden Seiten an Führern fehlte. Die Politik dieser Zeit ward durchaus
+beherrscht von dem Koteriewesen in seiner schlimmsten Gestalt. Wohl war
+dasselbe nichts Neues; die Familien- und Klubgeschlossenheit ist
+untrennbar von der aristokratischen Ordnung des Staats und war seit
+Jahrhunderten in Rom übermächtig. Aber allmächtig wurde dieselbe doch
+erst in dieser Epoche, wie denn ihr Einfluß auch erst jetzt (zuerst 690
+64) durch gesetzliche Repressivmaßregeln weniger gehemmt als
+konstatiert ward. Alle Vornehmen, die popular Gesinnten nicht minder
+als die eigentliche Oligarchie, taten sich in Hetärien zusammen; die
+Masse der Bürgerschaft, soweit sie überhaupt an den politischen
+Vorgängen regelmäßig sich beteiligte, bildete nach den Stimmbezirken
+gleichfalls geschlossene und fast militärisch organisierte Vereine, die
+an den Vorstehern der Bezirke, den “Bezirksverteilern” (divisores
+tribuum), ihre natürlichen Hauptleute und Mittelsmänner fanden. Feil
+war diesen politischen Klubs alles: die Stimme des Wählers vor allem,
+aber auch die des Ratsmanns und des Richters, auch die Fäuste, die den
+Straßenkrawall machten, und die Rottenführer, die ihn lenkten - nur im
+Tarif unterschieden sich die Assoziationen der Vornehmen und der
+Geringen. Die Hetärie entschied die Wahlen, die Hetärie beschloß die
+Anklagen, die Hetärie leitete die Verteidigung; sie gewann den
+angesehenen Advokaten, sie akkordierte im Notfall wegen der
+Freisprechung mit einem der Spekulanten, die den einträglichen Handel
+mit Richterstimmen im großen betrieben. Die Hetärie beherrschte durch
+ihre geschlossenen Banden die Straßen der Hauptstadt und damit nur zu
+oft den Staat. All diese Dinge geschahen nach einer gewissen Regel und
+sozusagen öffentlich; das Hetärienwesen war besser geordnet und besorgt
+als irgendein Zweig der Staatsverwaltung; wenn auch, wie es unter
+zivilisierten Gaunern üblich ist, von dem verbrecherischen Treiben nach
+stillschweigendem Einverständnis nicht geradezu gesprochen ward, so
+hatte doch niemand dessen ein Hehl, und angesehene Sachwalter scheuten
+sich nicht, ihr Verhältnis zu den Hetärien ihrer Klienten öffentlich
+und verständlich anzudeuten. Fand sich hier und da ein einzelner Mann,
+der diesem Treiben und nicht zugleich dem öffentlichen Leben sich
+entzog, so war er sicher, wie Marcus Cato, ein politischer Don
+Quichotte. An die Stelle der Parteien und des Parteienkampfes traten
+die Klubs und deren Konkurrenz, an die Stelle des Regiments die
+Intrige. Ein mehr als zweideutiger Charakter, Publius Cethegus, einst
+einer der eifrigsten Marianer, später als Überläufer zu Sulla zu Gnaden
+aufgenommen, spielte in dem politischen Treiben dieser Zeit eine der
+einflußreichsten Rollen, einzig als schlauer Zwischenträger und
+Vermittler zwischen den senatorischen Fraktionen und als
+staatsmännischer Kenner aller Kabalengeheimnisse; zu Zeiten entschied
+über die Besetzung der wichtigsten Befehlshaberstellen das Wort seiner
+Mätresse Praecia. Eine solche Misere war eben nur möglich, wo keiner
+der politisch tätigen Männer sich über die Linie des Gewöhnlichen
+erhob; jedes außerordentliche Talent hätte diese Faktionenwirtschaft
+wie Spinnweben weggefegt; aber eben an politischen und militärischen
+Kapazitäten war der bitterste Mangel. Von dem älteren Geschlecht hatten
+die Bürgerkriege keinen einzigen angesehenen Mann übriggelassen als den
+alten, klugen, redegewandten Lucius Philippus (Konsul 663 91),. der,
+früher popular gesinnt, darauf Führer der Kapitalistenpartei gegen den
+Senat und mit den Marianern eng verknüpft, endlich zeitig genug, um
+Dank und Lohn zu ernten, übergetreten zu der siegenden Oligarchie,
+zwischen den Parteien durchgeschlüpft war. Unter den Männern der
+folgenden Generation waren die namhaftesten Häupter der reinen
+Aristokratie Quintus Metellus Pius (Konsul 674 80), Sullas Genosse in
+Gefahren und Siegen; Quintus Lutatius Catulus, Konsul in Sullas
+Todesjahr 676 (78), der Sohn des Siegers von Vercellae; und zwei
+jüngere Offiziere, die beiden Brüder Lucius und Marcus Lucullus, von
+denen jener in Asien, dieser in Italien mit Auszeichnung unter Sulla
+gefochten hatten; um zu schweigen von Optimaten wie Quintus Hortensius
+(640-704 114-50), der nur als Sachwalter etwas bedeutete, oder gar wie
+Decimus Iunius Brutus (Konsul 677 77), Mamercus Aemilius Lepidus
+Livianus (Konsul 677 77) und andern solchen Nullitäten, an denen der
+vollklingende aristokratische Name das gute Beste war. Aber auch jene
+vier Männer erhoben sich wenig über den Durchschnittswert der vornehmen
+Adligen dieser Zeit. Catulus war gleich seinem Vater ein feingebildeter
+Mann und ehrlicher Aristokrat, aber von mäßigen Talenten und namentlich
+kein Soldat. Metellus war nicht bloß ein persönlich achtbarer
+Charakter, sondern auch ein fähiger und erprobter Offizier: nicht so
+sehr wegen seiner engen verwandtschaftlichen und kollegialischen
+Beziehungen zu dem Regenten, als besonders wegen seiner anerkannten
+Tüchtigkeit war er im Jahre 675 (79) nach Niederlegung des Konsulats
+nach Spanien gesandt worden, als dort die Lusitaner und die römischen
+Emigranten unter Quintus Sertorius abermals sich regten. Tüchtige
+Offiziere waren auch die beiden Lucullus, namentlich der ältere, der
+ein sehr achtbares militärisches Talent mit gründlicher literarischer
+Bildung und schriftstellerischen Neigungen vereinigte und auch als
+Mensch ehrenwert erschien. Allein als Staatsmänner waren doch selbst
+diese besseren Aristokraten nicht viel weniger schlaff und kurzsichtig
+als die Dutzendsenatoren der Zeit. Dem äußeren Feind gegenüber
+bewährten die namhafteren darunter sich wohl als brauchbar und brav;
+aber keiner von ihnen bezeigte Lust und Geschick, die eigentlich
+politischen Aufgaben zu lösen und das Staatsschiff durch die bewegte
+See der Intrigen und Parteiungen als rechter Steuermann zu lenken. Ihre
+politische Weisheit beschränkte sich darauf, aufrichtig zu glauben an
+die alleinseligmachende Oligarchie, dagegen die Demagogie ebenso wie
+jede sich emanzipierende Einzelgewalt herzlich zu hassen und mutig zu
+verwünschen. Ihr kleiner Ehrgeiz nahm mit wenigem vorlieb. Was von
+Metellus in Spanien erzählt wird, daß er nicht bloß die wenig
+harmonische Leier der spanischen Gelegenheitspoeten sich gefallen,
+sondern sogar, wo er hinkam, sich gleich einem Gotte mit Weinspenden
+und Weihrauchduft empfangen und bei Tafel von niederschwebenden
+Viktorien unter Theaterdonner das Haupt mit dem goldenen Siegeslorbeer
+sich kränzen ließ, ist nicht besser beglaubigt als die meisten
+geschichtlichen Anekdoten; aber auch in solchem Klatsch spiegelt sich
+der heruntergekommene Ehrgeiz der Epigonengeschlechter. Selbst die
+Besseren waren befriedigt, wenn nicht Macht und Einfluß, sondern das
+Konsulat und der Triumph und im Rate ein Ehrenplatz errungen war, und
+traten da, wo sie bei rechtem Ehrgeiz erst angefangen haben würden,
+ihrem Vaterland und ihrer Partei wahrhaft nützlich zu sein, von der
+politischen Bühne zurück, um in fürstlichem Luxus unterzugehen. Männer
+wie Metellus und Lucius Lucullus waren schon als Feldherren nicht
+weniger als auf die Erweiterung des römischen Gebiets durch neu
+unterworfene Könige und Völkerschaften bedacht auf die der endlosen
+Wildbret-, Geflügel- und Dessertliste der römischen Gastronomie durch
+neue afrikanische und kleinasiatische Delikatessen und haben den besten
+Teil ihres Lebens in mehr oder minder geistreichem Müßiggang verdorben.
+Das traditionelle Geschick und die individuelle Resignation, auf denen
+alles oligarchische Regiment beruht, waren der verfallenen und
+künstlich wiederhergestellten römischen Aristokratie dieser Zeit
+abhanden gekommen; ihr galt durchgängig der Cliquengeist als
+Patriotismus, die Eitelkeit als Ehrgeiz, die Borniertheit als
+Konsequenz. Wäre die Sullanische Verfassung unter die Obhut von Männern
+gekommen, wie sie wohl im römischen Kardinalskollegium und im
+venezianischen Rat der Zehn gesessen haben, so ist es nicht zu sagen,
+ob die Opposition vermocht haben würde, sie so bald zu erschüttern; mit
+solchen Verteidigern war allerdings jeder Angriff eine ernste Gefahr.
+
+Unter den Männern, die weder unbedingte Anhänger noch offene Gegner der
+Sullanischen Verfassung waren, zog keiner mehr die Augen der Menge auf
+sich als der junge, bei Sullas Tode achtundzwanzigjährige Gnaeus
+Pompeius (geb. 29. September 648 106). Es war das ein Unglück für den
+Bewunderten wie für die Bewunderer; aber es war natürlich. Gesund an
+Leib und Seele, ein tüchtiger Turner, der noch als Oberoffizier mit
+seinen Soldaten um die Wette sprang, lief und hob, ein kräftiger und
+gewandter Reiter und Fechter, ein kecker Freischarenführer, war der
+Jüngling in einem Alter, das ihn von jedem Amt und vom Senat ausschloß,
+Imperator und Triumphator geworden und hatte in der öffentlichen
+Meinung den ersten Platz nächst Sulla, ja von dem läßlichen, halb
+anerkennenden, halb ironischen Regenten selbst den Beinamen des Großen
+sich erworben. Zum Unglück entsprach seine geistige Begabung diesen
+unerhörten Erfolgen schlechterdings nicht. Er war kein böser und kein
+unfähiger, aber ein durchaus gewöhnlicher Mensch, durch die Natur
+geschaffen, ein tüchtiger Wachtmeister, durch die Umstände berufen,
+Feldherr und Staatsmann zu sein. Ein einsichtiger, tapferer und
+erfahrener, durchaus vorzüglicher Soldat, war er doch auch als Militär
+ohne eine Spur höherer Begabung; als Feldherr wie überhaupt ist es ihm
+eigen, mit einer an Ängstlichkeit grenzenden Vorsicht zu Werke zu gehen
+und womöglich den entscheidenden Schlag erst dann zu führen, wenn die
+ungeheuerste Überlegenheit über den Gegner hergestellt ist. Seine
+Bildung ist die Dutzendbildung der Zeit; obwohl durch und durch Soldat
+versäumte er doch nicht, als er nach Rhodos kam, die dortigen
+Redekünstler pflichtmäßig zu bewundern und zu beschenken. Seine
+Rechtschaffenheit war die des reichen Mannes, der mit seinem
+beträchtlichen ererbten und erworbenen Vermögen verständig Haus hält;
+er verschmähte es nicht, in der üblichen senatorischen Weise Geld zu
+machen, aber er war zu kalt und zu reich, um deswegen sich in besondere
+Gefahren zu begeben und hervorragende Schande sich aufzuladen. Die
+unter seinen Zeitgenossen im Schwange gehende Lasterhaftigkeit hat mehr
+als seine eigene Tugend ihm den - relativ allerdings wohl
+gerechtfertigten - Ruhm der Tüchtigkeit und Uneigennützigkeit
+verschafft. Sein “ehrliches Gesicht” ward fast sprichwörtlich, und noch
+nach seinem Tode war er ein würdiger und sittlicher Mann; in der Tat
+war er ein guter Nachbar, welcher die empörende Sitte der Großen jener
+Zeit, ihre Gebietsgrenzen durch Zwangskäufe oder, noch Schlimmeres, auf
+Kosten der kleineren Nachbarn auszudehnen, nicht mitmachte, und zeigte
+er im Familienleben Anhänglichkeit an Frau und Kinder; es gereicht ihm
+ferner zur Ehre, daß er zuerst von der barbarischen Sitte abging, die
+gefangenen feindlichen Könige und Feldherrn nach ihrer Aufführung im
+Triumph hinrichten zu lassen. Aber das hielt ihn nicht ab, wenn sein
+Herr und Meister Sulla befahl, sich von der geliebten Frau zu scheiden,
+weil sie einem verfemten Geschlecht angehörte, und auf desselben
+Gebieters Wink Männer, die ihm in schwerer Zeit hilfreich beigestanden
+hatten, mit großer Seelenruhe vor seinen Augen hinrichten zu lassen; er
+war nicht grausam, wie man ihm vorwarf, aber, was vielleicht schlimmer
+ist, kalt und im Guten wie im Bösen ohne Leidenschaft. Im
+Schlachtgetümmel sah er dem Feinde das Weiße im Auge; im bürgerlichen
+Leben war er ein schüchterner Mann, dem bei der geringsten Veranlassung
+das Blut in die Wangen stieg und der nicht ohne Verlegenheit öffentlich
+sprach, überhaupt eckig, steif und ungelenk im Verkehr. Bei all seinem
+hoffärtigen Eigensinn war er, wie ja in der Regel diejenigen es sind,
+die ihre Selbständigkeit zur Schau tragen, ein lenksames Werkzeug in
+der Hand derjenigen, die ihn zu nehmen verstanden, namentlich seiner
+Freigelassenen und Klienten, von denen er nicht fürchtete, beherrscht
+zu werden. Zu nichts war er minder geschaffen als zum Staatsmann.
+Unklar über seine Ziele, ungewandt in der Wahl seiner Mittel, im
+kleinen wie im großen kurzsichtig und ratlos, pflegte er seine
+Unschlüssigkeit und Unsicherheit unter feierlichem Schweigen zu
+verbergen und, wenn er fein zu spielen meinte, nur mit dem Glauben
+andere zu täuschen, sich selber zu betrügen. Durch seine militärische
+Stellung und seine landsmannschaftlichen Beziehungen fiel ihm fast ohne
+sein Zutun eine ansehnliche, ihm persönlich ergebene Partei zu, mit der
+sich die größten Dinge hätten durchführen lassen; allein Pompeius war
+in jeder Beziehung unfähig, eine Partei zu leiten und zusammenzuhalten,
+und wenn sie dennoch zusammenhielt, so geschah dies gleichfalls ohne
+sein Zutun durch das bloße Schwergewicht der Verhältnisse. Hierin wie
+in andern Dingen erinnert er an Marius; aber Marius ist mit seinem
+bauerhaft rohen, sinnlich leidenschaftlichen Wesen doch noch minder
+unerträglich als dieser langweiligste und steifleinenste aller
+nachgemachten großen Männer. Seine politische Stellung war durchaus
+schief. Er war Sullanischer Offizier und für die restaurierte
+Verfassung einzustehen verpflichtet, und doch auch wieder in Opposition
+gegen Sulla persönlich wie gegen das ganze senatorische Regiment. Das
+Geschlecht der Pompeier, das erst seit etwa sechzig Jahren in den
+Konsularverzeichnissen genannt ward, galt in den Augen der Aristokratie
+noch keineswegs als voll; auch hatte der Vater dieses Pompeius gegen
+den Senat eine sehr gehässige Zwitterstellung eingenommen und er selbst
+einst in den Reihen der Cinnaner gestanden - Erinnerungen, die wohl
+verschwiegen, aber nicht vergessen wurden. Die hervorragende Stellung,
+die Pompeius unter Sulla sich erwarb, entzweite ihn innerlich
+ebensosehr mit der Aristokratie, wie sie ihn äußerlich mit derselben
+verflocht. Schwachköpfig wie er war, ward Pompeius auf der so
+bedenklich rasch und leicht erklommenen Ruhmeshöhe vom Schwindel
+ergriffen. Gleich als wolle er seine dürr prosaische Natur durch die
+Parallele mit der poetischsten aller Heldengestalten selber verhöhnen,
+fing er an sich mit Alexander dem Großen zu vergleichen und sich für
+einen einzigen Mann zu halten, dem es nicht gezieme, bloß einer von den
+fünfhundert römischen Ratsherren zu sein. In der Tat war niemand mehr
+geschaffen, in ein aristokratisches Regiment als Glied sich einzufügen,
+als er. Pompeius’ würdevolles Äußere, seine feierliche Förmlichkeit,
+seine persönliche Tapferkeit, sein ehrbares Privatleben, sein Mangel an
+aller Initiative hätten ihm, wäre er zweihundert Jahre früher geboren
+worden, neben Quintus Maximus und Publius Decius einen ehrenvollen
+Platz gewinnen mögen; zu der Wahlverwandtschaft, die zwischen Pompeius
+und der Masse der Bürgerschaft und des Senats zu allen Zeiten bestand,
+hat diese echt optimatische und echt römische Mediokrität nicht am
+wenigsten beigetragen. Auch in seiner Zeit noch hätte es eine klare und
+ansehnliche Stellung für ihn gegeben, wofern er damit sich genügen
+ließ, der Feldherr des Rates zu sein, zu dem er von Haus aus bestimmt
+war. Es genügte ihm nicht und so geriet er in die verhängnisvolle Lage,
+etwas anderes sein zu wollen als er sein konnte. Beständig trachtete er
+nach einer Sonderstellung im Staat und wenn sie sich darbot, konnte er
+sich nicht entschließen, sie einzunehmen; mit tiefer Erbitterung nahm
+er es auf, wenn Personen und Gesetze nicht unbedingt vor ihm sich
+beugten, und doch trat er selbst mit nicht bloß affektierter
+Bescheidenheit überall auf als einer von vielen Gleichberechtigten und
+zitterte vor dem bloßen Gedanken, etwas Verfassungswidriges zu
+beginnen. Also beständig in gründlicher Spannung mit und doch zugleich
+der gehorsame Diener der Oligarchie, beständig gepeinigt von einem
+Ehrgeiz, der vor seinem eigenen Ziele erschrickt, verfloß ihm in ewigem
+innerem Widerspruch freudelos sein vielbewegtes Leben.
+
+Ebensowenig als Pompeius kann Marcus Crassus zu den unbedingten
+Anhängern der Oligarchie gezählt werden. Er ist eine für diese Epoche
+höchst charakteristische Figur. Wie Pompeius, dem er im Alter um wenige
+Jahre voranging, gehörte auch er zu dem Kreise der hohen römischen
+Aristokratie, hatte die gewöhnliche standesmäßige Erziehung erhalten
+und gleich Pompeius unter Sulla im Italischen Kriege mit Auszeichnung
+gefochten. An geistiger Begabung, literarischer Bildung und
+militärischem Talent weit zurückstehend hinter vielen seinesgleichen,
+überflügelte er sie durch seine grenzenlose Rührigkeit und durch die
+Beharrlichkeit, mit der er rang, alles zu besitzen und zu bedeuten. Vor
+allen Dingen warf er sich in die Spekulation. Güterkäufe während der
+Revolution begründeten sein Vermögen; aber er verschmähte keinen
+Erwerbszweig; er betrieb das Baugeschäft in der Hauptstadt ebenso
+großartig wie vorsichtig; er ging mit seinen Freigelassenen bei den
+mannigfaltigsten Unternehmungen in Kompagnie; er machte in und außer
+Rom, selbst oder durch seine Leute den Bankier; er Schoß seinen
+Kollegen Im Senat Geld vor und unternahm es, für ihre Rechnung wie es
+fiel Arbeiten auszuführen oder Richterkollegien zu bestechen.
+Wählerisch im Profitmachen war er eben nicht. Schon bei den
+Sullanischen Ächtungen war ihm eine Fälschung in den Listen
+nachgewiesen worden, weshalb Sulla sich von da an in Staatsgeschäften
+seiner nicht weiter bedient hatte; die Erbschaft nahm er darum nicht
+weniger, weil die Testamentsurkunde, in der sein Name stand, notorisch
+gefälscht war; er hatte nichts dagegen, wenn seine Meier die kleinen
+Anlieger ihres Herrn von ihren Ländereien gewaltsam oder heimlich
+verdrängten. Übrigens vermied er offene Kollisionen mit der
+Kriminaljustiz und lebte als echter Geldmann selbst bürgerlich und
+einfach. Auf diesem Wege ward Crassus binnen wenig Jahren aus einem
+Mann von gewöhnlichem senatorischen, der Herr eines Vermögens, das
+nicht lange vor seinem Tode nach Bestreitung ungeheurer
+außerordentlicher Ausgaben sich noch auf 170 Mill. Sesterzen (13 Mill.
+Taler) belief: er war der reichste Römer geworden und damit zugleich
+eine politische Größe. Wenn nach seiner Äußerung niemand sich reich
+nennen durfte, der nicht aus seinen Zinsen ein Kriegsheer zu
+unterhalten vermochte, so war, wer dies vermochte, kaum noch ein bloßer
+Bürger. In der Tat war Crassus’ Blick auf ein höheres Ziel gerichtet
+als auf den Besitz der gefülltesten Geldkiste in Rom. Er ließ es sich
+keine Mühe verdrießen, seine Verbindungen auszudehnen. Jeden Bürger der
+Hauptstadt wußte er beim Namen zu grüßen. Keinem Bittenden versagte er
+seinen Beistand vor Gericht. Zwar die Natur hatte nicht viel für ihn
+als Sprecher getan: seine Rede war trocken, der Vortrag eintönig, er
+hörte schwer; aber sein zäher Sinn, den keine Langeweile abschreckte
+wie kein Genuß abzog, überwand die Hindernisse. Nie erschien er
+unvorbereitet, nie extemporierte er, und so ward er ein allzeit
+gesuchter und allzeit fertiger Anwalt, dem es keinen Eintrag tat, daß
+ihm nicht leicht eine Sache zu schlecht war und daß er nicht bloß durch
+sein Wort, sondern auch durch seine Verbindungen und vorkommenden Falls
+durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der halbe Rat war
+ihm verschuldet; seine Gewohnheit, den Freunden Geld ohne Zinsen auf
+beliebige Rückforderung vorzuschießen, machte eine Menge einflußreicher
+Männer von ihm abhängig, um so mehr, da er als echter Geschäftsmann
+keinen Unterschied unter den Parteien machte, überall Verbindungen
+unterhielt und bereitwillig jedem borgte, der zahlungsfähig oder sonst
+brauchbar war. Die verwegensten Parteiführer, die rücksichtslos nach
+allen Seiten hin ihre Angriffe richteten, hüteten sich, mit Crassus
+anzubinden; man verglich ihn dem Stier der Herde, den zu reizen für
+keinen rätlich war. Daß ein so gearteter und so gestellter Mann nicht
+nach niedrigen Zielen streben konnte, leuchtet ein; und, anders als
+Pompeius, wußte Crassus genau wie ein Bankier, worauf und womit er
+politisch spekulierte. Seit Rom stand, war daselbst das Kapital eine
+politische Macht; die Zeit war von der Art, daß dem Golde wie dem Eisen
+alles zugänglich schien. Wenn in der Revolutionszeit eine
+Kapitalistenaristokratie daran hatte denken mögen, die Oligarchie der
+Geschlechter zu stürzen, so durfte auch ein Mann wie Crassus die Blicke
+höher erheben als zu den Rutenbündeln und dem gestickten Mantel der
+Triumphatoren. Augenblicklich war er Sullaner und Anhänger des Senats;
+allein er war viel zu sehr Finanzmann, um einer bestimmten politischen
+Partei sich zu eigen zu geben und etwas anderes zu verfolgen als seinen
+persönlichen Vorteil. Warum sollte Crassus, der reichste und der
+intriganteste Mann in Rom und kein scharrender Geizhals, sondern ein
+Spekulant im größten Maßstab, nicht spekulieren auch auf die Krone?
+Vielleicht vermochte er allein es nicht, dies Ziel zu erreichen; aber
+er hatte ja schon manches großartige Gesellschaftsgeschäft gemacht: es
+war nicht unmöglich, daß auch hierfür ein passender Teilnehmer sich
+darbot. Es gehörte zur Signatur der Zeit, daß ein mittelmäßiger Redner
+und Offizier, ein Politiker, der seine Rührigkeit für Energie, seine
+Begehrlichkeit für Ehrgeiz hielt, der im Grunde nichts hatte als ein
+kolossales Vermögen und das kaufmännische Talent, Verbindungen
+anzuknüpfen - daß ein solcher Mann, gestützt auf die Allmacht der
+Koterien und Intrigen, den ersten Feldherren und Staatsmännern der Zeit
+sich ebenbürtig achten und mit ihnen um den höchsten Preis ringen
+durfte, der dem politischen Ehrgeiz winkt.
+
+In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen
+Konservativen als unter den Popuhren, hatten die Stürme der Revolution
+mit erschreckender Gründlichkeit aufgeräumt. Unter jenen war der einzig
+übriggebliebene namhafte Mann Gaius Cotta (630 bis ca. 681 124 -73),
+der Freund und Bundesgenosse des Drusus und deswegen im Jahre 663 (91)
+verbannt, sodann durch Sullas Krieg zurückgeführt in die Heimat; er war
+ein kluger Mann und ein tüchtiger Anwalt, aber weder durch das Gewicht
+seiner Partei noch durch das seiner Persönlichkeit zu mehr berufen als
+zu einer achtbaren Nebenrolle. In der demokratischen Partei zog unter
+dem jungen Nachwuchs der vierundzwanzigjährige Gaius Iulius Caesar
+(geb. 12. Juli 652? 102) ^2 die Blicke von Freund und Feind auf sich.
+Seine Verschwägerung mit Marius und Cinna - seines Vaters Schwester war
+Marius’ Gemahlin gewesen, er selbst mit Cinnas Tochter vermählt -; die
+mutige Weigerung des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings, nach
+dem Befehl des Diktators seiner jungen Gemahlin Cornelia den
+Scheidebrief zuzusenden, wie es doch im gleichen Falle Pompeius getan;
+ein keckes Beharren auf dem ihm von Marius zugeteilten, von Sulla aber
+wieder aberkannten Priesteramt; seine Irrfahrten während der ihm
+drohenden und mühsam durch Fürbitte seiner Verwandten abgewandten
+Ächtung; seiner Tapferkeit in den Gefechten vor Mytilene und in
+Kilikien, die dem zärtlich erzogenen und fast weiblich stutzerhaften
+Knaben niemand zugetraut hatte; selbst die Warnungen Sullas vor dem
+“Knaben im Unterrock”, in dem mehr als ein Marius stecke - alles dies
+waren ebenso viele Empfehlungen in den Augen der demokratischen Partei.
+Indes an Caesar konnten doch nur Hoffnungen für die Zukunft sich
+knüpfen; und die Männer, die durch ihr Alter und ihre Stellung im Staat
+schon jetzt berufen gewesen sein würden, der Zügel der Partei und des
+Staates sich zu bemächtigen, waren sämtliche tot oder geächtet. So war
+die Führerschaft der Demokratie in Ermangelung eines wahrhaft Berufenen
+für jeden zu haben, dem es belieben mochte, sich zum Vertreter der
+unterdrückten Volksfreiheit aufzuwerfen; und in dieser Weise kam sie an
+Marcus Aemilius Lepidus, einen Sullaner, der aus mehr als zweideutigen
+Beweggründen überging in das Lager der Demokratie. Einst ein eifriger
+Optimat und stark beteiligt bei den über die Güter der Geächteten
+abgehaltenen Auktionen, hatte er als Statthalter von Sizilien die
+Provinz so arg geplündert, daß ihm eine Anklage drohte, und, um dieser
+zu entgehen, sich in die Opposition geworfen. Es war ein Gewinn von
+zweifelhaftem Werte. Zwar ein bekannter Name, ein vornehmer Mann, ein
+hitziger Redner auf dem Markt war damit der Opposition erworben; aber
+Lepidus war ein unbedeutender und unbesonnener Kopf, der weder im Rate
+noch im Felde verdiente, an der Spitze zu stehen. Nichtsdestoweniger
+hieß die Opposition ihn willkommen, und dem neuen Demokratenführer
+gelang es nicht bloß, seine Ankläger von der Fortsetzung des gegen ihn
+begonnenen Angriffs abzuschrecken, sondern auch, seine Wahl zum Konsul
+für 676 (78) durchzusetzen, wobei ihm übrigens außer den in Sizilien
+erpreßten Schätzen auch Pompeius’ albernes Bestreben förderlich war,
+bei dieser Gelegenheit Sulla und den reinen Sullanern zu zeigen, was er
+vermöge. Da also, als Sulla starb, die Opposition an Lepidus wieder ein
+Haupt gefunden hatte und da dieser ihr Führer der höchste Beamte des
+Staats geworden war, so ließ sich der nahe Ausbruch einer neuen
+Revolution in der Hauptstadt mit Sicherheit vorhersehen.
+
+———————————————————————————
+
+^2 Als Caesars Geburtsjahr pflegt man das Jahr 654 (100) anzusetzen,
+weil er nach Sueton (Caes. 88), Plutarch (Caes. 69) und Appian (civ. 2
+149) bei seinem Tode (15. März 710 44) im 56. Jahre stand; womit auch
+die Angabe, daß er zur Zeit der Sullanischen Proskription (672 82)
+achtzehn Jahre alt gewesen (Vell. 2, 41), ungefähr übereinstimmt. Aber
+in unauflöslichem Widerspruch damit steht es, daß Caesar im Jahre 689
+(65) die Ädilität, 692 (62) die Prätur, 695 (59) das Konsulat bekleidet
+hat und jene Ämter nach den Annalgesetzen frühestens resp. im 37/38.,
+40/41. und 43/44. Lebensjahr bekleidet werden durften. Es ist nicht
+abzusehen, wie Caesar sämtliche kurulischen Ämter zwei Jahre vor der
+gesetzlichen Zeit bekleidet haben, noch weniger, daß hiervon nirgends
+Erwähnung geschehen sein sollte. Vielmehr legen diese Tatsachen die
+Vermutung nahe, daß er, da sein Geburtstag unbezweifelt auf den 12.
+Juli fiel, nicht 654 (100), sondern 652 (102) geboren ist, also im
+Jahre 672 (82) im 20/21. Lebensjahre stand und nicht im 56., sondern 57
+Jahre 8 Monate alt starb. Für diesen letzteren Ansatz läßt sich ferner
+geltend machen, was man auffallenderweise dagegen angeführt hat, daß
+Caesar “paene puer” von Marius und Cinna zum Flamen des Jupiter
+bestellt wurde (Vell. 2, 43); denn Marius starb im Januar 668 (86), wo
+Caesar nach dem gewöhnlichen Ansatz dreizehn Jahre und sechs Monate
+alt, also nicht “beinahe”, wie Velleius sagt, sondern wirklich noch
+Knabe und aus diesem Grunde eines solchen Priestertums kaum fähig war.
+War er dagegen im Juli 652 (102) geboren, so stand er bei dem Tode des
+Marius im sechzehnten Lebensjahr; und dazu stimmt die Bezeichnung bei
+Velleius wie die allgemeine Regel, daß bürgerliche Stellungen nicht vor
+Ablauf des Knabenalters übernommen werden. Zu diesem letzteren Ansatz
+paßt es ferner allein, daß die um den Ausbruch des Bürgerkrieges von
+Caesar geschlagenen Denare mit der Zahl LII, wahrscheinlich dem
+Lebensjahr, bezeichnet sind; denn als er begann, war Caesar hiernach
+etwas über 52 Jahre alt. Auch ist es nicht so verwegen, wie es uns an
+regelmäßige und amtliche Geburtslisten Gewöhnten erscheint, in dieser
+Hinsicht unsere Gewährsmänner eines Irrtum zu zeihen. Jene vier Angaben
+können sehr wohl alle auf eine gemeinschaftliche Quelle zurückgehen und
+dürfen überhaupt, da für die ältere Zeit vor dem Beginn der acta diurna
+die Angaben über die Geburtsjahre auch der bekanntesten und
+höchstgestellten Römer, zum Beispiel über das des Pompeius, in der
+auffallendsten Weise schwanken, auf keine sehr hohe Glaubwürdigkeit
+Anspruch machen. Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 1, S. 570.
+
+In dem ‘Leben Caesars’ von Napoleon III. (Bd. 2, Kap. 1) ist hiergegen
+eingewandt worden, teils daß das Annalgesetz für Caesars Geburtsjahr
+nicht auf 652 (102), sondern 651 (103) führen würde, teils besonders,
+daß auch sonst Fälle bekannt sind, wo dasselbe nicht befolgt worden
+ist. Allein die erste Behauptung beruht auf einem Versehen; denn wie
+Ciceros Beispiel zeigt, forderte das Annalgesetz nur, daß bei Antritt
+des Amtes das 43. Lebensjahr begonnen, nicht daß es zurückgelegt sei.
+Die behaupteten Ausnahmen aber von der Regel treffen sämtlich nicht zu.
+Wenn Tacitus (ann. 11, 22) sagt, daß man ehemals bei der Vergebung der
+Ämter gar keine Rücksicht auf das Alter genommen und Konsulat und
+Diktatur an ganz junge Leute übertragen habe, so hat er natürlich, wie
+auch alle Erklärer anerkennen, dabei die ältere Zeit im Sinne, vor
+Erlaß der Annalgesetze, das Konsulat des dreiundzwanzigjährigen M.
+Valerius Corvus und ähnliche Fälle. Daß Lucullus das höchste Amt vor
+dem gesetzlichen Alter empfing, ist falsch; es wird nur berichtet (Cic.
+ac. 2. 1, 1), daß auf Grund einer uns nicht näher bekannten
+Ausnahmeklausel zur Belohnung für irgendwelche von ihm verrichtete Tat
+er von dem gesetzlichen zweijährigen Intervall zwischen Ädilität und
+Prätur dispensiert war - in der Tat war er 675 Ädil, wahrscheinlich 677
+Prätor, 680 Konsul. Daß der Fall des Pompeius ein gänzlich
+verschiedener ist, liegt auf der Hand; aber auch von Pompeius wird
+mehrfach ausdrücklich gemeldet (Cic. imp. Cn. Pomp. 21, 62; App. civ.
+3, 88), daß der Senat ihn von den Altersgesetzen entband. Daß dies für
+Pompeius geschah, der als sieggekrönter Oberfeldherr und Triumphator,
+an der Spitze eines Heeres und seit seiner Koalition mit Crassus auch
+einer mächtigen Partei, sich um das Konsulat bewarb, ist ebenso
+begreiflich, als es im höchsten Grade auffallend sein würde, wenn
+dasselbe für Caesar bei seiner Bewerbung um die minderen Ämter
+geschehen sein sollte, wo er wenig mehr bedeutete als andere politische
+Anfänger; und noch viel auffallender ist es, daß wohl von jener
+selbstverständlichen Ausnahme, aber nicht von dieser mehr als seltsamen
+sich Erwähnung findet, so nahe solche Erwähnungen, namentlich im
+Hinblick auf den 21jährigen Konsul Caesar den Sohn auch gelegen haben
+würden (vgl. z. B. App. civ. 3, 88). Wenn aus diesen unzutreffenden
+Beispielen dann die Folgerung gezogen wird, daß “man in Rom das Gesetz
+wenig beachtet habe, wenn es sich um ausgezeichnete Männer handelte”,
+so ist über Rom und die Römer wohl nie etwas Irrigeres gesagt worden
+als dieser Satz. Die Größe des römischen Gemeinwesens wie nicht minder
+die seiner großen Feldherren und Staatsmänner beruht vor allen Dingen
+darauf, daß das Gesetz auch für sie galt.
+
+——————————————————————-
+
+Schon früher aber als die Demokraten in der Hauptstadt hatten sich in
+Spanien die demokratischen Emigranten wieder geregt. Die Seele dieser
+Bewegung war Quintus Sertorius. Dieser vorzügliche Mann, geboren in
+Nursia im Sabinerland, war von Haus aus zart und selbst weich
+organisiert - die fast schwärmerische Liebe für seine Mutter Raia zeigt
+es - und zugleich von der ritterlichsten Tapferkeit, wie die aus dem
+Kimbrischen, dem Spanischen und dem Italischen Krieg heimgebrachten
+ehrenvollen Narben bewiesen. Obwohl als Redner gänzlich ungeschult,
+erregte er durch den natürlichen Fluß und die treffende Sicherheit
+seiner Rede die Bewunderung der gelernten Sachwalter. Sein ungemeines
+militärisches und staatsmännisches Talent hatte er namentlich in dem
+von den Demokraten so über die Maßen elend und kopflos geführten
+Revolutionskrieg Gelegenheit gefunden in glänzendem Kontrast zu
+beweisen: anerkanntermaßen war er der einzige demokratische Offizier,
+der den Krieg vorzubereiten und zu leiten verstand, und der einzige
+demokratische Staatsmann, der dem gedankenlosen Treiben und Wüten
+seiner Partei mit staatsmännischer Energie entgegentrat. Seine
+spanischen Soldaten nannten ihn den neuen Hannibal und nicht bloß
+deswegen, weil er gleich diesem im Kriege ein Auge eingebüßt hatte. Er
+erinnert in der Tat an den großen Phöniker durch seine ebenso
+verschlagene als mutige Kriegführung, sein seltenes Talent, den Krieg
+durch den Krieg zu organisieren, seine Gewandtheit, fremde Nationen in
+sein Interesse zu ziehen und seinen Zwecken dienstbar zu machen, seine
+Besonnenheit im Glück und Unglück, seine erfinderische Raschheit in der
+Benutzung seiner Siege wie in der Abwendung der Folgen seiner
+Niederlagen. Man darf zweifeln, ob irgendein römischer Staatsmann der
+früheren oder der gegenwärtigen Zeit an allseitigem Talent mit
+Sertorius sich vergleichen läßt. Nachdem Sullas Feldherren ihn
+gezwungen hatten, aus Spanien zu weichen, hatte er an den spanischen
+und afrikanischen Küsten ein unstetes Abenteuerleben geführt, bald im
+Bunde, bald im Kriege mit den auch hier einheimischen kilikischen
+Piraten und den Häuptlingen der schweifenden Stämme Libyens. Selbst
+hierhin hatte die siegreiche römische Restauration ihn verfolgt; als er
+Tingis (Tanger) belagerte, war dem Fürsten der Stadt zu Hilfe aus dem
+römischen Afrika ein Korps unter Pacciaecus erschienen; aber Pacciaecus
+ward von Sertorius völlig geschlagen und Tingis genommen. Auf das
+weithin erschallende Gerücht von solchen Kriegstaten des römischen
+Flüchtlings sandten die Lusitaner, die trotz ihrer angeblichen
+Unterwerfung unter die römische Oberhoheit tatsächlich ihre
+Unabhängigkeit behaupteten und jährlich mit den Statthaltern des
+Jenseitigen Spaniens fochten, Botschaft an Sertorius nach Afrika, um
+ihn zu sich einzuladen und ihm das Feldherrnamt über ihre Miliz zu
+übertragen. Sertorius, der zwanzig Jahre zuvor unter Titus Didius in
+Spanien gedient hatte und die Hilfsquellen des Landes kannte, beschloß,
+der Einladung Folge zu leisten, und schiffte mit Zurücklassung eines
+kleinen Postens an der mauretanischen Küste nach Spanien sich ein (um
+674 80). Die Meerenge, die Spanien und Afrika scheidet, war besetzt
+durch ein römisches, von Cotta geführtes Geschwader; sich
+durchzuschleichen war nicht möglich; so schlug Sertorius sich durch und
+gelangte glücklich zu den Lusitanern. Es waren nicht mehr als zwanzig
+lusitanische Gemeinden, die sich unter seine Befehle stellten, und auch
+von “Römern” musterte er nur 2600 Mann, von denen ein guter Teil
+Übergetretene aus dem Heer des Pacciaecus oder römisch bewaffnete
+Afrikaner waren. Sertorius erkannte es, daß alles darauf ankam, den
+losen Guerillaschwärmen einen festen Kern römisch organisierter und
+disziplinierter Truppen zu geben; er verstärkte zu diesem Ende seine
+mitgebrachte Schar durch Aushebung von 4000 Fußsoldaten und 700 Reitern
+und rückte mit dieser einen Legion und den Schwärmen der spanischen
+Freiwilligen gegen die Römer vor. Den Befehl im jenseitigen Spanien
+führte Lucius Fufidius, der durch seine unbedingte und bei den
+Ächtungen erprobte Hingebung an Sulla vom Unteroffizier zum Proprätor
+aufgerückt war; am Baetis ward dieser völlig geschlagen; 2000 Römer
+bedeckten die Walstatt. Eilige Boten beriefen den Statthalter der
+benachbarten Ebroprovinz, Marcus Domitius Calvinus, um dem weiteren
+Vordringen der Sertorianer ein Ziel zu setzen; bald erschien (675 79)
+auch der erprobte Feldherr Quintus Metellus, von Sulla gesandt, um den
+unbrauchbaren Fufidius im südlichen Spanien abzulösen. Aber es gelang
+doch nicht, des Aufstandes Herr zu werden. In der Ebroprovinz wurde von
+dem Unterfeldherrn des Sertorius, dem Quästor Lucius Hirtuleius, nicht
+bloß Calvinus’ Heer vernichtet und er selbst getötet, sondern auch
+Lucius Manlius, der Statthalter des jenseitigen Galliens, der seinem
+Kollegen zu Hilfe mit drei Legionen die Pyrenäen überschritten, von
+demselben tapferen Führer vollständig geschlagen. Mühsam rettete
+Manlius sich mit weniger Mannschaft nach Ilerda (Lerida) und von da in
+seine Provinz, auf welchem Marsch er noch durch einen Überfall der
+aquitanischen Völkerschaften sein ganzes Gepäck einbüßte. Im
+Jenseitigen Spanien drang Metellus in das lusitanische Gebiet ein;
+allein es gelang Sertorius, während der Belagerung von Longobriga
+(unweit der Tajomündung) eine Abteilung unter Aquinus in einen
+Hinterhalt zu locken und dadurch Metellus selbst zur Aufhebung der
+Belagerung und zur Räumung des lusitanischen Gebietes zu zwingen.
+Sertorius folgte ihm, schlug am Anas (Guadiana) das Korps des Thorius
+und tat dem feindlichen Oberfeldherrn selbst unsäglichen Abbruch im
+kleinen Kriege. Metellus, ein methodischer und etwas schwerfälliger
+Taktiker, war in Verzweiflung über diesen Gegner, der die
+Entscheidungsschlacht beharrlich verweigerte, aber Zufuhr und
+Kommunikationen ihm abschnitt und von allen Seiten ihn beständig
+umschwärmte.
+
+Diese ungemeinen Erfolge, die Sertorius in beiden spanischen Provinzen
+erfocht, waren im so bedeutsamer, als sie nicht bloß durch die Waffen
+errungen wurden und nicht bloß militärischer Natur waren. Die
+Emigrierten als solche waren nicht furchtbar; auch an einzelnen
+Erfolgen der Lusitaner unter diesem oder jenem fremden Führer war wenig
+gelegen. Aber mit dem sichersten politischen und patriotischen Takt
+trat Sertorius, sowie er irgend es vermochte, statt als Condottiere der
+gegen Rom empörten Lusitaner auf als römischer Feldherr und Statthalter
+von Spanien, in welcher Eigenschaft er ja von den ehemaligen
+Machthabern dorthin gesandt worden war. Er fing an ^3, aus den Häuptern
+der Emigration einen Senat zu bilden, der bis auf dreihundert
+Mitglieder steigen und in römischen Formen die Geschäfte leiten und die
+Beamten ernennen sollte. Er betrachtete sein Heer als ein römisches und
+besetzte die Offiziersstellen ohne Ausnahme mit Römern. Den Spaniern
+gegenüber war er der Statthalter, der kraft seines Amtes Mannschaft und
+sonstige Unterstützung von ihnen einmahnte; aber freilich ein
+Statthalter, der statt des gewohnten despotischen Regiments bemüht war,
+die Provinzialen an Rom und an sich persönlich zu fesseln. Sein
+ritterliches Wesen machte ihm das Eingehen auf die spanische Weise
+leicht und erweckte bei dem spanischen Adel für den wahlverwandten
+wunderbaren Fremdling die glühendste Begeisterung; nach der auch hier
+wie bei den Kelten und den Deutschen bestehenden kriegerischen Sitte
+der Gefolgschaft schworen Tausende der edelsten Spanier, zu ihrem
+römischen Feldherrn treu bis zum Tode zu stehen, und Sertorius fand in
+ihnen zuverlässigere Waffengefährten als in seinen Landsleuten und
+Parteigenossen. Er verschmähte es nicht, auch den Aberglauben der
+roheren spanischen Völkerschaften für sich nutzbar zu machen und seine
+kriegerischen Pläne als Befehle der Diana durch die weiße Hindin der
+Göttin sich zutragen zu lassen. Durchaus führte er ein gerechtes und
+gelindes Regiment. Seine Truppen mußten, wenigstens so weit sein Auge
+und sein Arm reichten, die strengste Mannszucht halten; so mild er im
+allgemeinen im Strafen war, so unerbittlich erwies er sich bei jedem
+von seinen Leuten auf befreundetem Gebiet verübten Frevel. Aber auch
+auf dauernde Erleichterung der Lage der Provinzialen war er bedacht; er
+setzte die Tribute herab und wies die Soldaten an, sich für den Winter
+Baracken zu erbauen, wodurch die drückende Last der Einquartierung
+wegfiel und damit eine Quelle unsäglicher Übelstände und Quälereien
+verstopft ward. Für die Kinder der vornehmen Spanier ward in Osca
+(Huesca) eine Akademie errichtet, in der sie den in Rom gewöhnlichen
+höheren Jugendunterricht empfingen, römisch und griechisch reden und
+die Toga tragen lernten - eine merkwürdige Maßregel, die keineswegs
+bloß den Zweck hatte, von den Verbündeten die in Spanien nun einmal
+unvermeidlichen Geiseln in möglichst schonender Form zu nehmen, sondern
+vor allem ein Ausfluß und eine Steigerung war des großen Gedankens des
+Gaius Gracchus und der demokratischen Partei, die Provinzen allmählich
+zu romanisieren. Hier zuerst wurde der Anfang dazu gemacht, die
+Romanisierung nicht durch Ausrottung der alten Bewohner und Ersetzung
+derselben durch italische Emigranten zu bewerkstelligen, sondern die
+Provinzialen selbst zu romanisieren. Die Optimaten in Rom spotteten
+über den elenden Emigranten, den Ausreißer aus der italischen Armee,
+den letzten von der Räuberbande des Carbo; der dürftige Hohn fiel auf
+sie selber zurück. Man rechnete die Massen, die gegen Sertorius ins
+Feld geführt worden waren, mit Einschluß des spanischen Landsturms auf
+120000 Mann zu Fuß, 2000 Bogenschützen und Schleuderer und 6000 Reiter.
+Gegen diese ungeheure Übermacht hatte Sertorius nicht bloß sich in
+einer Kette von glücklichen Gefechten und Siegen behauptet, sondern
+auch den größten Teil Spaniens in seine Gewalt gebracht. In der
+jenseitigen Provinz sah sich Metellus beschränkt auf die unmittelbar
+von seinen Truppen besetzten Gebietsteile; hier hatten alle
+Völkerschaften, die es konnten, Partei für Sertorius ergriffen. In der
+diesseitigen gab es nach den Siegen des Hirtuleius kein römisches Heer
+mehr. Sertorianische Emissäre durchstreiften das ganze gallische
+Gebiet; schon fingen auch hier die Stämme an, sich zu regen, und
+zusammengerottete Haufen, die Alpenpässe unsicher zu machen. Die See
+endlich gehörte ebensosehr den Insurgenten wie der legitimen Regierung,
+da die Verbündetem jener, die Korsaren, in den spanischen Gewässern
+fast so mächtig waren wie die römischen Kriegsschiffe. Auf dem
+Vorgebirge der Diana (jetzt Denia zwischen Valencia und Alicante)
+richtet Sertorius jenen eine feste Station ein, wo sie teils den
+römischen Schiffen auflauerten, die den römischen Seestädten und dem
+Heer ihren Bedarf zuführten, teils den Insurgenten die Waren abnahmen
+oder lieferten, teils deren Verkehr mit Italien und Kleinasien
+vermittelten. Daß diese allzeit fertigen Vermittler von der lohenden
+Brandstätte überall hin die Funken trugen, war in hohem Grade
+besorgniserregend, zumal in einer Zeit, wo überall im Römischen Reiche
+so viel Brennstoff aufgehäuft war.
+
+——————————————————————————
+
+^3 Wenigstens die Grundzüge dieser Organisation müssen in die Jahre 674
+(80), 675 (79), 676 (78) fallen, wenngleich die Ausführung ohne Zweifel
+zum guten Teil erst den späteren Jahren angehört.
+
+——————————————————————————
+
+In diese Verhältnisse hinein traf Sullas plötzlicher Tod (676 78).
+Solange der Mann lebte, auf dessen Stimme ein geübtes und zuverlässiges
+Veteranenheer jeden Augenblick sich zu erheben bereit war, mochte die
+Oligarchie den fast, wie es schien, entschiedenen Verlust der
+spanischen Provinzen an die Emigranten sowie die Wahl des Führers der
+Opposition daheim zum höchsten Beamten des Reiches allenfalls als
+vorübergehende Mißgeschicke ertragen und, freilich in ihrer
+kurzsichtigen Art, aber doch nicht ganz mit Unrecht, darauf sich
+verlassen, daß entweder die Opposition es nicht wagen werde, zum
+offenen Kampfe zu schreiten, oder daß, wenn sie es wage, der zweimalige
+Erretter der Oligarchie dieselbe zum dritten Male herstellen werde.
+Jetzt war der Stand der Dinge ein anderer geworden. Die demokratischen
+Heißsporne in der Hauptstadt, längst ungeduldig über das endlose Zögern
+und angefeuert durch die glänzenden Botschaften aus Spanien, drängten
+zum Losschlagen, und Lepidus, bei dem augenblicklich die Entscheidung
+stand, ging mit dem ganzen Eifer des Renegaten und mit der ihm
+persönlich eigenen Leichtfertigkeit darauf ein. Einen Augenblick schien
+es, als solle an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten
+anzündete, auch der Bürgerkrieg sich entflammen; indes Pompeius’
+Einfluß und die Stimmung der Sullanischen Veteranen bestimmten die
+Opposition, das Leichenbegängnis des Regenten noch ruhig vorübergehen
+zu lassen. Allein nur um so offener traf man sodann die Einleitung zur
+abermaligen Revolution. Bereits hallte der Markt der Hauptstadt wider
+von Anklagen gegen den “karikierten Romulus” und seine Schergen. Noch
+bevor der Gewaltige die Augen geschlossen hatte, wurden von Lepidus und
+seinen Anhängern der Umsturz der Sullanischen Verfassung, die
+Wiederherstellung der Getreideverteilungen, die Wiedereinsetzung der
+Volkstribune in den vorigen Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig
+Verbannten, die Rückgabe der konfiszierten Ländereien offen als das
+Ziel der Agitation bezeichnet. Jetzt wurden mit den Geächteten
+Verbindungen angeknüpft; Marcus Perpenna, in der cinnanischen Zeit
+Statthalter von Sizilien, fand sich ein in der Hauptstadt. Die Söhne
+der Sullanischen Hochverräter, auf denen die Restaurationsgesetze mit
+unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die namhafteren
+marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert; nicht
+wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an; andere freilich
+folgten dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die Nachricht von
+Sullas Tode und Lepidus’ Plänen aus Asien heimgekehrt war, aber nachdem
+er den Charakter des Führers und der Bewegung genauer kennengelernt
+hatte, vorsichtig sich zurückzog. In der Hauptstadt ward auf Lepidus’
+Rechnung in den Weinhäusern und den Bordellen gezecht und geworben.
+Unter den etruskischen Mißvergnügten endlich ward eine Verschwörung
+gegen die neue Ordnung der Dinge angezettelt ^4.
+
+—————————————————————————————
+
+^4 Die folgende Erzählung beruht wesentlich auf dem Bericht des
+Licinianus, der, so trümmerhaft er auch gerade hier ist, dennoch über
+die Insurrektion des Lepidus wichtige Aufschlüsse gibt.
+
+————————————————————————————-
+
+Alles dies geschah unter den Augen der Regierung. Der Konsul Catulus
+sowie die verständigeren Optimaten drangen darauf, sofort entschieden
+einzuschreiten und den Aufstand im Keime zu ersticken; allein die
+schlaffe Majorität konnte sich nicht entschließen, den Kampf zu
+beginnen, sondern versuchte so lange wie möglich, durch ein System von
+Transaktionen und Konzessionen sich selber zu täuschen. Lepidus ging
+zunächst auf dasselbe auch seinerseits ein. Das Ansinnen, die
+Zurückgabe der den Volkstribunen entzogenen Befugnisse zu beantragen,
+wies er nicht minder ab wie sein Kollege Catulus. Dagegen wurde die
+Gracchische Kornverteilung in beschränktem Umfang wiederhergestellt. Es
+scheinen danach nicht wie nach dem Sempronischen Gesetz alle, sondern
+nur eine bestimmte Anzahl - vermutlich 40000 - ärmere Bürger die
+früheren Spenden, wie sie Gracchus bestimmt hatte, fünf Scheffel
+monatlich für den Preis von 6 1/3 Assen (2¾ Groschen) empfangen zu
+haben - eine Bestimmung, aus der dem Ärar ein jährlicher Nettoverlust
+von mindestens 300000 Talern erwuchs ^5. Die Opposition, durch diese
+halbe Nachgiebigkeit natürlich ebensowenig befriedigt wie entschieden
+ermutigt, trat in der Hauptstadt nur um so schroffer und gewaltsamer
+auf; und in Etrurien, dem rechten Herd aller italischen
+Proletarierinsurrektionen, brach bereits der Bürgerkrieg aus: die
+expropriierten Faesulaner setzten sich mit gewaffneter Hand wieder in
+den Besitz ihrer verlorenen Güter und mehrere der von Sulla daselbst
+angesiedelten Veteranen kamen bei dem Auflauf um. Der Senat beschloß
+auf diese Nachricht, die beiden Konsuln dorthin zu senden, um Truppen
+aufzubieten und den Aufstand zu unterdrücken ^6. Es war nicht möglich,
+kopfloser zu verfahren. Der Senat konstatierte der Insurrektion
+gegenüber seine Schwachmütigkeit und seine Besorgnisse durch die
+Wiederherstellung des Getreidegesetzes: er gab, um vor dem Straßenlärm
+Ruhe zu haben, dem notorischen Haupte der Insurrektion ein Heer; und
+wenn die beiden Konsuln durch den feierlichsten Eid, den man zu
+ersinnen vermochte, verpflichtet wurden, die ihnen anvertrauten Waffen
+nicht gegeneinander zu kehren, so gehörte wahrlich die dämonische
+Verstocktheit oligarchischer Gewissen dazu, um ein solches Bollwerk
+gegen die drohende Insurrektion aufrichten zu mögen. Natürlich rüstete
+Lepidus in Etrurien nicht für den Senat, sondern für die Insurrektion,
+höhnisch erklärend, daß der geleistete Eid nur für das laufende Jahr
+ihn binde. Der Senat setzte die Orakelmaschine in Bewegung, um ihn zur
+Rückkehr zu bestimmen, und übertrug ihm die Leitung der bevorstehenden
+Konsulwahlen: allein Lepidus wich aus, und während die Boten deswegen
+kamen und gingen und über Vergleichsvorschlägen das Amtsjahr zu Ende
+lief, schwoll seine Mannschaft zu einem Heer an. Als endlich im Anfang
+des folgenden Jahres (677 77) an Lepidus der bestimmte Befehl des
+Senats erging, nun ungesäumt zurückzukehren, weigerte der Prokonsul
+trotzig den Gehorsam und forderte seinerseits die Erneuerung der
+ehemaligen tribunizischen Gewalt und die Wiedereinsetzung der
+gewalttätig Vertriebenen in ihr Bürgerrecht und ihr Eigentum, überdies
+für sich die Wiederwahl zum Konsul für das laufende Jahr, das heißt die
+Tyrannis in gesetzlicher Form. Damit war der Krieg erklärt. Die
+Senatspartei konnte, außer auf die Sullanischen Veteranen, deren
+bürgerliche Existenz durch Lepidus bedroht ward, zählen auf das von dem
+Prokonsul Catulus unter die Waffen gerufene Heer; und auf die
+dringenden Mahnungen der Einsichtigen, namentlich des Philippus, wurde
+demgemäß die Verteidigung der Hauptstadt und die Abwehr der in Etrurien
+stehenden Hauptmacht der Demokratenpartei dem Catulus vom Senat
+übertragen, auch gleichzeitig Gnaeus Pompeius mit einem anderen Haufen
+ausgesandt, um seinem ehemaligen Schützling das Potal zu entreißen, das
+dessen Unterbefehlshaber Marcus Brutus besetzt hielt. Während Pompeius
+rasch seinen Auftrag vollzog und den feindlichen Feldherrn eng in
+Mutina einschloß, erschien Lepidus vor der Hauptstadt, um, wie einst
+Marius, sie mit stürmender Hand für die Revolution zu erobern. Das
+rechte Tiberufer geriet ganz in seine Gewalt und er konnte sogar den
+Fluß überschreiten; auf dem Marsfelde, hart unter den Mauern der Stadt,
+wurde die entscheidende Schlacht geschlagen. Allein Catulus siegte;
+Lepidus mußte zurückweichen nach Etrurien, während eine andere
+Abteilung unter Lepidus’ Sohn Scipio sich in die Festung Alba warf.
+Damit war der Aufstand im wesentlichen zu Ende. Mutina ergab sich an
+Pompeius; Brutus wurde trotz des ihm zugestandenen sicheren Geleits
+nachträglich auf Befehl des Pompeius getötet. Ebenso ward Alba nach
+langer Belagerung durch Hunger bezwungen und der Führer gleichfalls
+hingerichtet. Lepidus, durch Catulus und Pompeius von zwei Seiten
+gedrängt, lieferte am etrurischen Gestade noch ein Treffen, um nur den
+Rückzug sich zu ermöglichen, und schiffte dann in dem Hafen Cosa nach
+Sardinien sich ein, von wo aus er der Hauptstadt die Zufuhr
+abzuschneiden und die Verbindung mit den spanischen Insurgenten zu
+gewinnen hoffte. Allein der Statthalter der Insel leistete ihm
+kräftigen Widerstand, und er selbst starb nicht lange nach seiner
+Landung an der Schwindsucht (677 77), womit in Sardinien der Krieg zu
+Ende war. Ein Teil seiner Soldaten verlief sich; mit dem Kern der
+Insurrektionsarmee und mit wohlgefüllten Kassen begab sich der gewesene
+Prätor Marcus Perpenna nach Ligurien und von da nach Spanien zu der
+Sertorianern.
+
+———————————————————————-
+
+^5 Unter dem Jahre 676 (78) berichtet Licinianus (p. 23 Pertz, p. 42
+Bonn): (Lepidus) [Ie]gem frumentari[am] nullo resistente l[argi]tus est
+ut annon[ae] quinque modi popu[lo da]rentur. Danach hat also das Gesetz
+der Konsuln des Jahres 681 (73) Marcus Terentius Lucullus und Gaius
+Cassius Varus, welches Cicero (Verr. 3, 70, 136; 5, 21, 52) erwähnt und
+auf das auch Sallust (hist. 3, 61, 19 Dietsch) sich bezieht, die fünf
+Scheffel nicht erst wiederhergestellt, sondern nur durch Regulierung
+der sizilischen Getreideankäufe die Kornspenden gesichert und
+vielleicht im einzelnen manches geändert. Daß das Sempronische Gesetz
+jedem in Rom domizilierenden Bürger gestattete, an den Getreidespenden
+teilzunehmen, steht fest. Allein die spätere Getreideverteilung hat
+diesen Umfang nicht gehabt; denn da das Monatkorn der römischen
+Bürgerschaft wenig mehr als 33000 Medimnen = 198000 röm. Scheffel
+betrug (Cic. Verr. 3, 30, 72), so empfingen damals nur etwa 40000
+Bürger Getreide, während doch die Zahl der in der Hauptstadt
+domizilierenden Bürger sicher weit beträchtlicher war. Diese
+Einrichtung rührt wahrscheinlich aus dem Octavischen Gesetze her, das
+im Gegensatze zu der übertriebenen Sempronischen eine “mäßige, für den
+Staat erträgliche und für das gemeine Volk notwendige Spendung” (Cic.
+off. 2, 21, 72; Brut. 62, 222) einführte; und allem Anschein nach ist
+ebendies Gesetz die von Licinianus erwähnte lex frumentaria. Daß
+Lepidus sich auf einen solchen Ausgleichsvorschlag einließ, stimmt zu
+seinem Verhalten in Betreff der Restitution des Tribunats. Ebenso paßt
+es zu den Verhältnissen, daß die Demokratie durch die hiermit
+herbeigeführte Regulierung der Kornverteilung sich keineswegs
+befriedigt fand (Sallust a. a. O.).
+
+Die Verlustsumme ist danach berechnet, daß das Getreide mindestens den
+doppelten Wert hatte; wenn die Piraterie oder andere Ursachen die
+Kornpreise in die Höhe trieben, mußte sich ein noch weit
+beträchtlicherer Schaden herausstellen.
+
+^6 Aus den Trümmern des Licinianischen Berichts (p. 44 Bonn) geht auch
+dies hervor, daß der Beschluß des Senats: “uti Lepidus et Catulus
+decretis exercitibus maturrume proficiscerentur” (Sall. hist. 1, 14
+Dietsch) - nicht von einer Entsendung der Konsuln vor Ablauf des
+Konsulats in ihre prokonsularischen Provinzen zu verstehen ist, wozu es
+auch an jedem Grunde gefehlt haben würde, sondern von der Sendung nach
+Etrurien gegen die aufständischen Faesulaner, ganz ähnlich wie im
+Catilinarischen Kriege der Konsul Gaius Antonius ebendorthin geschickt
+ward. Wenn Philippus bei Sallust (hist. 1, 84, 4) sagt daß Lepidus ob
+seditionem provinciam cum exercitu adeptus est so ist dies damit
+vollständig im Einklang; denn das außerordentliche konsularische
+Kommando in Etrurien ist ebensowohl eine provincia wie das ordentliche
+prokonsularische im Narbonensischen Gallien.
+
+————————————————————————
+
+Über Lepidus also hafte die Oligarchie gesiegt; dagegen sah sie sich
+durch die gefährliche Wendung des Sertorianischen Krieges zu
+Zugeständnissen genötigt, die den Buchstaben wie den Geist der
+Sullanischen Verfassung verletzten. Es war schlechterdings notwendig,
+ein starkes Heer und einen fähigen Feldherrn nach Spanien zu senden;
+und Pompeius gab sehr deutlich zu verstehen, daß er diesen Auftrag
+wünsche oder vielmehr fordere. Die Zumutung war stark. Es war schon
+übel genug, daß man diesen geheimen Gegner in dem Drange der
+Lepidianischen Revolution wieder zu einem außerordentlichen Kommando
+hatte gelangen lassen; aber noch viel bedenklicher war es, mit
+Beseitigung aller von Sulla aufgestellten Regeln der Beamtenhierarchie
+einem Manne, der noch kein bürgerliches Amt bekleidet hatte, eine der
+wichtigsten ordentlichen Provinzialstatthalterschaften in einer Art zu
+übertragen, wobei an Einhaltung der gesetzlichen Jahresfrist nicht zu
+denken war. Die Oligarchie hatte somit, auch abgesehen von der ihrem
+Feldherrn Metellus schuldigen Rücksicht, wohl Ursache, diesem neuen
+Versuch des ehrgeizigen Jünglings, seine Sonderstellung zu verewigen,
+allen Ernstes sich zu widersetzen; allein leicht war dies nicht.
+Zunächst fehlte es ihr durchaus an einem für den schwierigen spanischen
+Feldherrnposten geeigneten Mann. Keiner der Konsuln des Jahres bezeigte
+Lust, sich mit Sertorius zu messen, und man mußte es hinnehmen, was
+Lucius Philippus in voller Ratsversammlung sagte, daß unter den
+sämtlichen namhaften Senatoren nicht einer fähig und willig sei, in
+einem ernsthaften Kriege zu kommandieren. Vielleicht hätte man dennoch
+hierüber sich hinweggesetzt und nach Oligarchenart, da man keinen
+fähigen Kandidaten hatte, die Stelle mit irgendeinem Lückenbüßer
+ausgefüllt, wenn Pompeius den Befehl bloß gewünscht und nicht ihn an
+der Spitze einer Armee gefordert hätte. Catulus’ Weisungen, das Heer zu
+entlassen, hatte er bereits überhört; es war mindestens zweifelhaft, ob
+die des Senats eine bessere Aufnahme finden würden, und die Folgen
+eines Bruchs konnte niemand berechnen - gar leicht konnte die Schale
+der Aristokratie emporschnellen, wenn in die entgegengesetzte das
+Schwert eines bekannten Generals fiel. So entschloß sich die Majorität
+zur Nachgiebigkeit. Nicht vom Volke, das hier, wo es um die Bekleidung
+eines Privatmannes mit der höchsten Amtsgewalt sich handelte,
+verfassungsmäßig hätte befragt werden müssen, sondern vom Senate
+empfing Pompeius die prokonsularische Gewalt und den Oberbefehl im
+diesseitigen Spanien und ging vierzig Tage nach dessen Empfang, im
+Sommer 677 (77), über die Alpen.
+
+Zunächst fand der neue Feldherr im Keltenland zu tun, wo zwar eine
+förmliche Insurrektion nicht ausgebrochen, aber doch an mehreren Orten
+die Ruhe ernstlich gestört worden war; infolgedessen Pompeius den
+Kantons der Volker-Arekomiker und der Helvier ihre Selbständigkeit
+entzog und sie unter Massalia legte. Auch ward von ihm durch Anlegung
+einer neuen Alpenstraße über den Kottischen Berg (Mont Genèvre; 2, 105)
+eine kürzere Verbindung zwischen dem Potal und dem Keltenlande
+hergestellt. über dieser Arbeit verfloß die gute Jahreszeit: erst spät
+im Herbst überschritt Pompeius die Pyrenäen.
+
+Sertorius hatte inzwischen nicht gefeiert. Er hatte Hirtuleius in die
+jenseitige Provinz entsandt, um Metellus in Schach zu halten, und war
+selbst bemüht, seinen vollständigen Sieg in der diesseitigen zu
+verfolgen und sich auf Pompeius’ Empfang vorzubereiten. Die einzelnen
+keltiberischen Städte, die hier noch zu Rom hielten, wurden angegriffen
+und eine nach der andern bezwungen; zuletzt, schon mitten im Winter,
+war das feste Contrebia (südöstlich von Saragossa) gefallen. Vergeblich
+hatten die bedrängten Städte Boten über Boten an Pompeius gesandt: er
+ließ sich durch keine Bitten aus seinem gewohnten Geleise langsamen
+Vorschreitens bringen. Mit Ausnahme der Seestädte, die durch die
+römische Flotte verteidigt wurden, und der Distrikte der Indigeten und
+Laletaner im nordöstlichen Winkel Spaniens, wo Pompeius, als er endlich
+die Pyrenäen überschritten, sich festsetzte und seine ungeübten
+Truppen, um sie an die Strapazen zu gewöhnen, den Winter hindurch
+biwakieren ließ, war am Ende des Jahres 677 (77) das ganze diesseitige
+Spanien durch Vertrag oder Gewalt von Sertorius abhängig geworden, und
+die Landschaft am oberen und mittleren Ebro blieb seitdem die festeste
+Stütze seiner Macht. Selbst die Besorgnis, die das frische römische
+Heer und der gefeierte Name des Feldherrn in der Insurgentenarmee
+hervorrief, hatte für dieselbe heilsame Folgen. Marcus Perpenna, der
+bis dahin als Sertorius im Range gleich auf ein selbständiges Kommando
+über die von ihm aus Ligurien mitgebrachte Mannschaft Anspruch gemacht
+hatte, wurde auf die Nachricht von Pompeius’ Eintreffen in Spanien von
+seinen Soldaten genötigt, sich unter die Befehle seines fähigeren
+Kollegen zu stellen.
+
+Für den Feldzug des Jahres 678 (76) verwandte Sertorius gegen Metellus
+wieder das Korps das Hirtuleius, während Perpenna mit einem starken
+Heer am unteren Laufe des Ebro sich aufstellte, um Pompeius den
+Übergang über diesen Fluß zu wehren, wenn er, wie zu erwarten war, in
+der Absicht, Metellus die Hand zu reichen, in südlicher Richtung und,
+der Verpflegung seiner Truppen wegen, an der Küste entlang marschieren
+würde. Zu Perpennas Unterstützung war zunächst das Korps des Gaius
+Herennius bestimmt; weiter landeinwärts, am oberen Ebro, holte
+Sertorius selbst die Unterwerfung einzelner, römisch gesinnter
+Distrikte nach und hielt zugleich sich dort bereit, nach den Umständen
+Perpenna oder Hirtuleius zu Hilfe zu eilen. Auch diesmal war seine
+Absicht darauf gerichtet, jeder Hauptschlacht auszuweichen und den
+Feind durch kleine Kämpfe und Abschneiden der Zufuhr aufzureiben. Indes
+Pompeius erzwang gegen Perpenna den Übergang über den Ebro und nahm
+Stellung am Fluß Pallantia bei Saguntum, unweit des Vorgebirgs der
+Diana, von wo aus, wie schon gesagt ward, die Sertorianer ihre
+Verbindungen mit Italien und dem Osten unterhielten. Es war Zeit, daß
+Sertorius selber erschien und die Überlegenheit seiner Truppenzahl und
+seines Genies gegen die größere Tüchtigkeit der Soldaten seines Gegners
+in die Waagschale warf. Um die Stadt Lauro (am Xucar südlich von
+Valencia), die sich für Pompeius erklärt hatte und deshalb von
+Sertorius belagert ward, konzentrierte der Kampf sich längere Zeit.
+Pompeius strengte sich aufs äußerste an, sie zu entsetzen; allein
+nachdem vorher ihm mehrere Abteilungen einzeln überfallen und
+zusammengehauen worden waren, sah sich der große Kriegsmann, ebenda er
+die Sertorianer umzingelt zu haben meinte und schon die Belagerten
+eingeladen hatte, dem Abfangen der Belagerungsarmee zuzuschauen,
+plötzlich vollständig ausmanövriert und mußte, um nicht selber
+umzingelt zu werden, die Einnahme und Einäscherung der verbündeten
+Stadt und die Abführung der Einwohner nach Lusitanien von seinem Lager
+aus ansehen - ein Ereignis, das eine Reihe schwankend gewordener Städte
+im mittleren und östlichen Spanien wieder an Sertorius festzuhalten
+bestimmte. Glücklicher focht inzwischen Metellus. In einem heftigen
+Treffen bei Italica (unweit Sevilla), das Hirtuleius unvorsichtig
+gewagt hatte und in dem beide Feldherrn persönlich ins Handgemenge
+kamen, Hirtuleius auch verwundet ward, schlug er diesen und zwang ihn,
+das eigentliche römische Gebiet zu räumen und sich nach Lusitanien zu
+werfen. Dieser Sieg gestattete Metellus, sich mit Pompeius zu
+vereinigen. Die Winterquartiere 678/79 (76/75) nahmen beide Feldherren
+an den Pyrenäen. Für den nächsten Feldzug 679 (75), beschlossen sie,
+den Feind in seiner Stellung bei Valentia gemeinschaftlich anzugreifen.
+Aber während Metellus heranzog, bot Pompeius, um die Scharte von Lauro
+auszuwetzen und die gehofften Lorbeeren womöglich allein zu gewinnen,
+vorher dem feindlichen Hauptheer die Schlacht an. Mit Freuden ergriff
+Sertorius die Gelegenheit, mit Pompeius zu schlagen, bevor Metellus
+eintraf. Am Flusse Sucro (Xucar) trafen die Heere aufeinander; nach
+heftigem Gefecht ward Pompeius auf dem rechten Flügel geschlagen und
+selbst schwer verwundet vom Schlachtfelde weggetragen. Zwar siegte
+Afranius mit dem linken und nahm das Lager der Sertorianer, allein
+während der Plünderung von Sertorius überrascht, ward auch er gezwungen
+zu weichen. Hätte Sertorius am folgenden Tage die Schlacht zu erneuern
+vermocht, Pompeius’ Heer wäre vielleicht vernichtet worden. Allein
+inzwischen war Metellus herangekommen, hatte das gegen ihn aufgestellte
+Korps des Perpenna niedergerannt und dessen Lager genommen; es war
+nicht möglich, die Schlacht gegen die beiden vereinigten Heere
+wiederaufzunehmen. Die Erfolge des Metellus, die Vereinigung der
+feindlichen Streitkräfte, das plötzliche Stocken nach dem Sieg
+verbreiteten Schrecken unter den Sertorianern, und wie es bei
+spanischen Heeren nicht selten vorkam, verlief infolge dieses
+Umschwungs der Dinge sich der größte Teil der sertorianischen Soldaten.
+Indes die Entmutigung verflog so rasch wie sie gekommen war; die weiße
+Hindin, die die militärischen Pläne des Feldherrn bei der Menge
+vertrat, war bald wieder populärer als je; in kurzer Zeit trat in der
+gleichen Gegend, südlich von Saguntum (Murviedro), das fest an Rom
+hielt, Sertorius mit einer neuen Armee den Römern entgegen, während die
+sertorianischen Kaper den Römern die Zufuhr von der Seeseite
+erschwerten und bereits im römischen Lager der Mangel sich bemerklich
+machte. Es kam abermals zur Schlacht in den Ebenen des Turiaflusses
+(Guadalaviar), und lange schwankte der Kampf. Pompeius mit der Reiterei
+ward von Sertorius geschlagen und sein Schwager und Quästor, der
+tapfere Lucius Memmius, getötet; dagegen überwand Metellus den Perpenna
+und schlug den gegen ihn gerichteten Angriff der feindlichen Hauptarmee
+siegreich zurück, wobei er selbst im Handgemenge eine Wunde empfing.
+Abermals zerstreute sich hierauf das Sertorianische Heer. Valentia, das
+Gaius Herennius für Sertorius besetzt hielt, ward eingenommen und
+geschleift. Römischerseits mochte man einen Augenblick der Hoffnung
+sich hingeben mit dem zähen Gegner fertig zu sein. Die Sertorianische
+Armee war verschwunden; die römischen Truppen, tief in das Binnenland
+eingedrungen, belagerten den Feldherrn selbst in der Festung Clunia am
+oberen Duero. Allein während sie vergeblich diese Felsenburg umstanden,
+sammelten sich anderswo die Kontingente der insurgierten Gemeinden;
+Sertorius entschlüpfte aus der Festung und stand noch vor Ablauf des
+Jahres wieder als Feldherr an der Spitze einer Armee. Wieder mußten die
+römischen Feldherrn mit der trostlosen Aussicht auf die unausbleibliche
+Erneuerung der sisypheischen Kriegsarbeit die Winterquartiere beziehen.
+Es war nicht einmal möglich, sie in dem wegen der Kommunikation mit
+Italien und dem Osten so wichtigen, aber von Freund und Feind
+entsetzlich verheerten Gebiet von Valentia zu nehmen; Pompeius führte
+seine Truppen zunächst in das Gebiet der Vasconen ^7 (Biscaya) und
+überwinterte dann in dem der Vaccäer (um Valladolid), Metellus gar in
+Gallien.
+
+——————————————————————-
+
+^7 In den neu gefundenen Sallustischen Bruchstücken, welche dem Ende
+des Feldzuges von 75 anzugehören scheinen, gehören hierher die Worte:
+Romanus [exer]citus (des Pompeius) frumenti gra[tia r]emotus in
+Vascones i .. [it]emque Sertorius mon …o, cuius multum in[terer]at, ne
+ei perinde Asiae [iter et Italiae intercluderetur].
+
+——————————————————————-
+
+Fünf Jahre währte also der Sertorianische Krieg und noch war weder
+hüben noch drüben ein Ende abzusehen. Unbeschreiblich litt unter
+demselben der Staat. Eine Blüte der italischen Jugend ging in den
+aufreibenden Strapazen dieser Feldzüge zugrunde. Die öffentlichen
+Kassen entbehrten nicht bloß die spanischen Einnahmen, sondern hatten
+auch für die Besoldung und Verpflegung der spanischen Heere jährlich
+sehr ansehnliche Summen nach Spanien zu senden, die man kaum
+aufzubringen wußte. Daß Spanien verödete und verarmte und die so schön
+daselbst sich entfaltende römische Zivilisation einen schweren Stoß
+erhielt, versteht sich von selbst, zumal bei einem so erbittert
+geführten und nur zu oft die Vernichtung ganzer Gemeinden
+veranlassenden Insurrektionskrieg. Selbst die Städte, die zu der in Rom
+herrschenden Partei hielten, hatten unsägliche Not zu erdulden; die an
+der Küste gelegenen mußten durch die römische Flotte mit dem
+Notwendigen versehen werden, und die Lage der treuen binnenländischen
+Gemeinden war beinahe verzweifelt. Fast nicht weniger litt die
+gallische Landschaft, teils durch die Requisitionen an Zuzug zu Fuß und
+zu Pferde, an Getreide und Geld, teils durch die drückende Last der
+Winterquartiere, die infolge der Mißernte 680 (74) sich ins
+unerträgliche steigerte; fast alle Gemeindekassen waren genötigt, zu
+den römischen Bankiers ihre Zuflucht zu nehmen und eine erdrückende
+Schuldenlast sich aufzubürden. Feldherren und Soldaten führten den
+Krieg mit Widerwillen. Die Feldherren waren getroffen auf einen an
+Talent weit überlegenen Gegner, auf einen langweilig zähen Widerstand,
+auf einen Krieg sehr ernsthafter Gefahren und schwer erfochtener, wenig
+glänzender Erfolge; es ward behauptet, daß Pompeius damit umgehe, sich
+aus Spanien abberufen und irgend anderswo ein erwünschteres Kommando
+sich übertragen zu lassen. Die Soldaten waren gleichfalls wenig erbaut
+von einem Feldzug, in dem es nicht allein weiter nichts zu holen gab
+als harte Schläge und wertlose Beute, sondern auch ihr Sold ihnen
+höchst unregelmäßig gezahlt ward; Pompeius berichtete Ende 679 (75) an
+den Senat, daß seit zwei Jahren der Sold im Rückstand sei und das Heer
+sich aufzulösen drohe. Einen ansehnlichen Teil dieser Übelstände hätte
+die römische Regierung allerdings zu beseitigen vermocht, wenn sie es
+über sich hätte gewinnen können, den Spanischen Krieg mit minderer
+Schlaffheit, um nicht zu sagen mit besserem Willen zu führen. In der
+Hauptsache aber war es weder ihre Schuld noch die Schuld der
+Feldherren, daß ein so überlegenes Genie, wie Sertorius war, auf einem
+für den Insurrektions- und Korsarenkrieg so überaus günstigen Boden
+aller numerischen und militärischen Überlegenheit zum Trotz den kleinen
+Krieg Jahre und Jahre fortzuführen vermochte. Ein Ende war hier so
+wenig abzusehen, daß vielmehr die Sertorianische Insurrektion sich mit
+andern gleichzeitigen Aufständen verschlingen und dadurch ihre
+Gefährlichkeit steigern zu wollen schien. Ebendamals ward auf allen
+Meeren mit den Flibustierflotten, ward in Italien mit den
+aufständischen Sklaven, in Makedonien mit den Völkerschaften an der
+unteren Donau gefochten, und entschloß sich im Osten König Mithradates,
+mitbestimmt durch die Erfolge der spanischen Insurrektion, das Glück
+der Waffen noch einmal zu versuchen. Daß Sertorius mit den italischen
+und makedonischen Feinden Roms Verbindungen angeknüpft hat, läßt sich
+nicht bestimmt erweisen, obwohl er allerdings mit den Marianern in
+Italien in beständigem Verkehr stand; mit den Piraten dagegen hatte er
+schon früher offenes Bündnis gemacht, und mit dem pontischen König, mit
+welchem er längst durch Vermittlung der an dessen Hof verweilenden
+römischen Emigranten Einverständnisse unterhalten hatte, schloß er
+jetzt einen förmlichen Allianztraktat, in dem Sertorius dem König die
+kleinasiatischen Klientelstaaten, nicht aber die römische Provinz Asia
+abtrat, überdies ihm einen zum Führer seiner Truppen geeigneten
+Offizier und eine Anzahl Soldaten zu senden versprach, der König
+dagegen ihm 40 Schiffe und 3000 Talente (4½ Mill. Taler) zu überweisen
+sich anheischig machte. Schon erinnerten die klugen Politiker in der
+Hauptstadt an die Zeit, als Italien sich durch Philippos und durch
+Hannibal von Osten und von Westen aus bedroht sah; der neue Hannibal,
+meinte man, könne, nachdem er, wie sein Vorfahr, Spanien durch sich
+selbst bezwungen, eben wie dieser mit den Steilkräften Spaniens in
+Italien gar leicht früher als Pompeius eintreffen, um, wie einst der
+Phöniker, die Etrusker und Samniten gegen Rom unter die Waffen zu
+rufen.
+
+Indes dieser Vergleich war doch mehr witzig als richtig. Sertorius war
+bei weitem nicht stark genug, um das Riesenunternehmen Hannibals zu
+erneuern; er war verloren, wenn er Spanien verließ, an dessen Landes-
+und Volkseigentümlichkeit all seine Erfolge hingen, und auch hier mehr
+und mehr genötigt, der Offensive zu entsagen. Sein bewundernswertes
+Führergeschick konnte die Beschaffenheit seiner Truppen nicht ändern;
+der spanische Landsturm blieb, was er war, unzuverlässig wie die Welle
+und der Wind, bald in Massen bis zu 150000 Köpfen versammelt, bald
+wieder auf eine Handvoll Leute zusammengeschmolzen; in gleicher Weise
+blieben die römischen Emigranten unbotmäßig, hoffärtig und eigensinnig.
+Die Waffengattungen, die längeres Zusammenhalten der Korps erfordern,
+wie namentlich die Reiterei, waren natürlich in seinem Heer sehr
+ungenügend vertreten. Seine fähigsten Offiziere und den Kern seiner
+Veteranen rieb der Krieg allmählich auf, und auch die zuverlässigsten
+Gemeinden fingen an, der Plackerei durch die Römer und der Mißhandlung
+durch die Sertorianischen Offiziere müde zu werden und Zeichen der
+Ungeduld und der schwankenden Treue zu geben. Es ist bemerkenswert, daß
+Sertorius, auch darin Hannibal gleich, niemals über die
+Hoffnungslosigkeit seiner Stellung sich getäuscht hat; er ließ keine
+Gegenheil vorübergehen, um einen Vergleich herbeizuführen und wäre
+jeden Augenblick bereit gewesen, gegen die Zusicherung, in seiner
+Heimat friedlich leben zu dürfen, seinen Kommandostab niederzulegen.
+Allein die politische Orthodoxie weiß nichts von Vergleich und
+Versöhnung. Sertorius durfte nicht rückwärts noch seitwärts;
+unvermeidlich mußte er weiter auf der einmal betretenen Bahn, wie sie
+auch schmaler und schwindelnder ward.
+
+Pompeius’ Vorstellungen in Rom, denen Mithradates’ Auftreten im Osten
+Nachdruck gab, hatten Erfolg. Er erhielt vom Senat die nötigen Gelder
+zugesandt und Verstärkung durch zwei frische Legionen. So gingen die
+beiden Feldherren im Frühjahr 680 (74) wieder an die Arbeit und
+überschritten aufs neue den Ebro. Das östliche Spanien war infolge der
+Schlachten am Xucar und Guadalaviar den Sertorianern entrissen; der
+Kampf konzentrierte sich fortan am oberen und mittleren Ebro um die
+Hauptwaffenplätze der Sertorianer Calagurris, Osca, Ilerda. Wie
+Metellus in den früheren Feldzügen das Beste getan hatte, so gewann er
+auch diesmal die wichtigsten Erfolge. Sein alter Gegner Hirtuleius, der
+ihm wieder entgegentrat, ward vollständig geschlagen und fiel selbst
+mit seinem Bruder - ein unersetzlicher Verlust für die Sertorianer.
+Sertorius, den die Unglücksbotschaft erreichte, als er selbst im
+Begriff war, die ihm gegenüberstehenden Feinde anzugreifen, stieß den
+Boten nieder, damit die Nachricht die Seinigen nicht entmutigte; aber
+lange war die Kunde nicht zu verbergen. Eine Stadt nach der andern
+ergab sich. Metellus besetzte die keltiberischen Städte Segobriga
+(zwischen Toledo und Cuenca) und Bilbilis (bei Calatayud). Pompeius
+belagerte Pallantia (Palencia oberhalb Valladolid), das aber Sertorius
+entsetzte und den Pompeius nötigte, sich auf Metellus zurückzuziehen;
+vor Calagurris (Calahorra am oberen Ebro), wohin Sertorius sich
+geworfen, erlitten sie beide empfindliche Verluste. Dennoch konnten
+sie, als sie in die Winterquartiere gingen, Pompeius nach Gallien,
+Metellus in seine eigene Provinz, auf beträchtliche Erfolge
+zurücksehen; ein großer Teil der Insurgenten hatte sich gefügt oder war
+mit den Waffen bezwungen worden.
+
+In ähnlicher Weise verlief der Feldzug des folgenden Jahres (681 78);
+in diesem war es vor allem Pompeius, der langsam, aber stetig das
+Gebiet der Insurrektion einschränkte.
+
+Der Rückschlag des Niedergangs ihrer Waffen auf die Stimmung im
+Insurgentenlager blieb nicht aus. Wie Hannibals wurden auch Sertorius’
+kriegerische Erfolge notwendig immer geringer; man fing an, sein
+militärisches Talent in Zweifel zu ziehen; er sei nicht mehr der alte,
+hieß es, er verbringe der Tag beim Schmaus oder beim Becher und
+verschleudere die Gelder wie die Stunden. Die Zahl der Ausreißer, der
+abfallenden Gemeinden mehrte sich. Bald kamen Pläne der römischen
+Emigranten gegen das Leben des Feldherrn bei diesem zur Anzeige; sie
+klangen glaublich genug, zumal da so manche Offiziere der
+Insurgentenarmee, namentlich Perpenna, nur widerwillig sich unter den
+Oberbefehl des Sertorius gefügt hatten und seit langem von den
+römischen Statthaltern dem Mörder des feindlichen Oberfeldherrn
+Amnestie und ein hohes Blutgeld ausgelobt war. Sertorius entzog auf
+jene Inzichten hin die Hut seiner Person den römischen Soldaten und gab
+sie erlesenen Spaniern. Gegen die Verdächtigen selbst schritt er mit
+furchtbarer, aber notwendiger Strenge ein und verurteilte, ohne wie
+sonst Ratmänner zuzuziehen, verschiedene Angeschuldigte zum Tode; den
+Freunden, hieß es darauf in den Kreisen der Mißvergnügten, sei er jetzt
+gefährlicher als den Feinden. Bald ward eine zweite Verschwörung
+entdeckt, die ihren Sitz in seinem eigenen Stabe hatte; wer zur Anzeige
+gebracht ward, mußte flüchtig werden oder sterben, aber nicht alle
+wurden verraten und die übrigen Verschworenen, unter ihnen vor allem
+Perpenna, fanden hierin nur einen Antrieb, sich zu eilen. Man befand
+sich im Hauptquartier zu Osca. Hier ward auf Perpennas Veranstaltung
+dem Feldherrn ein glänzender Sieg berichtet, den seine Truppen
+erfochten hätten; und bei der zur Feier dieses Sieges von Perpenna
+veranstalteten festlichen Mahlzeit erschien denn auch Sertorius,
+begleitet, wie er pflegte, von seinem spanischen Gefolge. Gegen den
+sonstigen Brauch im Sertorianischen Hauptquartier ward das Fest bald
+zum Bacchanal; wüste Reden flogen über den Tisch, und es schien, als
+wenn einige der Gäste Gelegenheit suchten, einen Wortwechsel zu
+beginnen; Sertorius warf sich auf seinem Lager zurück und schien den
+Lärm überhören zu wollen. Da klirrte eine Trinkschale auf den Boden:
+Perpenna gab das verabredete Zeichen. Marcus Antonius, Sertorius’
+Nachbar bei Tische, führte den ersten Streich gegen ihn, und da der
+Getroffene sich umwandte und sich aufzurichten versuchte, stürzte der
+Mörder sich über ihn und hielt ihn nieder, bis die übrigen Tischgäste,
+sämtlich Teilnehmer der Verschwörung, sich auf die Ringenden warfen und
+den wehrlosen, an beiden Armen festgehaltenen Feldherrn erstachen (682
+72). Mit ihm starben seine treuen Begleiter. So endigte einer der
+größten, wo nicht der größte Mann, den Rom bisher hervorgebracht, ein
+Mann, der unter glücklicheren Umständen vielleicht der Regenerator
+seines Vaterlandes geworden sein würde, durch den Verrat der elenden
+Emigrantenbande, die er gegen die Heimat zu führen verdammt war. Die
+Geschichte liebt die Coriolane nicht; auch mit diesem hochherzigsten,
+genialsten, bedauernswertesten unter allen hat sie keine Ausnahme
+gemacht.
+
+Die Erbschaft des Gemordeten dachten die Mörder zu tun. Nach Sertorius’
+Tode machte Perpenna als der höchste unter den römischen Offizieren der
+spanischen Armee Ansprüche auf den Oberbefehl. Man fügte sich, aber
+mißtrauend und widerstrebend. Wie man auch gegen Sertorius bei seinen
+Lebzeiten gemurrt hatte, der Tod setzte den Helden wieder in sein Recht
+ein, und gewaltig brauste der Unwille der Soldaten auf, als bei der
+Publikation seines Testaments unter den Namen der Erben auch der des
+Perpenna verlesen ward. Ein Teil der Soldaten, namentlich die
+lusitanischen, verliefen sich; die zurückgebliebenen beschlich die
+Ahnung, daß mit Sertorius’ Tode der Geist und das Glück von ihnen
+gewichen sei. Bei der ersten Begegnung mit Pompeius wurden denn auch
+die elend geführten und mutlosen Insurgentenhaufen vollständig
+zersprengt und unter anderen Offizieren auch Perpenna gefangen
+eingebracht. Durch die Auslieferung der Korrespondenz des Sertorius,
+die zahlreiche angesehene Männer in Italien kompromittiert haben würde,
+suchte der Elende sich das Leben zu erkaufen; indes Pompeius befahl,
+die Papiere ungelesen zu verbrennen und überantwortete ihn sowie die
+übrigen Insurgentenchefs dem Scharfrichter. Die entkommenen Emigranten
+verliefen sich und gingen größtenteils in die mauretanischen Wüsten
+oder zu den Piraten. Einem Teil derselben eröffnete bald darauf das
+Plotische Gesetz, das namentlich der junge Caesar eifrig unterstützte,
+die Rückkehr in die Heimat; diejenigen aber, die von ihnen an dem Morde
+des Sertorius teilgenommen hatten, starben, mit Ausnahme eines
+einzigen, sämtlich eines gewaltsamen Todes. Osca und überhaupt die
+meisten Städte, die im Diesseitigen Spanien noch zu Sertorius gehalten
+hatten, öffneten dem Pompeius jetzt freiwillig ihre Tore; nur Uxama
+(Osma), Clunia und Calagurris mußten mit den Waffen bezwungen werden.
+Die beiden Provinzen wurden neu geordnet; in der jenseitigen erhöhte
+Metellus den schuldigsten Gemeinden die Jahrestribute; in der
+diesseitigen schaltete Pompeius belohnend und bestrafend, wie zum
+Beispiel Calagurris seine Selbständigkeit verlor und unter Osca gelegt
+ward. Einen Haufen Sertorianischer Soldaten, der in den Pyrenäen sich
+zusammengefunden hatte, bewog Pompeius zur Unterwerfung und siedelte
+ihn nordwärts der Pyrenäen bei Lugudunum (St. Bertrand im Departement
+Haute-Garonne) als die Gemeinde der “Zusammengelaufenen” (convenae) an.
+Auf der Paßhöhe der Pyrenäen wurden die römischen Siegeszeichen
+errichtet; am Ende des Jahres 683 (71) zogen Metellus und Pompeius mit
+ihren Heeren durch die Straßen der Hauptstadt, um den Dank der Nation
+für die Besiegung der Spanier dem Vater Jovis auf dem Kapitol
+darzubringen. Noch über das Grab hinaus schien Sullas Glück mit seiner
+Schöpfung zu sein und dieselbe besser zu schirmen als die zu ihrer Hut
+bestellten unfähigen und schlaffen Wächter. Die italische Opposition
+hatte durch die Unfähigkeit und Vorschnelligkeit ihres Führers, die
+Emigration durch inneren Zwist sich selber gesprengt. Diese
+Niederlagen, obwohl weit mehr das Werk ihrer eigenen Verkehrtheit und
+Zerfahrenheit als der Anstrengungen ihrer Gegner, waren doch
+ebensoviele Siege der Oligarchie. Noch einmal waren die kurulischen
+Stühle befestigt.
+
+
+
+
+KAPITEL II.
+Die Sullanische Restaurationsherrschaft
+
+
+Als nach Unterdrückung der den Senat in seiner Existenz bedrohenden
+Cinnanischen Revolution es der restaurierten Senatsregierung möglich
+ward, der inneren und äußeren Sicherheit des Reiches wiederum die
+erforderliche Aufmerksamkeit zu widmen, zeigten sich der
+Angelegenheiten genug, deren Lösung nicht verschoben werden konnte,
+ohne die wichtigsten Interessen zu verletzen und gegenwärtige
+Unbequemlichkeiten zu künftigen Gefahren anwachsen zu lassen. Abgesehen
+von der sehr ernsten Verwicklung in Spanien war es schlechterdings
+notwendig teils die Barbaren in Thrakien und den Donauländern, die
+Sulla bei seinem Marsch durch Makedonien nur oberflächlich hatte
+züchtigen können, nachhaltig zu Paaren zu treiben und die verwirrten
+Verhältnisse an der Nordgrenze der griechischen Halbinsel militärisch
+zu regulieren, teils den überall, namentlich aber in den östlichen
+Gewässern herrschenden Flibustierbanden gründlich das Handwerk zu
+legen, teils endlich in die unklaren kleinasiatischen Verhältnisse eine
+bessere Ordnung zu bringen. Der Friede, den Sulla im Jahre 670 (84) mit
+König Mithradates von Pontos abgeschlossen hatte und von dem der
+Vertrag mit Murena 673 (81) wesentlich eine Wiederholung war, trug
+durchaus den Stempel eines notdürftig für den Augenblick hergestellten
+Provisoriums; und das Verhältnis der Römer zu König Tigranes von
+Armenien, mit dem sie doch faktisch Krieg geführt hatten, war in diesem
+Frieden ganz unberührt geblieben. Mit Recht hatte Tigranes darin die
+stillschweigende Erlaubnis gefunden, die römischen Besitzungen in Asien
+in seine Gewalt zu bringen. Wenn dieselben nicht preisgegeben bleiben
+sollten, war es notwendig in Güte oder Gewalt mit dem neuen Großkönig
+Asiens sich abzufinden.
+
+Betrachten wir, nachdem in dem vorhergehenden Kapitel die mit dem
+demokratischen Treiben zusammenhängende Bewegung in Italien und Spanien
+und deren Überwältigung durch die senatorische Regierung dargestellt
+wurde, in diesem das äußere Regiment, wie die von Sulla eingesetzte
+Behörde es geführt oder auch nicht geführt hat.
+
+Man erkennt noch Sullas kräftige Hand in den energischen Maßregeln, die
+in der letzten Zeit seiner Regentschaft der Senat ungefähr gleichzeitig
+gegen die Sertorianer, gegen die Dalmater und Thraker und gegen die
+kilikischen Piraten verfügte.
+
+Die Expedition nach der griechisch-illyrischen Halbinsel hatte den
+Zweck, teils die barbarischen Stämme botmäßig oder doch zahm zu machen,
+die das ganze Binnenland vom Schwarzen bis zum Adriatischen Meere
+durchstreiften und unter denen vornehmlich die Besser (im großen
+Balkan), wie man damals sagte, selbst unter den Räubern als Räuber
+verrufen waren, teils die namentlich im dalmatischen Litoral sich
+bergenden Korsaren zu vernichten. Wie gewöhnlich ging der Angriff
+gleichzeitig von Dalmatien und von Makedonien aus, in welcher letzteren
+Provinz ein Heer von fünf Legionen hierzu gesammelt ward. Der gewesene
+Prätor Gaius Cosconius, welcher in Dalmatien den Befehl führte,
+durchstreifte das Land nach allen Richtungen und erstürmte nach
+zweijähriger Belagerung die Festung Salona. In Makedonien versuchte der
+Prokonsul Appius Claudius (676 bis 678 78-76) zunächst sich an der
+makedonisch-thrakischen Grenze der Berglandschaften am linken Ufer des
+Karasu zu bemeistern. Von beiden Seiten ward der Krieg mit arger
+Wildheit geführt; die Thraker zerstörten die eroberten Ortschaften und
+metzelten die Gefangenen nieder und die Römer vergalten Gleiches mit
+Gleichem. Ernstliche Erfolge aber wurden nicht erreicht; die
+beschwerlichen Märsche und die beständigen Gefechte mit den zahlreichen
+und tapferen Gebirgsbewohnern dezimierten nutzlos die Armee; der
+Feldherr selbst erkrankte und starb. Sein Nachfolger Gaius Scribonius
+Curio (679-681 75-73) wurde durch mancherlei Hindernisse, namentlich
+auch durch einen nicht unbedeutenden Militäraufstand bewogen, die
+schwierige Expedition gegen die Thraker fallen zu lassen und dafür sich
+nach der makedonischen Nordgrenze zu wenden, wo er die schwächeren
+Dardaner (in Serbien) unterwarf und bis an die Donau gelangte. Erst der
+tapfere und fähige Marcus Lucullus (682, 683 72, 71) rückte wieder
+gegen Osten vor, schlug die Besser in ihren Bergen, nahm ihre
+Hauptstadt Uscudama (Adrianopel) und zwang sie, der römischen
+Oberhoheit sich zu fügen. Der König der Odrysen, Sadalas, und die
+griechischen Städte an der Ostküste nördlich und südlich vom
+Balkangebirge: Istropolis, Tomoi, Kallatis, Odessos (bei Varna),
+Mesembria und andere, wurden abhängig von den Römern; Thrakien, von dem
+die Römer bisher kaum mehr inne gehabt hatten als die attalischen
+Besitzungen auf dem Chersones, ward jetzt ein freilich wenig botmäßiger
+Teil der Provinz Makedonien.
+
+Aber weit nachteiliger als die immer doch auf einen geringen Teil des
+Reiches sich beschränkenden Raubzüge der Thraker und Dardaner war für
+den Staat wie für die einzelnen die Piraterie, die immer weiter um sich
+griff und immer fester sich organisierte. Der Seeverkehr war auf dem
+ganzen Mittelmeer in ihrer Gewalt. Italien konnte weder seine Produkte
+aus-, noch das Getreide aus den Provinzen einführen; dort hungerten die
+Leute, hier stockte wegen Mangels an Absatz die Bestellung der
+Getreidefelder. Keine Geldsendung, kein Reisender war mehr sicher; die
+Staatskasse erlitt die empfindlichsten Verluste; eine große Anzahl
+angesehener Römer wurde von den Korsaren aufgebracht und mußte mit
+schweren Summen sich ranzionieren, wenn es nicht gar den Piraten
+beliebte, an einzelnen derselben das Blutgericht zu vollstrecken, das
+dann auch wohl mit wildem Humor gewürzt ward. Die Kaufleute, ja die
+nach dem Osten bestimmten römischen Truppenabteilungen fingen an, ihre
+Fahrten vorwiegend in die ungünstige Jahreszeit zu verlegen und die
+Winterstürme weniger zu scheuen als die Piratenschiffe, die freilich
+selbst in dieser Jahreszeit doch nicht ganz vom Meere verschwanden.
+Aber wie empfindlich die Sperrung der See war, sie war eher zu ertragen
+als die Heimsuchung der griechischen und kleinasiatischen Inseln und
+Küsten. Ganz wie später in der Normannenzeit liefen die
+Korsarengeschwader bei den Seestädten an und zwangen sie, entweder mit
+großen Summen sich loszukaufen, oder belagerten und stürmten sie mit
+gewaffneter Hand. Wenn unter Sullas Augen nach geschlossenem Frieden
+mit Mithradates Samothrake, Klazomenä, Samos, Iassos von den Piraten
+ausgeraubt wurden (670 84), so kann man sich denken, wie es da zuging,
+wo weder eine römische Flotte noch ein römisches Heer in der Nähe
+stand. All die alten reichen Tempel an den griechischen und
+kleinasiatischen Küsten wurden nach der Reihe geplündert; allein aus
+Samothrake soll ein Schatz von 1000 Talenten (1500000 Talern)
+weggeführt worden sein. Apollon, heißt es bei einem römischen Dichter
+dieser Zeit, ist durch die Piraten so arm geworden, daß er, wenn die
+Schwalbe bei ihm auf Besuch ist, aus all seinen Schätzen auch nicht ein
+Quentchen Gold mehr ihr vorzeigen kann. Man rechnete über vierhundert
+von den Piraten eingenommene oder gebrandschatzte Ortschaften, darunter
+Städte wie Knidos, Samos, Kolophon; aus nicht wenigen früher blühenden
+Insel- und Küstenplätzen wanderte die gesamte Bevölkerung aus, um nicht
+von den Piraten fortgeschleppt zu werden. Nicht einmal im Binnenland
+mehr war man vor denselben sicher; es kam vor, daß sie ein bis zwei
+Tagemärsche von der Küste belegene Ortschaften überfielen. Die
+entsetzliche Verschuldung, der späterhin alle Gemeinden im griechischen
+Osten erliegen, stammt großenteils aus diesen verhängnisvollen Zeiten.
+Das Korsarenwesen hatte seinen Charakter gänzlich verändert. Es waren
+nicht mehr dreiste Schnapphähne, die in den kretischen Gewässern
+zwischen Kyrene und dem Peloponnes - in der Flibustiersprache dem
+“goldenen Meer” - von dem großen Zug des italisch-orientalischen
+Sklaven- und Luxushandels ihren Tribut nahmen; auch nicht mehr
+bewaffnete Sklavenfänger, die “Krieg, Handel und Piraterie” ebenmäßig
+nebeneinander betrieben, es war ein Korsarenstaat mit einem
+eigentümlichen Gemeingeist; mit einer festen, sehr respektablen
+Organisation, mit einer eigenen Heimat und den Anfängen einer
+Symmachie, ohne Zweifel auch mit bestimmten politischen Zwecken. Die
+Flibustier nannten sich Kiliker; in der Tat fanden auf ihren Schiffen
+die Verzweifelten und Abenteurer aller Nationen sich zusammen: die
+entlassenen Söldner von den kretischen Werbeplätzen, die Bürger der
+vernichteten Ortschaften Italiens, Spaniens und Asiens, die Soldaten
+und Offiziere aus Fimbrias und Sertorius’ Heeren, überhaupt die
+verdorbenen Leute aller Nationen, die gehetzten Flüchtlinge aller
+überwundenen Parteien, alles was elend und verwegen war - und wo war
+nicht Jammer und Frevel in dieser unseligen Zeit? Es war keine
+zusammengelaufene Diebesbande mehr, sondern ein geschlossener
+Soldatenstaat, in dem die Freimaurerei der Ächtung und der Missetat an
+die Stelle der Nationalität trat und innerhalb dessen das Verbrechen,
+wie so oft, vor sich selbst sich rettete in den hochherzigsten
+Gemeinsinn. In einer zuchtlosen Zeit, wo Feigheit und Unbotmäßigkeit
+alle Bande der gesellschaftlichen Ordnung erschlafft hatten, mochten
+die legitimen Gemeinwesen sich ein Muster nehmen an diesem Bastardstaat
+der Not und Gewalt, in den allein von allen das unverbrüchliche
+Zusammenstehen, der kameradschaftliche Sinn, die Achtung vor dem
+gegebenen Treuwort und den selbstgewählten Häuptern, die Tapferkeit und
+die Gewandtheit sich geflüchtet zu haben schienen. Wenn auf der Fahne
+dieses Staats die Rache an der bürgerlichen Gesellschaft geschrieben
+war, die, mit Recht oder mit Unrecht, seine Mitglieder von sich
+ausgestoßen hatte, so ließ sich darüber streiten, ob diese Devise viel
+schlechter war als die der italischen Oligarchie und des orientalischen
+Sultanismus, die im Zuge schienen, die Welt unter sich zu teilen. Die
+Korsaren wenigstens fühlten jedem legitimen Staate sich ebenbürtig; von
+ihrem Räuberstolz, ihrer Räuberpracht und ihrem Räuberhumor zeugt noch
+manche echte Flibustiergeschichte toller Lustigkeit und ritterlicher
+Banditenweise; sie meinten, und rühmten sich dessen, in einem gerechten
+Krieg mit der ganzen Welt zu leben; was sie darin gewannen, das hieß
+ihnen nicht Raubgut, sondern Kriegsbeute; und wenn dem ergriffenen
+Flibustier in jedem römischen Hafen das Kreuz gewiß war, so nahmen auch
+sie als ihr Recht in Anspruch, jeden ihrer Gefangenen hinrichten zu
+dürfen. Ihre militärisch-politische Organisation war namentlich seit
+dem Mithradatischen Krieg festgeschlossen. Ihre Schiffe, größtenteils
+“Mauskähne”, das heißt kleine, offene, schnellsegelnde Barken, nur zum
+kleineren Teil Zwei- und Dreidecker, fuhren jetzt regelmäßig in
+Geschwader vereinigt und unter Admiralen, deren Barken in Gold und
+Purpur zu glänzen pflegten. Dem bedrohten Kameraden, mochte er auch
+völlig unbekannt sein, weigerte kein Piratenkapitän den erbetenen
+Beistand; der mit einem aus ihrer Mitte abgeschlossene Vertrag ward von
+der ganzen Gesellschaft unweigerlich anerkannt, aber auch jede einem
+zugefügte Unbill von allen geahndet. Ihre rechte Heimat war das Meer
+von den Säulen des Herkules bis in die syrischen und ägyptischen
+Gewässer; die Zufluchtsstätten, deren sie für sich und ihre
+schwimmenden Häuser auf dem Festlande bedurften, gewährten ihnen
+bereitwillig die mauretanischen und dalmatischen Gestade, die Insel
+Kreta, vor allem die an Vorsprüngen und Schlupfwinkeln reiche, die
+Hauptstraße des Seehandels jener Zeit beherrschende und so gut wie
+herrenlose Südküste Kleinasiens. Der lykische Städtebund daselbst und
+die pamphylischen Gemeinden hatten wenig zu bedeuten; die seit 652
+(102) in Kilikien bestehende römische Station reichte zur Beherrschung
+der weitläufigen Küste bei weitem nicht aus; die syrische Herrschaft
+über Kilikien war immer nur nominell gewesen und seit kurzem gar
+ersetzt worden durch die armenische, deren Inhaber als echter Großkönig
+um das Meer gar nicht sich kümmerte und dasselbe bereitwillig den
+Kilikern zur Plünderung preisgab. So war es kein Wunder, wenn die
+Korsaren hier gediehen wie nirgends sonst. Nicht bloß besaßen sie hier
+überall am Ufer Signalplätze und Stationen, sondern auch weiter
+landeinwärts, in den abgelegensten Verstecken des unwegsamen und
+gebirgigen lykischen, pamphylischen, kilikischen Binnenlandes, hatten
+sie sich ihre Felsschlösser erbaut, in denen, während sie selbst zur
+See fuhren, sie ihre Weiber, Kinder und Schätze bargen, auch wohl in
+gefährlichen Zeiten selbst dort eine Zufluchtsstätte fanden. Namentlich
+gab es solche Korsarenschlösser in großer Zahl in dem rauhen Kilikien,
+dessen Waldungen zugleich den Piraten das vortrefflichste Holz zum
+Schiffbau lieferten und wo deshalb ihre hauptsächlichsten
+Schiffbaustätten und Arsenale sich befanden. Es war nicht zu
+verwundern, daß dieser geordnete Militärstaat unter den mehr oder
+minder sich selber überlassenen und sich selber verwaltenden
+griechischen Seestädten sich eine feste Klientel bildete, die mit den
+Piraten wie mit einer befreundeten Macht auf Grund bestimmter Verträge
+in Handelsverkehr trat und der Aufforderung der römischen Statthalter,
+Schiffe gegen sie zu stellen, nicht nachkam; wie denn zum Beispiel die
+nicht unbeträchtliche Stadt Side in Pamphylien den Piraten gestattete
+auf ihren Werften Schiffe zu bauen und die gefangenen Freien auf ihrem
+Marktplatz feilzubieten.
+
+Eine solche Seeräuberschaft war eine politische Macht; und als
+politische Macht gab sie sich und ward sie genommen, seit zuerst der
+syrische König Tryphon sie als solche benutzt und seine Herrschaft auf
+sie gestützt hatte. Wir finden die Piraten als Verbündete des Königs
+Mithradates von Pontos sowie der römischen demokratischen Emigration;
+wir finden sie Schlachten liefern gegen die Flotten Sullas in den
+östlichen wie in den westlichen Gewässern. Wir finden einzelne
+Piratenfürsten, die über eine Kette von ansehnlichen Küstenplätzen
+gebieten. Es läßt sich nicht sagen, wieweit die innere politische
+Entwicklung dieses schwimmenden Staates bereits gediehen war; aber
+unleugbar liegt in diesen Bildungen der Keim eines Seekönigtums, das
+bereits sich ansässig zu machen beginnt und aus dem unter günstigen
+Verhältnissen wohl ein dauernder Staat sich hätte entwickeln mögen.
+
+Es ist hiermit ausgesprochen und ward zum Teil schon früher bezeichnet,
+wie die Römer auf “ihrem Meere” die Ordnung hielten oder vielmehr nicht
+hielten. Roms Schutzherrschaft über die Ämter bestand wesentlich in der
+militärischen Vormundschaft; für die in der Hand der Römer vereinigte
+Verteidigung zur See und zu Lande zahlten oder zinsten den Römern die
+Provinzialen. Aber wohl niemals hat ein Vormund seinen Mündel
+unverschämter betrogen als die römische Oligarchie die untertänigen
+Gemeinden. Statt daß Rom eine allgemeine Reichsflotte aufgestellt und
+die Seepolizei zentralisiert hätte, ließ der Senat die einheitliche
+Oberleitung des Seepolizeiwesens, ohne die ebenhier gar nichts
+auszurichten war, gänzlich fallen und überließ es jedem einzelnen
+Statthalter und jedem einzelnen Klientelstaat, sich der Piraten zu
+erwehren, wie jeder wollte und konnte. Statt daß Rom, wie es sich
+anheischig gemacht, das Flottenwesen mit seinem und der formell
+souverän gebliebenen Klientelstaaten Gut und Blut ausschließlich
+bestritten hätte, ließ man die italische Kriegsmarine eingehen und
+lernte sich behelfen mit den von den einzelnen Kaufstädten requirierten
+Schiffen oder noch häufiger mit den überall organisierten Strandwachen,
+wo dann in beiden Fällen alle Kosten und Beschwerden die Untertanen
+trafen. Die Provinzialen mochten sich glücklich schätzen, wenn der
+römische Statthalter die für die Küstenverteidigung ausgeschriebenen
+Requisitionen nur wirklich zu diesem Zwecke verwandte und nicht für
+sich unterschlug, oder wenn sie nicht, wie sehr häufig geschah,
+angewiesen wurden, für einen von den Seeräubern gefangenen vornehmen
+Römer die Ranzion zu bezahlen. Was etwa Verständiges begonnen ward, wie
+die Besetzung Kilikiens 652 (102), verkümmerte sicher in der
+Ausführung. Wer von den Römern dieser Zeit nicht gänzlich in der
+gangbaren duseligen Vorstellung von nationaler Größe befangen war, der
+hätte wünschen müssen, von der Rednerbühne auf dem Markte die
+Schiffsschnäbel herabreißen zu dürfen, um wenigstens nicht stets durch
+sie an die in besserer Zeit erfochtenen Seesiege sich gemahnt zu
+finden.
+
+Indes tat doch Sulla, der in dem Kriege gegen Mithradates wahrlich
+hinreichend sich hatte überzeugen können, welche Gefahren die
+Vernachlässigung des Flottenwesens mit sich bringe, verschiedene
+Schritte, um dem Übel ernstlich zu steuern. Der Auftrag zwar, welchen
+er den von ihm in Asien eingesetzten Statthaltern zurückgelassen, in
+den Seestädten eine Flotte gegen die Seeräuber auszurüsten, hatte wenig
+gefruchtet, da Murena es vorzog, Krieg mit Mithradates anzufangen, und
+der Statthalter von Kilikien, Gnaeus Dolabella, sich ganz unfähig
+erwies. Deshalb beschloß im Jahre 675 (79) der Senat, einen der Konsuln
+nach Kilikien zu senden; das Los traf den tüchtigen Publius Servilius.
+Er schlug in einem blutigen Treffen die Flotte der Piraten und wandte
+sich darauf zur Zerstörung derjenigen Städte an der kleinasiatischen
+Südküste, die ihnen als Ankerplätze und Handelsstationen dienten. Die
+Festungen des mächtigen Seefürsten Zeniketes: Olympos, Korykos,
+Phaselis im östlichen Lykien, Attaleia in Pamphylien wurden gebrochen,
+und in den Flammen der Burg Olympos fand der Fürst selbst den Tod.
+Weiter ging es gegen die Isaurer, welche im nordwestlichen Winkel des
+rauben Kilikiens am nördlichen Abhang des Tauros ein mit prachtvollen
+Eichenwäldern bedecktes Labyrinth von steilen Bergrücken, zerklüfteten
+Felsen und tiefgeschnittenen Tälern bewohnten - eine Gegend, die noch
+heute von den Erinnerungen an die alte Räuberzeit erfüllt ist. Um diese
+isaurischen Felsennester, die letzten und sichersten Zufluchtsstätten
+der Flibustier, zu bezwingen, führte Servilius die erste römische Armee
+über den Tauros und brach die feindlichen Festungen Oroanda und vor
+allem Isaura selbst, das Ideal einer Räuberstadt, auf der Höhe eines
+schwer zugänglichen Bergzuges gelegen und die weite Ebene von Ikonion
+vollständig überschauend und beherrschend. Der erst im Jahre 679 (75)
+beendigte Krieg, aus dem Publius Servilius für sich und seine
+Nachkommen den Beinamen des Isaurikers heimbrachte, war nicht ohne
+Frucht; eine große Anzahl von Korsaren und Korsarenschiffen geriet
+durch denselben in die Gewalt der Römer; Lykien, Pamphylien,
+Westkilikien wurden arg verheert, die Gebiete der zerstörten Städte
+eingezogen und die Provinz Kilikien mit ihnen erweitert. Allein es lag
+in der Natur der Sache, daß die Piraterie doch damit keineswegs
+unterdrückt war, sondern nur sich zunächst nach andern Gegenden,
+namentlich nach der ältesten Herberge der Korsaren des Mittelmeers,
+nach Kreta, zog. Nur umfassend und einheitlich durchgeführte
+Repressivmaßregeln oder vielmehr nur die Einrichtung einer ständigen
+Seepolizei konnten hier durchgreifende Abhilfe gewähren.
+
+In vielfacher Beziehung mit diesem Seekrieg standen die Verhältnisse
+des kleinasiatischen Festlandes. Die Spannung, die hier zwischen Rom
+und den Königen von Pontos und Armenien bestand, ließ nicht nach,
+sondern steigerte sich mehr und mehr. Auf der einen Seite griff König
+Tigranes von Armenien in der rücksichtslosesten Weise erobernd um sich.
+Die Parther, deren in dieser Zeit auch durch innere Unruhen zerrissener
+Staat tief daniederlag, wurden in andauernden Fehden weiter und weiter
+in das innere Asien zurückgedrängt. Von den Landschaften zwischen
+Armenien, Mesopotamien und Iran wurden Corduene (nördliches Kurdistan)
+und das Atropatenische Medien (Aserbeidschan) aus parthischen in
+armenische Lehnkönigreiche verwandelt und das Reich von Ninive (Mosul)
+oder Adiabene, wenigstens vorübergehend, gleichfalls gezwungen, in die
+armenische Klientel einzutreten. Auch in Mesopotamien, namentlich in
+und um Nisibis, ward die armenische Herrschaft begründet; nur die
+südliche, großenteils wüste Hälfte, scheint nicht in festen Besitz des
+neuen Großkönigs gekommen und namentlich Seleukeia am Tigris ihm nicht
+untertänig geworden zu sein. Das Reich von Edessa oder Osrhoene übergab
+er einem Stamme der schweifenden Araber, den er aus dem südlichen
+Mesopotamien hierher verpflanzte und hier ansässig machte, um durch ihn
+den Euphratübergang und die große Handelsstraße zu beherrschen ^1. Aber
+Tigranes beschränkte seine Eroberungen keineswegs auf das östliche Ufer
+des Euphrat. Vor allem Kappadokien war das Ziel seiner Angriffe und
+erlitt, wehrlos wie es war, von dem übermächtigen Nachbar vernichtende
+Schläge. Die östliche Landschaft Melitene riß Tigranes von Kappadokien
+ab und vereinigte sie mit der gegenüberliegenden armenischen Provinz
+Sophene, wodurch er den Euphratübergang mit der großen
+kleinasiatisch-armenischen Handelsstraße in seine Gewalt bekam. Nach
+Sullas Tode rückten die Armenier sogar in das eigentliche Kappadokien
+ein und führten die Bewohner der Hauptstadt Mazaka (später Caesarea)
+und elf anderer griechisch geordneter Städte weg nach Armenien. Nicht
+mehr Widerstand vermochte das in voller Auflösung begriffene
+Seleukidenreich dem neuen Großkönig entgegenzustellen. Hier herrschte
+im Süden von der ägyptischen Grenze bis nach Stratons Turm (Caesarea)
+der Judenfürst Alexandros Jannaeos, der im Kampfe mit den syrischen,
+ägyptischen und arabischen Nachbarn und mit den Reichsstädten seine
+Herrschaft Schritt vor Schritt erweiterte und befestigte. Die größeren
+Städte Syriens, Gaza, Stratons Turm, Ptolemais, Beröa versuchten, sich
+bald als freie Gemeinden, bald unter sogenannten Tyrannen auf eigene
+Hand zu behaupten; vor allem die Hauptstadt Antiocheia war so gut wie
+selbständig. Damaskos und die Libanostäler hatten sich dem nabatäischen
+Fürsten Aretas von Petra unterworfen. In Kilikien endlich herrschten
+die Seeräuber oder die Römer. Und um diese in tausend Splitter
+zerschellende Krone fuhren die Seleukidenprinzen, als gälte es das
+Königtum allen zum Spott und zum Ärgernis zu machen, beharrlich fort,
+untereinander zu hadern, ja, während von diesem gleich dem Hause des
+Laios zum ewigen Zwiste verfluchten Geschlechte die eigenen Untertanen
+alle abtrünnig wurden, sogar Ansprüche auf den durch den erblosen
+Abgang des Königs Alexander Il. erledigten Thron von Ägypten zu
+erheben. So griff König Tigranes hier ohne Umstände zu. Das östliche
+Kilikien ward mit Leichtigkeit von ihm unterworfen und die
+Bürgerschaften von Soloi und anderen Städten ebenwie die kappadokischen
+nach Armenien abgeführt. Ebenso wurde die obere syrische Landschaft,
+mit Ausnahme der tapfer verteidigten Stadt Seleukeia an der Mündung des
+Orontes, und der größte Teil von Phönike mit den Waffen bezwungen: um
+680 (74) ward Ptolemais von den Armeniern eingenommen und schon der
+Judenstaat ernstlich von ihnen bedroht. Die alte Hauptstadt der
+Seleukiden Antiocheia ward eine der Residenzen des Großkönigs. Bereits
+von dem Jahre 671 (83) an, dem nächsten nach dem Frieden zwischen Sulla
+und Mithradates, wird Tigranes in den syrischen Jahrbüchern als der
+Landesherr bezeichnet und erscheint Kilikien und Syrien als eine
+armenische Satrapie unter dem Statthalter des Großkönigs Magadates. Die
+Zeit der Könige von Ninive, der Salmanassar und Sanherib, schien sich
+zu erneuern: wieder lastete der orientalische Despotismus schwer auf
+der handeltreibenden Bevölkerung der syrischen Küste, wie einst auf
+Tyros und Sidon; wieder warfen binnenländische Großstaaten sich auf die
+Landschaften am Mittelmeer; wieder standen asiatische Heere von
+angeblich einer halben Million Streiter an den kilikischen und
+syrischen Küsten. Wie einst Salmanassar und Nebukadnezar die Juden nach
+Babylon geführt hatten, so mußten jetzt aus allen Grenzlandschaften des
+neuen Reiches, aus Corduene, Adiabene, Assyrien, Kilikien, Kappadokien,
+die Einwohner, namentlich die griechischen oder halbgriechischen
+Stadtbürger, mit ihrer gesamten Habe bei Strafe der Konfiskation alles
+dessen, was sie zurücklassen würden, sich zusammensiedeln in der neuen
+Residenz, einer von jenen mehr die Nichtigkeit der Völker als die Größe
+der Herrscher verkündigenden Riesenstädten, wie sie in den
+Euphratlandschaften bei jedem Wechsel des Oberkönigtums auf das
+Machtwort des neuen Großsultans aus der Erde springen. Die neue
+“Tigranesstadt”, Tigranokerta, gegründet an der Grenze Armeniens und
+Mesopotamiens und bestimmt zur Hauptstadt der neu für Armenien
+gewonnenen Gebiete, ward eine Stadt wie Ninive und Babylon, mit Mauern
+von fünfzig Ellen Höhe und den zum Sultanismus nun einmal mitgehörigen
+Palast-, Garten- und Parkanlagen. Auch sonst verleugnete der neue
+Großkönig sich nicht: wie in der ewigen Kindheit des Ostens überhaupt
+die kindlichen Vorstellungen von den Königen mit wirklichen Kronen auf
+dem Haupte niemals verschwunden sind, so erschien auch Tigranes, wo er
+öffentlich sich zeigte, in Pracht und Tracht eines Nachfolgers des
+Dareios und Xerxes, mit dem purpurnen Kaftan, dem halb weißen, halb
+purpurnen Untergewand, den langen faltigen Beinkleidern, dem hohen
+Turban und der königlichen Stirnbinde, wo er ging und stand von vier
+“Königen” in Sklavenart begleitet und bedient.
+
+——————————————————————————————
+
+^1 Das Reich von Edessa, dessen Gründung die einheimischen Chroniken
+620 (134) setzen, kam erst einige Zeit nach seiner Entstehung unter die
+arabische Dynastie der Abgaros und Mannos, die wir später daselbst
+finden. Offenbar hängt dies zusammen mit der Ansiedlung vieler Araber
+durch Tigranes den Großen in der Gegend von Edessa, Kallirhoe, Karrhä
+(Plin. nat. 5, 20, 85; 21, 86; 6, 28, 142); wovon auch Plutarch (Luc.
+21) berichtet, daß Tigranes, die Sitten der Zeltaraber umwandelnd, sie
+seinem Reiche näher ansiedelte, um durch sie des Handels sich zu
+bemächtigen. Vermutlich ist dies so zu verstehen, daß die Beduinen, die
+gewohnt waren, durch ihr Gebiet Handelsstraßen zu eröffnen und auf
+diesen feste Durchgangszölle zu erheben (Strab. 14, 748), dem Großkönig
+als eine Art von Zollkontrolleuren dienen und an der Euphratpassage für
+ihn und für sich Zölle erheben sollten. Diese “osrhoenischen Araber”
+(Orei Arabes), wie sie Plinius nennt, müssen auch die Araber am Berg
+Amanos sein, die Afranius überwand (Plut. Pomp. 39).
+
+————————————————————————————
+
+Bescheidener trat König Mithradates auf. Er enthielt sich in Kleinasien
+der Übergriffe und begnügte sich, was kein Traktat ihm verbot, seine
+Herrschaft am Schwarzen Meere fester zu begründen und die Landschaften,
+die das Bosporanische jetzt unter seiner Oberhoheit von seinem Sohn
+Machares beherrschte Königreich von dem Pontischen trennten, allmählich
+in bestimmtere Abhängigkeit zu bringen. Aber auch er wandte alle
+Anstrengungen darauf, seine Flotte und sein Heer instand zu setzen und
+namentlich das letztere nach römischem Muster zu bewaffnen und zu
+organisieren, wobei die römischen Emigranten, die in großer Zahl an
+seinem Hofe verweilten, ihm wesentliche Dienste leisteten.
+
+Den Römern war nichts daran gelegen, in die orientalischen
+Angelegenheiten noch weiter verwickelt zu werden, als sie es bereits
+waren. Es zeigt sich dies namentlich mit schlagender Deutlichkeit
+darin, daß die Gelegenheit, die in dieser Zeit sich darbot, das
+Ägyptische Reich auf friedlichem Wege unter unmittelbare römische
+Herrschaft zu bringen, vom Senat verschmäht ward. Die legitime
+Deszendenz des Ptolemaeos Lagos Sohns war zu Ende gegangen, als der
+nach dem Tode des Ptolemaeos Soter II. Königs Lathyros von Sulla
+eingesetzte König Alexandros II., ein Sohn Königs Alexandros I., wenige
+Tage nach seiner Thronbesteigung bei einem Auflauf in der Hauptstadt
+getötet ward (673 81). Dieser Alexandros hatte in seinem Testament ^2
+zum Erben die römische Gemeinde eingesetzt. Die Echtheit dieses
+Dokuments ward zwar bestritten; allein diese erkannte der Senat an,
+indem er auf Grund desselben die in Tyros für Rechnung des verstorbenen
+Königs niedergelegten Summen erhob. Nichtsdestoweniger gestattete er
+zwei notorisch illegitimen Söhnen des Königs Lathyros, dem einen,
+Ptolemaeos XI., der neue Dionysos oder der Flötenbläser (Auletes)
+genannt, Ägypten, dem andern, Ptolemäos dem Kyprier, Kypros tatsächlich
+in Besitz zu nehmen; sie wurden zwar vom Senat nicht ausdrücklich
+anerkannt, aber doch auch keine bestimmte Forderung auf Herausgabe der
+Reiche an sie gerichtet. Die Ursache, weshalb der Senat diesen unklaren
+Zustand fortdauern ließ und nicht dazu kam, in bindender Weise auf
+Ägypten und Kypros zu verzichten, war ohne Zweifel die ansehnliche
+Rente, welche jene gleichsam auf Bittbesitz herrschenden Könige für die
+Fortdauer desselben den römischen Koteriehäuptern fortwährend zahlten.
+Allein der Grund, jenem lockenden Erwerb überhaupt zu entsagen, liegt
+anderswo. Ägypten gab durch seine eigentümliche Lage und seine
+finanzielle Organisation jedem dort befehligenden Statthalter eine
+Geld- und Seemacht und überhaupt eine unabhängige Gewalt in die Hände,
+wie sie mit dem argwöhnischen und schwächlichen Regiment der Oligarchie
+sich schlechterdings nicht vertrug; von diesem Standpunkt aus war es
+verständig, dem unmittelbaren Besitz der Nillandschaft zu entsagen.
+
+————————————————————————————
+
+^2 Die streitige Frage, ob dies angebliche oder wirkliche Testament von
+Alexander I. († 666 88) oder Alexander II. († 673 81) herrühre, wird
+gewöhnlich für die erste Alternative entschieden. Allein die Gründe
+sind unzulänglich; denn Cicero (leg. agr. 1, 4, 12; 15, 38; 16, 41)
+sagt nicht, daß Ägypten im Jahre 666 (88), sondern daß es in oder nach
+diesem Jahr an Rom gefallen sei; und wenn man daraus, daß Alexander I.
+im Ausland, Alexander II. in Alexandreia umkam, gefolgert hat, daß die
+in dem fraglichen Testament erwähnten in Tyros lagernden Schätze dem
+ersteren gehört haben werden, so ist übersehen, daß Alexander II.
+neunzehn Tage nach seiner Ankunft in Ägypten getötet ward (J. A.
+Letronne, Recueil des inscriptions grecques et latines de l’Egypte. Bd.
+2, Paris 1848, S. 20), wo seine Kasse noch sehr wohl in Tyros sein
+konnte. Entscheidend ist dagegen der Umstand, daß der zweite Alexander
+der letzte echte Lagide war, da bei den ähnlichen Erwerbungen von
+Pergamon Kyrene und Bithynien Rom stets von dem letzten Sproß der
+berechtigten Herrscherfamilie eingesetzt worden ist. Das alte
+Staatsrecht, wie es wenigstens für die römischen Klientelstaaten
+maßgebend gewesen ist, scheint dem Regenten das letztwillige
+Verfügungsrecht über sein Reich nicht unbedingt, sondern nur in
+Ermangelung erbberechtigter Agnaten zugestanden zu haben. Vgl.
+Gutschmids Anmerkung zu der deutschen Übersetzung von S. Sharper,
+Geschichte Ägyptens. Bd. 2, S. 17. Ob das Testament echt oder falsch
+war, ist nicht auszumachen und auch ziemlich gleichgültig; besondere
+Gründe, eine Fälschung anzunehmen, liegen nicht vor.
+
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+
+Weniger läßt es sich rechtfertigen, daß der Senat es unterließ, in die
+kleinasiatischen und syrischen Angelegenheiten unmittelbar
+einzugreifen. Die römische Regierung erkannte zwar den armenischen
+Eroberer nicht als König von Kappadokien und Syrien an; aber sie tat
+doch auch nichts, um ihn zurückzudrängen, wie nahe immer der Krieg, den
+sie 676 (78) notgedrungen in Kilikien gegen die Piraten begann, ihr
+namentlich das Einschreiten in Syrien legte. In der Tat gab sie, indem
+sie den Verlust Kappadokiens und Syriens ohne Kriegserklärung hinnahm,
+damit nicht bloß ihre Schutzbefohlenen, sondern die wichtigsten
+Grundlagen ihrer eigenen Machtstellung preis. Es war schon bedenklich,
+wenn sie in den griechischen Ansiedlungen und Reichen am Euphrat und
+Tigris die Vorwerke ihrer Herrschaft opferte; aber wenn sie die Asiaten
+am Mittelmeer sich festsetzen ließ, welches die politische Basis ihres
+Reiches war, so war dies nicht ein Beweis von Friedensliebe, sondern
+das Bekenntnis, daß die Oligarchie durch die Sullanische Restauration
+wohl oligarchischer, aber weder klüger noch energischer geworden war,
+und für die römische Weltmacht der Anfang des Endes.
+
+Auch auf der andern Seite wollte man den Krieg nicht. Tigranes hatte
+keine Ursache, ihn zu wünschen, wenn Rom ihm auch ohne Krieg all seine
+Bundesgenossen preisgab. Mithradates, der denn doch nicht bloß Sultan
+war und Gelegenheit genug gehabt hatte, im Glück und Unglück
+Erfahrungen über Freunde und Feinde zu machen, wußte sehr wohl, daß er
+in einem zweiten römischen Krieg sehr wahrscheinlich ebenso allein
+stehen würde wie in dem ersten und daß er nichts Klügeres tun konnte,
+als sich ruhig zu verhalten und sein Reich im Innern zu stärken. Daß es
+ihm mit seinen friedlichen Erklärungen Ernst war, hatte er in dem
+Zusammentreffen mit Murena hinreichend bewiesen; er fuhr fort, alles zu
+vermeiden, was dazu führen mußte, die römische Regierung aus ihrer
+Passivität herauszudrängen.
+
+Allein wie schon der Erste Mithradatische Krieg sich entsponnen hatte,
+ohne daß eine der Parteien ihn eigentlich wünschte, so entwickelte auch
+jetzt aus den entgegengesetzten Interessen sich gegenseitiger Argwohn,
+aus diesem gegenseitige Verteidigungsanstalten, und es führten diese
+endlich durch ihr eigenes Schwergewicht zum offenen Bruch. Das seit
+langem die römische Politik beherrschende Mißtrauen in die eigene
+Schlagfertigkeit und Kampfbereitschaft, welches bei dem Mangel
+stehender Armeen und dem wenig musterhaften kollegialischen Regiment
+wohl erklärlich ist, machte es gleichsam zu einem Axiom der römischen
+Politik, jeden Krieg nicht bloß bis zur Überwältigung, sondern bis zur
+Vernichtung des Gegners zu führen; man war insofern mit dem Frieden
+Sullas von Haus aus in Rom so wenig zufrieden wie einst mit den
+Bedingungen, die Scipio Africanus den Karthagern gewährt hatte. Die
+vielfach geäußerte Besorgnis, daß ein zweiter Angriff des pontischen
+Königs bevorstehe, ward einigermaßen gerechtfertigt durch die ungemeine
+Ähnlichkeit der gegenwärtigen Verhältnisse mit denen vor zwölf Jahren.
+Wieder traf ein gefährlicher Bürgerkrieg zusammen mit ernstlichen
+Rüstungen Mithradats; wieder überschwemmten die Thraker Makedonien und
+bedeckten die Korsarenflotten das ganze Mittelmeer; wieder kamen und
+gingen die Emissäre, wie einst zwischen Mithradates und den Italikern,
+so jetzt zwischen den römischen Emigranten in Spanien und denen am Hofe
+von Sinope. Schon im Anfang des Jahres 677 (77) ward es im Senat
+ausgesprochen, daß der König nur auf die Gelegenheit warte, während des
+italischen Bürgerkriegs über das römische Asien herzufallen; die
+römischen Armeen in Asia und Kilikien wurden verstärkt, um möglichen
+Ereignissen zu begegnen.
+
+Andererseits verfolgte auch Mithradates mit steigender Besorgnis die
+Entwicklung der römischen Politik. Er mußte es fühlen, daß ein Krieg
+der Römer gegen Tigranes, wie sehr auch der schwächliche Senat davor
+sich scheute, doch auf die Länge kaum vermeidlich sei und er nicht
+umhin können werde, sich an demselben zu beteiligen. Der Versuch, das
+immer noch mangelnde schriftliche Friedensinstrument von dem römischen
+Senat zu erlangen, war in die Wirren der Lepidianischen Revolution
+gefallen und ohne Erfolg geblieben; Mithradates fand darin ein
+Anzeichen der bevorstehenden Erneuerung des Kampfes. Die Einleitung
+dazu schien die Expedition gegen die Seeräuber, die mittelbar doch auch
+die Könige des Ostens traf, deren Verbündete sie waren. Noch
+bedenklicher waren die schwebenden Ansprüche Roms auf Ägypten und
+Kypros; es ist bezeichnend, daß der pontische König den beiden
+Ptolemäern, denen der Senat fortfuhr, die Anerkennung zu weigern, seine
+beiden Töchter Mithradatis und Nyssa verlobte. Die Emigranten drängten
+zum Losschlagen; Sertorius’ Stellung in Spanien, die zu erkunden
+Mithradates unter passenden Vorwänden Boten in das Pompeianische
+Hauptquartier abordnete, und die in der Tat eben um diese Zeit imposant
+war, eröffnete dem König die Aussicht, nicht wie in dem ersten Krieg
+gegen die beiden römischen Parteien, sondern mit der einen gegen die
+andere zu fechten. Ein günstigerer Moment konnte kaum gehofft werden,
+und am Ende war es immer besser, den Krieg zu erklären, als ihn sich
+erklären zu lassen. Da starb im Jahre 679 (75) König Nikomedes III.
+Philopator von Bithynien und hinterließ als der letzte seines Stammes -
+denn ein von der Nysa geborener Sohn war oder hieß unecht - sein Reich
+im Testament den Römern, welche diese mit der römischen Provinz
+grenzende und längst von römischen Beamten und Kaufleuten erfüllte
+Landschaft in Besitz zu nehmen nicht säumten. Gleichzeitig wurde auch
+Kyrene, das bereits seit dem Jahr 658 (96) den Römern angefallen war,
+endlich als Provinz eingerichtet und ein römischer Statthalter dorthin
+geschickt (679 75). Diese Maßregeln in Verbindung mit den um dieselbe
+Zeit an der Südküste von Kleinasien gegen die Piraten ausgeführten
+Angriffen müssen in dem Könige Besorgnisse erregt haben; die Einziehung
+Bithyniens namentlich machte die Römer zu unmittelbaren Nachbarn des
+Pontischen Reiches; und dies vermutlich gab den Ausschlag. Der König
+tat den entscheidenden Schritt und erklärte im Winter 679/80 (75/74)
+den Römern den Krieg.
+
+Gern hätte Mithradates die schwere Arbeit nicht allein übernommen. Sein
+nächster und natürlicher Bundesgenosse war der Großkönig Tigranes;
+allein der kurzsichtige Mann lehnte den Antrag seines Schwiegervaters
+ab. So blieben nur die Insurgenten und die Piraten. Mithradates ließ es
+sich angelegen sein, mit beiden durch starke, nach Spanien und nach
+Kreta entsandte Geschwader sich in Verbindung zu setzen. Mit Sertorius
+ward ein förmlicher Vertrag abgeschlossen, durch den Rom an den König
+Bithynien, Paphlagonien, Galanen und Kappadokien abtrat - freilich
+lauter Erwerbungen, die erst auf dem Schlachtfeld ratifiziert werden
+mußten. Wichtiger war die Unterstützung, die der spanische Feldherr dem
+König durch Sendung römischer Offiziere zur Führung seiner Heere und
+Flotten gewährte. Die tätigsten unter den Emigranten im Osten, Lucius
+Magius und Lucius Fannius, wurden von Sertorius zu seinen Vertretern am
+Hofe von Sinope bestellt. Auch von den Piraten kam Hilfe; sie stellten
+in großer Anzahl im Pontischen Reich sich ein, und namentlich durch sie
+scheint es dem Könige gelungen zu sein, eine durch die Zahl wie durch
+die Tüchtigkeit der Schiffe imponierende Seemacht zu bilden. Die
+Hauptstütze blieben die eigenen Streitkräfte, mit denen der König,
+bevor die Römer in Asien eintreffen würden, sich ihrer Besitzungen
+daselbst bemächtigen zu können hoffte, zumal da in der Provinz Asia die
+durch die Sullanische Kriegssteuer hervorgerufene finanzielle Not, in
+Bithymen der Widerwille gegen das neue römische Regiment, in Kilikien
+und Pamphylien der von dem kürzlich beendigten verheerenden Krieg
+zurückgebliebene Brandstoff einer pontischen Invasion günstige
+Aussichten eröffnete. An Vorräten fehlte es nicht; in den königlichen
+Speichern lagen zwei Millionen Medimnen Getreide. Flotte und Mannschaft
+waren zahlreich und wohlgeübt, namentlich die bastarnischen Soldknechte
+eine auserlesene, selbst italischen Legionären gewachsene Schar. Auch
+diesmal war es der König, der die Offensive begann. Ein Korps unter
+Diophantos ruckte in Kappadokien ein, um die Festungen daselbst zu
+besetzen und den Römern den Weg in das Pontische Reich zu verlegen; der
+von Sertorius gesandte Führer, der Proprätor Marcus Marius, ging in
+Gemeinschaft mit dem pontischen Offizier Eumachos nach Phrygien, um die
+römische Provinz und das Taurusgebirge zu insurgieren; die Hauptarmee,
+über 100000 Mann nebst 16000 Reitern und 100 Sichelwagen, geführt von
+Taxiles und Hermokrates unter der persönlichen Oberleitung des Königs,
+und die von Aristonikos befehligte Kriegsflotte von 400 Segeln bewegten
+sich die kleinasiatische Nordküste entlang, um Paphlagonien und
+Bithymen zu besetzen. Römischerseits ward zur Führung des Krieges in
+erster Reihe der Konsul des Jahres 680 (74), Lucius Lucullus,
+ausersehen, der als Statthalter von Asien und Kilikien an die Spitze
+der in Kleinasien stehenden vier Legionen und einer fünften von ihm aus
+Italien mitgebrachten gestellt und angewiesen ward, mit dieser auf
+30000 Mann zu Fuß und 1600 Reiter sich belaufenden Armee durch Phrygien
+in das Pontische Reich einzudringen. Sein Kollege Marcus Cotta ging mit
+der Flotte und einem anderen römischen Korps nach der Propontis, um
+Asia und Bithynien zu decken. Endlich wurde eine allgemeine Armierung
+der Küsten, namentlich der von der pontischen Flotte zunächst bedrohten
+thrakischen, angeordnet und die Säuberung der sämtlichen Meere und
+Küsten von den Piraten und ihren pontischen Genossen
+außerordentlicherweise einem einzigen Beamten übertragen, wofür die
+Wahl auf den Prätor Marcus Antonius fiel, den Sohn des Mannes, der
+dreißig Jahre zuvor zuerst die kilikischen Korsaren gezüchtigt hatte.
+Außerdem stellte der Senat dem Lucullus eine Summe von 72 Mill.
+Sesterzen (5½ Mill. Talern) zur Verfügung, um davon eine Flotte zu
+erbauen; was Lucullus indes ablehnte. Aus allem sieht man, daß die
+römische Regierung in der Vernachlässigung des Seewesens den Kern des
+Übels erkannte und hierin wenigstens so weit Ernst machte, als ihre
+Dekrete reichten.
+
+So begann im Jahre 680 (74) der Krieg auf allen Punkten. Es war ein
+Unglück für Mithradates, daß eben im Moment seiner Kriegserklärung der
+Wendepunkt im Sertorianischen Kriege eintrat, wodurch von vornherein
+eine seiner hauptsächlichsten Hoffnungen ihm zugrunde ging und es der
+römischen Regierung möglich ward, ihre ganze Macht auf den See- und den
+kleinasiatischen Krieg zu verwenden. In Kleinasien dagegen erntete
+Mithradat die Vorteile der Offensive und der weiten Entfernung der
+Römer von dem unmittelbaren Kriegsschauplatz. Dem Sertorianischen
+Proprätor, der in der römischen Provinz Asia vorangestellt ward,
+öffneten eine beträchtliche Anzahl kleinasiatischer Städte die Tore und
+metzelten wie im Jahre 666 (88) die bei ihnen ansässigen römischen
+Familien nieder; die Pisider, Isaurer, Kiliker ergriffen gegen Rom die
+Waffen. Die Römer hatten an den bedrohten Punkten augenblicklich keine
+Truppen. Einzelne tüchtige Männer versuchten wohl auf ihre eigene Hand
+dieser Aufwiegelung der Provinzialen zu steuern - so verließ auf die
+Kunde von diesen Ereignissen der junge Gaius Caesar Rhodos, wo er
+seiner Studien wegen sich aufhielt, und warf sich mit einer rasch
+zusammengerafften Schar den Insurgenten entgegen; allein viel konnten
+solche Freikorps nicht ausrichten. Wenn nicht der tapfere Vierfürst des
+um Pessinus ansässigen Keltenstammes der Tolistoboger, Deiotarus, die
+Partei der Römer ergriffen und glücklich gegen die pontischen Feldherrn
+gefochten hätte, so hätte Lucullus damit beginnen müssen, das
+Binnenland der römischen Provinz dem Feind wiederabzunehmen. Auch so
+aber verlor er mit der Beruhigung der Landschaft und mit der
+Zurückdrängung des Feindes eine kostbare Zeit, die durch die geringen
+Erfolge, welche seine Reiterei dabei erfocht, nichts weniger als
+vergütet ward. Ungünstiger noch als in Phrygien gestalteten sich die
+Dinge für die Römer an der Nordküste Kleinasiens. Hier hatte die große
+Armee und die Flotte der Pontiker sich Bithyniens vollständig
+bemeistert und den römischen Konsul Cotta genötigt, mit seiner wenig
+zahlreichen Mannschaft und seinen Schiffen in den Mauern und dem Hafen
+von Kalchedon Schutz zu suchen, wo Mithradates sie blockiert hielt.
+Indes war diese Einschließung insofern ein günstiges Ereignis für die
+Römer, als, wenn Cotta die pontische Armee vor Kalchedon festhielt und
+Lucullus ebendahin sich wandte, die sämtlichen römischen Streitkräfte
+bei Kalchedon sich vereinigen und schon hier statt in dem ferneren und
+unwegsamen pontischen Land, die Waffenentscheidung erzwingen konnten.
+Lucullus schlug auch die Straße nach Kalchedon ein; allein Cotta, um
+noch vor dem Eintreffen des Kollegen auf eigene Hand eine Großtat
+auszuführen, ließ seinen Flottenführer Publius Rutilius Nudus einen
+Ausfall machen, der nicht bloß mit einer blutigen Niederlage der Römer
+endigte, sondern auch den Pontikern es möglich machte, den Hafen
+anzugreifen, die Kette, die denselben sperrte, zu sprengen und
+sämtliche daselbst befindliche römische Kriegsschiffe, gegen siebzig an
+der Zahl, zu verbrennen. Auf die Nachricht von diesen Unfällen, die
+Lucullus am Fluß Sangarios erhielt, beschleunigte derselbe seinen
+Marsch, zur großen Unzufriedenheit seiner Soldaten, welche nach ihrer
+Meinung Cotta nichts anging und die weit lieber ein unverteidigtes Land
+geplündert als ihre Kameraden siegen gelehrt hätten. Sein Eintreffen
+machte die erlittenen Unfälle zum Teil wieder gut: der König hob die
+Belagerung von Kalchedon auf, ging aber nicht nach Pontos zurück,
+sondern südwärts in die altrömische Provinz, wo er an der Propontis und
+am Hellespont sich ausbreitete, Lampsakos besetzte und die große und
+reiche Stadt Kyzikos zu belagern begann. Immer fester verrannte er sich
+also in die Sackgasse, die er eingeschlagen hatte, statt, was allein
+für ihn Erfolg versprach, die weiten Entfernungen gegen die Römer ins
+Spiel zu bringen. In Kyzikos hatte die alte hellenische Gewandtheit und
+Tüchtigkeit sich so rein erhalten wie an wenigen anderen Orten; ihre
+Bürgerschaft, obwohl sie in der unglücklichen Doppelschlacht von
+Kalchedon an Schiffen und Mannschaft starke Einbuße erlitten hatte,
+leistete dennoch den entschlossensten Widerstand. Kyzikos lag auf einer
+Insel unmittelbar dem Festland gegenüber und durch eine Brücke mit
+demselben verbunden. Die Belagerer bemächtigten sich sowohl des
+Höhenzuges auf dem Festland, der an der Brücke endigt, und der hier
+gelegenen Vorstadt, als auch auf der Insel selbst der berühmten
+Dindymenischen Höhen, und auf der Festland- wie auf der Inselseite
+boten die griechischen Ingenieure alle ihre Kunst auf, den Sturm
+möglich zu machen. Allein die Bresche, die endlich zu machen gelang,
+wurde während der Nacht wieder von den Belagerten geschlossen und die
+Anstrengungen der königlichen Armee blieben ebenso fruchtlos wie die
+barbarische Drohung des Königs, die gefangenen Kyzikener vor den Mauern
+töten zu lassen, wenn die Bürgerschaft noch länger die Übergabe
+verweigere. Die Kyzikener setzten die Verteidigung mit Mut und Glück
+fort; es fehlte nicht viel, so hätten sie im Laufe der Belagerung den
+König selbst gefangengenommen. Inzwischen hatte Lucullus sich einer
+sehr festen Position im Rücken der pontischen Armee bemächtigt, die ihm
+zwar nicht gestattete, der bedrängten Stadt unmittelbar zu Hilfe zu
+kommen, aber wohl dem Feinde alle Zufuhr zu Lande abzuschneiden. So
+stand die ungeheure, mit dem Troß auf 300000 Köpfe geschätzte
+Mithradatische Armee, weder imstande zu schlagen, noch zu marschieren,
+fest eingekeilt zwischen der unbezwinglichen Stadt und dem unbeweglich
+stehenden römischen Heer und für allen ihren Bedarf einzig angewiesen
+auf die See, die zum Glück für die Pontiker ihre Flotte ausschließlich
+beherrschte. Aber die schlechte Jahreszeit brach herein; ein Unwetter
+zerstörte einen großen Teil der Belagerungsbauten; der Mangel an
+Lebensmitteln und vor allem an Pferdefutter fing an unerträglich zu
+werden. Die Lasttiere und der Troß wurden unter Bedeckung des größten
+Teils der pontischen Reiterei weggesandt mit dem Auftrag, um jeden
+Preis sich durchzuschleichen oder durchzuschlagen; aber am Fluß
+Rhyndakos östlich von Kyzikos holte Lucullus sie ein und hieb den
+ganzen Haufen zusammen. Eine andere Reiterabteilung unter Metrophanes
+und Lucius Fannius mußte nach langer Irrfahrt im westlichen Kleinasien
+wieder in das Lager vor Kyzikos zurückkehren. Hunger und Seuchen
+räumten unter den pontischen Scharen fürchterlich auf. Als der Frühling
+herankam (681 73), verdoppelten die Belagerten ihre Anstrengungen und
+nahmen die auf dem Dindymon angelegten Schanzen; es blieb dem König
+nichts übrig, als die Belagerung aufzuheben und mit Hilfe der Flotte zu
+retten, was zu retten war. Er selber ging mit der Flotte nach dem
+Hellespont, erlitt aber teils bei der Abfahrt, teils unterwegs durch
+Stürme beträchtliche Einbuße. Eben dahin brach auch das Landheer unter
+Hermaeos und Marius auf, um in Lampsakos und von dessen Mauern
+geschützt sich einzuschiffen. Ihr Gepäck ließen sie im Stich, sowie die
+Kranken und Verwundeten, die von den erbitterten Kyzikenern sämtlich
+niedergemacht wurden. Unterwegs fügte ihnen Lucullus beim Übergang über
+die Flüsse Äsepos und Granikos sehr ansehnlichen Verlust zu; doch
+erreichten sie ihr Ziel: die pontischen Schiffe entführten die
+Überreste der großen Armee und die lampsakenische Bürgerschaft selbst
+aus dem Bereiche der Römer.
+
+Lucullus’ folgerechte und bedächtige Kriegführung hatte nicht bloß die
+Fehler seines Kollegen wieder gutgemacht, sondern auch, ohne eine
+Hauptschlacht zu liefern, den Kern der feindlichen Armee - angeblich
+200 000 Soldaten - aufgerieben. Hätte er noch die Flotte gehabt, die im
+Hafen von Kalchedon verbrannt war, so würde er die ganze feindliche
+Armee vernichtet haben; so blieb das Zerstörungswerk unvollendet, und
+er mußte sogar es leiden, daß trotz der Katastrophe von Kyzikos die
+pontische Flotte in der Propontis sich aufstellte, Perinthos und
+Byzantion auf der europäischen Küste von ihr blockiert, Priapos auf der
+asiatischen ausgeraubt, das königliche Hauptquartier nach dem
+bithynischen Hafen Nikomedeia gelegt ward. Ja ein erlesenes Geschwader
+von fünfzig Segeln, das 10000 erlesene Leute, darunter Marcus Marius
+und den Kern der römischen Emigranten trug, fuhr sogar hinaus in das
+Ägäische Meer; es ging die Rede, daß es bestimmt sei, in Italien zu
+landen, um dort aufs neue den Bürgerkrieg zu entfachen. Indes fingen
+die Schiffe, die Lucullus nach dem Unfall von Kalchedon von den
+asiatischen Gemeinden eingefordert hatte, an, sich einzustellen und ein
+Geschwader lief aus, um das in das Ägäische Meer abgegangene feindliche
+aufzusuchen. Lucullus selbst, als Flottenführer erprobt, übernahm das
+Kommando. Vor dem Achäerhafen, in den Gewässern zwischen der troischen
+Küste und der Insel Tenedos, wurden dreizehn feindliche, auf der Fahrt
+nach Lemnos begriffene Fünfruderer unter Isidoros überfallen und
+versenkt. Bei der kleinen Insel Neä zwischen Lemnos und Skyros sodann,
+an welchem wenig besuchten Punkte die pontische Flottille von 32 Segeln
+auf den Strand gezogen lag, fand sie Lucullus, griff zugleich die
+Schiffe und die auf der Insel zerstreute Bemannung an und bemächtigte
+sich des ganzen Geschwaders. Hier fanden Marcus Marius und die
+tüchtigsten der römischen Emigrierten entweder im Kampfe oder nachher
+durch das Henkerbeil den Tod. Die ganze ägäische Flotte der Feinde war
+von Lucullus vernichtet. Den Krieg in Bithynien hatten inzwischen mit
+dem durch Nachsendungen aus Italien verstärkten Landheer und einem in
+Asien zusammengezogenen Geschwader Cotta und die Legaten Luculls
+Voconius, Gaius Valerius Triarius und Barba fortgesetzt. Barba nahm im
+Binnenland Prusias am Olymp und Nikäa, Triarius an der Küste Apameia
+(sonst Myrleia) und Prusias am Meer (sonst Kios). Man vereinigte sich
+dann zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen gegen Mithradates selbst
+in Nikomedeia; indes der König, ohne nur den Kampf zu versuchen,
+entwich auf seine Schiffe und fuhr heimwärts, und auch dies gelang ihm
+nur, weil der mit der Blockierung des Hafens von Nikomedeia beauftragte
+römische Flottenführer Voconius zu spät eintraf. Unterwegs ward zwar
+das wichtige Herakleia an den König verraten und von ihm besetzt; aber
+ein Sturm in diesen Gewässern versenkte über sechzig seiner Schiffe und
+zerstreute die übrigen; fast allein gelangte der König nach Sinope. Die
+Offensive Mithradats endigte mit einer vollständigen und durchaus
+nicht, am wenigsten für den obersten Leiter, rühmlichen Niederlage der
+pontischen Land- und Seemacht.
+
+Lucullus ging jetzt seinerseits zum Angriff vor. Triarius übernahm den
+Befehl über die Flotte mit dem Auftrag, vor allem den Hellespont zu
+sperren und den aus Kreta und Spanien rückkehrenden pontischen Schiffen
+aufzupassen, Cotta die Belagerung von Herakleia; das schwierige
+Verpflegungsgeschäft ward den treuen und tätigen Galaterfürsten und dem
+König Ariobarzanes von Kappadokien übertragen; Lucullus selbst rückte
+im Herbst 681 (73) ein in die gesegnete und seit langem von keinem
+Feinde betretene pontische Landschaft. Mithradates, jetzt entschlossen
+zur strengsten Defensive, wich, ohne eine Schlacht zu liefern, zurück
+von Sinope nach Amisos, von Amisos nach Kabeira (später Neo-Caesarea,
+jetzt Niksar) am Lykos, einem Nebenfluß des Iris; er begnügte sich, den
+Feind immer tiefer landeinwärts sich nachzuziehen und ihm die Zufuhren
+und Verbindungen zu erschweren. Rasch folgte Lucullus; Sinope blieb
+seitwärts liegen; die alte Grenze des römischen Machtgebiets, der
+Halys, ward überschritten, die ansehnlichen Städte Amisos, Eupatoria
+(am Iris), Themiskyra (am Thermodon) umstellt, bis endlich der Winter
+den Märschen, aber nicht den Einschließungen der Städte ein Ende
+machte. Die Soldaten Luculls murrten über das unaufhaltsame Vordringen,
+das ihnen nicht gestattete, die Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten,
+und über die weitläufigen und in der rauben Jahreszeit beschwerlichen
+Blockaden. Allein es war nicht Lucullus’ Art, auf dergleichen Klagen zu
+hören; im Frühjahr 682 (72) ging es sofort weiter gegen Kabeira unter
+Zurücklassung zweier Legionen vor Amisos unter Lucius Murena. Der König
+hatte während des Winters neue Versuche gemacht, den Großkönig von
+Armenien zum Eintritt in den Kampf zu bestimmen; sie blieben wie die
+früheren vergeblich oder führten doch nur zu leeren Verheißungen. Noch
+weniger bezeigten die Parther Lust, bei der verlorenen Sache sich zu
+beteiligen. Indes hatte sich, besonders durch Werbungen im Skythenland,
+wieder eine ansehnliche Armee unter Diophantos und Taxiles bei Kabeira
+zusammengefunden. Das römische Heer, das nur noch drei Legionen zählte
+und das an Reiterei den Pontikern entschieden nachstand, sah sich
+genötigt, das Blachfeld möglichst zu vermeiden, und gelangte nach
+Kabeira auf schwierigen Nebenpfaden, nicht ohne Beschwerden und
+Verluste. Bei dieser Stadt lagerten die beiden Armeen längere Zeit
+einander gegenüber. Gestritten ward hauptsächlich um die Zufuhr, die
+auf beiden Seiten knapp war; Mithradates bildete deswegen aus dem Kern
+seiner Reiterei und einer Abteilung erlesener Fußsoldaten unter
+Diophantos und Taxiles ein fliegendes Korps, das bestimmt war, zwischen
+dem Lykos und dem Halys zu streifen und die aus Kappadokien kommenden
+römischen Lebensmitteltransporte aufzufangen. Allein der
+Unterbefehlshaber Lucullus, Marcus Fabius Hadrianus, der einen solchen
+Zug eskortierte, schlug nicht bloß die ihm auflauernde Schar in dem
+Engpaß, wo sie ihn zu überfallen gedachte, vollständig aufs Haupt,
+sondern auch, nachdem er Verstärkung aus dem Lager erhalten hatte, die
+Armee des Diophantos und Taxiles selbst, so daß dieselbe völlig sich
+auflöste. Es war für den König ein unersetzlicher Verlust, daß seine
+Reiterei, auf die er allein vertraute, ihm hier zugrunde gegangen war;
+sowie er durch die ersten vom Schlachtfeld nach Kabeira gelangenden
+Flüchtlinge - bezeichnend genug die geschlagenen Generale selbst - die
+Hiobspost, früher noch als Lucullus die Nachricht von dem Sieg,
+erhalten hatte, beschloß er sofortigen weiteren Rückzug. Aber der
+gefaßte Entschluß des Königs verbreitete sich mit Blitzesschnelle unter
+seiner nächsten Umgebung; und wie die Soldaten die Vertrauten des
+Königs eiligst einpacken sahen, wurden auch sie von panischem Schreck
+ergriffen. Niemand wollte bei dem Aufbruch der letzte sein; Vornehme
+und Geringe liefen durcheinander wie gescheuchtes Wild; keine
+Autorität, nicht einmal die des Königs, ward noch beachtet und der
+König selbst fortgerissen in dem wilden Getümmel. Die Verwirrung
+gewahrend, griff Lucullus an, und fast ohne Widerstand zu leisten
+ließen die pontischen Scharen sich niedermetzeln. Hätten die Legionen
+Mannszucht zu halten und ihre Beutegier zu mäßigen vermocht, so wäre
+kaum ein Mann ihnen entronnen und der König ohne Zweifel selbst
+gefangen worden. Mit Not entkam Mithradates mit wenigen Begleitern
+durch die Berge nach Komana (unweit Tokat und der Irisquelle), von wo
+ihn aber auch bald eine römische Schar unter Marcus Pompeius
+wiederaufscheuchte und ihn verfolgte, bis er, von nicht mehr als 2000
+Reitern begleitet, in Talaura in Klein-Armenien die Grenze seines
+Reiches überschritt. In dem Reiche des Großkönigs fand er eine
+Zufluchtsstätte, aber auch nicht mehr (Ende 682 72). Tigranes ließ
+seinem flüchtigen Schwiegervater zwar königliche Ehre erzeigen, aber er
+lud ihn nicht einmal an seinen Hof, sondern hielt ihn in der
+abgelegenen Grenzlandschaft, wo er sich befand, in einer Art von
+anständiger Haft. Ganz Pontos und Klein-Armenien überschwemmten die
+römischen Truppen und bis nach Trapezus hinauf unterwarf sich das
+platte Land ohne Widerstand dem Sieger. Auch die Befehlshaber der
+königlichen Schatzhäuser ergaben sich nach kürzerem oder längerem
+Zaudern und lieferten ihre Kassenvorräte aus. Die Frauen des
+königlichen Harems, die königlichen Schwestern, seine zahlreichen
+Gemahlinnen und Kebse ließ der König, da sie zu flüchten nicht möglich
+war, durch einen seiner Verschnittenen in Pharnakeia (Kerasunt)
+sämtlich töten. Hartnäckigen Widerstand leisteten nur die Städte. Zwar
+die wenigen im Binnenland, Kabeira, Amaseia, Eupatoria, waren bald in
+der Gewalt der Römer; aber die größeren Seestädte, Amisos und Sinope in
+Pontos, Amastris in Paphlagonien, Tios und das pontische Herakleia in
+Bithynien, wehrten sich wie Verzweifelte, teils begeistert durch die
+Anhänglichkeit an den König und die von ihm geschirmte freie
+hellenische Stadtverfassung, teils terrorisiert durch die Scharen der
+vom König herbeigerufenen Korsaren. Sinope und Herakleia ließen sogar
+die Schiffe gegen die Römer auslaufen, und das sinopische Geschwader
+bemächtigte sich einer römischen Flottille, die von der Taurischen
+Halbinsel für Lucullus’ Heer Getreide brachte. Herakleia unterlag erst
+nach zweijähriger Belagerung, nachdem die römische Flotte der Stadt den
+Verkehr mit den griechischen Städten auf der Taurischen Halbinsel
+abgeschnitten hatte und in den Reihen der Besatzung Verräterei
+ausgebrochen war. Als Amisos aufs äußerste gebracht war, zündete die
+Besatzung die Stadt an und bestieg unter dem Schutze der Flammen ihre
+Schiffe. In Sinope, wo der kecke Piratenkapitän Seleukos und der
+königliche Verschnittene Bakchides die Verteidigung leiteten, plünderte
+die Besatzung die Häuser, bevor sie abzog, und steckte die Schiffe, die
+sie nicht mitnehmen konnte, in Brand; es sollen hier, obwohl der größte
+Teil der Verteidiger sich hatte einschiffen können, doch noch 8000
+Korsaren von Lucullus getötet worden sein. Zwei volle Jahre nach der
+Schlacht von Kabeira und darüber (682-684 72-70) währten diese
+Städtebelagerungen, die Lucullus großenteils durch seine
+Unterbefehlshaber betrieb, während er selbst die Verhältnisse der
+Provinz Asia ordnete, die eine gründliche Reform erheischten und
+erhielten. Wie geschichtlich merkwürdig auch jener hartnäckige
+Widerstand der pontischen Kaufstädte gegen die siegreichen Römer ist,
+so kam doch zunächst wenig dabei heraus; die Sache des Königs
+Mithradates war darum nicht minder verloren. Der Großkönig hatte
+offenbar für jetzt wenigstens durchaus nicht die Absicht, ihn in sein
+Reich zurückzuführen. Die römische Emigration in Asien hatte durch die
+Vernichtung der ägäischen Flotte ihre Besten eingebüßt; von den
+Übriggebliebenen hatten nicht wenige, wie zum Beispiel die tätigen
+Führer Lucius Magius und Lucius Fannius, ihren Frieden mit Lucullus
+gemacht, und mit dem Tode des Sertorius, der in dem Jahre der Schlacht
+von Kabeira umkam, schwand die letzte Hoffnung der Emigration. Die
+eigene Macht Mithradats war vollständig zerschmettert und eine nach der
+andern brachen ihre noch übrigen Stützen zusammen: auch seine von Kreta
+und Spanien heimkehrenden Geschwader, siebzig Segel stark, wurden von
+Triarius bei der Insel Tenedos angegriffen und vernichtet; auch der
+Statthalter des Bosporanischen Reiches, des Königs eigener Sohn
+Machares, fiel von ihm ab und schloß als selbständiger Fürst des
+Taurischen Chersones auf eigene Hand mit den Römern Frieden und
+Freundschaft (684 70). Der König selbst saß nach nicht allzurühmlicher
+Gegenwehr in einem entlegenen armenischen Bergschloß, ein Flüchtling
+aus seinem Reiche und fast ein Gefangener seines Schwiegersohns.
+Mochten die Korsarenscharen noch auf Kreta sich behaupten und was aus
+Amisos und Sinope entkommen war, an die schwer zugängliche Ostküste des
+Schwarzen Meeres zu den Sanigen und Lazen sich retten: Lucullus’
+geschickte Kriegführung und seine verständige Mäßigung, die es nicht
+verschmähte, den gerechten Beschwerden der Provinzialen abzuhelfen und
+die reumütigen Emigranten als Offiziere in seinem Heere anzustellen,
+hatte mit mäßigen Opfern Kleinasien vom Feinde befreit und das
+Pontische Reich vernichtet, so daß dasselbe aus einem römischen
+Klientelstaat in eine römische Provinz verwandelt werden konnte. Eine
+Kommission des Senats ward erwartet, um in Gemeinschaft mit dem
+Oberfeldherrn die neue Provinzialorganisation festzustellen.
+
+Aber noch waren die Verhältnisse mit Armenien nicht geschlichtet. Daß
+eine Kriegserklärung der Römer gegen Tigranes an sich gerechtfertigt,
+ja geboten war, wurde früher gezeigt. Lucullus, der die Verhältnisse
+aus größerer Nähe und mit höherem Sinn betrachtete als das
+Senatorenkollegium in Rom, erkannte deutlich die Notwendigkeit,
+Armenien über den Tigris zurückzuweisen und die verlorene Herrschaft
+Roms über das Mittelmeer wiederherzustellen. Er zeigte in der Leitung
+der asiatischen Angelegenheiten sich als keinen unwürdigen Nachfolger
+seines Lehrmeisters und Freundes Sulla; Philhellene wie wenige Römer
+seiner Zeit, war er nicht unempfänglich für die Verpflichtung, die Rom
+mit der Erbschaft Alexanders übernommen hatte: Schild und Schwert der
+Griechen im Osten zu sein. Persönliche Beweggründe, der Wunsch, auch
+jenseits des Euphrat Lorbeeren zu ernten, die Empfindlichkeit darüber,
+daß der Großkönig in einem Schreiben an ihn den Imperatorentitel
+weggelassen, können freilich Lucullus mitbestimmt haben; allein es ist
+ungerecht, kleinliche und egoistische Motive für Handlungen anzunehmen,
+zu deren Erklärung die pflichtmäßigen vollkommen ausreichen. Indes von
+dem ängstlichen, lässigen, schlecht unterrichteten und vor allen Dingen
+von ewiger Finanznot bedrängten römischen Regierungskollegium ließ sich
+nimmermehr erwarten, daß es, ohne unmittelbar dazu genötigt zu sein,
+die Initiative zu einer so weitschichtigen und kostspieligen Expedition
+ergreifen werde. Um das Jahr 682 (72) waren die legitimen
+Repräsentanten der Seleukidendynastie, Antiochos, der Asiate genannt,
+und dessen Bruder, veranlaßt durch die günstige Wendung des Pontischen
+Krieges, nach Rom gegangen, um eine römische Intervention in Syrien und
+nebenbei die Anerkennung ihrer Erbansprüche auf Ägypten zu erwirken.
+Wenn die letztere Anforderung nicht gewährt werden konnte, so ließen
+doch der Augenblick wie die Veranlassung sich nicht günstiger finden,
+um den längst notwendigen Krieg gegen Tigranes zu beginnen. Allein der
+Senat hatte die Prinzen wohl als die rechtmäßigen Könige Syriens
+anerkannt, aber sich nicht entschließen können, die bewaffnete
+Intervention zu verfügen. Sollte die gute Gelegenheit benutzt und gegen
+Armenien Ernst gemacht werden, so mußte Lucullus den Krieg ohne
+eigentlichen Auftrag des Senats auf eigene Hand und eigene Gefahr
+beginnen; auch er sah sich ebenwie Sulla in die Notwendigkeit versetzt,
+was er im offenbarsten Interesse der bestehenden Regierung tat, nicht
+mit ihr, sondern ihr zum Trotz ins Werk zu setzen. Erleichtert ward ihm
+der Entschluß durch die seit langem unklar zwischen Krieg und Frieden
+schwankenden Verhältnisse Roms zu Armenien, welche die Eigenmächtigkeit
+seines Verfahrens einigermaßen bedeckten und es an formellen
+Kriegsgründen nicht fehlen ließen. Die kappadokischen und syrischen
+Zustände boten Anlässe genug, und es hatten auch schon bei der
+Verfolgung des pontischen Königs römische Truppen das Gebiet des
+Großkönigs verletzt. Da indes Lucullus’ Auftrag auf Führung des Krieges
+gegen Mithradates ging und er hieran anzuknüpfen wünschte, so zog er es
+vor, einen seiner Offiziere, Appius Claudius, an den Großkönig nach
+Antiochien zu senden, um Mithradates’ Auslieferung zu fordern, was denn
+freilich zum Kriege führen mußte. Der Entschluß war ernst, zumal bei
+der Beschaffenheit der römischen Armee. Es war unvermeidlich, während
+des Feldzugs in Armenien das ausgedehnte pontische Gebiet stark besetzt
+zu halten, da sonst dem in Armenien stehenden Heer die Verbindung mit
+der Heimat verloren ging und überdies ein Einfall Mithradats in sein
+ehemaliges Reich leicht vorherzusehen war. Offenbar reichte die Armee,
+an deren Spitze Lucullus den Mithradatischen Krieg beendigt hatte, von
+beiläufig 30000 Mann für diese verdoppelte Aufgabe nicht aus. Unter
+gewöhnlichen Verhältnissen würde der Feldherr von seiner Regierung die
+Nachsendung einer zweiten Armee erbeten und erhalten haben; allein da
+Lucullus den Krieg der Regierung über den Kopf nehmen wollte und
+gewissermaßen mußte, sah er sich genötigt, hierauf zu verzichten und,
+ob er gleich selbst die gefangenen thrakischen Söldner des pontischen
+Königs seinen Truppen einreihte, dennoch mit nicht mehr als zwei
+Legionen oder höchstens 15000 Mann den Krieg über den Euphrat zu
+tragen. Schon dies war bedenklich; indes die Geringfügigkeit der Zahl
+mochte durch die erprobte Tapferkeit der durchaus aus Veteranen
+bestehenden Armee einigermaßen ersetzt werden. Weit schlimmer war die
+Stimmung der Soldaten, auf die Lucullus in seiner hochadligen Art viel
+zu wenig Rücksicht nahm. Lucullus war ein tüchtiger General und - nach
+aristokratischem Maßstab - ein rechtschaffener und wohlwollender Mann,
+aber nichts weniger als beliebt bei seinen Soldaten. Er war unpopulär
+als entschiedener Anhänger der Oligarchie, unpopulär, weil er in
+Kleinasien der greulichen Wucherei der römischen Kapitalisten
+nachdrücklich gesteuert hatte, unpopulär wegen der Arbeiten und
+Strapazen, die er dem Soldaten zumutete, unpopulär, weil er von seinen
+Soldaten strenge Mannszucht forderte und die Plünderung der
+griechischen Städte durch seine Leute möglichst verhinderte, daneben
+aber doch für sich selber manchen Wagen und manches Kamel mit den
+Schätzen des Ostens beladen ließ, unpopulär wegen seiner feinen,
+vornehmen, hellenisierenden, durchaus nicht kameradschaftlichen und, wo
+immer möglich, zu bequemem Wohlleben sich hinneigenden Weise. Nicht
+eine Spur des Zaubers war in ihm, der zwischen dem Feldherrn und dem
+Soldaten ein persönliches Band schlingt. Hierzu kam endlich, daß ein
+großer Teil seiner tüchtigsten Soldaten alle Ursache hatte, sich über
+die maßlose Verlängerung ihrer Dienstzeit zu beschweren. Seine beiden
+besten Legionen waren ebendiejenigen, die Flaccus und Fimbria 668 (86)
+nach dem Osten geführt hatten; ungeachtet ihnen vor kurzem nach der
+Schlacht von Kabeira der durch dreizehn Feldzüge wohlverdiente Abschied
+zugesichert worden war, führte sie Lucullus jetzt dennoch über den
+Euphrat, einem neuen unabsehbaren Krieg entgegen - es schien, als wolle
+man die Sieger von Kabeira schlimmer behandeln als die Geschlagenen von
+Cannae. Daß mit so schwachen und so gestimmten Truppen ein Feldherr auf
+eigene Faust und streng genommen verfassungswidrig eine Expedition
+begann in ein fernes und unbekanntes Land voll reißender Ströme und
+schneebedeckter Berge, das schon durch seine gewaltige Ausdehnung jeden
+leichtsinnig unternommenen Angriff gefährlich machte, war in der Tat
+mehr als gewagt. Vielfach und nicht ohne Grund wurde deshalb Lucullus’
+Verfahren in Rom getadelt; nur hätte man dabei nicht verschweigen
+sollen, daß zunächst die Verkehrtheit der Regierung dieses verwegene
+Vorgehen des Feldherrn veranlaßte und dasselbe wo nicht rechtfertigte,
+doch entschuldbar machte.
+
+Schon die Sendung des Appius Claudius hatte neben der Aufgabe, den
+Krieg diplomatisch zu motivieren, den Zweck gehabt, die Fürsten und
+Städte zunächst Syriens gegen den Großkönig unter die Waffen zu
+bringen; im Frühling 685 (69) erfolgte der förmliche Angriff. Während
+des Winters hatte der König von Kappadokien im stillen für
+Transportschiffe gesorgt; auf diesen ward der Euphrat bei Melitene
+überschritten und der Marsch dann weiter über die Tauruspässe auf den
+Tigris gerichtet. Auch diesen überschritt Lucullus in der Gegend von
+Amida (Diarbekr) und rückte weiter vor auf die Straße zu, welche die an
+der südlichen Grenze Armeniens neu gegründete zweite Hauptstadt
+Tigranokerta ^3 mit der alten Metropole Artaxata verband. Bei jener
+stand der Großkönig, kurz zuvor aus Syrien zurückgekommen, nachdem er
+die Verfolgung seiner Eroberungspläne am Mittelmeer wegen der
+Verwicklung mit den Römern vorläufig vertagt hatte. Eben entwarf er
+einen Einfall in das römische Kleinasien von Kilikien und Lykaonien aus
+und überlegte bei sich, ob die Römer Asien sofort räumen oder vorher
+noch, etwa bei Ephesos, sich ihm zur Schlacht stellen würden, als ihm
+die Nachricht von dem Anmarsche Luculls gebracht ward, welcher ihn von
+der Verbindung mit Artaxata abzuschneiden drohte. Er ließ den Boten
+aufknüpfen, aber die lästige Wirklichkeit blieb wie sie war; so verließ
+er denn die neue Hauptstadt und begab sich in das innere Armenien, um
+dort, was bis jetzt nicht geschehen war, gegen die Römer zu rüsten.
+Inzwischen sollte Mithrobarzanes mit den eben zur Verfügung stehenden
+Truppen in Verbindung mit den schleunigst aufgebotenen benachbarten
+Beduinenstämmen die Römer beschäftigen. Allein das Korps des
+Mithrobarzanes ward schon von dem römischen Vortrab, die Araber von
+einem Detachement unter Sextilius zersprengt; Lucullus gewann die von
+Tigranokerta nach Artaxata führende Straße, und während auf dem rechten
+Tigrisufer ein römisches Detachement den nordwärts abziehenden
+Großkönig verfolgte, ging er selbst auf das linke über und rückte vor
+Tigranokerta. Der nie versiegende Pfeilregen, mit dem die Besatzung das
+römische Heer überschüttete, und die Anzündung der Belagerungsmaschinen
+durch Naphtha weihten hier die Römer ein in die neuen Gefahren der
+iranischen Kriege, und der tapfere Kommandant Mankäos behauptete die
+Stadt, bis endlich die große königliche Entsatzarmee aus allen Teilen
+des weiten Reiches und den angrenzenden, den armenischen Werbern
+offenstehenden Landschaften versammelt und durch die nordöstlichen
+Pässe zum Entsatz der Hauptstadt herangerückt war. Der in den Kriegen
+Mithradats erprobte Führer Taxiles riet, die Schlacht zu vermeiden und
+die kleine römische Schar durch die Reiterei zu umstellen und
+auszuhungern. Allein als der König den römischen Feldherrn, der sich
+entschieden hatte, die Schlacht zu liefern, ohne darum die Belagerung
+aufzuheben, mit nicht viel mehr als 10000 Mann gegen die zwanzigfache
+Übermacht ausrücken und keck das Gewässer überschreiten sah, das beide
+Heere trennte; als er auf der einen Seite diese kleine Schar
+überblickte, “zur Gesandtschaft zu viel, zum Heere zu wenig”, auf der
+andern seine ungeheuren Heerhaufen, in denen die Völker vom Schwarzen
+und vom Kaspischen mit denen vom Mittelmeer und vom Persischen Golf
+sich begegneten, deren gefürchtete eisenbedeckte Lanzenreiter allein
+zahlreicher waren als Lucullus’ ganzes Heer und in denen es auch an
+römisch gerüstetem Fußvolk nicht mangelte: da entschloß er sich, die
+vom Feinde begehrte Schlacht ungesäumt anzunehmen. Während aber die
+Armenier noch sich dazu ordneten, erkannte Lucullus’ scharfes Auge, daß
+sie es versäumt hatten, eine Höhe zu besetzen, die ihre ganze
+Reiterstellung beherrschte: er eilte sie mit zwei Kohorten einzunehmen,
+indem zugleich seine schwache Reiterei durch einen Flankenangriff die
+Aufmerksamkeit der Feinde von dieser Bewegung ablenkte, und sowie er
+oben angekommen war, führte er seinen kleinen Haufen der feindlichen
+Reiterei in den Rücken. Sie ward gänzlich zersprengt und warf sich auf
+die noch nicht völlig geordnete Infanterie, die davonlief, ohne auch
+nur zum Schlagen zu kommen. Das Bulletin des Siegers, daß 100000
+Armenier und 5 Römer gefallen seien und der König Turban und Stirnbinde
+von sich werfend unerkannt mit wenigen Reitern davongesprengt sei, ist
+im Stile seines Meisters Sulla abgefaßt; allein nichtdestoweniger
+bleibt der am 6. Oktober 685 (69) vor Tigranokerta erfochtene Sieg
+einer der glänzendsten Sterne in der ruhmreichen Kriegsgeschichte Roms;
+und er war nicht minder erfolgreich als glänzend. Alle südlich vom
+Tigris den Parthern oder den Syrern entrissenen Landschaften waren
+damit strategisch den Armeniern verloren und gingen größtenteils ohne
+weiteres über in den Besitz des Siegers. Die neu erbaute zweite
+Hauptstadt selber machte den Anfang. Die in ihr sehr zahlreichen
+griechischen Zwangsansiedler empörten sich gegen die Besatzung und
+öffneten dem römischen Heere die Pforten der Stadt, die den Soldaten
+zur Plünderung preisgegeben ward. Sie war geschaffen für das neue
+Großreich und ward wie dieses von dem Sieger vertilgt. Aus Kilikien und
+Syrien hatte der armenische Satrap Magadates bereits alle Truppen
+herausgezogen, um die Entsatzarmee vor Tigranokerta zu verstärken.
+Lucullus rückte in die nördlichste Landschaft Syriens Kommagene ein und
+erstürmte die Hauptstadt Samosata; bis in das eigentliche Syrien kam er
+nicht, doch langten von den Dynasten und Gemeinden bis zum Roten Meere
+hinab, von Hellenen, Syrern, Juden, Arabern, Gesandte an, um den Römern
+als den neuen Oberherren zu huldigen. Selbst der Fürst von Corduene,
+der östlich von Tigranokerta gelegenen Landschaft, unterwarf sich;
+wogegen freilich in Nisibis und damit in Mesopotamien der Bruder des
+Großkönigs Guras sich behauptete. Durchaus trat Lucullus auf als
+Schirmherr der hellenischen Fürsten und Bürgerschaften; in Kommagene
+setzte er einen Prinzen des seleukidischen Hauses, Antiochos, auf den
+Thron; Antiochos den Asiaten, der nach dem Abzug der Armenier nach
+Antiocheia zurückgekehrt war, erkannte er an als König von Syrien; die
+gezwungenen Ansiedler von Tigranokerta entließ er wieder in ihre
+Heimatorte. Die unermeßlichen Vorräte und Schätze des Großkönigs - an
+Getreide wurden 30 Millionen Medimnen, an Geld allein in Tigranokerta
+8000 Talente (12½ Mill. Taler) erbeutet - machten es Lucullus möglich,
+die Kosten des Krieges zu bestreiten, ohne die Staatskasse in Anspruch
+zu nehmen, und jedem seiner Soldaten außer reichlichster Verpflegung
+noch eine Verehrung von 800 Denaren (240 Taler) zu machen.
+
+————————————————————————-
+
+^3 Daß Tigranokerta in der Gegend von Mardin etwa zwei Tagemärsche
+westlich von Nisibis gelegen hat, hat die von K. E. Sachau (Über die
+Lage von Tigranokerta, Abh. der Berliner Akademie, 1880) an Ort und
+Stelle angestellte Untersuchung erwiesen, wenn auch die von Sachau
+vorgeschlagene genauere Fixierung der Örtlichkeit nicht außer Zweifel
+ist. Dagegen steht seiner Auseinandersetzung über den Feldzug Luculls
+das Bedenken entgegen, daß auf der dabei angenommenen Route von einer
+Überschreitung des Tigris in der Tat nicht die Rede sein kann.
+
+———————————————————————
+
+Der Großkönig war tief gedemütigt. Er war ein schwächlicher Charakter,
+übermütig im Glück, im Unglück verzagt; wahrscheinlich würde zwischen
+ihm und Lucullus ein Abkommen zustande gekommen sein, das der Großkönig
+mit ansehnlichen Opfern zu erkaufen, der römische Feldherr unter
+leidlichen Bedingungen zu gewähren beide alle Ursache hatten, wenn der
+alte Mithradates nicht gewesen wäre. Dieser hatte nicht teilgenommen an
+den Kämpfen um Tigranokerta. Durch die zwischen dem Großkönig und den
+Römern eingetretene Spannung nach zwanzigmonatlicher Haft um die Mitte
+des Jahres 684 (70) befreit, war er mit 10000 armenischen Reitern in
+sein ehemaliges Reich abgesandt worden, um die Kommunikationen des
+Feindes zu bedrohen. Zurückgerufen, noch ehe er hier etwas ausrichten
+konnte, als der Großkönig seine gesamte Macht aufbot, um die von ihm
+erbaute Hauptstadt zu entsetzen, kamen bei seinem Eintreffen vor
+Tigranokerta ihm schon die vom Schlachtfeld flüchtenden Haufen
+entgegen. Vom Großkönig bis zum gemeinen Soldaten schien allen alles
+verloren. Wenn aber Tigranes jetzt Frieden machte, so schwand für
+Mithradates nicht bloß die letzte Möglichkeit der Wiedereinsetzung in
+sein Reich, sondern seine Auslieferung war ohne Zweifel die erste
+Bedingung des Friedens; und sicher würde Tigranes gegen ihn nicht
+anders gehandelt haben als Bocchus einst gegen Jugurtha. Seine ganze
+Persönlichkeit setzte darum der König ein, um diese Wendung zu
+verhindern und den armenischen Hof zur Fortführung des Krieges zu
+bestimmen, bei der er nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatte;
+und flüchtig und entthront wie Mithradates war, war sein Einfluß an
+diesem Hofe nicht gering. Noch war er ein stattlicher und gewaltiger
+Mann, der, obwohl schon über sechzig Jahre alt, sich in voller Rüstung
+auf das Pferd schwang und im Handgemenge gleich dem Besten seinen Mann
+stand. Seinen Geist schienen die Jahre und die Schicksale gestählt zu
+haben: während er in früheren Zeiten seine Heerführer aussandte und
+selbst an dem Kriege nicht unmittelbar teilnahm, finden wir fortan als
+Greis ihn in der Schlacht selber befehligen und selber fechten. Ihm,
+der während seines fünfzigjährigen Regiments so viele unerhörte
+Glückswechsel erlebt hatte, schien die Sache des Großkönigs durch die
+Niederlage von Tigranokerta noch keineswegs verloren, vielmehr
+Lucullus’ Stellung sehr schwierig und, wenn es jetzt nicht zum Frieden
+kam und der Krieg in zweckmäßiger Weise fortgeführt ward, sogar in
+hohem Maße bedenklich. Der vielerfahrene Greis, der fast wie ein Vater
+dem Großkönig gegenüberstand und jetzt persönlich auf denselben zu
+wirken vermochte, bezwang den schwachen Mann durch seine Energie und
+bestimmte ihn, nicht nur sich für die Fortsetzung des Krieges zu
+entscheiden, sondern auch ihn selber mit dessen politischer und
+militärischer Leitung zu betrauen. Aus einem Kabinettskrieg sollte der
+König jetzt ein national asiatischer werden, die Könige und die Völker
+Asiens sich vereinigen gegen die übermächtigen und übermütigen
+Okzidentalen. Es wurden die größten Anstrengungen gemacht, die Armenier
+und die Parther miteinander zu versöhnen und sie zum gemeinschaftlichen
+Kampfe gegen Rom zu bestimmen. Auf Mithradates’ Betrieb erbot sich
+Tigranes, dem Arsakiden Phraates, dem Gott (regierte seit 684 70), die
+von den Armeniern eroberten Landschaften Mesopotamien, Adiabene, die
+“großen Täler”, zurückzugeben und mit ihm Freundschaft und Bündnis zu
+machen. Allein nach allem, was vorhergegangen war, konnte dieses
+Anerbieten kaum auf eine günstige Aufnahme rechnen; Phraates zog es
+vor, die Euphratgrenze durch einen Vertrag nicht mit den Armeniern,
+sondern mit den Römern sich zu sichern und zuzusehen, wie sich der
+verhaßte Nachbar und der unbequeme Fremdling untereinander aufrieben.
+Mit größerem Erfolg als an die Könige wandte Mithradates sich an die
+Völker des Ostens. Es hielt nicht schwer, den Krieg darzustellen als
+einen nationalen des Orients gegen den Okzident, denn er war es; gar
+wohl konnte er auch zum Religionskrieg gemacht und die Rede verbreitet
+werden, daß das Ziel des Lucullischen Heeres der Tempel der persischen
+Nanäa oder Anaitis in Elymais oder dem heutigen Luristan sei, das
+gefeiertste und das reichste Heiligtum der ganzen Euphratlandschaft ^4.
+Scharenweise drängten sich von nah und fern die Asiaten unter die
+Banner der Könige, welche sie aufriefen, den Osten und seine Götter vor
+den gottlosen Fremdlingen zu schirmen. Allein die Tatsachen hatten
+gezeigt, daß das bloße Zusammentreiben ungeheurer Heerhaufen nicht
+allein fruchtlos war, sondern durch die Einfügung in dieselben selbst
+die wirklich marschier- und schlagfähigen Scharen unbrauchbar gemacht
+und in das allgemeine Verderben mitverwickelt wurden. Mithradates
+suchte vor allem die Waffe auszubilden, die zugleich die schwächste der
+Okzidentalen und die stärkste der Asiaten war, die Reiterei: in der von
+ihm neugebildeten Armee war die Hälfte der Mannschaft beritten. Für den
+Dienst zu Fuß las er aus der Masse der aufgebotenen oder freiwillig
+sich meldenden Rekruten die dienstfähigen Leute sorgfältig aus und ließ
+diese durch seine pontischen Offiziere dressieren. Das ansehnliche
+Heer, das bald wieder unter den Fahnen des Großkönigs zusammenstand,
+war aber nicht bestimmt, auf der ersten Walstatt mit den römischen
+Veteranen sich zu messen, sondern sich auf die Verteidigung und auf den
+kleinen Krieg zu beschränken. Schon den letzten Krieg in seinem Reiche
+hatte Mithradates stetig zurückweichend und die Schlacht vermeidend
+geführt; auch diesmal wurde eine ähnliche Taktik angenommen und zum
+Kriegsschauplatz das eigentliche Armenien bestimmt, das vom Feinde noch
+vollkommen unberührte Erbland des Tigranes, durch seine physische
+Beschaffenheit ebenso wie durch den Patriotismus seiner Bewohner
+vortrefflich für diese Kriegsweise geeignet.
+
+——————————————————————-
+
+^4 Cicero (imp. Cn. Pomp. 9, 23) meint schwerlich einen anderen als
+einen der reichen Tempel der Landschaft Elymais, wohin die Raubzüge der
+syrischen wie der parthischen Könige regelmäßig sich richteten (Strab.
+16, 744; Polyb. 31, 11; 1. Makk. 6 u. a. m.), und wahrscheinlich diesen
+als den bekanntesten; auf keinen Fall darf an den Tempel von Komana
+oder überhaupt irgendein Heiligtum im Pontischen Reiche gedacht werden.
+
+——————————————————————-
+
+Das Jahr 686 (68) fand Lucullus in einer schwierigen und täglich
+bedenklicher sich gestaltenden Lage. Trotz seiner glänzenden Siege war
+man in Rom durchaus nicht mit ihm zufrieden. Der Senat empfand die
+Eigenmächtigkeit seines Verfahrens; die von ihm empfindlich verletzte
+Kapitalistenpartei setzte alle Mittel der Intrige und Bestechung in
+Bewegung, um seine Abberufung durchzusetzen. Täglich erscholl der Markt
+der Hauptstadt von gerechten und ungerechten Beschwerden über den
+tollkühnen, den habsüchtigen, den unrömischen, den hochverräterischen
+Feldherrn. Den Klagen über die Vereinigung einer so grenzenlosen Macht,
+zweier ordentlicher Statthalterschaften und eines wichtigen
+außerordentlichen Kommandos, in der Hand eines solchen Mannes gab auch
+der Senat insoweit nach, daß er die Provinz Asia einem der Prätoren,
+die Provinz Kilikien nebst drei neu ausgehobenen Legionen dem Konsul
+Quintus Marcius Rex bestimmte, und den Feldherrn auf das Kommando gegen
+Mithradates und Tigranes beschränkte.
+
+Diese in Rom gegen den Feldherrn sich erhebenden Anklagen fanden einen
+gefährlichen Widerhall in den Quartieren am Iris und am Tigris: um so
+mehr, als einzelne Offiziere, darunter der eigene Schwager des
+Feldherrn, Publius Clodius, in diesem Sinne die Soldaten bearbeiteten.
+Das ohne Zweifel von diesen in Umlauf gesetzte Gerücht, daß Lucullus
+jetzt mit dem Pontisch-Armenischen Krieg noch eine Expedition gegen die
+Parther zu verbinden gedenke, nährte die Erbitterung der Truppen.
+Während aber also die schwierige Stimmung der Regierung wie der
+Soldaten den siegreichen Feldherrn mit Abberufung und Meuterei
+bedrohte, fuhr er selber fort, dem verzweifelten Spieler gleich, seinen
+Einsatz und sein Wagen zu steigern. Zwar gegen die Parther zog er
+nicht; aber als Tigranes sich weder bereit zeigte, Frieden zu machen,
+noch, wie Lucullus es wünschte, eine zweite Hauptschlacht zu bestehen,
+entschloß sich Lucullus von Tigranokerta durch die schwierige
+Berglandschaft am östlichen Ufer des Wansees in das Tal des östlichen
+Euphrat (oder des Arsanias, jetzt Murad Tschai) und aus diesem in das
+des Araxes vorzudringen, wo, am nördlichen Abhang des Ararat, die
+Hauptstadt des eigentlichen Armeniens Artaxata mit dem Erbschloß und
+dem Harem des Königs lag. Er hoffte den König durch die Bedrohung
+seiner angestammten Residenz entweder unterwegs oder mindestens doch
+vor Artaxata zum Schlagen zu zwingen. Unumgänglich notwendig war es
+freilich, bei Tigranokerta eine Abteilung zurückzulassen; und da das
+Marschheer unmöglich noch weiter vermindert werden konnte, so blieb
+nichts übrig als die Stellung im Pontos zu schwächen und von dort
+Truppen nach Tigranokerta zu berufen. Die Hauptschwierigkeit aber war
+die für militärische Unternehmungen so unbequeme Kürze des armenischen
+Sommers. Auf der armenischen Hochebene, die 5000 Fuß und mehr über der
+Meeresfläche liegt, sproßt bei Erzerum das Korn erst Anfang Juni, und
+mit der Ernte im September stellt auch schon der Winter sich ein; in
+höchstens vier Monaten mußte Artaxata erreicht und die Kampagne
+beendigt sein.
+
+Im Mittsommer 686 (68) brach Lucullus von Tigranokerta auf und
+gelangte, ohne Zweifel durch den Bitlispaß und weiter westlich am
+Wansee hinauf marschierend, auf das Plateau von Musch und an den
+Euphrat. Der Marsch ging, unter beständigen sehr lästigen Scharmützeln
+mit der feindlichen Reiterei, namentlich den berittenen Bogenschützen,
+langsam, aber ohne wesentliches Hindernis vonstatten, und auch der
+Euphratübergang, den die armenische Reiterei ernstlich verteidigte,
+ward durch ein glückliches Treffen erzwungen; die armenische Infanterie
+zeigte sich, aber es glückte nicht, sie in das Gefecht zu verwickeln.
+So gelangte die Armee auf die eigentliche Hochebene Armeniens und
+marschierte weiter hinein in das unbekannte Land. Man hatte keinen
+eigentlichen Unfall erlitten; aber die bloße unabwendbare Verzögerung
+des Marsches durch die Terrainschwierigkeiten und die feindlichen
+Reiter war an sich schon ein sehr empfindlicher Nachteil. Lange bevor
+man Artaxata erreicht hatte, brach der Winter herein; und wie die
+italischen Soldaten Schnee und Eis um sich sahen, riß der allzu straff
+gespannte Bogen der militärischen Zucht. Eine förmliche Meuterei
+nötigte den Feldherrn, den Rückzug anzuordnen, den er mit seiner
+gewöhnlichen Geschicklichkeit bewerkstelligte. Glücklich angekommen in
+Mesopotamien, wo die Jahreszeit noch weitere Unternehmungen gestattete,
+überschritt Lucullus den Tigris und warf sich mit der Masse seines
+Heeres auf die letzte hier den Armeniern gebliebene Stadt Nisibis. Der
+Großkönig, gewitzigt durch die vor Tigranokerta gemachte Erfahrung,
+überließ die Stadt sich selbst; trotz ihrer tapferen Verteidigung ward
+sie in einer finsteren Regennacht von den Belagerern erstürmt und
+Lucullus’ Heer fand daselbst nicht minder reiche Beute und nicht minder
+bequeme Winterquartiere wie das Jahr vorher in Tigranokerta. Allein
+inzwischen fiel die ganze Gewalt der feindlichen Offensive auf die
+schwachen, im Pontos und in Armenien zurückgebliebenen römischen Korps.
+Hier zwang Tigranes den römischen Befehlshaber Lucius Fannius -
+denselben, der früher zwischen Sertorius und Mithradates den Vermittler
+gemacht hatte -, sich in eine Festung zu werfen und hielt ihn darin
+belagert. Dort rückte Mithradates ein mit 4000 armenischen und 4000
+eigenen Reitern und rief als Befreier und Rächer die Nation auf gegen
+den Landesfeind. Alles fiel ihm zu; die zerstreuten römischen Soldaten
+wurden überall aufgehoben und getötet; als der römische Kommandant im
+Pontos, Hadrianus, seine Truppen gegen ihn führte, machten die
+ehemaligen Söldner des Königs und die zahlreichen, als Sklaven dem
+Heere folgenden Pontiker gemeinschaftliche Sache mit dem Feind. Zwei
+Tage nacheinander währte der ungleiche Kampf; nur daß der König nach
+zwei empfangenen Wunden vom Schlachtfeld weggetragen werden mußte, gab
+dem römischen Befehlshaber die Möglichkeit, die so gut wie verlorene
+Schlacht abzubrechen und mit dem kleinen Rest seiner Leute sich nach
+Kabeira zu werfen. Ein anderer von Lucullus’ Unterbefehlshabern, der
+zufällig in diese Gegend kam, der entschlossene Triarius, sammelte zwar
+wieder einen Heerhaufen um sich und lieferte dem König ein glückliches
+Gefecht; allein er war viel zu schwach, um ihn wieder vom pontischen
+Boden zu vertreiben und mußte es geschehen lassen, daß der König
+Winterquartiere in Komana nahm.
+
+So kam das Frühjahr 687 (67) heran. Die Vereinigung der Armee in
+Nisibis, die Muße der Winterquartiere, die häufige Abwesenheit des
+Feldherrn hatten die Unbotmäßigkeit der Truppen inzwischen noch
+gesteigert; sie verlangten nicht bloß ungestüm, zurückgeführt zu
+werden, sondern es war bereits ziemlich offenbar, daß sie, wenn der
+Feldherr sich weigerte, sie heimzuführen, von selbst aufbrechen würden.
+Die Vorräte waren knapp; Fannius und Triarius sandten in ihrer
+bedrängten Lage die inständigsten Bitten um Hilfeleistung an den
+Oberfeldherrn. Schweren Herzens entschloß sich Lucullus, der
+Notwendigkeit zu weichen, Nisibis und Tigranokerta aufzugeben und, auf
+all die glänzenden Hoffnungen seiner armenischen Expedition
+verzichtend, zurückzukehren auf das rechte Ufer des Euphrat. Fannius
+wurde befreit; im Pontos aber war es schon zu spät. Triarius, nicht
+stark genug, um mit Mithradates zu schlagen, hatte bei Gaziura (Turksal
+am Iris, westlich von Tokat) eine feste Stellung genommen, während das
+Gepäck bei Dadasa zurückblieb. Als indes Mithradates den letzteren Ort
+belagerte, zwangen die römischen Soldaten, um ihre Habseligkeiten
+besorgt, den Führer, seine gesicherte Stellung zu verlassen und
+zwischen Gaziura und Ziela (Zilleh) auf den Skotischen Anhöhen dem
+König eine Schlacht zu liefern. Was Triarius vorhergesehen hatte trat
+ein: trotz der tapfersten Gegenwehr durchbrach der Flügel, den der
+König persönlich führte, die römische Linie und drängte das Fußvolk in
+eine lehmige Schlucht zusammen, in der es weder vor noch seitwärts
+rücken konnte und erbarmungslos niedergehauen ward. Zwar ward durch
+einen römischen Centurio, der dafür sein Leben opferte, der König auf
+den Tod verwundet; aber die Niederlage war darum nicht minder
+vollständig. Das römische Lager ward genommen; der Kern des Fußvolks,
+fast alle Ober- und Unteroffiziere bedeckten den Boden; die Leichen
+blieben unbegraben auf dem Schlachtfeld liegen, und als Lucullus auf
+dem rechten Euphratufer ankam, erfuhr er nicht von den Seinigen,
+sondern durch die Berichte der Eingeborenen die Niederlage.
+
+Hand in Hand mit dieser Niederlage ging der Ausbruch der
+Militärverschwörung. Ebenjetzt traf aus Rom die Nachricht ein, daß das
+Volk beschlossen habe, den Soldaten, deren gesetzmäßige Dienstzeit
+abgelaufen sei, das heißt den Fimbrianern, den Abschied zu bewilligen
+und einem der Konsuln des laufenden Jahres den Oberbefehl in Bithynien
+und Pontus zu übertragen; schon war der Nachfolger Luculls, der Konsul
+Manius Acilius Glabrio, in Kleinasien gelandet. Die Verabschiedung der
+tapfersten und unruhigsten Legionen und die Abberufung des
+Oberfeldherrn in Verbindung mit dem Eindruck der Niederlage von Ziela
+lösten in dem Heer alle Bande der Autorität auf, eben da der Feldherr
+ihrer am notwendigsten bedurfte. Bei Talaura in Klein-Armenien stand er
+den pontischen Truppen gegenüber, an deren Spitze Tigranes’
+Schwiegersohn, Mithradates von Medien, den Römern bereits ein
+glückliches Reitergefecht geliefert hatte; ebendahin war von Armenien
+her die Hauptmacht des Großkönigs in Anmarsch. Lucullus sandte an den
+neuen Statthalter von Kilikien, Quintus Marcius, der auf dem Marsch
+nach seiner Provinz soeben mit drei Legionen in Lykaonien angelangt
+war, um von ihm Hilfe zu erhalten; derselbe erklärte, daß seine
+Soldaten sich weigerten, nach Armenien zu marschieren. Er sandte an
+Glabrio mit dem Ersuchen, den ihm vom Volke übertragenen Oberbefehl zu
+übernehmen; derselbe bezeigte noch weniger Lust, dieser jetzt so
+schwierig und gefährlich gewordenen Aufgabe sich zu unterziehen.
+Lucullus, genötigt den Oberbefehl zu behalten, befahl, um nicht bei
+Talaura zugleich gegen die Armenier und die Pontiker schlagen zu
+müssen, den Aufbruch gegen das anrückende armenische Heer. Die Soldaten
+kamen dem Marschbefehl nach; allein da angelangt, wo die Straßen nach
+Armenien und nach Kappadokien sich schieden, schlug die Masse des
+Heeres die letztere ein und begab sich in die Provinz Asia. Hier
+begehrten die Fimbrianer ihren augenblicklichen Abschied; und obwohl
+sie auf die inständige Bitte des Oberfeldherrn und der übrigen Korps
+hiervon wieder abließen, beharrten sie doch dabei, wenn der Winter
+herankäme, ohne daß ihnen ein Feind gegenüberstände, sich auflösen zu
+wollen; was denn auch geschah. Mithradates besetzte nicht bloß abermals
+fast sein ganzes Königreich, sondern seine Reiter streiften durch ganz
+Kappadokien und bis nach Bithymen; gleich vergeblich bat König
+Ariobarzanes bei Quintus Marcius, bei Lucullus und bei Glabrio um
+Hilfe. Es war ein seltsamer, fast unglaublicher Ausgang des in so
+glorreicher Weise geführten Krieges. Wenn man bloß auf die
+militärischen Leistungen sieht, so hat kaum ein anderer römischer
+General mit so geringen Mitteln so viel ausgerichtet wie Lucullus; das
+Talent und das Glück Sullas schienen auf diesen seinen Schüler sich
+vererbt zu haben. Daß unter den obwaltenden Verhältnissen das römische
+Heer aus Armenien unversehrt nach Kleinasien zurückkam, ist ein
+militärisches Wunderwerk, das, soweit wir urteilen können, den
+Xenophontischen Rückzug weit übertrifft und wohl zunächst aus der
+Solidität des römischen und der Untüchtigkeit des orientalischen
+Kriegswesens sich erklärt, aber doch unter allen Umständen dem Leiter
+dieses Zuges einen ehrenvollen Platz unter den militärischen
+Kapazitäten ersten Ranges sichert. Wenn Lucullus’ Name gewöhnlich nicht
+unter diesen genannt wird, so liegt die Ursache allem Anschein nach nur
+darin, daß teils kein militärisch auch nur leidlicher Bericht über
+seine Feldzüge auf uns gekommen ist, teils überall, und vor allem im
+Kriege, zunächst nichts gilt als das schließliche Resultat, und dies
+freilich kam einer vollständigen Niederlage gleich. Durch die letzte
+unglückliche Wendung der Dinge, hauptsächlich durch die Meuterei der
+Soldaten, waren alle Erfolge eines achtjährigen Krieges wieder verloren
+worden; man stand im Winter 687/88 (67/66) genau wieder an demselben
+Fleck wie im Winter 679/80 (75/74).
+
+Nicht bessere Resultate als der Kontinentalkrieg lieferte der Seekrieg
+gegen die Piraten, der mit demselben zugleich begann und beständig mit
+ihm in der engsten Verbindung stand. Es ward bereits erzählt, daß der
+Senat im Jahre 680 (74) den verständigen Beschluß faßte, die Säuberung
+der Meere von den Korsaren einem einzigen höchstkommandierenden
+Admiral, dem Prätor Marcus Antonius, zu übertragen. Allein gleich von
+vornherein hatte man sich in der Wahl des Führers durchaus vergriffen,
+oder vielmehr diejenigen, welche diese an sich zweckmäßige Maßregel
+durchgesetzt hätten, hatten nicht berechnet, daß im Senat alle
+Personenfragen durch Cethegus’ Einfluß und ähnliche Koterierücksichten
+entschieden wurden. Man hatte ferner versäumt, den gewählten Admiral in
+einer seiner umfassenden Aufgabe angemessenen Weise mit Geld und
+Schiffen auszustatten, so daß er durch seine ungeheuren Requisitionen
+den befreundeten Provinzialen fast ebenso lästig fiel wie die Korsaren.
+Die Erfolge waren entsprechend. In den kampanischen Gewässern brachte
+die Flotte des Antonius eine Anzahl Piratenschiffe auf. Mit den
+Kretensern aber, die mit den Piraten Freundschaft und Bündnis gemacht
+hatten und seine Forderung, von dieser Gemeinschaft abzulassen, schroff
+zurückwiesen, kam es zum Gefecht; und die Ketten, die Antonius
+vorsorglich auf seinen Schiffen in Vorrat gelegt hatte, um die
+gefangenen Flibustier damit zu fesseln, dienten dazu, den Quästor und
+die übrigen römischen Gefangenen an die Masten der eroberten römischen
+Schiffe zu schließen, als die kretischen Feldherren Lasthenes und
+Panares aus dem bei ihrer Insel den Römern gelieferten Seetreffen
+triumphierend nach Kydonia zurücksteuerten. Antonius, nachdem er mit
+seiner leichtsinnigen Kriegführung ungeheure Summen vergeudet und nicht
+das geringste ausgerichtet hatte, starb im Jahre 683 (71) auf Kreta.
+Teils der schlechte Erfolg seiner Expedition, teils die Kostbarkeit des
+Flottenbaus, teils der Widerwille der Oligarchie gegen jede
+umfassendere Beamtenkompetenz bewirkten, daß man nach der faktischen
+Beendigung dieser Unternehmung durch Antonius’ Tod keinen Oberadmiral
+wieder ernannte und auf die alte Weise zurückkam, jeden Statthalter in
+seiner Provinz für die Unterdrückung der Piraterie sorgen zu lassen;
+wie denn zum Beispiel die von Lucullus hergestellte Flotte hierfür im
+Ägäischen Meer tätig war. Nur was die Kreter anbetrifft, schien eine
+Schmach wie die vor Kydonia erlittene doch selbst diesem gesunkenen
+Geschlecht allein durch die Kriegserklärung beantwortet werden zu
+können. Dennoch hätten die kretischen Gesandten, die im Jahre 684 (70)
+in Rom mit der Bitte erschienen, die Gefangenen zurücknehmen und das
+alte Bündnis wieder herstellen zu wollen, fast einen günstigen
+Senatsbeschluß erlangt; was die ganze Korporation eine Schande nannte,
+das verkaufte bereitwillig für klingenden Preis der einzelne Senator.
+Erst nachdem ein förmlicher Senatsbeschluß die Anlehen der kretischen
+Gesandten bei den römischen Bankiers klaglos gestellt, das heißt
+nachdem der Senat sich selber in die Unmöglichkeit versetzt hatte, sich
+bestechen zu lassen, kam das Dekret zustande, daß die kretischen
+Gemeinden außer den römischen Überläufern, die Urheber des vor Kydonia
+verübten Frevels, die Führer Lasthenes und Panares, den Römern zu
+geeigneter Bestrafung zu übergeben, ferner sämtliche Schiffe und Boote
+von vier oder mehr Rudern auszuliefern, 400 Geiseln zu stellen und eine
+Buße von 4000 Talenten (6250000 Taler) zu zahlen hätten, wofern sie den
+Krieg zu vermeiden wünschten. Als die Gesandten sich zur Eingebung
+solcher Bedingungen nicht bevollmächtigt erklärten, wurde einer der
+Konsuln des nächsten Jahres bestimmt, nach Ablauf seines Amtsjahres
+nach Kreta abzugehen, um dort entweder das Geforderte in Empfang zu
+nehmen oder den Krieg zu beginnen. Demgemäß erschien im Jahre 685 (69)
+der Prokonsul Quintus Metellus in den kretischen Gewässern. Die
+Gemeinden der Insel, voran die größeren Städte Gortyna, Knossos,
+Kydonia, waren entschlossen, lieber mit den Waffen sich zu verteidigen,
+als jenen übermäßigen Forderungen sich zu fügen. Die Kretenser waren
+ein ruchloses und entartetes Volk, mit deren öffentlicher und privater
+Existenz der Seeraub so innig verwachsen war wie der Landraub mit dem
+Gemeinwesen der Ätoler; allein sie glichen den Ätolern wie überhaupt in
+vielen Stücken so auch in der Tapferkeit, und es sind denn auch diese
+beiden griechischen Gemeinden die einzigen, die den Kampf um die
+Unabhängigkeit mutig und ehrenhaft geführt haben. Bei Kydonia, wo
+Metellus seine drei Legionen ans Land setzte, stand eine kretische
+Armee von 24000 Mann unter Lasthenes und Panares bereit, ihn zu
+empfangen; es kam zu einer Schlacht im offenen Felde, in der der Sieg
+nach hartem Kampf den Römern blieb. Allein die Städte trotzten dem
+römischen Feldherrn nichtsdestoweniger hinter ihren Mauern; Metellus
+mußte sich entschließen, eine nach der andern zu belagern. Zuerst ward
+Kydonia, wohin die Trümmer der geschlagenen Armee sich geworfen hatten,
+nach langer Belagerung von Panares gegen das Versprechen freien Abzuges
+für sich selber übergeben. Lasthenes, der aus der Stadt entwichen war,
+mußte zum zweiten Male in Knossos belagert werden, und da auch diese
+Festung im Begriff war zu fallen, vernichtete er seine Schätze und
+entschlüpfte abermals nach Orten, welche, wie Lyktos, Eleutherna und
+andere, die Verteidigung noch fortsetzten. Zwei Jahre (686, 687 68, 67)
+vergingen, bevor Metellus der ganzen Insel Herr und damit der letzte
+Fleck freier griechischer Erde in die Gewalt der übermächtigen Römer
+gekommen war; die kretischen Gemeinden, wie sie zuerst von allen
+griechischen die freie Stadtverfassung und die Seeherrschaft bei sich
+entwickelt hatten, sollten auch die letzten von allen jenen, einst das
+Mittelmeer erfüllenden griechischen Seestaaten sein, die der römischen
+Kontinentalmacht erlagen.
+
+Alle Rechtsbedingungen waren erfüllt, um wiederum einen der üblichen
+pomphaften Triumphe zu feiern; das Geschlecht der Meteller konnte
+seinen makedonischen, numidischen, dalmatischen, baliarischen Titeln
+mit gleichem Recht den neuen kretischen beifügen, und Rom besaß einen
+stolzen Namen mehr. Nichtsdestoweniger stand die Macht der Römer auf
+dem Mittelmeer nie tiefer, die der Korsaren nie höher als in diesen
+Jahren. Wohl mochten die Kiliker und Kreter der Meere, die in dieser
+Zeit bis 1000 Schiffe gezählt haben sollen, des Isaurikers wie des
+Kretikers und ihrer nichtigen Siege spotten. Wie nachdrücklich die
+Seeräuber in den Mithradatischen Krieg eingriffen und wie die
+hartnäckige Gegenwehr der pontischen Seestädte ihre besten Kräfte aus
+dem Korsarenstaat zog, ward bereits erzählt. Aber derselbe machte auch
+auf eigene Hand kaum minder großartige Geschäfte. Fast unter den Augen
+der Flotte Luculls überfiel im Jahre 685 (69) der Pirat Athenodoros die
+Insel Delos, zerstörte deren vielgefeierte Heiligtümer und Tempel und
+führte die ganze Bevölkerung fort in die Sklaverei. Die Insel Lipara
+bei Sizilien zahlte den Piraten jährlich einen festen Tribut, um von
+ähnlichen Überfällen verschont zu bleiben. Ein anderer Piratenchef,
+Herakleon, zerstörte im Jahre 682 (72) das in Sizilien gegen ihn
+ausgerüstete Geschwader und wagte es, mit nicht mehr als vier offenen
+Booten in den Hafen von Syrakus einzufahren. Zwei Jahre später stieg
+sein Kollege Pyrganion in demselben Hafen sogar an das Land, setzte
+daselbst sich fest und schickte von dort aus Streifpartien in die
+Insel, bis ihn der römische Statthalter endlich zwang, sich
+wiedereinzuschiffen. Das war man am Ende nachgerade gewohnt, daß alle
+Provinzen Geschwader ausrüsteten und Strandwachen aufstellten oder doch
+für beides steuerten, und dennoch die Korsaren so regelmäßig
+erschienen, um die Provinzen auszuplündern wie die römischen
+Statthalter. Aber selbst den geweihten Boden Italiens respektierten
+jetzt die unverschämten Frevler nicht mehr: von Kroton führten sie den
+Tempelschatz der Lakinischen Hera mit sich fort; sie landeten in
+Brundisium, Misenum, Caieta, in den etruskischen Häfen, ja in Ostia
+selbst; sie brachten die vornehmsten römischen Offiziere als Gefangene
+auf, unter andern den Flottenführer der kilikischen Armee und zwei
+Prätoren mit ihrem ganzen Gefolge, mit den gefürchteten Beilen und
+Ruten selbst und allen Abzeichen ihrer Würde; sie entführten aus einer
+Villa bei Misenum die eigene Schwester des zur Vernichtung der Piraten
+ausgesandten römischen Oberadmirals Antonius; sie vernichteten im Hafen
+von Ostia die gegen sie ausgerüstete und von einem Konsul befehligte
+römische Kriegsflotte. Der latinische Bauersmann, der Reisende auf der
+Appischen Straße, der vornehme Badegast in dem irdischen Paradiese von
+Baiae waren ihrer Habe und ihres Lebens fürder keinen Augenblick
+sicher; aller Handel und aller Verkehr stockte; die entsetzlichste
+Teuerung herrschte in Italien und namentlich in der von überseeischem
+Korn lebenden Hauptstadt. Die Mitwelt wie die Geschichte sind freigebig
+mit Klagen über unerträglichen Notstand; hier dürfte die Bezeichnung
+passen.
+
+Es ist bisher geschildert worden, wie der von Sulla restaurierte Senat
+die Grenzbewachung in Makedonien, die Disziplin über die Klientelkönige
+Kleinasiens, wie er endlich die Seepolizei geübt hat; die Resultate
+waren nirgends erfreulich. Nicht bessere Erfolge erzielte die Regierung
+in einer anderen, vielleicht noch dringenderen Angelegenheit, der
+Überwachung des provinzialen und vor allem des italischen Proletariats.
+Der Krebsschaden des Sklavenproletariats zehrte an dem Marke aller
+Staaten des Altertums und um so mehr, je mächtiger sie emporgeblüht
+waren; denn Macht und Reichtum des Staats führten unter den bestehenden
+Verhältnissen regelmäßig zu einer unverhältnismäßigen Vermehrung der
+Sklavenmenge. Natürlich litt demnach Rom darunter schwerer als
+irgendein anderer Staat des Altertums. Schon die Regierung des sechsten
+Jahrhunderts hatte gegen die Banden entlaufener Hirten- und Feldsklaven
+Truppen schicken müssen. Die unter den italischen Spekulanten mehr und
+mehr um sich greifende Plantagenwirtschaft hatte das gefährliche Übel
+ins unendliche gesteigert; in der Zeit der Gracchischen und der
+Marianischen Krise und mit denselben in engem Zusammenhang hatten
+Sklavenaufstände an zahlreichen Punkten des Römischen Reiches
+stattgehabt, in Sizilien sogar zu zwei blutigen Kriegen (619-622 und
+652-654 135-132 und 102-100) sich entwickelt. Aber das Dezennium der
+Restaurationsherrschaft nach Sullas Tode ward die goldene Zeit wie für
+die Flibustier zur See so für die gleichartigen Banden auf dem
+Festland, vor allem in der bisher noch verhältnismäßig leidlich
+geordneten italischen Halbinsel. Von einem Landfrieden konnte daselbst
+kaum mehr die Rede sein. In der Hauptstadt und den minder bevölkerten
+Landschaften Italiens waren Räubereien alltäglich, Mordtaten häufig.
+Gegen Menschenraub an fremden Sklaven wie an freien Leuten erging -
+vielleicht in dieser Epoche - ein besonderer Volksschluß; gegen
+gewaltsame Besitzentziehung von Grundstücken ward um diese Zeit eine
+eigene summarische Klage neu eingeführt. Diese Verbrechen mußten
+besonders deswegen gefährlich erscheinen, weil sie zwar gewöhnlich
+begangen wurden von dem Proletariat, aber als moralische Urheber und
+Teilnehmer an dem Gewinn auch die vornehme Klasse in großem Umfang
+dabei mittätig war. Namentlich der Menschen- und der Ackerraub wurde
+sehr häufig durch die Aufseher der großen Güter veranlaßt und durch die
+daselbst vereinigten häufig bewaffneten Sklavenscharen ins Werk
+gesetzt; und gar mancher hochangesehene Mann verschmähte nicht, was
+einer seiner diensteifrigen Sklavenaufseher so für ihn erwarb wie
+Mephisto für Faust die Linden Philemons. Wie die Dinge standen, zeigt
+die verschärfte Bestrafung der durch bewaffnete Banden verübten
+Eigentumsfrevel, welche einer der besseren Optimaten, Marcus Lucullus,
+als Vorstand der hauptstädtischen Rechtspflege um das Jahr 676 (78)
+einführte ^5, mit der ausgesprochenen Absicht, die Eigentümer der
+großen Sklavenherden durch die Gefahr sich dieselben aberkannt zu
+sehen, zu nachdrücklicherer Beaufsichtigung derselben anzuhalten. Wo
+also im Auftrag der vornehmen Welt geplündert und gemordet ward, lag es
+diesen Sklaven- und Proletariermassen nahe, das gleiche Geschäft für
+eigene Rechnung zu treiben; es genügte ein Funke, um den furchtbaren
+Brennstoff in Flammen zu setzen und das Proletariat in eine
+Insurrektionsarmee zu verwandeln. Die Veranlassung fand sich bald.
+
+————————————————————————-
+
+^5 Aus diesen Bestimmungen hat sich der Begriff des Raubes als eines
+besonderen Verbrechens entwickelt, während das ältere Recht den Raub
+unter dem Diebstahl mitbegriff.
+
+————————————————————————-
+
+Die Fechterspiele, die unter den Volkslustbarkeiten in Italien jetzt
+den ersten Rang behaupteten, hatten die Errichtung zahlreicher
+Anstalten namentlich in und um Capua herbeigeführt, worin diejenigen
+Sklaven teils aufbewahrt, teils eingeschult wurden, die bestimmt waren,
+zur Belustigung der souveränen Menge zu töten oder zu sterben -
+natürlich großenteils tapfere kriegsgefangene Leute, die es nicht
+vergessen hatten, einst gegen die Römer im Felde gestanden zu haben.
+Eine Anzahl solcher verzweifelter Menschen brach aus einer der
+capuanischen Fechterschulen aus (681 73) und warf sich auf den Vesuv.
+An ihrer Spitze standen zwei keltische Männer, die mit ihren
+Sklavennamen Krixos und Önomaos genannt werden, und der Thraker
+Spartacus. Dieser, vielleicht ein Sprößling des edlen, in der
+thrakischen Heimat wie in Pantikapäon sogar zu königlichen Ehren
+gelangten Geschlechts der Spartokiden, hatte unter den thrakischen
+Hilfstruppen im römischen Heer gedient, war desertiert und als Räuber
+in die Berge gegangen und hier wiedereingefangen und für die
+Kampfspiele bestimmt worden. Die Streifereien dieser kleinen,
+anfänglich nur vierundsiebzig Köpfe zählenden, aber rasch durch Zulauf
+aus der Umgegend anschwellenden Schar wurden den Bewohnern der reichen
+kampanischen Landschaft bald so lästig, daß dieselben, nachdem sie
+vergeblich versucht hatten, sich selber ihrer zu erwehren, gegen sie
+Hilfe von Rom erbaten. Es erschien eine schleunig zusammengeraffte
+Abteilung von 3000 Mann unter Führung des Clodius Glaber und besetzte
+die Aufgänge zum Vesuv, um die Sklavenschar auszuhungern. Aber die
+Räuber wagten es trotz ihrer geringen Anzahl und ihrer mangelhaften
+Bewaffnung, über jähe Abhänge hinabkletternd die römischen Posten zu
+überfallen; und als die elende Miliz den kleinen Haufen verzweifelter
+Männer unvermutet auf sich eindringen sah, gab sie Fersengeld und
+verlief sich nach allen Seiten. Dieser erste Erfolg verschaffte den
+Räubern Waffen und steigenden Zulauf. Wenngleich auch jetzt noch ein
+großer Teil von ihnen nichts führte als zugespitzte Knüttel, so fand
+die neue und stärkere Abteilung der Landwehr, zwei Legionen unter dem
+Prätor Publius Varinius, die von Rom her in Kampanien einrückte, sie
+schon fast wie ein Kriegsheer in der Ebene lagernd. Varinius hatte
+einen schwierigen Stand. Seine Milizen, genötigt, dem Feind gegenüber
+zu biwakieren, wurden durch die feuchte Herbstwitterung und die dadurch
+erzeugten Krankheiten arg mitgenommen; und schlimmer noch als die
+Epidemien lichteten Feigheit und Unbotmäßigkeit die Reihen. Gleich zu
+Anfang lief eine seiner Abteilungen vollständig auseinander, so daß die
+Flüchtigen nicht etwa auf das Hauptkorps zurück, sondern geradewegs
+nach Hause gingen. Als sodann der Befehl gegeben ward, gegen die
+feindlichen Verschanzungen vorzugehen und anzugreifen, weigerte sich
+der größte Teil der Leute, ihm Folge zu leisten. Nichtsdestoweniger
+brach Varinius mit denen, die standhielten, gegen die Räuberschar auf;
+allein er fand sie nicht mehr, wo er sie suchte. In tiefster Stille war
+sie aufgebrochen und hatte sich südwärts gegen Picentia (Vicenza bei
+Amalfi) gewendet, wo Varinius sie zwar einholte, aber es doch nicht
+wehren konnte, daß sie über den Silarus zurückwich bis in das innere
+Lucanien, das gelobte Land der Hirten und der Räuber. Auch dorthin
+folgte Varinius und hier endlich stellte der verachtete Feind sich zum
+Treffen. Alle Verhältnisse, unter denen der Kampf stattfand, waren zum
+Nachteil der Römer; die Soldaten, so ungestüm sie kurz zuvor die
+Schlacht gefordert hatten, schlugen dennoch sich schlecht; Varinius
+ward vollständig besiegt, sein Pferd und die Insignien seiner Amtswürde
+gerieten mit dem römischen Lager selbst in Feindeshand. Massenweise
+strömten die süditalischen Sklaven, namentlich die tapferen halbwilden
+Hirten, unter die Fahne der so unverhofft erschienenen Erlöser; nach
+den mäßigen Angaben stieg die Zahl der bewaffneten Insurgenten auf
+40000 Mann. Kampanien, soeben geräumt, ward rasch wieder eingenommen,
+das daselbst unter dem Quästor des Varinius, Gaius Thoranius,
+zurückgebliebene römische Korps zersprengt und aufgerieben. Im ganzen
+Süden und Südwesten Italiens war das offene Land in den Händen der
+siegreichen Räuberhauptleute; selbst ansehnliche Städte, wie Consentia
+im bruttischen Land, Thurii und Metapont in Lucanien, Nola und Nuceria
+in Kampanien, wurden von ihnen erstürmt und erlitten alle Greuel, die
+siegreiche Barbaren über wehrlose Zivilisierte, entfesselte Sklaven
+über ihre gewesenen Herren zu bringen vermögen. Daß ein Kampf wie
+dieser überhaupt rechtlos und mehr eine Metzelei als ein Krieg war,
+versteht sich leider von selbst: die Herren schlugen jeden gefangenen
+Sklaven von Rechts wegen ans Kreuz; diese machten natürlich gleichfalls
+ihre Gefangenen nieder oder zwangen gar in noch höhnischerer Vergeltung
+die kriegsgefangenen Römer, im Fechtspiel einander selber zu morden;
+wie dies später mit dreihundert derselben bei der Leichenfeier eines im
+Kampfe gefallenen Räuberhauptmanns geschah. In Rom war man mit Recht in
+Besorgnis über den immer weiter um sich greifenden verheerenden Brand.
+Es ward beschlossen, das nächste Jahr (682 72) beide Konsuln gegen die
+furchtbaren Bandenchefs auszusenden. In der Tat gelang es dem Prätor
+Quintus Arrius, einem Unterfeldherrn des Konsuls Lucius Genius, den
+keltischen Haufen, der unter Krixos von der Masse des Räuberheers sich
+gesondert hatte und auf eigene Hand brandschatzte, in Apulien am
+Garganus zu fassen und zu vernichten. Aber um so glänzendere Siege
+erfocht Spartacus im Apennin und im nördlichen Italien, wo der Konsul
+Gnaeus Lentulus, während er die Räuber zu umzingeln und aufzuheben
+vermeinte, sodann sein Kollege Gellius und der soeben noch siegreiche
+Prätor Arrius, endlich bei Mutina der Statthalter des Diesseitigen
+Gallien, Gaius Cassius (Konsul 681 73), und der Prätor Gnaeus Manlius
+einer nach dem andern seinen Streichen erlagen. Die kaum bewaffneten
+Sklavenrotten waren der Schreck der Legionen; die Kette der Niederlagen
+erinnerte an die ersten Jahre des Hannibalischen Krieges. Was hätte
+kommen mögen, wenn nicht entlaufene Fechtersklaven, sondern die
+Volkskönige aus den Bergen der Auvergne oder des Balkan an der Spitze
+der siegreichen Scharen gestanden hätten, ist nicht zu sagen; wie die
+Bewegung einmal war, blieb sie trotz ihrer glänzenden Siege ein
+Räuberaufstand und unterlag weniger der Übermacht ihrer Gegner als der
+eignen Zwietracht und Planlosigkeit. Die Einigkeit gegen den
+gemeinschaftlichen Feind, die in den früheren sizilischen
+Sklavenkriegen in so bemerkenswerter Weise hervorgetreten war, wird in
+diesem italischen vermißt, wovon wohl die Ursache darin zu suchen ist,
+daß die sizilischen Sklaven in dem gemeinsamen Syrohellenismus einen
+gleichsam nationalen Einigungspunkt fanden, die italischen dagegen in
+die beiden Massen der Hellenobarbaren und der Keltogermanen sich
+schieden. Die Spaltung zwischen dem Kelten Krixos und dem Thraker
+Spartacus - Önomaos war gleich in einem der ersten Gefechte gefallen -
+und ähnlicher Hader lähmte die Benutzung der errungenen Erfolge und
+verschaffte den Römern manchen wichtigen Sieg. Aber noch weit
+nachteiliger als die keltisch-germanische Unbotmäßigkeit wirkte auf das
+Unternehmen der Mangel eines festen Planes und Zieles. Wohl stand
+Spartacus, nach dem Wenigen zu schließen, was wir von dem seltenen Mann
+erfahren, hierin über seiner Partei. Er verriet neben seinem
+strategischen ein nicht gemeines Organisationstalent, wie denn gleich
+von Haus aus die Gerechtigkeit, mit der er seiner Schar vorstand und
+die Beute verteilte, wenigstens ebensosehr wie seine Tapferkeit die
+Augen der Masse auf ihn gelenkt hatte. Um dem empfindlichen Mangel an
+Reiterei und an Waffen abzuhelfen, versuchte er mit Hilfe der in
+Unteritalien aufgegriffenen Pferdeherden, sich eine Kavallerie zu
+schulen und zu disziplinieren und, sowie er den Hafen von Thurii in die
+Hände bekam, von dort aus Eisen und Kupfer, ohne Zweifel durch
+Vermittlung der Piraten, sich zu verschaffen. Aber in den Hauptsachen
+vermochte auch er nicht die wilden Horden, die er anführte, auf feste
+Endziele hinzulenken. Gern hätte er den tollen Bacchanalien der
+Grausamkeit gewehrt, die die Räuber in den eingenommenen Städten sich
+gestatteten und die die hauptsächliche Ursache waren, weshalb keine
+italische Stadt freiwillig mit den Insurgenten gemeinschaftliche Sache
+machte; aber der Gehorsam, den der Räuberhauptmann im Kampfe fand,
+hörte mit dem Siege auf und seine Vorstellungen und Bitten waren
+vergeblich. Nach den im Apennin 682 (72) erfochtenen Siegen stand dem
+Sklavenheer nach jeder Richtung hin der Weg frei. Spartacus selbst soll
+beabsichtigt haben, die Alpen zu überschreiten, um sich und den
+Seinigen die Rückkehr in ihre keltische oder thrakische Heimat zu
+öffnen; wenn der Bericht gegründet ist, so zeigt er, wie wenig der
+Sieger seine Erfolge und seine Macht überschätzte. Da die Mannschaft
+sich weigerte, dem reichen Italien so rasch den Rücken zu wenden,
+schlug Spartacus den Weg nach Rom ein und soll daran gedacht haben, die
+Hauptstadt zu blockieren. Indes auch diesem zwar verzweifelten, aber
+doch planmäßigen Beginnen zeigten die Scharen sich abgeneigt; sie
+zwangen ihren Führer, da er Feldherr sein wollte, Räuberhauptmann zu
+bleiben und ziellos weiter in Italien auf Plünderung umherzuziehen. Rom
+mochte sich glücklich preisen, daß es also kam; auch so aber war guter
+Rat teuer. Es fehlte an geübten Soldaten wie an erprobten Feldherren;
+Quintus Metellus und Gnaeus Pompeius waren in Spanien, Marcus Lucullus
+in Thrakien, Lucius Lucullus in Kleinasien beschäftigt, und zur
+Verfügung standen nur rohe Milizen und höchstens mittelmäßige
+Offiziere. Man bekleidete mit dem außerordentlichen Oberbefehl in
+Italien den Prätor Marcus Crassus, der zwar kein namhafter Feldherr
+war, aber doch unter Sulla mit Ehren gefochten und wenigstens Charakter
+hatte, und stellte ihm eine wenn nicht durch ihre Qualität, doch durch
+ihre Zahl imponierende Armee von acht Legionen zur Verfügung. Der neue
+Oberfeldherr begann damit, die erste Abteilung, die wieder mit
+Wegwerfung ihrer Waffen vor den Räubern davonlief, nach der ganzen
+Strenge der Kriegsgesetze zu behandeln und den zehnten Mann davon
+hinrichten zu lassen; worauf in der Tat die Legionen sich wieder etwas
+mehr zusammennahmen. Spartacus, in dem nächsten Gefecht besiegt, zog
+sich zurück und suchte durch Lucanien nach Rhegion zu gelangen.
+Ebendamals beherrschten die Piraten nicht bloß die sizilischen
+Gewässer, sondern selbst den Hafen von Syrakus; mit Hilfe ihrer Boote
+gedachte Spartacus ein Korps nach Sizilien zu werfen, wo die Sklaven
+nur auf einen Anstoß warteten, um zum dritten Male loszuschlagen. Der
+Marsch nach Rhegion gelang, allein die Korsaren, vielleicht geschreckt
+durch die von dem Prätor Gaius Verres auf Sizilien eingerichteten
+Strandwachen, vielleicht auch von den Römern bestochen, nahmen von
+Spartacus den bedungenen Lohn, ohne ihm die Gegenleistung dafür zu
+gewähren. Crassus inzwischen war dem Räuberheer bis etwa an die
+Krathismündung gefolgt und ließ, ähnlich wie Scipio vor Numantia, seine
+Soldaten, da sie nicht schlugen, wie sie sollten, einen festungsähnlich
+verschanzten Wall in der Länge von sieben deutschen Meilen aufführen,
+der die Bruttische Halbinsel von dem übrigen Italien absperrte ^6 und
+dem von Rhegion zurückkehrenden Insurgentenheer den Weg verlegte und
+die Zufuhr abschnitt. Indes in einer dunklen Winternacht durchbrach
+Spartacus die feindlichen Linien und stand im Frühjahr 683 (71) ^7
+wieder in Lucanien. Das mühsame Werk war also vergebens gewesen.
+Crassus fing an, an der Lösung seiner Aufgabe zu verzweifeln, und
+forderte vom Senat, daß er die in Makedonien unter Marcus Lucullus, im
+diesseitigen Spanien unter Gnaeus Pompeius stehenden Heere zu seiner
+Unterstützung nach Italien berufe. Es bedurfte indes dieses äußersten
+Notschrittes nicht; die Uneinigkeit und der Übermut der Räuberhaufen
+genügten, um ihre Erfolge wieder zu vereiteln. Abermals lösten sich die
+Kelten und Germanen von dem Bunde, dessen Haupt und Seele der Thraker
+war, um unter Führern ihrer eigenen Nation, Gannicus und Castus, sich
+vereinzelt den Römern ans Messer zu liefern. Einmal, am Lucanischen
+See, rettete sie Spartacus’ rechtzeitiges Erscheinen; sie schlugen nun
+zwar wohl ihr Lager nahe bei dem seinigen auf, aber dennoch gelang es
+Crassus, den Spartacus durch die Reiterei zu beschäftigen und indessen
+die keltischen Haufen zu umstellen und zum Sonderkampf zu zwingen, in
+welchem sie sämtlich, man sagt 12300 Streiter, tapfer kämpfend fielen,
+alle auf dem Platze und mit den Wunden nach vorn. Spartacus versuchte
+darauf, sich mit seiner Abteilung in die Berge um Petelia (bei
+Strongoli in Kalabrien) zu werfen und schlug nachdrücklich die römische
+Vorhut, die dem Weichenden folgte. Allein dieser Sieg gereichte mehr
+dem Sieger als dem Besiegten zum Nachteil. Berauscht von dem Erfolg
+weigerten sich die Räuber, weiter zurückzuweichen, und nötigten ihren
+Feldherrn, sie durch Lucanien nach Apulien dem letzten entscheidenden
+Kampf entgegenzuführen. Vor der Schlacht stieß Spartacus sein Roß
+nieder; wie er im Glück und im Unglück treu bei den Seinen ausgeharrt
+hatte, so zeigte er ihnen jetzt durch die Tat, daß es ihm wie allen
+hier gehe um Sieg oder Tod. Auch in der Schlacht stritt er mit dem Mut
+eines Löwen: zwei Centurionen fielen von seiner Hand; verwundet und in
+die Knie gesunken noch führte er den Speer gegen die andringenden
+Feinde. Also starben der große Räuberhauptmann und mit ihm die besten
+seiner Gesellen den Tod freier Männer und ehrlicher Soldaten (683 71).
+Nach dem teuer erkauften Siege ward von den Truppen, die ihn erfochten,
+und von denen des Pompeius, die inzwischen nach Überwindung der
+Sertorianer aus Spanien eingetroffen waren, durch ganz Apulien und
+Lucanien eine Menschenhetze angestellt, wie sie noch nicht dagewesen
+war, um die letzten Funken des gewaltigen Brandes zu zertreten. Obwohl
+in den südlichen Landschaften, wo zum Beispiel das Städtchen Tempsa 683
+(71) von einer Räuberschar eingenommen ward, und in dem durch Sullas
+Expropriationen schwer betroffenen Etrurien ein rechter Landfriede noch
+keineswegs sich einfand, galt doch derselbe offiziell als in Italien
+wiederhergestellt. Wenigstens die schmachvoll verlorenen Adler waren
+wiedergewonnen - allein nach dem Sieg über die Kelten brachte man deren
+fünf ein; und längs der Straße von Capua nach Rom zeugten die
+sechstausend Kreuze, die gefangene Sklaven trugen, von der neu
+begründeten Ordnung und dem abermaligen Siege des anerkannten Rechts
+über das rebellierende lebendige Eigen.
+
+———————————————————————
+
+^6 Da die Linie sieben deutsche Meilen (Sall. hist. 4, 19 Dietsch;
+Plut. Crass. 10) lang war, so ging sie wohl nicht von Squillace nach
+Pizzo, sondern nördlicher, etwa bei Castrovillari und Cassano über die
+hier in gerader Linie etwa sechs deutsche Meilen breite Halbinsel.
+
+^7 Daß Crassus noch 682 (72) den Oberbefehl übernahm, ergibt sich aus
+der Beseitigung der Konsuln (Plot. Crass. 10); daß der Winter 682/83
+(72/71) den beiden Heeren am Bruttischen Wall verstrich, aus der
+“Schneenacht (Plot. a. a. O.).
+
+—————————————————————————-
+
+Blicken wir zurück auf die Ereignisse, die das Dezennium der
+sullanischen Restauration erfüllen. Eine gewaltige, den Lebensnerv der
+Nation notwendig berührende Gefahr war an sich in keiner der während
+dieser Zeit vorgekommenen äußeren oder inneren Bewegungen enthalten,
+weder in der Insurrektion des Lepidus, noch in den Unternehmungen der
+spanischen Emigranten, noch in den thrakisch-makedonischen und
+kleinasiatischen Kriegen, noch in den Piraten- und Sklavenaufständen;
+und dennoch hatte der Staat fast in all diesen Kämpfen um seine
+Existenz gefochten. Die Ursache war, daß die Aufgaben, solange sie noch
+mit Leichtigkeit lösbar waren, überall ungelöst blieben; die
+Vernachlässigung der einfachsten Vorsichtsmaßregeln erzeugte die
+entsetzlichsten Mißstände und Unglücksfälle und schuf abhängige Klassen
+und machtlose Könige in ebenbürtige Gegner um. Die Demokratie zwar, und
+die Sklaveninsurrektion hatte man besiegt; aber wie die Siege waren,
+ward durch sie der Sieger weder innerlich gehoben noch äußerlich
+gekräftigt. Es war keine Ehre, daß die beiden gefeiertsten Generale der
+Regierungspartei in einem achtjährigen, mit mehr Niederlagen als Siegen
+bezeichneten Kampf des Insurgentenchefs Sertorius und seiner spanischen
+Guerillas nicht Herr geworden waren, daß erst der Mordstahl seiner
+Freunde den Sertorianischen Krieg zu Gunsten der legitimen Regierung
+entschieden hatte. Die Sklaven nun gar war es viel weniger eine Ehre
+besiegt, als eine Schande, ihnen jahrelang in gleichem Kampfe
+gegenübergestanden zu haben. Wenig mehr als ein Jahrhundert war seit
+dem Hannibalischen Kriege verflossen; es mußte dem ehrbaren Römer das
+Blut in die Wangen treiben, wenn er den furchtbar raschen Rücktritt der
+Nation seit jener großen Zeit erwog. Damals standen die italischen
+Sklaven wie die Mauern gegen Hannibals Veteranen; jetzt stäubte die
+italische Landwehr vor den Knütteln ihrer entlaufenen Knechte wie Spreu
+auseinander. Damals machte jeder einfache Oberst im Fall der Not den
+Feldherrn und focht oft ohne Glück, doch immer mit Ehren; jetzt hielt
+es hart, unter all den vornehmen Offizieren nur einen Führer von
+gewöhnlicher Brauchbarkeit zu finden. Damals nahm die Regierung lieber
+den letzten Bauer vom Pflug, als daß sie darauf verzichtet hätte,
+Griechenland und Spanien zu erobern; jetzt war man drauf und dran,
+beide längst erworbene Gebiete wieder preiszugeben, nur um daheim der
+aufständischen Knechte sich erwehren zu können. Auch Spartacus hatte,
+so gut wie Hannibal, vom Po bis an die sizilische Meerenge Italien mit
+Heeresmacht durchzogen, beide Konsuln geschlagen und Rom mit der
+Blockade bedroht; wozu es gegen das ehemalige Rom des größten Feldherrn
+des Altertums bedurft hatte, das vermochte gegen das jetzige ein kecker
+Räuberhauptmann. War es ein Wunder, daß solchen Siegen über Insurgenten
+und Räuberführer kein frisches Leben entkeimte?
+
+Ein noch minder erfreuliches Ergebnis aber hatten die äußeren Kriege
+herausgestellt. Zwar der thrakisch-makedonische hatte, wenn kein dem
+ansehnlichen Aufwand von Menschen und Feld entsprechendes, doch auch
+kein geradezu ungünstiges Resultat gegeben. Dagegen in dem
+kleinasiatischen und in dem Piratenkrieg hatte die Regierung
+vollständigen Bankrott gemacht. Jener schloß ab mit dem Verlust der
+gesamten, in acht blutigen Feldzügen gemachten Eroberungen, dieser mit
+der vollständigen Verdrängung der Römer von “ihrem Meer”. Einst hatte
+Rom im Vollgefühl der Unwiderstehlichkeit seiner Landmacht das
+Übergewicht auch auf das zweite Element übertragen; jetzt war der
+gewaltige Staat zur See ohnmächtig und, wie es schien, im Begriff, auch
+wenigstens über den asiatischen Kontinent die Herrschaft einzubüßen.
+Die materiellen Wohltaten des staatlichen Daseins: Sicherheit der
+Grenzen, ungestörter friedlicher Verkehr, Rechtsschutz, geordnete
+Verwaltung, fingen an, alle miteinander den sämtlichen im römischen
+Staat vereinigten Nationen zu verschwinden; die segnenden Götter alle
+schienen zum Olymp emporgestiegen zu sein und die jammervolle Erde den
+amtlich berufenen oder freiwilligen Plünderern oder Peinigern
+überlassen zu haben. Dieser Verfall des Staats ward auch nicht etwa
+bloß von dem, der politische Rechte und Bürgersinn hatte, als ein
+öffentliches Unglück gefühlt, sondern die Proletariatsinsurrektion und
+die an die Zeiten der neapolitanischen Ferdinande erinnernde Räuber-
+und Piratenwirtschaft trugen das Gefühl dieses Verfalls in das
+entlegenste Tal, in die niedrigste Hütte Italiens, ließen ihn jeden,
+der Handel und Verkehr trieb, der nur einen Scheffel Weizen kaufte, als
+persönlichen Notstand empfinden.
+
+Wenn nach den Urhebern dieses heillosen und beispiellosen Jammers
+gefragt ward, so war es nicht schwer, mit gutem Recht gar viele deshalb
+anzuklagen. Die Sklavenwirte, deren Herz im Geldbeutel saß, die
+unbotmäßigen Soldaten, die bald feigen, bald unfähigen, bald tollkühnen
+Generale, die meist am falschen Ende hetzenden Demagogen des Marktes
+trugen ihren Teil der Schuld, oder vielmehr, wer trug an derselben
+nicht mit? Instinktmäßig ward es empfunden, daß dieser Jammer, diese
+Schande, diese Zerrüttung zu kolossal waren, um das Werk eines
+einzelnen zu sein. Wie die Größe des römischen Gemeinwesens nicht das
+Werk hervorragender Individuen, sondern das einer tüchtig organisierten
+Bürgerschaft gewesen ist, so ist auch der Verfall dieses gewaltigen
+Gebäudes nicht aus der verderblichen Genialität einzelner, sondern aus
+der allgemeinen Desorganisation hervorgegangen. Die große Majorität der
+Bürgerschaft taugte nichts und jeder morsche Baustein half mit zu dem
+Ruin des ganzen Gebäudes; es büßte die ganze Nation, was die ganze
+Nation verschuldete. Es war ungerecht, wenn man die Regierung als den
+letzten greifbaren Ausdruck des Staats für alle heilbaren und
+unheilbaren Krankheiten desselben verantwortlich machte; aber das
+allerdings war wahr, daß die Regierung in furchtbar schwerer Weise
+mittrug an dem allgemeinen Verschulden. In dem Kleinasiatischen Kriege
+zum Beispiel, wo kein einzelner der regierenden Herren sich in
+hervorragender Weise verfehlt, Lucullus sogar, militärisch wenigstens,
+tüchtig, ja glorreich sich geführt hatte, ward es nur um so deutlicher,
+daß die Schuld des Mißlingens in dem System und in der Regierung als
+solcher, hier zunächst in dem früheren schlaffen Preisgeben
+Kappadokiens und Syriens und in der schiefen Stellung des tüchtigen
+Feldherrn gegenüber dem keines energischen Beschlusses fähigen
+Regierungskollegium lag. Ebenso hatte in der Seepolizei der Senat den
+einmal gefaßten richtigen Gedanken einer allgemeinen Piratenjagd erst
+in der Ausführung verdorben und dann ihn gänzlich fallen lassen, um
+wieder nach dem alten törichten System gegen die Rosse des Meeres
+Legionen zu senden. Nach diesem System wurden die Expeditionen des
+Servilius und des Marcius nach Kilikien, des Metellus nach Kreta
+unternommen; nach diesem ließ Triarius die Insel Delos zum Schutz vor
+den Piraten mit einer Mauer umziehen. Solche Versuche, der
+Seeherrschaft sich zu versichern, erinnern an jenen persischen
+Großkönig, der das Meer mit Ruten peitschen ließ, um es sich untertänig
+zu machen. Wohl hatte also die Nation guten Grund, ihren Bankrott
+zunächst der Restaurationsregierung zur Last zu legen. Immer schon war
+mit der Wiederherstellung der Oligarchie ein ähnliches Mißregiment
+gekommen, nach dem Sturz der Gracchen wie nach dem des Marius und
+Saturninus; aber so gewaltsam und zugleich doch auch so schlaff, so
+verdorben und verderblich war dasselbe nie zuvor aufgetreten. Wenn aber
+eine Regierung nicht regieren kann, hört sie auf legitim zu sein und es
+hat, wer die Macht, auch das Recht, sie zu stürzen. Zwar ist es leider
+wahr, daß eine unfähige und verbrecherische Regierung lange Zeit das
+Wohl und die Ehre des Landes mit Füßen zu treten vermag, bevor die
+Männer sich finden, welche die von dieser Regierung selbst
+geschmiedeten entsetzlichen Waffen gegen sie schwingen und aus der
+sittlichen Empörung der Tüchtigen und dem Notstande der vielen die in
+solchem Fall legitime Revolution heraufbeschwören können und wollen.
+Aber wenn das Spiel mit dem Glücke der Völker ein lustiges sein mag und
+wohl lange Zeit hindurch ungestört gespielt werden kann, so ist es doch
+auch ein tückisches, das zu seiner Zeit die Spieler verschlingt; und
+niemand schilt dann die Axt, wenn sie dem Baum, der solche Früchte
+trägt, sich an die Wurzel legt. Für die römische Oligarchie war diese
+Zeit jetzt gekommen. Der Pontisch-Armenische Krieg und die
+Piratenangelegenheit wurden die nächsten Ursachen zum Umsturz der
+Sullanischen Verfassung und zur Einsetzung einer revolutionären
+Militärdiktatur.
+
+
+
+
+KAPITEL III.
+Der Sturz der Oligarchie und die Herrschaft des Pompeius
+
+
+Noch stand die Sullanische Verfassung unerschüttert. Der Sturm, den
+Lepidus und Sertorius gegen sie gewagt hatten, war mit geringer Einbuße
+zurückgeschlagen worden. Das halbfertige Gebäude mit dem energischen
+Geiste seines Urhebers auszubauen, hatte die Regierung freilich
+versäumt. Es zeichnet sie, daß sie die von Sulla zur Verteilung
+bestimmten, aber noch nicht von ihm selbst parzellierten Ländereien
+weder aufteilte noch auch den Anspruch auf dieselben geradezu aufgab,
+sondern die früheren Eigentümer ohne Regulierung des Titels vorläufig
+im Besitze duldete, manche noch unverteilte Strecke sullanischen
+Domaniallandes auch wohl gar von einzelnen Personen nach dem alten,
+durch die Gracchischen Reformen rechtlich und faktisch beseitigten
+Okkupationssystem willkürlich in Besitz nehmen ließ. Was den Optimaten
+unter den Sullanischen Bestimmungen gleichgültig oder unbequem war,
+wurde ohne Bedenken ignoriert oder kassiert; so die gegen ganze
+Gemeinden ausgesprochene Aberkennung des Staatsbürgerrechts; so das
+Verbot der Zusammenschlagung der neuen Bauernstellen; so manche der von
+Sulla einzelnen Gemeinden erteilten Freibriefe, natürlich ohne daß man
+die für diese Exemtionen gezahlten Summen den Gemeinden zurückgegeben
+hätte. Aber wenn auch diese Verletzungen der Ordnungen Sullas durch die
+Regierung selbst dazu beitrugen, die Fundamente seines Gebäudes zu
+erschüttern, waren und blieben doch die Sempronischen Gesetze im
+wesentlichen abgeschafft.
+
+Wohl fehlte es nicht an Männern, die die Wiederherstellung der
+Gracchischen Verfassung im Sinn trugen, und nicht an Entwürfen, um das,
+was Lepidus und Sertorius im Wege der Revolution versucht hatten,
+stückweise auf dem Wege verfassungsmäßiger Reform zu erreichen. In die
+beschränkte Wiederherstellung der Getreidespenden hatte die Regierung
+bereits unter dem Druck der Agitation des Lepidus unmittelbar nach
+Sullas Tode gewilligt (676 78) und sie tat ferner was irgend möglich
+war, um in dieser Lebensfrage für das hauptstädtische Proletariat ihm
+zu Willen zu sein. Als trotz jener Verteilungen die hohen,
+hauptsächlich durch die Piraterie hervorgerufenen Kornpreise eine so
+drückende Teuerung in Rom hervorriefen, daß es darüber im Jahre 679
+(75) zu einem heftigen Straßenauflauf kam, halfen zunächst
+außerordentliche Ankäufe von sizilischem Getreide für Rechnung der
+Regierung der ärgsten Not ab; für die Zukunft aber regelte ein von den
+Konsuln des Jahres 681 (78) eingebrachtes Getreidegesetz die Ankäufe
+des sizilischen Getreides und gab, freilich auf Kosten der
+Provinzialen, der Regierung die Mittel, um ähnliche Mißstände besser zu
+verhüten. Aber auch die minder materiellen Differenzpunkte, die
+Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt in ihrem alten Umfang und
+die Beseitigung der senatorischen Gerichte, hörten nicht auf,
+Gegenstände populärer Agitation zu bilden, und hier leistete die
+Regierung nachdrücklicheren Widerstand. Den Streit um das tribunizische
+Amt eröffnete schon 678 (76), unmittelbar nach der Niederlage des
+Lepidus, der Volkstribun Lucius Sicinius, vielleicht ein Nachkomme des
+gleichnamigen Mannes, der mehr als vierhundert Jahre zuvor zuerst
+dieses Amt bekleidet hatte; allein er scheiterte an dem Widerstand, den
+der rührige Konsul Gaius Curio ihm entgegensetzte. Im Jahre 680 (74)
+nahm Lucius Quinctius die Agitation wieder auf, ließ sich aber durch
+die Autorität des Konsuls Lucius Lucullus bestimmen, von seinem
+Vorhaben abzustehen. Mit größerem Eifer trat das Jahr darauf in seine
+Fußstapfen Gaius Licinius Macer, der - bezeichnend für die Zeit - in
+das öffentliche Leben seine literarischen Studien hineintrug und, wie
+er es in der Chronik gelesen, der Bürgerschaft anriet, die Konskription
+zu verweigern.
+
+Auch über die schlechte Handhabung der Rechtspflege durch die
+senatorischen Geschworenen wurden bald nur zu wohl begründete
+Beschwerden laut. Die Verurteilung eines einigermaßen einflußreichen
+Mannes war kaum mehr zu erlangen. Nicht bloß empfand der Kollege mit
+dem Kollegen, der gewesene oder künftige Angeklagte mit dem
+gegenwärtigen armen Sünder billiges Mitleid; auch die Käuflichkeit der
+Geschworenenstimmen war kaum noch eine Ausnahme. Mehrere Senatoren
+waren gerichtlich dieses Verbrechens überwiesen worden; auf andere
+gleich schuldige wies man mit Fingern; die angesehensten Optimaten, wie
+Quintus Catulus, räumten in offener Senatssitzung es ein, daß die
+Beschwerden vollkommen gegründet seien; einzelne besonders eklatante
+Fälle zwangen den Senat mehrmals, zum Beispiel im Jahre 680 (74), über
+Maßregeln gegen die Freiheit der Geschworenen zu deliberieren,
+natürlich nur so lange, bis der erste Lärm sich gelegt hatte und man
+die Sache unter das Eis gleiten lassen konnte. Die Folgen dieser
+elenden Rechtspflege zeigten sich namentlich in einem System der
+Plünderung und Peinigung der Provinzialen, mit dem verglichen selbst
+die bisherigen Frevel erträglich und gemäßigt erschienen. Das Stehlen
+und Rauben war gewissermaßen durch Gewohnheit legitim geworden; die
+Erpressungskommission konnte als eine Anstalt gelten, um die aus den
+Vogteien heimkehrenden Senatoren zu Gunsten ihrer daheimgebliebenen
+Kollegen zu besteuern. Aber als ein angesehener Sikeliote, weil er dem
+Statthalter nicht hatte zu einem Verbrechen die Hand bieten wollen,
+dafür von diesem abwesend und ungehört zum Tode verurteilt ward; als
+selbst römische Bürger, wenn sie nicht Ritter oder Senatoren waren, in
+der Provinz nicht mehr sicher waren vor den Ruten und Beilen des
+römischen Vogts, und die älteste Errungenschaft der römischen
+Demokratie, die Sicherheit des Leibes und Lebens, von der herrschenden
+Oligarchie anfing mit Füßen getreten zu werden: da hatte auch das
+Publikum auf dem römischen Markte ein Ohr für die Klagen über seine
+Vögte in den Provinzen und über die ungerechten Richter, die solche
+Untaten moralisch mitverschuldeten. Die Opposition unterließ es
+natürlich nicht, auf dem fast allein ihr übriggebliebenen Terrain, dem
+gerichtlichen, ihre Gegner anzugreifen. So zog der junge Gaius Caesar,
+der auch, soweit sein Alter es gestattete, sich bei der Agitation um
+die Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt eifrig beteiligte, im
+Jahre 677 (77) einen der angesehensten Sullanischen Parteimänner, den
+Konsular Gnaeus Dolabella, und im folgenden Jahr einen andern
+Sullanischen Offizier, Gaius Antonius, vor Gericht; so Marcus Cicero
+684 (70) den Gaius Verres, eine der elendesten unter den Kreaturen
+Sullas und eine der schlimmsten Geißeln der Provinzialen. Wieder und
+wieder wurden die Bilder jener finsteren Zeit der Ächtungen, die
+entsetzlichen Leiden der Provinzialen, der schmachvolle Stand der
+römischen Kriminalrechtspflege mit allem Pomp italienischer Rhetorik,
+mit aller Bitterkeit italienischen Spottes vor der versammelten Menge
+entfaltet und der gewaltige Tote sowie seine lebenden Schergen ihrem
+Zorn und Hohn unnachsichtlich preisgegeben. Die Wiederherstellung der
+vollen tribunizischen Gewalt, an deren Bestehen die Freiheit, die Macht
+und das Glück der Volksgemeinde wie durch uralt heiligen Zauber
+geknüpft schien, die Wiedereinführung der “strengen” Gerichte der
+Ritterschaft, die Erneuerung der von Sulla beseitigten Zensur zur
+Reinigung der höchsten Staatsbehörde von den faulen und schädlichen
+Elementen wurden täglich mit lautem Ruf von den Rednern der Volkspartei
+gefordert.
+
+Indes mit alledem kam man nicht weiter. Es gab Skandal und Lärm genug,
+aber ein eigentlicher Erfolg ward dadurch, daß man die Regierung nach
+und über Verdienst prostituierte, doch noch keineswegs erreicht. Die
+materielle Macht lag immer noch, solange militärische Einmischung fern
+blieb, in den Händen der hauptstädtischen Bürgerschaft; und dies
+“Volk”, das in den Gassen Roms sich drängte und auf dem Markt Beamte
+und Gesetze machte, war eben um nichts besser als der regierende Senat:
+Zwar mußte die Regierung mit der Menge sich abfinden, wo deren eigenes
+nächstes Interesse in Frage kam; dies ist die Ursache der Erneuerung
+des Sempronischen Korngesetzes. Allein daran war nicht zu denken, daß
+diese Bürgerschaft um einer Idee oder gar um einer zweckmäßigen Reform
+willen Ernst gemacht hätte. Mit Recht ward auf die Römer dieser Zeit
+angewandt, was Demosthenes von seinen Athenern sagte: daß die Leute gar
+eifrig täten, solange sie um die Rednerbühne ständen und die Vorschläge
+zu Reformen vernähmen; aber wenn sie nach Hause gekommen seien, denke
+keiner weiter an das, was er auf dem Markte gehört habe. Wie auch jene
+demokratischen Agitatoren die Flammen schürten, es half eben nichts, da
+der Brennstoff fehlte. Die Regierung wußte dies und ließ in den
+wichtigen Prinzipienfragen sich keinerlei Zugeständnis entreißen;
+höchstens daß sie sich dazu verstand (um 682 72), einem Teil der mit
+Lepidus landflüchtig gewordenen Leute die Amnestie zuzugestehen. Was
+von Konzessionen erfolgte, ging nicht so sehr aus dem Drängen der
+Demokratie hervor, als aus den Vermittlungsversuchen der gemäßigten
+Aristokratie. Allein von den beiden Gesetzen, die der einzige noch
+übrige Führer dieser Fraktion, Gaius Cotta, in seinem Konsulat 679 (75)
+durchsetzte, wurde das die Gerichte betreffende schon im nächsten Jahre
+wieder beseitigt, und auch das zweite, welches die Sullanische
+Bestimmung aufhob, daß die Bekleidung des Tribunats zur Übernahme
+anderer Magistraturen unfähig mache, die übrigen Beschränkungen aber
+bestehen ließ, erregte wie jede halbe Maßregel nur den Unwillen beider
+Parteien. Die Partei der reformistisch gesinnten Konservativen, die
+durch Cottas bald nachher (um 681 73) erfolgten frühen Tod ihr
+namhaftestes Haupt verlor, sank mehr und mehr in sich selbst zusammen,
+erdrückt zwischen den immer schroffer hervortretenden Extremen. Von
+diesen aber blieb die Partei der Regierung, schlecht und schlaff wie
+sie war, der gleich schlechten und gleich schlaffen Opposition
+gegenüber notwendig im Vorteil.
+
+Aber dies der Regierung so günstige Verhältnis änderte sich, als die
+Differenzen zwischen ihr und denjenigen ihrer Parteigänger sich
+schärfer entwickelten, deren Hoffnungen über den Ehrensitz in der Kurie
+und das aristokratische Landhaus hinaus zu höheren Zielen sich erhoben.
+In erster Linie stand hier Gnaeus Pompeius. Wohl war er Sullaner; aber
+es ist früher gezeigt worden, wie wenig er unter seiner eigenen Partei
+sich zurechtfand, wie von der Nobilität, als deren Schild und Schwert
+er offiziell angesehen ward, ihn doch seine Herkunft, seine
+Vergangenheit, seine Hoffnungen immer wieder schieden. Der schon
+klaffende Riß hatte während der spanischen Feldzüge (677 - 683 77 - 71)
+des Feldherrn sich unheilbar erweitert. Unwillig und halb gezwungen
+hatte die Regierung ihn ihrem rechten Vertreter Quintus Metellus als
+Kollegen beigesellt; und wieder er beschuldigte, wohl nicht ohne Grund,
+den Senat durch die sei es liederliche, sei es böswillige
+Vernachlässigung der spanischen Armeen deren Niederlagen verschuldet
+und das Schicksal der Expedition aufs Spiel gesetzt zu haben. Nun kam
+er zurück als Sieger über die heimlichen Feinde, an der Spitze eines
+krieggewohnten und ihm ganz ergebenen Heeres, für seine Soldaten
+Landanweisungen begehrend, für sich Triumph und Konsulat. Die letzteren
+Forderungen verstießen gegen das Gesetz. Pompeius, obwohl mehrmals
+schon außerordentlicherweise mit der höchsten Amtsgewalt bekleidet,
+hatte noch kein ordentliches Amt, nicht einmal die Quästur verwaltet
+und war noch immer nicht Mitglied des Rats; und Konsul durfte nur
+werden, wer die Staffel der geringeren ordentlichen Ämter durchmessen,
+triumphieren nur, wer die ordentliche höchste Gewalt bekleidet hatte.
+Der Senat war gesetzlich befugt, ihn, wenn er um das Konsulat sich
+bewarb, auf die Bewerbung um die Quästur zu verweisen, wenn er den
+Triumph erbat, ihn an den großen Scipio zu erinnern, der unter gleichen
+Verhältnissen auf den Triumph über das eroberte Spanien verzichtet
+hatte. Nicht minder hing Pompeius hinsichtlich der seinen Soldaten
+versprochenen Domänen verfassungsmäßig ab von dem guten Willen des
+Senats. Indes wenn auch der Senat, wie es bei seiner Schwächlichkeit
+auch im Grollen wohl denkbar war, hierin nachgab und dem siegreichen
+Feldherrn für den gegen die Demokratenchefs geleisteten Schergendienst
+den Triumph, das Konsulat, die Landanweisungen zugestand, so war doch
+eine ehrenvolle Annulierung in ratsherrlicher Indolenz unter der langen
+Reihe der friedlichen senatorischen Imperatoren das günstigste Los, das
+die Oligarchie dem sechsunddreißigjährigen Feldherrn zu bereiten
+vermochte. Das, wonach sein Herz eigentlich verlangte, das Kommando im
+Mithradatischen Krieg freiwillig vom Senat bewilligt zu erhalten,
+konnte er nimmer erwarten; in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse
+durfte die Oligarchie es nicht zulassen, daß er den afrikanischen und
+europäischen noch die Trophäen des dritten Weltteils hinzufügte; die im
+Osten reichlich und bequem zu pflückenden Lorbeeren blieben auf jeden
+Fall der reinen Aristokratie vorbehalten. Wenn aber der gefeierte
+General bei der herrschenden Oligarchie seine Rechnung nicht fand, so
+blieb - da zu einer rein persönlichen, ausgesprochen dynastischen
+Politik weder die Zeit reif noch Pompeius’ ganze Persönlichkeit
+geeignet war - ihm keine andere Wahl, als mit der Demokratie
+gemeinschaftliche Sache zu machen. An die Sullanische Verfassung band
+ihn kein eigenes Interesse: er konnte seine persönlichen Zwecke auch
+innerhalb einer mehr demokratischen ebensogut, wo nicht besser
+verfolgen. Dagegen fand er alles, was er brauchte, bei der
+demokratischen Partei. Die tätigen und gewandten Führer derselben waren
+bereit und fähig, dem unbehilflichen und etwas hölzernen Helden die
+mühselige politische Leitung abzunehmen, und doch viel zu gering, um
+dem gefeierten Feldherrn die erste Rolle und namentlich die
+militärische Oberleitung streitig machen zu können oder auch nur zu
+wollen. Selbst der weitaus bedeutendste von ihnen, Gaius Caesar, war
+nichts als ein junger Mensch, dem seine dreisten Fahrten und eleganten
+Schulden weit mehr als seine feurige demokratische Beredsamkeit einen
+Namen gemacht hatten und der sich sehr geehrt fühlen mußte, wenn der
+weltberühmte Imperator ihm gestattete, sein politischer Adjutant zu
+sein. Die Popularität, auf welche Menschen wie Pompeius, von größeren
+Ansprüchen als Fähigkeiten, mehr Wert zu legen pflegen, als sie gern
+sich selber gestehen, mußte im höchsten Maß dem jungen General zuteil
+werden, dessen Übertritt der fast aussichtslosen Sache der Demokratie
+den Sieg gab. Der von ihm für sich und seine Soldaten geforderte
+Siegeslohn fand damit sich von selbst. Überhaupt schien, wenn die
+Oligarchie gestürzt ward, bei dem gänzlichen Mangel anderer
+ansehnlicher Oppositionshäupter es nur von Pompeius abzuhängen, seine
+weitere Stellung sich selber zu bestimmen. Daran aber konnte kaum
+gezweifelt werden, daß der Übertritt des Feldherrn der soeben siegreich
+aus Spanien heimkehrenden und noch in Italien geschlossen
+zusammenstehenden Armee zur Oppositionspartei den Sturz der bestehenden
+Ordnung zur Folge haben müsse. Regierung und Opposition waren gleich
+machtlos; sowie die letztere nicht mehr bloß mit Deklamationen focht,
+sondern das Schwert eines siegreichen Feldherrn bereit war, ihren
+Anforderungen Nachdruck zu geben, war die Regierung jedenfalls,
+vielleicht sogar ohne Kampf, überwunden.
+
+So sah man von beiden Seiten sich gedrängt zur Koalition. An
+persönlichen Abneigungen mochte es dort wie hier nicht fehlen; der
+siegreiche Feldherr konnte die Straßenredner unmöglich lieben, diese
+noch weniger den Henker des Carbo und Brutus mit Freuden als ihr Haupt
+begrüßen; indes die politische Notwendigkeit überwog, wenigstens für
+den Augenblick, jedes sittliche Bedenken.
+
+Aber die Demokraten und Pompeius schlossen ihren Bund nicht allein.
+Auch Marcus Crassus war in einer ähnlichen Lage wie Pompeius. Obwohl
+Sullaner wie dieser, war doch auch seine Politik, ganz wie die des
+Pompeius, vor allem eine persönliche und durchaus nicht die der
+herrschenden Oligarchie; und auch er stand jetzt in Italien an der
+Spitze einer starken und siegreichen Armee, mit welcher er soeben den
+Sklavenaufstand niedergeschlagen hatte. Es blieb ihm die Wahl entweder
+gegen die Koalition mit der Oligarchie sich zu verbinden oder in die
+Koalition einzutreten; er wählte den letzteren und damit ohne Zweifel
+den sichereren Weg. Bei seinem kolossalen Vermögen und seinem Einfluß
+auf die hauptstädtischen Klubs war er überhaupt ein schätzbarer
+Bundesgenosse; unter den obwaltenden Umständen aber war es ein
+unberechenbarer Gewinn, wenn das einzige Heer, mit welchem der Senat
+den Truppen des Pompeius hätte begegnen können, der angreifenden Macht
+sich beigesellte. Die Demokraten überdies, denen bei der Allianz mit
+dem übermächtigen Feldherrn nicht wohl zu Mute sein mochte, sahen nicht
+ungern in Marcus Crassus ihm ein Gegengewicht und vielleicht einen
+künftigen Rivalen zur Seite gestellt.
+
+So kam im Sommer des Jahres 683 (71) die erste Koalition zustande
+zwischen der Demokratie einer- und den beiden Sullanischen Generalen
+Gnaeus Pompeius und Marcus Crassus andererseits. Beide machten das
+Parteiprogramm der Demokratie zu dem ihrigen; es ward ihnen dafür
+zunächst das Konsulat auf das kommende Jahr, Pompeius überdies der
+Triumph und die begehrten Landlose für seine Soldaten, Crassus als dem
+Überwinder des Spartacus wenigstens die Ehre des feierlichen Einzugs in
+die Hauptstadt zugesichert.
+
+Den beiden italischen Armeen, der hohen Finanz und der Demokratie, die
+also zum Sturz der Sullanischen Verfassung verbündet auftraten, hatte
+der Senat nichts gegenüberzustellen als etwa das zweite spanische Heer
+unter Quintus Metellus Pius. Allein Sulla hatte richtig vorhergesagt,
+daß das, was er getan, nicht zum zweitenmal geschehen werde: Metellus,
+durchaus nicht geneigt, sich in einen Bürgerkrieg zu verwickeln, hatte
+sofort nach Überschreitung der Alpen seine Soldaten entlassen. So blieb
+der Oligarchie nichts übrig, als in das Unvermeidliche sich zu fügen.
+Der Rat bewilligte die für Konsulat und Triumph erforderlichen
+Dispensationen; Pompeius und Crassus wurden, ohne Widerstand zu finden,
+zu Konsuln für das Jahr 684 (70) gewählt, während ihre Heere, angeblich
+in Erwartung des Triumphs, vor der Stadt lagerten. Noch vor dem Antritt
+seines Amtes bekannte sodann Pompeius in einer von dem Volkstribun
+Marcus Lollius Palicanus abgehaltenen Volksversammlung sich öffentlich
+und förmlich zu dem demokratischen Programm. Die Verfassungsänderung
+war damit im Prinzip entschieden.
+
+Allen Ernstes ging man nun an die Beseitigung der sullanischen
+Institutionen. Vor allen Dingen erhielt das tribunizische Amt wieder
+seine frühere Geltung. Pompeius selbst als Konsul brachte das Gesetz
+ein, das den Volkstribunen ihre althergebrachten Befugnisse, namentlich
+auch die legislatorische Initiative zurückgab - freilich eine seltsame
+Gabe aus der Hand des Mannes, der mehr als irgend ein Lebender dazu
+getan hatte, der Gemeinde ihre alten Privilegien zu entreißen.
+
+Hinsichtlich der Geschworenenstellung wurde die Bestimmung Sullas, daß
+das Verzeichnis der Senatoren als Geschworenenliste dienen solle, zwar
+abgeschafft; allein es kam doch keineswegs zu einer einfachen
+Wiederherstellung der Gracchischen Rittergerichte. Künftig, so
+bestimmte das neue Aurelische Gesetz, sollten die Geschworenenkollegien
+zu einem Dritteil aus Senatoren bestehen, zu zwei Dritteilen aus
+Männern vom Ritterzensus, von welchen letzteren wieder die Hälfte die
+Distriktvorsteherschaft oder das sogenannte Kassentribunat bekleidet
+haben mußte. Es war diese letzte Neuerung eine weitere, den Demokraten
+gemachte Konzession, indem hiernach wenigstens der dritte Teil der
+Kriminalgeschworenen mittelbar hervorging aus den Wahlen der Distrikte.
+Wenn dagegen der Senat nicht gänzlich aus den Gerichten verdrängt ward,
+so ist die Ursache davon wahrscheinlich teils in Crassus’ Beziehungen
+zum Senat zu suchen, teils in dem Beitritt der senatorischen
+Mittelpartei zu der Koalition, mit dem es auch wohl zusammenhängt, daß
+der Bruder ihres kürzlich verstorbenen Führers, der Prätor Lucius
+Cotta, dies Gesetz einbrachte.
+
+Nicht weniger wichtig war die Beseitigung der für Asien von Sulla
+festgesetzten Steuerordnung, welche vermutlich ebenfalls in dies Jahr
+fällt; der damalige Statthalter Asiens, Lucius Lucullus, ward
+angewiesen, das von Gaius Gracchus eingeführte Verpachtungssystem
+wiederherzustellen und damit der hohen Finanz diese wichtige Geld- und
+Machtquelle zurückzugeben.
+
+Endlich ward die Zensur wieder ins Leben gerufen. Die Wahlen dafür,
+welche die neuen Konsuln kurz nach Antritt ihres Amtes anberaumten,
+fielen, in offenbarer Verhöhnung des Senats, auf die beiden Konsuln des
+Jahres 682 (73) Gnaeus Lentulus Clodianus und Lucius Genius, die wegen
+ihrer elenden Kriegführung gegen Spartacus durch den Senat vom Kommando
+entfernt worden waren. Es begreift sich, daß diese Männer alle Mittel,
+die ihr wichtiges und ernstes Amt ihnen zu Gebote stellte, in Bewegung
+setzten, um den neuen Machthabern zu huldigen und den Senat zu ärgern.
+Mindestens der achte Teil des Senats, vierundsechzig Senatoren, eine
+bis dahin unerhörte Zahl, wurden von der Liste gestrichen, darunter der
+einst von Gaius Caesar ohne Erfolg angeklagte Gaius Antonius und der
+Konsul des Jahres 683 (71), Publius Lentulus Sura, vermutlich auch
+nicht wenige der verhaßten Kreaturen Sullas.
+
+So war man mit dem Jahre 684 (70) wieder im wesentlichen zurückgekommen
+auf die vor der sullanischen Restauration bestehenden Ordnungen. Wieder
+ward die hauptstädtische Menge aus der Staatskasse, das heißt von den
+Provinzen gespeist; wieder gab die tribunizische Gewalt jedem Demagogen
+den gesetzlichen Freibrief, die staatlichen Ordnungen zu verkehren;
+wieder erhob der Geldadel, als Inhaber der Steuerpachtungen und der
+gerichtlichen Kontrolle über die Statthalter, neben der Regierung sein
+Haupt so mächtig wie nur je zuvor; wieder zitterte der Senat vor dem
+Wahrspruch der Geschworenen des Ritterstandes und vor der zensorischen
+Rüge. Das System Sullas, das auf die politische Vernichtung der
+kaufmännischen Aristokratie und der Demagogie die Alleinherrschaft der
+Nobilität begründet hatte, war damit vollständig über den Haufen
+geworfen. Abgesehen von einzelnen untergeordneten Bestimmungen, deren
+Abschaffung erst später nachgeholt wurde, wie zum Beispiel der
+Zurückgabe des Selbstergänzungsrechts an die Priesterkollegien, blieb
+von Sullas allgemeinen Ordnungen hiernach nichts übrig als teils die
+Konzessionen, die er selbst der Opposition zu machen notwendig gefunden
+hatte, wie namentlich die Anerkennung des römischen Bürgerrechts der
+sämtlichen Italiker, teils Verfügungen ohne schroffe Parteitendenz, an
+denen deshalb auch die verständigen Demokraten nichts auszusetzen
+fanden, wie unter anderm die Beschränkung der Freigelassenen, die
+Regulierung der Beamtenkompetenzen und die materiellen Änderungen im
+Kriminalrecht.
+
+Weniger einig als über diese prinzipiellen war die Koalition
+hinsichtlich der persönlichen Fragen, die eine solche Staatsumwälzung
+anregte. Begreiflicherweise ließen die Demokraten sich nicht genügen
+mit der allgemeinen Anerkennung ihres Programms, sondern auch sie
+forderten jetzt eine Restauration in ihrem Sinn: Wiederherstellung des
+Andenkens ihrer Toten, Bestrafung der Mörder, Rückberufung der
+Geächteten aus der Verbannung, Aufhebung der auf ihren Kindern
+lastenden politischen Zurücksetzung, Rückgabe der von Sulla
+eingezogenen Güter, Schadenersatz aus dem Vermögen der Erben und
+Gehilfen des Diktators. Es waren das allerdings die logischen
+Konsequenzen, die aus einem reinen Sieg der Demokratie sich ergaben;
+allein der Sieg der Koalition von 683 (71) war doch weit entfernt, ein
+solcher zu sein. Die Demokratie gab dazu den Namen und das Programm,
+die übergetretenen Offiziere aber, vor allen Pompeius, die Macht und
+die Vollendung; und nun- und nimmermehr konnten diese zu einer Reaktion
+ihre Zustimmung geben, die nicht bloß die bestehenden Verhältnisse bis
+in ihre Grundfesten erschüttert, sondern auch schließlich sich gegen
+sie selbst gewandt haben würde - war es doch noch im frischen Andenken,
+welcher Männer Blut Pompeius vergossen, wie Crassus zu seinem ugeheuren
+Vermögen den Grund gelegt hatte. So ist es wohl erklärlich, aber auch
+zugleich bezeichnend für die Schwäche der Demokratie, daß die Koalition
+von 683 (71) nicht das geringste tat, um den Demokraten Rache oder auch
+nur Rehabilitation zu gewähren. Die nachträgliche Einforderung aller
+der für erstandene konfiszierte Güter noch rückständigen oder auch von
+Sulla den Käufern erlassenen Kaufgelder, welche der Zensor Lentulus in
+einem besonderen Erlaß feststellte, kann kaum als Ausnahme bezeichnet
+werden; denn wenn auch nicht wenige Sullaner dadurch in ihren
+persönlichen Interessen empfindlich verletzt wurden, so war doch die
+Maßregel selbst wesentlich eine Bestätigung der von Sulla vorgenommenen
+Konfiskationen.
+
+Sullas Werk war also zerstört; aber was nun werden sollte, war damit
+viel mehr in Frage gestellt als entschieden. Die Koalition, einzig
+zusammengehalten durch den gemeinschaftlichen Zweck, das
+Restaurationswerk zu beseitigen, löste sich, als dieser erreicht war,
+wenn nicht förmlich, doch der Sache nach von selber auf; für die Frage
+aber, wohin nun zunächst das Schwergewicht der Macht fallen sollte,
+schien sich eine ebenso rasche wie gewaltsame Lösung vorzubereiten. Die
+Heere des Pompeius und Crassus lagerten immer noch vor den Toren der
+Stadt. Jener hatte zwar zugesagt, nach dem Triumph (am letzten Dezember
+683 71) seine Soldaten zu verabschieden; allein zunächst war es
+unterblieben, um unter dem Druck, den das spanische Heer vor der
+Hauptstadt auf diese und den Senat ausübte, die Staatsumwälzung
+ungestört zu vollenden, was denn in gleicher Weise auch auf die Armee
+des Crassus Anwendung fand. Diese Ursache bestand jetzt nicht mehr;
+aber dennoch unterblieb die Auflösung der Heere. Die Dinge nahmen die
+Wendung, als werde einer der beiden mit der Demokratie alliierten
+Feldherrn die Militärdiktatur ergreifen und Oligarchen und Demokraten
+in dieselben Fesseln schlagen. Dieser eine aber konnte nur Pompeius
+sein. Von Anfang an hatte Crassus in der Koalition eine untergeordnete
+Rolle gespielt; er hatte sich antragen müssen und verdankte selbst
+seine Wahl zum Konsulat hauptsächlich Pompeius’ stolzer Verwendung.
+Weitaus der stärkere, war Pompeius offenbar der Herr der Situation;
+wenn er zugriff, so schien er werden zu müssen, als was ihn der
+Instinkt der Menge schon jetzt bezeichnete: der unumschränkte Gebieter
+des mächtigsten Staates der zivilisierten Welt. Schon drängte sich die
+ganze Masse der Servilen um den künftigen Monarchen. Schon suchten die
+schwächeren Gegner eine letzte Hilfe in einer neuen Koalition; Crassus,
+voll alter und neuer Eifersucht auf den jüngeren, so durchaus ihn
+überflügelnden Rivalen, näherte sich dem Senat und versuchte, durch
+beispiellose Spenden die hauptstädtische Menge an sich zu fesseln - als
+ob die durch Crassus selbst mitgebrochene Oligarchie und der ewig
+undankbare Pöbel vermocht haben würden, gegen die Veteranen der
+spanischen Armee irgendwelchen Schutz zu gewähren. Einen Augenblick
+schien es, als würde es vor den Toren der Hauptstadt zwischen den
+Heeren des Pompeius und Crassus zur Schlacht kommen.
+
+Allein diese Katastrophe wandten die Demokraten durch ihre Einsicht und
+ihre Geschmeidigkeit ab. Auch ihrer Partei lag, ebenwie dem Senat und
+Crassus, alles daran, daß Pompeius nicht die Diktatur ergriff; aber mit
+richtigerer Einsicht in ihre eigene Schwäche und in den Charakter des
+mächtigen Gegners versuchten ihre Führer den Weg der Güte. Pompeius
+fehlte keine Bedingung, um nach der Krone zu greifen, als die erste von
+allen: der eigene königliche Mut. Wir haben den Mann früher
+geschildert, mit seinem Streben, zugleich loyaler Republikaner und Herr
+von Rom zu sein, mit seiner Unklarheit und Willenlosigkeit, mit seiner,
+unter dem Pochen auf selbständige Entschlüsse sich verbergenden
+Lenksamkeit. Es war dies die erste große Probe, auf die das Verhängnis
+ihn stellte; er hat sie nicht bestanden. Der Vorwand, unter dem
+Pompeius die Entlassung der Armee verweigerte, war, daß er Crassus
+mißtraute und darum nicht mit der Entlassung der Soldaten den Anfang
+machen könne. Die Demokraten bestimmten den Crassus, hierin
+entgegenkommende Schritte zu tun, dem Kollegen vor aller Augen zum
+Frieden die Hand zu bieten; öffentlich und insgeheim bestürmten sie
+diesen, daß er zu dem zwiefachen Verdienst, den Feind besiegt und die
+Parteien versöhnt zu haben, noch das dritte und größte fügen möge, dem
+Vaterland den inneren Frieden zu erhalten und das drohende Schreckbild
+des Bürgerkrieges zu bannen. Was nur immer auf einen eitlen,
+ungewandten, unsicheren Mann zu wirken vermag, alle Schmeichelkünste
+der Diplomatie, aller theatralische Apparat patriotischer Begeisterung
+wurde in Bewegung gesetzt, um das ersehnte Ziel zu erreichen; was aber
+die Hauptsache war, die Dinge hatten durch Crassus’ rechtzeitige
+Nachgiebigkeit sich so gestaltet, daß Pompeius nur die Wahl blieb,
+entweder geradezu als Tyrann von Rom auf- oder zurückzutreten. So gab
+er endlich nach und willigte in die Entlassung der Truppen. Das
+Kommando im Mithradatischen Krieg, das zu erlangen er ohne Zweifel
+hoffte, als er sich für 684 (70) zum Konsul hatte wählen lassen, konnte
+er jetzt nicht wünschen, da mit dem Feldzuge von 683 (71) Lucullus
+diesen Krieg in der Tat beendigt zu haben schien; die vom Senat in
+Gemäßheit des Sempronischen Gesetzes ihm angewiesene Konsularprovinz
+anzunehmen, hielt er unter seiner Würde, und Crassus folgte darin
+seinem Beispiel. So zog Pompeius, als er nach Entlassung seiner
+Soldaten am letzten Tage des Jahres 684 (70) sein Konsulat niederlegte,
+sich zunächst ganz von den öffentlichen Geschäften zurück und erklärte,
+fortan als einfacher Bürger in stiller Muße leben zu wollen. Er hatte
+sich so gestellt, daß er nach der Krone greifen mußte und, da er dies
+nicht wollte, ihm keine Rolle übrig blieb als die nichtige eines
+resignierenden Thronkandidaten.
+
+Der Rücktritt des Mannes, dem nach der Lage der Sachen die erste Stelle
+zukam, vom politischen Schauplatz führte zunächst ungefähr dieselbe
+Parteistellung wieder herbei, wie wir sie in der gracchischen und
+marianischen Epoche fanden. Sulla hatte dem Senat das Regiment nur
+befestigt, nicht gegeben; so blieb denn auch dasselbe, nachdem die von
+Sulla errichteten Bollwerke wieder gefallen waren, nichtsdestoweniger
+zunächst dem Senat, während die Verfassung freilich, mit der er
+regierte, im wesentlichen die wiederhergestellte Gracchische,
+durchdrungen war von einem der Oligarchie feindlichen Geiste. Die
+Demokratie hatte die Wiederherstellung der Gracchischen Verfassung
+bewirkt; aber ohne einen neuen Gracchus war diese ein Körper ohne
+Haupt, und daß weder Pompeius noch Crassus auf die Dauer dieses Haupt
+sein konnten, war an sich klar und durch die letzten Vorgänge noch
+deutlicher dargetan worden. So mußte die demokratische Opposition in
+Ermangelung eines Führers, der geradezu das Ruder in die Hand genommen
+hätte, vorläufig sich begnügen, die Regierung auf Schritt und Tritt zu
+hemmen und zu ärgern. Zwischen der Oligarchie aber und der Demokratie
+erhob sich zu neuem Ansehen die Kapitalistenpartei, welche in der
+jüngsten Krise mit der letzteren gemeinschaftliche Sache gemacht hatte,
+die aber zu sich hinüberzuziehen und an ihr ein Gegengewicht gegen die
+Demokratie zu gewinnen, die Oligarchen jetzt eifrig bemüht waren. Also
+von beiden Seiten umworben, säumten die Geldherren nicht, ihre
+vorteilhafte Lage sich zunutze zu machen und das einzige ihrer früheren
+Privilegien, das sie noch nicht zurückerlangt hatten, die dem
+Ritterstand reservierten vierzehn Bänke im Theater, sich jetzt (687 67)
+durch Volksschluß wiedergeben zu lassen. Im ganzen näherten sie, ohne
+mit der Demokratie schroff zu brechen, doch wieder mehr sich der
+Regierung. Schon die Beziehungen des Senats zu Crassus und seiner
+Klientel gehören in diesen Zusammenhang; hauptsächlich aber scheint ein
+besseres Verhältnis zwischen dem Senat und der Geldaristokratie dadurch
+hergestellt zu sein, daß dieser dem tüchtigsten unter den senatorischen
+Offizieren, Lucius Lucullus, auf Andringen der von demselben schwer
+gekränkten Kapitalisten im Jahre 686 (68) die Verwaltung der für diese
+so wichtigen Provinz Asia abnahm.
+
+Während aber die hauptstädtischen Faktionen miteinander des gewohnten
+Haders pflegten, bei dem denn doch nimmermehr eine eigentliche
+Entscheidung herauskommen konnte, gingen im Osten die Ereignisse ihren
+verhängnisvollen Gang, wie wir ihn früher geschildert haben, und sie
+waren es, die den zögernden Verlauf der hauptstädtischen Politik zur
+Krise drängten. Der Land- wie der Seekrieg hatte dort die ungünstigste
+Wendung genommen. Im Anfang des Jahres 687 (67) war die pontische Armee
+der Römer aufgerieben, die armenische in voller Auflösung auf dem
+Rückzug, alle Eroberungen verloren, das Meer ausschließlich in der
+Gewalt der Piraten, die Kornpreise in Italien dadurch so in die Höhe
+getrieben, daß man eine förmliche Hungersnot befürchtete. Wohl hatten,
+wie wir sahen, die Fehler der Feldherren, namentlich die völlige
+Unfähigkeit des Admirals Marcus Antonius und die Verwegenheit des sonst
+tüchtigen Lucius Lucullus, diesen Notstand zum Teil verschuldet, wohl
+auch die Demokratie durch ihre Wühlereien zu der Auflösung des
+armenischen Heeres wesentlich beigetragen. Aber natürlich ward die
+Regierung jetzt für alles, was sie und was andere verdorben hatten, in
+Bausch und Bogen verantwortlich gemacht und die grollende hungrige
+Menge verlangte nur eine Gelegenheit, um mit dem Senat abzurechnen.
+
+Es war eine entscheidende Krise. Die Oligarchie, wie auch
+herabgewürdigt und entwaffnet, war noch nicht gestürzt, dennoch lag die
+Führung der öffentlichen Angelegenheiten in den Händen des Senats; sie
+stürzte aber, wenn die Gegner diese, daß heißt namentlich die
+Oberleitung der militärischen Angelegenheiten, sich selber zueigneten;
+und jetzt war dies möglich. Wenn jetzt Vorschläge über eine andere und
+bessere Führung des Land- und Seekrieges an die Komitien gebracht
+wurden, so war bei der Stimmung der Bürgerschaft der Senat
+voraussichtlich nicht imstande, deren Durchsetzung zu verhindern; und
+eine Intervention der Bürgerschaft in diesen höchsten Verwaltungsfragen
+war tatsächlich die Absetzung des Senats und die Übertragung der
+Leitung des Staats an die Führer der Opposition. Wieder einmal brachte
+die Verkettung der Dinge die Entscheidung in die Hände des Pompeius.
+Seit mehr als zwei Jahren lebte der gefeierte Feldherr als Privatmann
+in der Hauptstadt. Seine Stimme ward im Rathaus wie auf dem Markte
+selten vernommen; dort war er nicht gern gesehen und ohne
+entscheidenden Einfluß, hier scheute er sich vor dem stürmischen
+Treiben der Parteien. Wenn er aber sich zeigte, geschah es mit dem
+vollständigen Hofstaat seiner vornehmen und geringen Klienten, und eben
+seine feierliche Zurückgezogenheit imponierte der Menge. Wenn er, an
+dem der volle Glanz seiner ungemeinen Erfolge noch unvermindert
+haftete, jetzt sich erbot, nach dem Osten abzugehen, so ward er ohne
+Zweifel mit aller von ihm selbst geforderten militärischen und
+politischen Machtvollkommenheit von der Bürgerschaft bereitwillig
+bekleidet. Für die Oligarchie, die in der politischen Militärdiktatur
+ihren sicheren Ruin, in Pompeius selbst seit der Koalition von 683 (71)
+ihren verhaßtesten Feind sah, war dies ein vernichtender Schlag; aber
+auch der demokratischen Partei konnte dabei nicht wohl zu Mute sein. So
+wünschenswert es ihr an sich sein mußte, dem Regiment des Senats ein
+Ende zu machen, so war es doch, wenn es in dieser Weise geschah, weit
+weniger ein Sieg ihrer Partei als ein persönlicher ihres übermächtigen
+Verbündeten. Leicht konnte in diesem der demokratischen Partei ein weit
+gefährlicherer Gegner aufstehen als der Senat war. Die wenige Jahre
+zuvor durch die Entlassung der spanischen Armee und Pompeius’ Rücktritt
+glücklich vermiedene Gefahr kehrte in verstärktem Maße wieder, wenn
+Pompeius jetzt an die Spitze der Armeen des Ostens trat.
+
+Diesmal indes griff Pompeius zu oder ließ es wenigstens geschehen, daß
+andere für ihn zugriffen. Es wurden im Jahre 687 (67) zwei
+Gesetzvorschläge eingebracht, von denen der eine außer der längst von
+der Demokratie geforderten Entlassung der ausgedienten Soldaten der
+asiatischen Armee die Abberufung des Oberfeldherrn derselben, Lucius
+Lucullus, und dessen Ersetzung durch einen der Konsuln des laufenden
+Jahres, Gaius Piso oder Manius Glabrio, verfügte, der zweite den sieben
+Jahre zuvor zur Reinigung der Meere von den Piraten vom Senat selbst
+aufgestellten Plan wiederaufnahm und erweiterte. Ein einziger, vom
+Senat aus den Konsularen zu bezeichnender Feldherr sollte bestellt
+werden, um zur See auf dem gesamten Mittelländischen Meer von den
+Säulen des Herkules bis an die pontische und syrische Küste
+ausschließlich, zu Lande über sämtliche Küsten bis zehn deutsche Meilen
+landeinwärts mit den betreffenden römischen Statthaltern konkurrierend,
+den Oberbefehl zu übernehmen. Auf drei Jahre hinaus war demselben das
+Amt gesichert. Ihn umgab ein Generalstab, wie Rom noch keinen gesehen
+hatte, von fünfundzwanzig Unterbefehlshabern senatorischen Standes,
+alle mit prätorischen Insignien und prätorischer Gewalt bekleidet, und
+von zwei Unterschatzmeistern mit quästorischen Befugnissen, sie alle
+erlesen durch den ausschließlichen Willen des höchstkommandierenden
+Feldherrn. Es ward demselben gestattet, bis zu 120000 Mann Fußvolk,
+5000 Reitern, 500 Kriegsschiffen aufzustellen und zu dem Ende über die
+Mittel der Provinzen und Klientelstaaten unbeschränkt zu verfügen;
+überdies wurden die vorhandenen Kriegsschiffe und eine ansehnliche
+Truppenzahl sofort ihm überwiesen. Die Kassen des Staats in der
+Hauptstadt wie in den Provinzen sowie die der abhängigen Gemeinden
+sollten ihm unbeschränkt zu Gebot stehen und trotz der peinlichen
+Finanznot sofort aus der Staatskasse ihm eine Summe von 11 Mill. Talern
+(144 Mill. Sesterzen) ausgezahlt werden.
+
+Es leuchtet ein, daß durch diese Gesetzentwürfe, namentlich durch den
+die Expedition gegen die Piraten betreffenden, das Regiment des Senats
+über den Haufen fiel. Wohl waren die von der Bürgerschaft ernannten
+ordentlichen höchsten Beamten von selbst die rechten Feldherren der
+Gemeinde und bedurften auch die außerordentlichen Beamten, um
+Feldherren sein zu können, wenigstens nach strengem Recht der
+Bestätigung durch die Bürgerschaft; aber auf die Besetzung der
+einzelnen Kommandos stand der Gemeinde verfassungsmäßig kein Einfluß zu
+und nur entweder auf Antrag des Senats oder doch auf Antrag eines an
+sich zum Feldherrnamt berechtigten Beamten hatten bisher die Komitien
+hin und wieder hier sich eingemischt und auch die spezielle Kompetenz
+vergeben. Hierin stand vielmehr, seit es einen römischen Freistaat gab,
+dem Senate das tatsächlich entscheidende Wort zu und es war diese seine
+Befugnis im Laufe der Zeit zu endgültiger Anerkennung gelangt. Freilich
+hatte die Demokratie auch hieran schon gerüttelt; allein selbst in dem
+bedenklichsten der bisher vorgekommenen Fälle, bei der Übertragung des
+afrikanischen Kommandos auf Gaius Marius 647 (107), war nur ein
+verfassungsmäßig zum Feldherrnamt überhaupt berechtigter Beamter durch
+den Schluß der Bürgerschaft mit einer bestimmten Expedition beauftragt
+worden. Aber jetzt sollte die Bürgerschaft einen beliebigen Privatmann
+nicht bloß mit der außerordentlichen höchsten Amtsgewalt ausstatten,
+sondern auch mit einer bestimmt von ihr normierten Kompetenz. Daß der
+Senat diesen Mann aus der Reihe der Konsulare zu erkiesen hatte, war
+eine Milderung nur in der Form; denn die Auswahl blieb demselben nur
+deshalb überlassen, weil es eben eine Wahl nicht war und der stürmisch
+aufgeregten Menge gegenüber der Senat den Oberbefehl der Meere und
+Küsten schlechterdings keinem andern übertragen konnte als einzig dem
+Pompeius. Aber bedenklicher noch als diese prinzipielle Negierung der
+Senatsherrschaft war die tatsächliche Aufhebung derselben durch die
+Einrichtung eines Amtes von fast unbeschränkter militärischer und
+finanzieller Kompetenz. Während das Feldherrnamt sonst auf eine
+einjährige Frist, auf eine bestimmte Provinz, auf streng zugemessene
+militärische und finanzielle Hilfsmittel beschränkt war, war dem neuen
+außerordentlichen Amt von vornherein eine dreijährige Dauer gesichert,
+die natürlich weitere Verlängerung nicht ausschloß, war demselben der
+größte Teil der sämtlichen Provinzen, ja sogar Italien selbst, das
+sonst von militärischer Amtsgewalt frei war, untergeordnet, waren ihm
+die Soldaten, Schiffe, Kassen des Staats fast unbeschränkt zur
+Verfügung gestellt. Selbst der eben erwähnte uralte Fundamentalsatz des
+republikanisch-römischen Staatsrechts, daß die höchste militärische und
+bürgerliche Amtsgewalt nicht ohne Mitwirkung der Bürgerschaft vergeben
+werden könne, ward zu Gunsten des neuen Oberfeldherrn gebrochen: indem
+das Gesetz den fünfundzwanzig Adjutanten, die er sich ernennen würde,
+im voraus prätorischen Rang und prätorische Befugnisse verlieh ^1,
+wurde das höchste Amt des republikanischen Rom einem neu geschaffenen
+untergeordnet, für das den geeigneten Namen zu finden der Zukunft
+überlassen blieb, das aber der Sache nach schon jetzt die Monarchie in
+sich enthielt. Es war eine vollständige Umwälzung der bestehenden
+Ordnung, zu der mit diesem Gesetzvorschlag der Grund gelegt ward.
+
+—————————————————————————————————-
+
+^1 Die außerordentliche Amtsgewalt (pro consule, pro praetore, pro
+quaestore) konnte nach römischem Staatsrecht in dreifacher Weise
+entstehen. Entweder ging sie hervor aus dem für die nichtstädtische
+Amtstätigkeit geltenden Grundsatz, daß das Amt bis zu dem gesetzlichen
+Endtermin, die Amtsgewalt aber bis zum Eintreffen des Nachfolgers
+fortdauert, was der älteste, einfachste und häufigste Fall ist. Oder
+sie entstand auf dem Wege, daß die beikommenden Organe, namentlich die
+Komitien, in späterer Zeit auch wohl der Senat, einen nicht in der
+Verfassung vorgesehenen Oberbeamten ernannten, indem dieser zwar sonst
+dem ordentlichen Beamten gleichstand, aber doch zum Kennzeichen der
+Außerordentlichkeit seines Amtes sich nur “an Prätors” oder “an Konsuls
+Statt” nannte. Hierher gehören auch die in ordentlichem Wege zu
+Quästoren ernannten, dann aber außerordentlicherweise mit prätorischer
+oder gar konsularischer Amtsgewalt ausgestatteten Beamten (quaestores
+pro praetore oder pro consule), in welcher Eigenschaft zum Beispiel
+Publius Lentulus Marcellinus 679 (73) nach Kyrene (Sall. hist. 2, 39
+Dietsch), Gnaeus Piso 689 (65) nach dem Diesseitigen Spanien (Sall.
+Cat. 19), Cato 696 (58) nach Kypros (Vell. 2, 45) gingen. Oder endlich
+es beruht die außerordentliche Amtsgewalt auf dem Mandierungsrecht des
+höchsten Beamten. Derselbe ist, wenn er seinen Amtsbezirk verläßt oder
+sonst behindert ist, sein Amt zu versehen, befugt, einen seiner Leute
+zu seinem Stellvertreter zu ernennen, welcher dann legatus pro praetore
+(Sall. Iug. 36-38) oder wenn die Wahl auf den Quästor fällt, quaestor
+pro praetore (Sall. Iug. 103) heißt. In gleicher Weise ist er befugt,
+wenn er keinen Quästor hat, dessen Geschäfte durch einen seines
+Gefolges versehen zu lassen, welcher dann legatus pro quaestore heißt
+und mit diesem Namen wohl zuerst auf den makedonischen Tetradrachmen
+des Sura, Unterbefehlshabers des Statthalters von Makedonien 665-667
+(89-87) begegnet. Das aber ist dem Wesen der Mandierung zuwider und
+darum nach älterem Staatsrecht unzulässig, daß der höchste Beamte, ohne
+in seiner Funktionierung gehindert zu sein, gleich bei Antritt seines
+Amtes von vornherein einen oder mehrere seiner Untergebenen mit
+höchster Amtsgewalt ausstattet; und insofern sind die legati pro
+praetore des Prokonsuls Pompeius eine Neuerung und schon denen
+gleichartig, die in der Kaiserzeit eine so große Rolle spielen.
+
+—————————————————————————————
+
+Diese Maßregeln eines Mannes, der soeben noch von seiner Halbheit und
+Schwäche so auffallende Beweise geliefert hatte, befremden durch ihre
+durchgreifende Energie. Indes ist es doch wohl erklärlich, daß Pompeius
+diesmal entschlossener verfuhr als während seines Konsulats. Handelte
+es sich doch nicht darum, sofort als Monarch aufzutreten, sondern die
+Monarchie zunächst nur vorzubereiten durch eine militärische
+Ausnahmemaßregel, die, wie revolutionär sie ihrem Wesen nach war, doch
+noch in den Formen der bestehenden Verfassung vollzogen werden konnte,
+und die zunächst Pompeius dem alten Ziel seiner Wünsche, dem Kommando
+gegen Mithradates und Tigranes, entgegenführte. Auch gewichtige
+Zweckmäßigkeitsgründe sprachen für die Emanzipation der Militärgewalt
+von dem Senat. Pompeius konnte nicht vergessen haben, daß ein nach ganz
+gleichen Grundsätzen angelegter Plan zur Unterdrückung der Piraterie
+wenige Jahre zuvor an der verkehrten Ausführung durch den Senat
+gescheitert, daß der Ausgang des Spanischen Krieges durch die
+Vernachlässigung der Heere von sehen des Senats und dessen
+unverständige Finanzwirtschaft aufs höchste gefährdet worden war; er
+konnte nicht übersehen, wie die große Majorität der Aristokratie gegen
+ihn, den abtrünnigen Sullaner, gesinnt war und welchem Schicksal er
+entgegenging, wenn er als Feldherr der Regierung mit der gewöhnlichen
+Kompetenz sich nach dem Osten senden ließ. Begreiflich ist es daher,
+daß er als die erste Bedingung der Übernahme des Kommandos eine vom
+Senat unabhängige Stellung bezeichnete und daß die Bürgerschaft
+bereitwillig darauf einging. Es ist ferner in hohem Grade
+wahrscheinlich, daß Pompeius diesmal durch seine Umgebungen, die über
+sein Zurückweichen vor zwei Jahren vermutlich nicht wenig ungehalten
+waren, zu rascherem Handeln fortgerissen ward. Die Gesetzvorschläge
+über Lucullus’ Abberufung und die Expedition gegen die Piraten wurden
+eingebracht von dem Volkstribun Aulus Gabinius, einem ökonomisch und
+sittlich ruinierten Mann, aber einem gewandten Unterhändler, dreisten
+Redner und tapferen Soldaten. So wenig ernsthaft auch Pompeius’
+Beteuerungen gemeint waren, daß er den Oberbefehl in dem
+Seeräuberkriege durchaus nicht wünsche und nur nach häuslicher Ruhe
+sich sehne, so ist doch davon wahrscheinlich so viel wahr, daß der
+kecke und bewegliche Klient, der mit Pompeius und dessen engerem Kreise
+im vertraulichen Verkehr stand und die Verhältnisse und die Menschen
+vollkommen durchschaute, seinem kurzsichtigen und unbehilflichen Patron
+die Entscheidung zum guten Teil über den Kopf nahm.
+
+——————————————————————————
+
+Die Demokratie, wie unzufrieden ihre Führer im stillen sein mochten,
+konnte doch nicht wohl öffentlich gegen den Gesetzvorschlag auftreten.
+Die Durchbringung desselben hätte sie allem Anschein nach auf keinen
+Fall zu hindern vermocht, wohl aber durch Opposition dagegen mit
+Pompeius offen gebrochen und dadurch ihn genötigt, entweder der
+Oligarchie sich zu nähern oder gar beiden Parteien gegenüber seine
+persönliche Politik rücksichtslos zu verfolgen. Es blieb den Demokraten
+nichts übrig, als ihre Allianz mit Pompeius, wie hohl sie immer war,
+auch diesmal noch festzuhalten und diese Gelegenheit zu ergreifen, um
+wenigstens den Senat endlich definitiv zu stürzen und aus der
+Opposition in das Regiment überzugehen, das weitere aber der Zukunft
+und Pompeius’ wohlbekannter Charakterschwäche zu überlassen. So
+unterstützten denn auch ihre Führer, der Prätor Lucius Quinctius,
+derselbe, der sieben Jahre zuvor für die Wiederherstellung der
+tribunizischen Gewalt tätig gewesen war, und der gewesene Quästor Gaius
+Caesar, die Gabinischen Gesetzvorschläge.
+
+Die privilegierten Klassen waren außer sich, nicht bloß die Nobilität,
+sondern ebenso die kaufmännische Aristokratie, die auch ihre
+Sonderrechte durch eine so gründliche Staatsumwälzung bedroht fühlte
+und wieder einmal ihren rechten Patron in dem Senat erkannte. Als der
+Tribun Gabinius nach Einbringung seiner Anträge in der Kurie sich
+zeigte, fehlte nicht viel, daß ihn die Väter der Stadt mit eigenen
+Händen erwürgt hätten, ohne in ihrem Eifer zu erwägen, wie höchst
+unvorteilhaft diese Methode zu argumentieren für sie ablaufen wußte.
+Der Tribun entkam auf den Markt und rief die Menge auf, das Rathaus zu
+stürmen, als eben zur rechten Zeit noch die Sitzung aufgehoben ward.
+Der Konsul Piso, der Vorkämpfer der Oligarchie, der zufällig der Menge
+in die Hände geriet, wäre sicher ein Opfer der Volkswut geworden, wenn
+nicht Gabinius darüber zugekommen wäre und, um nicht durch unzeitige
+Freveltaten seinen gewissen Erfolg auf das Spiel zu stellen, den Konsul
+befreit hätte. Inzwischen blieb die Erbitterung der Menge unvermindert
+und fand stets neue Nahrung in den hohen Getreidepreisen und den
+zahlreichen, zum Teil ganz tollen Gerüchten, zum Beispiel, daß Lucius
+Lucullus die ihm zur Kriegführung überwiesenen Gelder teils in Rom
+zinsbar belegt, teils mit denselben den Prätor Quinctius der Sache des
+Volkes abwendig zu machen versucht habe; daß der Senat dem “zweiten
+Romulus”, wie man Pompeius nannte, das Schicksal des ersten ^2 zu
+bereiten gedenke und dergleichen mehr. Darüber kam der Tag der
+Abstimmung heran. Kopf an Kopf gedrängt stand die Menge auf dem Markte;
+bis an die Dächer hinauf waren alle Gebäude, von wo aus die Rednerbühne
+gesehen werden konnte, mit Menschen bedeckt. Sämtliche Kollegen des
+Gabinius hatten dem Senat die Interzession zugesagt: aber den
+brausenden Wogen der Massen gegenüber schwiegen alle bis auf den
+einzigen Lucius Trebellius, der sich und dem Senat geschworen hatte,
+lieber zu sterben als zu weichen. Als dieser interzedierte, unterbrach
+Gabinius sogleich die Abstimmung über seine Gesetzvorschläge und
+beantragte bei dem versammelten Volke, mit seinem widerstrebenden
+Kollegen zu verfahren, wie einst auf Tiberius Gracchus’ Antrag mit dem
+Octavius verfahren war, das heißt ihn sofort seines Amtes zu entsetzen.
+Es ward abgestimmt und die Verlesung der Stimmtafeln begann; als die
+ersten siebzehn Bezirke, die zur Verlesung kamen, sich für den Antrag
+erklärten und die nächste bejahende Stimme demselben die Majorität gab,
+zog Trebellius, seines Eides vergessend, die Interzession kleinmütig
+zurück. Vergeblich bemühte sich darauf der Tribun Otho zu bewirken, daß
+wenigstens die Kollegialität gewahrt und statt eines Feldherrn zwei
+gewählt werden möchten; vergeblich strengte der hochbejahrte Quintus
+Catulus, der geachtetste Mann im Senat, seine letzten Kräfte dafür an,
+daß die Unterfeldherren nicht vom Oberfeldherrn ernannt, sondern vom
+Volke gewählt werden möchten. Otho konnte in dem Toben der Menge nicht
+einmal sich Gehör verschaffen; dem Catulus verschaffte es Gabinius’
+wohlberechnete Zuvorkommenheit, und in ehrerbietigem Schweigen horchte
+die Menge den Worten des Greises; aber verloren waren sie darum nicht
+minder. Die Vorschläge wurden nicht bloß mit allen Klauseln unverändert
+zum Gesetz erhoben, sondern auch, was Pompeius noch im einzelnen
+nachträglich begehrte, augenblicklich und vollständig bewilligt.
+
+———————————————————————————————
+
+^2 Der Sage nach ward König Romulus von den Senatoren in Stücke
+zerrissen.
+
+——————————————————————————————-
+
+Mit hochgespannten Hoffnungen sah man die beiden Feldherren Pompeius
+und Glabrio nach ihren Bestimmungsorten abgehen. Die Kornpreise waren
+nach dem Durchgehen der Gabinischen Gesetze sogleich auf die
+gewöhnlichen Sätze zurückgegangen: ein Beweis, welche Hoffnungen an die
+großartige Expedition und ihren ruhmvollen Führer sich knüpften. Sie
+wurden, wie später erzählt wird, nicht bloß erfüllt, sondern
+übertroffen; in drei Monaten war die Säuberung der Meere vollendet.
+Seit dem Hannibalischen Kriege war die römische Regierung nicht mit
+solcher Energie nach außen hin aufgetreten; gegenüber der schlaffen und
+unfähigen Verwaltung der Oligarchie hatte die demokratisch-militärische
+Opposition auf das glänzendste ihren Beruf dargetan, die Zügel des
+Staates zu fassen und zu lenken. Die ebenso unpatriotischen wie
+ungeschickten Versuche des Konsuls Piso, den Anstalten des Pompeius zu
+Unterdrückung der Piraterie im Narbonensischen Gallien kleinliche
+Hindernisse in den Weg zu legen, steigerten nur die Erbitterung der
+Bürgerschaft gegen die Oligarchie und ihren Enthusiasmus für Pompeius:
+einzig dessen persönliche Dazwischenkunft verhinderte es, daß die
+Volksversammlung nicht den Konsul kurzweg seines Amtes entsetzte.
+
+Inzwischen war auf dem asiatischen Festland die Verwirrung nur noch
+ärger geworden. Glabrio, der an Lucullus’ Stelle den Oberbefehl gegen
+Mithradates und Tigranes übernehmen sollte, war in Vorderasien sitzen
+geblieben und hatte zwar durch verschiedene Proklamationen die Soldaten
+gegen Lucullus aufgestiftet, aber den Oberbefehl nicht angetreten, so
+daß Lucullus denselben fortzuführen gezwungen war. Gegen Mithradates
+war natürlich nichts geschehen; die pontischen Reiter plünderten
+ungescheut und ungestraft in Bithynien und Kappadokien. Durch den
+Piratenkrieg war auch Pompeius veranlaßt worden, sich mit seinem Heer
+nach Kleinasien zu begeben; nichts lag näher, als ihm den Oberbefehl in
+dem Pontisch-Armenischen Kriege zu übertragen, dem er selbst seit
+langem nachtrachtete. Allein die demokratische Partei in Rom teilte
+begreiflicherweise die Wünsche ihres Generals nicht und hütete sich
+wohl, hierin die Initiative zu ergreifen. Es ist sehr wahrscheinlich,
+daß sie den Gabinius bestimmt hatte, den Mithradatischen und den
+Piratenkrieg nicht von vornherein beide zugleich an Pompeius, sondern
+den ersteren an Glabrio zu übertragen; auf keinen Fall konnte sie jetzt
+die Ausnahmestellung des schon allzumächtigen Feldherrn steigern und
+verewigen wollen. Auch Pompeius selbst verhielt nach seiner Gewohnheit
+sich leidend, und vielleicht wäre er in der Tat nach Vollziehung des
+ihm gewordenen Auftrags heimgekehrt, wenn nicht ein allen Parteien
+unerwarteter Zwischenfall eingetreten wäre. Ein gewisser Gaius
+Manilius, ein ganz nichtiger und unbedeutender Mensch, hatte als
+Volkstribun es durch seine ungeschickten Gesetzvorschläge zugleich mit
+der Aristokratie und der Demokratie verdorben. In der Hoffnung, sich
+unter des mächtigen Feldherrn Flügeln zu bergen, wenn er diesem
+verschaffe, was er, wie jedem bekannt war, sehnlichst wünschte, aber
+doch zu fordern sich nicht getraute, stellte er bei der Bürgerschaft
+den Antrag, die Statthalter Glabrio aus Bithynien und Pontos, Marcius
+Rex aus Kilikien abzuberufen und diese Ämter sowie die Führung des
+Krieges im Osten, wie es scheint ohne bestimmte Zeitgrenze und
+jedenfalls mit der freiesten Befugnis, Frieden und Bündnis zu
+schließen, dem Prokonsul der Meere und Küsten neben seinem bisherigen
+Amte zu übertragen (Anfang 688 66). Es zeigte hier sich einmal recht
+deutlich, wie zerrüttet die römische Verfassungsmaschine war, seit die
+gesetzgeberische Gewalt teils der Initiative nach jedem noch so
+geringen Demagogen, und der Beschlußfassung nach der unmündigen Menge
+in die Hände gegeben, teils auf die wichtigsten Verwaltungsfragen
+erstreckt war. Der Manilische Vorschlag war keiner der politischen
+Parteien genehm; dennoch fand er kaum irgendwo ernstlichen Widerstand.
+Die demokratischen Führer konnten aus denselben Gründen, die sie
+gezwungen hatten, das Gabinische Gesetz sich gefallen zu lassen, es
+nicht wagen, sich dem Manilischen geradezu zu widersetzen; sie
+verschlossen ihren Unwillen und ihre Besorgnisse in sich und redeten
+öffentlich für den Feldherrn der Demokratie. Die gemäßigten Optimaten
+erklärten sich für den Manilischen Antrag, weil nach dem Gabinischen
+Gesetz der Widerstand auf jeden Fall vergeblich war und weiterblickende
+Männer schon damals erkannten, daß es für den Senat die richtige
+Politik sei, sich Pompeius möglichst zu nähern und bei dem
+vorauszusehenden Bruch zwischen ihm und den Demokraten ihn auf ihre
+Seite hinüberzuziehen. Die Männer des Schaukelsystems endlich segneten
+den Tag, wo auch sie eine Meinung zu haben scheinen und entschieden
+auftreten konnten, ohne es mit einer der Parteien zu verderben - es ist
+bezeichnend, daß mit der Verteidigung des Manilischen Antrags Marcus
+Cicero zuerst die politische Rednerbühne betrat. Einzig die strengen
+Optimaten, Quintus Catulus an der Spitze, zeigten wenigstens Farbe und
+sprachen gegen den Vorschlag. Natürlich wurde derselbe mit einer an
+Einstimmigkeit grenzenden Majorität zum Gesetz erhoben. Pompeius
+erhielt dadurch zu seiner früheren ausgedehnten Machtfülle noch die
+Verwaltung der wichtigsten kleinasiatischen Provinzen, so daß es
+innerhalb der weiten römischen Grenzen kaum noch einen Fleck Landes
+gab, der ihm nicht gehorcht hätte, und die Führung eines Krieges, von
+dem man, wie von Alexanders Heerfahrt, wohl sagen konnte, wo und wann
+er begann, aber nicht, wo und wann er enden möge. Niemals noch, seit
+Rom stand, war solche Gewalt in den Händen eines einzigen Mannes
+vereinigt gewesen.
+
+Die Gabinisch-Manilischen Anträge beendigten den Kampf zwischen dem
+Senat und der Popularpartei, den vor siebenundsechzig Jahren die
+Sempronischen Gesetze begonnen hatten. Wie die Sempronischen Gesetze
+die Revolutionspartei zunächst als politische Opposition
+konstituierten, so ging dieselbe mit den Gabinisch-Manilischen über aus
+der Opposition in das Regiment; und wie es ein großartiger Moment
+gewesen war, als mit der vergeblichen Interzession des Octavius der
+erste Bruch in die bestehende Verfassung geschah, so war es nicht
+minder ein bedeutungsvoller Augenblick, als mit dem Rücktritt des
+Trebellius das letzte Bollwerk des senatorischen Regiments
+zusammenbrach. Auf beiden Seiten ward dies wohl empfunden, und selbst
+die schlaffen Senatorenseelen zuckten auf in diesem Todeskampf; aber es
+lief doch die Verfassungsfehde in gar anderer und gar viel
+kümmerlicherer Weise zu Ende, als sie angefangen hatte. Ein in jedem
+Sinne adliger Jüngling hatte die Revolution eröffnet; sie ward
+beschlossen durch kecke Intriganten und Demagogen des niedrigsten
+Schlages. Wenn andererseits die Optimaten mit gemessenem Widerstand,
+mit einer selbst auf den verlorenen Posten ernst ausharrenden
+Verteidigung begonnen hatten, so endigten sie mit der Initiative zum
+Faustrecht, mit großwortiger Schwäche und jämmerlichem Eidbruch. Es war
+nun erreicht, was einst als ein kecker Traum erschienen war: der Senat
+hatte aufgehört zu regieren. Aber wenn die einzelnen alten Männer, die
+noch die ersten Stürme der Revolution gesehen, die Worte der Gracchen
+vernommen hatten, jene Zeit und diese miteinander verglichen, so fanden
+sie alles inzwischen verändert, Landschaft und Bürgerschaft,
+Staatsrecht und Kriegszucht, Leben und Sitte, und wohl mochte
+schmerzlich lächeln, wer die Ideale der Gracchenzeit mit ihrer
+Realisierung verglich. Indes solche Betrachtungen gehörten der
+Vergangenheit an. Für jetzt und wohl auch für die Zukunft war der Sturz
+der Aristokratie eine vollendete Tatsache. Die Oligarchen glichen einer
+vollständig aufgelösten Armee, deren versprengte Haufen noch eine
+andere Heeresmasse verstärken, aber selbst nirgends mehr das Feld
+halten, noch auf eigene Rechnung ein Gefecht wagen konnten. Aber indem
+der alte Kampf zu Ende lief, bereitete zugleich ein neuer sich vor: der
+Kampf der beiden bisher zum Sturz der aristokratischen Staatsverfassung
+verbündeten Mächte, der bürgerlich demokratischen Opposition und der
+immer übermächtiger aufstrebenden Militärgewalt. Pompeius’
+Ausnahmestellung war schon nach dem Gabinischen, um wie viel mehr nach
+dem Manilischen Gesetz mit einer republikanischen Staatsordnung
+unvereinbar. Er war, wie schon damals die Gegner mit gutem Grund
+sagten, durch das Gabinische Gesetz nicht zum Admiral, sondern zum
+Reichsregenten bestellt worden; nicht mit Unrecht heißt er einem mit
+den östlichen Verhältnissen vertrauten Griechen “König der Könige”.
+Wenn er dereinst, wiederum siegreich und mit erhöhtem Ruhm, mit
+gefüllten Kassen, mit schlagfertigen und ergebenen Truppen zurückkehrt
+aus dem Osten, nach der Krone die Hand ausstreckte - wer wollte dann
+ihm in den Arm fallen? Sollte etwa gegen den ersten Feldherrn seiner
+Zeit und seine erprobten Legionen der Konsular Quintus Catulus die
+Senatoren aufbieten? Oder der designierte Ädil Gaius Caesar die
+städtische Menge, deren Augen er soeben an seinen dreihundertzwanzig
+silbergerüsteten Fechterpaaren geweidet hatte? Bald werde man, rief
+Catulus, abermals auf die Felsen des Kapitols flüchten müssen, um die
+Freiheit zu retten. Es war nicht die Schuld des Propheten, wenn der
+Sturm nicht, wie er meinte, von Osten kam, sondern das Schicksal,
+buchstäblicher als er selbst es ahnte seine Worte erfüllend, das
+vernichtende Unwetter wenige Jahre später aus dem Keltenland
+heranführte.
+
+
+
+
+KAPITEL IV.
+Pompeius und der Osten
+
+
+Wir haben früher gesehen, wie trostlos im Osten zu Lande und zur See
+die Angelegenheiten Roms standen, als im Anfang des Jahres 687 (67)
+Pompeius zunächst die Führung des Krieges gegen die Piraten mit beinahe
+unumschränkter Machtvollkommenheit übernahm. Er begann damit, das
+ungeheure ihm überwiesene Gebiet in dreizehn Bezirke zu teilen und
+jeden derselben einem seiner Unterfeldherren zu überweisen, um daselbst
+Schiffe und Mannschaften zu rüsten, die Küsten abzusuchen und die
+Piratenboote aufzubringen oder einem der Kollegen ins Garn zu jagen. Er
+selbst ging mit dem besten Teil der vorhandenen Kriegsschiffe, unter
+denen auch diesmal die rhodischen sich auszeichneten, früh im Jahr in
+See und reinigte zunächst die sizilischen, afrikanischen und sardischen
+Gewässer, um vor allem die Getreidezufuhr aus diesen Provinzen nach
+Italien wieder in Gang zu bringen. Für die Säuberung der spanischen und
+gallischen Küsten sorgten inzwischen die Unterfeldherren. Es war bei
+dieser Gelegenheit, daß der Konsul Gaius Piso von Rom aus die
+Aushebungen zu hemmen versuchte, welche Pompeius’ Legat Marcus
+Pomponius kraft des Gabinischen Gesetzes in der Provinz Narbo
+veranstaltete - ein unkluges Beginnen, dem zu steuern und zugleich die
+gerechte Erbitterung der Menge gegen den Konsul in den gesetzlichen
+Schranken zu halten Pompeius vorübergehend wieder in Rom erschien. Als
+nach vierzig Tagen im westlichen Becken des Mittelmeers die Schiffahrt
+überall freigemacht war, ging Pompeius mit seinen sechzig besten
+Fahrzeugen weiter in das östliche Meer, zunächst nach dem Ur- und
+Hauptsitz der Piraterie, den lykischen und kilikischen Gewässern. Auf
+die Kunde von dem Herannahen der römischen Flotte verschwanden nicht
+bloß die Piratenkähne überall von der offenen See; auch die starken
+lykischen Festen Antikragos und Kragos ergaben sich, ohne ernstlichen
+Widerstand zu leisten. Mehr noch als die Furcht öffnete Pompeius’
+wohlberechnete Milde die Tore dieser schwer zugänglichen Seeburgen.
+Seine Vorgänger hatten jeden gefangenen Seeräuber ans Kreuz heften
+lassen; er gab ohne Bedenken allen Quartier und behandelte namentlich
+die auf den genommenen Piratenbooten vorgefundenen gemeinen Ruderer mit
+ungewohnter Nachsicht. Nur die kühnen kilikischen Seekönige wagten
+einen Versuch, wenigstens ihre eigenen Gewässer mit den Waffen gegen
+die Römer zu behaupten: nachdem sie ihre Kinder und Frauen und ihre
+reichen Schätze in die Bergschlösser des Taurus geflüchtet hatten,
+erwarteten sie die römische Flotte an der Westgrenze Kilikiens, auf der
+Höhe von Korakesion. Aber Pompeius’ wohlbemannte und mit allem
+Kriegszeug wohlversehene Schiffe erfochten hier einen vollständigen
+Sieg. Ohne weiteres Hindernis landete er darauf und begann die
+Bergschlösser der Korsaren zu stürmen und zu brechen, während er
+fortfuhr, ihnen selbst als Preis der Unterwerfung Freiheit und Leben zu
+bieten. Bald gab die große Menge es auf, in ihren Burgen und Bergen
+einen hoffnungslosen Krieg fortzusetzen und bequemte sich zur Ergebung.
+Neunundvierzig Tage nachdem Pompeius in der östlichen See erschienen,
+war Kilikien unterworfen und der Krieg zu Ende. Die rasche
+Überwältigung der Piraterie war eine große Erleichterung, aber keine
+großartige Tat: mit den Hilfsmitteln des römischen Staates, die in
+verschwenderischem Maße waren aufgeboten worden, konnten die Korsaren
+so wenig sich messen als die vereinigten Diebesbanden einer großen
+Stadt mit einer wohlorganisierten Polizei. Es war naiv, eine solche
+Razzia als einen Sieg zu feiern. Aber verglichen mit dem langjährigen
+Bestehen und der grenzenlosen, täglich weiter um sich greifenden
+Ausdehnung des Übels ist es erklärlich, daß die überraschend schnelle
+Überwältigung der gefürchteten Piraten auf das Publikum den
+gewaltigsten Eindruck machte; um so mehr, da dies die erste Probe des
+in einer Hand zentralisierten Regiments war und die Parteien gespannt
+darauf harrten, ob es verstehen werde, besser als das kollegialische zu
+regieren. Gegen 400 Schiffe und Boote, darunter 90 eigentliche
+Kriegsfahrzeuge, wurden teils von Pompeius genommen, teils ihm
+ausgeliefert; im ganzen sollen an 1300 Piratenfahrzeuge zugrunde
+gerichtet und außerdem die reichgefüllten Arsenale und Zeughäuser der
+Flibustier in Flammen aufgegangen sein. Von den Seeräubern waren gegen
+10000 umgekommen, über 20000 dem Sieger lebend in die Hände gefallen,
+wogegen Publius Clodius, der Flottenführer der in Kilikien stehenden
+römischen Armee, und eine Menge anderer von den Piraten weggeführter,
+zum Teil daheim längst tot geglaubter Individuen durch Pompeius ihre
+Freiheit wiedererlangten. Im Sommer 687 (67), drei Monate nach dem
+Beginn des Feldzugs, gingen Handel und Wandel wieder ihren gewohnten
+Gang und anstatt der früheren Hungersnot herrschte in Italien Überfluß.
+
+Ein verdrießliches Zwischenspiel auf der Insel Kreta trübte indes
+einigermaßen diesen erfreulichen Erfolg der römischen Waffen. Dort
+stand schon im zweiten Jahre Quintus Metellus, beschäftigt, die im
+wesentlichen bereits bewirkte Unterwerfung der Insel zu vollenden, als
+Pompeius in den östlichen Gewässern erschien. Eine Kollision lag nahe,
+denn nach dem Gabinischen Gesetz erstreckte sich Pompeius’ Kommando
+konkurrierend mit dem des Metellus auf die ganze Ianggestreckte, aber
+nirgends über zwanzig deutsche Meilen breite Insel; doch war Pompeius
+so rücksichtsvoll, sie keinem seiner Unterbefehlshaber zu überweisen.
+Allein die noch widerstrebenden kretischen Gemeinden, die ihre
+unterworfenen Landsleute von Metellus mit der grausamsten Strenge zur
+Verantwortung hatten ziehen sehen und dagegen die milden Bedingungen
+vernahmen, welche Pompeius den ihm sich ergebenden Ortschaften des
+südlichen Kleinasiens zu stellen pflegte, zogen es vor, ihre
+Gesamtunterwerfung an Pompeius einzugeben, der sie auch in Pamphylien,
+wo er eben sich befand, von ihren Gesandten entgegennahm und ihnen
+seinen Legaten Lucius Octavius mitgab, um Metellus den Abschluß der
+Verträge anzuzeigen und die Städte zu übernehmen. Kollegialisch war
+dies Verfahren freilich nicht; allein das formelle Recht war durchaus
+auf seiten des Pompeius und Metellus im offenbarsten Unrecht, wenn er,
+den Vertrag der Städte mit Pompeius vollständig ignorierend, dieselben
+als feindliche zu behandeln fortfuhr. Vergeblich protestierte Octavius;
+vergeblich rief er, da er selbst ohne Truppen gekommen war, aus Achaia
+den dort stehenden Unterfeldherrn des Pompeius, Lucius Sisenna, herbei;
+Metellus, weder um Octavius noch um Sisenna sich bekümmernd, belagerte
+Eleutherna und nahm Lappa mit Sturm, wo Octavius selbst
+gefangengenommen und beschimpft entlassen, die mit ihm gefangenen
+Kreter aber dem Henker überliefert wurden. So kam es zu förmlichen
+Gefechten zwischen Sisennas Truppen, an deren Spitze nach dieses
+Führers Tode sich Octavius stellte, und denen des Metellus; selbst als
+jene nach Achaia zurückkommandiert worden waren, setzte Octavius in
+Gemeinschaft mit dem Kreter Aristion den Krieg fort, und Hierapytna, wo
+beide sich hielten, ward von Metellus erst nach der hartnäckigsten
+Gegenwehr bezwungen.
+
+In der Tat hatte damit der eifrige Optimat Metellus gegen den
+Oberfeldherrn der Demokratie auf eigene Hand den förmlichen Bürgerkrieg
+begonnen; es zeugt von der unbeschreiblichen Zerrüttung der römischen
+Staatsverhältnisse, daß diese Auftritte zu nichts weiterem führten als
+zu einer bitteren Korrespondenz zwischen den beiden Generalen, die ein
+paar Jahre darauf wieder friedlich und sogar “freundschaftlich”
+nebeneinander im Senate saßen.
+
+Pompeius stand während dieser Vorgänge in Kilikien; für das nächste
+Jahr, wie es schien, einen Feldzug vorbereitend gegen die Kretenser
+oder vielmehr gegen Metellus, in der Tat des Winkes harrend, der ihn
+zum Eingreifen in die gründlich verwirrten Angelegenheiten des
+kleinasiatischen Kontinents berief. Was von Lucullus’ Heer nach den
+erlittenen Verlusten und der Verabschiedung der Fimbrianischen Legionen
+noch übrig war, stand untätig am oberen Halys in der Landschaft der
+Trokmer an der Grenze des pontischen Gebietes. Den Oberbefehl führte
+einstweilen immer noch Lucullus, da sein ernannter Nachfolger Glabrio
+fortfuhr, in Vorderasien zu säumen. Ebenso untätig lagerten in Kilikien
+die drei von Quintus Marcius Rex befehligten Legionen. Das pontische
+Gebiet war wieder ganz in der Gewalt des Königs Mithradates, der die
+einzelnen Männer und Gemeinden, die den Römern sich angeschlossen
+hatten, wie zum Beispiel die Stadt Eupatoria, mit grausamer Strenge
+ihren Abfall büßen ließ. Zu einer ernsten Offensive gegen die Römer
+schritten die Könige des Ostens nicht, sei es daß sie überhaupt nicht
+in ihrem Plan lag, sei es, was auch behauptet wurde, daß Pompeius’
+Landung in Kilikien die Könige Mithradates und Tigranes bewog, von
+weiterem Vorgehen abzustehen. Rascher als Pompeius selbst es gehofft
+haben mochte, verwirklichte das Manilische Gesetz seine im stillen
+genährten Hoffnungen: Glabrio und Rex wurden abberufen und die
+Statthalterschaften Pontus-Bithynien und Kilikien mit den darin
+stehenden Truppen sowie die Führung des Pontisch-Armenischen Krieges
+nebst der Befugnis, mit den Dynasten des Ostens nach eigenem Gutdünken
+Krieg, Frieden und Bündnis zu machen, auf Pompeius übertragen. Über die
+Aussicht auf so reiche Ehren und Spolien vergaß Pompeius gern die
+Züchtigung eines übellaunigen und seine sparsamen Lorbeerblätter
+neidisch hütenden Optimaten, gab den Zug gegen Kreta und die fernere
+Verfolgung der Korsaren auf und bestimmte auch seine Flotte zu
+Unterstützung des Angriffs, den er gegen die Könige von Pontus und
+Armenien entwarf. Doch verlor er über diesen Landkrieg die immer wieder
+aufs neue ihr Haupt erhebende Piraterie keineswegs völlig aus den
+Augen. Ehe er Asien verließ (691 63), ließ er daselbst noch die nötigen
+Schiffe gegen die Korsaren instand setzen; auf seinen Antrag ward das
+Jahr darauf für Italien eine ähnliche Maßregel beschlossen und die dazu
+nötige Summe vom Senat bewilligt. Man fuhr fort, die Küsten mit
+Reiterbesatzungen und kleinen Geschwadern zu decken. Wenn man auch, wie
+schon die später zu erwähnenden Expeditionen gegen Kypros 696 (58) und
+gegen Ägypten 699 (55) beweisen, der Piraterie nicht durchaus Herr
+ward, so hat dieselbe doch nach der Expedition des Pompeius unter allen
+Wechselfällen und politischen Krisen Roms niemals wieder so ihr Haupt
+emporheben und so völlig die Römer an der See verdrängen können, wie es
+unter dem Regiment der verrotteten Oligarchie geschehen war.
+
+Die wenigen Monate, die vor dem Beginn des kleinasiatischen Feldzugs
+noch übrig waren, wurden von dem neuen Oberfeldherrn mit angestrengter
+Tätigkeit zu diplomatischen und militärischen Vorbereitungen benutzt.
+Es gingen Gesandte an Mithradates, mehr um zu kundschaften, als um eine
+ernstliche Vermittlung zu versuchen. Am pontischen Hofe hoffte man, daß
+der König der Parther, Phraates, durch die letzten bedeutenden Erfolge,
+die die Verbündeten über Rom davongetragen hatten, sich zum Eintritt in
+das pontisch-armenische Bündnis bestimmen lassen werde. Dem
+entgegenzuwirken gingen römische Boten an den Hof von Ktesiphon; und
+ihnen kamen die inneren Wirren zu Hilfe, die das armenische
+Herrscherhaus zerrissen. Des Großkönigs Tigranes gleichnamiger Sohn
+hatte sich gegen seinen Vater empört, sei es daß er den Tod des Greises
+nicht abwarten mochte, sei es daß der Argwohn desselben, der schon
+mehreren seiner Brüder das Leben gekostet hatte, ihn die einzige
+Möglichkeit der Rettung in der offenen Empörung sehen ließ. Vom Vater
+überwunden, hatte er mit einer Anzahl vornehmer Armenier sich an den
+Hof des Arsakiden geflüchtet und intrigierte dort gegen den Vater. Es
+war zum Teil sein Werk, daß Phraates den Lohn für den Beitritt, der ihm
+von beiden Seiten geboten ward, den gesicherten Besitz Mesopotamiens,
+lieber aus der Hand der Römer nahm und den mit Lucullus hinsichtlich
+der Euphratgrenze abgeschlossenen Vertrag mit Pompeius erneuerte, ja
+sogar darauf einging, mit den Römern gemeinschaftlich gegen Armenien zu
+operieren. Noch größeren Schaden als durch die Förderung des Bündnisses
+zwischen den Römern und den Parthern tat der jüngere Tigranes den
+Königen Tigranes und Mithradates dadurch, daß sein Aufstand eine
+Spaltung zwischen ihnen selbst hervorrief. Der Großkönig näherte im
+geheimen den Argwohn, daß der Schwiegervater bei der Schilderhebung
+seines Enkels - die Mutter des jüngeren Tigranes, Kleopatra, war die
+Tochter Mithradats - die Hand im Spiel gehabt haben möge, und wenn es
+auch darüber nicht zum offenen Bruch kam, so war doch das gute
+Einverständnis der beiden Monarchen eben in dem Augenblick gestört, wo
+sie desselben am dringendsten bedurften.
+
+Zugleich betrieb Pompeius die Rüstungen mit Energie. Die asiatischen
+Bundes- und Klientelgemeinden wurden gemahnt, den vertragsmäßigen Zuzug
+zu leisten. Öffentliche Anschläge forderten die entlassenen Veteranen
+der Legionen Fimbrias auf, als Freiwillige wieder unter die Fahnen
+zurückzutreten, und durch große Versprechungen und den Namen des
+Pompeius ließ ein ansehnlicher Teil derselben in der Tat sich
+bestimmen, dem Rufe zu folgen. Die gesamte Streitmacht, die unter
+Pompeius’ Befehlen vereinigt war, mochte mit Ausschluß der Hilfsvölker
+sich auf etwa 40-50000 Mann belaufen ^1.
+
+———————————————————————
+
+^1 Pompeius verteilte unter seine Soldaten und Offiziere als
+Ehrengeschenk 384 Mill. Sesterzen (= 16000 Talente; App. Mithr. 116);
+da die Offiziere 100 Mill. empfingen (Plin. nat. 37, 2, 16), von den
+gemeinen Soldaten aber jeder 6000 Sesterzen (Plin., App.), so zählte
+das Heer noch bei dem Triumph etwa 40000 Mann.
+
+——————————————————————-
+
+Im Frühjahr 688 (66) begab sich Pompeius nach Galatien, um den
+Oberbefehl über die Truppen Luculls zu übernehmen und mit ihnen in das
+pontische Gebiet einzurücken, wohin die kilikischen Legionen angewiesen
+waren zu folgen. In Danala, einer Ortschaft der Trokmer, trafen die
+beiden Feldherren zusammen; die Versöhnung aber, die die beiderseitigen
+Freunde zu bewirken gehofft hatten, ward nicht erreicht. Die
+einleitenden Höflichkeiten gingen bald über in bittere Erörterungen und
+diese in heftigen Wortwechsel; man schied verstimmter, als man gekommen
+war. Da Lucullus fortfuhr, gleich als wäre er noch im Amte,
+Ehrengeschenke zu machen und Ländereien zu verteilen, so erklärte
+Pompeius alle nach seinem Eintreffen von seinem Amtsvorgänger
+vollzogenen Handlungen für nichtig. Formell war er in seinem Recht;
+sittlichen Takt in der Behandlung eines verdienten und mehr als genug
+gekränkten Gegners durfte man bei ihm nicht suchen.
+
+Sowie es die Jahreszeit erlaubte, überschritten die römischen Truppen
+die pontische Grenze. Gegen sie stand hier mit 30000 Mann zu Fuß und
+3000 Reitern König Mithradates. Im Stich gelassen von seinen
+Verbündeten und mit verstärkter Macht und Energie von Rom angegriffen,
+machte er einen Versuch, Frieden zu erwirken; allein von unbedingter
+Unterwerfung, die Pompeius forderte, wollte er nichts hören - was
+konnte der unglücklichste Feldzug ihm Schlimmeres bringen? Um sein
+Heer, größtenteils Schützen und Reiter, nicht dem furchtbaren Stoß der
+römischen Linieninfanterie preiszugeben, wich er langsam vor dem Feinde
+zurück und nötigte die Römer, ihm auf seinen Kreuz- und Quermärschen zu
+folgen, wobei er, wo Gelegenheit dazu war, mit seiner überlegenen
+Reiterei der feindlichen standhielt und den Römern durch die
+Erschwerung der Verpflegung nicht geringe Drangsale bereitete.
+Ungeduldig gab endlich Pompeius es auf, die pontische Armee zu
+begleiten und ging, den König stehen lassend, daran, das Land zu
+unterwerfen: er rückte an den oberen Euphrat, überschritt ihn und
+betrat die östlichen Provinzen des Pontischen Reiches. Aber auch
+Mithradates folgte auf das linke Euphratufer nach, und in der
+Anaitischen oder Akilisenischen Landschaft angelangt, verlegte er den
+Römern den Weg bei der festen und mit Wasser wohl versehenen Burg
+Dasteira, von wo aus er mit seinen leichten Truppen das Blachfeld
+beherrschte. Pompeius, immer noch der kilikischen Legionen entbehrend
+und ohne sie nicht stark genug, um sich in dieser Lage zu behaupten,
+mußte über den Euphrat zurückgehen und in dem waldigen, von
+Felsschluchten und Tieftälern vielfach durchschnittenen Terrain des
+pontischen Armenien vor den Reitern und Bogenschützen des Königs Schutz
+suchen. Erst als die Truppen aus Kilikien eintrafen und es möglich
+machten, nun mit Übermacht die Offensive wiederaufzunehmen, ging
+Pompeius wieder vor, umschloß das Lager des Königs mit einer
+Postenkette von fast vier deutschen Meilen Länge und hielt ihn hier
+förmlich blockiert, während die römischen Detachements die Gegend weit
+umher durchstreiften. Die Not im pontischen Lager war groß; schon mußte
+die Bespannung niedergestoßen werden, endlich nach
+fünfundvierzigtägigem Verweilen ließ der König seine Kranken und
+Verwundeten, da er sie weder retten konnte, noch dem Feinde in die
+Hände fallen lassen wollte, durch die eigenen Leute niedermachen und
+brach zur Nachtzeit in möglichster Stille auf gegen Osten. Vorsichtig
+folgte Pompeius durch das unbekannte Land; schon näherte der Marsch
+sich der Grenze, die Mithradates’ und Tigranes’ Gebiete voneinander
+schied. Als der römische Feldherr erkannte, daß Mithradates nicht
+innerhalb seines Gebietes den Kampf zur Entscheidung zu bringen,
+sondern den Feind in die grenzenlosen Fernen des Ostens sich
+nachzuziehen gedenke, entschloß er sich, dies nicht zu gestatten. Die
+beiden Heere lagerten hart aneinander. Während der Mittagsrast brach
+das römische auf, ohne daß der Feind es bemerkte, umging ihn und
+besetzte die vorwärts liegenden und einen vom Feinde zu passierenden
+Engpaß beherrschenden Anhöhen am südlichen Ufer des Flusses Lykos
+(Jeschil Irmak) unweit des heutigen Enderes, da wo später Nikopolis
+erbaut ward. Den folgenden Morgen brachen die Pontiker in gewohnter
+Weise auf und, den Feind wie bisher hinter sich vermutend, schlugen sie
+nach zurückgelegtem Tagesmarsch ihr Lager eben in dem Tale, dessen
+Höhenring die Römer besetzt hatten. Plötzlich erscholl in der Stille
+der Nacht rings im Kreise um sie der gefürchtete Schlachtruf der
+Legionen und regneten von allen Seiten die Geschosse in die asiatischen
+Heerhaufen, in denen Soldaten und Troß, Wagen, Pferde, Kamele sich
+durcheinander schoben und in deren dichtem Knäuel trotz der Dunkelheit
+kein Geschoß fehlging. Als die Römer sich verschossen hatten, stürmten
+sie von den Höhen herab auf die in dem Scheine des inzwischen
+aufgegangen Mondes sichtbar gewordenen und fast wehrlos ihnen
+preisgegebenen Scharen, und was nicht von dem Eisen der Feinde fiel,
+ward in dem fürchterlichen Gedränge unter den Hufen und Rädern
+zermalmt. Es war das letzte Schlachtfeld, auf welchem der greise König
+mit den Römern gestritten hat. Mit drei Begleitern, zweien seiner
+Reiter und einer Kebse, die in Männertracht ihm zu folgen und tapfer
+neben ihm zu streiten gewohnt war, entrann er von dort zu der Feste
+Sinoria, wo sich ein Teil seiner Getreuen zu ihm fand. Er teilte seine
+hier aufbewahrten Schätze, 6000 Talente Goldes (11 Mill. Taler), unter
+sie aus, versah sie und sich mit Gift und eilte mit dem ihm gebliebenen
+Haufen den Euphrat hinauf, um mit seinem Verbündeten, dem Großkönig von
+Armenien, sich zu vereinigen.
+
+Auch diese Hoffnung war eitel; das Bündnis, auf das vertrauend
+Mithradates den Weg nach Armenien einschlug, bestand damals bereits
+nicht mehr. Während der eben erzählten Kämpfe zwischen Mithradates und
+Pompeius war der Partherkönig, dem Drängen der Römer und vor allem dem
+des landflüchtigen armenischen Prinzen nachgebend, mit gewaffneter Hand
+in das Reich des Tigranes eingefallen und hatte denselben gezwungen,
+sich in die unzugänglichen Gebirge zurückzuziehen. Die Invasionsarmee
+begann sogar die Belagerung der Hauptstadt Artaxata; allein da dieselbe
+sich in die Länge zog, entfernte sich König Phraates mit dem größten
+Teil seiner Truppen, worauf Tigranes das zurückgebliebene parthische
+Korps und die von seinem Sohn geführten armenischen Emigranten
+überwältigte und in dem ganzen Reiche seine Herrschaft
+wiederherstellte. Begreiflicherweise indes war unter diesen Umständen
+der König wenig geneigt, mit den aufs neue siegreichen Römern zu
+schlagen, am wenigsten sich für Mithradates aufzuopfern, dem er minder
+traute als je, seit ihm die Meldung zugekommen war, daß sein
+rebellischer Sohn beabsichtige, sich zu dem Großvater zu begeben. So
+knüpfte er mit den Römern Unterhandlungen über einen Sonderfrieden an;
+aber er wartete den Abschluß des Vertrages nicht ab, um das Bündnis,
+das ihn an Mithradates fesselte, zu zerreißen. An der armenischen
+Grenze angelangt, mußte dieser vernehmen, daß der Großkönig Tigranes
+einen Preis von 100 Talenten (150000 Taler) auf seinen Kopf gesetzt,
+seine Gesandten festgenommen und sie den Römern ausgeliefert habe.
+König Mithradates sah sein Reich in den Händen des Feindes, seine
+Bundesgenossen im Begriff, mit demselben sich zu vergleichen; es war
+nicht möglich, den Krieg fortzusetzen; er mußte sich glücklich
+schätzen, wenn es ihm gelang, sich an die Ost- und Nordgestade des
+Schwarzen Meeres zu retten, vielleicht seinen abtrünnigen und mit den
+Römern in Verbindung getretenen Sohn Machares wieder aus dem
+Bosporanischen Reiche zu verdrängen und an der Mäotis für neue Entwürfe
+einen neuen Boden zu finden. So schlug er sich nordwärts. Als der König
+auf der Flucht die alte Grenze Kleinasiens, den Phasis, überschritten
+hatte, stellte Pompeius vorläufig seine Verfolgung ein; statt aber in
+das Quellgebiet des Euphrat zurückzukehren, wandte er sich seitwärts in
+das Gebiet des Araxes, um mit Tigranes ein Ende zu machen. Fast ohne
+Widerstand zu finden gelangte er in die Gegend von Artaxata (unweit
+Eriwan) und schlug drei deutsche Meilen von der Stadt sein Lager.
+Daselbst fand der Sohn des Großkönigs sich zu ihm, der nach dem Sturze
+des Vaters das armenische Diadem aus der Hand der Römer zu empfangen
+hoffte und darum den Abschluß des Vertrages zwischen seinem Vater und
+den Römern in jeder Weise zu hindern bemüht war. Der Großkönig war nur
+um so mehr entschlossen, den Frieden um jeden Preis zu erkaufen. Zu
+Pferd und ohne Purpurgewand, aber geschmückt mit der königlichen
+Stirnbinde und dem königlichen Turban erschien er an der Pforte des
+römischen Lagers und begehrte, vor den römischen Feldherrn geführt zu
+werden. Nachdem er hier auf Geheiß der Liktoren, wie die römische
+Lagerordnung es erheischte, sein Roß und sein Schwert abgegeben hatte,
+warf er nach Barbarenart sich dem Prokonsul zu Füßen und legte zum
+Zeichen der unbedingten Unterwerfung Diadem und Tiara in seine Hände.
+Pompeius, hocherfreut über den mühelosen Sieg, hob den gedemütigten
+König der Könige auf, schmückte ihn wieder mit den Abzeichen seiner
+Würde und diktierte den Frieden. Außer einer Zahlung von 9 Mill. Talern
+(6000 Talente) an die Kriegskasse und einem Geschenk an die Soldaten,
+wovon auf jeden einzelnen 50 Denare (15 Taler) kamen, trat der König
+alle gemachten Eroberungen wieder ab, nicht bloß die phönikischen,
+syrischen, kilikischen, kappadokischen Besitzungen, sondern auch am
+rechten Ufer des Euphrat Sophene und Korduene; er ward wieder
+beschränkt auf das eigentliche Armenien und mit seinem Großkönigtum war
+es von selber vorbei. In einem einzigen Feldzuge hatte Pompeius die
+beiden mächtigen Könige von Pontus und Armenien vollständig
+unterworfen. Am Anfang des Jahres 688 (66) stand kein römischer Soldat
+jenseits der Grenze der altrömischen Besitzungen, am Schlusse desselben
+irrte König Mithradates landflüchtig und ohne Heer in den Schluchten
+des Kaukasus und saß König Tigranes auf dem armenischen Thron nicht
+mehr als König der Könige, sondern als römischer Lehnfürst. Das gesamte
+kleinasiatische Gebiet westlich vom Euphrat gehorchte den Römern
+unbedingt; die siegreiche Armee nahm ihre Winterquartiere östlich von
+diesem Strom auf armenischem Boden, in der Landschaft vom oberen
+Euphrat bis an den aus welchem damals zuerst die Italiker ihre Rosse
+tränkten.
+
+Aber das neue Gebiet, das die Römer hier betraten, erweckte ihnen neue
+Kämpfe. Unwillig sahen die tapferen Völkerschaften des mittleren und
+östlichen Kaukasus die fernen Okzidentalen auf ihrem Gebiet lagern. Es
+wohnten dort in der fruchtbaren und wasserreichen Hochebene des
+heutigen Georgien die Iberer, eine tapfere, wohlgeordnete, ackerbauende
+Nation, deren Geschlechtergaue unter ihren Ältesten das Land nach
+Feldgemeinschaft bestellten, ohne Sondereigentum der einzelnen Bauern.
+Heer und Volk waren eins; an der Spitze des Volkes standen teils die
+Herrengeschlechter, daraus immer der Älteste der ganzen iberischen
+Nation als König, der Nächstälteste als Richter und Heerführer
+vorstand, teils besondere Priesterfamilien, denen vornehmlich oblag,
+die Kunde der mit anderen Völkern geschlossenen Verträge zu bewahren
+und über deren Einhaltung zu wachen. Die Masse der Unfreien galten als
+Leibeigene des Königs. Auf einer weit niedrigeren Kulturstufe standen
+ihre östlichen Nachbarn, die Albaner oder Alaner, die am unteren Kur
+bis zum Kaspischen Meere hinab saßen. Vorwiegend ein Hirtenvolk,
+weideten sie, zu Fuß oder zu Pferde, ihre zahlreichen Herden auf den
+üppigen Wiesen des heutigen Schirwan; die wenigen Ackerfelder wurden
+noch mit dem alten Holzpflug ohne eiserne Schar bestellt. Münze war
+unbekannt und über hundert ward nicht gezählt. Jeder ihrer Stämme,
+deren sechsundzwanzig waren, hatten seinen eigenen Häuptling und sprach
+seinen besonderen Dialekt. An Zahl den Iberern weit überlegen,
+vermochten sich die Albaner an Tapferkeit durchaus nicht mit denselben
+zu messen. Die Fechtart beider Nationen war übrigens im ganzen die
+gleiche: sie stritten vorwiegend mit Pfeilen und leichten Wurfspießen,
+die sie häufig nach Indianerart aus Waldverstecken, hinter Baumstämmen
+hervor oder von den Baumwipfeln herab, auf den Feind entsendeten; die
+Albaner hatten auch zahlreiche, zum Teil nach medisch-armenischer Art
+mit schweren Kürassen und Schienen gepanzerte Reiter. Beide Nationen
+lebten auf ihren Äckern und Triften in vollkommener, seit
+unvordenklicher Zeit bewahrter Unabhängigkeit. Den Kaukasus scheint
+gleichsam die Natur selbst zwischen Europa und Asien als Damm gegen die
+Völkerfluten aufgerichtet zu haben: an ihm hatten einst die Waffen des
+Kyros wie die Alexanders ihre Grenze gefunden; jetzt schickte die
+tapfere Besatzung dieser Scheidewand sich an, sie auch gegen die Römer
+zu verteidigen. Aufgeschreckt durch die Kunde, daß der römische
+Oberfeldherr im nächsten Frühjahr das Gebirge zu überschreiten und den
+pontischen König jenseits des Kaukasus zu verfolgen beabsichtige - den
+Mithradates, vernahm man, überwinterte in Dioskurias (Iskuria zwischen
+Suchum Kale und Anaklia) am Schwarzen Meer -, überschritten zuerst die
+Albaner unter dem Fürsten Oroizes noch im Mittwinter 688/89 (66/65) den
+Kur und warfen sich auf das der Verpflegung wegen in drei größere Korps
+unter Quintus Metellus Celer, Lucius Flaccus und Pompeius selbst
+auseinander gelegte Heer. Aber Celer, den der Hauptangriff traf, hielt
+tapfer stand und Pompeius selbst verfolgte, nachdem er sich des gegen
+ihn geschickten Haufens entledigt, die auf allen Punkten geschlagenen
+Barbaren bis an den Kur. Der König der Iberer, Artokes, hielt sich
+ruhig und versprach Frieden und Freundschaft; allein Pompeius, davon
+benachrichtigt, daß er insgeheim rüste, um die Römer bei ihrem Marsche
+in den Pässen des Kaukasus zu überfallen, rückte im Frühjahr 689 (65),
+bevor er die Verfolgung des Mithradates wiederaufnahm, vor die beiden
+kaum eine halbe deutsche Meile voneinander entfernten Festungen
+Harmozika (Horumziche oder Armazi) und Seusamora (Tsumar), welche wenig
+oberhalb des heutigen Tiflis die beiden Flußtäler des Kur und seines
+Nebenflusses Aragua und damit die einzigen von Armenien nach Iberien
+führenden Pässe beherrschen. Artokes, eher er dessen sich versah, vom
+Feinde überrascht, brannte eiligst die Kurbrücke ab und wich
+unterhandelnd in das innere Land zurück. Pompeius besetzte die
+Festungen und folgte den Iberern auf das andere Ufer des Kur, wodurch
+er sie zu sofortiger Unterwerfung zu bestimmen hoffte. Artokes aber
+wich weiter und weiter in das innere Land zurück, und als er endlich am
+Fluß Peloros Halt machte, geschah es nicht, um sich zu ergeben, sondern
+um zu schlagen. Allein dem Anprall der Legionen standen doch die
+iberischen Schützen keinen Augenblick, und da Artokes auch den Peioros
+von den Römern überschritten sah, fügte er sich endlich den
+Bedingungen, die der Sieger stellte, und sandte seine Kinder als
+Geiseln. Pompeius marschierte jetzt, seinem früher entworfenen Plane
+gemäß, durch den Sarapanapaß aus dem Gebiet des Kur in das des Phasis
+und von da am Flusse hinab an das Schwarze Meer, wo an der kolchischen
+Küste die Flotte unter Servilius bereits seiner harrte. Aber es war ein
+unsicherer Gedanke und fast ein wesenloses Ziel, dem zuliebe man Heer
+und Flotte an den märchenreichen kolchischen Strand geführt hatte. Der
+soeben mühselig zurückgelegte Zug durch unbekannte und meist feindliche
+Nationen war nichts, verglichen mit dem, der noch bevorstand; und wenn
+es denn wirklich gelang, von der Phasismündung aus die Streitmacht nach
+der Krim zu führen, durch kriegerische und arme Barbarenstämme, auf
+unwirtlichen und unbekannten Gewässern, längs einer Küste, wo an
+einzelnen Stellen die Gebirge lotrecht in die See hinabfallen und es
+schlechterdings notwendig gewesen wäre, die Schiffe zu besteigen; wenn
+es gelang, diesen Zug zu vollenden, der vielleicht schwieriger war als
+die Heerfahrten Alexanders und Hannibals - was ward im besten Falle
+damit erzielt, das irgend den Mühen und Gefahren entsprach? Freilich
+war der Krieg nicht geendigt, solange der alte König noch unter den
+Lebenden war; aber wer bürgte dafür, daß es wirklich gelang, das
+königliche Wild zu fangen, um dessentwillen diese beispiellose Jagd
+angestellt werden sollte? War es nicht besser, selbst auf die Gefahr
+hin, daß Mithradates noch einmal die Kriegsfackel nach Kleinasien
+schleudere, von einer Verfolgung abzustehen, die so wenig Gewinn und so
+viele Gefahren verhieß? Wohl drängten den Feldherrn zahlreiche Stimmen
+im Heer, noch zahlreichere in der Hauptstadt, die Verfolgung unablässig
+und um jeden Preis fortzusetzen; aber es waren Stimmen teils
+tolldreister Hitzköpfe, teils derjenigen perfiden Freunde, die den
+allzumächtigen Imperator gern um jeden Preis von der Hauptstadt
+ferngehalten und ihn im Osten in unabsehbare Unternehmungen verwickelt
+hätten. Pompeius war ein zu erfahrener und zu bedächtiger Offizier, um
+im hartnäckigen Festhalten an einer so unverständigen Expedition seinen
+Ruhm und sein Heer auf das Spiel zu setzen; ein Aufstand der Albaner im
+Rücken des Heeres gab den Vorwand her, um die weitere Verfolgung des
+Königs aufzugeben und die Rückkehr anzuordnen. Die Flotte erhielt den
+Auftrag, in dem Schwarzen Meer zu kreuzen, die kleinasiatische
+Nordküste gegen jeden feindlichen Einfall zu decken, den Kimmerischen
+Bosporus aber streng zu blockieren unter Androhung der Lebensstrafe für
+jeden Kauffahrer, der die Blockade brechen würde. Die Landtruppen
+führte Pompeius nicht ohne große Beschwerden durch das kolchische und
+armenische Gebiet an den unteren Lauf des Kur und weiter, den Strom
+überschreitend, in die albanische Ebene. Mehrere Tage mußte das
+römische Heer in der glühenden Hitze durch dies wasserarme Blachland
+marschieren, ohne auf den Feind zu treffen; erst am linken Ufer des
+Abas (wahrscheinlich der sonst Alazonios, jetzt Alasan genannte Fluß)
+stellte unter Führung des Koses, Bruders des Königs Oroizes, sich die
+Streitmacht der Albaner den Römern entgegen; sie soll mit Einschluß des
+von den transkaukasischen Steppenbewohnern eingetroffenen Zuzuges 60000
+Mann zu Fuß und 12000 Reiter gezählt haben. Dennoch hätte sie
+schwerlich den Kampf gewagt, wenn sie nicht gemeint hätte, bloß mit der
+römischen Reiterei fechten zu sollen; aber die Reiter waren nur
+vorangestellt und wie diese sich zurückzogen, zeigten sich dahinter
+verborgen die römischen Infanteriemassen. Nach kurzem Kampfe war das
+Heer der Barbaren in die Wälder versprengt, die Pompeius zu umstellen
+und anzuzünden befahl. Die Albaner bequemten sich hierauf, Frieden zu
+machen und dem Beispiele der mächtigeren Völker folgend, schlossen alle
+zwischen dem Kur und dem Kaspischen Meer sitzenden Stämme mit dem
+römischen Feldherrn Vertrag ab. Die Albaner, Iberer und überhaupt die
+südlich am und unter dem Kaukasus ansässigen Völkerschaften traten also
+wenigstens für den Augenblick in ein abhängiges Verhältnis zu Rom. Wenn
+dagegen auch die Völker zwischen dem Phasis und der Mäotis, Kolcher,
+Soaner, Heniocher, Zyger, Achäer, sogar die fernen Bastarner dem langen
+Verzeichnis der von Pompeius unterworfenen Nationen eingereiht wurden,
+so nahm man dabei offenbar es mit dem Begriff der Unterwerfung sehr
+wenig genau. Der Kaukasus bewährte sich abermals in seiner
+weltgeschichtlichen Bedeutung; wie die persische und die hellenische
+fand auch die römische Eroberung an ihm ihre Grenze.
+
+So blieb denn König Mithradates sich selbst und dem Verhängnis
+überlassen. Wie einst sein Ahnherr, der Gründer des Pontischen Staates,
+sein künftiges Reich zuerst betreten hatte, flüchtend vor den Häschern
+des Antigonos und nur von sechs Reitern begleitet, so hatte nun der
+Enkel die Grenzen seines Reiches wieder überschreiten und seine und
+seiner Väter Eroberungen mit dem Rücken ansehen müssen. Aber die Würfel
+des Verhängnisses hatten keinem öfter und launenhafter die höchsten
+Gewinste und die gewaltigsten Verluste zugeworfen als dem alten Sultan
+von Sinope, und rasch und unberechenbar wechseln die Geschicke im
+Osten. Wohl mochte Mithradates jetzt am Abend seines Lebens jeden neuen
+Wechselfall mit dem Gedanken hinnehmen, daß auch er nur wieder einen
+neuen Umschwung vorbereite und das einzig Stetige der ewige Wandel der
+Geschicke sei. War doch die römische Herrschaft der Orientalen im
+tiefsten Grunde ihres Wesens unerträglich und Mithradates selbst, im
+Guten wie im Bösen, der rechte Fürst des Ostens; bei der Schlaffheit
+des Regiments, wie der römische Senat es über die Provinzen übte, und
+bei dem gärenden und zum Bürgerkriege reifenden Hader der politischen
+Parteien in Rom konnte Mithradates, wenn es ihm glückte, seine Zeit
+abzuwarten, gar wohl noch zum drittenmal seine Herrschaft
+wiederherstellen. Darum eben, weil er hoffte und plante, solange Leben
+in ihm war, blieb er den Römern gefährlich, solange er lebte, als
+landflüchtiger Greis nicht minder wie da er mit seinen Hunderttausenden
+ausgezogen war, um Hellas und Makedonien den Römern zu entreißen. Der
+rastlose alte Mann gelangte im Jahre 689 (85) von Dioskurias unter
+unsäglichen Beschwerden teils zu Lande, teils zur See in das Reich von
+Pantikapäon, stürzte hier durch sein Ansehen und sein starkes Gefolge
+seinen abtrünnigen Sohn Machares vom Thron und zwang ihn, sich selber
+den Tod zu geben. Von hier aus versuchte er noch einmal, mit den Römern
+zu unterhandeln; er bat, ihm sein väterliches Reich zurückzugeben und
+erklärte sich bereit, die Oberhoheit Roms anzuerkennen und als
+Lehnfürst Zins zu entrichten. Allein Pompeius weigerte sich, dem König
+eine Stellung zu gewähren, in der er das alte Spiel aufs neue begonnen
+haben würde, und bestand darauf, daß er sich persönlich unterwerfe.
+Mithradates aber dachte nicht daran, sich dem Feinde in die Hände zu
+liefern, sondern entwarf neue und immer ausschweifendere Pläne. Mit
+Anspannung aller der Mittel, die seine geretteten Schätze und der Rest
+seiner Staaten ihm darboten, rüstete er ein neues, zum Teil aus Sklaven
+bestehendes Heer von 36000 Mann, das er nach römischer Art bewaffnete
+und einübte, und eine Kriegsflotte; dem Gerücht zufolge beabsichtigte
+er durch Thrakien, Makedonien und Pannonien westwärts zu ziehen, die
+Skythen in den sarmatischen Steppen, die Kelten an der Donau als
+Bundesgenossen mit sich fortzureißen und mit dieser Völkerlawine sich
+auf Italien zu stürzen. Man hat dies wohl großartig gefunden und den
+Kriegsplan des pontischen Königs mit dem Heereszug Hannibals
+verglichen; aber derselbe Entwurf, der in einem genialen Geiste genial
+ist, wird eine Torheit in einem verkehrten. Diese beabsichtigte
+Invasion der Orientalen in Italien war einfach lächerlich und nichts
+als die Ausgeburt einer ohnmächtigen phantasierenden Verzweiflung.
+Durch die vorsichtige Kaltblütigkeit ihres Führers blieben die Römer
+davor bewahrt, dem abenteuerlichen Gegner abenteuernd zu folgen und in
+der fernen Krim einen Angriff abzuwehren, dem, wenn er nicht in sich
+selber erstickte, immer noch früh genug am Fuße der Alpen begegnet
+ward. In der Tat, während Pompeius, ohne weiter um die Drohungen des
+ohnmächtigen Riesen sich zu bekümmern, das gewonnene Gebiet zu ordnen
+beschäftigt war, erfüllten ohne sein Zutun sich im entlegenen Norden
+die Geschicke des greisen Königs. Die unverhältnismäßigen Rüstungen
+hatten unter den Bosporanern, denen man die Häuser einriß, die Ochsen
+vom Pflug spannte und niederstieß, um Balken und Flechsen zum
+Maschinenbau zu gewinnen, die heftigste Gärung hervorgerufen. Auch die
+Soldaten gingen unlustig an die hoffnungslose italische Expedition.
+Stets war Mithradates umgeben gewesen von Argwohn und Verrat; er hatte
+nicht die Gabe, Liebe und Treue bei den Seinigen zu erwecken. Wie er in
+früheren Jahren seinen ausgezeichneten Feldherrn Archelaos genötigt
+hatte, im römischen Lager Schutz zu suchen, wie während der Feldzüge
+Luculls seine vertrautesten Offiziere Diokles, Phönix, sogar die
+namhaftesten römischen Emigranten zum Feind übergegangen waren, so
+folgte jetzt, wo sein Stern erblich und der alte, kranke, verbitterte
+Sultan keinem mehr als seinen Verschnittenen zugänglich war, noch
+rascher Abfall auf Abfall. Der Kommandant der Festung Phanagoria (auf
+der asiatischen Küste Kertsch gegenüber), Kastor, erhob zuerst die
+Fahne des Aufstandes; er proklamierte die Freiheit der Stadt und
+lieferte die in der Festung befindlichen Söhne Mithradats in die Hände
+der Römer. Während unter den bosporanischen Städten der Aufstand sich
+ausbreitete, Chersonesos (unweit Sevastopol), Theudosia (Kaffa) und
+andere sich den Phanagoriten anschlossen, ließ der König seinem Argwohn
+und seiner Grausamkeit den Lauf. Auf die Anzeige verächtlicher Eunuchen
+hin wurden seine Vertrautesten an das Kreuz geschlagen; die eigenen
+Söhne des Königs waren ihres Lebens am wenigsten sicher. Derjenige von
+ihnen, der des Vaters Liebling und wahrscheinlich von ihm zum
+Nachfolger bestimmt war, Pharnakes, entschloß sich und trat an die
+Spitze des Insurgenten. Die Häscher, welche Mithradates sandte, um ihn
+zu verhaften, die gegen ihn ausgeschickten Truppen gingen zu ihm über;
+das Korps der italischen Überläufer, vielleicht der tüchtigste unter
+den Mithradatischen Heerhaufen und ebendarum am wenigsten geneigt, die
+abenteuerliche und für die Überläufer besonders bedenkliche Expedition
+gegen Italien mitzumachen, erklärte sich in Masse für den Prinzen; die
+übrigen Heerabteilungen und die Flotte folgten dem gegebenen Beispiel.
+Nachdem die Landschaft und die Armee den König verlassen hatten,
+öffnete endlich auch die Hauptstadt Pantikapäon den Insurgenten die
+Tore und überlieferte ihnen den alten, in seinem Palaste
+eingeschlossenen König. Von der hohen Mauer seiner Burg flehte dieser
+den Sohn an, ihm wenigstens das Leben zu gewähren und nicht in das Blut
+des Vaters die Hände zu tauchen; aber die Bitte klang übel aus dem
+Munde eines Mannes, an dessen eigenen Händen das Blut der Mutter und
+das frisch vergossene seines unschuldigen Sohnes Xiphares klebte, und
+in seelenloser Härte und Unmenschlichkeit übertraf Pharnakes noch
+seinen Vater. Da es nun also zum Tode ging, so beschloß der Sultan,
+wenigstens zu sterben, wie er gelebt hatte: seine Frauen, seine Kebse
+und seine Töchter, unter diesen die jugendlichen Bräute der Könige von
+Ägypten und Kypros, sie alle mußten die Bitterkeit des Todes erleiden
+und den Giftbecher leeren, bevor auch er denselben nahm und dann, da
+der Trank nicht schnell genug wirkte, einem keltischen Söldner Betuitus
+den Nacken zum tödlichen Streiche darbot. So starb im Jahre 691 (63)
+Mithradates Eupator, im achtundsechzigsten Jahre seines Lebens, im
+siebenundfünfzigsten seiner Regierung, sechsundzwanzig Jahre nachdem er
+zum ersten Male gegen die Römer ins Feld gezogen war. Die Leiche, die
+König Pharnakes als Belegstück seiner Verdienste und seiner Loyalität
+an Pompeius sandte, ward auf dessen Anordnung beigesetzt in den
+Königsgräbern von Sinope.
+
+Mithradates’ Tod galt den Römern einem Siege gleich: lorbeerbekränzt,
+als hätten sie einen solchen zu melden, erschienen die Boten, welche
+dem Feldherrn die Katastrophe berichteten, im römischen Lager von
+Jericho. Ein großer Feind ward mit ihm zu Grabe getragen, ein größerer,
+als je noch in dem schlaffen Osten einer den Römern erstanden war.
+Instinktmäßig fühlte es die Menge; wie einst Scipio mehr noch über
+Hannibal als über Karthago triumphiert hatte, so wurde auch die
+Überwindung der zahlreichen Stämme des Ostens und des Großkönigs selbst
+fast vergessen über Mithradates’ Tod, und bei Pompeius’ feierlichem
+Einzug zog nichts mehr die Blicke der Menge auf sich als die
+Schildereien, in denen man den König Mithradates als Flüchtling sein
+Pferd am Zügel führen, dann ihn sterbend zwischen den Leichen seiner
+Töchter niedersinken sah. Wie man auch über die Eigenartigkeit des
+Königs urteilen mag, er ist eine bedeutende, im vollen Sinne des Wortes
+weltgeschichtliche Gestalt. Er war keine geniale, wahrscheinlich nicht
+einmal eine reichbegabte Persönlichkeit; aber er besaß die sehr
+respektable Gabe zu hassen, und mit diesem Hasse hat er den ungleichen
+Kampf gegen die übermächtigen Feinde ein halbes Jahrhundert hindurch
+zwar ohne Erfolg, aber mit Ehren bestanden. Bedeutungsvoller noch als
+durch seine Individualität ward er durch den Platz, auf den die
+Geschichte ihn gestellt hat. Als der Vorläufer der nationalen Reaktion
+des Orients gegen die Okzidentalen hat er den neuen Kampf des Ostens
+gegen den Westen eröffnet; und das Gefühl, daß man mit seinem Tode
+nicht am Ende, sondern am Anfang sei, blieb den Besiegten wie den
+Siegern.
+
+Pompeius inzwischen war, nachdem er im Jahre 689 (65) mit den Völkern
+des Kaukasus gekriegt hatte, zurückgegangen in das Pontische Reich und
+bezwang daselbst die letzten noch Widerstand leistenden Schlösser,
+welche, um dem Räuberunwesen zu steuern, geschleift, die Schloßbrunnen
+durch hineingewälzte Felsblöcke unbrauchbar gemacht wurden. Von da
+brach er im Sommer 690 (64) nach Syrien auf, um dessen Verhältnisse zu
+ordnen.
+
+Es ist schwierig, den aufgelösten Zustand, in dem die syrischen
+Landschaften damals sich befanden, anschaulich darzulegen. Zwar hatte
+infolge der Angriffe Luculls der armenische Statthalter Magadates im
+Jahre 685 (69), diese Provinzen geräumt, und auch die Ptolemäer, so
+gern sie die Versuche ihrer Vorfahren, die syrische Küste zu ihrem
+Reiche zu fügen, erneuert haben würden, scheuten sich doch, durch die
+Okkupation Syriens die römische Regierung zu reizen, um so mehr als
+diese noch nicht einmal für Ägypten ihren mehr als zweifelhaften
+Rechtstitel reguliert hatte und von den syrischen Prinzen mehrfach
+angegangen worden war, sie als die legitimen Erben des erloschenen
+Lagidenhauses anzuerkennen. Aber wenn auch die größeren Mächte sich
+augenblicklich sämtlich der Einmischung in die Angelegenheiten Syriens
+enthielten, so litt das Land doch weit mehr, als es unter einem großen
+Krieg hätte leiden können, durch die end- und ziellosen Fehden der
+Fürsten, Ritter und Städte. Die faktischen Herren im Seleukidenreich
+waren derzeit die Beduinen, die Juden und die Nabatäer. Die
+unwirtliche, quell- und baumlose Sandsteppe, die von der Arabischen
+Halbinsel aus bis an und über den Euphrat sich hinziehend gegen Westen
+bis an den syrischen Gebirgszug und seinen schmalen Küstensaum, gegen
+Osten bis zu den reichen Niederungen des Tigris und des unteren Euphrat
+reicht, diese asiatische Sahara ist die uralte Heimat der Söhne
+Ismaels; seit es eine Überlieferung gibt, finden wir dort den
+“Bedawin”, den “Sohn der Wüste”, seine Zelte schlagen und seine Kamele
+weiden oder auch auf seinem geschwinden Roß Jagd machen, bald auf den
+Stammfeind, bald auf den wandernden Handelsmann. Begünstigt früher
+durch König Tigranes, der sich ihrer für seine handelspolitischen Pläne
+bediente, nachher durch die vollständige Meisterlosigkeit in dem
+syrischen Lande, breiteten diese Kinder der Wüste über das nördliche
+Syrien sich aus; namentlich spielten diejenigen Stämme hier politisch
+fast die erste Rolle, die durch die Nachbarschaft der zivilisierten
+Syrer die ersten Anfänge einer geordneten Existenz in sich aufgenommen
+hatten. Die namhaftesten unter diesen Emiren waren Abgaros, der
+Häuptling des Araberstammes der Mardaner, den Tigranes um Edessa und
+Karrhä im oberen Mesopotamien angesiedelt hatte; dann westlich vom
+Euphrat Sampsikeramos, Emir der Araber von Hemesa (Homs) zwischen
+Damaskos und Antiocheia und Herr der starken Festung Arethusa; Azizos,
+das Haupt einer anderen, in derselben Gegend streifenden Horde;
+Alchaudonios, der Fürst der Rhambäer, der schon mit Lucullus sich in
+Verbindung gesetzt hatte, und andere mehr. Neben diesen Beduinenfürsten
+waren überall dreiste Gesellen aufgetreten, die es den Kindern der
+Wüste in dem edlen Gewerbe der Wegelagerung gleich- oder auch
+zuvortaten: so Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn, vielleicht der mächtigste
+unter diesen syrischen Raubrittern und einer der reichsten Männer
+dieser Zeit, der über das Gebiet der Ityräer - der heutigen Drusen - in
+den Tälern des Libanos wie an der Küste und über die nördlich
+vorliegende Marsyasebene mit den Städten Heliopolis (Baalbek) und
+Chalkis gebot und 8000 Reiter aus seiner Tasche besoldete; so
+Dionaysios und Kinyras, die Herren der Seestädte Tripolis (Tarablus)
+und Byblos (zwischen Tarablus und Beirut); so der Jude Silas in Lysias,
+einer Festung unweit Apameia am Orontes.
+
+Im Süden Syriens dagegen schien der Stamm der Juden sich um diese Zeit
+zu einer politischen Macht konsolidieren zu wollen. Durch die fromme
+und kühne Verteidigung des uralten jüdischen Nationalkultus, den der
+nivellierende Hellenismus der syrischen Könige bedrohte, war das
+Geschlecht der Hasmonäer oder der Makkabi nicht bloß zum erblichen
+Prinzipal und allmählich zu königlichen Ehren gelangt, sondern es
+hatten auch die fürstlichen Hochpriester erobernd nach Norden, Osten
+und Süden um sich gegriffen. Als der tapfere Jannaeos Alexandros starb
+(675 79) erstreckte sich das Jüdische Reich gegen Süden über das ganze
+philistäische Gebiet bis an die ägyptische Grenze, gegen Südosten bis
+an die des Nabatäerreiches von Petra, von welchem Jannaeos
+beträchtliche Strecken am rechten Ufer des Jordan und des Toten Meeres
+abgerissen hatte, gegen Norden über Samaria und die Dekapolis bis zum
+See Genezareth; schon machte er hier Anstalt, Ptolemais (Acco)
+einzunehmen und die Übergriffe der Ityräer erobernd zurückzuweisen. Die
+Küste gehorchte den Juden vom Berg Karmel bis nach Rhinokorura mit
+Einschluß des wichtigen Gaza - nur Askalon war noch frei -, so daß das
+einst vom Meer fast abgeschnittene Gebiet der Juden jetzt mit unter den
+Freistätten der Piraterie aufgeführt werden konnte. Wahrscheinlich
+hätten, zumal da der armenische Sturm, eben als er sich den Grenzen
+Judäas nahte, durch Lucullus’ Dazwischenkunft von dieser Landschaft
+abgewendet ward, die begabten Herrscher des Hasmonäischen Hauses ihre
+Waffen noch weiter getragen, wenn nicht die Machtentwicklung dieses
+merkwürdigen, erobernden Priesterstaates durch innere Spaltungen im
+Keime geknickt worden wäre. Der konfessionelle und der nationale
+Unabhängigkeitssinn, deren energische Vereinigung den Makkabäerstaat
+ins Leben gerufen hatte, traten rasch wieder aus- und sogar
+gegeneinander. Der jüdischen Orthodoxie oder dem sogenannten
+Pharisäismus genügte die freie Religionsübung, wie sie den syrischen
+Herrschern abgetrotzt worden war; ihr praktisches Ziel war eine von dem
+weltlichen Regiment wesentlich absehende, aus den Orthodoxen in aller
+Herren Ländern zusammengesetzte Judengemeinschaft, welche in der jedem
+gewissenhaften Juden obliegenden Steuer für den Tempel zu Jerusalem und
+in den Religionsschulen und geistlichen Gerichten ihre sichtbaren
+Vereinigungspunkte fand. Dieser von dem staatlichen Leben sich
+abwendenden, mehr und mehr in theologischer Gedankenlosigkeit und
+peinlichem Zeremonialdienst erstarrenden Orthodoxie gegenüber standen
+die Vertreter der nationalen Unabhängigkeit, erstarkt in den
+glücklichen Kämpfen gegen die Fremdherrschaft, vorschreitend zu dem
+Gedanken einer Wiederherstellung des jüdischen Staates, die Vertreter
+der alten großen Geschlechter, die sogenannten Sadduzäer, teils
+dogmatisch, indem sie nur die heiligen Bücher selber gelten ließen und
+den Vermächtnissen der Schriftgelehrten, das ist der kanonischen
+Tradition, nur Autorität, nicht Kanonizität zusprachen ^2; teils und
+vor allem politisch, indem sie anstatt des fatalistischen Zuwartens auf
+den starken Arm des Herrn Zebaoth das Heil der Nation erwarten lehrten
+von den Waffen dieser Welt und von der innerlichen und äußerlichen
+Stärkung des in den glorreichen Makkabäerzeiten wiederaufgerichteten
+Davidischen Reiches. Jene Orthodoxen fanden ihren Halt in der
+Priesterschaft und der Menge; sie bestritten den Hasmonäern die
+Legitimität ihrer Hohenpriesterschaft und fochten gegen die bösen
+Ketzer mit der ganzen rücksichtslosen Unversöhnlichkeit, womit die
+Frommen für den Besitz irdischer Güter zu streiten gewohnt sind. Die
+staatliche Partei dagegen stützte sich auf die von den Einflüssen des
+Hellenismus berührte Intelligenz, auf das Heer, in dem zahlreiche
+pisidische und kilikische Söldner dienten, und auf die tüchtigeren
+Könige, welche hier mit der Kirchengewalt rangen, ähnlich wie ein
+Jahrtausend später die Hohenstaufen mit dem Papsttum. Mit starker Hand
+hatte Jannaeos die Priesterschaft niedergehalten; unter seinen beiden
+Söhnen kam es (685f. 69) zu einem Bürger- und Bruderkrieg, indem die
+Pharisäer sich dem kräftigen Aristobulos widersetzten und versuchten,
+unter der nominellen Herrschaft seines Bruders, des gutmütigen und
+schlaffen Hyrkanos, ihre Zwecke zu erreichen. Dieser Zwist brachte
+nicht bloß die jüdischen Eroberungen ins Stocken, sondern gab auch
+auswärtigen Nationen Gelegenheit, sich einzumischen und dadurch im
+südlichen Syrien eine gebietende Stellung zu gewinnen. Zunächst gilt
+dies von den Nabatäern. Diese merkwürdige Nation ist oft mit ihren
+östlichen Nachbarn, den schweifenden Arabern, zusammengeworfen worden,
+aber näher als den eigentlichen Kindern Ismaels ist sie dem aramäischen
+Zweige verwandt. Dieser aramäische oder, nach der Benennung der
+Okzidentalen, syrische Stamm muß von seinen ältesten Sitzen um Babylon,
+wahrscheinlich des Handels wegen, in sehr früher Zeit eine Kolonie an
+die Nordspitze des Arabischen Meerbusens ausgeführt haben: dies sind
+die Nabatäer auf der Sinaitischen Halbinsel zwischen dem Golf von Suez
+und Aila und in der Gegend von Petra (Wadi Musa). In ihren Häfen wurden
+die Waren vom Mittelmeer gegen indische umgesetzt; die große südliche
+Karawanenstraße, die von Gaza zur Euphratmündung und dem Persischen
+Meerbusen lief, führte durch die Hauptstadt der Nabatäer Petra, deren
+heute noch prachtvolle Felspaläste und Felsengräber deutlicheres
+Zeugnis von der nabatäischen Zivilisation ablegen als die fast
+verschollene Überlieferung. Die Pharisäerführer, denen nach Priesterart
+der Sieg ihrer Partei um den Preis der Unabhängigkeit und Integrität
+des Landes nicht zu teuer erkauft schien, ersuchten den König der
+Nabatäer, Aretas, um Hilfe gegen Aristobulos, wofür sie alle von
+Jannäos ihm entrissenen Eroberungen an ihn zurückzugeben verhießen.
+Daraufhin war Aretas mit angeblich 50000 Mann in das jüdische Land
+eingerückt und, verstärkt durch den Anhang der Pharisäer, hielt er den
+König Aristobulos in seiner Hauptstadt belagert.
+
+——————————————————————————-
+
+^2 So verwarfen die Sadduzäer die Engel- und Geisterlehre und die
+Auferstehung der Toten. Die meisten überlieferten Differenzpunkte
+zwischen Pharisäern und Sadduzäern beziehen sich auf untergeordnete
+rituelle, juristische und Kalenderfragen. Charakteristisch ist es, daß
+die siegenden Pharisäer diejenigen Tage, an denen sie in den einzelnen
+Kontroversen definitiv die Oberhand behalten oder ketzerische
+Mitglieder aus dem Oberkonsistorium ausgestoßen hatten, in das
+Verzeichnis der Gedenk- und Festtage der Nation eingetragen haben.
+
+—————————————————————————-
+
+Unter dem Faust- und Fehderecht, die also von einem Ende Syriens zum
+andern herrschten, litten natürlich vor allen Dingen die größeren
+Städte, wie Antiocheia, Seleukeia, Damaskos, deren Bürger in ihrem
+Feldbau wie in ihrem See- und Karawanenhandel sich gelähmt sahen. Die
+Bürger von Byblos und Berytos (Beirut) vermochten weder ihre Äcker noch
+ihre Schiffe vor den Ityräern zu schützen, die von ihren Berg- und
+Seekastellen aus Land und Meer gleich unsicher machten. Die von
+Damaskos suchten der Angriffe der Ityräer und des Ptolemaeos dadurch
+sich zu erwehren, daß sie sich den entfernteren Königen der Nabatäer
+oder der Juden zu eigen gaben. In Antiocheia mischten sich
+Sampsikeramos und Azizos in die inneren Fehden der Bürgerschaft und
+fast wäre die hellenische Großstadt schon jetzt der Sitz eines
+arabischen Emirs geworden. Es waren Zustände, die an die königlosen
+Zeiten des deutschen Mittelalters erinnern, als Nürnberg und Augsburg
+nicht in des Königs Recht und Gericht, sondern einzig in ihren Wällen
+noch Schutz fanden; ungeduldig harrten die syrischen Kaufbürger des
+starken Arms, der ihnen Frieden und Verkehrssicherheit wiedergab. An
+einem legitimen König übrigens fehlte es in Syrien nicht; man hatte
+deren sogar zwei oder drei. Ein Prinz Antiochos aus dem Hause der
+Seleukiden war von Lucullus als Herr der nördlichsten syrischen Provinz
+Kommagene eingesetzt worden, Antiochos der Asiate, dessen Ansprüche auf
+den syrischen Thron sowohl bei dem Senat als bei Lucullus Anerkennung
+gefunden hatten, war nach dem Abzug der Armenier in Antiocheia
+aufgenommen und daselbst als König anerkannt worden. Ihm war dort
+sogleich ein dritter Seleukidenprinz, Philippos, als Nebenbuhler
+entgegengetreten, und es hatte die große, fast wie die alexandrinische
+bewegliche und oppositionslustige Bürgerschaft von Antiocheia sowie
+dieser und jener benachbarte arabische Emir sich eingemischt in den
+Familienzwist, der nun einmal von der Herrschaft der Seleukiden
+unzertrennlich schien. War es ein Wunder, daß die Legitimität den
+Untertanen zum Spott und zum Ekel ward und daß die sogenannten
+rechtmäßigen Könige noch etwas weniger im Lande galten als die kleinen
+Fürsten und Raubritter?
+
+In diesem Chaos Ordnung zu schaffen, bedurfte es weder genialer
+Konzeptionen noch gewaltiger Machtentfaltung, wohl aber der klaren
+Einsicht in die Interessen Roms und seiner Untertanen, und der
+kräftigen und folgerechten Aufrichtung und Aufrechthaltung der als
+notwendig erkannten Institutionen. Die Legitimitätspolitik des Senats
+hatte sich sattsam prostituiert; den Feldherrn, den die Opposition ans
+Regiment gebracht, durften nicht dynastische Rücksichten leiten,
+sondern er hatte einzig darauf zu sehen, daß das Syrische Reich in
+Zukunft weder durch Zwist der Prätendenten noch durch die
+Begehrlichkeit der Nachbarn der römischen Klientel entzogen werde. Dazu
+aber gab es nur einen Weg: daß die römische Gemeinde durch einen von
+ihr gesandten Satrapen mit kräftiger Hand die Zügel der Regierung
+erfasse, die den Königen des regierenden Hauses mehr noch durch eigene
+Verschuldung als durch äußere Unfälle seit langem tatsächlich
+entglitten waren. Den Weg schlug Pompeius ein. Antiochos der Asiate
+erhielt auf seine Bitte, ihn als den angestammten Herrscher Syriens
+anzuerkennen, die Antwort, daß Pompeius einem Könige, der sein Reich
+weder zu behaupten noch zu regieren wisse, die Herrschaft nicht einmal
+auf die Bitte seiner Untertanen, geschweige denn gegen deren bestimmt
+ausgesprochene Wünsche zurückgeben werde. Mit diesem Briefe des
+römischen Prokonsuls war das Haus des Seleukos von dem Throne gestoßen,
+den es seit zweihundertfünfzig Jahren eingenommen hatte. Antiochos
+verlor bald darauf sein Leben durch die Hinterlist des Emirs
+Sampsikeramos, als dessen Klient er in Antiocheia den Herrn spielte;
+seitdem ist von diesen Schattenkönigen und ihren Ansprüchen nicht
+weiter die Rede. Wohl aber war es, um das neue römische Regiment zu
+begründen und eine leidliche Ordnung in die verwirrten Verhältnisse zu
+bringen, noch erforderlich, mit Heeresmacht in Syrien einzurücken und
+all die Störer der friedlichen Ordnung, die während der vieljährigen
+Anarchie emporgewachsen waren, durch die römischen Legionen zu
+schrecken oder niederzuwerfen. Schon während der Feldzüge im Pontischen
+Reiche und am Kaukasus hatte Pompeius den Angelegenheiten Syriens seine
+Aufmerksamkeit zugewandt und einzelne Beauftragte und Abteilungen wo es
+not tat eingreifen lassen. Aulus Gabinius - derselbe, der als
+Volkstribun Pompeius nach dem Osten gesandt hatte - war schon 689 (65)
+an den Tigris und sodann quer durch Mesopotamien nach Syrien
+marschiert, um die verwickelten Verhältnisse im jüdischen Lande zu
+schlichten. Ebenso war das schwer bedrängte Damaskos bereits durch
+Lollius und Metellus besetzt worden. Bald nachher traf ein anderer
+Adjutant des Pompeius, Marcus Scaurus, in Judäa ein, um die immer neu
+wieder daselbst ausbrechenden Fehden beizulegen. Auch Lucius Afrianus,
+der während Pompeius’ Expedition nach dem Kaukasus das Kommando über
+die römischen Truppen in Armenien führte, hatte von Korduene (dem
+nördlichen Kurdistan) aus sich in das obere Mesopotamien begeben und,
+nachdem er durch die hilfreiche Teilnahme der in Karrhä angesiedelten
+Hellenen den gefährlichen Weg durch die Wüste glücklich zurückgelegt
+hatte, die Araber in Osrhoene zur Botmäßigkeit gebracht. Gegen Ende des
+Jahres 690 (64), langte dann Pompeius selbst in Syrien an ^3 und
+verweilte dort bis zum Sommer des folgenden Jahres, entschlossen
+durchgreifend und für jetzt und künftig die Verhältnisse ordnend.
+Zurückgehend auf die Zustände des Reiches in den besseren Zeiten der
+Seleukidenherrschaft, wurden alle usurpierten Gewalten beseitigt, die
+Raubherren aufgefordert, ihre Burgen zu übergeben, die arabischen
+Scheichs wieder auf ihr Wüstengebiet beschränkt, die Verhältnisse der
+einzelnen Gemeinden definitiv geregelt. Diesen strengen Befehlen
+Gehorsam zu verschaffen, standen die Legionen bereit, und ihr
+Einschreiten erwies sich insbesondere gegen die verwegenen Raubritter
+als notwendig. Silas, der Herr von Lysias, der Herr von Tripolis,
+Dionysios, der Herr von Byblos, Kinyras, wurden in ihren Burgen
+gefangengenommen und hingerichtet, die Berg- und Seeschlösser der
+Ityräer gebrochen, Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn in Chalkis gezwungen, mit
+1000 Talenten (1827000 Taler) Lösegeld sich Freiheit und Herrschaft zu
+erkaufen. Im übrigen fanden die Befehle des neuen Machthabers
+meistenteils widerstandslosen Gehorsam. Nur die Juden schwankten. Die
+früher von Pompeius gesandten Vermittler, Gabinius und Scaurus, hatten
+- beide, wie es heißt, mit bedeutenden Summen bestochen - im Streite
+der beiden Brüder Hyrkanos und Aristobulos zu Gunsten des letzteren
+entschieden, auch den König Aretas veranlaßt, die Belagerung von
+Jerusalem aufzuheben und sich in seine Heimat zu begeben, wobei er auf
+dem Rückweg noch von Aristobulos eine Niederlage erlitt. Als aber
+Pompeius in Syrien eintraf, kassierte er die Anordnungen seiner
+Untergebenen und wies die Juden an, ihre alte Hochpriesterverfassung,
+wie der Senat sie um 593 (61) anerkannt hatte, wieder einzuführen und
+wie auf das Fürstentum selbst, so auch auf alle von den Hasmonäischen
+Fürsten gemachten Eroberungen zu verzichten. Es waren die Pharisäer,
+welche eine Gesandtschaft von zweihundert ihrer angesehensten Männer an
+den römischen Feldherrn gesandt und von ihm den Sturz des Königtums
+ausgewirkt hatten; nicht zum Vorteil der eigenen Nation, aber wohl zu
+dem der Römer, die der Natur der Sache nach auch hier zurückkommen
+mußten auf die alten Rechte der Seleukiden und eine erobernde Macht,
+wie die des Jannaeos war, innerhalb ihres Reiches nicht dulden konnten.
+Aristobulos schwankte, ob es besser sei, das Unvermeidliche geduldig
+über sich ergehen zu lassen oder mit den Waffen in der Hand dem
+Verhängnis zu erliegen; bald schien er im Begriff, sich Pompeius zu
+unterwerfen, bald die nationale Partei unter den Juden zum Kampfe gegen
+die Römer aufzurufen. Als endlich, da schon die Legionen vor den Toren
+standen, er sich dem Feinde ergab, weigerte sich der entschlossenere
+oder fanatisiertere Teil seiner Armee, den Befehlen des unfreien Königs
+Folge zu leisten. Die Hauptstadt unterwarf sich; den steilen
+Tempelfelsen verteidigte jene fanatische Schar drei Monate hindurch mit
+todesmutiger Hartnäckigkeit, bis endlich während der Sabbathruhe der
+Belagerten die Belagerer eindrangen, des Heiligtums sich bemächtigten
+und die Anstifter dieser verzweifelten Gegenwehr, soweit sie nicht
+unter den römischen Schwertern gefallen waren, unter die Beile der
+Liktoren sandten. Damit ging der letzte Widerstand in den neu zum
+römischen Staat gezogenen Gebieten zu Ende.
+
+————————————————————-
+
+^3 Den Winter 689/90 (65/64) brachte Pompeius noch in der Nähe des
+Kaspischen Meeres zu (Dio 37, 7). Im Jahre 690 (64) unterwarf er
+zunächst im Pontischen Reiche die letzten noch Widerstand leistenden
+Burgen und zog dann langsam, überall die Verhältnisse regelnd, gegen
+Süden. Daß die Ordnung Syriens 690 (64) begann, bestätigt sich dadurch,
+daß die syrische Provinzialära mit diesem Jahre anhebt und durch
+Ciceros Angabe hinsichtlich Kommagenes (ad. Q. fr. 2. 12, 2; vgl. Dio
+37, 7). Den Winter 691/90 (64/63) scheint Pompeius in Antiocheia sein
+Hauptquartier gehabt zu haben (Ios. bel. Iud. 14, 3, 1 u. 2, wo die
+Verwirrung von Niese im Hermes 11, 1877, S. 471 berichtigt worden ist).
+
+————————————————————-
+
+Das von Lucullus begonnene Werk hatte Pompeius vollendet: die bisher
+formell selbständigen Staaten Bithynien, Pontus und Syrien waren mit
+dem römischen vereinigt, die seit mehr als hundert Jahren als notwendig
+erkannte Vertauschung des schwächlichen Klientelsystems mit der
+unmittelbaren Herrschaft über die wichtigeren abhängigen Gebiete war
+endlich verwirklicht worden, sowie der Senat gestürzt und die
+Gracchische Partei ans Ruder gekommen war. Man hatte im Osten neue
+Grenzen erhalten, neue Nachbarn, neue freundliche und feindliche
+Beziehungen. Neu traten unter die mittelbar römischen Gebiete ein das
+Königreich Armenien und die kaukasischen Fürstentümer, ferner das Reich
+am Kimmerischen Bosporus, der geringe Überrest der ausgedehnten
+Eroberungen Mithradates Eupators, jetzt unter der Regierung seines
+Sohnes und Mörders Pharnakes ein römischer Klientelstaat; nur die Stadt
+Phanagoria, deren Befehlshaber Kastor das Signal zum Aufstand gegeben
+hatte, wurde dafür von den Römern als frei und unabhängig anerkannt.
+Nicht gleicher Erfolge konnte man gegen die Nabatäer sich rühmen. König
+Aretas hatte zwar, dem Begehren der Römer sich fügend, das jüdische
+Land geräumt; allein Damaskos war noch in seinen Händen und das
+Nabatäerland nun gar hatte noch kein römischer Soldat betreten. Um dies
+zu unterwerfen oder mindestens doch den neuen Nachbarn im arabischen
+Lande zu zeigen, daß jetzt am Orontes und am Jordan die römischen Adler
+geboten und daß die Zeit vorbei war, wo die syrischen Landschaften als
+herrenloses Gut zu brandschatzen jedem freistand, begann Pompeius im
+Jahre 691 (63) eine Expedition gegen Petra; allein aufgehalten durch
+den Aufstand der Juden, der während dieses Zuges zum Ausbruch kam,
+überließ er seinem Nachfolger Marcus Scaurus nicht ungern die
+Ausführung der schwierigen Unternehmung gegen die fern inmitten der
+Wüste gelegene Nabatäerstadt ^4. In der Tat sah auch Scaurus sich bald
+genötigt, unverrichteter Sache umzukehren. Er mußte sich begnügen, in
+den Wüsten am linken Ufer des Jordan die Nabatäer zu bekriegen, wo er
+sich auf die Juden zu stützen vermochte, aber doch auch nur sehr
+unbedeutende Erfolge davontrug. Schließlich überredete der gewandte
+jüdische Minister Antipatros aus Idumäa den Aretas, sich die Gewähr
+seiner sämtlichen Besitzungen mit Einschluß von Damaskos von dem
+römischen Statthalter um eine Geldsumme zu erkaufen; und dies ist denn
+der auf den Münzen des Scaurus verherrlichte Friede, wo König Aretas,
+das Kamel am Zügel, kniefällig, dem Römer den Ölzweig darreichend
+erscheint.
+
+—————————————————————-
+
+^4 Zwar lassen Orosius (6, 6) und Dio (37, 15), ohne Zweifel beide nach
+Livius, Pompeius bis nach Petra gelangen, auch wohl die Stadt einnehmen
+oder gar das Rote Meer erreichen; allein daß er im Gegenteil bald nach
+Empfang der Nachricht von dem Tode Mithradats, die ihm auf dem Marsche
+nach Jerusalem zukam, aus Syrien nach Pontus zurückging, sagt Plutarch
+(Pomp. 41, 42) und wird durch Florus (1, 39) und Josephus (bel. Iud.
+14, 3, 3 u. 4) bestätigt. Wenn König Aretas unter den von Pompeius
+Besiegten in den Bulletins figuriert, so genügte hierfür sein durch
+Pompeius veranlaßter Abzug von Jerusalem.
+
+—————————————————————
+
+Bei weitem folgenreicher als diese neuen Beziehungen der Römer zu den
+Armeniern, Iberern, Bosporanern und Nabatäern war die Nachbarschaft, in
+welche sie durch die Okkupation Syriens zu dem parthischen Staate
+traten. So geschmeidig die römische Diplomatie gegen Phraates
+aufgetreten war, als noch der pontische und der armenische Staat
+aufrecht standen, so willig damals sowohl Lucullus als Pompeius ihm den
+Besitz der Landschaften jenseits des Euphrat zugestanden hatten, so
+schroff stellte jetzt der neue Nachbar sich neben den Arsakiden; und
+wenn die königliche Kunst, die eigenen Fehler zu vergessen, es ihm
+gestattete, mochte Phraates wohl jetzt sich der warnenden Worte
+Mithradats erinnern, daß der Parther durch das Bündnis mit den
+Okzidentalen gegen die stammverwandten Reiche erst diesen und sodann
+sich selber das Verderben bereite. Römer und Parther im Bunde hatten
+Armenien zugrunde gerichtet; als es gestürzt war, kehrte Rom, seiner
+alten Politik getreu, die Rollen um und begünstigte den gedemütigten
+Feind auf Kosten des allzumächtigen Bundesgenossen. Schon die
+auffallende Bevorzugung gehört hierher, die der Vater Tigranes seinem
+Sohne, dem Verbündeten und Tochtermann des Partherkönigs, gegenüber bei
+Pompeius fand; es war eine unmittelbare Beleidigung, als bald nachher
+auf Pompeius’ Befehl der jüngere Tigranes mit seiner Familie zur Haft
+gebracht und selbst dann nicht freigegeben ward, als sich Phraates bei
+dem befreundeten Feldherrn für seine Tochter und seinen Schwiegersohn
+verwandte. Aber Pompeius blieb hierbei nicht stehen. Die Landschaft
+Korduene, auf welche sowohl Phraates als Tigranes Ansprüche erhoben,
+wurde auf Pompeius’ Befehl durch römische Truppen für den letzteren
+okkupiert und die im Besitz befindlichen Parther über die Grenze
+hinausgeschlagen, ja bis nach Arbela in Adiabene verfolgt, ohne daß die
+Regierung von Ktesiphon auch nur vorher gehört worden wäre (689 65).
+Weitaus am bedenklichsten jedoch war es, daß die Römer keineswegs
+geneigt schienen, die traktatenmäßig festgestellte Euphratgrenze zu
+respektieren. Mehrmals marschierten römische, von Armenien nach Syrien
+bestimmte Abteilungen quer durch Mesopotamien; der arabische Emir
+Abgaros von Osrhoene ward unter auffallend günstigen Bedingungen in die
+römische Klientel aufgenommen; ja Oruros, das im oberen Mesopotamien
+etwa zwischen Nisibis und dem Tigris 50 deutsche Meilen östlich von dem
+kommagenischen Euphratübergang liegt, ward bezeichnet als östlicher
+Grenzpunkt der römischen Herrschaft, vermutlich der mittelbaren,
+insofern die größere und fruchtbarere nördliche Hälfte Mesopotamiens
+von den Römern ebenso wie Korduene dem Armenischen Reiche zugelegt
+worden war. Die Grenze zwischen Römern und Parthern ward also statt des
+Euphrat die große syrisch-mesopotamische Wüste; und auch dies schien
+nur vorläufig. Den parthischen Gesandten, die kamen, um auf das
+Einhalten der allerdings, wie es scheint, nur mündlich abgeschlossenen
+Verträge hinsichtlich der Euphratgrenze zu dringen, gab Pompeius die
+zweideutige Antwort, daß Roms Gebiet sich so weit erstrecke wie sein
+Recht. Ein Kommentar zu dieser Rede schien der auffällige Verkehr
+zwischen dem römischen Oberfeldherrn und den parthischen Satrapen der
+Landschaft Medien und selbst der fernen Provinz Elymais (zwischen
+Susiana, Medien und Persien im heutigen Luristan) ^5. Die Statthalter
+dieses letzteren, gebirgigen, kriegerischen und entlegenen Landes waren
+von je her bestrebt gewesen, eine von dem Großkönig unabhängige
+Stellung zu gewinnen; um so verletzender und bedrohlicher war es für
+die parthische Regierung, wenn Pompeius von diesem Dynasten die
+dargebotene Huldigung annahm. Nicht minder war es bezeichnend, daß der
+Titel des “Königs der Könige”, der dem Partherkönig bis dahin auch von
+den Römern im offiziellen Verkehr zugestanden worden war, jetzt auf
+einmal von ihnen mit dem einfachen Königstitel vertauscht ward. Es war
+das mehr noch eine Drohung als eine Verletzung der Etikette. Seit Rom
+die Erbschaft der Seleukiden getan, schien es fast, als gedenke man
+dort im gelegenen Augenblick auf jene alten Zeiten zurückzugreifen, da
+ganz Iran und Turan von Antiocheia aus beherrscht wurden und es doch
+kein Parthisches Reich gab, sondern nur eine parthische Satrapie. Der
+Hof von Ktesiphon hätte also Grund genug gehabt, mit Rom den Krieg zu
+beginnen; es schien die Einleitung dazu, daß er im Jahre 690 (64) wegen
+der Grenzfrage ihn an Armenien erklärte. Aber Phraates hatte doch nicht
+den Mut, eben jetzt, wo der gefürchtete Feldherr mit seiner starken
+Armee an den Grenzen des Parthischen Reiches stand, mit den Römern
+offen zu brechen. Als Pompeius Kommissarien sandte, um den Streit
+zwischen Parthien und Armenien gütlich beizulegen, fügte Phraates sich
+der aufgezwungenen römischen Vermittlung und ließ es sich gefallen, daß
+ihr Schiedsspruch den Armeniern Korduene und das nördliche Mesopotamien
+zuwies. Bald nachher schmückte seine Tochter mit ihrem Sohne und ihrem
+Gemahl den Triumph des römischen Feldherrn. Auch die Parther zitterten
+vor der römischen Übermacht; und wenn sie nicht wie die Pontiker und
+die Armenier den römischen Waffen erlegen waren, so schien die Ursache
+davon nur die zu sein, daß sie es nicht gewagt hatten, den Kampf zu
+bestehen.
+
+——————————————————————————-
+
+^5 Diese Auffassung beruht auf der Erzählung Plutarchs (Pomp. 36),
+welche durch Strabons (16, 744) Schilderung der Stellung des Satrapen
+von Elymais unterstützt wird. Eine Ausschmückung davon ist es, wenn in
+den Verzeichnissen der von Pompeius besiegten Landschaften und Könige
+Medien und dessen König Dareios aufgeführt werden (Diod. fr. Vat. p.
+140; App. Mithr. 117); und daraus weiter herausgesponnen ist Pompeius’
+Krieg mit den Medern (Vell. 2, 40; App. Mithr. 106, 114) und nun gar
+der Zug desselben nach Ekbatana (Oros. hist. 6, 5). Eine Verwechselung
+mit der fabelhaften gleichnamigen Stadt auf dem Karmel hat hier
+schwerlich stattgefunden; es ist einfach jene unleidliche, wie es
+scheint aus Pompeius’ großartigen und absichtlich zweideutigen
+Bulletins sich herleitende, Übertreibung, die aus seiner Razzia gegen
+die Gätuler einen Zug an die afrikanische Westküste (Plut. Pomp. 38),
+aus seiner fehlgeschlagenen Expedition gegen die Nabatäer eine
+Eroberung der Stadt Petra, aus seinem Schiedsspruch hinsichtlich der
+Grenzen Armeniens eine Feststellung der römischen Reichsgrenze jenseits
+Nisibis gemacht hat.
+
+———————————————————————————-
+
+Noch lag es dem Feldherrn ob, die inneren Verhältnisse der
+neugewonnenen Landschaften zu regulieren und die Spuren eines
+dreizehnjährigen, verheerenden Krieges soweit möglich zu tilgen. Das in
+Kleinasien von Lucullus und der ihm beigegebenen Kommission, auf Kreta
+von Metellus begonnene Organisationsgeschäft erhielt den endlichen
+Abschluß durch Pompeius. Die bisherige Provinz Asia, die Mysien,
+Lydien, Phrygien und Karien umfaßte, ward aus einer Grenz- eine
+Mittelprovinz; neu eingerichtet wurden die Provinz Bithynien und
+Pontus, welche gebildet ward aus dem gesamten ehemaligen Reiche des
+Nikomedes und der westlichen Hälfte des ehemaligen pontischen Staates
+bis an und über den Halys; die Provinz Kilikien, die zwar schon älter
+war, aber doch erst jetzt ihrem Namen entsprechend erweitert und
+organisiert ward und auch Pamphylien und Isaurien miteinschloß; die
+Provinz Syrien und die Provinz Kreta. Freilich fehlte viel, daß jene
+Ländermasse als römischer Territorialbesitz in dem heutigen Sinne des
+Wortes hätte betrachtet werden können. Form und Ordnung des Regiments
+blieben im wesentlichen, wie sie waren; nur trat an den Platz der
+bisherigen Monarchen die römische Gemeinde. Wie bisher bestanden jene
+asiatischen Landschaften aus einer bunten Mischung von
+Domanialbesitzungen, tatsächlich oder rechtlich autonomen
+Stadtgebieten, fürstlichen und priesterlichen Herrschaften und
+Königreichen, welche alle für die innere Verwaltung mehr oder minder
+sich selbst überlassen waren, übrigens aber bald in milderen, bald in
+strengeren Formen von der römischen Regierung und deren Prokonsuln in
+ähnlicher Weise abhingen, wie früher von dem Großkönig und dessen
+Satrapen. Wenigstens dem Range nach nahm unter den abhängigen Dynasten
+den ersten Platz ein der König von Kappadokien, dessen Gebiet schon
+Lucullus durch die Belehnung mit der Landschaft Melitene (um Malatia)
+bis an den Euphrat erweitert hatte und dem Pompeius noch teils an der
+Westgrenze einige von Kilikien abgerissene Bezirke von Kastabala bis
+nach Derbe bei Ikonion, teils an der Ostgrenze die am linken
+Euphratufer Melitene gegenüber gelegene, anfänglich dem armenischen
+Prinzen Tigranes zugedachte Landschaft Sophene verlieh, wodurch also
+die wichtigste Euphratpassage ganz in die Gewalt dieses Fürsten kam.
+Die kleine Landschaft Kommagene zwischen Syrien und Kappadokien mit der
+Hauptstadt Samosata (Samsat) blieb als abhängiges Königtum dem schon
+genannten Seleukiden Antiochos ^6: demselben wurden auch die wichtige,
+den südlicheren Übergang über den. Euphrat beherrschende Festung
+Seleukeia (bei Biradjik) und die nächsten Striche am linken Ufer des
+Euphrat zugeteilt und somit dafür gesorgt, daß die beiden
+Hauptübergänge über den Euphrat mit einem entsprechenden Gebiet am
+östlichen Ufer in den Händen zweier von Rom völlig abhängigen Dynasten
+blieben. Neben den Königen von Kappadokien und Kommagene und an
+wirklicher Macht ihnen bei weitem überlegen herrschte in Kleinasien der
+neue König Deiotarus. Einer der Vierfürsten des um Pessinus ansässigen
+Keltenstammes der Tolistoboger und von Lucullus und Pompeius mit den
+anderen kleinen römischen Klienten zur Heerfolge aufgeboten, hatte
+Deiotarus in diesen Feldzügen, im Gegensatz zu all den schlaffen
+Orientalen, seine Zuverlässigkeit und seine Tatkraft so glänzend
+bewährt, daß die römischen Feldherren zu seinem galatischen Erbe und
+seinen Besitzungen in der reichen Landschaft zwischen Amisos und der
+Halysmündung ihm noch die östliche Hälfte des ehemals Pontischen
+Reiches mit den Seestädten Pharnakia und Trapezus und das pontische
+Armenien bis zur kolchischen und großarmenischen Grenze als Königreich
+Klein-Armenien verliehen. Bald nachher vermehrte er sein schon
+ansehnliches Gebiet noch durch die Landschaft der keltischen Trokmer,
+deren Vierfürsten er verdrängte. So ward der geringe Lehnsmann einer
+der mächtigsten Dynasten Kleinasiens, dem die Hut eines wichtigen Teils
+der Reichsgrenze anvertraut werden konnte. Vasallen geringerer
+Bedeutung waren die übrigen zahlreichen galatischen Vierfürsten, von
+denen einer, der Trokmerfürst Bogodiatarus, wegen seiner im
+Mithradatischen Kriege bewährten Tüchtigkeit von Pompeius mit der
+ehemals pontischen Grenzstadt Mithradation beschenkt ward; der Fürst
+von Paphlagonien, Attalos, der sein Geschlecht auf das alte
+Herrscherhaus der Pylämeniden zurückführte; Aristarchos und andere
+kleine Herren im kolchischen Gebiet; Tarkondimotos, der im östlichen
+Kilikien in den Bergtälern des Amanos gebot; Ptolemaeos Mennaeos’ Sohn,
+der fortfuhr, in Chalkis am Libanos zu herrschen; der Nabatäerkönig
+Aretas als Herr von Damaskos; endlich die arabischen Emirs in den
+Landschaften dies- und jenseits des Euphrat, Abgaros in Osrhoene, den
+die Römer, um ihn als vorgeschobenen Posten gegen die Parther zu
+benutzen, auf alle Weise in ihr Interesse zu ziehen sich bemühten,
+Sampsikeramos in Hemesa, Alchaudonios der Rhambäer, ein anderer Emir in
+Bostra. Dazu kamen ferner die geistlichen Herren, die im Osten häufig
+gleich den weltlichen Dynasten über Land und Leute geboten, und an
+deren in dieser Heimat des Fanatismus fest gegründeter Autorität zu
+rütteln oder auch nur die Tempel ihrer Schätze zu berauben die Römer
+klüglich sich enthielten: der Hochpriester der Göttin Mutter in
+Pessinus; die beiden Hochpriester der Göttin Ma in dem kappadokischen
+Komana (am oberen Saros) und in der gleichnamigen pontischen Stadt
+(Gümenek bei Tokat), welche beide Herren in ihren Landschaften nur dem
+König an Macht nachstanden und deren jeder noch in viel späterer Zeit
+ausgedehnte Liegenschaften mit eigener Gerichtsbarkeit und an
+sechstausend Tempelsklaven besaß - mit dem pontischen Hochpriesteramt
+ward Archelaos, der Sohn des gleichnamigen, von Mithradates zu den
+Römern übergegangenen Feldherrn, von Pompeius belehnt -; der
+Hochpriester des Venasischen Zeus in dem kappadokischen Amt Morimene,
+dessen Einkünfte sich auf jährlich 23300 Taler (15 Talente) beliefen;
+der “Erzpriester und Herr” desjenigen Gebiets im Rauhen Kilikien, wo
+Teukros, des Aias Sohn, dem Zeus einen Tempel gegründet hatte, welche
+seine Nachkommen kraft Erbrechts vorstanden; der “Erzpriester und Herr
+des Volkes” der Juden, dem Pompeius, nachdem er die Mauern der
+Hauptstadt und die königlichen Schatz- und Zwingburgen im Lande
+geschleift hatte, unter ernstlicher Verwarnung, Friede zu halten und
+nicht weiter auf Eroberungen auszugehen, die Vorstandschaft seiner
+Nation zurückgab. Neben diesen weltlichen und geistlichen Potentaten
+standen die Stadtgemeinden. Zum Teil waren dieselben zu größeren
+Verbänden zusammengeordnet, welche einer verhältnismäßigen
+Selbständigkeit sich erfreuten, wie namentlich der wohlgeordnete und
+zum Beispiel der Teilnahme an der wüsten Piratenwirtschaft stets
+ferngebliebene Bund der dreiundzwanzig lykischen Städte; wogegen die
+zahlreichen vereinzelt stehenden Gemeinden, selbst wenn sie die
+Selbstregierung verbrieft erhalten hatten, tatsächlich von den
+römischen Statthaltern durchaus abhängig waren. Die Römer verkannten es
+nicht, daß mit der Aufgabe, den Hellenismus zu vertreten und im Osten
+Alexanders Marken zu schirmen und zu erweitern, vor allem die Hebung
+des städtischen Wesens ihnen zur Pflicht geworden war; denn wenn die
+Städte überall die Träger der Gesittung sind, so faßte vor allem der
+Antagonismus der Orientalen und Okzidentalen in seiner ganzen Schärfe
+sich zusammen in dem Gegensatz der orientalischen,
+militärisch-despotischen Lebenshierarchie und des hellenisch-italischen
+gewerb- und handeltreibenden städtischen Gemeinwesens. Lucullus und
+Pompeius, sowenig sie auch sonst auf die Nivellierung der Zustände im
+Osten ausgingen, und sosehr auch der letztere in Detailfragen die
+Anordnungen seines Vorgängers zu meistern und zu ändern geneigt war,
+trafen doch vollständig zusammen in dem Grundsatz, das städtische Wesen
+in Kleinasien und Syrien bach Kräften zu fördern. Kyzikos, an dessen
+kräftiger Gegenwehr die erste Heftigkeit des letzten Krieges sich
+gebrochen hatte, empfing von Lucullus eine beträchtliche Erweiterung
+seines Gebietes. Das pontische Herakleia, wie energisch es auch den
+Römern widerstanden hatte, erhielt dennoch sein Gebiet und seine Häfen
+zurück, und Cottas barbarisches Wüten gegen die unglückliche Stadt
+erfuhr im Senat den schärfsten Tadel. Lucullus hatte es tief und
+aufrichtig beklagt, daß das Schicksal ihm das Glück versagt hatte,
+Sinope und Amisos von der Verheerung durch die pontische und die eigene
+Soldateska zu erretten; er tat wenigstens, was er vermochte, um sie
+wiederherzustellen, erweiterte ansehnlich ihre Gebiete, bevölkerte sie
+aufs neue teils mit den alten Bewohnern, die auf seine Einladung
+scharenweise in die geliebte Heimat zurückkehrten, teils mit neuen
+Ansiedlern hellenischer Abstammung und sorgte für den Wiederaufbau der
+zerstörten Gebäude. In gleichem Sinn und in noch größerem Maßstab
+verfuhr Pompeius. Schon nach der Überwindung der Piraten hatte er die
+Gefangenen, deren Zahl 20000 überstieg, statt nach dem Beispiel seiner
+Vorgänger sie zu kreuzigen, angesiedelt teils in den verödeten Städten
+des Ebenen Kilikien, wie in Mallos, Adana, Epiphaneia, und besonders in
+Soloi, das seitdem den Namen der Pompeiusstadt (Pompeiopolis) führte,
+teils in Dyme in Achaia, ja sogar in Tarent. Die Piratenkolonisierung
+fand vielfachen Tadel ^7, da sie gewissermaßen auf das Verbrechen eine
+Belohnung zu setzen schien; in der Tat war sie politisch und sittlich
+wohl gerechtfertigt, denn wie die Dinge damals standen, war die
+Piraterie etwas anderes als Räuberei und die Gefangenen billig, nach
+Kriegsrecht zu behandeln. Vor allen Dingen aber ließ Pompeius es sich
+angelegen sein, in den neuen römischen Provinzen das städtische Wesen
+emporzubringen. Wie städtearm das Pontische Reich war, ward schon
+bemerkt; die meisten Distrikte Kappadokiens hatten noch ein Jahrhundert
+später keine Städte, sondern nur Bergfestungen als Zufluchtsort für die
+ackerbauende Bevölkerung im Kriege: im ganzen östlichen Kleinasien wird
+es, abgesehen von den sparsam gesäten griechischen Kolonien an den
+Küsten, zu dieser Zeit nicht anders gewesen sein. Die Zahl der von
+Pompeius in diesen Landschaften neu gegründeten Städte wird
+einschließlich der kilikischen Ansiedlungen auf neununddreißig
+angegeben, von denen mehrere zu hoher Blüte gelangten. Die namhaftesten
+dieser Ortschaften in dem ehemaligen Pontischen Reiche sind Nikopolis,
+die “Siegesstadt”, gegründet an dem Orte, wo Mithradates die letzte
+einschneidende Niederlage erlitt - das schönste Siegesdenkmal des
+trophäenreichen Feldherrn; Megalopolis, nach Pompeius’ Beinamen
+genannt, an der Grenze von Kappadokien und Klein-Armenien, das spätere
+Sebasteia (jetzt Siwas); Ziela, wo die Römer die unglückliche Schlacht
+lieferten, eine um den dasigen Tempel der Anaitis entstandene und
+bisher dem Hochpriester derselben eigene Ortschaft, der Pompeius
+städtische Form und städtisches Recht gab; Diopolis, früher Kabeira,
+später Neo-Caesarea (Niksar), gleichfalls eine der Walstätten des
+letzten Krieges; Magnopolis oder Pompeiopolis, das wiederhergestellte
+Eupatoria am Zusammenfluß des Lykos und des Iris, ursprünglich von
+Mithradates erbaut, aber wegen des Abfalls der Stadt zu den Römern
+wieder von ihm zerstört; Neapolis, sonst Phazemon, zwischen Amaseia und
+dem Halys. Die meisten dieser Stadtgründungen wurden nicht durch
+Kolonisten aus der Ferne bewirkt, sondern durch Niederlegung der Dörfer
+und Zusammenziehung ihrer Bewohnerin den neuen Mauerring; nur in
+Nikopolis siedelte Pompeius die Invaliden und Bejahrten seiner Armee
+an, die es vorzogen, statt später in Italien, hier sofort eine Heimat
+sich zu gründen. Aber auch an anderen Orten entstanden auf den Wink des
+Machthabers neue Brennpunkte der hellenischen Zivilisation. In
+Paphlagonien bezeichnete ein drittes Pompeiupolis die Stätte, wo
+Mithradates’ Armee im Jahre 666 (88) den großen Sieg über die Bithyner
+erfocht. In Kappadokien, das vielleicht mehr als irgendeine andere
+Provinz durch den Krieg gelitten hatte, wurden die Residenz Mazaka
+(später Caesarea, jetzt Kayseri) und sieben andere Ortschaften von
+Pompeius wiederhergestellt und städtisch eingerichtet. In Kilikien und
+Koilesyrien zählte man zwanzig von Pompeius angelegte Städte. In den
+von den Juden geräumten Distrikten erhob sich Gadara in der Dekapolis
+auf Pompeius’ Befehl aus seinen Trümmern und ward die Stadt Seleukis
+gegründet. Bei weitem der größte Teil des auf dem asiatischen Kontinent
+zur Verfügung stehenden Domaniallandes muß von Pompeius für seine neuen
+Ansiedlungen verwandt worden sein, wogegen auf Kreta, um das Pompeius
+sich wenig oder gar nicht kümmerte, der römische Domanialbesitz
+ziemlich ausgedehnt geblieben zu sein scheint.
+
+—————————————————————————-
+
+^6 Der Krieg, den dieser Antiochos mit Pompeius geführt haben soll
+(App. Mithr. 106, 117), stimmt sehr wenig zu dem Vertrag, den derselbe
+mit Lucullus abschloß (Dio 36, 4) und seinem ungestörten Verbleiben in
+der Herrschaft; vermutlich ist auch er bloß daraus herausgesponnen, daß
+Antiochos von Kommagene unter den von Pompeius unterworfenen Königen
+figurierte.
+
+^7 Hierauf zielt vermutlich Ciceros Vorwurf (off. 3, 12, 49): piratas
+immunes habemus, socios vectigales; insofern nämlich jene
+Piratenkolonien wahrscheinlich von Pompeius zugleich mit der Immunität
+beschenkt wurden, während bekanntlich die von Rom abhängigen
+Provinzialgemeinden durchschnittlich steuerpflichtig waren.
+
+—————————————————————————-
+
+Nicht minder wie auf Gründung neuer Ortschaften war Pompeius darauf
+bedacht, die bestehenden Gemeinden zu ordnen und zu heben. Die
+eingerissenen Mißbräuche und Usurpationen wurden nach Vermögen
+abgestellt; ausführliche und für die verschiedenen Provinzen mit
+Sorgfalt entworfene Gemeindeordnungen regelten im einzelnen das
+Munizipalwesen. Eine Reihe der ansehnlichsten Städte ward mit neuen
+Privilegien beschenkt. Die Autonomie erhielten Antiocheia am Orontes,
+die bedeutendste Stadt des römischen Asien und nur wenig zurückstehend
+hinter dem ägyptischen Alexandreia und hinter dem Bagdad des Altertums,
+der Stadt Seleukeia im Parthischen Reiche, ferner die Nachbarstadt von
+Antiocheia, das persische Seleukeia, das damit für seine mutige
+Gegenwehr gegen Tigranes den Lohn empfing; Gaza und überhaupt alle von
+der jüdischen Herrschaft befreite Städte; in Vorderasien Mytilene;
+Phanagoria am Schwarzen Meer.
+
+So war der Bau des asiatischen Römerstaates vollendet, der mit seinen
+Lehnkönigen und Vasallen, den gefürsteten Priestern und der Reihe ganz-
+und halbfreier Städte lebhaft erinnert an das Heilige Römische Reich
+Deutscher Nation. Er war kein Wunderwerk, weder hinsichtlich der
+überwundenen Schwierigkeiten, noch hinsichtlich der erreichten
+Vollendung, und ward es auch nicht durch all die großen Worte, mit
+denen in Rom die vornehme Welt zu Gunsten des Lucullus, die lautere
+Menge zum Preise des Pompeius freigebig waren. Pompeius namentlich ließ
+sich feiern und feierte sich selbst in einer Weise, daß man ihn fast
+für noch schwachköpfiger hätte halten mögen, als er in der Tat war.
+Wenn die Mytilenäer ihm eine Bildsäule errichteten als ihrem Erretter
+und Gründer, als demjenigen, der die den Erdkreis erfüllenden Kriege
+sowohl zu Lande wie zur See beendigt, so mochte eine solche Huldigung
+für den Bezwinger der Piraten und der Reiche des Ostens nicht allzu
+überschwenglich scheinen. Aber die Römer übertrafen diesmal die
+Griechen. Pompeius’ eigene Triumphalinschriften rechneten 12 Millionen
+unterworfener Seelen und 1538 eroberte Städte und Burgen heraus - es
+schien, als solle die Quantität die Qualität ersetzen - und erstreckten
+den Kreis seiner Siege vom Mäotischen zum Kaspischen, von diesem zum
+Roten Meer, von welchen drei Meeren er keines je mit Augen gesehen hat;
+ja wenn er es auch nicht geradezu sagte, so veranlaßte er doch das
+Publikum zu meinen, daß die Einziehung Syriens, die wahrlich keine
+Heldentat war, den ganzen Osten bis nach Baktrien und Indien zum
+Römischen Reiche gebracht habe - in so nebelhafte Ferne verschwamm in
+seinen Angaben die Grenzlinie seiner östlichen Eroberungen. Die
+demokratische Servilität, die zu allen Zeiten mit der höfischen
+gewetteifert hat, ging bereitwillig auf dergleichen geschmacklosen
+Schwindel ein. Ihr genügte nicht der pomphafte Triumphalzug, der am 28.
+und 29. September 593 (61), dem sechsundvierzigsten Geburtstag Pompeius
+des Großen, durch die Gassen Roms sich bewegte, verherrlicht, um von
+den Kleinodien aller Art zu schweigen, durch die Kroninsignien
+Mithradats und durch die Kinder der drei mächtigsten Könige Asiens, des
+Mithradates, Tigranes und Phraates: sie lohnte ihrem Feldherrn, der
+zweiundzwanzig Könige besiegt, dafür mit königlichen Ehren und verlieh
+ihm den goldenen Kranz und die Insignien der Magistratur auf
+Lebenszeit. Die ihm zu Ehren geschlagenen Münzen zeigen gar die
+Weltkugel zwischen dem dreifachen, aus den drei Weltteilen
+heimgebrachten Lorbeer und über ihr schwebend jenen dem Triumphator
+über Afrika, Spanien und Asien von der Bürgerschaft verehrten
+Goldkranz. Es kann solchen kindischen Huldigungen gegenüber nicht
+wundernehmen, daß auch im entgegengesetzten Sinne Stimmen laut wurden.
+Unter der römischen vornehmen Welt war es eine geläufige Rede, daß das
+eigentliche Verdienst der Unterwerfung des Ostens Lucullus zukomme und
+Pompeius nur nach dem Osten gegangen sei, um Lucullus zu verdrängen und
+die von fremder Hand gebrochenen Lorbeeren um die eigene Stirn zu
+flechten. Beides war vollständig falsch; nicht Pompeius, sondern
+Glabrio ward nach Asien gesandt, um Lucullus abzulösen, und wie wacker
+auch Lucullus gefochten, es war Tatsache, daß, als Pompeius den
+Oberbefehl übernahm, die Römer all ihre früheren Erfolge wieder
+eingebüßt und keinen Fußbreit pontischen Bodens innehatten. Mehr zum
+Ziele traf der Spott der Hauptstädter, die nicht ermangelten, dem
+mächtigen Besieger des Erdballs die Namen der von ihm überwundenen
+Großmächte als Spitznamen beizulegen und ihn bald als “Sieger von
+Salem” bald als “Emir” (Arabarches), bald als den römischen
+Sampsikeramos begrüßten. Der unbefangene Urteiler wird indes weder in
+jene Überschwenglichkeiten noch in diese Verkleinerungen einstimmen.
+Lucullus und Pompeius haben, indem sie Asien unterwarfen und ordneten,
+sich nicht als Helden und Staatsschöpfer bewährt, aber wohl als
+einsichtige und kräftige Heerführer und Statthalter. Als Feldherr
+bewies Lucullus nicht gemeine Talente und ein an Verwegenheit
+grenzendes Selbstvertrauen, Pompeius militärische Einsicht und eine
+seltene Zurückhaltung, wie denn kaum je ein General mit solchen
+Streitkräften und einer so vollkommen freien Stellung so vorsichtig
+aufgetreten ist wie Pompeius im Osten. Die glänzendsten Aufgaben trugen
+von allen Seiten sich ihm gleichsam selber an: er konnte nach dem
+Kimmerischen Bosporus und gegen das Rote Meer hin aufbrechen; er hatte
+Gelegenheit, den Parthern den Krieg zu erklären; die aufständischen
+Landschaften Ägyptens luden ihn ein, den von Rom nicht anerkannten
+König Ptolemaeos vom Thron zu stoßen und das Testament Alexanders in
+Vollzug zu setzen; aber Pompeius ist weder nach Pantikapäon noch nach
+Petra, weder nach Ktesiphon noch nach Alexandreia gezogen; durchaus
+pflückte er nur diejenigen Früchte, die ihm von selber in die Hand
+fielen. Ebenso schlug er alle seine Schlachten zur See wie zu Lande mit
+einer erdrückenden Übermacht. Wäre diese Mäßigung hervorgegangen aus
+dem strengen Einhalten der erteilten Instruktionen, wie Pompeius
+vorzugehen pflegte, oder auch aus der Einsicht, daß Roms Eroberungen
+irgendwo eine Grenze finden müßten und neuer Gebietszuwachs dem Staat
+nicht förderlich sei, so würde sie ein höheres Lob verdienen, als die
+Geschichte es dem talentvollsten Offizier erteilt; allein wie Pompeius
+war, ist seine Zurückhaltung ohne Zweifel einzig das Resultat des ihm
+eigentümlichen Mangels an Sicherheit und an Initiative - Mängel
+freilich, die dem Staate in diesem Falle weit nützlicher wurden als die
+entgegengesetzten Vorzüge seines Vorgängers. Allerdings sind auch von
+Lucullus wie von Pompeius sehr arge Fehler begangen worden. Lucullus
+erntete deren Früchte selbst, indem sein unbesonnenes Verfahren ihm
+alle Resultate seiner Siege wieder entriß; Pompeius überließ es seinen
+Nachfolgern, die Folgen seiner falschen Politik gegen die Parther zu
+tragen. Er konnte diese entweder bekriegen, wenn er dessen sich
+getraute, oder mit ihnen Frieden halten und, wie er versprochen, den
+Euphrat als Grenze anerkennen; zu jenem war er zu zaghaft, zu diesem zu
+eitel, und so kam er denn zu der einfältigen Perfidie, die gute
+Nachbarschaft, die der Hof von Ktesiphon wünschte und seinerseits übte,
+durch die maßlosesten Übergriffe unmöglich zu machen, dennoch aber dem
+Feinde zu gestatten, sich die Zeit des Bruches und der Vergeltung
+selber wählen zu dürfen. Als Verwalter Asiens erwarb Lucullus ein mehr
+als fürstliches Vermögen, und auch Pompeius empfing als Lohn für seine
+Organisation von dem König von Kappadokien, von der reichen Stadt
+Antiocheia und anderen Herren und Gemeinden große Barsummen und noch
+ansehnlichere Schuldverschreibungen. Indes dergleichen Erpressungen
+waren fast eine gewohnheitsmäßige Steuer geworden, und beide Feldherren
+bewiesen doch nicht gerade in wichtigeren Fragen sich käuflich, ließen
+auch womöglich sich von der Partei bezahlen, deren Interessen mit denen
+Roms zusammenfielen. Wie die Zeiten einmal waren, hindert dies nicht,
+die Verwaltung beider Männer als eine relativ löbliche und zunächst im
+Interesse Roms, demnächst in dem der Provinzialen geführte zu
+bezeichnen. Die Verwandlung der Klienten in Untertanen, die bessere
+Regulierung der Ostgrenze, die Begründung eines einheitlichen und
+starken Regiments waren segensreich für die Herrscher wie für die
+Beherrschten. Der finanzielle Gewinn, den Rom machte, war unermeßlich;
+die neue Vermögenssteuer, die mit Ausnahme einzelner, besonders
+befreiter Gemeinden all jene Fürsten, Priester und Städte nach Rom zu
+zahlen hatten, steigerte die römischen Staatseinnahmen fast um die
+Hälfte ihres bisherigen Betrags. Freilich litt Asien schwer. Pompeius
+legte an Geld und Kleinodien einen Betrag von 15 Mill. Talern (200
+Mill. Sesterzen) in die Staatskasse nieder und verteilte 29 Millionen
+(16000 Talente) unter seine Offiziere und Soldaten; wenn man hierzu die
+bedeutenden von Lucullus heimgebrachten Summen, die nichtoffiziellen
+Erpressungen der römischen Armee und den Betrag der Kriegsschäden
+selbst rechnet, so ist die finanzielle Erschöpfung des Landes
+begreiflich. Die römische Besteuerung Asiens war vielleicht an sich
+nicht schlimmer als die der früheren Regenten, aber lastete doch
+insofern schwerer auf dem Lande, als die Abgaben fortan in das Ausland
+gingen und nur zum kleineren Teil wieder in Asien verwandt wurden; und
+auf jeden Fall war sie in den alten wie in den neugewonnenen Provinzen
+basiert auf die systematische Ausbeutung der Landschaften zu Gunsten
+Roms. Aber die Verantwortung hierfür trifft weit weniger die Feldherren
+persönlich als die Parteien daheim, auf die jene Rücksicht zu nehmen
+hatten; Lucullus war sogar energisch bemüht, dem wucherischen Treiben
+der römischen Kapitalisten in Asien Schranken zu setzen, und sein Sturz
+ward wesentlich mit hierdurch herbeigeführt. Wie sehr es beiden Männern
+Ernst damit war, die heruntergekommenen Landschaften wieder in die Höhe
+zu bringen, beweist ihre Tätigkeit da, wo keine Rücksichten der
+Parteipolitik ihnen die Hände banden, namentlich ihre Fürsorge für die
+kleinasiatischen Städte. Wenn auch noch Jahrhunderte später manches in
+Ruinen liegende asiatische Dorf an die Zeiten des großen Krieges
+erinnerte, so mochte doch Sinope wohl mit dem Jahr der
+Wiederherstellung durch Lucullus eine neue Ära beginnen und fast alle
+ansehnlicheren Binnenstädte des Pontischen Reiches Pompeius als ihren
+Stifter dankbar verehren. Die Einrichtung des römischen Asien durch
+Lucullus und Pompeius darf bei all ihren unleugbaren Mängeln eine im
+ganzen verständige und löbliche genannt werden; wie schwere Übelstände
+aber auch ihr anhaften mochten, den vielgeplagten Asiaten mußte sie
+schon darum willkommen sein, weil sie zugleich kam mit dem so lange und
+so schmerzlich entbehrten inneren und äußeren Frieden.
+
+Es blieb auch im wesentlichen Friede im Orient, bis der von Pompeius
+mit der ihm eigenen Zaghaftigkeit nur angedeutete Gedanke, die
+Landschaften östlich vom Euphrat zum Römischen Reiche zu fügen, von der
+neuen Triarchie der römischen Machthaber energisch, aber unglücklich
+wiederaufgenommen ward und bald darauf der Bürgerkrieg wie alle anderen
+so auch die östlichen Provinzen in seinen verhängnisvollen Strudel
+hineinzog. Daß in der Zwischenzeit die Statthalter Kilikiens beständig
+mit den Bergvölkern des Amanos, die von Syrien mit den Schwärmen der
+Wüste zu fechten hatten und namentlich in diesem Kriege gegen die
+Beduinen manche römische Truppe aufgerieben ward, ist ohne weitere
+Bedeutung. Bemerkenswerter ist der eigensinnige Widerstand, den die
+zähe jüdische Nation den Eroberern entgegensetzte. Teils des
+abgesetzten Königs Aristobulos Sohn Alexandros, teils Aristobulos
+selbst, dem es nach einiger Zeit gelang, aus der Gefangenschaft zu
+entkommen, erregten während der Statthalterschaft des Aulus Gabinius
+(697-700 57-54) drei verschiedene Aufstände gegen die neuen Machthaber,
+deren jedem die von Rom eingesetzte Regierung des Hochpriesters
+Hyrkanos ohnmächtig erlag. Es war nicht politische Überlegung, sondern
+der unbesiegbare Widerwille des Orientalen gegen das unnatürliche Joch,
+der sie zwang, gegen den Stachel zu löcken; wie denn auch der letzte
+und gefährlichste dieser Aufstände, zu welchem die durch die
+ägyptischen Krisen veranlaßte Wegziehung der syrischen Okkupationsarmee
+den nächsten Anstoß gab, begann mit der Ermordung der in Palästina
+ansässigen Römer. Nicht ohne Mühe gelang es dem tüchtigen Statthalter,
+die wenigen Römer, die diesem Schicksal sich entzogen und eine
+vorläufige Zuflucht auf dem Berge Garizim gefunden hatten, von den dort
+sie blockiert haltenden Insurgenten zu erretten und nach mehreren hart
+bestrittenen Feldschlachten und langwierigen Belagerungen den Aufstand
+zu bewältigen. Infolgedessen ward die Hohenpriestermonarchie
+abgeschafft und das jüdische Land, wie einst Makedonien, in fünf
+selbständige, von optimatisch geordneten Regierungskollegien verwaltete
+Kreise aufgelöst, auch Samaria und andere, von den Juden geschleifte
+Ortschaften wiederhergestellt, um ein Gegengewicht gegen Jerusalem zu
+bilden, endlich den Juden ein schwererer Tribut auferlegt als den
+übrigen syrischen Untertanen Roms.
+
+Noch ist es übrig, auf das Königreich Ägypten nebst dem letzten ihm von
+den ausgedehnten Eroberungen der Lagiden übriggebliebenen Nebenland,
+der schönen Insel Kypros, einen Blick zu werfen. Ägypten war jetzt der
+einzige wenigstens dem Namen nach noch unabhängige Staat des
+hellenischen Ostens; ebenwie einst, als die Perser an der östlichen
+Hälfte des Mittelmeers sich festsetzten, Ägypten ihre letzte Eroberung
+war, säumten auch die mächtigen Eroberer aus dem Westen am längsten mit
+der Einziehung dieser reichen und eigenartigen Landschaft. Die Ursache
+lag, wie bereits angedeutet wurde, weder in der Furcht vor dem
+Widerstand Ägyptens noch in dem Mangel einer geeigneten Veranlassung.
+Ägypten war ungefähr ebenso machtlos wie Syrien und bereits im Jahre
+673 (81) in aller Form Rechtens der römischen Gemeinde angestorben; das
+am Hofe von Alexandreia herrschende Regiment der königlichen Garde,
+welche Minister und gelegentlich Könige ein- und absetzte, für sich
+nahm, was ihr gefiel, und, wenn ihr die Erhöhung des Soldes verweigert
+ward, den König in seinem Palast belagerte, war im Lande oder vielmehr
+in der Hauptstadt - denn das Land mit seiner Ackersklavenbevölkerung
+kam überhaupt kaum in Betracht - ganz und gar nicht beliebt, und
+wenigstens eine Partei daselbst wünschte die Einziehung Ägyptens durch
+Rom und tat sogar Schritte, um sie herbeizuführen. Allein je weniger
+die Könige Ägyptens daran denken konnten, mit den Waffen gegen Rom zu
+streiten, desto energischer setzte das ägyptische Gold gegen die
+römischen Reunionspläne sich zur Wehre; und infolge der eigentümlichen
+despotisch-kommunistischen Zentralisation der ägyptischen
+Volkswirtschaft waren die Einkünfte des Hofes von Alexandreia der
+römischen Staatseinnahme, selbst nach deren Vermehrung durch Pompeius,
+noch ungefähr gleich. Die argwöhnische Eifersucht der Oligarchie, die
+weder die Eroberung noch die Verwaltung Ägyptens gern einem einzelnen
+gönnte, kam hinzu. So vermochten die faktischen Herren von Ägypten und
+Kypros durch Bestechung der führenden Männer im Senat sich ihre
+schwankenden Kronen nicht bloß zu fristen, sondern sogar neu zu
+befestigen und vom Senat die Bestätigung ihrer Königstitel zu erkaufen.
+Allein damit waren sie noch nicht am Ziel. Das formelle Staatsrecht
+forderte einen Beschluß der römischen Bürgerschaft; bevor dieser
+erlassen war, waren die Ptolemäer abhängig von der Laune jedes
+demokratischen Machthabers, und sie hatten also den Bestechungskrieg
+auch gegen die andere römische Partei zu eröffnen, welche als die
+mächtigere weit höhere Preise bedang. Der Ausgang war ungleich. Die
+Einziehung von Kypros ward im Jahre 696 (58) vom Volke, das heißt von
+den Führern der Demokratie verfügt, wobei als offizieller Grund,
+weshalb dieselbe jetzt vorgenommen werde, die Förderung der Piraterie
+durch die Kyprioten angegeben ward. Marcus Cato, von seinen Gegnern mit
+der Ausführung dieser Maßregel beauftragt, kam nach der Insel ohne
+Heer; allein es bedurfte dessen auch nicht. Der König nahm Gift; die
+Einwohner fügten sich, ohne Widerstand zu leisten, dem unvermeidlichen
+Verhängnis und wurden dem Statthalter von Kilikien untergeordnet. Der
+überreiche Schatz von fast 7000 Talenten (fast 13 Mill. Taler), den der
+ebenso habsüchtige wie geizige König sich nicht hatte überwinden
+können, für die zur Rettung seiner Krone erforderlichen Bestechungen
+anzugreifen, fiel mit dieser zugleich an die Römer und füllte in
+erwünschter Weise die leeren Gewölbe ihres Ärars.
+
+Dagegen gelang es dem Bruder, der in Ägypten regierte, die Anerkennung
+durch Volksschluß von den neuen Herren Roms im Jahre 695 (59) zu
+erkaufen; der Kaufpreis soll 6000 Talente (11 Mill. Taler) betragen
+haben. Die Bürgerschaft freilich, längst gegen den guten Flötenbläser
+und schlechten Regenten erbittert und nun durch den definitiven Verlust
+von Kypros und den infolge der Transaktionen mit den Römern
+unerträglich gesteigerten Steuerdruck aufs äußerste gebracht (696 58),
+jagte ihn dafür aus dem Lande. Als der König darauf, gleichsam wie
+wegen Entwährung des Kaufobjekts, sich an seine Verkäufer wandte, waren
+diese billig genug einzusehen, daß es ihnen als redlichen
+Geschäftsmännern obliege, dem Ptolemaeos sein Reich
+wiederzuverschaffen; nur konnten die Parteien sich nicht einig werden,
+wem der wichtige Auftrag, Ägypten mit bewaffneter Hand zu besetzen,
+nebst den davon zu erhoffenden Sporteln zukommen solle. Erst als die
+Triarchie auf der Konferenz von Luca sich neu befestigte, wurde
+zugleich auch diese Angelegenheit geordnet, nachdem Ptolemaeos noch
+sich zur Erlegung weiterer 10000 Talente (18 Mill. Taler) verstanden
+hatte: der Statthalter Syriens, Aulus Gabinius, erhielt jetzt von den
+Machthabern Befehl, sofort zur Zurückführung des Königs die nötigen
+Schritte zu tun. Die Bürgerschaft von Alexandreia hatte inzwischen des
+vertriebenen Königs ältester Tochter Berenike die Krone aufgesetzt und
+ihr in der Person eines der geistlichen Fürsten des römischen Asien,
+des Hochpriesters von Komana Archelaos, einen Gemahl gegeben, der
+Ehrgeiz genug besaß, um an die Hoffnung, den Thron der Lagiden zu
+besteigen, seine gesicherte und ansehnliche Stellung zu setzen. Seine
+Versuche, die römischen Machthaber für sich zu gewinnen, blieben ohne
+Erfolg; aber er schrak auch nicht zurück vor dem Gedanken, sein neues
+Reich mit den Waffen in der Hand selbst gegen die Römer behaupten zu
+müssen. Gabinius, ohne ostensible Vollmacht, den Krieg gegen Ägypten zu
+beginnen, aber von den Machthabern dazu angewiesen, nahm die angebliche
+Förderung der Piraterie durch die Ägypter und den Flottenbau des
+Archelaos zum Vorwand und brach ungesäumt auf gegen die ägyptische
+Grenze (699 55). Der Marsch durch die Sandwüste zwischen Gaza und
+Pelusion, an der so manche gegen Ägypten gerichtete Invasion
+gescheitert war, ward diesmal glücklich zurückgelegt, was besonders
+.dem raschen und geschickten Führer der Reiterei, Marcus Antonius,
+verdankt ward. Auch die Grenzfestung Pelusion wurde von der dort
+stehenden jüdischen Besatzung ohne Gegenwehr übergeben. Vorwärts dieser
+Stadt trafen die Römer auf die Ägypter, schlugen sie, wobei Antonius
+wiederum sich auszeichnete, und gelangten, die erste römische Armee, an
+den Nil. Hier hatten Flotte und Heer der Ägypter zum letzten
+entscheidenden Kampfe sich aufgestellt; aber die Römer siegten abermals
+und Archelaos selbst fand mit vielen der Seinigen kämpfend den Tod.
+Sofort nach dieser Schlacht ergab sich die Hauptstadt und damit war
+jeder Widerstand am Ende. Das unglückliche Land ward seinem
+rechtmäßigen Zwingherrn überliefert: das Henken und Köpfen, womit ohne
+des ritterlichen Antonius’ Dazwischenkunft Ptolemaeos die
+Wiederherstellung des legitimen Regiments bereits in Pelusion zu feiern
+begonnen haben würde, ging nun ungehemmt seinen Gang, und vor allen
+anderen ward die unschuldige Tochter von dem Vater auf das Schafott
+gesandt. Die Bezahlung des mit den Machthabern vereinbarten Lohnes
+scheiterte an der absoluten Unmöglichkeit, dem ausgesogenen Lande die
+verlangten ungeheuren Summen abzupressen, obwohl man dem armen Volke
+den letzten Pfennig nahm; dafür aber, daß das Land wenigstens ruhig
+blieb, sorgte die in der Hauptstadt zurückgelassene Besatzung von
+römischer Infanterie und keltischer und deutscher Reiterei, welche die
+einheimischen Prätorianer ablöste und übrigens nicht unglücklich ihnen
+nacheiferte. Die bisherige Hegemonie Roms über Ägypten ward damit in
+eine unmittelbare militärische Okkupation verwandelt und die nominelle
+Fortdauer des einheimischen Königtums war nicht so sehr eine
+Bevorzugung des Landes als eine zwiefache Belastung.
+
+
+
+
+KAPITEL V.
+Der Parteienkampf während Pompeius’ Abwesenheit
+
+
+Mit dem Gabinischen Gesetze wechselten die hauptstädtischen Parteien
+die Rollen. Seit der erwählte Feldherr der Demokratie das Schwert in
+der Hand hielt, war seine Partei oder was dafür galt auch in der
+Hauptstadt übermächtig. Wohl stand die Nobilität noch geschlossen
+zusammen und gingen nach wie vor aus der Komitialmaschine nur Konsuln
+hervor, die nach dem Ausdrucke der Demokraten schon in den Windeln zum
+Konsulate designiert waren; die Wahlen zu beherrschen und hier den
+Einfluß der alten Familien zu brechen, vermochten selbst die Machthaber
+nicht. Aber leider fing das Konsulat, ebenda man es so weit gebracht
+hatte, die “neuen Menschen” so gut wie vollständig davon
+auszuschließen, selber an, vor dem neu aufgehenden Gestirn der;
+exzeptionellen Militärgewalt zu erbleichen. Die Aristokratie empfand
+es, wenn sie auch nicht gerade es sich gestand; sie gab sich selber
+verloren. Außer Quintus Catulus, der mit achtbarer Festigkeit auf
+seinem wenig erfreulichen Posten als Vorfechter einer überwundenen
+Partei bis zu seinem Tode (694 60) ausharrte, ist aus den obersten
+Reihen der Nobilität kein Optimat zu nennen, der die Interessen der
+Aristokratie mit Mut und Stetigkeit vertreten hätte. Eben ihre
+talentvollsten und gefeiertsten Männer, wie Quintus Metellus Pius und
+Lucius Lucullus, abdizierten tatsächlich und zogen sich, soweit es
+irgend schicklicherweise anging, auf ihre Villen zurück, um über Gärten
+und Bibliotheken, über Vogelhäusern und Fischteichen den Markt und das
+Rathaus möglichst zu vergessen. Noch viel mehr gilt dies natürlich von
+der jüngeren Generation der Aristokratie, die entweder ganz in Luxus
+und Literatur unterging oder der aufgehenden Sonne sich zuwandte. Ein
+einziger unter den Jüngeren machte hiervon eine Ausnahme: es ist Marcus
+Porcius Cato (geboren 659 95), ein Mann vom besten Willen und seltener
+Hingebung, und doch eine der abenteuerlichsten und eine der
+unerfreulichsten Erscheinungen in dieser an politischen Zerrbildern
+überreichen Zeit. Ehrlich und stetig, ernsthaft im Wollen und im
+Handeln, voll Anhänglichkeit an sein Vaterland und die angestammte
+Verfassung, aber ein langsamer Kopf und sinnlich wie sittlich ohne
+Leidenschaft, hätte er allenfalls einen leidlichen Staatsrechenmeister
+abgeben mögen. Unglücklicherweise aber geriet er früh unter die Gewalt
+der Phrase, und, teils beherrscht von den Redensarten der Stoa, wie sie
+in abstrakter Kahlheit und geistloser Abgerissenheit in der damaligen
+vornehmen Welt im Umlauf waren, teils von dem Exempel seines
+Urgroßvaters, den zu erneuern er für seine besondere Aufgabe hielt,
+fing er an, als Musterbürger und Tugendspiegel in der sündigen
+Hauptstadt umherzuwandeln, gleich dem alten Cato auf die Zeiten zu
+schelten, zu Fuß zu gehen statt zu reiten, keine Zinsen zu nehmen,
+soldatische Ehrenzeichen abzulehnen und die Wiederherstellung der guten
+alten Zeit damit einzuleiten, daß er nach König Romulus’ Vorgang ohne
+Hemd ging. Eine seltsame Karikatur seines Ahnen, des greisen Bauern,
+den Haß und Zorn zum Redner machten, der den Pflug wie das Schwert
+meisterlich führte, der mit seinem bornierten, aber originellen und
+gesunden Menschenverstand in der Regel den Nagel auf den Kopf traf, war
+dieser junge kühle Gelehrte, dem die Schulmeisterweisheit von den
+Lippen troff und den man immer mit dem Buche in der Hand sitzen sah,
+dieser Philosoph, der weder das Kriegs- noch sonst irgendein Handwerk
+verstand, dieser Wolkenwandler im Reiche der abstrakten Moral. Dennoch
+gelangte er zu sittlicher und dadurch selbst zu politischer Bedeutung.
+In einer durchaus elenden und feigen Zeit imponierten sein Mut und
+seine negativen Tugenden der Menge; er machte sogar Schule, und es gab
+einzelne - freilich waren sie danach -, die die lebendige
+Philosophenschablone weiter kopierten und abermals karikierten. Auf
+derselben Ursache beruht auch sein politischer Einfluß. Da er der
+einzige namhafte Konservative war, der wo nicht Talent und Einsicht,
+doch Ehrlichkeit und Mut besaß und immer bereitstand, wo es nötig und
+nicht nötig war, seine Person in die Schanze zu schlagen, so ward er,
+obwohl weder sein Alter noch sein Rang noch sein Geist ihn dazu
+berechtigten, dennoch bald der anerkannte Vormann der Optimatenpartei.
+Wo das Ausharren eines einzelnen entschlossenen Mannes entscheiden
+konnte, hat er auch wohl einen Erfolg erzielt und in Detailfragen,
+namentlich finanzieller Art, oft zweckmäßig eingegriffen, wie er denn
+in keiner Senatssitzung fehlte und mit seiner Quästur in der Tat Epoche
+machte, auch solange er lebte das öffentliche Budget im einzelnen
+kontrollierte und natürlich denn auch darüber mit den Steuerpächtern in
+beständigem Kriege lebte. übrigens fehlte ihm zum Staatsmann nicht mehr
+als alles. Er war unfähig, einen politischen Zweck auch nur zu
+begreifen und politische Verhältnisse zu überblicken; seine ganze
+Taktik bestand darin, gegen jeden Front zu machen, der von dem
+traditionellen moralisch-politischen Katechismus der Aristokratie
+abwich oder ihm abzuweichen schien, womit er denn natürlich ebensooft
+dem Gegner wie dem Parteigenossen in die Hände gearbeitet hat. Der Don
+Quichotte der Aristokratie, bewährte er durch sein Wesen und sein Tun,
+daß damals allenfalls noch eine Aristokratie vorhanden, die
+aristokratische Politik aber nichts mehr war als eine Chimäre.
+
+Mit dieser Aristokratie den Kampf fortzusetzen, brachte geringe Ehre.
+Natürlich ruhten die Angriffe der Demokratie gegen den überwundenen
+Feind darum nicht. Wie die Troßbuben über ein erobertes Lager, stürzte
+sich die populäre Meute auf die gesprengte Nobilität, und wenigstens
+die Oberfläche der Politik ward von dieser Agitation zu hohen
+Schaumwellen emporgetrieben. Die Menge ging um so bereitwilliger mit,
+als namentlich Gaius Caesar sie bei guter Laune hielt durch die
+verschwenderische Pracht seiner Spiele (689 65), bei welchen alles
+Gerät, selbst die Käfige der wilden Bestien, aus massivem Silber
+erschien, und überhaupt durch eine Freigebigkeit, welche darum nur um
+so mehr fürstlich war, weil sie einzig auf Schuldenmachen beruhte. Die
+Angriffe auf die Nobilität waren von der mannigfaltigsten Art. Reichen
+Stoff gewährten die Mißbräuche des aristokratischen Regiments: liberale
+oder liberal schillernde Beamte und Sachverwalter wie Gaius Cornelius,
+Aulus Gabinius, Marcus Cicero fuhren fort, die ärgerlichsten und
+schändlichsten Seiten der Optimatenwirtschaft systematisch zu enthüllen
+und Gesetze dagegen zu beantragen. Der Senat ward angewiesen, den
+auswärtigen Boten an bestimmten Tagen Zutritt zu gewähren, um dadurch
+der üblichen Verschleppung der Audienzen Einhalt zu tun. Die von
+fremden Gesandten in Rom aufgenommenen Darlehen wurden klaglos
+gestellt, da dies das einzige Mittel sei, den Bestechungen, die im
+Senat an der Tagesordnung waren, ernstlich zu steuern (687 67). Das
+Recht des Senats, in einzelnen Fällen von den Gesetzen zu dispensieren,
+wurde beschränkt (687 67); ebenso der Mißbrauch, daß jeder vornehme
+Römer, der in den Provinzen Privatgeschäfte zu besorgen hatte, sich
+dazu vom Senat den Charakter eines römischen Gesandten erteilen ließ
+(691 63). Man schärfte die Strafen gegen Stimmenkauf und Wahlumtriebe
+(687, 691 67, 63), welche letztere namentlich in ärgerlicher Weise
+gesteigert wurden durch die Versuche der aus dem Senat gestoßenen
+Individuen, durch Wiederwahl in denselben zurückzugelangen. Es wurde
+gesetzlich ausgesprochen, was bis dahin sich nur von selbst verstanden
+hatte, daß die Gerichtsherren verbunden seien in Gemäßheit der nach
+römischer Weise zu Anfang des Amtes von ihnen aufgestellten Normen
+Recht zu sprechen (687 67).
+
+Vor allem aber arbeitete man daran, die demokratische Restauration zu
+vervollkommnen und die leitenden Gedanken der gracchischen Zeit in
+zeitgemäßer Form zu verwirklichen. Die Wahl der Priester durch die
+Komitien, wie sie Gnaeus Domitius eingeführt, Sulla wieder abgeschafft
+hatte, ward durch ein Gesetz des Volkstribuns Titus Labienus im Jahre
+691 (63) hergestellt. Man wies gern darauf hin, wieviel zur
+Wiederherstellung der Sempronischen Getreidegesetze in ihrem vollen
+Umfang noch fehle, und überging dabei mit Stillschweigen, daß unter den
+veränderten Umständen, bei der bedrängten Lage der öffentlichen
+Finanzen und der so sehr vermehrten Zahl der vollberechtigten römischen
+Bürger, diese Wiederherstellung schlechterdings unausführbar war. In
+der Landschaft zwischen dem Po und den Alpen nährte man eifrig die
+Agitation um politische Gleichberechtigung mit den Italikern. Schon 686
+(68) reiste Gaius Caesar zu diesem Zweck daselbst von Ort zu Ort; 689
+(65) machte Marcus Crassus als Zensor Anstalt, die Einwohner geradewegs
+in die Bürgerliste einzuschreiben, was nur an dem Widerstand seines
+Kollegen scheiterte; bei den folgenden Zensuren scheint dieser Versuch
+sich regelmäßig wiederholt zu haben. Wie einst Gracchus und Flaccus die
+Patrone der Latiner gewesen waren, so warfen sich die gegenwärtigen
+Führer der Demokratie zu Beschützern der Transpadaner auf, und Gaius
+Piso (Konsul 687 67) hatte es schwer zu bereuen, daß er gewagt hatte,
+an einem dieser Klienten des Caesar und Crassus sich zu vergreifen.
+Dagegen zeigten sich dieselben Führer keineswegs geneigt, die
+politische Gleichberechtigung der Freigelassenen zu befürworten; der
+Volkstribun Gaius Manilius, der in einer nur von wenigen Leuten
+besuchten Versammlung das Sulpicische Gesetz über das Stimmrecht der
+Freigelassenen hatte erneuern lassen (31. Dezember 687 67), ward von
+den leitenden Männern der Demokratie alsbald desavouiert und mit ihrer
+Zustimmung das Gesetz schon am Tage nach seiner Durchbringung vom
+Senate kassiert. In demselben Sinn wurden im Jahre 689 (65) durch
+Volksbeschluß die sämtlichen Fremden, die weder römisches noch
+latinisches Bürgerrecht besaßen, aus der Hauptstadt ausgewiesen. Man
+sieht, der innere Widerspruch der Gracchischen Politik, zugleich dem
+Bestreben der Ausgeschlossenen um Aufnahme in den Kreis der
+Privilegierten und dem der Privilegierten um Aufrechterhaltung ihrer
+Sonderrechte Rechnung zu tragen, war auch auf ihre Nachfolger
+übergegangen: während Caesar und die Seinen einerseits den
+Transpadanern das Bürgerrecht in Aussicht stellten, gaben sie
+andererseits ihre Zustimmung zu der Fortdauer der Zurücksetzung der
+Freigelassenen und zu der barbarischen Beseitigung der Konkurrenz, die
+die Industrie und das Handelsgeschick der Hellenen und Orientalen in
+Italien selber den Italikern machte. Charakteristisch ist die Art, wie
+die Demokratie hinsichtlich der alten Kriminalgerichtsbarkeit der
+Komitien verfuhr. Sulla hatte dieselbe nicht eigentlich aufgehoben,
+aber tatsächlich waren doch die Geschworenenkommissionen über
+Hochverrat und Mord an ihre Stelle getreten, und an eine ernstliche
+Wiederherstellung des alten, schon lange vor Sulla durchaus
+unpraktischen Verfahrens konnte kein vernünftiger Mensch denken. Aber
+da doch die Idee der Volkssouveränität eine Anerkennung der peinlichen
+Gerichtsbarkeit der Bürgerschaft wenigstens im Prinzip zu fordern
+schien, so zog der Volkstribun Titus Labienus im Jahre 691 (63) den
+alten Mann, der vor achtunddreißig Jahren den Volkstribun Lucius
+Saturninus erschlagen hatte oder haben sollte, vor dasselbe
+hochnotpeinliche Halsgericht, kraft dessen, wenn die Chronik recht
+berichtete, der König Tullus den Schwestermörder Horatius
+verrechtfertigt hatte. Der Angeklagte war ein gewisser Gaius Rabirius,
+der den Saturninus wenn nicht getötet, doch wenigstens mit dem
+abgehauenen Kopf desselben an den Tafeln der Vornehmen Parade gemacht
+hatte, und der überdies unter den apulischen Gutsbesitzern wegen seiner
+Menschenfängerei und seiner Bluttaten verrufen war. Es war, wenn nicht
+dem Ankläger selbst, doch den klügeren Männern, die hinter ihm standen,
+durchaus nicht darum zu tun, diesen elenden Gesellen den Tod am Kreuze
+sterben zu lassen; nicht ungern ließ man es geschehen, daß zunächst die
+Form der Anklage vom Senat wesentlich gemildert, sodann die zur
+Aburteilung des Schuldigen berufene Volksversammlung unter irgendeinem
+Vorwand von der Gegenpartei aufgelöst und damit die ganze Prozedur
+beseitigt ward. Immer waren durch dies Verfahren die beiden Palladien
+der römischen Freiheit, das Provokationsrecht der Bürgerschaft und die
+Unverletzlichkeit des Volkstribunats, noch einmal als praktisches Recht
+festgestellt und der demokratische Rechtsboden neu ausgebessert worden.
+
+Mit noch größerer Leidenschaftlichkeit trat die demokratische Reaktion
+in allen Personenfragen auf, wo sie nur irgend konnte und durfte. Zwar
+gebot ihr die Klugheit, die Rückgabe der von Sulla eingezogenen Güter
+an die ehemaligen Eigentümer nicht zu betonen, um nicht mit den eigenen
+Verbündeten sich zu entzweien und zugleich mit den materiellen
+Interessen in einen Kampf zu geraten, dem die Tendenzpolitik selten
+gewachsen ist; auch die Rückberufung der Emigrierten hing mit dieser
+Vermögensfrage zu eng zusammen, um nicht ebenso unrätlich zu
+erscheinen. Dagegen machte man große Anstrengungen, um den Kindern der
+Geächteten die ihnen entzogenen politischen Rechte zurückzugegeben (691
+63) und die Spitzen der Senatspartei wurden von persönlichen Angriffen
+unablässig verfolgt. So hing Gaius Memmius dem Marcus Lucullus im Jahre
+688 (66) einen Tendenzprozeß an. So ließ man dessen berühmteren Bruder
+vor den Toren der Hauptstadt drei Jahre auf den wohlverdienten Triumph
+harren (688-691 66-63). Ähnlich wurden Quintus Rex und der Eroberer von
+Kreta, Quintus Metellus, insultiert. Größeres Aufsehen noch machte es,
+daß der junge Führer der Demokratie Gaius Caesar im Jahre 691 (63)
+nicht bloß sich es herausnahm, bei der Bewerbung um das höchste
+Priesteramt mit den beiden angesehensten Männern der Nobilität, Quintus
+Catulus und Publius Servilius, dem Sieger von Isaura, zu konkurrieren,
+sondern sogar bei der Bürgerschaft ihnen den Rang ablief. Die Erben
+Sullas, namentlich sein Sohn Faustus, sahen sich beständig bedroht von
+einer Klage auf Rückerstattung der von dem Regenten angeblich
+unterschlagenen öffentlichen Gelder. Man sprach sogar von der
+Wiederaufnahme der im Jahre 664 (99) sistierten demokratischen Anklagen
+auf Grund des Varischen Gesetzes. Am nachdrücklichsten wurden
+begreiflicherweise die bei den Sullanischen Exekutionen beteiligten
+Individuen gerichtlich verfolgt. Wenn der Quästor Marcus Cato in seiner
+täppischen Ehrlichkeit selber den Anfang damit machte, ihnen die
+empfangenen Mordprämien als widerrechtlich dem Staate entfremdetes Gut
+wiederabzufordern (689 65), so kann es nicht befremden, daß das Jahr
+darauf (690 64) Gaius Caesar als Vorsitzender in dem Mordgericht die
+Klausel in der Sullanischen Ordnung, welche die Tötung eines Geächteten
+straflos erklärte, kurzweg als nichtig behandelte und die namhaftesten
+unter den Schergen Sullas, Lucius Catilina, Lucius Bellienus, Lucius
+Luscius, vor seine Geschworenen stellen und zum Teil auch verurteilen
+ließ. Endlich unterließ man nicht, die lange verfemten Namen der Helden
+und Märtyrer der Demokratie jetzt wieder öffentlich zu nennen und ihre
+Andenken zu feiern. Wie Saturninus durch den gegen seinen Mörder
+gerichteten Prozeß rehabilitiert ward, ist schon erzählt worden. Aber
+einen anderen Klang noch hatte der Name des Gaius Marius, bei dessen
+Nennung einst alle Herzen geklopft hatten; und es traf sich, daß
+derselbe Mann, dem Italien die Errettung von den nordischen Barbaren
+verdankte, zugleich der Oheim des gegenwärtigen Führers der Demokratie
+war. Laut hatte die Menge gejubelt, als im Jahre 686 (68) Gaius Caesar
+es wagte, den Verboten zuwider bei der Beerdigung der Witwe des Marius
+die verehrten Züge des Helden auf dem Markte öffentlich zu zeigen. Aber
+als gar drei Jahre nachher (689 65) die Siegeszeichen, die Marius auf
+dem Kapitol hatte errichten und Sulla umstürzen lassen, eines Morgens,
+allen unerwartet, wieder an der alten Stelle frisch in Gold und Marmor
+glänzten, da drängten sich die Invaliden aus dem Afrikanischen und
+Kimbrischen Kriege, Tränen in den Augen, um das Bild des geliebten
+Feldherrn, und den jubelnden Massen gegenüber wagte der Senat nicht, an
+den Trophäen sich zu vergreifen, welche dieselbe kühne Hand den
+Gesetzen zum Trotz erneuert hatte.
+
+Indes all dieses Treiben und Hadern, soviel Lärm es auch machte, war
+politisch betrachtet von sehr untergeordneter Bedeutung. Die Oligarchie
+war überwunden, die Demokratie ans Ruder gelangt. Daß die Kleinen und
+Kleinsten herbeieilten, um dem am Boden liegenden Feind noch einen
+Fußtritt zu versetzen; daß auch die Demokraten ihren Rechtsboden und
+ihren Prinzipienkult hatten; daß ihre Doktrinäre nicht ruhten, bis die
+sämtlichen Privilegien der Gemeinde in allen Stücken wiederhergestellt
+waren und dabei gelegentlich sich lächerlich machten, wie Legitimisten
+es pflegen - das alles war ebenso begreiflich wie gleichgültig. Im
+ganzen genommen ist die Agitation ziellos und sieht man ihr die
+Verlegenheit der Urheber an, einen Gegenstand für ihre Tätigkeit zu
+finden, wie sie sich denn auch fast durchaus um wesentlich schon
+erledigte oder um Nebensachen dreht. Es konnte nicht anders sein. In
+dem Kampfe gegen die Aristokratie waren die Demokraten Sieger
+geblieben; aber sie hatten nicht allein gesiegt und die Feuerprobe
+stand ihnen noch bevor - die Abrechnung nicht mit dem bisherigen Feind,
+sondern mit dem übermächtigen Bundesgenossen, dem sie in dem Kampfe mit
+der Aristokratie wesentlich den Sieg verdankten und dem sie jetzt eine
+beispiellose militärische und politische Gewalt selbst in die Hände
+gegeben hatten, weil sie nicht wagten, sie ihm zu verweigern. Noch war
+der Feldherr des Ostens und der Meere beschäftigt, Könige ein- und
+abzusetzen; wielange Zeit er dazu sich nehmen, wann er das
+Kriegsgeschäft für beendet erklären werde, konnte keiner sagen als er
+selbst, da wie alles andere, so auch der Zeitpunkt seiner Rückkehr nach
+Italien, das heißt der Entscheidung in seine Hand gelegt war. Die
+Parteien in Rom inzwischen saßen und harrten. Die Optimaten freilich
+sahen der Ankunft des gefürchteten Feldherrn verhältnismäßig ruhig
+entgegen; bei dem Bruch zwischen Pompeius und der Demokratie, dessen
+Herannahen auch ihnen nicht entging, konnten sie nicht verlieren,
+sondern nur gewinnen. Dagegen die Demokraten warteten mit peinlicher
+Angst und suchten während der durch Pompeius’ Abwesenheit noch
+vergönnten Frist gegen die drohende Explosion eine Kontermine zu legen.
+Hierin trafen sie wieder zusammen mit Crassus, dem nichts übrig blieb,
+um dem beneideten und gehaßten Nebenbuhler zu begegnen, als sich neu
+und enger als zuvor mit der Demokratie zu verbünden. Schon bei der
+ersten Koalition hatten Caesar und Crassus als die beiden Schwächeren
+sich besonders nahe gestanden; das gemeinschaftliche Interesse und die
+gemeinschaftliche Gefahr zog das Band noch fester, das den reichsten
+und den verschuldetsten Mann von Rom zu engster Allianz verknüpfte.
+Während öffentlich die Demokraten den abwesenden Feldherrn als das
+Haupt und den Stolz ihrer Partei bezeichneten und alle ihre Pfeile
+gegen die Aristokratie zu richten schienen, ward im stillen gegen
+Pompeius gerüstet; und diese Versuche der Demokratie, sich der
+drohenden Militärdiktatur zu entwinden, haben geschichtlich eine weit
+höhere Bedeutung als die lärmende und größtenteils nur als Maske
+benutzte Agitation gegen die Nobilität. Freilich bewegten sie sich in
+einem Dunkel, in das unsere Überlieferung nur einzelne Streiflichter
+fallen läßt; denn nicht die Gegenwart allein, auch die Folgezeit hatte
+ihre Ursachen, einen Schleier darüber zu werfen. Indes im allgemeinen
+sind sowohl der Gang wie das Ziel dieser Bestrebungen vollkommen klar.
+Der Militärgewalt konnte nur durch eine andere Militärgewalt wirksam
+Schach geboten werden. Die Absicht der Demokraten war, sich nach dem
+Beispiel des Marius und Cinna der Zügel der Regierung zu bemächtigen,
+sodann einen ihrer Führer sei es mit der Eroberung Ägyptens, sei es mit
+der Statthalterschaft Spaniens oder einem ähnlichen ordentlichen oder
+außerordentlichen Amte zu betrauen und in ihm und seinem Heer ein
+Gegengewicht gegen Pompeius und dessen Armee zu finden. Dazu bedurften
+sie einer Revolution, die zunächst gegen die nominelle Regierung, in
+der Tat gegen Pompeius ging als den designierten Monarchen; und um
+diese Revolution zu bewirken, war von der Erlassung der
+Gabinisch-Manilischen Gesetze an bis auf Pompeius’ Rückkehr (688 - 692
+66 - 62) die Verschwörung in Rom in Permanenz ^1. Die Hauptstadt war in
+ängstlicher Spannung; die gedrückte Stimmung der Kapitalisten, die
+Zahlungsstockungen, die häufigen Bankrotte waren Vorboten der gärenden
+Umwälzung, die zugleich eine gänzlich neue Stellung der Parteien
+herbeiführen zu müssen schien. Der Anschlag der Demokratie, der über
+den Senat hinweg auf Pompeius zielte, legte eine Ausgleichung zwischen
+diesen nahe. Die Demokratie aber, indem sie der Diktatur des Pompeius
+die eines ihr genehmeren Mannes entgegenzustellen versuchte, erkannte
+genau genommen auch ihrerseits das Militärregiment an und trieb in der
+Tat den Teufel aus durch Beelzebub; unter den Händen ward ihr die
+Prinzipien- zur Personenfrage.
+
+—————————————————————————————-
+
+^1 Wer die Gesamtlage der politischen Verhältnisse dieser Zeit
+übersieht, wird spezieller Beweise nicht bedürfen, um zu der Einsicht
+zu gelangen, daß das letzte Ziel der demokratischen Machinationen 688f.
+(66) nicht der Sturz des Senats war, sondern der des Pompeius. Doch
+fehlt es auch an solchen Beweisen nicht. Daß die Gabinisch-Manilischen
+Gesetze der Demokratie einen tödlichen Schlag versetzten, sagt Sallust
+(Cat. 39); daß die Verschwörung 688-689 (66-65) und die Servilische
+Rogation speziell gegen Pompeius gerichtet waren, ist gleichfalls
+bezeugt (Sall. Cat. 19; Val. Max. 6, 2, 4; Cic. leg. agr. 2, 17, 46).
+Überdies zeigt Crassus’ Stellung zu der Verschwörung allein schon
+hinreichend, daß sie gegen Pompeius gerichtet war.
+
+—————————————————————————————
+
+Die Einleitung zu der von den Führern der Demokratie entworfenen
+Revolution sollte also der Sturz der bestehenden Regierung durch eine
+zunächst in Rom von demokratischen Verschworenen angestiftete
+Insurrektion sein. Der sittliche Zustand der niedrigsten wie der
+höchsten Schichten der hauptstädtischen Gesellschaft bot hierzu den
+Stoff in beklagenswerter Fülle. Wie das freie und das
+Sklavenproletariat der Hauptstadt beschaffen waren, braucht hier nicht
+wiederholt zu werden. Es ward schon das bezeichnende Wort vernommen,
+daß nur der Arme den Armen zu vertreten fähig sei - der Gedanke regte
+sich also, daß die Masse der Armen so gut wie die Oligarchie der
+Reichen sich als selbständige Macht konstituieren und, statt sich
+tyrannisieren zu lassen, auch wohl ihrerseits den Tyrannen spielen
+könne. Aber auch in den Kreisen der vornehmen Jugend fanden ähnliche
+Gedanken einen Widerhall. Das hauptstädtische Modeleben zerrüttete
+nicht bloß das Vermögen, sondern auch die Kraft des Leibes und des
+Geistes. Jene elegante Welt der duftenden Haarlocken, der modischen
+Stutzbärte und Manschetten, so lustig es auch darin bei Tanz und
+Zitherspiel und früh und spät beim Becher herging, barg doch in sich
+einen erschreckenden Abgrund sittlichen und ökonomischen Verfalls, gut
+oder schlecht verhehlter Verzweiflung und wahnsinniger oder bübischer
+Entschlüsse. In diesen Kreisen ward unverhohlen geseufzt nach der
+Wiederkehr der cinnanischen Zeit mit ihren Ächtungen und Konfiskationen
+und ihrer Vernichtung der Schuldbücher; es gab Leute genug, darunter
+nicht wenige von nicht gemeiner Herkunft und ungewöhnlichen Anlagen,
+die nur auf das Signal warteten, um wie eine Räuberschar über die
+bürgerliche Gesellschaft herzufallen und das verlotterte Vermögen sich
+wieder zu erplündern. Wo eine Bande sich bildet, fehlt es an Führern
+nicht; auch hier fanden sich bald Männer, die zu Räuberhauptleuten sich
+eigneten. Der gewesene Prätor Lucius Catilina, der Quästor Gnaeus Piso
+zeichneten unter ihren Genossen nicht bloß durch ihre vornehme Geburt
+und ihren höheren Rang sich aus. Sie hatten die Brücke vollständig
+hinter sich abgebrochen und imponierten ihren Spießgesellen durch ihre
+Ruchlosigkeit ebensosehr wie durch ihre Talente. Vor allem Catilina war
+einer der frevelhaftesten dieser frevelhaften Zeit. Seine Bubenstücke
+gehören in die Kriminalakten, nicht in die Geschichte; aber schon sein
+Äußeres, das bleiche Antlitz, der wilde Blick, der bald träge, bald
+hastige Gang verrieten seine unheimliche Vergangenheit. In hohem Grade
+besaß er die Eigenschaften, die von dem Führer einer solchen Rotte
+verlangt werden: die Fähigkeit, alles zu genießen und alles zu
+entbehren, Mut, militärisches Talent, Menschenkenntnis,
+Verbrecherenergie und jene entsetzliche Pädagogik des Lasters, die den
+Schwachen zu Falle zu bringen, den Gefallenen zum Verbrecher zu
+erziehen versteht.
+
+Aus solchen Elementen eine Verschwörung zum Umsturz der bestehenden
+Ordnung zu bilden, konnte Männern, die Geld und politischen Einfluß
+besaßen, nicht schwerfallen. Catilina, Piso und ihresgleichen gingen
+bereitwillig auf jeden Plan ein, der ihnen Ächtungen und Kassation der
+Schuldbücher in Aussicht stellte; jener war überdies noch mit der
+Aristokratie speziell verfeindet, weil sie sich der Bewerbung des
+verworfenen und gefährlichen Menschen um das Konsulat widersetzt hatte.
+Wie er einst als Scherge Sullas an der Spitze einer Keltenschar auf die
+Geächteten Jagd gemacht und unter anderen seinen eigenen hochbejahrten
+Schwager mit eigener Hand niedergestoßen hatte, so ließ er jetzt sich
+bereitwillig dazu herbei, der Gegenpartei ähnliche Dienst zuzusagen.
+Ein geheimer Bund ward gestiftet. Die Zahl der in denselben
+aufgenommenen Individuen soll 400 überstiegen haben; er zählte
+Affiliierte in allen Landschaften und Stadtgemeinden Italiens; überdies
+verstand es sich von selbst, daß einer Insurrektion, die das zeitgemäße
+Programm der Schuldentilgung auf ihre Fahne schrieb, aus den Reihen der
+liederlichen Jugend zahlreiche Rekruten ungeheißen zuströmen würden.
+
+Im Dezember 688 (66) - so wird erzählt - glaubten die Leiter des Bundes
+den geeigneten Anlaß gefunden zu haben, um loszuschlagen. Die beiden
+für 689 (65) erwählten Konsuln Publius Cornelius Sulla und Publius
+Autronius Paetus waren vor kurzem der Wahlbestechung gerichtlich
+überwiesen und deshalb nach gesetzlicher Vorschrift ihrer Anwartschaft
+auf das höchste Amt verlustig erklärt worden. Beide traten hierauf dem
+Bunde bei. Die Verschworenen beschlossen, ihnen das Konsulat mit Gewalt
+zu verschaffen und dadurch sich selbst in den Besitz der höchsten
+Gewalt im Staate zu setzen. An dem Tage, wo die neuen Konsuln ihr Amt
+antreten würden, dem 1. Januar 689 (65) sollte die Kurie von
+Bewaffneten gestürmt, die neuen Konsuln und die sonst bezeichneten
+Opfer niedergemacht und Sulla und Paetus nach Kassierung des
+gerichtlichen Urteils, das sie ausschloß, als Konsuln proklamiert
+werden. Crassus sollte sodann die Diktatur, Caesar das Reiterführeramt
+übernehmen, ohne Zweifel, um eine imposante Militärmacht auf die Beine
+zu bringen, während Pompeius fern am Kaukasus beschäftigt war.
+Hauptleute und Gemeine waren gedungen und angewiesen; Catilina wartete
+an dem bestimmten Tage in der Nähe des Rathauses auf das verabredete
+Zeichen, das auf Crassus’ Wink ihm von Caesar gegeben werden sollte.
+Allein er wartete vergebens; Crassus fehlte in der entscheidenden
+Senatssitzung, und daran scheiterte für diesmal die projektierte
+Insurrektion. Ein ähnlicher noch umfassenderer Mordplan ward dann für
+den 5. Februar verabredet; allein auch dieser ward vereitelt, da
+Catilina das Zeichen zu früh gab, bevor noch die bestellten Banditen
+sich alle eingefunden hatten. Darüber ward das Geheimnis ruchbar. Die
+Regierung wagte zwar nicht, offen der Verschwörung entgegenzutreten,
+aber sie gab doch den zunächst bedrohten Konsuln Wachen bei und stellte
+der Bande der Verschworenen eine von der Regierung bezahlte entgegen.
+Um Piso zu entfernen, wurde der Antrag gestellt, ihn als Quästor mit
+prätorischen Befugnissen nach dem diesseitigen Spanien zu senden;
+worauf Crassus einging, in der Hoffnung, durch denselben die
+Hilfsquellen dieser wichtigen Provinz für die Insurrektion zu gewinnen.
+Weitergehende Vorschläge wurden durch die Tribune verhindert.
+
+Also lautet die Überlieferung, welche offenbar die in den
+Regierungskreisen umlaufende Version wiedergibt und deren
+Glaubwürdigkeit im einzelnen in Ermangelung jeder Kontrolle
+dahingestellt bleiben muß. Was die Hauptsache anlangt, die Beteiligung
+von Caesar und Crassus, so kann allerdings das Zeugnis ihrer
+politischen Gegner nicht als ausreichender Beweis dafür angesehen
+werden. Aber es paßt doch ihre offenkundige Tätigkeit in dieser Epoche
+auffallend genau zu der geheimen, die dieser Bericht ihnen beimißt. Daß
+Crassus, der in diesem Jahre Zensor war, als solcher den Versuch
+machte, die Transpadaner in die Bürgerliste einzuschreiben, war schon
+geradezu ein revolutionäres Beginnen. Noch bemerkenswerter ist es, daß
+Crassus bei derselben Gelegenheit Anstalt machte, Ägypten und Kypros in
+das Verzeichnis der römischen Domänen einzutragen ^2 und daß Caesar um
+die gleiche Zeit (689 oder 690 65 oder 64) durch einige Tribune bei der
+Bürgerschaft den Antrag stellen ließ, ihn nach Ägypten zu senden, um
+den von den Alexandrinern vertriebenen König Ptolemaeos
+wiedereinzusetzen. Diese Machinationen stimmen mit den von den Gegnern
+erhobenen Anklagen in bedenklicher Weise zusammen. Gewisses läßt sich
+hier nicht ermitteln; aber die große Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß
+Crassus und Caesar den Plan entworfen hatten, sich während Pompeius’
+Abwesenheit der Militärdiktatur zu bemächtigen; daß Ägypten zur Basis
+dieser demokratischen Militärmacht ausersehen war; daß endlich der
+Insurrektionsversuch von 689 (65) angezettelt worden ist, um diese
+Entwürfe zu realisieren und Catilina und Piso also Werkzeuge in den
+Händen von Crassus und Caesar gewesen sind.
+
+——————————————————————-
+
+^2 Plut. Crass. 13; Cic. leg. agr. 2, 17, 44. In dies Jahr (689 65)
+gehört Ciceros Rede De rege Alexandrino, die man unrichtig in das Jahr
+698 (56) gesetzt hat. Cicero widerlegt darin, wie die Fragmente
+deutlich zeigen, Crassus’ Behauptung, daß durch das Testament des
+Königs Alexandros Ägypten römisches Eigentum geworden sei. Diese
+Rechtsfrage konnte und mußte im Jahre 689 (65) diskutiert werden; im
+Jahre 698 (56) aber war sie durch das Julische Gesetz von 695 (59)
+bedeutungslos geworden. Auch handelte es sich im Jahre 698 (56) gar
+nicht um die Frage, wem Ägypten gehöre, sondern um die Zurückführung
+des durch einen Aufstand vertriebenen Königs, und es hat bei dieser uns
+genau bekannten Verhandlung Crassus keine Rolle gespielt. Endlich war
+Cicero nach der Konferenz von Luca durchaus nicht in der Lage, gegen
+einen der Triumvirn ernstlich zu opponieren.
+
+———————————————————————-
+
+Einen Augenblick kam die Verschwörung ins Stocken. Die Wahlen für 690
+(64) fanden statt, ohne daß Crassus und Caesar ihren Versuch sich des
+Konsulats zu bemeistern, dabei erneuert hätten; wozu mit beigetragen
+haben mag, daß ein Verwandter des Führers der Demokratie, Lucius
+Caesar, ein schwacher und von seinem Geschlechtsfreund nicht selten als
+Werkzeug benutzter Mann, diesmal um das Konsulat sich bewarb. Indes
+drängten die Berichte aus Asien zur Eile. Die kleinasiatischen und
+armenischen Angelegenheiten waren bereits vollständig geordnet. So klar
+auch die demokratischen Strategen es bewiesen, daß der Mithradatische
+Krieg erst mit der Gefangennahme des Königs als beendigt gelten könne
+und daß es deshalb notwendig sei, die Hetzjagd um das Schwarze Meer
+herum zu beginnen, vor allen Dingen aber von Syrien fernzubleiben -
+Pompeius war, unbekümmert um solches Geschwätz, im Frühjahr 690 (64)
+aus Armenien aufgebrochen und nach Syrien marschiert. Wenn Ägypten
+wirklich zum Hauptquartier der Demokratie ausersehen war, so war keine
+Zeit zu verlieren; leicht konnte sonst Pompeius eher als Caesar in
+Ägypten stehen. Die Verschwörung von 688 (66) durch die schlaffen und
+ängstlichen Repressivmaßregeln keineswegs gesprengt, regte sich wieder,
+als die Konsulwahlen für 691 (63) herankamen. Die Personen waren
+vermutlich wesentlich dieselben und auch der Plan nur wenig verändert.
+Die Leiter der Bewegung hielten wieder sich im Hintergrund. Als
+Bewerber um das Konsulat hatten sie diesmal aufgestellt: Catilina
+selbst und Gaius Antonius, den jüngeren Sohn des Redners, einen Bruder
+des von Kreta her übel berufenen Feldherrn. Catilinas war man sicher;
+Antonius, ursprünglich Sullaner wie Catilina und wie dieser vor einigen
+Jahren von der demokratischen Partei deshalb vor Gericht gestellt und
+aus dem Senat ausgestoßen, übrigens ein schlaffer, unbedeutender, in
+keiner Hinsicht zum Führer berufener, vollständig bankrotter Mann, gab
+um den Preis des Konsulats und der daran geknüpften Vorteile sich den
+Demokraten willig zum Werkzeug hin. Durch diese Konsuln beabsichtigten
+die Häupter der Verschwörung, sich des Regiments zu bemächtigen, die in
+der Hauptstadt zurückgebliebenen Kinder des Pompeius als Geiseln
+festzunehmen und in Italien und den Provinzen gegen Pompeius zu rüsten.
+Auf die erste Nachricht von dem in der Hauptstadt gefallenen Schlage
+sollte der Statthalter Gnaeus Piso im diesseitigen Spanien die Fahne
+der Insurrektion aufstecken. Die Kommunikation mit ihm konnte auf dem
+Seeweg nicht stattfinden, da Pompeius das Meer beherrschte; man zählte
+dafür auf die Transpadaner, die alten Klienten der Demokratie, unter
+denen es gewaltig gärte und die natürlich sofort das Bürgerrecht
+erhalten haben würden, ferner auf verschiedene keltische Stämme ^3. Bis
+nach Mauretanien hin liefen die Fäden dieser Verbindung. Einer der
+Mitverschworenen, der römische Großhändler Publius Sittius aus Nuceria,
+durch finanzielle Verwicklungen gezwungen, Italien zu meiden, hatte
+daselbst und in Spanien einen Trupp verzweifelter Leute bewaffnet und
+zog mit diesen als Freischarenführer im westlichen Afrika herum, wo er
+alte Handelsverbindungen hatte.
+
+————————————————————————-
+
+^3 Die Ambrani (Suet. Caes. 9) sind wohl nicht die mit den Kimbern
+zusammen genannten Ambronen (Plot. Mar. 19), sondern verschrieben für
+Arverni.
+
+————————————————————————-
+
+Die Partei strengte alle ihre Kräfte für den Wahlkampf an. Crassus und
+Caesar setzten ihr Geld - eigenes oder geborgtes -und ihre Verbindungen
+ein, um Catilina und Antonius das Konsulat zu verschaffen; Catilinas
+Genossen spannten jeden Nerv an, um den Mann an das Ruder zu bringen,
+der ihnen die Ämter und Priestertümer, die Paläste und Landgüter ihrer
+Gegner und vor allen Dingen Befreiung von ihren Schulden verhieß und
+von dem man wußte, daß er Wort halten werde. Die Aristokratie war in
+großer Not, hauptsächlich weil sie nicht einmal Gegenkandidaten
+aufzustellen vermochte. Daß ein solcher seinen Kopf wagte, war
+offenbar; und die Zeiten waren nicht mehr, wo der Posten der Gefahr den
+Bürger lockte - jetzt schwieg selbst der Ehrgeiz vor der Angst. So
+begnügte sich die Nobilität, einen schwächlichen Versuch zu machen, den
+Wahlumtrieben durch Erlassung eines neuen Gesetzes über den Stimmenkauf
+zu steuern -was übrigens an der Interzession eines Volkstribunen
+scheiterte - und ihre Stimmen auf einen Bewerber zu werfen, der ihr
+zwar auch nicht genehm, aber doch wenigstens unschädlich war. Es war
+dies Marcus Cicero, notorisch ein politischer Achselträger ^4, gewohnt
+bald mit den Demokraten, bald mit Pompeius, bald aus etwas weiterer
+Ferne mit der Aristokratie zu liebäugeln und jedem einflußreichen
+Beklagten ohne Unterschied der Person oder Partei - auch Catilina
+zählte er unter seinen Klienten - Advokatendienste zu leisten,
+eigentlich von keiner Partei oder, was ziemlich dasselbe ist, von der
+Partei der materiellen Interessen, die in den Griechen dominierte und
+den beredten Sachwalter, den höflichen und witzigen Gesellschafter gern
+hatte. Er hatte Verbindungen genug in der Hauptstadt und den
+Landstädten, um neben den vor der Demokratie aufgestellten Kandidaten
+eine Chance zu haben; und da auch die Nobilität, obwohl nicht gern, und
+die Pompeianer für ihn stimmten, ward er mit großer Majorität gewählt.
+Die beiden Kandidaten der Demokratie erhielten fast gleich viele
+Stimmen, jedoch fielen auf Antonius, dessen Familie angesehener war als
+die seines Konkurrenten, einige mehr. Dieser Zufall vereitelte die Wahl
+Catilinas und rettete Rom vor einem zweiten Cinna. Schon etwas früher
+war Piso, es hieß auf Anstiften seines politischen und persönlichen
+Feindes Pompeius, in Spanien von seiner einheimischen Eskorte
+niedergemacht worden ^5. Mit dem Konsul Antonius allein war nichts
+anzufangen; Cicero sprengte das lockere Band, das ihn an die
+Verschwörung knüpfte, noch ehe sie beide ihre Ämter antraten, indem er
+auf die von Rechts wegen ihm zustehende Losung um die Konsularprovinzen
+Verzicht leistete und dem tief verschuldeten Kollegen die einträgliche
+Statthalterschaft Makedonien überließ. Die wesentlichen Vorbedingungen
+auch dieses Anschlags waren also gefallen.
+
+——————————————————————————————-
+
+^4 Naiver kann dies nicht ausgesprochen werden, als es in der seinem
+Bruder untergeschobenen Denkschrift geschieht (pet. 1, 5; 13, 51 53 vom
+Jahre 690 64); der Bruder selbst würde schwerlich sich so offenherzig
+öffentlich geäußert haben. Als authentisches Belegstück dazu werden
+unbefangene Leute nicht ohne Interesse die zweite Rede gegen Rullus
+lesen, wo der “erste demokratische Konsul”, in sehr ergötzlicher Weise
+das liebe Publikum nasführend, ihm die “richtige Demokratie”
+entwickelt.
+
+^5 Seine noch vorhandene Grabschrift lautet: Cn. Calpurnius Cn, f. Piso
+quaestor pro pr. ex s. c. provinciam Hispaniam citeriorem optinuit.
+
+——————————————————————————————-
+
+Inzwischen entwickelten die orientalischen Verhältnisse sich immer
+bedrohlicher für die Demokratie. Die Ordnung Syriens schritt rasch
+vorwärts; schon waren von Ägypten Aufforderungen an Pompeius ergangen,
+daselbst einzurücken und das Land für Rom einzuziehen; man mußte
+fürchten, demnächst zu vernehmen, daß Pompeius selbst das Niltal in
+Besitz genommen habe. Eben hierdurch mag Caesars Versuch, sich geradezu
+vom Volke nach Ägypten senden zu lassen, um dem Könige gegen seine
+aufrührerischen Untertanen Beistand zu leisten, hervorgerufen worden
+sein; er scheiterte, wie es scheint, an der Abneigung der Großen und
+Kleinen, irgend etwas gegen Pompeius’ Interesse zu unternehmen.
+Pompeius’ Heimkehr und damit die wahrscheinliche Katastrophe rückten
+immer näher; wie oft auch die Sehne gerissen war, es mußte doch wieder
+versucht werden, denselben Boten zu spannen. Die Stadt war in dumpfer
+Gärung: häufige Konferenzen der Häupter der Bewegung deuteten an, daß
+wieder etwas im Werke sei. Was das sei, ward offenbar, als die neuen
+Volkstribune ihr Amt antraten (10. Dezember 690 64) und sogleich einer
+von ihnen, Publius Servillius Rullus, ein Ackergesetz beantragte, das
+den Führern der Demokraten eine ähnliche Stellung verschaffen sollte,
+wie sie infolge der Gabinisch-Manilischen Anträge Pompeius einnahm. Der
+nominelle Zweck war die Gründung von Kolonien in Italien, wozu der
+Boden indes nicht durch Expropriation gewonnen werden sollte - vielmehr
+wurden alle bestehenden Privatrechte garantiert, ja sogar die
+widerrechtlichen Okkupationen der jüngsten Zeit in volles Eigentum
+umgewandelt. Nur die verpachtete kampanische Domäne sollte parzelliert
+und kolonisiert werden, im übrigen die Regierung das zur Assignation
+bestimmte Land durch gewöhnlichen Kauf erwerben. Um die hierzu nötigen
+Summen zu beschaffen, sollte das übrige italische und vor allem alles
+außeritalische Domanialland sukzessiv zum Verkauf gebracht werden;
+worunter namentlich die ehemaligen königlichen Tafelgüter in
+Makedonien, dem Thrakischen Chersones, Bithynien, Pontus, Kyrene,
+ferner die Gebiete der nach Kriegsrecht zu vollem Eigen gewonnenen
+Städte in Spanien, Afrika, Sizilien, Hellas, Kilikien verstanden waren.
+Verkauft werden sollte ingleichen alles, was der Staat an beweglichen
+und unbeweglichem Gut seit dem Jahre 666 (88) erworben und worüber er
+nicht früher verfügt hatte; was hauptsächlich auf Ägypten und Kypros
+zielte. Zu dem gleichen Zweck wurden alle untertänigen Gemeinden mit
+Ausnahme der Städte latinischen Rechts und der sonstigen Freistädte mit
+sehr hoch gegriffenen Gefällen und Zehnten belastet. Ebenfalls ward
+endlich für jene Ankäufe bestimmt der Ertrag der neuen
+Provinzialgefälle, anzurechnen vom Jahre 692 (62) und der Erlös aus der
+sämtlichen, noch nicht gesetzmäßig verwandten Beute; welche Anordnungen
+auf die neuen, von Pompeius im Osten eröffneten Steuerquellen und auf
+die in den Händen des Pompeius und der Erben Sullas befindlichen
+öffentlichen Gelder sich bezog. Zur Ausführung dieser Maßregel sollten
+Zehnmänner mit eigener Jurisdiktion und eigenem Imperium ernannt
+werden, welche fünf Jahre im Amte zu bleiben und mit 200 Unterbeamten
+aus dem Ritterstand sich zu umgeben hatten; bei der Wahl der Zehnmänner
+aber sollten nur die Kandidaten, die persönlich sich melden würden,
+berücksichtigt werden dürfen und, ähnlich wie bei den Priesterwahlen,
+nur siebzehn durch Los aus den fünfunddreißig zu bestimmende Bezirke
+wählen. Es war ohne großen Scharfsinn zu erkennen, daß man in diesem
+Zehnmännerkollegium eine der des Pompeius nachgebildete, nur etwas
+weniger militärisch und mehr demokratisch gefärbte Gewalt zu schaffen
+beabsichtigte. Man bedurfte der Gerichtsbarkeit namentlich, um die
+ägyptische Frage zu entscheiden, der Militärgewalt, um gegen Pompeius
+zu rüsten; die Klausel, welche die Wahl eines Abwesenden untersagte,
+schloß Pompeius aus, und die Verminderung der stimmberechtigten Bezirke
+sowie die Manipulation des Auslosens sollten die Lenkung der Wahl im
+Sinne der Demokratie erleichtern.
+
+Indes dieser Versuch verfehlte gänzlich sein Ziel. Die Menge, die es
+bequemer fand, das Getreide im Schatten der römischen Hallen aus den
+öffentlichen Magazinen sich zumessen zu lassen, als es im Schweiße des
+Angesichts selber zu bauen, nahm den Antrag an sich schon mit
+vollkommener Gleichgültigkeit auf. Sie fühlte auch bald heraus, daß
+Pompeius einen solchen, in jeder Hinsicht ihn verletzenden Beschluß
+sich nimmermehr gefallen lassen werde und daß es nicht gut stehen könne
+mit einer Partei, die in ihrer peinlichen Angst sich zu so
+ausschweifenden Anerbietungen herbeilasse. Unter solchen Umständen fiel
+es der Regierung nicht schwer, den Antrag zu vereiteln; der neue Konsul
+Cicero nahm die Gelegenheit wahr, sein Talent, offene Türen
+einzulaufen, auch hier geltend zu machen; noch ehe die bereitstehenden
+Tribune interzedierten, zog der Urheber selbst den Vorschlag zurück (1.
+Januar 691 62). Die Demokratie hatte nichts gewonnen als die
+unerfreuliche Belehrung, daß die große Menge in Liebe oder in Furcht
+fortwährend noch zu Pompeius hielt und daß jeder Antrag sicher fiel,
+den das Publikum als gegen Pompeius gerichtet erkannte.
+
+Ermüdet von all diesem vergeblichen Wühlen und resultatlosem Planen,
+beschloß Catilina, die Sache zur Entscheidung zu treiben und ein für
+allemal ein Ende zu machen. Er traf im Laufe des Sommers seine
+Maßregeln, um den Bürgerkrieg zu eröffnen. Faesulae (Fiesole), eine
+sehr feste Stadt in dem von Verarmten und Verschworenen wimmelnden
+Etrurien und fünfzehn Jahre zuvor der Herd des Lepidianischen
+Aufstandes, ward wiederum zum Hauptquartier der Insurrektion
+ausersehen. Dorthin gingen die Geldsendungen, wozu namentlich die in
+die Verschwörung verwickelten vornehmen Damen der Hauptstadt die Mittel
+hergaben; dort wurden Waffen und Soldaten gesammelt; ein alter
+sullanischer Hauptmann, Gaius Manlius, so tapfer und so frei von
+Gewissensskrupeln wie nur je ein Lanzknecht, übernahm daselbst
+vorläufig den Oberbefehl. Ähnliche wenn auch minder ausgedehnte
+Zurüstungen wurden an andern Punkten Italiens gemacht. Die Transpadaner
+waren so aufgeregt, daß sie nur auf das Zeichen zum Losschlagen zu
+warten schienen. Im bruttischen Lande, an der Ostküste Italiens, in
+Capua, wo überall große Sklavenmassen angehäuft waren, schien eine
+zweite Sklaveninsurrektion, gleich der des Spartacus, im Entstehen.
+Auch in der Hauptstadt bereitete etwas sich vor; wer die trotzige
+Haltung sah, in der die vorgeforderten Schuldner vor dem Stadtprätor
+erschienen, mußte der Szenen gedenken, die der Ermordung des Asellio
+vorangegangen waren. Die Kapitalisten schwebten in namenloser Angst; es
+zeigte sich nötig, das Verbot der Gold- und Silberausfuhr einzuschärfen
+und die Haupthäfen überwachen zu lassen. Der Plan der Verschworenen
+war, bei der Konsulwahl für 692 (62) zu der Catilina sich wieder
+gemeldet hatte, den wahlleitenden Konsul sowie die unbequemen
+Mitbewerber kurzweg niederzumachen und Catilinas Wahl um jeden Preis
+durchzusetzen, nötigenfalls selbst bewaffnete Scharen von Faesulae und
+den anderen Sammelpunkten gegen die Hauptstadt zu führen und mit ihnen
+den Widerstand zu brechen.
+
+Cicero, beständig durch seine Agenten und Agentinnen von den
+Verhandlungen der Verschworenen rasch und vollständig unterrichtet,
+denunzierte an dem anberaumten Wahltag (20. Oktober) die Verschwörung
+in vollem Senat und im Beisein ihrer hauptsächlichsten Führer. Catilina
+ließ sich nicht dazu herab zu leugnen; er antwortete trotzig, wenn die
+Wahl zum Konsul auf ihn fallen sollte, so werde es allerdings der
+großen hauptlosen Partei gegen die kleine, von elenden Häuptern
+geleitete an einem Führer nicht länger fehlen. Indes da handgreifliche
+Beweise des Komplotts nicht vorlagen, war von dem ängstlichen Senat
+nichts weiter zu erreichen, als daß er in der üblichen Weise den von
+den Beamten zweckmäßig befundenen Ausnahmemaßregeln im voraus seine
+Sanktion erteilte (21. Oktober). So nahte die Wahlschlacht, diesmal
+mehr eine Schlacht als eine Wahl; denn auch Cicero hatte aus den
+jüngeren Männern namentlich des Kaufmannsstandes sich eine bewaffnete
+Leibwache gebildet; und seine Bewaffneten waren es, die am 28. Oktober,
+auf welchen Tag die Wahl vom Senat verschoben worden war, das Marsfeld
+bedeckten und beherrschten. Den Verschworenen gelang es weder, den
+wahlleitenden Konsul niederzumachen noch die Wahlen in ihrem Sinne zu
+entscheiden.
+
+Inzwischen aber hatte der Bürgerkrieg begonnen. Am 27. Oktober hatte
+Gaius Manlius bei Faesulae den Adler aufgepflanzt, um den die Armee der
+Insurrektion sich scharen sollte - es war einer der Marianischen aus
+dem Kimbrischen Kriege -, und die Räuber aus den Bergen wie das
+Landvolk aufgerufen, sich ihm anzuschließen. Seine Proklamationen
+forderten, anknüpfend an die alten Traditionen der Volkspartei,
+Befreiung von der erdrückendem Schuldenlast und Milderung des
+Schuldprozesses, der, wenn der Schuldbestand in der Tat das Vermögen
+überstieg, allerdings immer noch rechtlich den Verlust der Freiheit für
+den Schuldner nach sich zog. Es schien, als wolle das hauptstädtische
+Gesindel, indem es gleichsam als legitimer Nachfolger der alten
+plebejischen Bauernschaft auftrat und unter den ruhmvollen Adlern des
+Kimbrischen Krieges seine Schlachten schlug, nicht bloß die Gegenwart,
+sondern auch die Vergangenheit Roms beschmutzen. Indes blieb diese
+Schilderhebung vereinzelt; in den anderen Sammelpunkten kam die
+Verschwörung nicht hinaus über Waffenaufhäufung und Veranstaltung
+geheimer Zusammenkünfte, da es überall an entschlossenen Führern
+gebrach. Es war ein Glück für die Regierung; denn wie offen auch seit
+längerer Zeit der bevorstehende Bürgerkrieg angekündigt war, hatten
+doch die eigene Unentschlossenheit und die Schwerfälligkeit der
+verrosteten Verwaltungsmaschinerie ihr nicht gestattet, irgendwelche
+militärische Vorbereitungen zu treffen. Erst jetzt ward der Landsturm
+aufgerufen und wurden in die einzelnen Landschaften Italiens höhere
+Offiziere kommandiert, um jeder in seinem Bezirk die Insurrektion zu
+unterdrücken, zugleich aus der Hauptstadt die Fechtersklaven
+ausgewiesen und wegen der befürchteten Brandstiftungen Patrouillen
+angeordnet. Catilina war in einer peinlichen Lage. Nach seiner Absicht
+hatte bei den Konsularwahlen gleichzeitig in der Hauptstadt und in
+Etrurien Iosgeschlagen werden sollen; das Scheitern der ersteren und
+das Ausbrechen der zweiten Bewegung gefährdete ihn persönlich wie den
+ganzen Erfolg seines Unternehmens. Nachdem einmal die Seinigen bei
+Faesulae die Waffen gegen die Regierung erhaben hatten, war in Rom
+seines Bleibens nicht mehr; und dennoch lag ihm nicht bloß alles daran,
+die hauptstädtische Verschwörung jetzt wenigstens zum raschen
+Losschlagen zu bestimmen, sondern wußte dies auch geschehen sein, bevor
+er Rom verließ - denn er kannte seine Gehilfen zu gut, um sich dafür
+auf sie zu verlassen. Die angesehenen unter den Mitverschworenen,
+Publius Lentulus Sura, Konsul 683 (71), später aus dem Senat gestoßen
+und jetzt, um in den Senat zurückzugelangen, wieder Prätor, und die
+beiden gewesenen Prätoren Publius Autronius und Lucius Cassius waren
+unfähige Menschen, Lentulus ein gewöhnlicher Aristokrat von großen
+Warten und großen Ansprüchen, aber langsam im Begreifen und
+unentschlossen im Handeln, Autronius durch nichts ausgezeichnet als
+durch seine gewaltige Kreischstimme; von Lucius Cassius gar begriff es
+niemand, wie ein so dicker und so einfältiger Mensch unter die
+Verschwörer geraten sei. Die fähigeren Teilnehmer aber, wie den jungen
+Senator Gaius Cethegus und die Ritter Lucius Statilius und Publius
+Gabinius Capito, durfte Catilina nicht wagen, an die Spitze zu stellen,
+da selbst unter den Verschworenen noch die traditionelle
+Standeshierarchie ihren Platz behauptete und auch die Anarchisten nicht
+meinten, obsiegen zu können, wenn nicht ein Konsular oder mindestens
+ein Prätorier an der Spitze stand. Wie dringend darum immer die
+Insurrektionsarmee nach ihrem Feldherrn verlangte und wie mißlich es
+für diesen war, nach dem Ausbruch des Aufstandes länger am Sitze der
+Regierung zu verweilen, entschloß Catilina sich dennoch, vorläufig noch
+in Rom zu bleiben. Gewohnt, durch seinen kecken Übermut den feigen
+Gegnern zu imponieren, zeigte er sich öffentlich auf dem Markte wie im
+Rathaus und antwortete auf die Drohungen, die dort gegen ihn fielen,
+daß man sich hüten möge, ihn aufs äußerste zu treiben; wem man das Haus
+anzünde, der werde genötigt, den Brand unter Trümmern zu löschen. In
+der Tat wagten es weder Private noch Behörden, auf den gefährlichen
+Menschen die Hand zulegen; es war ziemlich gleichgültig, daß ein junger
+Adliger ihn wegen Vergewaltigung vor Gericht zog, denn bevor der Prozeß
+zu Ende kommen konnte, mußte längst anderweitig entschieden sein. Aber
+auch Catilinas Entwürfe scheiterten, hauptsächlich daran, daß die
+Agenten der Regierung sich in den Kreis der Verschworenen gedrängt
+hatten und dieselbe stets von allem Detail des Kornplatts genau
+unterrichtet hielten. Als zum Beispiel die Verschworenen vor dem festen
+Praeneste erschienen (1. November), das sie durch einen Handstreich zu
+überrumpeln gehofft hatten, fanden sie die Bewohner gewarnt und
+gerüstet; und in ähnlicher Weise schlug alles fehl. Catilina fand bei
+all seiner Tollkühnheit es doch geraten, jetzt seine Abreise auf einen
+der nächsten Tage festzusetzen; vorher aber wurde noch auf seine
+dringende Mahnung in einer letzten Zusammenkunft der Verschworenen in
+der Nacht vom 6. auf den 7. November beschlossen, den Konsul Cicero,
+der die Kontermine hauptsächlich leitete, noch vor der Abreise des
+Führers zu ermorden und, um jedem Verrat zuvorzukommen, diesen Beschluß
+augenblicklich ins Werk zu setzen. Früh am Morgen des 7. November
+pochten denn auch die erkorenen Mörder an dem Hause des Konsuls; aber
+sie sahen die Wachen verstärkt und sich selber abgewiesen - auch
+diesmal hatten die Spione der Regierung den Verschworenen den Rang
+abgelaufen. Am Tage darauf (8. November) berief Cicero den Senat. Noch
+jetzt wagte es Catilina zu erscheinen und gegen die zornigen Angriffe
+des Konsuls, der ihm ins Gesicht die Vorgänge der letzten Tage
+enthüllte, eine Verteidigung zu versuchen, aber man hörte nicht mehr
+auf ihn und in der Nähe des Platzes, auf dem er saß, leerten sich die
+Bänke. Er verließ die Sitzung und begab sich, wie er übrigens auch ohne
+diesen Zwischenfall ohne Zweifel getan haben würde, der Verabredung
+gemäß nach Etrurien. Hier rief er sich selber zum Konsul aus und nahm
+eine zuwartende Stellung, um auf die erste Meldung von dem Ausbruch
+einer Insurrektion in der Hauptstadt die Truppen gegen dieselbe in
+Bewegung zu setzen. Die Regierung erklärte die beiden Führer Catilina
+und Manlius sowie diejenigen ihrer Genossen, die nicht bis zu einem
+bestimmten Tag die Waffen niedergelegt haben würden, in die Acht und
+rief neue Milizen ein; aber an die Spitze des gegen Catilina Gestimmten
+Heeres ward der Konsul Gaius Antonius gestellt, der notorisch in die
+Verschwörung verwickelt war und bei dessen Charakter es durchaus vom
+Zufall abhing, ob er seine Truppen gegen Catilina oder ihm zuführen
+werde. Man schien es geradezu darauf angelegt zu haben, aus diesem
+Antonius einen zweiten Lepidus zu machen. Ebensowenig ward
+eingeschritten gegen die in der Hauptstadt zurückgebliebenen Leiter der
+Verschwörung, obwohl jedermann mit Fingern auf sie wies und die
+Insurrektion in der Hauptstadt von den Verschworenen nichts weniger als
+aufgegeben, vielmehr der Plan derselben noch von Catilina selbst vor
+seinem Abgang von Rom festgelegt worden war. Ein Tribun sollte durch
+Berufung einer Volksversammlung das Zeichen geben, die Nacht darauf
+Cethegus den Konsul Cicero aus dem Wege räumen, Gabinius und Statilius
+die Stadt an zwölf Stellen zugleich in Brand stecken und mit dem
+inzwischen herangezogenen Heere Catilinas die Verbindung in möglichster
+Geschwindigkeit hergestellt werden. Hätten Cethegus’ dringende
+Vorstellungen gefruchtet und Lentulus, der nach Catilinas Abreise an
+die Spitze der Verschworenen gestellt war, sich zu raschem Losschlagen
+entschlossen, so konnte die Verschwörung auch jetzt noch gelingen.
+Allein die Konspiratoren waren gerade ebenso unfähig und ebenso feig
+wie ihre Gegner; Wochen verflossen und es kam zu keiner Entscheidung.
+
+Endlich führte die Kontermine sie herbei. In seiner weitläufigen und
+gern die Säumigkeit in dem Nächsten und Notwendigen durch die
+Entwerfung fernliegender und weitsichtiger Pläne bedeckenden Art hatte
+Lentulus sich mit den eben in Rom anwesenden Deputierten eines
+Keltengaus, der Allobrogen, eingelassen und diese, die Vertreter eines
+gründlich zerrütteten Gemeinwesens und selber tief verschuldet,
+versucht in die Verschwörung zu verwickeln, auch ihnen bei ihrer
+Abreise Boten und Briefe an die Vertrauten mitgegeben. Die Allobrogen
+verließen Rom, wurden aber in der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember hart
+an den Toren von den römischen Behörden angehalten und ihre Papiere
+ihnen abgenommen. Es zeigte sich, daß die allobrogischen Abgeordneten
+sich zu Spionen der römischen Regierung hergegeben und die
+Verhandlungen nur deshalb geführt hatten, um dieser die gewünschten
+Beweisstücke gegen die Hauptleiter der Verschwörung in die Hände zu
+spielen. Am Morgen darauf wurden von Cicero in möglichster Stille
+Verhaftsbefehle gegen die gefährlichsten Führer des Komplotts erlassen
+und gegen Lentulus, Cethegus, Gabinius und Statilius auch vollzogen,
+während einige andere durch die Flucht der Festnehmung entgingen. Die
+Schuld der Ergriffenen wie der Flüchtigen war vollkommen evident.
+Unmittelbar nach der Verhaftung wurden dem Senat die weggenommenen
+Briefschaften vorgelegt, zu deren Siegel und Handschrift die
+Verhafteten nicht umhin konnten, sich zu bekennen, und die Gefangenen
+und Zeugen verhört; weitere bestätigende Tatsachen, Waffenniederlagen
+in den Häusern der Verschworenen, drohende Äußerungen, die sie getan,
+ergaben sich alsbald; der Tatbestand der Verschwörung war vollständig
+und rechtskräftig festgestellt und die wichtigsten Aktenstücke sogleich
+auf Ciceros Veranstaltung durch fliegende Blätter publiziert.
+
+Die Erbitterung gegen die anarchistische Verschwörung war allgemein.
+Gern hätte die oligarchische Partei die Enthüllungen benutzt, um mit
+der Demokratie überhaupt und namentlich mit Caesar abzurechnen, allein
+sie war viel zu gründlich gesprengt, um dies durchsetzen und ihm das
+Ende bereiten zu können, das sie vor Zeiten den beiden Gracchen und dem
+Saturninus bereitet hatte; in dieser Hinsicht blieb es bei dem guten
+Willen. Die hauptstädtische Menge empörten namentlich die
+Brandstiftungspläne der Verschworenen. Die Kaufmannschaft und die ganze
+Partei der materiellen Interessen erkannte in diesem Krieg der
+Schuldner gegen die. Gläubiger natürlich einen Kampf um ihre Existenz;
+in stürmischer Aufregung drängte sich ihre Jugend, die Schwerter in den
+Händen, um das Rathaus und zückte dieselben gegen die offenen und
+heimlichen Parteigenossen Catilinas. In der Tat war für den Augenblick
+die Verschwörung paralysiert; wenn auch vielleicht ihre letzten Urheber
+noch auf freien Füßen waren, so war doch der ganze mit der Ausführung
+beauftragte Stab der Verschwörung entweder gefangen oder auf der
+Flucht; der bei Faesulae versammelte Haufen konnte ohne Unterstützung
+durch eine Insurrektion in der Hauptstadt unmöglich viel ausrichten.
+
+In einem leidlich geordneten Gemeinwesen wäre die Sache hiermit
+politisch zu Ende gewesen und hätten das Militär und die Gerichte das
+weitere übernommen. Allein in Rom war es so weit gekommen, daß die
+Regierung nicht einmal ein paar angesehene Adlige in sicherem Gewahrsam
+zu halten imstande war. Die Sklaven und Freigelassenen des Lentulus und
+der übrigen Verhafteten regten sich; Pläne, hieß es, seien geschmiedet,
+um sie mit Gewalt aus den Privathäusern, in denen sie gefangen saßen,
+zu befreien; es fehlte, dank dem anarchischen Treiben der letzten
+Jahre, in Rom nicht an Bandenführern, die nach einer gewissen Taxe
+Aufläufe und Gewalttaten in Akkord nahmen; Catilina endlich war von dem
+Ereignis benachrichtigt und nahe genug, um mit seinen Scharen einer.
+dreisten Streich zu versuchen. Wieviel an diesen Reden Wahres war, läßt
+sich nicht sagen; die Besorgnisse aber waren gegründet, da der
+Verfassung gemäß in der Hauptstadt der Regierung weder Truppen noch
+auch nur eine achtunggebietende Polizeimacht zu Gebote stand und sie in
+der Tat jedem Banditenhaufen preisgegeben war. Der Gedanke ward laut,
+eile etwaigen Befreiungsversuche durch sofortige Hinrichtung der
+Gefangenen abzuschneiden. Verfassungmäßig war dies nicht möglich. Nach
+dem altgeheiligten Provokationsrecht konnte über den Gemeindebürger ein
+Todesurteil nur von der gesamten Bürgerschaft und sonst von keiner
+andren Behörde verhängt werden; seit die Bürgerschaftsgerichte selbst
+zur Antiquität geworden waren, ward überhaupt nicht mehr auf den Tod
+erkannt. Gern hätte Cicero das bedenkliche Ansinnen zurückgewiesen; so
+gleichgültig auch an sich die Rechtsfrage dem Advokaten sein mochte, er
+wußte wohl, wie nützlich es ebendiesem ist, liberal zu heißen, und
+verspürte wenig Lust, durch dies vergossene Blut sich auf ewig von der
+demokratischen Partei zu scheiden. Indes seine Umgebung, namentlich
+seine vornehme Gemahlin drängten ihn, seine Verdienste um das Vaterland
+durch diesen kühnen Schritt zu krönen; der Konsul, wie alle Feigen
+ängstlich bemüht, den Schein der Feigheit zu vermeiden und doch auch
+vor der furchtbaren Verantwortung zitternd, berief in seiner Not den
+Senat und überließ es diesem, über Leben und Tod der vier Gefangenen zu
+entscheiden. Freilich hatte dies keinen Sinn; denn da der Senat
+verfassungmäßig noch viel weniger hierüber erkennen konnte als der
+Konsul, so fiel rechtlich doch immer alle Verantwortung auf den
+letzteren zurück; aber wann ist je die Feigheit konsequent gewesen?
+Caesar bot alles auf, um die Gefangenen zu retten, und seine Rede voll
+versteckter Drohungen vor der künftigen unausbleiblichen Rache der
+Demokratie machte den tiefsten Eindruck. Obwohl bereits sämtliche
+Konsulare und die große Majorität des Senats sich für die Hinrichtung
+ausgesprochen hatten, schienen doch nun wieder die meisten, Cicero
+voran, sich zur Enthaltung der rechtlichen Schranken zu neigen. Allein
+indem Cato nach Rabulistenart die Verfechter der milderen Meinung der
+Mitwisserschaft an dem Komplott verdächtigte und auf die Vorbereitungen
+zur Befreiung der Gefangenen durch einen Straßenaufstand hinwies, wußte
+er die schwankenden Seelen wieder in eine andere Furcht zu werfen und
+für die sofortige Hinrichtung der Verbrecher die Majorität zu gewinnen.
+Die Vollziehung des Beschlusses lag natürlich dem Konsul ob, der ihn
+hervorgerufen hatte. Spät am Abend des fünften Dezembers wurden die
+Verhafteten aus ihren bisherigen Quartieren abgeholt und über den immer
+noch dicht von Menschen vollgedrängten Marktplatz in das Gefängnis
+gebracht, worin die zum Tode verurteilten Verbrecher aufbewahrt zu
+werden pflegten. Es war ein unterirdisches, zwölf Fuß tiefes Gewölbe am
+Fuß des Kapitols, das ehemals als Brunnenhaus gedient hatte. Der Konsul
+selbst führte den Lentulus, Prätoren die übrigen, alle von starken
+Wachen begleitet; doch fand der Befreiungsversuch, den man erwartete,
+nicht statt. Niemand wußte, ob die Verhafteten in ein gesichertes
+Gewahrsam oder zur Richtstätte geführt wurden. An der Türe des Kerkers
+wurden sie den Dreimännern übergeben, die die Hinrichtungen leiteten,
+und in dem unterirdischen Gewölbe bei Fackelschein erdrosselt. Vor der
+Türe hatte, bis die Exekutionen vollzogen waren, der Konsul gewartet
+und rief darauf über den Markt hin mit seiner lauten wohlbekannten
+Stimme der stumm harrenden Menge die Worte zu: “Sie sind tot!” Bis tief
+in die Nacht hinein wogten die Haufen durch die Straßen und begrüßten
+jubelnd den Konsul, dem sie meinten, die Sicherung ihrer Häuser und
+ihrer Habe schuldig geworden zu sein. Der Rat ordnete öffentliche
+Dankfeste an und die ersten Männer der Nobilität, Marcus Cato und
+Quintus Catulus, begrüßten den Urheber des Todesurteils mit dem - hier
+zuerst vernommenen - Namen eines Vaters des Vaterlandes.
+
+Aber es war eine grauenvolle Tat und nur um so grauenvoller, weil sie
+einem ganzen Volke als groß und preisenswert erschien. Elender hat sich
+wohl nie ein Gemeinwesen bankrott erklärt, als Rom durch diesen, mit
+kaltem Blute von der Majorität der Regierung gefaßten, von der
+öffentlichen Meinung gebilligten Beschluß, einige politische Gefangene,
+die nach den Gesetzen zwar strafbar waren, aber das Leben nicht
+verwirkt hatten, eiligst umzubringen, weil man der Sicherheit der
+Gefängnisse nicht traute und es keine ausreichende Polizei gab! Es war
+der humoristische Zug, der selten einer geschichtlichen Tragödie fehlt,
+daß dieser Akt der brutalsten Tyrannei von dem haltungslosesten und
+ängstlichsten aller römischen Staatsmänner vollzogen werden mußte und
+daß der “erste demokratische Konsul” dazu ausersehen war, das Palladium
+der alten römischen Gemeindefreiheit, das Provokationsrecht, zu
+zerstören.
+
+Nachdem in der Hauptstadt die Verschwörung erstickt worden war noch
+bevor sie zum Ausbruch kam, blieb es noch übrig, der Insurrektion in
+Etrurien ein Ende zu machen. Der Heerbestand von etwa 2000 Mann, den
+Catilina vorfand, hatte sich durch die zahlreich herbeiströmenden
+Rekruten nahezu verfünffacht und bildete schon zwei ziemlich
+vollzählige Legionen, worin freilich nur etwa der vierte Teil der
+Mannschaft genügend bewaffnet war. Catilina hatte sich mit ihnen in die
+Berge geworfen und ein Schlacht mit den Truppen des Antonius vermieden,
+um die Organisierung seiner Scharen zu vollenden und den Ausbruch des
+Aufstandes in Rom abzuwarten. Aber die Nachricht von dem Scheitern
+desselben sprengte auch die Armee der Insurgenten: die Masse der minder
+Kompromittierten ging daraufhin wieder nach Hause. Der zurückbleibende
+Rest entschlossener oder vielmehr verzweifelter Leute machte einen
+Versuch, sich durch die Apenninenpässe nach Gallien durchzuschlagen;
+aber als die kleine Schar an dem Fuß des Gebirges bei Pistoria
+(Pistoja) anlangte, fand sie sich hier von zwei Heeren in die Mitte
+genommen. Vor sich hatte sie das Korps des Quintus Metellus, das von
+Ravenna und Ariminum herangezogen war, um den nördlichen Abhang des
+Apennin zu besetzen; hinter sich die Armee des Antonius, der dem
+Drängen seiner Offiziere endlich nachgegeben und sich zu einem
+Winterfeldzuge verstanden hatte. Catilina war nach beiden Seiten hin
+eingekeilt und die Lebensmittel gingen zu Ende; es blieb nichts übrig,
+als sich auf den näherstehenden Feind, das heißt auf Antonius zu
+werfen. In einem engen von felsigen Bergen eingeschlossenen Tale kam es
+zum Kampfe zwischen den Insurgenten und den Truppen des Antonius,
+welche derselbe, um die Exekution gegen seine ehemaligen Verbündeten
+wenigstens nicht selbst vollstrecken zu müssen, für diesen Tag unter
+einem Vorwand einem tapferen, unter den Waffen ergrauten Offizier, dem
+Marcus Petreius, anvertraut hatte. Die Übermacht der Regierungsarmee
+kam bei der Beschaffenheit des Schlachtfeldes wenig in Betracht.
+Catilina wie Petreius stellten ihre zuverlässigsten Leute in die
+vordersten Reihen; Quartier ward weder gegeben noch genommen. Lange
+stand der Kampf und von beiden Seiten fielen viele tapfere Männer;
+Catilina, der vor dem Anfange der Schlacht sein Pferd und die der
+sämtlichen Offiziere zurückgeschickt hatte, bewies an diesem Tage, daß
+ihn die Natur zu nicht gewöhnlichen Dingen bestimmt hatte und daß er es
+verstand, zugleich als Feldherr zu kommandieren und als Soldat zu
+fechten. Endlich sprengte Petreius mit seiner Garde das Zentrum des
+Feindes und faßte, nachdem er dies geworfen hatte, die beiden Flügel
+von innen; der Sieg war damit entschieden. Die Leichen der Catilinarier
+- man zählte ihrer 3000 - deckten gleichsam in Reihe und Glied den
+Boden, wo sie gefochten hatten; die Offiziere und der Feldherr selbst
+hatten, da alles verloren war, sich in die Feinde gestürzt und dort den
+Tod gesucht und gefunden (Anfang 692 62). Antonius ward wegen dieses
+Sieges vom Senat mit dem Imperatorentitel gebrandmarkt und neue
+Dankfeste bewiesen, daß Regierung und Regierte anfingen, sich an den
+Bürgerkrieg zu gewöhnen.
+
+Das anarchistische Komplott war also in der Hauptstadt wie in Italien
+mit blutiger Gewalt niedergeschlagen worden; man ward nur noch an
+dasselbe erinnert durch die Kriminalprozesse, die in den etruskischen
+Landstädten und in der Hauptstadt unter den Affiliierten der
+geschlagenen Partei aufräumten, und durch die anschwellenden italischen
+Räuberbanden, wie deren zum Beispiel eine aus den Resten der Heere des
+Spartacus und des Catilina erwachsene im Jahre 694 (60) im Gebiet von
+Thurii durch Militärgewalt vernichtet ward. Aber es ist wichtig, es im
+Auge zu behalten, daß der Schlag keineswegs bloß die eigentlichen
+Anarchisten traf, die zur Anzündung der Hauptstadt sich verschworen und
+bei Pistoria gefochten hatten, sondern die ganze demokratische Partei.
+Daß diese, insbesondere Crassus und Caesar, hier so gut wie bei dem
+Komplott von 688 (66) die Hand im Spiele hatten, darf als eine nicht
+juristisch, aber historisch ausgemachte Tatsache angesehen werden. Zwar
+daß Catulus und die übrigen Häupter der Senatspartei den Führer der
+Demokraten der Mitwisserschaft um das anarchistische Komplott ziehen
+und daß dieser als Senator gegen den von der Oligarchie beabsichtigten
+brutalen Justizmord sprach und stimmte, konnte nur von der
+Parteischikane als Beweis seiner Beteiligung an den Plänen Catilinas
+geltend gemacht werden. Aber mehr ins Gewicht fällt eine Reihe anderer
+Tatsachen. Nach ausdrücklichen und unabweisbaren Zeugnissen waren es
+vor allen Crassus und Caesar, die Catilinas Bewerbung um das Konsulat
+unterstützten. Als Caesar 690 (64) die Schergen Sullas vor das
+Mordgericht zog, ließ er die übrigen verurteilen, den schuldigsten und
+schädlichsten aber von ihnen allen, den Catilina, freisprechen. Bei den
+Enthüllungen des dritten Dezember nannte Cicero zwar unter den Namen
+der bei ihm angezeigten Verschworenen die der beiden einflußreichen
+Männer nicht; allein es ist notorisch, daß die Denunzianten nicht bloß
+auf diejenigen aussagten, gegen die nachher die Untersuchung gerichtet
+ward, sondern außerdem noch auf “viele Unschuldige”, die der Konsul
+Cicero aus dem Verzeichnis zu streichen für gut fand; und in späteren
+Jahren, als er keine Ursache hatte, die Wahrheit zu entstellen, hat
+eben er ausdrücklich Caesar unter den Mitwissern genannt. Eine
+indirekte, aber sehr verständliche Bezichtigung liegt auch darin, daß
+von den vier am dritten Dezember Verhafteten die beiden am wenigsten
+gefährlichen, Statilius und Gabinius, den Senatoren Caesar und Crassus
+zur Bewachung übergeben wurden; offenbar sollten sie entweder, wenn sie
+sie entrinnen ließen, vor der öffentlichen Meinung als Mitschuldige
+oder, wenn sie in der Tat sie festhielten, vor ihren Mitverschworenen
+als Abtrünnige kompromittiert werden. Bezeichnend für die Situation ist
+die folgende im Senat vorgefallene Szene. Unmittelbar nach der
+Verhaftung des Lentulus und seiner Genossen wurde ein von den
+Verschworenen in der Hauptstadt an Catilina abgesandter Bote von den
+Agenten der Regierung aufgegriffen und derselbe, nachdem ihm
+Straflosigkeit zugesichert war, in voller Senatssitzung ein umfassendes
+Geständnis abzulegen veranlaßt. Wie er aber an die bedenklichen Teile
+seiner Konfession kam und namentlich als seinen Auftraggeber den
+Crassus nannte, ward er von den Senatoren unterbrochen und auf Ciceros
+Vorschlag beschlossen, die ganze Angabe ohne weitere Untersuchung zu
+kassieren, ihren Urheber aber ungeachtet der zugesicherten Amnestie so
+lange einzusperren, bis er nicht bloß die Angabe zurückgenommen,
+sondern auch bekannt haben werde, wer ihn zu solchem falschen Zeugnis
+aufgestiftet habe! Hier liegt es deutlich zu Tage, nicht bloß daß jener
+Mann die Verhältnisse recht genau kannte, der auf die Aufforderung,
+einen Angriff auf Crassus zu machen, zur Antwort gab, er habe keine
+Lust, den Stier der Herde zu reizen, sondern auch daß die
+Senatsmajorität, Cicero an der Spitze, unter sich einig geworden war,
+die Enthüllungen nicht über eine bestimmte Grenze vorschreiten zu
+lassen. Das Publikum war so heikel nicht; die jungen Leute, die zur
+Abwehr der Mordbrenner die Waffen ergriffen hatten, waren gegen keinen
+so erbittert wie gegen Caesar; sie richteten am fünften Dezember, als
+er die Kurie verließ, die Schwerter auf seine Brust und es fehlte nicht
+viel, daß er schon jetzt an derselben Stelle sein Leben gelassen hätte,
+wo siebzehn Jahre später ihn der Todesstreich traf; längere Zeit hat er
+die Kurie nicht wieder betreten. Wer überall den Verlauf der
+Verschwörung unbefangen erwägt, wird des Argwohns sich nicht zu
+erwehren vermögen, daß während dieser ganzen Zeit hinter Catilina
+mächtigere Männer standen, welche, gestützt auf den Mangel rechtlich
+vollständiger Beweise und auf die Lauheit und Feigheit der nur halb
+eingeweihten und nach jedem Vorwande zur Untätigkeit begierig
+greifenden Senatsmehrheit, es verstanden, jedes ernstliche Einschreiten
+der Behörden gegen die Verschwörung zu hemmen, dem Chef der Insurgenten
+freien Abzug zu verschaffen und selbst die Kriegserklärung und
+Truppensendungen gegen die Insurrektion so zu lenken, daß sie beinahe
+auf die Sendung einer Hilfsarmee hinauslief. Wenn also der Gang der
+Ereignisse selbst dafür zeugt, daß die Fäden des Catilinarischen
+Komplotts weit höher hinaufreichen als bis zu Lentulus und Catilina, so
+wird auch das Beachtung verdienen, daß in viel späterer Zeit, als
+Caesar an die Spitze des Staates gelangt war, er mit dem einzigen noch
+übrigen Catilinarier, dem mauretanischen Freischarenführer Publius
+Sittius, im engsten Bündnis stand, und daß er das Schuldrecht ganz in
+dem Sinne milderte, wie es die Proklamationen des Manlius begehrten.
+
+All diese einzelnen Inzichten reden deutlich genug; wäre das aber auch
+nicht, die verzweifelte Lage der Demokratie gegenüber der seit den
+Gabinisch-Manilischen Gesetzen drohender als je ihr zur Seite sich
+erhebenden Militärgewalt macht es an sich schon fast zur Gewißheit, daß
+sie, wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, in den geheimen
+Komplotten und dem Bündnis mit der Anarchie eine letzte Hilfe gesucht
+hat. Die Verhältnisse waren denen der cinnanischen Zeit sehr ähnlich.
+Wenn im Osten Pompeius eine Stellung einnahm ungefähr wie damals Sulla,
+so suchten Crassus und Caesar ihm gegenüber in Italien eine Gewalt
+aufzurichten, wie Marius und Cinna sie besessen hatten, um sie dann
+womöglich besser als diese zu benutzen. Der Weg dahin ging wieder durch
+Terrorismus und Anarchie, und diesen zu bahnen war Catilina allerdings
+der geeignete Mann. Natürlich hielten die reputierlicheren Führer der
+Demokratie sich hierbei möglichst im Hintergrund und überließen den
+unsauberen Genossen die Ausführung der unsauberen Arbeit, deren
+politisches Resultat sie späterhin sich zuzueignen hofften. Noch mehr
+wandten, als das Unternehmen gescheitert war, die höhergestellten
+Teilnehmer alles an, um ihre Beteiligung daran zu verhüllen. Und auch
+in späterer Zeit, als der ehemalige Konspirator selbst die Zielscheibe
+der politischen Komplotte geworden war, zog ebendarum über diese
+düsteren Jahre in dem Leben des großen Mannes der Schleier nur um so
+dichter sich zusammen und wurden in diesem Sinne sogar eigene Apologien
+für ihn geschrieben ^6.
+
+——————————————————————————
+
+^6 Eine solche ist der ‘Catilina’ des Sallustius, der von dem
+Verfasser, einem notorischen Caesarianer, nach dem Jahre 708 (46)
+entweder unter Caesars Alleinherrschaft oder wahrscheinlicher unter dem
+Triumvirat seiner Erben veröffentlicht wurde; offenbar als politische
+Tendenzschrift, welche sich bemüht, die demokratische Partei, auf
+welcher ja die römische Monarchie beruht, zu Ehren zu bringen und
+Caesars Andenken von dem schwärzesten Fleck, der darauf haftete, zu
+reinigen, nebenher auch den Oheim des Trimvirn Marcus Antonius
+möglichst weißzuwaschen (vgl. z. B. c. 59 mit Dio 37, 39). Ganz ähnlich
+soll der ‘Jugurtha’ desselben Verfassers teils die Erbärmlichkeit des
+oligarchischen Regiments aufdecken, teils den Koryphäen der Demokratie
+Gaius Marius verherrlichen. Daß der gewandte Schriftsteller den
+apologetischen und akkusatorischen Charakter dieser seiner Bücher
+zurücktreten läßt, beweist nicht, daß sie keine, sondern daß sie gute
+Parteischriften sind.
+
+———————————————————————————
+
+Seit fünf Jahren stand Pompeius im Osten an der Spitze seiner Heere und
+Flotten; seit fünf Jahren konspirierte die Demokratie daheim, um ihn zu
+stürzen. Das Ergebnis war entmutigend. Mit unsäglichen Anstrengungen
+hatte man nicht bloß nichts erreicht, sondern moralisch wie materiell
+ungeheure Einbuße gemacht. Schon die Koalition vom Jahre 683 (71) mußte
+den Demokraten vom reinen Wasser ein Ärgernis sein, obwohl die
+Demokratie damals nur mit zwei angesehenen Männern der Gegenpartei sich
+einließ und diese auf ihr Programm verpflichtete. Jetzt aber hatte die
+demokratische Partei gemeinschaftliche Sache gemacht mit einer Bande
+von Mördern und Bankerottierern, die fast alle gleichfalls Überläufer
+aus dem Lager der Aristokratie waren, und hatte deren Programm, das
+heißt den Cinnanischen Terrorismus, wenigstens vorläufig akzeptiert.
+Die Partei der materiellen Interessen, eines der Hauptelemente der
+Koalition von 683 (71) wurde hierdurch der Demokratie entfremdet und
+zunächst den Optimaten, überhaupt aber jeder Macht, die Schutz vor der
+Anarchie gewähren wollte und konnte, in die Arme getrieben. Selbst die
+hauptstädtische Menge, die zwar gegen einen Straßenkrawall nichts
+einzuwenden hatte, aber es doch unbequem fand, sich das Haus über dem
+Kopfe anzünden zu lassen, ward einigermaßen scheu. Es ist merkwürdig,
+daß eben in diesem Jahr (691 63) die volle Wiederherstellung der
+Sempronischen Getreidespenden stattfand, und zwar von Seiten des Senats
+auf den Antrag Catos. Offenbar hatte der Bund der Demokratenführer mit
+der Anarchie zwischen jene und die Stadtbürgerschaft einen Keil
+getrieben, und suchte die Oligarchie, nicht ohne wenigstens
+augenblicklichen Erfolg, diesen Riß zu erweitern und die Massen auf
+ihre Seite hinüberzuziehen. Endlich war Gnaeus Pompeius durch all diese
+Kabalen teils gewarnt, teils erbittert worden; nach allem, was
+vorgefallen war, und nachdem die Demokratie die Bande, die sie mit
+Pompeius verknüpften, selber so gut wie zerrissen hatte, konnte sie
+nicht mehr schicklicherweise von ihm begehren, was im Jahre 684 (70)
+eine gewisse Billigkeit für sich gehabt hatte, daß er die demokratische
+Macht, die er und die ihn emporgebracht, nicht selber mit dem Schwerte
+zerstöre. So war die Demokratie entehrt und geschwächt; vor allen
+Dingen aber war sie lächerlich geworden durch die unbarmherzige
+Aufdeckung ihrer Ratlosigkeit und Schwäche. Wo es sich um die
+Demütigung des gestürzten Regiments und ähnliche Nichtigkeiten
+handelte, war sie groß und gewaltig; aber jeder ihrer Versuche, einen
+wirklich politischen Erfolg zu erreichen, war platt zur Erde gefallen.
+Ihr Verhältnis zu Pompeius war so falsch wie kläglich. Während sie ihn
+mit Lobsprüchen und Huldigungen überschüttete, spann sie gegen ihn eine
+Intrige nach der anderen, die eine nach der anderen, Seifenblasen
+gleich, von selber zerplatzten. Der Feldherr des Ostens und der Meere,
+weit entfernt, sich dagegen zur Wehr zu setzen, schien das ganze
+geschäftige Treiben nicht einmal zu bemerken und seine Siege über sie
+zu erfechten wie Herakles den über die Pygmäen, ohne selber darum
+gewahr zu werden. Der Versuch, den Bürgerkrieg zu entflammen, war
+jämmerlich gescheitert; hatte die anarchistische Fraktion wenigstens
+einige Energie entwickelt, so hatte die reine Demokratie die Rotten
+wohl zu dingen verstanden, aber weder sie zu führen, noch sie zu
+retten, noch mit ihnen zu sterben. Selbst die alte todesmatte
+Oligarchie hatte, gestärkt durch die aus den Reihen der Demokratie zu
+ihr übertretenden Massen und vor allem durch die in dieser
+Angelegenheit unverkennbare Gleichheit ihrer Interessen und derjenigen
+des Pompeius, es vermocht, diesen Revolutionsversuch niederzuschlagen
+und damit noch einen letzten Sieg über die Demokratie zu erfechten.
+Inzwischen war König Mithradates gestorben, Kleinasien und Syrien
+geordnet, Pompeius’ Heimkehr nach Italien jeden Augenblick zu erwarten.
+Die Entscheidung war nicht fern; aber konnte in der Tat noch die Rede
+sein von einer Entscheidung zwischen dem Feldherrn, der ruhmvoller und
+gewaltiger als je zurückkam, und der beispiellos gedemütigten und
+völlig machtlosen Demokratie? Crassus schickte sich an, seine Familie
+und sein Gold zu Schiffe zu bringen und irgendwo im Osten eine
+Freistatt aufzusuchen; und selbst eine so elastische und so energische
+Natur wie Caesar schien im Begriff, das Spiel verloren zu geben. In
+dieses Jahr (691 63) fällt seine Bewerbung um die Stelle des
+Oberpontifex; als er am Morgen der Wahl seine Wohnung verließ, äußerte
+er, wenn auch dieses ihm fehlschlage, werde er, die Schwelle seines
+Hauses nicht wieder überschreiten.
+
+
+
+
+KAPITEL VI.
+Pompeius’ Rücktritt und die Koalition der Prätendenten
+
+
+Als Pompeius nach Erledigung der ihm aufgetragenen Verrichtungen seine
+Blicke wieder der Heimat zuwandte, fand er zum zweiten Male das Diadem
+zu seinen Füßen. Längst neigte die Entwicklung des römischen
+Gemeinwesens einer solchen Katastrophe sich zu; es war jedem
+Unbefangenen offenbar und war tausendmal gesagt worden, daß, wenn der
+Herrschaft der Aristokratie ein Ende gemacht sein werde, die Monarchie
+unausbleiblich sei. Jetzt war der Senat gestürzt zugleich durch die
+bürgerliche, liberale Opposition und die soldatische Gewalt; es konnte
+sich nur noch darum handeln, für die neue Ordnung der Dinge die
+Personen, die Namen und Formen festzustellen, die übrigens in den teils
+demokratischen, teils militärischen Elementen der Umwälzung bereits
+klar genug angedeutet waren. Die Ereignisse der letzten fünf Jahre
+hatten auf diese bevorstehende Umwandlung des Gemeinwesens gleichsam
+das letzte Siegel gedrückt. In den neu eingerichteten asiatischen
+Provinzen, die in ihrem Ordner den Nachfolger des großen Alexander
+königlich verehrten und schon seine begünstigten Freigelassenen wie
+Prinzen empfingen, hatte Pompeius den Grund seiner Herrschaft gelegt
+und zugleich die Schätze, das Heer und den Nimbus gefunden, deren der
+künftige Fürst des römischen Staats bedurfte. Die anarchistische
+Verschwörung aber in der Hauptstadt mit dem daran sich knüpfenden
+Bürgerkrieg hatte es jedem, der politische oder auch nur materielle
+Interessen hegte, mit empfindlicher Schärfe dargelegt, daß eine
+Regierung ohne Autorität und ohne militärische Macht, wie die des
+Senats war, den Staat der ebenso lächerlichen wie furchtbaren Tyrannei
+der politischen Industrieritter aussetzte und daß eine
+Verfassungsänderung, welche die Militärgewalt enger mit dem Regiment
+verknüpfte, eine unabweisliche Notwendigkeit war, wenn die
+gesellschaftliche Ordnung ferner Bestand haben sollte. So war im Osten
+der Herrscher aufgestanden, in Italien der Thron errichtet; allem
+Anschein nach war das Jahr 692 (62) das letzte der Republik, das erste
+der Monarchie.
+
+Zwar ohne Kampf war an dieses Ziel nicht zu gelangen. Die Verfassung,
+die ein halbes Jahrtausend gedauert hatte und unter der die
+unbedeutende Stadt am Tiber zu beispielloser Größe und Herrlichkeit
+gediehen war, hatte ihre Wurzeln man wußte nicht wie tief in den Boden
+gesenkt, und es ließ sich durchaus nicht berechnen, bis in welche
+Schichten hinab der Versuch, sie umzustürzen, die bürgerliche
+Gesellschaft aufwühlen werde. Mehrere Nebenbuhler waren in dem Wettlauf
+nach dem großen Ziel von Pompeius überholt, aber nicht völlig beseitigt
+worden. Es lag durchaus nicht außer der Berechnung, daß alle diese
+Elemente sich verbanden, um den neuen Machthaber zu stürzen und
+Pompeius sich gegenüber Quintus Catulus und Marcus Cato mit Marcus
+Crassus, Gaius Caesar und Titus Labienus vereinigt fand. Aber nicht
+leicht konnte der unvermeidliche und unzweifelhaft ernste Kampf unter
+günstigeren Verhältnissen aufgenommen werden. Es war in hohem Grade
+wahrscheinlich, daß unter dem frischen Eindrucke des Catilinarischen
+Aufstandes einem Regimente, das Ordnung und Sicherheit, wenngleich um
+den Preis der Freiheit, verhieß, die gesamte Mittelpartei sich fügen
+werde, vor allem die einzig um ihre materiellen Interessen bekümmerte
+Kaufmannschaft, aber nicht minder ein großer Teil der Aristokratie,
+die, in sich zerrüttet und politisch hoffnungslos, zufrieden sein
+mußte, durch zeitige Transaktion mit dem Fürsten sich Reichtum, Rang
+und Einfluß zu sichern; vielleicht sogar mochte ein Teil der von den
+letzten Schlägen schwer getroffenen Demokratie sich bescheiden, von
+einem durch sie auf den Schild gehobenen Militärchef die Realisierung
+eines Teils ihrer Forderungen zu erhoffen. Aber wie auch immer die
+Parteiverhältnisse sich stellten, was kam, zunächst wenigstens, auf die
+Parteien in Italien überhaupt noch an, Pompeius gegenüber und seinem
+siegreichen Heer? Zwanzig Jahre zuvor hatte Sulla, nachdem er mit
+Mithradates einen Notfrieden abgeschlossen hatte, gegen die gesamte,
+seit Jahren massenhaft rüstende liberale Partei, von den gemäßigten
+Aristokraten und der liberalen Kaufmannschaft an bis hinab zu den
+Anarchisten, mit seinen fünf Legionen eine der natürlichen Entwicklung
+der Dinge zuwiderlaufende Restauration durchzusetzen vermocht.
+Pompeius’ Aufgabe war weit minder schwer. Er kam zurück, nachdem er zur
+See und zu Lande seine verschiedenen Aufgaben vollständig und
+gewissenhaft gelöst hatte. Er durfte erwarten, auf keine andere
+ernstliche Opposition zu treffen als auf die der verschiedenen extremen
+Parteien, von denen jede einzeln gar nichts vermochte und die, selbst
+verbündet, immer nicht mehr waren als eine Koalition eben noch hitzig
+sich befehdender und innerlich gründlich entzweiter Faktionen.
+Vollkommen ungerüstet waren sie ohne Heer und Haupt, ohne Organisation
+in Italien, ohne Rückhalt in den Provinzen, vor allen Dingen ohne einen
+Feldherrn; es war in ihren Reihen kaum ein namhafter Militär,
+geschweige denn ein Offizier, der es hätte wagen dürfen, die Bürger zum
+Kampfe gegen Pompeius aufzurufen. Auch das durfte in Anschlag kommen,
+daß der jetzt seit siebzig Jahren rastlos flammende und an seiner
+eigenen Glut zehrende Vulkan der Revolution sichtlich ausbrannte und
+anfing, in sich selber zu erlöschen. Es war sehr zweifelhaft, ob es
+jetzt gelingen werde, die Italiker so für Parteiinteressen zu
+bewaffnen, wie noch Cinna und Carbo dies vermocht hatten. Wenn Pompeius
+zugriff, wie konnte es ihm fehlen, eine Staatsumwälzung durchzusetzen,
+die in der organischen Entwicklung des römischen Gemeinwesens mit einer
+gewissen Naturnotwendigkeit vorgezeichnet war?
+
+Pompeius hatte den Moment erfaßt, indem er die Mission nach dem Orient
+übernahm; er schien fortfahren zu wollen. Im Herbste des Jahres 691
+(63) traf Quintus Metellus Nepos aus dem Lager des Pompeius in der
+Hauptstadt ein und trat auf als Bewerber um das Tribunat, in der
+ausgesprochenen Absicht, als Volkstribun Pompeius das Konsulat für das
+Jahr 693 (61) und zunächst durch speziellen Volksbeschluß die Führung
+des Krieges gegen Catilina zu verschaffen. Die Aufregung in Rom war
+gewaltig. Es war nicht zu bezweifeln, daß Nepos im direkten oder
+indirekten Auftrag des Pompeius handelte; Pompeius’ Begehren, in
+Italien an der Spitze seiner asiatischen Legionen als Feldherr
+aufzutreten und daselbst die höchste militärische und die höchste
+bürgerliche Gewalt zugleich zu verwalten, ward aufgefaßt als ein
+weiterer Schritt auf dem Wege zum Throne, Nepos’ Sendung als die
+halboffizielle Ankündigung der Monarchie.
+
+Es kam alles darauf an, wie die beiden großen politischen Parteien zu
+diesen Eröffnungen sich verhielten; ihre künftige Stellung und die
+Zukunft der Nation hingen davon ab. Die Aufnahme aber, die Nepos fand,
+war selbst wieder bestimmt durch das damalige Verhältnis der Parteien
+zu Pompeius, das sehr eigentümlicher Art war. Als Feldherr der
+Demokratie war Pompeius nach dem Osten gegangen. Er hatte Ursache
+genug, mit Caesar und seinem Anhang unzufrieden zu sein, aber ein
+offener Bruch war nicht erfolgt. Es ist wahrscheinlich, daß Pompeius,
+der weit entfernt und mit andern Dingen beschäftigt war, überdies der
+Gabe, sich politisch zu orientieren, durchaus entbehrte, den Umfang und
+den Zusammenhang der gegen ihn gesponnenen demokratischen Umtriebe
+damals wenigstens keineswegs durchschaute, vielleicht sogar in seiner
+hochmütigen und kurzsichtigen Weise einen gewissen Stolz darein setzte,
+diese Maulwurfstätigkeit zu ignorieren. Dazu kam, was bei einem
+Charakter von Pompeius’ Art sehr ins Gewicht fiel, daß die Demokratie
+den äußeren Respekt gegen den großen Mann nie aus den Augen gesetzt, ja
+eben jetzt (691 63), unaufgefordert wie er es liebte, ihm durch einen
+besonderen Volksschluß unerhörte Ehren und Dekorationen gewährt hatte.
+Indes wäre auch alles dies nicht gewesen, so lag es in Pompeius’
+eigenem wohlverstandenen Interesse, sich wenigstens äußerlich
+fortwährend zur Popularpartei zu halten; Demokratie und Monarchie
+stehen in so enger Wahlverwandtschaft, daß Pompeius, indem er nach der
+Krone griff, kaum anders konnte, als sich wie bisher den Vorfechter der
+Volksrechte nennen. Wie also persönliche und politische Gründe,
+zusammenwirkten, um trotz allem Vorgefallenen Pompeius und die Führer
+der Demokratie bei ihrer bisherigen Verbindung festzuhalten, so geschah
+auf der entgegengesetzten Seite nichts, um die Kluft auszufüllen, die
+ihn seit seinem Übertritt in das Lager der Demokratie von seinen
+sullanischen Parteigenossen trennte. Sein persönliches Zerwürfnis mit
+Metellus und Lucullus übertrug sich auf deren ausgedehnte und
+einflußreiche Koterien. Eine kleinliche, aber für einen so kleinlich
+zugeschnittenen Charakter eben ihrer Kleinlichkeit wegen um so tiefer
+erbitternde Opposition des Senats hatte ihn auf seiner ganzen
+Feldherrnlaufbahn begleitet. Er empfand es schmerzlich, daß der Senat
+nicht das geringste getan, um den außerordentlichen Mann nach
+Verdienst, das heißt außerordentlich zu ehren. Endlich ist es nicht aus
+der Acht zu lassen, daß die Aristokratie eben damals von ihrem frischen
+Siege berauscht, die Demokratie tief gedemütigt war, und daß die
+Aristokratie von dem bocksteifen und halb närrischen Cato, die
+Demokratie von dem schmiegsamen Meister der Intrige Caesar geleitet
+ward.
+
+In diese Verhältnisse traf das Auftreten des von Pompeius gesandten
+Emissärs. Die Aristokratie betrachtete nicht bloß die Anträge, die
+derselbe zu Pompeius’ Gunsten ankündigte, als eine Kriegserklärung
+gegen die bestehende Verfassung, sondern behandelte sie auch öffentlich
+als solche und gab sich nicht die mindeste Mühe, ihre Besorgnis und
+ihren Ingrimm zu verhehlen: in der ausgesprochenen Absicht, diese
+Anträge zu bekämpfen, ließ sich Marcus Cato mit Nepos zugleich zum
+Volkstribun wählen und wies Pompeius’ wiederholten Versuch, sich ihm
+persönlich zu nähern, schroff zurück. Es ist begreiflich, daß Nepos
+hiernach sich nicht veranlaßt fand, die Aristokratie zu schonen,
+dagegen den Demokraten sich um so bereitwilliger anschloß, als diese,
+geschmeidig wie immer, in das Unvermeidliche sich fügten und das
+Feldherrnamt in Italien wie das Konsulat lieber freiwillig zugestanden
+als es mit den Waffen sich abzwingen ließen. Das herzliche
+Einverständnis offenbarte sich bald. Nepos bekannte sich (Dezember 691
+63) öffentlich zu der demokratischen Auffassung der von der
+Senatsmajorität kürzlich verfügten Exekutionen als verfassungswidriger
+Justizmorde; und daß auch sein Herr und Meister sie nicht anders ansah,
+bewies sein bedeutsames Stillschweigen auf die voluminöse
+Rechtfertigungsschrift, die ihm Cicero übersandt hatte. Andererseits
+war es der erste Akt, womit Caesar seine Prätur eröffnete, daß er den
+Quintus Catulus wegen der bei dem Wiederaufbau des Kapitolinischen
+Tempels angeblich von ihm unterschlagenen Gelder zur Rechenschaft zog
+und die Vollendung des Tempels an Pompeius übertrug. Es war das ein
+Meisterzug. Catulus baute an dem Tempel jetzt bereits im sechzehnten
+Jahr und schien gute Lust zu haben, als Oberaufseher der
+kapitolinischen Bauten wie zu leben so zu sterben; ein Angriff auf
+diesen, nur durch das Ansehen des vornehmen Beauftragten zugedeckten
+Mißbrauch eines öffentlichen Auftrags war der Sache nach vollkommen
+begründet und in hohem Maße populär. Indem aber zugleich dadurch
+Pompeius die Aussicht eröffnet ward, an dieser stolzesten Stelle der
+ersten Stadt des Erdkreises den Namen des Catulus tilgen und den
+seinigen eingraben zu dürfen, ward ihm ebendas geboten, was ihn vor
+allem reizte und der Demokratie nicht schadete, überschwengliche, aber
+leere Ehre, und ward zugleich die Aristokratie, die doch ihren besten
+Mann unmöglich fallen lassen konnte, auf die ärgerlichste Weise mit
+Pompeius verwickelt.
+
+Inzwischen hatte Nepos seine Pompeius betreffenden Anträge bei der
+Bürgerschaft eingebracht. Am Tage der Abstimmung interzedierten Cato
+und sein Freund und Kollege Quintus Minucius. Als Nepos sich daran
+nicht kehrte und mit der Verlesung fortfuhr, kam es zu einem förmlichen
+Handgemenge: Cato und Minucius warfen sich über ihren Kollegen und
+zwangen ihn innezuhalten; eine bewaffnete Schar befreite ihn zwar und
+vertrieb die aristokratische Fraktion vom Markte; aber Cato und
+Minucius kamen wieder, nun gleichfalls von bewaffneten Haufen
+begleitet, und behaupteten schließlich das Schlachtfeld für die
+Regierung. Durch diesen Sieg ihrer Bande über die des Gegners ermutigt,
+suspendierte der Senat den Tribun Nepos sowie den Prätor Caesar, der
+denselben bei der Einbringung des Gesetzes nach Kräften unterstützt
+hatte, von ihren Ämtern; die Absetzung, die im Senat beantragt ward,
+wurde, mehr wohl wegen ihrer Verfassungs- als wegen ihrer
+Zweckwidrigkeit, von Cato verhindert. Caesar kehrte sich an den
+Beschluß nicht und fuhr in seinen Amtshandlungen fort, bis der Senat
+Gewalt gegen ihn brauchte. Sowie dies bekannt ward, erschien die Menge
+vor seinem Hause und stellte sich ihm zur Verfügung; es hätte nur von
+ihm abgehangen, den Straßenkampf zu beginnen oder wenigstens die von
+Metellus gestellten Anträge jetzt wiederaufzunehmen und Pompeius das
+von ihm gewünschte Militärkommando in Italien zu verschaffen; allein
+dies lag nicht in seinem Interesse, und so bewog er die Haufen, sich
+wieder zu zerstreuen, worauf der Senat die gegen ihn verhängte Strafe
+zurücknahm. Nepos selbst hatte sogleich nach seiner Suspension die
+Stadt verlassen und sich nach Asien eingeschifft, um Pompeius von dem
+Erfolg seiner Sendung Bericht zu erstatten.
+
+Pompeius hatte alle Ursache, mit der Wendung der Dinge zufrieden zu
+sein. Der Weg zum Thron ging nun einmal notwendig durch den
+Bürgerkrieg; und diesen mit gutem Fug beginnen zu können dankte er
+Catos unverbesserlicher Verkehrtheit. Nach der rechtswidrigen
+Verurteilung der Anhänger Catilinas, nach den unerhörten
+Gewaltsamkeiten gegen den Volkstribun Metellus konnte Pompeius ihn
+führen zugleich als Verfechter der beiden Palladien der römischen
+Gemeindefreiheit, des Berufungsrechts und der Unverletzlichkeit des
+Volkstribunats, gegen die Aristokratie und als Vorkämpfer der
+Ordnungspartei gegen die Catilinarische Bande. Es schien fast
+unmöglich, daß Pompeius dies unterlassen und mit sehenden Augen sich
+zum zweitenmal in die peinliche Situation begeben werde, in die die
+Entlassung seiner Armee im Jahre 684 (70) ihn versetzt und aus der erst
+das Gabinische Gesetz ihn erlöst hatte. Indes, wie nahe es ihm auch
+gelegt war, die weiße Binde um seine Stirn zu legen, wie sehr seine
+eigene Seele danach gelüstete: als es galt, den Griff zu tun, versagten
+ihm abermals Herz und Hand. Dieser in allem, nur in seinen Ansprüchen
+nicht, ganz gewöhnliche Mensch hätte wohl gern außerhalb des Gesetzes
+sich gestellt, wenn dies nur hätte geschehen können, ohne den
+gesetzlichen Boden zu verlassen. Schon sein Zaudern in Asien ließ dies
+ahnen. Er hätte, wenn er gewollt, sehr wohl im Januar 692 (62) mit
+Flotte und Heer im Hafen von Brundisium eintreffen und Nepos hier
+empfangen können. Daß er den ganzen Winter 691/92 (63/62) in Asien
+säumte, hatte zunächst die nachteilige Folge, daß die Aristokratie, die
+natürlich den Feldzug gegen Catilina nach Kräften beschleunigte,
+inzwischen mit dessen Banden fertiggeworden war und damit der
+schicklichste Vorwand, die asiatischen Legionen in Italien
+zusammenzuhalten, hinwegfiel. Für einen Mann von Pompeius’ Art, der in
+Ermangelung des Glaubens an sich und an seinen Stern sich im
+öffentlichen Leben ängstlich an das formale Recht anklammerte, und bei
+dem der Vorwand ungefähr ebensoviel wog wie der Grund, fiel dieser
+Umstand schwer ins Gewicht. Er mochte sich ferner sagen, daß, selbst
+wenn er sein Heer entlasse, er dasselbe nicht völlig aus der Hand gebe
+und im Notfall doch noch eher als jedes andere Parteihaupt eine
+schlagfertige Armee aufzubringen vermöge; daß die Demokratie in
+unterwürfiger Haltung seines Winkes gewärtig und mit dem
+widerspenstigen Senat auch ohne Soldaten fertig zu werden sei und was
+weiter sich von solchen Erwägungen darbot, in denen gerade genug Wahres
+war, um sie dem, der sich selber betrügen wollte, plausibel erscheinen
+zu lassen. Den Anschlag gab natürlich wiederum Pompeius’ eigenstes
+Naturell. Er gehörte zu den Menschen, die wohl eines Verbrechens fähig
+sind, aber keiner Insurbordination; im guten wie im schlimmen Sinne war
+er durch und durch Soldat. Bedeutende Individualitäten achten das
+Gesetz als die sittliche Notwendigkeit, gemeine als die hergebrachte
+alltägliche Regel; ebendarum fesselt die militärische Ordnung, in der
+mehr als irgendwo sonst das Gesetz als Gewohnheit auftritt, jeden nicht
+ganz in sich festen Menschen wie mit einem Zauberbann. Es ist oft
+beobachtet worden, daß der Soldat, auch wenn er den Entschluß gefaßt
+hat, seinen Vorgesetzten den Gehorsam zu versagen, dennoch, wenn dieser
+Gehorsam gefordert wird, unwillkürlich wieder in Reihe und Glied tritt;
+es war dies Gefühl, das Lafayette und Dumouriez im letzten Augenblick
+vor dem Treuebruch schwanken und scheitern machte, und eben demselben
+ist auch Pompeius unterlegen.
+
+Im Herbst 692 (62) schiffte Pompeius nach Italien sich ein. Während in
+der Hauptstadt alles sich bereitete, den neuen Monarchen zu empfangen,
+kam der Bericht, daß Pompeius, kaum in Brundisium gelandet, seine
+Legionen aufgelöst und mit geringem Gefolge die Reise nach der
+Hauptstadt angetreten habe. Wenn es ein Glück ist, eine Krone mühelos
+zu gewinnen, so hat das Glück nie mehr für einen Sterblichen getan, als
+es für Pompeius tat; aber an den Mutlosen verschwenden die Götter alle
+Gunst und alle Gabe umsonst.
+
+Die Parteien atmeten auf. Zum zweiten Male hatte Pompeius abgedankt;
+die schon überwundenen Mitbewerber konnten abermals den Wettlauf
+beginnen, wobei wohl das wunderlichste war, daß in diesem Pompeius
+wieder mitlief. Im Januar 693 (61) kam er nach Rom. Seine Stellung war
+schief und schwankte so unklar zwischen den Parteien, daß man ihm den
+Spottnamen Gnaeus Cicero verlieh. Er hatte es eben mit allen verdorben.
+Die Anarchisten sahen in ihm einen Widersacher, die Demokraten einen
+unbequemen Freund, Marcus Crassus einen Nebenbuhler, die vermögende
+Klasse einen unzuverlässigen Beschützer, die Aristokratie einen
+erklärten Feind ^1. Er war wohl immer noch der mächtigste Mann im
+Staat; sein durch ganz Italien zerstreuter militärischer Anhang, sein
+Einfluß in den Provinzen, namentlich den östlichen, sein militärischer
+Ruf, sein ungeheurer Reichtum gaben ihm ein Gewicht wie es kein anderer
+hatte; aber statt des begeisterten Empfanges, auf den er gezählt hatte,
+war die Aufnahme, die er fand, mehr als kühl, und noch kühler
+behandelte man die Forderungen, die er stellte. Er begehrte für sich,
+wie er schon durch Nepos hatte ankündigen lassen, das zweite Konsulat,
+außerdem natürlich die Bestätigung der vor. ihm im Osten getroffenen
+Anordnungen und die Erfüllung des seinen Soldaten gegebenen
+Versprechens, sie mit Ländereien auszustatten. Hiergegen erhob sich im
+Senat eine systematische Opposition, zu der die persönliche Erbitterung
+des Lucullus und des Metellus Creticus, der alte Groll des Crassus und
+Catos gewissenhafte Torheit die hauptsächlichsten Elemente hergaben.
+Das gewünschte zweite Konsulat ward sofort und unverblümt verweigert.
+Gleich die erste Bitte, die der heimkehrende Feldherr an den Senat
+richtete, die Wahl der Konsuln für 693 (61) bis nach seinem Eintreffen
+in der Hauptstadt aufzuschieben, war ihm abgeschlagen worden; viel
+weniger war daran zu denken, die erforderliche Dispensation von dem
+Gesetze Sullas über die Wiederwahl vom Senat zu erlangen. Für die in
+den östlichen Provinzen von ihm getroffenen Anordnungen begehrte
+Pompeius die Bestätigung natürlich im ganzen; Lucullus setzte es durch,
+daß über jede Verfügung besonders verhandelt und abgestimmt ward, womit
+für endlose Trakasserien und eine Menge Niederlagen im einzelnen das
+Feld eröffnet war. Das Versprechen einer Landschenkung an die Soldaten
+der asiatischen Armee ward vom Senat wohl im allgemeinen ratifiziert,
+jedoch zugleich ausgedehnt auf die kretischen Legionen des Metellus
+und, was schlimmer war, es wurde nicht ausgeführt, da die Gemeindekasse
+leer und der Senat nicht gemeint war, die Domänen für diesen Zweck
+anzugreifen. Pompeius, daran verzweifelnd, der zähen und tückischen
+Opposition des Rates Herr zu werden, wandte sich an die Bürgerschaft.
+Allein auf diesem Gebiet verstand er noch weniger sich zu bewegen. Die
+demokratischen Führer, obwohl sie ihm nicht offen entgegentraten,
+hatten doch auch durchaus keine Ursache, seine Interessen zu den
+ihrigen zu machen und hielten sich beiseite. Pompeius’ eigene
+Werkzeuge, wie zum Beispiel die durch seinen Einfloß und zum Teil durch
+sein Geld gewählten Konsuln Marcus Pupius Piso 693 (61) und Lucius
+Afranius 694 (60), erwiesen sich als ungeschickt und unbrauchbar. Als
+endlich durch den Volkstribun Lucius Flavius in Form eines allgemeinen
+Ackergesetzes die Landanweisung für Pompeius’ alte Soldaten an die
+Bürgerschaft gebracht :ward, blieb der von den Demokraten nicht
+unterstützte, von den Aristokraten offen bekämpfte Antrag in der
+Minorität (Anfang 694 60). Fast demütig buhlte der hochgestellte
+Feldherr jetzt um die Gunst der Massen, wie denn auf seinem Antrieb
+durch ein von dem Prätor Metellus Nepos eingebrachtes Gesetz die
+italischen Zölle abgeschafft wanden (694 60). Aber er spielte den
+Demagogen ohne Geschick und ohne Glück; sein Ansehen litt darunter, und
+was er wollte, erreichte er nicht. Er hatte sich vollständig
+festgezogen. Einer seiner Gegner fußt seine damalige politische
+Stellung dahin zusammen, daß er bemüht sei, “seinen gestickten
+Triumphalmantel schweigend zu konservieren”. Es blieb ihm in der Tat
+nichts übrig, als sich zu ärgern.
+
+———————————————————————-
+
+^1 Der Eindruck der ersten Ansprache, die Pompeius nach seiner Rückkehr
+an die Bürgerschaft richtete, wird von Cicero (Art. 1, 14) so
+geschildert: prima contio Pornpei non iucunda miseris, inanis improbis,
+beatis non grata, bonis non gravis;
+
+———————————————————————-
+
+Da bot sich eine neue Kombination dar. Der Führer der demokratischem
+Partei hatte die politische Windstille, die zunächst auf den Rücktritt
+des bisherigen Machthabers gefolgt war, in seinem Interesse tätig
+benutzt. Als Pompeius aus Asien zurückkam, war Caesar wenig mehr
+gewesen als was auch Catilina war: der Chef einer fast zu einem
+Verschwörerklub eingeschwundenen politischen Partei und ein bankrotter
+Mann. Seitdem aber hatte er nach verwalteter Prätur (692 62) die
+Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien übernommen und dadurch Mittel
+gefunden, teils seiner Schulden sich zu entledigen; teils zu seinem
+militärischen Ruf den Grund zu legen. Sein alter Freund und
+Bundesgenosse Crassus hatte durch die Hoffnung, den. Rückhalt gegen
+Pompeius, den er an Piso verloren, jetzt an Caesar wiederzufinden, sich
+bestimmen lassen, ihn noch vor seinem Abgang in die Provinz von dem
+drückendsten Teil seiner Schuldenlast zu befreien. Er selbst hatte den
+kurzen Aufenthalt daselbst energisch benutzt. Im Jahre 694 (60) mit
+gefüllten Kassen und als Imperator mit wohlgegründeten Ansprüchen auf
+den Triumph aus Spanien zurückgekehrt, trat er für das folgende Jahr
+als Bewerber um das Konsulat auf, um dessentwillen er, da der Senat ihm
+die Erlaubnis, abwesend sich zu der Konsulwahl zu melden, abschlug, die
+Ehre des Triumphes unbedenklich darangab. Seit Jahren hatte die
+Demokratie danach gerungen, einen der Ihrigen in den Besitz des
+höchsten Amtes zu bringen, um auf dieser Brücke zu einer eigenen
+militärischen Macht zu gelangen. Längst war es ja den Einsichtigen
+aller Farben klar geworden, daß der Parteienstreit nicht durch
+bürgerlichen Kampf, sondern nur noch durch Militärmacht entschieden
+werden könne; der Verlauf aber der Koalition zwischen der Demokratie
+und den mächtigen Militärchefs, durch die der Senatsherrschaft ein Ende
+gemacht worden war, zeigte mit unerbittlicher Schärfe, daß jede solche
+Allianz schließlich auf eine Unterordnung der bürgerlichen unter die
+militärischen Elemente hinauslief und daß die Volkspartei, wenn sie
+wirklich herrschen wollte, nicht mit ihr eigentlich fremden, ja
+feindlichen Generalen sich verbünden, sondern ihre Führer selbst zu
+Generalen machen müsse. Die dahin zielenden Versuche, Catilinas Wahl
+zum Konsul durchzusetzen, in Spanien oder Ägypten einen militärischen
+Rückhalt zu gewinnen, waren gescheitert; jetzt bot sich ihr die
+Möglichkeit, ihrem bedeutendsten Manne das Konsulat und die
+Konsularprovinz auf dem gewöhnlichen, verfassungsmäßigen Wege zu
+verschaffen und durch Begründung, wenn man so sagen darf, einer
+demokratischen Hausmacht sich von dem zweifelhaften und gefährlichen
+Bundesgenossen Pompeius unabhängig zu machen.
+
+Aber je mehr der Demokratie daran gelegen sein mußte, sich diese Bahn
+zu eröffnen, die ihr nicht so sehr die günstigste als die einzige
+Aussicht auf ernstliche Erfolge darbot, desto gewisser konnte sie dabei
+auf den entschlossenen Widerstand ihrer politischen Gegner zählen. Es
+kam darauf an, wen sie hierbei sich gegenüber fand. Die Aristokratie
+vereinzelt war nicht furchtbar; aber es hatte doch soeben in der
+Catilinarischen Angelegenheit sich herausgestellt, daß sie da
+allerdings noch etwas vermochte, wo sie von den Männern der materiellen
+Interessen und von den Anhängern des Pompeius mehr oder minder offen
+unterstützt ward. Sie hatte Catilinas Bewerbung um das Konsulat
+mehrmals vereitelt, und daß sie das gleiche gegen Caesar versuchen
+werde, war gewiß genug. Aber wenn auch vielleicht Caesar ihr zum Trotze
+gewählt ward, so reichte die Wahl allein nicht aus. Er bedurfte
+mindestens einige Jahre ungestörter Wirksamkeit außerhalb Italiens, um
+eine feste militärische Stellung zu gewinnen, und sicherlich ließ die
+Nobilität kein Mittel unversucht, um während dieser Vorbereitungszeit
+seine Pläne zu durchkreuzen. Der Gedanke lag nahe, ob es nicht gelingen
+könne, die Aristokratie wieder, wie im Jahre 683/84 (71 /70) zu
+isolieren und zwischen den Demokraten nebst ihrem Bundesgenossen
+Crassus einer- und Pompeius und der hohen Finanz andererseits ein auf
+gemeinschaftlichen Vorteil fest begründetes Bündnis aufzurichten. Für
+Pompeius war ein solches allerdings ein politischer Selbstmord. Sein
+bisheriges Gewicht im Staate beruhte darauf, daß er das einzige
+Parteihaupt war, das zugleich über Legionen, wenn auch jetzt
+aufgelöste, doch immer noch in einem gewissen Maße verfügte. Der Plan
+der Demokratie war ebendarauf gerichtet, ihn dieses Übergewichtes zu
+berauben und ihm in ihrem eigenen Haupt einen militärischen Nebenbuhler
+zur Seite zu stellen. Nimmermehr durfte er hierauf eingehen, am
+allerwenigsten aber einem Manne wie Caesar, der schon als bloßer
+politischer Agitator ihm genug zu schaffen gemacht und soeben in
+Spanien die glänzendsten Beweise auch militärischer Kapazität gegeben
+hatte, selber zu einer Oberfeldherrnstelle verhelfen. Allein auf der
+anderen Seite war, infolge der schikanösen Opposition des Senats und
+der Gleichgültigkeit der Menge für Pompeius und Pompeius’ Wünsche,
+seine Stellung, namentlich seinen alten Soldaten gegenüber, so peinlich
+und so demütigend geworden, daß man bei seinem Charakter wohl erwarten
+konnte, um den Preis der Erlösung aus dieser unbequemen Lage ihn für
+eine solche Koalition zu gewinnen. Was aber die sogenannte Ritterpartei
+anlangt, so fand diese überall da sich ein, wo die Macht war, und es
+verstand sich von selbst, daß sie nicht lange auf sich werde warten
+lassen, wenn sie Pompeius und die Demokratie aufs neue ernstlich sich
+verbünden sah. Es kam hinzu, daß wegen Catos übrigens sehr löblicher
+Strenge gegen die Steuerpächter die hohe Finanz eben jetzt wieder mit
+dem Senat in heftigem Hader lag.
+
+So ward im Sommer 694 (60) die zweite Koalition abgeschlossen. Caesar
+ließ sich das Konsulat für das folgende Jahr und demnächst die
+Statthalterschaft zusichern; Pompeius ward die Ratifikation seiner im
+Osten getroffenen Verfügungen und Anweisung von Ländereien an die
+Soldaten der asiatischen Armee zugesagt; der Ritterschaft versprach
+Caesar gleichfalls das, was der Senat verweigert hatte, ihr durch die
+Bürgerschaft zu verschaffen; Crassus endlich, der unvermeidliche,
+durfte wenigstens dem Bunde sich anschließen, freilich ohne für den
+Beitritt, den er nicht verweigern konnte, bestimmte Zusagen zu
+erhalten. Es waren genau dieselben Elemente, ja dieselben Personen, die
+im Herbst 683 (71) und die im Sommer 684 (70) den Bund miteinander
+schlossen; aber wie so ganz anders standen doch damals und jetzt die
+Parteien! Damals war die Demokratie nichts als eine politische Partei,
+ihre Verbündeten siegreiche, an der Spitze ihrer Armeen stehende
+Feldherren; jetzt war der Führer der Demokraten selber ein
+sieggekrönter, von großartigen militärischen Entwürfen erfüllter
+Imperator, die Bundesgenossen gewesene Generale ohne Armee. Damals
+siegte die Demokratie in Prinzipienfragen und räumte um diesen Preis
+die höchsten Staatsämter ihren beiden Verbündeten ein; jetzt war sie
+praktischer geworden und nahm die höchste bürgerliche und militärische
+Gewalt für sich selber, wogegen nur in untergeordneten Dingen den
+Bundesgenossen Konzessionen gemacht und, bezeichnend genug, nicht
+einmal Pompeius’ alte Forderung eines zweiten Konsulats berücksichtigt
+wurde. Damals gab sich die Demokratie ihren Verbündeten hin; jetzt
+mußten diese sich ihr anvertrauen. Alle Verhältnisse sind vollständig
+verändert, am meisten jedoch der Charakter der Demokratie selbst. Wohl
+hatte dieselbe, seit sie überhaupt war, im innersten Kern ein
+monarchisches Element in sich getragen; allein das Verfassungsideal,
+wie es ihren besten Köpfen in mehr oder minder deutlichen Umrissen
+vorschwebte, blieb doch immer ein bürgerliches Gemeinwesen, eine
+perikleische Staatsordnung, in der die Macht des Fürsten darauf
+beruhte, daß er die Bürgerschaft in edelster und vollkommenster Weise
+vertrat und der vollkommenste und edelste Teil der Bürgschaft ihren
+rechten Vertrauensmann in ihm erkannte. Auch Caesar ist von solchen
+Anschauungen ausgegangen; aber es waren nun einmal Ideale, die wohl auf
+die Realitäten einwirken, aber nicht geradezu realisiert werden
+konnten. Weder die einfache bürgerliche Gewalt, wie Gaius Gracchus sie
+besessen, noch die Bewaffnung der demokratischen Partei, wie sie Cinna,
+freilich in sehr unzulänglicher Art, versucht hatte, vermochten in dem
+römischen Gemeinwesen als dauerndes Schwergewicht sich zu behaupten;
+die nicht für eine Partei, sondern für einen Feldherrn fechtende
+Heeresmaschine, die rohe Macht der Condottieri zeigte sich, nachdem sie
+zuerst im Dienste der Restauration auf den Schauplatz getreten war,
+bald allen politischen Parteien unbedingt überlegen. Auch Caesar mußte
+im praktischen Parteitreiben hiervon sich überzeugen und also reifte in
+ihm der verhängnisvolle Entschluß, diese Heeresmaschine selbst seinen
+Idealen dienstbar zu machen und das Gemeinwesen, wie er es im Sinne
+trug, durch Condottiergewalt aufzurichten. In dieser Absicht schloß er
+im Jahre 683 (71) den Bund mit den Generalen der Gegenpartei, welcher,
+ungeachtet dieselben das demokratische Programm akzeptiert hatten, doch
+die Demokratie und Caesar selbst an den Rand des Unterganges führte. In
+der gleichen Absicht trat elf Jahre später er selber als Condottiere
+auf. Es geschah in beiden Fällen mit einer gewissen Naivität, mit dem
+guten Glauben an die Möglichkeit, ein freies Gemeinwesen wo nicht durch
+fremde, doch durch den eigenen Säbel begründen zu können. Man sieht es
+ohne Mühe ein, daß dieser Glaube trog und daß niemand den bösen Geist
+zum Diener nimmt, ohne ihm selbst zum Knecht zu werden; aber die
+größten Männer sind nicht die, welche am wenigsten irren. Wenn noch
+nach Jahrtausenden wir ehrfurchtsvoll uns neigen vor denn, was Caesar
+gewollt und getan hat, so liegt die Ursache nicht darin, daß er eine
+Krone begehrt und gewonnen hat, was an sich so wenig etwas Großes ist
+wie die Krone selbst, sondern darin, daß sein mächtiges Ideal: eines
+freien Gemeinwesens unter einem Herrscher - ihn nie verlassen und auch
+als Monarchen ihn davor bewahrt hat, in das gemeine Königtum zu
+versinken.
+
+Ohne Schwierigkeit ward von den vereinigten Parteien Caesars Wahl zum
+Konsul für das Jahr 695 (59) durchgesetzt. Die Aristokratie mußte
+zufrieden sein, durch einen selbst in dieser Zeit tiefster Korruption
+Aufsehen erregenden Stimmenkauf, wofür der ganze Herrenstand die Mittel
+zusammenschoß, ihm in der Person des Marcus Bibulus einen Kollegen
+zuzugesellen, dessen bornierter Starrsinn in ihren Kreisen als
+konservative Energie betrachtet ward und an dessen gutem Willen
+wenigstens es nicht lag, wenn die vornehmen Herren ihre patriotischen
+Auslagen nicht wieder herausbekamen.
+
+Als Konsul brachte Caesar zunächst die Begehren seiner Verbündeten zur
+Verhandlung, unter denen die Landanweisung an die Veteranen des
+asiatischen Heeres bei weitem das wichtigste war. Das zu diesem Ende
+von Caesar entworfene Ackergesetz hielt im allgemeinen fest an den
+Grundzügen, wie sie der das Jahr zuvor in Pompeius’ Auftrag
+eingebrachte, aber gescheiterte Gesetzesentwurf aufgestellt hatte. Zur
+Verteilung ward nur das italische Domanialland bestimmt, das heißt
+wesentlich das Gebiet von Capua, und, wenn dies nicht ausreichen
+sollte, anderer italischer Grundbesitz, der aus dem Ertrage der neuen
+östlichen Provinzen zu dem in den zensorischen Listen verzeichneten
+Taxationswert angekauft werden sollte; alle bestehenden Eigentums- und
+Erbbesitzrechte blieben also unangetastet. Die einzelnen Parzellen
+waren klein. Die Landempfänger sollten arme Bürger, Väter von
+wenigstens drei Kindern sein; der bedenkliche Grundsatz, daß der
+geleistete Militärdienst Anspruch auf Grundbesitz gebe, ward nicht
+aufgestellt, sondern es wurden nur, wie es billig und zu allen Zeiten
+geschehen war, die alten Soldaten sowie nicht minder die auszuweisenden
+Zeitpächter den Landausteilern vorzugsweise zur Berücksichtigung
+empfohlen. Die Ausführung ward einer Kommission von zwanzig Männern
+übertragen, in die Caesar bestimmt erklärte, sich selber nicht wählen
+lassen zu wollen.
+
+Die Opposition hatte gegen diesen Vorschlag einen schweren Stand. Es
+ließ sich vernünftigerweise nicht leugnen, daß die Staatsfinanzen nach
+Einrichtung der Provinzen Pontus und Syrien imstande sein mußten, auf
+die kampanischen Pachtgelder zu verzichten; daß es unverantwortlich
+war, einen der schönsten und eben zum Kleinbesitz vorzüglich geeigneten
+Distrikt Italiens dem Privatverkehr zu entziehen; daß es endlich ebenso
+ungerecht wie lächerlich war, noch jetzt nach der Erstreckung des
+Bürgerrechts auf ganz Italien der Ortschaft Capua die Munizipalrechte
+vorzuenthalten. Der ganze Vorschlag trug den Stempel der Mäßigung, der
+Ehrlichkeit und der Solidarität, womit sehr geschickt der demokratische
+Parteicharakter verbunden war; denn im wesentlichen lief derselbe doch
+hinaus auf die Wiederherstellung der in der marianischen Zeit
+gegründeten und von Sulla wiederaufgehobenen capuanischen Kolonie. Auch
+in der Form beobachtete Caesar jede mögliche Rücksicht. Er legte den
+Entwurf des Ackergesetzes, sowie zugleich den Antrag, die von Pompeius
+im Osten erlassenen Verfügungen in Bausch und Bogen zu ratifizieren und
+die Petition der Steuerpächter um Nachlaß eines Drittels der
+Pachtsummen, zunächst dem Senat zur Begutachtung vor und erklärte sich
+bereit, Abänderungsvorschläge entgegenzunehmen und zu diskutieren. Das
+Kollegium hatte jetzt Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie töricht es
+gehandelt hatte, durch Verweigerung dieser Begehren Pompeius und die
+Ritterpartei dem Gegner in die Arme zu treiben. Vielleicht war es das
+stille Gefühl hiervon, das die hochgeborenen Herren zu dem lautesten
+und mit dem gehaltenen Auftreten Caesars übel kontrastierenden
+Widerbellen trieb. Das Ackergesetz ward von ihnen einfach und selbst
+ohne Diskussion zurückgewiesen. Der Beschluß über Pompeius’
+Einrichtungen in Asien fand ebensowenig Gnade vor ihren Augen. Den
+Antrag hinsichtlich der Steuerpächter versuchte Cato nach der
+unlöblichen Sitte des römischen Parlamentarismus totzusprechen, das
+heißt bis zu der gesetzlichen Schlußstunde der Sitzung seine Rede
+fortzuspinnen; als Caesar Miene machte, den störrigen Mann verhaften zu
+lassen, ward schließlich auch dieser Antrag verworfen.
+
+Natürlich gingen nun sämtliche Anträge an die Bürgerschaft. Ohne sich
+weit von der Wahrheit zu entfernen, konnte Caesar der Menge sagen, daß
+der Senat die vernünftigsten und notwendigsten, in der achtungsvollsten
+Form an ihn gebrachten Vorschläge, bloß weil sie von dem demokratischen
+Konsul kamen, schnöde zurückgewiesen habe. Wenn er hinzufügte, daß die
+Aristokraten ein Komplott gesponnen hätten, um die Verwerfung der
+Anträge zu bewirken, und die Bürgerschaft, namentlich Pompeius selbst
+und dessen alte Soldaten, aufforderte, gegen List und Gewalt ihm
+beizustehen, so war auch dies keineswegs aus der Luft gegriffen. Die
+Aristokratie, voran der eigensinnige Schwachkopf Bibulus und der
+standhafte Prinzipiennarr Cato, hatte in der Tat vor, die Sache bis zu
+offenbarer Gewalt zu treiben. Pompeius, von Caesar veranlaßt, sich über
+seine Stellung zu der obschwebenden Frage auszusprechen, erklärte
+unumwunden, wie es sonst seine Art nicht war, daß, wenn jemand wagen
+sollte, das Schwert zu zücken, auch er nach dem seinigen greifen und
+dann den Schild nicht zu Hause lassen werde; ebenso sprach Crassus sich
+aus. Pompeius’ alte Soldaten wurden angewiesen, am Tage der Abstimmung,
+die ja zunächst sie anging, zahlreich mit Waffen unter den Kleidern auf
+dem Stimmplatz zu erscheinen.
+
+Die Nobilität ließ dennoch kein Mittel unversucht, um die Anträge
+Caesars zu vereiteln. An jedem Tage, wo Caesar vor dem Volke auftrat,
+stellte sein Kollege Bibulus die bekannten politischen
+Wetterbeobachtungen an, die alle öffentlichen Geschäfte unterbrachen;
+Caesar kümmerte sich um den Himmel nicht, sondern fuhr fort, seine
+irdischen Geschäfte zu betreiben. Die tribunizische Interzession ward
+eingelegt; Caesar begnügte sich, sie nicht zu beachten. Bibulus und
+Cato sprangen auf die Rednertribüne, harangierten die Menge und
+veranlaßten den gewöhnlichen Krawall; Caesar ließ sie durch
+Gerichtsdiener vom Markte hinwegführen und übrigens dafür sorgen, daß
+ihnen kein Leides geschah - es lag auch in seinem Interesse, daß die
+politische Komödie das blieb, was sie war. Alles Schikanierens und
+alles Folterns der Nobilität ungeachtet, wurden das Ackergesetz, die
+Bestätigung der asiatischen Organisationen und der Nachlaß für die
+Steuerpächter von der Bürgerschaft angenommen, die Zwanzigerkommission,
+an ihrer Spitze Pompeius und Crassus, erwählt und in ihr Amt
+eingesetzt; mit allen ihren Anstrengungen hatte die Aristokratie nichts
+weiter erreicht, als daß ihre blinde und gehässige Widersetzlichkeit
+die Bande der Koalition noch fester gezogen und ihre Energie, deren sie
+bald bei. wichtigeren Dingen bedürfen sollte, an diesen im Grunde
+gleichgültigen Angelegenheiten sich erschöpft hatte. Man
+beglückwünschte sich untereinander über den bewiesenen Heldenmut; daß
+Bibulus erklärt hatte, lieber sterben als weichen zu wollen, daß Cato
+noch in den Händen der Büttel fortgefahren hatte zu perorieren, waren
+große patriotische Taten; übrigens ergab man sich in sein Schicksal.
+Der Konsul Bibulus schloß sich für den noch übrigen Teil des Jahres in
+sein Haus ein, wobei er zugleich durch öffentlichen Anschlag bekannt
+machte, daß er die fromme Absicht habe, an allen in diesem Jahr zu
+Volksversammlungen geeigneten Tagen nach Himmelszeichen zu spähen.
+Seine Kollegen bewunderten wieder den großen Mann, der, gleich wie
+Ennius von dem alten Fabius gesagt, “den Staat durch Zaudern errette”,
+und taten wie er; die meisten derselben, darunter Cato, erschienen
+nicht mehr im Senat und halfen innerhalb ihrer vier Wände ihrem Konsul
+sich ärgern, daß der politischen Astronomie zum Trotz die
+Weltgeschichte weiterging. Dem Publikum erschien diese Passivität des
+Konsuls sowie der Aristokratie überhaupt wie billig als politische
+Abdikation; und die Koalition war natürlich sehr wohl damit zufrieden,
+daß man sie die weiteren Schritte fast ungestört tun ließ. Der
+wichtigste darunter war die Regulierung der künftigen Stellung Caesars.
+Verfassungsmäßig lag es dem Senat ob, die Kompetenzen des zweiten
+konsularischen Amtsjahrs nach vor der Wahl der Konsuln festzustellen;
+demgemäß hatte er denn auch, in Voraussicht der Wahl Caesars, dazu für
+696 (58) zwei Provinzen ausersehen, in denen der Statthalter nichts
+anderes vorzunehmen fand als Straßenbauten und dergleichen nützliche
+Dinge mehr. Natürlich konnte es nicht dabei bleiben; es war unter den
+Verbündeten ausgemacht, daß Caesar ein außerordentliches nach dem
+Muster der Gabinisch-Manilischen Gesetze zugeschnittenes Kommando durch
+Volksschluß erhalten solle. Caesar indes hatte öffentlich erklärt,
+keinen Antrag zu seinen eigenen Gunsten einbringen zu wollen; der
+Volkstribun Publius Vatinius übernahm es also, den Antrag bei der
+Bürgerschaft zu stellen, die natürlich unbedingt gehorchte. Caesar
+erhielt dadurch die Statthalterschaft des cisalpinischen Galliens und
+den Oberbefehl der drei daselbst stehenden, schon im Grenzkrieg unter
+Lucius Afranius erprobten Legionen, ferner proprätorischen Rang für
+seine Adjutanten, wie die Pompeianischen ihn gehabt hatten; auf fünf
+Jahre hinaus, auf längere Zeit, als je früher ein überhaupt auf
+bestimmte Zeit beschränkter Feldherr bestellt worden war, ward dies Amt
+ihm gesichert. Den Kern seiner Statthalterschaft bildeten die
+Transpadaner, seit Jahren schon, in Hoffnung auf das Bürgerrecht, die
+Klienten der demokratischen Partei in Rom und insbesondere Caesars.
+Sein Sprengel erstreckte sich südlich bis zum Arnus und zum Rubico und
+schloß Luca und Ravenna ein. Nachträglich ward dann noch die Provinz
+Narbo mit der einen daselbst befindlichen Legion zu Caesars Amtsbezirk
+hinzugefügt, was auf Pompeius’ Antrag der Senat beschloß, um wenigstens
+nicht auch dies Kommando durch außerordentlichen Bürgerschaftsbeschluß
+auf Caesar übergehen zu sehen. Man hatte damit, was man wollte. Da
+verfassungsmäßig in dem eigentlichen Italien keine Truppen stehen
+durften, so beherrschte der Kommandant der norditalischen und
+gallischen Legionen auf die nächsten fünf Jahre zugleich Italien und
+Rom; und wer auf fünf Jahre, ist auch Herr auf Lebenszeit. Caesars
+Konsulat hatte seinen Zweck erreicht. Es versteht sich, daß die neuen
+Machthaber nebenbei nicht versäumten, die Menge durch Spiele und
+Lustbarkeiten aller Art bei guter Laune zu erhalten, und daß sie jede
+Gelegenheit ergriffen, ihre Kasse zu füllen; wie denn zum Beispiel dem
+König von Ägypten der Volksschluß, der ihn als legitimen Herrscher
+anerkannte, von der Koalition um hohen Preis verkauft ward, und ebenso
+andere Dynasten und Gemeinden Freibriefe und Privilegien bei dieser
+Gelegenheit erwarben.
+
+Auch die Dauerhaftigkeit der getroffenen Einrichtungen schien
+hinlänglich gesichert. Das Konsulat ward wenigstens für das nächste
+Jahr sicheren Händen anvertraut. Das Publikum glaubte anfangs, daß es
+Pompeius und Crassus selber bestimmt sei; die Machthaber zogen es indes
+vor, zwei untergeordnete, aber zuverlässige Männer ihrer Partei, Aulus
+Gabinius, den besten unter Pompeius’ Adjutanten, und Lucius Piso, der
+minder bedeutend, aber Caesars Schwiegervater war, für 696 (58) zu
+Konsuln wählen zu lassen. Pompeius übernahm es persönlich, Italien zu
+bewachen, wo er an der Spitze der Zwanzigerkommission die Ausführung
+des Ackergesetzes betrieb und gegen 20000 Bürger, großenteils alte
+Soldaten aus seiner Armee, im Gebiete von Capua mit Grundbesitz
+ausstattete; als Rückhalt gegen die hauptstädtische Opposition dienten
+ihm Caesars norditalische Legionen. Auf einen Bruch unter den
+Machthabern selbst war zunächst wenigstens keine Aussicht. Die von
+Caesar als Konsul erlassenen Gesetze, an deren Aufrechterhaltung
+Pompeius wenigstens ebensoviel gelegen war als Caesar, verbürgten die
+Fortdauer der Spaltung zwischen Pompeius und der Aristokratie, deren
+Spitzen, namentlich Cato, fortfuhren, die Gesetze als nichtig zu
+behandeln, und damit den Fortbestand der Koalition. Es kam hinzu, daß
+auch die persönlichen Bande zwischen ihren Häuptern sich enger
+zusammenzogen. Caesar hatte seinen Verbündeten redlich und treulich
+Wort gehalten, ohne sie in dem Versprochenen zu beknappen oder zu
+schikanieren, und namentlich das in Pompeius’ Interesse beantragte
+Ackergesetz völlig wie seine eigene Sache mit Gewandtheit und Energie
+durchgefochten; Pompeius war nicht unempfänglich für rechtliches
+Verhalten und gute Treue und wohlwollend gestimmt gegen denjenigen, der
+ihm über die seit drei Jahren gespielte armselige Petentenrolle mit
+einem Schlag hinweggeholfen hatte. Der häufige und vertraute Verkehr
+mit einem Manne von der unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit Caesars tat
+das übrige, um den Bund der Interessen in einen Freundschaftsbund
+umzugestalten. Das Ergebnis und das Unterpfand dieser Freundschaft,
+freilich zugleich auch eine öffentliche, schwer mißzuverstehende
+Ankündigung der neubegründeten Gesamtherrschaft, war die Ehe, die
+Pompeius mit Caesars einziger, dreiundzwanzigjähriger Tochter einging.
+Julia, die die Anmut ihres Vaters geerbt hatte, lebte mit ihrem um das
+doppelte älteren Gemahl in der glücklichsten Häuslichkeit, und die nach
+so vielen Nöten und Krisen Ruhe und Ordnung herbeisehnende Bürgerschaft
+sah in diesem Ehebündnis die Gewähr einer friedlichen und gedeihlichen
+Zukunft.
+
+Je fester und enger also das Bündnis zwischen Pompeius und Caesar sich
+knüpfte, desto hoffnungsloser gestaltete sich die Sache der
+Aristokratie. Sie fühlte das Schwert über ihrem Haupte schweben und
+kannte Caesar hinlänglich, um nicht zu bezweifeln, daß er, wenn nötig,
+es unbedenklich brauchen werde. “Von allen Seiten”, schrieb einer von
+ihnen, “stehen wir im Schach; schon haben wir aus Furcht vor dem Tode
+oder vor der Verbannung auf die ‘Freiheit’ verzichtet; jeder seufzt, zu
+reden wagt keiner”. Mehr konnten die Verbündeten nicht verlangen. Aber
+wenn auch die Majorität der Aristokratie in dieser wünschenswerten
+Stimmung sich befand, so fehlte es doch natürlich in dieser Partei auch
+nicht an Heißspornen. Kaum hatte Caesar das Konsulat niedergelegt, als
+einige der hitzigsten Aristokraten, Lucius Domitius und Gaius Memmius,
+im vollen Senat den Antrag stellten, die Julischen Gesetze zu
+kassieren. Es war das freilich nichts als eine Torheit, die nur zum
+Vorteil der Koalition ausschlug; denn da Caesar nun selbst darauf
+bestand, daß der Senat die Gültigkeit der angefochtenen Gesetze
+untersuchen möge, konnte dieser nicht anders, als deren Legalität
+förmlich anerkennen. Allein begreiflicherweise fanden dennoch die
+Machthaber hierin eine neue Aufforderung, an einigen der namhaftesten
+und vorlautesten Opponenten ein Exempel zu statuieren, und dadurch sich
+zu versichern, daß die übrige Masse bei jenem zweckmäßigen Seufzen und
+Schweigen beharre. Anfangs hatte man gehofft, daß die Klausel des
+Ackergesetzes, welche wie üblich den Eid auf das neue Gesetz von den
+sämtlichen Senatoren bei Verlust ihrer politischen Rechte forderte, die
+heftigsten Widersacher bestimmen werde, nach dem Vorgange des Metellus
+Numidicus sich durch die Eidverweigerung selber zu verbannen. Allein so
+gefällig erwiesen sich dieselben doch nicht; selbst der gestrenge Cato
+bequemte sich zu schwören, und seine Sanchos folgten ihm nach. Ein
+zweiter wenig ehrbarer Versuch, die Häupter der Aristokratie wegen
+eines angeblich gegen Pompeius gesponnenen Mordanschlags mit
+Kriminalanklagen zu bedrohen und dadurch sie in die Verbannung zu
+treiben, ward durch die Unfähigkeit der Werkzeuge vereitelt; der
+Denunziant, ein gewisser Vettius, übertrieb und widersprach sich so arg
+und der Tribun Vatinius, der die unsaubere Maschine dirigierte, zeigte
+sein Einverständnis mit jenem Vettius so deutlich, daß man es geraten
+fand, den letzteren im Gefängnis zu erdrosseln und die ganze Sache
+fallen zu lassen. Indes hatte man bei dieser Gelegenheit von der
+vollständigen Auflösung der Aristokratie und der grenzenlosen Angst der
+vornehmen Herren sich sattsam überzeugt; selbst ein Mann wie Lucius
+Lucullus hatte sich persönlich Caesar zu Füßen geworfen und öffentlich
+erklärt, daß er seines hohen Alters wegen sich genötigt sehe, vom
+öffentlichen Leben zurückzutreten. Man ließ sich denn endlich an
+einigen wenigen Opfern genügen. Hauptsächlich galt es Cato zu
+entfernen, welcher seiner Überzeugung von der Nichtigkeit der
+sämtlichen Julischen Gesetze keinen Hehl hatte, und der Mann war so,
+wie er dachte zu handeln. Ein solcher Mann war freilich Marcus Cicero
+nicht, und man gab sich nicht die Mühe, ihn zu fürchten. Allein die
+demokratische Partei, die in der Koalition die erste Rolle spielte,
+konnte den Justizmord des 5. Dezember 691 (63), den sie so laut und mit
+so gutem Rechte getadelt hatte, unmöglich nach ihrem Siege ungeahndet
+lassen. Hätte man die wirklichen Urheber des verhängnisvollen
+Beschlusses zur Rechenschaft ziehen wollen, so maßte man freilich sich
+nicht an den schwachmütigen Konsul halten, sondern an die Fraktion der
+strengen Aristokratie, die den ängstlichen Mann zu jener Exekution
+gedrängt hatte. Aber nach formellem Recht waren für dieselbe allerdings
+nicht die Ratgeber des Konsuls, sondern der Konsul selbst
+verantwortlich, und vor allem war es der mildere Weg, nur den Konsul
+zur Rechenschaft zu ziehen und das Senatskollegium ganz aus dem Spiele
+zu lassen, weshalb auch in den Motiven des gegen Cicero gerichteten
+Antrags der Senatsbeschluß, kraft dessen derselbe die Hinrichtung
+anordnete, geradezu als untergeschoben bezeichnet ward. Selbst gegen
+Cicero hätten die Machthaber gern Aufsehen erregende Schritte
+vermieden; allein derselbe konnte es nicht über sich gewinnen, weder
+den Machthabern die verlangten Garantien zu geben, noch unter einem der
+mehrfach ihm dargebotenen schicklichen Vorwände sich selbst von Rom zu
+verbannen, noch auch nur zu schweigen. Bei dem besten Willen, jeden
+Anstoß zu vermeiden, und der aufrichtigsten Angst hatte er doch nicht
+Haltung genug, um vorsichtig zu sein; das Wort maßte heraus, wenn ein
+petulanter Witz ihn prickelte oder wenn sein durch das Lob so vieler
+adliger Herren fast übergeschnapptes Selbstbewußtsein die
+wohlkadenzierten Perioden des plebejischen Advokaten schwellte. Die
+Ausführung der gegen Cato und Cicero beschlossenen Maßregeln ward dem
+lockeren und wüsten, aber gescheiten und vor allen Dingen dreisten
+Publius Clodius übertragen, der seit Jahren mit Cicero in der
+bittersten Feindschaft lebte und, um diese befriedigen und als Demagog
+eine Rolle spielen zu können, unter Caesars Konsulat sich durch eilige
+Adoption aus einem Patrizier in einen Plebejer verwandelt und dann für
+das Jahr 696 (58) zum Volkstribun hatte wählen lassen. Als Rückhalt für
+Clodius verweilte der Prokonsul Caesar, bis der Schlag gegen die beiden
+Opfer gefallen war, in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt. Den
+erhaltenen Aufträgen gemäß schlug Clodius der Bürgerschaft vor, Cato
+mit der Regulierung der verwickelten Gemeindeverhältnisse der Byzantier
+und mit der Einziehung des Königreichs Kypros zu beauftragen, welches
+ebenso wie Ägypten durch das Testament Alexanders II. den Römern
+angefallen war und nicht, wie Ägypten, die römische Einziehung
+abgekauft, dessen König überdies den Clodius vor Zeiten persönlich
+beleidigt hatte. Hinsichtlich Ciceros brachte Clodius einen
+Gesetzentwurf ein, welcher die Hinrichtung eines Bürgers ohne Urteil
+und Recht als ein mit Landesverweisung zu bestrafendes Verbrechen
+bezeichnete. Cato also ward durch eine ehrenvolle Sendung entfernt,
+Cicero wenigstens mit der möglichst gelinden Strafe belegt, überdies in
+dem Antrag doch nicht mit Namen genannt. Das Vergnügen aber versagte
+man sich nicht, einerseits einen notorisch zaghaften und zu der Gattung
+der politischen Wetterfahnen zählenden Mann wegen von ihm bewiesener
+Energie zu bestrafen, andererseits den verbissenen Gegner aller
+Eingriffe der Bürgerschaft in die Administration und aller
+außerordentlichen Kommandos durch Bürgerschaftsbeschluß selbst mit
+einem solchen auszustatten; und mit gleichem Humor ward der Cato
+betreffende Antrag motiviert mit der abnormen Tugendhaftigkeit dieses
+Mannes, welche ihn vor jedem andern geeignet erscheinen lasse, einen so
+kitzlichen Auftrag, wie die Einziehung des ansehnlichen kyprischen
+Kronschatzes war, auszuführen, ohne zu stehlen. Beide Anträge tragen
+überhaupt den Charakter rücksichtsvoller Deferenz und kühler Ironie,
+der Caesars Verhalten dem Senat gegenüber durchgängig bezeichnet. Auf
+Widerstand stießen sie nicht. Es half natürlich nichts, daß die
+Senatsmajorität, um doch auf irgendeine Art gegen die Verhöhnung und
+Brandmarkung ihres Beschlusses in der Catilinarischen Sache zu
+protestieren, öffentlich das Trauergewand anlegte und daß Cicero
+selbst, nun da es zu spät war, bei Pompeius kniefällig um Gnade bat; er
+mußte, noch bevor das Gesetz durchging, das ihm die Heimat verschloß,
+sich selber verbannen (April 696 58). Cato ließ es gleichfalls nicht
+darauf ankommen, durch Ablehnung des ihm gewordenen Auftrags schärfere
+Maßregeln zu provozieren, sondern nahm denselben an und schiffte sich
+ein nach dem Osten. Das Nächste war getan; auch Caesar konnte Italien
+verlassen, um sich ernsteren Aufgaben zu widmen.
+
+
+
+
+KAPITEL VII.
+Die Unterwerfung des Westens
+
+
+Wenn von dem armseligen Einerlei des politischen Egoismus, der in der
+Kurie und auf den Straßen der Hauptstadt seine Schlachten schlug, sich
+der Gang der Geschichte wieder zu Dingen wendet, die wichtiger sind als
+die Frage, ob der erste Monarch Roms Gnaeus, Gaius oder Marcus heißen
+wird, so mag es wohl gestattet sein, an der Schwelle eines Ereignisses,
+dessen Folgen noch heute die Geschicke der Welt bestimmen, einen
+Augenblick umzuschauen und den Zusammenhang zu bezeichnen, in welchem
+die Eroberung des heutigen Frankreich durch die Römer und ihre ersten
+Berührungen mit den Bewohnern Deutschlands und Großbritanniens
+weltgeschichtlich aufzufassen sind.
+
+Kraft des Gesetzes, daß das zum Staat entwickelte Volk die politisch
+unmündigen, das zivilisierte die geistig unmündigen Nachbarn in sich
+auflöst - kraft dieses Gesetzes, das so allgemeingültig und so sehr
+Naturgesetz ist wie das Gesetz der Schwere, war die italische Nation,
+die einzige des Altertums, welche die höhere politische Entwicklung und
+die höhere Zivilisation, wenn auch letztere nur in unvollkommener und
+äußerlicher Weise, miteinander zu verbinden vermocht hat, befugt, die
+zum Untergang reifen griechischen Staaten des Ostens sich untertan zu
+machen und die Völkerschaften niedrigerer Kulturgrade im Westen,
+Libyer, Iberer, Kelten, Germanen, durch ihre Ansiedler zu verdrängen -
+eben wie England mit gleichem Recht in Asien eine ebenbürtige, aber
+politisch impotente Zivilisation sich unterworfen, in Amerika und
+Australien ausgedehnte barbarische Landschaften mit dem Stempel seiner
+Nationalität bezeichnet und geadelt hat und noch fortwährend bezeichnet
+und adelt. Die Vorbedingung dieser Aufgabe, die Einigung Italiens,
+hatte die römische Aristokratie vollbracht; die Aufgabe selber hat sie
+nicht gelöst, sondern die außeritalischen Eroberungen stets nur
+entweder als notwendiges Übel oder auch als einen gleichsam außerhalb
+des Staates stehenden Rentenbesitz betrachtet. Es ist der
+unvergängliche Ruhm der römischen Demokratie oder Monarchie - denn
+beides fällt zusammen -, daß sie jene höchste Bestimmung richtig
+begriffen und kräftig verwirklicht hat. Was die unwiderstehliche Macht
+der Verhältnisse durch den wider seinen Willen die Grundlagen der
+künftigen römischen Herrschaft im Westen wie im Osten feststellenden
+Senat vorbereitet hatte, was dann die römische Emigration in die
+Provinzen, die zwar als Landplage kam, aber in die westlichen
+Landschaften doch auch als Pionier einer höheren Kultur, instinktmäßig
+betrieb, das hat der Schöpfer der römischen Demokratie Gaius Gracchus
+mit staatsmännischer Klarheit und Sicherheit erfaßt und durchzuführen
+begonnen. Die beiden Grundgedanken der neuen Politik: das Machtgebiet
+Roms, soweit es hellenisch war, zu reunieren, soweit es nicht
+hellenisch war, zu kolonisieren, waren mit der Einziehung des
+Attalischen Reiches, mit den transalpinischen Eroberungen des Flaccus
+bereits in der gracchischen Zeit praktisch anerkannt worden; aber die
+obsiegende Reaktion ließ sie wieder verkümmern. Der römische Staat
+blieb eine wüste Ländermasse ohne intensive Okkupation und ohne
+gehörige Grenzen; Spanien und die griechisch-asiatischen Besitzungen
+waren durch weite, kaum in ihren Küstensäumen den Römern untertänige
+Gebiete von dem Mutterland geschieden, an der afrikanischen Nordküste
+nur die Gebiete von Karthago und Kyrene inselartig okkupiert, selbst
+von dem untertänigen Gebiet große Strecken, namentlich in Spanien, den
+Römern nur dem Namen nach unterworfen: von Seiten der Regierung aber
+geschah zur Konzentrierung und Arrondierung der Herrschaft
+schlechterdings nichts, und der Verfall der Flotte schien endlich das
+letzte Band zwischen den entlegenen Besitzungen zu lösen. Wohl
+versuchte die Demokratie, wie sie nur wieder ihr Haupt erhob, auch die
+äußere Politik im Geiste des Gracchus zu gestalten, wie denn namentlich
+Marius mit solchen Ideen sich trug; aber da sie nicht auf die Dauer ans
+Ruder kam, blieb es bei Entwürfen. Erst als mit dem Sturz der
+Sullanischen Verfassung im Jahre 684 (70) die Demokratie tatsächlich
+das Regiment in die Hand nahm, trat auch in dieser Hinsicht ein
+Umschwung ein. Vor allen Dingen ward die Herrschaft auf dem
+Mittelländischen Meere wiederhergestellt, die erste Lebensfrage für
+einen Staat wie der römische war. Gegen Osten wurde weiter durch die
+Einziehung der pontischen und syrischen Landschaften die Euphratgrenze
+gesichert. Aber noch war es übrig, jenseits der Alpen zugleich das
+römische Gebiet gegen Norden und Westen abzuschließen und der
+hellenischen Zivilisation, der noch keineswegs gebrochenen Kraft des
+italischen Stammes hier einen neuen jungfräulichen Boden zu gewinnen.
+Dieser Aufgabe hat Gaius Caesar sich unterzogen. Es ist mehr als ein
+Irrtum, es ist ein Frevel gegen den in der Geschichte mächtigen
+heiligen Geist, wenn man Gallien einzig als den Exerzierplatz
+betrachtet, auf dem Caesar sich und seine Legionen für den
+bevorstehenden Bürgerkrieg übte. Wenn auch die Unterwerfung des Westens
+für Caesar insofern ein Mittel zum Zweck war, als er in den
+transalpinischen Kriegen seine spätere Machtstellung begründet hat, so
+ist ebendies das Privilegium des staatsmännischen Genius, daß seine
+Mittel selbst wieder Zwecke sind. Caesar bedurfte wohl für seine
+Parteizwecke einer militärischen Macht; Gallien aber hat er nicht als
+Parteimann erobert. Es war zunächst für Rom eine politische
+Notwendigkeit, der ewig drohenden Invasion der Deutschen schon jenseits
+der Alpen zu begegnen und dort einen Damm zu ziehen, der der römischen
+Welt den Frieden sicherte. Aber auch dieser wichtige Zweck war noch
+nicht der höchste und letzte, weshalb Gallien von Caesar erobert ward.
+Als der römischen Bürgerschaft die alte Heimat zu eng geworden war und
+sie in Gefahr stand zu verkümmern, rettete die italische
+Eroberungspolitik des Senats dieselbe vom Untergang. Jetzt war auch die
+italische Heimat wieder zu eng geworden; wieder siechte der Staat an
+denselben in gleicher Art, nur in größeren Verhältnissen sich
+wiederholenden sozialen Mißständen. Es war ein genialer Gedanke, eine
+großartige Hoffnung, welche Caesar über die Alpen führte: der Gedanke
+und die Zuversicht, dort seinen Mitbürgern eine neue, grenzenlose
+Heimat zu gewinnen und den Staat zum zweitenmal dadurch zu
+regenerieren, daß er auf eine breitere Basis gestellt ward.
+
+Gewissermaßen läßt sich zu den auf die Unterwerfung des Westens
+abzielenden Unternehmungen schon der Feldzug rechnen, den Caesar im
+Jahre 693 (61) im Jenseitigen Spanien unternahm. Wielange auch Spanien
+schon den Römern gehorchte, immer noch war selbst nach der Expedition
+des Decimus Brutus gegen die Callaeker das westliche Gestade von den
+Römern wesentlich unabhängig geblieben und die Nordküste noch gar von
+ihnen nicht betreten worden; und die Raubzüge, denen von dort aus die
+untertänigen Landschaften fortwährend sich ausgesetzt sahen, taten der
+Zivilisierung und Romanisierung Spaniens nicht geringen Eintrag.
+Hiergegen richtete sich Caesars Zug an der Westküste hinauf. Er
+überschritt die den Tajo nördlich begrenzende Kette der Herminischen
+Berge (Sierra de Estrella), nachdem er die Bewohner derselben
+überwunden und zum Teil in die Ebene übergesiedelt hatte, unterwarf die
+Landschaft zu beiden Seiten des Duero und gelangte bis an die
+nordwestliche Spitze der Halbinsel, wo er mit Hilfe einer von Gades
+herbeigezogenen Flottille Brigantium (Coruña) einnahm. Dadurch wurden
+die Anwohner des Atlantischen Ozeans, Lusitaner und Callaeker zur
+Anerkennung der römischen Suprematie gezwungen, während der Überwinder
+zugleich darauf bedacht war, durch Herabsetzung der nach Rom zu
+entrichtenden Tribute und Regulierung der ökonomischen Verhältnisse der
+Gemeinden die Lage der Untertanen überhaupt leidlicher zu gestalten.
+
+Indes wenn auch schon in diesem militärischen und administrativen Debüt
+des großen Feldherrn und Staatsmannes dieselben Talente und dieselben
+leitenden Gedanken durchschimmern, die er später auf größeren
+Schauplätzen bewährt hat, so war doch seine Wirksamkeit auf der
+Iberischen Halbinsel viel zu vorübergehend, um tief einzugreifen, um so
+mehr als bei deren eigentümlichen physischen und nationalen
+Verhältnissen nur eine längere Zeit hindurch mit Stetigkeit
+fortgesetzte Tätigkeit hier eine dauernde Wirkung äußern konnte.
+
+Eine bedeutendere Rolle in der romanischen Entwicklung des Westens war
+der Landschaft bestimmt, welche zwischen den Pyrenäen und dem Rheine,
+dem Mittelmeer und dem Atlantischen Ozean sich ausbreitet und an der
+seit der augustinischen Zeit der Name des Keltenlandes, Gallien,
+vorzugsweise haftet, obwohl genau genommen das Keltenland teils enger
+ist, teils viel weiter sich erstreckt und jene Landschaft niemals eine
+nationale und nicht vor Augustus eine politische Einheit gebildet hat.
+Es ist eben darum nicht leicht, von den in sich sehr ungleichartigen
+Zuständen, die Caesar bei seinem Eintreffen daselbst im Jahre 696 (58)
+vorfand, ein anschauliches Bild zu entwerfen.
+
+In der Landschaft am Mittelmeer, welche ungefähr, im Westen der Rhone
+Languedoc, im Osten Dauphiné und Provence umfassend, seit sechzig
+Jahren römische Provinz war, hatten seit dem kimbrischen Sturm, der
+auch über sie hingebraust war, die römischen Waffen selten geruht. 664
+(90) hatte Gaius Caelius mit den Salyern um Aquae Sextiae, 674 (80)
+Gaius Flaccus auf dem Marsch nach Spanien mit anderen keltischen Gauen
+gekämpft. Als im Sertorianischen Krieg der Statthalter Lucius Manlius,
+genötigt, seinen Kollegen jenseits der Pyrenäen zu Hilfe zu eilen,
+geschlagen von Ilerda (Lerida) zurückkam und auf dem Heimweg von den
+westlichen Nachbarn der römischen Provinz, den Aquitanern, zum
+zweitenmal besiegt ward (um 676 78), scheint dies einen allgemeinen
+Aufstand der Provinzialen zwischen den Pyrenäen und der Rhone,
+vielleicht selbst derer zwischen Rhone und Alpen hervorgerufen zu
+haben. Pompeius mußte sich durch das empörte Gallien seinen Weg nach
+Spanien mit dem Schwerte bahnen und gab zur Strafe für die Empörung die
+Marken der Volker-Arekomiker und der Helvier (Departement Gard und
+Ardèche) den Massalioten zu eigen; der Statthalter Manius Fonteius
+(678-680 76-74) führte diese Anordnungen aus und stellte die Ruhe in
+der Provinz wieder her, indem er die Vocontier (Departement Drôme)
+niederwarf, Massalia vor den Aufständischen schützte und die römische
+Hauptstadt Narbo, die sie berannten, wieder befreite. Die Verzweiflung
+indes und die ökonomische Zerrüttung, welche die Mitleidenschaft unter
+dem Spanischen Krieg und überhaupt die amtlichen und nichtamtlichen
+Erpressungen der Römer über die gallischen Besitzungen brachten, ließ
+dieselben nicht zur Ruhe kommen und namentlich der von Narbo am
+weitesten entfernte Kanton der Allobrogen war in beständiger Gärung,
+von der die “Friedensstiftung”, die Gaius Piso dort 688 (66) vornahm,
+sowie das Verhalten der allobrogischen Gesandtschaft in Rom bei
+Gelegenheit des Anarchistenkomplotts 691 (63) Zeugnis ablegen und die
+bald darauf (693 61) in offene Empörung ausbrach. Catugnatus, der
+Führer der Allobrogen in diesem Kriege der Verzweiflung, ward, nachdem
+er anfangs nicht unglücklich gefochten, bei Solonium nach rühmlicher
+Gegenwehr von dem Statthalter Gaius Pomptinus überwunden.
+
+Trotz aller dieser Kämpfe wurden die Grenzer. des römischen Gebiets
+nicht wesentlich vorgeschoben; Lugudunum Convenarum, wo Pompeius die
+Trümmer der Sertorianischen Armee angesiedelt hatte, Tolosa, Vienna und
+Genava waren immer noch die äußersten römischen Ortschaften gegen
+Westen und Norden. Dabei aber war die Bedeutung dieser gallischen
+Besitzungen für das Mutterland beständig im Steigen; das herrliche, dem
+italischen verwandte Klima, die günstigen Bodenverhältnisse, das dem
+Handel so förderliche große und reiche Hinterland mit seinen bis nach
+Britannien reichenden Kaufstraßen, der bequeme Land- und Seeverkehr mit
+der Heimat gaben rasch dem südlichen Kettenland eine ökonomische
+Wichtigkeit für Italien, die viel ältere Besitzungen, wie zum Beispiel
+die spanischen, in Jahrhunderten nicht erreicht hatten; und wie die
+politisch schiffbrüchigen Römer in dieser Zeit vorzugsweise in Massalia
+eine Zufluchtsstätte suchten und dort italische Bildung wie italischen
+Luxus wiederfanden, so zogen sich auch die freiwilligen Auswanderer aus
+Italien mehr und mehr an die Rhone und die Garonne. “Die Provinz
+Gallien”, heißt es in einer zehn Jahre vor Caesars Ankunft entworfenen
+Schilderung, “ist voll von Kaufleuten; sie wimmelt von römischen
+Bürgern. Kein Gallier macht ein Geschäft ohne Vermittlung eines Römers;
+jeder Pfennig, der in Gallien aus einer Hand in die andere kommt, geht
+durch die Rechnungsbücher der römischen Bürger”. Aus derselben
+Schilderung ergibt sich, daß in Gallien auch außer den Kolonisten von
+Narbo römische Landwirte und Viehzüchter in großer Anzahl sich
+aufhielten; wobei übrigens nicht außer acht zu lassen ist, daß das
+meiste von Römern besessene Provinzland, eben wie in frühester Zeit der
+größte Teil der englischen Besitzungen in Nordamerika, in den Händen
+des hohen, in Italien lebenden Adels war und jene Ackerbauer und
+Viehzüchter zum größten Teil aus deren Verwaltern, Sklaven oder
+Freigelassenen bestanden. Es ist begreiflich, daß unter solchen
+Verhältnissen die Zivilisierung und die Romanisierung unter den
+Eingeborenen rasch um sich griff. Diese Kelten liebten den Ackerbau
+nicht; ihre neuen Herren aber zwangen sie, das Schwert mit dem Pfluge
+zu vertauschen, und es ist sehr glaublich, daß der erbitterte
+Widerstand der Allobrogen zum Teil eben durch dergleichen Anordnungen
+hervorgerufen ward. In älteren Zeiten hatte der Hellenismus auch diese
+Landschaften bis zu einem gewissen Grade beherrscht; die Elemente
+höherer Gesittung, die Anregungen zu Wein- und Ölbau, zum Gebrauche der
+Schrift ^1 und zur Münzprägung kamen ihnen von Massalia. Auch durch die
+Römer ward die hellenische Kultur hier nichts weniger als verdrängt;
+Massalia gewann durch sie mehr an Einfluß als es verlor, und noch in
+der römischen Zeit wurden griechische Ärzte und Rhetoren in den
+gallischen Kantons von Gemeinde wegen angestellt. Allein
+begreiflicherweise erhielt doch der Hellenismus im südlichen Keltenland
+durch die Römer denselben Charakter wie in Italien: die spezifisch
+hellenische Zivilisation wich der lateinisch-griechischen Mischkultur,
+die bald hier Proselyten in großer Anzahl machte. Die “Hosengallier”,
+wie man im Gegensatz zu den norditalischen “Galliern in der Toga” die
+Bewohner des südlichen Keltenlandes nannte, waren zwar nicht wie jene
+bereits vollständig romanisiert, aber sie unterschieden sich doch schon
+sehr merklich von den “langhaarigen Galliern” der noch unbezwungenen
+nördlichen Landschaften. Die bei ihnen sich einbürgernde Halbkultur gab
+zwar Stoff genug her zu Spöttereien über ihr barbarisches Latein, und
+man unterließ es nicht, dem, der im Verdacht keltischer Abstammung
+stand, seine “behoste Verwandtschaft” zu Gemüte zu führen; aber dies
+schlechte Latein reichte doch dazu aus, daß selbst die entfernten
+Allobrogen mit den römischen Behörden in Geschäftsverkehr treten und
+sogar in römischen Gerichten ohne Dolmetsch Zeugnis ablegen konnten.
+
+—————————————————————-
+
+^1 So ward zum Beispiel in Vaison im Vocontischen Gau eine in
+keltischer Sprache mit gewöhnlichem griechischen Alphabet geschriebene
+Inschrift gefunden. Sie lautet: σεγομαρος ουιλλονεος τοουτιους
+ναμαυσατις εωρουβηλησαμισοσιν νεμητον. Das letzte Wort heißt “heilig”.
+
+—————————————————————-
+
+Wenn also die keltische und ligurische Bevölkerung dieser Gegenden auf
+dem Wege war, ihre Nationalität einzubüßen und daneben siechte und
+verkümmerte unter einem politischen und ökonomischen Druck, von dessen
+Unerträglichkeit die hoffnungslosen Aufstände hinreichend Zeugnis
+ablegen, so ging doch hier der Untergang der eingeborenen Bevölkerung
+Hand in Hand mit der Einbürgerung derselben höheren Kultur, welche wir
+in dieser Zeit in Italien finden. Aquae Sextiae und mehr noch Narbo
+waren ansehnliche Ortschaften, die wohl neben Benevent und Capua
+genannt werden mochten; und Massalia, die bestgeordnete, freieste,
+wehrhafteste, mächtigste unter allen von Rom abhängigen griechischen
+Städten, unter ihrem streng aristokratischen Regiment, auf das die
+römischen Konservativen wohl als auf das Muster einer guten
+Stadtverfassung hinwiesen, im Besitz eines bedeutenden und von den
+Römern noch ansehnlich vergrößerten Gebiets und eines ausgebreiteten
+Handels, stand neben jenen launischen Städten wie in Italien neben
+Capua und Benevent Rhegion und Neapolis.
+
+Anders sah es aus, wenn man die römische Grenze überschritt. Die große
+keltische Nation, die in den südlichen Landschaften schon von der
+italischen Einwanderung anfing unterdrückt zu werden, bewegte sich
+nördlich der Cevennen noch in althergebrachter Freiheit. Es ist nicht
+das erste Mal, daß wir ihr begegnen; mit den Ausläufern und Vorposten
+des ungeheuren Stammes hatten die Italiker bereits am Tiber und am Po,
+in den Bergen Kastiliens und Kärntens, ja tief im inneren Kleinasien
+gefochten, erst hier aber ward der Hauptstock in seinem Kerne von ihren
+Angriffen erfaßt. Der Keltenstamm hatte bei seiner Ansiedlung in
+Mitteleuropa sich vornehmlich über die reichen Flußtäler und das
+anmutige Hügelland des heutigen Frankreich mit Einschluß der westlichen
+Striche Deutschlands und der Schweiz ergossen und von hier aus
+wenigstens den südlichen Teil von England, vielleicht schon damals ganz
+Großbritannien und Irland besetzt ^2; mehr als irgendwo sonst bildete
+er hier eine breite, geographisch geschlossene Völkermasse. Trotz der
+Unterschiede in Sprache und Sitte, die natürlich innerhalb dieses
+weiten Gebietes nicht fehlten, scheint dennoch ein enger gegenseitiger
+Verkehr, ein geistiges Gefühl der Gemeinschaft die Völkerschaften von
+der Rhone und Garonne bis zum Rhein und der Themse zusammengeknüpft zu
+haben; wogegen dieselben mit den Kelten in Spanien und im heutigen
+Österreich wohl örtlich gewissermaßen zusammenhingen, aber doch teils
+die gewaltigen Bergscheiden der Pyrenäen und der Alpen, teils die hier
+ebenfalls einwirkenden Obergriffe der Römer und der Germanen den
+Verkehr und den geistigen Zusammenhang der Stammverwandten ganz anders
+unterbrachen als der schmale Meerarm den der kontinentalen und der
+britischen Kelten. Leider ist es uns nicht vergönnt, die innere
+Entwicklungsgeschichte des merkwürdigen Volkes in diesen seinen
+Hauptsitzen von Stufe zu Stufe zu verfolgen; wir müssen uns begnügen,
+dessen kulturhistorischen und politischen Zustand, wie er hier zu
+Caesars Zeit uns entgegentritt, wenigstens in seinen Umrissen
+darzustellen.
+
+————————————————————————-
+
+^2 Auf eine längere Zeit hindurch fortgesetzte Einwanderung belgischer
+Kelten nach Britannien deuten die von belgischen Gauen entlehnten Namen
+englischer Völkerschaften an beiden Ufern der Themse, wie der
+Atrebaten, der Belgen, ja der Britanner selbst, welcher von den an der
+Somme unterhalb Amiens ansässigen Britonen zuerst auf einen englischen
+Gau und sodann auf die ganze Insel übertragen zu sein scheint. Auch die
+englische Goldmünzung ist aus der belgischen abgeleitet und
+ursprünglich mit ihr identisch.
+
+—————————————————————————-
+
+Gallien war nach den Berichten der Alten verhältnismäßig wohl
+bevölkert. Einzelne Angaben lassen schließen, daß in den belgischen
+Distrikten etwa 900 Köpfe auf die Quadratmeile kamen - ein Verhältnis,
+wie es heutzutage etwa für Wallis und für Livland gilt, - in dem
+helvetischen Kanton etwa 1100 ^3; es ist wahrscheinlich, daß in den
+Distrikten, die kultivierter waren als die belgischen und weniger
+gebirgig als der helvetische, wie bei den Biturigen, Arvernern,
+Häduern, sich die Ziffer noch höher stellte. Der Ackerbau ward in
+Gallien wohl getrieben, wie denn schon Caesars Zeitgenossen in der
+Rheinlandschaft die Sitte des Mergelns auffiel ^4 und die uralte
+keltische Sitte, aus Gerste Bier (cervesia) zu bereiten, ebenfalls für
+die frühe und weite Verbreitung der Getreidekultur spricht; allein er
+ward nicht geachtet. Selbst in dem zivilisierteren Süden galt es noch
+für den freien Kelten als nicht anständig, den Pflug zu führen. Weit
+höher stand bei den Kelten die Viehzucht, für welche die römischen
+Gutsbesitzer dieser Epoche sich sowohl des keltischen Viehschlags als
+auch der tapferen, des Reitens kundigen und mit der Pflege der Tiere
+vertrauten keltischen Sklaven vorzugsweise gern bedienten ^5.
+Namentlich in den nördlichen keltischen Landschaften überwog die
+Viehzucht durchaus. Die Bretagne war zu Caesars Zeit ein kornarmes
+Land. Im Nordosten reichten dichte Wälder, an den Kern der Ardennen
+sich anschließend, fast ununterbrochen von der Nordsee bis zum Rheine,
+und auf den heute so gesegneten Fluren Flanderns und Lothringens
+weidete damals der menapische und treverische Hirte im
+undurchdringlichen Eichenwald seine halbwilden Säue. Ebenwie im Potal
+durch die Römer an die Stelle der keltischen Eichelmast Wollproduktion
+und Kornbau getreten sind, so gehen auch die Schafzucht und die
+Ackerwirtschaft in den Ebenen der Schelde und der Maas auf sie zurück.
+In Britannien gar war das Dreschen des Kornes noch nicht üblich, und in
+den nördlicheren Strichen hörte hier der Ackerbau ganz auf und war die
+Viehzucht die einzige bekannte Bodenbenutzung. Der Öl- und Weinbau, der
+den Massalioten reichen Ertrag abwarf, ward jenseits der Cevennen zu
+Caesars Zeiten noch nicht betrieben.
+
+——————————————————————————-
+
+^3 Das erste Aufgebot der belgischen Kantone ausschließlich der Remer,
+also der Landschaft zwischen Seine und Schelde und östlich bis gegen
+Reims und Andernach von 2000-2200 Quadratmeilen, wird auf etwa 300000
+Mann berechnet; wonach, wenn man das für die Bellovaker angegebene
+Verhältnis des ersten Aufgebots zu der gesamten waffenfähigen
+Mannschaft als allgemein gültig betrachtet, die Zahl der waffenfähigen
+Belgen auf 500000 und danach die Gesamtbevölkerung auf mindestens 2
+Millionen sich stellt. Die Helvetier mit den Nebenvölkern zählten vor
+ihrem Auszug 336000 Köpfe; wenn man annimmt, daß sie damals schon vom
+rechten Rheinufer verdrängt waren, kann ihr Gebiet auf ungefähr 300
+Quadratmeilen angeschlagen werden. Ob die Knechte hierbei mitgezählt
+sind, läßt sich um so weniger entscheiden, als wir nicht wissen, welche
+Form die Sklaverei bei den Kelten angenommen hatte; was Caesar (Gall.
+1, 4) von Orgetorix’ Sklaven, Hörigen und Schuldnern erzählt, spricht
+eher für als gegen die Mitzählung.
+
+Daß übrigens jeder solche Versuch, das, was der alten Geschichte vor
+allen Dingen fehlt, die statistische Grundlage, durch Kombination zu
+ersetzen, mit billiger Vorsicht aufgenommen werden muß, wird der
+verständige Leser ebensowenig verkennen als ihn darum unbedingt
+wegwerfen.
+
+^4 “In Gallien, jenseits der Alpen im Binnenland am Rhein, habe ich,”
+erzählt Scrofa bei Varro rust. 1, 7, 8, “als ich dort kommandierte,
+einige Striche betreten, wo weder die Rebe noch die Olive noch der
+Obstbaum fortkommt, wo man mit weißer Grubenkreide die Äcker düngt, wo
+man weder Gruben- noch Seesalz hat, sondern die salzige Kohle gewisser
+verbrannter Hölzer statt Salz benutzt.” Diese Schilderung bezieht sich
+wahrscheinlich auf die vorcaesarische Zeit und auf die östlichen
+Striche der alten Provinz, wie zum Beispiel die allobrogische
+Landschaft; später beschreibt Plinius (nat. 17, 6, 42f.) ausführlich
+das gallisch-britannische Mergeln.
+
+^5 “Von gutem Schlag sind in Italien besonders die gallischen Ochsen,
+zur Feldarbeit nämlich; wogegen die ligurischen nichts Rechtes
+beschaffen” (Varr. rust. 2, 5, 9). Hier ist zwar das Cisalpinische
+Gallien gemeint, allein die Viehwirtschaft daselbst geht doch
+unzweifelhaft zurück auf die keltische Epoche. Der “gallischen Klepper”
+(Gallici canterii) gedenkt schon Plautus (Aul. 3, 5, 21). “Nicht jede
+Rasse schickt sich für das Hirtengeschäft; weder die Bastuler noch die
+Turduler (beide in Andalusien) eignen sich dafür; am besten sind die
+Kelten, besonders für Reit- und Lasttiere (iumenta)” (Varro rust. 2,
+10, 4).
+
+————————————————————-
+
+Dem Zusammensiedeln waren die Gallier von Haus aus geneigt; offene
+Dörfer gab es überall und allein der helvetische Kanton zählte deren im
+Jahre 696 (58) vierhundert außer einer Menge einzelner Höfe. Aber es
+fehlte auch nicht an ummauerten Städten, deren Mauern von Fachwerk
+sowohl durch ihre Zweckmäßigkeit als durch die zierliche
+Ineinanderfügung von Balken und Steinen den Römern auffielen, während
+freilich selbst in den Städten der Allobrogen die Gebäude allein aus
+Holz aufgeführt waren. Solcher Städte hatten die Helvetier zwölf und
+ebensoviele die Suessionen; wogegen allerdings in den nördlicheren
+Distrikten, zum Beispiel bei den Nerviern, es wohl auch Städte gab,
+aber doch die Bevölkerung im Kriege mehr in den Sümpfen und Wäldern als
+hinter den Mauern Schutz suchte und jenseits der Themse gar die
+primitive Schutzwehr der Waldverhacke durchaus an die Stelle der Städte
+trat und im Krieg die einzige Zufluchtsstätte für Menschen und Herden
+war. Mit der verhältnismäßig bedeutenden Entwicklung des städtischen
+Lebens steht in enger Verbindung die Regsamkeit des Verkehrs zu Lande
+und zu Wasser. Überall gab es Straßen und Brücken. Die Flußschiffahrt,
+wozu Ströme wie Rhone, Garonne, Loire und Seine von selber
+aufforderten, war ansehnlich und ergiebig. Aber weit merkwürdiger noch
+ist die Seeschiffahrt der Kelten. Nicht bloß sind die Kelten allem
+Anschein nach diejenige Nation, die zuerst den Atlantischen Ozean
+regelmäßig befahren hat, sondern wir finden auch hier die Kunst,
+Schiffe zu bauen und zu lenken, auf einer bemerkenswerten Höhe. Die
+Schiffahrt der Völker des Mittelmeers ist, wie dies bei der
+Beschaffenheit der von ihnen befahrenen Gewässer begreiflich ist,
+verhältnismäßig lange bei dem Ruder stehengeblieben: die
+Kriegsfahrzeuge der Phöniker, Hellenen und Römer waren zu allen Zeiten
+Rudergaleeren, auf welchen das Segel nur als gelegentliche Verstärkung
+des Ruders verwendet wurde; nur die Handelsschiffe sind in der Epoche
+der entwickelten antiken Zivilisation eigentliche Segler gewesen ^6.
+Die Gallier dagegen bedienten zwar auf dem Kanal sich zu Caesars Zeit
+wie noch lange nachher einer Art tragbarer lederner Kähne, die im
+wesentlichen gewöhnliche Ruderboote gewesen zu sein scheinen; aber an
+der Westküste Galliens fuhren die Santonen, die Pictonen, vor allem die
+Veneter mit großen, freilich plump gebauten Schiffen, die nicht mit
+Rudern bewegt wurden, sondern mit Ledersegeln und eisernen Ankerketten
+versehen waren, und verwandten diese nicht nur für ihren Handelsverkehr
+mit Britannien, sondern auch im Seegefecht. Hier also begegnen wir
+nicht bloß zuerst der Schiffahrt auf dem freien Ozean, sondern hier hat
+auch zuerst das Segelschiff völlig den Platz des Ruderbootes
+eingenommen - ein Fortschritt, den freilich die sinkende Regsamkeit der
+alten Welt nicht zu nutzen verstanden hat und dessen unübersehliche
+Resultate erst unsere verjüngte Kulturperiode beschäftigt ist,
+allmählich zu ziehen.
+
+—————————————————————————————-
+
+^6 Dahin führt die Benennung des Kauffahrtei- oder des “runden” im
+Gegensatz zu dem “langen” oder dem Kriegsschiff und die ähnliche
+Gegeneinanderstellung der “Ruderschiffe” (επίκωποι νήες) und der
+“Kauffahrer” (ολκάδες" Dion. Hal. 3, 44); ferner die geringe Bemannung
+der Kauffahrteischiffe, die auf den allergrößten nicht mehr betrug als
+200 Mann (Rheinisches Museum N. F. 11, 1874, S. 625), während auf der
+gewöhnlichen Galeere von drei Verdecken schon 170 Ruderer gebraucht
+wurden. Vgl. F. K. Movers, Die Phönicier. Bonn-Berlin 1840-56, Bd. 2,
+3, S. 167f.
+
+—————————————————————————————
+
+Bei diesem regelmäßigen Seeverkehr zwischen der britischen und der
+gallischen Küste ist die überaus enge politische Verbindung zwischen
+den beiderseitigen Anwohnern des Kanals ebenso erklärlich wie das
+Aufblühen des überseeischen Handels und der Fischerei. Es waren die
+Kelten, namentlich der Bretagne, die das Zinn der Gruben von Cornwallis
+aus England holten und es auf den Fluß- und Landstraßen des
+Keltenlandes nach Narbo und Massalia verfuhren. Die Angabe, daß zu
+Caesars Zeit einzelne Völkerschaften an der Rheinmündung von Fischen
+und Vogeleiern lebten, darf man wohl darauf beziehen, daß hier die
+Seefischerei und das Einsammeln der Seevögeleier in ausgedehntem Umfang
+betrieben ward. Faßt man die vereinzelten und spärlichen Angaben, die
+über den keltischen Handel und Verkehr uns geblieben sind, in Gedanken
+ergänzend zusammen, so begreift man es, daß die Zölle der Fluß- und
+Seehäfen in den Budgets einzelner Kantons, zum Beispiel in denen der
+Häduer und der Veneter, eine große Rolle spielten und daß der Hauptgott
+der Nation ihr galt als der Beschützer der Straßen und des Handels und
+zugleich als Erfinder der Gewerke. Ganz nichtig kann danach auch die
+keltische Industrie nicht gewesen sein; wie denn die ungemeine
+Anstelligkeit der Kelten und ihr eigentümliches Geschick, jedes Muster
+nachzuahmen und jede Anweisung auszuführen auch von Caesar
+hervorgehoben wird. In den meisten Zweigen scheint aber doch das Gewerk
+bei ihnen sich nicht über das Maß des Gewöhnlichen erhoben zu haben;
+die später im mittleren und nördlichen Gallien blühende Fabrikation
+leinener und wollener Stoffe ist nachweislich erst durch die Römer ins
+Leben gerufen worden. Eine Ausnahme, und soviel wir wissen die einzige,
+macht die Bearbeitung der Metalle. Das nicht selten technisch
+vorzügliche und noch jetzt geschmeidige Kupfergerät, das in den Gräbern
+des Keltenlandes zum Vorschein kommt, und die sorgfältig justierten
+arvernischen Goldmünzen sind heute noch lebendige Zeugen der
+Geschicklichkeit der keltischen Kupfer- und Goldarbeiter; und wohl
+stimmen dazu die Berichte der Alten, daß die Römer von den Biturigen
+das Verzinnen, von den Alesiern das Versilbern lernten - Erfindungen,
+von denen die erste durch den Zinnhandel nahe genug gelegt war und die
+doch wahrscheinlich beide noch in der Zeit der keltischen Freiheit
+gemacht worden sind. Hand in Hand mit der Gewandtheit in der
+Bearbeitung der Metalle ging die Kunst, sie zu gewinnen, die zum Teil,
+namentlich in den Eisengruben an der Loire, eine solche bergmännische
+Höhe erreicht hatte, daß die Grubenarbeiter bei den Belagerungen eine
+bedeutende Rolle spielten. Die den Römern dieser Zeit geläufige
+Meinung, daß Gallien eines der goldreichsten Länder der Erde sei, wird
+freilich widerlegt durch die wohlbekannten Bodenverhältnisse und durch
+die Fundbestände der keltischen Gräber, in denen Gold nur sparsam und
+bei weitem minder häufig erscheint als in den gleichartigen Funden der
+wahren Heimatländer des Goldes; es ist auch diese Vorstellung wohl nur
+hervorgerufen worden durch das, was griechische Reisende und römische
+Soldaten, ohne Zweifel nicht ohne starke Übertreibung, ihren
+Landsleuten von der Pracht der arvernischen Könige und den Schätzen der
+tolosanischen Tempel zu erzählen wußten. Aber völlig aus der Luft
+griffen die Erzähler doch nicht. Es ist sehr glaublich, daß in und an
+den Flüssen, welche aus den Alpen und den Pyrenäen strömen,
+Goldwäschereien und Goldsuchereien, die bei dem heutigen Wert der
+Arbeitskraft unergiebig sind, in roheren Zeiten und bei
+Sklavenwirtschaft mit Nutzen und in bedeutendem Umfang betrieben
+wurden; überdies mögen die Handelsverhältnisse Galliens, wie nicht
+selten die der halbzivilisierten Völker, das Aufhäufen eines toten
+Kapitals edler Metalle begünstigt haben.
+
+Bemerkenswert ist der niedrige Stand der bildenden Kunst, der bei der
+mechanischen Geschicklichkeit in Behandlung der Metalle nur um so
+greller hervortritt. Die Vorliebe für bunte und glänzende Zieraten
+zeigt den Mangel an Schönheitssinn, und eine leidige Bestätigung
+gewähren die gallischen Münzen mit ihren bald übereinfach, bald
+abenteuerlich, immer aber kindisch entworfenen und fast ohne Ausnahme
+mit unvergleichlicher Roheit ausgeführten Darstellungen. Es ist
+vielleicht ohne Beispiel, daß eine Jahrhunderte hindurch mit einem
+gewissen technischen Geschick geübte Münzprägung sich wesentlich darauf
+beschränkt hat, zwei oder drei griechische Stempel immer wieder und
+immer entstellter nachzuschneiden. Dagegen wurde die Dichtkunst von den
+Kelten hoch geschätzt und verwuchs eng mit den religiösen und selbst
+mit den politischen Institutionen der Nation; wir finden die geistliche
+wie die Hof- und Bettelpoesie in Blüte. Auch Naturwissenschaft und
+Philosophie fanden, wenngleich in den Formen und den Banden der
+Landestheologie, bei den Kelten eine gewisse Pflege und der hellenische
+Humanismus eine bereitwillige Aufnahme, wo und wie er an sie herantrat.
+Die Kunde der Schrift war wenigstens bei den Priestern allgemein.
+Meistenteils bediente man in dem freien Gallien zu Caesars Zeit sich
+der griechischen, wie unter andern die Helvetier taten; nur in den
+südlichsten Distrikten desselben war schon damals infolge des Verkehrs
+mit den romanisierten Kelten die lateinische überwiegend, der wir zum
+Beispiel auf den arvernischen Münzen dieser Zeit begegnen.
+
+Auch die politische Entwicklung der keltischen Nation bietet sehr
+bemerkenswerte Erscheinungen. Die staatliche Verfassung ruht bei ihr
+wie überall auf dem Geschlechtsgau mit dem Fürsten, dem Rat der
+Ältesten und der Gemeinde der freien waffenfähigen Männer; dies aber
+ist ihr eigentümlich, daß sie über diese Gauverfassung niemals
+hinausgelangt ist. Bei den Griechen und Römern trat sehr früh an die
+Stelle des Gaues als die Grundlage der politischen Einheit der
+Mauerring: wo zwei Gaue in denselben Mauern sich zusammenfanden,
+verschmolzen sie zu einem Gemeinwesen; wo eine Bürgerschaft einem Teil
+ihrer Mitbürger einen neuen Mauerring anwies, entstand regelmäßig damit
+auch ein neuer, nur durch die Bande der Pietät und höchstens der
+Klientel mit der Muttergemeinde, verknüpfter Staat. Bei den Kelten
+dagegen bleibt die “Bürgerschaft” zu allen Zeiten der Clan; dem Gau und
+nicht irgendeiner Stadt stehen Fürst und Rat vor, und der allgemeine
+Gautag bildet die letzte Instanz im Staate. Die Stadt hat, wie im
+Orient, nur merkantile und strategische, nicht politische Bedeutung;
+weshalb denn auch die gallischen Ortschaften, selbst ummauerte und sehr
+ansehnliche wie Vienna und Genava, den Griechen und Römern nichts sind
+als Dörfer. Zu Caesars Zeit bestand die ursprüngliche Clanverfassung
+noch wesentlich ungeändert bei den Inselkelten und in den nördlichen
+Gauen des Festlandes: die Landesgemeinde behauptete die höchste
+Autorität; der Fürst ward in wesentlichen Fragen durch ihre Beschlüsse
+gebunden; der Gemeinderat war zahlreich - er zählte in einzelnen Clans
+sechshundert Mitglieder -, scheint aber nicht mehr bedeutet zu haben
+als der Senat unter den römischen Königen. Dagegen in dem regsameren
+Süden des Landes war ein oder zwei Menschenalter vor Caesar - die
+Kinder der letzten Könige lebten noch zu seiner Zeit - wenigstens bei
+den größeren Clans, den Arvernern, Häduern, Sequanern, Helvetiern, eine
+Umwälzung eingetreten, die die Königsherrschaft beseitigte und dem Adel
+die Gewalt in die Hände gab. Es ist nur die Kehrseite des
+ebenbezeichneten vollständigen Mangels städtischer Gemeinwesen bei den
+Kelten, daß der entgegengesetzte Pol der politischen Entwicklung, das
+Rittertum, in der keltischen Clanverfassung so völlig überwiegt. Die
+keltische Aristokratie war allem Anschein nach ein hoher Adel,
+größtenteils vielleicht die Glieder der königlichen oder ehemals
+königlichen Familien, wie es denn bemerkenswert ist, daß die Häupter
+der entgegengesetzten Parteien in demselben Clan sehr häufig dem
+gleichen Geschlecht angehören. Diese großen Familien vereinigten in
+ihrer Hand die ökonomische, kriegerische und politische Übermacht. Sie
+monopolisierten die Pachtungen der nutzbaren Rechte des Staates. Sie
+nötigen die Gemeinfreien, die die Steuerlast erdrückte, bei ihnen zu
+borgen und zuerst tatsächlich als Schuldner, dann rechtlich als Hörige
+sich ihrer Freiheit zu begeben. Sie entwickelten bei sich das
+Gefolgwesen, das heißt das Vorrecht des Adels, sich mit einer Anzahl
+gelöhnter reisiger Knechte, sogenannter Ambakten ^7, zu umgeben und
+damit einen Staat im Staate zu bilden; und gestützt auf diese ihre
+eigenen Leute trotzten sie den gesetzlichen Behörden und dem
+Gemeindeaufgebot und sprengten tatsächlich das Gemeinwesen. Wenn in
+einem Clan, dar etwa 80000 Waffenfähige zählte, ein einzelner Adliger
+mit 10000 Knechten, ungerechnet die Hörigen und die Schuldner, auf dem
+Landtage erscheinen konnte, so ist es einleuchtend, daß ein solcher
+mehr ein unabhängiger Dynast war als ein Bürger seines Clans. Es kam
+hinzu, daß die vornehmen Familien der verschiedenen Clans innig unter
+sich zusammenhingen und durch Zwischenheiraten und Sonderverträge
+gleichsam einen geschlossenen Bund bildeten, dem gegenüber der einzelne
+Clan ohnmächtig war. Darum vermochten die Gemeinden nicht länger den
+Landfrieden aufrecht zu halten und regierte durchgängig das Faustrecht.
+Schutz fand nur noch der hörige Mann bei seinem Herrn, den Pflicht und
+Interesse nötigten, die seinem Klienten zugefügte Unbill zu ahnden; die
+Freien zu beschirmen hatte der Staat die Gewalt nicht mehr, weshalb
+diese zahlreich sich als Hörige einem Mächtigen zu eigen gaben. Die
+Gemeindeversammlung verlor ihre politische Bedeutung; und auch das
+Fürstentum, das den Übergriffen des Adels hätte steuern sollen, erlag
+demselben bei den Kelten so gut wie in Latium. An die Stelle des Königs
+trat der “Rechtswirker” oder Vergobretus ^8, der wie der römische
+Konsul nur auf ein Jahr ernannt ward. Soweit der Gau überhaupt noch
+zusammenhielt, ward er durch den Gemeinderat geleitet, in dem natürlich
+die Häupter der Aristokratie die Regierung an sich rissen. Es versteht
+sich von selbst, daß unter solchen Verhältnissen es in den einzelnen
+Clans in ganz ähnlicher Weise gärte, wie es in Latium nach der
+Vertreibung der Könige Jahrhunderte lang gegärt hatte: während die
+Adelschaften der verschiedenen Gemeinden sich zu einem der
+Gemeindemacht feindlichen Sonderbündnis zusammentaten, hörte die Menge
+nicht auf, die Wiederherstellung des Königtums zu begehren, und
+versuchte nicht selten ein hervorragender Edelmann, wie Spurius Cassius
+in Rom getan, gestützt auf die Masse der Gauangehörigen, die Macht
+seiner Standesgenossen zu brechen und zu seinem Besten die Krone wieder
+in ihre Rechte einzusetzen.
+
+—————————————————————————-
+
+^7 Dies merkwürdige Wort muß schon im sechsten Jahrhundert Roms bei den
+Kelten im Potal gebräuchlich gewesen sein; denn bereits Ennius kennt
+es, und es kann nur von da her in so früher Zeit den Italikern
+zugekommen sein. Es ist dasselbe aber nicht bloß keltisch, sondern auch
+deutsch, die Wurzel unseres “Amt”; wie ja auch das Gefolgwesen selbst
+den Kelten und den Deutschen gemeinsam ist. Von großer geschichtlicher
+Wichtigkeit wäre es, auszumachen ob das Wort und also auch die Sache zu
+den Kelten von den Deutschen oder zu den Deutschen von den Kelten kam.
+Wenn, wie man gewöhnlich annimmt, das Wort ursprünglich deutsch ist und
+zunächst den in der Schlacht dem Herrn “gegen den Rücken” (and = gegen,
+bak = Rücken) stehenden Knecht bezeichnet, so ist dies mit dem
+auffallend frühen Vorkommen dieses Wortes bei den Kelten nicht gerade
+unvereinbar. Nach allen Analogien kann das Recht Ambakten, das ist
+δούλοι μισθωτοί, zu halten, dem keltischen Adel nicht von Haus aus
+zugestanden, sondern erst allmählich im Gegensatz zu dem älteren
+Königtum wie zu der Gleichheit der Gemeinfreien sich entwickelt haben.
+Wenn also das Ambaktentum bei den Kelten keine altnationale, sondern
+eine relativ junge Institution ist, so ist es auch, bei dem zwischen
+den Kelten und Deutschen Jahrhunderte lang bestehenden und weiterhin zu
+erörternden Verhältnis, nicht bloß möglich, sondern sogar
+wahrscheinlich, daß die Kelten, in Italien wie in Gallien, zu diesen
+gedungenen Waffenknechten hauptsächlich Deutsche nahmen. Die
+“Schweizer” würden also in diesem Falle um einige Jahrtausende älter
+sein, als man meint.
+
+Sollte die Benennung, womit, vielleicht nach dem Beispiel der Kelten,
+die Römer die Deutschen als Nation bezeichnen, der Name Germani
+wirklich keltischen Ursprungs sein, so steht dies damit, wie man sieht,
+im besten Einklang.
+
+Freilich werden diese Annahmen immer zurückstehen müssen, falls es
+gelingt, das Wort ambactus in befriedigender Weise aus keltischer
+Wurzel zu erklären; wie denn J. K. Zeuß (Grammatica celtica. Leipzig
+1853, S. 796), wenngleich zweifelnd, dasselbe auf ambi = um und ag =
+agere, = Herumbeweger oder Herumbewegter, also Begleiter, Diener
+zurückführt. Daß das Wort auch als keltischer Eigenname vorkommt (Zeuß,
+S. 77) und vielleicht noch in dem cambrischen amaeth = Bauer, Arbeiter
+erhalten ist (Zeuß, S. 156), kann nach keiner Seite hin entscheiden.
+
+^8 Von den keltischen Wörtern guerg = Wirker und breth = Gericht.
+
+————————————————————————————————
+
+Wenn also die einzelnen Gaue unheilbar hinsiechten, so regte sich wohl
+daneben mächtig in der Nation das Gefühl der Einheit und suchte in
+mancherlei Weise Form und Halt zu gewinnen. Jenes Zusammenschließen des
+gesamten keltischen Adels im Gegensatz gegen die einzelnen Gauverbände
+zerrüttete zwar die bestehende Ordnung der Dinge, aber weckte und
+nährte doch auch die Vorstellung der Zusammengehörigkeit der Nation.
+Ebendahin wirkten die von außen her gegen die Nation gerichteten
+Angriffe und die fortwährende Schmälerung ihres Gebiets im Kriege mit
+den Nachbarn. Wie die Hellenen in den Kriegen gegen die Perser, die
+Italiker in denen gegen die cisalpinischen Kelten, so scheinen die
+transalpinischen Gallier in den Kriegen gegen Rom des Bestehens und der
+Macht der nationalen Einheit sich bewußt geworden zu sein. Unter dem
+Hader der rivalisierenden Clans und all jenem feudalistischen Gezänk
+machten doch auch die Stimmen derer sich bemerklich, die die
+Unabhängigkeit der Nation um den Preis der Selbständigkeit der
+einzelnen Gaue und selbst um den der ritterschaftlichen Herrenrechte zu
+erkaufen bereit waren. Wie durchweg populär die Opposition gegen die
+Fremdherrschaft war, bewiesen die Kriege Caesars, dem gegenüber die
+keltische Patriotenpartei eine ganz ähnliche Stellung hatte wie die
+deutschen Patrioten gegen Napoleon: für ihre Ausdehnung und ihre
+Organisation zeugt unter anderem die Telegraphengeschwindigkeit, mit
+der sie sich Nachrichten mitteilte.
+
+Die Allgemeinheit und die Mächtigkeit des keltischen
+Nationalbewußtseins würden unerklärlich sein, wenn nicht bei der
+größten politischen Zersplitterung die keltische Nation seit langem
+religiös und selbst theologisch zentralisiert gewesen wäre. Die
+keltische Priesterschaft oder, mit dem einheimischen Namen, die
+Korporation der Druiden umfaßte sicher die Britischen Inseln und ganz
+Gallien, vielleicht noch andere Keltenländer mit einem gemeinsamen
+religiös-nationalen Bande. Sie stand unter einem eigenen Haupte, das
+die Priester selber sich wählten, mit eigenen Schulen, in denen die
+sehr umfängliche Tradition fortgepflanzt ward, mit eigenen Privilegien,
+namentlich Befreiung von Steuer und Kriegsdienst, welche jeder Clan
+respektierte, mit jährlichen Konzilien, die bei Chartres im
+“Mittelpunkt der keltischen Erde” abgehalten wurden, und vor allen
+Dingen mit einer gläubigen Gemeinde, die an peinlicher Frömmigkeit und
+an blindem Gehorsam gegen ihre Priester den heutigen Iren nichts
+nachgegeben zu haben scheint. Es ist begreiflich, daß eine solche
+Priesterschaft auch das weltliche Regiment an sich zu reißen versuchte
+und teilweise an sich riß: sie leitete, wo das Jahrkönigtum bestand, im
+Fall eines Interregnums die Wahlen; sie nahm mit Erfolg das Recht in
+Anspruch, einzelne Männer und ganze Gemeinden von der religiösen und
+folgeweise auch der bürgerlichen Gemeinschaft auszuschließen; sie wußte
+die wichtigsten Zivilsachen, namentlich Grenz- und Erbschaftsprozesse
+an sich zu ziehen, sie entwickelte, gestützt wie es scheint auf ihr
+Recht, aus der Gemeinde auszuschließen, und vielleicht auch auf die
+Landesgewohnheit, daß zu den üblichen Menschenopfern vorzugsweise
+Verbrecher genommen wurden, eine ausgedehnte priesterliche
+Kriminalgerichtsbarkeit, die mit der der Könige und Vergobreten
+konkurrierte; sie nahm sogar die Entscheidung über Krieg und Frieden in
+Anspruch. Man war nicht fern von einem Kirchenstaat mit Papst und
+Konzilien, mit Immunitäten, Interdikten und geistlichen Gerichten; nur
+daß dieser Kirchenstaat nicht, wie der der Neuzeit, von den Nationen
+abstrahierte, sondern vielmehr vor allen Dingen national war.
+
+Aber wenn also das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den keltischen
+Stämmen mit voller Lebendigkeit erwacht war, so blieb es dennoch der
+Nation versagt, zu einem Haltpunkt politischer Zentralisation zu
+gelangen, wie ihn Italien an der römischen Bürgerschaft, Hellenen und
+Germanen an den makedonischen und fränkischen Königen fanden. Die
+keltische Priester- und ebenso die Adelschaft, obwohl beide in gewissem
+Sinn die Nation vertraten und verbanden, waren doch einerseits ihrer
+ständisch-partikularistischen Interessen wegen unfähig, sie zu einigen,
+andererseits mächtig genug, um keinem König und keinem Gau das Werk der
+Einigung zu gestatten. Ansätze zu demselben fehlen nicht; sie gingen,
+wie die Gauverfassung es an die Hand gab, den Weg des Hegemoniesystems.
+Der mächtige Kanton bestimmte den schwächeren, sich ihm in der Art
+unterzuordnen, daß die führende Gemeinde nach außen die andere
+mitvertrat und in Staatsverträgen für sie mitstipulierte, der
+Klientelgau dagegen sich zur Heeresfolge, auch wohl zur Erlegung eines
+Tributs verpflichtete. Auf diesem Wege entstanden eine Reihe von
+Sonderbünden: einen führenden Gau für das ganze Keltenland, einen wenn
+auch noch so losen Verband der gesamten Nation gab es nicht. Es ward
+bereits erwähnt, daß die Römer bei dem Beginn ihrer transalpinischen
+Eroberungen dort im Norden einen britisch-belgischen Bund unter Führung
+der Suessionen, im mittleren und südlichen Gallien die
+Arvernerkonföderation vorfanden, mit welcher letzteren die Häduer mit
+ihrer schwächeren Klientel rivalisierten. In Caesars Zeit finden wir
+die Belgen im nordöstlichen Gallien zwischen Seine und Rhein noch in
+einer solchen Gemeinschaft, die sich indes wie es scheint auf
+Britannien nicht mehr erstreckt; neben ihnen erscheint in der heutigen
+Normandie und Bretagne der Bund der aremorikanischen, das heißt der
+Seegaue; im mittleren oder dem eigentlichen Gallien ringen wie ehemals
+zwei Parteien um die Hegemonie, an deren Spitze einerseits die Häduer
+stehen, andererseits, nachdem die Arverner, durch die Kriege mit Rom
+geschwächt, zurückgetreten waren, die Sequaner. Diese verschiedenen
+Eidgenossenschaften standen unabhängig nebeneinander; die führenden
+Staaten des mittleren Gallien scheinen ihre Klientel nie auf das
+nordöstliche und ernstlich wohl auch nicht auf den Nordwesten Galliens
+erstreckt zu haben. Der Freiheitsdrang der Nation fand in diesen
+Gauverbänden eine gewisse Befriedigung; aber sie waren doch in jeder
+Hinsicht ungenügend. Die Verbindung war von der lockersten, beständig
+zwischen Allianz und Hegemonie schwankenden Art, die Repräsentation der
+Gesamtheit im Frieden durch die Bundestage, im Kriege durch den Herzog
+^9 im höchsten Grade schwächlich. Nur die belgische Eidgenossenschaft
+scheint etwas fester zusammengehalten zu haben; der nationale
+Aufschwung, aus dem die glückliche Abwehr der Kimbrer hervorging, mag
+ihr zugute gekommen sein. Die Rivalitäten um die Hegemonie machten
+einen Riß in jeden einzelnen Bund, den die Zeit nicht schloß, sondern
+erweiterte, weil selbst der Sieg des einen Nebenbuhlers dem Gegner die
+politische Existenz ließ und demselben, auch wenn er in die Klientel
+sich gefügt hatte, immer gestattet blieb, den Kampf späterhin zu
+erneuern. Der Wettstreit der mächtigeren Gaue entzweite nicht bloß
+diese, sondern in jedem abhängigen Clan, in jedem Dorfe, ja oft in
+jedem Hause setzte er sich fort, indem jeder einzelne nach seinen
+persönlichen Verhältnissen Partei ergriff. Wie Hellas sich aufrieb
+nicht so sehr in dem Kampfe Athens gegen Sparta als in dem inneren
+Zwist athenischer und lakedämonischer Faktionen in jeder abhängigen
+Gemeinde, ja in Athen selbst: so hat auch die Rivalität der Arverner
+und Häduer mit ihren Wiederholungen in kleinem und immer kleinerem
+Maßstab das Kelterwolk vernichtet.
+
+——————————————————————-
+
+^9 Welche Stellung ein solcher Bundesfeldherr seinen Leuten gegenüber
+einnahm, zeigt die gegen Vercingetorix erhobene Anklage auf
+Landesverrat (Caes. Gall. 7, 20).
+
+——————————————————————-
+
+Die Wehrhaftigkeit der Nation empfand den Rückschlag dieser politischen
+und sozialen Verhältnisse. Die Reiterei war durchaus die vorwiegende
+Waffe, woneben bei den Belgen und mehr noch auf den Britischen Inseln
+die altnationalen Streitwagen in bemerkenswerter Vervollkommnung
+erscheinen. Diese ebenso zahlreichen wie tüchtigen Reiter- und
+Wagenkämpferscharen wurden gebildet aus dem Adel und dessen Mannen, der
+denn auch echt ritterlich an Hunden und Pferden seine Lust hatte und es
+sich viel kosten ließ, edle Rosse ausländischer Rasse zu reiten. Für
+den Geist und die Kampfweise dieser Edelleute ist es bezeichnend, daß,
+wenn das Aufgebot erging, wer irgend von ihnen sich zu Pferde halten
+konnte, selbst der hochbejahrte Greis mit aufsaß, und daß sie, im
+Begriff mit einem gering geschätzten Feinde ein Gefecht zu beginnen,
+Mann für Mann schwuren, Haus und Hof meiden zu wollen, wenn ihre Schar
+nicht wenigstens zweimal durch die feindliche Linie setzen werde. Unter
+den gedungenen Mannen herrschte das Lanzknechttum mit all seiner
+entsittlichten und entgeistigten Gleichgültigkeit gegen fremdes und
+eigenes Leben - das zeigen die Erzählungen, wie anekdotenhaft sie auch
+gefärbt sind, von der keltischen Sitte, beim Gastmahl zum Scherz zu
+rapieren und gelegentlich auf Leben und Tod zu fechten; von dem dort
+herrschenden, selbst die römischen Fechterspiele noch überbietenden
+Gebrauch, sich gegen eine bestimmte Geldsumme oder eine Anzahl Fässer
+Wein zum Schlachten zu verkaufen und vor den Augen der ganzen Menge auf
+dem Schilde hingestreckt den Todesstreich freiwillig hinzunehmen.
+
+Neben diesen Reisigen trat das Fußvolk in den Hintergrund. In der
+Hauptsache glich es wesentlich noch den Keltenscharen, mit denen die
+Römer in Italien und Spanien gefochten hatten. Der große Schild war wie
+damals die hauptsächlichste Wehr; unter den Waffen spielte dagegen
+statt des Schwertes jetzt die lange Stoßlanze die erste Rolle. Wo
+mehrere Gaue verbündet Krieg führten, lagerte und stritt natürlich Clan
+gegen Clan; es findet sich keine Spur, daß man das Aufgebot des
+einzelnen Gaues militärisch gegliedert und kleinere und regelrechtere
+taktische Abteilungen gebildet hätte. Noch immer schleppte ein langer
+Wagentroß dem Keltenheer das Gepäck nach; anstatt des verschanzten
+Lagers, wie es die Römer allabendlich schlugen, diente noch immer das
+dürftige Surrogat der Wagenburg. Von einzelnen Gauen, wie zum Beispiel
+den Nerviern, wird ausnahmsweise die Tüchtigkeit ihres Fußvolks
+hervorgehoben; bemerkenswert ist es, daß eben diese keine Ritterschaft
+hatten und vielleicht sogar kein keltischer, sondern ein eingewanderter
+deutscher Stamm waren. Im allgemeinen aber erscheint das keltische
+Fußvolk dieser Zeit als ein unkriegerischer und schwerfälliger
+Landsturm; am meisten in den südlicheren Landschaften, wo mit der Rohen
+auch die Tapferkeit geschwunden war. Der Kelte, sagt Caesar, wagt es
+nicht, dem Germanen im Kampfe ins Auge zu sehen; noch schärfer als
+durch dieses Urteil kritisierte der römische Feldherr die keltische
+Infanterie dadurch, daß, nachdem er sie in seinem ersten Feldzug
+kennengelernt hatte, er sie nie wieder in Verbindung mit der römischen
+verwandt hat.
+
+Überblicken wir den Gesamtzustand der Kelten, wie ihn Caesar in den
+transalpinischen Landschaften vorfand, so ist, verglichen mit der
+Kulturstufe, auf der anderthalb Jahrhunderte zuvor die Kelten im Potal
+uns entgegentraten, ein Fortschritt in der Zivilisation unverkennbar.
+Damals überwog in den Heeren durchaus die in ihrer Art vortreffliche
+Landwehr (I, 340); jetzt nimmt die Ritterschaft den ersten Platz ein.
+Damals wohnten die Kelten in offenen Flecken; jetzt umgaben ihre
+Ortschaften wohlgefügte Mauern. Auch die lombardischen Gräberfunde
+stehen, namentlich in dem Kupfer- und Glasgerät, weit zurück hinter
+denen des nördlichen Keltenlandes. Vielleicht der zuverlässigste Messer
+der steigenden Kultur ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit der
+Nation; sowenig davon in den auf dem Boden der heutigen Lombardei
+geschlagenen Keltenkämpfen zu Tage tritt, so lebendig erscheint es in
+den Kämpfen gegen Caesar. Allem Anschein nach hatte die keltische
+Nation, als Caesar ihr gegenübertrat, das Maximum der ihr beschiedenen
+Kultur bereits erreicht und war schon wieder im Sinken. Die
+Zivilisation der transalpinischen Kelten in der caesarischen Zeit
+bietet selbst für uns, die wir nur sehr unvollkommen über sie berichtet
+sind, manche achtbare und noch mehr interessante Seite; in mehr als
+einer Hinsicht schließt sie sich enger der modernen an als der
+hellenisch-römischen, mit ihren Segelschiffen, ihrem Rittertum, ihrer
+Kirchenverfassung, vor allen Dingen mit ihren, wenn auch unvollkommenen
+Versuchen, den Staat nicht auf die Stadt, sondern auf den Stamm und in
+höherer Potenz auf die Nation zu bauen. Aber ebendarum, weil wir hier
+der keltischen Nation auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung begegnen,
+tritt um so bestimmter ihre mindere sittliche Begabung oder, was
+dasselbe ist, ihre mindere Kulturfähigkeit hervor. Sie vermochte aus
+sich weder eine nationale Kunst noch einen nationalen Staat zu erzeugen
+und brachte es höchstens zu einer nationalen Theologie und einem
+eigenen Adeltum. Die ursprüngliche naive Tapferkeit war nicht mehr; der
+auf höhere Sittlichkeit und zweckmäßige Ordnungen gestützte
+militärische Mut, wie er im Gefolge der gesteigerten Zivilisation
+eintritt, hatte nur in sehr verkümmerter Gestalt sich eingestellt in
+dem Rittertum. Wohl war die eigentliche Barbarei überwunden; die Zeiten
+waren nicht mehr, wo im Keltenland das fette Hüftstück dem tapfersten
+der Gäste zugeteilt ward, aber jedem der Mitgeladenen, der sich dadurch
+verletzt erachtete, freistand, den Empfänger deswegen zum Kampfe zu
+fordern, und wo man mit dem verstorbenen Häuptling seine treuesten
+Gefolgsmänner verbrannte. Aber doch dauerten die Menschenopfer noch
+fort, und der Rechtssatz, daß die Folterung des freien Mannes
+unzulässig, aber die der freien Frau erlaubt sei so gut wie die
+Folterung des Sklaven, wirft ein unerfreuliches Licht auf die Stellung,
+die das weibliche Geschlecht bei den Kelten auch noch in ihrer
+Kulturzeit einnahm. Die Vorzüge, die der primitiven Epoche der Nationen
+eigen sind, hatten die Kelten eingebüßt, aber diejenigen nicht
+erworben, die die Gesittung dann mit sich bringt, wenn sie ein Volk
+innerlich und völlig durchdringt.
+
+Also war die keltische Nation in ihren inneren Zuständen beschaffen. Es
+bleibt noch übrig, ihre äußeren Beziehungen zu den Nachbarn
+darzustellen und zu schildern, welche Rolle sie in diesem Augenblick
+einnahmen in dem gewaltigen Wettlauf und Wettkampf der Nationen, in dem
+das Behaupten sich überall noch schwieriger erweist als das Erringen.
+An den Pyrenäen hatten die Verhältnisse der Völker längst sich
+friedlich geordnet und waren die Zeiten längst vorbei, wo die Kelten
+hier die iberische, das heißt baskische Urbevölkerung bedrängten und
+zum Teil verdrängten. Die Täler der Pyrenäen wie die Gebirge Bearns und
+der Gascogne und ebenso die Küstensteppen südlich von der Garonne
+standen zu Caesars Zeit im unangefochtenen Besitz der Aquitaner, einer
+großen Anzahl kleiner, wenig unter sich und noch weniger mit dem
+Ausland sich berührender Völkerschaften iberischer Abstammung; hier war
+nur die Garonnemündung selbst mit dem wichtigen Hafen Burdigala
+(Bordeaux) in den Händen eines keltischen Stammes, der
+Bituriger-Vivisker.
+
+Von weit größerer Bedeutung waren die Berührungen der keltischen Nation
+mit dem Römervolk und mit den Deutschen. Es soll hier nicht wiederholt
+werden, was früher erzählt worden ist, wie die Römer in langsamem
+Vordringen die Kelten allmählich zurückgedrückt, zuletzt auch den
+Küstensaum zwischen den Alpen und den Pyrenäen besetzt und sie dadurch
+von Italien, Spanien und dem Mittelländischen Meer gänzlich
+abgeschnitten hatten, nachdem bereits Jahrhunderte zuvor durch die
+Anlage der hellenischen Zwingburg an der Rhonemündung diese Katastrophe
+vorbereitet worden war; daran aber müssen wir hier wieder erinnern, daß
+nicht bloß die Überlegenheit der römischen Waffen die Kelten bedrängte,
+sondern ebensosehr die der römischen Kultur, der die ansehnlichen
+Anfänge der hellenischen Zivilisation im Keltenlande ebenfalls in
+letzter Instanz zugute kamen. Auch hier bahnten Handel und Verkehr wie
+so oft der Eroberung den Weg. Der Kelte liebte nach nordischer Weise
+feurige Getränke; daß er den edlen Wein wie der Skythe unvermischt und
+bis zum Rausche trank, erregte die Verwunderung und den Ekel des
+mäßigen Südländers, aber der Händler verkehrt nicht ungern mit solchen
+Kunden. Bald ward der Handel nach dem Keltenland eine Goldgrube für den
+italischen Kaufmann; es war nichts Seltenes, daß daselbst ein Krug Wein
+um einen Sklaven getauscht ward. Auch andere Luxusartikel, wie zum
+Beispiel italische Pferde, fanden in dem Keltenland vorteilhaften
+Absatz. Es kam sogar bereits vor, daß römische Bürger jenseits der
+römischen Grenze Grundbesitz erwarben und denselben nach italischer Art
+nutzten, wie denn zum Beispiel römische Landgüter im Kanton der
+Segusiaver (bei Lyon) schon um 673 (81) erwähnt werden. Ohne Zweifel
+ist es hiervon eine Folge, daß, wie schon gesagt ward, selbst in dem
+freien Gallien, zum Beispiel bei den Arvernern, die römische Sprache
+schon vor der Eroberung nicht unbekannt war; obwohl sich freilich diese
+Kunde vermutlich noch auf wenige beschränkte und selbst mit den
+Vornehmen des verbündeten Gaues der Häduer durch Dolmetscher verkehrt
+werden mußte. So gut wie die Händler mit Feuerwasser und die Squatters
+die Besetzung Nordamerikas einleiteten, so wiesen und winkten diese
+römischen Weinhändler und Gutsbesitzer den künftigen Eroberer Galliens
+heran. Wie lebhaft man auch auf der entgegengesetzten Seite dies
+empfand, zeigt das Verbot, das einer der tüchtigsten Stämme des
+Keltenlandes, der Gau der Nervier, gleich einzelnen deutschen
+Völkerschaften, gegen den Handelsverkehr mit den Römern erließ.
+
+Ungestümer noch als vom Mittelländischen Meere die Römer, drängten vom
+Baltischen und der Nordsee herab die Deutschen, ein frischer Stamm aus
+der großen Völkerwiege des Ostens, der sich Platz machte neben seinen
+älteren Brüdern mit jugendlicher Kraft, freilich auch mit jugendlicher
+Roheit. Wenn auch die nächst am Rhein wohnenden Völkerschaften dieses
+Stammes, die Usipeten, Tencterer, Sugambrer, Ubier, sich einigermaßen
+zu zivilisieren angefangen und wenigstens aufgehört hatten, freiwillig
+ihre Sitze zu wechseln, so stimmen doch alle Nachrichten dahin
+zusammen, daß weiter landeinwärts der Ackerbau wenig bedeutete und die
+einzelnen Stämme kaum noch zu festen Sitzen gelangt waren. Es ist
+bezeichnend dafür, daß die westlichen Nachbarn in dieser Zeit kaum
+eines der Völker des inneren Deutschlands seinem Gaunamen nach zu
+nennen wußten, sondern dieselben ihnen nur bekannt sind unter den
+allgemeinen Bezeichnungen der Sueben, das ist der schweifenden Leute,
+der Nomaden, und der Markomannen, das ist der Landwehr ^10 - Namen, die
+in Caesars Zeit schwerlich schon Gaunamen waren, obwohl sie den Römern
+als solche erschienen und später auch vielfach Gaunamen geworden sind.
+Der gewaltigste Andrang dieser großen Nation traf die Kelten. Die
+Kämpfe, die die Deutschen um den Besitz der Landschaften östlich vom
+Rheine mit den Kelten geführt haben mögen, entziehen sich vollständig
+unseren Blicken. Wir vermögen nur zu erkennen, daß um das Ende des
+siebenten Jahrhunderts Roms schon alles Land bis zum Rhein den Kelten
+verloren war, die Boier, die einst in Bayern und Böhmen gesessen haben
+mochten, heimatlos herumirrten und selbst der ehemals von den
+Helvetiern besessene Schwarzwald wenn auch noch nicht von den
+nächstwohnenden deutschen Stämmen in Besitz genommen, doch wenigstens
+wüstes Grenzstreitland war - vermutlich schon damals das, was es später
+hieß: die helvetische Einöde. Die barbarische Strategik der Deutschen,
+durch meilenweite Wüstlegung der Nachbarschaft sich vor feindlichen
+Überfällen zu sichern, scheint hier im größten Maßstab Anwendung
+gefunden zu haben.
+
+——————————————————————————-
+
+^10 So sind Caesars Sueben wahrscheinlich die Chatten; aber dieselbe
+Benennung kam sicher zu Caesars Zeit und noch viel später auch jedem
+anderen deutschen Stamme zu, der als ein regelmäßig wandernder
+bezeichnet werden konnte. Wenn also auch, wie nicht zu bezweifeln, der
+“König der Sueben” bei Mela (3, 1) und Plinius (nat. 2, 67, 170)
+Ariovist ist, so folgt darum noch keineswegs, daß Ariovist ein Chatte
+war. Die Markomannen als ein bestimmtes Volk lassen sich vor Marbod
+nicht nachweisen; es ist sehr möglich, daß das Wort bis dahin nichts
+bezeichnet als was es etymologisch bedeutet, die Land- oder Grenzwehr.
+Wenn Caesar (Galt. 1, 51) unter den im Heere Ariovists fechtenden
+Völkern Markomannen erwähnt, so kann er auch hier eine bloß appellative
+Bezeichnung ebenso mißverstanden haben, wie dies bei den Sueben
+entschieden der Fall ist.
+
+—————————————————————————-
+
+Aber die Deutschen waren nicht stehen geblieben am Rheine. Der seinem
+Kern nach aus deutschen Stämmen zusammengesetzte Heereszug der Kimbrer
+und Teutonen, der fünfzig Jahre zuvor über Pannonien, Gallien, Italien
+und Spanien so gewaltig hingebraust war, schien nichts gewesen zu sein
+als eine großartige Rekognoszierung. Schon hatten westlich vom Rhein,
+namentlich dem untern Lauf desselben, verschiedene deutsche Stämme
+bleibende Sitze gefunden: als Eroberer eingedrungen, fuhren diese
+Ansiedler fort, von ihren gallischen Umwohnern gleich wie von
+Untertanen Geiseln einzufordern und jährlichen Tribut zu erheben. Dahin
+gehörten die Aduatuker, die aus einem Splitter der Kimbrermasse zu
+einem ansehnlichen Gau geworden waren, und eine Anzahl anderer, später
+unter dem Namen der Tungrer zusammengefaßter Völkerschaften an der Maas
+in der Gegend von Lüttich; sogar die Treverer (um Trier) und die
+Nervier (im Hennegau), zwei der größten und mächtigsten Völkerschaften
+dieser Gegend, bezeichnen achtbare Autoritäten geradezu als Germanen.
+Die vollständige Glaubwürdigkeit dieser Berichte muß allerdings
+dahingestellt bleiben, da es, wie Tacitus in Beziehung auf die zuletzt
+erwähnten beiden Völker bemerkt, späterhin wenigstens in diesen
+Strichen für eine Ehre galt, von deutschem Blute abzustammen und nicht
+zu der gering geachteten keltischen Nation zu gehören: doch scheint die
+Bevölkerung in dem Gebiet der Schelde, Maas und Mosel allerdings in der
+einen oder andern Weise sich stark mit deutschen Elementen gemischt
+oder doch unter deutschen Einflüssen gestanden zu haben. Die deutschen
+Ansiedlungen selbst waren vielleicht geringfügig; unbedeutend waren sie
+nicht, denn in dem chaotischen Dunkel, in dem wir um diese Zeit die
+Völkerschaften am rechten Rheinufer auf- und niederwogen sehen, läßt
+sich doch wohl erkennen, daß größere deutsche Massen auf der Spur jener
+Vorposten sich anschickten, den Rhein zu überschreiten. Von zwei Seiten
+durch die Fremdherrschaft bedroht und in sich zerrissen, war es kaum zu
+erwarten, daß die unglückliche keltische Nation sich jetzt noch
+emporraffen und mit eigener Kraft sich erretten werde. Die
+Zersplitterung und der Untergang in der Zersplitterung war bisher ihre
+Geschichte; wie sollte eine Nation, die keinen Tag nannte gleich denen
+von Marathon und Salamis, von Aricia und dem Raudischen Felde, eine
+Nation, die selbst in ihrer frischen Zeit keinen Versuch gemacht hatte,
+Massalia mit gesamter Hand zu vernichten, jetzt, da es Abend ward, so
+furchtbarer Feinde sich erwehren?
+
+Je weniger die Kelten, sich selbst überlassen, den Germanen gewachsen
+waren, desto mehr Ursache hatten die Römer, die zwischen den beiden
+Nationen obwaltenden Verwicklungen sorgsam zu überwachen. Wenn auch die
+daraus entspringenden Bewegungen sie bis jetzt nicht unmittelbar
+berührt hatten, so waren sie doch bei dem Ausgang derselben mit ihren
+wichtigsten Interessen beteiligt. Begreiflicherweise hatte die innere
+Haltung der keltischen Nation sich mit ihren auswärtigen Beziehungen
+rasch und nachhaltig verflochten. Wie in Griechenland die
+lakedämonische Partei sich gegen die Athener mit Persien verband, so
+hatten die Römer von ihrem ersten Auftreten jenseits der Alpen an gegen
+die Arverner, die damals unter den südlichen Kelten die führende Macht
+waren, an deren Nebenbuhlern um die Hegemonie, den Häduern, eine Stütze
+gefunden und mit Hilfe dieser neuen “Brüder der römischen Nation” nicht
+bloß die Allobrogen und einen großen Teil des mittelbaren Gebiets der
+Arverner sich untertänig gemacht, sondern auch in dem freigebliebenen
+Gallien durch ihren Einfluß den Übergang der Hegemonie von den
+Arvernern auf diese Häduer veranlaßt. Allein wenn den Griechen nur von
+einer Seite her für ihre Nationalität Gefahr drohte, so sahen sich die
+Kelten zugleich von zwei Landesfeinden bedrängt, und es war natürlich,
+daß man bei dem einen vor dem anderen Schutz suchte und daß, wenn die
+eine Keltenpartei sich den Römern anschloß, ihre Gegner dagegen mit den
+Deutschen Bündnis machten. Am nächsten lag dies den Belgen, die durch
+Nachbarschaft und vielfältige Mischung den überrheinischen Deutschen
+genähert waren und überdies bei ihrer minder entwickelten Kultur sich
+dem stammfremden Sueben wenigstens ebenso verwandt fühlen mochten als
+dem gebildeten allobrogischen oder helvetischen Landsmann. Aber auch
+die südlichen Kelten, bei welchen jetzt, wie schon gesagt, der
+ansehnliche Gau der Sequaner (um Besançon) an der Spitze der den Römern
+feindlichen Partei stand, hatten alle Ursache, gegen die sie zunächst
+bedrohenden Römer ebenjetzt die Deutschen herbeizurufen; das lässige
+Regiment des Senats und die Anzeichen der in Rom sich vorbereitenden
+Revolution, die den Kelten nicht unbekannt geblieben waren, ließen
+gerade diesen Moment als geeignet erscheinen, um des römischen
+Einflusses sich zu entledigen und zunächst deren Klienten, die Häduer,
+zu demütigen. Über die Zölle auf der Saône, die das Gebiet der Häduer
+von dem der Sequaner schied, war es zwischen den beiden Gauen zum Bruch
+gekommen und um das Jahr 683 (71) hatte der deutsche Fürst Ariovist mit
+etwa 15000 Bewaffneten als Condottiere der Sequaner den Rhein
+überschritten. Der Krieg zog manches Jahr unter wechselnden Erfolgen
+sich hin; im ganzen waren die Ergebnisse den Häduern ungünstig. Ihr
+Führer Eporedorix bot endlich die ganze Klientel auf und zog mit
+ungeheurer Übermacht aus gegen die Germanen. Diese verweigerten
+beharrlich den Kampf und hielten sich gedeckt in Sümpfen und Wäldern.
+Als aber dann die Clans, des Harrens müde, anfingen aufzubrechen und
+sich aufzulösen, erschienen die Deutschen in freiem Felde und nun
+erzwang bei Admagetobriga Ariovist die Schlacht, in der die Blüte der
+Ritterschaft der Häduer auf dem Kampfplatze blieb. Die Häduer, durch
+diese Niederlage gezwungen, auf die Bedingungen, wie der Sieger sie
+stellte, Frieden zu schließen, mußten auf die Hegemonie verzichten und
+mit ihrem ganzen Anhang in die Klientel der Sequaner sich fügen, auch
+sich anheischig machen, den Sequanern oder vielmehr dem Ariovist Tribut
+zu zahlen und die Kinder ihrer vornehmsten Adligen als Geiseln zu
+stellen, endlich eidlich versprechen, weder diese Geiseln je
+zurückzufordern noch die Intervention der Römer anzurufen. Dieser
+Friede ward, wie es scheint, um 693 (61) geschlossen ^11. Ehre und
+Vorteil geboten den Römern, dagegen aufzutreten; der vornehme Häduer
+Divitiacus, das Haupt der römischen Partei in seinem Clan und darum
+jetzt von seinen Landsleuten verbannt, ging persönlich nach Rom, um
+ihre Dazwischenkunft zu erbitten; eine noch ernstere Warnung war der
+Aufstand der Allobrogen 693 (61), der Nachbarn der Sequaner, welcher
+ohne Zweifel mit diesen Ereignissen zusammenhing. In der Tat ergingen
+Befehle an die gallischen Statthalter, den Häduern beizustehen; man
+sprach davon, Konsuln und konsularische Armeen über die Alpen zu
+senden; allein der Senat, an den diese Angelegenheiten zunächst zur
+Entscheidung kamen, krönte schließlich auch hier große Worte mit
+kleinen Taten: die allobrogische Insurrektion ward mit den Waffen
+unterdrückt, für die Häduer aber geschah nicht nur nichts, sondern es
+ward sogar Ariovist im Jahre 695 (59) in das Verzeichnis der den Römern
+befreundeten Könige eingeschrieben ^12. Der deutsche Kriegsfürst nahm
+dies begreiflicherweise als Verzicht der Römer auf das nicht von ihnen
+eingenommene Keltenland; er richtete demgemäß sich hier häuslich ein
+und fing an, auf gallischem Boden ein deutsches Fürstentum zu
+begründen. Die zahlreichen Haufen, die er mitgebracht hatte, die noch
+zahlreicheren, die auf seinen Ruf später aus der Heimat nachkamen - man
+rechnete, daß bis zum Jahre 696 (58) etwa 120000 Deutsche den Rhein
+überschritten -, diese ganze gewaltige Einwanderung der deutschen
+Nation, welche durch die einmal geöffneten Schleusen stromweise über
+den schönen Westen sich ergoß, gedachte er daselbst ansässig zu machen
+und auf dieser Grundlage seine Herrschaft über das Keltenland
+aufzubauen. Der Umfang der von ihm am linken Rheinufer ins Leben
+gerufenen deutschen Ansiedlungen läßt sich nicht bestimmen; ohne
+Zweifel reichte er weit und noch viel weiter seine Entwürfe. Die Kelten
+wurden von ihm als eine im ganzen unterworfene Nation behandelt und
+zwischen den einzelnen Gauen kein Unterschied gemacht. Selbst die
+Sequaner, als deren gedungener Feldhauptmann er den Rhein überschritten
+hatte, mußten dennoch, als wären auch sie besiegte Feinde, ihm für
+seine Leute ein Drittel ihrer Mark abtreten - vermutlich den später von
+den Tribokern bewohnten oberen Elsaß, wo Ariovist sich mit den Seinigen
+auf die Dauer einrichtete; ja als sei dies nicht genug, ward ihnen
+nachher für die nachgekommenen Haruder noch ein zweites Drittel
+abverlangt. Ariovist schien im Keltenland die Rolle des makedonischen
+Philipp übernehmen und über die germanisch gesinnten Kelten nicht
+minder wie über die den Römern anhängenden den Herrn spielen zu wollen.
+
+————————————————————————-
+
+^11 Ariovists Ankunft in Gallien ist nach Caesar (Gall. 1, 36) auf 683
+(71), die Schlacht von Admagetobriga (denn so heißt der einer falschen
+Inschrift zuliebe jetzt gewöhnlich Magetobriga genannte Ort) nach
+Caesar (Gall. 1, 35) und Cicero (Art. 1, 19) auf 693 (61) gesetzt
+worden.
+
+^12 Um diesen Hergang der Dinge nicht unglaublich zu finden oder
+demselben gar tiefere Motive unterzulegen, als staatsmännische
+Unwissenheit und Faulheit sind, wird man wohltun, den leichtfertigen
+Ton sich zu vergegenwärtigen, in dem ein angesehener Senator wie Cicero
+in seiner Korrespondenz sich über diese wichtigen transalpinischen
+Angelegenheiten ausläßt.
+
+————————————————————————
+
+Das Auftreten des kräftigen deutschen Fürsten in einer so gefährlichen
+Nähe, das schon an sich die ernstesten Besorgnisse der Römer erwecken
+mußte, erschien noch bedrohlicher insofern, als dasselbe keineswegs
+vereinzelt stand. Auch die am rechten Rheinufer ansässigen Usipeten und
+Tencterer waren, der unaufhörlichen Verheerung ihres Gebiets durch die
+übermütigen Suebenstämme müde, das Jahr bevor Caesar in Gallien eintraf
+(695 59) aus ihren bisherigen Sitzen aufgebrochen, um sich andere an
+der Rheinmündung zu suchen. Schon hatten sie dort den Menapiern den auf
+dem rechten Ufer belegenen Teil ihres Gebiets weggenommen, und es war
+vorherzusehen, daß sie den Versuch machen würden, auch auf dem linken
+sich festzusetzen. Zwischen Köln und Mainz sammelten ferner sich
+suebische Haufen und drohten in dem gegenüberliegenden Keltengau der
+Treverer als ungeladene Gäste zu erscheinen. Endlich ward auch das
+Gebiet des östlichsten Clans der Kelten, der streitbaren und
+zahlreichen Helvetier, immer nachdrücklicher von den Germanen
+heimgesucht, so daß die Helvetier, die vielleicht schon ohnehin durch
+das Zurückströmen ihrer Ansiedler aus dem verlorenen Gebiet nordwärts
+vom Rheine an Überbevölkerung litten, überdies durch die Festsetzung
+Ariovists im Gebiet der Sequaner, einer völligen Isolierung von ihren
+Stammgenossen entgegengingen, den verzweifelten Entschluß faßten, ihr
+bisheriges Gebiet freiwillig den Germanen zu räumen und westlich vom
+Jura geräumigere und fruchtbarere Sitze und zugleich womöglich die
+Hegemanie im inneren Gallien zu gewinnen - ein Plan, den schon während
+der kimbrischen Invasion einige ihrer Distrikte gefaßt und auszuführen
+versucht hatten. Die Rauraker, deren Gebiet (Basel und der südliche
+Elsaß) in ähnlicher Weise bedroht war, ferner die Reste der Boier, die
+bereits früher von den Germanen gezwungen waren, ihrer Heimat den
+Rücken zu kehren, und nun unstet umherirrten, und andere kleinere
+Stämme machten mit den Helvetiern gemeinschaftliche Sache. Bereits 693
+(61) kamen ihre Streiftrupps über den Jura und selbst bis in die
+römische Provinz; der Aufbruch selbst konnte nicht mehr lange sich
+verzögern; unvermeidlich rückten alsdann germanische Ansiedler nach in
+die von ihren Verteidigern verlassene wichtige Landschaft zwischen dem
+Boden- und dem Genfersee. Von den Rheinquellen bis zum Atlantischen
+Ozean waren die deutschen Stämme in Bewegung, die ganze Rheinlinie von
+ihnen bedroht; es war ein Moment wie da die Alamannen und Franken sich
+über das sinkende Reich der Caesaren warfen, und jetzt gleich schien
+gegen die Kelten ebendas ins Werk gesetzt werden zu sollen, was ein
+halbes Jahrtausend später gegen die Römer gelang.
+
+Unter diesen Verhältnissen traf der neue Statthalter Gaius Caesar im
+Frühling 696 (58) in dem Narbonensischen Gallien ein, das zu seiner
+ursprünglichen, das Diesseitige Gallien nebst Istrien und Dalmatien
+umfassenden Statthalterschaft durch Senatsbeschluß hinzugefügt worden
+war. Sein Amt, das ihm zuerst auf fünf (bis Ende 700 54), dann im Jahre
+699 (55) auf weitere fünf Jahre (bis Ende 705 49) übertragen ward, gab
+ihm das Recht, zehn Unterbefehlshaber von proprätorischem Rang zu
+ernennen, und - wenigstens nach seiner Auslegung - aus der besonders im
+Diesseitigen Gallien zahlreichen Bürgerbevölkerung des ihm gehorchenden
+Gebiets nach Gutdünken seine Legionen zu ergänzen oder auch neue zu
+bilden. Das Heer, das er in den beiden Provinzen übernahm, bestand an
+Linienfußvolk aus vier geschulten und kriegsgewohnten Legionen, der
+siebenten, achten, neunten und zehnten, oder höchstens 24000 Mann, wozu
+dann, wie üblich, die Untertanenkontingente hinzutraten. Reiterei und
+Leichtbewaffnete waren außerdem vertreten durch Reiter aus Spanien und
+numidische, kretische, balearische Schützen und Schleuderer. Caesars
+Stab, die Elite der hauptstädtischen Demokratie, enthielt neben nicht
+wenigen unbrauchbaren, vornehmen jungen Männern einzelne fähige
+Offiziere, wie Publius Crassus, den jüngeren Sohn des alten politischen
+Bundesgenossen Caesars, und Titus Labienus, der dem Haupt der
+Demokratie als treuer Adjutant vom Forum auf das Schlachtfeld gefolgt
+war. Bestimmte Aufträge hatte Caesar nicht erhalten; für den
+Einsichtigen und Mutigen lagen sie in den Verhältnissen. Auch hier war
+nachzuholen, was der Senat versäumt hatte, und vor allen Dingen der
+Strom der deutschen Völkerwanderung zu hemmen. Ebenjetzt begann die mit
+der deutschen eng verflochtene und seit langen Jahren vorbereitete
+helvetische Invasion. Um die verlassenen Hütten nicht den Germanen zu
+gönnen, und um sich selber die Rückkehr unmöglich zu machen, hatten die
+Helvetier ihre Städte und Weiler niedergebrannt, und ihre langen
+Wagenzüge, mit Weibern, Kindern und dem besten Teil der Fahrnis
+beladen, trafen von allen Seiten her am Leman bei Genava (Genf) ein, wo
+sie und ihre Genossen sich zum 28. März ^13 dieses Jahres Rendezvous
+gegeben hatten. Nach ihrer eigenen Zählung bestand die gesamte Masse
+aus 368000 Köpfen, wovon etwa der vierte Teil imstande war, die Waffen
+zu tragen. Das Juragebirge, das vom Rhein bis zur Rhone sich
+erstreckend die helvetische Landschaft gegen Westen fast vollständig
+abschloß und dessen schmale Defileen für den Durchzug einer solchen
+Karawane ebenso schlecht geeignet waren wie gut für die Verteidigung,
+hatten darum die Führer beschlossen, in südlicher Richtung zu umgehen
+und den Weg nach Westen sich da zu eröffnen, wo zwischen dem
+südwestlichen und höchsten Teil des Jura und den savoyischen Bergen bei
+dem heutigen Fort de l’Ecluse die Rhone die Gebirgsketten durchbrochen
+hat. Allein am rechten Ufer treten hier die Felsen und Abgründe so hart
+an den Fluß, daß nur ein schmaler, leicht zu sperrender Pfad übrig
+bleibt und die Sequaner, denen dies Ufer gehörte, den Helvetiern mit
+Leichtigkeit den Paß verlegen konnten. Sie zogen es darum vor, oberhalb
+des Durchbruchs der Rhone auf das linke allobrogische Ufer überzugehen,
+um weiter stromabwärts, wo die Rhone in die Ebene eintritt, wieder das
+rechte zu gewinnen und dann weiter nach dem ebenen Westen Galliens zu
+ziehen; dort war der fruchtbare Kanton der Santonen (Saintonge, das Tal
+der Charente) am Atlantischen Meer von den Wanderern zu ihrem neuen
+Wohnsitz ausersehen. Dieser Marsch führte, wo er das linke Rhoneufer
+betrat, durch römisches Gebiet; und Caesar, ohnehin nicht gemeint, sich
+die Festsetzung der Helvetier im westlichen Gallien gefallen zu lassen,
+war fest entschlossen, ihnen den Durchzug nicht zu gestatten. Allein
+von seinen vier Legionen standen drei weit entfernt bei Aquileia;
+obwohl er die Milizen der jenseitigen Provinz schleunigst aufbot,
+schien es kaum möglich, mit einer so geringen Mannschaft dem zahllosen
+Keltenschwarm den Übergang über die Rhone, von ihrem Austritt aus dem
+Leman bei Genf bis zu ihrem Durchbruch, auf einer Strecke von mehr als
+drei deutschen Meilen, zu verwehren. Caesar gewann indes durch
+Unterhandlungen mit den Helvetiern, die den Übergang über den Fluß und
+den Marsch durch das allobrogische Gebiet gern in friedlicher Weise
+bewerkstelligt hätten, eine Frist von fünfzehn Tagen, welche dazu
+benutzt ward, die Rhonebrücke bei Genava (Genf) abzubrechen und das
+südliche Ufer der Rhone durch eine fast vier deutsche Meilen lange
+Verschanzung dem Feinde zu sperren - es war die erste Anwendung des von
+den Römern später in so ungeheurem Umfang durchgeführten Systems,
+mittels einer Kette einzelner, durch Wälle und Gräben miteinander in
+Verbindung gesetzter Schanzen die Reichsgrenze militärisch zu
+schließen. Die Versuche der Helvetier, auf Kähnen oder mittels Furten
+an verschiedenen Stellen das andere Ufer zu gewinnen, wurden in diesen
+Linien von den Römern glücklich vereitelt und die Helvetier genötigt,
+von dem Rhoneübergang abzustehen. Dagegen vermittelte die den Römern
+feindlich gesinnte Partei in Gallien, die an den Helvetiern eine
+mächtige Verstärkung zu erhalten hoffte, namentlich der Häduer
+Dumnorix, des Divitiacus Bruder und in seinem Gau wie dieser an der
+Spitze der römischen so seinerseits an der Spitze der nationalen
+Partei, ihnen den Durchmarsch durch die Jurapässe und das Gebiet der
+Sequaner. Dies zu verbieten hatten die Römer keinen Rechtsgrund; allein
+es standen für sie bei dem helvetischen Heerzug andere und höhere
+Interessen auf dem Spiel als die Frage der formellen Integrität des
+römischen Gebiets - Interessen, die nur gewahrt werden konnten, wenn
+Caesar, statt, wie alle Statthalter des Senats, wie selbst Marius
+getan, auf die bescheidene Aufgabe der Grenzbewachung sich zu
+beschränken, an der Spitze einer ansehnlichen Armee die bisherige
+Reichsgrenze überschritt. Caesar war Feldherr nicht des Senats, sondern
+des Staates: er schwankte nicht. Sogleich von Genava aus hatte er sich
+in eigener Person nach Italien begeben und mit der ihm eigenen
+Raschheit die drei dort kantonnierenden sowie zwei neugebildete
+Rekrutenlegionen herangeführt. Diese Truppen vereinigte er mit dem bei
+Genava stehenden Korps und überschritt mit der gesamten Macht die
+Rhone. Sein unvermutetes Erscheinen im Gebiete der Häduer brachte
+natürlich daselbst sofort wieder die römische Partei ans Regiment, was
+der Verpflegung wegen nicht gleichgültig war. Die Helvetier fand er
+beschäftigt, die Saône zu passieren und aus dem Gebiet der Sequaner in
+das der Häduer einzurücken; was von ihnen noch am linken Saôneufer
+stand, namentlich das Korps der Tigoriner, ward von den rasch
+vordringenden Römern aufgehoben und vernichtet. Das Gros des Zuges war
+indes bereits auf das rechte Ufer des Flusses übergesetzt; Caesar
+folgte ihnen und bewerkstelligte den Übergang, den der ungeschlachte
+Zug der Helvetier in zwanzig Tagen nicht hatte vollenden können, in
+vierundzwanzig Stunden. Die Helvetier, durch diesen Übergang der
+römischen Armee über den Fluß gehindert, ihren Marsch in westlicher
+Richtung fortzusetzen, schlugen die Richtung nach Norden ein, ohne
+Zweifel in der Voraussetzung, daß Caesar nicht wagen werde, ihnen weit
+in das innere Gallien hinein zu folgen, und in der Absicht, wenn er von
+ihnen abgelassen habe, sich wieder ihrem eigentlichen Ziel zuzuwenden.
+Fünfzehn Tage marschierte das römische Heer in dem Abstand etwa einer
+deutschen Meile von dem feindlichen hinter demselben her, an seine
+Fersen sich heftend und auf einen günstigen Augenblick hoffend, um den
+feindlichen Heereszug unter den Bedingungen des Sieges anzugreifen und
+zu vernichten. Allein dieser Augenblick kam nicht; wie schwerfällig
+auch die helvetische Karawane einherzog, die Führer wußten einen
+Überfall zu verhüten und zeigten sich wie mit Vorräten reichlich
+versehen, so durch ihre Spione von jedem Vorgang im römischen Lager
+aufs genaueste unterrichtet. Dagegen fingen die Römer an, Mangel an dem
+Notwendigsten zu leiden, namentlich als die Helvetier sich von der
+Saône entfernten und der Flußtransport aufhörte. Das Ausbleiben der von
+den Häduern versprochenen Zufuhren, aus dem diese Verlegenheit zunächst
+hervorging, erregte um so mehr Verdacht, als beide Heere immer noch auf
+ihrem Gebiete sich herumbewegten. Ferner zeigte sich die ansehnliche,
+fast 4000 Pferde zählende römische Reiterei völlig unzuverlässig - was
+freilich erklärlich war, da dieselbe fast ganz aus keltischer
+Ritterschaft, namentlich den Reitern der Häduer unter dem Befehl des
+wohlbekannten Römerfeindes Dumnorix bestand und Caesar selbst sie mehr
+noch als Geiseln denn als Soldaten übernommen hatte. Man hatte guten
+Grund zu glauben, daß eine Niederlage, die sie von der weit schwächeren
+helvetischen Reiterei erlitten, durch sie selbst herbeigeführt worden
+war, und daß durch sie der Feind von allen Vorfällen im römischen Lager
+unterrichtet ward. Caesars Lage wurde bedenklich; in leidiger
+Deutlichkeit kam es zu Tage, was selbst bei den Häduern, trotz ihres
+offiziellen Bündnisses mit Rom und der nach Rom sich neigenden
+Sonderinteressen dieses Gaus, die keltische Patriotenpartei vermochte;
+was sollte daraus werden, wenn man in die gärende Landschaft tiefer und
+tiefer sich hineinwagte und von den Verbindungen immer weiter sich
+entfernte? Eben zogen die Heere an der Hauptstadt der Häduer, Bibracte
+(Autun), in mäßiger Entfernung vorüber; Caesar beschloß, dieses
+wichtigen Ortes sich mit gewaffneter Hand zu bemächtigen, bevor er den
+Marsch in das Binnenland fortsetzte, und es ist wohl möglich, daß er
+überhaupt beabsichtigte, von weiterer Verfolgung abzustehen und in
+Bibracte sich festzusetzen. Allein da er, von der Verfolgung ablassend,
+sich gegen Bibracte wendete, meinten die Helvetier, daß die Römer zur
+Flucht Anstalt machten, und griffen nun ihrerseits an. Mehr hatte
+Caesar nicht gewünscht. Auf zwei parallel laufenden Hügelreihen
+stellten die beiden Heere sich auf; die Kelten begannen das Gefecht,
+sprengten die in die Ebene vorgeschobene römische Reiterei auseinander
+und liefen an gegen die am Abhang des Hügels postierten römischen
+Legionen, mußten aber hier vor Caesars Veteranen weichen. Als darauf
+die Römer, ihren Vorteil verfolgend, nun ihrerseits in die Ebene
+hinabstiegen, gingen die Kelten wieder gegen sie vor und ein
+zurückgehaltenes keltisches Korps nahm sie zugleich in die Flanke. Dem
+letzteren ward die Reserve der römischen Angriffskolonne
+entgegengeworfen; sie drängte dasselbe von der Hauptmasse ab auf das
+Gepäck und die Wagenburg, wo es aufgerieben ward. Auch das Gros des
+helvetischen Zuges ward endlich zum Weichen gebracht und genötigt, den
+Rückzug in östlicher Richtung zu nehmen - der entgegengesetzten von
+derjenigen, in die ihr Zug sie führte. Den Plan der Helvetier, am
+Atlantischen Meer sich neue Wohnsitze zu gründen, hatte dieser Tag
+vereitelt und die Helvetier der Willkür des Siegers überliefert; aber
+es war ein heißer auch für die Sieger gewesen. Caesar, der Ursache
+hatte, seinem Offizierkorps nicht durchgängig zu trauen, hatte gleich
+zu Anfang alle Offizierspferde fortgeschickt, um die Notwendigkeit
+standzuhalten den Seinigen gründlich klar zu machen; in der Tat würde
+die Schlacht, hätten die Römer sie verloren, wahrscheinlich die
+Vernichtung der römischen Armee herbeigeführt haben. Die römischen
+Truppen waren zu erschöpft, um die Überwundenen kräftig zu verfolgen;
+allein infolge der Bekanntmachung Caesars, daß er alle, die die
+Helvetier unterstützen würden, wie diese selbst als Feinde der Römer
+behandeln werde, ward, wohin die geschlagene Armee kam, zunächst in dem
+Gau der Lingonen (um Langres), ihr jede Unterstützung verweigert und,
+aller Zufuhr und ihres Gepäcks beraubt und belastet von der Masse des
+nicht kampffähigen Trosses, mußten sie wohl dem römischen Feldherrn
+sich unterwerfen. Das Los der Besiegten war ein verhältnismäßig mildes.
+Den heimatlosen Boiern wurden die Häduer angewiesen, in ihrem Gebiet
+Wohnsitze einzuräumen; und diese Ansiedlung der überwundenen Feinde
+inmitten der mächtigsten Kettengaue tat fast die Dienste einer
+römischen Kolonie. Die von den Helvetiern und Raurakern noch übrigen,
+etwas mehr als ein Drittel der ausgezogenen Mannschaft, wurden
+natürlich in ihr ehemaliges Gebiet zurückgesandt. Dasselbe wurde der
+römischen Provinz einverleibt, aber die Bewohner zum Bündnis mit Rom
+unter günstigen Bedingungen zugelassen, um unter römischer Hoheit am
+oberen Rhein die Grenze gegen die Deutschen zu verteidigen. Nur die
+südwestliche Spitze des helvetischen Gaus wurde von den Römern in
+unmittelbaren Besitz genommen und späterhin hier, an dem anmutigen
+Gestade des Leman, die alte Keltenstadt Noviodunum (jetzt Nyon) in eine
+römische Grenzfestung, die Julische Reiterkolonie ^14, umgewandelt.
+
+—————————————————————————-
+
+^13 Nach dem unberichtigten Kalender. Nach der gangbaren Rektifikation,
+die indes hier keineswegs auf hinreichend zuverlässigen Daten beruht,
+entspricht dieser Tag dem 16. April des Julianischen Kalenders.
+
+^14 Julia Equestris, wo der letzte Beiname zu fassen ist wie in anderen
+Kolonien Caesars die Beinamen sextanorum, decimanorum, u. a. m. Es
+waren keltische oder deutsche Reiter Caesars, die, natürlich unter
+Erteilung des römischen oder doch des latinischen Bürgerrechts, hier
+Landlose empfingen.
+
+————————————————————————-
+
+Am Oberrhein also war der drohenden Invasion der Deutschen vorgebeugt
+und zugleich die den Römern feindliche Partei unter den Kelten
+gedemütigt. Auch am Mittelrhein, wo die Deutschen bereits vor Jahren
+übergegangen waren und die in Gallien mit der römischen wetteifernde
+Macht des Ariovist täglich weiter um sich griff, mußte in ähnlicher
+Weise durchgegriffen werden, und leicht war die Veranlassung zum Bruche
+gefunden. Im Vergleich mit dem von Ariovist ihnen drohenden oder
+bereits auferlegten Joch mochte hier dem größeren Teil der Kelten jetzt
+die römische Suprematie das geringere Übel dünken; die Minorität, die
+an ihrem Römerhaß festhielt, mußte wenigstens verstummen. Ein unter
+römischem Einfluß abgehaltener Landtag der Keltenstämme des mittleren
+Galliens ersuchte im Namen der keltischen Nation den römischen
+Feldherrn um Beistand gegen die Deutschen. Caesar ging darauf ein. Auf
+seine Veranlassung stellten die Häduer die Zahlung des vertragsmäßig an
+Ariovist zu entrichtenden Tributes ein und forderten die gestellten
+Geiseln zurück, und da Ariovist wegen dieses Vertragsbruchs die
+Klienten Roms angriff, nahm Caesar davon Veranlassung, mit ihm in
+direkte Verhandlung zu treten und, außer der Rückgabe der Geiseln und
+dem Versprechen, mit den Häduern Frieden zu halten, namentlich zu
+fordern, daß Ariovist sich anheischig mache, keine Deutschen mehr über
+den Rhein nachzuziehen. Der deutsche Feldherr antwortete dem römischen
+in dem Vollgefühl ebenbürtigen Rechtes. Ihm sei das nördliche Gallien
+so gut nach Kriegsrecht untertänig geworden wie den Römern das
+südliche; wie er die Römer nicht hindere, von den Allobrogen Tribut zu
+nehmen, so dürften auch sie ihm nicht wehren, seine Untertanen zu
+besteuern. In späteren geheimen Eröffnungen zeigte es sich, daß der
+Fürst der römischen Verhältnisse wohl kundig war: er erwähnte der
+Aufforderungen, die ihm von Rom aus zugekommen seien, Caesar aus dem
+Wege zu räumen, und erbot sich, wenn Caesar ihm das nördliche Gallien
+überlassen wolle, ihm dagegen zur Erlangung der Herrschaft über Italien
+behilflich zu sein - wie ihm der Parteihader der keltischen Nation den
+Eintritt in Gallien eröffnet hatte, so schien er von dem Parteihader
+der italischen die Befestigung seiner Herrschaft daselbst zu erwarten.
+Seit Jahrhunderten war den Römern gegenüber diese Sprache der
+vollkommen ebenbürtigen und ihre Selbständigkeit schroff und
+rücksichtslos äußernden Macht nicht geführt worden, wie man sie jetzt
+von dem deutschen Heerkönig vernahm: kurzweg weigerte er sich zu
+kommen, als der römische Feldherr nach der bei Klientelfürsten
+hergebrachten Übung ihm ansann, vor ihm persönlich zu erscheinen. Um so
+notwendiger war es, nicht zu zaudern: sogleich brach Caesar auf gegen
+Ariovist. Ein panischer Schrecken ergriff seine Truppen, vor allem
+seine Offiziere, als sie daran sollten, mit den seit vierzehn Jahren
+nicht unter Dach und Fach gekommenen deutschen Kernscharen sich zu
+messen - auch in Caesars Lager schien die tiefgesunkene römische
+Sitten- und Kriegszucht sich geltend machen und Desertion und Meuterei
+hervorrufen zu wollen. Allein der Feldherr, indem er erklärte,
+nötigenfalls mit der zehnten Legion allein gegen den Feind zu ziehen,
+wußte nicht bloß durch solche Ehrenmahnung diese, sondern durch den
+kriegerischen Wetteifer auch die übrigen Regimenter an die Adler zu
+fesseln und etwas von seiner eigenen Energie den Truppen einzuhauchen.
+Ohne ihnen Zeit zu lassen, sich zu besinnen, führte er in raschen
+Märschen sie weiter und kam glücklich Ariovist in der Besetzung der
+sequanischen Hauptstadt Vesontio (Besançon) zuvor. Eine persönliche
+Zusammenkunft der beiden Feldherrn, die auf Ariovists Begehren
+stattfand, schien einzig einen Versuch gegen Caesars Person bedecken zu
+sollen; zwischen den beiden Zwingherren Galliens konnten nur die Waffen
+entscheiden. Vorläufig kam der Krieg zum Stehen. Im unteren Elsaß, etwa
+in der Gegend von Mülhausen, eine deutsche Meile vom Rhein ^15,
+lagerten die beiden Heere in geringer Entfernung voneinander, bis es
+Ariovist gelang, mit seiner sehr überlegenen Macht an dem römischen
+Lager vorbeimarschierend, sich ihm in den Rücken zu legen und die Römer
+von ihrer Basis und ihren Zufuhren abzuschneiden. Caesar versuchte sich
+aus seiner peinlichen Lage durch eine Schlacht zu befreien; allein
+Ariovist nahm sie nicht an. Dem römischen Feldherrn blieb nichts übrig,
+als trotz seiner geringen Stärke, die Bewegung des Feindes nachzuahmen
+und seine Verbindungen dadurch wieder zu gewinnen, daß er zwei Legionen
+am Feinde vorbeiziehen und jenseits des Lagers der Deutschen eine
+Stellung nehmen ließ, während vier in dem bisherigen Lager
+zurückblieben. Ariovist, da er die Römer geteilt sah, versuchte einen
+Sturm auf ihr kleineres Lager; allein die Römer schlugen ihn ab. Unter
+dem Eindruck dieses Erfolges ward das gesamte römische Heer zum Angriff
+vorgeführt; und auch die Deutschen stellten in Schlachtordnung sich
+auf, in langer Linie, jeder Stamm für sich, hinter sich, um die Flucht
+zu erschweren, die Karren der Armee mit dem Gepäck und den Weibern. Der
+rechte Flügel der Römer unter Caesars eigener Führung stürzte sich
+rasch auf den Feind und trieb ihn vor sich her; dasselbe gelang dem
+rechten Flügel der Deutschen. Noch stand die Waage gleich; allein die
+Taktik der Reserven entschied, wie so manchen anderen Kampf gegen
+Barbaren, so auch den gegen die Germanen zu Gunsten der Römer; ihre
+dritte Linie, die Publius Crassus rechtzeitig zur Hilfe sandte, stellte
+auf dem linken Flügel die Schlacht wieder her und damit war der Sieg
+entschieden. Bis an den Rhein ward die Verfolgung fortgesetzt; nur
+wenigen, darunter dem König, gelang es, auf das andere Ufer zu
+entkommen (696 58).
+
+————————————————————
+
+^15 F. W. A. Göler (Cäsars gallischer Krieg. Karlsruhe 1858, S. 45f.)
+meint, das Schlachtfeld bei Cernay unweit Mühlhausen aufgefunden zu
+haben, was im ganzen übereinkommt mit Napoleons (précis p. 35)
+Ansetzung des Schlachtfeldes in der Gegend von Belfort. Diese Annahme
+ist zwar nicht sicher, aber den Umständen angemessen; denn daß Caesar
+für die kurze Strecke von Besançon bis dahin sieben Tagemärsche
+brauchte, erklärt er selbst (Lall. 1, 41) durch die Bemerkung, daß er
+einen Umweg von über zehn deutschen Meilen genommen, um die Bergwege zu
+vermeiden, und dafür, daß die Schlacht 5, nicht 50 Milien vom Rhein
+geschlagen ward, entscheidet bei gleicher Autorität der Überlieferung
+die ganze Darstellung der bis zum Rhein fortgesetzten und offenbar
+nicht mehrtägigen, sondern an dem Schlachttag selbst beendigten
+Verfolgung. Der Vorschlag W. Rüstows (Einleitung zu Caesars Kommentar,
+S. 117), das Schlachtfeld an die obere Saar zu verlegen, beruht auf
+einem Mißverständnis. Das von den Sequanern, Denkern, Lingonen
+erwartete Getreide soll dem römischen Heere nicht unterwegs auf dem
+Marsche gegen Ariovist zukommen, sondern vor dem Aufbruch nach Besançon
+geliefert und von den Truppen mitgenommen werden; wie dies sehr
+deutlich daraus hervorgeht, daß Caesar, indem er seine Truppen auf jene
+Lieferungen hinweist, daneben sie auf das unterwegs einzubringende Korn
+vertröstet. Von Besançon aus beherrschte Caesar die Gegend von Langres
+und Epinal und schrieb, wie begreiflich, seine Lieferungen lieber hier
+aus als in den ausfouragierten Distrikten, aus denen er kam.
+
+————————————————————
+
+So glänzend kündigte dem mächtigen Strom, den hier die italischen
+Soldaten zum erstenmal erblickten, das römische Regiment sich an; mit
+einer einzigen glücklichen Schlacht war die Rheinlinie gewonnen. Das
+Schicksal der deutschen Ansiedlungen am linken Rheinufer lag in Caesars
+Hand; der Sieger konnte sie vernichten, aber er tat es nicht. Die
+benachbarten keltischen Gaue, die Sequaner, Leuker, Mediomatriker,
+waren weder wehrhaft noch zuverlässig; die übersiedelten Deutschen
+versprachen nicht bloß tapfere Grenzhüter, sondern auch bessere
+Untertanen Roms zu werden, da sie von den Kelten die Nationalität, von
+ihren überrheinischen Landsleuten das eigene Interesse an der Bewahrung
+der neugewonnenen Wohnsitze schied und sie bei ihrer isolierten
+Stellung nicht umhin konnten, an der Zentralgewalt festzuhalten. Caesar
+zog hier wie überall die überwundenen Feinde den zweifelhaften Freunden
+vor; er ließ den von Ariovist längs des linken Rheinufers angesiedelten
+Germanen, den Tribokern um Straßburg, den Nemetern um Speyer, den
+Vangionen um Worms, ihre neuen Sitze und vertraute ihnen die Bewachung
+der Rheingrenze gegen ihre Landsleute an ^16.
+
+———————————————————————
+
+^16 Das scheint die einfachste Annahme über den Ursprung dieser
+germanischen Ansiedlungen. Daß Ariovist jene Völker am Mittelrhein
+ansiedelte, ist deshalb wahrscheinlich, weil sie in seinem Heer fechten
+(Caes. Gall. 1, 51) und früher nicht vorkommen; daß ihnen Caesar ihre
+Sitze ließ, deshalb, weil er Ariovist gegenüber sich bereit erklärte,
+die in Gallien bereits ansässigen Deutschen zu dulden (Caes. Gall. 1,
+35. 43), und weil wir sie später in diesen Sitzen finden. Caesar
+gedenkt der nach der Schlacht hinsichtlich dieser germanischen
+Ansiedlungen getroffenen Verfügungen nicht, weil er über alle in
+Gallien von ihm vorgenommenen organischen Einrichtungen grundsätzlich
+Stillschweigen beobachtet.
+
+———————————————————————
+
+Die Sueben aber, die am Mittelrhein das treverische Gebiet bedrohten,
+zogen auf die Nachricht von Ariovists Niederlage wieder zurück in das
+innere Deutschland, wobei sie unterwegs durch die nächstwohnenden
+Völkerschaften ansehnliche Einbuße erlitten.
+
+Die Folgen dieses einen Feldzuges waren unermeßlich; noch Jahrtausende
+nachher wurden sie empfunden. Der Rhein war die Grenze des Römischen
+Reiches gegen die Deutschen geworden. In Gallien, das nicht mehr
+vermochte, sich selber zu gebieten, hatten bisher die Römer an der
+Südküste geherrscht, seit kurzem die Deutschen versucht, weiter
+oberwärts sich festzusetzen. Die letzten Ereignisse hatten es
+entschieden, daß Gallien nicht nur zum Teil, sondern ganz der römischen
+Oberhoheit zu verfallen und daß die Naturgrenze, die der mächtige Fluß
+darbietet, auch die staatliche Grenze zu werden bestimmt war. In seiner
+besseren Zeit hatte der Senat nicht geruht, bis Roms Herrschaft
+Italiens natürliche Grenzen, die Alpen und das Mittelmeer und dessen
+nächste Inseln, erreicht hatte. Einer ähnlichen militärischen Abrundung
+bedurfte auch das erweiterte Reich; aber die gegenwärtige Regierung
+überließ dieselbe dem Zufall und sah höchstens darauf, nicht daß die
+Grenzen verteidigt werden konnten, sondern daß sie nicht unmittelbar
+von ihr selbst verteidigt zu werden brauchten. Man fühlte es, daß jetzt
+ein anderer Geist und ein anderer Arm die Geschicke Roms zu lenken
+begannen.
+
+Die Grundmauern des künftigen Gebäudes standen; um aber dasselbe
+auszubauen und bei den Galliern die Anerkennung der römischen
+Herrschaft und der Rheingrenze bei den Deutschen vollständig
+durchzuführen, fehlte doch noch gar viel. Ganz Mittelgallien zwar von
+der römischen Grenze bis hinauf nach Chartres und Trier fügte sich ohne
+Widerrede dem neuen Machthaber, und am oberen und mittleren Rhein war
+auch von den Deutschen vorläufig kein Angriff zu besorgen. Allein die
+nördlichen Landschaften, sowohl die aremorikanischen Gaue in der
+Bretagne und der Normandie als auch die mächtigere Konföderation der
+Belgen, waren von den gegen das mittlere Gallien geführten Schlägen
+nicht mitgetroffen worden und fanden sich nicht veranlaßt, dem Besieger
+Ariovists sich zu unterwerfen. Es kam hinzu, daß, wie bemerkt, zwischen
+den Belgen und den überrheinischen Deutschen sehr enge Beziehungen
+bestanden und auch an der Rheinmündung germanische Stämme sich fertig
+machten, den Strom zu überschreiten. Infolgedessen brach Caesar mit
+seinem jetzt auf acht Legionen vermehrten Heer im Frühjahr 697 (57) auf
+gegen die belgischen Gaue. Eingedenk des tapferen und glücklichen
+Widerstandes, den sie fünfzig Jahre zuvor mit gesamter Hand an der
+Landgrenze den Kimbrern geleistet hatte, und gespornt durch die
+zahlreich aus Mittelgallien zu ihnen geflüchteten Patrioten, sandte die
+Eidgenossenschaft der Belgen ihr gesamtes erstes Aufgebot, 300000
+Bewaffnete unter Anführung des Königs der Suessionen, Galba, an ihre
+Südgrenze, um Caesar daselbst zu empfangen. Nur ein einziger Gau, der
+der mächtigen Remer (um Reims), ersah in dieser Invasion der Fremden
+die Gelegenheit, das Regiment abzuschütteln, das ihre Nachbarn, die
+Suessionen, über sie ausübten, und schickte sich an, die Rolle, die in
+Mittelgallien die Häduer gespielt hatten, im nördlichen zu übernehmen.
+In ihrem Gebiet trafen das römische und das belgische Heer fast
+gleichzeitig ein. Caesar unternahm es nicht, dem tapferen, sechsfach
+stärkeren Feinde eine Schlacht zu liefern; nordwärts der Aisne, unweit
+des heutigen Pontavert, zwischen Reims und Laon, nahm er sein Lager auf
+einem teils durch den Fluß und durch Sümpfe, teils durch Gräben und
+Redouten von allen Seiten fast unangreifbar gemachten Plateau und
+begnügte sich, die Versuche der Belgen, die Aisne zu überschreiten und
+ihn damit von seinen Verbindungen abzuschneiden, durch defensive
+Maßregeln zu vereiteln. Wenn er darauf zählte, daß die Koalition
+demnächst unter ihrer eigenen Schwere zusammenbrechen werde, so hatte
+er richtig gerechnet. König Galba war ein redlicher, allgemein
+geachteter Mann; aber der Lenkung einer Armee von 300000 Mann auf
+feindlichem Boden war er nicht gewachsen. Man kam nicht weiter und die
+Vorräte gingen auf die Neige; Unzufriedenheit und Entzweiung fingen an,
+im Lager der Eidgenossen sich einzunisten. Die Bellovaker vor allem,
+den Suessionen an Macht gleich und schon verstimmt darüber, daß die
+Feldhauptmannschaft des eidgenössischen Heeres nicht an sie gekommen
+war, waren nicht länger zu halten, seit die Meldung eingetroffen war,
+daß die Häduer als Bundesgenossen der Römer Anstalt machten, in das
+bellovakische Gebiet einzurücken. Man beschloß, sich aufzulösen und
+nach Hause zu gehen; wenn Schande halber die sämtlichen Gaue zugleich
+sich verpflichteten, dem zunächst angegriffenen mit gesamter Hand zu
+Hilfe zu eilen, so ward durch solche unausführbare Stipulationen das
+klägliche Auseinanderlaufen der Eidgenossenschaft nur kläglich
+beschönigt. Es war eine Katastrophe, welche lebhaft an diejenige
+erinnert, die im Jahre 1792 fast auf demselben Boden eintrat; und
+gleichwie in dem Feldzug in der Champagne war die Niederlage nur um so
+schwerer, weil sie ohne Schlacht erfolgt war. Die schlechte Leitung der
+abziehenden Armee gestattete dem römischen Feldherrn, dieselbe zu
+verfolgen, als wäre sie eine geschlagene, und einen Teil der bis
+zuletzt gebliebenen Kontingente aufzureiben. Aber die Folgen des Sieges
+beschränkten sich hierauf nicht. Wie Caesar in die westlichen Kantone
+der Belgen einrückte, gab einer nach dem andern fast ohne Gegenwehr
+sich verloren: die mächtigen Suessionen (um Soissons), ebenso wie ihre
+Nebenbuhler, die Bellovaker (um Beauvais) und die Ambianer (um Amiens).
+Die Städte öffneten die Tore, als sie die fremdartigen
+Belagerungsmaschinen, die auf die Mauern zurollenden Türme erblickten;
+wer sich dem fremden Herrn nicht ergeben mochte, suchte eine Zuflucht
+jenseits des Meeres in Britannien. Aber in den östlichen Kantonen regte
+sich energischer das Nationalgefühl. Die Viromanduer (um Arras), die
+Atrebaten (um Saint-Quentin), die deutschen Aduatuker (um Namur), vor
+allem aber die Nervier (im Hennegau) mit ihrer nicht geringen Klientel,
+an Zahl den Suessionen und Bellovakern wenig nachgebend, an Tapferkeit
+und kräftigem Vaterlandssinn ihnen weit überlegen, schlossen einen
+zweiten und engeren Bund und zogen ihre Mannschaften an der oberen
+Samtire zusammen. Keltische Spione unterrichteten sie aufs genaueste
+über die Bewegungen der römischen Armee; ihre eigene Ortskunde sowie
+die hohen Verzäunungen, welche in diesen Landschaften überall angelegt
+waren, um den dieselben oft heimsuchenden berittenen Räuberscharen den
+Weg zu versperren, gestatteten den Verbündeten, ihre eigenen
+Operationen dem Blick der Römer größtenteils zu entziehen. Als diese an
+der Sambre unweit Bavay anlangten und die Legionen eben beschäftigt
+waren, auf dem Kamm des linken Ufers das Lager zu schlagen, die
+Reiterei und leichte Infanterie die jenseitigen Höhen zu erkunden,
+wurden auf einmal die letzteren von der gesamten Masse des feindlichen
+Landsturms überfallen und den Hügel hinab in den Fluß gesprengt. In
+einem Augenblick hatte der Feind auch diesen überschritten und stürmte
+mit todverachtender Entschlossenheit die Höhen des linken Ufers. Kaum
+blieb den schanzenden Legionären die Zeit, um die Hacke mit dem Schwert
+zu vertauschen; die Soldaten, viele unbehelmt, mußten fechten, wo sie
+eben standen, ohne Schlachtlinie, ohne Plan, ohne eigentliches
+Kommando, denn bei der Plötzlichkeit des Überfalls und dem von hohen
+Hecken durchschnittenen Terrain hatten die einzelnen Abteilungen die
+Verbindung völlig verloren. Statt der Schlacht entspann sich eine
+Anzahl zusammenhangloser Gefechte. Labienus mit dem linken Flügel warf
+die Atrebaten und verfolgte sie bis über den Fluß. Das römische
+Mitteltreffen drängte die Viromanduer den Abhang hinab. Der rechte
+Flügel aber, bei dem der Feldherr selbst sich befand, wurde von den
+weit zahlreicheren Nerviern um so leichter überflügelt, als das
+Mitteltreffen, durch seinen Erfolg fortgerissen, den Platz neben ihm
+geräumt hatte, und selbst das halbfertige Lager von den Nerviern
+besetzt; die beiden Legionen, jede einzeln in ein dichtes Knäuel
+zusammengeballt und von vorn und in beiden Flanken angegriffen, ihrer
+meisten Offiziere und ihrer besten Soldaten beraubt, schienen im
+Begriff, gesprengt und zusammengehauen zu werden. Schon flohen der
+römische Troß und die Bundestruppen nach allen Seiten; von der
+keltischen Reiterei jagten ganze Abteilungen, wie das Kontingent der
+Treverer, mit verhängten Zügeln davon, um vom Schlachtfelde selbst die
+willkommene Kunde der erlittenen Niederlage daheim zu melden. Es stand
+alles auf dem Spiel. Der Feldherr selbst ergriff den Schild und focht
+unter den Vordersten; sein Beispiel, sein auch jetzt noch begeisternder
+Zuruf brachten die schwankenden Reihen wieder zum Stehen. Schon hatte
+man einigermaßen sich Luft gemacht und wenigstens die Verbindung der
+beiden Legionen dieses Flügels wiederhergestellt, als Succurs
+herbeikam: teils von dem Uferkamm herab, wo währenddessen mit dem
+Gepäck die römische Nachhut eingetroffen war, teils vom anderen
+Flußufer her, wo Labienus inzwischen bis an das feindliche Lager
+vorgedrungen war und sich dessen bemächtigt hatte und nun, endlich die
+auf dem rechten Flügel drohende Gefahr gewahrend, die siegreiche zehnte
+Legion seinem Feldherrn zu Hilfe sandte. Die Nervier, von ihren
+Verbündeten getrennt und von allen Seiten zugleich angegriffen,
+bewährten jetzt, wo das Glück sich wandte, denselben Heldenmut, wie da
+sie sich Sieger glaubten; noch von den Leichenbergen der Ihrigen
+herunter fochten sie bis auf den letzten Mann. Nach ihrer eigenen
+Angabe überlebten von ihren sechshundert Ratsherren nur drei diesen
+Tag. Nach dieser vernichtenden Niederlage mußten die Nervier, Atrebaten
+und Viromanduer wohl die römische Hoheit anerkennen. Die Aduatuker, zu
+spät eingetroffen, um an dem Kampfe an der Sambre teilzunehmen,
+versuchten zwar noch, in der festesten ihrer Städte (auf dem Berge
+Falhize an der Maas unweit Huy) sich zu halten, allein bald unterwarfen
+auch sie sich. Ein noch nach der Ergebung gewagter nächtlicher Überfall
+des römischen Lagers vor der Stadt schlug fehl und der Treubruch ward
+von den Römern mit furchtbarer Strenge geahndet. Die Klientel der
+Aduatuker, die aus den Eburonen zwischen Maas und Rhein und anderen
+kleinen, benachbarten Stämmen bestand, wurde von den Römern selbständig
+erklärt, die gefangenen Aduatuker aber in Masse zu Gunsten des
+römischen Schatzes unter dem Hammer verkauft. Es schien, als ob das
+Verhängnis, das die Kimbrer betroffen hatte, auch diesen letzten
+kimbrischen Splitter noch verfolge. Den übrigen unterworfenen Stämmen
+begnügte sich Caesar eine allgemeine Entwaffnung und Geiselstellung
+aufzuerlegen. Die Remer wurden natürlich der führende Gau im belgischen
+wie die Häduer im mittleren Gallien; sogar in diesem begaben sich
+manche mit den Häduern verfeindete Clans vielmehr in die Klientel der
+Reiner. Nur die entlegenen Seekantone der Moriner (Artois) und der
+Menapier (Flandern und Brabant) und die großenteils von Deutschen
+bewohnte Landschaft zwischen Schelde und Rhein blieben für diesmal von
+der römischen Invasion noch verschont und im Besitz ihrer angestammten
+Freiheit.
+
+Die Reihe kam an die aremorikanischen Gaue. Noch im Herbst 697 (57)
+ward Publius Crassus mit einem römischen Korps dahin gesandt; er
+bewirkte, daß die Veneter, die, als Herren der Häfen des heutigen
+Morbihan und einer ansehnlichen Flotte, in Schiffahrt und Handel unter
+allen keltischen Gauen den ersten Platz einnahmen, und überhaupt die
+Küstendistrikte zwischen Loire und Seine sich den Römern unterwarfen
+und ihnen Geiseln stellten. Allein es gereute sie bald. Als im
+folgenden Winter (697/98 57/5 römische Offiziere in diese Gegenden
+kamen, um Getreidelieferungen daselbst auszuschreiben, wurden sie von
+den Venetern als Gegengeiseln festgehalten. Dem gegebenen Beispiel
+folgten rasch nicht bloß die aremoricanischen, sondern auch die noch
+freigebliebenen Seekantone der Belgen; wo, wie in einigen Gauen der
+Normandie, der Gemeinderat sich weigerte, der Insurrektion beizutreten,
+machte die Menge ihn nieder und schloß mit verdoppeltem Eifer der
+Nationalsache sich an. Die ganze Küste von der Mündung der Loire bis zu
+der des Rheins stand auf gegen Rom; die entschlossensten Patrioten aus
+allen keltischen Gauen eilten dorthin, um mitzuwirken an dem großen
+Werke der Befreiung; man rechnete schon auf den Aufstand der gesamten
+belgischen Eidgenossenschaft, auf Beistand aus Britannien, auf das
+Einrücken der überrheinischen Germanen.
+
+Caesar sandte Labienus mit der ganzen Reiterei an den Rhein, um die
+gärende belgische Landschaft niederzuhalten und nötigenfalls den
+Deutschen den Übergang über den Fluß zu wehren; ein anderer seiner
+Unterbefehlshaber, Quintus Titurius Sabinus, ging mit drei Legionen
+nach der Normandie, wo die Hauptmasse der Insurgenten sich sammelte.
+Allein der eigentliche Herd der Insurrektion waren die mächtigen und
+intelligenten Veneter; gegen sie ward zu Lande und zur See der
+Hauptangriff gerichtet. Die teils aus den Schiffen der untertänigen
+Keltengaue, teils aus einer Anzahl römischer, eiligst auf der Loire
+erbauter und mit Ruderern aus der Narbonensischen Provinz bemannter
+Galeeren gebildete Flotte führte der Unterfeldherr Decimus Brutus
+heran; Caesar selbst rückte mit dem Kern seiner Infanterie ein in das
+Gebiet der Veneter. Aber man war dort vorbereitet und hatte ebenso
+geschickt wie entschlossen die günstigen Verhältnisse benutzt, die das
+bretagnische Terrain und der Besitz einer ansehnlichen Seemacht darbot.
+Die Landschaft war durchschnitten und getreidearm, die Städte
+größtenteils auf Klippen und Landspitzen gelegen und vom Festlande her
+nur auf schwer zu passierenden Watten zugänglich; die Verpflegung wie
+die Belagerung waren für das zu Lande angreifende Heer gleich
+schwierig, während die Kelten durch ihre Schiffe die Städte leicht mit
+allem Nötigen versehen und im schlimmsten Fall die Räumung derselben
+bewerkstelligen konnten. Die Legionen verschwendeten in den
+Belagerungen der venetischen Ortschaften Zeit und Kraft, um zuletzt die
+wesentlichen Früchte des Sieges auf den Schiffen der Feinde
+verschwinden zu sehen. Als daher die römische Flotte, lange in der
+Loiremündung von Stürmen zurückgehalten, endlich an der bretagnischen
+Küste eintraf, überließ man es ihr, den Kampf durch eine Seeschlacht zu
+entscheiden. Die Kelten, ihrer Überlegenheit auf diesem Elemente sich
+bewußt, führten gegen die von Brutus befehligte römische Flotte die
+ihrige vor. Nicht bloß zählte diese zweihundertzwanzig Segel, weit
+mehr, als die Römer hatten aufbringen können; ihre hochbordigen,
+festgebauten Segelschiffe von flachem Boden waren auch bei weitem
+geeigneter für die hochgehenden Fluten des Atlantischen Meeres als die
+niedrigen leichtgefugten Rudergaleeren der Römer mit ihren scharfen
+Kielen. Weder die Geschosse noch die Enterbrücken der Römer vermochten
+das hohe Deck der feindlichen Schiffe zu erreichen und an den mächtigen
+Eichenplanken derselben prallten die eisernen Schnäbel machtlos ab.
+Allein die römischen Schiffsleute zerschnitten die Taue, durch welche
+die Rahen an den Masten befestigt waren, mittels an langen Stangen
+befestigter Sicheln; Rahen und Segel stürzten herab und, da man den
+Schaden nicht rasch zu ersetzen verstand, ward das Schiff dadurch zum
+Wrack, wie heutzutage durch Stürzen der Maste, und leicht gelang es den
+römischen Booten, durch vereinigten Angriff des gelähmten feindlichen
+Schiffes sich zu bemeistern. Als die Gallier dieses Manövers
+innewurden, versuchten sie von der Küste, an der sie den Kampf mit den
+Römern aufgenommen hatten, sich zu entfernen und die hohe See zu
+gewinnen, wohin die römischen Galeeren ihnen nicht folgen konnten;
+allein zum Unglück für sie trat plötzlich eine vollständige Windstille
+ein und die ungeheure Flotte, an deren Ausrüstung die Seegaue alle ihre
+Kräfte gesetzt hatten, ward von den Römern fast gänzlich vernichtet. So
+ward diese Seeschlacht - soweit die geschichtliche Kunde reicht, die
+älteste auf dem Atlantischen Ozean geschlagene - ebenwie zweihundert
+Jahre zuvor das Treffen bei Mylae trotz der ungünstigsten Verhältnisse
+durch eine von der Not eingegebene glückliche Erfindung zum Vorteil der
+Römer entschieden. Die Folge des von Brutus erfochtenen Sieges war die
+Ergebung der Veneter und der ganzen Bretagne. Mehr, um der keltischen
+Nation, nach so vielfältigen Beweisen von Milde gegen die
+Unterworfenen, jetzt durch ein Beispiel furchtbarer Strenge gegen die
+hartnäckig Widerstrebenden zu imponieren, als um den Vertragsbruch und
+die Festnahme der römischen Offiziere zu ahnden, ließ Caesar den
+gesamten Gemeinderat hinrichten und die Bürgerschaft des venetischen
+Gaus bis auf den letzten Mann in die Knechtschaft verkaufen. Durch dies
+entsetzliche Geschick wie durch ihre Intelligenz und ihren Patriotismus
+haben die Veneter mehr als irgendein anderer Keltenclan sich ein
+Anrecht erworben auf die Teilnahme der Nachwelt. Dem am Kanal
+versammelten Aufgebot der Küstenstaaten setzte Sabinus inzwischen
+dieselbe Taktik entgegen, durch die Caesar das Jahr zuvor den
+belgischen Landsturm an der Aisne überwunden hatte; er verhielt sich
+verteidigend, bis Ungeduld und Mangel in den Reihen der Feinde
+einrissen, und wußte sie dann durch Täuschung über die Stimmung und
+Stärke seiner Truppen und vor allem durch die eigene Ungeduld zu einem
+unbesonnenen Sturm auf das römische Lager zu verlocken und dabei zu
+schlagen, worauf die Milizen sich zerstreuten und die Landschaft bis
+zur Seine sich unterwarf.
+
+Nur die Moriner und Menapier beharrten dabei, sich der Anerkennung der
+römischen Hoheit zu entziehen. Um sie dazu zu zwingen, erschien Caesar
+an ihren Grenzen: aber gewitzigt durch die von ihren Landsleuten
+gemachten Erfahrungen, vermieden sie es, den Kampf an der Landesgrenze
+aufzunehmen und wichen zurück in die damals von den Ardennen gegen die
+Nordsee hin fast ununterbrochen sich erstreckenden Wälder. Die Römer
+versuchten, sich durch dieselben mit der Axt eine Straße zu bahnen, zu
+deren beiden Seiten die gefällten Bäume als Verbacke gegen feindliche
+Überfälle aufgeschichtet wurden; allein selbst Caesar, verwegen wie er
+war, fand nach einigen Tagen mühseligsten Marschierens es ratsam, zumal
+da es gegen den Winter ging, den Rückzug anzuordnen, obwohl von den
+Morinern nur ein kleiner Teil unterworfen und die mächtigen Menapier
+gar nicht erreicht worden waren. Das folgende Jahr (699 55) ward,
+während Caesar selbst in Britannien beschäftigt war, der größte Teil
+des Heeres aufs neue gegen diese Völkerschaften gesandt; allein auch
+diese Expedition blieb in der Hauptsache erfolglos. Dennoch war das
+Ergebnis der letzten Feldzüge die fast vollständige Unterwerfung
+Galliens unter die Herrschaft der Römer. Wenn Mittelgallien ohne
+Gegenwehr sich unter dieselbe gefügt hatte, so waren durch den Feldzug
+des Jahres 697 (57) die belgischen, durch den des folgenden Jahres die
+Seegaue mit den Waffen zur Anerkennung der römischen Herrschaft
+gezwungen worden. Die hochfliegenden Hoffnungen aber, mit denen die
+keltischen Patrioten den letzten Feldzug begonnen, hatten nirgends sich
+erfüllt. Weder Deutsche noch Briten waren ihnen zu Hilfe gekommen, und
+in Belgien hatte Labienus’ Anwesenheit genügt, die Erneuerung der
+vorjährigen Kämpfe zu verhüten.
+
+Während also Caesar das römische Gebiet im Westen mit den Waffen zu
+einem geschlossenen Ganzen fortbildete, versäumte er nicht, der neu
+unterworfenen Landschaft, welche ja bestimmt war, die zwischen Italien
+und Spanien klaffende Gebietslücke auszufüllen, mit der italischen
+Heimat wie mit den spanischen Provinzen Kommunikationen zu eröffnen.
+Die Verbindung zwischen Gallien und Italien war allerdings durch die
+von Pompeius im Jahre 677 (77) angelegte Heerstraße über den Mont
+Genèvre wesentlich erleichtert worden; allein seit das ganze Gallien
+den Römern unterworfen war, bedurfte man einer aus dem Potal nicht in
+westlicher, sondern in nördlicher Richtung den Alpenkamm
+überschreitenden und eine kürzere Verbindung zwischen Italien und dem
+mittleren Gallien herstellenden Straße. Dem Kaufmann diente hierzu
+längst der Weg, der über den Großen Bernhard in das Wallis und an den
+Genfer See führt; um diese Straße in seine Gewalt zu bringen, ließ
+Caesar schon im Herbst 697 (57) durch Servius Galba Octodurum
+(Martigny) besetzen und die Bewohner des Wallis zur Botmäßigkeit
+bringen, was durch die tapfere Gegenwehr dieser Bergvölker natürlich
+nur verzögert, nicht verhindert ward.
+
+Um ferner die Verbindung mit Spanien zu gewinnen, wurde im folgenden
+Jahr (698 56) Publius Crassus nach Aquitanien gesandt mit dem Auftrag,
+die daselbst wohnenden iberischen Stämme zur Anerkennung der römischen
+Herrschaft zu zwingen. Die Aufgabe war nicht ohne Schwierigkeit; die
+Iberer hielten fester zusammen als die Kelten und verstanden es besser
+als diese, von ihren Feinden zu lernen. Die Stämme jenseits der
+Pyrenäen, namentlich die tüchtigen Kantabrer sandten ihren bedrohten
+Landsleuten Zuzug; mit diesem kamen erfahrene, unter Sertorius’ Führung
+römisch geschulte Offiziere, die soweit möglich die Grundsätze der
+römischen Kriegskunst, namentlich das Lagerschlagen, bei dem schon
+durch seine Zahl und seine Tapferkeit ansehnlichen aquitanischen
+Aufgebot einführten. Allein der vorzügliche Offizier, der die Römer
+führte, wußte alle Schwierigkeiten zu überwinden, und nach einigen hart
+bestrittenen, aber glücklich gewonnenen Feldschlachten die
+Völkerschaften von der Garonne bis nahe an die Pyrenäen zur Ergebung
+unter den neuen Herrn zu bestimmen.
+
+Das eine Ziel, das Caesar sich gesteckt hatte, die Unterwerfung
+Galliens, war mit kaum nennenswerten Ausnahmen im wesentlichen soweit
+erreicht, als es überhaupt mit dem Schwert sich erreichen ließ. Allein
+die andere Hälfte des von Caesar begonnenen Werkes war noch bei weitem
+nicht genügend erledigt und die Deutschen noch keineswegs überall
+genötigt, den Rhein als Grenze anzuerkennen. Eben jetzt, im Winter
+698/99 (56/55) hatte an dem unteren Laufe des Flusses, bis wohin die
+Römer noch nicht vorgedrungen waren, eine abermalige
+Grenzüberschreitung stattgefunden. Die deutschen Stämme der Usipeten
+und Tencterer, deren Versuche, in dem Gebiet der Menapier über den
+Rhein zu setzen, bereits erwähnt wurden, waren endlich doch, die
+Wachsamkeit ihrer Gegner durch einen verstellten Abzug täuschend, auf
+den eigenen Schiffen der Menapier übergegangen - ein ungeheurer
+Schwarm, der sich mit Einschluß der Weiber und Kinder auf 430000 Köpfe
+belaufen haben soll. Noch lagerten sie, es scheint in der Gegend von
+Nimwegen und Kleve; aber es hieß, daß sie, den Aufforderungen der
+keltischen Patriotenpartei folgend, in das Innere Galliens einzurücken
+beabsichtigten, und das Gerücht ward dadurch bestärkt, daß ihre
+Reiterscharen bereits bis an die Grenzen der Treuerer streiften. Indes
+als Caesar mit seinen Legionen ihnen gegenüber anlangte, schienen die
+vielgeplagten Auswanderer nicht nach neuen Kämpfen begierig, sondern
+gern bereit, von den Römern Land zu nehmen und es unter ihrer Hoheit in
+Frieden zu bestellen. Während darüber verhandelt ward, stieg in dem
+römischen Feldherrn der Argwohn auf, daß die Deutschen nur Zeit zu
+gewinnen suchten, bis die von ihnen entsendeten Reiterscharen
+wiedereingetroffen seien. Ob derselbe gegründet war oder nicht, läßt
+sich nicht sagen; aber darin bestärkt durch einen Angriff, den trotz
+des tatsächlichen Waffenstillstandes ein feindlicher Trupp auf seine
+Vorhut unternahm, und erbittert durch den dabei erlittenen
+empfindlichen Verlust, glaubte Caesar sich berechtigt, jede
+völkerrechtliche Rücksicht aus den Augen zu setzen. Als am anderen
+Morgen die Fürsten und Ältesten der Deutschen, den ohne ihr Vorwissen
+unternommenen Angriff zu entschuldigen, im römischen Lager erschienen,
+wurden sie festgehalten und die nichts ahnende, ihrer Führer beraubte
+Menge von dem römischen Heer plötzlich überfallen. Es war mehr eine
+Menschenjagd als eine Schlacht; was nicht unter den Schwertern der
+Römer fiel, ertrank im Rheine; fast nur die zur Zeit des Überfalls
+detachierten Abteilungen entkamen dem Blutbad und gelangten zurück über
+den Rhein, wo ihnen die Sugambrer in ihrem Gebiet, es scheint an der
+Lippe, eine Freistatt gewährten. Das Verfahren Caesars gegen diese
+deutschen Einwanderer fand im Senat schweren und gerechten Tadel;
+allein wie wenig auch dasselbe entschuldigt werden kann, den deutschen
+Übergriffen war dadurch mit erschreckendem Nachdruck gesteuert. Doch
+fand es Caesar ratsam, noch einen Schritt weiter zu gehen und die
+Legionen über den Rhein zu führen. An Verbindungen jenseits desselben
+mangelte es ihm nicht. Den Deutschen auf ihrer damaligen Bildungsstufe
+fehlte noch jeder nationale Zusammenhang; an politischer Zerfahrenheit
+gaben sie, wenn auch aus anderen Ursachen, den Kelten nichts nach. Die
+Ubier (an der Sieg und Lahn), der zivilisierteste unter den deutschen
+Stämmen, waren vor kurzem von einem mächtigen suebischen Gau des
+Binnenlandes botmäßig und zinspflichtig gemacht worden und hatten schon
+697 (57) Caesar durch ihre Boten ersucht, auch sie wie die Gallier von
+der suebischen Herrschaft zu befreien. Es war Caesars Absicht nicht,
+diesem Ansinnen, das ihn in endlose Unternehmungen verwickelt haben
+würde, ernstlich zu entsprechen; aber wohl schien es zweckmäßig, um das
+Erscheinen der germanischen Waffen diesseits des Rheines zu verhindern,
+die römischen jenseits desselben wenigstens zu zeigen. Der Schutz, den
+die entronnenen Usipeten und Tencterer bei den Sugambrern gefunden
+hatten, bot eine geeignete Veranlassung dar. In der Gegend, wie es
+scheint, zwischen Koblenz und Andernach schlug Caesar eine Pfahlbrücke
+über den Rhein und führte seine Legionen hinüber aus dem treverischen
+in das ubische Gebiet. Einige kleinere Gaue gaben ihre Unterwerfung
+ein; allein die Sugambrer, gegen die der Zug zunächst gerichtet war,
+zogen, wie das römische Heer herankam, mit ihren Schutzbefohlenen sich
+in das innere Land zurück. In gleicher Weise ließ der mächtige
+suebische Gau, der die Ubier bedrängte, vermutlich derjenige, der
+später unter dem Namen der Chatten auftritt, die zunächst an das
+ubische Gebiet angrenzenden Distrikte räumen und das nicht streitbare
+Volk in Sicherheit bringen, während alle waffenfähige Mannschaft
+angewiesen ward, im Mittelpunkt des Gaues sich zu versammeln. Diesen
+Handschuh aufzuheben hatte der römische Feldherr weder Veranlassung
+noch Lust; sein Zweck, teils zu rekognoszieren, teils durch einen Zug
+über den Rhein womöglich den Deutschen, wenigstens aber den Kelten und
+den Landsleuten daheim zu imponieren, war im wesentlichen erreicht;
+nach achtzehntägigem Verweilen am rechten Rheinufer traf er wieder in
+Gallien ein und brach die Rheinbrücke hinter sich ab (699 55).
+
+Es blieben die Inselkelten. Bei dem engen Zusammenhang zwischen ihnen
+und den Kelten des Festlandes, namentlich den Seegauen, ist es
+begreiflich, daß sie an dem nationalen Widerstand wenigstens mit ihren
+Sympathien sich beteiligt hatten und den Patrioten wenn auch nicht
+bewaffneten Beistand, doch mindestens jedem von ihnen, für den die
+Heimat nicht mehr sicher war, auf ihrer meerbeschützten Insel eine
+ehrenvolle Freistatt gewährten. Eine Gefahr lag hierin allerdings, wenn
+nicht für die Gegenwart, doch für die Zukunft; es schien zweckmäßig, wo
+nicht die Eroberung der Insel selbst zu unternehmen, doch auch hier die
+Defensive offensiv zu führen und durch eine Landung an der Küste den
+Insulanern zu zeigen, daß der Arm der Römer auch über den Kanal reiche.
+Schon der erste römische Offizier, der die Bretagne betrat, Publius
+Crassus, war von dort nach den “Zinninseln” an der Westspitze Englands
+(Scillyinseln) hinübergefahren (697 57); im Sommer 699 (55) ging Caesar
+selbst mit nur zwei Legionen da, wo er am schmalsten ist ^17, über den
+Kanal. Er fand die Küste mit feindlichen Truppenmassen bedeckt und fuhr
+mit seinen Schiffen weiter; aber die britischen Streitwagen bewegten
+sich ebenso schnell zu Lande fort wie die römischen Galeeren auf der
+See, und nur mit größter Mühe gelang es den römischen Soldaten unter
+dem Schutze der Kriegsschiffe, die durch Wurfmaschinen und
+Handgeschütze den Strand fegten, im Angesicht der Feinde teils watend,
+teils in Kähnen das Ufer zu gewinnen. Im ersten Schreck unterwarfen
+sich die nächsten Dörfer; allein bald wurden die Insulaner gewahr, wie
+schwach der Feind sei und wie er nicht wage, sich vom Ufer zu
+entfernen. Die Eingeborenen verschwanden in das Binnenland und kamen
+nur zurück, um das Lager zu bedrohen; die Flotte aber, die man auf der
+offenen Reede gelassen hatte, erlitt durch den ersten über sie
+hereinbrechenden Sturmwind sehr bedeutenden Schaden. Man mußte sich
+glücklich schätzen, die Angriffe der Barbaren abzuschlagen, bis man die
+Schiffe notdürftig repariert hatte, und mit denselben, noch ehe die
+schlimme Jahreszeit hereinbrach, die gallische Küste wiederzuerreichen.
+
+—————————————————————-
+
+^17 Daß Caesars Überfahrten nach Britannien aus den Häfen der Küste von
+Calais bis Boulogne an die Küste von Kent gingen, ergibt die Natur der
+Sache sowie Caesars ausdrückliche Angabe. Die genauere Bestimmung der
+Örtlichkeit ist oft versucht worden, aber nicht gelungen. Überliefert
+ist nur, daß bei der ersten Fahrt die Infanterie in dem einen, die
+Reiterei in einem anderen, von jenem 8 Milien in östlicher Richtung
+entfernten Hafen sich einschiffte (Gall. 4, 22, 23, 28) und daß die
+zweite Fahrt aus demjenigen von diesen beiden Häfen, den Caesar am
+bequemsten gefunden, dem (sonst nicht weiter genannten) Irischen, von
+der britannischen Küste 30 (so nach Caesars Handschriften 5, 2) oder 40
+(= 320 Stadien, nach Strab. 4, 5, 2, der unzweifelhaft aus Caesar
+schöpfte) Milien entfernten abging. Aus Caesars Worten (Gall. 4, 21),
+daß er “die kürzeste Überfahrt” gewählt habe, kann man
+verständigerweise wohl folgern, daß er nicht durch den Kanal, sondern
+durch den Pas de Calais, aber keineswegs, daß er durch diesen auf der
+mathematisch kürzesten Linie fuhr. Es gehört der Inspirationsglaube der
+Lokaltopographen dazu, um mit solchen Daten in der Hand, von denen das
+an sich beste noch durch die schwankende Überlieferung der Zahl fast
+unbrauchbar wird, an die Bestimmung der Örtlichkeit zu gehen; doch
+möchte unter den vielen Möglichkeiten am meisten für sich zu haben, daß
+der Irische Hafen (den schon Strab. a. a. O. wahrscheinlich richtig mit
+demjenigen identifiziert, von dem bei der ersten Fahrt die Infanterie
+überging) bei Ambleteuse, westlich vom Cap Gris Nez, der Reiterhaufen
+bei Ecale (Wissant), östlich von demselben Vorgebirge, zu suchen ist,
+die Landung aber östlich von Dover bei Walmercastle stattfand.
+
+—————————————————————-
+
+Caesar selbst war mit den Ergebnissen dieser leichtsinnig und mit
+unzulänglichen Mitteln unternommenen Expedition so unzufrieden, daß er
+sogleich (Winter 699/700 55/54) eine Transportflotte von 800 Segeln
+instand setzen ließ und im Frühling 700 (54), diesmal mit fünf Legionen
+und 2000 Reitern, zum zweitenmal nach der kentischen Küste unter Segel
+ging. Vor der gewaltigen Armada wich die auch diesmal am Ufer
+versammelte Streitmacht der Briten, ohne einen Kampf zu wagen; Caesar
+trat sofort den Marsch ins Binnenland an und überschritt nach einigen
+glücklichen Gefechten den Fluß Stour; allein er mußte sehr wider seinen
+Willen innehalten, weil die Flotte auf der offenen Reede wiederum von
+den Stürmen des Kanals halb vernichtet worden war. Bis man die Schiffe
+auf den Strand gezogen und für die Reparatur umfassende Vorkehrungen
+getroffen, ging eine kostbare Zeit verloren, die die Kelten weislich
+benutzten. Der tapfere und umsichtige Fürst Cassivellaunus, der in dem
+heutigen Middlesex und der Umgegend gebot, sonst der Schreck der Kelten
+südlich von der Themse, jetzt aber Hort und Vorfechter der ganzen
+Nation, war an die Spitze der Landesverteidigung getreten. Er sah bald,
+daß mit dem keltischen Fußvolk gegen das römische schlechterdings
+nichts auszurichten und die schwer zu ernährende und schwer zu
+regierende Masse des Landsturms der Verteidigung nur hinderlich war;
+also entließ er diesen und behielt nur die Streitwagen, deren er 4000
+zusammenbrachte und deren Kämpfer, geübt vom Wagen herabspringend zu
+Fuß zu fechten, gleich der Bürgerreiterei des ältesten Rom in
+zwiefacher Weise verwendet werden konnten. Als Caesar den Marsch wieder
+fortzusetzen imstande war, fand er denselben nirgend sich verlegt; aber
+die britischen Streitwagen zogen stets dem römischen Heer vorauf und
+zur Seite, bewirkten die Räumung des Landes, die bei dem Mangel an
+Städten keine große Schwierigkeit machte, hinderten jede Detachierung
+und bedrohten die Kommunikationen. Die Themse ward - wie es scheint
+zwischen Kingston und Brentford oberhalb London - von den Römern
+überschritten; man kam vorwärts, aber nicht eigentlich weiter; der
+Feldherr erfocht keinen Sieg, der Soldat machte keine Beute und das
+einzige wirkliche Resultat, die Unterwerfung der Trinobanten im
+heutigen Essex, war weniger die Folge der Furcht vor den Römern als der
+tiefen Verfeindung dieses Gaus mit Cassivellaunus. Mit jedem Schritte
+vorwärts stieg die Gefahr, und der Angriff, den die Fürsten von Kent
+nach Cassivellaunus’ Anordnung auf das römische Schiffslager machten,
+mahnte, obwohl er abgeschlagen ward, doch dringend zur Umkehr. Die
+Erstürmung eines großen britischen Verhacks, in dem eine Menge Vieh den
+Römern in die Hände fiel, gab für das ziellose Vordringen einen
+leidlichen Abschluß und einen erträglichen Vorwand für die Umkehr. Auch
+Cassivellaunus war einsichtig genug, den gefährlichen Feind nicht aufs
+Äußerste zu treiben, und versprach, wie Caesar verlangte, die
+Trinobanten nicht zu beunruhigen, Abgaben zu zahlen und Geiseln zu
+stellen; von Auslieferung der Waffen oder Zurücklassung einer römischen
+Besatzung war nicht die Rede, und selbst jene Versprechungen wurden
+vermutlich, soweit sie die Zukunft betrafen, ernstlich weder gegeben
+noch genommen. Nach Empfang der Geiseln kehrte Caesar in das
+Schiffslager und von da nach Gallien zurück. Wenn er, wie es allerdings
+scheint, gehofft hatte, Britannien diesmal zu erobern, so war dieser
+Plan teils an dem klugen Verteidigungssystem des Cassivellaunus, teils
+und vor allem an der Unbrauchbarkeit der italischen Ruderflotte auf den
+Gewässern der Nordsee vollkommen gescheitert; denn daß der bedungene
+Tribut niemals erlegt ward, ist gewiß. Der nächste Zweck aber: die
+Inselkelten aus ihrer trotzigen Sicherheit aufzurütteln und sie zu
+veranlassen, in ihrem eigenen Interesse ihre Inseln nicht länger zum
+Herd der festländischen Emigration herzugeben, scheint allerdings
+erreicht worden zu sein; wenigstens werden Beschwerden über dergleichen
+Schutzverleihung späterhin nicht wieder vernommen.
+
+Das Werk der Zurückweisung der germanischen Invasion und der
+Unterwerfung der festländischen Kelten war vollendet. Aber oft ist es
+leichter, eine freie Nation zu unterwerfen als eine unterworfene in
+Botmäßigkeit zu erhalten. Die Rivalität um die Hegemonie, an der mehr
+noch als an den Angriffen Roms die keltische Nation zugrunde gegangen
+war, ward durch die Eroberung gewissermaßen aufgehoben, indem der
+Eroberer die Hegemonie für sich selbst nahm. Die Sonderinteressen
+schwiegen; in dem gemeinsamen Druck fühlte man doch sich wieder als ein
+Volk, und was man, da man es besaß, gleichgültig verspielt hatte, die
+Freiheit und die Nationalität, dessen unendlicher Wert ward nun, da es
+zu spät war, von der unendlichen Sehnsucht vollständig ermessen. Aber
+war es denn zu spät? Mit zorniger Scham gestand man es sich, daß eine
+Nation, die mindestens eine Million waffenfähiger Männer zählte, eine
+Nation von altem und wohlbegründetem kriegerischen Ruhm, von höchstens
+50000 Römern sich hatte das Joch auflegen lassen. Die Unterwerfung der
+Eidgenossenschaft des mittleren Galliens, ohne daß sie auch nur einen
+Schlag getan, die der belgischen, ohne daß sie mehr getan als schlagen
+wollen; dagegen wieder der heldenmütige Untergang der Nervier und
+Veneter, der kluge und glückliche Widerstand der Moriner und der Briten
+unter Cassivellaunus - alles, was im einzelnen versäumt und geleistet,
+gescheitert und erreicht war, spornte die Gemüter aller Patrioten zu
+neuen, womöglich einigeren und erfolgreicheren Versuchen. Namentlich
+unter dem keltischen Adel herrschte eine Gärung, die jeden Augenblick
+in einen allgemeinen Aufstand ausbrechen zu müssen schien. Schon vor
+dem zweiten Zug nach Britannien im Frühjahr 700 (54) hatte Caesar es
+notwendig gefunden, sich persönlich zu den Treverern zu begeben, die,
+seit sie 697 (57) in der Nervierschlacht sich kompromittiert hatten,
+auf den allgemeinen Landtagen nicht mehr erschienen waren und mit den
+überrheinischen Deutschen mehr als verdächtige Verbindungen angeknüpft
+hatten. Damals hatte Caesar sich begnügt, die namhaftesten Männer der
+Patriotenpartei, namentlich den Indutiomarus, unter dem treverischen
+Reiterkontingent mit sich nach Britannien zu führen; er tat sein
+mögliches, die Verschwörung nicht zu sehen, um nicht durch strenge
+Maßregeln sie zur Insurrektion zu zeitigen. Allein als der Häduer
+Dumnorix, der gleichfalls dem Namen nach als Reiteroffizier, in der Tat
+aber als Geisel sich bei dem nach Britannien bestimmten Heere befand,
+geradezu verweigerte sich einzuschiffen und statt dessen nach Hause
+ritt, konnte Caesar nicht umhin, ihn als Ausreißer verfolgen zu lassen,
+wobei er von der nachgeschickten Abteilung eingeholt und, da er gegen
+dieselbe sich zur Wehre setzte, niedergehauen ward (700 54). Daß der
+angesehenste Ritter des mächtigsten und noch am wenigsten abhängigen
+Keltengaus von den Römern getötet worden, war ein Donnerschlag für den
+ganzen keltischen Adel; jeder, der sich ähnlicher Gesinnung bewußt war
+- und es war dies die ungeheure Majorität -, sah in jener Katastrophe
+das Bild dessen, was ihm selber bevorstand. Wenn Patriotismus und
+Verzweiflung die Häupter des keltischen Adels bestimmt hatte sich zu
+verschwören, so trieb jetzt Furcht und Notwehr die Verschworenen zum
+Losschlagen. Im Winter 700/01 (54/53) lagerte, mit Ausnahme einer in
+die Bretagne und einer zweiten in den sehr unruhigen Gau der Carnuten
+(bei Chartres) verlegten Legion, das gesamte römische Heer, sechs
+Legionen stark, im belgischen Gebiet. Die Knappheit der Getreidevorräte
+hatte Caesar bewogen, seine Truppen weiter, als er sonst zu tun
+pflegte, auseinander und in sechs verschiedene, in den Gauen der
+Bellovaker, Ambianer, Moriner, Nervier, Reiner und Eburonen, errichtete
+Lager zu verlegen. Das am weitesten gegen Osten im eburonischen Gebiet,
+wahrscheinlich unweit des späteren Aduatuca, des heutigen Tongern,
+angelegte Standlager, das stärkste von allen, bestehend aus einer
+Legion unter einem der angesehensten Caesarischen Divisionsführer, dem
+Quintus Titurius Sabinus, und außerdem verschiedenen, von dem tapferen
+Lucius Aurunculeius Cotta, geführten Detachements zusammen von der
+Stärke einer halben Legion ^18, fand sich urplötzlich von dem Landsturm
+der Eburonen unter den Königen Ambiorix und Catuvolcus umzingelt. Der
+Angriff kam so unerwartet, daß die eben vom Lager abwesenden
+Mannschaften nicht einberufen werden konnten und von den Feinden
+aufgehoben wurden; übrigens war zunächst die Gefahr nicht groß, da es
+an Vorräten nicht mangelte und der Sturm, den die Eburonen versuchten,
+an den römischen Verschanzungen machtlos abprallte. Aber König Ambiorix
+eröffnete dem römischen Befehlshaber, daß die sämtlichen römischen
+Lager in Gallien an demselben Tage in gleicher Weise angegriffen und
+die Römer unzweifelhaft verloren seien, wenn die einzelnen Korps nicht
+rasch aufbrächen und miteinander sich vereinigten; daß Sabinus damit um
+so mehr Ursache habe zu eilen, als gegen ihn auch die überrheinischen
+Deutschen bereits im Anmarsch seien; daß er selbst aus Freundschaft für
+die Römer ihnen freien Abzug bis zu dem nächsten, nur zwei Tagemärsche
+entfernten römischen Lager zusichere. Einiges in diesen Angaben schien
+nicht erfunden; daß der kleine, von den Römern besonders begünstigte
+Gau der Eburonen den Angriff auf eigene Hand unternommen habe, war in
+der Tat unglaublich und bei der Schwierigkeit, mit den anderen, weit
+entfernten Lagern sich in Verbindung zu setzen, die Gefahr von der
+ganzen Masse der Insurgenten angegriffen und vereinzelt aufgerieben zu
+werden, keineswegs gering zu achten; nichtsdestoweniger konnte es nicht
+dem geringsten Zweifel unterliegen, daß sowohl die Ehre wie die
+Klugheit gebot, die vom Feinde angebotene Kapitulation zurückzuweisen
+und an dem anvertrauten Posten auszuharren. Auch im Kriegsrat vertraten
+zahlreiche Stimmen, namentlich die gewichtige des Lucius Aurunculeius
+Cotta diese Ansicht. Dennoch entschied sich der Kommandant dafür, den
+Vorschlag des Ambiorix anzunehmen. Die römischen Truppen zogen also am
+anderen Morgen ab; aber in einem schmalen Tal, kaum eine halbe Meile
+vom Lager, angelangt, fanden sie sich von den Eburonen umzingelt und
+jeden Ausweg gesperrt. Sie versuchten, mit den Waffen sich den Weg zu
+öffnen; allein die Eburonen ließen sich auf kein Nahgefecht ein und
+begnügten sich, aus ihren unangreifbaren Stellungen ihre Geschosse in
+den Knäuel der Römer zu entsenden. Wie verwirrt, als ob er Rettung vor
+dem Verrat bei dem Verräter suchte, begehrte Sabinus eine Zusammenkunft
+mit Ambiorix; sie wurde gewährt und er und die ihn begleitenden
+Offiziere erst entwaffnet, dann niedergemacht. Nach dem Fall des
+Befehlshabers warfen sich die Eburonen von allen Seiten zugleich auf
+die erschöpften und verzweifelnden Römer und brachen ihre Reihen: die
+meisten, unter ihnen der schon früher verwundete Cotta, fanden bei
+diesem Angriff ihren Tod; ein kleiner Teil, dem es gelungen war, das
+verlassene Lager wiederzugewinnen, stürzte sich während der folgenden
+Nacht in die eigenen Schwerter. Der ganze Heerhaufen ward vernichtet.
+
+———————————————————————
+
+^18 Daß Cotta, obwohl nicht Unterfeldherr des Sabinus, sondern gleich
+ihm Legat, doch der jüngere und minder angesehene General und
+wahrscheinlich im Fall einer Differenz sich zu fügen angewiesen war,
+ergibt sich sowohl aus den früheren Leistungen des Sabinus, als daraus,
+daß, wo beide zusammen genannt werden (Gall. 4, 22, 37; 5, 24, 26, 52;
+6, 32; anders 6, 37), Sabinus regelmäßig voransteht, nicht minder aus
+der Erzählung der Katastrophe selbst. überdies kann man doch unmöglich
+annehmen, daß Caesar einem Lager zwei Offiziere mit gleicher Befugnis
+vorgesetzt und für den Fall der Meinungsverschiedenheit gar keine
+Anordnung getroffen haben soll. Auch zählen die fünf Kohorten nicht als
+Legion mit (vgl. Gall. 6, 32, 33), so wenig wie die zwölf Kohorten an
+der Rheinbrücke (Gall. 6, 29 vgl. 32, 33), und scheinen aus
+Detachements anderer Heerteile bestanden zu haben, die diesem den
+Germanen zunächst gelegenen Lager zur Verstärkung zugeteilt worden
+waren.
+
+———————————————————————
+
+Dieser Erfolg, wie die Insurgenten ihn selber kaum gehofft haben
+mochten, steigerte die Gärung unter den keltischen Patrioten so
+gewaltig, daß die Römer, mit Ausnahme der Häduer und der Reiner, keines
+einzigen Distrikts ferner sicher waren und an den verschiedensten
+Punkten der Aufstand losbrach. Vor allen Dingen verfolgten die Eburonen
+ihren Sieg. Verstärkt durch das Aufgebot der Aduatuker, die gern die
+Gelegenheit ergriffen, das von Caesar ihnen zugefügte Leid zu
+vergelten, und der mächtigen und noch unbezwungenen Menapier,
+erschienen sie in dem Gebiet der Nervier, welche sogleich sich
+anschlossen, und der ganze also auf 60000 Köpfe angeschwollene Schwarm
+rückte vor das im nervischen Gau befindliche römische Lager. Quintus
+Cicero, der hier kommandierte, hatte mit seinem schwachen Korps einen
+schweren Stand, namentlich als die Belagerer, von dem Feinde lernend,
+Wälle und Gräben, Schilddächer und bewegliche Türme in römischer Weise
+aufführten und die strohgedeckten Lagerhütten mit Brandschleudern und
+Brandspeeren überschütteten. Die einzige Hoffnung der Belagerten
+beruhte auf Caesar, der nicht allzuweit entfernt in der Gegend von
+Amiens mit drei Legionen im Winterlager stand. Allein - ein
+charakteristischer Beweis für die im Keltenland herrschende Stimmung -
+geraume Zeit hindurch kam dem Oberfeldherrn nicht die geringste
+Andeutung zu weder von der Katastrophe des Sabinus, noch von der
+gefährlichen Lage Ciceros. Endlich gelang es einem keltischen Reiter
+aus Ciceros Lager, sich durch die Feinde bis zu Caesar
+durchzuschleichen. Auf die erschütternde Kunde brach Caesar
+augenblicklich auf, zwar nur mit zwei schwachen Legionen, zusammen etwa
+7000 Mann stark, und 400 Reitern; aber nichtsdestoweniger genügte die
+Meldung, daß Caesar anrückte, um die Insurgenten zur Aufhebung der
+Belagerung zu bestimmen. Es war Zeit; nicht der zehnte Mann in Ciceros
+Lager war unverwundet. Caesar, gegen den das Insurgentenheer sich
+gewandt hatte, täuschte die Feinde in der schon mehrmals mit Erfolg
+angewandten Weise über seine Stärke; unter den ungünstigsten
+Verhältnissen wagten sie einen Sturm auf das Römerlager und erlitten
+dabei eine Niederlage. Es ist seltsam, aber charakteristisch für die
+keltische Nation, daß infolge dieser einen verlorenen Schlacht, oder
+vielleicht mehr noch infolge von Caesars persönlichem Erscheinen auf
+dem Kampfplatz die so siegreich aufgetretene, so weithin ausgedehnte
+Insurrektion plötzlich und kläglich den Krieg abbrach. Nervier,
+Menapier, Aduatuker, Eburonen begaben sich nach Hause. Das gleiche
+taten die Mannschaften der Seegaue, die Anstalt gemacht hatten, die
+Legion in der Bretagne zu überfallen. Die Treverer, durch deren Führer
+Indutiomarus die Eburonen, die Klienten des mächtigen Nachbargaus, zu
+jenem so erfolgreichen Angriff hauptsächlich bestimmt worden waren,
+hatten auf die Kunde der Katastrophe von Aduatuca die Waffen ergriffen
+und waren in das Gebiet der Remer eingerückt, um die unter Labienus’
+Befehl dort kantonnierende Legion anzugreifen; auch sie stellten für
+jetzt die Fortsetzung des Kampfes ein. Nicht ungern verschob Caesar die
+weiteren Maßregeln gegen die aufgestandenen Distrikte auf das Frühjahr,
+um seine hart mitgenommenen Truppen nicht der ganzen Strenge des
+gallischen Winters auszusetzen und um erst dann wieder auf dem
+Kampfplatze zu erscheinen, wenn durch die angeordnete Aushebung von
+dreißig neuen Kohorten die vernichteten fünfzehn in imponierender Weise
+ersetzt sein würden. Die Insurrektion spann inzwischen sich fort, wenn
+auch zunächst die Waffen ruhten. Ihre Hauptsitze in Mittelgallien waren
+teils die Distrikte der Carnuten und der benachbarten Senonen (um
+Sens), welche letztere den von Caesar eingesetzten König aus dem Lande
+jagten, teils die Landschaft der Treverer, welche die gesamte keltische
+Emigration und die überrheinischen Deutschen zur Teilnahme an dem
+bevorstehenden Nationalkrieg aufforderten und ihre ganze Mannschaft
+aufboten, um mit dem Frühjahr zum zweitenmal in das Gebiet der Römer
+einzurücken, das Korps des Labienus aufzuheben und die Verbindung mit
+den Aufständischen an der Seine und Loire zu suchen. Die Abgeordneten
+dieser drei Gaue blieben auf dem von Caesar im mittleren Gallien
+ausgeschriebenen Landtag aus und erklärten damit ebenso offen den
+Krieg, wie es ein Teil der belgischen Gaue durch die Angriffe auf das
+Lager des Sabinus und Cicero getan hatte. Der Winter neigte sich zu
+Ende, als Caesar mit seinem inzwischen ansehnlich verstärkten Heer
+aufbrach gegen die Insurgenten. Die Versuche der Treverer, den Aufstand
+zu konzentrieren, waren nicht geglückt; die gärenden Landschaften
+wurden durch den Einmarsch römischer Truppen im Zaum gehalten, die in
+offener Empörung stehenden vereinzelt angegriffen. Zuerst wurden die
+Nervier von Caesar selbst zu Paaren getrieben. Das gleiche widerfuhr
+den Senonen und Carnuten. Auch die Menapier, der einzige Gau, der sich
+niemals noch den Römern unterworfen hatte, wurden durch einen von drei
+Seiten zugleich gegen sie gerichteten Gesamtangriff genötigt, der lange
+bewahrten Freiheit zu entsagen. Den Treverern bereitete inzwischen
+Labienus dasselbe Schicksal. Ihr erster Angriff war gelähmt worden
+teils durch die Weigerung der nächstwohnenden deutschen Stämme, ihnen
+Söldner zu liefern, teils dadurch, daß Indutiomarus, die Seele der
+ganzen Bewegung, in einem Scharmützel mit den Reitern des Labienus
+geblieben war. Allein sie gaben ihre Entwürfe darum nicht auf. Mit
+ihrem gesamten Aufgebot erschienen sie Labienus gegenüber und harrten
+der nachfolgenden deutschen Scharen; denn bessere Aufnahme als bei den
+Anwohnern des Rheines hatten ihre Werber bei den streitbaren
+Völkerschaften des inneren Deutschlands, namentlich, wie es scheint,
+den Chatten gefunden. Allein da Labienus Miene machte, diesen
+ausweichen und Hals über Kopf abmarschieren zu wollen, griffen die
+Treverer, noch ehe die Deutschen angelangt waren und in der
+ungünstigsten Örtlichkeit, die Römer an und wurden vollständig
+geschlagen. Den zu spät eintreffenden Deutschen blieb nichts übrig als
+umzukehren, dem treverischen Gau nichts als sich zu unterwerfen; das
+Regiment daselbst kam wieder an das Haupt der römischen Partei, an des
+Indutiomarus Schwiegersohn Cingetorix. Nach diesen Expeditionen Caesars
+gegen die Menapier und des Labienus gegen die Treverer traf in dem
+Gebiet der letzteren die ganze römische Armee wieder zusammen. Um den
+Deutschen das Wiederkommen zu verleiden, ging Caesar noch einmal über
+den Rhein, um womöglich gegen die lästigen Nachbarn einen
+nachdrücklichen Schlag zu führen; allein da die Chatten, ihrer
+erprobten Taktik getreu, sich nicht an ihrer Westgrenze, sondern weit
+landeinwärts, es scheint am Harz, zur Landesverteidigung sammelten,
+kehrte er sogleich wieder um und begnügte sich, an dem Rheinübergang
+Besatzung zurückzulassen. Mit den sämtlichen an dem Aufstand
+beteiligten Völkerschaften war also abgerechnet; nur die Eburonen waren
+übergangen, aber nicht vergessen. Seit Caesar die Katastrophe von
+Aduatuca erfahren hatte, trug er das Trauergewand und hatte geschworen,
+erst dann es abzulegen, wenn er seine nicht im ehrlichen Kriege
+gefallenen, sondern heimtückisch ermordeten Soldaten gerächt haben
+würde. Rat- und tatlos saßen die Eburonen in ihren Hütten und sahen zu,
+wie einer nach dem andern die Nachbargaue den Römern sich unterwarfen,
+bis die römische Reiterei vom treverischen Gebiet aus durch die
+Ardennen in ihr Land einrückte. Man war so wenig auf den Angriff
+gefaßt, daß sie beinahe den König Ambiorix in seinem Hause ergriffen
+hätte; mit genauer Not, während sein Gefolge für ihn sich aufopferte,
+entkam er in das nahe Gehölz. Bald folgten den Reitern zehn römische
+Legionen. Zugleich erging an die umwohnenden Völkerschaften die
+Aufforderung, mit den römischen Soldaten in Gemeinschaft die
+vogelfreien Eburonen zu hetzen und ihr Land zu plündern; nicht wenige
+folgten dem Ruf, sogar von jenseits des Rheines eine kecke Schar
+sugambrischer Reiter, die übrigens es den Römern nicht besser machte
+wie den Eburonen und fast durch einen kecken Handstreich das römische
+Lager bei Aduatuca überrumpelt hätte. Das Schicksal der Eburonen war
+entsetzlich. Wie sie auch in Wäldern und Sümpfen sich bargen, der Jäger
+waren mehr als des Wildes. Mancher gab sich selbst den Tod wie der
+greise Fürst Catuvolcus; nur einzelne retteten Leben und Freiheit,
+unter diesen wenigen aber der Mann, auf den die Römer vor allem
+fahndeten, der Fürst Ambiorix: mit nur vier Reitern entrann er über den
+Rhein. Auf diese Exekution gegen den Gau, der vor allen andern
+gefrevelt, folgten in den anderen Landschaften die Hochverratsprozesse
+gegen die einzelnen. Die Zeit der Milde war vorbei. Nach dem Spruche
+des römischen Prokonsuls ward der angesehene carnutische Ritter Acco
+von römischen Liktoren enthauptet (701 53) und die Herrschaft der Ruten
+und Beile damit förmlich eingeweiht. Die Opposition verstummte: überall
+herrschte Ruhe. Caesar ging, wie er pflegte, im Spätjahr 701 (53) über
+die Alpen, um den Winter hindurch die immer mehr sich verwickelnden
+Verhältnisse in der Hauptstadt aus der Nähe zu beobachten.
+
+Der kluge Rechner hatte diesmal sich verrechnet. Das Feuer war
+gedämpft, aber nicht gelöscht. Den Streich, unter dem Accos Haupt fiel,
+fühlte der ganze keltische Adel. Eben jetzt bot die Lage der Dinge mehr
+Aussicht als je. Die Insurrektion des letzten Winters war offenbar nur
+daran gescheitert, daß Caesar selbst auf dem Kampfplatz erschienen war;
+jetzt war er fern, durch den nahe bevorstehenden Bürgerkrieg
+festgehalten am Po, und das gallische Heer, das an der oberen Seine
+zusammengezogen stand, weit getrennt von dem gefürchteten Feldherrn.
+Wenn jetzt ein allgemeiner Aufstand in Mittelgallien ausbrach, so
+konnte das römische Heer umzingelt, die fast unverteidigte altrömische
+Provinz überschwemmt sein, bevor Caesar wieder jenseits der Alpen
+stand, selbst wenn die italischen Verwicklungen nicht überhaupt ihn
+abhielten, sich ferner um Gallien zu kümmern. Verschworene aus allen
+mittelgallischen Gauen traten zusammen; die Carnuten, als durch Accos
+Hinrichtung zunächst betroffen, erboten sich voranzugehen. An dem
+festgesetzten Tage im Winter 701/02 (53/52) gaben die carnutischen
+Ritter Gutruatus und Conconnetodumnus in Cenabum (Orleans) das Zeichen
+zur Erhebung und machten die daselbst anwesenden Römer insgesamt
+nieder. Die gewaltigste Bewegung ergriff das ganze Keltenland; überall
+regten sich die Patrioten. Nichts aber ergriff so tief die Nation wie
+die Schilderhebung der Arverner. Die Regierung dieser Gemeinde, die
+einst unter ihren Königen die erste im südlichen Gallien gewesen und
+noch nach dem durch die unglücklichen Kriege gegen Rom herbeigeführten
+Zusammensturz ihres Prinzipats eine der reichsten, gebildetsten und
+mächtigsten in ganz Gallien geblieben war, hatte bisher unverbrüchlich
+zu Rom gehalten. Auch jetzt war die Patriotenpartei in dem regierenden
+Gemeinderat in der Minorität; ein Versuch, von demselben den Beitritt
+zu der Insurrektion zu erlangen, war vergeblich. Die Angriffe der
+Patrioten richteten sich also gegen den Gemeinderat und die bestehende
+Verfassung selbst, und um so mehr, als die Verfassungsänderung, die bei
+den Arvernern den Gemeinderat an die Stelle des Fürsten gesetzt hatte,
+nach den Siegen der Römer und wahrscheinlich unter dem Einfluß
+derselben erfolgt war. Der Führer der arvernischen Patrioten,
+Vercingetorix, einer jener Adligen, wie sie wohl bei den Kelten
+begegnen, von fast königlichem Ansehen in und außer seinem Gau, dazu
+ein stattlicher, tapferer, kluger Mann, verließ die Hauptstadt und rief
+das Landvolk, das der herrschenden Oligarchie ebenso feind war wie den
+Römern, zugleich zur Wiederherstellung des arvernischen Königtums und
+zum Krieg gegen Rom auf. Rasch fiel die Menge ihm zu; die
+Wiederherstellung des Thrones des Luerius und Betuhus war zugleich die
+Erklärung des Nationalkriegs gegen Rom. Den einheitlichen Halt, an
+dessen Mangel alle bisherigen Versuche der Nation, das fremdländische
+Joch von sich abzuschütteln, gescheitert waren, fand sie jetzt in dem
+neuen selbsternannten König der Arverner. Vercingetorix ward für die
+Kelten des Festlandes, was für die Inselkelten Cassivellaunus; gewaltig
+durchdrang die Massen das Gefühl, daß er oder keiner der Mann sei, die
+Nation zu erretten. Rasch war der Westen von der Mündung der Garonne
+bis zu der der Seine von der Insurrektion erfaßt und Vercingetorix hier
+von allen Gauen als Oberfeldherr anerkannt; wo der Gemeinderat
+Schwierigkeit machte, nötigte ihn die Menge zum Anschluß an die
+Bewegung; nur wenige Gaue, wie der der Biturigen, ließen zum Beitritt
+sich zwingen, und vielleicht auch diese nur zum Schein. Weniger
+günstigen Boden fand der Aufstand in den Landschaften östlich von der
+oberen Loire. Alles kam hier auf die Häduer an; und diese schwankten.
+Die Patriotenpartei war in diesem Gau sehr mächtig; aber der alte
+Antagonismus gegen die führenden Arverner hielt ihrem Einfluß die Waage
+- zum empfindlichsten Nachteil der Insurrektion, da der Anschluß der
+östlichen Kantone, namentlich der Sequaner und der Helvetier, durch den
+Beitritt der Häduer bedingt war und überhaupt in diesem Teile Galliens
+die Entscheidung bei ihnen stand. Während also die Aufständischen daran
+arbeiteten, teils die noch schwankenden Kantone, vor allen die Häduer,
+zum Beitritt zu bewegen, teils sich Narbos zu bemächtigen - einer ihrer
+Führer, der verwegene Lucterius, hatte bereits innerhalb der Grenzen
+der alten Provinz am Tarn sich gezeigt -, erschien plötzlich im tiefen
+Winter, Freunden und Feinden gleich unerwartet, der römische
+Oberfeldherr diesseits der Alpen. Rasch traf er nicht bloß die nötigen
+Anstalten, um die alte Provinz zu decken, sondern sandte auch über die
+schneebedeckten Cevennen einen Haufen in das arvernische Gebiet; aber
+seines Bleibens war nicht hier, wo ihn jeden Augenblick der Zutritt der
+Häduer zu dem gallischen Bündnis von seiner um Sens und Langres
+lagernden Armee abschneiden konnte. In aller Stille ging er nach Vienna
+und von da, nur von wenigen Reitern begleitet, durch das Gebiet der
+Häduer zu seinen Truppen. Die Hoffnungen schwanden, welche die
+Verschworenen zum Losschlagen bestimmt hatten; in Italien blieb es
+Friede und Caesar stand abermals an der Spitze seiner Armee.
+
+Was aber sollten sie beginnen? Es war eine Torheit, unter solchen
+Umständen auf die Entscheidung der Waffen es ankommen zu lassen; denn
+diese hatten bereits unwiderruflich entschieden. Man konnte ebensogut
+versuchen, mit Steinwürfen die Alpen zu erschüttern, wie die Legionen
+mit den keltischen Haufen, mochten dieselben nun in ungeheuren Massen
+zusammengeballt oder vereinzelt ein Gau nach dem andern preisgegeben
+werden. Vercingetorix verzichtete darauf, die Römer zu schlagen. Er
+nahm ein ähnliches Kriegssystem an, wie dasjenige war, durch das
+Cassivellaunus die Inselkelten gerettet hatte. Das römische Fußvolk war
+nicht zu besiegen; aber Caesars Reiterei bestand fast ausschließlich
+aus dem Zuzug des keltischen Adels und war durch den allgemeinen Abfall
+tatsächlich aufgelöst. Es war der Insurrektion, die ja eben wesentlich
+aus dem keltischen Adel bestand, möglich, in dieser Waffe eine solche
+Überlegenheit zu entwickeln, daß sie weit und breit das Land öde legen,
+Städte und Dörfer niederbrennen, die Vorräte vernichten, die
+Verpflegung und die Verbindungen des Feindes gefährden konnte, ohne daß
+derselbe es ernstlich zu hindern vermochte. Vercingetorix richtete
+demzufolge all seine Anstrengung auf die Vermehrung der Reiterei und
+der nach damaliger Fechtweise regelmäßig damit verbundenen
+Bogenschützen zu Fuß. Die ungeheuren und sich selber lähmenden Massen
+der Linienmiliz schickte er zwar nicht nach Hause, ließ sie aber doch
+nicht vor den Feind und versuchte, ihnen allmählich einige Schanz-,
+Marschier- und Manövrierfähigkeit und die Erkenntnis beizubringen, daß
+der Soldat nicht bloß bestimmt ist, sich zu raufen. Von den Feinden
+lernend, adoptierte er namentlich das römische Lagersystem, auf dem das
+ganze Geheimnis der taktischen Überlegenheit der Römer beruhte; denn
+infolgedessen vereinigte jedes römische Korps alle Vorteile der
+Festungsbesatzung mit allen Vorteilen der Offensivarmee ^19. Freilich
+war jenes dem städtearmen Britannien und seinen rauhen, entschlossenen
+und im ganzen einigen Bewohnern vollkommen angemessene System auf die
+reichen Landschaften an der Loire und deren schlaffe, in vollständiger
+politischer Auflösung begriffene Bewohner nicht unbedingt übertragbar.
+Vercingetorix setzte wenigstens durch, daß man nicht wie bisher jede
+Stadt zu halten versuchte und darum keine hielt; man ward sich einig,
+die der Verteidigung nicht fähigen Ortschaften, bevor der Angriff sie
+erreichte, zu vernichten, die starken Festungen aber mit gesamter Hand
+zu verteidigen. Daneben tat der Arvernerkönig, was er vermochte, um
+durch unnachsichtliche Strenge die Feigen und Säumigen, durch Bitten
+und Vorstellungen die Schwankenden, die Habsüchtigen durch Gold, die
+entschiedenen Gegner durch Zwang an die Sache des Vaterlandes zu
+fesseln und selbst dem vornehmen oder niedrigen Gesindel einigen
+Patriotismus aufzunötigen oder abzulisten.
+
+————————————————————————————
+
+^19 Freilich war dies nur möglich, solange die Offensivwaffen
+hauptsächlich auf Hieb und Stich gerichtet waren. In der heutigen
+Kriegführung ist, wie dies Napoleon I. vortrefflich auseinandergesetzt
+hat, dies System deshalb unanwendbar geworden, weil bei unseren, aus
+der Ferne wirkenden Offensivwaffen die deployierte Stellung
+vorteilhafter ist als die konzentrische. In Caesars Zeit verhielt es
+sich umgekehrt.
+
+——————————————————————————-
+
+Noch bevor der Winter zu Ende war, warf er sich auf die im Gebiet der
+Häduer von Caesar angesiedelten Boier, um diese fast einzigen
+zuverlässigen Bundesgenossen Roms zu vernichten, bevor Caesar herankam.
+Die Nachricht von diesem Angriff bestimmte auch Caesar, mit
+Zurücklassung des Gepäcks und zweier Legionen in den Winterquartieren
+von Agedincum (Sens), sogleich und früher, als er sonst wohl getan
+haben würde, gegen die Insurgenten zu marschieren. Dem empfindlichen
+Mangel an Reiterei und leichtem Fußvolk half er einigermaßen ab durch
+nach und nach herbeigezogene deutsche Söldner, die statt ihrer eigenen
+kleinen und schwachen Klepper mit italischen und spanischen, teils
+gekauften, teils von den Offizieren requirierten Pferden ausgerüstet
+wurden. Caesar, nachdem er unterwegs die Hauptstadt der Carnuten,
+Cenabum, die das Zeichen zum Abfall gegeben, hatte plündern und in
+Asche legen lassen, rückte über die Loire in die Landschaft der
+Biturigen. Er erreichte damit, daß Vercingetorix die Belagerung der
+Stadt der Boier aufgab und gleichfalls sich zu den Biturigen begab.
+Hier zuerst sollte die neue Kriegführung sich erproben. Auf
+Vercingetorix’ Geheiß gingen an einem Tage mehr als zwanzig Ortschaften
+der Biturigen in Flammen auf; die gleiche Selbstverwüstung verhängte
+der Feldherr über die benachbarten Gaue, soweit sie von römischen
+Streifparteien erreicht werden konnten. Nach seiner Absicht sollte auch
+die reiche und feste Hauptstadt der Biturigen Avaricum (Bourges)
+dasselbe Schicksal treffen; allein die Majorität des Kriegsrats gab den
+kniefälligen Bitten der biturigischen Behörden nach und beschloß, diese
+Stadt vielmehr mit allem Nachdruck zu verteidigen. So konzentrierte
+sich der Krieg zunächst um Avaricum. Vercingetorix stellte sein Fußvolk
+inmitten der der Stadt benachbarten Sümpfe in einer so unnahbaren.
+Stellung auf, daß es, auch ohne von der Reiterei gedeckt zu sein, den
+Angriff der Legionen nicht zu fürchten brauchte. Die keltische Reiterei
+bedeckte alle Straßen und hemmte die Kommunikation. Die Stadt wurde
+stark besetzt und zwischen ihr und der Armee vor den Mauern die
+Verbindung offen gehalten. Caesars Lage war sehr schwierig. Der
+Versuch, das keltische Fußvolk zum Schlagen zu bringen, mißlang; es
+rührte sich nicht aus seinen unangreifbaren Linien. Wie tapfer vor der
+Stadt auch seine Soldaten schanzten und fochten, die Belagerten
+wetteiferten mit ihnen an Erfindsamkeit und Mut, und fast wäre es ihnen
+gelungen, das Belagerungszeug der Gegner in Brand zu stecken. Dabei
+ward die Aufgabe, ein Heer von beiläufig 60000 Mann in einer weithin
+öde gelegten und von weit überlegenen Reitermassen durchstreiften
+Landschaft mit Lebensmitteln zu versorgen, täglich schwieriger. Die
+geringen Vorräte der Boier waren bald verbraucht; die von den Häduern
+versprochene Zufuhr blieb aus; schon war das Getreide aufgezehrt und
+der Soldat ausschließlich auf Fleischrationen gesetzt. Indes rückte der
+Augenblick heran, wo die Stadt, wie todverachtend auch die Besatzung
+kämpfte, nicht länger zu halten war. Noch war es nicht unmöglich, die
+Truppen bei nächtlicher Weile in der Stille herauszuziehen und die
+Stadt zu vernichten, bevor der Feind sie besetzte. Vercingetorix traf
+die Anstalten dazu, allein das Jammergeschrei, das im Augenblick des
+Abmarsches die zurückbleibenden Weiber und Kinder erhoben, machte die
+Römer aufmerksam; der Abzug mißlang. An dem folgenden trüben und
+regnichten Tage überstiegen die Römer die Mauern und schonten,
+erbittert durch die hartnäckige Gegenwehr, in der eroberten Stadt weder
+Geschlecht noch Alter. Die reichen Vorräte, die die Kelten in derselben
+aufgehäuft hatten, kamen den ausgehungerten Soldaten Caesars zugute.
+Mit der Einnahme von Avaricum (Frühling 702 52) war über die
+Insurrektion ein erster Erfolg erfochten und nach früheren Erfahrungen
+mochte Caesar wohl erwarten, daß damit dieselbe sich auflösen und es
+nur noch erforderlich sein werde, einzelne Gaue zu Paaren zu treiben.
+Nachdem er also mit seiner gesamten Armee sich in dem Gau der Häduer
+gezeigt und durch diese imposante Demonstration die gärende
+Patriotenpartei daselbst genötigt hatte, für den Augenblick wenigstens,
+sich ruhig zu verhalten, teilte er sein Heer und sandte Labienus zurück
+nach Agedincum, um in Verbindung mit den dort zurückgelassenen Truppen
+an der Spitze von vier Legionen die Bewegung zunächst in dem Gebiet der
+Carnuten und Senonen, die auch diesmal wieder voranstanden, zu
+unterdrücken, während er selber mit den sechs übrigen Legionen sich
+südwärts wandte und sich anschickte, den Krieg in die arvernischen
+Berge, das eigene Gebiet des Vercingetorix, zu tragen.
+
+Labienus rückte von Agedincum aus das linke Seineufer hinauf, um der
+auf einer Insel in der Seine gelegenen Stadt der Parisier, Lutetia
+(Paris), sich zu bemächtigen und von dieser gesicherten und im Herzen
+der aufständischen Landschaft befindlichen Stellung aus diese wieder zu
+unterwerfen. Allein hinter Melodunum (Melun) fand er sich den Weg
+verlegt durch das gesamte Insurgentenheer, das unter der Führung des
+greisen Camulogenus zwischen unangreifbaren Sümpfen hier sich
+aufgestellt hatte. Labienus ging eine Strecke zurück, überschritt bei
+Melodunum die Seine und rückte auf dem rechten Ufer derselben
+ungehindert gegen Lutetia; Camulogenus ließ diese Stadt abbrennen und
+die auf das linke Ufer führenden Brücken abbrechen und nahm Labienus
+gegenüber eine Stellung ein, in welcher dieser weder ihn zum Schlagen
+zu bringen, noch unter den Augen der feindlichen Armee den Übergang zu
+bewirken imstande war.
+
+Die römische Hauptarmee ihrerseits rückte am Allier hinab in den
+Arvernergau. Vercingetorix versuchte, ihr den Übergang auf das linke
+Ufer des Allier zu verwehren, allein Caesar überlistete ihn und stand
+nach einigen Tagen vor der arvernischen Hauptstadt Gergovia ^20. Indes
+hatte Vercingetorix, ohne Zweifel schon, während er Caesar am Allier
+gegenüberstand, in Gergovia hinreichende Vorräte zusammenbringen und
+vor den Mauern der auf der Spitze eines ziemlich steil sich erhebenden
+Hügels gelegenen Stadt ein mit starken Steinwällen versehenes
+Standlager für seine Truppen anlegen lassen; und da er hinreichenden
+Vorsprung hatte, langte er vor Caesar bei Gergovia an und erwartete in
+dem befestigten Lager unter der Festungsmauer den Angriff. Caesar mit
+seiner verhältnismäßig schwachen Armee konnte den Platz weder
+regelrecht belagern, noch auch nur hinreichend blockieren; er schlug
+sein Lager unterhalb der von Vercingetorix besetzten Anhöhe und
+verhielt sich notgedrungen ebenso untätig wie sein Gegner. Für die
+Insurgenten war es fast ein Sieg, daß Caesars von Triumph zu Triumph
+fortschreitender Lauf an der Seine wie am Allier plötzlich gestockt
+war. In der Tat kamen die Folgen dieser Stockung für Caesar beinahe
+denen einer Niederlage gleich. Die Häduer, die bisher immer noch
+geschwankt hatten, machten jetzt ernstlich Anstalt, der Patriotenpartei
+sich anzuschließen; schon war die Mannschaft, die Caesar nach Gergovia
+entboten hatte, auf dem Marsche durch die Offiziere bestimmt worden,
+sich für die Insurgenten zu erklären; schon hatte man gleichzeitig im
+Kanton selbst angefangen, die daselbst ansässigen Römer zu plündern und
+zu erschlagen. Noch hatte Caesar, indem er jenem auf Gergovia
+zurückenden Korps der Häduer mit zwei Dritteln des Blockadeheeres
+entgegengegangen war, dasselbe durch sein plötzliches Erscheinen wieder
+zum nominellen Gehorsam zurückgebracht; allein es war mehr als je ein
+hohles und brüchiges Verhältnis, dessen Fortbestand fast zu teuer
+erkauft worden war durch die große Gefahr der vor Gergovia
+zurückgelassenen beiden Legionen. Denn auf diese hatte Vercingetorix,
+Caesars Abmarsch rasch und entschlossen benutzend, während dessen
+Abwesenheit einen Angriff gemacht, der um ein Haar mit der
+Überwältigung derselben und der Erstürmung des römischen Lagers
+geendigt hätte. Nur Caesars unvergleichliche Raschheit wandte eine
+zweite Katastrophe wie die von Aduatuca hier ab. Wenn auch die Häduer
+jetzt wieder gute Worte gaben, war es doch vorherzusehen, daß sie, wenn
+die Blockade sich noch länger ohne Erfolg hinspann, sich offen auf die
+Seite der Aufständischen schlagen und dadurch Caesar nötigen würden,
+dieselbe aufzuheben; denn ihr Beitritt würde die Verbindung zwischen
+ihm und Labienus unterbrochen und namentlich den letzteren in seiner
+Vereinzelung der größten Gefahr ausgesetzt haben. Caesar war
+entschlossen, es hierzu nicht kommen zu lassen, sondern, wie peinlich
+und selbst gefährlich es auch war, unverrichteter Sache von Gergovia
+abzuziehen, dennoch, wenn es einmal geschehen mußte, lieber sogleich
+aufzubrechen und, in den Gau der Häduer einrückend, deren förmlichen
+Übertritt um jeden Preis zu verhindern. Ehe er indes diesen, seinem
+raschen und sicheren Naturell wenig zusagenden Rückzug antrat, machte
+er noch einen letzten Versuch, sich aus seiner peinlichen Verlegenheit
+durch einen glänzenden Erfolg zu befreien. Während die Masse der
+Besatzung von Gergovia beschäftigt war, die Seite, auf der der Sturm
+erwartet ward, zu verschanzen, ersah der römische Feldherr sich die
+Gelegenheit, einen anderen, weniger bequem gelegenen, aber
+augenblicklich entblößten Aufgang zu überrumpeln. In der Tat
+überstiegen die römischen Sturmkolonnen die Lagermauer und besetzten
+die nächstliegenden Quartiere des Lagers; allein schon war auch die
+ganze Besatzung alarmiert und bei den geringen Entfernungen fand es
+Caesar nicht rätlich, den zweiten Sturm auf die Stadtmauer zu wagen. Er
+gab das Zeichen zum Rückzug; indes die vordersten Legionen, vom
+Ungestüm des Sieges hingerissen, hörten nicht oder wollten nicht hören,
+und drangen unaufhaltsam vor bis an die Stadtmauer, einzelne sogar bis
+in die Stadt. Aber immer dichtere Massen warfen den Eingedrungenen sich
+entgegen; die vordersten fielen, die Kolonnen stockten; vergeblich
+stritten Centurionen und Legionäre mit dem aufopferndsten Heldenmut;
+die Stürmenden wurden mit sehr beträchtlichem Verlust aus der Stadt
+hinaus und den Berg hinuntergejagt, wo die von Caesar in der Ebene
+aufgestellten Truppen sie aufnahmen und größeres Unglück verhüteten.
+Die gehoffte Einnahme von Gergovia hatte sich in eine Niederlage
+verwandelt, und der beträchtliche Verlust an Verwundeten und Toten -
+man zählte 700 gefallene Soldaten, darunter 46 Centurionen - war der
+kleinste Teil des erlittenen Unfalls. Caesars imponierende Stellung in
+Gallien beruhte wesentlich auf seinem Siegernimbus; und dieser fing an
+zu erblassen. Schon die Kämpfe um Avaricum, Caesars vergebliche
+Versuche, den Feind zum Schlagen zu zwingen, die entschlossene
+Verteidigung der Stadt und ihre fast zufällige Erstürmung, trugen einen
+anderen Stempel als die früheren Keltenkriege und hatten den Kelten
+Vertrauen auf sich und ihren Führer eher gegeben als genommen. Weiter
+hatte das neue System der Kriegführung: unter dem Schutze der Festungen
+in verschanzten Lagern dem Feind die Stirne zu bieten - bei Lutetia
+sowohl wie bei Gergovia sich vollkommen bewährt. Diese Niederlage
+endlich, die erste, die Caesar selbst von den Kelten erlitten hatte,
+krönte den Erfolg, und sie gab denn auch gleichsam das Signal für einen
+zweiten Ausbruch der Insurrektion. Die Häduer brachen jetzt förmlich
+mit Caesar und traten mit Vercingetorix in Verbindung. Ihr Kontingent,
+das noch bei Caesars Armee sich befand, machte nicht bloß von dieser
+sich los, sondern nahm auch bei der Gelegenheit in Noviodunum an der
+Loire die Depots der Armee Caesars weg, wodurch die Kassen und
+Magazine, eine Menge Remontepferde und sämtliche Caesar gestellte
+Geiseln den Insurgenten in die Hände fielen. Wenigstens ebensowichtig
+war es, daß auf diese Nachrichten hin auch die Belgen, die bisher der
+ganzen Bewegung sich ferngehalten hatten, anfingen sich zu rühren. Der
+mächtige Gau der Bellovaker machte sich auf, um das Korps des Labienus,
+während es bei Lutetia dem Aufgebot der umliegenden mittelgallischen
+Gaue gegenüberstand, im Rücken anzugreifen. Auch sonst ward überall
+gerüstet; die Gewalt des patriotischen Aufschwungs riß selbst die
+entschiedensten und begünstigtsten Parteigänger Roms mit sich fort, wie
+zum Beispiel den König der Atrebaten, Commius, der seiner treuen
+Dienste wegen von den Römern wichtige Privilegien für seine Gemeinde
+und die Hegemonie über die Moriner empfangen hatte. Bis in die
+altrömische Provinz gingen die Fäden der Insurrektion: sie machte,
+vielleicht nicht ohne Grund, sich Hoffnung, selbst die Allobrogen gegen
+die Römer unter die Waffen zu bringen. Mit einziger Ausnahme der Reiner
+und der von den Remern zunächst abhängigen Distrikte der Suessionen,
+Leuker und Lingonen, deren Partikularismus selbst unter diesem
+allgemeinen Enthusiasmus nicht mürbe ward, stand jetzt in der Tat, zum
+ersten und zum letzten Male, die ganze keltische Nation von den
+Pyrenäen bis zum Rhein für ihre Freiheit und Nationalität unter den
+Waffen; wogegen, merkwürdig genug, die sämtlichen deutschen Gemeinden,
+die bei den bisherigen Kämpfen in erster Reihe gestanden hatten, sich
+ausschlossen, ja sogar die Treuerer und, wie es scheint, auch die
+Menapier durch ihre Fehden mit den Deutschen verhindert wurden, an dem
+Nationalkrieg tätigen Anteil zu nehmen.
+
+————————————————————————-
+
+^20 Man sucht diesen Ort auf einer Anhöhe eine Stunde südlich von der
+arvernischen Hauptstadt Nemetum, dem heutigen Clermont welche noch
+jetzt Gergoie genannt wird; und sowohl die bei den Ausgrabungen
+daselbst zu Tage gekommenen Überreste von rohen Festungsmauern, wie die
+urkundlich bis ins zehnte Jahrhundert hinauf verfolgte Überlieferung
+des Namens lassen an der Richtigkeit dieser Ortsbestimmung keinen
+Zweifel. Auch paßt dieselbe wie zu den übrigen Angaben Caesars, so
+namentlich dazu daß er Gergovia ziemlich deutlich als Hauptort der
+Arverner bezeichnet (Gall. 7, 4). Man wird demnach anzunehmen haben,
+daß die Arverner nach der Niederlage genötigt wurden, sich von Gergovia
+nach dem nahen, weniger festen Nemetum überzusiedeln.
+
+—————————————————————————-
+
+Es war ein schwerer, entscheidungsvoller Augenblick, als nach dem Abzug
+von Gergovia und dem Verlust von Noviodunum in Caesars Hauptquartier
+über die nun zu ergreifenden Maßregeln Kriegsrat gehalten ward. Manche
+Stimmen sprachen sich für den Rückzug über die Cevennen in die
+altrömische Provinz aus, welche jetzt der Insurrektion von allen Seiten
+her offenstand und allerdings der zunächst doch zu ihrem Schutze von
+Rom gesandten Legionen dringend bedurfte. Allein Caesar verwarf diese
+ängstliche, nicht durch die Lage der Dinge, sondern durch
+Regierungsinstruktionen und Verantwortungsfurcht bestimmte Strategie.
+Er begnügte sich, in der Provinz den Landsturm der dort ansässigen
+Römer unter die Waffen zu rufen und durch ihn, so gut es eben ging, die
+Grenzen besetzen zu lassen. Dagegen brach er selbst in
+entgegengesetzter Richtung auf und rückte in Gewaltmärschen auf
+Agedincum zu, auf das er Labienus sich in möglichster Eile
+zurückzuziehen befahl. Die Kelten versuchten natürlich, die Vereinigung
+der beiden römischen Heere zu verhindern. Labienus hätte wohl, über die
+Marne setzend und am rechten Seineufer flußabwärts marschierend,
+Agedincum erreichen können, wo er seine Reserve und sein Gepäck
+zurückgelassen hatte; aber er zog es vor, den Kelten nicht abermals das
+Schauspiel des Rückzugs römischer Truppen zu gewähren. Er ging daher,
+statt über die Marne, vielmehr unter den Augen des getäuschten Feindes
+über die Seine und lieferte am linken Ufer derselben den feindlichen
+Massen eine Schlacht, in welcher er siegte und unter vielen andern auch
+der keltische Feldherr selbst, der alte Camulogenus, auf der Walstatt
+blieb. Ebensowenig gelang es den Insurgenten, Caesar an der Loire
+aufzuhalten; Caesar gab ihnen keine Zeit, dort größere Massen zu
+versammeln, und sprengte die Milizen der Häduer, die er allein dort
+vorfand, ohne Mühe auseinander. So ward die Vereinigung der beiden
+Heerhaufen glücklich bewerkstelligt. Die Aufständischen inzwischen
+hatten über die weitere Kriegführung in Bibracte (Autun), der
+Hauptstadt der Häduer, geratschlagt; die Seele dieser Beratungen war
+wieder Vercingetorix, dem nach dem Siege von Gergovia die Nation
+begeistert anhing. Zwar schwieg der Partikularismus auch jetzt nicht;
+die Häduer machten noch in diesem Todeskampf der Nation ihre Ansprüche
+auf die Hegemonie geltend und stellten auf der Landesversammlung den
+Antrag, an die Stelle des Vercingetorix einen der Ihrigen zu setzen.
+Allein die Landesvertreter hatten dies nicht bloß abgelehnt und
+Vercingetorix im Oberbefehl bestätigt, sondern auch seinen Kriegsplan
+unverändert angenommen. Es war im wesentlichen derselbe, nach dem er
+bei Avaricum und bei Gergovia operiert hatte. Zum Angelpunkt der neuen
+Stellung ward die feste Stadt der Mandubier, Alesia (Alise Sainte-Reine
+bei Semur im Departement Côte d’Or ^21), ausersehen und unter deren
+Mauern abermals ein verschanztes Lager angelegt. Ungeheure Vorräte
+wurden hier aufgehäuft und die Armee von Gergovia dorthin beordert,
+deren Reiterei nach Beschluß der Landesversammlung bis auf 15000 Pferde
+gebracht ward. Caesar schlug mit seiner gesamten Heeresmacht, nachdem
+er sie bei Agedincum wiedervereinigt hatte, die Richtung auf Vesontio
+ein, um sich nun der geängsteten Provinz zu nähern und sie vor einem
+Einfall zu beschützen, wie denn in der Tat sich Insurgentenscharen
+schon in dem Gebiet der Helvier am Südabhang der Cevennen gezeigt
+hatten. Alesia lag fast auf seinem Wege; die Reiterei der Kelten, die
+einzige Waffe, mit der Vercingetorix operieren mochte, griff unterwegs
+ihn an, zog aber zu aller Erstaunen den kürzeren gegen Caesars neue
+deutsche Schwadronen und die zu deren Rückhalt aufgestellte römische
+Infanterie. Vercingetorix eilte um so mehr, sich in Alesia
+einzuschließen; und wenn Caesar nicht überhaupt auf die Offensive
+verzichten wollte, blieb ihm nichts übrig, als zum drittenmal in diesem
+Feldzug gegen eine, unter einer wohlbesetzten und verproviantierten
+Festung gelagerte und mit ungeheuren Reitermassen versehene Armee mit
+einer weit schwächeren Angriffsweise vorzugehen. Allein, wenn den
+Kelten bisher nur ein Teil der römischen Legionen gegenübergestanden,
+so war in den Linien um Alesia Caesars ganze Streitmacht vereinigt und
+es gelang Vercingetorix nicht, wie es ihm bei Avaricum und Gergovia
+gelungen war, sein Fußvolk unter dem Schutz der Festungsmauern
+aufzustellen und durch seine Reiterei seine Verbindungen nach außen hin
+sich offen zu halten, während er die des Feindes unterbrach. Die
+keltische Reiterei, schon entmutigt durch jene von den
+geringgeschätzten Gegnern ihnen beigebrachte Niederlage, wurde von
+Caesars deutschen Berittenen in jedem Zusammentreffen geschlagen. Die
+Umwallungslinie der Belagerer erhob sich in der Ausdehnung von zwei
+deutschen Meilen um die ganze Stadt mit Einschluß des an sie
+angelehnten Lagers. Auf einen Kampf unter den Mauern war Vercingetorix
+gefaßt gewesen, aber nicht darauf, in Alesia belagert zu werden - dazu
+genügten für seine angeblich 80000 Mann Infanterie und 15000 Reiter
+zählende Armee und die zahlreiche Stadtbewohnerschaft die
+aufgespeicherten Vorräte, wie ansehnlich sie waren, doch bei weitem
+nicht. Vercingetorix mußte sich überzeugen, daß sein Kriegsplan diesmal
+zu seinem eigenen Verderben ausgeschlagen und er verloren war, wofern
+nicht die gesamte Nation herbeieilte und ihren eingeschlossenen
+Feldherrn befreite. Noch reichten, als die römische Umwallung sich
+schloß, die vorhandenen Lebensmittel aus auf einen Monat und vielleicht
+etwas darüber; im letzten Augenblick, wo der Weg wenigstens für
+Berittene noch frei war, entließ Vercingetorix seine gesamte Reiterei
+und entsandte zugleich an die Häupter der Nation die Weisung, alle
+Mannschaft aufzubieten und sie zum Entsatz von Alesia heranzuführen. Er
+selbst, entschlossen, die Verantwortung für den von ihm entworfenen und
+fehlgeschlagenen Kriegsplan auch persönlich zu tragen, blieb in der
+Festung, um im Guten und Bösen das Schicksal der Seinigen zu teilen.
+Caesar aber machte sich gefaßt, zugleich zu belagern und belagert zu
+werden. Er richtete seine Umwallungslinie auch an der Außenseite zur
+Verteidigung ein und versah sich auf längere Zeit mit Lebensmitteln.
+Die Tage verflossen; schon hatte man in der Festung keinen Malter
+Getreide mehr, schon die unglücklichen Stadtbewohner austreiben müssen,
+um zwischen den Verschanzungen der Kelten und der Römer, an beiden
+unbarmherzig zurückgewiesen, elend umzukommen. Da, in der letzten
+Stunde, zeigten hinter Caesars Linien sich die unabsehbaren Züge des
+keltisch-belgischen Entsatzheeres, angeblich 250000 Mann zu Fuß und
+8000 Reiter. Vom Kanal bis zu den Cevennen hatten die insurgierten Gaue
+jeden Nerv angestrengt, um den Kern ihrer Patrioten, den Feldherrn
+ihrer Wahl zu retten - einzig die Bellovaker hatten geantwortet, daß
+sie wohl gegen die Römer, aber nicht außerhalb der eigenen Grenzen zu
+fechten gesonnen seien. Der erste Sturm, der die Belagerten von Alesia
+und die Entsatztruppen draußen auf die römische Doppellinie
+unternahmen, ward abgeschlagen; aber als nach eintägiger Rast derselbe
+wiederholt ward, gelang es an einer Stelle, wo die Umwallungslinie über
+den Abhang eines Berges hinlief und von dessen Höhe herab angegriffen
+werden konnte, die Gräben zuzuschütten und die Verteidiger von dem Wall
+herunterzuwerfen. Da nahm Labienus, von Caesar hierher gesandt, die
+nächsten Kohorten zusammen und warf sich mit vier Legionen auf den
+Feind. Unter den Augen des Feldherrn, der selbst in dem gefährlichsten
+Augenblick erschien, wurden im verzweifelten Nahgefecht die Stürmenden
+zurückgejagt und die mit Caesar gekommenen, die Flüchtenden in den
+Rücken fassenden Reiterscharen vollendeten die Niederlage. Es war mehr
+als ein großer Sieg; über Alesia, ja über die keltische Nation war
+damit unwiderruflich entschieden. Das Keltenheer, völlig entmutigt,
+verlief unmittelbar vom Schlachtfeld sich nach Hause. Vercingetorix
+hätte vielleicht noch jetzt fliehen, wenigstens durch das letzte Mittel
+des freien Mannes sich erretten können; er tat es nicht, sondern
+erklärte im Kriegsrat, daß, da es ihm nicht gelungen sei, die
+Fremdherrschaft zu brechen, er bereit sei, sich als Opfer hinzugeben
+und soweit möglich das Verderben von der Nation auf sein Haupt
+abzulenken. So geschah es. Die keltischen Offiziere lieferten ihren von
+der ganzen Nation feierlich erwählten Feldherrn dem Landesfeind zu
+geeigneter Bestrafung aus. Hoch zu Roß und im vollen Waffenschmucke
+erschien der König der Arverner vor dem römischen Prokonsul und umritt
+dessen Tribunal; darauf gab er Roß und Waffen ab und ließ schweigend
+auf den Stufen zu Caesars Füßen sich nieder (702 52). Fünf Jahre später
+ward er im Triumph durch die Gassen der italischen Hauptstadt geführt
+und als Hochverräter an der römischen Nation, während sein Überwinder
+den Göttern derselben den Feierdank auf der Höhe des Kapitols
+darbrachte, an dessen Fuß enthauptet. Wie nach trübe verlaufenem Tage
+wohl die Sonne im Sinken durchbricht, so verleiht das Geschick noch
+untergehenden Völkern wohl einen letzten großartigen Mann. Also steht
+am Ausgang der phönikischen Geschichte Hannibal, also an dem der
+keltischen Vercingetorix. Keiner von beiden vermochte seine Nation von
+der Fremdherrschaft zu erretten, aber sie haben ihr die letzte noch
+übrige Schande, einen ruhmlosen Untergang, erspart. Auch Vercingetorix
+hat ebenwie der Karthager nicht bloß gegen den Landesfeind kämpfen
+müssen, sondern vor allem gegen die antinationale Opposition verletzter
+Egoisten und aufgestörter Feiglinge, wie sie die entartete Zivilisation
+regelmäßig begleitet; auch ihm sichern seinen Platz in der Geschichte
+nicht seine Schlachten und Belagerungen, sondern daß er es vermocht
+hat, einer zerfahrenen und im Partikularismus verkommenen Nation in
+seiner Person einen Mittel- und Haltpunkt zu geben. Und doch gibt es
+wieder kaum einen schärferen Gegensatz als der ist zwischen dem
+nüchternen Bürgersmann der phönikischen Kaufstadt mit seinen, auf das
+eine große Ziel hin fünfzig Jahre hindurch mit unwandelbarer Energie
+gerichteten Plänen, und dem kühnen Fürsten des Keltenlandes, dessen
+gewaltige Taten zugleich mit seiner hochherzigen Aufopferung, ein
+kurzer Sommer einschließt. Das ganze Altertum kennt keinen
+ritterlicheren Mann in seinem innersten Wesen wie in seiner äußeren
+Erscheinung. Aber der Mensch soll kein Ritter sein und am wenigsten der
+Staatsmann. Es war der Ritter, nicht der Held, der es verschmähte, sich
+aus Alesia zu retten, während doch an ihm allein der Nation mehr
+gelegen war als an hunderttausend gewöhnlichen tapferen Männern. Es war
+der Ritter, nicht der Held, der sich da zum Opfer hingab, wo durch
+dieses Opfer nichts weiter erreicht ward, als daß die Nation sich
+öffentlich entehrte und ebenso feig wie widersinnig mit ihrem letzten
+Atemzug ihren weltgeschichtlichen Todeskampf ein Verbrechen gegen ihren
+Zwingherrn nannte. Wie so ganz anders hat in den gleichen Lagen
+Hannibal gehandelt! Es ist nicht möglich, ohne geschichtliche und
+menschliche Teilnahme von dem edlen Arvernerkönig zu scheiden; aber es
+gehört zur Signatur der keltischen Nation, daß ihr größter Mann doch
+nur ein Ritter war.
+
+——————————————————————-
+
+^21 Die kürzlich viel erörterte Frage, ob Alesia nicht vielmehr in
+Alaise (25 Kilometer südlich von Besançon, Dep. Doubs) zu erkennen sei,
+ist von allen besonnenen Forschern mit Recht verneint worden.
+
+——————————————————————-
+
+Der Fall von Alesia und die Kapitulation der daselbst eingeschlossenen
+Armee war für die keltische Insurrektion ein furchtbarer Schlag; indes
+es hatten schon ebensoschwere die Nation betroffen und doch war der
+Kampf wieder erneuert worden. Aber Vercingetorix’ Verlust war
+unersetzlich. Mit ihm war die Einheit in die Nation gekommen; mit ihm
+schien sie auch wieder entwichen. Wir finden nicht, daß die
+Insurrektion einen Versuch machte, die Gesamtverteidigung fortzusetzen
+und einen anderen Oberfeldherrn zu bestellen; der Patriotenbund fiel
+von selbst auseinander und jedem Clan blieb es überlassen, wie es ihm
+beliebte, mit den Römern zu streiten oder auch sich zu vertragen.
+Natürlich überwog durchgängig das Verlangen nach Ruhe. Auch Caesar
+hatte ein Interesse daran, rasch zu Ende zu kommen. Von den zehn Jahren
+seiner Statthalterschaft waren sieben verstrichen. Das letzte aber
+durch seine politischen Gegner in der Hauptstadt ihm in Frage gestellt;
+nur auf zwei Sommer noch konnte er mit einiger Sicherheit rechnen und
+wenn sein Interesse wie seine Ehre verlangte, daß er die neu gewonnenen
+Landschaften seinem Nachfolger in einem leidlichen und einigermaßen
+beruhigten Friedensstand übergab, so war, um einen solchen
+herzustellen, die Zeit wahrlich karg zugemessen. Gnade zu üben war in
+diesem Falle noch mehr als für die Besiegten Bedürfnis für den Sieger;
+und er durfte seinen Stern preisen, daß die innere Zerfahrenheit und
+das leichte Naturell der Kelten ihm hierin auf halbem Wege entgegenkam.
+Wo, wie in den beiden angesehensten mittelgallischen Kantons, dem der
+Häduer und dem der Arverner, eine starke römisch gesinnte Partei
+bestand, wurde den Landschaften sogleich nach dem Fall von Alesia die
+vollständige Wiederherstellung ihres früheren Verhältnisses zu Rom
+gewährt und selbst ihre Gefangenen, 20000 an der Zahl, ohne Lösegeld
+entlassen, während die der übrigen Clans in die harte Knechtschaft der
+siegreichen Legionäre kamen. Wie die Häduer und die Arverner ergab sich
+überhaupt der größere Teil der gallischen Distrikte in sein Schicksal
+und ließ ohne weitere Gegenwehr die unvermeidlichen Strafgerichte über
+sich ergehen. Aber nicht wenige harrten auch in törichtem Leichtsinn
+oder dumpfer Verzweiflung bei der verlorenen Sache aus, bis die
+römischen Exekutionstruppen innerhalb ihrer Grenzen erschienen. Solche
+Expeditionen wurden noch im Winter 702/03 (52/51) gegen die Biturigen
+und die Carnuten unternommen. Ernsteren Widerstand leisteten die
+Bellovaker, die das Jahr zuvor von dem Entsatz Alesias sich
+ausgeschlossen hatten; sie schienen beweisen zu wollen, daß sie an
+jenem entscheidenden Tage wenigstens nicht aus Mangel an Mut und an
+Freiheitsliebe gefehlt hatten. Es beteiligten sich an diesem Kampfe die
+Atrebaten, Ambianer, Caleten und andere belgische Gaue; der tapfere
+König der Atrebaten, Commius, dem die Römer seinen Beitritt zur
+Insurrektion am wenigsten verziehen und gegen den kürzlich Labienus
+sogar einen widerwärtig tückischen Mordversuch gerichtet hatte, führte
+den Bellovakern 500 deutsche Reiter zu, deren Wert der vorjährige
+Feldzug hatte kennen lehren. Der entschlossene und talentvolle
+Bellovaker Correus, dem die oberste Leitung des Krieges zugefallen war,
+führte den Krieg, wie Vercingetorix ihn geführt hatte, und mit nicht
+geringem Erfolg; Caesar, obwohl er nach und nach den größten Teil
+seines Heeres heranzog, konnte das Fußvolk der Bellovaker weder zum
+Schlagen bringen noch auch nur dasselbe verhindern, andere, gegen
+Caesars verstärkte Streitmacht besseren Schutz gewährende Stellungen
+einzunehmen; die römischen Reiter aber, namentlich die keltischen
+Kontingente, erlitten in verschiedenen Gefechten durch die feindliche
+Reiterei, besonders die deutsche des Commius, die empfindlichsten
+Verluste. Allein nachdem in einem Scharmützel mit den römischen
+Fouragierern Correus den Tod gefunden, war der Widerstand auch hier
+gebrochen; der Sieger stellte erträgliche Bedingungen, auf die hin die
+Bellovaker nebst ihren Verbündeten sich unterwarfen. Die Treuerer
+wurden durch Labienus zum Gehorsam zurückgebracht und beiläufig das
+Gebiet der verfemten Eburonen noch einmal durchzogen und verwüstet.
+Also ward der letzte Widerstand der belgischen Eidgenossenschaft
+gebrochen. Noch einen Versuch, der Römerherrschaft sich zu erwehren,
+machten die Seegaue in Verbindung mit ihren Nachbarn an der Loire.
+Insurgentenscharen aus dem andischen, dem carnutischen und anderen
+umliegenden Gauen sammelten sich an der unteren Loire und belagerten in
+Lemonum (Poitiers) den römisch gesinnten Fürsten der Pictonen. Allein
+bald trat auch hier eine ansehnliche römische Macht ihnen entgegen; die
+Insurgenten gaben die Belagerung auf und zogen ab, um die Loire
+zwischen sich und den Feind zu bringen, wurden aber auf dem Marsche
+dahin eingeholt und geschlagen, worauf die Carnuten und die übrigen
+aufständischen Kantons, selbst die Seegaue ihre Unterwerfung
+einsandten. Der Widerstand war zu Ende; kaum daß ein einzelner
+Freischarenführer hie und da noch das nationale Banner aufrecht hielt.
+Der kühne Drappes und des Vercingetorix treuer Waffengefährte Lucterius
+sammelten nach der Auflösung der an der Loire vereinigten Armee die
+Entschlossensten und warfen sich mit diesen in die feste Bergstadt
+Uxellodunum am Lot ^22, die ihnen unter schweren und verlustvollen
+Gefechten ausreichend zu verproviantieren gelang. Trotz des Verlustes
+ihrer Führer, von denen Drappes gefangen, Lucterius von der Stadt
+abgesprengt ward, wehrte die Besatzung sich auf das äußerste; erst als
+Caesar selbst erschien und auf seine Anordnung die Quelle, aus der die
+Belagerten ihr Wasser holten, mittels unterirdischer Stollen abgeleitet
+ward, fiel die Festung, die letzte Burg der keltischen Nation. Um die
+letzten Verfechter der Sache der Freiheit zu kennzeichnen, befahl
+Caesar, der gesamten Besatzung die Hände abzuhauen und sie also, einen
+jeden in seine Heimat, zu entlassen. Dem König Commius, der noch in der
+Gegend von Arras sich hielt und daselbst bis in den Winter 703/04
+(51/50) mit den römischen Truppen sich herumschlug, gestattete Caesar,
+dem alles daran lag, in ganz Gallien wenigstens dem offenen Widerstand
+ein Ziel zu setzen, seinen Frieden zu machen und ließ es sogar
+hingehen, daß der erbitterte und mit Recht mißtrauische Mann trotzig
+sich weigerte, persönlich im römischen Lager zu erscheinen. Es ist sehr
+wahrscheinlich, daß Caesar in ähnlicher Weise bei den schwer
+zugänglichen Distrikten im Nordwesten wie im Nordosten Galliens mit
+einer nur nominellen Unterwerfung, vielleicht sogar schon mit der
+faktischen Waffenruhe sich genügen ließ ^23.
+
+—————————————————————-
+
+^22 Man sucht dies gewöhnlich bei Capdenac unweit Figeac; F. W. A.
+Göler hat sich neuerlich für das auch früher schon in Vorschlag
+gebrachte Luzech westlich von Cahors erklärt.
+
+^23 Bei Caesar selbst steht dies freilich begreiflicherweise nicht
+geschrieben; aber eine verständliche Andeutung in dieser Beziehung
+macht Sallust (hist. 1, 9 Kritz), obwohl auch er als Caesarianer
+schrieb. Weitere Beweise ergeben die Münzen.
+
+————————————————————————-
+
+Also ward Gallien, das heißt das Land westlich vom Rhein und nördlich
+von den Pyrenäen, nach nur achtjährigen Kämpfen (696 bis 703 58-51) den
+Römern untertänig. Kaum ein Jahr nach der völligen Beruhigung des
+Landes, zu Anfang des Jahres 705 (49), mußten die römischen Truppen
+infolge des nun endlich in Italien ausgebrochenen Bürgerkrieges über
+die Alpen zurückgezogen werden und es blieben nichts als höchstens
+einige schwache Rekrutenabteilungen im Keltenland zurück. Dennoch
+standen die Kelten nicht wieder gegen die Fremdherrschaft auf; und
+während in allen alten Provinzen des Reichs gegen Caesar gestritten
+ward, blieb allein die neugewonnene Landschaft ihrem Besieger
+fortwährend botmäßig. Auch die Deutschen haben ihre Versuche, auf dem
+linken Rheinufer sich erobernd festzusetzen, während dieser
+entscheidenden Jahre nicht wiederholt. Ebensowenig kam es in Gallien
+während der nachfolgenden Krisen zu einer neuen nationalen Insurrektion
+oder deutschen Invasion, obgleich sie die günstigsten Gelegenheiten
+darboten. Wenn ja irgendwo Unruhen ausbrachen, wie zum Beispiel 708
+(46) die Bellovaker gegen die Römer sich erhoben, so waren diese
+Bewegungen so vereinzelt und so außer Zusammenhang mit den
+Verwicklungen in Italien, daß sie ohne wesentliche Schwierigkeit von
+den römischen Statthaltern unterdrückt wurden. Allerdings ward dieser
+Friedenszustand höchst wahrscheinlich, ähnlich wie Jahrhunderte lang
+der spanische, damit erkauft, daß man den entlegensten und am
+lebendigsten von dem Nationalgefühl durchdrungenen Landschaften, der
+Bretagne, den Scheldedistrikten, der Pyrenäengegend, vorläufig
+gestattete, sich in mehr oder minder bestimmter Weise der römischen
+Botmäßigkeit tatsächlich zu entziehen. Aber darum nicht weniger erwies
+sich Caesars Bau, wie knapp er auch dazu zwischen anderen, zunächst
+noch dringenderen Arbeiten die Zeit gefunden, wie unfertig und nur
+notdürftig abgeschlossen er ihn auch verlassen hatte, dennoch, sowohl
+hinsichtlich der Zurückweisung der Deutschen als der Unterwerfung der
+Kelten, in dieser Feuerprobe im wesentlichen als haltbar.
+
+In der Oberverwaltung blieben die von dem Statthalter des
+Narbonensischen Galliens neu gewonnenen Gebiete vorläufig mit der
+Provinz Narbo vereinigt; erst als Caesar dieses Amt abgab (710 44),
+wurden aus dem von ihm eroberten Gebiet zwei neue Statthalterschaften,
+das eigentliche Gallien und Belgica, gebildet. Daß die einzelnen Gaue
+ihre politische Selbständigkeit verloren, lag im Wesen der Eroberung.
+Sie wurden durchgängig der römischen Gemeinde steuerpflichtig. Ihr
+Steuersystem indes war natürlich nicht dasjenige, mittels dessen die
+adlige und finanzielle Aristokratie Asia ausnutzte, sondern es wurde,
+wie in Spanien geschah, einer jeden einzelnen Gemeinde eine ein für
+allemal bestimmte Abgabe auferlegt und deren Erhebung ihr selbst
+überlassen. Auf diesem Wege flossen jährlich 40 Mill. Sesterzen (3
+Mill. Taler) aus Gallien in die Kassen der römischen Regierung, die
+dafür freilich die Kosten der Verteidigung der Rheingrenze übernahm.
+Daß außerdem die in den Tempeln der Götter und den Schatzkammern der
+Großen aufgehäuften Goldmassen infolge des Krieges ihren Weg nach Rom
+fanden, versteht sich von selbst; wenn Caesar im ganzen Römischen Reich
+sein gallisches Gold ausbot und davon auf einmal solche Massen auf den
+Geldmarkt brachte, daß das Gold gegen Silber um 25 Prozent fiel, so
+läßt dies ahnen, welche Summen Gallien durch den Krieg eingebüßt hat.
+
+Die bisherigen Gauverfassungen mit ihren Erbkönigen oder ihren
+feudal-oligarchischen Vorstandschaften blieben auch nach der Eroberung
+im wesentlichen bestehen, und selbst das Klientelsystem, das einzelne
+Kantons von anderen, mächtigeren abhängig machte, ward nicht
+abgeschafft, obwohl freilich mit dem Verlust der staatlichen
+Selbständigkeit ihm die Spitze abgebrochen war; Caesar war nur darauf
+bedacht, unter Benutzung der bestehenden dynastischen, feudalistischen
+und hegemonischen Spaltungen die Verhältnisse im Interesse Roms zu
+ordnen und überall die der Fremdherrschaft genehmen Männer an die
+Spitze zu bringen. Überhaupt sparte Caesar keine Mühe, um in Gallien
+eine römische Partei zu bilden; seinen Anhängern wurden ausgedehnte
+Belohnungen an Geld und besonders an konfiszierten Landgütern bewilligt
+und ihnen durch seinen Einfluß Plätze im Gemeinderat und die ersten
+Gemeindeämter in ihren Gauen verschafft. Diejenigen Gaue, in denen eine
+hinreichend starke und zuverlässige römische Partei bestand, wie die
+der Remer, der Lingonen, der Häduer, wurden durch Erteilung einer
+freieren Kommunalverfassung - des sogenannten Bündnisrechts - und durch
+Bevorzugungen bei der Ordnung des Hegemoniewesens gefördert. Den
+Nationalkult und dessen Priester scheint Caesar von Anfang an soweit
+irgend möglich geschont zu haben; von Maßregeln, wie sie in späterer
+Zeit von den römischen Machthabern gegen das Druidenwesen ergriffen
+wurden, findet bei ihm sich keine Spur, und wahrscheinlich damit hängt
+es zusammen, daß seine gallischen Kriege, soviel wir sehen, den
+Charakter des Religionskrieges durchaus nicht in der Art tragen, wie er
+bei den britannischen später so bestimmt hervortritt.
+
+Wenn Caesar also der besiegten Nation jede zulässige Rücksicht bewies
+und ihre nationalen, politischen und religiösen Institutionen soweit
+schonte, als es mit der Unterwerfung unter Rom irgend sich vertrug, so
+geschah dies nicht, um auf den Grundgedanken seiner Eroberung, die
+Romanisierung Galliens, zu verzichten, sondern um denselben in
+möglichst schonender Weise zu verwirklichen. Auch begnügte er sich
+nicht, dieselben Verhältnisse, die die Südprovinz bereits großenteils
+romanisiert hatten, im Norden ihre Wirkung ebenfalls tun zu lassen,
+sondern er förderte, als echter Staatsmann, von oben herab die
+naturgemäße Entwicklung und tat dazu, die immer peinliche Übergangszeit
+möglichst zu verkürzen. Um zu schweigen von der Aufnahme einer Anzahl
+vornehmer Kelten in den römischen Bürgerverband, ja einzelner
+vielleicht schon in den römischen Senat, so ist wahrscheinlich Caesar
+es gewesen, der in Gallien auch innerhalb der einzelnen Gaue als
+offizielle Sprache anstatt der einheimischen die lateinische, wenn auch
+noch mit gewissen Einschränkungen, und anstatt des nationalen das
+römische Münzsystem in der Art einführte, daß die Gold- und die
+Denarprägung den römischen Behörden vorbehalten blieb, dagegen die
+Scheidemünze von den einzelnen Gauen und nur zur Zirkulation innerhalb
+der Gaugrenzen, aber doch auch nach römischem Fuß geschlagen werden
+sollte. Man mag lächeln über das kauderwelsche Latein, dessen die
+Anwohner der Loire und Seine fortan verordnungsmäßig sich beflissen
+^24; es lag doch in diesen Sprachfehlern eine größere Zukunft als in
+dem korrekten, hauptstädtischen Latein. Vielleicht geht es auch auf
+Caesar zurück, wenn die Gauverfassung im Keltenland späterhin der
+italischen Stadtverfassung genähert erscheint und die Hauptorte des
+Gaues sowie die Gemeinderäte in ihr schärfer hervortreten, als dies in
+der ursprünglichen keltischen Ordnung wahrscheinlich der Fall war. Wie
+wünschenswert in militärischer wie in politischer Hinsicht es gewesen
+wäre, als Stützpunkte der neuen Herrschaft und Ausgangspunkte der neuen
+Zivilisation eine Reihe transalpinischer Kolonien zu begründen, mochte
+niemand mehr empfinden als der politische Erbe des Gaius Gracchus und
+des Marius. Wenn er dennoch sich beschränkte auf die Ansiedlung seiner
+keltischen oder deutschen Reiter in Noviodunum und auf die der Boier im
+Häduergau, welche letztere Niederlassung in dem Krieg gegen
+Vercingetorix schon völlig die Dienste einer römischen Kolonie tat, so
+war die Ursache nur die, daß seine weiteren Pläne ihm noch nicht
+gestatteten, seinen Legionen statt des Schwertes den Pflug in die Hand
+zu geben. Was er in späteren Jahren für die altrömische Provinz in
+dieser Beziehung getan, wird seines Orts dargelegt werden; es ist
+wahrscheinlich, daß nur die Zeit ihm gemangelt hat, um das gleiche auch
+auf die von ihm neu unterworfenen Landschaften zu erstrecken.
+
+————————————————————————-
+
+^24 So lesen wir auf einem Semis, den ein Vergobret der Lexovier
+(Lisieux, Dep. Calvados) schlagen ließ, folgende Aufschrift: Cisiambos
+Cattos vercobreto; simissos (so) publicos Lixovio. Die oft kaum
+leserliche Schrift und das unglaublich abscheuliche Gepräge dieser
+Münzen stehen mit ihrem stammelnden Latein in bester Harmonie.
+
+————————————————————————
+
+Mit der keltischen Nation war es zu Ende. Ihre politische Auflösung war
+durch Caesar eine vollendete Tatsache geworden, ihre nationale
+eingeleitet und im regelmäßigen Fortschreiten begriffen. Es war dies
+kein zufälliges Verderben, wie das Verhängnis es auch
+entwicklungsfähigen Völkern wohl zuweilen bereitet, sondern eine
+selbstverschuldete und gewissermaßen geschichtlich notwendige
+Katastrophe. Schon der Verlauf des letzten Krieges beweist dies, mag
+man ihn nun im ganzen oder im einzelnen betrachten. Als die
+Fremdherrschaft gegründet werden sollte, leisteten ihr nur einzelne,
+noch dazu meistens deutsche oder halbdeutsche Landschaften energischen
+Widerstand. Als die Fremdherrschaft gegründet war, wurden die Versuche,
+sie abzuschütteln, entweder ganz kopflos unternommen, oder sie waren
+mehr als billig das Werk einzelner hervorragender Adliger und darum mit
+dem Tod oder der Gefangennahme eines Indutiomarus, Camulogenus,
+Vercingetorix, Correus sogleich und völlig zu Ende. Der Belagerungs-
+und der kleine Krieg, in denen sich sonst die ganze sittliche Tiefe der
+Volkskriege entfaltet, waren und blieben in diesem keltischen von
+charakteristischer Erbärmlichkeit. Jedes Blatt der keltischen
+Geschichte bestätigt das strenge Wort eines der wenigen Römer, die es
+verstanden, die sogenannten Barbaren nicht zu verachten, daß die Kelten
+dreist die künftige Gefahr herausfordern, vor der gegenwärtigen aber
+der Mut ihnen entsinkt. In dem gewaltigen Wirbel der Weltgeschichte,
+der alle nicht gleich dem Stahl harten und gleich dem Stahl
+geschmeidigen Völker unerbittlich zermalmt, konnte eine solche Nation
+auf die Länge sich nicht behaupten; billig erlitten die Kelten des
+Festlandes dasselbe Schicksal von den Römern, das ihre Stammgenossen
+auf der irischen Insel bis in unsere Tage hinein von den Sachsen
+erleiden: das Schicksal, als Gärungsstoff künftiger Entwicklung
+aufzugehen in eine staatlich überlegene Nationalität. Im Begriff, von
+der merkwürdigen Nation zu scheiden, mag es gestattet sein, noch daran
+zu erinnern, daß in den Berichten der Alten über die Kelten an der
+Loire und Seine kaum einer der charakteristischen Züge vermißt wird, an
+denen wir gewohnt sind, Paddy zu erkennen. Es findet alles sich wieder:
+die Lässigkeit in der Bestellung der Felder; die Lust am Zechen und
+Raufen; die Prahlhansigkeit - wir erinnern an jenes in dem heiligen
+Hain der Arverner nach dem Sieg von Gergovia aufgehangene Schwert des
+Caesar, das sein angeblicher ehemaliger Besitzer an der geweihten
+Stätte lächelnd betrachtete und das heilige Gut sorgfältig zu schonen
+befahl; die Rede voll von Vergleichen und Hyperbeln, von Anspielungen
+und barocken Wendungen; der drollige Humor - ein vorzügliches Beispiel
+davon ist die Satzung, daß, wenn jemand einem öffentlich Redenden ins
+Wort fällt, dem Störenfried von Polizei wegen ein derbes und wohl
+sichtbares Loch in den Rock geschnitten wird; die innige Freude am
+Singen und Sagen von den Taten der Vorzeit und die entschiedenste
+Redner- und Dichtergabe; die Neugier - kein Kaufmann wird
+durchgelassen, bevor er auf offener Straße erzählt hat, was er an
+Neuigkeiten weiß oder nicht weiß - und die tolle Leichtgläubigkeit, die
+auf solche Nachrichten hin handelt, weshalb in den besser geordneten
+Kantons den Wandersleuten bei strenger Strafe verboten war,
+unbeglaubigte Berichte andern als Gemeindebeamten mitzuteilen; die
+kindliche Frömmigkeit, die in dem Priester den Vater sieht und ihn in
+allen Dingen um Rat fragt; die unübertroffene Innigkeit des
+Nationalgefühls und das fast familienartige Zusammenhalten der
+Landsleute gegen den Fremden; die Geneigtheit, unter dem ersten besten
+Führer sich aufzulehnen und Banden zu bilden, daneben aber die völlige
+Unfähigkeit, den sicheren, von Übermut wie von Kleinmut entfernten Mut
+sich zu bewahren, die rechte Zeit zum Abwarten und zum Losschlagen
+wahrzunehmen, zu irgendeiner Organisation, zu irgend fester
+militärischer oder politischer Disziplin zu gelangen oder auch nur sie
+zu ertragen. Es ist und bleibt zu allen Zeiten und aller Orten dieselbe
+faule und poetische, schwachmütige und innige, neugierige,
+leichtgläubige, liebenswürdige, gescheite, aber politisch durch und
+durch unbrauchbare Nation, und darum ist denn auch ihr Schicksal immer
+und überall dasselbe gewesen.
+
+Aber daß dieses große Volk durch Caesars transalpinische Kriege
+zugrunde ging, ist noch nicht das bedeutendste Ergebnis dieses
+großartigen Unternehmens; weit folgenreicher als das negative war das
+positive Resultat. Es leidet kaum einen Zweifel, daß, wenn das
+Senatsregiment sein Scheinleben noch einige Menschenalter länger
+gefristet hätte, die sogenannte Völkerwanderung vierhundert Jahre
+früher eingetreten sein würde, als sie eingetreten ist, und eingetreten
+sein würde zu einer Zeit, wo die italische Zivilisation sich weder in
+Gallien noch an der Donau noch in Afrika und Spanien häuslich
+niedergelassen hatte. Indem der große Feldherr und Staatsmann Roms mit
+sicherem Blick in den deutschen Stämmen den ebenbürtigen Feind der
+römisch-griechischen Welt erkannte; indem er das neue System offensiver
+Verteidigung mit fester Hand selbst bis ins einzelne hinein begründete
+und die Reichsgrenzen durch Flüsse oder künstliche Wälle verteidigen,
+längs der Grenze die nächsten Barbarenstämme zur Abwehr der
+entfernteren kolonisieren, das römische Heer durch geworbene Leute aus
+den feindlichen Ländern rekrutieren lehrte, gewann er der
+hellenisch-italischen Kultur die nötige Frist, um den Westen ebenso zu
+zivilisieren, wie der Osten bereits von ihr zivilisiert war.
+Gewöhnliche Menschen schauen die Früchte ihres Tuns; der Same, den
+geniale Naturen streuen, geht langsam auf. Es dauerte Jahrhunderte, bis
+man begriff, daß Alexander nicht bloß ein ephemeres Königreich im Osten
+errichtet, sondern den Hellenismus nach Asien getragen habe; wieder
+Jahrhunderte, bis man begriff, daß Caesar nicht bloß den Römern eine
+neue Provinz erobert, sondern die Romanisierung der westlichen
+Landschaften begründet habe. Auch von jenen militärisch leichtsinnigen
+und zunächst erfolglosen Zügen nach England und Deutschland haben erst
+die späten Nachfahren den Sinn erkannt. Ein ungeheurer Völkerkreis, von
+dessen Dasein und Zuständen bis dahin kaum der Schiffer und der
+Kaufmann einige Wahrheit und viele Dichtung berichtet hatten, ward
+durch sie der römisch-griechischen Welt aufgeschlossen. “Täglich”,
+heißt es in einer römischen Schrift vom Mai 698 (56), “melden die
+gallischen Briefe und Botschaften uns bisher unbekannte Namen von
+Völkern, Gauen und Landschaften”. Diese Erweiterung des geschichtlichen
+Horizonts durch Caesars Züge jenseits der Alpen war ein
+weltgeschichtliches Ereignis, so gut wie die Erkundung Amerikas durch
+europäische Scharen. Zu dem engen Kreis der Mittelmeerstaaten traten
+die mittel- und nordeuropäischen Völker, die Anwohner der Ost- und der
+Nordsee hinzu, zu der alten Welt eine neue, die fortan durch jene
+mitbestimmt ward und sie mitbestimmte. Es hat nicht viel gefehlt, daß
+bereits von Ariovist das durchgeführt ward, was später dem gotischen
+Theoderich gelang. Wäre dies geschehen, so würde unsere Zivilisation zu
+der römisch-griechischen schwerlich in einem innerlicheren Verhältnis
+stehen als zu der indischen und assyrischen Kultur. Daß von Hellas und
+Italien vergangener Herrlichkeit zu dem stolzeren Bau der neueren
+Weltgeschichte eine Brücke hinüberführt, daß Westeuropa romanisch, das
+germanische Europa klassisch ist, daß die Namen Themistokles und Scipio
+für uns einen anderen Klang haben, als Asoka und Salmanassar, daß Homer
+und Sophokles nicht wie die Veden und Kalidasa nur den literarischen
+Botaniker anziehen, sondern in dem eigenen Garten uns blühen, das ist
+Caesars Werk; und wenn die Schöpfung seines großen Vorgängers im Osten
+von den Sturmfluten des Mittelalters fast ganz zertrümmert worden ist,
+so hat Caesars Bau die Jahrtausende überdauert, die dem
+Menschengeschlecht Religion und Staat verwandelt, den Schwerpunkt der
+Zivilisation selbst ihm verschoben haben, und für das, was wir Ewigkeit
+nennen, steht er aufrecht.
+
+Um das Bild der Verhältnisse Roms zu den Völkern des Nordens in dieser
+Zeit zu vollenden, bleibt es noch übrig, einen Blick auf die
+Landschaften zu werfen, die nördlich der italischen und der
+griechischen Halbinsel, von den Rheinquellen bis zum Schwarzen Meer
+sich erstrecken. Zwar in das gewaltige Völkergetümmel, das auch dort
+damals gewogt haben mag, reicht die Fackel der Geschichte nicht und die
+einzelnen Streiflichter, die in dieses Gebiet fallen, sind, wie der
+schwache Schimmer in tiefer Finsternis, mehr geeignet zu verwirren als
+aufzuklären. Indes es ist die Pflicht des Geschichtschreibers, auch die
+Lücken in dem Buche der Völkergeschichte zu bezeichnen; er darf es
+nicht verschmähen, neben Caesars großartigem Verteidigungssystem der
+dürftigen Anstalten zu gedenken, durch die die Feldherren des Senats
+nach dieser Seite hin die Reichsgrenze zu schützen vermeinten.
+
+Das nordöstliche Italien blieb nach wie vor den Angriffen der
+alpinischen Völkerschaften preisgegeben. Das im Jahre 695 (59) bei
+Aquileia lagernde starke römische Heer und der Triumph des Statthalters
+des Cisalpinischen Galliens, Lucius Afranius, lassen schließen, daß um
+diese Zeit eine Expedition in die Alpen stattgefunden; wovon es eine
+Folge sein mag, daß wir bald darauf die Römer in näherer Verbindung mit
+einem König der Noriker finden. Daß aber auch nachher Italien durchaus
+von dieser Seite nicht gesichert war, bewies der Überfall der blühenden
+Stadt Tergeste durch die alpinischen Barbaren im Jahre 702 (52), als
+die transalpinische Insurrektion Caesar genötigt hatte, Oberitalien
+ganz von Truppen zu entblößen.
+
+Auch die unruhigen Völker, die den illyrischen Küstenstrich innehatten,
+machten ihren römischen Herren beständig zu schaffen. Die Dalmater,
+schon früher das ansehnlichste Volk dieser Gegend, vergrößerten durch
+Aufnahme der Nachbarn in ihren Verband sich so ansehnlich, daß die Zahl
+ihrer Ortschaften von zwanzig auf achtzig stieg. Als sie die Stadt
+Promona (nicht weit vom Kerkafluß), die sie den Liburniern entrissen
+hatten, diesen wiederherauszugeben sich weigerten, ließ Caesar nach der
+Pharsalischen Schlacht gegen sie marschieren; aber die Römer zogen
+hierbei zunächst den kürzeren, und infolgedessen ward Dalmatien für
+einige Zeit ein Herd der Caesar feindlichen Partei und wurde hier den
+Feldherren Caesars von den Einwohnern, in Verbindung mit den
+Pompeianern und mit den Seeräubern, zu Lande und zu Wasser energischer
+Widerstand geleistet.
+
+Makedonien endlich nebst Epirus und Hellas war so verödet und
+heruntergekommen wie kaum ein anderer Teil des Römischen Reiches.
+Dyrrhachion, Thessalonike, Byzantion hatten noch einigen Handel und
+Verkehr; Athen zog durch seinen Namen und seine Philosophenschule die
+Reisenden und die Studenten an; im ganzen aber lag über Hellas’ einst
+volkreichen Städten und menschenwimmelnden Häfen die Ruhe des Grabes.
+Aber wenn die Griechen sich nicht regten, so setzten dagegen die
+Bewohner der schwer zugänglichen makedonischen Gebirge nach alter Weise
+ihre Raubzüge und Fehden fort, wie denn zum Beispiel um 697/98 (57/56)
+Agräer und Doloper die ätolischen Städte, im Jahre 700 (54) die in den
+Drintälern wohnenden Pirusten das südliche Illyrien überrannten. Ebenso
+hielten es die Anwohner. Die Dardaner an der Nordgrenze wie die Thraker
+im Osten waren zwar in den achtjährigen Kämpfen 676 bis 683 (78-71) von
+den Römern gedemütigt worden; der mächtigste unter den thrakischen
+Fürsten, der Herr des alten Odrysenreichs Kotys, ward seitdem den
+römischen Klientelkönigen beigezählt. Allein nichtsdestoweniger hatte
+das befriedete Land nach wie vor von Norden und Osten her Einfälle zu
+leiden. Der Statthalter Gaius Antonius ward übel heimgeschickt, sowohl
+von den Dardanern, als auch von den in der heutigen Dobrudscha
+ansässigen Stämmen, welche mit Hilfe der vom linken Donauufer
+herbeigezogenen, gefürchteten Bastarner ihm bei Istropolis (Istere
+unweit Kustendsche) eine bedeutende Niederlage beibrachten (692-693
+62-61). Glücklicher focht Gaius Octavius gegen Besser und Thraker (694
+60). Dagegen machte Marcus Piso (697-698 57-56) wiederum als
+Oberfeldherr sehr schlechte Geschäfte, was auch kein Wunder war, da er
+um Geld Freunden und Feinden gewährte, was sie wünschten. Die
+thrakischen Dentheleten (am Strymon) plünderten unter seiner
+Statthalterschaft Makedonien weit und breit und stellten auf der
+großen, von Dyrrhachion nach Thessalonike führenden römischen
+Heerstraße selbst ihre Posten aus; in Thessalonike machte man sich
+darauf gefaßt, von ihnen eine Belagerung auszuhalten, während die
+starke römische Armee in der Provinz nur da zu sein schien, um
+zuzusehen, wie die Bergbewohner und die Nachbarvölker die friedlichen
+Untertanen Roms brandschatzten.
+
+Dergleichen Angriffe konnten freilich Roms Macht nicht gefährden, und
+auf eine Schande mehr kam es längst nicht mehr an. Aber eben um diese
+Zeit begann jenseits der Donau, in den weiten dakischen Steppen, ein
+Volk sich staatlich zu konsolidieren, das eine andere Rolle in der
+Geschichte zu spielen bestimmt schien als die Besser und die
+Dentheleten. Bei den Geten oder Dakern war in uralter Zeit dem König
+des Volkes ein heiliger Mann zur Seite getreten, Zalmoxis genannt, der,
+nachdem er der Götter Wege und Wunder auf weiten Reisen in der Fremde
+erkundet und namentlich die Weisheit der ägyptischen Priester und der
+griechischen Pythagoreer ergründet hatte, in seine Heimat
+zurückgekommen war, um in einer Höhle des ‘Heiligen Berges’ als frommer
+Einsiedler sein Leben zu beschließen. Nur dem König und dessen Dienern
+blieb er zugänglich und spendete ihm und durch ihn dem Volke seine
+Orakel für jedes wichtige Beginnen. Seinen Landsleuten galt er anfangs
+als Priester des höchsten Gottes und zuletzt selber als Gott, ähnlich
+wie es von Moses und Aaron heißt, daß der Herr den Aaron zum Propheten
+und zum Gotte des Propheten den Moses gesetzt habe. Es war hieraus eine
+bleibende Institution geworden: von Rechts wegen stand dem König der
+Geten ein solcher Gott zur Seite, aus dessen Munde alles kam oder zu
+kommen schien, was der König befahl. Diese eigentümliche Verfassung, in
+der die theokratische Idee der, wie es scheint, absoluten Königsgewalt
+dienstbar geworden war, mag den getischen Königen eine Stellung ihren
+Untertanen gegenüber gegeben haben, wie etwa die Kalifen sie gegenüber
+den Arabern haben; und eine Folge davon war die wunderbare
+religiös-politische Reform der Nation, welche um diese Zeit der König
+der Geten, Burebistas, und der Gott, Dekäneos, durchsetzten. Das
+namentlich durch beispiellose Völlerei sittlich und staatlich gänzlich
+heruntergekommene Volk ward durch das neue Mäßigkeits- und
+Tapferkeitsevangelium wie umgewandelt; mit seinen sozusagen puritanisch
+disziplinierten und begeisterten Scharen gründete König Burebistas
+binnen wenigen Jahren ein gewaltiges Reich, das auf beiden Ufern der
+Donau sich ausbreitete und südwärts bis tief in Thrakien, Illyrien und
+das nordische Land hinein reichte. Eine unmittelbare Berührung mit den
+Römern hatte noch nicht stattgefunden, und es konnte niemand sagen, was
+aus diesem sonderbaren, an die Anfänge des Islam erinnernden Staat
+werden möge; das aber mochte man, auch ohne Prophet zu sein,
+vorherzusagen, daß Prokonsuln wie Antonius und Piso nicht berufen
+waren, mit Göttern zu streiten.
+
+
+
+
+KAPITEL VIII.
+Pompeius’ und Caesars Gesamtherrschaft
+
+
+Unter den Demokratenchefs, die seit Caesars Konsulat sozusagen
+offiziell als die gemeinschaftlichen Beherrscher des Gemeinwesens, als
+die regierenden “Dreimänner” anerkannt waren, nahm der öffentlichen
+Meinung zufolge durchaus die erste Stelle Pompeius ein. Er war es, der
+den Optimaten der “Privatdiktator” hieß; vor ihm tat Cicero seinen
+vergeblichen Fußfall; ihm galten die schärfsten Sarkasmen in den
+Mauerplakaten des Bibulus, die giftigsten Pfeile in den Salonreden der
+Opposition. Es war dies nur in der Ordnung. Nach den vorliegenden
+Tatsachen war Pompeius unbestritten der erste Feldherr seiner Zeit,
+Caesar ein gewandter Parteiführer und Parteiredner, von unleugbaren
+Talenten, aber ebenso notorisch von unkriegerischem, ja weibischem
+Naturell. Diese Urteile waren seit langem geläufig; man konnte es von
+dem vornehmen Pöbel nicht erwarten, daß er um das Wesen der Dinge sich
+kümmere und einmal festgestellte Plattheiten wegen obskurer Heldentaten
+am Tajo aufgebe. Offenbar spielte Caesar in dem Bunde nur die Rolle des
+Adjutanten, der das für seinen Chef ausführte, was Flavius, Afranius
+und andere, weniger fähige Werkzeuge versucht und nicht geleistet
+hatten. Selbst seine Statthalterschaft schien dies Verhältnis nicht zu
+ändern. Eine sehr ähnliche Stellung hatte erst kürzlich Afranius
+eingenommen, ohne darum etwas Besonderes zu bedeuten; mehrere Provinzen
+zugleich waren in den letzten Jahren wiederholentlich einem Statthalter
+untergeben und schon oft weit mehr als vier Legionen in einer Hand
+vereinigt gewesen; da es jenseits der Alpen wieder ruhig und Fürst
+Ariovist von den Römern als Freund und Nachbar anerkannt war, so war
+auch keine Aussicht zur Führung eines irgend ins Gewicht fallenden
+Krieges. Die Vergleichung der Stellungen, wie sie Pompeius durch das
+Gabinisch-Manilische, Caesar durch das Vatinische Gesetz erhalten
+hatten, lag nahe; allein sie fiel nicht zu Caesars Vorteil aus.
+Pompeius gebot fast über das gesamte Römische Reich, Caesar über zwei
+Provinzen. Pompeius standen die Soldaten und die Kassen des Staats
+beinahe unbeschränkt zur Verfügung, Caesar nur die ihm angewiesenen
+Summen und ein Heer von 24000 Mann. Pompeius war es anheimgegeben, den
+Zeitpunkt seines Rücktritts selber zu bestimmen; Caesars Kommando war
+ihm zwar auf lange hinaus, aber doch nur auf eine begrenzte Frist
+gesichert. Pompeius endlich war mit den wichtigsten Unternehmungen zur
+See und zu Lande betraut worden; Caesar ward nach Norden gesandt, um
+von Oberitalien aus die Hauptstadt zu überwachen und dafür zu sorgen,
+daß Pompeius ungestört sie beherrsche.
+
+Aber als Pompeius von der Koalition zum Beherrscher der Hauptstadt
+bestellt ward, übernahm er, was über seine Kräfte weit hinausging.
+Pompeius verstand vom Herrschen nichts weiter, als was sich
+zusammenfassen läßt in Parole und Kommando. Die Wellen des
+hauptstädtischen Treibens gingen hohl, zugleich von vergangenen und von
+zukünftigen Revolutionen; die Aufgabe, diese in jeder Hinsicht dem
+Paris des neunzehnten Jahrhunderts vergleichbare Stadt ohne bewaffnete
+Macht zu regieren, war unendlich schwer, für jenen eckigen vornehmen
+Mustersoldaten aber geradezu unlösbar. Sehr bald war er so weit, daß
+Feinde und Freunde, beide ihm gleich unbequem, seinetwegen machen
+konnten, was ihnen beliebte; nach Caesars Abgang von Rom beherrschte
+die Koalition wohl noch die Geschicke der Welt, aber nicht die Straßen
+der Hauptstadt. Auch der Senat, dem ja immer noch eine Art nominellen
+Regiments zustand, ließ die Dinge in der Hauptstadt gehen, wie sie
+gehen konnten und mochten; zum Teil, weil der von der Koalition
+beherrschten Fraktion dieser Körperschaft die Instruktionen der
+Machthaber fehlten, zum Teil, weil die grollende Opposition aus
+Gleichgültigkeit oder Pessimismus beiseite trat, hauptsächlich aber,
+weil die gesamte hochadlige Körperschaft ihre vollständige Ohnmacht wo
+nicht zu begreifen, doch zu fühlen begann. Augenblicklich also gab es
+in Rom nirgends eine Widerstandskraft irgendwelcher Regierung, nirgends
+eine wirkliche Autorität. Man lebte im Interregnum zwischen dem
+zertrümmerten aristokratischen und dem werdenden militärischen
+Regiment; und wenn das römische Gemeinwesen wie kein anderes alter oder
+neuer Zeit alle verschiedensten politischen Funktionen und
+Organisationen rein und normal dargestellt hat, so erscheint in ihm
+auch die politische Desorganisation, die Anarchie, in einer nicht
+beneidenswerten Schärfe. Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß in
+denselben Jahren, in welchen Caesar jenseits der Alpen ein Werk für die
+Ewigkeit schuf, in Rom eine der tollsten politischen Grotesken
+aufgeführt ward, die jemals über die Bretter der Weltgeschichte
+gegangen ist. Der neue Regent des Gemeinwesens regierte nicht, sondern
+schloß sich in sein Haus ein und maulte im stillen. Die ehemalige, halb
+abgesetzte Regierung regierte gleichfalls nicht, sondern seufzte, bald
+einzeln in den traulichen Zirkeln der Villen, bald in der Kurie im
+Chor. Der Teil der Bürgerschaft, dem Freiheit und Ordnung noch am
+Herzen lagen, war des wüsten Treibens übersatt; aber völlig führer- und
+ratlos verharrte er in nichtiger Passivität und mied nicht bloß jede
+politische Tätigkeit, sondern, soweit es anging, das politische Sodom
+selbst. Dagegen: das Gesindel aller Art hatte nie bessere Tage, nie
+lustigere Tummelplätze gehabt. Die Zahl der kleinen großen Männer war
+Legion. Die Demagogie ward völlig zum Handwerk, dem denn auch das
+Handwerkszeug nicht fehlte: der verschabte Mantel, der verwilderte
+Bart, das langflatternde Haar, die tiefe Baßstimme; und nicht selten
+war es ein Handwerk mit goldenem Boden. Für die stehenden Brüllaktionen
+waren die geprüften Gurgeln des Theaterpersonals ein begehrter Artikel
+^1; Griechen und Juden, Freigelassene und Sklaven waren in den
+öffentlichen Versammlungen die regelmäßigsten Besucher und die
+lautesten Schreier; selbst wenn es zum Stimmen ging, bestand häufig nur
+der kleinere Teil der Stimmenden aus verfassungsmäßig stimmberechtigten
+Bürgern. “Nächstens”, heißt es in einem Briefe aus dieser Zeit, “können
+wir erwarten, daß unsere Lakaien die Freilassungssteuer abvotieren.”
+Die eigentlichen Mächte des Tages waren die geschlossenen und
+bewaffneten Banden, die von vornehmen Abenteurern aus fechtgewohnten
+Sklaven und Lumpen aufgestellten Bataillone der Anarchie. Ihre Inhaber
+hatten von Haus aus meistenteils zur Popularpartei gezählt; aber seit
+Caesars Entfernung, der der Demokratie allein zu imponieren und allein
+sie zu lenken verstanden hatte, war aus derselben alle Disziplin
+entwichen und jeder Parteigänger machte Politik auf seine eigene Hand.
+Am liebsten fochten diese Leute freilich auch jetzt noch unter dem
+Panier der Freiheit; aber genau genommen waren sie weder demokratisch
+noch antidemokratisch gesinnt, sondern schrieben auf die einmal
+unentbehrliche Fahne, wie es fiel, bald den Volksnamen, bald den Namen
+des Senats oder den eines Parteichefs; wie denn zum Beispiel Clodius
+nacheinander für die herrschende Demokratie, für den Senat und für
+Crassus gefochten oder zu fechten vorgegeben hat. Farbe hielten die
+Bandenführer nur insofern, als sie ihre persönlichen Feinde, wie
+Clodius den Cicero, Milo den Clodius, unerbittlich verfolgten, wogegen
+die Parteistellung ihnen nur als Schachzug in diesen Personenfehden
+diente. Man könnte ebensogut ein Charivari auf Noten setzen als die
+Geschichte dieses politischen Hexensabbaths schreiben wollen; es liegt
+auch nichts daran, all die Mordtaten, Häuserbelagerungen,
+Brandstiftungen und sonstigen Räuberszenen inmitten einer Weltstadt
+aufzuzählen und nachzurechnen, wie oft die Skala vom Zischen und
+Schreien zum Anspeien und Niedertreten und von da zum Steinewerfen und
+Schwerterzücken durchgemacht ward. Der Protagonist auf diesem
+politischen Lumpentheater war jener Publius Clodius, dessen, wie schon
+erwähnt ward, die Machthaber sich gegen Cato und Cicero bedienten. Sich
+selbst überlassen, trieb dieser einflußreiche, talentvolle, energische
+und in seinem Metier in der Tat musterhafte Parteigänger während seines
+Volkstribunats (696 58) ultrademokratische Politik, gab den Städtern
+das Getreide umsonst, beschränkte das Recht der Zensoren, sittenlose
+Bürger zu bemäkeln, untersagte den Beamten, durch religiöse
+Formalitäten den Gang der Komitialmaschine zu hemmen, beseitigte die
+Schranken, die kurz zuvor (690 64), um dem Bandenwesen zu steuern, dem
+Assoziationsrecht der niederen Klassen gesetzt worden waren, und
+stellte die damals aufgehobenen “Straßenklubs” (collegia compitalicia)
+wieder her, welche nichts anderes waren als eine förmliche, nach den
+Gassen abgeteilte und fast militärisch gegliederte Organisation des
+gesamten hauptstädtischen Freien- oder Sklavenproletariats. Wenn dazu
+noch das weitere Gesetz, das Clodius ebenfalls bereits entworfen hatte
+und als Prätor 702 (52) einzubringen gedachte, den Freigelassenen und
+den im tatsächlichen Besitz der Freiheit lebenden Sklaven die gleichen
+politischen Rechte mit den Freigeborenen gab, so konnte der Urheber all
+dieser tapferen Verfassungsbesserungen sein Werk für vollendet erklären
+und als neuer Numa der Freiheit und Gleichheit den süßen Pöbel der
+Hauptstadt einladen, in dem auf einer seiner Brandstätten am Palatin
+von ihm errichteten Tempel der Freiheit ihn zur Feier des eingetretenen
+demokratischen Millenniums das Hochamt zelebrieren zu sehen. Natürlich
+schlossen diese Freiheitsbestrebungen den Schacher mit
+Bürgerschaftsbeschlüssen nicht aus; wie Caesar hielt auch Caesars Affe
+für seine Mitbürger Statthalterschaften und andere Posten und Pöstchen,
+für die untertänigen Könige und Städte die Herrlichkeitsrechte des
+Staates feil.
+
+————————————————————————
+
+^1 Das heißt cantorum convicio contiones celebrare (Cic. Sest. 55,
+118).
+
+————————————————————————
+
+All diesen Dingen sah Pompeius zu, ohne sich zu regen. Wenn er es nicht
+empfand, wie arg er damit sich kompromittierte, so empfand es sein
+Gegner. Clodius ward so dreist, daß er über eine ganz gleichgültige
+Frage, die Rücksendung eines gefangenen armenischen Prinzen, mit dem
+Regenten von Rom geradezu anband; und bald ward der Zwist zur
+förmlichen Fehde, in der Pompeius’ völlige Hilflosigkeit zu Tage kam.
+Das Haupt des Staates wußte dem Parteigänger nichts anders zu begegnen
+als mit dessen eigenen, nur weit ungeschickter geführten Waffen. War er
+von Clodius wegen des armenischen Prinzen schikaniert worden, so
+ärgerte er ihn wieder, indem er den von Clodius über alles gehaßten
+Cicero aus dem Exil erlöste, in das ihn Clodius gesandt hatte, und
+erreichte denn auch so gründlich seinen Zweck, daß er den Gegner in
+einen unversöhnlichen Feind verwandelte. Wenn Clodius mit seinen Banden
+die Straßen unsicher machte, so ließ der siegreiche Feldherr
+gleichfalls Sklaven und Fechter marschieren, in welchen Balgereien
+natürlich der General gegen den Demagogen den kürzeren zog, auf der
+Straße geschlagen, und von Clodius und dessen Spießgesellen Gaius Cato
+in seinem Garten fast beständig in Belagerung gehalten ward. Es ist
+nicht der am wenigsten merkwürdige Zug in diesem merkwürdigen
+Schauspiel, daß in ihrem Hader der Regent und der Schwindler beide
+wetteifernd um die Gunst der gestürzten Regierung buhlten, Pompeius,
+zum Teil auch, um dem Senat gefällig zu sein, Ciceros Zurückberufung
+zuließ, Clodius dagegen die Julischen Gesetze für nichtig erklärte und
+Marcus Bibulus aufrief, deren verfassungswidrige Durchbringung
+öffentlich zu bezeugen!
+
+Ein positives Resultat konnte natürlicherweise aus diesem Brodel trüber
+Leidenschaften nicht hervorgehen; der eigentlichste Charakter desselben
+war eben seine bis zum Gräßlichen lächerliche Zwecklosigkeit. Selbst
+ein Mann von Caesars Genialität hatte es erfahren müssen, daß das
+demokratische Treiben vollständig abgenutzt war und sogar der Weg zum
+Thron nicht mehr durch die Demagogie ging. Es war nichts weiter als ein
+geschichtlicher Lückenbüßer, wenn jetzt, in dem Interregnum zwischen
+Republik und Monarchie, irgendein toller Geselle mit des Propheten
+Mantel und Stab, die Caesar selbst abgelegt hatte, sich noch einmal
+staffierte und noch einmal Gaius Gracchus’ große Ideale parodisch
+verzerrt über die Szene gingen; die sogenannte Partei, von der diese
+demokratische Agitation ausging, war so wenig eine, daß ihr später in
+dem Entscheidungskampf nicht einmal eine Rolle zufiel. Selbst das läßt
+sich nicht behaupten, daß durch diesen anarchistischen Zustand das
+Verlangen nach einer starken, auf Militärmacht gegründeten Regierung in
+den Gemütern der politisch indifferent Gesinnten lebendig angefacht
+worden sei. Auch abgesehen davon, daß diese neutrale Bürgerschaft
+hauptsächlich außerhalb Roms zu suchen war und also von dem
+hauptstädtischen Krawallieren nicht unmittelbar berührt ward, so waren
+diejenigen Gemüter, die überhaupt durch solche Motive sich bestimmen
+ließen, schon durch frühere Erfahrungen, namentlich die Catilinarische
+Verschwörung, gründlich zum Autoritätsprinzip bekehrt worden; auf die
+eigentlichen Ängsterlinge aber wirkte die Furcht vor der von dem
+Verfassungsumsturz unzertrennlichen, ungeheuren Krise bei weitem
+nachdrücklicher als die Furcht vor der bloßen Fortdauer der im Grunde
+doch sehr oberflächlichen hauptstädtischen Anarchie. Das einzige
+Ergebnis derselben, das geschichtlich in Anschlag kommt, ist die
+peinliche Stellung, in die Pompeius durch die Angriffe der Clodianer
+geriet und durch die seine weiteren Schritte wesentlich mitbedingt
+wurden.
+
+Wie wenig Pompeius auch die Initiative liebte und verstand, so ward er
+doch diesmal durch die Veränderung seiner Stellung sowohl Clodius als
+Caesar gegenüber gezwungen, aus seiner bisherigen Passivität
+herauszutreten. Die verdrießliche und schimpfliche Lage, in die ihn
+Clodius versetzt hatte, mußte auf die Länge selbst seine träge Natur zu
+Haß und Zorn entflammen. Aber weit wichtiger war die Verwandlung, die
+in seinem Verhältnis zu Caesar stattgefunden hatte. Wenn von den beiden
+verbündeten Machthabern Pompeius in der übernommenen Tätigkeit
+vollkommen bankrott geworden war, so hatte Caesar aus seiner Kompetenz
+etwas zu machen gewußt, was jede Berechnung wie jede Befürchtung weit
+hinter sich ließ. Ohne wegen der Erlaubnis viel anzufragen, hatte
+Caesar durch Aushebungen in seiner großenteils von römischen Bürgern
+bewohnten südlichen Provinz sein Heer verdoppelt, hatte mit diesem,
+statt von Norditalien aus über Rom Wache zu halten, die Alpen
+überschritten, eine neue kimbrische Invasion im Beginn erstickt und
+binnen zwei Jahren (696, 697 58, 57) die römischen Waffen bis an den
+Rhein und den Kanal getragen. Solchen Tatsachen gegenüber ging selbst
+der aristokratischen Taktik des Ignorierens und Verkleinerns der Atem
+aus. Der oft als Zärtling Verhöhnte war jetzt der Abgott der Armee, der
+gefeierte sieggekrönte Held, dessen junge Lorbeeren die welken des
+Pompeius überglänzten und dem sogar der Senat die nach glücklichen
+Feldzügen üblichen Ehrenbezeigungen schon 697 (57) in reicherem Maße
+zuerkannte, als sie je Pompeius zuteil geworden waren. Pompeius stand
+zu seinem ehemaligen Adjutanten, genau wie nach den
+Gabinisch-Manilischen Gesetzen dieser gegen ihn gestanden hatte. Jetzt
+war Caesar der Held des Tages und der Herr der mächtigsten römischen
+Armee, Pompeius ein ehemals berühmter Exgeneral. Zwar war es zwischen
+Schwiegervater und Schwiegersohn noch zu keiner Kollision gekommen und
+das Verhältnis äußerlich ungetrübt; aber jedes politische Bündnis ist
+innerlich aufgelöst, wenn das Machtverhältnis der Beteiligten sich
+wesentlich verschiebt. Wenn der Zank mit Clodius nur ärgerlich war, so
+lag in der veränderten Stellung Caesars für Pompeius eine sehr ernste
+Gefahr: ebenwie einst Caesar und dessen Verbündete gegen ihn, so sah
+jetzt er sich genötigt, gegen Caesar einen militärischen Rückhalt zu
+suchen und, seine stolze Amtlosigkeit beiseitelegend, aufzutreten als
+Bewerber um irgendein außerordentliches Amt, das ihn in den Stand
+setzte, dem Statthalter der beiden Gallien mit gleicher und womöglich
+mit überlegener Macht zur Seite zu bleiben. Wie seine Lage, war auch
+seine Taktik genau die Caesars während des Mithradatischen Krieges. Um
+die Militärmacht des überlegenen, aber noch entfernten Gegners durch
+die Erlangung eines ähnlichen Kommandos aufzuwiegen, bedurfte Pompeius
+zunächst der offiziellen Regierungsmaschine. Anderthalb Jahre zuvor
+hatte diese unbedingt ihm zur Verfügung gestanden. Die Machthaber
+beherrschten den Senat damals sowohl durch die Komitien, die ihnen als
+den Herren der Straße unbedingt gehorchten, wie durch den von Caesar
+energisch terrorisierten Senat; als Vertreter der Koalition in Rom und
+als deren anerkanntes Haupt hätte Pompeius vom Senat wie von der
+Bürgerschaft ohne Zweifel jeden Beschluß erlangt, den er wünschte,
+selbst wenn er gegen Caesars Interesse war. Allein durch den
+ungeschickten Handel mit Clodius hatte Pompeius die Straßenherrschaft
+eingebüßt und konnte nicht daran denken, einen Antrag zu seinen Gunsten
+bei der Volksgemeinde durchzusetzen. Nicht ganz so ungünstig standen
+die Dinge für ihn im Senat; doch war es auch hier zweifelhaft, ob
+Pompeius nach dieser langen und verhängnisvollen Passivität die Zügel
+der Majorität noch fest genug in der Hand habe, um einen Beschluß, wie
+er ihn brauchte, zu bewirken.
+
+Auch die Stellung des Senats, oder vielmehr der Nobilität überhaupt,
+war inzwischen eine andere geworden. Eben aus ihrer vollständigen
+Erniedrigung schöpfte sie frische Kräfte. Es war bei der Koalition von
+694 (60) verschiedenes an den Tag gekommen, was für das Sonnenlicht
+noch keineswegs reif war. Die Entfernung Catos und Ciceros, welche die
+öffentliche Meinung, wie sehr auch die Machthaber dabei sich
+zurückhielten und sogar sich die Miene gaben, sie zu beklagen, mit
+ungeirrtem Takt auf ihre wahren Urheber zurückführte, und die
+Verschwägerung zwischen Caesar und Pompeius erinnerten mit
+unerfreulicher Deutlichkeit an monarchische Ausweisungsdekrete und
+Familienallianzen. Auch das größere Publikum, das den politischen
+Ereignissen ferner stand, ward aufmerksam auf die immer bestimmter
+hervortretenden Grundlagen der künftigen Monarchie. Von dem Augenblick
+an, wo dieses begriff, daß es Caesar nicht um eine Modifikation der
+republikanischen Verfassung zu tun sei, sondern daß es sich handle um
+Sein oder Nichtsein der Republik, werden unfehlbar eine Menge der
+besten Männer, die bisher sich zur Popularpartei gerechnet und in
+Caesar ihr Haupt verehrt hatten, auf die entgegengesetzte Seite
+übergetreten sein. Nicht mehr in den Salons und den Landhäusern des
+regierenden Adels allein wurden die Reden von den “drei Dynasten”, dem
+“dreiköpfigen Ungeheuer” vernommen. Caesars konsularischen Reden
+horchte die Menge dichtgedrängt, ohne daß Zuruf oder Beifall aus ihr
+erscholl; keine Hand regte sich zum Klatschen, wenn der demokratische
+Konsul in das Theater trat. Wohl aber pfiff man, wo eines der Werkzeuge
+der Machthaber öffentlich sich sehen ließ, und selbst gesetzte Männer
+klatschten, wenn ein Schauspieler eine antimonarchische Sentenz oder
+eine Anspielung gegen Pompeius vorbrachte. Ja als Cicero ausgewiesen
+werden sollte, legten eine große Zahl - angeblich zwanzigtausend -
+Bürger, größtenteils aus den Mittelklassen, nach dem Beispiel des
+Senats das Trauergewand an. “Nichts ist jetzt populärer”, heißt es in
+einem Briefe aus dieser Zeit, “als der Haß der Popularpartei.” Die
+Machthaber ließen Andeutungen fallen, daß durch solche Opposition
+leicht die Ritter ihre neuen Sonderplätze im Theater, der gemeine Mann
+sein Brotkorn einbüßen könne; man nahm darauf mit den Äußerungen des
+Unwillens sich vielleicht etwas mehr in acht, aber die Stimmung blieb
+die gleiche. Mit besserem Erfolg ward der Hebel der materiellen
+Interessen angesetzt. Caesars Gold floß in Strömen. Scheinreiche mit
+zerrütteten Finanzen, einflußreiche, in Geldverlegenheiten befangene
+Damen, verschuldete junge Adlige, bedrängte Kaufleute und Bankiers
+gingen entweder selbst nach Gallien, um an der Quelle zu schöpfen, oder
+wandten sich an Caesars hauptstädtische Agenten; und nicht leicht ward
+ein äußerlich anständiger Mann - mit ganz verlorenem Gesindel mied
+Caesar sich einzulassen - dort oder hier zurückgewiesen. Dazu kamen die
+ungeheuren Bauten, die Caesar für seine Rechnung in der Hauptstadt
+ausführen ließ und bei denen eine Unzahl von Menschen aller Stände vom
+Konsular bis zum Lastträger hinab Gelegenheit fand zu verdienen, sowie
+die unermeßlichen, für öffentliche Lustbarkeiten aufgewandten Summen.
+In beschränkterem Maße tat Pompeius das gleiche; ihm verdankte die
+Hauptstadt das erste steinerne Theater, und er feierte dessen
+Einweihung mit einer nie zuvor gesehenen Pracht. Daß solche Spenden
+eine Menge oppositionell Gesinnter, namentlich in der Hauptstadt, mit
+der neuen Ordnung der Dinge bis zu einem gewissen Grade aussöhnten,
+versteht sich ebenso von selbst, wie daß der Kern der Opposition diesem
+Korruptionssystem nicht erreichbar war. Immer deutlicher kam es zu
+Tage, wie tief die bestehende Verfassung im Volke Wurzel geschlagen
+hatte und wie wenig namentlich die dem unmittelbaren Parteitreiben
+ferner stehenden Kreise, vor allem die Landstädte, der Monarchie
+geneigt oder auch nur bereit waren, sie über sich ergehen zu lassen.
+Hätte Rom eine Repräsentativverfassung gehabt, so würde die
+Unzufriedenheit der Bürgerschaft ihren natürlichen Ausdruck in den
+Wahlen gefunden und, indem sie sich aussprach, sich gesteigert haben;
+unter den bestehenden Verhältnissen blieb den Verfassungstreuen nichts
+übrig als dem Senat, der, herabgekommen wie er war, doch immer noch als
+Vertreter und Verfechter der legitimen Republik erschien, sich
+unterzuordnen. So kam es, daß der Senat, jetzt da er gestürzt worden
+war, plötzlich eine weit ansehnlichere und weit ernstlicher getreue
+Armee zu seiner Verfügung fand, als da er in Macht und Glanz die
+Gracchen stürzte und, geschirmt durch Sullas Säbel, den Staat
+restaurierte. Die Aristokratie empfand es; sie fing wieder an sich zu
+regen. Eben jetzt hatte Marcus Cicero, nachdem er sich verpflichtet
+hatte, den Gehorsam im Senat sich anzuschließen und nicht bloß keine
+Opposition zu machen, sondern nach Kräften für die Machthaber zu
+wirken, von denselben die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten. Obwohl
+Pompeius der Oligarchie hiermit nur beiläufig eine Konzession machte
+und vor allem dem Clodius einen Possen zu spielen, demnächst ein durch
+hinreichende Schläge geschmeidigtes Werkzeug in dem redefertigen
+Konsular zu erwerben bedacht war, so nahm man doch die Gelegenheit
+wahr, wie Ciceros Verbannung eine Demonstration gegen den Senat gewesen
+war, so seine Rückkehr zu republikanischen Demonstrationen zu benutzen.
+In möglichst feierlicher Weise, übrigens gegen die Clodianer durch die
+Bande des Titus Annius Milo geschützt, brachten beide Konsuln nach
+vorgängigem Senatsbeschluß einen Antrag an die Bürgerschaft, dem
+Konsular Cicero die Rückkehr zu gestatten, und der Senat rief sämtliche
+verfassungstreue Bürger auf, bei der Abstimmung nicht zu fehlen.
+Wirklich versammelte sich am Tage der Abstimmung (4. August 697 57) in
+Rom namentlich aus den Landstädten eine ungewöhnliche Anzahl achtbarer
+Männer. Die Reise des Konsulars von Brundisium nach der Hauptstadt gab
+Gelegenheit zu einer Reihe ähnlicher, nicht minder glänzender
+Manifestationen der öffentlichen Meinung. Das neue Bündnis zwischen dem
+Senat und der verfassungstreuen Bürgerschaft ward bei dieser
+Gelegenheit gleichsam öffentlich bekannt gemacht und eine Art Revue
+über die letztere gehalten, deren überraschend günstiges Ergebnis nicht
+wenig dazu beitrug, den gesunkenen Mut der Aristokratie
+wiederaufzurichten. Pompeius’ Hilflosigkeit gegenüber diesen trotzigen
+Demonstrationen sowie die unwürdige und beinahe lächerliche Stellung,
+in die er Clodius gegenüber geraten war, brachten ihn und die Koalition
+um ihren Kredit; und die Fraktion des Senats, welche derselben anhing,
+durch Pompeius’ seltene Ungeschicklichkeit demoralisiert und ratlos
+sich selber überlassen, konnte nicht verhindern, daß in dem Kollegium
+die republikanisch-aristokratische Partei wieder völlig die Oberhand
+gewann. Das Spiel dieser stand in der Tat damals - 697 (57) - für einen
+mutigen und geschickten Spieler noch keineswegs verzweifelt. Sie hatte
+jetzt, was sie seit einem Jahrhundert nicht gehabt, festen Rückhalt in
+dem Volke; vertraute sie diesem und sich selber, so konnte sie auf dem
+kürzesten und ehrenvollsten Wege zum Ziel gelangen. Warum nicht die
+Machthaber mit offenem Visier angreifen? Warum kassierte nicht ein
+entschlossener und namhafter Mann an der Spitze des Senats die
+außerordentlichen Gewalten als verfassungswidrig und rief die
+sämtlichen Republikaner Italiens gegen die Tyrannen und deren Anhang
+unter die Waffen? Möglich war es wohl, auf diesem Wege die
+Senatsherrschaft noch einmal zu restaurieren. Allerdings spielten die
+Republikaner damit hohes Spiel; aber vielleicht wäre auch hier, wie so
+oft, der mutigste Entschluß zugleich der klügste gewesen. Nur freilich
+war die schlaffe Aristokratie dieser Zeit eines solchen einfachen und
+mutigen Entschlusses kaum noch fähig. Aber es gab einen anderen,
+vielleicht sichereren, auf jeden Fall der Art und Natur dieser
+Verfassungsgetreuen angemesseneren Weg: sie konnten darauf hinarbeiten,
+die beiden Machthaber zu entzweien und durch diese Entzweiung
+schließlich selber ans Ruder zu gelangen. Das Verhältnis der den Staat
+beherrschenden Männer hatte sich verschoben und gelockert, seit Caesar
+übermächtig neben Pompeius sich gestellt und diesen genötigt hatte, um
+eine neue Machtstellung zu werben; es war wahrscheinlich, daß, wenn er
+dieselbe erlangte, es damit auf die eine oder die andere Weise zwischen
+ihnen zum Bruch und zum Kampfe kam. Blieb in diesem Pompeius allein, so
+war seine Niederlage kaum zweifelhaft, und die Verfassungspartei fand
+in diesem Fall nach beendigtem Kampfe nur statt unter der Zwei-, sich
+unter der Einherrschaft. Allein, wenn die Nobilität gegen Caesar
+dasselbe Mittel wandte, durch das dieser seine bisherigen Siege
+erfochten hatte, und mit dem schwächeren Nebenbuhler in Bündnis trat,
+so blieb mit einem Feldherrn wie Pompeius, mit einem Heere wie das der
+Verfassungstreuen war, der Sieg wahrscheinlich diesen; nach dem Siege
+aber mit Pompeius fertig zu werden, konnte, nach den Beweisen von
+politischer Unfähigkeit, die derselbe zeither gegeben, nicht als eine
+besonders schwierige Aufgabe erscheinen.
+
+Die Dinge hatten sich dahin gewandt, eine Verständigung zwischen
+Pompeius und der republikanischen Partei beiden nahezulegen; ob es zu
+einer solchen Annäherung kommen und wie überhaupt das völlig unklar
+gewordene Verhältnis der beiden Machthaber und der Aristokratie
+gegeneinander zunächst sich stellen werde, mußte sich entscheiden, als
+im Herbst 697 (57) Pompeius mit dem Antrag an den Senat ging, ihn mit
+einer außerordentlichen Amtsgewalt zu betrauen. Er knüpfte wieder an an
+das, wodurch er elf Jahre zuvor seine Macht begründet hatte: an die
+Brotpreise in der Hauptstadt, die ebendamals wie vor dem Gabinischen
+Gesetz eine drückende Höhe erreicht hatten. Ob sie durch besondere
+Machinationen hinaufgetrieben worden waren, wie deren Clodius bald dem
+Pompeius, bald dem Cicero und diese wieder jenem Schuld gaben, läßt
+sich nicht entscheiden; die fortdauernde Piraterie, die Leere des
+öffentlichen Schatzes und die lässige und unordentliche Überwachung der
+Kornzufuhr durch die Regierung reichten übrigens auch ohne politischen
+Kornwucher an sich schon vollkommen aus, um in einer fast lediglich auf
+überseeische Zufuhr angewiesenen Großstadt Brotteuerungen
+herbeizuführen. Pompeius’ Plan war, sich vom Senat die Oberaufsicht
+über das Getreidewesen im ganzen Umfang des Römischen Reiches und zu
+diesem Endzwecke teils das unbeschränkte Verfügungsrecht über die
+römische Staatskasse, teils Heer und Flotte übertragen zu lassen, sowie
+ein Kommando, welches nicht bloß über das ganze Römische Reich sich
+erstreckte, sondern dem auch in jeder Provinz das des Statthalters wich
+- kurz, er beabsichtigte, eine verbesserte Auflage des Gabinischen
+Gesetzes zu veranstalten, woran sich sodann die Führung des eben damals
+schwebenden Ägyptischen Krieges ebenso von selbst angeschlossen haben
+würde wie die des Mithradatischen an die Razzia gegen die Piraten. Wie
+sehr auch die Opposition gegen die neuen Dynasten in den letzten Jahren
+Boden gewonnen hatte, es stand dennoch, als diese Angelegenheit im
+September 697 (57) im Senat zur Verhandlung kam, die Majorität
+desselben noch unter dem Bann des von Caesar erregten Schreckens.
+Gehorsam nahm sie den Vorschlag im Prinzip an, und zwar auf Antrag des
+Marcus Cicero, der hier den ersten Beweis der in der Verbannung
+gelernten Fügsamkeit geben sollte und gab. Allein bei der Feststellung
+der Modalitäten wurden von dem ursprünglichen Plane, den der
+Volkstribun Gaius Messius vorlegte, doch sehr wesentliche Stücke
+abgedungen. Pompeius erhielt weder freie Verfügung über das Ärar, noch
+eigene Legionen und Schiffe, noch auch eine der der Statthalter
+übergeordnete Gewalt, sondern man begnügte sich, ihm zum Behuf der
+Ordnung des hauptstädtischen Verpflegungswesens ansehnliche Summen,
+fünfzehn Adjutanten und in allen Verpflegungsangelegenheiten volle
+prokonsularische Gewalt im ganzen römischen Gebiet auf die nächsten
+fünf Jahre zu bewilligen und dies Dekret von der Bürgerschaft
+bestätigen zu lassen. Es waren sehr mannigfaltige Ursachen, welche
+diese, fast einer Ablehnung gleichkommende Abänderung des
+ursprünglichen Planes herbeiführten: die Rücksicht auf Caesar, dem in
+Gallien selbst seinen Kollegen nicht bloß neben-, sondern überzuordnen
+eben die Furchtsamsten am meisten Bedenken tragen mußten; die
+versteckte Opposition von Pompeius’ Erbfeind und widerwilligem
+Bundesgenossen Crassus, dem Pompeius selber zunächst das Scheitern
+seines Planes beimaß oder beizumessen vorgab; die Antipathien der
+republikanischen Opposition im Senat gegen jeden die Gewalt der
+Machthaber der Sache oder auch nur dem Namen nach erweiternden
+Beschluß; endlich und zunächst die eigene Unfähigkeit des Pompeius,
+der, selbst nachdem er hatte handeln müssen, es nicht über sich
+gewinnen konnte, zum Handeln sich zu bekennen, sondern wie immer seine
+wahre Absicht gleichsam im Inkognito durch seine Freunde vorführen
+ließ, selber aber in bekannter Bescheidenheit erklärte, auch mit
+Geringerem sich begnügen zu wollen. Kein Wunder, daß man ihn beim Worte
+nahm und ihm das Geringere gab. Pompeius war nichtsdestoweniger froh,
+wenigstens eine ernstliche Tätigkeit und vor allen Dingen einen
+schicklichen Vorwand gefunden zu haben, um die Hauptstadt zu verlassen;
+es gelang ihm auch, freilich nicht ohne daß die Provinzen den
+Rückschlag schwer empfanden, dieselbe mit reichlicher und billiger
+Zufuhr zu versehen. Aber seinen eigentlichen Zweck hatte er verfehlt;
+der Prokonsulartitel, den er berechtigt war in allen Provinzen zu
+führen, blieb ein leerer Name, solange er nicht über eigene Truppen
+verfügte. Darum ließ er bald darauf den zweiten Antrag an den Senat
+gelangen, daß derselbe ihm den Auftrag erteilen möge, den vertriebenen
+König von Ägypten, wenn nötig mit Waffengewalt, in seine Heimat
+zurückzuführen. Allein je mehr es offenbar ward, wie dringend er des
+Senats bedurfte, desto weniger nachgiebig und weniger rücksichtsvoll
+nahmen die Senatoren sein Anliegen auf. Zunächst ward in den
+Sibyllinischen Orakeln entdeckt, daß es gottlos sei, ein römisches Heer
+nach Ägypten zu senden; worauf der fromme Senat fast einstimmig
+beschloß, von der bewaffneten Intervention abzustehen. Pompeius war
+bereits so gedemütigt, daß er auch ohne Heer die Sendung angenommen
+haben würde; allein in seiner unverbesserlichen Hinterhältigkeit ließ
+er auch dies nur durch seine Freunde erklären und sprach und stimmte
+für die Absendung eines anderen Senators. Natürlich wies der Senat
+jenen Vorschlag zurück, der ein dem Vaterlande so kostbares Leben
+freventlich preisgab, und das schließliche Ergebnis der endlosen
+Verhandlungen war der Beschluß, überhaupt in Ägypten nicht zu
+intervenieren (Januar 698 56).
+
+Diese wiederholten Zurückweisungen, die Pompeius im Senat erfuhr und,
+was schlimmer war, hingehen lassen mußte, ohne sie wettzumachen, galten
+natürlich, mochten sie kommen von welcher Seite sie wollten, dem großen
+Publikum als ebensoviele Siege der Republikaner und Niederlagen der
+Machthaber überhaupt; die Flut der republikanischen Opposition war
+demgemäß im stetigen Steigen. Schon die Wahlen für 698 (56) waren nur
+zum Teil im Sinne der Dynasten ausgefallen: Caesars Kandidaten für die
+Prätur, Publius Vatinius und Gaius Alfius, waren durchgegangen, dagegen
+zwei entschiedene Anhänger der gestürzten Regierung, Gnaeus Lentulus
+Marcellinus und Gnaeus Domitius Calvinus, jener zum Konsul, dieser zum
+Prätor gewählt worden. Für 699 (55) aber war als Bewerber um das
+Konsulat gar Lucius Domitius Ahenobarbus aufgetreten, dessen Wahl bei
+seinem Einfluß in der Hauptstadt und seinem kolossalen Vermögen schwer
+zu verhindern und von dem es hinreichend bekannt war, daß er sich nicht
+an verdeckter Opposition werde genügen lassen. Die Komitien also
+rebellierten; und der Senat stimmte ein. Es ward feierlich von ihm
+geratschlagt über ein Gutachten, das etruskische Wahrsager von
+anerkannter Weisheit über gewisse Zeichen und Wunder auf Verlangen des
+Senats abgegeben hatten. Die himmlische Offenbarung verkündete, daß
+durch den Zwist der höheren Stände die ganze Gewalt über Heer und
+Schatz auf einen Gebieter überzugehen und der Staat in Unfreiheit zu
+geraten drohe - es schien, daß die Götter zunächst auf den Antrag des
+Gaius Messius zielten. Bald stiegen die Republikaner vom Himmel auf die
+Erde herab. Das Gesetz über das Gebiet von Capua und die übrigen von
+Caesar als Konsul erlassenen Gesetze waren von ihnen stets als nichtig
+bezeichnet, und schon im Dezember 697 (57) im Senat geäußert worden,
+daß es erforderlich sei, sie wegen ihrer Formfehler zu kassieren. Am 6.
+April 698 (56) stellte der Konsular Cicero im vollen Senat den Antrag,
+die Beratung über die kampanische Ackerverteilung für den 15. Mai auf
+die Tagesordnung zu setzen. Es war die förmliche Kriegserklärung; und
+sie war um so bezeichnender, als sie aus dem Munde eines jener Männer
+kam, die nur dann ihre Farbe zeigen, wenn sie meinen, es mit Sicherheit
+tun zu können. Offenbar hielt die Aristokratie den Augenblick gekommen,
+um den Kampf nicht mit Pompeius gegen Caesar, sondern gegen die
+Tyrannis überhaupt zu beginnen. Was weiter folgen werde, war leicht zu
+sehen. Domitius hatte es kein Hehl, daß er als Konsul Caesars sofortige
+Abberufung aus Gallien bei der Bürgerschaft zu beantragen beabsichtige.
+Eine aristokratische Restauration war im Werke; und mit dem Angriff auf
+die Kolonie Capua warf die Nobilität den Machthabern den Handschuh hin.
+
+Caesar, obwohl er über die hauptstädtischen Ereignisse von Tag zu Tag
+detaillierte Berichte empfing und, wenn die militärischen Rücksichten
+es irgend erlaubten, sie von seiner Südprovinz aus in möglichster Nähe
+verfolgte, hatte doch bisher sichtbar wenigstens nicht in dieselben
+eingegriffen. Aber jetzt hatte man ihm so gut wie seinen Kollegen, ja
+ihm vornehmlich, den Krieg erklärt, er mußte handeln und handelte
+rasch. Eben befand er sich in der Nähe; die Aristokratie hatte nicht
+einmal für gut befunden, mit dem Bruche zu warten, bis er wieder über
+die Alpen zurückgegangen sein würde. Anfang April 698 (56) verließ
+Crassus die Hauptstadt, um mit seinem mächtigeren Kollegen das
+Erforderliche zu verabreden; er fand Caesar in Ravenna. Von da aus
+begaben beide sich nach Luca und hier traf auch Pompeius mit ihnen
+zusammen, der bald nach Crassus (11. April), angeblich um die
+Getreidesendungen aus Sardinien und Afrika zu betreiben, sich von Rom
+entfernt hatte. Die namhaftesten Anhänger der Machthaber, wie der
+Prokonsul des diesseitigen Spaniens, Metellus Nepos, der Proprätor von
+Sardinien, Appius Claudius, und viele andere, folgten ihnen nach;
+hundertundzwanzig Liktoren, über zweihundert Senatoren zählte man auf
+dieser Konferenz, wo bereits, im Gegensatz zu dem republikanischen, der
+neue monarchische Senat repräsentiert war. In jeder Hinsicht stand das
+entscheidende Wort bei Caesar. Er benutzte es, um die bestehende
+Gesamtherrschaft auf einer neuen Basis gleichmäßigerer Machtverteilung
+wiederherzustellen und fester zu gründen. Die militärisch bedeutendsten
+Statthalterschaften, die es neben der der beiden Gallien gab, wurden
+den zwei Kollegen zugestanden: Pompeius die beider Spanien, Crassus die
+von Syrien, welche Ämter ihnen durch Volksschluß auf fünf Jahre
+(700-704 54-50) gesichert und militärisch wie finanziell angemessen
+ausgestattet werden sollten. Dagegen bedang Caesar sich die
+Verlängerung seines Kommandos, das mit dem Jahre 700 (54) zu Ende lief,
+bis zum Schluß des Jahres 705 (49) aus, sowie die Befugnis, seine
+Legionen auf zehn zu vermehren und die Übernahme des Soldes für die
+eigenmächtig von ihm ausgehobenen Truppen auf die Staatskasse. Pompeius
+und Crassus ward ferner für das nächste Jahr (699 55), bevor sie in
+ihre Statthalterschaften abgingen, das zweite Konsulat zugesagt,
+während Caesar es sich offen hielt, gleich nach Beendigung seiner
+Statthalterschaft im Jahre 706 (48), wo das gesetzlich zwischen zwei
+Konsulaten erforderliche zehnjährige Intervall für ihn verstrichen war,
+zum zweitenmal das höchste Amt zu verwalten. Den militärischen
+Rückhalt, dessen Pompeius und Crassus zur Regulierung der
+hauptstädtischen Verhältnisse um so mehr bedurften, als die
+ursprünglich hierzu bestimmten Legionen Caesars jetzt aus dem
+Transalpinischen Gallien nicht weggezogen werden konnten, fanden sie in
+den Legionen, die sie für die spanischen und syrischen Armeen neu
+ausheben und erst, wenn es ihnen selber angemessen schiene, von Italien
+aus an ihre verschiedenen Bestimmungsplätze abgehen lassen sollten. Die
+Hauptfragen waren damit erledigt; die untergeordneten Dinge, wie die
+Festsetzung der gegen die hauptstädtische Opposition zu befolgenden
+Taktik, die Regulierung der Kandidaturen für die nächsten Jahre und
+dergleichen mehr, hielten nicht lange auf. Die persönlichen
+Zwistigkeiten, die dem Verträgnis im Wege standen, schlichtete der
+große Meister der Vermittlung mit gewohnter Leichtigkeit und zwang die
+widerstrebenden Elemente, sich miteinander zu behaben. Zwischen
+Pompeius und Crassus ward äußerlich wenigstens ein kollegialisches
+Einvernehmen wiederhergestellt. Sogar Publius Clodius ward bestimmt,
+sich und seine Meute ruhig zu halten und Pompeius nicht ferner zu
+belästigen - keine der geringsten Wundertaten des mächtigen Zauberers.
+
+Daß diese ganze Schlichtung der schwebenden Fragen nicht aus einem
+Kompromiß selbständiger und ebenbürtig rivalisierender Machthaber,
+sondern lediglich aus dem guten Willen Caesars hervorging, zeigen die
+Verhältnisse. Pompeius befand sich in Luca in der peinlichen Lage eines
+machtlosen Flüchtlings, welcher kommt, bei seinem Gegner Hilfe zu
+erbitten. Mochte Caesar ihn zurückweisen und die Koalition als gelöst
+erklären oder auch ihn aufnehmen und den Bund fortbestehen lassen, wie
+er eben war - Pompeius war sowieso politisch vernichtet. Wenn er in
+diesem Fall mit Caesar nicht brach, so war er der machtlose
+Schutzbefohlene seines Verbündeten. Wenn er dagegen mit Caesar brach
+und, was nicht gerade wahrscheinlich war, noch jetzt eine Koalition mit
+der Aristokratie zustande brachte, so war doch auch dieses notgedrungen
+und im letzten Augenblick abgeschlossene Bündnis der Gegner so wenig
+furchtbar, daß Caesar schwerlich, um dies abzuwenden, sich zu jenen
+Konzessionen verstanden hat. Eine ernstliche Rivalität des Crassus
+Caesar gegenüber war vollends unmöglich. Es ist schwer zu sage., welche
+Motive Caesar bestimmten, seine überlegene Stellung ohne Not aufzugeben
+und, was er seinem Nebenbuhler selbst bei dem Abschluß des Bundes 694
+(60) versagt und dieser seitdem, in der offenbaren Absicht gegen Caesar
+gerüstet zu sein, auf verschiedenen Wegen ohne, ja gegen Caesars Willen
+vergeblich angestrebt hatte, das zweite Konsulat und die militärische
+Macht, jetzt freiwillig ihm einzuräumen. Allerdings ward nicht Pompeius
+allein an die Spitze eines Heeres gestellt, sondern auch sein alter
+Feind und Caesars langjähriger Verbündeter Crassus; und unzweifelhaft
+erhielt Crassus seine ansehnliche militärische Stellung nur als
+Gegengewicht gegen Pompeius’ neue Macht. Allein nichtsdestoweniger
+verlor Caesar unendlich, indem sein Rival für seine bisherige
+Machtlosigkeit ein bedeutendes Kommando eintauschte. Es ist möglich,
+daß Caesar sich seiner Soldaten noch nicht hinreichend Herr fühlte, um
+sie mit Zuversicht in den Krieg gegen die formellen Autoritäten des
+Landes zu führen, und darum ihm daran gelegen war, nicht jetzt durch
+die Abberufung aus Gallien zum Bürgerkrieg gedrängt zu werden; allein
+ob es zum Bürgerkriege kam oder nicht, stand augenblicklich weit mehr
+bei der hauptstädtischen Aristokratie als bei Pompeius, und es wäre
+dies höchstens ein Grund für Caesar gewesen, nicht offen mit Pompeius
+zu brechen, um nicht durch diesen Bruch die Opposition zu ermutigen,
+nicht aber ihm das zuzugestehen, was er ihm zugestand. Rein persönliche
+Motive mochten mitwirken; es kann sein, daß Caesar sich erinnerte,
+einstmals in gleicher Machtlosigkeit Pompeius gegenübergestanden zu
+haben und nur durch dessen freilich mehr schwach- als großmütiges
+Zurücktreten vom Untergang gerettet worden zu sein; es ist
+wahrscheinlich, daß Caesar sich scheute, das Herz seiner geliebten und
+ihren Gemahl aufrichtig liebenden Tochter zu zerreißen - in seiner
+Seele war für vieles Raum noch neben dem Staatsmann. Allein die
+entscheidende Ursache war unzweifelhaft die Rücksicht auf Gallien.
+Caesar betrachtete - anders als seine Biographen - die Unterwerfung
+Galliens nicht als eine zur Gewinnung der Krone ihm nützliche
+beiläufige Unternehmung, sondern es hing ihm die äußerliche Sicherheit
+und die innere Reorganisation, mit einem Worte, die Zukunft des
+Vaterlandes daran. Um diese Eroberung ungestört vollenden zu können und
+nicht gleich jetzt die Entwirrung der italischen Verhältnisse in die
+Hand nehmen zu müssen, gab er unbedenklich seine Überlegenheit über
+seinen Rivalen daran und gewährte Pompeius hinreichende Macht, um mit
+dem Senat und dessen Anhang fertigzuwerden. Es war das ein arger
+politischer Fehler, wenn Caesar nichts wollte, als möglichst rasch
+König von Rom werden; allein der Ehrgeiz des seltenen Mannes
+beschränkte sich nicht auf das niedrige Ziel einer Krone. Er traute es
+sich zu, die beiden ungeheuren Arbeiten: die Ordnung der inneren
+Verhältnisse Italiens und die Gewinnung und Sicherung eines neuen und
+frischen Bodens für die italische Zivilisation, nebeneinander zu
+betreiben und zu vollenden. Natürlich kreuzten sich diese Aufgaben;
+seine gallischen Eroberungen haben ihn auf seinem Wege zum Thron viel
+mehr noch gehemmt als gefördert. Es trug ihm bittere Früchte, daß er
+die italische Revolution, statt sie im Jahre 698 (56) zu erledigen, auf
+das Jahr 706 (48) hinausschob. Allein als Staatsmann wie als Feldherr
+war Caesar ein überverwegener Spieler, der, sich selber vertrauend wie
+seine Gegner verachtend, ihnen immer viel und mitunter über alles Maß
+hinaus vorgab.
+
+Es war nun also an der Aristokratie, ihren hohen Einsatz gutzumachen
+und den Krieg so kühn zu führen, wie sie kühn ihn erklärt hatte. Allein
+es gibt kein kläglicheres Schauspiel, als wenn feige Menschen das
+Unglück haben, einen mutigen Entschluß zu fassen. Man hatte sich eben
+auf gar nichts vorgesehen. Keinem schien es beigefallen zu sein, daß
+Caesar möglicherweise sich zur Wehr setzen, daß nun gar Pompeius und
+Crassus sich mit ihm aufs neue und enger als je vereinigen würden. Das
+scheint unglaublich; man begreift es, wenn man die Persönlichkeiten ins
+Auge faßt, die damals die verfassungstreue Opposition im Senate
+führten. Cato war noch abwesend ^2; der einflußreichste Mann im Senat
+war in dieser Zeit Marcus Bibulus, der Held des passiven Widerstandes,
+der eigensinnigste und stumpfsinnigste aller Konsulare. Man hatte die
+Waffen lediglich ergriffen, um sie zu strecken, sowie der Gegner nur an
+die Scheide schlug; die bloße Kunde von den Konferenzen in Luca
+genügte, um jeden Gedanken einer ernstlichen Opposition
+niederzuschlagen und die Masse der Ängstlichen, das heißt die ungeheure
+Majorität des Senats, wieder zu ihrer in unglücklicher Stunde
+verlassenen Untertanenpflicht zurückzubringen. Von der anberaumten
+Verhandlung zur Prüfung der Gültigkeit der Julischen Gesetze war nicht
+weiter die Rede; die von Caesar auf eigene Hand errichteten Legionen
+wurden durch Beschluß des Senats auf die Staatskasse übernommen; die
+Versuche, bei der Regulierung der nächsten Konsularprovinzen Caesar
+beide Gallien oder doch das eine derselben hinwegzudekretieren, wurden
+von der Majorität abgewiesen (Ende Mai 698 56). So tat die Körperschaft
+öffentlich Buße. Im geheimen kamen die einzelnen Herren, einer nach dem
+andern, tödlich erschrocken über ihre eigene Verwegenheit, um ihren
+Frieden zu machen und unbedingten Gehorsam zu geloben - keiner
+schneller als Marcus Cicero, der seine Wortbrüchigkeit zu spät bereute
+und hinsichtlich seiner jüngsten Vergangenheit sich mit Ehrentiteln
+belegte, die durchaus mehr treffend als schmeichelhaft waren ^3.
+Natürlich ließen die Machthaber sich beschwichtigen; man versagte
+keinem den Pardon, da keiner die Mühe lohnte, mit ihm eine Ausnahme zu
+machen. Um zu erkennen, wie plötzlich nach dem Bekanntwerden der
+Beschlüsse von Luca der Ton in den aristokratischen Kreisen umschlug,
+ist es der Mühe wert, die kurz zuvor von Cicero ausgegangenen
+Broschüren mit der Palinodie zu vergleichen, die er ausgehen ließ, um
+seine Reue und seine guten Vorsätze öffentlich zu konstatieren ^4.
+
+——————————————————————-
+
+^2 Cato war noch nicht in Rom, als Cicero am 11. März 698 (56) für
+Sestius sprach (Sest. 28, 60) und als im Senat infolge der Beschlüsse
+von Luca über Caesars Legionen verhandelt ward (Plut. Caes. 21); erst
+bei den Verhandlungen im Anfang 699 (55) finden wir ihn wieder tätig;
+und da er im Winter reiste (Plus. Cato min 38), kehrte er also Ende 698
+(56) nach Rom zurück. Er kann daher auch nicht, wie man mißverständlich
+aus Asconius (p. 35, 53) gefolgert hat, im Februar 698 (56) verteidigt
+haben.
+
+^3 Me asinum germanum fuisse (Art. 4, 5, 3).
+
+^4 Diese Palinodie ist die noch vorhandene Rede über die den Konsuln
+des Jahres 699 (55) anzuweisenden Provinzen. Sie ist Ausgang Mai 698
+(56) gehalten; die Gegenstücke dazu sind die Reden für Sestius und
+gegen Vatinius und die über das Gutachten der etruskischen Wahrsager
+aus den Monaten März und April, in denen das aristokratische Regime
+nach Kräften verherrlicht und namentlich in sehr kavalierem Ton
+behandelt wird. Man kann es nur billigen, daß Cicero, wie er selbst
+gesteht (Att. 4, 5, 1), sogar vertrauten Freunden jenes Dokument seines
+wiedergekehrten Gehorsams zu übersenden sich schämte.
+
+—————————————————————
+
+Wie es ihnen gefiel und gründlicher als zuvor konnten also die
+Machthaber die italischen Verhältnisse ordnen. Italien und die
+Hauptstadt erhielten tatsächlich eine, wenn auch nicht unter den Waffen
+versammelte Besatzung und einen der Machthaber zum Kommandanten. Von
+den für Syrien und Spanien durch Crassus und Pompeius ausgehobenen
+Truppen gingen zwar die ersteren nach dem Osten ab; allein Pompeius
+ließ die beiden spanischen Provinzen durch seine Unterbefehlshaber mit
+der bisher dort stehenden Besatzung verwalten, während er die Offiziere
+und Soldaten der neu, dem Namen nach zum Abgang nach Spanien
+ausgehobenen Legionen auf Urlaub entließ und selbst mit ihnen in
+Italien blieb. Wohl steigerte sich der stille Widerstand der
+öffentlichen Meinung, je deutlicher und allgemeineres begriffen ward,
+daß die Machthaber daran arbeiteten, mit der alten Verfassung ein Ende
+zu machen und in möglichst schonender Weise die bestehenden
+Verhältnisse der Regierung und Verwaltung in die Formen der Monarchie
+zu fügen; allein man gehorchte, weil man mußte. Vor allen Dingen wurden
+alle wichtigeren Angelegenheiten und namentlich alle das Militärwesen
+und die äußeren Verhältnisse betreffenden, ohne den Senat deswegen zu
+fragen, bald durch Volksbeschluß, bald durch das bloße Gutfinden der
+Herrscher erledigt. Die in Luca vereinbarten Bestimmungen hinsichtlich
+des Militärkommandos von Gallien wurden durch Crassus und Pompeius, die
+Spanien und Syrien betreffenden durch den Volkstribun Gaius Trebonius
+unmittelbar an die Bürgerschaft gebracht, auch sonst wichtigere
+Statthalterschaften häufig durch Volksschluß besetzt. Daß für die
+Machthaber es der Einwilligung der Behörden nicht bedürfe, um ihre
+Truppen beliebig zu vermehren, hatte Caesar bereits hinreichend
+dargetan; ebensowenig trugen sie Bedenken, ihre Truppen sich
+untereinander zu borgen, wie zum Beispiel Caesar von Pompeius für den
+Gallischen, Crassus von Caesar für den Parthischen Krieg solche
+kollegialische Unterstützung empfing. Die Transpadaner, denen nach der
+bestehenden Verfassung nur das latinische Recht zustand, wurden von
+Caesar während seiner Verwaltung tatsächlich als römische Vollbürger
+behandelt ^5. Wenn sonst die Einrichtung neu erworbener Gebiete durch
+eine Senatskommission beschafft worden war, so organisierte Caesar
+seine ausgedehnten gallischen Eroberungen durchaus nach eigenem
+Ermessen und gründete zum Beispiel ohne jede weitere Vollmacht
+Bürgerkolonien, namentlich Novum Comum (Como) mit fünftausend
+Kolonisten. Piso führte den Thrakischen, Gabinius den Ägyptischen,
+Crassus den Parthischen Krieg, ohne den Senat zu fragen, ja ohne auch
+nur, wie es herkömmlich war, an den Senat zu berichten; in ähnlicher
+Weise wurden Triumphe und andere Ehrenbezeigungen bewilligt und
+vollzogen, ohne daß der Senat darum begrüßt ward. Offenbar liegt hierin
+nicht eine bloße Vernachlässigung der Formen, die um so weniger
+erklärlich wäre, als in den bei weitem meisten Fällen eine Opposition
+des Senats durchaus nicht zu erwarten war. Vielmehr war es die
+wohlberechnete Absicht, den Senat von dem militärischen und dem Gebiet
+der höheren Politik zu verdrängen und seine Teilnahme an der Verwaltung
+auf die finanziellen Fragen und die inneren Angelegenheiten zu
+beschränken; und auch die Gegner erkannten dies wohl und protestierten,
+soweit sie konnten, gegen dies Verfahren der Machthaber durch
+Senatsbeschlüsse und Kriminalklagen. Während die Machthaber also den
+Senat in der Hauptsache beiseite schoben, bedienten sie sich der minder
+gefährlichen Volksversammlungen auch ferner noch - es war dafür
+gesorgt, daß die Herren der Straße denen des Staats dabei keine
+Schwierigkeit mehr in den Weg legten; indes in vielen Fällen entledigte
+man sich auch dieses leeren Schemens und gebrauchte unverhohlen
+autokratische Formen.
+
+———————————————————————
+
+^5 Überliefert ist dies nicht. Allein daß Caesar auf den latinischen
+Gemeinden, das heißt aus dem bei weitem größeren Teil seiner Provinz
+überhaupt keine Soldaten ausgehoben hat, ist an sich schon völlig
+unglaublich und wird geradezu widerlegt dadurch, daß die Gegenpartei
+die von Caesar ausgehobene Mannschaft geringschätzig bezeichnet als
+“größtenteils aus den transpadanischen Kolonie* gebürtig” (Caes. civ.
+3, 87); denn hier sind offenbar die launischen Kolonien Strabos (Ascon.
+Pis. p. 3; Suet. Caes. 8) gemeint. Von launischen Kohorten aber findet
+sich in Caesars gallischer Armee keine Spur; vielmehr sind nach seinen
+ausdrücklichen Angaben alle von ihm im Cisalpinischen Gallien
+ausgehobenen Rekruten den Legionen zu- oder in Legionen eingeteilt
+worden. Es ist möglich, daß Caesar mit der Aushebung die Schenkung des
+Bürgerrechts verband; aber wahrscheinlicher hielt er vielmehr in dieser
+Angelegenheit den Standpunkt seiner Partei fest, welche den
+Transpadanern das römische Bürgerrecht nicht so sehr zu verschaffen
+suchte, als vielmehr es ansah, als ihnen schon gesetzlich zustehend.
+Nur so konnte sich das Gerücht verbreiten, daß Caesar von sich aus bei
+den transpadanischen Gemeinden römische Munizipalverfassung eingeführt
+habe (Cic. Att. 5, 3, 2; ad fam. 8, 1 2). So erklärt es sich auch,
+warum Hirtius die transpadanischen Städte als “Kolonien römischer
+Bürger” bezeichnet (Gall. 8, 24) und warum Caesar die von ihm
+gegründete Kolonie Comum als Bürgerkolonie behandelte (Suet. Caes. 28;
+Strab. 5, 1 p. 213; Plut. Caes. 29), während die gemäßigte Partei der
+Aristokratie ihr nur dasselbe Recht wie den übrigen transpadanischen
+Gemeinden, also das launische, zugestand, die Ultras sogar das den
+Ansiedlern erteilte Stadtrecht überhaupt für nichtig erklärten, also
+auch die an die Bekleidung eines launischen Munizipalamtes geknüpften
+Privilegien den Comensern nicht zugestanden (Cic. Att. 5, 11, 2; App.
+civ. 2, 26). Vgl. Hermes 16, 1880, S. 30.
+
+————————————————————————-
+
+Der gedemütigte Senat mußte wohl oder übel in seine Lage sich schicken.
+Der Führer der gehorsamen Majorität blieb Marcus Cicero. Er war
+brauchbar wegen seines Advokatentalents, für alles Gründe oder doch
+Worte zu finden, und es lag eine echt Caesarische Ironie darin, den
+Mann, mittels dessen vorzugsweise die Aristokratie ihre Demonstrationen
+gegen die Machthaber aufgeführt hatte, als Mundstück des Servilismus zu
+verwenden. Darum erteilte man ihm Verzeihung für sein kurzes Gelüsten,
+wider den Stachel zu löcken, jedoch nicht ohne sich vorher seiner
+Unterwürfigkeit in jeder Weise versichert zu haben. Gewissermaßen um
+als Geisel für ihn zu haften, hatte sein Bruder einen Offizierposten im
+gallischen Heere übernehmen müssen; ihn selbst hatte Pompeius genötigt,
+eine Unterbefehlshaberstelle unter ihm anzunehmen, welche eine Handhabe
+hergab, um ihn jeden Augenblick mit Manier zu verbannen. Clodius war
+zwar angewiesen worden, ihn bis weiter in Ruhe zu lassen, aber Caesar
+ließ ebensowenig um Ciceros willen den Clodius fallen wie den Cicero um
+des Clodius willen, und der große Vaterlandserretter wie der nicht
+minder große Freiheitsmann machten im Hauptquartier von Samarobriva
+sich eine Antichambrekonkurrenz, die gehörig zu illustrieren es leider
+an einem römischen Aristophanes gebrach. Aber nicht bloß ward dieselbe
+Rute über Ciceros Haupte schwebend erhalten, die ihn bereits einmal so
+schmerzlich getroffen hatte; auch goldene Fesseln wurden ihm angelegt.
+Bei seinen bedenklich verwickelten Finanzen waren ihm die zinsfreien
+Darlehen Caesars und die Mitaufseherschaft über die ungeheure Summen in
+Umlauf setzenden Bauten desselben in hohem Grade willkommen und manche
+unsterbliche Senatsrede erstickte in dem Gedanken an den
+Geschäftsträger Caesars, der nach dem Schluß der Sitzung ihm den
+Wechsel präsentieren möchte. Also gelobte er sich, “künftig nicht mehr
+nach Recht und Ehre zu fragen, sondern um die Gunst der Machthaber sich
+zu bemühen” und “geschmeidig zu sein wie ein Ohrläppchen”. Man brauchte
+ihn denn, wozu er gut war: als Advokaten, wo es vielfach sein Los war,
+eben seine bittersten Feinde auf höheren Befehl verteidigen zu müssen,
+und vor allem im Senat, wo er fast regelmäßig den Dynasten als Organ
+diente und die Anträge stellte, “denen andere wohl zustimmten, er aber
+selbst nicht”; ja als anerkannter Führer der Majorität der Gehorsamen
+erlangte er sogar eine gewisse politische Bedeutung. In ähnlicher Weise
+wie mit Cicero verfuhr man mit den übrigen der Furcht, der Schmeichelei
+oder dem Golde zugänglichen Mitgliedern des regierenden Kollegiums, und
+es gelang, dasselbe im ganzen botmäßig zu erhalten.
+
+Allerdings blieb eine Fraktion von Gegnern, die wenigstens Farbe
+hielten und weder zu schrecken noch zu gewinnen waren. Die Machthaber
+hatten sich überzeugt, daß Ausnahmemaßregeln, wie die gegen Cato und
+Cicero, der Sache mehr schadeten als nützten und daß es ein minderes
+Übel sei, die unbequeme republikanische Opposition zu ertragen, als aus
+den Opponenten Märtyrer der Republik zu machen. Darum ließ man es
+geschehen, daß Cato zurückkam (Ende 698 56) und von da an wieder im
+Senat und auf dem Markte, oft unter Lebensgefahr, den Machthabern eine
+Opposition machte, die wohl ehrenwert, aber leider doch auch zugleich
+lächerlich war. Man ließ es geschehen, daß er es bei Gelegenheit der
+Anträge des Trebonius auf dein Marktplatz wieder einmal bis zum
+Handgemenge trieb und daß er im Senat den Antrag stellte, den Prokonsul
+Caesar wegen seines treulosen Benehmens gegen die Usipeten und
+Tencterer diesen Barbaren auszuliefern. Man nahm es hin, daß Marcus
+Favonius, Catos Sancho, nachdem der Senat den Beschluß gefaßt hatte,
+die Legionen Caesars auf die Staatskasse zu übernehmen, zur Tür der
+Kurie sprang und die Gefahr des Vaterlandes auf die Gasse hinausrief;
+daß derselbe in seiner skurrilen Art die weiße Binde, die Pompeius um
+sein krankes Bein trug, ein deplaziertes Diadem hieß; daß der Konsular
+Lentulus Marcellinus, da man ihm Beifall klatschte, der Versammlung
+zurief, sich dieses Rechts, ihre Meinung zu äußern, jetzt ja fleißig zu
+bedienen, da es ihnen noch gestattet sei; daß der Volkstribun Gaius
+Ateius Capito den Crassus bei seinem Abzug nach Syrien in allen Formen
+damaliger Theologie öffentlich den bösen Geistern überantwortete. Im
+ganzen waren dies eitle Demonstrationen einer verbissenen Minorität:
+doch war die kleine Partei, von der sie ausgingen, insofern von
+Bedeutung, als sie teils der im stillen gärenden republikanischen
+Opposition Nahrung und Losung gab, teils ab und zu doch die
+Senatsmajorität, die ja im Grunde ganz dieselben Gesinnungen gegen die
+Machthaber hegte, zu einem gegen diese gerichteten Beschluß fortriß.
+Denn auch die Majorität fühlte das Bedürfnis, wenigstens zuweilen und
+in untergeordneten Dingen ihrem verhaltenen Groll Luft zu machen und
+namentlich, nach der Weise der widerwillig Servilen, ihren Groll gegen
+die großen Feinde wenigstens an den kleinen auszulassen. Wo es nur
+anging, ward den Werkzeugen der Machthaber ein leiser Fußtritt
+versetzt: so wurde Gabinius das erbetene Dankfest verweigert (698 56),
+so Piso aus der Provinz abberufen, so vom Senat Trauer angelegt, als
+der Volkstribun Gaius Cato die Wahlen für 699 (55) so lange hinderte,
+bis der der Verfassungspartei angehörige Konsul Marcellinus vom Amt
+abgetreten war. Sogar Cicero, wie demütig er immer vor den Machthabern
+sich neigte, ließ doch auch eine ebenso giftige wie geschmacklose
+Broschüre gegen Caesars Schwiegervater ausgehen. Aber sowohl diese
+oppositionellen Velleitäten der Senatsmajorität wie der resultatlose
+Widerstand der Minorität zeigen nur um so deutlicher, daß das Regiment,
+wie einst von der Bürgerschaft auf den Senat, so jetzt von diesem auf
+die Machthaber übergegangen und der Senat schon nicht viel mehr war als
+ein monarchischer, aber auch zur Absorbierung der antimonarchischen
+Elemente benutzter Staatsrat. “Kein Mensch”, klagten die Anhänger der
+gestürzten Regierung, “gilt das mindeste außer den dreien; die
+Herrscher sind allmächtig und sie sorgen dafür, daß keiner darüber im
+unklaren bleibe; der ganze Senat ist wie umgewandelt und gehorcht den
+Gebietern; unsere Generation wird einen Umschwung der Dinge nicht
+erleben.” Man lebte eben nicht in der Republik, sondern in der
+Monarchie.
+
+Aber wenn über die Lenkung des Staats von den Machthabern unumschränkt
+verfügt ward, so blieb noch ein von dem eigentlichen Regiment
+gewissermaßen abgesondertes politisches Gebiet, das leichter zu
+verteidigen und schwerer zu erobern war: das der ordentlichen
+Beamtenwahlen und das der Geschworenengerichte. Daß die letzteren nicht
+unmittelbar unter die Politik fallen, aber überall und vor allem in Rom
+von dem das Staatswesen beherrschenden Geiste mitbeherrscht werden, ist
+von selber klar. Die Wahlen der Beamten gehörten allerdings von Rechts
+wegen zu dem eigentlichen Regiment des Staates; allein da in dieser
+Zeit derselbe wesentlich durch außerordentliche Beamte oder auch ganz
+titellose Männer verwaltet ward und selbst die höchsten ordentlichen
+Beamten, wenn sie zu der antimonarchischen Partei gehörten, auf die
+Staatsmaschine in irgend fühlbarer Weise einzuwirken nicht vermochten,
+so sanken die ordentlichen Beamten mehr und mehr herab zu Figuranten,
+wie sich denn auch eben die oppositionellsten von ihnen geradezu und
+mit vollem Recht als machtlose Nullen bezeichneten, ihre Wahlen also zu
+Demonstrationen. So konnte, nachdem die Opposition von dem eigentlichen
+Schlachtfeld bereits gänzlich verdrängt war, dennoch die Fehde noch in
+den Wahlen und den Prozessen fortgeführt werden. Die Machthaber sparten
+keine Mühe, um auch hier Sieger zu bleiben. Hinsichtlich der Wahlen
+hatten sie bereits in Luca für die nächsten Jahre die Kandidatenlisten
+untereinander festgestellt und ließen kein Mittel unversucht, um die
+dort vereinbarten Kandidaten durchzubringen. Zunächst zum Zweck der
+Wahlagitation spendeten sie ihr Gold aus. Jährlich wurden aus Caesars
+und Pompeius’ Heeren eine große Anzahl Soldaten auf Urlaub entlassen,
+um an den Abstimmungen in Rom teilzunehmen. Caesar pflegte selbst von
+Oberitalien aus in möglichster Nähe die Wahlbewegungen zu leiten und zu
+überwachen. Dennoch ward der Zweck nur sehr unvollkommen erreicht. Für
+699 (55) wurden zwar, dem Vertrag von Luca entsprechend, Pompeius und
+Crassus zu Konsuln gewählt und der einzige ausharrende Kandidat der
+Opposition, Lucius Domitius, beseitigt; allein schon dies war nur durch
+offenbare Gewalt durchgesetzt worden, wobei Cato verwundet ward und
+andere höchst ärgerliche Auftritte vorfielen. In den nächsten
+Konsularwahlen für 700 (54) ward gar, allen Anstrengungen der
+Machthaber zum Trotz, Domitius wirklich gewählt, und auch Cato siegte
+jetzt ob in der Bewerbung um die Prätur, in der ihn das Jahr zuvor zum
+Ärgernis der ganzen Bürgerschaft Caesars Klient Vatinius aus dem Felde
+geschlagen hatte. Bei den Wahlen für 701 (53) gelang es der Opposition,
+unter andern Kandidaten auch die der Machthaber so unwidersprechlich
+der ärgerlichsten Wahlumtriebe zu überweisen, daß diese, auf die der
+Skandal zurückfiel, nicht anders konnten als sie fallen lassen. Diese
+wiederholten und argen Niederlagen der Dynasten auf dem
+Wahlschlachtfeld mögen zum Teil zurückzuführen sein auf die
+Unregierlichkeit der eingerosteten Maschinerie, die unberechenbaren
+Zufälligkeiten des Wahlgeschäfts, die Gesinnungsopposition der
+Mittelklassen, die mancherlei hier eingreifenden und die Parteistellung
+oft seltsam durchkreuzenden Privatrücksichten; die Hauptursache aber
+liegt anderswo. Die Wahlen waren in dieser Zeit wesentlich in der
+Gewalt der verschiedenen Klubs, in die die Aristokratie sich
+gruppierte; das Bestechungswesen war von denselben im umfassendsten
+Maßstab und mit größter Ordnung organisiert. Dieselbe Aristokratie
+also, die im Senat vertreten war, beherrschte auch die Wahlen; aber
+wenn sie im Senat grollend nachgab, wirkte und stimmte sie hier im
+geheimen und vor jeder Rechenschaft sicher den Machthabern unbedingt
+entgegen. Daß durch das strenge Strafgesetz gegen die klubbistischen
+Wahlumtriebe, das Crassus als Konsul 699 (55) durch die Bürgerschaft
+bestätigen ließ, der Einfluß der Nobilität auf diesem Felde keineswegs
+gebrochen ward, versteht sich von selbst und zeigen die Wahlen der
+nächsten Jahre.
+
+Ebensogroße Schwierigkeiten machten den Machthabern die
+Geschworenengerichte. Bei ihrer dermaligen Zusammensetzung entschied in
+denselben, neben dem auch hier einflußreichen Senatsadel, vorwiegend
+die Mittelklasse. Die Festsetzung eines hochgegriffenen
+Geschworenenzensus durch ein von Pompeius 699 (55) beantragtes Gesetz
+ist ein bemerkenswerter Beweis dafür, daß die Opposition gegen die
+Machthaber ihren Hauptsitz in dem eigentlichen Mittelstand hatte und
+die hohe Finanz hier wie überall sich gefügiger erwies als dieser.
+Nichtsdestoweniger war der republikanischen Partei hier noch nicht
+aller Boden entzogen und sie ward nicht müde, mit politischen
+Kriminalanklagen, zwar nicht die Machthaber selbst, aber wohl deren
+hervorragende Werkzeuge zu verfolgen. Dieser Prozeßkrieg ward um so
+lebhafter geführt, als dem Herkommen gemäß das Anklagegeschäft der
+senatorischen Jugend zukam und begreiflicherweise unter diesen
+Jünglingen mehr als unter den älteren Standesgenossen noch
+republikanische Leidenschaft, frisches Talent und kecke Angriffslust zu
+finden war. Allerdings waren die Gerichte nicht frei; wenn die
+Machthaber Ernst machten, wagten sie so wenig wie der Senat den
+Gehorsam zu verweigern. Keiner von den Gegnern wurde von der Opposition
+mit so grimmigem, fast sprichwörtlich gewordenem Hasse verfolgt wie
+Vatinius, bei weitem der verwegenste und unbedenklichste unter den
+engeren Anhängern Caesars; aber sein Herr befahl, und er ward in allen
+gegen ihn erhobenen Prozessen freigesprochen. Indes Anklagen von
+Männern, die so wie Gaius Licinius Calvus und Gaius Asinius Pollio das
+Schwert der Dialektik und die Geißel des Spottes zu schwingen
+verstanden, verfehlten ihr Ziel selbst dann nicht, wenn sie
+scheiterten; und auch einzelne Erfolge blieben nicht aus. Meistens
+freilich wurden sie über untergeordnete Individuen davongetragen,
+allein auch einer der höchstgestellten und verhaßtesten Anhänger der
+Dynasten, der Konsulat Gabinius, ward auf diesem Wege gestürzt.
+Allerdings vereinigte mit dem unversöhnlichen Haß der Aristokratie, die
+ihm das Gesetz über die Führung des Seeräuberkrieges so wenig vergab
+wie die wegwerfende Behandlung des Senats während seiner syrischen
+Statthalterschaft, sich gegen Gabinius die Wut der hohen Finanz, der
+gegenüber er als Statthalter Syriens es gewagt hatte, die Interessen
+der Provinzialen zu vertreten, und selbst der Groll des Crassus, dem er
+bei Übergabe der Provinz Weitläufigkeiten gemacht hatte. Sein einziger
+Schutz gegen alle diese Feinde war Pompeius, und dieser hatte alle
+Ursache, seinen fähigsten, kecksten und treuesten Adjutanten um jeden
+Preis zu verteidigen; aber hier wie überall verstand er es nicht, seine
+Macht zu gebrauchen und seine Klienten so zu vertreten, wie Caesar die
+seinigen vertrat: Ende 700 (54) fanden die Geschworenen den Gabinius
+der Erpressungen schuldig und schickten ihn in die Verbannung.
+
+Im ganzen waren also auf dem Gebiete der Volkswahlen und der
+Geschworenengerichte es die Machthaber, welche den kürzeren zogen. Die
+Faktoren, die darin herrschten, waren minder greifbar und darum
+schwerer zu terrorisieren oder zu korrumpieren als die unmittelbaren
+Organe der Regierung und Verwaltung. Die Gewalthaber stießen hier,
+namentlich in den Volkswahlen, auf die zähe Kraft der geschlossenen und
+in Koterien gruppierten Oligarchie, mit der man noch durchaus nicht
+fertig ist, wenn man ihr Regiment gestürzt hat, und die um so schwerer
+zu brechen ist, je verdeckter sie auftritt. Sie stießen hier ferner,
+namentlich in den Geschworenengerichten, auf den Widerwillen der
+Mittelklassen gegen das neue, monarchische Regiment, den mit allen
+daraus entspringenden Verlegenheiten sie ebensowenig zu beseitigen
+vermochten. Sie erlitten auf beiden Gebieten eine Reihe von
+Niederlagen, von denen die Wahlsiege der Opposition zwar nur den Wert
+von Demonstrationen hatten, da die Machthaber die Mittel besaßen und
+gebrauchten, um jeden mißliebigen Beamten tatsächlich zu annullieren,
+die oppositionellen Kriminalverurteilungen aber in empfindlicher Weise
+sie brauchbarer Gehilfen beraubten. Wie die Dinge standen, vermochten
+die Machthaber die Volkswahlen und die Geschworenengerichte weder zu
+beseitigen noch ausreichend zu beherrschen, und die Opposition, wie
+sehr sie auch hier sich eingeengt fand, behauptete bis zu einem
+gewissen Grade doch den Kampfplatz.
+
+Noch schwieriger aber erwies es sich, der Opposition auf einem Felde zu
+begegnen, dem sie immer eifriger sich zuwandte, je mehr sie aus der
+unmittelbaren politischen Tätigkeit herausgedrängt ward. Es war dies
+die Literatur. Schon die gerichtliche Opposition war zugleich, ja, vor
+allem eine literarische, da die Reden regelmäßig veröffentlicht wurden
+und als politische Flugschriften dienten. Rascher und schärfer noch
+trafen die Pfeile der Poesie. Die lebhafte hocharistokratische Jugend,
+noch energischer vielleicht der gebildete Mittelstand in den italischen
+Landstädten, führten den Pamphleten- und Epigrammenkrieg mit Eifer und
+Erfolg. Nebeneinander fochten auf diesem Felde der vornehme
+Senatorensohn Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48), der als Redner und
+Pamphletist ebenso wie als gewandter Dichter gefürchtet war, und die
+Munizipalen von Cremona und Verona, Marcus Furius Bibaculus (652-691
+102-63) und Quintus Valerius Catullus (667 bis ca. 700 87-54), deren
+elegante und beißende Epigramme pfeilschnell durch Italien flogen und
+sicher ihr Ziel trafen. Durchaus herrscht in der Literatur dieser Jahre
+der oppositionelle Ton. Sie ist voll von grimmigem Hohn gegen den
+“großen Caesar”, “den einzigen Feldherrn”, gegen den liebevollen
+Schwiegervater und Schwiegersohn, welche den ganzen Erdkreis zugrunde
+richten, um ihren verlotterten Günstlingen Gelegenheit zu geben, die
+Spolien der langhaarigen Kelten durch die Straßen Roms zu paradieren,
+mit der Beute der fernsten Insel des Westens königliche Schmäuse
+auszurichten und als goldregnende Konkurrenten die ehrlichen Jungen
+daheim bei ihren Mädchen auszustechen. Es ist in den Catullischen
+Gedichten ^6 und den sonstigen Trümmern der Literatur dieser Zeit etwas
+von jener Genialität des persönlich-politischen Hasses, von jener in
+rasender Lust oder ernster Verzweiflung überschäumenden
+republikanischen Agonie, wie sie in mächtigerer Weise hervortreten in
+Aristophanes und Demosthenes. Wenigstens der einsichtigste der drei
+Herrscher erkannte es wohl, daß es ebenso unmöglich war, diese
+Opposition zu verachten wie durch Machtbefehl sie zu unterdrücken.
+Soweit er konnte, versuchte Caesar vielmehr die namhaftesten
+Schriftsteller persönlich zu gewinnen. Schon Cicero hatte die
+rücksichtsvolle Behandlung, die er vorzugsweise von Caesar erfuhr, zum
+guten Teil seinem literarischen Ruf zu danken; aber der Statthalter
+Galliens verschmähte es nicht, selbst mit jenem Catullus durch
+Vermittlung seines in Verona ihm persönlich bekannt gewordenen Vaters
+einen Spezialfrieden zu schließen; der junge Dichter, der den mächtigen
+General eben mit den bittersten und persönlichsten Sarkasmen
+überschüttet hatte, ward von demselben mit der schmeichelhaftesten
+Auszeichnung behandelt. Ja Caesar war genialisch genug, um seinen
+literarischen Gegnern auf ihr eigenes Gebiet zu folgen und als
+indirekte Abwehr vielfältiger Angriffe einen ausführlichen
+Gesamtbericht über die gallischen Kriege zu veröffentlichen, welcher
+die Notwendigkeit und Verfassungsmäßigkeit seiner Kriegführung mit
+glücklich angenommener Naivität vor dem Publikum entwickelte. Allein
+poetisch und schöpferisch ist nun einmal unbedingt und ausschließlich
+die Freiheit; sie, und sie allein, vermag es, noch in der elendesten
+Karikatur, noch mit ihrem letzten Atemzug frische Naturen zu
+begeistern. Alle tüchtigen Elemente der Literatur waren und blieben
+antimonarchisch, und wenn Caesar selbst sich auf dieses Gebiet wagen
+durfte ohne zu scheitern, so war der Grund doch nur, daß er selbst
+sogar jetzt noch den großartigen Traum eines freien Gemeinwesens im
+Sinne trug, den er freilich weder auf seine Gegner noch auf seine
+Anhänger zu übertragen vermochte. Die praktische Politik ward nicht
+unbedingter von den Machthabern beherrscht als die Literatur von den
+Republikanern ^7.
+
+————————————————————-
+
+^6 Die uns aufbehaltene Sammlung ist voll von Beziehungen auf die
+Ereignisse der Jahre 699 (55) und 700 (54) und ward ohne Zweifel in dem
+letzteren bekannt gemacht; der jüngste Vorfall, dessen sie gedenkt, ist
+der Prozeß des Vatinius (August 700 54). Hieronymus’ Angabe, daß
+Catullus 697/98 (57/56) gestorben, braucht also nur um wenige Jahre
+verschoben zu sein. Daraus, daß Vatinius bei “seinem Konsulat sich
+verschwört”, hat man mit Unrecht geschlossen, daß die Sammlung erst
+nach Vatinius’ Konsulat (707 47) erschienen ist; es folgt daraus nur,
+daß Vatinius, als sie erschien, schon darauf rechnen durfte, in einem
+bestimmten Jahre Konsul zu werden, wozu er bereits 700 (54) alle
+Ursache hatte; denn sicher stand sein Name mit auf der in Luca
+vereinbarten Kandidatenliste (Cic. Art. 4, 8 b, 2).
+
+^7 Das folgende Gedicht Catulls (29) ist im Jahre 699 (53) oder 700
+(54), nach Caesars britannischer Expedition und vor dem Tode der Julia,
+geschrieben.
+
+Wer kann es ansehn, wer vermag es auszustehn,
+
+Wer nicht ein Bock, ein Spieler oder Schlemmer ist,
+
+Daß jetzt Mamurra sein nennt das, was einst besaß
+
+Der Langhaarkelten und der fernen Briten Land?
+
+Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu?
+
+Der also soll in Übermut und salbenschwer ,
+
+Als süßer Schnabelierer, als Adonis nun
+
+Hier ziehn in aller unsrer Mädchen Zimmer ein?
+
+Du Schlappschwanz Romulus, das siehst und gibst du zu?
+
+Ein Schlemmer bist du, bist ein Spieler, bist ein Bock!
+
+Drum also übersetztest, einziger General,
+
+Zum fernstentlegnen Eiland du des Okzidents,
+
+Damit hier euer ausgedienter Zeitvertreib
+
+Zwei Millionen könne oder drei vertun?
+
+Was heißt verkehrt freigebig sein, wenn dieses nicht?
+
+Hat nicht genug schon er verdorben und verpraßt?
+
+Zuerst verlottert ward das väterliche Gut,
+
+Sodann des Pontus Beute, dann Iberiens,
+
+Davon des Tajo goldbeschwerte Welle weiß.
+
+Den fürchtet, ihr Britanner; Kelten, fürchtet den!
+
+Was heget ihr den Lumpen, welcher gar nichts als
+
+Ein fettes Erbe durch die Gurgel jagen kann?
+
+Drum also ruiniertet ihr der Erde Kreis,
+
+Ihr liebevollen Schwiegervater-Schwiegersohn?
+
+Mamurra aus Formiae, Caesars Günstling und eine Zeitlang während der
+gallischen Kriege Offizier in dessen Heer, war, vermutlich kurz vor
+Abfassung dieses Gedichts, nach der Hauptstadt zurückgekehrt und
+wahrscheinlich damals beschäftigt mit dem Bau seines vielbesprochenen,
+mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Marmorpalastes auf dem
+Caelischen Berge. Die iberische Beute wird sich auf Caesars
+Statthalterschaft des Jenseitigen Spanien beziehen und Mamurra schon
+damals, wie sicher später in Gallien, in seinem Hauptquartier sich
+befunden haben; das pontische geht vermutlich auf Pompeius’ Krieg gegen
+Mithradates, da zumal. nach der Andeutung des Dichters nicht bloß
+Caesar den Mamurra bereichert hat.
+
+Unschuldiger als diese giftige, von Caesar bitter empfundene Invektive
+(Suet. Caes. 73) ist ein anderes, ungefähr gleichzeitiges Gedicht
+desselben Poeten (11), das hier auch stehen mag, weil es mit seiner
+pathetischen Einleitung zu einer nichts weniger als pathetischen
+Kommission den Generalstab der neuen Machthaber, die aus der Spelunke
+plötzlich ins Hauptquartier avancierten Gabinius, Antonius und wie sie
+weiter heißen, sehr artig persifliert. Man erinnere sich, daß es in
+einer Zeit geschrieben ward, wo Caesar am Rhein und an der Themse
+kämpfte und wo die Expeditionen des Crassus nach Parthien, des Gabinius
+nach Ägypten vorbereitet wurden. Der Dichter, gleichsam auch von einem
+der Machthaber einen der vakanten Posten erhoffend, gibt zweien seiner
+Klienten die letzten Aufträge vor der Abreise:
+
+Furius und Aurelius, Adjutanten
+
+Ihr Catulls, mag ziehn er an Indiens Ende,
+
+Wo des Ostmeers brandende Welle weithin
+
+Hallend den Strand schlägt,
+
+Oder nach Hyrkanien und Arabien,
+
+In der pfeilfroh’n Parther Gebiet und Saker
+
+Oder wo den Spiegel des Meers der siebenfältige Nil färbt;
+
+Oder führt sein Weg ihn die Alpen über,
+
+Wo den Malstein setzte der große Caesar,
+
+Wo der Rhein fließt und an dem Erdrand hausen
+
+Wilde Britanner -
+
+Ihr, bereit, all das mit Catullus, was ihm
+
+Götterratsschluß davon bestimmt, zu teilen,
+
+Meinem Schatz noch bringet zuvor die kurze
+
+Leidige Botschaft!
+
+Mag sie stehn und gehen mit ihren Männern,
+
+Welche sie dreihundert zugleich umarmt hält,
+
+Keinem treulieb, aber zu jeder Stunde
+
+Jedem zu Willen.
+
+Nicht wie sonst nachblickte sie meiner Liebe,
+
+Die geknickt mutwillig sie, gleich dem Veilchen,
+
+Das entlang am Saume des Ackers wandelnd
+
+Streifte die Pflugschar.
+
+—————————————————————-
+
+Es ward nötig, gegen diese zwar machtlose, aber immer lästiger und
+dreister werdende Opposition mit Ernst einzuschreiten. Den Ausschlag
+gab, wie es scheint, die Verurteilung des Gabinius (Ende 700 54). Die
+Herrscher kamen überein, eine wenn auch nur zeitweilige Diktatur
+eintreten zu lassen und mittels dieser neue Zwangsmaßregeln namentlich
+hinsichtlich der Wahlen und der Geschworenengerichte durchzusetzen. Als
+derjenige, dem zunächst die Regierung Roms und Italiens oblag, übernahm
+die Ausführung dieses Beschlusses Pompeius; sie trug denn auch den
+Stempel der ihm eigenen Schwerfälligkeit im Entschließen und im Handeln
+und seiner wunderlichen Unfähigkeit, selbst da, wo er befehlen wollte
+und konnte, mit der Sprache herauszugehen. Bereits Ausgang 700 (54)
+ward in Andeutungen und nicht durch Pompeius selbst die Forderung der
+Diktatur im Senat vorgebracht. Als ostensibler Grund diente die
+fortwährende Klub- und Bandenwirtschaft in der Hauptstadt, die durch
+Bestechungen und Gewalttätigkeiten allerdings auf die Wahlen wie auf
+die Geschworenengerichte den verderblichsten Druck ausübte und den
+Krawall daselbst in Permanenz hielt; man muß es zugeben, daß sie es den
+Machthabern leichtmachte, ihre Ausnahmemaßregeln zu rechtfertigen.
+Allein begreiflicherweise scheute sogar die servile Majorität davor
+zurück, das zu bewilligen, was der künftige Diktator selbst sich zu
+scheuen schien offen zu begehren. Als dann die beispiellose Agitation
+für die Wahlen zum Konsulat für 701 (53) die ärgerlichsten Auftritte
+herbeiführte, die Wahlen ein volles Jahr über die festgesetzte Zeit
+sich verschleppten und erst nach siebenmonatlichem Interregnum im Juli
+701 (53) stattfanden, fand Pompeius darin den erwünschten Anlaß als das
+einzige Mittel, den Knoten wo nicht zu lösen, doch zu zerhauen, dem
+Senat jetzt bestimmt die Diktatur zu bezeichnen; allein das
+entscheidende Befehlswort ward immer noch nicht gesprochen. Vielleicht
+wäre es noch lange ungesprochen geblieben, wenn nicht bei den
+Konsularwahlen für 702 (52) gegen die Kandidaten der Machthaber Quintus
+Metellus Scipio und Publius Plautius Hypsaeus, beide dem Pompeius
+persönlich nahestehende und durchaus ergebene Männer, der verwegenste
+Parteigänger der republikanischen Opposition, Titus Annius Milo, als
+Gegenkandidat in die Schranken getreten wäre. Milo, ausgestattet mit
+physischem Mut, mit einem gewissen Talent zur Intrige und zum
+Schuldenmachen und vor allem mit reichlich angeborener und sorgfältig
+ausgebildeter Dreistigkeit, hatte unter den politischen
+Industrierittern jener Tage sich einen Namen gemacht und war in seinem
+Handwerk nächst Clodius der renommierteste Mann, natürlich also auch
+mit diesem in tödlichster Konkurrenzfeindschaft. Da dieser Achill der
+Straße von den Machthabern acquiriert worden war und mit ihrer
+Zulassung wieder den Ultrademokraten spielte, so ward der Hektor der
+Straße selbstverständlich Aristokrat, und die republikanische
+Opposition, die jetzt mit Catilina selbst Bündnis geschlossen haben
+würde, wenn er sich ihr angetragen hätte, erkannte Milo bereitwillig an
+als ihren rechtmäßigen Vorfechter in allen Krawallen. In der Tat waren
+die wenigen Erfolge, die sie auf diesem Schlachtfelde davon trug, das
+Werk Milos und seiner wohlgeschulten Fechterbande. So unterstützten
+denn hinwiederum Cato und die Seinigen Milos Bewerbung um das Konsulat;
+selbst Cicero konnte nicht umhin, seines Feindes Feind, seinen
+langjährigen Beschützer, zu empfehlen; und da Milo selbst weder Geld
+noch Gewalt sparte, um seine Wahl durchzusetzen, so schien dieselbe
+gesichert. Für die Machthaber wäre sie nicht bloß eine neue
+empfindliche Niederlage gewesen, sondern auch eine wirkliche Gefahr;
+denn es war vorauszusehen, daß der verwegene Parteigänger sich nicht so
+leicht wie Domitius und andere Männer der anständigen Opposition als
+Konsul werde annullieren lassen. Da begab es sich, daß zufällig unweit
+der Hauptstadt, auf der Appischen Straße, Achill und Hektor
+aufeinandertrafen und zwischen den beiderseitigen Banden eine Rauferei
+entstand, in welcher Clodius selbst einen Säbelhieb in die Schulter
+erhielt und genötigt ward, in ein benachbartes Haus sich zu flüchten.
+Es war dies ohne Auftrag Milos geschehen; da die Sache aber so weit
+gekommen war und der Sturm nun doch einmal bestanden werden mußte, so
+schien das ganze Verbrechen Milo wünschenswerter und selbst minder
+gefährlich als das halbe: er befahl seinen Leuten, den Clodius aus
+seinem Versteck hervorzuziehen und ihn niederzumachen (13. Januar 702
+52). Die Straßenführer von der Partei der Machthaber, die Volkstribune
+Titus Munatius Plancus, Quintus Pompeius Rufus und Gaius Sallustius
+Crispus, sahen in diesem Vorfall einen passenden Anlaß, um im Interesse
+ihrer Herren Milos Kandidatur zu vereiteln und Pompeius’ Diktatur
+durchzusetzen. Die Hefe des Pöbels, namentlich die Freigelassenen und
+Sklaven, hatten mit Clodius ihren Patron und künftigen Befreier
+eingebüßt: die erforderliche Aufregung war also leicht bewirkt. Nachdem
+der blutige Leichnam auf der Rednerbühne des Marktes in Parade
+ausgestellt und die dazu gehörigen Reden gehalten worden waren, ging
+der Krawall los. Zum Scheiterhaufen für den großen Befreier ward der
+Sitz der perfiden Aristokratie bestimmt: die Rotte trug den Körper in
+das Rathaus und zündete das Gebäude an. Hierauf zog der Schwarm vor
+Milos Haus und hielt dasselbe belagert, bis dessen Bande die Angreifer
+mit Pfeilschüssen vertrieb. Weiter ging es vor das Haus des Pompeius
+und seiner Konsularkandidaten, von denen jener als Diktator, diese als
+Konsuln begrüßt wurden, und von da vor das des Zwischenkönigs Marcus
+Lepidus, dem die Leitung der Konsulwahlen oblag. Da dieser pflichtmäßig
+sich weigerte, dieselben, wie die brüllenden Haufen es forderten,
+sofort zu veranstalten, so ward auch er fünf Tage lang in seiner
+Wohnung belagert gehalten.
+
+Aber die Unternehmer dieser skandalösen Auftritte hatten ihre Rolle
+überspielt. Allerdings war auch ihr Herr und Meister entschlossen,
+diesen günstigen Zwischenfall zu benutzen, um nicht bloß Milo zu
+beseitigen, sondern auch die Diktatur zu ergreifen; allein er wollte
+sie nicht von einem Haufen Knüttelmänner empfangen, sondern vom Senat.
+Pompeius zog Truppen heran, um die in der Hauptstadt herrschende und in
+der Tat aller Welt unerträglich gewordene Anarchie niederzuschlagen;
+zugleich befahl er jetzt, was er bisher erbeten, und der Senat gab
+nach. Es war nur ein nichtiger Winkelzug, daß auf Vorschlag von Cato
+und Bibulus der Prokonsul Pompeius unter Belassung seiner bisherigen
+Ämter statt zum Diktator zum “Konsul ohne Kollegen” ernannt ward (25.
+des Schaltmonats ^8 702 52) - ein Winkelzug, welcher eine mit
+zwiefachem inneren Widerspruch behaftete ^9 Benennung zuließ, um nur
+die einfach sachbezeichnende zu vermeiden, und der lebhaft erinnert an
+den weisen Beschluß des verschollenen Junkertums, den Plebejern nicht
+das Konsulat, sondern nur die konsularische Gewalt einzuräumen.
+
+——————————————————————————
+
+^8 In diesem Jahr folgte auf den Januar mit 29 und den Februar mit 23
+Tagen der Schaltmonat mit 28 und sodann der März.
+
+^9 Consul heißt Kollege (I, 260) und ein Konsul, der zugleich Prokonsul
+ist, ist zugleich wirklicher und stellvertretender Konsul.
+
+——————————————————————————
+
+Also im legalen Besitz der Vollmacht, ging Pompeius an das Werk und
+schritt nachdrücklich vor gegen die in den Klubs und den
+Geschworenengerichten mächtige republikanische Partei. Die bestehenden
+Wahlvorschriften wurden durch ein besonderes Gesetz wiederholt
+eingeschärft und durch ein anderes gegen die Wahlumtriebe, das für alle
+seit 684 (70) begangenen Vergehen dieser Art rückwirkende Kraft
+erhielt, die bisher darauf gesetzten Strafen gesteigert. Wichtiger noch
+war die Verfügung, daß die Statthalterschaften, also die bei weitem
+bedeutendere und besonders die weit einträglichere Hälfte der
+Amtstätigkeit, an die Konsuln und Prätoren nicht sofort bei dem
+Rücktritt vom Konsulat oder der Prätur, sondern erst nach Ablauf von
+weiteren fünf Jahren vergeben werden sollten, welche Ordnung
+selbstverständlich erst nach vier Jahren ins Leben treten konnte und
+daher für die nächste Zeit die Besetzung der Statthalterschaften
+wesentlich von den zur Regulierung dieses Interim zu erlassenden
+Senatsbeschlüssen, also tatsächlich von der augenblicklich den Senat
+beherrschenden Person oder Fraktion abhängig machte. Die
+Geschworenenkommissionen blieben zwar bestehen, aber dem
+Rekusationsrecht wurden Grenzen gesetzt und, was vielleicht noch
+wichtiger war, die Redefreiheit in den Gerichten aufgehoben, indem
+sowohl die Zahl der Advokaten als die jedem zugemessene Sprechzeit
+durch Maximalsätze beschränkt und die eingerissene Unsitte: neben den
+Tat- auch noch Charakterzeugen oder sogenannte “Lobredner” zugunsten
+des Angeklagten beizubringen, untersagt ward. Der gehorsame Senat
+dekretierte ferner auf Pompeius’ Wink, daß durch den Raufhandel auf der
+Appischen Straße das Vaterland in Gefahr geraten sei; demnach wurde für
+alle mit demselben zusammenhängenden Verbrechen durch ein
+Ausnahmegesetz eine Spezialkommission bestellt und deren Mitglieder
+geradezu von Pompeius ernannt. Es ward auch ein Versuch gemacht, dem
+zensorischen Amt wieder eine ernstliche Bedeutung zu verschaffen und
+durch dasselbe die tief zerrüttete Bürgerschaft von dem schlimmsten
+Gesindel zu säubern.
+
+Alle diese Maßregeln erfolgten unter dem Drucke des Säbels. Infolge der
+Erklärung des Senats, daß das Vaterland gefährdet sei, rief Pompeius in
+ganz Italien die dienstpflichtige Mannschaft unter die Waffen und nahm
+sie für alle Fälle in Eid und Pflicht; vorläufig ward eine ausreichende
+und zuverlässige Truppe auf das Kapitol gelegt; bei jeder
+oppositionellen Regung drohte Pompeius mit bewaffnetem Einschreiten und
+stellte während der Prozeßverhandlungen über die Ermordung des Clodius
+allem Herkommen zuwider auf der Gerichtsstätte selbst Wache auf.
+
+Der Plan zur Wiederbelebung der Zensur scheiterte daran, daß unter der
+servilen Senatsmajorität niemand sittlichen Mut und Autorität genug
+besaß, um sich um ein solches Amt auch nur zu bewerben. Dagegen ward
+Milo von den Geschworenen verurteilt (8. April 702 52), Catos Bewerbung
+um das Konsulat für 703 (51) vereitelt. Die Reden- und
+Pamphletenopposition erhielt durch die neue Prozeßordnung einen Schlag,
+von dem sie sich nicht wieder erholt hat; die gefürchtete gerichtliche
+Beredsamkeit ward damit von dem politischen Gebiet verdrängt und trug
+fortan die Zügel der Monarchie. Verschwunden war die Opposition
+natürlich weder aus den Gemütern der großen Majorität der Nation noch
+auch nur völlig aus dem öffentlichen Leben - dazu hätte man die
+Volkswahlen, die Geschworenengerichte und die Literatur nicht bloß
+beschränken, sondern vernichten müssen. Ja eben bei diesen Vorgängen
+selbst tat Pompeius durch seine Ungeschicklichkeit und Verkehrtheit
+wieder dazu, daß den Republikanern selbst unter seiner Diktatur
+einzelne, für ihn empfindliche Triumphe zuteil wurden. Die
+Tendenzmaßregeln, die die Herrscher zur Befestigung ihrer Macht
+ergriffen, wurden natürlicherweise offiziell als im Interesse der
+öffentlichen Ruhe und Ordnung getroffene Verfügungen charakterisiert
+und jeder Bürger, der die Anarchie nicht wollte, als mit denselben
+wesentlich einverstanden bezeichnet. Mit dieser durchsichtigen Fiktion
+trieb es Pompeius aber so weit, daß er in die Spezialkommission zur
+Untersuchung des letzten Auflaufs statt sicherer Werkzeuge die
+achtbarsten Männer aller Parteien, sogar Cato einwählte und seinen
+Einfluß auf das Gericht wesentlich dazu anwandte, um die Ordnung zu
+handhaben und das in den Gerichten dieser Zeit hergebrachte Spektakeln
+seinen Anhängern so gut wie den Gegnern unmöglich zu machen. Diese
+Neutralität des Regenten sah man den Urteilen des Spezialhofes an. Die
+Geschworenen wagten zwar nicht, Milo selbst freizusprechen; aber die
+meisten untergeordneten Angeklagten von der Partei der republikanischen
+Opposition gingen frei aus, während die Verurteilung unnachsichtlich
+diejenigen traf, die in dem letzten Krawall für Clodius, das heißt für
+die Machthaber Partei genommen hatten, unter ihnen nicht wenige von
+Caesars und selbst von Pompeius’ vertrautesten Freunden, sogar seinen
+Kandidaten zum Konsulat, Hypsaeus, und die Volkstribune Plancus und
+Rufus, die in seinem Interesse die Erneute dirigiert hatten. Wenn
+Pompeius deren Verurteilung nicht hinderte, um unparteiisch zu
+erscheinen, so war dies eine Albernheit, und eine zweite, daß er denn
+doch wieder in ganz gleichgültigen Dingen zu Gunsten seiner Freunde
+seine eigenen Gesetze verletzte, zum Beispiel im Prozeß des Plancus als
+Charakterzeuge auftrat, und einzelne ihm besonders nahestehende
+Angeklagte, wie den Metellus Scipio, in der Tat vor der Verurteilung
+schützte. Wie gewöhnlich wollte er auch hier entgegengesetzte Dinge:
+indem er versuchte, zugleich den Pflichten des unparteiischen Regenten
+und des Parteihauptes Genüge zu tun, erfüllte er weder diese noch jene
+und erschien der öffentlichen Meinung mit Recht als ein despotischer
+Regent, seinen Anhängern mit gleichem Recht als ein Führer, der die
+Seinigen entweder nicht schützen konnte oder nicht schützen wollte.
+
+Indes wenn auch die Republikaner noch sich regten und sogar,
+hauptsächlich durch Pompeius’ Fehlgriffe, hie und da ein einzelner
+Erfolg sie anfrischte, so war doch der Zweck, den die Machthaber bei
+jener Diktatur sich gesteckt hatten, im ganzen erreicht, der Zügel
+straffer angezogen, die republikanische Partei gedemütigt und die neue
+Monarchie befestigt. Das Publikum fing an sich in diese zu finden. Als
+Pompeius nicht lange nachher von einer ernsthaften Krankheit genas,
+ward seine Wiederherstellung durch ganz Italien mit den obligaten
+Freudenbezeigungen gefeiert, die bei solchen Gelegenheiten in
+Monarchien üblich sind. Die Machthaber zeigten sich befriedigt: schon
+am 1. August 702 (52) legte Pompeius die Diktatur nieder und teilte das
+Konsulat mit seinem Klienten Metellus Scipio.
+
+
+
+
+KAPITEL IX.
+Crassus’ Tod. Der Bruch der Gesamtherrscher.
+
+
+Unter den Häuptern des “dreiköpfigen Ungeheuers” war Marcus Crassus
+jahrelang mitgerechnet worden, ohne eigentlich mitzuzählen. Er diente
+den wirklichen Machthabern Pompeius und Caesar als Gleichgewichtstein,
+oder genauer gesagt, er fiel in Caesars Waagschale gegen Pompeius.
+Diese Rolle ist nicht allzu ehrenvoll; aber Crassus ward nie durch
+leidenschaftliches Ehrgefühl gehindert, seinen Vorteil zu verfolgen. Er
+war Kaufmann und ließ mit sich handeln. Was ihm geboten ward, war nicht
+viel; da indes mehr nicht zu erhalten war, nahm er es an und suchte den
+nagenden Ehrgeiz und den Verdruß über seine der Macht so nahe und doch
+machtlose Stellung über den immer höher sich ihm häufenden Goldbergen
+zu vergessen. Aber die Konferenz zu Luca wandelte auch für ihn die
+Verhältnisse um: um gegen Pompeius nach den so ausgedehnten
+Zugeständnissen auch ferner im Übergewicht zu bleiben, gab Caesar
+seinem alten Verbündeten Crassus Gelegenheit, durch den Parthischen
+Krieg ebendahin in Syrien zu gelangen, wohin Caesar durch den
+keltischen in Gallien gelangt war. Es war schwer zu sagen, ob diese
+neuen Aussichten mehr den Heißhunger nach Gold reizten, der dem jetzt
+sechzigjährigen Manne zur anderen Natur geworden war und mit jeder neu
+erworbenen Million nur um so zehrender ward, oder mehr den in der Brust
+des Graukopfs lange mühsam niedergekämpften und jetzt mit unheimlichem
+Feuer in ihr glühenden Ehrgeiz. Bereits Anfang 700 (54) traf er in
+Syrien ein: nicht einmal den Ablauf seines Konsulats hatte er
+abgewartet um aufzubrechen. Voll hastiger Leidenschaft schien er jede
+Minute auskaufen zu wollen, um das Versäumte nachzuholen, zu den
+Schätzen des Westens noch die des Ostens einzutun, Feldherrnmacht und
+Feldherrnruhm rasch wie Caesar und mühelos wie Pompeius zu erjagen.
+
+Er fand den Parthischen Krieg bereits eingeleitet. Pompeius’ illoyales
+Verhalten gegen die Parther ist früher erzählt worden; er hatte die
+vertragsmäßige Euphratgrenze nicht respektiert und zu Gunsten
+Armeniens, das jetzt römischer Klientelstaat war, mehrere Landschaften
+vom Parthischen Reich abgerissen. König Phraates hatte sich das
+gefallen lassen: nachdem er aber von seinen beiden Söhnen Mithradates
+und Orodes ermordet worden war, erklärte der neue König Mithradates dem
+König von Armenien, des kürzlich verstorbenen Tigranes Sohn Artavasdes,
+sofort den Krieg (um 698 ^1 56). Es war dies zugleich eine
+Kriegserklärung gegen Rom; sowie daher der Aufstand der Juden
+unterdrückt war, führte der tüchtige und mutige Statthalter Syriens,
+Gabinius, die Legionen über den Euphrat. Im Partherreich indes war
+inzwischen eine Umwälzung eingetreten; die Großen des Reiches, an ihrer
+Spitze der junge, kühne und talentvolle Großwesir, hatten den König
+Mithradates gestürzt und dessen Bruder Orodes auf den Thron gesetzt.
+Mithradates machte deshalb gemeinschaftliche Sache mit den Römern und
+begab sich in Gabinius’ Lager. Alles versprach dem Unternehmen des
+römischen Statthalters den besten Erfolg, als er unvermutet Befehl
+bekam, den König von Ägypten mit Waffengewalt nach Alexandreia
+zurückzuführen. Er wußte gehorchen; aber in der Erwartung, bald wieder
+zurück zu sein, veranlaßte er den bei ihm um Hilfe bittenden
+entthronten Partherfürsten, den Krieg inzwischen auf eigene Faust zu
+eröffnen. Mithradates tat es und Seleukeia und Babylon erklärten sich
+für ihn; aber Seleukeia nahm der Wesir, er persönlich der erste auf der
+Zinne, mit stürmender Hand ein, und in Babylon wußte Mithradates
+selbst, durch Hunger bezwungen, sich ergeben, worauf er auf Befehl des
+Bruders hingerichtet ward. Sein Tod war ein fühlbarer Verlust für die
+Römer; aber die Gärung im Parthischen Reich war doch keineswegs damit
+zu Ende und auch der armenische Krieg währte noch fort. Eben war
+Gabinius im Begriff, nach Beendigung des ägyptischen Feldzuges die
+immer noch günstige Gelegenheit zu nutzen und den unterbrochenen
+Parthischen Krieg wiederaufzunehmen, als Crassus in Syrien eintraf und
+mit dem Kommando zugleich die Pläne seines Vorgängers übernahm. Voll
+hochfliegender Hoffnungen schlug er die Schwierigkeiten des Marsches
+gering, die Widerstandskraft der feindlichen Heere noch geringer an;
+zuversichtlich sprach er nicht bloß von der Unterwerfung der Panther,
+sondern eroberte schon in Gedanken die Reiche von Baktrien und Indien.
+
+—————————————————————————-
+
+^1 Tigranes lebte noch im Februar 698 (56) (Cic. Sest. 27, 59); dagegen
+herrschte Artavasdes schon vor 700 (54) (Iust. 42, 2, 4; Plut. Crass.
+49).
+
+—————————————————————————-
+
+Eile indes hatte der neue Alexander nicht. Erfand, bevor er so große
+Pläne ins Werk setzte, noch Muße zu sehr weitläufigen und sehr
+einträglichen Nebengeschäften. Der Tempel der Derketo in Hierapolis
+Bambyke, des Jehova in Jerusalem und andere reiche Heiligtümer der
+syrischen Provinz wurden auf Crassus’ Befehl ihrer Schätze beraubt und
+von allen Untertanen Zuzug oder lieber noch statt desselben Geldsummen
+beigetrieben. Die militärischen Operationen des ersten Sommers
+beschränkten sich auf eine umfassende Rekognoszierung in Mesopotamien:
+der Euphrat ward überschritten, bei Ichnä (am Belik, nördlich von
+Rakkah) der parthische Satrap geschlagen und die nächstliegenden
+Städte, darunter das ansehnliche Nikephorion (Rakkah), besetzt, worauf
+man mit Zurücklassung von Besatzungen in denselben wieder nach Syrien
+zurückging. Man hatte bisher geschwankt, ob es ratsamer sei, auf dem
+Umweg über Armenien oder auf der geraden Straße durch die
+mesopotamische Wüste nach Parthien zu marschieren. Der erste Weg durch
+gebirgige und von zuverlässigen Verbündeten beherrschte Landschaften
+empfahl sich durch die größere Sicherheit; König Artavasdes kam selbst
+in das römische Hauptquartier, um diesen Feldzugsplan zu befürworten.
+Allein jene Rekognoszierung entschied für den Marsch durch
+Mesopotamien. Die zahlreichen und blühenden griechischen und
+halbgriechischen Städte in den Landschaften am Euphrat und Tigris, vor
+allen die Weltstadt Seleukeia, waren der parthischen Herrschaft
+durchaus abgeneigt; wie früher die Bürger von Karrhä, so hatten jetzt
+alle von den Römern berührten griechischen Ortschaften es mit der Tat
+bewiesen, wie bereit sie waren, die unerträgliche Fremdherrschaft
+abzuschütteln und die Römer als Befreier, beinahe als Landsleute zu
+empfangen. Der Araberfürst Abgaros, der die Wüste von Edessa und Karrhä
+und damit die gewöhnliche Straße vom Euphrat an den Tigris beherrschte,
+hatte im Lager der Römer sich eingefunden, um dieselben seiner
+Ergebenheit persönlich zu versichern. Durchaus hatten die Parther sich
+unvorbereitet gezeigt. So ward denn der Euphrat (bei Biradjik)
+überschritten (701 53). Um von da an den Tigris zu gelangen, konnte man
+einen zwiefachen Weg wählen: entweder rückte das Heer am Euphrat hinab
+bis auf die Höhe von Seleukeia, wo der Euphrat und der Tigris nur noch
+wenige Meilen voneinander entfernt sind; oder man schlug sogleich nach
+dem Übergang auf der kürzesten Linie, quer durch die große
+mesopotamische Wüste, den Weg zum Tigris ein. Der erste Weg führte
+unmittelbar auf die parthische Hauptstadt Ktesiphon zu, die Seleukeia
+gegenüber am andern Ufer des Tigris lag; es erhoben sich für diesen im
+römischen Kriegsrat mehrere gewichtige Stimmen; namentlich der Quästor
+Gaius Cassius wies auf die Schwierigkeiten des Wüstenmarsches und auf
+die bedenklichen, von den römischen Besatzungen am linken Euphratufer
+über die parthischen Kriegsvorbereitungen einlaufender. Berichte hin.
+Allein damit im Widerspruch meldete der arabische Fürst Abgaros, daß
+die Parther beschäftigt seien, ihre westlichen Landschaften zu räumen.
+Bereits hätten sie ihre Schätze eingepackt und sich in Bewegung
+gesetzt, um zu den Hyrkanern und Skythen zu flüchten; nur durch einen
+Gewaltmarsch auf dem kürzesten Wege sei es überhaupt noch möglich, sie
+zu erreichen; durch einen solchen werde es aber auch wahrscheinlich
+gelingen, wenigstens den Nachtrab der großen Armee unter Sillakes und
+dem Wesir einzuholen und aufzureiben und die ungeheure Beute zu
+gewinnen. Diese Rapporte der befreundeten Beduinen entschieden über die
+Marschrichtung; das römische Heer, bestehend aus sieben Legionen, 4000
+Reitern und 4000 Schleuderern und Schützen, wandte vom Euphrat sich ab
+und hinein in die unwirtlichen Ebenen des nördlichen Mesopotamiens.
+Weit und breit zeigte sich kein Feind; nur Hunger und Durst und die
+endlose Sandwüste schienen Wache zu halten an den Pforten des Ostens.
+Endlich, nach vieltägigem mühseligen Marsch, unweit des ersten Flusses,
+den das römische Heer zu überschreiten hatte, des Balissos (Belik),
+zeigten sich die ersten feindlichen Reiter. Abgaros mit seinen Arabern
+ward ausgesandt, um zu kundschaften; die parthischen Reiterscharen
+wichen zurück bis an und über den Fluß und verschwanden in der Ferne,
+verfolgt von Abgaros und den Seinen. Ungeduldig harrte man auf die
+Rückkehr desselben und auf genauere Kundschaft. Der Feldherr hoffte,
+hier endlich an den ewig zurückweichenden Feind zu kommen; sein junger
+tapferer Sohn Publius, der mit der größten Auszeichnung in Gallien
+unter Caesar gefochten hatte und von diesem an der Spitze einer
+keltischen Reiterschar zur Teilnahme an dem Parthischen Kriege entsandt
+worden war, brannte vor stürmischer Kampflust. Da keine Botschaft kam,
+entschloß man sich, auf gut Glück vorwärts zu gehen: das Zeichen zum
+Aufbruch ward gegeben, der Balissos überschritten, das Heer nach
+kurzer, ungenügender Mittagsrast ohne Aufenthalt im Sturmschritt
+weitergeführt. Da erschollen plötzlich rings umher die Kesselpauken der
+Parther; auf allen Seiten sah man ihre seidenen, goldgestickten Fahnen
+flattern, ihre Eisenhelme und Panzer im Strahl der heißen Mittagssonne
+glänzen; und neben dem Wesir hielt Fürst Abgaros mit seinen Beduinen.
+
+Man begriff zu spät, in welches Netz man sich hatte verstricken lassen.
+Mit sicherem Blick hatte der Wesir sowohl die Gefahr durchschaut wie
+die Mittel, ihr zu begegnen. Mit orientalischem Fußvolk war gegen die
+römische Linieninfanterie nichts auszurichten: er hatte sich desselben
+entledigt und, indem er diese auf dem Hauptschlachtfeld unbrauchbare
+Masse unter König Orodes’ eigener Führung gegen Armenien sandte, den
+König Artavasdes gehindert, die versprochenen 10000 schweren Reiter zu
+Crassus’ Heer stoßen zu lassen, die dieser jetzt schmerzlich vermißte.
+Dagegen trat der römischen, in ihrer Art unübertrefflichen Taktik der
+Wesir mit einer vollkommen verschiedenen gegenüber. Sein Heer bestand
+ausschließlich aus Reiterei; die Linie bildeten die schweren Reiter,
+mit langen Stoßlanzen bewaffnet und Mann und Roß durch metallene
+Schuppenpanzer oder Lederkoller und durch ähnliche Schienen geschirmt;
+die Masse der Truppen bestand aus berittenen Bogenschützen. Diesen
+gegenüber waren die Römer in den gleichen Waffen sowohl der Zahl wie
+der Tüchtigkeit nach durchaus im Nachteil. Ihre Linieninfanterie, wie
+vorzüglich sie auch im Nahkampf, sowohl auf kurze Distanz mit dem
+schweren Wurfspeer als im Handgemenge mit dem Schwert, war, konnte doch
+eine bloß aus Reiterei bestehende Armee nicht zwingen, sich mit ihr
+einzulassen, und fand, wenn es zum Handgemenge kam, auch hier in den
+eisenstarrenden Scharen der Lanzenreiter einen ihr gewachsenen, wo
+nicht überlegenen Gegner. Einem Heer gegenüber, wie dies parthische
+war, stand das römische strategisch im Nachteil, weil die Reiterei die
+Kommunikationen beherrschte; taktisch, weil jede Nahwaffe der Fernwaffe
+unterliegen muß, wenn jene nicht zum Kampfe Mann gegen Mann gelangt.
+Die konzentrierte Stellung, auf der die ganze römische Kriegsweise
+beruhte, steigerte einem solchen Angriff gegenüber die Gefahr; je
+dichter die römische Kolonne sich scharte, desto unwiderstehlicher ward
+allerdings ihr Stoß, aber desto weniger fehlten auch die Fernwaffen ihr
+Ziel. Unter gewöhnlichen Verhältnissen, wo Städte zu verteidigen und
+Bodenschwierigkeiten zu berücksichtigen sind, hätte jene bloß mit
+Reiterei gegen Fußvolk operierende Taktik sich niemals vollständig
+durchführen lassen; in der mesopotamischen Wüste aber, wo das Heer,
+fast wie das Schiff auf der hohen See, viele Tagemärsche hindurch weder
+auf ein Hindernis noch auf einen strategischen Anhaltspunkt traf, war
+diese Kriegführung eben darum so unwiderstehlich, weil die Verhältnisse
+hier gestatteten, sie in ihrer ganzen Reinheit und also in ihrer ganzen
+Gewalt zu entwickeln. Hier vereinigte sich alles, um die fremden
+Fußgänger gegen die einheimischen Reiter in Nachteil zu setzen. Wo der
+schwerbeladene römische Infanterist mühsam durch den Sand oder die
+Steppe sich hinschleppte und auf dem pfadlosen, durch weit
+auseinandergelegene und schwer aufzufindende Quellen bezeichneten Wege
+vor Hunger und mehr noch vor Durst verkam, flog der parthische
+Reitersmann, von Kindesbeinen an gewohnt, auf seinem geschwinden Roß
+oder Kamel zu sitzen, ja fast auf demselben zu leben, leicht durch die
+Wüste, deren Ungemach er seit langem gelernt hatte sich zu erleichtern
+und im Notfall zu ertragen. Hier fiel kein Regen, der die unerträgliche
+Hitze gemildert und die Bogensehnen und Schleuderriemen der feindlichen
+Schützen und Schleuderer erschlafft hätte; hier waren in dem tiefen
+Sande an vielen Stellen kaum ordentliche Gräben und Wälle für das Lager
+zu ziehen. Kaum vermag die Phantasie eine Lage zu erdenken, in der die
+militärischen Vorteile alle mehr auf der einen, die Nachteile alle mehr
+auf der andern Seite waren.
+
+Auf die Frage, unter welchen Verhältnissen bei den Parthern diese neue
+Taktik entstand, die erste nationale, die auf ihrem rechten Terrain
+sich der römischen überlegen erwies, können wir leider nur mit
+Mutmaßungen antworten. Die Lanzenreiter und berittenen Bogenschützen
+sind im Orient uralt und bildeten bereits die Kerntruppen in den Heeren
+des Kyros und Dareios; bisher aber waren diese Waffen nur in zweiter
+Reihe und wesentlich zur Deckung der durchaus unbrauchbaren
+orientalischen Infanterie verwendet worden. Auch die parthischen Heere
+wichen hierin von den übrigen orientalischen keineswegs ab; es werden
+dergleichen erwähnt, die zu fünf Sechsteln aus Fußvolk bestanden. In
+dem Feldzug des Crassus dagegen trat die Reiterei zum ersten Male
+selbständig auf, und es erhielt diese Waffe dadurch eine ganz neue
+Verwendung und einen ganz anderen Wert. Die unwiderstehliche
+Überlegenheit des römischen Fußvolks im Nahkampf scheint unabhängig
+voneinander die Gegner Roms in den verschiedensten Weltgegenden zu
+gleicher Zeit und mit ähnlichem Erfolg darauf geführt zu haben, ihm mit
+der Reiterei und dem Fernkampf entgegenzutreten. Was Cassivellaunus in
+Britannien vollständig, Vercingetorix in Gallien zum Teil gelang, was
+bis zu einem gewissen Grade schon Mithradates Eupator versuchte, das
+hat der Wesir des Orodes nur in größerem Maßstab und vollständiger
+durchgeführt: wobei es ihm namentlich zustatten kam, daß er in der
+schweren Kavallerie das Mittel, eine Linie zu bilden, in dem im Orient
+nationalen und vornehmlich in den persischen Landschaften mit
+meisterlicher Schützenkunst gehandhabten Bogen eine wirksame Fernwaffe,
+endlich in den Eigentümlichkeiten des Landes und des Volkes die
+Möglichkeit fand, seinen genialen Gedanken rein zu realisieren. Hier,
+wo die römische Nahwaffe und das römische Konzentrierungssystem zum
+ersten Male der Fernwaffe und dem Deployierungssystem unterlagen,
+bereitete diejenige militärische Revolution sich vor, die erst mit der
+Einführung des Feuergewehrs ihren vollständigen Abschluß erhalten hat.
+
+Unter diesen Verhältnissen ward sechs Meilen südlich von Karrhä
+(Harran), wo römische Besatzung stand, in nördlicher Richtung etwas
+näher an Ichnä, inmitten der Sandwüste die erste Schlacht zwischen
+Römern und Parthern geschlagen. Die römischen Schützen wurden
+vorgesandt, wichen aber augenblicklich zurück vor der ungeheuren
+Überzahl und der weit größeren Spannkraft und Tragweite der parthischen
+Bogen. Die Legionen, die trotz der Mahnung der einsichtigeren
+Offiziere, sie möglichst entfaltet gegen den Feind zu führen, in ein
+dichtes Viereck von zwölf Kohorten an jeder Seite gestellt worden
+waren, waren bald überflügelt und von den furchtbaren Pfeilen
+überschüttet, die hier auch ungezielt ihren Mann trafen und denen die
+Soldaten mit nichts auch nur zu erwidern vermochten. Die Hoffnung, daß
+der Feind sich verschießen möge, verschwand bei einem Blick auf die
+endlose Reihe der mit Pfeilen beladenen Kamele. Immer weiter dehnten
+die Parther sich aus. Damit die Überflügelung nicht zur Umzingelung
+werde, rückte Publius Crassus mit einem auserlesenen Korps von Reitern,
+Schützen und Linieninfanterie zum Angriff vor. In der Tat gab der Feind
+es auf, den Kreis zu schließen, und wich zurück, hitzig verfolgt von
+dem ungestümen Führer der Römer. Als aber darüber das Korps des Publius
+die Hauptarmee ganz aus dem Gesicht verloren hatte, hielten die
+schweren Reiter ihm gegenüber stand, und wie ein Netz zogen die von
+allen Seiten herbeieilenden parthischen Haufen sich um dasselbe
+zusammen. Publius, der die Seinigen unter den Pfeilen der berittenen
+Schützen dicht und nutzlos um sich fallen sah, stürzte verzweifelt mit
+seiner unbepanzerten keltischen Reiterei sich auf die eisenstarrenden
+Lanzenreiter der Feinde; allein die todesverachtende Tapferkeit seiner
+Kelten, die die Lanzen mit den Händen packten oder von den Pferden
+sprangen, um die Feinde niederzustechen, tat ihre Wunder umsonst. Die
+Trümmer des Korps, unter ihnen der am Schwertarm verwundete Führer,
+wurden auf eine kleine Anhöhe gedrängt, wo sie den feindlichen Schützen
+erst recht zur bequemen Zielscheibe dienten. Mesopotamische Griechen,
+die der Gegend genau kundig waren, beschworen den Crassus, mit ihnen
+abzureiten und einen Versuch zu machen, sich zu retten; aber er
+weigerte sich, sein Schicksal von dem der tapferen Männer zu trennen,
+die sein verwegener Mut in den Tod geführt hatte, und ließ von der Hand
+seines Schildträgers sich durchbohren. Gleich ihm gaben die meisten
+noch übrigen Offiziere sich selbst den Tod. Von der ganzen gegen 6000
+Mann starken Abteilung wurden nicht mehr als 500 gefangen; zu retten
+vermochte sich keiner. Gegen das Hauptheer hatte inzwischen der Angriff
+nachgelassen und man rastete nur zu gern. Als endlich das Ausbleiben
+jeder Meldung von dem entsandten Korps es aus der trügerischen Ruhe
+aufschreckte und es, um dasselbe aufzusuchen, der Walstatt sich
+näherte, ward dem Vater das Haupt des Sohnes auf einer Stange
+entgegengetragen; und abermals begann nun gegen das Hauptheer die
+schreckliche Schlacht, mit demselben Ungestüm und derselben
+hoffnungslosen Gleichförmigkeit. Man vermochte weder die Lanzenreiter
+zu sprengen noch die Schützen zu erreichen; erst die Nacht machte dem
+Morden ein Ende. Hätten die Parther auf dem Schlachtfeld biwakiert, es
+wäre schwerlich vom römischen Heer ein Mann entkommen. Allein nicht
+geübt, anders als beritten zu fechten, und darum besorgt vor einem
+Überfall, hatten sie die Gewohnheit, niemals hart am Feinde zu lagern;
+höhnisch riefen sie den Römern zu, daß sie dem Feldherrn eine Nacht
+schenkten, um seinen Sohn zu beweinen, und jagten davon, um am anderen
+Morgen wiederzukehren und das blutend am Boden liegende Wild
+abzufangen. Natürlich warteten die Römer den Morgen nicht ab. Die
+Unterfeldherren Cassius und Octavius - Crassus selbst hatte gänzlich
+den Kopf verloren - ließen sofort und in möglichster Stille, mit
+Zurücklassung der sämtlichen - angeblich 4000 - Verwundeten und
+Versprengten, die noch marschfähigen Leute aufbrechen, um in den Mauern
+von Karrhä Schutz zu suchen. Daß die Parther, als sie den folgenden Tag
+wiederkamen, zunächst sich daran machten, die zerstreut
+Zurückgelassenen aufzusuchen und niederzumetzeln, und daß die Besatzung
+und die Einwohnerschaft von Karrhä, durch Ausreißer frühzeitig von der
+Katastrophe in Kenntnis gesetzt, schleunigst der geschlagenen Armee
+entgegengerückt waren, rettete die Trümmer derselben vor der, wie es
+schien, unausbleiblichen Vernichtung. An eine Belagerung von Karrhä
+konnten die parthischen Reiterscharen nicht denken. Allein bald brachen
+die Römer freiwillig auf, sei es durch Mangel an Lebensmitteln
+genötigt, sei es infolge der mutlosen Übereilung des Oberfeldherrn, den
+die Soldaten vergeblich versucht hatten vom Kommando zu entfernen und
+durch Cassius zu ersetzen. Man schlug die Richtung nach den armenischen
+Bergen ein; die Nacht marschierend und am Tage rastend, erreichte
+Octavius mit einem Haufen von 5000 Mann die Festung Sinnaka, die nur
+noch einen Tagesmarsch von den sicheren Höhen entfernt war, und
+befreite sogar mit eigener Lebensgefahr den Oberfeldherrn, den der
+Führer irregeleitet und dem Feinde preisgegeben hatte. Da ritt der
+Wesir vor das römische Lager, um im Namen seines Königs den Römern
+Frieden und Freundschaft zu bieten und auf eine persönliche
+Zusammenkunft der beiden Feldherren anzutragen. Das römische Heer,
+demoralisiert wie es war, beschwor, ja zwang seinen Führer, das
+Anerbieten anzunehmen. Der Wesir empfing den Konsular und dessen Stab
+mit den üblichen Ehren und erbot sich aufs neue, einen
+Freundschaftspakt abzuschließen; nur forderte er, mit gerechter
+Bitterkeit an das Schicksal der mit Lucullus und Pompeius hinsichtlich
+der Euphratgrenze abgeschlossenen Verträge erinnernd, daß derselbe
+sogleich schriftlich abgefaßt werde. Ein reichgeschmückter Zelter ward
+vorgeführt: es war ein Geschenk des Königs für den römischen
+Oberfeldherrn; die Diener des Wesirs drängten sich um Crassus,
+beeifert, ihn aufs Pferd zu heben. Es schien den römischen Offizieren,
+als beabsichtige man, sich der Person des Oberfeldherrn zu bemächtigen;
+Octavius, unbewaffnet wie er war, riß einem Parther das Schwert aus der
+Scheide und stieß den Pferdeknecht nieder. In dem Anlauf, der sich
+hieraus entspann, wurden die römischen Offiziere alle getötet; auch der
+greise Oberfeldherr wollte, wie sein Großohm, dem Feinde nicht lebend
+als Trophäe dienen und suchte und fand den Tod. Die im Lager
+zurückgebliebene führerlose Menge ward zum Teil gefangen, zum Teil
+versprengt. Was der Tag von Karrhä begonnen hatte, vollendete der von
+Sinnaka (9. Juni 701 53); beide nahmen ihren Platz neben den Daten von
+der Allia, von Cannae und von Arausio. Die Euphratarmee war nicht mehr.
+Nur der Reiterschar des Gaius Cassius, welche bei dem Abmarsch von
+Karrhä von dem Hauptheer abgesprengt worden war, und einigen anderen
+zerstreuten Haufen und vereinzelten Flüchtlingen gelang es, sich den
+Parthern und den Beduinen zu entziehen und einzeln den Rückweg nach
+Syrien zu finden. Von über 40000 römischen Legionären, die den Euphrat
+überschritten hatten, kam nicht der vierte Mann zurück; die Hälfte war
+umgekommen; gegen 10000 römische Gefangene wurden von den Siegern im
+äußersten Osten ihres Reiches, in der Oase von Merv, nach parthischer
+Art als heerpflichtige Leibeigene angesiedelt. Zum ersten Male, seit
+die Adler die Legionen führten, waren dieselben in diesem Jahre zu
+Siegeszeichen in den Händen fremder Nationen, fast gleichzeitig eines
+deutschen Stammes im Westen und im Osten der Parther geworden. Von dem
+Eindruck, den die Niederlage der Römer im Osten machte, ist uns leider
+keine ausreichende Kunde geworden; aber tief und bleibend muß er
+gewesen sein. König Orodes richtete eben die Hochzeit seines Sohnes
+Pakoros mit der Schwester seines neuen Verbündeten, des Königs
+Artavasdes von Armenien, aus, als die Siegesbotschaft seines Wesirs bei
+ihm einlief und, nach orientalischer Sitte, zugleich mit ihr der
+abgehauene Kopf des Crassus. Schon war die Tafel aufgehoben; eine der
+wandernden kleinasiatischen Schauspielertruppen, wie sie in jener Zeit
+zahlreich bestanden und die hellenische Poesie und die hellenische
+Bühnenkunst bis tief in den Osten hineintrugen, führten eben vor dem
+versammelten Hofe Euripides’ ‘Bakchen’ auf. Der Schauspieler, der die
+Rolle der Agaue spielte, welche in wahnsinnig dionysischer Begeisterung
+ihren Sohn zerrissen hat und nun das Haupt desselben auf dem Thyrsus
+tragend, vom Kithäron zurückkehrt, vertauschte dieses mit dem blutigen
+Kopfe des Crassus, und zum unendlichen Jubel seines Publikums von
+halbhellenisierten Barbaren begann er aufs neue das wohlbekannte Lied:
+
+Wir bringen vom Berge
+
+Nach Hause getragen
+
+Die herrliche Beute,
+
+Das blutende Wild.
+
+Es war seit den Zeiten der Achämeniden der erste ernsthafte Sieg, den
+die Orientalen über den Okzident erfochten; und wohl lag auch darin ein
+tiefer Sinn, daß zur Feier dieses Sieges das schönste Erzeugnis der
+okzidentalischen Welt, die griechische Tragödie, durch ihre
+herabgekommenen Vertreter in jener grausigen Groteske sich selber
+parodierte. Das römische Bürgertum und der Genius von Hellas fingen
+gleichzeitig an, sich auf die Ketten des Sultanismus zu schicken.
+
+Die Katastrophe, entsetzlich an sich, schien auch in ihren Folgen
+furchtbar zu werden und die Grundfesten der römischen Macht im Osten
+erschüttern zu sollen. Es war das wenigste, daß jetzt die Parther.
+jenseits des Euphrat unbeschränkt schalteten, daß Armenien, nachdem es
+schon vor der Katastrophe des Crassus vom römischen Bündnis abgefallen
+war, durch dieselbe ganz in parthische Klientel geriet, daß den treuen
+Bürgern von Karrhä durch den von den Parthern ihnen gesetzten neuen
+Herrn, einen der verräterischen Wegweiser der Römer namens Andromachos,
+ihre Anhänglichkeit an die Okzidentalen bitter vergolten ward. Allen
+Ernstes schickten die Parther sich an, nun ihrerseits die Euphratgrenze
+zu überschreiten und im Verein mit den Armeniern und den Arabern die
+Römer aus Syrien zu vertreiben. Die Juden und andere Orientalen mehr
+harrten hier der Erlösung von der römischen Herrschaft nicht minder
+ungeduldig, wie die Hellenen jenseits des Euphrat der Erlösung von der
+parthischen; in Rom stand der Bürgerkrieg vor der Tür; der Angriff
+ebenhier und ebenjetzt war eine schwere Gefahr. Allein zum Glücke Roms
+hatten auf beiden Seiten die Führer gewechselt. Sultan Orodes verdankte
+dem heldenmütigen Fürsten, der ihm erst die Krone aufgesetzt und dann
+das Land von den Feinden gesäubert hatte, zu viel, um sich seiner nicht
+baldmöglichst durch den Henker zu entledigen. Seinen Platz als
+Oberfeldherr der nach Syrien bestimmten Invasionsarmee füllte ein Prinz
+aus, des Königs Sohn Pakoros, dem seiner Jugend und Unerfahrenheit
+wegen der Fürst Osakes als militärischer Ratgeber beigegeben werden
+mußte. Andererseits übernahm an Crassus’ Stelle das Kommando in Syrien
+interimistisch der besonnene und entschlossene Quästor Gaius Cassius.
+Da die Parther, ebenwie früher Crassus, den Angriff nicht beeilten,
+sondern in den Jahren 701 (53) und 702 (52) nur schwache, leicht
+zurückgeworfene Streifscharen über den Euphrat sandten, so behielt
+Cassius Zeit, das Heer einigermaßen zu reorganisieren und die Juden,
+die die Erbitterung über die von Crassus verübte Spoliation des Tempels
+schon jetzt unter die Waffen getrieben hatte, mit Hilfe des treuen
+Anhängers der Römer, Herodos Antipatros, zum Gehorsam zurückzubringen.
+Die römische Regierung hätte also volle Zeit gehabt, zur Verteidigung
+dar bedrohten Grenze frische Truppen zu senden; allein es unterblieb
+über den Konvulsionen der beginnenden Revolution, und als endlich im
+Jahre 703 (51) die große parthische Invasionsarmee am Euphrat erschien,
+hatte Cassius immer noch nur die zwei schwachen, aus den Trümmern der
+Armee des Crassus gebildeten Legionen ihr entgegenzustellen. Natürlich
+konnte er damit weder den Übergang wehren noch die Provinz verteidigen.
+Syrien ward von den Parthern überrannt und ganz Vorderasien zitterte.
+Allein die Parther verstanden es nicht, Städte zu belagern. Von
+Antiocheia, in das Cassius mit seinen Truppen sich geworfen hatte,
+zogen sie nicht bloß unverrichteter Sache ab, sondern wurden auf dem
+Rückzug am Orontes noch durch Cassius’ Reiterei in einen Hinterhalt
+gelockt und hier durch die römische Infanterie übel zugerichtet; Fürst
+Osakes selbst war unter den Toten. Freund und Feind ward hier inne, daß
+die parthische Armee unter einem gewöhnlichen Feldherrn und auf einem
+gewöhnlichen Terrain nicht viel mehr leiste als jede andere
+orientalische. Indes aufgegeben war der Angriff nicht. Noch im Winter
+703/04 (51/50) lagerte Pakoros in Kyrrhestike diesseits des Euphrat;
+und der neue Statthalter Syriens, Marcus Bibulus, ein ebenso elender
+Feldherr wie unfähiger Staatsmann, wußte nichts Besseres zu tun, als
+sich in seine Festungen einzuschließen. Allgemein ward erwartet, daß
+der Krieg im Jahre 704 (50) mit erneuter Heftigkeit ausbrechen werde.
+Allein statt gegen die Römer wandte Pakoros die Waffen gegen seinen
+eigenen Vater und trat deshalb sogar mit dem römischen Statthalter in
+Einverständnis. Damit war zwar weder der Fleck von dem Schilde der
+römischen Ehre gewaschen noch auch Roms Ansehen im Orient
+wiederhergestellt, allein mit der parthischen Invasion in Vorderasien
+war es vorbei, und es blieb, vorläufig wenigstens, die Euphratgrenze
+erhalten.
+
+In Rom wirbelte inzwischen der kreisende Vulkan der Revolution seine
+Rauchwolken sinnbetäubend empor. Man fing an, keinen Soldaten und
+keinen Denar mehr gegen den Landesfeind, keinen Gedanken mehr übrig zu
+haben für die Geschichte der Völker. Es ist eines der entsetzlichsten
+Zeichen der Zeit, daß das ungeheure Nationalunglück von Karrhä und
+Sinnaka den derzeitigen Politikern weit weniger zu denken und zu reden
+gab als jener elende Krawall auf der Appischen Straße, in dem ein paar
+Monate nach Crassus der Bandenführer Clodius umkam; aber es ist
+begreiflich und beinahe verzeihlich. Der Bruch zwischen den beiden
+Machthabern, lange als unvermeidlich gefühlt und oft so nahe
+verkündigt, rückte jetzt unaufhaltsam heran. Wie in der alten
+griechischen Schiffersage befand sich das Fahrzeug der römischen
+Gemeinde gleichsam zwischen zwei aufeinander zuschwimmenden Felsen; von
+Augenblick zu Augenblick den krachenden Zusammenstoß erwartend,
+starrten die, welche es trug, von namenloser Angst gebannt, in die hoch
+und höher strudelnde Brandung, und während jedes kleinste Rücken hier
+tausend Augen auf sich zog, wagte nicht eines, den Blick nach rechts
+oder links zu verwenden.
+
+Nachdem auf der Zusammenkunft von Luca im April 698 (36) Caesar sich
+Pompeius gegenüber zu ansehnlichen Konzessionen verstanden und die
+Machthaber damit sich wesentlich ins Gleichgewicht gesetzt hatten,
+fehlte es ihrem Verhältnis nicht an den äußeren Bedingungen der
+Haltbarkeit, insoweit eine Teilung der an sich unteilbaren
+monarchischen Gewalt überhaupt haltbar sein kann. Eine andere Frage war
+es, ob die Machthaber, wenigstens für jetzt, entschlossen waren,
+zusammenzuhalten und gegenseitig sich ohne Hinterhalt als
+gleichberechtigt anzuerkennen. Daß dies bei Caesar insofern der Fall
+war, als er um den Preis der Gleichstellung mit Pompeius sich die zur
+Unterwerfung Galliens notwendige Frist erkauft hatte, ist früher
+dargelegt worden. Aber Pompeius war es schwerlich jemals auch nur
+vorläufig Ernst mit der Kollegialität. Er war eine von den kleinlichen
+und gemeinen Naturen, gegen die es gefährlich ist, Großmut zu üben:
+seinem kleinlichen Sinn erschien es sicher als Gebot der Klugheit, dem
+unwillig anerkannten Nebenbuhler bei erster Gelegenheit ein Bein zu
+stellen, und seine gemeine Seele dürstete nach der Möglichkeit, die
+durch Caesars Nachsicht erlittene Demütigung ihm umgekehrt zu
+vergelten. Wenn aber Pompeius wahrscheinlich nach seiner dumpfen und
+trägen Natur niemals recht sich dazu verstanden hatte, Caesar neben
+sich gelten zu lassen, so ist doch die Absicht, das Bündnis zu
+sprengen, ihm wohl erst allmählich zum klaren Bewußtsein gelangt. Auf
+keinen Fall wird das Publikum, das überhaupt Pompeius’ An- und
+Absichten gewöhnlich besser durchschaute als er selbst, darin sich
+getäuscht haben, daß wenigstens mit dem Tode der schönen Julia, welche
+in der Blüte ihrer Jahre im Herbst 700 (54) starb und der ihr einziges
+Kind bald in das Grab nachfolgte, das persönliche Verhältnis zwischen
+ihrem Vater und ihrem Gemahl gelöst war. Caesar versuchte, die vom
+Schicksal getrennten verwandtschaftlichen Bande wiederherzustellen; er
+warb für sich um die Hand der einzigen Tochter des Pompeius und trug
+diesem seine jetzt nächste Verwandte, seiner Schwester Enkelin Octavia,
+als Gemahlin an; allein Pompeius ließ seine Tochter ihrem bisherigen
+Gatten Faustus Sulla, dem Sohn des Regenten, und vermählte sich selber
+mit der Tochter des Quintus Metellus Scipio. Der persönliche Bruch war
+unverkennbar eingetreten, und Pompeius war es, der die Hand zurückzog.
+Man erwartete, daß der politische ihm auf dem Fuße folgen werde; allein
+hierin hatte man sich getäuscht: in öffentlichen Angelegenheiten blieb
+vorläufig noch ein kollegialisches Einvernehmen bestehen. Die Ursache
+war, daß Caesar nicht geradezu das Verhältnis lösen wollte, bevor
+Galliens Unterwerfung eine vollendete Tatsache war, Pompeius nicht,
+bevor durch die Übernahme der Diktatur die Regierungsbehörden und
+Italien vollständig in seine Gewalt gebracht sein würden. Es ist
+sonderbar, aber wohl erklärlich, daß die Machthaber hierbei sich
+gegenseitig unterstützten; Pompeius überließ nach der Katastrophe von
+Aduatuca im Winter 700 (54) eine seiner auf Urlaub entlassenen
+italienischen Legionen leihweise an Caesar; andererseits gewährte
+Caesar Pompeius seine Einwilligung und seine moralische Unterstützung
+bei den Repressivmaßregeln, die dieser gegen die störrige
+republikanische Opposition ergriff. Erst nachdem Pompeius auf diesem
+Wege im Anfang des Jahres 702 (52) sich das ungeteilte Konsulat und
+einen durchaus den Caesars überwiegenden Einfluß in der Hauptstadt
+verschafft und die sämtliche waffenfähige Mannschaft in Italien den
+Soldateneid in seine Hände und auf seinen Namen abgeleistet hatte,
+faßte er den Entschluß, baldmöglichst mit Caesar förmlich zu brechen;
+und die Absicht trat auch klar genug hervor. Daß die nach dem Auflauf
+auf der Appischen Straße stattfindende gerichtliche Verfolgung eben
+Caesars alte demokratische Parteigenossen mit schonungsloser Härte
+traf, konnte vielleicht noch als bloße Ungeschicklichkeit hingehen. Daß
+das neue Gesetz gegen die Wahlumtriebe, indem es bis 684 (70)
+zurückgriff, auch die bedenklichen Vorgänge bei Caesars Bewerbung um
+das Konsulat miteinschloß, mochte gleichfalls nicht mehr sein, obgleich
+nicht wenige Caesarianer darin eine bestimmte Absicht zu erkennen
+meinten. Aber auch bei dem besten Willen konnte man nicht mehr die
+Augen verschließen, als Pompeius sich zum Kollegen im Konsulat nicht
+seinen früheren Schwiegervater Caesar erkor, wie es der Lage des Sache
+entsprach und vielfach gefordert ward, sondern in seinem neuen
+Schwiegervater Scipio sich einen von ihm völlig abhängigen Figuranten
+an die Seite setzte; noch weniger, als Pompeius sich gleichzeitig die
+Statthalterschaft beider Spanien auf weitere fünf Jahre, also bis 709
+(45) verlängern und für die Besoldung seiner Truppen sich aus der
+Staatskasse eine ansehnliche feste Summe auswerfen ließ, nicht nur,
+ohne für Caesar die gleiche Verlängerung des Kommandos und die gleiche
+Geldbewilligung zu bedingen, sondern sogar durch die gleichzeitig
+ergangenen neuen Regulative über die Besetzung der Statthalterschaften
+von weitem hinarbeitend auf eine Abberufung Caesars vor dem früher
+verabredeten Termin. Unverkennbar waren diese Übergriffe darauf
+berechnet, Caesars Stellung zu untergraben und demnächst ihn zu
+stürzen. Der Augenblick konnte nicht günstiger sein. Nur darum hatte
+Caesar in Luca Pompeius so viel eingeräumt, weil Crassus und dessen
+syrische Armee bei einem etwaigen Bruch mit Pompeius notwendig in
+Caesars Waagschale fielen; denn auf Crassus, der seit der sullanischen
+Zeit mit Pompeius aufs tiefste verfeindet und fast ebensolange mit
+Caesar politisch und persönlich verbündet war, und der nach seiner
+Eigentümlichkeit allenfalls, wenn er nicht selbst König von Rom werden
+konnte, auch damit sich begnügt haben würde, des neuen Königs von Rom
+Bankier zu sein, durfte Caesar überhaupt zählen und auf keinen Fall
+besorgen, ihn sich gegenüber als Verbündeten seiner Feinde zu
+erblicken. Die Katastrophe von Juni 791 (53), in der Heer und Feldherr
+in Syrien zu Grunde gingen, war darum auch für Caesar ein furchtbar
+schwerer Schlag. Wenige Monate später loderte in Gallien, ebenda es
+vollständig unterworfen schien, die nationale Insurrektion gewaltiger
+empor als je und trat zum erstenmal hier gegen Caesar ein ebenbürtiger
+Gegner in dem Arvernerkönig Vercingetorix auf. Wieder einmal hatte das
+Geschick für Pompeius gearbeitet: Crassus war tot, ganz Gallien im
+Aufstand, Pompeius faktisch Diktator von Rom und Herr des Senats - was
+hätte kommen mögen, wenn er jetzt, statt in weite Ferne hinein gegen
+Caesar zu intrigieren, kurzweg die Bürgerschaft oder den Senat zwang,
+Caesar sofort aus Gallien abzurufen!
+
+Aber Pompeius hat es nie verstanden, das Glück bei der Locke zu fassen.
+Er kündigte den Bruch deutlich genug an; bereits 702 (52) ließen seine
+Handlungen darüber keinen Zweifel und schon im Frühjahr 703 (51) sprach
+er seine Absicht, mit Caesar zu brechen, unverhohlen aus; aber er brach
+nicht und ließ ungenutzt die Monate verstreichen.
+
+Indes wie auch Pompeius zögerte, die Krise rückte doch durch das
+Schwergewicht der Dinge selbst unaufhaltsam heran. Der bevorstehende
+Krieg war nicht etwa ein Kampf zwischen Republik und Monarchie - die
+Entscheidung darüber war bereits vor Jahren gefallen -, sondern ein
+Kampf um den Besitz der Krone Roms zwischen Pompeius und Caesar. Aber
+keiner der Prätendenten fand seine Rechnung dabei, die rechte Parole
+auszusprechen; er hätte damit den ganzen sehr ansehnlichen Teil der
+Bürgerschaft, der den Fortbestand der Republik wünschte und an dessen
+Möglichkeit glaubte, dem Gegner geradezu ins Lager getrieben. Die alten
+Schlachtrufe, wie sie Gracchus und Drusus, Cinna und Sulla angestimmt
+hatten, wie verbraucht und inhaltlos sie waren, blieben immer noch gut
+genug zum Feldgeschrei für den Kampf der beiden um die Alleinherrschaft
+ringenden Generale; und wenn auch für den Augenblick sowohl Pompeius
+wie Caesar offiziell sich zu der sogenannten Popularpartei rechneten,
+so konnte es doch keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß Caesar das
+Volk und den demokratischen Fortschritt, Pompeius die Aristokratie und
+die legitime Verfassung auf sein Panier schreiben werde. Caesar hatte
+keine Wahl. Er war von Haus aus und sehr ernstlich Demokrat, die
+Monarchie, wie er sie verstand, mehr äußerlich als im Wesen selbst von
+dem gracchischen Volksregiment verschieden; und er war ein zu
+hochsinniger und zu tiefer Staatsmann, um seine Farbe zu decken und
+unter einem anderen als seinem eigenen Wappen zu fechten. Der
+unmittelbare Nutzen freilich, den dies Feldgeschrei ihm brachte, war
+gering; er beschränkte in der Hauptsache sich darauf, daß er dadurch
+der Unbequemlichkeit überhoben ward, das Königtum beim Namen zu nennen
+und mit dem verfemten Worte die Masse der Lauen und die eigenen
+Anhänger zu konsternieren. Positiven Gewinn trug die demokratische
+Fahne kaum noch ein, seit die gracchischen Ideale durch Clodius
+schändlich und lächerlich geworden waren; denn wo gab es jetzt,
+abgesehen etwa von den Transpadanern, einen Kreis von irgendwelcher
+Bedeutung, der durch die Schlachtrufe der Demokratie zur Teilnahme an
+dem Kampfe sich hätte bestimmen lassen?
+
+Damit wäre auch Pompeius’ Rolle in dem bevorstehenden Kampf entschieden
+gewesen, wenn nicht ohnehin schon es sich von selbst verstanden hätte,
+daß er in denselben eintreten wußte als der Feldherr der legitimen
+Republik. Ihn hatte, wenn je einen, die Natur zum Glied einer
+Aristokratie bestimmt, und nur sehr zufällige und sehr egoistische
+Motive hatten ihn als Überläufer aus dem aristokratischen in das
+demokratische Lager geführt. Daß er jetzt wieder auf seine sullanischen
+Traditionen zurückkam, war nicht bloß sachgemäß, sondern in jeder
+Beziehung von wesentlichem Nutzen. So verbraucht das demokratische
+Feldgeschrei war, von so gewaltiger Wirkung wußte das konservative
+sein, wenn es von dem rechten Mann ausging. Vielleicht die Majorität,
+auf jeden Fall der Kern der Bürgerschaft, gehörte der verfassungstreuen
+Partei an, und ihrer numerischen und moralischen Stärke nach war
+dieselbe wohl berufen, in dem bevorstehenden Prätendentenkampf in
+mächtiger, vielleicht in entscheidender Weise zu intervenieren. Es
+fehlte ihr nichts als ein Führer. Marcus Cato, ihr gegenwärtiges Haupt,
+tat als Vormann seine Schuldigkeit, wie er sie verstand, unter
+täglicher Lebensgefahr und vielleicht ohne Hoffnung auf Erfolg; seine
+Pflichttreue ist achtbar, aber der letzte auf einem verlorenen Posten
+zu sein, ist Soldaten-, nicht Feldherrnlob. Die gewaltige Reserve, die
+der Partei der gestürzten Regierung wie von selber in Italien erwachsen
+war, wußte er weder zu organisieren noch rechtzeitig in den Kampf zu
+ziehen; und, worauf am Ende alles ankam, die militärische Führung hat
+er aus guten Gründen niemals in Anspruch genommen. Wenn anstatt dieses
+Mannes, der weder Parteihaupt noch General zu sein verstand, ein Mann
+von Pompeius’ politischer und militärischer Bedeutung das Banner der
+bestehenden Verfassung erhob, so strömten notwendig die Munizipalen
+Italiens haufenweise demselben zu, um darunter, zwar nicht für den
+König Pompeius, aber doch gegen den König Caesar fechten zu helfen.
+Hierzu kam ein anderes, wenigstens ebenso wichtiges Moment. Es war
+Pompeius’ Art, selbst wenn er sich entschlossen hatte, nicht den Weg
+zur Ausführung seines Entschlusses finden zu können. Wenn er den Krieg
+vielleicht zu führen, aber gewiß nicht zu erklären verstand, so war die
+catonische Partei sicher unfähig, ihn zu führen, aber sehr fähig und
+vor allem sehr bereit gegen die in der Gründung begriffene Monarchie
+den Krieg zu motivieren. Nach Pompeius’ Absicht sollte, während er
+selbst sich beiseite hielt und in seiner Art bald davon redete
+demnächst in seine spanischen Provinzen abgehen zu wollen, bald zur
+Übernahme des Kommandos am Euphrat sich reisefertig machte, die
+legitime Regierungsbehörde, das heißt der Senat, mit Caesar brechen,
+ihm den Krieg erklären und mit dessen Führung Pompeius beauftragen, der
+dann, dem allgemeinen Verlangen nachgebend, als Beschützer der
+Verfassung gegen demagogisch-monarchische Wühlereien, als rechtlicher
+Mann und Soldat der bestehenden Ordnung gegen die Wüstlinge und
+Anarchisten, als wohlbestallter Feldherr der Kurie gegen den Imperator
+von der Gasse aufzutreten und wieder einmal das Vaterland zu retten
+gedachte. Also gewann Pompeius durch die Allianz mit den Konservativen,
+teils zu seinen persönlichen Anhängern eine zweite Armee, teils ein
+angemessenes Kriegsmanifest - Vorteile, die allerdings erkauft wurden
+um den hohen Preis des Zusammengehens mit prinzipiellen Gegnern. Von
+den unzähligen Übelständen, die in dieser Koalition lagen, entwickelte
+sich vorläufig nur erst der eine, aber bereits sehr ernste, daß
+Pompeius es aus der Hand gab, wann und wie es ihm gefiel, gegen Caesar
+loszuschlagen, und in diesem entscheidenden Punkte sich abhängig machte
+von allen Zufälligkeiten und Launen einer aristokratischen Korporation.
+
+So ward also die republikanische Opposition, nachdem sie sich Jahre
+lang mit der Zuschauerrolle hatte begnügen müssen und kaum hatte wagen
+dürfen zu pfeifen, jetzt durch den bevorstehenden Bruch der Machthaber
+wieder auf die politische Schaubühne zurückgeführt. Es war dies
+zunächst der Kreis, der in Cato seinen Mittelpunkt fand, diejenigen
+Republikaner, die den Kampf für die Republik und gegen die Monarchie
+unter allen Umständen und je eher desto lieber zu wagen entschlossen
+waren. Der klägliche Ausgang des im Jahre 698 (56) gemachten Versuchs
+hatte sie belehrt, daß sie für sich allein den Krieg weder zu führen
+noch auch nur hervorzurufen imstande waren; männiglich war es bekannt,
+daß selbst in dem Senat zwar die ganze Körperschaft mit wenigen
+vereinzelten Ausnahmen der Monarchie abgeneigt war, allein die
+Majorität doch das oligarchische Regiment nur dann restaurieren wollte,
+wenn es ohne Gefahr sich restaurieren ließ, womit es denn freilich gute
+Weile hatte. Gegenüber einesteils den Machthabern, andernteils dieser
+schlaffen Majorität, die vor allen Dingen und um jeden Preis Frieden
+verlangte und jedem entschiedenen Handeln, am meisten einem
+entschiedenen Bruch mit dem einen oder dem anderen der Machthaber
+abgeneigt war, lag für die Catonische Partei die einzige Möglichkeit,
+zu einer Restauration des alten Regiments zu gelangen, in der Koalition
+mit dem minder gefährlichen der Herrscher. Wenn Pompeius sich zu der
+oligarchischen Verfassung bekannte und für sie gegen Caesar zu streiten
+sich erbot, so konnte und mußte die republikanische Opposition ihn als
+ihren Feldherrn anerkennen und mit ihm im Bunde die furchtsame
+Majorität zur Kriegserklärung zwingen. Daß es Pompeius mit seiner
+Verfassungstreue nicht voller Ernst war, konnte zwar niemand entgehen;
+aber halb, wie er in allem war, war es ihm doch auch keineswegs so wie
+Caesar zum deutlichen und sicheren Bewußtsein gekommen, daß es das
+erste Geschäft des neuen Monarchen sein müsse, mit dem oligarchischen
+Gerümpel gründlich und abschließend aufzuräumen. Auf alle Fälle bildete
+der Krieg ein wirklich republikanisches Heer und wirklich
+republikanische Feldherren heran, und es konnte dann, nach dem Siege
+über Caesar, unter günstigeren Aussichten dazu geschritten werden,
+nicht bloß einen der Monarchen, sondern die im Werden begriffene
+Monarchie selbst zu beseitigen. Verzweifelt wie die Sache der
+Oligarchie stand, war das Anerbieten des Pompeius, mit ihr sich zu
+verbünden, für sie die möglichst günstige Fügung.
+
+Der Abschluß der Allianz zwischen Pompeius und der catonischen Partei
+erfolgte verhältnismäßig rasch. Schon während Pompeius’ Diktatur hatte
+beiderseits eine bemerkenswerte Annäherung stattgefunden. Pompeius
+ganzes Verhalten in der Milonischen Krise, seine schroffe Zurückweisung
+des die Diktatur ihm antragenden Pöbels, seine bestimmte Erklärung, nur
+vom Senat dies Amt annehmen zu wollen, seine unnachsichtige Strenge
+gegen die Ruhestörer jeder Art und namentlich gegen die
+Ultrademokraten, die auffallende Zuvorkommenheit, womit er Cato und
+dessen Gesinnungsgenossen behandelte, schienen ebenso darauf berechnet,
+die Männer der Ordnung zu gewinnen, wie sie für den Demokraten Caesar
+beleidigend waren. Andererseits hatten auch Cato und seine Getreuen den
+Antrag, Pompeius die Diktatur zu übertragen, statt ihn mit gewohntem
+Rigorismus zu bekämpfen, unter unwesentlichen Formänderungen zu dem
+ihrigen gemacht; zunächst aus den Händen des Bibulus und Cato hatte
+Pompeius das ungeteilte Konsulat empfangen. Wenn so schon zu Anfang des
+Jahres 702 (52) die Catonische Partei und Pompeius wenigstens
+stillschweigend sich verstanden, so durfte das Bündnis als förmlich
+abgeschlossen gelten, als bei den Konsulwahlen für 703 (51) zwar nicht
+Cato selbst gewählt ward, aber doch neben einem unbedeutenden Manne der
+Senatsmajorität einer der entschiedensten Anhänger Catos, Marcus
+Claudius Marcellus. Marcellus war kein stürmischer Eiferer und noch
+weniger ein Genie, aber ein charakterfester und strenger Aristokrat,
+eben der rechte Mann, um, wenn mit Caesar der Krieg begonnen werden
+sollte, denselben zu erklären. Wie die Verhältnisse lagen, kann diese
+nach den unmittelbar vorher gegen die republikanische Opposition
+ergriffenen Repressivmaßregeln so auffallende Wahl kaum anders erfolgt
+sein als mit Einwilligung oder wenigstens unter stillschweigender
+Zulassung des derzeitigen Machthabers von Rom. Langsam und
+schwerfällig, wie er pflegte, aber unverwandt schritt Pompeius auf den
+Bruch zu.
+
+In Caesars Absicht lag es dagegen nicht, in diesem Augenblicke mit
+Pompeius sich zu überwerfen. Zwar ernstlich und auf die Dauer konnte er
+die Herrschergewalt mit keinem Kollegen teilen wollen, am wenigsten mit
+einem so untergeordneter Art, wie Pompeius war, und ohne Zweifel war er
+längst entschlossen, nach Beendigung der gallischen Eroberung die
+Alleinherrschaft für sich zu nehmen und nötigenfalls mit den Waffen zu
+erzwingen. Allein ein Mann wie Caesar, in dem der Offizier durchaus dem
+Staatsmann untergeordnet war, konnte nicht verkennen, daß die
+Regulierung des staatlichen Organismus durch Waffengewalt denselben in
+ihren Folgen tief und oft für immer zerrüttet, und mußte darum, wenn
+irgend möglich, die Verwicklung durch friedliche Mittel oder wenigstens
+ohne offenbaren Bürgerkrieg zu lösen suchen. War aber dennoch der
+Bürgerkrieg nicht zu vermeiden, so konnte er doch nicht wünschen, jetzt
+dazu gedrängt zu werden, wo in Gallien der Aufstand des Vercingetorix
+eben alles Erreichte aufs neue in Frage stellte und ihn vom Winter
+701/02 (53/52) bis zum Winter 702/03 (52/51) unausgesetzt beschäftigte,
+wo Pompeius und die grundsätzlich ihm feindliche Verfassungspartei in
+Italien geboten. Darum suchte er das Verhältnis mit Pompeius und damit
+den Frieden aufrecht zu halten und, wenn irgend möglich, in friedlicher
+Weise zu dem bereits in Luca ihm zugesicherten Konsulat für 706 (48) zu
+gelangen. Ward er alsdann nach abschließender Erledigung der keltischen
+Angelegenheiten in ordnungsgemäßer Weise an die Spitze des Staates
+gestellt, so konnte er, der dem Staatsmann Pompeius noch weit
+entschiedener überlegen war als dem Feldherrn, wohl darauf rechnen,
+ohne besondere Schwierigkeit diesen in der Kurie und auf dem Forum
+auszumanövrieren. Vielleicht war es möglich, für seinen schwerfälligen,
+unklaren und hoffärtigen Nebenbuhler irgendeine ehrenvolle und
+einflußreiche Stellung zu ermitteln, in der dieser sich zu annullieren
+zufrieden war; die wiederholten Versuche Caesars, sich mit Pompeius
+verschwägert zu halten, mochten darauf abzielen, eine solche Lösung
+anzubahnen und in der Sukzession der aus beider Nebenbuhler Blut
+herstammenden Sprößlinge die letzte Schlichtung des alten Haders
+herbeizuführen. Die republikanische Opposition blieb dann führerlos,
+also wahrscheinlich ebenfalls ruhig und der Friede ward erhalten.
+Gelang dies nicht und mußten, wie es allerdings wahrscheinlich war,
+schließlich die Waffen entscheiden, so verfügte dann Caesar als Konsul
+in Rom über die gehorsame Senatsmajorität und konnte die Koalition der
+Pompeianer und der Republikaner erschweren, ja vielleicht vereiteln und
+den Krieg weit schicklicher und vorteilhafter führen, als wenn er jetzt
+als Prokonsul von Gallien gegen den Senat und dessen Feldherrn
+marschieren ließ. Allerdings hing das Gelingen dieses Planes davon ab,
+daß Pompeius gutmütig genug war, jetzt noch Caesar zu dem ihm in Luca
+zugesicherten Konsulat für 706 (48) gelangen zu lassen; aber selbst
+wenn er fehlschlug, war es für Caesar immer noch nützlich, die größte
+Nachgiebigkeit tatsächlich und wiederholt zu dokumentieren. Teils ward
+dadurch Zeit gewonnen, um inzwischen im Keltenland zum Ziele zu kommen,
+teils blieb den Gegnern die gehässige Initiative des Bruches und also
+des Bürgerkriegs, was sowohl der Senatsmajorität und der Partei der
+materiellen Interessen, also auch namentlich den eigenen Soldaten
+gegenüber für Caesar vom größten Belang war.
+
+Hiernach handelte er. Er rüstete freilich: durch neue Aushebungen im
+Winter 702/03 (52/51) stieg die Zahl seiner Legionen, einschließlich
+der von Pompeius entlehnten, auf elf. Aber zugleich billigte er
+ausdrücklich und öffentlich Pompeius’ Verhalten während der Diktatur
+und die durch ihn bewirkte Wiederherstellung der Ordnung in der
+Hauptstadt, wies die Warnungen geschäftiger Freunde als Verleumdungen
+zurück, rechnete jeden Tag, um den es gelang, die Katastrophe zu
+verzögern, sich zum Gewinn, übersah, was sich übersehen ließ, und
+ertrug, was ertragen werden konnte, unerschütterlich festhaltend nur an
+der einen und entscheidenden Forderung, daß, wenn mit dem Jahre 705
+(49) seine Statthalterschaft zu Ende ging, das nach republikanischem
+Staatsrecht zulässige, von seinem Kollegen vertragsmäßig zugestandene
+zweite Konsulat für das Jahr 706 (48) ihm zuteil werde.
+
+Ebendies wurde das Schlachtfeld des jetzt beginnenden diplomatischen
+Krieges. Wenn Caesar genötigt wurde, entweder sein Statthalteramt vor
+dem letzten Dezember 705 (49) niederzulegen oder die Übernahme des
+hauptstädtischen Amtes über den 1. Januar 706 (48) hinauszuschieben, er
+also eine Zeitlang zwischen Statthalterschaft und Konsulat ohne Amt,
+folglich der - nach römischem Recht nur gegen den amtlosen Mann
+zulässigen - Kriminalanklage ausgesetzt blieb, so hatte, da Cato längst
+bereit stand, ihn peinlich zu belangen, und da Pompeius ein mehr als
+zweifelhafter Beschützer war, das Publikum guten Grund, ihm in diesem
+Fall das Schicksal Milos zu prophezeien. Um aber jenes zu erreichen,
+gab es für Caesars Gegner ein sehr einfaches Mittel. Nach der
+bestehenden Wahlordnung war jeder Bewerber um das Konsulat
+verpflichtet, vor der Wahl, also ein halbes Jahr vor dem Amtsantritt,
+sich persönlich bei dem wahlleitenden Beamten zu melden und die
+Einzeichnung seines Namens in die offizielle Kandidatenliste zu
+bewirken. Es mag bei den Verträgen von Luca als selbstverständlich
+angesehen worden sein, daß Caesar von dieser rein formellen und sehr
+oft den Kandidaten erlassenen Verpflichtung dispensiert werde; allein
+das desfällige Dekret war noch nicht ergangen, und da Pompeius jetzt im
+Besitz der Dekretiermaschine war, hing Caesar in dieser Hinsicht von
+dem guten Willen seines Nebenbuhlers ab. Unbegreiflicherweise gab
+Pompeius diese vollkommen sichere Stellung freiwillig auf; mit seiner
+Einwilligung und während seiner Diktatur 702 (52) ward durch ein
+tribunizisches Gesetz Caesar die persönliche Meldung erlassen. Als
+indes bald darauf die neue Wahlordnung erging, war darin die
+Verpflichtung der Kandidaten, persönlich sich einschreiben zu lassen,
+allgemein wiederholt und keinerlei Ausnahme zu Gunsten der durch ältere
+Volksschlüsse davon Entbundenen hinzugefügt; nach formellem Recht war
+das zu Gunsten Caesars ergangene Privileg durch das jüngere allgemeine
+Gesetz aufgehoben. Caesar beschwerte sich, und die Klausel wurde auch
+nachgetragen, aber nicht durch besonderen Volksschluß bestätigt, so daß
+diese durch reine Interpolation dem schon promulgierten Gesetz
+eingefügte Bestimmung rechtlich nur als eine Nullität angesehen werden
+konnte. Was also Pompeius einfach hätte festhalten können, hatte er
+vorgezogen erst zu verschenken, sodann zurückzunehmen und diese
+Zurücknahme schließlich in illoyalster Weise zu bemänteln.
+
+Wenn hiermit nur mittelbar auf Verkürzung der Statthalterschaft Caesars
+hingearbeitet ward, so verfolgte dagegen das gleichzeitig ergangene
+Regulativ über die Statthalterschaften dasselbe Ziel geradezu. Die zehn
+Jahre, auf welche, zuletzt durch das von Pompeius selbst in
+Gemeinschaft mit Crassus beantragte Gesetz, Caesar die
+Statthalterschaft gesichert worden war, liefen nach der hierfür
+üblichen Rechnung vom 1. März 695 (59) bis zum letzten Februar 705
+(49). Da ferner nach der früheren Übung dem Prokonsul oder Proprätor
+das Recht zustand, unmittelbar nach Beendigung seines Konsulats oder
+seiner Prätur in sein Provinzialamt einzutreten, so war Caesars
+Nachfolger nicht aus den städtischen Beamten des Jahres 704 (50),
+sondern aus denen des Jahres 705 (49) zu ernennen und konnte also nicht
+vor dem 1. Januar 706 (48) eintreten. Insofern hatte Caesar auch noch
+während der letzten zehn Monate des Jahres 705 (49) ein Anrecht auf das
+Kommando, nicht auf Grund des Pompeisch-Licinischen Gesetzes, aber auf
+Grund der alten Regel, daß das befristete Kommando auch nach Ablauf der
+Frist bis zum Eintreffen des Nachfolgers fortdauert. Seitdem nun aber
+das neue Regulativ des Jahres 702 (52) nicht die abgehenden, sondern
+die vor fünf Jahren oder länger abgegangenen Konsuln und Prätoren zu
+den Statthalterschaften berief und also zwischen dem bürgerlichen Amt
+und dem Kommando, statt der bisherigen unmittelbaren Aufeinanderfolge,
+ein Intervall vorschrieb, war nichts mehr im Wege, jede gesetzlich
+erledigte Statthalterschaft sofort anderweitig zu besetzen, also in dem
+gegebenen Falle für die gallischen Provinzen den Kommandowechsel statt
+am 1. Januar 706 (48) vielmehr am 1. März 705 (49) herbeizuführen.
+Pompeius’ kümmerliche Hinterhältigkeit und zögernde Tücke sind in
+diesen Veranstaltungen in merkwürdiger Weise gemischt mit dem
+knifflichen Formalismus und der konstitutionellen Gelehrsamkeit der
+Verfassungspartei. Jahre zuvor, ehe diese staatsrechtlichen Waffen
+gebraucht werden konnten, legte man sie sich zurecht und setzte sich in
+die Verfassung, teils Caesar vor dem Tage, wo die durch Pompeius’
+eigenes Gesetz ihm zugesicherte Frist zu Ende lief, also vom 1. März
+705 (49) an, durch Sendung der Nachfolger zur Niederlegung des
+Kommandos nötigen, teils die bei den Wahlen für 706 (48) auf ihn
+lautenden Stimmtafeln als nichtige behandeln zu können. Caesar, nicht
+in der Lage, diese Schachzüge zu hindern, schwieg dazu und ließ die
+Dinge an sich kommen.
+
+Allgemach rückte denn der verfassungsmäßige Schneckengang weiter. Nach
+der Observanz hatte der Senat über die Statthalterschaften des Jahres
+705 (49), insofern sie an gewesene Konsuln kamen, zu Anfang des Jahres
+703 (51), insofern sie an gewesene Prätoren kamen, zu Anfang des Jahres
+704 (50) zu beraten; jene erstere Beratung gab den ersten Anlaß, die
+Ernennung von neuen Statthaltern für beide Gallien im Senat zur Sprache
+zu bringen und damit den ersten Anlaß zu offener Kollision zwischen der
+von Pompeius vorgeschobenen Verfassungspartei und den Vertretern
+Caesars im Senat. Der Konsul Marcus Marcellus brachte den Antrag ein,
+den beiden für 705 (49) mit Statthalterschaften auszustattenden
+Konsularen die beiden bisher von dem Prokonsul Gaius Caesar verwalteten
+vom 1. März jenes Jahres an zu überweisen. Die lange zurückgehaltene
+Erbitterung brach im Strom durch die einmal aufgezogene Schleuse; es
+kam bei diesen Unterhandlungen alles zur Sprache, was die Catonianer
+gegen Caesar im Sinn trugen. Für sie stand es fest, daß das durch
+Ausnahmegesetz dem Prokonsul Caesar gestattete Recht, sich abwesend zur
+Konsulwahl zu melden, durch späteren Volksschluß wieder aufgehoben,
+auch in diesem nicht in gültiger Weise vorbehalten sei. Der Senat
+sollte ihrer Meinung nach diesen Beamten veranlassen, da die
+Unterwerfung Galliens beendigt sei, die ausgedienten Soldaten sofort zu
+verabschieden. Die von Caesar in Oberitalien vorgenommenen
+Bürgerrechtsverleihungen und Koloniegründungen wurden von ihnen als
+verfassungswidrig und nichtig bezeichnet; davon zu weiterer
+Verdeutlichung verhängte Marcellus über einen angesehenen Ratsherrn der
+Caesarischen Kolonie Comum, der, selbst wenn diesem Ort nicht Bürger-,
+sondern nur latinisches Recht zukam, befugt war, das römische
+Bürgerrecht in Anspruch zu nehmen, die nur gegen Nichtbürger zulässige
+Strafe des Auspeitschens.
+
+Caesars derzeitige Vertreter, unter denen Gaius Vibius Pansa, der Sohn
+eines von Sulla geächteten Mannes, aber dennoch in die politische
+Laufbahn gelangt, früher Offizier in Caesars Heer und in diesem Jahre
+Volkstribun, der namhafteste war, machten im Senat geltend, daß sowohl
+der Stand der Dinge in Gallien als auch die Billigkeit erfordere, nicht
+nur Caesar nicht vor der Zeit abzurufen, sondern vielmehr ihm das
+Kommando neben dem Konsulat zu lassen; sie wiesen ohne Zweifel darauf
+hin, daß vor wenigen Jahren Pompeius ganz ebenso die spanischen
+Statthalterschaften mit dem Konsulat vereinigt habe und noch
+gegenwärtig, außer dem wichtigen Oberaufsichtsamt über das
+hauptstädtische Verpflegungswesen, mit dem spanischen Oberkommando das
+von Italien kumuliere, ja dessen sämtliche waffenfähige Mannschaft von
+ihm eingeschworen und ihres Eides noch nicht entbunden sei.
+
+Der Prozeß fing an sich zu formulieren, aber er kam darum nicht in
+rascheren Gang. Die Majorität des Senats, den Bruch kommen sehend, ließ
+es Monate lang zu keiner beschlußfähigen Sitzung kommen; und wieder
+andere Monate gingen über Pompeius’ feierlichem Zaudern verloren.
+Endlich brach dieser das Schweigen und stellte sich zwar wie immer in
+rückhaltiger und unsicherer Weise, doch deutlich genug, gegen seinen
+bisherigen Verbündeten auf die Seite der Verfassungspartei. Die
+Forderung der Caesarianer, ihrem Herrn die Kumulierung des Konsulats
+mit dem Prokonsulat zu gestatten, wies er kurz und schroff von der
+Hand; dies Verlangen, fügte er mit plumper Grobheit hinzu, komme ihm
+nicht besser vor, als wenn der Sohn dem Vater Stockschläge anbiete. Dem
+Antrag des Marcellus stimmte er im Prinzip insofern bei, als auch er
+erklärte, Caesar den unmittelbaren Anschluß des Konsulats an das
+Prokonsulat nicht erlauben zu wollen. Indes ließ er durchblicken, ohne
+doch hierüber sich bindend zu erklären, daß man die Zulassung zu den
+Wahlen für 706 (48) unter Beseitigung der persönlichen Meldung sowie
+die Fortführung der Statthalterschaft bis zum 13. November 705 (49)
+äußersten Falls Caesar vielleicht gestatten werde. Zunächst aber
+willigte der unverbesserliche Zauderer in die Vertagung der
+Nachfolgerernennung bis nach dem letzten Februar 704 (50), was von
+Caesars Wortführern verlangt ward, wahrscheinlich auf Grund einer
+Klausel des Pompeisch-Licinischen Gesetzes, welche vor dem Anfang von
+Caesars letztem Statthalterjahr jede Verhandlung des Senats über die
+Nachfolgerernennung untersagte.
+
+In diesem Sinne fielen denn die Beschlüsse des Senats aus (29.
+September 703 51). Die Besetzung der gallischen Statthalterschaften
+ward für den 1. März 704 (50) auf die Tagesordnung gebracht, schon
+jetzt aber die Sprengung der Armee Caesars, ähnlich wie es einst durch
+Volksschluß mit dem Heere des Lucullus geschehen war, in der Art in die
+Hand genommen, daß die Veteranen desselben veranlaßt wurden, sich wegen
+ihrer Verabschiedung an den Senat zu wenden. Caesars Vertreter
+bewirkten zwar, soweit sie verfassungsmäßig es konnten, die Kassation
+dieser Beschlüsse durch ihr tribunizisches Veto; allein Pompeius sprach
+sehr bestimmt aus, daß die Beamten verpflichtet seien, dem Staat
+unbedingt zu gehorchen und Interzessionen und ähnliche antiquierte
+Formalitäten hierin nichts ändern würden. Die oligarchische Partei, zu
+deren Organ Pompeius jetzt sich machte, verriet nicht undeutlich die
+Absicht, nach einem allfälligen Siege die Verfassung in ihrem Sinn zu
+revidieren und alles zu beseitigen, was wie Volksfreiheit auch nur
+aussah; wie sie denn auch, ohne Zweifel aus diesem Grunde, es
+unterließ, bei ihren gegen Caesar gerichteten Angriffen sich irgendwie
+der Komitien zu bedienen. Die Koalition zwischen Pompeius und der
+Verfassungspartei war also förmlich erklärt, auch über Caesar das
+Urteil offenbar bereits gefällt und nur der Termin der Eröffnung
+verschoben. Die Wahlen für das folgende Jahr fielen durchgängig gegen
+ihn aus.
+
+Während dieser kriegsvorbereitenden Parteimanöver der Gegner war es
+Caesar gelungen, mit der gallischen Insurrektion fertigzuwerden und in
+dem ganzen unterworfenen Gebiet den Friedensstand herzustellen. Schon
+im Sommer 703 (51) zog er, unter dem schicklichen Vorwand der
+Grenzverteidigung, aber offenbar zum Zeichen dessen, daß die Legionen
+in Gallien jetzt anfingen entbehrt werden zu können, eine derselben
+nach Norditalien. Er mußte, wenn nicht früher, jedenfalls wohl jetzt
+erkennen, daß es ihm nicht erspart bleiben werde, das Schwert gegen
+seine Mitbürger zu ziehen; allein nichtsdestoweniger suchte er, da es
+höchst wünschenswert war, die Legionen noch eine Zeitlang in dem kaum
+beschwichtigten Gallien zu lassen, auch jetzt noch zu zögern und gab,
+wohl bekannt mit der extremen Friedensliebe der Senatsmajorität, die
+Hoffnung nicht auf, sie ungeachtet des von Pompeius auf sie ausgeübten
+Druckes von der Kriegserklärung noch zurückzuhalten. Selbst große Opfer
+scheute er nicht, um nur für jetzt nicht mit der obersten
+Regierungsbehörde in offenen Widerspruch zu geraten. Als der Senat
+(Frühling 704 50) auf Betrieb des Pompeius sowohl an diesen wie an
+Caesar das Ansuchen stellte, je eine Legion für den bevorstehenden
+Parthischen Krieg abzugeben, und als in Gemäßheit dieses Beschlusses
+Pompeius die vor mehreren Jahren an Caesar überlassene Legion von
+diesem zurückverlangte, um sie nach Syrien einzuschiffen, kam Caesar
+der zwiefachen Aufforderung nach, da an sich weder die Opportunität
+dieses Senatsbeschlusses noch die Berechtigung der Forderung des
+Pompeius sich bestreiten ließ und Caesar an der Einhaltung der
+Schranken des Gesetzes und der formalen Loyalität mehr gelegen war als
+an einigen tausend Soldaten mehr. Die beiden Legionen kamen ohne Verzug
+und stellten sich der Regierung zur Verfügung, aber statt sie an den
+Euphrat zu senden, hielt diese sie in Capua für Pompeius in
+Bereitschaft, und das Publikum hatte wieder einmal Gelegenheit, Caesars
+offenkundige Bemühungen, den Bruch abzuwenden, mit der perfiden
+Kriegsvorbereitung der Gegner zu vergleichen.
+
+Für die Verhandlungen mit dem Senat war es Caesar gelungen, nicht nur
+den einen der beiden Konsuln des Jahres, Lucius Aemilius Paullus, zu
+erkaufen, sondern vor allem den Volkstribun Gaius Curio, wahrscheinlich
+das eminenteste unter den vielen liederlichen Genies dieser Epoche ^2:
+unübertroffen an vornehmer Eleganz, an fließender und geistreicher
+Rede, an Intrigengeschick und an jener Tatkraft, welche bei energisch
+angelegten, aber verlotterten Charakteren in den Pausen des Müßiggangs
+nur um so mächtiger sich regt; aber auch unübertroffen in wüster
+Wirtschaft, im Borgtalent - man schlug seine Schulden auf 60 Mill.
+Sesterzen (4½ Mill. Taler) an - und in sittlicher wie politischer
+Grundsatzlosigkeit. Schon früher hatte er Caesar sich zu Kauf
+angetragen und war abgewiesen worden: das Talent, das er seitdem in
+seinen Angriffen auf Caesar entwickelt hatte, bestimmte diesen, ihn
+nachträglich zu erstehen - der Preis war hoch, aber die Ware war es
+wert. Curio hatte in den ersten Monaten seines Volkstribunats den
+unabhängigen Republikaner gespielt und als solcher sowohl gegen Caesar
+wie gegen Pompeius gedonnert. Die anscheinend unparteiische Stellung,
+die dies ihm gab, benutzte er mit seltener Gewandtheit, um, als im März
+704 (50) der Antrag über die Besetzung der gallischen
+Statthalterschaften für das nächste Jahr aufs neue im Senat zur
+Verhandlung kam, diesem Beschlusse vollständig beizupflichten, aber die
+gleichzeitige Ausdehnung desselben auch auf Pompeius und dessen
+außerordentliche Kommandos zu verlangen. Seine Auseinandersetzung, daß
+ein verfassungsmäßiger Zustand sich nur durch Beseitigung sämtlicher
+Ausnahmestellungen herbeiführen lasse, daß Pompeius, als nur vom Senat
+mit dem Prokonsulat betraut, noch viel weniger als Caesar demselben den
+Gehorsam verweigern könne, daß die einseitige Beseitigung des einen der
+beiden Generäle die Gefahr für die Verfassung nur steigere, leuchtete
+den politischen Halbweisen wie dem großen Publikum vollkommen ein, und
+Curios Erklärung, daß er jedes einseitige Vorschreiten gegen Caesar
+durch das verfassungsmäßig ihm zustehende Veto zu verhindern gedenke,
+fand in und außer dem Senat vielfach Billigung. Caesar erklärte sich
+mit Curios Vorschlag sofort einverstanden und erbot sich,
+Statthalterschaft und Kommando jeden Augenblick auf Anforderndes Senats
+niederzulegen, wofern Pompeius das gleiche tue; er durfte es, denn ohne
+sein italisch-spanisches Kommando war Pompeius nicht länger furchtbar.
+Dagegen konnte Pompeius eben deswegen nicht umhin sich zu weigern;
+seine Erwiderung, daß Caesar zuerst niederlegen müsse und er dem
+gegebenen Beispiel bald zu folgen gedenke, befriedigte um so weniger,
+als er nicht einmal einen bestimmten Termin für seinen Rücktritt
+ansetzte. Wieder stockte Monate lang die Entscheidung; Pompeius und die
+Catonianer, die bedenkliche Stimmung der Senatsmajorität erkennend,
+wagten es nicht, Curios Antrag zur Abstimmung zu bringen. Caesar
+benutzte den Sommer, um den Friedensstand in den von ihm eroberten
+Landschaften zu konstatieren, an der Schelde eine große Heerschau über
+seine Truppen und durch die ihm völlig ergebene norditalische
+Statthalterschaft einen Triumphzug zu halten; der Herbst fand ihn in
+der südlichen Grenzstadt seiner Provinz, in Ravenna. Die nicht länger
+zu verzögernde Abstimmung über Curios Antrag fand endlich statt und
+konstatierte die Niederlage der Partei des Pompeius und Cato in ihrem
+ganzen Umfang. Mit 370 gegen 30 Stimmen beschloß der Senat, daß die
+Prokonsuln von Spanien und Gallien beide aufzufordern seien, ihre Ämter
+zugleich niederzulegen; und mit grenzenlosem Jubel vernahmen die guten
+Bürger von Rom die frohe Botschaft von Curios rettender Tat. Pompeius
+ward also vom Senat nicht minder abberufen als Caesar, und während
+Caesar bereit stand, dem Befehl nachzukommen, verweigerte Pompeius
+geradezu den Gehorsam. Der vorsitzende Konsul Gaius Marcellus, des
+Marcus Marcellus Vetter und gleich diesem zur Catonischen Partei
+gehörig, hielt der servilen Majorität eine bittere Strafpredigt; und
+ärgerlich war es freilich, so im eigenen Lager geschlagen zu werden und
+geschlagen mittels der Phalanx der Memmen. Aber wo sollte der Sieg auch
+herkommen unter einem Führer, der, statt kurz und bestimmt den
+Senatoren seine Befehle zu diktieren, sich auf seine alten Tage bei
+einem Professor der Redekunst zum zweitenmal in die Lehre begab, um dem
+jugendfrischen glänzenden Talente Curios mit neu aufpolierter Eloquenz
+zu begegnen?
+
+—————————————————————————————-
+
+^2 homo ingeniosissime nequam (Vell, 2, 48).
+
+—————————————————————————————-
+
+Die im Senat geschlagene Koalition war in der peinlichsten Lage. Die
+Catonische Fraktion hatte es übernommen, die Dinge zum Bruche zu
+treiben und den Senat mit sich fortzureißen und sah nun in der
+ärgerlichsten Weise ihr Fahrzeug auf den Sandbänken der schlaffen
+Majorität stranden. Von Pompeius mußten ihre Führer in den Konferenzen
+die bittersten Vorwürfe hören; er wies mit Nachdruck und mit vollem
+Recht auf die Gefahren des Scheinfriedens hin, und wenn es auch nur an
+ihm selber lag den Knoten durch eine rasche Tat zu durchhauen, so
+wußten seine Verbündeten doch sehr wohl, daß sie diese von ihm
+nimmermehr erwarten durften und daß es an ihnen war, wie sie es
+zugesagt, ein Ende zu machen. Nachdem die Vorfechter der Verfassung und
+des Senatsregiments bereits früher die verfassungsmäßigen Rechte der
+Bürgerschaft und der Volkstribune für inhaltlose Formalitäten erklärt
+hatten, sahen sie sich jetzt in die Notwendigkeit versetzt, die
+verfassungsmäßigen Entscheidungen des Senats selbst in ähnlicher Weise
+zu behandeln und, da die legitime Regierung nicht mit ihrem Willen sich
+wollte retten lassen, sie wider ihren Willen zu erretten. Es war das
+weder neu noch zufällig; in ganz ähnlicher Weise wie jetzt Cato und die
+Seinen hatten auch Sulla und Lucullus jeden im rechten Interesse der
+Regierung gefaßten energischen Entschluß derselben über den Kopf nehmen
+zu müssen: die Verfassungsmaschine war eben vollständig abgenutzt, und
+wie seit Jahrhunderten die Komitien, so jetzt auch der Senat nichts als
+ein lahmes, aus dem Geleise weichendes Rad.
+
+Es ging die Rede (Oktober 704 50), daß Caesar vier Legionen aus dem
+Jenseitigen in das Diesseitige Gallien gezogen und bei Placentia
+aufgestellt habe. Obwohl diese Truppenverlegung an sich in den
+Befugnissen des Statthalters lag, Curio überdies die vollständige
+Grundlosigkeit des Gerüchts im Senat handgreiflich dartat und die Kurie
+den Antrag des Konsuls Gaius Marcellus, daraufhin Pompeius Marschbefehl
+gegen Caesar zu erteilen, mit Mehrheit verwarf, so begab sich dennoch
+der genannte Konsul in Verbindung mit den beiden für 705 (49) erwählten
+gleichfalls zur Catonischen Partei gehörigen Konsuln zu Pompeius, und
+diese drei Männer ersuchten kraft eigener Machtvollkommenheit den
+General, sich an die Spitze der beiden bei Capua stehenden Legionen zu
+stellen und nach Ermessen die italische Wehrmannschaft unter die Waffen
+zu rufen. Eine formwidrigere Vollmacht zur Eröffnung des Bürgerkrieges
+ließ schwer sich denken; allein man hatte keine Zeit mehr, auf solche
+Nebensachen Rücksicht zu nehmen: Pompeius nahm sie an. Die
+Kriegsvorbereitungen, die Aushebungen begannen; um sie persönlich zu
+fördern, verließ Pompeius im Dezember 704 (50) die Hauptstadt.
+
+Caesar hatte es vollständig erreicht, den Gegnern die Initiative des
+Bürgerkrieges zuzuschieben. Er hatte, während er selber den Rechtsboden
+festhielt, Pompeius gezwungen, den Krieg zu erklären, und ihn zu
+erklären nicht als Vertreter der legitimen Gewalt, sondern als Feldherr
+einer offenbar revolutionären und die Mehrheit terrorisierenden
+Senatsminorität. Es war dieser Erfolg nicht gering anzuschlagen,
+wenngleich der Instinkt der Massen sich keinen Augenblick darüber
+täuschen konnte und täuschte, daß es in diesem Krieg sich um andere
+Dinge handelte als um formale Rechtsfragen. Nun, wo der Krieg erklärt
+war, lag es in Caesars Interesse, baldmöglichst zum Schlagen zu kommen.
+Die Rüstungen der Gegner waren erst im Beginnen und selbst die
+Hauptstadt unbesetzt. In zehn bis zwölf Tagen konnte daselbst eine den
+in Oberitalien stehenden Truppen Caesars dreifach überlegene Armee
+beisammen sein; aber noch war es nicht unmöglich, Rom unverteidigt zu
+überrumpeln, ja vielleicht durch einen raschen Winterfeldzug ganz
+Italien einzunehmen und den Gegnern ihre besten Hilfsquellen zu
+verschließen, bevor sie noch dieselben nutzbar zu machen vermochten.
+Der kluge und energische Curio, der nach Niederlegung seines Tribunats
+(9. Dezember 704 50) sofort zu Caesar nach Ravenna gegangen war,
+stellte seinem Meister die Lage der Dinge lebhaft vor, und es bedurfte
+dessen schwerlich, um Caesar zu überzeugen, daß jetzt längeres Zaudern
+nur schaden könne. Allein da er, um nicht den Gegnern Veranlassung zu
+Beschwerden zu geben, nach Ravenna selbst bisher keine Truppen gezogen
+hatte, konnte er für jetzt nichts tun, als seinen sämtlichen Korps den
+Befehl zum schleunigsten Aufbruch zufertigen und mußte warten, bis
+wenigstens die eine in Oberitalien stehende Legion in Ravenna eintraf.
+Inzwischen sandte er ein Ultimatum nach Rom, das, wenn zu nichts
+anderem, doch dazu nützlich war, daß es durch Nachgiebigkeit bis aufs
+äußerste seine Gegner noch weiter in der öffentlichen Meinung
+kompromittierte und vielleicht sogar, indem er selber zu zaudern
+schien, sie bestimmte, die Rüstungen gegen ihn lässiger zu betreiben.
+In diesem Ultimatum ließ Caesar alle früheren an Pompeius gestellten
+Gegenforderungen fallen und erbot sich seinerseits, bis zu der von dem
+Senate festgesetzten Frist sowohl die Statthalterschaft des Jenseitigen
+Galliens niederzulegen als auch von den zehn ihm eigenen Legionen acht
+aufzulösen; er erklärte sich befriedigt, wenn der Senat ihm entweder
+die Statthalterschaft des Diesseitigen Galliens und Illyriens mit einer
+oder auch die des Diesseitigen Galliens allein mit zwei Legionen, nicht
+etwa bis zur Übernahme des Konsulats, sondern bis nach Beendigung der
+Konsulwahlen für 706 (48) belasse. Er ging also auf diejenigen
+Vergleichsvorschläge ein, mit denen zu Anfang der Verhandlungen die
+Senatspartei, ja Pompeius selbst erklärt hatten, sich befriedigen zu
+wollen, und zeigte sich bereit, von der Wahl zum Konsulat bis zum
+Antritt desselben im Privatstand zu verharren. Ob es Caesar mit diesen
+erstaunlichen Zugeständnissen Ernst war und er sein Spiel gegen
+Pompeius selbst bei solchem Vorgeben durchführen zu können sich
+getraute oder ob er darauf rechnete, daß man auf der andern Seite
+bereits zu weit gegangen sei, um in diesen Vergleichsvorschlägen mehr
+zu finden als den Beweis dafür, daß Caesar seine Sache selbst als
+verloren betrachte, läßt sich nicht mehr mit Sicherheit entscheiden.
+Die Wahrscheinlichkeit ist dafür, daß Caesar weit eher den Fehler
+allzukecken Spielens als den schlimmeren beging, etwas zu versprechen,
+was er nicht zu halten gesonnen war, und daß, wenn wunderbarerweise
+seine Vorschläge angenommen worden wären, er sein Wort gutgemacht haben
+würde. Curio übernahm es, seinen Herrn noch einmal in der Höhle des
+Löwen zu vertreten. In drei Tagen durchflog er die Straße von Ravenna
+nach Rom; als die neuen Konsuln Lucius Lentulus und Gaius Marcellus der
+jüngere ^3 zum erstenmal am 1. Januar 705 (49) den Senat versammelten,
+übergab er in voller Sitzung das von dem Feldherrn an den Senat
+gerichtete Schreiben. Die Volkstribune Marcus Antonius, in der
+Skandalchronik der Stadt bekannt als Curios vertrauter Freund und aller
+seiner Torheiten Genosse, aber zugleich auch aus den ägyptischen und
+gallischen Feldzügen als glänzender Reiteroffizier, und Quintus
+Cassius, Pompeius’ ehemaliger Quästor, welche beide jetzt an Curios
+Stelle Caesars Sache in Rom führten, erzwangen die sofortige Verlesung
+der Depesche. Die ernsten und klaren Warte, in denen Caesar den
+drohenden Bürgerkrieg, den allgemeinen Wunsch nach Frieden, Pompeius’
+Übermut, seine eigene Nachgiebigkeit mit der ganzen unwiderstehlichen
+Macht der Wahrheit darlegte, die Vergleichsvorschläge von einer ohne
+Zweifel seine eigenen Anhänger überraschenden Mäßigung, die bestimmte
+Erklärung, daß hiermit die Hand zum Frieden zum letztenmal geboten sei,
+machten den tiefsten Eindruck. Trotz der Furcht vor den zahlreich in
+die Hauptstadt geströmten Soldaten des Pompeius war die Gesinnung der
+Majorität nicht zweifelhaft; man durfte nicht wagen, sie sich
+aussprechen zu lassen. Über den von Caesar erneuerten Vorschlag, daß
+beiden Statthaltern zugleich die Niederlegung ihres Kommandos
+aufgegeben werden möge, über alle durch sein Schreiben nahegelegten
+Vergleichsvorschläge und über den von Marcus Caelius Rufus und Marcus
+Calidius gestellten Antrag, Pompeius zur sofortigen Abreise nach
+Spanien zu veranlassen, weigerten sich die Konsuln, wie sie als
+Vorsitzende es durften, die Abstimmung zu eröffnen. Selbst der Antrag
+eines der entschiedensten Gesinnungsgenossen, der nur nicht gegen die
+militärische Lage der Dinge so blind war wie seine Partei, des Marcus
+Marcellus: die Beschlußfassung auszusetzen, bis der italische Landsturm
+unter Waffen stehe und den Senat zu schützen vermöge, durfte nicht zur
+Abstimmung gebracht werden. Pompeius ließ durch sein gewöhnliches Organ
+Quintus Scipio erklären, daß er jetzt oder nie die Sache des Senats
+aufzunehmen entschlossen sei und sie fallen lasse, wenn man noch länger
+zaudere. Der Konsul Lentulus sprach es unumwunden aus, daß es gar auf
+den Beschluß des Senats nicht mehr ankomme, sondern, wenn derselbe bei
+seiner Servilität verharren sollte, er von sich aus handeln und mit
+seinen mächtigen Freunden das weitere veranlassen werde. So
+terrorisiert, beschloß die Majorität, was ihr befohlen ward: daß Caesar
+bis zu einem bestimmten, nicht fernen Tage das Jenseitige Gallien an
+Lucius Domitius Ahenobarbus, das Diesseitige an Marcus Servilius
+Nonianus abzugeben und das Heer zu entlassen habe, widrigenfalls er als
+Hochverräter erachtet werde. Als die Tribune von Caesars Partei gegen
+diesen Beschluß ihres Interzessionsrechts sich bedienten, wurden sie
+nicht bloß, wie sie wenigstens behaupteten, in der Kurie selbst von
+Pompeianischen Soldaten mit den Schwertern bedroht und, um ihr Leben zu
+retten, in Sklavenkleidern aus der Hauptstadt zu flüchten gezwungen,
+sondern es behandelte auch der nun hinreichend eingeschüchterte Senat
+ihr formell durchaus verfassungsmäßiges Einschreiten wie einen
+Revolutionsversuch, erklärte das Vaterland in Gefahr und rief in den
+üblichen Formen die gesamte Bürgerschaft unter die Waffen und an die
+Spitze der Bewaffneten die sämtlichen verfassungstreuen Beamten (7.
+Januar 705 49).
+
+———————————————————————-
+
+^3 Zu unterscheiden von dem gleichnamigen Konsul des Jahres 704 (SO);
+dieser war ein Vetter, der Konsul des Jahres 705 (49) ein Bruder des
+Marcus Marcellus, Konsul 703 (51).
+
+———————————————————————
+
+Nun war es genug. Wie Caesar durch die schutzflehend zu ihm ins Lager
+flüchtenden Tribune von der Aufnahme in Kenntnis gesetzt ward, welche
+seine Vorschläge in der Hauptstadt gefunden hatten, rief er die
+Soldaten der dreizehnten Legion, die inzwischen aus ihren
+Kantonierungen bei Tergeste (Triest) in Ravenna eingetroffen war,
+zusammen und entwickelte vor ihnen den Stand der Dinge. Es war nicht
+bloß der geniale Herzenskündiger und Geisterbeherrscher, dessen
+glänzende Rede in diesem erschütternden Wendepunkt seines und des
+Weltgeschicks hoch emporleuchtete und flammte; nicht bloß der
+freigebige Heermeister und der sieghafte Feldherr, welcher zu den
+Soldaten sprach, die von ihm selbst unter die Waffen gerufen und seit
+acht Jahren mit immer steigender Begeisterung seinen Fahnen gefolgt
+waren; es sprach vor allem der energische und konsequente Staatsmann,
+der nun seit neunundzwanzig Jahren die Sache der Freiheit in guter und
+böser Zeit vertreten, für sie den Dolchen der Mörder und den Henkern
+der Aristokratie, den Schwertern der Deutschen und den Fluten des
+unbekannten Ozeans Trotz geboten hatte, ohne je zu weichen und zu
+wanken, der die Sullanische Verfassung zerrissen, das Regiment des
+Senats gestürzt, die wehr- und waffenlose Demokratie in dem Kampfe
+jenseits der Alpen beschildet und bewehrt hatte; und er sprach nicht zu
+dem clodianischen Publikum, dessen republikanischer Enthusiasmus längst
+zu Asche und Schlacken niedergebrannt war, sondern zu den jungen
+Mannschaften aus den Städten und Dörfern Norditaliens, die den
+mächtigen Gedanken der bürgerlichen Freiheit noch frisch und rein
+empfanden, die noch fähig waren, für Ideale zu fechten und zu sterben,
+die selbst für ihre Landschaft das von der Regierung ihnen versagte
+Bürgerrecht in revolutionärer Weise von Caesar empfangen hatten, die
+Caesars Sturz den Ruten und Beilen abermals preisgab und die die
+tatsächlichen Beweise bereits davon besaßen, wie unerbittlichen
+Gebrauch die Oligarchie davon gegen die Transpadaner zu machen
+gedachte. Vor solchen Zuhörern legte ein solcher Redner die Tatsachen
+dar: den Dank für die Eroberung Galliens, den der Adel dem Feldherrn
+und dem Heer bereitete, die geringschätzige Beseitigung der Komitien,
+die Terrorisierung des Senats, die heilige Pflicht, das vor einem
+halben Jahrtausend von den Vätern mit den Waffen in der Hand dem Adel
+abgezwungene Volkstribunat mit gewaffneter Hand zu schirmen, den alten
+Schwur zu halten, den jene für sich wie für die Enkel ihrer Enkel
+geleistet, für die Tribune der Gemeinde Mann für Mann einzustehen bis
+in den Tod. Als dann er, der Führer und Feldherr der Popularpartei, die
+Soldaten des Volkes aufrief, jetzt, nachdem der Güteversuch erschöpft,
+die Nachgiebigkeit an den äußersten Grenzen angelangt war, jetzt ihm zu
+folgen in den letzten, den unvermeidlichen, den entscheidenden Kampf
+gegen den ebenso verhaßten wie verachteten, ebenso perfiden wie
+unfähigen und bis zur Lächerlichkeit unverbesserlichen Adel - da war
+kein Offizier und kein Soldat, der sich zurückgehalten hätte. Der
+Aufbruch war befohlen; an der Spitze seines Vortrabs überschritt Caesar
+den schmalen Bach, der seine Provinz von Italien schied und jenseits
+dessen die Verfassung den Prokonsul von Gallien bannte. Indem er nach
+neunjähriger Abwesenheit den Boden des Vaterlandes wieder betrat,
+betrat er zugleich die Bahn der Revolution. “Die Würfel waren
+geworfen.”
+
+
+
+
+KAPITEL X.
+Brundisium, Ilerda, Pharsalos und Thapsus
+
+
+Zwischen den beiden bisherigen Gesamtherrschern von Rom sollten also
+die Waffen entscheiden, wer von ihnen berufen sei, Roms erster
+Alleinherrscher zu sein. Sehen wir, wie für die bevorstehende
+Kriegführung zwischen Caesar und Pompeius sich das Machtverhältnis
+gestellt hatte.
+
+Caesars Macht ruhte zunächst auf der völlig unumschränkten Gewalt,
+deren er innerhalb seiner Partei genoß. Wenn die Ideen der Demokratie
+und der Monarchie in ihr zusammenflossen, so war dies nicht die Folge
+einer zufällig eingegangenen und zufällig lösbaren Koalition, sondern
+es war im tiefsten Wesen der Demokratie ohne Repräsentativverfassung
+begründet, daß Demokratie wie Monarchie zugleich ihren höchsten und
+letzten Ausdruck in Caesar fanden. Politisch wie militärisch entschied
+Caesar durchaus in erster und letzter Instanz. In wie hohen Ehren er
+auch jedes brauchbare Werkzeug hielt, so blieb es doch immer Werkzeug:
+Caesar stand innerhalb seiner Partei ohne Genossen, nur umgeben von
+militärisch-politischen Adjutanten, die in der Regel aus der Armee
+hervorgegangen und als Soldaten geschult waren, nirgends nach Grund und
+Zweck zu fragen, sondern unbedingt zu gehorchen. Darum vor allem hat in
+dem entscheidenden Augenblick, als der Bürgerkrieg begann, von allen
+Soldaten und Offizieren Caesars nur ein einziger ihm den Gehorsam
+verweigert; und es bestätigt nur diese Auffassung des Verhältnisses
+Caesars zu seinen Anhängern, daß dieser eine eben von allen der Erste
+war. Titus Labienus hatte mit Caesar alle Drangsale der düsteren
+catilinarischen Zeit wie allen Glanz der gallischen Siegeslaufbahn
+geteilt, hatte regelmäßig selbständig befehligt und häufig die halbe
+Armee geführt; er war ohne Frage wie der älteste, tüchtigste und
+treueste unter Caesars Adjutanten, so auch der höchstgestellte und am
+höchsten geehrte. Noch im Jahre 704 (50) hatte Caesar ihm den
+Oberbefehl im Diesseitigen Gallien übertragen, um teils diesen
+Vertrauensposten in sichere Hand zu geben, teils zugleich Labienus in
+seiner Bewerbung um das Konsulat damit zu fördern. Allein ebenhier trat
+Labienus mit der Gegenpartei in Verbindung, begab sich beim Beginn der
+Feindseligkeiten im Jahre 705 (49), statt in Caesars in Pompeius’
+Hauptquartier und kämpfte während des ganzen Bürgerkrieges mit
+beispielloser Erbitterung gegen seinen alten Freund und Kriegsherrn.
+Wir sind weder über Labienus’ Charakter noch über die einzelnen
+Umstände seines Parteiwechsels genügend unterrichtet; im wesentlichen
+aber liegt hier sicher nichts vor als ein weiterer Beleg dafür, daß der
+Kriegsfürst weit sicherer auf seine Hauptleute als auf seine Marschälle
+zählen kann. Allem Anschein nach war Labienus eine jener
+Persönlichkeiten, die mit militärischer Brauchbarkeit vollständige
+staatsmännische Unfähigkeit vereinigen und die dann, wenn sie
+unglücklicherweise Politik machen wollen oder müssen, jenen tollen
+Schwindelanfällen ausgesetzt sind, wovon die Geschichte der
+Napoleonischen Marschälle so manches tragikomische Beispiel aufzeigt.
+Er mochte wohl sich berechtigt halten, als das zweite Haupt der
+Demokratie neben Caesar zu gelten; und daß er mit diesem Anspruch
+zurückgewiesen ward, wird ihn in das Lager der Gegner geführt haben. Es
+zeigte hier zum ersten Male sich die ganze Schwere des Übelstandes, daß
+Caesars Behandlung seiner Offiziere als unselbständiger Adjutanten
+keine zur Übernahme eines abgesonderten Kommandos geeigneten Männer in
+seinem Lager emporkommen ließ, während er doch bei der leicht
+vorherzusehenden Zersplitterung der bevorstehenden Kriegführung durch
+alle Provinzen des weiten Reiches ebensolcher Männer dringend bedurfte.
+Allein dieser Nachteil wurde dennoch weit aufgewogen durch die erste
+und nur um diesen Preis zu bewahrende Bedingung eines jeden Erfolgs,
+die Einheit der obersten Leitung.
+
+Die einheitliche Leitung erhielt ihre volle Gewalt durch die
+Brauchbarkeit der Werkzeuge. Hier kam in erster Linie in Betracht die
+Armee. Sie zählte noch neun Legionen Infanterie oder höchstens 50000
+Mann, welche aber alle vor dem Feinde gestanden und von denen zwei
+Drittel sämtliche Feldzüge gegen die Kelten mitgemacht hatten. Die
+Reiterei bestand aus deutschen und norischen Söldnern, deren
+Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit in dem Kriege gegen Vercingetorix
+erprobt worden war. Der achtjährige Krieg voll mannigfacher
+Wechselfälle gegen die tapfere, wenn auch militärisch der italischen
+entschieden nachstehende keltische Nation hatte Caesar die Gelegenheit
+gegeben, seine Armee zu organisieren, wie nur er zu organisieren
+verstand. Alle Brauchbarkeit des Soldaten setzt physische Tüchtigkeit
+voraus: bei Caesars Aushebungen wurde auf Stärke und Gewandtheit der
+Rekruten mehr als auf Vermögen und Moralität gesehen. Aber die
+Leistungsfähigkeit der Armee beruht, wie die einer jeden Maschine, vor
+allen Dingen auf der Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegung: in
+der Bereitschaft zum sofortigen Aufbruch zu jeder Zeit und in der
+Schnelligkeit des Marschierens erlangten Caesars Soldaten eine selten
+erreichte und wohl nie übertroffene Vollkommenheit. Mut galt natürlich
+über alles: die Kunst, den kriegerischen Wetteifer und den Korpsgeist
+anzufachen, so daß die Bevorzugung einzelner Soldaten und Abteilungen
+selbst den Zurückstehenden als die notwendige Hierarchie der Tapferkeit
+erschien, übte Caesar mit unerreichter Meisterschaft. Er gewöhnte den
+Leuten das Fürchten ab, indem er, wo es ohne ernste Gefahr geschehen
+konnte, die Soldaten nicht selten von einem bevorstehenden Kampf nicht
+in Kenntnis setzte, sondern sie unvermutet auf den Feind treffen ließ.
+Aber der Tapferkeit gleich stand der Gehorsam. Der Soldat wurde
+angehalten, das Befohlene zu tun, ohne nach Ursache und Absicht zu
+fragen; manche zwecklose Strapaze wurde einzig als Übung in der
+schweren Kunst der blinden Folgsamkeit ihm auferlegt. Die Disziplin war
+streng, aber nicht peinlich: unnachsichtlich ward sie gehandhabt, wenn
+der Soldat vor dem Feinde stand; zu anderen Zeiten, vor allem nach dem
+Siege, wurden die Zügel nachgelassen, und wenn es dem sonst brauchbaren
+Soldaten dann beliebte, sich zu parfümieren oder mit eleganten Waffen
+und andern Dingen sich zu putzen, ja sogar, wenn er Brutalitäten oder
+Unrechtfertigkeiten selbst bedenklicher Art sich zu Schulden kommen
+ließ und nur nicht zunächst die militärischen Verhältnisse dadurch
+berührt wurden, so ging die Narrenteidung wie das Verbrechen ihm hin
+und die desfälligen Klagen der Provinzialen fanden bei dem Feldherrn
+ein taubes Ohr. Meuterei dagegen ward, nicht bloß den Anstiftern,
+sondern selbst dem Korps, niemals verziehen. Aber der rechte Soldat
+soll nicht bloß überhaupt tüchtig, tapfer und gehorsam, sondern er soll
+dies alles willig, ja freiwillig sein; und nur genialen Naturen ist es
+gegeben, durch Beispiel und durch Hoffnung und vor allem durch das
+Bewußtsein, zweckmäßig gebraucht zu werden, die beseelte Maschine, die
+sie regieren, zum freudigen Dienen zu bestimmen. Wenn der Offizier, um
+von seinen Leuten Tapferkeit zu verlangen, selbst mit ihnen der Gefahr
+ins Auge gesehen haben muß, so hatte Caesar auch als Feldherr
+Gelegenheit gehabt, den Degen zu ziehen und dann gleich dem Besten ihn
+gebraucht; an Tätigkeit aber und Strapazen mutete er stets sich selbst
+weit mehr zu als seinen Soldaten. Caesar sorgte dafür, daß an den Sieg,
+der zunächst freilich dem Feldherrn Gewinn bringt, doch auch für den
+Soldaten sich persönliche Hoffnungen knüpften. Daß er es verstand, die
+Soldaten für die Sache der Demokratie zu begeistern, soweit die
+prosaisch gewordene Zeit noch Begeisterung gestattet, und daß die
+politische Gleichstellung der transpadanischen Landschaft, der Heimat
+seiner meisten Soldaten, mit dem eigentlichen Italien als eines der
+Kampfziele hingestellt ward, wurde schon erwähnt. Es versteht sich, daß
+daneben auch materielle Prämien nicht fehlten, sowohl besondere für
+hervorragende Waffentaten, wie allgemeine für jeden tüchtigen Soldaten;
+daß die Offiziere dotiert, die Soldaten beschenkt und für den Triumph
+die verschwenderischsten Gaben in Aussicht gestellt wurden. Aber vor
+allen Dingen verstand es Caesar als wahrer Heermeister, in jedem
+einzelnen großen oder kleinen Triebrad des mächtigen Instruments das
+Gefühl zweckmäßiger Verwendung zu erwecken. Der gewöhnliche Mensch ist
+zum Dienen bestimmt und er sträubt sich nicht, Werkzeug zu sein, wenn
+er fühlt, daß ein Meister ihn lenkt. Allgegenwärtig und jederzeit ruhte
+der Adlerblick des Feldherrn auf dem ganzen Heer, mit unparteiischer
+Gerechtigkeit belohnend und bestrafend und der Tätigkeit eines jeden
+die zum Besten aller dienenden Wege weisend, so daß auch mit des
+Geringsten Schweiß und Blut nicht experimentiert oder gespielt, darum
+aber auch, wo es nötig war, unbedingte Hingebung bis in den Tod
+gefordert ward. Ohne dem einzelnen in das gesamte Triebwerk den
+Einblick zu gestatten, ließ Caesar ihn doch genug von dem politischen
+und militärischen Zusammenhang der Dinge ahnen, um als Staatsmann und
+Feldherr von dem Soldaten erkannt, auch wohl idealisiert zu werden.
+Durchaus behandelte er die Soldaten nicht als seinesgleichen, aber als
+Männer, welche Wahrheit zu fordern berechtigt und zu ertragen fähig
+waren, und die den Versprechungen und Versicherungen des Feldherrn
+Glauben zu schenken hatten, ohne Prellerei zu vermuten oder auf
+Gerüchte zu horchen; als langjährige Kameraden in Krieg und Sieg, unter
+denen kaum einer war, den er nicht mit Namen kannte und bei dem sich
+nicht in all den Feldzügen ein mehr oder minder persönliches Verhältnis
+zu dem Feldherrn gebildet hätte; als gute Genossen, mit denen er
+zutraulich und mit der ihm eigenen heiteren Elastizität schwatzte und
+verkehrte; als Schutzbefohlene, deren Dienste zu vergelten, deren
+Unbill und Tod zu rächen ihm heilige Pflicht war. Vielleicht nie hat es
+eine Armee gegeben, die so vollkommen war, was die Armee sein soll:
+eine für ihre Zwecke fähige und für ihre Zwecke willige Maschine in der
+Hand eines Meisters, der auf sie seine eigene Spannkraft überträgt.
+Caesars Soldaten waren und fühlten sich zehnfacher Übermacht gewachsen:
+wobei nicht übersehen werden darf, daß bei der durchaus auf das
+Handgemenge und vornehmlich den Schwertkampf berechneten römischen
+Taktik der geübte römische Soldat dem Neuling in noch weit höherem
+Grade überlegen war, als dies unter den heutigen Verhältnissen der Fall
+ist ^1. Aber noch mehr als durch die überlegene Tapferkeit fühlten die
+Gegner sich gedemütigt durch die unwandelbare und rührende Treue, mit
+der Caesars Soldaten an ihrem Feldherrn hingen. Es ist wohl ohne
+Beispiel in der Geschichte, daß, als der Feldherr seine Soldaten
+aufrief, ihm in den Bürgerkrieg zu folgen, mit der einzigen, schon
+erwähnten Ausnahme des Labienus kein römischer Offizier und kein
+römischer Soldat ihn im Stich ließ. Die Hoffnungen der Gegner auf eine
+ausgedehnte Desertion scheiterten ebenso schmählich wie der frühere
+Versuch, sein Heer wie das des Lucullus auseinander zu sprengen; selbst
+Labienus erschien in Pompeius’ Lager wohl mit einem Haufen keltischer
+und deutscher Reiter, aber ohne einen einzigen Legionär. Ja die
+Soldaten, als wollten sie zeigen, daß der Krieg ganz ebenso ihre Sache
+sei wie die des Feldherrn, machten unter sich aus, daß sie den Sold,
+den ihnen Caesar beim Ausbruch des Bürgerkrieges zu verdoppeln
+versprochen hatte, bis zu dessen Beendigung dem Feldherrn kreditieren
+und inzwischen die ärmeren Kameraden aus allgemeinen Mitteln
+unterstützen wollten; überdies rüstete und besoldete jeder
+Unteroffizier einen Reiter aus seiner Tasche.
+
+———————————————————————————
+
+^1 Ein gefangener Centurio von der zehnten Legion Caesars erklärte dem
+feindlichen Oberfeldherrn daß er bereit sei, es mit zehn von seinen
+Leuten gegen die beste feindliche Kohorte (500 Mann) aufzunehmen (Bell.
+Afr. 45). “In der Fechtweise der Alten”, urteilt Napoleon I., “bestand
+die Schlacht aus lauter Zweikämpfen; in dem Munde des heutigen Soldaten
+würde es Prahlerei sein, was in dem jenes Centurionen nur richtig war.”
+Von dem Soldatengeist, der Caesars Armee durchdrang, legen die seinen
+Memoiren angehängten Berichte über den Afrikanischen und den Zweiten
+Spanischen Krieg, von denen jener einen Offizier zweiten Ranges zum
+Verfasser zu haben scheint, dieser ein in jeder Beziehung subalternes
+Lagerjournal ist, lebendigen Beweis ab.
+
+———————————————————————————
+
+Wenn also Caesar das eine hatte, was not tat: unbeschränkte politische
+und militärische Gewalt und eine schlagfertige zuverlässige Armee, so
+dehnte seine Macht verhältnismäßig sich nur über einen sehr
+beschränkten Raum aus. Sie ruhte wesentlich auf der oberitalischen
+Provinz. Diese Landschaft war nicht bloß die am besten bevölkerte unter
+allen italischen, sondern auch der Sache der Demokratie als ihrer
+eigenen ergeben. Von der daselbst herrschenden Stimmung zeugt das
+Verhalten einer Abteilung Rekruten von Opitergium (Oderzo in der
+Delegation Treviso), die nicht lange nach dem Ausbruch des Krieges in
+den illyrischen Gewässern, auf einem elenden Floß von den feindlichen
+Kriegsschiffen umzingelt, den ganzen Tag bis zur sinkenden Sonne sich
+zusammenschießen ließen, ohne sich zu ergeben, und, soweit sie den
+Geschossen entgangen waren, in der folgenden Nacht mit eigener Hand
+sich den Tod gaben. Man begreift, was einer solchen Bevölkerung
+zugemutet werden konnte. Wie sie Caesar bereits die Mittel gewährt
+hatte, seine ursprüngliche Armee mehr als zu verdoppeln, so stellten
+auch nach Ausbruch des Bürgerkrieges zu den sofort angeordneten
+umfassenden Aushebungen die Rekruten zahlreich sich ein. In dem
+eigentlichen Italien dagegen war Caesars Einfluß dem der Gegner nicht
+entfernt zu vergleichen. Wenn er auch durch geschickte Manöver die
+Catonische Partei ins Unrecht zu setzen gewußt und alle, die einen
+Vorwand wünschten, um mit gutem Gewissen entweder neutral zu bleiben,
+wie die Senatsmajorität, oder seine Partei zu ergreifen, wie seine
+Soldaten und die Transpadaner, von seinem guten Recht hinreichend
+überzeugt hatte, so ließ sich doch die Masse der Bürgerschaft natürlich
+dadurch nicht irren und sah, als der Kommandant von Gallien seine
+Legionen gegen Rom in Bewegung setzte, allen formalen
+Rechtserörterungen zum Trotz, in Cato und Pompeius die Verteidiger der
+legitimen Republik, in Caesar den demokratischen Usurpator. Allgemein
+erwartete man ferner von dem Neffen des Marius, dem Schwiegersöhne des
+Cinna, dem Verbündeten des Catilina die Wiederholung der
+Marianisch-Cinnanischen Greuel, die Realisierung der von Catilina
+entworfenen Saturnalien der Anarchie; und wenn auch Caesar hierdurch
+allerdings Verbündete gewann, die politischen Flüchtlinge sofort in
+Masse sich ihm zur Verfügung stellten, die verlorenen Leute ihren
+Erlöser in ihm sahen, die niedrigsten Schichten des haupt- und
+landstädtischen Pöbels auf die Kunde von seinem Anmarsch in Gärung
+gerieten, so waren dies doch von den Freunden, die gefährlicher als die
+Feinde sind. Noch weniger als in Italien hatte Caesar in den Provinzen
+und den Klientelstaaten Einfluß. Das Transalpinische Gallien bis zum
+Rhein und zum Kanal gehorchte ihm zwar, und die Kolonisten von Narbo
+sowie die sonst daselbst ansässigen römischen Bürger waren ihm ergeben;
+allein selbst in der Narbonensischen Provinz hatte die
+Verfassungspartei zahlreiche Anhänger, und nun gar die neueroberten
+Landschaften waren für Caesar in dem bevorstehenden Bürgerkrieg weit
+mehr eine Last als ein Vorteil, wie er denn aus guten Gründen in
+demselben von dem keltischen Fußvolk gar keinen, von der Reiterei nur
+sparsamen Gebrauch machte. In den übrigen Provinzen und den
+benachbarten, halb oder ganz unabhängigen Staaten hatte Caesar wohl
+auch versucht, sich Rückhalt zu verschaffen, hatte den Fürsten reiche
+Geschenke gespendet, in manchen Städten große Bauten ausführen lassen
+und in Notfällen ihnen finanziellen und militärischen Beistand gewährt;
+allein im ganzen war natürlich damit nicht viel erreicht worden, und
+die Beziehungen zu den deutschen und keltischen Fürsten in den Rhein-
+und Donaulandschaften, namentlich die der Reiterwerbung wegen wichtige
+zu dem norischen König Voccio waren wohl die einzigen derartigen
+Verhältnisse, die für ihn etwas bedeuten mochten.
+
+Wenn Caesar also in den Kampf eintrat nur als Kommandant von Gallien,
+ohne andere wesentliche Hilfsmittel als brauchbare Adjutanten, ein
+treues Heer und eine ergebene Provinz, so begann ihn Pompeius als
+tatsächliches Oberhaupt des römischen Gemeinwesens und im Vollbesitz
+aller der legitimen Regierung des großen römischen Reiches zur
+Verfügung stehenden Hilfsquellen. Allein wenn seine Stellung politisch
+und militärisch weit ansehnlicher war, so war sie dagegen auch weit
+minder klar und fest. Die Einheit der Oberleitung, die aus Caesars
+Stellung sich von selbst und mit Notwendigkeit ergab, war dem Wesen der
+Koalition zuwider; und obwohl Pompeius, zu sehr Soldat, um sich über
+die Unentbehrlichkeit derselben zu täuschen, sie der Koalition
+aufzuzwingen versuchte und sich vom Senat zum alleinigen und
+unumschränkten Oberfeldherrn zu Lande und zur See ernennen ließ, so
+konnte doch der Senat selbst nicht beseitigt und ein überwiegender
+Einfluß auf die politische, ein gelegentliches und darum doppelt
+schädliches Eingreifen in die militärische Oberleitung ihm nicht
+verwehrt werden. Die Erinnerung an den zwanzigjährigen, auf beiden
+Seiten mit vergifteten Waffen geführten Krieg zwischen Pompeius und der
+Verfassungspartei, das auf beiden Seiten lebhaft vorhandene und mühsam
+verhehlte Bewußtsein, daß die nächste Folge des erfochtenen Sieges der
+Bruch zwischen den Siegern sein werde, die Verachtung, die man
+gegenseitig und von beiden Seiten mit nur zu gutem Grund sich zollte,
+die unbequeme Anzahl angesehener und einflußreicher Männer in den
+Reihen der Aristokratie und die geistige und sittliche Inferiorität
+fast aller Beteiligten erzeugten überhaupt bei den Gegnern Caesars ein
+widerwilliges und widersetzliches Zusammenwirken, das mit dem
+einträchtigen und geschlossenen Handeln auf der anderen Seite den
+übelsten Kontrast bildet.
+
+Wenn also alle Nachteile der Koalition unter sich feindlicher Mächte
+von Caesars Gegnern in ungewöhnlichem Maße empfunden wurden, so war
+doch allerdings auch diese Koalition eine sehr ansehnliche Macht. Die
+See beherrschte sie ausschließlich: alle Häfen, alle Kriegsschiffe,
+alles Flottenmaterial standen zu ihrer Verfügung. Die beiden Spanien,
+gleichsam Pompeius’ Hausmacht so gut wie die beiden Gallien Caesars,
+waren ihrem Herrn treu anhänglich und in den Händen tüchtiger und
+zuverlässiger Verwalter. Auch in den übrigen Provinzen, natürlich mit
+Ausnahme der beiden Gallien, waren die Statthalter- und
+Kommandantenstellen während der letzten Jahre unter dem Einfluß von
+Pompeius und der Senatsminorität mit sicheren Männern besetzt worden.
+Durchaus und mit großer Entschiedenheit ergriffen die Klientelstaaten
+Partei gegen Caesar und für Pompeius. Die bedeutendsten Fürsten und
+Städte waren in den verschiedenen Abschnitten seiner mannigfaltigen
+Wirksamkeit zu Pompeius in die engsten persönlichen Beziehungen
+getreten - wie er denn in dem Kriege gegen die Marianer der
+Waffengenosse der Könige von Numidien und Mauretanien gewesen war und
+das Reich des ersteren wiederaufgerichtet hatte; wie er im
+Mithradatischen Kriege außer einer Menge anderer kleinerer geistlicher
+und weltlicher Fürstentümer die Königreiche Bosporus, Armenien und
+Kappadokien wiederhergestellt, das galatische des Deiotarus geschaffen
+hatte; wie zunächst auf seine Veranlassung der Ägyptische Krieg
+unternommen und durch seinen Adjutanten die Lagidenherrschaft neu
+befestigt worden war. Selbst die Stadt Massalia in Caesars eigener
+Provinz verdankte wohl auch diesem manche Vergünstigungen, aber
+Pompeius vom Sertorianischen Kriege her eine sehr ansehnliche
+Gebietserweiterung, und es stand außerdem die hier regierende
+Oligarchie mit der römischen in einem natürlichen und durch vielfache
+Zwischenbeziehungen befestigten Bunde. Diese persönlichen Rücksichten
+und Verhältnisse sowie die Glorie des Siegers in drei Weltteilen,
+welche in diesen abgelegeneren Teilen des Reiches die des Eroberers von
+Gallien noch weit überstrahlte, schadeten indes hier Caesar vielleicht
+weniger noch als die daselbst nicht unbekannt gebliebenen An- und
+Absichten des Erben des Gaius Gracchus über die Notwendigkeit der
+Reunion der abhängigen Staaten und die Nützlichkeit der
+Provinzialkolonisationen. Keiner unter den abhängigen Dynasten sah von
+dieser Gefahr sich näher bedroht als König Juba von Numidien. Nicht
+bloß war er vor Jahren, noch bei Lebzeiten seines Vaters Hiempsal, mit
+Caesar persönlich aufs heftigste zusammengeraten, sondern es hatte auch
+kürzlich derselbe Curio, der jetzt unter Caesars Adjutanten fast den
+ersten Platz einnahm, bei der römischen Bürgerschaft den Antrag auf
+Einziehung des Numidischen Reiches gestellt. Sollte endlich es so weit
+kommen, daß die unabhängigen Nachbarstaaten in den römischen
+Bürgerkrieg eingriffen, so war der einzige wirklich mächtige, der der
+Parther, durch die zwischen Pakoros und Bibulus angeknüpfte Verbindung
+tatsächlich bereits mit der aristokratischen Partei alliiert, während
+Caesar viel zu sehr Römer war, um aus Parteiinteressen sich mit den
+Überwindern seines Freundes Crassus zu verkuppeln.
+
+Was Italien anlangt, so war, wie schon gesagt, die große Majorität der
+Bürgerschaft Caesar abgeneigt; vor allem natürlich die gesamte
+Aristokratie mit ihrem sehr beträchtlichen Anhang, nicht viel minder
+aber auch die hohe Finanz, die nicht hoffen durfte, bei einer
+durchgreifenden Reform des Gemeinwesens ihre parteiischen
+Geschworenengerichte und ihr Erpressungsmonopol zu konservieren. Ebenso
+antidemokratisch gesinnt waren die kleinen Kapitalisten, die
+Landgutsbesitzer und überhaupt alle Klassen, die etwas zu verlieren
+hatten; nur daß freilich in diesen Schichten die Sorge um die nächsten
+Zinstermine und um Saaten und Ernten in der Regel jede andere Rücksicht
+überwog.
+
+Die Armee, über die Pompeius verfügte, bestand hauptsächlich in den
+spanischen Truppen, sieben krieggewohnten und in jeder Hinsicht
+zuverlässigen Legionen, wozu die weiter in Syrien, Asia, Makedonien,
+Afrika, Sizilien und sonst befindlichen, freilich schwachen und sehr
+zerstreuten Truppenabteilungen kamen. In Italien standen unter den
+Waffen zunächst nur die zwei von Caesar kürzlich abgegebenen Legionen,
+deren Effektivbestand sich nicht über 7000 Mann belief und deren
+Zuverlässigkeit mehr als zweifelhaft war, da sie, ausgehoben im
+Diesseitigen Gallien und alte Waffengefährten Caesars, über die unfeine
+Intrige, durch die man sie das Lager hatte wechseln machen, in hohem
+Grade mißvergnügt waren und ihres Feldherrn, der die für den Triumph
+jedem Soldaten versprochenen Geschenke ihnen vor ihrem Abmarsch
+großmütig vorausgezahlt hatte, sehnsüchtig gedachten. Allein abgesehen
+davon, daß die spanischen Truppen mit dem Frühjahr entweder auf dem
+Landweg durch Gallien oder zur See in Italien eintreffen konnten,
+konnten in Italien die Mannschaften der von den Aushebungen von 699
+(55) noch übrigen drei Legionen sowie das im Jahre 702 (52) in Pflicht
+genommene italische Aufgebot aus dem Urlaub einberufen werden. Mit
+Einrechnung dieser stellte sich die Zahl der Pompeius im ganzen zur
+Verfügung stehenden Truppen, ohne die sieben Legionen in Spanien und
+die in den andern Provinzen zerstreuten zu rechnen, bloß in Italien auf
+zehn Legionen ^2 oder gegen 60000 Mann, so daß es eben keine
+Übertreibung war, wenn Pompeius behauptete, nur mit dem Fuße stampfen
+zu dürfen, um den Boden mit Bewaffneten zu bedecken. Freilich bedurfte
+es wenn auch kurzer, doch einiger Frist, um diese Truppen zu
+mobilisieren; die Anstalten dazu sowie zur Effektuierung der neuen,
+infolge des Ausbruchs des Bürgerkrieges vom Senat angeordneten
+Aushebungen waren aber auch bereits überall im Gange. Unmittelbar nach
+dem entscheidenden Senatsbeschluß (7. Januar 705 49), mitten im tiefen
+Winter, waren die angesehensten Männer der Aristokratie in die
+verschiedenen Landschaften abgegangen, um die Einberufung der Rekruten
+und die Anfertigung von Waffen zu beschleunigen. Sehr empfindlich war
+der Mangel an Reiterei, da man für diese gewohnt war, sich gänzlich auf
+die Provinzen und namentlich die keltischen Kontingente zu verlassen;
+um wenigstens einen Anfang zu machen, wurden dreihundert Caesar
+gehörende Gladiatoren aus den Fechtschulen von Capua entnommen und
+beritten gemacht, was indes so allgemeine Mißbilligung fand, daß
+Pompeius diese Truppe wieder auflöste und dafür aus den berittenen
+Hirtensklaven Apuliens 300 Reiter aushob.
+
+————————————————————————
+
+^2 Diese Ziffer gab Pompeius selbst an (Caes. civ. 1, 6) und es stimmt
+damit, daß er in Italien etwa 60 Kohorten oder 30000 Mann einbüßte und
+25000 nach Griechenland überführte (Caes, civ. 3, 10).
+
+————————————————————————-
+
+In der Staatskasse war Ebbe wie gewöhnlich; man war beschäftigt, aus
+den Gemeindekassen und selbst den Tempelschätzen der Munizipien den
+unzureichenden Barbestand zu ergänzen.
+
+Unter diesen Umständen ward zu Anfang Januar 705 (49) der Krieg
+eröffnet. Von marschfähigen Truppen hatte Caesar nicht mehr als eine
+Legion, 5000 Mann Infanterie und 300 Reiter, bei Ravenna, das auf der
+Chaussee etwa 50 deutsche Meilen von Rom entfernt war; Pompeius zwei
+schwache Legionen, 7000 Mann Infanterie und eine geringe Reiterschar,
+unter Appius Claudius’ Befehlen bei Luceria, von wo man, ebenfalls auf
+der Chaussee, ungefähr ebensoweit nach der Hauptstadt hatte. Die
+anderen Truppen Caesars, abgesehen von den rohen, noch in der Bildung
+begriffenen Rekrutenabteilungen, standen zur Hälfte an der Saône und
+Loire, zur Hälfte in Belgien, während Pompeius’ italische Reserven
+bereits von allen Seiten in den Sammelplätzen eintrafen; lange bevor
+auch nur die Spitze der transalpinischen Heerhaufen Caesars in Italien
+einrücken konnte, wußte hier ein weit überlegenes Heer bereit stehen,
+sie zu empfangen. Es schien eine Torheit, mit einem Haufen von der
+Stärke des Catilinarischen und augenblicklich ohne wirksame Reserve
+angreifend vorzugehen gegen eine überlegene und stündlich anwachsende
+Armee unter einem fähigen Feldherrn; allein es war eine Torheit im
+Geiste Hannibals. Wenn der Anfang des Kampfes bis zum Frühjahr sich
+hinauszog, so ergriffen Pompeius’ spanische Truppen im
+Transalpinischen, seine italischen im Cisalpinischen Gallien die
+Offensive, und Pompeius, als Taktiker Caesar gewachsen, an Erfahrung
+ihm überlegen, war in einem solchen regelmäßig verlaufenden Feldzug ein
+furchtbarer Gegner. Jetzt ließ er vielleicht, gewohnt, mit überlegenen
+Massen langsam und sicher zu operieren, durch einen durchaus
+improvisierten Angriff sich deroutieren; und was Caesars dreizehnte
+Legion nach der ernsten Probe des gallischen Überfalls und der
+Januarkampagne im Bellovakerland nicht aus der Fassung bringen konnte,
+die Plötzlichkeit des Krieges und die Mühsal des Winterfeldzuges, maßte
+die Pompeianischen aus alten Caesarischen Soldaten oder auch schlecht
+geübten Rekruten bestehenden und noch in der Bildung begriffenen
+Heerhaufen desorganisieren.
+
+So rückte denn Caesar in Italien ein ^3. Zwei Chausseen führten damals
+aus der Romagna nach Süden: die Aemilisch-Cassische, die von Bononia
+über den Apennin nach Arretium und Rom, und die Popillisch-Flaminische,
+die von Ravenna an der Küste des Adriatischen Meeres nach Fanum und,
+dort sich teilend, in westlicher Richtung durch den Furlopaß nach Rom,
+in südlicher nach Ancona und weiter nach Apulien lief. Auf der ersteren
+gelangte Marcus Antonius bis Arretium; auf der zweiten drang Caesar
+selbst vor. Widerstand ward nirgends geleistet: die vornehmen
+Werbeoffiziere waren keine Militärs, die Rekrutenmassen keine Soldaten,
+die Landstädter nur besorgt, nicht in eine Belagerung verwickelt zu
+werden. Als Curio mit 1500 Mann auf Iguvium anrückte, wo ein paar
+tausend umbrische Rekruten unter dem Prätor Quintus Minucius Thermus
+sich gesammelt hatten, suchten, auf die bloße Meldung seines
+Anmarsches, General und Soldaten das Weite; und ähnlich ging es im
+kleinen überall. Caesar hatte die Wahl, entweder gegen Rom, dem seine
+Reiter in Arretium bereits auf 28 deutsche Meilen sich genähert hatten,
+oder gegen die bei Luceria lagernden Legionen zu marschieren. Er wählte
+das letztere. Die Konsternation der Gegenpartei war grenzenlos.
+Pompeius erhielt die Meldung von Caesars Anmarsch in Rom; er schien
+anfangs die Hauptstadt verteidigen zu wollen, aber als die Nachricht
+von Caesars Einrücken in das Picenische und von seinen ersten Erfolgen
+daselbst einlief, gab er sie auf und befahl die Räumung. Ein panischer
+Schreck, vermehrt durch das falsche Gerücht, daß vor den Toren sich
+Caesars Reiter gezeigt hätten, kam über die vornehme Welt. Die
+Senatoren, denen angezeigt worden war, daß man jeden in der Hauptstadt
+Zurückbleibenden als Mitschuldigen des Rebellen Caesar behandeln werde,
+strömten scharenweise aus den Toren. Die Konsuln selbst hatten so
+vollständig den Kopf verloren, daß sie nicht einmal die Kassen in
+Sicherheit brachten; als Pompeius sie aufforderte, dies nachzuholen,
+wozu ausreichend Zeit war, ließen sie ihm zurücksagen, daß sie es für
+sicherer hielten, wenn er zuvor Picenum besetze! Man war ratlos; also
+ward großer Kriegsrat in Teanum Sidicinum gehalten (23. Januar), dem
+Pompeius, Labienus und beide Konsuln beiwohnten. Zunächst lagen wieder
+Vergleichsvorschläge Caesars vor: selbst jetzt noch erklärte dieser
+sich bereit, sein Heer sofort zu entlassen, seine Provinzen den
+ernannten Nachfolgern zu übergeben und sich in regelrechter Weise um
+das Konsulat zu bewerben, wofern Pompeius nach Spanien abgehe und
+Italien entwaffnet werde. Die Antwort war, daß man, wenn Caesar
+sogleich in seine Provinz zurückkehre, sich anheischig mache, die
+Entwaffnung Italiens und die Abreise des Pompeius durch einen
+ordnungsmäßig in der Hauptstadt zu fassenden Senatsbeschluß
+herbeizuführen; was vielleicht nicht eine plumpe Prellerei, sondern
+eine Annahme des Vergleichsvorschlags sein sollte, jedenfalls aber der
+Sache nach das Gegenteil war. Die von Caesar gewünschte persönliche
+Zusammenkunft mit Pompeius lehnte dieser ab und mußte sie ablehnen, um
+nicht durch den Anschein einer neuen Koalition mit Caesar das schon
+rege Mißtrauen der Verfassungspartei noch mehr zu reizen. Die
+Kriegführung anlangend einigte man in Teanum sich dahin, daß Pompeius
+das Kommando der bei Luceria stehenden Truppen, auf denen trotz ihrer
+Unzuverlässigkeit doch alle Hoffnung beruhte, übernehmen, mit diesen in
+seine und Labienus’ Heimat, in Picenum, einrücken, dort wie einst vor
+fünfunddreißig Jahren den Landsturm persönlich zu den Waffen rufen und
+an der Spitze der treuen picenischen und der kriegsgewohnten, ehemals
+Caesarischen Kohorten versuchen solle, dem Vordringen des Feindes eine
+Schranke zu setzen. Es kam nur darauf an, ob die picenische Landschaft
+sich so lange hielt, bis Pompeius zu ihrer Verteidigung herankam.
+Bereits war Caesar mit seiner wiedervereinigten Armee auf der
+Küstenstraße über Ancona in dieselbe eingedrungen. Auch hier waren die
+Rüstungen in vollem Gange; gleich in der nördlichsten picenischen Stadt
+Auximum stand ein ansehnlicher Haufe von Rekruten unter Publius Attius
+Varus beisammen; allein auf Ersuchen der Munizipalität räumte Varus die
+Stadt, noch ehe Caesar erschien, und eine Handvoll von dessen Soldaten,
+die den Trupp unweit Auximum einholten, zerstreuten ihn vollständig
+nach kurzem Gefecht - es war das erste in diesem Kriege. Ebenso räumten
+bald darauf Gaius Lucilius Hirrus mit 3000 Mann Camerinum, Publius
+Lentulus Spinther mit 5000 Asculum. Die Pompeius ganz ergebenen
+Mannschaften ließen zum größten Teil Haus und Hof willig im Stich und
+folgten den Führern über die Grenze: die Landschaft selbst aber war
+schon verloren, als der zur vorläufigen Leitung der Verteidigung von
+Pompeius gesandte Offizier Lucius Vibullius Rufus, kein vornehmer
+Senator, aber ein kriegskundiger Militär, daselbst eintraf; er mußte
+sich begnügen, die geretteten etwa 6000 bis 7000 Rekruten den unfähigen
+Werbeoffizieren abzunehmen und sie vorläufig nach dem nächsten
+Sammelplatz zu führen. Dies war Corfinium, der Mittelpunkt der
+Aushebungen im albensischen, marsischen und pälignischen Gebiet; die
+hier versammelte Rekrutenmasse von beiläufig 15000 Mann war das
+Kontingent der streitbarsten und der zuverlässigsten Landschaften
+Italiens und der Kern des in der Bildung begriffenen Heeres der
+Verfassungspartei. Als Vibullius hier eintraf, war Caesar noch mehrere
+Tagemärsche zurück; es war nichts im Wege, Pompeius’ Instruktionen
+gemäß sofort aufzubrechen und die geretteten picenischen nebst den in
+Corfinium gesammelten Rekruten dem Hauptheer in Apulien zuzuführen.
+Allein in Corfinium kommandierte der designierte Nachfolger Caesars in
+der Statthalterschaft des Jenseitigen Gallien, Lucius Domitius, einer
+der borniertesten Starrköpfe der römischen Aristokratie; und dieser
+weigerte sich nicht bloß, Pompeius’ Befehlen Folge zu leisten, sondern
+verhinderte auch den Vibullius, wenigstens mit der picenischen
+Mannschaft nach Apulien abzurücken. So fest hielt er sich überzeugt,
+daß Pompeius nur aus Eigensinn zaudere und notwendig zum Entsatz
+herbeikommen müsse, daß er kaum sich ernstlich auf die Belagerung
+gefußt machte und nicht einmal die in die umliegenden Städte verlegten
+Rekrutenhaufen in Corfinium zusammenzog. Pompeius aber erschien nicht
+und aus guten Gründen; denn seine beiden unzuverlässigen Legionen
+konnte er wohl als Rückhalt für den picenischen Landsturm verwenden,
+aber nicht mit ihnen allein Caesar die Schlacht anbieten. Dafür kam
+nach wenigen Tagen Caesar (14. Februar). Zu den Truppen desselben war
+in Picenum die zwölfte und vor Corfinium die achte von den
+transalpinischen Legionen gestoßen, und außerdem wurden teils aus den
+gefangenen oder freiwillig sich stellenden Pompeianischen Mannschaften,
+teils aus den überall sofort ausgehobenen Rekruten drei neue Legionen
+gebildet, so daß Caesar vor Corfinium bereits an der Spitze einer Armee
+von 40000 Mann, zur Hälfte gedienter Leute, stand. Solange Domitius auf
+Pompeius’ Eintreffen hoffte, ließ er die Stadt verteidigen; als dessen
+Briefe ihn endlich enttäuscht hatten, beschloß er nicht etwa, auf dem
+verlorenen Posten auszuharren, womit er seiner Partei den größten
+Dienst geleistet haben würde, auch nicht einmal zu kapitulieren,
+sondern, während dem gemeinen Soldaten der Entsatz als nahe
+bevorstehend angekündigt ward, selber mit den vornehmen Offizieren in
+der nächsten Nacht auszureißen. Indes selbst diesen sauberen Plan ins
+Werk zu setzen verstand er nicht. Sein verwirrtes Benehmen verriet ihn.
+Ein Teil der Mannschaften fing an zu meutern: die marsischen Rekruten,
+die eine solche Schändlichkeit ihres Feldherrn nicht für möglich
+hielten, wollten gegen die Meuterer kämpfen; aber auch sie mußten sich
+widerwillig von der Wahrheit der Anschuldigung überzeugen, worauf denn
+die gesamte Besatzung ihren Stab festnahm und ihn, sich und die Stadt
+an Caesar übergab (20. Februar). Das 3000 Mann starke Korps in Alba und
+1500 in Tarracina gesammelte Rekruten streckten hierauf die Waffen,
+sowie Caesars Reiterpatrouillen sich zeigten; eine dritte Abteilung in
+Sulmo von 3500 Mann war bereits früher genötigt worden zu kapitulieren.
+
+———————————————————————-
+
+^3 Der Senatsbeschluß war vom 7. Januar; am 18. wußte man schon in Rom
+seit mehreren Tagen, daß Caesar die Grenze überschritten habe (Cic.
+Att. 7, 10; 9, 10, 4); der Bote brauchte von Rom nach Ravenna
+allermindestens drei Tage. Danach fällt der Aufbruch um den 12. Januar,
+welcher nach der gangbaren Reduktion dem julianischen 24. November 704
+(50) entspricht.
+
+———————————————————————-
+
+Pompeius hatte Italien verloren gegeben, sowie Caesar Picenum
+eingenommen hatte; nur wollte er die Einschiffung so lange wie möglich
+verzögern, um von den Mannschaften zu retten, was noch zu retten war.
+Langsam hatte er demnach sich nach dem nächsten Hafenplatz Brundisium
+in Bewegung gesetzt. Hier fanden die beiden Legionen von Luceria und
+was Pompeius in dem menschenleeren Apulien an Rekruten in der Eile
+hatte zusammenraffen können, sowie die von den Konsuln und sonstigen
+Beauftragten in Kompanien ausgehobenen und eiligst nach Brundisium
+geführten Leute sich ein; ebendahin begab sich eine Menge politischer
+Flüchtlinge, unter ihnen die angesehensten Senatoren in Begleitung
+ihrer Familien. Die Einschiffung begann; allein die vorrätigen
+Fahrzeuge genügten nicht, um die ganze Masse, die sich doch noch auf
+25000 Köpfe belief, auf einmal zu transportieren. Es blieb nichts
+übrig, als das Heer zu teilen. Die größere Hälfte ging vorauf (4.
+März), mit der kleineren von etwa 10000 Mann erwartete Pompeius in
+Brundisium die Rückkehr der Flotte; denn wie wünschenswert für einen
+etwaigen Versuch, Italien wieder einzunehmen, auch der Besitz von
+Brundisium war, so getraute man sich doch nicht, den Platz auf die
+Dauer gegen Caesar zu halten. Inzwischen traf Caesar vor Brundisium
+ein; die Belagerung begann. Caesar versuchte vor allem, die
+Hafenmündung durch Dämme und schwimmende Brücken zu schließen, um die
+rückkehrende Flotte auszusperren; allein Pompeius ließ die im Hafen
+liegenden Handelsfahrzeuge armieren und wußte die völlige Schließung
+des Hafens so lange zu verhindern, bis die Flotte erschien und die von
+Pompeius, trotz der Wachsamkeit der Belagerer und der feindlichen
+Gesinnung der Stadtbewohner, mit großer Geschicklichkeit bis auf den
+letzten Mann unbeschädigt aus der Stadt herausgezogenen Truppen aus
+Caesars Bereich nach Griechenland entführte (17. März). An dem Mangel
+einer Flotte scheiterte wie die Belagerung selbst, so auch die weitere
+Verfolgung.
+
+In einem zweimonatlichen Feldzug, ohne ein einziges ernstliches
+Gefecht, hatte Caesar eine Armee von zehn Legionen so aufgelöst, daß
+mit genauer Not die kleinere Hälfte derselben in verwirrter Flucht über
+das Meer entkommen, die ganze italische Halbinsel aber mit Einschluß
+der Hauptstadt nebst der Staatskasse und allen daselbst aufgehäuften
+Vorräten in die Gewalt des Siegers geraten war. Nicht ohne Grund klagte
+die geschlagene Partei über die schauerliche Raschheit, Einsicht und
+Energie des “Ungeheuers”.
+
+Indes es ließ sich fragen, ob Caesar durch die Eroberung Italiens mehr
+gewann oder mehr verlor. In militärischer Hinsicht wurden zwar jetzt
+sehr ansehnliche Hilfsquellen nicht bloß den Gegnern entzogen, sondern
+auch für Caesar flüssig gemacht; schon im Frühjahr 705 (49) zählte
+seine Armee infolge der überall angeordneten massenhaften Aushebungen
+außer den neun alten eine bedeutende Anzahl von Rekrutenlegionen.
+Andererseits aber wurde es jetzt nicht bloß nötig, in Italien eine
+ansehnliche Besatzung zurückzulassen, sondern auch Maßregeln zu treffen
+gegen die von den seemächtigen Gegnern beabsichtigte Sperrung des
+überseeischen Verkehrs und die infolgedessen namentlich der Hauptstadt
+drohende Hungersnot, wodurch Caesars bereits hinreichend verwickelte
+militärische Aufgabe noch weiter sich komplizierte. Finanziell war es
+allerdings von Belang, daß es Caesar geglückt war, der hauptstädtischen
+Kassenbestände sich zu bemächtigen; aber die hauptsächlichsten
+Einnahmequellen, namentlich die Abgaben aus dem Orient, waren doch in
+den Händen des Feindes und bei den so sehr vermehrten Bedürfnissen für
+das Heer sowie der neuen Verpflichtung, für die darbende
+hauptstädtische Bevölkerung zu sorgen, zerrannen die vorgefundenen
+ansehnlichen Summen so schnell, daß Caesar sich bald genötigt sah, den
+Privatkredit anzusprechen, und, da er unmöglich damit lange sich
+fristen zu können schien, allgemein als die einzig übrig bleibende
+Aushilfe umfassende Konfiskationen erwartet wurden.
+
+Ernstere Schwierigkeiten noch bereiteten die politischen Verhältnisse,
+in welche Caesar mit der Eroberung Italiens eintrat. Die Besorgnis der
+besitzenden Klassen vor einer anarchischen Umwälzung war allgemein.
+Feinde und Freunde sahen in Caesar einen zweiten Catilina; Pompeius
+glaubte oder behauptete zu glauben, daß Caesar nur durch die
+Unmöglichkeit, seine Schulden zu bezahlen, zum Bürgerkrieg getrieben
+worden sei. Das war allerdings absurd; aber in der Tat waren Caesars
+Antezedentien nichts weniger als beruhigend und noch weniger beruhigend
+der Hinblick auf das Gefolge, das jetzt ihn umgab. Individuen des
+anbrüchigsten Rufes, stadtkundige Gesellen wie Quintus Hortensius,
+Gaius Curio, Marcus Antonius - dieser der Stiefsohn des auf Ciceros
+Befehl hingerichteten Catilinariers Lentulus - spielten darin die
+ersten Rollen; die höchsten Vertrauensposten wurden an Männer vergeben,
+die es längst aufgegeben hatten, ihre Schulden auch nur zu summieren;
+man sah Caesarische Beamte Tänzerinnen nicht bloß unterhalten - das
+taten andere auch -, sondern öffentlich in Begleitung solcher Dirnen
+erscheinen. War es ein Wunder, daß auch ernsthafte und politisch
+parteilose Männer Amnestie für alle landflüchtigen Verbrecher,
+Vernichtung der Schuldbücher, umfassende Konfiskations-, Acht- und
+Mordbefehle erwarteten, ja eine Plünderung Roms durch die gallische
+Soldateska?
+
+Indes hierin täuschte das “Ungeheuer” die Erwartungen seiner Feinde wie
+seiner Freunde. Schon wie Caesar die erste italische Stadt Ariminum
+besetzte, untersagte er allen gemeinen Soldaten, sich bewaffnet
+innerhalb der Mauern sehen zu lassen; durchaus und ohne Unterschied, ob
+sie ihn freundlich oder feindlich empfangen hatten, wurden die
+Landstädte vor jeder Unbill geschützt. Als die meuterische Garnison am
+späten Abend Corfinium übergab, verschob er, gegen jede militärische
+Rücksicht, die Besetzung der Stadt bis zum anderen Morgen, einzig, um
+die Bürgerschaft nicht einem nächtlichen Einmarsch seiner erbitterten
+Soldaten preiszugeben. Von den Gefangenen wurden die Gemeinen, als
+voraussetzlich politisch indifferent, in die eigene Armee eingereiht,
+die Offiziere aber nicht bloß verschont, sondern auch ohne Unterschied
+der Person und ohne Annahme irgendwelcher Zusagen frei entlassen, und
+was sie als Privateigentum in Anspruch nahmen, ohne auch nur die
+Berechtigung der Reklamationen mit Strenge zu untersuchen, ihnen ohne
+Weiterungen verabfolgt. So ward selbst Lucius Domitius behandelt, ja
+sogar dem Labienus das zurückgelassene Geld und Gepäck ins feindliche
+Lager nachgesandt. In der peinlichsten Finanznot wurden dennoch die
+ungeheuren Güter der anwesenden wie der abwesenden Gegner nicht
+angegriffen; ja Caesar borgte lieber bei den Freunden, als daß er auch
+nur durch Ausschreibung der formell zulässigen, aber tatsächlich
+antiquierten Grundsteuer die Besitzenden gegen sich aufgeregt hätte.
+Nur die Hälfte, und nicht die schwerere, seiner Aufgabe betrachtete der
+Sieger als mit dem Siege gelöst; die Bürgschaft der Dauer sah er nach
+seiner eigenen Äußerung allein in der unbedingten Begnadigung der
+Besiegten und hatte darum auch auf dem ganzen Marsche von Ravenna bis
+Brundisium unablässig die Versuche erneuert, eine persönliche
+Zusammenkunft mit Pompeius und einen erträglichen Vergleich
+einzuleiten. Aber wenn die Aristokratie schon früher von keiner
+Aussöhnung hatte wissen wollen, so hatte die unerwartete und so
+schimpfliche Emigration ihren Zorn bis zum Wahnsinn gesteigert, und das
+wilde Racheschnauben der Geschlagenen kontrastierte seltsam mit der
+Versöhnlichkeit des Siegers. Die aus dem Emigrantenlager den in Italien
+zurückgebliebenen Freunden regelmäßig zukommenden Mitteilungen flossen
+über von Entwürfen zu Konfiskationen und Proskriptionen, von
+Epurationsplänen des Senats und des Staats, gegen die Sullas
+Restaurationen Kinderspiel waren und die selbst die gemäßigten
+Parteigenossen mit Entsetzen vernahmen. Die tolle Leidenschaft der
+Ohnmacht, die weise Mäßigung der Macht taten ihre Wirkung. Die ganze
+Masse, der die materiellen Interessen über die politischen gingen, warf
+sich Caesar in die Arme. Die Landstädte vergötterten “die
+Rechtschaffenheit, die Mäßigung, die Klugheit” des Siegers; und selbst
+die Gegner räumten ein, daß es mit diesen Huldigungen Ernst war. Die
+hohe Finanz, Steuerpächter und Geschworene verspürten nach dem argen
+Schiffbruch, der die Verfassungspartei in Italien betroffen hatte,
+keine besondere Lust, sich weiter denselben Steuermännern
+anzuvertrauen; die Kapitalien kamen wieder zum Vorschein und “die
+reichen Herren begaben sich wieder an ihr Tagewerk, die Zinsbücher zu
+schreiben”. Selbst die große Majorität des Senats, wenigstens der Zahl
+nach - denn allerdings befanden sich von den vornehmeren und
+einflußreichen Senatsmitgliedern nur wenige darunter - war, trotz der
+Befehle des Pompeius und der Konsuln, in Italien, zum Teil sogar in der
+Hauptstadt selbst zurückgeblieben und ließ Caesars Regiment sich
+gefallen. Caesars eben in ihrer scheinbaren Überschwenglichkeit
+wohlberechnete Milde erreichte ihren Zweck: die zappelnde Angst der
+besitzenden Klassen vor der drohenden Anarchie wurde einigermaßen
+beschwichtigt. Wohl war dies für die Folgezeit ein unberechenbarer
+Gewinn; die Abwendung der Anarchie und der fast nicht minder
+gefährlichen Angst vor der Anarchie war die Vorbedingung der künftigen
+Reorganisation des Gemeinwesens. Aber für den Augenblick war diese
+Milde für Caesar gefährlicher als die Erneuerung der cinnanischen und
+catilinarischen Raserei gewesen sein würde; sie verwandelte Feinde
+nicht in Freunde und Freunde in Feinde. Caesars catilinarischer Anhang
+grollte, daß das Morden und Plündern unterblieb; von diesen verwegenen,
+verzweifelten und zum Teil talentvollen Gesellen waren die
+bedenklichsten Quersprünge zu erwarten. Die Republikaner aller
+Schattierungen dagegen wurden durch die Gnade des Überwinders weder
+bekehrt noch versöhnt. Nach dem Credo der Catonischen Partei entband
+die Pflicht gegen das, was sie Vaterland nannte, von jeder anderen
+Rücksicht; selbst wer Caesar Freiheit und Leben verdankte, blieb befugt
+und verpflichtet, gegen ihn die Waffen zu ergreifen oder doch
+mindestens gegen ihn zu komplottieren. Die minder entschiedenen
+Fraktionen der Verfassungspartei ließen zwar allenfalls sich willig
+finden, von dem neuen Monarchen Frieden und Schutz anzunehmen; aber sie
+hörten doch darum nicht auf, die Monarchie wie den Monarchen von Herzen
+zu verwünschen. Je offenbarer die Verfassungsänderung hervortrat, desto
+bestimmter kam der großen Majorität der Bürgerschaft, sowohl in der
+politisch lebhaften, aufgeregten Hauptstadt wie in der energischen
+ländlichen und landstädtischen Bevölkerung, ihre republikanische
+Besinnung zum Bewußtsein; insofern berichteten die Verfassungsfreunde
+in Rom mit Recht an ihre Gesinnungsgenossen im Exil, daß daheim alle
+Klassen und alle Individuen pompeianisch gesinnt seien. Die schwierige
+Stimmung all dieser Kreise wurde noch gesteigert durch den moralischen
+Druck, den die entschiedeneren und vornehmeren Gesinnungsgenossen eben
+als Emigranten auf die Menge der Geringeren und Lauen ausübten. Dem
+ehrlichen Mann schlug über sein Verbleiben in Italien das Gewissen; der
+Halbaristokrat glaubte sich zu den Plebejern zu stellen, wenn er nicht
+mit den Domitiern und den Metellern ins Exil ging und gar, wenn er in
+dem Caesarischen Senat der Nullitäten mitsaß. Die eigene Milde des
+Siegers gab dieser stillen Opposition erhöhte politische Bedeutung: da
+Caesar nun einmal des Terrorismus sich enthielt, so schienen die
+heimlichen Gegner ihre Abneigung gegen sein Regiment ohne viele Gefahr
+betätigen zu können. Sehr bald machte er in dieser Beziehung
+merkwürdige Erfahrungen mit dem Senat. Caesar hatte den Kampf begonnen,
+um den terrorisierten Senat von seinen Unterdrückern zu befreien. Dies
+war geschehen; er wünschte also von dem Senat die Billigung des
+Geschehenen, die Vollmacht zu weiterer Fortsetzung des Krieges zu
+erlangen. Zu diesem Zwecke beriefen, als Caesar vor der Hauptstadt
+erschien (Ende März), die Volkstribune seiner Partei ihm den Senat (1.
+April). Die Versammlung war ziemlich zahlreich, aber selbst von den in
+Italien verbliebenen Senatoren waren doch die namhaftesten
+ausgeblieben, sogar der ehemalige Führer der servilen Majorität, Marcus
+Cicero, und Caesars eigener Schwiegervater Lucius Piso; und was
+schlimmer war, auch die Erschienenen waren nicht geneigt, auf Caesars
+Vorschläge einzugehen. Als Caesar von einer Vollmacht zur Fortsetzung
+des Krieges sprach, meinte der eine der zwei einzigen anwesenden
+Konsulare, Servius Sulpicius Rufus, ein urfurchtsamer Mann, der nichts
+wünschte als einen ruhigen Tod in seinem Bette, daß Caesar sich mehr um
+das Vaterland verdient machen werde, wenn er es aufgebe, den Krieg nach
+Griechenland und Spanien zu tragen. Als dann Caesar den Senat ersuchte,
+wenigstens seine Friedensvorschläge an Pompeius zu übermitteln, war man
+dem an sich zwar nicht entgegen, aber die Drohungen der Emigranten
+gegen die Neutralen hatten diese so in Furcht gesetzt, daß niemand sich
+fand, um die Friedensbotschaft zu übernehmen. An der Abneigung der
+Aristokratie, den Thron des Monarchen errichten zu helfen, und an
+derselben Schlaffheit des hohen Kollegiums, durch die kurz zuvor Caesar
+Pompeius’ legale Ernennung zum Oberfeldherrn in dem Bürgerkrieg
+vereitelt hatte, scheiterte jetzt auch er mit dem gleichen Verlangen.
+Andere Hemmungen kamen hinzu. Caesar wünschte, um seine Stellung doch
+irgendwie zu regulieren, zum Diktator ernannt zu werden; es geschah
+nicht, weil ein solcher verfassungsmäßig nur von einem der Konsuln
+bestellt werden konnte und der Versuch, den Konsul Lentulus zu kaufen,
+wozu bei dessen zerrütteten Vermögensverhältnissen wohl Aussicht war,
+dennoch fehlschlug. Der Volkstribun Lucius Metellus ferner legte gegen
+sämtliche Schritte des Prokonsuls Protest ein und machte Miene, die
+Staatskasse, als Caesars Leute kamen, um sie zu leeren, mit seinem
+Leibe zu decken. Caesar konnte in diesem Falle nicht umhin, den
+Unverletzlichen so sänftiglich wie möglich beiseiteschieben zu lassen;
+übrigens blieb er dabei, sich aller Gewaltschritte zu enthalten. Dem
+Senat erklärte er, ebenwie es kurz zuvor die Verfassungspartei getan,
+daß er zwar gewünscht habe, auf gesetzlichem Wege und mit Beihilfe der
+höchsten Behörde die Verhältnisse zu ordnen; allein da diese verweigert
+werde, könne er ihrer auch entraten. Ohne weiter um den Senat und die
+staatsrechtlichen Formalien sich zu kümmern, übergab er die
+einstweilige Verwaltung der Hauptstadt dem Prätor Marcus Aemilius
+Lepidus als Stadtpräfekten und ordnete für die Verwaltung der ihm
+gehorchenden Landschaften und die Fortsetzung des Krieges das
+Erforderliche an. Selbst unter dem Getöse des Riesenkampfes und neben
+dem lockenden Klang der verschwenderischen Versprechungen Caesars
+machte es noch tiefen Eindruck auf die hauptstädtische Menge, als sie
+in ihrem freien Rom zum erstenmal den Monarchen als Monarchen schalten
+und die Tür der Staatskasse durch seine Soldaten aufsprengen sah.
+Allein die Zeiten waren nicht mehr, wo Eindrücke und Stimmungen der
+Masse den Gang der Ereignisse bestimmten; die Legionen entschieden und
+auf einige schmerzliche Empfindungen mehr oder weniger kam eben nichts
+weiter an.
+
+Caesar eilte, den Krieg wiederaufzunehmen. Seine bisherigen Erfolge
+verdankte er der Offensive, und er gedachte auch ferner, dieselbe
+festzuhalten. Die Lage seines Gegners war seltsam. Nachdem der
+ursprüngliche Plan, den Feldzug zugleich von Italien und Spanien aus in
+den beiden Gallien offensiv zu führen, durch Caesars Angriff vereitelt
+war, hatte Pompeius nach Spanien zu gehen beabsichtigt. Hier hatte er
+eine sehr starke Stellung. Das Heer zählte sieben Legionen; es dienten
+darin eine große Anzahl von Pompeius’ Veteranen, und die mehrjährigen
+Kämpfe in den lusitanischen Bergen hatten Soldaten und Offiziere
+gestählt. Unter den Anführern war Marcus Varro zwar nichts als ein
+berühmter Gelehrter und ein getreuer Anhänger; aber Lucius Afranius
+hatte mit Auszeichnung im Orient und in den Alpen gefochten, und Marcus
+Petreius, der Überwinder Catilinas, war ein ebenso unerschrockener wie
+fähiger Offizier. Wenn in der jenseitigen Provinz Caesar noch von
+seiner Statthalterschaft her mancherlei Anhang hatte, so war dagegen
+die wichtigere Ebroprovinz mit allen Banden der Verehrung und der
+Dankbarkeit an den berühmten General gefesselt, der zwanzig Jahre zuvor
+im Sertorianischen Kriege in ihr das Kommando geführt und nach dessen
+Beendigung sie neu eingerichtet hatte. Pompeius konnte nach der
+italischen Katastrophe offenbar nichts Besseres tun als mit den
+geretteten Heerestrümmern sich dorthin begeben und an der Spitze seiner
+gesamten Macht Caesar entgegentreten. Unglücklicherweise aber hatte er,
+in der Hoffnung, die in Corfinium stehenden Truppen noch retten zu
+können, so lange in Apulien sich verweilt, daß er statt der
+kampanischen Häfen das nähere Brundisium zum Einschiffungsort zu wählen
+genötigt war. Warum er, Herr der See und Siziliens, nicht späterhin auf
+den ursprünglichen Plan wieder zurück kam, läßt sich nicht entscheiden;
+ob vielleicht die Aristokratie in ihrer kurzsichtigen und mißtrauischen
+Art keine Lust bezeigte, sich den spanischen Truppen und der spanischen
+Bevölkerung anzuvertrauen - genug, Pompeius blieb im Osten und Caesar
+hatte die Wahl, den nächsten Angriff entweder gegen die Armee zu
+richten, die in Griechenland unter Pompeius’ eigenem Befehl sich
+organisierte, oder gegen die schlagfertige seiner Unterfeldherren in
+Spanien. Er hatte für das letztere sich entschieden und, sowie der
+italische Feldzug zu Ende ging, Maßregeln getroffen, um neun seiner
+besten Legionen, ferner 6000 Reiter, teils in den Keltengauen von
+Caesar einzeln ausgesuchte Leute, teils deutsche Söldner, und eine
+Anzahl iberischer und ligurischer Schützen an der unteren Rhone
+zusammenzuziehen.
+
+Aber ebenhier waren auch seine Gegner tätig gewesen. Der vom Senat an
+Caesars Stelle zum Statthalter des Jenseitigen Galliens ernannte Lucius
+Domitius hatte von Corfinium aus, sowie Caesar ihn freigegeben, sich
+mit seinem Gesinde und mit Pompeius’ Vertrauensmann Lucius Vibullius
+Rufus nach Massalia auf den Weg gemacht und in der Tat die Stadt
+bestimmt, sich für Pompeius zu erklären, ja Caesars Truppen den
+Durchmarsch zu weigern. Von den spanischen Truppen blieben die zwei am
+wenigsten zuverlässigen Legionen unter Varros Oberbefehl in der
+jenseitigen Provinz stehen; dagegen hatten die fünf besten, verstärkt
+durch 40000 Mann spanischen Fußvolks, teils keltiberischer
+Linieninfanterie, teils lusitanischer und anderer Leichten, und durch
+5000 spanische Reiter, unter Afranius und Petreius, den durch Vibullius
+überbrachten Befehlen des Pompeius gemäß sich aufgemacht, um die
+Pyrenäen dem Feinde zu sperren.
+
+Hierüber traf Caesar selbst in Gallien ein und entsandte sogleich, da
+die Einleitung der Belagerung von Massalia ihn selber noch zurückhielt,
+den größten Teil seiner an der Rhone versammelten Truppen, sechs
+Legionen und die Reiterei, auf der großen, über Narbo (Narbonne) nach
+Rhode (Rosas) führenden Chaussee, um an den Pyrenäen dem Feinde
+zuvorzukommen. Es gelang; als Afranius und Petreius an den Pässen
+anlangten, fanden sie dieselben bereits besetzt von den Caesarianern
+und die Linie der Pyrenäen verloren. Sie nahmen darauf zwischen diesen
+und dem Ebro eine Stellung bei Ilerda (Lerida). Diese Stadt liegt vier
+Meilen nördlich vom Ebro an dem rechten Ufer eines Nebenflusses
+desselben, des Sicoris (Segre), über den nur eine einzige solide Brücke
+unmittelbar bei Ilerda führte. Südlich von Ilerda treten die das linke
+Ufer des Ebro begleitenden Gebirge ziemlich nahe an die Stadt hinan;
+nordwärts erstreckt sich zu beiden Seiten des Sicoris ebenes Land, das
+von dem Hügel, auf welchem die Stadt gebaut ist, beherrscht wird. Für
+eine Armee, die sich mußte belagern lassen, war es eine vortreffliche
+Stellung; aber die Verteidigung Spaniens konnte, nachdem die Besetzung
+der Pyrenäenlinie versäumt war, doch nur hinter dem Ebro ernstlich
+aufgenommen werden, und da weder eine feste Verbindung zwischen Ilerda
+und dem Ebro hergestellt, noch dieser Fluß überbrückt war, so war der
+Rückzug aus der vorläufigen in die wahre Verteidigungsstellung nicht
+hinreichend gesichert. Die Caesarianer setzten sich oberhalb Ilerda in
+dem Delta fest, das der Fluß Sicoris mit dem unterhalb Ilerda mit ihm
+sich vereinigenden Cinga (Cinca) bildet; indes ward es mit dem Angriff
+erst Ernst, nachdem Caesar im Lager eingetroffen war (23. Juni). Unter
+den Mauern der Stadt ward von beiden Teilen gleich erbittert und gleich
+tapfer mit vielfach wechselndem Erfolg gekämpft; ihren Zweck aber:
+zwischen dem Pompeianischen Lager und der Stadt sich festzusetzen und
+dadurch der Steinbrücke sich zu bemächtigen., erreichten die
+Caesarianer nicht und blieben also für ihre Kommunikation mit Gallien
+lediglich angewiesen auf zwei Brücken, welche sie über den Sicoris und
+zwar, da der Fluß bei Ilerda selbst zu solcher Überbrückung schon zu
+ansehnlich war, vier bis fünf deutsche Meilen weiter oberwärts in der
+Eile geschlagen hatten. Als dann mit der Schneeschmelze die Hochwasser
+kamen, wurden diese Notbrücken weggerissen; und da es an Schiffen
+fehlte, um die hochangeschwollenen Flüsse zu passieren, und unter
+diesen Umständen an Wiederherstellung der Brücken zunächst nicht
+gedacht werden konnte, so war die Caesarische Armee beschränkt auf den
+schmalen Raum zwischen der Cinca und dem Sicoris, das linke Ufer des
+Sicoris aber und damit die Straße, auf der die Armee mit Gallien und
+Italien kommunizierte, fast unverteidigt den Pompeianern preisgegeben,
+die den Fluß teils auf der Stadtbrücke, teils nach lusitanischer Art
+auf Schläuchen schwimmend passierten. Es war die Zeit kurz vor der
+Ernte; die alte Frucht war fast aufgebraucht, die neue noch nicht
+eingebracht und der enge Landstreif zwischen den beiden Bächen bald
+ausgezehrt. Im Lager herrschte förmliche Hungersnot - der preußische
+Scheffel Weizen kostete 300 Denare (90 Taler) - und brachen bedenkliche
+Krankheiten aus; dagegen häufte am linken Ufer Proviant und die
+mannigfaltigste Zufuhr sich an, dazu Mannschaften aller Art: Nachschub
+aus Gallien von Reiterei und Schützen, beurlaubte Offiziere und
+Soldaten, heimkehrende Streifscharen, im ganzen eine Masse von 6000
+Köpfen, welche von den Pompeianern mit überlegener Macht angegriffen
+und mit großem Verlust in die Berge gedrängt wurden, während die
+Caesarianer am rechten Ufer dem ungleichen Gefecht untätig zusehen
+mußten. Die Verbindungen der Armee waren in den Händen der Pompeianer;
+in Italien blieben die Nachrichten aus Spanien plötzlich aus, und die
+bedenklichen Gerüchte, die dort umzulaufen begannen, waren von der
+Wahrheit nicht allzuweit entfernt. Hätten die Pompeianer ihren Vorteil
+mit einigem Nachdruck verfolgt, so konnte es ihnen nicht fehlen, die
+auf dem linken Ufer des Sicoris zusammengedrängte, kaum
+widerstandsfähige Masse entweder in ihre Gewalt zu bringen oder
+wenigstens nach Gallien zurückzuwerfen und dies Ufer so vollständig zu
+besetzen, daß ohne ihr Wissen kein Mann den Fluß überschritt. Allein
+beides war versäumt worden; jene Haufen waren wohl mit Verlust beiseite
+gedrängt, aber doch weder vernichtet noch völlig zurückgeworfen worden,
+und die Überschreitung des Flusses zu wehren, überließ man wesentlich
+dem Flusse selbst. Hierauf baute Caesar seinen Plan. Er ließ tragbare
+Kähne von leichtem Holzgestell und Korbgeflecht mit lederner
+Bekleidung, nach dem Muster der im Kanal bei den Briten und später den
+Sachsen üblichen, im Lager anfertigen und sie auf Wagen an den Punkt,
+wo die Brücken gestanden hatten, transportieren. Auf diesen
+gebrechlichen Nachen wurde das andere Ufer erreicht und, da man es
+unbesetzt fand, ohne große Schwierigkeit die Brücke wiederhergestellt;
+rasch war dann auch die Verbindungsstraße freigemacht und die sehnlich
+erwartete Zufuhr in das Lager geschafft. Caesars glücklicher Einfall
+riß also das Heer aus der ungeheuren Gefahr, in der es schwebte. Sofort
+begann dann Caesars an Tüchtigkeit der feindlichen weit überlegene
+Reiterei, die Landschaft am linken Ufer des Sicoris zu durchstreifen;
+schon traten die ansehnlichsten spanischen Gemeinden zwischen den
+Pyrenäen und dem Ebro, Osca, Tarraco, Dertosa und andere, ja selbst
+einzelne südlich vom Ebro auf Caesars Seite. Durch die Streiftrupps
+Caesars und die Übertritte der benachbarten Gemeinden wurde nun den
+Pompeianern die Zufuhr knapp; sie entschlossen sich endlich zum Rückzug
+hinter die Ebrolinie und gingen eiligst daran, unterhalb der
+Sicorismündung eine Schiffbrücke über den Ebro zu schlagen. Caesar
+suchte den Gegnern den Rückweg über den Ebro abzuschneiden und sie in
+Ilerda festzuhalten; allein solange die Feinde im Besitz der Brücke bei
+Ilerda blieben und er dort weder Furt noch Brücken in seiner Gewalt
+hatte, durfte er seine Armee nicht auf die beiden Flußufer verteilen
+und konnte Ilerda nicht einschließen. Seine Soldaten schanzten also Tag
+und Nacht, um durch Abzugsgräben den Fluß so viel tiefer zu legen, daß
+die Infanterie ihn durchwaten könne. Aber die Vorbereitungen der
+Pompeianer, den Ebro zu passieren, kamen früher zu Ende als die
+Anstalten der Caesarianer zur Einschließung von Ilerda; als jene nach
+Vollendung der Schiffbrücke den Marsch nach dem Ebro zu am linken Ufer
+des Sicoris antraten, schienen die Ableitungsgräben der Caesarianer dem
+Feldherrn doch nicht weit genug vorgerückt, um die Furt für die
+Infanterie zu benutzen; nur seine Reiter ließ er den Strom passieren
+und, dem Feinde an die Fersen sich heftend, wenigstens ihn aufhalten
+und schädigen. Allein als Caesars Legionen am grauenden Morgen die seit
+Mitternacht abziehenden feindlichen Kolonnen erblickten, begriffen sie
+mit der instinktmäßigen Sicherheit krieggewohnter Veteranen die
+strategische Bedeutung dieses Rückzugs, der sie nötigte, dem Gegner in
+ferne, unwegsame und von feindlichen Scharen erfüllte Landschaften zu
+folgen; auf ihre eigene Bitte wagte es der Feldherr, auch das Fußvolk
+in den Fluß zu führen, und obwohl den Leuten das Wasser bis an die
+Schultern ging, ward er doch ohne Unfall durchschritten. Es war die
+höchste Zeit. Wenn die schmale Ebene, welche die Stadt Ilerda von den
+den Ebro einfassenden Gebirgen trennt, einmal durchschritten und das
+Heer der Pompeianer in die Berge eingetreten war, so konnte der Rückzug
+an den Ebro ihnen nicht mehr verwehrt werden. Schon hatten dieselben,
+trotz der beständigen, den Marsch ungemein verzögernden Angriffe der
+feindlichen Reiterei, den Bergen sich bis auf eine Meile genähert, als
+sie, seit Mitternacht auf dem Marsche und unsäglich erschöpft, ihren
+ursprünglichen Plan, die Ebene noch an diesem Tage ganz zu
+durchschreiten, aufgaben und Lager schlugen. Hier holte Caesars
+Infanterie sie ein und lagerte am Abend und in der Nacht ihnen
+gegenüber, indem der anfänglich beabsichtigte nächtliche Weitermarsch
+von den Pompeianern aus Furcht vor den nächtlichen Angriffen der
+Reiterei wieder aufgegeben ward. Auch am folgenden Tage standen beide
+Heere unbeweglich, nur beschäftigt, die Gegend zu rekognoszieren. Am
+frühen Morgen des dritten brach Caesars Fußvolk auf, um, durch die
+pfadlosen Berge zur Seite der Straße die Stellung der Feinde umgehend,
+ihnen den Weg zum Ebro zu verlegen. Der Zweck des seltsamen Marsches,
+der anfangs in das Lager vor Ilerda sich zurückzuwenden schien, ward
+von den Pompeianischen Offizieren nicht sogleich erkannt. Als sie ihn
+faßten, opferten sie Lager und Gepäck und rückten im Gewaltmarsch auf
+der Hauptstraße vor, um den Uferkamm vor den Caesarianern zu gewinnen.
+Indes es war bereits zu spät; schon hielten, als sie herankamen, auf
+der großen Straße selbst die geschlossenen Massen des Feindes. Ein
+verzweifelter Versuch der Pompeianer, über die Bergsteile andere Wege
+zum Ebro ausfindig zu machen, ward von Caesars Reiterei vereitelt,
+welche die dazu vorgesandten lusitanischen Truppen umzingelte und
+zusammenhieb. Wäre es zwischen der Pompeianischen Armee, die die
+feindlichen Reiter im Rücken, das Fußvolk von vorne sich gegenüber
+hatte und gänzlich demoralisiert war, und den Caesarianern zu einer
+Schlacht gekommen, so war deren Ausgang kaum zweifelhaft, und die
+Gelegenheit zum Schlagen bot mehrfach sich dar; aber Caesar machte
+keinen Gebrauch davon und zügelte nicht ohne Mühe die ungeduldige
+Kampfeslust seiner siegesgewissen Soldaten. Die Pompeianische Armee war
+ohnehin strategisch verloren; Caesar vermied es, durch nutzloses
+Blutvergießen sein Heer zu schwächen und die arge Fehde noch weiter zu
+vergiften. Schon am Tage, nachdem es gelungen war, die Pompeianer vom
+Ebro abzuschneiden, hatten die Soldaten der beiden Heere miteinander
+angefangen zu fraternisieren und wegen der Übergabe zu unterhandeln, ja
+es waren bereits die von den Pompeianern geforderten Bedingungen,
+namentlich Schonung der Offiziere, von Caesar zugestanden worden, als
+Petreius mit seiner aus Sklaven und Spaniern bestehenden Eskorte über
+die Unterhändler zukam und die Caesarianer, deren er habhaft ward,
+niedermachen ließ. Caesar sandte dennoch die zu ihm in das Lager
+gekommenen Pompeianer ungeschädigt zurück und beharrte dabei, eine
+friedliche Lösung zu suchen. Ilerda, wo die Pompeianer noch Besatzung
+und ansehnliche Magazine hatten, ward jetzt das Ziel ihres Marsches;
+allein vor sich das feindliche Heer und zwischen sich und der Festung
+den Sicoris, marschierten sie, ohne ihrem Ziele näher zu kommen. Ihre
+Reiterei ward allmählich so eingeschüchtert, daß das Fußvolk sie in die
+Mitte nehmen und Legionen in die Nachhut gestellt werden mußten; die
+Beschaffung von Wasser und Fourage ward immer schwieriger; schon mußte
+man die Lasttiere niederstoßen, da man sie nicht ernähren konnte.
+Endlich fand die umherirrende Armee sich förmlich eingeschlossen, den
+Sicoris im Rücken, vor sich das feindliche Heer, das Wall und Graben um
+sie herumzog. Sie versuchte den Fluß zu überschreiten, aber Caesars
+deutsche Reiter und leichte Infanterie kamen in der Besetzung des
+entgegenstehenden Ufers ihr zuvor. Alle Tapferkeit und alle Treue
+konnten die unvermeidliche Kapitulation nicht länger abwenden (2.
+August 705 49). Caesar gewährte nicht bloß Offizieren und Soldaten
+Leben und Freiheit und sowohl den Besitz der ihnen noch gebliebenen
+Habe wie auch die Zurückgabe der bereits ihnen abgenommenen, deren
+vollen Wert er selber seinen Soldaten zu erstatten übernahm, sondern
+während er die in Italien gefangenen Rekruten zwangsweise in seine
+Armee eingereiht hatte, ehrte er diese alten Legionäre des Pompeius
+durch die Zusage, daß keiner wider seinen Willen genötigt werden solle,
+in sein Heer einzutreten. Er forderte nur, daß ein jeder die Waffen
+abgebe und sich in seine Heimat verfüge. Demgemäß wurden die aus
+Spanien gebürtigen Soldaten, etwa der dritte Teil der Armee, sogleich,
+die italischen an der Grenze des Jen- und Diesseitigen Galliens
+verabschiedet.
+
+Das Diesseitige Spanien fiel mit der Auflösung dieser Armee von selbst
+in die Gewalt des Siegers. Im Jenseitigen, wo Marcus Varro für Pompeius
+den Oberbefehl führte, schien es diesem, als er die Katastrophe von
+Ilerda erfuhr, das rätlichste, sich in die Inselstadt Gades zu werfen
+und die beträchtlichen Summen, die er durch Einziehung der
+Tempelschätze und der Vermögen angesehener Caesarianer zusammengebracht
+hatte, die nicht unbedeutende von ihm aufgestellte Flotte und die ihm
+anvertrauten zwei Legionen dorthin in Sicherheit zu bringen. Allein auf
+das bloße Gerücht von Caesars Ankunft erklärten die namhaftesten Städte
+der Caesar seit langem anhänglichen Provinz sich für diesen und
+verjagten die Pompeianischen Besatzungen oder bestimmten sie zu
+gleichem Abfall: so Corduba, Carmo und Gades selbst. Auch eine der
+Legionen brach auf eigene Hand nach Hispalis auf und trat mit dieser
+Stadt zugleich auf Caesars Seite. Als endlich selbst Italica dem Varro
+die Tore sperrte, entschloß dieser sich zu kapitulieren.
+
+Ungefähr gleichzeitig unterwarf sich auch Massalia. Mit seltener
+Energie hatten die Massalioten nicht bloß die Belagerung ertragen,
+sondern auch die See gegen Caesar behauptet; es war ihr heimisches
+Element und sie durften hoffen, auf diesem kräftige Unterstützung von
+Pompeius zu empfangen, welcher ja das Meer ausschließlich beherrschte.
+Indes Caesars Unterfeldherr, der tüchtige Decimus Brutus, derselbe, der
+über die Veneter den ersten Seesieg im Ozean erfochten hatte, wußte
+rasch eine Flotte herzustellen und, trotz der wackeren Gegenwehr der
+feindlichen, teils aus albiökischen Soldknechten der Massalioten, teils
+aus Hirtensklaven des Domitius bestehenden Flottenmannschaft, durch
+seine tapferen, aus den Legionen auserlesenen Schiffssoldaten die
+stärkere massaliotische Flotte zu überwinden und die größere Hälfte der
+Schiffe zu versenken oder zu erobern. Als dann ein kleines
+Pompeianisches Geschwader unter Lucius Nasidius aus dem Osten über
+Sizilien und Sardinien im Hafen von Massalia eintraf, erneuerten die
+Massalioten noch einmal ihre Seerüstung und liefen zugleich mit den
+Schiffendes Nasidius gegen Brutus aus. Hätten in dem Treffen, das auf
+der Höhe von Tauroeis (La Ciotat, östlich von Marseille) geschlagen
+ward, die Schiffe des Nasidius mit demselben verzweifelten Mut
+gestritten, den die massaliotischen an diesem Tage bewiesen, so möchte
+das Ergebnis desselben wohl ein verschiedenes gewesen sein; allein die
+Flucht der Nasidianer entschied den Sieg für Brutus und die Trümmer der
+Pompeianischen Flotte flüchteten nach Spanien. Die Belagerten waren von
+der See vollständig verdrängt. Auf der Landseite, wo Gaius Trebonius
+die Belagerung leitete, ward auch nachher noch die entschlossenste
+Gegenwehr fortgesetzt; allein trotz der häufigen Ausfälle der
+albiökischen Söldner und der geschickten Verwendung der ungeheuren, in
+der Stadt aufgehäuften Geschützvorräte rückten endlich doch die
+Arbeiten der Belagerer bis an die Mauer vor und einer der Türme stürzte
+zusammen. Die Massalioten erklärten, daß sie die Verteidigung aufgäben,
+aber mit Caesar selbst die Kapitulation abzuschließen wünschten, und
+ersuchten den römischen Befehlshaber, bis zu Caesars Ankunft die
+Belagerungsarbeiten einzustellen. Trebonius hatte von Caesar gemessenen
+Befehl, die Stadt so weit irgend möglich zu schonen; er gewährte den
+erbetenen Waffenstillstand. Allein da die Massalioten ihn zu einem
+tückischen Ausfall benutzten, in dem sie die eine Hälfte der fast
+unbewachten römischen Werke vollständig niederbrannten, begann von
+neuem und mit gesteigerter Erbitterung der Belagerungskampf. Der
+tüchtige Befehlshaber der Römer stellte mit überraschender
+Schnelligkeit die vernichteten Türme und den Damm wieder her; bald
+waren die Massalioten abermals vollständig eingeschlossen. Als Caesar,
+von der Unterwerfung Spaniens zurückkehrend, vor ihrer Stadt ankam,
+fand er dieselbe teils durch die feindlichen Angriffe, teils durch
+Hunger und Seuchen aufs Äußerste gebracht und zum zweitenmal, und
+diesmal ernstlich, bereit, auf jede Bedingung zu kapitulieren. Nur
+Domitius, der schmählich mißbrauchten Nachsicht des Siegers eingedenk,
+bestieg einen Nachen und schlich sich durch die römische Flotte, um für
+seinen unversöhnlichen Groll ein drittes Schlachtfeld zu suchen.
+Caesars Soldaten hatten geschworen, die ganze männliche Bevölkerung der
+treubrüchigen Stadt über die Klinge springen zu lassen und forderten
+mit Ungestüm von dem Feldherrn das Zeichen zur Plünderung. Allein
+Caesar, seiner großen Aufgabe, die hellenisch-italische Zivilisation im
+Westen zu begründen auch hier eingedenk, ließ sich nicht zwingen, zu
+der Zerstörung Korinths die Fortsetzung zu liefern. Massalia, von jenen
+einst so zahlreichen freien und seemächtigen Städten der alten
+ionischen Schiffernation die von der Heimat am weitesten entfernte und
+fast die letzte, in der das hellenische Seefahrerleben noch rein und
+frisch sich erhalten hatte, wie denn auch die letzte griechische Stadt,
+die zur See geschlagen hat - Massalia mußte zwar seine Waffen- und
+Flottenvorräte an den Sieger abliefern und verlor einen Teil seines
+Gebietes und seiner Privilegien, aber behielt seine Freiheit und seine
+Nationalität und blieb, wenn auch materiell in geschmälerten
+Verhältnissen, doch geistig nach wie vor der Mittelpunkt der
+hellenischen Kultur in der fernen, eben jetzt zu neuer geschichtlicher
+Bedeutung gelangenden keltischen Landschaft.
+
+Während also in den westlichen Landschaften der Krieg nach manchen
+bedenklichen Wechselfällen schließlich sich durchaus zu Caesars Gunsten
+entschied und Spanien und Massalia unterworfen, die feindliche
+Hauptarmee bis auf den letzten Mann gefangengenommen wurde, hatte auch
+auf dem zweiten Kriegsschauplatze, auf welchem Caesar es notwendig
+gefunden, sofort nach der Eroberung Italiens die Offensive zu
+ergreifen, die Waffenentscheidung stattgefunden.
+
+Es ward schon gesagt, daß die Pompeianer die Absicht hatten, Italien
+auszuhungern. Die Mittel dazu hatten sie in Händen. Sie beherrschten
+die See durchaus und arbeiteten allerorts, in Gades, Utica, Messana,
+vor allem im Osten, mit großem Eifer an der Vermehrung ihrer Flotte;
+sie hatten ferner die sämtlichen Provinzen inne, aus denen die
+Hauptstadt ihre Subsistenzmittel zog: Sardinien und Korsika durch
+Marcus Cotta, Sizilien durch Marcus Cato, Afrika durch den selbst
+ernannten Oberfeldherrn Titus Attius Varus und ihren Verbündeten, den
+König Juba von Numidien. Es war für Caesar unumgänglich nötig, diese
+Pläne des Feindes zu durchkreuzen und demselben die Getreideprovinzen
+zu entreißen. Quintus Valerius ward mit einer Legion nach Sardinien
+gesandt und zwang den Pompeianischen Statthalter, die Insel zu räumen.
+Die wichtigere Unternehmung, Sizilien und Afrika dem Feinde abzunehmen,
+wurde unter Beistand des tüchtigen und kriegserfahrenen Gaius Caninius
+Rebilus dem jungen Gaius Curio anvertraut. Sizilien ward von ihm ohne
+Schwertstreich besetzt; Cato, ohne rechte Armee und kein Mann des
+Degens, räumte die Insel, nachdem er in seiner rechtschaffenen Art die
+Sikelioten vorher gewarnt hatte, sich nicht durch unzulänglichen
+Widerstand nutzlos zu kompromittieren. Curio ließ zur Deckung dieser
+für die Hauptstadt so wichtigen Insel die Hälfte seiner Truppen zurück
+und schiffte sich mit der anderen, zwei Legionen und 500 Reitern, nach
+Afrika ein. Hier durfte er erwarten, ernsteren Widerstand zu finden:
+außer der ansehnlichen und in ihrer Art tüchtigen Armee Jubas hatte der
+Statthalter Varus aus den in Afrika ansässigen Römern zwei Legionen
+gebildet und auch ein kleines Geschwader von zehn Segeln aufgestellt.
+Mit Hilfe seiner überlegenen Flotte bewerkstelligte indes Curio ohne
+Schwierigkeit die Landung zwischen Hadrumetum, wo die eine Legion der
+Feinde nebst ihren Kriegsschiffen, und Utica, vor welcher Stadt die
+zweite Legion unter Varus selbst stand. Curio wandte sich gegen die
+letztere und schlug sein Lager unweit Utica, ebenda, wo anderthalb
+Jahrhunderte zuvor der ältere Scipio sein erstes Winterlager in Afrika
+genommen hatte. Caesar, genötigt, seine Kerntruppen für den Spanischen
+Krieg zusammenzuhalten, hatte die sizilisch-afrikanische Armee
+größtenteils aus den vom Feind übernommenen Legionen, namentlich den
+Kriegsgefangenen von Corfinium, zusammensetzen müssen; die Offiziere
+der Pompeianischen Armee in Afrika, die zum Teil bei denselben in
+Corfinium überwundenen Legionen gestanden hatten, ließen jetzt kein
+Mittel unversucht, ihre alten, nun gegen sie fechtenden Soldaten zu
+ihrem ersten Eidschwur wieder zurückzubringen. Indes Caesar hatte in
+seinem Stellvertreter sich nicht vergriffen. Curio verstand es,
+ebensowohl die Bewegung des Heeres und der Flotte zu lenken, als auch
+persönlichen Einfluß auf die Soldaten zu gewinnen; die Verpflegung war
+reichlich, die Gefechte ohne Ausnahme glücklich. Als Varus, in der
+Voraussetzung, daß es den Truppen Curios an Gelegenheit fehlte, auf
+seine Seite überzugehen, hauptsächlich, um ihnen diese zu verschaffen,
+sich entschloß, eine Schlacht zu liefern, rechtfertigte der Erfolg
+seine Erwartungen nicht. Begeistert durch die feurige Ansprache ihres
+jugendlichen Führers schlugen Curios Reiter die feindlichen in die
+Flucht und säbelten im Angesichte beider Heere die mit den Reitern
+ausgerückte leichte Infanterie der Feinde nieder; und ermutigt durch
+diesen Erfolg und durch Curios persönliches Beispiel, gingen auch seine
+Legionen durch die schwierige, die beiden Linien trennende Talschlucht
+vor zum Angriff, den die Pompeianer aber nicht erwarteten, sondern
+schimpflich in ihr Lager zurückflohen und auch dies die Nacht darauf
+räumten. Der Sieg war so vollständig, daß Curio sofort dazu schritt,
+Utica zu belagern. Als indes die Meldung eintraf, daß König Juba mit
+seiner gesamten Heeresmacht zum Entsatz heranrückte, entschloß sich
+Curio, ebenwie bei Syphax’ Eintreffen Scipio getan, die Belagerung
+aufzuheben und in Scipios ehemaliges Lager zurückzugehen, bis aus
+Sizilien Verstärkung nachkommen werde. Bald darauf lief ein zweiter
+Bericht ein, daß König Juba durch Angriffe seiner Nachbarfürsten
+veranlaßt worden sei, mit seiner Hauptmacht wieder umzukehren, und den
+Belagerten nur ein mäßiges Korps unter Saburra zur Hilfe sende. Curio,
+der bei seinem lebhaften Naturell nur sehr ungern sich entschlossen
+hatte zu rasten, brach nun sofort wieder auf, um mit Saburra zu
+schlagen, bevor derselbe mit der Besatzung von Utica in Verbindung
+treten könne. Seiner Reiterei, die am Abend voraufgegangen war, gelang
+es in der Tat, das Korps des Saburra am Bagradas bei nächtlicher Weile
+zu überraschen und übel zuzurichten; und auf diese Siegesbotschaft
+beschleunigte Curio den Marsch der Infanterie, um durch sie die
+Niederlage zu vollenden. Bald erblickte man auf den letzten Abhängen
+der gegen den Bagradas sich senkenden Anhöhen das Korps des Saburra,
+das mit den römischen Reitern sich herumschlug; die heranrückenden
+Legionen halfen, dasselbe völlig in die Ebene hinabdrängen. Allein hier
+wendete sich das Gefecht. Saburra stand nicht, wie man meinte, ohne
+Rückhalt, sondern nicht viel mehr als eine deutsche Meile entfernt von
+der numidischen Hauptmacht. Bereits trafen der Kern des numidischen
+Fußvolks und 2000 gallische und spanische Reiter auf dem Schlachtfeld
+ein, um Saburra zu unterstützen, und der König selbst mit dem Gros der
+Armee und sechzehn Elefanten war im Anmarsch. Nach dem Nachtmarsch und
+dem hitzigen Gefecht waren von den römischen Reitern augenblicklich
+nicht viel über 200 beisammen, und diese sowie die Infanterie von den
+Strapazen und dem Fechten aufs äußerste erschöpft, alle in der weiten
+Ebene, in die man sich hatte verlocken lassen, rings eingeschlossen von
+den beständig sich mehrenden feindlichen Scharen. Vergeblich suchte
+Curio, handgemein zu werden; die libyschen Reiter wichen, wie sie
+pflegten, sowie eine römische Abteilung vorging, um, wenn sie umkehrte,
+sie zu verfolgen. Vergeblich versuchte er, die Höhen wiederzugewinnen;
+sie wurden von den feindlichen Reitern besetzt und versperrt. Es war
+alles verloren. Das Fußvolk ward niedergehauen bis auf den letzten
+Mann. Von der Reiterei gelang es einzelnen sich durchzuschlagen; und
+Curio hätte wohl sich zu retten vermocht, aber er ertrug es nicht, ohne
+das ihm anvertraute Heer allein vor seinem Herrn zu erscheinen, und
+starb mit dem Degen in der Hand. Selbst die Mannschaft, die im Lager
+vor Utica sich zusammenfand, und die Flottenbesatzung, die sich so
+leicht nach Sizilien hätte retten können, ergaben sich unter dem
+Eindruck der fürchterlich raschen Katastrophe den Tag darauf an Varus
+(August oder September 705 49).
+
+So endigte die von Caesar angeordnete sizilisch-afrikanische
+Expedition. Sie erreichte insofern ihren Zweck, als durch die Besetzung
+Siziliens in Verbindung mit der von Sardinien wenigstens dem
+dringendsten Bedürfnis der Hauptstadt abgeholfen ward; die vereitelte
+Eroberung Afrikas, aus welcher die siegende Partei keinen weiteren
+wesentlichen Gewinn zog, und der Verlust zweier unzuverlässiger
+Legionen ließen sich verschmerzen. Aber ein unersetzlicher Verlust für
+Caesar, ja für Rom, war Curios früher Tod. Nicht ohne Ursache hatte
+Caesar dem militärisch unerfahrenen und wegen seines Lotterlebens
+berufenen jungen Mann das wichtigste selbständige Kommando anvertraut;
+es war ein Funken von Caesars eigenem Geist in dem feurigen Jüngling.
+Auch er hatte wie Caesar den Becher der Lust bis auf die Hefen geleert;
+auch er ward nicht darum Staatsmann, weil er Offizier war, sondern es
+gab seine politische Tätigkeit ihm das Schwert in die Hand; auch seine
+Beredsamkeit war nicht die der gerundeten Perioden, sondern die
+Beredsamkeit des tief empfundenen Gedankens; auch seine Kriegführung
+ruhte auf dem raschen Handeln mit geringen Mitteln; auch sein Wesen war
+Leichtigkeit und oft Leichtfertigkeit, anmutige Offenherzigkeit und
+volles Leben im Augenblick. Wenn, wie sein Feldherr von ihm sagt,
+Jugendfeuer und hoher Mut ihn zu Unvorsichtigkeiten hinrissen und wenn
+er, um nicht einen verzeihlichen Fehler sich verzeihen zu lassen, allzu
+stolz den Tod nahm, so fehlen Momente gleicher Unvorsichtigkeit und
+gleichen Stolzes auch in Caesars Geschichte nicht. Man darf es
+beklagen, daß es dieser übersprudelnden Natur nicht vergönnt war,
+auszuschäumen und sich aufzubewahren für die folgende, an Talenten so
+bettelarme, dem schrecklichen Regiment der Mittelmäßigkeiten so rasch
+verfallende Generation.
+
+Inwiefern diese Kriegsvorgänge des Jahres 705 (49) in Pompeius’
+allgemeinen Feldzugsplan eingriffen, namentlich welche Rolle in diesem
+nach dem Verlust Italiens den wichtigen Heereskörpern im Westen
+zugeteilt war, läßt sich nur vermutungsweise bestimmen. Daß Pompeius
+die Absicht gehabt, seinem in Spanien fechtenden Heer zu Lande über
+Afrika und Mauretanien zu Hilfe zu kommen, war nichts als ein im Lager
+von Ilerda umherlaufendes abenteuerliches und ohne Zweifel durchaus
+grundloses Gerücht. Viel wahrscheinlicher ist es, daß er bei seinem
+früheren Plan, Caesar im Dies- und Jenseitigen Gallien von zwei Seiten
+anzugreifen, selbst nach dem Verlust von Italien noch beharrte und
+einen kombinierten Angriff zugleich von Spanien und Makedonien aus
+beabsichtigte. Vermutlich sollte die spanische Armee so lange an den
+Pyrenäen sich defensiv verhalten, bis die in der Organisation
+begriffene makedonische gleichfalls marschfähig war; worauf dann beide
+zugleich aufgebrochen sein und, je nach den Umständen, entweder an der
+Rhone oder am Po sich die Hand gereicht, auch die Flotte vermutlich
+gleichzeitig versucht haben würde, das eigentliche Italien
+zurückzuerobern. In dieser Voraussetzung, wie es scheint, hatte Caesar
+zunächst sich darauf gefaßt gemacht, einem Angriff auf Italien zu
+begegnen. Einer der tüchtigsten seiner Offiziere, der Volkstribun
+Marcus Antonius, befehligte hier mit proprätorischer Gewalt. Die
+südöstlichen Häfen Sipus, Brundisium, Tarent, wo am ersten ein
+Landungsversuch zu erwarten war, hatten eine Besatzung von drei
+Legionen erhalten. Außerdem zog Quintus Hortensius, des bekannten
+Redners ungeratener Sohn, eine Flotte im Tyrrhenischen, Publius
+Dolabella eine zweite im Adriatischen Meere zusammen, welche teils die
+Verteidigung unterstützten, teils für die bevorstehende Überfahrt nach
+Griechenland mitverwandt werden sollten. Falls Pompeius versuchen
+würde, zu Lande in Italien einzudringen, hatten Marcus Licinius
+Crassus, der älteste Sohn des alten Kollegen Caesars, die Verteidigung
+des Diesseitigen Galliens, des Marcus Antonius jüngerer Bruder Gaius
+die von Illyricum zu leiten. Indes der vermutete Angriff ließ lange auf
+sich warten. Erst im Hochsommer des Jahres ward man in Illyrien
+handgemein. Hier stand Caesars Statthalter Gaius Antonius mit seinen
+zwei Legionen auf der Insel Curicta (Veglia, im Golf von Quarnero),
+Caesars Admiral Publius Dolabella mit 40 Schiffen in dem schmalen
+Meerarm zwischen dieser Insel und dem Festland. Das letztere Geschwader
+griffen Pompeius’ Flottenführer im Adriatischen Meer, Marcus Octavius
+mit der griechischen, Lucius Scribonius Libo mit der illyrischen
+Flottenabteilung an, vernichteten sämtliche Schiffe Dolabellas und
+schnitten Antonius auf seiner Insel ab. Ihn zu retten, kamen aus
+Italien ein Korps unter Basilus und Sallustius und das Geschwader des
+Hortensius aus dem Tyrrhenischen Meer; allein weder jenes noch dieses
+vermochten der weit überlegenen feindlichen Flotte etwas anzuhaben. Die
+Legionen des Antonius mußten ihrem Schicksal überlassen werden. Die
+Vorräte gingen zu Ende, die Truppen wurden schwierig und meuterisch;
+mit Ausnahme weniger Abteilungen, denen es gelang, auf Flößen das
+Festland zu erreichen, streckte das Korps, immer noch fünfzehn Kohorten
+stark, die Waffen und ward auf den Schiffen Libos nach Makedonien
+geführt, um dort in die Pompeianische Armee eingereiht zu werden,
+während Octavius zurückblieb, um die Unterwerfung der von Truppen
+entblößten illyrischen Küste zu vollenden. Die Delmater, jetzt in
+diesen Gegenden die bei weitem mächtigste Völkerschaft, die wichtige
+Inselstadt Issa (Lissa) und andere Ortschaften ergriffen die Partei des
+Pompeius; allein die Anhänger Caesars behaupteten sich in Salome
+(Spalato) und Lissos (Alessio) und hielten in der ersteren Stadt nicht
+bloß die Belagerung mutig aus, sondern machten, als sie aufs Äußerste
+gebracht waren, einen Ausfall mit solchem Erfolg, daß Octavius die
+Belagerung aufhob und nach Dyrrhachion abfuhr, um dort zu überwintern.
+
+Dieser in Illyricum von der Pompeianischen Flotte erfochtene Erfolg,
+obwohl an sich nicht unbedeutend, wirkte doch auf den Gesamtgang des
+Feldzuges wenig ein; und zwerghaft gering erscheint er, wenn man
+erwägt, daß die Verrichtungen der unter Pompeius’ Oberbefehl stehenden
+Land- und Seemacht während des ganzen ereignisreichen Jahres 705 (49)
+sich auf diese einzige Waffentat beschränkten und daß vom Osten her, wo
+der Feldherr, der Senat, die zweite große Armee, die Hauptflotte,
+ungeheure militärische und noch ausgedehntere finanzielle Hilfsmittel
+der Gegner Caesars vereinigt waren, da, wo es not tat, in jenen
+allentscheidenden Kampf im Westen gar nicht eingegriffen ward. Der
+aufgelöste Zustand der in der östlichen Hälfte des Reiches befindlichen
+Streitkräfte, die Methode des Feldherrn, nie anders als mit überlegenen
+Massen zu operieren, seine Schwerfälligkeit und Weitschichtigkeit und
+die Zerfahrenheit der Koalition mag vielleicht die Untätigkeit der
+Landmacht zwar nicht entschuldigen, aber doch einigermaßen erklären;
+aber daß die Flotte, die doch ohne Nebenbuhler das Mittelmeer
+beherrschte, so gar nichts tat, um den Gang der Dinge bestimmen zu
+helfen, nichts für Spanien, so gut wie nichts für die treuen
+Massalioten, nichts, um Sardinien, Sizilien, Afrika zu verteidigen und
+Italien wo nicht wieder zu besetzen, doch wenigstens ihm die Zufuhr
+abzusperren - das macht an unsere Vorstellungen von der im
+Pompeianischen Lager herrschenden Verwirrung und Verkehrtheit
+Ansprüche, denen wir nur mit Mühe zu genügen vermögen.
+
+Das Gesamtresultat dieses Feldzugs war entsprechend. Caesars doppelte
+Offensive gegen Spanien und gegen Sizilien und Afrika war dort
+vollständig, hier wenigstens teilweise gelungen; dagegen ward Pompeius’
+Plan, Italien auszuhungern, durch die Wegnahme Siziliens in der
+Hauptsache, sein allgemeiner Feldzugsplan durch die Vernichtung der
+spanischen Armee vollständig vereitelt; und in Italien waren Caesars
+Verteidigungsanstalten nur zum kleinsten Teil zur Verwendung gekommen.
+Trotz der empfindlichen Verluste in Afrika und Illyrien ging doch
+Caesar in der entschiedensten und entscheidendsten Weise aus diesem
+ersten Kriegsjahr als Sieger hervor.
+
+Wenn indes vom Osten aus nichts Wesentliches geschah, um Caesar an der
+Unterwerfung des Westens zu hindern, so arbeitete man doch wenigstens
+dort in der so schmählich gewonnenen Frist daran, sich politisch und
+militärisch zu konsolidieren. Der große Sammelplatz der Gegner Caesars
+ward Makedonien. Dorthin begab sich Pompeius selbst und die Masse der
+brundisinischen Emigranten; dorthin die übrigen Flüchtlinge aus dem
+Westen: Marcus Cato aus Sizilien, Lucius Domitius von Massalia;
+namentlich aber aus Spanien eine Menge der besten Offiziere und
+Soldaten der aufgelösten Armee, an der Spitze ihre Feldherrn Afranius
+und Varro. In Italien ward die Emigration unter den Aristokraten
+allmählich nicht bloß Ehren-, sondern fast Modesache, und neuen Schwung
+erhielt sie durch die ungünstigen Nachrichten, die über Caesars Lage
+vor Ilerda eintrafen; auch von den laueren Parteigenossen und den
+politischen Achselträgern kamen nach und nach nicht wenige an, und
+selbst Marcus Cicero überzeugte sich endlich, daß er seiner
+Bürgerpflicht nicht ausreichend damit genüge, wenn er eine Abhandlung
+über die Eintracht schreibe. Der Emigrantensenat in Thessalonike, wo
+das offizielle Rom seinen interimistischen Sitz aufschlug, zählte gegen
+200 Mitglieder, darunter manche hochbejahrte Greise und fast sämtliche
+Konsulare. Aber freilich waren es Emigranten. Auch dieses römische
+Koblenz stellte die hohen Ansprüche und dürftigen Leistungen der
+vornehmen Welt Roms, ihre unzeitigen Reminiszenzen und unzeitigeren
+Rekriminationen, ihre politischen Verkehrtheiten und finanziellen
+Verlegenheiten in kläglicher Weise zur Schau. Es war das wenigste, daß
+man, während der alte Bau zusammensank, mit der peinlichsten
+Wichtigkeit jeden alten Schnörkel und Rostfleck der Verfassung in
+Obacht nahm: am Ende war es bloß lächerlich, wenn es den vornehmen
+Herren Gewissensskrupel machte, außerhalb des geheiligten städtischen
+Bodens ihre Ratversammlung Senat zu heißen und sie vorsichtig sich die
+“Dreihundert” titulierten ^4; oder wenn man weitläufige
+staatsrechtliche Untersuchungen anstellte, ob und wie ein Kuriatgesetz
+von Rechts wegen sich anderswo zustande bringen lasse als im römischen
+Mauerring. Weit schlimmer war die Gleichgültigkeit der Lauen und die
+bornierte Verbissenheit der Ultras. Jene waren weder zum Handeln zu
+bringen noch auch nur zum Schweigen. Wurden sie aufgefordert, in einer
+bestimmten Weise für das gemeine Beste tätig zu sein, so betrachteten
+sie, mit der schwachen Leuten eigenen Inkonsequenz, jedes solche
+Ansinnen als einen böswilligen Versuch, sie noch weiter zu
+kompromittieren und taten das Befohlene gar nicht oder mit halbem
+Herzen. Dabei aber fielen sie natürlich mit ihrem verspäteten
+Besserwissen und ihren superklugen Unausführbarkeiten den Handelnden
+beständig zur Last; ihr Tagewerk bestand darin, jeden kleinen und
+großen Vorgang zu bekritteln, zu bespötteln und zu beseufzen und durch
+ihre eigene Lässigkeit und Hoffnungslosigkeit die Menge abzuspannen und
+zu entmutigen. Wenn hier die Atome der Schwäche zu schauen war, so
+stand dagegen deren Hypertonie bei den Ultras in voller Blüte. Hier
+hatte man es kein Hehl, daß die Vorbedingung für jede
+Friedensverhandlung die Überbringung von Caesars Kopf sei: jeder der
+Friedensversuche, die Caesar auch jetzt noch wiederholentlich machte,
+ward unbesehen von der Hand gewiesen oder nur benutzt, um auf
+heimtückische Weise den Beauftragten des Gegners nach dem Leben zu
+stellen. Daß die erklärten Caesarianer samt und sonders Leben und Gut
+verwirkt hatten, verstand sich von selbst; aber auch den mehr oder
+minder Neutralen ging es wenig besser. Lucius Domitius, der Held von
+Corfinium, machte im Kriegsrat alles Ernstes den Vorschlag, diejenigen
+Senatoren, die im Heer des Pompeius gefochten hätten, über alle, die
+entweder neutral geblieben oder zwar emigriert, aber nicht in das Heer
+eingetreten seien, abstimmen zu lassen und diese einzeln je nach
+Befinden freizusprechen oder mit Geldbuße oder auch mit dem Verlust des
+Lebens und des Vermögens zu bestrafen. Ein anderer dieser Ultras erhob
+bei Pompeius gegen Lucius Afranius wegen seiner mangelhaften
+Verteidigung Spaniens eine förmliche Anklage auf Bestechung und Verrat.
+Diesen in der Wolle gefärbten Republikanern nahm ihre politische
+Theorie fast den Charakter eines religiösen Glaubensbekenntnisses an;
+sie haßten denn auch die laueren Parteigenossen und den Pompeius mit
+seinem persönlichen Anhang womöglich noch mehr als die offenbaren
+Gegner, und durchaus mit jener Stupidität des Hasses, wie sie
+orthodoxen Theologen eigen zu sein pflegt; sie wesentlich verschuldeten
+die zahllosen und erbitterten Sonderfehden, welche die Emigrantenarmee
+und den Emigrantensenat zerrissen. Aber sie ließen es nicht bei Worten.
+Marcus Bibulus, Titus Labienus und andere dieser Koterie führten ihre
+Theorie praktisch durch und ließen, was ihnen von Caesars Armee an
+Offizieren oder Soldaten in die Hände fiel, in Masse hinrichten; was
+begreiflicherweise Caesars Truppen nicht gerade bewog, mit minderer
+Energie zu fechten. Wenn während Caesars Abwesenheit von Italien die
+Konterrevolution zu Gunsten der Verfassungsfreunde, zu der alle
+Elemente vorhanden waren, dennoch daselbst nicht ausbrach, so lag, nach
+der Versicherung einsichtiger Gegner Caesars, die Ursache hauptsächlich
+in der allgemeinen Besorgnis vor dem unbezähmbaren Wüten der
+republikanischen Ultras nach erfolgter Restauration. Die Besseren im
+Pompeianischen Lager waren in Verzweiflung über dies rasende Treiben.
+Pompeius, selbst ein tapferer Soldat, schonte, soweit er durfte und
+konnte, der Gefangenen; aber er war zu schwachmütig und in einer zu
+schiefen Stellung, um, wie es ihm als Oberfeldherrn zukam, alle Greuel
+dieser Art zu hemmen oder gar zu ahnden. Energischer versuchte der
+einzige Mann, der wenigstens mit sittlicher Haltung in den Kampf
+eintrat, Marcus Cato, diesem Treiben zu steuern, er erwirkte, daß der
+Emigrantensenat durch ein eigenes Dekret es untersagte, untertänige
+Städte zu plündern und einen Bürger anders als in der Schlacht zu
+töten. Ebenso dachte der tüchtige Marcus Marcellus. Freilich wußte es
+niemand besser als Cato und Marcellus, daß die extreme Partei ihre
+rettenden Taten wenn nötig allen Senatsbeschlüssen zum Trotze vollzog.
+Wenn aber bereits jetzt, wo man noch Klugheitsrücksichten zu beobachten
+hatte, die Wut der Ultras sich nicht bändigen ließ, so mochte man nach
+dem Siege auf eine Schreckensherrschaft sich gefaßt machen, von der
+Marius und Sulla selbst sich schaudernd abgewandt haben würden; und man
+begreift es, daß Cato, seinem eigenen Geständnis zufolge, mehr noch als
+vor der Niederlage, graute vor dem Siege seiner eigenen Partei.
+
+————————————————————-
+
+^4 Da nach formellem Recht die “gesetzliche Ratversammlung”
+unzweifelhaft ebenso wie das “gesetzliche Gericht” nur in der Stadt
+selbst oder innerhalb der Bannmeile stattfinden konnte, so nannte die
+bei dem afrikanischen Heer den Senat vertretende Versammlung sich die
+“Dreihundert” (Bell. Afr. 88, 90; App. hist. 2, 95), nicht weil er aus
+300 Mitgliedern bestand, sondern weil dies die uralte Normzahl der
+Senatoren war. Es ist sehr glaublich, daß diese Versammlung sich durch
+angesehene Ritter verstärkte; aber wenn Plutarch (Cato min. 59, 61) die
+Dreihundert zu italischen Großhändlern macht, so hat er seine Quelle
+(Bell. Afr. 90) mißverstanden. Ähnlich wird der Quasisenat schon in
+Thessalonike geordnet gewesen sein.
+
+———————————————————-
+
+Die Leitung der militärischen Vorbereitungen im makedonischen Lager lag
+in der Hand des Oberfeldherrn Pompeius. Die stets schwierige und
+gedrückte Stellung desselben hatte durch die unglücklichen Ereignisse
+des Jahres 705 (49) sich noch verschlimmert. In den Augen seiner
+Parteigenossen trug wesentlich er davon die Schuld. Es war das in
+vieler Hinsicht nicht gerecht. Ein guter Teil der erlittenen Unfälle
+kam auf Rechnung der Verkehrtheit und Unbotmäßigkeit der
+Unterfeldherren, namentlich des Konsuls Lentulus und des Lucius
+Domitius; von dem Augenblick an, wo Pompeius an die Spitze der Armee
+getreten war, hatte er sie geschickt und mutig geführt und wenigstens
+sehr ansehnliche Streitkräfte aus dem Schiffbruch gerettet; daß er
+Caesars jetzt von allen anerkanntem, durchaus überlegenem Genie nicht
+gewachsen war, konnte billigerweise ihm nicht vorgeworfen werden. Indes
+es entschied allein der Erfolg. Im Vertrauen auf den Feldherrn Pompeius
+hatte die Verfassungspartei mit Caesar gebrochen; die verderblichen
+Folgen dieses Bruches fielen auf den Feldherrn Pompeius zurück, und
+wenn auch bei der notorischen militärischen Unfähigkeit aller übrigen
+Chefs kein Versuch gemacht ward, das Oberkommando zu wechseln, so war
+doch wenigstens das Vertrauen zu dem Oberfeldherrn paralysiert. Zu
+diesen Nachwehen der erlittenen Niederlagen kamen die nachteiligen
+Einflüsse der Emigration. Unter den eintreffenden Flüchtlingen war
+allerdings eine Anzahl tüchtiger Soldaten und fähiger Offiziere
+namentlich der ehemaligen spanischen Armee; allein die Zahl derer, die
+kamen, um zu dienen und zu fechten, war ebenso gering, wie zum
+Erschrecken groß die der vornehmen Generale, die mit ebenso gutem Fug
+wie Pompeius sich Prokonsuln und Imperatoren nannten, und der vornehmen
+Herren, die mehr oder weniger unfreiwillig am aktiven Kriegsdienst sich
+beteiligten. Durch diese ward die hauptstädtische Lebensweise in das
+Feldlager eingebürgert, keineswegs zum Vorteil des Heeres: die Zelte
+solcher Herren waren anmutige Lauben, der Boden mit frischem Rasen
+zierlich bedeckt, die Wände mit Efeu bekleidet; auf dem Tisch stand
+silbernes Tafelgeschirr und oft kreiste dort schon am hellen Tage der
+Becher. Diese eleganten Krieger machten einen seltsamen Kontrast mit
+Caesars Grasteufeln, vor deren grobem Brot jene erschraken und die in
+Ermangelung dessen auch Wurzeln aßen und schwuren, eher Baumrinde zu
+kauen als vom Feinde abzulassen. Wenn ferner die unvermeidliche
+Rücksicht auf eine kollegialische und ihm persönlich abgeneigte Behörde
+Pompeius schon an sich in seiner Tätigkeit hemmte, so steigerte diese
+Verlegenheit sich ungemein, als der Emigrantensenat beinahe im
+Hauptquartier selbst seinen Sitz aufschlug und nun alles Gift der
+Emigration in diesen Senatssitzungen sich entleerte. Eine bedeutende
+Persönlichkeit endlich, die gegen all diese Verkehrtheiten ihr eigenes
+Gewicht hätte einsetzen können, war nirgends vorhanden. Pompeius selbst
+war dazu geistig viel zu untergeordnet und viel zu zögernd,
+schwerfällig und versteckt. Marcus Cato würde wenigstens die
+erforderliche moralische Autorität gehabt und auch des guten Willens,
+Pompeius damit zu unterstützen, nicht ermangelt haben; allein Pompeius,
+statt ihn zum Beistand aufzufordern, setzte ihn mit mißtrauischer
+Eifersucht zurück und übertrug zum Beispiel das so wichtige
+Oberkommando der Flotte lieber an den in jeder Beziehung unfähigen
+Bibulus als an Cato. Wenn somit Pompeius die politische Seite seiner
+Stellung mit der ihm eigenen Verkehrtheit behandelte und was an sich
+schon verdorben war, nach Kräften weiter verdarb, so widmete er dagegen
+mit anerkennenswertem Eifer sich seiner Pflicht, die bedeutenden, aber
+aufgelösten Streitkräfte der Partei militärisch zu organisieren. Den
+Kern derselben bildeten die aus Italien mitgebrachten Truppen, aus
+denen mit den Ergänzungen aus den illyrischen Kriegsgefangenen und den
+in Griechenland domizilierten Römern zusammen fünf Legionen gebildet
+wurden. Drei andere kamen aus dem Osten: die beiden aus den Trümmern
+der Armee des Crassus gebildeten syrischen und eine aus den zwei
+schwachen, bisher in Kilikien stehenden kombinierte. Der Wegziehung
+dieser Besatzungstruppen stellte sich nichts in den Weg, da teils die
+Pompeianer mit den Parthern im Einvernehmen standen und selbst ein
+Bündnis mit ihnen hätten haben können, wenn Pompeius nicht unwillig
+sich geweigert hätte, den geforderten Preis: die Abtretung der von ihm
+selbst zum Reiche gebrachten syrischen Landschaft, dafür zu zahlen;
+teils Caesars Plan, zwei Legionen nach Syrien zu entsenden und durch
+den in Rom gefangengehaltenen Prinzen Aristobulos die Juden abermals
+unter die Waffen zu bringen, zum Teil durch andere Ursachen, zum Teil
+durch Aristobulos’ Tod vereitelt ward. Weiter wurden aus den in Kreta
+und Makedonien angesiedelten gedienten Soldaten eine, aus den
+kleinasiatischen Römern zwei neue Legionen ausgehoben. Zu allem dem
+kamen 2000 Freiwillige, die aus den Trümmern der spanischen Kernscharen
+und anderen ähnlichen Zuzügen hervorgingen, und endlich die Kontingente
+der Untertanen. Wie Caesar hatte Pompeius es verschmäht, von denselben
+Infanterie zu requirieren; nur zur Küstenbesatzung waren die
+epirotischen, ätolischen und thrakischen Milizen aufgeboten und
+außerdem an leichten Truppen 3000 griechische und kleinasiatische
+Schützen und 1200 Schleuderer angenommen worden. Die Reiterei dagegen
+bestand, außer einer aus dem jungen Adel Roms gebildeten, mehr
+ansehnlichen als militärisch bedeutenden Nobelgarde und den von
+Pompeius beritten gemachten apulischen Hirtensklaven, ausschließlich
+aus den Zuzügen der Untertanen und Klienten Roms. Den Kern bildeten die
+Kelten, teils von der Besatzung von Alexandreia, teils die Kontingente
+des Königs Deiotarus, der trotz seines hohen Alters an der Spitze
+seiner Reiterei in Person erschienen war, und der übrigen galatischen
+Dynasten. Mit ihnen wurden vereinigt die vortrefflichen thrakischen
+Reiter, die teils von ihren Fürsten Sadala und Rhaskuporis
+herangeführt, teils von Pompeius in der makedonischen Provinz
+angeworben waren; die kappadokische Reiterei; die von König Antiochos
+von Kommagene gesendeten, berittenen Schützen; die Zuzüge der Armenier
+von diesseits des Euphrat unter Taxiles, von jenseits desselben unter
+Megabares und die von König Juba gesandten numidischen Scharen - die
+gesamte Masse stieg auf 7000 Pferde.
+
+Sehr ansehnlich endlich war die Pompeianische Flotte. Sie ward gebildet
+teils aus den von Brundisium mitgeführten oder später erbauten
+römischen Fahrzeugen, teils aus den Kriegsschiffen des Königs von
+Ägypten, der kolchischen Fürsten, des kilikischen Dynasten
+Tarkondimotos, der Städte Tyros, Rhodos, Athen, Kerkyra und überhaupt
+der sämtlichen asiatischen und griechischen Seestaaten und zählte gegen
+500 Segel, wovon die römischen den fünften Teil ausmachten. An Getreide
+und Kriegsmaterial waren in Dyrrhachion ungeheure Vorräte aufgehäuft.
+Die Kriegskasse war wohlgefüllt, da die Pompeianer sich im Besitz der
+hauptsächlichen Einnahmequellen des Staats befanden und die Geldmittel
+der Klientelfürsten, der angesehenen Senatoren, der Steuerpächter und
+überhaupt der gesamten römischen und nichtrömischen Bevölkerung in
+ihrem Bereich für sich nutzbar machten. Was in Afrika, Ägypten,
+Makedonien, Griechenland, Vorderasien und Syrien das Ansehen der
+legitimen Regierung und Pompeius’ oftgefeierte Königs- und
+Völkerklientel vermochte, war zum Schutz der römischen Republik in
+Bewegung gesetzt worden; wenn in Italien die Rede ging, daß Pompeius
+die Geten, Kolcher und Armenier gegen Rom bewaffne, wenn im Lager er
+der “König der Könige” hieß, so waren dies kaum Übertreibungen zu
+nennen. Im ganzen gebot derselbe über eine Armee von 7000 Reitern und
+elf Legionen, von denen freilich höchstens fünf als kriegsgewohnt
+bezeichnet werden durften, und über eine Flotte von 500 Segeln. Die
+Stimmung der Soldaten, für deren Verpflegung und Sold Pompeius genügend
+sorgte und denen für den Fall des Sieges die überschwenglichsten
+Belohnungen zugesichert waren, war durchgängig gut, in manchen und eben
+den tüchtigsten Abteilungen sogar vortrefflich; indes bestand doch ein
+großer Teil der Armee aus neu ausgehobenen Truppen, deren Formierung
+und Exerzierung, wie eifrig sie auch betrieben ward, notwendigerweise
+Zeit erforderte. Die Kriegsmacht überhaupt war imposant, aber zugleich
+einigermaßen buntscheckig.
+
+Nach der Absicht des Oberfeldherrn sollten bis zum Winter 705/06
+(49/48) Heer und Flotte wesentlich vollständig an der Küste und in den
+Gewässern von Epirus vereinigt sein. Der Admiral Bibulus war auch
+bereits mit 110 Schiffen in seinem neuen Hauptquartier Kerkyra
+eingetroffen. Dagegen war das Landheer, dessen Hauptquartier während
+des Sommers zu Berrhöa am Haliakmon gewesen war, noch zurück; die Masse
+bewegte sich langsam auf der großen Kunststraße von Thessalonike nach
+der Westküste auf das künftige Hauptquartier Dyrrhachion zu; die beiden
+Legionen, die Metellus Scipio aus Syrien heranführte, standen gar noch
+bei Pergamon in Kleinasien im Winterquartier und wurden erst zum
+Frühjahr in Europa erwartet. Man nahm sich eben Zeit. Vorläufig waren
+die epirotischen Häfen außer durch die Flotte nur noch durch die
+Bürgerwehren und die Aufgebote der Umgegend verteidigt.
+
+So war es Caesar möglich geblieben, trotz des dazwischenfallenden
+Spanischen Krieges auch in Makedonien die Offensive für sich zu nehmen,
+und er wenigstens säumte nicht. Längst hatte er die Zusammenziehung von
+Kriegs- und Transportschiffen in Brundisium angeordnet und nach der
+Kapitulation der spanischen Armee und dem Fall von Massalia die dort
+verwendeten Kerntruppen zum größten Teil ebendahin dirigiert. Die
+unerhörten Anstrengungen zwar, die also von Caesar den Soldaten
+zugemutet wurden, lichteten mehr als die Gefechte die Reihen, und die
+Meuterei einer der vier ältesten Legionen, der neunten, auf ihrem
+Durchmarsch durch Placentia war ein gefährliches Zeichen der bei der
+Armee einreißenden Stimmung; doch wurden Caesars Geistesgegenwart und
+persönliche Autorität derselben Herr, und von dieser Seite stand der
+Einschiffung nichts im Wege. Allein woran schon im März 705 (49) die
+Verfolgung des Pompeius gescheitert war, der Mangel an Schiffen, drohte
+auch diese Expedition zu vereiteln. Die Kriegsschiffe, die Caesar in
+den gallischen, sizilischen und italischen Häfen zu erbauen befohlen
+hatte, waren noch nicht fertig oder doch nicht zur Stelle; sein
+Geschwader im Adriatischen Meer war das Jahr zuvor bei Curicta
+vernichtet worden; er fand bei Brundisium nicht mehr als zwölf
+Kriegsschiffe und kaum Transportfahrzeuge genug, um den dritten Teil
+seiner nach Griechenland bestimmten Armee von zwölf Legionen und 10000
+Reitern auf einmal überzuführen. Die ansehnliche feindliche Flotte
+beherrschte ausschließlich das Adriatische Meer und namentlich die
+sämtlichen festländischen und Inselhäfen der Ostküste. Unter solchen
+Umständen drängt die Frage sich auf, warum Caesar nicht statt des
+Seeweges den zu Lande durch Illyrien einschlug, welcher aller von der
+Flotte drohenden Gefahren ihn überhob und überdies für seine
+größtenteils aus Gallien kommenden Truppen kürzer war als der über
+Brundisium. Zwar waren die illyrischen Landschaften unbeschreiblich
+rauh und arm; aber sie sind doch von anderen Armeen nicht lange nachher
+durchschritten worden, und dieses Hindernis ist dem Eroberer Galliens
+schwerlich unübersteiglich erschienen. Vielleicht besorgte er, daß
+während des schwierigen illyrischen Marsches Pompeius seine gesamte
+Streitmacht über das Adriatische Meer führen möchte, wodurch die Rollen
+auf einmal sich umkehren, Caesar in Makedonien, Pompeius in Italien zu
+stehen kommen konnte; obwohl ein solcher rascher Wechsel dem
+schwerfälligen Gegner doch kaum zuzutrauen war. Vielleicht hatte Caesar
+auch in der Voraussetzung, daß seine Flotte inzwischen auf einen
+achtunggebietenden Stand gebracht sein würde, sich für den Seeweg
+entschieden, und als er nach seiner Rückkehr aus Spanien des wahren
+Standes der Dinge im Adriatischen Meere inne ward, mochte es zu spät
+sein, den Feldzugsplan zu ändern. Vielleicht, ja nach Caesars raschem,
+stets zur Entscheidung drängenden Naturell darf man sagen
+wahrscheinlich, fand er durch die augenblicklich noch unbesetzte, aber
+sicher in wenigen Tagen mit Feinden sich bedeckende epirotische Küste
+sich unwiderstehlich gelockt, den ganzen Plan des Gegners wieder einmal
+durch einen verwegenen Zug zu durchkreuzen. Wie dem auch sei, am 4.
+Januar 706 ^5 (48) ging Caesar mit sechs, durch die Strapazen und
+Krankheiten sehr gelichteten Legionen und 600 Reitern von Brundisium
+nach der epirotischen Küste unter Segel. Es war ein Seitenstück zu der
+tollkühnen britannischen Expedition; indes wenigstens der erste Wurf
+war glücklich. Inmitten der akrokeraunischen (Chimara-) Klippen, auf
+der wenig besuchten Reede von Paleassa (Paljassa) ward die Küste
+erreicht. Man sah die Transportschiffe sowohl aus dem Hafen von Orikon
+(Bucht von Avlona), wo ein Pompeianisches Geschwader von achtzehn
+Schiffen lag, als auch aus dem Hauptquartier der feindlichen Flotte bei
+Kerkyra; aber dort hielt man sich zu schwach, hier war man nicht
+segelfertig, und ungehindert ward der erste Transport ans Land gesetzt.
+Während die Schiffe sogleich zurückgingen, um den zweiten nachzuholen,
+überstieg Caesar noch denselben Abend die akrokeraunischen Berge. Seine
+ersten Erfolge waren so groß wie die Überraschung der Feinde. Der
+epirotische Landsturm setzte nirgends sich zur Wehr; die wichtigen
+Hafenstädte Orikon und Apollonia nebst einer Menge kleinerer
+Ortschaften wurden weggenommen; Dyrrhachion, von den Pompeianern zum
+Hauptwaffenplatz ausersehen und mit Vorräten aller Art angefüllt, aber
+nur schwach besetzt, schwebte in der größten Gefahr.
+
+————————————————————————————
+
+^5 Nach dem berichtigten Kalender am 5. November 705 (49).
+
+————————————————————————————
+
+Indes der weitere Verlauf des Feldzuges entsprach diesem glänzenden
+Anfange nicht. Bibulus machte die Nachlässigkeit, die er sich hatte zu
+Schulden kommen lassen, nachträglich durch verdoppelte Anstrengungen
+zum Teil wieder gut. Nicht bloß brachte er von den heimkehrenden
+Transportschiffen gegen dreißig auf, die er sämtlich mit Mann und Maus
+verbrennen ließ, sondern er richtete auch längs des ganzen von Caesar
+besetzten Küstenstrichs, von der Insel Sason (Saseno) bis zu den Häfen
+von Kerkyra, den sorgfältigsten Wachtdienst ein, so beschwerlich auch
+die rauhe Jahreszeit und die Notwendigkeit, den Wachtschiffen alle
+Bedürfnisse, selbst Holz und Wasser, von Kerkyra zuzuführen, denselben
+machten; ja sein Nachfolger Libo - er selbst unterlag bald den
+ungewohnten Strapazen - sperrte sogar eine Zeitlang den Hafen von
+Brundisium, bis ihn von der kleinen Insel vor demselben, auf der er
+sich festgesetzt hatte, der Wassermangel wieder vertrieb. Es war
+Caesars Offizieren nicht möglich, ihrem Feldherrn den zweiten Transport
+der Armee nachzuführen. Ebensowenig gelang ihm selbst die Wegnahme von
+Dyrrhachion. Pompeius erfuhr durch einen der Friedensboten Caesars von
+dessen Vorbereitungen zur Fahrt nach der epirotischen Küste und darauf
+den Marsch beschleunigend warf er sich noch eben zu rechter Zeit in
+diesen wichtigen Waffenplatz. Caesars Lage war kritisch. Obwohl er in
+Epirus so weit sich ausbreitete, als es bei seiner geringen Stärke nur
+irgend möglich war, so blieb die Subsistenz seiner Armee doch schwierig
+und unsicher, während die Feinde, im Besitz der Magazine von
+Dyrrhachion und Herren der See, Überfluß an allem hatten. Mit seinem
+vermutlich wenig über 20000 Mann starken Heer konnte er dem wenigstens
+doppelt so zahlreichen Pompeianischen keine Schlacht anbieten, sondern
+mußte sich glücklich schätzen, daß Pompeius methodisch zu Werke ging
+und, statt sofort die Schlacht zu erzwingen, zwischen Dyrrhachion und
+Apollonia am rechten Ufer des Apsos, Caesar auf dem linken gegenüber,
+das Winterlager bezog, um mit dem Frühjahr, nach dem Eintreffen der
+Legionen von Pergamon, mit unwiderstehlicher Übermacht den Feind zu
+vernichten. So verflossen Monate. Wenn der Eintritt der besseren
+Jahreszeit, die dem Feinde starken Zuzug und den freien Gebrauch seiner
+Flotte brachte, Caesar noch in derselben Lage fand, so war er, mit
+seiner schwachen Schar zwischen der ungeheuren Flotte und dem dreifach
+überlegenen Landheer der Feinde in den epirotischen Felsen eingekeilt,
+allem Anscheine nach verloren; und schon neigte der Winter sich zu
+Ende. Alle Hoffnung beruhte immer noch auf der Transportflotte: daß
+diese durch die Blockade sich durchschlich oder durchschlug, war kaum
+zu hoffen; aber nach der ersten freiwilligen Tollkühnheit war diese
+zweite durch die Notwendigkeit geboten. Wie verzweifelt Caesar selbst
+seine Lage erschien, beweist sein Entschluß, da die Flotte immer nicht
+kam, allein auf einer Fischerbarke durch das Adriatische Meer nach
+Brundisium zu fahren, um sie zu holen; was in der Tat nur darum
+unterblieb, weil sich kein Schiffer fand, die verwegene Fahrt zu
+unternehmen. Indes es bedurfte seines persönlichen Erscheinens nicht,
+um den treuen Offizier, der in Italien kommandierte, Marcus Antonius,
+zu bestimmen, diesen letzten Versuch zur Rettung seines Herrn zu
+machen. Abermals lief die Transportflotte, mit vier Legionen und 800
+Reitern an Bord, aus dem Hafen von Brundisium aus und glücklich führte
+ein starker Südwind sie an Libos Galeeren vorüber. Allein derselbe
+Wind, der hier die Flotte rettete, machte es ihr unmöglich, wie ihr
+befohlen war, an der apolloniatischen Küste zu landen, und zwang sie,
+an Caesars und Pompeius’ Lager vorbeizufahren und nördlich von
+Dyrrhachion nach Lissos zu steuern, welche Stadt zu gutem Glück noch zu
+Caesar hielt. Als sie an dem Hafen von Dyrrhachion vorüberfuhr, brachen
+die rhodischen Galeeren auf, um sie zu verfolgen, und kaum waren
+Antonius’ Schiffe in den Hafen von Lissos eingefahren, als auch das
+feindliche Geschwader vor demselben erschien. Aber eben in diesem
+Augenblick schlug plötzlich der Wind um und warf die verfolgenden
+Galeeren wieder zurück in die offene See und zum Teil an die felsige
+Küste. Durch die wunderbarsten Glückszufälle war die Landung auch des
+zweiten Transportes gelungen. Noch standen zwar Antonius und Caesar
+etwa vier Tagemärsche voneinander, getrennt durch Dyrrhachion und die
+gesamte feindliche Armee; indes Antonius bewerkstelligte glücklich den
+gefährlichen Marsch um Dyrrhachion herum durch die Pässe des Graba
+Balkan und ward von Caesar, der ihm entgegengegangen war, am rechten
+Ufer des Apsos aufgenommen. Pompeius, nachdem er vergeblich versucht
+hatte, die Vereinigung der beiden feindlichen Armeen zu verhindern und
+das Korps des Antonius einzeln zum Schlagen zu zwingen, nahm eine neue
+Stellung bei Asparagion an dem Flusse Genusas (Uschkomobin), der dem
+Apsos parallel zwischen diesem und der Stadt Dyrrhachion fließt, und
+hielt hier sich wieder unbeweglich. Caesar fühlte jetzt sich stark
+genug, eine Schlacht zu liefern; aber Pompeius ging nicht darauf ein.
+Dagegen gelang es Caesar, den Gegner zu täuschen und unversehens mit
+seinen besser marschierenden Truppen sich, ähnlich wie bei Ilerda,
+zwischen das feindliche Lager und die Festung Dyrrhachion zu werfen,
+auf die dieses sich stützte. Die Kette des Graba Balkan, die in der
+Richtung von Osten nach Westen streichend am Adriatischen Meere in der
+schmalen dyrrhachinischen Landzunge endigt, entsendet drei Meilen
+östlich von Dyrrhachion in südwestlicher Richtung einen Seitenarm, der
+in bogenförmiger Richtung ebenfalls zum Meere sich wendet, und der
+Haupt- und der Seitenarm des Gebirges schließen zwischen sich eine
+kleine, um eine Klippe am Meeresstrand sich ausbreitende Ebene ein.
+Hier nahm Pompeius jetzt sein Lager, und obwohl die Caesarische Armee
+ihm den Landweg nach Dyrrhachion verlegt hielt, blieb er doch mit Hilfe
+seiner Flotte fortwährend mit dieser Stadt in Verbindung und ward von
+dort mit allem Nötigen reichlich und bequem versehen, während bei den
+Caesarianern, trotz starker Detachierungen in das Hinterland und trotz
+aller Anstrengungen des Feldherrn, ein geordnetes Fahrwesen und damit
+eine regelmäßige Verpflegung in Gang zu bringen, es doch mehr als knapp
+herging und Fleisch, Gerste, ja Wurzeln sehr häufig die Stelle des
+gewohnten Weizens vertreten maßten. Da der phlegmatische Gegner
+beharrlich bei seiner Passivität blieb, unternahm Caesar, den
+Höhenkreis zu besetzen, der die von Pompeius eingenommene Strandebene
+umschloß, um wenigstens die überlegene feindliche Reiterei
+festzustellen und ungestörter gegen Dyrrhachion operieren zu können,
+womöglich aber den Gegner entweder zur Schlacht oder zur Einschiffung
+zu nötigen. Von Caesars Truppen war beinahe die Hälfte ins Binnenland
+detachiert; es schien fast abenteuerlich, mit dem Rest eine vielleicht
+doppelt so zahlreiche, konzentriert aufgestellte, auf die See und die
+Flotte gestützte Armee gewissermaßen belagern zu wollen. Dennoch
+schlossen Caesars Veteranen unter unsäglichen Anstrengungen das
+Pompeianische Lager mit einer drei und eine halbe deutsche Meile langen
+Postenkette ein und fügten später, ebenwie vor Alesia, zu dieser
+inneren Linie noch eine zweite äußere hinzu, um sich vor Angriffen von
+Dyrrhachion aus und vor den mit Hilfe der Flotte so leicht ausführbaren
+Umgehungen zu schützen. Pompeius griff mehrmals einzelne dieser
+Verschanzungen an, um womöglich die feindliche Linie zu sprengen,
+allein durch eine Schlacht die Einschließung zu hindern versuchte er
+nicht, sondern zog es vor, auch seinerseits um sein Lager herum eine
+Anzahl Schanzen anzulegen und dieselben durch Linien miteinander zu
+verbinden. Beiderseits war man bemüht, die Schanzen möglichst weit
+vorzuschieben und die Erdarbeiten rückten unter beständigen Gefechten
+nur langsam vor. Zugleich schlug man auf der entgegengesetzten Seite
+des Caesarischen Lagers sich herum mit der Besatzung vor Dyrrhachion;
+durch Einverständnisse innerhalb der Festung hoffte Caesar sie in seine
+Gewalt zu bringen, ward aber durch die feindliche Flotte daran
+verhindert. Unaufhörlich ward an den verschiedensten Punkten - an einem
+der heißesten Tage an sechs Stellen zugleich - gefochten und in der
+Regel behielt in diesen Scharmützeln die erprobte Tapferkeit der
+Caesarianer die Oberhand; wie denn zum Beispiel einmal eine einzige
+Kohorte sich gegen vier Legionen mehrere Stunden lang in ihrer Schanze
+hielt, bis Unterstützung herbeikam. Ein Haupterfolg ward auf keiner
+Seite erreicht; doch machten sich die Folgen der Einschließung den
+Pompeianern allmählich in drückender Weise fühlbar. Die Stauung der von
+den Höhen in die Ebene sich ergießenden Bäche nötigte sie, sich mit
+sparsamem und schlechtem Brunnenwasser zu begnügen. Noch empfindlicher
+war der Mangel an Futter für die Lasttiere und die Pferde, dem auch die
+Flotte nicht genügend abzuhelfen vermochte; sie fielen zahlreich und es
+half nur wenig, daß die Pferde durch die Flotte nach Dyrrhachion
+geschafft wurden, da sie auch hier nicht ausreichend Futter fanden.
+Lange konnte Pompeius nicht mehr zögern, sich durch einen gegen den
+Feind geführten Schlag aus seiner unbequemen Lage zu befreien. Da ward
+er durch keltische Überläufer davon in Kenntnis gesetzt, daß der Feind
+es versäumt habe, den Strand zwischen seinen beiden 600 Fuß voneinander
+entfernten Schanzenketten durch einen Querwall zu sichern, und baute
+hierauf seinen Plan. Während er die innere Linie der Verschanzungen
+Caesars vom Lager aus durch die Legionen, die äußere durch die auf
+Schiffe gesetzten und jenseits der feindlichen Verschanzungen
+gelandeten leichten Truppen angreifen ließ, landete eine dritte
+Abteilung in dem Zwischenraum zwischen beiden Linien und griff die
+schon hinreichend beschäftigten Verteidiger derselben im Rücken an. Die
+zunächst am Meer befindliche Schanze wurde genommen und die Besatzung
+floh in wilder Verwirrung; mit Mühe gelang es dem Befehlshaber der
+nächsten Schanze, Marcus Antonius, diese zu behaupten und für den
+Augenblick dem Vordringen der Pompeianer ein Ziel zu setzen; aber,
+abgesehen von dem ansehnlichen Verlust, blieb die äußerste Schanze am
+Meer in den Händen der Pompeianer und die Linie durchbrochen. Um so
+eifriger ergriff Caesar die Gelegenheit, die bald darauf sich ihm
+darbot, eine unvorsichtig sich vereinzelnde Pompeianische Legion mit
+dem Gros seiner Infanterie anzugreifen. Allein die Angegriffenen
+leisteten tapferen Widerstand, und in dem mehrmals zum Lager größerer
+und kleinerer Abteilungen benutzten und kreuz und quer von Wällen und
+Gräben durchzogenen Terrain, auf dem gefochten ward, kam Caesars
+rechter Flügel nebst der Reiterei ganz vom Wege ab statt den linken im
+Angriff auf die Pompeianische Legion zu unterstützen, geriet er in
+einen engen, aus einem der alten Lager zum Fluß hingeführten
+Laufgraben. So fand Pompeius, der den Seinigen zu Hilfe mit fünf
+Legionen eiligst herbeikam, die beiden Flügel der Feinde voneinander
+getrennt und den einen in einer gänzlich preisgegebenen Stellung. Wie
+die Caesarianer ihn anrücken sahen, ergriff sie ein panischer Schreck;
+alles stürzte in wilder Flucht zurück, und wenn es bei dem Verlust von
+1000 der besten Soldaten blieb und Caesars Armee nicht eine
+vollständige Niederlage erlitt, so hatte sie dies nur dem Umstand zu
+danken, daß auch Pompeius sich auf dem durchschnittenen Boden nicht
+frei entwickeln konnte und überdies, eine Kriegslist besorgend, seine
+Truppen anfangs zurückhielt. Aber auch so waren es unheilvolle Tage.
+Nicht bloß hatte Caesar die empfindlichsten Verluste erlitten und seine
+Verschanzungen, das Resultat einer viermonatlichen Riesenarbeit, auf
+einen Schlag eingebüßt: er war durch die letzten Gefechte wieder genau
+auf den Punkt zurückgeworfen, von welchem er ausgegangen war. Von der
+See war er vollständiger verdrängt als je, seit des Pompeius ältester
+Sohn Gnaeus Caesars wenige, im Hafen von Orikon lagernde Kriegsschiffe
+durch einen kühnen Angriff teils verbrannt, teils weggeführt und bald
+nachher die in Lissos zurückgebliebene Truppenflotte gleichfalls in
+Brand gesteckt hatte; jede Möglichkeit, von Brundisium noch weitere
+Verstärkungen zur See heranzuziehen, war damit für Caesar verloren. Die
+zahlreiche Pompeianische Reiterei, jetzt ihrer Fesseln entledigt, ergoß
+sich in die Umgegend und drohte Caesar die stets schwierige Verpflegung
+der Armee völlig unmöglich zu machen. Caesars verwegenes Unternehmen,
+gegen einen seemächtigen, auf die Flotte gestützten Feind ohne Schiffe
+offensiv zu operieren, war vollständig gescheitert. Auf dem bisherigen
+Kriegsschauplatz fand er sich einer unbezwinglichen
+Verteidigungsstellung gegenüber und weder gegen Dyrrhachion noch gegen
+das feindliche Heer einen ernstlichen Schlag auszuführen imstande;
+dagegen hing es jetzt nur von Pompeius ab, gegen den bereits in seinen
+Subsistenzmitteln sehr gefährdeten Gegner unter den günstigsten
+Verhältnissen zum Angriff überzugehen. Der Krieg war an einem
+Wendepunkt angelangt. Bisher hatte Pompeius, allem Anscheine nach, das
+Kriegsspiel ohne eigenen Plan gespielt und nur nach dem jedesmaligen
+Angriff seine Verteidigung bemessen; und es war dies nicht zu tadeln,
+da das Hinziehen des Krieges ihm Gelegenheit gab, seine Rekruten
+schlagfähig zu machen, seine Reserven heranzuziehen und das Übergewicht
+seiner Flotte im Adriatischen Meer immer vollständiger zu entwickeln.
+Caesar war nicht bloß taktisch, sondern auch strategisch geschlagen.
+Diese Niederlage hatte zwar nicht diejenige Folge, die Pompeius nicht
+ohne Ursache erhoffte: zu einer sofortigen völligen Auflösung der Armee
+durch Hunger und Meuterei ließ die eminente soldatische Energie der
+Veteranen Caesars es nicht kommen. Allein es schien doch nur von dem
+Gegner abzuhängen, durch zweckmäßige Verfolgung seines Sieges die volle
+Frucht desselben zu ernten.
+
+An Pompeius war es, die Offensive zu ergreifen, und er war dazu
+entschlossen. Es boten sich ihm drei verschiedene Wege dar, um seinen
+Sieg fruchtbar zu machen. Der erste und einfachste war, von der
+überwundenen Armee nicht abzulassen und, wenn sie aufbrach, sie zu
+verfolgen. Ferner konnte Pompeius Caesar selbst und dessen Kerntruppen
+in Griechenland stehen lassen und selber, wie er längst vorbereitet
+hatte, mit der Hauptarmee nach Italien überfahren, wo die Stimmung
+entschieden antimonarchisch war und die Streitmacht Caesars, nach
+Entsendung der besten Truppen und des tapfern und zuverlässigen
+Kommandanten zu der griechischen Armee, nicht gar viel bedeuten wollte.
+Endlich konnte der Sieger sich auch in das Binnenland wenden, die
+Legionen des Metellus Scipio an sich liehen und versuchen, die im
+Binnenlande stehenden Truppen Caesars aufzuheben. Es hatte nämlich
+dieser, unmittelbar nachdem der zweite Transport bei ihm eingetroffen
+war, teils, um die Subsistenzmittel für seine Armee herbeizuschaffen,
+starke Detachements nach Ätolien und Thessalien entsandt, teils ein
+Korps von zwei Legionen unter Gnaeus Domitius Calvinus auf der
+Egnatischen Chaussee gegen Makedonien vorgehen lassen, das dem auf
+derselben Straße von Thessalonike her anrückenden Korps des Scipio den
+Weg verlegen und womöglich es einzeln schlagen sollte. Schon hatten
+Calvinus und Scipio sich bis auf wenige Meilen einander genähert, als
+Scipio sich plötzlich rückwärts wandte und, rasch den Haliakmon
+(Jadsche Karasu) überschreitend und dort sein Gepäck unter Marcus
+Favonius zurücklassend, in Thessalien eindrang, um die mit der
+Unterwerfung des Landes beschäftigte Rekrutenlegion Caesars unter
+Lucius Cassius Longinus mit Übermacht anzugreifen. Longinus aber zog
+sich über die Berge nach Ambrakia auf das von Caesar nach Ätolien
+gesandte Detachement unter Gnaeus Calvisius Sabinus zurück, und Scipio
+konnte ihn nur durch seine thrakischen Reiter verfolgen lassen, da
+Calvinus seine unter Favonius am Haliakmon zurückgelassene Reserve mit
+dem gleichen Schicksale bedrohte, welches er selbst dem Longinus zu
+bereiten gedachte. So trafen Calvinus und Scipio am Haliakmon wieder
+zusammen und lagerten hier längere Zeit einander gegenüber.
+
+Pompeius konnte zwischen diesen Plänen wählen; Caesar blieb keine Wahl.
+Er trat nach jenem unglücklichen Gefechte den Rückzug auf Apollonia an.
+Pompeius folgte. Der Marsch von Dyrrhachion nach Apollonia auf einer
+schwierigen, von mehreren Flüssen durchschnittenen Straße war keine
+leichte Aufgabe für eine geschlagene und vom Feinde verfolgte Armee;
+indes die geschickte Leitung ihres Feldherrn und die unverwüstliche
+Marschfähigkeit der Soldaten nötigten Pompeius nach viertägiger
+Verfolgung, dieselbe als nutzlos einzustellen. Er hatte jetzt sich zu
+entscheiden zwischen der italischen Expedition und dem Marsch in das
+Binnenland; und so rätlich und lockend auch jene schien, so manche
+Stimmen auch dafür sich erhoben, er zog es doch vor, das Korps des
+Scipio nicht preiszugeben, um so mehr, als er durch diesen Marsch das
+des Calvinus in die Hände zu bekommen hoffte. Calvinus stand
+augenblicklich auf der Egnatischen Straße bei Herakleia Lynkestis,
+zwischen Pompeius und Scipio und, nachdem Caesar sich auf Apollonia
+zurückgezogen, von diesem weiter entfernt als von der großen Armee des
+Pompeius, zu allem dem ohne Kenntnis von den Vorgängen bei Dyrrhachion
+und von seiner bedenklichen Lage, da nach den bei Dyrrhachion erlangten
+Erfolgen die ganze Landschaft sich zu Pompeius neigte und die Boten
+Caesars überall aufgegriffen wurden. Erst als die feindliche Hauptmacht
+bis auf wenige Stunden sich ihm genähert hatte, erfuhr Calvinus aus den
+Erzählungen der feindlichen Vorposten selbst den Stand der Dinge. Ein
+rascher Aufbruch in südlicher Richtung gegen Thessalien zu entzog ihn
+im letzten Augenblick der drohenden Vernichtung; Pompeius mußte sich
+damit begnügen, Scipio aus seiner gefährdeten Stellung befreit zu
+haben. Caesar war inzwischen unangefochten nach Apollonia gelangt.
+Sogleich nach der Katastrophe von Dyrrhachion hatte er sich
+entschlossen, wenn möglich den Kampf von der Küste weg in das
+Binnenland zu verlegen, um die letzte Ursache des Fehlschlagens seiner
+bisherigen Anstrengungen, die feindliche Flotte, aus dem Spiel zu
+bringen. Der Marsch nach Apollonia hatte nur den Zweck gehabt, dort, wo
+seine Depots sich befanden, seine Verwundeten in Sicherheit zu bringen
+und seinen Soldaten die Löhnung zu zahlen; sowie dies geschehen war,
+brach er, mit Hinterlassung von Besatzungen in Apollonia, Orikon und
+Lissos, nach Thessalien auf. Nach Thessalien hatte auch das Korps des
+Calvinus sich in Bewegung gesetzt; und die aus Italien, jetzt auf dem
+Landwege durch Illyrien, anrückenden Verstärkungen, zwei Legionen unter
+Quintus Cornificius, konnte er gleichfalls hier leichter noch als in
+Epirus an sich ziehen. Auf schwierigen Pfaden im Tale des Aoos
+aufwärtssteigend und die Bergkette überschreitend, die Epirus von
+Thessalien scheidet, gelangte er an den Peneios; ebendorthin ward
+Calvinus dirigiert und die Vereinigung der beiden Armeen also auf dem
+kürzesten und dem Feinde am wenigsten ausgesetzten Wege bewerkstelligt.
+Sie erfolgte bei Aeginion unweit der Quelle des Peneios. Die erste
+thessalische Stadt, vor der die jetzt vereinigte Armee erschien,
+Gomphoi, schloß ihr die Tore; sie ward rasch erstürmt und der
+Plünderung preisgegeben, und dadurch geschreckt unterwarfen sich die
+übrigen Städte Thessaliens, sowie nur Caesars Legionen vor den Mauern
+sich zeigten. Über diesen Märschen und Gefechten und mit Hilfe der,
+wenn auch nicht allzureichlichen, Vorräte, die die Landschaft am
+Peneios darbot, schwanden allmählich die Spuren und die Erinnerungen
+der überstandenen unheilvollen Tage.
+
+Unmittelbare Früchte also hatten die Siege von Dyrrhachion für die
+Sieger nicht viele getragen. Pompeius, mit seiner schwerfälligen Armee
+und seiner zahlreichen Reiterei, hatte dem beweglichen Feind in die
+Gebirge zu folgen nicht vermocht; Caesar wie Calvinus hatten der
+Verfolgung sich entzogen und beide standen vereinigt und in voller
+Sicherheit in Thessalien. Vielleicht wäre es das richtigste gewesen,
+wenn Pompeius jetzt ohne weiteres mit seiner Hauptmacht zu Schiff nach
+Italien gegangen wäre, wo der Erfolg kaum zweifelhaft war. Indes
+vorläufig ging nur eine Abteilung der Flotte nach Sizilien und Italien
+ab. Man betrachtete im Lager der Koalition durch die Schlachten von
+Dyrrhachion die Sache mit Caesar als so vollständig entschieden, daß es
+nur galt, die Früchte der Siege zu ernten, das heißt, die geschlagene
+Armee aufzusuchen und abzufangen. An die Stelle der bisherigen
+übervorsichtigen Zurückhaltung trat ein durch die Umstände noch weniger
+gerechtfertigter Übermut; man achtete es nicht, daß man in der
+Verfolgung doch eigentlich gescheitert war, daß man sich gefaßt halten
+mußte, in Thessalien auf eine völlig erfrischte und reorganisierte
+Armee zu treffen und daß es nicht geringe Bedenken hatte, vom Meere
+sich entfernend und auf die Unterstützung der Flotte verzichtend, dem
+Gegner auf das von ihm gewählte Schlachtfeld zu folgen. Man war eben
+entschlossen, um jeden Preis mit Caesar zu schlagen und darum
+baldmöglichst und auf dem möglichst bequemen Wege an ihn zu kommen.
+Cato übernahm das Kommando in Dyrrhachion, wo eine Besatzung von
+achtzehn Kohorten, und in Kerkyra, wo 300 Kriegsschiffe zurückblieben:
+Pompeius und Scipio begaben sich, jener wie es scheint die Egnatische
+Chaussee bis Pella verfolgend und dann die große Straße nach Süden
+einschlagend, dieser vom Haliakmon aus durch die Pässe des Olymp, an
+den unteren Peneios und trafen bei Larisa zusammen. Caesar stand
+südlich davon in der Ebene, die zwischen dem Hügelland von Kynoskephalä
+und dem Othrysgebirge sich ausbreitet und von dem Nebenfluß des
+Peneios, dem Enipeus, durchschnitten wird, am linken Ufer desselben bei
+der Stadt Pharsalos; ihm gegenüber, am rechten Ufer des Enipeus am
+Abhang der Höhen von Kynoskephalä, schlug Pompeius sein Lager ^6.
+Pompeius’ Armee war vollständig beisammen; Caesar dagegen erwartete
+noch das früher nach Ätolien und Thessalien detachierte, jetzt unter
+Quintus Fufius Calenus in Griechenland stehende Korps von fast zwei
+Legionen und die auf dem Landweg von Italien ihm nachgesandten und
+bereits in Illyrien angelangten zwei Legionen des Cornificius.
+Pompeius’ Heer, elf Legionen oder 47000 Mann und 7000 Pferde stark, war
+dem Caesar an Fußvolk um mehr als das Doppelte, an Reiterei um das
+Siebenfache überlegen; Strapazen und Gefechte hatten Caesars Truppen so
+dezimiert, daß seine acht Legionen nicht über 22000 Mann unter den
+Waffen, also bei weitem nicht die Hälfte des Normalbestandes zählten.
+Pompeius’ siegreiche, mit einer zahllosen Reiterei und guten Magazinen
+versehene Armee hatte Lebensmittel in Fülle, während Caesars Truppen
+notdürftig sich hinhielten und erst von der nicht fernen Getreideernte
+bessere Verpflegung erhofften. Die Stimmung der Pompeianischen
+Soldaten, die in der letzten Kampagne den Krieg kennen und ihrem Führer
+vertrauen gelernt hatten, war die beste. Alle militärischen Gründe
+sprachen auf Pompeius’ Seite dafür, da man nun einmal in Thessalien
+Caesar gegenüberstand, mit der Entscheidungsschlacht nicht lange zu
+zögern; und mehr wohl noch als diese wog im Kriegsrat die
+Emigrantenungeduld der vielen vornehmen Offiziere und Heerbegleiter.
+Seit den Ereignissen von Dyrrhachion betrachteten diese Herren den
+Triumph ihrer Partei als eine ausgemachte Tatsache; bereits wurde
+eifrig gehadert über die Besetzung von Caesars Oberpontifikat und
+Aufträge nach Rom gesandt, um für die nächsten Wahlen Häuser am Markt
+zu mieten. Als Pompeius Bedenken zeigte, den Bach, der beide Heere
+schied und den Caesar mit seinem viel schwächeren Heer zu passieren
+sich nicht getraute, seinerseits zu überschreiten, erregte dies großen
+Unwillen; Pompeius, hieß es, zaudere nur mit der Schlacht, um noch
+etwas länger über so viele Konsulare und Prätorier zu gebieten und
+seine Agamemnonrolle zu verewigen. Pompeius gab nach; und Caesar, der
+in der Meinung, daß es nicht zum Kampf kommen werde, eben eine Umgehung
+der feindlichen Armee entworfen hatte und dazu gegen Skotussa
+aufzubrechen im Begriff war, ordnete ebenfalls seine Legionen zur
+Schlacht, als er die Pompeianer sich anschicken sah, sie auf seinem
+Ufer ihm anzubieten. Also ward, fast auf derselben Walstatt, wo
+hundertfünfzig Jahre zuvor die Römer ihre Herrschaft im Osten begründet
+hatten, am 9. August 706 (48) die Schlacht von Pharsalos geschlagen.
+Pompeius lehnte den rechten Flügel an den Enipeus, Caesar ihm gegenüber
+den linken an das vor dem Enipeus sich ausbreitende durchschnittene
+Terrain; die beiden anderen Flügel standen in die Ebene hinaus,
+beiderseits gedeckt durch die Reiterei und die leichten Truppen.
+Pompeius’ Absicht war, sein Fußvolk in der Verteidigung zu halten,
+dagegen mit seiner Reiterei die schwache Reiterschar, die, nach
+deutscher Art mit leichter Infanterie gemischt, ihr gegenüberstand, zu
+zersprengen und sodann Caesars rechten Flügel in den Rücken zu nehmen.
+Sein Fußvolk hielt den ersten Stoß der feindlichen Infanterie mutig aus
+und es kam das Gefecht hier zum Stehen. Labienus sprengte ebenfalls die
+feindliche Reiterei nach tapferem, aber kurzem Widerstand auseinander
+und entwickelte sich linkshin, um das Fußvolk zu umgehen. Aber Caesar,
+die Niederlage seiner Reiterei voraussehend, hatte hinter ihr auf der
+bedrohten Flanke seines rechten Flügels etwa 2000 seiner besten
+Legionäre aufgestellt. Wie die feindlichen Reiter, die Caesarischen vor
+sich hertreibend, heran und um die Linie herum jagten, prallten sie
+plötzlich auf diese unerschrocken gegen sie anrückende Kernschar und,
+durch den unerwarteten und ungewohnten Infanterieangriff ^7 rasch in
+Verwirrung gebracht, sprengten sie mit verhängten Zügeln vom
+Schlachtfeld. Die siegreichen Legionäre hieben die preisgegebenen
+feindlichen Schützen zusammen, rückten dann auf den linken Flügel des
+Feindes los und begannen nun ihrerseits dessen Umgehung. Zugleich ging
+Caesars bisher zurückgehaltenes drittes Treffen auf der ganzen Linie
+zum Angriff vor. Die unverhoffte Niederlage der besten Waffe des
+Pompeianischen Heeres, wie sie den Mut der Gegner hob, brach den der
+Armee und vor allem den des Feldherrn. Als Pompeius, der seinem Fußvolk
+von Haus aus nicht traute, die Reiter zurückjagen sah, ritt er sofort
+von dem Schlachtfeld zurück in das Lager, ohne auch nur den Ausgang des
+von Caesar befohlenen Gesamtangriffs abzuwarten. Seine Legionen fingen
+an zu schwanken und bald über den Bach in das Lager zurückzuweichen,
+was nicht ohne schweren Verlust bewerkstelligt ward. Der Tag war also
+verloren und mancher tüchtige Soldat gefallen, die Armee indes noch im
+wesentlichen intakt und Pompeius’ Lage weit minder bedenklich als die
+Caesars nach der Niederlage von Dyrrhachion. Aber wenn Caesar in den
+Wechselfällen seiner Geschicke es gelernt hatte, daß das Glück auch
+seinen Günstlingen wohl auf Augenblicke sich zu entziehen liebt, um
+durch Beharrlichkeit von ihnen abermals bezwungen zu werden, so kannte
+Pompeius das Glück bis dahin nur als die beständige Göttin und
+verzweifelte an sich und an ihr, als sie ihm entwich; und wenn in
+Caesars großartiger Natur die Verzweiflung nur immer mächtigere Kräfte
+entwickelte, so versank Pompeius’ dürftige Seele unter dem gleichen
+Druck in den bodenlosen Abgrund der Kümmerlichkeit. Wie er einst im
+Kriege mit Sertorius im Begriff gewesen war, das anvertraute Amt im
+Stiche lassend vor dem überlegenen Gegner auf und davon zu gehen, so
+warf er jetzt, da er die Legionen über den Bach zurückweichen sah, die
+verhängnisvolle Feldherrnschärpe von sich und ritt auf dem nächsten Weg
+dem Meere zu, um dort ein Schiff sich zu suchen. Seine Armee, entmutigt
+und führerlos - denn Scipio, obwohl von Pompeius als Kollege im
+Oberkommando anerkannt, war doch nur dem Namen nach Oberfeldherr -,
+hoffte hinter den Lagerwällen Schutz zu finden; aber Caesar gestattete
+ihr keine Rast: rasch wurde die hartnäckige Gegenwehr der römischen und
+thrakischen Lagerwachen überwältigt und die Masse genötigt, sich in
+Unordnung die Anhöhen von Krannon und Skotussa hinaufzuziehen, an deren
+Fuße das Lager geschlagen war. Sie versuchte, auf diesen Hügeln sich
+fortbewegend Larisa wiederzuerreichen; allein Caesars Truppen, weder
+der Beute noch der Müdigkeit achtend und auf besseren Wegen in die
+Ebene vorrückend, verlegten den Flüchtigen den Weg; ja, als am späten
+Abend die Pompeianer ihren Marsch einstellten, vermochten ihre
+Verfolger es noch, eine Schanzlinie zu ziehen, die den Flüchtigen den
+Zugang zu dem einzigen in der Nähe befindlichen Bach verschloß. So
+endigte der Tag von Pharsalos. Die feindliche Armee war nicht bloß
+geschlagen, sondern vernichtet. 15000 der Feinde lagen tot oder
+verwundet auf dem Schlachtfeld, während die Caesarianer nur 200 Mann
+vermißten; die noch zusammengebliebene Masse, immer noch gegen 20000
+Mann, streckte am Morgen nach der Schlacht die Waffen; nur einzelne
+Trupps, darunter freilich die namhaftesten Offiziere, suchten eine
+Zuflucht in den Bergen; von den elf feindlichen Adlern wurden neun
+Caesar überbracht. Caesar, der schon am Tage der Schlacht die Soldaten
+erinnert hatte, im Feinde nicht den Mitbürger zu vergessen, behandelte
+die Gefangenen nicht wie Bibulus und Labienus es taten; indes auch er
+fand doch nötig, jetzt die Strenge walten zu lassen. Die gemeinen
+Soldaten wurden in das Heer eingereiht, gegen die Leute besseren
+Standes Geldbußen oder Vermögenskonfiskationen erkannt; die gefangenen
+Senatoren und namhaften Ritter erlitten, mit wenigen Ausnahmen, den
+Tod. Die Zeiten der Gnade waren vorbei; je länger er währte, desto
+rücksichtsloser und unversöhnlicher waltete der Bürgerkrieg.
+
+—————————————————————
+
+^6 Die genaue Bestimmung des Schlachtfeldes ist schwierig. Appian
+(bist. 2, 75) setzt dasselbe ausdrücklich zwischen (Neu-) Pharsalos
+(jetzt Fersala) und den Enipeus. Von den beiden Gewässern, die hier
+allein von einiger Bedeutung und unzweifelhaft der Apidanos und Enipeus
+der Alten sind, dem Sofadhitiko und dem Fersaliti, hat jener seine
+Quellen auf den Bergen von Thaumakoi (Dhomoko) und den Dolopischen
+Höhen, dieser auf dem Othrys, und fließt nur der Fersaliti bei
+Pharsalos vorbei; da nun aber der Enipeus nach Strabon (9 p. 432) auf
+dem Othrys entspringt und bei Pharsalos vorbeifließt, so ist der
+Fersaliti mit vollem Recht von W. M. Leake (Travels in Northern Greece.
+Bd. 4. London 1835, S. 320) für den Enipeus erklärt worden und die von
+Göler befolgte Annahme, daß der Fersaliti der Apidanos sei, unhaltbar.
+Damit stimmen auch alle sonstigen Angaben der Alten über beide Flüsse.
+Nur muß freilich mit Leake angenommen werden, daß der durch die
+Vereinigung des Fersaliti und des Sofadhitiko gebildete, zum Peneios
+gehende Fluß von Vlokho bei den Alten, wie der Sofadhitiko, Apidanos
+hieß: was aber auch um so natürlicher ist als wohl der Sofadhitiko,
+nicht aber der Fersaliti beständig Wasser hat (Leake, Bd. 4, S. 321).
+Zwischen Fersala also und dem Fersaliti muß Altpharsalos gelegen haben,
+wovon die Schlacht den Namen trägt. Demnach ward die Schlacht am linken
+Ufer des Fersaliti gefochten, und zwar so, daß die Pompeianer, mit dem
+Gesicht nach Pharsalos stehend, ihren rechten Flügel an den Fluß
+lehnten (Caes. civ. 3, 83. Frontin. strat. 2, 3, 22). Aber das Lager
+der Pompeianer kann hier nicht gestanden haben, sondern nur am Abhang
+der Höhen von Kynoskephalae am rechten Ufer des Enipeus, teils weil sie
+Caesar den Weg nach Skotussa verlegten, teils weil ihre Rückzugslinie
+offenbar über die oberhalb des Lagers befindlichen Berge nach Larisa
+ging; hätten sie, nach Leakes (Bd. 4, S. 482) Annahme, östlich von
+Pharsalos am linken Ufer des Enipeus gelagert, so konnten sie
+nimmermehr durch diesen gerade hier tief eingeschnittenen Bach (Leake,
+Bd. 4, S. 469) nordwärts gelangen und Pompeius hätte statt nach Larisa,
+nach Lamia flüchten müssen. Wahrscheinlich schlugen also die Pompeianer
+am rechten Ufer des Fersaliti ihr Lager und passierten den Fluß, sowohl
+um zu schlagen, als um nach der Schlacht wieder in ihr Lager zu
+gelangen von wo sie sodann sich die Abhänge von Krannon und Skotussa
+hinaufzogen, die über dem letzteren Orte zu den Höhen von Kynoskephalae
+sich gipfeln. Unmöglich war dies nicht. Der Enipeus ist ein schmaler,
+langsam fließender Bach, den Leake im November zwei Fuß tief fand und
+der in der heißen Jahreszeit oft ganz trocken liegt (Leake, Bd. 1, S.
+448 und Bd. 4, S. 472; vgl. Lucan. 6, 373), und die Schlacht ward im
+Hochsommer geschlagen. Ferner standen die Heere vor der Schlacht drei
+Viertelmeilen auseinander (App. civ. 2, 65), so daß die Pompeianer alle
+Vorbereitungen treffen und auch die Verbindung mit ihrem Lager durch
+Brücken gehörig sichern konnten. Wäre die Schlacht in eine völlige
+Deroute ausgegangen, so hätte freilich der Rückzug an und über den Fluß
+nicht ausgeführt werden können, und ohne Zweifel aus diesem Grunde
+verstand Pompeius nur ungern sich dazu, hier zu schlagen. Der am
+weitesten von der Rückzugsbasis entfernte linke Flügel der Pompeianer
+hat dies auch empfunden; aber der Rückzug wenigstens ihres Zentrums und
+ihres rechten Flügels ward nicht in solcher Hast bewerkstelligt, daß er
+unter den gegebenen Bedingungen unausführbar wäre. Caesar und seine
+Ausschreiber verschweigen die Überschreitung des Flusses, weil dieselbe
+die übrigens aus der ganzen Erzählung hervorgehende Kampfbegierde der
+Pompeianer zu deutlich ins Licht stellen würde, und ebenso die für
+diese günstigen Momente des Rückzugs.
+
+^7 In diesen Zusammenhang gehört die bekannte Anweisung Caesars an
+seine Soldaten, nach den Gesichtern der feindlichen Reiter zu stoßen.
+Die Infanterie, welche hier in ganz irregulärer Weise offensiv gegen
+die Kavallerie auftrat, der mit den Säbeln nicht beizukommen war,
+sollte ihre Pila nicht abwerfen, sondern sie als Handspeere gegen die
+Reiter brauchen und, um dieser sich besser zu erwehren, damit nach oben
+zu stoßen (Plut. Pomp. 69. 71; Plut. Caes. 45; App, civ. 2, 76, 78;
+Flor. epit. 2, 13; Oros. hist. 6, 15; irrig Frontin strat. 4, 7, 32).
+Die anekdotenhafte Umwandlung dieser Instruktion, daß die
+Pompeianischen Reiter durch die Furcht vor Schmarren im Gesicht zum
+Weglaufen sollten gebracht werden und auch wirklich “die Hände vor die
+Augen haltend” (Plutarch) davongaloppiert seien, fällt in sich selbst
+zusammen: denn sie hat nur dann eine Pointe, wenn die Pompeianische
+Reiterei hauptsächlich aus dem jungen Adel Roms, den “artigen Tänzern”,
+bestand; und dies ist falsch. Höchstens kann es sein, daß der Lagerwitz
+jener einfachen und zweckmäßigen militärischen Ordre diese sehr
+unsinnige, aber allerdings lustige Wendung gab.
+
+————————————————————————————
+
+Es dauerte einige Zeit, bevor die Folgen des 9. August 706 (48)
+vollständig sich übersehen ließen. Was am wenigsten Zweifel litt, war
+der Übertritt aller derer, die zu der bei Pharsalos überwundenen Partei
+nur als zu der mächtigeren sich geschlagen hatten, auf die Seite
+Caesars; die Niederlage war eine so völlig entscheidende, daß dem
+Sieger alles zufiel, was nicht für eine verlorene Sache streiten wollte
+oder mußte. Alle die Könige, Völker und Städte, die bisher Pompeius’
+Klientel gebildet hatten, riefen jetzt ihre Flotten- und
+Heereskontingente zurück und verweigerten den Flüchtlingen der
+geschlagenen Partei die Aufnahme - so Ägypten, Kyrene, die Gemeinden
+Syriens, Phönikiens, Kilikiens und Kleinasiens, Rhodos, Athen und
+überhaupt der ganze Osten. Ja, König Pharnakes vom Bosporus trieb den
+Diensteifer so weit, daß er auf die Nachricht von der Pharsalischen
+Schlacht nicht bloß die manches Jahr zuvor vom Pompeius frei erklärte
+Stadt Phanagoria und die Gebiete der von ihm bestätigten kolchischen
+Fürsten, sondern selbst das von demselben dem König Deiotarus
+verliehene Königreich Klein-Armenien in Besitz nahm. Fast die einzigen
+Ausnahmen von dieser allgemeinen Unterwerfung waren die kleine Stadt
+Megara, die von den Caesarianern sich belagern und erstürmen ließ, und
+König Juba von Numidien, der von Caesar die Einziehung seines Reiches
+schon längst und nach dem Siege über Curio nur um so sicherer zu
+gewärtigen hatte und also freilich, wohl oder übel, bei der
+geschlagenen Partei ausharren mußte. Ebenso wie die Klientelgemeinden
+sich dem Sieger von Pharsalos unterwarfen, kam auch der Schweif der
+Verfassungspartei, alle, die mit halbem Herzen mitgemacht hatten oder
+gar, wie Marcus Cicero und seinesgleichen, nur um die Aristokratie
+herumtrippelten wie die Halbhexen um den Blocksberg, herbei, um mit dem
+neuen Alleinherrscher ihren Frieden zu machen, den denn auch dessen
+geringschätzige Nachsicht den Bittstellern bereitwillig und höflich
+gewährte. Aber der Kern der geschlagenen Partei transigierte nicht. Mit
+der Aristokratie war es vorbei; aber die Aristokraten konnten doch sich
+nimmermehr zur Monarchie bekehren. Auch die höchsten Offenbarungen der
+Menschheit sind vergänglich; die einmal wahre Religion kann zur Lüge,
+die einst segenhafte Staatsordnung zum Fluche werden; aber selbst das
+vergangene Evangelium noch findet Bekenner, und wenn solcher Glaube
+nicht Berge versetzen kann wie der Glaube an die lebendige Wahrheit, so
+bleibt er doch sich selber bis zu seinem Untergange treu und weicht aus
+dem Reiche der Lebendigen nicht, bevor er seine letzten Priester und
+seine letzten Bürger sich nachgezogen hat und ein neues Geschlecht, von
+jenen Schemen des Gewesenen und Verwesenden befreit, über die verjüngte
+Welt regiert. So war es in Rom. In welchen Abgrund der Entartung auch
+jetzt das aristokratische Regiment versunken war, es war einst ein
+großartiges politisches System gewesen; das heilige Feuer, durch das
+Italien erobert und Hannibal besiegt worden war, glühte, wie getrübt
+und verdumpft, dennoch fort in dem römischen Adel, solange es einen
+solchen gab, und machte eine innerliche Verständigung zwischen den
+Männern des alten Regiments und dem neuen Monarchen unmöglich. Ein
+großer Teil der Verfassungspartei fügte sich wenigstens äußerlich und
+erkannte die Monarchie insofern an, als sie von Caesar Gnade annahmen
+und soweit möglich, sich ins Privatleben zurückzogen; was freilich
+regelmäßig nicht ohne den Hintergedanken geschah, sich damit auf einen
+künftigen Umschwung der Dinge aufzusparen. Vorzugsweise taten dies die
+minder namhaften Parteigenossen; doch zählte auch der tüchtige Marcus
+Marcellus, derselbe, der den Bruch mit Caesar herbeigeführt hatte, zu
+diesen Verständigen und verbannte sich freiwillig nach Lesbos. Aber in
+der Majorität der echten Aristokratie war die Leidenschaft mächtiger
+als die kühle Überlegung; wobei freilich auch Selbsttäuschungen über
+den noch möglichen Erfolg und Besorgnisse vor der unvermeidlichen Rache
+des Siegers mannigfaltig mitwirkten. Keiner wohl beurteilte mit so
+schmerzlicher Klarheit und so frei von Furcht wie von Hoffnung für sich
+die Lage der Dinge wie Marcus Cato. Vollkommen überzeugt, daß nach den
+Tagen von Ilerda und Pharsalos die Monarchie unvermeidlich sei, und
+sittlich fest genug, um auch diese bittere Wahrheit sich einzugestehen
+und danach zu handeln, schwankte er einen Augenblick, ob die
+Verfassungspartei den Krieg überhaupt noch fortsetzen dürfe, der
+notwendig für eine verlorene Sache vielen Opfer zumutete, die nicht
+wußten, wofür sie sie brachten. Aber wenn er sich entschloß, weiter
+gegen die Monarchie zu kämpfen, nicht um den Sieg, sondern um rascheren
+und ehrenvolleren Untergang, so suchte er doch soweit möglich in diesen
+Krieg keinen hineinzuziehen, der den Untergang der Republik überleben
+und mit der Monarchie sich abfinden mochte. Solange die Republik nur
+bedroht gewesen, meinte er, habe man das Recht und die Pflicht gehabt,
+auch den lauen und schlechten Bürger zur Teilnahme an dem Kampfe zu
+zwingen; aber jetzt sei es sinnlos und grausam, den einzelnen zu
+nötigen, daß er mit der verlorenen Republik sich zugrunde richte. Nicht
+bloß entließ er selbst jeden, der nach Italien heimzukehren begehrte;
+als der wildeste unter den wilden Parteimännern, Gnaeus Pompeius der
+Sohn, auf die Hinrichtung dieser Leute, namentlich des Cicero drang,
+war es einzig Cato, der sie durch seine sittliche Autorität
+verhinderte.
+
+Auch Pompeius begehrte keinen Frieden. Wäre er ein Mann gewesen, der es
+verdiente, an dem Platze zu stehen, wo er stand, so möchte man meinen,
+er habe es begriffen, daß, wer nach der Krone greift, nicht wieder
+zurück kann in das Geleise der gewöhnlichen Existenz und darum für den,
+der fehlgegriffen, kein Platz mehr auf der Erde ist. Allein schwerlich
+dachte Pompeius zu groß, um eine Gnade zu erbitten, die der Sieger
+vielleicht hochherzig genug gewesen wäre, ihm nicht zu versagen,
+sondern vielmehr wahrscheinlich dazu zu gering. Sei es, daß er es nicht
+über sich gewann, Caesar sich anzuvertrauen, sei es, daß er in seiner
+gewöhnlichen unklaren und unentschiedenen Weise, nachdem der erste
+unmittelbare Eindruck der Katastrophe von Pharsalos geschwunden war,
+wieder anfing, Hoffnung zu schöpfen, Pompeius war entschlossen, den
+Kampf gegen Caesar fortzusetzen und nach dem Pharsalischen noch ein
+anderes Schlachtfeld sich zu suchen.
+
+So ging also, wie Caesar immer durch Klugheit und Mäßigung den Groll
+seiner Gegner zu beschwichtigen und ihre Zahl zu mindern bemüht war,
+der Kampf nichtsdestoweniger unabänderlich weiter. Allein die führenden
+Männer hatten fast alle bei Pharsalos mitgefochten, und obwohl sie, mit
+Ausnahme von Lucius Domitius Ahenobarbus, der auf der Flucht
+niedergemacht ward, sämtlich sich retteten, wurden sie doch nach allen
+Seiten hin versprengt, weshalb sie nicht dazu kamen, einen
+gemeinschaftlichen Plan für die Fortsetzung des Feldzuges zu
+verabreden. Die meisten von ihnen gelangten, teils durch die öden
+makedonischen und illyrischen Gebirge, teils mit Hilfe der Flotte, nach
+Kerkyra, wo Marcus Cato die zurückgelassene Reserve kommandierte. Hier
+fand unter Catos Vorsitz eine Art Kriegsrat statt, dem Metellus Scipio,
+Titus Labienus, Lucius Afranius, Gnaeus Pompeius der Sohn und andere
+beiwohnten; allein teils die Abwesenheit des Oberfeldherrn und die
+peinliche Ungewißheit über sein Schicksal, teils die innere
+Zerfahrenheit der Partei verhinderte eine gemeinsame Beschlußfassung,
+und es schlug schließlich jeder den Weg ein, der ihm für sich oder für
+die gemeine Sache der zweckmäßigste zu sein schien. Es war in der Tat
+in hohem Grade schwierig, unter den vielen Strohhalmen, an die man etwa
+sich anklammern konnte, denjenigen zu bezeichnen, der am längsten über
+Wasser halten würde. Makedonien und Griechenland waren durch die
+Schlacht von Pharsalos verloren. Zwar hielt Cato, nachdem er auf die
+Nachricht von der Niederlage Dyrrhachion sogleich geräumt hatte, nach
+Kerkyra, Rutilius Lupus noch den Peloponnes eine Zeitlang für die
+Verfassungspartei. Einen Augenblick schien es auch, als wollten die
+Pompeianer sich in Paträ auf dem Peloponnes verteidigen; allein die
+Nachricht von Calenus’ Anrücken genügte, um sie von hier zu
+verscheuchen. Kerkyra zu behaupten wurde ebensowenig versucht. An der
+italischen und sizilischen Küste hatten die nach den Siegen von
+Dyrrhachion dorthin entsandten Pompeianischen Geschwader gegen die
+Häfen von Brundisium, Messana und Vibo nicht unbedeutende Erfolge
+errungen und in Messana namentlich die ganze in der Ausrüstung
+begriffene Flotte Caesars niedergebrannt; allein die hier tätigen
+Schiffe, größtenteils kleinasiatische und syrische, wurden infolge der
+Pharsalischen Schlacht von ihren Gemeinden abberufen, so daß die
+Expedition damit von selber ein Ende nahm. In Kleinasien und Syrien
+standen augenblicklich gar keine Truppen, weder der einen noch der
+anderen Partei, mit Ausnahme der bosporanischen Armee des Pharnakes,
+die, angeblich für Rechnung Caesars, verschiedene Landschaften der
+Gegner desselben eingenommen hatte. In Ägypten stand zwar noch ein
+ansehnliches römisches Heer, gebildet aus den dort von Gabinius
+zurückgelassenen und seitdem aus italischen Landstreichern und
+syrischem oder kilikischem Räubergesindel rekrutierten Truppen; allein
+es verstand sich von selbst und ward durch die Rückberufung der
+ägyptischen Schiffe bald offiziell bestätigt, daß der Hof von
+Alexandreia keineswegs die Absicht hatte, bei der geschlagenen Partei
+auszuhalten oder gar ihr seine Truppenmacht zur Verfügung zu stellen.
+Etwas günstigere Aussichten boten sich den Besiegten im Westen dar. In
+Spanien waren unter der Bevölkerung die Pompeianischen Sympathien so
+mächtig, daß die Caesarianer den von dort aus gegen Afrika
+beabsichtigten Angriff deswegen unterlassen mußten und eine
+Insurrektion unausbleiblich schien, sowie ein namhafter Führer auf der
+Halbinsel sich zeigen würde. In Afrika aber hatte die Koalition oder
+vielmehr der eigentliche Machthaber daselbst, König Juba von Numidien,
+seit dem Herbst 705 (49) ungestört gerüstet. Wenn also der ganze Osten
+durch die Schlacht von Pharsalos der Koalition verloren war, so konnte
+sie dagegen in Spanien wahrscheinlich und sicher in Afrika den Krieg in
+ehrenhafter Weise weiterführen; denn die Hilfe des längst der römischen
+Gemeinde untertänigen Königs von Numidien gegen revolutionäre Mitbürger
+in Anspruch zu nehmen, war für den Römer wohl eine peinliche
+Demütigung, aber keineswegs ein Landesverrat. Wem freilich in diesem
+Kampfe der Verzweiflung weder Recht noch Ehre etwas weiter galt, der
+mochte auch, sich selber außerhalb des Gesetzes erklärend, die
+Räuberfehde eröffnen oder, mit unabhängigen Nachbarstaaten in Bündnis
+tretend, den Landesfeind in den inneren Streit hineinziehen oder
+endlich, die Monarchie mit den Lippen bekennend, die Restauration der
+legitimen Republik mit dem Dolch des Meuchelmörders betreiben. Daß die
+Überwundenen austraten und der neuen Monarchie absagten, war wenigstens
+der natürliche und insofern richtigste Ausdruck ihrer verzweifelten
+Lage. Das Gebirge und vor allem das Meer waren in jener Zeit seit
+Menschengedenken wie die Freistatt allen Frevels, so auch die des
+unerträglichen Elends und des unterdrückten Rechtes; Pompeianern und
+Republikanern lag es nahe, der Monarchie Caesars, die sie ausstieß, in
+den Bergen und auf den Meeren trotzig den Krieg zu machen, und
+namentlich nahe, die Piraterie in größerem Maßstab, in festerer
+Geschlossenheit, mit bestimmteren Zielen aufzunehmen. Selbst nach der
+Abberufung der aus dem Osten gekommenen Geschwader besaßen sie noch
+eine sehr ansehnliche eigene Flotte, während Caesar immer noch so gut
+wie ohne Kriegsschiffe war; und ihre Verbindung mit den Delmatern, die
+im eigenen Interesse gegen Caesar aufgestanden waren, ihre Herrschaft
+über die wichtigsten Meere und Hafenplätze, gaben für den Seekrieg,
+namentlich im kleinen, die vorteilhaftesten Aussichten. Wie einst
+Sullas Demokratenhetze geendigt hatte mit dem Sertorianischen Aufstand,
+der anfangs Piraten-, dann Räuberfehde war und schließlich doch ein
+sehr ernstlicher Krieg ward, so konnte, wenn in der catonischen
+Aristokratie oder unter den Anhängern des Pompeius so viel Geist und
+Feuer war wie in der marianischen Demokratie, und wenn in ihr der
+rechte Seekönig sich fand, auf dem noch unbezwungenen Meere wohl ein
+von Caesars Monarchie unabhängiges und vielleicht dieser gewachsenes
+Gemeinwesen entstehen.
+
+In jeder Hinsicht weit schärfere Mißbilligung verdient der Gedanke,
+einen unabhängigen Nachbarstaat in den römischen Bürgerkrieg
+hineinzuziehen und durch ihn eine Konterrevolution herbeizuführen:
+Gesetz und Gewissen verurteilen den Überläufer strenger als den Räuber,
+und leichter findet die siegreiche Räuberschar den Rückweg zu einem
+freien und geordneten Gemeinwesen, als die vom Landesfeind
+zurückgeführte Emigration. Übrigens war es auch kaum wahrscheinlich,
+daß die geschlagene Partei auf diesem Wege eine Restauration würde
+bewirken können. Der einzige Staat, auf den sie versuchen konnte sich
+zu stützen, war der der Parther; und von diesem war es wenigstens
+zweifelhaft, ob er ihre Sache zu der seinigen machen, und sehr
+unwahrscheinlich, daß er gegen Caesar sie durchfechten werde. Die Zeit
+der republikanischen Verschwörungen aber war noch nicht gekommen.
+
+Während also die Trümmer der geschlagenen Partei ratlos vom Schicksal
+sich treiben ließen und auch die den Kampf fortzusetzen entschieden
+waren nicht wußten, wie noch wo, hatte Caesar, wie immer rasch
+entschlossen und rasch handelnd, alles beiseite gelassen, um Pompeius
+zu verfolgen, den einzigen seiner Gegner, den er als Offizier achtete,
+und denjenigen, dessen persönliche Gefangennahme die eine und
+vielleicht die gefährlichere Hälfte seiner Gegner wahrscheinlich
+paralysiert haben würde. Mit weniger Mannschaft fuhr er über den
+Hellespont - seine einzelne Barke traf in demselben auf eine
+feindliche, nach dem Schwarzen Meere bestimmte Flotte und nahm die
+ganze, durch die Kunde von der Pharsalischen Schlacht wie mit Betäubung
+geschlagene Mannschaft derselben gefangen - und eilte, sowie die
+notwendigsten Anordnungen getroffen waren, Pompeius in den Osten nach.
+Dieser war vom Pharsalischen Schlachtfeld nach Lesbos gegangen, wo er
+seine Gemahlin und seinen zweiten Sohn Sextus abholte, und weiter um
+Kleinasien herum nach Kilikien und von da nach Kypros gesegelt. Er
+hätte zu seinen Parteigenossen nach Kerkyra oder Afrika gelangen
+können; allein der Widerwille gegen seine aristokratischen Verbündeten
+und der Gedanke an die Aufnahme, die nach dem Tage von Pharsalos und
+vor allem nach seiner schimpflichen Flucht ihn dort erwartete, scheinen
+ihn bewogen zu haben, seinen Weg für sich zu gehen und lieber in den
+Schutz des Partherkönigs als in den Catos sich zu begeben. Während er
+beschäftigt war, von den römischen Steuerpächtern und Kaufleuten auf
+Kypros Geld und Sklaven beizutreiben und einen Haufen von 2000 Sklaven
+zu bewaffnen, erhielt er die Nachricht, daß Antiocheia sich für Caesar
+erklärt habe und der Weg zu den Parthern nicht mehr offen sei. So
+änderte er seinen Plan und ging unter Segel nach Ägypten, wo in dem
+Heere eine Menge seiner alten Soldaten dienten und die Lage und die
+reichen Hilfsmittel des Landes Zeit und Gelegenheit gewährten, den
+Krieg zu reorganisieren.
+
+In Ägypten hatten nach Ptolemaeos Auletes’ Tode (Mai 703 51) dessen
+Kinder, die etwa sechzehnjährige Kleopatra und der zehnjährige
+Ptolemaeos Dionysos, nach dem Willen ihres Vaters gemeinschaftlich und
+als Gatten, den Thron bestiegen; allein bald hatte der Bruder oder
+vielmehr dessen Vormund Potheinos die Schwester aus dem Reiche
+getrieben und sie genötigt, eine Zuflucht in Syrien zu suchen, von wo
+aus sie Anstalten traf, um in ihr väterliches Reich zurückzugelangen.
+Ptolemaeos und Potheinos standen eben, um gegen sie die Ostgrenze zu
+decken, mit der ganzen ägyptischen Armee bei Pelusion, als Pompeius bei
+dem Kasischen Vorgebirge vor Anker ging und den König ersuchen ließ,
+ihm die Landung zu gestatten. Der ägyptische Hof, längst von der
+Katastrophe bei Pharsalos unterrichtet, war im Begriffe, Pompeius
+zurückzuweisen; allein der Hofmeister des Königs, Theodotos, wies
+darauf hin, daß in diesem Falle Pompeius wahrscheinlich seine
+Verbindungen in der ägyptischen Armee benutzen werde, um dieselbe
+aufzuwiegeln; es sei sicherer und auch mit Rücksicht auf Caesar
+vorzuziehen, wenn man die Gelegenheit wahrnehme, um Pompeius aus der
+Welt zu schaffen. Dergleichen politische Räsonnements verfehlten bei
+den Staatsmännern der hellenischen Welt nicht leicht ihre Wirkung. Der
+General der königlichen Truppen, Achillas, und einige von Pompeius’
+ehemaligen Soldaten fuhren mit einem Kahn an Pompeius’ Schiff heran und
+luden ihn ein, zum König zu kommen und, da das Fahrwasser seicht sei,
+ihre Barke zu besteigen. Im Aussteigen stach der Kriegstribun Lucius
+Septimius ihn hinterrücks nieder, unter den Augen seiner Gattin und
+seines Sohnes, welche von dem Verdeck ihres Schiffes aus dem Morde
+zusehen mußten, ohne retten oder rächen zu können (28. September 706
+48). An demselben Tage, an dem er dreizehn Jahre zuvor, über
+Mithradates triumphierend, in die Hauptstadt eingezogen war, endigte
+auf einer öden Düne des unwirtlichen kasischen Strandes durch die Hand
+eines seiner alten Soldaten der Mann, der ein Menschenalter hindurch
+der Große geheißen und Jahre lang Rom beherrscht hatte. Ein guter
+Offizier, übrigens aber von mittelmäßigen Gaben des Geistes und des
+Herzens, hatte das Schicksal mit dreißigjähriger dämonischer
+Beständigkeit alle glänzenden mühelosen Aufgaben nur darum ihm zu lösen
+gewährt, alle von anderen gepflanzten und gepflegten Lorbeeren nur
+darum ihm zu brechen gestattet, nur darum alle Bedingungen zur
+Erlangung der höchsten Gewalt ihm entgegengetragen, um an ihm ein
+Beispiel falscher Größe aufzustellen, wie die Geschichte kein zweites
+kennt. Unter allen kläglichen Rollen gibt es keine kläglichere als die,
+mehr zu gelten als zu sein; und es ist das Verhängnis der Monarchie, da
+doch kaum alle tausend Jahre in dem Volke ein Mann aufsteht, welcher
+König nicht bloß heißt, sondern auch ist, daß diese Kläglichkeit
+unvermeidlich an ihr haftet. Wenn dies Mißverhältnis zwischen Scheinen
+und Sein vielleicht nie so schroff hervorgetreten ist wie in Pompeius,
+so mag der ernste Gedanke wohl dabei verweilen, daß er eben in gewissem
+Sinn die Reihe der römischen Monarchen eröffnet.
+
+Als Caesar, Pompeius’ Spuren folgend, auf der Reede von Alexandreia
+eintraf, war bereits alles vorüber. Mit tiefer Erschütterung wandte er
+sich ab, als ihm der Mörder das Haupt des Mannes auf das Schiff
+entgegentrug, der sein Schwiegersohn und lange Jahre sein Genosse in
+der Herrschaft gewesen und den lebend in seine Gewalt zu bringen er
+nach Ägypten gekommen war. Die Antwort auf die Frage, wie Caesar mit
+dem gefangenen Pompeius verfahren sein würde, hat der Dolch des
+voreiligen Mörders abgeschnitten; aber wenn die menschliche Teilnahme,
+die in Caesars großer Seele noch neben dem Ehrgeiz Raum fand, ihm die
+Schonung des ehemaligen Freundes gebot, so forderte auch sein
+Interesse, denselben auf andere Art zu annullieren als durch den
+Henker. Pompeius war zwanzig Jahre lang der anerkannte Gebieter von Rom
+gewesen; eine so tief gewurzelte Herrschaft geht nicht unter mit dem
+Tode des Herrn. Pompeius’ Tod löste die Pompeianer nicht auf, sondern
+gab ihnen statt eines bejahrten, unfähigen und vernutzten Hauptes an
+dessen beiden Söhnen Gnaeus und Sextus zwei Führer, welche beide jung
+und rührig und von denen der zweite eine entschiedene Kapazität war.
+Der neugegründeten Erbmonarchie heftete sogleich parasitisch sich das
+erbliche Prätendententum an, und es war sehr zweifelhaft, ob bei diesem
+Wechsel der Personen Caesar nicht mehr verlor, als er gewann.
+
+Indes in Ägypten hatte Caesar jetzt nichts weiter zu tun, und Römer und
+Ägypter erwarteten, daß er sofort wieder unter Segel gehen und sich an
+die Unterwerfung Afrikas und an das unermeßliche Organisationswerk
+machen werde, das ihm nach dem Siege bevorstand. Allein Caesar, seiner
+Gewohnheit getreu, wo er einmal in dem weiten Reiche sich befand, die
+Verhältnisse sogleich und persönlich endgültig zu regeln, und fest
+überzeugt, daß weder von der römischen Besatzung noch von dem Hofe
+irgendein Widerstand zu erwarten sei, überdies in dringender
+Geldverlegenheit, landete in Alexandreia mit den zwei ihn begleitenden,
+auf 3200 Mann zusammengeschmolzenen Legionen und 800 keltischen und
+deutschen Reitern, nahm Quartier in der königlichen Burg und ging
+daran, die nötigen Summen beizutreiben und die ägyptische Erbfolge zu
+ordnen, ohne sich stören zu lassen durch Potheinos’ naseweise
+Bemerkung, daß Caesar doch über diese Kleinigkeiten nicht seine so
+wichtigen eigenen Angelegenheiten versäumen möge. Gegen die Ägypter
+verfuhr er dabei gerecht und selbst nachsichtig. Obwohl der Beistand,
+den sie Pompeius geleistet hatten, zur Auflegung einer
+Kriegskontribution berechtigte, ward doch das erschöpfte Land damit
+verschont und unter Erlaß dessen, was auf die im Jahre 695 (59)
+stipulierte und seitdem erst etwa zur Hälfte abbezahlte Summe weiter
+rückständig war, lediglich eine Schlußzahlung von 10 Mill. Denaren (3
+Mill. Taler) gefordert. Den beiden kriegführenden Geschwistern ward die
+sofortige Einstellung der Feindseligkeiten anbefohlen und beide zur
+Untersuchung und Entscheidung des Streites vor den Schiedsherrn
+geladen. Man fügte sich; der königliche Knabe befand sich bereits in
+der Burg und auch Kleopatra stellte dort sich ein. Caesar sprach das
+Reich Ägypten, dem Testament des Auletes gemäß, den beiden
+geschwisterlichen Gatten Kleopatra und Ptolemaeos Dionysos zu und gab
+ferner unaufgefordert, unter Kassierung der früher verfügten Einziehung
+des Kyprischen Reiches, dieses als ägyptische Sekundogenitur an die
+jüngeren Kinder des Auletes Arsinoe und Ptolemaeos den Jüngeren.
+
+Allein im stillen bereitete ein Ungewitter sich vor. Alexandreia war
+eine Weltstadt so gut wie Rom, an Einwohnerzahl der italischen
+Hauptstadt schwerlich nachstehend, an rührigem Handelsgeist, an
+Handwerkergeschick, an Sinn für Wissenschaft und Kunst ihr weit
+überlegen; in der Bürgerschaft war ein reges nationales Selbstgefühl
+und wenn kein politischer Sinn, doch ein unruhiger Geist, der sie ihre
+Straßenkrawalle so regelmäßig und so herzhaft abhalten ließ wie
+heutzutage die Pariser; man kann sich ihre Empfindungen denken, als sie
+in der Residenz der Lagiden den römischen Feldherrn schalten und ihre
+Könige vor seinem Tribunal Recht nehmen sah. Potheinos und der
+königliche Knabe, beide begreiflicherweise sehr unzufrieden sowohl mit
+der peremtorischen Einmahnung alter Schulden wie mit der Intervention
+in dem Thronstreit, welche nur zu Gunsten der Kleopatra ausfallen
+konnte und ausfiel, schickten zur Befriedigung der römischen
+Forderungen die Schätze der Tempel und das goldene Tischgerät des
+Königs mit absichtlicher Ostentation zum Einschmelzen in die Münze; mit
+tiefer Erbitterung schauten die abergläubisch frommen und der
+weltberühmten Pracht ihres Hofes wie eines eigenen Besitzes sich
+erfreuenden Ägypter die nackten Wände ihrer Tempel und die hölzernen
+Becher auf der Tafel ihres Königs. Auch die römische Okkupationsarmee,
+welche durch den langen Aufenthalt in Ägypten und die vielen
+Zwischenheiraten zwischen den Soldaten und ägyptischen Mädchen
+wesentlich denationalisiert war und überdies eine Menge alter Soldaten
+des Pompeius und verlaufener italischer Verbrecher und Sklaven in ihren
+Reihen zählte, grollte Caesar, auf dessen Befehl sie ihre Aktion an der
+syrischen Grenze hatte einstellen müssen, und seiner Handvoll
+hochmütiger Legionäre. Schon der Auflauf bei der Landung, als die Menge
+die römischen Beile in die alte Königsburg tragen sah, und die
+zahlreichen Meuchelmorde, welche gegen seine Soldaten in der Stadt
+verübt wurden, hatten Caesar darüber belehrt, in welcher ungeheuren
+Gefahr er mit seinen wenigen Leuten dieser erbitterten Menge gegenüber
+schwebte. Allein die Umkehr war wegen der in dieser Jahreszeit
+herrschenden Nordwestwinde schwierig, und der Versuch der Einschiffung
+konnte leicht das Signal zum Ausbruch der Insurrektion werden;
+überhaupt lag es nicht in Caesars Art, unverrichteter Sache sich
+davonzumachen. Er beorderte also zwar sogleich Verstärkungen aus Asien
+herbei, trug aber, bis diese eintrafen, zunächst die größte Sicherheit
+zur Schau. Nie war es lustiger in seinem Lager hergegangen als während
+dieser alexandrinischen Rast; und wenn die schöne und geistreiche
+Kleopatra mit ihren Reizen überhaupt nicht, und am wenigsten gegen
+ihren Richter, sparsam war, so schien auch Caesar unter all seinen
+Siegen die über schöne Frauen am höchsten zu schätzen. Es war ein
+lustiges Vorspiel zu sehr ernsten Auftritten. Unter Führung des
+Achillas und, wie später sich auswies, auf geheimen Befehl des Königs
+und seines Vormundes, erschien die in Ägypten stehende römische
+Okkupationsarmee unvermutet in Alexandreia; und sowie die Bürgerschaft
+sah, daß sie kam, um Caesar anzugreifen, machte sie mit den Soldaten
+gemeinschaftliche Sache. Mit einer Geistesgegenwart, die seine frühere
+Tolldreistigkeit gewissermaßen rechtfertigt, raffte Caesar schleunigst
+seine zerstreuten Mannschaften zusammen, bemächtigte sich der Person
+des Königs und seiner Minister, verschanzte sich in der königlichen
+Burg und dem benachbarten Theater, ließ, da es an Zeit gebrach, die in
+dem Haupthafen unmittelbar vor dem Theater stationierte Kriegsflotte in
+Sicherheit zu bringen, dieselbe anzünden und die den Hafen
+beherrschende Leuchtturminsel Pharos durch Boote besetzen. So war
+wenigstens eine beschränkte Verteidigungsstellung gewonnen und der Weg
+offen gehalten, um Zufuhr und Verstärkungen herbeizuschaffen. Zugleich
+ging dem Kornmandanten von Kleinasien sowie den nächsten untertänigen
+Landschaften, den Syrern und Nabatäern, den Kretensern und den
+Rhodiern, der Befehl zu, schleunigst Truppen und Schiffe nach Ägypten
+zu senden. Die Insurrektion, an deren Spitze die Prinzessin Arsinoe und
+deren Vertreter, der Eunuch Ganymedes, sich gestellt hatten, schaltete
+indes frei in ganz Ägypten und in dem größten Teil der Hauptstadt, in
+deren Straßen täglich gefochten ward, ohne daß es weder Caesar gelang,
+sich freier zu entwickeln und bis zu dem hinter der Stadt befindlichen
+Süßwassersee von Marea durchzubrechen, wo er sich mit Wasser und mit
+Fourage hätte versorgen können, noch den Alexandrinern, der Belagerten
+Herr zu werden und sie alles Trinkwassers zu berauben; denn als die
+Nilkanäle in Caesars Stadtteil durch hineingeleitetes Seewasser
+verdorben waren, fand sich unerwartet trinkbares Wasser in den am
+Strande gegrabenen Brunnen. Da Caesar von der Landseite nicht zu
+überwältigen war, richteten sich die Anstrengungen der Belagerer
+darauf, seine Flotte zu vernichten und ihn von der See abzuschneiden,
+auf der die Zufuhr ihm zukam. Die Leuchtturminsel und der Damm, durch
+den diese mit dem Festland zusammenhing, teilte den Hafen in eine
+westliche und eine östliche Hälfte, die durch zwei Bogenöffnungen des
+Dammes miteinander in Verbindung standen. Caesar beherrschte die Insel
+und den Osthafen, während der Damm und der Westhafen im Besitz der
+Bürgerschaft war, und seine Schiffe fuhren, da die alexandrinische
+Flotte verbrannt war, ungehindert ab und zu. Die Alexandriner, nachdem
+sie vergeblich versucht hatten, aus dem Westhafen in den östlichen
+Brander einzuführen, stellten darauf mit den Resten ihres Arsenals ein
+kleines Geschwader her und verlegten damit Caesars Schiffen den Weg,
+als dieselben eine Transportflotte mit einer aus Kleinasien
+nachgekommenen Legion hereinbugsierten; indes wurden Caesars
+vortreffliche rhodische Seeleute des Feindes Herr. Nicht lange darauf
+nahmen indes die Bürger die Leuchtturminsel weg ^8 und sperrten von da
+aus die schmale und klippige Mündung des Osthafens für größere Schiffe
+gänzlich; so daß Caesars Flotte genötigt war, auf der offenen Reede vor
+dem Osthafen zu stationieren und seine Verbindung mit der See nur noch
+an einem schwachen Faden hing. Caesars Flotte, auf jener Reede zu
+wiederholten Malen von der überlegenen feindlichen Seemacht
+angegriffen, konnte weder dem ungleichen Kampf ausweichen, da der
+Verlust der Leuchtturminsel ihr den inneren Hafen verschloß, noch auch
+das Weite suchen, da der Verlust der Reede Caesar ganz von der See
+abgesperrt haben würde. Wenn auch die tapfern Legionäre, unterstützt
+durch die Gewandtheit der rhodischen Matrosen, bisher noch immer diese
+Gefechte zu Gunsten der Römer entschieden hatten, so erneuerten und
+steigerten doch die Alexandriner mit unermüdeter Beharrlichkeit ihre
+Flottenrüstungen; die Belagerten mußten schlagen, so oft es den
+Belagerern beliebte, und wurden jene ein einziges Mal überwunden, so
+war Caesar vollständig eingeschlossen und wahrscheinlich verloren. Es
+ward schlechterdings nötig, einen Versuch zur Wiedergewinnung der
+Leuchtturminsel zu machen. Der zwiefache Angriff, der durch Boote von
+der Hafen-, durch die Kriegsschiffe von der Seeseite her gemacht ward,
+brachte in der Tat nicht bloß die Insel, sondern auch den unteren Teil
+des Dammes in Caesars Gewalt; erst bei der zweiten Bogenöffnung des
+Dammes befahl Caesar anzuhalten und den Damm hier gegen die Stadt zu
+durch einen Querwall zu sperren. Allein während hier um die Schanzenden
+ein hitziges Gefecht sich entspann, entblößten die römischen Truppen
+den unteren, an die Insel anstoßenden Teil des Dammes; unversehens
+landete hier eine Abteilung Ägypter, griff die auf dem Damm am Querwall
+zusammengedrängten römischen Soldaten und Matrosen von hinten an und
+sprengte die ganze Masse in wilder Verwirrung in das Meer. Ein Teil
+ward von den römischen Schiffen aufgenommen; die meisten ertranken.
+Etwa 400 Soldaten und eine noch größere Zahl von der Flottenmannschaft
+wurden das Opfer dieses Tages; der Feldherr selbst, der das Schicksal
+der Seinigen geteilt, hatte sich auf sein Schiff und, als dieses von
+Menschen überschwert sank, schwimmend auf ein anderes retten müssen.
+Indes so empfindlich auch der erlittene Verlust war, er ward durch den
+Wiedergewinn der Leuchtturminsel, die samt dem Damm bis zur ersten
+Bogenöffnung in Caesars Händen blieb, reichlich aufgewogen. Endlich kam
+der ersehnte Entsatz. Mithradates von Pergamon, ein tüchtiger
+Kriegsmann aus der Schule des Mithradates Eupator, dessen natürlicher
+Sohn er zu sein behauptete, führte zu Lande von Syrien her eine
+buntscheckige Armee heran: die Ityräer des Fürsten von Libanos, die
+Beduinen des Jamblichos, Sampsikeramos’ Sohn, die Juden unter dem
+Minister Antipatros, überhaupt die Kontingente der kleinen Häuptlinge
+und Gemeinden Kilikiens und Syriens. Von Pelusion, das Mithradates am
+Tage seiner Ankunft zu besetzen geglückt war, schlug er, um das
+durchschnittene Terrain des Delta zu vermeiden und den Nil vor seiner
+Teilung zu überschreiten, die große Straße nach Memphis ein, wobei
+seine Truppen von den besonders in diesem Teil Ägyptens zahlreich
+ansässigen Juden vielfache landsmannschaftliche Unterstützung
+empfingen. Die Ägypter, jetzt den jungen König Ptolemaeos an der
+Spitze, welchen Caesar in der vergeblichen Hoffnung, die Insurrektion
+durch ihn zu beschwichtigen, zu den Seinigen entlassen hatte,
+entsandten ein Heer auf dem Nil, um Mithradates auf dessen jenseitigem
+Ufer festzuhalten. Dasselbe traf auch, noch jenseits Memphis bei dem
+sogenannten Judenlager, zwischen Omion und Heliopolis, auf den Feind;
+allein Mithradates, geübt, in römischer Weise zu manövrieren und zu
+lagern, gewann dennoch unter glücklichen Gefechten das andere Ufer bei
+Memphis. Caesar andererseits, sowie er von dem Eintreffen der
+Entsatzarmee Kunde erhielt, führte einen Teil seiner Truppen auf
+Schiffen an die Spitze des Sees von Marea westlich von Alexandreia und
+marschierte um diesen herum und den Nil hinab dem flußaufwärts
+herankommenden Mithradates entgegen. Die Vereinigung erfolgte, ohne daß
+der Feind sie zu hindern versucht hätte. Caesar rückte dann in das
+Delta, wohin der König sich zurückgezogen hatte, warf, trotz des
+tiefeingeschnittenen Kanals vor ihrer Front, die ägyptische Vorhut im
+ersten Anlauf und stürmte sofort das ägyptische Lager selbst. Es befand
+sich am Fuß einer Anhöhe zwischen dem Nil, von dem nur ein schmaler Weg
+es trennte, und schwer zugänglichen Sümpfen. Caesar ließ zugleich von
+vorn und seitwärts auf dem Weg am Nil das Lager berennen und während
+dieses Sturmes ein drittes Detachement die Anhöhen hinter dem Lager
+ungesehen ersteigen. Der Sieg war vollständig; das Lager ward genommen
+und was von den Ägyptern nicht unter den feindlichen Schwertern fiel,
+ertrank bei dem Versuch, zu der Nilflotte zu entkommen. Mit einem der
+Boote, die mit Menschen überladen sanken, verschwand auch der junge
+König in den Wellen seines heimischen Stromes. Unmittelbar vom
+Schlachtfeld rückte Caesar von der Landseite her geradeswegs an der
+Spitze seiner Reiterei in den von den Ägyptern besetzten Teil der
+Hauptstadt. Im Trauergewande, ihre Götterbilder in den Händen,
+empfingen ihn um Friede bittend die Feinde, die Seinigen aber, da sie
+ihn von der anderen Seite, als von der er ausgezogen als Sieger
+wiederkehren sahen, mit grenzenlosem Jubel. Das Schicksal der Stadt,
+die den Herrn der Welt in seinen Plänen zu kreuzen gewagt und um ein
+Haar seinen Untergang herbeigeführt hatte, lag in Caesars Hand; allein
+er war zu sehr Regent, um empfindlich zu sein, und verfuhr mit den
+Alexandrinern wie mit den Massalioten. Caesar, hinweisend auf die arg
+verwüstete und bei Gelegenheit des Flottenbrandes ihrer Kornmagazine,
+ihrer weltberühmten Bibliothek und anderer bedeutender öffentlicher
+Gebäude beraubte Stadt, ermahnte die Einwohnerschaft, sich künftig
+allein der Künste des Friedens ernstlich zu befleißigen und die Wunden
+zu heilen, die sie sich selber geschlagen; übrigens begnügte er sich,
+den in Alexandreia angesessenen Juden dieselben Rechte zu gewähren,
+deren die griechische Stadtbevölkerung genoß, und anstatt der
+bisherigen, wenigstens dem Namen nach den Königen von Ägypten
+gehorchenden römischen Okkupationsarmee eine förmliche römische
+Besatzung, zwei der daselbst belagerten und eine dritte später aus
+Syrien nachgekommene Legion, unter einem von ihm selbst ernannten
+Befehlshaber nach Alexandreia zu legen. Zu diesem Vertrauensposten ward
+absichtlich ein Mann ausersehen, dessen Geburt es ihm unmöglich machte,
+denselben zu mißbrauchen, Rufio, ein tüchtiger Soldat, aber eines
+Freigelassenen Sohn. Das Regiment Ägyptens unter Roms Oberhoheit
+erhielten Kleopatra und deren jüngerer Bruder Ptolemaeos; die
+Prinzessin Arsinoe ward, um nicht den nach orientalischer Art der
+Dynastie ebenso ergebenen wie gegen den einzelnen Dynasten
+gleichgültigen Ägyptern abermals als Vorwand für Insurrektionen zu
+dienen, nach Italien abgeführt; Kypros wurde wieder ein Teil der
+römischen Provinz Kilikien.
+
+———————————————————-
+
+^8 Der Verlust der Leuchtturminsel muß in der Lücke Bell. Alex. 12
+ausgefallen sein, da die Insel anfänglich ja in Caesars Gewalt war
+(civ. 3,112; Bell. Alex. 8). Der Damm muß beständig in der Gewalt der
+Feinde gewesen sein, da Caesar mit der Insel nur durch Schiffe
+verkehrte.
+
+————————————————————-
+
+Dieser alexandrinische Aufstand, so geringfügig er an sich war und so
+wenig er innerlich zusammenhing mit den weltgeschichtlichen
+Ereignissen, die zugleich im römischen Staate sich vollzogen, griff
+dennoch insofern in dieselben folgenreich ein, als er den Mann, der
+alles in allem war und ohne den nichts gefördert und nichts gelöst
+werden konnte, vom Oktober 706 (48) bis zum März 707 (47) nötigte,
+seine eigentlichen Aufgaben liegen zu lassen, um mit Juden und Beduinen
+gegen einen Stadtpöbel zu kämpfen. Die Folgen des persönlichen
+Regiments fingen an, sich fühlbar zu machen. Man hatte die Monarchie;
+aber überall herrschte die entsetzlichste Verwirrung und der Monarch
+war nicht da. Ebenwie die Pompeianer waren augenblicklich auch die
+Caesarianer ohne obere Leitung; es entschied überall die Fähigkeit der
+einzelnen Offiziere und vor allen Dingen der Zufall.
+
+In Kleinasien stand bei Caesars Abreise nach Ägypten kein Feind. Indes
+hatte Caesars Statthalter daselbst, der tüchtige Gnaeus Domitius
+Calvinus, Befehl erhalten, dem König Pharnakes wiederabzunehmen, was
+derselbe den Verbündeten des Pompeius ohne Auftrag entrissen hatte; und
+da dieser, ein starrköpfiger und übermütiger Despot wie sein Vater, die
+Räumung Klein-Armeniens beharrlich verweigerte, so blieb nichts übrig,
+als gegen ihn marschieren zu lassen. Calvinus hatte von den drei ihm
+zurückgelassenen, aus pharsalischen Kriegsgefangenen gebildeten
+Legionen zwei nach Ägypten absenden müssen; er ergänzte die Lücke durch
+eine eiligst aus den im Pontus domizilierten Römern zusammengeraffte
+und zwei nach römischer Art exerzierte Legionen des Deiotarus und
+rückte in Klein-Armenien ein. Allein das bosporanische, in zahlreichen
+Kämpfen mit den Anwohnern des Schwarzen Meeres erprobte Heer erwies
+sich tüchtiger als das seinige. In dem Treffen bei Nikopolis ward
+Calvinus’ pontisches Aufgebot zusammengehauen und liefen die
+galatischen Legionen davon; nur die eine alte Legion der Römer schlug
+mit mäßigem Verlust sich durch. Statt Klein-Armenien zu erobern, konnte
+Calvinus nicht einmal verhindern, daß Pharnakes sich seiner pontischen
+“Erbstaaten” wieder bemächtigte und über deren Bewohner, namentlich die
+unglücklichen Amisener, die ganze Schale seiner scheußlichen
+Sultanslaunen ausgoß (Winter 706/07 48/47). Als dann Caesar selbst in
+Kleinasien eintraf und ihm sagen ließ, daß der Dienst, den Pharnakes
+ihm persönlich geleistet, indem er Pompeius keine Hilfe gewährt habe,
+nicht in Betracht kommen dürfe gegen den dem Reiche zugefügten Schaden
+und daß vor jeder Unterhandlung er die Provinz Pontus räumen und das
+geraubte Gut zurückstellen müsse, erklärte er sich zwar bereit zu
+gehorchen; aber wohl wissend, wie guten Grund Caesar hatte, nach dem
+Westen zu eilen, machte er dennoch keine ernstlichen Anstalten zur
+Räumung. Er wußte nicht, daß Caesar abtat, was er angriff. Ohne weiter
+zu verhandeln, nahm Caesar die eine von Alexandreia mitgebrachte Legion
+und die Truppen des Calvinus und Deiotarus zusammen und rückte gegen
+Pharnakes’ Lager bei Ziela. Wie die Bosporaner ihn kommen sahen,
+durchschritten sie keck den tiefen Bergspalt, der ihre Front deckte,
+und griffen den Hügel hinauf die Römer an. Caesars Soldaten waren noch
+mit dem Lagerschlagen beschäftigt und einen Augenblick schwankten die
+Reihen; allein die kriegsgewohnten Veteranen sammelten sich rasch und
+gaben das Beispiel zum allgemeinen Angriff und zum vollkommenen Siege
+(2. August 707 47). In fünf Tagen war der Feldzug beendigt - zu dieser
+Zeit, wo jede Stunde kostbar war, ein unschätzbarer Glücksfall. Mit der
+Verfolgung des Königs, der über Sinope heimgegangen war, beauftragte
+Caesar des Pharnakes illegitimen Bruder, den tapferen Mithradates von
+Pergamon, welcher zum Lohn für die in Ägypten geleisteten Dienste an
+Pharnakes’ Stelle die bosporanische Königskrone empfing. Im übrigen
+wurden die syrischen und kleinasiatischen Angelegenheiten friedlich
+geschlichtet, die eigenen Bundesgenossen reich belohnt, die des
+Pompeius im ganzen mit Geldbußen oder Verweisen entlassen. Nur der
+mächtigste unter den Klienten des Pompeius, Deiotarus, wurde wieder auf
+sein angestammtes enges Gebiet, den tolistobogischen Gau, beschränkt.
+An seiner Stelle ward mit Klein-Armenien König Ariobarzanes von
+Kappadokien belehnt, mit dem von Deiotarus usurpierten Vierfürstentum
+der Trokmer aber der neue König des Bosporus, welcher wie von
+väterlicher Seite dem pontischen, so von mütterlicher einem der
+galatischen Fürstengeschlechter entstammte.
+
+Auch in Illyrien hatten, während Caesar in Ägypten war, sehr ernsthafte
+Auftritte sich zugetragen. Die delmatische Küste war seit Jahrhunderten
+ein wunder Fleck der römischen Herrschaft und die Bewohner mit Caesar
+seit den Kämpfen um Dyrrhachion in offener Fehde; im Binnenland aber
+wimmelte es noch von dem thessalischen Kriege her von versprengten
+Pompeianern. Indes hatte Quintus Cornificius mit den aus Italien
+nachrückenden Legionen sowohl die Eingeborenen wie die Flüchtlinge im
+Zaum gehalten und zugleich der in diesen rauben Gegenden so schwierigen
+Verpflegung der Truppen genügt. Selbst als der tüchtige Marcus
+Octavius, der Sieger von Curicta, mit einem Teil der Pompeianischen
+Flotte in diesen Gewässern erschien, um hier zur See und zu Lande den
+Krieg gegen Caesar zu leiten, wußte Cornificius, gestützt auf die
+Schiffe und den Hafen der Iadestiner (Zara), nicht bloß sich zu
+behaupten, sondern bestand auch selbst zur See gegen die Flotte des
+Gegners manches glückliche Gefecht. Aber als der neue Statthalter von
+Illyrien, der von Caesar aus dem Exil zurückberufene Aulus Gabinius,
+mit fünfzehn Kohorten und 3000 Reitern im Winter 706/07 (48/47) auf dem
+Landweg in Illyrien eintraf, wechselte das System der Kriegführung.
+Statt wie sein Vorgänger sich auf den kleinen Krieg zu beschränken,
+unternahm der kühne tätige Mann sogleich, trotz der rauben Jahreszeit,
+mit seiner gesamten Streitmacht eine Expedition in die Gebirge. Aber
+die ungünstige Witterung, die Schwierigkeit der Verpflegung und der
+tapfere Widerstand der Delmater rieben das Heer auf; Gabinius mußte den
+Rückzug antreten, ward auf diesem von den Delmatern angegriffen und
+schmählich geschlagen, und erreichte mit den schwachen Überresten
+seiner stattlichen Armee mühsam Salome, wo er bald darauf starb. Die
+meisten illyrischen Küstenstädte ergaben sich hierauf der Flotte des
+Octavius; die an Caesar festhielten, wie Salome und Epidauros (Ragusa
+vecchia), wurden von der Flotte zur See, zu Lande von den Barbaren so
+heftig bedrängt, daß die Übergabe und die Kapitulation der in Salome
+eingeschlossenen Heerestrümmer nicht mehr fern schien. Da ließ der
+Kommandant des brundisischen Depots, der energische Publius Vatinius,
+in Ermangelung von Kriegsschiffen gewöhnliche Boote mit Schnäbeln
+versehen und sie mit den aus den Hospitälern entlassenen Soldaten
+bemannen und lieferte mit dieser improvisierten Kriegsflotte der weit
+überlegenen Octavianischen bei der Insel Tauris (Torcola zwischen
+Lelina und Curzola) ein Treffen, in dem die Tapferkeit des Anführers
+und der Schiffssoldaten wie so oft ersetzte, was den Schiffen abging,
+und die Caesarianer einen glänzenden Sieg erfochten. Marcus Octavius
+verließ diese Gewässer und begab sich nach Afrika (Frühjahr 707 47);
+die Delmater setzten zwar noch Jahre lang mit großer Hartnäckigkeit
+sich zur Wehr, allein es war dies nichts als ein örtlicher
+Gebirgskrieg. Als Caesar aus Ägypten zurückkam, hatte sein
+entschlossener Adjutant die in Illyrien drohende Gefahr bereits
+beseitigt.
+
+Um so ernster stand es in Afrika, wo die Verfassungspartei vom Anfang
+des Bürgerkrieges an unumschränkt geherrscht und ihre Macht fortwährend
+gesteigert hatte. Bis zur Pharsalischen Schlacht hatte hier eigentlich
+König Juba das Regiment geführt; er hatte Curio überwunden, und die
+Kraft des Heeres waren seine flüchtigen Reiter und seine zahllosen
+Schützen; der Pompeianische Statthalter Varus spielte neben ihm eine so
+subalterne Rolle, daß er sogar diejenigen Soldaten Curios, die sich ihm
+ergeben hatten, dem König hatte ausliefern und deren Hinrichtung oder
+Abführung in das innere Numidien hatte mitansehen müssen. Dies änderte
+sich nach der Pharsalischen Schlacht. An eine Flucht zu den Parthern
+dachte, mit Ausnahme des Pompeius selbst, kein namhafter Mann der
+geschlagenen Partei. Ebensowenig versuchte man, die See mit vereinten
+Kräften zu behaupten; Marcus Octavius’ Kriegführung in den illyrischen
+Gewässern stand vereinzelt und war ohne dauernden Erfolg. Die große
+Majorität der Republikaner wie der Pompeianer wandte sich nach Afrika,
+wo allein noch ein ehrenhafter und verfassungsmäßiger Kampf gegen den
+Usurpator möglich schien. Dort fanden die Trümmer der bei Pharsalos
+zersprengten Armee, die Besatzungstruppen von Dyrrhachion, Kerkyra und
+dem Peloponnes, die Reste der illyrischen Flotte sich allmählich
+zusammen; es trafen dort ein der zweite Oberfeldherr Metellus Scipio,
+die beiden Söhne des Pompeius, Gnaeus und Sextus, der politische Führer
+der Republikaner Marcus Cato, die tüchtigen Offiziere Labienus,
+Afranius, Petreius, Octavius und andere. Wenn die Kräfte der Emigration
+verringert waren, so hatte dagegen ihr Fanatismus sich womöglich noch
+gesteigert. Man fuhr nicht bloß fort, die Gefangenen und selbst die
+Parlamentäre Caesars zu ermorden, sondern König Juba, in dem die
+Erbitterung des Parteimannes mit der Wut des halbbarbarischen
+Afrikaners zusammenfloß, stellte die Maxime auf, daß in jeder der
+Sympathien mit dem Feinde verdächtigen Gemeinde die Bürgerschaft
+ausgerottet und die Stadt niedergebrannt werden müsse, und führte auch
+gegen einige Ortschaften, zum Beispiel das unglückliche Vaga bei
+Hadrumetum, diese Theorie in der Tat praktisch durch. Ja daß nicht die
+Hauptstadt der Provinz selber, das blühende, ebenwie einst Karthago von
+den numidischen Königen längst mit scheelem Auge angesehene Utica, von
+König Juba dieselbe Behandlung erfuhr und daß man gegen die, allerdings
+nicht mit Unrecht, der Hinneigung zu Caesar beschuldigte Bürgerschaft
+mit Vorsichtsmaßregeln sich begnügte, hatte sie nur Catos energischem
+Auftreten zu danken.
+
+Da weder Caesar selbst noch einer seiner Statthalter das geringste
+gegen Afrika unternahm, so hatte die Koalition vollkommen Zeit, sich
+dort politisch und militärisch zu reorganisieren. Vor allem war es
+notwendig, die durch Pompeius’ Tod erledigte Oberfeldherrnstelle aufs
+neue zu besetzen. König Juba hatte nicht übel Lust, die Stellung, die
+er bis auf die Pharsalische Schlacht in Afrika gehabt, auch ferner zu
+behaupten; wie er denn überhaupt nicht mehr als Klient der Römer,
+sondern als gleichberechtigter Verbündeter oder gar als Schutzherr
+auftrat und zum Beispiel es sich herausnahm, römisches Silbergeld mit
+seinem Namen und Wappen zu schlagen, ja sogar den Anspruch erhob,
+allein im Lager den Purpur zu führen und den römischen Heerführern
+ansann, den purpurnen Feldherrnmantel abzulegen. Metellus Scipio ferner
+forderte den Oberbefehl für sich, weil Pompeius ihn, mehr aus
+schwiegersöhnlichen als aus militärischen Rücksichten, im thessalischen
+Feldzug als sich gleichberechtigt anerkannt hatte. Die gleiche
+Forderung erhob Varus als - freilich selbsternannter - Statthalter von
+Afrika, da der Krieg in seiner Provinz geführt werden sollte. Endlich
+die Armee begehrte zum Führer den Proprätor Marcus Cato. Offenbar hatte
+sie recht. Cato war der einzige Mann, der für das schwere Amt die
+erforderliche Hingebung, Energie und Autorität besaß; wenn er kein
+Militär war, so war es doch unendlich besser, einen Nichtmilitär, der
+sich zu bescheiden und seine Unterfeldherrn handeln zu lassen verstand,
+als einen Offizier von unerprobter Fähigkeit, wie Varus, oder gar einen
+von erprobter Unfähigkeit, wie Metellus Scipio, zum Oberfeldherrn zu
+bestellen. Indes die Entscheidung fiel schließlich auf ebendiesen
+Scipio, und Cato selbst war es, der sie im wesentlichen bestimmte. Es
+geschah dies nicht, weil er jener Aufgabe sich nicht gewachsen fühlte
+oder weil seine Eitelkeit bei dem Ausschlagen mehr ihre Rechnung fand
+als bei dem Annehmen; noch weniger, weil er Scipio liebte oder achtete,
+mit dem er vielmehr persönlich verfeindet war und der überall bei
+seiner notorischen Untüchtigkeit einzig durch seine
+Schwiegervaterschaft zu einer gewissen Bedeutung gelangt war; sondern
+einzig und allein, weil sein verbissener Rechtsformalismus lieber die
+Republik von Rechts wegen zugrunde gehen ließ, als sie auf irreguläre
+Weise rettete. Als er nach der Pharsalischen Schlacht auf Kerkyra mit
+Marcus Cicero zusammentraf, hatte er sich erboten, diesem, der noch von
+seiner kilikischen Statthalterschaft her mit der Generalschaft behaftet
+war, als dem höherstehenden Offizier, wie es Rechtens war, das Kommando
+in Kerkyra zu übertragen und den unglücklichen Advokaten, der seine
+Lorbeeren vom Amanos jetzt tausendmal verwünschte, durch diese
+Bereitwilligkeit fast zur Verzweiflung, aber auch alle halbwegs
+einsichtigen Männer zum Erstaunen gebracht. Die gleichen Prinzipien
+wurden hier geritten, wo etwas mehr darauf ankam; Cato erwog die Frage,
+wem die Oberfeldherrnstelle gebühre, als handelte es sich um ein
+Ackerfeld bei Tusculum, und sprach sie dem Scipio zu. Durch diesen
+Ausspruch wurde seine eigene und die Kandidatur des Varus beseitigt. Er
+war es aber auch, und er allein, der mit Energie den Ansprüchen des
+Königs Juba entgegentrat und es ihn fühlen ließ, daß der römische Adel
+zu ihm nicht bittend komme wie zu dem Großfürsten der Parther, um bei
+dem Schutzherrn Beistand zu suchen, sondern befehlend und von dem
+Untertan Beistand fordernd. Bei dem gegenwärtigen Stande der römischen
+Streitkräfte in Afrika konnte Juba nicht umhin, etwas gelindere Saiten
+aufzuziehen, obgleich er freilich bei dem schwachen Scipio es dennoch
+durchsetzte, daß die Besoldung seiner Truppen der römischen Kasse
+aufgebürdet und für den Fall des Sieges ihm die Abtretung der Provinz
+Afrika zugesichert ward.
+
+Dem neuen Oberfeldherrn zur Seite trat wiederum der Senat der
+“Dreihundert”, der in Utica seinen Sitz aufschlug und seine gelichteten
+Reihen durch Aufnahme der angesehensten und vermögendsten Männer des
+Ritterstandes ergänzte.
+
+Die Rüstungen wurden, hauptsächlich durch Catos Eifer, mit der größten
+Energie gefördert und jeder waffenfähige Mann, selbst Freigelassene und
+Libyer, in die Legionen eingestellt; wodurch dem Ackerbau die Hände so
+sehr entzogen wurden, daß ein großer Teil der Felder unbestellt blieb,
+aber allerdings auch ein imposantes Resultat erzielt ward. Das schwere
+Fußvolk zählte vierzehn Legionen, wovon zwei bereits durch Varus
+aufgestellt, acht andere teils aus den Flüchtigen, teils aus den in der
+Provinz Konskribierten gebildet und vier römisch bewaffnete Legionen
+des Königs Juba waren. Die schwere Reiterei, bestehend aus den mit
+Labienus eingetroffenen Kelten und Deutschen und allerlei darunter
+eingereihten Leuten, war ohne Jubas römisch gerüstete Reiterschar 1600
+Mann stark. Die leichten Truppen bestanden aus zahllosen Massen ohne
+Zaum und Zügel reitender und bloß mit Wurfspeeren bewaffneter Numidier,
+aus einer Anzahl berittener Bogenschützen und großen Schwärmen von
+Schützen zu Fuß. Dazu kamen endlich Jubas 120 Elefanten und die von
+Publius Varus und Marcus Octavius befehligte 55 Segel starke Flotte.
+Dem drückenden Geldmangel wurde einigermaßen durch eine
+Selbstbesteuerung des Senats abgeholfen, die um so ergiebiger war, als
+die reichsten afrikanischen Kapitalisten in denselben einzutreten
+veranlaßt worden waren. Getreide und andere Vorräte hatte man in den
+verteidigungsfähigen Festungen in ungeheuren Massen aufgehäuft,
+zugleich aus den offenen Ortschaften die Vorräte möglichst entfernt.
+Die Abwesenheit Caesars, die schwierige Stimmung seiner Legionen, die
+Gärung in Spanien und Italien hoben allmählich die Stimmung, und die
+Erinnerung an die Pharsalische Schlacht fing an, neuen Siegeshoffnungen
+zu weichen.
+
+Die von Caesar in Ägypten verlorene Zeit rächte nirgend sich schwerer
+als hier. Hätte er unmittelbar nach Pompeius’ Tode sich nach Afrika
+gewendet, so würde er daselbst ein schwaches, desorganisiertes und
+konsterniertes Heer und vollständige Anarchie unter den Führern
+vorgefunden haben; wogegen jetzt, namentlich durch Catos Energie, eine
+der bei Pharsalos geschlagenen an Zahl gleiche Armee unter namhaften
+Führern und unter einer geregelten Oberleitung in Afrika stand.
+
+Es schien überhaupt über dieser afrikanischen Expedition Caesars ein
+eigener Unstern zu walten. Noch vor seiner Einschiffung nach Ägypten
+hatte Caesar in Spanien und Italien verschiedene Maßregeln zur
+Einleitung und Vorbereitung des afrikanischen Krieges angeordnet; aus
+allen war aber nichts als Unheil entsprungen. Von Spanien aus sollte,
+Caesars Anordnung zufolge, der Statthalter der südlichen Provinz,
+Quintus Cassius Longinus, mit vier Legionen nach Afrika übersetzen,
+dort den König Bogud von Westmauretanien ^9 an sich ziehen und mit ihm
+gegen Numidien und Afrika vorgehen. Aber jenes nach Afrika bestimmte
+Heer schloß eine Menge geborener Spanier und zwei ganze ehemals
+Pompeianische Legionen in sich; Pompeianische Sympathien herrschten in
+der Armee wie in der Provinz, und das ungeschickte und tyrannische
+Auftreten des Caesarischen Statthalters war nicht geeignet, sie zu
+beschwichtigen. Es kam förmlich zum Aufstande; Truppen und Städte
+ergriffen Partei für oder gegen den Statthalter; schon war es darauf
+oder daran, daß die, welche gegen den Statthalter Caesars sich erhoben
+hatten, offen die Fahne des Pompeius aufsteckten; schon hatte Pompeius’
+ältester Sohn Gnaeus, um diese günstige Wendung zu benutzen, sich von
+Afrika nach Spanien eingeschifft, als die Desavouierung des
+Statthalters durch die angesehensten Caesarianer selbst und das
+Einschreiten des Befehlshabers der nördlichen Provinz den Aufstand eben
+noch rechtzeitig unterdrückten. Gnaeus Pompeius, der unterwegs mit
+einem vergeblichen Versuch, sich in Mauretanien festzusetzen, Zeit
+verloren hatte, kam zu spät; Gaius Trebonius, den Caesar nach seiner
+Heimkehr aus dem Osten zur Ablösung des Cassius nach Spanien sandte
+(Herbst 707 47), fand überall unweigerlichen Gehorsam. Aber natürlich
+war über diesen Irrungen von Spanien aus nichts geschehen, um die
+Organisation der Republikaner in Afrika zu stören; ja es war sogar,
+infolge der Verwicklungen mit Longinus, König Bogud von
+Westmauretanien, der auf Caesars Seite stand und wenigstens König Juba
+einige Hindernisse hätte in den Weg legen können, mit seinen Truppen
+nach Spanien abgerufen worden.
+
+———————————————————————————————————
+
+^9 Die Staatengestaltung im nordwestlichen Afrika während dieser Zeit
+liegt sehr im Dunkel. Nach dem Jugurthinischen Kriege herrschte König
+Bocchus von Mauretanien wahrscheinlich vom westlichen Meere bis zum
+Hafen von Saldae, in dem heutigen Marokko und Algier; die von den
+mauretanischen Oberkönigen wohl von Haus aus verschiedenen Fürsten von
+Tingis (Tanger), die schon früher vorkommen (Plut. Sert. 9) und zu
+denen vermutlich Sallusts (hist. 3, 31 Kritz) Leptasta und Ciceros
+(Vat. 5, 12) Mastanesosus gehören, mögen in beschränkten Grenzen
+selbständig gewesen oder auch bei ihm zu Lehen gegangen sein; ähnlich
+wie schon Syphax über viele Stammfürsten gebot (App. Pun. 10) und um
+diese Zeit in dem benachbarten Numidien Cirta, wahrscheinlich doch
+unter Jubas Oberherrlichkeit, von dem Fürsten Massinissa besessen ward
+(App. civ. 4, 54). Um 672 (82) finden wir an Bocchus’ Stelle einen
+König Bocud oder Bogud (Oros. hist. 5, 21, 14), des Bocchus Sohn. Von
+705 (49) an erscheint das Reich geteilt zwischen dem König Bogud, der
+die westliche, und dem König Bocchus, der die östliche Hälfte besitzt
+und auf welche die spätere Scheidung Mauretaniens in Boguds Reich oder
+den Staat von Tingis und Bocchus’ Reich oder den Staat von Jol
+(Caesarea) zurückgeht (Plin. nat. 5, 2, 19, vergl. Bell. Afr. 23).
+
+————————————————————————————————-
+
+Bedenklicher noch waren die Vorgänge unter den Truppen, die Caesar im
+südlichen Italien hatte zusammenziehen lassen, um mit ihnen nach Afrika
+überzuschiffen. Es waren größtenteils die alten Legionen, die in
+Gallien, Spanien, Thessalien Caesars Thron begründet hatten. Den Geist
+dieser Truppen hatten die Siege nicht gebessert, die lange Rast in
+Unteritalien vollständig zerrüttet. Die fast übermenschlichen
+Zumutungen, die der Feldherr an sie machte und deren Folgen in den
+schrecklich gelichteten Reihen nur zu grell hervortraten, ließen selbst
+in diesen Eisenmännern einen Sauerteig des Grolls zurück, der nur der
+Zeit und Ruhe bedurfte, um die Gemüter in Gärung zu bringen. Der
+einzige Mann, der ihnen imponierte, war seit einem Jahre fern und fast
+verschollen, ihre vorgesetzten Offiziere aber scheuten weit mehr sich
+vor den Soldaten als diese vor ihnen und sahen den Weltbesiegern jede
+Brutalität gegen ihre Quartiergeber und jede Indisziplin nach. Als nun
+der Befehl, sich nach Sizilien einzuschiffen, kam und der Soldat das
+üppige Wohlleben in Kampanien wieder mit einer dritten, der spanischen
+und thessalischen an Drangsalen sicher nicht nachstehenden Kampagne
+vertauschen sollte, rissen die allzulange gelockerten und
+allzuplötzlich wiederangezogenen Zügel. Die Legionen weigerten sich zu
+gehorchen, bevor die versprochenen Geschenke ihnen gezahlt seien, und
+wiesen die von Caesar gesandten Offiziere mit Hohnreden, ja mit
+Steinwürfen zurück. Ein Versuch, den beginnenden Aufstand durch
+Steigerung der versprochenen Summen zu dämpfen, hatte nicht bloß keinen
+Erfolg, sondern die Soldaten brachen massenweise auf, um die Erfüllung
+der Versprechungen in der Hauptstadt von dem Feldherrn zu erpressen.
+Einzelne Offiziere, die die meuterischen Rotten unterwegs
+zurückzuhalten versuchten, wurden erschlagen. Es war eine furchtbare
+Gefahr. Caesar ließ die wenigen in der Stadt befindlichen Soldaten die
+Tore besetzen, um die mit Recht befürchtete Plünderung wenigstens für
+den ersten Anlauf abzuwehren, und erschien plötzlich unter dem tobenden
+Haufen mit der Frage, was sie begehrten. Man rief: den Abschied.
+Augenblicklich ward er, wie gebeten, erteilt. Wegen der Geschenke,
+fügte Caesar hinzu, welche er für den Triumph seinen Soldaten zugesagt
+habe, sowie wegen der Äcker, die er ihnen nicht versprochen, aber
+bestimmt gehabt, möchten sie an dem Tage, wo er mit den anderen
+Soldaten triumphieren werde, sich bei ihm melden; an dem Triumphe
+selbst freilich könnten sie, als vorher entlassen, natürlich nicht
+teilnehmen. Auf diese Wendung waren die Massen nicht gefaßt; überzeugt,
+daß Caesar ihrer für den afrikanischen Feldzug nicht entraten könne,
+hatten sie den Abschied nur gefordert, um, wenn er ihnen verweigert
+werde, daran ihre Bedingungen zu knüpfen. Halb irre geworden in dem
+Glauben an ihre eigene Unentbehrlichkeit; zu unbehilflich um wieder
+einzulenken und die verfahrene Unterhandlung in das rechte Geleise
+zurückzubringen; als Menschen beschämt durch die Treue, mit der der
+Imperator auch seinen treuvergessenen Soldaten Wort hielt, und durch
+die Hochherzigkeit desselben, welche ebenjetzt weit mehr gewährte, als
+er je zugesagt hatte; als Soldaten tief ergriffen, da der Feldherr
+ihnen in Aussicht stellte, dem Triumph ihrer Kameraden als Bürgersleute
+zuschauen zu müssen und da er sie nicht mehr “Kameraden” hieß, sondern
+“Bürger” und mit dieser aus seinem Munde so fremdartig klingenden
+Anrede gleichsam mit einem Schlage ihre ganze stolze
+Soldatenvergangenheit zerstörte, und zu alledem unter dem Zauber des
+unwiderstehlich gewaltigen Menschen - standen die Soldaten eine Weile
+stumm und zaudernd, bis von allen Seiten der Ruf erscholl, daß der
+Feldherr sie wieder zu Gnaden annehmen und es ihnen wieder gestatten
+möge, Caesars Soldaten zu heißen. Caesar gestattete es, nachdem er
+hinreichend sich hatte bitten lassen; den Rädelsführern bei dieser
+Meuterei aber wurde an ihren Triumphalgeschenken ein Dritteil gekürzt.
+Ein größeres psychologisches Meisterstück kennt die Geschichte nicht,
+und keines, das vollständiger gelungen wäre.
+
+Auf den afrikanischen Feldzug wirkte diese Meuterei immerhin wenigstens
+insofern nachteilig ein, als sie die Eröffnung desselben beträchtlich
+verzögerte. Als Caesar in dem zur Einschiffung bestimmten Hafen von
+Lilybäon eintraf, waren die zehn nach Afrika bestimmten Legionen dort
+bei weitem noch nicht vollständig versammelt und eben die erprobten
+Truppen noch am weitesten zurück. Indes kaum waren sechs Legionen,
+darunter fünf neu gebildete, daselbst angelangt und die nötigen Kriegs-
+und Transportschiffe angekommen, als Caesar mit denselben in See stach
+(25. Dezember 707 47 des unberichtigten, etwa 8. Oktober des
+Julianischen Kalenders). Die feindliche Flotte, die der herrschenden
+Äquinoktialstürme wegen bei der Insel Ägimuros vor der Karthagischen
+Bucht auf den Strand gezogen war, hinderte die Überfahrt nicht; allein
+dieselben Stürme zerstreuten die Flotte Caesars nach allen Richtungen,
+und als Caesar unweit Hadrumetum (Susa) die Gelegenheit zu landen
+ersah, konnte er nicht mehr als etwa 3000 Mann, größtenteils Rekruten,
+und 150 Reiter ausschiffen. Der Versuch, das vom Feinde stark besetzte
+Hadrumetum wegzunehmen, mißlang; dagegen bemächtigte Caesar sich der
+beiden nicht weit voneinander entfernten Hafenplätze Ruspina (Monastir
+bei Susa) und Klein-Leptis. Hier verschanzte er sich; aber seine
+Stellung war so unsicher, daß er seine Reiter auf den Schiffen und
+diese segelfertig und mit Wasservorrat versehen hielt, um jeden
+Augenblick, wenn er mit Übermacht sollte angegriffen werden, wieder
+sich einschiffen zu können. Indes war dies nicht nötig, da eben noch zu
+rechter Zeit die verschlagenen Schiffe anlangten (3. Januar 708 46).
+Gleich am folgenden Tage unternahm Caesar, dessen Heer infolge der von
+den Pompeianern getroffenen Anstalten Mangel an Getreide litt, mit drei
+Legionen einen Zug in das innere Land, ward aber nicht weit von Ruspina
+auf dem Marsche von den Heerhaufen angegriffen, die Labienus
+heranführte, um Caesar von der Küste zu vertreiben. Da Labienus
+ausschließlich Reiterei und Schützen, Caesar fast nichts als
+Linieninfanterie hatte, so wurden die Legionen rasch umzingelt und den
+Geschossen der Feinde preisgegeben, ohne sie erwidern oder mit Erfolg
+angreifen zu können. Zwar machte die Deployierung der ganzen Linie die
+Flügel wieder frei und mutige Angriffe retteten die Ehre der Waffen;
+allein der Rückzug war unvermeidlich, und wäre Ruspina nicht so nahe
+gewesen, so hätte der maurische Wurfspeer vielleicht hier dasselbe
+ausgerichtet, was bei Karrhä der parthische Bogen. Caesar, den dieser
+Tag von der ganzen Schwierigkeit des bevorstehenden Krieges überzeugt
+hatte, wollte seine unerprobten und durch die neue Gefechtsweise
+entmutigten Soldaten keinem solchen Angriff wieder aussetzen, sondern
+wartete das Eintreffen seiner Veteranenlegionen ab. Die Zwischenzeit
+wurde benutzt, um die drückende Überlegenheit des Feindes in den
+Fernwaffen einigermaßen auszugleichen. Daß die geeigneten Leute von der
+Flotte als leichte Reiter oder Schützen in die Landarmee eingereiht
+wurden, konnte nicht viel helfen. Etwas mehr wirkten die von Caesar
+veranlaßten Diversionen. Es gelang, die am südlichen Abhang des Großen
+Atlas gegen die Sahara zu schweifenden gaetulischen Hirtenstämme gegen
+Juba in Waffen zu bringen; denn selbst bis zu ihnen hatten die Schläge
+der marianisch-sullanischen Zeit sich erstreckt, und ihr Groll gegen
+den Pompeius, der sie damals den numidischen Königen untergeordnet
+hatte, machte sie den Erben des mächtigen, bei ihnen noch vom
+Jugurthinischen Feldzug her in gutem Andenken lebenden Marius von vorn
+herein geneigt. Die mauretanischen Könige, Bogud in Tingis, Bocchus in
+Jol, waren Jubas natürliche Rivalen und zum Teil längst mit Caesar in
+Bündnis. Endlich streifte in dem Grenzgebiet zwischen den Reichen des
+Juba und des Bocchus noch der letzte der Catilinarier, jener Publius
+Sittius aus Nuceria, der achtzehn Jahre zuvor aus einem bankrotten
+italischen Kaufmann sich in einen mauretanischen Freischarenführer
+verwandelt und seitdem in den libyschen Händeln sich einen Namen und
+ein Heergefolge geschaffen hatte. Bocchus und Sittius fielen vereinigt
+in das numidische Land, besetzten die wichtige Stadt Cirta, und ihr
+Angriff sowie der der Gätuler nötigte den König Juba, einen Teil seiner
+Truppen an seine Süd- und Westgrenze zu senden. Indes blieb Caesars
+Lage unbequem genug. Seine Armee war auf den Raum einer Quadratmeile
+zusammengedrängt; wenn auch die Flotte Getreide herbeischaffte, so ward
+doch der Mangel an Fourage von Caesars Reitern ebenso gefühlt wie vor
+Dyrrhachion von denen des Pompeius. Die leichten Truppen des Feindes
+blieben, aller Anstrengungen Caesars ungeachtet, den seinigen so
+unermeßlich überlegen, daß es fast unmöglich schien, die Offensive in
+das Binnenland hinein auch mit Veteranen durchzuführen. Wenn Scipio
+zurückwich und die Küstenstädte preisgab, so konnte er vielleicht einen
+Sieg erfechten wie die, welche des Orodes Wesir über Crassus, Juba über
+Curio davongetragen hatten, wenigstens aber den Krieg ins unendliche
+hinausziehen. Diesen Feldzugsplan ergab die einfachste Überlegung:
+selbst Cato, obwohl nichts weniger als ein Strateg, riet dazu und erbot
+sich, zugleich mit einem Korps nach Italien überzufahren und dort die
+Republikaner unter die Waffen zu rufen, was bei der gründlichen
+Verwirrung daselbst gar wohl Erfolg haben konnte. Allein Cato konnte
+nur raten, nicht befehlen; der Oberbefehlshaber Scipio entschied, daß
+der Krieg in der Küstenlandschaft geführt werden solle. Es war dies
+nicht bloß insofern verkehrt, als man damit einen sicheren Erfolg
+verheißenden Kriegsplan fahren ließ, sondern auch insofern, als die
+Landschaft, in die man den Krieg verlegte, in bedenklicher Gärung, und
+das Heer, das man Caesar gegenüberstellte, zum guten Teil ebenfalls
+schwierig war. Die fürchterlich strenge Aushebung, die Wegschleppung
+der Vorräte, die Verwüstung der kleineren Ortschaften, überhaupt das
+Gefühl einer von Haus aus fremden und bereits verlorenen Sache
+aufgeopfert zu werden, hatten die einheimische Bevölkerung erbittert
+gegen die auf afrikanischem Boden ihren letzten Verzweiflungskampf
+kämpfenden römischen Republikaner; und das terroristische Verfahren der
+letzteren gegen alle auch nur der Gleichgültigkeit verdächtigen
+Gemeinden hatte diese Erbitterung zum furchtbarsten Haß gesteigert. Die
+afrikanischen Städte erklärten, wo sie irgend es wagen konnten, sich
+für Caesar; unter den Gätulern und den Libyern, die unter den leichten
+Truppen und selbst in den Legionen in Menge dienten, riß die Desertion
+ein. Indes Scipio beharrte mit aller dem Unverstand eigenen
+Hartnäckigkeit auf seinem Plan, zog mit gesamter Heeresmacht von Utica
+her vor die von Caesar besetzten Städte Ruspina und Klein-Leptis,
+belegte nördlich davon Hadrumetum, südlich Thapsus (am Vorgebirge Râs
+Dimâs) mit starken Besatzungen und bot in Gemeinschaft mit Juba, der
+mit all seinen nicht durch die Grenzverteidigung in Anspruch genommenen
+Truppen gleichfalls vor Ruspina erschien, zu wiederholten Malen dem
+Feinde die Schlacht an. Aber Caesar war entschlossen, seine
+Veteranenlegionen zu erwarten. Als diese dann nach und nach eintrafen
+und auf dem Kampfplatz erschienen, verloren Scipio und Juba die Lust,
+eine Feldschlacht zu wagen, und Caesar hatte kein Mittel, sie bei ihrer
+außerordentlichen Überlegenheit an leichter Reiterei zu einer solchen
+zu zwingen. Über Märsche und Scharmützel in der Umgegend von Ruspina
+und Thapsus, die hauptsächlich um die Auffindung der landüblichen
+Kellerverstecke (Silos) und um Ausbreitung der Posten sich bewegten,
+verflossen fast zwei Monate. Caesar, durch die feindlichen Reiter
+genötigt, sich möglichst auf den Anhöhen zu halten oder auch seine
+Flanken durch verschanzte Linien zu decken, gewöhnte doch während
+dieser mühseligen und aussichtslosen Kriegführung allmählich seine
+Soldaten an die fremdartige Kampfweise. Freund und Feind erkannten in
+dem vorsichtigen Fechtmeister, der seine Leute sorgfältig und nicht
+selten persönlich einschulte, den raschen Feldherrn nicht wieder und
+wurden fast irre an dieser im Zögern wie im Zuschlagen sich
+gleichbleibenden Meisterschaft. Endlich wandte Caesar, nachdem er seine
+letzten Verstärkungen an sich gezogen hatte, sich seitwärts gegen
+Thapsus. Scipio hatte diese Stadt, wie gesagt, stark besetzt und damit
+den Fehler begangen, seinem Gegner ein leicht zu fassendes
+Angriffsobjekt darzubieten; zu dem ersten fügte er bald den zweiten,
+noch minder verzeihlichen hinzu, die von Caesar gewünschte und von
+Scipio mit Recht bisher verweigerte Feldschlacht jetzt zur Rettung von
+Thapsus auf einem Terrain zu liefern, das die Entscheidung in die Hände
+der Linieninfanterie gab. Unmittelbar am Strande, Caesars Lager
+gegenüber, traten Scipios und Jubas Legionen an, die vorderen Reihen
+kampffertig, die hinteren beschäftigt, ein verschanztes Lager zu
+schlagen; zugleich bereitete die Besatzung von Thapsus einen Ausfall
+vor. Den letzteren zurückzuweisen, genügten Caesars Lagerwachen. Seine
+kriegsgewohnten Legionen, schon nach der unsicheren Aufstellung und den
+schlecht geschlossenen Gliedern den Feind richtig würdigend, zwangen,
+während drüben noch geschanzt ward und ehe noch der Feldherr das
+Zeichen gab, einen Trompeter, zum Angriff zu blasen, und gingen auf der
+ganzen Linie vor, allen voran Caesar selbst, der, da er die Seinigen
+ohne seinen Befehl abzuwarten vorrücken sah, an ihrer Spitze auf den
+Feind eingaloppierte. Der rechte Flügel, den übrigen Abteilungen voran,
+scheuchte die ihm gegenüberstehende Linie der Elefanten - es war dies
+die letzte große Schlacht, in der die Bestien verwendet worden sind -
+durch Schleuderkugeln und Pfeile zurück auf ihre eigenen Leute. Die
+Deckungsmannschaft ward niedergehauen, der linke Flügel der Feinde
+gesprengt und die ganze Linie aufgerollt. Die Niederlage war um so
+vernichtender, als das neue Lager der geschlagenen Armee noch nicht
+fertig und das alte beträchtlich entfernt war; beide wurden
+nacheinander fast ohne Gegenwehr erobert. Die Masse der geschlagenen
+Armee warf die Waffen weg und bat um Quartier; aber Caesars Soldaten
+waren nicht mehr dieselben, die vor Ilerda willig der Schlacht sich
+enthalten, bei Pharsalos der Wehrlosen ehrenvoll geschont hatten. Die
+Gewohnheit des Bürgerkrieges und der von der Meuterei zurückgebliebene
+Groll machten auf dem Schlachtfelde von Thapsus in schrecklicher Weise
+sich geltend. Wenn der Hydra, mit der man kämpfte, stets neue Köpfe
+nachwuchsen, wenn die Armee von Italien nach Spanien, von Spanien nach
+Makedonien, von Makedonien nach Afrika geschleudert ward, die immer
+heißer ersehnte Ruhe immer nicht kam, so suchte, und nicht ganz ohne
+Ursache, der Soldat davon den Grund in Caesars unzeitiger Milde. Er
+hatte es sich geschworen nachzuholen, was der Feldherr versäumt, und
+blieb taub für das Flehen der entwaffneten Mitbürger wie für die
+Befehle Caesars und der höheren Offiziere. Die fünfzigtausend Leichen,
+die das Schlachtfeld von Thapsus bedeckten, darunter auch mehrere als
+heimliche Gegner der neuen Monarchie bekannte und deshalb bei dieser
+Gelegenheit von ihren eigenen Leuten niedergemachte Caesarische
+Offiziere, zeigten, wie der Soldat sich Ruhe schafft. Die siegende
+Armee dagegen zählte nicht mehr als fünfzig Tote (6. April 708 46).
+
+Eine Fortsetzung des Kampfes fand nach der Schlacht von Thapsus so
+wenig in Afrika statt, wie anderthalb Jahre zuvor im Osten nach der
+Pharsalischen Niederlage. Cato als Kommandant von Utica berief den
+Senat, legte den Stand der Verteidigungsmittel dar und stellte es zur
+Entscheidung der Versammelten, ob man sich unterwerfen oder bis auf den
+letzten Mann sich verteidigen wolle, einzig sie beschwörend, nicht
+jeder für sich, sondern alle für einen zu beschließen und zu handeln.
+Die mutigere Meinung fand manchen Vertreter; es wurde beantragt, die
+waffenfähigen Sklaven von Staats wegen freizusprechen, was aber Cato
+als einen ungesetzlichen Eingriff in das Privateigentum zurückwies und
+statt dessen einen patriotischen Aufruf an die Sklaveneigentümer
+vorschlug. Allein bald verging der größtenteils aus afrikanischen
+Großhändlern bestehenden Versammlung diese Anwandlung von
+Entschlossenheit, und man ward sich einig zu kapitulieren. Als dann
+Faustus Sulla, des Regenten Sohn, und Lucius Afranius mit einer starken
+Abteilung Reiterei vom Schlachtfelde her in Utica eintrafen, machte
+Cato noch einen Versuch, durch sie die Stadt zu halten; allein ihre
+Forderung, sie zuvörderst die unzuverlässige Bürgerschaft von Utica
+insgesamt niedermachen zu lassen, wies er unwillig zurück und ließ
+lieber die letzte Burg der Republikaner dem Monarchen ohne Gegenwehr in
+die Hände fallen als die letzten Atemzüge der Republik durch eine
+solche Metzelei entweihen. Nachdem er, teils durch seine Autorität,
+teils durch freigebige Spenden, dem Wüten der Soldateska gegen die
+unglücklichen Uticenser nach Vermögen gesteuert und, soweit es in
+seiner Macht stand, denen, die Caesars Gnade sich nicht anvertrauen
+mochten, die Mittel zur Flucht, denen, die bleiben wollten, die
+Gelegenheit, unter möglichst leidlichen Bedingungen zu kapitulieren mit
+rührender Sorgfalt gewährt und durchaus sich überzeugt hatte, daß er
+niemand weiter Hilfe zu leisten vermöge, hielt er seines Kommandos sich
+entbunden, zog sich in sein Schlafgemach zurück und stieß sich das
+Schwert in die Brust. Auch von den übrigen geflüchteten Reitern
+retteten sich nur wenige. Die von Thapsus geflüchteten Reiter stießen
+auf die Scharen des Sittius und wurden von ihnen niedergehauen oder
+gefangen; ihre Führer Afranius und Faustus wurden an Caesar
+ausgeliefert und, da dieser sie nicht sogleich hinrichten ließ, von
+dessen Veteranen in einem Auflauf erschlagen. Der Oberfeldherr Metellus
+Scipio geriet mit der Flotte der geschlagenen Partei in die Gewalt der
+Kreuzer des Sittius und durchbohrte sich selbst, da man Hand an ihn
+legen wollte. König Juba, nicht unvorbereitet auf einen solchen
+Ausgang, hatte für diesen Fall beschlossen, zu enden, wie es ihm
+königlich dünkte, und auf dem Markte seiner Stadt Zama einen ungeheuren
+Scheiterhaufen rüsten lassen, der mit seinem Körper auch all seine
+Schätze und die Leichen der gesamten Bürgerschaft von Zama verzehren
+sollte. Allein die Stadtbewohner verspürten kein Verlangen, bei der
+Leichenfeier des afrikanischen Sardanapal sich als Dekoration verwenden
+zu lassen und schlossen dem König, da er, vom Schlachtfeld flüchtend,
+in Begleitung von Marcus Petreius vor der Stadt erschien, die Tore. Der
+König, eine jener im grellen und übermütigen Lebensgenuß verwilderten
+Naturen, die auch aus dem Tode sich ein Taumelfest bereiten, begab sich
+mit seinem Begleiter nach einem seiner Landhäuser, ließ einen
+reichlichen Schmaus auftragen und forderte nach geendeter Mahlzeit den
+Petreius auf, mit ihm im Zweikampf um den Tod zu fechten. Es war der
+Besieger Catilinas, der ihn von der Hand des Königs empfing; der König
+ließ darauf von einem seiner Sklaven sich durchbohren. Die wenigen
+angesehenen Männer, welche entkamen, wie Labienus und Sextus Pompeius,
+folgten dem älteren Bruder des letzteren nach Spanien und suchten, wie
+einst Sertorius, in den Gebirgen und Gewässern dieser immer noch halb
+unabhängigen Landschaften ein letztes Räuber- und Piratenasyl. Ohne
+Widerstand ordnete Caesar die afrikanischen Verhältnisse. Wie schon
+Curio beantragt hatte, ward das Reich des Massinissa aufgelöst. Der
+östlichste Teil oder die Landschaft von Sitifis ward mit dem Reich des
+Königs Bocchus von Ostmauretanien vereinigt, auch der treue König Bogud
+von Tingis mit ansehnlichen Gaben bedacht. Cirta (Constantine) und den
+umliegenden Landstrich, die bisher, unter Jubas Oberhoheit, der Fürst
+Massinissa und dessen Sohn Arabion besessen hatten, erhielt der
+Condottiere Publius Sittius, um seine halbrömischen Scharen daselbst
+anzusiedeln ^10; zugleich aber wurde dieser Distrikt sowie überhaupt
+der bei weitem größte und fruchtbarste Teil des bisherigen Numidischen
+Reiches als “Neuafrika” mit der älteren Provinz Afrika vereinigt und
+die Verteidigung der Küstenlandschaft gegen die schweifenden Stämme der
+Wüste, welche die Republik einem Klientelkönig überlassen hatte, von
+dem neuen Herrscher auf das Reich selbst übernommen.
+
+———————————————————————
+
+^10 Die Inschriften der bezeichneten Gegend bewahren zahlreiche Spuren
+dieser Kolonisierung. Der Name der Sittier ist dort ungemein häufig;
+die afrikanische Ortschaft Milev führt als römische den Namen colonia
+Sarnensis (CIL VIII, p. 1094), offenbar von dem nucerinischen Flußgott
+Sarnus (Suet. rhet. 4).
+
+———————————————————————
+
+Der Kampf, den Pompeius und die Republikaner gegen Caesars Monarchie
+unternommen hatten, endigte also nach vierjähriger Dauer mit dem
+vollständigen Sieg des neuen Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht
+erst auf den Schlachtfeldern von Pharsalos und Thapsus festgestellt;
+sie durfte bereits sich datieren von dem Augenblick, wo Pompeius und
+Caesar im Bunde die Gesamtherrschaft begründet und die bisherige
+aristokratische Verfassung über den Haufen geworfen hatten. Doch waren
+es erst jene Bluttaufen des 9. August 706 (48) und des 6. April 708
+(46), die das dem Wesen der Alleinherrschaft widerstreitende
+Gesamtregiment beseitigten und der neuen Monarchie festen Bestand und
+förmliche Anerkennung verliehen. Prätendenteninsurrektionen und
+republikanische Verschwörungen mochten nachfolgen und neue
+Erschütterungen, vielleicht sogar neue Revolutionen und Restaurationen
+hervorrufen; aber die während eines halben Jahrtausend ununterbrochene
+Kontinuität der freien Republik war durchrissen und im ganzen Umfang
+des weiten Römischen Reiches durch die Legitimität der vollendeten
+Tatsache die Monarchie begründet. Der verfassungsmäßige Kampf war zu
+Ende; und daß er zu Ende war, das sprach Marcus Cato aus, als er zu
+Utica sich in sein Schwert stürzte. Seit vielen Jahren war er in dem
+Kampfe der legitimen Republik gegen ihre Bedränger der Vormann gewesen;
+er hatte ihn fortgesetzt, lange nachdem jede Hoffnung zu siegen in ihm
+erloschen war. Jetzt aber war der Kampf selbst unmöglich geworden; die
+Republik, die Marcus Brutus begründet hatte, war tot und niemals wieder
+zum Leben zu erwecken; was sollten die Republikaner noch auf der Erde?
+Der Schatz war geraubt, die Schildwache damit abgelöst; wer konnte sie
+schelten, wenn sie heimging? Es ist mehr Adel und vor allem mehr
+Verstand in Catos Tode, als in seinem Leben gewesen war. Cato war
+nichts weniger als ein großer Mann; aber bei all jener Kurzsichtigkeit,
+jener Verkehrtheit, jener dürren Langweiligkeit und jenen falschen
+Phrasen, die ihn, für seine wie für alle Zeit, zum Ideal des
+gedankenlosen Republikanertums und zum Liebling aller damit spielenden
+Individuen gestempelt haben, war er dennoch der einzige, der das große,
+dem Untergang verfallene System in dessen Agonie ehrlich und mutig
+vertrat. Darum, weil vor der einfältigen Wahrheit die klügste Lüge
+innerlich sich zernichtet fühlt und weil alle Hoheit und Herrlichkeit
+der Menschennatur schließlich nicht auf der Klugheit beruht, sondern
+auf der Ehrlichkeit, darum hat Cato eine größere geschichtliche Rolle
+gespielt als viele an Geist ihm weit überlegene Männer. Es erhöht nur
+die tiefe und tragische Bedeutung seines Todes, daß er selber ein Tor
+war: eben weil Don Quichotte ein Tor ist, ist er ja eine tragische
+Gestalt. Es ist erschütternd, daß auf jener Weltbühne, darauf so viele
+große und weise Männer gewandelt und gehandelt hatten, der Narr
+bestimmt war zu epilogieren. Auch ist er nicht umsonst gestorben. Es
+war ein furchtbar schlagender Protest der Republik gegen die Monarchie,
+daß der letzte Republikaner ging, als der erste Monarch kam; ein
+Protest, der all jene sogenannte Verfassungsmäßigkeit, mit welcher
+Caesar seine Monarchie umkleidete, wie Spinneweben zerriß und das
+Schibboleth der Versöhnung aller Parteien, unter dessen Ägide das
+Herrentum erwuchs, in seiner ganzen gleisnerischen Lügenhaftigkeit
+prostituierte. Der unerbittliche Krieg, den das Gespenst der legitimen
+Republik Jahrhunderte lang, von Cassius und Brutus an bis auf Thrasea
+und Tacitus, ja noch viel weiter hinab, gegen die Caesarische Monarchie
+geführt hat - dieser Krieg der Komplotte und der Literatur ist die
+Erbschaft, die Cato sterbend seinem Feinde vermachte. Ihre ganze
+vornehme, rhetorisch transzendentale, anspruchsvoll strenge,
+hoffnungslose und bis zum Tode getreue Haltung hat diese
+republikanische Opposition von Cato übernommen und dann auch den Mann,
+der im Leben nicht selten ihr Spott und ihr Ärgernis gewesen war, schon
+unmittelbar nach seinem Tode als Heiligen zu verehren begonnen. Die
+größte aber unter diesen Huldigungen war die unfreiwillige, die Caesar
+ihm erwies, indem er von der geringschätzigen Milde, mit welcher er
+seine Gegner, Pompeianer wie Republikaner, zu behandeln gewohnt war,
+allein gegen Cato eine Ausnahme machte und noch über das Grab hinaus
+ihn mit demjenigen energischen Hasse verfolgte; welchen praktische
+Staatsmänner zu empfinden pflegen gegen die auf dem idealen Gebiet,
+ihnen ebenso gefährlich wie unerreichbar, opponierenden Gegner.
+
+
+
+
+KAPITEL XI.
+Die alte Republik und die neue Monarchie
+
+
+Der neue Monarch von Rom, der erste Herrscher über das ganze Gebiet
+römisch-hellenischer Zivilisation, Gaius Iulius Caesar, stand im
+sechsundfünfzigsten Lebensjahr (geb. 12. Juli 652 ? 102), als die
+Schlacht bei Thapsus, das letzte Glied einer langen Kette
+folgenschwerer Siege, die Entscheidung über die Zukunft der Welt in
+seine Hände legte. Weniger Menschen Spannkraft ist also auf die Probe
+gestellt worden wie die dieses einzigen schöpferischen Genies, das Rom,
+und des letzten, das die alte Welt hervorgebracht und in dessen Bahnen
+sie denn auch bis zu ihrem eigenen Untergange sich bewegt hat. Der
+Sprößling einer der ältesten Adelsfamilien Latiums, welche ihren
+Stammbaum auf die Helden der Ilias und die Könige Roms, ja auf die
+beiden Nationen gemeinsame Venus-Aphrodite zurückführte, waren seine
+Knaben- und ersten Jünglingsjahre vergangen, wie sie der vornehmen
+Jugend jener Epoche zu vergehen pflegten. Auch er hatte von dem Becher
+des Modelebens den Schaum wie die Hefen gekostet, hatte rezitiert und
+deklamiert, auf dem Faulbett Literatur getrieben und Verse gemacht,
+Liebeshändel jeder Gattung abgespielt und sich einweihen lassen in alle
+Rasier-, Frisier- und Manschettenmysterien der damaligen
+Toilettenweisheit, sowie in die noch weit geheimnisvollere Kunst, immer
+zu borgen und nie zu bezahlen. Aber der biegsame Stahl dieser Natur
+widerstand selbst diesem zerfahrenen und windigen Treiben; Caesar blieb
+sowohl die körperliche Frische ungeschwächt wie die Spannkraft des
+Geistes und des Herzens. Im Fechten und im Reiten nahm er es mit jedem
+seiner Soldaten auf, und sein Schwimmen rettete ihm bei Alexandreia das
+Leben; die unglaubliche Schnelligkeit seiner gewöhnlich des Zeitgewinns
+halber nächtlichen Reisen - das rechte Gegenstück zu der
+prozessionsartigen Langsamkeit, mit der Pompeius sich von einem Ort zum
+andern bewegte - war das Erstaunen seiner Zeitgenossen und nicht die
+letzte Ursache seiner Erfolge. Wie der Körper war der Geist. Sein
+bewunderungswürdiges Anschauungsvermögen offenbarte sich in der
+Sicherheit und Ausführbarkeit all seiner Anordungen, selbst wo er
+befahl, ohne mit eigenen Augen zu sehen. Sein Gedächtnis war
+unvergleichlich und es war ihm geläufig, mehrere Geschäfte mit gleicher
+Sicherheit nebeneinander zu betreiben.: Obgleich Gentleman, Genie und
+Monarch hatte er dennoch ein Herz. Solange er lebte, bewahrte er für
+seine würdige Mutter Aurelia - der Vater starb ihm früh - die reinste
+Verehrung; seinen Frauen und vor allem seiner Tochter Iulia widmete er
+eine ehrliche Zuneigung, die selbst auf die politischen Verhältnisse
+nicht ohne Rückwirkung blieb. Mit den tüchtigsten und kernigsten
+Männern seiner Zeit, hohen und niederen Ranges, stand er in einem
+schönen Verhältnis gegenseitiger Treue, mit jedem nach seiner Art. Wie
+er selbst niemals einen der Seinen in Pompeius’ kleinmütiger und
+gefühlloser Art fallen ließ und, nicht bloß aus Berechnung, in guter
+und böser Zeit ungeirrt an den Freunden festhielt, so haben auch von
+diesen manche, wie Aulus Hirtius und Gaius Matius, noch nach seinem
+Tode ihm in schönen Zeugnissen ihre Anhänglichkeit bewahrt. Wenn in
+einer so harmonisch organisierten Natur überhaupt eine einzelne Seite
+als charakteristisch hervorgehoben werden kann, so ist es die, daß alle
+Ideologie und alles Phantastische ihm fern lag. Es versteht sich von
+selbst, daß Caesar ein leidenschaftlicher Mann war, denn ohne
+Leidenschaft gibt es keine Genialität; aber seine Leidenschaft war
+niemals mächtiger als er. Er hatte eine Jugend gehabt, und Lieder,
+Liebe und Wein waren auch in sein Gemüt in lebendigem Leben eingezogen;
+aber sie drangen ihm doch nicht bis in den innerlichsten Kern seines
+Wesens. :Die Literatur beschäftigte ihn lange und ernstlich; aber wenn
+Alexandern der homerische Achill nicht schlafen ließ, so stellte Caesar
+in seinen schlaflosen Stunden Betrachtungen über die Beugungen der
+lateinischen Haupt- und Zeitwörter an. Er machte Verse wie damals
+jeder, aber sie waren schwach; dagegen interessierten ihn astronomische
+und naturwissenschaftliche Gegenstände. Wenn der Wein für Alexander der
+Sorgenbrecher war und blieb, so mied nach durchschwärmter Jugendzeit
+der nüchterne Römer denselben durchaus. Wie allen denen, die in der
+Jugend der volle Glanz der Frauenliebe umstrahlt hat, blieb ein
+Schimmer davon unvergänglich auf ihm ruhen: noch in späteren Jahren
+begegneten ihm Liebesabenteuer und Erfolge bei Frauen und blieb ihm
+eine gewisse Stutzerhaftigkeit im äußeren Auftreten oder richtiger das
+erfreuliche Bewußtsein der eigenen männlich schönen Erscheinung.
+Sorgfältig deckte er mit dem Lorbeerkranz, mit dem er in späteren
+Jahren öffentlich erschien, die schmerzlich empfundene Glatze und hätte
+ohne Zweifel manchen seiner Siege darum gegeben, wenn er damit die
+jugendlichen Locken hätte zurückkaufen können. Aber wie gern er auch
+noch als Monarch mit den Frauen verkehrte, so hat er doch nur mit ihnen
+gespielt und ihnen keinerlei Einfluß über sich eingeräumt; selbst sein
+vielbesprochenes Verhältnis zu der Königin Kleopatra ward nur
+angesponnen, um einen schwacher Punkt in seiner politischen Stellung zu
+maskieren. Caesar war durchaus Realist und Verstandesmensch; und was er
+angriff und tat, war von der genialen Nüchternheit durchdrungen und
+getragen, die seine innerste Eigentümlichkeit bezeichnet. Ihr verdankte
+er das Vermögen, unbeirrt durch Erinnern und Erwarten energisch im
+Augenblick zu leben; ihr die Fähigkeit, in jedem Augenblick mit
+gesammelter Kraft zu handeln und auch dem kleinsten und beiläufigsten
+Beginnen seine volle Genialität zuzuwenden; ihr die Vielseitigkeit, mit
+der er erfaßte und beherrschte, was der Verstand begreifen und der
+Wille zwingen kann; ihr die sichere Leichtigkeit, mit der er seine
+Perioden fügte, wie seine Feldzüge entwarf; ihr die “wunderbare
+Heiterkeit”, die in guten und bösen Tagen ihm treu blieb; ihr die
+vollendete Selbständigkeit, die keinem Liebling und keiner Mätresse, ja
+nicht einmal dem Freunde Gewalt über sich gestattete. Aus dieser
+Verstandesklarheit rührt es aber auch her, daß Cäsar sich über die
+Macht des Schicksals und das Können des Menschen niemals Illusionen
+machte; für ihn war der holde Schleier gehoben, der dem Menschen die
+Unzulänglichkeit seines Wirkens verdeckt. Wie klug er auch plante und
+alle Möglichkeiten bedachte, das Gefühl wich doch nie aus seiner Brust,
+daß in allen Dingen das Glück, das heißt der Zufall das gute Beste tun
+müsse; und damit mag es denn auch zusammenhängen, daß er so oft dem
+Schicksal Paroli geboten und namentlich mit verwegener Gleichgültigkeit
+seine Person wieder und wieder auf das Spiel gesetzt hat. Wie ja wohl
+überwiegend verständige Menschen in das reine Hasardspiel sich
+flüchten, so war auch in Caesars Rationalismus ein Punkt, wo er mit dem
+Mystizismus gewissermaßen sich berührte.
+
+Aus einer solchen Anlage konnte nur ein Staatsmann hervorgehen. Von
+früher Jugend an war denn auch Caesar ein Staatsmann im tiefsten Sinne
+des Wortes und sein Ziel das höchste, das dem Menschen gestattet ist
+sich zu stecken: die politische, militärische, geistige und sittliche
+Wiedergeburt der tiefgesunkenen eigenen und der noch tiefer gesunkenen,
+mit der seinigen innig verschwisterten hellenischen Nation. Die harte
+Schule dreißigjähriger Erfahrungen änderte seine Ärasichten über die
+Mittel, wie dies Ziel zu erreichen sei; das Ziel blieb ihm dasselbe in
+den Zeiten hoffnungsvoller Erniedrigung wie unbegrenzter
+Machtvollkommenheit, in den Zeiten, wo er als Demagog und Verschworener
+auf dunklen Wegen zu ihm hinschlich, wie da er als Mitinhaber der
+höchsten Gewalt und sodann als Monarch vor den Augen einer Welt im
+vollen Sonnenschein an seinem Werke schuf. Alle zu den verschiedensten
+Zeiten von ihm ausgegangenen Maßregeln bleibender Art ordnen in den
+großen Bauplan zweckmäßig sich ein. Von einzelnen Leistungen Caesars
+sollte darum eigentlich nicht geredet werden; er hat nichts Einzelnes
+geschaffen. Mit Recht rühmt man den Redner Caesar wegen seiner aller
+Advokatenkunst spottenden männlichen Beredsamkeit, die wie die klare
+Flamme zugleich erleuchtete und erwärmte. Mit Recht bewundert man an
+dem Schriftsteller Caesar die unnachahmliche Einfachheit der
+Komposition, die einzige Reinheit und Schönheit der Sprache. Mit Recht
+haben die größten Kriegsmeister aller Zeiten den Feldherrn Caesar
+gepriesen, der wie kein anderer ungeirrt von Routine und Tradition
+immer diejenige Kriegführung zu finden wußte, durch welche in dem
+gegebenen Falle der Feind besiegt wird und welche also in dem gegebenen
+Falle die rechte ist; der mit divinatorischer Sicherheit für jeden
+Zweck das rechte Mittel fand; der nach der Niederlage schlagfertig
+dastand, wie Wilhelm von Oranien, und mit dem Siege ohne Ausnahme den
+Feldzug beendigte; der das Element der Kriegführung, dessen Behandlung
+das militärische Genie von der gewöhnlichen Offiziertüchtigkeit
+unterscheidet, die rasche Bewegung der Massen mit unübertroffener
+Vollkommenheit handhabte und nicht in der Massenhaftigkeit der
+Streitkräfte, sondern in der Geschwindigkeit ihrer Bewegung, nicht im
+langen Vorbereiten, sondern im raschen, ja verwegenen Handeln, selbst
+mit unzulänglichen Mitteln, die Bürgschaft des Sieges fand. Allein
+alles dieses ist bei Caesar nur Nebensache; er war zwar ein großer
+Redner, Schriftsteller und Feldherr, aber jedes davon ist er nur
+geworden, weil er ein vollendeter Staumann war. Namentlich spielt der
+Soldat in ihm eine durchaus beiläufige Rolle, und es ist eine der
+hauptsächlichsten Eigentümlichkeiten, die ihn von Alexander, Hannibal
+und Napoleon unterscheidet, daß in ihm nicht der Offizier, sondern der
+Demagog der Ausgangspunkt der politischen Tätigkeit war. Seinem
+ursprünglichsten Plan zufolge hatte er sein Ziel wie Perikles und Gaius
+Gracchus ohne Waffengewalt zu erreichen gedacht, und achtzehn Jahre
+hindurch hatte er als Führer der Popularpartei ausschließlich in
+politischen Plänen und Intrigen sich bewegt, bevor er, ungern sich
+überzeugend von der Notwendigkeit eines militärischen Rückhalts, schon
+ein Vierziger, an die Spitze einer Armee trat. Es war erklärlich, daß
+er auch späterhin immer noch mehr Staatsmann blieb als General -
+ähnlich wie Cromwell, der auch aus dem Oppositionsführer zum
+Militärchef und Demokratenkönig sich umschuf und der überhaupt, wie
+wenig der Puritanerfürst dem lockeren Römer zu gleichen scheint, doch
+in seiner Entwicklung wie in seinen Zielen und Erfolgen vielleicht
+unter allen Staatsmännern Caesar am nächsten verwandt ist. Selbst in
+seiner Kriegführung ist diese improvisierte Feldherrnschaft noch wohl
+zu erkennen; in Napoleons Unternehmungen gegen Ägypten und gegen
+England ist der zum Feldherrn aufgediente Artillerieleutnant nicht
+deutlicher sichtbar wie in den gleichartigen Caesars der zum Feldherrn
+metamorphosierte Demagog. Ein geschulter Offizier würde es schwerlich
+fertig gebracht haben, aus politischen Rücksichten nicht durchaus
+zwingender Natur die gegründetsten militärischen Bedenken in der Art
+beiseite zu schieben, wie dies Caesar mehrmals, am auffallendsten bei
+seiner Landung in Epirus getan hat. Einzelne seiner Handlungen sind
+darum militärisch tadelhaft; aber der Feldherr verliert nur, was der
+Staatsmann gewinnt. Die Aufgabe des Staatsmanns ist universeller Natur
+wie Caesars Genie: wenn er die vielfältigsten und voneinander
+entlegensten Dinge angriff, so gingen sie doch alle ohne Ausnahme
+zurück auf das eine große Ziel, dem er mit unbedingter Treue und
+Folgerichtigkeit diente; und nie hat er von den vielfältigen Seiten und
+Richtgen seiner großen Tätigkeit eine vor der andern bevorzugt. Obwohl
+ein Meister der Kriegskunst, hat er doch aus staatsmännischen
+Rücksichten das Äußerste getan, um den Bürgerkrieg abzuwenden und um,
+da er dennoch begann, wenigstens so unblutige Lorbeeren wie möglich zu
+ernten. Obwohl der Begründer der Militärmonarchie, hat er doch mit
+einer in der Geschichte beispiellosen Energie weder
+Marschallshierarchie noch Prätorianerregiment aufkommen lassen. Wenn
+überhaupt eine Seite der bürgerlichen Verdienste, so wurden von ihm
+vielmehr die Wissenschafter, und die Künste des Friedens vor den
+militärischen bevorzugt. Die bemerkenswerteste Eigentümlichkeit seines
+staatsmännischen Schaffens ist dessen vollkommene Harmonie. In der Tat
+waren alle Bedingungen zu dieser schwersten aller menschlichen
+Leistungen in Caesar vereinigt. Durch und durch Realist, ließ er die
+Bilder der Vergangenheit und die ehrwürdige Tradition nirgends sich
+anfechten: ihm galt nichts in der Politik als die lebendige Gegenwart
+und das verständige Gesetz, ebenwie er, auch als Grammatiker die
+historisch-antiquarische Forschung beiseite schob und nichts anerkannte
+als einerseits den lebendigen Sprachgebrauch, andererseits die Regel
+der Gleichmäßigkeit Ein geborener Herrscher, regierte er die Gemüter
+der Menschen, wie der Wind die Wolken zwingt, und nötigte die
+verschiedenartigsten Naturen, ihm sich zu eigen zu geben, den
+schlichten Bürger und den derben Unteroffizier, die vornehmen Damen
+Roms und die schönen Fürstinnen Ägyptens und Mauretaniens, den
+glänzenden Kavalleriegeneral und den kalkulierenden Bankier. Sein
+Organisationstalent ist wunderbar; nie hat ein Staatsmann seine
+Bündnisse, nie ein Feldherr seine Armee aus ungefügen und
+widerstrebenden Elementen so entschieden zusammengezwungen und so fest
+zusammengehalten wie Caesar seine Koalitionen und seine Legionen; nie
+ein Regent mit so scharfem Blick seine Werkzeuge beurteilt und ein
+jedes an den ihm angemessenen Platz gestellt. Er war Monarch; aber nie
+hat er den König gespielt. Auch als unumschränkter Herr von Rom blieb
+er in seinem Auftreten der Parteiführer; vollkommen biegsam und
+geschmeidig, bequem und anmutig in der Unterhaltung, zuvorkommend gegen
+jeden, schien er nichts sein zu wollen als der Erste unter
+seinesgleichen. Den Fehler so vieler ihm sonst ebenbürtiger Männer, den
+militärischen Kommandoton auf die Politik zu übertragen, hat Caesar
+durchaus vermieden; wie vielen Anlaß das verdrießliche Verhältnis zum
+Senat ihm auch dazu gab, er hat nie zu Brutalitäten gegriffen, wie die
+des achtzehnten Brumaire eine war. Caesar war Monarch; aber nie hat ihn
+der Tyrannenschwindel erfaßt. Er ist vielleicht der einzige unter den
+Gewaltigen des Herrn, welcher im großen wie im kleinen nie nach Neigung
+oder Laune, sondern ohne Ausnahme nach seiner Regentenpflicht gehandelt
+hat, und der, wenn er auf sein Leben zurücksah, wohl falsche Rechnungen
+zu bedauern, aber keinen Fehltritt der Leidenschaft zu bereuen fand. Es
+ist nichts in Caesars Lebensgeschichte, das auch nur im kleinen ^1 sich
+vergleichen ließe mit jenen poetisch-sinnlichen Aufwallungen, mit der
+Ermordung des Kleitos oder dem Brand von Persepolis, welche die
+Geschichte von seinem großen Vorgänger im Osten berichtet. Er ist
+endlich vielleicht der einzige unter jenen Gewaltigen, der den
+staatsmännischen Takt für das Mögliche und Unmögliche bis an das Ende
+seiner Laufbahn sich bewahrt hat und nicht gescheitert ist an
+derjenigen Aufgabe, die für großartig angelegte Naturen von allen die
+schwerste ist, an der Aufgabe, auf der Zinne des Erfolgs dessen
+natürliche Schranken zu erkennen. Was möglich war, hat er geleistet und
+nie um des unmöglichen Besseren willen das mögliche Gute unterlassen,
+nie es verschmäht, unheilbare Übel durch Palliative wenigstens zu
+lindern. Aber wo er erkannte, daß das Schicksal gesprochen, hat er
+immer gehorcht. Alexander am Hypanis, Napoleon in Moskau kehrten um,
+weil sie mußten, und zürnten dem Geschick, daß es auch seinen
+Lieblingen nur begrenzte Erfolge gönnt; Caesar ist an der Themse und am
+Rhein freiwillig zurückgegangen und gedachte auch an der Donau und am
+Euphrat nicht ungemessene Pläne der Weltüberwindung, sondern bloß
+wohlerwogene Grenzregulierungen ins Werk zu setzen.
+
+———————————————————————
+
+^1 Wenn der Handel mit Laberius, den der bekannte Prolog erzählt, als
+ein Beispiel von Caesars Tyrannenlaunen angeführt worden ist, so hat
+man die Ironie der Situation wie des Dichters gründlich verkannt; ganz
+abgesehen von der Naivität, den sein Honorar bereitwillig
+einstreichenden Poeten als Märtyrer zu behandeln.
+
+———————————————————————
+
+So war dieser einzige Mann, den zu schildern so leicht scheint und doch
+so unendlich schwer ist. Seine ganze Natur ist durchsichtige Klarheit;
+und die Überlieferung bewahrt über ihn ausgiebigere und lebendigere
+Kunde als über irgendeinen seiner Pairs in der antiken Welt. Eine
+solche Persönlichkeit konnte wohl flacher oder tiefer, aber nicht
+eigentlich verschieden aufgefaßt werden; jedem nicht ganz verkehrten
+Forscher ist das hohe Bild mit denselben wesentlichen Zügen erschienen,
+und doch ist dasselbe anschaulich wiederzugeben noch keinem gelungen.
+Das Geheimnis liegt in dessen Vollendung. Menschlich wie geschichtlich
+steht Caesar in dem Gleichungspunkt, in welchem die großen Gegensätze
+des Daseins sich ineinander aufheben. Von gewaltiger Schöpferkraft und
+doch zugleich vom durchdringendsten Verstande; nicht mehr Jüngling und
+noch nicht Greis; vom höchsten Wollen und vom höchsten Vollbringen;
+erfüllt von republikanischen Idealen und zugleich geboren zum König;
+ein Römer im tiefsten Kern seines Wesens und wieder berufen, die
+römische und die hellenische Entwicklung in sich wie nach außen hin zu
+versöhnen und zu vermählen, ist Caesar der ganze und vollständige Mann.
+Darum fehlt es denn auch bei ihm mehr als bei irgendeiner anderen
+geschichtlichen Persönlichkeit an den sogenannten charakteristischen
+Zügen, welche ja doch nichts anderes sind als Abweichungen von der
+naturgemäßen menschlichen Entwicklung. Was dem ersten oberflächlichen
+Blick dafür gilt, zeigt sich bei näherer Betrachtung nicht als
+Individualität, sondern als Eigentümlichkeit der Kulturepoche oder der
+Nation; wie denn seine Jugendabenteuer ihm mit allen gleichgestellten
+begabteren Zeitgenossen gemein sind, sein unpoetisches, aber energisch
+logisches Naturell das Naturell der Römer überhaupt ist. Es gehört dies
+mit zu Caesars voller Menschlichkeit, daß er im höchsten Grade durch
+Zeit und Ort bedingt ward; denn eine Menschlichkeit an sich gibt es
+nicht, sondern der lebendige Mensch kann eben nicht anders als in einer
+gegebenen Volkseigentümlichkeit und in einem bestimmten Kulturzug
+stehen. Nur dadurch war Caesar ein voller Mann, weil er wie kein
+anderer mitten in die Strömungen seiner Zeit sich gestellt hatte und
+weil er die kernige Eigentümlichkeit der römischen Nation, die reale
+bürgerliche Tüchtigkeit vollendet wie kein anderer in sich trug; wie
+denn auch sein Hellenismus nur der mit der italischen Nationalität
+längst innig verwachsene war. Aber eben hierin liegt auch die
+Schwierigkeit, man darf vielleicht sagen die Unmöglichkeit, Caesar
+anschaulich zu schildern. Wie der Künstler alles machen kann, nur nicht
+die vollendete Schönheit, so kann auch der Geschichtschreiber, wo ihm
+alle tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet, nur darüber
+schweigen. Denn es läßt die Regel wohl sich aussprechen, aber sie gibt
+uns nur die negative Vorstellung von der Abwesenheit des Mangels; das
+Geheimnis der Natur, in ihren vollendetsten Offenbarungen Normalität
+und Individualität miteinander zu verbinden, ist unaussprechlich. Uns
+bleibt nichts, als diejenigen glücklich zu preisen, die dieses
+Vollkommene schauten, und eine Ahnung desselben aus dem Abglanz zu
+gewinnen, der auf den von dieser großen Natur geschaffenen Werken
+unvergänglich ruht. Zwar tragen auch diese den Stempel der Zeit. Der
+römische Mann selbst stellte seinem jugendlichen griechischen Vorgänger
+nicht bloß ebenbürtig, sondern überlegen sich an die Seite; aber die
+Welt war inzwischen alt geworden und ihr Jugendschimmer verblaßt.
+Caesars Tätigkeit ist nicht mehr wie die Alexanders ein freudiges
+Vorwärtsstreben in die ungemessene Weite; er baute auf und aus Ruinen
+und war zufrieden, in den einmal angewiesenen weiten, aber begrenzten
+Räumen möglichst erträglich und möglichst sicher sich einzurichten. Mit
+Recht hat denn auch der feine Dichtertakt der Völker um den
+unpoetischen Römer sich nicht bekümmert und dagegen den Sohn des
+Philippos mit allem Goldglanz der Poesie, mit allen Regenbogenfarben
+der Sage bekleidet. Aber mit gleichem Recht hat das staatliche Leben
+der Nationen seit Jahrtausenden wieder und wieder auf die Linien
+zurückgelenkt, die Caesar gezogen hat, und wenn die Völker, denen die
+Welt gehört, noch heute mit seinem Namen die höchsten ihrer Monarchen
+nennen, so liegt darin eine tiefsinnige, leider auch eine beschämende
+Mahnung.
+
+Wenn es gelingen sollte, aus den alten in jeder Hinsicht heillosen
+Zuständen herauszukommen und das Gemeinwesen zu verjüngen, so mußte vor
+allen Dingen das Land tatsächlich beruhigt und der Boden von den
+Trümmern, die von der letzten Katastrophe her überall ihn bedeckten,
+gesäubert werden. Caesar ging dabei aus von dem Grundsatz der
+Versöhnung der bisherigen Parteien oder, richtiger gesagt - denn von
+wirklicher Ausgleichung kann bei unversöhnlichen Gegensätzen nicht
+gesprochen werden -, von dem Grundsatz, daß der Kampfplatz, auf dem die
+Nobilität und die Popularen bisher miteinander gestritten hatten, von
+beiden Teilen aufzugeben sei und beide auf dem Boden der neuen
+monarchischen Verfassung sich zusammenzufinden hätten. Vor allen Dingen
+also galt aller ältere Hader der republikanischen Vergangenheit als
+abgetan für immer und ewig. Während Caesar die auf die Nachricht von
+der Pharsalischen Schlacht von dem hauptstädtischen Pöbel umgestürzten
+Bildsäulen Sullas wiederaufzurichten befahl und also es anerkannte, daß
+über diesen großen Mann einzig der Geschichte Gericht zu halten
+gebühre, hob er zugleich die letzten noch nachwirkenden Folgen seiner
+Ausnahmegesetze auf, rief die noch von den cinnanischen und
+sertorianischen Wirren her Verbannten aus dem Exil zurück und gab den
+Kindern der von Sulla Geächteten die verlorene passive Wahlfähigkeit
+wieder. Ebenso wurden alle diejenigen restituiert, die in dem
+vorbereitenden Stadium der letzten Katastrophe durch Zensorenspruch
+oder politischen Prozeß, namentlich durch die auf Grund der
+Exzeptionalgesetze von 702 (52) erhobenen Anklagen, ihren Sitz im Senat
+oder ihre bürgerliche Existenz eingebüßt hatten. Nur blieben, wie
+billig, diejenigen, die Geächtete für Geld getötet hatten, auch ferner
+bescholten und ward der verwegenste Condottiere der Senatspartei, Milo,
+von der allgemeinen Begnadigung ausgeschlossen.
+
+Weit schwieriger als die Ordnung dieser im wesentlichen bereits der
+Vergangenheit anheimgefallenen Fragen war die Behandlung der im
+Augenblick sich gegenüberstehenden Parteien: teils des eigenen
+demokratischen Anhangs Caesars, teils der gestürzten Aristokratie. Daß
+jener mit Caesars Verfahren nach dem Sieg und mit seiner Aufforderung,
+den alten Parteistandpunkt aufzugeben, womöglich noch minder
+einverstanden war als diese, versteht sich von selbst. Caesar selbst
+wollte wohl im ganzen dasselbe, was Gaius Gracchus im Sinne getragen
+hatte; allein die Absichten der Caesarianer waren nicht mehr die der
+Gracchaner. Die römische Popularpartei war in immer steigender
+Progression aus der Reform in die Revolution, aus der Revolution in die
+Anarchie, aus der Anarchie in den Krieg gegen das Eigentum gedrängt
+worden; sie feierte unter sich das Andenken der Schreckensherrschaft
+und schmückte, wie einst der Gracchen, so jetzt des Catilina Grab mit
+Blumen und Kränzen; sie hatte unter Caesars Fahne sich gestellt, weil
+sie von ihm das erwartete, was Catilina ihr nicht hatte verschaffen
+können. Als nun aber sehr bald sich herausstellte, daß Caesar nichts
+weniger sein wollte als der Testamentsvollstrecker Catilinas, daß die
+Verschuldeten von ihm höchstens Zahlungserleichterungen und
+Prozeßmilderungen zu hoffen hatten, da ward die erbitterte Frage laut,
+für wen denn die Volkspartei gesiegt habe, wenn nicht für das Volk? und
+fing das vornehme und niedere Gesindel dieser Art vor lauter Ärger über
+die fehlgeschlagenen politisch-ökonomischen Saturnalien erst an, mit
+den Pompeianern zu liebäugeln, dann sogar während Caesars fast
+zweijähriger Abwesenheit von Italien (Januar 706 48 bis Herbst 707 47)
+daselbst einen Bürgerkrieg im Bürgerkriege anzuzetteln. Der Prätor
+Marcus Caelius Rufus, ein guter Adliger und schlechter
+Schuldenbezahler, von einigem Talent und vieler Bildung, als ein
+heftiger und redefertiger Mann bisher im Senat und auf dem Markte einer
+der eifrigsten Vorkämpfer für Caesar, brachte, ohne höheren Auftrag,
+bei dem Volke ein Gesetz ein, das den Schuldnern ein sechsjähriges
+zinsfreies Moratorium gewährte, sodann, da man ihm hierbei in den Weg
+trat, ein zweites, das gar alle Forderungen aus Darlehen und laufenden
+Hausmieten kassiert; worauf der Caesarische Senat ihn seines Amtes
+entsetzte. Es war eben die Zeit vor der Pharsalischen Schlacht, und die
+Waagschale in dem großen Kampfe schien sich auf die Seite der
+Pompeianer zu neigen; Rufus trat mit dem alten senatorischen
+Bandenführer Milo in Verbindung und beide stifteten eine
+Konterrevolution an, die teils die republikanische Verfassung, teils
+Kassation der Forderungen und Freierklärung der Sklaven auf ihr Panier
+schrieb. Milo verließ seinen Verbannungsort Massalia und rief in der
+Gegend von Thurii die Pompeianer und die Hirtensklaven unter die
+Waffen; Rufus machte Anstalt, sich durch bewaffnete Sklaven der Stadt
+Capua zu bemächtigen. Allein der letztere Plan ward vor der Ausführung
+entdeckt und durch die capuanische Bürgerwehr vereitelt; Quintus
+Pedius, der mit einer Legion in das thurinische Gebiet einrückte,
+zerstreute die daselbst hausende Bande; und der Fall der beiden Führer
+machte dem Skandal ein Ende (706 48). Dennoch fand sich das Jahr darauf
+(707 47) ein zweiter Tor, der Volkstribun Publius Dolabella, der,
+gleich verschuldet, aber ungleich weniger begabt als sein Vorgänger,
+dessen Gesetz über die Forderungen und Hausmieten abermals einbrachte
+und mit seinem Kollegen Lucius Trebellius darüber noch einmal - es war
+das letzte Mal - den Demagogenkrieg begann; es gab arge Händel zwischen
+den, beiderseitigen bewaffneten Banden und vielfachen Straßenlärm, bis
+der Kommandant von Italien, Marcus Antonius, das Militär einschreiten
+ließ und bald darauf Caesars Rückkehr aus dem Osten dem tollen Treiben
+vollständig ein Ziel setzte. Caesar legte diesen hirnlosen Versuchen,
+die Catilinarischen Projekte wieder aufzuwärmen, so wenig Gewicht bei,
+daß er selbst den Dolabella in Italien duldete, ja nach einiger Zeit
+ihn sogar wieder zu Gnaden annahm. Gegen solches Gesindel, dem es nicht
+um irgend welche politische Frage, sondern einzig um den Krieg gegen
+das Eigentum zu, tun ist, genügt, wie gegen die Räuberbanden, das bloße
+Dasein einer starken Regierung; und Caesar war zu groß und zu besonnen,
+um mit der Angst, die die italischen Trembleurs vor diesen damaligen
+Kommunisten empfanden, Geschäfte zu machen und damit seiner Monarchie
+eine falsche Popularität zu erschwindeln.
+
+Wenn Caesar also die gewesene demokratische Partei ihrem schon bis an
+die äußerste Grenze vorgeschrittenen Zersetzungsprozeß überlassen
+konnte und überließ, so hatte er dagegen gegenüber der bei weitem
+lebenskräftigeren ehemaligen aristokratischen Partei durch die gehörige
+Verbindung des Niederdrückens und des Entgegenkommens die Auflösung
+nicht herbeizuführen - dies vermochte nur die Zeit - sondern sie
+vorzubereiten und einzuleiten. Es war das wenigste, daß Caesar, schon
+aus natürlichem Anstandsgefühl, es vermied, die gestürzte Partei durch
+leeren Hohn zu erbittern, über die besiegten Mitbürger nicht
+triumphierte ^2, des Pompeius oft und immer mit Achtung gedachte und
+sein vom Volke umgestürztes Standbild am Rathaus bei der Herstellung
+des Gebäudes an dem früheren ausgezeichneten Platze wiederum errichten
+ließ. Der politischen Verfolgung nach dem Siege steckte Caesar die
+möglichst engen Grenzen. Es fand keine Untersuchung statt über die
+vielfachen Verbindungen, die die Verfassungspartei auch mit nominellen
+Caesarianern gehabt hatte; Caesar warf die in den feindlichen
+Hauptquartieren von Pharsalos und Thapsus vorgefundenen Papierstöße
+ungelesen ins Feuer und verschonte sich und das Land mit politischen
+Prozessen gegen des Hochverrats verdächtige Individuen. Ferner gingen
+straffrei aus alle gemeinen Soldaten, die ihren römischen oder
+provinzialen Offizieren in den Kampf gegen Caesar gefolgt waren. Eine
+Ausnahme ward nur gemacht mit denjenigen römischen Bürgern, die in dem
+Heere des numidischen Königs Juba Dienste genommen hatten; ihnen wurde
+zur Strafe des Landesverrates das Vermögen eingezogen. Auch den
+Offizieren der besiegten Partei hatte Caesar bis zum Ausgang des
+spanischen Feldzugs 705 (49) uneingeschränkte Begnadigung gewährt;
+allein er überzeugte sich, daß er hiermit zu weit gegangen und daß die
+Beseitigung wenigstens der Häupter unvermeidlich sei. Die Regel, die er
+von jetzt an zur Richtschnur nahm, war, daß wer nach der Kapitulation
+von Ilerda im feindlichen Heere als Offizier gedient oder im Gegensenat
+gesessen hatte, wenn er das Ende des Kampfes erlebte, sein Vermögen und
+seine politischen Rechte verlor und für Lebenszeit aus Italien verbannt
+ward, wenn er das Ende des Kampfes nicht erlebte, wenigstens sein
+Vermögen an den Staat fiel, wer aber von diesen früher von Caesar Gnade
+angenommen hatte und abermals in den feindlichen Reihen betroffen ward,
+damit das Leben verwirkt hatte. In der Ausführung indes wurden diese
+Sätze wesentlich gemildert. Todesurteile wurden nur gegen die wenigsten
+unter den zahlreichen Rückfälligen wirklich vollstreckt. Bei der
+Konfiskation des Vermögens der Gefallenen wurden nicht nur die auf den
+einzelnen Massen haftenden Schulden sowie die Mitgiftforderungen der
+Witwen wie billig ausgezahlt, sondern auch den Kindern der Toten ein
+Teil des väterlichen Vermögens gelassen. Von denjenigen endlich, die
+jenen Regeln zufolge Verbannung und Vermögenskonfiskation traf, wurden
+nicht wenige sogleich ganz begnadigt oder kamen, wie die zu Mitgliedern
+des Senats von Utica gepreßten afrikanischen Großhändler, mit Geldbußen
+davon. Aber auch den übrigen ward fast ohne Ausnahme Freiheit und
+Vermögen zurückgegeben, wenn sie nur es über sich gewannen, deshalb
+bittend bei Caesar einzukommen; manchem, der dessen sich weigerte, wie
+zum Beispiel dem Konsular Marcus Marcellus, ward die Begnadigung auch
+ungebeten oktroyiert und endlich im Jahre 710 (44) für alle noch nicht
+Zurückberufenen eine allgemeine Amnestie erlassen.
+
+———————————————————————————-
+
+^2 Auch der Triumph nach der später zu erzählenden Schlacht bei Munda
+galt wohl nur den zahlreich in dem besiegten Heer dienenden Lusitanern.
+
+————————————————————————————
+
+Die republikanische Opposition ließ sich denn begnadigen; aber sie war
+nicht versöhnt. Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge und
+Erbitterung gegen den ungewohnten Herrscher waren allgemein. Zu offenem
+politischen Widerstand gab es freilich keine Gelegenheit mehr - es kam
+kaum in Betracht, daß einige oppositionelle Tribune bei Gelegenheit der
+Titelfrage durch demonstratives Einschreiten gegen die, welche Caesar
+König genannt hatten, sich die republikanische Märtyrerkrone erwarben;
+aber um so entschiedener äußerte der Republikanismus sich als
+Gesinnungsopposition und im geheimen Treiben und Wühlen. Keine Hand
+regte sich, wenn der Imperator öffentlich erschien. Es regnete
+Maueranschläge und Spottverse voll bitterer und treffender Volkssatire
+gegen die neue Monarchie. Wo ein Schauspieler eine republikanische
+Anspielung wagte, begrüßte ihn der lauteste Beifall. Catos Lob und
+Preis war das Modethema der oppositionellen Broschürenschreiber, und
+die Schriften derselben fanden nur ein um so dankbareres Publikum, weil
+auch die Literatur nicht mehr frei war. Caesar bekämpfte zwar auch
+jetzt noch die Republikaner auf dem eigenen Gebiet; er selbst und seine
+fähigeren Vertrauten antworteten auf die Catoliteratur mit Anticatonen,
+und es ward zwischen den republikanischen und den Caesarischen
+Skribenten um den toten Mann von Utica gestritten wie zwischen Troern
+und Hellenen um die Leiche des Patroklos; allein es verstand sich von
+selbst, daß in diesem Kampfe, in dem das durchaus republikanisch
+gestimmte Publikum Richter war, die Caesarianer den kürzeren zogen. Es
+blieb nichts übrig, als die Schriftsteller zu terrorisieren; weshalb
+denn unter den Verbannten die literarisch bekannten und gefährlichen
+Männer, wie Publius Nigidius Figulus und Aulus Caecina, schwerer als
+andere die Erlaubnis zur Rückkehr nach Italien erhielten, die in
+Italien geduldeten oppositionellen Schriftsteller aber einer
+tatsächlichen Zensur unterworfen wurden, die um so peinlicher fesselte,
+weil das Maß der zu befürchtenden Strafe durchaus arbiträr war ^3. Das
+Wühlen und Treiben der gestürzten Parteien gegen die neue Monarchie
+wird zweckmäßiger in einem andern Zusammenhang dargestellt werden; hier
+genügt es zu sagen, daß Prätendenten- wie republikanische Aufstände
+unaufhörlich im ganzen Umfange des Römischen Reiches gärten, daß die
+Flamme des Bürgerkrieges, bald von den Pompeianern, bald von den
+Republikanern angefacht, an verschiedenen Orten hell wieder emporschlug
+und in der Hauptstadt die Verschwörung gegen das Leben des Herrschers
+in Permanenz blieb, Caesar aber durch die Anschläge sich nicht einmal
+bewegen ließ, auf die Dauer sich mit einer Leibwache zu umgeben und in
+der Regel sich begnügte, die entdeckten Konspirationen durch
+öffentliche Anschläge bekannt zu machen. Wie sehr Caesar alle seine
+persönliche Sicherheit angehenden Dinge mit gleichgültiger Verwegenheit
+zu behandeln pflegte, die ernste Gefahr konnte er doch sich unmöglich
+verhehlen, mit der diese Masse Mißvergnügter nicht bloß ihn, sondern
+auch seine Schöpfungen bedrohte. Wenn er dennoch, alles Warnens und
+Hetzens seiner Freunde nicht achtend, ohne über die Unversöhnlichkeit
+auch der begnadigten Gegner sich zu täuschen, mit einer wunderbar
+kaltblütigen Energie dabei beharrte, der bei weitem größeren Anzahl
+derselben zu verzeihen, so war dies weder ritterliche Hochherzigkeit
+einer stolzen, noch Gefühlsmilde einer weichen Natur, sondern es war
+die richtige staatsmännische Erwägung, daß überwundene Parteien rascher
+und mit minderem Schaden für den Staat innerhalb des Staats sich
+absorbieren, als wenn man sie durch Ächtung auszurotten oder durch
+Verbannung aus dem Gemeinwesen auszuscheiden versucht. Caesar konnte
+für seine hohen Zwecke die Verfassungspartei selbst nicht entbehren,
+die ja nicht etwa bloß die Aristokratie, sondern alle Elemente des
+Freiheits- und des Nationalsinns innerhalb der italischen Bürgerschaft
+in sich schloß; für seine Pläne zur Verjüngung des alternden Staats
+bedurfte er der ganzen Masse von Talenten, Bildung, ererbtem und
+selbsterworbenem Ansehen, die diese Partei in sich schloß; und wohl in
+diesem Sinne mag er die Begnadigung der Gegner den schönsten Lohn des
+Siegs genannt haben. So wurden denn zwar die hervorragendsten Spitzen
+der geschlagenen Parteien beseitigt; aber den Männern zweiten und
+dritten Ranges und namentlich der jüngeren Generation ward die volle
+Begnadigung nicht vorenthalten, jedoch ihnen auch nicht gestattet, in
+passiver Opposition zu schmollen, sondern dieselben durch mehr oder
+minder gelinden Zwang veranlaßt, sich an der neuen Verwaltung tätig zu
+beteiligen und Ehren und Ämter von ihr anzunehmen. Wie für Heinrich IV.
+und Wilhelm von Oranien so begannen auch für Caesar die größten
+Schwierigkeiten erst nach dem Siege. Jeder revolutionäre Sieger macht
+die Erfahrung, daß, wenn er nach Überwältigung der Gegner nicht, wie
+Cinna und Sulla, Parteihaupt bleibt, sondern wie Caesar, wie Heinrich
+IV. und Wilhelm von Oranien, an die Stelle des notwendig einseitigen
+Parteiprogramms die Wohlfahrt des Gemeinwesens setzen will,
+augenblicklich alle Parteien, die eigene wie die besiegt, sich gegen
+das neue Oberhaupt vereinigen; und um so mehr, je größer und reiner
+dasselbe seinen neuen Beruf auffaßt. Die Verfassungsfreunde und die
+Pompeianer, wenn sie auch mit den Lippen Caesar huldigten, grollten
+doch im Herzen entweder der Monarchie oder wenigstens der Dynastie; die
+gesunkene Demokratie war, seit sie begriffen, daß Caesars Zwecke
+keineswegs die ihrigen waren, gegen denselben in offenem Aufruhr;
+selbst die persönlichen Anhänger Caesars murrten, als sie ihr Haupt
+statt eines Condottierstaats eine allen gliche und gerechte Monarchie
+gründen und die auf sie treffenden Gewinnportionen durch das
+Hinzutreten der Besiegten sich verringern sahen. Diese Ordnung des
+Gemeinwesens war keiner Partei genehm und mußte den Genossen nicht
+minder als den Gegnern oktroyiert werden. Caesars eigene Stellung war
+jetzt in gewissem Sinne gefährdeter als vor dem Siege; aber was er
+verlor, gewann der Staat. Indem er die Parteien vernichtete und die
+Parteimänner nicht bloß schonte, sondern jeden Mann von Talent oder
+auch nur von guter Herkunft, ohne Rücksicht auf seine politische
+Vergangenheit, zu Ämtern gelangen ließ, gewann er nicht bloß für seinen
+großen Bau alle im Staate vorhandene Arbeitskraft, sondern das
+freiwillige oder gezwungene Schaffen der Männer aller Parteien an
+demselben Werke führte auch unmerklich die Nation hinüber auf den
+neubereiteten Boden. Wenn diese Ausgleichung der Parteien für den
+Augenklick nur äußerlicher Art war und dieselben sich für jetzt viel
+weniger in der Anhänglichkeit an die neuen Zustände begegneten als in
+dem Hasse gegen Caesar, so irrte dies ihn nicht; er wußte es wohl, daß
+die Gegensätze doch in solcher äußerlichen Vereinigung sich abstumpfen
+und daß nur auf diesem Wege der Staatsmann der Zeit vorarbeitet, welche
+freilich allein vermag, solchen Hader schließlich zu sühnen, indem sie
+das alte Geschlecht ins Grab legt. Noch weniger fragte er, wer ihn
+haßte oder auf Mord gegen ihn sann. Wie jeder echte Staatsmann diente
+er dem Volke nicht um Lohn, auch nicht um den Lohn seiner Liebe,
+sondern gab die Gunst der Zeitgenossen hin für den Segen der Zukunft
+und vor allem für die Erlaubnis, seien Nation retten und verjüngen zu
+dürfen.
+
+—————————————————————————-
+
+^3 Wer alte und neue Schriftstellerbedrängnisse zu vergleichen wünscht,
+wird in dem Briefe des Caecina (Cic. ad fam. 6, 7) Gelegenheit dazu
+finden.
+
+——————————————————————————
+
+Versuchen wir im einzelnen Rechenschaft zu geben von der Überführung
+der alten Zustände in die neue Bahn, so ist zunächst daran zu erinnern,
+daß Caesar nicht kam um anzufangen, sondern um zu vollenden. Der Plan
+zu einer zeitgemäßen Politik, längst von Gaius Gracchus entworfen, war
+von seinen Anhängern und Nachfolgern wohl mit mehr oder minder Geist
+und Glück, aber ohne Schwanken festgehalten worden. Caesar, von Haus
+aus und gleichsam schon nach Erbrecht das Haupt der Popularpartei,
+hatte seit dreißig Jahren deren Schild hoch emporgehalten, ohne je die
+Farbe zu wechseln oder auch nur zu decken; er blieb Demokrat auch als
+Monarch. Wie er die Erbschaft seiner Partei, abgesehen natürlich von
+den catilinarischen und clodischen Verkehrtheiten, unbeschränkt antrat,
+der Aristokratie und den echten Aristokraten den bittersten, selbst
+persönlichen Haß zollte und die wesentlichen Gedanken der römischen
+Demokratie: die Milderung der Lage der Schuldner, die überseeische
+Kolonisation, die allmähliche Nivellierung der unter den Klassen der
+Staatsangehörigen bestehenden Rechtsverschiedenheiten, die
+Emanzipierung der exekutiven Gewalt vom Senat, unverändert festhielt,
+so war auch seine Monarchie so wenig mit der Demokratie im Widerspruch,
+daß vielmehr diese erst durch jene zur Vollendung und Erfüllung
+gelangte. Denn diese Monarchie war nicht die orientalische Despotie von
+Gottes Gnaden, sondern die Monarchie, wie Gaius Gracchus sie gründen
+wollte, wie Perikles und Cromwell sie gründeten: die Vertretung der
+Nation durch ihren höchsten und unumschränkten Vertrauensmann. Es waren
+insofern die Gedanken, die dem Werke Caesars zu Grunde lagen, nicht
+eigentlich neue; aber ihm gehört ihre Verwirklichung, die zuletzt
+überall die Hauptsache bleibt, und ihm die Großheit der Ausführung, die
+selbst den genialen Entwerfer, wenn er sie hätte schauen können,
+überrascht haben möchte und die jeden, dem sie in lebendiger
+Wirklichkeit oder im Spiegel der Geschichte entgegengetreten ist,
+welcher geschichtlichen Epoche und welcher politischen Farbe immer er
+angehöre, je nach dem Maß seiner Fassungskraft für menschliche und
+geschichtliche Größe mit tiefer und tieferer Bewegung und Bewunderung
+ergriffen hat und ewig ergreifen wird.
+
+Wohl aber wird es gerade hier am Orte sein, das, was der
+Geschichtschreiber stillschweigend überall voraussetzt, einmal
+ausdrücklich zu fordern und Einspruch zu tun gegen die der Einfalt und
+der Perfidie gemeinschaftliche Sitte, geschichtliches Lob und
+geschichtlichen Tadel, von den gegebenen Verhältnissen abgelöst, als
+allgemein gültige Phrase zu verbrauchen, in diesem Falle das Urteil
+über Caesar in ein Urteil über den sogenannten Caesarismus umzudeuten.
+Freilich soll die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte die
+Lehrmeisterin des laufenden sein; aber nicht in dem gemeinen Sinne, als
+könne man die Konjunkturen der Gegenwart in den Berichten über die
+Vergangenheit nur einfach wiederaufblättern und aus denselben der
+politischen Diagnose und Rezeptierkunst die Symptome und Spezifika
+zusammenlesen; sondern sie ist lehrhaft einzig insofern, als die
+Beobachtung der älteren Kulturen die organischen Bedingungen der
+Zivilisation überhaupt, die überall gleichen Grundkräfte und die
+überall verschiedene Zusammensetzung derselben offenbart und statt zum
+gedankenlosen Nachahmen vielmehr zum selbständigen Nachschöpfen
+anleitet und begeistert. In diesem Sinne ist die Geschichte Caesars und
+des römischen Caesarentums, bei aller unübertroffenen Großheit des
+Werkmeisters, bei aller geschichtlichen Notwendigkeit des Werkes,
+wahrlich eine schärfere Kritik der modernen Autokratie, als eines
+Menschen Hand sie zu schreiben vermag. Nach dem gleichen Naturgesetz,
+weshalb der geringste Organismus unendlich mehr ist als die
+kunstvollste Maschine, ist auch jede noch so mangelhafte Verfassung,
+die der freien Selbstbestimmung einer Mehrzahl von Bürgern Spielraum
+läßt, unendlich mehr als der genialste und humanste Absolutismus; denn
+jene ist der Entwicklung fähig, also lebendig, dieser ist was er ist,
+also tot. Dieses Naturgesetz hat auch an der römischen absoluten
+Militärmonarchie sich bewährt und nur um so vollständiger sich bewährt,
+als sie, unter dem genialen Impuls ihres Schöpfers und bei der
+Abwesenheit aller wesentlichen Verwicklungen mit dem Ausland, sich
+reiner und freier als irgendein ähnlicher Staat gestaltet hat. Von
+Caesar an hielt, wie die späteren Bücher dies darlegen werden und
+Gibbon längst es dargelegt hat, das römische Wesen nur noch äußerlich
+zusammen und ward nur mechanisch erweitert, während es innerlich eben
+mit ihm völlig vertrocknete und abstarb. Wenn in den Anfängen der
+Autokratie und vor allem in Caesars eigener Seele noch der
+hoffnungsreiche Traum einer Vereinigung freier Volksentwicklung und
+absoluter Herrschaft waltet, so hat schon das Regiment der hochbegabten
+Kaiser des Julianischen Geschlechts in schrecklicher Weise gelehrt,
+inwiefern es möglich ist, Feuer und Wasser in dasselbe Gefäß zu fassen.
+Caesars Werk war notwendig und heilsam, nicht weil es an sich Segen
+brachte oder auch nur bringen konnte, sondern weil, bei der antiken,
+auf Sklavenrum gebauten, von der republikanisch-konstitutionellen
+Vertretung völlig abgewandten Volksorganisation und gegenüber der
+legitimen, in der Entwicklung eines halben Jahrtausends zum
+oligarchischen Absolutismus herangereiften Stadtverfassung, die
+absolute Militärmonarchie der logisch notwendige Schlußstein und das
+geringste Übel war. Wenn einmal in Virginien und den Carolinas die
+Sklavenhalteraristokratie es so weit gebracht haben wird wie ihre
+Wahlverwandten in dem sullanischen Rom, so wird dort auch der
+Caesarismus vor dem Geist der Geschichte legitimiert sein ^4; wo er
+unter andern Entwicklungsverhältnissen auftritt, ist er zugleich eine
+Fratze und eine Usurpation. Die Geschichte aber wird sich nicht
+bescheiden, dem rechten Caesar deshalb die Ehre zu verkürzen, weil ein
+solcher Wahlspruch den schlechten Caesaren gegenüber die Einfalt irren
+und der Bosheit zu Lug und Trug Gelegenheit geben kann. Sie ist auch
+eine Bibel, und wenn sie so wenig wie diese, weder dem Toren es wehren
+kann sie mißzuverstehen, noch dem Teufel sie zu zitieren, so wird auch
+sie imstande sein, beides zu ertragen wie zu vergiften.
+
+——————————————————————————-
+
+^4 Als dies geschrieben wurde, im Jahre 1857, konnte man noch nicht
+wissen, wie bald durch den gewaltigsten Kampf und den herrlichsten
+Sieg, den die Geschichte des Menschengeschlechts bisher verzeichnet
+hat, demselben diese furchtbare Probe erspart und dessen Zukunft der
+unbedingten, durch keinen fokalen Cäsarismus auf dir Dauer zu hemmenden
+sich selbst beherrschenden Freiheit gesichert werden sollte.
+
+———————————————————————————
+
+Die Stellung des neuen Staatsoberhaupts erscheint formell, zunächst
+wenigstens, als Diktatur. Caesar übernahm dieselbe zuerst nach der
+Rückkehr aus Spanien im Jahre 705 (49), legte sie aber nach wenigen
+Tagen wieder nieder und führte den entscheidenden Feldzug des Jahres
+706 (48) lediglich als Konsul - es war dies das Amt, über dessen
+Bekleidung zunächst der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Aber im Herbst
+dieses Jahres, nach der Pharsalischen Schlacht, kam er wieder auf die
+Diktatur zurück und ließ sich dieselbe abermals übertragen, zuerst auf
+unbestimmte Zeit, jedoch vom 1. Januar 709 (45) an als Jahresamt,
+alsdann im Januar oder Februar 710 ^5 (44) auf die Dauer seines Lebens,
+so daß er die früher vorbehaltene Niederlegung des Amtes schließlich
+ausdrücklich fallen ließ und der Lebenslänglichkeit des Amtes in dem
+neuen Titel dictator perpetuus formellen Ausdruck gab. Diese Diktatur,
+sowohl jene erste ephemere wie die zweite dauernde, ist nicht die der
+alten Verfassung, sondern das nur in dem Namen mit dieser
+zusammentreffende höchste Ausnahmeamt nach der Ordnung Sullas; ein Amt,
+dessen Kompetenz nicht durch die verfassungsmäßigen Ordnungen über das
+höchste Einzelamt, sondern durch besonderen Volksschluß festgestellt
+ward und zwar dahin, daß der Inhaber in dem Auftrag, Gesetze zu
+entwerfen und das Gemeinwesen zu ordnen, eine rechtlich unumschränkte,
+die republikanische Teilung der Gewalten aufhebende Amtsbefugnis
+empfing. Es sind nur Anwendungen von dieser allgemeinen Befugnis auf
+den einzelnen Fall, wenn dem Machthaber das Recht ohne Befragen des
+Senats und des Volkes über Krieg und Frieden zu entscheiden, die
+selbständige Verfügung über Heere und Kassen, die Ernennung der
+Provinzialstatthalter nach durch besondere Akte übertragen wurden.
+Selbst solche Befugnisse, welche außerhalb der magistratischen, ja
+außerhalb der Kompetenz der Staatsgewalten überhaupt lagen, konnte
+Caesar hiernach von Rechts wegen sich beilegen; und es erscheint fast
+als eine Konzession seinerseits, daß er darauf verzichtete, die
+Magistrate anstatt der Komitien zu ernennen, und sich darauf
+beschränkte, für einen Teil der Prätoren und der niederen Magistrate
+ein bindendes Vorschlagsrecht in Anspruch zu nehmen; daß er sich ferner
+zu der nach dem Herkommen überhaupt nicht statthaften Kreierung von
+Patriziern noch durch besonderen Volksschluß ermächtigen ließ.
+
+———————————————————————————-
+
+^5 Am 26. Januar 710 ;44) heißt Caesar noch dictator IIII
+(Triumphaltafel); am 25. Februar des Jahres war er bereits dictator
+perpetuus (Cic. Phil. 2, 34, 87). Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3.
+Aufl.. S. 726.
+
+———————————————————————————-
+
+Für andere Ämter im eigentlichen Sinn bleibt neben dieser Diktatur kein
+Raum. Die Zensur als solche hat Caesar nicht übernommen ^6, wohl aber
+die zensorischen Rechte, namentlich das wichtige der Senatorenernennung
+in umfassender Weise geübt.
+
+———————————————————————-
+
+^6 Die Formulierung jener Diktatur scheint die “Sittenbesserung”
+ausdrücklich mithervorgehoben zu haben; aber ein eigenes Amt derart hat
+Caesar nicht bekleidet (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S.
+705).
+
+———————————————————————-
+
+Das Konsulat hat er häufig neben der Diktatur, einmal auch ohne
+Kollegen bekleidet, aber keineswegs dauernd an seine Person geknüpft
+und den Aufforderungen, dasselbe auf fünf oder gar auf zehn Jahre
+nacheinander zu übernehmen, keine Folge gegeben.
+
+Die Oberaufsicht über den Kult brauchte Caesar nicht erst sich
+übertragen zu lassen, da er bereits Oberpontifex war. Es versteht sich,
+daß auch die Mitgliedschaft des Augurnkollegiums ihm zuteil ward und
+überhaupt alte und neue Ehrenrechte in Fülle, wie der Titel eines
+Vaters des Vaterlandes, die Benennung seines Geburtsmonats mit dem
+Namen, den er nach heute führt, des Julius, und andere, zuletzt in
+platte Vergötterung sich verlaufende Manifestationen des beginnenden
+Hoftons. Hervorgehoben zu werden verdienen nur zwei Einrichtungen: daß
+Caesar den Tribunen des Volkes namentlich in ihrer besonderen
+persönlichen Unverletzlichkeit gleichgestellt und daß die
+Imperatorenbenennung dauernd an seine Person geknüpft und neben den
+sonstigen Amtsbezeichnungen von ihm als Titel geführt ward ^7.
+
+—————————————————————————————————
+
+^7 Caesar führt die Bezeichnung Imperator immer ohne Iterationsziffer
+und immer hinter dem Namen an erster Stelle (Römisches Staatsrecht, Bd.
+2, 3. Aufl., S. 767, A. 1).
+
+—————————————————————————————————
+
+Für den Verständigen wird es weder dafür eines Beweises bedürfen, daß
+Caesar beabsichtigte, die höchste Gewalt dem Gemeinwesen einzufügen,
+und zwar nicht nur auf einige Jahre oder auch als persönliches Amt auf
+unbestimmte Zeit, etwa wie Sullas Regentschaft, sondern als
+wesentliches und bleibendes Organ, noch auch dafür, daß er für die neue
+Institution eine entsprechende und einfache Bezeichnung ausersah; denn
+wenn es ein politischer Fehler ist, inhaltlose Namen zu schaffen, so
+ist es kaum ein geringerer, den Inhalt der Machtfülle ohne Namen
+hinzustellen. Nur ist es freilich, teils weil in dieser Übergangszeit
+die ephemeren und die bleibenden Bauten sich noch nicht klar
+voneinander sondern, teils weil die dem Winke bereits zuvorkommende
+Devotion der Klienten den Herrn mit einer ohne Zweifel ihm selbst
+widerwärtigen Fülle von Vertrauensdekreten und Ehrengesetzen
+überschüttete, nicht leicht festzustellen, welche definitive
+Formulierung Caesar im Sinne gehabt hat. Am wenigsten konnte die neue
+Monarchie an das Konsulat anknüpfen, schon wegen der von diesem Amt
+nicht wohl zu trennenden Kollegialität, es hat auch Caesar offenbar
+darauf hingearbeitet, dieses bisher höchste Amt zum leeren Titel
+herabzusetzen und späterhin, wenn er es übernahm, dasselbe nicht das
+ganze Jahr hindurch geführt, sondern vor dem Ablauf an Personen zweiten
+Ranges abgegeben. Die Diktatur tritt praktisch am häufigsten und
+bestimmtesten hervor, aber wahrscheinlich nur, weil Caesar sie als das
+benutzen wollte, was sie von alters her im Verfassungsorganismus
+bedeutet hatte, als außerordentliche Vorstandschaft zur Überwindung
+außerordentlicher Krisen. Als Trägerin der neuen Monarchie dagegen
+empfahl sie sich wenig, da Exzeptionalität und Unpopularität diesem
+Amte einmal anhafteten und es dem Vertreter der Demokratie kaum
+zugetraut werden kann, diejenige Form, die der genialste Vorfechter der
+Gegenpartei für seine Zwecke geschaffen hatte, für die dauernde
+Organisation zu wählen. Bei weitem geeigneter für die Formulierung der
+Monarchie erscheint der neue Imperatorenname, schon darum, weil er in
+dieser Verwendung ^8 neu ist und kein bestimmter äußerer Anlaß zur
+Einführung desselben erhellt. Der neue Wein durfte nicht in alte
+Schläuche gefüllt werden: hier ist zu der neuen Sache der neue Name und
+in demselben in prägnantester Weise zusammengefaßt, was schon in dem
+Gabinischen Gesetz, nur mit minderer Schärfe, die demokratische Partei
+als Kompetenz ihres Oberhauptes formuliert hatte: die Konzentrierung
+und Perpetuierung der Amtsgewalt (imperium) in der Hand eines vom Senat
+unabhängigen Volkshauptes. Auch begegnet auf Caesars Münzen, namentlich
+auf denen der letzten Zeit, neben der Diktatur vorwiegend der
+Imperatorentitel und scheint in Caesars Gesetz über politische
+Verbrechen der Monarch mit diesem Ausdruck bezeichnet worden zu sein.
+Es hat denn auch die Folgezeit, wenngleich nicht unmittelbar, die
+Monarchie an den Imperatornamen geknüpft. Um diesem neuen Amt zugleich
+die demokratische und die religiöse Weihe zu verleihen, beabsichtigte
+Caesar wahrscheinlich, mit demselben teils die tribunizische Gewalt,
+teils das Oberpontifikat ein für allemal zu verknüpfen.
+
+——————————————————————————
+
+^8 In republikanischer Zeit wird der Imperatorname, der den siegreichen
+Feldherrn bezeichnet, abgelegt mit dem Ende des Feldzugs; als dauernde
+Titulatur erscheint er bei Caesar zuerst.
+
+——————————————————————————
+
+Daß die neue Organisation nicht bloß auf die Lebenszeit ihres Stifters
+beschränkt bleiben sollte, ist unzweifelhaft; aber derselbe ist nicht
+dazu gelangt, die vor allem schwierige Frage der Nachfolge zu
+erledigen, und es muß dahingestellt bleiben, ob er die Aufstellung
+irgendeiner Form für die Nachfolgerwahl im Sinn gehabt hat, wie sie bei
+dem ursprünglichen Königtum bestanden hatte, oder ob er für das höchste
+Amt wie die Lebenslänglichkeit, so auch die Erblichkeit hat einführen
+wollen, wie dies sein Adoptivsohn späterhin behauptet hat ^9. Es ist
+nicht unwahrscheinlich, daß er die Absicht gehabt hat, beide Systeme
+gewissermaßen miteinander zu verbinden und die Nachfolge, ähnlich wie
+Cromwell und wie Napoleon, in der Weise zu ordnen, daß dem Herrscher
+der Sohn in der Herrschaft nachfolgt, wenn er aber keinen Sohn hat oder
+der Sohn ihm nicht zur Nachfolge geeignet scheint, der Herrscher in der
+Form der Adoption den Nachfolger nach freier Wahl ernennt.
+
+——————————————————————————-
+
+^9 Daß bei Caesars Lebzeiten das Imperium sowohl wie das Oberpontifikat
+für seine agnatische - leibliche oder durch Adoption vermittelte -
+Deszendenz durch einen förmlichen legislatorischen Akt erblich gemacht
+worden ist, hat Caesar der Sohn als seinen Rechtstitel zur Herrschaft
+geltend gemacht. Nach der Beschaffenheit unserer Überlieferung muß die
+Existenz eines derartigen Gesetzes oder Senatsbeschlusses entschieden
+in Abrede gestellt werden; es bleibt aber wohl möglich, daß Caesar die
+Erlassung eines solchen beabsichtigt hat. Vgl. Römisches Staatsrecht,
+Bd. 2, 3. Aufl., S. 767, 1106.
+
+——————————————————————————-
+
+Staatsrechtlich lehnte das neue Imperatorenamt sich an an die Stellung,
+welche die Konsuln oder Prokonsuln außerhalb der Bannmeile einnahmen,
+so daß zunächst das militärische Kommando, daneben aber auch die
+höchste richterliche und folgeweise auch die administrative Gewalt
+darin enthalten war ^10. Insofern aber war die Gewalt des Imperators
+qualitativ der konsularisch-prokonsularischen überlegen, als jene nicht
+nach Zeit und Raum begrenzt, sondern lebenslänglich und auch in der
+Hauptstadt wirksam war ^11, als der Imperator nicht, wohl aber der
+Konsul, durch gleich mächtige Kollegen gehemmt werden konnte und als
+alle im Laufe der Zeit der ursprünglicher. höchsten Amtsgewalt
+gesetzten Beschränkungen, namentlich die Verpflichtung der Provokation
+stattzugeben und die Ratschläge des Senats zu beachten, für den
+Imperator wegfielen. Um es mit einem Worte zu sagen: dies neue
+Imperatorenamt war nichts anderes als das wiederhergestellte uralte
+Königtum; denn ebenjene Beschränkungen in der zeitlichen und örtlichen
+Begrenzung der Gewalt, in der Kollegialität und der für gewisse Fälle
+notwendigen Mitwirkung des Rats oder der Gemeinde waren es ja, die den
+Konsul vom König unterschieden. Es ist kaum ein Zug der neuen
+Monarchie, der nicht in der alten sich wiederfände: die Vereinigung der
+höchsten militärischen, richterlichen und administrativen Gewalt in der
+Hand des Fürsten; eine religiöse Vorstandschaft über das Gemeinwesen;
+das Recht, Verordnungen mit bindender Kraft zu erlassen; die
+Herabdrückung des Senats zum Staatsrat; die Wiedererweckung des
+Patriziats und der Stadtpräfektur. Aber schlagender noch als diese
+Analogien ist die innere Gleichartigkeit der Monarchie des Servius
+Tullius und der Monarchie Caesars: wenn jene alten Könige vor. Rom bei
+all ihrer Vollgewalt doch Herrn einer freien Gemeinde und eben sie die
+Schutzmänner des gemeinen Mannes gegen den Adel gewesen waren, so war
+auch Caesar nicht gekommen, um die Freiheit aufzulösen, sondern um sie
+zu erfüllen, und zunächst, um das unerträgliche Joch der Aristokratie
+zu brechen. Es darf auch nicht befremden, daß Caesar, nichts weniger
+als ein politischer Antiquarius, ein halbes Jahrtausend zurückgriff, um
+zu seinem neuen Staat das Muster zu finden; denn da das höchste Amt des
+römischen Gemeinwesens zu allen Zeiten ein durch eine Anzahl
+Spezialgesetze eingeschränktes Königtum geblieben war, war auch der
+Begriff des Königtums selbst keineswegs verschollen. Zu den
+verschiedensten Zeiten und von sehr verschiedenen Seiten her, in der
+Dezemviralgewalt, in der Sullanischen und in seiner eigenen Diktatur,
+war man während der Republik praktisch auf denselben zurückgekommen; ja
+mit einer gewissen logischen Notwendigkeit trat überall, wo das
+Bedürfnis einer Ausnahmegewalt .sich zeigte, im Gegensatz gegen das
+gewöhnliche beschränkte das unbeschränkte Imperium hervor, welches eben
+nichts anderes war als die königliche Gewalt. Endlich empfahlen auch
+äußere Rücksichten dies Zurückgehen auf das ehemalige Königtum. Die
+Menschheit gelangt zu Neuschöpfungen unsäglich schwer und hegt darum
+die einmal entwickelten Formen als ein heiliges Erbstück. Darum knüpfte
+Caesar mit gutem Bedacht an Servius Tullius in ähnlicher Weise an, wie
+später Karl der Große an ihn angeknüpft hat und Napoleon an Karl den
+Großen wenigstens anzuknüpfen versuchte. Er tat dies auch nicht etwa
+auf Umwegen und heimlich, sondern so gut wie seine Nachfahren in
+möglichst offenkundiger Weise; es war ja eben der Zweck dieser
+Anknüpfung, eine klare, nationale und populäre Formulierung für den
+neuen Staat zu finden. Seit alter Zeit standen auf dem Kapitol die
+Standbilder derjenigen sieben Könige, welche die konventionelle
+Geschichte Roms aufzuführen pflegte; Caesar befahl, daneben das seinige
+als das achte zu errichten. Er erschien öffentlich in der Tracht der
+alten Könige von Alba. In seinem neuen Gesetz über politische
+Verbrechen war die hauptsächlichste Abweichung von dem Sullanischen
+die, daß neben die Volksgemeinde und auf eine Linie mit ihr der
+Imperator als der lebendige und persönliche Ausdruck des Volkes
+gestellt ward. In der für die politischen Eide üblichen Formel ward zu
+dem Jovis und den Penaten des römischen Volkes der Genius des Imperator
+hinzugefügt. Das äußere Kennzeichen der Monarchie war nach der im
+ganzen Altertum verbreiteten Ansicht das Bild des Monarchen auf den
+Münzen: seit dem Jahre 710 (44) erscheint auf denen des römischen
+Staats der Kopf Caesars. Man konnte hiernach wenigstens darüber sich
+nicht beschweren, daß Caesar das Publikum über die Auffassung seiner
+Stellung im dunkeln ließ; so bestimmt und so förmlich wie möglich trat
+er auf, nicht bloß als Monarch, sondern eben als König von Rom. Möglich
+ist es sogar, obwohl nicht gerade wahrscheinlich und auf jeden Fall von
+untergeordneter Bedeutung, daß er im Sinne gehabt hat, seine Amtsgewalt
+nicht mit dem neuen Imperatoren-, sondern geradezu mit dem alten
+Königsnamen zu bezeichnen ^12. Schon bei seinen Lebzeiten waren viele
+seiner Feinde wie seine Freunde der Ansicht, daß er beabsichtige, sich
+ausdrücklich zum König von Rom ernennen zu lassen; ja einzelne seiner
+leidenschaftlichsten Anhänger legten ihm die Aufsetzung der Krone auf
+verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten nahe; am auffallendsten
+Marcus Antonius, indem er als Konsul vor allem Volke Caesar das Diadem
+darbot (15. Februar 710 44). Caesar aber wies diese Anträge ohne
+Ausnahme von der Hand. Wenn er zugleich gegen diejenigen einschritt,
+die diese Vorfälle benutzten, um republikanische Opposition zu machen,
+so folgt daraus noch keineswegs, daß es ihm mit der Zurückweisung nicht
+Ernst war. Die Annahme nun gar, daß diese Aufforderungen auf sein
+Geheiß erfolgt seien, um die Menge auf das ungewohnte Schauspiel des
+römischen Diadems vorzubereiten, verkennt völlig die gewaltige Macht
+der Gesinnungsopposition, mit welcher Caesar zu rechnen hatte und die
+durch eine solche öffentliche Anerkennung ihrer Berechtigung von Seiten
+Caesars selbst nicht nachgiebiger werden konnte, vielmehr notwendig
+dadurch weiteren Boden gewann. Es kann der unberufene Eifer
+leidenschaftlicher Anhänger allein diese Auftritte veranlaßt haben; es
+kann auch sein, daß Caesar die Szene mit Antonius nur zuließ oder auch
+veranstaltete, um durch die vor den Augen der Bürgerschaft erfolgte und
+auf seinen Befehl selbst in die Kalender des Staats eingetragene, in
+der Tat nicht wohl wieder zurückzunehmende Ablehnung des Königstitels
+dem unbequemen Klatsch auf möglichst eklatante Weise ein Ende zu
+machen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß Caesar, der den Wert
+einer geläufigen Formulierung ebenso würdigte wie die mehr an die Namen
+als an das Wesen der Dinge sich heftenden Antipathien der Menge,
+entschlossen war, den mit uraltem Bannfluch behafteten und den Römern
+seiner Zeit mehr noch für die Despoten des Orients als für ihren Numa
+und Servius geläufigen Königsnamen zu vermeiden und das Wesen des
+Königtums unter dem Imperatorentitel sich anzueignen.
+
+——————————————————————-
+
+^10 Die verbreitete Meinung, die in dem kaiserlichen Imperatorenamt
+nichts als die lebenslängliche Reichsfeldherrnwürde sieht, wird weder
+durch die Bedeutung des Wortes noch durch die Auffassung der alten
+Berichterstatter gerechtfertigt. Imperium ist die Befehlsgewalt,
+imperator der Inhaber derselben; in diesen Worten wie in den
+entsprechenden griechischen Ausdrucken κράτωρ, αυτοκράτωρ liegt so
+wenig eine spezifisch militärische Beziehung, daß es vielmehr eben das
+Charakteristische der römischen Amtsgewalt ist, wo sie rein und
+vollständig auftritt, Krieg und Prozeß, das ist die militärische und
+die bürgerliche Befehlsgewalt, als ein untrennbares Ganze in sich zu
+enthalten. Ganz richtig sagt Dio Cassius (53, 17, vgl. 43, 44; 52, 41),
+daß der Name Imperator von den Kaisern angenommen ward “zur Anzeige
+ihrer Vollgewalt anstatt des Königs- und Diktaturtitels (πρός δήλωσιν
+τής αυτοτελούς σφών εξουσίας, αντί τής τού βασιλέως τού τε δικτάτωρος
+επικλήσεως); denn diese älteren Titel sind dem Namen nach verschwunden,
+der Sache nach aber gibt der Imperatorname dieselben Befugnisse (τό δέ
+δή έργον αυτών τή τού αυτοκράτωρος προςηγορία βεβαισύνται), zum
+Beispiel das Recht, Soldaten auszuheben, Steuern; auszuschreiben, Krieg
+zu erklären und Frieden zu schließen, über Bürger und Nichtbürger in
+und außer der Stadt die höchste Gewalt zu üben und jeden an jedem Orte
+am Leben oder sonst zu strafen., überhaupt der mit dem höchsten
+Imperium in ältester Zeit verbundenen Befugnisse sich anzumaßen”.
+Deutlicher kann es wohl nicht gesagt werden, daß imperator eben gar
+nichts ist als ein Synonym für rex, so gut wie imperare mit regere
+zusammenfällt.
+
+^11 Als Augustus bei Konstituierung des Prinzipats das Caesarische
+Imperium wiederaufnahm, geschah dies mit der Beschränkung, daß es
+räumlich und in gewissem Sinn auch zeitlich begrenzt sein solle; die
+prokonsularische Gewalt der Kaiser, welche nichts ist als ebendies
+Imperium, sollte für Rom und Italien nicht zur Anwendung kommen
+(Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3, Aufl., S. 854j. Auf diesem Moment
+ruht der wesentliche Unterschied des Caesarischen Imperiums und des
+Augustfischen Prinzipats, sowie andererseits auf der schon prinzipiell
+und mehr noch praktisch unvollständigen Verwirklichung jener Schranke
+die reale Gleichheit beider Institutionen.
+
+^12 Über diese Frage läßt sich streiten; dagegen muß die Annahme, daß
+es Caesars Absicht gewesen, die Römer als Imperator, die Nichtrömer als
+Rex zu beherrschen, einfach verworfen werden. Sie stützt sich einzig
+auf die Erzählung, daß in der Senatssitzung, in welcher Caesar ermordet
+ward, von einem der Orakelpriester Lucius Cotta ein Sibyllenspruch,
+wonach die Parther nur von einem “König” könnten überwunden werden,
+habe vorgelegt und infolgedessen der Beschluß gefaßt werden sollen,
+Caesar das Königtum über die römischen Provinzen zu übertragen. Diese
+Erzählung war allerdings schon unmittelbar nach Caesars Tod in Umlauf.
+Allein nicht bloß findet sie nirgends irgendwelche auch nur mittelbare
+Bestätigung, sondern sie wird von dem Zeitgenossen Cicero (div. 2, 54,
+119) sogar ausdrücklich für falsch erklärt und von den späteren
+Geschichtschreibern, namentlich von Sueton (79) und Dio (44, 15) nur
+als ein Gerücht berichtet, das sie weit entfernt sind, verbürgen zu
+wollen; und sie wird denn auch dadurch nicht besser beglaubigt, daß
+Plutarch (Caes. 60, 64; Brut. 10) und Appian (civ. 2, 110) ihrer
+Gewohnheit gemäß jener anekdotenhaft, dieser pragmatisierend, sie
+wiederholen. Es ist diese Erzählung aber nicht bloß unbezeugt, sondern
+auch innerlich unmöglich. Wenn man auch davon absehen will, daß Caesar
+zu viel Geist und zu viel politischen Takt hatte, um nach Oligarchenart
+wichtige Staatsfragen durch einen Schlag mit der Orakelmaschine zu
+entscheiden, so konnte er doch nimmermehr daran denken, den Staat, den
+er nivellieren wollte, also förmlich und rechtlich zu spalten.
+
+——————————————————————-
+
+Indes wie auch die definitive Titulatur gedacht gewesen sein mag, der
+Herr war da, und sogleich richtete denn auch der Hof in obligatem Pomp
+und obligater Geschmacklosigkeit und Leerheft sich ein. Caesar erschien
+öffentlich statt in dem mit Purpurstreifen verbrämten Gewande der
+Konsuln in dem ganzpurpurnen, das im Altertum als das Königskleid galt,
+und empfing, auf seinem Goldsessel sitzend, ohne sich von demselben zu
+erheben, den feierlichen Zug des Senats. Die Geburtstags-, Sieges- und
+Gelübdefeste zu seinen Ehren füllten den Kalender. Wenn Caesar nach der
+Hauptstadt kam, zogen die vornehmsten seiner Diener scharenweise auf
+weite Strecken ihm entgegen ihn einzuholen. Ihm nahe zu sein fing an so
+viel zu bedeuten, daß die Mietpreise in dem von ihm bewohnten
+Stadtviertel in die Höhe gingen. Durch die Menge der zur Audienz sich
+drängenden Personen ward die persönliche Verhandlung mit ihm so
+erschwert, daß Caesar sogar mit seinen Vertrauten vielfach schriftlich
+zu verkehren sich genötigt sah und daß auch die Vornehmsten stundenlang
+im Vorzimmer zu warten hatten. Man empfand es, deutlicher als es Caesar
+selber lieb war, daß man nicht mehr zu einem Mitbürger kam. Es entstand
+ein monarchischer Adel, welcher in merkwürdiger Weise zugleich neu und
+alt war und aus dem Gedanken entsprang, den Adel der Oligarchie durch
+den des Königtums, die Nobilität durch das Patriziat in Schatten zu
+stellen. Noch immer bestand die Patrizierschaft, wenngleich ohne
+wesentliche ständische Vorrechte, doch als geschlossene Junkergilde
+fort; aber da sie keine neuen Geschlechter aufnehmen konnte, war sie im
+Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zusammengestorben: nicht mehr als
+fünfzehn bis sechzehn Patriziergeschlechter waren zu Caesars Zeit noch
+vorhanden. Indem Caesar, selber einem derselben entsprossen, das Recht,
+neue patrizische Geschlechter zu kreieren, durch Volksbeschluß dem
+Imperator erteilen ließ, gründete er, im Gegensatz zu der
+republikanischen Nobilität, den neuen Adel des Patriziats, der alle
+Erfordernisse eines monarchischen Adels: altersgrauen Zauber,
+vollständige Abhängigkeit von der Regierung und gänzliche
+Bedeutungslosigkeit auf das glücklichste vereinigte. Nach allen Seiten
+hin offenbarte sich das neue Herrenrum.
+
+Unter einem also tatsächlich unumschränkten Monarchen konnte kaum von
+einer Verfassung die Rede sein, geschweige denn von denn Fortbestand
+des bisherigen, auf dem gesetzlichen Zusammenwirken der Bürgerschaft,
+des Senats und der einzelner. Beamten beruhenden Gemeinwesens. Mit
+voller Bestimmtheit ging Caesar zurück auf die Überlieferung der
+Königszeit: die Bürgerschaftsversammlung blieb, was sie schon in der
+Königszeit gewesen war, neben und mit dem König der höchste und letzte
+Ausdruck des souveränen Volkswillens; der Senat ward wieder auf seine
+ursprüngliche Bestimmung zurückgeführt, dem Herrn auf dessen Verlangen
+Rat zu erteilen; der Herrscher endlich konzentrierte in seiner Person
+aufs neue die gesamte Beamtengewalt, so daß es einen anderen
+selbständigen Staatsbeamten neben ihm so wenig gab wie neben den
+Königen der ältesten Zeit.
+
+Für die Gesetzgebung hielt der demokratische Monarch fest an dem
+uralten Satz des römischen Staatsrechts, daß nur die Volksgemeinde in
+Gemeinschaft mit dem sie berufenden König vermögend sei, das
+Gemeinwesen organisch zu regulieren, und sanktionierte seine
+konstitutiven Verfügungen regelmäßig durch Volksschluß. Die freie Kraft
+und die sittlich-staatliche Autorität, die das Ja oder Nein jener alten
+Wehrmannschaften in sich getragen hatte, ließ sich freilich den
+sogenannten Komitien dieser Zeit nicht wiedereinflößen; die Mitwirkung
+der Bürgerschaft bei der Gesetzgebung, die in der alten Verfassung
+höchst beschränkt, aber wirklich und lebendig gewesen war, war in der
+neuen in praktischer Hinsicht ein wesenloser Schatten. Besonderer
+beschränkender Maßregeln gegen die Komitien bedurfte es darum auch
+nicht; eine vieljährige Erfahrung hatte gezeigt, daß mit diesem
+formellen Souverän jede Regierung, die Oligarchie wie der Monarch,
+bequem auskam. Nur insofern, als diese Caesarischen Komitien dazu
+dienten, die Volkssouveränität prinzipiell festzuhalten und energisch
+gegen den Sultanismus zu protestieren, waren sie ein wichtiges Moment
+in dem Caesarischen System und mittelbar von praktischer Bedeutung.
+
+Daneben aber wurde, wie nicht bloß an sich klar, sondern auch bestimmt
+bezeugt ist, schon von Caesar selbst und nicht erst von seinen
+Nachfolgern auch der andere Satz des ältesten Staatsrechts wieder
+aufgenommen, daß, was der höchste oder vielmehr einzige Beamte
+befiehlt, unbedingt Gültigkeit hat, solange er im Amte bleibt, und die
+Gesetzgebung zwar nur dem König und der Bürgerschaft gemeinschaftlich
+zukommt, die königliche Verordnung aber, wenigstens bis zum Abgang
+ihres Urhebers, dem Gesetz gleichsteht.
+
+Wenn der Demokratenkönig also der Volksgemeinde wenigstens einen
+formellen Anteil an der Souveränität zugestand, so war es dagegen
+keineswegs seine Absicht, mit der bisherigen Regierung, dem
+Senatorenkollegium, die Gewalt zu teilen. Caesars Senat sollte - ganz
+anders als der spätere Augusteische - nichts sein als ein höchster
+Reichsrat, den er benutzte, um die Gesetze mit ihm vorzuberaten und die
+wichtigeren administrativer. Verfügungen durch ihn oder wenigstens
+unter seinem Namen zu erlassen, denn es kam freilich auch vor, daß
+Senatsbeschlüsse ergingen, von denen selbst von den als bei der
+Redaktion gegenwärtig aufgeführten Senatoren keiner eine Ahnung hatte.
+Es hatte keine wesentlichen Formschwierigkeiten, den Senat wieder auf
+seine ursprüngliche beratende Stellung zurückzuführen, aus der er mehr
+tatsächlich als rechtlich herausgetreten war; dagegen war es hier
+notwendig, sich vor praktischem Widerstand zu schützen, da der römische
+Senat ebenso der Herd der Opposition gegen Caesar war wie der attische
+Areopag derjenige gegen Perikles. Hauptsächlich aus diesem Grunde wurde
+die Zahl der Senatoren, die bisher höchstens sechshundert im
+Normalbestand betragen hatte und durch die letzten Krisen stark
+zusammengeschwunden war, durch außerordentliche Ergänzung bis auf
+neunhundert gebracht und zugleich, um sie mindestens auf dieser Höhe zu
+halten, die Zahl der jährlich zu ernennenden Quästoren, das heißt der
+jährlich in den Senat eintretenden Mitglieder, von zwanzig auf vierzig
+erhöht ^13. Die außerordentliche Ergänzung des Senats nahm der Monarch
+allein vor. Bei der ordentlichen sicherte er einen dauernden Einfluß
+sich dadurch, daß die Wahlkollegien durch Gesetz ^14 verpflichtet
+wurden, den ersten zwanzig vom Monarchen mit Empfehlungsschreiben
+versehenen Bewerbern um die Quästur ihre Stimmen zu geben; überdies
+stand es der Krone frei, die an die Quästur oder ein derselben
+übergeordnetes Amt geknüpften Ehrenrechte, also namentlich den Sitz im
+Senat, ausnahmsweise auch an nichtqualifizierte Individuen zu vergeben.
+Die außerordentlichen Ergänzungswahlen fielen natürlich wesentlich auf
+Anhänger der neuen Ordnung der Dinge und brachten neben angesehenen
+Rittern auch manche zweifelhafte und plebejische Individuen in die hohe
+Korporation: ehemalige, durch den Zensor oder infolge eines
+Richterspruchs von der Liste gestrichene Senatoren, Ausländer aus
+Spanien und Gallien, welche zum Teil erst im Senat ihr Lateinisch zu
+lernen hatten, gewesene Unteroffiziere, die bisher nicht einmal den
+Ritterring gehabt, Söhne von freigelassenen Leuten oder von solchen,
+die unehrenhafte Gewerbe betrieben, und dergleichen Elemente mehr. Die
+exklusiven Kreise der Nobilität, denen diese Umgestaltung des
+senatorischen Personals natürlich zum bittersten Ärger gereichte, sahen
+darin eine absichtliche Herabwürdigung der Institution des Senats
+selbst. Einer solchen sich selber vernichtenden Staatskunst war Caesar
+nicht fähig; er war ebenso entschlossen, sich nicht von seinem Rat
+regieren zu lassen, als überzeugt von der Notwendigkeit des Instituts
+an sich. Richtiger hätten sie in diesem Verfahren die Absicht des
+Monarchen erkannt, dem Senat seinen bisherigen Charakter der
+ausschließlichen Repräsentation des oligarchischen Adels zu nehmen und
+ihn wieder zu dem zu machen, was er in der Königszeit gewesen war: zu
+einem alle Klassen der Staatsangehörigen durch ihre intelligentesten
+Elemente vertretenden und auch den niedrig geborenen und selbst den
+fremden Mann nicht mit Notwendigkeit ausschließenden Reichsrat - gerade
+wie jene ältesten Könige Nichtbürger, zog Caesar Nichtitaliker in
+seinen Senat.
+
+————————————————————————————
+
+^13 Nach der früher angenommenen Wahrscheinlichkeitsrechnung würde dies
+eine durchschnittliche Gesamtzahl von 1000-1200 Senatoren ergeben.
+
+^14 Dasselbe bezog sich allerdings nur auf die Wahlen für das Jahr 711
+(43) und 712 (42) (Römisches Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 730);
+aber gewiß sollte die Einrichtung bleibend werden.
+
+————————————————————————————
+
+Wenn hiermit das Regiment der Nobilität beseitigt und ihre Existenz
+untergraben, der Senat in seiner neuen Gestalt aber nichts als ein
+Werkzeug des Monarchen war, so wurde zugleich in der Verwaltung und
+Regierung des Staats die Autokratie in der schärfsten Weise
+durchgeführt und die gesamte Exekutive in der Hand des Monarchen
+vereinigt. Vor allen Dingen entschied natürlich in jeder irgend
+wesentlichen Frage der Imperator in eigener Person. Caesar hat es
+vermocht, das persönliche Regiment in einer Ausdehnung durchzuführen,
+die für uns geringe Menschen kaum faßlich ist und die doch nicht allein
+aus der beispiellosen Raschheit und Sicherheit seines Arbeitens sich
+erklärt, sondern außerdem noch begründet ist in einer allgemeineren
+Ursache. Wenn wir Caesar, Sulla, Gaius Gracchus, überhaupt die
+römischen Staatsmänner durchweg eine unsere Vorstellungen von
+menschlicher Arbeitskraft übersteigende Tätigkeit entwickeln sehen, so
+liegt die Ursache nicht in der seit jener Zeit veränderten
+Menschennatur, sondern in der seit jener Zeit veränderten Organisation
+des Hauswesens. Das römische Haus war eine Maschine, in der dem Herrn
+auch die geistigen Kräfte seiner Sklaven und Freigelassenen zuwuchsen;
+ein Herr, der diese zu regieren verstand, arbeitete gleichsam mit
+unzähligen Geistern. Es war das Ideal bürokratischer Zentralisation,
+dem unser Kontorwesen zwar mit Eifer nachstrebt, aber doch hinter dem
+Urbild ebenso weit zurückbleibt wie die heutige Kapitalherrschaft
+hinter dem antiken Sklavensystem. Caesar verstand diesen Vorteil zu
+nutzen: wo ein Posten besonderes Vertrauen in Anspruch nimmt, sehen wir
+grundsätzlich, soweit irgend andere Rücksichten es gestatten, ihn
+denselben mit seinen Sklaven, Freigelassenen, niedrig geborenen
+Klienten besetzen. Seine Werke im ganzen zeigen, was ein
+organisierendes Genie wie das seinige mit einem solchen Werkzeug
+auszurichten vermochte; auf die Frage, wie im einzelnen diese
+wunderbaren Leistungen durchgeführt wurden, haben wir keine
+hinreichende Antwort - die Bürokratie gleicht der Fabrik auch darin,
+daß das geschaffene Werk nicht als das des einzelnen erscheint, der es
+gearbeitet hat, sondern als das der Fabrik, die es stempelt. Nur das
+ist vollkommen klar, daß Caesar durchaus keinen Gehilfen bei seinem
+Werke gehabt hat, der von persönlichem Einfluß auf dasselbe oder auch
+nur in den ganzen Plan eingeweiht gewesen wäre; er war nicht nur allein
+Meister, sondern er arbeitete auch ohne Gesellen, nur mit Handlangern.
+
+Im einzelnen versteht sich von selbst, daß in den eigentlich
+politischen Angelegenheiten Caesar soweit irgend möglich jede
+Stellvertretung vermied. Wo sie unumgänglich war, wie denn Caesar
+namentlich während seiner häufigen Abwesenheit von Rom eines höheren
+Organs daselbst durchaus bedurfte, wurde in bezeichnender Weise hierzu
+nicht der legale Stellvertreter des Monarchen, der Stadtpräfekt,
+bestimmt, sondern ein Vertrauensmann ohne offiziell anerkannte
+Kompetenz, gewöhnlich Caesars Bankier, der kluge und geschmeidige
+phönikische Kaufmann Lucius Cornelius Balbus aus Gades. In der
+Verwaltung war Caesar vor allem darauf bedacht, die Schlüssel der
+Staatskasse, die der Senat nach dem Sturze des Königtums sich
+zugeeignet und mittels deren er sich des Regiments bemächtigt hatte,
+wiederum an sich zu nehmen und sie nur solchen Dienern anzuvertrauen,
+die mit ihrem Kopfe unbedingt und ausschließlich ihm hafteten. Zwar dem
+Eigentum nach blieb das Privatvermögen des Monarchen von dem Staatsgut
+natürlich streng geschieden; aber die Verwaltung des ganzen Finanz- und
+Geldwesens des Staates nahm Caesar in die Hand und führte sie durchaus
+in der Art, wie er, und überhaupt die römischen Großen, die Verwaltung
+ihres eigenen Vermögens zu führen pflegten. Für die Zukunft wurden die
+Erhebung der Provinzialgefälle und in der Hauptsache auch die Leitung
+des Münzwesens den Sklaven und Freigelassenen des Imperators übertragen
+und die Männer senatorischen Standes davon ausgeschlossen - ein
+folgenreicher Schritt, aus dem im Laufe der Zeit der so wichtige
+Prokuratorenstand und das “kaiserliche Haus” sich entwickelt haben.
+Dagegen von den Statthalterschaften, die, nachdem sie ihre finanziellen
+Geschäfte an die neuen kaiserlichen Steuereinnehmer abgegeben, mehr
+noch als bisher wesentlich Militärkommandos waren, ging nur das
+ägyptische Kommando an die eigenen Leute des Monarchen über. Die in
+eigentümlicher Art geographisch isolierte und politisch zentralisierte
+Landschaft am Nil war, wie schon die während der letzten Krise mehrfach
+vorgekommenen Versuche bedrängter italischer Parteichefs, daselbst sich
+festzusetzen, hinreichend bewiesen, wie kein anderer Distrikt geeignet,
+unter einem fähigen Führer auf die Dauer sich von der Zentralgewalt
+loszumachen. Wahrscheinlich war es eben diese Rücksicht, die Caesar
+bestimmte, das Land nicht förmlich zur Provinz zu erklären, sondern die
+ungefährlichen Lagiden daselbst zu belassen; und sicher wurden aus
+diesem Grunde die in Ägypten stationierenden Legionen nicht einem dem
+Senat, das heißt der ehemaligen Regierung angehörigen Manne anvertraut,
+sondern dieses Kommando, ähnlich wie die Steuereinnehmerstellen, als
+ein Gesindeposten behandelt. Im allgemeinen aber überwog bei Caesar die
+Rücksicht, die Soldaten Roms nicht, wie die der Könige des Ostens,
+durch Lakaien kommandieren zu lassen. Es blieb Regel, die bedeutenderen
+Statthalterschaften mit gewesenen Konsuln, die geringeren mit gewesenen
+Prätoren zu besetzen; anstatt des fünfjährigen Zwischenraums, den das
+Gesetz von 702 (52) vorgeschrieben, knüpfte wahrscheinlich wieder in
+alter Weise der Anfang der Statthalterschaft unmittelbar an das Ende
+der städtischen Amtstätigkeit an. Dagegen die Verteilung der Provinzen
+unter die qualifizierten Kandidaten, die bisher bald durch Volks- oder
+Senatsbeschluß, bald durch Vereinbarung der Beamten oder durch das Los
+erfolgt war, ging über an den Monarchen; und indem die Konsuln häufig
+veranlaßt wurden, vor Ende des Jahres abzudanken und nachgewählten
+Konsuln (consules suffecti) Platz zu machen, ferner die Zahl der
+jährlich ernannten Prätoren von acht auf sechzehn erhöht und dem
+Imperator die Ernennung der Hälfte derselben in ähnlicher Art wie die
+der Hälfte der Quästoren übertragen ward, endlich demselben das Recht
+reserviert blieb, zwar nicht Titularkonsuln, aber doch Titularprätoren
+wie Titularquästoren zu ernennen, sicherte Caesar sich für die
+Besetzung der Statthalterschaften eine hinreichende Zahl ihm genehmer
+Kandidaten. Die Abberufung blieb natürlich dem Ermessen des Regenten
+anheimgestellt, ebenso wie die Ernennung; als Regel wurde angenommen,
+daß der konsularische Statthalter nicht über zwei, der prätorische
+nicht über ein Jahr in der Provinz bleiben solle. Was endlich die
+Verwaltung der Haupt- und Residenzstadt anlangt, so beabsichtigte der
+Imperator eine Zeitlang offenbar, auch diese in ähnlicher Weise von ihm
+ernannten Beamten anzuvertrauen. Er rief die alte Stadtverweserschaft
+der Königszeit wieder ins Leben; zu verschiedenen Malen übertrug er
+während seiner Abwesenheit die Verwaltung der Hauptstadt einem oder
+mehreren solchen von ihm ohne Befragen des Volkes und auf unbestimmte
+Zeit ernannten Stellvertretern, welche die Geschäfte der sämtlichen
+Verwaltungsbeamten in sich vereinigten und sogar das Recht besaßen, mit
+eigenem Namen, obwohl natürlich nicht mit eigenem Bilde, Münze zu
+schlagen. In dem Jahre 707 (47) und in den ersten neun Monaten des
+Jahres 709 (45) gab es ferner weder Prätoren noch kurulische Ädilen
+noch Quästoren; auch die Konsuln wurden in jenem Jahre erst gegen das
+Ende ernannt, und in diesem war gar Caesar Konsul ohne Kollegen. Es
+sieht dies ganz aus wie ein Versuch, die alte königliche Gewalt auch
+innerhalb der Stadt Rom, bis auf die durch die demokratische
+Vergangenheit des neuen Monarchen gebotenen Beschränkungen, vollständig
+zu erneuern, also von Beamten, außer dem König selbst, nur den
+Stadtpräfekten während des Königs Abwesenheit und die zum Schutz der
+Volksfreiheit bestellten Tribunen und Volksädilen bestehen zu lassen,
+aber das Konsulat, die Zensur, die Prätur, die kurulische Ädilität und
+die Quästur wiederabzuschaffen ^15. Indes ging Caesar hiervon später
+wieder ab: weder nahm er selbst den Königstitel an, noch tilgte er jene
+ehrwürdigen, mit der glorreichen Geschichte der Republik verwachsenen
+Namen. Den Konsuln, Prätoren, Ädilen, Tribunen und Quästoren blieb im
+wesentlichen ihre bisherige formelle Kompetenz, allein ihre Stellung
+ward dennoch gänzlich umgewandelt. Es war der politische Grundgedanke
+der Republik, daß das Römische Reich in der Stadt Rom aufgehe, und
+deshalb waren konsequent die hauptstädtischen Munizipal- durchaus als
+Reichsbeamte behandelt worden. In Caesars Monarchie fiel mit jener
+Auffassung auch diese Folge weg; die Beamten Roms bildeten fortan nur
+die erste unter den vielen Reichsmunizipalitäten, und namentlich das
+Konsulat ward ein reiner Titularposten, der nur durch die daran
+geknüpfte Expektanz einer höheren Statthalterschaft eine gewisse
+praktische Bedeutung bewahrte. Das Schicksal, das die römische Gemeinde
+den unterworfenen zu bereiten gewohnt gewesen, widerfuhr durch Caesar
+ihr selber: ihre Souveränität über das Römische Reich verwandelte sich
+in eine beschränkte Kommunalfreiheit innerhalb des römischen Staates.
+Daß zugleich die Zahl der Prätoren und Quästoren verdoppelt ward, wurde
+schon erwähnt; das gleiche geschah hinsichtlich der Volksädilen, zu
+denen zwei neue “Getreideädilen” (aediles Ceriales) zur Überwachung der
+hauptstädtischen Zufuhr hinzukamen. Die Besetzung dieser Ämter blieb
+der Gemeinde und ward hinsichtlich der Konsuln, vielleicht auch der
+Volkstribune und der Volksädilen, nicht beschränkt; daß für die Hälfte
+der jährlich zu ernennenden Prätoren, kurulischen Ädilen und Quästoren
+der Imperator ein die Wähler bindendes Vorschlagsrecht erhielt, ward in
+der Hauptsache schon erwähnt. Überhaupt wurden die altheiligen
+Palladien der Volksfreiheit nicht angetastet; was natürlich nicht
+hinderte, gegen den einzelnen aufsätzigen Volkstribun ernstlich
+einzuschreiten, ja ihn abzusetzen und von der Liste der Senatoren zu
+streichen. Indem also der Imperator für die allgemeineren und
+wichtigeren Fragen sein eigener Minister war; indem er die Finanzen
+durch seine Bedienten, das Heer durch seine Adjutanten beherrschte;
+indem die alten republikanischen Staatsämter wieder in Gemeindeämter
+der Stadt Rom umgewandelt waren, war die Autokratie hinreichend
+begründet.
+
+————————————————————-
+
+^15 Daher denn auch die vorsichtigen Wendungen bei Erwähnung dieser
+Ämter in Caesars Gesetzen: cum censor aliusve quis magistratus Romae
+populi censum aget (Lex Iul. munic., Z. 144); praetor isve quei Romae
+iure deicundo praerit (Lex Rubr. oft); quaestor urbanes queive aerario
+praerit (Lex Iul. munic., Z. 37 u. ö.).
+
+————————————————————-
+
+In der geistlichen Hierarchie dagegen hat Caesar, obwohl er auch über
+diesen Teil des Staatshaushalts ein ausführliches Gesetz erließ, nichts
+Wesentliches geneuert, außer daß er das Oberpontifikat und vielleicht
+die Mitgliedschaft der höheren Priesterkollegien überhaupt mit der
+Person des Regenten verknüpfte; womit es teilweise zusammenhängt, daß
+in den drei höchsten Kollegien je eine, in dem vierten der
+Schmausherren drei neue Stellen geschaffen wurden. Hatte die römische
+Staatskirche bisher der herrschenden Oligarchie zur Stütze gedient, so
+konnte sie ebendenselben Dienst auch der neuen Monarchie leisten. Die
+konservative Religionspolitik des Senats ging über auf die neuen Könige
+von Rom; als der streng konservative Varro um diese Zeit seine
+‘Altertümer der göttlichen Dinge’, das Haupt- und Grundbuch der
+römischen Staatstheologie, bekannt machte, durfte er dieselben dem
+Oberpontifex Caesar zueignen. Der matte Glanz, den der Joviskult noch
+zu geben vermochte, umfloß den neugegründeten Thron, und der alte
+Landesglaube ward in seinen letzten Stadien das Werkzeug eines freilich
+von Haus aus hohlen und schwächlichen Caesaropapismus.
+
+Im Gerichtswesen ward zunächst die alte königliche Gerichtsbarkeit
+wiederhergestellt. Wie der König ursprünglich in Kriminal- und
+Zivilsachen Richter gewesen war, ohne in jenen an die Gnadeninstanz des
+Volkes, in diesen an die Überweisung der Entscheidung der streitigen
+Frage an Geschworene rechtlich gebunden zu sein: so nahm auch Caesar
+das Recht in Anspruch, Blutgerichte wie Privatprozesse zu alleiniger
+und endgültiger Entscheidung an sich zu ziehen und sie im Falle seiner
+Anwesenheit selbst, im Fall seiner Abwesenheit durch den Stadtverweser
+zu erledigen. In der Tat finden wir ihn, ganz nach der Weise der alten
+Könige, teils öffentlich auf dem Markte der Hauptstadt zu Gericht
+sitzen über des Hochverrats angeklagte römische Bürger, teils in seinem
+Hause Gericht halten über die des gleichen Vergehens beschuldigten
+Klientelfürsten; so daß das Vorrecht, das die römischen Bürger vor den
+übrigen Untertanen des Königs voraus hatten, allein in der
+Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlung bestanden zu haben scheint.
+Indes dieses wiedererweckte königliche Oberrichtertum konnte,
+wenngleich Caesar mit Unparteilichkeit und Sorgfalt sich demselben
+unterzog, doch der Natur der Sache nach tatsächlich nur in
+Ausnahmefällen zur Anwendung kommen. Für den gewöhnlichen Rechtsgang in
+Kriminal- und Zivilsachen blieb daneben die bisherige republikanische
+Rechtspflege im wesentlichen bestehen. Die Kriminalsachen fanden nach
+wie vor ihre Erledigung vor den verschiedener, für die einzelnen
+Verbrechen kompetenten Geschworenenkommissionen, die Zivilsachen teils
+vor dem Erbschafts- oder dem sogenannten “Hundertmännergericht”, teils
+vor den Einzelgeschworenen; die Leitung der Gerichte ward, wie bisher,
+in der Hauptstadt hauptsächlich von den Prätoren, in den Provinzen von
+den Statthaltern beschafft. Auch die politischen Verbrechen blieben
+selbst unter der Monarchie einer Geschworenenkommission überwiesen; die
+neue Ordnung, die Caesar für dieselbe erließ, spezifizierte die
+gesetzlich strafbaren Handlungen genau und in liberaler, jede
+Gesinnungsverfolgung ausschließender Weise und setzte als Strafe nicht
+den Tod fest, sondern die Verbannung. Hinsichtlich der Auswahl der
+Geschworenen, die die Senatorenpartei ausschließlich aus dem Senat, die
+strengen Gracchaner ausschließlich aus dem Ritterstand erkoren wissen
+wollten, ließ Caesar, getreu dem Grundsatz der Versöhnung der Parteien,
+es bei dem Transaktionsgesetze Cottas, jedoch mit der wahrscheinlich
+schon durch das Gesetz des Pompeius vom Jahre 699 (55) vorbereiteten
+Modifikation, daß die aus den unteren Schichten des Volkes
+hervorgegangenen Ärartribunen beseitigt, damit also ein
+Geschworenenzensus von mindestens 400000 Sesterzen (30000 Taler)
+festgesetzt ward, und Senatoren und Ritter in die
+Geschworenenfunktionen, die so lange der Zankapfel zwischen ihnen
+gewesen waren, jetzt sich teilten.
+
+Das Verhältnis der königlichen und der republikanischen Gerichtsbarkeit
+war im ganzen konkurrierender Art, so daß jede Sache sowohl vor dem
+Königsgericht als vor dem beikommenden republikanischen Gerichtshof
+anhängig gemacht werden konnte, wobei im Kollisionsfall natürlich der
+letztere zurückstand; wenn dagegen das eine oder das andere Gericht den
+Spruch gefällt hatte, die Sache damit endgültig erledigt war.
+
+Zur Umstoßung eines in einer Zivil- oder in einer Kriminalsache von den
+berufenen Geschworenen gefällten Verdikts war auch der neue Herrscher
+nicht befugt, ausgenommen wo besondere Momente, zum Beispiel Bestechung
+oder Gewalt, schon nach dem Recht der Republik die Kassation des
+Geschworenenspruchs herbeiführten. Dagegen erhielt der Satz, daß wegen
+eines jeden bloß magistratischen Dekrets der dadurch Beschwerte an den
+Vorgesetzten des Dezernenten zu appellieren befugt sei, wahrscheinlich
+schon jetzt die große Ausdehnung, aus der die spätere kaiserliche
+Appellationsinstanz hervorgegangen ist: es wurden vielleicht sämtliche
+rechtsprechende Magistrate, mindestens aber die Statthalter der
+sämtlichen Provinzen insofern als Unterbeamte des Herrschers angesehen,
+daß von jedem ihrer Dekrete Berufung an denselben eingelegt werden
+konnte.
+
+Allerdings haben diese Neuerungen, von denen die wichtigste, die
+Generalisierung der Appellation, nicht einmal unbedingt zu den
+Besserungen gezählt werden kann, die Schäden, an denen die römische
+Rechtspflege daniederlag, keineswegs ausgeheilt. Der Kriminalprozeß
+kann in keinem Sklavenstaat gesund sein, da das Verfahren gegen Sklaven
+wenn nicht rechtlich, doch tatsächlich in der Hand des Herrn liegt. Der
+römische Herr ahndete begreiflicherweise das Verbrechen seines Knechts
+durchgängig nicht als solches, sondern nur insofern es den Sklaven ihm
+unbrauchbar oder unangenehm machte; die Verbrechersklaven wurden eben
+nur ausrangiert, etwa wie die stößigen Ochsen, und, wie diese an den
+Schlächter, so jene in die Fechtbude verkauft. Aber auch der
+Kriminalprozeß gegen Freie, der von Haus aus politischer Prozeß gewesen
+und zum guten Teil immer geblieben war, hatte in dem wüsten Treiben der
+letzten Generationen aus einem ernstlichen Rechtshandel sich
+umgewandelt in eine mit Gunst, Geld und Gewalt zu schlagende
+Cliquenschlacht. Die Schuld lag an allen Beteiligten zugleich, an den
+Beamten, der Jury, den Parteien, sogar dem Zuschauerpublikum; aber die
+unheilbarsten Wunden schlug dem Rechte das Treiben der Advokaten. Indem
+die Schmarotzerpflanze der römischen Advokatenberedsamkeit gedieh,
+wurden alle positiven Rechtsbegriffe zersetzt und der dem Publikum so
+schwer einleuchtende Unterschied zwischen Meinung und Beweis aus der
+römischen Kriminalpraxis recht eigentlich ausgetrieben. “Ein recht
+schlechter Angeklagter”, sagt ein vielerfahrener römischer Advokat
+dieser Zeit, “kann auf jedes beliebige Verbrechen, das er begangen oder
+nicht begangen hat, angeklagt werden und wird sicher verurteilt.” Es
+sind aus dieser Epoche zahlreiche Plädoyers in Kriminalsachen erhalten;
+kaum eines ist darunter, das auch nur ernstlich versuchte, das
+fragliche Verbrechen zu fixieren und den Beweis oder Gegenbeweis zu
+formulieren ^16. Daß der gleichzeitige Zivilprozeß ebenfalls vielfach
+ungesund war, bedarf kaum der Erwähnung; auch er litt unter den Folgen
+der in alles sich mengenden Parteipolitik, wie denn zum Beispiel in dem
+Prozeß des Publius Quinctius (671-673 83-81) die widersprechendsten
+Entscheidungen fielen, je nachdem Cinna oder Sulla in Rom die Oberhand
+hatte; und die Anwälte, häufig Nichtjuristen, stifteten auch hier
+absichtlich und unabsichtlich Verwirrung genug. Aber es lag doch in der
+Natur der Sache, daß teils die Partei hier nur ausnahmsweise sich
+einmengte, teils die Advokatenrabulistik nicht so rasch und nicht so
+tief die Rechtsbegriffe aufzulösen vermochte; wie denn auch die
+Zivilplädoyers, die wir aus dieser Epoche besitzen, zwar nicht nach
+unseren strengeren Begriffen gute Advokatenschriften, aber doch weit
+weniger libellistischen und weit mehr juristischen Inhalts sind als die
+gleichzeitigen Kriminalreden. Wenn Caesar der Advokatenberedsamkeit den
+von Pompeius ihr angelegten Maulkorb ließ oder gar ihn noch
+verschärfte, war damit wenigstens nichts verloren; und viel war
+gewonnen, wenn besser gewählte und besser beaufsichtigte Beamte und
+Geschworene ernannt wurden und die handgreifliche Bestechung und
+Einschüchterung der Gerichte ein Ende nahm. Aber das heilige
+Rechtsgefühl und die Ehrfurcht vor dem Gesetz, schwer in den Gemütern
+der Menge zu zerrütten, sind schwerer noch wiederzuerzeugen. Wie auch
+der Gesetzgeber mannigfaltigen Mißbrauch abstellte, den Grundschaden
+vermochte er nicht zu heilen; und man durfte zweifeln, ob die Zeit, die
+alles Heilbare heilt, hier Hilfe bringen werde.
+
+————————————————————————-
+
+^16 “Weit öfter”, sagt Cicero in seiner Anweisung zur Redekunst (De
+orat. 2, 42, 178), zunächst in Beziehung auf den Kriminalprozeß,
+“bestimmen Abneigung oder Zuneigung oder Parteilichkeit oder
+Erbitterung oder Schmerz oder Freude oder Hoffnung oder Furcht oder
+Täuschung oder überhaupt eine Leidenschaft den Wahrspruch der Leute als
+der Beweis oder die Vorschrift oder eine Rechtsregel oder die
+Prozeßinstruktion oder die Gesetze.” Darauf wird denn die weitere
+Unterweisung für den angehenden Sachwalter begründet.
+
+————————————————————————-
+
+Das römische Heerwesen dieser Zeit war ungefähr in derselben Verfassung
+wie das karthagische zur Zeit Hannibals. Die regierenden Klassen
+sendeten nur noch die Offiziere; die Untertanenschaft, Plebejer und
+Provinzialen, bildeten das Heer. Der Feldherr war von der
+Zentralregierung finanziell und militärisch fast unabhängig und im
+Glück wie im Unglück wesentlich auf sich selbst und auf die
+Hilfsquellen seines Sprengels angewiesen. Bürger- und sogar
+Nationalsinn waren aus dem Heere verschwunden und als innerliches Band
+einzig der Korpsgeist übriggeblieben. Die Armee hatte aufgehört ein
+Werkzeug des Gemeinwesens zu sein; politisch hatte sie einen eigenen
+Willen nicht, wohl aber vermochte sie den des Werkmeisters sich
+anzueignen; militärisch sank sie unter den gewöhnlichen elenden Führern
+zu einer aufgelösten, unbrauchbaren Rotte herab, entwickelte aber auch
+unter dem rechten Feldherrn sich zu einer dem Bürgerheer unerreichbaren
+militärischen Vollkommenheit. Der Offiziersstand vor allem war im
+tiefsten Verfall. Die höheren Stände, Senatoren und Ritter entwöhnten
+immer mehr sich der Waffen. Wenn man sonst um die Stabsoffizierstellen
+eifrig geworben hatte, so war jetzt jeder Mann von Ritterrang, welcher
+dienen mochte, einer Kriegstribunenstelle sicher und schon mußten
+manche dieser Posten mit Männern niedrigeren Standes besetzt werden;
+wer aber überhaupt von den Vornehmen noch diente, suchte wenigstens
+seine Dienstzeit in Sizilien oder einer anderen Provinz abzutun, wo man
+sicher war, nicht vor den Feind zu kommen. Offiziere von gewöhnlicher
+Bravour und Brauchbarkeit wurden wie Meerwunder angestaunt; wie denn
+namentlich mit Pompeius seine Zeitgenossen eine sie in jeder Hinsicht
+kompromittierende militärische Vergötterung trieben. Zum Ausreißen wie
+zur Meuterei gab in der Regel der Stab das Signal; trotz der
+sträflichen Nachsicht der Kommandierenden waren Anträge auf Kassation
+vornehmer Offiziere alltägliche Vorfälle. Noch besitzen wir das von
+Caesars eigener Hand nicht ohne Ironie gezeichnete Bild, wie in seinem
+eigenen Hauptquartier, als es gegen Ariovist gehen sollte, geflucht und
+geweint und an Testamenten und sogar an Urlaubsgesuchen gearbeitet
+ward. In der Soldatenschaft war von den besseren Ständen keine Spur
+mehr zu entdecken. Gesetzlich bestand die allgemeine Wehrpflicht noch,
+allein die Aushebung erfolgte, wenn es neben der Anwerbung dazu kam, in
+regelloser Weise; zahlreiche Pflichtige wurden übergangen und die
+einmal Eingetretenen dreißig Jahre und länger bei den Adlern
+festgehalten. Die römische Bürgerreiterei vegetierte nur noch als eine
+Art berittener Nobelgarde, deren salbenduftende Kavaliere und
+ausgesuchte Luxuspferde einzig bei den hauptstädtischen Festen eine
+Rolle spielten; das sogenannte Bürgerfußvolk war eine aus den
+niedrigsten Schichten der Bürgerbevölkerung zusammengeraffte
+Lanzknechttruppe; die Untertanen stellten die Reiterei und die leichten
+Truppen ausschließlich und fingen an, auch im Fußvolk immer stärker
+mitverwendet zu werden. Die Rottenführerstellen in den Legionen, auf
+denen bei der damaligen Kriegführung die Tüchtigkeit der Abteilungen
+wesentlich beruhte und zu denen nach der nationalen Kriegsverfassung
+der Soldat mit der Pike sich empordiente, wurden jetzt nicht bloß
+regelmäßig nach Gunst vergeben, sondern sogar nicht selten an den
+Meistbietenden verkauft. Die Zahlung des Soldes erfolgte bei der
+schlechten Finanzwirtschaft der Regierung und der Feilheit und
+Betrügerei der großen Majorität der Beamten höchst mangelhaft und
+unregelmäßig.
+
+Die notwendige Folge hiervon war, daß im gewöhnlichen Laufe der Dinge
+die römischen Armeen die Provinzen ausraubten, gegen die Offiziere
+meuterten und vor dem Feinde davonliefen; es kam vor, daß beträchtliche
+Heere, wie das makedonische des Piso im Jahre 697 (57), ohne
+eigentliche Niederlage, bloß durch diese Mißwirtschaft vollständig
+ruiniert wurden. Fähige Führer dagegen, wie Pompeius, Caesar, Gabinius,
+bildeten wohl aus dem vorhandenen Material tüchtige und schlagfertige,
+zum Teil musterhafte Armeen; allein es gehörten diese Armeen viel mehr
+ihrem Heerführer als dem Gemeinwesen. Der noch weit vollständigere
+Verfall der römischen Marine, die zu allem andern den Römern
+antipathisch geblieben und nie völlig nationalisiert worden war, bedarf
+kaum der Erwähnung. Es war eben auch hier nach allen Seiten hin unter
+dem oligarchischen Regiment ruiniert worden, was überhaupt ruiniert
+werden konnte.
+
+Caesars Reorganisation des römischen Militärwesens beschränkte sich im
+wesentlichen darauf, die unter der bisherigen schlaffen und unfähigen
+Oberleitung gelockerten Zügel der Disziplin wieder straff und fest
+anzuziehen. Einer radikalen Reform schien ihm das römische Heerwesen
+entweder nicht bedürftig oder auch nicht fähig; die Elemente der Armee
+akzeptierte er, ebenwie Hannibal sie akzeptiert hatte. Die Bestimmung
+seiner Gemeindeordnung, daß, um vor dem dreißigsten Jahre ein
+Gemeindeamt zu bekleiden oder im Gemeinderat zu sitzen, ein
+dreijähriger Dienst zu Pferde - das heißt als Offizier - oder ein
+sechsjähriger zu Fuß erforderlich sei, beweist wohl, daß er die
+besseren Stände in das Heer zu ziehen wünschte, aber ebenso deutlich
+auch, daß bei dem immer mehr einreißenden unkriegerischen Geist der
+Nation er selbst es nicht mehr für möglich hielt, die Bekleidung eines
+Ehrenamtes an die Überstehung der Dienstzeit unbedingt wie ehedem zu
+knüpfen. Ebendaraus wird es sich erklären, daß Caesar keinen Versuch
+gemacht hat, die römische Bürgerreiterei wiederherzustellen. Die
+Aushebung ward besser geordnet, die Dienstzeit geregelt und abgekürzt;
+übrigens blieb es dabei, daß die Linieninfanterie vorwiegend aus den
+niederen Ständen der römischen Bürgerschaft, die Reiterei und die
+leichte Infanterie aus der Untertanenschaft ausgehoben ward - daß für
+die Reorganisation der Kriegsflotte nichts geschah, ist auffallend.
+Eine ohne Zweifel ihrem Urheber selbst bedenkliche Neuerung, zu der die
+Unzuverlässigkeit der Untertanenreiterei zwang, war es, daß Caesar
+zuerst von dem altrömischen System abwich, niemals mit Söldnern zu
+fechten, und in die Reiterei gemietete Ausländer, namentlich Deutsche,
+einstellte. Eine andere Neuerung war die Einsetzung der
+Legionsadjutanten (legati legionis). Bis dahin hatten die teils von der
+Bürgerschaft, teils von dem betreffenden Statthalter ernannten
+Kriegstribune in der Art die Legionen geführt, daß jeder derselben je
+sechs vorgesetzt waren und unter diesen das Kommando wechselte; einen
+Einzelkommandanten der Legion bestellte nur vorübergehend und
+außerordentlicherweise der Feldherr. In späterer Zeit dagegen
+erscheinen jene Legionsobersten oder Legionsadjutanten teils als eine
+bleibende und organische Institution, teils als ernannt nicht mehr von
+dem Statthalter, dem sie gehorchen, sondern von dem Oberkommando in
+Rom; beides scheint auf Caesars an das Gabinische Gesetz anknüpfende
+Einrichtungen zurückzugehen. Der Grund der Einführung dieser wichtigen
+Zwischenstufe in die militärische Hierarchie wird teils in dem
+Bedürfnis einer energischen Zentralisierung des Kommandos, teils in dem
+fühlbaren Mangel an fähigen Oberoffizieren, teils und vor allem in der
+Absicht zu suchen sein, durch Zuordnung eines oder mehrerer vom
+Imperator ernannten Obersten dem Statthalter ein Gegengewicht zu geben.
+Die wesentlichste Veränderung im Heerwesen bestand in der Aufstellung
+eines bleibenden Kriegshauptes in dem Imperator, welcher anstatt des
+bisherigen unmilitärischen und in jeder Beziehung unfähigen
+Regierungskollegiums das gesamte Armeeregiment in seinen Händen
+vereinigte und dasselbe also aus einer meist bloß nominellen Direktion
+in ein wirkliches und energisches Oberkommando umschuf. Wir sind nicht
+gehörig darüber unterrichtet, in welcher Weise dies Oberkommando sich
+zu den bis dahin in ihren Sprengeln allmächtigen Spezialkommandos
+stellte. Wahrscheinlich lag dabei im allgemeinen die Analogie des
+zwischen dem Prätor und dem Konsul oder auch dem Konsul und dem
+Diktator obwaltenden Verhältnisses zu Grunde, so daß der Statthalter
+zwar an sich die höchste militärische Gewalt in seinem Sprengel
+behielt, aber der Imperator in jedem Augenblick dieselbe ihm ab und sie
+für sich oder seine Beauftragten zu nehmen befugt war und daß, während
+die Gewalt des Statthalters auf den Sprengel beschränkt war, die des
+Imperators wieder, wie die königliche und die ältere konsularische,
+sich über das gesamte Reich erstreckte. Ferner ist höchst
+wahrscheinlich schon jetzt die Ernennung der Offiziere, sowohl der
+Kriegstribune als der Centurionen, soweit sie bisher dem Statthalter
+zugestanden ^17, ebenso wie die Ernennung der neuen Legionsadjutanten
+unmittelbar an den Imperator gekommen und ebenso mögen schon jetzt die
+Anordnung der Aushebungen, die Abschiedserteilung, die wichtigeren
+Kriminalfälle an das Oberkommando gezogen worden sein. Bei dieser
+Beschränkung der Kompetenz der Statthalter und bei der regulierten
+Kontrolle des Imperators war fernerhin nicht leicht, weder eine völlige
+Verwahrlosung der Armeen noch eine Umwandlung derselben in persönliche
+Gefolgschaften der einzelnen Offiziere zu befürchten. Indes, so
+entschieden auch die Verhältnisse zur Militärmonarchie hindrängten und
+so bestimmt Caesar das Oberkommando ausschließlich für sich nahm, war
+er dennoch keineswegs gesonnen, seine Gewalt durch und auf das Heer zu
+begründen. Er hielt zwar eine stehende Armee notwendig für seinen
+Staat, aber nur, weil derselbe seiner geographischen Lage nach einer
+umfassenden Grenzregulierung und stehender Grenzbesatzungen bedurfte.
+Teils in früheren Epochen, teils während des letzten Bürgerkrieges
+hatte er an Spaniens Befriedigung gearbeitet und in Afrika längs der
+großen Wüste, im Nordwesten des Reiches an der Rheinlinie feste
+Stellungen für die Grenzverteidigung eingerichtet. Mit ähnlichen Plänen
+beschäftigte er sich für die Landschaften am Euphrat und an der Donau.
+Vor allen Dingen gedachte er gegen die Parther zu ziehen und den Tag
+von Karrhä zu rächen; er hatte drei Jahre für diesen Krieg bestimmt und
+war entschlossen, mit diesen gefährlichen Feinden ein für allemal und
+ebenso vorsichtig wie gründlich abzurechnen. Ebenso hatte er den Plan
+entworfen, den zu beiden Seiten der Donau gewaltig um sich greifenden
+Getenkönig Burebistas anzugreifen und auch im Nordosten Italien durch
+ähnliche Marken zu schützen, wie er sie ihm im Keltenland geschaffen.
+Dagegen liegen durchaus keine Beweise dafür vor, daß Caesar gleich
+Alexander einen Siegeslauf in die unendliche Ferne im Sinn hatte; es
+wird wohl erzählt, daß er von Parthien aus an das Kaspische und von
+diesem an das Schwarze Meer, sodann an dem Nordufer desselben bis zur
+Donau zu ziehen, ganz Skythien und Germanien bis an den - nach
+damaliger Vorstellung vom Mittelmeer nicht allzu fernen - nördlichen
+Ozean zum Reiche zu bringen und durch Gallien heimzukehren beabsichtigt
+habe; allein keine irgend glaubwürdige Autorität verbürgt die Existenz
+dieser fabulosen Projekte. Bei einem Staat, der, wie der römische
+Caesars, bereits eine schwer zu bewältigende Masse barbarischer
+Elemente in sich schloß und mit deren Assimilierung noch auf
+Jahrhunderte hinaus mehr als genug zu tun hatte, wären solche
+Eroberungen, auch ihre militärische Ausführbarkeit angenommen, doch
+nichts gewesen als noch weit glänzendere und noch weit schlimmere
+Fehler als die indische Heerfahrt Alexanders. Sowohl nach Caesars
+Verfahren in Britannien und Deutschland wie nach dem Verhalten
+derjenigen, die die Erben seiner politischen Gedanken wurden, ist es in
+hohem Grade wahrscheinlich, daß Caesar, mit Scipio Aemilianus, die
+Götter nicht anrief, das Reich zu mehren, sondern es zu erhalten, und
+daß seine Eroberungspläne sich beschränkten auf eine, freilich nach
+seinem großartigen Maßstab bemessene, Grenzregulierung, welche die
+Euphratlinie sichern und anstatt der völlig schwankenden und
+militärisch nichtigen nordöstlichen Reichsgrenze die Donaulinie
+feststellen und verteidigungsfähig machen sollte. Indes wenn es nur
+wahrscheinlich bleibt, daß Caesar nicht in dem Sinne als Welteroberer
+bezeichnet werden darf wie Alexander und Napoleon, so ist das
+vollkommen gewiß, daß er seine neue Monarchie nicht zunächst auf die
+Armee zu stützen, überhaupt nicht die militärische Gewalt über die
+bürgerliche zu setzen, sondern sie dem bürgerlichen Gemeinwesen ein-
+und soweit möglich unterzuordnen gedachte. Die unschätzbaren Stützen
+eines Soldatenstaates, jene alten vielgefeierten gallischen Legionen,
+wurden eben wegen ihres mit einem bürgerlichen Gemeinwesen
+unverträglichen Korpsgeistes in ehrenvoller Weise annulliert und ihre
+ruhmvollen Namen pflanzten nur sich fort in neugegründeten städtischen
+Gemeinden. Die von Caesar bei der Entlassung mit Landlosen beschenkten
+Soldaten wurden nicht wie die Sullas in eigenen Kolonien gleichsam
+militärisch zusammengesiedelt, sondern, namentlich soweit sie in
+Italien ansässig wurden, möglichst vereinzelt und durch die ganze
+Halbinsel zerstreut; nur war es freilich nicht zu vermeiden, daß auf
+den zur Verfügung gebliebenen Teilen des kampanischen Ackers die alten
+Soldaten Caesars dennoch in Masse sich zusammenfanden. Der schwierigen
+Aufgabe, die Soldaten einer stehenden Armee innerhalb der Kreise des
+bürgerlichen Lebens zu halten, suchte Caesar zu genügen teils durch
+Festhaltung der bisherigen nur gewisse Dienstjahre, nicht aber einen
+eigentlich stehenden, das heißt durch keine Entlassung unterbrochenen
+Dienst vorschreibenden Ordnung, teils durch die schon erwähnte
+Verkürzung der Dienstzeit, welche einen rascheren Wechsel des
+Soldatenpersonals herbeiführte, teils durch regelmäßige Ansiedlung der
+ausgedienten Soldaten als Ackerkolonisten, teils und vornehmlich
+dadurch, daß die Armee von Italien und überhaupt von den eigentlichen
+Sitzen des bürgerlichen und politischen Lebens der Nation ferngehalten
+und der Soldat dahin gewiesen ward, wo er nach der Meinung des großen
+Königs allein an seinem Platze war: in die Grenzstationen zur Abwehr
+des auswärtigen Feindes. Das rechte Kriterium des Militärstaates, die
+Entwicklung und Bevorzugung der Gardetruppe, findet ebenfalls bei
+Caesar sich nicht. Obwohl in der aktiven Armee das Institut einer
+besonderen Leibwache des Feldherrn bereits seit langem bestand, so
+tritt diese doch in Caesars Heerführung vollständig in den Hintergrund;
+seine prätorische Kohorte scheint wesentlich nur aus
+Ordonnanzoffizieren oder nichtmilitärischen Begleitern bestanden zu
+haben und niemals ein eigentliches Elitenkorps, also auch niemals
+Gegenstand der Eifersucht der Linientruppen gewesen zu sein. Wenn
+Caesar schon als Feldherr die Leibwache tatsächlich fallen ließ, so
+duldete er um so weniger als König eine Garde um sich. Obwohl
+beständig, und ihm wohl bewußt, von Mördern umschlichen, wies er
+dennoch den Antrag des Senats auf Errichtung einer Nobelgarde zurück,
+entließ, sowie die Dinge einigermaßen sich beruhigten, die spanische
+Eskorte, deren er in der ersten Zeit in der Hauptstadt sich bedient
+hatte, und begnügte sich mit dem Gefolge von Gerichtsdienern, wie es
+für die römischen Oberbeamten hergebracht war. Wie viel auch Caesar von
+dem Gedanken seiner Partei und seiner Jugend, ein perikleisches
+Regiment in Rom nicht kraft des Säbels, sondern kraft des Vertrauens
+der Nation zu begründen, im Kampfe mit den Realitäten hatte müssen
+fallen lassen - den Grundgedanken, keine Militärmonarchie zu stiften,
+hielt er auch jetzt noch mit einer Energie fest, zu der die Geschichte
+kaum eine Parallele darbietet. Allerdings war auch dies ein
+unausführbares Ideal - es war die einzige Illusion, in der das
+sehnsüchtige Verlangen in diesem starken Geiste mächtiger war als der
+klare Verstand. Ein Regiment, wie es Caesar im Sinne trug, war nicht
+bloß notwendig höchst persönlicher Natur und mußte mit dem Tode des
+Urhebers ebenso zugrunde gehen wie die verwandten Schöpfungen Perikles’
+und Cromwells mit dem Tode ihrer Stifter; sondern bei dem tief
+zerrütteten Zustand der Nation war es nicht einmal glaublich, daß es
+dem achten König von Rom auch nur für seine Lebenszeit gelingen werde,
+so wie seine sieben Vorgänger seine Mitbürger bloß kraft Gesetz und
+Recht zu beherrschen, und ebensowenig wahrscheinlich, daß es ihm
+gelingen werde, das stehende Heer, nachdem es im letzten Bürgerkrieg
+seine Macht kennengelernt und die Scheu verlernt hatte, wieder als
+dienendes Glied in die bürgerliche Ordnung einzufügen. Wer kaltblütig
+erwog, bis zu welchem Grade die Furcht vor dem Gesetz aus den untersten
+wie aus den obersten Schichten der Gesellschaft entwichen war, dem
+mußte die erstere Hoffnung vielmehr ein Traum dünken; und wenn mit der
+Marianischen Reform des Heerwesens der Soldat überhaupt aufgehört hat,
+Bürger zu sein, so zeigten die kampanische Meuterei und das
+Schlachtfeld von Thapsus mit leidiger Deutlichkeit, in welcher Art
+jetzt die Armee dem Gesetze ihren Arm lieh. Selbst der große Demokrat
+vermochte die Gewalten, die er entfesselt hatte, nur mühsam und
+mangelhaft wieder zu bändigen; Tausende von Schwertern flogen noch auf
+seinen Wink aus der Scheide, aber zurück in die Scheide kehrten sie
+schon nicht mehr auf seinen Wink. Das Verhängnis ist mächtiger als das
+Genie. Caesar wollte der Wiederhersteller des bürgerlichen Gemeinwesens
+werden und ward der Gründer der von ihm verabscheuten Militärmonarchie;
+er stürzte den Aristokraten- und Bankierstaat im Staate nur, um an
+deren Platz den Soldatenstaat im Staate zu setzen, und das Gemeinwesen
+blieb wie bisher tyrannisiert und exploitiert von einer privilegierten
+Minorität. Aber dennoch ist es ein Privilegium der höchsten Naturen,
+also schöpferisch zu irren. Die genialen Versuche großer Männer, das
+Ideal zu realisieren, wenn sie auch ihr Ziel nicht erreichen, bilden
+den besten Schatz der Nationen. Es ist Caesars Werk, daß der römische
+Militärstaat erst nach mehreren Jahrhunderten zum Polizeistaat ward und
+daß die römischen Imperatoren, wie wenig sie sonst auch dem großen
+Begründer ihrer Herrschaft glichen, doch den Soldaten wesentlich nicht
+gegen den Bürger verwandten, sondern gegen den Feind, und Nation und
+Armee beide zu hoch achteten, um diese zum Konstabler über jene zu
+setzen.
+
+————————————————————————————
+
+^17 An die Ernennung eines Teiles der Kriegstribune durch die
+Bürgerschaft hat Caesar, auch hierin Demokrat, nicht gerührt.
+
+————————————————————————————
+
+Die Ordnung des Finanzwesens machte bei den soliden Grundlagen, die die
+ungeheure Größe des Reiches und der Ausschluß des Kreditsystems
+gewährten, verhältnismäßig geringe Schwierigkeit. Wenn der Staat bisher
+in beständiger Finanzverlegenheit sich befunden hatte, so war daran die
+Unzulänglichkeit der Staatseinnahmen am wenigsten schuld; vielmehr
+hatten diese eben in den letzten Jahren sich ungemein vermehrt. Zu der
+älteren Gesamteinnahme, die auf 200 Mill. Sesterzen (15 Mill. Taler)
+angeschlagen wird, waren durch die Einrichtung der Provinzen
+Bithynien-Pontus und Syrien 85 Mill. Sesterzen (6500000 Taler)
+gekommen; welcher Zuwachs, nebst den sonstigen neueröffneten oder
+gesteigerten Einnahmequellen, namentlich durch den beständig steigenden
+Ertrag der Luxusabgaben, den Verlust der kampanischen Pachtgelder weit
+überwog. Außerdem waren durch Lucullus, Metellus, Pompeius, Cato und
+andere außerordentlicherweise dem Staatsschatz ungeheure Summen
+zugeflossen. Die Ursache der finanziellen Verlegenheiten lag vielmehr
+teils in den gesteigerten ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben,
+teils in der geschäftlichen Verwirrung. Unter jenen nahm die
+Getreideverteilung an die hauptstädtische Menge fast unerschwingliche
+Summen in Anspruch: durch die von Cato 691 (63) ihr gegebene Ausdehnung
+stieg die jährliche Ausgabe dafür auf 30 Mill. Sesterzen (2300000
+Taler), und seit Abschaffung der bisher gezahlten Vergütung im Jahre
+696 (58) verschlang dieselbe gar den fünften Teil der Staatseinkünfte.
+Auch das Militärbudget war gestiegen, seit zu den Besatzungen von
+Spanien, Makedonien und den übrigen Provinzen noch die von Kilikien,
+Syrien und Gallien hinzukamen. Unter den außerordentlichen Ausgaben
+sind in erster Linie die großen Kosten der Flottenrüstungen zu nennen,
+wofür zum Beispiel fünf Jahre nach der großen Razzia von 687 (67) auf
+einmal 34 Mill. Sesterzen (2600000 Taler) verausgabt wurden. Dazu kamen
+die sehr ansehnlichen Summen, welche die Kriegszüge und
+Kriegsvorbereitungen wegnahmen, wie denn bloß für Ausrüstung des
+makedonischen Heeres an Piso auf einmal 18 Mill. Sesterzen (1370000
+Taler), an Pompeius für die Unterhaltung und Besoldung der spanischen
+Armee gar jährlich 24 Mill. Sesterzen (1826000 Taler) und ähnliche
+Summen an Caesar für die gallischen Legionen gezahlt wurden. So
+beträchtlich aber auch diese Ansprüche waren, die an die römische
+Staatskasse gemacht wurden, so hätte dennoch dieselbe ihnen zu genügen
+vermocht, wenn nicht ihre einst so musterhafte Verwaltung von der
+allgemeinen Schlaffheit und Unehrlichkeit dieser Zeit mitergriffen
+worden wäre; oft stockten die Zahlungen des Ärars bloß deshalb, weil
+man dessen ausstehende Forderungen einzumahnen versäumte. Die
+vorgesetzten Beamten, zwei von den Quästoren, junge, jährlich
+gewechselte Menschen, verhielten im besten Fall sich passiv; unter dem
+früherhin seiner Ehrenhaftigkeit wegen mit Recht hoch angesehenen
+Schreiber- und sonstigen Büropersonal waren jetzt, namentlich seit
+diese Posten käuflich geworden waren, die ärgsten Mißbräuche im
+Schwange.
+
+Sowie indes die Fäden des römischen Staatsfinanzwesens nicht mehr wie
+bisher im Senat, sondern in Caesars Kabinett zusammenliefen, kam von
+selbst neues Leben, strengere Ordnung und festerer Zusammenhang in alle
+Räder und Triebfedern dieser großen Maschine. Die beiden von Gaius
+Gracchus herrührenden und Krebsschäden gleich das römische Finanzwesen
+zerfressenden Institutionen: die Verpachtung der direkten Abgaben und
+die Getreideverteilungen, wurden teils abgeschafft, teils umgestaltet.
+Caesar wollte nicht wie sein Vorläufer die Nobilität durch die
+Bankieraristokratie und den hauptstädtischen Pöbel in Schach halten,
+sondern sie beseitigen und das Gemeinwesen von sämtlichen Parasiten
+hohen und niederen Ranges befreien; und darum ging er in diesen beiden
+wichtigen Fragen nicht mit Gaius Gracchus, sondern mit dem Oligarchen
+Sulla. Das Verpachtungssystem blieb für die indirekten Abgaben
+bestehen, bei denen es uralt war und, bei der auch von Caesar
+unverbrüchlich festgehaltenen Maxime der römischen Finanzverwaltung,
+die Abgabenerhebung um jeden Preis einfach und übersichtlich zu
+erhalten, schlechterdings nicht entbehrt werden konnte. Die direkten
+Abgaben aber wurden fortan durchgängig entweder, wie die afrikanischen
+und sardinischen Korn- und Öllieferungen, behandelt als unmittelbar an
+den Staat abzuführende Naturalleistungen, oder, wie die
+kleinasiatischen Gefälle, in feste Geldabgaben verwandelt und die
+Einziehung der Einzelbeträge den Steuerdistrikten selbst überlassen.
+Die Kornverteilungen in der Hauptstadt waren bisher als nutzbares Recht
+der herrschenden und, weil sie herrschte, von den Untertanen zu
+speisenden Gemeinde angesehen worden. Dieser ehrlose Grundsatz ward von
+Caesar beseitigt; aber es konnte nicht übersehen werden, daß eine Menge
+gänzlich unvermögender Bürger lediglich durch diese Speisungen vor dem
+Verhungern geschützt worden war. In diesem Sinne hielt Caesar dieselben
+fest. Hatte nach der Sempronischen, von Cato wiedererneuerten Ordnung
+jeder in Rom angesessene römische Bürger rechtlich Anspruch gehabt auf
+unentgeltliches Brotkorn, so wurde diese Empfängerliste, welche zuletzt
+bis auf 320000 Nummern gestiegen war, durch Ausscheidung aller
+wohlhabenden oder anderweit versorgten Individuen auf 150000
+herabgebracht und diese Zahl als Maximalzahl der Freikornstellen ein
+für allemal fixiert, zugleich eine jährliche Revision der Liste
+angeordnet, um die durch Austritt oder Tod leergewordenen Plätze mit
+den bedürftigsten unter den Bewerbern wieder zu besetzen. Indem also
+das politische Privilegium in eine Armenversorgung umgewandelt ward,
+trat ein in sittlicher wie in geschichtlicher Hinsicht bemerkenswerter
+Satz zum erstenmal in lebendige Wirksamkeit. Nur langsam und von Stufe
+zu Stufe ringt die bürgerliche Gesellschaft sich durch zu der
+Solidarität der Interessen; im früheren Altertum schützte der Staat die
+Seinigen wohl vor dem Landesfeind und dem Mörder, aber er war nicht
+verpflichtet, durch Verabreichung der notwendigen Subsistenzmittel den
+gänzlich hilflosen Mitbürger vor dem schlimmeren Feinde des Mangels zu
+bewahren. Die attische Zivilisation ist es gewesen, die in der
+Solonischen und nachsolonischen Gesetzgebung zuerst den Grundsatz
+entwickelt hat, daß es Pflicht der Gemeinde ist, für ihre Invaliden, ja
+für ihre Armen überhaupt zu sorgen; und zuerst Caesar hat, was in der
+beschränkten Enge des attischen Lebens Gemeindesache geblieben war, zu
+einer organischen Staatsinstitution entwickelt und eine Einrichtung,
+die für den Staat eine Last und eine Schmach war, umgeschaffen in die
+erste jener heute so unzählbaren wie segensreichen Anstalten, in denen
+das unendliche menschliche Erbarmen mit dem unendlichen menschlichen
+Elend ringt.
+
+Außer diesen prinzipiellen Reformen fand eine durchgängige Revision des
+Einnahme- und Ausgabewesens statt. Die ordentlichen Einnahmen wurden
+überall reguliert und fixiert. Nicht wenigen Gemeinden, ja ganzen
+Landschaften ward, sei es mittelbar durch Verleihung des römischen oder
+latinischen Bürgerrechts, sei es unmittelbar durch Privilegium, die
+Steuerfreiheit bewilligt; so erhielten sie zum Beispiel alle
+sizilischen ^18 Gemeinden auf jenem, die Stadt Ilion auf diesem Wege.
+Noch größer war die Zahl derjenigen, deren Steuerquantum herabgesetzt
+ward; wie denn den Gemeinden im Jenseitigen Spanien schon nach Caesars
+Statthalterschaft auf dessen Betrieb eine Steuerherabsetzung vom Senat
+bewilligt worden war, und jetzt der am meisten gedrückten Provinz Asia
+nicht bloß die Hebung ihrer direkten Steuern erleichtert, sondern auch
+der dritte Teil derselben ganz erlassen ward. Die neu hinzukommenden
+Abgaben, wie die der in Illyrien unterworfenen und vor allem der
+gallischen Gemeinden, welche letztere zusammen 40 Mill. Sesterzen (3
+Mill. Taler) jährlich entrichteten, waren durchgängig niedrig
+gegriffen. Freilich ward dagegen auch einzelnen Städten, wie
+Klein-Leptis in Afrika, Sulci auf Sardinien und mehreren spanischen
+Gemeinden, zur Strafe ihres Verhaltens während des letzten Krieges die
+Steuer erhöht. Die sehr einträglichen, in den letzten Zeiten der
+Anarchie abgeschafften italischen Hafenzölle wurden um so mehr
+wiederhergestellt, als diese Abgabe wesentlich die aus dem Osten
+eingehenden Luxuswaren traf. Zu diesen neu- oder wiedereröffneten
+ordentlichen Einnahmequellen kamen die Summen hinzu, die
+außerordentlicherweise, namentlich infolge des Bürgerkrieges, an den
+Sieger gelangten: die in Gallien gesammelte Beute; der hauptstädtische
+Kassenbestand; die aus den italischen und spanischen Tempeln
+entnommenen Schätze, die in Formen der Zwangsanleihe, des
+Zwangsgeschenkes oder der Buße von den abhängigen Gemeinden und
+Dynasten erhobenen Summen und die in ähnlicher Weise durch Rechtsspruch
+oder auch bloß durch Zusendung des Zahlungsbefehls einzelnen reichen
+Römern auferlegten Strafgelder; vor allen Dingen aber der Erlös aus dem
+Vermögen der geschlagenen Gegner. Wie ergiebig diese Einnahmequellen
+waren, mag man daraus abnehmen, daß allein die Buße der afrikanischen
+Großhändler, die in dem Gegensenat gesessen, sich auf 100 Mill.
+Sesterzen (7½ Mill. Taler) und der von den Käufern des Vermögens des
+Pompeius gezahlte Preis auf 70 Mill. Sesterzen (5300000 Taler) belief.
+Dieses Verfahren war notwendig, weil die Macht der geschlagenen
+Nobilität zum guten Teil auf ihrem kolossalen Reichtum ruhte und nur
+dadurch wirksam gebrochen werden konnte, daß ihr die Tragung der
+Kriegskosten auferlegt ward. Die Gehässigkeit der Konfiskationen aber
+ward einigermaßen dadurch gemildert, daß Caesar ihren Ertrag allein dem
+Staate zugute kommen ließ und, statt in Sullas Weise seinen Günstlingen
+jeden Unterschleif nachzusehen, selbst von seinen treuesten Anhängern,
+zum Beispiel von Marcus Antonius, die Kaufgelder mit Strenge beitrieb.
+
+—————————————————————————————————-
+
+^18 Den Wegfall der sizilischen Zehnten bezeugt Varro in einer nach
+Ciceros Tode publizierten Schrift (rust. 2 praef.), indem er als die
+Kornprovinzen, aus denen Rom seine Subsistenz entnimmt, nur Afrika und
+Sardinien, nicht mehr Sizilien nennt. Die Latinität, wie sie Sizilien
+erhielt, muß also wohl die Immunität eingeschlossen haben (vgl.
+Römisches Staatsrecht, Bd. 3, S. 684).
+
+—————————————————————————————————-
+
+In den Ausgaben wurde zunächst durch die ansehnliche Beschränkung der
+Getreidespenden eine Verminderung erzielt. Die beibehaltene
+Kornverteilung an die hauptstädtischen Armen sowie die verwandte, von
+Caesar neu eingeführte Öllieferung für die hauptstädtischen Bäder ward
+wenigstens zum großen Teil ein- für allemal fundiert auf die
+Naturalabgaben von Sardinien und namentlich von Afrika und schied
+dadurch aus dem Kassenwesen ganz oder größtenteils aus. Andererseits
+stiegen die regelmäßigen Ausgaben für das Militärwesen, teils durch die
+Vermehrung des stehenden Heeres, teils durch die Erhöhung der
+bisherigen Löhnung des Legionärs, von jährlich 480 (36 Taler) auf
+jährlich 900 Sesterzen (68½ Taler). Beides war in der Tat unerläßlich.
+Eine ernstliche Grenzverteidigung mangelte ganz und die unerläßliche
+Voraussetzung derselben war eine ansehnliche Vermehrung der Armee. Die
+Verdoppelung des Soldes hat Caesar wohl benutzt, um seine Soldaten fest
+an sich zu ketten, aber nicht aus diesem Grunde als bleibende Neuerung
+eingeführt. Der bisherige Sold von 1 1/3 Sesterz (2 Groschen) den Tag
+war festgesetzt worden in uralten Zeiten, wo das Geld einen ganz
+anderen Wert hatte als in dem damaligen Rom; nur deshalb hatte er bis
+in eine Zeit hinein, wo der gemeine Tagelöhner in der Hauptstadt mit
+seiner Hände Arbeit täglich durchschnittlich 3 Sesterzen (5 Groschen)
+verdiente, beibehalten werden können, weil in diesen Zeiten der Soldat
+nicht des Soldes halber, sondern hauptsächlich wegen der größtenteils
+unerlaubten Akzidentien des Militärdienstes in das Heer eintrat. Zu
+einer ernstlichen Reform des Militärwesens und zur Beseitigung des
+meist den Provinzialen aufgebürdeten unregelmäßigen Soldatenverdienstes
+war die erste Bedingung eine zeitgemäße Erhöhung der regulären Löhnung;
+und die Fixierung derselben auf 2½ Sesterzen (4 Groschen) darf als eine
+billige, die dem Ärar dadurch aufgebürdete große Last als eine
+notwendige und in ihren Folgen segensreiche betrachtet werden. Von dem
+Belauf der außerordentlichen Ausgaben, die Caesar übernehmen mußte oder
+freiwillig übernahm, ist es schwer, sich eine Vorstellung zu machen.
+Die Kriege selbst fraßen ungeheure Summen; und vielleicht nicht
+geringere wurden erfordert, um die Zusicherungen zu erfüllen, die
+Caesar während des Bürgerkrieges zu machen genötigt worden war. Es war
+ein schlimmes und für die Folgezeit leider nicht verlorenes Beispiel,
+daß jeder gemeine Soldat für seine Teilnahme am Bürgerkrieg 20000
+Sesterzen (1500 Taler), jeder Bürger der hauptstädtischen Menge für
+seine Nichtbeteiligung an demselben als Zulage zum Brotkorn 300
+Sesterzen (22 Taler) empfing; Caesar indes, nachdem er einmal in dem
+Drange der Umstände sein Wort verpfändet, war zu sehr König, um davon
+abzudingen. Außerdem genügte Caesar unzähligen Anforderungen
+ehrenhafter Freigebigkeit und machte namentlich für das Bauwesen, das
+während der Finanznot der letzten Zeit der Republik schmählich
+vernachlässigt worden war, ungeheure Summen flüssig - man berechnete
+den Kostenbetrag seiner teils während der gallischen Feldzüge, teils
+nachher in der Hauptstadt ausgeführten Bauten auf 160 Mill. Sesterzen
+(12 Mill. Taler). Das Gesamtresultat der finanziellen Verwaltung
+Caesars ist darin ausgesprochen, daß er durch einsichtige und
+energische Reformen und durch die rechte Vereinigung von Sparsamkeit
+und Liberalität allen billigen Ansprüchen reichlich und völlig genügte
+und dennoch bereits im März 710 (44) in der Kasse des Staats 700, in
+seiner eigenen 100 Mill. Sesterzen (zusammen 61 Mill. Taler) bar lagen
+- eine Summe, die den Kassenbestand der Republik in ihrer blühendsten
+Zeit um das Zehnfache überstieg.
+
+Aber die Aufgabe, die alten Parteien aufzulösen und das neue
+Gemeinwesen mit einer angemessenen Verfassung, einer schlagfertigen
+Armee und geordneten Finanzen auszustatten, so schwierig sie war, war
+nicht der schwierigste Teil von Caesars Werk. Sollte in Wahrheit die
+italische Nation wiedergeboren werden, so bedurfte es einer
+Reorganisation, die alle Teile des großen Reiches, Rom, Italien und die
+Provinzen, umwandelte. Versuchen wir auch hier sowohl die alten
+Zustände als auch die Anfänge einer neuen und leidlicheren Zeit zu
+schildern.
+
+Aus Rom war der gute Stamm latinischer Nation längst völlig
+verschwunden. Es liegt in den Verhältnissen, daß die Hauptstadt ihr
+munizipales und selbst ihr nationales Gepräge schneller verschleift als
+jedes untergeordnete Gemeinwesen. Hier scheiden die höheren Klassen
+rasch aus dem städtischen Gemeinleben aus, um mehr in dem ganzen Staate
+als in einer einzelnen Stadt ihre Heimat zu finden; hier konzentriert
+sich unvermeidlich die ausländische Ansiedlung, die fluktuierende
+Bevölkerung von Vergnügens- und Geschäftsreisenden, die Masse des
+müßigen, faulen, verbrecherischen, ökonomisch und moralisch bankrotten
+und eben darum kosmopolitischen Gesindels. Auf Rom fand dies alles in
+hervorragender Weise Anwendung. Der wohlhabende Römer betrachtete sein
+Stadthaus häufig nur als ein Absteigequartier. Indem aus der
+städtischen Munizipalität die Reichsämter hervorgingen, das städtische
+Vogtding die Versammlung der Reichsbürger ward, kleinere, sich selber
+regierende Bezirks- oder sonstige Gemeinschaften innerhalb der
+Hauptstadt nicht geduldet wurden, hörte jedes eigentliche Kommunalleben
+für Rom auf. Aus dem ganzen Umfange des weitumfassenden Reiches strömte
+man nach Rom, um zu spekulieren, zu debauchieren, zu intrigieren, zum
+Verbrecher sich auszubilden oder auch daselbst vor dem Auge des
+Gesetzes sich zu verbergen. Diese Übel gingen aus dem hauptstädtischen
+Wesen gewissermaßen mit Notwendigkeit hervor; andere, mehr zufällige
+und vielleicht noch ernstere gesellten sich dazu. Es hat vielleicht nie
+eine Großstadt gegeben, die so durchaus nahrungslos war wie Rom; teils
+die Einfuhr, teils die häusliche Fabrikation durch Sklaven machten hier
+jede freie Industrie von vornherein unmöglich. Die nachteiligen Folgen
+des Grundübels der Staatenbildung im Altertum überhaupt, des
+Sklavensystems, traten in der Hauptstadt schärfer als irgendwo sonst
+hervor. Nirgends häuften solche Sklavenmassen sich an wie in den
+hauptstädtischen Palästen der großen Familien oder der reichen
+Emporkömmlinge. Nirgends mischten sich so wie in der hauptstädtischen
+Sklavenschaft die Nationen dreier Weltteile, Syrer, Phryger und andere
+Halbhellenen mit Libyern und Mohren, Geten und Iberer mit den immer
+zahlreicher einströmenden Kelten und Deutschen. Die von der Unfreiheit
+unzertrennliche Demoralisation und der scheußliche Widerspruch des
+formellen und des sittlichen Rechts kamen weit greller zum Vorschein
+bei dem halb oder ganz gebildeten, gleichsam vornehmen Stadtsklaven als
+bei dem Ackerknecht, der das Feld gleich dem gefesselten Stier in
+Ketten bestellte. Schlimmer noch als die Sklavenmassen waren die der
+rechtlich oder auch bloß tatsächlich freigegebenen Leute, ein Gemisch
+bettelhaften Gesindels und schwerreicher Parvenus, nicht mehr Sklaven
+und doch nicht völlig Bürger, ökonomisch und selbst rechtlich von ihrem
+Herrn abhängig und doch mit den Ansprüchen freier Männer; und eben die
+Freigelassenen zogen sich vor allem nach der Hauptstadt, wo es
+Verdienst mancherlei Art gab und der Kleinhandel wie das kleine
+Handwerk fast ganz in ihren Händen waren. Ihr Einfluß auf die Wahlen
+wird ausdrücklich bezeugt; und daß sie auch bei den Straßenkrawallen
+voran waren, zeigt schon das gewöhnliche Signal, wodurch diese von den
+Demagogen gleichsam angesagt wurden, die Schließung der Buden und
+Verkaufslokale. Zu allem dem kam, daß die Regierung nicht bloß nichts
+tat, um dieser Korrumpierung der hauptstädtischen Bevölkerung
+entgegenzuwirken, sondern sogar ihrer egoistischen Politik zuliebe ihr
+Vorschub leistete. Die verständige Gesetzvorschrift, welche dem wegen
+Kapitalverbrechens verurteilten Individuum den Aufenthalt in der
+Hauptstadt untersagte, ward von der schlaffen Polizei nicht zur
+Ausführung gebracht. Die dringend nahegelegte polizeiliche Überwachung
+der Assoziation des Gesindels ward anfangs vernachlässigt, späterhin
+als freiheitswidrige Volksbeschränkung sogar für strafbar erklärt. Die
+Volksfeste hatte man so anwachsen lassen, daß die sieben ordentlichen
+allein, die römischen, die plebejischen, die der Göttermutter, der
+Ceres, des Apoll, der Flora und der Victoria, zusammen zweiundsechzig
+Tage währten, wozu dann noch die Fechterspiele und unzählige andere
+außerordentliche Lustbarkeiten kamen. Die bei einem solchen, durchaus
+von der Hand in den Mund lebenden Proletariat unumgängliche Fürsorge
+für niedrige Getreidepreise ward mit dem gewissenlosesten Leichtsinn
+gehandhabt, und die Preisschwankungen des Brotkorns waren fabelhafter
+und unberechenbarer Art ^19. Endlich, die Getreideverteilungen luden
+das gesamte nahrungslose und arbeitsscheue Bürgerproletariat offiziell
+ein, seinen Sitz in der Hauptstadt aufzuschlagen. Es war eine arge Saat
+und die Ernte entsprach ihr. Das Klub- und Bandenwesen auf dem
+politischen Gebiet, auf dem religiösen der Isisdienst und der
+gleichartige fromme Schwindel hatten hier ihre Wurzeln. Man war
+beständig im Angesicht einer Teuerung und nicht selten in voller
+Hungersnot. Nirgends war man seines Lebens weniger sicher als in der
+Hauptstadt: der gewerbsmäßig betriebene Banditenmord war das einzige
+derselben eigene Handwerk; es war die Einleitung zur Ermordung, daß das
+Schlachtopfer nach Rom gelockt ward; niemand wagte sich ohne
+bewaffnetes Gefolge in die Umgegend der Hauptstadt. Auch die äußere
+Beschaffenheit derselben entsprach dieser inneren Zerrüttung und schien
+eine lebendige Satire auf das aristokratische Regiment. Für die
+Regulierung des Tiberstromes ward nichts getan; kaum daß man die
+einzige Brücke, mit der man immer noch sich behalf, wenigstens bis zur
+Tiberinsel von Stein aufführen ließ. Für die Planierung der
+Siebenhügelstadt war ebensowenig etwas geschehen, außer wo etwa die
+Schutthaufen ausgeglichen hatten. Die Straßen gingen eng und winkelig
+Hügel auf und ab und waren elend gehalten, die Trottoirs schmal und
+schlecht gepflastert. Die gewöhnlichen Häuser waren von Ziegeln ebenso
+liederlich wie schwindelnd hoch gebaut, meistens von spekulierenden
+Baumeistern für Rechnung der kleinen Besitzer, wobei jene steinreich,
+diese zu Bettlern wurden. Wie einzelne Inseln in diesem Meer von
+elenden Gebäuden erschienen die glänzenden Paläste der Reichen, die den
+kleinen Häusern ebenso den Raum verengten wie ihre Besitzer den kleinen
+Leuten ihr Bürgerrecht im Staat und neben deren Marmorsäulen und
+griechischen Statuen die verfallenden Tempel mit ihren großenteils noch
+holzgeschnitzten Götterbildern eine traurige Figur machten. Von einer
+Straßen-, einer Ufer-, Feuer- und Baupolizei war kaum die Rede; wenn
+die Regierung um die alljährlich eintretenden Überschwemmungen,
+Feuersbrünste und Häusereinstürze überhaupt sich bekümmerte, so geschah
+es, um von den Staatstheologen Bericht und Bedenken über den wahren
+Sinn solcher Zeichen und Wunder zu begehren. Man versuche sich ein
+London zu denken mit der Sklavenbevölkerung von New Orleans, mit der
+Polizei von Konstantinopel, mit der Industrielosigkeit des heutigen Rom
+und bewegt von einer Politik nach dem Muster der Pariser von 1848, und
+man wird eine ungefähre Vorstellung von der republikanischen
+Herrlichkeit gewinnen, deren Untergang Cicero und seine Genossen in
+ihren Schmollbriefen betrauern.
+
+—————————————————————————-
+
+^19 In dem Produktionsland Sizilien ward der römische Scheffel
+innerhalb weniger Jahre zu 2 und zu 20 Sesterzen verkauft; man rechne
+danach, wie die Preisschwankungen in Rom sich stellen mußten, das von
+überseeischem Korn lebte und der Sitz der Spekulanten war.
+
+—————————————————————————-
+
+Caesar trauerte nicht, aber er suchte zu helfen, soweit zu helfen war.
+Rom blieb natürlich, was es war, eine Weltstadt. Der Versuch ihm
+wiederum einen spezifisch italischen Charakter zu geben, wäre nicht
+bloß unausführbar gewesen, sondern hätte auch in Caesars Plan nicht
+gepaßt. Ähnlich wie Alexander für sein griechisch-orientalisches Reich
+eine angemessene Hauptstadt in dem hellenisch-jüdisch-ägyptischen und
+vor allem kosmopolitischen Alexandreia fand, so sollte auch die im
+Mittelpunkt des Orients und Okzidents gelegene Hauptstadt des neuen
+römisch-hellenischen Weltreichs nicht eine italische Gemeinde sein,
+sondern die denationalisierte Kapitale vieler Nationen. Darum duldete
+es Caesar, daß neben dem Vater Jovis die neu angesiedelten ägyptischen
+Götter verehrt wurden, und gestattete sogar den Juden die freie Übung
+ihres seltsam fremdartigen Rituals auch in der Hauptstadt des Reiches.
+Wie widerlich bunt immer die parasitische, namentlich
+hellenisch-orientalische Bevölkerung in Rom sich mischte, er trat ihrer
+Ausbreitung nirgends in den Weg; es ist bezeichnend, daß er bei seinen
+hauptstädtischen Volksfesten Schauspiele nicht bloß in lateinischer und
+griechischer, sondern auch in anderen Zungen, vermutlich in
+phönikischer, hebräischer, syrischer, spanischer aufführen ließ.
+
+Aber wenn Caesar den Grundcharakter der Hauptstadt so, wie er ihn fand,
+mit vollem Bewußtsein akzeptierte, so wirkte er doch energisch hin auf
+die Besserung der daselbst obwaltenden kläglichen und schimpflichen
+Zustände. Leider waren eben die Grundübel am wenigsten austilgbar. Die
+Sklaverei mit ihrem Gefolge von Landplagen konnte Caesar nicht
+abstellen; es muß dahingestellt bleiben, ob er mit der Zeit versucht
+haben würde, die Sklavenbevölkerung in der Hauptstadt wenigstens zu
+beschränken, wie er dies auf einem anderen Gebiete unternahm.
+Ebensowenig vermochte Caesar eine freie hauptstädtische Industrie aus
+dem Boden zu zaubern; doch halfen die ungeheuren Bauten der
+Nahrungslosigkeit daselbst einigermaßen ab und eröffneten dem
+Proletariat eine Quelle schmalen, aber ehrlichen Erwerbes. Dagegen
+wirkte Caesar energisch darauf hin, die Masse des freien Proletariats
+zu vermindern. Der stehende Zufluß von solchen, die die Getreidespenden
+nach Rom führten, ward durch Verwandlung derselben in eine auf eine
+feste Kopfzahl beschränkte Armenversorgung wenn nicht ganz verstopfte
+^20, doch sehr wesentlich beschränkt. Unter dem vorhandenen Proletariat
+räumten einerseits die Gerichte auf, die angewiesen wurden, mit
+unnachsichtlicher Strenge gegen das Gesindel einzuschreiten,
+andererseits die umfassende überseeische Kolonisation; von den 80000
+Kolonisten, die Caesar in den wenigen Jahren seiner Regierung über das
+Meer führte, wird ein sehr großer Teil den unteren Schichten der
+hauptstädtischen Bevölkerung entnommen sein, wie denn die meisten
+korinthischen Ansiedler Freigelassene waren. Daß in Abweichung von der
+bisherigen Ordnung, die dem Freigelassenen jedes städtische Ehrenamt
+verschloß, Caesar ihnen in seinen Kolonien die Türe des Rathauses
+eröffnete, geschah ohne Zweifel, um die besser gestellten von ihnen für
+die Auswanderung zu gewinnen. Diese Auswanderung muß aber auch mehr
+gewesen sein als eine bloß vorübergehende Veranstaltung; Caesar,
+überzeugt wie jeder andere verständige Mann, daß die einzige wahrhafte
+Hilfe gegen das Elend des Proletariats in einem wohlregulierten
+Kolonisierungssystem besteht, und durch die Beschaffenheit des Reiches
+in den Stand gesetzt, dasselbe in fast ungemessener Ausdehnung zu
+verwirklichen, wird die Absicht gehabt haben, hiermit dauernd
+fortzufahren und dem stets wieder sich erzeugenden Übel einen
+bleibenden Abzug zu eröffnen. Maßregeln wurden ferner ergriffen, um den
+argen Preisschwankungen der wichtigsten Nahrungsmittel auf den
+hauptstädtischen Märkten Grenzen zu setzen. Die neu geordneten und
+liberal verwalteten Staatsfinanzen lieferten hierzu die Mittel und zwei
+neu ernannte Beamte, die Getreideädilen, übernahmen die spezielle
+Beaufsichtigung der Lieferanten und des Marktes der Hauptstadt. Dem
+Klubwesen wurde wirksamer, als es durch Prohibitivgesetze möglich war,
+gesteuert durch die veränderte Verfassung, indem mit der Republik und
+den republikanischen Wahlen und Gerichten die Bestechung und
+Vergewaltigung der Wahl- und Richterkollegien, überhaupt die
+politischen Saturnalien der Kanaille von selbst ein Ende hatten.
+Außerdem wurden die durch das Clodische Gesetz ins Leben getretenen
+Verbindungen aufgelöst und das ganze Assoziationswesen unter die
+Oberaufsicht der Regierungsbehörden gestellt. Mit Ausnahme der
+althergebrachten Zünfte und Vergesellschaftungen, der religiösen
+Vereinigungen der Juden und anderer besonders ausgenommener Kategorien,
+wofür die einfache Anzeige an den Senat genügt zu haben scheint, wurde
+die Erlaubnis, eine bleibende Gesellschaft mit festen
+Versammlungsfristen und stehenden Einschüssen zu konstituieren, an eine
+vom Senat und regelmäßig wohl erst nach eingeholter Willensmeinung des
+Monarchen zu erteilende Konzession geknüpft. Dazu kam eine strengere
+Kriminalrechtspflege und eine energische Polizei. Die Gesetze,
+namentlich hinsichtlich des Verbrechens der Vergewaltigung, wurden
+verschärft und die unvernünftige Bestimmung des republikanischen
+Rechts, daß der überwiesene Verbrecher befugt sei, durch
+Selbstverbannung einem Teil der verwirkten Strafe sich zu entziehen,
+wie billig beseitigt. Das detaillierte Regulativ, das Caesar über die
+hauptstädtische Polizei erließ, ist großenteils noch erhalten und es
+kann, wer da will, sich überzeugen, daß der Imperator es nicht
+verschmähte, die Hausbesitzer zur Instandsetzung der Straßen und zur
+Pflasterung der Trottoirs in ihrer ganzen Breite mit behauenen Steinen
+anzuhalten und geeignete Bestimmungen über das Tragen der Sänften und
+das Fahren der Wagen zu erlassen, die bei der Beschaffenheit der
+Straßen nur zur Abend- und Nachtzeit in der Hauptstadt frei zirkulieren
+durften. Die Oberaufsicht über die Lokalpolizei blieb wie bisher
+hauptsächlich den vier Ädilen, welche, wenn nicht schon früher,
+wenigstens jetzt angewiesen wurden, jeder einen bestimmt abgegrenzten
+Polizeidistrikt innerhalb der Hauptstadt zu überwachen. Endlich das
+hauptstädtische Bauwesen und die damit zusammenhängende Fürsorge für
+die gemeinnützigen Anstalten überhaupt nahm durch Caesar, der die
+Baulust des Römers und des Organisators in sich vereinigte, plötzlich
+einen Aufschwung, der nicht bloß die Mißwirtschaft der letzten
+anarchischen Zeiten beschämte, sondern auch alles, was die römische
+Aristokratie in ihrer besten Zeit geleistet hatte, so weit hinter sich
+ließ wie Caesars Genie das redliche Bemühen der Marcier und der
+Aemilier. Es war nicht bloß die Ausdehnung der Bauten an sich und die
+Größe der darauf verwandten Summen, durch die Caesar seine Vorgänger
+übertraf, sondern der echt staatsmännische und gemeinnützige Sinn, der
+das, was Caesar für die öffentlichen Anstalten Roms tat, vor allen
+ähnlichen Leistungen auszeichnet. Er baute nicht, wie seine Nachfolger,
+Tempel und sonstige Prachtgebäude, sondern er entlastete den Markt von
+Rom, auf dem sich immer noch die Bürgerversammlungen, die
+Hauptgerichtsstätten, die Börse und der tägliche Geschäftsverkehr wie
+der tägliche Müßiggang zusammendrängten, wenigstens von den
+Versammlungen und den Gerichten, indem er für jene eine neue
+Dingstätte, die Saepta Iulia auf dem Marsfeld, für diese einen
+besonderen Gerichtsmarkt, das Forum Iulium zwischen Kapitol und
+Palatin, anlegen ließ. Verwandten Geistes ist die von ihm herrührende
+Einrichtung, daß den hauptstädtischen Bädern jährlich 3 Millionen Pfund
+Öl, größtenteils aus Afrika, geliefert und diese dadurch in den Stand
+gesetzt wurden, den Badenden das zum Salben des Körpers erforderliche
+Öl unentgeltlich zu verabfolgen - eine nach der alten wesentlich auf
+Baden und Salben gegründeten Diätetik höchst zweckmäßige Maßregel der
+Reinlichkeits- und Gesundheitspolizei. Indes diese großartigen
+Einrichtungen waren nur die ersten Anfänge einer vollständigen
+Umwandlung Roms. Bereits waren die Entwürfe gemacht zu einem neuen
+Rathaus, einem neuen prachtvollen Basar, einem mit dem Pompeischen
+wetteifernden Theater, einer öffentlichen lateinischen und griechischen
+Bibliothek nach dem Muster der kürzlich zugrunde gegangenen von
+Alexandreia - die erste Anstalt derart in Rom -, endlich zu einem
+Tempel des Mars, der an Reichtum und Herrlichkeit alles bisher
+Dagewesene überboten haben würde. Genialer noch war der Gedanke, einmal
+durch die Pomptinischen Sümpfe einen Kanal zu legen und deren Wasser
+nach Tarracina abzuleiten, sodann den unteren Lauf des Tiberstroms zu
+ändern und ihn von dem heutigen Ponte Molle an, statt zwischen dem
+Vaticanischen und dem Marsfelde hindurch, vielmehr um das Vaticanische
+Feld und das Ianiculum herum nach Ostia zu führen, wo die schlechte
+Reede einem vollgenügenden Kunsthafen Platz machen sollte. Durch diesen
+Riesenplan wurde einerseits der gefährlichste Feind der Hauptstadt, die
+böse Luft der Nachbarschaft, gebannt, andrerseits auf einen Schlag die
+äußerst beschränkte Baugelegenheit in der Hauptstadt in der Art
+erweitert, daß das damit auf das linke Tiberufer verlegte Vaticanische
+Feld an die Stelle des Marsfeldes treten und das geräumige Marsfeld für
+öffentliche und Privatbauten verwendet werden konnte, während sie
+zugleich den so schmerzlich vermißten sicheren Seehafen erhielt. Es
+schien, als wolle der Imperator Berge und Flüsse versetzen und mit der
+Natur selber den Wettlauf wagen. Indessen so sehr auch durch die neue
+Ordnung die Stadt Rom an Bequemlichkeit und Herrlichkeit gewann, ihre
+politische Suprematie ging ihr, wie schon gesagt ward, durch
+ebendieselbe unwiderbringlich verloren. Daß der römische Staat mit der
+Stadt Rom zusammenfalle, war zwar im Laufe der Zeit immer unnatürlicher
+und verkehrter geworden; aber der Satz war doch so innig mit dem Wesen
+der römischen Republik verwachsen, daß er nicht vor dieser selbst
+zugrunde gehen konnte. Erst in dem neuen Staate Caesars ward er, etwa
+mit Ausnahme einiger legaler Fiktionen, vollständig beseitigt und das
+hauptstädtische Gemeinwesen rechtlich auf eine Linie mit allen übrigen
+Munizipalitäten gestellt; wie denn Caesar, hier wie überall bemüht,
+nicht bloß die Sache zu ordnen, sondern auch sie offiziell bei dem
+rechten Namen zu nennen, seine italische Gemeindeordnung, ohne Zweifel
+absichtlich, zugleich für die Hauptstadt und für die übrigen
+Stadtgemeinden erließ. Man kann hinzufügen, daß Rom, eben weil es eines
+lebendigen Kommunalwesens als Hauptstadt nicht fähig war, hinter den
+übrigen Munizipalitäten der Kaiserzeit sogar wesentlich zurückstand.
+Das republikanische Rom war eine Räuberhöhle, aber zugleich der Staat;
+das Rom der Monarchie, obwohl es mit allen Herrlichkeiten dreier
+Weltteile sich zu schmücken und in Gold und Marmor zu schimmern begann,
+war doch nichts im Staate als das Königsschloß in Verbindung mit dem
+Armenhaus, das heißt ein notwendiges übel.
+
+—————————————————————-
+
+^20 Es ist nicht ohne Interesse, daß ein späterer, aber einsichtiger
+politischer Schriftsteller, der Verfasser der unter Sallustius’ Namen
+an Caesar gerichteten Briefe, diesem den Rat erteilt, die
+hauptstädtische Getreideverteilung in die einzelnen Munizipien zu
+verlegen. Die Kritik hat ihren guten Sinn; wie denn bei der großartigen
+munizipalen Waisenversorgung unter Traian offenbar ähnliche Gedanken
+gewaltet haben.
+
+—————————————————————-
+
+Wenn es in der Hauptstadt sich nur darum handelte, durch polizeiliche
+Ordnungen im größten Maßstab handgreifliche Übelstände hinwegzuräumen,
+so war es dagegen eine bei weitem schwierigere Aufgabe, der tief
+zerrütteten italischen Volkswirtschaft aufzuhelfen. Die Grundleiden
+waren die bereits früher ausführlich hervorgehobenen, das
+Zusammenschwinden der ackerbauenden und die unnatürliche Vermehrung der
+kaufmännischen Bevölkerung, woran ein unabsehbares Gefolge anderer
+Übelstände sich anschloß. Wie es mit der italischen Bodenwirtschaft
+stand, wird dem Leser unvergessen sein. Trotz der ernstlichsten
+Versuche, der Vernichtung des kleinen Grundbesitzes zu steuern, war
+doch in dieser Epoche kaum mehr in einer Landschaft des eigentlichen
+Italien, etwa mit Ausnahme der Apenninen- und Abruzzentäler, die
+Bauernwirtschaft die vorwiegende Wirtschaftsweise. Was die
+Gutswirtschaft anlangt, so ist zwischen der früher dargestellten
+Catonischen und derjenigen, die uns Varro schildert, kein wesentlicher
+Unterschied wahrzunehmen, nur daß die letztere im Guten wie im
+Schlimmen von dem gesteigerten großstädtischen Leben in Rom die Spuren
+zeigt. “Sonst”, sagt Varro, “war die Scheune auf dem Gut größer als das
+Herrenhaus; jetzt pflegt es umgekehrt zu sein.” In der tusculanischen
+und tiburtinischen Feldmark, an den Gestaden von Tarracina und Baiae
+erhoben sich da, wo die alten latinischen und italischen Bauernschaften
+gesät und geerntet hatten, jetzt in unfruchtbarem Glanz die Landhäuser
+der römischen Großen, von denen manches mit den dazu gehörigen
+Gartenanlagen und Wasserleitungen, den Süß- und Salzwasserreservoirs
+zur Aufbewahrung und Züchtung von Fluß- und Seefischen, den Schnecken-
+und Siebenschläferzüchtungen, den Wildschonungen zur Hegung von Hasen,
+Kaninchen, Hirschen, Rehen und Wildschweinen und den Vogelhäusern, in
+denen selbst Kraniche und Pfauen gehalten wurden, den Raum einer
+mäßigen Stadt bedeckte. Aber der großstädtische Luxus macht auch manche
+fleißige Hand reich und ernährt mehr Arme als die almosenspendende
+Menschenliebe. Jene Vogelhäuser und Fischteiche der vornehmen Herren
+waren natürlich in der Regel eine sehr kostspielige Liebhaberei. Allein
+extensiv und intensiv hatte diese Wirtschaft sich so hoch entwickelt,
+daß zum Beispiel der Bestand eines Taubenhauses bis auf 100000
+Sesterzen (7600 Taler) geschätzt ward; daß eine rationelle
+Mästungswirtschaft entstanden war und der in den Vogelhäusern gewonnene
+Dünger landwirtschaftlich in Betracht kam; daß ein einziger
+Vogelhändler auf einmal 5000 Krammetsvögel - denn auch diese wußte man
+zu hegen - das Stück zu 3 Denaren (21 Groschen), ein einziger
+Fischteichbesitzer 2000 Muränen zu liefern imstande war und aus den von
+Lucius Lucullus hinterlassenen Fischen 40000 Sesterzen (3050 Taler)
+gelöst wurden. Begreiflicherweise konnte unter solchen Umständen, wer
+diese Wirtschaft geschäftlich und intelligent betrieb, mit
+verhältnismäßig geringem Anlagekapital sehr hohen Gewinn erzielen. Ein
+kleiner Bienenzüchter dieser Zeit verkaufte von seinem nicht mehr als
+einen Morgen großen, in der Nähe von Falerii gelegenen Thymiangärtchen
+Jahr aus Jahr ein an Honig für mindestens 10000 Sesterzen (760 Taler).
+Der Wetteifer der Obstzüchter ging so weit, daß in eleganten
+Landhäusern die marmorgetäfelte Obstkammer nicht selten zugleich als
+Tafelzimmer eingerichtet, auch wohl gekauftes Prachtobst dort zur Schau
+als eigenes Gewächs gestellt ward. In dieser Zeit wurden auch zuerst
+die kleinasiatische Kirsche und andere ausländische Fruchtbäume in den
+italischen Gärten angepflanzt. Die Gemüsegärten, die Rosen- und
+Veilchenbeete in Latium und Kampanien warfen reichen Ertrag ab und der
+“Naschmarkt” (forum cupedinis) neben der Heiligen Straße, wo Früchte,
+Honig und Kränze feilgeboten zu werden pflegten, spielte eine wichtige
+Rolle im hauptstädtischen Leben. Überhaupt stand die Gutswirtschaft,
+Plantagenwirtschaft wie sie war, ökonomisch auf einer schwer zu
+übertreffenden Höhe der Entwicklung. Das Tal von Rieti, die Umgegend
+des Fuciner Sees, die Landschaften am Liris und Volturnus, ja
+Mittelitalien überhaupt, waren landwirtschaftlich in dem blühendsten
+Zustand; selbst gewisse Industrien, die geeignet waren, sich an den
+Betrieb des Guts mittels Sklaven anzuschließen, wurden von den
+intelligenten Landwirten mit aufgenommen und, wo die Verhältnisse
+günstig waren, Wirtshäuser, Webereien und besonders Ziegeleien auf dem
+Gute angelegt. Die italischen Produzenten, namentlich von Wein und Öl,
+versorgten nicht bloß die italischen Märkte, sondern machten auch in
+beiden Artikeln ansehnliche überseeische Ausfuhrgeschäfte. Eine
+schlichte fachwissenschaftliche Schrift dieser Zeit vergleicht Italien
+einem großen Fruchtgarten; und die Schilderungen, die ein
+gleichzeitiger Dichter von seinem schönen Heimatland entwirft, wo die
+wohlbewässerte Wiese, das üppige Kornfeld, der lustige Rebenhügel von
+der dunklen Zeile der Ölbäume umsäumt wird, wo der Schmuck des Landes,
+lachend in mannigfaltiger Anmut, die holdesten Gärten in seinem Schoße
+hegt und selber von nahrunggebenden Bäumen umkränzt wird diese
+Schilderungen, offenbar treue Gemälde der dem Dichter täglich vor Augen
+stehenden Landschaft, versetzen uns in die blühendsten Striche von
+Toscana und Terra di lavoro. Die Weidewirtschaft freilich, die aus den
+früher entwickelten Ursachen besonders im Süden und Südosten Italiens
+immer weiter vordrang, war in jeder Beziehung ein Rückschritt; allein
+auch sie nahm doch bis zu einem gewissen Grade teil an der allgemeinen
+Steigerung des Betriebes, wie denn für die Verbesserung der Rassen
+vieles geschah und zum Beispiel Zuchtesel mit 60000 (4600 Taler),
+100000 (7570 Taler), ja 400000 Sesterzen (30000 Taler) bezahlt wurden.
+Die gediegene italische Bodenwirtschaft erzielte in dieser Zeit, wo die
+allgemeine Entwicklung der Intelligenz und die Fülle der Kapitalien sie
+befruchtete, bei weitem glänzendere Resultate als jemals die alte
+Bauernwirtschaft hatte geben können, und ging sogar schon hinaus über
+die Grenzen Italiens, indem der italische Ökonom auch in den Provinzen
+große Strecken viehzüchtend und selbst kornbauend exploitierte.
+
+Welche Dimensionen aber neben dieser auf dem Ruin der kleinen
+Bauernschaft unnatürlich gedeihenden Gutswirtschaft die Geldwirtschaft
+angenommen, wie die italische Kaufmannschaft mit den Juden um die Wette
+in alle Provinzen und Klientelstaaten des Reiches sich ergossen hatte,
+alles Kapital endlich in Rom zusammenfloß, dafür wird es, nach dem
+früher darüber Gesagten, hier genügen, auf die einzige Tatsache
+hinzuweisen, daß auf dem hauptstädtischen Geldmarkt der regelmäßige
+Zinsfuß in dieser Zeit sechs vom Hundert, das Geld daselbst also um die
+Hälfte billiger war als sonst durchschnittlich im Altertume.
+
+Infolge dieser agrarisch wie merkantil auf Kapitalmassen und
+Spekulation begründeten Volkswirtschaft ergab sich das fürchterlichste
+Mißverhältnis in der Verteilung des Vermögens. Die oft gebrauchte und
+oft gemißbrauchte Rede von einem aus Millionären und Bettlern
+zusammengesetzten Gemeinwesen trifft vielleicht nirgends so vollständig
+zu wie bei dem Rom der letzten Zeit der Republik; und nirgends wohl
+auch ist der Kernsatz des Sklavenstaats, daß der reiche Mann, der von
+der Tätigkeit seiner Sklaven lebt, notwendig respektabel, der arme
+Mann, der von seiner Hände Arbeit lebt, notwendig gemein ist, mit so
+grauenvoller Sicherheit als der unwidersprechliche Grundgedanke des
+ganzen öffentlichen und privaten Verkehrs anerkannt worden ^21. Einen
+wirklichen Mittelstand in unserm Sinne gibt es nicht, wie es denn in
+keinem vollkommen entwickelten Sklavenstaat einen solchen geben kann;
+was gleichsam als guter Mittelstand erscheint und gewissermaßen auch es
+ist, sind diejenigen reichen Geschäftsmänner und Grundbesitzer, die so
+ungebildet oder auch so gebildet sind, um sich innerhalb der Sphäre
+ihrer Tätigkeit zu bescheiden und vom öffentlichen Leben sich
+fernzuhalten. Unter den Geschäftsmännern, wo die zahlreichen
+Freigelassenen und sonstigen emporgekommenen Leute in der Regel von dem
+Schwindel erfaßt wurden, den vornehmen Mann zu spielen, gab es solcher
+Verständigen nicht allzuviel: ein Musterbild dieser Gattung ist der in
+den Berichten aus dieser Zeit häufig erwähnte Titus Pomponius Atticus,
+der teils mit der großen Gutswirtschaft, welche er in Italien und in
+Epirus betrieb, teils mit seinen durch ganz Italien, Griechenland,
+Makedonien, Kleinasien sich verzweigenden Geldgeschäften ein ungeheures
+Vermögen gewann, dabei aber durchaus der einfache Geschäftsmann blieb,
+sich nicht verleiten ließ, um ein Amt zu werben oder auch nur
+Staatsgeldgeschäfte zu machen, und, dem geizigen Knausern ebenso fern
+wie dem wüsten und lästigen Luxus dieser Zeit - seine Tafel zum
+Beispiel ward mit 100 Sesterzen (7½ Talern) täglich bestritten -, sich
+genügen ließ an einer bequemen, die Anmut des Land- und des
+Stadtlebens, die Freuden des Verkehrs mit der besten Gesellschaft Roms
+und Griechenlands und jeden Genuß der Literatur und der Kunst sich
+aneignenden Existenz. Zahlreicher und tüchtiger waren die italischen
+Gutsbesitzer alten Schlages. Die gleichzeitige Literatur bewahrt in der
+Schilderung des Sextus Roscius, der bei den Proskriptionen 673 (81)
+mitermordet ward, das Bild eines solchen Landedelmanns (pater familias
+rusticanus); sein Vermögen, angeschlagen auf 6 Mill. Sesterzen (457000
+Taler), ist wesentlich angelegt in seinen dreizehn Landgütern; die
+Wirtschaft betreibt er selbst rationell und mit Leidenschaft; nach der
+Hauptstadt kommt er selten oder nie, und wenn er dort erscheint, so
+sticht er mit seinen ungehobelten Manieren nicht minder von dem feinen
+Senator ab wie die zahllosen Scharen seiner rauben Ackerknechte von dem
+zierlichen hauptstädtischen Bedientenschwarm. Mehr als die
+kosmopolitisch gebildeten Adelskreise und der überall und nirgends
+heimische Kaufmannsstand bewahrten diese Gutsbesitzer und die
+wesentlich durch dieselben gehaltenen “Ackerstädte” (municipia
+rusticana) sowohl die Zucht und Sitte der Väter als auch deren reine
+und edle Sprache. Der Gutsbesitzerstand gilt als der Kern der Nation;
+der Spekulant, der sein Vermögen gemacht hat und unter die Notabeln des
+Landes einzutreten wünscht, kauft sich an und sucht wenn nicht selbst
+Squire zu werden, doch wenigstens einen Sohn dazu zu erziehen. Den
+Spuren dieser Gutsbesitzerschaft begegnen wir, wo in der Politik eine
+volkstümliche Regung sich zeigt und wo die Literatur einen grünen Sproß
+treibt: aus ihr sog die patriotische Opposition gegen die neue
+Monarchie ihre beste Kraft; ihr gehören Varro, Lucretius, Catullus an;
+und vielleicht nirgends tritt die relative Frische dieser
+Gutsbesitzerexistenz charakteristischer hervor als in der anmutigen
+arpinatischen Einleitung zu dem zweiten Buche der Schrift Ciceros von
+den Gesetzen, einer grünen Oase in der fürchterlichen Öde dieses ebenso
+leeren wie voluminösen Skribenten.
+
+———————————————————————————-
+
+^21 Charakteristisch ist die folgende Auseinandersetzung in Ciceros
+‘Pflichtenlehre’ (off. 1, 42): “Darüber, welche Geschäfte und
+Erwerbszweige als anständig gelten können und welche als gemein,
+herrschen im allgemeinen folgende Vorstellungen. Bescholten sind
+zunächst die Erwerbszweige, wobei man den Haß des Publikums sich
+zuzieht, wie der der Zolleinnehmer, der der Geldverleiher. Unanständig
+und gemein ist auch das Geschäft der Lohnarbeiter, denen ihre
+körperliche, nicht ihre Geistesarbeit bezahlt wird; denn für diesen
+selben Lohn verkaufen sie gleichsam sich in die Sklaverei. Gemeine
+Leute sind auch die von dem Kaufmann zu sofortigem Verschleiß
+einkaufenden Trödler; denn sie kommen nicht fort, wenn sie nicht über
+alle Maßen lügen, und nichts ist minder ehrenhaft als der Schwindel.
+Auch die Handwerker treiben sämtlich gemeine Geschäfte; denn man kann
+nicht Gentleman sein in der Werkstatt. Am wenigsten ehrbar sind die
+Handwerker, die der Schlemmerei an die Hand gehen, zum Beispiel:
+‘Wurstmacher, Salzfischhändler, Koch, Geflügelverkäufer, Fischer’ mit
+Terenz (Eun. 2, 2, 26) zu reden; dazu noch etwa die Parfümerienhändler,
+die Tanzmeister und die ganze Sippschaft der Spielbuden. Diejenigen
+Erwerbszweige aber, welche entweder eine höhere Bildung voraussetzen
+oder einen nicht geringen Ertrag abwerfen, wie die Heilkunst, die
+Baukunst, der Unterricht in anständigen Gegenständen, sind anständig
+für diejenigen, deren Stande sie angemessen sind. Der Handel aber, wenn
+er Kleinhandel ist, ist gemein; der große Kaufmann freilich, der aus
+den verschiedensten Ländern eine Menge von Waren einführt und sie an
+eine Menge von Leuten ohne Schwindel absetzt, ist nicht gerade sehr zu
+schelten; ja wenn er, des Gewinstes satt oder vielmehr mit dem Gewinste
+zufrieden, wie oft zuvor vom Meere in den Hafen, so schließlich aus dem
+Hafen selbst zu Grundbesitz gelangt, so darf man wohl mit gutem Recht
+ihn loben. Aber unter allen Erwerbszweigen ist keiner besser, keiner
+ergiebiger, keiner erfreulicher, keiner dem freien Manne anständiger
+als der Grundbesitz.”
+
+Also der anständige Mann muß streng genommen Gutsbesitzer sein; das
+Kaufmannsgewerbe passiert ihm nur, insofern es Mittel zu diesem letzten
+Zweck ist, die Wissenschaft als Profession nur den Griechen und den
+nicht den herrschenden Ständen angehörigen Römern, welche damit sich in
+den vornehmen Kreisen allenfalls für ihre Person eine gewisse Duldung
+erkaufen dürfen. Es ist die vollkommen ausgebildete
+Plantagenbesitzeraristokratie, mit einer starken Schattierung von
+kaufmännischer Spekulation und einer leisen Nuance von allgemeiner
+Bildung.
+
+———————————————————————————-
+
+Aber die gebildete Kaufmannschaft und der tüchtige Gutsbesitzerstand
+wird weit überwuchert von den beiden tonangebenden Klassen der
+Gesellschaft: dem Bettelvolk und der eigentlichen vornehmen Welt. Wir
+haben keine statistischen Ziffern, um das relative Maß der Armut und
+des Reichtums für diese Epoche scharf zu bezeichnen; doch darf hier
+wohl wieder an die Äußerung erinnert werden, die etwa fünfzig Jahre
+früher ein römischer Staatsmann tat: daß die Zahl der Familien von
+festgegründetem Reichtum innerhalb der römischen Bürgerschaft nicht auf
+2000 sich belaufe. Die Bürgerschaft war seitdem eine andere geworden;
+aber daß das Mißverhältnis zwischen arm und reich sich wenigstens
+gleichgeblieben war, dafür sprechen deutliche Spuren. Die
+fortschreitende Verarmung der Menge offenbart sich nur zu grell in dem
+Zudrang zu den Getreidespenden und zur Anwerbung unter das Heer; die
+entsprechende Steigerung des Reichtums bezeugt ausdrücklich ein
+Schriftsteller dieser Generation, indem er, von den Verhältnissen der
+marianischen Zeit sprechend, ein Vermögen von 2 Mill. Sesterzen (152
+000 Taler) “nach damaligen Verhältnissen Reichtum” nennt; und ebendahin
+führen die Angaben, die wir über das Vermögen einzelner Individuen
+finden. Der schwerreiche Lucius Domitius Ahenobarbus verhieß
+zwanzigtausend Soldaten jedem vier Jugera Land aus eigenem Besitz; das
+Vermögen des Pompeius belief sich auf 70 Mill. Sesterzen (5300000
+Taler), das des Schauspielers Aesopus auf 20 (1520000 Taler); Marcus
+Crassus, der reichste der Reichen, besaß am Anfang seiner Laufbahn 7
+(530000 Taler), am Ausgang derselben nach Verspendung ungeheurer Summen
+an das Volk 170 Millionen Sesterzen (13 Mill. Taler). Die Folgen
+solcher Armut und solchen Reichtums waren nach beiden Seiten eine
+äußerlich verschiedene, aber wesentlich gleichartige ökonomische und
+sittliche Zerrüttung. Wenn der gemeine Mann einzig durch die
+Unterstützung aus Staatsmitteln vor dem Verhungern gerettet ward, so
+war es die notwendige Folge dieses Bettlerelends, die freilich
+wechselwirkend auch wieder als Ursache auftrat, daß er der
+Bettlerfaulheit und dem bettlerhaften Wohlleben sich ergab. Statt zu
+arbeiten, gaffte der römische Plebejer lieber im Theater; die Schenken
+und Bordelle hatten solchen Zuspruch, daß die Demagogen ihre Rechnung
+dabei fanden, vorwiegend die Besitzer derartiger Etablissements in ihr
+Interesse zu ziehen. Die Fechterspiele, die Offenbarung wie die Nahrung
+der ärgsten Demoralisation in der alten Welt, waren zu solcher Blüte
+gelangt, daß mit dem Verkauf der Programme derselben ein einträgliches
+Geschäft gemacht ward, und nahmen in dieser Zeit die entsetzliche
+Neuerung auf, daß über Leben und Tod des Besiegten nicht das
+Duellgesetz oder die Willkür des Siegers, sondern die Laune des
+zuschauenden Publikums entschied und nach dessen Wink der Sieger den
+daniederliegenden Besiegten entweder verschonte oder durchbohrte. Das
+Handwerk des Fechters war so im Preise gestiegen oder auch die Freiheit
+so im Preise gesunken, daß die Unerschrockenheit und der Wetteifer, die
+auf den Schlachtfeldern dieser Zeit vermißt wurden, in den Heeren der
+Arena allgemein waren und, wo das Duellgesetz es mit sich brachte,
+jeder Gladiator lautlos und ohne zu zucken sich durchbohren ließ, ja
+daß freie Männer nicht selten sich den Unternehmern für Kost und Lohn
+als Fechtknechte verkauften. Auch die Plebejer des fünften Jahrhunderts
+hatten gedarbt und gehungert, aber ihre Freiheit hatten sie nicht
+verkauft; und noch weniger würden die Rechtweiser jener Zeit sich dazu
+hergegeben haben, den ebenso sitten- wie rechtswidrigen Kontrakt eines
+solchen Fechtknechts, “sich unweigerlich fesseln, peitschen, brennen
+oder töten zu lassen, wenn die Gesetze der Anstalt dies mit sich
+bringen würden”, auf unfeinen juristischen Schleichwegen als statthaft
+und klagbar hinzustellen.
+
+In der vornehmen Welt kam nun dergleichen nicht vor; aber im Grunde war
+sie kaum anders, am wenigsten besser. Im Nichtstun nahm es der
+Aristokrat dreist mit dem Proletarier auf; wenn dieser auf dem Pflaster
+lungerte, dehnte jener sich bis in den hellen Tag hinein in den
+Feldern. Die Verschwendung regierte hier ebenso maß- wie geschmacklos.
+Sie warf sich auf die Politik wie auf das Theater, natürlich zu beider
+Verderben: man kaufte das Konsulamt um unglaublichen Preis - im Sommer
+700 (54) ward allein die erste Stimmabteilung mit 10 Mill. Sesterzen
+(760000 Talern) bezahlt - und verdarb durch den tollen Dekorationsluxus
+dem Gebildeten alle Freude am Bühnenspiel. Die Mietpreise scheinen in
+Rom durchschnittlich vierfach höher als in den Landstädten sich
+gestellt zu haben; ein Haus daselbst ward einmal für 15 Mill. Sesterzen
+(1150000 Taler) verkauft. Das Haus des Marcus Lepidus (Konsul 676 78),
+als Sulla starb, das schönste in Rom, war ein Menschenalter später noch
+nicht der hundertste in der Rangfolge der römischen Paläste. Des mit
+den Landhäusern getriebenen Schwindels ward bereits gedacht; wir
+finden, daß für ein solches, das hauptsächlich seines Fischteiches
+wegen geschätzt war, 4 Mill. Sesterzen (300000 Taler) bezahlt wurden;
+und der ganz vornehme Mann bedurfte jetzt schon wenigstens zweier
+Landhäuser, eines in den Sabiner- oder Albaner Bergen bei der
+Hauptstadt und eines zweiten in der Nähe der kampanischen Bäder, dazu
+noch womöglich eines Gartens unmittelbar vor den Toren Roms. Noch
+unsinniger als diese Villen- waren die Grabpaläste, von denen einzelne
+noch bis auf den heutigen Tag es bezeugen, welches himmelhohen
+Quaderhaufens der reiche Römer bedurfte, um standesmäßig gestorben zu
+sein. Die Pferde- und Hundeliebhaber fehlten auch nicht; für ein
+Luxuspferd waren 24000 Sesterzen (1830 Taler) ein nicht ungewöhnlicher
+Preis. Man raffinierte auf Möbel von feinem Holz - ein Tisch von
+afrikanischem Zypressenholz ward mit 1 Mill. Sesterzen (67000 Taler)
+bezahlt; auf Gewänder von Purpurstoffen oder durchsichtiger Gaze und
+daneben auch auf die zierlich vor dem Spiegel zurechtgelegten Falten -
+der Redner Hortensius soll einen Kollegen wegen Injurien belangt haben,
+weil er ihm im Gedränge den Rock zerknittert; auf Edelsteine und
+Perlen, die zuerst in dieser Zeit an die Stelle des alten, unendlich
+schöneren und kunstvolleren Goldschmucks traten: es war schon
+vollkommenes Barbarentum, wenn bei Pompeius’ Triumph über Mithradates
+das Bild des Siegers ganz von Perlen gearbeitet erschien und wenn man
+im Speisesaal die Sofas und die Etageren mit Silber beschlagen, ja das
+Küchengeschirr von Silber fertigen ließ. Gleicher Art ist es, wenn die
+Sammler dieser Zeit aus den alten Silberbechern die kunstvollen
+Medaillons herausbrachen um sie in goldene Gefäße wiedereinzusetzen.
+Auch der Reiseluxus ward nicht vermißt. “Wenn der Statthalter reiste”,
+erzählt Cicero von einem der sizilischen, “was natürlich im Winter
+nicht geschah, sondern erst mit Frühlingsanfang, nicht dem des
+Kalenders, sondern dem Anfang der Rosenzeit, so ließ er, wie es bei den
+Königen von Bithynien Brauch war, sich auf einer Achtträgersänfte
+befördern, sitzend auf Kissen von maltesischer Gaze und mit
+Rosenblättern gestopft, einen Kranz auf dem Kopf, einen zweiten um den
+Hals geschlungen, ein feines, leinenes, kleingetüpfeltes, mit Rosen
+angefülltes Riechsäckchen an die Nase haltend; und so ließ er bis vor
+sein Schlafzimmer sich tragen.” Aber keine Gattung des Luxus blühte so
+wie die roheste von allen, der Luxus der Tafel. Die ganze
+Villeneinrichtung und das ganze Villenleben lief schließlich hinaus auf
+das Dinieren; man hatte nicht bloß verschiedene Tafelzimmer für Winter
+und Sommer, sondern auch in der Bildergalerie, in der Obstkammer, im
+Vogelhaus wurde serviert oder auf einer im Wildpark aufgeschlagenen
+Estrade, um welche dann, wenn der bestellte “Orpheus” im Theaterkostüm
+erschien und Tusch blies, die dazu abgerichteten Rehe und Wildschweine
+sich drängten. So ward für Dekoration gesorgt, aber die Realität
+darüber durchaus nicht vergessen. Nicht bloß der Koch war ein
+graduierter Gastronom, sondern oft machte der Herr selbst den
+Lehrmeister seiner Köche. Längst war der Braten durch Seefische und
+Austern in den Schatten gestellt; jetzt waren die italischen Flußfische
+völlig von der guten Tafel verbannt und galten die italischen
+Delikatessen und die italischen Weine fast für gemein. Es wurden jetzt
+schon bei Volksfesten außer dem italischen Falerner drei Sorten
+ausländischen Weines - Sizilianer, Lesbier, Chier - verteilt, während
+ein Menschenalter zuvor es auch bei großen Schmäusen genügt hatte,
+einmal griechischen Wein herumzugeben; in dem Keller des Redners
+Hortensius fand sich ein Lager von 10000 Krügen (zu 33 Berliner Quart)
+fremden Weines. Es war kein Wunder, daß die italischen Weinbauer
+anfingen, über die Konkurrenz der griechischen Inselweine zu klagen.
+Kein Naturforscher kann eifriger die Länder und Meere nach neuen Tieren
+und Pflanzen durchsuchen, als es von den Eßkünstlern jener Zeit wegen
+neuer Küchenelegantien geschah ^22. Wenn dann der Gast, um den Folgen
+der ihm vorgesetzten Mannigfaltigkeiten zu entgehen, nach der Mahlzeit
+ein Vomitiv nahm, so fiel dies niemand mehr auf. Die Debauche aller Art
+ward so systematisch und so schwerfällig, daß sie ihre Professoren
+fand, die davon lebten, vornehmen Jünglingen theoretisch und praktisch
+als Lastermeister zu dienen. Es wird nicht nötig sein, bei diesem
+wüsten Gemälde eintönigster Mannigfaltigkeit noch länger zu verweilen;
+um so weniger, als ja auch auf diesem Gebiet die Römer nichts weniger
+als originell waren und sich darauf beschränkten, von dem
+hellenisch-orientalischen Luxus eine noch maß- und noch geistlosere
+Kopie zu liefern. Natürlich verschlingt Plutos seine Kinder so gut wie
+Kronos; die Konkurrenz um alle jene meist nichtigen Gegenstände
+vornehmer Begehrlichkeit trieb die Preise so in die Höhe, daß den mit
+dem Strome Schwimmenden in kurzer Zeit das kolossalste Vermögen zerrann
+und auch diejenigen, die nur Ehren halber das Notwendigste mitmachten,
+den ererbten und festgegründeten Wohlstand rasch sich unterhöhlen
+sahen. Die Bewerbung um das Konsulat zum Beispiel war die gewöhnliche
+Landstraße zum Ruin angesehener Häuser; und fast dasselbe gilt von den
+Spielen, den großen Bauten und all jenen andern, zwar lustigen, aber
+teuren Metiers. Der fürstliche Reichtum jener Zeit wird nur von der
+noch fürstlicheren Verschuldung überboten: Caesar schuldete um 692 (62)
+nach Abzug seiner Aktiva 25 Mill. Sesterzen (1900000 Taler), Marcus
+Antonius als Vierundzwanzigjähriger 6 Mill. Sesterzen (460000 Taler),
+vierzehn Jahre später 40 (3 Mill. Taler), Curio 60 (4½ Mill. Taler),
+Milo 70 Mill. (5½ Mill. Taler). Wie durchgängig jenes verschwenderische
+Leben und Treiben der vornehmen römischen Welt auf Kredit beruhte,
+davon zeugt die Tatsache, daß durch die Anleihen der verschiedenen
+Konkurrenten um das Konsulat einmal in Rom der Monatzins plötzlich von
+vier auf acht vom Hundert aufschlug. Die Insolvenz, statt rechtzeitig
+den Konkurs oder doch die Liquidation herbeizuführen und damit
+wenigstens wieder ein klares Verhältnis herzustellen, ward in der Regel
+von dem Schuldner, solange es irgend ging, verschleppt; statt seine
+Habe, namentlich seine Grundstücke zu verkaufen, fuhr er fort, zu
+borgen und den Scheinreichen weiter zu spielen, bis denn der Krach nur
+um so ärger kam und Konkurse ausbrachen wie zum Beispiel der des Milo,
+bei dem die Gläubiger etwas über vier vom Hundert der liquidierten
+Summen erhielten. Es gewann bei diesem rasend schnellen Umschlagen vom
+Reichtum zum Bankrott und diesem systematischen Schwindel natürlich
+niemand als der kühle Bankier, der es verstand, Kredit zu geben und zu
+verweigern. So kamen denn die Kreditverhältnisse fast auf demselben
+Punkte wieder an, wo sie in den schlimmsten Zeiten der sozialen Krise
+des fünften Jahrhunderts gestanden hatten: die nominellen
+Grundeigentümer waren gleichsam die Bittbesitzer ihrer Gläubiger, die
+Schuldner entweder ihren Gläubigern knechtisch untertan, so daß die
+geringeren von ihnen, gleich den Freigelassenen, in dem Gefolge
+derselben erschienen, die vornehmeren selbst im Senat nach dem Wink
+ihres Schuldherrn sprachen und stimmten, oder auch im Begriff, dem
+Eigentum selbst den Krieg zu erklären und ihre Gläubiger entweder durch
+Drohungen zu terrorisieren oder gar sich ihrer durch Komplott und
+Bürgerkrieg zu entledigen. Auf diesen Verhältnissen ruhte die Macht des
+Crassus; aus ihnen entsprangen die Aufläufe, deren Signal das “freie
+Folium” war, des Cinna und bestimmter noch des Catilina, des Caelius,
+des Dolabella, vollkommen gleichartig jenen Schlachten der Besitzenden
+und Nichtbesitzenden, die ein Jahrhundert zuvor die hellenische Welt
+bewegten. Daß bei so unterhöhlten ökonomischen Zuständen jede
+finanzielle oder politische Krise die entsetzlichste Verwirrung
+hervorrief, lag in der Natur der Dinge: es bedarf kaum gesagt zu
+werden, daß die gewöhnlichen Erscheinungen: das Verschwinden des
+Kapitals, die plötzliche Entwertung der Grundstücke, zahllose Bankrotte
+und eine fast allgemeine Insolvenz, ebenwie während des
+Bundesgenössischen und Mithradatischen, so auch jetzt während des
+Bürgerkrieges sich einstellten.
+
+—————————————————————————-
+
+^22 Wir haben noch (Macr. Sat. 3, 13) den Speisezettel derjenigen
+Mahlzeit, welche Lucius Lentulus Niger vor 691 (63) bei Antritt seines
+Pontifikats gab und an der die Pontifices - darunter Caesar -, die
+Vestalischen Jungfrauen und einige andere Priester und nah verwandte
+Damen Anteil nahmen. Vor der Mahlzeit kamen Meerigel; frische Austern
+soviel die Gäste wollten; Gienmuscheln; Lazarusklappen; Krammetsvögel
+mit Spargeln; gemästetes Huhn; Auster- und Muschelpastete; schwarze und
+weiße Meereicheln; noch einmal Lazarusklappen; Glykymarismuscheln;
+Nesselmuscheln; Feigenschnepfen; Rehrippen; Schweinsrippen; Geflügel in
+Mehl gebacken; Feigenschnepfen; Purpurmuscheln, zwei Sorten. Die
+Mahlzeit selbst bestand aus Schweinsbrust, Schweinskopf; Fischpastete;
+Schweinspastete; Enten; Kriechenten gekocht; Hasen; gebratenem
+Geflügel; Kraftmehlbackwerk; pontischem Backwerk.
+
+Das sind die Kollegienschmäuse, von denen Varro (rust. 3, 2, 16) sagt,
+daß sie die Preise aller Delikatessen in die Höhe trieben. Derselbe
+zählt in einer seiner Satiren als die namhaftesten ausländischen
+Delikatessen folgende auf: Pfauen von Samos; Haselhühner aus Phrygien;
+Kraniche von Melos; Zicklein von Ambrakia; Thunfische von Kalchedon;
+Muränen aus der Gaditanischen Meerenge; Edelfische (?) von Pessinus.
+Austern und Muscheln von Tarent; Störe (?) von Rhodos; Scarusfische (?)
+von Kilikien; Nüsse von Thasos; Datteln aus Ägypten; spanische Eicheln.
+
+—————————————————————————-
+
+Daß Sittlichkeit und Familienleben unter solchen Verhältnissen in allen
+Schichten der Gesellschaft zur Antiquität wurden, versteht sich von
+selbst. Es war nicht mehr der ärgste Schimpf und das schlimmste
+Verbrechen, arm zu sein, sondern das einzige: um Geld verkaufte der
+Staatsmann den Staat, der Bürger seine Freiheit; um Geld war die
+Offizierstelle wie die Kugel des Geschworenen feil; um Geld gab die
+vornehme Dame so gut sich preis wie die gemeine Dirne;
+Urkundenfälschung und Meineide waren so gemein geworden, daß bei einem
+Volkspoeten dieser Zeit der Eid “das Schuldenpflaster” heißt. Man hatte
+vergessen, was Ehrlichkeit war; wer eine Bestechung zurückwies, galt
+nicht für einen rechtschaffenen Mann, sondern für einen persönlichen
+Feind. Die Kriminalstatistik aller Zeiten und Länder wird schwerlich
+ein Seitenstück bieten zu einem Schaudergemälde so mannigfaltiger, so
+entsetzlicher und so widernatürlicher Verbrechen, wie es der Prozeß des
+Aulus Cluentius in dem Schoß einer der angesehensten Familien einer
+italischen Ackerstadt vor uns aufrollt.
+
+Wie aber im tiefen Grunde des Volkslebens der Schlamm immer giftiger
+und immer bodenloser sich sammelte, so legte sich um so viel glatter
+und gleißender über die Oberfläche der Firnis feiner Sitten und
+allgemeiner Freundschaft. Alle Welt besuchte sich einander, so daß in
+den vornehmen Häusern es schon nötig wird, die jeden Morgen zum Lever
+sich einstellenden Personen in einer gewissen, von dem Herrn oder
+gelegentlich auch dem Kammerdiener festgesetzten Reihenfolge
+vorzulassen, auch nur den namhafteren einzeln Audienz zu geben, die
+übrigen aber teils in Gruppen, teils schließlich in Masse abzufertigen,
+mit welcher Scheidung Gaius Gracchus, auch hierin der Pfadfinder der
+neuen Monarchie, vorangegangen sein soll. Eine ebenso große Ausdehnung
+wie die Höflichkeitsbesuche hat auch der Höflichkeitsbriefwechsel
+gewonnen; zwischen Personen, die weder ein persönliches Verhältnis noch
+Geschäfte miteinander haben, fliegen dennoch die “freundschaftlichen”
+Briefe über Land und Meer, und umgekehrt kommen eigentliche und
+förmliche Geschäftsbriefe fast nur da noch vor, wo das Schreiben an
+eine Korporation gerichtet ist. In der gleichen Weise werden die
+Einladungen zur Tafel, die üblichen Neujahrsgeschenke, die häuslichen
+Feste ihrem Wesen entfremdet und fast in öffentliche Festlichkeiten
+verwandelt; ja, der Tod selbst befreit nicht von diesen Rücksichten auf
+die unzähligen “Nächsten”, sondern, um anständig gestorben zu sein, muß
+der Römer jeden derselben wenigstens mit einem Andenken bedacht haben.
+Ebenwie in gewissen Kreisen unserer Börsenwelt war der eigentliche
+innige häusliche und hausfreundliche Zusammenhang dem damaligen Rom so
+vollständig abhanden gekommen, daß mit den inhaltlos gewordenen Formen
+und Floskeln desselben der gesamte Geschäfts- und Bekanntenverkehr sich
+staffieren und dann allmählich an die Stelle der wirklichen jenes
+Gespenst der “Freundschaft” treten konnte, welches unter den mancherlei
+über den Ächtungen und Bürgerkriegen dieser Zeit schwebenden
+Höllengeistern nicht den letzten Platz einnimmt.
+
+Ein ebenso charakteristischer Zug in dem schimmernden Verfall dieser
+Zeit ist die Emanzipation der Frauenwelt. ökonomisch hatten die Frauen
+längst sich selbständig gemacht; in der gegenwärtigen Epoche begegnen
+schon eigene Frauenanwälte, die einzelnstehenden reichen Damen bei
+ihrer Vermögensverwaltung und ihren Prozessen dienstbeflissen zur Hand
+gehen, durch Geschäfts- und Rechtskenntnis ihnen imponieren und damit
+reichlichere Trinkgelder und Erbschaftsquoten herausschlagen als andere
+Pflastertreter der Börse. Aber nicht bloß der ökonomischen
+Vormundschaft des Vaters oder des Mannes fühlten die Frauen sich
+entbunden. Liebeshändel aller Art waren beständig auf dem Tapet.
+Ballettänzerinnen (mimae) nahmen an Mannigfaltigkeit und Virtuosität
+ihrer Industrien mit den heutigen es vollkommen auf; ihre Primadonnen,
+die Cytheris und wie sie weiter heißen, beschmutzen selbst die Blätter
+der Geschichte. Indes ihrem gleichsam konzessionierten Gewerbe tat sehr
+wesentlichen Abbruch die freie Kunst der Damen der aristokratischen
+Kreise. Liaisons in den ersten Häusern waren so häufig geworden, daß
+nur ein ganz ausnehmendes Ärgernis sie zum Gegenstand besonderen
+Klatsches machen konnte; ein gerichtliches Einschreiten nun gar schien
+beinahe lächerlich. Ein Skandal ohnegleichen, wie ihn Publius Clodius
+693 (61) bei dem Weiberfest im Hause des Oberpontifex aufführte, obwohl
+tausendmal ärger als die Vorfälle, die noch fünfzig Jahre zuvor zu
+einer Reihe von Todesurteilen geführt hatten, ging fast ohne
+Untersuchung und ganz ohne Strafe hin. Die Badesaison - im April, wo
+die Staatsgeschäfte ruhten und die vornehme Welt in Baiae und Puteoli
+zusammenströmte - zog ihren Hauptreiz mit aus den erlaubten und
+unerlaubten Verhältnissen, die neben Musik und Gesang und eleganten
+Frühstücken im Nachen oder am Ufer die Gondelfahrten belebten. Hier
+herrschten die Damen unumschränkt; indes begnügten sie sich keineswegs
+mit dieser ihnen von Rechts wegen zustehenden Domäne, sondern sie
+machten auch Politik, erschienen in Parteizusammenkünften und
+beteiligten sich mit ihrem Geld und ihren Intrigen an dem wüsten
+Koterietreiben der Zeit. Wer diese Staatsmänninnen auf der Bühne
+Scipios und Catos agieren sah und daneben den jungen Elegant, wie er
+mit glattem Kinn, feiner Stimme und trippelndem Gang, mit Kopf- und
+Busentüchern, Manschettenhemden und Frauensandalen das lockere Dirnchen
+kopierte, dem mochte wohl grauen vor der unnatürlichen Welt, in der die
+Geschlechter die Rollen schienen wechseln zu wollen. Wie man in den
+Kreisen dieser Aristokratie über Ehescheidung dachte, läßt das
+Verfahren ihres besten und sittlichsten Mannes Marcus Cato erkennen,
+der auf Bitten eines heiratslustigen Freundes von seiner Frau sich zu
+scheiden, keinen Anstand nahm und ebensowenig daran, nach dem Tode
+dieses Freundes dieselbe Frau zum zweitenmal zu heiraten. Ehe- und
+Kinderlosigkeit griffen vornehmlich in den höheren Ständen immer weiter
+um sich. Wenn unter diesen die Ehe längst als eine Last galt, die man
+höchstens im öffentlichen Interesse über sich nahm, so begegnen wir
+jetzt schon auch bei Cato und Catos Gesinnungsgenossen der Maxime, aus
+der ein Jahrhundert zuvor Polybios den Verfall von Hellas ableitete:
+daß es Bürgerpflicht sei, die großen Vermögen zusammenzuhalten und
+darum nicht zu viel Kinder zu zeugen. Wo waren die Zeiten, als die
+Benennung “Kinderzeuger” (proletarius) für den Römer ein Ehrenname
+gewesen war!
+
+Infolge dieser sozialen Zustände schwand der latinische Stamm in
+Italien in erschreckender Weise zusammen und legte sich über die
+schönen Landschaften teils die parasitische Einwanderung, teils die
+reine Öde. Ein ansehnlicher Teil der Bevölkerung Italiens strömte in
+das Ausland. Schon die Summe von Kapazitäten und Arbeitskräften, welche
+die Lieferung von italischen Beamten und italischen Besatzungen für das
+gesamte Mittelmeergebiet in Anspruch nahm, überstieg die Kräfte der
+Halbinsel, zumal da die also in die Fremde gesandten Elemente zum
+großen Teil der Nation für immer verloren gingen. Denn je mehr die
+römische Gemeinde zu einem viele Nationen umfassenden Reiche erwuchs,
+desto mehr entwöhnte sich die regierende Aristokratie, Italien als ihre
+ausschließliche Heimat zu betrachten; von der zum Dienst ausgehobenen
+oder angeworbenen Mannschaft aber ging ein ansehnlicher Teil in den
+vielen Kriegen, namentlich in dem blutigen Bürgerkriege zugrunde, und
+ein anderer ward durch die lange, zuweilen auf ein Menschenalter sich
+erstreckende Dienstzeit der Heimat völlig entfremdet. In gleicher Weise
+wie der öffentliche Dienst hielt die Spekulation einen Teil der
+Grundbesitzer- und fast die ganze Kaufmannschaft wenn nicht auf
+zeitlebens, doch auf lange Zeit außer Landes fest und entwöhnte
+namentlich die letztere in dem demoralisierenden Handelsreiseleben
+überhaupt der bürgerlichen Existenz im Mutterlande und der vielfach
+bedingten innerhalb der Familie. Als Ersatz dafür erhielt Italien teils
+das Sklaven- und Freigelassenenproletariat, teils die aus Kleinasien,
+Syrien und Ägypten einströmenden Handwerker und Händler, die
+vornehmlich in der Hauptstadt und mehr noch in den Hafenstädten Ostia,
+Puteoli, Brundisium wucherten. Aber in dem größten und wichtigsten Teil
+Italiens trat nicht einmal ein solcher Ersatz der reinen Elemente durch
+unreine ein, sondern schwand die Bevölkerung sichtlich hin. Vor allem
+galt dies von den Weidelandschaften, wie denn das gelobte Land der
+Viehzucht, Apulien, von Gleichzeitigen der menschenleerste Teil
+Italiens genannt wird, und von der Umgegend Roms, wo die Campagna unter
+der steten Wechselwirkung des zurückgehenden Ackerbaues und der
+zunehmenden bösen Luft jährlich mehr verödete. Labici, Gabii, Bovillae,
+einst freundliche Landstädtchen, waren so verfallen, daß es schwer
+hielt, Vertreter derselben für die Zeremonie des Latinerfestes
+aufzutreiben. Tusculum, obwohl immer noch eine der angesehensten
+Gemeinden Latiums, bestand fast nur noch aus einigen vornehmen
+Familien, die in der Hauptstadt lebten, aber ihr tusculanisches
+Heimatrecht festhielten, und stand an Zahl der stimmfähigen Bürger weit
+zurück selbst hinter kleinen Gemeinden des inneren Italiens. Der Stamm
+der waffenfähigen Mannschaft war in diesem Landstrich, auf dem einst
+Roms Wehrhaftigkeit wesentlich beruht hatte, so vollständig
+ausgegangen, daß man die im Vergleich mit den gegenwärtigen
+Verhältnissen fabelhaft klingenden Berichte der Chronik von den Äquer-
+und Volskerkriegen mit Staunen und vielleicht mit Grauen las. Nicht
+überall war es so arg, namentlich nicht in den übrigen Teilen
+Mittelitaliens und in Kampanien: aber dennoch “standen”, wie Varro
+klagt, durchgängig einst menschenreiche Städte verödet.
+
+Es ist ein grauenvolles Bild, dies Bild Italiens unter dem Regiment der
+Oligarchie. Zwischen der Welt der Bettler und der Welt der Reichen ist
+der verhängnisvolle Gegensatz durch nichts vermittelt oder gemildert.
+Je deutlicher und peinlicher er auf beiden Seiten empfunden ward, je
+schwindelnd höher der Reichtum stieg, je tiefer der Abgrund der Armut
+gähnte, desto häufiger ward in dieser wechselvollen Welt der
+Spekulation und des Glücksspiels der einzelne aus der Tiefe in die Höhe
+und wieder aus der Höhe in die Tiefe geschleudert. Je weiter äußerlich
+die beiden Welten auseinanderklafften, desto vollständiger begegneten
+sie sich in der gleichen Vernichtung des Familienlebens, das doch aller
+Nationalität Keim und Kern ist, in der gleichen Faulheit und Üppigkeit,
+der gleichen bodenlosen Ökonomie, der gleichen unmännlichen
+Abhängigkeit, der gleichen, nur im Tarif unterschiedenen Korruption,
+der gleichen Verbrecherentsittlichung, dem gleichen Gelüsten, mit dem
+Eigentum den Krieg zu beginnen. Reichtum und Elend im innigen Bunde
+treiben die Italiker aus Italien aus und füllen die Halbinsel halb mit
+Sklavengewimmel, halb mit schauerlicher Stille. Es ist ein grauenvolles
+Bild, aber kein eigentümliches; überall, wo das Kapitalistenregiment im
+Sklavenstaat sich vollständig entwickelt, hat es Gottes schöne Welt in
+gleicher Weise verwüstet. Wie die Ströme in verschiedenen Farben
+spiegeln, die Kloake aber überall sich gleich sieht, so gleicht auch
+das Italien der ciceronischen Epoche wesentlich dem Hellas des Polybios
+und bestimmter noch dem Karthago der hannibalischen Zeit, wo in ganz
+ähnlicher Weise das allmächtig regierende Kapital den Mittelstand
+zugrunde gerichtet, den Handel und die Gutswirtschaft zur höchsten
+Blüte gesteigert und schließlich eine gleißend übertünchte sittliche
+und politische Verwesung der Nation herbeigeführt hatte. Alles, was in
+der heutigen Welt das Kapital an argen Sünden gegen Nation und
+Zivilisation begangen hat, bleibt so tief unter den Greueln der alten
+Kapitalistenstaaten, wie der freie Mann, sei er auch noch so arm, über
+dem Sklaven bleibt; und erst wenn Nordamerikas Drachensaat reift, wird
+die Welt wieder ähnliche Früchte zu ernten haben.
+
+Diese Leiden, an denen die italische Volkswirtschaft daniederlag, waren
+ihrem tiefsten Kerne nach unheilbar, und was daran noch geheilt werden
+konnte, mußte wesentlich das Volk und die Zeit bessern; denn auch die
+weiseste Regierung vermag so wenig wie der geschickteste Arzt, die
+verdorbenen Säfte des Organismus in frische zu verwandeln oder bei
+tieferliegenden Übeln mehr zu tun, als die Zufälligkeiten abzuwehren,
+die die Heilkraft der Natur in ihrem Wirken hindern. Eine solche Abwehr
+gewährte an sich schon die friedliche Energie des neuen Regiments,
+durch welche einige der ärgsten Auswüchse von selber wegfielen, wie zum
+Beispiel die künstliche Großziehung des Proletariats, die
+Straflosigkeit der Verbrechen, der Ämterkauf und anderes mehr. Allein
+etwas mehr konnte die Regierung doch tun als bloß nicht schaden. Caesar
+gehörte nicht zu den überklugen Leuten, die das Meer darum nicht
+eindämmen, weil der Springflut doch kein Deich zu trotzen vermag. Es
+ist besser, wenn die Nation und ihre Ökonomie von selbst die
+naturgemäße Bahn geht; aber da sie aus dieser ausgewichen war, so
+setzte Caesar alle seine Energie ein, um von oben herab die Nation in
+das heimatliche und Familienleben zurückzubringen und die Volksökonomie
+durch Gesetz und Dekret zu reformieren. Um der dauernden Abwesenheit
+der Italiker aus Italien zu steuern und die vornehme Welt und die
+Kaufmannschaft zur Gründung eigener Herde in der Heimat zu veranlassen,
+wurde nicht bloß die Dienstzeit der Soldaten verkürzt, sondern auch den
+Männern senatorischen Standes überhaupt untersagt, anders als in
+öffentlichen Geschäften ihren Aufenthalt außerhalb Italiens zunehmen,
+den übrigen Italikern in heiratsfähigem Alter (vom zwanzigsten bis zum
+vierzigsten Jahr) vorgeschrieben, nicht über drei Jahre hintereinander
+von Italien abwesend zu sein. In demselben Sinn hatte Caesar schon in
+seinem ersten Konsulat bei Gründung der Kolonie Capua die Väter
+mehrerer Kinder vorzugsweise bedacht und setzte nun als Imperator den
+Vätern zahlreicher Familien außerordentliche Belohnungen aus, während
+er zugleich als oberster Richter der Nation Scheidung und Ehebruch mit
+einem nach römischen Begriffen unerhörten Rigorismus behandelte. Er
+verschmähte es sogar nicht, ein detailliertes Luxusgesetz zu erlassen,
+das unter anderm die Bauverschwendung wenigstens in einem ihrer
+unsinnigsten Auswüchse, den Grabmonumenten, beschnitt, den Gebrauch von
+Purpurgewändern und Perlen auf gewisse Zeiten, Alters- und Rangklassen
+beschränkte und ihn erwachsenen Männern ganz untersagte, dem
+Tafelaufwand ein Maximum setzte und eine Anzahl Luxusgerichte geradezu
+verbot. Dergleichen Verordnungen waren freilich nicht neu; neu aber war
+es, daß der “Sittenmeister” ernstlich über deren Befolgung hielt, die
+Eßwarenmärkte durch bezahlte Aufpasser überwachte, ja, den vornehmen
+Herren durch seine Gerichtsdiener die Tafel revidieren und die
+verbotenen Schüsseln auf dieser selbst konfiszieren ließ. Durch solche
+theoretische und praktische Unterweisung in der Mäßigkeit, welche die
+neue monarchische Polizei der vornehmen Welt erteilte, konnte freilich
+kaum mehr erreicht werden, als daß der Luxus sich etwas mehr in die
+Verborgenheit zurückzog; allein wenn die Heuchelei die Huldigung ist,
+die das Laster der Tugend darbringt, so war unter den damaligen
+Verhältnissen selbst eine polizeilich hergestellte Scheinehrbarkeit ein
+nicht zu verachtender Fortschritt zum Bessern.
+
+Ernsterer Art waren und mehr Erfolg versprachen die Maßregeln Caesars
+zur besseren Regulierung der italischen Geld- und Bodenwirtschaft.
+Zunächst handelte es sich hier um transitorische Bestimmungen
+hinsichtlich des Geldmangels und der Schuldenkrise überhaupt. Das durch
+den Lärm über die zurückgehaltenen Kapitalien hervorgerufene Gesetz,
+daß niemand über 60000 Sesterzen (4600 Taler) an barem Gold und Silber
+vorrätig haben dürfe, mag wohl nur erlassen sein, um den Zorn des
+blinden Publikums gegen die Wucherer zu beschwichtigen; die Form der
+Publikation, wobei fingiert ward, daß hiermit nur ein älteres, in
+Vergessenheit geratenes Gesetz wieder eingeschärft werde, zeigt es, daß
+Caesar dieser Verfügung sich schämte, und schwerlich wird von ihr
+wirklich Anwendung gemacht sein. Eine weit ernstere Frage war die
+Behandlung der schwebenden Forderungen, deren vollständigen Erlaß die
+Partei, die sich die seine nannte, von Caesar mit Ungestüm begehrte.
+Daß derselbe auf dieses Begehren so nicht einging, ward schon gesagt;
+indes wurden doch, und zwar schon im Jahre 705 (49), den Schuldnern
+zwei wichtige Zugeständnisse gemacht. Einmal wurden die rückständigen
+Zinsen niedergeschlagen ^23 und die gezahlten vom Kapital abgezogen.
+Zweitens ward der Gläubiger genötigt, die bewegliche und unbewegliche
+Habe des Schuldners an Zahlungs Statt nach demjenigen Taxwert
+anzunehmen, welchen die Sachen vor dem Bürgerkrieg und der durch
+denselben herbeigeführten allgemeinen Entwertung gehabt hatten. Die
+letztere Festsetzung war nicht unbillig; wenn der Gläubiger tatsächlich
+als der Eigentümer der Habe seines Schuldners bis zum Belauf der ihm
+geschuldeten Summe anzusehen war, so war es wohl gerechtfertigt, daß er
+an der allgemeinen Entwertung des Besitzes seinen Anteil mittrug.
+Dagegen die Annullierung der geleisteten oder ausstehenden
+Zinszahlungen, durch welche der Sache nach die Gläubiger außer den
+Zinsen selbst von dem, was sie zur Zeit der Erlassung des Gesetzes an
+Kapital zu fordern hatten, durchschnittlich 25 Prozent einbüßten, war
+in der Tat nichts anderes als eine teilweise Gewährung der von den
+Demokraten so ungestüm begehrten Kassation der aus Darlehen
+herrührenden Forderungen; und wie arg auch die Zinswucherer
+gewirtschaftet haben mochten, so ist es doch nicht möglich, damit die
+rückwirkende Vernichtung aller Zinsforderungen ohne Unterschied zu
+rechtfertigen. Um diese Agitation wenigstens zu begreifen, muß man sich
+erinnern, wie die demokratische Partei zu der Zinsfrage stand. Das
+gesetzliche Verbot, Zinsen zu nehmen, das die alte Plebejeropposition
+im Jahre 412 (342) erzwungen hatte, war zwar durch die mittels der
+Prätur den Zivilprozeß beherrschende Nobilität tatsächlich außer
+Anwendung gesetzt, aber doch formell seit jener Zeit in Gültigkeit
+geblieben; und die Demokraten des siebenten Jahrhunderts, die sich
+durchaus als die Fortsetzer jener alten ständisch-sozialen Bewegung
+betrachteten, hatten die Nichtigkeit der Zinszahlungen zu jeder Zeit
+behauptet, auch schon in den Wirren der marianischen Zeit dieselbe
+wenigstens vorübergehend praktisch geltend gemacht. Es ist nicht
+glaublich, daß Caesar die kruden Ansichten seiner Partei über die
+Zinsfrage teilte; wenn er in seinem Bericht über die
+Liquidationsangelegenheit der Verfügung über die Hingabe der Habe der
+Schuldner an Zahlungs Statt gedenkt, aber von der Kassation der Zinsen
+schweigt, so ist dies vielleicht ein stummer Selbstvorwurf. Allein wie
+jeder Parteiführer hing doch auch er von seiner Partei ab und konnte
+die traditionellen Sätze der Demokratie in der Zinsfrage nicht geradezu
+verleugnen; um so mehr, als er über diese Frage nicht als der
+allmächtige Sieger von Pharsalos, sondern schon vor seinem Abgang nach
+Epirus zu entscheiden hatte. Wenn er aber diesen Bruch in die
+Rechtsordnung und das Eigentum vielleicht mehr zuließ als bewirkte, so
+ist es sicher sein Verdienst, daß jenes ungeheuerliche Begehren der
+Kassation sämtlicher Darlehnsforderungen zurückgewiesen ward: und es
+darf wohl als eine Ehrenrettung für ihn angesehen werden, daß die
+Schuldner über das ihnen gemachte, nach ihrer Ansicht höchst
+ungenügende Zugeständnis noch weit ungehaltener waren als die
+verkürzten Gläubiger und unter Caelius und Dolabella jene törichten
+und, wie bereits früher erzählt, rasch vereitelten Versuche machten,
+das, was Caesar ihnen verweigert hatte, durch Krawall und Bürgerkrieg
+zu erzwingen.
+
+—————————————————————
+
+^23 Dieses ist zwar nicht überliefert, folgt aber notwendig aus der
+Gestattung, die durch Barzahlung oder Anweisung gezahlten Zinsen (si
+quid usurae nomine numeratum auf perscriptum fuisset: Suet. Caes. 42)
+als gesetzwidrig gezahlt an dem Kapital zu kürzen.
+
+—————————————————————
+
+Aber Caesar beschränkte sich nicht darauf, dem Schuldner für den
+Augenblick zu helfen, sondern er tat, was er als Gesetzgeber tun
+konnte, um die fürchterliche Allmacht des Kapitals auf die Dauer zu
+beugen. Vor allen Dingen ward der große Rechtssatz proklamiert, daß die
+Freiheit nicht ein dem Eigentum kommensurables Gut ist, sondern ein
+ewiges Menschenrecht, das der Staat nur dem Schuldigen, nicht dem
+Schuldner abzuerkennen das Recht hat. Es ist Caesar, der, vielleicht
+auch hier angeregt durch die humanere ägyptische und griechische,
+besonders die Solonische Gesetzgebung ^24, dieses den Satzungen der
+älteren Konkursordnung schnurstracks widersprechende Prinzip eingeführt
+hat in das gemeine Recht, wo es seit ihm unangefochten sich behauptet.
+Nach römischem Landrecht ward der zahlungsunfähige Schuldner Knecht
+seines Gläubigers. Das Poetelische Gesetz hatte zwar dem nur durch
+Verlegenheiten, nicht durch wahre Überschuldung augenblicklich
+zahlungsunfähig Gewordenen verstattet, durch Abtretung seiner Habe die
+persönliche Freiheit zu retten; für den wirklich Überschuldeten jedoch
+war jener Rechtssatz wohl in Nebenpunkten gemildert, aber in der
+Hauptsache durch ein halbes Jahrtausend unverändert festgehalten
+worden; ein zunächst auf das Vermögen gerichteter Konkurs kam nur
+ausnahmsweise vor dann, wenn der Schuldner tot oder seines Bürgerrechts
+verlustig gegangen oder nicht aufzufinden war. Erst Caesar gab dem
+überschuldeten Manne das Recht, worauf noch unsere heutigen
+Konkursordnungen beruhen: durch förmliche Abtretung der Habe an die
+Gläubiger, mochte sie zu ihrer Befriedigung ausreichen oder nicht,
+allemal seine persönliche Freiheit, wenn auch mit geschmälerten Ehren-
+und politischen Rechten, zu erretten und eine neue Vermögensexistenz zu
+beginnen, in der er wegen der aus der älteren Zeit herrührenden und im
+Konkurs nicht gedeckten Forderungen nur dann eingeklagt werden durfte,
+wenn er sie bezahlen konnte, ohne wiederum sich ökonomisch zu
+ruinieren. Wenn also dem großen Demokraten die unvergängliche Ehre
+zuteil ward, die persönliche Freiheit prinzipiell vom Kapital zu
+emanzipieren, so versuchte er ferner, die Übermacht des Kapitals durch
+Wuchergesetze auch polizeilich einzudämmen. Die demokratische
+Antipathie gegen die Zinsverträge verleugnete auch er nicht. Für den
+italischen Geldverkehr wurde eine Maximalsumme der dem einzelnen
+Kapitalisten zu gestattenden Zinsdarlehen festgestellt, welche sich
+nach dem einem jeden zuständigen italischen Grundbesitz gerichtet zu
+haben scheint und vielleicht die Hälfte des Wertes desselben betrug.
+Übertretungen dieser Bestimmung wurden, nach Art des in den
+republikanischen Wuchergesetzen vorgeschriebenen Verfahrens, als
+Kriminalvergehen behandelt und vor eine eigene Geschworenenkommission
+gewiesen. Wenn es gelang, diese Vorschriften praktisch durchzuführen,
+so wurde jeder italische Geschäftsmann dadurch genötigt, vor allem
+zugleich auch italischer Grundbesitzer zu werden, und die Klasse der
+bloß von ihren Zinsen zehrenden Kapitalisten verschwand in Italien
+gänzlich. Mittelbar wurde damit auch die nicht minder schädliche
+Kategorie der überschuldeten und der Sache nach nur für ihre Gläubiger
+das Gut verwaltenden Grundeigentümer wesentlich beschränkt, indem die
+Gläubiger, wenn sie ihr Zinsgeschäft fortführen wollten, gezwungen
+wurden, selber sich anzukaufen. Schon hierin übrigens liegt es, daß
+Caesar keineswegs jenes naive Zinsverbot der alten Popularpartei
+einfach erneuern, sondern vielmehr das Zinsnehmen innerhalb gewisser
+Grenzen gestatten wollte. Sehr wahrscheinlich aber hat er dabei sich
+nicht auf jene bloß für Italien gültige Anordnung eines Maximalsatzes
+der auszuleihenden Summen beschränkt, sondern auch, namentlich mit
+Rücksicht auf die Provinzen, für die Zinsen selbst Maximalsätze
+vorgeschrieben. Die Verfügungen, daß es unstatthaft sei, höhere Zinsen
+als eins vom Hundert monatlich oder von rückständigen Zinsen wieder
+Zinsen zu nehmen oder endlich an rückständigen Zinsen mehr als eine dem
+Kapital gleichkommende Summe gerichtlich geltend zu machen, wurden,
+wahrscheinlich ebenfalls nach griechisch-ägyptischem Muster ^25, im
+Römischen Reiche zuerst von Lucius Lucullus für Kleinasien aufgestellt
+und daselbst von seinen besseren Nachfolgern beibehalten, sodann bald
+auch auf andere Provinzen durch Statthalterverordnungen übertragen und
+endlich wenigstens ein Teil derselben durch einen Beschluß des
+römischen Senats vom Jahre 704 (50) mit Gesetzeskraft in allen
+Provinzen versehen. Wenn diese Lucullischen Verfügungen späterhin in
+ihrem vollen Umfang als Reichsgesetz erscheinen und durchaus die
+Grundlage der römischen, ja der heutigen Zinsgesetzgebung geworden
+sind, so darf auch dies vielleicht auf eine Bestimmung Caesars
+zurückgeführt werden.
+
+————————————————————————-
+
+^24 Die ägyptischen Königsgesetze (Diod. 1, 79) und ebenso das
+Solonische Recht (Plut. Sol. 13, 15) untersagten die Schuldbriefe,
+worin auf die Nichtzahlung der Verlust der persönlichen Freiheit des
+Schuldners gesetzt war; und wenigstens das letztere legte auch im Falle
+des Konkurses dem Schuldner nicht mehr auf als die Abtretung seiner
+sämtlichen Aktiva.
+
+^25 Wenigstens der letztere Satz kehrt wieder in den alten ägyptischen
+Königsgesetzen (Diod. 1, 79). Dagegen kennt das Solonische Recht keine
+Zinsbeschränkungen, erlaubt vielmehr ausdrücklich, Zinsen von jeder
+beliebigen Höhe auszumachen.
+
+————————————————————————-
+
+Hand in Hand mit diesen Bestrebungen, der Kapitalübermacht zu wehren,
+gingen die Bemühungen, die Bodenwirtschaft in diejenige Bahn
+zurückzuleiten, die dem Gemeinwesen die förderlichste war. Sehr
+wesentlich war hierfür schon die Verbesserung der Rechtspflege und der
+Polizei. Wenn bisher niemand in Italien seines Lebens und seines
+beweglichen oder unbeweglichen Eigentums sicher gewesen war, wenn zum
+Beispiel die römischen Bandenführer in den Zwischenzeiten, wo ihre
+Leute nicht in der Hauptstadt Politik machen halfen, in den Wäldern
+Etruriens dem Raube obgelegen oder auch die Landgüter ihrer Soldherren
+durch Eroberungen arrondiert hatten, so hatte dergleichen Faustrecht
+nunmehr ein Ende; und vor allem die ackerbauende Bevölkerung aller
+Klassen mußte davon die wohltätigen Folgen empfinden. Auch Caesars
+Baupläne, die sich durchaus nicht auf die Hauptstadt beschränkten,
+waren bestimmt, hier einzugreifen; so sollte zum Beispiel die Anlegung
+einer bequemen Fahrstraße von Rom durch die Apenninenpässe zum
+Adriatischen Meer den italischen Binnenverkehr beleben, die
+Niedrigerlegung des Fuciner Sees der marsischen Bauernschaft zugute
+kommen. Allein auch unmittelbar griff Caesar in die wirtschaftlichen
+Zustände Italiens ein. Den italischen Viehzüchtern wurde auferlegt,
+wenigstens den dritten Teil ihrer Hirten aus freigeborenen, erwachsenen
+Leuten zu nehmen, wodurch zugleich dem Banditenwesen gesteuert und dem
+freien Proletariat eine Erwerbsquelle geöffnet ward. In der agrarischen
+Frage ging Caesar, der bereits in seinem ersten Konsulat in die Lage
+gekommen war, sie zu regulieren, verständiger als Tiberius Gracchus,
+nicht darauf aus, die Bauernwirtschaft wiederherzustellen um jeden
+Preis, selbst um den einer unter juristischen Klauseln versteckten
+Revolution gegen das Eigentum; ihm wie jedem andern echten Staatsmann
+galt vielmehr als die erste und unverbrüchlichste aller politischen
+Maximen die Sicherheit dessen, was Eigentum ist oder doch im Publikum
+als Eigentum gilt, und nur innerhalb der hierdurch gezogenen Schranken
+suchte er die Hebung des italischen Kleinbesitzes, die auch ihm als
+eine Lebensfrage der Nation erschien, zu bewerkstelligen. Es ließ auch
+so noch viel in dieser Beziehung sich tun. Jedes Privatrecht, mochte es
+Eigentum oder titulierter Erbbesitz heißen, auf Gracchus oder auf Sulla
+zurückgehen, ward unbedingt von ihm respektiert. Dagegen das sämtliche
+wirkliche Domanialland in Italien, mit Einschluß eines ansehnlichen
+Teils der in den Händen geistlicher Innungen befindlichen, rechtlich
+dem Staate zuständigen Liegenschaften, wurde von Caesar, nachdem er in
+seiner streng sparsamen, auch im kleinen keine Verschleuderung und
+Vernachlässigung duldenden Weise durch die wiedererweckte
+Zwanzigerkommission eine allgemeine Revision der italischen Besitztitel
+veranstaltet hatte, zur Verteilung in gracchanischer Weise bestimmt,
+natürlich soweit es sich zum Ackerbau eignete - die dem Staate
+gehörigen apulischen Sommer- und samnitischen Winterweiden blieben auch
+ferner Domäne; und es war wenigstens die Absicht des Imperators, wenn
+diese Domänen nicht ausreichen würden, das weiter erforderliche Land
+durch Ankauf italischer Grundstücke aus der Staatskasse zu beschaffen.
+Bei der Auswahl der neuen Bauern wurden natürlich vor allen die
+gedienten Soldaten berücksichtigt und soweit möglich die Last, welche
+die Aushebung für das Mutterland war, dadurch in eine Wohltat
+umgewandelt, daß Caesar den als Rekruten ausgehobenen Proletarier ihm
+als Bauer zurückgab; bemerkenswert ist es auch, daß die verödeten
+latinischen Gemeinden, wie zum Beispiel Veii und Capena, vorzugsweise
+mit neuen Kolonisten bedacht worden zu sein scheinen. Die Vorschrift
+Caesars, daß die neuen Eigentümer erst nach zwanzig Jahren befugt sein
+sollten, die empfangenen Ländereien zu veräußern, war ein glücklicher
+Mittelweg zwischen der völligen Freigebung des Veräußerungsrechts, die
+den größten Teil des verteilten Landes rasch wieder in die Hände der
+großen Kapitalisten zurückgeführt haben würde, und den bleibenden
+Beschränkungen der Verkehrsfreiheit, wie sie Tiberius Gracchus und
+Sulla, beide gleich vergeblich, verfügt hatten.
+
+Wenn also die Regierung energisch dazu tat, die kranken Elemente des
+italischen Volkslebens zu entfernen und die gesunden zu stärken, so
+sollte endlich das neu regulierte Munizipalwesen, nachdem sich dasselbe
+erst jüngst aus der Krise des Bundesgenossenkriegs in und neben dem
+Staatswesen entwickelt hatte, der neuen absoluten Monarchie das mit ihr
+verträgliche Gemeindeleben mitteilen und die stockende Zirkulation der
+edelsten Elemente des öffentlichen Lebens wieder zu rascheren
+Pulsschlägen erwecken. Als leitender Grundsatz in den beiden im Jahre
+705 (49) für das Cisalpinische Gallien, im Jahre 709 (45) für Italien
+erlassenen Gemeindeordnungen ^26, von denen namentlich die letztere für
+die ganze Folgezeit Grundgesetz blieb, erscheint teils die strenge
+Reinigung der städtischen Kollegien von allen unsittlichen Elementen,
+während von politischer Polizei darin keine Spur vorkommt, teils die
+möglichste Beschränkung des Zentralisierens und die möglichst freie
+Bewegung der Gemeinden, denen auch jetzt noch die Wahl der Beamten und
+eine wenngleich beschränkte Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit
+verblieb. Die allgemeinen polizeilichen Bestimmungen, zum Beispiel die
+Beschränkungen des Assoziationsrechts, griffen freilich auch hier
+Platz.
+
+———————————————————————
+
+^26 Von beiden Gesetzen sind beträchtliche Bruchstücke noch vorhanden.
+
+———————————————————————
+
+Dies sind die Ordnungen, durch die Caesar versuchte, die italische
+Volkswirtschaft zu reformieren. Es ist leicht, sowohl ihre
+Unzulänglichkeit darzutun, indem auch sie noch eine Menge von
+Übelständen bestehen ließen, als auch nachzuweisen, daß sie vielfach
+schädlich wirkten, indem sie die Verkehrsfreiheit zum Teil sehr
+empfindlich beschränkten. Es ist noch leichter nachzuweisen, daß die
+Schäden der italischen Volkswirtschaft überhaupt unheilbarer Art waren.
+Aber trotzdem wird der praktische Staatsmann das Werk wie den Meister
+bewundern. Es war schon etwas, daß da, wo ein Mann wie Sulla, an
+Abhilfe verzweifelnd, mit einer bloß formalen Reorganisation sich
+begnügt hatte, das Übel an seinem eigentlichen Sitze angefaßt und hier
+mit ihm gerungen ward; und wir dürfen wohl urteilen, daß Caesar mit
+seinen Reformen dem Maße des Möglichen so nahe kam, als zu kommen dem
+Staatsmann und dem Römer gegeben war. Die Verjüngung Italiens hat auch
+er von ihnen nicht erwarten können noch erwartet, sondern diese
+vielmehr auf einem sehr verschiedenen Wege zu erreichen gesucht, den
+darzulegen es nötig wird, zunächst die Lage der Provinzen, wie Caesar
+sie vorfand, ins Auge zu fassen.
+
+Die Provinzen, welche Caesar vorfand, waren vierzehn an der Zahl;
+sieben europäische: das Jenseitige und das Diesseitige Spanien; das
+Transalpinische Gallien; das Italische Gallien mit Illyricum;
+Makedonien mit Griechenland; Sizilien; Sardinien mit Korsika; fünf
+asiatische: Asia; Bithynien und Pontus; Kilikien mit Kypros; Syrien;
+Kreta; und zwei afrikanische: Kyrene und Afrika; wozu Caesar durch die
+Einrichtung der beiden neuen Statthalterschaften des Lugdunensischen
+Galliens und Belgiens und durch Konstituierung Illyricums als einer
+eigenen Provinz noch drei neue Sprengel hinzufügte ^27.
+
+—————————————————————
+
+^27 Da nach Caesars Ordnung jährlich sechzehn Proprätoren und zwei
+Prokonsuln in die Statthalterschaften sich teilten und die letzteren
+zwei Jahre im Amt blieben, so möchte man schließen daß er die Zahl der
+Provinzen insgesamt auf zwanzig zu bringen beabsichtigte. Zu einer
+Gewißheit ist indes hier um so weniger zu gelangen, als Caesar
+vielleicht absichtlich weniger Ämter einrichtete als Kandidaturen.
+
+—————————————————————
+
+In dem Regiment über diese Provinzen war die oligarchische
+Mißwirtschaft auf einem Punkte angekommen, wie ihn wenigstens im
+Okzident, trotz mancher achtbarer Leistungen in diesem Fach, keine
+zweite Regierung jemals erreicht hat und wo nach unserer Fassungskraft
+eine Steigerung nicht mehr möglich scheint. Allerdings traf die
+Verantwortung hierfür die Römer nicht allein. Fast überall hatte
+bereits vor ihnen das griechische, phönikische oder asiatische Regiment
+den Völkern den höheren Sinn und das Rechts- und Freiheitsgefühl
+besserer Zeiten ausgetrieben. Es war wohl arg, daß jeder angeschuldigte
+Provinziale auf Verlangen in Rom persönlich zur Verantwortung sich zu
+stellen verpflichtet war; daß der römische Statthalter beliebig in die
+Rechtspflege und in die Verwaltung der abhängigen Gemeinden eingriff,
+Bluturteile fällte und Verhandlungen des Gemeinderats kassierte; daß er
+im Kriegsfall mit den Milizen nach Gutdünken und oft in schandbarer
+Weise schaltete, wie zum Beispiel Cotta bei der Belagerung des
+pontischen Herakleia der Miliz alle gefährlichen Posten anwies, um
+seine Italiker zu schonen, und, da die Belagerung nicht nach Wunsch
+ging, seinen Werkmeistern den Kopf vor die Füße zu legen befahl. Es war
+wohl arg, daß keine Vorschrift der Sittlichkeit oder des Strafrechts
+weder die römischen Vögte noch ihr Gefolge band und daß
+Vergewaltigungen, Schändungen und Ermordungen mit oder ohne Form
+Rechtens in den Provinzen alltägliche Auftritte waren. Allein es war
+dies wenigstens nichts Neues: fast überall war man sklavischer
+Behandlung längst gewohnt und es kam am Ende wenig darauf an, ob ein
+karthagischer Vogt, ein syrischer Satrap oder ein römischer Prokonsul
+den Lokaltyrannen spielte. Das materielle Wohlbefinden, ziemlich das
+einzige, wofür man in den Provinzen noch Sinn hatte, ward durch jene
+Vorgänge, die zwar bei den vielen Tyrannen viele, aber doch nur
+einzelne Individuen trafen, weit minder gestört als durch die auf allen
+zugleich lastende finanzielle Exploitierung, welche mit solcher Energie
+doch niemals noch aufgetreten war. Die Römer bewährten ihre alte
+Meisterschaft im Geldwesen jetzt auf diesem Gebiet in einer
+entsetzlichen Weise. Es ist früher versucht worden, das römische System
+der Provinzialbelastung in seinen bescheidenen und verständigen
+Grundlagen wie in seiner Steigerung und Verderbung darzustellen. Daß
+die letztere progressiv zunahm, versteht sich von selbst. Die
+ordentlichen Abgaben wurden weit drückender durch die Ungleichheit der
+Steuerverteilung und durch das verkehrte Hebesystem als durch ihre
+Höhe. Über die Einquartierungslast äußerten römische Staatsmänner
+selbst, daß eine Stadt ungefähr gleich viel leide, wenn der Feind sie
+erstürme und wenn ein römisches Heer Winterquartier in ihr nehme.
+Während die Besteuerung nach ihrem ursprünglichen Charakter die
+Vergütung für die von Rom übernommene Kriegslast gewesen war und die
+steuernde Gemeinde also ein Recht darauf hatte, vom ordentlichen Dienst
+verschont zu bleiben, wurde jetzt, wie zum Beispiel für Sardinien
+bezeugt ist, der Besatzungsdienst größtenteils den Provinzialen
+aufgebürdet und sogar in den ordentlichen Heeren außer anderen
+Leistungen die ganze schwere Last des Reiterdienstes auf sie abgewälzt.
+Die außerordentlichen Leistungen, wie zum Beispiel die Kornlieferungen
+gegen geringe oder gar keine Vergütung zum Besten des hauptstädtischen
+Proletariats, die häufigen und kostspieligen Flottenrüstungen und
+Strandverteidigungen, um der Piraterie zu steuern, die Aufgaben,
+Kunstwerke, wilde Bestien oder andere Bedürfnisse des wahnwitzigen
+römischen Theater- und Tierhetzenluxus herbeizuschaffen, die
+militärischen Requisitionen im Kriegsfall, waren ebenso häufig wie
+erdrückend und unberechenbar. Ein einzelnes Beispiel mag zeigen, wie
+weit die Dinge gingen. Während der dreijährigen Verwaltung Siziliens
+durch Gaius Verres sank die Zahl der Ackerwirte in Leontinoi von 84 auf
+32, in Motuka von 187 auf 86, in Herbita von 252 auf 120, in Agyrion
+von 250 auf 80; so daß in vier der fruchtbarsten Distrikte Siziliens
+von hundert Grundbesitzern 59 ihre Äcker lieber brach liegen ließen,
+als sie unter diesem Regiment bestellten. Und diese Ackerwirte waren,
+wie schon ihre geringe Zahl zeigt und auch ausdrücklich gesagt wird,
+keineswegs kleine Bauern, sondern ansehnliche Plantagenbesitzer und zum
+großen Teil römische Bürger!
+
+In den Klientelstaaten waren die Formen der Besteuerung etwas
+verschieden, aber die Lasten selbst womöglich noch ärger, da außer den
+Römern hier auch noch die einheimischen Höfe erpreßten. In Kappadokien
+und Ägypten war der Bauer wie der König bankrott und jener den
+Steuereinnehmer, dieser den römischen Gläubiger zu befriedigen
+außerstande. Dazu kamen denn die eigentlichen Erpressungen nicht bloß
+des Statthalters selbst, sondern auch seiner “Freunde”, von denen jeder
+gleichsam eine Anweisung auf den Statthalter zu haben meinte und ein
+Anrecht, durch ihn aus der Provinz als ein gemachter Mann
+zurückzukommen. Die römische Oligarchie glich in dieser Beziehung
+vollständig einer Räuberbande und betrieb das Plündern der Provinzialen
+berufs- und handwerksmäßig: ein tüchtiges Mitglied griff nicht allzu
+säuberlich zu, da man ja mit den Sachwaltern und den Geschworenen zu
+teilen hatte und je mehr, um desto sicherer stahl. Auch die Diebesehre
+war bereits entwickelt: der große Räuber sah auf den kleinen, dieser
+auf den bloßen Dieb geringschätzig herab; wer einmal wunderbarerweise
+verurteilt worden war, tat groß mit der hohen Ziffer der als erpreßt
+ihm nachgewiesenen Summen. So wirtschafteten in den Ämtern die
+Nachfolger jener Männer, die von ihrer Verwaltung nichts nach Hause zu
+bringen gewohnt gewesen als den Dank der Untertanen und den Beifall der
+Mitbürger.
+
+Aber womöglich noch ärger und noch weniger einer Kontrolle unterworfen
+hausten die italischen Geschäftsmänner unter den unglücklichen
+Provinzialen. Die einträglichsten Stücke des Grundbesitzes und das
+gesamte Handels- und Geldwesen in den Ämtern konzentrierten sich in
+ihren Händen. Die Güter in den überseeischen Gebieten, welche
+italischen Vornehmen gehörten, waren allem Elend der
+Verwalterwirtschaft ausgesetzt und sahen niemals ihren Herrn,
+ausgenommen etwa die Jagdparke, welche schon in dieser Zeit im
+Transalpinischen Gallien mit einem Flächeninhalt bis fast zu einer
+deutschen Quadratmeile vorkommen. Die Wucherei florierte wie nie zuvor.
+Die kleinen Landeigentümer in Illyricum, Asia, Ägypten wirtschafteten
+schon zu Varros Zeit größtenteils tatsächlich als Schuldknechte ihrer
+römischen oder nichtrömischen Gläubiger, ebenwie einst die Plebejer für
+ihre patrizischen Zinsherren. Es kam vor, daß Kapitalien selbst an
+Stadtgemeinden zu vier Prozent monatlich verborgt wurden. Es war etwas
+Gewöhnliches, daß ein energischer und einflußreicher Geschäftsmann zu
+besserer Betreibung seiner Geschäfte entweder vom Senat sich den
+Gesandten- ^28 oder auch vom Statthalter den Offizierstitel geben ließ
+und womöglich auch Mannschaft dazu; in beglaubigter Weise wird ein Fall
+erzählt, wo einer dieser ehrenwerten kriegerischen Bankiers wegen einer
+Forderung an die Stadt Salamis auf Kypros den Gemeinderat derselben im
+Rathaus so lange blockiert hielt, bis fünf der Ratsmitglieder Hungers
+gestorben waren.
+
+——————————————————————————-
+
+^28 Dies ist die sogenannte “freie Gesandtschaft” (libera legatio),
+nämlich eine Gesandtschaft ohne eigentliche öffentliche Aufträge.
+
+——————————————————————————-
+
+Zu dieser gedoppelten Pressung, von denen jede allein unerträglich war
+und deren Ineinandergreifen immer besser sich regulierte, kamen dann
+die allgemeinen Drangsale hinzu, von denen doch auch die römische
+Regierung die Schuld, zum großen Teil wenigstens mittelbar trug. In den
+vielfachen Kriegen wurden bald von den Barbaren, bald von den römischen
+Heeren große Kapitalien aus dem Lande weggeschleppt und größere
+verdorben. Bei der Nichtigkeit der römischen Land- und Seepolizei
+wimmelte es überall von Land- und Seeräubern. In Sardinien und im
+inneren Kleinasien war die Bandenwirtschaft endemisch; in Afrika und im
+Jenseitigen Spanien machte sie es nötig, alle außerhalb der städtischen
+Ringmauern angelegten Gebäude mit Mauern und Türmen zu befestigen. Das
+furchtbare Übel der Piraterie ward bereits in einem anderen
+Zusammenhang geschildert. Die Panazeen des Prohibitivsystems, mit denen
+der römische Statthalter dazwischenzufahren pflegte, wenn, wie das
+unter solchen Verhältnissen nicht fehlen konnte, Geldklemme oder
+Brotteuerung eintrat, die Verbote der Gold- und Getreideausfuhr aus der
+Provinz, machten denn auch die Sache nicht besser. Die
+Kommunalverhältnisse waren fast überall, außer durch den allgemeinen
+Notstand, auch noch durch lokale Wirren und Unterschleife der
+Gemeindebeamten zerrüttet. Wo solche Bedrängnisse nicht etwa
+vorübergehend, sondern Menschenalter hindurch auf den Gemeinden und den
+einzelnen mit unabwendbar stetigem, jährlich steigendem Drucke
+lasteten, mußte wohl der bestgeordnete öffentliche oder Privathaushalt
+ihnen erliegen und das unsäglichste Elend über alle Nationen vom Tajo
+bis zum Euphrat sich ausbreiten. “Alle Gemeinden”, heißt es in einer
+schon 684 (70) veröffentlichten Schrift “sind zugrunde gerichtet”;
+ebendasselbe wird für Spanien und das Narbonensische Gallien, also die
+verhältnismäßig ökonomisch noch am leidlichsten gestellten Provinzen,
+insbesondere bezeugt. In Kleinasien gar standen Städte wie Samos und
+Halikarnassos fast leer; der rechtliche Sklavenstand schien hier,
+verglichen mit den Peinigungen, denen der freie Provinziale unterlag,
+ein Hafen der Ruhe, und sogar der geduldige Asiate war, nach den
+Schilderungen römischer Staatsmänner selbst, des Lebens überdrüssig
+geworden. Wen zu ergründen gelüstet, wie tief der Mensch sinken kann,
+sowohl in dem frevelhaften Zufügen wie in dem nicht minder frevelhaften
+Ertragen alles denkbaren Unrechts, der mag aus den Kriminalakten dieser
+Zeit zusammenlesen, was römische Große zu tun, was Griechen, Syrer und
+Phöniker zu leiden vermochten. Selbst die eigenen Staatsmänner räumten
+öffentlich und ohne Umschweife ein, daß der römische Name durch ganz
+Griechenland und Asien unaussprechlich verhaßt sei; und wenn die Bürger
+des pontischen Herakleia einmal die römischen Zöllner sämtlich
+erschlugen, so war dabei nur zu bedauern, daß dergleichen nicht öfter
+geschah.
+
+Die Optimaten spotteten über den neuen Herrn, der seine “Meierhöfe”
+einen nach dem andern selbst zu besichtigen kam; in der Tat forderte
+der Zustand aller Provinzen den ganzen Ernst und die ganze Weisheit
+eines jener seltenen Männer, denen der Königsname es verdankt, daß er
+den Völkern nicht bloß gilt als leuchtendes Exempel menschlicher
+Unzulänglichkeit. Die geschlagenen Wunden mußte die Zeit heilen; daß
+sie es konnte und daß nicht ferner neue geschlagen wurden, dafür sorgte
+Caesar. Das Verwaltungswesen ward durchgreifend umgestaltet. Die
+Sullanischen Prokonsuln und Proprätoren waren in ihrem Sprengel
+wesentlich souverän und tatsächlich keiner Kontrolle unterworfen
+gewesen; die Caesarischen waren die wohl in Zucht gehaltenen Diener
+eines strengen Herrn, der schon durch die Einheit und die
+lebenslängliche Dauer seiner Macht zu den Untertanen ein natürlicheres
+und leidlicheres Verhältnis hatte als jene vielen, jährlich wechselnden
+kleinen Tyrannen. Die Statthalterschaften wurden zwar auch ferner unter
+die jährlich abtretenden zwei Konsuln und sechzehn Prätoren verteilt,
+aber dennoch, indem der Imperator acht von den letzteren geradezu
+ernannte und die Verteilung der Provinzen unter die Konkurrenten
+lediglich von ihm abhing, der Sache nach von dem Imperator vergeben.
+Auch die Kompetenz der Statthalter ward tatsächlich beschränkt. Es
+blieb ihnen die Leitung der Rechtspflege und die administrative
+Kontrolle der Gemeinden, aber ihr Kommando ward paralysiert durch das
+neue Oberkommando in Rom und dessen, dem Statthalter zur Seite
+gestellte Adjutanten, das Hebewesen wahrscheinlich schon jetzt, auch in
+den Provinzen wesentlich an kaiserliche Bediente übertragen, so daß der
+Statthalter fortan mit einem Hilfspersonal umringt war, welches
+entweder durch die Gesetze der militärischen Hierarchie oder durch die
+noch strengeren der häuslichen Zucht unbedingt von dem Imperator
+abhing. Wenn bisher der Prokonsul und sein Quästor erschienen waren
+gleichsam als die zur Einziehung der Brandschatzung abgesandten
+Mitglieder einer Räuberbande, so waren Caesars Beamte dazu da, um den
+Schwachen gegen den Starken zu beschützen; und an die Stelle der
+bisherigen, schlimmer als nichtigen Kontrolle der Ritter- oder
+senatorischen Gerichte trat für sie die Verantwortung vor einem
+gerechten und unnachsichtigen Monarchen. Das Gesetz über Erpressungen,
+dessen Bestimmungen Caesar schon in seinem ersten Konsulat verschärft
+hatte, wurde gegen die Oberkommandanten in den Ämtern von ihm mit
+unerbittlicher, selbst über den Buchstaben desselben hinausgehender
+Schärfe zur Anwendung gebracht; und die Steuerbeamten gar, wenn sie ja
+es wagten, sich eine Unrechtfertigkeit zu erlauben, büßten ihrem Herrn,
+wie Knechte und Freigelassene nach dem grausamen Hausrecht jener Zeit
+zu büßen pflegten. Die außerordentlichen öffentlichen Lasten wurden auf
+das richtige Maß und den wirklichen Notfall zurückgeführt, die
+ordentlichen wesentlich vermindert. Der durchgreifenden Regulierung des
+Steuerwesens ward bereits früher gedacht: die Ausdehnung der
+Steuerfreiheiten, die durchgängige Herabsetzung der direkten Abgaben,
+die Beschränkung des Zehntsystems auf Afrika und Sardinien, die
+vollständige Beseitigung der Mittelsmänner bei der Einziehung der
+direkten Abgaben waren für die Provinzialen segensreiche Reformen. Daß
+Caesar nach dem Beispiel eines seiner größten demokratischen Vorgänger,
+des Sertorius, die Untertanen von der Einquartierungslast hat befreien
+und die Soldaten anhalten wollen, sich selber bleibende stadtartige
+Standlager zu errichten, ist zwar nicht nachzuweisen; aber er war,
+wenigstens nachdem er die Prätendenten- mit der Königsrolle vertauscht
+hatte, nicht der Mann, den Untertan dem Soldaten preiszugeben; und es
+war in seinem Geiste gedacht, als die Erben seiner Politik solche
+Kriegslager und aus diesen Kriegslagern wieder Städte erschufen, in
+denen die italische Zivilisation Brennpunkte inmitten der barbarischen
+Grenzlandschaften fand.
+
+Bei weitem schwieriger als dem Beamtenunwesen zu steuern war es, die
+Provinzialen von der erdrückenden Übermacht des römischen Kapitals zu
+befreien. Geradezu brechen ließ dieselbe sich nicht, ohne Mittel
+anzuwenden, die noch gefährlicher waren als das Übel; die Regierung
+konnte vorläufig nur einzelne Mißbräuche abstellen, wie zum Beispiel
+Caesar die Benutzung des Staatsgesandtentitels zu wucherlichen Zwecken
+untersagte, und der offenbaren Vergewaltigung und dem handgreiflichen
+Wucher durch scharfe Handhabung der allgemeinen Straf- und der auch auf
+die Provinzen sich erstreckenden Wuchergesetze entgegentreten, eine
+gründlichere Heilung des Übels aber von dem unter der besseren
+Verwaltung wiederaufblühenden Wohlstand der Provinzialen erwarten.
+Transitorische Verfügungen, um der Überschuldung einzelner Provinzen
+abzuhelfen, waren in den letzten Zeiten mehrfach ergangen. Caesar
+selbst hatte 694 (60) als Statthalter des Jenseitigen Spaniens den
+Gläubigern zwei Drittel der Einnahmen ihrer Schuldner zugewiesen, um
+daraus sich bezahlt zu machen. Ähnlich hatte schon Lucius Lucullus als
+Statthalter von Kleinasien einen Teil der maßlos angeschwollenen
+Zinsreste geradezu kassiert, für den übrigen Teil die Gläubiger
+angewiesen auf den vierten Teil des Ertrages der Ländereien ihrer
+Schuldner sowie auf eine angemessene Quote der aus Hausmiete oder
+Sklavenarbeit denselben zufließenden Nutzungen. Es ist nicht
+überliefert, daß Caesar nach dem Bürgerkrieg ähnliche allgemeine
+Schuldenliquidationen in den Provinzen veranlaßt hätte; doch kann es,
+nach dem eben Bemerkten und nach dem, was für Italien geschah, kaum
+bezweifelt werden, daß Caesar darauf ebenfalls hingearbeitet hat oder
+dies wenigstens in seinem Plan lag.
+
+Wenn also der Imperator, soweit Menschenkraft es vermochte, die
+Provinzialen der Bedrückungen durch die Beamten und Kapitalisten Roms
+entlastete, so durfte man zugleich von der durch ihn neu erstarkenden
+Regierung mit Sicherheit erwarten, daß sie die wilden Grenzvölker
+verscheuchen und die Land- und Seepiraten zerstreuen werde, wie die
+aufsteigende Sonne die Nebel verjagt. Wie auch noch die alten Wunden
+schmerzten, mit Caesar erschien den vielgeplagten Untertanen die
+Morgenröte einer erträglicheren Zeit, seit Jahrhunderten wieder die
+erste intelligente und humane Regierung und eine Friedenspolitik, die
+nicht auf der Feigheit, sondern auf der Kraft beruhte. Wohl mochten mit
+den besten Römern vor allem die Untertanen an der Leiche des großen
+Befreiers trauern.
+
+Allein diese Abstellung der bestehenden Mißbräuche war nicht die
+Hauptsache in Caesars Provinzialreform. In der römischen Republik
+waren, nach der Ansicht der Aristokratie wie der Demokratie, die Ämter
+nichts gewesen als wie sie häufig genannt werden: Landgüter des
+römischen Volkes, und als solche waren sie benutzt und ausgenutzt
+worden. Damit war es jetzt vorbei. Die Provinzen als solche sollten
+allmählich untergehen, um der verjüngten hellenisch-italischen Nation
+eine neue und geräumigere Heimat zu bereiten, von deren einzelnen
+Bezirken keiner nur um eines andern willen da war, sondern alle für
+einen und einer für alle; die Leiden und Schäden der Nation, für die in
+dem alten Italien keine Hilfe war, sollte das neue Dasein in der
+verjüngten Heimat, das frischere, breitere, großartigere Volksleben von
+selber überwinden. Bekanntlich waren diese Gedanken nicht neu. Die seit
+Jahrhunderten stehend gewordene Emigration aus Italien in die Provinzen
+hatte längst, freilich den Emigranten selber unbewußt, eine solche
+Ausdehnung Italiens vorbereitet. In planmäßiger Weise hatte zuerst
+Gaius Gracchus, der Schöpfer der römischen demokratischen Monarchie,
+der Urheber der transalpinischen Eroberungen, der Gründer der Kolonien
+Karthago und Narbo, die Italiker über Italiens Grenzen hinausgelenkt,
+sodann der zweite geniale Staatsmann, den die römische Demokratie
+hervorgebracht, Quintus Sertorius, damit begonnen, die barbarischen
+Okzidentalen zur latinischen Zivilisation anzuleiten; er gab der
+vornehmen spanischen Jugend römische Tracht und hielt sie an,
+lateinisch zu sprechen und auf der von ihm gegründeten Bildungsanstalt
+in Osca sich die höhere italische Bildung anzueignen. Bei Caesars
+Regierungsantritt war bereits eine massenhafte, freilich der Stetigkeit
+wie der Konzentration großenteils ermangelnde italische Bevölkerung in
+allen Provinzen und Klientelstaaten vorhanden - um von den förmlich
+italischen Städten in Spanien und dem südlichen Gallien zu schweigen,
+erinnern wir nur an die zahlreichen Bürgertruppen, die Sertorius und
+Pompeius in Spanien, Caesar in Gallien, Juba in Numidien, die
+Verfassungspartei in Afrika, Makedonien, Griechenland, Kleinasien und
+Kreta aushoben; an die freilich übelgestimmte lateinische Leier, auf
+der die Stadtpoeten von Corduba schon im Sertorianischen Kriege der
+römischen Feldherren Lob und Preis sangen; an die eben ihrer
+sprachlichen Eleganz wegen geschätzten Übersetzungen griechischer
+Poesien, die der älteste namhafte außeritalische Poet, der Transalpiner
+Publius Terentius Varro von der Aude, kurz nach Caesars Tode
+veröffentlichte.
+
+Andererseits war die Durchdringung des latinischen und des hellenischen
+Wesens, man möchte sagen, so alt wie Rom. Schon bei der Einigung
+Italiens hatte die obsiegende latinische Nation alle anderen besiegten
+Nationalitäten sich assimiliert, nur die einzige griechische, so wie
+sie war, sich eingefügt, ohne sie äußerlich mit sich zu verschmelzen.
+Wohin der römische Legionär kam, dahin folgte der griechische
+Schulmeister, in seiner Art nicht minder ein Eroberer, ihm nach; schon
+früh finden wir namhafte griechische Sprachlehrer ansässig am
+Guadalquivir, und in der Anstalt von Osca ward so gut griechisch
+gelehrt wie lateinisch. Die höhere römische Bildung selbst war ja
+durchaus nichts anderes als die Verkündung des großen Evangeliums
+hellenischer Art und Kunst im italischen Idiom; gegen die bescheidene
+Anmaßung der zivilisierenden Eroberer, dasselbe zunächst in ihrer
+Sprache den Barbaren des Westens zu verkündigen, konnte der Hellene
+wenigstens nicht laut protestieren. Schon längst erblickte der Grieche
+überall, und am entschiedensten eben da, wo das Nationalgefühl am
+reinsten und am stärksten war, an den von barbarischer
+Denationalisierung bedrohten Grenzen, wie zum Beispiel in Massalia, am
+Nordgestade des Schwarzen Meeres und am Euphrat und Tigris, den Schild
+und das Schwert des Hellenismus in Rom; und in der Tat nahmen Pompeius’
+Städtegründungen im fernen Osten nach jahrhundertelanger Unterbrechung
+Alexanders segensreiches Werk wieder auf.
+
+Der Gedanke eines italisch-hellenischen Reiches mit zweien Sprachen und
+einer einheitlichen Nationalität war nicht neu - er wäre sonst auch
+nichts gewesen als ein Fehler; aber daß er aus schwankenden Entwürfen
+zu sicherer Fassung, aus zerstreuten Anfängen zu konzentrierter
+Grundlegung fortschritt, ist das Werk des dritten und größten der
+demokratischen Staatsmänner Roms.
+
+Die erste und wesentlichste Bedingung zu der politischen und nationalen
+Nivellierung des Reichs war die Erhaltung und Ausdehnung der beiden zu
+gemeinschaftlichem Herrschen bestimmten Nationen, unter möglichst
+rascher Beseitigung der neben ihr stehenden barbarischen oder
+barbarisch genannten Stämme. In gewissem Sinne könnte man allerdings
+neben Römern und Griechen noch eine dritte Nationalität nennen, die mit
+denselben in der damaligen Welt an Ubiquität wetteiferte und auch in
+dem neuen Staate Caesars eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen
+bestimmt war. Es sind dies die Juden. Das merkwürdige, nachgiebig zähe
+Volk war in der alten wie in der heutigen Welt überall und nirgends
+heimisch und überall und nirgends mächtig. Die Diadochen Davids und
+Salomos bedeuteten für die Juden jener Zeit kaum mehr, als heutzutage
+Jerusalem für sie bedeutet; die Nation fand wohl für ihre religiöse und
+geistige Einheit einen sichtbaren Anhalt in dem kleinen Königreich von
+Jerusalem, aber sie selbst bestand keineswegs in der Untertanenschaft
+der Hasmonäer, sondern in den zahllos durch das ganze Parthische und
+das ganze Römische Reich zerstreuten Judenschaften. In Alexandreia
+namentlich und ähnlich in Kyrene bildeten die Juden innerhalb dieser
+Städte eigene, administrativ und selbst lokal abgegrenzte Gemeinwesen,
+den Judenvierteln unserer Städte nicht ungleich, aber freier gestellt
+und von einem “Volksherrn” als oberstem Richter und Verwalter geleitet.
+Wie zahlreich selbst in Rom die jüdische Bevölkerung bereits vor Caesar
+war, und zugleich, wie landsmannschaftlich eng die Juden auch damals
+zusammenhielten, beweist die Bemerkung eines Schriftstellers dieser
+Zeit, daß es für den Statthalter bedenklich sei, den Juden in seiner
+Provinz zu nahe zu treten, weil er dann sicher darauf zählen dürfe,
+nach seiner Heimkehr von dem hauptstädtischen Pöbel ausgepfiffen zu
+werden. Auch zu jener Zeit war das vorwiegende Geschäft der Juden der
+Handel: mit dem erobernden römischen Kaufmann zog damals der jüdische
+Händler ebenso überall hin wie später mit dem genuesischen und
+venezianischen, und neben der römischen strömte das Kapital allerorts
+bei der jüdischen Kaufmannschaft zusammen. Auch zu jener Zeit endlich
+begegnen wir der eigentümlichen Antipathie der Okzidentalen gegen diese
+so gründlich orientalische Rasse und ihre fremdartigen Meinungen und
+Sitten. Dies Judentum, obwohl nicht der erfreulichste Zug in dem
+nirgends erfreulichen Bilde der damaligen Völkermengung, war
+nichtsdestoweniger ein im natürlichen Verlauf der Dinge sich
+entwickelndes geschichtliches Moment, das der Staatsmann weder sich
+ableugnen noch bekämpfen durfte und dem Caesar vielmehr, ebenwie sein
+Vorgänger Alexander, in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse möglichst
+Vorschub tat. Wenn Alexander, der Stifter des alexandrinischen
+Judentums, damit nicht viel weniger für die Nation tat wie ihr eigener
+David durch den Tempelbau von Jerusalem, so förderte auch Caesar die
+Juden in Alexandreia wie in Rom durch besondere Begünstigungen und
+Vorrechte und schützte namentlich ihren eigentümlichen Kult gegen die
+römischen wie gegen die griechischen Lokalpfaffen. Die beiden großen
+Männer dachten natürlich nicht daran, der hellenischen oder
+italisch-hellenischen Nationalität die jüdische ebenbürtig zur Seite zu
+stellen. Aber der Jude, der nicht wie der Okzidentale die Pandoragabe
+politischer Organisation empfangen hat und gegen den Staat sich
+wesentlich gleichgültig verhält; der ferner ebenso schwer den Kern
+seiner nationalen Eigentümlichkeit aufgibt als bereitwillig denselben
+mit jeder beliebigen Nationalität umhüllt und bis zu einem gewissen
+Grad der fremden Volkstümlichkeit sich anschmiegt - der Jude war
+ebendarum wie geschaffen für einen Staat, welcher auf den Trümmern von
+hundert lebendigen Politien erbaut und mit einer gewissermaßen
+abstrakten und von vornherein verschliffenen Nationalität ausgestattet
+werden sollte. Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames
+Ferment des Kosmopolitismus und der nationalen Dekomposition und
+insofern ein vorzugsweise berechtigtes Mitglied in dem Caesarischen
+Staate, dessen Politie doch eigentlich nichts als Weltbürgertum, dessen
+Volkstümlichkeit im Grunde nichts als Humanität war.
+
+Indes die positiven Elemente des neuen Bürgertums blieben
+ausschließlich die latinische und die hellenische Nationalität. Mit dem
+spezifisch italischen Staat der Republik war es also zu Ende; jedoch
+war es nichts als ein sehr erklärliches, aber auch sehr albernes Gerede
+des grollenden Adels, daß Caesar Italien und Rom absichtlich zugrunde
+richte, um den Schwerpunkt des Reiches in den griechischen Osten zu
+verlegen und zur Hauptstadt desselben Ilion oder Alexandreia zu machen.
+Vielmehr behielt in Caesars Organisation die latinische Nationalität
+immer das Übergewicht; wie sich dies schon darin ausspricht, daß er
+jede Verfügung in lateinischer, aber die für die griechisch redenden
+Landschaften bestimmten daneben in griechischer Sprache erließ. Im
+allgemeinen ordnete er die Verhältnisse der beiden großen Nationen in
+seiner Monarchie ebenwie sie in dem geeinigten Italien seine
+republikanischen Vorgänger geordnet hatten: die hellenische
+Nationalität wurde geschützt, wo sie bestand, die italische nach
+Vermögen erweitert und ihr die Erbschaft der aufzulösenden Rassen
+bestimmt. Es war dies schon deshalb notwendig, weil eine völlige
+Gleichstellung des griechischen und lateinischen Elements im Staate
+aller Wahrscheinlichkeit nach in sehr kurzer Zeit diejenige Katastrophe
+herbeigeführt haben würde, die manche Jahrhunderte später der
+Byzantinismus vollzog; denn das Griechentum war nicht bloß geistig nach
+allen Richtungen hin dem römischen Wesen überlegen, sondern auch an
+Masse, und hatte in Italien selbst an den Schwärmen der gezwungen oder
+freiwillig nach Italien wandernden Hellenen und Halbhellenen eine
+Unzahl unscheinbarer, aber in ihrem Einfluß nicht hoch genug
+anzuschlagender Apostel. Um nur der eminentesten Erscheinung auf diesem
+Gebiete zu gedenken, so ist das Regiment der griechischen Lakaien über
+die römischen Monarchen so alt wie die Monarchie: der erste in der
+ebenso langen wie widerwärtigen Liste dieser Individuen ist Pompeius’
+vertrauter Bedienter Theophanes von Mytilene, welcher durch seine
+Gewalt über den schwachen Herrn wahrscheinlich mehr als irgendein
+anderer Mann zu dem Ausbruch des Krieges zwischen Pompeius und Caesar
+beigetragen hat. Nicht ganz mit Unrecht ward er nach seinem Tode von
+seinen Landsleuten göttlich verehrt: eröffnete er doch die
+Kammerdienerregierung der Kaiserzeit, die gewissermaßen eben auch eine
+Herrschaft der Hellenen über die Römer war. Die Regierung hatte demnach
+allen Grund, die Ausbreitung des Hellenismus wenigstens im Westen nicht
+noch von oben herab zu fördern. Wenn Sizilien nicht bloß des
+Zehntendrucks entlastet, sondern auch seinen Gemeinden das latinische
+Recht bestimmt ward, dem seiner Zeit vermutlich die volle
+Gleichstellung mit Italien nachfolgen sollte, so kann Caesars Absicht
+nur gewesen sein, die herrliche, aber damals verödete und
+wirtschaftlich zum größten Teil in italische Hände gelangte Insel,
+welche die Natur nicht so sehr zum Nachbarland Italiens bestimmt hat
+als zu der schönsten seiner Landschaften, völlig in Italien aufgehen zu
+lassen. Im übrigen aber ward das Griechentum, wo es bestand, erhalten
+und geschützt. Wie nahe auch die politischen Krisen es dem Imperator
+legten, die festen Pfeiler des Hellenismus im Okzident und in Ägypten
+umzustürzen, Massalia und Alexandreia wurden weder vernichtet noch
+denationalisiert.
+
+Dagegen das römische Wesen ward durch Kolonisierung wie durch
+Latinisierung mit allen Kräften und an den verschiedensten Punkten des
+Reiches von der Regierung gehoben. Der zwar aus einer argen Vereinigung
+formeller Rechts- und brutaler Machtentwicklung hervorgegangene, aber,
+um freie Hand gegen die zur Vernichtung bestimmten Nationen zu haben,
+unumgänglich notwendige Satz, daß an allem, nicht durch besonderen Akt
+der Regierung an Gemeinden oder Private abgetretenen Grund und Boden in
+den Provinzen der Staat das Eigentum, der zeitige Inhaber nur einen
+geduldeten und jederzeit widerruflichen Erbbesitz habe, wurde auch von
+Caesar festgehalten und durch ihn aus einer demokratischen
+Parteitheorie zu einem Fundamentalprinzip des monarchischen Rechts
+erhoben. In erster Linie kam für die Ausbreitung der römischen
+Nationalität natürlich Gallien in Frage. Gallien diesseits der Alpen
+erhielt durch die längst von der Demokratie als vollzogen angenommene
+und nun (705 49) durch Caesar schließlich vollzogene Aufnahme der
+transpadanischen Gemeinden in den römischen Bürgerverband durchgängig,
+was ein großer Teil der Bewohner längst gehabt: politische
+Gleichberechtigung mit dem Hauptland. Tatsächlich hatte sich diese
+Provinz in den vierzig Jahren, die seit Erteilung des Latinerrechts
+verflossen waren, bereits vollständig latinisiert. Die Exklusiven
+mochten spotten über den breiten und gurgelnden Akzent des
+Kettenlateins und ein “ich weiß nicht was von hauptstädtischer Anmut”
+bei dem Insubrer und Veneter vermissen, der sich als Caesars Legionär
+mit dem Schwert einen Platz auf dem römischen Markt und sogar in der
+römischen Kurie erobert hatte. Nichtsdestoweniger war das Cisalpinische
+Gallien mit seiner dichten, vorwiegend bauernschaftlichen Bevölkerung
+schon vor Caesar der Sache nach eine italische Landschaft und blieb
+Jahrhunderte lang der rechte Zufluchtsort italischer Sitte und
+italischer Bildung; wie denn die Lehrer der latinischen Literatur
+nirgends sonst außerhalb der Hauptstadt so vielen Zuspruch und Anklang
+fanden. Wenn also das Cisalpinische Gallien wesentlich in Italien
+aufging, so trat zugleich an die Stelle, die es bisher eingenommen
+hatte, die transalpinische Provinz, die ja durch Caesars Eroberungen
+aus einer Grenz- in eine Binnenprovinz umgewandelt worden war und die
+durch ihre Nähe wie durch ihr Klima vor allen anderen Gebieten sich
+dazu eignete, mit der Zeit gleichfalls eine italische Landschaft zu
+werden. Dorthin hauptsächlich, nach dem alten Zielpunkt der
+überseeischen Ansiedlungen der römischen Demokratie, ward der Strom der
+italischen Emigration gelenkt. Es wurden daselbst teils die alte
+Kolonie Narbo durch neue Ansiedler verstärkt, teils in Baeterrae
+(Béziers) unweit Narbo, in Arelate (Arles) und Arausio (Orange) an der
+Rhone und in der neuen Hafenstadt Forum Iulii (Fréjus) vier neue
+Bürgerkolonien angelegt, deren Namen zugleich das Andenken der tapferen
+Legionen bewahrten, die das nördliche Gallien zum Reiche gebracht
+hatten ^29. Die nicht mit Kolonisten belegten Ortschaften scheinen
+zugleich, wenigstens größtenteils, in derselben Art wie einst das
+transpadanische Kettenland, der Romanisierung entgegengeführt worden zu
+sein durch Verleihung latinischen Stadtrechts; namentlich wurde
+Nemausus (Nîmes) als der Hauptort des den Massalioten infolge ihrer
+Auflehnung gegen Caesar aberkannten Gebiets aus einem massaliotischen
+Flecken in eine latinische Stadtgemeinde umgewandelt und mit
+ansehnlichem Gebiet und selbst mit Münzrecht ausgestattet ^30. Indem
+also das Cisalpinische Gallien von der vorbereitenden Stufe zur vollen
+Gleichstellung mit Italien fortschritt, rückte gleichzeitig die
+narbonensische Provinz in jenes vorbereitende Stadium nach; ganz wie
+bisher im Cisalpinischen Gallien hatten die ansehnlichsten Gemeinden
+daselbst das volle Bürger-, die übrigen latinisches Recht.
+
+————————————————-
+
+^29 Narbo heißt Kolonie der Decimaner, Baeterrae der Septimaner, Forum
+Iulii der Octavaner, Arelate der Sextaner, Arausio der Secundaner. Die
+neunte Legion fehlt, weil sie ihre Nummer durch die Meuterei von
+Placentia entehrt hatte. Daß übrigens die Kolonisten dieser Kolonien
+den eponymen Legionen angehörten, wird nicht gesagt und ist nicht
+glaublich; die Veteranen selbst wurden wenigstens der großen Mehrzahl
+nach in Italien angesiedelt. Ciceros Klage, daß Caesar “ganze Provinzen
+und Landschaften auf einen Schlag konfisziert habe” (off. 2, 7, 27,
+vgl. Phil. 13,15; 31, 32), geht ohne Zweifel, wie schon die enge
+Verknüpfung derselben mit dem Tadel des Triumphs über die Massalioten
+beweist, auf die dieser Kolonien wegen in der narbonensischen Provinz
+vorgenommenen Landeinziehungen und zunächst auf die Massalia
+auferlegten Gebietsverluste.
+
+^30 Ausdrücklich überliefert ist es nicht, von wem das latinische Recht
+der nichtkolonisierten Ortschaften dieser Gegend und namentlich von
+Nemausus herrührt. Aber da Caesar selbst (civ. 1, 35) so gut wie
+geradezu sagt, daß Nemausus bis 705 (49) ein massaliotisches Dorf war;
+da nach dem Livianischen Bericht (Dio 41, 25; Flor. epit. 2, 13; Oros.
+hist. 6, 15) eben dieser Teil des Gebietes den Massalioten von Caesar
+entzogen ward da endlich schon auf voraugustischen Münzen und sodann
+bei Strabon die Stadt als Gemeinde latinischen Rechts vorkommt, so kann
+nur Caesar der Urheber dieser Latinitätsverleihung sein. Von Ruscino
+(Roussillon bei Perpignan) und anderen, im Narbonensischen Gallien früh
+zu latinischer Stadtverfassung gelangten Gemeinden läßt sich nur
+vermuten, daß sie dieselbe gleichzeitig mit Nemausus empfingen.
+
+————————————————-
+
+In den anderen nichtgriechischen und nichtlatinischen Landschaften des
+Reiches, welche der Einwirkung Italiens und dem Assimilationsprozeß
+noch ferner standen, beschränkte Caesar sich darauf, einzelne
+Brennpunkte für die italische Zivilisation zu gründen, wie dies bisher
+in Gallien Narbo gewesen war, um durch sie die künftige vollständige
+Ausgleichung vorzubereiten. Solche Anfänge lassen, mit Ausnahme der
+ärmsten und geringsten von allen, der sardinischen, in sämtlichen
+Provinzen des Reiches sich nachweisen. Wie Caesar im nördlichen Gallien
+verfuhr, ward schon dargelegt; die lateinische Sprache erhielt hier,
+wenn auch noch nicht für alle Zweige des öffentlichen Verkehrs,
+durchgängig offizielle Geltung und es entstand am Lemansee als die
+nördlichste Stadt italischer Verfassung die Kolonie Noviodunum (Nyon).
+
+In Spanien, vermutlich damals der am dichtesten bevölkerten Landschaft
+des Römischen Reiches, wurden nicht bloß in der wichtigen
+hellenisch-iberischen Hafenstadt Emporiae neben der alten Bevölkerung
+Caesarische Kolonisten angesiedelt, sondern, wie neuerdings
+aufgefundene Urkunden gezeigt haben, auch eine Anzahl wahrscheinlich
+überwiegend dem hauptstädtischen Proletariat entnommener Kolonisten in
+der Stadt Urso (Osuna), unweit Sevilla im Herzen von Andalusien, und
+vielleicht noch in mehreren anderen Ortschaften dieser Provinz
+versorgt. Die alte und reiche Kaufstadt Gades, deren Munizipalwesen
+Caesar schon als Prätor zeitgemäß umgestaltet hatte, erhielt jetzt von
+dem Imperator das volle Recht der italischen Munizipien (705 49) und
+wurde, was in Italien Tusculum gewesen war, die erste außeritalische,
+nicht von Rom gegründete Gemeinde, die in den römischen Bürgerverband
+eintrat. Einige Jahre nachher (709 45) wurde das gleiche Recht auch
+einigen anderen spanischen Gemeinden und vermutlich noch mehreren das
+latinische zuteil.
+
+In Afrika wurde, was Gaius Gracchus nicht hatte zu Ende führen sollen,
+jetzt ins Werk gesetzt und an derjenigen Stätte, wo die Stadt der
+Erbfeinde Roms gestanden, 3000 italische Kolonisten und eine große
+Anzahl der im karthagischen Gebiet ansässigen Pacht- und Bittbesitzer
+angesiedelt; und zum Erstaunen rasch wuchs unter den unvergleichlich
+günstigen Lokalverhältnissen die neue “Venuskolonie”, das römische
+Karthago, wieder empor. Utica, bis dahin die Haupt- und erste
+Handelsstadt der Provinz, war schon im vorweg, es scheint durch
+Erteilung des latinischen Rechts, für die Wiedererweckung des
+überlegenen Konkurrenten einigermaßen entschädigt worden. In dem neu
+zum Reiche gefügten numidischen Gebiet erhielten das wichtige Cirta und
+die übrigen, dem römischen Condottiere Publius Sittius für sich und die
+Seinigen überwiesenen Gemeinden das Recht römischer Militärkolonien.
+Die stattlichen Provinzstädte freilich, die das wahnsinnige Wüten Jubas
+und der verzweifelten Reste der Verfassungspartei in Schutthaufen
+verwandelt hatte, erhoben sich nicht so rasch wieder, wie sie
+eingeäschert worden waren, und manche Trümmerstätte erinnerte noch
+lange nachher an diese verhängnisvolle Zeit; allein die beiden neuen
+Julischen Kolonien, Karthago und Cirta, wurden und blieben die
+Mittelpunkte der afrikanisch-römischen Zivilisation.
+
+In dem verödeten griechischen Land beschäftigte Caesar außer mit
+anderen Plänen, zum Beispiel der Anlage einer römischen Kolonie in
+Buthroton (Korfu gegenüber), vor allem sich mit der Wiederherstellung
+von Korinth; nicht bloß wurde eine ansehnliche Bürgerkolonie dorthin
+geführt, sondern auch der Plan entworfen, durch den Durchstich des
+Isthmus die gefährliche Umschiffung des Peloponnes abzuschneiden und
+den ganzen italisch-asiatischen Verkehr durch den
+Korinthisch-Saronischen Meerbusen zu leiten. Endlich rief selbst in dem
+entlegenen hellenischen Osten der Monarch italische Ansiedlungen ins
+Leben: so am Schwarzen Meer in Herakleia und in Sinope, welche Städte
+die italischen Kolonisten ähnlich wie Emporiae mit den alten Bewohnern
+teilten; so an der syrischen Küste in dem wichtigen Hafen von Berytos,
+das wie Sinope italische Verfassung erhielt; ja sogar in Ägypten wurde
+auf der den Hafen von Alexandreia beherrschenden Leuchtturminsel eine
+römische Station gegründet.
+
+Durch diese Anordnungen ward die italische Gemeindefreiheit in weit
+umfassenderer Weise, als es bisher geschehen war, in die Provinzen
+getragen. Die Vollbürgergemeinden, also sämtliche Städte der
+cisalpinischen Provinz und die in dem Transalpinischen Gallien und
+sonst zerstreuten Bürgerkolonien und Bürgermunizipien, standen den
+italischen insofern gleich, als sie sich selber verwalteten und selbst
+eine, allerdings beschränkte, Gerichtsbarkeit ausübten: wogegen
+freilich die wichtigeren Prozesse vor die hier kompetenten römischen
+Behörden, in der Regel den Statthalter des Sprengels gehörten ^31. Die
+formell autonomen latinischen und die sonstigen befreiten Gemeinden,
+also jetzt die sizilischen und die des Narbonensischen Galliens, soweit
+sie nicht Bürgergemeinden waren, alle und auch in anderen Provinzen
+eine beträchtliche Zahl, hatten nicht bloß die freie Verwaltung,
+sondern wahrscheinlich unbeschränkte Gerichtsbarkeit, so daß der
+Statthalter hier nur kraft seiner allerdings sehr arbiträren
+Verwaltungskontrolle einzugreifen befugt war. Wohl hatte es auch früher
+schon Vollbürgergemeinden innerhalb der Statthaltersprengel gegeben,
+wie zum Beispiel Aquileia und Narbo, und hatten ganze
+Statthaltersprengel, wie das Diesseitige Gallien, aus Gemeinden mit
+italischer Verfassung bestanden; aber wenn nicht rechtlich, war es doch
+politisch eine ungemein wichtige Neuerung, daß es jetzt eine Provinz
+gab, die so gut wie Italien lediglich von römischen Bürgern bevölkert
+war ^32, und daß andere es zu werden versprachen. Es fiel damit der
+eine große tatsächliche Gegensatz, in dem Italien zu den Provinzen
+gestanden hatte; und auch der zweite, daß in Italien regelmäßig keine
+Truppen standen, wohl aber in den Provinzen, war gleichermaßen im
+Verschwinden: die Truppen standen jetzt nur da, wo es eine Grenze zu
+verteidigen gab, und die Kommandanten der Provinzen, bei denen dies
+nicht zutraf, wie zum Beispiel bei Narbo und Sizilien, waren nur dem
+Namen nach noch Offiziere. Der formelle Gegensatz zwischen Italien und
+den Provinzen, der zu allen Zeiten auf anderen Unterschieden beruht
+hatte, blieb allerdings auch jetzt bestehen, Italien der Sprengel der
+bürgerlichen Rechtspflege und der Konsuln-Prätoren, die Provinzen
+kriegsrechtliche Jurisdiktionsbezirke und den Prokonsuln und
+Proprätoren unterworfen; allein der Prozeß nach Bürger- und nach
+Kriegsrecht fiel längst praktisch zusammen, und die verschiedene
+Titulatur der Beamten hatte wenig zu bedeuten, seit über allen der eine
+Imperator stand.
+
+———————————————————————-
+
+^31 Daß keiner Vollbürgergemeinde mehr als beschränkte Gerichtsbarkeit
+zustand, ist ausgemacht. Auffallend ist es aber, was aus der
+Caesarischen Gemeindeordnung für das Cisalpinische Gallien bestimmt
+hervorgeht, daß die jenseits der munizipalen Kompetenz liegenden
+Prozesse aus dieser Provinz nicht vor den Statthalter derselben,
+sondern vor den römischen Prätor gehen; denn im übrigen ist der
+Statthalter ja in seinem Sprengel ebensowohl anstatt des Prätors, der
+zwischen Bürgern, wie anstatt dessen, der zwischen Bürgern und
+Nichtbürgern Recht spricht, und durchaus für alle Prozesse kompetent.
+Ohne Zweifel ist dies ein Überrest der vorsullanischen Ordnung, wo in
+dem ganzen festländischen Gebiet bis zu den Alpen lediglich die
+Stadtbeamten kompetent waren und also hier sämtliche Prozesse, wo sie
+die munizipale Kompetenz überschritten, notwendig vor die Prätoren in
+Rom kamen. Dagegen in Narbo, Gades, Karthago, Korinth gingen die
+Prozesse in diesem Fall sicher an den betreffenden Statthalter; wie
+denn auch schon aus praktischen Rücksichten nicht wohl an einen
+Rechtszug nach Rom gedacht werden kann.
+
+^32 Warum die Erteilung des römischen Bürgerrechts an eine Landschaft
+insgesamt und der Fortbestand der Provinzialverwaltung für dieselbe als
+sich einander ausschließende Gegensätze gedacht zu werden pflegen, ist
+nicht abzusehen. Überdies erhielt notorisch das Cisalpinische Gallien
+durch den Roscischen Volksschluß vom 11. März 705 (49) die Civität,
+während es Provinz blieb, solange Caesar lebte, und erst nach seinem
+Tode mit Italien vereinigt ward (Dio 48, 12), auch die Statthalter bis
+711 (43) nachweisbar sind. Schon daß die Caesarische Gemeindeordnung
+die Landschaft nie als Italien, sondern als Cisalpinisches Gallien
+bezeichnet, mußte auf das Richtige führen.
+
+———————————————————————-
+
+Offenbar ist in all diesen einzelnen munizipalen Gründungen und
+Ordnungen, die wenigstens dem Plan, wenn auch vielleicht nicht alle der
+Ausführung nach, auf Caesar zurückgehen, ein bestimmtes System. Italien
+ward aus der Herrin der unterworfenen Völkerschaften umgewandelt in die
+Mutter der verjüngten italisch-hellenischen Nation. Die dem Mutterlande
+vollständig gleichgestellte cisalpinische Provinz verhieß und verbürgte
+es, daß in der Monarchie Caesars, ebenwie in der frischeren Epoche der
+Republik, jede latinisierte Landschaft erwarten durfte, den älteren
+Schwestern und der Mutter selbst ebenbürtig an die Seite zu treten. Auf
+der Vorstufe zur vollen nationalen und politischen Ausgleichung mit
+Italien standen dessen Nebenländer, das griechische Sizilien und das
+rasch sich latinisierende südliche Gallien. Auf einer entfernteren
+Stufe zu dieser Ausgleichung standen die übrigen Landschaften des
+Reiches, in denen, wie bisher in Südgallien Narbo römische Kolonie
+gewesen war, jetzt die großen Seestädte: Emporiae, Gades, Karthago,
+Korinth, Herakleia im Pontos, Sinope, Berytos, Alexandreia, italische
+oder hellenisch-italische Gemeinden wurden, die Stützpunkte einer
+italischen Zivilisation selbst im griechischen Osten, die Grundpfeiler
+der künftigen nationalen und politischen Nivellierung des Reiches. Die
+Herrschaft der Stadtgemeinde Rom über das Litoral des Mittelmeeres war
+zu Ende; an ihre Stelle trat der neue Mittelmeerstaat und sein erster
+Akt war die Sühnung der beiden größten Untaten, die jene Stadtgemeinde
+an der Zivilisation begangen hatte. Wenn die Zerstörung der beiden
+größten Handelsplätze im römischen Gebiet den Wendepunkt bezeichnete,
+wo die Schutzherrschaft der römischen Gemeinde in politische
+Tyrannisierung und finanzielle Ausnutzung der untertänigen Landschaften
+überging, so bezeichnete jetzt die sofortige und glänzende
+Wiederherstellung von Karthago und Korinth die Begründung des neuen,
+alle Landschaften am Mittelmeer zu nationaler und politischer
+Gleichheit, zu wahrhaft staatlicher Einigung heranbildenden großen
+Gemeinwesens. Wohl durfte Caesar der Stadt Korinth zu ihrem
+vielberühmten alten den neuen Namen der “Julischen Ehre” verleihen.
+
+Wenn also das neue einheitliche Reich mit einer Nationalität
+ausgestattet ward, die freilich notwendigerweise der volkstümlichen
+Individualität entbehrte und mehr ein unlebendiges Kunstprodukt als ein
+frischer Trieb der Natur war, so bedurfte dasselbe ferner der Einheit
+in denjenigen Institutionen, in denen das allgemeine Leben der Nationen
+sich bewegt: in Verfassung und Verwaltung, in Religion und
+Rechtspflege, in Münze, Maß und Gewicht; wobei natürlich lokale
+Besonderheiten mannigfaltigster Art mit wesentlicher Einigung sich
+vollkommen vertrugen. Überall kann auf diesen Gebieten nur von Anfängen
+die Rede sein, da die einheitliche Durchbildung der Monarchie Caesars
+in der Zukunft lag und er nichts tat, als für den Bau von Jahrhunderten
+den Grund legen. Aber von den Linien, die der große Mann auf diesen
+Gebieten gezogen hat, lassen noch manche sich erkennen; und es ist
+erfreulicher, hier ihm nachzugehen, als in dem Trümmerbau der
+Nationalitäten.
+
+Hinsichtlich der Verfassung und Verwaltung wurden bereits in einem
+anderen Zusammenhang die wichtigsten Momente der neuen Einheit
+hervorgehoben: der Übergang der Souveränität von dem römischen
+Gemeinderat auf den Alleinherrscher der Mittelmeermonarchie; die
+Umwandlung jenes Gemeinderats in einen höchsten, Italien wie die
+Provinzen repräsentierenden Reichsrat: vor allem die begonnene
+Übertragung der römischen und überhaupt der italischen Gemeindeordnung
+auf die Provinzialgemeinden. Es führte dieser letztere Weg, die
+Verleihung latinischen und demnach römischen Rechts an die zum
+vollständigen Eintritt in den Einheitsstaat reifen Gemeinden,
+gleichmäßige kommunale Ordnungen allmählich von selbst herbei. Nur in
+einer Hinsicht konnte man hierauf nicht warten. Das neue Reich bedurfte
+sofort einer Institution, die der Regierung die hauptsächlichen
+Grundlagen der Verwaltung, die Bevölkerungs- und Vermögensverhältnisse
+der einzelnen Gemeinden, übersichtlich vor Augen legte, das heißt eines
+verbesserten Zensus. Zunächst ward der italische reformiert. Nach
+Caesars Verordnung ^33, die freilich wohl nur die infolge des
+Bundesgenossenkrieges wenigstens im Prinzip getroffenen Anordnungen zur
+Ausführung brachte, sollten künftig, wenn in der römischen Gemeinde die
+Schatzung stattfand, gleichzeitig in jeder italischen der Name eines
+jeden Gemeindebürgers und der seines Vaters oder Freilassers, sein
+Bezirk, sein Alter und sein Vermögen von der höchsten Behörde der
+Gemeinde aufgezeichnet und diese Listen an den römischen Schatzmeister
+so früh abgeliefert werden, daß dieser das allgemeine Verzeichnis der
+römischen Bürger und der römischen Habe rechtzeitig vollenden konnte.
+Daß es Caesars Absicht war, ähnliche Institutionen auch in den
+Provinzen einzuführen, dafür bürgt teils die von Caesar angeordnete
+Vermessung und Katastrierung des gesamten Reiches, teils die
+Einrichtung selbst; denn es war ja damit die allgemeine Formel
+gefunden, um so gut in den italischen wie in den nichtitalischen
+Gemeinden des Staats die für die Zentralverwaltung erforderlichen
+Aufnahmen zu bewirken. Offenbar war es auch hier Caesars Absicht, auf
+die Traditionen der älteren republikanischen Zeit zurückzugehen und die
+Reichsschatzung wiedereinzuführen, welche die ältere Republik,
+wesentlich in derselben Weise wie Caesar die italische, durch analoge
+Ausdehnung des Instituts der städtischen Zensur mit seinen Fristen und
+sonstigen wesentlichen Normen auf die sämtlichen Untertanengemeinden
+Italiens und Siziliens bewirkt hatte. Es war dies eines der ersten
+Institute gewesen, das die erstarrende Aristokratie verfallen und damit
+der obersten Verwaltungsbehörde jede Übersicht über die disponiblen
+Mannschaften und Steuerkräfte und also jede Möglichkeit einer wirksamen
+Kontrolle verloren gehen ließ. Die vorhandenen Spuren und der
+Zusammenhang der Dinge selbst zeigen unwidersprechlich, daß Caesar die
+Erneuerung der seit Jahrhunderten verschollenen Reichsschatzung
+vorbereitete.
+
+—————————————————————————-
+
+^33 Das Fortbestehen der munizipalen Schatzungsbehörden spricht dafür,
+daß die örtliche Abhaltung des Zensus bereits infolge des
+Bundesgenossenkriegs für Italien fortgesetzt worden war (Römisches
+Staatsrecht, Bd. 2, 3. Aufl., S. 368); wahrscheinlich aber ist die
+Durchführung dieses Systems Caesars Werk.
+
+—————————————————————————-
+
+Daß in der Religion und in der Rechtspflege an eine durchgreifende
+Nivellierung nicht gedacht werden konnte, ist kaum nötig zu sagen; doch
+bedurfte der neue Staat bei aller Toleranz gegen Lokalglauben und
+Munizipalstatute eines gemeinsamen, der italisch-hellenischen
+Nationalität entsprechenden Kultus und einer allgemeinen, den
+Munizipalstatuten übergeordneten Rechtssatzung. Er bedurfte ihrer: denn
+beides war tatsächlich schon da. Auf dem religiösen Gebiet war man seit
+Jahrhunderten tätig gewesen, den italischen und den hellenischen Kult
+teils durch äußerliche Aufnahme, teils durch innerliche Ausgleichung
+der Gottheitsbegriffe ineinanderzuarbeiten und bei der nachgiebigen
+Formlosigkeit der italischen Götter hatte es nicht einmal große
+Schwierigkeit gemacht, den Jupiter in dem Zeus, die Venus in der
+Aphrodite und so jede wesentliche Idee des latinischen Glaubens in
+ihrem hellenischen Gegenbild aufzuheben. Die italisch-hellenische
+Religion stand bereits in den Grundzügen fertig da; wie sehr man eben
+auf diesem Gebiete sich dessen bewußt war, über die spezifisch römische
+hinaus und zu einer italisch-hellenischen Quasinationalität
+fortgeschritten zu sein, beweist zum Beispiel die in Varros schon
+erwähnter Theologie aufgestellte Unterscheidung der “gemeinen”, d. h.
+der von den Römern wie den Griechen anerkannten Götter, von den
+besonderen der römischen Gemeinde.
+
+Im Rechtswesen hatte es auf dem Gebiete des Kriminal- und
+Polizeirechts, wo die Regierung unmittelbar eingreift und dem
+rechtlichen Bedürfnis wesentlich durch eine verständige Legislation
+genügt wird, keine Schwierigkeit, auf dem Wege der gesetzgeberischen
+Tätigkeit denjenigen Grad materieller Gleichförmigkeit zu erreichen,
+der allerdings auch hier für die Reichseinheit notwendig war. Im
+Zivilrecht dagegen, wo die Initiative dem Verkehr, dem Gesetzgeber nur
+die Formulierung zusteht, war das einheitliche Reichszivilrecht, das
+der Gesetzgeber zu schaffen freilich nicht vermocht hätte, längst auch
+bereits auf naturgemäßem Wege durch den Verkehr selber entwickelt
+worden. Das römische Stadtrecht zwar beruhte rechtlich immer noch auf
+der in den Zwölf Tafeln enthaltenen Formulierung des latinischen
+Landrechts. Die späteren Gesetze hatten wohl im einzelnen mancherlei
+zeitgemäße Verbesserungen eingeführt, unter denen leicht die wichtigste
+sein mochte die Abschaffung der alten ungeschickten Prozeßeröffnung
+durch stehende Spruchformeln der Parteien und ihre Ersetzung durch eine
+von dem prozeßleitenden Beamten schriftlich abgefaßte Instruktion für
+den Einzelgeschworenen (formula); allein in der Hauptsache hatte die
+Volkslegislation nur über jene altersgraue Grundlage einen den
+englischen Statutargesetzen vergleichbaren unübersehlichen Wust
+großenteils längst veralteter und vergessener Spezialgesetze
+aufgeschichtet. Die Versuche wissenschaftlicher Formulierung und
+Systematisierung hatten die verschlungenen Gänge des alten Zivilrechts
+allerdings zugänglich gemacht und erhellt; allein dem Grundmangel, daß
+ein vor vierhundert Jahren abgefaßtes städtisches Weistum mit seinen
+ebenso diffusen wie konfusen Nachträgen jetzt als das Recht eines
+großen Staates dienen sollte, konnte kein römischer Blackstone
+abhelfen. Gründlicher half der Verkehr sich selbst. Längst hatte in Rom
+der rege Verkehr zwischen Römern und Nichtrömern ein internationales
+Privatrecht (ius gentium; 1, 167) entwickelt, das heißt einen Komplex
+von Satzungen namentlich über Verkehrsverhältnisse, nach welchen
+römische Richter dann sprachen, wenn eine Sache weder nach ihrem
+eigenen noch nach irgendeinem anderen Landrecht entschieden werden
+konnte, sondern sie genötigt waren, von den römischen, hellenischen,
+phönikischen und sonstigen Rechtseigentümlichkeiten absehend, auf die
+allem Verkehr zu Grunde liegenden gemeinsamen Rechtsanschauungen
+zurückzugehen. Hier knüpfte die neuere Rechtsbildung an. Zunächst als
+Richtschnur für den rechtlichen Verkehr der römischen Bürger unter sich
+setzte sie an die Stelle des alten, praktisch unbrauchbar gewordenen
+tatsächlich ein neues Stadtrecht, das materiell beruhte auf einem
+Kompromiß zwischen dem nationalen Zwölftafelrecht und dem
+internationalen oder dem sogenannten Rechte der Völker. An jenem wurde
+wesentlich, wenn auch natürlich mit zeitgemäßen Modifikationen,
+festgehalten im Ehe-, Familien- und Erbfolgerecht; dagegen ward in
+allen Bestimmungen, die den Vermögensverkehr betrafen, also für
+Eigentum und Kontrakte, das Internationalrecht maßgebend; ja hier wurde
+sogar dem lokalen Provinzialrecht manche wichtige Einrichtung entlehnt,
+zum Beispiel die Wuchergesetzgebung und das Hypothekarinstitut. Ob auf
+einmal oder allmählich, ob durch einen oder mehrere Urheber, durch wen,
+wann und wie diese tiefgreifende Neuerung ins Leben trat, sind Fragen,
+auf die wir eine genügende Antwort schuldig bleiben müssen; wir wissen
+nur, daß diese Reform, wie natürlich, zunächst ausging von dem
+Stadtgericht, daß sie zuerst sich formulierte in den jährlich von dem
+neu antretenden Stadtrichter zur Nachachtung für die Parteien
+ergehenden Belehrungen über die wichtigsten, in dem beginnenden
+Gerichtsjahr einzuhaltenden Rechtsmaximen (edictum annuum oder
+perpetuum praetoris urbani de iuris dictione) und daß sie, wenn auch
+manche vorbereitende Schritte in früheren Zeiten getan sein mögen,
+sicher erst in dieser Epoche ihre Vollendung fand. Die neue
+Rechtssatzung war theoretisch abstrakt, insofern die römische
+Rechtsanschauung darin ihrer nationalen Besonderheit insoweit sich
+entäußert hatte, als sie derselben sich bewußt worden war; sie war aber
+zugleich praktisch positiv, indem sie keineswegs in die trübe Dämmerung
+allgemeiner Billigkeit oder gar in das reine Nichts des sogenannten
+Naturrechts verschwamm, sondern von bestimmten Behörden für bestimmte
+konkrete Fälle nach festen Normen angewandt ward und einer gesetzlichen
+Formulierung nicht bloß fähig, sondern in dem Stadtedikt wesentlich
+schon teilhaft geworden war. Diese Satzung entsprach ferner materiell
+den Bedürfnissen der Zeit, insofern sie für Prozeß, Eigentumserwerb,
+Kontraktabschluß die durch den gesteigerten Verkehr geforderten
+bequemeren Formen darbot. Sie war endlich bereits im wesentlichen im
+ganzen Umfang des römischen Reiches allgemein subsidiäres Recht
+geworden, indem man die mannigfaltigen Lokalstatuten für diejenigen
+Rechtsverhältnisse, die nicht zunächst Verkehrsverhältnisse sind, sowie
+für den Lokalverkehr zwischen Gliedern desselben Rechtssprengels
+beibehielt, dagegen den Vermögensverkehr zwischen Reichsangehörigen
+verschiedener Rechtskreise durchgängig nach dem Muster des, rechtlich
+auf diese Fälle freilich nicht anwendbaren, Stadtediktes sowohl in
+Italien wie in den Provinzen regulierte. Das Recht des Stadtedikts
+hatte also wesentlich dieselbe Stellung in jener Zeit, die in unserer
+staatlichen Entwicklung das römische Recht eingenommen hat: auch dies
+ist, soweit solche Gegensätze sich vereinigen lassen, zugleich abstrakt
+und positiv; auch dies empfahl sich durch seine, verglichen mit dem
+älteren Satzungsrecht, geschmeidigen Verkehrsformen und trat neben den
+Lokalstatuten als allgemeines Hilfsrecht ein. Nur darin hatte die
+römische Rechtsentwicklung vor der unsrigen einen wesentlichen Vorzug,
+daß die denationalisierte Gesetzgebung nicht, wie bei uns, vorzeitig
+und durch Kunstgeburt, sondern rechtzeitig und naturgemäß sich einfand.
+
+Diesen Rechtszustand fand Caesar vor. Wenn er den Plan entwarf zu einem
+neuen Gesetzbuch, so ist es nicht schwer zu sagen, was er damit
+beabsichtigt hat. Es konnte dies Gesetzbuch einzig das Recht der
+römischen Bürger zusammenfassen und allgemeines Reichsgesetzbuch nur
+insofern sein, als ein zeitgemäßes Gesetzbuch der herrschenden Nation
+von selbst im ganzen Umfange des Reiches allgemeines Subsidiarrecht
+werden mußte. Im Kriminalrecht, wenn überhaupt der Plan sich auf dies
+miterstreckte, bedurfte es nur einer Revision und Redaktion der
+Sullanischen Ordnungen. Im Zivilrecht war für einen Staat, dessen
+Nationalität eigentlich die Humanität war, die notwendige und einzig
+mögliche Formulierung jenes schon aus dem rechtlichen Verkehr
+freiwillig hervorgewachsene Stadtedikt in gesetzlicher Sicherung und
+Präzisierung. Den ersten Schritt zu dieser hatte das Cornelische Gesetz
+von 687 (67) getan, indem es den Richter an die zu Anfang seines Amtes
+aufgestellten Maximen band und ihm vorschrieb, nicht willkürlich
+anderes Recht zu sprechen - eine Bestimmung, die wohl mit dem
+Zwölftafelgesetz verglichen werden darf und für die Fixierung des
+neueren Stadtrechts fast ebenso bedeutsam geworden ist wie jenes für
+die Fixierung des älteren. Aber wenn auch seit dem Cornelischen
+Volksschluß das Edikt nicht mehr unter dem Richter stand, sondern
+gesetzlich der Richter unter dem Edikt; wenn auch das neue Gesetzbuch
+im Gerichtsgebrauch wie im Rechtsunterricht das alte Stadtrecht
+tatsächlich verdrängt hatte, so stand es doch noch jedem Stadtrichter
+frei, bei Antritt seines Amtes das Edikt unbeschränkt und willkürlich
+zu verändern, und überwog das Zwölftafelrecht mit seinen Zusätzen
+formell immer noch das Stadtedikt, so daß in jedem einzelnen
+Kollisionsfall die veraltete Satzung durch arbiträres Eingreifen der
+Beamten, also genau genommen durch Verletzung des formellen Rechts,
+beseitigt werden mußte. Die subsidiäre Anwendung des Stadtedikts in dem
+Fremdengericht in Rom und in den verschiedenen Provinzialgerichtshöfen
+war nun gar gänzlich in die Willkür der einzelnen Oberbeamten gestellt.
+Offenbar war es notwendig, das alte Stadtrecht, soweit es nicht in das
+neuere übergegangen war, definitiv zu beseitigen und in dem letzteren
+der willkürlichen Änderung durch jeden einzelnen Stadtrichter
+angemessene Grenzen zu setzen, etwa auch die subsidiäre Anwendung
+desselben neben den Lokalstatuten zu regulieren. Dies war Caesars
+Absicht, als er den Plan zu einem Gesetzbuch entwarf; denn dies mußte
+sie sein. Der Plan ward nicht ausgeführt und damit jener lästige
+Übergangszustand in dem römischen Rechtswesen verewigt, bis nach
+sechshundert Jahren, und auch dann nur unvollkommen, diese notwendige
+Reform von einem der Nachfolger Caesars, dem Kaiser Justinianus,
+vollzogen ward.
+
+Endlich in Münze, Maß und Gewicht war die wesentliche Ausgleichung des
+latinischen und des hellenischen Systems längst im Zuge. Sie war uralt
+in den für Handel und Verkehr unentbehrlichen Bestimmungen des
+Gewichts, der Körper- und Längenmaße und in dem Münzwesen wenig jünger
+als die Einführung der Silberprägung. Indes reichten diese älteren
+Gleichungen nicht aus, da in der hellenischen Welt selbst die
+verschiedenartigsten metrischen und Münzsysteme nebeneinander
+bestanden; es war notwendig und lag auch ohne Zweifel in Caesars Plan,
+in dem neuen einheitlichen Reich, soweit es nicht bereits früher schon
+geschehen war, römische Münze, römisches Maß und römisches Gewicht
+jetzt überall in der Art einzuführen, daß im offiziellen Verkehr allein
+danach gerechnet, und die nichtrömischen Systeme teils auf lokale
+Geltung beschränkt, teils zu den römischen in ein ein für allemal
+reguliertes Verhältnis gesetzt wurden ^34. Nachweisen indes läßt
+Caesars Tätigkeit sich nur auf zweien der wichtigsten dieser Gebiete,
+in dem Geld- und im Kalenderwesen.
+
+————————————————————————
+
+^34 Kürzlich zum Vorschein gekommene pompeianische Gewichte legen die
+Annahme nahe, daß im Anfang der Kaiserzeit neben dem römischen Pfund
+die attische Mine (vermutlich im Verhältnis von 3 : 4) als zweites
+Reichsgewicht Geltung gehabt hat (Heymes 16, 1880, S. 311).
+
+————————————————————————
+
+Das römische Geldwesen beruhte auf den beiden neben und in einem festen
+Verhältnis zueinander umlaufenden edlen Metallen, von denen das Gold
+nach dem Gewicht ^35, das Silber nach dem Gepräge gegeben und genommen
+ward, tatsächlich aber infolge des ausgedehnten überseeischen Verkehrs
+das Gold bei weitem das Silber überwog. Ob nicht schon früher im ganzen
+Umfange des Reiches die Annahme des römischen Silbergeldes
+obligatorisch war, ist ungewiß; auf jeden Fall vertrat die Stelle des
+Reichsgeldes im ganzen römischen Gebiet wesentlich das ungemünzte Gold,
+um so mehr als die Römer in allen Provinzen und Klientelstaaten die
+Goldprägung untersagt hatten, und hatte der Denar außer in Italien auch
+im Cisalpinischen Gallien, in Sizilien, in Spanien und sonst vielfach,
+namentlich im Westen, gesetzlich oder faktisch sich eingebürgert. Mit
+Caesar aber beginnt die Reichsmünze. Ebenwie Alexander bezeichnete auch
+er die Gründung der neuen, die zivilisierte Welt umfassenden Monarchie
+dadurch, daß das einzig weltenvermittelnde Metall auch in der Münze den
+ersten Platz erhielt. In wie großartigem Umfang sogleich das neue
+Caesarische Goldstück (zu 7 Taler, 18 Groschen nach heutigem
+Metallwert) geprägt ward, beweist die Tatsache, daß in einem einzelnen,
+sieben Jahre nach Caesars Tode vergrabenen Schatz sich 80000 dieser
+Stücke beisammen gefunden haben. Freilich mögen hier nebenbei auch
+finanzielle Spekulationen von Einfluß gewesen sein ^36. Was das
+Silbergeld anlangt, so ward durch Caesar die Alleinherrschaft des
+römischen Denars im gesamten Westen, zu der der Grund schon früher
+gelegt worden war, schließlich festgestellt, indem er die einzige
+okzidentalische Münzstätte, die im Silbercourant noch mit der römischen
+konkurrierte, die massaliotische, definitiv schloß. Die Prägung von
+silberner oder kupferner Scheidemünze blieb einer Anzahl
+okzidentalischer Gemeinden erlaubt, wie denn Dreivierteldenare von
+einigen latinischen Gemeinden des südlichen Galliens, halbe Denare von
+mehreren nordgallischen Gauen, kupferne Kleinmünzen vielfach auch noch
+nach Caesar von Kommunen des Westens geschlagen worden sind; allein
+auch diese Scheidemünze war durchgängig auf römischen Fuß geprägt und
+ihre Annahme überdies wahrscheinlich nur im Lokalverkehr obligatorisch.
+An eine einheitliche Regulierung des Münzwesens im Osten, wo große
+Massen groben, großenteils zu leicht ausgebrachten oder vernutzten
+Silbergeldes, zum Teil sogar, wie in Ägypten, eine unserem Papiergeld
+verwandte Kupfermünze umlief, auch die syrischen Handelsstädte den
+Mangel ihrer bisherigen, dem mesopotamischen Courant entsprechenden
+Landesmünze sehr schwer empfunden haben würden, scheint Caesar so wenig
+gedacht zu haben wie die frühere Regierung. Wir finden hier später die
+Einrichtung, daß der Denar überall gesetzlichen Kurs hat und offiziell
+nur nach ihm gerechnet wird ^37, die Lokalmünzen aber innerhalb ihres
+beschränkten Rayons zwar auch Legalkurs, aber nach einem für sie
+ungünstigen Tarif gegen den Denar haben ^38; dieselbe ist
+wahrscheinlich nicht auf einmal und zum Teil auch wohl schon von Caesar
+eingeführt worden, auf jeden Fall aber die wesentliche Ergänzung der
+Caesarischen Reichsmünzordnung, deren neues Goldstück in dem ungefähr
+gleich schweren Alexanders sein unmittelbares Muster fand und wohl ganz
+besonders auf die Zirkulation im Orient berechnet war.
+
+———————————————————————————
+
+^35 Die Goldstücke, die Sulla und gleichzeitig Pompeius, beide in
+geringer Zahl, schlagen ließen, heben diesen Satz nicht auf: denn sie
+wurden wahrscheinlich lediglich nach dem Gewicht genommen ähnlich wie
+die goldenen Philippeer, die auch bis nach Caesars Zeit im Umlauf
+gewesen sind. Merkwürdig sind sie allerdings, insofern sie das
+Caesarische Reichsgold ähnlich einleiten wie Sullas Regentschaft die
+neue Monarchie.
+
+^36 Es scheint nämlich, daß man in älterer Zeit die auf Silber
+lautenden Forderungen der Staatsgläubiger nicht wider deren Willen in
+Gold, nach dem legalen Kurs desselben zum Silber, bezahlen konnte;
+wogegen es keinen Zweifel leidet, daß seit Caesar das Goldstück
+unweigerlich für 100 Silbersesterzen angenommen werden mußte. Es war
+dies ebendamals um so wichtiger, als infolge der durch Caesar in Umlauf
+gebrachten großen Quantitäten Goldes dasselbe eine Zeitlang im
+Handelskurs 25 Prozent unter dem Legalkurs stand.
+
+^37 Es gibt wohl keine Inschrift der Kaiserzeit, die Geldsummen anders
+als in römischer Münze angäbe.
+
+^38 So gilt die attische Drachme, obwohl merklich schwerer als der
+Denar, doch diesem gleich; das antiochische Tetradrachmon,
+durchschnittlich 15 Gramm Silber schwer, gleich 3 römischen Denaren,
+die nur gegen 12 Gramm wiegen; so der kleinasiatische Cistophorus nach
+Silberwert über 3, nach dem Legaltarif 2 Denare; so die rhodische halbe
+Drachme nach Silberwert ¾, nach dem Legaltarif 5/8 Denare und so
+weiter.
+
+———————————————————————————
+
+Verwandter Art war die Kalenderreform. Der republikanische Kalender,
+unglaublicherweise immer noch der alte, aus der vormetonischen
+Oktaeteris verunstaltete Dezemviralkalender, war durch die Verbindung
+elendester Mathematik und elendester Administration dahin gelangt, um
+volle 67 Tage der wahren Zeit voranzugehen und zum Beispiel das
+Blütenfest statt am 28. April am 11. Juli zu feiern. Caesar beseitigte
+endlich diesen Mißstand und führte mit Hilfe des griechischen
+Mathematikers Sosigenes das nach dem ägyptischen Eudoxischen Kalender
+geordnete italische Bauernjahr sowie ein verständiges
+Einschaltungssystem in den religiösen und offiziellen Gebrauch ein,
+indem zugleich das alte Kalenderneujahr des 1. März abgeschafft,
+dagegen der zunächst für den Amtswechsel der höchsten Magistrate
+festgestellte und infolgedessen längst im bürgerlichen Leben
+überwiegende Termin des 1. Januar auch als Kalenderepoche für den
+Jahreswechsel angenommen ward. Beide Änderungen traten mit dem 1.
+Januar 709 der Stadt, 45 vor Chr., ins Leben und mit ihnen der Gebrauch
+des von seinem Urheber benannten Julianischen Kalenders, der lange nach
+dem Untergang der Monarchie Caesars in der gebildeten Welt maßgebend
+geblieben und in der Hauptsache es noch ist. Zur Erläuterung ward in
+einem ausführlichen Edikt ein den ägyptischen Himmelsbeobachtungen
+entnommener und, freilich nicht geschickt, auf Italien übertragener
+Sternkalender hinzugefügt, welcher den Auf- und Untergang der namhaften
+Gestirne nach Kalendertagen bestimmte ^39. Auch auf diesem Gebiet also
+setzten die römische und die griechische Welt sich ins gleiche.
+
+—————————————————————————————
+
+^39 Die Identität dieses vielleicht von Marcus Flavius redigierten
+Edikts (Macr. Sat. I, 14, 2) und der angeblichen Schrift Caesars von
+den Gestirnen beweist der Scherz Ciceros (Plut. Caes. 59), daß jetzt
+die Leier nach Verordnung aufgehe.
+
+Übrigens wußte man schon vor Caesar, daß das Sonnenjahr von 365 Tagen
+sechs Stunden, das dem ägyptischen Kalender zugrunde lag und das er
+seinem Kalender zugrunde legte, etwas zu lang angesetzt sei. Die
+genaueste Berechnung des tropischen Jahres, die die alte Welt kannte,
+die des Hipparchos, setzte dasselbe auf 365 Tage 5 Stunden 52' 12"; die
+wahre Länge ist 365 Tage 5 Stunden 48' 48".
+
+—————————————————————————————
+
+Dies waren die Grundlagen der Mittelmeermonarchie Caesars. Zum
+zweitenmal war in Rom die soziale Frage zu einer Krise gelangt, wo die
+Gegensätze, so wie sie aufgestellt waren, unauflöslich, so wie sie
+ausgesprochen waren, unversöhnlich nicht bloß schienen, sondern waren.
+Damals war Rom dadurch gerettet worden, daß Italien in Rom und Rom in
+Italien aufging und in der neuen erweiterten und verwandelten Heimat
+jene alten Gegensätze nicht ausgeglichen wurden, sondern wegfielen.
+Wieder ward jetzt Rom dadurch gerettet, daß die Landschaften des
+Mittelmeeres in ihm aufgingen oder zum Aufgehen vorbereitet wurden; der
+Krieg der italischen Armen und Reichen, der in dem alten Italien nur
+mit der Vernichtung der Nation endigen konnte, hatte in dem Italien
+dreier Weltteile kein Schlachtfeld und keinen Sinn mehr. Die
+latinischen Kolonien schlossen die Kluft, die im fünften Jahrhundert
+die römische Gemeinde zu verschlingen drohte; den tieferen Riß des
+siebenten Jahrhunderts füllten Gaius Gracchus’ und Caesars
+transalpinische und überseeische Kolonisationen. Für das einzige Rom
+hat die Geschichte nicht bloß Wunder getan, sondern auch seine Wunder
+wiederholt und zweimal die im Staate selbst unheilbare innere Krise
+dadurch geheilt, daß sie den Staat verjüngte. Wohl ist viel Verwesung
+in dieser Verjüngung; wie die Einigung Italiens auf den Trümmern der
+samnitischen und etruskischen Nation sich vollzog, so erbaute auch die
+Mittelmeermonarchie sich auf den Ruinen unzähliger, einst lebendiger
+und tüchtiger Staaten und Stämme; aber es ist eine Verwesung, der
+frische und zum Teil noch heute grünende Saaten entkeimten. Was
+zugrunde ging um des neuen Gebäudes willen, waren nur die längst schon
+von der nivellierenden Zivilisation zum Untergang bezeichneten
+sekundären Nationalitäten. Caesar hat, wo er zerstörend auftrat, nur
+den ausgefällten Spruch der geschichtlichen Entwicklung vollzogen, die
+Keime der Kultur aber geschützt, wo und wie er sie fand, in seinem
+eigenen Lande so gut wie bei der verschwisterten Nation der Hellenen.
+Er hat das Römertum gerettet und erneuert, aber auch das Griechentum
+hat er nicht bloß geschont, sondern mit derselben sicheren Genialität,
+womit er die Neugründung Roms vollbrachte, auch der Regeneration der
+Hellenen sich unterzogen und das unterbrochene Werk des großen
+Alexander wiederaufgenommen, dessen Bild, wohl mag man es glauben,
+niemals aus Caesars Seele wich. Er hat diese beiden großen Aufgaben
+nicht bloß nebeneinander, sondern eine durch die andere gelöst. Die
+beiden großen Wesenheiten des Menschentums, die allgemeine und die
+individuelle Entwicklung oder Staat und Kultur, einst im Keime
+vereinigt in jenen alten, fern von den Küsten und Inseln des
+Mittelmeers in urväterlicher Einfachheit ihre Herden weidenden
+Graecoitalikern, hatten sich geschieden, als dieselben sich sonderten
+in Italiker und Hellenen, und waren seitdem durch Jahrtausende
+geschieden geblieben. Jetzt erschuf der Enkel des troischen Fürsten und
+der latinischen Königstochter aus einem Staat ohne eigene Kultur und
+einer kosmopolitischen Zivilisation ein neues Ganzes, in welchem auf
+dem Gipfel menschlichen Daseins, in der reichen Fülle des glückseligen
+Alters Staat und Kultur wiederum sich zusammenfanden und den einem
+solchen Inhalt angemessenen Umkreis würdig erfüllten.
+
+Die Linien sind dargelegt, welche Caesar für dieses Werk gezogen hat,
+nach denen er selbst arbeitete und nach denen die Späteren, viele
+Jahrhunderte hindurch gebannt in die von diesem Manne vorgezeichneten
+Bahnen, wo nicht mit dem Geiste und der Energie, doch im ganzen nach
+den Intentionen des großen Meisters weiter zu arbeiten versuchten.
+Vollendet ist wenig, gar manches nur angelegt. Ob der Plan vollständig
+ist, mag entscheiden, wer mit einem solchen Mann in die Wette zu denken
+wagt; wir bemerken keine wesentlichen Lücken in dem, was vorliegt,
+jeder einzelne Baustein genug, um einen Mann unsterblich zu machen, und
+doch wieder alle zusammen ein harmonisches Ganzes. Fünf und ein halbes
+Jahr, nicht halb so lange wie Alexander, schaltete Caesar als König von
+Rom; zwischen sieben großen Feldzügen, die ihm nicht mehr als zusammen
+fünfzehn Monate ^40 in der Hauptstadt seines Reiches zu verweilen
+erlaubten, ordnete er die Geschicke der Welt für die Gegenwart und die
+Zukunft; von der Feststellung der Grenzlinie zwischen Zivilisation und
+Barbarei an bis hinab zu der Beseitigung der Regenpfützen auf den
+Gassen der Hauptstadt, und behielt dabei noch Zeit und Heiterkeit
+genug, um den Preisstücken im Theater aufmerksam zu folgen und dem
+Sieger den Kranz mit improvisierten Versen zu erteilen. Die
+Schnelligkeit und Sicherheit der Ausführung des Planes beweist, daß er
+lange durchdacht und in allen Teilen im einzelnen festgestellt war;
+allein auch so bleibt sie nicht viel weniger wunderbar als der Plan
+selbst. Die Grundzüge waren gegeben und damit der neue Staat für alle
+Zukunft bestimmt; vollenden konnte den Bau nur die grenzenlose Zukunft.
+Insofern durfte Caesar sich sagen, daß sein Ziel erreicht sei, und das
+wohl mochten die Worte bedeuten, die man zuweilen aus seinem Munde
+vernahm, daß er genug gelebt habe. Aber eben weil der Bau ein
+unendlicher war, fügte der Meister, solange er lebte, rastlos Stein auf
+Stein, mit immer gleicher Geschmeidigkeit und immer gleicher Spannkraft
+tätig an seinem Werk, ohne je zu überstürzen oder zu verschieben, eben
+als gebe es für ihn nur ein Heute und kein Morgen. So wirkte und
+schaffte er wie nie ein Sterblicher vor und nach ihm, und als ein
+Wirkender und Schaffender lebt er noch nach Jahrtausenden im Gedächtnis
+der Nationen, der erste und doch auch der einzige Imperator Caesar.
+
+———————————————————————————-
+
+^40 Caesar verweilte in Rom im April und Dezember 705 (49), beide Male
+auf wenige Tage; vom September bis Dezember 707 (47); etwa vier
+Herbstmonate des fünfzehnmonatlichen Jahres 708 (46) und vom Oktober
+709 (45) bis zum März 710 (44).
+
+
+
+
+KAPITEL XII.
+Religion, Bildung, Literatur und Kunst
+
+
+In der religiös-philosophischen Entwicklung tritt in dieser Epoche kein
+neues Moment hervor. Die römisch-hellenische Staatsreligion und die
+damit untrennbar verbundene stoische Staatsphilosophie waren für jede
+Regierung, Oligarchie, Demokratie oder Monarchie, nicht bloß ein
+bequemes Instrument, sondern deshalb geradezu unentbehrlich, weil es
+ebenso unmöglich war, den Staat ganz ohne religiöse Elemente zu
+konstruieren als irgendeine neue zur Ersetzung der alten geeignete
+Staatsreligion aufzufinden. So fuhr denn zwar der revolutionäre Besen
+gelegentlich sehr unsanft in die Spinnweben der auguralen Vogelweisheit
+hinein; aber die morsche, in allen Fugen krachende Maschine überdauerte
+dennoch das Erdbeben, das die Republik selber verschlang, und rettete
+ihre Geistlosigkeit und ihre Hoffart ungeschmälert hinüber in die neue
+Monarchie. Es versteht sich, daß sie zunahm an Ungnade bei allen denen,
+die ein freies Urteil sich bewahrten. Zwar gegen die Staatsreligion
+verhielt die öffentliche Meinung sich wesentlich gleichgültig; sie war
+allerseits als eine Institution politischer Konvenienz anerkannt und es
+bekümmerte sich niemand sonderlich um sie, mit Ausnahme der politischen
+und antiquarischen Gelehrten. Aber gegen ihre philosophische Schwester
+entwickelte sich in dem unbefangenen Publikum jene Feindseligkeit, die
+die leere und doch auch perfide Phrasenheuchelei auf die Länge nie
+verfehlt zu erwecken. Daß der Stoa selbst von ihrer eigenen Nichtigkeit
+eine Ahnung aufzugehen begann, beweist ihr Versuch, auf dem Wege des
+Synkretismus sich wieder einigen Geist künstlich einzuflößen: Antiochos
+von Askalon (blüht 675 79), der mit dem stoischen System das
+platonisch-aristotelische zu einer organischen Einheit
+zusammengeklittert zu haben behauptete, brachte es in der Tat dahin,
+daß seine mißgeschaffene Doktrin die Modephilosophie der Konservativen
+seiner Zeit und von den vornehmen Dilettanten und Literaten Roms
+gewissenhaft studiert ward. Wer irgend in geistiger Frische sich regte,
+opponierte der Stoa oder ignorierte sie. Es war hauptsächlich der
+Widerwille gegen die großmauligen und langweiligen römischen Pharisäer,
+daneben freilich auch der zunehmende Hang, sich aus dem praktischen
+Leben in schlaffe Apathie oder nichtige Ironie zu flüchten, dem während
+dieser Epoche das System Epikurs seine Ausbreitung in weiteren Kreisen
+und die Diogenische Hundephilosophie ihre Einbürgerung in Rom
+verdankte. Wie matt und gedankenarm auch jenes sein mochte, eine
+Philosophie, die nicht in der Veränderung der hergebrachten
+Bezeichnungen den Weg zur Freiheit suchte, sondern mit den vorhandenen
+sich begnügte und durchaus nur die sinnliche Wahrnehmung als wahr
+gelten ließ, war immer noch besser als das terminologische Geklapper
+und die hohlen Begriffe der stoischen Weisheit; und die
+Hundephilosophie gar war von allen damaligen philosophischen Systemen
+insofern bei weitem das vorzüglichste, als ihr System sich darauf
+beschränkte, gar kein System zu haben, sondern alle Systeme und alle
+Systematiker zu verhöhnen. Auf beiden Gebieten wurde gegen die Stoa mit
+Eifer und Glück Krieg geführt; für ernste Männer predigte der Epikureer
+Lucretius mit dem vollen Akzent der innigen Überzeugung und des
+heiligen Eifers gegen den stoischen Götter- und Vorsehungsglauben und
+die stoische Lehre von der Unsterblichkeit der Seele; für das große
+lachbereite Publikum traf der Kyniker Varro mit den flüchtigen Pfeilen
+seiner vielgelesenen Satiren noch schärfer zum Ziel. Wenn also die
+tüchtigsten Männer der älteren Generation die Stoa befehdeten, so stand
+dagegen die jüngere, wie zum Beispiel Catullus, zu ihr in gar keinem
+innerlichen Verhältnis mehr und kritisierte sie noch bei weitem
+schärfer durch vollständiges Ignorieren.
+
+Indes wenn hier ein glaubenloser Glaube aus politischer Konvenienz
+aufrecht erhalten ward, so brachte man dies anderswo reichlich wieder
+ein. Unglaube und Aberglaube, verschiedene Farbenbrechungen desselben
+geschichtlichen Phänomens, gingen auch in der damaligen römischen Welt
+Hand in Hand und es fehlte nicht an Individuen, welche sie beide in
+sich vereinigten, mit Epikuros die Götter leugneten und doch vor jeder
+Kapelle beteten und opferten. Natürlich galten nur noch die aus dem
+Orient gekommenen Götter, und wie die Menschen fortfuhren, aus den
+griechischen Landschaften nach Italien zu strömen, so wanderten auch
+die Götter des Ostens in immer steigender Zahl nach dem Westen hinüber.
+Was der phrygische Kult damals in Rom bedeutete, beweist sowohl die
+Polemik bei den älteren Männern, wie bei Varro und Lucretius, als auch
+die poetische Verherrlichung desselben bei dem modernen Catullus, die
+mit der charakteristischen Bitte schließt, daß die Göttin geneigen
+möge, nur andere, nicht den Dichter selbst verrückt zu machen. Neu trat
+hinzu der persische Götterdienst, der zuerst durch Vermittlung der von
+Osten und von Westen her auf dem Mittelmeere sich begegnenden Piraten
+zu den Okzidentalen gelangt sein soll und als dessen älteste Kultstätte
+im Westen der Berg Olympos in Lykien bezeichnet wird. Dafür, daß man
+bei der Aufnahme der orientalischen Kulte im Okzident das, was sie von
+höheren spekulativen und sittlichen Elementen enthielten, durchgängig
+fallen ließ, ist es ein merkwürdiger Beleg, daß der höchste Gott der
+reinen Lehre Zarathustras, Ahuramazda, im Westen so gut wie unbekannt
+blieb und hier die Verehrung sich vorzugsweise wieder demjenigen Gott
+zuwandte, der in der alten persischen Volksreligion den ersten Platz
+eingenommen hatte und durch Zarathustra an den zweiten gerückt worden
+war, dem Sonnengott Mithra. Rascher noch als die lichteren und milderen
+persischen Himmelsgestalten traf der langweilig geheimnisvolle Schwarm
+der ägyptischen Götterkarikaturen in Rom ein, die Naturmutter Isis mit
+ihrem ganzen Gefolge, dem ewig sterbenden und ewig wiederauflebenden
+Osiris, dem finsteren Sarapis, dem schweigsam ernsten Harpokrates, dem
+hundsköpfigen Anubis. In dem Jahre, wo Clodius die Klubs und
+Konventikel freigab (696 58), und ohne Zweifel eben infolge dieser
+Emanzipation des Pöbels, machte jener Schwarm sogar Anstalt, in die
+alte Burg des römischen Jupiter auf dem Kapitol seinen Einzug zu
+halten, und kaum gelang es, von hier ihn noch abzuwehren und die
+unvermeidlichen Tempel wenigstens in die Vorstädte Roms zu bannen. Kein
+Kult war in den unteren Schichten der hauptstädtischen Bevölkerung
+gleich populär: als der Senat die innerhalb der Ringmauer angelegten
+Isistempel einzureißen befahl, wagte kein Arbeiter, die erste Hand
+daran zu legen, und der Konsul Lucius Paullus mußte selber den ersten
+Axtschlag tun (704 50); man konnte darauf wetten, daß je lockerer ein
+Dirnchen war, es desto frommer die Isis verehrte. Daß Loswerfen,
+Traumdeuten und dergleichen freie Künste ihren Mann ernährten, versteht
+sich von selbst. Das Horoskopstellen ward schon wissenschaftlich
+betrieben: Lucius Tarutius aus Firmum, ein angesehener und in seiner
+Art gelehrter, mit Varro und Cicero befreundeter Mann, stellte ganz
+ernsthaft den Königen Romulus und Numa und der Stadt Rom selbst die
+Nativität und erhärtete zur Erbauung der beiderseitigen Gläubigen
+mittels seiner chaldäischen und ägyptischen Weisheit die Berichte der
+römischen Chronik. Aber bei weitem die merkwürdigste Erscheinung auf
+diesem Gebiet ist der erste Versuch, das rohe Glauben mit dem
+spekulativen Denken zu verquicken, das erste Hervortreten derjenigen
+Tendenzen, die wir als neuplatonische zu bezeichnen gewohnt sind, in
+der römischen Welt. Ihr ältester Apostel daselbst war Publius Nigidius
+Figulus, ein vornehmer Römer von der strengsten Fraktion der
+Aristokratie, der 696 (58) die Prätur bekleidete und im Jahre 709 (45)
+als politischer Verbannter außerhalb Italiens starb. Mit staunenswerter
+Vielgelehrtheit und noch staunenswerterer Glaubensstärke schuf er aus
+den disparatesten Elementen einen philosophisch-religiösen Bau, dessen
+wunderlichen Grundriß er mehr wohl noch in mündlichen Verkündigungen
+entwickelte als in seinen theologischen und naturwissenschaftlichen
+Schriften. In der Philosophie griff er, Erlösung suchend von den
+Totengerippen der umgehenden Systeme und Abstraktionen, zurück auf den
+verschütteten Born der vorsokratischen Philosophie, deren alten Weisen
+der Gedanke selber noch mit sinnlicher Lebendigkeit erschienen war. Die
+naturwissenschaftliche Forschung, die, zweckmäßig behandelt, dem
+mystischen Schwindel und der frommen Taschenspielerei auch jetzt noch
+so vortreffliche Handhaben darbietet und im Altertum, bei der
+mangelhafteren Einsicht in die physikalischen Gesetze, sie noch
+bequemer darbot, spielte begreiflicherweise auch hier eine ansehnliche
+Rolle. Seine Theologie beruhte wesentlich auf dem wunderlichen Gebräu,
+in dem den geistesverwandten Griechen orphische und andere uralte oder
+sehr neue einheimische Weisheit mit persischen, chaldäischen und
+ägyptischen Geheimlehren zusammengeflossen war und in welches Figulus
+noch die Quasiresultate der tuskischen Forschung in das Nichts und die
+einheimische Vogelfluglehre zu weiterer harmonischer Konfusion
+einarbeitete. Dem ganzen System gab die politisch-religiös-nationale
+Weihe der Name des Pythagoras, des ultrakonservativen Staatsmannes,
+dessen oberster Grundsatz war, “die Ordnung zu fördern und der
+Unordnung zu wehren”, des Wundermannes und Geisterbeschwörers, des in
+Italien heimischen, selbst in Roms Sagengeschichte verflochtenen und
+auf dem römischen Markte im Standbilde zu schauenden uralten Weisen.
+Wie Geburt und Tod miteinander verwandt sind, so, schien es, sollte
+Pythagoras nicht bloß an der Wiege der Republik stehen als des weisen
+Numa Freund und der klugen Mutter Egeria Kollege, sondern auch als der
+letzte Hort der heiligen Vogelweisheit an ihrem Grabe. Das neue System
+war aber nicht bloß wunderhaft, es wirkte auch Wunder: Nigidius
+verkündigte dem Vater des nachmaligen Kaisers Augustus an dem Tage
+selbst, wo dieser geboren ward, die künftige Größe des Sohnes; ja die
+Propheten bannten den Gläubigen Geister und, was mehr sagen will, sie
+wiesen ihnen die Plätze nach, wo ihre verlorenen Münzen lagen. Die
+neu-alte Weisheit, wie sie nun eben war, machte doch auf die
+Zeitgenossen einen tiefen Eindruck; die vornehmsten, gelehrtesten,
+tüchtigsten Männer der verschiedensten Parteien, der Konsul des Jahres
+705 (49), Appius Claudius, der gelehrte Marcus Varro, der tapfere
+Offizier Publius Vatinius, machten das Geisterzitieren mit, und es
+scheint sogar, daß gegen das Treiben dieser Gesellschaften polizeilich
+eingeschritten werden mußte. Diese letzten Versuche, die römische
+Theologie zu retten, machen, ähnlich wie Catos verwandte Bestrebungen
+auf dem politischen Gebiet, zugleich einen komischen und einen
+wehmütigen Eindruck; man darf über das Evangelium wie über die Apostel
+lächeln, aber immer ist es eine ernsthafte Sache, wenn auch die
+tüchtigen Männer anfangen, sich dem Absurden zu ergeben.
+
+Die Jugendbildung bewegte sich, wie sich von selbst versteht, in dem in
+der vorigen Epoche vorgezeichneten Kreise zwiesprachiger Humanität, und
+mehr und mehr ging die allgemeine Bildung auch der römischen Welt ein
+auf die von den Griechen dafür festgestellten Formeln. Selbst die
+körperlichen Übungen schritten von dem Ballspiel, dem Laufen und
+Fechten fort zu den kunstmäßiger entwickelten griechischen Turnkämpfen;
+wenn es auch für diese noch keine öffentlichen Anstalten gab, pflegte
+doch in den vornehmen Landhäusern schon neben den Badezimmern die
+Palästra nicht zu fehlen. In welcher Art der Kreis der allgemeinen
+Bildung sich in der römischen Welt im Laufe eines Jahrhunderts
+umgewandelt hatte, zeigt die Vergleichung der Catonischen
+‘Encyklopädie’ mit der gleichartigen Schrift Varros ‘Von den
+Schulwissenschaften’. Als Bestandteile der nichtfachwissenschaftlichen
+Bildung erscheinen bei Cato die Redekunst, die Ackerbau-, Rechts-,
+Kriegs- und Arzneikunde, bei Varro - nach wahrscheinlicher Vermutung -
+Grammatik, Logik oder Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik,
+Astronomie, Musik, Medizin und Architektur. Es sind also im Verlaufe
+des siebenten Jahrhunderts Kriegs-, Rechts- und Ackerbaukunde aus
+allgemeinen zu Fachwissenschaften geworden. Dagegen tritt bei Varro die
+hellenische Jugendbildung bereits in ihrer ganzen Vollständigkeit auf:
+neben dem grammatisch-rhetorisch-philosophischen Kursus, der schon
+früher in Italien eingeführt war, findet jetzt auch der länger
+spezifisch hellenisch gebliebene
+geometrisch-arithmetisch-astronomisch-musikalische ^1 sich ein. Daß
+namentlich die Astronomie, die in der Nomenklatur der Gestirne dem
+gedankenlosen gelehrten Dilettantismus der Zeit, in ihren Beziehungen
+zur Astrologie dem herrschenden religiösen Schwindel entgegenkam, in
+Italien von der Jugend regelmäßig und eifrig studiert ward, läßt sich
+auch anderweitig belegen: Aratos’ astronomische Lehrgedichte fanden
+unter allen Werken der alexandrinischen Literatur am frühesten Eingang
+in den römischen Jugendunterricht. Zu diesem hellenischen Kursus trat
+dann noch die aus dem älteren römischen Jugendunterricht
+stehengebliebene Medizin und endlich die dem damaligen statt des Ackers
+Häuser und Villen bauenden vornehmen Römer unentbehrliche Architektur.
+
+——————————————————————-
+
+^1 Es sind dies, wie bekannt, die sogenannten sieben freien Künste, die
+mit dieser Unterscheidung der früher in Italien eingebürgerten drei und
+der nachträglich rezipierten vier Disziplinen sich durch das ganze
+Mittelalter behauptet haben.
+
+——————————————————————-
+
+Im Vergleich mit der vorigen Epoche nimmt die griechische wie die
+lateinische Bildung an Umfang und an Schulstrenge ebenso zu wie ab an
+Reinheit und an Feinheit. Der steigende Drang nach griechischem Wissen
+gab dem Unterricht von selbst einen gelehrten Charakter. Horneros oder
+Euripides zu exponieren war am Ende keine Kunst; Lehrer und Schüler
+fanden besser ihre Rechnung bei den alexandrinischen Poesien, welche
+überdies auch ihrem Geiste nach der damaligen römischen Welt weit näher
+standen als die echte griechische Nationalpoesie und die, wenn sie
+nicht ganz so ehrwürdig wie die Ilias waren, doch bereits ein
+hinreichend achtbares Alter besaßen, um Schulmeistern als Klassiker zu
+gelten. Euphorions Liebesgedichte, Kalkmachos’ ‘Ursachen’ und seine
+‘Ibis’, Lykophrons komisch dunkle ‘Alexandra’ enthielten in reicher
+Fülle seltene Vokabeln (glossae), die zum Exzerpieren und
+Interpretieren sich eigneten, mühsam verschlungene und mühsam
+aufzulösende Sätze, weitläufige Exkurse voll Zusammengeheimnissung
+verlegener Mythen, überhaupt Vorrat zu beschwerlicher Gelehrsamkeit
+aller Art. Der Unterricht bedurfte immer schwierigerer Übungsstücke;
+jene Produkte, großenteils Musterarbeiten von Schulmeistern, eigneten
+sich vortrefflich zu Lehrstücken für Musterschüler. So nahmen die
+alexandrinischen Poesien in dem italischen Schulunterricht, namentlich
+als Probeaufgaben, bleibenden Platz und förderten allerdings das
+Wissen, aber auf Kosten des Geschmacks und der Gescheitheit. Derselbe
+ungesunde Bildungshunger drängte ferner die römische Jugend, den
+Hellenismus so viel wie möglich an der Quelle zu schöpfen. Die Kurse
+bei den griechischen Meistern in Rom genügten nur noch für den ersten
+Anlauf; wer irgend wollte mitsprechen können, hörte griechische
+Philosophie in Athen, griechische Rhetorik in Rhodos und machte eine
+literarische und Kunstreise durch Kleinasien, wo noch am meisten von
+den alten Kunstschätzen der Hellenen an Ort und Stelle anzutreffen war
+und, wenn auch handwerksmäßig, die musische Bildung derselben sich
+fortgepflanzt hatte; wogegen das fernere und mehr als Sitz der strengen
+Wissenschaften gefeierte Alexandreia weit seltener das Reiseziel der
+bildungslustigen jungen Leute war.
+
+Ähnlich wie der griechische steigert sich auch der lateinische
+Unterricht. Zum Teil geschah dies schon durch die bloße Rückwirkung des
+griechischen, dem er ja seine Methode und seine Anregungen wesentlich
+entlehnte. Ferner trugen die politischen Verhältnisse, der durch das
+demokratische Treiben in immer weitere Kreise getragene Zudrang zu der
+Rednerbühne auf dem Markte, zur Verbreitung und Steigerung der
+Redeübungen nicht wenig bei; “wo man hinblickt”, sagt Cicero, “ist
+alles von Rhetoren voll”. Es kam hinzu, daß die Schriften des sechsten
+Jahrhunderts, je weiter sie in die Vergangenheit zurücktraten, desto
+entschiedener als klassische Texte der goldenen Zeit der lateinischen
+Literatur zu gelten anfingen und damit dem wesentlich auf sie sich
+konzentrierenden Unterricht ein größeres Schwergewicht gaben. Endlich
+gab die von vielen Seiten her einreißende und einwandernde Barbarei und
+die beginnende Latinisierung ausgedehnter keltischer und spanischer
+Landschaften der lateinischen Sprachlehre und dem lateinischen
+Unterricht von selbst eine höhere Bedeutung, als er sie hatte haben
+können, solange nur Latium lateinisch sprach: der Lehrer der
+lateinischen Literatur hatte in Comum und Narbo von Haus aus eine
+andere Stellung als in Praeneste und Ardea. Im ganzen genommen war die
+Bildung mehr im Sinken als im Steigen. Der Ruin der italischen
+Landstädte, das massenhafte Eindringen fremder Elemente, die
+politische, ökonomische und sittliche Verwilderung der Nation, vor
+allem die zerrüttenden Bürgerkriege verdarben auch in der Sprache mehr,
+als alle Schulmeister der Welt wieder gutmachen konnten. Die engere
+Berührung mit der hellenischen Bildung der Gegenwart, der bestimmtere
+Einfluß der geschwätzigeren athenischen Weisheit und der rhodischen und
+kleinasiatischen Rhetorik führten vorwiegend eben die schädlichsten
+Elemente des Hellenismus der römischen Jugend zu. Die propagandistische
+Mission, die Latium unter den Kelten, Iberern und Libyern übernahm, wie
+stolz die Aufgabe auch war, mußte doch für die lateinische Sprache
+ähnliche Folgen haben, wie die Hellenisierung des Ostens sie für die
+hellenische gehabt hatte. Wenn das römische Publikum dieser Zeit die
+wohlgefügte und rhythmisch kadenzierte Periode des Redners beklatschte
+und dem Schauspieler ein sprachlicher oder metrischer Verstoß teuer zu
+stehen kam, so zeigt dies wohl, daß die schulmäßig reflektierte
+Einsicht in die Muttersprache in immer weiteren Kreisen Gemeingut ward:
+aber daneben klagen urteilsfähige Zeitgenossen, daß die hellenische
+Bildung in Italien um 690 (64) weit tiefer gestanden als ein
+Menschenalter zuvor; daß man das reine gute Latein nur selten mehr, am
+ersten noch aus dem Munde älterer gebildeter Frauen zu hören bekomme;
+daß die Überlieferung echter Bildung, der alte, gute lateinische
+Mutterwitz, die Lucilische Feinheit, der gebildete Leserkreis der
+scipionischen Zeit allmählich ausgingen. Daß Wort und Begriff der
+“Urbanität”, das heißt der feinen nationalen Gesittung, in dieser Zeit
+aufkamen, beweist nicht, daß sie herrschte, sondern daß sie im
+Verschwinden war und daß man in der Sprache und dem Wesen der
+latinisierten Barbaren oder barbarisierten Lateiner die Abwesenheit
+dieser Urbanität schneidend empfand. Wo noch der urbane
+Konversationston begegnet, wie in Varros Satiren und Ciceros Briefen,
+da ist es ein Nachklang der alten in Reate und Arpinum noch nicht so
+wie in Rom verschollenen Weise.
+
+So blieb die bisherige Jugendbildung ihrem Wesen nach unverändert, nur
+daß sie, nicht so sehr durch ihren eigenen als durch den allgemeinen
+Verfall der Nation, weniger Gutes und mehr Übles stiftete als in der
+vorhergegangenen Epoche. Eine Revolution auch auf diesem Gebiet leitete
+Caesar ein. Wenn der römische Senat die Bildung erst bekämpft und
+sodann höchstens geduldet hatte, so mußte die Regierung des neuen
+italisch-hellenischen Reiches, dessen Wesen ja die Humanität war,
+dieselbe notwendig in hellenischer Weise von oben herab fördern. Wenn
+Caesar sämtlichen Lehrern der freien Wissenschaften und sämtlichen
+Ärzten der Hauptstadt das römische Bürgerrecht verlieh, so darf darin
+wohl eine gewisse Einleitung gefunden werden zu jenen Anstalten, in
+denen späterhin für die höhere zwiesprachige Bildung der Jugend des
+Reiches von Staats wegen gesorgt ward und die der prägnanteste Ausdruck
+des neuen Staates der Humanität sind; und wenn Caesar ferner die
+Gründung einer öffentlichen griechischen und lateinischen Bibliothek in
+der Hauptstadt beschlossen und bereits den gelehrtesten Römer der Zeit,
+Marcus Varro, zum Oberbibliothekar ernannt hatte, so liegt darin
+unverkennbar die Absicht, mit der Weltmonarchie die Weltliteratur zu
+verknüpfen.
+
+Die sprachliche Entwicklung dieser Zeit knüpfte an den Gegensatz an
+zwischen dem klassischen Latein der gebildeten Gesellschaft und der
+Vulgärsprache des gemeinen Lebens. Jenes selbst war ein Erzeugnis der
+spezifischen italischen Bildung; schon in dem Scipionischen Kreise war
+das “reine Latein” Stichwort gewesen und wurde die Muttersprache nicht
+mehr völlig naiv gesprochen, sondern in bewußtem Unterschied von der
+Sprache des großen Haufens. Diese Epoche eröffnet mit einer
+merkwürdigen Reaktion gegen den bisher in der höheren Umgangssprache
+und demnach auch in der Literatur alleinherrschenden Klassizismus,
+einer Reaktion, die innerlich und äußerlich mit der gleichartigen
+Sprachreaktion in Griechenland eng zusammenhing. Eben um diese Zeit
+begannen der Rhetor und Romanschreiber Hegesias von Magnesia und die
+zahlreichen, an ihn sich anschließenden kleinasiatischen Rhetoren und
+Literaten sich aufzulehnen gegen den orthodoxen Attizismus. Sie
+forderten das Bürgerrecht für die Sprache des Lebens, ohne Unterschied,
+ob das Wort und die Wendung in Attika entstanden sei oder in Karien und
+Phrygien; sie selber sprachen und schrieben nicht für den Geschmack der
+gelehrten Cliquen, sondern für den des großen Publikums. Gegen den
+Grundsatz ließ sich nicht viel einwenden; nur freilich konnte das
+Resultat nicht besser sein als das damalige kleinasiatische Publikum
+war, das den Sinn für Strenge und Reinheit der Produktion gänzlich
+verloren hatte und nur nach dem Zierlichen und Brillanten verlangte. Um
+von den aus dieser Richtung entsprungenen Afterkunstgattungen,
+namentlich dem Roman und der romanhaften Geschichte, hier zu schweigen,
+so war schon der Stil dieser Asiaten begreiflicherweise zerhackt und
+ohne Kadenz und Periode, verzwickt und weichlich, voll Flitter und
+Bombast, durchaus gemein und manieriert; “wer Hegesias kennt”, sagt
+Cicero, “der weiß, was albern ist”.
+
+Dennoch fand dieser neue Stil seinen Weg auch in die latinische Welt.
+Als die hellenische Moderhetorik, nachdem sie am Ende der vorigen
+Epoche in den latinischen Jugendunterricht sich eingedrängt hatte, zu
+Anfang der gegenwärtigen den letzten Schritt tat und mit Quintus
+Hortensius (640-704 114-50), dem gefeiertsten Sachwalter der
+sullanischen Zeit, die römische Rednerbühne selbst betrat, da schmiegte
+sie auch in dem lateinischen Idiom dem schlechten griechischen
+Zeitgeschmack eng sich an; und das römische Publikum, nicht mehr das
+rein und streng gebildete der scipionischen Zeit, beklatschte natürlich
+eifrig den Neuerer, der es verstand, dem Vulgarismus den Schein
+kunstgerechter Leistung zu geben. Es war dies von großer Bedeutung. Wie
+in Griechenland der Sprachstreit immer zunächst in den Rhetorenschulden
+geführt ward, so war auch in Rom die gerichtliche Rede gewissermaßen
+mehr noch als die Literatur maßgebend für den Stil, und es war deshalb
+mit dem Sachwalterprinzipat gleichsam von Rechts wegen die Befugnis
+verbunden, den Ton der modischen Sprech- und Schreibweise anzugeben.
+Hortensius’ asiatischer Vulgarismus verdrängte also den Klassizismus
+von der römischen Rednerbühne und zum Teil auch aus der Literatur. Aber
+bald schlug in Griechenland wie in Rom die Mode wieder um. Dort war es
+die Rhodische Rhetorenschule, die ohne auf die ganze keusche Strenge
+des attischen Stils zurückzugehen, doch versuchte, zwischen ihm und der
+modernen Weise einen Mittelweg einzuschlagen; wenn die rhodischen
+Meister es mit der innerlichen Korrektheit des Denkens und Sprechens
+nicht allzu genau nahmen, so drangen sie doch wenigstens auf
+sprachliche und stilistische Reinheit, auf sorgfältige Auswahl der
+Wörter und Wendungen und durchgeführte Kadenzierung der Sätze. In
+Italien war es Marcus Tullius Cicero (648-711 106-43), der, nachdem er
+in seiner ersten Jugend die Hortensische Manier mitgemacht hatte, durch
+das Hören der rhodischen Meister und durch eigenen gereifteren
+Geschmack auf bessere Wege zurückgeführt ward und fortan sich strenger
+Reinheit der Sprache und durchgängiger Periodisierung und Kadenzierung
+der Rede befliß. Die Sprachmuster, an die er hierbei sich anschloß,
+fand er vor allen Dingen in denjenigen Kreisen der höheren römischen
+Gesellschaft, welche von dem Vulgarismus noch wenig oder gar nicht
+gelitten hatten; und wie schon gesagt ward, es gab deren noch, obwohl
+sie anfingen zu schwinden. Die ältere lateinische und die gute
+griechische Literatur, so bedeutend auch namentlich auf den Numerus der
+Rede die letztere eingewirkt hat, standen daneben doch nur in zweiter
+Linie; es war diese Sprachreinigung also keineswegs eine Reaktion der
+Buch- gegen die Umgangssprache, sondern eine Reaktion der Sprache der
+wirklich Gebildeten gegen den Jargon der falschen und halben Bildung.
+Caesar, auch auf dem Gebiet der Sprache der größte Meister seiner Zeit,
+sprach den Grundgedanken des römischen Klassizismus aus, indem er in
+Rede und Schrift jedes fremdartige Wort so zu vermeiden gebot, wie der
+Schiffer die Klippe meidet: man verwarf das poetische und das
+verschollene Wort der älteren Literatur ebenso, wie die bäurische oder
+der Sprache des gemeinen Lebens entlehnte Wendung und namentlich die,
+wie die Briefe dieser Zeit es beweisen, in sehr weitem Umfang in die
+Umgangssprache eingedrungenen griechischen Wörter und Phrasen. Aber
+nichtsdestoweniger verhielt dieser schulmäßige und künstliche
+Klassizismus der ciceronischen Zeit sich zu dem scipionischen, wie zu
+der Unschuld die bekehrte Sünde oder wie zu dem mustergültigen
+Französisch Molières und Boileaus das der napoleonischen Klassizisten;
+wenn jener aus dem vollen Leben geschöpft hatte, so fing dieser
+gleichsam die letzten Atemzüge eines unwiderbringlich untergehenden
+Geschlechts noch eben rechtzeitig auf. Wie er nun war, er breitete
+rasch sich aus. Mit dem Sachwalterprinzipat ging auch die Sprach- und
+Geschmacksdiktatur von Hortensius auf Cicero über, und die
+mannigfaltige und weitläufige Schriftstellerei des letzteren gab diesem
+Klassizismus, was ihm noch gefehlt hatte, ausgedehnte prosaische Texte.
+So wurde Cicero der Schöpfer der modernen klassischen lateinischen
+Prosa und knüpfte der römische Klassizismus durchaus und überall an
+Cicero als Stilisten an; dem Stilisten Cicero, nicht dem
+Schriftsteller, geschweige denn dem Staatsmanne, galten die
+überschwenglichen und doch nicht ganz phrasenhaften Lobsprüche, mit
+denen die begabtesten Vertreter des Klassizismus, namentlich Caesar und
+Catullus, ihn überhäufen.
+
+Bald ging man weiter. Was Cicero in der Prosa, das führte in der Poesie
+gegen das Ende der Epoche die neurömische an die griechische Modepoesie
+sich anlehnende Dichterschule durch, deren bedeutendstes Talent
+Catullus war. Auch hier verdrängte die höhere Umgangssprache die bisher
+auf diesem Gebiet noch vielfach waltenden archaistischen Reminiszenzen
+und fügte wie die lateinische Prosa sich dem attischen Numerus, so die
+lateinische Poesie sich allmählich den strengen oder vielmehr
+peinlichen metrischen Gesetzen der Alexandriner; so zum Beispiel wird
+von Catullus an es nicht mehr verstattet, mit einem einsilbigen oder
+einem nicht besonders schwerwichtigen zweisilbigen Wort zugleich einen
+Vers zu beginnen und einen im vorigen begonnenen Satz zu schließen.
+Endlich trat denn die Wissenschaft hinzu, fixierte das Sprachgesetz und
+entwickelte die Regel, die nicht mehr aus der Empirie bestimmt ward,
+sondern den Anspruch machte, die Empirie zu bestimmen. Die
+Deklinationsendungen, die bisher noch zum Teil geschwankt hatten,
+sollten jetzt ein für allemal fixiert werden, wie zum Beispiel von den
+bisher nebeneinander gangbaren Genetiv- und Dativformen der sogenannten
+vierten Deklination (senatuis und senatus, senatui und senatu) Caesar
+ausschließlich die zusammengezogenen (us und u) gelten ließ. In der
+Orthographie wurde mancherlei geändert, um die Schrift mit der Sprache
+wieder vollständiger ins gleiche zu setzen - so ward das inlautende u
+in Wörtern wie maxumus nach Caesars Vorgang durch i ersetzt und von den
+beiden überflüssig gewordenen Buchstaben k und q die Beseitigung des
+ersten durchgesetzt, die des zweiten wenigstens vorgeschlagen. Die
+Sprache war, wenn noch nicht erstarrt, doch im Erstarren begriffen, von
+der Regel zwar noch nicht gedankenlos beherrscht, aber doch bereits
+ihrer sich bewußt geworden. Daß für diese Tätigkeit auf dem Gebiete der
+lateinischen Grammatik die griechische nicht bloß im allgemeinen den
+Geist und die Methode hergab, sondern die lateinische Sprache auch wohl
+geradezu nach jener rektifiziert ward, beweist zum Beispiel die
+Behandlung des schließenden s, das bis gegen den Ausgang dieser Epoche
+nach Gefallen bald als Konsonant, bald nicht als solcher gegolten
+hatte, von den neumodischen Poeten aber durchgängig wie im Griechischen
+als konsonantischer Auslaut behandelt ward. Diese Sprachregulierung ist
+die eigentliche Domäne des römischen Klassizismus; in der
+verschiedensten Weise und ebendarum nur um so bedeutsamer wird bei den
+Koryphäen desselben, bei Cicero, Caesar, sogar in den Gedichten
+Catulls, die Regel eingeschärft und der Verstoß dagegen abgetrumpft;
+wogegen die ältere Generation sich über die auf dem sprachlichen Gebiet
+ebenso rücksichtslos wie auf dem politischen durchgreifende Revolution
+mit begreiflicher Empfindlichkeit äußert ^2. Indem aber der neue
+Klassizismus, das heißt das regulierte und mit dem mustergültigen
+Griechisch soweit möglich ins gleiche gesetzte mustergültige Latein,
+hervorgehend aus der bewußten Reaktion gegen den in die höhere
+Gesellschaft und selbst in die Literatur eingedrungenen Vulgarismus,
+sich literarisch fixierte und schematisch formulierte, räumte dieser
+doch keineswegs das Feld. Wir finden ihn nicht bloß naiv in den Werken
+untergeordneter, nur zufällig unter die Schriftsteller verschlagener
+Individuen, wie in dem Bericht über Caesars zweiten spanischen Krieg,
+sondern wir werden ihm auch in der eigentlichen Literatur, im Mimus, im
+Halbroman, in den ästhetischen Schriften Varros mehr oder weniger
+ausgeprägt begegnen; und charakteristisch ist es, daß er eben in den am
+meisten volkstümlichen Gebieten der Literatur sich behauptet und daß
+wahrhaft konservative Männer, wie Varro, ihn in Schutz nehmen. Der
+Klassizismus ruht auf dem Tode der italischen Sprache wie die Monarchie
+auf dem Untergang der italischen Nation; es war vollkommen konsequent,
+daß die Männer, in denen die Republik noch lebendig war, auch der
+lebenden Sprache fortfuhren, ihr Recht zu geben und ihrer relativen
+Lebendigkeit und Volkstümlichkeit zuliebe ihre ästhetischen Mängel
+ertrugen. So gehen denn die sprachlichen Meinungen und Richtungen
+dieser Epoche überall hin auseinander: neben der altfränkischen Poesie
+des Lucretius erscheint die durchaus moderne des Catullus, neben
+Ciceros kadenzierter Periode Varros absichtlich jede Gliederung
+verschmähender Satz. Auch hierin spiegelt sich die Zerrissenheit der
+Zeit.
+
+————————————————————
+
+^2 So sagt Varro (rust. 1, 2): ab aeditimo, ut dicere didicimus a
+patribus nostris; ut corrigimur ab recentibus urbanis, ab aedituo.
+
+————————————————————
+
+In der Literatur dieser Periode fällt zunächst, im Vergleich mit der
+früheren, die äußere Steigerung des literarischen Treibens in Rom auf.
+Die literarische Tätigkeit der Griechen gedieh längst nicht mehr in der
+freien Luft der bürgerlichen Unabhängigkeit, sondern nur noch in den
+wissenschaftlichen Anstalten der größeren Städte und besonders der
+Höfe. Angewiesen auf Gunst und Schutz der Großen und durch das
+Erlöschen der Dynastien von Pergamon (621 133), Kyrene (658 96),
+Bithynien (679 75) und Syrien (690 64), durch den sinkenden Glanz der
+Hofhaltung der Lagiden aus den bisherigen Musensitzen verdrängt ^3,
+überdies seit Alexanders des Großen Tod notwendig kosmopolitisch und
+unter den Ägyptern und Syrern wenigstens ebenso fremd wie unter den
+Lateinern, fingen die hellenischen Literaten mehr und mehr an, ihre
+Blicke nach Rom zu wenden. Neben dem Koch, dem Buhlknaben und dem
+Spaßmacher spielten unter dem Schwarm griechischer Bedienten, mit denen
+der vornehme Römer dieser Zeit sich umgab, auch der Philosoph, der Poet
+und der Memoirenschreiber hervorragende Rollen. Schon begegnen in
+diesen Stellungen namhafte Literaten; wie zum Beispiel der Epikureer
+Philodemos als Hauptphilosoph bei Lucius Piso, Konsul 696 (58),
+angestellt war und nebenbei mit seinen artigen Epigrammen auf den
+grobdrähtigen Epikureismus seines Patrons die Eingeweihten erbaute. Von
+allen Seiten zogen immer zahlreicher die angesehensten Vertreter der
+griechischen Kunst und Wissenschaft sich nach Rom, wo der literarische
+Verdienst jetzt reichlicher floß als irgendwo sonst; so werden als in
+Rom ansässig genannt der Arzt Asklepiades, den König Mithradates
+vergeblich von dort weg in seinen Dienst zu ziehen versuchte, der
+Gelehrte für alles, Alexandros von Milet, genannt der Polyhistor; der
+Poet Parthenios aus Nikäa in Bithymen; der als Reisender, Lehrer und
+Schriftsteller gleich gefeierte Poseidonios von Apameia in Syrien, der
+hochbejahrt im Jahre 703 (51) von Rhodos nach Rom übersiedelte, und
+andere mehr. Ein Haus wie das des Lucius Lucullus war, fast wie das
+alexandrinische Museion, ein Sitz hellenischer Bildung und ein
+Sammelplatz hellenischer Literaten; römische Mittel und hellenische
+Kennerschaft hatten in diesen Hallen des Reichtums und der Wissenschaft
+einen unvergleichlichen Schatz von Bildwerken und Gemälden älterer und
+gleichzeitiger Meister sowie eine ebenso sorgfältig ausgewählte wie
+prachtvoll ausgestattete Bibliothek vereinigt und jeder Gebildete und
+namentlich jeder Grieche war hier willkommen - oft sah man den
+Hausherrn selbst mit einem seiner gelehrten Gäste in philologischem
+oder philosophischem Gespräch den schönen Säulengang auf- und
+niederwandeln. Freilich trugen diese Griechen mit ihren reichen
+Bildungsschätzen auch zugleich ihre Verkehrtheit und
+Bedientenhaftigkeit nach Italien; wie sich denn zum Beispiel einer
+dieser gelehrten Landläufer, der Verfasser der ‘Schmeichelredekunst’,
+Aristodemos von Nysa, um 700 (54) seinen Herren durch den Nachweis
+empfahl, daß Horneros ein geborener Römer gewesen sei. In demselben
+Maße wie das Treiben der griechischen Literaten in Rom stieg auch bei
+den Römern selbst die literarische Tätigkeit und das literarische
+Interesse. Selbst die griechische Schriftstellerei, die der strengere
+Geschmack des scipionischen Zeitalters gänzlich beseitigt hatte,
+tauchte jetzt wieder auf. Die griechische Sprache war nun einmal
+Weltsprache, und eine griechische Schrift fand ein ganz anderes
+Publikum als eine lateinische; darum ließen, wie die Könige von
+Armenien und Mauretanien, so auch römische Vornehme, wie zum Beispiel
+Lucius Lucullus, Marcus Cicero, Titus Atticus, Quintus Scaevola
+(Volkstribun 700 54), gelegentlich griechische Prosa und sogar
+griechische Verse ausgehen. Indes dergleichen griechische
+Schriftstellerei geborener Römer blieb Nebensache und beinahe
+Spielerei; die literarischen wie die politischen Parteien Italiens
+trafen doch alle zusammen in dem Festhalten an der italischen, nur mehr
+oder minder vom Hellenismus durchdrungenen Nationalität. Auch konnte
+man in dem Gebiet lateinischer Schriftstellerei wenigstens über Mangel
+an Rührigkeit sich nicht beklagen. Es regnete in Rom Bücher und
+Flugschriften aller Art und vor allen Dingen Poesien. Die Dichter
+wimmelten daselbst wie nur in Tarsos oder Alexandreia; poetische
+Publikationen waren zur stehenden Jugendsünde regerer Naturen geworden,
+und auch damals pries man denjenigen glücklich, dessen Jugendgedichte
+die mitleidige Vergessenheit der Kritik entzog. Wer das Handwerk einmal
+verstand, schrieb ohne Mühe auf einen Ansatz seine fünfhundert
+Hexameter, an denen kein Schulmeister etwas zu tadeln, freilich auch
+kein Leser etwas zu loben fand. Auch die Frauenwelt beteiligte sich
+lebhaft an diesem literarischen Treiben; die Damen beschränkten sich
+nicht darauf, Tanz und Musik zu machen, sondern beherrschten durch
+Geist und Witz die Konversation und sprachen vortrefflich über
+griechische und lateinische Literatur; und wenn die Poesie auf die
+Mädchenherzen Sturm lief, so kapitulierte die belagerte Festung nicht
+selten gleichfalls in artigen Versen. Die Rhythmen wurden immer mehr
+das elegante Spielzeug der großen Kinder beiderlei Geschlechts;
+poetische Billets, gemeinschaftliche poetische Übungen und
+Wettdichtungen unter guten Freunden waren etwas Gewöhnliches, und gegen
+das Ende dieser Epoche wurden auch bereits in der Hauptstadt Anstalten
+eröffnet, in denen unflügge lateinische Poeten das Versemachen für Geld
+erlernen konnten. Infolge des starken Bücherkonsums wurde die Technik
+des fabrikmäßigen Abschreibens wesentlich vervollkommnet und die
+Publikation verhältnismäßig rasch und wohlfeil bewirkt; der Buchhandel
+ward ein angesehenes und einträgliches Gewerbe und der Laden des
+Buchhändlers ein gewöhnlicher Versammlungsort gebildeter Männer. Das
+Lesen war zur Mode, ja zur Manie geworden; bei Tafel ward, wo nicht
+bereits roherer Zeitvertreib sich eingedrängt hatte, regelmäßig
+vorgelesen, und wer eine Reise vorhatte, vergaß nicht leicht, eine
+Reisebibliothek einzupacken. Den Oberoffizier sah man im Lagerzelt den
+schlüpfrigen griechischen Roman, den Staatsmann im Senat den
+philosophischem Traktat in der Hand. Es stand denn auch im römischen
+Staate, wie es in jedem Staate gestanden hat und stehen wird, wo die
+Bürger lesen “von der Türschwell an bis zum Privet”. Der parthische
+Wesir hatte nicht unrecht, wenn er den Bürgern von Seleukeia die im
+Lager des Crassus gefundenen Romane wies und sie fragte, ob sie die
+Leser solcher Bücher noch für furchtbare Gegner hielten.
+
+————————————————————————-
+
+^3 Merkwürdig ist für diese Verhältnisse die Dedikation der auf den
+Namen des Skymnos gehenden poetischen Erdbeschreibung. Nachdem der
+Dichter seine Absicht erklärt hat, in dem beliebten menandrischen Maß
+einen für Schüler faßlichen und leicht auswendig zu lernenden Abriß der
+Geographie zu bearbeiten, widmet er, wie Apollodoros sein ähnliches
+historisches Kompendium dem König Attalos Philadelphos von Pergamon
+widmete,
+
+dem es ewigen Ruhm
+
+Gebracht, daß seinen Namen dies Geschichtswerk trägt,
+
+sein Handbuch dem König Nikomedes III. (663? - 679 91 - 75) von
+Bithynien:
+
+Daß, wie die Leute sagen, königliche Huld
+
+Von allen jetzigen Königen nur du erzeigst,
+
+Dies zu erproben an mir selbst, entschloß ich mich,
+
+Zu kommen und zu sehen, was ein König sei.
+
+Bestärkt in diesem durch Apolls Orakelwort,
+
+Nah’ ich mich billig deinem fast, auf deinen Wink,
+
+Zu der Gelehrten insgemein gewordnen Herd.
+
+————————————————————————-
+
+Die literarische Tendenz dieser Zeit war keine einfache und konnte es
+nicht sein, da die Zeit selbst zwischen der alten und der neuen Weise
+geteilt war. Dieselben Richtungen, die auf dem politischen Gebiet sich
+bekämpften, die national-italische der Konservativen, die
+hellenisch-italische oder, wenn man will, kosmopolitische der neuen
+Monarchie, haben auch auf dem literarischen ihre Schlachten geschlagen.
+Jene lehnt sich auf die ältere lateinische Literatur, die auf dem
+Theater, in der Schule und in der gelehrten Forschung mehr und mehr den
+Charakter der Klassizität annimmt. Mit minderem Geschmack und stärkerer
+Parteitendenz, als die scipionische Epoche bewies, werden jetzt Ennius,
+Pacuvius und namentlich Plautus in den Himmel erhoben. Die Blätter der
+Sibylle steigen im Preise, je weniger ihrer werden; die relative
+Nationalität und relative Produktivität der Dichter des sechsten
+Jahrhunderts wurde nie lebhafter empfunden als in dieser Epoche des
+ausgebildeten Epigonentums, die in der Literatur ebenso entschieden wie
+in der Politik zu dem Jahrhundert der Hannibalskämpfer hinaufsah als zu
+der goldenen, leider unwiederbringlich dahingegangenen Zeit. Freilich
+war in dieser Bewunderung der alten Klassiker ein guter Teil derselben
+Hohlheit und Heuchelei, die dem konservativen Wesen dieser Zeit
+überhaupt eigen sind, und die Zwischengänger mangelten auch hier nicht.
+Cicero zum Beispiel, obwohl in der Prosa einer der Hauptvertreter der
+modernen Tendenz, verehrte dennoch die ältere nationale Poesie ungefähr
+mit demselben anbrüchigen Respekt, welchen er der aristokratischen
+Verfassung und der Auguraldisziplin zollte; “der Patriotismus erfordert
+es”, heißt es bei ihm, “lieber eine notorisch elende Übersetzung des
+Sophokles zu lesen als das Original”. Wenn also die moderne, der
+demokratischen Monarchie verwandte literarische Richtung selbst unter
+den rechtgläubigen Enniusbewunderern stille Bekenner genug zählte, so
+fehlte es auch schon nicht an dreisteren Urteilern, die mit der
+einheimischen Literatur ebenso unsäuberlich umgingen wie mit der
+senatorischen Politik. Man nahm nicht bloß die strenge Kritik der
+scipionischen Epoche wieder auf und ließ den Terenz nur gelten, um
+Ennius und mehr noch die Ennianisten zu verdammen, sondern die jüngere
+und verwegenere Welt ging weit darüber hinaus und wagte es schon, wenn
+auch nur noch in ketzerischer Auflehnung gegen die literarische
+Orthodoxie, den Plautus einen rohen Spaßmacher, den Lucilius einen
+schlechten Verseschmied zu heißen. Statt auf die einheimische lehnt
+sich diese moderne Richtung vielmehr auf die neuere griechische
+Literatur oder den sogenannten Alexandrinismus.
+
+Es kann nicht umgangen werden, von diesem merkwürdigen Wintergarten
+hellenischer Sprache und Kunst hier wenigstens so viel zu sagen, als
+für das Verständnis der römischen Literatur dieser und der späteren
+Epochen erforderlich ist. Die alexandrinische Literatur ruht auf dem
+Untergang des reinen hellenischen Idioms, das seit der Zeit Alexanders
+des Großen im Leben ersetzt ward durch einen verkommenen, zunächst aus
+der Berührung des makedonischen Dialekts mit vielfachen griechischen
+und barbarischen Stämmen hervorgegangenen Jargon; oder genauer gesagt,
+die alexandrinische Literatur ist hervorgegangen aus dem Ruin der
+hellenischen Nation überhaupt, die, um die alexandrinische
+Weltmonarchie und das Reich des Hellenismus zu begründen, in ihrer
+volkstümlichen Individualität untergehen mußte und unterging. Hätte
+Alexanders Weltreich Bestand gehabt, so würde an die Stelle der
+ehemaligen nationalen und volkstümlichen eine nur dem Namen nach
+hellenische, wesentlich denationalisierte und gewissermaßen von oben
+herab ins Leben gerufene, aber allerdings die Welt beherrschende,
+kosmopolitische Literatur getreten sein; indes wie der Staat Alexanders
+mit seinem Tode aus den Fugen wich, gingen auch die Anfänge der ihm
+entsprechenden Literatur rasch zugrunde. Die griechische Nation aber
+gehörte darum nicht weniger mit allem, was sie gehabt, mit ihrer
+Volkstümlichkeit, ihrer Sprache, ihrer Kunst, der Vergangenheit an. Nur
+in einem verhältnismäßig engen Kreis nicht von Gebildeten, die es als
+solche nicht mehr gab, sondern von Gelehrten wurde die griechische
+Literatur noch als tote gepflegt, ihr reicher Nachlaß in wehmütiger
+Freude oder trockener Grübelei inventarisiert und auch wohl das
+lebendige Nachgefühl oder die tote Gelehrsamkeit bis zu einer
+Scheinproduktivität gesteigert. Diese posthume Produktivität ist der
+sogenannte Alexandrinismus. Er ist wesentlich gleichartig derjenigen
+Gelehrtenliteratur, welche, abstrahierend von den lebendigen
+romanischen Nationalitäten und ihren vulgären Idiomen, in einem
+philologisch gelehrten, kosmopolitischen Kreise als künstliche
+Nachblüte des untergegangenen Altertums während des fünfzehnten und
+sechzehnten Jahrhunderts erwuchs; der Gegensatz zwischen dem
+klassischen und dem Vulgärgriechisch der Diadochenzeit ist wohl minder
+schroff, aber nicht eigentlich ein anderer als der zwischen dem Latein
+des Manutius und dem Italienischen Macchiavellis.
+
+Italien hatte bisher sich gegen den Alexandrinismus im wesentlichen
+ablehnend verhalten. Die relative Blütezeit desselben ist die Zeit kurz
+vor und nach dem Ersten Punischen Krieg; dennoch schlossen Naevius,
+Ennius, Pacuvius und schloß überhaupt die gesamte nationalrömische
+Schriftstellerei bis hinab auf Varro und Lucretius in allen Zweigen
+poetischer Produktion, selbst das Lehrgedicht nicht ausgenommen, nicht
+an ihre griechischen Zeitgenossen oder jüngsten Vorgänger sich an,
+sondern ohne Ausnahme an Homer, Euripides, Menandros und die anderen
+Meister der lebendigen und volkstümlichen griechischen Literatur. Die
+römische Literatur ist niemals frisch und national gewesen; aber
+solange es ein römisches Volk gab, griffen seine Schriftsteller
+instinktmäßig nach lebendigen und volkstümlichen Mustern und kopierten,
+wenn auch nicht immer aufs beste noch die besten, doch wenigstens
+Originale. Die ersten römischen Nachahmer - denn die geringen Anfänge
+aus der marianischen Zeit können kaum mitgezählt werden - fand die nach
+Alexander entstandene griechische Literatur unter den Zeitgenossen
+Ciceros und Caesars; und nun griff der römische Alexandrinismus mit
+reißender Schnelligkeit um sich. Zum Teil ging dies aus äußerlichen
+Ursachen hervor. Die gesteigerte Berührung mit den Griechen, namentlich
+die häufigen Reisen der Römer in die hellenischen Landschaften und die
+Ansammlung griechischer Literaten in Rom, verschafften natürlich der
+griechischen Tagesliteratur, den zu jener Zeit in Griechenland
+gangbaren epischen und elegischen Poesien, Epigrammen und milesischen
+Märchen, auch unter den Italikern ein Publikum. Indem ferner die
+alexandrinische Poesie, wie früher dargestellt ward, in dem italischen
+Jugendunterricht sich festsetzte, wirkte dies auf die lateinische
+Literatur um so mehr zurück, als diese von der hellenischen
+Schulbildung zu allen Zeiten wesentlich abhängig war und blieb. Es
+findet sich hier sogar eine unmittelbare Anknüpfung der neurömischen an
+die neugriechische Literatur: der schon genannte Parthenios, einer der
+bekannteren alexandrinischen Elegiker, eröffnete, es scheint um 700
+(54), eine Literatur- und Poesieschule in Rom, und es sind noch die
+Exzerpte vorhanden, in denen er Stoffe für lateinische
+erotisch-mythologische Elegien nach dem bekannten alexandrinischen
+Rezept einem seiner vornehmen Schüler an die Hand gab. Aber es waren
+keineswegs bloß diese zufälligen Veranlassungen, die den römischen
+Alexandrinismus ins Leben riefen; er war vielmehr ein vielleicht nicht
+erfreuliches, aber durchaus unvermeidliches Erzeugnis der politischen
+und nationalen Entwicklung Roms. Einerseits löste, wie Hellas im
+Hellenismus, so jetzt Latium im Romanismus sich auf; die nationale
+Entwicklung Italiens überwuchs und zersprengte sich in ganz ähnlicher
+Weise in Caesars Mittelmeer - wie die hellenische in Alexanders
+Ostreich. Wenn andererseits das neue Reich darauf beruhte, daß die
+mächtigen Ströme der griechischen und lateinischen Nationalität,
+nachdem sie Jahrtausende hindurch in parallelen Betten geflossen, nun
+endlich zusammenfielen, so mußte auch die italische Literatur nicht
+bloß wie bisher an der griechischen überhaupt einen Halt suchen,
+sondern eben mit der griechischen Literatur der Gegenwart, das heißt
+mit dem Alexandrinismus sich ins Niveau setzen. Mit dem schulmäßigen
+Latein, der geschlossenen Klassikerzahl, dem exklusiven Kreise der
+klassikerlesenden “Urbanen” war die volkstümliche lateinische Literatur
+tot und zu Ende; es entstand dafür eine durchaus epigonenhafte,
+künstlich großgezogene Reichsliteratur, die nicht auf einer bestimmten
+Volkstümlichkeit ruhte, sondern in zweien Sprachen das allgemeine
+Evangelium der Humanität verkündigte und geistig durchaus und bewußt
+von der hellenischen, sprachlich teils von dieser, teils von der
+altrömischen Volksliteratur abhing. Es war dies kein Fortschritt. Die
+Mittelmeermonarchie Caesars war wohl eine großartige und, was mehr ist,
+eine notwendige Schöpfung; aber sie war von oben herab ins Leben
+gerufen und darum nichts in ihr zu finden von dem frischen Volksleben,
+von der übersprudelnden Nationalkraft, wie sie jüngeren,
+beschränkteren, natürlicheren Gemeinwesen eigen sind, wie noch der
+Staat Italien des sechsten Jahrhunderts sie hatte aufzeigen können. Der
+Untergang der italischen Volkstümlichkeit, abgeschlossen in Caesars
+Schöpfung, brach der Literatur das Herzblatt aus. Wer ein Gefühl hat
+für die innige Wahlverwandtschaft der Kunst und der Nationalität, der
+wird stets sich von Cicero und Horaz ab zurück zu Cato und Lucretius
+wenden; und nur die, freilich auf diesem Gebiete verjährte,
+schulmeisterliche Auffassung der Geschichte wie der Literatur hat es
+vermocht, die mit der neuen Monarchie beginnende Kunstepoche
+vorzugsweise die goldene zu heißen. Aber wenn der römisch-hellenische
+Alexandrinismus der caesarischen und augusteischen Zeit zurückstehen
+muß hinter der, wie immer unvollkommenen, älteren nationalen Literatur,
+so ist er andererseits dem Alexandrinismus der Diadochenzeit ebenso
+entschieden überlegen wie Caesars Dauerbau der ephemeren Schöpfung
+Alexanders. Es wird später darzustellen sein, daß die augustische
+Literatur, verglichen mit der verwandten der Diadochenzeit, weit minder
+eine Philologen- und weit mehr eine Reichsliteratur gewesen ist als
+diese und darum auch in den höheren Kreisen der Gesellschaft weit
+dauernder und weit allgemeiner als jemals der griechische
+Alexandrinismus gewirkt hat.
+
+Nirgends sah es trübseliger aus als in der Bühnenliteratur. Trauerspiel
+wie Lustspiel waren in der römischen Nationalliteratur bereits vor der
+gegenwärtigen Epoche innerlich abgestorben. Neue Stücke wurden nicht
+mehr gespielt. Daß noch in der sullanischen Zeit das Publikum
+dergleichen zu sehen erwartete, zeigen die dieser Zeit angehörigen
+Wiederaufführungen Plautinischer Komödien mit gewechselten Titeln und
+Personennamen, wobei die Direktion wohl hinzufügte, daß es besser sei,
+ein gutes altes, als ein schlechtes neues Stück zu sehen. Davon hatte
+man denn nicht weit zu der völligen Einräumung der Bühne an die toten
+Poeten, die wir in der ciceronischen Zeit finden und der der
+Alexandrinismus sich gar nicht widersetzte. Seine Produktivität auf
+diesem Gebiete war schlimmer als keine. Eine wirkliche Bühnendichtung
+hat die alexandrinische Literatur nie gekannt; nur das Afterdrama, das
+zunächst zum Lesen, nicht zur Aufführung geschrieben ward, konnte durch
+sie in Italien eingebürgert werden, und bald fingen denn diese
+dramatischen Jamben auch an, in Rom ebenso wie in Alexandreia zu
+grassieren und namentlich das Trauerspielschreiben unter den stehenden
+Entwicklungskrankheiten zu figurieren. Welcher Art diese Produktionen
+waren, kann man ungefähr danach bemessen, daß Quintus Cicero, um die
+Langeweile des gallischen Winterquartiers homöopathisch zu vertreiben,
+in sechzehn Tagen vier Trauerspiele verfertigte. Einzig in dem
+“Lebensbild” oder dem Mimus verwuchs der letzte noch grünende Trieb der
+nationalen Literatur, die Atellanenposse, mit den ethologischen
+Ausläufern des griechischen Lustspiels, die der Alexandrinismus mit
+größerer poetischer Kraft und besserem Erfolg als jeden anderen Zweig
+der Poesie kultivierte. Der Mimus ging hervor aus den seit langem
+üblichen Charaktertänzen zur Flöte, die teils bei anderen
+Gelegenheiten, namentlich zur Unterhaltung der Gäste während der Tafel,
+teils besonders im Parterre des Theaters während der Zwischenakte
+aufgeführt wurden. Es war nicht schwer, aus diesen Tänzen, bei denen
+die Rede wohl längst gelegentlich zur Hilfe genommen ward, durch
+Einführung einer geordneteren Fabel und eines regelrechten Dialogs
+kleine Komödien zu machen, die jedoch von dem früheren Lustspiel und
+selbst von der Posse sich doch dadurch noch wesentlich unterschieden,
+daß der Tanz und die von solchem Tanz unzertrennliche Laszivität hier
+fortfuhren, eine Hauptrolle zu spielen, und daß der Mimus, als nicht
+eigentlich auf den Brettern, sondern im Parterre zu Hause, jede
+szenische Idealisierung wie die Gesichtsmasken und die Theaterschuhe,
+beiseite warf und, was besonders wichtig war, die Frauenrollen auch von
+Frauen darstellen ließ. Dieser neue Mimus, der zuerst um 672 (82) auf
+die hauptstädtische Bühne gekommen zu sein scheint, verschlang bald die
+nationale Harlekinade, mit der er ja in den wesentlichsten Beziehungen
+zusammenfiel, und ward als das gewöhnliche Zwischen- und namentlich
+Nachspiel neben den sonstigen Schauspielen verwendet ^4. Die Fabel war
+natürlich noch gleichgültiger, lockerer und toller als in der
+Harlekinade; wenn es nur bunt herging, so fragte das Publikum nicht,
+warum es lachte, und rechtete nicht mit dem Poeten, der, statt den
+Knoten zu lösen, ihn zerhieb. Die Sujets waren vorwiegend verliebter
+Art, meistens von der frechsten Sorte; gegen den Ehemann zum Beispiel
+nahmen Poet und Publikum ohne Ausnahme Partei und die poetische
+Gerechtigkeit bestand in der Verhöhnung der guten Sitte. Der
+künstlerische Reiz beruhte ganz wie bei der Atellane auf der
+Sittenmalerei des gemeinen und gemeinsten Lebens, wobei die ländlichen
+Bilder vor denen des hauptstädtischen Lebens und Treibens zurücktreten
+und der süße Pöbel von Rom, ganz wie in den gleichartigen griechischen
+Stücken der von Alexandreia, aufgefordert wird, sein eigenes Konterfei
+zu beklatschen. Viele Stoffe sind dem Handwerkerleben entnommen: es
+erscheinen der auch hier unvermeidliche ‘Walker’, dann ‘Der Seiler’,
+‘Der Färber, ‘Der Salzmann’, ‘Die Weberinnen’, ‘Der Hundejunge’; andere
+Stücke geben Charakterfiguren: ‘Der Vergeßliche’, ‘Das Großmaul’, ‘Der
+Mann von 100000 Sesterzen’ ^5; oder Bilder des Auslandes: ‘Die
+Etruskerin’, ‘Die Gallier’, ‘Der Kretenser’, ‘Alexandreia’; oder
+Schilderungen von Volksfesten: ‘Die Compitalien’, ‘Die Saturnalien’,
+‘Anna Perenna’, ‘Die warmen Bäder’; oder travestierte Mythologie: ‘Die
+Fahrt in die Unterwelt’, ‘Der Arverner See’. Treffende Schlagwörter und
+kurze, leicht behalt- und anwendbare Gemeinsprüche sind willkommen;
+aber auch jeder Unsinn hat von selber das Bürgerrecht: in dieser
+verkehrten Welt wird Bacchus um Wasser, die Quellnymphe um Wein
+angegangen. Sogar von den auf dem römischen Theater sonst so streng
+untersagten politischen Anspielungen finden in diesen Mimen sich
+einzelne Beispiele ^6. Was die metrische Form anlangt, so gaben sich
+diese Poeten, wie sie selber sagen, “nur mäßige Mühe mit dem Versemaß”;
+die Sprache strömte selbst in den zur Veröffentlichung redigierten
+Stücken über von Vulgärausdrücken und gemeinen Wortbildungen. Es ist,
+wie man sieht, der Mimus wesentlich nichts als die bisherige Posse; nur
+daß die Charaktermasken und die stehende Szenerie von Atella sowie das
+bäuerliche Gepräge wegfällt und dafür das hauptstädtische Leben in
+seiner grenzenlosen Freiheit und Frechheit auf die Bretter kommt. Die
+meisten Stücke dieser Art waren ohne Zweifel flüchtigster Natur und
+machten nicht Anspruch auf einen Platz in der Literatur; die Mimen aber
+des Laberius, voll drastischer Charakterzeichnung und sprachlich und
+metrisch in ihrer Art meisterlich behandelt, haben in derselben sich
+behauptet und auch der Geschichtschreiber muß es bedauern, daß es uns
+nicht mehr vergönnt ist, das Drama der republikanischen Agonie in Rom
+mit seinem großen attischen Gegenbild zu vergleichen.
+
+——————————————————————————
+
+^4 Daß der Mimus zu seiner Zeit an die Stelle der Atellane getreten
+sei, bezeugt Cicero (ad fam. 9 16); damit stimmt überein, daß die Mimen
+und Miminnen zuerst um die sullanische Zeit hervortreten (Rhet. Her. 1,
+14, 24; 2, 13, 19; Atta com. 1 Ribbeck.; Plin. nat. 7, 48, 158; Plut.
+Sull. z. 36). Übrigens wird die Bezeichnung mimus zuweilen ungenau von
+dem Komöden überhaupt gebraucht. So war der bei der Apollonischen
+Festfeier 542/43 212/211 auftretende mimus (Festus v. salva res est;
+vgl. Cic. De orat. 2, 59, 242) offenbar nichts als ein Schauspieler der
+palliata, denn für wirkliche Mimen im spätem Sinn ist in dieser Zeit in
+der römischen Theaterentwicklung kein Raum.
+
+Zu dem Mimus der klassischen griechischen Zeit, prosaischen Dialogen,
+in denen Genrebilder, namentlich ländliche, dargestellt wurden, hat der
+römische Mimus keine nähere Beziehung.
+
+^5 Mit dem Besitz dieser Summe, wodurch man in die erste Stimmklasse
+eintritt und die Erbschaft dem Voconischen Gesetz unterworfen wird, ist
+die Grenze überschritten, welche die geringen (tenuiores) von den
+anständigen Leuten scheidet. Darum fleht auch der arme Klient Catulls
+(23, 26) die Götter an, ihm zu diesem Vermögen zu verhelfen.
+
+^6 In Laberius’ ‘Fahrt in die Unterwelt’ tritt allerlei Volk auf, das
+Wunder und Zeichen gesehen hat; dem einen ist ein Ehemann mit zwei
+Frauen erschienen, worauf der Nachbar meint, das sei ja noch ärger als
+das kürzlich von einem Wahrsager erblickte Traumgesicht von sechs
+Ädilen. Nämlich Caesar wollte - nach dem Klatsch der Zeit - die
+Vielweiberei in Rom einführen (Suet. Caes. 82) und ernannte in der Tat
+statt vier Ädilen deren sechs. Man sieht auch hieraus, daß Laberius
+Narrenrecht zu üben und Caesar Narrenfreiheit zu gestatten verstand.
+
+——————————————————————————
+
+Mit der Nichtigkeit der Bühnenliteratur Hand in Hand geht die
+Steigerung des Bühnenspiels und der Bühnenpracht. Dramatische
+Vorstellungen erhielten ihren regelmäßigen Platz im öffentlichen Leben
+nicht bloß der Hauptstadt, sondern auch der Landstädte; auch jene bekam
+nun endlich durch Pompeius ein stehendes Theater (699 55) und die
+kampanische Sitte, während des in alter Zeit stets unter freiem Himmel
+stattfindenden Schauspiels zum Schutze der Spieler und der Zuschauer
+Segeldecken über das Theater zu spannen, fand ebenfalls jetzt Eingang
+in Rom (676 78). Wie derzeit in Griechenland nicht die mehr als blassen
+Siebengestirne der alexandrinischen Dramatiker, sondern das klassische
+Schauspiel, vor allem die Euripideische Tragödie in reichster
+Entfaltung szenischer Mittel die Bühne behauptete, so wurden auch in
+Rom zu Ciceros Zeit vorzugsweise die Trauerspiele des Ennius, Pacuvius
+und Accius, die Lustspiele des Plautus gegeben. Wenn der letztere in
+der vorigen Periode durch den geschmackvolleren, aber an komischer
+Kraft freilich geringeren Terenz verdrängt worden war, so wirkten jetzt
+Roscius und Varro, das heißt das Theater und die Philologie zusammen,
+um ihm eine ähnliche Wiederaufstehung zu bereiten, wie sie Shakespeare
+durch Garrick und Johnson widerfuhr; und auch Plautus hatte dabei von
+der gesunkenen Empfänglichkeit und der unruhigen Hast des durch die
+kurzen und lotterigen Possen verwöhnten Publikums zu leiden, so daß die
+Direktion die Länge der Plautinischen Komödien zu entschuldigen, ja
+vielleicht auch zu streichen und zu ändern sich genötigt sah. Je
+beschränkter das Repertoire war, desto mehr richtete sich sowohl die
+Tätigkeit des dirigierenden und exekutierenden Personals, als auch das
+Interesse des Publikums auf die szenische Darstellung der Stücke. Kaum
+gab es in Rom ein einträglicheres Gewerbe als das des Schauspielers und
+der Tänzerin ersten Ranges. Das fürstliche Vermögen des tragischen
+Schauspielers Aesopus ward bereits erwähnt; sein noch höher gefeierter
+Zeitgenosse Roscius schlug seine Jahreseinnahme auf 600000 Sesterzen
+(46000 Taler) an ^7 und die Tänzerin Dionysia die ihrige auf 200000
+Sesterzen (15000 Taler). Daneben wandte man ungeheure Summen auf
+Dekorationen und Kostüme: gelegentlich schritten Züge von sechshundert
+aufgeschirrten Maultieren über die Bühne und das troische Theaterheer
+ward dazu benutzt, um dem Publikum eine Musterkarte der von Pompeius in
+Asien besiegten Nationen vorzuführen. Die den Vortrag der eingelegten
+Gesangstücke begleitende Musik erlangte gleichfalls größere und
+selbständigere Bedeutung; wie der Wind die Wellen, sagt Varro, so lenkt
+der kundige Flötenspieler die Gemüter der Zuhörer mit jeder Abwandlung
+der Melodie. Sie gewöhnte sich, das Tempo rascher zu nehmen und nötigte
+dadurch den Schauspieler zu lebhafterer Aktion. Die musikalische und
+Bühnenkennerschaft entwickelte sich; der Habitué erkannte jedes
+Tonstück an der ersten Note und wußte die Texte auswendig; jeder
+musikalische oder Rezitationsfehler ward streng von dem Publikum
+gerügt. Lebhaft erinnert das römische Bühnenwesen der ciceronischen
+Zeit an das heutige französische Theater. Wie den losen Tableaus der
+Tagesstücke der römische Mimus entspricht, für den wie für jene nichts
+zu gut und nichts zu schlecht war, so findet auch in beiden sich
+dasselbe traditionell klassische Trauerspiel und Lustspiel, die zu
+bewundern oder mindestens zu beklatschen der gebildete Mann von Rechts
+wegen verpflichtet ist. Der Menge wird Genüge getan, indem sie in der
+Posse sich selber wiederfindet, in dem Schauspiel den dekorativen Pomp
+anstaunt und den allgemeinen Eindruck einer idealen Welt empfängt; der
+höher Gebildete kümmert im Theater sich nicht um das Stück, sondern
+einzig um die künstlerische Darstellung. Endlich die römische
+Schauspielkunst selbst pendelte in ihren verschiedenen Sphären, ähnlich
+wie die französische, zwischen der Chaumière und dem Salon. Es war
+nichts Ungewöhnliches, daß die römischen Tänzerinnen bei dem Finale das
+Obergewand abwarfen und dem Publikum einen Tanz im Hemde zum besten
+gaben; andererseits aber galt auch dem römischen Talma als das höchste
+Gesetz seiner Kunst nicht die Naturwahrheit, sondern das Ebenmaß.
+
+————————————————————————————
+
+^7 Vom Staat erhielt er für jeden Spieltag 1000 Denare (300 Taler) und
+außerdem die Besoldung für seine Truppe. In späteren Jahren wies er für
+sich das Honorar zurück.
+
+————————————————————————————
+
+In der rezitativen Poesie scheint es an metrischen Chroniken nach dem
+Muster der Ennianischen nicht gefehlt zu haben; aber sie dürften
+ausreichend kritisiert sein durch jenes artige Mädchengelübde, von dem
+Catullus singt: der heiligen Venus, wenn sie den geliebten Mann von
+seiner bösen politischen Poesie ihr wieder zurück in die Arme führe,
+das schlechteste der schlechten Heldengedichte zum Brandopfer
+darzubringen. In der Tat ist auf dem ganzen Gebiet der rezitativen
+Dichtung in dieser Epoche die ältere nationalrömische Tendenz nur durch
+ein einziges namhaftes Werk vertreten, das aber auch zu den
+bedeutendsten dichterischen Erzeugnissen der römischen Literatur
+überhaupt gehört. Es ist das Lehrgedicht des Titus Lucretius Carus
+(655-699 99-55) ‘Vom Wesen der Dinge’, dessen Verfasser, den besten
+Kreisen der römischen Gesellschaft angehörig, vom öffentlichen Leben
+aber, sei es durch Kränklichkeit, sei es durch Abneigung ferngehalten,
+kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges im besten Mannesalter starb.
+Als Dichter knüpft er energisch an Ennius an und damit an die
+klassische griechische Literatur. Unwillig wendet er sich weg von dem
+“hohlen Hellenismus” seiner Zeit und bekennt sich mit ganzer Seele und
+vollem Herzen als den Schüler der “strengen Griechen”, wie denn selbst
+des Thukydides heiliger Ernst in einem der bekanntesten Abschnitte
+dieser römischen Dichtung keinen unwürdigen Widerhall gefunden hat. Wie
+Ennius bei Epicharmos und Euhemeros seine Weisheit schöpft, so entlehnt
+Lucretius die Form seiner Darstellung dem Empedokles, “dem herrlichsten
+Schatz des gabenreichen sizilischen Eilands”, und liest dem Stoffe nach
+“die goldenen Worte alle zusammen aus den Rollen des Epikuros”,
+“welcher die anderen Weisen überstrahlt, wie die Sonne die Sterne
+verdunkelt”. Wie Ennius verschmäht auch Lucretius die der Poesie von
+dem Alexandrinismus aufgelastete mythologische Gelehrsamkeit und
+fordert nichts von seinem Leser als die Kenntnis der allgemein
+geläufigen Sagen ^8. Dem modernen Purismus zum Trotz, der die
+Fremdwörter aus der Poesie auswies, setzt Lucretius, wie es Ennius
+getan, statt matten und undeutlichen Lateins lieber das bezeichnende
+griechische Wort. Die altrömische Alliteration, das
+Nichtineinandergreifen der Vers- und Satzeinschnitte und überhaupt die
+ältere Rede- und Dichtweise begegnen noch häufig in Lucretius’
+Rhythmen, und obwohl er den Vers melodischer behandelt als Ennius, so
+wälzen sich doch seine Hexameter nicht wie die der modernen
+Dichterschule zierlich hüpfend gleich dem rieselnden Bache, sondern mit
+gewaltiger Langsamkeit gleich dem Strome flüssigen Goldes. Auch
+philosophisch und praktisch lehnt Lucretius durchaus an Ennius sich an,
+den einzigen einheimischen Dichter, den sein Gedicht feiert; das
+Glaubensbekenntnis des Sängers von Rudiae:
+
+Himmelsgötter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch,
+
+Doch sie kümmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los
+
+bezeichnet vollständig auch Lucretius’ religiösen Standpunkt und nicht
+mit Unrecht nennt er deshalb selbst sein Lied gleichsam die Fortsetzung
+dessen,
+
+Das uns Ennius sang, der des unverwelklichen Lorbeers
+
+Kranz zuerst mitbracht’ aus des Helikon lieblichem Haine,
+
+Daß Italiens Völkern er strahl’ in glänzender Glorie.
+
+—————————————————————————-
+
+^8 Einzelne scheinbare Ausnahmen, wie das Weihrauchland Panchaea, sind
+daraus zu erklären, daß dies aus dem Reiseroman des Euhemeros
+vielleicht schon in die Ennianische Poesie, auf jeden Fall in die
+Gedichte des Lucius Manlius (Plin. nat. 10, 2, 4) übergegangen und
+daher dem Publikum, für das Lucretius schrieb, wohlbekannt war.
+
+—————————————————————————-
+
+Noch einmal, zum letztenmal noch erklingt in Lucretius’ Gedicht der
+ganze Dichterstolz und der ganze Dichterernst des sechsten
+Jahrhunderts, in welchem, in den Bildern von dem furchtbaren Pöner und
+dem herrlichen Scipiaden, die Anschauung des Dichters heimischer ist
+als in seiner eigenen gesunkenen Zeit ^9. Auch ihm klingt der eigene
+“aus dem reichen Gemüt anmutig quillende” Gesang den gemeinen Liedern
+gegenüber “wie gegen das Geschrei der Kraniche das kurze Lied des
+Schwanes”; auch ihm schwillt das Herz, den selbsterfundenen Melodien
+lauschend, von hoher Ehren Hoffnung - ebenwie Ennius den Menschen,
+denen er “das Feuerlied kredenzet aus der tiefen Brust”, verbietet, an
+seinem, des unsterblichen Sängers Grabe zu trauern.
+
+———————————————————————-
+
+^9 Naiv erscheint dies in den kriegerischen Schilderungen, in denen die
+heerverderbenden Seestürme, die die eigenen Leute zertretenden
+Elefantenscharen, also Bilder aus den Punischen Kriegen, erscheinen,
+als gehörten sie der unmittelbaren Gegenwart an. Vgl. 2, 41; 5, 1226,
+1303, 1339.
+
+———————————————————————-
+
+Es ist ein seltsames Verhängnis, daß dieses ungemeine, an
+ursprünglicher poetischer Begabung den meisten, wo nicht allen seinen
+Vorgängern weit überlegene Talent in eine Zeit gefallen war, in der es
+selber sich fremd und verwaist fühlte und infolgedessen in der
+wunderlichsten Weise sich im Stoffe vergriffen hat. Epikuros’ System,
+welches das All in einen großen Atomenwirbel verwandelt und die
+Entstehung und das Ende der Welt sowie alle Probleme der Natur und des
+Lebens in rein mechanischer Weise abzuwickeln unternimmt, war wohl
+etwas weniger albern als die Mythenhistorisierung, wie Euhemeros und
+nach ihm Ennius sie versucht hatten; aber ein geistreiches und frisches
+System war es nicht, und die Aufgabe nun gar, diese mechanische
+Weltanschauung poetisch zu entwickeln, war von der Art, daß wohl nie
+ein Dichter an einen undankbareren Stoff Leben und Kunst verschwendet
+hat. Der philosophische Leser tadelt an dem Lucretischen Lehrgedicht
+die Weglassung der feineren Pointen des Systems, die Oberflächlichkeit
+namentlich in der Darstellung der Kontroversen, die mangelhafte
+Gliederung, die häufigen Wiederholungen mit ebensogutem Recht, wie der
+poetische an der rhythmisierten Mathematik sich ärgert, die einen
+großen Teil des Gedichtes geradezu unlesbar macht. Trotz dieser
+unglaublichen Mängel, denen jedes mittelmäßige Talent unvermeidlich
+hätte erliegen müssen, durfte dieser Dichter mit Recht sich rühmen, aus
+der poetischen Wildnis einen neuen Kranz davongetragen zu haben, wie
+die Musen noch keinen verliehen hatten; und es sind auch keineswegs
+bloß die gelegentlichen Gleichnisse und sonstigen eingelegten
+Schilderungen mächtiger Naturerscheinungen und mächtigerer
+Leidenschaften, die dem Dichter diesen Kranz erwarben. Die Genialität
+der Lebensanschauung wie der Poesie des Lucretius ruht auf seinem
+Unglauben, welcher mit der vollen Siegeskraft der Wahrheit und darum
+mit der vollen Lebendigkeit der Dichtung dem herrschenden Heuchel- oder
+Aberglauben gegenübertrat und treten durfte.
+
+Als danieder er sah das Dasein liegen der Menschheit
+
+Jammervoll auf der Erd’, erdrückt von der lastenden Gottfurcht,
+
+Die vom Himmelsgewölb ihr Antlitz offenbarend,
+
+Schauerlich anzusehen, hinab auf die Sterblichen drohte,
+
+Wagt’ es ein griechischer Mann zuerst das sterbliche Auge
+
+Ihr entgegenzuheben, zuerst ihr entgegenzutreten;
+
+Und die mutige Macht des Gedankens siegte; gewaltig
+
+Trat hinaus er über die flammenden Schranken des Weltalls
+
+Und der verständige Geist durchschritt das unendliche Ganze.
+
+Also eiferte der Dichter, die Götter zu stürzen, wie Brutus die Könige
+gestürzt, und “die Natur von ihren strengen Herren zu erlösen”. Aber
+nicht gegen Jovis altersschwachen Thron wurden diese Flammenworte
+geschleudert; ebenwie Ennius kämpft Lucretius praktisch vor allen
+Dingen gegen den wüsten Fremd- und Aberglauben der Menge, den Kult der
+Großen Mutter zum Beispiel und die kindische Blitzweisheit der
+Etrusker. Das Grauen und der Widerwille gegen die entsetzliche Welt
+überhaupt, in der und für die der Dichter schrieb, haben dies Gedicht
+eingegeben. Es wurde verfaßt in jener hoffnungslosen Zeit, wo das
+Regiment der Oligarchie gestürzt und das Caesars noch nicht
+aufgerichtet war, in den schwülen Jahren, während deren der Ausbruch
+des Bürgerkrieges in langer peinlicher Spannung erwartet ward. Wenn man
+dem ungleichartigen und unruhigen Vortrag es anzufühlen meint, daß der
+Dichter täglich erwartete, den wüsten Lärm der Revolution über sich und
+sein Werk hereinbrechen zu sehen, so wird man auch bei seiner
+Anschauung der Menschen und der Dinge nicht vergessen dürfen, unter
+welchen Menschen und in Aussicht auf welche Dinge sie ihm entstand. War
+es doch in Hellas in der Epoche vor Alexander ein gangbares und von
+allen Besten tief empfundenes Wort, daß nicht geboren zu sein das Beste
+von allem, das nächstdem Beste aber sei zu sterben. Unter allen in der
+verwandten caesarischen Zeit einem zarten und poetisch organisierten
+Gemüt möglichen Weltanschauungen war diese die edelste und die
+veredelndste, daß es eine Wohltat für den Menschen ist, erlöst zu
+werden von dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und damit von
+der bösen die Menschen, gleichwie die Kinder die Angst im dunkeln
+Gemach, tückisch beschleichenden Furcht vor dem Tode und vor den
+Göttern; daß, wie der Schlaf der Nacht erquicklicher ist als die Plage
+des Tages, so auch der Tod, das ewige Ausruhen von allem Hoffen und
+Fürchten, besser ist als das Leben, wie denn auch die Götter des
+Dichters selber nichts sind noch haben als die ewige selige Ruhe; daß
+die Höllenstrafen nicht nach dem Leben den Menschen peinigen, sondern
+während desselben in den wilden und rastlosen Leidenschaften des
+klopfenden Herzens; daß die Aufgabe des Menschen ist, seine Seele zum
+ruhigen Gleichmaß zu stimmen, den Purpur nicht höher zu schätzen als
+das warme Hauskleid, lieber unter den Gehorchenden zu verharren, als in
+das Getümmel der Bewerber um das Herrenamt sich zu drängen, lieber am
+Bach im Grase zu liegen, als unter dem goldenen Plafond des Reichen
+dessen zahllose Schüsseln leeren zu helfen. Diese
+philosophisch-praktische Tendenz ist der eigentliche ideelle Kern des
+Lucretischen Lehrgedichts und durch alle öde physikalischer
+Demonstrationen nur verschüttet, nicht erdrückt. Wesentlich auf ihr
+beruht dessen relative Weisheit und Wahrheit. Der Mann, der mit einer
+Ehrfurcht vor seinen großen Vorgängern, mit einem gewaltsamen Eifer,
+wie sie dies Jahrhundert sonst nicht kennt, solche Lehre gepredigt und
+sie mit musischem Zauber verklärt hat, darf zugleich ein guter Bürger
+und ein großer Dichter genannt werden. Das Lehrgedicht vom Wesen der
+Dinge, wie vieles auch daran den Tadel herausfordert, ist eines der
+glänzendsten Gestirne in den sternenarmen Räumen der römischen
+Literatur geblieben, und billig wählte der größte deutsche
+Sprachenmeister die Wiederlesbarmachung des Lucretischen Gedichts zu
+seiner letzten und meisterlichsten Arbeit.
+
+Lucretius, obwohl seine poetische Kraft wie seine Kunst schon von den
+gebildeten Zeitgenossen bewundert ward, blieb doch, Spätling wie er
+war, ein Meister ohne Schüler. In der hellenischen Modedichtung dagegen
+fehlte es an Schülern wenigstens nicht, die den alexandrinischen
+Meistern nachzueifern sich mühten. Mit richtigem Takt hatten die
+begabteren unter den alexandrinischen Poeten die größeren Arbeiten und
+die reinen Dichtgattungen, das Drama, das Epos, die Lyrik, vermieden;
+ihre erfreulichsten Leistungen waren ihnen, ähnlich wie den
+neulateinischen Dichtern, in “kurzatmigen” Aufgaben gelungen und
+vorzugsweise in solchen, die auf den Grenzgebieten der Kunstgattungen,
+namentlich dem weiten, zwischen Erzählung und Lied in der Mitte
+liegenden sich bewegten. Lehrgedichte wurden vielfach geschrieben. Sehr
+beliebt waren ferner kleine heroisch-erotische Epen, vornehmlich aber
+eine diesem Altweibersommer der griechischen Poesie eigentümliche und
+für ihre philologische Hippokrene charakteristische, gelehrte
+Liebeselegie, wobei der Dichter die Schilderung der eigenen, vorwiegend
+sinnlichen Empfindungen mit epischen Fetzen aus dem griechischen
+Sagenkreis mehr oder minder willkürlich durchflocht. Festlieder wurden
+fleißig und künstlich gezimmert; überhaupt waltete bei dem Mangel an
+freiwilliger poetischer Erfindung das Gelegenheitsgedicht vor und
+namentlich das Epigramm, worin die Alexandriner Vortreffliches
+geleistet haben. Die Dürftigkeit der Stoffe und die sprachliche und
+rhythmische Unfrische, die jeder nicht volkstümlichen Literatur
+unvermeidlich anhaftet, suchte man möglichst zu verstecken unter
+verzwickten Themen, geschraubten Wendungen, seltenen Wörtern und
+künstlicher Versbehandlung, überhaupt dem ganzen Apparat
+philologisch-antiquarischer Gelehrsamkeit und technischer Gewandtheit.
+
+Dies war das Evangelium, das den römischen Knaben dieser Zeit gepredigt
+ward, und sie kamen in hellen Haufen, um zu hören und auszuüben: schon
+um 700 (54) waren Euphorions Liebesgedichte und ähnliche
+alexandrinische Poesien die gewöhnliche Lektüre und die gewöhnlichen
+Deklamationsstücke der gebildeten Jugend ^10. Die literarische
+Revolution war da; aber sie lieferte zunächst mit seltenen Ausnahmen
+nur frühreife oder unreife Früchte. Die Zahl der “neumodischen Dichter”
+war Legion, aber die Poesie war rar und Apollo, wie immer, wenn es so
+gedrang am Parnasse hergeht, genötigt, sehr kurzen Prozeß zu machen.
+Die langen Gedichte taugten niemals etwas, die kurzen selten. Auch in
+diesem literarischen Zeitalter war die Tagespoesie zur Landplage
+geworden; es begegnete wohl, daß einem der Freund zum Hohn als
+Festtagsgeschenk einen Stoß schofler Verse frisch vom Buchhändlerlager
+ins Haus schickte, deren Wert der zierliche Einband und das glatte
+Papier schon auf drei Schritte verriet. Ein eigentliches Publikum, in
+dem Sinne wie die volkstümliche Literatur ein Publikum hat, fehlte den
+römischen Alexandrinern so gut wie den hellenischen: es ist durchaus
+die Poesie der Clique oder vielmehr der Cliquen, deren Glieder eng
+zusammenhalten, dem Eindringling übel mitspielen, unter sich die neuen
+Poesien vorlesen und kritisieren, auch wohl in ganz alexandrinischer
+Weise die gelungenen Produktionen wieder poetisch feiern und vielfach
+durch Cliquenlob einen falschen und ephemeren Ruhm erschwindeln. Ein
+namhafter und selbst in dieser neuen Richtung poetisch tätiger Lehrer
+der lateinischen Literatur, Valerius Cato, scheint über den
+angesehensten dieser Zirkel eine Art Schulpatronat ausgeübt und über
+den relativen Wert der Poesien in letzter Instanz entschieden zu haben.
+Ihren griechischen Mustern gegenüber sind diese römischen Poeten
+durchgängig unfrei, zuweilen schülerhaft abhängig; die meisten ihrer
+Produkte werden nichts gewesen sein als die herben Früchte einer im
+Lernen begriffenen und noch keineswegs als reif entlassenen
+Schuldichtung. Indem man in der Sprache und im Maß weit enger, als je
+die volkstümliche lateinische Poesie es getan, an die griechischen
+Vorbilder sich anschmiegte, ward allerdings eine größere sprachliche
+und metrische Korrektheit und Konsequenz erreicht; aber es geschah auf
+Kosten der Biegsamkeit und Fülle des nationalen Idioms. Stofflich
+erhielten unter dem Einfluß teils der weichlichen Muster, teils der
+sittenlosen Zeit die erotischen Themen ein auffallendes, der Poesie
+wenig zuträgliches Übergewicht; doch wurden auch die beliebten
+metrischen Kompendien der Griechen schon vielfach übersetzt, so das
+astronomische des Aratos von Cicero und entweder am Ende dieser oder
+wahrscheinlicher am Anfang der folgenden Periode das geographische
+Lehrbuch des Eratosthenes von Publius Varro von der Aude und die
+physikalisch-medizinischen des Nikandros von Aemilius Macer. Es ist
+weder zu verwundern noch zu bedauern, daß von dieser zahllosen
+Dichterschar uns nur wenige Namen aufbehalten worden sind; und auch
+diese werden meistens nur genannt als Kuriositäten oder als gewesene
+Größen: so der Redner Quintus Hortensius mit seinen “fünfhunderttausend
+Zeilen” langweiliger Schlüpfrigkeit und der etwas häufiger erwähnte
+Laevius, dessen ‘Liebesscherze’ nur durch ihre verwickelten Maße und
+manierierten Wendungen ein gewisses Interesse auf sich zogen. Nun gar
+das Kleinepos ‘Smyrna’ des Gaius Helvius Cinna († 710? 44), so sehr es
+von der Clique angepriesen ward, trägt sowohl in dem Stoff, der
+geschlechtlichen Liebe der Tochter zu dem eigenen Vater, wie in der
+neunjährigen darauf verwandten Mühsal die schlimmsten Kennzeichen der
+Zeit an sich. Eine originelle und erfreuliche Ausnahme machen allein
+diejenigen Dichter dieser Schule, die es verstanden, mit der Sauberkeit
+und der Formgewandtheit derselben den in dem republikanischen und
+namentlich dem landstädtischen Leben noch vorhandenen volkstümlichen
+Gehalt zu verbinden. Es galt dies, um von Laberius und Varro hier zu
+schweigen, namentlich von den drei schon oben erwähnten Poeten der
+republikanischen Opposition Marcus Furius Bibaculus (652-691 102-63),
+Gaius Licinius Calvus (672-706 82-48) und Quintus Valerius Catullus
+(667 bis ca. 700 87-54).
+
+——————————————————————————
+
+^10 “Freilich”, sagt Cicero (Tusc. 3, 19, 45) in Beziehung auf Ennius,
+“wird der herrliche Dichter von unseren Euphorionrezitierern
+verachtet.” “Ich bin glücklich angelangt”, schreibt derselbe an Atticus
+(7, 2 z. A.), “da uns von Epirus herüber der günstige Nordwind wehte.
+Diesen Spondaicus kannst du, wenn du Lust hast, einem von den
+Neumodischen als dein eigen verkaufen” (ita belle nobis flavit ab Epiro
+lenissumus Onchesmites. Hunc σποδειάζοντα si cui voles τών νεοτέρων pro
+tuo vendito).
+
+——————————————————————————
+
+Von den beiden ersten, deren Schriften untergegangen sind, können wir
+dies freilich nur mutmaßen; über die Gedichte des Catullus steht auch
+uns noch ein Urteil zu. Auch er hängt in Stoff und Form ab von den
+Alexandrinern. Wir finden in seiner Sammlung Übersetzungen von Stücken
+des Kallimachos und nicht gerade von den recht guten, sondern von den
+recht schwierigen. Auch unter den Originalen begegnen gedrechselte
+Modepoesien, wie die überkünstlichen Galliamben zum Lobe der
+Phrygischen Mutter; und selbst das sonst so schöne Gedicht von der
+Hochzeit der Thetis ist durch die echt alexandrinische Einschachtelung
+der Ariadneklage in das Hauptgedicht künstlerisch verdorben. Aber neben
+diesen Schulstücken steht die melodische Klage der echten Elegie, steht
+das Festgedicht im vollen Schmuck individueller und fast dramatischer
+Durchführung, steht vor allem die solideste Kleinmalerei gebildeter
+Geselligkeit, die anmutigen sehr ungenierten Mädchenabenteuer, davon
+das halbe Vergnügen im Ausschwatzen und Poetisieren der
+Liebesgeheimnisse besteht, das liebe Leben der Jugend bei vollen
+Bechern und leeren Beuteln, die Reise- und die Dichterlust; die
+römische und öfter noch die veronesische Stadtanekdote und der launige
+Scherz in dem vertrauten Zirkel der Freunde. Jedoch nicht bloß in die
+Saiten greift des Dichters Apoll, sondern er führt auch den Bogen: der
+geflügelte Pfeil des Spottes verschont weder den langweiligen
+Versemacher noch den sprachverderbenden Provinzialen, aber keinen
+trifft er öfter und schärfer als die Gewaltigen, von denen der Freiheit
+des Volkes Gefahr droht. Die kurzzeiligen und kurzweiligen, oft von
+anmutigen Refrains belebten Maße sind von vollendeter Kunst und doch
+ohne die widerwärtige Glätte der Fabrik. Umeinander führen diese
+Gedichte in das Nil- und in das Potal; aber in dem letzteren ist der
+Dichter unvergleichlich besser zu Hause. Seine Dichtungen ruhen wohl
+auf der alexandrinischen Kunst, aber doch auch auf dem bürgerlichen, ja
+dem landstädtischen Selbstgefühl, auf dem Gegensatz von Verona zu Rom,
+auf dem Gegensatz des schlichten Munizipalen gegen die hochgeborenen,
+ihren geringen Freunden gewöhnlich übel mitspielenden Herren vom Senat,
+wie er in Catulls Heimat, dem blühenden und verhältnismäßig frischen
+Cisalpinischen Gallien, lebendiger noch als irgendwo anders empfunden
+werden mochte. In die schönsten seiner Lieder spielen die süßen Bilder
+vom Gardasee hinein und schwerlich hätte in dieser Zeit ein
+Hauptstädter ein Gedicht zu schreiben vermocht wie das tief empfundene
+auf des Bruders Tod oder das brave, echt bürgerliche Festlied zu der
+Hochzeit des Manlius und der Arunculeia. Catullus, obwohl abhängig von
+den alexandrinischen Meistern und mitten in der Mode- und
+Cliquendichtung jener Zeit stehend, war doch nicht bloß ein guter
+Schüler unter vielen mäßigen und schlechten, sondern seinen Meistern
+selbst um so viel überlegen, als der Bürger einer freien italischen
+Gemeinde mehr war als der kosmopolitische hellenische Literat. Eminente
+schöpferische Kraft und hohe poetische Intentionen darf man freilich
+bei ihm nicht suchen; er ist ein reichbegabter und anmutiger, aber kein
+großer Poet, und seine Gedichte sind, wie er selbst sie nennt, nichts
+als “Scherze und Torheiten”. Aber wenn nicht bloß die Zeitgenossen von
+diesen flüchtigen Liedchen elektrisiert wurden, sondern auch die
+Kunstkritiker der augustischen Zeit ihn neben Lucretius als den
+bedeutendsten Dichter dieser Epoche bezeichnen, so hatten die
+Zeitgenossen wie die Späteren vollkommen recht. Die lateinische Nation
+hat keinen zweiten Dichter hervorgebracht, in dem der künstlerische
+Gehalt und die künstlerische Form in so gleichmäßiger Vollendung
+wiedererscheinen wie bei Catullus; und in diesem Sinne ist Catullus’
+Gedichtsammlung allerdings das Vollkommenste, was die lateinische
+Poesie überhaupt aufzuweisen vermag.
+
+Es beginnt endlich in dieser Epoche die Dichtung in prosaischer Form.
+Das bisher unwandelbar festgehaltene Gesetz der echten, naiven wie
+bewußten, Kunst, daß der poetische Stoff und die metrische Fassung sich
+einander bedingen, weicht der Vermischung und Trübung aller
+Kunstgattungen und Kunstformen, welche zu den bezeichnendsten Zügen
+dieser Zeit gehört. Zwar von Romanen ist noch weiter nichts anzuführen,
+als daß der berühmteste Geschichtschreiber dieser Epoche, Sisenna, sich
+nicht für zu gut hielt, die viel gelesenen Milesischen Erzählungen des
+Aristeides, schlüpfrige Modenovellen der plattesten Sorte, ins
+Lateinische zu übersetzen. Eine originellere und erfreulichere
+Erscheinung auf diesem zweifelhaften poetisch-prosaischen Grenzgebiet
+sind die ästhetischen Schriften Varros, der nicht bloß der bedeutendste
+Vertreter der lateinischen philologisch-historischen Forschung, sondern
+auch in der schönen Literatur einer der fruchtbarsten und
+interessantesten Schriftsteller ist. Einem in der sabinischen
+Landschaft heimischen, dem römischen Senat seit zweihundert Jahren
+angehörigen Plebejergeschlechte entsprossen, streng in altertümlicher
+Zucht und Ehrbarkeit erzogen ^11 und bereits am Anfang dieser Epoche
+ein reifer Mann, gehörte Marcus Terentius Varro von Reate (638-727
+116-27) politisch, wie sich von selbst versteht, der Verfassungspartei
+an und beteiligte sich ehrlich und energisch an ihrem Tun und Leiden.
+Er tat dies teils literarisch, indem er zum Beispiel die erste
+Koalition, das “dreiköpfige Ungeheuer” in Flugschriften bekämpfte,
+teils im ernsteren Kriege, wo wir ihn im Heere des Pompeius als
+Kommandanten des Jenseitigen Spaniens fanden. Als die Sache der
+Republik verloren war, ward Varro von seinem Überwinder zum
+Bibliothekar der neu zu schaffenden Bibliothek in der Hauptstadt
+bestimmt. Die Wirren der folgenden Zeit rissen den alten Mann noch
+einmal in ihren Strudel hinein, und erst siebzehn Jahre nach Caesars
+Tode, im neunundachtzigsten seines wohlausgefüllten Lebens rief der Tod
+ihn ab. Die ästhetischen Schriften, die ihm einen Namen gemacht haben,
+waren kürzere Aufsätze, teils einfach prosaische ernsteren Inhalts,
+teils launige Schilderungen, deren prosaisches Grundwerk vielfach
+eingelegte Poesien durchwirken. Jenes sind die
+‘Philosophisch-historischen Abhandlungen’ (logistorici), dies die
+Menippischen Satiren. Beide schließen nicht an lateinische Vorbilder
+sich an, namentlich die Varronische Satura keineswegs an die
+Lucilische; wie denn überhaupt die römische Satura nicht eigentlich
+eine feste Kunstgattung, sondern nur negativ das bezeichnet, daß “das
+mannigfaltige Gedicht” zu keiner der anerkannten Kunstgattungen gezählt
+sein will und darum denn auch die Saturapoesie bei jedem begabten
+Poeten wieder einen andern und eigenartigen Charakter annimmt. Es war
+vielmehr die voralexandrinische griechische Philosophie, in der Varro
+die Muster für seine strengeren wie für seine leichteren ästhetischen
+Arbeiten fand: für die ernsteren Abhandlungen in den Dialogen des
+Herakleides von Herakleia am Schwarzen Meer († um 450 300), für die
+Satiren in den Schriften des Menippos von Gadara in Syrien (blüht um
+475 280). Die Wahl war bezeichnend. Herakleides, als Schriftsteller
+angeregt durch Platons philosophische Gespräche, hatte über deren
+glänzende Form den wissenschaftlichen Inhalt gänzlich aus den Augen
+verloren und die poetisch-fabulistische Einkleidung zur Hauptsache
+gemacht; er war ein angenehmer und vielgelesener Autor, aber nichts
+weniger als ein Philosoph. Menippos war es ebensowenig, sondern der
+echteste literarische Vertreter derjenigen Philosophie, deren Weisheit
+darin besteht, die Philosophie zu leugnen und die Philosophen zu
+verhöhnen, der Hundeweisheit des Diogenes; ein lustiger Meister
+ernsthafter Weisheit, bewies er in Exempeln und Schnurren, daß außer
+dem rechtschaffenen Leben alles auf Erden und im Himmel eitel sei,
+nichts aber eitler als der Hader der sogenannten Weisen. Dies waren die
+rechten Muster für Varro, einen Mann voll altrömischen Unwillens über
+die erbärmliche Zeit und voll altrömischer Laune, dabei durchaus nicht
+ohne plastisches Talent, aber für alles, was nicht wie Bild und
+Tatsache aussah, sondern wie Begriff oder gar wie System, vollständig
+vernagelt und vielleicht den unphilosophischsten unter den
+unphilosophischen Römern ^12. Allein Varro war kein unfreier Schüler.
+Die Anregung und im allgemeinen die Form entlehnte er von Herakleides
+und Mennippos; aber er war eine zu individuelle und zu entschieden
+römische Natur, um nicht seine Nachschöpfungen wesentlich selbständig
+und national zu halten. Für seine ernsten Abhandlungen, in denen ein
+moralischer Satz oder sonst ein Gegenstand von allgemeinem Interesse
+behandelt ward, verschmähte er in der Fabulierung an die Milesischen
+Märchen zu streifen, wie Herakleides es getan, und so gar kinderhafte
+Geschichten wie die vom Abaris und von dem nach siebentägigem Tode
+wieder zum Leben erwachenden Mädchen dem Leser aufzutischen. Nur selten
+entnahm er die Einkleidung den edleren Mythen der Griechen, wie in dem
+Aufsatz ‘Orestes oder vom Wahnsinn’; regelmäßig gab ihm einen
+würdigeren Rahmen für seine Stoffe die Geschichte, namentlich die
+gleichzeitige vaterländische, wodurch diese Aufsätze zugleich, wie sie
+auch heißen, ‘Lobschriften’ wurden auf geachtete Römer, vor allem auf
+die Koryphäen der Verfassungspartei. So war die Abhandlung ‘Vom
+Frieden’ zugleich eine Denkschrift auf Metellus Pius, den letzten in
+der glänzenden Reihe der glücklichen Feldherrn des Senats; die ‘Von der
+Götterverehrung’ zugleich bestimmt, das Andenken an den hochgeachteten
+Optimaten und Pontifex Gaius Curio zu bewahren; der Aufsatz ‘Über das
+Schicksal’ knüpfte an Marius an, der ‘Über die Geschichtschreibung’ an
+den ersten Historiker dieser Epoche, Sisenna, der ‘Über die Anfänge der
+römischen Schaubühne’ an den fürstlichen Spielgeber Scaurus, der ‘Über
+die Zahlen’ an den feingebildeten römischen Bankier Atticus. Die beiden
+philosophisch-historischen Aufsätze ‘Laelius oder von der Freundschaft,
+‘Cato oder vom Alter’, welche Cicero, wahrscheinlich nach dem Muster
+der Varronischen, schrieb, mögen von Varros halb lehrhafter, halb
+erzählender Behandlung dieser Stoffe ungefähr eine Vorstellung geben.
+
+———————————————————————————
+
+^11 “Mir als Knaben”, sagt er irgendwo, “genügte ein einziger Flausrock
+und ein einziges Unterkleid, Schuhe ohne Strümpfe, ein Pferd ohne
+Sattel; ein warmes Bad hatte ich nicht täglich, ein Flußbad selten.”
+Wegen seiner persönlichen Tapferkeit erhielt er im Piratenkrieg, wo er
+eine Flottenabteilung führte, den Schiffskranz.
+
+^12 Etwas Kindischeres gibt es kaum als Varros Schema der sämtlichen
+Philosophien, das erstlich alle nicht die Beglückung des Menschen als
+letztes Ziel aufstellenden Systeme kurzweg für nicht vorhanden erklärt
+und dann die Zahl der unter dieser Voraussetzung denkbaren Philosophien
+auf zweihundertachtundachtzig berechnet. Der tüchtige Mann war leider
+zu sehr Gelehrter um einzugestehen, daß er Philosoph weder sein könne
+noch sein möge, und hat deshalb als solcher zeit seines Lebens zwischen
+Stoa, Pythagoreismus und Diogenismus einen nicht schönen Eiertanz
+aufgeführt.
+
+———————————————————————————
+
+Ebenso originell in Form und Inhalt ward von Varro die Menippische
+Satire behandelt; die dreiste Mischung von Prosa und Versen ist dem
+griechischen Original fremd und der ganze geistige Inhalt von römischer
+Eigentümlichkeit, man möchte sagen von sabinischem Erdgeschmack
+durchdrungen. Auch diese Satiren behandeln, wie die
+philosophisch-historischen Aufsätze, irgendein moralisches oder sonst
+für das größere Publikum geeignetes Thema, wie dies schon einzelne
+Titel zeigen: ‘Hercules’ Säulen oder vom Ruhm’; ‘Der Topf findet den
+Deckel oder von den Pflichten des Ehemanns’; ‘Der Nachttopf hat sein
+Maß oder vom Zechen’; ‘Papperlapapp oder von der Lobrede’. Die
+plastische Einkleidung, die auch hier nicht fehlen durfte, ist
+natürlich der vaterländischen Geschichte nur selten entlehnt, wie in
+der Satire ‘Serranus oder von den Wahlen’. Dagegen spielt die
+Diogenische Hundewelt wie billig eine große Rolle: es begegnen der Hund
+Gelehrter, der Hund Rhetor, der Ritter-Hund, der Wassertrinker-Hund,
+der Hundekatechismus und dergleichen mehr. Ferner wird die Mythologie
+zu komischen Zwecken in Kontribution gesetzt: wir finden einen
+‘Befreiten Prometheus’, einen ‘Strohernen Aias’, einen ‘Herkules
+Sokratiker’, einen ‘Anderthalb Odysseus’, der nicht bloß zehn, sondern
+fünfzehn Jahre in Irrfahrten sich umhergetrieben hat. Der
+dramatisch-novellistische Rahmen schimmert in einzelnen Stücken, zum
+Beispiel im ‘Befreiten Prometheus’, in dem ‘Mann von sechzig Jahren’,
+im ‘Frühauf’ noch aus den Trümmern hervor; es scheint, daß Varro die
+Fabel häufig, vielleicht regelmäßig als eigenes Erlebnis erzählte, wie
+zum Beispiel im ‘Frühauf’ die handelnden Personen zum Varro hingehen
+und ihm Vortrag halten, “da er als Büchermacher ihnen bekannt war”.
+Über den poetischen Wert dieser Einkleidung ist uns ein sicheres Urteil
+nicht mehr gestattet; einzeln begegnen noch in unseren Trümmern
+allerliebste Schilderungen voll Witz und Lebendigkeit - so eröffnet im
+‘Befreiten Prometheus’ der Heros nach Lösung seiner Fesseln eine
+Menschenfabrik, in welcher Goldschuh, der Reiche, sich ein Mädchen
+bestellt von Milch und feinstem Wachs, wie es die milesischen Bienen
+aus mannigfachen Blüten sammeln, ein Mädchen ohne Knochen und Sehnen,
+ohne Haut und Haar, rein und fein, schlank, glatt, zart, allerliebst.
+Der Lebensatem dieser Dichtung ist die Polemik - nicht so sehr die
+politische der Partei, wie Lucilius und Catullus sie übten, sondern die
+allgemeine sittliche des strengen Alten gegen die zügellose und
+verkehrte Jugend, des in seinen Klassikern lebenden Gelehrten gegen die
+lockere und schofle oder doch ihrer Tendenz nach verwerfliche moderne
+Poesie ^13, des guten Bürgers von altem Schlag gegen das neue Rom, in
+dem der Markt, mit Varro zu reden, ein Schweinestall ist und Numa, wenn
+er auf seine Stadt den Blick wendet, keine Spur seiner weisen Satzungen
+mehr gewahrt. Varro tat in dem Verfassungskampf, was ihm Bürgerpflicht
+schien; aber sein Herz war bei diesem Parteitreiben nicht - “warum”,
+klagt er einmal, “riefet ihr mich aus meinem reinen Leben in den
+Rathausschmutz?” Er gehörte der guten alten Zeit an, wo die Rede nach
+Zwiebeln und Knoblauch duftete, aber das Herz gesund war. Nur eine
+einzelne Seite dieser altväterischen Opposition gegen den Geist der
+neuen Zeit ist die Polemik gegen die Erbfeinde des echten Römertums,
+die griechischen Weltweisen; aber es lag sowohl im Wesen der
+Hundephilosophie als in Varros Naturell, daß die menippische Geißel
+ganz besonders den Philosophen um die Ohren schwirrte und sie denn auch
+in angemessene Angst versetzte - nicht ohne Herzklopfen übersandten die
+philosophischen Skribenten der Zeit dem “scharfen Mann” ihre neu
+erschienenen Traktate. Das Philosophieren ist wahrlich keine Kunst. Mit
+dem zehnten Teil der Mühe, womit der Herr den Sklaven zum Kunstbäcker
+erzieht, bildet er selbst sich zum Philosophen; freilich, wenn dann der
+Bäcker und der Philosoph beide unter den Hammer kommen, geht der
+Kuchenkünstler hundertmal teurer weg als der Weltweise. Sonderbare
+Leute, diese Philosophen! Der eine befiehlt, die Leichen in Honig
+beizusetzen - ein Glück, daß man ihm nicht den Willen tut, wo bliebe
+sonst der Honigwein? Der andere meint, daß die Menschen wie die Kresse
+aus der Erde gewachsen sind. Der dritte hat einen Weltbohrer erfunden,
+durch den die Erde einst untergehen wird.
+
+————————————————————————————
+
+^13 “Willst du etwa”, schreibt er einmal, “die Redefiguren und Verse
+des Quintussklaven Clodius abgurgeln und ausrufen: O Geschick! o
+Schicksalsgeschick!” Anderswo: “Da der Quintussklave Clodius eine
+solche Anzahl von Komödien ohne irgendeine Muse gemacht hat, sollte ich
+da nicht einmal ein einziges Büchlein mit Ennius zu reden ‘fabrizieren’
+können?” Dieser sonst nicht bekannte Clodius muß wohl ein schlechter
+Nachahmer des Terenz gewesen sein, da zumal jene ihm spöttisch
+heimgegebenen Worte: “O Geschick! o Schicksalsgeschick!” in einem
+Terenzischen Lustspiel sich wiederfinden. Die folgende
+Selbstvorstellung eines Poeten in Varros ‘Esel beim Lautenspiel’:
+
+Schüler mich heißt man Pacuvs; er dann war des Ennius Schüler,
+
+Dieser der Musen; ich selbst nenne Pompilius mich
+
+könnte füglich die Einleitung des Lucretius parodieren, dem Varro schon
+als abgesagter Feind des epikurischen Systems nicht geneigt gewesen
+sein kann und den er nie anführt.
+
+————————————————————————————
+
+Gewiß, niemals hat ein Kranker etwas je geträumt
+
+So toll, was nicht gelehrt schon hätte ein Philosoph.
+
+Es ist spaßhaft anzusehen, wie so ein Langbart- der etymologisierende
+Stoiker ist gemeint - ein jedes Wort bedächtig auf der Goldwaage wägt;
+aber nichts geht doch über den echten Philosophenzank - ein stoischer
+Faustkampf übertrifft weit jede Athletenbalgerei. In der Satire ‘Die
+Marcusstadt oder vom Regimente’, wo Marcus sich ein Wolkenkuckucksheim
+nach seinem Herzen schuf, erging es, ebenwie in dem attischen, dem
+Bauern gut, dem Philosophen aber übel; der
+Schnell-durch-ein-Glied-Beweis (Celer-δι΄-ενός-λήμματος-λόγος),
+Antipatros, des Stoikers Sohn, schlägt darin seinem Gegner, offenbar
+dem philosophischen Zweiglied (Dilemma), mit der Feldhacke den Schädel
+ein. Mit dieser sittlich polemischen Tendenz und diesem Talent, einen
+kaustischen und pittoresken Ausdruck für sie zu finden, das, wie die
+dialogische Einkleidung der im achtzigsten Jahre geschriebenen Bücher
+vom Landbau beweist, bis in das höchste Alter ihn nicht verließ,
+vereinigte sich auf das glücklichste Varros unvergleichliche Kunde der
+nationalen Sitte und Sprache, die in den philologischen Schriften
+seines Greisenalters kollektaneenartig, hier aber in ihrer ganzen
+unmittelbaren Fülle und Frische sich entfaltet. Varro war im besten und
+vollsten Sinne des Wortes ein Lokalgelehrter, der seine Nation in ihrer
+ehemaligen Eigentümlichkeit und Abgeschlossenheit wie in ihrer modernen
+Verschliffenheit und Zerstreuung aus vieljähriger eigener Anschauung
+kannte und seine unmittelbare Kenntnis der Landessitte und
+Landessprache durch die umfassendste Durchforschung der geschichtlichen
+und literarischen Archive ergänzt und vertieft hatte. Was insofern an
+verstandesmäßiger Auffassung und Gelehrsamkeit in unserem Sinn ihm
+abging, das gewann die Anschauung und die in ihm lebendige Poesie. Er
+haschte weder nach antiquarischen Notizen noch nach seltenen veralteten
+oder poetischen Wörtern ^14; aber er selbst war ein alter und
+altfränkischer Mann und beinah ein Bauer, die Klassiker seiner Nation
+ihm liebe, langgewohnte Genossen; wie konnte es fehlen, daß von der
+Sitte der Väter, die er über alles liebte und vor allen kannte, gar
+vielerlei in seinen Schriften erzählt ward, und daß seine Rede überfloß
+von sprichwörtlichen griechischen und lateinischen Wendungen, von guten
+alten, in der sabinischen Umgangssprache bewahrten Wörtern, von
+Ennianischen, Lucilischen, vor allem Plautinischen Reminiszenzen? Den
+Prosastil dieser ästhetischen Schriften aus Varros früherer Zeit darf
+man sich nicht vorstellen nach dem seines im hohen Alter geschriebenen
+und wahrscheinlich im unfertigen Zustand veröffentlichten
+sprachwissenschaftlichen Werkes, wo allerdings die Satzglieder am Faden
+der Relative aufgereiht werden wie die Drosseln an der Schnur; daß aber
+Varro grundsätzlich die strenge Stilisierung und die attische
+Periodisierung verwarf, wurde früher schon bemerkt, und seine
+ästhetischen Aufsätze waren zwar ohne den gemeinen Schwulst und die
+falschen Flitter des Vulgarismus, aber in mehr lebendig gefügten als
+wohl gegliederten Sätzen unklassisch und selbst schluderig geschrieben.
+Die eingelegten Poesien dagegen bewiesen nicht bloß, daß ihr Urheber
+die mannigfaltigsten Maße meisterlich wie nur einer der Modepoeten zu
+bilden verstand, sondern auch, daß er ein Recht hatte, denen sich
+zuzuzählen, welchen ein Gott es vergönnt hat, “die Sorgen aus dem
+Herzen zu bannen durch das Lied und die heilige Dichtkunst” ^15. Schule
+machte die Varronische Skizze so wenig wie das Lucretische Lehrgedicht;
+zu den allgemeineren Ursachen kam hier noch hinzu das durchaus
+individuelle Gepräge derselben, welches unzertrennlich war von dem
+höheren Alter, der Bauernhaftigkeit und selbst von der eigenartigen
+Gelehrsamkeit ihres Verfassers. Aber die Anmut und Laune vor allem der
+menippischen Satiren, welche an Zahl wie an Bedeutung Varros ernsteren
+Arbeiten weit überlegen gewesen zu sein scheinen, fesselte die
+Zeitgenossen sowohl wie diejenigen Späteren, die für Originalität und
+Volkstümlichkeit Sinn hatten; und auch wir noch, denen es nicht mehr
+vergönnt ist, sie zu lesen, mögen aus den erhaltenen Bruchstücken
+einigermaßen es nachempfinden, daß der Schreiber “es verstand, zu
+lachen und mit Maß zu scherzen”. Und schon als der letzte Hauch des
+scheidenden guten Geistes der alten Bürgerzeit, als der jüngste grüne
+Sproß, den die volkstümliche lateinische Poesie getrieben hat,
+verdienten es Varros Satiren, daß der Dichter in seinem poetischen
+Testament diese seine menippischen Kinder jedem empfahl,
+
+Dem da Romas liegt und Latiums Blühen am Herzen,
+
+und sie behaupten denn auch einen ehrenvollen Platz in der Literatur
+wie in der Geschichte des italischen Volkes ^16.
+
+———————————————————————
+
+^14 Er selbst sagt einmal treffend, daß er veraltete Wörter nicht
+besonders liebe, aber öfter brauche, poetische Wörter sehr liebe, aber
+nicht brauche.
+
+^15 Die folgende Schilderung ist dem ‘Marcussklaven’ entnommen:
+
+Auf einmal, um die Zeit der Mitternacht etwa,
+
+Als uns mit Feuerflammen weit und breit gestickt
+
+Der luftige Raum den Himmelssternenreigen wies,
+
+Umschleierte des Himmels goldenes Gewölb
+
+Mit kühlem Regenflor der raschen Wolken Zug,
+
+Hinab das Wasser schüttend auf die Sterblichen,
+
+Und schossen, los sich reißend von dem eisigen Pol,
+
+Die Wind’, heran, des Großen Bären tolle Brut,
+
+Fortführend mit sich Ziegel, Zweig’ und Wetterwust.
+
+Doch wir, gestürzt, schiffbrüchig, gleich der Störche Schwarm,
+
+Die an zweizackigen Blitzes Glut die Flügel sich
+
+Versengt, wir fielen traurig jäh zur Erd’ hinab.
+
+In der ‘Menschenstadt’ heißt es:
+
+Nicht wird frei dir die Brust durch Gold und Fülle der Schätze;
+
+Nicht dem Sterblichen nimmt von der Seele der persische Goldberg
+
+Sorg’ und Furcht, und auch der Saal nicht Crassus des Reichen.
+
+Aber auch leichtere Weise gelang dem Dichter. In ‘Der Topf hat sein
+Maß’ stand folgender zierliche Lobspruch auf den Wein:
+
+Es bleibt der Wein für jedermann der beste Trank.
+
+Er ist das Mittel, das den Kranken macht gesund;
+
+Er ist der süße Keimeplatz der Fröhlichkeit,
+
+Er ist der Kitt, der Freundeskreis zusammenhält.
+
+Und in dem ‘Weltbohrer’ schließt der heimkehrende Wandersmann also
+seinen Zuruf an die Schiffer:
+
+Laßt schießen die Zügel dem leisesten Hauch,
+
+Bis daß uns des frischeren Windes Geleit
+
+Rückführt in die liebliche Heimat!
+
+^16 Die Skizzen Varros haben eine so ungemeine historische und selbst
+poetische Bedeutsamkeit und sind doch infolge der trümmerhaften
+Gestalt, in der uns die Kunde davon zugekommen ist, so wenigen bekannt
+und so verdrießlich kennenzulernen, daß es wohl erlaubt sein wird,
+einige derselben hier mit der wenigen zur Lesbarkeit unumgänglichen
+Restauration zu resümieren.
+
+Die Satire ‘Frühauf’ schildert die ländliche Haushaltung. “Frühauf ruft
+mit der Sonne zum Aufstehen und führt selbst die Leute auf den
+Arbeitsplatz. Die Jungen machen selbst sich ihr Bett, das die Arbeit
+ihnen weich macht, und stellen sich selber Wasserkrug und Lampe dazu.
+Der Trank ist der klare frische Quell, die Kost Brot und als Zubrot
+Zwiebeln. In Haus und Feld gedeiht alles. Das Haus ist kein Kunstbau;
+aber der Architekt könnte Symmetrie daran lernen. Für den Acker wird
+gesorgt, daß er nicht unordentlich und wüst in Unsauberkeit und
+Vernachlässigung verkomme; dafür wehrt die dankbare Ceres den Schaden
+von der Frucht, daß die Schober hochgeschichtet das Herz des Landmannes
+erfreuen. Hier gilt noch das Gastrecht; willkommen ist, wer nur
+Muttermilch gesogen hat. Brotkammer und Weinfaß und der Wurstvorrat am
+Hausbalken, Schlüssel und Schloß sind dem Wandersmann dienstwillig, und
+hoch türmen vor ihm die Speisen sich auf; zufrieden sitzt der
+gesättigte Gast, nicht vor- noch rückwärts schauend, nickend am Herde
+in der Küche. Zum Lager wird der wärmste doppelwollige Schafpelz für
+ihn ausgebreitet. Hier gehorcht man noch als guter Bürger dem gerechten
+Gesetz, das weder aus Mißgunst Unschuldigen zu nahe tritt, noch aus
+Gunst Schuldigen verzeiht. Hier redet man nicht Böses wider den
+Nächsten. Hier rekelt man nicht mit den Füßen auf dem heiligen Herd,
+sondern ehrt die Götter mit Andacht und mit Opfern, wirft dem Hausgeist
+sein Stückchen Fleisch in das bestimmte Schüsselchen und geleitet, wenn
+der Hausherr stirbt, die Bahre mit demselben Gebet, mit welchem die des
+Vaters und des Großvaters hinweggetragen wurde.”
+
+In einer anderen Satire tritt ein “Lehrer der Alten auf, dessen die
+gesunkene Zeit dringender zu bedürfen scheint als des Jugendlehrers,
+und setzt auseinander, “wie einst alles in Rom keusch und fromm war und
+jetzt alles so ganz anders ist”. “Trügt mich mein Auge oder sehe ich
+Sklaven in Waffen gegen ihre Herren? - Einst ward, wer zur Aushebung
+sich nicht stellte, von Staats wegen als Sklave in die Fremde verkauft;
+jetzt heißt [der Aristokratie, 2, 225; 3, 358; 4, 103 u. 330] der
+Zensor, der Feigheit und alles hingehen läßt, ein großer Bürger und
+erntet Lob, daß er nicht darauf aus ist, sich durch Kränkung der
+Mitbürger einen Namen zu machen. - Einst ließ der römische Bauer sich
+alle Woche einmal den Bart scheren; jetzt kann der Ackersklave es nicht
+fein genug haben. - Einst sah man auf den Gütern einen Kornspeicher,
+der zehn Ernten faßte, geräumige Keller für die Weinfässer und
+entsprechende Keltern; jetzt hält der Herr sich Pfauenherden und läßt
+seine Türen mit afrikanischem Zypressenholz einlegen. - Einst drehte
+die Hausfrau mit der Hand die Spindel und hielt dabei den Topf auf dem
+Herd im Auge, damit der Brei nicht verbrenne; jetzt” - heißt es in
+einer andern Satire -“bettelt die Tochter den Vater um ein Pfund
+Edelsteine, das Weib den Mann um einen Scheffel Perlen an. - Einst war
+der Mann in der Brautnacht stumm und blöde; jetzt gibt die Frau sich
+dem ersten besten Kutscher preis. - Einst war der Kindersegen der Stolz
+des Weibes, jetzt, wenn der Mann sich Kinder wünscht, antwortet sie:
+Weißt du nicht, was Ennius sagt?:
+
+Lieber will ich ja das Leben dreimal wagen in der Schlacht,
+
+Als ein einzig Mal gebären. -
+
+Einst war die Frau vollkommen zufrieden, wenn der Mann ein- oder
+zweimal im Jahre sie in dem ungepolsterten Wagen über Land fuhr”; jetzt
+- konnte er hinzusetzen (vgl. Cic. Mil. 21, 55) - schmollt die Frau,
+wenn der Mann ohne sie auf sein Landgut geht, und folgt der reisenden
+Dame das elegante griechische Bedientengesindel und die Kapelle nach
+auf die Villa.”
+
+In einer Schrift der ernsteren Gattung ‘Catus oder die Kinderzucht’
+belehrt Varro den Freund, der ihn deswegen um Rat gefragt, nicht bloß
+über die Gottheiten, denen nach altem Brauch für der Kinder Wohl zu
+opfern war, sondern, hinweisend auf die verständigere Kindererziehung
+der Perser und auf seine eigene streng verlebte Jugend, warnt er vor
+überfüttern und überschlafen, vor süßem Brot und feiner Kost - die
+jungen Hunde, meint der Alte, werden jetzt verständiger genährt als die
+Kinder -, ebenso vor dem Besiebnen und Besegnen, das in
+Krankheitsfällen so oft die Stelle des ärztlichen Rates vertrat. Er
+rät, die Mädchen zum Sticken anzuhalten, damit sie später die
+Stickereien und Webereien richtig zu beurteilen verständen, und sie
+nicht zu früh das Kinderkleid ablegen zu lassen; er warnt davor, die
+Knaben in die Fechterspiele zu führen, in denen früh das Herz verhärtet
+und die Grausamkeit gelernt wird.
+
+In dem ‘Mann von sechzig Jahren’ erscheint Varro als ein römischer
+Epimenides, der, als zehnjähriger Knabe eingeschlafen, nach einem
+halben Jahrhundert wiedererwacht. Er staunt darüber, statt seines
+glattgeschorenen Knabenkopfes ein altes Glatzhaupt wiederzufinden, mit
+häßlicher Schnauze und wüsten Borsten gleich dem Igel; mehr noch aber
+staunt er über das verwandelte Rom. Die lucrinischen Austern, sonst
+eine Hochzeitschüssel, sind jetzt ein Alltagsgericht; dafür rüstet denn
+auch der bankrotte Schlemmer im stillen die Brandfackel. Wenn sonst der
+Vater dem Knaben vergab, so ist jetzt das Vergeben an den Knaben
+gekommen; das heißt, er vergibt dem Vater mit Gift. Der Wahlplatz ist
+zur Börse geworden, der Kriminalprozeß zur Goldgrube für die
+Geschworenen. Keinem Gesetze wird noch gehorcht, außer dem einen, daß
+nichts für nichts gegeben wird. Alle Tugenden sind geschwunden; dafür
+begrüßen den Erwachten als neue Insassen die Gotteslästerung, die
+Wortlosigkeit, die Geilheit. “O wehe dir, Marcus, über solchen Schlaf
+und solches Erwachen!”
+
+Die Skizze gleicht der catilinarischen Zeit, kurz nach welcher (um 697
+57) sie der alte Mann geschrieben haben muß, und es lag eine Wahrheit
+in der bitteren Schlußwendung, wo der Marcus, gehörig ausgescholten
+wegen seiner unzeitgemäßen Anklagen und antiquarischen Reminiszenzen,
+mit parodischer Anwendung einer uralten römischen Sitte, als unnützer
+Greis auf die Brücke geschleppt und in den Tiber gestürzt wird. Es war
+allerdings für solche Männer in Rom kein Platz mehr.
+
+———————————————————————
+
+Zu einer kritischen Geschichtschreibung in der Art, wie die
+Nationalgeschichte von den Attikern in ihrer klassischen Zeit, wie die
+Weltgeschichte von Polybios geschrieben ward, ist man in Rom eigentlich
+niemals gelangt. Selbst auf dem dafür am meisten geeigneten Boden, in
+der Darstellung der gleichzeitigen und der jüngst vergangenen
+Ereignisse, blieb es im ganzen bei mehr oder minder unzulänglichen
+Versuchen; in der Epoche namentlich von Sulla bis auf Caesar wurden die
+nicht sehr bedeutenden Leistungen, welche die vorhergehende auf diesem
+Gebiet aufzuweisen hatte, die Arbeiten Antipaters und Asellios, kaum
+auch nur erreicht. Das einzige diesem Gebiete angehörende namhafte
+Werk, das in der gegenwärtigen Epoche entstand, ist des Lucius
+Cornelius Sisenna (Prätor 676 78) Geschichte des Bundesgenossen- und
+Bürgerkrieges. Von ihr bezeugen die, welche sie lasen, daß sie an
+Lebendigkeit und Lesbarkeit die alten trockenen Chroniken weit
+übertraf, dafür aber in einem durchaus unreinen und selbst in das
+Kindische verfallenden Stil geschrieben war; wie denn auch die wenigen
+übrigen Bruchstücke eine kleinliche Detailmalerei des Gräßlichen ^17
+und eine Menge neugebildeter oder der Umgangssprache entnommener Wörter
+aufzeigen. Wenn noch hinzugefügt wird, daß das Muster des Verfassers
+und sozusagen der einzige ihm geläufige griechische Historiker
+Kleitarchos war, der Verfasser einer zwischen Geschichte und Fiktion
+schwankenden Biographie Alexanders des Großen in der Art des
+Halbromans, der den Namen des Curtius trägt, so wird man nicht
+anstehen, in Sisennas vielgerühmtem Geschichtswerk nicht ein Erzeugnis
+echter historischer Kritik und Kunst zu erkennen, sondern den ersten
+römischen Versuch in der bei den Griechen so beliebten Zwittergattung
+von Geschichte und Roman, welche das tatsächliche Grundwerk durch
+erfundene Ausführung lebendig und interessant machen möchte und es
+dadurch schal und unwahr macht; und es wird nicht ferner Verwunderung
+erregen demselben Sisenna auch als Übersetzer griechischer Moderomane
+zu begegnen.
+
+———————————————————————
+
+^17 “Die Unschuldigen”, hieß es in einer Rede, “zitternd an allen
+Gliedern, schleppst du heraus und am hohen Uferrande des Flusses beim
+Morgengrauen (lässest du sie schlachten).” Solche ohne Mühe einer
+Taschenbuchsnovelle einzufügende Phrasen begegnen mehrere.
+
+———————————————————————
+
+Daß es auf dem Gebiet der allgemeinen Stadt- und gar der Weltchronik
+noch weit erbärmlicher aussah, lag in der Natur der Sache. Die
+steigende Regsamkeit der antiquarischen Forschung ließ erwarten, daß
+aus Urkunden und sonstigen zuverlässigen Quellen die gangbare Erzählung
+rektifiziert werden würde; allein diese Hoffnung erfüllte sich nicht.
+Je mehr und je tiefer man forschte, desto deutlicher trat es hervor,
+was es hieß, eine kritische Geschichte Roms schreiben. Schon die
+Schwierigkeiten, die der Forschung und Darstellung sich
+entgegenstellten, waren unermeßlich; aber die bedenklichsten
+Hindernisse waren nicht die literarischer Art. Die konventionelle
+Urgeschichte Roms, wie sie jetzt seit wenigstens zehn Menschenaltern
+erzählt und geglaubt ward, war mit dem bürgerlichen Leben der Nation
+aufs innigste zusammengewachsen; und doch mußte bei jeder eingehenden
+und ehrlichen Forschung nicht bloß einzelnes hie und da modifiziert,
+sondern das ganze Gebäude so gut umgeworfen werden wie die fränkische
+Urgeschichte vom König Pharamund und die britische vom König Arthur.
+Ein konservativ gesinnter Forscher, wie zum Beispiel Varro war, konnte
+an dieses Werk nicht Hand legen wollen; und hätte ein verwegener
+Freigeist sich dazu gefunden, so würde gegen diesen schlimmsten aller
+Revolutionäre, der der Verfassungspartei sogar ihre Vergangenheit zu
+nehmen Anstalt machte, von allen guten Bürgern das “Kreuzige”
+erschollen sein. So führte die philologische und antiquarische
+Forschung von der Geschichtschreibung mehr ab als zu ihr hin. Varro und
+die Einsichtigeren überhaupt gaben die Chronik als solche offenbar
+verloren; höchstens daß man, wie Titus Pomponius Atticus tat, die
+Beamten- und Geschlechtsverzeichnisse in tabellarischer
+Anspruchslosigkeit zusammenstellte - ein Werk übrigens, durch das die
+synchronistische griechisch-römische Jahrzählung in der Weise, wie sie
+den Späteren konventionell feststand, zum Abschluß geführt worden ist.
+Die Stadtchronikenfabrik stellte aber darum ihre Tätigkeit natürlich
+nicht ein, sondern fuhr fort zu der großen, von der Langenweile für die
+Langeweile geschriebenen Bibliothek ihre Beiträge so gut in Prosa wie
+in Versen zu liefern, ohne daß die Buchmacher, zum Teil bereits
+Freigelassene, um die eigentliche Forschung irgend sich bekümmert
+hätten. Was uns von diesen Schriften genannt wird - erhalten ist keine
+derselben -, scheint nicht bloß durchaus untergeordneter Art, sondern
+großenteils sogar von unlauterer Fälschung durchdrungen gewesen zu
+sein. Zwar die Chronik des Quintus Claudius Quadrigarius (um 676? 78)
+war in einem altmodischen, aber guten Stil geschrieben und befliß in
+der Darstellung der Fabelzeit sich wenigstens einer löblichen Kürze.
+Aber wenn Gaius Licinius Macer († als gewesener Prätor 688 66), des
+Dichters Calvus Vater und ein eifriger Demokrat, mehr als irgendein
+anderer Chronist auf Urkundenforschung und Kritik Anspruch machte, so
+sind seine “leinenen Bücher” und anderes ihm Eigentümliche im höchsten
+Grade verdächtig und wird wahrscheinlich eine sehr umfassende und zum
+Teil in die späteren Annalisten übergegangene Interpolation der
+gesamten Chronik zu demokratisch-tendenziösen Zwecken auf ihn
+zurückgehen. Valerius Antias endlich übertraf in der Weitläufigkeit wie
+in der kindischen Fabulierung alle seine Vorgänger. Die Zahlenlüge war
+hier systematisch bis auf die gleichzeitige Geschichte herab
+durchgeführt und die Urgeschichte Roms aus dem Platten abermals ins
+Platte gearbeitet; wie denn zum Beispiel die Erzählung, in welcher Art
+der weise Numa nach Anweisung der Nymphe Egeria die Götter Faunus und
+Picus mit Weine fing, und die schöne, von selbigem Numa hierauf mit
+Gott Jupiter gepflogene Unterhaltung allen Verehrern der sogenannten
+Sagengeschichte Roms nicht dringend genug empfohlen werden können, um
+womöglich auch sie, versteht sich ihrem Kerne nach, zu glauben. Es wäre
+ein Wunder gewesen, wenn die griechischen Novellenschreiber dieser Zeit
+solche für sie wie gemachte Stoffe sich hätten entgehen lassen. In der
+Tat fehlte es auch nicht an griechischen Literaten, welche die römische
+Geschichte zu Romanen verarbeiteten: eine solche Schrift waren zum
+Beispiel des schon unter den in Rom lebenden griechischen Literaten
+erwähnten Polyhistors Alexandros fünf Bücher ‘Über Rom’, ein
+widerwärtiges Gemisch abgestandener historischer Überlieferung und
+trivialer, vorwiegend erotischer Erfindung. Er vermutlich hat den
+Anfang dazu gemacht, das halbe Jahrtausend, welches mangelte, um Troias
+Untergang und Roms Entstehung in den durch die beiderseitigen Fabeln
+geforderten chronologischen Zusammenhang zu bringen, auszufüllen mit
+einer jener tatenlosen Königslisten, wie sie den ägyptischen und
+griechischen Chronisten leider geläufig waren; denn allem Anschein nach
+ist er es, der die Könige Aventinus und Tiberinus und das albanische
+Silviergeschlecht in die Welt gesetzt hat, welche dann im einzelnen mit
+Namen, Regierungszeit und mehrerer Anschaulichkeit wegen auch einem
+Konterfei auszustatten die Folgezeit nicht versäumte.
+
+So dringt von verschiedenen Seiten her der historische Roman der
+Griechen in die römische Historiographie ein; und es ist mehr als
+wahrscheinlich, daß von dem, was man heute Tradition der römischen
+Urzeit zu nennen gewohnt ist, nicht der kleinste Teil aus Quellen
+herrührt von dem Schlage der ‘Amadis von Gallien’ und der Fouquéschen
+Ritterromane - eine erbauliche Betrachtung wenigstens für diejenigen,
+die Sinn haben für den Humor der Geschichte und die Komik der noch in
+gewissen Zirkeln des neunzehnten Jahrhunderts für König Numa gehegten
+Pietät zu würdigen verstehen. Neu ein in die römische Literatur tritt
+in dieser Epoche neben der Landes- die Universal- oder, richtiger
+gesagt, die zusammengefaßte römisch-hellenische Geschichte. Cornelius
+Nepos aus Ticinum (ca. 650 - ca. 725 100-30) liefert zuerst eine
+allgemeine Chronik (herausgegeben vor 700 54) und eine nach gewissen
+Kategorien geordnete allgemeine Biographiensammlung politisch oder
+literarisch ausgezeichneter römischer und griechischer oder doch in die
+römische oder griechische Geschichte eingreifender Männer. Diese
+Arbeiten schließen an die Universalgeschichten sich an, wie sie die
+Griechen schon seit längerer Zeit schrieben; und ebendiese griechischen
+Weltchroniken begannen jetzt auch, wie zum Beispiel die im Jahre 698
+(56) abgeschlossene des Kastor, Schwiegersohns des galatischen Königs
+Deiotarus, die bisher von ihnen vernachlässigte römische Geschichte in
+ihren Kreis zu ziehen. Diese Arbeiten haben allerdings, ebenwie
+Polybios, versucht, an die Stelle der lokalen die Geschichte der
+Mittelmeerwelt zu setzen; aber was bei Polybios aus großartig klarer
+Auffassung und tiefem geschichtlichen Sinn hervorging, ist in diesen
+Chroniken vielmehr das Produkt des praktischen Bedürfnisses für den
+Schul- und den Selbstunterricht. Der künstlerischen Geschichtschreibung
+können diese Weltchroniken, Lehrbücher für den Schulunterricht oder
+Handbücher zum Nachschlagen, und die ganze damit zusammenhängende, auch
+in lateinischer Sprache späterhin sehr weitschichtig gewordene
+Literatur kaum zugezählt werden; und namentlich Nepos selbst war ein
+reiner, weder durch Geist noch auch nur durch Planmäßigkeit
+ausgezeichneter Kompilator.
+
+Merkwürdig und in hohem Grade charakteristisch ist die Historiographie
+dieser Zeit allerdings, aber freilich so unerfreulich wie die Zeit
+selbst. Das Ineinandergreifen der griechischen und der lateinischen
+Literatur tritt auf keinem Gebiet so deutlich hervor wie auf dem der
+Geschichte; hier setzen die beiderseitigen Literaturen in Stoff und
+Form am frühesten sich ins gleiche und die einheitliche Auffassung der
+hellenisch-italischen Geschichte, mit der Polybios seiner Zeit
+vorangeeilt war, lernte jetzt bereits der griechische wie der römische
+Knabe in der Schule. Allein wenn der Mittelmeerstaat einen
+Geschichtschreiber gefunden hatte, ehe er seiner selbst sich bewußt
+worden war, so stand jetzt, wo dies Bewußtsein sich eingestellt hatte,
+weder bei den Griechen noch bei den Römern ein Mann auf, der ihm den
+rechten Ausdruck zu leihen vermochte. Eine römische
+Geschichtschreibung, sagt Cicero, gibt es nicht; und soweit wir
+urteilen können, ist dies nicht mehr als die einfache Wahrheit. Die
+Forschung wendet von der Geschichtschreibung sich ab, die
+Geschichtschreibung von der Forschung; die historische Literatur
+schwankt zwischen dem Schulbuch und dem Roman. Alle reinen
+Kunstgattungen, Epos, Drama, Lyrik, Historie, sind nichtig in dieser
+nichtigen Welt; aber in keiner Gattung spiegelt doch der geistige
+Verfall der ciceronischen Zeit in so grauenvoller Klarheit sich wieder
+wie in ihrer Historiographie.
+
+Die kleine historische Literatur dieser Zeit weist dagegen unter vielen
+geringfügigen und verschollenen Produktionen eine Schrift ersten Ranges
+auf: die Memoiren Caesars oder vielmehr der militärische Rapport des
+demokratischen Generals an das Volk, von dem er seinen Auftrag erhalten
+hatte. Der vollendete und allein von dem Verfasser selbst
+veröffentlichte Abschnitt, der die keltischen Feldzüge bis zum Jahre
+702 (52) schildert, hat offenbar den Zweck, das formell
+verfassungswidrige Beginnen Caesars, ohne Auftrag der kompetenten
+Behörde ein großes Land zu erobern und zu diesem Ende sein Heer
+beständig zu vermehren, so gut wie möglich vor dem Publikum zu
+rechtfertigen; es ward geschrieben und bekannt gemacht im Jahre 703
+(51), als in Rom der Sturm gegen Caesar losbrach und er aufgefordert
+ward, sein Heer zu entlassen und sich zur Verantwortung zu stellen ^18.
+Der Verfasser dieser Rechtfertigungsschrift schreibt, wie er auch
+selber sagt, durchaus als Offizier und vermeidet es sorgfältig, die
+militärische Berichterstattung auf die bedenklichen Gebiete der
+politischen Organisation und Administration zu erstrecken. Seine in der
+Form eines Militärberichts entworfene Gelegenheits- und Parteischrift
+ist selber ein Stück Geschichte wie die Bulletins Napoleons, aber ein
+Geschichtswerk im rechten Sinne des Wortes ist sie nicht und soll sie
+nicht sein; die Objektivität der Darstellung ist nicht die historische,
+sondern die des Beamten. Allein in dieser bescheidenen Gattung ist die
+Arbeit meisterlich und vollendet wie keine andere in der gesamten
+römischen Literatur. Die Darstellung ist immer knapp und nie karg,
+immer schlicht und nie nachlässig, immer von durchsichtiger
+Lebendigkeit und nie gespannt oder manieriert. Die Sprache ist
+vollkommen rein von Archaismen wie von Vulgarismen, der Typus der
+modernen Urbanität. Den Büchern vom Bürgerkrieg meint man es
+anzufühlen, daß der Verfasser den Krieg hatte vermeiden wollen und
+nicht vermeiden können, vielleicht auch, daß in Caesars Seele wie in
+jeder anderen die Zeit der Hoffnung eine reinere und frischere war als
+die der Erfüllung; aber über die Schrift vom Gallischen Krieg ist eine
+helle Heiterkeit, eine einfache Anmut ausgegossen, welche nicht minder
+einzig in der Literatur dastehen wie Caesar in der Geschichte.
+
+————————————————————————
+
+^18 Daß die Schrift über den Gallischen Krieg auf einmal publiziert
+worden ist, hat man längst vermutet; den bestimmten Beweis dafür
+liefert die Erwähnung der Gleichstellung der Boier und der Häduer schon
+im ersten Buch (c. 28), während doch die Boier noch im siebenten (c.
+10) als zinspflichtige Untertanen der Häduer vorkommen und offenbar
+erst wegen ihres Verhaltens und desjenigen der Häduer in dem Kriege
+gegen Vercingetorix gleiches Recht mit ihren bisherigen Herren
+erhielten. Andererseits wird, wer die Geschichte der Zeit aufmerksam
+verfolgt, in der Äußerung über die Milonische Krise (7, 6) den Beweis
+finden, daß die Schrift vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges publiziert
+ward; nicht weil Pompeius hier gelobt wird, sondern weil Caesar
+daselbst die Ausnahmegesetze vom Jahr 702 (52) billigt. Dies konnte und
+mußte er tun, solange er ein friedliches Abkommen mit Pompeius
+herbeizuführen suchte, nicht aber nach dem Bruch, wo er die aufgrund
+jener für ihn verletzenden Gesetze erfolgten Verurteilungen umstieß.
+Darum ist die Veröffentlichung dieser Schrift mit vollem Recht in das
+Jahr 703 (51) gesetzt worden.
+
+Die Tendenz der Schrift erkennt man am deutlichsten in der beständigen,
+oft, am entschiedensten wohl bei der aquitanischen Expedition, nicht
+glücklichen Motivierung jedes einzelnen Kriegsakts als einer nach Lage
+der Dinge unvermeidlichen Defensivmaßregel. Daß die Gegner Caesars
+Angriffe auf die Kelten und Deutschen vor allem als unprovoziert
+tadelten, ist bekannt (Suet. Caes. 24).
+
+————————————————————————
+
+Verwandter Art sind die Briefwechsel von Staatsmännern und Literaten
+dieser Zeit, die in der folgenden Epoche mit Sorgfalt gesammelt und
+veröffentlicht wurden: so die Korrespondenz von Caesar selbst, von
+Cicero, Calvus und andern. Den eigentlich literarischen Leistungen
+können sie noch weniger beigezählt werden; aber für die geschichtliche
+wie für jede andere Forschung war diese Korrespondenzliteratur ein
+reiches Archiv und das treueste Spiegelbild einer Epoche, in der so
+viel würdiger Gehalt vergangener Zeiten und so viel Geist,
+Geschicklichkeit und Talent im kleinen Treiben sich verflüchtigte und
+verzettelte.
+
+Eine Journalistik in dem heutigen Sinn hat bei den Römern niemals sich
+gebildet; die literarische Polemik blieb angewiesen auf die
+Broschürenliteratur und daneben allenfalls auf die zu jener Zeit
+allgemein verbreitete Sitte die für das Publikum bestimmten Notizen an
+öffentlichen Orten mit dem Pinsel oder dem Griffel anzuschreiben.
+Dagegen wurden untergeordnete Individuen dazu verwandt, für die
+abwesenden Vornehmen die Tagesvorfälle und Stadtneuigkeiten
+aufzuzeichnen; auch für die sofortige Veröffentlichung eines Auszugs
+aus den Senatsverhandlungen traf Caesar schon in seinem ersten Konsulat
+geeignete Maßregeln. Aus den Privatjournalen jener römischen
+Penny-a-liners und diesen offiziellen laufenden Berichten entstand eine
+Art von hauptstädtischem Intelligenzblatt (acta diurna), in dem das
+Resümee der vor dem Volke und im Senat verhandelten Geschäfte, ferner
+Geburten, Todesfälle und dergleichen mehr verzeichnet wurden. Dasselbe
+wurde eine nicht unwichtige geschichtliche Quelle, blieb aber ohne
+eigentliche politische wie ohne literarische Bedeutung.
+
+Zu der historischen Nebenliteratur gehört von Rechts wegen auch die
+Redeschriftstellerei. Die Rede, aufgezeichnet oder nicht, ist ihrer
+Natur nach ephemer und gehört der Literatur nicht an; indes kann sie,
+wie der Bericht und der Brief, und sie noch leichter als diese, durch
+die Prägnanz des Moments und die Macht des Geistes, denen sie
+entspringt, eintreten unter die bleibenden Schätze der nationalen
+Literatur. So spielten denn auch in Rom die Aufzeichnungen der vor der
+Bürgerschaft oder den Geschworenen gehaltenen Reden politischen Inhalts
+nicht bloß seit langem eine große Rolle in dem öffentlichen Leben,
+sondern es wurden auch die Reden namentlich des Gaius Gracchus mit
+Recht gezählt zu den klassischen römischen Schriften. In dieser Epoche
+aber tritt hier nach allen Seiten hin eine seltsame Verwandlung ein.
+Die politische Redeschriftstellerei ist im Sinken wie die Staatsrede
+selbst. Die politische Rede fand, in Rom wie überhaupt in den alten
+Politien, ihren Höhepunkt in den Verhandlungen vor der Bürgerschaft:
+hier fesselten den Redner nicht, wie im Senat, kollegialische
+Rücksichten und lästige Formen, nicht, wie in den Gerichtsreden, die
+der Politik an sich fremden Interessen der Anklage und Verteidigung;
+hier allein schwoll ihm das Herz hoch vor der ganzen, an seinen Lippen
+hangenden großen und mächtigen römischen Volksgemeinde. Allein damit
+war es nun vorbei. Nicht als hätte es an Rednern gemangelt oder an der
+Veröffentlichung der vor der Bürgerschaft gehaltenen Reden; vielmehr
+ward die politische Schriftstellerei jetzt erst recht weitläufig und es
+fing an, zu den stehenden Tafelbeschwerden zu gehören, daß der Wirt die
+Gäste durch Vorlesung seiner neuesten Reden inkommodierte. Auch Publius
+Clodius ließ seine Volksreden als Broschüren ausgehen, ebenwie Gaius
+Gracchus; aber es ist nicht dasselbe, wenn zwei Männer dasselbe tun.
+Die bedeutenderen Führer selbst der Opposition, vor allem Caesar
+selbst, sprachen zu der Bürgerschaft nicht oft und veröffentlichten
+nicht mehr die vor ihr gehaltenen Reden; ja sie suchten zum Teil für
+ihre politischen Flugschriften sich eine andere Form als die
+hergebrachte der Contionen, in welcher Hinsicht namentlich die Lob- und
+Tadelschriften auf Cato bemerkenswert sind. Es ist das wohl erklärlich.
+Gaius Gracchus hatte zur Bürgerschaft gesprochen; jetzt sprach man zu
+dem Pöbel; und wie das Publikum, so die Rede. Kein Wunder, wenn der
+reputierliche politische Schriftsteller auch die Einkleidung vermied,
+als habe er seine Worte an die auf dem Markte der Hauptstadt
+versammelten Haufen gerichtet. Wenn also die Redeschriftstellerei in
+ihrer bisherigen literarischen und politischen Geltung in derselben
+Weise verfällt, wie alle naturgemäß aus dem nationalen Leben
+entwickelten Zweige der Literatur, so beginnt zugleich eine seltsame
+nichtpolitische Plädoyerliteratur. Bisher hatte man nichts davon
+gewußt, daß der Advokatenvortrag als solcher, außer für die Richter und
+die Parteien, auch noch für Mit- und Nachwelt zur literarischen
+Erbauung bestimmt sei; kein Sachwalter hatte seine Plädoyers
+aufgezeichnet und veröffentlicht, wofern dieselben nicht etwa zugleich
+politische Reden waren und insofern sich dazu eigneten, als
+Parteischriften verbreitet zu werden, und auch dies war nicht gerade
+häufig geschehen. Noch Quintus Hortensius (640-704 114-50), in den
+ersten Jahren dieser Periode der gefeiertste römische Advokat,
+veröffentlichte nur wenige und wie es scheint nur die ganz oder halb
+politischen Reden. Erst sein Nachfolger in dem Prinzipat der römischen
+Sachwalter, Marcus Tullius Cicero (648-711 106-43), war von Haus aus
+ebensosehr Schriftsteller wie Gerichtsredner; er publizierte seine
+Plädoyers regelmäßig und auch dann, wenn sie nicht oder nur entfernt
+mit der Politik zusammenhingen. Dies ist nicht Fortschritt, sondern
+Unnatur und Verfall. Auch in Athen ist das Auftreten der
+nichtpolitischen Advokatenreden unter den Gattungen der Literatur ein
+Zeichen der Krankheit; und zwiefach ist es dies in Rom, das diese
+Mißbildung nicht wie Athen aus dem überspannten rhetorischen Treiben
+mit einer gewissen Notwendigkeit erzeugt, sondern willkürlich und im
+Widerspruch mit den besseren Traditionen der Nation dem Ausland
+abgeborgt hat. Dennoch kam diese neue Gattung rasch in Aufnahme, teils
+weil sie mit der älteren politischen Redeschriftstellerei vielfach sich
+berührte und zusammenfloß, teils weil das unpoetische, rechthaberische,
+rhetorisierende Naturell der Römer für den neuen Samen einen günstigen
+Boden darbot, wie ja denn noch heute die Advokatenrede und selbst eine
+Art von Prozeßliteratur in Italien etwas bedeutet. Also erwarb die von
+der Politik emanzipierte Redeschriftstellerei das Bürgerrecht in der
+römischen Literatenwelt durch Cicero. Wir haben dieses vielseitigen
+Mannes schon mehrfach gedenken müssen. Als Staatsmann ohne Einsicht,
+Ansicht und Absicht, hat er nacheinander als Demokrat, als Aristokrat
+und als Werkzeug der Monarchen figuriert und ist nie mehr gewesen als
+ein kurzsichtiger Egoist. Wo er zu handeln schien, waren die Fragen,
+auf die es ankam, regelmäßig eben abgetan: so trat er im Prozeß des
+Verres gegen die Senatsgerichte auf, als sie bereits beseitigt waren;
+so schwieg er bei der Verhandlung über das Gabinische und verfocht das
+Manilische Gesetz; so polterte er gegen Catilina, als dessen Abgang
+bereits feststand, und so weiter. Gegen Scheinangriffe war er gewaltig
+und Mauern von Pappe hat er viele mit Geprassel eingerannt; eine
+ernstliche Sache ist nie, weder im guten noch im bösen, durch ihn
+entschieden worden und vor allem die Hinrichtung der Catilinarier hat
+er weit mehr geschehen lassen als selber bewirkt. In literarischer
+Hinsicht ist es bereits hervorgehoben worden, daß er der Schöpfer der
+modernen lateinischen Prosa war; auf seiner Stilistik ruht seine
+Bedeutung, und allein als Stilist auch zeigt er ein sicheres
+Selbstgefühl. Als Schriftsteller dagegen steht er vollkommen ebenso
+tief wie als Staatsmann. Er hat in den mannigfaltigsten Aufgaben sich
+versucht, in unendlichen Hexametern Marius’ Groß- und seine eigenen
+Kleintaten besungen, mit seinen Reden den Demosthenes, mit seinen
+philosophischen Gesprächen den Platon aus dem Felde geschlagen und nur
+die Zeit hat ihm gefehlt, um auch den Thukydides zu überwinden. Er war
+in der Tat so durchaus Pfuscher, daß es ziemlich einerlei war, welchen
+Acker er pflügte. Eine Journalistennatur im schlechtesten Sinne des
+Wortes, an Worten, wie er selber sagt, überreich, an Gedanken über alle
+Begriffe arm, gab es kein Fach, worin er nicht mit Hilfe weniger Bücher
+rasch einen lesbaren Aufsatz übersetzend oder kompilierend hergestellt
+hätte. Am treuesten gibt seine Korrespondenz sein Bild wieder. Man
+pflegt sie interessant und geistreich zu nennen: sie ist es auch,
+solange sie das hauptstädtische oder Villenleben der vornehmen Welt
+widerspiegelt; aber wo der Schreiber auf sich selbst angewiesen ist,
+wie im Exil, in Kilikien und nach der Pharsalischen Schlacht, ist sie
+matt und leer, wie nur je die Seele eines aus seinen Kreisen
+verschlagenen Feuilletonisten. Daß ein solcher Staatsmann und ein
+solcher Literat auch als Mensch nicht anders sein konnte als von
+schwach überfirnißter Oberflächlichkeit und Herzlosigkeit, ist kaum
+noch nötig zu sagen. Sollen wir den Redner noch schildern? Der große
+Schriftsteller ist doch auch ein großer Mensch; und vor allem dem
+großen Redner strömt die Überzeugung und die Leidenschaft klarer und
+brausender aus den Tiefen der Brust hervor als den dürftigen vielen,
+die nur zählen und nicht sind. Cicero hatte keine Überzeugung und keine
+Leidenschaft; er war nichts als Advokat und kein guter Advokat. Er
+verstand es, seine Sacherzählung anekdotenhaft pikant vorzutragen, wenn
+nicht das Gefühl, doch die Sentimentalität seiner Zuhörer zu erregen
+und durch Witze oder Witzeleien meist persönlicher Art das trockene
+Geschäft der Rechtspflege zu erheitern; seine besseren Reden,
+wenngleich auch sie die freie Anmut und den sicheren Treff der
+vorzüglichsten Kompositionen dieser Art, zum Beispiel der Memoiren von
+Beaumarchais, bei weitem nicht erreichen, sind doch eine leichte und
+angenehme Lektüre. Werden aber schon die eben bezeichneten Vorzüge dem
+ernsten Richter als Vorzüge sehr zweifelhaften Wertes erscheinen, so
+muß der absolute Mangel politischen Sinnes in den staatsrechtlichen,
+juristischer Deduktion in den Gerichtsreden, der pflichtvergessene, die
+Sache stets über dem Anwalt aus den Augen verlierende Egoismus, die
+gräßliche Gedankenöde jeden Leser der Ciceronischen Reden von Herz und
+Verstand empören. Wenn hier etwas wunderbar ist, so sind es wahrlich
+nicht die Reden, sondern die Bewunderung, die dieselben fanden. Mit
+Cicero wird jeder Unbefangene bald im reinen sein; der Ciceronianismus
+ist ein Problem, das in der Tat nicht eigentlich aufgelöst, sondern nur
+aufgehoben werden kann in dem größeren Geheimnis der Menschennatur: der
+Sprache und der Wirkung der Sprache auf das Gemüt. Indem die edle
+lateinische Sprache, eben bevor sie als Volksidiom unterging, von jenem
+gewandten Stilisten noch einmal gleichsam zusammengefaßt und in seinen
+weitläufigen Schriften niedergelegt ward, ging auf das unwürdige Gefäß
+etwas über von der Gewalt, die die Sprache ausübt, und von der Pietät,
+die sie erweckt. Man besaß einen großen lateinischen Prosaiker; denn
+Caesar war, wie Napoleon, nur beiläufig Schriftsteller. War es zu
+verwundern, daß man in Ermangelung eines solchen wenigstens den Genius
+der Sprache ehrte in dem großen Stilisten? und daß, wie Cicero selbst,
+so auch Ciceros Leser sich gewöhnten zu fragen, nicht was, sondern wie
+er geschrieben? Gewohnheit und Schulmeisterei vollendeten dann, was die
+Macht der Sprache begonnen hatte. Ciceros Zeitgenossen übrigens waren
+begreiflicherweise in dieser seltsamen Abgötterei weit weniger befangen
+als viele der Späteren. Die Ciceronische Manier beherrschte wohl ein
+Menschenalter hindurch die römische Advokatenwelt, so gut wie die noch
+weit schlechtere des Hortensius es getan; allein die bedeutendsten
+Männer, zum Beispiel Caesar, hielten doch stets derselben sich fern,
+und unter der jüngeren Generation regte bei allen frischen und
+lebendigen Talenten sich die entschiedenste Opposition gegen jene
+zwitterhafte und schwächliche Redekunst. Man vermißte in Ciceros
+Sprache Knappheit und Strenge, in den Späßen das Leben, in der
+Anordnung Klarheit und Gliederung, vor allen Dingen aber in der ganzen
+Beredsamkeit das Feuer, das den Redner macht. Statt der rhodischen
+Eklektiker fing man an, auf die echten Attiker, namentlich auf Lysias
+und Demosthenes zurückzugehen und suchte eine kräftigere und
+männlichere Beredsamkeit in Rom einzubürgern. Dieser Richtung gehörten
+an der feierliche, aber steife Marcus Iunius Brutus (669-712 85-42),
+die beiden politischen Parteigänger Marcus Caelius Rufus (672-706
+82-48) und Gaius Scribonius Curio († 705 49), beide als Redner voll
+Geist und Leben, der auch als Dichter bekannte Calvus (672-706 82-48),
+die literarische Koryphäe dieses jüngeren Rednerkreises, und der ernste
+und gewissenhafte Gaius Asinius Pollio (678-757 76-4 n. Chr.).
+Unleugbar war in dieser jüngeren Redeliteratur mehr Geschmack und mehr
+Geist als in der Hortensischen und Ciceronischen zusammengenommen;
+indes vermögen wir nicht zu ermessen, wie weit unter den Stürmen der
+Revolution, die diesen ganzen reichbegabten Kreis mit einziger Ausnahme
+des Pollio rasch wegrafften, die besseren Keime noch zur Entwicklung
+gelangten. Die Zeit war ihnen allzu kurz gemessen. Die neue Monarchie
+begann damit, der Redefreiheit den Krieg zu machen und unterdrückte die
+politische Rede bald ganz. Seitdem ward wohl noch die untergeordnete
+Gattung des reinen Advokatenplädoyers in der Literatur festgehalten;
+aber die höhere Redekunst und Redeliteratur, die durchaus ruht auf dem
+politischen Treiben, ging mit diesem selbst notwendig und für immer zu
+Grabe.
+
+Endlich entwickelt sich in der ästhetischen Literatur dieser Zeit die
+künstlerische Behandlung fachwissenschaftlicher Stoffe in der Form des
+stilisierten Dialogs, wie sie bei den Griechen sehr verbreitet und
+vereinzelt auch bereits früher bei den Römern vorgekommen war.
+Namentlich Cicero versuchte sich vielfach in der Darstellung
+rhetorischer und philosophischer Stoffe in dieser Form und in der
+Verschmelzung des Lehrbuchs mit dem Lesebuche. Seine Hauptschriften
+sind die ‘Vom Redner’ (geschrieben 699 55), wozu die Geschichte der
+römischen Beredsamkeit (der Dialog ‘Brutus’, geschrieben 708 46) und
+andere kleinere rhetorische Aufsätze ergänzend hinzutreten, und die
+Schrift ‘Vom Staat’ (geschrieben 700 54), womit die Schrift ‘Von den
+Gesetzen’ (geschrieben 702? 52) nach Platonischem Muster in Verbindung
+gesetzt ist. Es sind keine große Kunstwerke, aber unzweifelhaft
+diejenigen Arbeiten, in denen die Vorzüge des Verfassers am meisten und
+seine Mängel am wenigsten hervortreten. Die rhetorischen Schriften
+erreichen bei weitem nicht die lehrhafte Strenge und begriffliche
+Schärfe der dem Herennius gewidmeten Rhetorik, aber enthalten dafür
+einen Schatz von praktischer Sachwaltererfahrung und
+Sachwalteranekdoten aller Art in leichter und geschmackvoller
+Darstellung und lösen in der Tat das Problem einer amüsanten
+Lehrschrift. Die Schrift vom Staat führt in einem wunderlichen,
+geschichtlich-philosophischen Zwittergebilde den Grundgedanken durch,
+daß die bestehende Verfassung Roms wesentlich die von den Philosophen
+gesuchte ideale Staatsordnung sei; eine freilich eben so
+unphilosophische wie unhistorische, übrigens auch nicht einmal dem
+Verfasser eigentümliche Idee, die aber begreiflicherweise populär ward
+und blieb. Das wissenschaftliche Grundwerk dieser rhetorischen und
+politischen Schriften Ciceros gehört natürlich durchaus den Griechen
+und auch vieles einzelne, zum Beispiel der große Schlußeffekt in der
+Schrift vom Staate, der Traum des Scipio, ist geradezu ihnen abgeborgt;
+doch kommt denselben insofern eine relative Originalität zu, als die
+Bearbeitung durchaus römische Lokalfarbe zeigt und das staatliche
+Selbstgefühl, zu dem der Römer den Griechen gegenüber allerdings
+berechtigt war, den Verfasser sogar mit einer gewissen Selbständigkeit
+seinen griechischen Lehrmeistern entgegentreten ließ. Auch die
+Gesprächsform Ciceros ist zwar weder die echte Fragedialektik der
+besten griechischen Kunstdialoge noch der echte Konversationston
+Diderots oder Lessings; aber die großen Gruppen der um Crassus und
+Antonius sich versammelnden Advokaten und der älteren und jüngeren
+Staatsmänner des Scipionischen Zirkels geben doch einen lebendigen und
+bedeutenden Rahmen, passende Anknüpfungen für geschichtliche
+Beziehungen und Anekdoten und geschickte Ruhepunkte für die
+wissenschaftliche Erörterung. Der Stil ist ebenso durchgearbeitet und
+gefeilt wie in den bestgeschriebenen Reden und insofern erfreulicher
+als diese, als der Verfasser hier nicht oft einen vergeblichen Anlauf
+zum Pathos nimmt. Wenn diese philosophisch gefärbten rhetorischen und
+politischen Schriften Ciceros nicht ohne Verdienst sind, so fiel
+dagegen der Kompilator vollständig durch, als er in der unfreiwilligen
+Muße seiner letzten Lebensjahre (709, 710 45, 44) sich an die
+eigentliche Philosophie machte und mit ebenso großer Verdrießlichkeit
+wie Eilfertigkeit in ein paar Monaten eine philosophische Bibliothek
+zusammenschrieb. Das Rezept war sehr einfach. In roher Nachahmung der
+populären aristotelischen Schriften, in welchen die dialogische Form
+hauptsächlich zur Entwicklung und Kritisierung der verschiedenen
+älteren Systeme benutzt war, nähte Cicero die das gleiche Problem
+behandelnden epikureischen, stoischen und synkretistischen Schriften,
+wie sie ihm in die Hand kamen oder gegeben wurden, zu einem sogenannten
+Dialog aneinander, ohne von sich mehr dazu zu tun als teils irgendeine,
+aus der reichen Sammlung von Vorreden für künftige Werke, die er liegen
+hatte, dem neuen Buche vorgeschobene Einleitung, teils eine gewisse
+Popularisierung, indem er römische Beispiele und Beziehungen einflocht,
+auch wohl auf ungehörige, aber dem Schreiber wie dem Leser geläufigere
+Gegenstände, in der Ethik zum Beispiel auf den rednerischen Anstand,
+abschweifte, teils diejenige Verhunzung, ohne welche ein weder zum
+philosophischen Denken noch auch nur zum philosophischen Wissen
+gelangter, schnell und dreist arbeitender Literat dialektische
+Gedankenreihen nicht reproduziert. Auf diesem Wege konnten denn
+freilich sehr schnell eine Menge dicker Bücher entstehen - “es sind
+Abschriften”, schrieb der Verfasser selbst einem über seine
+Fruchtbarkeit verwunderten Freunde; “sie machen mir wenig Mühe, denn
+ich gebe nur die Worte dazu und die habe ich in Überfluß”. Dagegen war
+denn weiter nichts zu sagen; wer aber in solchen Schreibereien
+klassische Produktionen sucht, dem kann man nur raten sich in
+literarischen Dingen eines schönen Stillschweigens zu befleißigen.
+
+Unter den Wissenschaften herrschte reges Leben nur in einer einzigen:
+es war dies die lateinische Philologie. Das von Stilo angelegte Gebäude
+sprachlicher und sachlicher Forschung innerhalb des latinischen
+Volksbereichs wurde vor allem von seinem Schüler Varro in der
+großartigsten Weise ausgebaut. Es erschienen umfassende
+Durcharbeitungen des gesamten Sprachschatzes, namentlich Figulus’
+weitschichtige grammatische Kommentarien und Varros großes Werk ‘Von
+der lateinischen Sprache’; grammatische und sprachgeschichtliche
+Monographien, wie Varros Schriften vom lateinischen Sprachgebrauch,
+über die Synonymen, über das Alter der Buchstaben, über die Entstehung
+der lateinischen Sprache; Scholien zu der älteren Literatur, besonders
+zum Plautus; literargeschichtliche Arbeiten, Dichterbiographien,
+Untersuchungen über die ältere Schaubühne, über die szenische Teilung
+der Plautinischen Komödien und über die Echtheit derselben. Die
+lateinische Realphilologie, welche die gesamte ältere Geschichte und
+das aus der praktischen Jurisprudenz ausfallende Sakralrecht in ihren
+Kreis zog, wurde zusammengefaßt in Varros fundamentalen und für alle
+Zeiten fundamental gebliebenen ‘Altertümern der menschlichen und der
+göttlichen Dinge’ (bekanntgemacht zwischen 687 und 709 67 und 45). Die
+erste Hälfte ‘Von den menschlichen Dingen’ schilderte die Urzeit Roms,
+die Stadt- und Landeinteilung, die Wissenschaft von den Jahren, Monaten
+und Tagen, endlich die öffentlichen Handlungen daheim und im Kriege; in
+der zweiten Hälfte ‘Von den göttlichen Dingen’ wurde die
+Staatstheologie, das Wesen und die Bedeutung der
+Sachverständigenkollegien, der heiligen Stätten, der religiösen Feste,
+der Opfer- und Weihgeschenke, endlich der Götter selbst übersichtlich
+entwickelt. Dazu kam außer einer Anzahl von Monographien - zum Beispiel
+über die Herkunft des römischen Volkes, über die aus Troia stammenden
+römischen Geschlechter, über die Distrikte - als ein größerer und
+selbständigerer Nachtrag die Schrift ‘Vom Leben des römischen Volkes’;
+ein merkwürdiger Versuch einer römischen Sittengeschichte, die ein Bild
+des häuslichen finanziellen und Kulturzustandes in der Königs-, der
+ersten republikanischen, der hannibalischen und der jüngsten Zeit
+entwarf. Diese Arbeiten Varros ruhen auf einer so vielseitigen und in
+ihrer Art so großartigen empirischen Kenntnis der römischen Welt und
+ihres hellenischen Grenzgebiets, wie sie nie weder vor- noch nachher
+ein anderer Römer besessen hat und zu der die lebendige Anschauung der
+Dinge und das Studium der Literatur gleichmäßig beigetragen haben; das
+Lob der Zeitgenossen war wohlverdient, daß Varro seine in ihrer eigenen
+Welt fremden Landsleute in der Heimat orientiert und die Römer kennen
+gelehrt habe, wer und wo sie seien. Kritik aber und System wird man
+vergebens suchen. Die griechische Kunde scheint aus ziemlich trüben
+Quellen geflossen und es finden sich Spuren, daß auch in der römischen
+der Schreiber von dem Einfluß des historischen Romans seiner Zeit nicht
+frei war. Der Stoff ist wohl in ein bequemes und symmetrisches Fachwerk
+eingereiht, aber methodisch weder gegliedert noch behandelt und bei
+allem Bestreben, Überlieferung und eigene Beobachtung harmonisch zu
+verarbeiten, sind doch Varros wissenschaftliche Arbeiten weder von
+einem gewissen Köhlerglauben gegenüber der Tradition noch von
+unpraktischer Scholastik freizusprechen ^19. Die Anlehnung an die
+griechische Philologie besteht mehr im Nachahmen der Mängel als der
+Vorzüge derselben, wie denn vor allem das Etymologisieren auf bloßen
+Anklang hin sowohl bei Varro selbst wie bei den sonstigen
+Sprachgelehrten dieser Zeit sich in die reine Scharade und oft geradezu
+ins Alberne verläuft ^20. In ihrer empirischen Sicherheit und Fülle wie
+auch in ihrer empirischen Unzulänglichkeit und Unmethode erinnert die
+Varronische lebhaft an die englische Nationalphilologie und findet auch
+ebenwie diese ihren Mittelpunkt in dem Studium der älteren Schaubühne.
+Daß die monarchische Literatur im Gegensatz gegen diese sprachliche
+Empirie die Sprachregel entwickelte, ward bereits bemerkt. Es ist in
+hohem Grade bedeutsam, daß an der Spitze der modernen Grammatiker kein
+geringerer Mann steht als Caesar selbst, der in seiner Schrift über die
+Analogie (bekanntgemacht zwischen 696 und 704 68 und 50) es zuerst
+unternahm die freie Sprache unter die Gewalt des Gesetzes zu zwingen.
+
+————————————————————————————
+
+^19 Ein merkwürdiges Exempel ist in der Schrift von der Landwirtschaft
+die allgemeine Auseinandersetzung über das Vieh (2, 1), mit den neunmal
+neun Unterabteilungen der Viehzuchtlehre, mit der “unglaublichen” aber
+“wahren” Tatsache, daß die Stuten bei Olisipo (Lissabon) vom Winde
+befruchtet werden, überhaupt mit ihrem sonderbaren Gemenge
+philosophischer, historischer und landwirtschaftlicher Notizen.
+
+^20 So leitet Varro facere her von facies, weil wer etwas macht, der
+Sache ein Ansehn gibt, volpes, den Fuchs, nach Stilo von volare pedibus
+als den Fliegefuß; Gaius Trebatius, ein philosophischer Jurist dieser
+Zeit, sacellum von sacra cella; Figulus frater von fere alter und so
+weiter. Dies Treiben, das nicht etwa vereinzelt, sondern als
+Hauptelement der philologischen Literatur dieser Zeit erscheint hat die
+größte Ähnlichkeit mit der Weise, wie man bis vor kurzem
+Sprachvergleichung trieb, ehe die Einsicht in den Sprachenorganismus
+hier den Empirikern das Handwerk legte.
+
+————————————————————————————
+
+Neben dieser ungemeinen Regsamkeit auf dem Gebiet der Philologie fällt
+die geringe Tätigkeit in den übrigen Wissenschaften auf. Was von Belang
+in der Philosophie erschien, wie Lucretius’ Darstellung des
+epikureischen Systems in dem poetischen Kinderkleide der
+vorsokratischen Philosophie und die besseren Schriften Ciceros, tat
+seine Wirkung und fand sein Publikum nicht durch, sondern trotz des
+philosophischen Inhalts einzig durch die ästhetische Form; die
+zahlreichen Übersetzungen epikureischer Schriften und die
+pythagoreischen Arbeiten, wie Varros großes Werk über die Elemente der
+Zahlen und das noch ausführlichere des Figulus von den Göttern, hatten
+ohne Zweifel weder wissenschaftlichen noch formellen Wert.
+
+Auch in den Fachwissenschaften ist es schwach bestellt. Varros
+dialogisch geschriebene Bücher vom Landbau sind freilich methodischer
+als die seiner Vorgänger Cato und Saserna, auf die denn auch mancher
+tadelnde Seitenblick fällt, dafür aber im ganzen mehr aus der
+Schreibstube hervorgegangen als, wie jene älteren Werke, aus der
+lebendigen Erfahrung. Von desselben sowie des Servius Sulpicius Rufus
+(Konsul 703 51) juristischen Arbeiten ist kaum etwas weiter zu sagen,
+als daß sie zu dem dialektischen und philologischen Aufputz der
+römischen Jurisprudenz beigetragen haben. Weiter aber ist hier nichts
+zu nennen als etwa noch des Gaius Matius drei Bücher über Kochen,
+Einsalzen und Einmachen, unseres Wissens das älteste römische Kochbuch
+und als das Werk eines vornehmen Mannes allerdings eine bemerkenswerte
+Erscheinung. Daß Mathematik und Physik durch die gesteigerten
+hellenistischen und utilitarischen Tendenzen der Monarchie gefördert
+wurden, zeigt sich wohl in der steigenden Bedeutung derselben im
+Jugendunterricht und in einzelnen praktischen Anwendungen, wohin, außer
+der Reform des Kalenders, etwa noch gezählt werden können das Aufkommen
+der Wandkarten in dieser Zeit; die verbesserte Technik des Schiffsbaus
+und der musikalischen Instrumente; Anlagen und Bauten wie das von Varro
+angegebene Vogelhaus, die von Caesars Ingenieuren ausgeführte
+Pfahlbrücke über den Rhein, sogar zwei halbkreisförmige, zum
+Zusammenschieben eingerichtete, zuerst gesondert als zwei Theater, dann
+zusammen als Amphitheater benutzte Brettergerüste. Ausländische
+Naturmerkwürdigkeiten bei den Volksfesten öffentlich zur Schau zu
+stellen war nicht ungewöhnlich; und die Schilderungen merkwürdiger
+Tiere, die Caesar in seine Feldzugsberichte eingelegt hat, beweisen,
+daß ein Aristoteles, wenn er aufgetreten wäre, seinen Fürsten wiederum
+gefunden haben würde. Was aber von literarischen Leistungen auf diesem
+Gebiet erwähnt wird, hängt wesentlich an den Neupythagoreismus sich an;
+so des Figulus Zusammenstellung griechischer und barbarischer, d. h.
+ägyptischer Himmelsbeobachtungen und desselben Schriften von den
+Tieren, den Winden, den Geschlechtsteilen. Nachdem überhaupt die
+griechische Naturforschung von dem Aristotelischen Streben, im
+einzelnen das Gesetz zu finden, mehr und mehr zu der empirischen und
+meistens unkritischen Beobachtung des Äußerlichen und Auffallenden in
+der Natur abgeirrt war, konnte die Naturwissenschaft, indem sie als
+mystische Naturphilosophie auftrat, statt aufzuklären und anzuregen,
+nur noch mehr verdummen und lähmen; und solchem Treiben gegenüber ließ
+man es besser noch bei der Plattheit bewenden, welche Cicero als
+sokratische Weisheit vorträgt, daß die Naturforschung entweder nach
+Dingen sucht, die niemand wissen könne, oder nach solchen, die niemand
+zu wissen brauche.
+
+Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die Kunst, so zeigen auch
+hier sich dieselben unerfreulichen Erscheinungen, die das ganze
+geistige Leben dieser Periode erfüllen. Das Staatsbauwesen stockte in
+der Geldklemme der letzten Zeit der Republik so gut wie ganz. Von dem
+Bauluxus der Vornehmen Roms war bereits die Rede; die Architekten
+lernten infolgedessen den Marmor verschwenden - die farbigen Sorten wie
+der gelbe numidische (Giallo antico) und andere kamen in dieser Zeit in
+Aufnahme und auch die lunensischen (carrarischen) Marmorbrüche wurden
+jetzt zuerst benutzt - und fingen an, die Fußböden der Zimmer mit
+Mosaik auszulegen, die Wände mit Marmorplatten zu täfeln oder auch den
+Stuck marmorartig zu bemalen - die ersten Anfänge der späteren
+Zimmerwandmalerei. Die Kunst aber gewann nicht bei dieser
+verschwenderischen Pracht.
+
+In den bildenden Künsten waren Kennerschaft und Sammelei in weiterem
+Zunehmen. Es war eine bloße Affektation catonischer Simplizität, wenn
+ein Advokat vor den Geschworenen von den Kunstwerken “eines gewissen
+Praxiteles” sprach; alles reiste und schaute und das Handwerk der
+Kunstciceronen oder, wie sie damals hießen, der Exegeten, war keines
+von den schlechtesten. Auf alte Kunstwerke wurde förmlich Jagd gemacht
+- weniger freilich noch auf Statuen und Gemälde, als nach der rohen Art
+römischer Prachtwirtschaft auf kunstvolles Gerät und Zimmer- und
+Tafeldekoration aller Art. Schon zu jener Zeit wühlte man die alten
+griechischen Gräber von Capua und Korinth um wegen der Erz- und
+Tongefäße, die den Toten waren mit ins Grab gegeben worden. Für eine
+kleine Nippfigur von Bronze wurden 40000 (3000 Taler), für ein paar
+kostbare Teppiche 200000 Sesterzen (15000 Taler) bezahlt; eine
+gutgearbeitete kupferne Kochmaschine kam höher zu stehen als ein
+Landgut. Wie billig ward bei dieser barbarischen Kunstjagd der reiche
+Liebhaber von seinen Zuträgern häufig geprellt: aber der ökonomische
+Ruin namentlich des an Kunstwerken überreichen Kleinasiens brachte auch
+manches wirklich alte und seltene Prachtstück und Kunststück auf den
+Markt und von Athen, Syrakus, Kyzikos, Pergamon, Chios, Samos und wie
+die alten Kunststätten weiter hießen, wanderte alles, was feil war und
+gar manches, was es nicht war, in die Paläste und Villen der römischen
+Großen. Welche Kunstschätze zum Beispiel das Haus des Lucullus barg,
+der freilich wohl nicht mit Unrecht beschuldigt wurde, sein
+artistisches Interesse auf Kosten seiner Feldherrnpflichten befriedigt
+zu haben, ward bereits erwähnt. Die Kunstliebhaber drängten sich
+daselbst wie heutzutage in Villa Borghese und beklagten auch damals
+schon sich über die Verbannung der Kunstschätze auf die Paläste und
+Landhäuser der vornehmen Herren, wo sie schwierig und nur nach
+besonders von dem Besitzer eingeholter Erlaubnis gesehen werden
+konnten. Die öffentlichen Gebäude dagegen füllten sich keineswegs im
+Verhältnis mit berühmten Werken griechischer Meister, und vielfach
+standen noch in den Tempeln der Hauptstadt nichts als die alten
+holzgeschnitzten Götterbilder. Von Ausübung der Kunst ist so gut wie
+gar nichts zu berichten; kaum wird aus dieser Zeit ein anderer
+römischer Bildhauer oder Maler mit Namen genannt als ein gewisser
+Arellius, dessen Bilder reißend abgingen, nicht ihres künstlerischen
+Wertes wegen, sondern weil der arge Roué in den Bildern der Göttinnen
+getreue Konterfeie seiner jedesmaligen Mätressen lieferte.
+
+Die Bedeutung von Musik und Tanz stieg im öffentlichen wie im
+häuslichen Leben. Wie die Theatermusik und das Tanzstück in der
+Bühnenentwicklung dieser Zeit zu selbständigerer Geltung gelangte,
+wurde bereits dargestellt; es kann noch hinzugefügt werden, daß jetzt
+in Rom selbst auf der öffentlichen Bühne schon sehr häufig von
+griechischen Musikern, Tänzern und Deklamatoren Vorstellungen gegeben
+wurden, wie sie in Kleinasien und überhaupt in der ganzen hellenischen
+und hellenisierenden Welt üblich waren ^21. Dazu kamen denn die
+Musikanten und Tänzerinnen, die bei Tafel und sonst auf Bestellung ihre
+Künste produzierten, und die in vornehmen Häusern nicht mehr seltenen
+eigenen Kapellen von Saiten- und Blasinstrumenten und Sängern. Daß aber
+auch die vornehme Welt selbst fleißig spielte und sang, beweist schon
+die Aufnahme der Musik in den Kreis der allgemein anerkannten
+Unterrichtsgegenstände; und was das Tanzen anlangt, so wurde, um von
+den Frauen zu schweigen, selbst Konsularen es vorgehalten, daß sie im
+kleinen Zirkel sich mit Tanzvorstellungen produzierten.
+
+—————————————————————-
+
+^21 Dergleichen “griechische Spiele” waren nicht bloß in den
+griechischen Städten Italiens, namentlich in Neapel (Cic. Arch. 5, 10;
+Plut. Brut. 21), sondern jetzt schon auch in Rom sehr häufig (Cic. ad.
+fam. 7, 1, 3; Att. 16, 5, 1; Suet. Caes. 39; Plut. Brut. 21). Wenn die
+bekannte Grabschrift der vierzehnjährigen Licinia Eucharis, die
+wahrscheinlich dem Ende dieser Epoche angehört, dieses
+“wohlunterrichtete und in allen Künsten von den Musen selbst
+unterwiesene Mädchen”, in den Privatvorstellungen der vornehmen Häuser
+als Tänzerin glänzen und öffentlich zuerst auf der griechischen
+Schaubühne auftreten läßt (modo nobilium ludos decoravi choro, Et
+Graeca in scaena prima populo apparui), so kann dies wohl nur heißen,
+daß sie das erste Mädchen war, das auf der öffentlichen griechischen
+Schaubühne in Rom erschien, wie denn überhaupt erst in dieser Epoche
+die Frauenzimmer in Rom anfingen, öffentlich aufzutreten.
+
+Diese “griechischen Spielen in Rom scheinen nicht eigentlich szenische
+gewesen zu sein, sondern vielmehr zu der Gattung der zusammengesetzten,
+zunächst musikalisch-deklamatorischen Aufführungen gehört zu haben, wie
+sie auch in Griechenland in späterer Zeit nicht selten vorkamen (F. G.
+Welcker, Die griechischen Tragödien. Bonn 1839-41, S. 1277). Dahin
+führt das Hervortreten des Flötenspiels bei Polybios (30, 13) des
+Tanzes in dem Berichte Suetons über die bei Caesars Spielen
+aufgeführten kleinasiatischen Waffentänze und in der Grabschrift der
+Eucharis; auch die Beschreibung des Kitharöden Her. Rhet. 4, 47, 60
+(vgl. Vitr. 5, 7) wird solchen “griechischen Spielen” entnommen sein.
+Bezeichnend ist noch die Verbindung dieser Vorstellungen in Rom mit
+griechischen Athletenkämpfen (Polyb. a. a. O.; Liv. 39, 22).
+Dramatische Rezitationen waren von diesen Mischspielen keineswegs
+ausgeschlossen, wie denn unter den Spielern, die Lucius Anicius 587
+(167) in Rom auftreten ließ, ausdrücklich Tragödien miterwähnt werden;
+aber es wurden doch dabei nicht eigentlich Schauspiele aufgeführt,
+sondern vielmehr von einzelnen Künstlern entweder ganze Dramen oder
+wohl noch häufiger Stücke daraus deklamierend oder singend zur Flöte
+vorgetragen. Das wird denn auch in Rom vorgekommen sein; aber allem
+Anschein nach war für das römische Publikum die Hauptsache bei diesen
+griechischen Spielen Musik und Tanz, und die Texte mögen für sie wenig
+mehr bedeutet haben als heutzutage die der italienischen Oper für die
+Londoner und Pariser. Jene zusammengesetzten Spiele mit ihrem wüsten
+Potpourri eigneten sich auch weit besser für das römische Publikum und
+namentlich für die Aufführungen in Privathäusern als eigentlich
+szenische Aufführungen in griechischer Sprache; daß auch die letzteren
+in Rom vorgekommen sind, läßt sich nicht widerlegen, aber auch nicht
+beweisen.
+
+—————————————————————-
+
+Indes gegen das Ende dieser Periode zeigen mit der beginnenden
+Monarchie sich auch in der Kunst die Anfänge einer besseren Zeit.
+Welchen gewaltigen Aufschwung das hauptstädtische Bauwesen durch Caesar
+nahm und das Reichsbauwesen nehmen sollte, ist früher erzählt worden.
+Sogar im Stempelschnitt der Münzen erscheint um das Jahr 700 (54) eine
+bemerkenswerte Änderung: das bis dahin größtenteils rohe und
+nachlässige Gepräge wird seitdem feiner und sorgsamer behandelt.
+
+Wir stehen am Ende der römischen Republik. Wir sahen sie ein halbes
+Jahrtausend in Italien und in den Landschaften am Mittelmeer schalten;
+wir sahen sie nicht durch äußere Gewalt, sondern durch inneren Verfall
+politisch und sittlich, religiös und literarisch zugrunde gehen und der
+neuen Monarchie Caesars Platz machen. Es war in der Welt, wie Caesar
+sie vorfand, viel edle Erbschaft vergangener Jahrhunderte und eine
+unendliche Fülle von Pracht und Herrlichkeit, aber wenig Geist, noch
+weniger Geschmack und am wenigsten Freude im und am Leben. Wohl war es
+eine alte Welt; und auch Caesars genialer Patriotismus vermochte nicht,
+sie wieder jung zu machen. Die Morgenröte kehrt nicht wieder, bevor die
+Nacht völlig hereingebrochen ist. Aber doch kam mit ihm den
+vielgeplagten Völkern am Mittelmeer nach schwülem Mittag ein leidlicher
+Abend; und als sodann nach langer geschichtlicher Nacht der neue
+Völkertag abermals anbrach und frische Nationen in freier
+Selbstbewegung nach neuen und höheren Zielen den Lauf begannen, da
+fanden sich manche darunter, in denen der von Caesar ausgestreute Same
+aufgegangen war und die ihm ihre nationale Individualität verdankten
+und verdanken.
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 5 by Theodor Mommsen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
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+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+violates the law of the state applicable to this agreement, the
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+
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