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diff --git a/30631-8.txt b/30631-8.txt new file mode 100644 index 0000000..c69c85f --- /dev/null +++ b/30631-8.txt @@ -0,0 +1,6963 @@ +Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Colonie. Erster Band. + Brasilianisches Lebensbild + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Release Date: December 8, 2009 [EBook #30631] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + +Die Colonie. +Brasilianisches Lebensbild + +von + + +Friedrich Gerstäcker. + +Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor. + + +Erster Band. + + +Leipzig, +_Hermann Costenoble_. +1864. + + + + + Inhalts-Verzeichniss. + + Seite + _Erstes Kapitel_. + Die Colonie Santa Clara 7 + + _Zweites Kapitel_. + Der Director 29 + + _Drittes Kapitel_. + Bei der Frau Gräfin 68 + + _Viertes Kapitel_. + Die »Meierei« 102 + + _Fünftes Kapitel_. + Elise 135 + + _Sechstes Kapitel_. + Zuhbel's Chagra 167 + + _Siebentes Kapitel_. + Die neuen Colonisten 195 + + _Achtes Kapitel_. + Die Einquartierung 226 + + _Neuntes Kapitel_. + Ein Abend in der Colonie 258 + + _Zehntes Kapitel_. + Eine Familienscene 289 + + + + +1. + +Die Colonie Santa Clara. + + +Von Osten her strich die frische Seebrise über das weite, wellenförmige +Land, schaukelte die einzelnen Palmen, die auf der Lichtung standen, und +schüttelte von den Orangenbäumen nicht allein die überreifen Früchte, +sondern auch manche Blüthe herab, unter der sich schon wieder die junge +Frucht gebildet hatte. Ein würziger Duft wehte dabei über den ganzen +Bergeshang, der sich hie gerade und neben einer kleinen, freundlichen +Wohnung oder Chagra dem Thale zu öffnete, und zwei Reiter, die den +schmalen Waldweg herüber gekommen waren, hielten überrascht ihre Pferde +an, als sie das entzückende Bild erblickten, das sich unter ihnen +ausbreitete. + +Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur noch viel näher gerückt, +als es in der That lag, füllte ein kleines Städtchen -- die deutsche +Colonie Santa Clara -- den ebenen Theil des nicht breiten Thales aus, +der vollkommen gelichtet war, und nach allen Richtungen hin, wie durch +Adern, von schmalen, gelben Wegen durchschnitten wurde, während die +Häuser, wohl in Straßen ausgelegt, aber doch noch einzeln aufgebaut, +über die ganze Fläche hin zerstreut standen. Mit ihren lichten Farben +und rothen, meist neuen Ziegeldächern stachen sie aber um so lebendiger +von dem saftigen Grün ab, das die sie umschließenden Gebüsche trugen, +während in der Ferne, nach Süd, Süd-Ost und Osten, drei scharf +abgeschiedene Gebirgsschichten zuerst in dunkelm Grün, dann in +blaugrüner Färbung und zuletzt in einem duftigen Lichtblau den +Hintergrund bildeten. + +Nur nach Süd-West öffnete sich die sonst vollkommene Gebirgslandschaft +ein wenig, und eben genug, um in blauer Ferne das Meer mit seinem scharf +abgegränzten Horizonte zu zeigen, und man erkannte, selbst von hier aus, +deutlich, wie die verschiedenen Gebirgshänge, je mehr sie sich dem +Seestrande näherten, niedriger wurden. Nur die gelben Sanddünen des +Strandes selber ließen sich nicht erkennen, denn an den abschüssigen +Hängen war noch Nichts gelichtet, und nur die weiten Umrisse der höheren +Partien schloß der Wald in seinen grünen Rahmen. + +Wieder und wieder flog der Blick der beiden Reiter aber zu der kleinen +Ansiedlung zurück, die auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete, +und während in dem Walde selber die tropische Vegetation von dem weit +stärkeren Laubholze verdeckt oder überschattet wurde, konnte ihnen nicht +entgehen, wie gerade nahe bei den Häusern der tropische Charakter der +Landschaft sorgfältig gewahrt und erhalten war. + +Die deutschen Einwanderer hatten nämlich, als sie den Wald in offenes +Feld verwandelten, daheim schon zu viel von den »wehenden Palmen +Brasiliens« gehört, und hier und da auch wohl in ihrer Art davon +geschwärmt -- denn der Bauer ist _nie_ Phantast -- um jetzt gleich die +Axt an die ersten zu legen, die ihnen in den Weg traten. Wo sie ihr Haus +aufrichteten oder ihren Garten umzäunten, ließen sie manche von diesen +stehen, und hier und da bequemte sich auch wohl ein Einzelner, selbst in +seinem Felde um die Wurzeln derselben herumzupflügen, nur um von seinem +Fenster aus die stattlichen, schlanken Stämme sehen zu können. + +Reizend gelegen war selbst die kleine Chagra[1], vor der sie hielten, +und eine schönere Fernsicht hätte der Eigenthümer wohl kaum in der +ganzen Nachbarschaft finden können. Ebenso hatte er sein kleines +Häuschen mit Geschmack gebaut, so einfach es auch sonst sein mochte, und +der Platz schien nach Allem, was man auf den ersten Blick davon sehen +konnte, neu eingerichtet und gelichtet, hätten dem nicht wieder die +stattlichen Pinien und Orangenbäume widersprochen, welche das Haus +umstanden, und mit drei oder vier stämmigen Palmen eine Gruppe bildeten, +wie man sie sich kaum pittoresker denken kann. + + [Fußnote 1: Chagra ist in Brasilien das Nämliche, was der Landmann in + Nordamerika unter dem Worte Farm versteht -- ein kleines »Landgut«, oder + eine »Colonie«, ob es nun eben erst unter den Waldbäumen begonnen ist, + oder schon seine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten + ausbreitet.] + +Den beiden Fremden war dies ebenfalls nicht entgangen, und besonders der +jüngere von ihnen, der vielleicht dreißig bis zweiunddreißig Jahre +zählen mochte, überschaute mit innigem Behagen den kleinen Platz, der +sich wie ein Bild unter seinem grünen Blätterschmucke zeigte. + +Der Fremde ritt einen grauen, prächtigen Hengst mit einem ganz +eigenthümlichen, fremden Sattelzeuge, das mit seiner ganzen Form und +einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie einer Anzahl kleiner +silberner Schnallen und Troddeln und Quasten von ungegerbter, aber +außerordentlich künstlich geflochtener Rohhaut mexicanischen, vielleicht +sogar indianischen Ursprungs zu sein schien. Sonst aber ging er sehr +einfach, doch für den Wald praktisch gekleidet. Der Wärme wegen hatte er +ein ledernes, ausgefranztes Jagdhemd, wie es in den nordamerikanischen +Wäldern Sitte ist, vorn über seinen Sattel geworfen, auf dem jetzt +querüber eine sauber gearbeitete, aber ebenfalls einfache Büchsflinte +ruhte. Er trug nur ein roth und grau gestreiftes wollenes Hemd, dunkle +Beinkleider, von einem breiten Ledergurt gehalten, an dem ein breites, +schweres Jagdmesser hing, hohe Wasserstiefel, einen braunen Strohhut auf +dem Kopfe und eine alte lederne Kugeltasche an der rechten Seite. + +Seine Sporen waren ebenfalls klein und von dunkler Bronze, und am +Sattelgurt festgeschnürt, aber hinten am Sattel zusammengerollt und mit +einer Schleife eingehakt, hing ein dünner, doch stark gedrehter Lasso +aus roher Haut. + +Der Fremde sah keinesfalls wie ein Neuling im Walde aus, und die +sonnverbrannte Farbe seiner Züge, aus denen ein paar große, blaue Augen +treuherzig hervorschauten, verrieth ihn ebenfalls als den Nordländer, +der vielleicht, wie Tausende seiner Landsleute, Brasilien zu seiner +neuen Heimath gewählt. + +Sein Begleiter, der etwa sechs Jahre mehr zählen mochte als er, bewegte +sich trotzdem eben so frei im Sattel, verrieth aber in diesen +Bewegungen, als auch noch zum Überflusse durch den Schnitt seines +wohlgepflegten Bartes, den früheren Soldaten. Die enge Uniform hatte er +freilich lange bei Seite geworfen und dafür den leichten Rock und +breitrandigen Panamahut angenommen. Außerdem schien er sich den +brasilianischen Sitten noch entschiedener durch ein paar riesige +brasilianische Sporen von echtem Silber angepaßt zu haben, und auch das +Kopf- und Zaumzeug seines Pferdes trug, wo es nur möglich war sie +anzubringen, silberne Spangen und Schnallen. Seine Kleidung indessen, +obgleich von feinem Tuche und modernem Schnitte, war durch den Busch und +langen Ritt arg mitgenommen. Man sah ihm an, daß er schon eine gute +Weile unterwegs sein müsse, und die ledernen Leggins, mit denen er den +untern Theil der Beine bedeckt hatte, zeigten die im Walde geholten +Spuren von Dorn und Ranken. + +Sein Blick haftete gegenwärtig aber fast ausschließlich auf der +Ansiedlung und den Berghängen voraus, während sein Begleiter sich weit +mehr durch das Wohnliche des Bauernhauses gefesselt und angezogen +fühlte. + +»Sehen Sie nur, Günther, was für ein reizendes Plätzchen das hier ist,« +wandte sich in diesem Augenblicke der Jüngere der Beiden an den Freund, +»wie malerisch diese dunkeln Pinien -- vielleicht unbewußt -- mit dem +lichten Grün der Palmenwipfel gruppirt sind, und wie ganz eigenthümlich +der goldgesprenkelte Orangenhain das Ganze wie ein künstlich gewobenes +Netz umschließt. »Eine Hütte und ihr Herz,« wie das alte Sprüchwort +lautet, und wenn es das richtige Herz wäre, glaub' ich selber, daß ich +es in einer _solchen_ Hütte aushalten könnte.« + +»Und auf wie lange?« lachte sein älterer Gefährte, indem er mit den +Augen dem ausgestreckten Arme des Freundes folgte; »Sie unsteten +Menschen möchte ich wirklich einmal, und selbst in eine _solche_ Hütte +gebannt sehen -- noch dazu in einer Gegend, in der es nicht einmal Wild +zum Jagen giebt.« + +»Das wäre freilich fatal,« erwiederte der Andere, »und daran dachte ich +im ersten Augenblicke nicht. Aber hab' ich trotzdem nicht Recht? Kann +man sich ein freundlicheres Plätzchen auf der Welt denken?« + +»Nein -- in der That -- in _Brasilien_ wenigstens nicht,« erwiederte +der Freund, den er mit »Günther« angeredet hatte; »mit meinem Thüringen +daheim möchte ich's freilich immer nicht vertauschen. Es giebt doch nur +_ein_ Deutschland.« + +»Haben Sie das Heimweh, Günther?« sagte sein Kamerad lächelnd. + +»Und _wenn_ ich's hätte, wär's ein Wunder?« fragte Günther leise; »wie +lange schon führ' ich dieses unstete wilde Leben jetzt? Wie lange schon +treib' ich mich heimathlos im Walde umher, während daheim -- doch wir +wollen uns den schönen Tag nicht mit solchen Gedanken verbittern, Freund +-- die Heimath hat doch keiner von uns vergessen.« + +Sein Begleiter nickte nur schweigend mit dem Kopfe, und auch _seine_ +Gedanken schienen in dem Augenblicke weit, weit zurück zu schweifen, zu +ganz anderen Scenen und Ländern, als sich die beiden Freunde plötzlich +angerufen hörten. Die Stimme schallte hinter der Gartenhecke vor und +rührte von einem jungen Manne, dem Eigenthümer der Chagra, her, den +ihnen das Grün der Hecke bis jetzt verborgen gehalten. + +»Hallo, Fremde!« rief der Mann in deutscher Sprache mit nur einem +leichten Anklang niederrheinischen Dialektes; »wollt Ihr nicht ein wenig +absteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg ist schlecht, und ein +Bißchen Rast kann Euren Pferden nicht schaden, denn 's ist noch eine +gute Stunde bis in die Colonie hinunter.« + +Die beiden Deutschen sahen sich erst erstaunt um, von wo her die Stimme +eigentlich komme. Endlich entdeckten sie hinter der Hecke und gerade +unter einem blühenden Granatbaume das rothe, freundliche Gesicht eines +jungen Mannes, der ihnen erst jetzt, als er ihren Blick auf sich +gerichtet fand, sein herzliches »Guten Morgen mit einander!« zurief. + +»Guten Morgen, Landsmann,« sagte der jüngere Fremde, der ihm zunächst +hielt, indem er den Kopf seines Thieres gegen die Hecke drehte, »ich +wußte gar nicht, weshalb mein Grauer immer die Ohren spitzte. Also eine +Stunde Weges ist's noch hinunter? Es sieht eigentlich von hier oben +viel näher aus.« + +»Ja,« lachte der hinter der Hecke, »wenn die Brücke nicht wieder +eingebrochen wäre, die der Bleifuß da neulich erst neu gebaut hat, dann +wär's auch nicht viel mehr als ein halb Stündchen zu Thal. So aber müßt +Ihr hier rechts unter meiner Chagra durch, um der Schlucht aus dem Wege +zu gehen, und der Pfad zieht sich mordmäßig in die Länge. Aber steigt +ab, das besprechen wir besser im Hause.« + +»Schon recht,« sagte Günther, indem er sich leicht aus dem Sattel +schwang; »unseren Packthieren sind wir doch vorausgeritten, und bis die +nachkommen, können wir recht gut ein halb Stündchen plaudern.« + +Sein Gefährte folgte, ohne ein Wort zu erwiedern, dem Beispiele, denn es +drängte ihn selber das Innere des Häuschens zu sehen, das schon von außen +einen so freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Die beiden Reisenden +banden deshalb ihre Pferde außen an der Hecke an die herunterhangenden +Äste eines stattlichen Orangenbaumes, und traten dann in den Garten, wo +ihnen der Hausherr, ein junger, prächtig gewachsener Mann mit offenen, +ehrlichen Gesichtszügen, blauen Augen und blonden Haaren, entgegen kam +und sie begrüßte. + +»Das ist gescheidt,« sagte er dabei, »Sonntag Morgens habt Ihr so nicht +viel in der Colonie zu versäumen und kommt noch zeitig genug zum +Mittagessen, wenn Ihr nicht das hier ebenfalls verzehren wollt.« + +Er schüttelte dabei den beiden Fremden kräftig die Hand und führte sie +dann ohne Weiteres in sein Haus hinein, wo Beide aber unwillkürlich +erstaunt und überrascht auf der Schwelle stehen blieben. + +Das kleine Zimmer, das sich ihnen öffnete, glänzte von Sauberkeit; der +einfache Holztisch war schneeweiß gescheuert, aber nicht weißer als +der Fußboden selber, den in der Mitte eine leichtgeflochtene Matte +überdeckte. An den Fenstern hingen sogar Gardinen, und ein nett +gearbeiteter Nähtisch aus polirtem Holze schien mit diesen, als +Luxusmöbel, concurriren zu wollen. Aber die Freunde sahen das Alles +weniger, als daß sie es im Eindrucke des Ganzen fühlten, denn Beider +Augen hingen in dem ersten Momente an einem wunderbar schönen jungen +Weibe, das ein Kind auf dem Schooße hielt und, als die Fremden die Hütte +betraten, den kleinen, strampelnden Burschen aufgriff und ihnen mit +freundlichem Lächeln entgegentrat. + +»Grüß' Gott!« sagte sie herzlich, als sie Beiden nach einander die Hand +reichte, »und setzt Euch und macht's Euch bequem -- Vater, hast Du denn +schon nach den Pferden gesehen?« + +»Werd's schon besorgen, Schatz,« lachte der Mann, »bring' Du nur einmal +ein paar Gläser Milch, denn die beiden Herren werden durstig geworden +sein.« + +»Ja, dann mußt Du indessen den Schlingel da nehmen,« sagte die junge +Frau, indem sie ihrem Gatten den kleinen unruhigen Burschen so leicht +hinüberreichte, als ob er keine zwei Pfund gewogen hätte, wie er sicher +zwanzig wog, -- »der läßt mir ja sonst nicht Ruh' noch Frieden an den +Milchnäpfen.« + +»Ob er Frieden halten wird?« lachte der Mann, nahm ihr den kleinen +Burschen ab, gab ihm ein paar derbe Küsse und setzte ihn sich in den +linken Arm. »Und nun thut, als ob Ihr zu Hause wäret,« fuhr er dann, +indem er sich wieder zur Thür wandte, gegen die Fremden fort; »ich bin +gleich wieder da, und zu trinken wird Euch die Trine auch im Augenblick +bringen.« Die »Trine« war schon lange aus der Thür hinaus, und die +beiden Freunde sahen sich im nächsten Momente allein in dem kleinen +Raume. + +»Ist das nicht ein wahres Madonnengesicht?« brach aber der Jüngere +heraus, als der junge Bauer kaum das Zimmer verlassen hatte; »haben Sie +je in Ihrem Leben ein Paar solcher Augenbrauen, einen solchen Mund +gesehen?« + +»Ein wunderhübsches Paar, in der That,« erwiederte Günther, der den +Blick indessen forschend umherwarf, »und wie nett und sauber sieht's bei +ihnen aus! Ja,« -- fuhr er tief aufseufzend fort, »der hat's gut, und +Unsereiner zieht nun so in der Welt umher, sieht die verbotenen Früchte +an den Bäumen hangen, wischt sich resignirt den Mund und -- wandert eben +weiter.« + +»Ob denn das wirklich _Deutsche_ sind?« sagte sein Freund. + +»Was denn sonst? Doch wahrhaftig keine Portugiesen!« + +»In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten Bauernburschen +gesehen,« erwiederte der Jüngere, »der ein so ungezwungenes und doch +anständiges Benehmen hatte, und die junge Frau würde in einem schweren +Seidenstoffe eben so zu Hause sein, wie in ihrem einfachen +Kattunröckchen. Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.« + +»Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas mit dem Tyroler Dialekte,« +sagte Günther, »aber da kommt sie zurück. Sie wird uns gleich sagen, wo +sie herstammen.« + +»So -- da bin ich wieder -- hat's lang gedauert?« sagte die junge Frau, +als sie mit einem kleinen Präsentirteller in's Zimmer trat; »und nun +setzen Sie sich her und langen Sie zu -- 's ist nicht viel, aber wir +haben's hier oben noch nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum +sechs Monaten auf der Chagra.« + +Während sie sprach -- und so rasch und gewandt, daß Alles sich fast von +selber zu ordnen schien -- hatte sie indessen das Mitgebrachte auf dem +Tische ausgebreitet, und frische, süße Milch, weißes Brod, Butter und +Käse, Alles auf blinkendem Geschirr, lachte den Fremden bald darauf +entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer zuzulangen. + +»Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben?« fragte der ältere Fremde; +»die Pinien und Orangen müssen doch schon vor vielen Jahren gepflanzt +sein.« + +»Das sind sie auch,« erwiederte der Mann, der in diesem Augenblicke +wieder in der Thür erschien und der Frau das Kind entgegen hielt. »Da, +Mutter, nimm den Schlingel,« fuhr er dann zu dieser fort; »ob der Bengel +wohl Ruhe gegeben hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da oben +blieb er, bis ich die Thiere gefüttert hatte.« + +»Aber der Graue ist ein unruhiges Thier,« sagte Günther. + +»Bah, _der_ hält sich schon fest,« lachte der Mann, »ja, was ich sagen +wollte, die Chagra habe ich erst kürzlich gekauft, und zwar von einem +Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, daß man die Bäume kaum +fand, die darauf standen. Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er +meinte, hatte brasilianischer »Pflanzer« werden wollen, sich die Sache +aber wohl ein Wenig anders und leichter gedacht haben mochte und auch +irgendwo anders besser hinpaßte, als hinter Pflug und Egge.« + +»Und seid Ihr keine Deutsche?« fragte der ältere Fremde. + +»Wir? -- Nein,« lachte der Mann, -- »das heißt, ja, wir sind schon +Deutsche, aber doch nicht in dem Deutschland drüben geboren, sondern +hier in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine, und der Frau ihr Vater +von Innsbruck, die Beide vor etwa dreißig Jahren hier herüber gekommen +waren und sich in San Leopoldo niedergelassen hatten.« + +»Also Brasilianer?« sagte Günther enttäuscht. + +»Ah, nein, wir sind schon Deutsche,« lachte die Frau gutmüthig, »und +halten uns ja auch immer zu Deutschen, wie Ihr seht, denn mit den +Bleifüßen ist es doch Nichts, und sie wollen Nichts arbeiten und +schaffen.« + +»Bleifüße -- was zum Henker ist das nur?« lachte der eine Fremde; »ein +Bleifuß soll ja auch die schlechte Brücke gebaut haben.« + +»Ih ja,« meinte der Mann schmunzelnd, »der Bleifüße giebt's gar viele +-- eigentlich mehr, als gut ist, und wir nennen besonders die +eigentlichen Portugiesen so, die immer herüberkommen und so thun +möchten, als ob Brasilien ihnen gehörte. Weshalb sie aber eigentlich so +genannt werden, weiß ich selber nicht recht; aber den Namen haben sie, +so viel ist sicher, und werden ihn wohl auch behalten. Aber seid Ihr +selber erst so kurze Zeit im Lande, daß Ihr noch nicht einmal das Wort +Bleifuß gehört habt? Ich dächte doch, das würde häufig genug aller Orten +genannt.« + +»Ich selber bin schon lange im Lande und kenne auch den Namen,« lächelte +Günther, »aber mein Reisegefährte da ist erst kürzlich aus den Vereinigten +Staaten von Nordamerika nach Rio, und von da zu Pferde hier nach dem +Süden gekommen, um sich das Land einmal anzusehen.« + +»Und was ist Ihr Geschäft? wenn man fragen darf.« + +»Ich bin Feldmesser,« erwiederte Günther, »und von der Regierung hierher +beordert, um die Colonien für frisch eintreffende Emigranten auszumessen.« + +»Das ist gescheidt,« sagte der junge Bauer; »an vermessenem Lande +fehlt's ewig, und die armen Teufel müssen sich oft Monate lang in den +sogenannten Auswanderungs-Häusern herumtreiben, ehe sie eigenen Boden +und eine feste Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit genug +kriegen, daran fehlt's nicht -- aber essen Sie nicht mehr?« + +»Wir danken,« erwiederte Günther, der bis jetzt mit seinem Gefährten +wacker zugelangt, »es hat trefflich geschmeckt und war delicat. Jetzt +können wir's schon bis in die Colonie hinunter aushalten.« + +»Und wollen Sie schon wieder fort?« fragte die Frau freundlich, als die +beiden Fremden von ihren Sitzen aufstanden und zu den Hüten griffen +-- »das war gar ein kurzer Besuch.« + +»Wenn Sie's erlauben,« sagte der jüngere Fremde, »so komme ich schon +wieder einmal her. Ich selber habe Nichts zu versäumen und werde mich +doch wahrscheinlich ein paar Monate in der Nähe der Colonie herumtreiben. +Daß es mir aber hier bei Ihnen _gefällt_, dürfen Sie mir auf mein Wort +glauben. Mein Freund ist jedoch mit seiner Zeit gebunden und hat heute +noch viel unten mit dem Director zu besprechen. Da draußen sind auch +eben unsere Packpferde angekommen, und wir wollen deshalb lieber +aufbrechen.« + +»Apropos,« fragte Günther, »was für ein Mann ist der Director +eigentlich? Ich habe in den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade +viel Gutes von ihm gehört.« + +»Ich weiß nicht,« lachte der Mann -- »es kommt wohl immer darauf an, wen +Ihr fragt. Die Einen schimpfen auf ihn, die Anderen loben ihn, und Allen +kann man's eben nicht recht machen auf der Welt. Er ist sehr streng, das +ist wahr, und oft auch wohl ein Bißchen eigensinnig. Mit den _armen_ +Leuten geht er aber gut um und steht ihnen bei.« + +»Und das ist die Hauptsache,« rief Günther -- »nun, ich werde schon mit +ihm fertig werden -- also, herzlichen Dank für die Aufnahme. Wenn ich's +einmal wieder gut machen kann, stehe ich zu Diensten!« + +»Das mag vielleicht rascher geschehen, als Sie denken,« lachte der junge +Bauer, »denn unsere Grenzen sind hier alle in Confusion, und ich bin +schon lange darum eingekommen, die meinige ebenfalls nachsehen zu +lassen. Doch darüber sprechen wir später; ich möchte Sie jetzt nicht +länger als nöthig aufhalten, und komme auch vielleicht in diesen Tagen +einmal nach der Colonie hinunter.« + +Damit reichten er und die Frau den Fremden herzlich die Hand zum Abschied. +Draußen hielten auch in der That die beiden eingeborenen Diener der +Freunde, ein paar braune, rauh genug aussehende Burschen, mit drei +Lastpferden, wovon zwei dem Vermesser, eins aber seinem Freunde gehörte, +und gleich darauf trabte die kleine Cavalcade, welcher der junge Bauer +erst noch den Weg um seine Chagra herum zeigte, diesen thalein. + +Und doch war es ein wundervoller Pfad, der sie hier in die Niederung +hinabführte, denn gerade an diesem Berghange zeigte sich die schon fast +tropische Vegetation des Landes in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit. +Der Baumwuchs war allerdings lange nicht so mächtig, wie in den nördlicher +gelegenen Theilen Brasiliens, aber das üppige Unterholz mit seinen +zierlichen Farnpalmen und Fächern, mit seinen Lianen und Ranken bildete +überall, wo es dem Blicke erlaube, einzudringen, die reizendsten Gruppen +und Festons, aus denen sich die grünen, schlanken Schäfte verschiedener +wilder Palmenarten keck emporhoben. + +Hier und da, wo eine eingerissene Schlucht oder ein breiteres Bachbett +den Blick in die Tiefe gestattete, zeigte sich dann die kleine +Niederlassung im Thale mit ihren lichten Gebäuden und hellgrünen +Rasenflecken, durch welche die gelben Wege wie Fäden liefen, immer in +verschiedener Form und Beleuchtung, aber immer freundlich, so daß die +Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein paar Secunden schweigend auf +das unter ihnen ausgebreitete Bild hinabblickten. + +Da hier der Weg aber zu schmal war, oder der Regen doch in den Boden an +den verschiedensten Stellen Einrisse gemacht hatte, mußten sie ihre +Pferde hinter einander halten, und dadurch war die Conversation gestört. +Erst weiter unten, auf der letzten Abdachung angelangt, bog der Beipfad +wieder in den durch die eingefallene Brücke unterbrochenen Hauptweg ein, +und jetzt hatten sie die eigentliche Colonie Santa Clara auch bald +erreicht, deren Ausläufer in kleinen, allein stehenden Ansiedelungen +schon bis hier herauf reichten. + +»Der Platz liegt wirklich allerliebst,« sagte Günther, der bis jetzt +vorangeritten war, indem er sein Pferd anhielt, um wieder neben dem +Freunde zu bleiben. + +»Was die Scenerie betrifft, ja,« erwiederte dieser, »aber der Boden +scheint mir hier nicht besonders, und der Mais da drüben in dem Felde +steht dünn und mager genug -- wenigstens magerer, als ich es bis jetzt +gewohnt bin zu sehen.« + +»Das bessere Land wird weiter zurück in der Ebene liegen,« meinte +Günther, »jedenfalls hat der Ort nicht weit zur See, und das ist schon +immer ein enormer Vortheil für eine Colonie.« + +»Wenn der Hafenplatz gut ist, ja; und wohin wollen wir jetzt zunächst?« + +»Direct zum Director,« lachte Günther, »der wird uns dann schon die +beste Auskunft geben, wo wir übernachten können. Wir müssen nun im +nächsten Hause seine Wohnung erfragen.« + +»Das ist nicht nöthig,« meinte sein Freund -- »das Haus da drüben, wo +die deutsche Fahne weht, ist jedenfalls das Wirthshaus, und das größere +Gebäude daneben eben so sicher die Kirche, -- wo baute der Deutsche +nicht Eins neben das Andere? Außerdem steht aber dort nach Süden nur +noch ein sehr großes Haus mit einer neuen Umzäunung, und dort hat +natürlich auch der Director seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf +zureiten.« + +»Sie können Recht haben,« lachte Günther, »aber vielleicht wohnt er +doch da drüben in dem kleinen allerliebsten Gebäude, wo die vielen +Orangenbäume stehen. _Den_ Platz hätte ich mir jedenfalls zu meiner +Wohnung ausgesucht.« + +»Das ist sicher die Pfarrwohnung,« versicherte aber sein Kamerad; +»sehen Sie nicht den breiten, betretenen Pfad, der von dort zur Kirche +niederführt. Ich glaube kaum, daß der Director alle die Fährten nach der +Kirche in den Sand eingedrückt hat. Folgen Sie mir nur; ich führe Sie +den richtigen Weg.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, gab er +seinem Pferde leicht die Sporen und sprengte, von Günther jetzt dicht +gefolgt, dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen Thür er anhielt +und ohne Weiteres aus dem Sattel sprang. + + + + +2. + +Der Director. + + +Gerade als Günther an seines Gefährten Seite hielt und seinem Beispiele +folgte, trat eine Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute hier, +mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum vermuthet hatten, und die sie +deshalb um so mehr überraschte; -- eine _Dame_ in vollem europäischen +Putze, mit einem grün und schwarz groß carrirten Seidenkleide, sehr +bedeutender Crinoline und überhaupt allem dazu Nöthigen und Gehörigen +versehen, die mit sehr stolzer, fast majestätischer Haltung aus der Thür +rauschte, einen Augenblick erstaunt die Fremden betrachtete und dann, +mit einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre Begrüßung erwiedernd, +vorbei und in die kleine Stadt hinein schwebte. + +»Alle Teufel,« murmelte der Jüngere der Beiden halblaut vor sich hin, +als die Dame außer Hörweite war, »von allen Dingen auf der Welt hätte +ich eine Crinoline hier am Allerwenigsten erwartet. Das muß die Frau +oder eine Verwandte des Directors sein, denn nach einer Colonisten-Frau +sieht sie doch nicht aus. Es thut den Augen aber ordentlich wohl, nach +einem Stücke wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite Fährte der +Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen nach giebt es also hier auch +jedenfalls eine #haute volée#; unser rauher Waldanzug schien der Dame +nicht besonders zu behagen, denn sie grüßte nur sehr vornehm und +nachlässig.« + +»Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem wir es hier zu thun +bekommen,« sagte Günther. »Jedenfalls müssen wir jetzt erst erfragen, +ob hier der Director wirklich wohnt, und wenn so, ob er zu Hause ist. +-- He, Landsmann,« wandte er sich dann an einen Colonisten, dessen +Äußeres, mit dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen, dem +ausgeschweiften Hute und dem Gesangbuche unter dem Arme, über sein +Vaterland keinen Zweifel gestattete -- »ist das die Wohnung des +Directors?« + +»Guten Morgen mit einander,« erwiderte der Gefragte, der sich dabei die +Fremden von Kopf bis zu Fuß betrachtete -- »ja wohl, der Herr Director +wohnt hier -- er ist oben in seiner Stube -- wollen Sie was?« + +»Danke schön; ja, wir wollen ihn sprechen.« + +»Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein, aber -- nicht gerade guter +Laune. Sie kommen wohl weit her?« + +»Nicht sehr.« + +»Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?« + +»Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen,« sagte Günther, nicht +gesonnen, sich hier vor der Thür in eine lange Unterredung einzulassen. +Sein Freund hatte das Haus schon betreten, und Beide schritten jetzt die +Treppe langsam hinauf. Auf der Treppe oben blieb der Jüngere plötzlich +stehen und sagte: + +»Kamerad, ich habe mir die Sache überlegt; ich werde jetzt _nicht_ mit +hineingehen. Wenn der Herr Director übler Laune sind, möchte ich ihm +nicht gern in den Weg treten, denn ich _will_ Nichts von ihm, und +gedenke mich deshalb auch nicht seiner übeln Laune auszusetzen. _Sie_ +haben _Geschäfte_ mit ihm, das ist etwas Anderes; ich werde indessen +in's Wirthshaus gehen und Sie dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so +rasch ab, wie Sie können.« -- Damit wollte er ohne Weiteres umdrehen +und wieder hinabsteigen, Günther aber ergriff seinen Arm und sagte. + +»Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie; kommen Sie wenigstens einen +Augenblick mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.« + +»Auftrag -- es ist nur ein Gruß.« + +»Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich beißen, und ich selber habe vor +der Hand ebenfalls nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn unsere +Thiere müssen abgepackt und untergebracht werden.« + +»Meinetwegen,« sagte der Freund achselzuckend, »wenn Sie's absolut +wollen. Lieber ginge ich freilich in's Wirthshaus.« + +Wenige Stufen höher standen sie vor der Thür des Directors, die eine +daran genagelte einfache Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch +weiter keine Bezeichnung, als »Ludwig Sarno«, nicht einmal der Titel +»Director« war beigefügt, und der jüngere Fremde nickte befriedigt mit +dem Kopfe. Günther hatte indessen ohne Weiteres an die Thür geklopft, +und ein etwas barsches »Herein!« lud sie ein, des Löwen Höhle zu +betreten. + +Der Direktor, ein schlanker, aber stattlicher Mann, ebenfalls mit einem +militärischen Anstriche, starkem, etwas röthlichem Barte und vollem, +lockigem Haar, ging mit auf den Rücken gelegten Händen in seinem +Arbeitszimmer auf und ab, das sich besonders durch eine Menge von +Gefächern mit actenartig in blaues Papier geschlagenen Folioheften +auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte er seinen Spaziergang unterbrochen +und stand, halb nach der geöffneten Thür gedreht, mitten im Zimmer. +Günter ließ ihn aber nicht lange über sich in Zweifel, sondern auf ihn +zugehend, sagte er: + +»Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber bei Ihnen einzuführen. +Mein Name ist Günther von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin +vom Präsidenten der Provinz hieher beordert, etwa nöthig gewordene +Vermessungen vorzunehmen.« + +»Etwa _nöthig_ gewordene?« wiederholte der Director, indem er den +Fremden erstaunt ansah. »als ob ich nicht den Herrn Präsidenten seit +sechs Monaten bei jeder möglichen Gelegenheit mit Eingaben bombardire, +daß er _endlich_ einmal die seit einem Jahre schon fast dringend +nöthigen Vermessungen vornehmen _lasse_! Etwa nöthigen....« + +»Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie haben warten müssen,« sagte +Günther ruhig, »aber _meine_ Schuld war es nicht; denn vor fünf Tagen +erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Präsidenten, der mich hieher +beordert, und Sie werden mir zugestehen, daß ich von dort aus, bei +_der_ Entfernung und _den_ Wegen, wahrlich keine Zeit versäumt habe.« + +»Der Herr ist Ihr Gehülfe?« + +»Bitte um Verzeihung,« sagte der Fremde, der indessen mit einem +leichten, kaum bemerkbaren Lächeln dem Gespräche gefolgt war -- »ich +gehöre in das _Geschäft_ gar nicht hinein und muß mich eigentlich als +einen Aufdringling betrachten, will Ihre kostbare Zeit auch nicht länger +in Anspruch nehmen, als unumgänglich nöthig ist, Ihnen mir aufgetragene +und an's Herz gelegte Grüße zu bestellen.« + +»Grüße? Von wem?« sagte der Direktor, der indessen die schlanke, edle +Gestalt des Fremden mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken +musterte. + +»Vom Hauptmann Könnern.« + +»Von _Hermann_ Könnern?« rief der Director rasch. + +Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe. + +»Und kennen Sie Könnern persönlich?« fragte der Direktor eben so eifrig +weiter. + +»Ziemlich genau,« erwiederte der junge Mann; »er ist mein Bruder, und +ich heiße Bernard.« + +»Der sich in Amerika so lange herumgetrieben -- der Maler?« + +»Derselbe,« lächelte der junge Mann. + +»Dann sein Sie mir herzlich und viel tausend Mal willkommen,« rief +Sarno, der in dem Augenblicke ein ganz anderer Mann zu werden schien +-- »herzlich willkommen!« wiederholte er noch einmal, die gefaßte Hand +aus allen Kräften schüttelnd. »Oft haben wir von Ihnen gesprochen -- und +wie geht es Hermann? -- Aber davon nachher -- Sie kommen eben von der +Reise, und unsere Wege sind nichts weniger als musterhaft; erst müssen +Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen; nachher plaudern wir +viel, recht viel mit einander, denn Ihr Bruder ist der beste Freund, +den ich auf der Welt habe, und ich muß Alles wissen was ihn angeht.« + +»Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe, wo ich Sie hier in +Brasilien anträfe, den Fuß nicht eher aus dem Bügel zu setzen, bis ich +Ihnen die aufgetragenen herzlichen Grüße überbracht -- da ich aber nicht +gut die Treppe herauf_reiten_ konnte, mußte ich wenigstens vor der Thür +absteigen.« + +»Ihr Pferd steht noch unten?« + +»Gesattelt.« + +»Desto besser, dann legen Sie Alles gleich herein -- keine Widerrede; +ich schicke gleich Jemanden hinunter, denn leider Gottes habe ich Menschen +genug dazu im Hause -- Bernard Könnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien +in einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber ein Dach über mir habe, +und ein Bett, mit ihm zu theilen.« + +»Aber, Herr Director....« + +»Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten, wenn ich Ihnen auch +keine besondere Bequemlichkeit zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch +an ein Lagerleben gewöhnt. -- Mein lieber Herr von Schwartzau,« wandte +er sich dann an den Ingenieur, »mit großem Vergnügen würde ich auch Sie +gern beherbergen, aber überzeugen Sie sich selber, ich habe das ganze +Haus voll von Emigranten, und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen und +Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in dem erbärmlichen +Auswanderungshause nicht lassen mochte.« + +»Mein lieber Herr Director!« sagte Günther abwehrend. + +»Sie können uns aber helfen,« fuhr der Director fort. »Vermessen Sie +uns eine tüchtige Strecke Land, daß ich die armen Einwanderer bald +unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug in meinem Hause für +sechs oder acht Freunde, und vielleicht für mehr.« + +»Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal weiß, wo.« + +»Das zeige ich Ihnen noch heute Abend, denn wir haben in der That keine +Zeit zu verlieren. Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen, +ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Könnern hier begleitet uns; dann +können Sie morgen früh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. Was +Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen; ich kenne einige dazu +ganz passende junge Burschen, und hätte die Arbeit schon längst selbst +gemacht, wenn ich's eben im Stande wäre. Aber sehen Sie selber hier die +Actenstöße an -- Berichte, Klagen, Eingaben, Zänkereien, Befehle von +oben, wovon immer einer dem anderen widerspricht, und Quängeleien, daß +sie einen Heiligen manchmal zum Fluchen bringen könnten -- und ich bin +eben keiner -- doch darüber sprechen wir nachher. Und außerdem noch, +lieber Schwartzau -- Sie waren Officier, nicht wahr?« + +»In schleswig-holsteinischen Diensten.« + +»Aha -- die alte Geschichte, mit der sie daheim die besten Kräfte über +die Gränze getrieben haben. -- Ich muß Sie noch um Entschuldigung +bitten, daß mein Empfang gerade kein überfreundlicher war, aber weiß es +Gott, sie treiben es hier manchmal, daß es Einem die Galle mit Gewalt +in's Blut hineinjagt. Die Frau Gräfin verbessert überhaupt nie meine +Laune, wenn sie mich einmal mit ihrem hohen Besuche beehrt.« + +»Die Frau Gräfin,« sagte Könnern, aufmerksam werdend; »war das etwa die +Dame, die vorhin aus dem Hause trat?« + +»Kurz vorher, ehe Sie kamen -- sie verließ mich sehr beleidigt, daß ich +einen armen Teufel von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis nach Hause +hat, nicht ihretwegen vor der Thür warten ließ und ihn abfertigte, während +sie bei mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also Schwartzau, Sie +müssen sich noch ein paar Tage im Wirthshause unterbringen, und dann +werden Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen auszulagern, +bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum geschafft zu haben. He, Christoph +-- Klaas!« rief er dann aus dem Fenster -- »schaff' doch einmal die Sachen +des fremden Herrn in's Haus -- Sattel und Taschen, oder was es ist -- wo +wollen Sie hin, Könnern?« + +»Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, so muß ich wenigstens +hinunter, um mein Packthier selber abzuladen, daß mir die guten Leute +Nichts zerbrechen.« + +»Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier herauf schaffen und draußen +vor die Thür stellen; wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier +Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen, schreibe ich nur +noch zwei Briefe, die jener Colonist mit in eine andere neue Colonie +nehmen muß, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.« + +»Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht?« fragte Günther. + +»Um -- aber das können wir nachher bereden,« sagte der Direktor; +»natürlich essen Sie mit uns, was gerade da ist, und nach dem Essen +reiten wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die übrigen Geschäfte müssen +warten, denn dieses ist das wichtigste. Um ein Uhr esse ich gewöhnlich, +bis dahin behalten Sie also noch übrig Zeit, sich ein wenig auszuruhen. +Und Sie, lieber Könnern, kommen gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie +Ihre Sachen besorgt haben.« + +Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu erwarten, setzte er sich ohne +Weiteres an seinen Schreibtisch und überließ die beiden Fremden indessen +sich selber. + +»Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Director?« sagte Könnern auf der Treppe. + +»Vortrefflich!« erwiederte Günther; »im Anfange schien er ein wenig +brummig, aber der Name Ihres Bruders wirkte Wunder. -- Wo haben sich +die beiden Herren eigentlich gekannt?« + +»In der österreichischen Armee,« erwiederte Könnern, »wo sie den +siegreichen Feldzug in den vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben. +Mir gefällt aber der Mann auch außerdem; er ist rasch, kurz angebunden, +und wie mir scheint, aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist immer +am Besten verkehren, denn der Böse soll die Überfreundlichen holen, die +stets ein lächelndes Gesicht zeigen und bei denen man doch nie und +nimmer weiß, woran man mit ihnen eigentlich ist.« + +»Mich hat es ebenfalls gefreut, daß er mich so ohne Weiteres in's +Wirthshaus wies. Er hätte ja eine lange Entschuldigung machen können, +aber er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit Punctum. Ich +glaube, ich werde mit _dem_ Director fertig.« + +Sie waren damit vor die Thür getreten, wo ihre Diener mit den Pferden +noch hielten, und während Günther wieder aufstieg, lockerte Könnern +seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche Hufschläge die Straße +herauf, Beide wandten den Kopf dorthin und Günther rief aus: + +»Hallo, wer kommt da -- eine Amazone!« + +In demselben Augenblicke aber sprengten schon zwei Reiter, mehr im +Carriere als Galopp an dem Hause des Directors vorüber, und die beiden +Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, daß auf dem ersten Pferde ein +junges, wunderhübsches Mädchen in einem knapp anschließenden, dunklen +Reitkleide saß, mit einem kleinen Amazonenhute auf, von dem eine +einzelne mächtige weiße Straußfeder und ein paar lange Reiherfedern in +dem scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, der etwa eine +Pferdelänge hinter ihr folgte, war ein ganz junger Bursche von etwa +sechszehn bis siebenzehn Jahren. + +Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an ihnen vorüber, und Günther +hatte noch außerdem jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich, +wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen hätte, und herüber +und hinüber tanzte. + +»Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante Gesellschaft zu +geben,« sagte Könnern, als die wilden Reiter die Straße hinab verschwunden +waren, »und es wird lohnen, sich eine Zeit lang aufzuhalten und ihre +Bekanntschaft zu machen.« + +»Beinahe hätt' ich das Letztere gleich gethan,« lachte Günther, »denn +mein Rappe schien dasselbe Bedürfniß zu fühlen. Aber, Adieu jetzt, +Kamerad. Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.« + +»Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin ich nicht eingerichtet,« +nickte ihm Könnern zu, während Günther, von seinen beiden Lastthieren +gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer, einschlug, den die +junge Dame eben genommen. Die Kirche lag in dieser Richtung, und er +wußte gut genug, daß Könnern Recht hatte, wenn er das Wirthshaus dicht +daneben vermuthete. + +Aus dem Directionshause waren indessen ein paar deutsche Arbeiter +gekommen, junge Burschen in Hemdärmeln und mit ledernen Hosen und +Pantoffeln, der eine eine runde blaue, der andere eine viereckig grüne +Mütze auf, und Beide genau so aussehend, als ob sie eben dieselben +Pantoffeln nicht ausgezogen hätten, seit sie in Bremen oder Hamburg das +Schiff betreten. + +Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln, und wenn sie +auch stets an den verkehrten Stricken, aber deshalb nicht minder gut +gemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Könnern's Hülfe, den Packen +aufzuschnüren, und die verschiedenen Gegenstände in's Haus und in die +erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie dann ebenfalls auf +einen kleinen Weideplatz dicht am Hause, wo sie auch einzeln gefüttert +werden konnten, und seinen Diener schickte Könnern dann mit dessen +eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus hinüber, da er den Eingeborenen +nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wußte, daß dies +selten gut that. + +Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den untern Theil des Directionshauses +zu werfen, und es sah dort allerdings wild und wunderlich genug aus. Das +ganze Haus war noch neu, ja, es stand sogar noch ein Theil des Gerüstes. +Die Wände waren auch nur erst einfach geweißt und die Fensterrahmen noch +nicht einmal gestrichen. + +Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher einem indianischen +Bivouac, als der Wohnung eines Directors der Colonie, denn überall in +den Zimmern lagen Matratzen, überall an den Wänden standen die riesigen +Kisten und Koffer der Auswanderer, mit der groß gemalten Adresse »Nach +Brasilien« noch daran, und auf dem ebenfalls preisgegebenen Kochherde +war auf jeder Ecke ein Feuer angezündet, über dem theils ein Kessel +brodelte, theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe loderte ein +stattliches Feuer, um den übrigen Kochgeschirren Raum zu geben, denn +heute war ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau wie +daheim, mit Essen und Trinken. + +Könnern, im Augenblicke ohne weitere Beschäftigung, trat dort hinein, +ohne daß die Leute jedoch besondere Notiz von ihm genommen hätten. Ein +paar alte Frauen saßen auf den Kisten in der Ecke und lasen in ihren +Gesangbüchern; die Mädchen und jungen Frauen waren fast alle mit ein +oder der andern Arbeit für die Küche beschäftigt, und die Männer lagen +zum Theil ausgestreckt auf den Matratzen oder auch auf dem nicht gerade +überreinlichen Boden und rauchten ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig +hier, und sie konnten sich dem Genusse mit unbeschränkter Leidenschaft +hingeben. + +»Nun, Leute, wie geht's?« redete Könnern einen der Männer an, der +beide Beine von einander gestreckt hatte und, ein Bild der höchsten +Zufriedenheit, flach auf dem Rücken lag. Nur den einen Arm hatte er als +Kissen unter den Kopf geschoben und sah den eigenen Rauchwolken nach, +die er mit Macht gegen die Decke blies; »Ihr scheint Euch hier ganz +behaglich zu befinden?« + +»Und warum nicht?« sagte der Mann, indem er die Pfeife in den einen +Mundwinkel schob; »hier kann mer's aushalten, und die Schinderei geht +doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien ist ein ganz famoses Land +-- wären wir nur _erst_ (früher) hergekommen.« + +»Ja, mit dene Männer hat's keine Noth,« fiel hier die eine Frau ein, die +mit roth erhitztem Gesichte gerade aus der Küche kam und sich mit der +Schürze den Schweiß von der Stirn trocknete, »wenn die nur satt Tabak +haben und auf der faulen Haut liegen können, sell freut sie und sie +wollen's net besser, aber uns arme Weiberleut' derf's schinden und +plagen, wie's mag.« + +»Und was geht _Euch_ ab?« fragte der Mann, faul den Kopf nach ihr +umdrehend. + +»Was _uns_ abgeht?« sagte aber die Frau, »ein eigen Haus und ein eigener +Herd, weiter Nichts, daß man weiß, _weshalb_ man sich plagt und schindt, +und seine Kochtöpf' nicht auf Gottes Erdboden herum zu stoßen hat. Erst +aber drei Monat das leidige Schiffsleben und nun vier Monat wieder hier +in einer wahren Heidenwirthschaft -- sell kann Einen freuen, und bis an +den Hals steht mir's.« + +Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes, schreiendes Kind an +einem Arme auf, warf sich's mit einem Ruck auf die Hüfte und verschwand +damit durch die offene Thür. + +»Weiberleut'!« sagte der Bauer verächtlich und rauchte weiter. + +Könnern behielt übrigens keine Zeit, noch weitere Forschungen anzustellen, +denn der Director sah in diesem Augenblicke in's Zimmer. Er hatte +jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt: + +»Nun, sieht es hier nicht liebenswürdig aus? Aber kommen Sie, Könnern, +wir wollen vor Tisch noch einen kleinen Spaziergang machen -- lassen Sie +nur, Sie können sich nachher umziehen; es kommt bei uns nicht so genau +darauf an, und Ihre Sachen habe ich schon in die für Sie bestimmte Stube +stellen lassen.« + +Damit nahm er ohne Weiteres Könnern unter den Arm und verließ mit ihm +das Haus. Die in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten sich +aber, als der Director das Zimmer betrat, etwas überrascht auf, rückten +ihre Mützen und nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. So wie er ihnen aber +den Rücken drehte, fielen sie in ihre alte Stellung zurück und rauchten +ruhig weiter. + +Der junge Fremde mußte jetzt vor allen Dingen dem Director von seinem +Bruder erzählen, wie es ihm gehe, was er thue und treibe, und er wurde +dabei nicht satt, ihm zuzuhören. Erst als Jener Alles erschöpft, was +er darüber zu sagen hatte, kamen sie auf die hiesigen Verhältnisse +zu sprechen, und Bernard Könnern gestand dem Director daß er, doch +einmal in der Welt umherstreifend, nur nach Brasilien gekommen sei, +um die Verhältnisse des Landes, über die er die verschiedensten und +widersprechendsten Gerüchte gehört, einmal selber von Augenschein kennen +zu lernen und dabei für seine Mappe zu sammeln. Habe er das erreicht, +dann kehre er eben wieder nach Europa zurück, denn mit allen Mängeln +scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein anderer Ort der Welt +ersetzen könne. + +»Sie haben Recht,« erwiederte der Director, der ihm schweigend zugehört. +»Je mehr wir von fremden Ländern sehen, und wenn sie selbst ihre größte +und schönste Pracht entfalten, desto mehr fühlen wir doch immer, daß +sie uns die Heimath nie ersetzen können -- aber um das zu fühlen, dazu +gehört eine gewisse Quantität Gemüth, und es ist äußerst interessant zu +beobachten, auf welche verschiedene Art und Weise sich das auch bei den +verschiedenen Naturen äußert, und wie es ausbricht. Jeder Mensch bildet +sich nämlich dazu eine gewisse Entschuldigung, und die am Meisten +poetische hat stets das Gemüth der Frauen, auch wenn sie den niedrigsten +Classen angehören. Bei diesen ist es das Grab der Eltern oder das eines +Kindes, die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erste Heimath +bildete, zu dem sie sich zurücksehnen; der Brunnen, an dem sie Wasser +holten, die alte Linde vor der Pfarrwohnung, wo sie vielleicht zum +ersten Male mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die sie sich um so +viel lieber erinnern, weil _der_ Mann gerade damals so viel anders war, +als er jetzt ist -- der kleine Garten, den sie bestellt, das Vieh +selber, das sie groß gezogen, das Alles hat seinen Anhaltspunkt noch +lange nicht verloren, und ob sie Vieles hier mit der Zeit besser und +bequemer finden mögen, es zieht sie doch mit einem ganz eigenen Gefühle +zurück zu den alten Verhältnissen. Der Mann dagegen -- ich meine hier +den gewöhnlichen Bauer -- hat wieder einen ganz andern Ankergrund für +sein Heimweh. Er denkt, wenn er sich Deutschland in's Gedächtniß +zurückruft, meist immer an seine heimische Schenke, an das Bier und eine +Menge anderer prosaischer Dinge, zu denen aber doch trotzdem die alte +Linde und der alte Kirchthurm den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine +»Freundschaft,« wie er die Verwandten nennt, zieht ihn weniger zurück; +der Bauer lebt eigentlich nie recht in wirklichem Frieden mit seinen +Verwandten, und die Sehnsucht nach ihnen ist deshalb auch nie +außergewöhnlich. Den gebildeten Mann zieht dagegen mehr ein geistiges +Bedürfniß, als das bloße Gemüth, nach der Heimath zurück.« + +»Den gebildeten Mann zieht gewöhnlich das zurück,« sagte Könnern, »daß +er in dem fremden und überseeischen Lande selten eine passende oder ihm +wenigstens zusagende Beschäftigung findet, die ihn hinreichend ernährt. +Kaufleute natürlich ausgenommen, die überall daheim sind und auch herüber +und hinüber ziehen, sieht sich der, der daheim gewohnt war, mehr mit +seinem Kopfe als mit seinen Fäusten zu arbeiten, in nur zu häufigen +Fällen allein auf die letzteren angewiesen. Das gefällt ihm nicht, eine +Quantität Gemüth kommt dazu und das Heimweh ist fix und fertig.« + +»Sie haben wohl Recht,« nickte der Director, »und nicht allein das +Heimweh, sondern auch zugleich die Unzufriedenheit mit allen sie +umgebenden Dingen, die, der Meinung jener Leute nach, für _sie_ nicht +passen, während sie selber es sind, die sich nicht hineinfinden können +oder wollen. Davon weiß ein armer Director am Besten zu erzählen, denn +gerade in _meiner_ Colonie bin ich mit einer Classe von Menschen +geplagt, die meist alle das Jahr 1848 von Deutschland herüber gescheucht +hat, und die jetzt auf Gottes Welt nicht wissen was sie mit sich angeben +sollen.« + +»Sie scheinen hier wirklich eine Art von #haute volée# zu haben,« +lächelte Könnern, »denn außer jener Frau Gräfin sah ich heute Morgen +auch noch eine reizende junge Dame, die im Carriere vorüber flog.« + +»Sie wird nächstens einmal ihren reizenden Hals brechen,« meinte der +Director trocken; »jene Beiden gehören aber zusammen, denn die junge +Dame ist die Comtesse, die Tochter der Gräfin. Da haben Sie also heute +gleich die _Spitze_ der Gesellschaft, den sogenannten #crême# gesehen. +Außerdem aber sind wir noch mit einer Anzahl von Titular-Honoratioren +geplagt, die voller Ansprüche stecken, und wie der Engländer ganz passend +sagt: #neither for use nor ornament#, weder zum Nutzen, noch zur +Verzierung der Colonie dienen. Doch mit diesen Herrschaften werden Sie +selber wohl näher bekannt werden, wenn Sie sich länger in unserer +Colonie aufhalten, und nur _einen_ Rath muß ich Ihnen schon jetzt geben, +ehe er zu spät kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.« + +Könnern lachte gerade hinaus. + +»Fällt Ihnen die Warnung bei den Honoratioren ein?« sagte er. + +»Allerdings,« erwiederte der Director ganz ernsthaft; »der Bauer, wenn +er Geld braucht, wendet sich einfach an die Regierung um Subsidien, die +ihm nur in Ausnahmefällen abgeschlagen werden und für deren Rückzahlung +er mit seinem Lande haftet. Unsere #haute volée# dagegen ist viel zu +stolz an etwas Derartiges nur zu denken, hat auch in leider sehr vielen +Fällen entweder kein Land, oder doch schon eine Menge von +stillschweigenden Hypotheken darauf aufgenommen.« + +»Aber sie werden doch wahrhaftig keinen wildfremden Menschen anborgen?« + +»Es giebt dafür verschiedene Auswege,« meinte der Director, »und +Menschen, die sich sonst in den einfachsten Verhältnissen nicht zu +helfen wissen, entwickeln gerade in dieser Branche eine erstaunliche +Mannichfaltigkeit.« + +»Aber weshalb wandern solche Menschen,« sagte Könnern, »die doch +von vorn herein wissen sollten, daß sie für derartige Arbeit und +Beschäftigung nicht passen, eigentlich nach einem wilden Lande aus? An +Büchern fehlt es wahrlich nicht, die ihnen ziemlich deutlich sagen, was +sie in der neuen Welt -- ob sie nun Amerika, Australien oder sonst wie +heiße -- zu erwarten haben. Sie _können_ sich darüber nicht täuschen, +wenn sie überhaupt Deutsch verstehen.« + +»Und doch thun sie es,« sagte der Director, »und zwar meist aus dem ganz +einfachen und in jedem andern Falle schätzenswerthen Grunde, daß sie +eine sehr gute Meinung von sich selber haben. Ich _kann_ Alles was ich +_will_, sagen sie, bedenken aber dabei gar nicht, daß sie nicht Alles +_wollen_ was sie _können_, denn es _kann_ natürlich ein Jeder, wenn er +nicht gerade einen überschwächlichen Körper mitbringt, Handarbeit +verrichten; aber wie die Vorsätze auch daheim gewesen sein mögen, hier +machen sie nicht einmal den Versuch dazu, und _wenn_ sie ihn machen, +bleibt es auch gewiß immer bei dem Versuche. Es ist und bleibt ein +wunderliches Volk, und wenn ich erst einmal nicht mehr Director bin, +was, wie ich hoffe, nicht mehr lange dauern wird, so glaub' ich, daß ich +mich sogar prächtig dabei amüsiren werde, sie in ihrem eigenthümlichen +Treiben und Wirthschaften zu beobachten. Jetzt aber halten sie mir die +Galle fortwährend in Gährung, und dabei kann natürlich der beste Humor +nicht aufkommen, ohne seine bestimmte Partie Gift mit anzunehmen. Sehen +Sie, da kommt gleich Einer davon; sieht der Mensch aus, wie ein +brasilianischer Pflanzer?« + +Um die eine Ecke bog in diesem Augenblicke ein Herr, der -- wenn die +Sommer-Beinkleider nicht ein klein wenig zu kurz gewesen wären -- in dem +Anzuge recht gut hätte an einem schönen Nachmittage unter den Linden in +Berlin spazieren gehen können. Er trug vollkommen moderne Tuchkleidung, +einen Cylinderhut, einen Regenschirm, der hier auch besonders gegen die +Sonne benutzt wurde, und im Knopfloche den rothen Adlerorden vierter +Classe. + +Als er den beiden Herren begegnete, lüftete er den Hut mit einer sehr +förmlichen, aber auch sehr vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne +Miene zu einem weitern Gruße zu machen, stolz vorüber. + +»Und wer war das?« + +»Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus einer sehr alten Familie, +der mit der Idee herüber kam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er +übernahm eine allerliebst gelegene Colonie -- Sie müssen heute Morgen +daran vorbei gekommen sein.« + +»Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo ein reizendes junges Paar von +brasilianischer Abstammung wohnt?« + +»Ganz recht, Köhler's Chagra, wie der Platz jetzt heißt -- und er +_ver_wirthschaftete das Gut in unglaublich kurzer Zeit dermaßen, daß es +zuletzt wenig mehr als eine Wildniß war. Er mußte es endlich verkaufen, +denn es trug ihm nicht einmal mehr die Kosten, und natürlich konnte +Niemand weiter daran schuld sein als der Director, da ihm dieser noch +dazu nicht einmal mehr Geld darauf vorstrecken wollte. Er ist seit der +Zeit wüthend auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so viel +höflicher geworden, und ärgert sich nur, daß ich von seinen +Verleumdungen gegen mich nicht die geringste Notiz nehme.« + +»Guten Morgen, Herr Director!« unterbrach in diesem Augenblicke ein +junger Mann das Gespräch, der sie überholt hatte und rasch an ihnen +vorüberschritt. Er grüßte dabei sehr ehrfurchtsvoll, schien sich aber +nicht lange in seines Vorgesetzten Nähe aufhalten zu wollen, dem er +vielleicht unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er bog rasch in die +nächste Querstraße ein und verschwand in einem der Gärten. + +»Der junge Herr,« sagte Könnern, »scheint stark gefrühstückt zu haben. +Sein ganzes Äußere sah wenigstens danach aus.« + +»Ein anderer Fluch unserer Colonie,« seufzte Sarno, »das war unser +Schullehrer.« + +»Der Schullehrer? Er kann höchstens zweiundzwanzig Jahre alt sein.« + +»Und nicht allein ist er _trotzdem_, sondern gerade _deshalb_ +Schullehrer,« sagte der Director; »unser deutscher Bauer ist nämlich von +Haus aus und von klein auf so daran gewöhnt worden, den »Schulmeister« +als ganz untergeordnete Persönlichkeit zu betrachten und danach +natürlich auch die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, daß ihn für +diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll, und er förmlich +gezwungen werden muß, die Kinder in die Schule zu schicken. Das Loos +eines Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt beneidenswerth, und +nur daheim, wo Leute von Jugend auf dazu erzogen werden und dann später +keine andere Laufbahn mehr einschlagen _können_, finden sich immer +genügende Kräfte. Hier dagegen, wo Jeder sein Brod weit besser und +sorgenfreier verdienen kann, der nur irgend seine Knochen gebrauchen +will, denkt gar Niemand daran, sich zu dem fatalen und außerdem noch +schlecht gelohnten Amte eines Schullehrers herzugeben, der nicht +nothgedrungen _muß_. Das aber sind denn meist junge Leute, Studenten +oder Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu vor Hacke und +Spaten haben, und nur, um nicht zu verhungern, sich gerade für so lange +der »Beschäftigung« eines Schullehrers unterziehen, als sie nichts +Anderes und Besseres zu unternehmen wissen. So wie sie aber etwas +Besseres finden, kann man sich auch fest darauf verlassen, daß sie der +Gemeinde kündigen -- manchmal gehen sie sogar ohne Kündigung fort, und +wie nachtheilig ein so steter Wechsel -- den eigentlichen mangelhaften +Unterricht nicht einmal gerechnet -- auf die Kinder wirken muß, läßt +sich ja denken und liegt klar zu Tage.« + +»Zu Zeiten trifft es sich, daß wir trotz allem Dem einen ordentlichen +Mann, wenigstens für Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule haben. +Dieses Mal freilich meldete sich, als die Kinder schon drei Wochen ohne +den geringsten Unterricht gewesen waren, ein möglicher Weise irgendwo +durchgebrannter Handlungsdiener für die Stelle, die man ihm auch +»auf Probe« überließ, und da der gute Mann den brasilianischen Wein +merkwürdiger Weise trinken kann, benutzt er jeden freien und nicht +freien Augenblick, um über die Stränge zu schlagen.« + +»Und auf die Art,« lachte Könnern, »warten beide Parteien gegenseitig, +ob sie einander nicht bald wieder los werden können?« + +»Allerdings,« erwiederte der Director, »hier aber haben wir jetzt das +Ziel unseres Spaziergangs -- das Auswanderungshaus erreicht, das ich +doch heute Morgen einmal besuchen und Ihnen gleich zeigen wollte. Hier +sehen Sie die Einwanderer untergebracht, welchen, der furchtbaren +Nachlässigkeit unserer Provinzialregierung zufolge, noch keine Colonie +-- d. h. kein eigenes Land für ihre Arbeit -- angewiesen werden konnte, +und die hier auf Staatskosten gefüttert werden müssen, bis Ihr Freund +die nöthigen Landstrecken für sie vermessen haben wird. Aber treten wir +ein. Sie sehen da Alles viel besser, als ich es Ihnen sagen könnte.« + +Könnern sah vor sich ein langes, fast ovales Gebäude, aus Pfählen oder +eingerammten Stämmen aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils mit +Ziegeln, an einigen Stellen sogar mit Schilf und Reisig nothdürftig +gedeckt, um das herum es von den abenteuerlichsten Gestalten wimmelte. +Alle waren Deutsche, darüber blieb dem Fremden auch nicht der geringste +Zweifel, denn die flachsköpfigen Kinder nicht allein, nein, Männer und +Frauen selbst in ihren alten heimischen Trachten verläugneten ihr +Vaterland nicht einen Augenblick. + +Ihre Beschäftigung war aber ziemlich genau dieselbe wie die jenes +Theiles, den der Director in seine eigene Wohnung genommen hatte, nur +daß hier entschieden mehr Männer einquartiert schienen. Der innere +weite Raum, wo nicht die unpraktischen riesigen Auswanderer-Kisten +aufgeschichtet standen, war mit ihnen ordentlich angefüllt, denn in der +heißen Tageszeit hatten sie den Schatten des luftigen Gebäudes gesucht, +während die Frauen hier und in der Sonne draußen arbeiten konnten, so +viel sie eben Lust hatten. + +Als der Director übrigens mit dem Fremden den innern Raum betrat, +erhoben sich die Meisten von ihrem rauhen Lager und nahmen die Mützen +ab, denn der »Herr Director« war ja die erste Person in der Colonie, und +mit dem durften sie es also schon nicht verderben. + +»Nun, Leute,« sagte Herr Sarno nach der ersten flüchtigen Begrüßung, +»nun werdet ihr bald Euer Land bekommen können, denn heute hat die +Regierung endlich Jemanden hergesandt, der Euren Grund und Boden +vermessen soll. Haltet Euch nur bereit, daß einige Familien von Euch +gleich ausrücken können, so wie eine Anzahl von Colonien vermessen ist. +Ihr werdet das Herumliegen hier wohl auch satt haben?« + +»Na, es geht, Herr Director,« lachte der eine Mann; »wenn wir's im Leben +nicht schlechter kriegen, läßt sich's aushalten -- aber froh wollen wir +doch sein, wenn wir einmal wieder für uns arbeiten dürfen. Das faule +Leben hat auch keine rechte Art und eigentlich schon ein Bißchen zu +lange gedauert.« + +»Hier geht's auch schmählich eng zu,« sagte ein Anderer, »beinah wie auf +dem Schiff, und der Müller da drüben, der macht sich mit seiner Familie +auch noch so breit, daß wir Anderen lieber hinaus vor die Thür möchten, +damit der große Herr nur Platz hat.« + +»Ja, Du darfst auch noch räsonniren, Du Lumpenkerl,« erwiederte eine +tiefe Baßstimme aus der Ecke, »wenn wir lauter solch Gesindel wären, +wie....« + +»Ruhe!« unterbrach ihn der Director, »haltet mir Frieden hier, das sag' +ich Euch, denn der Erste der Streit anfängt, wird ohne Weiteres auf das +nächste Schiff gesetzt und wieder aus der Colonie geschickt. Wir wollen +hier Frieden haben, und wer sich dem nicht fügen will, mag gehen.« + +»Aber der Müller....« + +»Haltet Euer Maul!« fuhr ihn der Director an; »wenn Ihr eine gegründete +Klage habt, so wißt Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden sollt, und zu +welcher Zeit, und daß Ihr dann Eure Zeugen mitzubringen habt. Einfache +Klatschereien will ich und werd' ich nicht anhören. Was fehlt denn der +Frau da, die dort in der Ecke liegt?« + +»Schlecht ist ihr's,« sagte eine andere Frau, die neben ihr saß und ihr +gerade aus einem großen Topfe zu trinken gab; »sie hat sich den Magen +verdorben an den vielen Apfelsinen.« + +»Ist denn der Doctor heute noch nicht hier gewesen?« + +»Der Doctor? Ja, der kommt schon lange nicht, wenn man ihm nicht erst +das Haus einläuft,« sagte eine andere Frau; »meine Kathrine, der war's +gestern auch so elend zu Muthe -- daß er auch nur einmal nach ihr +gesehen hätte -- und wie ich ihn darum gebeten habe!« + +»So?« sagte der Director, »nun, in einer halben Stunde soll er hier +sein, das verspreche ich Euch -- wie viele von Euch haben denn in der +Woche mit am Wege gearbeitet?« + +Keine Antwort -- die ihm Nächsten schienen die Frage eben nicht gern zu +hören. + +»Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?« + +»Na, der Niklas,« sagte die eine Frau, »hat zwei halbe Tage, und der +Christoph, der hat gestern Nachmittag angefangen, und Schultze's Elias, +der muß schon den Donnerstag oder Freitag hinaus gegangen sein.« + +»Da haben Sie's!« sagte der Director zu Könnern; »Monate lang liegen +die Menschen hier auf der faulen Haut und leben von den Subsidien oder +Unterstützungen, die ihnen der Staat verabreicht, also von Geldern, die +sie nach fünf Jahren wieder zurückerstatten müssen. Wo ich ihnen aber +eine Gelegenheit geboten habe, selber für sich Etwas zu verdienen, wenn +sie nur die faulen Knochen rühren sollen, glauben Sie, daß da Einer +gutwillig mit angriffe? Gott bewahre! Wenn ihnen der Polizeidiener nicht +auf dem Nacken sitzt, rühren sie kein Glied, und wenn es eine Arbeit +wäre, die sie nur zu ihrem eigenen Besten thun sollen und noch außerdem +extra bezahlt bekommen. 's ist, weiß es Gott, eine Freude, mit solchen +Menschen zu thun zu haben!« + +»Herr Director,« sagte in diesem Augenblicke ein kleiner ältlicher Mann +in einem wunderlichen Costüme, das er von allen Ständen der menschlichen +Gesellschaft zusammengeborgt zu haben schien, indem er den Director an +einem Ärmel zupfte, »das Essen ist gleich fertig -- Sie möchten nach +Hause kommen.« + +»Ah, Jeremias,« sagte Sarno, sich nach ihm umdrehend; »schickt Dich die +Kathrine herüber?« + +»Ja, Herr Director,« sagte der Mann, einen hohen Seidenhut, um den eine +Art von Livreeband befestigt war, unter den Arm drückend, »und das +Schiff ist auch unten.« + +»Das Schiff? Was für ein Schiff?« + +»Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.« + +»Neue Auswanderer?« rief der Director erschreckt. + +»Die Gesina,« nickte der Mann; »der Herr Director haben ja schon lange +davon gesprochen. 's ist gerade vor der Barre gesehen worden und der +Capitain wird heute Abend herauf kommen.« + +»Na, das hat gerade noch gefehlt!« seufzte Sarno; »das Haus hier ist +schon zum Überlaufen voll, und dazu noch eine frische Gesellschaft, eine +neue Zufuhr -- das wird angenehm!« + +»Und die Suppe?« + +»Darf nicht kalt werden. Du hast Recht, Jeremias. Sag' nur der Kathrine, +daß wir den Augenblick hinauf kommen. Ist der fremde Herr schon da?« + +»Eben angekommen. Er sitzt oben in der Stube.« + +»Gut -- also melde nur daß wir gleich kommen, und halt -- spring hinüber +zum Doctor -- _Ich_ lasse ihm sagen, augenblicklich hierher zu kommen. +Verstanden?« + +Auf das Wort drehte sich das kleine Männchen um, machte noch eine ganz +eigenthümliche Krümmung des Körpers, was als Verbeugung gelten sollte, +und verschwand dann blitzschnell durch die Thür. Könnern hatte nur eben +noch Zeit, zu bemerken, daß seine Beinkleider jedenfalls für eine andere +Person zugeschnitten und gemacht sein mußten -- wonach sie die andere +Person denn auch so lange getragen haben mochte, wie ihr gut dünkte. Für +Jeremias waren sie aber viel zu lang und unten in einem wahren Wulste +umgelegt und aufgekrempelt. Er besaß außerdem -- wenigstens glaubte es +Könnern bei seinem ersten Erscheinen -- brennend rothes Haar von einer +ganz auffallenden Färbung, und als die kleine Gestalt sich zwischen den +verschiedenen Gruppen der Auswanderer, zwischen Kochtöpfen, Kisten und +in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm durchwand, leuchtete sein +Haar ordentlich irrwischartig, bis er draußen in den Buchen verschwand. + +»Da haben wir's!« sagte aber der Director, mit ganz anderen Gedanken +wie mit Jeremias beschäftigt; »jetzt geschieht, was ich schon lange +befürchtet habe. Das Auswanderungshaus, selbst meine eigene Wohnung +gefüllt, -- keinen Fuß breit Land vermessen, den neuen Colonisten einen +eigenen Fleck Grundeigenthum anweisen zu können, kommt noch eine +Schiffsladung frischer Kräfte dazu, und _was_ ich indessen mit denen +machen soll, weiß Gott!« + +»Und ist denn das nicht Sache des Präsidenten der Provinz,« fragte +Könnern, »stets Land genug vermessen zu haben, um die Einwanderer +unterbringen zu können?« + +»Allerdings ist es das, aber unser Präsident, -- ein braver, guter +Mann, der es wirklich ehrlich meint -- ist schon seit längerer Zeit +schwer krank, und seine Frau -- ein intrigantes, coquettes Frauenzimmer +-- regiert indessen nach Herzenslust und hat eine Masse nichtsnutziger +Protégés, die sie unter jeder Bedingung unterbringen _will_ und +unterbringt. So schickte sie mir vor sechs Monaten einen Kerl hieher +-- ich habe keinen andern Namen dafür -- der das Land vermessen sollte, +und nicht mehr davon verstand wie der Junge da. Glücklicher Weise faßte +ich gleich Verdacht, paßte ihm auf und jagte ihn, wie ich merkte +was an ihm war, wieder zum Teufel; er hätte uns sonst hier eine +Heidenverwirrung angerichtet. Die Frau Präsidentin ist aber natürlich +jetzt wüthend auf mich.« + +»Und leidet das die Regierung in Rio?« + +»Lieber Gott, einesteils erfährt sie nie den wahren Thatbestand, +und dann ist es auch wirklich für sie schwer, gegen einen einmal +eingesetzten höhern Beamten ernstlich einzuschreiten, so lange nicht +directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen Sie aber einmal von der +Colonie Santa Clara aus den Präsidenten, der in Santa Catharina sitzt, +oben in Rio de Janeiro -- die Geschichte wäre gleich von vorn herein so +weitläufig, daß man sie doch in Verzweiflung aufgeben würde, wenn man +auch wirklich hoffen dürfte Etwas auszurichten -- was man aber außerdem +_nicht_ darf. Doch unsere Suppe wird wahrhaftig kalt und die Kathrine +nachher böse -- also vor allen Dingen zum Essen« -- und Könnern's Arm +ergreifend, führte er ihn rasch der eigenen Wohnung zu. + +Unterwegs hielten sich die Beiden auch nicht auf. Nur ein einziges Mal +blieb Könnern stehen, und den Arm gegen einen der kleinen Hügel +ausstreckend, sagte er: + +»So viel ist sicher, nur der Deutsche und der Engländer -- vielleicht +auch noch der Holländer -- hat den richtigen Sinn für eine nicht allein +bequeme, sondern auch freundliche Umgebung seiner Heimath, baut sich +sein Nest in Büsche und Blüthen hinein und pflanzt Rosen vor seine Thür, +während besonders der Amerikaner höchstens einen Gemüsegarten daneben +dulden würde. Sehen Sie nur, was für ein wunderbar romantisches +Plätzchen sich jener Ansiedler wieder gewählt hat, dessen kleines Haus +nur eben aus dem dunklen Grün der Büsche auf jenem Hügel da drüben +herausblinzt.« + +»Ah, Sie meinen unseres Einsiedlers Villa,« lächelte der Director; »die +Aussicht von seinem Hause aus hat er übrigens ganz zufällig bekommen, +denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz so vollständig, daß man von +unten aus keine Ahnung hatte, dort oben sei eine menschliche Wohnung. +Neulich nun warf der Sturm die kleinen Palmen um und das Haus bekam +dadurch, wahrscheinlich vollkommen gegen den Willen seines Eigenthümers, +eine reizende Aussicht.« + +»Gegen seinen Willen?« + +»Ich glaube, ja. Der Mann heißt Meier und lebt mit Frau und Tochter, +einem jungen Gärtner und einer alten Dienstmagd, die sie hier angenommen, +fast ganz abgeschieden von der Colonie und verkehrt fast mit Niemandem. +Jammerschade noch dazu, denn das wäre in der That eine Familie, mit der +man einen angenehmen Umgang haben _könnte_; aber man darf sich doch auch +nicht aufdrängen, und da er mich, obgleich ich drei- oder viermal oben +bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder besucht hat, so muß ich +wohl annehmen, daß er es lieber sieht, wenn ich _meine_ Besuche _nicht_ +wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn auch gethan. -- Aber +da sind wir -- sehen Sie, da oben steht die Kathrine schon am +Treppenfenster -- ja, ja, Alte, wir kommen schon. Was so eine alte +Person für eine Tyrannei ausübt, wenn man einmal ein paar Minuten zu +spät zum Essen kommt!« + + + + +3. + +Bei der Frau Gräfin. + + +Die Frau Gräfin Baulen hatte des Directors Haus etwas in Aufregung +verlassen, und der Gedanke daran, oder etwas Anderes auch vielleicht, +lag ihr schwer auf dem Herzen, als sie ihrer eigenen Wohnung wieder +zuschritt. Sie ging wenigstens mit auf den Boden gehefteten Blicken und +erwiederte den Gruß etwa Begegnender nur mit einer leisen Beugung des +Kopfes, ohne zu ihnen aufzusehen. + +So erreichte sie endlich das kleine freundliche Gebäude, das, von einem +Garten umschlossen, an der äußersten Gränze der Ansiedelung lag, und +wollte eben dasselbe betreten, als die beiden Reiter, ihr Sohn und ihre +Tochter, wie sie durch den ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden +Hufen die Straße herabfegten, und dicht vor dem Hause ihre Thiere so +rasch herumwarfen, daß sie die alte Dame fast gefährdet hätten. + +»Aber Helene, aber Oskar!« rief sie entsetzt, indem sie rasch das +Gartenthor zwischen sich und die Pferde brachte -- »Ihr reitet ja wie +die Wahnsinnigen, und seht gar nicht wohin Ihr rennt! Daß Ihr die Thiere +dabei ruinirt, scheint Euch ebenfalls nicht im Mindesten zu kümmern!« + +»Nicht böse, Mütterchen, nicht böse,« lachte Helene, indem sie den Hals +ihres noch immer tanzenden und courbettirenden Schimmels klopfte; »Oskar +behauptete aber, daß sein Rappe flüchtiger wäre als meine Sylphide, und +da habe ich ihm eben das Gegentheil -- aber, Sylphide -- ruhig, mein +Herz, ruhig -- wie wild sie nur geworden ist, weil ich sie die beiden +letzten Tage nicht geritten habe!« + +»Du hattest von Anfang an einen Vorsprung,« rief Oskar, »sonst wärest +Du mir wahrhaftig nicht vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim +Abreiten einen von meinen Sporen, was mich auch aufhielt.« + +»Einen von Deinen silbernen Sporen?« rief die Frau Gräfin. + +»Ja -- aber er wird sich schon wiederfinden,« sagte der junge Bursche +gleichgültig. -- »Heh, Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige +Schlingel nun wieder steckt, daß er die Pferde nehmen könnte. +-- Gotthelf!« + +»Ja -- komme schon,« antwortete eine Stimme, die dem ungeduldigen Rufe +des jungen Mannes in keineswegs entsprechender Eile zu sein schien. + +Gleich darauf schlenderte auch ein Bauernbursche, dessen reines, +grobleinenes Hemd allein an ihm den Sonntag verkündete, beide Hände in +den Taschen, um die Hausecke und kam langsam näher. + +»Na, Du fauler Strick, kannst die Beine wohl nicht ein Bischen in die +Hand nehmen?« rief ihm der junge Graf entgegen -- »es wird wahrhaftig +immer besser. Soll ich Dich etwa in Trab bringen?« + +»Brrrrrr!« erwiederte Gotthelf mit unerschütterlicher Ruhe, indem er +seine Schritte nicht im Geringsten beschleunigte; »gehen Sie nur nicht +durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde nicht scheu.« + +»Willst Du noch unverschämt werden, Halunke!« rief der junge Graf in +aufloderndem Zorne, indem er seine Reitpeitsche fester packte und hob. +Gotthelf aber, nicht im Geringsten dadurch eingeschüchtert, trat dicht +zu dem Pferde heran und sagte: + +»Na, so schlagen Sie doch! -- Warum langen Sie denn nicht zu? Mein +Buckel wäre doch, dächt' ich, breit genug.« + +Graf Oskar schlug aber nicht; der junge, allerdings sehr breitschulterige +Bauernjunge hatte heute Etwas in seinem Auge, was ihm nicht gefiel. +Deshalb nur mit einer verächtlichen Kopfbewegung aus dem Sattel steigend, +sagte er, indem er Gotthelf den Zügel hinreichte: + +»Da -- ich will mich mit Dir nicht befassen. Führe die Pferde herum und +reibe sie nachher trocken ab.« + +Gotthelf nahm aber nicht einmal seine Hände aus den Taschen, und die +beiden Pferde nach einander betrachtend, sagte er kopfnickend: + +»Ja -- Herumführen werden sie wohl brauchen, denn geritten sind sie +wieder, daß es eine Schande ist; aber der Gotthelf wird Ihnen das +schwerlich besorgen, denn mit »Halunke« schimpfen werden die Leute nicht +fett, und wo es außerdem weiter Nichts giebt, nicht einmal Lohn, da +lohnt's eben nicht, daß man sich die Nägel von den Fingern arbeitet. +Suchen Sie sich einen andern Gotthelf, aber ich glaube kaum, daß Sie +noch einen so dummen finden, der Ihnen drei Monate nur der Ehre wegen +den Schuhputzer macht.« -- Und sich damit scharf auf dem Absatze +herumdrehend, schlenderte er wieder in's Haus zurück, ging auf sein +Zimmer, packte seine Sachen zusammen und verließ eine halbe Stunde +später in der That, ohne ein weiteres Abschiedswort, die gräfliche +Familie. + +»Das hast Du nun von Deiner Heftigkeit,« sagte die Gräfin, drehte sich +ab und schritt würdevoll in das Haus hinein. + +Graf Oskar biß wüthend die Zähne zusammen und hätte seinen Zorn gern +an irgend Jemandem ausgelassen; aber es war Niemand da, von dem er +vermuthen durfte, daß er es sich gefallen lassen würde. Sein Sattel +allein mußte es entgelten, den er selber abschnallte und dann völlig +rücksichtslos über den Gartenzaun, mitten zwischen die Blumen, hinwarf; +-- dann führte er sein Pferd in die kleine Umzäunung, wo die Thiere +gewöhnlich gefüttert wurden, nahm ihm den Zaum dort ab und ließ es +laufen. Von Herumführen oder Abreiben war keine Rede mehr. + +Comtesse Helene indessen war einigermaßen in Verlegenheit, denn da sich +ihr Bruder in seinem Ingrimme gar nicht um sie bekümmerte, wußte sie nicht +gleich, wie sie aus dem Sattel kommen sollte. Als sie den Kopf die Straße +hinabdrehte, sah sie einen jungen Mann dicht hinter sich, der stehen +geblieben war und sie betrachtet hatte. Unter anderen Umständen würde sie +auch kaum von ihm Notiz genommen haben, denn trotz seiner anständigen +Kleidung sah er etwas verwildert aus, und um das sonnengebräunte, von +einem leichten, schwarzgekräuselten Barte halb beschattete Gesicht +hingen ihm die langen, schwarzen Haare unordentlich und wirr herab. Auch +in den dunkeln Augen, mit denen er das wirklich bildschöne Mädchen +betrachtete, lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und erst als ihr Blick +auf dem seinen haftete, milderte sich der Ausdruck in seinen Zügen. + +Es konnte ihm aber auch nicht entgangen sein, daß sie Hülfe brauche +-- die Straße war außerdem, als an einem Sonntag Nachmittage, fast +menschenleer, und sich ordentlich gewaltsam dazu zwingend, trat er +endlich näher, sah zu der Jungfrau auf und sagte: + +»Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen Arm zu bieten?« + +Helene sah ihn im ersten Augenblicke mißtrauisch an; sie war viel zu +selbstständig aufgewachsen, oder hatte sich vielmehr selber so erzogen, +um irgend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen, aber ein gewisser +Instinct warnte sie, sich Jemandem zu irgend einem Danke zu verpflichten, +der damit vielleicht einmal Mißbrauch treiben könne. Das Benehmen des +Fremden war aber so achtungsvoll und ehrerbietig, und das Anerbieten +wurde mit so viel natürlichem Anstande gemacht, daß sie nach kaum +secundelangem Zögern lächelnd die Hand ausstreckte, sich auf den +vorgehaltenen Arm des Fremden stützte und leicht aus dem Sattel sprang. + +Der Fremde hatte dabei zugleich den Zügel des Pferdes in einer Art +ergriffen, die deutlich zeigte, daß er mit ihm umzugehen wisse, machte +der Comtesse, als sie glücklich unten angelangt war, eine leichte +Verbeugung, und führte dann das durchaus erhitzte Thier zu dem nächsten +Aste, an dem er den Zügel befestigte und den Sattel nachher durch +Aufschnallen des Gurtes etwas lüftete. Das Alles geschah rasch und +anscheinend ohne die geringste Anstrengung, und ehe Comtesse Helene nur +recht mit sich einig war, ob sie abwarten bis sich der Fremde entfernt +habe, oder lieber gleich in das Haus gehen solle, war dieser schon +fertig, verbeugte sich wieder leicht gegen sie und wandte sich dann +rasch und ohne sich umzusehen die Straße hinab, so daß sie ihm für +seine Dienstleistung nicht einmal danken konnte. + +Comtesse Helene war bei ihrem Range und wirklich reizendem Äußern, noch +dazu in der bescheidenen Umgebung einer deutschen Kolonie, allerdings +daran gewöhnt worden, die Huldigungen und Galanterien der jüngeren wie +älteren Leute als eine Art von Tribut fast gleichgültig hinzunehmen. +Die Aufmerksamkeit dieses wunderlichen Fremden, der sich außerdem fast +ängstlich jedem nur möglichen Danke entzog, hatte aber doch etwas so +Eigenthümliches, daß sie, frappirt davon, auf der Schwelle des Gartens +stehen blieb und sich erst in das Haus zurückzog, als ihr Bruder, eben +nicht in der besten Laune, zurückkam. Außerdem läutete auch in diesem +Augenblicke die Glocke oben, welche zum Mittagessen rief, und sie durfte +keine Zeit versäumen, wenn sie noch ihr Reitkleid ablegen und überhaupt +ein wenig Toilette machen wollte. + +In dem Wohnzimmer der Frau Gräfin Baulen hatten sich indessen schon vor +der Ankunft der Wirthin zwei auf heute geladene Gäste eingefunden. + +Der Eine von ihnen war der nämliche Herr, welcher Könnern und dem +Director auf ihrem Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewanderte +Baron Jeorgy, den eine unglückliche romantische Ader zu seinem jetzigen +sehr großen Bedauern nach Brasilien getrieben. Er hatte eine nicht +unbedeutende Summe Geldes mit herüber gebracht und es in sechs Jahren +möglich gemacht, den größten Theil seines Kapitals nicht gerade +durchzubringen, aber doch auszugeben, was sich im Resultat allerdings +vollkommen gleich blieb. + +Der Andere war ein junger, erst kürzlich herübergekommener Künstler, +Namens Vollrath, der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitgebracht +hatte und dadurch auch bei der Frau Gräfin eingeführt war. Er spielte +mit der Comtesse manchmal Clavier, aber die Frau Gräfin sah seinen +Besuch nicht gern. Er erwies nämlich Helenen mehr Aufmerksamkeit, als +ihrer Mutter lieb schien, und war außerdem blutarm -- aber so lange er +sich in seinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht zurückweisen. +Die Frau Gräfin hatte indessen schon ernsthaft mit ihrer Tochter über +ihn gesprochen. + +Die Gräfin selber schien ihre Toilette schon vor dem Ausgange gemacht +zu haben; Oskar, obgleich eben von dem scharfen und staubigen Ritte +zurückgekehrt, hielt es nicht der Mühe werth, des Barons wegen die +Wäsche zu wechseln -- und der Andere war ja nur ein Clavierspieler. + +Comtesse Helene dachte nicht so. Von dem wilden Ritte war ihr reiches, +schweres Haar gelöst und in Unordnung gerathen; ihren Anzug mußte sie +ebenfalls wechseln, und da ihr dazu keine Kammerjungfer zu Gebote +stand, bedurfte sie einer länger als gewöhnlichen Zeit, um sich der +Gesellschaft, so klein diese auch immer sein mochte, zu zeigen. Oskar, +überhaupt heute nicht in der besten Laune, war entsetzlich ungeduldig +geworden und hatte den Klöppel der Klingel schon fast ausgeschlenkert, +um die, wie er glaubte, saumselige Schwester dadurch etwas rascher +herbeizurufen. + +Während Graf Oskar so im Zimmer herumlief und seinem Ärger durch +verschiedene Ungezogenheiten Luft machte, die Gräfin mit dem Baron +Jeorgy an einem der Fenster stand, das eine freundliche Aussicht über +die Stadt gewährte, und ein Beider Interessen sehr lebhaft in Anspruch +nehmendes Gespräch führte, hatte sich Vollrath an das Instrument gesetzt +und intonirte leise einige Lieblings-Melodien Helenen's, theils im +einfachen getragenen Thema, theils in geschickt und künstlerisch +durchgeführten Variationen. + +»Es ist ein trauriges Land,« sagte endlich der Baron mit einem tiefen +Seufzer, indem er, ohne die Melodie selber zu beachten, den Tact dazu +unbewußt auf dem Fenster trommelte -- »ein sehr trauriges Land, dieses +ausgeschrieene Brasilien, und ich fürchte fast, daß uns ein böser Stern +an diese Küste geführt hat, von der ich, aufrichtig gestanden, gar kein +rechtes Fortkommen mehr sehe. Ich begreife wenigstens nicht recht, wie +man in Europa je, ohne die gehörigen Mittel, wieder standesgemäß +auftreten könnte.« + +»Sie dürfen den Muth nicht verlieren, Baron,« bemerkte die in dieser +Hinsicht viel resolutere Gräfin. »Ich fange jetzt selber an einzusehen, +daß wir alle Beide doch möglicher Weise zu viel Standesvorurtheile mit +herüber gebracht haben, um das Leben hier an der richtigen Stelle +anzugreifen.« + +»Aber, beste Frau Gräfin....« + +»Ich sehe wenigstens eine Menge Menschen,« fuhr die Gräfin fort, ohne +die Unterbrechung gelten zu lassen, »die nicht allein ihr Fortkommen auf +höchst geschickte Weise finden, sondern auch noch Capital auf Capital +zurücklegen, und es fällt mir gar nicht ein, ihnen mehr Verstandeskräfte +zuzutrauen, als wir Beide auch besitzen, lieber Baron.« + +»Aber, beste Frau Gräfin,« beharrte der Baron, »der Art Leute sind von +Jugend an auf ihre Fäuste angewiesen gewesen, und Sie wollen doch nicht +voraussetzen, daß wir Beide etwas Derartiges auch nur annähernd leisten +könnten?« + +»Ich denke gar nicht daran,« sagte die Gräfin mit einem vornehmen +Zurückwerfen des Kopfes; »wo aber die rohe Kraft nicht ausreicht, da +eben muß der Geist des Menschen eintreten, die Intelligenz, und wir +finden es überall bestätigt, daß die erstere, die rohe Kraft meine ich, +immer nur für die Speculation arbeitet, und diese eigentlich den Nutzen +von jener ärntet.« + +»Aber auch der Kaufmann braucht praktische Erfahrung,« seufzte der +Baron, der _seine_ Erfahrung schon außerordentlich theuer hatte bezahlen +müssen -- »und wir sind Beide zu alt, die noch zu lernen.« + +»Bah,« sagte die Frau Gräfin, den Kopf mit Geringschätzung wiegend, »der +Kaufmann ist nicht der einzige Speculirende, auch der Fabrikant +speculirt, indem er sich weniger die Waaren als die Kräfte der Menschen +selber dienstbar macht.« + +»Aber, verehrte Frau Gräfin, Sie scheinen ganz zu vergessen, daß auch dazu +Capital gehört, ja, und noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht, +als zu einer einfachen Spekulation in Kaufmannsgütern, und wenn man das +Letzte dann darauf gesetzt hätte und es schlüge fehl -- was dann? -- Denken +Sie sich eine Existenz, selbst hier in einer brasilianischen Colonie, +ohne die Mittel zu leben -- denken Sie sich die Möglichkeit daß man bei +diesen frechen und übermüthig gewordenen Bauern gezwungen sein sollte, +ein Anlehen zu erheben; es wäre fürchterlich!« + +Die Frau Gräfin schien nicht diese Angst vor einer derartigen Calamität +zu theilen, deren sogenannte »Furchtbarkeit« sie außerdem schon erprobt +hatte, ohne daran zu sterben; aber der Baron brauchte das gerade nicht +zu wissen, und sie fuhr wie überlegend fort. »Dafür ist aber auch dem +Menschen der Verstand gegeben, daß er ihn richtig gebraucht und anwendet, +und sollten die höheren Stände mit allen ihnen zu Gebote stehenden +Mitteln nicht besonders da mehr bevorzugt sein, eine größere und +gediegenere Kraft in die Wagschale zu werfen, als der rohe und +ungebildete Bauer es im Stande wäre?« + +»Der rohe und ungebildete Bauer,« erwiederte der Baron achselzuckend, +»hat von dem Schöpfer eine Art von Instinct bekommen, der gerade da +anfängt, wo sein Verstand aufhört, und mit oft unbewußter Benutzung +desselben macht er zu Zeiten die erstaunlichsten und unbegreiflichsten +Dinge möglich.« + +»Sie sind eingeschüchtert, lieber Baron,« sagte die Gräfin lächelnd, +indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte. + +»Und habe alle Ursache dazu,« seufzte der Baron. + +»Sie haben durch eine Reihe von widrigen Zufälligkeiten nicht unbedeutende +Verluste erlitten,« fuhr die Gräfin fort, »das hat Sie kopfscheu gemacht +-- Oskar, ich bitte Dich um Gottes Willen, laß das furchtbare Getöse mit +der Glocke, ich werde wahrhaftig noch ganz nervös --, verlieren Sie +jetzt den Muth, so ist Alles verloren, unwiederbringlich. Bewahren Sie +sich aber die Elasticität Ihres Geistes, so können Sie mit Einem Schlage +alles Verlorene nicht allein wieder einbringen, sondern auch verdoppeln, +ja, vielleicht verdreifachen.« + +»Das ist eben was ich bezweifle,« versicherte der Baron; »aber, verehrte +Frau, _haben_ Sie vielleicht einen Plan, denn Ihr ganzes Benehmen +scheint mir nach einem gewissen Ziele hinzustreben -- und wollen Sie +mich zu Ihrem Vertrauten machen, so könnte ich Ihnen, wenn auch +möglicher Weise mit weiter Nichts, doch vielleicht mit gutem Rathe zur +Seite stehen, der oft in nur zu vielen Fällen die Stelle des Capitals +vertritt.« + +»Ich habe allerdings einen Plan,« erwiederte die Gräfin, »der aber schon +so weit gediehen ist, daß er des Raths kaum mehr bedarf, denn er basirt +auf Thatsachen, auf Zahlen, auf genauer Kenntniß der Grundlagen. _Wenn_ +ihn deshalb noch Etwas fördern kann, so ist es einzig und allein _Capital_. +Doch davon später, lieber Baron, denn ich höre eben meine Tochter +kommen, und Oskar entwickelt heute eine so liebenswürdige Ungeduld, daß +wir das Essen nicht länger warten lassen dürfen.« + +Der Baron war zu viel Weltmann, um seiner eigenen Ansicht über »Oskar's +Ungeduld« einen selbstständigen Ausdruck zu geben. Er machte deshalb nur +eine stumme Verbeugung gegen die Gräfin, reichte ihr dann den Arm und +führte sie, wie in seinen schönsten Tagen daheim, die drei Schritte +bis zu dem einfachen Tannentische. Über diesen war aber ein kostbares +Damasttuch gebreitet, auf dem neben den weißen Steinguttellern schwere +englische Löffel und Gabeln lagen, die im Besitze einer Gräfin recht gut +für echtes Silber angesehen werden konnten. + +Comtesse Helene betrat in diesem Augenblicke das Zimmer, und Vollrath +hatte sein Spiel beendet und das Instrument geschlossen. + +Helene war wirklich ein schönes Mädchen von nicht zu hohem, aber +schlankem und üppigem Wuchse, mit vollem, fast goldblondem Haare und +dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verführerischen Grübchen im Kinn, +und Hand und Arm vollkommen makellos. Das festanschließende, lichtgraue +Kleid von allerdings nur einfach wollenem Stoffe hob ihre Büste so viel +mehr hervor, während die selbst schon hierher gedrungene Crinoline nur +dann und wann einer kleinen, sehr zierlichen Fußspitze gestattete, an's +Tageslicht zu kommen. + +»Das gnädige Fräulein sind heute wieder einmal gar nicht fertig +geworden,« empfing sie Oskar, dessen Laune dadurch nicht gebessert +schien, daß Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene beachtete aber +auch den Vorwurf nicht, begrüßte ziemlich förmlich den Baron, nickte +Vollrath freundlich zu, und ging dann, ehe dieser mit sich einig +geworden schien, ob er ihr den Arm bieten solle oder nicht, rasch zu +ihrem Platze am Tische, an dem sie sich, mit einladender Bewegung für +die Übrigen, zuerst niederließ. + +Das Diner war so einfach, wie es das Leben in einer solchen Colonie und +die Arbeit einer einzelnen Köchin, die zugleich alle anderen Hausdienste +verrichten mußte, mit sich bringt: Suppe, ein Braten mit zweierlei +Gemüse und etwas eingekochtem Obste, und zum Dessert die vortrefflichen +Orangen und Granatäpfel des Landes. + +Niemand machte hier auch größere Ansprüche, oder war an Weiteres +gewöhnt, und das Gespräch drehte sich während der Tafel hauptsächlich um +die neuerwarteten Einwanderer, da sich das Gerücht über deren Ankunft +schon durch die ganze Colonie verbreitet hatte. Ist es doch auch immer +ein Moment für solche Ansiedelung, einen neuen Zuschuß von Fremden zu +bekommen, von denen ein kleiner Theil stets in der Stadt selber bleibt +und vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn bekannt wird man ja +natürlich mit Allen. + +Nur Vollrath, der neben Helenen saß, war still und einsilbig, und schien +sich nicht einmal für Oskar's Ansichten, die dieser über brasilianische +Pferde entwickelte, zu interessiren; Oskar sprach überhaupt _nur_ über +Pferde. + +Das Diner ging so vorüber -- Oskar plauderte in Einem fort, ob ihm +Jemand zuhörte oder nicht -- der Baron und die Gräfin, in deren Gespräch +sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten sich lebendig, und nur +Vollrath schwieg hartnäckig still. Ein paar Mal schien er freilich den +Mund öffnen zu wollen -- aber es blieb eben immer nur bei dem Versuch, +und Helenen war es nicht entgangen, daß er irgend Etwas auf dem Herzen +trage, was ihn beenge -- wußte sie was es war? Aber so unbefangen sie +sich stets gegen ihn gezeigt, so unbefangen blieb sie auch heute, und +als das Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den Garten gegangen +war, legte sie ruhig und lächelnd ihren Arm in den seinen und sagte: +»Kommen Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein Wenig auf und ab gehen. +-- Oskar ist heute unausstehlich, weil ich ihm in unserem Wettrennen +vorgekommen bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem alten steifen +Baron eine so hochwichtige Besprechung, daß sie alles Andere, was um sie +her vorgeht, zu vergessen scheinen.« + +Vollrath schoß das Blut in Strömen in's Gesicht, aber er verbeugte sich +leicht, nahm den Arm und schritt mit der jungen Schönen den Garten +entlang. Helenen aber genügte der beschränkte Raum heute nicht: war es +die Aufregung des scharfen Rittes, war es der Ärger über den Bruder, +kurz, sie stieß die kurze Gartenpforte auf, die an dieser Seite gerade +nach den zu einer Art von Promenade umgewandelten Büschen hinausführte, +und wanderte langsam mit ihrem Begleiter den schmalen Weg entlang, der, +immer in Sicht der Häuser, sich fast um die Ansiedlung schlängelte. + +Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank gelegt und rauchte, ein Bein +über das andere gelegt, seine Cigarre, und die Gräfin ging mit dem Baron +wieder in eifrigem Gespräche im Garten auf und ab. + +»Aber, verehrte Frau,« sagte der Baron jetzt, »Sie rücken noch immer +nicht mit Ihrem Projecte heraus. Sie reden nur fortwährend von glänzenden, +sorgenfreien Aussichten, von Rückkehr in die Heimath, von -- ich weiß +selber kaum was, und den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im +Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, daß ich einen Mißbrauch damit +treiben und als Ihr Concurrent in irgend einer glücklichen Speculation +auftreten könnte?« + +»Mein lieber Baron -- nein, das nicht,« sagte die Gräfin nach einigem +Zögern, »und ich habe auch den Entschluß jetzt gefaßt, Sie zu meinem +Vertrauten zu machen -- vielleicht werden wir doch noch Compagnons,« +lächelte sie dazu. + +»Ich bin auf das Äußerste gespannt,« sagte der Baron. + +»Sie müssen bemerkt haben,« fuhr die Gräfin fort, »daß mir sowohl wie +Helenen eine Beschäftigung in diesem Lande fehlt.« + +Des Barons Blick suchte unwillkürlich die junge Dame, die er gerade noch +durch eine Lücke der Bäume mit ihrem Begleiter erkennen konnte. + +»Helene besonders,« fuhr die Gräfin fort, »hat mich schon lange gebeten, +eine leichte Arbeit aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser +hinbringen könne, denn immer Lesen und Clavierspielen geht ja doch auch +nicht, noch dazu in einer so prosaischen und sogenannten praktischen +Umgebung, wie die ist, in der wir uns befinden.« + +»Ich werde immer gespannter,« versicherte der Baron, und er hatte die +Augenbrauen schon bis unter den Hut hinaufgezogen. + +»Wenn man nun unter so _praktischen_ Leuten fortwährend lebt,« lächelte +die Gräfin, »so ist es wohl ganz natürlich, daß ein klein Wenig davon +auch an unserer Natur hangen bleibt, und ich habe denn auch schon das +ganze letzte Jahr nach der und jener Seite hinüber gehorcht, an was man +im rechten Augenblicke und mit den rechten Mitteln die Hand legen könnte +-- ich glaube, ich habe jetzt gefunden was ich suchte.« + +»Sie hätten wirklich?« + +»Ich habe gefunden und außerdem die genauesten Erkundigungen deshalb +eingezogen,« fuhr die Gräfin fort, »daß hier im Lande eine ganz enorme +Quantität von _Cigarren_ verbraucht wird, die man sämmtlich mit einem, +zu den Kosten des Rohtabaks in gar keinem Verhältnisse stehenden hohen +Preise bezahlt.« + +»_Cigarren_?« fragte der Baron erstaunt. + +»Nun sind gerade gegenwärtig eine Menge junger Leute hier in der Colonie +-- und es werden mit dem Schiffe noch mehr erwartet -- von denen viele, +besonders alle aus Bremen stammende, Cigarren zu drehen verstehen. Hier +auf diesem Zettel finden Sie außerdem den Preis guten Blättertabaks genau +zusammengestellt, eben so die Löhne für die Fabrikarbeiter, die nach dem +Hundert oder Tausend bezahlt werden. Eine Cigarre nur einigermaßen guten +Tabaks ist aber hier nicht unter zwanzig Reis das Stück zu bekommen, und +nun berechnen Sie selber, welcher enorme Nutzen dem Fabrik_herrn_ werden +muß, wenn die Sache nur ein klein Wenig in's Große getrieben wird.« + +»Hm,« sagte der Baron, der aber doch nur einen flüchtigen und +zerstreuten Blick über das Papier warf, »und mit etwas Derartigem +wollten Sie sich befassen?« + +»Und warum denn nicht?« sagte die Frau Gräfin, indem sie einer leichten +Verlegenheit Meister zu werden suchte. »Wir müssen in der That eine Art +von Beschäftigung haben, wenn wir hier nicht vor Langerweile sterben +sollen, und Helene sehnt sich so danach, ja selbst Oskar, der jetzt vor +lauter Muthwillen gar nicht weiß, was er für Tollheiten angeben soll.« + +Der Baron Jeorgy war in der That Nichts weniger auf der Welt als ein +praktischer Charakter, der auf einen gewissen Überblick Anspruch machen +konnte, um wirklich Ausführbares von bloßen Chimären zu unterscheiden. +Hatte er aber schon zu viele bittere Erfahrungen mit ähnlichen Projecten +gehabt, oder war es ihm vollkommen unmöglich, sich die Comtesse Helene +und den jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigarrenmacher zu denken, +aber er schüttelte doch ganz ernsthaft und bedenklich mit dem Kopfe und +sagte: + +»Aber, gnädigste Frau Gräfin, haben Sie sich denn die Sache wirklich +schon recht genau überlegt, und vermuthen Sie, daß Sie einen, alle dem +Ärger und der Schererei entsprechenden Nutzen daraus ziehen könnten?« + +»Mein lieber Baron,« erwiederte die Gräfin lebhaft, »das können Sie sich +doch wohl denken, daß ich ein solches Unternehmen nicht entriren würde, +wenn ich mich nicht vorher gründlich damit bekannt gemacht. Helene +brennt ordentlich darauf zu beginnen, und Oskar selber hat versichert, +daß es ihm ungeheuren Spaß machen würde, selber Cigarren zu drehen.« + +»So? In der That? Hm! Und haben die beiden jungen Herrschaften also +darin schon einen Versuch gemacht?« + +»Jetzt schon -- wo denken Sie hin?« lachte die Gräfin. »Das _selber_ +Cigarren machen muß doch auch immer nur Nebenbeschäftigung bleiben, +wenn es vielmehr darauf ankommt, eine große Anzahl von Arbeitern zu +überwachen. Aber es ist nöthig, daß es Jeder von uns versteht, um etwa +vorkommende Fehler andeuten und rügen zu können, und deshalb wollen wir +auch Alle ordentlich mit zugreifen.« + +Der Baron, die Hände auf den Rücken gelegt, nickte langsam und bedächtig +mit dem Kopfe, und manchmal schüttelte er ihn auch ganz in Gedanken, +aber er sagte kein Wort. Es entstand dadurch für die Gräfin eine etwas +peinliche Pause, denn sie hatte erwartet, daß der Baron die Enthüllung +dieses Planes mit mehr Enthusiasmus aufnehmen würde. Der Baron blieb +aber vollkommen kalt, und schien nicht die geringste Lust zu haben auch +nur eine Bemerkung zu machen. + +»Und was sagen Sie dazu?« unterbrach endlich die Gräfin das ihr lästig +werdende Schweigen. -- Der Baron zuckte die Achseln. + +»Ja, lieber Gott, was _kann_ ich dazu sagen? Ich verstehe nicht das +Geringste von Tabak oder Cigarren, das ausgenommen, daß ich beim Rauchen +eine gute von einer schlechten unterscheiden kann. Wenn Sie aber fest +dazu entschlossen sind und das nöthige Capital dazu besitzen, so -- weiß +ich in der That nicht....« + +»Aber _das_ gerade hab' ich noch nicht,« unterbrach ihn die Gräfin etwas +gereizt, »wenigstens nicht in diesem Augenblicke, und meine Ungeduld, +die mich jeden neu gefaßten Plan mit voller Energie ergreifen läßt, war +die alleinige Veranlassung, daß ich _Ihnen_ Gelegenheit gab, sich bei +dem Unternehmen zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht etwa an dem +Erfolg?« + +»Beste Frau Gräfin,« betheuerte der Baron, der, stets voller +Rücksichtsnahmen, schon vor der Idee eines Widerspruches +zurückschreckte; »ich erlaube mir nicht im Geringsten daran zu +zweifeln, und hoffe von ganzer Seele, daß Sie ein außergewöhnlich +günstiges Resultat erzielen werden, aber --« + +»Aber?« + +»Aber,« fuhr der Baron, sich verlegen die Hände reibend, fort, -- »ich +besitze kein Capital, um mich dabei zu betheiligen.« + +»Sie besitzen kein Capital?« sagte die Gräfin erstaunt. + +»Ich besitze allerdings ein kleines«, verbesserte sich der Baron, »was +ich aus dem Verkaufe meiner Chagra und meines Viehes, besonders meiner +Pferde, gelöst habe, aber ich brauche das nothwendig zu meinem +unmittelbaren Leben, und wenn ich dasselbe angreife, bin ich am Ende +genöthigt, mir noch auf meine alten Tage mein Brod mit Handarbeit zu +verdienen.« + +»Und glauben Sie nicht, daß Sie das Drei-, ja, vielleicht Vierfache +ihrer _jetzigen_ Zinsen bei einem solchen Unternehmen herausschlagen +könnten?« lächelte die Gräfin. + +Der Baron hätte um sein Leben gern »Nein« gesagt, aber er riskirte es +nicht; die etwas hitzige Gräfin hätte sich beleidigt fühlen können, und +er erwiederte nur achselzuckend: + +»Ich bin zu alt zur Speculation, meine Gnädigste, und -- außerdem ist +mir die Sache auch wirklich noch zu neu -- zu fremd -- es kam mir zu +überraschend. Gestatten Sie mir, daß ich mich vorher ein Wenig +informire, und wir können ja dann später mit Muße darüber sprechen.« + +»Aber die Zeit drängt, mein bester Baron,« versicherte die Gräfin; »ich +habe die nicht unbegründete Vermuthung, daß sich Andere mit einer ähnlichen +Idee tragen, und es ist in der That seltsam, daß ein solches auf der +Hand liegendes Unternehmen nicht schon lange mit Begierde aufgegriffen +ist. Was also geschehen soll, muß rasch geschehen. Ich habe dabei von +Anfang an auf Sie gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund meines +Hauses kannte, und ich hoffe nicht, daß Sie mich jetzt im Stiche lassen +werden.« + +Dem Baron kam es allerdings etwas wunderlich vor, daß die Frau Gräfin +gerade auf _ihn_ von Anfang an gerechnet haben sollte, während sie ihn +erst im letzten entscheidenden Augenblicke davon in Kenntniß setzte. So +groß seine Höflichkeit aber auch sein mochte, der Trieb zur Selbsterhaltung +war doch noch größer, und mit viel mehr Entschiedenheit, als er bis +jetzt gezeigt und überhaupt der Gräfin gegenüber für möglich gehalten +hätte, sagte er, indem er seine Tabaksdose in allen Taschen suchte: + +»Man soll eine Dame nie im Stiche lassen, meine Gnädigste, aber -- ich +bitte tausendmal meiner Hartnäckigkeit wegen um Entschuldigung -- ich +muß doch darauf bestehen, vor allen Dingen mir eine größere Kenntniß +über den Betrieb dieser Angelegenheit zu verschaffen. Apropos -- sollte +sich der Director Sarno nicht am Ende bewogen finden, ein so gemeinnütziges +Unternehmen aus Regierungsmitteln zu fördern?« + +Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und Verachtung zuckte um die Lippen +der Dame, als sie erwiederte: + +»Ja, wenn ihm Einer der Bauern den Vorschlag gemacht hätte.« + +»So haben Sie schon mit ihm darüber gesprochen?« rief der Baron, von +dieser Wendung sichtlich überrascht. + +Die Gräfin hatte sich in ihrem Unmuthe verleiten lassen, mehr zu sagen +als sie eigentlich wollte. Was noch gut zu machen war, that sie. + +»Fällt mir nicht ein,« sagte sie wegwerfend; »der Herr Director und +ich stehen nicht auf einem so freundschaftlichen Fuße zusammen, ihm +eine solche Mittheilung zu machen, und ich werde mich hüten, mit +der brasilianischen Regierung etwas Derartiges zu beginnen, die mir +vielleicht fünfzehn oder zwanzig Procent für meine Mühe ließe. Doch +Sie verlangen Zeit, mein lieber, ängstlicher Freund, und sein Sie +versichert, daß ich Sie nicht drängen möchte. Überlegen Sie sich also +die Sache, sagen Sie mir aber bis spätestens morgen früh Antwort, oder« +-- setzte sie hinzu, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte -- »ich +halte mich an kein Versprechen mehr gebunden, und sehe mich nach einem +andern Compagnon um.« + +Der Baron machte eine stumme, dankende Verbeugung, schien aber von +dieser directen Drohung keineswegs so eingeschüchtert, wie es die +Wichtigkeit der Sache hätte sollen vermuthen lassen. In diesem +Augenblicke bekam er aber auch Succurs, denn ihr Gespräch wurde durch +jenes wunderliche Individuum, Jeremias, unterbrochen, der plötzlich in +den Garten kam, ohne Weiteres auf die Frau Gräfin und den Baron zuging, +und Beiden, ehe sie es verhindern konnten, auf das Cordialste die Hand +schüttelte. Oskar, der Zeuge dieser Scene war, lag noch immer in der +Laube auf der Bank und wollte sich jetzt ausschütten vor Lachen. + +Oskar war auch in der That die eigentliche Ursache dieser plötzlichen +Begrüßung gewesen, denn während er in der Laube seine Siesta hielt, +da ihn die Projecte der Frau Mutter wenig interessirten, hatte er nur +über seinen heutigen Verlust, den Pferdejungen, nachgedacht, der sich +auf so grobe Weise empfohlen, und dabei hin und her überlegt, wie er +denselben wohl ersetzen könne. Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem +Sonntag-Nachmittag-Spaziergange begriffen, an der Laube vorüber, und +Oskar, der den sonderbaren Burschen schon kannte, und sich oft über ihn +amüsirt hatte, glaubte in ihm einen passenden Ersatz gefunden zu haben +und rief ihn auch ohne Weiteres an und herein. + +»Guten Tag, Frau Gräfin,« sagte Jeremias indessen, durch das etwas +erstaunte Zurückfahren der Dame nicht im Mindesten beirrt -- »schönen +guten Tag, Herr Baron -- prächtiges Wetter heute -- wie bei uns im +Sommer -- nur ein Bißchen heiß -- Herr Gott, wie man schwitzt!« + +»Und was wollen Sie?« fragte die Gräfin, wie in Gedanken die eben +erfaßte Hand mit ihrem Batisttuche abwischend. Jeremias war das auch +nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls seine eigenen arbeitharten +Fäuste, und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Aber er +nahm weiter keine Notiz davon, sondern sagte nur, freundlich ihr +zunickend: + +»Der junge Herr da hinten hat mich gerufen; will einmal zu ihm gehen und +sehen, was er wünscht -- amüsiren Sie sich gut« -- und mit einer Art von +Kratzfuß drückte er den Hut wieder in die Stirn und wandte sich dorthin, +wo Oskar schon wieder sein: »Jeremias, hieher!« herüber rief. + +»Hat ihm schon,« antwortete Jeremias, als er in die Laube trat, sich +ohne Weiteres auf die andere Bank setzte und vergnügt mit den kurzen +Beinen schlenkerte; »hier ist's hübsch kühl; wenn man jetzt hier ein Maß +baierisch Bier und einen Handkäs hätte, könnte man's eine ganze lange +Weile aushalten.« + +Oskar hatte sich das Benehmen eines künftigen Pferdejungen wahrscheinlich +anders gedacht; mit den Sonderbarkeiten des Burschen aber schon bekannt, +beachtete er es nicht weiter und fragte ohne Umschweife. + +»Willst Du Geld verdienen, Jeremias?« + +»Immer,« lautete die kurze bündige Antwort. + +»Kannst Du Pferde warten?« + +»Kann ich?« sagte Jeremias im Selbstvertrauen. + +»Und wie viel verlangst Du monatlich?« + +»Hm,« meinte der Bursche, den brennend rothen Schopf kratzend, der sich +jetzt, als er dazu den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abgetragene +Perrücke auswies, »je mehr, je besser -- was lohnt's denn eigentlich?« + +»Sechs Milreis.« + +»Und sonst noch was?« + +»Stiefelputzen --« + +»Ne, so mein' ich's nicht,« sagte Jeremias, »ob noch sonst etwas bei den +sechs Milreis wäre, wie Schnaps, Frühstück, Trinkgeld oder dergleichen.« + +»Wenn Du Dich gut hältst, gewiß,« sagte der junge Graf. + +Jeremias schob beide Hände, so tief er sie bekommen konnte, in seine +Hosentaschen und spitzte den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle. +Er pfiff aber nicht, sondern sah nur nachdenklich vor sich nieder. Endlich +sagte er nach einer kleinen Pause, indem er die Hände wieder aus den +Taschen nahm und seine Perrücke zurecht schob: + +»Na, ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr, wir wollen's einmal einen +Monat zusammen versuchen, wöchentliche Kündigung natürlich von beiden +Theilen, wenn ich _Ihnen_ nicht gefallen sollte oder Sie _mir_ nicht -- +außerdem gegenseitige Hochachtung und ein Milreis Handgeld -- sind Sie +das zufrieden?« -- und er hielt dabei Oskar die Hand in so drolliger +Weise zum Einschlagen hin, daß der junge Bursche, der bei Erwähnung des +Milreis Handgeld einen Augenblick gestutzt hatte, lachend einschlug und +ausrief: + +»Gut, Jeremias, so wollen wir es denn, wie Du sagst, einmal zusammen +versuchen -- hier ist Dein Milreis, und nun beginne Dein Geschäft gleich +damit, daß Du vor das Haus gehst und das dort stehende Pferd meiner +Schwester hereinführst und absattelst.« + +»Donnerwetter, das geht geschwind!« meinte Jeremias, »und eigentlich +wäre heute Sonntag. Das arme Thier kann aber auch nicht da draußen +stehen bleiben -- also, junger Herr, wir sind jetzt für einen Monat mit +einander zusammengegeben, wie der Pfarrer sagt.« + +Dabei nahm er das Milreisstück, betrachtete es einen Moment aufmerksam, +schob es dann in die Tasche, machte eine kurze, nicht ungeschickte +Verbeugung und verließ rasch den Garten, um den überkommenen ersten +Auftrag auszuführen. + +Aber auch der Baron hatte diese kleine, ihm sehr gelegene Unterbrechung +benutzt, dem ihm unangenehm werdenden Gespräche mit der Gräfin eine +andere Wendung zu geben, und als jetzt auch die Comtesse zurückkehrte, +die Vollrath aber nur bis an die Gartenthür begleitete und sich dann +empfahl, schützte er plötzliches Kopfweh vor und beurlaubte sich ebenfalls +mit der gewohnten Förmlichkeit bei den Damen. + +Die Gräfin hatte indessen Vollrath ankommen und wieder gehen sehen, und +wenn sich ihr Geist auch gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigte, +war ihr doch das auffallend bleiche und niedergedrückte Aussehen des +jungen Mannes nicht entgangen. Sie warf einen forschenden Blick auf +ihre Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen auch einen ganz +ungewohnten Glanz hatten, verrieth durch Nichts einen in ihr aufsteigenden, +plötzlichen Verdacht. Nur, als das junge Mädchen den Kopf abwandte +-- vielleicht um ihr Antlitz dem mißtrauischen Auge der Mutter zu +entziehen -- und sich dem Hause zuwandte, sagte die Dame leise: + +»Helene!« + +»Mutter?« fragte die Tochter und wandte sich halb nach ihr um. + +»Was ist denn mit Vollrath vorgegangen? Er hatte, als er Dich verließ, +keinen Blutstropfen in seinem Gesichte.« + +»Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.« + +»Und Du bist auch so sonderbar.« + +»Ich, Mutter?« + +»Ja -- Du -- Helene, ich will nicht hoffen, daß Du....« + +»Was, Mutter?« sagte Helene, und ihr Auge haftete kalt und ernst auf den +strengen Zügen derselben. + +»Es ist gut, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sie einen Moment +aufmerksam betrachtet hatte. »Ich glaube, ich kann mich fest auf Dich +verlassen, und Du bedarfst keiner Wächterin.« + +»Ich denke nicht, Mutter,« sagte Helene, indem ein leichtes zorniges +Roth ihre Wangen färbte. Dann wandte sie den Kopf wieder ab und schritt, +ohne der Mutter Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben, rasch in das +Haus hinein und hinauf in ihr Zimmer, wo sie sich einschloß und an dem +Abend nicht mehr zum Vorschein kam. + + + + +4. + +Die »Meierei«. + + +Dicht über der Colonie Santa Clara, wenn man in gerader Richtung eben +hätte hinauf kommen können, aber durch einen ziemlich steilen Hang, +an dem nicht einmal ein Fußsteig empor führte, davon getrennt, lag +die Wohnung des Colonisten Meier, den der Director gegen Könnern den +_Einsiedler_ genannt hatte. Allerdings lief ein Fahrweg bis dicht an +seine kleine, wenig bebaute Chagra, aber er wurde nicht häufig benutzt, +da er nur zu sehr entfernten Ansiedelungen führte, und die Bewohner der +»Meierei« -- wie man den Platz scherzweise genannt hatte -- kamen nie +selber in die Colonie hinab. Insbesondere der Eigenthümer, der alte Herr +Meier, hielt sich so von der Welt abgeschlossen, daß es eine Menge +älterer Ansiedler in Santa Clara gab, die sich gar nicht erinnerten, +sein Gesicht je gesehen zu haben. + +Auffallend war dabei, daß er nie Briefe empfing oder schrieb, und doch +mußte er sich, seinem ganzen Wesen, allen seinen Gewohnheiten nach daheim +in der besten Gesellschaft bewegt haben. Wie er aber sein kleines Haus +dicht hinter den Schutz der Bäume gebaut hatte, daß es lauschig und +versteckt dort lag, weder gestört, noch selbst beachtet von der Außenwelt, +so hielt er sich selber und seine Familie dem regen Leben und Treiben +fern, das unter ihm wogte -- es nicht suchend und nicht von ihm gesucht. + +Er lebte dabei ganz seiner Familie, mit der er sich einzig und allein +beschäftigte und in der er vollkommenen Ersatz für die übrige Welt +zu finden schien. Im ersten Jahre freilich fehlte dem an Thätigkeit +gewohnten Manne eine bestimmte und ausgesprochene Beschäftigung, und er +genügte dem Drange nach Arbeit nur dadurch, daß er seinen eigenen Garten +anlegte, umgrub und pflanzte. Das aber konnte ihn auf die Länge der Zeit +nicht befriedigen, und da er manche Tischlerarbeiten in seinem Hause zu +machen hatte, und einen jungen, sehr geschickten Arbeiter dazu fand, +schaffte er sich selber Werkzeug an und lernte bald die verschiedenen +Griffe und Vortheile dieses Handwerks. Dann kaufte er sich eine Drehbank, +und nahm sich auch hiefür auf kurze Zeit einen Lehrer an. Außerdem +verstand er schon daheim ein Wenig von der Malerei, was er jetzt in +seinen Mußestunden noch weiter ausbildete. Eine recht hübsche Bibliothek +hatte er sich ebenfalls angeschafft, und da er bei allen diesen +Beschäftigungen viel praktischen Verstand besaß, so richtete er sich in +wenigen Jahren seine kleine Heimath so allerliebst und traulich her, daß +jedes Zimmer einem Puppenstübchen glich, ohne daß er dabei aber auch nur +den geringsten Luxus getrieben hätte. + +Nach Außen vermied er jedoch Alles, was nur im Geringsten die +Aufmerksamkeit eines Fremden hätte auf sich ziehen können; er wollte nun +einmal mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn auch dazu bewogen +haben konnte, auf die geschickteste Weise wich er jeder Annäherung +fremder Menschen aus. + +Seine Familie bestand, wie schon erwähnt, nur aus seiner Frau und einer +erwachsenen Tochter. Diese, Elise, hatte erst dreizehn Sommer gezählt, +als er, vor nun sieben Jahren, die damals kaum entstandene und noch +ziemlich wilde Colonie erreichte, und wenn auch ein junges Mädchen in +diesem Alter wohl berechtigt ist, größere Ansprüche an das Leben zu +stellen, während sie hier -- obgleich von allen Bequemlichkeiten +umgeben -- wie auf einer wüsten Insel saß, so schien doch Elise das +nie zu fühlen oder irgend einen andern Wunsch zu kennen als den, die +Häuslichkeit ihrer Eltern eben zu theilen, wie sie war. Auch auf ihren +Charakter hatte das stille, abgeschlossene Leben nicht den geringsten +nachtheiligen Einfluß ausgeübt. Sie war immer heiter und guter Laune und +eigentlich das einzige sonnige Element im Hause. + +Wenn auch ihre Eltern selbst glücklich mit einander lebten, und nie ein +hartes oder auch nur unfreundliches Wort zwischen ihnen vorfiel, so lag +doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief eingeschnittener Zug von +Schwermuth, den wegzuscheuchen nur allein der Tochter, nie der Mutter +gelang. + +Noth oder Sorge um den Lebensunterhalt konnte das nicht sein, denn Meier +war, wenn auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne die Mittel, +sich eine sichere Existenz zu wahren. Konnte es Heimweh sein -- vielleicht, +aber Niemand erfuhr das, Niemand hörte je eine Klage, wie er etwaigen +Fremden, mit denen er trotz aller Vorsicht gelegentlich zusammentraf, +wenn er nur die Schüchternheit der ersten Begegnung überwunden hatte, +auch stets das nämliche freundliche Lächeln zeigte. Es lag dabei etwas +in seinem ganzen Wesen, das rasch für ihn einnahm, wenn man nur kurze +Zeit in seiner Nähe weilte. War es das lange, schlichte, schneeweiße +Haar, das er mitten auf dem Kopfe gescheitelt trug, und das sonderbarer +Weise erst hier in Brasilien diese Farbe des Alters, und zwar gleich im +ersten Jahre, angenommen hatte, war es der leichte, leidende Zug um den +Mund, den selbst das Lächeln der feingeschnittenen Lippen nicht ganz +zerstören konnte, war es sein mildes, nachgebendes Wesen, man wußte es +selber nicht, aber konnte dem Manne, trotz seiner Eigenheiten, nie böse +sein. + +Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte seine Gattin, obgleich +man auch ihr auf den ersten Blick ansah, daß sie sich stets in guter +Gesellschaft bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zurückhaltende ihres +Mannes, ohne dessen milde Freundlichkeit, und der mißtrauische Blick +ihres kleinen, grauen Auges, mit dem sie jeden Fremden, ja, selbst +Leute, die sie lange als Nachbarn kannte, betrachtete, munterte eben +nicht zu einem freundlichen Zusammenleben mit ihr auf. Übrigens war sie +eine noch recht hübsche, stattliche Frau, von vielleicht sieben oder +achtunddreißig Jahren, und die einzige Meinungsverschiedenheit, welche +je zwischen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war die, daß sie sich mehr +dem geselligen Leben der Colonie hinzugeben wünschte. + +So nachgebend dieser aber auch in jeder andern Beziehung sein mochte, an +dieser Klippe scheiterte selbst jede Bitte von Frau und Tochter. Was +ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit, ja, selbst hier und da an einem +versteckten Luxus bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die Hand +und erfüllte selbst jeden nur geahnten Wunsch; aber über die Gränze +seines kleinen Besitzthums ging er nicht hinaus, und sogar das zufällige +Lichten der Pflanzenmauer, die seinen kleinen Klosterhof umschloß und, +durch den Sturm niedergebrochen, sein Haus der Aussicht öffnete, schien +ihn zu geniren und zu stören. Er versäumte wenigstens keine Stunde am +nächsten Morgen, die zerrissene Lücke durch eine Anpflanzung anderer +junger Palmen und Büsche zu ersetzen, die freilich jetzt Zeit brauchten, +bis sie die nöthige Höhe wieder erreichten, aber doch wenigstens den +untern Theil des Hauses deckten. + +Es war an dem nämlichen Sonntagnachmittage, daß drei Reiter den schmalen +Weg heraufritten, der zu der sogenannten »Meierei« führte, der Director +Sarno mit den beiden Freunden Könnern und Günther; und erst, als sie +in die Nähe des kleinen, freundlich gelegenen Hauses kamen, hielt der +Director sein Pferd an und sagte, mit dem Arme in eine früher gehauene +Schneuße hinein deutend: + +»Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies ist die zweite, alte Linie, +die damals von jenem Stümper ausgeschlagen wurde. Wenn Sie nur Ihren +Taschencompaß herausnehmen, sehen Sie schon welchen Bock jener gescheute +Herr geschossen, der es möglich machte, die Variation auf die verkehrte +Seite vom Pol zu legen. Die ganze Vermessung ist dadurch vollkommen +werthlos geworden und muß neu gemacht werden. Die nächst gelegenen sechs +Kolonien gehören aber jenem Herrn in dem Hause da drüben, der sich einen +ziemlich bedeutenden Landstrich hier erworben, nur um, wie es scheint, +keinen nahen Nachbar zu bekommen, denn was er selber bis jetzt urbar +gemacht, ist sehr unbedeutend. Jedenfalls müssen wir aber dessen Gränzen +mit bestimmen, damit wir wissen wo das noch freie Land beginnt, und +ich möchte _diesen_ District, wie jenen südlich von der Ansiedlung, am +Liebsten zuerst in Angriff genommen haben. Diesen hier nehmen Sie also +vielleicht gleich morgen vor, denn von hier aus streckt sich eine +ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiser Steigung dem nächsten +Bergrücken zu, und Sie können hier eine tüchtige Anzahl Varas den Tag +ablegen.« + +»Und ist der Wald sehr dicht?« + +»Nicht übermäßig. Ich will Ihnen Ihr Amt auch nicht zu schwer machen und +einen zu breiten Ausschlag verlangen, gründlich _müssen_ die Linien +aber gelegt und die Bäume besonders so markirt werden, daß die hiesige +Vegetation nicht die Spuren in ein paar Jahren wieder verwächst und +vernichtet -- wir sprechen darüber noch heute Abend, ob wir Theer mit +Buchstaben von weißer Ölfarbe oder vielleicht gar Blechplatten nehmen, +was freilich bedeutend mehr Kosten macht.« + +»Und wie viel Leute glauben Sie, daß ich mit mir nehmen soll?« + +»Kommen Sie, wir reiten einmal ein kurzes Stück in den Wald hinein, der +sich dort hinüber ziemlich gleich bleibt,« erwiederte der Director, +»Sie können es dann selber leicht beurtheilen. Sparen Sie lieber nicht +mit den Leuten, wenn Sie dadurch rascher vorwärts rücken, denn Sie +vermessen ja dafür auch so viel mehr, und ich garantire Ihnen, daß Sie +hier, um nur das _Nothwendigste_ fertig zu bringen, drei volle Monate +scharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in der möglichst kurzen Zeit +beenden, desto besser ist es; denn wenn uns die neuen Ansiedler erst +noch auf den Hals kommen, und ich weiß nicht wo ich sie unterbringen +soll -- dann ist es mit dem Frieden hier vorbei.« + +Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und ritt in einen schmalen +Seitenpfad, von Günther gefolgt, hinein, während Könnern noch in dem +breiten Wege hielt und sich Meier's stille und trauliche Heimath +betrachtete. Es lag ein ganz eigener Zauber über dem Platze, dem die +hier vollkommen tropische Vegetation durch angepflanzte Palmen, Farren +und die wunderliche Baumform der Pinien einen noch viel größeren Reiz +verlieh. + +Gern wäre er auch einmal zu dem Hause hinüber geritten, die Insassen +desselben kennen zu lernen, denn daß der Alte so vollkommen menschenscheu +sein sollte, glaubte er noch nicht recht. Aber er durfte seine Gesellschaft +nicht zu weit aus den Augen verlieren, und der Director wie Schwartzau +waren viel zu sehr in ihr »Terrain« vertieft, um sich in diesem +Augenblicke um etwas Anderes zu kümmern, als Nord und Süd und Ecken und +Fronten. Günther hatte dazu seinen kleinen Compaß herausgenommen und +visirte damit, als sie den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel +interessanteren Front vorüber, wie sie die bestgelegene Colonie hätte +bieten können, ohne sie auch nur zu sehen, nämlich an einem reizenden +jungen Mädchen, das, vielleicht sechs Schritte von dem Pfade entfernt, +mit einem Buche in der Hand unter einer halb natürlichen, halb +durch Kunst hergestellten Laube saß, und ohne sich zu rühren, die +vorbeireitenden und in tiefem Gespräche begriffenen Männer beobachtete. + +Sie würde sich in der That lieber ganz zurückgezogen haben, hätte sie +nicht gefürchtet durch eine Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt +erst, als sie vorüber und schon halb von den Büschen verdeckt waren, +richtete sie sich empor und drehte den Kopf um, ihnen nachzusehen. + +In diesem Augenblicke passirte Könnern die versteckte Laube. Mit keinem +solchen Interesse an der Vermessung des Bodens, und in der alten +Gewohnheit des Jägers, das Auge jedem sich regenden Punkte rasch +zuzuwenden, entdeckte er kaum die liebliche, jetzt verlegen erröthende +Gestalt, als er auch unwillkürlich sein Pferd anhielt und achtungsvoll +die Jungfrau grüßte. + +War aber für ihn nicht die geringste Veranlassung gewesen, hier zu +halten, so besaß er entweder in dem Momente nicht Geistesgegenwart +genug, seinem Thiere wieder rasch den Sporn zu geben, oder die freundliche +Erscheinung fesselte ihn so, daß er sich nicht gleich wieder losreißen +konnte und wollte, und nur, um sich aus einer peinlich werdenden +Situation zu bringen, sagte er verlegen: + +»Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten Sie gestört zu haben, +Senhora, aber ich vermuthete hier in der That Niemanden, mitten im +Walde.« + +»Sie haben mich nicht gestört,« erwiederte Elise mit ihrem gewinnenden +Lächeln, denn die Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keineswegs +entgangen; »ich fürchte nur, daß Ihre vorangerittenen Freunde den Weg +verfehlt haben, denn dieser Pfad führt allein wenige Hundert Schritte in +den Wald hinein und endet dann in einem verworrenen, von Schlingpflanzen +durchwachsenen Dickicht, durch das sie mit ihren Pferden nicht dringen +können.« + +»Also müssen sie wieder diesen Weg zurück?« fragte Könnern, sichtlich +darüber erfreut, denn er bekam dadurch eine Entschuldigung, sie hier zu +erwarten. + +»Allerdings,« erwiederte das Mädchen -- »wollen Sie denn zur Colonie +hinunter?« + +»Wenn Sie das kleine Städtchen meinen, nein. Wir kommen eben daher und +sind nur auf einem Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn das +Terrain recognosciren, um nöthige Vermessungen vorzunehmen.« + +Die Jungfrau, welche, als sie der Fremde anredete, aufgestanden war, +verbeugte sich leicht und schwieg, und Könnern, der nicht den geringsten +Anhaltspunkt sah, das Gespräch in schicklicher Weise fortzusetzen, +grüßte noch viel verlegener als vorher und folgte jetzt den beiden +Freunden, die er gleich darauf an der von Elisen angedeuteten Stelle +überholte. + +Es war das der nämliche Platz, wo der Director damals die verkehrten +Arbeiten des von der Frau Präsidentin herübergeschickten Vermessers +unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun ihre Thiere, um auf den +breiteren Weg zurückzukehren. + +Als sie die Laube passirten, warf Könnern freilich den Blick hinüber, um +nach der freundlichen Gestalt zu suchen; aber wie eine Erscheinung war +sie verschwunden, und nur auf der Bank, auf welcher sie gesessen hatte, +lagen ein paar Blumen, die sie wahrscheinlich mit heraufgenommen und in +der Eile ihres Rückzuges auf dem Sitze gelassen hatte. + +Könnern, der jetzt voranritt, hatte die Blüthen augenblicklich bemerkt, +und ehe er sich selber über das was er that Rechenschaft geben konnte, +hielt er an, stieg vom Pferde und schnallte seinen Sattelgurt ein Loch +empor. Dadurch gab er seinen Begleitern Zeit an ihm vorüber zu reiten, +und als er sie voraus sah, trat er rasch in die Laube, nahm die Blumen, +legte sie in sein Taschenbuch, stieg dann wieder auf und folgte, ohne +sich umzusehen, den Vorausgerittenen. -- Und doch hatte ihn dieses Mal +sein sonst so scharfes Auge im Stiche gelassen, denn hinter einem +kleinen Dickicht der hier gerade sehr üppig wachsenden Flachs- oder +Tucung-Pflanze, hinter die sich Elise zurückgezogen, um die Fremden erst +vorüber zu lassen, hatten ein Paar lächelnde Augen seinen unschuldigen +Raub beobachtet und folgten ihm, bis sich der Wald wieder hinter ihm +schloß. + +Könnern überholte seine Begleiter dicht am Hause des menschenscheuen +Meier, der aber durch einen geschickt gefällten Baum die Passage so +gelegt hatte, daß sie nicht unmittelbar an seinem Garten vorüberführte, +sondern diesen durch sorgfältig gepflegte Büsche vollständig verdeckt +hielt. + +»Hier wohnt der sonderbare Kauz,« sagte der Director, mit der Hand +in das Dickicht zeigend, durch welches das Dach nur undeutlich +herausschimmerte. »Wenn mit dem Manne nur irgend ein Umgang wäre, wollte +ich vorschlagen daß wir anhielten und ihm wenigstens guten Tag sagten. +Schade um das allerliebste Mädchen, das der alte Brummbär hier wie eine +Nonne gefangen hält.« + +»Eine Brünette?« fragte Könnern. + +»Ja,« erwiederte der Director; »aber wie, zum Teufel, haben _Sie_ das +schon ausgefunden? Sie sind doch, so viel ich weiß, zum ersten Male in +der Colonie.« + +»Hätten es die Herren nicht gerade so gemacht wie der vorige +Landvermesser,« lachte Könnern, »und die Variation auf der verkehrten +Seite der Nadel gesucht, so würden Sie, nur ein paar Striche aus dem +Cours, eine allerliebste junge Dame im Walde gesehen haben, die sich da +draußen mit irgend einer Lectüre die Zeit vertrieb.« + +»Und davon haben Sie uns kein Wort gesagt?« rief Günther. + +»Ich durfte Sie doch nicht stören,« lächelte der junge Mann; »übrigens +glaubte ich auch, daß wir sie auf dem Wege hierher überholen würden; sie +muß sich aber auch sehr geeilt haben, um uns voraus zu kommen.« + +»Merkwürdige Leute,« meinte der Director kopfschüttelnd; »aber jedenfalls +werden Sie mit dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie müssen +ihn aufsuchen, wenn Sie auf seinem Lande die Vermessung beginnen, +damit er dabei ist und die Gränzen kennen lernt. Er wird es sich auch +wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Eckbäume selber dauernd zu +bezeichnen, und das erspart Ihnen gleich eine Arbeit.« + +»Dann begleite ich Sie,« sagte Könnern, »ich interessire mich für alle +Originale.« + +»Besonders wenn es Brünetten sind, wie mir scheint,« lachte der +Director; »Sie mögen aber immerhin in diese Gegend einen kleinen Jagdzug +machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht stört, finden Sie doch wohl +hier und da ein Stück Roth- oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen +Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen. Jetzt aber, meine Herren, +dürfen wir unsere Zeit nicht länger vergeuden, wenn wir den andern +Strich ebenfalls besuchen wollen. Sobald wir weiter oben die ordentliche +Straße erreicht haben, können wir auch unsere Thiere besser ausgreifen +lassen« -- und dem seinigen die Sporen gebend, trabte er, so rasch es +ihm der noch ziemlich unebene Boden gestattete, auf dem schmalen Wege +hin in den Wald hinein. + +So wenig _sie_ aber dabei von den Einwohnern des Platzes gesehen hatten, +so waren sie doch nicht eben so unbeachtet daran vorübergeritten, denn +der Eigenthümer des Hauses schien sich für alle Fremden lebhaft zu +interessiren, wenn er auch nicht mit ihnen in persönliche Berührung +kommen wollte. + +Zu diesem Zwecke hatte er sich eine ordentliche kleine Warte gebaut, in +welche die eine Ecke seines Gartens, ohne von Außen bemerkbar zu sein, +auslief. Das war zugleich ein Lieblingsplatz geworden, wenn er keine +andere Arbeit vorhatte, und er las oder schrieb gerade dort am Liebsten, +da er sich hier vollkommen ungestört wußte. + +Das letzte Gespräch der Männer war gerade vor diesem Ausguck gehalten, +und Meier, der mit einem Buche in der Hand in seiner Laube saß, dadurch +auf die Fremden aufmerksam geworden. So lange sie da draußen hielten, +lauschte er auch ihrem Gespräche, und erst, als sie ihren Weg fortgesetzt, +nahm er sein Buch wieder auf. Aber er schien keine rechte Lust zum +Lesen zu haben, denn er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin, +ging eine Weile mit auf den Rücken gelegten Händen und gesenktem Haupte +in seiner Laube auf und ab, seufzte ein paar Mal recht tief auf und +schritt dann langsam zu seiner Wohnung und in das Zimmer seiner Frau, +die, mit einer Arbeit beschäftigt, am Fenster saß. + +Sein Blick suchte Elisen, aber sie war nicht im Zimmer, und erst nach +einer Weile kam sie durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den +Wald führte, herein und zu der Mutter, wo sie Hut und Buch ablegte und +sich still an das dort stehende Instrument setzen wollte. + +»Du warst im Walde, Lieschen?« fragte der Vater. + +»Ja, Papa.« + +»Und bist dort Fremden begegnet?« + +Das junge Mädchen sah rasch und erstaunt zu ihm auf, erröthete auch +leicht, sagte dann aber lächelnd: + +»Woher weißt Du das schon, Papa?« + +»Und hast Du nicht den nämlichen Spaziergang hier im Garten?« fuhr der +Vater fort, ohne ihre Frage zu beantworten; »ich habe Dich schon so oft +gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenigstens nicht an Sonntagen, wo +das müssige Volk aus der Ansiedelung nur immer in der Nachbarschaft +umherschwärmt!« + +Die Mutter hatte bei Beginn des Gespräches ihre Arbeit in den Schooß +sinken lassen, und ihre Miene verfinsterte sich mehr und mehr. Jetzt +aber nahm sie für die Tochter die Antwort auf und sagte: + +»Und willst Du sie nicht lieber ganz in ein Kloster sperren? Das wäre +doch jedenfalls das Einfachste, damit sie wenigstens gar kein Mensch +mehr zu sehen bekäme -- nicht einmal einer der am Sonntag herumlaufenden +Bauern.« + +»Aber, Bertha!« sagte Herr Meier, erstaunt zu seiner Frau aufsehend. + +»Ach was,« erwiederte diese, »was zu arg ist, ist zu arg! Das Mädel ist +jetzt zwanzig Jahr alt geworden und wird versteckt gehalten, als ob wir +uns schämen müßten, das junge Blut der Welt zu zeigen.« + +»Aber, Bertha, Du weißt doch....« sagte der Mann vorwurfsvoll. + +»Ach, ich weiß Alles!« erwiederte die Frau; »aber man kann eine Sache +auch übertreiben, und ich bin nicht im Stande, das noch länger so ruhig +mit anzusehen. Hier in diesem abgelegenen Winkel der Welt hast Du doch +wahrhaftig nicht zu....« Sie unterbrach sich rasch und nahm ärgerlich +ihre Arbeit wieder auf, die sie jedoch unschlüssig in der Hand behielt, +während Elise freundlich sagte: + +»Laß sein, Mütterchen; wenn dem Vater damit ein Gefallen geschieht, kann +ich ja auch den kleinen Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht, +es ist hier im Garten wirklich eben so hübsch wie da draußen, und ich +kann mir hier die nämliche Bewegung machen.« + +»Ach, das verstehst Du nicht!« fuhr die einmal gereizte Frau fort; »ich +hab's jetzt auch selber satt. Sieben Jahre sitzen wir nun hier, wie die +Gefangenen zwischen Büsche und Bäume eingeklemmt, während die Ansiedler +da unten sich ihres Lebens freuen und nur ihr fröhlicher Lärm manchmal +zu uns herübertönt; sieben Jahre lang haben wir ein Leben geführt, daß +es einen Stein erbarmen möchte, und ich sehe keinen Grund, weshalb wir +uns jetzt noch länger wie Einsiedler in unsere Klause vergraben sollen. +Ich weiß Alles, was Du mir dagegen einwenden könntest, Franz,« sagte +sie, einem Blicke ihres Mannes begegnend, »ich habe mir Alles zehnmal, +hundertmal überlegt, aber ich selber halte es nicht länger aus. Ich +_will_ frei sein oder ich lasse mich lieber gleich ordentlich begraben +und einen Stein mit Namen und Jahreszahl oben darauf setzen. Nachher +weiß ich es einmal nicht anders und brauche doch hier wenigstens nicht +eine Ewigkeit allein zu sitzen und meinen eigenen Gedanken nachzuhängen, +über die man am Ende gar noch wahnsinnig werden könnte.« + +Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte sich gegen den Tisch gewandt, dort +den Kopf auf den Arm gestützt und barg das Gesicht in der linken Hand. +Endlich hob ein schwerer Seufzer seine Brust, und Elise, zu dem Vater +tretend, schlang ihren Arm um seine Schulter, lehnte ihre Stirn auf sein +Haupt und sagte freundlich: + +»Sei nicht traurig, Papa -- Mutter meint es ja nicht so böse. Dir ist +nun einmal Deine Einsamkeit so lieb geworden, daß Du jede Störung darin +fürchtest und Dich immer mehr in Dich selber zurückziehst. Versuch' es +einmal draußen unter den Menschen, vielleicht gefällt Dir's selber bei +ihnen, denn _glücklich_ fühlst Du Dich ja hier in Deiner Einsamkeit +auch nicht immer, in der ich Dich oft schon in recht trauriger und +niedergeschlagener Stimmung überrascht habe. -- Geh' wieder zwischen die +Leute -- verkehre mit ihnen und lasse sie mit Dir verkehren, und wenn +weiter Nichts, bekommst Du doch dadurch Zerstreuung, und hast für +stille Stunden, in denen Du das Bedürfniß fühlst allein zu sein, ja +immer Dein trauliches Plätzchen hier oben.« + +»Laß ihn gehen,« sagte die Frau unmuthig; »was liegt ihm an uns -- an +Dir oder an mir, wenn er sich selber nur eine Grille in den Kopf gesetzt +hat, der er nachhängt, seines eigenen Vergnügens halber.« + +»Und das sagst _Du_ mir, Bertha?« fragte der Mann, erstaunt zu ihr +aufsehend; »dessen klagst Du mich an?« + +»Nur eine Grille ist's, weiter Nichts,« erwiederte die Frau, ohne die +Frage direct zu beantworten, »eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf +gesetzt hast, und womit Du Dich und uns elend machst. So viel Verstand +habe ich aber auch, daß ich einsehe, wie Du uns Alle ganz vergebens +quälst, und kurz und gut, ein Leben wie das hier halte ich nicht länger +aus, mag nun auch daraus werden was da will.« + +»Was da will,« wiederholte leise und mit einem Seufzer der Mann, stand +dann auf und verließ langsam das Zimmer. + +»Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter,« bat Elise, als er die Thür +hinter sich in's Schloß gedrückt hatte, »er ist so schon traurig genug, +und das drückt ihn nachher nur noch immer mehr nieder.« + +»Ach was,« erwiederte mürrisch die Frau, »ich habe das langweilige Leben +endlich satt, und mehr noch Deinet- als meinetwegen!« + +»Aber ich sehne mich ja gar nicht hinaus, Mütterchen, ich verlange es ja +gar nicht besser, als ich es bei Euch habe.« + +»Weil Du es eben nicht besser kennst und nach und nach hier eintrocknen +wirst wie eine Blume zwischen Löschpapier,« lautete die Antwort. »Du +bist ein junges Mädel und mußt hinaus in die Welt, das ist Dir Dein +Vater, das bin ich Dir schuldig, und wenn Du Nichts von der Welt +verstehst, so bin ich dafür da, daß ich Deine Ansprüche vertreten muß, +oder Du hättest ein Recht, mir später einmal die bittersten Vorwürfe +darüber zu machen.« + +»Aber der Vater....« + +»Ist ein Träumer, der überall Gespenster sieht, weiter Nichts, und der +sich jetzt die Fenster verhängt und immer nur Nacht um sich haben will. +Kommt erst einmal der wirkliche Sonnenschein zu ihm herein, so wird er +auch einsehen daß er nur geträumt hat. Daß Du ihm dabei noch das Wort +redest, ist das Albernste was Du thun kannst, und ich hätte von Dir +gerade das Gegentheil erwartet. -- Du bist alt genug, Elise, daß Du +auch an eine Heirath denken kannst, und wen sollst Du denn hier in +unserm Garten kennen lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein +Vater sogar vor ein paar müssigen Spaziergängern verstecken will?« + +»Aber, liebe Mutter,« sagte Elise mit tiefem Erröthen, denn sie mußte +sonderbarer Weise gerade in diesem Augenblicke an den jungen Fremden im +Walde und an seinen Blumendiebstahl denken, »das hat denn doch wohl noch +lange, lange Zeit, und wenn der Vater --« + +»Ach was,« unterbrach sie die Mutter, »Du redest wie der Blinde von +den Farben -- Du bist zwanzig Jahr alt, Liese, und wenn wir die +nächsten sieben Jahre noch so fortleben, wie die letzten, so bist +Du _sieben_undzwanzig und kannst dann auch siebenunddreißig und +siebenundvierzig werden, ohne daß sich Jemand weiter um Dich bekümmert. +Nein, dafür muß _ich_, Deine _Mutter_, sorgen, und -- überlaß du _mir_ +das nur; ich werde schon mit Deinem Vater fertig.« + +Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen. Die Mutter begann wieder +an ihrer indessen vernachlässigten Arbeit, und Elise ging in ihr +Stübchen hinauf, um über eine ganze Menge der verschiedensten Dinge +nachzudenken, die ihr heute durch den Sinn gingen und den Kopf fast wirr +machten. Sonderbar, daß ihre Gedanken dabei immer wieder zu dem jungen +Fremden zurückflogen, den sie doch nur den kurzen Augenblick gesehen. +Weshalb mußte die Mutter auch gerade heute von ihrer Heirath sprechen +und dabei sagen, daß es die höchste Zeit sei, an etwas Derartiges zu +denken? -- -- + +Es war Abend und Nacht geworden, als die Sonne kaum hinter den hellblauen +Gebirgsrücken im Westen untergegangen war und vorher noch die leichten +darüber lagernden Wolkenzüge mit ihrem schönsten und rosigsten Licht +übergossen hatte. Rasch erbleichten aber die nur zu momentanem Leben +angehauchten Nebelbilder, und wie sie kaum erst in ein prachtvolles +Silbergrau übergingen, nahm dieses schon jene todte bleigraue Färbung +an, dem die Dunkelheit in den Tropen fast unmittelbar folgt. + +Die Comtesse Baulen hatte ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen +und ging, die Arme auf der Brust gekreuzt, das Kinn auf die zarte +Korallenschnur gesenkt, die ihren Hals schmückte, mit raschen, unruhigen +Schritten in dem kleinen Gemache auf und ab. Sie sah dabei nicht +einmal, daß es dunkelte und nach und nach völlig Nacht geworden war; +sie hörte nicht, daß ihre Mutter draußen schon zweimal angeklopft +und ihren Namen gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen Gedanken +beschäftigten ihren Geist, nur das eigene, unruhig pochende Herz +hielt sie oft krampfhaft mit beiden Händen fest, bis sie sich endlich, +körperlich ermattet, in einen Stuhl warf und dort wohl wieder eine volle +Stunde lang in dumpfem Brüten saß. + +Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt unerträglich. Sie stand auf, +zündete Licht an und griff dann das erste beste Buch auf, um sich zu +zerstreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn zu lenken. Da plötzlich +horchte sie auf, denn aus dem Garten, oder wenigstens aus den Büschen, +die ihn dicht umschlossen, trafen die melodischen Töne einer Violine ihr +Ohr. + +Es war die leise und klagend zum Herzen sprechende Melodie des Thüringer +Volksliedes: »Ach, wie ist's möglich, daß ich Dich lassen kann«, und wie +mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das einfache rührende Lied. Aber +wer spielte da? Zuerst glaubte sie, daß es Jemand aus der Ansiedelung +sei, der da zufällig vorübergehe -- aber der Spieler blieb auf derselben +Stelle, und durch das offene Fenster klangen die Töne, so leise er auch +spielte, voll und klar herein. -- + +Jetzt war Alles ruhig -- nur die Grillen zirpten, und aus dem Walde +heraus tönte das Gequak der Frösche. + +Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwermüthige Melodie +geendet hatte; es war, als ob eine Last von ihrer Seele genommen wäre, +und sie trat an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle Nacht +hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die Töne von derselben Stelle +herauf, aber dieses Mal in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand +gespielt, das in die tollsten Variationen überging und sich doch immer +wieder zuletzt in das einfache, zuerst angeschlagene Thema des +Volksliedes auflöste. + +Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster zurück. Galt das ihr? Und +wer war es denn, der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung brachte? +Vollrath vielleicht, aber sie wußte genau, daß er gar nicht Violine +spielte -- und wer dann? Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit +seiner Aufmerksamkeit geärgert hatte, war ein Violinspieler, aber ein +Stümper, und _diese_ Saiten belebte eine Meisterhand. + +Ohne recht zu wissen was sie that, löschte sie das Licht aus, um dadurch +die Aufmerksamkeit des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken +-- aber das gelang ihr nicht. Der räthselhafte Spieler ließ sich dadurch +nicht stören; nur das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer +weichere Melodien, bis die Töne zuletzt mehr und mehr verhallten und +wieder, wie vorher, das Schweigen der Nacht auf dem Walde lag. + +Helene wußte selber nicht wie ihr geschah. Daß jenes Ständchen _ihr_ +galt, konnte sie sich nicht verhehlen, und in dem melodischen Spiele, +in den vaterländischen Weisen schmolz der starre Trotz des schönen +Mädchens. Als die Melodie da draußen schon lange verklungen war, saß sie +noch immer, von der Gardine gedeckt, am offenen Fenster, und fühlte +nicht einmal, wie ihr die Thränen zwischen den zarten Fingern durch voll +und schwer in den Schooß tropften. + +Unten im Hause war der geheimnißvolle Musiker indessen auch nicht +unbeachtet geblieben. Oskar, der noch bis Dunkelwerden seinen neuen +»Sclaven« -- wie er Jeremias nannte -- angelernt hatte sein Pferd zu +behandeln, lag unten in der Stube auf dem Sopha lang ausgestreckt, und +pfiff, zum Ärger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im Geringsten +stören zu lassen, einen Walzer, als jenes eigenthümliche Ständchen +begann. + +Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, daß es irgend Jemand aus der +Ansiedelung sei, der mit seiner Violine da vorüber ginge. Als die Musik +aber immer auf derselben Stelle blieb, erst eine Weile schwieg und dann +wieder begann, schöpfte er Verdacht, daß das am Ende gar ein Ständchen +sein könne, was seiner Schwester gebracht würde, und sein Muthwille ließ +ihm natürlich keine Ruhe, dem auf die Spur zu kommen. + +Als er zuerst aus dem Fenster horchte, täuschte ihn der laute Ton gerade +so wie Helenen, und er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er +schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter die nächsten Büsche, +und hinter diesen, von seiner dunklen Kleidung begünstigt, immer weiter +vor. Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, daß sich der +Virtuose allerdings außer seiner Gerichtsbarkeit, aber doch nicht außer +seinem Bereiche befand, denn er erkannte durch die Hecke durch beim +Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete Gestalt, die dort an +einer jungen Palme lehnte. + +Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen, denn einestheils +beschattete es der Hut, und dann auch der Wipfel der niedern Palme +selber; aber das blieb sich auch gleich, und um einen muthwilligen +Streich auszuüben, dazu war ihm Freund und Feind gleich gut genug. + +Im Zimmer seiner Schwester hatte außerdem noch kurz vorher Licht gebrannt +und das Fenster war offen, ein Beweis, daß sie den Ständchenbringer +begünstigte, und deshalb Grund genug für ihn, ihm jeden Schabernak zu +spielen, der nur in seinen Kräften stand. Vorsichtig und rasch schlich +er zum Hause zurück und traf hier eben noch Jeremias, der seine Arbeit +beendet hatte, und gerade seine eigene Heimath -- eine Dachkammer bei +einem der Ansiedler -- aufsuchen wollte. + +»He, Jeremias, Du mußt mir noch einen Eimer Wasser holen,« redete er +diesen rasch und heimlich an. + +»Die Pferde haben gesoffen,« sagte Jeremias, »zu viel schadet Vieh und +Menschenkind.« + +»Ich will's nicht für die Pferde; dort steht der Eimer, aber ein Bißchen +rasch.« + +»Befindet sich allerdings nicht in unserm Contracte,« meinte Jeremias, +»aber was thut der Mensch nicht aus Gefälligkeit, junger Herr? Sollen +Ihren Eimer Wasser haben,« und seine Ärmel vorn aufkrämpend, ergriff er +den Eimer und ging zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn bald +gefüllt zurückbrachte. + +»So,« sagte Oskar, indem er einen Theil des Wassers wieder abschweppte, +»das ist ein Bißchen zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal +den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an die Hecke da drüben, wo der +verrückte Kerl die Violine quält -- hörst Du den Musikanten da drüben?« + +»Ja,« sagte Jeremias, und sah den jungen Grafen erwartungsvoll an. + +»Schön,« lachte der junge Bursche, »dem wollen wir einmal den Eimer über +den Hals gießen, um den holden Schwärmer etwas abzukühlen.« + +»So?« sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle zu rühren. + +»Na, vorwärts!« rief Oskar, auf den Eimer zeigend; »mach' schnell, ich +zeig' Dir den Platz wo er steckt, meine alte Jeremiade!« + +»Wissen Sie,« sagte Jeremias, ohne nur eine Hand zu regen oder eine +Miene zu machen, als ob er dem Befehle Folge leisten wolle, »davon steht +auch Nichts in unserem Contracte.« + +»Contract? Esel,« brummte Oskar, »wenn ich Dir sage, das thust Du, so +thust Du es, _das_ ist unser Contract, weiter Nichts.« + +»So?« meinte Jeremias, der den »Esel« als selbstverständlich hinnahm +-- »anderen Leuten Wasser in die Violine zu gießen, widerstreitet aber +meinen Grundsätzen, und wenn sich der Herr Graf eine Tracht Schläge für +unbefugtes Löschen, wo's gar nicht brennt, holen wollen -- mit dem +größten Vergnügen -- da steht der Eimer, Jeremias hat aber heute seinen +Sonntagsrock an und ist diesen Morgen in der Kirche gewesen -- was andere +Leute vielleicht _nicht_ von sich sagen können. Wünsche allerseits einen +guten Abend« -- und die Hände wieder in die Taschen schiebend, ging er +um den Eimer herum und zur Thür hinaus, ohne sich um den Grafen weiter +zu bekümmern. + +Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch hinterher, sah aber auch ein, +daß er mit dem dickköpfigen Burschen Nichts ausrichten könne. Nicht +gesonnen jedoch, den einmal gefaßten Plan so rasch aufzugeben, nahm er +jetzt selber den Eimer und schlich damit in den Garten. Ehe er übrigens +die Stelle erreichte, wo der nächtliche Musiker gestanden, verstummte +die Violine. Die letzten Töne waren verklungen und der Platz leer. Oskar +horchte noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber das Concert +war jedenfalls vorbei, das Zimmer seiner Schwester blieb dunkel, und mit +einem Fluche das Wasser über die nächsten Beete gießend, nahm er den +leeren Eimer zum Hause zurück. + + + + +5. + +Elise. + + +Am nächsten (Montag) Morgen standen schon um sieben Uhr früh drei +gesattelte Pferde vor dem Hause des Directors angebunden, denn dieser +hatte versprochen, Günther zu dem Beginne seiner Arbeiten zu begleiten, +und Könnern in dem Interesse, das er an der gestrigen Erscheinung nahm, +ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem kleinen Zuge, wenigstens +bis in den Wald hinein, anzuschließen. + +Allerdings wünschte der Director, daß er, wenn er jagen wolle, sich +einen Führer mitnehmen möge, da er sich sonst leicht in den wilden und +schwerdurchdringlichen Wäldern verirren könne. Dies wies Könnern jedoch +lächelnd zurück und erklärte, daß er zu lange in den amerikanischen, +auch ziemlich dichten Wäldern gejagt habe, um etwas Derartiges zu +befürchten. Ein Führer störte ihn dabei nur auf einem wirklichen +Pirschgange, und er konnte sich im Walde wohl vergehen, daß er genöthigt +war einen Umweg zu machen, aber nie verirren, denn er hatte sich dafür +zu genau den Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritte unter +Santa Clara vorbeiströmende Fluß nahm, und den mußte er immer wieder +treffen, sobald er mit Hülfe seines Compasses die Richtung darauf zu +nahm. + +So früh kamen sie aber an diesem Morgen doch nicht fort, denn erstens +nahm ihnen das Frühstück noch etwa eine halbe Stunde weg, und dann kamen +noch eine Menge Leute, die den Director in irgend einer wichtigen oder +unwichtigen Angelegenheit zu sprechen hatten, und er mußte wenigstens +anhören, was sie von ihm wollten. + +Es war halb neun Uhr geworden, als die drei Männer endlich mit den +nöthigen Begleitern aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers, +wie auch einige Provisionen zu tragen hatten. Könnern ließ übrigens +seine Mappe heute noch zu Hause, und nahm nur seine Büchsflinte mit, +wenn er sich auch eben keine große Jagd versprach. Der Wald ist dort zu +dicht, um nahe den Ansiedelungen, wo die Bauern überdies Sonntags noch +mit ihren Flinten herumknallen, irgend einen bedeutenden Erfolg zu +versprechen. + +Sie ritten heute gerade durch das kleine Städtchen durch, und den beiden +Fremden konnte es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst in +dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch angesiedelt hatten, als +ob sie noch daheim im alten Vaterlande lebten. + +Die Schilder an den verschiedenen Häusern trugen überall deutsche Namen +in deutscher Schrift, deutsche Kinder mit ihren Flachsköpfen und dicken, +gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den Thüren. Bauerfrauen +in ihren wollenen rothen Unterröcken wuschen ihr Geschirr hier unter +den Palmen, wie sie es daheim unter der alten Linde gethan hatten, und +deutsche Handwerker, in Schurzfell und Pantoffeln, waren eifrig dabei, +ihren verschiedenen Geschäften obzuliegen. + +Nur ein einziges Haus passirten sie, das fremdartig aussah. Es war ein +kleines niederes Gebäude, von Stein aufgeführt, mit offenen Thüren und +Fenstern, durch die man in ein paar anscheinend leere Räume hineinsah +-- es hingen wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie sie die +ärmlichste deutsche Wohnung zeigte, und die Wände sahen leer und +kahl aus. Einzelne Möbel verriethen aber doch, daß dieses Haus nicht +verlassen sei, und auf der einen Commode sah Könnern auch im Vorbeireiten +ein Paar vergoldete Porzellan-Vasen und einige andere derartige +Spielereien stehen. + +Dort wohnte der portugiesische Delegado[2], und ein paar Negerjungen +kauerten vor der Thür in der Sonne und ließen sich von einem grauen, +vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter ablecken. + + [Fußnote 2: Eine Magistratsperson, die Polizeigewalt in den Colonien + hat.] + +Am Ende der Straße war die Schule; anstatt aber, daß die Kinder jetzt +eifrig darin mit Lernen beschäftigt sein sollten, lärmten sie in wildem, +wüstem Geschrei vor der Thür umher, prügelten sich, haschten sich und +trieben allerlei tolle Spiele. Der Director hielt mitten unter ihnen +sein Pferd an. + +»Hallo, Ihr kleine Bande,« rief er aus, »was ist das? Weshalb steckt Ihr +nicht da drinnen, wohin Ihr gehört, und stellt hier auf der Straße die +Stadt auf den Kopf?« + +»Ja, Herr Director,« sagte einer der älteren Jungen, der ihn kannte, +indem er die Mütze von dem struppigen Haare herunterzog, »der Schulmeister +ist nicht da und die Thür ist zu.« + +»Der Schulmeister ist nicht da?« fragte der Director erstaunt; »und +weshalb habt ihr ihn noch nicht geholt?« + +»Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze Nacht nicht heimgekommen,« +lautete die Antwort. + +Ein sehr elegant gekleideter Herr mit weißer Wäsche, goldener Uhrkette, +einigen Ringen an den Fingern und einem Panamahute auf, der aber +sonderbarer Weise statt der Stiefel ein Paar sehr bunt gestickte +Pantoffeln und einen Zahnstocher hinter dem rechten Ohre hatte, kam um +die nächste Ecke und grüßte den Director und seine Begleiter freundlich. +Es war der Delegado. + +»Ah, mein lieber Director,« redete dieser Sarno in portugiesischer +Sprache an, »das wird immer ärger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben +höre, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend spät oben am Flusse und +etwa eine Legoa von hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und +dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um seinen Rausch auszuschlafen. +Meines Nachbars Kinder kamen heute Morgen wieder zurück, weil sie nicht +in die Schulstube konnten.« + +»Wer ist denn das, der da die Straße herunter taumelt,« sagte Könnern, +nach jener Richtung zeigend. + +»Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister!« jubelten ihm da auch schon +eine Anzahl Jungen, die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gefühle +entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben. »wie er schräg geht +-- und jetzt stolpert er! Hoh, hoh, hoh, der Schulmeister!« + +Es war allerdings jenes unglückliche Individuum, das sich in _solchem_ +Zustande zu keinem ungünstigeren Momente hätte zeigen können. Der +Director gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ihm entgegen, und +während der zeitweilige Schulmonarch die gläsernen Augen zu Sarno +aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer Heftigkeit fast erstickter +Stimme an: + +»Herr, schämen Sie sich nicht, hier am hellen Tage wie eine _Sau_ umher +zu gehen, und wären Sie nicht werth, daß ich --« er schwieg, und die +Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schloß sich ordentlich +krampfhaft um den Griff derselben. + +»Pfehle mich Ihnen, Herr Director,« stammelte der Unglückliche mit +schwerer Zunge, vergebens dabei bemüht sich gerade zu halten, »sehr +angenehm so am frühen Morgen -- sehr schöner Morgen heute, Herr +Director -- sehr schöner Morgen.« + +Der Director wandte sein Pferd in Ekel von dem Trunkenen und ritt +langsam zu dem Portugiesen zurück. Die Schuljugend indessen wartete nur +den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser Beiden enthoben wäre, um mit +einem wahren Jubel über ihren entwürdigten Lehrer herzufallen. + +»Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,« stöhnte der Director, bei +dem Delegado angelangt. + +»Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt,« sagte der Portugiese +mit einem spöttischen Lächeln. »Wollen wir ihn aber nicht lieber in +Sicherheit bringen. Sobald wir den Rücken wenden, fällt das junge +Deutschland jedenfalls über ihn her.« + +»Ich habe Nichts dagegen,« rief der Director, »und wenn sie ihm die +Kleider in Fetzen vom Leibe reißen! Kommen Sie, Schwartzau, kommen Sie +-- o, ich vergaß, die Herren vorzustellen: Dom Franklin Brasileiro Lima +-- zwei Freunde von mir, Landsleute, Dom Könnern und Dom Schwartzau, der +letztere unser durch die Regierung hergesandter Landvermesser.« + +Der Portugiese machte eine stumme und etwas steife Verbeugung, nahm dann +den Zahnstocher hinter dem Ohre vor und sammelte die Überreste seines +Frühstücks. + +Sie standen gerade vor einem der kleinen Häuser, über dem ein hellgelbes +Schild mit rothen Buchstaben den Namen _Pilger_ -- _Schuhmacher_ trug, +und Könnern hatte schon, weniger bei dem Schulmeister interessirt, ein +paar Mal eine allerliebste junge Frau am Fenster gesehen, die einen +Blick nach ihrer Gruppe herüber warf und dann wieder in dem Dunkel der +innern Stube verschwand. Der Portugiese stand mit dem Rücken nach der +Thür zu, als der Schuhmacher, ein großer, breitschultriger Mann in +seinen besten Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Käppchen auf und +die Hemdärmel in die Höhe gestreift, hinter ihn auf den Schwellenstein +trat und, seine breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend, mit +ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch sagte: + +»Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause treffe, Delegado, so schlage +ich Euch jeden Knochen in Eurem erbärmlichen Leibe zusammen. Habt Ihr +mich verstanden? Guten Morgen, meine Herren,« wandte er sich dann, +als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorgefallen wäre, an den +Director und seine Begleiter; »entschuldigen Sie, daß ich mich mit dem +Lump in Ihrer Gegenwart unterhalten habe.« + +Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden, und seine kleinen, +schwarzen Augen schienen Feuer zu sprühen. Endlich hatte er sich so weit +wenigstens gesammelt, um zu erwiedern, und er sagte, ohne den Handwerker +jedoch eines Blickes zu würdigen: + +»Wenn Ihr Eure Frau mißhandelt, und nicht wißt was Ihr einer Frau an +Achtung schuldig seid, so ist es Sache der Obrigkeit dazwischen zu +treten.« + +»Und weshalb _hab_' ich meine Frau mißhandelt, Du Lump, Du?« rief der +Schuhmacher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann. + +»Pilger, bedenkt was Ihr sagt!« unterbrach ihn der Director rasch. + +»Ach was, Herr Director -- Nichts für ungut,« zürnte der Mann; »ich weiß +recht gut was ich rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado ist, oder +wie das Ding heißt, so sollte er sich nur um so mehr schämen, Unfrieden +und Unglück in die Häuser zu tragen. Aber, Gott verdamm' mich! finde ich +ihn noch einmal auf der andern Seite von der Schwelle da, so geschieht +ein Unglück. Das will ich ihm vorausgesagt haben.« + +Der Portugiese verstand nicht die letzten heftigen, in Deutsch +gesprochenen Worte, aber er mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die +Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht falsch zu verstehen. Er +drehte jedoch nur, mit dem Ausdrucke der höchsten Verachtung in den +Zügen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn selber anzusehen, sagte: +»Wir sprechen uns noch!« und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln, +mit einer leichten Verbeugung gegen den Director und seine Begleiter, +die Straße wieder hinauf. + +Könnern's Blick beobachtete indessen das Fenster, hinter dem er die +junge Frau gesehen, und er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu +vortrat, um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren was da draußen +vorging. Sobald sie aber des Fremden Blick auf sich haften fand, +verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum Vorscheine. + +»Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,« sagte der Director +warnend. + +»Eben deshalb weil ich Frieden haben will,« meinte der Schuhmacher, +»halte ich mir den verdammten Bleifuß aus dem Hause, und gnade ihm Gott, +wenn ich ihn da wieder einmal treffe, wo er nicht hingehört -- guten +Morgen meine Herren,« und damit drehte er sich ruhig um und trat in +sein Haus zurück. + +Die Schuljugend war indessen ein sehr interessirter Zuschauer bei den +Bewegungen ihres sonst so gefürchteten Meisters gewesen, denn der junge +Schulmonarch führte seinen Stock gewöhnlich mit unerbittlicher Gewalt. +Einer der Nachbarn aber, den der arme Teufel in diesem Zustande dauerte, +trat vor seine Thür, nahm ihn ohne Weiteres unter den Arm und führte ihn +in sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch ausschlafen könne. Der +Director schickte dann die Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel +durch die verschiedenen Straßen vertheilten. + +»Das ist ja ein recht hübsches Exemplar von einem Schulmeister,« lachte +Günther, als sie ihren Weg wieder aufgenommen hatten. + +»Das sei Gott geklagt!« seufzte der Director; »jetzt sitzen wir wieder +in der Ansiedelung auf dem Trockenen und die ganze Kinderwelt hat +Ferien, bis sich ein neues, eben so unbekanntes, vielleicht eben so +untaugliches Individuum dazu hergiebt, das Amt des Schullehrers zu +übernehmen.« + +»Und Ihr Delegado?« fragte Könnern; »die Sache scheint nicht ganz +richtig zu sein.« + +»Ist auch so ein Lump, den wir der Güte der Frau Präsidentin verdanken. +Der Teufel mag da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel zu +thun hat, und ihnen doch nicht, in dem engen Kreislauf unseres hiesigen +Lebens, ausweichen _kann_. Übrigens ist das auch derselbe Herr, der da +drüben die Brücke gebaut hat, welche ihm von der Regierung -- nachdem +sie kaum beendet und schon wieder eingestürzt war -- mit achtzehn Contos +de Reis bezahlt wurde. Es geht doch Nichts über Protection! Und wenn ich +ein oder zwei Contos verlange, nur um die nöthigsten Bauten hier, ein +neues Auswanderungs-Haus oder dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwürfe +von Oben, daß ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum Henker damit! Wir +wollen uns den schönen Morgen nicht durch derartige Dinge verbittern, +und der Lump verdient gar nicht, daß ich mich über ihn ärgere. Kommen +Sie, lassen Sie die Pferde ein Wenig schärfer austraben, denn wir haben +eine Menge werthvolle Zeit versäumt und unsere Träger und Arbeiter sind +uns schon, wer weiß wie weit, voraus.« + +Eben hatten sie die letzten Häuser hinter sich, als ihnen wieder der +Baron begegnete, und wie er den Director erkannte, diesem ein Zeichen +machte, daß er ihn zu sprechen wünsche. Der Director hielt an, während +Könnern und Schwartzau vorausritten. + +»Ach, Herr Director, nur auf ein Wort,« sagte der etwas umständliche +Baron mit einer achtungsvollen Verbeugung; »dürfte ich Sie bitten, mir +aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?« + +»Warum nicht -- aber ich bin heute Morgen etwas in Eile.« + +»Ich will Ihre werthvolle Zeit nur für Secunden in Anspruch nehmen. Hat +sich die Frau Gräfin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?« + +Der Director lächelte. + +»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob die Frage gerade discret ist.« + +»Geschäftssache,« vertheidigte sich der Baron vor diesem furchtbaren +Verdachte; »Sie werden doch nicht glauben, daß ich --« + +»Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimniß daraus zu machen. Ja +-- zu irgend einer ihrer zahlreichen Unternehmungen.« + +»Cigarren?« + +»Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.« + +»Ich danke Ihnen,« sagte der Baron, von dem Pferde zurücktretend. + +»Ich hoffe doch nicht, daß _Sie_ sich damit einlassen werden?« fragte +der Director jetzt seinerseits. + +»Ich bedaure unendlich nicht die Mittel zu haben, ein so gemeinnütziges +Unternehmen zu unterstützen,« erwiederte der Baron, gerade etwa mit +derselben Betonung und in derselben Stellung, als ob er der Frau Gräfin +selber gegenüber stände. + +Der Director lachte, grüßte den Baron flüchtig und sprengte dann den Weg +hinauf, die beiden vorangerittenen Freunde einzuholen. + +Zwischen den Männern wurde weiter kein Wort gewechselt, bis sie den +eigentlichen Platz erreicht hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung +beginnen sollte, und da dies das Terrain war, welches dem Colonisten +Meier gehörte, so war es nöthig, daß er dazu gerufen wurde. + +Während Günther seine Bussole auspackte und aufstellte, die nöthigen +Vorbereitungen zum Beginne traf und seine Leute instruirte, was sie +zu thun hätten -- denn bei einer solchen Arbeit ist es besonders +nothwendig, daß sich der Vermesser und seine Kettenträger vollkommen +gut verstehen -- ritt der Director nach dem Hause hinüber, um den +Menschenfeind in Kenntniß zu setzen und abzuholen, und Könnern bot sich +ihm natürlich zum Begleiter an. + +Die Gartenthür war verschlossen; zufällig kam aber gerade ein kürzlich +angenommener Arbeiter heraus, und da er den Director kannte, machte er +nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu lassen. + +»Gehen Sie nur da gerade aus, Herr Director,« sagte er, auf eine kleine +Biegung des Weges zeigend, »dort gleich rechts ist eine Laube, in der +finden Sie die ganze Familie beim Frühstück.« + +»Der wird uns ein schönes Gesicht schneiden, wenn wir ihm so plötzlich +über den Hals kommen!« lachte der Director, als sie den breiten und +vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; »aber ich kann ihm nicht +helfen. Es liegt auch in seinem eigenen Interesse, daß er weiß wo seine +Gränzen laufen -- aber da sitzt die Familie -- jetzt können Sie auch +Ihre Brünette wieder begrüßen.« + +Könnern erwiederte kein Wort; es war ihm ganz sonderbar beklommen um's +Herz, und ein Gefühl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher +Weise in den Kreis einer Familie stehle, in der er jetzt fast bezweifelte, +daß er gern gesehen sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu längerer +Überlegung, denn wenige Secunden später waren sie schon von der Familie +bemerkt, die überrascht emporschaute, als sie die Fremden plötzlich in +dem Garten entdeckte. + +Meier saß ihnen mit dem Rücken zugewandt, links von ihm seine Frau, +rechts seine Tochter, und schon als er die Schritte hinter sich hörte, +hatte er sich halb umgedreht und beschattete dabei die Augen mit der +Hand. Dann wandte er den Kopf wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der +Rocktasche und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt hatte, um die +Fremden besser erkennen und dann begrüßen zu können. + +Elise war ebenfalls tief erröthend aufgestanden, als sie auf den ersten +Blick den Fremden von gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung, +da sie ihrerseits auch den einen Fremden -- den Director kannte sie +schon von früher her -- aufmerksam musterte. + +»Mein lieber Herr Meier, ich muß um Entschuldigung bitten,« sagte der +Director, auf ihn zugehend -- »aber bitte, mein liebes Fräulein, wollen +Sie nicht Platz behalten --, ich will Sie auch nicht lange stören und +Ihnen nur anzeigen, daß wir hier auf Ihrem Grundstücke zu vermessen +anfangen, weshalb es vielleicht besser wäre, daß Sie mit hinausgingen. +Sie wissen ja auch am besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener +Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir wollen sehen, daß wir jetzt +die ganze Sache wieder in Ordnung bringen.« + +»Sehr angenehm, Herr Director,« sagte Meier mit einer etwas ängstlichen +und dadurch ungeschickten Verbeugung -- »sehr angenehm in der That, und +äußerst dankbar -- der Herr ist wohl der Vermesser, wenn ich fragen +darf?« + +Könnern erröthete bis in den Nacken hinein, als er so selber gezwungen +wurde zu erklären, daß er hier eigentlich gar Nichts zu suchen habe. + +»Ich besonders muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte er mit einem +unwillkürlichen Seitenblick auf Elise, »daß ich mich hier eingedrängt +habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon draußen bei seiner Arbeit +ist, sondern nur ein wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren +heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes schöne Erde nach allen +Richtungen hin zu durchstreifen. Mit dem Herrn Director durch meinen +Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute Morgen angeschlossen, +und nur auf die allbekannte brasilianische Gastfreundschaft fußend, +wagte ich es, Ihnen meine Gesellschaft für wenige Minuten aufzudringen.« + +»Herr Bernard Könnern,« stellte ihn der Director vor. + +»Sie sind uns herzlich willkommen,« sagte die Frau, der die edle +männliche Gestalt des jungen Mannes, wie sein bescheidenes Benehmen von +vorn herein gefallen hatte -- »Entschuldigungen wären ja auch gar nicht +am Platze -- bitte, setzen Sie sich -- trinken die Herren vielleicht +eine Tasse Kaffee mit uns?« + +Sie winkte der Tochter, und ehe sich die Gäste entschuldigen konnten, +sprang Elise -- überhaupt froh, dazu Gelegenheit zu bekommen -- rasch in +das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen. + +Meier, also gedrängt, konnte nicht anders, als die einmal geschehene +Einladung unterstützen. Mit einer Handbewegung bat er seine Gäste, Platz +zu nehmen, und das Gespräch zwischen ihm und dem Director wandte sich +dann natürlich gleich der sie beide am Meisten interessirenden +Veranlassung zu. + +Elisens Mutter ließ sich indessen in ein Gespräch mit Könnern ein, von +dem sie bald erfuhr, daß er Deutschland schon seit einer Reihe von +Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika durchstreift +habe, theils um zu jagen, theils um Skizzen und Studien für seine Mappe +zu sammeln. + +Meier, obgleich in eifrigem Gespräche mit dem Director, hatte sich doch +kein Wort von der anderen Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei +ein paar Mal halb unbewußt und zufrieden mit dem Kopfe. Er schien auch +mehr und mehr aufzuthauen und die bisherige Scheu abzulegen, und als +Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte, rückte er mit zum +Tische und unterhielt sich selber mit dem jungen Manne. + +»Ich will Ihnen Etwas sagen, Könnern,« unterbrach der Director das +Gespräch, »ich gehe jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde hinaus, +um die Sache erst einmal in Gang zu bringen. Das beschäftigt mich keine +halbe Stunde; dann komme ich hierher zurück, hole Sie ab und begleite +Sie nachher bis zu der Mündung eines gar nicht entfernten Thales, dem +Sie aufwärts folgen, und nachher vielleicht doch noch Wild zum Schuß +bekommen können. Hier oben auf der Hochebene glaube ich schwerlich, daß +Sie irgend Etwas antreffen, das der Mühe lohnte danach zu feuern.« + +»Das wäre recht schön,« sagte Könnern wieder mit einem unwillkürlichen +Blicke nach Elisen; »wenn ich nur auch gewiß wüßte, daß ich den Damen +hier indessen nicht zur Last fiele.« + +»Nicht im Geringsten,« antwortete die Mutter -- »kennen Sie unser +Land noch nicht und sind Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie +indessen Gelegenheit, sich in unserm Garten umzusehen; denn mein Mann +hat sich große Mühe gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gewächse +hier zu sammeln -- Elise mag Sie herumführen.« + +»Ich wäre unendlich glücklich, wenn die junge Dame...« stammelte +Könnern. + +»Nun, sehen Sie,« sagte der Director, »da sind Sie ja gleich untergebracht, +und werden es wohl so lange aushalten können. In einer halben Stunde +sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen also mit, Herr Meier?« + +»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte der Angeredete mit +dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lächeln -- »Ich selber bin gerade +beschäftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, der sich +vortrefflich in alle diese Sachen zu finden weiß. Wenn Sie nur so +freundlich sein wollen, ihm meine Gränzlinien zu zeigen, so wird er sie +sich selber markiren und ich dann schon Sorge tragen, daß sie später +dauernd gekennzeichnet werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin gerade +mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, die ich nicht gern unterbrechen +möchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude, +wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe -- Bücher sind seltener in +Brasilien, als Blumen.« + +»Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!« sagte Könnern, der sich heute +merkwürdiger Weise dafür besonders interessirte, obgleich er nicht das +Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich schon erhoben hatte, +stand er ebenfalls auf, um sie durch den Garten zu begleiten. + +»Sie scheinen sich besonders für Blumen zu interessiren,« sagte das +junge Mädchen, während sie den halben Garten lang schon schweigend neben +Könnern hingeschritten war, ohne daß dieser einen Punkt gefunden hätte, +ein Gespräch anzuknüpfen. Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches +Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb verstohlen die Züge +ihres Begleiters, senkte sich aber blitzschnell wieder zu Boden, als +sich dieser, von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen sie wandte. + +»Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?« + +»Weil Sie -- die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen,« erwiederte Elise, +aber sie wagte nicht den Blick zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, +daß sie den darin liegenden Muthwillen verrathen würde. + +»Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?« forschte Könnern weiter, +denn er begann jetzt in der That mißtrauisch zu werden, ob er gestern +seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe. + +»Und welchen andern Grund sollte ich haben?« sagte Elise, und sah ihm +jetzt so voll und ehrlich in's Auge, daß er seinen Blick fast erschreckt +vor den hellen Sternen zu Boden senkte. + +»Zürnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage wegen,« sagte er leise; +»aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer +Begleitung den staubigen Büchern -- wahrscheinlich _ohne_ dieselbe +-- vorgezogen habe.« + +»Ich wäre wirklich neugierig ihn zu hören,« lächelte Elise, fühlte aber +doch, daß sie, vielleicht unmerkbar, dabei erröthete. + +»Er ist einfach,« sagte Könnern treuherzig, »und in dem Leben eines +Jägers und Herumtreibers, wie ich leider einer bin, allein begründet. +Wir sehen Gottes schöne Welt in all' ihrer wundervollen Pracht, in allen +Zonen, sehen sie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Öde, in ihren +großartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten Winkeln und Ecken, +aber -- wohin wir kommen, sind wir immer nur Fremde und Heimathlose. +-- Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber eines stillen Familienkreises +gehangen haben mag, da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel +hinausgestoßen, und wenn sich in der friedlichen Abendstunde alle +Menschen, mit denen wir in flüchtige Berührung gekommen, in das Asyl +ihres eigenen Heerdes zurückziehen, wenn sie sich gewissermaßen in dem +Kreise der Ihren die Belohnung holen für das, was sie den Tag über +gewirkt und geschafft, dann liegen _wir_ an einem einsamen Lagerfeuer, +oder vielleicht noch schlimmer, in einem erbärmlichen, unfreundlichen +Wirthshause, und dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß wir über +Tag Alles zu haben meinten, was der Mensch nur wünschen kann, und daß +uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück des +Menschen gehört. + +»Mit Einem Worte, es fehlt uns da draußen der Umgang mit sanften Frauen, +das mildernde Element im Leben des Mannes, der sich seinen Weg nur das +ganze Jahr durch seine rauhe und wilde Umgebung erkämpfen muß. Wo wir +deshalb auch immer so ein liebes, freundliches Frauenbild finden, da +sehen wir in _ihren_ Augen den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim +verlassenen Häuslichkeit, und wenn auch die Freude, die wir dabei +empfinden, eine Art von Heimweh sein mag, so regt sich doch auch +zugleich Alles wieder in unserm Herzen, was gut und edel, und die ganze +Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat. Ich weiß nicht, liebes +Fräulein, ob Sie mich verstanden?« + +»Ich glaube ja,« flüsterte Elise, und es war ihr in dem Augenblicke +fast, als ob sie selber eine lange, öde Strecke allein und freudlos +durch die Welt gezogen sei, und jetzt eben aus weiter, weiter Ferne das +Geläute ihrer heimischen Glocken gehört habe. Und doch durchzuckte sie +dabei auch wieder ein wehes Gefühl, wenn sie sich das auch selber nicht +einmal gestehen mochte -- aber es war nur der flüchtige Gedanke, daß der +Fremde also gestern auch die Blumen da draußen gar nicht _ihret_wegen +an sich genommen und aufgehoben habe. Nur die Erinnerung an die Heimath +-- vielleicht an ein anderes liebes Wesen, das dort seiner warte, hatte +ihn in dem Augenblicke erfaßt, und das tiefe Gefühl selbst, das aus +seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach, galt nicht der Gegenwart, +sondern war allein der Wiederglanz eines verlorenen oder lang entbehrten +Glückes daheim. + +Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit lang schweigend durch den +Garten, Jeder mit seinen eigenen Gedanken voll beschäftigt. + +»Wie das schön ist in dieser herrlichen, tropischen Welt!« brach endlich +Könnern das Schweigen; »wie wohl die warme Luft dem Körper thut, und wie +zierlich jene herrlichen Baumformen die schönsten, natürlichsten Gruppen +bilden. Die Eingeborenen hier müssen doch eigentlich recht glückliche +Menschen sein.« + +»Und warum nur die Eingeborenen?« fragte Elise. + +»Weil sie bloß der Gegenwart zu leben brauchen,« sagte Könnern; »sie haben +Nichts in der Welt, das ihnen den Genuß des Augenblickes verkümmern +könnte, keine Erinnerung, die sie zurückzieht, keine Sehnsucht nach +irgend einem verlassenen Spielplatze der Kindheit. Fühlt sich nicht +selbst der Lappländer in seiner Schneewüste, in seiner rauchigen Hütte, +in Schmutz und Elend glücklich, nur weil es seine Heimath ist, wie viel +mehr denn könnte es der Brasilianer in seinen Palmenwäldern und +Orangenduft?« + +»Und hängen Sie noch so sehr an der Heimath?« + +»Du lieber Gott,« sagte Könnern, »ich habe eigentlich nicht viel dort +zurückgelassen, was mich binden könnte. Meine Eltern sind beide todt, +und nach so langer Abwesenheit von daheim darf ich kaum hoffen, daß, +außer einem Bruder, der mir dort lebt, meine Freunde _mir_ eben das +warme Herz bewahrt haben, das ich zurückbringe. Man sagt ja sogar, daß +das Heimweh nur durch eine Rückkehr in die Heimath so gründlich curirt +werden könne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch liegt ein eigener +Zauber über dem Platze, auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich +weiß nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden könnte, selbst +Brasilien zu meinem steten Aufenthalte zu wählen, ehe ich den heimischen +Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen hätte. Fühlen _Sie +kein_ solches Verlangen?« + +»Ich war noch ein halbes Kind als ich Deutschland verließ,« sagte Elise; +»kannte ich doch damals Nichts als das Vaterhaus, und da meine Eltern +mit herüber kamen, vermißte ich kaum Etwas aus dem alten Vaterlande. +Wohl steigt manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die Heimath +wieder zu sehen, aber es ist mehr ein unbestimmtes Gefühl, das keinen +festen und gewissen Anhaltspunkt hat, und deshalb auch nicht so mächtig, +um mich lange und ernsthaft in Anspruch zu nehmen.« + +»Aber Sie führen doch ein recht einsames Leben hier oben.« + +»Ich bin kein anderes gewöhnt,« sagte Elise, während aber doch ein +leichter Seufzer ihre Brust hob; »Vater und Mutter sind so gut mit mir, +und Alles, was ich brauche, habe ich im Überfluß. Was könnte mir die +geräuschvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon sehe, +desto weniger gefällt sie mir, und ich habe es dem Vater oft schon im +Stillen gedankt, daß er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr mit +der Ansiedelung abgeschlossen.« + +»Aber was _haben_ Sie schon davon gesehen?« + +»Was? O, viel!« sagte Elise erstaunt. »lärmende, trunkene Menschen, die +gar nicht selten unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im Überfluß, +und Zank und Streit, Neid und Haß der einzelnen Colonisten, die manchmal +den Vater bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit sie keinen +Advocaten anzunehmen brauchen. Es ist recht traurig, daß die Menschen +nicht in Frieden neben einander leben können, und Vater hat gewiß ganz +Recht gehabt, daß er sich von ihnen zurückgezogen. Wir leben jetzt hier +viel glücklicher in unserer Einsamkeit, wo wir Nichts von all' dem Lärm +und Unfrieden zu hören bekommen -- und doch sehnt sich Mutter hinaus und +zurück in die Welt.« + +»Sind Sie schon lange in Brasilien?« + +»Sieben Jahre mögen es sein -- vielleicht etwas weniger, und damals war +die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst wenige Häuser +standen. Erst in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher +den Weg zu finden -- der Vater sagt, weil ihnen lügenhafte Speculanten +vorgeschwindelt hätten, daß der Boden hier so außerordentlich fruchtbar +sei -- und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen +voll von ihnen ankommen.« + +»Das ist auch jetzt wieder der Fall,« meinte Könnern, »und wir sind +gerade heute heraufgekommen, um das nächstgelegene Land für neue +Colonisten auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich auch hier oben +eine Menge neuer Nachbarn bekommen.« + +»Dann zieht Vater gewiß weg von hier,« lachte Elise, »denn er hat schon +oft davon gesprochen, so hübsch er den Platz auch mag eingerichtet +haben. Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wäre, Vater säße schon lange +wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.« + +»Aber weshalb scheut er die Menschen so? Haben sie ihm je Etwas zu Leide +gethan?« + +»Ich weiß es nicht,« sagte Elise treuherzig; »er spricht nie darüber und +hat sogar --« sie schwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre +Wangen. + +»Was hat er?« fragte Könnern, weniger aus Interesse an der Frage, als an +der Jungfrau selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen ganz +eigenen Zauber über ihn auszuüben begann. + +»O Nichts,« sagte Elise leise; »Vater hat manchmal ganz sonderbare +Einfälle, wenn er sich damit nur ihm lästige Menschen abhalten kann.« + +»Und glauben Sie, liebes Fräulein, daß es ihm unangenehm wäre, wenn ich +vielleicht noch einmal herauf käme, ehe ich die Colonie verließe?« + +»Sie wollen schon wieder fort?« fragte das junge Mädchen fast +erschreckt, und erschrak doch noch mehr eigentlich über die Frage +selber. + +»Möglich ist es, daß ich noch mehrere Tage, vielleicht sogar einige +Wochen in der Nachbarschaft bleibe,« sagte der junge Mann; »es hängt das +von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die vielleicht schon mit +dem nächsten Postdampfer eintreffen können. Aber Sie haben mir _meine_ +Frage nicht beantwortet.« + +»Welche Frage?« + +»Ob es Ihr Vater ungern sehen würde, wenn ich herauf käme um -- Abschied +von Ihnen zu nehmen,« sagte Könnern, und es war ihm selber ein ganz +eigenes, wehes Gefühl, als er die Worte sprach. + +»Ob es der _Vater_ ungern sehen würde,« sagte Elise, und ein leises, +fast wehmüthiges Lächeln stahl sich über ihre Züge, »weiß ich freilich +nicht; _ich_ aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie -- so +bald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten.« + +Könnern wollte ihr Etwas darauf antworten, aber er vermochte es nicht. +Irgend eine leere Redensart paßte nicht auf die aus dem Herzen kommenden +Worte des einfachen Mädchens, und hätte er ihr so darauf erwiedert, +wie es ihm sein eigen Herz eingab -- das ging nicht -- das war nicht +möglich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte endlich mit tiefem Gefühle: + +»Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei dessen Ankunft sich Jemand +freut, dessen Abschied Jemanden betrübt. Ich will die Worte so einfach +nehmen, wie sie gesprochen waren, aber sein Sie versichert, mein +Fräulein, daß sie mir stets eine liebe, liebe Erinnerung bleiben +werden.« + +Elise sah ihn fast etwas bestürzt an. Hatte sie mehr gesagt, wie sie +eigentlich durfte -- Du lieber Gott, sie war ja fast jedes geselligen +Umganges entwöhnt. Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr sie fort: + +»Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen Umgang entbehrt, daß +man es uns wahrlich nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die +Einsamkeit, ja Öde einmal durch einen freundlichen Besuch gestört zu +sehen.« + +»Ich habe es auch nicht anders verstanden, liebes Fräulein,« sagte +Könnern mit einem Seufzer, »und doch danke ich Ihnen dafür. Aber Ihre +Frau Mutter scheint Sie zu suchen -- und dort hält auch der Director +schon wieder, mich erwartend, vor der Thür. So rasch ist die Zeit +vergangen, und ich glaubte, daß wir erst wenige Minuten im Garten +gewesen wären.« + +»Leben Sie wohl!« sagte Elise, ihm freundlich und ohne Rückhalt die Hand +zum Abschied reichend. + +»Leben Sie wohl, liebes Fräulein!« sagte der junge Mann, und er war +einen Moment unschlüssig, ob er die ihm gereichte Hand an die Lippen +heben solle, aber er bezwang sich, machte ihr eine ehrfurchtsvolle +Verbeugung und verließ rasch den Garten. + + + + +6. + +Zuhbel's Chagra. + + +Der Director wandte sein Pferd, als er Könnern auf sich zukommen sah, +und ritt ihm voran die schmale Straße entlang. + +»Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?« sagte er endlich, als sie +sich weit genug von Haus und Garten befanden, um nicht mehr von dort +gehört zu werden; »nicht wahr, die Tochter ist nicht so übel?« + +»Nein, ein ganz hübsches Mädchen,« sagte Könnern und schämte sich fast +vor sich selber dabei, des profanen Urtheils wegen, denn es schien ihm +eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen Herzens. +Glücklicher Weise verhinderte aber der enge Weg hier eine längere +Unterhaltung. Eine Viertelstunde später zeigte ihm der Director das +Thal, dem er folgen könne, um einmal den Wald und die Nachbarschaft ein +Wenig kennen zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein Pferd +einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor einem zu langen Streifzuge, +damit er sich nicht doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann +seinen eigenen Weg fort, Könnern sich selber überlassend. + +Der junge Mann athmete tief auf, als er sich endlich allein im Walde +sah; er fühlte das Bedürfniß, seinen Gedanken ungestört nachhängen zu +können, und ein so eifriger Jäger er sonst auch sein mochte, heute +vergaß er fast, weshalb er in den Wald gekommen, und ließ seinem Pferde +willenlos den Zügel, einen Fußpfad zu verfolgen, der in dem Thale +hinauflief. Dort oben sollte er noch eine Chagra, die letzte, erreichen, +wo er sein Pferd lassen und die Jagd dann zu Fuße fortsetzen konnte, +denn im Sattel ließ sich in diesen Wäldern eben gar Nichts ausrichten. + +Und was hatte ihm denn nur auf einmal so Kopf und Herz befangen, was +durchglühte ihn plötzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten Gefühl? +Der Anblick, das Zusammensein mit diesem einfachen, schlichten Kinde +des Waldes? Könnern schüttelte selber über die tolle Idee den Kopf und +suchte ein paar Mal sogar gewaltsam das holde Bild aus seiner Erinnerung +zu bannen; aber es ging eben nicht. -- Wenn er hinaus in den Wald horchte, +hörte er die melodischen Laute ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem +möglichen Wild umherlugte, sah er das schelmische Lächeln der Jungfrau +hinter jedem Busch und Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen +liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen schauten ihm die treuen Augen +Elisens entgegen. + +Mit einem Worte, er war bis über die Ohren verliebt, und daß er sich das +zuletzt selber nicht einmal mehr verbergen konnte, ärgerte ihn am +Allermeisten. + +»Es ist reiner Wahnsinn,« philosophirte er vor sich hin, »reiner, +blanker Wahnsinn, daß ich da hinein reite, einer jungen Brünette in die +Augen schaue und darüber auf einmal den Verstand verloren haben soll! +Der muß mir jedenfalls schon früher abhanden gekommen sein -- oben in +Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder irgendwo anders sonst +-- der Teufel weiß es! Aber zum Kuckuck auch! Ich will doch einmal +sehen, ob ich nicht Gewalt über mich habe, mir ein Mädchenbild aus +dem Kopf zu schlagen, und _wenn's_ eine Brünette mit den schönsten +Reh-Augen der Welt wäre -- und das ist sie nicht einmal -- die Nase +steht ihr ein klein Bißchen schief -- ein ganz klein Bißchen nur, aber +sie steht doch schief, und ist für eine wirkliche Schönheit viel zu +stumpf, und das Kinn müßte nothwendig ein wenig länger sein -- außerdem +hat sie nicht einmal ein Grübchen darin, und ich schwärme für Grübchen +im Kinn.« + +Und wie er sich die Fehler der Geliebten so gewaltsam vormalte, schauten +über Nase und Kinn immer nur wieder jene Augen fest und tief in die +seinigen; in dem Rauschen der Palmen hörte er die leise flüsternden +Worte, wie sie ihm sagte: »Ich aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, +wenn Sie sobald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten,« und +jeder wehende Zweig schien ihm zuzuwinken und zu rufen: »Zurück! Zurück +-- hinter Dir liegt das Glück, das Du verlassen hast, hinter Dir! Und was +treibst Du Dich da noch länger so einsam und allein in der weiten, öden +Welt umher?« + +Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem Pferde in die Zügel, als ob +er dieser wunderlichen Stimme, die ihn drängte und trieb, folgen wolle, +aber es war das immer nur ein Moment. Im nächsten warf er trotzig den +Kopf zurück und biß die Zähne auf einander. Aber die Traumbilder ließen +ihm doch keine Ruhe, und er kam erst eigentlich ordentlich wieder zu +sich selber, als er das ihm von dem Director bezeichnete Haus erreichte, +das an der Gränze der Ansiedelung stand und wo er sein Pferd lassen +wollte, um seine eigentliche Jagd zu beginnen. + +Der Eigenthümer war allerdings gerade nicht zu Hause, sondern im Walde +draußen, um Stämme für eine neue Scheune zu schlagen, das schadete +aber Nichts; die Frau öffnete ihm den kleinen Pasto, wo er sein Thier +indessen frei weiden lassen konnte, und mit seiner Büchsflinte auf der +Schulter schritt er gerade in den Wald hinein, um sein Jagdglück, allen +Gedanken und Träumen zum Trotz, in vollem Ernste zu versuchen. + +Es giebt auch wirklich in der ganzen Welt kein besseres Mittel, um sich +lästig werdender Gedanken zu entschlagen, als zu Fuß in einem tropischen +Walde spazieren zu gehen. Im Sattel sucht sich das Pferd schon selber +seinen Pfad, weicht Hindernissen aus oder überwindet sie, und trägt den +Reiter seine Bahn entlang; ja, ein solcher einsamer Ritt ist eigentlich +zum Brüten und Grübeln wie gemacht, und während sich der Körper ruhig +und endlich selbst theilnahmlos der Führung des Pferdes überläßt, haben +Geist und Phantasie vollen Raum, in das Wilde hinaus zu schweifen, und +machen denn auch bei jeder passenden Gelegenheit Gebrauch davon. + +Anders und sehr verschieden ist das freilich, wenn man selber in den +Gebüschen steckt, wenn sich jeder Fehltritt durch ein prosaisches +Stolpern straft und Dornen und Schlingpflanzen bald hier, bald da den +Weg versperren. In solchem Falle ist's mit dem Grübeln unbedingt vorbei, +und kein anderer Gedanke, als der, sich die Bahn frei zu halten, kann +aufkommen. + +Das Mittel half auch bei Könnern. Wie er nur erst einmal die letzte +Umzäunung der Colonie hinter sich hatte und in den wirklichen Wald +eintauchte, wobei er noch außerdem genöthigt war, sich genau die +eingeschlagene Richtung zu merken, gewann der Wald um ihn her wieder +seinen wirklichen Charakter, und ordentlich in der Wildniß drin erwachte +auch die alte Leidenschaft zur Jagd in ihm, und ließ ihn mit dem ersten +besten Pfade, auf den er den Fuß setzte, auch nach Fährten oder Spuren +wilder Thiere suchen. + +Es ist außerdem schon an und für sich ein ganz eigenthümliches, +wunderbares Gefühl, in einem fremden, unbekannten Walde mit der Büchse +im Arm dahin zu schreiten, und man muß eigentlich selber Jäger sein, um +das recht mitempfinden oder auch nur begreifen zu können. Jeder Laut ist +fremd, selbst das Rauschen der Blätter klingt dem Ohre ungewohnt, und +noch dazu in einem tropischen Walde lenkt überall eines der sich stets +bewegenden riesigen Blätter das Auge des Jägers bald da, bald dorthin +und hält ihn anfänglich in fast fieberhafter Spannung. + +Hier und da raschelt auch einmal das Laub -- ein dürrer Ast knickt, +ein Waldhuhn streicht dicht vor den Füßen des Jägers mit fremdartigem +Geräusch empor und verschwindet, ehe er sich zum Schusse sammeln konnte, +wieder in den Büschen, und irgend eine unbekannte Fährte fesselt +plötzlich seinen Blick und lockt ihn, weit von seiner Richtung ab, +lange, lange Strecken in den Wald hinein. + +So streifte auch Könnern heute durch die Wildniß, die er freilich mit +größeren Erwartungen für die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal +eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund aufgebrochen hatte, er sah die +Fährten einer kleinen Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers +oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er Nichts als ein paar +Waldhühner, die er aus dem Gebüsche herausstörte und im Fluge mit dem +Schrotlauf schoß. Das war Alles, und als er am Stand der Sonne sah, daß +er nicht viel Zeit mehr zu versäumen hatte, trat er den Rückweg an und +erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang das Haus jenes +Ansiedlers, wo sein Pferd stand. + +Der Mann war jetzt zu Hause und empfing den Fremden auf das Gastlichste, +wie es überhaupt in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade +hinaus, als Könnern erklärte, daß er heute Abend noch nach der Colonie +zurück wolle. + +»Mein lieber Freund,« sagte er, »das ist reine Thorheit, und Sie +verstehen es eben nicht besser. Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und +aus der Rodung hinaus sind, ist die Sonne unter und die Welt damit auch +gleich stockdunkel, und nachher sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf +dem Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und stürzten, vielleicht +obendrein noch Hals und Beine brächen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie +gar nicht daran, und außerdem lasse ich Sie nicht fort, wenn Sie auch +wirklich wollten. Glauben Sie denn, daß uns die Fremden hier so dick +zugeschneit kämen, daß wir einen, den wir einmal eingefangen, gleich +wieder fliegen ließen? Gott bewahre -- heute Abend wollen wir uns was +erzählen, Sie von draußen, ich von drinnen, und da sollen Sie einmal +sehen, wie rasch die Zeit verfliegt.« + +Er ließ auch wirklich gar keine Einwendungen gelten, und da sich Könnern +viel eher in der Stimmung fühlte, den Abend bei ganz fremden Leuten +zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern, so bedurfte es keines +langen Zuredens seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen dessen +Wunsch zu gewähren. + +Während Könnern unter einem mächtigen Orangenbaume saß und einige der +um ihn her den Boden bedeckenden Früchte verzehrte, erzählte ihm der +Deutsche den größten Theil seiner Lebensgeschichte. Er hieß Heinrich +Zuhbel, hatte früher einen Handel in Rio Grande gehabt und mit einem +Krämerkarren verschiedene Streiftouren nach Uruguay hinein gemacht, wo +er eine Menge Geld verdient haben mußte. In San Leopoldo, wohin er auch +einmal gekommen war, um seine Waaren an den Mann zu bringen, brachte er +sich dann selber an. Er verliebte sich nämlich -- oder besser gesagt, +seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich in ihn -- die Eltern hatten +Nichts dagegen, und er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen +frisch eingewanderten Juden, übernahm die Colonie seines Schwiegervaters +und wirthschaftete darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. Damals +wurde die jetzige Colonie Santa Clara, wenn auch nicht begründet, denn +sie bestand schon längere Zeit, aber frisch in Angriff genommen, und +Zuhbel beschloß, hieher überzusiedeln. Überhaupt an Herumziehen in der +Welt gewöhnt, wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte sich jetzt +mit Fleiß und Ausdauer ein ganz hübsches Besitzthum gegründet und lebte, +wie er meinte, gerade weit genug von der Colonie entfernt, um sich Vieh +halten zu können und nicht jeden Augenblick Ärger mit den Nachbarn zu +haben. Die Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die Schule +schicken, denn das war zu weit und die Schule taugte auch Nichts; +deshalb unterrichteten er und die Frau sie selber, und der »Landsmann« +sollte sich nachher einmal überzeugen, was sie schon Alles könnten. + +Der Mann plauderte so in einer Schnur fort, und erzählte dem Fremden +eine von den tausend Geschichten, die der Wanderer durch solche +Länder fast in jeder Hütte zu hören bekommt und als eine der vielen +Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen muß: eine Lebensgeschichte ohne +das geringste Interessante, ein alltäglicher Lebenslauf in den Colonien, +voll Arbeit, und Glück und Mißgeschick, bunt und ohne Zweck oder Ziel +durch einander gemischt. + +Der Mann hier schien aber trotzdem keiner der gewöhnlichen Bauern +zu sein, wie auch sein früherer Erwerb bewies; er war eine Art von +verdorbenem Genie, der ein Bißchen von Allem oberflächlich gelernt +hatte, das Wenige aber nach Kräften zur Geltung zu bringen suchte, wo +sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot. + +Als sich die Sonne endlich hinter die Bäume senkte, lud er seinen Gast +ein, in's Haus zu kommen, da der Thau schon zu fallen begann. Dort fand +Könnern die Frau emsig beschäftigt den Tisch zu decken, und ein junges, +bildhübsches Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon hoch +aufgeschossen, half ihr dabei. + +Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht, sondern mehr eine +Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen auf dem Lande Sitte ist: ein +blaugeblümtes, dunkles Kattunkleid, eine weiße Schürze und -- jedenfalls +dem Gaste zu Ehren -- ein gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals +geknüpft. Sie mußte auch einmal recht hübsch gewesen sein, denn die +Spuren ließen sich selbst jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und +eine heiße Sonne reiben den Körper auf und machen ihn rasch verblühen. +Sie grüßte schüchtern und verließ mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald +es Könnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte noch draußen zu thun. + +»Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem,« sagte er zu seinem +Gaste, als er diesen in die Stube geführt hatte; »ich bin gleich wieder +da, ich will Ihnen nur Etwas von meinen Fabrikaten holen.« + +Damit verließ er ebenfalls das Zimmer und ließ dem jungen Deutschen +vollkommen Zeit, sich diese Heimath eines deutsch-brasilianischen +Pflanzers mit Muße zu betrachten -- und wahrlich, es schien ein +wunderlicher Platz! + +Das große, geräumige Zimmer mit weißen Kalkwänden nahm den ganzen +vordern Theil des Hauses ein. Die Möbel bestanden großentheils aus +einfachem weißen Holze. Nur ein, möglicherweise aus Deutschland +mitgebrachter runder Tisch in der Ecke war aus Mahagoni; eben so ein +Stuhl, der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum Staate als zum +wirklichen Dienste wie in Gedanken in der Ecke lehnte. + +An der einen Wand stand ein Fortepiano aus Nußbaumholz; daneben aber ein +angebrochener Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der tägliche Bedarf für +das Haus genommen wurde; auf dem Clavier lag ein kürzlich abgenommener +Pferdezaum, denn das Gebiß war noch feucht, und in der Ecke am Fenster +ein alter, zerrissener Sattel, neben dem wiederum zwei Fässer mit Bohnen +und Erbsen standen. Auf den Mahagonitisch war außerdem als Decke das +etwas defecte Umschlagetuch der Frau gebreitet; die Zipfel desselben +reichten aber nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel und +einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe zu verbergen. Ein Paar +abgeworfene Hosenträger lagen auf dem Umschlagetuche. + +Die Familie schien außer dem Clavier aber auch sonst noch entschieden +musikalisch zu sein, denn über demselben, neben einer gewöhnlichen +Handwage und einem lange nicht abgestaubten Rocke, hingen noch zwei +Guitarren und eine Violine -- alle drei in etwas desolaten Umständen. +-- Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus; die Dielen waren frisch +gescheuert und an dem einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer +Gardine gemacht. + +Könnern lehnte seine Büchsflinte in die Ecke neben den Mehlsack und +hatte gerade Zeit genug gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig +umzusehen, als sein Wirth mit einer Flasche Wein und ein paar Gläsern +zurückkehrte. + +»Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche Santa Clara Ausbruch versuchen, +ein capitales Weinchen,« sagte er dabei, indem er die Flasche auf den +Tisch stellte und entkorkte, »selbst gezogen -- delicat -- noch ein +Bißchen jung vielleicht, aber famos -- _die_ Blume!« + +Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn Könnern aber kostete, lachte er +gerade hinaus und rief: + +»Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das ist Himbeeressig!« + +»Himbeeressig?« sagte Herr Zuhbel erstaunt, indem er vorsichtig von +seinem Glase kostete -- »ich habe ja gar keinen -- bitte um Verzeihung, +das ist mein Ausbruch. Er _ist_ ein Bißchen säuerlich, weil bei uns die +Beeren so ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich +erst einmal an _den_ Wein gewöhnt hat, schmeckt Einem der beste +Markobrunner nicht mehr.« + +»Das glaube ich auch,« sagte Könnern, der einen zweiten Versuch machte, +das Glas aber dann kopfschüttelnd wieder auf den Tisch setzte -- »ich +bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und trinke nur Wasser. Jeder +Wein steigt mir augenblicklich zu Kopfe.« + +»Der nicht,« rief Zuhbel in Eifer, »der wahrhaftig nicht, und wenn Sie +drei Flaschen davon tränken! (Könnern zogen sich schon bei dem Gedanken +an eine solche Möglichkeit die Eingeweide zusammen und alle Zähne wurden +ihm stumpf.) Übrigens können Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute +trinken auch gewöhnlich Milch, und da kommen sie schon mit dem Essen. +Nun langen Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen Marsch +Hunger bekommen haben.« + +Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot, delicates Brod, +frische Butter, guten Käse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit +größter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein Wort, wenn nicht +eine Frage direct an sie gerichtet wurde. Auch das junge Mädchen hielt +sich scheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an den Tisch hinan +zu rücken, an den sie weit hinüberlangen mußte. Zuhbel führte allein das +Wort und erzählte ununterbrochen von seinem Leben hier zwischen den +»Brasilischen«, von seinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier +erst habe zeigen müssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder einrichte +und bewirthschafte, was er ziehe und möglich gemacht habe, und wie er +es eigentlich gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig +Ordnung gebracht habe. + +»Mit dem Director ist es Nichts,« fuhr er fort -- »gar Nichts, das +ist ein Grobian, wie er im Buche steht, aufgeblasen und stolz -- ja, +»Dickethun ist mein Reichthum,« das paßt auf den. Will Alles besser +wissen, und hat nicht die geringste Lebensart. Da ist der Delegado ein +anderer Mann -- der weiß, was Höflichkeit ist und was unser Einer +versteht, und giebt sich mit dem gemeinen Manne ab, daß es eine Lust +ist.« + +Dann kam er auf die Frau Gräfin zu sprechen, die ihn einmal »mein lieber +Herr Zuhbel« genannt hatte und von der er entzückt schien. Das war eine +Dame, wie sie eigentlich sein sollte, »wirklich vornehm und doch so +gemein als möglich.« + +Könnern ermüdete das Gespräch. Er hatte schon lange herausgemerkt, daß +sein freundlicher Wirth zu den Menschen gehörte, die ihren Nachbar nur +danach beurtheilen, wie sie selber von ihm behandelt sind, und den aus +Grundsatz hassen, der klüger oder fleißiger ist als sie, oder wenigstens +von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es solcher Leute +ja genug in _allen_ Ständen, und man braucht eben nicht nach Brasilien +zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls +gefunden, daß sein Gast ein »Fremder« sei, und der hier draußen viel zu +selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, nahm jetzt +die Ansiedler Einen nach dem Andern durch, um, wie er meinte, dem neuen +Einwanderer gleich einen richtigen Überblick über die Verhältnisse zu +gestatten. + +Indessen war es vollkommen Nacht geworden, als draußen der Hufschlag +eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger Bursche +von etwa siebenzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der +den Fremden freundlich grüßte und dann, ohne von seiner Familie auch +nur die geringste Notiz zu nehmen, sich zum Tische setzte und die noch +übrigen Speisen verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem Wein, ohne +eine Miene dabei zu verziehen. + +Während er aß, saß Zuhbel wie auf Kohlen; er rückte auf seinem Stuhle +hin und her und sah immer nach seinem Sohne hinüber, und als dieser kaum +den letzten Bissen im Munde hatte und seinen Teller zurückschob, stand +er auf, rieb sich die Hände und sagte: + +»So, jetzt kann's losgehen -- jetzt sollen Sie einmal sehen, daß wir +hier im brasilianischen Walde nicht bloß lauter Bauern und Holzhacker +sind, sondern daß wir auch in der Kunst Etwas leisten. Bist Du fertig, +Junge?« + +»Ja, Vater,« sagte der Sohn, stand auf, wischte sich den Mund, +nahm einen kleinen Zusammenlegekamm aus der Tasche, um seine Frisur +oberflächlich in Ordnung zu bringen, und griff dann ohne Weiteres nach +der über dem Claviere hangenden Violine, die er zu stimmen und herauf +und herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er +damit fertig wurde; der alte Zuhbel hatte indessen das Clavier geöffnet +und sich daran gesetzt. + +»Spielen Sie?« fragte er Könnern. Dieser verneinte. »Das müssen Sie noch +lernen,« fuhr Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff; »es ist +etwas gar Schönes für einen Colonisten, wenn er sich Abends nach der +Arbeit die Zeit ein wenig mit Musik vertreiben kann -- na, hast Du's +bald?« wandte er sich an seinen Sohn. + +»Jetzt kommt's,« sagte dieser, indem er einen Ton auf dem Clavier anschlug +und seine Stimmung damit verglich. Es stimmte so ziemlich -- höchstens +um einen halben Ton Unterschied, was zu unbedeutend war, deshalb noch +einmal alle Saiten abzuschrauben. Ein Strich über die Violine war das +Zeichen, und ohne weitere Verabredung, als ob gar keine andere Melodie +möglich sei, fielen Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: »Erblickt auf +Felseshöhen,« ein und kratzten und hämmerten dieselbe richtig durch, der +Vater natürlich nur den Baß schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob +er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff. + +Dann kam ein schwermüthiges Lied. »Von der Alpe tönt das Horn,« dann +»Die Fahrt in's Heu« mit allen Versen. Den Schluß bildete aber das +Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn während es bei den früheren +Liedern über die Mißtöne rasch hinwegging, wurden sie hier lang und +feierlich ausgehalten, und Könnern als Schlachtopfer saß in der einen +Ecke und rauchte eine schlechte Cigarre, die wie der Wein eigenes +Fabricat des Tausendkünstlers war. + +Aber auch das ging vorüber; das Concert war beendet, die Violine hing +wieder an der Wand und das Clavier wurde geschlossen -- der erste +angenehme Ton, den es heute von sich gab. + +»Es sind nur drei Instrumente in der ganzen Colonie,« sagte Zuhbel mit +Stolz, indem er den alten Klapperkasten freundlich auf den Rücken +klopfte, als ob es ein Pferd gewesen wäre; »eins hat die Frau Gräfin, +ein wahres Prachtstück; die junge Gräfin hat mir einmal selber Etwas +darauf vorgespielt -- die spielt, und _das_ ist ein Mädel -- zum +'neinbeißen, sage ich Ihnen. Sie kennen sie aber gewiß schon?« + +»Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten gesehen.« + +»Reiten kann sie wie der helle Teufel -- und das dritte hat der Meier +-- der Einsiedler, wie sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt +wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie ein Kettenhund vor +seiner eigenen Thür und läßt Niemanden hinein -- das ist ein schrecklicher +Mensch!« + +»Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft,« sagte Könnern gleichgültig. + +»Haben Sie das auch schon gemerkt?« lachte Zuhbel; »ja, der läßt Alle +abfahren, wer sie auch sein mögen, aber -- es hat seinen Grund.« + +»Er mag etwas menschenscheu sein; lieber Gott, Jeder von uns hat seine +Schwachheiten!« sagte Könnern und dachte an das Concert. + +»Schwachheiten?« fragte Zuhbel geheimnißvoll -- »bei dem ist's mehr, +darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Dahinter steckt Etwas. -- Mit dem +ist's nicht richtig, und daß der -- ich mag keinem Menschen etwas Böses +nachsagen -- aber daß der _wenigstens_ einen Mord auf dem Gewissen hat, +darauf können Sie Gift nehmen. -- Denken Sie denn, daß der Jemandem +gerade in's Gesicht sehen kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt +er auf, hinter der man nie weiß ob er schläft oder zuhört, wenn man ihm +'was sagt, und daß er ein einziges Mal seine Nachbarn besucht hätte, so +lange er hier in der Gegend wohnt -- ist ihm noch gar nicht +eingefallen.« + +»Ja, aber mein lieber Herr Zuhbel,« sagte Könnern, »nicht alle Menschen +haben eben Freude an Gesellschaft!« + +»Ach was,« rief der Mann, »der ist keines Menschen Freund, wie sein +eigener, und ich weiß nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich +macht. Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom Leibe, und mit +seiner ganzen Familie, der alten, knuffnäsigen Frau, die Einen immer +ansieht als ob sie Einen beißen wollte -- lieber Gott, ich thu' ihr +Nichts! -- und dem bleichsüchtigen Ding von Mädchen. Und mit seinem +Reichthum soll's auch nicht so weit her sein -- mich kauft er nicht aus, +so viel weiß ich, und _mein_ Land gäbe ich nicht für ein Dutzend solcher +Chagra's hin, wie er eine hat.« + +Der Mann war im Zuge und ließ Könnern nur in so fern Ruhe, daß er nicht +von ihm verlangte, ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie wieder +von oben bis unten durch, und das Resultat blieb, daß er der Einzige +von Allen sei, der wirklich Etwas vom Ackerbau verstehe und eine +Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der er den Colonisten einmal +zeigen wolle was man aus dem Lande machen könne, wenn man es eben +richtig angriffe. Könnern war froh, als er sich endlich mit der späten +Stunde, und Müdigkeit vorschützend, entschuldigen konnte, um sein Lager +zu suchen. + +Auch hier war Alles für ihn durch die Frauen auf das Sauberste +hergerichtet, und in einer der oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein +wenig hartes, doch frisch überzogenes Bett, mit Waschzeug, Handtuch und +frischem Wasser, und außerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und einen +Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen Landmanne einen nicht +unbedeutenden Theil seiner Nahrung bilden. + +Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach kein Wort dabei, setzte ihm +das Licht in die Stube und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles +in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so schweigend zur Thür +zurück, drehte sich noch einmal um, sah Könnern ruhig an und sagte: + +»Glauben Sie kein Wort von dem, was _er_ Ihnen sagt. Es ist Alles nicht +wahr. Gute Nacht, schlafen Sie wohl!« und damit verschwand sie draußen +in dem dunklen Gange. + +Könnern lachte still vor sich hin, aber er war durch das furchtbare +Schwatzen seines Wirthes so geistig müde geworden, daß er an dem Abend +nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er denn sein Lager und hatte +sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch in einen tiefen Schlaf fiel +und erst am hellen Morgen neu gestärkt erwachte. + +Nun wollte er jetzt allerdings gleich zur Ansiedlung zurückkehren, weil +er fürchtete, daß der Director vielleicht seinetwegen in Sorge sein +könne; aber Zuhbel ließ ihn nicht. Erst mußte er frühstücken und dann +seine Felder besehen, ohne das kam er nicht los. + +Könnern war nun Nichts weniger als Ökonom, und verstand nicht das +Geringste von der Landwirthschaft, das schadete aber Nichts; Zuhbel +schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer über geackerte und +ungeackerte Felder, und zeigte ihm, was er _hier_ bauen wollte, und was +er _da_ gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da gezogen sei, +und wie alt der oder jener Pfirsichbaum wäre, und wo er die jungen +Stämme herbekommen habe -- Dinge, die den jungen Maler auch nicht im +Geringsten interessirten. Endlich hatten sie Alles gesehen, keine +Hecken-Anpflanzung von Quittenbäumen, kein Reis- oder Maisfeld war mehr +übrig, und der Fremde durfte endlich den Wunsch ansprechen, sein Pferd +zu satteln. Das aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten +Frühstücke aus dem Felde hereingekommen war, und Könnern athmete hoch +auf, als er endlich wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, der +Ansiedelung zutraben konnte. + +Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg dorthin ein, sondern lenkte +links ab, an Meier's Chagra vorüber, und weshalb? Er hatte anfangs ein +unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen Waldhühner, die +an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle -- aber das ging +nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig fallen -- nicht _jetzt_ +schon wieder sein Haus betreten -- und doch, mit wie schwerem Herzen +ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen hielt, was +seinem Herzen lieb und theuer war. -- Vergebens suchte er auch nur einen +Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafür +gesorgt, daß kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen könne, und +tief aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den +Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte. + +Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung nicht erreicht, als er +plötzlich Musik zu hören glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den +Zügel und lauschte. Richtig -- im Garten selber hörte er die melodischen +Töne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit +entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; nur die einzelnen, +höheren Töne drangen zu ihm herüber, und ehe er noch zu einem rechten +Entschluß gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen und hatte sein +Pferd am Zügel. + +Ein Weg führte dort allerdings nicht hinein, aber die Büsche waren +doch nicht so dicht, daß er nicht hindurch gekonnt hätte, und einen +Augenblick stand er unschlüssig, ob er das Pferd hier draußen am Wege +anbinden solle. Aber vom Hause aus konnte Jemand daher kommen und ihn +beim Horchen ertappen -- besser, er nahm es mit, und es vorsichtig +führend, näherte er sich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz +deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herübertönte. + +Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere +Vordringen; zu nahe durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt +des Pferdes nicht verrieth -- er blieb stehen und lauschte der Melodie, +die eine Meisterhand aus den Saiten lockte -- aber wer spielte hier? Der +alte Meier selber vielleicht? Der Director hatte ihm schon gesagt, daß +er sehr musikalisch sei. Es war eine jener schwermüthigen deutschen +Volksweisen, an denen wir so reich sind, und ein tiefes inniges Gefühl +schien die Saiten zu beleben. + +Jetzt war das Lied beendet und Alles ruhig -- hatte sich der Spieler +wieder entfernt? Es war so still geworden, daß er sich ordentlich +fürchtete den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das Pferd +verursachte Geräusch verrathen mußte. + +Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde angeschlagen, erst leise und +wehmüthig, dann in eine mehr heitere Weise übergehend. Zwei oder drei +der kleinen allerliebsten steyrischen Ländler folgten, dann plötzlich in +eine andere Tonart überspringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhörer +fremde Melodie, und jetzt -- das Herz schlug ihm auf einmal wie ein +Hammer in der Brust, begann eine glockenreine Mädchenstimme ein kleines +Lied, von dem er deutlich jede Silbe verstehen konnte. + + Die Herzen wachsen alle dort + Im blauen Himmelsfeld, + Und immer zwei beisammen, eng, + Die eine Schale hält. + + Vielliebchen gleich, so keimen sie + Je zwei und zwei selband, + Und sind sie reif, nimmt sie der Herr + Und streut sie über's Land. + + Eins pflanzt er einem Jüngling ein, + Das and're einer Maid, + Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch, + Wenn Ihr vereinigt seid. + + Die beiden Hälften suchen nun + Sich in der Welt daher, + Und selig, wer sein halbes find't, + O dreimal selig der! + + Das halbe Herz, Du lieber Gott, + Kann doch auch halb nur schlagen -- + Wer _meine_ and're Hälfte hat, + Ich wollt', er thät mir's sagen. + +Könnern lauschte dem Liede mit glühenden Wangen, kaum aber war es +beendet, als er -- er wußte kaum was er that -- die beiden geschossenen +Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit keckem Wurf über die Hecke +hinweg in den Garten schleuderte. + +Er hörte noch drinnen einen leisen Aufschrei, aber weiter Nichts, in +wilder Flucht trieb er sein Pferd wieder durch den Busch zurück auf den +Weg, sprang in den Sattel, und jagte mit einem ganzen Sturm tobender +Gefühle im Herzen in die Ansiedelung zurück. + + + + +7. + +Die neuen Colonisten. + + +Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, und weil er der +Unsicherheit des Weges halber sein Thier fest im Zügel halten mußte, +sammelten sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine äußere +Umgebung. + +An der Gränze des Städtchens schon fiel ihm das rege Leben auf, das er +hier traf und das er gestern und vorgestern lange nicht so gefunden. +Eine Menge von fremden, abenteuerlichen Gestalten, die meisten mit +Gewehren auf dem Rücken, als ob sie sich zu einem Kriegszuge gerüstet +hätten, liefen hin und wieder, und als er sich des Directors Hause +näherte, fand er dieses von einem ganzen Menschenschwarm ordentlich +belagert. + +Glücklicher Weise traf er einen der Hausleute, der ihm sein Pferd +abnehmen konnte, und dieser theilte ihm auch die Neuigkeit mit, daß das +Auswandererschiff angekommen sei. + +Mit Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge im untern Theile des +Hauses, denn die Leute schienen der Meinung zu sein, daß jeder von ihnen +sein Haus und Feld schon fertig vorfände, und sie Alle wollten sich +jetzt nur beim Director erkundigen, »wo es läge«, damit sie gleich +einziehen könnten. + +Den Director fand er oben in einer ganz verzweifelten Stimmung, wie er +sich gerade mit einem etwas zu frechen Burschen herumzankte und im +Begriffe stand, diesen eigenhändig die Treppe hinunter zu werfen. +Könnern behielt noch eben Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen. + +»Da haben wir's!« rief ihm der Director schon oben entgegen. »Jetzt sind +sie da und Nichts fertig -- Nichts in Ordnung, daß man sich auch noch +von den Flegeln im eigenen Hause muß Grobheiten sagen lassen!« + +»Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem Fuße,« lachte Könnern. + +»Da soll einem Andern die Galle nicht überlaufen! Ich hätte mich an dem +Lump eigentlich nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel, sie +treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu einen Ochsen, und da +gebrauchte ich mein Hausrecht!« + +»Recht ist ihm geschehen,« sagte Könnern; »aber was nun? -- Wo wollen +Sie mit der ganzen Gesellschaft hin?« + +»Sie können mir dabei helfen, Könnern.« + +»Von Herzen gern, wenn ich eben nur weiß wie.« + +»Ich habe für diesen Fall, da ich ja schon vorgestern von der Ankunft +hörte, ein paar Häuser in der Stadt gemiethet; wir dürfen die armen +Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien liegen lassen, +denn es kann noch jede Nacht ein tüchtiger Regen einsetzen. In dem +Auswandererhause bringe ich aber höchstens noch acht oder zehn unter, +bei mir vielleicht auch noch zwei oder drei, und die Übrigen müssen in +jene beiden Häuser einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; wir sehen +uns die beiden Baulichkeiten gleich noch einmal an, und dann sind Sie +vielleicht so freundlich und übernehmen die Hinüberschaffung der Leute. +-- Apropos, wo waren Sie die Nacht? -- Verirrt?« + +»Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der Chagra.« + +»Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da hatten Sie wenigstens Concert +und Wein,« sagte der Director trocken. + +»Das sei Gott geklagt!« lachte Könnern. + +»Und haben auch gleich einen Überblick über die Privatverhältnisse der +Einzelnen bekommen. Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und nachher +müssen Sie mir von Ihrer Jagd erzählen!« -- -- + +In dem kleinen Städtchen sah es heute wirklich bunt aus, denn gestern +Abend noch, schon nach elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten +heraufgekommen, wo sie natürlich an der Landung liegen bleiben mußten. +Der Capitän hatte ihnen freilich abgerathen, die Fahrt noch so spät zu +unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als möglich brasilianischen +Grund und Boden betreten, und nur Wenige waren klug genug gewesen, den +nächsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug in Brasilien zu halten. +Jetzt strömten sie nun nach allen Richtungen in der Stadt umher, und als +man sie haben wollte, um ihren nächsten Aufenthalt zu ordnen, war eben +Keiner zu finden. + +Nur mit großer Mühe gelang es Könnern und dem Director, die Leute endlich +in die allerdings engen Räumlichkeiten hinein zu bringen, und sie fanden +hier wieder bestätigt, daß alle die, denen man es ansah, wie sie früher +in besseren und behäbigeren Verhältnissen gelebt, am Leichtesten zu +befriedigen waren und sich die größten Unbequemlichkeiten gern gefallen +ließen, während gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte +sich mit _Nichts_ zufrieden zeigten und die größten Ansprüche machten. + +Noch drei Familien waren übrig geblieben, die im Anfang auch gar kein +Verlangen nach einem Unterkommen zu haben schienen, und unten ruhig am +Wasser saßen, dem Treiben der Anderen zuzusehen. Der Director hatte sich +gefreut, daß sie vernünftig abwarteten bis die Reihe an sie kam, und +schon beschlossen, sie so gut als irgend möglich zu quartieren. + +Jetzt ging er, während Könnern sich noch mit einer andern Familie oben +in der Stadt abquälte, zu ihnen und sagte: + +»So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen sein, daß Ihr mir das +Leben nicht auch schwer gemacht habt. Die Frauen mögen nun noch bei den +Sachen bleiben, und Ihr Männer packt indessen auf den Karren, der da +gerade wieder die Straße herunterkommt, was Ihr eben laden könnt. Ich +habe für den Augenblick nur noch das eine Fuhrwerk zur Verfügung.« + +»Ja, das ist schon gut,« sagte der eine Mann, der auf einer Kiste saß +und auch keine Miene machte aufzustehen; »wann kommt aber denn nun +eigentlich das Schiff?« + +»Welches Schiff?« + +»Nun, _unser_ Schiff!« + +»Das Euch hergebracht hat?« + +»Nein, das andere.« + +»Das andere? Was für ein anderes?« + +»Nun, das uns von hier nach Rio Grande bringen soll.« + +»Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr denn schon wieder fort? Ihr seid +doch eben erst hier angekommen!« + +»Ja, wir haben alle unsere Freundschaft bei Rio Grande,« sagte die eine +Frau, »und die Passage auch dorthin bezahlt.« + +»Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande an,« sagte der Director; +»da müßtet Ihr erst wieder nach Santa Catharina fahren, und das kann +noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich dazu Gelegenheit findet. +Wenn Ihr _da_ hin wolltet, so mußtet Ihr doch wahrhaftig mit keinem +Schiffe nach Santa Clara fahren. Da hättet Ihr Euch _vorher_ erkundigen +sollen.« + +»Ja, das haben wir doch gethan,« sagte der eine Mann; »der Herr Agent +in Antwerpen hat uns ja auch gesagt, _das_ Schiff hier brächte uns nach +Santa Clara, und Rio Grande wäre _dicht_ dabei -- er hat's uns ja auch +auf der Karte gezeigt -- keinen Finger breit von einander war's.« + +»Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio Grande gemacht?« + +»Da -- _hier_ steht's,« sagte der Mann und zog das Papier aus der +Tasche. + +Der Director nahm es; aber auf den ersten Blick sah er schon, daß in dem +Contracte stand: Von Antwerpen nach Santa Clara. »Da steht ja kein Wort +von Rio Grande?« fragte er den Auswanderer. + +»Na, natürlich nicht, weil's dicht dabei liegt,« brummte dieser +verdrießlich; »das hat uns ja der Herr Agent ganz genau auseinander +gesetzt, daß das Schiff nur bis Santa Clara ginge und daß dann ein +anderes daneben liege, welches uns gleich hinüberbringe. Die Schiffe +fahren ja doch alle hier erst in Santa Clara an -- so dumm sind wir auch +nicht, daß wir das nicht genau ausgemacht hätten.« + +Der Director faltete den Contract langsam zusammen und gab ihn dem Manne +zurück. + +»Lieber Freund,« sagte er ruhig, »die Sache ist höchst einfach die, daß +Ihr Euch in Antwerpen habt anführen lassen -- weiter Nichts. Der Agent +dort hatte gerade dieses Schiff liegen und _seinem_ Contracte nach +Passagiere dafür zu schaffen; deshalb seid Ihr da mit aufgepackt +und fortgeschickt. Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine +regelmäßige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich Gelegenheit durch +einen der kleinen Küstenfahrer, der Euch nach Santa Catharina bringen +könnte. Dort müßt Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff. Was außerdem +die kleine Entfernung betrifft, so _könnt_ Ihr die Reise nach Santa +Catharina _vielleicht_ in vier bis fünf Tagen machen, wenn der Wind gut +ist -- im andern Falle nimmt sie eben so viele Wochen in Anspruch, und +von da sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio Grande nöthig. +Außerdem wird Euch _diese_ Tour fast noch eben so viel kosten, als die +Reise von Deutschland hierher.« + +»Aber Du mein großer, allmächtiger Gott, wir haben ja keinen Pfennig +Geld mehr!« schrie die eine Frau. + +»Und der Herr Agent hat gesagt, daß uns die Reise von hier nach Rio +Grande keinen Heller kosten sollte.« + +»Dann hat der Agent einfach gelogen,« sagte der Director ruhig, »und es +ist eine Betrügerei, wie sie schon mehrfach vorgekommen.« + +»O, Du mein gütiger Heiland,« jammerte eine andere Frau, »dann sind wir +verrathen und verkauft und müssen hier elend verderben!« + +»Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch nicht,« tröstete sie der +Director -- »wenn Ihr Euch nicht vielleicht doch noch entschließt hier +zu bleiben und Euch hier niederzulassen.« + +»Aber wir haben unsere ganze Freundschaft bei Rio Grande; meiner +Schwester Sohn und der Elias und die Dorothea sind auch drüben und +warten auf uns. --« + +»Gut, gut, ich sehe jetzt schon wie die Sache steht; ich will einen +Versuch machen und an die Regierung nach Rio schreiben, welche schon +mehreren anderen armen Auswanderern, die von betrügerischen Agenten in +eine ähnliche Lage gebracht worden, geholfen hat, und vielleicht läßt +sich doch noch Alles einrichten.« + +»Und wann können wir fort?« fragte die Frau rasch -- »kommt das Schiff +bald?« + +»Ja, liebe Frau,« sagte der Director, »so rasch geht die Sache nicht; +wenn ich Euch in zwei oder drei Monaten hier wegbringe....« + +Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach ihn, aber es war hier gar +Nichts weiter zu thun. Die Leute hatten sich einmal betrügen lassen, und +es blieb nichts Anderes übrig, als die Regierung um Hülfe anzusprechen, +was freilich nicht in ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein +brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute mußten aber eben doch +untergebracht werden, und wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden +sollten, blieb außerdem noch zu bedenken. Die Männer waren indessen +kräftig und konnten arbeiten, und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur +zu Wegebauten gewesen wäre. + +Daß der Director nicht viel ruhige Stunden bei all' diesem Wirrwarr +hatte, läßt sich denken, und außerdem wollte auch noch der Bursche, den +er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die Einwanderer gegen ihn +aufhetzen, und lief von einer Gruppe zur andern, ihre Hülfe fordernd, +weil er nichtswürdig behandelt sei und sich das nicht gefallen zu lassen +brauche. Die Leute hatten aber heute zu viel mit sich selber zu thun; +außerdem kannten sie den Gesellen schon von der Reise her und mochten +sich nicht mit ihm einlassen. + +Es war eine verwilderte, rohe Gestalt, der Bursche, eine Persönlichkeit, +wie man sie daheim besonders in Meßbuden und herumziehenden Banden oder +Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen, fleckigen und zerrissenen +Rock, schmutzige Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe eine +dunkelblaue Mütze mit einem Stück schmaler Silbertresse darum genäht. +Schnurrbart und Knebelbart ließ er sich ebenfalls wachsen. Mit den +blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz der markirten Einschnitte +etwas Jungenhaftes behalten, was durch den übergeschlagenen schmutzigen +Hemdkragen noch unterstützt wurde, und man wäre veranlaßt gewesen, ihn +auf den ersten Blick für einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis +zwanzig Jahren zu halten. + +Während er aber mitten auf der Straße stand und schimpfte und fluchte, +saß neben ihm sein bleiches, abgehärmtes Weib, ein Kind an der Brust +und ein Mädchen von etwa acht und ein Junge von zehn Jahren neben ihr +stehend -- ein Bild des Jammers, mit großen, hellen Thränen in den +Augen. + +Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und Leid lag in ihrem Antlitz, in +der ganzen gebrochenen Gestalt -- aber sie klagte nicht, kein Wort kam +über ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte sie mit der einen Hand, +während sie mit der andern sich das Blut von der Stirn wischte, wohin +sie der Unmensch, als sie ihn gebeten hatte keinen Streit am ersten Tage +anzufangen, mit roher Faust geschlagen. + +Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die Scene. Auf einem kleinen +Leiterwagen, dem man nur durch eine Partie Strohschütten einige Elasticität +abgewonnen und der, von ein Paar kräftigen braunen Pferden gezogen, +lustig dahergerasselt kam, wurden im scharfen Trabe ein Mann und eine +Frau die breite Straße entlang geschüttelt, die in die Stadt hinein +führte. Der Mann sah sonnverbrannt, aber kräftig und gesund aus, und +verrieth auch in seiner ganzen, einfachen aber saubern und passenden +Kleidung den behäbigen Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind auf dem +Schooße hielt und dasselbe des bösen Stoßens wegen mehr hob, als vor +sich sitzen hatte, war jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den +aber Beide unablässig nach rechts und links sandten, verrieth, daß sie +Etwas suchten, und als der Wagen den belebteren Theil der Straße +erreichte, hielt der Mann sein Pferd an, und die Frau rief fast +ängstlich einige der Vorübergehenden an: + +»Ja, wo sind sie denn nur -- wo sind sie denn hingebracht?« + +»Wer?« fragte der Angeredete. + +»Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen sind.« + +»Ja,« lachte der Mann, »die stecken überall herum, wo man sie eben +unterbringen konnte, Einer da, Einer dort.« + +»Wen sucht Ihr denn?« fragte eine Frau, die gerade des Weges kam und +auch zu den neuen Einwanderern gehörte. + +»Die alte Frau Mecheln aus dem Würtembergischen, aus Bellstadt,« rief +die Frau vom Wagen herunter, und griff ihrem Manne in die Zügel, weil +das Pferd nicht stehen wollte. + +»O, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! -- Gleich da drüben um die +Ecke, wo der große Baum vor dem Hause liegt.« + +»Und sie ist wohl?« + +»Kerngesund, die ganze Reise gewesen.« + +Der Mann hatte bei der Erwähnung des Hauses schon sein Pferd in die +bezeichnete Straße eingelenkt; die Frau winkte dankend mit der Hand, +fort rasselte das Geschirr, daß die Funken stoben, und hielt gleich +darauf vor dem genannten Hause. Und sie brauchten hier nicht lange zu +warten. Sobald der Wagen anhielt, ging die Thür auf, und die alte Frau, +die mit Schmerzen darauf gewartet hatte, daß sie Einer der Ihrigen hier +erwarten solle, trat in die Thür. + +»Großmutter!« schrie die Frau ihr schon vom Wagen aus entgegen +-- »Großmutter -- wie geht's -- wie geht's?« + +»O, Du mein himmlischer Vater!« rief die alte Frau und hielt sich an dem +Thürgeländer, an dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon unten bei +ihr -- wie sie mit dem Kinde vom Wagen gekommen, wußte sie selber nicht +-- mit Einem Satze war sie unten und bei der Großmutter, ließ das Kind +auf die Erde niedergleiten, umfaßte die alte, zitternde Frau und +schluchzte, als ob ihr das Herz brechen solle vor Nichts als Wonne und +Seligkeit. + +Der Mann hatte noch mit den Pferden zu thun, die nicht stehen wollten, +aber ein Bekannter kam die Straße herunter, der ihm dabei half und +dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf erst die Stränge los, +daß kein Unglück geschehen konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur +Großmutter hinüber, die er beim Kopfe nahm und herzhaft abküßte. + +Dann aber faßte er die Sache auch praktisch an, denn ein einziger Blick +in den innern Raum sagte ihm schon, daß die alte Frau hier nicht länger +bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um etwas Anderes zu bekümmern, +ging er in das Haus und ließ sich die sämmtlichen Sachen von der +»Großmutter« geben, die schon alle zusammen in der einen Ecke standen, +lud dieselben mit Hülfe einiger der Auswanderer auf den Wagen und nahm +dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den Arm, um sie auf den schon +für sie bereiten Sitz zu tragen. + +»Aber Junge, Junge,« rief die Alte halb erschreckt über die gewaltsame +Entführung -- »meine Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der +Stube.« + +»Schon Alles auf dem Wagen droben, Großmutter.« + +»Auch die blaue Kiste?« + +»Da hinten steht sie.« + +»Und der kleine Holzkoffer?« + +»Alles oben.« + +»Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf, und die rothe Lade....« + +»Alles da; es fehlt Nichts.« + +»Aber den Regenschirm seh' ich nicht.« + +»Den Regenschirm?« sagte der Enkel verblüfft, denn da war wirklich +Etwas, was er vergessen hatte. + +»Er steht gleich neben dem Fenster in der Ecke« -- aber einer der Jungen +aus dem Hause war schon hineingesprungen, um das Vermißte zu holen, und +kam gleich darauf im Triumph damit zurück. + +»So, Großmutter,« sagte der Mann, »ist nun Alles da?« Die Enkelin hatte +mit dem kleinen Kinde schon neben ihr Platz genommen. + +»Alles, meine Kinder -- und sind wir denn jetzt wirklich in Brasilien?« + +»Na, ob!« sagte der Mann, gab seinen Pferden einen kleinen +Peitschenhieb, und fort rasselte der Wagen wieder, die glücklichen +Menschen ihrer eigenen Heimath zuzuführen. + +Gerade als das Fuhrwerk wieder die Stadt verließ, landete noch ein +kleines Boot, die Capitainsjölle, worin dieser einige Kajütenpassagiere +an's Land brachte. Drei oder vier andere waren schon gestern Abend mit +den Zwischendeckspassagieren gelandet und gleich in den Gasthof gegangen, +um dort Unterkunft zu finden. Eben dahin hatte sich aber auch eine +Anzahl von Zwischendeckspassagieren gewandt, die sich in dem, ihnen von +der Direction angewiesenen Raume nicht wohl fühlten und noch Geld genug +bei sich führten, wenigstens die erste Zeit davon leben zu können. Waren +sie dann erst einmal acht oder vierzehn Tage in der Colonie, so ließ +sich mit mehr Muße eine bequemere Einrichtung treffen. + +In dem letzten Boote befanden sich ein paar junge Kaufleute und ein +junger Baron, ein Herr von Pulteleben; mit einer wahren Unmasse von +kleinem Handgepäck, das er im Boote um sich her aufgeschichtet hatte. An +der Landung konnte er aber natürlich nicht gleich Jemanden finden, der +es ihm trug, und die Folge davon war, daß er, das »Hôtel« eine halbe +Stunde später als die Übrigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr +fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn wünschte, d. h. ein Zimmer +allein, wie er auf dem Schiffe auch eine Koje für sich selber gehabt. +Der junge Herr hatte übrigens Geld, und glaubte, darauf pochend, Alles +durchsetzen zu können. + +Der Wirth »Bodenlos«, wie er von den Colonisten genannt wurde -- eigentlich +hieß er Bohlos -- stand schon etwas halbselig in der Thür, denn er hatte +es sich nicht nehmen lassen, mit all seinen neu angekommenen Gästen den +sogenannten Willkommenstrunk zu leeren, und betrachtete, die Hände in +den Taschen, den von zwei endlich gefundenen Lastträgern begleiteten +Fremden. + +»Ist dieses das Hôtel?« fragte dieser rasch. + +»Aufzuwarten,« sagte der Wirth, und überflog mit einem lächelnden Blicke +die um die Thür hergestreute Bagage; »Hôtel zum Hoffnungsanker in Santa +Clara. Wollen Sie ein Bett?« + +»Ich wünschte ein Zimmer -- allein, wo möglich mit Cabinet -- vorn +heraus und im ersten Stock.« + +»Kann ich mir wohl denken,« sagte Bodenlos mit unerschütterlicher Ruhe, +ohne selbst die Hände aus den Taschen zu nehmen -- »das wünschen sich +Mehr, können es aber eben nicht kriegen.« + +»Nicht kriegen?« sagte der junge Mann erstaunt -- »ich heiße von +Pulteleben.« + +»Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen,« sagte der +Wirth -- »_ich_ heiße Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der +Colonie nennt mich aber Bodenlos, bleibt sich indessen ganz gleich, wie +wir Beide heißen.« + +»Aber ich _muß_ ein Zimmer haben,« sagte von Pulteleben, der noch gar +nicht recht wußte, was er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte. + +»Natürlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel bleiben wollen,« meinte +der Wirth, -- »und wenn's regnete, wäre das fatal -- besonders für alle +die Schachteln.« + +»Dann bitte ich nur, daß Sie Anstalt machen,« sagte von Pulteleben, +»denn es ist nicht angenehm, hier draußen zu stehen, und ich möchte mein +Gepäck los sein.« + +»Na, das wäre das Leichteste,« lachte der Wirth -- »wenn Sie's nur hier +eine Stunde allein draußen stehen ließen. Aber Herr von Bullleben, oder +wie Sie gleich hießen, ich will Sie nicht lange hinhalten. Verlangen +Sie hier ein Bett, um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer zu +schlafen, so denke ich, daß ich es möglich machen kann -- ich will mir +wenigstens Mühe geben, und Essen genug haben wir im Hause, aber ein +Zimmer allein _können_ Sie nicht hier bekommen, weil ich eben keins mehr +habe, und andere Gäste hinaus werfen geht eben so wenig. Also damit +Basta!« + +»Und existirt hier kein anderes Hôtel in der Stadt?« fragte der +sichtlich schon sehr Enttäuschte. + +»Gegenwärtig nicht,« bemerkte äußerst artig Herr Bohlos; »wenn Sie aber +vielleicht noch drei oder vier Monate warten wollen, so wird sich +wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und ein Hôtel zur Belle +Vue errichten; das Grundstück ist wenigstens schon dazu angekauft.« + +Herr von Pulteleben stand in einer wahren Verzweiflung mitten auf der +Straße, denn die Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes, dem er +nicht das Geringste entgegenstellen konnte, ließ ihn noch vollkommen +unschlüssig, was er thun solle -- erst grob werden und den Burschen dann +mit Verachtung strafen, oder das Letztere lieber gleich zuerst thun. + +»Sie wollen ein hübsches Zimmer, vorn heraus und mit Aussicht?« redete +ihn da plötzlich eine Stimme an, nach der sich von Pulteleben überrascht +umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes war es, der vor ihm stand, sah +aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu überraschen, +der frisch aus Deutschland herüber kam und an jene exotischen Individuen +noch nicht gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild zerstreut findet. + +Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, eine Art von Factotum +in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschäftigung, +sondern nahm nur da Arbeit an, wo er sie gerade bekam, so daß er oft +fünf oder sechs verschiedene Herren zu gleicher Zeit, und dann wieder +einmal gar keinen hatte. Dazwischen ließ er sich Wege schicken, putzte +den Honoratioren Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, und +stand sogar in dem Rufe, schon hier und da Heirathen zwischen Familien +vermittelt zu haben, die sonst im Leben nicht zusammengekommen wären. +Jedenfalls hatte er ein ähnliches Gewerbe in Deutschland getrieben, wo +zwischen Bauernfamilien und überhaupt auf dem Lande Ehen nur zu häufig +auf diese Art geschlossen werden. + +Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn während der Seidenhut +(Cylinder, Schraube, Angströhre, oder wie die Namen alle heißen mögen) +in die höhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit den groben, schweren +nägelbeschlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der übrige Mensch +trug außerdem nur die Kleider der übrigen Menschen -- abgelegte Hosen, +Westen und Röcke, wie sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist +noch alle aus Deutschland herübergekommen waren. Leider paßten sie nur +nicht immer, und Jeremias schien darin eine eigene Geschicklichkeit +erworben zu haben, seinen Körper allen derartigen Errungenschaften, so +gut das nur möglicherweise gehen wollte, anzuschmiegen. + +Heute nun fand er reichliche Beschäftigung bei den neuen Ansiedlern, +theils um Gepäck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu schaffen, +theils die verschiedenen Parten an passenden Stellen unterzubringen. Daß +er seine übrigen und alten Kunden dadurch vernachlässigte, störte ihn +nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter +der Zeit _hier_ verdiente, war rein gewonnen. + +Um aber die Arbeit rasch und leicht verrichten zu können, hatte er seinen +Rock ausgezogen und ohne Weiteres in irgend ein offenes Fenster an der +Straße hineingeschoben; so stand er denn jetzt vor von Pulteleben, die +unten zu einem Wulst aufgekrämpelten Hosen oben mit einer grellrothen, +wollenen Schärpe statt Hosenträger festgehalten, darüber eine hellblaue +Seidenweste geknöpft, die der frühere Besitzer nicht mehr tragen konnte, +da ihm der Kellner eines Mittags die Saucière darüber geschüttet, eine +schwarze Halsbinde um den nackten Hals, denn der weiße Hemdkragen war +ihm bei der scharfen Arbeit darunter vorgerutscht, und ein großes, +blaubaumwollenes Taschentuch in die linke Hosentasche so weit +hineingezwängt, wie es möglicherweise gehen wollte. + +Jeremias schwitzte außerdem, daß ihm das Wasser ordentlich in Strömen +von Stirn und Schläfen herunter lief, und von Pulteleben lachte, trotz +seiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias das +blaue Taschentuch jetzt durch einen plötzlichen Ruck zu Tage brachte +-- wobei er die Hosentasche auch mit nach außen drehte -- dann mit der +rechten Hand seine brennend rothe Perrücke lüftete und sich darunter den +vollkommen kahlen Kopf mit dem Tuche wischte. + +»Na, Sie brauchen nicht zu lachen,« sagte Jeremias; »ich wollte einmal +sehen, wie _Sie_ schwitzten, wenn _Sie_ so ein Ding auf dem Kopfe hätten; +das ist wie ein Pelz -- nun, wie steht's?« + +»Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?« fragte der junge Mann, +dem jetzt vor allen Dingen daran lag ein Unterkommen zu finden -- »in +angenehmer Lage?« + +»_Ich_ nicht,« meinte Jeremias, »das bleibt sich aber gleich, denn ich +weiß eine, wo Sie gleich einziehen können.« + +»Allein?« + +»Mutterseelens,« sagte Jeremias lakonisch. + +»Weit von hier?« + +»Gar nicht.« + +»Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?« + +»Handkarren,« erwiederte der kleine praktische Bursche, sprang, ohne +weiter eine Antwort abzuwarten, hinter das Haus, holte dort seinen +eingeschobenen Karren vor, lud die Habseligkeiten des Fremden darauf, +schnürte das Ganze mit einem Seile fest zusammen und war nach wenigen +Minuten schon unterwegs, und zwar nach keinem andern Hause, als dem der +Gräfin Baulen, in welchem er den Fremden ohne Weiteres einzuquartieren +gedachte. + +Glücklich für ihn und seinen kühn entworfenen Plan war Oskar gerade +nicht zu Hause und mit Helenen auf einem Spaziergange begriffen, um die +neu gekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen. Als Jeremias mit dem +Karren vor dem Garten hielt, saß die Frau Gräfin gerade in ihrem Zimmer +und schrieb ein paar Briefe. + +»Das ist aber kein Hôtel,« sagte der junge Fremde, das Haus betrachtend. + +»Privatwohnung,« meinte Jeremias -- »aber famos -- charmante Leute +-- werden Ihnen gefallen, besonders die Tochter« -- und damit rückte +er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer auf die Schultern und +schritt damit in das Haus hinein, während von Pulteleben bei seinen +übrigen Sachen noch zurückblieb. Nach einer Weile kam er wieder zurück +und holte den andern Koffer, und als er zum dritten Male kam, packte er +dem Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein leichtes Kistchen mit +Schirm und Stock auf, ergriff dann das Übrige und sagte: + +»Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.« + +Der Fremde folgte ihm auch vollkommen ahnungslos, daß ihn der kleine +Bursche hier ohne die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus als +Miethsmann einführe, und nur erst, als sie die erste Treppe erstiegen +hatten und Jeremias voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und +sagte: + +»Noch höher?« + +»Kommen Sie nur,« ermunterte ihn jedoch sein Führer -- »famose Aussicht, +wie gemalt,« und da er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch +Nichts weiter übrig, als ihm zu folgen; mußte er doch überhaupt froh +sein, nur ein Unterkommen zu finden. Kaum hatte er übrigens etwa zehn +Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine Thür im ersten Stock +geöffnet wurde und die Frau Gräfin, welche den Lärm draußen gehört +hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie erkannte übrigens, +vor dem Fremden, noch gerade den aufsteigenden Jeremias und rief: + +»Nun, was ist denn das für Gepäck?« + +»Alles in Ordnung!« rief Jeremias zurück, ohne sich weiter stören oder +außer Fassung bringen zu lassen. + +Die Gräfin schüttelte den Kopf, doch sie konnte nicht anders glauben, +als daß Oskar, der gewohnt war sehr selbstständig aufzutreten, ihr +irgend einen Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings zu +keiner Zeit hätte unbequemer kommen können. Gewohnt aber, sich in dessen +Launen oder unbedachte Streiche zu fügen, seufzte sie nur tief auf, trat +in ihr Zimmer zurück und zog die Thür hinter sich in's Schloß. Wenn +Oskar übrigens nach Hause kam, wollte sie ihm tüchtig den Kopf deshalb +zurecht setzen. + +Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo Jeremias schon seine übrigen +Sachen eingestellt hatte, und sah sich hier allerdings etwas überrascht +um. So freundlich das Local auch liegen mochte, denn es bot einen +Überblick über einen Theil der Ansiedelung und nach den fernen Bergen +hinüber, so fehlte ihm doch auch _jede_ andere Bequemlichkeit. Kein +Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein Spiegel, Nichts, Nichts war zu sehen, +als die kahlen geweißten Wände, und Herr von Pulteleben rief: + +»Nun, das ist ein hübsches Logis, in dem nicht einmal ein Stuhl steht! +Wohin haben Sie mich denn gebracht, Meister Ungeschickt?« + +»Nur keine Überstürzung,« sagte Jeremias, indem er den Rest der Sachen +auf die beiden Koffer legte; »wir haben Zeit, und nach und nach macht +sich Alles. Vorerst sind Sie einmal untergebracht, und was wollen Sie +mehr?« + +»Mehr?« rief von Pulteleben erstaunt -- »Möbel will ich -- meine +Bequemlichkeit, wofür ich bezahle, und vor allen Dingen einen +Waschtisch.« + +»Waschtisch?« sagte Jeremias -- »giebt's nicht. Vor der Hand setzen wir +das Waschbecken auf einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.« + +Herr von Pulteleben, der anfing, sich über den Burschen zu amüsiren, +lachte, und Jeremias, sich im Zimmer umsehend, fuhr fort: + +»Hauptsächlich brauchen Sie einen Tisch und einen Stuhl, das ist wohl +das Nothwendigste.« + +»Ich dächte auch,« sagte der junge Mann, »um nur die bescheidensten +Ansprüche zu befriedigen.« + +»Das denk' ich, kann ich schaffen,« nickte Jeremias, »und was weiter +loszueisen ist, wollen wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei +sich?« + +»Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. Die Leute, welche ein +Zimmer vermiethen, müssen doch auch ein Bett dazu haben.« + +»Puh!« meinte Jeremias, »reden wir nicht davon; aber ein Plaid ist für +das warme Wetter genug zum Zudecken, und der Boden hier im schlimmsten +Falle,« fuhr er fort, indem er mit dem Hacken auf die Diele trat, »von +weichem Holze -- Lust und Liebe zu einem Ding machen jede Müh' und +Arbeit gering.« + +»Den Teufel auch,« rief der junge Mann erschreckt, »ich werde doch nicht +sollen auf der nackten Erde schlafen?« + +»_Nackten_ Erde? Pst!« sagte Jeremias mit einem unendlich komischen und +ermahnenden Gesichte -- »es sind Damen im Hause!« + +»Sie sind ein ganz verrückter Mensch!« lachte von Pulteleben; »aber +jetzt verschaffen Sie mir wenigstens das Nöthigste. Es soll Ihr Schade +nicht sein,« setzte er hinzu, indem er ihm einen Milreis in die Hand +drückte; »aber ich bin in Eile, ich muß mich umziehen und dem Director +noch meine Aufwartung machen.« + +»Aufwartung?« fragte Jeremias, der mit einer dankenden Bewegung das Geld +nahm, betrachtete und dann in seine Westentasche schob -- »Aufwartung +giebt's hier nicht -- aber einerlei, wollen schon Alles besorgen,« und +damit verschwand er aus der Thür. Jeremias war übrigens nicht der Mann, +etwas Begonnenes halb zu thun; ohne deshalb weiter bei der Besitzerin +des Hauses anzufragen, ging er in Oskar's Zimmer, wo er zwei Tische +wußte, nahm einen davon und trug ihn hinauf. Dann suchte er sich in +Helenens Stube und Schlafzimmer zwei Stühle, und das erst einmal +erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken und Handtuch, mit Kamm, Seife, +Zahnbürste und Allem was dabei lag, und trug es seinem einquartierten +Gaste zu. + +»Zum Henker auch,« rief Pulteleben, als er damit ankam, »das ist ja ein +schon gebrauchtes Handtuch!« + +»Herr Du meine Güte, sind _Sie_ eigen!« sagte Jeremias; »_ich_ brauche +gar keins, ich nehme immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?« + +»Wasser und ein reines Handtuch.« + +Jeremias schüttelte mit dem Kopfe, stieg aber doch noch einmal hinunter +und kam bald mit dem Verlangten zurück. Nur statt des Handtuchs hatte er +eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenens Toilettetisch +gefunden und ohne Weiteres als gute Beute mitgenommen. + +»Und wie steht's mit dem Bette?« fragte der Fremde, indem er den Rock +auszog und die Hemdärmel in die Höhe streifte. + +»Bett? giebt's nicht!« sagte Jeremias trocken, »wenigstens jetzt nicht. +Sie wollen sich doch jetzt noch nicht schlafen legen?« + +»Nein -- aber doch den Abend.« + +»Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.« + +»Und kann man hier im Hause Etwas zu essen bekommen?« + +»Zu essen? Hm« -- sagte Jeremias, der darüber noch nicht recht mit sich +im Klaren war -- »danach müssen wir erst fragen. Für heute sind die +Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. Aber da gehen Sie +lieber in's Gasthaus zu Bodenlos -- der hat's.« + +»Und wie heißt der Eigenthümer dieses Hauses?« + +»Spenker, Bäckermeister.« + +»Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal herauf -- ich will mich +erst waschen -- damit ich mit ihm reden kann. Das ist ein verwünscht +öder Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht ein wenig behaglicher +einrichten will, ziehe ich wieder aus.« + +»Auf die Straße?« fragte Jeremias; »denn weiter giebt's keinen Platz, +Sie müßten denn vielleicht in einem von den Gärten eine Laube zu +miethen bekommen.« Damit aber, als ob er jetzt seine Schuldigkeit gethan +habe, zog er sich zurück und drückte sich leise an dem Zimmer der Frau +Gräfin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen mochte. Der Fremde da +oben konnte nun sehen, wie er mit »der Alten« fertig wurde. + + + + +8. + +Die Einquartierung. + + +Oskar und Helene hatten einen Spaziergang durch die kleine Stadt +gemacht, um sich an dem Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu +amüsiren, und waren, dessen müde geworden, nach Hause zurückgekehrt. + +Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr natürlich die daselbst +vorgenommene Änderung nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem +Toilettetische und die darauf geordnet gewesenen Sachen standen wild +zerstreut umher; zwei Stühle fehlten außerdem, auf die sie gewohnt +gewesen war ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem Mädchen, um zu +erfahren wer in ihrem Zimmer gewesen sei. Dorothea hatte aber in der +ganzen Zeit ihre Küche nicht verlassen und konnte ihr deshalb nicht die +geringste Auskunft geben. + +Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine Mütze in eine Ecke, sich +selber auf das Sopha und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter, +als er in dem über ihm liegenden Zimmer die schweren Schritte eines +Mannes hörte. Das Haus war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich +zu ihm herunter, daß er sich endlich aufrichtete und horchte. + +»Wer zum Henker ist denn da oben?« brummte er endlich leise vor sich hin +-- »dem Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren Karren in der Stadt +begegnet und die Dorothea hat keinen solchen Schritt.« + +Er horchte noch eine Weile; da es sich aber gar nicht verkennen ließ, +daß da oben jemand Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die +Treppe hinauf. Die Thür der sonst immer leer stehenden Kammer war offen +und nur angelehnt, und neugierig, wer da oben Etwas zu thun haben könne, +stieß er sie noch etwas weiter auf und sah hinein. + +Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen fertig und stand vor einem +der geöffneten Fensterflügel, den er vorläufig als Spiegel benutzte, um +sich die wohlgeölten Haare, so gut das eben gehen wollte, zu ordnen. Als +er aber das Knarren der Thür hörte, drehte er den Kopf herum, und sah +kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief: + +»Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in dem Hause. Wohnen Sie hier?« + +»Guten Morgen,« sagte Oskar, der, auf's Äußerste erstaunt den Fremden +hier zu finden, bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kasten starrte +-- »ja wohl wohne ich hier!« + +»Wo ist denn nur der Lump von Aufwärter hingekommen?« + +»Der Aufwärter?« sagte Oskar, noch immer seinen Augen nicht trauend +-- »der Jeremias etwa?« + +»Ich weiß nicht wie er heißt; er wollte ja gleich wiederkommen. Gehen +Sie wieder hinunter?« + +»Ich hatte die Absicht,« erwiederte Oskar. + +»O, dann sein Sie doch so gut und schicken mir ein Glas zum Zahnputzen +herauf. Es ist ja noch gar Nichts eingerichtet. Das scheint eine schöne +Wirthschaft hier zu sein!« + +»Bitte,« sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung gar nicht herauskam, +»geniren Sie sich nicht -- mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?« + +»von Pulteleben,« sagte der junge Mann, seinen Locken eben den letzten +Strich gebend -- »um wie viel Uhr wird hier gegessen?« + +»Um ein Uhr,« sagte Oskar, durch die Ruhe des Fremden immer mehr darin +bestärkt, daß er jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein müsse, wenn er +auch keinen denkbaren Zusammenhang dazu finden konnte. Wer hätte der +Fremde aber sonst sein können? + +»Haben Sie eine richtig gehende Uhr?« fragte dieser endlich weiter. + +»Ja,« erwiederte Oskar, indem er danach sah; »es wird gleich zwölf Uhr +sein.« + +»O, desto besser, dann kann ich vorher noch zum Director hinübergehen. +Bitte, vergessen Sie nicht, mir das Glas gleich zu schicken.« + +»Mit dem größten Vergnügen,« erwiederte Oskar, drückte die Thür wieder +in's Schloß, schickte das Mädchen von unten mit einem Glase hinauf und +ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um sich nach dem Fremden zu +erkundigen. + +Die Frau Gräfin schloß eben ihren letzten Brief, als Oskar das Zimmer +betrat, und sah sich nach ihrem Sohne gar nicht um. + +»Wer ist denn der Herr, Mama, den Du uns da oben einquartiert hast?« +fragte Oskar jetzt; »das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!« + +Die Gräfin, welche gerade eine Adresse schrieb, drehte erstaunt den Kopf +über die Achsel und sagte: + +»Und das fragst Du mich? Erst bringst Du mir, ohne die geringste +Erlaubniß vorher einzuholen, einen wildfremden Menschen in's Haus, und +dann weißt Du selber nicht einmal wer er ist? Oskar, es wird mit Dir +jede Woche schlimmer, und ich fürchte, daß es so nicht mehr lange dauern +kann!« + +»Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht?« rief aber Oskar jetzt +seinerseits erstaunt und mit einer gewissen Genugthuung, daß er endlich +einmal an einem ihm aufgebürdeten Vergehen vollkommen unschuldig sei +-- »ich bin mit Helenen spazieren gegangen und habe den Menschen, der da +oben Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht gesehen.« + +Es war jetzt an der Gräfin, erstaunt zu sein, und sich ganz gegen Oskar +drehend, rief sie aus: »Aber _Helene_ kann ihn doch nicht eingeladen +haben!« + +»Helene -- Unsinn! -- Helene war ja den ganzen Morgen bei mir, und wir +haben mit keiner Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.« + +»Aber der Jeremias hat ja doch sein Gepäck in's Haus gebracht, und +sagte mir, daß Alles in Ordnung sei.« + +»Der Jeremias?« wiederholte Oskar, der nur immer noch verwirrter wurde. + +»Und Du hast keine Ahnung, wer der Fremde ist?« + +»Er sagte mir, er heiße von Pulteleben.« + +»Und woher?« + +»Das weiß Gott -- ich kenne ihn nicht, und der Jeremias -- aber zum +Henker noch einmal, was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnöthiger +Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden Herrn, der sich so #sans +façon# bei uns einquartiert hat, fragen dürfen wo er herkommt und was er +will!« Und mit den Worten schoß er auch ohne Weiteres zur Thür hinaus +und wollte eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias in den Vorsaal +treten sah. + +»Jeremias,« rief er hinunter, »komm' einmal herauf -- aber rasch!« + +»Ich fliege schon,« erwiederte dieser, der sich keineswegs dabei +beeilte, denn er wußte recht gut was ihn jetzt erwartete. + +Oskar stand oben an der Treppe, und so wie der Alte nur so weit +heraufgekommen war, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte +er ihn bei dem einen Ohre, und zog ihn dem Zimmer seiner Mutter zu. + +»Donnerwetter, junger Herr!« rief der Alte leise, »Sie reißen mir ja den +linken Löffel aus -- was ist denn das nur für ein zärtlicher Empfang?« + +»Warte, Du Schlingel,« rief Oskar, »er soll noch zärtlicher werden! +Jetzt nur herein mit Dir und gebeichtet, was Du für verfluchte Streiche +heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama -- jetzt auf die Kniee +nieder, Halunke, und nun gestehe, was das für eine Geschichte mit dem +Fremden ist!« + +»Aber, so schreien Sie doch nur nicht so,« flüsterte Jeremias, der sich +nicht im Geringsten außer Fassung bringen ließ -- »die ganze Stadt +braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit einander reden, und der +Fremde da oben hat Ohren wie ein Hirsch.« + +»Wer ist der Fremde, und wo kommt er her?« fragte die Gräfin streng. + +»So lassen Sie doch nur mein Ohr los,« bat Jeremias, »ich laufe Ihnen ja +nicht mehr davon, und es stört in der Unterhaltung.« + +»Wer ist der Fremde? will ich wissen,« wiederholte die Gräfin, indem +Oskar das Ohr des Alten losließ, ihm aber den Ausweg verstellte. + +»Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gräfin,« antwortete achselzuckend der +alte Spitzbube -- »fand ihn heute auf der Straße zwischen einem ganzen +Berge von Koffern und Hutschachteln, und da er kein Unterkommen finden +konnte, _wir_ dagegen Platz haben und er mir gefiel, so brachte ich ihn +mit nach Hause.« + +»_Dir_ gefiel, Du Galgenstrick,« rief Oskar, »Dir gefiel! Und was für ein +Recht hast Du, fremde Gäste hier in das Haus zu führen?« + +»Jetzt sein Sie einmal vernünftig,« sagte Jeremias, ohne sich auch nur +im Geringsten aus seiner Ruhe bringen zu lassen. »Der fremde junge +Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er hat ein paar ganz +ausgezeichnete Lederkoffer, die ein schmähliches Geld gekostet haben +müssen. Außerdem ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit den +Milreis nur so um sich.« + +»Aber was geht das uns an?« rief Oskar, während die Frau Gräfin vor +Erstaunen noch immer nicht zu Worte kommen konnte. + +»Was das _Sie_ angeht?« wiederholte Jeremias in vollkommener Seelenruhe +-- »das will ich Ihnen sagen. Die Stube oben....« + +»Heh, Wirthschaft!« rief es in diesem Augenblicke laut von oben +herunter; »läßt sich denn Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie +ausgestorben -- heh, hollah!« + +Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte, wie er oben die Stimme +hörte, öffnete die Thür ein Wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut: +»Komme gleich!« und schloß sie dann wieder, wonach er, ohne eine Miene +zu verziehen, ruhig fortfuhr: + +»Stand doch außerdem leer und wurde nicht benutzt.« + +Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze fing an ihm unendlich komisch +vorzukommen. + +»Ich möchte jetzt nur eigentlich wissen,« sagte die Gräfin mit einem +finstern Blick auf Oskar und Jeremias, »wer noch Herr hier im Hause ist. +Sie werden jedenfalls dafür sorgen, Jeremias, daß der fremde Mensch +augenblicklich unser Haus wieder verläßt und eine andere Wohnung +bezieht.« + +»Giebt's gar nicht,« sagte Jeremias ruhig; »hören Sie mich nur an. Was +haben Sie denn von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist ein +anständiger junger Mensch, der Ihnen eine gute Miethe bezahlt, und +außerdem hätte auf der Straße logiren müssen.« + +»Aber wer hat _Ihnen_ denn die Erlaubniß gegeben, das zu vermitteln?« +fragte die Gräfin. + +»Nur praktisch,« meinte Jeremias, »das ist die Hauptsache. Außerdem sind +Sie ja nicht mit einander verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei oder +drei Monaten nicht mehr gefällt, können Sie ihn ja immer noch wieder +ausquartieren.« + +»Nach zwei oder drei Monaten?« rief die Gräfin erstaunt. + +»Oder noch später,« meinte Jeremias trocken; aber jetzt muß ich +wahrhaftig hinauf, und sehen was der junge Herr will; er wird mir sonst +ganz ungeduldig und am Ende gar noch grob« -- und ohne weiter eine +Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinauf. + +»Eine solche Unverschämtheit ist mir aber doch noch nicht vorgekommen,« +lachte Oskar, »und das Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche +den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder zusammen zu packen und das +Haus zu räumen.« + +»Warte noch einmal,« sagte seine Mutter, die indessen nachdenkend am +Fenster gestanden hatte, indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte: »wie +sagtest Du daß der Herr hieß?« + +»Er nannte sich von Pulteleben.« + +»Wie alt etwa?« + +»Nun, vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahre.« + +»Hm -- und er scheint aus guter Familie? Da dürfen wir doch wenigstens +nicht ungezogen gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach +glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu befinden, und würde +schwerlich eingezogen sein, wenn er wüßte, wie sich Alles verhält.« + +»Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um welche Stunde bei uns gespeist +würde,« lachte Oskar. + +Die Gräfin ging im Zimmer auf und ab und blieb endlich wieder vor ihrem +Sohne stehen. + +»Die Sache kann nicht so bleiben,« sagte sie, »denn einen Miethsmann +läßt man sich eben nicht mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der +junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie bleibt, so ist es auch +eben so klug gehandelt, sich nicht in Unfrieden, sondern in Frieden +wieder zu trennen. Gehe hinauf und lade ihn für heute Mittag ein, unser +Gast zu sein -- wir sind doch allein -- und bei Tische mag er dann +erfahren, auf welche außergewöhnliche Art er bei uns eingeführt wurde. +Es bleibt ihm dann der ganze Nachmittag, sich nach einem andern +Quartiere umzusehen.« + +»Der Jeremias ist ein göttlicher Kerl!« sagte Oskar lachend. + +»Und je eher Du _den_ wieder fortschickst, desto besser ebenfalls,« +meinte seine Mutter, »denn ich bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr +auszusetzen, von einem so eigenmächtigen Hausknecht in noch Gott weiß +was für unangenehme Situationen gebracht zu werden. Mit einem so +stockdummen Menschen ist außerdem gar Nichts anzufangen -- ich will +lieber mit einem Schurken zu thun haben, denn vor dem kann man sich in +Acht nehmen.« + +Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias' Dummheit betraf, aber die Sache +mit dem Fremden ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer verlassend, +wollte er eben zu ihm hinauf, als er aus seinem Zimmer wieder den +Jeremias kommen sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der linken +Hand dabei einen Stiefelknecht und in der rechten einen kleinen +Handspiegel trug. + +»Du bist doch ein ganz niederträchtiger, abgefeimter Halunke!« sagte +Oskar; »wer hat Dir denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszuplündern?« + +»Machen Sie keine Geschichten,« erwiederte Jeremias, mit den Augen +blinzelnd; »das ist ein prächtiger junger Mensch, und thut schon so, +als ob er ganz zu Hause wäre.« + +Oskar, dem die Sache Spaß machte, sprang jetzt die Treppe voran hinauf. +Als er die Thür öffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig +angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln in der Hand, mitten +in der Stube. + +»Na, kommen Sie -- ah, Sie sind's -- entschuldigen Sie, ich glaubte, es +wäre der Strick, der Aufwärter; der bleibt eine Ewigkeit.« + +»Er kommt dicht hinter mir,« sagte Oskar; »Herr von Pulteleben, ich soll +Ihnen melden daß pünktlich um ein Uhr gegessen wird.« + +»So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem Zimmer essen.« + +»Dazu ist die nöthige Einrichtung doch noch nicht getroffen,« erwiederte +Oskar; »ich habe den Auftrag, Sie zu ersuchen mit _uns_ zu diniren.« + +»Hm,« sagte von Pulteleben, der sich schon zu Hause vorgenommen hatte, +der amerikanischen »Freiheit und Gleichheit« so viel als möglich aus dem +Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im Klaren war, ob er vielleicht +seiner künftigen Stellung in der Colonie Etwas vergeben würde, wenn er +mit der »Bäckerfamilie« speiste, -- »ich esse viel lieber allein.« + +»Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal bei uns gefallen,« +lachte Oskar, »morgen werden Sie jedenfalls allein essen können.« + +»Nun gut,« erwiederte von Pulteleben -- »na endlich,« wandte er sich +dann an den eben eintretenden Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht +abnahm und seine bestaubten Stiefel auszog -- »setzen Sie den Stuhl nur +dahin -- aha, und auch ein kleiner Spiegel. Das muß ich gestehen, lieber +Freund, auf Gäste scheinen Sie hier im Hause nicht eingerichtet zu sein. +Die Unordnung ist wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter. +Wie heißen Sie, he?« + +»Jeremias, zu Befehl,« sagte dieses würdige Individuum in steifer Haltung +und warf einen etwas unruhigen Blick auf Oskar hinüber, von dem er nicht +wußte, wie er das Urtheil über die Wirthschaft aufnehmen würde. Dieser +aber amüsirte sich vortrefflich, und während der junge Mann seine Stiefel +wechselte und dann seinen Hut nahm, saß er verkehrt auf dem einen +Stuhle, stützte sich mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm lächelnd +zu. Endlich hatte von Pulteleben seine Toilette beendet, schloß seine +Koffer, sah sich noch einmal im Zimmer um, ob er Nichts vergessen +hätte, und sagte: »So -- wenn's gefällig ist; ich möchte zuschließen.« + +»Aha, mit Vergnügen,« rief Oskar aufspringend -- »wollen Sie den Schlüssel +mitnehmen oder da lassen?« + +»Hm -- ich werde ihn da lassen, damit das Mädchen nachher aufräumen kann +-- man hat doch Nichts zu befürchten?« + +Jeremias sah wieder Oskar bestürzt von der Seite an, dieser aber +erwiederte lächelnd: »Nicht das Geringste -- aber Sie sind pünktlich?« + +»Wenn ich irgend kann, gewiß.« + +Damit verließ er das Zimmer, wo hinaus ihm die Beiden folgten, und stieg +die Treppe hinab, während Oskar zu seiner Mutter hineinsprang, um ihr +Bericht abzustatten. + +Gerade als von Pulteleben nach der untern Treppe zu ging, öffnete sich +dort die nächste Thür, die in Helenens Zimmer führte, und die Comtesse +trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden, der sie überrascht und +höflich grüßte, als sie sich mit einer halben und flüchtigen Verbeugung +wieder zurückzog. + +»Alle Wetter,« wandte sich von Pulteleben leise zu dem dicht hinter ihm +dreinkommenden Jeremias, »das ist ja ein wunderschönes Mädchen; das war +doch nicht die Bäckerstochter?« + +Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden oder absichtlich seinen +Spaß daran hatte, den Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor +Vergnügen grinsend, mit dem Kopfe, und von Pulteleben stieg, mit der +Entdeckung sehr zufrieden, die Stiege hinunter, um noch vor Tische +seine Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. Er war jetzt fest +entschlossen, die Stunde des Mittagessens pünktlich einzuhalten. + +Arno von Pulteleben war ein lieber, guter, ehrlicher Mensch, der nur mit +einem ganz unbestimmten Begriffe nach Brasilien gekommen war, wie er das +Land überhaupt finden werde, und was er -- wenn er es gefunden -- da +eigentlich wolle. Es geht einer großen Menge von Auswanderern so, die +auch nur zu häufig weder wissen, was man von ihnen fordern könnte, noch +was sie im Stande wären zu leisten, und die dabei nur allein in dem +Namen Amerika den Inbegriff aller erfüllten Hoffnungen und Träume sehen. +»Nur erst einmal in Amerika,« sagen diese, »und das Andere findet sich +Alles von selber.« In Etwas haben sie Recht, denn es findet sich in der +That; nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich gedacht +hatten. + +Mit einer solchen unklaren Idee war auch Herr von Pulteleben herüber +gekommen. Er trat übrigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, denn +er war sich bewußt, seinen Weg _bezahlen_ zu können. Er hatte Geld bei +sich, ein Capital von wenigstens tausend spanischen Dollars, und daß er +Speculationsgeist genug besaß, dasselbe im Laufe von einigen Jahren +vielleicht zu verzehnfachen, daran zweifelte er selber keinen Augenblick. +Sein Grundsatz dabei war, »den Moment zu erfassen« -- »frisch gewagt, +ist halb gewonnen!« und wie derartige vortreffliche Sprüchwörter alle +heißen. Jedenfalls hatte er volles Selbstvertrauen, und da er schon in +Deutschland einmal eine Fußpartie gemacht und dabei zwei Nächte hinter +einander auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er sich auch allen +Entbehrungen, die ihm hier etwa aufstoßen konnten, vollkommen gewachsen. + +Herr von Pulteleben fand sich übrigens etwas überrascht, als er im +Directionsgebäude seine Karte abgegeben hatte und von dem Director die +Antwort zurück erhielt: »Es würde ihm sehr angenehm sein, die Ehre ein +anderes Mal zu haben, heute sei er aber so ausschließlich beschäftigt, +daß er keinen Besuch empfangen könne.« + +»Hm -- angenehm,« brummte er vor sich hin, als er seine weißen +Glacéhandschuhe auszog, zusammenrollte, in die Tasche steckte und wieder +hinaus in's Freie ging; »Herr Director Sarno scheinen verwünscht wenig +Umstände zu machen, und die Artigkeit hätte doch wenigstens verlangt, +daß er ... aber was thut's -- ich habe jetzt doch meine Schuldigkeit +gethan, und wenn er nun meine Bekanntschaft zu machen wünscht, ist die +Reihe an ihm.« + +Mit diesem beruhigenden Gefühle schlenderte er durch die Straßen der +Stadt und fand eine Menge bekannter Gesichter -- Leute, die mit ihm in +einem und demselben Schiffe über See gekommen waren und alle Gefahren +gemeinschaftlich getheilt hatten, aber -- _sie_ waren im Zwischendeck +gereist, und Herr von Pulteleben in der Kajüte -- eine Entfernung, die +in ihrer Räumlichkeit wohl kaum zehn Schritte betragen mochte, aber doch +ausreichte, beide Theile vollständig fern von einander zu halten. Man +kannte sich von Ansehen, aber man grüßte sich nicht, und so unbedeutend +das an sich scheinen mag, so diente es doch dazu, ein nichts weniger +als freundschaftliches Gefühl zwischen beiden Theilen zu erzeugen. + +Das ist nun freilich nicht zu ändern, denn Standes- und Rangunterschiede +existiren einmal auf der Welt, und werden trotz aller Communisten +fortbestehen, bis wir Alle unser letztes Ziel, das Grab, erreichen. +Selbst unter den Thieren und Pflanzen herrschen Rang und Gewalt; es +giebt sogar edle und unedle Metalle, und das Menschengeschlecht läßt +sich nicht in einen Topf werfen und darin halten. Ein Theil von ihm +_will_ seine besonderen Gesache haben -- und bekommt sie auch, und der +Rest muß entweder danach streben, diese ebenfalls zu gewinnen, oder +-- sich darein fügen. + +Herr von Pulteleben hielt das auch natürlich für ganz in der Ordnung, +denn daß es Kajüte und Zwischendeck geben mußte, verstand sich von +selbst. Allerdings kam ihm dabei fast unwillkürlich der Gedanke, +daß er zufälligerweise am Tische des Bäckermeisters mit einem +Zwischendecks-Passagier zusammentreffen könne -- aber das blieb doch +zu unwahrscheinlich -- die junge Dame, der er begegnet, sah dafür zu +anständig aus, und -- war ihm die Gesellschaft wirklich nicht passend, +so gab es immer einen Vorwand, sich zurückzuziehen. + +Als er auf seinem Spaziergange die sehr einfache Kirche passirte, +zeigte die Uhr gerade zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in +Verlegenheit, da er den Namen des Bäckermeisters vergessen hatte, in +dessen Haus er abgestiegen. + +Glücklicher Weise besaß er Ortskenntniß genug, wenigstens die Richtung +behalten zu haben; es war überhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen +Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins entdeckte er vor sich +das Haus, das sich überdies vor allen in der Nachbarschaft durch den +kleinen, aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe empfing ihn schon +Oskar, der sich das Vergnügen nicht wollte entgehen lassen, ihn +einzuführen. + +»Ah, Herr Baron, das ist schön daß Sie Wort halten!« rief er ihm +entgegen. »Eben wird die Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester +erwarten Sie mit Ungeduld.« + +»Mutter und Schwester?« dachte Herr von Pulteleben, »ist denn das der +Sohn des Bäckers?« Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, aber es +blieb ihm keine lange Zeit zur Überlegung, und wenige Minuten später sah +er sich der stattlichen Gestalt der Frau Gräfin und ihrer reizenden +Tochter gegenüber, und schaute jetzt wirklich verlegen nach seinem +Begleiter um, denn daß er sich hier in anderer als der vermutheten +Gesellschaft befand, mußte er wohl fühlen. + +»Mein bester Herr,« sagte er zu Oskar, »ich muß dringend bitten, daß Sie +mich hier vorstellen, ich -- ich weiß selbst noch nicht einmal _Ihren_ +Namen.« + +»O, mit Vergnügen,« lachte Oskar, indem er mit einer etwas förmlichen +und muthwilligen Verbeugung sagte: »Herr von Pulteleben, liebe Mutter, +-- Herr von Pulteleben, ich habe hier die Ehre, Ihnen die Frau Gräfin +Baulen und Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein eigener +Name ist Oskar.« + +»Frau Gräfin Baulen?« stammelte der junge Mann, während über Helenens +Züge ein leises, spöttisches Lächeln zuckte. + +Die Frau Gräfin war aber nicht gesonnen, den jungen Mann weiteren +Verlegenheiten auszusetzen. + +»Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie sind durch die Ungeschicklichkeit +unseres Hausknechtes oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, sich +in einer Familie einzuquartieren, der selbst Ihre Ankunft vollkommen +fremd geblieben war.« + +»Gnädige Frau, ich will doch nicht hoffen!« rief Pulteleben erschreckt. + +»Beruhigen Sie sich,« unterbrach ihn die Gräfin, »ich weiß, daß Sie +nicht die geringste Schuld tragen. Das Ganze war ein mißverstandener +Diensteifer von Seiten jenes Burschen, der über eine Localität unseres +Hauses verfügte, ohne auf Sie, noch auf uns Rücksicht zu nehmen.« + +»Aber man sollte doch kaum glauben, daß so Etwas möglich wäre!« rief von +Pulteleben entsetzt, denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor +Augen, in der er, als reiner Eindringling, den Damen gegenüber stand; +»meine Seele konnte ja an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie müßten +überzeugt sein, daß ich....« + +»Bitte, keine Entschuldigungen weiter,« lächelte die Gräfin; »Brasilien +erzeugt gar sonderbare Zustände, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit +näher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns Jeremias, wie jener +unglückliche Mensch heißt, Gelegenheit gegeben Ihre Bekanntschaft zu +machen; alles Andere läßt sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren, und +nun bitte ich, daß Sie Platz nehmen, denn die Suppe wird sonst kalt.« + +Herr von Pulteleben befand sich noch immer in einem gemäßigten Grade +von Verzweiflung, denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie auf +eine solche Art eingeführt zu haben, trieb ihm fast die Haare zu Berge. +Außerdem blieben ihm noch eine Menge Dinge unklar -- die Geschichte +mit dem Bäckermeister zum Beispiel, und daß ihm der junge Mensch nicht +gleich einen Wink gegeben, wo er sich eigentlich befände. Sehr rasch im +Denken war er außerdem nicht, und es bedurfte einer neuen Aufforderung +der Gräfin, Platz zu nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr den +Arm zu bieten und sie zur Tafel zu führen. + +Da sich die Gräfin aber einmal vorgenommen hatte, ihm weitere +Verlegenheiten zu ersparen, so wußte sie auch bald geschickt in ein +Gespräch einzulenken, das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben konnte +-- ein Gespräch über die eben zurückgelegte Seereise, an dem sie ebenfalls +Interesse nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen Fahrt und der +damit verbunden gewesenen Seekrankheit gedachte. + +In das Capitel eingelenkt, fühlte sich auch von Pulteleben bald wieder +behaglicher, und das Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, war +der etwas sarkastische Zug um der Comtesse Mund, wenn sie einem Blicke +ihres Bruders begegnete und sein Auge gerade auf ihr ruhte -- und sein +Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von Pulteleben erinnerte sich nicht, +je in seinem Leben schon ein schöneres Mädchen gesehen zu haben. + +Mochte es sein daß es ihm nur so vorkam, weil er gerade durch die lange +Seereise dem geselligen Umgange mit dem schönen Geschlechte hatte völlig +entsagen müssen, oder fühlte er sich gerade von dieser Form der Züge +besonders gefesselt, wie das ja oft im Leben der Fall ist, aber er +konnte sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und eben so wenig +entging Helenen selber, mit welcher Aufmerksamkeit er sie behandelte. +Freilich war sie daran gewöhnt, ihren Zoll von Bewunderung überall +einzuernten, aber trotzdem fühlte sie einen gewissen Grad von Genugthuung, +und ihr Antlitz, das im Beginne der Tafel seine volle Strenge bewahrt +hatte, wurde etwas freundlicher gegen den jungen Gast. Sie wich +wenigstens Oskar's Blicken aus und schien nicht mehr gesonnen, sich +über ihn lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der Unterhaltung. + +Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine ganze Fassung wieder, +und als das Diner, bei dem Dorothea ihr Möglichstes geleistet hatte, +beendet war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin und sagte: + +»Frau Gräfin, wenn ich auch jenem unglücklichen Jeremias und meinem +Schutzgeiste danke, diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben, +so fühle ich doch recht gut, daß ich hier, als Ihr Gast, eine sehr +unerquickliche Rolle spiele, und je eher ich der ein Ende mache, desto +besser. Gestatten Sie also daß ich mich entferne, um mich nach einem +andern Quartier umzusehen, und erlauben Sie mir nur -- Ihre Güte hat ja +meiner Unverschämtheit schon verziehen -- daß ich damit nicht gezwungen +bin, diese für mich so ehrenvolle und liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen. +Ich werde mich jedenfalls längere Zeit in Santa Clara aufhalten und +würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir wenigstens gestatten +wollten, Ihnen manchmal meine Aufwartung zu machen.« + +»Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden sind,« lächelte die +Gräfin, »so übereilen Sie auch wenigstens Nichts. Es wird Ihnen überdies +schwer werden, für den Augenblick eine passende Wohnung in Santa Clara +zu finden; _bis_ Sie die aber gefunden haben, bitte ich Sie unser Haus +als das Ihrige zu betrachten.« + +»Gnädige Frau Gräfin!« rief Pulteleben erstaunt aus. + +»Bitte, machen Sie keine Umstände,« fuhr die Gräfin ruhig und freundlich +fort, »wir sind hier in Brasilien, wo der Fremde nur zu häufig einzig +und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen bleibt, und es +existiren deshalb hier ganz andere Verhältnisse, wie in der alten +Heimath. Außerdem sagten Sie uns vorher, daß Sie verschiedene Pläne für +Ihre Zukunft hätten.« + +»Allerdings,« versicherte der junge Mann, »aber es fehlt mir da freilich +noch Kenntniß des Landes, um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen zu +können, und ich sammle lieber erst Erfahrung.« + +»Das ist sehr vernünftig von Ihnen gedacht,« erwiederte die Gräfin; »wo +_ich_ Ihnen aber dabei mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz +über mich zu disponiren.« + +»Sie sind zu gütig, gnädige Frau Gräfin!« + +»Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren in diesem Lande, und man ist +gezwungen, die Verhältnisse genau kennen zu lernen, oft sogar gegen +unsern Willen. Doch Sie wünschen jedenfalls eine Cigarre zu rauchen +-- Oskar, führe den Herrn in den Garten; wir kommen dann ebenfalls +hinunter, um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.« + +Damit standen die beiden Damen auf, grüßten freundlich und verließen das +Zimmer, während Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von Seligkeit +zurückblieb und jetzt gar nicht oft genug zu Oskar sagen konnte, wie +glücklich er sich fühle diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es +auch der größten Dummheit verdanke, deren er sich in seinem ganzen Leben +schuldig gemacht. + +»Na nu werden Sie nicht langweilig,« meinte Oskar -- »Apropos, haben Sie +etwa eine vernünftige Cigarre bei sich? Das Zeug, was man hier bekommt, +ist kaum zu rauchen.« + +»Ich kann Ihnen mit einer Havannah dienen,« sagte Herr von Pulteleben, +erfreut dem Bruder jenes Engels nur in Etwas angenehm sein zu können. + +»Das ist gescheidt,« meinte Oskar -- »sie sind doch nicht zu schwer?« + +»Nein, sicher nicht -- ich selber rauche nie schwere Cigarren.« + +»Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, hier ist eine Hitze, nicht +zum Aushalten,« -- und seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte +er mit ihm hinab, um dort den Kaffee und die Damen zu erwarten. + +Diese zögerten auch nicht lange, und hatte sich Herr von Pulteleben +schon gegen das Ende der Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gefühlt, so +entzückte ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die Natürlichkeit und +Liebenswürdigkeit Helenens, die allen Zwang abgeworfen zu haben schien +und nach Herzenslust lachte und plauderte. + +Helene war wirklich bildschön. Es gab Zeiten, wo ihre so regelmäßigen +Züge von einem düstern Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas +Unheimliches, ja Abstoßendes geben konnte. Ihr Mund, wenn fest geschlossen, +sah dann ebenfalls, der etwas schmalen Lippen wegen, unschön aus. Wenn +aber das lebendige Auge in Scherz, ja Übermuth leuchtete, wenn ihre +Zähne, die zwei Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden, +wenn sich das Grübchen tiefer in ihr Kinn einschnitt und das Lachen +auf dem gar so lieben Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem +murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich nicht satt sehen an dem +Mädchen, und sie war sich auch ihres Sieges stets so sicher bewußt, daß +sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben wollte. + +Nur dann und wann verließ sie manchmal die Laube, und von Pulteleben +würde noch mehr entzückt gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß sie +gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer etwas wohnlicher +einzurichten und ein Bett darin aufzustellen. Es hatte das seine +Schwierigkeiten, denn die Gräfin war nur nothdürftig auf solchen Besuch +eingerichtet, aber es _ging_ doch, und ein paar rasch und geschickt +improvisirte Gardinen machten das kleine Gemach noch so viel +freundlicher. + +Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau Gräfin allein blieb, wurde +dann von dieser benutzt, ihm einen kurzen Überblick über die hiesigen +Verhältnisse zu geben, der Herrn von Pulteleben außerordentlich +befriedigte. Er ersah nämlich daraus, daß in diesem Lande wirklich nur +ein kleines, unbedeutendes Capital dazu gehöre, um, mit kluger Benutzung +des Augenblickes, ganz erstaunliche Erfolge zu erzielen. Die Frau Gräfin +wußte ihm eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen Leute durch +kleine, aber richtige Spekulationen in Stand gesetzt waren, unbedeutend +begonnene Geschäfte auf das Großartigste auszudehnen, und sich dann mit +einem _erworbenen_ Vermögen nach Deutschland zurückzuziehen, um es dort +in Ruhe zu verzehren. + +»Sehen Sie, Frau Gräfin,« rief Herr von Pulteleben, durch diese +Mittheilungen zu einem vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, »das +ist gerade was ich will. Zu Hause haben sie mir immer vorgeworfen, daß +ich unpraktisch wäre, daß ich nie im Stande sein würde, mir aus mir +selber eine Carrière zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob +es nicht möglich ist sie Lügen zu strafen. Sie sollen erleben, mit +welcher Energie ich Alles angreife, was ich unternehme. -- Wenn ich nur +erst wüßte was!« + +»Übereilen Sie sich darin nicht, junger Freund,« sagte die Gräfin. »Es +giebt zwar eine Menge von Wegen, die zum Ziele führen, aber der eine ist +länger als der andere, und wenn man denn doch noch die Wahl hat, warum +soll man da nicht suchen den kürzesten zu nehmen? Übrigens sein Sie +versichert, daß ich selber schon ein Wenig herumhorchen will. Sie sind +uns nun einmal auf so abenteuerliche Weise zugeführt, daß ich ein +gewisses Interesse daran nehme.« + +»Gnädige Frau Gräfin, Sie sind unendlich gütig.« + +»Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so ist es vielleicht sogar +Egoismus von mir selber; denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die +Zeit verstreicht, wenn man so gar Nichts auf der Gotteswelt zu thun +hat. Eine kleine Beschäftigung, eine bestimmte Thätigkeit wird zuletzt +wirklich zum Bedürfniß, und ein wenig Sorgen und Umschauen gehört mit zu +unserem Leben.« + +»Aber durch was habe ich verdient, daß Sie sich _meiner_ gerade so +unendlich freundlich annehmen?« + +»Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien, leben in Verhältnissen, +die mit denen der alten Welt auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit +haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und wunderbar. Doch Sie +werden das Alles noch viel besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal +selber längere Zeit im Lande sind.« + +Oskar hatte sich bei dem Gespräch gründlich gelangweilt, denn er haßte +Nichts mehr auf der Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszwecke die +Rede war -- und seine Mutter hielt ihm dieses Capitel sehr häufig vor. +Dafür gönnte er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen Hausgenossen, +und amüsirte sich die Zeit über, mit seinem Blasrohr von einem erhöhten +Stand der Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schießen. Wenn er sie +traf, nahmen sie gewöhnlich den Schwanz zwischen die Beine und rannten +in wilder Flucht die Straße hinab, und Oskar wollte sich dann halb todt +darüber lachen. + +Um das Angenehme übrigens mit dem Nützlichen zu verbinden, nahm er Herrn +von Pulteleben nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von dem er ihm schon +viel erzählt und ihm auch die Überzeugung beigebracht hatte, daß ein +Mann ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren könne -- nicht einmal +eine Frau, und da Herr von Pulteleben erfuhr, daß es früher Helenens +Lieblingspferd gewesen sei, die sich jetzt einen etwas ruhigeren Grauen +-- der Graue war das wildeste Pferd in der Ansiedelung -- angeschafft +habe, kaufte es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, außerordentlich +mäßigen Preise (Oskar hatte auch in der That höchstens hundert Procent +daran verdient) und schwelgte dabei in der Hoffnung auf morgen, denn +Helene hatte ihm versprochen mit ihm spazieren zu reiten. + + + + +9. + +Ein Abend in der Colonie. + + +Das war ein Leben und Treiben heute in dem sonst so stillen Städtchen, +daß man es kaum wieder erkannte, und das Wirthshaus »Zum Hoffnungsanker« +hatte, so lange der Ort stand, noch keine so guten Geschäfte gemacht. +War es doch auch bis unter das Dach hinauf von Gästen angefüllt, die auf +Matratzen, Decken, Stroh, oder wie es eben ging, untergebracht werden +mußten, während fast alle männlichen Bewohner von Santa Clara hier +ebenfalls zusammenkamen, um die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen, +und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim -- das heißt aus +ihrem Dorfe zu hören, denn was wirklich _deutsche_ Nachrichten und +besonders deutsche Politik betraf, kümmerte die Wenigsten der +Colonisten. + +Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert, und den +politischen Verhältnissen daheim, die sie selbst an Ort und Stelle nicht +verstanden, so entfremdet worden, daß sie kaum noch die geographischen +Namen der verschiedenen Staaten kannten. Aber selbst erst kürzlich +Herübergekommene fragten nicht nach dem, was Preußen oder Österreich, +oder sonst ein Theil Deutschlands treibe -- das war deren Sache, und sie +mochten es mit einander ausmachen -- sondern nur aus welcher Gegend Der +und Jener sei, und ob daheim Der und Jener noch lebe, und nicht Lust +habe nach Brasilien zu kommen. + +Außerdem wollten sich die Leute aber auch gern einmal einen sogenannten +»fidelen Abend« machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen ziemlich +geräumigen Schuppen an sein Haus gebaut und mit Dielen hatte belegen +lassen, ja auch in diesem Schuppen ein hölzernes Gerüst für ein Musikcorps +angebracht war, so verstand es sich von selbst, daß heute Abend ebenfalls +getanzt wurde. + +Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu bestellt -- denn es gab deren +zwei -- und daß sich das andere darüber zurückgesetzt fühlte und erklärte, +das sogenannte _beste_ Musikcorps könne gar nicht spielen und vollführe +eine wahre Heidenmusik -- blieb sich gleich. + +Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die Gäste -- auf acht Uhr Abends +waren nach stillschweigendem Übereinkommen die Frauen angesagt, denn die +Kinder mußten erst zu Bette gebracht werden -- und bis dahin gingen Flasche +und Krug lustig im Kreise. -- Aber nicht etwa das dünne brasilianische +Bier wurde getrunken, das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute, +obgleich das besonders die Neuangekommenen mit Leidenschaft forderten, +sondern vaterländischer Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gewöhnlich +das schwere Geschütz. Die langhalsigen, schlanken Originalflaschen +ragten fast von allen Tischen empor, und Scharlachberger-, Brauneberger-, +Markobrunner- und Hochheimer-Etiquetten gehörten zu den gewöhnlichsten +Dingen. + +An dem einen Tische präsidirte der »Pfarrer« des Ortes, eine +breitschulterige, etwas massive Gestalt, mit hochgeröthetem Gesichte, +kurzen, etwas struppigen blonden Haaren und einem _wenigstens_ +zweitägigen weißen Halskragen, aber nicht etwa in schwarzer Ordenstracht, +sondern in einer grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen, und um +ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von Santa Clara -- unter ihnen +auch unser alter Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der +unmittelbaren Nähe des Städtchens, von denen dann wieder verschiedene +»frische Einwanderer« zugezogen worden, um zuerst Bericht über ihre +Reise abzustatten, und dann Enthüllung über das »erhoffte Brasilien« zu +vernehmen. + +An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls der Bursche mit dem +Silberband um die Mütze gedrängt, der heute schon mit dem Director +Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion Braten stand vor ihm. +Seine Frau lag drüben im Auswanderungshause mit ihren Kindern in einer +dunklen, feuchten Ecke, und theilte mit ihnen das kärgliche Mahl, das +sie sich von geliefertem Mehle selber hatte bereiten müssen. + +Die übrigen Tische waren eben so dicht gedrängt mit Gästen, und Bohlos' +Frau und ein paar Mägde konnten sich kaum in dem überfüllten Raume Bahn +machen, um die verlangten und oft stürmisch geforderten Speisen und +Getränke auszutheilen. + +»Na, hier lebt sich's aber doch besser als an Bord von dem Schiffe, das +muß wahr sein, wenn ich auch gerade nicht über die Kost auf dem Schiffe +klagen will,« sagte einer der Zwischendeckspassagiere. + +»Saufressen,« kaute der Mann mit dem Tressenstreifen mit vollem Munde; +»bei uns kriegen's die Schweine besser, wie sie's uns für unser schweres +Geld auf dem Schiff gegeben haben.« + +»Vielleicht sind _Sie's_ zu Hause besser gewöhnt gewesen,« meinte einer +der jungen Kaufleute, ein Kajütenpassagier, der sich aber hier schon in +brasilianische Gleichheit hinein zu finden suchte, indem er seinen, ihm +unangenehmen Nachbar von der Seite ansah. + +»Bin ich auch,« knurrte der Mann -- »ja, Sie, die Kajütenpassagiere, +haben hineingestopft gekriegt, was nur eben hinein ging, aber _uns_ +haben sie behandelt wie die Hunde -- und noch schlechter.« + +»Na, ich weiß nicht,« sagte der Erste wieder, »ich bin doch auch im +Zwischendeck gefahren, habe aber Nichts davon gemerkt. Daß man's auf +dem Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim, na ja, das haben wir +freilich schon zu Hause gewußt, und dafür ist's eben eine Seereise. +Außerdem habt _Ihr_, so viel ich weiß, nicht einmal Passage bezahlt, +sondern Eure Gemeinde daheim hat's zusammengeschossen.« + +»Das geht Keinem 'was an,« sagte der Bursche mit einem finstern Blicke +nach dem Sprecher -- »bezahlt ist's doch, ohne daß _Ihr_ dazu die Hand +in den Sack gesteckt.« + +Die Übrigen schwiegen, denn der Mann hatte nicht genug Einnehmendes +in seinem Wesen, sich mit ihm in ein längeres Gespräch einzulassen. +Freilich war hier offener Wirthstisch, und man konnte ihm auch nicht gut +verwehren, sich der Unterhaltung anzuschließen, so lange er eben nicht +selber fühlte, daß er da nicht hinein passe. + +Oben am Tische wechselte das Gespräch jetzt wieder auf die Verhältnisse +in der Colonie, und die Klagen über die Regierung waren allgemein, daß +nie Land vorräthig vermessen sei, wenn einmal Colonisten eintrafen. Die +Neuangekommenen wollten das dem Director zuschieben, und der »Pfarrer« +gab ihnen Recht. Da stäk' es, denn das sei ein hochmüthiger Patron, der +sich den Henker um den armen Mann scheere. Dagegen sprachen aber, und +zwar mit Eifer, mehrere der Colonisten selber und vertheidigten den +Director. + +»Was kann er denn machen, wenn ihn der Präsident im Stiche läßt? Das +ist die vorgesetzte Behörde, und an die muß er sich wenden, und für den +gemeinen Mann thut gerade _er_ mehr, denn irgend Einer vor ihm. Und wie +hat er jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!« + +»Ein Lump ist's,« rief der mit der Tresse, seine Faust auf den +Tisch schlagend, daß sich Alle erstaunt nach ihm umsahen -- »ein +nichtsnutziger, grober Lump, und das hab' ich ihm heute in's Gesicht +gesagt, und will es ihm morgen auch noch einmal hinein sagen.« + +»Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos?« fragte Pilger laut, als +der Wirth gerade an ihm vorüberging. + +»Wer?« fragte Bohlos, sich am Tische umsehend. + +»Der mit der hübschen blauen Mütze.« + +»Na,« sagte der also Bezeichnete erstaunt aufstehend -- »wem geht denn +_das_ wieder 'was an, was _ich_ schuldig bin?« + +»Der Tisch hier bezahlt's,« sagte Pilger, ohne von dem Einwurfe Notiz zu +nehmen -- »wie viel macht's?« + +»Portion Braten und vier Glas Bier,« sagte Bohlos -- »wollen's gerade +einen Milreis rechnen, es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.« + +»Sehr schön,« sagte Pilger, »und jetzt, guter Freund, thut uns einmal +den Gefallen und macht die Thür _von außen_ zu. Verstanden?« + +»Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht Keinem einen Quark an!« +rief der Bursche, rückte sich die Mütze auf das eine Ohr, und sah den +Redenden mit wüthenden Blicken an. + +»Wollt Ihr Vernunft annehmen?« fragte Pilger ruhig, indem er langsam von +seinem Stuhle aufstand -- »oder soll ich Euch....« + +»Ach, laßt den Lump zufrieden, Pilger!« riefen ein paar Andere -- »fangt +keinen Streit an.« + +»Streit?« sagte Pilger vollkommen kaltblütig -- »fällt mir gar nicht +ein, aber sollen wir uns etwa von so einem Burschen, wie der da, den +ganzen Abend verderben lassen? Entweder der Gesell geht, Bodenlos, oder +ich gehe.« + +»Ach, seid vernünftig,« sagte der Wirth beruhigend. + +»Nein, er hat Recht!« riefen nun auch die früheren Mitpassagiere des +Burschen; »auf der ganzen Reise hat er Nichts wie Skandal und Streit +gehabt, und seine arme Frau dabei mißhandelt, daß es eine Schande war.« + +»Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit drein reden?« rief der mit der +Mütze, und fuhr von seinem Sitze auf, aber Pilger hatte ihn schon am Kragen +und hob ihn mit riesiger Kraft vom Boden; drei oder vier Andere faßten +ihn zugleich an Armen und Beinen, und keine Minute später fand er sich +ziemlich unsanft hinaus auf die Straße gesetzt. Kaum aber hatten die +Männer ihre Sitze wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgroßer Stein +durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte und glücklicherweise +gegen die nächste Stuhllehne traf, sonst hätte er Schaden anrichten +können. Fünf oder sechs junge Burschen flogen jetzt hinaus, um den +Frevler abzustrafen, aber der Passagier hatte es doch für gerathen +gefunden, etwas Derartiges nicht abzuwarten, und war verschwunden. + +Indessen rückte die Zeit vor -- es war acht Uhr, und die »Damen« kamen +zum Balle. Es waren meist Frauen und Töchter von Bauern und Handwerkern, +aber viele der letzteren selbst in Brasilien geboren und großgezogen, wo +sie dann, mit Kindern der eingeborenen Brasilianer aufwachsend, auch den +Schnitt von deren Kleidung, wie eine freiere Haltung angenommen hatten +-- und reizende Gestalten gab es unter ihnen. + +Hier und da kam freilich noch ein echt deutsches Bauernmädchen, die +rothe Kattunschürze hoch in der Taille umgebunden, das riesige weiße +Taschentuch in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand schlenkernd und +mit der eigenthümlich schaufelnden Bewegung im Gange. Junge Mädchen +mit weißen Kleidern und Rosabändern dazwischen, mit Füßen, die einem +Grenadier zur festen Basis hätten dienen können, und eine Handvoll +künstliche, arg zerdrückte Blumen geschmacklos auf den Kopf gebunden. +Aber auch leichte und selbst zarte Figuren mischten sich dazwischen, +junge Mädchen aus irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden +sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere Mischung des »schönen +Geschlechts« konnte in keinem Lande der Welt aufgetrieben werden. + +Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende und Ordnende +dieses ganzen Balles? Wer stellte, als die Musik endlich begann, die +Contretänze? Wer klatschte in die Hände, wenn die ersten Paare antanzen, +wer klatschte wieder, wenn sie wechseln sollten? Wer drückte sich dann +in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit einem oder dem anderen +Nachbar, nur im Vorbeigehen, ein Glas Wein oder Punsch zu trinken, +und war im Nu wieder bei der Hand und mitten im Saale, sobald nur die +geringste Unordnung zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der sich +aber so entpuppt hatte, daß man ihn heute Abend wirklich nur an der +rothen Perrücke wiedererkannte. + +Wer den Jeremias heute in Hemdsärmeln gesehen hatte, wie er im Schweiße +seines Angesichts, den Karren hinter sich, durch die Straßen keuchte, +und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens achtzehn +Talglichtern mit blechernen Reflectoren, #à quatre épingles# gekleidet, +durch den Saal hüpfte, würde eine solche Veränderung, ohne den Mann +genauer zu kennen, nicht für möglich gehalten haben, und doch war es +eine und dieselbe Persönlichkeit. + +Es läßt sich nicht läugnen, weder der hellblaue Frack mit den blanken +Knöpfen, noch die weißen Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen +Glacéhandschuhe waren je für ihn gemacht, und die beiden ersteren gerade +um das zu weit, was die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch, +wie der Pfarrer meinte, »den guten Willen«, und einen aufmerksameren und +den Formen strenger genügenden Tanzmeister wie ihn gab es nicht auf der +weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien. + +Jeremias war in der That überall, und hatte er heute über Tag bei seinem +Karren geschwitzt, so überstieg seine Transpiration gegenwärtig alle +Gränzen. Er troff förmlich, und das helle Wasser lief ihm unter der +brennend rothen Perrücke in kleinen Bächen nieder. + +Eigentlich hatte Jeremias ursprünglich gar kein rothes Haar gehabt, und +das kleine Stückchen Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren +stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als ihm aber damals, nach +einer Art Nervenfieber, und kurz vorher, ehe er Deutschland verließ, +sämmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur für eine _schwarze_ +Perrücke eine seine Kräfte übersteigende Summe, und da er die _rothe_ +Perrücke -- der Träger war darunter weggestorben -- aus zweiter Hand +billig erstehen konnte, entschloß er sich kurz und wechselte die Farbe. +Jetzt war er nun so an die rothe Perrücke gewöhnt, daß er eine andere, +schwarze nicht mehr umsonst genommen hätte. + +Übrigens war Jeremias in der ganzen kleinen Stadt als ein fleißiger, +nüchterner Arbeiter beliebt, und seiner oft drolligen Antworten wegen +fast in jedem Hause gern gesehen. Weil er aber fleißig arbeitete, +verdiente er auch ganz hübsches Geld, und nur, was er mit dem Verdienten +machte, erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht, da er +außerordentlich mäßig lebte, und nie auch nur einen halben Milreis +vergeudete, aber trotzdem hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben +gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, und von Staatspapieren +wußte er außerdem Nichts. Allerdings hatte sich das Gerücht verbreitet, +daß er sein Geld heimlich im Walde vergraben und schon einen ganzen Sack +voll Milreis irgendwo eingescharrt habe. Gewißheit bekam aber Niemand +darüber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere das wissen zu lassen, +was sie eben nicht zu wissen brauchten. + +So gutmüthig Jeremias aber auch im Ganzen sein mochte, und so +dienstwillig und gefällig er sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit +zeigte, so unumschränkt regierte er hier, und der geringste Verstoß +gegen die Tanzordnung wurde auf das Unerbittlichste geahndet. Ein +Schneider aus Santa Clara ärgerte ihn besonders, und man erzählte sich, +die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe sich daher, daß Jeremias +eine Heirath des Schneiders, den er als einen liederlichen Schlingel +kannte, hintertrieben habe. Das Mädchen war braver Bauersleute Kind, und +Jeremias kannte den Bräutigam, der aus seinem Orte stammte, schon von +Deutschland her. Daheim hatte dieser aber ein anderes Mädchen sitzen, +dem er die Ehe versprochen, und das auf ihn wartete, und als die +Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber das Haus verboten. + +Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, war nicht ganz bestimmt, +jedenfalls hieß es so, und der Schneider haßte ihn seitdem wie seinen +Todfeind, ohne daß sich Jeremias deshalb die geringste Sorge gemacht +hätte. Heute nun, wo Jener etwas mehr als gewöhnlich getrunken haben +mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem kleinen Ceremonienmeister, +und als dieser ihn eben so oft derb abfertigte, wußte er sich auf andere +Weise zu rächen. Jeremias hatte gerade wieder in der einen Ecke einen +Schluck Punsch mit dem jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf der +andern Seite des Saales eine Unordnung entdeckte. Wie der Blitz sprang +er auf und dorthin; unglücklicherweise mußte er aber an dem Schneider +dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt, und Jeremias, darin hangen +bleibend, schoß, so lang er war, mitten in den Saal. + +Dem böswilligen Schneider bekam das aber schlecht. Zu viele Leute waren +Zeuge gewesen, und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden aufraffen +konnte, hatten sie den Schneider gepackt, machten ein Fenster auf und +warfen den sich aus Leibeskräften dagegen Sträubenden hinaus in die +Büsche. + +Übrigens war es eine so allgewöhnliche Begebenheit, daß bei einem +deutschen Balle auch zwei oder drei Personen zu Thür oder Fenster +hinausgeworfen wurden, daß Niemand weiter darauf achtete. Der Tanz +ging ruhig fort, und Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom +Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider beseitigt, als er auch +augenblicklich wieder in den Tact der Musik einfiel, und nur im +Herüber- und Hinüberhüpfen noch den Staub von seinem Fracke zu entfernen +suchte. Leider war kurz vorher gesprengt worden, und die weißen Hosen +hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen, aber Jeremias +selber sah es nicht und Niemand achtete weiter darauf. + +Pilger war auch aus dem Gastzimmer herübergekommen, um seine Frau zu +suchen, die versprochen hatte bei dem Balle zu erscheinen, aber sie +fehlte noch, und etwa eine halbe Stunde später ging er nach Hause, um +sie abzuholen. + +Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort gewesen sein, als er mit +etwas verstörtem Gesichte wieder zurückkam und seine Blicke unruhig im +Saal umherschweifen ließ -- dann verschwand er wieder, ohne daß +natürlich irgend Jemand auf ihn achtete, um bald darauf wieder +zurückzukehren, wo er den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer +aufsuchte und zu sich hinausrief. + +»Nun,« sagte dieser, der eben nicht gern von seiner Partie aufgestanden +war, indem er ihm vor die Thür folgte, »was haben Sie denn, Sie schneiden +ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen brennte?« + +»Meine Frau ist fort,« flüsterte Pilger mit heiserer, von innerer +Aufregung fast unhörbarer Stimme. + +»Ihre Frau ist fort?« sagte der Geistliche erstaunt -- »wohin?« + +»Ich weiß es nicht,« stöhnte der Mann -- »sie ist nicht hier beim Tanze, +sie ist nicht zu Hause und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem +Bündel in der Hand fortgegangen.« + +»Na ja, das wäre nicht übel,« schüttelte der Herr Pfarrer mit dem Kopfe +-- er hatte drin ein Eichelsolo auf dem Tische liegen, und die Sache kam +ihm sehr unbequem -- »aber wohin _kann_ sie denn hier?« + +»Da steckt der Schuft, der Bleifuß dahinter,« knirschte der Mann zwischen +den zusammengebissenen Zähnen durch; »aber wenn ich die Gewißheit kriegte, +dann gnade ihm Gott!« + +»Hm,« sagte der Pfarrer, welcher die deshalb umlaufenden Gerüchte schon +lange gehört hatte und kannte -- »und haben Sie keine Ahnung, wohin sie +sich gewandt haben könnte?« + +»Keine,« ächzte Pilger; »aber was um Gottes Willen kann ich thun, um sie +wieder zu bekommen?« + +»Heute Abend gar Nichts,« sagte der Pfarrer; »es ist stockdunkel, und +aus dem Tanzsaal bringen Sie Keinen fort -- noch dazu, wenn Sie nicht +einmal eine bestimmte Richtung angeben können.« + +»O, Du großer, allmächtiger Gott!« stöhnte der Mann und preßte die fest +zusammengeschlagenen Hände gegen seine Stirn. + +»Machen Sie sich keine Sorgen,« sagte der Geistliche, »wenn die Frau Sie +auf so leichtsinnige Weise verlassen konnte, so haben Sie auch Nichts an +ihr verloren, und den Mosje, den Bleifuß, wollen wir schon kriegen, wenn +der wirklich dahinter steckt. Der muß blechen, daß es ihm blau und braun +vor den Augen wird.« + +»Meine Grethe -- meine Grethe!« hauchte der arme Teufel; »daß sie mir +die Schande anthun konnte!« + +»Es läßt sich heute Nichts mehr machen,« versicherte der Pfarrer -- er +_konnte_ seinen Eichelsolo nicht länger im Stiche lassen -- »gehen Sie +ruhig nach Hause -- morgen früh komme ich zu Ihnen und da besprechen +wir das Weitere« --, und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er dem +Unglücklichen auf die Schulter und ging wieder in das Zimmer zurück an +seinen Spieltisch. + +Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in der offenen Thür, dann +aber lief er noch einmal zurück zu seinem Haus, und als er die Verlorene +auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die Nacht hinein -- er +wußte ja selber nicht, wohin. + +Unten an der Landung, etwa zweihundert Schritte tiefer als die Boote +gewöhnlich lagen, hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter Büsche +angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang waren schon verschiedene +Blechkoffer und Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer, die +zu einem der weiter unten ankernden Schooner gehörten, lagen auf ihren +Riemen und warteten auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des Bootes, +das jetzt ein Stück draußen im Strom ankerte, dicht zum Lande zu schieben. +Jetzt pfiff es viermal rasch hintereinander, und während sich das +schmale Fahrzeug noch tiefer in die Büsche hineinschob, eilten ein Mann +und eine Frau den schräg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die Stelle +zu, wo dasselbe verborgen lag. + +Der Mann hielt ein größeres Paket im Arme und konnte nicht so rasch von +der Stelle, weil er, seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die +Frau führte ein kleines Bündel bei sich und war ihm immer um einige +Schritte voraus, bis sie den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie +plötzlich und wie erschreckt an und flüsterte: + +»O, Du mein lieber himmlischer Vater, was will ich thun, was will ich +thun!« + +»Hier sind wir an Ort und Stelle,« sagte der Mann, der sie hier +einholte, in portugiesischer Sprache, aber mit unterdrückter Stimme, +»nur rasch, meine Geliebte, daß uns die Tölpel nicht doch noch am Ende +auf die Spur kommen.« + +»O, mein armer Mann, und er ist immer so gut und rechtschaffen, und +_ich_....« + +Während sie klagte, hatte der Portugiese schon sein Bündel in das Boot +gegeben und der Frau das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen +gereicht. Jetzt legte er leise seinen Arm um ihre Taille und schob sie +sanft rückwärts. + +»Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir versäumen sonst die günstige +Zeit über die Barre -- dort hinten höre ich auch Leute. Denken Sie, wenn +man Sie hier fände -- mit _mir_!« + +Die Frau schreckte empor. Etwa hundert Schritte weiter oben führte +ein Weg vorbei, auf dem zwei Männer gingen, die sich laut miteinander +unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme des Einen zu erkennen und +wich scheu mehr in die Büsche hinein. Dort lag die Planke -- einer der +Matrosen ergriff ihre Hand, und keine halbe Minute später glitt das Boot +in die dunkle Strömung hinaus und mit dieser abwärts. + +Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt, die horchend stehen blieb, +als sie das Knarren der Ruder in den Blöcken hörte, das nur so viel +deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen ließ sich freilich +Nichts von dort, wie nur vielleicht der dunkle Schatten des Bootes +selber. + +»Grethe,« rief da eine leise, klagende Stimme in den Strom hinaus +-- »Grethe -- bist Du dort?« + +Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben die Ruder das Boot +vorwärts, das wenige Minuten später um eine ablaufende Biegung des +Flusses verschwand. -- + +Bei dem Director, in der kleinen Oberstube, saß Könnern, und Beide +waren, Jeder mit einem Lichte vor sich, beschäftigt zu lesen. Der +Director wühlte in einer Anzahl von Briefschaften, während Könnern +ein Packet Zeitungen durchblätterte, die der Capitain des Schiffes +mitgebracht hatte. Die Haushälterin brachte gerade den Thee herein, +denn die Abende waren frisch genug, um eine warme Tasse Thee recht gut +vertragen zu können. + +»Na, da hört Alles auf!« sagte der Director plötzlich, und sah über +einen eben geöffneten Brief nach Könnern hinüber. + +»Nun,« fragte dieser, dem Blicke begegnend -- »irgend eine unangenehme +Nachricht?« + +»Unangenehm gerade nicht,« lautete die Antwort, »aber gerade zu der +unpassendsten Zeit in der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese, +den wir an der Schule trafen, zeigt mir eben an, daß er von der Regierung +auf unbestimmte Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit in seiner +Abwesenheit die laufenden Geschäfte übertrage. Die ganze lange Zeit hat +der Herr Nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil ich die kleinen +Streitigkeiten zwischen den Colonisten immer selber schlichtete, ja, +eher noch selber Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen Familien +gegeben, und jetzt, wo wir eine ganze Schaar durch die Seereise halb +verwilderter Menschen bekommen, die außerdem noch untergebracht werden +sollen, will er sich von jeder Arbeit drücken. Das geht nun einmal unter +keiner Bedingung an, und wenigstens muß er noch die nächste Woche +dableiben. Ich habe überdies Scheererei genug -- kommen Sie, trinken Sie +eine Tasse Thee -- da drüben steht der Rum -- helfen Sie sich selber.« + +Könnern schob die Zeitungen und Papiere bei Seite, um freien Raum zu +bekommen. Eine kleine, zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den +Tisch. + +»Hallo,« lachte er, »die Dinger gehören doch hier wohl eigentlich zu +den exotischen Gewächsen. Wie heißt denn der Herr? Arno von Pulteleben +-- den Namen kenn' ich nicht.« + +»Irgend wieder ein junger Adeliger,« sagte der Director, sich Rum zu +seinem Thee gießend, »der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe +herüber kommt, sich hier eine Zeit lang herum treibt und über Alles +schimpft, bis sein mitgebrachtes Geld verzehrt ist, und dann, empört +über die traurigen Verhältnisse des Landes, nach Deutschland zurückkehrt, +für das er Märchenstoff in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute +besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack, Seidenhut und die weißen +Glacéhandschuhe durch's Fenster sah, hatte ich schon übrig genug und +-- ließ mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.« + +»Wo mag er denn nur Quartier gefunden haben?« sagte Könnern, »die Häuser +sind ja fast alle überfüllt.« + +»Gott weiß es,« sagte der Director gleichgültig, »vielleicht doch noch +im Hotel, denn Bohlos macht oft das Unglaubliche möglich. Überhaupt, +lieber Könnern, glauben Sie gar nicht, was sich in einer solchen +Colonie wie die unsere oft für wunderliche Subjecte und Charaktere +ansammeln, und man könnte sie sich oft nicht besser assortirt für ein +Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen. Aus allen Schichten der +Gesellschaft bekommen wir die Proben, und der hohe Adel, wie Künstler +und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten Exemplare. Unseren +Baron haben Sie schon gesehen, die Gräfin werden Sie jedenfalls noch +kennen lernen; außerdem treibt sich hier auch ein ganz tüchtiger +Künstler herum, ein Mann, der wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst +Ehre machen könnte, und hier gerade so viel damit ausrichten wird, wie +ein Holzhacker in den Pampas, oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.« + +»Ist es ein Maler?« fragte Könnern. + +»Nein,« lachte Sarno, »Sie brauchen keinen Concurrenten zu fürchten +-- nur ein Clavierspieler. Aber auch ein anderer Musiker macht die +Gegend unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug geworden bin. +Er _nennt_ sich Randolph und scheint mir ein excentrischer Kopf, wie +alle derartigen Künstler....« + +In dem Augenblicke wurde draußen an die Thür geklopft und die alte +Haushälterin meldete gleich darauf: Der Schuhmacher Pilger wünsche den +Herrn einen Augenblick zu sprechen. + +»Ach,« sagte der Director, unzufrieden mit dem Kopfe schüttelnd, »immer +wieder die alte Geschichte, aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht +geben, denn er wird seinen Quälgeist wenigstens auf einige Zeit los. +Lassen Sie ihn nur herein kommen.« + +Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand, +sah aber todtenbleich aus und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen +auf der Stirn. + +»Guten Abend, Herr Director!« stöhnte er, ohne auf den noch im Zimmer +befindlichen Fremden weiter zu achten. + +»Guten Abend, Pilger! Um Gottes Willen, wie seht Ihr denn aus, Mann? Was +ist denn vorgefallen?« + +»Meine Frau ist mir davon gelaufen, Herr Director,« sagte der arme Teufel, +und man sah es ihm an, wie er sich nur mit äußerster Gewalt zwang, seine +Fassung zu bewahren. + +»Eure Frau? Wann?!« rief der Director erschreckt und ein eigener Verdacht +schoß ihm durch den Kopf. + +»Heute Abend -- vor einer Stunde etwa, vielleicht noch nicht so lange. +Sie wollte auf den Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber +jetzt nirgends mehr zu finden.« + +»Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so kurze Zeit vermißt, kann sie +ja auch zu einer Freundin gegangen sein, um die abzuholen.« + +»Nein,« sagte der Mann ruhig, »sie hat ein Bündel mitgenommen und ist +nach dem Flusse gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet ist.« + +»Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei die Hand im Spiele haben +könnte?« fragte der Director. + +»Verdacht? Nein,« sagte Pilger mit fest zusammengebissenen Zähnen, »aber +die _Gewißheit_, daß es jener gottverfluchte Bleifuß, der Delegado, +gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine Möglichkeit,« fuhr er fort, +während der Director leise vor sich hin mit dem Kopfe nickte, »daß die +Flucht nach dem Flusse zu vielleicht nur zum Schein war und meine Grethe +jetzt ruhig drüben im Hause des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr +vor etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabwärts, aber ich kann mir +nicht denken, daß der Portugiese die Frau allein fortschicken wird, und +deshalb komme ich her, Herr Director, und wollte Sie bitten, das Haus +des Portugiesen augenblicklich durchsuchen zu lassen. Finden wir dort +nichts, dann muß sie den Strom hinunter sein, und ich glaube, ich weiß +ein Haus, wo sie sich möglicher Weise verborgen halten könnte.« + +»Wart Ihr schon am Hause des Delegado?« + +»Ja -- es ist Alles stockfinster drin, aber das bedeutet nichts.« + +»Wißt Ihr, daß der Delegado Urlaub von der Regierung und mir heute Abend +schriftlich angezeigt hat, ich solle sein Amt hier für ihn versehen?« + +Der Mann schlug entsetzt die Hände zusammen. + +»Dann ist's auch richtig,« stöhnte er -- »dann ist er fort und sie waren +in dem Boote, das ich gesehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr +Director?« + +»Von Herzen gern, Pilger, aber wie?« + +»Erst gehen wir jetzt zu seinem Hause und sehen ob er fort ist, und +finden wir das bestätigt, dann bitte ich Sie um weiter Nichts, als Ihr +Boot -- Leute schaff' ich schon herbei.« + +»Aber keine Gewaltthätigkeit, Pilger!« warnte der Director; »Ihr macht +die Sache dadurch nur noch schlimmer.« + +»Überlassen Sie das mir, Herr Director. Ich habe den Eltern meiner Frau, +braven, ordentlichen Leuten daheim, versprochen, über dieselbe zu wachen +wie über meine Augen; ich darf die unglückliche Frau nicht den Händen +dieses Buben überlassen, und _darin_ werden mich doch hoffentlich die +Gesetze schützen.« + +»Das allerdings,« sagte Sarno, von seinem Stuhle aufspringend -- »und +dann wollen wir auch keine weitere Zeit mehr versäumen -- kommt!« + +Er griff seinen Hut auf, und von Könnern begleitet, gingen die Männer +rasch nach dem Hause des Delegado hinüber. Es war aber hier, wie es Sarno +gefürchtet hatte, sie fanden das Haus nicht allein fest verschlossen, +sondern auch leer. Dicht daneben wohnte ein deutscher Cigarrenmacher, +der einen kleinen Stand nach der Straße zu hatte. Dieser konnte ihnen +wenigstens die Nachricht geben, daß gleich nach Dunkelwerden mehrere +brasilianische Matrosen Kisten und Koffer aus dem Hause die Straße +hinab getragen hätten. Weiter wußte er ebenfalls nichts, denn den +Delegado hatte er mit keinem Auge gesehen. + +»Dann bleibt mir Nichts weiter übrig, als das Boot,« stöhnte Pilger, als +er mit seinen Begleitern wieder die Straße hinauf ging -- »darf ich es +nehmen, Herr Director?« + +»Geht mit Gott!« sagte Sarno, indem er ihm den kleinen Bootschlüssel gab +-- »Ihr wißt, wo es liegt?« + +»Ja wohl -- und Segel und Ruder?« + +»Hat der Fischer gegenüber -- der kann Euch auch wahrscheinlich gleich +Leute zum Rudern nachweisen.« + +Pilger dankte und flog mehr als er ging die Straße hinab und der Landung +zu. -- + + * * * * * + +Im Hause der Gräfin Baulen war die kleine Familie mit ihrem Gaste +ziemlich spät beim Thee zusammen gewesen, und hatte den Abend, so gut +das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von Pulteleben erzählte von +seiner Familie daheim und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden, +von seinen Plänen und Hoffnungen und seinem Eifer, etwas Ernstliches +zu beginnen, und die Frau Gräfin selber war ihm mit Interesse dabei +gefolgt. Nur Oskar langweilte sich; aber er wußte, daß im Wirthshause +Ball sei. Allerdings würde ihm seine Mutter nie die Erlaubniß gegeben +haben, dem beizuwohnen, deshalb ersparte er ihr das Unangenehme einer +Weigerung, verließ unbemerkt das Zimmer und ging eben _ohne_ Erlaubniß. + +Herr von Pulteleben erzählte jetzt von seiner Reise und den Abenteuern +derselben, und da er wirklich gar Nichts dabei erlebt, wurde die Frau +Gräfin endlich müde und schlief ein. + +Helene setzte sich auf kurze Zeit an's Clavier, aber ihr Gast war nichts +weniger als musikalisch, und da er auch keinen Geschmack an den kleinen, +reizenden Liedern fand und sie immer nur -- oft mitten in einem Stücke +-- bat, einen Walzer oder Galopp zu spielen, ermüdete Helene ebenfalls. + +Es war Zeit zum Schlafengehen geworden, das Mädchen wurde gerufen, um +dem Fremden in sein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in das ihrige, +stellte das Licht auf den Tisch, stützte den Arm auf das offene Fenster, +zu dem der balsamische Duft der Orangenblüthen voll hereinströmte, und +schaute träumend in die Nacht und auf die dunklen Conturen der Gebirge +hinaus. + +Da zuckte sie plötzlich erschreckt empor, denn fast dicht unter ihrem +Fenster erklangen wieder die leise klagenden Töne der Violine, die sie +schon an jenem Abend so wunderbar ergriffen hatten. Es lag ein solcher +Schmelz in der einfachen Melodie, daß es ihr unwillkürlich das Herz +ergriff, und sie stand auf, setzte sich auf das Sopha, um von unten +aus nicht gesehen zu werden, und horchte mit angehaltenem Athem dem +meisterhaften Spiele. + +Herr von Pulteleben, der schräg über ihrem Zimmer wohnte, hatte schon +sein Licht ausgelöscht und sich eben niedergelegt, als der Spielende +unten begann. Er stand wieder auf, lehnte sich in das offen stehende +Fenster und hörte eine Weile zu, bis die Töne unten leise verhallten. +Jetzt rief er von oben herunter: + +»Bravo! Sehr hübsch! Wirklich allerliebst!« + +Helene barg die Stirn in ihre Hand; es war wie ein Mißton in diese +Harmonie hinein. Der Spielende unten aber schwieg. Sie löschte ihr Licht +aus und trat verdeckt ans Fenster, um vielleicht den Schatten seiner +hinweggleitenden Gestalt zu sehen, aber Nichts regte sich -- dunkel lag +die Nacht auf dem Thale, und nur von weit herüber schallten dann und +wann, von einem gelegentlichen Luftzuge getragen, die munteren Töne der +Violinen und Trompeten, die dem jungen, lustigen Volke von Santa Clara +zum Tanze aufspielten. + + + + +10. + +Eine Familienscene. + + +Vier Tage waren nach den oben beschriebenen Vorfällen verflossen und die +Frau Gräfin hatte an diesem Morgen noch nicht vollständig ihre Toilette +beendet, als draußen auf dem Vorsaale schwere Tritte laut wurden, und +gleich darauf ein Mann mit Dorothea sprach. Jetzt klopfte diese an die +Thür und rief: + +»Frau Gräfin, der Meister Spenker ist draußen und wünscht die Frau +Gräfin zu sprechen.« + +»Soll später wieder kommen,« lautete die Antwort -- »ich bin noch nicht +fertig angezogen.« + +»Ach, machen Sie keine Umstände, Frau Gräfin,« sagte der Bäckermeister, +der die Antwort gehört hatte -- »ich habe meine Frau auch schon oft im +Negligé gesehen -- bin ja ein verheiratheter Mann und kann nicht so lang +von zu Hause fort bleiben. Es giebt jetzt schmählich viel zu thun, denn +die vielen neuen Mäuler im Ort wollen doch alle satt werden und Brod +haben.« + +»Aber weshalb kommen Sie denn so früh -- ich _kann_ jetzt nicht.« + +»Früh?« sagte der ehrliche Bäckermeister erstaunt, der seit vier Uhr an +der Arbeit war -- »es hat eben Elf geschlagen, und bei uns drüben sagen +wir nicht einmal mehr »guten _Morgen_« -- es wird gleich zu Mittag +gegessen. Wenn Sie aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die +Thür melden, was mich hergeführt -- ich glaubte nur, es wäre Ihnen +angenehmer wenn ich Sie _allein_ spräche.« + +Es entstand eine kleine Pause und der Bäckermeister lächelte leise vor +sich hin -- endlich sagte die Gräfin von innen heraus: + +»Ich komme den Augenblick -- gehen Sie in das andere Zimmer.« + +»Sehr wohl, Frau Gräfin,« erwiederte der Meister kopfnickend, und wußte +auch ganz genau, in welches, denn er hatte schon sehr viele derartige +Conferenzen mit der Dame gehabt. Er brauchte indessen nicht sehr lange +zu warten, denn kaum zehn Minuten später ging die Thür auf und Frau +Gräfin Baulen, einen großen Shawl umgeschlagen, trat herein und sagte +eigentlich viel freundlicher, als man nach der erzwungenen Audienz hätte +vermuthen sollen: + +»Guten Morgen, Meister! Was wünschen Sie?« + +»Guten Morgen, Frau Gräfin -- Nichts, als die alte Geschichte, die wir +schon einige Mal verhandelt haben; _Geld_ -- meine Miethe.« + +Die Gräfin warf ungeduldig den Kopf auf die Seite. + +»Aber Sie wissen ja doch, daß meine Wechsel, die ich jedenfalls mit dem +nächsten Dampfer erwarte, noch nicht angekommen sind -- ich habe Ihnen +das schon das letzte Mal gesagt, als ich das Vergnügen hatte Sie zu +sehen.« + +»Bitte,« sagte der Mann -- »ja, und das vorletzte Mal auch, und das +vorvorletzte, aber es ist ein merkwürdiges Ding um einen Wechsel, der +nie ankommt, wenn er am Nothwendigsten gebraucht wird.« + +»Und ist das etwa _meine_ Schuld?« sagte die Gräfin piquirt. + +»Glaube kaum,« lächelte der Bäckermeister -- »nur die Schuld der Leute, +die eben keinen schicken wollen.« + +»Aber sie _sind_ abgeschickt,« rief die Gräfin ungeduldig, »und können +jetzt jede Stunde eintreffen. Sie denken doch nicht etwa, daß ich Ihnen +eine Unwahrheit sagen werde?« + +»Nein,« sagte der Bäckermeister kopfschüttelnd -- »es wäre wenigstens +nicht hübsch, aber damit kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange +von der Sache ist einfach _das_, daß ich nicht länger auf die Wechsel +warten kann, und es thut mir leid Ihnen das sagen zu müssen, Frau +Gräfin. Ich bin nur ein Handwerker, und was ich brauche, muß ich mir +sauer genug verdienen; außerdem habe ich Kinder die versorgt sein +wollen, und das kostet, wie Sie ebenfalls recht gut wissen, viel Geld. +Deshalb muß ich das Meinige zusammenhalten -- Sie sind eine zu +vernünftige Frau, um das nicht einzusehen, und ich kann die Milreis +nicht hundertweis ausstehen lassen.« + +»Aber, lieber Freund, »ich _kann_ Sie ja doch nicht eher zahlen, bis +mein Wechsel kommt,« sagte die Gräfin ungeduldig -- »was hilft also all +das Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!« + +»Eben _weil_ ich lieber auf die Vernunft hören will, als viele Reden +machen, bin ich heute Morgen hergekommen,« sagte der Meister ruhig, +»und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau Gräfin, daß ich mein Geld in +dieser Woche haben _muß_ und _will_, Wechsel oder keine Wechsel, die +mich eigentlich gar Nichts angehen. Ich werde Sie nicht zu sehr drängen +und gebe Ihnen noch bis zum Samstag Zeit, das ist aber auch, das schwöre +ich Ihnen, der allerletzte Termin, den Sie von mir herausdrücken können; +denn die Geschichte spielt jetzt fünfzehn Monate, und ich will mich +nicht länger zum ... na, ich meine, ich kann eben nicht länger warten.« + +»Ich will sehen was in meinen Kräften steht,« sagte die Gräfin +gleichgültig, und wie es schien, mit dem Wunsche, das Gespräch +abzubrechen -- »erzwingen läßt sich aber so etwas nicht.« + +»Oh, doch wohl,« sagte Meister Spenker, den die vornehme Gleichgültigkeit +zu ärgern anfing -- »es läßt sich auch erzwingen, Frau Gräfin, wenn es +mir auch sehr leid thun sollte, etwas Derartiges zu thun. Der ganze Ort +ist jetzt voll Leute, die Logis suchen, und eine solche Wohnung, wie das +Haus hier, mit Vergnügen noch höher als Sie und gleich baar bezahlen +würden; überall fragen sie an, ob nichts Derartiges zu bekommen sei. +Außerdem haben Sie selber schon einen Aftermiether in's Haus genommen, +der _Sie_ doch auch bezahlt, und ich sehe gar nicht ein, weshalb ich +das nicht selber verdienen und sonst Nichts auf der Welt davon haben +soll, wie leere Versprechungen.« + +»Der Herr,« sagte die Gräfin doch etwas verlegen, »ist -- ein Verwandter +von mir, und zahlt mir also keine Miethe.« + +»Na, das geht mich Nichts an,« sagte der Bäcker, »ob er _Ihnen_ Etwas +zahlt. Wenn er bei _mir_ wohnte, _würde_ er zahlen. Also Nichts für +ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld nicht bekomme, so muß ich +Sie, so leid mir das thun sollte, auf die Straße setzen und mich an dem +schadlos halten, was Sie mir für meine zweihundert Milreis an Pferden +oder Möbeln zurücklassen können.« + +»Herr Spenker,« rief die Gräfin auffahrend, »eine solche Sprache +verbitte ich mir! Wenn Sie sich in Ihrem Rechte gekränkt glauben, so +wenden Sie sich an die Gerichte, und wir wollen dann sehen, ob mir nicht +jeder Kaufmann selbst bezeugen muß, daß in einem solchen Winkel der +Erde, wie wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wechsels verzögert +werden kann -- aber so lange Sie in meiner Stube sind, vergessen Sie +nicht die mir schuldige Achtung.« + +»Ach was,« sagte der Mann mürrisch -- »_Sie_ vergessen auch immer die +mir schuldigen zweihundert Milreis, und mit dem vornehm -- aber wir +wollen uns nicht zanken,« brach er kurz ab, »deshalb bin ich nicht +hergekommen. Ich mag mit keinem Menschen Streit haben, am wenigsten mit +meinen Miethsleuten -- so weit's eben geht -- also nochmals, Nichts für +ungut, Frau Gräfin, und sorgen Sie dafür, daß wir die Sache am Samstag +in's Klare kriegen, sonst läßt sich's eben nicht länger vermeiden und +müßte Ihnen doch fatal sein. Wünsche Ihnen einen recht angenehmen +Morgen« -- und mit einer kurzen Verbeugung und einer Schwenkung des +rechten Armes drehte er sich um und stieg langsam wieder die Treppe +hinunter. + +Die Gräfin hatte seinen Gruß sehr kalt erwiedert und blieb, als er schon +lange das Zimmer verlassen, noch immer in finsterem Brüten auf derselben +Stelle stehen. Sie hatte die Arme gekreuzt und starrte nieder vor sich +auf den Boden, als die eine Seitenthür aufging und Helene eintrat. + +Sie ging still an der Mutter vorüber zu dem nächsten Fenster, wo ein +Buch lag, das sie nahm und aufschlug -- aber sie las nicht darin. Ihre +Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre Gedanken schweiften zu +anderen Scenen, als den hier geschilderten. Endlich sagte sie leise: + +»Und was soll _nun_ werden?« + +Die Mutter schrak ordentlich bei der Frage empor, die nur das in Worten +aussprach, worüber sie selber eben erst nachgedacht. + +»Du hast gehört, was der Mensch sagte?« fragte sie, ohne ihre Stellung +zu verändern. + +»Ja.« + +»Alles?« + +»Jedes Wort -- aber Dein Wechsel _muß_ jetzt kommen; der Dampfer ist +schon seit vier Tagen fällig und bleibt nur in seltenen Fällen über +diese Zeit.« + +»Und _wenn_ er kommt?« erwiederte die Gräfin mit einem bittern Lächeln, +»was dann? Ja, ich bin mit den wenigen Hundert Thalern im Stande, unsere +Hauptschulden zu decken, aber wovon weiter leben? Helene, Helene, Dein +starrer Sinn wird uns noch theuer zu stehen kommen!« + +»_Mein_ starrer Sinn?« fuhr die Tochter auf; »etwa deshalb, weil ich +nicht auf die Anträge jenes schurkischen Portugiesen hören wollte, der +mir seine Hand anbot? Hast Du nicht jetzt selber den Beweis, was für +eine gemeine Creatur es war, wo er die Frau des Schuhmachers entführte, +als er die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der Mensch war als ein +Wüstling in der ganzen Stadt bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du +konntest mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja, wirfst mir jetzt +noch meinen Starrsinn vor!« + +Helene stand mit leuchtenden Augen ihrer Mutter gegenüber und die Frau +schlug fast scheu den Blick vor ihr zu Boden. + +»Du denkst nur an Dich,« sagte sie aber trotzdem, wenn auch nur mit +halblauter Stimme -- »was aus Deiner Mutter wird, kümmert Dich nicht.« + +»Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir verdient?« erwiederte Helene, +und ein eigener wehmüthiger Zug zuckte um ihre Lippen -- »hab' ich ihn +auch da verdient, als ich des wackeren Vollrath Bewerbung ausschlug, der +mich mit einem gebrochenen Herzen verließ und dessen ganze Liebe ich +besaß? Dachte ich auch da nur an mich, wo ich im Stande war, mir eine +bescheidene Heimath zu gründen, aber Dich auch hätte hülflos zurücklassen +oder in Verhältnisse hineinziehen müssen, von denen ich vorher wußte, +daß Du Dich darin unglücklich gefühlt und Vollrath unglücklich gemacht +hättest?« + +»Nein -- nein -- ich weiß, Du bist ein gutes, vernünftiges Kind,« sagte +die alte Gräfin, von dem Vorwurfe getroffen -- »ich war vielleicht zu +hart gegen Dich, aber -- _sollte_ die Zeit kommen, wo Du Dich gut +versorgen kannst, so bedenke auch, daß Du -- nicht zu lange damit säumen +darfst. Unsere Stellung hier wird mit jedem Monate unhaltbarer, wenn +nicht bald Etwas geschieht, der Sache eine andere Wendung zu geben.« + +»Und was _könnte_ geschehen?« sagte Helene, und ein ganz eigenes wehes +Gefühl beengte ihr die Brust. + +»Ich habe doch jetzt Hoffnung,« sagte ihre Mutter, »daß sich mein Plan +noch wird realisiren lassen.« + +»Du meinst mit der Cigarren-Fabrik?« + +»Ja.« + +»Und glaubst Du wirklich, daß Etwas dabei gewonnen werden kann?« + +»Wenn es richtig angefaßt wird, gewiß.« + +»Aber wirst Du im Stande sein das zu thun? Gehören nicht zu einem +solchen Geschäfte praktische Erfahrungen?« + +»Liebes Kind, glaubst Du nicht, daß ich mir in meinem Leben +Menschenkenntnisse genug gesammelt habe, auch mit Menschen umzugehen?« + +»Aber das ist eine Sache, wo Du weniger Menschen- wie +_Waaren_kenntnisse brauchst, und wie leicht kannst Du darin betrogen +werden.« + +»Waarenkenntnisse, Du lieber Gott!« sagte die Gräfin; »das Material ist +so einfach, daß sich das gewiß in wenigen Monaten vollständig erlernen +läßt. Aber weißt Du selber etwas Besseres?« + +»Ich? Du mein Himmel!« seufzte Helene -- »wie sollte _ich_ Dir rathen +können, der noch nie verstattet wurde, in das praktische Leben der +Menschen einzugreifen, ja, sie nur bei demselben zu beobachten? Lange +schon hätte ich Unterricht im Französischen und Englischen gegeben, um +mich nur in Etwas nützlich zu machen, aber selbst das hast Du mir ja +nicht einmal gestattet.« + +»Weil es sich mit unserer Stellung nicht verträgt,« sagte die Gräfin +finster -- »mit welchem Gesicht hätte ich nur dem Baron entgegentreten +können, wenn die »Comtesse« den Bäcker- oder Schusterskindern da drüben +Unterricht gegeben hätte? -- Das verstehst Du nicht, Kind.« + +»Und Cigarren machen für Bäcker und Schuster?« sagte das junge Mädchen +traurig. + +»Das ist etwas ganz Anderes, wir _lassen_ sie machen,« erwiederte die +Gräfin rasch -- »wir leiten nur die Fabrikation, und wenn wir selber +»zum Spaße« dann und wann und auf unserer Stube ebenfalls arbeiten, so +ist das etwas ganz Anderes. Auch Damen der höchsten Stände in Europa +haben zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben, Blumen, Pappsachen, +Verzierungen auf Glas- und Holzwaaren und tausend andere Dinge gemacht. +Wir hier brauchen solche Sachen nicht, und wenn wir dafür Cigarren +machen, kann Niemand etwas Ungehöriges darin sehen. Selbst der Baron +fand das in der Ordnung.« + +»So hast Du schon mit ihm darüber gesprochen?« + +»Ja,« sagte die Gräfin nach einigem Zögern -- »vor mehreren Tagen kam +einmal das Gespräch darauf.« + +»Und wird er sich dabei betheiligen?« fragte Helene schnell. + +»Nein,« erwiederte die Gräfin wieder zögernd; »der Mann war stets +zu unpraktisch. Er hat nicht den geringsten Sinn für ein wirklich +nutzbringendes Unternehmen, und da ist es auch viel besser, daß man gar +nicht mit ihm beginnt; man hätte sonst ewig nur Klagen und Vorwürfe zu +hören.« + +»Und wer sonst -- meinst Du -- würde auf einen solchen Plan eingehen?« +fragte die Tochter und sah ihre Mutter scharf dabei an. + +Die Gräfin hatte sich halb abgewendet und beschäftigte sich an ihrem +Nähtische damit, ein aufgerolltes Knäuel schwarzer Seide wieder in +Ordnung zu bringen. + +»Ich glaube,« sagte sie, und wandte dabei den Kopf lächelnd der Tochter +zu -- »der Himmel selber hat uns einen Bundesgenossen gesandt, der am +Ende der rechte Mann dazu sein dürfte.« + +»Unser Gast?« + +»Derselbe. Er wünscht sehnlichst, wie er mir wieder und wieder gesagt +hat, irgend Etwas in Brasilien zu beginnen, wodurch er nicht allein eine +Beschäftigung findet, sondern auch Geld verdienen kann, und ich denke +fast, daß mein Plan für alle Beide von Nutzen sein könnte. Meinst Du +nicht?« + +»Und glaubst Du wirklich, Mama, daß mit dieser Arbeit etwas Ordentliches +verdient werden könnte? Ich kann es mir noch immer nicht denken.« + +»Aber würde ich es denn sonst beginnen?« + +»Ich weiß nicht,« sagte Helene, »es ist mir ein Gefühl, als ob wir der +Sache keinen rechten Ernst entgegen bringen könnten -- als ob eigentlich +andere Kräfte dazu gehören müßten, etwas Ähnliches zu beginnen.« + +»Aber ich begreife Dich gar nicht.« + +»Und wie wird sich Oskar hinein finden?« + +»Wie ihn die Nothwendigkeit zwingt,« sagte die Gräfin entschieden. »Ich +habe seinem Leichtsinn jetzt lange genug nachgesehen, aber meine Kräfte +sind erschöpft. Ich bin nicht mehr im Stande, sein müssiges Leben zu +unterstützen, und er _muß_ eben arbeiten, wenn er existiren will. Dafür +sind wir nun einmal in Brasilien.« + +»Er wird schwer an eine regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen sein,« +seufzte Helene; »es ist ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch +nachgesehen worden.« + +»Das muß eben anders werden,« sagte die Gräfin, »und ich habe die feste +Hoffnung, daß er das selber fühlt, indem er schon sein Reitpferd verkauft +hat. Das Geld dafür ist allerdings nur ein sehr kleines Capital, aber es +ist immer ein Capital und kann auf weit nützlichere Weise verwandt +werden.« + +Ein lauter, jubelnder Ruf von der Straße aus unterbrach sie hier, und +als Beide an das Fenster traten, sahen sie, wie Oskar eben einen sehr +hübschen Rappen, der unter ihm sprang und tanzte, gerade vor dem Fenster +parirte und ihn auf und ab galoppiren ließ. + +»Da hast Du die Anlage des neuen Capitals,« sagte Helene ruhig -- »ich +kenne das Pferd; es hat früher dem Director gehört und ist von ihm um +160 Milreis verkauft worden. Billiger hat es Oskar auf keinen Fall +bekommen, und wahrscheinlich noch Sattel und Zaum besonders bezahlt. Das +sind die neuen Ersparnisse.« + +»Ich will doch nicht hoffen!« rief die Gräfin, wirklich erschreckt. +Oskar aber war indessen aus dem Sattel gesprungen, hatte sein Pferd, das +noch ungeduldig den Boden scharrte, an den Baum unten befestigt und kam +jetzt mit flüchtigen Sätzen die Treppe herauf und in's Zimmer. + +»Nun, wie gefällt Euch mein neues Pferd?« rief er hier triumphirend aus +-- »nicht wahr, das ist ein Prachtrappe? Jetzt, Helene, wollen wir +wieder einmal zusammen reiten, und Du sollst sehen, wie ich Dir mit dem +da unten davon laufe. So wie Jeremias kommt, soll er Deinen Schimmel +satteln, und dann können wir's gleich versuchen.« + +»Und das Pferd hast Du _gekauft_?« fragte die Mutter erschreckt. + +»Nun, glaubst Du, daß es mir Jemand _geschenkt_ hätte?« lachte Oskar +-- »aber es ist spottbillig. Denke Dir, Helene, ich habe nur sechszig +Milreis mehr dafür gezahlt, wie ich für meinen Braunen bekommen habe +-- sechszig Milreis und Sattel und Zaum dazu, für das Prachtthier! Es ist +der beste Renner in der Colonie -- aber was habt Ihr denn nur um Gottes +Willen? Ihr steht ja Beide da, als ob irgend ein Unglück geschehen +wäre!« + +Die Gräfin hatte sich auf den nächsten Stuhl gesetzt und seufzte tief +auf, Helene aber sagte ruhig: + +»Und wovon willst Du diese sechszig Milreis bezahlen, wenn man fragen +darf? + +»Fragen darf?« sagte Oskar trotzig -- »fragen darf man schon, aber wenn +ich Dir nun antworte: Was geht _Dich_ das an?« + +»Und wenn _ich_ Dich nun frage, mein Herr Leichtfuß?« rief die Gräfin, +indem sie mit zusammengezogenen Brauen zu ihm aufsah; »ich hoffe doch, +daß _ich_ wenigstens das Recht dazu habe.« + +»Allerdings, Mama,« lachte Oskar, »denn Du bist ja mein Cassirer -- dann +werde ich Dir also einfach antworten, das macht Alles meine gütige +Mutter ab.« + +»Und darin könntest Du Dich dieses Mal verrechnet haben!« rief die +Gräfin rasch und ärgerlich; »Deine Verschwendung geht in das Bodenlose, +und ich habe nicht länger Lust, mich Deinethalben nur immer in neue +Sorgen und Verlegenheiten zu stürzen.« + +»Huih!« sagte Oskar, erstaunt von Mutter zu Schwester und wieder +zurücksehend -- »da bin ich ja, wie es scheint, zu sehr unrechter Zeit +in eine Familienberathung über Wirthschaftsangelegenheiten hineingekommen, +wo aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer Hausplan entworfen wird. +Bitte tausendmal um Entschuldigung daß ich gestört habe« -- und seine +Mütze aufgreifend, sprang er, so rasch er gekommen, die Treppe wieder +hinab, machte unten sein Pferd los, setzte sich auf und galoppirte im +nächsten Momente wieder in voller Flucht und was das Pferd laufen +konnte, die Straße hinab. + +»Das muß anders werden,« seufzte die Mutter, »das muß anders werden oder +der Junge richtet uns vollständig zu Grunde!« + +»_Noch_ vollständiger?« sagte Helene, und ein bitteres Lächeln zuckte um +ihre Lippen. + +»Die einzige Möglichkeit,« fuhr die Mutter fort, »ist, ihn durch eine +regelmäßige Beschäftigung zu binden. Er soll und muß erst einmal lernen, +was es heißt sich sein Brod selber zu verdienen. Hat er das, dann wird +er auch das Geld mehr zu Rathe halten -- er wird geizig werden und +sparen -- Du glaubst es nicht? Du sollst sehen, ich bringe ihn noch +dahin, daß er ein Zwanzigerstück dreimal in der Hand herumdreht, ehe er +es ausgiebt.« + +»Und wann soll diese Arbeit beginnen?« fragte Helene, die nur zu oft +schon die guten Vorsätze ihrer Mutter, was die Erziehung des Bruders +betraf, hatte anhören müssen und ihre vollkommene Gehaltlosigkeit zur +Genüge kannte. + +»Ich will heute noch mit Herrn von Pulteleben sprechen,« sagte die +Gräfin, selber gern bereit, das trostlose Thema abzubrechen; »er hat +mich ja sogar dringend gebeten, ihm eine Anlage für ein Capital zu +rathen; ich bin es ihm sogar schuldig, daß ich ihn von unserm Plan in +Kenntniß setze, und ich zweifle keinen Augenblick, er wird mit Freuden +zugreifen. Wäre er doch auch ein Thor, wenn er es _nicht_ thäte, denn +nicht jedem jungen Fremden wird eine solche Aussicht geboten, wie er nur +kaum das fremde Land betreten hat.« + +»Es ist gut,« seufzte Helene, »gehe nur um Gottes willen sicher in der +Ausführung, daß der Fremde nicht später glauben könnte, Du habest nur +sein Geld zu Deinen Zwecken benutzt; es wäre fürchterlich, wenn es fehl +schlüge.« + +»Es schlägt _nicht_ fehl, Helene, oder ich müßte zum ersten Mal in +meinem Leben in -- doch es ist nicht nöthig, Weiteres darüber voraus zu +bereden. Laß mich jetzt allein, mein Kind, ich werde das Mädchen hinauf +schicken und unsern Gast ersuchen lassen, zu mir zu kommen. In einer +Stunde ist Alles abgemacht. Noch Eins,« fuhr sie fort, als sich Helene +schweigend wandte, um ihr eigenes Zimmer aufzusuchen -- »wer ist denn +jener unverdrossene Violinspieler, der Dir fast jeden Abend ein kurzes +Ständchen bringt? + +»Gott weiß es!« sagte Helene achselzuckend -- »_ich_ wenigstens kenne ihn +nicht. Er spielt übrigens vortrefflich!« + +»Von den Neuangekommenen kann es Niemand sein, denn wenn ich nicht irre, +war er schon den Abend vorher unter Deinem Fenster. Er muß also +jedenfalls in die Ansiedelung gehören.« + +»Möglich.« + +»Und hat Dir Niemand hier besondere Aufmerksamkeit erwiesen?« + +»Niemand.« + +»Sonderbar -- Oskar, der Übermuth, hat sich neulich um den Garten +geschlichen, um den nächtlichen Musikanten zu entdecken, aber ich weiß +nicht, was ihm geschehen sein muß, denn er kam ganz still wieder zurück +und sagte, er hätte ihn nicht gefunden, was eigentlich kaum möglich +ist. Diese Aufmerksamkeit fängt an, mir lästig zu werden; ich werde sie +mir nächstens einmal verbitten.« + +Helene antwortete nicht, sondern nahm ihr Buch auf und schritt ihrem +eigenen Zimmer zu. + + +Ende des ersten Bandes +Druck von _G. Pätz_ in Naumburg. + + + + +TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME + +Contemporary spellings have generally been retained even when +inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been +corrected; missing punctuation has been silently added. Words in Roman +type are identified like #this#. + +Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn +gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische +Fehler wurden korrigiert; fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt. In +Antiqua gedruckte Wörter wurden #so# gekennzeichnet. + +The following additional changes have been made: + +Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen: + + + sie möchten auch Hause kommen sie möchten _nach_ Hause kommen + + griff dann das (...) Buch auf, griff dann das (...) Buch auf, + und um sich zu zerstreuen _um_ sich zu zerstreuen + + mitten unten ihnen mitten _unter_ ihnen + + auf die aus dem Herzen kommende auf die aus dem Herzen _kommenden_ + Worte Worte + + wir haben mit kei- wir haben mit _keiner_ + Seele gesprochen Seele gesprochen + + tief in in die seinigen tief _in_ die seinigen + + wurde (...) ein Mann _wurden_ (...) ein Mann + und eine Frau (...) geschüttelt und eine Frau (...) geschüttelt + + nur von weit herüber schallten (...) nur von weit herüber schallten + die munteren Töne der Violinen und die munteren Töne der Violinen und + Trompeten herüber Trompeten + + »Oh, doch wohl,« fragte Meister »Oh, doch wohl,« sagte Meister + Spenker Spenker + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Colonie. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ERSTER BAND. *** + +***** This file should be named 30631-8.txt or 30631-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/0/6/3/30631/ + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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