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+Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Colonie. Erster Band.
+ Brasilianisches Lebensbild
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: December 8, 2009 [EBook #30631]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. ***
+
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+
+
+Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+
+Die Colonie.
+Brasilianisches Lebensbild
+
+von
+
+
+Friedrich Gerstäcker.
+
+Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.
+
+
+Erster Band.
+
+
+Leipzig,
+_Hermann Costenoble_.
+1864.
+
+
+
+
+ Inhalts-Verzeichniss.
+
+ Seite
+ _Erstes Kapitel_.
+ Die Colonie Santa Clara 7
+
+ _Zweites Kapitel_.
+ Der Director 29
+
+ _Drittes Kapitel_.
+ Bei der Frau Gräfin 68
+
+ _Viertes Kapitel_.
+ Die »Meierei« 102
+
+ _Fünftes Kapitel_.
+ Elise 135
+
+ _Sechstes Kapitel_.
+ Zuhbel's Chagra 167
+
+ _Siebentes Kapitel_.
+ Die neuen Colonisten 195
+
+ _Achtes Kapitel_.
+ Die Einquartierung 226
+
+ _Neuntes Kapitel_.
+ Ein Abend in der Colonie 258
+
+ _Zehntes Kapitel_.
+ Eine Familienscene 289
+
+
+
+
+1.
+
+Die Colonie Santa Clara.
+
+
+Von Osten her strich die frische Seebrise über das weite, wellenförmige
+Land, schaukelte die einzelnen Palmen, die auf der Lichtung standen, und
+schüttelte von den Orangenbäumen nicht allein die überreifen Früchte,
+sondern auch manche Blüthe herab, unter der sich schon wieder die junge
+Frucht gebildet hatte. Ein würziger Duft wehte dabei über den ganzen
+Bergeshang, der sich hie gerade und neben einer kleinen, freundlichen
+Wohnung oder Chagra dem Thale zu öffnete, und zwei Reiter, die den
+schmalen Waldweg herüber gekommen waren, hielten überrascht ihre Pferde
+an, als sie das entzückende Bild erblickten, das sich unter ihnen
+ausbreitete.
+
+Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur noch viel näher gerückt,
+als es in der That lag, füllte ein kleines Städtchen -- die deutsche
+Colonie Santa Clara -- den ebenen Theil des nicht breiten Thales aus,
+der vollkommen gelichtet war, und nach allen Richtungen hin, wie durch
+Adern, von schmalen, gelben Wegen durchschnitten wurde, während die
+Häuser, wohl in Straßen ausgelegt, aber doch noch einzeln aufgebaut,
+über die ganze Fläche hin zerstreut standen. Mit ihren lichten Farben
+und rothen, meist neuen Ziegeldächern stachen sie aber um so lebendiger
+von dem saftigen Grün ab, das die sie umschließenden Gebüsche trugen,
+während in der Ferne, nach Süd, Süd-Ost und Osten, drei scharf
+abgeschiedene Gebirgsschichten zuerst in dunkelm Grün, dann in
+blaugrüner Färbung und zuletzt in einem duftigen Lichtblau den
+Hintergrund bildeten.
+
+Nur nach Süd-West öffnete sich die sonst vollkommene Gebirgslandschaft
+ein wenig, und eben genug, um in blauer Ferne das Meer mit seinem scharf
+abgegränzten Horizonte zu zeigen, und man erkannte, selbst von hier aus,
+deutlich, wie die verschiedenen Gebirgshänge, je mehr sie sich dem
+Seestrande näherten, niedriger wurden. Nur die gelben Sanddünen des
+Strandes selber ließen sich nicht erkennen, denn an den abschüssigen
+Hängen war noch Nichts gelichtet, und nur die weiten Umrisse der höheren
+Partien schloß der Wald in seinen grünen Rahmen.
+
+Wieder und wieder flog der Blick der beiden Reiter aber zu der kleinen
+Ansiedlung zurück, die auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete,
+und während in dem Walde selber die tropische Vegetation von dem weit
+stärkeren Laubholze verdeckt oder überschattet wurde, konnte ihnen nicht
+entgehen, wie gerade nahe bei den Häusern der tropische Charakter der
+Landschaft sorgfältig gewahrt und erhalten war.
+
+Die deutschen Einwanderer hatten nämlich, als sie den Wald in offenes
+Feld verwandelten, daheim schon zu viel von den »wehenden Palmen
+Brasiliens« gehört, und hier und da auch wohl in ihrer Art davon
+geschwärmt -- denn der Bauer ist _nie_ Phantast -- um jetzt gleich die
+Axt an die ersten zu legen, die ihnen in den Weg traten. Wo sie ihr Haus
+aufrichteten oder ihren Garten umzäunten, ließen sie manche von diesen
+stehen, und hier und da bequemte sich auch wohl ein Einzelner, selbst in
+seinem Felde um die Wurzeln derselben herumzupflügen, nur um von seinem
+Fenster aus die stattlichen, schlanken Stämme sehen zu können.
+
+Reizend gelegen war selbst die kleine Chagra[1], vor der sie hielten,
+und eine schönere Fernsicht hätte der Eigenthümer wohl kaum in der
+ganzen Nachbarschaft finden können. Ebenso hatte er sein kleines
+Häuschen mit Geschmack gebaut, so einfach es auch sonst sein mochte, und
+der Platz schien nach Allem, was man auf den ersten Blick davon sehen
+konnte, neu eingerichtet und gelichtet, hätten dem nicht wieder die
+stattlichen Pinien und Orangenbäume widersprochen, welche das Haus
+umstanden, und mit drei oder vier stämmigen Palmen eine Gruppe bildeten,
+wie man sie sich kaum pittoresker denken kann.
+
+ [Fußnote 1: Chagra ist in Brasilien das Nämliche, was der Landmann in
+ Nordamerika unter dem Worte Farm versteht -- ein kleines »Landgut«, oder
+ eine »Colonie«, ob es nun eben erst unter den Waldbäumen begonnen ist,
+ oder schon seine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten
+ ausbreitet.]
+
+Den beiden Fremden war dies ebenfalls nicht entgangen, und besonders der
+jüngere von ihnen, der vielleicht dreißig bis zweiunddreißig Jahre
+zählen mochte, überschaute mit innigem Behagen den kleinen Platz, der
+sich wie ein Bild unter seinem grünen Blätterschmucke zeigte.
+
+Der Fremde ritt einen grauen, prächtigen Hengst mit einem ganz
+eigenthümlichen, fremden Sattelzeuge, das mit seiner ganzen Form und
+einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie einer Anzahl kleiner
+silberner Schnallen und Troddeln und Quasten von ungegerbter, aber
+außerordentlich künstlich geflochtener Rohhaut mexicanischen, vielleicht
+sogar indianischen Ursprungs zu sein schien. Sonst aber ging er sehr
+einfach, doch für den Wald praktisch gekleidet. Der Wärme wegen hatte er
+ein ledernes, ausgefranztes Jagdhemd, wie es in den nordamerikanischen
+Wäldern Sitte ist, vorn über seinen Sattel geworfen, auf dem jetzt
+querüber eine sauber gearbeitete, aber ebenfalls einfache Büchsflinte
+ruhte. Er trug nur ein roth und grau gestreiftes wollenes Hemd, dunkle
+Beinkleider, von einem breiten Ledergurt gehalten, an dem ein breites,
+schweres Jagdmesser hing, hohe Wasserstiefel, einen braunen Strohhut auf
+dem Kopfe und eine alte lederne Kugeltasche an der rechten Seite.
+
+Seine Sporen waren ebenfalls klein und von dunkler Bronze, und am
+Sattelgurt festgeschnürt, aber hinten am Sattel zusammengerollt und mit
+einer Schleife eingehakt, hing ein dünner, doch stark gedrehter Lasso
+aus roher Haut.
+
+Der Fremde sah keinesfalls wie ein Neuling im Walde aus, und die
+sonnverbrannte Farbe seiner Züge, aus denen ein paar große, blaue Augen
+treuherzig hervorschauten, verrieth ihn ebenfalls als den Nordländer,
+der vielleicht, wie Tausende seiner Landsleute, Brasilien zu seiner
+neuen Heimath gewählt.
+
+Sein Begleiter, der etwa sechs Jahre mehr zählen mochte als er, bewegte
+sich trotzdem eben so frei im Sattel, verrieth aber in diesen
+Bewegungen, als auch noch zum Überflusse durch den Schnitt seines
+wohlgepflegten Bartes, den früheren Soldaten. Die enge Uniform hatte er
+freilich lange bei Seite geworfen und dafür den leichten Rock und
+breitrandigen Panamahut angenommen. Außerdem schien er sich den
+brasilianischen Sitten noch entschiedener durch ein paar riesige
+brasilianische Sporen von echtem Silber angepaßt zu haben, und auch das
+Kopf- und Zaumzeug seines Pferdes trug, wo es nur möglich war sie
+anzubringen, silberne Spangen und Schnallen. Seine Kleidung indessen,
+obgleich von feinem Tuche und modernem Schnitte, war durch den Busch und
+langen Ritt arg mitgenommen. Man sah ihm an, daß er schon eine gute
+Weile unterwegs sein müsse, und die ledernen Leggins, mit denen er den
+untern Theil der Beine bedeckt hatte, zeigten die im Walde geholten
+Spuren von Dorn und Ranken.
+
+Sein Blick haftete gegenwärtig aber fast ausschließlich auf der
+Ansiedlung und den Berghängen voraus, während sein Begleiter sich weit
+mehr durch das Wohnliche des Bauernhauses gefesselt und angezogen
+fühlte.
+
+»Sehen Sie nur, Günther, was für ein reizendes Plätzchen das hier ist,«
+wandte sich in diesem Augenblicke der Jüngere der Beiden an den Freund,
+»wie malerisch diese dunkeln Pinien -- vielleicht unbewußt -- mit dem
+lichten Grün der Palmenwipfel gruppirt sind, und wie ganz eigenthümlich
+der goldgesprenkelte Orangenhain das Ganze wie ein künstlich gewobenes
+Netz umschließt. »Eine Hütte und ihr Herz,« wie das alte Sprüchwort
+lautet, und wenn es das richtige Herz wäre, glaub' ich selber, daß ich
+es in einer _solchen_ Hütte aushalten könnte.«
+
+»Und auf wie lange?« lachte sein älterer Gefährte, indem er mit den
+Augen dem ausgestreckten Arme des Freundes folgte; »Sie unsteten
+Menschen möchte ich wirklich einmal, und selbst in eine _solche_ Hütte
+gebannt sehen -- noch dazu in einer Gegend, in der es nicht einmal Wild
+zum Jagen giebt.«
+
+»Das wäre freilich fatal,« erwiederte der Andere, »und daran dachte ich
+im ersten Augenblicke nicht. Aber hab' ich trotzdem nicht Recht? Kann
+man sich ein freundlicheres Plätzchen auf der Welt denken?«
+
+»Nein -- in der That -- in _Brasilien_ wenigstens nicht,« erwiederte
+der Freund, den er mit »Günther« angeredet hatte; »mit meinem Thüringen
+daheim möchte ich's freilich immer nicht vertauschen. Es giebt doch nur
+_ein_ Deutschland.«
+
+»Haben Sie das Heimweh, Günther?« sagte sein Kamerad lächelnd.
+
+»Und _wenn_ ich's hätte, wär's ein Wunder?« fragte Günther leise; »wie
+lange schon führ' ich dieses unstete wilde Leben jetzt? Wie lange schon
+treib' ich mich heimathlos im Walde umher, während daheim -- doch wir
+wollen uns den schönen Tag nicht mit solchen Gedanken verbittern, Freund
+-- die Heimath hat doch keiner von uns vergessen.«
+
+Sein Begleiter nickte nur schweigend mit dem Kopfe, und auch _seine_
+Gedanken schienen in dem Augenblicke weit, weit zurück zu schweifen, zu
+ganz anderen Scenen und Ländern, als sich die beiden Freunde plötzlich
+angerufen hörten. Die Stimme schallte hinter der Gartenhecke vor und
+rührte von einem jungen Manne, dem Eigenthümer der Chagra, her, den
+ihnen das Grün der Hecke bis jetzt verborgen gehalten.
+
+»Hallo, Fremde!« rief der Mann in deutscher Sprache mit nur einem
+leichten Anklang niederrheinischen Dialektes; »wollt Ihr nicht ein wenig
+absteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg ist schlecht, und ein
+Bißchen Rast kann Euren Pferden nicht schaden, denn 's ist noch eine
+gute Stunde bis in die Colonie hinunter.«
+
+Die beiden Deutschen sahen sich erst erstaunt um, von wo her die Stimme
+eigentlich komme. Endlich entdeckten sie hinter der Hecke und gerade
+unter einem blühenden Granatbaume das rothe, freundliche Gesicht eines
+jungen Mannes, der ihnen erst jetzt, als er ihren Blick auf sich
+gerichtet fand, sein herzliches »Guten Morgen mit einander!« zurief.
+
+»Guten Morgen, Landsmann,« sagte der jüngere Fremde, der ihm zunächst
+hielt, indem er den Kopf seines Thieres gegen die Hecke drehte, »ich
+wußte gar nicht, weshalb mein Grauer immer die Ohren spitzte. Also eine
+Stunde Weges ist's noch hinunter? Es sieht eigentlich von hier oben
+viel näher aus.«
+
+»Ja,« lachte der hinter der Hecke, »wenn die Brücke nicht wieder
+eingebrochen wäre, die der Bleifuß da neulich erst neu gebaut hat, dann
+wär's auch nicht viel mehr als ein halb Stündchen zu Thal. So aber müßt
+Ihr hier rechts unter meiner Chagra durch, um der Schlucht aus dem Wege
+zu gehen, und der Pfad zieht sich mordmäßig in die Länge. Aber steigt
+ab, das besprechen wir besser im Hause.«
+
+»Schon recht,« sagte Günther, indem er sich leicht aus dem Sattel
+schwang; »unseren Packthieren sind wir doch vorausgeritten, und bis die
+nachkommen, können wir recht gut ein halb Stündchen plaudern.«
+
+Sein Gefährte folgte, ohne ein Wort zu erwiedern, dem Beispiele, denn es
+drängte ihn selber das Innere des Häuschens zu sehen, das schon von außen
+einen so freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Die beiden Reisenden
+banden deshalb ihre Pferde außen an der Hecke an die herunterhangenden
+Äste eines stattlichen Orangenbaumes, und traten dann in den Garten, wo
+ihnen der Hausherr, ein junger, prächtig gewachsener Mann mit offenen,
+ehrlichen Gesichtszügen, blauen Augen und blonden Haaren, entgegen kam
+und sie begrüßte.
+
+»Das ist gescheidt,« sagte er dabei, »Sonntag Morgens habt Ihr so nicht
+viel in der Colonie zu versäumen und kommt noch zeitig genug zum
+Mittagessen, wenn Ihr nicht das hier ebenfalls verzehren wollt.«
+
+Er schüttelte dabei den beiden Fremden kräftig die Hand und führte sie
+dann ohne Weiteres in sein Haus hinein, wo Beide aber unwillkürlich
+erstaunt und überrascht auf der Schwelle stehen blieben.
+
+Das kleine Zimmer, das sich ihnen öffnete, glänzte von Sauberkeit; der
+einfache Holztisch war schneeweiß gescheuert, aber nicht weißer als
+der Fußboden selber, den in der Mitte eine leichtgeflochtene Matte
+überdeckte. An den Fenstern hingen sogar Gardinen, und ein nett
+gearbeiteter Nähtisch aus polirtem Holze schien mit diesen, als
+Luxusmöbel, concurriren zu wollen. Aber die Freunde sahen das Alles
+weniger, als daß sie es im Eindrucke des Ganzen fühlten, denn Beider
+Augen hingen in dem ersten Momente an einem wunderbar schönen jungen
+Weibe, das ein Kind auf dem Schooße hielt und, als die Fremden die Hütte
+betraten, den kleinen, strampelnden Burschen aufgriff und ihnen mit
+freundlichem Lächeln entgegentrat.
+
+»Grüß' Gott!« sagte sie herzlich, als sie Beiden nach einander die Hand
+reichte, »und setzt Euch und macht's Euch bequem -- Vater, hast Du denn
+schon nach den Pferden gesehen?«
+
+»Werd's schon besorgen, Schatz,« lachte der Mann, »bring' Du nur einmal
+ein paar Gläser Milch, denn die beiden Herren werden durstig geworden
+sein.«
+
+»Ja, dann mußt Du indessen den Schlingel da nehmen,« sagte die junge
+Frau, indem sie ihrem Gatten den kleinen unruhigen Burschen so leicht
+hinüberreichte, als ob er keine zwei Pfund gewogen hätte, wie er sicher
+zwanzig wog, -- »der läßt mir ja sonst nicht Ruh' noch Frieden an den
+Milchnäpfen.«
+
+»Ob er Frieden halten wird?« lachte der Mann, nahm ihr den kleinen
+Burschen ab, gab ihm ein paar derbe Küsse und setzte ihn sich in den
+linken Arm. »Und nun thut, als ob Ihr zu Hause wäret,« fuhr er dann,
+indem er sich wieder zur Thür wandte, gegen die Fremden fort; »ich bin
+gleich wieder da, und zu trinken wird Euch die Trine auch im Augenblick
+bringen.« Die »Trine« war schon lange aus der Thür hinaus, und die
+beiden Freunde sahen sich im nächsten Momente allein in dem kleinen
+Raume.
+
+»Ist das nicht ein wahres Madonnengesicht?« brach aber der Jüngere
+heraus, als der junge Bauer kaum das Zimmer verlassen hatte; »haben Sie
+je in Ihrem Leben ein Paar solcher Augenbrauen, einen solchen Mund
+gesehen?«
+
+»Ein wunderhübsches Paar, in der That,« erwiederte Günther, der den
+Blick indessen forschend umherwarf, »und wie nett und sauber sieht's bei
+ihnen aus! Ja,« -- fuhr er tief aufseufzend fort, »der hat's gut, und
+Unsereiner zieht nun so in der Welt umher, sieht die verbotenen Früchte
+an den Bäumen hangen, wischt sich resignirt den Mund und -- wandert eben
+weiter.«
+
+»Ob denn das wirklich _Deutsche_ sind?« sagte sein Freund.
+
+»Was denn sonst? Doch wahrhaftig keine Portugiesen!«
+
+»In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten Bauernburschen
+gesehen,« erwiederte der Jüngere, »der ein so ungezwungenes und doch
+anständiges Benehmen hatte, und die junge Frau würde in einem schweren
+Seidenstoffe eben so zu Hause sein, wie in ihrem einfachen
+Kattunröckchen. Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.«
+
+»Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas mit dem Tyroler Dialekte,«
+sagte Günther, »aber da kommt sie zurück. Sie wird uns gleich sagen, wo
+sie herstammen.«
+
+»So -- da bin ich wieder -- hat's lang gedauert?« sagte die junge Frau,
+als sie mit einem kleinen Präsentirteller in's Zimmer trat; »und nun
+setzen Sie sich her und langen Sie zu -- 's ist nicht viel, aber wir
+haben's hier oben noch nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum
+sechs Monaten auf der Chagra.«
+
+Während sie sprach -- und so rasch und gewandt, daß Alles sich fast von
+selber zu ordnen schien -- hatte sie indessen das Mitgebrachte auf dem
+Tische ausgebreitet, und frische, süße Milch, weißes Brod, Butter und
+Käse, Alles auf blinkendem Geschirr, lachte den Fremden bald darauf
+entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer zuzulangen.
+
+»Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben?« fragte der ältere Fremde;
+»die Pinien und Orangen müssen doch schon vor vielen Jahren gepflanzt
+sein.«
+
+»Das sind sie auch,« erwiederte der Mann, der in diesem Augenblicke
+wieder in der Thür erschien und der Frau das Kind entgegen hielt. »Da,
+Mutter, nimm den Schlingel,« fuhr er dann zu dieser fort; »ob der Bengel
+wohl Ruhe gegeben hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da oben
+blieb er, bis ich die Thiere gefüttert hatte.«
+
+»Aber der Graue ist ein unruhiges Thier,« sagte Günther.
+
+»Bah, _der_ hält sich schon fest,« lachte der Mann, »ja, was ich sagen
+wollte, die Chagra habe ich erst kürzlich gekauft, und zwar von einem
+Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, daß man die Bäume kaum
+fand, die darauf standen. Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er
+meinte, hatte brasilianischer »Pflanzer« werden wollen, sich die Sache
+aber wohl ein Wenig anders und leichter gedacht haben mochte und auch
+irgendwo anders besser hinpaßte, als hinter Pflug und Egge.«
+
+»Und seid Ihr keine Deutsche?« fragte der ältere Fremde.
+
+»Wir? -- Nein,« lachte der Mann, -- »das heißt, ja, wir sind schon
+Deutsche, aber doch nicht in dem Deutschland drüben geboren, sondern
+hier in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine, und der Frau ihr Vater
+von Innsbruck, die Beide vor etwa dreißig Jahren hier herüber gekommen
+waren und sich in San Leopoldo niedergelassen hatten.«
+
+»Also Brasilianer?« sagte Günther enttäuscht.
+
+»Ah, nein, wir sind schon Deutsche,« lachte die Frau gutmüthig, »und
+halten uns ja auch immer zu Deutschen, wie Ihr seht, denn mit den
+Bleifüßen ist es doch Nichts, und sie wollen Nichts arbeiten und
+schaffen.«
+
+»Bleifüße -- was zum Henker ist das nur?« lachte der eine Fremde; »ein
+Bleifuß soll ja auch die schlechte Brücke gebaut haben.«
+
+»Ih ja,« meinte der Mann schmunzelnd, »der Bleifüße giebt's gar viele
+-- eigentlich mehr, als gut ist, und wir nennen besonders die
+eigentlichen Portugiesen so, die immer herüberkommen und so thun
+möchten, als ob Brasilien ihnen gehörte. Weshalb sie aber eigentlich so
+genannt werden, weiß ich selber nicht recht; aber den Namen haben sie,
+so viel ist sicher, und werden ihn wohl auch behalten. Aber seid Ihr
+selber erst so kurze Zeit im Lande, daß Ihr noch nicht einmal das Wort
+Bleifuß gehört habt? Ich dächte doch, das würde häufig genug aller Orten
+genannt.«
+
+»Ich selber bin schon lange im Lande und kenne auch den Namen,« lächelte
+Günther, »aber mein Reisegefährte da ist erst kürzlich aus den Vereinigten
+Staaten von Nordamerika nach Rio, und von da zu Pferde hier nach dem
+Süden gekommen, um sich das Land einmal anzusehen.«
+
+»Und was ist Ihr Geschäft? wenn man fragen darf.«
+
+»Ich bin Feldmesser,« erwiederte Günther, »und von der Regierung hierher
+beordert, um die Colonien für frisch eintreffende Emigranten auszumessen.«
+
+»Das ist gescheidt,« sagte der junge Bauer; »an vermessenem Lande
+fehlt's ewig, und die armen Teufel müssen sich oft Monate lang in den
+sogenannten Auswanderungs-Häusern herumtreiben, ehe sie eigenen Boden
+und eine feste Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit genug
+kriegen, daran fehlt's nicht -- aber essen Sie nicht mehr?«
+
+»Wir danken,« erwiederte Günther, der bis jetzt mit seinem Gefährten
+wacker zugelangt, »es hat trefflich geschmeckt und war delicat. Jetzt
+können wir's schon bis in die Colonie hinunter aushalten.«
+
+»Und wollen Sie schon wieder fort?« fragte die Frau freundlich, als die
+beiden Fremden von ihren Sitzen aufstanden und zu den Hüten griffen
+-- »das war gar ein kurzer Besuch.«
+
+»Wenn Sie's erlauben,« sagte der jüngere Fremde, »so komme ich schon
+wieder einmal her. Ich selber habe Nichts zu versäumen und werde mich
+doch wahrscheinlich ein paar Monate in der Nähe der Colonie herumtreiben.
+Daß es mir aber hier bei Ihnen _gefällt_, dürfen Sie mir auf mein Wort
+glauben. Mein Freund ist jedoch mit seiner Zeit gebunden und hat heute
+noch viel unten mit dem Director zu besprechen. Da draußen sind auch
+eben unsere Packpferde angekommen, und wir wollen deshalb lieber
+aufbrechen.«
+
+»Apropos,« fragte Günther, »was für ein Mann ist der Director
+eigentlich? Ich habe in den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade
+viel Gutes von ihm gehört.«
+
+»Ich weiß nicht,« lachte der Mann -- »es kommt wohl immer darauf an, wen
+Ihr fragt. Die Einen schimpfen auf ihn, die Anderen loben ihn, und Allen
+kann man's eben nicht recht machen auf der Welt. Er ist sehr streng, das
+ist wahr, und oft auch wohl ein Bißchen eigensinnig. Mit den _armen_
+Leuten geht er aber gut um und steht ihnen bei.«
+
+»Und das ist die Hauptsache,« rief Günther -- »nun, ich werde schon mit
+ihm fertig werden -- also, herzlichen Dank für die Aufnahme. Wenn ich's
+einmal wieder gut machen kann, stehe ich zu Diensten!«
+
+»Das mag vielleicht rascher geschehen, als Sie denken,« lachte der junge
+Bauer, »denn unsere Grenzen sind hier alle in Confusion, und ich bin
+schon lange darum eingekommen, die meinige ebenfalls nachsehen zu
+lassen. Doch darüber sprechen wir später; ich möchte Sie jetzt nicht
+länger als nöthig aufhalten, und komme auch vielleicht in diesen Tagen
+einmal nach der Colonie hinunter.«
+
+Damit reichten er und die Frau den Fremden herzlich die Hand zum Abschied.
+Draußen hielten auch in der That die beiden eingeborenen Diener der
+Freunde, ein paar braune, rauh genug aussehende Burschen, mit drei
+Lastpferden, wovon zwei dem Vermesser, eins aber seinem Freunde gehörte,
+und gleich darauf trabte die kleine Cavalcade, welcher der junge Bauer
+erst noch den Weg um seine Chagra herum zeigte, diesen thalein.
+
+Und doch war es ein wundervoller Pfad, der sie hier in die Niederung
+hinabführte, denn gerade an diesem Berghange zeigte sich die schon fast
+tropische Vegetation des Landes in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit.
+Der Baumwuchs war allerdings lange nicht so mächtig, wie in den nördlicher
+gelegenen Theilen Brasiliens, aber das üppige Unterholz mit seinen
+zierlichen Farnpalmen und Fächern, mit seinen Lianen und Ranken bildete
+überall, wo es dem Blicke erlaube, einzudringen, die reizendsten Gruppen
+und Festons, aus denen sich die grünen, schlanken Schäfte verschiedener
+wilder Palmenarten keck emporhoben.
+
+Hier und da, wo eine eingerissene Schlucht oder ein breiteres Bachbett
+den Blick in die Tiefe gestattete, zeigte sich dann die kleine
+Niederlassung im Thale mit ihren lichten Gebäuden und hellgrünen
+Rasenflecken, durch welche die gelben Wege wie Fäden liefen, immer in
+verschiedener Form und Beleuchtung, aber immer freundlich, so daß die
+Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein paar Secunden schweigend auf
+das unter ihnen ausgebreitete Bild hinabblickten.
+
+Da hier der Weg aber zu schmal war, oder der Regen doch in den Boden an
+den verschiedensten Stellen Einrisse gemacht hatte, mußten sie ihre
+Pferde hinter einander halten, und dadurch war die Conversation gestört.
+Erst weiter unten, auf der letzten Abdachung angelangt, bog der Beipfad
+wieder in den durch die eingefallene Brücke unterbrochenen Hauptweg ein,
+und jetzt hatten sie die eigentliche Colonie Santa Clara auch bald
+erreicht, deren Ausläufer in kleinen, allein stehenden Ansiedelungen
+schon bis hier herauf reichten.
+
+»Der Platz liegt wirklich allerliebst,« sagte Günther, der bis jetzt
+vorangeritten war, indem er sein Pferd anhielt, um wieder neben dem
+Freunde zu bleiben.
+
+»Was die Scenerie betrifft, ja,« erwiederte dieser, »aber der Boden
+scheint mir hier nicht besonders, und der Mais da drüben in dem Felde
+steht dünn und mager genug -- wenigstens magerer, als ich es bis jetzt
+gewohnt bin zu sehen.«
+
+»Das bessere Land wird weiter zurück in der Ebene liegen,« meinte
+Günther, »jedenfalls hat der Ort nicht weit zur See, und das ist schon
+immer ein enormer Vortheil für eine Colonie.«
+
+»Wenn der Hafenplatz gut ist, ja; und wohin wollen wir jetzt zunächst?«
+
+»Direct zum Director,« lachte Günther, »der wird uns dann schon die
+beste Auskunft geben, wo wir übernachten können. Wir müssen nun im
+nächsten Hause seine Wohnung erfragen.«
+
+»Das ist nicht nöthig,« meinte sein Freund -- »das Haus da drüben, wo
+die deutsche Fahne weht, ist jedenfalls das Wirthshaus, und das größere
+Gebäude daneben eben so sicher die Kirche, -- wo baute der Deutsche
+nicht Eins neben das Andere? Außerdem steht aber dort nach Süden nur
+noch ein sehr großes Haus mit einer neuen Umzäunung, und dort hat
+natürlich auch der Director seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf
+zureiten.«
+
+»Sie können Recht haben,« lachte Günther, »aber vielleicht wohnt er
+doch da drüben in dem kleinen allerliebsten Gebäude, wo die vielen
+Orangenbäume stehen. _Den_ Platz hätte ich mir jedenfalls zu meiner
+Wohnung ausgesucht.«
+
+»Das ist sicher die Pfarrwohnung,« versicherte aber sein Kamerad;
+»sehen Sie nicht den breiten, betretenen Pfad, der von dort zur Kirche
+niederführt. Ich glaube kaum, daß der Director alle die Fährten nach der
+Kirche in den Sand eingedrückt hat. Folgen Sie mir nur; ich führe Sie
+den richtigen Weg.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, gab er
+seinem Pferde leicht die Sporen und sprengte, von Günther jetzt dicht
+gefolgt, dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen Thür er anhielt
+und ohne Weiteres aus dem Sattel sprang.
+
+
+
+
+2.
+
+Der Director.
+
+
+Gerade als Günther an seines Gefährten Seite hielt und seinem Beispiele
+folgte, trat eine Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute hier,
+mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum vermuthet hatten, und die sie
+deshalb um so mehr überraschte; -- eine _Dame_ in vollem europäischen
+Putze, mit einem grün und schwarz groß carrirten Seidenkleide, sehr
+bedeutender Crinoline und überhaupt allem dazu Nöthigen und Gehörigen
+versehen, die mit sehr stolzer, fast majestätischer Haltung aus der Thür
+rauschte, einen Augenblick erstaunt die Fremden betrachtete und dann,
+mit einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre Begrüßung erwiedernd,
+vorbei und in die kleine Stadt hinein schwebte.
+
+»Alle Teufel,« murmelte der Jüngere der Beiden halblaut vor sich hin,
+als die Dame außer Hörweite war, »von allen Dingen auf der Welt hätte
+ich eine Crinoline hier am Allerwenigsten erwartet. Das muß die Frau
+oder eine Verwandte des Directors sein, denn nach einer Colonisten-Frau
+sieht sie doch nicht aus. Es thut den Augen aber ordentlich wohl, nach
+einem Stücke wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite Fährte der
+Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen nach giebt es also hier auch
+jedenfalls eine #haute volée#; unser rauher Waldanzug schien der Dame
+nicht besonders zu behagen, denn sie grüßte nur sehr vornehm und
+nachlässig.«
+
+»Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem wir es hier zu thun
+bekommen,« sagte Günther. »Jedenfalls müssen wir jetzt erst erfragen,
+ob hier der Director wirklich wohnt, und wenn so, ob er zu Hause ist.
+-- He, Landsmann,« wandte er sich dann an einen Colonisten, dessen
+Äußeres, mit dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen, dem
+ausgeschweiften Hute und dem Gesangbuche unter dem Arme, über sein
+Vaterland keinen Zweifel gestattete -- »ist das die Wohnung des
+Directors?«
+
+»Guten Morgen mit einander,« erwiderte der Gefragte, der sich dabei die
+Fremden von Kopf bis zu Fuß betrachtete -- »ja wohl, der Herr Director
+wohnt hier -- er ist oben in seiner Stube -- wollen Sie was?«
+
+»Danke schön; ja, wir wollen ihn sprechen.«
+
+»Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein, aber -- nicht gerade guter
+Laune. Sie kommen wohl weit her?«
+
+»Nicht sehr.«
+
+»Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?«
+
+»Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen,« sagte Günther, nicht
+gesonnen, sich hier vor der Thür in eine lange Unterredung einzulassen.
+Sein Freund hatte das Haus schon betreten, und Beide schritten jetzt die
+Treppe langsam hinauf. Auf der Treppe oben blieb der Jüngere plötzlich
+stehen und sagte:
+
+»Kamerad, ich habe mir die Sache überlegt; ich werde jetzt _nicht_ mit
+hineingehen. Wenn der Herr Director übler Laune sind, möchte ich ihm
+nicht gern in den Weg treten, denn ich _will_ Nichts von ihm, und
+gedenke mich deshalb auch nicht seiner übeln Laune auszusetzen. _Sie_
+haben _Geschäfte_ mit ihm, das ist etwas Anderes; ich werde indessen
+in's Wirthshaus gehen und Sie dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so
+rasch ab, wie Sie können.« -- Damit wollte er ohne Weiteres umdrehen
+und wieder hinabsteigen, Günther aber ergriff seinen Arm und sagte.
+
+»Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie; kommen Sie wenigstens einen
+Augenblick mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.«
+
+»Auftrag -- es ist nur ein Gruß.«
+
+»Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich beißen, und ich selber habe vor
+der Hand ebenfalls nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn unsere
+Thiere müssen abgepackt und untergebracht werden.«
+
+»Meinetwegen,« sagte der Freund achselzuckend, »wenn Sie's absolut
+wollen. Lieber ginge ich freilich in's Wirthshaus.«
+
+Wenige Stufen höher standen sie vor der Thür des Directors, die eine
+daran genagelte einfache Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch
+weiter keine Bezeichnung, als »Ludwig Sarno«, nicht einmal der Titel
+»Director« war beigefügt, und der jüngere Fremde nickte befriedigt mit
+dem Kopfe. Günther hatte indessen ohne Weiteres an die Thür geklopft,
+und ein etwas barsches »Herein!« lud sie ein, des Löwen Höhle zu
+betreten.
+
+Der Direktor, ein schlanker, aber stattlicher Mann, ebenfalls mit einem
+militärischen Anstriche, starkem, etwas röthlichem Barte und vollem,
+lockigem Haar, ging mit auf den Rücken gelegten Händen in seinem
+Arbeitszimmer auf und ab, das sich besonders durch eine Menge von
+Gefächern mit actenartig in blaues Papier geschlagenen Folioheften
+auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte er seinen Spaziergang unterbrochen
+und stand, halb nach der geöffneten Thür gedreht, mitten im Zimmer.
+Günter ließ ihn aber nicht lange über sich in Zweifel, sondern auf ihn
+zugehend, sagte er:
+
+»Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber bei Ihnen einzuführen.
+Mein Name ist Günther von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin
+vom Präsidenten der Provinz hieher beordert, etwa nöthig gewordene
+Vermessungen vorzunehmen.«
+
+»Etwa _nöthig_ gewordene?« wiederholte der Director, indem er den
+Fremden erstaunt ansah. »als ob ich nicht den Herrn Präsidenten seit
+sechs Monaten bei jeder möglichen Gelegenheit mit Eingaben bombardire,
+daß er _endlich_ einmal die seit einem Jahre schon fast dringend
+nöthigen Vermessungen vornehmen _lasse_! Etwa nöthigen....«
+
+»Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie haben warten müssen,« sagte
+Günther ruhig, »aber _meine_ Schuld war es nicht; denn vor fünf Tagen
+erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Präsidenten, der mich hieher
+beordert, und Sie werden mir zugestehen, daß ich von dort aus, bei
+_der_ Entfernung und _den_ Wegen, wahrlich keine Zeit versäumt habe.«
+
+»Der Herr ist Ihr Gehülfe?«
+
+»Bitte um Verzeihung,« sagte der Fremde, der indessen mit einem
+leichten, kaum bemerkbaren Lächeln dem Gespräche gefolgt war -- »ich
+gehöre in das _Geschäft_ gar nicht hinein und muß mich eigentlich als
+einen Aufdringling betrachten, will Ihre kostbare Zeit auch nicht länger
+in Anspruch nehmen, als unumgänglich nöthig ist, Ihnen mir aufgetragene
+und an's Herz gelegte Grüße zu bestellen.«
+
+»Grüße? Von wem?« sagte der Direktor, der indessen die schlanke, edle
+Gestalt des Fremden mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken
+musterte.
+
+»Vom Hauptmann Könnern.«
+
+»Von _Hermann_ Könnern?« rief der Director rasch.
+
+Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe.
+
+»Und kennen Sie Könnern persönlich?« fragte der Direktor eben so eifrig
+weiter.
+
+»Ziemlich genau,« erwiederte der junge Mann; »er ist mein Bruder, und
+ich heiße Bernard.«
+
+»Der sich in Amerika so lange herumgetrieben -- der Maler?«
+
+»Derselbe,« lächelte der junge Mann.
+
+»Dann sein Sie mir herzlich und viel tausend Mal willkommen,« rief
+Sarno, der in dem Augenblicke ein ganz anderer Mann zu werden schien
+-- »herzlich willkommen!« wiederholte er noch einmal, die gefaßte Hand
+aus allen Kräften schüttelnd. »Oft haben wir von Ihnen gesprochen -- und
+wie geht es Hermann? -- Aber davon nachher -- Sie kommen eben von der
+Reise, und unsere Wege sind nichts weniger als musterhaft; erst müssen
+Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen; nachher plaudern wir
+viel, recht viel mit einander, denn Ihr Bruder ist der beste Freund,
+den ich auf der Welt habe, und ich muß Alles wissen was ihn angeht.«
+
+»Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe, wo ich Sie hier in
+Brasilien anträfe, den Fuß nicht eher aus dem Bügel zu setzen, bis ich
+Ihnen die aufgetragenen herzlichen Grüße überbracht -- da ich aber nicht
+gut die Treppe herauf_reiten_ konnte, mußte ich wenigstens vor der Thür
+absteigen.«
+
+»Ihr Pferd steht noch unten?«
+
+»Gesattelt.«
+
+»Desto besser, dann legen Sie Alles gleich herein -- keine Widerrede;
+ich schicke gleich Jemanden hinunter, denn leider Gottes habe ich Menschen
+genug dazu im Hause -- Bernard Könnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien
+in einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber ein Dach über mir habe,
+und ein Bett, mit ihm zu theilen.«
+
+»Aber, Herr Director....«
+
+»Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten, wenn ich Ihnen auch
+keine besondere Bequemlichkeit zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch
+an ein Lagerleben gewöhnt. -- Mein lieber Herr von Schwartzau,« wandte
+er sich dann an den Ingenieur, »mit großem Vergnügen würde ich auch Sie
+gern beherbergen, aber überzeugen Sie sich selber, ich habe das ganze
+Haus voll von Emigranten, und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen und
+Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in dem erbärmlichen
+Auswanderungshause nicht lassen mochte.«
+
+»Mein lieber Herr Director!« sagte Günther abwehrend.
+
+»Sie können uns aber helfen,« fuhr der Director fort. »Vermessen Sie
+uns eine tüchtige Strecke Land, daß ich die armen Einwanderer bald
+unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug in meinem Hause für
+sechs oder acht Freunde, und vielleicht für mehr.«
+
+»Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal weiß, wo.«
+
+»Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn wir haben in der That keine
+Zeit zu verlieren. Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen,
+ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Könnern hier begleitet uns; dann
+können Sie morgen früh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. Was
+Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen; ich kenne einige dazu
+ganz passende junge Burschen, und hätte die Arbeit schon längst selbst
+gemacht, wenn ich's eben im Stande wäre. Aber sehen Sie selber hier die
+Actenstöße an -- Berichte, Klagen, Eingaben, Zänkereien, Befehle von
+oben, wovon immer einer dem anderen widerspricht, und Quängeleien, daß
+sie einen Heiligen manchmal zum Fluchen bringen könnten -- und ich bin
+eben keiner -- doch darüber sprechen wir nachher. Und außerdem noch,
+lieber Schwartzau -- Sie waren Officier, nicht wahr?«
+
+»In schleswig-holsteinischen Diensten.«
+
+»Aha -- die alte Geschichte, mit der sie daheim die besten Kräfte über
+die Gränze getrieben haben. -- Ich muß Sie noch um Entschuldigung
+bitten, daß mein Empfang gerade kein überfreundlicher war, aber weiß es
+Gott, sie treiben es hier manchmal, daß es Einem die Galle mit Gewalt
+in's Blut hineinjagt. Die Frau Gräfin verbessert überhaupt nie meine
+Laune, wenn sie mich einmal mit ihrem hohen Besuche beehrt.«
+
+»Die Frau Gräfin,« sagte Könnern, aufmerksam werdend; »war das etwa die
+Dame, die vorhin aus dem Hause trat?«
+
+»Kurz vorher, ehe Sie kamen -- sie verließ mich sehr beleidigt, daß ich
+einen armen Teufel von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis nach Hause
+hat, nicht ihretwegen vor der Thür warten ließ und ihn abfertigte, während
+sie bei mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also Schwartzau, Sie
+müssen sich noch ein paar Tage im Wirthshause unterbringen, und dann
+werden Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen auszulagern,
+bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum geschafft zu haben. He, Christoph
+-- Klaas!« rief er dann aus dem Fenster -- »schaff' doch einmal die Sachen
+des fremden Herrn in's Haus -- Sattel und Taschen, oder was es ist -- wo
+wollen Sie hin, Könnern?«
+
+»Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, so muß ich wenigstens
+hinunter, um mein Packthier selber abzuladen, daß mir die guten Leute
+Nichts zerbrechen.«
+
+»Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier herauf schaffen und draußen
+vor die Thür stellen; wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier
+Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen, schreibe ich nur
+noch zwei Briefe, die jener Colonist mit in eine andere neue Colonie
+nehmen muß, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.«
+
+»Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht?« fragte Günther.
+
+»Um -- aber das können wir nachher bereden,« sagte der Direktor;
+»natürlich essen Sie mit uns, was gerade da ist, und nach dem Essen
+reiten wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die übrigen Geschäfte müssen
+warten, denn dieses ist das wichtigste. Um ein Uhr esse ich gewöhnlich,
+bis dahin behalten Sie also noch übrig Zeit, sich ein wenig auszuruhen.
+Und Sie, lieber Könnern, kommen gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie
+Ihre Sachen besorgt haben.«
+
+Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu erwarten, setzte er sich ohne
+Weiteres an seinen Schreibtisch und überließ die beiden Fremden indessen
+sich selber.
+
+»Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Director?« sagte Könnern auf der Treppe.
+
+»Vortrefflich!« erwiederte Günther; »im Anfange schien er ein wenig
+brummig, aber der Name Ihres Bruders wirkte Wunder. -- Wo haben sich
+die beiden Herren eigentlich gekannt?«
+
+»In der österreichischen Armee,« erwiederte Könnern, »wo sie den
+siegreichen Feldzug in den vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben.
+Mir gefällt aber der Mann auch außerdem; er ist rasch, kurz angebunden,
+und wie mir scheint, aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist immer
+am Besten verkehren, denn der Böse soll die Überfreundlichen holen, die
+stets ein lächelndes Gesicht zeigen und bei denen man doch nie und
+nimmer weiß, woran man mit ihnen eigentlich ist.«
+
+»Mich hat es ebenfalls gefreut, daß er mich so ohne Weiteres in's
+Wirthshaus wies. Er hätte ja eine lange Entschuldigung machen können,
+aber er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit Punctum. Ich
+glaube, ich werde mit _dem_ Director fertig.«
+
+Sie waren damit vor die Thür getreten, wo ihre Diener mit den Pferden
+noch hielten, und während Günther wieder aufstieg, lockerte Könnern
+seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche Hufschläge die Straße
+herauf, Beide wandten den Kopf dorthin und Günther rief aus:
+
+»Hallo, wer kommt da -- eine Amazone!«
+
+In demselben Augenblicke aber sprengten schon zwei Reiter, mehr im
+Carriere als Galopp an dem Hause des Directors vorüber, und die beiden
+Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, daß auf dem ersten Pferde ein
+junges, wunderhübsches Mädchen in einem knapp anschließenden, dunklen
+Reitkleide saß, mit einem kleinen Amazonenhute auf, von dem eine
+einzelne mächtige weiße Straußfeder und ein paar lange Reiherfedern in
+dem scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, der etwa eine
+Pferdelänge hinter ihr folgte, war ein ganz junger Bursche von etwa
+sechszehn bis siebenzehn Jahren.
+
+Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an ihnen vorüber, und Günther
+hatte noch außerdem jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich,
+wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen hätte, und herüber
+und hinüber tanzte.
+
+»Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante Gesellschaft zu
+geben,« sagte Könnern, als die wilden Reiter die Straße hinab verschwunden
+waren, »und es wird lohnen, sich eine Zeit lang aufzuhalten und ihre
+Bekanntschaft zu machen.«
+
+»Beinahe hätt' ich das Letztere gleich gethan,« lachte Günther, »denn
+mein Rappe schien dasselbe Bedürfniß zu fühlen. Aber, Adieu jetzt,
+Kamerad. Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.«
+
+»Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin ich nicht eingerichtet,«
+nickte ihm Könnern zu, während Günther, von seinen beiden Lastthieren
+gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer, einschlug, den die
+junge Dame eben genommen. Die Kirche lag in dieser Richtung, und er
+wußte gut genug, daß Könnern Recht hatte, wenn er das Wirthshaus dicht
+daneben vermuthete.
+
+Aus dem Directionshause waren indessen ein paar deutsche Arbeiter
+gekommen, junge Burschen in Hemdärmeln und mit ledernen Hosen und
+Pantoffeln, der eine eine runde blaue, der andere eine viereckig grüne
+Mütze auf, und Beide genau so aussehend, als ob sie eben dieselben
+Pantoffeln nicht ausgezogen hätten, seit sie in Bremen oder Hamburg das
+Schiff betreten.
+
+Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln, und wenn sie
+auch stets an den verkehrten Stricken, aber deshalb nicht minder gut
+gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Könnern's Hülfe, den Packen
+aufzuschnüren, und die verschiedenen Gegenstände in's Haus und in die
+erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie dann ebenfalls auf
+einen kleinen Weideplatz dicht am Hause, wo sie auch einzeln gefüttert
+werden konnten, und seinen Diener schickte Könnern dann mit dessen
+eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus hinüber, da er den Eingeborenen
+nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wußte, daß dies
+selten gut that.
+
+Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den untern Theil des Directionshauses
+zu werfen, und es sah dort allerdings wild und wunderlich genug aus. Das
+ganze Haus war noch neu, ja, es stand sogar noch ein Theil des Gerüstes.
+Die Wände waren auch nur erst einfach geweißt und die Fensterrahmen noch
+nicht einmal gestrichen.
+
+Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher einem indianischen
+Bivouac, als der Wohnung eines Directors der Colonie, denn überall in
+den Zimmern lagen Matratzen, überall an den Wänden standen die riesigen
+Kisten und Koffer der Auswanderer, mit der groß gemalten Adresse »Nach
+Brasilien« noch daran, und auf dem ebenfalls preisgegebenen Kochherde
+war auf jeder Ecke ein Feuer angezündet, über dem theils ein Kessel
+brodelte, theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe loderte ein
+stattliches Feuer, um den übrigen Kochgeschirren Raum zu geben, denn
+heute war ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau wie
+daheim, mit Essen und Trinken.
+
+Könnern, im Augenblicke ohne weitere Beschäftigung, trat dort hinein,
+ohne daß die Leute jedoch besondere Notiz von ihm genommen hätten. Ein
+paar alte Frauen saßen auf den Kisten in der Ecke und lasen in ihren
+Gesangbüchern; die Mädchen und jungen Frauen waren fast alle mit ein
+oder der andern Arbeit für die Küche beschäftigt, und die Männer lagen
+zum Theil ausgestreckt auf den Matratzen oder auch auf dem nicht gerade
+überreinlichen Boden und rauchten ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig
+hier, und sie konnten sich dem Genusse mit unbeschränkter Leidenschaft
+hingeben.
+
+»Nun, Leute, wie geht's?« redete Könnern einen der Männer an, der
+beide Beine von einander gestreckt hatte und, ein Bild der höchsten
+Zufriedenheit, flach auf dem Rücken lag. Nur den einen Arm hatte er als
+Kissen unter den Kopf geschoben und sah den eigenen Rauchwolken nach,
+die er mit Macht gegen die Decke blies; »Ihr scheint Euch hier ganz
+behaglich zu befinden?«
+
+»Und warum nicht?« sagte der Mann, indem er die Pfeife in den einen
+Mundwinkel schob; »hier kann mer's aushalten, und die Schinderei geht
+doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien ist ein ganz famoses Land
+-- wären wir nur _erst_ (früher) hergekommen.«
+
+»Ja, mit dene Männer hat's keine Noth,« fiel hier die eine Frau ein, die
+mit roth erhitztem Gesichte gerade aus der Küche kam und sich mit der
+Schürze den Schweiß von der Stirn trocknete, »wenn die nur satt Tabak
+haben und auf der faulen Haut liegen können, sell freut sie und sie
+wollen's net besser, aber uns arme Weiberleut' derf's schinden und
+plagen, wie's mag.«
+
+»Und was geht _Euch_ ab?« fragte der Mann, faul den Kopf nach ihr
+umdrehend.
+
+»Was _uns_ abgeht?« sagte aber die Frau, »ein eigen Haus und ein eigener
+Herd, weiter Nichts, daß man weiß, _weshalb_ man sich plagt und schindt,
+und seine Kochtöpf' nicht auf Gottes Erdboden herum zu stoßen hat. Erst
+aber drei Monat das leidige Schiffsleben und nun vier Monat wieder hier
+in einer wahren Heidenwirthschaft -- sell kann Einen freuen, und bis an
+den Hals steht mir's.«
+
+Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes, schreiendes Kind an
+einem Arme auf, warf sich's mit einem Ruck auf die Hüfte und verschwand
+damit durch die offene Thür.
+
+»Weiberleut'!« sagte der Bauer verächtlich und rauchte weiter.
+
+Könnern behielt übrigens keine Zeit, noch weitere Forschungen anzustellen,
+denn der Director sah in diesem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte
+jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt:
+
+»Nun, sieht es hier nicht liebenswürdig aus? Aber kommen Sie, Könnern,
+wir wollen vor Tisch noch einen kleinen Spaziergang machen -- lassen Sie
+nur, Sie können sich nachher umziehen; es kommt bei uns nicht so genau
+darauf an, und Ihre Sachen habe ich schon in die für Sie bestimmte Stube
+stellen lassen.«
+
+Damit nahm er ohne Weiteres Könnern unter den Arm und verließ mit ihm
+das Haus. Die in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten sich
+aber, als der Director das Zimmer betrat, etwas überrascht auf, rückten
+ihre Mützen und nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie er ihnen aber
+den Rücken drehte, fielen sie in ihre alte Stellung zurück und rauchten
+ruhig weiter.
+
+Der junge Fremde mußte jetzt vor allen Dingen dem Director von seinem
+Bruder erzählen, wie es ihm gehe, was er thue und treibe, und er wurde
+dabei nicht satt, ihm zuzuhören. Erst als Jener Alles erschöpft, was
+er darüber zu sagen hatte, kamen sie auf die hiesigen Verhältnisse
+zu sprechen, und Bernard Könnern gestand dem Director daß er, doch
+einmal in der Welt umherstreifend, nur nach Brasilien gekommen sei,
+um die Verhältnisse des Landes, über die er die verschiedensten und
+widersprechendsten Gerüchte gehört, einmal selber von Augenschein kennen
+zu lernen und dabei für seine Mappe zu sammeln. Habe er das erreicht,
+dann kehre er eben wieder nach Europa zurück, denn mit allen Mängeln
+scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein anderer Ort der Welt
+ersetzen könne.
+
+»Sie haben Recht,« erwiederte der Director, der ihm schweigend zugehört.
+»Je mehr wir von fremden Ländern sehen, und wenn sie selbst ihre größte
+und schönste Pracht entfalten, desto mehr fühlen wir doch immer, daß
+sie uns die Heimath nie ersetzen können -- aber um das zu fühlen, dazu
+gehört eine gewisse Quantität Gemüth, und es ist äußerst interessant zu
+beobachten, auf welche verschiedene Art und Weise sich das auch bei den
+verschiedenen Naturen äußert, und wie es ausbricht. Jeder Mensch bildet
+sich nämlich dazu eine gewisse Entschuldigung, und die am Meisten
+poetische hat stets das Gemüth der Frauen, auch wenn sie den niedrigsten
+Classen angehören. Bei diesen ist es das Grab der Eltern oder das eines
+Kindes, die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erste Heimath
+bildete, zu dem sie sich zurücksehnen; der Brunnen, an dem sie Wasser
+holten, die alte Linde vor der Pfarrwohnung, wo sie vielleicht zum
+ersten Male mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die sie sich um so
+viel lieber erinnern, weil _der_ Mann gerade damals so viel anders war,
+als er jetzt ist -- der kleine Garten, den sie bestellt, das Vieh
+selber, das sie groß gezogen, das Alles hat seinen Anhaltspunkt noch
+lange nicht verloren, und ob sie Vieles hier mit der Zeit besser und
+bequemer finden mögen, es zieht sie doch mit einem ganz eigenen Gefühle
+zurück zu den alten Verhältnissen. Der Mann dagegen -- ich meine hier
+den gewöhnlichen Bauer -- hat wieder einen ganz andern Ankergrund für
+sein Heimweh. Er denkt, wenn er sich Deutschland in's Gedächtniß
+zurückruft, meist immer an seine heimische Schenke, an das Bier und eine
+Menge anderer prosaischer Dinge, zu denen aber doch trotzdem die alte
+Linde und der alte Kirchthurm den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine
+»Freundschaft,« wie er die Verwandten nennt, zieht ihn weniger zurück;
+der Bauer lebt eigentlich nie recht in wirklichem Frieden mit seinen
+Verwandten, und die Sehnsucht nach ihnen ist deshalb auch nie
+außergewöhnlich. Den gebildeten Mann zieht dagegen mehr ein geistiges
+Bedürfniß, als das bloße Gemüth, nach der Heimath zurück.«
+
+»Den gebildeten Mann zieht gewöhnlich das zurück,« sagte Könnern, »daß
+er in dem fremden und überseeischen Lande selten eine passende oder ihm
+wenigstens zusagende Beschäftigung findet, die ihn hinreichend ernährt.
+Kaufleute natürlich ausgenommen, die überall daheim sind und auch herüber
+und hinüber ziehen, sieht sich der, der daheim gewohnt war, mehr mit
+seinem Kopfe als mit seinen Fäusten zu arbeiten, in nur zu häufigen
+Fällen allein auf die letzteren angewiesen. Das gefällt ihm nicht, eine
+Quantität Gemüth kommt dazu und das Heimweh ist fix und fertig.«
+
+»Sie haben wohl Recht,« nickte der Director, »und nicht allein das
+Heimweh, sondern auch zugleich die Unzufriedenheit mit allen sie
+umgebenden Dingen, die, der Meinung jener Leute nach, für _sie_ nicht
+passen, während sie selber es sind, die sich nicht hineinfinden können
+oder wollen. Davon weiß ein armer Director am Besten zu erzählen, denn
+gerade in _meiner_ Colonie bin ich mit einer Classe von Menschen
+geplagt, die meist alle das Jahr 1848 von Deutschland herüber gescheucht
+hat, und die jetzt auf Gottes Welt nicht wissen was sie mit sich angeben
+sollen.«
+
+»Sie scheinen hier wirklich eine Art von #haute volée# zu haben,«
+lächelte Könnern, »denn außer jener Frau Gräfin sah ich heute Morgen
+auch noch eine reizende junge Dame, die im Carriere vorüber flog.«
+
+»Sie wird nächstens einmal ihren reizenden Hals brechen,« meinte der
+Director trocken; »jene Beiden gehören aber zusammen, denn die junge
+Dame ist die Comtesse, die Tochter der Gräfin. Da haben Sie also heute
+gleich die _Spitze_ der Gesellschaft, den sogenannten #crême# gesehen.
+Außerdem aber sind wir noch mit einer Anzahl von Titular-Honoratioren
+geplagt, die voller Ansprüche stecken, und wie der Engländer ganz passend
+sagt: #neither for use nor ornament#, weder zum Nutzen, noch zur
+Verzierung der Colonie dienen. Doch mit diesen Herrschaften werden Sie
+selber wohl näher bekannt werden, wenn Sie sich länger in unserer
+Colonie aufhalten, und nur _einen_ Rath muß ich Ihnen schon jetzt geben,
+ehe er zu spät kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.«
+
+Könnern lachte gerade hinaus.
+
+»Fällt Ihnen die Warnung bei den Honoratioren ein?« sagte er.
+
+»Allerdings,« erwiederte der Director ganz ernsthaft; »der Bauer, wenn
+er Geld braucht, wendet sich einfach an die Regierung um Subsidien, die
+ihm nur in Ausnahmefällen abgeschlagen werden und für deren Rückzahlung
+er mit seinem Lande haftet. Unsere #haute volée# dagegen ist viel zu
+stolz an etwas Derartiges nur zu denken, hat auch in leider sehr vielen
+Fällen entweder kein Land, oder doch schon eine Menge von
+stillschweigenden Hypotheken darauf aufgenommen.«
+
+»Aber sie werden doch wahrhaftig keinen wildfremden Menschen anborgen?«
+
+»Es giebt dafür verschiedene Auswege,« meinte der Director, »und
+Menschen, die sich sonst in den einfachsten Verhältnissen nicht zu
+helfen wissen, entwickeln gerade in dieser Branche eine erstaunliche
+Mannichfaltigkeit.«
+
+»Aber weshalb wandern solche Menschen,« sagte Könnern, »die doch
+von vorn herein wissen sollten, daß sie für derartige Arbeit und
+Beschäftigung nicht passen, eigentlich nach einem wilden Lande aus? An
+Büchern fehlt es wahrlich nicht, die ihnen ziemlich deutlich sagen, was
+sie in der neuen Welt -- ob sie nun Amerika, Australien oder sonst wie
+heiße -- zu erwarten haben. Sie _können_ sich darüber nicht täuschen,
+wenn sie überhaupt Deutsch verstehen.«
+
+»Und doch thun sie es,« sagte der Director, »und zwar meist aus dem ganz
+einfachen und in jedem andern Falle schätzenswerthen Grunde, daß sie
+eine sehr gute Meinung von sich selber haben. Ich _kann_ Alles was ich
+_will_, sagen sie, bedenken aber dabei gar nicht, daß sie nicht Alles
+_wollen_ was sie _können_, denn es _kann_ natürlich ein Jeder, wenn er
+nicht gerade einen überschwächlichen Körper mitbringt, Handarbeit
+verrichten; aber wie die Vorsätze auch daheim gewesen sein mögen, hier
+machen sie nicht einmal den Versuch dazu, und _wenn_ sie ihn machen,
+bleibt es auch gewiß immer bei dem Versuche. Es ist und bleibt ein
+wunderliches Volk, und wenn ich erst einmal nicht mehr Director bin,
+was, wie ich hoffe, nicht mehr lange dauern wird, so glaub' ich, daß ich
+mich sogar prächtig dabei amüsiren werde, sie in ihrem eigenthümlichen
+Treiben und Wirthschaften zu beobachten. Jetzt aber halten sie mir die
+Galle fortwährend in Gährung, und dabei kann natürlich der beste Humor
+nicht aufkommen, ohne seine bestimmte Partie Gift mit anzunehmen. Sehen
+Sie, da kommt gleich Einer davon; sieht der Mensch aus, wie ein
+brasilianischer Pflanzer?«
+
+Um die eine Ecke bog in diesem Augenblicke ein Herr, der -- wenn die
+Sommer-Beinkleider nicht ein klein wenig zu kurz gewesen wären -- in dem
+Anzuge recht gut hätte an einem schönen Nachmittage unter den Linden in
+Berlin spazieren gehen können. Er trug vollkommen moderne Tuchkleidung,
+einen Cylinderhut, einen Regenschirm, der hier auch besonders gegen die
+Sonne benutzt wurde, und im Knopfloche den rothen Adlerorden vierter
+Classe.
+
+Als er den beiden Herren begegnete, lüftete er den Hut mit einer sehr
+förmlichen, aber auch sehr vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne
+Miene zu einem weitern Gruße zu machen, stolz vorüber.
+
+»Und wer war das?«
+
+»Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus einer sehr alten Familie,
+der mit der Idee herüber kam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er
+übernahm eine allerliebst gelegene Colonie -- Sie müssen heute Morgen
+daran vorbei gekommen sein.«
+
+»Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo ein reizendes junges Paar von
+brasilianischer Abstammung wohnt?«
+
+»Ganz recht, Köhler's Chagra, wie der Platz jetzt heißt -- und er
+_ver_wirthschaftete das Gut in unglaublich kurzer Zeit dermaßen, daß es
+zuletzt wenig mehr als eine Wildniß war. Er mußte es endlich verkaufen,
+denn es trug ihm nicht einmal mehr die Kosten, und natürlich konnte
+Niemand weiter daran schuld sein als der Director, da ihm dieser noch
+dazu nicht einmal mehr Geld darauf vorstrecken wollte. Er ist seit der
+Zeit wüthend auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so viel
+höflicher geworden, und ärgert sich nur, daß ich von seinen
+Verleumdungen gegen mich nicht die geringste Notiz nehme.«
+
+»Guten Morgen, Herr Director!« unterbrach in diesem Augenblicke ein
+junger Mann das Gespräch, der sie überholt hatte und rasch an ihnen
+vorüberschritt. Er grüßte dabei sehr ehrfurchtsvoll, schien sich aber
+nicht lange in seines Vorgesetzten Nähe aufhalten zu wollen, dem er
+vielleicht unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er bog rasch in die
+nächste Querstraße ein und verschwand in einem der Gärten.
+
+»Der junge Herr,« sagte Könnern, »scheint stark gefrühstückt zu haben.
+Sein ganzes Äußere sah wenigstens danach aus.«
+
+»Ein anderer Fluch unserer Colonie,« seufzte Sarno, »das war unser
+Schullehrer.«
+
+»Der Schullehrer? Er kann höchstens zweiundzwanzig Jahre alt sein.«
+
+»Und nicht allein ist er _trotzdem_, sondern gerade _deshalb_
+Schullehrer,« sagte der Director; »unser deutscher Bauer ist nämlich von
+Haus aus und von klein auf so daran gewöhnt worden, den »Schulmeister«
+als ganz untergeordnete Persönlichkeit zu betrachten und danach
+natürlich auch die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, daß ihn für
+diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll, und er förmlich
+gezwungen werden muß, die Kinder in die Schule zu schicken. Das Loos
+eines Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt beneidenswerth, und
+nur daheim, wo Leute von Jugend auf dazu erzogen werden und dann später
+keine andere Laufbahn mehr einschlagen _können_, finden sich immer
+genügende Kräfte. Hier dagegen, wo Jeder sein Brod weit besser und
+sorgenfreier verdienen kann, der nur irgend seine Knochen gebrauchen
+will, denkt gar Niemand daran, sich zu dem fatalen und außerdem noch
+schlecht gelohnten Amte eines Schullehrers herzugeben, der nicht
+nothgedrungen _muß_. Das aber sind denn meist junge Leute, Studenten
+oder Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu vor Hacke und
+Spaten haben, und nur, um nicht zu verhungern, sich gerade für so lange
+der »Beschäftigung« eines Schullehrers unterziehen, als sie nichts
+Anderes und Besseres zu unternehmen wissen. So wie sie aber etwas
+Besseres finden, kann man sich auch fest darauf verlassen, daß sie der
+Gemeinde kündigen -- manchmal gehen sie sogar ohne Kündigung fort, und
+wie nachtheilig ein so steter Wechsel -- den eigentlichen mangelhaften
+Unterricht nicht einmal gerechnet -- auf die Kinder wirken muß, läßt
+sich ja denken und liegt klar zu Tage.«
+
+»Zu Zeiten trifft es sich, daß wir trotz allem Dem einen ordentlichen
+Mann, wenigstens für Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule haben.
+Dieses Mal freilich meldete sich, als die Kinder schon drei Wochen ohne
+den geringsten Unterricht gewesen waren, ein möglicher Weise irgendwo
+durchgebrannter Handlungsdiener für die Stelle, die man ihm auch
+»auf Probe« überließ, und da der gute Mann den brasilianischen Wein
+merkwürdiger Weise trinken kann, benutzt er jeden freien und nicht
+freien Augenblick, um über die Stränge zu schlagen.«
+
+»Und auf die Art,« lachte Könnern, »warten beide Parteien gegenseitig,
+ob sie einander nicht bald wieder los werden können?«
+
+»Allerdings,« erwiederte der Director, »hier aber haben wir jetzt das
+Ziel unseres Spaziergangs -- das Auswanderungshaus erreicht, das ich
+doch heute Morgen einmal besuchen und Ihnen gleich zeigen wollte. Hier
+sehen Sie die Einwanderer untergebracht, welchen, der furchtbaren
+Nachlässigkeit unserer Provinzialregierung zufolge, noch keine Colonie
+-- d. h. kein eigenes Land für ihre Arbeit -- angewiesen werden konnte,
+und die hier auf Staatskosten gefüttert werden müssen, bis Ihr Freund
+die nöthigen Landstrecken für sie vermessen haben wird. Aber treten wir
+ein. Sie sehen da Alles viel besser, als ich es Ihnen sagen könnte.«
+
+Könnern sah vor sich ein langes, fast ovales Gebäude, aus Pfählen oder
+eingerammten Stämmen aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils mit
+Ziegeln, an einigen Stellen sogar mit Schilf und Reisig nothdürftig
+gedeckt, um das herum es von den abenteuerlichsten Gestalten wimmelte.
+Alle waren Deutsche, darüber blieb dem Fremden auch nicht der geringste
+Zweifel, denn die flachsköpfigen Kinder nicht allein, nein, Männer und
+Frauen selbst in ihren alten heimischen Trachten verläugneten ihr
+Vaterland nicht einen Augenblick.
+
+Ihre Beschäftigung war aber ziemlich genau dieselbe wie die jenes
+Theiles, den der Director in seine eigene Wohnung genommen hatte, nur
+daß hier entschieden mehr Männer einquartiert schienen. Der innere
+weite Raum, wo nicht die unpraktischen riesigen Auswanderer-Kisten
+aufgeschichtet standen, war mit ihnen ordentlich angefüllt, denn in der
+heißen Tageszeit hatten sie den Schatten des luftigen Gebäudes gesucht,
+während die Frauen hier und in der Sonne draußen arbeiten konnten, so
+viel sie eben Lust hatten.
+
+Als der Director übrigens mit dem Fremden den innern Raum betrat,
+erhoben sich die Meisten von ihrem rauhen Lager und nahmen die Mützen
+ab, denn der »Herr Director« war ja die erste Person in der Colonie, und
+mit dem durften sie es also schon nicht verderben.
+
+»Nun, Leute,« sagte Herr Sarno nach der ersten flüchtigen Begrüßung,
+»nun werdet ihr bald Euer Land bekommen können, denn heute hat die
+Regierung endlich Jemanden hergesandt, der Euren Grund und Boden
+vermessen soll. Haltet Euch nur bereit, daß einige Familien von Euch
+gleich ausrücken können, so wie eine Anzahl von Colonien vermessen ist.
+Ihr werdet das Herumliegen hier wohl auch satt haben?«
+
+»Na, es geht, Herr Director,« lachte der eine Mann; »wenn wir's im Leben
+nicht schlechter kriegen, läßt sich's aushalten -- aber froh wollen wir
+doch sein, wenn wir einmal wieder für uns arbeiten dürfen. Das faule
+Leben hat auch keine rechte Art und eigentlich schon ein Bißchen zu
+lange gedauert.«
+
+»Hier geht's auch schmählich eng zu,« sagte ein Anderer, »beinah wie auf
+dem Schiff, und der Müller da drüben, der macht sich mit seiner Familie
+auch noch so breit, daß wir Anderen lieber hinaus vor die Thür möchten,
+damit der große Herr nur Platz hat.«
+
+»Ja, Du darfst auch noch räsonniren, Du Lumpenkerl,« erwiederte eine
+tiefe Baßstimme aus der Ecke, »wenn wir lauter solch Gesindel wären,
+wie....«
+
+»Ruhe!« unterbrach ihn der Director, »haltet mir Frieden hier, das sag'
+ich Euch, denn der Erste der Streit anfängt, wird ohne Weiteres auf das
+nächste Schiff gesetzt und wieder aus der Colonie geschickt. Wir wollen
+hier Frieden haben, und wer sich dem nicht fügen will, mag gehen.«
+
+»Aber der Müller....«
+
+»Haltet Euer Maul!« fuhr ihn der Director an; »wenn Ihr eine gegründete
+Klage habt, so wißt Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden sollt, und zu
+welcher Zeit, und daß Ihr dann Eure Zeugen mitzubringen habt. Einfache
+Klatschereien will ich und werd' ich nicht anhören. Was fehlt denn der
+Frau da, die dort in der Ecke liegt?«
+
+»Schlecht ist ihr's,« sagte eine andere Frau, die neben ihr saß und ihr
+gerade aus einem großen Topfe zu trinken gab; »sie hat sich den Magen
+verdorben an den vielen Apfelsinen.«
+
+»Ist denn der Doctor heute noch nicht hier gewesen?«
+
+»Der Doctor? Ja, der kommt schon lange nicht, wenn man ihm nicht erst
+das Haus einläuft,« sagte eine andere Frau; »meine Kathrine, der war's
+gestern auch so elend zu Muthe -- daß er auch nur einmal nach ihr
+gesehen hätte -- und wie ich ihn darum gebeten habe!«
+
+»So?« sagte der Director, »nun, in einer halben Stunde soll er hier
+sein, das verspreche ich Euch -- wie viele von Euch haben denn in der
+Woche mit am Wege gearbeitet?«
+
+Keine Antwort -- die ihm Nächsten schienen die Frage eben nicht gern zu
+hören.
+
+»Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?«
+
+»Na, der Niklas,« sagte die eine Frau, »hat zwei halbe Tage, und der
+Christoph, der hat gestern Nachmittag angefangen, und Schultze's Elias,
+der muß schon den Donnerstag oder Freitag hinaus gegangen sein.«
+
+»Da haben Sie's!« sagte der Director zu Könnern; »Monate lang liegen
+die Menschen hier auf der faulen Haut und leben von den Subsidien oder
+Unterstützungen, die ihnen der Staat verabreicht, also von Geldern, die
+sie nach fünf Jahren wieder zurückerstatten müssen. Wo ich ihnen aber
+eine Gelegenheit geboten habe, selber für sich Etwas zu verdienen, wenn
+sie nur die faulen Knochen rühren sollen, glauben Sie, daß da Einer
+gutwillig mit angriffe? Gott bewahre! Wenn ihnen der Polizeidiener nicht
+auf dem Nacken sitzt, rühren sie kein Glied, und wenn es eine Arbeit
+wäre, die sie nur zu ihrem eigenen Besten thun sollen und noch außerdem
+extra bezahlt bekommen. 's ist, weiß es Gott, eine Freude, mit solchen
+Menschen zu thun zu haben!«
+
+»Herr Director,« sagte in diesem Augenblicke ein kleiner ältlicher Mann
+in einem wunderlichen Costüme, das er von allen Ständen der menschlichen
+Gesellschaft zusammengeborgt zu haben schien, indem er den Director an
+einem Ärmel zupfte, »das Essen ist gleich fertig -- Sie möchten nach
+Hause kommen.«
+
+»Ah, Jeremias,« sagte Sarno, sich nach ihm umdrehend; »schickt Dich die
+Kathrine herüber?«
+
+»Ja, Herr Director,« sagte der Mann, einen hohen Seidenhut, um den eine
+Art von Livreeband befestigt war, unter den Arm drückend, »und das
+Schiff ist auch unten.«
+
+»Das Schiff? Was für ein Schiff?«
+
+»Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.«
+
+»Neue Auswanderer?« rief der Director erschreckt.
+
+»Die Gesina,« nickte der Mann; »der Herr Director haben ja schon lange
+davon gesprochen. 's ist gerade vor der Barre gesehen worden und der
+Capitain wird heute Abend herauf kommen.«
+
+»Na, das hat gerade noch gefehlt!« seufzte Sarno; »das Haus hier ist
+schon zum Überlaufen voll, und dazu noch eine frische Gesellschaft, eine
+neue Zufuhr -- das wird angenehm!«
+
+»Und die Suppe?«
+
+»Darf nicht kalt werden. Du hast Recht, Jeremias. Sag' nur der Kathrine,
+daß wir den Augenblick hinauf kommen. Ist der fremde Herr schon da?«
+
+»Eben angekommen. Er sitzt oben in der Stube.«
+
+»Gut -- also melde nur daß wir gleich kommen, und halt -- spring hinüber
+zum Doctor -- _Ich_ lasse ihm sagen, augenblicklich hierher zu kommen.
+Verstanden?«
+
+Auf das Wort drehte sich das kleine Männchen um, machte noch eine ganz
+eigenthümliche Krümmung des Körpers, was als Verbeugung gelten sollte,
+und verschwand dann blitzschnell durch die Thür. Könnern hatte nur eben
+noch Zeit, zu bemerken, daß seine Beinkleider jedenfalls für eine andere
+Person zugeschnitten und gemacht sein mußten -- wonach sie die andere
+Person denn auch so lange getragen haben mochte, wie ihr gut dünkte. Für
+Jeremias waren sie aber viel zu lang und unten in einem wahren Wulste
+umgelegt und aufgekrempelt. Er besaß außerdem -- wenigstens glaubte es
+Könnern bei seinem ersten Erscheinen -- brennend rothes Haar von einer
+ganz auffallenden Färbung, und als die kleine Gestalt sich zwischen den
+verschiedenen Gruppen der Auswanderer, zwischen Kochtöpfen, Kisten und
+in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm durchwand, leuchtete sein
+Haar ordentlich irrwischartig, bis er draußen in den Buchen verschwand.
+
+»Da haben wir's!« sagte aber der Director, mit ganz anderen Gedanken
+wie mit Jeremias beschäftigt; »jetzt geschieht, was ich schon lange
+befürchtet habe. Das Auswanderungshaus, selbst meine eigene Wohnung
+gefüllt, -- keinen Fuß breit Land vermessen, den neuen Colonisten einen
+eigenen Fleck Grundeigenthum anweisen zu können, kommt noch eine
+Schiffsladung frischer Kräfte dazu, und _was_ ich indessen mit denen
+machen soll, weiß Gott!«
+
+»Und ist denn das nicht Sache des Präsidenten der Provinz,« fragte
+Könnern, »stets Land genug vermessen zu haben, um die Einwanderer
+unterbringen zu können?«
+
+»Allerdings ist es das, aber unser Präsident, -- ein braver, guter
+Mann, der es wirklich ehrlich meint -- ist schon seit längerer Zeit
+schwer krank, und seine Frau -- ein intrigantes, coquettes Frauenzimmer
+-- regiert indessen nach Herzenslust und hat eine Masse nichtsnutziger
+Protégés, die sie unter jeder Bedingung unterbringen _will_ und
+unterbringt. So schickte sie mir vor sechs Monaten einen Kerl hieher
+-- ich habe keinen andern Namen dafür -- der das Land vermessen sollte,
+und nicht mehr davon verstand wie der Junge da. Glücklicher Weise faßte
+ich gleich Verdacht, paßte ihm auf und jagte ihn, wie ich merkte
+was an ihm war, wieder zum Teufel; er hätte uns sonst hier eine
+Heidenverwirrung angerichtet. Die Frau Präsidentin ist aber natürlich
+jetzt wüthend auf mich.«
+
+»Und leidet das die Regierung in Rio?«
+
+»Lieber Gott, einesteils erfährt sie nie den wahren Thatbestand,
+und dann ist es auch wirklich für sie schwer, gegen einen einmal
+eingesetzten höhern Beamten ernstlich einzuschreiten, so lange nicht
+directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen Sie aber einmal von der
+Colonie Santa Clara aus den Präsidenten, der in Santa Catharina sitzt,
+oben in Rio de Janeiro -- die Geschichte wäre gleich von vorn herein so
+weitläufig, daß man sie doch in Verzweiflung aufgeben würde, wenn man
+auch wirklich hoffen dürfte Etwas auszurichten -- was man aber außerdem
+_nicht_ darf. Doch unsere Suppe wird wahrhaftig kalt und die Kathrine
+nachher böse -- also vor allen Dingen zum Essen« -- und Könnern's Arm
+ergreifend, führte er ihn rasch der eigenen Wohnung zu.
+
+Unterwegs hielten sich die Beiden auch nicht auf. Nur ein einziges Mal
+blieb Könnern stehen, und den Arm gegen einen der kleinen Hügel
+ausstreckend, sagte er:
+
+»So viel ist sicher, nur der Deutsche und der Engländer -- vielleicht
+auch noch der Holländer -- hat den richtigen Sinn für eine nicht allein
+bequeme, sondern auch freundliche Umgebung seiner Heimath, baut sich
+sein Nest in Büsche und Blüthen hinein und pflanzt Rosen vor seine Thür,
+während besonders der Amerikaner höchstens einen Gemüsegarten daneben
+dulden würde. Sehen Sie nur, was für ein wunderbar romantisches
+Plätzchen sich jener Ansiedler wieder gewählt hat, dessen kleines Haus
+nur eben aus dem dunklen Grün der Büsche auf jenem Hügel da drüben
+herausblinzt.«
+
+»Ah, Sie meinen unseres Einsiedlers Villa,« lächelte der Director; »die
+Aussicht von seinem Hause aus hat er übrigens ganz zufällig bekommen,
+denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz so vollständig, daß man von
+unten aus keine Ahnung hatte, dort oben sei eine menschliche Wohnung.
+Neulich nun warf der Sturm die kleinen Palmen um und das Haus bekam
+dadurch, wahrscheinlich vollkommen gegen den Willen seines Eigenthümers,
+eine reizende Aussicht.«
+
+»Gegen seinen Willen?«
+
+»Ich glaube, ja. Der Mann heißt Meier und lebt mit Frau und Tochter,
+einem jungen Gärtner und einer alten Dienstmagd, die sie hier angenommen,
+fast ganz abgeschieden von der Colonie und verkehrt fast mit Niemandem.
+Jammerschade noch dazu, denn das wäre in der That eine Familie, mit der
+man einen angenehmen Umgang haben _könnte_; aber man darf sich doch auch
+nicht aufdrängen, und da er mich, obgleich ich drei- oder viermal oben
+bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder besucht hat, so muß ich
+wohl annehmen, daß er es lieber sieht, wenn ich _meine_ Besuche _nicht_
+wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn auch gethan. -- Aber
+da sind wir -- sehen Sie, da oben steht die Kathrine schon am
+Treppenfenster -- ja, ja, Alte, wir kommen schon. Was so eine alte
+Person für eine Tyrannei ausübt, wenn man einmal ein paar Minuten zu
+spät zum Essen kommt!«
+
+
+
+
+3.
+
+Bei der Frau Gräfin.
+
+
+Die Frau Gräfin Baulen hatte des Directors Haus etwas in Aufregung
+verlassen, und der Gedanke daran, oder etwas Anderes auch vielleicht,
+lag ihr schwer auf dem Herzen, als sie ihrer eigenen Wohnung wieder
+zuschritt. Sie ging wenigstens mit auf den Boden gehefteten Blicken und
+erwiederte den Gruß etwa Begegnender nur mit einer leisen Beugung des
+Kopfes, ohne zu ihnen aufzusehen.
+
+So erreichte sie endlich das kleine freundliche Gebäude, das, von einem
+Garten umschlossen, an der äußersten Gränze der Ansiedelung lag, und
+wollte eben dasselbe betreten, als die beiden Reiter, ihr Sohn und ihre
+Tochter, wie sie durch den ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden
+Hufen die Straße herabfegten, und dicht vor dem Hause ihre Thiere so
+rasch herumwarfen, daß sie die alte Dame fast gefährdet hätten.
+
+»Aber Helene, aber Oskar!« rief sie entsetzt, indem sie rasch das
+Gartenthor zwischen sich und die Pferde brachte -- »Ihr reitet ja wie
+die Wahnsinnigen, und seht gar nicht wohin Ihr rennt! Daß Ihr die Thiere
+dabei ruinirt, scheint Euch ebenfalls nicht im Mindesten zu kümmern!«
+
+»Nicht böse, Mütterchen, nicht böse,« lachte Helene, indem sie den Hals
+ihres noch immer tanzenden und courbettirenden Schimmels klopfte; »Oskar
+behauptete aber, daß sein Rappe flüchtiger wäre als meine Sylphide, und
+da habe ich ihm eben das Gegentheil -- aber, Sylphide -- ruhig, mein
+Herz, ruhig -- wie wild sie nur geworden ist, weil ich sie die beiden
+letzten Tage nicht geritten habe!«
+
+»Du hattest von Anfang an einen Vorsprung,« rief Oskar, »sonst wärest
+Du mir wahrhaftig nicht vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim
+Abreiten einen von meinen Sporen, was mich auch aufhielt.«
+
+»Einen von Deinen silbernen Sporen?« rief die Frau Gräfin.
+
+»Ja -- aber er wird sich schon wiederfinden,« sagte der junge Bursche
+gleichgültig. -- »Heh, Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige
+Schlingel nun wieder steckt, daß er die Pferde nehmen könnte.
+-- Gotthelf!«
+
+»Ja -- komme schon,« antwortete eine Stimme, die dem ungeduldigen Rufe
+des jungen Mannes in keineswegs entsprechender Eile zu sein schien.
+
+Gleich darauf schlenderte auch ein Bauernbursche, dessen reines,
+grobleinenes Hemd allein an ihm den Sonntag verkündete, beide Hände in
+den Taschen, um die Hausecke und kam langsam näher.
+
+»Na, Du fauler Strick, kannst die Beine wohl nicht ein Bischen in die
+Hand nehmen?« rief ihm der junge Graf entgegen -- »es wird wahrhaftig
+immer besser. Soll ich Dich etwa in Trab bringen?«
+
+»Brrrrrr!« erwiederte Gotthelf mit unerschütterlicher Ruhe, indem er
+seine Schritte nicht im Geringsten beschleunigte; »gehen Sie nur nicht
+durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde nicht scheu.«
+
+»Willst Du noch unverschämt werden, Halunke!« rief der junge Graf in
+aufloderndem Zorne, indem er seine Reitpeitsche fester packte und hob.
+Gotthelf aber, nicht im Geringsten dadurch eingeschüchtert, trat dicht
+zu dem Pferde heran und sagte:
+
+»Na, so schlagen Sie doch! -- Warum langen Sie denn nicht zu? Mein
+Buckel wäre doch, dächt' ich, breit genug.«
+
+Graf Oskar schlug aber nicht; der junge, allerdings sehr breitschulterige
+Bauernjunge hatte heute Etwas in seinem Auge, was ihm nicht gefiel.
+Deshalb nur mit einer verächtlichen Kopfbewegung aus dem Sattel steigend,
+sagte er, indem er Gotthelf den Zügel hinreichte:
+
+»Da -- ich will mich mit Dir nicht befassen. Führe die Pferde herum und
+reibe sie nachher trocken ab.«
+
+Gotthelf nahm aber nicht einmal seine Hände aus den Taschen, und die
+beiden Pferde nach einander betrachtend, sagte er kopfnickend:
+
+»Ja -- Herumführen werden sie wohl brauchen, denn geritten sind sie
+wieder, daß es eine Schande ist; aber der Gotthelf wird Ihnen das
+schwerlich besorgen, denn mit »Halunke« schimpfen werden die Leute nicht
+fett, und wo es außerdem weiter Nichts giebt, nicht einmal Lohn, da
+lohnt's eben nicht, daß man sich die Nägel von den Fingern arbeitet.
+Suchen Sie sich einen andern Gotthelf, aber ich glaube kaum, daß Sie
+noch einen so dummen finden, der Ihnen drei Monate nur der Ehre wegen
+den Schuhputzer macht.« -- Und sich damit scharf auf dem Absatze
+herumdrehend, schlenderte er wieder in's Haus zurück, ging auf sein
+Zimmer, packte seine Sachen zusammen und verließ eine halbe Stunde
+später in der That, ohne ein weiteres Abschiedswort, die gräfliche
+Familie.
+
+»Das hast Du nun von Deiner Heftigkeit,« sagte die Gräfin, drehte sich
+ab und schritt würdevoll in das Haus hinein.
+
+Graf Oskar biß wüthend die Zähne zusammen und hätte seinen Zorn gern
+an irgend Jemandem ausgelassen; aber es war Niemand da, von dem er
+vermuthen durfte, daß er es sich gefallen lassen würde. Sein Sattel
+allein mußte es entgelten, den er selber abschnallte und dann völlig
+rücksichtslos über den Gartenzaun, mitten zwischen die Blumen, hinwarf;
+-- dann führte er sein Pferd in die kleine Umzäunung, wo die Thiere
+gewöhnlich gefüttert wurden, nahm ihm den Zaum dort ab und ließ es
+laufen. Von Herumführen oder Abreiben war keine Rede mehr.
+
+Comtesse Helene indessen war einigermaßen in Verlegenheit, denn da sich
+ihr Bruder in seinem Ingrimme gar nicht um sie bekümmerte, wußte sie nicht
+gleich, wie sie aus dem Sattel kommen sollte. Als sie den Kopf die Straße
+hinabdrehte, sah sie einen jungen Mann dicht hinter sich, der stehen
+geblieben war und sie betrachtet hatte. Unter anderen Umständen würde sie
+auch kaum von ihm Notiz genommen haben, denn trotz seiner anständigen
+Kleidung sah er etwas verwildert aus, und um das sonnengebräunte, von
+einem leichten, schwarzgekräuselten Barte halb beschattete Gesicht
+hingen ihm die langen, schwarzen Haare unordentlich und wirr herab. Auch
+in den dunkeln Augen, mit denen er das wirklich bildschöne Mädchen
+betrachtete, lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und erst als ihr Blick
+auf dem seinen haftete, milderte sich der Ausdruck in seinen Zügen.
+
+Es konnte ihm aber auch nicht entgangen sein, daß sie Hülfe brauche
+-- die Straße war außerdem, als an einem Sonntag Nachmittage, fast
+menschenleer, und sich ordentlich gewaltsam dazu zwingend, trat er
+endlich näher, sah zu der Jungfrau auf und sagte:
+
+»Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen Arm zu bieten?«
+
+Helene sah ihn im ersten Augenblicke mißtrauisch an; sie war viel zu
+selbstständig aufgewachsen, oder hatte sich vielmehr selber so erzogen,
+um irgend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen, aber ein gewisser
+Instinct warnte sie, sich Jemandem zu irgend einem Danke zu verpflichten,
+der damit vielleicht einmal Mißbrauch treiben könne. Das Benehmen des
+Fremden war aber so achtungsvoll und ehrerbietig, und das Anerbieten
+wurde mit so viel natürlichem Anstande gemacht, daß sie nach kaum
+secundelangem Zögern lächelnd die Hand ausstreckte, sich auf den
+vorgehaltenen Arm des Fremden stützte und leicht aus dem Sattel sprang.
+
+Der Fremde hatte dabei zugleich den Zügel des Pferdes in einer Art
+ergriffen, die deutlich zeigte, daß er mit ihm umzugehen wisse, machte
+der Comtesse, als sie glücklich unten angelangt war, eine leichte
+Verbeugung, und führte dann das durchaus erhitzte Thier zu dem nächsten
+Aste, an dem er den Zügel befestigte und den Sattel nachher durch
+Aufschnallen des Gurtes etwas lüftete. Das Alles geschah rasch und
+anscheinend ohne die geringste Anstrengung, und ehe Comtesse Helene nur
+recht mit sich einig war, ob sie abwarten bis sich der Fremde entfernt
+habe, oder lieber gleich in das Haus gehen solle, war dieser schon
+fertig, verbeugte sich wieder leicht gegen sie und wandte sich dann
+rasch und ohne sich umzusehen die Straße hinab, so daß sie ihm für
+seine Dienstleistung nicht einmal danken konnte.
+
+Comtesse Helene war bei ihrem Range und wirklich reizendem Äußern, noch
+dazu in der bescheidenen Umgebung einer deutschen Kolonie, allerdings
+daran gewöhnt worden, die Huldigungen und Galanterien der jüngeren wie
+älteren Leute als eine Art von Tribut fast gleichgültig hinzunehmen.
+Die Aufmerksamkeit dieses wunderlichen Fremden, der sich außerdem fast
+ängstlich jedem nur möglichen Danke entzog, hatte aber doch etwas so
+Eigenthümliches, daß sie, frappirt davon, auf der Schwelle des Gartens
+stehen blieb und sich erst in das Haus zurückzog, als ihr Bruder, eben
+nicht in der besten Laune, zurückkam. Außerdem läutete auch in diesem
+Augenblicke die Glocke oben, welche zum Mittagessen rief, und sie durfte
+keine Zeit versäumen, wenn sie noch ihr Reitkleid ablegen und überhaupt
+ein wenig Toilette machen wollte.
+
+In dem Wohnzimmer der Frau Gräfin Baulen hatten sich indessen schon vor
+der Ankunft der Wirthin zwei auf heute geladene Gäste eingefunden.
+
+Der Eine von ihnen war der nämliche Herr, welcher Könnern und dem
+Director auf ihrem Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewanderte
+Baron Jeorgy, den eine unglückliche romantische Ader zu seinem jetzigen
+sehr großen Bedauern nach Brasilien getrieben. Er hatte eine nicht
+unbedeutende Summe Geldes mit herüber gebracht und es in sechs Jahren
+möglich gemacht, den größten Theil seines Kapitals nicht gerade
+durchzubringen, aber doch auszugeben, was sich im Resultat allerdings
+vollkommen gleich blieb.
+
+Der Andere war ein junger, erst kürzlich herübergekommener Künstler,
+Namens Vollrath, der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitgebracht
+hatte und dadurch auch bei der Frau Gräfin eingeführt war. Er spielte
+mit der Comtesse manchmal Clavier, aber die Frau Gräfin sah seinen
+Besuch nicht gern. Er erwies nämlich Helenen mehr Aufmerksamkeit, als
+ihrer Mutter lieb schien, und war außerdem blutarm -- aber so lange er
+sich in seinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht zurückweisen.
+Die Frau Gräfin hatte indessen schon ernsthaft mit ihrer Tochter über
+ihn gesprochen.
+
+Die Gräfin selber schien ihre Toilette schon vor dem Ausgange gemacht
+zu haben; Oskar, obgleich eben von dem scharfen und staubigen Ritte
+zurückgekehrt, hielt es nicht der Mühe werth, des Barons wegen die
+Wäsche zu wechseln -- und der Andere war ja nur ein Clavierspieler.
+
+Comtesse Helene dachte nicht so. Von dem wilden Ritte war ihr reiches,
+schweres Haar gelöst und in Unordnung gerathen; ihren Anzug mußte sie
+ebenfalls wechseln, und da ihr dazu keine Kammerjungfer zu Gebote
+stand, bedurfte sie einer länger als gewöhnlichen Zeit, um sich der
+Gesellschaft, so klein diese auch immer sein mochte, zu zeigen. Oskar,
+überhaupt heute nicht in der besten Laune, war entsetzlich ungeduldig
+geworden und hatte den Klöppel der Klingel schon fast ausgeschlenkert,
+um die, wie er glaubte, saumselige Schwester dadurch etwas rascher
+herbeizurufen.
+
+Während Graf Oskar so im Zimmer herumlief und seinem Ärger durch
+verschiedene Ungezogenheiten Luft machte, die Gräfin mit dem Baron
+Jeorgy an einem der Fenster stand, das eine freundliche Aussicht über
+die Stadt gewährte, und ein Beider Interessen sehr lebhaft in Anspruch
+nehmendes Gespräch führte, hatte sich Vollrath an das Instrument gesetzt
+und intonirte leise einige Lieblings-Melodien Helenen's, theils im
+einfachen getragenen Thema, theils in geschickt und künstlerisch
+durchgeführten Variationen.
+
+»Es ist ein trauriges Land,« sagte endlich der Baron mit einem tiefen
+Seufzer, indem er, ohne die Melodie selber zu beachten, den Tact dazu
+unbewußt auf dem Fenster trommelte -- »ein sehr trauriges Land, dieses
+ausgeschrieene Brasilien, und ich fürchte fast, daß uns ein böser Stern
+an diese Küste geführt hat, von der ich, aufrichtig gestanden, gar kein
+rechtes Fortkommen mehr sehe. Ich begreife wenigstens nicht recht, wie
+man in Europa je, ohne die gehörigen Mittel, wieder standesgemäß
+auftreten könnte.«
+
+»Sie dürfen den Muth nicht verlieren, Baron,« bemerkte die in dieser
+Hinsicht viel resolutere Gräfin. »Ich fange jetzt selber an einzusehen,
+daß wir alle Beide doch möglicher Weise zu viel Standesvorurtheile mit
+herüber gebracht haben, um das Leben hier an der richtigen Stelle
+anzugreifen.«
+
+»Aber, beste Frau Gräfin....«
+
+»Ich sehe wenigstens eine Menge Menschen,« fuhr die Gräfin fort, ohne
+die Unterbrechung gelten zu lassen, »die nicht allein ihr Fortkommen auf
+höchst geschickte Weise finden, sondern auch noch Capital auf Capital
+zurücklegen, und es fällt mir gar nicht ein, ihnen mehr Verstandeskräfte
+zuzutrauen, als wir Beide auch besitzen, lieber Baron.«
+
+»Aber, beste Frau Gräfin,« beharrte der Baron, »der Art Leute sind von
+Jugend an auf ihre Fäuste angewiesen gewesen, und Sie wollen doch nicht
+voraussetzen, daß wir Beide etwas Derartiges auch nur annähernd leisten
+könnten?«
+
+»Ich denke gar nicht daran,« sagte die Gräfin mit einem vornehmen
+Zurückwerfen des Kopfes; »wo aber die rohe Kraft nicht ausreicht, da
+eben muß der Geist des Menschen eintreten, die Intelligenz, und wir
+finden es überall bestätigt, daß die erstere, die rohe Kraft meine ich,
+immer nur für die Speculation arbeitet, und diese eigentlich den Nutzen
+von jener ärntet.«
+
+»Aber auch der Kaufmann braucht praktische Erfahrung,« seufzte der
+Baron, der _seine_ Erfahrung schon außerordentlich theuer hatte bezahlen
+müssen -- »und wir sind Beide zu alt, die noch zu lernen.«
+
+»Bah,« sagte die Frau Gräfin, den Kopf mit Geringschätzung wiegend, »der
+Kaufmann ist nicht der einzige Speculirende, auch der Fabrikant
+speculirt, indem er sich weniger die Waaren als die Kräfte der Menschen
+selber dienstbar macht.«
+
+»Aber, verehrte Frau Gräfin, Sie scheinen ganz zu vergessen, daß auch dazu
+Capital gehört, ja, und noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht,
+als zu einer einfachen Spekulation in Kaufmannsgütern, und wenn man das
+Letzte dann darauf gesetzt hätte und es schlüge fehl -- was dann? -- Denken
+Sie sich eine Existenz, selbst hier in einer brasilianischen Colonie,
+ohne die Mittel zu leben -- denken Sie sich die Möglichkeit daß man bei
+diesen frechen und übermüthig gewordenen Bauern gezwungen sein sollte,
+ein Anlehen zu erheben; es wäre fürchterlich!«
+
+Die Frau Gräfin schien nicht diese Angst vor einer derartigen Calamität
+zu theilen, deren sogenannte »Furchtbarkeit« sie außerdem schon erprobt
+hatte, ohne daran zu sterben; aber der Baron brauchte das gerade nicht
+zu wissen, und sie fuhr wie überlegend fort. »Dafür ist aber auch dem
+Menschen der Verstand gegeben, daß er ihn richtig gebraucht und anwendet,
+und sollten die höheren Stände mit allen ihnen zu Gebote stehenden
+Mitteln nicht besonders da mehr bevorzugt sein, eine größere und
+gediegenere Kraft in die Wagschale zu werfen, als der rohe und
+ungebildete Bauer es im Stande wäre?«
+
+»Der rohe und ungebildete Bauer,« erwiederte der Baron achselzuckend,
+»hat von dem Schöpfer eine Art von Instinct bekommen, der gerade da
+anfängt, wo sein Verstand aufhört, und mit oft unbewußter Benutzung
+desselben macht er zu Zeiten die erstaunlichsten und unbegreiflichsten
+Dinge möglich.«
+
+»Sie sind eingeschüchtert, lieber Baron,« sagte die Gräfin lächelnd,
+indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte.
+
+»Und habe alle Ursache dazu,« seufzte der Baron.
+
+»Sie haben durch eine Reihe von widrigen Zufälligkeiten nicht unbedeutende
+Verluste erlitten,« fuhr die Gräfin fort, »das hat Sie kopfscheu gemacht
+-- Oskar, ich bitte Dich um Gottes Willen, laß das furchtbare Getöse mit
+der Glocke, ich werde wahrhaftig noch ganz nervös --, verlieren Sie
+jetzt den Muth, so ist Alles verloren, unwiederbringlich. Bewahren Sie
+sich aber die Elasticität Ihres Geistes, so können Sie mit Einem Schlage
+alles Verlorene nicht allein wieder einbringen, sondern auch verdoppeln,
+ja, vielleicht verdreifachen.«
+
+»Das ist eben was ich bezweifle,« versicherte der Baron; »aber, verehrte
+Frau, _haben_ Sie vielleicht einen Plan, denn Ihr ganzes Benehmen
+scheint mir nach einem gewissen Ziele hinzustreben -- und wollen Sie
+mich zu Ihrem Vertrauten machen, so könnte ich Ihnen, wenn auch
+möglicher Weise mit weiter Nichts, doch vielleicht mit gutem Rathe zur
+Seite stehen, der oft in nur zu vielen Fällen die Stelle des Capitals
+vertritt.«
+
+»Ich habe allerdings einen Plan,« erwiederte die Gräfin, »der aber schon
+so weit gediehen ist, daß er des Raths kaum mehr bedarf, denn er basirt
+auf Thatsachen, auf Zahlen, auf genauer Kenntniß der Grundlagen. _Wenn_
+ihn deshalb noch Etwas fördern kann, so ist es einzig und allein _Capital_.
+Doch davon später, lieber Baron, denn ich höre eben meine Tochter
+kommen, und Oskar entwickelt heute eine so liebenswürdige Ungeduld, daß
+wir das Essen nicht länger warten lassen dürfen.«
+
+Der Baron war zu viel Weltmann, um seiner eigenen Ansicht über »Oskar's
+Ungeduld« einen selbstständigen Ausdruck zu geben. Er machte deshalb nur
+eine stumme Verbeugung gegen die Gräfin, reichte ihr dann den Arm und
+führte sie, wie in seinen schönsten Tagen daheim, die drei Schritte
+bis zu dem einfachen Tannentische. Über diesen war aber ein kostbares
+Damasttuch gebreitet, auf dem neben den weißen Steinguttellern schwere
+englische Löffel und Gabeln lagen, die im Besitze einer Gräfin recht gut
+für echtes Silber angesehen werden konnten.
+
+Comtesse Helene betrat in diesem Augenblicke das Zimmer, und Vollrath
+hatte sein Spiel beendet und das Instrument geschlossen.
+
+Helene war wirklich ein schönes Mädchen von nicht zu hohem, aber
+schlankem und üppigem Wuchse, mit vollem, fast goldblondem Haare und
+dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verführerischen Grübchen im Kinn,
+und Hand und Arm vollkommen makellos. Das festanschließende, lichtgraue
+Kleid von allerdings nur einfach wollenem Stoffe hob ihre Büste so viel
+mehr hervor, während die selbst schon hierher gedrungene Crinoline nur
+dann und wann einer kleinen, sehr zierlichen Fußspitze gestattete, an's
+Tageslicht zu kommen.
+
+»Das gnädige Fräulein sind heute wieder einmal gar nicht fertig
+geworden,« empfing sie Oskar, dessen Laune dadurch nicht gebessert
+schien, daß Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene beachtete aber
+auch den Vorwurf nicht, begrüßte ziemlich förmlich den Baron, nickte
+Vollrath freundlich zu, und ging dann, ehe dieser mit sich einig
+geworden schien, ob er ihr den Arm bieten solle oder nicht, rasch zu
+ihrem Platze am Tische, an dem sie sich, mit einladender Bewegung für
+die Übrigen, zuerst niederließ.
+
+Das Diner war so einfach, wie es das Leben in einer solchen Colonie und
+die Arbeit einer einzelnen Köchin, die zugleich alle anderen Hausdienste
+verrichten mußte, mit sich bringt: Suppe, ein Braten mit zweierlei
+Gemüse und etwas eingekochtem Obste, und zum Dessert die vortrefflichen
+Orangen und Granatäpfel des Landes.
+
+Niemand machte hier auch größere Ansprüche, oder war an Weiteres
+gewöhnt, und das Gespräch drehte sich während der Tafel hauptsächlich um
+die neuerwarteten Einwanderer, da sich das Gerücht über deren Ankunft
+schon durch die ganze Colonie verbreitet hatte. Ist es doch auch immer
+ein Moment für solche Ansiedelung, einen neuen Zuschuß von Fremden zu
+bekommen, von denen ein kleiner Theil stets in der Stadt selber bleibt
+und vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn bekannt wird man ja
+natürlich mit Allen.
+
+Nur Vollrath, der neben Helenen saß, war still und einsilbig, und schien
+sich nicht einmal für Oskar's Ansichten, die dieser über brasilianische
+Pferde entwickelte, zu interessiren; Oskar sprach überhaupt _nur_ über
+Pferde.
+
+Das Diner ging so vorüber -- Oskar plauderte in Einem fort, ob ihm
+Jemand zuhörte oder nicht -- der Baron und die Gräfin, in deren Gespräch
+sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten sich lebendig, und nur
+Vollrath schwieg hartnäckig still. Ein paar Mal schien er freilich den
+Mund öffnen zu wollen -- aber es blieb eben immer nur bei dem Versuch,
+und Helenen war es nicht entgangen, daß er irgend Etwas auf dem Herzen
+trage, was ihn beenge -- wußte sie was es war? Aber so unbefangen sie
+sich stets gegen ihn gezeigt, so unbefangen blieb sie auch heute, und
+als das Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den Garten gegangen
+war, legte sie ruhig und lächelnd ihren Arm in den seinen und sagte:
+»Kommen Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf und ab gehen.
+-- Oskar ist heute unausstehlich, weil ich ihm in unserem Wettrennen
+vorgekommen bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem alten steifen
+Baron eine so hochwichtige Besprechung, daß sie alles Andere, was um sie
+her vorgeht, zu vergessen scheinen.«
+
+Vollrath schoß das Blut in Strömen in's Gesicht, aber er verbeugte sich
+leicht, nahm den Arm und schritt mit der jungen Schönen den Garten
+entlang. Helenen aber genügte der beschränkte Raum heute nicht: war es
+die Aufregung des scharfen Rittes, war es der Ärger über den Bruder,
+kurz, sie stieß die kurze Gartenpforte auf, die an dieser Seite gerade
+nach den zu einer Art von Promenade umgewandelten Büschen hinausführte,
+und wanderte langsam mit ihrem Begleiter den schmalen Weg entlang, der,
+immer in Sicht der Häuser, sich fast um die Ansiedlung schlängelte.
+
+Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank gelegt und rauchte, ein Bein
+über das andere gelegt, seine Cigarre, und die Gräfin ging mit dem Baron
+wieder in eifrigem Gespräche im Garten auf und ab.
+
+»Aber, verehrte Frau,« sagte der Baron jetzt, »Sie rücken noch immer
+nicht mit Ihrem Projecte heraus. Sie reden nur fortwährend von glänzenden,
+sorgenfreien Aussichten, von Rückkehr in die Heimath, von -- ich weiß
+selber kaum was, und den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im
+Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, daß ich einen Mißbrauch damit
+treiben und als Ihr Concurrent in irgend einer glücklichen Speculation
+auftreten könnte?«
+
+»Mein lieber Baron -- nein, das nicht,« sagte die Gräfin nach einigem
+Zögern, »und ich habe auch den Entschluß jetzt gefaßt, Sie zu meinem
+Vertrauten zu machen -- vielleicht werden wir doch noch Compagnons,«
+lächelte sie dazu.
+
+»Ich bin auf das Äußerste gespannt,« sagte der Baron.
+
+»Sie müssen bemerkt haben,« fuhr die Gräfin fort, »daß mir sowohl wie
+Helenen eine Beschäftigung in diesem Lande fehlt.«
+
+Des Barons Blick suchte unwillkürlich die junge Dame, die er gerade noch
+durch eine Lücke der Bäume mit ihrem Begleiter erkennen konnte.
+
+»Helene besonders,« fuhr die Gräfin fort, »hat mich schon lange gebeten,
+eine leichte Arbeit aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser
+hinbringen könne, denn immer Lesen und Clavierspielen geht ja doch auch
+nicht, noch dazu in einer so prosaischen und sogenannten praktischen
+Umgebung, wie die ist, in der wir uns befinden.«
+
+»Ich werde immer gespannter,« versicherte der Baron, und er hatte die
+Augenbrauen schon bis unter den Hut hinaufgezogen.
+
+»Wenn man nun unter so _praktischen_ Leuten fortwährend lebt,« lächelte
+die Gräfin, »so ist es wohl ganz natürlich, daß ein klein Wenig davon
+auch an unserer Natur hangen bleibt, und ich habe denn auch schon das
+ganze letzte Jahr nach der und jener Seite hinüber gehorcht, an was man
+im rechten Augenblicke und mit den rechten Mitteln die Hand legen könnte
+-- ich glaube, ich habe jetzt gefunden was ich suchte.«
+
+»Sie hätten wirklich?«
+
+»Ich habe gefunden und außerdem die genauesten Erkundigungen deshalb
+eingezogen,« fuhr die Gräfin fort, »daß hier im Lande eine ganz enorme
+Quantität von _Cigarren_ verbraucht wird, die man sämmtlich mit einem,
+zu den Kosten des Rohtabaks in gar keinem Verhältnisse stehenden hohen
+Preise bezahlt.«
+
+»_Cigarren_?« fragte der Baron erstaunt.
+
+»Nun sind gerade gegenwärtig eine Menge junger Leute hier in der Colonie
+-- und es werden mit dem Schiffe noch mehr erwartet -- von denen viele,
+besonders alle aus Bremen stammende, Cigarren zu drehen verstehen. Hier
+auf diesem Zettel finden Sie außerdem den Preis guten Blättertabaks genau
+zusammengestellt, eben so die Löhne für die Fabrikarbeiter, die nach dem
+Hundert oder Tausend bezahlt werden. Eine Cigarre nur einigermaßen guten
+Tabaks ist aber hier nicht unter zwanzig Reis das Stück zu bekommen, und
+nun berechnen Sie selber, welcher enorme Nutzen dem Fabrik_herrn_ werden
+muß, wenn die Sache nur ein klein Wenig in's Große getrieben wird.«
+
+»Hm,« sagte der Baron, der aber doch nur einen flüchtigen und
+zerstreuten Blick über das Papier warf, »und mit etwas Derartigem
+wollten Sie sich befassen?«
+
+»Und warum denn nicht?« sagte die Frau Gräfin, indem sie einer leichten
+Verlegenheit Meister zu werden suchte. »Wir müssen in der That eine Art
+von Beschäftigung haben, wenn wir hier nicht vor Langerweile sterben
+sollen, und Helene sehnt sich so danach, ja selbst Oskar, der jetzt vor
+lauter Muthwillen gar nicht weiß, was er für Tollheiten angeben soll.«
+
+Der Baron Jeorgy war in der That Nichts weniger auf der Welt als ein
+praktischer Charakter, der auf einen gewissen Überblick Anspruch machen
+konnte, um wirklich Ausführbares von bloßen Chimären zu unterscheiden.
+Hatte er aber schon zu viele bittere Erfahrungen mit ähnlichen Projecten
+gehabt, oder war es ihm vollkommen unmöglich, sich die Comtesse Helene
+und den jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigarrenmacher zu denken,
+aber er schüttelte doch ganz ernsthaft und bedenklich mit dem Kopfe und
+sagte:
+
+»Aber, gnädigste Frau Gräfin, haben Sie sich denn die Sache wirklich
+schon recht genau überlegt, und vermuthen Sie, daß Sie einen, alle dem
+Ärger und der Schererei entsprechenden Nutzen daraus ziehen könnten?«
+
+»Mein lieber Baron,« erwiederte die Gräfin lebhaft, »das können Sie sich
+doch wohl denken, daß ich ein solches Unternehmen nicht entriren würde,
+wenn ich mich nicht vorher gründlich damit bekannt gemacht. Helene
+brennt ordentlich darauf zu beginnen, und Oskar selber hat versichert,
+daß es ihm ungeheuren Spaß machen würde, selber Cigarren zu drehen.«
+
+»So? In der That? Hm! Und haben die beiden jungen Herrschaften also
+darin schon einen Versuch gemacht?«
+
+»Jetzt schon -- wo denken Sie hin?« lachte die Gräfin. »Das _selber_
+Cigarren machen muß doch auch immer nur Nebenbeschäftigung bleiben,
+wenn es vielmehr darauf ankommt, eine große Anzahl von Arbeitern zu
+überwachen. Aber es ist nöthig, daß es Jeder von uns versteht, um etwa
+vorkommende Fehler andeuten und rügen zu können, und deshalb wollen wir
+auch Alle ordentlich mit zugreifen.«
+
+Der Baron, die Hände auf den Rücken gelegt, nickte langsam und bedächtig
+mit dem Kopfe, und manchmal schüttelte er ihn auch ganz in Gedanken,
+aber er sagte kein Wort. Es entstand dadurch für die Gräfin eine etwas
+peinliche Pause, denn sie hatte erwartet, daß der Baron die Enthüllung
+dieses Planes mit mehr Enthusiasmus aufnehmen würde. Der Baron blieb
+aber vollkommen kalt, und schien nicht die geringste Lust zu haben auch
+nur eine Bemerkung zu machen.
+
+»Und was sagen Sie dazu?« unterbrach endlich die Gräfin das ihr lästig
+werdende Schweigen. -- Der Baron zuckte die Achseln.
+
+»Ja, lieber Gott, was _kann_ ich dazu sagen? Ich verstehe nicht das
+Geringste von Tabak oder Cigarren, das ausgenommen, daß ich beim Rauchen
+eine gute von einer schlechten unterscheiden kann. Wenn Sie aber fest
+dazu entschlossen sind und das nöthige Capital dazu besitzen, so -- weiß
+ich in der That nicht....«
+
+»Aber _das_ gerade hab' ich noch nicht,« unterbrach ihn die Gräfin etwas
+gereizt, »wenigstens nicht in diesem Augenblicke, und meine Ungeduld,
+die mich jeden neu gefaßten Plan mit voller Energie ergreifen läßt, war
+die alleinige Veranlassung, daß ich _Ihnen_ Gelegenheit gab, sich bei
+dem Unternehmen zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht etwa an dem
+Erfolg?«
+
+»Beste Frau Gräfin,« betheuerte der Baron, der, stets voller
+Rücksichtsnahmen, schon vor der Idee eines Widerspruches
+zurückschreckte; »ich erlaube mir nicht im Geringsten daran zu
+zweifeln, und hoffe von ganzer Seele, daß Sie ein außergewöhnlich
+günstiges Resultat erzielen werden, aber --«
+
+»Aber?«
+
+»Aber,« fuhr der Baron, sich verlegen die Hände reibend, fort, -- »ich
+besitze kein Capital, um mich dabei zu betheiligen.«
+
+»Sie besitzen kein Capital?« sagte die Gräfin erstaunt.
+
+»Ich besitze allerdings ein kleines«, verbesserte sich der Baron, »was
+ich aus dem Verkaufe meiner Chagra und meines Viehes, besonders meiner
+Pferde, gelöst habe, aber ich brauche das nothwendig zu meinem
+unmittelbaren Leben, und wenn ich dasselbe angreife, bin ich am Ende
+genöthigt, mir noch auf meine alten Tage mein Brod mit Handarbeit zu
+verdienen.«
+
+»Und glauben Sie nicht, daß Sie das Drei-, ja, vielleicht Vierfache
+ihrer _jetzigen_ Zinsen bei einem solchen Unternehmen herausschlagen
+könnten?« lächelte die Gräfin.
+
+Der Baron hätte um sein Leben gern »Nein« gesagt, aber er riskirte es
+nicht; die etwas hitzige Gräfin hätte sich beleidigt fühlen können, und
+er erwiederte nur achselzuckend:
+
+»Ich bin zu alt zur Speculation, meine Gnädigste, und -- außerdem ist
+mir die Sache auch wirklich noch zu neu -- zu fremd -- es kam mir zu
+überraschend. Gestatten Sie mir, daß ich mich vorher ein Wenig
+informire, und wir können ja dann später mit Muße darüber sprechen.«
+
+»Aber die Zeit drängt, mein bester Baron,« versicherte die Gräfin; »ich
+habe die nicht unbegründete Vermuthung, daß sich Andere mit einer ähnlichen
+Idee tragen, und es ist in der That seltsam, daß ein solches auf der
+Hand liegendes Unternehmen nicht schon lange mit Begierde aufgegriffen
+ist. Was also geschehen soll, muß rasch geschehen. Ich habe dabei von
+Anfang an auf Sie gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund meines
+Hauses kannte, und ich hoffe nicht, daß Sie mich jetzt im Stiche lassen
+werden.«
+
+Dem Baron kam es allerdings etwas wunderlich vor, daß die Frau Gräfin
+gerade auf _ihn_ von Anfang an gerechnet haben sollte, während sie ihn
+erst im letzten entscheidenden Augenblicke davon in Kenntniß setzte. So
+groß seine Höflichkeit aber auch sein mochte, der Trieb zur Selbsterhaltung
+war doch noch größer, und mit viel mehr Entschiedenheit, als er bis
+jetzt gezeigt und überhaupt der Gräfin gegenüber für möglich gehalten
+hätte, sagte er, indem er seine Tabaksdose in allen Taschen suchte:
+
+»Man soll eine Dame nie im Stiche lassen, meine Gnädigste, aber -- ich
+bitte tausendmal meiner Hartnäckigkeit wegen um Entschuldigung -- ich
+muß doch darauf bestehen, vor allen Dingen mir eine größere Kenntniß
+über den Betrieb dieser Angelegenheit zu verschaffen. Apropos -- sollte
+sich der Director Sarno nicht am Ende bewogen finden, ein so gemeinnütziges
+Unternehmen aus Regierungsmitteln zu fördern?«
+
+Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und Verachtung zuckte um die Lippen
+der Dame, als sie erwiederte:
+
+»Ja, wenn ihm Einer der Bauern den Vorschlag gemacht hätte.«
+
+»So haben Sie schon mit ihm darüber gesprochen?« rief der Baron, von
+dieser Wendung sichtlich überrascht.
+
+Die Gräfin hatte sich in ihrem Unmuthe verleiten lassen, mehr zu sagen
+als sie eigentlich wollte. Was noch gut zu machen war, that sie.
+
+»Fällt mir nicht ein,« sagte sie wegwerfend; »der Herr Director und
+ich stehen nicht auf einem so freundschaftlichen Fuße zusammen, ihm
+eine solche Mittheilung zu machen, und ich werde mich hüten, mit
+der brasilianischen Regierung etwas Derartiges zu beginnen, die mir
+vielleicht fünfzehn oder zwanzig Procent für meine Mühe ließe. Doch
+Sie verlangen Zeit, mein lieber, ängstlicher Freund, und sein Sie
+versichert, daß ich Sie nicht drängen möchte. Überlegen Sie sich also
+die Sache, sagen Sie mir aber bis spätestens morgen früh Antwort, oder«
+-- setzte sie hinzu, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte -- »ich
+halte mich an kein Versprechen mehr gebunden, und sehe mich nach einem
+andern Compagnon um.«
+
+Der Baron machte eine stumme, dankende Verbeugung, schien aber von
+dieser directen Drohung keineswegs so eingeschüchtert, wie es die
+Wichtigkeit der Sache hätte sollen vermuthen lassen. In diesem
+Augenblicke bekam er aber auch Succurs, denn ihr Gespräch wurde durch
+jenes wunderliche Individuum, Jeremias, unterbrochen, der plötzlich in
+den Garten kam, ohne Weiteres auf die Frau Gräfin und den Baron zuging,
+und Beiden, ehe sie es verhindern konnten, auf das Cordialste die Hand
+schüttelte. Oskar, der Zeuge dieser Scene war, lag noch immer in der
+Laube auf der Bank und wollte sich jetzt ausschütten vor Lachen.
+
+Oskar war auch in der That die eigentliche Ursache dieser plötzlichen
+Begrüßung gewesen, denn während er in der Laube seine Siesta hielt,
+da ihn die Projecte der Frau Mutter wenig interessirten, hatte er nur
+über seinen heutigen Verlust, den Pferdejungen, nachgedacht, der sich
+auf so grobe Weise empfohlen, und dabei hin und her überlegt, wie er
+denselben wohl ersetzen könne. Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem
+Sonntag-Nachmittag-Spaziergange begriffen, an der Laube vorüber, und
+Oskar, der den sonderbaren Burschen schon kannte, und sich oft über ihn
+amüsirt hatte, glaubte in ihm einen passenden Ersatz gefunden zu haben
+und rief ihn auch ohne Weiteres an und herein.
+
+»Guten Tag, Frau Gräfin,« sagte Jeremias indessen, durch das etwas
+erstaunte Zurückfahren der Dame nicht im Mindesten beirrt -- »schönen
+guten Tag, Herr Baron -- prächtiges Wetter heute -- wie bei uns im
+Sommer -- nur ein Bißchen heiß -- Herr Gott, wie man schwitzt!«
+
+»Und was wollen Sie?« fragte die Gräfin, wie in Gedanken die eben
+erfaßte Hand mit ihrem Batisttuche abwischend. Jeremias war das auch
+nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls seine eigenen arbeitharten
+Fäuste, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Aber er
+nahm weiter keine Notiz davon, sondern sagte nur, freundlich ihr
+zunickend:
+
+»Der junge Herr da hinten hat mich gerufen; will einmal zu ihm gehen und
+sehen, was er wünscht -- amüsiren Sie sich gut« -- und mit einer Art von
+Kratzfuß drückte er den Hut wieder in die Stirn und wandte sich dorthin,
+wo Oskar schon wieder sein: »Jeremias, hieher!« herüber rief.
+
+»Hat ihm schon,« antwortete Jeremias, als er in die Laube trat, sich
+ohne Weiteres auf die andere Bank setzte und vergnügt mit den kurzen
+Beinen schlenkerte; »hier ist's hübsch kühl; wenn man jetzt hier ein Maß
+baierisch Bier und einen Handkäs hätte, könnte man's eine ganze lange
+Weile aushalten.«
+
+Oskar hatte sich das Benehmen eines künftigen Pferdejungen wahrscheinlich
+anders gedacht; mit den Sonderbarkeiten des Burschen aber schon bekannt,
+beachtete er es nicht weiter und fragte ohne Umschweife.
+
+»Willst Du Geld verdienen, Jeremias?«
+
+»Immer,« lautete die kurze bündige Antwort.
+
+»Kannst Du Pferde warten?«
+
+»Kann ich?« sagte Jeremias im Selbstvertrauen.
+
+»Und wie viel verlangst Du monatlich?«
+
+»Hm,« meinte der Bursche, den brennend rothen Schopf kratzend, der sich
+jetzt, als er dazu den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abgetragene
+Perrücke auswies, »je mehr, je besser -- was lohnt's denn eigentlich?«
+
+»Sechs Milreis.«
+
+»Und sonst noch was?«
+
+»Stiefelputzen --«
+
+»Ne, so mein' ich's nicht,« sagte Jeremias, »ob noch sonst etwas bei den
+sechs Milreis wäre, wie Schnaps, Frühstück, Trinkgeld oder dergleichen.«
+
+»Wenn Du Dich gut hältst, gewiß,« sagte der junge Graf.
+
+Jeremias schob beide Hände, so tief er sie bekommen konnte, in seine
+Hosentaschen und spitzte den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle.
+Er pfiff aber nicht, sondern sah nur nachdenklich vor sich nieder. Endlich
+sagte er nach einer kleinen Pause, indem er die Hände wieder aus den
+Taschen nahm und seine Perrücke zurecht schob:
+
+»Na, ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr, wir wollen's einmal einen
+Monat zusammen versuchen, wöchentliche Kündigung natürlich von beiden
+Theilen, wenn ich _Ihnen_ nicht gefallen sollte oder Sie _mir_ nicht --
+außerdem gegenseitige Hochachtung und ein Milreis Handgeld -- sind Sie
+das zufrieden?« -- und er hielt dabei Oskar die Hand in so drolliger
+Weise zum Einschlagen hin, daß der junge Bursche, der bei Erwähnung des
+Milreis Handgeld einen Augenblick gestutzt hatte, lachend einschlug und
+ausrief:
+
+»Gut, Jeremias, so wollen wir es denn, wie Du sagst, einmal zusammen
+versuchen -- hier ist Dein Milreis, und nun beginne Dein Geschäft gleich
+damit, daß Du vor das Haus gehst und das dort stehende Pferd meiner
+Schwester hereinführst und absattelst.«
+
+»Donnerwetter, das geht geschwind!« meinte Jeremias, »und eigentlich
+wäre heute Sonntag. Das arme Thier kann aber auch nicht da draußen
+stehen bleiben -- also, junger Herr, wir sind jetzt für einen Monat mit
+einander zusammengegeben, wie der Pfarrer sagt.«
+
+Dabei nahm er das Milreisstück, betrachtete es einen Moment aufmerksam,
+schob es dann in die Tasche, machte eine kurze, nicht ungeschickte
+Verbeugung und verließ rasch den Garten, um den überkommenen ersten
+Auftrag auszuführen.
+
+Aber auch der Baron hatte diese kleine, ihm sehr gelegene Unterbrechung
+benutzt, dem ihm unangenehm werdenden Gespräche mit der Gräfin eine
+andere Wendung zu geben, und als jetzt auch die Comtesse zurückkehrte,
+die Vollrath aber nur bis an die Gartenthür begleitete und sich dann
+empfahl, schützte er plötzliches Kopfweh vor und beurlaubte sich ebenfalls
+mit der gewohnten Förmlichkeit bei den Damen.
+
+Die Gräfin hatte indessen Vollrath ankommen und wieder gehen sehen, und
+wenn sich ihr Geist auch gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigte,
+war ihr doch das auffallend bleiche und niedergedrückte Aussehen des
+jungen Mannes nicht entgangen. Sie warf einen forschenden Blick auf
+ihre Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen auch einen ganz
+ungewohnten Glanz hatten, verrieth durch Nichts einen in ihr aufsteigenden,
+plötzlichen Verdacht. Nur, als das junge Mädchen den Kopf abwandte
+-- vielleicht um ihr Antlitz dem mißtrauischen Auge der Mutter zu
+entziehen -- und sich dem Hause zuwandte, sagte die Dame leise:
+
+»Helene!«
+
+»Mutter?« fragte die Tochter und wandte sich halb nach ihr um.
+
+»Was ist denn mit Vollrath vorgegangen? Er hatte, als er Dich verließ,
+keinen Blutstropfen in seinem Gesichte.«
+
+»Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.«
+
+»Und Du bist auch so sonderbar.«
+
+»Ich, Mutter?«
+
+»Ja -- Du -- Helene, ich will nicht hoffen, daß Du....«
+
+»Was, Mutter?« sagte Helene, und ihr Auge haftete kalt und ernst auf den
+strengen Zügen derselben.
+
+»Es ist gut, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sie einen Moment
+aufmerksam betrachtet hatte. »Ich glaube, ich kann mich fest auf Dich
+verlassen, und Du bedarfst keiner Wächterin.«
+
+»Ich denke nicht, Mutter,« sagte Helene, indem ein leichtes zorniges
+Roth ihre Wangen färbte. Dann wandte sie den Kopf wieder ab und schritt,
+ohne der Mutter Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben, rasch in das
+Haus hinein und hinauf in ihr Zimmer, wo sie sich einschloß und an dem
+Abend nicht mehr zum Vorschein kam.
+
+
+
+
+4.
+
+Die »Meierei«.
+
+
+Dicht über der Colonie Santa Clara, wenn man in gerader Richtung eben
+hätte hinauf kommen können, aber durch einen ziemlich steilen Hang,
+an dem nicht einmal ein Fußsteig empor führte, davon getrennt, lag
+die Wohnung des Colonisten Meier, den der Director gegen Könnern den
+_Einsiedler_ genannt hatte. Allerdings lief ein Fahrweg bis dicht an
+seine kleine, wenig bebaute Chagra, aber er wurde nicht häufig benutzt,
+da er nur zu sehr entfernten Ansiedelungen führte, und die Bewohner der
+»Meierei« -- wie man den Platz scherzweise genannt hatte -- kamen nie
+selber in die Colonie hinab. Insbesondere der Eigenthümer, der alte Herr
+Meier, hielt sich so von der Welt abgeschlossen, daß es eine Menge
+älterer Ansiedler in Santa Clara gab, die sich gar nicht erinnerten,
+sein Gesicht je gesehen zu haben.
+
+Auffallend war dabei, daß er nie Briefe empfing oder schrieb, und doch
+mußte er sich, seinem ganzen Wesen, allen seinen Gewohnheiten nach daheim
+in der besten Gesellschaft bewegt haben. Wie er aber sein kleines Haus
+dicht hinter den Schutz der Bäume gebaut hatte, daß es lauschig und
+versteckt dort lag, weder gestört, noch selbst beachtet von der Außenwelt,
+so hielt er sich selber und seine Familie dem regen Leben und Treiben
+fern, das unter ihm wogte -- es nicht suchend und nicht von ihm gesucht.
+
+Er lebte dabei ganz seiner Familie, mit der er sich einzig und allein
+beschäftigte und in der er vollkommenen Ersatz für die übrige Welt
+zu finden schien. Im ersten Jahre freilich fehlte dem an Thätigkeit
+gewohnten Manne eine bestimmte und ausgesprochene Beschäftigung, und er
+genügte dem Drange nach Arbeit nur dadurch, daß er seinen eigenen Garten
+anlegte, umgrub und pflanzte. Das aber konnte ihn auf die Länge der Zeit
+nicht befriedigen, und da er manche Tischlerarbeiten in seinem Hause zu
+machen hatte, und einen jungen, sehr geschickten Arbeiter dazu fand,
+schaffte er sich selber Werkzeug an und lernte bald die verschiedenen
+Griffe und Vortheile dieses Handwerks. Dann kaufte er sich eine Drehbank,
+und nahm sich auch hiefür auf kurze Zeit einen Lehrer an. Außerdem
+verstand er schon daheim ein Wenig von der Malerei, was er jetzt in
+seinen Mußestunden noch weiter ausbildete. Eine recht hübsche Bibliothek
+hatte er sich ebenfalls angeschafft, und da er bei allen diesen
+Beschäftigungen viel praktischen Verstand besaß, so richtete er sich in
+wenigen Jahren seine kleine Heimath so allerliebst und traulich her, daß
+jedes Zimmer einem Puppenstübchen glich, ohne daß er dabei aber auch nur
+den geringsten Luxus getrieben hätte.
+
+Nach Außen vermied er jedoch Alles, was nur im Geringsten die
+Aufmerksamkeit eines Fremden hätte auf sich ziehen können; er wollte nun
+einmal mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn auch dazu bewogen
+haben konnte, auf die geschickteste Weise wich er jeder Annäherung
+fremder Menschen aus.
+
+Seine Familie bestand, wie schon erwähnt, nur aus seiner Frau und einer
+erwachsenen Tochter. Diese, Elise, hatte erst dreizehn Sommer gezählt,
+als er, vor nun sieben Jahren, die damals kaum entstandene und noch
+ziemlich wilde Colonie erreichte, und wenn auch ein junges Mädchen in
+diesem Alter wohl berechtigt ist, größere Ansprüche an das Leben zu
+stellen, während sie hier -- obgleich von allen Bequemlichkeiten
+umgeben -- wie auf einer wüsten Insel saß, so schien doch Elise das
+nie zu fühlen oder irgend einen andern Wunsch zu kennen als den, die
+Häuslichkeit ihrer Eltern eben zu theilen, wie sie war. Auch auf ihren
+Charakter hatte das stille, abgeschlossene Leben nicht den geringsten
+nachtheiligen Einfluß ausgeübt. Sie war immer heiter und guter Laune und
+eigentlich das einzige sonnige Element im Hause.
+
+Wenn auch ihre Eltern selbst glücklich mit einander lebten, und nie ein
+hartes oder auch nur unfreundliches Wort zwischen ihnen vorfiel, so lag
+doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief eingeschnittener Zug von
+Schwermuth, den wegzuscheuchen nur allein der Tochter, nie der Mutter
+gelang.
+
+Noth oder Sorge um den Lebensunterhalt konnte das nicht sein, denn Meier
+war, wenn auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne die Mittel,
+sich eine sichere Existenz zu wahren. Konnte es Heimweh sein -- vielleicht,
+aber Niemand erfuhr das, Niemand hörte je eine Klage, wie er etwaigen
+Fremden, mit denen er trotz aller Vorsicht gelegentlich zusammentraf,
+wenn er nur die Schüchternheit der ersten Begegnung überwunden hatte,
+auch stets das nämliche freundliche Lächeln zeigte. Es lag dabei etwas
+in seinem ganzen Wesen, das rasch für ihn einnahm, wenn man nur kurze
+Zeit in seiner Nähe weilte. War es das lange, schlichte, schneeweiße
+Haar, das er mitten auf dem Kopfe gescheitelt trug, und das sonderbarer
+Weise erst hier in Brasilien diese Farbe des Alters, und zwar gleich im
+ersten Jahre, angenommen hatte, war es der leichte, leidende Zug um den
+Mund, den selbst das Lächeln der feingeschnittenen Lippen nicht ganz
+zerstören konnte, war es sein mildes, nachgebendes Wesen, man wußte es
+selber nicht, aber konnte dem Manne, trotz seiner Eigenheiten, nie böse
+sein.
+
+Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte seine Gattin, obgleich
+man auch ihr auf den ersten Blick ansah, daß sie sich stets in guter
+Gesellschaft bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zurückhaltende ihres
+Mannes, ohne dessen milde Freundlichkeit, und der mißtrauische Blick
+ihres kleinen, grauen Auges, mit dem sie jeden Fremden, ja, selbst
+Leute, die sie lange als Nachbarn kannte, betrachtete, munterte eben
+nicht zu einem freundlichen Zusammenleben mit ihr auf. Übrigens war sie
+eine noch recht hübsche, stattliche Frau, von vielleicht sieben oder
+achtunddreißig Jahren, und die einzige Meinungsverschiedenheit, welche
+je zwischen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war die, daß sie sich mehr
+dem geselligen Leben der Colonie hinzugeben wünschte.
+
+So nachgebend dieser aber auch in jeder andern Beziehung sein mochte, an
+dieser Klippe scheiterte selbst jede Bitte von Frau und Tochter. Was
+ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit, ja, selbst hier und da an einem
+versteckten Luxus bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die Hand
+und erfüllte selbst jeden nur geahnten Wunsch; aber über die Gränze
+seines kleinen Besitzthums ging er nicht hinaus, und sogar das zufällige
+Lichten der Pflanzenmauer, die seinen kleinen Klosterhof umschloß und,
+durch den Sturm niedergebrochen, sein Haus der Aussicht öffnete, schien
+ihn zu geniren und zu stören. Er versäumte wenigstens keine Stunde am
+nächsten Morgen, die zerrissene Lücke durch eine Anpflanzung anderer
+junger Palmen und Büsche zu ersetzen, die freilich jetzt Zeit brauchten,
+bis sie die nöthige Höhe wieder erreichten, aber doch wenigstens den
+untern Theil des Hauses deckten.
+
+Es war an dem nämlichen Sonntagnachmittage, daß drei Reiter den schmalen
+Weg heraufritten, der zu der sogenannten »Meierei« führte, der Director
+Sarno mit den beiden Freunden Könnern und Günther; und erst, als sie
+in die Nähe des kleinen, freundlich gelegenen Hauses kamen, hielt der
+Director sein Pferd an und sagte, mit dem Arme in eine früher gehauene
+Schneuße hinein deutend:
+
+»Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies ist die zweite, alte Linie,
+die damals von jenem Stümper ausgeschlagen wurde. Wenn Sie nur Ihren
+Taschencompaß herausnehmen, sehen Sie schon welchen Bock jener gescheute
+Herr geschossen, der es möglich machte, die Variation auf die verkehrte
+Seite vom Pol zu legen. Die ganze Vermessung ist dadurch vollkommen
+werthlos geworden und muß neu gemacht werden. Die nächst gelegenen sechs
+Kolonien gehören aber jenem Herrn in dem Hause da drüben, der sich einen
+ziemlich bedeutenden Landstrich hier erworben, nur um, wie es scheint,
+keinen nahen Nachbar zu bekommen, denn was er selber bis jetzt urbar
+gemacht, ist sehr unbedeutend. Jedenfalls müssen wir aber dessen Gränzen
+mit bestimmen, damit wir wissen wo das noch freie Land beginnt, und
+ich möchte _diesen_ District, wie jenen südlich von der Ansiedlung, am
+Liebsten zuerst in Angriff genommen haben. Diesen hier nehmen Sie also
+vielleicht gleich morgen vor, denn von hier aus streckt sich eine
+ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiser Steigung dem nächsten
+Bergrücken zu, und Sie können hier eine tüchtige Anzahl Varas den Tag
+ablegen.«
+
+»Und ist der Wald sehr dicht?«
+
+»Nicht übermäßig. Ich will Ihnen Ihr Amt auch nicht zu schwer machen und
+einen zu breiten Ausschlag verlangen, gründlich _müssen_ die Linien
+aber gelegt und die Bäume besonders so markirt werden, daß die hiesige
+Vegetation nicht die Spuren in ein paar Jahren wieder verwächst und
+vernichtet -- wir sprechen darüber noch heute Abend, ob wir Theer mit
+Buchstaben von weißer Ölfarbe oder vielleicht gar Blechplatten nehmen,
+was freilich bedeutend mehr Kosten macht.«
+
+»Und wie viel Leute glauben Sie, daß ich mit mir nehmen soll?«
+
+»Kommen Sie, wir reiten einmal ein kurzes Stück in den Wald hinein, der
+sich dort hinüber ziemlich gleich bleibt,« erwiederte der Director,
+»Sie können es dann selber leicht beurtheilen. Sparen Sie lieber nicht
+mit den Leuten, wenn Sie dadurch rascher vorwärts rücken, denn Sie
+vermessen ja dafür auch so viel mehr, und ich garantire Ihnen, daß Sie
+hier, um nur das _Nothwendigste_ fertig zu bringen, drei volle Monate
+scharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in der möglichst kurzen Zeit
+beenden, desto besser ist es; denn wenn uns die neuen Ansiedler erst
+noch auf den Hals kommen, und ich weiß nicht wo ich sie unterbringen
+soll -- dann ist es mit dem Frieden hier vorbei.«
+
+Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und ritt in einen schmalen
+Seitenpfad, von Günther gefolgt, hinein, während Könnern noch in dem
+breiten Wege hielt und sich Meier's stille und trauliche Heimath
+betrachtete. Es lag ein ganz eigener Zauber über dem Platze, dem die
+hier vollkommen tropische Vegetation durch angepflanzte Palmen, Farren
+und die wunderliche Baumform der Pinien einen noch viel größeren Reiz
+verlieh.
+
+Gern wäre er auch einmal zu dem Hause hinüber geritten, die Insassen
+desselben kennen zu lernen, denn daß der Alte so vollkommen menschenscheu
+sein sollte, glaubte er noch nicht recht. Aber er durfte seine Gesellschaft
+nicht zu weit aus den Augen verlieren, und der Director wie Schwartzau
+waren viel zu sehr in ihr »Terrain« vertieft, um sich in diesem
+Augenblicke um etwas Anderes zu kümmern, als Nord und Süd und Ecken und
+Fronten. Günther hatte dazu seinen kleinen Compaß herausgenommen und
+visirte damit, als sie den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel
+interessanteren Front vorüber, wie sie die bestgelegene Colonie hätte
+bieten können, ohne sie auch nur zu sehen, nämlich an einem reizenden
+jungen Mädchen, das, vielleicht sechs Schritte von dem Pfade entfernt,
+mit einem Buche in der Hand unter einer halb natürlichen, halb
+durch Kunst hergestellten Laube saß, und ohne sich zu rühren, die
+vorbeireitenden und in tiefem Gespräche begriffenen Männer beobachtete.
+
+Sie würde sich in der That lieber ganz zurückgezogen haben, hätte sie
+nicht gefürchtet durch eine Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt
+erst, als sie vorüber und schon halb von den Büschen verdeckt waren,
+richtete sie sich empor und drehte den Kopf um, ihnen nachzusehen.
+
+In diesem Augenblicke passirte Könnern die versteckte Laube. Mit keinem
+solchen Interesse an der Vermessung des Bodens, und in der alten
+Gewohnheit des Jägers, das Auge jedem sich regenden Punkte rasch
+zuzuwenden, entdeckte er kaum die liebliche, jetzt verlegen erröthende
+Gestalt, als er auch unwillkürlich sein Pferd anhielt und achtungsvoll
+die Jungfrau grüßte.
+
+War aber für ihn nicht die geringste Veranlassung gewesen, hier zu
+halten, so besaß er entweder in dem Momente nicht Geistesgegenwart
+genug, seinem Thiere wieder rasch den Sporn zu geben, oder die freundliche
+Erscheinung fesselte ihn so, daß er sich nicht gleich wieder losreißen
+konnte und wollte, und nur, um sich aus einer peinlich werdenden
+Situation zu bringen, sagte er verlegen:
+
+»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten Sie gestört zu haben,
+Senhora, aber ich vermuthete hier in der That Niemanden, mitten im
+Walde.«
+
+»Sie haben mich nicht gestört,« erwiederte Elise mit ihrem gewinnenden
+Lächeln, denn die Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keineswegs
+entgangen; »ich fürchte nur, daß Ihre vorangerittenen Freunde den Weg
+verfehlt haben, denn dieser Pfad führt allein wenige Hundert Schritte in
+den Wald hinein und endet dann in einem verworrenen, von Schlingpflanzen
+durchwachsenen Dickicht, durch das sie mit ihren Pferden nicht dringen
+können.«
+
+»Also müssen sie wieder diesen Weg zurück?« fragte Könnern, sichtlich
+darüber erfreut, denn er bekam dadurch eine Entschuldigung, sie hier zu
+erwarten.
+
+»Allerdings,« erwiederte das Mädchen -- »wollen Sie denn zur Colonie
+hinunter?«
+
+»Wenn Sie das kleine Städtchen meinen, nein. Wir kommen eben daher und
+sind nur auf einem Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn das
+Terrain recognosciren, um nöthige Vermessungen vorzunehmen.«
+
+Die Jungfrau, welche, als sie der Fremde anredete, aufgestanden war,
+verbeugte sich leicht und schwieg, und Könnern, der nicht den geringsten
+Anhaltspunkt sah, das Gespräch in schicklicher Weise fortzusetzen,
+grüßte noch viel verlegener als vorher und folgte jetzt den beiden
+Freunden, die er gleich darauf an der von Elisen angedeuteten Stelle
+überholte.
+
+Es war das der nämliche Platz, wo der Director damals die verkehrten
+Arbeiten des von der Frau Präsidentin herübergeschickten Vermessers
+unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun ihre Thiere, um auf den
+breiteren Weg zurückzukehren.
+
+Als sie die Laube passirten, warf Könnern freilich den Blick hinüber, um
+nach der freundlichen Gestalt zu suchen; aber wie eine Erscheinung war
+sie verschwunden, und nur auf der Bank, auf welcher sie gesessen hatte,
+lagen ein paar Blumen, die sie wahrscheinlich mit heraufgenommen und in
+der Eile ihres Rückzuges auf dem Sitze gelassen hatte.
+
+Könnern, der jetzt voranritt, hatte die Blüthen augenblicklich bemerkt,
+und ehe er sich selber über das was er that Rechenschaft geben konnte,
+hielt er an, stieg vom Pferde und schnallte seinen Sattelgurt ein Loch
+empor. Dadurch gab er seinen Begleitern Zeit an ihm vorüber zu reiten,
+und als er sie voraus sah, trat er rasch in die Laube, nahm die Blumen,
+legte sie in sein Taschenbuch, stieg dann wieder auf und folgte, ohne
+sich umzusehen, den Vorausgerittenen. -- Und doch hatte ihn dieses Mal
+sein sonst so scharfes Auge im Stiche gelassen, denn hinter einem
+kleinen Dickicht der hier gerade sehr üppig wachsenden Flachs- oder
+Tucung-Pflanze, hinter die sich Elise zurückgezogen, um die Fremden erst
+vorüber zu lassen, hatten ein Paar lächelnde Augen seinen unschuldigen
+Raub beobachtet und folgten ihm, bis sich der Wald wieder hinter ihm
+schloß.
+
+Könnern überholte seine Begleiter dicht am Hause des menschenscheuen
+Meier, der aber durch einen geschickt gefällten Baum die Passage so
+gelegt hatte, daß sie nicht unmittelbar an seinem Garten vorüberführte,
+sondern diesen durch sorgfältig gepflegte Büsche vollständig verdeckt
+hielt.
+
+»Hier wohnt der sonderbare Kauz,« sagte der Director, mit der Hand
+in das Dickicht zeigend, durch welches das Dach nur undeutlich
+herausschimmerte. »Wenn mit dem Manne nur irgend ein Umgang wäre, wollte
+ich vorschlagen daß wir anhielten und ihm wenigstens guten Tag sagten.
+Schade um das allerliebste Mädchen, das der alte Brummbär hier wie eine
+Nonne gefangen hält.«
+
+»Eine Brünette?« fragte Könnern.
+
+»Ja,« erwiederte der Director; »aber wie, zum Teufel, haben _Sie_ das
+schon ausgefunden? Sie sind doch, so viel ich weiß, zum ersten Male in
+der Colonie.«
+
+»Hätten es die Herren nicht gerade so gemacht wie der vorige
+Landvermesser,« lachte Könnern, »und die Variation auf der verkehrten
+Seite der Nadel gesucht, so würden Sie, nur ein paar Striche aus dem
+Cours, eine allerliebste junge Dame im Walde gesehen haben, die sich da
+draußen mit irgend einer Lectüre die Zeit vertrieb.«
+
+»Und davon haben Sie uns kein Wort gesagt?« rief Günther.
+
+»Ich durfte Sie doch nicht stören,« lächelte der junge Mann; »übrigens
+glaubte ich auch, daß wir sie auf dem Wege hierher überholen würden; sie
+muß sich aber auch sehr geeilt haben, um uns voraus zu kommen.«
+
+»Merkwürdige Leute,« meinte der Director kopfschüttelnd; »aber jedenfalls
+werden Sie mit dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie müssen
+ihn aufsuchen, wenn Sie auf seinem Lande die Vermessung beginnen,
+damit er dabei ist und die Gränzen kennen lernt. Er wird es sich auch
+wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Eckbäume selber dauernd zu
+bezeichnen, und das erspart Ihnen gleich eine Arbeit.«
+
+»Dann begleite ich Sie,« sagte Könnern, »ich interessire mich für alle
+Originale.«
+
+»Besonders wenn es Brünetten sind, wie mir scheint,« lachte der
+Director; »Sie mögen aber immerhin in diese Gegend einen kleinen Jagdzug
+machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht stört, finden Sie doch wohl
+hier und da ein Stück Roth- oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen
+Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen. Jetzt aber, meine Herren,
+dürfen wir unsere Zeit nicht länger vergeuden, wenn wir den andern
+Strich ebenfalls besuchen wollen. Sobald wir weiter oben die ordentliche
+Straße erreicht haben, können wir auch unsere Thiere besser ausgreifen
+lassen« -- und dem seinigen die Sporen gebend, trabte er, so rasch es
+ihm der noch ziemlich unebene Boden gestattete, auf dem schmalen Wege
+hin in den Wald hinein.
+
+So wenig _sie_ aber dabei von den Einwohnern des Platzes gesehen hatten,
+so waren sie doch nicht eben so unbeachtet daran vorübergeritten, denn
+der Eigenthümer des Hauses schien sich für alle Fremden lebhaft zu
+interessiren, wenn er auch nicht mit ihnen in persönliche Berührung
+kommen wollte.
+
+Zu diesem Zwecke hatte er sich eine ordentliche kleine Warte gebaut, in
+welche die eine Ecke seines Gartens, ohne von Außen bemerkbar zu sein,
+auslief. Das war zugleich ein Lieblingsplatz geworden, wenn er keine
+andere Arbeit vorhatte, und er las oder schrieb gerade dort am Liebsten,
+da er sich hier vollkommen ungestört wußte.
+
+Das letzte Gespräch der Männer war gerade vor diesem Ausguck gehalten,
+und Meier, der mit einem Buche in der Hand in seiner Laube saß, dadurch
+auf die Fremden aufmerksam geworden. So lange sie da draußen hielten,
+lauschte er auch ihrem Gespräche, und erst, als sie ihren Weg fortgesetzt,
+nahm er sein Buch wieder auf. Aber er schien keine rechte Lust zum
+Lesen zu haben, denn er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin,
+ging eine Weile mit auf den Rücken gelegten Händen und gesenktem Haupte
+in seiner Laube auf und ab, seufzte ein paar Mal recht tief auf und
+schritt dann langsam zu seiner Wohnung und in das Zimmer seiner Frau,
+die, mit einer Arbeit beschäftigt, am Fenster saß.
+
+Sein Blick suchte Elisen, aber sie war nicht im Zimmer, und erst nach
+einer Weile kam sie durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den
+Wald führte, herein und zu der Mutter, wo sie Hut und Buch ablegte und
+sich still an das dort stehende Instrument setzen wollte.
+
+»Du warst im Walde, Lieschen?« fragte der Vater.
+
+»Ja, Papa.«
+
+»Und bist dort Fremden begegnet?«
+
+Das junge Mädchen sah rasch und erstaunt zu ihm auf, erröthete auch
+leicht, sagte dann aber lächelnd:
+
+»Woher weißt Du das schon, Papa?«
+
+»Und hast Du nicht den nämlichen Spaziergang hier im Garten?« fuhr der
+Vater fort, ohne ihre Frage zu beantworten; »ich habe Dich schon so oft
+gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenigstens nicht an Sonntagen, wo
+das müssige Volk aus der Ansiedelung nur immer in der Nachbarschaft
+umherschwärmt!«
+
+Die Mutter hatte bei Beginn des Gespräches ihre Arbeit in den Schooß
+sinken lassen, und ihre Miene verfinsterte sich mehr und mehr. Jetzt
+aber nahm sie für die Tochter die Antwort auf und sagte:
+
+»Und willst Du sie nicht lieber ganz in ein Kloster sperren? Das wäre
+doch jedenfalls das Einfachste, damit sie wenigstens gar kein Mensch
+mehr zu sehen bekäme -- nicht einmal einer der am Sonntag herumlaufenden
+Bauern.«
+
+»Aber, Bertha!« sagte Herr Meier, erstaunt zu seiner Frau aufsehend.
+
+»Ach was,« erwiederte diese, »was zu arg ist, ist zu arg! Das Mädel ist
+jetzt zwanzig Jahr alt geworden und wird versteckt gehalten, als ob wir
+uns schämen müßten, das junge Blut der Welt zu zeigen.«
+
+»Aber, Bertha, Du weißt doch....« sagte der Mann vorwurfsvoll.
+
+»Ach, ich weiß Alles!« erwiederte die Frau; »aber man kann eine Sache
+auch übertreiben, und ich bin nicht im Stande, das noch länger so ruhig
+mit anzusehen. Hier in diesem abgelegenen Winkel der Welt hast Du doch
+wahrhaftig nicht zu....« Sie unterbrach sich rasch und nahm ärgerlich
+ihre Arbeit wieder auf, die sie jedoch unschlüssig in der Hand behielt,
+während Elise freundlich sagte:
+
+»Laß sein, Mütterchen; wenn dem Vater damit ein Gefallen geschieht, kann
+ich ja auch den kleinen Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht,
+es ist hier im Garten wirklich eben so hübsch wie da draußen, und ich
+kann mir hier die nämliche Bewegung machen.«
+
+»Ach, das verstehst Du nicht!« fuhr die einmal gereizte Frau fort; »ich
+hab's jetzt auch selber satt. Sieben Jahre sitzen wir nun hier, wie die
+Gefangenen zwischen Büsche und Bäume eingeklemmt, während die Ansiedler
+da unten sich ihres Lebens freuen und nur ihr fröhlicher Lärm manchmal
+zu uns herübertönt; sieben Jahre lang haben wir ein Leben geführt, daß
+es einen Stein erbarmen möchte, und ich sehe keinen Grund, weshalb wir
+uns jetzt noch länger wie Einsiedler in unsere Klause vergraben sollen.
+Ich weiß Alles, was Du mir dagegen einwenden könntest, Franz,« sagte
+sie, einem Blicke ihres Mannes begegnend, »ich habe mir Alles zehnmal,
+hundertmal überlegt, aber ich selber halte es nicht länger aus. Ich
+_will_ frei sein oder ich lasse mich lieber gleich ordentlich begraben
+und einen Stein mit Namen und Jahreszahl oben darauf setzen. Nachher
+weiß ich es einmal nicht anders und brauche doch hier wenigstens nicht
+eine Ewigkeit allein zu sitzen und meinen eigenen Gedanken nachzuhängen,
+über die man am Ende gar noch wahnsinnig werden könnte.«
+
+Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte sich gegen den Tisch gewandt, dort
+den Kopf auf den Arm gestützt und barg das Gesicht in der linken Hand.
+Endlich hob ein schwerer Seufzer seine Brust, und Elise, zu dem Vater
+tretend, schlang ihren Arm um seine Schulter, lehnte ihre Stirn auf sein
+Haupt und sagte freundlich:
+
+»Sei nicht traurig, Papa -- Mutter meint es ja nicht so böse. Dir ist
+nun einmal Deine Einsamkeit so lieb geworden, daß Du jede Störung darin
+fürchtest und Dich immer mehr in Dich selber zurückziehst. Versuch' es
+einmal draußen unter den Menschen, vielleicht gefällt Dir's selber bei
+ihnen, denn _glücklich_ fühlst Du Dich ja hier in Deiner Einsamkeit
+auch nicht immer, in der ich Dich oft schon in recht trauriger und
+niedergeschlagener Stimmung überrascht habe. -- Geh' wieder zwischen die
+Leute -- verkehre mit ihnen und lasse sie mit Dir verkehren, und wenn
+weiter Nichts, bekommst Du doch dadurch Zerstreuung, und hast für
+stille Stunden, in denen Du das Bedürfniß fühlst allein zu sein, ja
+immer Dein trauliches Plätzchen hier oben.«
+
+»Laß ihn gehen,« sagte die Frau unmuthig; »was liegt ihm an uns -- an
+Dir oder an mir, wenn er sich selber nur eine Grille in den Kopf gesetzt
+hat, der er nachhängt, seines eigenen Vergnügens halber.«
+
+»Und das sagst _Du_ mir, Bertha?« fragte der Mann, erstaunt zu ihr
+aufsehend; »dessen klagst Du mich an?«
+
+»Nur eine Grille ist's, weiter Nichts,« erwiederte die Frau, ohne die
+Frage direct zu beantworten, »eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf
+gesetzt hast, und womit Du Dich und uns elend machst. So viel Verstand
+habe ich aber auch, daß ich einsehe, wie Du uns Alle ganz vergebens
+quälst, und kurz und gut, ein Leben wie das hier halte ich nicht länger
+aus, mag nun auch daraus werden was da will.«
+
+»Was da will,« wiederholte leise und mit einem Seufzer der Mann, stand
+dann auf und verließ langsam das Zimmer.
+
+»Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter,« bat Elise, als er die Thür
+hinter sich in's Schloß gedrückt hatte, »er ist so schon traurig genug,
+und das drückt ihn nachher nur noch immer mehr nieder.«
+
+»Ach was,« erwiederte mürrisch die Frau, »ich habe das langweilige Leben
+endlich satt, und mehr noch Deinet- als meinetwegen!«
+
+»Aber ich sehne mich ja gar nicht hinaus, Mütterchen, ich verlange es ja
+gar nicht besser, als ich es bei Euch habe.«
+
+»Weil Du es eben nicht besser kennst und nach und nach hier eintrocknen
+wirst wie eine Blume zwischen Löschpapier,« lautete die Antwort. »Du
+bist ein junges Mädel und mußt hinaus in die Welt, das ist Dir Dein
+Vater, das bin ich Dir schuldig, und wenn Du Nichts von der Welt
+verstehst, so bin ich dafür da, daß ich Deine Ansprüche vertreten muß,
+oder Du hättest ein Recht, mir später einmal die bittersten Vorwürfe
+darüber zu machen.«
+
+»Aber der Vater....«
+
+»Ist ein Träumer, der überall Gespenster sieht, weiter Nichts, und der
+sich jetzt die Fenster verhängt und immer nur Nacht um sich haben will.
+Kommt erst einmal der wirkliche Sonnenschein zu ihm herein, so wird er
+auch einsehen daß er nur geträumt hat. Daß Du ihm dabei noch das Wort
+redest, ist das Albernste was Du thun kannst, und ich hätte von Dir
+gerade das Gegentheil erwartet. -- Du bist alt genug, Elise, daß Du
+auch an eine Heirath denken kannst, und wen sollst Du denn hier in
+unserm Garten kennen lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein
+Vater sogar vor ein paar müssigen Spaziergängern verstecken will?«
+
+»Aber, liebe Mutter,« sagte Elise mit tiefem Erröthen, denn sie mußte
+sonderbarer Weise gerade in diesem Augenblicke an den jungen Fremden im
+Walde und an seinen Blumendiebstahl denken, »das hat denn doch wohl noch
+lange, lange Zeit, und wenn der Vater --«
+
+»Ach was,« unterbrach sie die Mutter, »Du redest wie der Blinde von
+den Farben -- Du bist zwanzig Jahr alt, Liese, und wenn wir die
+nächsten sieben Jahre noch so fortleben, wie die letzten, so bist
+Du _sieben_undzwanzig und kannst dann auch siebenunddreißig und
+siebenundvierzig werden, ohne daß sich Jemand weiter um Dich bekümmert.
+Nein, dafür muß _ich_, Deine _Mutter_, sorgen, und -- überlaß du _mir_
+das nur; ich werde schon mit Deinem Vater fertig.«
+
+Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen. Die Mutter begann wieder
+an ihrer indessen vernachlässigten Arbeit, und Elise ging in ihr
+Stübchen hinauf, um über eine ganze Menge der verschiedensten Dinge
+nachzudenken, die ihr heute durch den Sinn gingen und den Kopf fast wirr
+machten. Sonderbar, daß ihre Gedanken dabei immer wieder zu dem jungen
+Fremden zurückflogen, den sie doch nur den kurzen Augenblick gesehen.
+Weshalb mußte die Mutter auch gerade heute von ihrer Heirath sprechen
+und dabei sagen, daß es die höchste Zeit sei, an etwas Derartiges zu
+denken? -- --
+
+Es war Abend und Nacht geworden, als die Sonne kaum hinter den hellblauen
+Gebirgsrücken im Westen untergegangen war und vorher noch die leichten
+darüber lagernden Wolkenzüge mit ihrem schönsten und rosigsten Licht
+übergossen hatte. Rasch erbleichten aber die nur zu momentanem Leben
+angehauchten Nebelbilder, und wie sie kaum erst in ein prachtvolles
+Silbergrau übergingen, nahm dieses schon jene todte bleigraue Färbung
+an, dem die Dunkelheit in den Tropen fast unmittelbar folgt.
+
+Die Comtesse Baulen hatte ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen
+und ging, die Arme auf der Brust gekreuzt, das Kinn auf die zarte
+Korallenschnur gesenkt, die ihren Hals schmückte, mit raschen, unruhigen
+Schritten in dem kleinen Gemache auf und ab. Sie sah dabei nicht
+einmal, daß es dunkelte und nach und nach völlig Nacht geworden war;
+sie hörte nicht, daß ihre Mutter draußen schon zweimal angeklopft
+und ihren Namen gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen Gedanken
+beschäftigten ihren Geist, nur das eigene, unruhig pochende Herz
+hielt sie oft krampfhaft mit beiden Händen fest, bis sie sich endlich,
+körperlich ermattet, in einen Stuhl warf und dort wohl wieder eine volle
+Stunde lang in dumpfem Brüten saß.
+
+Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt unerträglich. Sie stand auf,
+zündete Licht an und griff dann das erste beste Buch auf, um sich zu
+zerstreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn zu lenken. Da plötzlich
+horchte sie auf, denn aus dem Garten, oder wenigstens aus den Büschen,
+die ihn dicht umschlossen, trafen die melodischen Töne einer Violine ihr
+Ohr.
+
+Es war die leise und klagend zum Herzen sprechende Melodie des Thüringer
+Volksliedes: »Ach, wie ist's möglich, daß ich Dich lassen kann«, und wie
+mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das einfache rührende Lied. Aber
+wer spielte da? Zuerst glaubte sie, daß es Jemand aus der Ansiedelung
+sei, der da zufällig vorübergehe -- aber der Spieler blieb auf derselben
+Stelle, und durch das offene Fenster klangen die Töne, so leise er auch
+spielte, voll und klar herein. --
+
+Jetzt war Alles ruhig -- nur die Grillen zirpten, und aus dem Walde
+heraus tönte das Gequak der Frösche.
+
+Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwermüthige Melodie
+geendet hatte; es war, als ob eine Last von ihrer Seele genommen wäre,
+und sie trat an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle Nacht
+hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die Töne von derselben Stelle
+herauf, aber dieses Mal in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand
+gespielt, das in die tollsten Variationen überging und sich doch immer
+wieder zuletzt in das einfache, zuerst angeschlagene Thema des
+Volksliedes auflöste.
+
+Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster zurück. Galt das ihr? Und
+wer war es denn, der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung brachte?
+Vollrath vielleicht, aber sie wußte genau, daß er gar nicht Violine
+spielte -- und wer dann? Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit
+seiner Aufmerksamkeit geärgert hatte, war ein Violinspieler, aber ein
+Stümper, und _diese_ Saiten belebte eine Meisterhand.
+
+Ohne recht zu wissen was sie that, löschte sie das Licht aus, um dadurch
+die Aufmerksamkeit des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken
+-- aber das gelang ihr nicht. Der räthselhafte Spieler ließ sich dadurch
+nicht stören; nur das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer
+weichere Melodien, bis die Töne zuletzt mehr und mehr verhallten und
+wieder, wie vorher, das Schweigen der Nacht auf dem Walde lag.
+
+Helene wußte selber nicht wie ihr geschah. Daß jenes Ständchen _ihr_
+galt, konnte sie sich nicht verhehlen, und in dem melodischen Spiele,
+in den vaterländischen Weisen schmolz der starre Trotz des schönen
+Mädchens. Als die Melodie da draußen schon lange verklungen war, saß sie
+noch immer, von der Gardine gedeckt, am offenen Fenster, und fühlte
+nicht einmal, wie ihr die Thränen zwischen den zarten Fingern durch voll
+und schwer in den Schooß tropften.
+
+Unten im Hause war der geheimnißvolle Musiker indessen auch nicht
+unbeachtet geblieben. Oskar, der noch bis Dunkelwerden seinen neuen
+»Sclaven« -- wie er Jeremias nannte -- angelernt hatte sein Pferd zu
+behandeln, lag unten in der Stube auf dem Sopha lang ausgestreckt, und
+pfiff, zum Ärger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im Geringsten
+stören zu lassen, einen Walzer, als jenes eigenthümliche Ständchen
+begann.
+
+Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, daß es irgend Jemand aus der
+Ansiedelung sei, der mit seiner Violine da vorüber ginge. Als die Musik
+aber immer auf derselben Stelle blieb, erst eine Weile schwieg und dann
+wieder begann, schöpfte er Verdacht, daß das am Ende gar ein Ständchen
+sein könne, was seiner Schwester gebracht würde, und sein Muthwille ließ
+ihm natürlich keine Ruhe, dem auf die Spur zu kommen.
+
+Als er zuerst aus dem Fenster horchte, täuschte ihn der laute Ton gerade
+so wie Helenen, und er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er
+schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter die nächsten Büsche,
+und hinter diesen, von seiner dunklen Kleidung begünstigt, immer weiter
+vor. Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, daß sich der
+Virtuose allerdings außer seiner Gerichtsbarkeit, aber doch nicht außer
+seinem Bereiche befand, denn er erkannte durch die Hecke durch beim
+Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete Gestalt, die dort an
+einer jungen Palme lehnte.
+
+Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen, denn einestheils
+beschattete es der Hut, und dann auch der Wipfel der niedern Palme
+selber; aber das blieb sich auch gleich, und um einen muthwilligen
+Streich auszuüben, dazu war ihm Freund und Feind gleich gut genug.
+
+Im Zimmer seiner Schwester hatte außerdem noch kurz vorher Licht gebrannt
+und das Fenster war offen, ein Beweis, daß sie den Ständchenbringer
+begünstigte, und deshalb Grund genug für ihn, ihm jeden Schabernak zu
+spielen, der nur in seinen Kräften stand. Vorsichtig und rasch schlich
+er zum Hause zurück und traf hier eben noch Jeremias, der seine Arbeit
+beendet hatte, und gerade seine eigene Heimath -- eine Dachkammer bei
+einem der Ansiedler -- aufsuchen wollte.
+
+»He, Jeremias, Du mußt mir noch einen Eimer Wasser holen,« redete er
+diesen rasch und heimlich an.
+
+»Die Pferde haben gesoffen,« sagte Jeremias, »zu viel schadet Vieh und
+Menschenkind.«
+
+»Ich will's nicht für die Pferde; dort steht der Eimer, aber ein Bißchen
+rasch.«
+
+»Befindet sich allerdings nicht in unserm Contracte,« meinte Jeremias,
+»aber was thut der Mensch nicht aus Gefälligkeit, junger Herr? Sollen
+Ihren Eimer Wasser haben,« und seine Ärmel vorn aufkrämpend, ergriff er
+den Eimer und ging zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn bald
+gefüllt zurückbrachte.
+
+»So,« sagte Oskar, indem er einen Theil des Wassers wieder abschweppte,
+»das ist ein Bißchen zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal
+den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an die Hecke da drüben, wo der
+verrückte Kerl die Violine quält -- hörst Du den Musikanten da drüben?«
+
+»Ja,« sagte Jeremias, und sah den jungen Grafen erwartungsvoll an.
+
+»Schön,« lachte der junge Bursche, »dem wollen wir einmal den Eimer über
+den Hals gießen, um den holden Schwärmer etwas abzukühlen.«
+
+»So?« sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle zu rühren.
+
+»Na, vorwärts!« rief Oskar, auf den Eimer zeigend; »mach' schnell, ich
+zeig' Dir den Platz wo er steckt, meine alte Jeremiade!«
+
+»Wissen Sie,« sagte Jeremias, ohne nur eine Hand zu regen oder eine
+Miene zu machen, als ob er dem Befehle Folge leisten wolle, »davon steht
+auch Nichts in unserem Contracte.«
+
+»Contract? Esel,« brummte Oskar, »wenn ich Dir sage, das thust Du, so
+thust Du es, _das_ ist unser Contract, weiter Nichts.«
+
+»So?« meinte Jeremias, der den »Esel« als selbstverständlich hinnahm
+-- »anderen Leuten Wasser in die Violine zu gießen, widerstreitet aber
+meinen Grundsätzen, und wenn sich der Herr Graf eine Tracht Schläge für
+unbefugtes Löschen, wo's gar nicht brennt, holen wollen -- mit dem
+größten Vergnügen -- da steht der Eimer, Jeremias hat aber heute seinen
+Sonntagsrock an und ist diesen Morgen in der Kirche gewesen -- was andere
+Leute vielleicht _nicht_ von sich sagen können. Wünsche allerseits einen
+guten Abend« -- und die Hände wieder in die Taschen schiebend, ging er
+um den Eimer herum und zur Thür hinaus, ohne sich um den Grafen weiter
+zu bekümmern.
+
+Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch hinterher, sah aber auch ein,
+daß er mit dem dickköpfigen Burschen Nichts ausrichten könne. Nicht
+gesonnen jedoch, den einmal gefaßten Plan so rasch aufzugeben, nahm er
+jetzt selber den Eimer und schlich damit in den Garten. Ehe er übrigens
+die Stelle erreichte, wo der nächtliche Musiker gestanden, verstummte
+die Violine. Die letzten Töne waren verklungen und der Platz leer. Oskar
+horchte noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber das Concert
+war jedenfalls vorbei, das Zimmer seiner Schwester blieb dunkel, und mit
+einem Fluche das Wasser über die nächsten Beete gießend, nahm er den
+leeren Eimer zum Hause zurück.
+
+
+
+
+5.
+
+Elise.
+
+
+Am nächsten (Montag) Morgen standen schon um sieben Uhr früh drei
+gesattelte Pferde vor dem Hause des Directors angebunden, denn dieser
+hatte versprochen, Günther zu dem Beginne seiner Arbeiten zu begleiten,
+und Könnern in dem Interesse, das er an der gestrigen Erscheinung nahm,
+ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem kleinen Zuge, wenigstens
+bis in den Wald hinein, anzuschließen.
+
+Allerdings wünschte der Director, daß er, wenn er jagen wolle, sich
+einen Führer mitnehmen möge, da er sich sonst leicht in den wilden und
+schwerdurchdringlichen Wäldern verirren könne. Dies wies Könnern jedoch
+lächelnd zurück und erklärte, daß er zu lange in den amerikanischen,
+auch ziemlich dichten Wäldern gejagt habe, um etwas Derartiges zu
+befürchten. Ein Führer störte ihn dabei nur auf einem wirklichen
+Pirschgange, und er konnte sich im Walde wohl vergehen, daß er genöthigt
+war einen Umweg zu machen, aber nie verirren, denn er hatte sich dafür
+zu genau den Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte unter
+Santa Clara vorbeiströmende Fluß nahm, und den mußte er immer wieder
+treffen, sobald er mit Hülfe seines Compasses die Richtung darauf zu
+nahm.
+
+So früh kamen sie aber an diesem Morgen doch nicht fort, denn erstens
+nahm ihnen das Frühstück noch etwa eine halbe Stunde weg, und dann kamen
+noch eine Menge Leute, die den Director in irgend einer wichtigen oder
+unwichtigen Angelegenheit zu sprechen hatten, und er mußte wenigstens
+anhören, was sie von ihm wollten.
+
+Es war halb neun Uhr geworden, als die drei Männer endlich mit den
+nöthigen Begleitern aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers,
+wie auch einige Provisionen zu tragen hatten. Könnern ließ übrigens
+seine Mappe heute noch zu Hause, und nahm nur seine Büchsflinte mit,
+wenn er sich auch eben keine große Jagd versprach. Der Wald ist dort zu
+dicht, um nahe den Ansiedelungen, wo die Bauern überdies Sonntags noch
+mit ihren Flinten herumknallen, irgend einen bedeutenden Erfolg zu
+versprechen.
+
+Sie ritten heute gerade durch das kleine Städtchen durch, und den beiden
+Fremden konnte es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst in
+dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch angesiedelt hatten, als
+ob sie noch daheim im alten Vaterlande lebten.
+
+Die Schilder an den verschiedenen Häusern trugen überall deutsche Namen
+in deutscher Schrift, deutsche Kinder mit ihren Flachsköpfen und dicken,
+gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den Thüren. Bauerfrauen
+in ihren wollenen rothen Unterröcken wuschen ihr Geschirr hier unter
+den Palmen, wie sie es daheim unter der alten Linde gethan hatten, und
+deutsche Handwerker, in Schurzfell und Pantoffeln, waren eifrig dabei,
+ihren verschiedenen Geschäften obzuliegen.
+
+Nur ein einziges Haus passirten sie, das fremdartig aussah. Es war ein
+kleines niederes Gebäude, von Stein aufgeführt, mit offenen Thüren und
+Fenstern, durch die man in ein paar anscheinend leere Räume hineinsah
+-- es hingen wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie sie die
+ärmlichste deutsche Wohnung zeigte, und die Wände sahen leer und
+kahl aus. Einzelne Möbel verriethen aber doch, daß dieses Haus nicht
+verlassen sei, und auf der einen Commode sah Könnern auch im Vorbeireiten
+ein Paar vergoldete Porzellan-Vasen und einige andere derartige
+Spielereien stehen.
+
+Dort wohnte der portugiesische Delegado[2], und ein paar Negerjungen
+kauerten vor der Thür in der Sonne und ließen sich von einem grauen,
+vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter ablecken.
+
+ [Fußnote 2: Eine Magistratsperson, die Polizeigewalt in den Colonien
+ hat.]
+
+Am Ende der Straße war die Schule; anstatt aber, daß die Kinder jetzt
+eifrig darin mit Lernen beschäftigt sein sollten, lärmten sie in wildem,
+wüstem Geschrei vor der Thür umher, prügelten sich, haschten sich und
+trieben allerlei tolle Spiele. Der Director hielt mitten unter ihnen
+sein Pferd an.
+
+»Hallo, Ihr kleine Bande,« rief er aus, »was ist das? Weshalb steckt Ihr
+nicht da drinnen, wohin Ihr gehört, und stellt hier auf der Straße die
+Stadt auf den Kopf?«
+
+»Ja, Herr Director,« sagte einer der älteren Jungen, der ihn kannte,
+indem er die Mütze von dem struppigen Haare herunterzog, »der Schulmeister
+ist nicht da und die Thür ist zu.«
+
+»Der Schulmeister ist nicht da?« fragte der Director erstaunt; »und
+weshalb habt ihr ihn noch nicht geholt?«
+
+»Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze Nacht nicht heimgekommen,«
+lautete die Antwort.
+
+Ein sehr elegant gekleideter Herr mit weißer Wäsche, goldener Uhrkette,
+einigen Ringen an den Fingern und einem Panamahute auf, der aber
+sonderbarer Weise statt der Stiefel ein Paar sehr bunt gestickte
+Pantoffeln und einen Zahnstocher hinter dem rechten Ohre hatte, kam um
+die nächste Ecke und grüßte den Director und seine Begleiter freundlich.
+Es war der Delegado.
+
+»Ah, mein lieber Director,« redete dieser Sarno in portugiesischer
+Sprache an, »das wird immer ärger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben
+höre, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend spät oben am Flusse und
+etwa eine Legoa von hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und
+dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um seinen Rausch auszuschlafen.
+Meines Nachbars Kinder kamen heute Morgen wieder zurück, weil sie nicht
+in die Schulstube konnten.«
+
+»Wer ist denn das, der da die Straße herunter taumelt,« sagte Könnern,
+nach jener Richtung zeigend.
+
+»Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister!« jubelten ihm da auch schon
+eine Anzahl Jungen, die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gefühle
+entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben. »wie er schräg geht
+-- und jetzt stolpert er! Hoh, hoh, hoh, der Schulmeister!«
+
+Es war allerdings jenes unglückliche Individuum, das sich in _solchem_
+Zustande zu keinem ungünstigeren Momente hätte zeigen können. Der
+Director gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ihm entgegen, und
+während der zeitweilige Schulmonarch die gläsernen Augen zu Sarno
+aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer Heftigkeit fast erstickter
+Stimme an:
+
+»Herr, schämen Sie sich nicht, hier am hellen Tage wie eine _Sau_ umher
+zu gehen, und wären Sie nicht werth, daß ich --« er schwieg, und die
+Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schloß sich ordentlich
+krampfhaft um den Griff derselben.
+
+»Pfehle mich Ihnen, Herr Director,« stammelte der Unglückliche mit
+schwerer Zunge, vergebens dabei bemüht sich gerade zu halten, »sehr
+angenehm so am frühen Morgen -- sehr schöner Morgen heute, Herr
+Director -- sehr schöner Morgen.«
+
+Der Director wandte sein Pferd in Ekel von dem Trunkenen und ritt
+langsam zu dem Portugiesen zurück. Die Schuljugend indessen wartete nur
+den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser Beiden enthoben wäre, um mit
+einem wahren Jubel über ihren entwürdigten Lehrer herzufallen.
+
+»Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,« stöhnte der Director, bei
+dem Delegado angelangt.
+
+»Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt,« sagte der Portugiese
+mit einem spöttischen Lächeln. »Wollen wir ihn aber nicht lieber in
+Sicherheit bringen. Sobald wir den Rücken wenden, fällt das junge
+Deutschland jedenfalls über ihn her.«
+
+»Ich habe Nichts dagegen,« rief der Director, »und wenn sie ihm die
+Kleider in Fetzen vom Leibe reißen! Kommen Sie, Schwartzau, kommen Sie
+-- o, ich vergaß, die Herren vorzustellen: Dom Franklin Brasileiro Lima
+-- zwei Freunde von mir, Landsleute, Dom Könnern und Dom Schwartzau, der
+letztere unser durch die Regierung hergesandter Landvermesser.«
+
+Der Portugiese machte eine stumme und etwas steife Verbeugung, nahm dann
+den Zahnstocher hinter dem Ohre vor und sammelte die Überreste seines
+Frühstücks.
+
+Sie standen gerade vor einem der kleinen Häuser, über dem ein hellgelbes
+Schild mit rothen Buchstaben den Namen _Pilger_ -- _Schuhmacher_ trug,
+und Könnern hatte schon, weniger bei dem Schulmeister interessirt, ein
+paar Mal eine allerliebste junge Frau am Fenster gesehen, die einen
+Blick nach ihrer Gruppe herüber warf und dann wieder in dem Dunkel der
+innern Stube verschwand. Der Portugiese stand mit dem Rücken nach der
+Thür zu, als der Schuhmacher, ein großer, breitschultriger Mann in
+seinen besten Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Käppchen auf und
+die Hemdärmel in die Höhe gestreift, hinter ihn auf den Schwellenstein
+trat und, seine breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend, mit
+ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch sagte:
+
+»Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause treffe, Delegado, so schlage
+ich Euch jeden Knochen in Eurem erbärmlichen Leibe zusammen. Habt Ihr
+mich verstanden? Guten Morgen, meine Herren,« wandte er sich dann,
+als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorgefallen wäre, an den
+Director und seine Begleiter; »entschuldigen Sie, daß ich mich mit dem
+Lump in Ihrer Gegenwart unterhalten habe.«
+
+Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden, und seine kleinen,
+schwarzen Augen schienen Feuer zu sprühen. Endlich hatte er sich so weit
+wenigstens gesammelt, um zu erwiedern, und er sagte, ohne den Handwerker
+jedoch eines Blickes zu würdigen:
+
+»Wenn Ihr Eure Frau mißhandelt, und nicht wißt was Ihr einer Frau an
+Achtung schuldig seid, so ist es Sache der Obrigkeit dazwischen zu
+treten.«
+
+»Und weshalb _hab_' ich meine Frau mißhandelt, Du Lump, Du?« rief der
+Schuhmacher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann.
+
+»Pilger, bedenkt was Ihr sagt!« unterbrach ihn der Director rasch.
+
+»Ach was, Herr Director -- Nichts für ungut,« zürnte der Mann; »ich weiß
+recht gut was ich rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado ist, oder
+wie das Ding heißt, so sollte er sich nur um so mehr schämen, Unfrieden
+und Unglück in die Häuser zu tragen. Aber, Gott verdamm' mich! finde ich
+ihn noch einmal auf der andern Seite von der Schwelle da, so geschieht
+ein Unglück. Das will ich ihm vorausgesagt haben.«
+
+Der Portugiese verstand nicht die letzten heftigen, in Deutsch
+gesprochenen Worte, aber er mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die
+Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht falsch zu verstehen. Er
+drehte jedoch nur, mit dem Ausdrucke der höchsten Verachtung in den
+Zügen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn selber anzusehen, sagte:
+»Wir sprechen uns noch!« und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln,
+mit einer leichten Verbeugung gegen den Director und seine Begleiter,
+die Straße wieder hinauf.
+
+Könnern's Blick beobachtete indessen das Fenster, hinter dem er die
+junge Frau gesehen, und er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu
+vortrat, um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren was da draußen
+vorging. Sobald sie aber des Fremden Blick auf sich haften fand,
+verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum Vorscheine.
+
+»Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,« sagte der Director
+warnend.
+
+»Eben deshalb weil ich Frieden haben will,« meinte der Schuhmacher,
+»halte ich mir den verdammten Bleifuß aus dem Hause, und gnade ihm Gott,
+wenn ich ihn da wieder einmal treffe, wo er nicht hingehört -- guten
+Morgen meine Herren,« und damit drehte er sich ruhig um und trat in
+sein Haus zurück.
+
+Die Schuljugend war indessen ein sehr interessirter Zuschauer bei den
+Bewegungen ihres sonst so gefürchteten Meisters gewesen, denn der junge
+Schulmonarch führte seinen Stock gewöhnlich mit unerbittlicher Gewalt.
+Einer der Nachbarn aber, den der arme Teufel in diesem Zustande dauerte,
+trat vor seine Thür, nahm ihn ohne Weiteres unter den Arm und führte ihn
+in sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch ausschlafen könne. Der
+Director schickte dann die Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel
+durch die verschiedenen Straßen vertheilten.
+
+»Das ist ja ein recht hübsches Exemplar von einem Schulmeister,« lachte
+Günther, als sie ihren Weg wieder aufgenommen hatten.
+
+»Das sei Gott geklagt!« seufzte der Director; »jetzt sitzen wir wieder
+in der Ansiedelung auf dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat
+Ferien, bis sich ein neues, eben so unbekanntes, vielleicht eben so
+untaugliches Individuum dazu hergiebt, das Amt des Schullehrers zu
+übernehmen.«
+
+»Und Ihr Delegado?« fragte Könnern; »die Sache scheint nicht ganz
+richtig zu sein.«
+
+»Ist auch so ein Lump, den wir der Güte der Frau Präsidentin verdanken.
+Der Teufel mag da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel zu
+thun hat, und ihnen doch nicht, in dem engen Kreislauf unseres hiesigen
+Lebens, ausweichen _kann_. Übrigens ist das auch derselbe Herr, der da
+drüben die Brücke gebaut hat, welche ihm von der Regierung -- nachdem
+sie kaum beendet und schon wieder eingestürzt war -- mit achtzehn Contos
+de Reis bezahlt wurde. Es geht doch Nichts über Protection! Und wenn ich
+ein oder zwei Contos verlange, nur um die nöthigsten Bauten hier, ein
+neues Auswanderungs-Haus oder dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwürfe
+von Oben, daß ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum Henker damit! Wir
+wollen uns den schönen Morgen nicht durch derartige Dinge verbittern,
+und der Lump verdient gar nicht, daß ich mich über ihn ärgere. Kommen
+Sie, lassen Sie die Pferde ein Wenig schärfer austraben, denn wir haben
+eine Menge werthvolle Zeit versäumt und unsere Träger und Arbeiter sind
+uns schon, wer weiß wie weit, voraus.«
+
+Eben hatten sie die letzten Häuser hinter sich, als ihnen wieder der
+Baron begegnete, und wie er den Director erkannte, diesem ein Zeichen
+machte, daß er ihn zu sprechen wünsche. Der Director hielt an, während
+Könnern und Schwartzau vorausritten.
+
+»Ach, Herr Director, nur auf ein Wort,« sagte der etwas umständliche
+Baron mit einer achtungsvollen Verbeugung; »dürfte ich Sie bitten, mir
+aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?«
+
+»Warum nicht -- aber ich bin heute Morgen etwas in Eile.«
+
+»Ich will Ihre werthvolle Zeit nur für Secunden in Anspruch nehmen. Hat
+sich die Frau Gräfin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?«
+
+Der Director lächelte.
+
+»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob die Frage gerade discret ist.«
+
+»Geschäftssache,« vertheidigte sich der Baron vor diesem furchtbaren
+Verdachte; »Sie werden doch nicht glauben, daß ich --«
+
+»Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimniß daraus zu machen. Ja
+-- zu irgend einer ihrer zahlreichen Unternehmungen.«
+
+»Cigarren?«
+
+»Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.«
+
+»Ich danke Ihnen,« sagte der Baron, von dem Pferde zurücktretend.
+
+»Ich hoffe doch nicht, daß _Sie_ sich damit einlassen werden?« fragte
+der Director jetzt seinerseits.
+
+»Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu haben, ein so gemeinnütziges
+Unternehmen zu unterstützen,« erwiederte der Baron, gerade etwa mit
+derselben Betonung und in derselben Stellung, als ob er der Frau Gräfin
+selber gegenüber stände.
+
+Der Director lachte, grüßte den Baron flüchtig und sprengte dann den Weg
+hinauf, die beiden vorangerittenen Freunde einzuholen.
+
+Zwischen den Männern wurde weiter kein Wort gewechselt, bis sie den
+eigentlichen Platz erreicht hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung
+beginnen sollte, und da dies das Terrain war, welches dem Colonisten
+Meier gehörte, so war es nöthig, daß er dazu gerufen wurde.
+
+Während Günther seine Bussole auspackte und aufstellte, die nöthigen
+Vorbereitungen zum Beginne traf und seine Leute instruirte, was sie
+zu thun hätten -- denn bei einer solchen Arbeit ist es besonders
+nothwendig, daß sich der Vermesser und seine Kettenträger vollkommen
+gut verstehen -- ritt der Director nach dem Hause hinüber, um den
+Menschenfeind in Kenntniß zu setzen und abzuholen, und Könnern bot sich
+ihm natürlich zum Begleiter an.
+
+Die Gartenthür war verschlossen; zufällig kam aber gerade ein kürzlich
+angenommener Arbeiter heraus, und da er den Director kannte, machte er
+nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu lassen.
+
+»Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Director,« sagte er, auf eine kleine
+Biegung des Weges zeigend, »dort gleich rechts ist eine Laube, in der
+finden Sie die ganze Familie beim Frühstück.«
+
+»Der wird uns ein schönes Gesicht schneiden, wenn wir ihm so plötzlich
+über den Hals kommen!« lachte der Director, als sie den breiten und
+vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; »aber ich kann ihm nicht
+helfen. Es liegt auch in seinem eigenen Interesse, daß er weiß wo seine
+Gränzen laufen -- aber da sitzt die Familie -- jetzt können Sie auch
+Ihre Brünette wieder begrüßen.«
+
+Könnern erwiederte kein Wort; es war ihm ganz sonderbar beklommen um's
+Herz, und ein Gefühl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher
+Weise in den Kreis einer Familie stehle, in der er jetzt fast bezweifelte,
+daß er gern gesehen sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu längerer
+Überlegung, denn wenige Secunden später waren sie schon von der Familie
+bemerkt, die überrascht emporschaute, als sie die Fremden plötzlich in
+dem Garten entdeckte.
+
+Meier saß ihnen mit dem Rücken zugewandt, links von ihm seine Frau,
+rechts seine Tochter, und schon als er die Schritte hinter sich hörte,
+hatte er sich halb umgedreht und beschattete dabei die Augen mit der
+Hand. Dann wandte er den Kopf wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der
+Rocktasche und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt hatte, um die
+Fremden besser erkennen und dann begrüßen zu können.
+
+Elise war ebenfalls tief erröthend aufgestanden, als sie auf den ersten
+Blick den Fremden von gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung,
+da sie ihrerseits auch den einen Fremden -- den Director kannte sie
+schon von früher her -- aufmerksam musterte.
+
+»Mein lieber Herr Meier, ich muß um Entschuldigung bitten,« sagte der
+Director, auf ihn zugehend -- »aber bitte, mein liebes Fräulein, wollen
+Sie nicht Platz behalten --, ich will Sie auch nicht lange stören und
+Ihnen nur anzeigen, daß wir hier auf Ihrem Grundstücke zu vermessen
+anfangen, weshalb es vielleicht besser wäre, daß Sie mit hinausgingen.
+Sie wissen ja auch am besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener
+Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir wollen sehen, daß wir jetzt
+die ganze Sache wieder in Ordnung bringen.«
+
+»Sehr angenehm, Herr Director,« sagte Meier mit einer etwas ängstlichen
+und dadurch ungeschickten Verbeugung -- »sehr angenehm in der That, und
+äußerst dankbar -- der Herr ist wohl der Vermesser, wenn ich fragen
+darf?«
+
+Könnern erröthete bis in den Nacken hinein, als er so selber gezwungen
+wurde zu erklären, daß er hier eigentlich gar Nichts zu suchen habe.
+
+»Ich besonders muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte er mit einem
+unwillkürlichen Seitenblick auf Elise, »daß ich mich hier eingedrängt
+habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon draußen bei seiner Arbeit
+ist, sondern nur ein wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren
+heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes schöne Erde nach allen
+Richtungen hin zu durchstreifen. Mit dem Herrn Director durch meinen
+Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute Morgen angeschlossen,
+und nur auf die allbekannte brasilianische Gastfreundschaft fußend,
+wagte ich es, Ihnen meine Gesellschaft für wenige Minuten aufzudringen.«
+
+»Herr Bernard Könnern,« stellte ihn der Director vor.
+
+»Sie sind uns herzlich willkommen,« sagte die Frau, der die edle
+männliche Gestalt des jungen Mannes, wie sein bescheidenes Benehmen von
+vorn herein gefallen hatte -- »Entschuldigungen wären ja auch gar nicht
+am Platze -- bitte, setzen Sie sich -- trinken die Herren vielleicht
+eine Tasse Kaffee mit uns?«
+
+Sie winkte der Tochter, und ehe sich die Gäste entschuldigen konnten,
+sprang Elise -- überhaupt froh, dazu Gelegenheit zu bekommen -- rasch in
+das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen.
+
+Meier, also gedrängt, konnte nicht anders, als die einmal geschehene
+Einladung unterstützen. Mit einer Handbewegung bat er seine Gäste, Platz
+zu nehmen, und das Gespräch zwischen ihm und dem Director wandte sich
+dann natürlich gleich der sie beide am Meisten interessirenden
+Veranlassung zu.
+
+Elisens Mutter ließ sich indessen in ein Gespräch mit Könnern ein, von
+dem sie bald erfuhr, daß er Deutschland schon seit einer Reihe von
+Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika durchstreift
+habe, theils um zu jagen, theils um Skizzen und Studien für seine Mappe
+zu sammeln.
+
+Meier, obgleich in eifrigem Gespräche mit dem Director, hatte sich doch
+kein Wort von der anderen Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei
+ein paar Mal halb unbewußt und zufrieden mit dem Kopfe. Er schien auch
+mehr und mehr aufzuthauen und die bisherige Scheu abzulegen, und als
+Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte, rückte er mit zum
+Tische und unterhielt sich selber mit dem jungen Manne.
+
+»Ich will Ihnen Etwas sagen, Könnern,« unterbrach der Director das
+Gespräch, »ich gehe jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde hinaus,
+um die Sache erst einmal in Gang zu bringen. Das beschäftigt mich keine
+halbe Stunde; dann komme ich hierher zurück, hole Sie ab und begleite
+Sie nachher bis zu der Mündung eines gar nicht entfernten Thales, dem
+Sie aufwärts folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum Schuß
+bekommen können. Hier oben auf der Hochebene glaube ich schwerlich, daß
+Sie irgend Etwas antreffen, das der Mühe lohnte danach zu feuern.«
+
+»Das wäre recht schön,« sagte Könnern wieder mit einem unwillkürlichen
+Blicke nach Elisen; »wenn ich nur auch gewiß wüßte, daß ich den Damen
+hier indessen nicht zur Last fiele.«
+
+»Nicht im Geringsten,« antwortete die Mutter -- »kennen Sie unser
+Land noch nicht und sind Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie
+indessen Gelegenheit, sich in unserm Garten umzusehen; denn mein Mann
+hat sich große Mühe gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gewächse
+hier zu sammeln -- Elise mag Sie herumführen.«
+
+»Ich wäre unendlich glücklich, wenn die junge Dame...« stammelte
+Könnern.
+
+»Nun, sehen Sie,« sagte der Director, »da sind Sie ja gleich untergebracht,
+und werden es wohl so lange aushalten können. In einer halben Stunde
+sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen also mit, Herr Meier?«
+
+»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte der Angeredete mit
+dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lächeln -- »Ich selber bin gerade
+beschäftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, der sich
+vortrefflich in alle diese Sachen zu finden weiß. Wenn Sie nur so
+freundlich sein wollen, ihm meine Gränzlinien zu zeigen, so wird er sie
+sich selber markiren und ich dann schon Sorge tragen, daß sie später
+dauernd gekennzeichnet werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin gerade
+mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, die ich nicht gern unterbrechen
+möchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude,
+wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe -- Bücher sind seltener in
+Brasilien, als Blumen.«
+
+»Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!« sagte Könnern, der sich heute
+merkwürdiger Weise dafür besonders interessirte, obgleich er nicht das
+Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich schon erhoben hatte,
+stand er ebenfalls auf, um sie durch den Garten zu begleiten.
+
+»Sie scheinen sich besonders für Blumen zu interessiren,« sagte das
+junge Mädchen, während sie den halben Garten lang schon schweigend neben
+Könnern hingeschritten war, ohne daß dieser einen Punkt gefunden hätte,
+ein Gespräch anzuknüpfen. Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches
+Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb verstohlen die Züge
+ihres Begleiters, senkte sich aber blitzschnell wieder zu Boden, als
+sich dieser, von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen sie wandte.
+
+»Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?«
+
+»Weil Sie -- die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen,« erwiederte Elise,
+aber sie wagte nicht den Blick zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete,
+daß sie den darin liegenden Muthwillen verrathen würde.
+
+»Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?« forschte Könnern weiter,
+denn er begann jetzt in der That mißtrauisch zu werden, ob er gestern
+seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe.
+
+»Und welchen andern Grund sollte ich haben?« sagte Elise, und sah ihm
+jetzt so voll und ehrlich in's Auge, daß er seinen Blick fast erschreckt
+vor den hellen Sternen zu Boden senkte.
+
+»Zürnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage wegen,« sagte er leise;
+»aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer
+Begleitung den staubigen Büchern -- wahrscheinlich _ohne_ dieselbe
+-- vorgezogen habe.«
+
+»Ich wäre wirklich neugierig ihn zu hören,« lächelte Elise, fühlte aber
+doch, daß sie, vielleicht unmerkbar, dabei erröthete.
+
+»Er ist einfach,« sagte Könnern treuherzig, »und in dem Leben eines
+Jägers und Herumtreibers, wie ich leider einer bin, allein begründet.
+Wir sehen Gottes schöne Welt in all' ihrer wundervollen Pracht, in allen
+Zonen, sehen sie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Öde, in ihren
+großartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten Winkeln und Ecken,
+aber -- wohin wir kommen, sind wir immer nur Fremde und Heimathlose.
+-- Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber eines stillen Familienkreises
+gehangen haben mag, da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel
+hinausgestoßen, und wenn sich in der friedlichen Abendstunde alle
+Menschen, mit denen wir in flüchtige Berührung gekommen, in das Asyl
+ihres eigenen Heerdes zurückziehen, wenn sie sich gewissermaßen in dem
+Kreise der Ihren die Belohnung holen für das, was sie den Tag über
+gewirkt und geschafft, dann liegen _wir_ an einem einsamen Lagerfeuer,
+oder vielleicht noch schlimmer, in einem erbärmlichen, unfreundlichen
+Wirthshause, und dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß wir über
+Tag Alles zu haben meinten, was der Mensch nur wünschen kann, und daß
+uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück des
+Menschen gehört.
+
+»Mit Einem Worte, es fehlt uns da draußen der Umgang mit sanften Frauen,
+das mildernde Element im Leben des Mannes, der sich seinen Weg nur das
+ganze Jahr durch seine rauhe und wilde Umgebung erkämpfen muß. Wo wir
+deshalb auch immer so ein liebes, freundliches Frauenbild finden, da
+sehen wir in _ihren_ Augen den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim
+verlassenen Häuslichkeit, und wenn auch die Freude, die wir dabei
+empfinden, eine Art von Heimweh sein mag, so regt sich doch auch
+zugleich Alles wieder in unserm Herzen, was gut und edel, und die ganze
+Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat. Ich weiß nicht, liebes
+Fräulein, ob Sie mich verstanden?«
+
+»Ich glaube ja,« flüsterte Elise, und es war ihr in dem Augenblicke
+fast, als ob sie selber eine lange, öde Strecke allein und freudlos
+durch die Welt gezogen sei, und jetzt eben aus weiter, weiter Ferne das
+Geläute ihrer heimischen Glocken gehört habe. Und doch durchzuckte sie
+dabei auch wieder ein wehes Gefühl, wenn sie sich das auch selber nicht
+einmal gestehen mochte -- aber es war nur der flüchtige Gedanke, daß der
+Fremde also gestern auch die Blumen da draußen gar nicht _ihret_wegen
+an sich genommen und aufgehoben habe. Nur die Erinnerung an die Heimath
+-- vielleicht an ein anderes liebes Wesen, das dort seiner warte, hatte
+ihn in dem Augenblicke erfaßt, und das tiefe Gefühl selbst, das aus
+seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach, galt nicht der Gegenwart,
+sondern war allein der Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten
+Glückes daheim.
+
+Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit lang schweigend durch den
+Garten, Jeder mit seinen eigenen Gedanken voll beschäftigt.
+
+»Wie das schön ist in dieser herrlichen, tropischen Welt!« brach endlich
+Könnern das Schweigen; »wie wohl die warme Luft dem Körper thut, und wie
+zierlich jene herrlichen Baumformen die schönsten, natürlichsten Gruppen
+bilden. Die Eingeborenen hier müssen doch eigentlich recht glückliche
+Menschen sein.«
+
+»Und warum nur die Eingeborenen?« fragte Elise.
+
+»Weil sie bloß der Gegenwart zu leben brauchen,« sagte Könnern; »sie haben
+Nichts in der Welt, das ihnen den Genuß des Augenblickes verkümmern
+könnte, keine Erinnerung, die sie zurückzieht, keine Sehnsucht nach
+irgend einem verlassenen Spielplatze der Kindheit. Fühlt sich nicht
+selbst der Lappländer in seiner Schneewüste, in seiner rauchigen Hütte,
+in Schmutz und Elend glücklich, nur weil es seine Heimath ist, wie viel
+mehr denn könnte es der Brasilianer in seinen Palmenwäldern und
+Orangenduft?«
+
+»Und hängen Sie noch so sehr an der Heimath?«
+
+»Du lieber Gott,« sagte Könnern, »ich habe eigentlich nicht viel dort
+zurückgelassen, was mich binden könnte. Meine Eltern sind beide todt,
+und nach so langer Abwesenheit von daheim darf ich kaum hoffen, daß,
+außer einem Bruder, der mir dort lebt, meine Freunde _mir_ eben das
+warme Herz bewahrt haben, das ich zurückbringe. Man sagt ja sogar, daß
+das Heimweh nur durch eine Rückkehr in die Heimath so gründlich curirt
+werden könne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch liegt ein eigener
+Zauber über dem Platze, auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich
+weiß nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden könnte, selbst
+Brasilien zu meinem steten Aufenthalte zu wählen, ehe ich den heimischen
+Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen hätte. Fühlen _Sie
+kein_ solches Verlangen?«
+
+»Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutschland verließ,« sagte Elise;
+»kannte ich doch damals Nichts als das Vaterhaus, und da meine Eltern
+mit herüber kamen, vermißte ich kaum Etwas aus dem alten Vaterlande.
+Wohl steigt manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die Heimath
+wieder zu sehen, aber es ist mehr ein unbestimmtes Gefühl, das keinen
+festen und gewissen Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht so mächtig,
+um mich lange und ernsthaft in Anspruch zu nehmen.«
+
+»Aber Sie führen doch ein recht einsames Leben hier oben.«
+
+»Ich bin kein anderes gewöhnt,« sagte Elise, während aber doch ein
+leichter Seufzer ihre Brust hob; »Vater und Mutter sind so gut mit mir,
+und Alles, was ich brauche, habe ich im Überfluß. Was könnte mir die
+geräuschvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon sehe,
+desto weniger gefällt sie mir, und ich habe es dem Vater oft schon im
+Stillen gedankt, daß er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr mit
+der Ansiedelung abgeschlossen.«
+
+»Aber was _haben_ Sie schon davon gesehen?«
+
+»Was? O, viel!« sagte Elise erstaunt. »lärmende, trunkene Menschen, die
+gar nicht selten unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im Überfluß,
+und Zank und Streit, Neid und Haß der einzelnen Colonisten, die manchmal
+den Vater bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit sie keinen
+Advocaten anzunehmen brauchen. Es ist recht traurig, daß die Menschen
+nicht in Frieden neben einander leben können, und Vater hat gewiß ganz
+Recht gehabt, daß er sich von ihnen zurückgezogen. Wir leben jetzt hier
+viel glücklicher in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all' dem Lärm
+und Unfrieden zu hören bekommen -- und doch sehnt sich Mutter hinaus und
+zurück in die Welt.«
+
+»Sind Sie schon lange in Brasilien?«
+
+»Sieben Jahre mögen es sein -- vielleicht etwas weniger, und damals war
+die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst wenige Häuser
+standen. Erst in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher
+den Weg zu finden -- der Vater sagt, weil ihnen lügenhafte Speculanten
+vorgeschwindelt hätten, daß der Boden hier so außerordentlich fruchtbar
+sei -- und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen
+voll von ihnen ankommen.«
+
+»Das ist auch jetzt wieder der Fall,« meinte Könnern, »und wir sind
+gerade heute heraufgekommen, um das nächstgelegene Land für neue
+Colonisten auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich auch hier oben
+eine Menge neuer Nachbarn bekommen.«
+
+»Dann zieht Vater gewiß weg von hier,« lachte Elise, »denn er hat schon
+oft davon gesprochen, so hübsch er den Platz auch mag eingerichtet
+haben. Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wäre, Vater säße schon lange
+wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.«
+
+»Aber weshalb scheut er die Menschen so? Haben sie ihm je Etwas zu Leide
+gethan?«
+
+»Ich weiß es nicht,« sagte Elise treuherzig; »er spricht nie darüber und
+hat sogar --« sie schwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre
+Wangen.
+
+»Was hat er?« fragte Könnern, weniger aus Interesse an der Frage, als an
+der Jungfrau selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen ganz
+eigenen Zauber über ihn auszuüben begann.
+
+»O Nichts,« sagte Elise leise; »Vater hat manchmal ganz sonderbare
+Einfälle, wenn er sich damit nur ihm lästige Menschen abhalten kann.«
+
+»Und glauben Sie, liebes Fräulein, daß es ihm unangenehm wäre, wenn ich
+vielleicht noch einmal herauf käme, ehe ich die Colonie verließe?«
+
+»Sie wollen schon wieder fort?« fragte das junge Mädchen fast
+erschreckt, und erschrak doch noch mehr eigentlich über die Frage
+selber.
+
+»Möglich ist es, daß ich noch mehrere Tage, vielleicht sogar einige
+Wochen in der Nachbarschaft bleibe,« sagte der junge Mann; »es hängt das
+von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die vielleicht schon mit
+dem nächsten Postdampfer eintreffen können. Aber Sie haben mir _meine_
+Frage nicht beantwortet.«
+
+»Welche Frage?«
+
+»Ob es Ihr Vater ungern sehen würde, wenn ich herauf käme um -- Abschied
+von Ihnen zu nehmen,« sagte Könnern, und es war ihm selber ein ganz
+eigenes, wehes Gefühl, als er die Worte sprach.
+
+»Ob es der _Vater_ ungern sehen würde,« sagte Elise, und ein leises,
+fast wehmüthiges Lächeln stahl sich über ihre Züge, »weiß ich freilich
+nicht; _ich_ aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie -- so
+bald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten.«
+
+Könnern wollte ihr Etwas darauf antworten, aber er vermochte es nicht.
+Irgend eine leere Redensart paßte nicht auf die aus dem Herzen kommenden
+Worte des einfachen Mädchens, und hätte er ihr so darauf erwiedert,
+wie es ihm sein eigen Herz eingab -- das ging nicht -- das war nicht
+möglich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte endlich mit tiefem Gefühle:
+
+»Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei dessen Ankunft sich Jemand
+freut, dessen Abschied Jemanden betrübt. Ich will die Worte so einfach
+nehmen, wie sie gesprochen waren, aber sein Sie versichert, mein
+Fräulein, daß sie mir stets eine liebe, liebe Erinnerung bleiben
+werden.«
+
+Elise sah ihn fast etwas bestürzt an. Hatte sie mehr gesagt, wie sie
+eigentlich durfte -- Du lieber Gott, sie war ja fast jedes geselligen
+Umganges entwöhnt. Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr sie fort:
+
+»Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen Umgang entbehrt, daß
+man es uns wahrlich nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die
+Einsamkeit, ja Öde einmal durch einen freundlichen Besuch gestört zu
+sehen.«
+
+»Ich habe es auch nicht anders verstanden, liebes Fräulein,« sagte
+Könnern mit einem Seufzer, »und doch danke ich Ihnen dafür. Aber Ihre
+Frau Mutter scheint Sie zu suchen -- und dort hält auch der Director
+schon wieder, mich erwartend, vor der Thür. So rasch ist die Zeit
+vergangen, und ich glaubte, daß wir erst wenige Minuten im Garten
+gewesen wären.«
+
+»Leben Sie wohl!« sagte Elise, ihm freundlich und ohne Rückhalt die Hand
+zum Abschied reichend.
+
+»Leben Sie wohl, liebes Fräulein!« sagte der junge Mann, und er war
+einen Moment unschlüssig, ob er die ihm gereichte Hand an die Lippen
+heben solle, aber er bezwang sich, machte ihr eine ehrfurchtsvolle
+Verbeugung und verließ rasch den Garten.
+
+
+
+
+6.
+
+Zuhbel's Chagra.
+
+
+Der Director wandte sein Pferd, als er Könnern auf sich zukommen sah,
+und ritt ihm voran die schmale Straße entlang.
+
+»Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?« sagte er endlich, als sie
+sich weit genug von Haus und Garten befanden, um nicht mehr von dort
+gehört zu werden; »nicht wahr, die Tochter ist nicht so übel?«
+
+»Nein, ein ganz hübsches Mädchen,« sagte Könnern und schämte sich fast
+vor sich selber dabei, des profanen Urtheils wegen, denn es schien ihm
+eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen Herzens.
+Glücklicher Weise verhinderte aber der enge Weg hier eine längere
+Unterhaltung. Eine Viertelstunde später zeigte ihm der Director das
+Thal, dem er folgen könne, um einmal den Wald und die Nachbarschaft ein
+Wenig kennen zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein Pferd
+einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor einem zu langen Streifzuge,
+damit er sich nicht doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann
+seinen eigenen Weg fort, Könnern sich selber überlassend.
+
+Der junge Mann athmete tief auf, als er sich endlich allein im Walde
+sah; er fühlte das Bedürfniß, seinen Gedanken ungestört nachhängen zu
+können, und ein so eifriger Jäger er sonst auch sein mochte, heute
+vergaß er fast, weshalb er in den Wald gekommen, und ließ seinem Pferde
+willenlos den Zügel, einen Fußpfad zu verfolgen, der in dem Thale
+hinauflief. Dort oben sollte er noch eine Chagra, die letzte, erreichen,
+wo er sein Pferd lassen und die Jagd dann zu Fuße fortsetzen konnte,
+denn im Sattel ließ sich in diesen Wäldern eben gar Nichts ausrichten.
+
+Und was hatte ihm denn nur auf einmal so Kopf und Herz befangen, was
+durchglühte ihn plötzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten Gefühl?
+Der Anblick, das Zusammensein mit diesem einfachen, schlichten Kinde
+des Waldes? Könnern schüttelte selber über die tolle Idee den Kopf und
+suchte ein paar Mal sogar gewaltsam das holde Bild aus seiner Erinnerung
+zu bannen; aber es ging eben nicht. -- Wenn er hinaus in den Wald horchte,
+hörte er die melodischen Laute ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem
+möglichen Wild umherlugte, sah er das schelmische Lächeln der Jungfrau
+hinter jedem Busch und Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen
+liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen schauten ihm die treuen Augen
+Elisens entgegen.
+
+Mit einem Worte, er war bis über die Ohren verliebt, und daß er sich das
+zuletzt selber nicht einmal mehr verbergen konnte, ärgerte ihn am
+Allermeisten.
+
+»Es ist reiner Wahnsinn,« philosophirte er vor sich hin, »reiner,
+blanker Wahnsinn, daß ich da hinein reite, einer jungen Brünette in die
+Augen schaue und darüber auf einmal den Verstand verloren haben soll!
+Der muß mir jedenfalls schon früher abhanden gekommen sein -- oben in
+Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder irgendwo anders sonst
+-- der Teufel weiß es! Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal
+sehen, ob ich nicht Gewalt über mich habe, mir ein Mädchenbild aus
+dem Kopf zu schlagen, und _wenn's_ eine Brünette mit den schönsten
+Reh-Augen der Welt wäre -- und das ist sie nicht einmal -- die Nase
+steht ihr ein klein Bißchen schief -- ein ganz klein Bißchen nur, aber
+sie steht doch schief, und ist für eine wirkliche Schönheit viel zu
+stumpf, und das Kinn müßte nothwendig ein wenig länger sein -- außerdem
+hat sie nicht einmal ein Grübchen darin, und ich schwärme für Grübchen
+im Kinn.«
+
+Und wie er sich die Fehler der Geliebten so gewaltsam vormalte, schauten
+über Nase und Kinn immer nur wieder jene Augen fest und tief in die
+seinigen; in dem Rauschen der Palmen hörte er die leise flüsternden
+Worte, wie sie ihm sagte: »Ich aber würde es ganz bestimmt ungern sehen,
+wenn Sie sobald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten,« und
+jeder wehende Zweig schien ihm zuzuwinken und zu rufen: »Zurück! Zurück
+-- hinter Dir liegt das Glück, das Du verlassen hast, hinter Dir! Und was
+treibst Du Dich da noch länger so einsam und allein in der weiten, öden
+Welt umher?«
+
+Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem Pferde in die Zügel, als ob
+er dieser wunderlichen Stimme, die ihn drängte und trieb, folgen wolle,
+aber es war das immer nur ein Moment. Im nächsten warf er trotzig den
+Kopf zurück und biß die Zähne auf einander. Aber die Traumbilder ließen
+ihm doch keine Ruhe, und er kam erst eigentlich ordentlich wieder zu
+sich selber, als er das ihm von dem Director bezeichnete Haus erreichte,
+das an der Gränze der Ansiedelung stand und wo er sein Pferd lassen
+wollte, um seine eigentliche Jagd zu beginnen.
+
+Der Eigenthümer war allerdings gerade nicht zu Hause, sondern im Walde
+draußen, um Stämme für eine neue Scheune zu schlagen, das schadete
+aber Nichts; die Frau öffnete ihm den kleinen Pasto, wo er sein Thier
+indessen frei weiden lassen konnte, und mit seiner Büchsflinte auf der
+Schulter schritt er gerade in den Wald hinein, um sein Jagdglück, allen
+Gedanken und Träumen zum Trotz, in vollem Ernste zu versuchen.
+
+Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt kein besseres Mittel, um sich
+lästig werdender Gedanken zu entschlagen, als zu Fuß in einem tropischen
+Walde spazieren zu gehen. Im Sattel sucht sich das Pferd schon selber
+seinen Pfad, weicht Hindernissen aus oder überwindet sie, und trägt den
+Reiter seine Bahn entlang; ja, ein solcher einsamer Ritt ist eigentlich
+zum Brüten und Grübeln wie gemacht, und während sich der Körper ruhig
+und endlich selbst theilnahmlos der Führung des Pferdes überläßt, haben
+Geist und Phantasie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu schweifen, und
+machen denn auch bei jeder passenden Gelegenheit Gebrauch davon.
+
+Anders und sehr verschieden ist das freilich, wenn man selber in den
+Gebüschen steckt, wenn sich jeder Fehltritt durch ein prosaisches
+Stolpern straft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier, bald da den
+Weg versperren. In solchem Falle ist's mit dem Grübeln unbedingt vorbei,
+und kein anderer Gedanke, als der, sich die Bahn frei zu halten, kann
+aufkommen.
+
+Das Mittel half auch bei Könnern. Wie er nur erst einmal die letzte
+Umzäunung der Colonie hinter sich hatte und in den wirklichen Wald
+eintauchte, wobei er noch außerdem genöthigt war, sich genau die
+eingeschlagene Richtung zu merken, gewann der Wald um ihn her wieder
+seinen wirklichen Charakter, und ordentlich in der Wildniß drin erwachte
+auch die alte Leidenschaft zur Jagd in ihm, und ließ ihn mit dem ersten
+besten Pfade, auf den er den Fuß setzte, auch nach Fährten oder Spuren
+wilder Thiere suchen.
+
+Es ist außerdem schon an und für sich ein ganz eigenthümliches,
+wunderbares Gefühl, in einem fremden, unbekannten Walde mit der Büchse
+im Arm dahin zu schreiten, und man muß eigentlich selber Jäger sein, um
+das recht mitempfinden oder auch nur begreifen zu können. Jeder Laut ist
+fremd, selbst das Rauschen der Blätter klingt dem Ohre ungewohnt, und
+noch dazu in einem tropischen Walde lenkt überall eines der sich stets
+bewegenden riesigen Blätter das Auge des Jägers bald da, bald dorthin
+und hält ihn anfänglich in fast fieberhafter Spannung.
+
+Hier und da raschelt auch einmal das Laub -- ein dürrer Ast knickt,
+ein Waldhuhn streicht dicht vor den Füßen des Jägers mit fremdartigem
+Geräusch empor und verschwindet, ehe er sich zum Schusse sammeln konnte,
+wieder in den Büschen, und irgend eine unbekannte Fährte fesselt
+plötzlich seinen Blick und lockt ihn, weit von seiner Richtung ab,
+lange, lange Strecken in den Wald hinein.
+
+So streifte auch Könnern heute durch die Wildniß, die er freilich mit
+größeren Erwartungen für die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal
+eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund aufgebrochen hatte, er sah die
+Fährten einer kleinen Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers
+oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er Nichts als ein paar
+Waldhühner, die er aus dem Gebüsche herausstörte und im Fluge mit dem
+Schrotlauf schoß. Das war Alles, und als er am Stand der Sonne sah, daß
+er nicht viel Zeit mehr zu versäumen hatte, trat er den Rückweg an und
+erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang das Haus jenes
+Ansiedlers, wo sein Pferd stand.
+
+Der Mann war jetzt zu Hause und empfing den Fremden auf das Gastlichste,
+wie es überhaupt in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade
+hinaus, als Könnern erklärte, daß er heute Abend noch nach der Colonie
+zurück wolle.
+
+»Mein lieber Freund,« sagte er, »das ist reine Thorheit, und Sie
+verstehen es eben nicht besser. Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und
+aus der Rodung hinaus sind, ist die Sonne unter und die Welt damit auch
+gleich stockdunkel, und nachher sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf
+dem Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und stürzten, vielleicht
+obendrein noch Hals und Beine brächen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie
+gar nicht daran, und außerdem lasse ich Sie nicht fort, wenn Sie auch
+wirklich wollten. Glauben Sie denn, daß uns die Fremden hier so dick
+zugeschneit kämen, daß wir einen, den wir einmal eingefangen, gleich
+wieder fliegen ließen? Gott bewahre -- heute Abend wollen wir uns was
+erzählen, Sie von draußen, ich von drinnen, und da sollen Sie einmal
+sehen, wie rasch die Zeit verfliegt.«
+
+Er ließ auch wirklich gar keine Einwendungen gelten, und da sich Könnern
+viel eher in der Stimmung fühlte, den Abend bei ganz fremden Leuten
+zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern, so bedurfte es keines
+langen Zuredens seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen dessen
+Wunsch zu gewähren.
+
+Während Könnern unter einem mächtigen Orangenbaume saß und einige der
+um ihn her den Boden bedeckenden Früchte verzehrte, erzählte ihm der
+Deutsche den größten Theil seiner Lebensgeschichte. Er hieß Heinrich
+Zuhbel, hatte früher einen Handel in Rio Grande gehabt und mit einem
+Krämerkarren verschiedene Streiftouren nach Uruguay hinein gemacht, wo
+er eine Menge Geld verdient haben mußte. In San Leopoldo, wohin er auch
+einmal gekommen war, um seine Waaren an den Mann zu bringen, brachte er
+sich dann selber an. Er verliebte sich nämlich -- oder besser gesagt,
+seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich in ihn -- die Eltern hatten
+Nichts dagegen, und er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen
+frisch eingewanderten Juden, übernahm die Colonie seines Schwiegervaters
+und wirthschaftete darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. Damals
+wurde die jetzige Colonie Santa Clara, wenn auch nicht begründet, denn
+sie bestand schon längere Zeit, aber frisch in Angriff genommen, und
+Zuhbel beschloß, hieher überzusiedeln. Überhaupt an Herumziehen in der
+Welt gewöhnt, wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte sich jetzt
+mit Fleiß und Ausdauer ein ganz hübsches Besitzthum gegründet und lebte,
+wie er meinte, gerade weit genug von der Colonie entfernt, um sich Vieh
+halten zu können und nicht jeden Augenblick Ärger mit den Nachbarn zu
+haben. Die Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die Schule
+schicken, denn das war zu weit und die Schule taugte auch Nichts;
+deshalb unterrichteten er und die Frau sie selber, und der »Landsmann«
+sollte sich nachher einmal überzeugen, was sie schon Alles könnten.
+
+Der Mann plauderte so in einer Schnur fort, und erzählte dem Fremden
+eine von den tausend Geschichten, die der Wanderer durch solche
+Länder fast in jeder Hütte zu hören bekommt und als eine der vielen
+Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen muß: eine Lebensgeschichte ohne
+das geringste Interessante, ein alltäglicher Lebenslauf in den Colonien,
+voll Arbeit, und Glück und Mißgeschick, bunt und ohne Zweck oder Ziel
+durch einander gemischt.
+
+Der Mann hier schien aber trotzdem keiner der gewöhnlichen Bauern
+zu sein, wie auch sein früherer Erwerb bewies; er war eine Art von
+verdorbenem Genie, der ein Bißchen von Allem oberflächlich gelernt
+hatte, das Wenige aber nach Kräften zur Geltung zu bringen suchte, wo
+sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot.
+
+Als sich die Sonne endlich hinter die Bäume senkte, lud er seinen Gast
+ein, in's Haus zu kommen, da der Thau schon zu fallen begann. Dort fand
+Könnern die Frau emsig beschäftigt den Tisch zu decken, und ein junges,
+bildhübsches Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon hoch
+aufgeschossen, half ihr dabei.
+
+Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht, sondern mehr eine
+Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen auf dem Lande Sitte ist: ein
+blaugeblümtes, dunkles Kattunkleid, eine weiße Schürze und -- jedenfalls
+dem Gaste zu Ehren -- ein gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals
+geknüpft. Sie mußte auch einmal recht hübsch gewesen sein, denn die
+Spuren ließen sich selbst jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und
+eine heiße Sonne reiben den Körper auf und machen ihn rasch verblühen.
+Sie grüßte schüchtern und verließ mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald
+es Könnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte noch draußen zu thun.
+
+»Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem,« sagte er zu seinem
+Gaste, als er diesen in die Stube geführt hatte; »ich bin gleich wieder
+da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fabrikaten holen.«
+
+Damit verließ er ebenfalls das Zimmer und ließ dem jungen Deutschen
+vollkommen Zeit, sich diese Heimath eines deutsch-brasilianischen
+Pflanzers mit Muße zu betrachten -- und wahrlich, es schien ein
+wunderlicher Platz!
+
+Das große, geräumige Zimmer mit weißen Kalkwänden nahm den ganzen
+vordern Theil des Hauses ein. Die Möbel bestanden großentheils aus
+einfachem weißen Holze. Nur ein, möglicherweise aus Deutschland
+mitgebrachter runder Tisch in der Ecke war aus Mahagoni; eben so ein
+Stuhl, der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum Staate als zum
+wirklichen Dienste wie in Gedanken in der Ecke lehnte.
+
+An der einen Wand stand ein Fortepiano aus Nußbaumholz; daneben aber ein
+angebrochener Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der tägliche Bedarf für
+das Haus genommen wurde; auf dem Clavier lag ein kürzlich abgenommener
+Pferdezaum, denn das Gebiß war noch feucht, und in der Ecke am Fenster
+ein alter, zerrissener Sattel, neben dem wiederum zwei Fässer mit Bohnen
+und Erbsen standen. Auf den Mahagonitisch war außerdem als Decke das
+etwas defecte Umschlagetuch der Frau gebreitet; die Zipfel desselben
+reichten aber nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel und
+einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe zu verbergen. Ein Paar
+abgeworfene Hosenträger lagen auf dem Umschlagetuche.
+
+Die Familie schien außer dem Clavier aber auch sonst noch entschieden
+musikalisch zu sein, denn über demselben, neben einer gewöhnlichen
+Handwage und einem lange nicht abgestaubten Rocke, hingen noch zwei
+Guitarren und eine Violine -- alle drei in etwas desolaten Umständen.
+-- Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus; die Dielen waren frisch
+gescheuert und an dem einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer
+Gardine gemacht.
+
+Könnern lehnte seine Büchsflinte in die Ecke neben den Mehlsack und
+hatte gerade Zeit genug gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig
+umzusehen, als sein Wirth mit einer Flasche Wein und ein paar Gläsern
+zurückkehrte.
+
+»Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche Santa Clara Ausbruch versuchen,
+ein capitales Weinchen,« sagte er dabei, indem er die Flasche auf den
+Tisch stellte und entkorkte, »selbst gezogen -- delicat -- noch ein
+Bißchen jung vielleicht, aber famos -- _die_ Blume!«
+
+Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn Könnern aber kostete, lachte er
+gerade hinaus und rief:
+
+»Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das ist Himbeeressig!«
+
+»Himbeeressig?« sagte Herr Zuhbel erstaunt, indem er vorsichtig von
+seinem Glase kostete -- »ich habe ja gar keinen -- bitte um Verzeihung,
+das ist mein Ausbruch. Er _ist_ ein Bißchen säuerlich, weil bei uns die
+Beeren so ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich
+erst einmal an _den_ Wein gewöhnt hat, schmeckt Einem der beste
+Markobrunner nicht mehr.«
+
+»Das glaube ich auch,« sagte Könnern, der einen zweiten Versuch machte,
+das Glas aber dann kopfschüttelnd wieder auf den Tisch setzte -- »ich
+bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und trinke nur Wasser. Jeder
+Wein steigt mir augenblicklich zu Kopfe.«
+
+»Der nicht,« rief Zuhbel in Eifer, »der wahrhaftig nicht, und wenn Sie
+drei Flaschen davon tränken! (Könnern zogen sich schon bei dem Gedanken
+an eine solche Möglichkeit die Eingeweide zusammen und alle Zähne wurden
+ihm stumpf.) Übrigens können Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute
+trinken auch gewöhnlich Milch, und da kommen sie schon mit dem Essen.
+Nun langen Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen Marsch
+Hunger bekommen haben.«
+
+Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot, delicates Brod,
+frische Butter, guten Käse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit
+größter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein Wort, wenn nicht
+eine Frage direct an sie gerichtet wurde. Auch das junge Mädchen hielt
+sich scheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an den Tisch hinan
+zu rücken, an den sie weit hinüberlangen mußte. Zuhbel führte allein das
+Wort und erzählte ununterbrochen von seinem Leben hier zwischen den
+»Brasilischen«, von seinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier
+erst habe zeigen müssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder einrichte
+und bewirthschafte, was er ziehe und möglich gemacht habe, und wie er
+es eigentlich gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig
+Ordnung gebracht habe.
+
+»Mit dem Director ist es Nichts,« fuhr er fort -- »gar Nichts, das
+ist ein Grobian, wie er im Buche steht, aufgeblasen und stolz -- ja,
+»Dickethun ist mein Reichthum,« das paßt auf den. Will Alles besser
+wissen, und hat nicht die geringste Lebensart. Da ist der Delegado ein
+anderer Mann -- der weiß, was Höflichkeit ist und was unser Einer
+versteht, und giebt sich mit dem gemeinen Manne ab, daß es eine Lust
+ist.«
+
+Dann kam er auf die Frau Gräfin zu sprechen, die ihn einmal »mein lieber
+Herr Zuhbel« genannt hatte und von der er entzückt schien. Das war eine
+Dame, wie sie eigentlich sein sollte, »wirklich vornehm und doch so
+gemein als möglich.«
+
+Könnern ermüdete das Gespräch. Er hatte schon lange herausgemerkt, daß
+sein freundlicher Wirth zu den Menschen gehörte, die ihren Nachbar nur
+danach beurtheilen, wie sie selber von ihm behandelt sind, und den aus
+Grundsatz hassen, der klüger oder fleißiger ist als sie, oder wenigstens
+von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es solcher Leute
+ja genug in _allen_ Ständen, und man braucht eben nicht nach Brasilien
+zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls
+gefunden, daß sein Gast ein »Fremder« sei, und der hier draußen viel zu
+selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, nahm jetzt
+die Ansiedler Einen nach dem Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen
+Einwanderer gleich einen richtigen Überblick über die Verhältnisse zu
+gestatten.
+
+Indessen war es vollkommen Nacht geworden, als draußen der Hufschlag
+eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger Bursche
+von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der
+den Fremden freundlich grüßte und dann, ohne von seiner Familie auch
+nur die geringste Notiz zu nehmen, sich zum Tische setzte und die noch
+übrigen Speisen verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem Wein, ohne
+eine Miene dabei zu verziehen.
+
+Während er aß, saß Zuhbel wie auf Kohlen; er rückte auf seinem Stuhle
+hin und her und sah immer nach seinem Sohne hinüber, und als dieser kaum
+den letzten Bissen im Munde hatte und seinen Teller zurückschob, stand
+er auf, rieb sich die Hände und sagte:
+
+»So, jetzt kann's losgehen -- jetzt sollen Sie einmal sehen, daß wir
+hier im brasilianischen Walde nicht bloß lauter Bauern und Holzhacker
+sind, sondern daß wir auch in der Kunst Etwas leisten. Bist Du fertig,
+Junge?«
+
+»Ja, Vater,« sagte der Sohn, stand auf, wischte sich den Mund,
+nahm einen kleinen Zusammenlegekamm aus der Tasche, um seine Frisur
+oberflächlich in Ordnung zu bringen, und griff dann ohne Weiteres nach
+der über dem Claviere hangenden Violine, die er zu stimmen und herauf
+und herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er
+damit fertig wurde; der alte Zuhbel hatte indessen das Clavier geöffnet
+und sich daran gesetzt.
+
+»Spielen Sie?« fragte er Könnern. Dieser verneinte. »Das müssen Sie noch
+lernen,« fuhr Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff; »es ist
+etwas gar Schönes für einen Colonisten, wenn er sich Abends nach der
+Arbeit die Zeit ein wenig mit Musik vertreiben kann -- na, hast Du's
+bald?« wandte er sich an seinen Sohn.
+
+»Jetzt kommt's,« sagte dieser, indem er einen Ton auf dem Clavier anschlug
+und seine Stimmung damit verglich. Es stimmte so ziemlich -- höchstens
+um einen halben Ton Unterschied, was zu unbedeutend war, deshalb noch
+einmal alle Saiten abzuschrauben. Ein Strich über die Violine war das
+Zeichen, und ohne weitere Verabredung, als ob gar keine andere Melodie
+möglich sei, fielen Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: »Erblickt auf
+Felseshöhen,« ein und kratzten und hämmerten dieselbe richtig durch, der
+Vater natürlich nur den Baß schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob
+er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff.
+
+Dann kam ein schwermüthiges Lied. »Von der Alpe tönt das Horn,« dann
+»Die Fahrt in's Heu« mit allen Versen. Den Schluß bildete aber das
+Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn während es bei den früheren
+Liedern über die Mißtöne rasch hinwegging, wurden sie hier lang und
+feierlich ausgehalten, und Könnern als Schlachtopfer saß in der einen
+Ecke und rauchte eine schlechte Cigarre, die wie der Wein eigenes
+Fabricat des Tausendkünstlers war.
+
+Aber auch das ging vorüber; das Concert war beendet, die Violine hing
+wieder an der Wand und das Clavier wurde geschlossen -- der erste
+angenehme Ton, den es heute von sich gab.
+
+»Es sind nur drei Instrumente in der ganzen Colonie,« sagte Zuhbel mit
+Stolz, indem er den alten Klapperkasten freundlich auf den Rücken
+klopfte, als ob es ein Pferd gewesen wäre; »eins hat die Frau Gräfin,
+ein wahres Prachtstück; die junge Gräfin hat mir einmal selber Etwas
+darauf vorgespielt -- die spielt, und _das_ ist ein Mädel -- zum
+'neinbeißen, sage ich Ihnen. Sie kennen sie aber gewiß schon?«
+
+»Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten gesehen.«
+
+»Reiten kann sie wie der helle Teufel -- und das dritte hat der Meier
+-- der Einsiedler, wie sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt
+wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie ein Kettenhund vor
+seiner eigenen Thür und läßt Niemanden hinein -- das ist ein schrecklicher
+Mensch!«
+
+»Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft,« sagte Könnern gleichgültig.
+
+»Haben Sie das auch schon gemerkt?« lachte Zuhbel; »ja, der läßt Alle
+abfahren, wer sie auch sein mögen, aber -- es hat seinen Grund.«
+
+»Er mag etwas menschenscheu sein; lieber Gott, Jeder von uns hat seine
+Schwachheiten!« sagte Könnern und dachte an das Concert.
+
+»Schwachheiten?« fragte Zuhbel geheimnißvoll -- »bei dem ist's mehr,
+darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Dahinter steckt Etwas. -- Mit dem
+ist's nicht richtig, und daß der -- ich mag keinem Menschen etwas Böses
+nachsagen -- aber daß der _wenigstens_ einen Mord auf dem Gewissen hat,
+darauf können Sie Gift nehmen. -- Denken Sie denn, daß der Jemandem
+gerade in's Gesicht sehen kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt
+er auf, hinter der man nie weiß ob er schläft oder zuhört, wenn man ihm
+'was sagt, und daß er ein einziges Mal seine Nachbarn besucht hätte, so
+lange er hier in der Gegend wohnt -- ist ihm noch gar nicht
+eingefallen.«
+
+»Ja, aber mein lieber Herr Zuhbel,« sagte Könnern, »nicht alle Menschen
+haben eben Freude an Gesellschaft!«
+
+»Ach was,« rief der Mann, »der ist keines Menschen Freund, wie sein
+eigener, und ich weiß nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich
+macht. Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom Leibe, und mit
+seiner ganzen Familie, der alten, knuffnäsigen Frau, die Einen immer
+ansieht als ob sie Einen beißen wollte -- lieber Gott, ich thu' ihr
+Nichts! -- und dem bleichsüchtigen Ding von Mädchen. Und mit seinem
+Reichthum soll's auch nicht so weit her sein -- mich kauft er nicht aus,
+so viel weiß ich, und _mein_ Land gäbe ich nicht für ein Dutzend solcher
+Chagra's hin, wie er eine hat.«
+
+Der Mann war im Zuge und ließ Könnern nur in so fern Ruhe, daß er nicht
+von ihm verlangte, ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie wieder
+von oben bis unten durch, und das Resultat blieb, daß er der Einzige
+von Allen sei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verstehe und eine
+Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der er den Colonisten einmal
+zeigen wolle was man aus dem Lande machen könne, wenn man es eben
+richtig angriffe. Könnern war froh, als er sich endlich mit der späten
+Stunde, und Müdigkeit vorschützend, entschuldigen konnte, um sein Lager
+zu suchen.
+
+Auch hier war Alles für ihn durch die Frauen auf das Sauberste
+hergerichtet, und in einer der oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein
+wenig hartes, doch frisch überzogenes Bett, mit Waschzeug, Handtuch und
+frischem Wasser, und außerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und einen
+Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen Landmanne einen nicht
+unbedeutenden Theil seiner Nahrung bilden.
+
+Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach kein Wort dabei, setzte ihm
+das Licht in die Stube und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles
+in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so schweigend zur Thür
+zurück, drehte sich noch einmal um, sah Könnern ruhig an und sagte:
+
+»Glauben Sie kein Wort von dem, was _er_ Ihnen sagt. Es ist Alles nicht
+wahr. Gute Nacht, schlafen Sie wohl!« und damit verschwand sie draußen
+in dem dunklen Gange.
+
+Könnern lachte still vor sich hin, aber er war durch das furchtbare
+Schwatzen seines Wirthes so geistig müde geworden, daß er an dem Abend
+nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er denn sein Lager und hatte
+sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch in einen tiefen Schlaf fiel
+und erst am hellen Morgen neu gestärkt erwachte.
+
+Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur Ansiedlung zurückkehren, weil
+er fürchtete, daß der Director vielleicht seinetwegen in Sorge sein
+könne; aber Zuhbel ließ ihn nicht. Erst mußte er frühstücken und dann
+seine Felder besehen, ohne das kam er nicht los.
+
+Könnern war nun Nichts weniger als Ökonom, und verstand nicht das
+Geringste von der Landwirthschaft, das schadete aber Nichts; Zuhbel
+schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer über geackerte und
+ungeackerte Felder, und zeigte ihm, was er _hier_ bauen wollte, und was
+er _da_ gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da gezogen sei,
+und wie alt der oder jener Pfirsichbaum wäre, und wo er die jungen
+Stämme herbekommen habe -- Dinge, die den jungen Maler auch nicht im
+Geringsten interessirten. Endlich hatten sie Alles gesehen, keine
+Hecken-Anpflanzung von Quittenbäumen, kein Reis- oder Maisfeld war mehr
+übrig, und der Fremde durfte endlich den Wunsch ansprechen, sein Pferd
+zu satteln. Das aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten
+Frühstücke aus dem Felde hereingekommen war, und Könnern athmete hoch
+auf, als er endlich wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, der
+Ansiedelung zutraben konnte.
+
+Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg dorthin ein, sondern lenkte
+links ab, an Meier's Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs ein
+unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen Waldhühner, die
+an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle -- aber das ging
+nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig fallen -- nicht _jetzt_
+schon wieder sein Haus betreten -- und doch, mit wie schwerem Herzen
+ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen hielt, was
+seinem Herzen lieb und theuer war. -- Vergebens suchte er auch nur einen
+Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafür
+gesorgt, daß kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen könne, und
+tief aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den
+Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte.
+
+Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung nicht erreicht, als er
+plötzlich Musik zu hören glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den
+Zügel und lauschte. Richtig -- im Garten selber hörte er die melodischen
+Töne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit
+entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; nur die einzelnen,
+höheren Töne drangen zu ihm herüber, und ehe er noch zu einem rechten
+Entschluß gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen und hatte sein
+Pferd am Zügel.
+
+Ein Weg führte dort allerdings nicht hinein, aber die Büsche waren
+doch nicht so dicht, daß er nicht hindurch gekonnt hätte, und einen
+Augenblick stand er unschlüssig, ob er das Pferd hier draußen am Wege
+anbinden solle. Aber vom Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn
+beim Horchen ertappen -- besser, er nahm es mit, und es vorsichtig
+führend, näherte er sich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz
+deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herübertönte.
+
+Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere
+Vordringen; zu nahe durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt
+des Pferdes nicht verrieth -- er blieb stehen und lauschte der Melodie,
+die eine Meisterhand aus den Saiten lockte -- aber wer spielte hier? Der
+alte Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm schon gesagt, daß
+er sehr musikalisch sei. Es war eine jener schwermüthigen deutschen
+Volksweisen, an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges Gefühl
+schien die Saiten zu beleben.
+
+Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig -- hatte sich der Spieler
+wieder entfernt? Es war so still geworden, daß er sich ordentlich
+fürchtete den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das Pferd
+verursachte Geräusch verrathen mußte.
+
+Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde angeschlagen, erst leise und
+wehmüthig, dann in eine mehr heitere Weise übergehend. Zwei oder drei
+der kleinen allerliebsten steyrischen Ländler folgten, dann plötzlich in
+eine andere Tonart überspringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhörer
+fremde Melodie, und jetzt -- das Herz schlug ihm auf einmal wie ein
+Hammer in der Brust, begann eine glockenreine Mädchenstimme ein kleines
+Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen konnte.
+
+ Die Herzen wachsen alle dort
+ Im blauen Himmelsfeld,
+ Und immer zwei beisammen, eng,
+ Die eine Schale hält.
+
+ Vielliebchen gleich, so keimen sie
+ Je zwei und zwei selband,
+ Und sind sie reif, nimmt sie der Herr
+ Und streut sie über's Land.
+
+ Eins pflanzt er einem Jüngling ein,
+ Das and're einer Maid,
+ Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch,
+ Wenn Ihr vereinigt seid.
+
+ Die beiden Hälften suchen nun
+ Sich in der Welt daher,
+ Und selig, wer sein halbes find't,
+ O dreimal selig der!
+
+ Das halbe Herz, Du lieber Gott,
+ Kann doch auch halb nur schlagen --
+ Wer _meine_ and're Hälfte hat,
+ Ich wollt', er thät mir's sagen.
+
+Könnern lauschte dem Liede mit glühenden Wangen, kaum aber war es
+beendet, als er -- er wußte kaum was er that -- die beiden geschossenen
+Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit keckem Wurf über die Hecke
+hinweg in den Garten schleuderte.
+
+Er hörte noch drinnen einen leisen Aufschrei, aber weiter Nichts, in
+wilder Flucht trieb er sein Pferd wieder durch den Busch zurück auf den
+Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem ganzen Sturm tobender
+Gefühle im Herzen in die Ansiedelung zurück.
+
+
+
+
+7.
+
+Die neuen Colonisten.
+
+
+Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, und weil er der
+Unsicherheit des Weges halber sein Thier fest im Zügel halten mußte,
+sammelten sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine äußere
+Umgebung.
+
+An der Gränze des Städtchens schon fiel ihm das rege Leben auf, das er
+hier traf und das er gestern und vorgestern lange nicht so gefunden.
+Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Gestalten, die meisten mit
+Gewehren auf dem Rücken, als ob sie sich zu einem Kriegszuge gerüstet
+hätten, liefen hin und wieder, und als er sich des Directors Hause
+näherte, fand er dieses von einem ganzen Menschenschwarm ordentlich
+belagert.
+
+Glücklicher Weise traf er einen der Hausleute, der ihm sein Pferd
+abnehmen konnte, und dieser theilte ihm auch die Neuigkeit mit, daß das
+Auswandererschiff angekommen sei.
+
+Mit Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge im untern Theile des
+Hauses, denn die Leute schienen der Meinung zu sein, daß jeder von ihnen
+sein Haus und Feld schon fertig vorfände, und sie Alle wollten sich
+jetzt nur beim Director erkundigen, »wo es läge«, damit sie gleich
+einziehen könnten.
+
+Den Director fand er oben in einer ganz verzweifelten Stimmung, wie er
+sich gerade mit einem etwas zu frechen Burschen herumzankte und im
+Begriffe stand, diesen eigenhändig die Treppe hinunter zu werfen.
+Könnern behielt noch eben Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen.
+
+»Da haben wir's!« rief ihm der Director schon oben entgegen. »Jetzt sind
+sie da und Nichts fertig -- Nichts in Ordnung, daß man sich auch noch
+von den Flegeln im eigenen Hause muß Grobheiten sagen lassen!«
+
+»Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem Fuße,« lachte Könnern.
+
+»Da soll einem Andern die Galle nicht überlaufen! Ich hätte mich an dem
+Lump eigentlich nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel, sie
+treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu einen Ochsen, und da
+gebrauchte ich mein Hausrecht!«
+
+»Recht ist ihm geschehen,« sagte Könnern; »aber was nun? -- Wo wollen
+Sie mit der ganzen Gesellschaft hin?«
+
+»Sie können mir dabei helfen, Könnern.«
+
+»Von Herzen gern, wenn ich eben nur weiß wie.«
+
+»Ich habe für diesen Fall, da ich ja schon vorgestern von der Ankunft
+hörte, ein paar Häuser in der Stadt gemiethet; wir dürfen die armen
+Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien liegen lassen,
+denn es kann noch jede Nacht ein tüchtiger Regen einsetzen. In dem
+Auswandererhause bringe ich aber höchstens noch acht oder zehn unter,
+bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei, und die Übrigen müssen in
+jene beiden Häuser einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; wir sehen
+uns die beiden Baulichkeiten gleich noch einmal an, und dann sind Sie
+vielleicht so freundlich und übernehmen die Hinüberschaffung der Leute.
+-- Apropos, wo waren Sie die Nacht? -- Verirrt?«
+
+»Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der Chagra.«
+
+»Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da hatten Sie wenigstens Concert
+und Wein,« sagte der Director trocken.
+
+»Das sei Gott geklagt!« lachte Könnern.
+
+»Und haben auch gleich einen Überblick über die Privatverhältnisse der
+Einzelnen bekommen. Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und nachher
+müssen Sie mir von Ihrer Jagd erzählen!« -- --
+
+In dem kleinen Städtchen sah es heute wirklich bunt aus, denn gestern
+Abend noch, schon nach elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten
+heraufgekommen, wo sie natürlich an der Landung liegen bleiben mußten.
+Der Capitän hatte ihnen freilich abgerathen, die Fahrt noch so spät zu
+unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als möglich brasilianischen
+Grund und Boden betreten, und nur Wenige waren klug genug gewesen, den
+nächsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug in Brasilien zu halten.
+Jetzt strömten sie nun nach allen Richtungen in der Stadt umher, und als
+man sie haben wollte, um ihren nächsten Aufenthalt zu ordnen, war eben
+Keiner zu finden.
+
+Nur mit großer Mühe gelang es Könnern und dem Director, die Leute endlich
+in die allerdings engen Räumlichkeiten hinein zu bringen, und sie fanden
+hier wieder bestätigt, daß alle die, denen man es ansah, wie sie früher
+in besseren und behäbigeren Verhältnissen gelebt, am Leichtesten zu
+befriedigen waren und sich die größten Unbequemlichkeiten gern gefallen
+ließen, während gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte
+sich mit _Nichts_ zufrieden zeigten und die größten Ansprüche machten.
+
+Noch drei Familien waren übrig geblieben, die im Anfang auch gar kein
+Verlangen nach einem Unterkommen zu haben schienen, und unten ruhig am
+Wasser saßen, dem Treiben der Anderen zuzusehen. Der Director hatte sich
+gefreut, daß sie vernünftig abwarteten bis die Reihe an sie kam, und
+schon beschlossen, sie so gut als irgend möglich zu quartieren.
+
+Jetzt ging er, während Könnern sich noch mit einer andern Familie oben
+in der Stadt abquälte, zu ihnen und sagte:
+
+»So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen sein, daß Ihr mir das
+Leben nicht auch schwer gemacht habt. Die Frauen mögen nun noch bei den
+Sachen bleiben, und Ihr Männer packt indessen auf den Karren, der da
+gerade wieder die Straße herunterkommt, was Ihr eben laden könnt. Ich
+habe für den Augenblick nur noch das eine Fuhrwerk zur Verfügung.«
+
+»Ja, das ist schon gut,« sagte der eine Mann, der auf einer Kiste saß
+und auch keine Miene machte aufzustehen; »wann kommt aber denn nun
+eigentlich das Schiff?«
+
+»Welches Schiff?«
+
+»Nun, _unser_ Schiff!«
+
+»Das Euch hergebracht hat?«
+
+»Nein, das andere.«
+
+»Das andere? Was für ein anderes?«
+
+»Nun, das uns von hier nach Rio Grande bringen soll.«
+
+»Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr denn schon wieder fort? Ihr seid
+doch eben erst hier angekommen!«
+
+»Ja, wir haben alle unsere Freundschaft bei Rio Grande,« sagte die eine
+Frau, »und die Passage auch dorthin bezahlt.«
+
+»Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande an,« sagte der Director;
+»da müßtet Ihr erst wieder nach Santa Catharina fahren, und das kann
+noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich dazu Gelegenheit findet.
+Wenn Ihr _da_ hin wolltet, so mußtet Ihr doch wahrhaftig mit keinem
+Schiffe nach Santa Clara fahren. Da hättet Ihr Euch _vorher_ erkundigen
+sollen.«
+
+»Ja, das haben wir doch gethan,« sagte der eine Mann; »der Herr Agent
+in Antwerpen hat uns ja auch gesagt, _das_ Schiff hier brächte uns nach
+Santa Clara, und Rio Grande wäre _dicht_ dabei -- er hat's uns ja auch
+auf der Karte gezeigt -- keinen Finger breit von einander war's.«
+
+»Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio Grande gemacht?«
+
+»Da -- _hier_ steht's,« sagte der Mann und zog das Papier aus der
+Tasche.
+
+Der Director nahm es; aber auf den ersten Blick sah er schon, daß in dem
+Contracte stand: Von Antwerpen nach Santa Clara. »Da steht ja kein Wort
+von Rio Grande?« fragte er den Auswanderer.
+
+»Na, natürlich nicht, weil's dicht dabei liegt,« brummte dieser
+verdrießlich; »das hat uns ja der Herr Agent ganz genau auseinander
+gesetzt, daß das Schiff nur bis Santa Clara ginge und daß dann ein
+anderes daneben liege, welches uns gleich hinüberbringe. Die Schiffe
+fahren ja doch alle hier erst in Santa Clara an -- so dumm sind wir auch
+nicht, daß wir das nicht genau ausgemacht hätten.«
+
+Der Director faltete den Contract langsam zusammen und gab ihn dem Manne
+zurück.
+
+»Lieber Freund,« sagte er ruhig, »die Sache ist höchst einfach die, daß
+Ihr Euch in Antwerpen habt anführen lassen -- weiter Nichts. Der Agent
+dort hatte gerade dieses Schiff liegen und _seinem_ Contracte nach
+Passagiere dafür zu schaffen; deshalb seid Ihr da mit aufgepackt
+und fortgeschickt. Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine
+regelmäßige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich Gelegenheit durch
+einen der kleinen Küstenfahrer, der Euch nach Santa Catharina bringen
+könnte. Dort müßt Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff. Was außerdem
+die kleine Entfernung betrifft, so _könnt_ Ihr die Reise nach Santa
+Catharina _vielleicht_ in vier bis fünf Tagen machen, wenn der Wind gut
+ist -- im andern Falle nimmt sie eben so viele Wochen in Anspruch, und
+von da sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio Grande nöthig.
+Außerdem wird Euch _diese_ Tour fast noch eben so viel kosten, als die
+Reise von Deutschland hierher.«
+
+»Aber Du mein großer, allmächtiger Gott, wir haben ja keinen Pfennig
+Geld mehr!« schrie die eine Frau.
+
+»Und der Herr Agent hat gesagt, daß uns die Reise von hier nach Rio
+Grande keinen Heller kosten sollte.«
+
+»Dann hat der Agent einfach gelogen,« sagte der Director ruhig, »und es
+ist eine Betrügerei, wie sie schon mehrfach vorgekommen.«
+
+»O, Du mein gütiger Heiland,« jammerte eine andere Frau, »dann sind wir
+verrathen und verkauft und müssen hier elend verderben!«
+
+»Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch nicht,« tröstete sie der
+Director -- »wenn Ihr Euch nicht vielleicht doch noch entschließt hier
+zu bleiben und Euch hier niederzulassen.«
+
+»Aber wir haben unsere ganze Freundschaft bei Rio Grande; meiner
+Schwester Sohn und der Elias und die Dorothea sind auch drüben und
+warten auf uns. --«
+
+»Gut, gut, ich sehe jetzt schon wie die Sache steht; ich will einen
+Versuch machen und an die Regierung nach Rio schreiben, welche schon
+mehreren anderen armen Auswanderern, die von betrügerischen Agenten in
+eine ähnliche Lage gebracht worden, geholfen hat, und vielleicht läßt
+sich doch noch Alles einrichten.«
+
+»Und wann können wir fort?« fragte die Frau rasch -- »kommt das Schiff
+bald?«
+
+»Ja, liebe Frau,« sagte der Director, »so rasch geht die Sache nicht;
+wenn ich Euch in zwei oder drei Monaten hier wegbringe....«
+
+Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach ihn, aber es war hier gar
+Nichts weiter zu thun. Die Leute hatten sich einmal betrügen lassen, und
+es blieb nichts Anderes übrig, als die Regierung um Hülfe anzusprechen,
+was freilich nicht in ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein
+brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute mußten aber eben doch
+untergebracht werden, und wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden
+sollten, blieb außerdem noch zu bedenken. Die Männer waren indessen
+kräftig und konnten arbeiten, und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur
+zu Wegebauten gewesen wäre.
+
+Daß der Director nicht viel ruhige Stunden bei all' diesem Wirrwarr
+hatte, läßt sich denken, und außerdem wollte auch noch der Bursche, den
+er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die Einwanderer gegen ihn
+aufhetzen, und lief von einer Gruppe zur andern, ihre Hülfe fordernd,
+weil er nichtswürdig behandelt sei und sich das nicht gefallen zu lassen
+brauche. Die Leute hatten aber heute zu viel mit sich selber zu thun;
+außerdem kannten sie den Gesellen schon von der Reise her und mochten
+sich nicht mit ihm einlassen.
+
+Es war eine verwilderte, rohe Gestalt, der Bursche, eine Persönlichkeit,
+wie man sie daheim besonders in Meßbuden und herumziehenden Banden oder
+Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen, fleckigen und zerrissenen
+Rock, schmutzige Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe eine
+dunkelblaue Mütze mit einem Stück schmaler Silbertresse darum genäht.
+Schnurrbart und Knebelbart ließ er sich ebenfalls wachsen. Mit den
+blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz der markirten Einschnitte
+etwas Jungenhaftes behalten, was durch den übergeschlagenen schmutzigen
+Hemdkragen noch unterstützt wurde, und man wäre veranlaßt gewesen, ihn
+auf den ersten Blick für einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis
+zwanzig Jahren zu halten.
+
+Während er aber mitten auf der Straße stand und schimpfte und fluchte,
+saß neben ihm sein bleiches, abgehärmtes Weib, ein Kind an der Brust
+und ein Mädchen von etwa acht und ein Junge von zehn Jahren neben ihr
+stehend -- ein Bild des Jammers, mit großen, hellen Thränen in den
+Augen.
+
+Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und Leid lag in ihrem Antlitz, in
+der ganzen gebrochenen Gestalt -- aber sie klagte nicht, kein Wort kam
+über ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte sie mit der einen Hand,
+während sie mit der andern sich das Blut von der Stirn wischte, wohin
+sie der Unmensch, als sie ihn gebeten hatte keinen Streit am ersten Tage
+anzufangen, mit roher Faust geschlagen.
+
+Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die Scene. Auf einem kleinen
+Leiterwagen, dem man nur durch eine Partie Strohschütten einige Elasticität
+abgewonnen und der, von ein Paar kräftigen braunen Pferden gezogen,
+lustig dahergerasselt kam, wurden im scharfen Trabe ein Mann und eine
+Frau die breite Straße entlang geschüttelt, die in die Stadt hinein
+führte. Der Mann sah sonnverbrannt, aber kräftig und gesund aus, und
+verrieth auch in seiner ganzen, einfachen aber saubern und passenden
+Kleidung den behäbigen Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf dem
+Schooße hielt und dasselbe des bösen Stoßens wegen mehr hob, als vor
+sich sitzen hatte, war jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den
+aber Beide unablässig nach rechts und links sandten, verrieth, daß sie
+Etwas suchten, und als der Wagen den belebteren Theil der Straße
+erreichte, hielt der Mann sein Pferd an, und die Frau rief fast
+ängstlich einige der Vorübergehenden an:
+
+»Ja, wo sind sie denn nur -- wo sind sie denn hingebracht?«
+
+»Wer?« fragte der Angeredete.
+
+»Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen sind.«
+
+»Ja,« lachte der Mann, »die stecken überall herum, wo man sie eben
+unterbringen konnte, Einer da, Einer dort.«
+
+»Wen sucht Ihr denn?« fragte eine Frau, die gerade des Weges kam und
+auch zu den neuen Einwanderern gehörte.
+
+»Die alte Frau Mecheln aus dem Würtembergischen, aus Bellstadt,« rief
+die Frau vom Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die Zügel, weil
+das Pferd nicht stehen wollte.
+
+»O, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! -- Gleich da drüben um die
+Ecke, wo der große Baum vor dem Hause liegt.«
+
+»Und sie ist wohl?«
+
+»Kerngesund, die ganze Reise gewesen.«
+
+Der Mann hatte bei der Erwähnung des Hauses schon sein Pferd in die
+bezeichnete Straße eingelenkt; die Frau winkte dankend mit der Hand,
+fort rasselte das Geschirr, daß die Funken stoben, und hielt gleich
+darauf vor dem genannten Hause. Und sie brauchten hier nicht lange zu
+warten. Sobald der Wagen anhielt, ging die Thür auf, und die alte Frau,
+die mit Schmerzen darauf gewartet hatte, daß sie Einer der Ihrigen hier
+erwarten solle, trat in die Thür.
+
+»Großmutter!« schrie die Frau ihr schon vom Wagen aus entgegen
+-- »Großmutter -- wie geht's -- wie geht's?«
+
+»O, Du mein himmlischer Vater!« rief die alte Frau und hielt sich an dem
+Thürgeländer, an dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon unten bei
+ihr -- wie sie mit dem Kinde vom Wagen gekommen, wußte sie selber nicht
+-- mit Einem Satze war sie unten und bei der Großmutter, ließ das Kind
+auf die Erde niedergleiten, umfaßte die alte, zitternde Frau und
+schluchzte, als ob ihr das Herz brechen solle vor Nichts als Wonne und
+Seligkeit.
+
+Der Mann hatte noch mit den Pferden zu thun, die nicht stehen wollten,
+aber ein Bekannter kam die Straße herunter, der ihm dabei half und
+dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf erst die Stränge los,
+daß kein Unglück geschehen konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur
+Großmutter hinüber, die er beim Kopfe nahm und herzhaft abküßte.
+
+Dann aber faßte er die Sache auch praktisch an, denn ein einziger Blick
+in den innern Raum sagte ihm schon, daß die alte Frau hier nicht länger
+bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um etwas Anderes zu bekümmern,
+ging er in das Haus und ließ sich die sämmtlichen Sachen von der
+»Großmutter« geben, die schon alle zusammen in der einen Ecke standen,
+lud dieselben mit Hülfe einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm
+dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den Arm, um sie auf den schon
+für sie bereiten Sitz zu tragen.
+
+»Aber Junge, Junge,« rief die Alte halb erschreckt über die gewaltsame
+Entführung -- »meine Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der
+Stube.«
+
+»Schon Alles auf dem Wagen droben, Großmutter.«
+
+»Auch die blaue Kiste?«
+
+»Da hinten steht sie.«
+
+»Und der kleine Holzkoffer?«
+
+»Alles oben.«
+
+»Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf, und die rothe Lade....«
+
+»Alles da; es fehlt Nichts.«
+
+»Aber den Regenschirm seh' ich nicht.«
+
+»Den Regenschirm?« sagte der Enkel verblüfft, denn da war wirklich
+Etwas, was er vergessen hatte.
+
+»Er steht gleich neben dem Fenster in der Ecke« -- aber einer der Jungen
+aus dem Hause war schon hineingesprungen, um das Vermißte zu holen, und
+kam gleich darauf im Triumph damit zurück.
+
+»So, Großmutter,« sagte der Mann, »ist nun Alles da?« Die Enkelin hatte
+mit dem kleinen Kinde schon neben ihr Platz genommen.
+
+»Alles, meine Kinder -- und sind wir denn jetzt wirklich in Brasilien?«
+
+»Na, ob!« sagte der Mann, gab seinen Pferden einen kleinen
+Peitschenhieb, und fort rasselte der Wagen wieder, die glücklichen
+Menschen ihrer eigenen Heimath zuzuführen.
+
+Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt verließ, landete noch ein
+kleines Boot, die Capitainsjölle, worin dieser einige Kajütenpassagiere
+an's Land brachte. Drei oder vier andere waren schon gestern Abend mit
+den Zwischendeckspassagieren gelandet und gleich in den Gasthof gegangen,
+um dort Unterkunft zu finden. Eben dahin hatte sich aber auch eine
+Anzahl von Zwischendeckspassagieren gewandt, die sich in dem, ihnen von
+der Direction angewiesenen Raume nicht wohl fühlten und noch Geld genug
+bei sich führten, wenigstens die erste Zeit davon leben zu können. Waren
+sie dann erst einmal acht oder vierzehn Tage in der Colonie, so ließ
+sich mit mehr Muße eine bequemere Einrichtung treffen.
+
+In dem letzten Boote befanden sich ein paar junge Kaufleute und ein
+junger Baron, ein Herr von Pulteleben; mit einer wahren Unmasse von
+kleinem Handgepäck, das er im Boote um sich her aufgeschichtet hatte. An
+der Landung konnte er aber natürlich nicht gleich Jemanden finden, der
+es ihm trug, und die Folge davon war, daß er, das »Hôtel« eine halbe
+Stunde später als die Übrigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr
+fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn wünschte, d. h. ein Zimmer
+allein, wie er auf dem Schiffe auch eine Koje für sich selber gehabt.
+Der junge Herr hatte übrigens Geld, und glaubte, darauf pochend, Alles
+durchsetzen zu können.
+
+Der Wirth »Bodenlos«, wie er von den Colonisten genannt wurde -- eigentlich
+hieß er Bohlos -- stand schon etwas halbselig in der Thür, denn er hatte
+es sich nicht nehmen lassen, mit all seinen neu angekommenen Gästen den
+sogenannten Willkommenstrunk zu leeren, und betrachtete, die Hände in
+den Taschen, den von zwei endlich gefundenen Lastträgern begleiteten
+Fremden.
+
+»Ist dieses das Hôtel?« fragte dieser rasch.
+
+»Aufzuwarten,« sagte der Wirth, und überflog mit einem lächelnden Blicke
+die um die Thür hergestreute Bagage; »Hôtel zum Hoffnungsanker in Santa
+Clara. Wollen Sie ein Bett?«
+
+»Ich wünschte ein Zimmer -- allein, wo möglich mit Cabinet -- vorn
+heraus und im ersten Stock.«
+
+»Kann ich mir wohl denken,« sagte Bodenlos mit unerschütterlicher Ruhe,
+ohne selbst die Hände aus den Taschen zu nehmen -- »das wünschen sich
+Mehr, können es aber eben nicht kriegen.«
+
+»Nicht kriegen?« sagte der junge Mann erstaunt -- »ich heiße von
+Pulteleben.«
+
+»Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen,« sagte der
+Wirth -- »_ich_ heiße Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der
+Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt sich indessen ganz gleich, wie
+wir Beide heißen.«
+
+»Aber ich _muß_ ein Zimmer haben,« sagte von Pulteleben, der noch gar
+nicht recht wußte, was er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte.
+
+»Natürlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel bleiben wollen,« meinte
+der Wirth, -- »und wenn's regnete, wäre das fatal -- besonders für alle
+die Schachteln.«
+
+»Dann bitte ich nur, daß Sie Anstalt machen,« sagte von Pulteleben,
+»denn es ist nicht angenehm, hier draußen zu stehen, und ich möchte mein
+Gepäck los sein.«
+
+»Na, das wäre das Leichteste,« lachte der Wirth -- »wenn Sie's nur hier
+eine Stunde allein draußen stehen ließen. Aber Herr von Bullleben, oder
+wie Sie gleich hießen, ich will Sie nicht lange hinhalten. Verlangen
+Sie hier ein Bett, um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer zu
+schlafen, so denke ich, daß ich es möglich machen kann -- ich will mir
+wenigstens Mühe geben, und Essen genug haben wir im Hause, aber ein
+Zimmer allein _können_ Sie nicht hier bekommen, weil ich eben keins mehr
+habe, und andere Gäste hinaus werfen geht eben so wenig. Also damit
+Basta!«
+
+»Und existirt hier kein anderes Hôtel in der Stadt?« fragte der
+sichtlich schon sehr Enttäuschte.
+
+»Gegenwärtig nicht,« bemerkte äußerst artig Herr Bohlos; »wenn Sie aber
+vielleicht noch drei oder vier Monate warten wollen, so wird sich
+wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und ein Hôtel zur Belle
+Vue errichten; das Grundstück ist wenigstens schon dazu angekauft.«
+
+Herr von Pulteleben stand in einer wahren Verzweiflung mitten auf der
+Straße, denn die Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes, dem er
+nicht das Geringste entgegenstellen konnte, ließ ihn noch vollkommen
+unschlüssig, was er thun solle -- erst grob werden und den Burschen dann
+mit Verachtung strafen, oder das Letztere lieber gleich zuerst thun.
+
+»Sie wollen ein hübsches Zimmer, vorn heraus und mit Aussicht?« redete
+ihn da plötzlich eine Stimme an, nach der sich von Pulteleben überrascht
+umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes war es, der vor ihm stand, sah
+aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu überraschen,
+der frisch aus Deutschland herüber kam und an jene exotischen Individuen
+noch nicht gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild zerstreut findet.
+
+Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, eine Art von Factotum
+in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschäftigung,
+sondern nahm nur da Arbeit an, wo er sie gerade bekam, so daß er oft
+fünf oder sechs verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann wieder
+einmal gar keinen hatte. Dazwischen ließ er sich Wege schicken, putzte
+den Honoratioren Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, und
+stand sogar in dem Rufe, schon hier und da Heirathen zwischen Familien
+vermittelt zu haben, die sonst im Leben nicht zusammengekommen wären.
+Jedenfalls hatte er ein ähnliches Gewerbe in Deutschland getrieben, wo
+zwischen Bauernfamilien und überhaupt auf dem Lande Ehen nur zu häufig
+auf diese Art geschlossen werden.
+
+Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn während der Seidenhut
+(Cylinder, Schraube, Angströhre, oder wie die Namen alle heißen mögen)
+in die höhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit den groben, schweren
+nägelbeschlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der übrige Mensch
+trug außerdem nur die Kleider der übrigen Menschen -- abgelegte Hosen,
+Westen und Röcke, wie sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist
+noch alle aus Deutschland herübergekommen waren. Leider paßten sie nur
+nicht immer, und Jeremias schien darin eine eigene Geschicklichkeit
+erworben zu haben, seinen Körper allen derartigen Errungenschaften, so
+gut das nur möglicherweise gehen wollte, anzuschmiegen.
+
+Heute nun fand er reichliche Beschäftigung bei den neuen Ansiedlern,
+theils um Gepäck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu schaffen,
+theils die verschiedenen Parten an passenden Stellen unterzubringen. Daß
+er seine übrigen und alten Kunden dadurch vernachlässigte, störte ihn
+nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter
+der Zeit _hier_ verdiente, war rein gewonnen.
+
+Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten zu können, hatte er seinen
+Rock ausgezogen und ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an der
+Straße hineingeschoben; so stand er denn jetzt vor von Pulteleben, die
+unten zu einem Wulst aufgekrämpelten Hosen oben mit einer grellrothen,
+wollenen Schärpe statt Hosenträger festgehalten, darüber eine hellblaue
+Seidenweste geknöpft, die der frühere Besitzer nicht mehr tragen konnte,
+da ihm der Kellner eines Mittags die Saucière darüber geschüttet, eine
+schwarze Halsbinde um den nackten Hals, denn der weiße Hemdkragen war
+ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht, und ein großes,
+blaubaumwollenes Taschentuch in die linke Hosentasche so weit
+hineingezwängt, wie es möglicherweise gehen wollte.
+
+Jeremias schwitzte außerdem, daß ihm das Wasser ordentlich in Strömen
+von Stirn und Schläfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, trotz
+seiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias das
+blaue Taschentuch jetzt durch einen plötzlichen Ruck zu Tage brachte
+-- wobei er die Hosentasche auch mit nach außen drehte -- dann mit der
+rechten Hand seine brennend rothe Perrücke lüftete und sich darunter den
+vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte.
+
+»Na, Sie brauchen nicht zu lachen,« sagte Jeremias; »ich wollte einmal
+sehen, wie _Sie_ schwitzten, wenn _Sie_ so ein Ding auf dem Kopfe hätten;
+das ist wie ein Pelz -- nun, wie steht's?«
+
+»Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?« fragte der junge Mann,
+dem jetzt vor allen Dingen daran lag ein Unterkommen zu finden -- »in
+angenehmer Lage?«
+
+»_Ich_ nicht,« meinte Jeremias, »das bleibt sich aber gleich, denn ich
+weiß eine, wo Sie gleich einziehen können.«
+
+»Allein?«
+
+»Mutterseelens,« sagte Jeremias lakonisch.
+
+»Weit von hier?«
+
+»Gar nicht.«
+
+»Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?«
+
+»Handkarren,« erwiederte der kleine praktische Bursche, sprang, ohne
+weiter eine Antwort abzuwarten, hinter das Haus, holte dort seinen
+eingeschobenen Karren vor, lud die Habseligkeiten des Fremden darauf,
+schnürte das Ganze mit einem Seile fest zusammen und war nach wenigen
+Minuten schon unterwegs, und zwar nach keinem andern Hause, als dem der
+Gräfin Baulen, in welchem er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren
+gedachte.
+
+Glücklich für ihn und seinen kühn entworfenen Plan war Oskar gerade
+nicht zu Hause und mit Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um die
+neu gekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen. Als Jeremias mit dem
+Karren vor dem Garten hielt, saß die Frau Gräfin gerade in ihrem Zimmer
+und schrieb ein paar Briefe.
+
+»Das ist aber kein Hôtel,« sagte der junge Fremde, das Haus betrachtend.
+
+»Privatwohnung,« meinte Jeremias -- »aber famos -- charmante Leute
+-- werden Ihnen gefallen, besonders die Tochter« -- und damit rückte
+er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer auf die Schultern und
+schritt damit in das Haus hinein, während von Pulteleben bei seinen
+übrigen Sachen noch zurückblieb. Nach einer Weile kam er wieder zurück
+und holte den andern Koffer, und als er zum dritten Male kam, packte er
+dem Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein leichtes Kistchen mit
+Schirm und Stock auf, ergriff dann das Übrige und sagte:
+
+»Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.«
+
+Der Fremde folgte ihm auch vollkommen ahnungslos, daß ihn der kleine
+Bursche hier ohne die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus als
+Miethsmann einführe, und nur erst, als sie die erste Treppe erstiegen
+hatten und Jeremias voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und
+sagte:
+
+»Noch höher?«
+
+»Kommen Sie nur,« ermunterte ihn jedoch sein Führer -- »famose Aussicht,
+wie gemalt,« und da er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch
+Nichts weiter übrig, als ihm zu folgen; mußte er doch überhaupt froh
+sein, nur ein Unterkommen zu finden. Kaum hatte er übrigens etwa zehn
+Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine Thür im ersten Stock
+geöffnet wurde und die Frau Gräfin, welche den Lärm draußen gehört
+hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie erkannte übrigens,
+vor dem Fremden, noch gerade den aufsteigenden Jeremias und rief:
+
+»Nun, was ist denn das für Gepäck?«
+
+»Alles in Ordnung!« rief Jeremias zurück, ohne sich weiter stören oder
+außer Fassung bringen zu lassen.
+
+Die Gräfin schüttelte den Kopf, doch sie konnte nicht anders glauben,
+als daß Oskar, der gewohnt war sehr selbstständig aufzutreten, ihr
+irgend einen Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings zu
+keiner Zeit hätte unbequemer kommen können. Gewohnt aber, sich in dessen
+Launen oder unbedachte Streiche zu fügen, seufzte sie nur tief auf, trat
+in ihr Zimmer zurück und zog die Thür hinter sich in's Schloß. Wenn
+Oskar übrigens nach Hause kam, wollte sie ihm tüchtig den Kopf deshalb
+zurecht setzen.
+
+Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo Jeremias schon seine übrigen
+Sachen eingestellt hatte, und sah sich hier allerdings etwas überrascht
+um. So freundlich das Local auch liegen mochte, denn es bot einen
+Überblick über einen Theil der Ansiedelung und nach den fernen Bergen
+hinüber, so fehlte ihm doch auch _jede_ andere Bequemlichkeit. Kein
+Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein Spiegel, Nichts, Nichts war zu sehen,
+als die kahlen geweißten Wände, und Herr von Pulteleben rief:
+
+»Nun, das ist ein hübsches Logis, in dem nicht einmal ein Stuhl steht!
+Wohin haben Sie mich denn gebracht, Meister Ungeschickt?«
+
+»Nur keine Überstürzung,« sagte Jeremias, indem er den Rest der Sachen
+auf die beiden Koffer legte; »wir haben Zeit, und nach und nach macht
+sich Alles. Vorerst sind Sie einmal untergebracht, und was wollen Sie
+mehr?«
+
+»Mehr?« rief von Pulteleben erstaunt -- »Möbel will ich -- meine
+Bequemlichkeit, wofür ich bezahle, und vor allen Dingen einen
+Waschtisch.«
+
+»Waschtisch?« sagte Jeremias -- »giebt's nicht. Vor der Hand setzen wir
+das Waschbecken auf einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.«
+
+Herr von Pulteleben, der anfing, sich über den Burschen zu amüsiren,
+lachte, und Jeremias, sich im Zimmer umsehend, fuhr fort:
+
+»Hauptsächlich brauchen Sie einen Tisch und einen Stuhl, das ist wohl
+das Nothwendigste.«
+
+»Ich dächte auch,« sagte der junge Mann, »um nur die bescheidensten
+Ansprüche zu befriedigen.«
+
+»Das denk' ich, kann ich schaffen,« nickte Jeremias, »und was weiter
+loszueisen ist, wollen wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei
+sich?«
+
+»Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. Die Leute, welche ein
+Zimmer vermiethen, müssen doch auch ein Bett dazu haben.«
+
+»Puh!« meinte Jeremias, »reden wir nicht davon; aber ein Plaid ist für
+das warme Wetter genug zum Zudecken, und der Boden hier im schlimmsten
+Falle,« fuhr er fort, indem er mit dem Hacken auf die Diele trat, »von
+weichem Holze -- Lust und Liebe zu einem Ding machen jede Müh' und
+Arbeit gering.«
+
+»Den Teufel auch,« rief der junge Mann erschreckt, »ich werde doch nicht
+sollen auf der nackten Erde schlafen?«
+
+»_Nackten_ Erde? Pst!« sagte Jeremias mit einem unendlich komischen und
+ermahnenden Gesichte -- »es sind Damen im Hause!«
+
+»Sie sind ein ganz verrückter Mensch!« lachte von Pulteleben; »aber
+jetzt verschaffen Sie mir wenigstens das Nöthigste. Es soll Ihr Schade
+nicht sein,« setzte er hinzu, indem er ihm einen Milreis in die Hand
+drückte; »aber ich bin in Eile, ich muß mich umziehen und dem Director
+noch meine Aufwartung machen.«
+
+»Aufwartung?« fragte Jeremias, der mit einer dankenden Bewegung das Geld
+nahm, betrachtete und dann in seine Westentasche schob -- »Aufwartung
+giebt's hier nicht -- aber einerlei, wollen schon Alles besorgen,« und
+damit verschwand er aus der Thür. Jeremias war übrigens nicht der Mann,
+etwas Begonnenes halb zu thun; ohne deshalb weiter bei der Besitzerin
+des Hauses anzufragen, ging er in Oskar's Zimmer, wo er zwei Tische
+wußte, nahm einen davon und trug ihn hinauf. Dann suchte er sich in
+Helenens Stube und Schlafzimmer zwei Stühle, und das erst einmal
+erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken und Handtuch, mit Kamm, Seife,
+Zahnbürste und Allem was dabei lag, und trug es seinem einquartierten
+Gaste zu.
+
+»Zum Henker auch,« rief Pulteleben, als er damit ankam, »das ist ja ein
+schon gebrauchtes Handtuch!«
+
+»Herr Du meine Güte, sind _Sie_ eigen!« sagte Jeremias; »_ich_ brauche
+gar keins, ich nehme immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?«
+
+»Wasser und ein reines Handtuch.«
+
+Jeremias schüttelte mit dem Kopfe, stieg aber doch noch einmal hinunter
+und kam bald mit dem Verlangten zurück. Nur statt des Handtuchs hatte er
+eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenens Toilettetisch
+gefunden und ohne Weiteres als gute Beute mitgenommen.
+
+»Und wie steht's mit dem Bette?« fragte der Fremde, indem er den Rock
+auszog und die Hemdärmel in die Höhe streifte.
+
+»Bett? giebt's nicht!« sagte Jeremias trocken, »wenigstens jetzt nicht.
+Sie wollen sich doch jetzt noch nicht schlafen legen?«
+
+»Nein -- aber doch den Abend.«
+
+»Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.«
+
+»Und kann man hier im Hause Etwas zu essen bekommen?«
+
+»Zu essen? Hm« -- sagte Jeremias, der darüber noch nicht recht mit sich
+im Klaren war -- »danach müssen wir erst fragen. Für heute sind die
+Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. Aber da gehen Sie
+lieber in's Gasthaus zu Bodenlos -- der hat's.«
+
+»Und wie heißt der Eigenthümer dieses Hauses?«
+
+»Spenker, Bäckermeister.«
+
+»Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal herauf -- ich will mich
+erst waschen -- damit ich mit ihm reden kann. Das ist ein verwünscht
+öder Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht ein wenig behaglicher
+einrichten will, ziehe ich wieder aus.«
+
+»Auf die Straße?« fragte Jeremias; »denn weiter giebt's keinen Platz,
+Sie müßten denn vielleicht in einem von den Gärten eine Laube zu
+miethen bekommen.« Damit aber, als ob er jetzt seine Schuldigkeit gethan
+habe, zog er sich zurück und drückte sich leise an dem Zimmer der Frau
+Gräfin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen mochte. Der Fremde da
+oben konnte nun sehen, wie er mit »der Alten« fertig wurde.
+
+
+
+
+8.
+
+Die Einquartierung.
+
+
+Oskar und Helene hatten einen Spaziergang durch die kleine Stadt
+gemacht, um sich an dem Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu
+amüsiren, und waren, dessen müde geworden, nach Hause zurückgekehrt.
+
+Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr natürlich die daselbst
+vorgenommene Änderung nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem
+Toilettetische und die darauf geordnet gewesenen Sachen standen wild
+zerstreut umher; zwei Stühle fehlten außerdem, auf die sie gewohnt
+gewesen war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem Mädchen, um zu
+erfahren wer in ihrem Zimmer gewesen sei. Dorothea hatte aber in der
+ganzen Zeit ihre Küche nicht verlassen und konnte ihr deshalb nicht die
+geringste Auskunft geben.
+
+Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine Mütze in eine Ecke, sich
+selber auf das Sopha und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter,
+als er in dem über ihm liegenden Zimmer die schweren Schritte eines
+Mannes hörte. Das Haus war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich
+zu ihm herunter, daß er sich endlich aufrichtete und horchte.
+
+»Wer zum Henker ist denn da oben?« brummte er endlich leise vor sich hin
+-- »dem Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren Karren in der Stadt
+begegnet und die Dorothea hat keinen solchen Schritt.«
+
+Er horchte noch eine Weile; da es sich aber gar nicht verkennen ließ,
+daß da oben jemand Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die
+Treppe hinauf. Die Thür der sonst immer leer stehenden Kammer war offen
+und nur angelehnt, und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben könne,
+stieß er sie noch etwas weiter auf und sah hinein.
+
+Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen fertig und stand vor einem
+der geöffneten Fensterflügel, den er vorläufig als Spiegel benutzte, um
+sich die wohlgeölten Haare, so gut das eben gehen wollte, zu ordnen. Als
+er aber das Knarren der Thür hörte, drehte er den Kopf herum, und sah
+kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief:
+
+»Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in dem Hause. Wohnen Sie hier?«
+
+»Guten Morgen,« sagte Oskar, der, auf's Äußerste erstaunt den Fremden
+hier zu finden, bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kasten starrte
+-- »ja wohl wohne ich hier!«
+
+»Wo ist denn nur der Lump von Aufwärter hingekommen?«
+
+»Der Aufwärter?« sagte Oskar, noch immer seinen Augen nicht trauend
+-- »der Jeremias etwa?«
+
+»Ich weiß nicht wie er heißt; er wollte ja gleich wiederkommen. Gehen
+Sie wieder hinunter?«
+
+»Ich hatte die Absicht,« erwiederte Oskar.
+
+»O, dann sein Sie doch so gut und schicken mir ein Glas zum Zahnputzen
+herauf. Es ist ja noch gar Nichts eingerichtet. Das scheint eine schöne
+Wirthschaft hier zu sein!«
+
+»Bitte,« sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung gar nicht herauskam,
+»geniren Sie sich nicht -- mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?«
+
+»von Pulteleben,« sagte der junge Mann, seinen Locken eben den letzten
+Strich gebend -- »um wie viel Uhr wird hier gegessen?«
+
+»Um ein Uhr,« sagte Oskar, durch die Ruhe des Fremden immer mehr darin
+bestärkt, daß er jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein müsse, wenn er
+auch keinen denkbaren Zusammenhang dazu finden konnte. Wer hätte der
+Fremde aber sonst sein können?
+
+»Haben Sie eine richtig gehende Uhr?« fragte dieser endlich weiter.
+
+»Ja,« erwiederte Oskar, indem er danach sah; »es wird gleich zwölf Uhr
+sein.«
+
+»O, desto besser, dann kann ich vorher noch zum Director hinübergehen.
+Bitte, vergessen Sie nicht, mir das Glas gleich zu schicken.«
+
+»Mit dem größten Vergnügen,« erwiederte Oskar, drückte die Thür wieder
+in's Schloß, schickte das Mädchen von unten mit einem Glase hinauf und
+ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um sich nach dem Fremden zu
+erkundigen.
+
+Die Frau Gräfin schloß eben ihren letzten Brief, als Oskar das Zimmer
+betrat, und sah sich nach ihrem Sohne gar nicht um.
+
+»Wer ist denn der Herr, Mama, den Du uns da oben einquartiert hast?«
+fragte Oskar jetzt; »das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!«
+
+Die Gräfin, welche gerade eine Adresse schrieb, drehte erstaunt den Kopf
+über die Achsel und sagte:
+
+»Und das fragst Du mich? Erst bringst Du mir, ohne die geringste
+Erlaubniß vorher einzuholen, einen wildfremden Menschen in's Haus, und
+dann weißt Du selber nicht einmal wer er ist? Oskar, es wird mit Dir
+jede Woche schlimmer, und ich fürchte, daß es so nicht mehr lange dauern
+kann!«
+
+»Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht?« rief aber Oskar jetzt
+seinerseits erstaunt und mit einer gewissen Genugthuung, daß er endlich
+einmal an einem ihm aufgebürdeten Vergehen vollkommen unschuldig sei
+-- »ich bin mit Helenen spazieren gegangen und habe den Menschen, der da
+oben Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht gesehen.«
+
+Es war jetzt an der Gräfin, erstaunt zu sein, und sich ganz gegen Oskar
+drehend, rief sie aus: »Aber _Helene_ kann ihn doch nicht eingeladen
+haben!«
+
+»Helene -- Unsinn! -- Helene war ja den ganzen Morgen bei mir, und wir
+haben mit keiner Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.«
+
+»Aber der Jeremias hat ja doch sein Gepäck in's Haus gebracht, und
+sagte mir, daß Alles in Ordnung sei.«
+
+»Der Jeremias?« wiederholte Oskar, der nur immer noch verwirrter wurde.
+
+»Und Du hast keine Ahnung, wer der Fremde ist?«
+
+»Er sagte mir, er heiße von Pulteleben.«
+
+»Und woher?«
+
+»Das weiß Gott -- ich kenne ihn nicht, und der Jeremias -- aber zum
+Henker noch einmal, was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnöthiger
+Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden Herrn, der sich so #sans
+façon# bei uns einquartiert hat, fragen dürfen wo er herkommt und was er
+will!« Und mit den Worten schoß er auch ohne Weiteres zur Thür hinaus
+und wollte eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias in den Vorsaal
+treten sah.
+
+»Jeremias,« rief er hinunter, »komm' einmal herauf -- aber rasch!«
+
+»Ich fliege schon,« erwiederte dieser, der sich keineswegs dabei
+beeilte, denn er wußte recht gut was ihn jetzt erwartete.
+
+Oskar stand oben an der Treppe, und so wie der Alte nur so weit
+heraufgekommen war, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte
+er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem Zimmer seiner Mutter zu.
+
+»Donnerwetter, junger Herr!« rief der Alte leise, »Sie reißen mir ja den
+linken Löffel aus -- was ist denn das nur für ein zärtlicher Empfang?«
+
+»Warte, Du Schlingel,« rief Oskar, »er soll noch zärtlicher werden!
+Jetzt nur herein mit Dir und gebeichtet, was Du für verfluchte Streiche
+heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama -- jetzt auf die Kniee
+nieder, Halunke, und nun gestehe, was das für eine Geschichte mit dem
+Fremden ist!«
+
+»Aber, so schreien Sie doch nur nicht so,« flüsterte Jeremias, der sich
+nicht im Geringsten außer Fassung bringen ließ -- »die ganze Stadt
+braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit einander reden, und der
+Fremde da oben hat Ohren wie ein Hirsch.«
+
+»Wer ist der Fremde, und wo kommt er her?« fragte die Gräfin streng.
+
+»So lassen Sie doch nur mein Ohr los,« bat Jeremias, »ich laufe Ihnen ja
+nicht mehr davon, und es stört in der Unterhaltung.«
+
+»Wer ist der Fremde? will ich wissen,« wiederholte die Gräfin, indem
+Oskar das Ohr des Alten losließ, ihm aber den Ausweg verstellte.
+
+»Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gräfin,« antwortete achselzuckend der
+alte Spitzbube -- »fand ihn heute auf der Straße zwischen einem ganzen
+Berge von Koffern und Hutschachteln, und da er kein Unterkommen finden
+konnte, _wir_ dagegen Platz haben und er mir gefiel, so brachte ich ihn
+mit nach Hause.«
+
+»_Dir_ gefiel, Du Galgenstrick,« rief Oskar, »Dir gefiel! Und was für ein
+Recht hast Du, fremde Gäste hier in das Haus zu führen?«
+
+»Jetzt sein Sie einmal vernünftig,« sagte Jeremias, ohne sich auch nur
+im Geringsten aus seiner Ruhe bringen zu lassen. »Der fremde junge
+Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er hat ein paar ganz
+ausgezeichnete Lederkoffer, die ein schmähliches Geld gekostet haben
+müssen. Außerdem ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit den
+Milreis nur so um sich.«
+
+»Aber was geht das uns an?« rief Oskar, während die Frau Gräfin vor
+Erstaunen noch immer nicht zu Worte kommen konnte.
+
+»Was das _Sie_ angeht?« wiederholte Jeremias in vollkommener Seelenruhe
+-- »das will ich Ihnen sagen. Die Stube oben....«
+
+»Heh, Wirthschaft!« rief es in diesem Augenblicke laut von oben
+herunter; »läßt sich denn Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie
+ausgestorben -- heh, hollah!«
+
+Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte, wie er oben die Stimme
+hörte, öffnete die Thür ein Wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut:
+»Komme gleich!« und schloß sie dann wieder, wonach er, ohne eine Miene
+zu verziehen, ruhig fortfuhr:
+
+»Stand doch außerdem leer und wurde nicht benutzt.«
+
+Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze fing an ihm unendlich komisch
+vorzukommen.
+
+»Ich möchte jetzt nur eigentlich wissen,« sagte die Gräfin mit einem
+finstern Blick auf Oskar und Jeremias, »wer noch Herr hier im Hause ist.
+Sie werden jedenfalls dafür sorgen, Jeremias, daß der fremde Mensch
+augenblicklich unser Haus wieder verläßt und eine andere Wohnung
+bezieht.«
+
+»Giebt's gar nicht,« sagte Jeremias ruhig; »hören Sie mich nur an. Was
+haben Sie denn von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist ein
+anständiger junger Mensch, der Ihnen eine gute Miethe bezahlt, und
+außerdem hätte auf der Straße logiren müssen.«
+
+»Aber wer hat _Ihnen_ denn die Erlaubniß gegeben, das zu vermitteln?«
+fragte die Gräfin.
+
+»Nur praktisch,« meinte Jeremias, »das ist die Hauptsache. Außerdem sind
+Sie ja nicht mit einander verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei oder
+drei Monaten nicht mehr gefällt, können Sie ihn ja immer noch wieder
+ausquartieren.«
+
+»Nach zwei oder drei Monaten?« rief die Gräfin erstaunt.
+
+»Oder noch später,« meinte Jeremias trocken; aber jetzt muß ich
+wahrhaftig hinauf, und sehen was der junge Herr will; er wird mir sonst
+ganz ungeduldig und am Ende gar noch grob« -- und ohne weiter eine
+Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinauf.
+
+»Eine solche Unverschämtheit ist mir aber doch noch nicht vorgekommen,«
+lachte Oskar, »und das Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche
+den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder zusammen zu packen und das
+Haus zu räumen.«
+
+»Warte noch einmal,« sagte seine Mutter, die indessen nachdenkend am
+Fenster gestanden hatte, indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte: »wie
+sagtest Du daß der Herr hieß?«
+
+»Er nannte sich von Pulteleben.«
+
+»Wie alt etwa?«
+
+»Nun, vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahre.«
+
+»Hm -- und er scheint aus guter Familie? Da dürfen wir doch wenigstens
+nicht ungezogen gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach
+glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu befinden, und würde
+schwerlich eingezogen sein, wenn er wüßte, wie sich Alles verhält.«
+
+»Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um welche Stunde bei uns gespeist
+würde,« lachte Oskar.
+
+Die Gräfin ging im Zimmer auf und ab und blieb endlich wieder vor ihrem
+Sohne stehen.
+
+»Die Sache kann nicht so bleiben,« sagte sie, »denn einen Miethsmann
+läßt man sich eben nicht mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der
+junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie bleibt, so ist es auch
+eben so klug gehandelt, sich nicht in Unfrieden, sondern in Frieden
+wieder zu trennen. Gehe hinauf und lade ihn für heute Mittag ein, unser
+Gast zu sein -- wir sind doch allein -- und bei Tische mag er dann
+erfahren, auf welche außergewöhnliche Art er bei uns eingeführt wurde.
+Es bleibt ihm dann der ganze Nachmittag, sich nach einem andern
+Quartiere umzusehen.«
+
+»Der Jeremias ist ein göttlicher Kerl!« sagte Oskar lachend.
+
+»Und je eher Du _den_ wieder fortschickst, desto besser ebenfalls,«
+meinte seine Mutter, »denn ich bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr
+auszusetzen, von einem so eigenmächtigen Hausknecht in noch Gott weiß
+was für unangenehme Situationen gebracht zu werden. Mit einem so
+stockdummen Menschen ist außerdem gar Nichts anzufangen -- ich will
+lieber mit einem Schurken zu thun haben, denn vor dem kann man sich in
+Acht nehmen.«
+
+Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias' Dummheit betraf, aber die Sache
+mit dem Fremden ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer verlassend,
+wollte er eben zu ihm hinauf, als er aus seinem Zimmer wieder den
+Jeremias kommen sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der linken
+Hand dabei einen Stiefelknecht und in der rechten einen kleinen
+Handspiegel trug.
+
+»Du bist doch ein ganz niederträchtiger, abgefeimter Halunke!« sagte
+Oskar; »wer hat Dir denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszuplündern?«
+
+»Machen Sie keine Geschichten,« erwiederte Jeremias, mit den Augen
+blinzelnd; »das ist ein prächtiger junger Mensch, und thut schon so,
+als ob er ganz zu Hause wäre.«
+
+Oskar, dem die Sache Spaß machte, sprang jetzt die Treppe voran hinauf.
+Als er die Thür öffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig
+angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln in der Hand, mitten
+in der Stube.
+
+»Na, kommen Sie -- ah, Sie sind's -- entschuldigen Sie, ich glaubte, es
+wäre der Strick, der Aufwärter; der bleibt eine Ewigkeit.«
+
+»Er kommt dicht hinter mir,« sagte Oskar; »Herr von Pulteleben, ich soll
+Ihnen melden daß pünktlich um ein Uhr gegessen wird.«
+
+»So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem Zimmer essen.«
+
+»Dazu ist die nöthige Einrichtung doch noch nicht getroffen,« erwiederte
+Oskar; »ich habe den Auftrag, Sie zu ersuchen mit _uns_ zu diniren.«
+
+»Hm,« sagte von Pulteleben, der sich schon zu Hause vorgenommen hatte,
+der amerikanischen »Freiheit und Gleichheit« so viel als möglich aus dem
+Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im Klaren war, ob er vielleicht
+seiner künftigen Stellung in der Colonie Etwas vergeben würde, wenn er
+mit der »Bäckerfamilie« speiste, -- »ich esse viel lieber allein.«
+
+»Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal bei uns gefallen,«
+lachte Oskar, »morgen werden Sie jedenfalls allein essen können.«
+
+»Nun gut,« erwiederte von Pulteleben -- »na endlich,« wandte er sich
+dann an den eben eintretenden Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht
+abnahm und seine bestaubten Stiefel auszog -- »setzen Sie den Stuhl nur
+dahin -- aha, und auch ein kleiner Spiegel. Das muß ich gestehen, lieber
+Freund, auf Gäste scheinen Sie hier im Hause nicht eingerichtet zu sein.
+Die Unordnung ist wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter.
+Wie heißen Sie, he?«
+
+»Jeremias, zu Befehl,« sagte dieses würdige Individuum in steifer Haltung
+und warf einen etwas unruhigen Blick auf Oskar hinüber, von dem er nicht
+wußte, wie er das Urtheil über die Wirthschaft aufnehmen würde. Dieser
+aber amüsirte sich vortrefflich, und während der junge Mann seine Stiefel
+wechselte und dann seinen Hut nahm, saß er verkehrt auf dem einen
+Stuhle, stützte sich mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm lächelnd
+zu. Endlich hatte von Pulteleben seine Toilette beendet, schloß seine
+Koffer, sah sich noch einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergessen
+hätte, und sagte: »So -- wenn's gefällig ist; ich möchte zuschließen.«
+
+»Aha, mit Vergnügen,« rief Oskar aufspringend -- »wollen Sie den Schlüssel
+mitnehmen oder da lassen?«
+
+»Hm -- ich werde ihn da lassen, damit das Mädchen nachher aufräumen kann
+-- man hat doch Nichts zu befürchten?«
+
+Jeremias sah wieder Oskar bestürzt von der Seite an, dieser aber
+erwiederte lächelnd: »Nicht das Geringste -- aber Sie sind pünktlich?«
+
+»Wenn ich irgend kann, gewiß.«
+
+Damit verließ er das Zimmer, wo hinaus ihm die Beiden folgten, und stieg
+die Treppe hinab, während Oskar zu seiner Mutter hineinsprang, um ihr
+Bericht abzustatten.
+
+Gerade als von Pulteleben nach der untern Treppe zu ging, öffnete sich
+dort die nächste Thür, die in Helenens Zimmer führte, und die Comtesse
+trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden, der sie überrascht und
+höflich grüßte, als sie sich mit einer halben und flüchtigen Verbeugung
+wieder zurückzog.
+
+»Alle Wetter,« wandte sich von Pulteleben leise zu dem dicht hinter ihm
+dreinkommenden Jeremias, »das ist ja ein wunderschönes Mädchen; das war
+doch nicht die Bäckerstochter?«
+
+Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden oder absichtlich seinen
+Spaß daran hatte, den Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor
+Vergnügen grinsend, mit dem Kopfe, und von Pulteleben stieg, mit der
+Entdeckung sehr zufrieden, die Stiege hinunter, um noch vor Tische
+seine Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. Er war jetzt fest
+entschlossen, die Stunde des Mittagessens pünktlich einzuhalten.
+
+Arno von Pulteleben war ein lieber, guter, ehrlicher Mensch, der nur mit
+einem ganz unbestimmten Begriffe nach Brasilien gekommen war, wie er das
+Land überhaupt finden werde, und was er -- wenn er es gefunden -- da
+eigentlich wolle. Es geht einer großen Menge von Auswanderern so, die
+auch nur zu häufig weder wissen, was man von ihnen fordern könnte, noch
+was sie im Stande wären zu leisten, und die dabei nur allein in dem
+Namen Amerika den Inbegriff aller erfüllten Hoffnungen und Träume sehen.
+»Nur erst einmal in Amerika,« sagen diese, »und das Andere findet sich
+Alles von selber.« In Etwas haben sie Recht, denn es findet sich in der
+That; nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich gedacht
+hatten.
+
+Mit einer solchen unklaren Idee war auch Herr von Pulteleben herüber
+gekommen. Er trat übrigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, denn
+er war sich bewußt, seinen Weg _bezahlen_ zu können. Er hatte Geld bei
+sich, ein Capital von wenigstens tausend spanischen Dollars, und daß er
+Speculationsgeist genug besaß, dasselbe im Laufe von einigen Jahren
+vielleicht zu verzehnfachen, daran zweifelte er selber keinen Augenblick.
+Sein Grundsatz dabei war, »den Moment zu erfassen« -- »frisch gewagt,
+ist halb gewonnen!« und wie derartige vortreffliche Sprüchwörter alle
+heißen. Jedenfalls hatte er volles Selbstvertrauen, und da er schon in
+Deutschland einmal eine Fußpartie gemacht und dabei zwei Nächte hinter
+einander auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er sich auch allen
+Entbehrungen, die ihm hier etwa aufstoßen konnten, vollkommen gewachsen.
+
+Herr von Pulteleben fand sich übrigens etwas überrascht, als er im
+Directionsgebäude seine Karte abgegeben hatte und von dem Director die
+Antwort zurück erhielt: »Es würde ihm sehr angenehm sein, die Ehre ein
+anderes Mal zu haben, heute sei er aber so ausschließlich beschäftigt,
+daß er keinen Besuch empfangen könne.«
+
+»Hm -- angenehm,« brummte er vor sich hin, als er seine weißen
+Glacéhandschuhe auszog, zusammenrollte, in die Tasche steckte und wieder
+hinaus in's Freie ging; »Herr Director Sarno scheinen verwünscht wenig
+Umstände zu machen, und die Artigkeit hätte doch wenigstens verlangt,
+daß er ... aber was thut's -- ich habe jetzt doch meine Schuldigkeit
+gethan, und wenn er nun meine Bekanntschaft zu machen wünscht, ist die
+Reihe an ihm.«
+
+Mit diesem beruhigenden Gefühle schlenderte er durch die Straßen der
+Stadt und fand eine Menge bekannter Gesichter -- Leute, die mit ihm in
+einem und demselben Schiffe über See gekommen waren und alle Gefahren
+gemeinschaftlich getheilt hatten, aber -- _sie_ waren im Zwischendeck
+gereist, und Herr von Pulteleben in der Kajüte -- eine Entfernung, die
+in ihrer Räumlichkeit wohl kaum zehn Schritte betragen mochte, aber doch
+ausreichte, beide Theile vollständig fern von einander zu halten. Man
+kannte sich von Ansehen, aber man grüßte sich nicht, und so unbedeutend
+das an sich scheinen mag, so diente es doch dazu, ein nichts weniger
+als freundschaftliches Gefühl zwischen beiden Theilen zu erzeugen.
+
+Das ist nun freilich nicht zu ändern, denn Standes- und Rangunterschiede
+existiren einmal auf der Welt, und werden trotz aller Communisten
+fortbestehen, bis wir Alle unser letztes Ziel, das Grab, erreichen.
+Selbst unter den Thieren und Pflanzen herrschen Rang und Gewalt; es
+giebt sogar edle und unedle Metalle, und das Menschengeschlecht läßt
+sich nicht in einen Topf werfen und darin halten. Ein Theil von ihm
+_will_ seine besonderen Gesache haben -- und bekommt sie auch, und der
+Rest muß entweder danach streben, diese ebenfalls zu gewinnen, oder
+-- sich darein fügen.
+
+Herr von Pulteleben hielt das auch natürlich für ganz in der Ordnung,
+denn daß es Kajüte und Zwischendeck geben mußte, verstand sich von
+selbst. Allerdings kam ihm dabei fast unwillkürlich der Gedanke,
+daß er zufälligerweise am Tische des Bäckermeisters mit einem
+Zwischendecks-Passagier zusammentreffen könne -- aber das blieb doch
+zu unwahrscheinlich -- die junge Dame, der er begegnet, sah dafür zu
+anständig aus, und -- war ihm die Gesellschaft wirklich nicht passend,
+so gab es immer einen Vorwand, sich zurückzuziehen.
+
+Als er auf seinem Spaziergange die sehr einfache Kirche passirte,
+zeigte die Uhr gerade zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in
+Verlegenheit, da er den Namen des Bäckermeisters vergessen hatte, in
+dessen Haus er abgestiegen.
+
+Glücklicher Weise besaß er Ortskenntniß genug, wenigstens die Richtung
+behalten zu haben; es war überhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen
+Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins entdeckte er vor sich
+das Haus, das sich überdies vor allen in der Nachbarschaft durch den
+kleinen, aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe empfing ihn schon
+Oskar, der sich das Vergnügen nicht wollte entgehen lassen, ihn
+einzuführen.
+
+»Ah, Herr Baron, das ist schön daß Sie Wort halten!« rief er ihm
+entgegen. »Eben wird die Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester
+erwarten Sie mit Ungeduld.«
+
+»Mutter und Schwester?« dachte Herr von Pulteleben, »ist denn das der
+Sohn des Bäckers?« Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, aber es
+blieb ihm keine lange Zeit zur Überlegung, und wenige Minuten später sah
+er sich der stattlichen Gestalt der Frau Gräfin und ihrer reizenden
+Tochter gegenüber, und schaute jetzt wirklich verlegen nach seinem
+Begleiter um, denn daß er sich hier in anderer als der vermutheten
+Gesellschaft befand, mußte er wohl fühlen.
+
+»Mein bester Herr,« sagte er zu Oskar, »ich muß dringend bitten, daß Sie
+mich hier vorstellen, ich -- ich weiß selbst noch nicht einmal _Ihren_
+Namen.«
+
+»O, mit Vergnügen,« lachte Oskar, indem er mit einer etwas förmlichen
+und muthwilligen Verbeugung sagte: »Herr von Pulteleben, liebe Mutter,
+-- Herr von Pulteleben, ich habe hier die Ehre, Ihnen die Frau Gräfin
+Baulen und Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein eigener
+Name ist Oskar.«
+
+»Frau Gräfin Baulen?« stammelte der junge Mann, während über Helenens
+Züge ein leises, spöttisches Lächeln zuckte.
+
+Die Frau Gräfin war aber nicht gesonnen, den jungen Mann weiteren
+Verlegenheiten auszusetzen.
+
+»Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie sind durch die Ungeschicklichkeit
+unseres Hausknechtes oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, sich
+in einer Familie einzuquartieren, der selbst Ihre Ankunft vollkommen
+fremd geblieben war.«
+
+»Gnädige Frau, ich will doch nicht hoffen!« rief Pulteleben erschreckt.
+
+»Beruhigen Sie sich,« unterbrach ihn die Gräfin, »ich weiß, daß Sie
+nicht die geringste Schuld tragen. Das Ganze war ein mißverstandener
+Diensteifer von Seiten jenes Burschen, der über eine Localität unseres
+Hauses verfügte, ohne auf Sie, noch auf uns Rücksicht zu nehmen.«
+
+»Aber man sollte doch kaum glauben, daß so Etwas möglich wäre!« rief von
+Pulteleben entsetzt, denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor
+Augen, in der er, als reiner Eindringling, den Damen gegenüber stand;
+»meine Seele konnte ja an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie müßten
+überzeugt sein, daß ich....«
+
+»Bitte, keine Entschuldigungen weiter,« lächelte die Gräfin; »Brasilien
+erzeugt gar sonderbare Zustände, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit
+näher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns Jeremias, wie jener
+unglückliche Mensch heißt, Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntschaft zu
+machen; alles Andere läßt sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren, und
+nun bitte ich, daß Sie Platz nehmen, denn die Suppe wird sonst kalt.«
+
+Herr von Pulteleben befand sich noch immer in einem gemäßigten Grade
+von Verzweiflung, denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie auf
+eine solche Art eingeführt zu haben, trieb ihm fast die Haare zu Berge.
+Außerdem blieben ihm noch eine Menge Dinge unklar -- die Geschichte
+mit dem Bäckermeister zum Beispiel, und daß ihm der junge Mensch nicht
+gleich einen Wink gegeben, wo er sich eigentlich befände. Sehr rasch im
+Denken war er außerdem nicht, und es bedurfte einer neuen Aufforderung
+der Gräfin, Platz zu nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr den
+Arm zu bieten und sie zur Tafel zu führen.
+
+Da sich die Gräfin aber einmal vorgenommen hatte, ihm weitere
+Verlegenheiten zu ersparen, so wußte sie auch bald geschickt in ein
+Gespräch einzulenken, das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben konnte
+-- ein Gespräch über die eben zurückgelegte Seereise, an dem sie ebenfalls
+Interesse nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen Fahrt und der
+damit verbunden gewesenen Seekrankheit gedachte.
+
+In das Capitel eingelenkt, fühlte sich auch von Pulteleben bald wieder
+behaglicher, und das Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, war
+der etwas sarkastische Zug um der Comtesse Mund, wenn sie einem Blicke
+ihres Bruders begegnete und sein Auge gerade auf ihr ruhte -- und sein
+Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von Pulteleben erinnerte sich nicht,
+je in seinem Leben schon ein schöneres Mädchen gesehen zu haben.
+
+Mochte es sein daß es ihm nur so vorkam, weil er gerade durch die lange
+Seereise dem geselligen Umgange mit dem schönen Geschlechte hatte völlig
+entsagen müssen, oder fühlte er sich gerade von dieser Form der Züge
+besonders gefesselt, wie das ja oft im Leben der Fall ist, aber er
+konnte sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und eben so wenig
+entging Helenen selber, mit welcher Aufmerksamkeit er sie behandelte.
+Freilich war sie daran gewöhnt, ihren Zoll von Bewunderung überall
+einzuernten, aber trotzdem fühlte sie einen gewissen Grad von Genugthuung,
+und ihr Antlitz, das im Beginne der Tafel seine volle Strenge bewahrt
+hatte, wurde etwas freundlicher gegen den jungen Gast. Sie wich
+wenigstens Oskar's Blicken aus und schien nicht mehr gesonnen, sich
+über ihn lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der Unterhaltung.
+
+Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine ganze Fassung wieder,
+und als das Diner, bei dem Dorothea ihr Möglichstes geleistet hatte,
+beendet war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin und sagte:
+
+»Frau Gräfin, wenn ich auch jenem unglücklichen Jeremias und meinem
+Schutzgeiste danke, diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben,
+so fühle ich doch recht gut, daß ich hier, als Ihr Gast, eine sehr
+unerquickliche Rolle spiele, und je eher ich der ein Ende mache, desto
+besser. Gestatten Sie also daß ich mich entferne, um mich nach einem
+andern Quartier umzusehen, und erlauben Sie mir nur -- Ihre Güte hat ja
+meiner Unverschämtheit schon verziehen -- daß ich damit nicht gezwungen
+bin, diese für mich so ehrenvolle und liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen.
+Ich werde mich jedenfalls längere Zeit in Santa Clara aufhalten und
+würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir wenigstens gestatten
+wollten, Ihnen manchmal meine Aufwartung zu machen.«
+
+»Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden sind,« lächelte die
+Gräfin, »so übereilen Sie auch wenigstens Nichts. Es wird Ihnen überdies
+schwer werden, für den Augenblick eine passende Wohnung in Santa Clara
+zu finden; _bis_ Sie die aber gefunden haben, bitte ich Sie unser Haus
+als das Ihrige zu betrachten.«
+
+»Gnädige Frau Gräfin!« rief Pulteleben erstaunt aus.
+
+»Bitte, machen Sie keine Umstände,« fuhr die Gräfin ruhig und freundlich
+fort, »wir sind hier in Brasilien, wo der Fremde nur zu häufig einzig
+und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen bleibt, und es
+existiren deshalb hier ganz andere Verhältnisse, wie in der alten
+Heimath. Außerdem sagten Sie uns vorher, daß Sie verschiedene Pläne für
+Ihre Zukunft hätten.«
+
+»Allerdings,« versicherte der junge Mann, »aber es fehlt mir da freilich
+noch Kenntniß des Landes, um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen zu
+können, und ich sammle lieber erst Erfahrung.«
+
+»Das ist sehr vernünftig von Ihnen gedacht,« erwiederte die Gräfin; »wo
+_ich_ Ihnen aber dabei mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz
+über mich zu disponiren.«
+
+»Sie sind zu gütig, gnädige Frau Gräfin!«
+
+»Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren in diesem Lande, und man ist
+gezwungen, die Verhältnisse genau kennen zu lernen, oft sogar gegen
+unsern Willen. Doch Sie wünschen jedenfalls eine Cigarre zu rauchen
+-- Oskar, führe den Herrn in den Garten; wir kommen dann ebenfalls
+hinunter, um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.«
+
+Damit standen die beiden Damen auf, grüßten freundlich und verließen das
+Zimmer, während Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von Seligkeit
+zurückblieb und jetzt gar nicht oft genug zu Oskar sagen konnte, wie
+glücklich er sich fühle diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es
+auch der größten Dummheit verdanke, deren er sich in seinem ganzen Leben
+schuldig gemacht.
+
+»Na nu werden Sie nicht langweilig,« meinte Oskar -- »Apropos, haben Sie
+etwa eine vernünftige Cigarre bei sich? Das Zeug, was man hier bekommt,
+ist kaum zu rauchen.«
+
+»Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen,« sagte Herr von Pulteleben,
+erfreut dem Bruder jenes Engels nur in Etwas angenehm sein zu können.
+
+»Das ist gescheidt,« meinte Oskar -- »sie sind doch nicht zu schwer?«
+
+»Nein, sicher nicht -- ich selber rauche nie schwere Cigarren.«
+
+»Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, hier ist eine Hitze, nicht
+zum Aushalten,« -- und seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte
+er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die Damen zu erwarten.
+
+Diese zögerten auch nicht lange, und hatte sich Herr von Pulteleben
+schon gegen das Ende der Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gefühlt, so
+entzückte ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die Natürlichkeit und
+Liebenswürdigkeit Helenens, die allen Zwang abgeworfen zu haben schien
+und nach Herzenslust lachte und plauderte.
+
+Helene war wirklich bildschön. Es gab Zeiten, wo ihre so regelmäßigen
+Züge von einem düstern Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas
+Unheimliches, ja Abstoßendes geben konnte. Ihr Mund, wenn fest geschlossen,
+sah dann ebenfalls, der etwas schmalen Lippen wegen, unschön aus. Wenn
+aber das lebendige Auge in Scherz, ja Übermuth leuchtete, wenn ihre
+Zähne, die zwei Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden,
+wenn sich das Grübchen tiefer in ihr Kinn einschnitt und das Lachen
+auf dem gar so lieben Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem
+murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich nicht satt sehen an dem
+Mädchen, und sie war sich auch ihres Sieges stets so sicher bewußt, daß
+sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben wollte.
+
+Nur dann und wann verließ sie manchmal die Laube, und von Pulteleben
+würde noch mehr entzückt gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß sie
+gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer etwas wohnlicher
+einzurichten und ein Bett darin aufzustellen. Es hatte das seine
+Schwierigkeiten, denn die Gräfin war nur nothdürftig auf solchen Besuch
+eingerichtet, aber es _ging_ doch, und ein paar rasch und geschickt
+improvisirte Gardinen machten das kleine Gemach noch so viel
+freundlicher.
+
+Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau Gräfin allein blieb, wurde
+dann von dieser benutzt, ihm einen kurzen Überblick über die hiesigen
+Verhältnisse zu geben, der Herrn von Pulteleben außerordentlich
+befriedigte. Er ersah nämlich daraus, daß in diesem Lande wirklich nur
+ein kleines, unbedeutendes Capital dazu gehöre, um, mit kluger Benutzung
+des Augenblickes, ganz erstaunliche Erfolge zu erzielen. Die Frau Gräfin
+wußte ihm eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen Leute durch
+kleine, aber richtige Spekulationen in Stand gesetzt waren, unbedeutend
+begonnene Geschäfte auf das Großartigste auszudehnen, und sich dann mit
+einem _erworbenen_ Vermögen nach Deutschland zurückzuziehen, um es dort
+in Ruhe zu verzehren.
+
+»Sehen Sie, Frau Gräfin,« rief Herr von Pulteleben, durch diese
+Mittheilungen zu einem vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, »das
+ist gerade was ich will. Zu Hause haben sie mir immer vorgeworfen, daß
+ich unpraktisch wäre, daß ich nie im Stande sein würde, mir aus mir
+selber eine Carrière zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob
+es nicht möglich ist sie Lügen zu strafen. Sie sollen erleben, mit
+welcher Energie ich Alles angreife, was ich unternehme. -- Wenn ich nur
+erst wüßte was!«
+
+»Übereilen Sie sich darin nicht, junger Freund,« sagte die Gräfin. »Es
+giebt zwar eine Menge von Wegen, die zum Ziele führen, aber der eine ist
+länger als der andere, und wenn man denn doch noch die Wahl hat, warum
+soll man da nicht suchen den kürzesten zu nehmen? Übrigens sein Sie
+versichert, daß ich selber schon ein Wenig herumhorchen will. Sie sind
+uns nun einmal auf so abenteuerliche Weise zugeführt, daß ich ein
+gewisses Interesse daran nehme.«
+
+»Gnädige Frau Gräfin, Sie sind unendlich gütig.«
+
+»Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so ist es vielleicht sogar
+Egoismus von mir selber; denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die
+Zeit verstreicht, wenn man so gar Nichts auf der Gotteswelt zu thun
+hat. Eine kleine Beschäftigung, eine bestimmte Thätigkeit wird zuletzt
+wirklich zum Bedürfniß, und ein wenig Sorgen und Umschauen gehört mit zu
+unserem Leben.«
+
+»Aber durch was habe ich verdient, daß Sie sich _meiner_ gerade so
+unendlich freundlich annehmen?«
+
+»Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien, leben in Verhältnissen,
+die mit denen der alten Welt auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit
+haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und wunderbar. Doch Sie
+werden das Alles noch viel besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal
+selber längere Zeit im Lande sind.«
+
+Oskar hatte sich bei dem Gespräch gründlich gelangweilt, denn er haßte
+Nichts mehr auf der Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszwecke die
+Rede war -- und seine Mutter hielt ihm dieses Capitel sehr häufig vor.
+Dafür gönnte er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen Hausgenossen,
+und amüsirte sich die Zeit über, mit seinem Blasrohr von einem erhöhten
+Stand der Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schießen. Wenn er sie
+traf, nahmen sie gewöhnlich den Schwanz zwischen die Beine und rannten
+in wilder Flucht die Straße hinab, und Oskar wollte sich dann halb todt
+darüber lachen.
+
+Um das Angenehme übrigens mit dem Nützlichen zu verbinden, nahm er Herrn
+von Pulteleben nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von dem er ihm schon
+viel erzählt und ihm auch die Überzeugung beigebracht hatte, daß ein
+Mann ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren könne -- nicht einmal
+eine Frau, und da Herr von Pulteleben erfuhr, daß es früher Helenens
+Lieblingspferd gewesen sei, die sich jetzt einen etwas ruhigeren Grauen
+-- der Graue war das wildeste Pferd in der Ansiedelung -- angeschafft
+habe, kaufte es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, außerordentlich
+mäßigen Preise (Oskar hatte auch in der That höchstens hundert Procent
+daran verdient) und schwelgte dabei in der Hoffnung auf morgen, denn
+Helene hatte ihm versprochen mit ihm spazieren zu reiten.
+
+
+
+
+9.
+
+Ein Abend in der Colonie.
+
+
+Das war ein Leben und Treiben heute in dem sonst so stillen Städtchen,
+daß man es kaum wieder erkannte, und das Wirthshaus »Zum Hoffnungsanker«
+hatte, so lange der Ort stand, noch keine so guten Geschäfte gemacht.
+War es doch auch bis unter das Dach hinauf von Gästen angefüllt, die auf
+Matratzen, Decken, Stroh, oder wie es eben ging, untergebracht werden
+mußten, während fast alle männlichen Bewohner von Santa Clara hier
+ebenfalls zusammenkamen, um die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen,
+und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim -- das heißt aus
+ihrem Dorfe zu hören, denn was wirklich _deutsche_ Nachrichten und
+besonders deutsche Politik betraf, kümmerte die Wenigsten der
+Colonisten.
+
+Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert, und den
+politischen Verhältnissen daheim, die sie selbst an Ort und Stelle nicht
+verstanden, so entfremdet worden, daß sie kaum noch die geographischen
+Namen der verschiedenen Staaten kannten. Aber selbst erst kürzlich
+Herübergekommene fragten nicht nach dem, was Preußen oder Österreich,
+oder sonst ein Theil Deutschlands treibe -- das war deren Sache, und sie
+mochten es mit einander ausmachen -- sondern nur aus welcher Gegend Der
+und Jener sei, und ob daheim Der und Jener noch lebe, und nicht Lust
+habe nach Brasilien zu kommen.
+
+Außerdem wollten sich die Leute aber auch gern einmal einen sogenannten
+»fidelen Abend« machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen ziemlich
+geräumigen Schuppen an sein Haus gebaut und mit Dielen hatte belegen
+lassen, ja auch in diesem Schuppen ein hölzernes Gerüst für ein Musikcorps
+angebracht war, so verstand es sich von selbst, daß heute Abend ebenfalls
+getanzt wurde.
+
+Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu bestellt -- denn es gab deren
+zwei -- und daß sich das andere darüber zurückgesetzt fühlte und erklärte,
+das sogenannte _beste_ Musikcorps könne gar nicht spielen und vollführe
+eine wahre Heidenmusik -- blieb sich gleich.
+
+Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die Gäste -- auf acht Uhr Abends
+waren nach stillschweigendem Übereinkommen die Frauen angesagt, denn die
+Kinder mußten erst zu Bette gebracht werden -- und bis dahin gingen Flasche
+und Krug lustig im Kreise. -- Aber nicht etwa das dünne brasilianische
+Bier wurde getrunken, das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute,
+obgleich das besonders die Neuangekommenen mit Leidenschaft forderten,
+sondern vaterländischer Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gewöhnlich
+das schwere Geschütz. Die langhalsigen, schlanken Originalflaschen
+ragten fast von allen Tischen empor, und Scharlachberger-, Brauneberger-,
+Markobrunner- und Hochheimer-Etiquetten gehörten zu den gewöhnlichsten
+Dingen.
+
+An dem einen Tische präsidirte der »Pfarrer« des Ortes, eine
+breitschulterige, etwas massive Gestalt, mit hochgeröthetem Gesichte,
+kurzen, etwas struppigen blonden Haaren und einem _wenigstens_
+zweitägigen weißen Halskragen, aber nicht etwa in schwarzer Ordenstracht,
+sondern in einer grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen, und um
+ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von Santa Clara -- unter ihnen
+auch unser alter Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der
+unmittelbaren Nähe des Städtchens, von denen dann wieder verschiedene
+»frische Einwanderer« zugezogen worden, um zuerst Bericht über ihre
+Reise abzustatten, und dann Enthüllung über das »erhoffte Brasilien« zu
+vernehmen.
+
+An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls der Bursche mit dem
+Silberband um die Mütze gedrängt, der heute schon mit dem Director
+Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion Braten stand vor ihm.
+Seine Frau lag drüben im Auswanderungshause mit ihren Kindern in einer
+dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen das kärgliche Mahl, das
+sie sich von geliefertem Mehle selber hatte bereiten müssen.
+
+Die übrigen Tische waren eben so dicht gedrängt mit Gästen, und Bohlos'
+Frau und ein paar Mägde konnten sich kaum in dem überfüllten Raume Bahn
+machen, um die verlangten und oft stürmisch geforderten Speisen und
+Getränke auszutheilen.
+
+»Na, hier lebt sich's aber doch besser als an Bord von dem Schiffe, das
+muß wahr sein, wenn ich auch gerade nicht über die Kost auf dem Schiffe
+klagen will,« sagte einer der Zwischendeckspassagiere.
+
+»Saufressen,« kaute der Mann mit dem Tressenstreifen mit vollem Munde;
+»bei uns kriegen's die Schweine besser, wie sie's uns für unser schweres
+Geld auf dem Schiff gegeben haben.«
+
+»Vielleicht sind _Sie's_ zu Hause besser gewöhnt gewesen,« meinte einer
+der jungen Kaufleute, ein Kajütenpassagier, der sich aber hier schon in
+brasilianische Gleichheit hinein zu finden suchte, indem er seinen, ihm
+unangenehmen Nachbar von der Seite ansah.
+
+»Bin ich auch,« knurrte der Mann -- »ja, Sie, die Kajütenpassagiere,
+haben hineingestopft gekriegt, was nur eben hinein ging, aber _uns_
+haben sie behandelt wie die Hunde -- und noch schlechter.«
+
+»Na, ich weiß nicht,« sagte der Erste wieder, »ich bin doch auch im
+Zwischendeck gefahren, habe aber Nichts davon gemerkt. Daß man's auf
+dem Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim, na ja, das haben wir
+freilich schon zu Hause gewußt, und dafür ist's eben eine Seereise.
+Außerdem habt _Ihr_, so viel ich weiß, nicht einmal Passage bezahlt,
+sondern Eure Gemeinde daheim hat's zusammengeschossen.«
+
+»Das geht Keinem 'was an,« sagte der Bursche mit einem finstern Blicke
+nach dem Sprecher -- »bezahlt ist's doch, ohne daß _Ihr_ dazu die Hand
+in den Sack gesteckt.«
+
+Die Übrigen schwiegen, denn der Mann hatte nicht genug Einnehmendes
+in seinem Wesen, sich mit ihm in ein längeres Gespräch einzulassen.
+Freilich war hier offener Wirthstisch, und man konnte ihm auch nicht gut
+verwehren, sich der Unterhaltung anzuschließen, so lange er eben nicht
+selber fühlte, daß er da nicht hinein passe.
+
+Oben am Tische wechselte das Gespräch jetzt wieder auf die Verhältnisse
+in der Colonie, und die Klagen über die Regierung waren allgemein, daß
+nie Land vorräthig vermessen sei, wenn einmal Colonisten eintrafen. Die
+Neuangekommenen wollten das dem Director zuschieben, und der »Pfarrer«
+gab ihnen Recht. Da stäk' es, denn das sei ein hochmüthiger Patron, der
+sich den Henker um den armen Mann scheere. Dagegen sprachen aber, und
+zwar mit Eifer, mehrere der Colonisten selber und vertheidigten den
+Director.
+
+»Was kann er denn machen, wenn ihn der Präsident im Stiche läßt? Das
+ist die vorgesetzte Behörde, und an die muß er sich wenden, und für den
+gemeinen Mann thut gerade _er_ mehr, denn irgend Einer vor ihm. Und wie
+hat er jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!«
+
+»Ein Lump ist's,« rief der mit der Tresse, seine Faust auf den
+Tisch schlagend, daß sich Alle erstaunt nach ihm umsahen -- »ein
+nichtsnutziger, grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's Gesicht
+gesagt, und will es ihm morgen auch noch einmal hinein sagen.«
+
+»Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos?« fragte Pilger laut, als
+der Wirth gerade an ihm vorüberging.
+
+»Wer?« fragte Bohlos, sich am Tische umsehend.
+
+»Der mit der hübschen blauen Mütze.«
+
+»Na,« sagte der also Bezeichnete erstaunt aufstehend -- »wem geht denn
+_das_ wieder 'was an, was _ich_ schuldig bin?«
+
+»Der Tisch hier bezahlt's,« sagte Pilger, ohne von dem Einwurfe Notiz zu
+nehmen -- »wie viel macht's?«
+
+»Portion Braten und vier Glas Bier,« sagte Bohlos -- »wollen's gerade
+einen Milreis rechnen, es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.«
+
+»Sehr schön,« sagte Pilger, »und jetzt, guter Freund, thut uns einmal
+den Gefallen und macht die Thür _von außen_ zu. Verstanden?«
+
+»Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht Keinem einen Quark an!«
+rief der Bursche, rückte sich die Mütze auf das eine Ohr, und sah den
+Redenden mit wüthenden Blicken an.
+
+»Wollt Ihr Vernunft annehmen?« fragte Pilger ruhig, indem er langsam von
+seinem Stuhle aufstand -- »oder soll ich Euch....«
+
+»Ach, laßt den Lump zufrieden, Pilger!« riefen ein paar Andere -- »fangt
+keinen Streit an.«
+
+»Streit?« sagte Pilger vollkommen kaltblütig -- »fällt mir gar nicht
+ein, aber sollen wir uns etwa von so einem Burschen, wie der da, den
+ganzen Abend verderben lassen? Entweder der Gesell geht, Bodenlos, oder
+ich gehe.«
+
+»Ach, seid vernünftig,« sagte der Wirth beruhigend.
+
+»Nein, er hat Recht!« riefen nun auch die früheren Mitpassagiere des
+Burschen; »auf der ganzen Reise hat er Nichts wie Skandal und Streit
+gehabt, und seine arme Frau dabei mißhandelt, daß es eine Schande war.«
+
+»Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit drein reden?« rief der mit der
+Mütze, und fuhr von seinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn schon am Kragen
+und hob ihn mit riesiger Kraft vom Boden; drei oder vier Andere faßten
+ihn zugleich an Armen und Beinen, und keine Minute später fand er sich
+ziemlich unsanft hinaus auf die Straße gesetzt. Kaum aber hatten die
+Männer ihre Sitze wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgroßer Stein
+durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte und glücklicherweise
+gegen die nächste Stuhllehne traf, sonst hätte er Schaden anrichten
+können. Fünf oder sechs junge Burschen flogen jetzt hinaus, um den
+Frevler abzustrafen, aber der Passagier hatte es doch für gerathen
+gefunden, etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war verschwunden.
+
+Indessen rückte die Zeit vor -- es war acht Uhr, und die »Damen« kamen
+zum Balle. Es waren meist Frauen und Töchter von Bauern und Handwerkern,
+aber viele der letzteren selbst in Brasilien geboren und großgezogen, wo
+sie dann, mit Kindern der eingeborenen Brasilianer aufwachsend, auch den
+Schnitt von deren Kleidung, wie eine freiere Haltung angenommen hatten
+-- und reizende Gestalten gab es unter ihnen.
+
+Hier und da kam freilich noch ein echt deutsches Bauernmädchen, die
+rothe Kattunschürze hoch in der Taille umgebunden, das riesige weiße
+Taschentuch in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand schlenkernd und
+mit der eigenthümlich schaufelnden Bewegung im Gange. Junge Mädchen
+mit weißen Kleidern und Rosabändern dazwischen, mit Füßen, die einem
+Grenadier zur festen Basis hätten dienen können, und eine Handvoll
+künstliche, arg zerdrückte Blumen geschmacklos auf den Kopf gebunden.
+Aber auch leichte und selbst zarte Figuren mischten sich dazwischen,
+junge Mädchen aus irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden
+sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere Mischung des »schönen
+Geschlechts« konnte in keinem Lande der Welt aufgetrieben werden.
+
+Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende und Ordnende
+dieses ganzen Balles? Wer stellte, als die Musik endlich begann, die
+Contretänze? Wer klatschte in die Hände, wenn die ersten Paare antanzen,
+wer klatschte wieder, wenn sie wechseln sollten? Wer drückte sich dann
+in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit einem oder dem anderen
+Nachbar, nur im Vorbeigehen, ein Glas Wein oder Punsch zu trinken,
+und war im Nu wieder bei der Hand und mitten im Saale, sobald nur die
+geringste Unordnung zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der sich
+aber so entpuppt hatte, daß man ihn heute Abend wirklich nur an der
+rothen Perrücke wiedererkannte.
+
+Wer den Jeremias heute in Hemdsärmeln gesehen hatte, wie er im Schweiße
+seines Angesichts, den Karren hinter sich, durch die Straßen keuchte,
+und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens achtzehn
+Talglichtern mit blechernen Reflectoren, #à quatre épingles# gekleidet,
+durch den Saal hüpfte, würde eine solche Veränderung, ohne den Mann
+genauer zu kennen, nicht für möglich gehalten haben, und doch war es
+eine und dieselbe Persönlichkeit.
+
+Es läßt sich nicht läugnen, weder der hellblaue Frack mit den blanken
+Knöpfen, noch die weißen Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen
+Glacéhandschuhe waren je für ihn gemacht, und die beiden ersteren gerade
+um das zu weit, was die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch,
+wie der Pfarrer meinte, »den guten Willen«, und einen aufmerksameren und
+den Formen strenger genügenden Tanzmeister wie ihn gab es nicht auf der
+weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien.
+
+Jeremias war in der That überall, und hatte er heute über Tag bei seinem
+Karren geschwitzt, so überstieg seine Transpiration gegenwärtig alle
+Gränzen. Er troff förmlich, und das helle Wasser lief ihm unter der
+brennend rothen Perrücke in kleinen Bächen nieder.
+
+Eigentlich hatte Jeremias ursprünglich gar kein rothes Haar gehabt, und
+das kleine Stückchen Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren
+stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als ihm aber damals, nach
+einer Art Nervenfieber, und kurz vorher, ehe er Deutschland verließ,
+sämmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur für eine _schwarze_
+Perrücke eine seine Kräfte übersteigende Summe, und da er die _rothe_
+Perrücke -- der Träger war darunter weggestorben -- aus zweiter Hand
+billig erstehen konnte, entschloß er sich kurz und wechselte die Farbe.
+Jetzt war er nun so an die rothe Perrücke gewöhnt, daß er eine andere,
+schwarze nicht mehr umsonst genommen hätte.
+
+Übrigens war Jeremias in der ganzen kleinen Stadt als ein fleißiger,
+nüchterner Arbeiter beliebt, und seiner oft drolligen Antworten wegen
+fast in jedem Hause gern gesehen. Weil er aber fleißig arbeitete,
+verdiente er auch ganz hübsches Geld, und nur, was er mit dem Verdienten
+machte, erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht, da er
+außerordentlich mäßig lebte, und nie auch nur einen halben Milreis
+vergeudete, aber trotzdem hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben
+gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, und von Staatspapieren
+wußte er außerdem Nichts. Allerdings hatte sich das Gerücht verbreitet,
+daß er sein Geld heimlich im Walde vergraben und schon einen ganzen Sack
+voll Milreis irgendwo eingescharrt habe. Gewißheit bekam aber Niemand
+darüber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere das wissen zu lassen,
+was sie eben nicht zu wissen brauchten.
+
+So gutmüthig Jeremias aber auch im Ganzen sein mochte, und so
+dienstwillig und gefällig er sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit
+zeigte, so unumschränkt regierte er hier, und der geringste Verstoß
+gegen die Tanzordnung wurde auf das Unerbittlichste geahndet. Ein
+Schneider aus Santa Clara ärgerte ihn besonders, und man erzählte sich,
+die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe sich daher, daß Jeremias
+eine Heirath des Schneiders, den er als einen liederlichen Schlingel
+kannte, hintertrieben habe. Das Mädchen war braver Bauersleute Kind, und
+Jeremias kannte den Bräutigam, der aus seinem Orte stammte, schon von
+Deutschland her. Daheim hatte dieser aber ein anderes Mädchen sitzen,
+dem er die Ehe versprochen, und das auf ihn wartete, und als die
+Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber das Haus verboten.
+
+Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, war nicht ganz bestimmt,
+jedenfalls hieß es so, und der Schneider haßte ihn seitdem wie seinen
+Todfeind, ohne daß sich Jeremias deshalb die geringste Sorge gemacht
+hätte. Heute nun, wo Jener etwas mehr als gewöhnlich getrunken haben
+mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem kleinen Ceremonienmeister,
+und als dieser ihn eben so oft derb abfertigte, wußte er sich auf andere
+Weise zu rächen. Jeremias hatte gerade wieder in der einen Ecke einen
+Schluck Punsch mit dem jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf der
+andern Seite des Saales eine Unordnung entdeckte. Wie der Blitz sprang
+er auf und dorthin; unglücklicherweise mußte er aber an dem Schneider
+dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt, und Jeremias, darin hangen
+bleibend, schoß, so lang er war, mitten in den Saal.
+
+Dem böswilligen Schneider bekam das aber schlecht. Zu viele Leute waren
+Zeuge gewesen, und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden aufraffen
+konnte, hatten sie den Schneider gepackt, machten ein Fenster auf und
+warfen den sich aus Leibeskräften dagegen Sträubenden hinaus in die
+Büsche.
+
+Übrigens war es eine so allgewöhnliche Begebenheit, daß bei einem
+deutschen Balle auch zwei oder drei Personen zu Thür oder Fenster
+hinausgeworfen wurden, daß Niemand weiter darauf achtete. Der Tanz
+ging ruhig fort, und Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom
+Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider beseitigt, als er auch
+augenblicklich wieder in den Tact der Musik einfiel, und nur im
+Herüber- und Hinüberhüpfen noch den Staub von seinem Fracke zu entfernen
+suchte. Leider war kurz vorher gesprengt worden, und die weißen Hosen
+hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen, aber Jeremias
+selber sah es nicht und Niemand achtete weiter darauf.
+
+Pilger war auch aus dem Gastzimmer herübergekommen, um seine Frau zu
+suchen, die versprochen hatte bei dem Balle zu erscheinen, aber sie
+fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde später ging er nach Hause, um
+sie abzuholen.
+
+Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort gewesen sein, als er mit
+etwas verstörtem Gesichte wieder zurückkam und seine Blicke unruhig im
+Saal umherschweifen ließ -- dann verschwand er wieder, ohne daß
+natürlich irgend Jemand auf ihn achtete, um bald darauf wieder
+zurückzukehren, wo er den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer
+aufsuchte und zu sich hinausrief.
+
+»Nun,« sagte dieser, der eben nicht gern von seiner Partie aufgestanden
+war, indem er ihm vor die Thür folgte, »was haben Sie denn, Sie schneiden
+ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen brennte?«
+
+»Meine Frau ist fort,« flüsterte Pilger mit heiserer, von innerer
+Aufregung fast unhörbarer Stimme.
+
+»Ihre Frau ist fort?« sagte der Geistliche erstaunt -- »wohin?«
+
+»Ich weiß es nicht,« stöhnte der Mann -- »sie ist nicht hier beim Tanze,
+sie ist nicht zu Hause und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem
+Bündel in der Hand fortgegangen.«
+
+»Na ja, das wäre nicht übel,« schüttelte der Herr Pfarrer mit dem Kopfe
+-- er hatte drin ein Eichelsolo auf dem Tische liegen, und die Sache kam
+ihm sehr unbequem -- »aber wohin _kann_ sie denn hier?«
+
+»Da steckt der Schuft, der Bleifuß dahinter,« knirschte der Mann zwischen
+den zusammengebissenen Zähnen durch; »aber wenn ich die Gewißheit kriegte,
+dann gnade ihm Gott!«
+
+»Hm,« sagte der Pfarrer, welcher die deshalb umlaufenden Gerüchte schon
+lange gehört hatte und kannte -- »und haben Sie keine Ahnung, wohin sie
+sich gewandt haben könnte?«
+
+»Keine,« ächzte Pilger; »aber was um Gottes Willen kann ich thun, um sie
+wieder zu bekommen?«
+
+»Heute Abend gar Nichts,« sagte der Pfarrer; »es ist stockdunkel, und
+aus dem Tanzsaal bringen Sie Keinen fort -- noch dazu, wenn Sie nicht
+einmal eine bestimmte Richtung angeben können.«
+
+»O, Du großer, allmächtiger Gott!« stöhnte der Mann und preßte die fest
+zusammengeschlagenen Hände gegen seine Stirn.
+
+»Machen Sie sich keine Sorgen,« sagte der Geistliche, »wenn die Frau Sie
+auf so leichtsinnige Weise verlassen konnte, so haben Sie auch Nichts an
+ihr verloren, und den Mosje, den Bleifuß, wollen wir schon kriegen, wenn
+der wirklich dahinter steckt. Der muß blechen, daß es ihm blau und braun
+vor den Augen wird.«
+
+»Meine Grethe -- meine Grethe!« hauchte der arme Teufel; »daß sie mir
+die Schande anthun konnte!«
+
+»Es läßt sich heute Nichts mehr machen,« versicherte der Pfarrer -- er
+_konnte_ seinen Eichelsolo nicht länger im Stiche lassen -- »gehen Sie
+ruhig nach Hause -- morgen früh komme ich zu Ihnen und da besprechen
+wir das Weitere« --, und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er dem
+Unglücklichen auf die Schulter und ging wieder in das Zimmer zurück an
+seinen Spieltisch.
+
+Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in der offenen Thür, dann
+aber lief er noch einmal zurück zu seinem Haus, und als er die Verlorene
+auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die Nacht hinein -- er
+wußte ja selber nicht, wohin.
+
+Unten an der Landung, etwa zweihundert Schritte tiefer als die Boote
+gewöhnlich lagen, hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter Büsche
+angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang waren schon verschiedene
+Blechkoffer und Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer, die
+zu einem der weiter unten ankernden Schooner gehörten, lagen auf ihren
+Riemen und warteten auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des Bootes,
+das jetzt ein Stück draußen im Strom ankerte, dicht zum Lande zu schieben.
+Jetzt pfiff es viermal rasch hintereinander, und während sich das
+schmale Fahrzeug noch tiefer in die Büsche hineinschob, eilten ein Mann
+und eine Frau den schräg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die Stelle
+zu, wo dasselbe verborgen lag.
+
+Der Mann hielt ein größeres Paket im Arme und konnte nicht so rasch von
+der Stelle, weil er, seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die
+Frau führte ein kleines Bündel bei sich und war ihm immer um einige
+Schritte voraus, bis sie den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie
+plötzlich und wie erschreckt an und flüsterte:
+
+»O, Du mein lieber himmlischer Vater, was will ich thun, was will ich
+thun!«
+
+»Hier sind wir an Ort und Stelle,« sagte der Mann, der sie hier
+einholte, in portugiesischer Sprache, aber mit unterdrückter Stimme,
+»nur rasch, meine Geliebte, daß uns die Tölpel nicht doch noch am Ende
+auf die Spur kommen.«
+
+»O, mein armer Mann, und er ist immer so gut und rechtschaffen, und
+_ich_....«
+
+Während sie klagte, hatte der Portugiese schon sein Bündel in das Boot
+gegeben und der Frau das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen
+gereicht. Jetzt legte er leise seinen Arm um ihre Taille und schob sie
+sanft rückwärts.
+
+»Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir versäumen sonst die günstige
+Zeit über die Barre -- dort hinten höre ich auch Leute. Denken Sie, wenn
+man Sie hier fände -- mit _mir_!«
+
+Die Frau schreckte empor. Etwa hundert Schritte weiter oben führte
+ein Weg vorbei, auf dem zwei Männer gingen, die sich laut miteinander
+unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme des Einen zu erkennen und
+wich scheu mehr in die Büsche hinein. Dort lag die Planke -- einer der
+Matrosen ergriff ihre Hand, und keine halbe Minute später glitt das Boot
+in die dunkle Strömung hinaus und mit dieser abwärts.
+
+Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt, die horchend stehen blieb,
+als sie das Knarren der Ruder in den Blöcken hörte, das nur so viel
+deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen ließ sich freilich
+Nichts von dort, wie nur vielleicht der dunkle Schatten des Bootes
+selber.
+
+»Grethe,« rief da eine leise, klagende Stimme in den Strom hinaus
+-- »Grethe -- bist Du dort?«
+
+Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben die Ruder das Boot
+vorwärts, das wenige Minuten später um eine ablaufende Biegung des
+Flusses verschwand. --
+
+Bei dem Director, in der kleinen Oberstube, saß Könnern, und Beide
+waren, Jeder mit einem Lichte vor sich, beschäftigt zu lesen. Der
+Director wühlte in einer Anzahl von Briefschaften, während Könnern
+ein Packet Zeitungen durchblätterte, die der Capitain des Schiffes
+mitgebracht hatte. Die Haushälterin brachte gerade den Thee herein,
+denn die Abende waren frisch genug, um eine warme Tasse Thee recht gut
+vertragen zu können.
+
+»Na, da hört Alles auf!« sagte der Director plötzlich, und sah über
+einen eben geöffneten Brief nach Könnern hinüber.
+
+»Nun,« fragte dieser, dem Blicke begegnend -- »irgend eine unangenehme
+Nachricht?«
+
+»Unangenehm gerade nicht,« lautete die Antwort, »aber gerade zu der
+unpassendsten Zeit in der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese,
+den wir an der Schule trafen, zeigt mir eben an, daß er von der Regierung
+auf unbestimmte Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit in seiner
+Abwesenheit die laufenden Geschäfte übertrage. Die ganze lange Zeit hat
+der Herr Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil ich die kleinen
+Streitigkeiten zwischen den Colonisten immer selber schlichtete, ja,
+eher noch selber Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen Familien
+gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze Schaar durch die Seereise halb
+verwilderter Menschen bekommen, die außerdem noch untergebracht werden
+sollen, will er sich von jeder Arbeit drücken. Das geht nun einmal unter
+keiner Bedingung an, und wenigstens muß er noch die nächste Woche
+dableiben. Ich habe überdies Scheererei genug -- kommen Sie, trinken Sie
+eine Tasse Thee -- da drüben steht der Rum -- helfen Sie sich selber.«
+
+Könnern schob die Zeitungen und Papiere bei Seite, um freien Raum zu
+bekommen. Eine kleine, zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den
+Tisch.
+
+»Hallo,« lachte er, »die Dinger gehören doch hier wohl eigentlich zu
+den exotischen Gewächsen. Wie heißt denn der Herr? Arno von Pulteleben
+-- den Namen kenn' ich nicht.«
+
+»Irgend wieder ein junger Adeliger,« sagte der Director, sich Rum zu
+seinem Thee gießend, »der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe
+herüber kommt, sich hier eine Zeit lang herum treibt und über Alles
+schimpft, bis sein mitgebrachtes Geld verzehrt ist, und dann, empört
+über die traurigen Verhältnisse des Landes, nach Deutschland zurückkehrt,
+für das er Märchenstoff in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute
+besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack, Seidenhut und die weißen
+Glacéhandschuhe durch's Fenster sah, hatte ich schon übrig genug und
+-- ließ mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.«
+
+»Wo mag er denn nur Quartier gefunden haben?« sagte Könnern, »die Häuser
+sind ja fast alle überfüllt.«
+
+»Gott weiß es,« sagte der Director gleichgültig, »vielleicht doch noch
+im Hotel, denn Bohlos macht oft das Unglaubliche möglich. Überhaupt,
+lieber Könnern, glauben Sie gar nicht, was sich in einer solchen
+Colonie wie die unsere oft für wunderliche Subjecte und Charaktere
+ansammeln, und man könnte sie sich oft nicht besser assortirt für ein
+Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen. Aus allen Schichten der
+Gesellschaft bekommen wir die Proben, und der hohe Adel, wie Künstler
+und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten Exemplare. Unseren
+Baron haben Sie schon gesehen, die Gräfin werden Sie jedenfalls noch
+kennen lernen; außerdem treibt sich hier auch ein ganz tüchtiger
+Künstler herum, ein Mann, der wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst
+Ehre machen könnte, und hier gerade so viel damit ausrichten wird, wie
+ein Holzhacker in den Pampas, oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.«
+
+»Ist es ein Maler?« fragte Könnern.
+
+»Nein,« lachte Sarno, »Sie brauchen keinen Concurrenten zu fürchten
+-- nur ein Clavierspieler. Aber auch ein anderer Musiker macht die
+Gegend unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug geworden bin.
+Er _nennt_ sich Randolph und scheint mir ein excentrischer Kopf, wie
+alle derartigen Künstler....«
+
+In dem Augenblicke wurde draußen an die Thür geklopft und die alte
+Haushälterin meldete gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger wünsche den
+Herrn einen Augenblick zu sprechen.
+
+»Ach,« sagte der Director, unzufrieden mit dem Kopfe schüttelnd, »immer
+wieder die alte Geschichte, aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht
+geben, denn er wird seinen Quälgeist wenigstens auf einige Zeit los.
+Lassen Sie ihn nur herein kommen.«
+
+Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand,
+sah aber todtenbleich aus und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen
+auf der Stirn.
+
+»Guten Abend, Herr Director!« stöhnte er, ohne auf den noch im Zimmer
+befindlichen Fremden weiter zu achten.
+
+»Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen, wie seht Ihr denn aus, Mann? Was
+ist denn vorgefallen?«
+
+»Meine Frau ist mir davon gelaufen, Herr Director,« sagte der arme Teufel,
+und man sah es ihm an, wie er sich nur mit äußerster Gewalt zwang, seine
+Fassung zu bewahren.
+
+»Eure Frau? Wann?!« rief der Director erschreckt und ein eigener Verdacht
+schoß ihm durch den Kopf.
+
+»Heute Abend -- vor einer Stunde etwa, vielleicht noch nicht so lange.
+Sie wollte auf den Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber
+jetzt nirgends mehr zu finden.«
+
+»Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so kurze Zeit vermißt, kann sie
+ja auch zu einer Freundin gegangen sein, um die abzuholen.«
+
+»Nein,« sagte der Mann ruhig, »sie hat ein Bündel mitgenommen und ist
+nach dem Flusse gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet ist.«
+
+»Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei die Hand im Spiele haben
+könnte?« fragte der Director.
+
+»Verdacht? Nein,« sagte Pilger mit fest zusammengebissenen Zähnen, »aber
+die _Gewißheit_, daß es jener gottverfluchte Bleifuß, der Delegado,
+gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine Möglichkeit,« fuhr er fort,
+während der Director leise vor sich hin mit dem Kopfe nickte, »daß die
+Flucht nach dem Flusse zu vielleicht nur zum Schein war und meine Grethe
+jetzt ruhig drüben im Hause des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr
+vor etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabwärts, aber ich kann mir
+nicht denken, daß der Portugiese die Frau allein fortschicken wird, und
+deshalb komme ich her, Herr Director, und wollte Sie bitten, das Haus
+des Portugiesen augenblicklich durchsuchen zu lassen. Finden wir dort
+nichts, dann muß sie den Strom hinunter sein, und ich glaube, ich weiß
+ein Haus, wo sie sich möglicher Weise verborgen halten könnte.«
+
+»Wart Ihr schon am Hause des Delegado?«
+
+»Ja -- es ist Alles stockfinster drin, aber das bedeutet nichts.«
+
+»Wißt Ihr, daß der Delegado Urlaub von der Regierung und mir heute Abend
+schriftlich angezeigt hat, ich solle sein Amt hier für ihn versehen?«
+
+Der Mann schlug entsetzt die Hände zusammen.
+
+»Dann ist's auch richtig,« stöhnte er -- »dann ist er fort und sie waren
+in dem Boote, das ich gesehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr
+Director?«
+
+»Von Herzen gern, Pilger, aber wie?«
+
+»Erst gehen wir jetzt zu seinem Hause und sehen ob er fort ist, und
+finden wir das bestätigt, dann bitte ich Sie um weiter Nichts, als Ihr
+Boot -- Leute schaff' ich schon herbei.«
+
+»Aber keine Gewaltthätigkeit, Pilger!« warnte der Director; »Ihr macht
+die Sache dadurch nur noch schlimmer.«
+
+Ȇberlassen Sie das mir, Herr Director. Ich habe den Eltern meiner Frau,
+braven, ordentlichen Leuten daheim, versprochen, über dieselbe zu wachen
+wie über meine Augen; ich darf die unglückliche Frau nicht den Händen
+dieses Buben überlassen, und _darin_ werden mich doch hoffentlich die
+Gesetze schützen.«
+
+»Das allerdings,« sagte Sarno, von seinem Stuhle aufspringend -- »und
+dann wollen wir auch keine weitere Zeit mehr versäumen -- kommt!«
+
+Er griff seinen Hut auf, und von Könnern begleitet, gingen die Männer
+rasch nach dem Hause des Delegado hinüber. Es war aber hier, wie es Sarno
+gefürchtet hatte, sie fanden das Haus nicht allein fest verschlossen,
+sondern auch leer. Dicht daneben wohnte ein deutscher Cigarrenmacher,
+der einen kleinen Stand nach der Straße zu hatte. Dieser konnte ihnen
+wenigstens die Nachricht geben, daß gleich nach Dunkelwerden mehrere
+brasilianische Matrosen Kisten und Koffer aus dem Hause die Straße
+hinab getragen hätten. Weiter wußte er ebenfalls nichts, denn den
+Delegado hatte er mit keinem Auge gesehen.
+
+»Dann bleibt mir Nichts weiter übrig, als das Boot,« stöhnte Pilger, als
+er mit seinen Begleitern wieder die Straße hinauf ging -- »darf ich es
+nehmen, Herr Director?«
+
+»Geht mit Gott!« sagte Sarno, indem er ihm den kleinen Bootschlüssel gab
+-- »Ihr wißt, wo es liegt?«
+
+»Ja wohl -- und Segel und Ruder?«
+
+»Hat der Fischer gegenüber -- der kann Euch auch wahrscheinlich gleich
+Leute zum Rudern nachweisen.«
+
+Pilger dankte und flog mehr als er ging die Straße hinab und der Landung
+zu. --
+
+ * * * * *
+
+Im Hause der Gräfin Baulen war die kleine Familie mit ihrem Gaste
+ziemlich spät beim Thee zusammen gewesen, und hatte den Abend, so gut
+das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von Pulteleben erzählte von
+seiner Familie daheim und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden,
+von seinen Plänen und Hoffnungen und seinem Eifer, etwas Ernstliches
+zu beginnen, und die Frau Gräfin selber war ihm mit Interesse dabei
+gefolgt. Nur Oskar langweilte sich; aber er wußte, daß im Wirthshause
+Ball sei. Allerdings würde ihm seine Mutter nie die Erlaubniß gegeben
+haben, dem beizuwohnen, deshalb ersparte er ihr das Unangenehme einer
+Weigerung, verließ unbemerkt das Zimmer und ging eben _ohne_ Erlaubniß.
+
+Herr von Pulteleben erzählte jetzt von seiner Reise und den Abenteuern
+derselben, und da er wirklich gar Nichts dabei erlebt, wurde die Frau
+Gräfin endlich müde und schlief ein.
+
+Helene setzte sich auf kurze Zeit an's Clavier, aber ihr Gast war nichts
+weniger als musikalisch, und da er auch keinen Geschmack an den kleinen,
+reizenden Liedern fand und sie immer nur -- oft mitten in einem Stücke
+-- bat, einen Walzer oder Galopp zu spielen, ermüdete Helene ebenfalls.
+
+Es war Zeit zum Schlafengehen geworden, das Mädchen wurde gerufen, um
+dem Fremden in sein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in das ihrige,
+stellte das Licht auf den Tisch, stützte den Arm auf das offene Fenster,
+zu dem der balsamische Duft der Orangenblüthen voll hereinströmte, und
+schaute träumend in die Nacht und auf die dunklen Conturen der Gebirge
+hinaus.
+
+Da zuckte sie plötzlich erschreckt empor, denn fast dicht unter ihrem
+Fenster erklangen wieder die leise klagenden Töne der Violine, die sie
+schon an jenem Abend so wunderbar ergriffen hatten. Es lag ein solcher
+Schmelz in der einfachen Melodie, daß es ihr unwillkürlich das Herz
+ergriff, und sie stand auf, setzte sich auf das Sopha, um von unten
+aus nicht gesehen zu werden, und horchte mit angehaltenem Athem dem
+meisterhaften Spiele.
+
+Herr von Pulteleben, der schräg über ihrem Zimmer wohnte, hatte schon
+sein Licht ausgelöscht und sich eben niedergelegt, als der Spielende
+unten begann. Er stand wieder auf, lehnte sich in das offen stehende
+Fenster und hörte eine Weile zu, bis die Töne unten leise verhallten.
+Jetzt rief er von oben herunter:
+
+»Bravo! Sehr hübsch! Wirklich allerliebst!«
+
+Helene barg die Stirn in ihre Hand; es war wie ein Mißton in diese
+Harmonie hinein. Der Spielende unten aber schwieg. Sie löschte ihr Licht
+aus und trat verdeckt ans Fenster, um vielleicht den Schatten seiner
+hinweggleitenden Gestalt zu sehen, aber Nichts regte sich -- dunkel lag
+die Nacht auf dem Thale, und nur von weit herüber schallten dann und
+wann, von einem gelegentlichen Luftzuge getragen, die munteren Töne der
+Violinen und Trompeten, die dem jungen, lustigen Volke von Santa Clara
+zum Tanze aufspielten.
+
+
+
+
+10.
+
+Eine Familienscene.
+
+
+Vier Tage waren nach den oben beschriebenen Vorfällen verflossen und die
+Frau Gräfin hatte an diesem Morgen noch nicht vollständig ihre Toilette
+beendet, als draußen auf dem Vorsaale schwere Tritte laut wurden, und
+gleich darauf ein Mann mit Dorothea sprach. Jetzt klopfte diese an die
+Thür und rief:
+
+»Frau Gräfin, der Meister Spenker ist draußen und wünscht die Frau
+Gräfin zu sprechen.«
+
+»Soll später wieder kommen,« lautete die Antwort -- »ich bin noch nicht
+fertig angezogen.«
+
+»Ach, machen Sie keine Umstände, Frau Gräfin,« sagte der Bäckermeister,
+der die Antwort gehört hatte -- »ich habe meine Frau auch schon oft im
+Negligé gesehen -- bin ja ein verheiratheter Mann und kann nicht so lang
+von zu Hause fort bleiben. Es giebt jetzt schmählich viel zu thun, denn
+die vielen neuen Mäuler im Ort wollen doch alle satt werden und Brod
+haben.«
+
+»Aber weshalb kommen Sie denn so früh -- ich _kann_ jetzt nicht.«
+
+»Früh?« sagte der ehrliche Bäckermeister erstaunt, der seit vier Uhr an
+der Arbeit war -- »es hat eben Elf geschlagen, und bei uns drüben sagen
+wir nicht einmal mehr »guten _Morgen_« -- es wird gleich zu Mittag
+gegessen. Wenn Sie aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die
+Thür melden, was mich hergeführt -- ich glaubte nur, es wäre Ihnen
+angenehmer wenn ich Sie _allein_ spräche.«
+
+Es entstand eine kleine Pause und der Bäckermeister lächelte leise vor
+sich hin -- endlich sagte die Gräfin von innen heraus:
+
+»Ich komme den Augenblick -- gehen Sie in das andere Zimmer.«
+
+»Sehr wohl, Frau Gräfin,« erwiederte der Meister kopfnickend, und wußte
+auch ganz genau, in welches, denn er hatte schon sehr viele derartige
+Conferenzen mit der Dame gehabt. Er brauchte indessen nicht sehr lange
+zu warten, denn kaum zehn Minuten später ging die Thür auf und Frau
+Gräfin Baulen, einen großen Shawl umgeschlagen, trat herein und sagte
+eigentlich viel freundlicher, als man nach der erzwungenen Audienz hätte
+vermuthen sollen:
+
+»Guten Morgen, Meister! Was wünschen Sie?«
+
+»Guten Morgen, Frau Gräfin -- Nichts, als die alte Geschichte, die wir
+schon einige Mal verhandelt haben; _Geld_ -- meine Miethe.«
+
+Die Gräfin warf ungeduldig den Kopf auf die Seite.
+
+»Aber Sie wissen ja doch, daß meine Wechsel, die ich jedenfalls mit dem
+nächsten Dampfer erwarte, noch nicht angekommen sind -- ich habe Ihnen
+das schon das letzte Mal gesagt, als ich das Vergnügen hatte Sie zu
+sehen.«
+
+»Bitte,« sagte der Mann -- »ja, und das vorletzte Mal auch, und das
+vorvorletzte, aber es ist ein merkwürdiges Ding um einen Wechsel, der
+nie ankommt, wenn er am Nothwendigsten gebraucht wird.«
+
+»Und ist das etwa _meine_ Schuld?« sagte die Gräfin piquirt.
+
+»Glaube kaum,« lächelte der Bäckermeister -- »nur die Schuld der Leute,
+die eben keinen schicken wollen.«
+
+»Aber sie _sind_ abgeschickt,« rief die Gräfin ungeduldig, »und können
+jetzt jede Stunde eintreffen. Sie denken doch nicht etwa, daß ich Ihnen
+eine Unwahrheit sagen werde?«
+
+»Nein,« sagte der Bäckermeister kopfschüttelnd -- »es wäre wenigstens
+nicht hübsch, aber damit kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange
+von der Sache ist einfach _das_, daß ich nicht länger auf die Wechsel
+warten kann, und es thut mir leid Ihnen das sagen zu müssen, Frau
+Gräfin. Ich bin nur ein Handwerker, und was ich brauche, muß ich mir
+sauer genug verdienen; außerdem habe ich Kinder die versorgt sein
+wollen, und das kostet, wie Sie ebenfalls recht gut wissen, viel Geld.
+Deshalb muß ich das Meinige zusammenhalten -- Sie sind eine zu
+vernünftige Frau, um das nicht einzusehen, und ich kann die Milreis
+nicht hundertweis ausstehen lassen.«
+
+»Aber, lieber Freund, »ich _kann_ Sie ja doch nicht eher zahlen, bis
+mein Wechsel kommt,« sagte die Gräfin ungeduldig -- »was hilft also all
+das Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!«
+
+»Eben _weil_ ich lieber auf die Vernunft hören will, als viele Reden
+machen, bin ich heute Morgen hergekommen,« sagte der Meister ruhig,
+»und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau Gräfin, daß ich mein Geld in
+dieser Woche haben _muß_ und _will_, Wechsel oder keine Wechsel, die
+mich eigentlich gar Nichts angehen. Ich werde Sie nicht zu sehr drängen
+und gebe Ihnen noch bis zum Samstag Zeit, das ist aber auch, das schwöre
+ich Ihnen, der allerletzte Termin, den Sie von mir herausdrücken können;
+denn die Geschichte spielt jetzt fünfzehn Monate, und ich will mich
+nicht länger zum ... na, ich meine, ich kann eben nicht länger warten.«
+
+»Ich will sehen was in meinen Kräften steht,« sagte die Gräfin
+gleichgültig, und wie es schien, mit dem Wunsche, das Gespräch
+abzubrechen -- »erzwingen läßt sich aber so etwas nicht.«
+
+»Oh, doch wohl,« sagte Meister Spenker, den die vornehme Gleichgültigkeit
+zu ärgern anfing -- »es läßt sich auch erzwingen, Frau Gräfin, wenn es
+mir auch sehr leid thun sollte, etwas Derartiges zu thun. Der ganze Ort
+ist jetzt voll Leute, die Logis suchen, und eine solche Wohnung, wie das
+Haus hier, mit Vergnügen noch höher als Sie und gleich baar bezahlen
+würden; überall fragen sie an, ob nichts Derartiges zu bekommen sei.
+Außerdem haben Sie selber schon einen Aftermiether in's Haus genommen,
+der _Sie_ doch auch bezahlt, und ich sehe gar nicht ein, weshalb ich
+das nicht selber verdienen und sonst Nichts auf der Welt davon haben
+soll, wie leere Versprechungen.«
+
+»Der Herr,« sagte die Gräfin doch etwas verlegen, »ist -- ein Verwandter
+von mir, und zahlt mir also keine Miethe.«
+
+»Na, das geht mich Nichts an,« sagte der Bäcker, »ob er _Ihnen_ Etwas
+zahlt. Wenn er bei _mir_ wohnte, _würde_ er zahlen. Also Nichts für
+ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld nicht bekomme, so muß ich
+Sie, so leid mir das thun sollte, auf die Straße setzen und mich an dem
+schadlos halten, was Sie mir für meine zweihundert Milreis an Pferden
+oder Möbeln zurücklassen können.«
+
+»Herr Spenker,« rief die Gräfin auffahrend, »eine solche Sprache
+verbitte ich mir! Wenn Sie sich in Ihrem Rechte gekränkt glauben, so
+wenden Sie sich an die Gerichte, und wir wollen dann sehen, ob mir nicht
+jeder Kaufmann selbst bezeugen muß, daß in einem solchen Winkel der
+Erde, wie wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wechsels verzögert
+werden kann -- aber so lange Sie in meiner Stube sind, vergessen Sie
+nicht die mir schuldige Achtung.«
+
+»Ach was,« sagte der Mann mürrisch -- »_Sie_ vergessen auch immer die
+mir schuldigen zweihundert Milreis, und mit dem vornehm -- aber wir
+wollen uns nicht zanken,« brach er kurz ab, »deshalb bin ich nicht
+hergekommen. Ich mag mit keinem Menschen Streit haben, am wenigsten mit
+meinen Miethsleuten -- so weit's eben geht -- also nochmals, Nichts für
+ungut, Frau Gräfin, und sorgen Sie dafür, daß wir die Sache am Samstag
+in's Klare kriegen, sonst läßt sich's eben nicht länger vermeiden und
+müßte Ihnen doch fatal sein. Wünsche Ihnen einen recht angenehmen
+Morgen« -- und mit einer kurzen Verbeugung und einer Schwenkung des
+rechten Armes drehte er sich um und stieg langsam wieder die Treppe
+hinunter.
+
+Die Gräfin hatte seinen Gruß sehr kalt erwiedert und blieb, als er schon
+lange das Zimmer verlassen, noch immer in finsterem Brüten auf derselben
+Stelle stehen. Sie hatte die Arme gekreuzt und starrte nieder vor sich
+auf den Boden, als die eine Seitenthür aufging und Helene eintrat.
+
+Sie ging still an der Mutter vorüber zu dem nächsten Fenster, wo ein
+Buch lag, das sie nahm und aufschlug -- aber sie las nicht darin. Ihre
+Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre Gedanken schweiften zu
+anderen Scenen, als den hier geschilderten. Endlich sagte sie leise:
+
+»Und was soll _nun_ werden?«
+
+Die Mutter schrak ordentlich bei der Frage empor, die nur das in Worten
+aussprach, worüber sie selber eben erst nachgedacht.
+
+»Du hast gehört, was der Mensch sagte?« fragte sie, ohne ihre Stellung
+zu verändern.
+
+»Ja.«
+
+»Alles?«
+
+»Jedes Wort -- aber Dein Wechsel _muß_ jetzt kommen; der Dampfer ist
+schon seit vier Tagen fällig und bleibt nur in seltenen Fällen über
+diese Zeit.«
+
+»Und _wenn_ er kommt?« erwiederte die Gräfin mit einem bittern Lächeln,
+»was dann? Ja, ich bin mit den wenigen Hundert Thalern im Stande, unsere
+Hauptschulden zu decken, aber wovon weiter leben? Helene, Helene, Dein
+starrer Sinn wird uns noch theuer zu stehen kommen!«
+
+»_Mein_ starrer Sinn?« fuhr die Tochter auf; »etwa deshalb, weil ich
+nicht auf die Anträge jenes schurkischen Portugiesen hören wollte, der
+mir seine Hand anbot? Hast Du nicht jetzt selber den Beweis, was für
+eine gemeine Creatur es war, wo er die Frau des Schuhmachers entführte,
+als er die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der Mensch war als ein
+Wüstling in der ganzen Stadt bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du
+konntest mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja, wirfst mir jetzt
+noch meinen Starrsinn vor!«
+
+Helene stand mit leuchtenden Augen ihrer Mutter gegenüber und die Frau
+schlug fast scheu den Blick vor ihr zu Boden.
+
+»Du denkst nur an Dich,« sagte sie aber trotzdem, wenn auch nur mit
+halblauter Stimme -- »was aus Deiner Mutter wird, kümmert Dich nicht.«
+
+»Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir verdient?« erwiederte Helene,
+und ein eigener wehmüthiger Zug zuckte um ihre Lippen -- »hab' ich ihn
+auch da verdient, als ich des wackeren Vollrath Bewerbung ausschlug, der
+mich mit einem gebrochenen Herzen verließ und dessen ganze Liebe ich
+besaß? Dachte ich auch da nur an mich, wo ich im Stande war, mir eine
+bescheidene Heimath zu gründen, aber Dich auch hätte hülflos zurücklassen
+oder in Verhältnisse hineinziehen müssen, von denen ich vorher wußte,
+daß Du Dich darin unglücklich gefühlt und Vollrath unglücklich gemacht
+hättest?«
+
+»Nein -- nein -- ich weiß, Du bist ein gutes, vernünftiges Kind,« sagte
+die alte Gräfin, von dem Vorwurfe getroffen -- »ich war vielleicht zu
+hart gegen Dich, aber -- _sollte_ die Zeit kommen, wo Du Dich gut
+versorgen kannst, so bedenke auch, daß Du -- nicht zu lange damit säumen
+darfst. Unsere Stellung hier wird mit jedem Monate unhaltbarer, wenn
+nicht bald Etwas geschieht, der Sache eine andere Wendung zu geben.«
+
+»Und was _könnte_ geschehen?« sagte Helene, und ein ganz eigenes wehes
+Gefühl beengte ihr die Brust.
+
+»Ich habe doch jetzt Hoffnung,« sagte ihre Mutter, »daß sich mein Plan
+noch wird realisiren lassen.«
+
+»Du meinst mit der Cigarren-Fabrik?«
+
+»Ja.«
+
+»Und glaubst Du wirklich, daß Etwas dabei gewonnen werden kann?«
+
+»Wenn es richtig angefaßt wird, gewiß.«
+
+»Aber wirst Du im Stande sein das zu thun? Gehören nicht zu einem
+solchen Geschäfte praktische Erfahrungen?«
+
+»Liebes Kind, glaubst Du nicht, daß ich mir in meinem Leben
+Menschenkenntnisse genug gesammelt habe, auch mit Menschen umzugehen?«
+
+»Aber das ist eine Sache, wo Du weniger Menschen- wie
+_Waaren_kenntnisse brauchst, und wie leicht kannst Du darin betrogen
+werden.«
+
+»Waarenkenntnisse, Du lieber Gott!« sagte die Gräfin; »das Material ist
+so einfach, daß sich das gewiß in wenigen Monaten vollständig erlernen
+läßt. Aber weißt Du selber etwas Besseres?«
+
+»Ich? Du mein Himmel!« seufzte Helene -- »wie sollte _ich_ Dir rathen
+können, der noch nie verstattet wurde, in das praktische Leben der
+Menschen einzugreifen, ja, sie nur bei demselben zu beobachten? Lange
+schon hätte ich Unterricht im Französischen und Englischen gegeben, um
+mich nur in Etwas nützlich zu machen, aber selbst das hast Du mir ja
+nicht einmal gestattet.«
+
+»Weil es sich mit unserer Stellung nicht verträgt,« sagte die Gräfin
+finster -- »mit welchem Gesicht hätte ich nur dem Baron entgegentreten
+können, wenn die »Comtesse« den Bäcker- oder Schusterskindern da drüben
+Unterricht gegeben hätte? -- Das verstehst Du nicht, Kind.«
+
+»Und Cigarren machen für Bäcker und Schuster?« sagte das junge Mädchen
+traurig.
+
+»Das ist etwas ganz Anderes, wir _lassen_ sie machen,« erwiederte die
+Gräfin rasch -- »wir leiten nur die Fabrikation, und wenn wir selber
+»zum Spaße« dann und wann und auf unserer Stube ebenfalls arbeiten, so
+ist das etwas ganz Anderes. Auch Damen der höchsten Stände in Europa
+haben zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben, Blumen, Pappsachen,
+Verzierungen auf Glas- und Holzwaaren und tausend andere Dinge gemacht.
+Wir hier brauchen solche Sachen nicht, und wenn wir dafür Cigarren
+machen, kann Niemand etwas Ungehöriges darin sehen. Selbst der Baron
+fand das in der Ordnung.«
+
+»So hast Du schon mit ihm darüber gesprochen?«
+
+»Ja,« sagte die Gräfin nach einigem Zögern -- »vor mehreren Tagen kam
+einmal das Gespräch darauf.«
+
+»Und wird er sich dabei betheiligen?« fragte Helene schnell.
+
+»Nein,« erwiederte die Gräfin wieder zögernd; »der Mann war stets
+zu unpraktisch. Er hat nicht den geringsten Sinn für ein wirklich
+nutzbringendes Unternehmen, und da ist es auch viel besser, daß man gar
+nicht mit ihm beginnt; man hätte sonst ewig nur Klagen und Vorwürfe zu
+hören.«
+
+»Und wer sonst -- meinst Du -- würde auf einen solchen Plan eingehen?«
+fragte die Tochter und sah ihre Mutter scharf dabei an.
+
+Die Gräfin hatte sich halb abgewendet und beschäftigte sich an ihrem
+Nähtische damit, ein aufgerolltes Knäuel schwarzer Seide wieder in
+Ordnung zu bringen.
+
+»Ich glaube,« sagte sie, und wandte dabei den Kopf lächelnd der Tochter
+zu -- »der Himmel selber hat uns einen Bundesgenossen gesandt, der am
+Ende der rechte Mann dazu sein dürfte.«
+
+»Unser Gast?«
+
+»Derselbe. Er wünscht sehnlichst, wie er mir wieder und wieder gesagt
+hat, irgend Etwas in Brasilien zu beginnen, wodurch er nicht allein eine
+Beschäftigung findet, sondern auch Geld verdienen kann, und ich denke
+fast, daß mein Plan für alle Beide von Nutzen sein könnte. Meinst Du
+nicht?«
+
+»Und glaubst Du wirklich, Mama, daß mit dieser Arbeit etwas Ordentliches
+verdient werden könnte? Ich kann es mir noch immer nicht denken.«
+
+»Aber würde ich es denn sonst beginnen?«
+
+»Ich weiß nicht,« sagte Helene, »es ist mir ein Gefühl, als ob wir der
+Sache keinen rechten Ernst entgegen bringen könnten -- als ob eigentlich
+andere Kräfte dazu gehören müßten, etwas Ähnliches zu beginnen.«
+
+»Aber ich begreife Dich gar nicht.«
+
+»Und wie wird sich Oskar hinein finden?«
+
+»Wie ihn die Nothwendigkeit zwingt,« sagte die Gräfin entschieden. »Ich
+habe seinem Leichtsinn jetzt lange genug nachgesehen, aber meine Kräfte
+sind erschöpft. Ich bin nicht mehr im Stande, sein müssiges Leben zu
+unterstützen, und er _muß_ eben arbeiten, wenn er existiren will. Dafür
+sind wir nun einmal in Brasilien.«
+
+»Er wird schwer an eine regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen sein,«
+seufzte Helene; »es ist ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch
+nachgesehen worden.«
+
+»Das muß eben anders werden,« sagte die Gräfin, »und ich habe die feste
+Hoffnung, daß er das selber fühlt, indem er schon sein Reitpferd verkauft
+hat. Das Geld dafür ist allerdings nur ein sehr kleines Capital, aber es
+ist immer ein Capital und kann auf weit nützlichere Weise verwandt
+werden.«
+
+Ein lauter, jubelnder Ruf von der Straße aus unterbrach sie hier, und
+als Beide an das Fenster traten, sahen sie, wie Oskar eben einen sehr
+hübschen Rappen, der unter ihm sprang und tanzte, gerade vor dem Fenster
+parirte und ihn auf und ab galoppiren ließ.
+
+»Da hast Du die Anlage des neuen Capitals,« sagte Helene ruhig -- »ich
+kenne das Pferd; es hat früher dem Director gehört und ist von ihm um
+160 Milreis verkauft worden. Billiger hat es Oskar auf keinen Fall
+bekommen, und wahrscheinlich noch Sattel und Zaum besonders bezahlt. Das
+sind die neuen Ersparnisse.«
+
+»Ich will doch nicht hoffen!« rief die Gräfin, wirklich erschreckt.
+Oskar aber war indessen aus dem Sattel gesprungen, hatte sein Pferd, das
+noch ungeduldig den Boden scharrte, an den Baum unten befestigt und kam
+jetzt mit flüchtigen Sätzen die Treppe herauf und in's Zimmer.
+
+»Nun, wie gefällt Euch mein neues Pferd?« rief er hier triumphirend aus
+-- »nicht wahr, das ist ein Prachtrappe? Jetzt, Helene, wollen wir
+wieder einmal zusammen reiten, und Du sollst sehen, wie ich Dir mit dem
+da unten davon laufe. So wie Jeremias kommt, soll er Deinen Schimmel
+satteln, und dann können wir's gleich versuchen.«
+
+»Und das Pferd hast Du _gekauft_?« fragte die Mutter erschreckt.
+
+»Nun, glaubst Du, daß es mir Jemand _geschenkt_ hätte?« lachte Oskar
+-- »aber es ist spottbillig. Denke Dir, Helene, ich habe nur sechszig
+Milreis mehr dafür gezahlt, wie ich für meinen Braunen bekommen habe
+-- sechszig Milreis und Sattel und Zaum dazu, für das Prachtthier! Es ist
+der beste Renner in der Colonie -- aber was habt Ihr denn nur um Gottes
+Willen? Ihr steht ja Beide da, als ob irgend ein Unglück geschehen
+wäre!«
+
+Die Gräfin hatte sich auf den nächsten Stuhl gesetzt und seufzte tief
+auf, Helene aber sagte ruhig:
+
+»Und wovon willst Du diese sechszig Milreis bezahlen, wenn man fragen
+darf?
+
+»Fragen darf?« sagte Oskar trotzig -- »fragen darf man schon, aber wenn
+ich Dir nun antworte: Was geht _Dich_ das an?«
+
+»Und wenn _ich_ Dich nun frage, mein Herr Leichtfuß?« rief die Gräfin,
+indem sie mit zusammengezogenen Brauen zu ihm aufsah; »ich hoffe doch,
+daß _ich_ wenigstens das Recht dazu habe.«
+
+»Allerdings, Mama,« lachte Oskar, »denn Du bist ja mein Cassirer -- dann
+werde ich Dir also einfach antworten, das macht Alles meine gütige
+Mutter ab.«
+
+»Und darin könntest Du Dich dieses Mal verrechnet haben!« rief die
+Gräfin rasch und ärgerlich; »Deine Verschwendung geht in das Bodenlose,
+und ich habe nicht länger Lust, mich Deinethalben nur immer in neue
+Sorgen und Verlegenheiten zu stürzen.«
+
+»Huih!« sagte Oskar, erstaunt von Mutter zu Schwester und wieder
+zurücksehend -- »da bin ich ja, wie es scheint, zu sehr unrechter Zeit
+in eine Familienberathung über Wirthschaftsangelegenheiten hineingekommen,
+wo aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer Hausplan entworfen wird.
+Bitte tausendmal um Entschuldigung daß ich gestört habe« -- und seine
+Mütze aufgreifend, sprang er, so rasch er gekommen, die Treppe wieder
+hinab, machte unten sein Pferd los, setzte sich auf und galoppirte im
+nächsten Momente wieder in voller Flucht und was das Pferd laufen
+konnte, die Straße hinab.
+
+»Das muß anders werden,« seufzte die Mutter, »das muß anders werden oder
+der Junge richtet uns vollständig zu Grunde!«
+
+»_Noch_ vollständiger?« sagte Helene, und ein bitteres Lächeln zuckte um
+ihre Lippen.
+
+»Die einzige Möglichkeit,« fuhr die Mutter fort, »ist, ihn durch eine
+regelmäßige Beschäftigung zu binden. Er soll und muß erst einmal lernen,
+was es heißt sich sein Brod selber zu verdienen. Hat er das, dann wird
+er auch das Geld mehr zu Rathe halten -- er wird geizig werden und
+sparen -- Du glaubst es nicht? Du sollst sehen, ich bringe ihn noch
+dahin, daß er ein Zwanzigerstück dreimal in der Hand herumdreht, ehe er
+es ausgiebt.«
+
+»Und wann soll diese Arbeit beginnen?« fragte Helene, die nur zu oft
+schon die guten Vorsätze ihrer Mutter, was die Erziehung des Bruders
+betraf, hatte anhören müssen und ihre vollkommene Gehaltlosigkeit zur
+Genüge kannte.
+
+»Ich will heute noch mit Herrn von Pulteleben sprechen,« sagte die
+Gräfin, selber gern bereit, das trostlose Thema abzubrechen; »er hat
+mich ja sogar dringend gebeten, ihm eine Anlage für ein Capital zu
+rathen; ich bin es ihm sogar schuldig, daß ich ihn von unserm Plan in
+Kenntniß setze, und ich zweifle keinen Augenblick, er wird mit Freuden
+zugreifen. Wäre er doch auch ein Thor, wenn er es _nicht_ thäte, denn
+nicht jedem jungen Fremden wird eine solche Aussicht geboten, wie er nur
+kaum das fremde Land betreten hat.«
+
+»Es ist gut,« seufzte Helene, »gehe nur um Gottes willen sicher in der
+Ausführung, daß der Fremde nicht später glauben könnte, Du habest nur
+sein Geld zu Deinen Zwecken benutzt; es wäre fürchterlich, wenn es fehl
+schlüge.«
+
+»Es schlägt _nicht_ fehl, Helene, oder ich müßte zum ersten Mal in
+meinem Leben in -- doch es ist nicht nöthig, Weiteres darüber voraus zu
+bereden. Laß mich jetzt allein, mein Kind, ich werde das Mädchen hinauf
+schicken und unsern Gast ersuchen lassen, zu mir zu kommen. In einer
+Stunde ist Alles abgemacht. Noch Eins,« fuhr sie fort, als sich Helene
+schweigend wandte, um ihr eigenes Zimmer aufzusuchen -- »wer ist denn
+jener unverdrossene Violinspieler, der Dir fast jeden Abend ein kurzes
+Ständchen bringt?
+
+»Gott weiß es!« sagte Helene achselzuckend -- »_ich_ wenigstens kenne ihn
+nicht. Er spielt übrigens vortrefflich!«
+
+»Von den Neuangekommenen kann es Niemand sein, denn wenn ich nicht irre,
+war er schon den Abend vorher unter Deinem Fenster. Er muß also
+jedenfalls in die Ansiedelung gehören.«
+
+»Möglich.«
+
+»Und hat Dir Niemand hier besondere Aufmerksamkeit erwiesen?«
+
+»Niemand.«
+
+»Sonderbar -- Oskar, der Übermuth, hat sich neulich um den Garten
+geschlichen, um den nächtlichen Musikanten zu entdecken, aber ich weiß
+nicht, was ihm geschehen sein muß, denn er kam ganz still wieder zurück
+und sagte, er hätte ihn nicht gefunden, was eigentlich kaum möglich
+ist. Diese Aufmerksamkeit fängt an, mir lästig zu werden; ich werde sie
+mir nächstens einmal verbitten.«
+
+Helene antwortete nicht, sondern nahm ihr Buch auf und schritt ihrem
+eigenen Zimmer zu.
+
+
+Ende des ersten Bandes
+Druck von _G. Pätz_ in Naumburg.
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME
+
+Contemporary spellings have generally been retained even when
+inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected; missing punctuation has been silently added. Words in Roman
+type are identified like #this#.
+
+Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
+gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
+Fehler wurden korrigiert; fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt. In
+Antiqua gedruckte Wörter wurden #so# gekennzeichnet.
+
+The following additional changes have been made:
+
+Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:
+
+
+ sie möchten auch Hause kommen sie möchten _nach_ Hause kommen
+
+ griff dann das (...) Buch auf, griff dann das (...) Buch auf,
+ und um sich zu zerstreuen _um_ sich zu zerstreuen
+
+ mitten unten ihnen mitten _unter_ ihnen
+
+ auf die aus dem Herzen kommende auf die aus dem Herzen _kommenden_
+ Worte Worte
+
+ wir haben mit kei- wir haben mit _keiner_
+ Seele gesprochen Seele gesprochen
+
+ tief in in die seinigen tief _in_ die seinigen
+
+ wurde (...) ein Mann _wurden_ (...) ein Mann
+ und eine Frau (...) geschüttelt und eine Frau (...) geschüttelt
+
+ nur von weit herüber schallten (...) nur von weit herüber schallten
+ die munteren Töne der Violinen und die munteren Töne der Violinen und
+ Trompeten herüber Trompeten
+
+ »Oh, doch wohl,« fragte Meister »Oh, doch wohl,« sagte Meister
+ Spenker Spenker
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. ***
+
+***** This file should be named 30631-8.txt or 30631-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+electronic works
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
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+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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