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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Römische Geschichte Book 4 + +Author: Theodor Mommsen + +Release Date: February, 2002 [Etext #3063] +[Most recently updated: January 15, 2020] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + + + + + + + + + + + +</pre> + + +<h1>Römische Geschichte </h1> + +<h4>Viertes Buch<br/> +Die Revolution +</h4> + +<h2>von Theodor Mommsen</h2> + +<hr /> + +<p> +The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some +(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a +modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek +words, nor is there any differentiation between the different accents of +ancient Greek and the subscript iotas are missing as well. +</p> + +<h2>Contents</h2> + +<table summary="" style="margin-left: auto; margin-right: auto"> + +<tr> +<td> <a href="#part04"><b>Viertes Buch—Die Revolution</b></a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap01">KAPITEL I. Die untertänigen Landschaften bis zu der Gracchenzeit</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap02">KAPITEL II. Die Reformbewegung und Tiberius Gracchus</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap03">KAPITEL III. Die Revolution und Gaius Gracchus</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap04">KAPITEL IV. Die Restaurationsherrschaft</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap05">KAPITEL V. Die Völker des Nordens</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap06">KAPITEL VI. Revolutionsversuch des Marius und Reformversuch des Drusus</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap07">KAPITEL VII. Die Empörung der italischen Untertanen und die Sulpicische Revolution</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap08">KAPITEL VIII. Der Osten und König Mithradates</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap09">KAPITEL IX. Cinna und Sulla</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap10">KAPITEL X. Die Sullanische Verfassung</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap11">KAPITEL XI. Das Gemeinwesen und seine Ökonomie</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap12">KAPITEL XII. Nationalität, Religion, Erziehung</a></td> +</tr> + +<tr> +<td> <a href="#chap13">KAPITEL XIII. Literatur und Kunst</a></td> +</tr> + +</table> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="part04"></a>Viertes Buch<br/> +Die Revolution +</h2> + +<p class="letter"> +“Aber sie treiben’s toll;<br/> +Ich fürcht’, es breche”.<br/> +Nicht jeden Wochenschluß<br/> +Macht Gott die Zeche. +</p> + +<p class="right"> +Goethe +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap01"></a>KAPITEL I.<br/> +Die untertänigen Landschaften bis zu der Gracchenzeit</h2> + +<p> +Mit der Vernichtung des Makedonischen Reichs ward die Oberherrlichkeit Roms +eine Tatsache, die von den Säulen des Hercules bis zu den Mündungen des Nil und +des Orontes nicht bloß feststand, sondern gleichsam als das letzte Wort des +Verhängnisses auf den Völkern lastete mit dem ganzen Druck der Unabwendbarkeit +und ihnen nur die Wahl zu lassen schien, sich in hoffnungslosem Widerstreben +oder in hoffnungslosem Dulden zu verzehren. Wenn nicht die Geschichte von dem +ernsten Leser es als ihr Recht fordern dürfte, sie durch gute und böse Tage, +durch Frühlings- und Winterlandschaft zu begleiten, so möchte der +Geschichtschreiber versucht sein, sich der trostlosen Aufgabe zu entziehen, +diesem Kampf der Übermacht mit der Ohnmacht sowohl in den schon zum Römischen +Reich gezogenen spanischen Landschaften wie in den noch nach Klientelrecht +beherrschten afrikanischen, hellenischen, asiatischen Gebieten in seinen +mannigfaltigen und doch eintönigen Wendungen zu folgen. Aber wie unbedeutend +und untergeordnet auch die einzelnen Kämpfe erscheinen mögen, eine tiefe +geschichtliche Bedeutung kommt ihnen in ihrer Gesamtheit dennoch zu; und vor +allem die italischen Verhältnisse dieser Zeit werden erst verständlich durch +die Einsicht in den Rückschlag, der von den Provinzen aus auf die Heimat traf. +</p> + +<p> +Außer in den naturgemäß als Nebenländer Italiens anzusehenden Gebieten, wo +übrigens auch die Eingeborenen noch keineswegs vollständig unterworfen waren +und, nicht eben zur Ehre Roms, Ligurer, Sarder und Korsen fortwährend +Gelegenheit zu “Dorftriumphen” lieferten, bestand eine förmliche +Herrschaft Roms zu Anfang dieser Periode nur in den beiden spanischen +Provinzen, die den größeren östlichen und südlichen Teil der Pyrenäischen +Halbinsel umfaßten. Es ist schon früher versucht worden, die Zustände der +Halbinsel zu schildern: Iberer und Kelten, Phöniker, Hellenen, Römer mischten +sich hier bunt durcheinander; gleichzeitig und vielfach sich durchkreuzend +bestanden daselbst die verschiedensten Arten und Stufen der Zivilisation, die +altiberische Kultur neben vollständiger Barbarei, die Bildungsverhältnisse +phönikischer und griechischer Kaufstädte neben der aufkeimenden Latinisierung, +die namentlich durch die in den Silberbergwerken zahlreich beschäftigten +Italiker und durch die starke stehende Besatzung gefördert ward. In dieser +Hinsicht erwähnenswert sind die römische Ortschaft Italica (bei Sevilla) und +die latinische Kolonie Carteia (an der Bai von Gibraltar), die letztere die +erste überseeische Stadtgemeinde latinischer Zunge und italischer Verfassung. +Italica wurde von dem älteren Scipio, noch ehe er Spanien verließ (548 206), +für seine zum Verbleiben auf der Halbinsel geneigten Veteranen gegründet, +wahrscheinlich indes nicht als Bürgergemeinde, sondern nur als Marktort ^1; +Carteias Gründung fällt in das Jahr 583 (171) und ward veranlaßt durch die +Menge der von römischen Soldaten mit spanischen Sklavinnen erzeugten +Lagerkinder, welche rechtlich als Sklaven, tatsächlich als freie Italiker +aufwuchsen und nun von Staats wegen freigesprochen und in Verbindung mit den +alten Einwohnern von Carteia als latinische Kolonie konstituiert wurden. +Beinahe dreißig Jahre nach der Ordnung der Ebroprovinz durch Tiberius +Sempronius Gracchus (575, 576 179, 178) genossen die spanischen Landschaften im +ganzen ungestört die Segnungen des Friedens, obwohl ein paarmal von Kriegszügen +gegen die Keltiberer und Lusitaner die Rede ist. Aber ernstere Ereignisse +traten im Jahre 600 (154) ein. Unter Führung eines Häuptlings Punicus fielen +die Lusitaner ein in das römische Gebiet, schlugen die beiden gegen sie +vereinigten römischen Statthalter und töteten ihnen eine große Anzahl Leute. +Die Vettonen (zwischen dem Tajo und dem oberen Duero) wurden hierdurch +bestimmt, mit den Lusitanern gemeinschaftliche Sache zu machen; so verstärkt +vermochten diese ihre Streifzüge bis an das Mittelländische Meer auszudehnen +und sogar das Gebiet der Bastulophöniker unweit der römischen Hauptstadt +Neukarthago (Cartagena) zu brandschatzen. Man nahm in Rom die Sache ernst +genug, um die Absendung eines Konsuls nach Spanien zu beschließen, was seit 559 +(195) nicht geschehen war, und ließ sogar zur Beschleunigung der Hilfsleistung +die neuen Konsuln zwei und einen halben Monat vor der gesetzlichen Zeit ihr Amt +antreten - es war dies die Ursache, weshalb der Amtsantritt der Konsuln vom 15. +März sich auf den 1. Januar verschob und damit derjenige Jahresanfang sich +feststellte, dessen wir noch heute uns bedienen. Allein ehe noch der Konsul +Quintus Fulvius Nobilior mit seiner Armee eintraf, kam es zwischen dem +Statthalter des Jenseitigen Spaniens, dem Prätor Lucius Mummius, und den jetzt +nach Punicus’ Fall von seinem Nachfolger Kaesarus geführten Lusitanern am +rechten Ufer des Tajo zu einem sehr ernsthaften Treffen (601 158). Das Glück +war anfangs den Römern günstig; das lusitanische Heer ward zersprengt, das +Lager genommen. Allein, teils bereits vom Marsch ermüdet, teils in der +Unordnung des Nachsetzens sich auflösend, wurden sie von den schon besiegten +Gegnern schließlich vollständig geschlagen und büßten zu dem feindlichen Lager +das eigene sowie an Toten 9000 Mann ein. Weit und breit loderte jetzt die +Kriegsflamme auf. Die Lusitaner am linken Ufer des Tajo warfen sich unter +Anführung des Kaukaenus auf die den Römern untertänigen Keltiker (in Alentejo) +und nahmen ihre Stadt Conistorgis weg. Den Keltiberern sandten die Lusitaner +die dem Mummius abgenommenen Feldzeichen zugleich als Siegesbotschaft und als +Mahnung zu; und auch hier fehlte es nicht an Gärungsstoff. Zwei kleine, den +mächtigen Arevakern (um die Quellen des Duero und Tajo) benachbarte +Völkerschaften Keltiberiens, die Beller und Titther, hatten beschlossen, in +eine ihrer Städte, Segeda, sich zusammenzusiedeln. Während sie mit dem Mauerbau +beschäftigt waren, ward ihnen dieser römischerseits untersagt, da die +Sempronischen Ordnungen den unterworfenen Gemeinden jede eigenmächtige +Städtegründung verböten, und zugleich die vertragsmäßig schuldige, aber seit +längerer Zeit nicht verlangte Leistung an Geld und Mannschaft eingefordert. +Beiden Befehlen weigerten die Spanier den Gehorsam, da es sich nur um +Erweiterung, nicht um Gründung einer Stadt handle, die Leistungen aber nicht +bloß suspendiert, sondern von den Römern erlassen seien. Darüber erschien +Nobilior im Diesseitigen Spanien mit einem fast 30000 Mann starken Heer, unter +dem auch numidische Reiter und zehn Elefanten sich befanden. Noch standen die +Mauern der neuen Stadt nicht vollständig; die meisten Segedaner unterwarfen +sich. Allein die entschlossensten flüchteten mit Weib und Kind zu den mächtigen +Arevakern und forderten sie auf, mit ihnen gegen die Römer gemeinschaftliche +Sache zu machen. Die Arevaker, ermutigt durch den Sieg der Lusitaner über +Mummius, gingen darauf ein und wählten einen der flüchtigen Segedaner, Karus, +zu ihrem Feldherrn. Am dritten Tag nach seiner Wahl war der tapfere Führer eine +Leiche, aber das römische Heer geschlagen und bei 6000 römische Bürger getötet +- der Tag des 23. August, das Fest der Volkanalien, blieb seitdem den Römern in +schlimmer Erinnerung. Doch bewog der Fall ihres Feldherrn die Arevaker, sich in +ihre festeste Stadt Numantia (Garray, eine Legua nördlich von Soria am Duero) +zurückzuziehen, wohin Nobilior ihnen folgte. Unter den Mauern der Stadt kam es +zu einem zweiten Treffen, in welchem die Römer anfänglich durch ihre Elefanten +die Spanier in die Stadt zurückdrängten, aber dabei infolge der Verwundung +eines der Tiere in Verwirrung gerieten und durch die abermals ausrückenden +Feinde eine zweite Niederlage erlitten. Dieser und andere Unfälle, wie die +Vernichtung eines zur Herbeirufung von Zuzugmannschaft ausgesandten römischen +Reiterkorps, gestalteten die Angelegenheiten der Römer in der diesseitigen +Provinz so ungünstig, daß die Festung Okilis, wo die Kasse und die Vorräte der +Römer sich befanden, zum Feinde übertrat und die Arevaker daran denken konnten, +freilich ohne Erfolg, den Römern den Frieden zu diktieren. Einigermaßen wurden +indes diese Nachteile aufgewogen durch die Erfolge, die Mummius in der +südlichen Provinz erfocht. So geschwächt auch durch die erlittene Niederlage +sein Heer war, gelang es ihm dennoch, mit demselben den unvorsichtig sich +zerstreuenden Lusitanern am rechten Tajoufer eine Niederlage beizubringen und, +übergehend auf das linke, wo die Lusitaner das ganze römische Gebiet überrannt, +ja bis nach Afrika gestreift hatten, die südliche Provinz von den Feinden zu +säubern. In die nördliche sandte das folgende Jahr (602 152) der Senat außer +beträchtlichen Verstärkungen einen andern Oberfeldherrn an der Stelle des +unfähigen Nobilior, den Konsul Marcus Claudius Marcellus, der schon als Prätor +586 (168) sich in Spanien ausgezeichnet und seitdem in zwei Konsulaten sein +Feldherrntalent bewährt hatte. Seine geschickte Führung und mehr noch seine +Milde änderte die Lage der Dinge schnell: Okilis ergab sich ihm sofort, und +selbst die Arevaker, von Marcellus in der Hoffnung bestärkt, daß ihnen gegen +eine mäßige Buße Friede gewährt werden würde, schlossen Waffenstillstand und +schickten Gesandte nach Rom. Marcellus konnte sich nach der südlichen Provinz +begeben, wo die Vettonen und Lusitaner sich dem Prätor Marcus Atilius zwar +botmäßig erwiesen hatten, solange er in ihrem Gebiet stand, allein nach seiner +Entfernung sofort wieder aufgestanden waren und die römischen Verbündeten +heimsuchten. Die Ankunft des Konsuls stellte die Ordnung wieder her, und +während er in Corduba überwinterte, ruhten auf der ganzen Halbinsel die Waffen. +Inzwischen ward in Rom über den Frieden mit den Arevakern verhandelt. Es ist +bezeichnend für die inneren Verhältnisse Spaniens, daß vornehmlich die +Sendlinge der bei den Arevakern bestehenden römischen Partei die Verwerfung der +Friedensvorschläge in Rom durchsetzten, indem sie vorstellten, daß, wenn man +die römisch gesinnten Spanier nicht preisgeben wolle, nur die Wahl bleibe, +entweder jährlich einen Konsul mit entsprechendem Heer nach der Halbinsel zu +senden oder jetzt ein nachdrückliches Exempel zu statuieren. Infolgedessen +wurden die Boten der Arevaker ohne entscheidende Antwort verabschiedet und die +energische Fortsetzung des Krieges beschlossen. Marcellus sah sich demnach +genötigt, im folgenden Frühjahr (603 151) den Krieg gegen die Arevaker wieder +zu beginnen. Indes sei es nun, wie behauptet wird, daß er den Ruhm, den Krieg +beendigt zu haben, seinem bald zu erwartenden Nachfolger nicht gönnte, sei es, +was vielleicht wahrscheinlicher ist, daß er gleich Gracchus in der milden +Behandlung der Spanier die erste Bedingung eines dauerhaften Friedens sah - +nach einer geheimen Zusammenkunft des römischen Feldherrn mit den +einflußreichsten Männern der Arevaker kam unter den Mauern von Numantia ein +Traktat zustande, durch den die Arevaker den Römern sich auf Gnade und Ungnade +ergaben, aber unter Verpflichtung zu Geldzahlung und Geiselstellung in ihre +bisherigen vertragsmäßigen Rechte wiedereingesetzt wurden. +</p> + +<p> +———————————————————- +</p> + +<p> +^1 Italica wird durch Scipio das geworden sein, was in Italien forum et +conciliabulum civium Romanorum hieß; ähnlich ist später Aquae Sextiae in +Gallien entstanden. Die Entstehung überseeischer Bürgergemeinden beginnt erst +später mit Karthago und Narbo; indes ist es merkwürdig, daß in gewissem Sinne +doch auch dazu schon Scipio den Anfang machte. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +Als der neue Oberfeldherr, der Konsul Lucius Lucullus, bei dem Heere eintraf, +fand er den Krieg, den zu führen er gekommen war, bereits durch förmlichen +Friedensschluß beendigt, und seine Hoffnung, Ehre und vor allem Geld aus +Spanien heimzubringen, schien vereitelt. Indes dafür gab es Rat. Auf eigene +Hand griff Lucullus die westlichen Nachbarn der Arevaker, die Vaccäer, an, eine +noch unabhängige keltiberische Nation, die mit den Römern im besten +Einvernehmen lebte. Auf die Frage der Spanier, was sie denn gefehlt hätten, war +die Antwort: der Überfall der Stadt Cauca (Coca, acht Leguas westlich von +Segovia); und als die erschreckte Stadt mit schweren Geldopfern die +Kapitulation erkauft zu haben meinte, rückten römische Truppen in sie ein und +knechteten oder mordeten die Einwohnerschaft ohne jeglichen Vorwand. Nach +dieser Heldentat, die etwa 20000 wehrlosen Menschen das Leben gekostet haben +soll, ging der Marsch weiter. Weit und breit standen die Dörfer und Ortschaften +leer oder schlossen, wie das feste Intercatia und die Hauptstadt der Vaccäer, +Pallantia (Palencia), dem römischen Heere ihre Tore. Die Habsucht hatte in +ihren eigenen Netzen sich gefangen; keine Gemeinde fand sich, die mit dem +treubrüchigen Feldherrn eine Kapitulation hätte abschließen mögen, und die +allgemeine Flucht der Bewohner machte nicht bloß die Beute karg, sondern auch +das längere Verweilen in diesen unwirtlichen Gegenden fast unmöglich. Vor +Intercatia gelang es einem angesehenen Kriegstribun, dem Scipio Aemilianus, +leiblichem Sohn des Siegers von Pydna und Adoptivenkel des Siegers von Zama, +durch sein Ehrenwort, da das des Feldherrn nichts mehr galt, die Bewohner zum +Abschluß eines Vertrages zu bestimmen, infolgedessen das römische Heer gegen +Lieferung von Vieh und Kleidungsstücken abzog. Aber die Belagerung von +Pallantia mußte wegen Mangels an Lebensmitteln aufgehoben werden, und das +römische Heer ward auf dem Rückmarsch von den Vaccäern bis zum Duero verfolgt. +Lucullus begab sich darauf nach der südlichen Provinz, wo der Prätor Servius +Sulpicius Galba in demselben Jahr von den Lusitanern sich hatte schlagen +lassen; beide überwinterten nicht fern voneinander, Lucullus im turdetanischen +Gebiet, Galba bei Conistorgis, und griffen im folgenden Jahr (604 150) +gemeinschaftlich die Lusitaner an. Lucullus errang an der Gaditanischen +Meerenge einige Vorteile über sie. Galba richtete mehr aus, indem er mit drei +lusitanischen Stämmen am rechten Ufer des Tajo einen Vertrag abschloß und sie +in bessere Wohnsitze überzusiedeln verhieß, worauf die Barbaren, die der +gehofften Äcker wegen, 7000 an der Zahl, sich bei ihm einfanden, in drei +Abteilungen geteilt, entwaffnet und teils als Sklaven weggeführt, teils +niedergehauen wurden. Kaum ist je mit gleicher Treulosigkeit, Grausamkeit und +Habgier Krieg geführt worden wie von diesen beiden Feldherren, die dennoch +durch ihre verbrecherisch erworbenen Schätze der eine der Verurteilung, der +andre sogar der Anklage entging. Den Galba versuchte der alte Cato noch in +seinem fünfundachtzigsten Jahr, wenige Monate vor seinem Tode, vor der +Bürgerschaft zur Verantwortung zu ziehen; aber die jammernden Kinder des +Generals und sein heimgebrachtes Gold erwiesen dem römischen Volke seine +Unschuld. +</p> + +<p> +Nicht so sehr die ehrlosen Erfolge, die Lucullus und Galba in Spanien erreicht +hatten, als der Ausbruch des Vierten Makedonischen und des Dritten +Karthagischen Krieges im Jahre 605 (149) bewirkte, daß man die spanischen +Angelegenheiten zunächst wieder den gewöhnlichen Statthaltern überließ. So +verwüsteten denn die Lusitaner, durch Galbas Treulosigkeit mehr erbittert als +gedemütigt, unaufhörlich das reiche turdetanische Gebiet. Gegen sie zog der +römische Statthalter Gaius Vetilius (607/08 147/48) 2 und schlug sie nicht +bloß, sondern drängte auch den ganzen Haufen auf einen Hügel zusammen, wo +derselbe rettungslos verloren schien. Schon war die Kapitulation so gut wie +abgeschlossen, als Viriathus, ein Mann geringer Herkunft, aber wie einst als +Bube ein tapferer Verteidiger seiner Herde gegen die wilden Tiere und Räuber, +so jetzt in ernsteren Kämpfen ein gefürchteter Guerillachef und einer der +wenigen, die dem treulosen Überfall Galbas zufällig entronnen waren, seine +Landsleute warnte, auf römisches Ehrenwort zu bauen und ihnen Rettung verhieß, +wenn sie ihm folgen wollten. Sein Wort und sein Beispiel wirkten; das Heer +übertrug ihm den Oberbefehl. Viriathus gab der Masse seiner Leute den Befehl, +sich in einzelnen Trupps auf verschiedenen Wegen nach dem bestimmten +Sammelplatz zu begeben; er selber bildete aus den bestberittenen und +zuverlässigsten Leuten ein Korps von 1000 Pferden, womit er den Abzug der +Seinigen deckte. Die Römer, denen es an leichter Kavallerie fehlte, wagten +nicht, unter den Augen der feindlichen Reiter sich zur Verfolgung zu +zerstreuen. Nachdem Viriathus zwei volle Tage hindurch mit seinem Haufen das +ganze römische Heer aufgehalten hatte, verschwand auch er plötzlich in der +Nacht und eilte dem allgemeinen Sammelplatz zu. Der römische Feldherr folgte +ihm, fiel aber in einen geschickt gelegten Hinterhalt, in dem er die Hälfte +seines Heeres verlor und selber gefangen und getötet ward; kaum rettete der +Rest der Truppen sich an die Meerenge nach der Kolonie Carteia. Schleunigst +wurden vom Ebro her 5000 Mann spanischer Landsturm zur Verstärkung der +geschlagenen Römer gesandt; aber Viriathus vernichtete das Korps noch auf dem +Marsch und gebot in dem ganzen karpetanischen Binnenland so unumschränkt, daß +die Römer nicht einmal wagten, ihn dort aufzusuchen. Viriathus, jetzt als Herr +und König der sämtlichen Lusitaner anerkannt, verstand es, das volle Gewicht +seiner fürstlichen Stellung mit dem schlichten Wesen des Hirten zu vereinigen. +Kein Abzeichen unterschied ihn von dem gemeinen Soldaten; von der +reichgeschmückten Hochzeitstafel seines Schwiegervaters, des Fürsten Astolpa im +römischen Spanien, stand er auf, ohne das goldene Geschirr und die kostbaren +Speisen berührt zu haben, hob seine Braut auf das Roß und ritt mit ihr zurück +in seine Berge. Nie nahm er von der Beute mehr als denselben Teil, den er auch +jedem seiner Kameraden zuschied. Nur an der hohen Gestalt und an dem treffenden +Witzwort erkannte der Soldat den Feldherrn, vor allem aber daran, daß er es in +Mäßigkeit und in Mühsal jedem der Seinigen zuvortat, nie anders als in voller +Rüstung schlief und in der Schlacht allen voran focht. Es schien, als sei in +dieser gründlich prosaischen Zeit einer der Homerischen Helden wiedergekehrt; +weit und breit erscholl in Spanien der Name des Viriathus, und die tapfere +Nation meinte endlich in ihm den Mann gefunden zu haben, der die Ketten der +Fremdherrschaft zu brechen bestimmt sei. Ungemeine Erfolge im nördlichen wie im +südlichen Spanien bezeichneten die nächsten Jahre seiner Feldherrnschaft. Den +Prätor Gaius Plautius (608/09 146) wußte er, nachdem er dessen Vorhut +vernichtet hatte, hinüber auf das rechte Tajoufer zu locken und ihn dort so +nachdrücklich zu schlagen, daß der römische Feldherr mitten im Sommer in die +Winterquartiere ging - später ward dafür gegen ihn die Anklage wegen Entehrung +der römischen Gemeinde vor dem Volk erhoben und er genötigt, die Heimat zu +meiden. Desgleichen wurde das Heer des Statthalters - es scheint, der +diesseitigen Provinz - Claudius Unimanus vernichtet, das des Gaius Negidius +überwunden und weithin das platte Land gebrandschatzt. Auf den spanischen +Bergen erhoben sich Siegeszeichen, die mit den Insignien der römischen +Statthalter und mit den Waffen der Legionen geschmückt waren; bestürzt und +beschämt vernahm man in Rom von den Siegen des Barbarenkönigs. Zwar übernahm +jetzt ein zuverlässiger Offizier die Führung des Spanischen Krieges, der zweite +Sohn des Siegers von Pydna, der Konsul Quintus Fabius Maximus Aemilianus (609 +145). Allein die krieggewohnten, eben von Makedonien und Afrika heimgekehrten +Veteranen aufs neue in den verhaßten Spanischen Krieg zu senden, wagte man +schon nicht mehr; die beiden Legionen, die Maximus mitbrachte, waren neu +geworben und nicht viel minder unzuverlässig als das alte, gänzlich +demoralisierte spanische Heer. Nachdem die ersten Gefechte wieder für die +Lusitaner günstig ausgefallen waren, hielt der einsichtige Feldherr den Rest +des Jahres seine Truppen in dem Lager bei Urso (Osuna südöstlich von Sevilla) +zusammen, ohne die angebotene Feldschlacht zu liefern, und nahm erst im +folgenden (610 144), nachdem im kleinen Krieg seine Truppen kampffähig geworden +waren, wieder das Feld, wo er dann die Überlegenheit zu behaupten vermochte und +nach glücklichen Waffentaten nach Corduba ins Winterlager ging. Als aber an +Maximus’ Stelle der feige und ungeschickte Prätor Quinctius den Befehl +übernahm, erlitten die Römer wiederum eine Niederlage über die andere und +schloß ihr Feldherr sich wieder mitten im Sommer in Corduba ein, während +Viriathus’ Scharen die südliche Provinz überschwemmten (611 143). Sein +Nachfolger, des Maximus Aemilianus Adoptivbruder Quintus Fabius Maximus +Servilianus, mit zwei frischen Legionen und zehn Elefanten nach der Halbinsel +gesendet, versuchte, in das lusitanische Gebiet einzudringen, allein nach einer +Reihe nichts entscheidender Gefechte und einem mühsam abgeschlagenen Sturm auf +das römische Lager sah er sich genötigt, auf das römische Gebiet +zurückzuweichen. Viriathus folgte ihm in die Provinz; da aber seine Truppen +nach dem Brauch spanischer Insurgentenheere plötzlich sich verliefen, mußte +auch er nach Lusitanien zurückkehren (612 142). Im nächsten Jahre (613 141) +ergriff Servilianus wieder die Offensive, durchzog die Gegenden am Baetis und +Anas und besetzte sodann, in Lusitanien einrückend, eine Menge Ortschaften. +Eine große Zahl der Insurgenten fiel in seine Hand; die Führer - es waren deren +gegen 500 - wurden hingerichtet, den aus römischem Gebiet zum Feinde +Übergegangenen die Hände abgehauen, die übrige Masse in die Sklaverei verkauft. +Aber der Spanische Krieg bewährte auch hier seine tückische Unbeständigkeit. +Das römische Heer ward nach all diesen Erfolgen bei der Belagerung von Erisane +von Viriathus angegriffen, geworfen und auf einen Felsen gedrängt, wo es +gänzlich in der Gewalt der Feinde war. Viriathus indes begnügte sich, wie einst +der Samnitenfeldherr in den Caudinischen Pässen, mit Servilianus einen Frieden +abzuschließen, worin die Gemeinde der Lusitaner als souverän und Viriathus als +König derselben anerkannt ward. Die Macht der Römer war nicht mehr gestiegen +als das nationale Ehrgefühl gesunken; man war in der Hauptstadt froh, des +lästigen Krieges entledigt zu sein, und Senat und Volk gaben dem Vertrage die +Ratifikation. Allein des Servilianus leiblicher Bruder und Amtsnachfolger +Quintus Servilius Caepio war mit dieser Nachgiebigkeit wenig zufrieden und der +Senat schwach genug, anfangs den Konsul zu heimlichen Machinationen gegen den +Viriathus zu bevollmächtigen und bald ihm den offenen, unbeschönigten Bruch des +gegebenen Treuworts wenigstens nachzusehen. So drang Caepio in Lusitanien ein +und durchzog das Land bis zu dem Gebiet der Vettonen und Callaeker; Viriathus +vermied den Kampf mit der Übermacht und entzog sich durch geschickte Bewegungen +dem Gegner (614 140). Als aber im folgenden Jahre (615 139) nicht bloß Caepio +den Angriff erneuerte, sondern auch das in der nördlichen Provinz inzwischen +verfügbar gewordene Heer unter Marcus Popillius in Lusitanien erschien, bat +Viriathus um Frieden unter jeder Bedingung. Er ward geheißen, alle aus dem +römischen Gebiet zu ihm übergetretenen Leute, darunter seinen eigenen +Schwiegervater, an die Römer auszuliefern; es geschah, und die Römer ließen +dieselben hinrichten oder ihnen die Hände abhauen. Allein es war damit nicht +genug; nicht auf einmal pflegten die Römer den Unterworfenen anzukündigen, was +über sie verhängt war. Ein Befehl nach dem andern, und immer der folgende +unerträglicher als die vorhergehenden, erging an die Lusitaner, und schließlich +ward sogar die Auslieferung der Waffen von ihnen gefordert. Da gedachte +Viriathus abermals des Schicksals seiner Landsleute, die Galba hatte entwaffnen +lassen, und griff aufs neue zum Schwert, aber zu spät. Sein Schwanken hatte in +seiner nächsten Umgebung die Keime des Verrats gesät; drei seiner Vertrauten, +Audas, Ditalko und Minucius aus Urso, verzweifelnd an der Möglichkeit, jetzt +noch zu siegen, erwirkten von dem König die Erlaubnis, noch einmal mit Caepio +Friedensunterhandlungen anzuknüpfen, und benutzten sie, um gegen Zusicherung +persönlicher Amnestie und weiterer Belohnungen das Leben des lusitanischen +Helden den Fremden zu verkaufen. Zurückgekehrt in das Lager, versicherten sie +den König des günstigsten Erfolgs ihrer Verhandlungen und erdolchten die Nacht +darauf den Schlafenden in seinem Zelte. Die Lusitaner ehrten den herrlichen +Mann durch eine Totenfeier ohnegleichen, bei der zweihundert Fechterpaare die +Leichenspiele fochten; höher noch dadurch, daß sie den Kampf nicht aufgaben, +sondern an die Stelle des gefallenen Helden den Tautamus zu ihrem Oberfeldherrn +ernannten. Kühn genug war auch der Plan, den dieser entwarf, den Römern Sagunt +zu entreißen; allein der neue Feldherr besaß weder seines Vorgängers weise +Mäßigung noch dessen Kriegsgeschick. Die Expedition scheiterte völlig, und auf +der Rückkehr ward das Heer bei dem Übergang über den Baetis angegriffen und +genötigt, sich unbedingt zu ergeben. Also, weit mehr durch Verrat und Mord von +Fremden wie von Eingeborenen als durch ehrlichen Krieg, ward Lusitanien +bezwungen. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +2 Die Chronologie des Viriathischen Krieges ist wenig gesichert. Es steht fest, +daß Viriathus’ Auftreten von dem Kampf mit Vetilius datiert (App. Hisp. +61; Liv. 52; Oros. hist. 5, 4) und daß er 615 (130) umkam (Diod. Vat. p. 110 u. +a. m.); die Dauer seines Regiments wird auf acht (App. Hisp. 63), zehn (Iust. +44, 2), elf (Diod. p. 597), fünfzehn (Liv. 54; Eutr. 4, 16; Oros. hist. 5, 4; +Flor. epit. 1, 33) und zwanzig Jahre (Vell. 2, 90) berechnet. Der erste Ansatz +hat deswegen einige Wahrscheinlichkeit, weil Viriathus’ Auftreten sowohl +bei Diodor (p. 591; Vat. p. 107 108) wie auch bei Orosius (hist. 5, 4) an die +Zerstörung von Korinth angeknüpft wird. Von den römischen Statthaltern, mit +denen sich Viriathus schlug, gehören ohne Zweifel mehrere der nördlichen +Provinz an, da Viriathus zwar vorwiegend, aber nicht ausschließlich in der +südlichen tätig war (Liv. 52); man darf also nicht nach der Zahl dieser Namen +die Zahl der Jahre seiner Feldherrnschaft berechnen. +</p> + +<p> +———————————————————- +</p> + +<p> +Während die südliche Provinz durch Viriathus und die Lusitaner heimgesucht +ward, war nicht ohne deren Zutun in der nördlichen bei den keltiberischen +Nationen ein zweiter, nicht minder ernster Krieg ausgebrochen. Viriathus’ +glänzende Erfolge bewogen im Jahre 610 (144) die Arevaker, gleichfalls gegen +die Römer sich zu erheben, und es war dies die Ursache, weshalb der zur +Ablösung des Maximus Aemilianus nach Spanien gesandte Konsul Quintus Caecilius +Metellus nicht nach der südlichen Provinz ging, sondern gegen die Keltiberer +sich wandte. Auch gegen sie bewährte er, namentlich während der Belagerung der +für unbezwinglich gehaltenen Stadt Contrebia, dieselbe Tüchtigkeit, die er bei +der Überwindung des makedonischen Pseudophilipp bewiesen hatte; nach +zweijähriger Verwaltung (611, 612 143, 142) war die nördliche Provinz zum +Gehorsam zurückgebracht. Nur die beiden Städte Termantia und Numantia hatten +noch den Römern die Tore nicht geöffnet; auch mit diesen aber war die +Kapitulation fast schon abgeschlossen und der größte Teil der Bedingungen von +den Spaniern erfüllt. Als es jedoch zur Ablieferung der Waffen kam, ergriff +auch sie eben wie den Viriathus jener echt spanische Stolz auf den Besitz des +wohlgeführten Schwertes, und es ward beschlossen, unter dem kühnen Megaravicus +den Krieg fortzusetzen. Es schien eine Torheit; das konsularische Heer, dessen +Befehl 613 (141) der Konsul Quintus Pompeius übernahm, war viermal so stark als +die gesamte waffenfähige Bevölkerung von Numantia. Allein der völlig +kriegsunkundige Feldherr erlitt unter den Mauern beider Städte so harte +Niederlagen (613, 614 141, 140), daß er endlich es vorzog, den Frieden, den er +nicht erzwingen konnte, durch Unterhandlungen zu erwirken. Mit Termantia muß +ein definitives Abkommen getroffen sein; auch den Numantinern sandte der +römische Feldherr ihre Gefangenen zurück und forderte die Gemeinde unter dem +geheimen Versprechen günstiger Behandlung auf, sich ihm auf Gnade und Ungnade +zu ergeben. Die Numantiner, des Krieges müde, gingen darauf ein, und der +Feldherr beschränkte in der Tat seine Forderungen auf das möglichst geringe +Maß. Gefangene, Überläufer, Geiseln waren abgeliefert und die bedungene +Geldsumme größtenteils gezahlt, als im Jahre 615 (139) der neue Feldherr Marcus +Popillius Laenas im Lager eintraf. Sowie Pompeius die Last des Oberbefehls auf +fremde Schultern gewälzt sah, ergriff er, um sich der in Rom seiner wartenden +Verantwortung für den nach römischen Begriffen ehrlosen Frieden zu entziehen, +den Ausweg, sein Wort nicht etwa bloß zu brechen, sondern zu verleugnen und, +als die Numantiner kamen, um die letzte Zahlung zu machen, ihren und seinen +Offizieren ins Gesicht den Abschluß des Vertrages einfach in Abrede zu stellen. +Die Sache ging zur rechtlichen Entscheidung an den Senat nach Rom; während dort +darüber verhandelt ward, ruhte vor Numantia der Krieg und beschäftigte sich +Laenas mit einem Zug nach Lusitanien, wo er die Katastrophe des Viriathus +beschleunigen half, und mit einem Streifzug gegen die den Numantinern +benachbarten Lusonen. Als endlich vom Senat die Entscheidung kam, lautete sie +auf Fortsetzung des Krieges - man beteiligte sich also von Staats wegen an dem +Bubenstreich des Pompeius. Mit ungeschwächtem Mut und erhöhter Erbitterung +nahmen die Numantiner den Kampf wieder auf; Laenas focht unglücklich gegen sie +und nicht minder sein Nachfolger Gaius Hostilius Mancinus (617 137). Aber die +Katastrophe führten weit weniger die Waffen der Numantiner herbei als die +schlaffe und elende Kriegszucht der römischen Feldherrn und die Folge +derselben, die von Jahr zu Jahr üppiger wuchernde Liederlichkeit, +Zuchtlosigkeit und Feigheit der römischen Soldaten. Das bloße, überdies falsche +Gerücht, daß die Kantabrer und Vaccäer zum Entsatz von Numantia heranrückten, +bewog das römische Heer, ungeheißen in der Nacht das Lager zu räumen, um sich +in den sechzehn Jahre zuvor von Nobilior angelegten Verschanzungen zu bergen. +Die Numantiner, von dem Aufbruch in Kenntnis gesetzt, drängten der fliehenden +Armee nach und umzingelten sie; es blieb nur die Wahl, mit dem Schwert in der +Hand sich durchzuschlagen oder auf die von den Numantinern gestellten +Bedingungen Frieden zu schließen. Mehr als der Konsul, der persönlich ein +Ehrenmann, aber schwach und wenig bekannt war, bewirkte Tiberius Gracchus, der +als Quästor im Heere diente, durch sein von dem Vater, dem weisen Ordner der +Ebroprovinz, auf ihn vererbtes Ansehen bei den Keltiberern, daß die Numantiner +sich mit einem billigen, von allen Stabsoffizieren beschworenen Friedensvertrag +genügen ließen. Allein der Senat rief nicht bloß den Feldherrn sofort zurück, +sondern ließ auch nach langer Beratung bei der Bürgerschaft darauf antragen, +den Vertrag zu behandeln wie einst den caudinischen, das heißt, ihm die +Ratifikation zu verweigern und die Verantwortlichkeit dafür auf diejenigen +abzuwälzen, die ihn geschlossen hatten. Von Rechts wegen hätten dies sämtliche +Offiziere sein müssen, die den Vertrag beschworen hatten; allein Gracchus und +die übrigen wurden durch ihre Verbindungen gerettet; Mancinus allein, der nicht +den Kreisen der höchsten Aristokratie angehörte, ward bestimmt, für eigene und +fremde Schuld zu büßen. Seiner Insignien entkleidet, ward der römische Konsular +zu den feindlichen Vorposten geführt, und da die Numantiner ihn anzunehmen +verweigerten, um nicht auch ihrerseits den Vertrag als nichtig anzuerkennen, +stand der ehemalige Oberfeldherr, im Hemd und die Hände auf den Rücken +gebunden, einen Tag lang vor den Toren von Numantia, Freunden und Feinden ein +klägliches Schauspiel. Jedoch für Mancinus’ Nachfolger, seinen Kollegen +im Konsulat, Marcus Aemilius Lepidus, schien die bittere Lehre völlig verloren. +Während die Verhandlungen über den Vertrag mit Mancinus in Rom schwebten, griff +er unter nichtigen Vorwänden, eben wie sechzehn Jahre zuvor Lucullus, das freie +Volk der Vaccäer an und begann in Gemeinschaft mit dem Feldherrn der +jenseitigen Provinz Pallantia zu belagern (618 136). Ein Senatsbeschluß befahl +ihm, von dem Krieg abzustehen; nichtsdestoweniger setzte er, unter dem Vorwand, +daß die Umstände inzwischen sich geändert hätten, die Belagerung fort. Dabei +war er als Soldat gerade so schlecht wie als Bürger; nachdem er so lange vor +der großen und festen Stadt gelegen hatte, bis ihm in dem rauhen feindlichen +Land die Zufuhr ausgegangen war, mußte er mit Zurücklassung aller Verwundeten +und Kranken den Rückzug beginnen, auf dem die verfolgenden Pallantiner die +Hälfte seiner Soldaten aufrieben und, wenn sie die Verfolgung nicht zu früh +abgebrochen hätten, das schon in voller Auflösung begriffene römische Heer +wahrscheinlich ganz vernichtet haben würden. Dafür ward denn dem hochgeborenen +General bei seiner Heimkehr eine Geldbuße auferlegt. Seine Nachfolger Lucius +Furius Philus (618 136) und Quintus Calpurnius Piso (619 135) hatten wieder +gegen die Numantiner Krieg zu führen, und da sie eben gar nichts taten, kamen +sie glücklich ohne Niederlage heim. Selbst die römische Regierung fing endlich +an einzusehen, daß man so nicht länger fortfahren könne; man entschloß sich, +die Bezwingung der kleinen spanischen Landstadt außerordentlicherweise dem +ersten Feldherrn Roms, Scipio Aemilianus, zu übertragen. Die Geldmittel zur +Kriegführung wurden ihm freilich dabei mit verkehrter Kargheit zugemessen und +die verlangte Erlaubnis, Soldaten auszuheben, sogar geradezu verweigert, wobei +Koterieintrigen und die Furcht, der souveränen Bürgerschaft lästig zu werden, +zusammengewirkt haben mögen. Indes begleitete ihn freiwillig eine große Anzahl +von Freunden und Klienten, unter ihnen sein Bruder Maximus Aemilianus, der vor +einigen Jahren mit Auszeichnung gegen Viriathus kommandiert hatte. Gestützt auf +diese zuverlässige Schar, die als Feldherrnwache konstituiert ward, begann +Scipio das tief zerrüttete Heer zu reorganisieren (620 134). Vor allen Dingen +mußte der Troß das Lager räumen - es fanden sich bis 2000 Dirnen und eine +Unzahl Wahrsager und Pfaffen von allen Sorten -, und da der Soldat zum Fechten +unbrauchbar war, mußte er wenigstens schanzen und marschieren. Den ersten +Sommer vermied der Feldherr jeden Kampf mit den Numantinern; er begnügte sich, +die Vorräte in der Umgegend zu vernichten und die Vaccäer, die den Numantinern +Korn verkauften, zu züchtigen und zur Anerkennung der Oberhoheit Roms zu +zwingen. Erst gegen den Winter zog Scipio sein Heer um Numantia zusammen; außer +dem numidischen Kontingent von Reitern, Fußsoldaten und zwölf Elefanten unter +Anführung des Prinzen Jugurtha und den zahlreichen spanischen Zuzügen waren es +vier Legionen, überhaupt eine Heermasse von 60000 Mann, die eine Stadt mit +einer waffenfähigen Bürgerschaft von höchstens 8000 Köpfen einschloß. Dennoch +boten die Belagerten oftmals den Kampf an; allein Scipio, wohl erkennend, daß +die vieljährige Zuchtlosigkeit nicht mit einem Schlag sich ausrotten lasse, +verweigerte jedes Gefecht, und wo es dennoch bei den Ausfällen der Belagerten +dazu kam, rechtfertigte die feige, kaum durch das persönliche Erscheinen des +Feldherrn gehemmte Flucht der Legionäre diese Taktik nur zu sehr. Nie hat ein +Feldherr seine Soldaten verächtlicher behandelt als Scipio die numantinische +Armee; und nicht bloß mit bitteren Reden, sondern vor allem durch die Tat +bewies er ihr, was er von ihr halte. Zum erstenmal führten die Römer, wo es nur +auf sie ankam, das Schwert zu brauchen, den Kampf mit Hacke und Spaten. Rings +um die ganze Stadtmauer von reichlich einer halben deutschen Meile im Umfang +ward eine doppelt so ausgedehnte, mit Mauern, Türmen und Gräben versehene +zwiefache Umwallungslinie aufgeführt und auch der Duerofluß, auf dem den +Belagerten anfangs noch durch kühne Schiffer und Taucher einige Vorräte +zugekommen waren, endlich abgesperrt. So mußte die Stadt, die zu stürmen man +nicht wagte, wohl durch Hunger erdrückt werden, um so mehr, als es der +Bürgerschaft nicht möglich gewesen war, sich während des letzten Sommers zu +verproviantieren. Bald litten die Numantiner Mangel an allem. Einer ihrer +kühnsten Männer, Retogenes, schlug sich mit wenigen Begleitern durch die +feindlichen Linien durch, und seine rührende Bitte, die Stammesgenossen nicht +hilflos untergehen zu lassen, war wenigstens in einer der Arevakerstädte, in +Lutia, von großer Wirkung. Bevor aber die Bürger von Lutia sich entschieden +hatten, erschien Scipio, benachrichtigt von den römisch Gesinnten in der Stadt, +mit Übermacht vor ihren Mauern und zwang die Behörden, ihm die Führer der +Bewegung, vierhundert der trefflichsten Jünglinge, auszuliefern, denen sämtlich +auf Befehl des römischen Feldherrn die Hände abgehauen wurden. Die Numantiner, +also der letzten Hoffnung beraubt, sandten an Scipio, um über die Unterwerfung +zu verhandeln, und riefen den tapferen Mann an, der Tapferen zu schonen; allein +als die rückkehrenden Boten meldeten, daß Scipio unbedingte Ergebung verlange, +wurden sie von der wütenden Menge zerrissen, und eine neue Frist verfloß, bis +Hunger und Seuchen ihr Werk vollendet hatten. Endlich kam in das römische +Hauptquartier eine zweite Botschaft, daß die Stadt jetzt bereit sei, auf Gnade +und Ungnade sich zu unterwerfen. Als demnach die Bürgerschaft angewiesen wurde, +am folgenden Tag vor den Toren zu erscheinen, bat sie um einige Tage Frist, um +denjenigen Bürgern, die den Untergang der Freiheit nicht zu überleben +beschlossen hätten, Zeit zum Sterben zu gestatten. Sie ward ihnen gewährt, und +nicht wenige benutzten sie. Endlich erschien der elende Rest vor den Toren. +Scipio las fünfzig der Ansehnlichsten aus, um sie in seinem Triumphe +aufzuführen; die übrigen wurden in die Sklaverei verkauft, die Stadt dem Boden +gleichgemacht, ihr Gebiet unter die Nachbarstädte verteilt. Das geschah im +Herbst 621 (133), fünfzehn Monate nachdem Scipio den Oberbefehl übernommen +hatte. +</p> + +<p> +Mit Numantias Fall war die hier und da noch sich regende Opposition gegen Rom +in der Wurzel getroffen; militärische Spaziergänge und Geldbußen reichten aus, +um die römische Oberherrschaft im ganzen diesseitigen Spanien zur Anerkennung +zu bringen. +</p> + +<p> +Auch im jenseitigen ward durch die Überwindung der Lusitaner die römische +Herrschaft befestigt und ausgedehnt. Der Konsul Decimus Iunius Brutus, der an +Caepios Stelle trat, siedelte die kriegsgefangenen Lusitaner an in der Nähe von +Sagunt und gab ihrer neuen Stadt Valentia (Valencia) gleich Carteia latinische +Verfassung (616 138); er durchzog ferner (616-618 138-136) in verschiedenen +Richtungen die iberische Westküste und gelangte zuerst von den Römern an das +Gestade des Atlantischen Meers. Die von ihren Bewohnern, Männern und Frauen, +hartnäckig verteidigten Städte der dort wohnenden Lusitaner wurden durch ihn +bezwungen, und die bis dahin unabhängigen Callaeker nach einer großen Schlacht, +in der ihrer 50000 gefallen sein sollen, mit der römischen Provinz vereinigt. +Nach Unterwerfung der Vaccäer, Lusitaner und Callaeker war jetzt mit Ausnahme +der Nordküste die ganze Halbinsel wenigstens dem Namen nach den Römern +untertan. Eine senatorische Kommission ging nach Spanien, um im Einvernehmen +mit Scipio das neugewonnene Provinzialgebiet römisch zu ordnen, und Scipio tat, +was er konnte, um die Folgen der ehr- und kopflosen Politik seiner Vorgänger zu +beseitigen, wie denn zum Beispiel die Kaukaner, deren schmachvolle Mißhandlung +durch Lucullus er neunzehn Jahre zuvor als Kriegstribun mit hatte ansehen +müssen, von ihm eingeladen wurden, in ihre Stadt zurückzukehren und sie +wiederaufzubauen. Es begann wiederum für Spanien eine leidlichere Zeit. Die +Unterdrückung des Seeraubes, der auf den Balearen gefährliche Schlupfwinkel +fand, durch Quintus Caecilius Metellus’ Besetzung dieser Inseln im Jahre +631 (123) war dem Aufblühen des spanischen Handels ungemein förderlich, und +auch sonst waren die fruchtbaren und von einer dichten, in der Schleuderkunst +unübertroffenen Bevölkerung bewohnten Inseln ein wertvoller Besitz. Wie +zahlreich schon damals die lateinisch redende Bevölkerung auf der Halbinsel +war, beweist die Ansiedelung von 3000 spanischen Latinern in den Städten Palma +und Pollentia (Pollenza) auf den neugewonnenen Inseln. Trotz mancher schwerer +Mißstände bewahrte die römische Verwaltung Spaniens im ganzen den Stempel, den +die catonische Zeit und zunächst Tiberius Gracchus ihr aufgeprägt hatten. Das +römische Grenzgebiet zwar hatte von den Überfällen der halb oder gar nicht +bezwungenen Stämme des Nordens und Westens nicht wenig zu leiden. Bei den +Lusitanern namentlich tat die ärmere Jugend regelmäßig sich in Räuberbanden +zusammen und brandschatzte in hellen Haufen die Landsleute oder die Nachbarn, +weshalb noch in viel späterer Zeit die einzeln gelegenen Bauernhöfe in dieser +Gegend festungsartig angelegt und im Notfall verteidigungsfähig waren; und es +gelang den Römern nicht, diesem Räuberwesen in den unwirtlichen und schwer +zugänglichen lusitanischen Bergen ein Ende zu machen. Aber die bisherigen +Kriege nahmen doch mehr und mehr den Charakter des Bandenunfugs an, den jeder +leidlich tüchtige Statthalter mit den gewöhnlichen Mitteln niederzuhalten +vermochte, und trotz dieser Heimsuchung der Grenzdistrikte war Spanien unter +allen römischen Gebieten das blühendste und am besten organisierte Land; das +Zehntensystem und die Mittelsmänner waren daselbst unbekannt, die Bevölkerung +zahlreich und die Landschaft reich an Korn und Vieh. +</p> + +<p> +In einem weit unleidlicheren Mittelzustand zwischen formeller Souveränität und +tatsächlicher Untertänigkeit befanden sich die afrikanischen, griechischen und +asiatischen Staaten, welche durch die Kriege der Römer gegen Karthago, +Makedonien und Syrien und deren Konsequenzen in den Kreis der römischen +Hegemonie gezogen worden waren. Der unabhängige Staat bezahlt den Preis seiner +Selbständigkeit nicht zu teuer, indem er die Leiden des Krieges auf sich nimmt, +wenn es sein muß; der Staat, der die Selbständigkeit eingebüßt hat, mag +wenigstens einen Ersatz darin finden, daß der Schutzherr ihm Ruhe schafft vor +seinen Nachbarn. Allein diese Klientelstaaten Roms hatten weder Selbständigkeit +noch Frieden. In Afrika bestand zwischen Karthago und Numidien tatsächlich ein +ewiger Grenzkrieg. In Ägypten hatte zwar der römische Schiedsspruch den +Sukzessionsstreit der beiden Brüder Ptolemaeos Philometor und Ptolemaeos des +Dicken geschlichtet; allein die neuen Herren von Ägypten und von Kyrene führten +nichtsdestoweniger Krieg um den Besitz von Kypros. In Asien waren nicht bloß +die meisten Königreiche, Bithynien, Kappadokien, Syrien, gleichfalls durch +Erbfolgestreitigkeiten und dadurch hervorgerufene Interventionen der +Nachbarstaaten innerlich zerrissen, sondern es wurden auch vielfache und +schwere Kriege geführt zwischen den Attaliden und den Galatern, zwischen den +Attaliden und den bithynischen Königen, ja zwischen Rhodos und Kreta. Ebenso +glimmten im eigentlichen Hellas die dort landüblichen zwerghaften Fehden, und +selbst das sonst so ruhige makedonische Land verzehrte sich in dem inneren +Hader seiner neuen demokratischen Verfassungen. Es war die Schuld der Herrscher +wie der Beherrschten, daß die letzte Lebenskraft und der letzte Wohlstand der +Nationen in diesen ziellosen Fehden vergeudet ward. Die Klientelstaaten hätten +einsehen müssen, daß der Staat, der nicht gegen jeden, überhaupt nicht Krieg +führen kann und daß, da der Besitzstand und die Machtstellung all dieser +Staaten tatsächlich unter römischer Garantie stand, ihnen bei jeder Differenz +nur die Wahl blieb, entweder mit den Nachbarn in Güte sich zu vergleichen oder +die Römer zum Schiedsspruch aufzufordern. Wenn die achäische Tagsatzung von +Rhodiern und Kretern um Bundeshilfe gemahnt ward und ernstlich über deren +Absendung beratschlagte (601 153), so war dies einfach eine politische Posse; +der Satz, den der Führer der römisch gesinnten Partei damals aufstellte, daß es +den Achäern nicht mehr freistehe, ohne Erlaubnis der Römer Krieg zu führen, +drückte, freilich mit übelklingender Schärfe, die einfache Wahrheit aus, daß +die Souveränität der Dependenzstaaten eben nur eine formelle war und jeder +Versuch, dem Schatten Leben zu verleihen, notwendig dahin führen mußte, auch +den Schatten zu vernichten. Aber ein Tadel, schwerer als der gegen die +Beherrschten, ist gegen die herrschende Gemeinde zu richten. Es ist für den +Menschen wie für den Staat keine leichte Aufgabe, in die eigene +Bedeutungslosigkeit sich zu finden; des Machthabers Pflicht und Recht ist es, +entweder die Herrschaft aufzugeben oder durch Entwicklung einer imponierenden +materiellen Überlegenheit die Beherrschten zur Resignation zu nötigen. Der +römische Senat tat keines von beidem. Von allen Seiten angerufen und bestürmt, +griff der Senat beständig ein in den Gang der afrikanischen, hellenischen, +asiatischen, ägyptischen Angelegenheiten, allein in einer so unsteten und +schlaffen Weise, daß durch diese Schlichtungsversuche die Verwirrung gewöhnlich +nur noch ärger ward. Es war die Zeit der Kommissionen. Beständig gingen +Beauftragte des Senats nach Karthago und Alexandreia, an die achäische +Tagsatzung und die Höfe der vorderasiatischen Herren; sie untersuchten, +inhibierten, berichteten, und dennoch ward in den wichtigsten Dingen nicht +selten ohne Wissen und gegen den Willen des Senats verfahren. Es konnte +geschehen, daß Kypros, welches der Senat dem Kyrenäischen Reich zugeschieden +hatte, nichtsdestoweniger bei Ägypten blieb; daß ein syrischer Prinz den Thron +seiner Vorfahren bestieg unter dem Vorgeben, ihn von den Römern zugesprochen +erhalten zu haben, während in der Tat ihm derselbe vom Senate ausdrücklich +abgeschlagen und er selbst nur durch Bannbruch von Rom entkommen war; ja daß +die offenkundige Ermordung eines römischen Kommissars, der im Auftrag des +Senats vormundschaftlich das Regiment von Syrien führte, gänzlich ungeahndet +hinging. Die Asiaten wußten zwar sehr wohl, daß sie nicht imstande seien, den +römischen Legionen zu widerstehen; aber sie wußten nicht minder, wie wenig der +Senat geneigt war, den Bürgern Marschbefehl nach dem Euphrat oder dem Nil zu +erteilen. So ging es in diesen entlegenen Landschaften zu wie in der +Schulstube, wenn der Lehrer fern und schlaff ist; und Roms Regiment brachte die +Völker zugleich um die Segnungen der Freiheit und um die der Ordnung. Für die +Römer selbst aber war diese Lage der Dinge insofern bedenklich, als sie die +Nord- und Ostgrenze gewissermaßen preisgab. Ohne daß Rom unmittelbar und rasch +es zu verhindern vermochte, konnten hier, gestützt auf die außerhalb des +Bereiches der römischen Hegemonie gelegenen Binnenlandschaften und im Gegensatz +gegen die schwachen römischen Klientelstaaten, Reiche sich bilden von einer für +Rom gefährlichen und früher oder später mit ihm rivalisierenden +Machtentwicklung. Allerdings schirmte hiergegen einigermaßen der überall +zerspaltene und nirgends einer großartigen staatlichen Entwicklung günstige +Zustand der angrenzenden Nationen; aber dennoch erkennt man namentlich in der +Geschichte des Ostens sehr deutlich, daß in dieser Zeit die Phalanx des +Seleukos nicht mehr und die Legionen des Augustus noch nicht am Euphrat +standen. +</p> + +<p> +Diesem Zustand der Halbheit ein Ende zu machen war hohe Zeit. Das einzig +mögliche Ende aber war die Verwandlung der Klientelstaaten in römische Ämter, +was um so eher geschehen konnte, als ja die römische Provinzialverfassung +wesentlich nur die militärische Gewalt in der Hand des römischen Vogts +zusammenfaßte und Verwaltung und Gerichte in der Hauptsache den Gemeinden +blieben oder doch bleiben sollten, also, was von der alten politischen +Selbständigkeit überhaupt noch lebensfähig war, sich in der Form der +Gemeindefreiheit bewahren ließ. Zu verkennen war die Notwendigkeit dieser +administrativen Reform nicht wohl; es fragte sich nur, ob der Senat dieselbe +verzögern und verkümmern, oder ob er den Mut und die Macht haben werde, das +Notwendige klar einzusehen und energisch durchzuführen. +</p> + +<p> +Blicken wir zunächst auf Afrika. Die von den Römern in Libyen gegründete +Ordnung der Dinge ruhte wesentlich auf dem Gleichgewicht des Nomadenreiches +Massinissas und der Stadt Karthago. Während jenes unter Massinissas +durchgreifendem und klugem Regiment sich erweiterte, befestigte und +zivilisierte, ward auch Karthago durch die bloßen Folgen des Friedensstandes +wenigstens an Reichtum und Volkszahl wieder, was es auf der Höhe seiner +politischen Macht gewesen war. Die Römer sahen mit übelverhehlter, neidischer +Furcht die, wie es schien, unverwüstliche Blüte der alten Nebenbuhlerin; hatten +sie bisher den beständig fortgesetzten Übergriffen Massinissas gegenüber +derselben jeden ernstlichen Schutz verweigert, so fingen sie jetzt an, offen zu +Gunsten des Nachbarn zu intervenieren. Der seit mehr als dreißig Jahren +zwischen der Stadt und dem König schwebende Streit über den Besitz der +Landschaft Emporia an der Kleinen Syrte, einer der fruchtbarsten des +karthagischen Gebiets, ward endlich (um 594 160) von römischen Kommissarien +dahin entschieden, daß die Karthager die noch in ihrem Besitz verbliebenen +emporitanischen Städte zu räumen und als Entschädigung für die widerrechtliche +Nutzung des Gebiets 500 Talente (860000 Taler) an den König zu zahlen hätten. +Die Folge war, daß Massinissa sofort sich eines anderen karthagischen Bezirks +an der Westgrenze des karthagischen Gebiets, der Stadt Tusca und der großen +Felder am Bagradas, bemächtigte; den Karthagern blieb nichts übrig, als +abermals in Rom einen hoffnungslosen Prozeß anhängig zu machen. Nach langem und +ohne Zweifel absichtlichem Zögern erschien in Afrika eine zweite Kommission +(597 157); als aber die Karthager auf einen, ohne genaue vorgängige +Untersuchung der Rechtsfrage von derselben zu fällenden Schiedsspruch nicht +unbedingt kompromittieren wollten, sondern auf eingehender Erörterung der +Rechtsfrage bestanden, kehrten die Kommissare ohne weiteres wieder zurück nach +Rom. Die Rechtsfrage zwischen Karthago und Massinissa blieb also unerledigt; +aber die Sendung führte eine wichtigere Entscheidung herbei. Das Haupt dieser +Kommission war der alte Marcus Cato gewesen, damals vielleicht der +einflußreichste Mann im Senat und als Veteran aus dem Hannibalischen Kriege +noch von dem vollen Pönerhaß und der vollen Pönerfurcht durchdrungen. Betroffen +und mißgünstig hatte dieser mit eigenen Augen den blühenden Zustand der +Erbfeinde Roms, die üppige Landschaft und die wogenden Gassen, die gewaltigen +Waffenvorräte in den Zeughäusern und das reiche Flottenmaterial geschaut; schon +sah er im Geiste einen zweiten Hannibal all diese Hilfsmittel gegen Rom +verwenden. In seiner ehrlichen und mannhaften, aber durchaus bornierten Weise +kam er zu dem Ergebnis, daß Rom nicht eher sicher sein werde, als bis Karthago +vom Erdboden verschwunden sei, und entwickelte nach seiner Heimkehr diese +Ansicht sofort im Senat. Dort widersetzten die freier blickenden Männer der +Aristokratie, namentlich Scipio Nasica, sich dieser kümmerlichen Politik mit +großem Ernst und entwickelten die Blindheit der Besorgnisse vor einer +Kaufstadt, deren phönikische Bewohner mehr und mehr der kriegerischen Künste +und Gedanken sich entwöhnten, und die vollkommene Verträglichkeit der Existenz +dieser reichen Handelsstadt mit der politischen Suprematie Roms. Selbst die +Umwandlung Karthagos in eine römische Provinzialstadt wäre ausführbar, ja, +verglichen mit dem gegenwärtigen Zustand, den Phönikern selbst vielleicht nicht +unwillkommen gewesen. Indes Cato wollte eben nicht die Unterwerfung, sondern +den Untergang der verhaßten Stadt. Seine Politik fand, wie es scheint, +Bundesgenossen teils an den Staatsmännern, die geneigt waren, die überseeischen +Gebiete in unmittelbare Abhängigkeit von Rom zu bringen, teils und vor allem an +dem mächtigen Einfluß der römischen Bankiers und Großhändler, denen nach der +Vernichtung der reichen Geld- und Handelsstadt die Erbschaft derselben zufallen +mußte. Die Majorität beschloß, bei der ersten passenden Gelegenheit - eine +solche abzuwarten forderte die Rücksicht auf die öffentliche Meinung - den +Krieg mit Karthago oder vielmehr die Zerstörung der Stadt zu bewirken. +</p> + +<p> +Die gewünschte Veranlassung fand sich rasch. Die erbitternden +Rechtsverletzungen von Seiten Massinissas und der Römer brachten in Karthago +den Hasdrubal und den Karthalo an das Regiment, die Führer der Patriotenpartei, +welche, ähnlich der achäischen, zwar nicht daran dachte, gegen die römische +Suprematie sich aufzulehnen, aber wenigstens die den Karthagern vertragsmäßig +zustehenden Rechte gegen Massinissa, wenn nötig mit den Waffen, zu verteidigen +entschlossen war. Die Patrioten ließen vierzig der entschiedensten Anhänger +Massinissas aus der Stadt verbannen und das Volk schwören, ihnen unter keiner +Bedingung je die Rückkehr zu gestatten; zugleich bildeten sie zur Abwehr gegen +die von Massinissa zu erwartenden Angriffe aus den freien Numidiern ein starkes +Heer unter Arkobarzanes, dem Enkel des Syphax (um 600 154). Massinissa indes +war klug genug, jetzt nicht zu rüsten, sondern sich wegen des streitigen +Gebiets am Bagradas unbedingt dem Schiedsspruch der Römer zu unterwerfen; und +so konnte man römischerseits mit einigem Schein behaupten, daß die +karthagischen Rüstungen gegen die Römer gerichtet sein müßten, und auf +sofortige Entlassung des Heeres und Vernichtung der Flottenvorräte dringen. Der +karthagische Rat wollte einwilligen, allein die Menge verhinderte die +Ausführung des Beschlusses, und die römischen Boten, die diesen Bescheid nach +Karthago überbracht hatten, schwebten in Lebensgefahr. Massinissa sandte seinen +Sohn Gulussa nach Rom, um über die fortdauernden Vorbereitungen Karthagos für +den Land- und den Seekrieg Bericht zu erstatten und die Kriegserklärung zu +beschleunigen. Nachdem noch einmal eine Gesandtschaft von zehn Männern es +bestätigt hatte, daß in Karthago in der Tat gerüstet werde (602 152), verwarf +der Senat zwar die unbedingte Kriegserklärung, die Cato begehrte, beschloß aber +in geheimer Sitzung, daß der Krieg erklärt sein solle, wenn die Karthager sich +nicht dazu verstehen würden, ihr Heer zu entlassen und ihr Flottenmaterial zu +verbrennen. Inzwischen hatte in Afrika der Kampf bereits begonnen. Massinissa +hatte die von den Karthagern verbannten Leute unter Geleitschaft seines Sohnes +Gulussa nach der Stadt zurückgesandt. Da die Karthager diesen die Tore +schlossen, auch von den abziehenden Numidiern einige erschlugen, setzte +Massinissa seine Truppen in Bewegung, und auch die karthagische Patriotenpartei +machte sich kampffertig. Indes Hasdrubal, der an die Spitze ihrer Armee trat, +war einer der gewöhnlichen Heerverderber, wie die Karthager sie zu Feldherren +zu nehmen pflegten; im Feldherrnpurpur einherstolzierend wie ein Theaterkönig +und seines stattlichen Bauches auch im Lager pflegend, war der eitle und +schwerfällige Mann wenig geeignet, den Helfer zu machen in einer Bedrängnis, +die vielleicht selbst Hamilkars Geist und Hannibals Arm nicht mehr hätten +abwenden können. Vor den Augen des Scipio Aemilianus, der, damals Kriegstribun +in der spanischen Armee, an Massinissa gesandt worden war, um seinem Feldherrn +afrikanische Elefanten zuzuführen, und der bei dieser Gelegenheit von einem +Berge herab “wie Zeus vom Ida” der Schlacht zuschaute, lieferten +die Karthager und die Numidier sich ein großes Treffen, in welchem jene, obwohl +durch 6000, von unzufriedenen Hauptleuten Massinissas ihnen zugeführte +numidische Reiter verstärkt und an Zahl dem Feinde überlegen, dennoch den +kürzeren zogen. Nach dieser Niederlage erboten sich die Karthager gegen +Massinissa zu Gebietsabtretungen und Geldzahlungen, und Scipio versuchte auf +ihr Anhalten, einen Vertrag zustande zu bringen; allein an der Weigerung der +karthagischen Patrioten, die Überläufer auszuliefern, scheiterte das +Friedensgeschäft. Hasdrubal aber, eng eingeschlossen von den Truppen des +Gegners, wurde genötigt, alles zu bewilligen, was dieser forderte: Auslieferung +der Überläufer, Rückkehr der Verbannten, Abgabe der Waffen, Abzug unter dem +Joch, Zahlung von jährlich 100 Talenten (155000 Talern) für die nächsten +fünfzig Jahre; und selbst dieser Vertrag wurde von den Numidiern nicht +gehalten, sondern der entwaffnete Rest des karthagischen Heeres auf der +Heimkehr von ihnen zusammengehauen. +</p> + +<p> +Die Römer, die sich wohl gehütet hatten, den Krieg selbst durch zeitige +Dazwischenkunft zu verhindern, hatten jetzt, was sie wünschten: einen +brauchbaren Kriegsgrund - denn die Bestimmungen des Vertrags, nicht gegen +römische Bundesgenossen noch außerhalb der eigenen Grenzen Krieg zu führen, +waren jetzt allerdings von den Karthagern übertreten worden - und einen bereits +im voraus geschlagenen Gegner. Schon wurden die italischen Kontingente nach Rom +gemahnt und die Schiffe zusammenberufen; jeden Augenblick konnte die +Kriegserklärung da sein. Die Karthager boten alles auf, den drohenden Schlag +abzuwenden. Die Führer der Patriotenpartei, Hasdrubal und Karthalo, wurden zum +Tode verurteilt und eine Gesandtschaft nach Rom geschickt, um auf sie die +Verantwortung zu wälzen. Allein, zugleich trafen Boten von Utica, der zweiten +Stadt der libyschen Phöniker, dort ein, welche Vollmacht hatten, ihre Gemeinde +den Römern völlig zu eigen zu geben - mit dieser zuvorkommenden Unterwürfigkeit +verglichen, schien es fast Trotz, daß die Karthager sich begnügt hatten, die +Hinrichtung ihrer angesehensten Männer unverlangt anzuordnen. Der Senat +erklärte, daß die Entschuldigung der Karthager unzureichend befunden sei; auf +die Frage, was denn genügen werde, hieß es, das sei den Karthagern ja bekannt. +Freilich konnte man es wissen, was die Römer wollten; allein es schien doch +wieder unmöglich zu glauben, daß nun wirklich für die liebe Heimatstadt die +letzte Stunde gekommen sei. Noch einmal gingen karthagische Sendboten, diesmal +ihrer dreißig und mit unbeschränkter Vollmacht, nach Rom. Als sie ankamen, war +bereits der Krieg erklärt (Anfang 605 149) und das doppelte Konsularheer +eingeschifft; doch versuchten sie noch jetzt, den Sturm durch vollständige +Unterwerfung zu beschwören. Der Senat beschied sie, daß Rom bereit sei, der +karthagischen Gemeinde ihr Gebiet, ihre städtische Freiheit und ihr Landrecht, +ihr Gemeinde- und Privatvermögen zu garantieren, wofern sie den soeben nach +Sizilien abgegangenen Konsuln binnen Monatsfrist in Lilybäon 300 Geiseln aus +den Kindern der regierenden Familien stellen und die weiteren Befehle erfüllen +würden, die ihnen die Konsuln nach ihrer Instruktion würden zugehen lassen. Man +hat den Bescheid zweideutig genannt; sehr verkehrt, wie schon damals +klarblickende Männer selbst unter den Karthagern hervorhoben. Daß alles, was +man nur begehren konnte, garantiert ward mit einziger Ausnahme der Stadt, und +daß keine Rede davon war, die Einschiffung der Truppen nach Afrika zu +sistieren, zeigte sehr deutlich, was man beabsichtigte; der Senat verfuhr mit +furchtbarer Härte, aber den Anschein der Nachgiebigkeit gab er sich nicht. +Indes man wollte in Karthago nicht sehen; es fand sich kein Staatsmann, der die +haltlose städtische Menge entweder zum vollen Widerstand oder zur vollen +Resignation zu bewegen vermocht hätte. Als man zugleich das entsetzliche +Kriegsdekret und die erträgliche Geiselforderung vernahm, fügte man zunächst +sich dieser und hoffte weiter, weil man den Mut nicht hatte es auszudenken, was +es heiße, sich der Willkür eines Todfeindes im voraus zu unterwerfen. Die +Konsuln sandten die Geiseln von Lilybäon zurück nach Rom und beschieden die +karthagischen Boten, das weitere in Afrika zu vernehmen. Ohne Widerstand +geschah die Landung und wurden die geforderten Lebensmittel verabfolgt. Als im +Hauptquartier von Utica die gesamte Gerusia von Karthago erschien, um die +weiteren Befehle entgegenzunehmen, begehrten die Konsuln zunächst die +Entwaffnung der Stadt. Auf die Frage der Karthager, wer sie sodann auch nur +gegen ihre eigenen Ausgewanderten, gegen die auf 20000 Mann angeschwollene +Armee des dem Todesurteil durch die Flucht entronnenen Hasdrubal beschützen +solle, ward ihnen erwidert, daß dies die Sorge der Römer sein werde. Gehorsam +erschien demnach der Rat der Stadt vor den Konsuln mit allem Flottenmaterial, +allen Kriegsvorräten der öffentlichen Zeughäuser, allen im Privatbesitz +befindlichen Waffen - man zählte 3000 Wurfgeschütze und 200000 volle Rüstungen +- und fragte an, ob noch weiteres begehrt werde. Da erhob sich der Konsul +Lucius Marcius Censorinus und eröffnete dem Rat, daß in Gemäßheit der vom Senat +erlassenen Instruktion die bisherige Stadt zerstört werden müsse, den Bewohnern +aber freistehe, sich wo sie sonst wollten auf ihrem Gebiet, jedoch mindestens +zwei deutsche Meilen vom Meer entfernt, wiederum anzusiedeln. Dieser +fürchterliche Befehl rüttelte in den Phönikern die ganze, soll man sagen +hochherzige oder wahnwitzige Begeisterung auf, wie sie einst die Tyrier gegen +Alexander und später die Juden gegen Vespasian bewiesen. Beispiellos wie die +Geduld war, mit der diese Nation Knechtschaft und Druck zu ertragen vermochte, +ebenso beispiellos war jetzt, wo es sich nicht um Staat und Freiheit handelte, +sondern um den eigenen, geliebten Boden der Vaterstadt und die altgewohnte +teure Meeresheimat, die rasende Empörung der kaufmännischen und seefahrenden +Bevölkerung. Von Hoffnung und Rettung konnte nicht die Rede sein; der +politische Verstand gebot ohne Frage auch jetzt sich zu fügen - aber die Stimme +der wenigen, welche mahnten, das Unvermeidliche auf sich zu nehmen, verscholl +wie der Ruf des Fährmanns im Orkan in dem brausenden Wutgeheul der Menge, die +in ihrem wahnsinnigen Toben teils an den Beamten der Stadt sich vergriff, +welche zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten, teils die +unschuldigen Träger der Botschaft, so viele von ihnen überhaupt heimzukehren +gewagt hatten, die Schreckenskunde entgelten ließ, teils die zufällig in der +Stadt verweilenden Italiker zerriß, um wenigstens an diesen die Rache +vorwegzunehmen für die Vernichtung der Heimat. Man beschloß nicht sich zu +wehren; wehrlos wie man war, verstand sich dies von selbst. Die Tore wurden +geschlossen, auf die von Wurfgeschossen entblößten Mauerzinnen Steine +geschafft, der Oberbefehl an Hasdrubal, den Tochtersohn Massinissas, +übertragen, die Sklaven sämtlich frei erklärt. Das Emigrantenheer unter dem +flüchtigen Hasdrubal, das mit Ausnahme der von den Römern besetzten Städte an +der Ostküste, Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus und Achulla und der Stadt +Utica, das ganze karthagische Gebiet innehatte und für die Verteidigung eine +unschätzbare Stütze bot, ward ersucht, der Gemeinde seinen Beistand in dieser +höchsten Not nicht zu versagen. Zugleich versuchte man, in echt phönikischer +Weise die grenzenloseste Erbitterung unter dem Mantel der Demut versteckend, +den Feind zu täuschen. Es ging eine Botschaft an die Konsuln, um dreißigtägigen +Waffenstillstand zur Absendung einer Gesandtschaft nach Rom zu erbitten. Die +Karthager wußten wohl, daß die Feldherrn diese einmal schon abgeschlagene Bitte +weder gewähren wollten noch konnten; allein die Konsuln wurden dadurch bestärkt +in der natürlichen Voraussetzung, daß nach dem ersten Ausbruch der Verzweiflung +die gänzlich wehrlose Stadt sich fügen werde, und verschoben deshalb den +Angriff. Die kostbare Zwischenzeit ward benutzt, um Wurfgeschütze und Rüstungen +herzustellen; Tag und Nacht ward ohne Unterschied des Alters und Geschlechts an +Maschinen und Waffen gezimmert und gehämmert; um Balken und Metall zu erlangen, +wurden die öffentlichen Gebäude niedergerissen; um die für die Wurfgeschütze +unentbehrlichen Sehnen herzustellen, schoren die Frauen sich das Haar; in +unglaublich kurzer Zeit waren die Mauern und die Männer wieder bewehrt. Daß +dies alles geschehen konnte, ohne daß die wenige Meilen entfernten Konsuln +etwas davon erfuhren, ist nicht der am wenigsten wunderbare Zug in dieser +wunderbaren, von einem wahrhaft genialen, ja dämonischen Volkshaß getragenen +Bewegung. Als endlich die Konsuln, des Wartens müde, aus dem Lager bei Utica +aufbrachen und bloß mit Leitern die nackten Mauern ersteigen zu können meinten, +fanden sie mit Staunen und Schrecken die Zinnen aufs neue mit Katapulten +gekrönt und die große volkreiche Stadt, welche man gleich einem offenen Flecken +zu besetzen gehofft hatte, fähig und bereit, sich bis auf den letzten Mann zu +verteidigen. +</p> + +<p> +Karthago war sehr fest durch die Natur seiner Lage 3 wie durch die Kunst seiner +gar oft auf den Schutz ihrer Mauern angewiesenen Bewohner. In den weiten +Tunesischen Golf, den westlich Kap Farina, östlich Kap Bon begrenzen, springt +in der Richtung von Westen nach Osten eine Landspitze vor, die an drei Seiten +vom Meer umflossen ist und nur gegen Westen mit dem Festland zusammenhängt. +Diese Landspitze, an der schmalsten Stelle nur etwa eine halbe deutsche Meile +breit und im ganzen flach, erweitert sich wieder gegen den Golf und endigt hier +in den beiden Höhen von Dschebel-Khawi und Sidi bu Said, zwischen denen die +Fläche von El Mersa sich ausdehnt. Auf dem südlichen, mit der Höhe von Sidi bu +Said abschließenden Teil derselben lag die Stadt Karthago. Der ziemlich steile +Abfall jener Höhe gegen den Golf und dessen zahlreiche Klippen und Untiefen +gaben an der Golfseite der Stadt natürliche Festigkeit, und es genügte hier +eine einfache Umwallung. Dagegen auf die Mauer an der West- oder Landseite, wo +die Natur keinen Schutz bot, war alles verwendet, was die damalige +Befestigungskunst vermochte. Sie bestand, wie die kürzlich aufgedeckten, mit +der Beschreibung des Polybios genau übereinstimmenden Überreste gezeigt haben, +aus einer Außenmauer von 6½ Fuß Dicke und an diese hinterwärts, wahrscheinlich +in ihrer ganzen Ausdehnung, angelehnten ungeheuren Kasematten, welche durch +einen 6 Fuß breiten bedeckten Gang von der Außenmauer getrennt waren und, die +jede reichlich 3 Fuß breiten Vorder- und Hintermauern nicht gerechnet, eine +Tiefe von 11 Fuß hatten 4. Dieser ungeheure, durchaus aus mächtigen Quadern +zusammengefügte Wall erhob sich in zwei Stockwerken, die Zinnen und die +mächtigen vier Stockwerke hohen Türme ungerechnet, zu einer Höhe von 45 Fuß 5 +und gewährte in dem untern Stockwerke der Kasematten Stallung und +Futtermagazine für 300 Elefanten, in dem oberen Pferdeställe, Magazin- und +Kasernenräume 6. Der Burghügel, die Byrsa (syrisch birtha = Burg), ein +verhältnismäßig bedeutender Fels von 188 Fuß Höhe und an der Unterfläche einem +Umfang von reichlich 2000 Doppelschritten 7, griff in diese Mauer an ihrem +südlichen Ende ein, ähnlich wie die Felswand des Kapitols in den römischen +Stadtwall. Die obere Fläche desselben trug den gewaltigen, auf einem Unterbau +von sechzig Stufen ruhenden Tempel des Heilgottes. Die Südseite der Stadt +bespülte teils der seichte Tunesische See im Südwesten, den eine von der +karthagischen Halbinsel südwärts auslaufende schmale und niedrige Landzunge 8 +fast gänzlich von dem Golfe schied, teils im Südosten der offene Golf. An +dieser letzten Stelle befand sich der Doppelhafen der Stadt, ein Werk von +Menschenhand: der äußere oder der Handelshafen, ein längliches, die schmale +Seite dem Meere zuwendendes Viereck, von dessen nur 70 Fuß breiter Mündung nach +beiden Seiten breite Kais am Wasser sich hinzogen, und der innere kreisrunde +Kriegshafen, der Kothon 9, mit der das Admiralhaus tragenden Insel in der +Mitte, in den man durch den äußeren gelangte. Zwischen beiden ging die +Stadtmauer durch, die, von der Byrsa ostwärts sich wendend, die Landzunge und +den Außenhafen aus-, dagegen den Kriegshafen einschloß, so daß die Einfahrt in +den letzteren gleich einem Tor verschließbar gedacht werden muß. Unweit des +Kriegshafens lag der Marktplatz, der durch drei enge Straßen mit der nach der +Stadtseite offenen Burg verbunden war. Nördlich von und außerhalb der +eigentlichen Stadt hatte der ziemlich beträchtliche, schon zu jener Zeit +großenteils mit Landhäusern und wohlbewässerten Gärten gefüllte Raum der +heutigen El Mersa, damals Magalia genannt, eine eigene, an die Stadtmauer sich +anlehnende Umwallung. Auf der gegenüberliegenden Spitze der Halbinsel, dem +Dschebel-Khawi bei dem heutigen Dorfe Qamart, lag die Gräberstadt. Diese drei, +die Alt-, die Vor- und die Gräberstadt, füllten zusammen die ganze Breite der +Landspitze an ihrer dem Golf zugewandten Seite aus und waren nur zugänglich auf +den beiden Hauptstraßen nach Utica und Tunes über jene schmale Landzunge, die +zwar nicht mit einer Mauer geschlossen war, aber doch für die unter dem Schutze +der Hauptstadt und wieder zu deren Schutz sich aufstellenden Heere die +vorteilhafteste Stellung darbot. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +3 Der Zug der Küste ist im Laufe der Jahrhunderte so verändert worden, daß man +an der alten Stätte die ehemaligen Lokalverhältnisse nur unvollkommen +wiedererkennt. Den Namen der Stadt bewahrt das Kap Kartadschena, auch von dem +dort befindlichen Heiligengrab Ras Sidi bu Said genannt, die in den Golf +hineinragende östliche Spitze der Halbinsel und ihr höchster 393 Fuß über dem +Meere gelegener Punkt. +</p> + +<p> +4 Die von C. E. Beulé (Fouilles à Carthage. Paris 1861) mitgeteilten Tiefmaße +sind in Metern und in griechischen Fuß (1 = 0,309): +</p> + +<p> +Außenmauer +</p> + +<p> +2 Meter = 6½ Fuß +</p> + +<p> +Korridor +</p> + +<p> +9 Meter = 6 Fuß +</p> + +<p> +Vordermauer der Kasematten +</p> + +<p> +1 Meter = 3¼Fuß +</p> + +<p> +Kasemattensäle +</p> + +<p> +4,2 Meter = 14 Fuß +</p> + +<p> +Hintermauer der Kasematten +</p> + +<p> +1 Meter = 3¼Fuß +</p> + +<p> +Gesamttiefe der Mauer +</p> + +<p> +10,1 Meter = 33 Fuß +</p> + +<p> +oder, wie Diodor (p. 522) angibt, 22 Ellen (1 griechische Elle = 1½ Fuß), +während Livius (bei Oros. bist. 4, 22) und Appian (Pun. 95), die eine andere, +minder genaue Stelle des Polybios vor Augen gehabt zu haben scheinen, die +Mauertiefe auf 30 Fuß ansetzen. Die dreifache Mauer Appians, über die bisher +durch Florus (epit. 1, 31) eine falsche Vorstellung verbreitet war, ist die +Außenmauer, die Vorder- und die Hintermauer der Kasematten. Daß dies +Zusammentreffen nicht zufällig ist und wir hier in der Tat die Überreste der +berühmten karthagischen Mauer vor uns haben, wird jedem einleuchten; N. +Davis’ Einwürfe (Carthage and her remains. 1861, S. 370f.) zeigen nur, +daß gegen die wesentlichen Ergebnisse Beulés auch mit dem besten Willen wenig +auszurichten ist. Nur muß man festhalten, daß die alten Berichterstatter die +Angaben, um die es sich handelt, sämtlich nicht von der Burgmauer geben, +sondern von der Stadtmauer an der Landseite, von der die Mauer an der Südseite +des Burghügels ein integrierender Teil war (Gros. bist. 4, 22). Dazu stimmt, +daß die Ausgrabungen auf dem Burghügel gegen Osten, Norden und Westen nirgends +Spuren von Befestigungen, dagegen an der Südseite eben jene großartigen +Mauerreste gezeigt haben. Es ist kein Grund vorhanden, dieselben als Überreste +einer besonderen, von der Stadtmauer verschiedenen Burgbefestigung anzusehen; +weitere Grabungen in entsprechender Tiefe - das Fundament der an der Byrsa +aufgefundenen Stadtmauer liegt 56 Fuß unter dem heutigen Boden - werden +vermutlich längs der ganzen Landseite gleiche oder doch ähnliche Fundamente zu +Tage fördern, wenn auch wahrscheinlich da wo die ummauerte Vorstadt Magalia +sich an die Hauptmauer anlehnte, die Befestigung entweder von Haus aus +schwächer gewesen oder früh vernachlässigt worden ist. Wie lang die Mauer im +ganzen war, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen; doch ergibt sich, da 300 +Elefanten hier Stallung fanden und auch deren Futtermagazine und vielleicht +noch andere Räumlichkeiten sowie die Tore in Anrechnung zu bringen sind, schon +hieraus eine sehr ansehnliche Längenentwicklung. Daß die innere Stadt, in deren +Mauer die Byrsa einbegriffen war, zumal im Gegensatz zu der besonders +ummauerten Vorstadt Magalia zuweilen selber Byrsa genannt wird (App. Pun. 117; +Nepos bei Serv. Aen. 1, 368), ist leicht begreiflich. +</p> + +<p> +5 So rechnet Appian a.a.O.; Diodor gibt, wahrscheinlich mit Einrechnung der +Zinnen, die Höhe auf 40 Ellen oder 60 Fuß. Der erhaltene Überrest ist noch +12-16 Fuß (4-5 Meter) hoch. +</p> + +<p> +6 Die bei der Ausgrabung zu Tage gekommenen hufeisenförmigen Säle haben eine +Tiefe von 14, eine Breite von 11 griechischen Fuß; die Weite der Eingänge wird +nicht angegeben. Ob diese Maße und die Verhältnisse des Korridors ausreichen, +um in ihnen Elefantenställe zu erkennen, bleibt durch genauere Ermittlung +festzustellen. Die Zwischenmauern, die die Säle voneinander scheiden, haben die +Dicke von 1,1 Meter = 3½ Fuß. +</p> + +<p> +7 Oros. hist. 4, 22. Reichlich 2000 Schritte oder - wie Polybios gesagt haben +wird - 16 Stadien sind ungefähr 3000 Meter. Der Burghügel, auf dem jetzt die +Kirche des hl. Ludwig steht, mißt oben etwa 1400, auf der halben Höhe etwa 2600 +Meter im Umkreis (Beule, Fouilles, S. 22); auf den unteren Umfang wird jene +Angabe recht gut auskommen. +</p> + +<p> +8 Sie trägt jetzt das Fort Goletta. +</p> + +<p> +9 Daß dieses phönikische Wort das kreisförmig ausgegrabene Bassin bezeichnet, +zeigt sowohl Diod. 3, 44 wie die Bedeutung Becher, in der die Griechen dasselbe +verwenden. Es paßt also nur auf den inneren Hafen Karthagos, und davon brauchen +es auch Strabon (17, 2, 14; wo es eigentlich für die Admiralinsel gesetzt ist) +und Festus (v. cothones p. 37). Appian (Pun. 127) bezeichnet nicht ganz genau +den viereckigen Vorhafen des Kothon als Teil desselben. +</p> + +<p> +———————————————————- +</p> + +<p> +Die schwierige Arbeit, eine so wohlbefestigte Stadt zu bezwingen, wurde noch +dadurch erschwert, daß teils die Hilfsmittel der Hauptstadt selbst und des noch +immer 800 Ortschaften umfassenden und von der Emigrantenpartei größtenteils +beherrschten Gebietes, teils die zahlreichen mit Massinissa verfeindeten Stämme +der ganz oder halb freien Libyer den Karthagern gestatteten, sich nicht auf die +Verteidigung der Stadt zu beschränken, sondern zugleich ein zahlreiches Heer im +Felde zu halten, welches bei der verzweifelten Stimmung der Emigranten und der +Brauchbarkeit der leichten numidischen Reiterei von den Belagerern nicht außer +acht gelassen werden durfte. +</p> + +<p> +Es hatten somit die Konsuln eine keineswegs leichte Aufgabe zu lösen, als sie +nun doch sich genötigt sahen, die Belagerung regelrecht zu beginnen. Manius +Manilius, der das Landheer befehligte, schlug sein Lager der Burgmauer +gegenüber, während Lucius Censorinus mit der Flotte an dem See sich aufstellte +und dort auf der Landzunge die Operationen begann. Die karthagische Armee unter +Hasdrubal lagerte an dem andern Ufer des Sees bei der Festung Nepheris, von wo +aus sie den zum Holzfällen für den Maschinenbau ausgeschickten römischen +Soldaten ihre Arbeit erschwerte und namentlich der tüchtige Reiterführer +Himilkon Phameas den Römern viele Leute tötete. Indes stellte Censorinus auf +der Landzunge zwei große Sturmböcke her und brach mit ihnen Bresche an dieser +schwächsten Stelle der Mauer; der Sturm indes mußte, da es Abend geworden, +verschoben werden. In der Nacht gelang es den Belagerten, einen großen Teil der +Bresche zu füllen und durch einen Ausfall die römischen Maschinen so zu +beschädigen, daß sie am nächsten Tage nicht weiterarbeiten konnten. Dennoch +wagten die Römer den Sturm; allein sie fanden die Bresche und die nächsten +Mauerabschnitte und Häuser stark besetzt und gingen so unvorsichtig vor, daß +sie mit starkem Verlust zurückgeschlagen wurden und noch weit größere Nachteile +erlitten haben würden, wenn nicht der Kriegstribun Scipio Aemilianus, den +Ausgang des tolldreisten Angriffs vorhersehend, seine Leute vor den Mauern +zusammengehalten und mit ihnen die Flüchtenden aufgenommen hätte. Noch viel +weniger richtete Manilius gegen die unbezwingliche Burgmauer aus. So zog die +Belagerung sich in die Länge. Die durch die Sommerhitze im Lager erzeugten +Krankheiten, die Abreise des fähigeren Feldherrn Censorinus, endlich die +Verstimmung und Untätigkeit Massinissas, der begreiflicherweise die Römer sehr +ungern die längst begehrte Beute für sich selber nehmen sah, und der bald +darauf (Ende 605 149) erfolgte Tod des neunzigjährigen Königs brachten die +Offensivoperationen der Römer völlig ins Stocken. Sie hatten genug zu tun, um +ihre Schiffe gegen die karthagischen Brander und ihr Lager gegen die +nächtlichen Überfälle zu schützen und durch Anlegung eines Hafenkastells und +Streifzüge in die Umgegend Nahrung für Menschen und Pferde zu beschaffen. Zwei +gegen Hasdrubal gerichtete Expeditionen blieben beide ohne Erfolg, ja die erste +hätte bei der schlechten Führung auf dem schwierigen Terrain fast mit einer +förmlichen Niederlage geendigt. So ruhmlos dieser Krieg für den Feldherrn wie +für das Heer verlief, so glänzend tat der Kriegstribun Scipio darin sich +hervor. Er war es, der bei dem Nachtsturm der Feinde auf das römische Lager, +mit einigen Reiterschwadronen ausrückend und den Feind in den Rücken fassend, +ihn zum Umkehren nötigte. Auf dem ersten Zug nach Nepheris machte er nach dem +Flußübergang, der wider seinen Rat stattgefunden hatte und fast das Verderben +des Heeres geworden wäre, durch einen verwegenen Seitenangriff dem +rückkehrenden Heer Luft und befreite eine schon verloren gegebene Abteilung +durch seinen aufopfernden Heldenmut. Während die übrigen Offiziere, der Konsul +vor allem, durch ihre Wortlosigkeit die zu Unterhandlungen geneigten Städte und +Parteiführer zurückschreckten, gelang es Scipio, einen der tüchtigsten von +diesen, Himilkon Phameas, mit 2200 Reitern zum Übertritt zu bestimmen. Endlich, +nachdem er, den Auftrag des sterbenden Massinissa erfüllend, unter dessen drei +Söhne, die Könige Micipsa, Gulussa und Mastanabal, das Reich geteilt hatte, +führte er in Gulussa einen seines Vaters würdigen Reiterführer dem römischen +Heer zu und half damit dem bisher empfindlich gefühlten Mangel an leichter +Reiterei ab. Sein feines und doch schlichtes Wesen, das mehr an seinen +leiblichen Vater erinnerte als an den, dessen Namen er trug, bezwang auch den +Neid, und im Lager wie in der Hauptstadt war Scipios Name auf allen Lippen. +Selbst Cato, der nicht freigebig mit seinem Lobe war, wandte wenige Monate vor +seinem Tode - er starb am Ende des Jahres 605 (149), ohne den Wunsch seines +Lebens, die Vernichtung Karthagos, erfüllt gesehen zu haben - auf den jungen +Offizier und seine unfähigen Kameraden die Homerische Zeile an: “Einzig +er ist ein Mann, die andern sind wandelnde Schatten ^10.” +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +^10 Οιος πέπυται, τοί δέ σκιαί αίσσουσιν. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Über diese Vorgänge war der Jahresschluß und damit der Kommandowechsel +herangekommen: ziemlich spät erschien der Konsul Lucius Piso (606 148) und +übernahm den Oberbefehl des Landheeres so wie Lucius Mancinus den der Flotte. +Indes, hatten die Vorgänger wenig geleistet, so geschah nun gar nichts. Statt +mit der Belagerung Karthagos oder der Überwindung der Armee Hasdrubals +beschäftigte Piso sich damit, die kleinen phönikischen Seestädte anzugreifen +und auch dies meist ohne Erfolg, wie zum Beispiel Clupea ihn zurückschlug und +er von Hippon Diarrhytos, nachdem er den ganzen Sommer davor verloren hatte und +das Belagerungsgerät ihm zweimal verbrannt worden war, schimpflich abziehen +mußte. Neapolis ward zwar genommen; aber die Plünderung der Stadt gegen das +gegebene Ehrenwort war auch dem Fortgang der römischen Waffen nicht sonderlich +günstig. Der Mut der Karthager stieg. Ein numidischer Scheik Bithyas ging mit +800 Pferden zu ihnen über; karthagische Gesandte konnten es versuchen, mit den +Königen von Numidien und Mauretanien, ja, mit dem falschen Philippos von +Makedonien Verbindungen einzuleiten. Vielleicht mehr die inneren Zerwürfnisse - +Hasdrubal der Emigrant verdächtigte den gleichnamigen Feldherrn, der in der +Stadt befehligte, wegen seiner Verwandtschaft mit Massinissa und ließ ihn im +Rathause erschlagen - als die Tätigkeit der Römer verhinderten eine für +Karthago noch günstigere Wendung der Dinge. So griff man in Rom, um dem +besorglichen Stand der afrikanischen Angelegenheiten Wandel zu schaffen, zu der +außerordentlichen Maßregel, dem einzigen Mann, der bis jetzt von den libyschen +Feldern Ehre heimgebracht hatte und den sein Name selbst für diesen Krieg +empfahl, dem Scipio, statt der Ädilität, um die er eben sich bewarb, mit +Beseitigung der entgegenstehenden Gesetze vor der Zeit das Konsulat und durch +besonderen Beschluß die Führung des Afrikanischen Krieges zu übertragen. Er +traf (607 147) in Utica in einem Augenblick ein, wo viel auf dem Spiel stand. +Der römische Admiral Mancinus, von Piso mit der nominellen Fortsetzung der +Belagerung der Hauptstadt beauftragt, hatte eine steile, von dem bewohnten +Bezirk weit entlegene und kaum verteidigte Klippe an der schwer zugänglichen +Seite der Außenstadt Magalia besetzt und fast seine gesamte, nicht zahlreiche +Mannschaft dort vereinigt, in der Hoffnung, von hier aus in die Außenstadt +eindringen zu können. In der Tat waren die Angreifer schon einen Augenblick +innerhalb der Tore derselben gewesen, und schon war der Lagertroß in der +Hoffnung auf Beute in Masse herbeigeströmt, als sie wieder auf die Klippe +zurückgedrängt wurden und ohne Zufuhr und fast abgeschnitten in der größten +Gefahr schwebten. So fand Scipio die Lage der Dinge. Kaum angekommen, entsandte +er die mitgebrachte Mannschaft und die Miliz von Utica zu Schiff nach dem +bedrohten Punkt, und es gelang, dessen Besatzung zu retten und die Klippe +selbst zu behaupten. Nachdem diese Gefahr abgewendet schien, begab der Feldherr +sich in das Lager Pisos, um das Heer zu übernehmen und nach Karthago +zurückzuführen. Hasdrubal aber und Bithyas benutzten seine Abwesenheit, um ihr +Lager unmittelbar an die Stadt zu rücken und den Angriff auf die Besatzung der +Klippe von Magalia zu erneuern; indes auch jetzt erschien Scipio mit dem +Vortrab der Hauptarmee zeitig genug, um dem Posten abermals Beistand zu +leisten. Danach begann von neuem und ernstlicher die Belagerung. Vor allen +Dingen säuberte Scipio das Lager von der Masse des Trosses und der Marketender +und zog die erschlafften Zügel der Disziplin wieder mit Strenge an. Bald nahmen +auch die militärischen Operationen einen lebhafteren Gang. Bei einem +nächtlichen Angriff auf die Außenstadt gelangten von einem Turme aus, der den +Mauern an Höhe gleich vor denselben stand, die Römer auf die Zinnen und +öffneten ein Pförtchen, durch das das ganze Heer eindrang. Die Karthager gaben +die Außenstadt und das Lager vor den Toren auf und übertrugen den Oberbefehl +über die auf 30000 Mann sich belaufende städtische Besatzung an Hasdrubal. Der +neue Kommandant bewies seine Energie zuvörderst dadurch, daß er sämtliche +römische Gefangenen auf die Mauerzinnen bringen und sie vor den Augen des +Belagerungsheeres nach grausamen Martern in die Tiefe stürzen ließ; und als +hierüber Stimmen des Tadels sich erhoben, wurde auch gegen die Bürger die +Schreckensherrschaft eingeführt. Scipio inzwischen suchte, nachdem er die Stadt +auf sich selber beschränkt hatte, ihr den Verkehr nach außen hin völlig +abzuschneiden. Er selbst nahm sein Hauptquartier auf dem Erdrücken, durch den +die karthagische Halbinsel mit dem Festland zusammenhängt, und schlug hier +trotz der vielfachen Versuche der Karthager, den Bau zu stören, ein großes, +diesen Rücken in seiner ganzen Breite schließendes Lager, das die Stadt nach +der Landseite hin vollständig absperrte. Indes liefen noch immer +Proviantschiffe in den Hafen ein, teils kühne Kauffahrer, die der hohe Gewinn +lockte, teils Schiffe des Bithyas, der von Nepheris am Ende des Tunesischen +Sees aus jeden günstigen Fahrwind benutzte, um Lebensmittel nach der Stadt zu +bringen; wie auch daselbst die Bürgerschaft schon litt, die Besatzung war noch +hinreichend versorgt. Scipio zog deshalb von der Landzunge zwischen See und +Golf in den letzteren hinein einen Steindamm von 96 Fuß Breite, um damit die +Hafenmündung zu sperren. Die Stadt schien verloren, als das Gelingen dieses +anfangs von den Karthagern als unausführbar verspotteten Unternehmens offenbar +ward. Aber eine Überraschung machte die andere wett. Während die römischen +Arbeiter an dem Damm schanzten, wurde auch im karthagischen Hafen zwei Monate +lang Tag und Nacht gearbeitet, ohne daß selbst die Überläufer zu sagen wußten, +was die Belagerten beabsichtigten. Plötzlich, als eben die Römer mit der +Verbauung des Hafeneingangs fertig waren, segelten aus demselben Hafen fünfzig +karthagische Dreidecker und eine Anzahl Boote und Kähne hinaus in den Golf -die +Karthager hatten, während die Feinde die alte Hafenmündung gegen Süden +sperrten, durch einen in östlicher Richtung gezogenen Kanal sich einen neuen +Ausgang geschaffen, welcher bei der Tiefe des Meeres an dieser Stelle unmöglich +gesperrt werden konnte. Hätten die Karthager, statt mit dem Paradezug sich zu +begnügen, sofort sich mit Entschlossenheit auf die halbabgetakelte und völlig +unvorbereitete römische Flotte gestürzt, so war diese verloren; als sie am +dritten Tage wiederkehrten, um die Seeschlacht zu liefern, fanden sie die Römer +gerüstet. Der Kampf verlief ohne Entscheidung; bei der Rückfahrt aber stopften +sich die karthagischen Schiffe so sehr in und vor der Hafenmündung, daß der +dadurch entstandene Schaden einer Niederlage gleichkam. Scipio richtete nun +seine Angriffe auf den äußeren Hafenkai, welcher außerhalb der Stadtmauern lag +und nur durch einen vor kurzem angelegten Erdwall notdürftig geschützt war. Die +Maschinen wurden auf der Landzunge aufgestellt und eine Bresche war leicht +gemacht; aber mit beispielloser Unerschrockenheit griffen die Karthager, die +Untiefen durchwatend, das Belagerungszeug an, verjagten die +Besatzungsmannschaft, welche so ins Laufen kam, daß Scipio seine eigenen Reiter +auf sie einhauen lassen mußte, und zerstörten die Maschinen. Auf diese Weise +gewannen sie Zeit, die Bresche zu schließen. Scipio stellte indes die Maschinen +wieder her und schoß die Holztürme der Feinde in Brand, wodurch er den Kai und +damit den Außenhafen in seine Gewalt bekam. Ein der Stadtmauer an Höhe +gleichkommender Wall wurde hier aufgeführt, und es war jetzt endlich die Stadt +von der Land- wie von der Seeseite vollständig abgesperrt, da man nur durch den +äußeren in den inneren Hafen gelangte. Um die Blockade vollständig zu sichern, +ließ Scipio das Lager bei Nepheris, das jetzt Diogenes befehligte, von Gaius +Laelius angreifen; durch eine glückliche Kriegslist ward es erobert und die +ganze dort versammelte zahllose Menschenmasse getötet oder gefangen. Darüber +war der Winter herangekommen, und Scipio stellte die Operationen ein, es dem +Hunger und den Seuchen überlassend, das Begonnene zu vollenden. Wie furchtbar +die Gewaltigen des Herrn inzwischen an dem Vernichtungswerk gearbeitet hatten, +während Hasdrubal freilich fortfuhr zu prahlen und zu prassen, zeigte sich, so +wie im Frühling 608 (146) das römische Heer zum Angriff gegen die innere Stadt +überging. Hasdrubal ließ den Außenhafen anzünden und machte sich bereit, den +auf den Kothon erwarteten Sturm abzuschlagen; aber Laelius gelang es, weiter +aufwärts die von der ausgehungerten Besatzung kaum noch verteidigte Mauer zu +übersteigen und so bis an den inneren Hafen vorzudringen. Die Stadt war +erobert, aber der Kampf noch keineswegs zu Ende. Die Angreifer besetzten den an +den kleinen Hafen anstoßenden Markt und drangen in den drei schmalen, von +diesem nach der Burg zu führenden Straßen langsam vor - langsam, denn von den +gewaltigen bis zu sechs Stockwerken hohen Häusern mußte eines nach dem andern +erstürmt werden; auf den Dächern oder auf über die Straße gelegten Balken drang +der Soldat von einem dieser festungsähnlichen Gebäude in das benachbarte oder +gegenüberstehende vor und stieß nieder, was darin ihm vorkam. So verflossen +sechs Tage, schreckliche für die Bewohner der Stadt und auch für die Angreifer +voll Not und Gefahr; endlich langte man vor dem steilen Burgfelsen an, auf den +sich Hasdrubal und die noch übrige Mannschaft zurückgezogen hatten. Um einen +breiteren Aufweg zu bekommen, befahl Scipio, die eroberten Straßen anzuzünden +und den Schutt zu planieren, bei welcher Veranlassung eine Menge in den Häusern +versteckter kampfunfähiger Personen elend umkamen. Da endlich bat der auf der +Burg zusammengedrängte Rest der Bevölkerung um Gnade. Das nackte Leben ward +ihnen zugestanden und sie erschienen vor dem Sieger, 30000 Männer und 25000 +Frauen, nicht der zehnte Teil der ehemaligen Bevölkerung. Einzig die römischen +Überläufer, 900 an der Zahl, und der Feldherr Hasdrubal mit seiner Gattin und +seinen beiden Kindern hatten sich in den Tempel des Heilgottes geworfen: für +sie, für die desertierten Soldaten wie für den Mörder der römischen Gefangenen, +gab es keinen Vertrag. Aber als nun, dem Hunger erliegend, die entschlossensten +unter ihnen den Tempel anzündeten, ertrug Hasdrubal es nicht, dem Tode ins Auge +zu sehen; einzeln entrann er zu dem Sieger und bat kniefällig um sein Leben. Es +ward ihm gewährt; aber wie seine Gattin, die mit ihren Kindern unter den +übrigen auf dem Tempeldach sich befand, ihn zu den Füßen Scipios erblickte, +schwoll ihr das stolze Herz über diese Schändung der teuren untergehenden +Heimat und den Gemahl mit bitteren Worten erinnernd, seines Lebens sorglich zu +schonen, stürzte sie erst die Söhne und dann sich selber in die Flammen. Der +Kampf war zu Ende. Der Jubel im Lager wie in Rom war grenzenlos; nur die +Edelsten des Volkes schämten im stillen sich der neuesten Großtat der Nation. +Die Gefangenen wurden größtenteils zu Sklaven verkauft; einzelne ließ man im +Kerker verkommen; die vornehmsten, Bithyas und Hasdrubal, wurden als römische +Staatsgefangene in Italien interniert und leidlich behandelt. Das bewegliche +Gut, soweit es nicht Gold und Silber war oder Weihgeschenk, ward den Soldaten +zur Plünderung preisgegeben; von den Tempelschätzen ward die in besseren Zeiten +von Karthago aus den sizilischen Städten weggeführte Beute diesen +zurückgestellt, wie zum Beispiel der Stier des Phalaris den Akragantinern; das +übrige, fiel an den römischen Staat. +</p> + +<p> +Indes noch stand die Stadt zum bei weitem größten Teil. Es ist glaublich, daß +Scipio die Erhaltung derselben wünschte; wenigstens richtete er deswegen noch +eine besondere Anfrage an den Senat. Scipio Nasica versuchte noch einmal, die +Forderungen der Vernunft und der Ehre geltend zu machen; es war vergebens. Der +Senat befahl dem Feldherrn, die Stadt Karthago und die Außenstadt Magalia dem +Boden gleich zu machen, desgleichen alle Ortschaften, die es bis zuletzt mit +Karthago gehalten; sodann über den Boden Karthagos den Pflug zu führen, um der +Existenz der Stadt in Form Rechtens ein Ende zu machen, und Grund und Boden auf +ewige Zeiten zu verwünschen, also daß weder Haus noch Kornfeld je dort +entstehen möge. Es geschah wie befohlen war. Siebzehn Tage brannten die Ruinen; +als vor kurzem die Überreste der karthagischen Stadtmauer aufgegraben wurden, +fand man sie bedeckt mit einer vier bis fünf Fuß tiefen, von halb verkohlten +Holzstücken, Eisentrümmern und Schleuderkugeln erfüllten Aschenlage. Wo die +fleißigen Phöniker ein halbes Jahrtausend geschafft und gehandelt hatten, +weideten fortan römische Sklaven die Herden ihrer fernen Herren. Scipio aber, +den die Natur zu einer edleren als zu dieser Henkerrolle bestimmt hatte, sah +schaudernd auf sein eigenes Werk, und statt der Siegesfreude erfaßte den Sieger +selber die Ahnung der solcher Untat unausbleiblich nachfolgenden Vergeltung. +</p> + +<p> +Es blieb noch übrig, für die künftige Organisation der Landschaft die +Einrichtungen zu treffen. Die frühere Weise, mit den gewonnenen überseeischen +Besitzungen die Bundesgenossen zu belehnen, ward nicht ferner beliebt. Micipsa +und seine Brüder behielten im wesentlichen ihr bisheriges Gebiet mit Einschluß +der kürzlich am Bagradas und in Emporia den Karthagern entrissenen Distrikte; +die lange genährte Hoffnung, Karthago zur Hauptstadt zu erhalten, ward für +immer vereitelt; dafür verehrte ihnen der Senat die karthagischen +Büchersammlungen. Die karthagische Landschaft, wie die Stadt sie zuletzt +besessen hatte, das heißt der schmale, Sizilien zunächst gegenüberliegende +Küstenstrich von Afrika, vom Tuscafluß (bei Thabzaca) bis Thaenae (der Insel +Kerkena gegenüber), ward eine römische Provinz. Im Binnenland, wo die +übergriffe Massinissas die karthagische Herrschaft fortwährend weiter +beschränkt hatten und schon Bulla, Zama, Aquae den Königen gehörten, blieb den +Numidiern, was sie besaßen. Allein die sorgfältige Regulierung der Grenze +zwischen der römischen Provinz und dem auf drei Seiten dieselbe einschließenden +numidischen Königreich zeugte davon, daß Rom gegen sich keineswegs dulden +werde, was es gegen Karthago verstattet hatte; wogegen der Name der neuen +Provinz, Africa, andererseits darauf hinzudeuten schien, daß Rom die +gegenwärtig abgesteckte Grenze durchaus nicht als eine definitive betrachte. +Die Oberverwaltung der neuen Provinz übernahm ein römischer Statthalter, dessen +Sitz Utica wurde. Einer regelmäßigen Grenzverteidigung bedurfte dieselbe nicht, +da das verbündete Numidische Reich sie überall von den Bewohnern der Wüste +schied. Hinsichtlich der Abgaben verfuhr man im ganzen mit Milde. Diejenigen +Gemeinden, die seit Anfang des Krieges auf seiten der Römer gestanden hatten - +es waren dies nur die Seestädte Utica, Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus, +Achulla, Usalis und die Binnenstadt Theudalis -, behielten ihre Mark und wurden +Freistädte; dasselbe Recht empfing die neugegründete Gemeinde der Überläufer. +Das Stadtgebiet Karthagos, mit Ausnahme eines an Utica verschenkten Striches, +und das der übrigen zerstörten Ortschaften ward römisches Domanialland, welches +man durch Verpachtung verwertete. Die übrigen Ortschaften verloren gleichfalls +dem Rechte nach ihr Bodeneigentum und ihre städtischen Freiheiten; doch wurde +ihnen ihr Acker und ihre Verfassung bis auf weitere Anordnung der römischen +Regierung vorläufig als widerruflicher Besitz gelassen und zahlten die +Gemeinden für die Nutzung des römisch gewordenen Bodens jährlich nach Rom eine +ein für allemal normierte Abgabe (stipendium), welche sie dann ihrerseits +mittels einer Vermögenssteuer von den einzelnen Abgabepflichtigen +wiedereinzogen. Die eigentlichen Gewinner aber bei dieser Zerstörung der ersten +Handelsstadt des Westens waren die römischen Kaufleute, welche, sowie Karthago +in Asche lag, scharenweise nach Utica strömten und von dort aus nicht bloß die +römische Provinz, sondern auch die bis dahin ihnen verschlossenen numidischen +und gätulischen Landschaften auszubeuten begannen. +</p> + +<p> +Um dieselbe Zeit wie Karthago verschwand auch Makedonien aus der Reihe der +Nationen. Die vier kleinen Eidgenossenschaften, in die die Weisheit des +römischen Senats das alte Königreich zerstückelt hatte, konnten in sich und +untereinander nicht zum Frieden kommen; wie es in dem Lande zuging, zeigt ein +einzelner, zufällig erwähnter Vorfall in Phakos, wo der gesamte Regierungsrat +einer dieser Eidgenossenschaften auf Anstiften eines gewissen Damasippos +ermordet wurde. Weder die Kommissionen, die der Senat abordnete (590 164), noch +die nach griechischer Sitte von den Makedoniern herbeigerufenen fremden +Schiedsrichter, wie zum Beispiel Scipio Aemilianus (603 151), vermochten einen +leidlichen Zustand herzustellen. Da erschien plötzlich in Thrakien ein junger +Mann, der sich Philippos nannte, den Sohn des Königs Perseus, welchem er +auffallend glich, und der syrischen Laodike. Seine Jugend hatte er in der +mysischen Stadt Adramytion verlebt; hier behauptete er die sicheren Beweise +seiner hohen Abstammung erhalten zu haben. Mit diesen hatte er, nach einem +vergeblichen Versuch, in seinem Heimatland sich geltend zu machen, sich an +seiner Mutter Bruder, König Demetrios Soter von Syrien, gewandt. Es fanden sich +in der Tat einige Männer, die dem Adramytener glaubten oder zu glauben vorgaben +und den König bestürmten, den Prinzen entweder in sein angeerbtes Reich +wiedereinzusetzen oder ihm die Krone Syriens abzutreten; worauf Demetrios, um +dem tollen Treiben ein Ende zu machen, den Prätendenten festnahm und den Römern +zuschickte. Indes der Senat achtete des Menschen so wenig, daß er ihn in einer +italischen Stadt konfinierte, ohne ihn auch nur ernstlich bewachen zu lassen. +So war er nach Milet entflohen, wo die städtischen Behörden ihn abermals +aufgriffen und bei römischen Kommissarien anfragten, was sie mit dem Gefangenen +machen sollten. Diese rieten, ihn laufen zu lassen; es geschah. Jetzt versuchte +er denn weiter in Thrakien sein Glück; und wunderbarerweise fand er hier +Anerkennung und Unterstützung, nicht bloß bei den thrakischen Barbarenfürsten +Teres, dem Gemahl seiner Vaterschwester, und Barsabas, sondern auch bei den +klugen Byzantiern. Mit thrakischer Unterstützung drang der sogenannte Philipp +in Makedonien ein, und obwohl er anfangs geschlagen ward, erfocht er doch bald +einen Sieg über das makedonische Aufgebot in der Odomantike jenseits des +Strymon und darauf einen zweiten diesseits des Flusses, der ihm den Besitz von +ganz Makedonien verschaffte. So apokryphisch seine Erzählung klang und so +entschieden es feststand, daß der echte Philippos Perseus’ Sohn achtzehn +Jahre alt in Alba gestorben und dieser Mensch nichts weniger als ein +makedonischer Prinz, sondern der adramytenische Walker Andriskos sei, so war +man doch in Makedonien der Königsherrschaft zu sehr gewohnt, um nicht mit der +Legitimitätsfrage sich rasch abzufinden und gern in das alte Gleis +wiedereinzulenken. Schon kamen Boten von den Thessalern, daß der Prätendent in +ihr Gebiet eingerückt sei; der römische Kommissar Nasica, der in der Erwartung, +daß das erste ernste Wort dem törichten Beginnen ein Ende machen werde, vom +Senat ohne Soldaten nach Makedonien gesandt worden war, mußte die achäische und +pergamenische Mannschaft aufbieten und mit den Achäern Thessalien gegen die +Übermacht, soweit es anging, schirmen, bis (605? 149) der Prätor Juventius mit +einer Legion erschien. Dieser griff mit seiner geringen Streitmacht die +Makedonier an; allein er selber fiel, sein Heer ging fast ganz zugrunde und +Thessalien geriet zum größten Teil in die Gewalt des falschen Philippos, der +sein Regiment hier und in Makedonien in grausamer und übermütiger Weise +handhabte. Endlich betrat ein stärkeres römisches. Heer unter Quintus Caecilius +Metellus den Kampfplatz und drang, unterstützt durch die pergamenische Flotte, +in Makedonien ein. Zwar behielten in dem ersten Reitergefecht die Makedonier +die Oberhand; allein bald traten Spaltungen und Desertionen im makedonischen +Heer ein, und der Fehler des Prätendenten, sein Heer zu teilen und die eine +Hälfte nach Thessalien zu detachieren, verschaffte den Römern einen leichten +und entscheidenden Sieg (606 148). Philippos flüchtete nach Thrakien zu dem +Häuptling Byzes, wohin Metellus ihm folgte und nach einem zweiten Sieg seine +Auslieferung erlangte. +</p> + +<p> +Die vier makedonischen Eidgenossenschaften hatten sich dem Prätendenten nicht +freiwillig unterworfen, sondern waren lediglich der Gewalt gewichen. Nach der +bisher befolgten Politik lag also kein Grund vor, den Makedoniern den Schatten +von Selbständigkeit zu nehmen, den die Schlacht von Pydna ihnen noch gelassen +hatte; dennoch wurde das Reich Alexanders jetzt auf Befehl des Senats von +Metellus in eine römische Provinz verwandelt. Sehr deutlich ward es hier, daß +die römische Regierung ihr System geändert und das Klientel- durch das +Untertanenverhältnis zu ersetzen beschlossen hatte; und darum wurde die +Einziehung der vier makedonischen Eidgenossenschaften in dem ganzen Kreise der +Klientelstaaten als ein gegen alle gerichteter Schlag empfunden. Die früher +nach den ersten römischen Siegen von Makedonien abgerissenen Besitzungen in +Epeiros, die Ionischen Inseln und die Häfen Apollonia und Epidamnos, welche +bisher zu dem italischen Beamtensprengel gehört hatten, wurden jetzt wieder mit +Makedonien vereinigt, so daß dasselbe, wahrscheinlich schon um diese Zeit, im +Nordosten bis jenseits Skodra reichte, wo Illyricum begann. Ebenso fiel die +Schutzherrlichkeit, die Rom über das eigentliche Griechenland in Anspruch nahm, +von selbst dem neuen Statthalter von Makedonien zu. So erhielt Makedonien die +Einigkeit zurück und auch ungefähr wieder die Grenzen, wie es sie in seiner +blühendsten Zeit gehabt; aber es war nicht mehr ein einiges Reich, sondern eine +einige Provinz, mit kommunaler und selbst wie es scheint landschaftlicher +Organisation, jedoch unter einem italischen Vogt und Schatzmeister, deren Namen +auch wohl auf den Landesmünzen neben dem der Landschaft erscheinen. Als Steuer +blieb die alte mäßige Abgabe, wie Paullus sie angeordnet hatte, eine Summe von +100 Talenten (155000 Talern), die in festen Beträgen auf die einzelnen +Gemeinden umgelegt war. Dennoch vermochte das Land seiner alten ruhmreichen +Dynastie noch nicht zu vergessen. Wenige Jahre nach der Besiegung des falschen +Philippos pflanzte ein anderer angeblicher Perseussohn, Alexander, am Nestos +(Karasu) die Fahne der Insurrektion auf und hatte in kurzer Zeit 1600 Mann +vereinigt; allein der Quästor Lucius Tremellius ward des Aufstandes ohne Mühe +Herr und verfolgte den fliehenden Prätendenten bis nach Dardanien (612 142). +Dies aber ist auch die letzte Regung des stolzen makedonischen Nationalsinns, +der zwei Jahrhunderte zuvor in Hellas und Asien so große Dinge vollbracht +hatte; seitdem ist von den Makedoniern kaum etwas anderes zu berichten, als daß +sie fortfuhren, von dem der definitiven Provinzialorganisation der Landschaft +(608 146) an ihre tatenlosen Jahre zu zählen. +</p> + +<p> +Fortan waren es die Römer, denen die Verteidigung der makedonischen Nord- und +Ostgrenzen, das heißt der Grenze der hellenischen Zivilisation gegen die +Barbaren, oblag. Sie ward von ihnen mit unzulänglichen Streitkräften und im +ganzen nicht mit der gebührenden Energie geführt; doch ist zunächst für diesen +militärischen Zweck die große Egnatische Chaussee angelegt worden, welche schon +zu Polybios’ Zeit von den beiden Haupthäfen an der Westküste, Apollonia +und Dyrrhachion, quer durch das Binnenland nach Thessalonike, später noch +weiter bis an den Hebros (Maritza) lief ^11. Die neue Provinz ward die +natürliche Basis teils für die Züge gegen die unruhigen Dalmater, teils für die +zahlreichen Expeditionen gegen die nordwärts der griechischen Halbinsel +ansässigen illyrischen, keltischen und thrakischen Stämme, die später in ihrem +geschichtlichen Zusammenhang darzustellen sein werden. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +^11 Als Handelsstraße zwischen dem Adriatischen und Schwarzen Meer, als +diejenige nämlich, in deren Mitte die kerkyräischen Weinkrüge den thasischen +und lesbischen begegnen, kennt diese Straße schon der Verfasser der +pseudo-aristotelischen Schrift ‘Von den merkwürdigen Dingen’. Auch +heute noch läuft dieselbe wesentlich in gleicher Richtung von Durazzo, die +Berge von Bagora (Kandavisches Gebirge) am See von Ochrida (Lychnitis) +durchschneidend, über Monastir nach Saloniki. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +Mehr als Makedonien hatte das eigentliche Griechenland sich der Gunst der +herrschenden Macht zu erfreuen; und die Philhellenen Roms mochten wohl der +Ansicht sein, daß daselbst die Nachwehen des Perseischen Krieges im +Verschwinden und die Verhältnisse überhaupt auf dem Wege zum Besseren seien. +Die verbissensten Aufhetzer der jetzt herrschenden Partei, Lykiskos der Ätoler, +Mnasippos der Böoter, Chrematas der Akarnane, der schandbare Epeirote Charops, +dem selbst ehrenhafte Römer ihr Haus verboten, stiegen einer nach dem andern +ins Grab; ein anderes Geschlecht wuchs heran, in dem die alten Erinnerungen und +die alten Gegensätze verblaßt waren. Der römische Senat meinte die Zeit des +allgemeinen Vergebens und Vergessens gekommen und entließ im Jahre 604 (150) +die noch übrigen der seit siebzehn Jahren in Italien konfinierten achäischen +Patrioten, deren Freigebung die achäische Tagsatzung nicht aufgehört hatte zu +fordern. Dennoch irrte man sich. Wie wenig es den Römern mit all ihrem +Philhellenentum gelungen war, den hellenischen Patriotismus innerlich zu +versöhnen, offenbarte sich in nichts so deutlich wie in der Stellung der +Griechen zu den Attaliden. König Eumenes II. war als Römerfreund in +Griechenland im höchsten Grade verhaßt gewesen; kaum aber war zwischen ihm und +den Römern eine Verstimmung eingetreten, als er in Griechenland plötzlich +populär ward; wie früher von Makedonien erwartete der hellenische Euelpides den +Erlöser aus der Fremdherrschaft jetzt von Pergamon. Vor allen Dingen aber stieg +in der sich selbst überlassenen hellenischen Kleinstaaterei zusehends die +soziale Zerrüttung. Das Land verödete, nicht durch Krieg und Pest, sondern +durch die immer weiter um sich greifende Abneigung der höheren Stände, mit Frau +und Kindern sich zu plagen; dafür strömte wie bisher das verbrecherische oder +leichtsinnige Gesindel vorwiegend nach Griechenland, um daselbst den +Werbeoffizier zu erwarten. Die Gemeinden versanken in immer tiefere +Verschuldung und in ökonomische Ehr- und die daranhängende Kreditlosigkeit; +einzelne Städte, namentlich Athen und Theben, griffen in ihrer Finanznot +geradezu zum Räuberhandwerk und plünderten die Nachbargemeinden aus. Auch der +innere Hader in den Bünden, zum Beispiel zwischen den freiwilligen und den +gezwungenen Mitgliedern der Achäischen Eidgenossenschaft, war keineswegs +beigelegt. Wenn die Römer, wie es scheint, glaubten, was sie wünschten, und der +augenblicklich herrschenden Ruhe vertrauten, so sollten sie bald erfahren, daß +die jüngere Generation in Hellas um nichts besser und um nichts klüger als die +ältere war. Die Gelegenheit, um mit den Römern Händel anzufangen, brach man +geradezu vom Zaune. +</p> + +<p> +Um einen schmutzigen Handel zu bedecken, warf um das Jahr 605 (149) der zeitige +Vorstand der Achäischen Eidgenossenschaft, Diäos, auf der Tagsatzung die +Behauptung hin, daß die den Lakedaemoniern als Glied der Achäischen +Eidgenossenschaft von dieser zugestandenen Sonderrechte, die Befreiung von der +achäischen Kriminaljurisdiktion und das Recht, Sondergesandtschaften nach Rom +zu schicken, ihnen keineswegs von den Römern gewährleistet seien. Es war eine +freche Lüge; allein die Tagsatzung glaubte natürlich, was sie wünschte, und da +sich die Achäer bereit zeigten, ihre Behauptungen mit den Waffen in der Hand +wahrzumachen, gaben die schwächeren Spartaner vorläufig nach, oder vielmehr +diejenigen, deren Auslieferung von den Achäern begehrt ward, verließen die +Stadt, um als Kläger vor dem römischen Senat aufzutreten. Der Senat antwortete +wie gewöhnlich, daß er eine Kommission zur Untersuchung der Sache senden werde; +allein statt dieses Bescheides berichteten die Boten, in Achaia wie in Sparta +und beide falsch, daß der Senat zu ihren Gunsten entschieden habe. Die Achäer, +die wegen der soeben in Thessalien geleisteten Bundeshilfe gegen den falschen +Philippos sich mehr als je in bundesgenössischer Gleichheit und politischer +Gewichtigkeit fühlten, rückten im Jahre 606 (148) unter ihrem Strategen +Damokritos in Lakonike ein; vergeblich mahnte, von Metellus aufgefordert, eine +nach Asien durchpassierende römische Gesandtschaft, Frieden zu halten und die +Kommissarien des Senats zu erwarten. Eine Schlacht ward geliefert, in der bei +1000 Spartaner fielen, und Sparta hätte genommen werden können, wenn Damokritos +nicht als Offizier ebenso untüchtig gewesen wäre wie als Staatsmann. Er ward +abgesetzt, und sein Nachfolger Diäos, der Anstifter all dieses Unfugs, setzte +den Krieg eifrig fort, während er gleichzeitig den gefürchteten Kommandanten +von Makedonien der vollen Botmäßigkeit der Achäischen Eidgenossenschaft +versichern ließ. Darüber erschien die lange erwartete römische Kommission, an +ihrer Spitze Aurelius Orestes; nun ruhten die Waffen und die achäische +Tagsatzung versammelte sich in Korinth, um ihre Eröffnungen entgegenzunehmen. +Sie waren unerwarteter und unerfreulicher Art. Die Römer hatten sich +entschlossen, die unnatürliche und usurpierte Einreihung Spartas unter die +achäischen Staaten wiederaufzuheben und überhaupt gegen die Achäer +durchzugreifen. Schon einige Jahre zuvor (591 163) hatten dieselben die +ätolische Stadt Pleuron aus ihrem Bund entlassen müssen; jetzt wurden sie +angewiesen auf sämtliche seit dem Zweiten Makedonischen Krieg gemachte +Erwerbungen, das heißt auf Korinth, Orchomenos, Argos, Sparta im Peloponnes und +Herakleia am Ota, zu verzichten und ihren Bund wieder auf den Bestand am Ende +des Hannibalischen Krieges zurückzuführen. Wie dies die achäischen Abgeordneten +vernahmen, stürmten sie sofort auf den Markt, ohne die Römer auch nur +auszuhören, und teilten die römischen Forderungen der Menge mit, worauf der +regierende und der regierte Pöbel einhellig beschloß, zu allervörderst +sämtliche in Korinth anwesende Lakedämonier festzusetzen, da ja Sparta dies +Unglück über sie gebracht habe. Die Verhaftung erfolgte denn auch in der +tumultuarischsten Weise, so daß Lakonername oder Lakonerschuhe als hinreichende +Einsperrungsgründe erschienen: ja man drang sogar in die Wohnungen der +römischen Gesandten, um die dorthin geflüchteten Lakedaemonier festzunehmen, +und es fielen gegen die Römer harte Reden, obgleich man an ihrer Person sich +nicht vergriff. Indigniert kehrten dieselben heim und führten bittere, selbst +übertriebene Beschwerde im Senat; dennoch beschränkte sich dieser mit derselben +Mäßigung, die all seine Maßregeln gegen die Griechen bezeichnet, zunächst auf +Vorstellungen. In der mildesten Form und der Genugtuung für die erlittenen +Beleidigungen kaum erwähnend, wiederholte Sextus Iulius Caesar auf der +Tagsatzung in Aegion (Frühling 607 147) die Befehle der Römer. Aber die Leiter +der Dinge in Achaia, an ihrer Spitze der neue Strateg Kritolaos (Strateg Mai +607 bis Mai 608 147/46), zogen als staatskluge und in der höheren Politik +wohlbewanderte Leute daraus bloß den Schluß, daß die römischen Angelegenheiten +gegen Karthago und Viriathus sehr schlecht stehen müßten, und fuhren fort, die +Römer zugleich zu prellen und zu beleidigen. Caesar ward ersucht, zur +Ausgleichung der Sache eine Zusammenkunft von Abgeordneten der streitenden +Teile in Tegea zu veranstalten; es geschah, allein nachdem Caesar und die +lakedämonischen Gesandten daselbst lange vergeblich auf die Achäer gewartet +hatten, erschien endlich Kritolaos allein und zeigte an, daß lediglich die +allgemeine Volksversammlung der Achäer in dieser Sache kompetent sei und +dieselbe erst auf der Tagsatzung, das heißt in sechs Monaten, erledigt werden +könne. Caesar ging darauf nach Rom zurück; die nächste Volksversammlung der +Achäer aber erklärte auf Kritolaos’ Antrag förmlich den Krieg gegen +Sparta. Auch jetzt noch machte Metellus einen Versuch, den Zwist in Güte +beizulegen, und schickte Gesandte nach Korinth; allein die lärmende Ekklesia, +größtenteils bestehend aus dem Pöbel der reichen Handels- und Fabrikstadt, +übertobte die Stimme der römischen Gesandten und zwang sie, die Rednerbühne zu +verlassen. Kritolaos’ Erklärung, daß man die Römer wohl zu Freunden, aber +nicht zu Herren wünsche, ward mit unsäglichem Jubel aufgenommen, und als die +Mitglieder der Tagsatzung sich ins Mittel legen wollten, schützte der Pöbel den +Mann seines Herzens und beklatschte die Stichwörter von dem Landesverrat der +Reichen und der notwendigen Militärdiktatur sowie die geheimnisvollen Winke +über die nahe bevorstehende Schilderhebung unzähliger Völker und Könige gegen +Rom. Von welchem Geist die Bewegung beseelt war, zeigten die beiden Beschlüsse, +daß bis zum hergestellten Frieden alle Klubs permanent sein und alle +Schuldklagen ruhen sollten. Man hatte also Krieg, ja sogar auch wirkliche +Bundesgenossen: die Thebaner und Böoter nämlich und ferner die Chalkidenser. +Schon zu Anfang des Jahres 608 (146) rückten die Achäer in Thessalien ein, um +Herakleia am Öta, das in Gemäßheit des Senatsbeschlusses sich von der +Achäischen Eidgenossenschaft losgesagt hatte, wieder zum Gehorsam zu bringen. +Der Konsul Lucius Mummius, den der Senat nach Griechenland zu senden +beschlossen hatte, war noch nicht eingetroffen; demnach übernahm es Metellus +mit den makedonischen Legionen, Herakleia zu schützen. Als dem +achäisch-thebanischen Heer das Anrücken der Römer gemeldet ward, war von +Schlagen nicht mehr die Rede; man ratschlagte einzig, wie es wohl gelingen +möchte, den sicheren Peloponnes wieder zu erreichen; eiligst machte die Armee +sich davon und versuchte nicht einmal, die Stellung bei den Thermopylen zu +halten. Metellus indes beschleunigte die Verfolgung und erreichte und schlug +das griechische Heer bei Skarpheia in Lokris. Der Verlust an Gefangenen und +Toten war beträchtlich; von Kritolaos ward nach der Schlacht nie wieder eine +Kunde vernommen. Die Trümmer der geschlagenen Armee irrten in einzelnen Trupps +in den hellenischen Landschaften umher und baten überall umsonst um Aufnahme; +die Abteilung von Paträ ward in Phokis, das arkadische Elitenkorps bei +Chäroneia aufgerieben; ganz Nordgriechenland wurde geräumt, und von dem +Achäerheer und der in Masse flüchtenden Bürgerschaft von Theben gelangte nur +ein geringer Teil in den Peloponnes. Metellus suchte durch die möglichste Milde +die Griechen zum Aufgeben des sinnlosen Widerstandes zu bestimmen und befahl +zum Beispiel, alle Thebaner mit Ausnahme eines einzigen laufen zu lassen; seine +wohlgemeinten Versuche scheiterten nicht an der Energie des Volkes, sondern an +der Desperation der um ihren eigenen Kopf besorgten Führer. Diäos, der nach +Kritolaos’ Fall wieder den Oberbefehl übernommen hatte, berief alle +Waffenfähigen auf den Isthmos und befahl, 12000 in Griechenland geborene +Sklaven in das Heer einzustellen; die Reichen wurden zu Vorschüssen angehalten +und unter den Friedensfreunden, soweit sie nicht durch Bestechung der +Schreckensherren ihr Leben erkauften, durch Blutgerichte aufgeräumt. Der Kampf +ging also fort und in dem gleichen Stile. Die achäische Vorhut, die 4000 Mann +stark unter Alkamenes bei Megara stand, verlief sich, sowie sie die römischen +Feldzeichen gewahrte. Die Hauptmacht auf dem Isthmos wollte Metellus eben +angreifen lassen, als der Konsul Lucius Mummius mit wenigen Begleitern im +römischen Hauptquartier eintraf und das Kommando übernahm. Inzwischen boten die +Achäer, ermutigt durch einen gelungenen Angriff auf die allzu unvorsichtigen +römischen Vorposten, der römischen um das Doppelte überlegenen Armee bei +Leukopetra auf dem Isthmos die Schlacht an. Die Römer zögerten nicht sie +anzunehmen. Gleich zu Anfang rissen die achäischen Reiter in Masse aus vor der +sechsfach stärkeren römischen Reiterei; die Hopliten standen dem Feinde, bis +ein Flankenangriff des römischen Elitenkorps auch in ihre Reihen Verwirrung +brachte. Damit war der Widerstand zu Ende. Diäos floh in seine Heimat, tötete +sein Weib und nahm selber Gift; die Städte unterwarfen sich sämtlich ohne +Gegenwehr, und sogar das unbezwingliche Korinth, in das einzurücken Mummius +drei Tage zauderte, weil er einen Hinterhalt besorgte, ward ohne Schwertstreich +von den Römern besetzt. +</p> + +<p> +Die neue Regelung der griechischen Verhältnisse ward in Gemeinschaft mit einer +Kommission von zehn Senatoren dem Konsul Mummius übertragen, der sich in dem +eroberten Lande im ganzen ein gesegnetes Andenken erwarb. Zwar war es, gelind +gesagt, eine Torheit, daß er seiner Kriegs- und Siegestaten wegen den Namen des +“Achaikers” annahm und dem Hercules Sieger dankerfüllt einen Tempel +erbaute; allein als Verwalter erwies er, der nicht in aristokratischem Luxus +und aristokratischer Korruption aufgewachsen, sondern ein “neuer +Mann” und verhältnismäßig unbemittelt war, sich gerecht und mild. Es ist +eine rednerische Übertreibung, daß von den Achäern bloß Diäos, von den Böotern +bloß Pytheas umgekommen seien; in Chalkis namentlich fielen arge Greuel vor; im +ganzen ward aber doch in den Strafgerichten Maß gehalten. Den Antrag, die +Statuen des Begründers der achäischen Patriotenpartei, des Philopömen, +umzustürzen, wies Mummius zurück; die den Gemeinden auferlegten Geldbußen +wurden nicht für die römische Kasse, sondern für die geschädigten griechischen +Städte bestimmt, größtenteils auch später erlassen und das Vermögen derjenigen +Hochverräter, die Eltern oder Kinder hatten, nicht von Staats wegen verkauft, +sondern diesen überwiesen. Nur die Kunstschätze wurden aus Korinth, Thespiä und +anderen Städten weggeführt und teils in der Hauptstadt, teils in den +Landstädten Italiens aufgestellt ^12, einzelne Stücke auch den isthmischen, +delphischen und olympischen Tempeln verehrt. Auch in der definitiven +Organisation der Landschaft im allgemeinen waltete die Milde. Zwar wurden, wie +es die Provinzialverfassung mit sich brachte, die Sondereidgenossenschaften, +vor allem die achäische, als solche aufgelöst, die Gemeinden isoliert und durch +die Bestimmung, daß niemand in zweien derselben zugleich Grundbesitz erwerben +dürfe, der Zwischenverkehr gehemmt. Ferner wurden, wie es schon Flamininus +versucht hatte, die demokratischen Stadtverfassungen durchaus beseitigt und in +jeder Gemeinde einem aus den Vermögenden gebildeten Rat das Regiment in die +Hand gegeben. Auch wurde jeder Gemeinde eine feste, nach Rom zu entrichtende +Abgabe auferlegt und sie sämtlich dem Statthalter von Makedonien in der Art +untergeordnet, daß diesem als oberstem Militärchef auch in Verwaltung und +Gerichtsbarkeit eine Oberleitung zustand und er zum Beispiel wichtigere +Kriminalprozesse zur Entscheidung an sich ziehen konnte. Dennoch blieb den +griechischen Gemeinden die “Freiheit”, das heißt eine, freilich +durch die römische Hegemonie zum Namen zusammengeschwundene, formelle +Souveränität, welche das Eigentum an Grund und Boden und das Recht eigener +Verwaltung und Gerichtsbarkeit in sich schloß ^13. Einige Jahre später ward +sogar nicht bloß ein Schatten der alten Eidgenossenschaften wieder gestattet, +sondern auch die drückende Beschränkung in der Veräußerung des Grundbesitzes +beseitigt. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +^12 Aus den sabinischen Ortschaften, aus Parma, ja aus Italica in Spanien sind +noch mehrere mit Mummius’ Namen bezeichnete Basen bekannt, die einst +solche Beutegaben trugen. +</p> + +<p> +^13 Die Frage, ob Griechenland im Jahre 608 (146) römische Provinz geworden sei +oder nicht, läuft in der Hauptsache auf einen Wortstreit hinaus. Daß die +griechischen Gemeinden durchgängig “frei” blieben (CIG 1543, 15; +Caes. civ. 3, 5; App. Mithr. 58; Zonar. 9, 31), ist ausgemacht; aber nicht +minder ist es ausgemacht, daß Griechenland damals von den Römern “in +Besitz genommen ward” (Tac. arm. 14, 21; 1. Makk. 8, 9,10); daß von da an +jede Gemeinde einen festen Zins nach Rom entrichtete (Paus. 7, 16, 6; vgl. Cic. +prov. 3, 5), die kleine Insel Gyaros zum Beispiel jährlich 150 Drachmen (Strab. +10, 485); daß die “Ruten und Beile” des römischen Statthalters +fortan auch in Griechenland schalteten (Polyb. 38, 1 c; vgl. Cic. Verr. 1. 1, +21, 55) und derselbe die Oberaufsicht über die Stadtverfassungen (CIG 1543) +sowie in gewissen Fällen die Kriminaljurisdiktion (CIG 1543; Plut. Cim. 2) +fortan ebenso übte wie bis dahin der römische Senat; daß endlich die +makedonische Provinzialära auch in Griechenland im Gebrauch war. Zwischen +diesen Tatsachen ist keineswegs ein Widerspruch oder doch kein anderer als +derjenige, welcher überhaupt in der Stellung der freien Städte liegt, welche +bald als außerhalb der Provinz stehend (z. B. Suet. Caes. 25; Colum. 11, 3, +26), bald als der Provinz zugeteilt (z. B. los. ant. lud. 14, 4, 4) bezeichnet +werden. Der römische Domanialbesitz in Griechenland beschränkte sich zwar auf +den Korinthischen Acker und etwa einige Stücke von Euböa (CIG 5879) und +eigentliche Untertanen gab es dort gar nicht; allein darum konnte dennoch, wenn +man auf das tatsächlich zwischen den griechischen Gemeinden und dem +makedonischen Statthalter bestehende Verhältnis sieht, ebenso wie Massalia zur +Provinz Narbo, Dyrrhachion zur Provinz Makedonien, auch Griechenland zu der +makedonischen Provinz gerechnet werden. Es finden sich sogar noch viel +weitergehende Fälle: Das Cisalpinische Gallien bestand seit 655 (89) aus lauter +Bürger- oder latinischen Gemeinden und ward dennoch durch Sulla Provinz; ja in +der caesarischen Zeit begegnen Landschaften, die ausschließlich aus +Bürgergemeinden bestehen und die dennoch keineswegs aufhören, Provinzen zu +sein. Sehr klar tritt hier der Grundbegriff der römischen provincia hervor; sie +ist zunächst nichts als das “Kommando” und alle Verwaltungs- und +Jurisdiktionstätigkeit des Kommandanten sind ursprünglich Nebengeschäfte und +Korollarien seiner militärischen Stellung. +</p> + +<p> +Andererseits muß dagegen, wenn man die formelle Souveränität der freien +Gemeinden ins Auge faßt, zugestanden werden, daß durch die Ereignisse des +Jahres 608 (146) Griechenlands Stellung staatsrechtlich sich nicht änderte: es +waren mehr faktische als rechtliche Verschiedenheiten, daß statt der Achäischen +Eidgenossenschaft jetzt die einzelnen Gemeinden Achaias als tributäre +Klientelstaaten neben Rom standen und daß seit Einrichtung der römischen +Sonderverwaltung in Makedonien diese anstatt der hauptstädtischen Behörden die +Oberaufsicht über die griechischen Klientelstaaten übernahm. Man kann demnach, +je nachdem die tatsächliche oder die formelle Auffassung überwiegt, +Griechenland als Teil des Kommandos von Makedonien ansehen oder auch nicht; +indes wird der ersteren Auffassung mit Recht das Übergewicht eingeräumt. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Strengere Behandlung aber traf die Gemeinden, Theben, Chalkis und Korinth. Es +läßt sich nichts dawider erinnern, daß die ersten beiden entwaffnet und durch +Niederreißung ihrer Mauern in offene Flecken umgewandelt wurden; dagegen bleibt +die durchaus unmotivierte Zerstörung der ersten Handelsstadt Griechenlands, des +blühenden Korinth, ein düsterer Schandfleck in den Jahrbüchern Roms. Auf +ausdrücklichen Befehl des Senats wurden die korinthischen Bürger aufgegriffen, +und was dabei nicht umkam, in die Sklaverei verkauft, die Stadt selbst nicht +etwa bloß ihrer Mauern und ihrer Burg beraubt, was, wenn man einmal dieselbe +nicht dauernd besetzen wollte, allerdings nicht zu vermeiden war, sondern dem +Boden gleichgemacht und in den üblichen Bannformen jeder Wiederanbau der öden +Stätte untersagt, das Gebiet derselben zum Teil an Sikyon gegeben unter der +Auflage, anstatt Korinths die Kosten des isthmischen Nationalfestes zu +bestreiten, größtenteils aber zu römischem Gemeinland erklärt. Also erlosch der +“Augapfel von Hellas”, der letzte köstliche Schmuck des einst so +städtereichen griechischen Landes. Fassen wir aber die ganze Katastrophe noch +einmal ins Auge, so muß die unparteiische Geschichte es anerkennen, was die +Griechen dieser Zeit selbst unumwunden eingestanden, daß an dem Kriege selbst +nicht die Römer die Schuld trugen, sondern daß die unkluge Treubrüchigkeit und +die schwächliche Tollkühnheit der Griechen die römische Intervention erzwangen. +Die Beseitigung der Scheinsouveränität der Bünde und alles damit verknüpften +unklaren und verderblichen Schwindels war ein Glück für das Land und das +Regiment des römischen Oberfeldherrn von Makedonien, wieviel es auch zu +wünschen übrig ließ, immer noch bei weitem besser als die bisherige Wirr- und +Mißregierung der griechischen Eidgenossenschaften und der römischen +Kommissionen. Der Peloponnes hörte auf, die große Söldnerherberge zu sein; es +ist bezeugt und begreiflich, daß überhaupt mit dem unmittelbaren römischen +Regiment Sicherheit und. Wohlstand einigermaßen zurückkehrten. Das +Themistokleische Epigramm, daß der Ruin den Ruin abgewandt habe, wurde von den +damaligen Hellenen nicht ganz mit Unrecht angewandt auf den Untergang der +griechischen Selbständigkeit. Die ungemeine Nachsicht, welche Rom auch jetzt +noch gegen die Griechen bewies, tritt erst recht in das Licht, wenn man sie mit +dem gleichzeitigen Verfahren derselben Behörden gegen die Spanier und die +Phöniker zusammenhält; Barbaren grausam zu behandeln schien nicht unerlaubt, +aber wie später Kaiser Traianus hielten es auch die Römer dieser Zeit +“für hart und barbarisch, Athen und Sparta den noch übrigen Schatten von +Freiheit zu entreißen”. Um so schärfer kontrastiert mit dieser +allgemeinen Milde die empörende, selbst von den Schutzrednern der karthagischen +und der numantinischen Katastrophe gemißbilligte Behandlung von Korinth, welche +durch die auf den Gassen von Korinth gegen die römischen Abgeordneten +ausgestoßenen Schmähreden auch nach römischem Völkerrecht nichts weniger als +gerechtfertigt ward. Und doch ging sie keineswegs hervor aus der Brutalität +eines einzelnen Mannes, am wenigsten des Mummius, sondern war eine vom +römischen Rat erwogene und beschlossene Maßregel. Man wird nicht irren, wenn +man darin das Werk der Kaufmannspartei erkennt, die in dieser Epoche schon +neben der eigentlichen Aristokratie anfängt, in die Politik einzugreifen, und +die in Korinth einen Handelsnebenbuhler beseitigt hat. Wenn die römischen +Großhändler bei der Regulierung Griechenlands mit zureden gehabt haben, so +begreift man, weshalb das Strafgericht eben gegen Korinth gerichtet ward und +weshalb man nicht bloß die Stadt vernichtete, wie sie war, sondern auch die +Ansiedlung an dieser für den Handel so überaus günstigen Stätte für die Zukunft +verbot. Für die auch in Hellas sehr zahlreichen römischen Kaufleute ward der +Mittelpunkt fortan das peloponnesische Argos; wichtiger aber für den römischen +Großhandel ward Delos, das, schon seit 586 (168) römischer Freihafen, einen +guten Teil der Geschäfte von Rhodos an sich gezogen hatte und nun in ähnlicher +Weise in die korinthischen eintrat. Diese Insel blieb für längere Zeit der +Hauptstapelplatz der vom Osten nach dem Westen gehenden Waren ^14. +</p> + +<p> +————————————————— +</p> + +<p> +^14 Ein merkwürdiger Beleg dafür ist die Benennung der feinen griechischen +Bronze- und Kupferwaren die in der ciceronischen Zeit ohne Unterschied +“korinthisches” oder “delisches Kupfer” genannt werden. +Die Bezeichnung ist in Italien begreiflicherweise nicht von den Fabrikations-, +sondern von den Exportplätzen hergenommen (Plin. nat. 34, 2, 9); womit +natürlich nicht geleugnet wird, daß dergleichen Gefäße auch in Korinth und +Delos selbst fabriziert wurden. +</p> + +<p> +—————————————————— +</p> + +<p> +Unvollständiger als in der nur durch schmale Meere von Italien getrennten +afrikanischen und makedonisch-hellenischen Landschaft entwickelte sich die +römische Herrschaft in dem dritten entfernteren Weltteil. +</p> + +<p> +In Vorderasien war durch die Zurückdrängung der Seleukiden das Reich von +Pergamon die erste Macht geworden. Nicht geirrt durch die Traditionen der +Alexandermonarchien, einsichtig und kühl genug, um auf das Unmögliche zu +verzichten, verhielten die Attaliden sich ruhig und strebten nicht, ihre +Grenzen zu erweitern noch der römischen Hegemonie sich zu entziehen, sondern +den Wohlstand ihres Reiches, soweit die Römer es erlaubten, zu fördern und die +Künste des Friedens zu pflegen. Doch entgingen sie darum der Eifersucht und dem +Argwohn Roms nicht. Im Besitz der europäischen Küste der Propontis, der +Westküste Kleinasiens und des kleinasiatischen Binnenlandes bis zur +kappadokischen und kilikischen Grenze, in enger Verbindung mit den syrischen +Königen, von denen Antiochos Epiphanes († 590 164) durch die Hilfe der +Attaliden auf den Thron gelangt war, hatte König Eumenes II. durch seine bei +dem immer tieferen Sinken Makedoniens und Syriens nur noch ansehnlicher +erscheinende Macht selbst den Begründern derselben Bedenken eingeflößt; es ist +schon erzählt worden, wie der Senat darauf bedacht war, nach dem Dritten +Makedonischen Krieg diesen Bundesgenossen durch unfeine diplomatische Künste zu +demütigen und zu schwächen. Die an sich schon schwierigen Verhältnisse der +Herren von Pergamon zu den ganz und halb freien Handelsstädten innerhalb ihres +Reichs und zu den barbarischen Nachbarn an dessen Grenzen wurden durch diese +Verstimmung der Schutzherren noch peinlicher verwickelt. Da es nicht klar war, +ob nach dem Friedensvertrag von 565 (189) die Taurushöhen in der pamphylischen +und pisidischen Landschaft zum Syrischen oder zum Pergamenischen Reich +gehörten, leisteten die tapferen Selger, es scheint unter nomineller +Anerkennung der syrischen Oberhoheit, den Königen Eumenes Il. und Attalos II. +langjährigen und energischen Widerstand in den schwer zugänglichen Gebirgen +Pisidiens. Auch die asiatischen Kelten, welche eine Zeitlang unter Zulassung +der Römer unter pergamenischer Botmäßigkeit gestanden hatten, fielen von +Eumenes ab und begannen im Einverständnis mit dem Erbfeind der Attaliden, dem +König Prusias von Bithynien, um 587 (167) plötzlich gegen ihn Krieg. Der König +hatte keine Zeit gehabt, Mietstruppen zu dingen; all seine Einsicht und +Tapferkeit konnte nicht verhindern, daß sie die asiatische Miliz schlugen und +das Gebiet überschwemmten; wir kennen bereits die eigentümliche Vermittlung, zu +der die Römer auf Eumenes’ Bitte sich herbeiließen. Sowie er indes Zeit +gefunden hatte, mit Hilfe seiner wohlgefüllten Kasse eine kampffähige Armee +aufzustellen, trieb er auch die wilden Scharen schnell zurück über die Grenze +seines Reiches; und obwohl Galatien ihm verloren blieb und seine hartnäckig +fortgesetzten Versuche, dort die Hände im Spiel zu behalten, durch römischen +Einfluß vereitelt wurden ^15, hinterließ er dennoch trotz aller offenen +Angriffe und geheimen Machinationen, die seine Nachbarn und die Römer gegen ihn +gerichtet hatten, bei seinem Tode (um 595 159) das Reich in ungeschmälertem +Bestand. Sein Bruder Attalos II. Philadelphos († 616 138) wies den Versuch des +Königs Pharnakes von Pontos, sich der Vormundschaft über Eumenes’ +unmündigen Sohn zu bemächtigen, mit römischer Hilfe zurück und regierte anstatt +seines Neffen wie Antigonos Doson als Vormund auf Lebenszeit. Gewandt, tüchtig, +fügsam, ein echter Attalide, verstand er es, den argwöhnischen Senat von der +Nichtigkeit der früher gehegten Besorgnisse zu überzeugen. Die antirömische +Partei beschuldigte ihn, daß er sich dazu hergebe, das Land für die Römer zu +hüten und jede Beleidigung und Erpressung von ihnen sich gefallen lasse; indes +konnte er, des römischen Schutzes sicher, in die syrischen, kappadokischen und +bithynischen Thronstreitigkeiten entscheidend eingreifen. Auch aus dem +gefährlichen bithynischen Krieg, den König Prusias II., der Jäger genannt (572 +? - 605 182-149), ein Regent, der alle barbarischen und alle zivilisierten +Laster in sich vereinigte, gegen ihn begann, rettete ihn die römische +Intervention - freilich erst, nachdem er selbst in seiner Hauptstadt belagert +und eine erste Mahnung der Römer von Prusias unbefolgt gelassen, ja verhöhnt +worden war (598-600 156-154). Allein mit der Thronbezeigung seines Mündels +Attalos III. Philometor (616-621 133-133) trat an die Stelle des friedlichen +und mäßigen Bürgerkönigtums ein asiatisches Sultanregiment, unter dem es zum +Beispiel vorkam, daß der König, um des unbequemen Rats seiner väterlichen +Freunde sich zu entledigen, sie im Palast versammeln und erst sie, sodann ihre +Frauen und Kinder von seinen Lanzknechten niedermachen ließ; nebenher schrieb +er Bücher über den Gartenbau, zog Giftkräuter und bossierte in Wachs, bis ein +plötzlicher Tod ihn abrief. Mit ihm erlosch das Geschlecht der Attaliden. In +solchem Fall konnte nach dem wenigstens für die Klientelstaaten Roms gültigen +Staatsrecht der letzte Regent testamentarisch über die Sukzession verfügen. Ob +der Gedanke, das Reich den Römern zu vermachen, dem letzten Attaliden durch den +wahnwitzigen Groll gegen seine Untertanen eingegeben worden war, der ihn bei +Lebzeiten gepeinigt hatte, oder ob hierin bloß eine weitere Anerkennung der +tatsächlichen Oberlehnsgewalt Roms lag, ist nicht zu entscheiden. Das Testament +lag vor ^16; die Römer traten die Erbschaft an und die Frage über das Land und +den Schatz der Attaliden fiel in Rom als neuer Erisapfel unter die hadernden +politischen Parteien. Aber auch in Asien entzündete dies Königstestament den +Bürgerkrieg. Im Vertrauen auf die Abneigung der Asiaten gegen die bevorstehende +Fremdherrschaft trat ein natürlicher Sohn Eumenes’ II., Aristonikos in +Leukä, einer kleinen Hafenstadt zwischen Smyrna und Phokäa, als Kronprätendent +auf. Phokäa und andere Städte fielen ihm zu; indes von den Ephesiern, die in +dem festen Anschluß an Rom die einzige Möglichkeit erkannten, ihre Privilegien +sich zu erhalten, zur See auf der Höhe von Kyme geschlagen, mußte er in das +Binnenland flüchten. Schon glaubte man ihn verschollen; da erschien er +plötzlich wieder an der Spitze der neuen “Bürger der Sonnenstadt” +^17, das heißt der von ihm in Masse zur Freiheit gerufenen Sklaven, +bemächtigte, sich der lydischen Städte Thyateira und Apollonis sowie eines +Teils der attalischen Ortschaften und rief Scharen thrakischer Lanzknechte +unter seine Fahnen. Der Kampf ward ernsthaft. Römische Truppen standen in Asien +nicht; die asiatischen Freistädte und die Kontingente der Klientelfürsten von +Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien, Pontos, Armenien konnten des Prätendenten +sich nicht erwehren; er drang mit gewaffneter Hand in Kolophon, Samos, Myndos +ein und gebot schon fast über das gesamte väterliche Reich, als am Ende des +Jahres 623 (131) ein römisches Heer in Asien landete. Dessen Feldherr, der +Konsul und Oberpontifex Publius Licinius Crassus Mucianus, einer der reichsten +und zugleich einer der gebildetsten Männer Roms und als Redner wie als +Rechtskenner gleich ausgezeichnet, schickte sich an, den Prätendenten in Leukä +zu belagern, ließ aber während der Vorbereitungen dazu von dem allzu gering +geschätzten Gegner sich überraschen und schlagen und ward selbst von einem +thrakischen Haufen gefangen. Den Triumph aber, den Oberfeldherrn Roms als +Gefangenen zur Schau zu stellen, gönnte er einem solchen Feinde nicht; er +reizte die Barbaren, die ihn ergriffen hatten, ohne ihn zu kennen, ihm den Tod +zu geben (Anfang 624 130), und erst als Leiche ward der Konsular erkannt. Mit +ihm, wie es scheint, fiel König Ariarathes von Kappadokien. Indes ward +Aristonikos nicht lange nach diesem Siege von Crassus’ Nachfolger Marcus +Perpenna überfallen, sein Heer zersprengt, er selbst in Stratonikeia belagert +und gefangen und bald darauf in Rom hingerichtet. Die Unterwerfung der letzten, +noch Widerstand leistenden Städte und die definitive Regulierung der Landschaft +übernahm nach Perpennas plötzlichem Tode Manius Aquillius (625 129). Man +verfuhr ähnlich wie im karthagischen Gebiet. Der östliche Teil des +Attalidenreichs ward den Klientelkönigen überwiesen, um die Römer von dem +Grenzschutz und damit von der Notwendigkeit einer stehenden Besatzung in Asien +zu befreien; Telmissos kam an die lykische Eidgenossenschaft; die europäischen +Besitzungen in Thrakien wurden zu der Provinz Makedonien geschlagen; das übrige +Gebiet ward als neue römische Provinz eingerichtet, der gleich der +karthagischen nicht ohne Absicht der Name des Weltteils beigelegt ward, in, dem +sie lag. Die Steuern, die nach Pergamon gezahlt worden waren, wurden dem Lande +erlassen und dasselbe mit gleicher Milde behandelt wie Hellas und Makedonien. +So ward der ansehnlichste kleinasiatische Staat eine römische Vogtei. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +^15 Mehrere vor kurzem (SB München, 1860, S. 180f.) bekannt gewordene Schreiben +der Könige Eumenes II. und Attalos II. an den Priester von Pessinus, welcher +durchgängig Attis heißt (vgl. Polyb. 22, 20), erläutern diese Verhältnisse sehr +anschaulich. Das älteste derselben und das einzige datierte, geschrieben im 34. +Regierungsjahre des Eumenes am siebten Tage vor dem Ende des Gorpiäos, also +590/91 der Stadt (164/63), bietet dem Priester militärische Hilfe an, um den +(sonst nicht bekannten) Pesongern von ihnen besetztes Tempelland zu entreißen. +Das folgende, ebenfalls noch von Eumenes, zeigt den König als Partei in der +Fehde zwischen dem Priester von Pessinus und dessen Bruder Aiorix. Ohne Zweifel +gehörten beide Handlungen des Eumenes zu denjenigen, die in den Jahren 590f. +(164) in Rom zur Anzeige kamen als Versuche desselben, sich in die gallischen +Angelegenheiten auch fernerhin zu mengen und dort seine Parteigenossen zu +stützen (Polyb. 31, 6, 9; 32, 3, 5). Dagegen geht aus einem der Schreiben +seines Nachfolgers Attalos hervor, wie sich die Zeiten geändert und die Wünsche +herabgestimmt hatten. Der Priester Attis scheint auf einer Zusammenkunft in +Apameia von Attalos abermals die Zusage bewaffneter Hilfe erhalten zu haben; +nachher aber schreibt ihm der König, daß in einem deswegen abgehaltenen +Staatsrat, dem Athenäos (sicher der bekannte Bruder des Königs), Sosandros, +Menogenes, Chloros und andere Verwandte (αναγκαίοι) beigewohnt hätten, nach +langem Schwanken endlich die Majorität dem Chloros dahin beigetreten sei, daß +nichts geschehen dürfe, ohne die Römer vorher zu befragen; denn selbst wenn ein +Erfolg erreicht werde, setzte man sich dem Wiederverlust und dem bösen Verdacht +aus, “den sie auch gegen den Bruder” (Eumenes II.) “gehegt +hätten”. +</p> + +<p> +^16 In demselben Testament gab der König seiner Stadt Pergamon die +“Freiheit”, das heißt die δημοκρατία, das städtische +Selbstregiment. Laut einer merkwürdigen, kürzlich dort gefundenen Urkunde +(Römisches Staatsrecht, Bd. 3, 3. Aufl., S. 726) beschloß nach Eröffnung des +Testaments, aber vor dessen Bestätigung durch die Römer der also konstituierte +Demos den bisher vom Bürgerrecht ausgeschlossenen Klassen der Bevölkerung, +insbesondere den im Zensus aufgeführten Paröken und den in Stadt und Land +wohnhaften Soldaten, auch den Makedoniern, das städtische Bürgerrecht zu +verleihen, um also ein gutes Einverständnis in der gesamten Bevölkerung +herbeizuführen. Offenbar wollte die Bürgerschaft, indem sie die Römer vor die +vollendete Tatsache dieser umfassenden Ausgleichung stellte, vor dem +eigentlichen Eintreten der römischen Herrschaft sich gegen dieselbe in +Verfassung setzen und den fremden Gebietern die Möglichkeit nehmen, die +Rechtsverschiedenheiten innerhalb der Bevölkerung zur Sprengung der +Gemeindefreiheit zu benutzen. +</p> + +<p> +^17 Diese seltsamen “Heliopoliten” sind, nach der mir von einem +Freunde geäußerten wahrscheinlichen Meinung, so zu fassen, daß die befreiten +Sklaven als Bürger einer umgenannten oder auch vielleicht für jetzt nur +gedachten Stadt Heliopolis sich konstituierter, die ihren Namen von dem in +Syrien hochverehrten Sonnengott empfing. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Die zahlreichen andern Kleinstaaten und Städte Vorderasiens, das Königreich +Bithynien, die paphlagonischen und gallischen Fürstentümer, die lykische und +die pamphylische Eidgenossenschaft, die Freistädte Kyzikos und Rhodos blieben +in ihren bisherigen beschränkten Verhältnissen bestehen. +</p> + +<p> +Jenseits des Halys befolgte Kappadokien, nachdem König Ariarathes V. Philopator +(591 - 624 136 - 130), hauptsächlich durch Hilfe der Attaliden, sich gegen +seinen von Syrien unterstützten Bruder und Nebenbuhler Holophernes behauptet +hatte, wesentlich die pergamenische Politik, sowohl in der unbedingten +Hingebung an Rom als in der Richtung auf hellenische Bildung. Durch ihn drang +diese ein in das bis dahin fast barbarische Kappadokien und freilich auch +sogleich ihre Auswüchse, wie der Bakchosdienst und das wüste Treiben der +wandernden Schauspielertruppen, der sogenannten “Künstler”. Zum +Lohn der Treue gegen Rom, die dieser Fürst in dem Kampfe gegen den +pergamenischen Prätendenten mit seinem Leben bezahlt hatte, ward sein +unmündiger Erbe Ariarathes VI. nicht nur gegen die von dem König von Pontos +versuchte Usurpation durch die Römer geschirmt, sondern ihm auch der +südöstliche Teil des Attalidenreiches gegeben, Lykaorien nebst der östlich +daran grenzenden, .in älterer Zeit zu Kilikien gerechneten Landschaft. +</p> + +<p> +Endlich im fernen Nordosten Kleinasiens gelangte “Kappadokien am +Meer” oder kurzweg der “Meerstaat”, Pontos, zu steigender +Ausdehnung und Bedeutung. Nicht lange nach der Schlacht von Magnesia hatte +König Pharnakes I. sein Gebiet weit über den Halys bis nach Tios an, der +bithynischen Grenze ausgedehnt und namentlich des reichen Sinope sich +bemächtigt, das aus einer griechischen Freistadt dieser Könige Residenz ward. +Zwar hatten die durch diese Übergriffe gefährdeten Nachbarstaaten, König +Eumenes II. an ihrer Spitze, deswegen Krieg gegen ihn geführt (571-575 183-179) +und unter römischer Vermittlung das Versprechen von ihm erzwungen, Galatien und +Paphlagonien zu räumen; allein der Verlauf der Ereignisse zeigt, daß Pharnakes +sowie sein Nachfolger Mithradates V. Euergetes (598 ? - 634 156 - 120), treue +Bundesgenossen Roms im Dritten Punischen Krieg sowie in dem gegen Aristonikos, +nicht bloß jenseits des Halys sitzen geblieben sind, sondern auch der Sache +nach die Schutzherrlichkeit über die paphlagonischen und galatischen Dynasten +behalten haben. Nur unter dieser Voraussetzung ist es erklärlich, wie +Mithradates, angeblich wegen seiner tapferen Taten im Kriege gegen Aristonikos, +in der Tat für beträchtliche an den römischen Feldherrn gezahlte Summen, von +demselben nach Auflösung des Attalischen Reiches Großphrygien empfangen konnte. +Wie weit andererseits gegen den Kaukasus und die Euphratquellen das :Pontische +Reich sich um diese Zeit erstreckte, ist nicht genau zu bestimmen; doch scheint +es den westlichen Teil von Armenien um Enderes und Diwirigi oder das sogenannte +Klein-Armenien als abhängige Satrapie umfaßt zu haben, während Groß -Armenien +und Sophene eigene unabhängige Reiche bildeten. +</p> + +<p> +Wenn also auf der kleinasiatischen Halbinsel wesentlich Rom das Regiment führte +und, so vieles auch ohne und gegen seinen Willen geschah, doch den Besitzstand +im ganzen bestimmt, so blieben dagegen die weiten Strecken jenseits des Taurus +und des oberen Euphrat bis hinab zum Niltal in der Hauptsache sich selber +überlassen. Zwar der der Regulierung des Ostens von 565 (189) zugrunde gelegte +Satz, daß der Halys die Ostgrenze der römischen Klientel bilden solle, ward vom +Senat nicht eingehalten und trug auch die Unhaltbarkeit in sich selber. Der +politische Horizont ist Selbsttäuschung so gut wie der physische; wenn dem +Staate Syrien die Zahl der ihm gestatteten Kriegsschiffe und Kriegselefanten im +Friedensvertrag selbst normiert ward, wenn das syrische Heer auf Befehl des +römischen Senats das halb gewonnene Ägypten räumte, so lag da in die +vollständige Anerkennung der Hegemonie und der Klientel. Darum gingen denn auch +die Thronstreitigkeiten in Syrien wie in Ägypten zur Beilegung an die römische +Regierung. Dort stritten nach Antiochos Epiphanes’ Tode (590 164) der als +Geisel in Rom lebende Sohn Seleukos des vierten, Demetrios, später Soter +genannt, und des letzten Königs Antiochos Epiphanes unmündiger Sohn Antiochos +Eupator um die Krone; hier war von den beiden seit 584 (170) gemeinschaftlich +regierenden Brüdern der ältere Ptolemaeos Philometor (573-608 146-131) durch +den jüngeren Ptolemaeos Euergetes II. oder den Dicken († 637 117) aus dem Lande +getrieben worden (590 164) und, um seine Herstellung zu erwirken, persönlich in +Rom erschienen. Beide Angelegenheiten ordnete der Senat lediglich auf +diplomatischem Wege und wesentlich nach Maßgabe des römischen Vorteils. In +Syrien ward Antiochos Eupator mit Beseitigung des besser berechtigten Demetrios +als König anerkannt und mit der Führung der Vormundschaft über den königlichen +Knaben der römische Senator Gnaeus Octavius vom Senat beauftragt, welcher, wie +begreiflich, durchaus im römischen Interesse regierte, die Kriegsflotte und das +Elefantenheer dem Friedensvertrag von 565 (189) gemäß reduzierte und im besten +Zuge war, den militärischen Ruin des Landes zu vollenden. In Ägypten ward nicht +bloß Philometors Herstellung bewirkt, sondern auch, teils um dem Bruderzwist +ein Ziel zu setzen, teils um die noch immer ansehnliche Macht Ägyptens zu +schwächen, Kyrene vom Reich getrennt und Euergetes mit demselben abgefunden. +“Könige sind, wen die Römer wollen”, schrieb nicht lange nachher +ein jüdischer Mann, “und wen sie nicht wollen, den verjagen sie von Land +und Leuten”. Allein dies war für lange Zeit das letzte Mal, daß der +römische Senat in den Angelegenheiten des Ostens mit derjenigen Tüchtigkeit und +Tatkraft auftrat, welche er in den Verwicklungen mit Philippos, Antiochos und +Perseus durchgängig bewährt hatte. Der innerliche Verfall des Regiments wirkte +am spätesten, aber wirkte doch endlich auch zurück auf die Behandlung der +auswärtigen Angelegenheiten. Das Regiment ward unstet und unsicher; man ließ +die eben erfaßten Zügel erschlaffen und beinahe wieder fahren. Der +vormundschaftliche Regent von Syrien ward in Laodikeia ermordet; der +zurückgewiesene Prätendent Demetrios entfloh aus Rom und bemächtigte sich unter +dem dreisten Vorgeben, daß der römische Senat ihn dazu bevollmächtigt habe, +nach Beseitigung des königlichen Knaben der Regierung seines väterlichen +Reiches (592 162). Bald nachher brach zwischen den Königen von Ägypten und +Kyrene Krieg aus über den Besitz der Insel Kypros, welche der Senat zuerst dem +älteren, sodann dem jüngeren zugeschieden hatte, und im Widerspruch mit der +neuesten römischen Entscheidung blieb dieselbe schließlich bei Ägypten. So +wurde die römische Regierung, in der Fülle ihrer Macht und während des tiefsten +inneren und äußeren Friedens daheim, von den ohnmächtigen Königen des Ostens +mit ihren Dekreten verhöhnt, ihr Name gemißbraucht, ihr Mündel und ihr +Kommissar ermordet. Als siebzig Jahre zuvor die Illyriker in ähnlicher Weise +sich an römischen Abgeordneten vergriffen, hatte der damalige Senat dem +Ermordeten auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet und mit Heer und Flotte die +Mörder zur Verantwortung gezogen. Der Senat dieser Zeit ließ dem Gnaeus +Octavius gleichfalls ein Denkmal setzen, wie die Sitte der Väter es vorschrieb; +aber statt Truppen nach Syrien einzuschiffen, ward Demetrios als König des +Landes anerkannt - man war ja jetzt so mächtig, daß es überflüssig schien, die +Ehre zu wahren. Ebenso blieb nicht bloß Kypros trotz des entgegenstehenden +Senatsbeschlusses bei Ägypten, sondern als nach Philometors Tode (608 146) +Euergetes ihm nachfolgte und dadurch das geteilte Reich wiederum vereinigt +ward, ließ der Senat auch dies ungehindert geschehen. Nach solchen Vorgängen +war der römische Einfluß in diesen Landschaften tatsächlich gebrochen und +entwickelten sich die Verhältnisse daselbst zunächst ohne Zutun der Römer; doch +ist des weiteren Verlaufs der Dinge wegen es notwendig, auch jetzt den näheren +und selbst den ferneren Osten nicht völlig aus den Augen zu verlieren. +</p> + +<p> +Wenn in dem allerseits abgeschlossenen Ägypten der Status quo sich so leicht +nicht verschob, so gruppierten dagegen in Asien dies- und jenseits des Euphrat +während und zum Teil infolge dieser momentanen Stockung der römischen +Oberleitung die Völker und Staaten sich wesentlich anders. Jenseits der großen +iranischen Wüste hatten nicht lange nach Alexander dem Großen am Indus das +Reich von Palimbothra unter Tschandragupta (Sandrakottos), am oberen Oxus der +mächtige baktrische Staat, beide aus einer Mischung der nationalen Elemente und +der östlichsten Ausläufer hellenischer Zivilisation sich gebildet. Westwärts +von diesen begann das Reich Asien, das noch unter Antiochos dem Großen zwar +geschmälert, aber immer noch ungeheuer vom Hellespont bis zu den medischen und +persischen Landschaften sich erstreckte und das ganze Stromgebiet des Euphrat +und Tigris in sich schloß. Noch jener König hatte seine Waffen bis jenseits der +Wüste in das Gebiet der Parther und Baktrier getragen; erst unter ihm hatte der +gewaltige Staat angefangen sich aufzulösen. Nicht bloß Vorderasien war infolge +der Schlacht von Magnesia verloren worden; auch die gänzliche Lösung der beiden +Kappadokien und der beiden Armenien, des eigentlichen Armenien im Nordosten und +der Landschaft Sophene im Südwesten, und ihre Verwandlung in selbständige +Königreiche aus syrischen Lehnsfürstentümern, gehört dieser Zeit an. Von diesen +Staaten gelangte namentlich Großarmenien unter den Artaxiaden bald zu einer +ansehnlichen Stellung. Vielleicht noch gefährlichere Wunden schlug dem Reiche +seines Nachfolgers Antiochos Epiphanes (579-590 175-164) törichte +Nivellierungspolitik. So richtig es auch war, daß sein Reich mehr einem +Länderbündel als einem Staate glich und daß die Verschiedenheiten der +Nationalitäten und der Religionen der Untertanen der Regierung die +wesentlichsten Hindernisse bereitete, so war doch der Plan, hellenisch-römische +Weise und hellenisch-römischen Kultus überall in seinem Lande einzuführen und +seine Völker in politischer wie in religiöser Hinsicht auszugleichen unter +allen Umständen eine Torheit, auch abgesehen davon, daß dieser karikierte +Joseph II. persönlich einem solchen gigantischen Beginnen nichts weniger als +gewachsen war und durch Tempelplünderung im großartigsten Maßstab und die +tollste Ketzerverfolgung seine Reformen in der übelsten Weise einleitete. Die +eine Folge hiervon war, daß die Bewohner der Grenzprovinz gegen Ägypten, die +Juden, sonst bis zur Demütigkeit fügsame und äußerst tätige und betriebsame +Leute, durch den systematischen Religionszwang zur offenen Empörung gedrängt +wurden (um 587 167). Die Sache kam an den Senat, und da derselbe eben damals +teils gegen Demetrios Soter mit gutem Grund erbittert war, teils eine +Verbindung der Attaliden und Seleukiden besorgte, überhaupt aber die +Herstellung einer Mittelmacht zwischen Syrien und Ägypten im Interesse Roms +lag, so machte er keine Schwierigkeit, die Freiheit und Autonomie der +insurgierten Nation sofort anzuerkennen (um 593 161). Indes geschah doch von +Rom für die Juden nur, was man tun konnte, ohne sich selber zu bemühen; trotz +der Klausel des zwischen den Römern und den Juden abgeschlossenen Vertrags, die +den Juden, im Fall sie angegriffen würden, den Beistand Roms versprach, und +trotz des an die Könige von Syrien und Ägypten gerichteten Verbots, ihre +Truppen durch das jüdische Land zu führen, blieb es natürlich lediglich jenen +selbst überlassen, der syrischen Könige sich zu erwehren. Mehr als die Briefe +ihrer mächtigen Verbündeten tat für sie die tapfere und umsichtige Leitung des +Aufstandes durch das Heldengeschlecht der Makkabäer und die innere +Zerrissenheit des Syrischen Reiches: während des Haders zwischen den syrischen +Königen Tryphon und Demetrios Nikator ward den Juden die Autonomie und +Steuerfreiheit förmlich zugestanden (612 142) und bald darauf sogar das Haupt +des Makkabäerhauses, Simon, des Mattathias Sohn, von der Nation wie von dem +syrischen Großkönig als Hochpriester und Fürst Israels förmlich anerkannt ^18 +(615 139). +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +^18 Von ihm rühren die Münzen her mit der Aufschrift “Shekel +Israel” und der Jahreszahl des “heiligen Jerusalem” oder +“der Erlösung Sions”. Die ähnlichen mit dem Namen Simons, des +Fürsten (Nessi) Israel, gehören nicht ihm, sondern dem Insurgentenführer Bar +Kochba unter Hadrian. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +Folgenreicher noch als diese Insurrektion der Israeliten war die gleichzeitig +und wahrscheinlich aus gleicher Ursache entstandene Bewegung in den östlichen +Landschaften, wo Antiochos Epiphanes die Tempel der persischen Götter nicht +minder leerte wie den von Jerusalem und dort den Anhängern des Ahuramazda und +des Mithra es nicht besser gemacht haben wird wie hier denen des Jehova. Wie in +Judäa, nur in weiterem Umfang und in großartigeren Verhältnissen, war das +Ergebnis eine Reaktion der einheimischen Weise und der einheimischen Religion +gegen den Hellenismus und die hellenischen Götter; die Träger dieser Bewegung +waren die Parther und aus ihr entsprang das große Partherreich. Die +“Parthwa” oder Parther, die als eine der zahllosen in das große +Perserreich aufgegangenen Völkerschaften früh, zuerst im heutigen Khorasan +südöstlich vom Kaspischen Meere begegnen, erscheinen schon seit 500 (250) unter +dem skythischen, das heißt turanischen Fürstengeschlecht der Arsakiden als ein +selbständiger Staat, der indes erst ein Jahrhundert später aus seiner +Dunkelheit hervortrat. Der sechste Arsakes, Mithradates I. (579? - 618? +175-136), ist der eigentliche Gründer der parthischen Großmacht. Ihm erlag das +an sich weit mächtigere, aber teils durch die Fehden mit den skythischen +Reiterscharen von Turan und mit den Staaten am Indus, teils durch innere Wirren +bereits in allen Fugen erschütterte Baktrische Reich. Fast gleiche Erfolge +errang er in den Landschaften westlich von der großen Wüste. Das Syrische Reich +war eben damals, teils infolge der verfehlten Hellenisierungsversuche des +Antiochos Epiphanes, teils durch die nach dessen Tode eintretenden +Sukzessionswirren, aufs tiefste zerrüttet und die inneren Provinzen im vollen +Zuge, sich von Antiocheia und der Küstenlandschaft abzulösen; in Kommagene zum +Beispiel, der nördlichsten Landschaft Syriens an der kappadokischen Grenze, +machte der Satrap Ptolemaeos, auf dem entgegengesetzten Ufer des Euphrat im +nördlichen Mesopotamien oder der Landschaft Osrhoene der Fürst von Edessa, in +der wichtigen Provinz Medien der Satrap Timarchos sich unabhängig; ja der +letztere ließ sich vom römischen Senat seine Unabhängigkeit bestätigen und +herrschte, gestützt auf das verbündete Armenien, bis hinab nach Seleukeia am +Tigris. Unordnungen dieser Art waren im Asiatischen Reiche in Permanenz, sowohl +die Provinzen unter ihren halb oder ganz unabhängigen Satrapen in ewigem +Aufstand als auch die Hauptstadt mit ihrem gleich dem römischen und dem +alexandrinischen zuchtlosen und widerspenstigen Pöbel. Die gesamte Meute der +Nachbarkönige, Ägypten, Armenien, Kappadokien, Pergamon, mengte unaufhörlich +sich in die Angelegenheiten Syriens und nährte die Erbfolgestreitigkeiten, so +daß der Bürgerkrieg und die faktische Teilung der Herrschaft unter zwei oder +mehr Prätendenten fast zur stehenden Landplage ward. Die römische Schutzmacht, +wenn sie die Nachbarn nicht aufstiftete, sah untätig zu. Zu allem diesem +drängte von Osten her das neue Partherreich, nicht bloß mit seiner materiellen +Macht, sondern auch mit dem ganzen Übergewicht seiner nationalen Sprache und +Religion, seiner nationalen Heer- und Staatsverfassung auf die Fremdlinge ein. +Es ist hier noch nicht der Ort dies regenerierte Kyrosreich zu schildern; es +genügt im allgemeinen, daran zu erinnern, daß, so mächtig auch in ihm noch der +Hellenismus auftritt, dennoch der parthische Staat, verglichen mit dem der +Seleukiden, auf einer nationalen und religiösen Reaktion beruht und die alte +iranische Sprache, der Magierstand und der Mithrasdienst, die orientalische +Lehnsverfassung, die Reiterei der Wüste und Pfeil und Bogen hier zuerst dem +Hellenismus wieder übermächtig entgegentraten. Die Lage der Reichskönige diesem +allem gegenüber war in der Tat beklagenswert. Das Geschlecht der Seleukiden war +keineswegs so entnervt wie zum Beispiel das der Lagiden, und einzelnen +derselben mangelte es nicht an Tapferkeit und Fähigkeit; sie wiesen auch wohl +den einen oder den andern jener zahllosen Rebellen, Prätendenten und +Intervenienten in seine Schranken zurück; aber es fehlte ihrer Herrschaft so +sehr an einer festen Grundlage, daß sie dennoch der Anarchie nicht auch nur +vorübergehend zu steuern vermochten. Das Ergebnis war denn, was es sein mußte. +Die östlichen Landschaften Syriens unter ihren unbeschützten oder gar +aufrührerischen Satrapen gerieten unter parthische Botmäßigkeit; Persien, +Babylonien, Medien wurden auf immer vom Syrischen Reiche getrennt; der neue +Staat der Parther reichte zu beiden Seiten der großen Wüste vom Oxus und +Hindukusch bis zum Tigris und zur Arabischen Wüste, wiederum gleich dem +Perserreich und all den älteren asiatischen Großstaaten eine reine +Kontinentalmonarchie und wiederum eben gleich dem Perserreich in ewiger Fehde +begriffen einerseits mit den Völkern von Turan, andererseits mit den +Okzidentalen. Der Syrische Staat umfaßte außer der Küstenlandschaft höchstens +noch Mesopotamien und verschwand, mehr noch infolge seiner inneren Zerrüttung +als seiner Verkleinerung, auf immer aus der Reihe der Großstaaten. Wenn die +mehrfach drohende gänzliche Unterjochung des Landes durch die Parther +unterblieb, so ist dies nicht der Gegenwehr der letzten Seleukiden, noch +weniger dem Einfluß Roms zuzuschreiben, sondern vielmehr den vielfältigen +inneren Unruhen im Partherreiche selbst und vor allem den Einfällen der +turanischen Steppenvölker in dessen östliche Landschaften. +</p> + +<p> +Diese Umwandlung der Völkerverhältnisse im inneren Asien ist der Wendepunkt in +der Geschichte des Altertums. Auf die Völkerflut, die bisher von Westen nach +Osten sich ergossen und in dem großen Alexander ihren letzten und höchsten +Ausdruck gefunden hatte, folgt die Ebbe. Seit der Partherstaat besteht, ist +nicht bloß verloren, was in Baktrien und am Indus etwa noch von hellenischen +Elementen sich erhalten haben mochte, sondern auch das westliche Iran weicht +wieder zurück in das seit Jahrhunderten verlassene, aber noch nicht verwischte +Geleise. Der römische Senat opfert das erste wesentliche Ergebnis der Politik +Alexanders und leitet damit jene rückläufige Bewegung ein, deren letzte +Ausläufer im Alhambra von Granada und in der Großen Moschee von Konstantinopel +endigen. Solange noch das Land von Ragä und Persepolis bis zum Mittelmeer dem +König von Antiochia gehorchte, erstreckte auch Roms Macht sich bis an die +Grenze der großen Wüste; der Partherstaat, nicht weil er so gar mächtig war, +sondern weil er seinen Schwerpunkt fern von der Küste, im inneren Asien fand, +konnte niemals eintreten in die Klientel des Mittelmeerreiches. Seit Alexander +hatte die Welt den Okzidentalen allein gehört und schien der Orient für diese +nur zu sein, was später Amerika und Australien für die Europäer wurden; mit +Mithradates I. trat dieser wieder ein in den Kreis der politischen Bewegung. +Die Welt hatte wieder zwei Herren. +</p> + +<p> +Es ist noch übrig, auf die maritimen Verhältnisse dieser Zeit einen Blick zu +werfen, obwohl darüber sich kaum etwas anderes sagen läßt, als daß es nirgends +mehr eine Seemacht gab. Karthago war vernichtet, Syriens Kriegsflotte +vertragsmäßig zugrunde gerichtet, Ägyptens einst so gewaltige Kriegsmarine +unter seinen gegenwärtigen schlaffen Regenten in tiefem Verfall. Die kleineren +Staaten und namentlich die Kaufstädte hatten wohl einige bewaffnete Fahrzeuge, +aber sie genügten nicht einmal für die im Mittelmeere so schwierige +Unterdrückung des Seeraubs. Mit Notwendigkeit fiel diese Rom zu als der +führenden Macht im Mittelmeer. Wie ein Jahrhundert zuvor die Römer eben hierin +mit besonderer und wohltätiger Entschiedenheit aufgetreten waren und namentlich +im Osten ihre Suprematie zunächst eingeführt hatten durch die zum allgemeinen +Besten energisch gehandhabte Seepolizei, ebenso bestimmt bezeichnet die +vollständige Nichtigkeit derselben schon im Beginn dieser Periode den furchtbar +raschen Verfall des aristokratischen Regiments. Eine eigene Flotte besaß Rom +nicht mehr; man begnügte sich, wenn es nötig schien, von den italischen, den +kleinasiatischen und den sonstigen Seestädten Schiffe einzufordern. Die Folge +war natürlich, daß das Flibustierwesen sich organisierte und konsolidierte. Zu +dessen Unterdrückung geschah nun wohl, wenn nicht genug, so doch etwas, soweit +die unmittelbare Macht der Römer reichte, im Adriatischen und Tyrrhenischen +Meer. Die gegen die dalmatischen und ligurischen Küsten in dieser Epoche +gerichteten Expeditionen bezweckten namentlich die Unterdrückung des Seeraubs +in den beiden italischen Meeren; aus gleichem Grunde wurden im Jahre 631 (123) +die Balearischen Inseln besetzt. Dagegen in den mauretanischen und den +griechischen Gewässern blieb es den Anwohnern und den Schiffern überlassen, mit +den Korsaren auf die eine oder die andere Weise sich abzufinden, da die +römische Politik daran festhielt sich um diese entfernteren Gegenden so wenig +wie irgend möglich zu kümmern. Die zerrütteten und bankerotten Gemeinwesen in +den also sich selbst überlassenen Küstenstaaten wurden hierdurch natürlich zu +Freistätten der Korsaren; und an solchen fehlte es namentlich in Asien nicht. +Am ärgsten sah es in dieser Hinsicht aus auf Kreta, das durch eine glückliche +Lage und die Schwäche oder Schlaffheit der Großstaaten des Westens und Ostens +allein unter allen griechischen Ansiedlungen seine Unabhängigkeit bewahrt +hatte; die römischen Kommissionen kamen und gingen freilich auch auf dieser +Insel, aber richteten hier noch weniger aus als selbst in Syrien und Ägypten. +Fast schien es aber, als habe das Schicksal den Kretern die Freiheit nur +gelassen um zu zeigen, was herauskomme bei der hellenischen Unabhängigkeit. Es +war ein schreckliches Bild. Die alte dorische Strenge der Gemeindeordnungen war +ähnlich wie in Tarent umgeschlagen in eine wüste Demokratie, der ritterliche +Sinn der Bewohner in eine wilde Rauf- und Beutegier; ein achtbarer Hellene +selbst bezeugt es, daß allein auf Kreta nichts für schimpflich gelte, was +einträglich sei, und noch der Apostel Paulus führt billigend den Spruch eines +kretischen Dichters an: “Lügner sind all, Faulranzen, unsaubere Tiere die +Kreter.” Die ewigen Bürgerkriege verwandelten trotz der römischen +Friedensstiftungen auf der alten “Insel der hundert Städte” eine +blühende Ortschaft nach der andern in Ruinenhaufen. Ihre Bewohner +durchstreiften als Räuber die Heimat und die Fremde, die Länder und die Meere; +die Insel ward der Werbeplatz für die umliegenden Königreiche, seit dieser +Unfug im Peloponnes nicht mehr geduldet ward, und vor allem der rechte Sitz der +Piraterie, wie denn zum Beispiel um diese Zeit die Insel Siphnos durch eine +kretische Korsarenflotte völlig ausgeraubt ward. Rhodos, das ohnehin von dem +Verlust seiner Besitzungen auf dem Festland und den seinem Handel zugefügten +Schlägen sich nicht zu erholen vermochte, vergeudete seine letzten Kräfte in +den Kriegen, die es zur Unterdrückung der Piraterie gegen die Kreter zu führen +sich genötigt sah (um 600 150) und in denen die Römer zwar zu vermitteln +suchten, indes ohne Ernst und, wie es scheint, ohne Erfolg. +</p> + +<p> +Neben Kreta fing bald auch Kilikien an, für diese Flibustierwirtschaft eine +zweite Heimat zu werden; und es war nicht bloß die Ohnmacht der syrischen +Herrscher, die ihr hier Vorschub tat: der Usurpator Diodotos Tryphon, der sich +vom Sklaven zum König Syriens aufgeschwungen hatte (608-615 146-139), förderte, +um durch Korsarenhilfe seinen Thron zu befestigen, in seinem Hauptsitz, dem +Rauhen oder westlichen Kilikien, mit allen Mitteln von oben herab die +Piraterie. Der ungemein gewinnbringende Verkehr mit den Piraten, die zugleich +die hauptsächlichsten Sklavenfänger und Sklavenhändler waren, verschaffte ihnen +bei dem kaufmännischen Publikum, sogar in Alexandreia, Rhodos und Delos eine +gewisse Duldung, an der selbst die Regierungen wenigstens durch Passivität sich +beteiligten. Das Übel ward so ernsthaft, daß der Senat um 611 (143) seinen +besten Mann, Scipio Aemilianus, nach Alexandreia und Syrien sandte, um an Ort +und Stelle zu ermitteln, was sich dabei tun lasse. Allein diplomatische +Vorstellungen der Römer machten die schwachen Regierungen nicht stark; es gab +keine andere Abhilfe als geradezu eine Flotte in diesen Gewässern zu +unterhalten, wozu es wieder der römischen Regierung an Energie und Konsequenz +gebrach. So blieb eben alles beim alten, die Piratenflotte die einzige +ansehnliche Seemacht im Mittelmeere, der Menschenfang das einzige daselbst +blühende Gewerbe. Die römische Regierung sah den Dingen zu, die römischen +Kaufleute aber standen als die besten Kunden auf dem Sklavenmarkt mit den +Piratenkapitänen als den bedeutendsten Großhändlern in diesem Artikel auf Delos +und sonst in regem und freundlichem Geschäftsverkehr. +</p> + +<p> +Wir haben die Umgestaltung der äußeren Verhältnisse Roms und der +römisch-hellenischen Welt überhaupt in ihren Umrissen von der Schlacht bei +Pydna bis auf die Gracchenzeit, vom Tajo und vom Bagradas zum Nil und zum +Euphrat begleitet. Es war eine große und schwierige Aufgabe, die Rom mit dem +Regimente dieser römisch-hellenischen Welt übernahm; sie ward nicht völlig +verkannt, aber keineswegs gelöst. Die Unhaltbarkeit des Gedankens der +catonischen Zeit, den Staat auf Italien zu beschränken und außerhalb Italiens +nur durch Klientel zu herrschen, ward von den leitenden Männern der folgenden +Generation wohl begriffen und wohl die Notwendigkeit eingesehen, an die Stelle +dieses Klientelregiments eine die Gemeindefreiheiten wahrende, unmittelbare +Herrschaft Roms zu setzen. Allein statt diese neue Ordnung fest, rasch und +gleichmäßig durchzuführen, wurden einzelne Landschaften eingezogen, wo eben +Gelegenheit, Eigensinn, Nebenvorteil und Zufall dazu führten, wogegen der +größere Teil des Klientelgebiets entweder in der unerträglichen Halbheit seiner +bisherigen Stellung verblieb oder gar, wie namentlich Syrien, sich gänzlich dem +Einfluß Roms entzog. Aber auch das Regiment selbst ging mehr und mehr auf in +einem schwächlichen und kurzsichtigen Egoismus. Man begnügte sich von heute auf +morgen zu regieren und nur eben die laufenden Geschäfte notdürftig zu +erledigen. Man war gegen die Schwachen der strenge Herr - als die Stadt Mylasa +in Karien dem Publius Crassus Konsul 623 (131) zur Erbauung eines Sturmbocks +einen andern Balken als den verlangten sandte, ward der Vorstand der Stadt +deswegen ausgepeitscht; und Crassus war kein schlechter Mann und ein streng +rechtlicher Beamter. Dagegen ward die Strenge da vermißt, wo sie an ihrem Platz +gewesen wäre, wie gegen die angrenzenden Barbaren und gegen die Piraten. Indem +die Zentralregierung auf jede Oberleitung und jede Übersicht der +Provinzialverhältnisse Verzicht tat, gab sie dem jedesmaligen Vogt nicht bloß +die Interessen der Untertanen, sondern auch die des Staates vollständig preis. +Die spanischen Vorgänge, unbedeutend an sich, sind hierfür belehrend. Hier, wo +die Regierung weniger als in den übrigen Provinzen sich auf die bloße +Zuschauerrolle beschränken konnte, wurde nicht bloß von den römischen +Statthaltern das Völkerrecht geradezu mit Füßen getreten und durch eine Wort- +und Treulosigkeit sondergleichen, durch das frevelhafteste Spiel mit +Kapitulationen und Verträgen, durch Niedermetzelung untertäniger Leute und +Mordanstiftung gegen die feindlichen Feldherren die römische Ehre dauernd im +Kote geschleift, sondern es ward auch gegen den ausgesprochenen Willen der +römischen Oberbehörde Krieg geführt und Friede geschlossen und aus +unbedeutenden Vorfällen; wie zum Beispiel dem Ungehorsam der Numantiner, durch +eine seltene Vereinigung von Verkehrtheit und Verruchtheit eine für den Staat +verhängnisvolle Katastrophe entwickelt. Und das alles geschah, ohne daß in Rom +auch nur eine ernstliche Bestrafung deswegen verfügt ward. Über die Besetzung +der wichtigsten Stellen und die Behandlung der bedeutendsten politischen Fragen +entschieden nicht bloß die Sympathien und Rivalitäten der verschiedenen +Senatskoterien mit, sondern es fand selbst schon das Gold der auswärtigen +Dynasten Eingang bei den Ratsherren von Rom. Als der erste, der mit Erfolg +versuchte, den römischen Senat zu bestechen, wird Timarchos genannt, der +Gesandte des Königs Antiochos Epiphanes von Syrien († 590 164); bald wurde die +Beschenkung einflußreicher Senatoren durch auswärtige Könige so gewöhnlich, daß +es auffiel, als Scipio Aemilianus die im Lager vor Numantia ihm von dem König +von Syrien zugekommenen Gaben in die Kriegskasse einwarf. Durchaus ließ man den +alten Grundsatz fallen, daß der Lohn der Herrschaft einzig die Herrschaft und +die Herrschaft ebensosehr eine Pflicht und eine Last wie ein Recht und ein +Vorteil sei. So kam die neue Staatswirtschaft auf, welche von der Besteuerung +der Bürger absah und dagegen die Untertanenschaft als einen nutzbaren Besitz +der Gemeinde teils von Gemeinde wegen ausbeutete, teils der Ausbeutung durch +die Bürger überlieferte; nicht bloß wurde dem rücksichtslosen Geldhunger des +römischen Kaufmanns in der Provinzialverwaltung mit frevelhafter Nachgiebigkeit +Spielraum gestattet, sondern es wurden sogar die ihm mißliebigen Handelsrivalen +durch die Heere des Staats aus dem Wege geräumt und die herrlichsten Städte der +Nachbarländer nicht der Barbarei der Herrschsucht, sondern der weit +scheußlicheren Barbarei der Spekulation geopfert. Durch den Ruin der älteren, +der Bürgerschaft allerdings schwere Opfer auferlegenden Kriegsordnung grub der +am letzten Ende doch nur auf seinem militärischen Übergewicht ruhende Staat +sich selber die Stütze ab. Die Flotte ließ man ganz eingehen, das +Landkriegswesen in der unglaublichsten Weise verfallen. Die Bewachung der +asiatischen und afrikanischen Grenzen wurde auf die Untertanen abgewälzt und +was man nicht von sich abwälzen konnte, wie die italische, makedonische und +spanische Grenzverteidigung, in der elendesten Weise verwaltet. Die besseren +Klassen fingen an so sehr aus dem Heere zu verschwinden, daß es schon schwer +hielt, für die spanischen Heere die erforderliche Anzahl von Offizieren +aufzutreiben. Die immer steigende Abneigung namentlich gegen den spanischen +Kriegsdienst in Verbindung mit der von den Beamten bei der Aushebung bewiesenen +Parteilichkeit nötigten im Jahre 602 (152) zum Aufgeben der alten Übung, die +Auswahl der erforderlichen Anzahl Soldaten aus der dienstpflichtigen Mannschaft +dem freien Ermessen der Offiziere zu überlassen, und zu deren Ersetzung durch +das Losen der sämtlichen Dienstpflichtigen - sicher nicht zum Vorteil des +militärischen Gemeingeistes und der Kriegstüchtigkeit der einzelnen +Abteilungen. Die Behörden, statt mit Strenge durchzugreifen, erstreckten die +leidige Volksschmeichelei auch hierauf mit: wenn einmal ein Konsul für den +spanischen Dienst pflichtmäßig strenge Aushebungen veranstaltete, so machten +die Tribune Gebrauch von ihrem verfassungsmäßigen Recht, ihn zu verhaften (603, +616 151,138); und es ward schon bemerkt, daß Scipios Ansuchen, ihm für den +Numantinischen Krieg die Aushebung zu gestatten, vom Senat geradezu +abgeschlagen ward. Schon erinnern denn auch die römischen Heere vor Karthago +oder Numantia an jene syrischen Armeen, in denen die Zahl der Bäcker, Köche, +Schauspieler und sonstigen Nichtkombattanten die der sogenannten Soldaten um +das Vierfache überstieg; schon geben die römischen Generale ihren karthagischen +Kollegen in der Heerverderbekunst wenig nach und werden die Kriege in Afrika +wie in Spanien, in Makedonien wie in Asien regelmäßig mit Niederlagen eröffnet; +schon schweigt man still zu der Ermordung des Gnaeus Octavius, schon ist +Viriathus’ Meuchelmord ein Meisterwerk der römischen Diplomatie, schon +die Eroberung von Numantia eine Großtat. Wie völlig der Begriff von Volks- und +Mannesehre bereits den Römern abhanden gekommen war, zeigte mit +epigrammatischer Schärfe die Bildsäule des entkleideten und gebundenen +Mancinus, welche dieser selbst, stolz auf seine patriotische Aufopferung, in +Rom sich setzen ließ. Wohin man den Blick auch wendet, findet man Roms innere +Kraft wie seine äußere Macht in raschem Sinken. Der in Riesenkämpfen gewonnene +Boden wird in dieser Friedenszeit nicht erweitert, ja nicht einmal behauptet. +Das Weltregiment, schwer zu erringen, ist schwerer noch zu bewahren; jenes +hatte der römische Senat vermocht, an diesem ist er gescheitert. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap02"></a>KAPITEL II.<br/> +Die Reformbewegung und Tiberius Gracchus</h2> + +<p> +Ein volles Menschenalter nach der Schlacht von Pydna erfreute der römische +Staat sich der tiefsten, kaum hie und da an der Oberfläche bewegten Ruhe. Das +Gebiet dehnte über die drei Weltteile sich aus; der Glanz der römischen Macht +und der Ruhm des römischen Namens waren in dauerndem Steigen; aller Augen +ruhten auf Italien, alle Talente, aller Reichtum strömten dahin: eine goldene +Zeit friedlicher Wohlfahrt und geistigen Lebensgenusses schien dort beginnen zu +müssen. Mit Bewunderung erzählten sich die Orientalen dieser Zeit von der +mächtigen Republik des Westens, “die die Königreiche bezwang fern und +nah, und wer ihren Namen vernahm, der fürchtete sich; mit den Freunden und +Schutzbefohlenen aber hielt sie guten Frieden. Solche Herrlichkeit war bei den +Römern, und doch setzte keiner die Krone sich auf und prahlte keiner im +Purpurgewand; sondern wen sie Jahr um Jahr zu ihrem Herrn machten, auf den +hörten sie, und war bei ihnen nicht Neid noch Zwietracht.” +</p> + +<p> +So schien es in der Ferne; in der Nähe sahen die Dinge anders aus. Das Regiment +der Aristokratie war im vollen Zuge, sein eigenes Werk zu verderben. Nicht als +wären die Söhne und Enkel der Besiegten von Cannae und der Sieger von Zama so +völlig aus der Art ihrer Väter und Großväter geschlagen; es waren weniger +andere Menschen, die jetzt im Senate saßen, als eine andere Zeit. Wo eine +geschlossene Zahl alter Familien festgegründeten Reichtums und ererbter +staatsmännischer Bedeutung das Regiment führt, wird sie in den Zeiten der +Gefahr eine ebenso unvergleichlich zähe Folgerichtigkeit und heldenmütige +Opferfähigkeit entwickeln wie in den Zeiten der Ruhe kurzsichtig, eigensüchtig +und schlaff regieren - zu dem einen wie dem andern liegen die Keime im Wesen +der Erblichkeit und der Kollegialität. Der Krankheitsstoff war längst +vorhanden, aber ihn zu entwickeln bedurfte es der Sonne des Glückes. In Catos +Frage, was aus Rom werden solle, wenn es keinen Staat mehr zu fürchten haben +werde, lag ein tiefer Sinn. Jetzt war man so weit: jeder Nachbar, den man hätte +fürchten mögen, war politisch vernichtet, und von den Männern, welche unter der +alten Ordnung der Dinge, in der ernsten Schule des Hannibalischen Krieges +erzogen waren und aus denen der Nachklang jener gewaltigen Zeit bis in ihr +spätestes Alter noch widerhallte, rief der Tod einen nach dem andern ab, bis +endlich auch die Stimme des letzten von ihnen, des alten Cato, im Rathaus und +auf dem Marktplatz verstummte. Eine jüngere Generation kam an das Regiment, und +ihre Politik war eine arge Antwort auf jene Frage des alten Patrioten. Wie das +Untertanenregiment und die äußere Politik unter ihren Händen sich gestalteten, +ist bereits dargelegt worden. Womöglich noch mehr ließ man in den inneren +Angelegenheiten das Schiff vor dem Winde treiben; wenn man unter innerem +Regiment mehr versteht als die Erledigung der laufenden Geschäfte, so ward in +dieser Zeit überhaupt in Rom nicht regiert. Der einzige leitende Gedanke der +regierenden Korporation war die Erhaltung und womöglich Steigerung ihrer +usurpierten Privilegien. Nicht der Staat hatte für sein höchstes Amt ein +Anrecht auf den rechten und den besten Mann, sondern jedes Glied der +Kamaraderie ein angeborenes, weder durch unbillige Konkurrenz der +Standesgenossen noch durch Übergriffe der Ausgeschlossenen zu verkürzendes +Anrecht auf das höchste Staatsamt. Darum steckte die Clique zu ihrem +wichtigsten politischen Ziel sich die Beschränkung der Wiederwahl zum Konsulat +und die Ausschließung der “neuen Menschen”; es gelang denn auch in +der Tat, jene um das Jahr 603 (151) gesetzlich untersagt zu erhalten ^1 und +auszureichen mit einem Regiment adliger Nullitäten. Auch die Tatenlosigkeit der +Regierung nach außen hin hängt ohne Zweifel mit dieser gegen die Bürgerlichen +ausschließenden und gegen die einzelnen Standesglieder mißtrauischen +Adelspolitik zusammen. Man konnte gemeine Leute, deren Adelsbrief ihre Taten +waren, von den lauteren Kreisen der Aristokratie nicht sicherer fern halten, +als indem man überhaupt es keinem gestattete, Taten zu verrichten; auch würde +dem bestehenden Regiment der allgemeinen Mittelmäßigkeit selbst ein adliger +Eroberer Syriens oder Ägyptens schon unbequem gewesen sein. Allerdings fehlte +es auch jetzt an einer Opposition nicht, und sie war sogar bis zu einem +gewissen Grade erfolgreich. Man verbesserte die Rechtspflege. Die +Administrativjurisdiktion, wie der Senat sie entweder selbst oder gelegentlich +durch außerordentliche Kommissionen über die Provinzialbeamten ausübte, reichte +anerkanntermaßen nicht aus; es war eine für das ganze öffentliche Leben der +römischen Gemeinde folgenreiche Neuerung, daß im Jahre 605 (149) auf Vorschlag +des Lucius Calpurnius Piso eine ständige Senatorenkommission (quaestio +ordinaria) niedergesetzt ward, um die Beschwerden der Provinzialen gegen die +vorgesetzten römischen Beamten wegen Gelderpressung in gerichtlichen Formen zu +prüfen. Man suchte die Komitien von dem übermächtigen Einfluß der Aristokratie +zu emanzipieren. Die Panazee auch der römischen Demokratie war die geheime +Abstimmung in den Versammlungen der Bürgerschaft, welche zuerst für die +Magistratswahlen durch das Gabinische (615 139), dann für die Volksgerichte +durch das Cassische (617 137), endlich für die Abstimmung über Gesetzvorschläge +durch das Papirische Gesetz (623 131) eingeführt ward. In ähnlicher Weise +wurden bald nachher (um 625 129) die Senatoren durch Volksbeschluß angewiesen, +bei dem Eintritt in den Senat ihr Ritterpferd abzugeben und also auf den +bevorzugten Stimmplatz in den achtzehn Ritterzenturien zu verzichten. In diesen +auf die Emanzipation der Wählerschaft von dem regierenden Herrenstand +gerichteten Maßregeln mochte die Partei, die sie veranlaßte, vielleicht den +Anfang zu einer Regeneration des Staates erblicken; in der Tat ward dadurch in +der Nichtigkeit und Unfreiheit des gesetzlich höchsten Organs der römischen +Gemeinde auch nicht das mindeste geändert, ja dieselbe allen, die es anging und +nicht anging, nur noch handgreiflicher dargetan. Ebenso prahlhaftig und ebenso +eitel war die förmliche Anerkennung der Unabhängigkeit und Souveränität der +Bürgerschaft, welche ihr durch die Verlegung ihres Versammlungsplatzes von der +alten Dingstatt unter dem Rathaus auf den Marktplatz zuteil ward (um 609 145). +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +^1 Im Jahre 537 (217) wurde das die Wiederwahl zum Konsulat beschränkende +Gesetz auf die Dauer des Krieges in Italien (also bis 551 203) suspendiert +(Liv. 27, 6). Nach Marcellus’ Tode 546 (208) aber sind Wiederwahlen zum +Konsulat, wenn die abdizierenden Konsuln von 592 (162) nicht mitgerechnet +werden, überhaupt nur vorgekommen in den Jahren 547, 554, 560, 579, 585, 586, +591, 596, 599, 602 (207, 200, 194, 175, 169, 168, 163, 158, 155, 152); also +nicht öfter in diesen sechsundfünfzig als zum Beispiel in den zehn Jahren +401-410 (353-344). Nur eine von diesen, und eben die letzte, ist mit Verletzung +des zehnjährigen Intervalls erfolgt; und ohne Zweifel ist die seltsame Wahl des +Marcus Marcellus, Konsul 588 (166) und 599 (155), zum dritten Konsulat für 602 +(152), deren nähere Umstände wir nicht kennen, die Veranlassung der +gesetzlichen Untersagung der Wiederwahl zum Konsulat überhaupt (Liv. ep. 56) +geworden; zumal da dieser Antrag, als von Cato unterstützt (p. 55 Jordan), vor +605 (149) eingebracht worden sein muß. +</p> + +<p> +——————————————————- +</p> + +<p> +Aber diese Fehde der formalen Volkssouveränität gegen die tatsächlich +bestehende Verfassung war zum guten Teil scheinhafter Art. Die Parteiphrasen +prasselten und klirrten; von den Parteien selbst war in den wirklich und +unmittelbar praktischen Angelegenheiten wenig zu spüren. Das ganze siebente +Jahrhundert hindurch bildeten die jährlichen Gemeindewahlen zu den bürgerlichen +Ämtern, namentlich zum Konsulat und zur Zensur, die eigentlich stehende +Tagesfrage und den Brennpunkt des politischen Treibens; aber nur in einzelnen +seltenen Fällen waren in den verschiedenen Kandidaturen auch entgegengesetzte +politische Prinzipien verkörpert; regelmäßig blieben dieselben rein persönliche +Fragen und war es für den Gang der Angelegenheiten gleichgültig, ob die +Majorität der Wahlkörper dem Cäcilier oder dem Cornelier zufiel. Man entbehrte +also dessen, was die Übelstände des Parteilebens alle überträgt und vergütet, +der freien und gemeinschaftlichen Bewegung der Massen nach dem als zweckmäßig +erkannten Ziel, und duldete sie dennoch alle lediglich zum Frommen des kleinen +Spiels der herrschenden Koterien. +</p> + +<p> +Es war dem römischen Adligen verhältnismäßig leicht, die Ämterlaufbahn als +Quästor und Volkstribun zu betreten, aber die Erlangung des Konsulats und der +Zensur war auch ihm nur durch große und jahrelange Anstrengungen möglich. Der +Preise waren viele, aber der lohnenden wenige; die Kämpfer liefen, wie ein +römischer Dichter einmal sagt, wie in einer an den Schranken weiten, allmählich +mehr und mehr sich verengenden Bahn. Das war recht, solange das Amt war, wie es +hieß, eine “Ehre”, und militärische, politische, juristische +Kapazitäten wetteifernd um die seltenen Kränze warben; jetzt aber hob die +tatsächliche Geschlossenheit der Nobilität den Nutzen der Konkurrenz auf und +ließ nur ihre Nachteile übrig. Mit wenigen Ausnahmen drängten die den +regierenden Familien angehörenden jungen Männer sich in die politische +Laufbahn, und der hastige und unreife Ehrgeiz griff bald zu wirksameren +Mitteln, als nützliche Tätigkeit für das gemeine Beste war. Die erste Bedingung +für die öffentliche Laufbahn wurden mächtige Verbindungen; dieselbe begann also +nicht wie sonst im Lager, sondern in den Vorzimmern der einflußreichen Männer. +Was sonst nur Schutzbefohlene und Freigelassene getan, daß sie ihrem Herrn am +frühen Morgen aufzuwarten kamen und öffentlich in seinem Gefolge erschienen, +das übertrug sich jetzt auf die neue vornehme Klientel. Aber auch der Pöbel ist +ein großer Herr und will als solcher respektiert sein. Der Janhagel fing an, es +als sein Recht zu fordern, daß der künftige Konsul in jedem Lumpen von der +Gasse das souveräne Volk erkenne und ehre und jeder Bewerber bei seinem +“Umgang” (ambitus) jeden einzelnen Stimmgeber bei Namen begrüße und +ihm die Hand drücke. Bereitwillig ging die vornehme Welt ein auf diesen +entwürdigenden Ämterbettel. Der richtige Kandidat kroch nicht bloß im Palast, +sondern auch auf der Gasse und empfahl sich der Menge durch Liebäugeleien, +Nachsichtigkeiten, Artigkeiten von feinerer oder gröberer Qualität. Der Ruf +nach Reformen und die Demagogie wurden dazu vernutzt, sich bei dem Publikum +bekannt und beliebt zu machen; und sie wirkten um so mehr, je mehr sie nicht +die Sache angriffen, sondern die Person. Es ward Sitte, daß die bartlosen +Jünglinge vornehmer Geburt, um sich glänzend in das öffentliche Leben +einzuführen, mit der unreifen Leidenschaft ihrer knabenhaften Beredsamkeit die +Rolle Catos weiterspielten und aus eigener Machtvollkommenheit sich womöglich +gegen einen recht hochstehenden und recht unbeliebten Mann zu Anwälten des +Staats aufwarfen; man ließ es geschehen, daß das ernste Institut der +Kriminaljustiz und der politischen Polizei ein Mittel für den Ämterbewerb ward. +Die Veranstaltung oder, was noch schlimmer war, die Verheißung prachtvoller +Volkslustbarkeiten war längst die gleichsam gesetzliche Vorbedingung zur +Erlangung des Konsulats; jetzt begannen auch schon, wie das um 595 (159) +dagegen erlassene Verbot bezeugt, die Stimmen der Wähler geradezu mit Geld +erkauft zu werden. Vielleicht die schlimmste Folge des dauernden Buhlens der +regierenden Aristokratie um die Gunst der Menge war die Unvereinbarkeit dieser +Bettler- und Schmeichlerrolle mit derjenigen Stellung, welche der Regierung den +Regierten gegenüber von Rechts wegen zukommt. Das Regiment ward dadurch aus +einem Segen für das Volk zum Fluch. Man wagte es nicht mehr, über Gut und Blut +der Bürger zum Besten des Vaterlandes nach Bedürfnis zu verfügen. Man ließ die +Bürgerschaft sich an den gefährlichen Gedanken gewöhnen, daß sie selbst von der +vorschußweisen Entrichtung direkter Abgaben gesetzlich befreit sei - nach dem +Kriege gegen Perseus ist kein Schoß mehr von der Gemeinde gefordert worden. Man +ließ lieber das Heerwesen verfallen, als daß man die Bürger zu dem verhaßten +überseeischen Dienst zwang; wie es den einzelnen Beamten erging, die die +Konskription nach der Strenge des Gesetzes durchzuführen versuchten, ist schon +gesagt worden. +</p> + +<p> +In verhängnisvoller Weise verschlingen sich in dem Rom dieser Zeit die +zwiefachen Mißstände einer ausgearteten Oligarchie und einer noch +unentwickelten, aber schon im Keime vom Wurmfraß ergriffenen Demokratie. Ihren +Parteinamen nach, welche zuerst in dieser Periode gehört werden, wollten die +“Optimaten” den Willen der Besten, die “Popularen” den +der Gemeinde zur Geltung bringen; in der Tat gab es in dem damaligen Rom weder +eine wahre Aristokratie noch eine wahrhaft sich selber bestimmende Gemeinde. +Beide Parteien stritten gleichermaßen für Schatten und zählten in ihren Reihen +nur entweder Schwärmer oder Heuchler. Beide waren von der politischen Fäulnis +gleichmäßig ergriffen und in der Tat beide gleich nichtig. Beide waren mit +Notwendigkeit in den Status quo gebannt, da weder hüben noch drüben ein +politischer Gedanke, geschweige denn ein politischer Plan sich fand, der über +diesen hinausgegangen wäre, und so vertrugen denn auch beide sich miteinander +so vollkommen, daß sie auf jeden Schritt sich in den Mitteln wie in den Zwecken +begegneten und der Wechsel der Partei mehr ein Wechsel der politischen Taktik +als der politischen Gesinnung war. Das Gemeinwesen hätte ohne Zweifel gewonnen, +wenn entweder die Aristokratie statt der Bürgerschaftswahlen geradezu einen +erblichen Turnus eingeführt oder die Demokratie ein wirkliches +Demagogenregiment aus sich hervorgebracht hätte. Aber diese Optimaten und diese +Popularen des beginnenden siebenten Jahrhunderts waren die einen für die andern +viel zu unentbehrlich, um sich also auf Tod und Leben zu bekriegen; sie konnten +nicht bloß nicht einander vernichten, sondern, wenn sie es gekonnt hätten, +hätten sie es nicht gewollt. Darüber wich denn freilich politisch wie sittlich +das Gemeinwesen immer mehr aus den Fugen und ging seiner völligen Auflösung +entgegen. +</p> + +<p> +Es ging denn auch die Krise, durch welche die römische Revolution eröffnet +ward, nicht aus diesem dürftigen politischen Konflikt hervor, sondern aus den +ökonomischen und sozialen Verhältnissen, welche die römische Regierung wie +alles andere lediglich gehen ließ und welche also Gelegenheit fanden, den seit +langem gärenden Krankheitsstoff jetzt ungehemmt mit furchtbarer Raschheit und +Gewaltsamkeit zu zeigen. Seit uralter Zeit beruhte die römische Ökonomie auf +den beiden ewig sich suchenden und ewig hadernden Faktoren, der bäuerlichen und +der Geldwirtschaft. Schon einmal hatte die letztere im engsten Bunde mit dem +großen Grundbesitz Jahrhunderte lang gegen den Bauernstand einen Krieg geführt, +der mit dem Untergang zuerst der Bauernschaft und demnächst des ganzen +Gemeinwesens endigen zu müssen schien, aber ohne eigentliche Entscheidung +abgebrochen ward infolge der glücklichen Kriege und der hierdurch möglich +gemachten umfänglichen und großartigen Domanialaufteilung. Es ward schon früher +gezeigt, daß in derselben Zeit, welche den Gegensatz zwischen Patriziern und +Plebejern unter veränderten Namen erneuerte, das unverhältnismäßig +anschwellende Kapital einen zweiten Sturm gegen die bäuerliche Wirtschaft +vorbereitete. Zwar der Weg war ein anderer. Ehemals war der kleine Bauer +ruiniert worden durch Vorschüsse, die ihn tatsächlich zum Meier seines +Gläubigers herabdrückten; jetzt ward er erdrückt durch die Konkurrenz des +überseeischen und insonderheit des Sklavenkorns. Man schritt fort mit der Zeit; +das Kapital führte gegen die Arbeit, das heißt gegen die Freiheit der Person, +den Krieg, natürlich wie immer in strengster Form Rechtens, aber nicht mehr in +der unziemlichen Weise, daß der freie Mann der Schulden wegen Sklave ward, +sondern von Haus aus mit rechtmäßig gekauften und bezahlten Sklaven; der +ehemalige hauptstädtische Zinsherr trat auf in zeitgemäßer Gestalt als +industrieller Plantagenbesitzer. Allein das letzte Ergebnis war in beiden +Fällen das gleiche: die Entwertung der italischen Bauernstellen, die +Verdrängung der Kleinwirtschaft zuerst in einem Teil der Provinzen, sodann in +Italien durch die Gutswirtschaft; die vorwiegende Richtung auch dieser in +Italien auf Viehzucht und auf Öl- und Weinbau; schließlich die Ersetzung der +freien Arbeiter in den Provinzen wie in Italien durch Sklaven. Eben wie die +Nobilität deshalb gefährlicher war als das Patriziat, weil jene nicht wie +dieses durch eine Verfassungsänderung sich beseitigen ließ, so war auch diese +neue Kapitalmacht darum gefährlicher als die des vierten und fünften +Jahrhunderts, weil gegen sie mit Änderungen des Landrechts nichts auszurichten +war. +</p> + +<p> +Ehe wir es versuchen, den Verlauf dieses zweiten großen Konflikts von Arbeit +und Kapital zu schildern, wird es notwendig, über das Wesen und den Umfang der +Sklavenwirtschaft hier einige Andeutungen einzuschalten. Wir haben es hier +nicht zu tun mit der alten, gewissermaßen unschuldigen Feldsklaverei, wonach +der Bauer entweder zugleich mit seinem Knechte ackert oder auch, wenn er mehr +Land besitzt, als er bewirtschaften kann, denselben entweder als Verwalter oder +auch unter Verpflichtung zur Ablieferung eines Teils vom Ertrag gewissermaßen +als Pächter über einen abgeteilten Meierhof setzt; solche Verhältnisse +bestanden zwar zu allen Zeiten - um Comum zum Beispiel waren sie noch in der +Kaiserzeit die Regel -, allein als Ausnahmezustände bevorzugter Landschaften +und milde verwalteter Güter. Hier ist die Großwirtschaft mit Sklaven gemeint, +welche im römischen Staat wie einst im karthagischen aus der Übermacht des +Kapitals sich entwickelte. Während für den Sklavenbestand der älteren Zeit die +Kriegsgefangenschaft und die Erblichkeit der Knechtschaft ausreichten, beruht +diese Sklavenwirtschaft, völlig wie die amerikanische, auf systematisch +betriebener Menschenjagd, da bei der auf Leben und Fortpflanzung der Sklaven +wenig Rücksicht nehmenden Nutzungsweise die Sklavenbevölkerung beständig +zusammenschwand und selbst die stets neue Massen auf den Sklavenmarkt +liefernden Kriege das Defizit zu decken nicht ausreichten. Kein Land, wo dieses +jagdbare Wild sich vorfand, blieb hiervon verschont; selbst in Italien war es +keineswegs unerhört, daß der arme Freie von seinem Brotherrn unter die Sklaven +eingestellt ward. Das Negerland jener Zeit aber war Vorderasien 2, wo die +kretischen und kilikischen Korsaren, die rechten gewerbsmäßigen Sklavenjäger +und Sklavenhändler, die Küsten Syriens und die griechischen Inseln ausraubten, +wo mit ihnen wetteifernd die römischen Zollpächter in den Klientelstaaten +Menschenjagden veranstalteten und die Gefangenen unter ihr Sklavengesinde +untersteckten - es geschah dies in solchem Umfang, daß um 650 (100) der König +von Bithynien sich unfähig erklärte, den verlangten Zuzug zu leisten, da aus +seinem Reich alle arbeitsfähigen Leute von den Zollpächtern weggeschleppt +seien. Auf dem großen Sklavenmarkt in Delos, wo die kleinasiatischen +Sklavenhändler ihre Ware an die italischen Spekulanten absetzten, sollen an +einem Tage bis zu 10000 Sklaven des Morgens ausgeschifft und vor Abend alle +verkauft gewesen sein - ein Beweis zugleich, welche ungeheure Zahl von Sklaven +geliefert ward und wie dennoch die Nachfrage immer noch das Angebot überstieg. +Es war kein Wunder. Bereits in der Schilderung der römischen Ökonomie des +sechsten Jahrhunderts ist es dargelegt worden, daß dieselbe wie überhaupt die +gesamte Großwirtschaft des Altertums auf dem Sklavenbetriebe ruht. Worauf immer +die Spekulation sich warf, ihr Werkzeug war ohne Ausnahme der rechtlich zum +Tier herabgesetzte Mensch. Durch Sklaven wurden großenteils die Handwerke +betrieben, so daß der Ertrag dem Herrn zufiel. Durch die Sklaven der +Steuerpachtgesellschaft wurde die Erhebung der öffentlichen Gefälle in den +untern Graden regelmäßig beschafft. Ihre Hände besorgten den Grubenbau, die +Pechhütten und was derart sonst vorkommt; schon früh kam es auf, Sklavenherden +nach den spanischen Bergwerken zu senden, deren Vorsteher sie bereitwillig +annahmen und hoch verzinsten. Die Wein- und Olivenlese wurde in Italien nicht +von den Leuten auf dem Gut bewirkt, sondern einem Sklavenbesitzer in Akkord +gegeben. Die Hütung des Viehs ward allgemein durch Sklaven beschafft; der +bewaffneten, häufig berittenen Hirtensklaven auf den großen Weidestrecken +Italiens ist bereits gedacht worden, und dieselbe Art der Weidewirtschaft ward +bald auch in den Provinzen ein beliebter Gegenstand der römischen Spekulation - +so war zum Beispiel Dalmatien kaum erobert (599 155), als die römischen +Kapitalisten anfingen, dort in italischer Weise die Viehzucht im großen zu +betreiben. Aber in jeder Beziehung weit schlimmer noch war der eigentliche +Plantagenbau, die Bestellung der Felder durch eine Herde nicht selten mit dem +Eisen gestempelter Sklaven, welche mit Fußschellen an den Beinen unter +Aufsehern des Tags die Feldarbeiten taten und nachts in dem gemeinschaftlichen, +häufig unterirdischen Arbeiterzwinger zusammengesperrt wurden. Diese +Plantagenwirtschaft war aus dem Orient nach Karthago gewandert und scheint +durch die Karthager nach Sizilien gelangt zu sein, wo, wahrscheinlich aus +diesem Grunde, die Plantagenwirtschaft früher und vollständiger als in +irgendeinem anderen Gebiet der römischen Herrschaft durchgebildet auftritt 3. +Die Leontinische Feldmark von etwa 30 000 Jugera urbaren Landes, die als +römische Domäne von den Zensoren verpachtet wurde, finden wir einige Dezennien +nach der Gracchenzeit geteilt unter nicht mehr als 84 Pächter, von denen also +durchschnittlich auf jeden 360 Jugera kamen und unter denen nur ein einziger +Leontiner, die übrigen fremde, meistens römische Spekulanten waren. Man sieht +hieraus, mit welchem Eifer die römischen Spekulanten hier in die Fußstapfen +ihrer Vorgänger traten und welche großartigen Geschäfte mit sizilischem Vieh +und sizilischem Sklavenkorn die römischen und nichtrömischen Spekulanten +gemacht haben werden, die mit ihren Hutungen und Pflanzungen die schöne Insel +bedeckten. Italien indes blieb von dieser schlimmsten Form der +Sklavenwirtschaft für jetzt noch wesentlich verschont. Wenngleich in Etrurien, +wo die Plantagenwirtschaft zuerst in Italien aufgekommen zu sein scheint und wo +sie wenigstens vierzig Jahre später in ausgedehntestem Umfange bestand, +höchstwahrscheinlich schon jetzt es an Arbeiterzwingern nicht fehlte, so ward +doch die italische Ackerwirtschaft in dieser Zeit noch überwiegend durch freie +Leute oder doch durch ungefesselte Knechte, daneben durch Akkordierung größerer +Arbeiten an Unternehmer betrieben. Recht deutlich zeigt sich der Unterschied +des italischen Sklavenwesens von dem sizilischen darin, daß bei dem sizilischen +Sklavenaufstand 619-622 (135-1 S2) allein die Sklaven der nach italischer Weise +lebenden mamertinischen Gemeinde sich nicht beteiligten. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +2 Auch damals wurde es geltend gemacht, daß die Menschenrasse daselbst durch +besondere Dauerhaftigkeit sich vorzugsweise zum Sklavenstand eigne. Schon +Plautus (Trip. 542) preist “den Syrerschlag, der mehr verträgt als ein +andrer sonst”. +</p> + +<p> +3 Auch die hybrid griechische Benennung des Arbeitshauses (ergastulum von +εργάζομαι nach Analogie von stabulum, operculum) deutet darauf, daß diese +Wirtschaftsweise aus einer Gegend des griechischen Sprachgebiets und in einer +noch nicht hellenisch durchgebildeten Zeit den Römern zukam. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +Das Meer von Jammer und Elend, das in diesem elendesten aller Proletariate sich +vor unsern Augen auftut, mag ergründen, wer den Blick in solche Tiefen wagt; es +ist leicht möglich, daß mit denen der römischen Sklavenschaft verglichen die +Summe aller Negerleiden ein Tropfen ist. Hier kommt es weniger auf den Notstand +der Sklavenschaft selbst an als auf die Gefahren, die sie über den römischen +Staat brachte und auf das Verhalten der Regierung denselben gegenüber. Daß dies +Proletariat weder durch die Regierung ins Leben gerufen war noch geradezu von +ihr beseitigt werden konnte, leuchtet ein; es hätte dies nur geschehen können +durch Heilmittel, die noch schlimmer gewesen wären als das Übel. Der Regierung +lag nur ob, teils die unmittelbare Gefahr für Eigentum und Leben, womit das +Sklavenproletariat die Staatsangehörigen bedrohte, durch eine ernstliche +Sicherheitspolizei abzuwenden, teils auf die möglichste Beschränkung des +Proletariats durch Hebung der freien Arbeit hinzuwirken. Sehen wir, wie die +römische Aristokratie diesen beiden Aufgaben nachkam. +</p> + +<p> +Wie die Polizei gehandhabt ward, zeigen die allerorts ausbrechenden +Sklavenverschwörungen und Sklavenkriege. In Italien schienen die wüsten +Vorgänge, wie sie in den unmittelbaren Nachwehen des Hannibalischen Krieges +vorgekommen waren, sich jetzt zu erneuern; auf einmal mußte man in der +Hauptstadt 150, in Minturnae 450, in Sinuessa gar 4000 Sklaven aufgreifen und +hinrichten lassen (621 133). Noch schlimmer stand es begreiflicherweise in den +Provinzen. Auf dem großen Sklavenmarkt zu Delos und in den attischen +Silbergruben hatte man um dieselbe Zeit die aufständischen Sklaven mit den +Waffen zu Paaren zu treiben. Der Krieg gegen Aristonikos und seine +kleinasiatischen “Sonnenstädter” war wesentlich ein Krieg der +Besitzenden gegen die empörten Sklaven. Am ärgsten aber stand es +natürlicherweise in dem gelobten Lande des Plantagensystems, in Sizilien. Die +Räuberwirtschaft war daselbst, zumal im Binnenlande, längst ein stehendes Übel; +sie fing an, sich zur Insurrektion zu steigern. Ein reicher und mit den +italischen Herren in industrieller Exploitierung seines lebendigen Kapitals +wetteifernder Pflanzer von Enna (Castrogiovanni), Damophilos, ward von seinen +erbitterten Feldsklaven überfallen und ermordet; worauf die wilde Schar in die +Stadt Enna strömte und dort derselbe Vorgang in größerem Maßstab sich +erneuerte. In Masse erhoben die Sklaven sich gegen ihre Herren, töteten oder +knechteten sie und riefen an die Spitze des schon ansehnlichen +Insurgentenheeres einen Wundermann aus dem syrischen Apameia, der Feuer zu +speien und zu orakeln verstand, bisher als Sklave Eunus genannt, jetzt als +Haupt der Insurgenten Antiochos der König der Syrer. Warum auch nicht? Hatte +doch wenige Jahre zuvor ein anderer syrischer Knecht, der nicht einmal ein +Prophet war, in Antiocheia selbst das königliche Stirnband der Seleukiden +getragen. Der tapfere “Feldherr” des neuen Königs, der griechische +Sklave Achäos, durchstreifte die Insel, und nicht bloß die wilden Hirten +strömten von nah und fern unter die seltsamen Fahnen - auch die freien +Arbeiter, die den Pflanzern alles Üble gönnten, machten mit den empörten +Sklaven gemeinschaftliche Sache. In einer anderen Gegend Siziliens folgte ein +kilikischer Sklave, Kleon, einst in seiner Heimat ein dreister Räuber, dem +gegebenen Beispiel und besetzte Akragas, und da die Häupter miteinander sich +vertrugen, gelang es ihnen nach manchen geringeren Erfolgen zuletzt, den Prätor +Lucius Hypsaeus selbst mit seiner größtenteils aus sizilischen Milizen +bestehenden Armee gänzlich zu schlagen und sein Lager zu erobern. Hierdurch kam +fast die ganze Insel in die Gewalt der Aufständischen, deren Zahl nach den +mäßigsten Angaben sich auf 70000 Waffenfähige belaufen haben soll; die Römer +sahen sich genötigt, drei Jahre nacheinander (620-622 134-132) Konsuln und +konsularische Heere nach Sizilien abzusenden, bis nach manchen unentschiedenen, +ja zum Teil unglücklichen Gefechten endlich mit der Einnahme von Tauromenion +und von Enna der Aufstand überwältigt war. Vor der letzteren Stadt, in die sich +die entschlossenste Mannschaft der Insurgenten geworfen hatte, um sich in +dieser unbezwinglichen Stellung zu verteidigen, wie sich Männer verteidigen, +die an Rettung wie an Begnadigung verzweifeln, lagerten die Konsuln Lucius +Calpurnius Piso und Publius Rupilius zwei Jahre hindurch und bezwangen sie +endlich mehr durch den Hunger als durch die Waffen 4. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +4 Noch jetzt finden sich vor Castrogiovanni, da, wo der Aufgang am wenigsten +jäh ist, nicht selten römische Schleuderkugeln mit dem Namen des Konsuls von +621 (133): L. Piso L. f. cos. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Das waren die Ergebnisse der Sicherheitspolizei, wie sie von dem römischen +Senat und dessen Beamten in Italien und den Provinzen gehandhabt ward. Wenn die +Aufgabe, das Proletariat zu beseitigen, die ganze Macht und Weisheit der +Regierung erfordert und nur zu oft übersteigt, so ist dagegen die polizeiliche +Niederhaltung desselben für jedes größere Gemeinwesen verhältnismäßig leicht. +Es stände wohl um die Staaten, wenn die besitzlosen Massen ihnen keine andere +Gefahr bereiteten, als wie sie auch droht von Bären und Wölfen; nur der +Ängsterling und wer mit der albernen Angst der Menge Geschäfte macht, +prophezeit den Untergang der bürgerlichen Ordnung in Sklavenaufständen oder +Proletariatinsurrektionen. Aber selbst dieser leichteren Aufgabe der Bändigung +der gedrückten Massen ward von der römischen Regierung trotz des tiefsten +Friedens und der unerschöpflichen Hilfsquellen des Staats keineswegs genügt. Es +war dies ein Zeichen ihrer Schwäche; aber nicht ihrer Schwäche allein. Von +Rechts wegen war der römische Statthalter verpflichtet, die Landstraßen rein zu +halten und die aufgegriffenen Räuber, wenn es Sklaven waren, ans Kreuz schlagen +zu lassen; natürlich, denn Sklavenwirtschaft ist nicht möglich ohne +Schreckensregiment. Allein in dieser Zeit war in Sizilien wohl auch mitunter, +wenn die Straßen allzu unsicher wurden, von dem Statthalter eine Razzia +veranstaltet, aber um es mit den italischen Pflanzern nicht zu verderben, +wurden die gefangenen Räuber von der Behörde in der Regel an ihre Herren zu +gutfindender Bestrafung abgegeben; und diese Herren waren sparsame Leute, +welche ihren Hirtenknechten, wenn sie Kleider begehrten, mit Prügel antworteten +und mit der Frage, ob denn die Reisenden nackt durch das Land zögen. Die Folge +solcher Konnivenz war denn, daß nach Überwältigung des Sklavenaufstandes der +Konsul Publius Rupilius alles, was lebend in seine Hände kam, es heißt über +20000 Menschen, ans Kreuz schlagen ließ. Es war freilich nicht länger möglich, +das Kapital zu schonen. +</p> + +<p> +Unendlich schwerer zu gewinnende, freilich auch unendlich reichere Früchte +verhieß die Fürsorge der Regierung für Hebung der freien Arbeit und folgeweise +für Beschränkung des Sklavenproletariats. Leider geschah in dieser Beziehung +schlechterdings gar nichts. In der ersten sozialen Krise hatte man gesetzlich +dem Gutsherrn vorgeschrieben, eine nach der Zahl seiner Sklavenarbeiter +abgemessene Anzahl freier Arbeiter zu verwenden. Jetzt ward auf Veranlassung +der Regierung eine punische Schrift über den Landbau, ohne Zweifel eine +Anweisung zur Plantagenwirtschaft nach karthagischer Art, zu Nutz und Frommen +der italischen Spekulation ins Lateinische übersetzt -das erste und einzige +Beispiel einer von dem römischen Senat veranlaßten literarischen Unternehmung! +Dieselbe Tendenz offenbart sich in einer wichtigeren Angelegenheit oder +vielmehr in der Lebensfrage für Rom, in dem Kolonisierungssystem. Es bedurfte +nicht der Weisheit, nur der Erinnerung an den Verlauf der ersten sozialen Krise +Roms, um zu begreifen, daß gegen ein agrikoles Proletariat die einzige +ernstliche Abhilfe in einem umfassenden und regularisierten Emigrationssystem +bestand, wozu die äußeren Verhältnisse Roms die günstigste Gelegenheit +darboten. Bis gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts hatte man in der Tat dem +fortwährenden Zusammenschwinden des italischen Kleinbesitzes durch fortwährende +Gründung neuer Bauernhufen entgegengewirkt. Es war dies zwar keineswegs in dem +Maße geschehen, wie es hätte geschehen können und sollen; man hatte nicht bloß +das seit alten Zeiten von Privaten okkupierte Domanialland nicht eingezogen, +sondern auch weitere Okkupationen neugewonnenen Landes gestattet und andere +sehr wichtige Erwerbungen, wie namentlich das Gebiet von Capua, zwar nicht der +Okkupation preisgegeben, aber doch auch nicht zur Verteilung gebracht, sondern +als nutzbare Domäne verwertet. Dennoch hatte die Landanweisung segensreich +gewirkt, vielen der Notleidenden Hilfe und allen Hoffnung gegeben. Allein, nach +der Gründung von Luna (577 177) findet sich, außer der vereinzelt stehenden +Anlage der picenischen Kolonie Auximum (Osimo) im Jahre 597 (157), von weiteren +Landanweisungen auf lange hinaus keine Spur. Die Ursache ist einfach. Da seit +der Besiegung der Boier und Apuaner außer den wenig lockenden ligurischen +Tälern neues Gebiet in Italien nicht gewonnen ward, war daselbst kein anderes +Land zu verteilen als das verpachtete oder okkupierte Domanialland, dessen +Antastung der Aristokratie begreiflicherweise jetzt ebensowenig genehm war wie +vor dreihundert Jahren. Das außerhalb Italien! gewonnene Gebiet zur Verteilung +zu bringen, schien aber aus politischen Gründen unzulässig; Italien sollte das +herrschende Land bleiben und die Scheidewand zwischen italischen Herren und +dienenden Provinzialen nicht fallen. Wenn man nicht die Rücksichten der höheren +Politik oder gar die Standesinteressen beiseite setzen wollte, blieb der +Regierung nichts übrig, als dem Ruin des italischen Bauernstandes zuzusehen, +und also geschah es. Die Kapitalisten fuhren fort, die kleinen Besitzer +auszukaufen, auch wohl, wenn sie eigensinnig blieben, deren Äcker ohne +Kaufbrief einzuziehen, wobei es begreiflich nicht immer gütlich abging - eine +besonders beliebte Weise war es, dem Bauer, während er im Felde stand, Weib und +Kinder vom Hofe zu stoßen und ihn mittels der Theorie der vollendeten Tatsache +zur Nachgiebigkeit zu bringen. Die Gutsbesitzer fuhren fort, statt der freien +Arbeiter sich vorwiegend der Sklaven zu bedienen, schon deshalb, weil diese +nicht wie jene zum Kriegsdienst abgerufen werden konnten, und dadurch das freie +Proletariat auf das gleiche Niveau des Elends mit der Sklavenschaft +herabzudrücken. Sie fuhren fort, durch das spottwohlfeile sizilische +Sklavenkorn das italische von dem hauptstädtischen Markt zu verdrängen und +dasselbe auf der ganzen Halbinsel zu entwerten. In Etrurien hatte die alte +einheimische Aristokratie im Bunde mit den römischen Kapitalisten schon im +Jahre 520 (184) es so weit gebracht, daß es dort keinen freien Bauern mehr gab. +Es konnte auf dem Markt der Hauptstadt laut gesagt werden, daß die Tiere ihr +Lager hätten, den Bürgern aber nichts geblieben sei als Luft und Sonnenschein +und daß die, welche die Herren der Welt hießen, keine Scholle mehr ihr eigen +nennten. Den Kommentar zu diesen Worten lieferten die Zählungslisten der +römischen Bürgerschaft. Vom Ende des Hannibalischen Krieges bis zum Jahre 595 +(159) ist die Bürgerzahl in stetigem Steigen, wovon die Ursache wesentlich zu +suchen ist in den fortdauernden und ansehnlichen Verteilungen von Domanialland; +nach 595 (159), wo die Zählung 328000 waffenfähige Bürger ergab, zeigt sich +dagegen ein regelmäßiges Sinken, indem sich die Liste im Jahre 600 (154) auf +324000, im Jahre 607 (147) auf 322000, im Jahre 623 (131) auf 319000 +waffenfähige Bürger stellt - ein erschreckendes Ergebnis für eine Zeit tiefen +inneren und äußeren Friedens. Wenn das so fortging, löste die Bürgerschaft sich +auf in Pflanzer und Sklaven und konnte schließlich der römische Staat, wie es +bei den Parthern geschah, seine Soldaten auf dem Sklavenmarkt kaufen. +</p> + +<p> +So standen die äußeren und inneren Verhältnisse Roms, als der Staat eintrat in +das siebente Jahrhundert seines Bestandes. Wohin man auch das Auge wandte, fiel +es auf Mißbräuche und Verfall; jedem einsichtigen und wohlwollenden Mann mußte +die Erwägung sich aufdrängen, ob denn hier nicht zu helfen und zu bessern sei. +Es fehlte an solchen in Rom nicht; aber keiner schien mehr berufen zu dem +großen Werk der politischen und sozialen Reform als der Lieblingssohn des +Aemilius Paullus, der Adoptivenkel des großen Scipio, der dessen glorreichen +Afrikanernamen nicht bloß kraft Erb-, sondern auch kraft eigenen Rechtes trug, +Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus (570-625 184-129). Gleich seinem +Vater war er ein maßvoller, durch und durch gesunder Mann, nie krank am Körper +und nie unsicher über den nächsten und notwendigen Entschluß. Schon in seiner +Jugend hatte er sich ferngehalten von dem gewöhnlichen Treiben der politischen +Anfänger, dem Antichambrieren in den Zimmern der vornehmen Senatoren und den +gerichtlichen Deklamationen. Dagegen liebte er die Jagd - als Siebzehnjähriger +hatte er, nachdem er den Feldzug gegen Perseus unter seinem Vater mit +Auszeichnung mitgemacht hatte, als Belohnung dafür sich freie Pirsch in dem +seit vier Jahren unberührten Wildhag der Könige von Makedonien erbeten - und +vor allen Dingen wandte er gern seine Muße auf wissenschaftlichen und +literarischen Genuß. Durch die Fürsorge seines Vaters war er früh in diejenige +echte griechische Bildung eingeführt worden, welche über das geschmacklose +Hellenisieren der gemeinen Halbbildung hinaushob; durch seine ernste und +treffende Würdigung des Echten und des Schlechten in dem griechischen Wesen und +durch sein adliges Auftreten imponierte dieser Römer den Höfen des Ostens, ja +sogar den spottlustigen Alexandrinern. Seinen Hellenismus erkannte man vor +allem in der feinen Ironie seiner Rede und in seinem klassisch reinen Latein. +Obwohl nicht eigentlich Schriftsteller, zeichnete er doch wie Cato seine +politischen Reden auf - sie wurden gleich den Briefen seiner Adoptivschwester, +der Mutter der Gracchen, von den späteren Literatoren als Meisterstücke +mustergültiger Prosa geschätzt - und zog mit Vorliebe die besseren griechischen +und römischen Literaten in seinen Kreis, welcher plebejische Umgang ihm +freilich nicht wenig verdacht ward von denjenigen Kollegen im Senat, die auf +ihre edle Geburt als einzige Auszeichnung angewiesen waren. Ein sittlich fester +und zuverlässiger Mann, galt sein Wort bei Freund und Feind; er mied Bauten und +Spekulationen und lebte einfach; dafür handelte er in Geldangelegenheiten nicht +bloß ehrlich und uneigennützig, sondern auch mit einer dem kaufmännischen Sinn +seiner Zeitgenossen seltsam dünkenden Zartheit und Liberalität. Er war ein +tüchtiger Soldat und Offizier; aus dem Afrikanischen Krieg brachte er den +Ehrenkranz heim, der wegen Rettung gefährdeter Bürger mit eigener Lebensgefahr +erteilt zu werden pflegte, und beendete den Krieg als Feldherr, den er als +Offizier begonnen hatte; an wirklich schwierigen Aufgaben sein +Feldherrngeschick zu erproben, boten die Umstände ihm keine Gelegenheit. Scipio +war so wenig wie sein Vater eine geniale Natur - davon zeugt schon seine +Vorliebe für Xenophon, den nüchternen Militär und korrekten Schriftsteller -, +aber ein rechter und echter Mann, der vor andern berufen schien, dem +beginnenden Verfall durch organische Reformen zu wehren. Um so bezeichnender +ist es, daß er es nicht versucht hat. Zwar half er, wo und wie er konnte, +Mißbräuche abstellen und verhindern und arbeitete namentlich hin auf +Verbesserung der Rechtspflege. Hauptsächlich durch seinen Beistand vermochte +Lucius Cassius, ein tüchtiger Mann von altväterischer Strenge und +Ehrenhaftigkeit, gegen den heftigsten Widerstand der Optimaten, sein +Stimmgesetz durchzubringen, welches für die noch immer den wichtigsten Teil der +Kriminaljurisdiktion umfassenden Volksgerichte die geheime Abstimmung +einführte. Ebenso zog er, der die Knabenanklagen nicht hatte mitmachen mögen, +in seinen reifen Jahren selbst mehrere der schuldigsten Männer der Aristokratie +vor die Gerichte. In gleichem Geiste hat er als Feldherr vor Karthago und vor +Numantia die Weiber und die Pfaffen zu den Toren des Lagers hinausgejagt und +das Soldatengesindel wieder zurück gezwungen unter den eisernen Druck der alten +Heereszucht, als Zensor (612 142) unter der vornehmen Welt der glattkinnigen +Manschettenträger aufgeräumt und mit ernsten Worten die Bürgerschaft ermahnt, +an den rechtschaffenen Sitten der Väter treulich zu halten. Aber niemand, und +er selber am wenigsten, konnte es verkennen, daß die Verschärfung der +Rechtspflege und das vereinzelte Dazwischenfahren nicht einmal Anfänge waren +zur Heilung der organischen Übel, an denen der Staat krankte. An diese hat +Scipio nicht gerührt. Gaius Laelius (Konsul 614 140), Scipios älterer Freund +und sein politischer Lehrmeister und Vertrauter, hatte den Plan gefaßt, die +Einziehung des unvergebenen, aber vorläufig okkupierten italischen +Domaniallandes vorzuschlagen und durch dessen Aufteilung der zusehends +verfallenden italischen Bauernschaft Hilfe zu bringen; allein er stand von dem +Vorschlag ab, als er sah, welchen Sturm er zu erregen im Begriff war, und ward +fortan “der Verständige” genannt. Auch Scipio dachte also. Er war +von der Größe des Übels völlig durchdrungen und griff, wo er nur sich selber +wagte, mit ehrenwertem Mut ohne Ansehen der Person rücksichtslos an und durch; +allein er hatte sich auch überzeugt, daß dem Lande nur zu helfen sei um den +Preis derselben Revolution, die im vierten und fünften Jahrhundert aus der +Reformfrage sich entsponnen hatte, und ihm schien, mit Recht oder mit Unrecht, +das Heilmittel schlimmer als das Übel. So stand er mit dem kleinen Kreis seiner +Freunde zwischen den Aristokraten, die ihm seine Befürwortung des Cassischen +Gesetzes nie verziehen, und den Demokraten, denen er doch auch nicht genügte +noch genügen wollte, während seines Lebens einsam, nach seinem Tode gefeiert +von beiden Parteien, bald als Vormann der Aristokratie, bald als Begünstiger +der Reform. Bis auf seine Zeit hatten die Zensoren bei der Niederlegung ihres +Amtes die Götter angerufen, dem Staat größere Macht und Herrlichkeit zu +verleihen; der Zensor Scipio betete, daß sie geneigen möchten, den Staat zu +erhalten. Sein ganzes Glaubensbekenntnis liegt in dem schmerzlichen Ausruf. +</p> + +<p> +Aber wo der Mann verzagte, der zweimal das römische Heer aus tiefem Verfall zum +Siege geführt hatte, da getraute sich ein tatenloser Jüngling, zum Retter +Italiens sich aufzuwerfen. Er hieß Tiberius Sempronius Gracchus (591-621 +163-133). Sein gleichnamiger Vater (Konsul 577, 591; Zensor 585 177, 163;169) +war das rechte Musterbild eines römischen Aristokraten. Die glänzende, nicht +ohne Bedrückung der abhängigen Gemeinden zuwege gebrachte Pracht seiner +ädilizischen Spiele hatte ihm schweren und verdienten Tadel vom Senat +zugezogen, während er durch sein Einschreiten in dem leidigen Prozeß gegen die +persönlich ihm verfeindeten Scipionen sein ritterliches und wohl auch sein +Standesgefühl, durch sein energisches Auftreten gegen die Freigelassenen in +seiner Zensur seine konservative Gesinnung betätigte und als Statthalter der +Ebroprovinz durch Tapferkeit und vor allem durch Gerechtigkeit sich um sein +Vaterland ein bleibendes Verdienst und zugleich in den Gemütern der +unterworfenen Nation ein dauerndes Gedächtnis in Ehrfurcht und Liebe erwarb. +</p> + +<p> +Seine Mutter Cornelia war die Tochter des Siegers von Zama, welcher ebenjenes +hochherzigen Dazwischentretens wegen den bisherigen Gegner sich zum +Schwiegersohn erkoren hatte, sie selbst eine hochgebildete und bedeutende Frau, +die nach dem Tode ihres viel älteren Gemahls die Hand des Königs von Ägypten +zurückgewiesen hatte und im Andenken an den Gemahl und den Vater die drei ihr +gebliebenen Kinder erzog. Der ältere von den beiden Söhnen, Tiberius, war eine +gute und sittliche Natur, sanften Blicks und ruhigen Wesens, wie es schien, zu +allem andern eher bestimmt als zum Agitator der Massen. Mit allen seinen +Beziehungen und Anschauungen gehörte er dem Scipionischen Kreise an, dessen +feine griechische und nationale Durchbildung er und seine Geschwister teilten. +Scipio Aemilianus war zugleich sein Vetter und seiner Schwester Gemahl; unter +ihm hatte Tiberius als Achtzehnjähriger die Erstürmung Karthagos mitgemacht und +durch seine Tapferkeit das Lob des strengen Feldherrn und kriegerische +Auszeichnungen erworben. Daß der tüchtige junge Mann die Anschauungen über den +Verfall des Staats an Haupt und Gliedern, wie sie in diesem Kreise gangbar +waren, die Gedanken namentlich über die Hebung des italischen Bauernstandes mit +aller Lebendigkeit und allem Rigorismus der Jugend in sich aufnahm und +steigerte, ist begreiflich; waren es doch nicht bloß die jungen Leute, denen +das Zurückweichen des Laelius vor der Durchführung seiner Reformideen nicht +verständig erschien, sondern schwach. Appius Claudius, der gewesene Konsul (611 +143) und Zensor (618 136), einer der angesehensten Männer des Senats, tadelte +mit all der gewaltsamen Leidenschaftlichkeit, die in dem Geschlecht der +Claudier erblich war und blieb, daß der Scipionische Kreis den Plan der +Domänenaufteilung so rasch wieder habe fallen lassen; um so bitterer, wie es +scheint, weil er mit Scipio Aemilianus bei der Bewerbung um die Zensur in +persönliche Konflikte gekommen war. Ebenso sprach Publius Crassus Mucianus sich +aus, der derzeitige Oberpontifex, als Mensch und Rechtsgelehrter im Senat wie +in der Bürgerschaft allgemein verehrt. Sogar dessen Bruder Publius Mucius +Scaevola, der Begründer der wissenschaftlichen Jurisprudenz in Rom, schien dem +Reformplan nicht abgeneigt, und seine Stimme war von um so größerem Gewicht, +als er gewissermaßen außerhalb der Parteien stand. Ähnlich dachte Quintus +Metellus, der Überwinder Makedoniens und der Achäer, mehr aber noch als seiner +Kriegstaten halber geachtet als ein Muster alter Zucht und Sitte in seinem +häuslichen wie in seinem öffentlichen Leben. Tiberius Gracchus stand diesen +Männern nahe, namentlich dem Appius, dessen Tochter er, und dem Mucianus, +dessen Tochter sein Bruder zum Weib genommen hatte; es war kein Wunder, daß der +Gedanke sich in ihm regte, den Reformplan selber wiederaufzunehmen, sobald er +sich in einer Stellung befinden werde, die ihm verfassungsmäßig die Initiative +gestatte. Persönliche Motive mochten ihn hierin bestärken. Der Friedensvertrag, +den Mancinus 617 (147) mit den Numantinern abschloß, war wesentlich +Gracchus’ Werk; daß der Senat ihn kassiert hatte, daß der Feldherr +deswegen den Feinden ausgeliefert worden und Gracchus mit den übrigen höheren +Offizieren dem gleichen Schicksal nur durch die größere Gunst, deren er bei der +Bürgerschaft genoß, entgangen war, konnte den jungen rechtschaffenen und +stolzen Mann nicht milder stimmen gegen die herrschende Aristokratie. Die +hellenischen Rhetoren, mit denen er gern philosophierte und politisierte, der +Mytilenäer Diophanes, der Kymäer Gaius Blossius, nährten in seiner Seele die +Ideale, mit denen er sich trug; als seine Absichten in weiteren Kreisen bekannt +wurden, fehlte es nicht an billigenden Stimmen, und mancher öffentliche +Anschlag forderte den Enkel des Afrikaners auf, des armen Volkes, der Rettung +Italiens zu gedenken. +</p> + +<p> +Am 10. Dezember 620 (134) übernahm Tiberius Gracchus das Volkstribunat. Die +entsetzlichen Folgen der bisherigen Mißregierung, der politische, militärische, +ökonomische, sittliche Verfall der Bürgerschaft lagen eben damals nackt und +bloß jedermann vor Augen. Von den beiden Konsuln dieses Jahres focht der eine +ohne Erfolg in Sizilien gegen die aufständischen Sklaven und war der andere, +Scipio Aemilianus, seit Monaten beschäftigt, eine kleine spanische Landstadt +nicht zu besiegen, sondern zu erdrücken. Wenn es noch einer besonderen +Aufforderung bedurfte, um Gracchus’ Entschluß zur Tat werden zu lassen, +sie lag in diesen, jedes Patrioten Gemüt mit unnennbarer Angst erfüllenden +Zuständen. Sein Schwiegervater versprach Beistand mit Rat und Tat, man durfte +hoffen auf die Unterstützung des Juristen Scaevola, der kurz vorher zum Konsul +für 621 (133) erwählt worden war. So beantragte Gracchus gleich nach Antritt +seines Amtes die Erlassung eines Ackergesetzes, das in gewissem Sinn nichts war +als eine Erneuerung des Licinisch-Sextischen vom Jahre 387 der Stadt (367). Es +sollten danach die sämtlichen okkupierten und von den Inhabern ohne Entgelt +benutzten Staatsländereien - die verpachteten, wie zum Beispiel das Gebiet von +Capua, berührte das Gesetz nicht - von Staats wegen eingezogen werden, jedoch +mit der Beschränkung, daß der einzelne Okkupant für sich 500 und für jeden Sohn +250, im ganzen jedoch nicht über 1000 Morgen zu bleibendem und garantiertem +Besitz solle behalten oder dafür Ersatz in Land in Anspruch nehmen dürfen. Für +etwaige, von den bisherigen Inhabern vorgenommene Verbesserungen, wie Gebäude +und Pflanzungen, scheint man Entschädigung bewilligt zu haben. Das also +eingezogene Domanialland sollte in Lose von 30 Morgen zerschlagen und diese +teils an Bürger, teils an italische Bundesgenossen verteilt werden, nicht als +freies Eigentum, sondern als unveräußerliche Erbpacht, deren Inhaber das Land +zum Feldbau zu benutzen und eine mäßige Rente an die Staatskasse zu zahlen sich +verpflichteten. Ein Kollegium von drei Männern, die als ordentliche und +stehende Beamte der Gemeinde angesehen und jährlich von der Volksversammlung +gewählt wurden, ward mit dem Einziehungs- und Aufteilungsgeschäft beauftragt, +wozu später noch der wichtige und schwierige Auftrag kam, rechtlich +festzustellen, was Domanialland und was Privateigentum sei. Die Aufteilung war +demnach angelegt als auf unbestimmte Zeit fortgehend, bis daß die sehr +ausgedehnten und schwer festzustellenden italischen Domänen reguliert sein +würden. Mit dem Licinisch-Sextischen Gesetz verglichen waren neu in dem +Sempronischen Ackergesetz teils die Klausel zu Gunsten der beerbten Besitzer, +teils die für die neuen Landstellen beantragte Erbpachtgutsqualität und +Unveräußerlichkeit, teils und vor allem die regulierte und dauernde Exekutive, +deren Fehlen in dem älteren Gesetz hauptsächlich bewirkt hatte, daß dasselbe +ohne nachhaltige praktische Anwendung geblieben war. +</p> + +<p> +Den großen Grundbesitzern, die jetzt wie vor drei Jahrhunderten ihren +wesentlichen Ausdruck fanden im Senat, war also der Krieg erklärt, und seit +langem zum erstenmal stand wieder einmal ein einzelner Beamter in ernsthafter +Opposition gegen die aristokratische Regierung. Sie nahm den Kampf auf in der +für solche Fälle hergebrachten Weise, die Ausschreitungen des Beamtentums durch +dieses selbst zu paralysieren. Ein Kollege des Gracchus, Marcus Octavius, ein +entschlossener und von der Verwerflichkeit des beantragten Domanialgesetzes +ernstlich überzeugter Mann, tat Einspruch, als dasselbe zur Abstimmung gebracht +werden sollte; womit verfassungsmäßig der Antrag beseitigt war. Gracchus +sistierte nun seinerseits die Staatsgeschäfte und die Rechtspflege und legte +seine Siegel auf die öffentlichen Kassen; man nahm es hin - es war unbequem, +aber das Jahr ging ja doch auch zu Ende. Gracchus, ratlos, brachte sein Gesetz +zum zweitenmal zur Abstimmung; natürlich wiederholte Octavius seinen Einspruch, +und auf die flehentliche Bitte seines Kollegen und bisherigen Freundes, ihm die +Rettung Italiens nicht zu wehren, mochte er erwidern, daß darüber, wie Italien +gerettet werden könne, eben die Ansichten verschieden, sein verfassungsmäßiges +Recht aber, gegen den Antrag des Kollegen seines Veto sich zu bedienen, außer +allem Zweifel sei. Der Senat machte jetzt den Versuch, Gracchus einen +leidlichen Rückzug zu eröffnen; zwei Konsulare forderten ihn auf, die +Angelegenheit in der Kurie weiterzuverhandeln, und eifrig ging der Tribun +hierauf ein. Er suchte in diesen Antrag hineinzulegen, daß der Senat damit die +Domanialaufteilung im Prinzip zugestanden habe; allein weder lag dies darin, +noch war der Senat irgend geneigt, in der Sache nachzugeben; die Verhandlungen +endigten ohne jedes Resultat. Die verfassungsmäßigen Wege waren erschöpft. In +früheren Zeiten hatte man unter solchen Verhältnissen es sich nicht verdrießen +lassen, den gestellten Antrag für dies Jahr zur Ruhe zu legen, aber in jedem +folgenden ihn wiederaufzunehmen, bis der Ernst des Forderns und der Druck der +öffentlichen Meinung den Widerstand brachen. Jetzt lebte man rascher. Gracchus +schien auf dem Punkte angelangt, wo er entweder auf die Reform überhaupt +verzichten oder die Revolution beginnen mußte; er tat das letztere, indem er +mit der Erklärung vor die Bürgerschaft trat, daß entweder er oder Octavius aus +dem Kollegium ausscheiden müsse, und diesem ansann, die Bürger darüber +abstimmen zu lassen, welchen von ihnen sie entlassen wollten. Octavius weigerte +sich natürlich, auf diesen wunderlichen Zweikampf einzugehen; die Interzession +war eben dazu da, solchen Meinungsverschiedenheiten der Kollegen Raum zu +gewähren. Da brach Gracchus die Verhandlung mit dem Kollegen ab und wandte sich +an die versammelte Menge mit der Frage, ob nicht der Volkstribun, der dem Volk +zuwiderhandle, sein Amt verwirkt habe; und die Versammlung, längst gewohnt, zu +allen an sie gebrachten Anträgen ja zu sagen und größtenteils zusammengesetzt +aus dem vom Lande hereingeströmten und bei der Durchführung des Gesetzes +persönlich interessierten agrikolen Proletariat, bejahte fast einstimmig die +Frage. Marcus Octavius ward auf Gracchus’ Befehl durch die Gerichtsdiener +von der Tribunenbank entfernt und hierauf unter allgemeinem Jubel das +Ackergesetz durchgebracht und die ersten Teilungsherren ernannt. Die Stimmen +fielen auf den Urheber des Gesetzes nebst seinem erst zwanzigjährigen Bruder +Gaius und seinem Schwiegervater Appius Claudius. Eine solche Familienwahl +steigerte die Erbitterung der Aristokratie. Als die neuen Beamten sich wie +üblich an den Senat wandten, um ihre Ausstattungs- und Taggelder angewiesen zu +erhalten, wurden jene verweigert und ein Taggeld angewiesen von 24 Assen (10 +Groschen). Die Fehde griff immer weiter um sich und ward immer gehässiger und +persönlicher. Das schwierige und verwickelte Geschäft der Abgrenzung, +Einziehung und Aufteilung der Domänen trug den Hader in jede Bürgergemeinde, ja +selbst in die verbündeten italischen Städte. Die Aristokratie hatte es kein +Hehl, daß sie das Gesetz vielleicht, weil sie müsse, sich gefallen lassen, der +unberufene Gesetzgeber aber ihrer Rache nimmermehr entgehen werde; und die +Ankündigung des Quintus Pompeius, daß er den Gracchus an demselben Tage, wo er +das Tribunat niederlege, in Anklagestand versetzen werde, war unter den +Drohungen, die gegen den Tribun fielen, noch bei weitem nicht die schlimmste. +Gracchus glaubte, wahrscheinlich mit Recht, seine persönliche Sicherheit +bedroht und erschien auf dem Markt nicht mehr ohne eine Gefolge von drei- bis +viertausend Menschen, worüber er selbst von dem der Reform an sich nicht +abgeneigten Metellus im Senat bittere Worte hören wußte. Überhaupt, wenn er +gemeint hatte, mit Durchbringung seines Ackergesetzes am Ziele zu sein, so +hatte er jetzt zu lernen, daß er erst am Anfang stand. Das “Volk” +war ihm zu Dank verpflichtet; aber er war ein verlorener Mann, wenn er keinen +anderen Schirm mehr hatte als diese Dankbarkeit des Volkes, wenn er demselben +nicht unentbehrlich blieb und durch andere und weitergreifende Vorschläge neue +und immer neue Interessen und Hoffnungen an sich knüpfte. Ebendamals war durch +das Testament des letzten Königs von Pergamon den Römern Reich und Vermögen der +Attaliden zugefallen; Gracchus beantragte bei dem Volk, den pergamenischen +Schatz unter die neuen Landbesitzer zur Anschaffung des erforderlichen +Beschlags zu verteilen und vindizierte überhaupt, gegen die bestehende Übung, +der Bürgerschaft das Recht, über die neue Provinz definitiv zu entscheiden. +Weitere populäre Gesetze, über Abkürzung der Dienstzeit, über Ausdehnung des +Provokationsrechts, über die Aufhebung des Vorrechts der Senatoren, +ausschließlich als Zivilgeschworene zu fungieren, sogar über die Aufnahme der +italischen Bundesgenossen in den römischen Bürgerverband, soll er vorbereitet +haben; wie weit seine Entwürfe in der Tat gereicht haben, läßt sich nicht +entscheiden, gewiß ist nur, daß Gracchus seine einzige Rettung darin sah, das +Amt, das ihn schützte, von der Bürgerschaft auf ein zweites Jahr verliehen zu +erhalten, und daß er, um diese verfassungswidrige Verlängerung zu bewirken, +weitere Reformen in Aussicht stellte. Hatte er anfangs sich eingesetzt, um das +Gemeinwesen zu retten, so wußte er jetzt schon, um sich zu retten, das +Gemeinwesen aufs Spiel setzen. Die Bezirke traten zusammen zur Wahl der +Tribunen für das nächste Jahr, und die ersten Abteilungen gaben ihre Stimmen +für Gracchus; aber die Gegenpartei drang mit ihrem Einspruch schließlich +wenigstens insoweit durch, daß die Versammlung unverrichteter Sache aufgelöst +und die Entscheidung auf den folgenden Tag verschoben ward. Für diesen setzte +Gracchus alle Mittel in Bewegung, erlaubte und unerlaubte: er zeigte sich dem +Volke im Trauergewand und empfahl ihm seinen unmündigen Knaben; für den Fall, +daß die Wahl abermals durch Einspruch gestört werden würde, traf er +Vorkehrungen, den Anhang der Aristokratie mit Gewalt von dem Versammlungsplatz +vor dem Kapitolinischen Tempel zu vertreiben. So kam der zweite Wahltag heran; +die Stimmen fielen wie an dem vorhergehenden und wieder erfolgte der Einspruch; +der Auflauf begann. Die Bürger zerstreuten sich; die Wahlversammlung war +faktisch aufgehoben; der Kapitolinische Tempel ward geschlossen; man erzählte +sich in der Stadt, bald daß Tiberius die sämtlichen Tribunen abgesetzt habe, +bald daß er ohne Wiederwahl sein Amt fortzuführen entschlossen sei. Der Senat +versammelte sich im Tempel der Treue, hart bei dem Jupitertempel; die +erbittertsten Gegner des Gracchus führten in der Sitzung das Wort; als Tiberius +die Hand nach der Stirn bewegte, um in dem wilden Getümmel dem Volke zu +erkennen zu geben, daß sein Leben bedroht sei, hieß es, er fordere schon die +Leute auf, sein Haupt mit der königlichen Binde zu schmücken. Der Konsul +Scaevola ward angegangen, den Hochverräter sofort töten zu lassen; als der +gemäßigte, der Reform an sich keineswegs abgeneigte Mann das ebenso unsinnige +wie barbarische Begehren unwillig zurückwies, rief der Konsular Publius Scipio +Nasica, ein harter und leidenschaftlicher Aristokrat, die Gleichgesinnten auf, +sich zu bewaffnen, wie sie könnten, und ihm zu folgen. Von den Landleuten war +zu den Wahlen fast niemand in die Stadt gekommen; das Stadtvolk wich scheu +auseinander, als es die vornehmen Männer mit Stuhlbeinen und Knütteln in den +Händen zornigen Auges heranstürmen sah; Gracchus versuchte, von wenigen +begleitet, zu entkommen. Aber er stürzte auf der Flucht am Abhang des Kapitols +und ward von einem der Wütenden - Publius Satureius und Lucius Rufus stritten +sich später um die Henkerehre - vor den Bildsäulen der sieben Könige am Tempel +der Treue durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe getötet; mit ihm +dreihundert andere Männer, keiner durch Eisenwaffen. Als es Abend geworden war, +wurden die Körper in den Tiberfluß gestürzt; vergebens bat Gaius, ihm die +Leiche seines Bruders zur Bestattung zu vergönnen. Solch einen Tag hatte Rom +noch nicht erlebt. Der mehr als hundertjährige Hader der Parteien während der +ersten sozialen Krise hatte zu keiner Katastrophe geführt, wie diejenige war, +mit der die zweite begann. Auch den besseren Teil der Aristokratie mochte +schaudern; indes man konnte nicht mehr zurück. Man hatte nur die Wahl, eine +große Zahl der zuverlässigsten Parteigenossen der Rache der Menge preiszugeben +oder die Verantwortung der Untat auf die Gesamtheit zu übernehmen; das letztere +geschah. Man hielt offiziell daran fest, daß Gracchus die Krone habe nehmen +wollen, und rechtfertigte diesen neuesten Frevel mit dem uralten des Ahala; ja +man überwies sogar die weitere Untersuchung gegen Gracchus’ Mitschuldige +einer besonderen Kommission und ließ deren Vormann, den Konsul Publius +Popillius, dafür sorgen, daß durch Blutsentenzen gegen eine große Anzahl +geringer Leute der Bluttat gegen Gracchus nachträglich eine Art rechtlichen +Gepräges aufgedrückt ward (622 132). Nasica, gegen den vor allen anderen die +Menge Rache schnaubte und der wenigstens den Mut hatte, sich offen vor dem +Volke zu seiner Tat zu bekennen und sie zu vertreten, ward unter ehrenvollen +Vorwänden nach Asien gesandt und bald darauf (624 130) abwesend mit dem +Oberpontifikat bekleidet. Auch die gemäßigte Partei trennte sich hierin nicht +von ihren Kollegen. Gaius Laelius beteiligte sich bei den Untersuchungen gegen +die Gracchaner; Publius Scaevola, der die Ermordung zu verhindern gesucht +hatte, verteidigte sie später im Senat; als Scipio Aemilianus nach seiner +Rückkehr aus Spanien (622 132) aufgefordert ward, sich öffentlich darüber zu +erklären, ob er die Tötung seines Schwagers billige oder nicht, gab er die +wenigstens zweideutige Antwort, daß, wofern er nach der Krone getrachtet habe, +er mit Recht getötet worden sei. +</p> + +<p> +Versuchen wir über diese folgenreichen Ereignisse zu einem Urteil zu gelangen. +Die Einrichtung eines Beamtenkollegiums, das dem gefährlichen Zusammenschwinden +der Bauernschaft durch umfassende Gründung neuer Kleinstellen aus dem gesamten, +dem Staat zur Verfügung stehenden italischen Grundbesitz entgegenzuwirken +hatte, war freilich kein Zeichen eines gesunden volkswirtschaftlichen +Zustandes, aber unter den obwaltenden politischen und sozialen Verhältnissen +zweckmäßig. Die Aufteilung der Domänen ferner war an sich keine politische +Parteifrage; sie konnte bis auf die letzte Scholle durchgeführt werden, ohne +daß die bestehende Verfassung geändert, das Regiment der Aristokratie irgend +erschüttert ward. Ebensowenig konnte hier von einer Rechtsverletzung die Rede +sein. Anerkanntermaßen war der Eigentümer des okkupierten Landes der Staat; der +Inhaber konnte als bloß geduldeter Besitzer in der Regel nicht einmal den +gutgläubigen Eigentumsbesitz sich zuschreiben, und wo er ausnahmsweise es +konnte, stand ihm entgegen, daß gegen den Staat nach römischem Landrecht die +Verjährung nicht lief. Die Domänenaufteilung war keine Aufhebung, sondern eine +Ausübung des Eigentums; über die formelle Rechtsbeständigkeit derselben waren +alle Juristen einig. Allein damit, daß die Domänenaufteilung weder der +bestehenden Verfassung Eintrag tat noch eine Rechtsverletzung in sich schloß, +war der Versuch, diese Rechtsansprüche des Staats jetzt durchzuführen, +politisch noch keineswegs gerechtfertigt. Was man wohl in unsern Tagen erinnert +hat, wenn ein großer Grundherr rechtlich ihm zustehende, aber tatsächlich seit +langen Jahren nicht erhobene Ansprüche plötzlich in ihrem ganzen Umfang geltend +zu machen beginnt, konnte mit gleichem und besserem Rechte auch gegen die +Gracchische Rogation eingewendet werden. Unleugbar hatten diese okkupierten +Domänen zum Teil seit dreihundert Jahren sich in erblichem Privatbesitz +befunden; das Bodeneigentum des Staats, das seiner Natur nach überhaupt +leichter als das des Bürgers den privatrechtlichen Charakter verliert, war an +diesen Grundstücken so gut wie verschollen und die jetzigen Inhaber durchgängig +durch Kauf oder sonstigen lästigen Erwerb zu diesen Besitzungen gelangt. Der +Jurist mochte sagen was er wollte; den Geschäftsleuten erschien die Maßregel +als eine Expropriation der großen Grundbesitzer zum Besten des agrikolen +Proletariats; und in der Tat konnte auch kein Staatsmann sie anders bezeichnen. +Daß die leitenden Männer der catonischen Epoche nicht anders geurteilt hatten, +zeigt sehr klar die Behandlung eines ähnlichen, zu ihrer Zeit vorgekommenen +Falles. Das im Jahre 543 (211) zur Domäne geschlagene Gebiet von Capua und den +Nachbarstädten war in den folgenden unruhigen Zeiten tatsächlich größtenteils +in Privatbesitz übergegangen. In den letzten Jahren des sechsten Jahrhunderts, +wo man vielfältig, besonders durch Catos Einfluß bestimmt, die Zügel des +Regiments wieder straffer anzog, beschloß die Bürgerschaft, das campanische +Gebiet wieder an sich zu nehmen und zum Besten des Staatsschatzes zu verpachten +(582 172). Dieser Besitz beruhte auf einer nicht durch vorgängige Aufforderung, +sondern höchstens durch Konnivenz der Behörden gerechtfertigten und nirgends +viel über ein Menschenalter hinaus fortgesetzten Okkupation; dennoch wurden die +Inhaber nicht anders als gegen eine im Auftrag des Senats von dem Stadtprätor +Publius Lentulus ausgeworfene Entschädigungssumme aus dem Besitz gesetzt (ca. +589 165) 5. Weniger bedenklich vielleicht, aber doch auch nicht unbedenklich +war es, daß für die neuen Landlose Erbpachtqualität und Unveräußerlichkeit +festgestellt ward. Die liberalsten Grundsätze in bezug auf die Verkehrsfreiheit +hatten Rom groß gemacht, und es vertrug sich sehr wenig mit dem Geist der +römischen Institutionen, daß diese neuen Bauern von oben herab angehalten +wurden, ihr Grundstück in einer bestimmten Weise zu bewirtschaften, und daß für +dasselbe Retraktrechte und alle der Verkehrsbeschränkung anhängenden +Einschnürungsmaßregeln festgestellt wurden. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +5 Die bisher nur aus Cicero (leg. agr. 2, 31, 82; vgl. Liv. 42, 2, 19) +teilweise bekannte Tatsache wird jetzt durch die Fragmente des Licinianus (p. +4) wesentlich vervollständigt. Die beiden Berichte sind dahin zu vereinigen, +daß Lentulus die Possessoren gegen eine von ihm festgesetzte +Entschädigungssumme expropriierte, bei den wirklichen Grundeigentümern aber +nichts ausrichtete, da er sie zu expropriieren nicht befugt war und sie auf +Verkauf sich nicht einlassen wollten. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Man wird einräumen, daß diese Einwürfe gegen das Sempronische Ackergesetz nicht +leicht wogen. Dennoch entscheiden sie nicht. Jene tatsächliche Expropriation +der Domänenbesitzer war sicher ein großes Übel; aber sie war dennoch das +einzige Mittel, um einem noch viel größeren, ja den Staat geradezu +vernichtenden, dem Untergang des italischen Bauernstandes, wenigstens auf lange +hinaus zu steuern. Darum begreift man es wohl, warum die ausgezeichnetsten und +patriotischsten Männer auch der konservativen Partei, an ihrer Spitze Gaius +Laelius und Scipio Aemilianus, die Domänenaufteilung an sich billigten und +wünschten. +</p> + +<p> +Aber wenn der Zweck des Tiberius Gracchus wohl der großen Majorität der +einsichtigen Vaterlandsfreunde gut und heilsam erschienen ist, so hat dagegen +der Weg, den er einschlug, keines einzigen nennenswerten und patriotischen +Mannes Billigung gefunden und finden können. Rom wurde um diese Zeit regiert +durch den Senat. Wer gegen die Majorität des Senats eine Verwaltungsmaßregel +durchsetzte, der machte Revolution. Es war Revolution gegen den Geist der +Verfassung, als Gracchus die Domänenfrage vor das Volk brachte; Revolution auch +gegen den Buchstaben, als er das Korrektiv der Staatsmaschine, durch welches +der Senat die Eingriffe in sein Regiment verfassungsmäßig beseitigte, die +tribunizische Interzession durch die mit unwürdiger Sophistik gerechtfertigte +Absetzung seines Kollegen nicht bloß für jetzt, sondern für alle Folgezeit +zerstörte. Indes nicht hierin liegt die sittliche und politische Verkehrtheit +von Gracchus’ Tun. Für die Geschichte gibt es keine +Hochverratsparagraphen; wer eine Macht im Staat zum Kampf aufruft gegen die +andere, der ist gewiß ein Revolutionär, aber vielleicht zugleich ein +einsichtiger und preiswürdiger Staatsmann. Der wesentliche Fehler der +Gracchischen Revolution liegt in einer nur zu oft übersehenen Tatsache: in der +Beschaffenheit der damaligen Bürgerversammlungen. Das Ackergesetz des Spurius +Cassius und das des Tiberius Gracchus hatten in der Hauptsache denselben Inhalt +und denselben Zweck; dennoch war das Beginnen beider Männer nicht weniger +verschieden als die ehemalige römische Bürgerschaft, welche mit den Latinern +und Hernikern die Volskerbeute teilte, und die jetzige, die die Provinzen Asia +und Africa einrichten ließ. Jene war eine städtische Gemeinde, die +zusammentreten und zusammen handeln konnte; diese ein großer Staat, dessen +Angehörige in einer und derselben Urversammlung zu vereinigen und diese +Versammlung entscheiden zu lassen ein ebenso klägliches wie lächerliches +Resultat gab. Es rächte sich hier der Grundfehler der Politie des Altertums, +daß sie nie vollständig von der städtischen zur staatlichen Verfassung oder, +was dasselbe ist, von dem System der Urversammlungen zum parlamentarischen +fortgeschritten ist. Die souveräne Versammlung Roms war, was die souveräne +Versammlung in England sein würde, wenn statt der Abgeordneten die sämtlichen +Wähler Englands zum Parlament zusammentreten wollten: eine ungeschlachte, von +allen Interessen und allen Leidenschaften wüst bewegte Masse, in der die +Intelligenz spurlos verschwand; eine Masse, die weder die Verhältnisse zu +übersehen noch auch nur einen eigenen Entschluß zu fassen vermochte; eine Masse +vor allem, in welcher, von seltenen Ausnahmefällen abgesehen, unter dem Namen +der Bürgerschaft ein paar hundert oder tausend von den Gassen der Hauptstadt +zufällig aufgegriffene Individuen handelten und stimmten. Die Bürgerschaft fand +sich in den Bezirken wie in den Hundertschaften durch ihre faktischen +Repräsentanten in der Regel ungefähr ebenso genügend vertreten wie in den +Kurien durch die daselbst von Rechts wegen sie repräsentierenden dreißig +Gerichtsdiener; und eben wie der sogenannte Kurienbeschluß nichts war als ein +Beschluß desjenigen Magistrats, der die Gerichtsdiener zusammenrief, so war +auch der Tribus- und Zenturienbeschluß in dieser Zeit wesentlich nichts als ein +durch einige obligate Jaherren legalisierter Beschluß des vorschlagenden +Beamten. Wenn aber in diesen Stimmversammlungen, den Komitien, sowenig man es +auch mit der Qualifikation genau nahm, im ganzen doch nur Bürger erschienen, so +war dagegen in den bloßen Volksversammlungen, den Kontionen, platz- und +schreiberechtigt, was nur zwei Beine hatte, Ägypter und Juden, Gassenbuben und +Sklaven. In den Augen des Gesetzes bedeutete allerdings ein solches Meeting +nichts; es konnte nicht abstimmen noch beschließen. Allein tatsächlich +beherrschte dasselbe die Gasse und schon war die Gassenmeinung eine Macht in +Rom und kam etwas darauf an, ob diese wüste Masse bei dem, was ihr mitgeteilt +ward, schwieg oder schrie, ob sie klatschte und jubelte oder den Redner +auspfiff und anheulte. Nicht viele hatten den Mut, die Haufen anzuherrschen, +wie es Scipio Aemilianus tat, als sie wegen seiner Äußerung über den Tod seines +Schwagers ihn auszischten: Ihr da, sprach er, denen Italien nicht Mutter ist +sondern Stiefmutter, ihr habt zu schweigen! Und da sie noch lauter tobten: ihr +meint doch nicht, daß ich die losgebunden fürchten werde, die ich in Ketten auf +den Sklavenmarkt geschickt habe? +</p> + +<p> +Daß man der verrosteten Maschine der Komitien sich für die Wahlen und für die +Gesetzgebung bediente, war schon übel genug. Aber wenn man diesen Massen, +zunächst den Komitien und faktisch auch den Kontionen, Eingriffe in die +Verwaltung gestattete und dem Senat das Werkzeug zur Verhütung solcher +Eingriffe aus den Händen wand; wenn man gar diese sogenannte Bürgerschaft aus +dem gemeinen Säckel sich selber Äcker samt Zubehör dekretieren ließ; wenn man +einem jeden, dem die Verhältnisse und sein Einfluß beim Proletariat die +Gelegenheit gab, die Gassen auf einige Stunden zu beherrschen, die Möglichkeit +eröffnete, seinen Projekten den legalen Stempel des souveränen Volkswillens +aufzudrücken, so war man nicht am Anfang, sondern am Ende der Volksfreiheit, +nicht bei der Demokratie angelangt, sondern bei der Monarchie. Darum hatten in +der vorigen Periode Cato und seine Gesinnungsgenossen solche Fragen nie an die +Bürgerschaft gebracht, sondern lediglich sie im Senat verhandelt. Darum +bezeichnen Gracchus’ Zeitgenossen, die Männer des Scipionischen Kreises, +das Flaminische Ackergesetz von 522 (232), den ersten Schritt auf jener +verhängnisvollen Bahn, als den Anfang des Verfalles der römischen Größe. Darum +ließen dieselben den Urheber der Domanialteilung fallen und erblickten in +seinem schrecklichen Ende gleichsam einen Damm gegen künftige ähnliche +Versuche, während sie doch die von ihm durchgesetzte Domanialteilung selbst mit +aller Energie festhielten und nutzten - so jammervoll standen die Dinge in Rom, +daß redliche Patrioten in die grauenvolle Heuchelei hineingedrängt wurden, den +Übeltäter preiszugeben und die Frucht der Übeltat sich anzueignen. Darum hatten +auch die Gegner des Gracchus in gewissem Sinne nicht unrecht, als sie ihn +beschuldigten, nach der Krone zu streben. Es ist für ihn viel mehr eine zweite +Anklage als eine Rechtfertigung, daß dieser Gedanke ihm selber wahrscheinlich +fremd war. Das aristokratische Regiment war so durchaus verderblich, daß der +Bürger, der den Senat ab- und sich an dessen Stelle zu setzen vermochte, +vielleicht dem Gemeinwesen mehr noch nützte, als er ihm schadete. Allein dieser +kühne Spieler war Tiberius Gracchus nicht, sondern ein leidlich fähiger, +durchaus wohlmeinender, konservativ patriotischer Mann, der eben nicht wußte, +was er begann, der im besten Glauben, das Volk zu rufen, den Pöbel beschwor und +nach der Krone griff, ohne selbst es zu wissen, bis die unerbittliche +Konsequenz der Dinge ihn unaufhaltsam drängte in die demagogisch-tyrannische +Bahn, bis mit der Familienkommission, den Eingriffen in das öffentliche +Kassenwesen, den durch Not und Verzweiflung erpreßten weiteren +“Reformen”, der Leibwache von der Gasse und den Straßengefechten +der bedauernswerte Usurpator Schritt für Schritt sich und andern klarer +hervortrat, bis endlich die entfesselten Geister der Revolution den unfähigen +Beschwörer packten und verschlangen. Die ehrlose Schlächterei, durch die er +endigte, richtet sich selber, wie sie die Adelsrotte richtet, von der sie +ausging; allein die Märtyrerglorie, mit der sie Tiberius Gracchus’ Namen +geschmückt hat, kam hier wie gewöhnlich an den unrechten Mann. Die besten +seiner Zeitgenossen urteilten anders. Als dem Scipio Aemilianus die Katastrophe +gemeldet ward, sprach er die Worte Homers: “Also verderb’ ein +jeder, der ähnliche Werke vollführt hat!” Und als des Tiberius jüngerer +Bruder Miene machte, in gleicher Weise aufzutreten, schrieb ihm die eigene +Mutter: “Wird denn unser Haus des Wahnsinns kein Ende finden? Wo wird die +Grenze sein? Haben wir noch nicht hinreichend uns zu schämen, den Staat +verwirrt und zerrüttet zu haben?” So sprach nicht die besorgte Mutter, +sondern die Tochter des Überwinders der Karthager, die noch ein größeres +Unglück kannte und erfuhr als den Tod ihrer Kinder. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap03"></a>KAPITEL III.<br/> +Die Revolution und Gaius Gracchus</h2> + +<p> +Tiberius Gracchus war tot; indes seine beiden Werke, die Landaufteilung wie die +Revolution, überlebten ihren Urheber. Dem verkommenen agrikolen Proletariat +gegenüber konnte der Senat wohl einen Mord wagen, aber nicht diesen Mord zur +Aufhebung des Sempronischen Ackergesetzes benutzen; durch den wahnsinnigen +Ausbruch der Parteiwut war das Gesetz selbst weit mehr befestigt als +erschüttert worden. Die reformistisch gesinnte Partei der Aristokratie, welche +die Domanialteilung offen begünstigte, an ihrer Spitze Quintus Metellus, eben +um diese Zeit (623 131) Zensor, und Publius Scaevola, gewann in Verbindung mit +der Partei des Scipio Aemilianus, die der Reform wenigstens nicht abgeneigt +war, selbst im Senat für jetzt die Oberhand, und ausdrücklich wies ein +Senatsbeschluß die Teilherren an, ihre Arbeiten zu beginnen. Nach dem +Sempronischen Gesetz sollten dieselben jährlich von der Gemeinde ernannt +werden, und es ist dies auch wahrscheinlich geschehen; allein bei der +Beschaffenheit ihrer Aufgabe war es natürlich, daß die Wahl wieder und wieder +auf dieselben Männer fiel und eigentliche Neuwahlen nur stattfanden, wo ein +Platz durch den Tod sich erledigte. So trat für Tiberius Gracchus in dieselbe +ein der Schwiegervater seines Bruders Gaius, Publius Crassus Mucianus; und als +dieser 624 (130) gefallen und auch Appius Claudius gestorben war, leiteten das +Teilungsgeschäft in Gemeinschaft mit dem jungen Gaius Gracchus zwei der +tätigsten Führer der Bewegungspartei, Marcus Fulvius Flaccus und Gaius Papirius +Carbo. Schon die Namen dieser Männer bürgen dafür, daß man das Geschäft der +Einziehung und Aufteilung des okkupierten Domaniallandes mit Eifer und +Nachdruck angriff, und in der Tat fehlt es auch dafür nicht an Beweisen. +Bereits der Konsul des Jahres 622 (132), Publius Popillius, derselbe, der die +Blutgerichte gegen die Anhänger des Tiberius Gracchus leitete, verzeichnet auf +einem öffentlichen Denkmal sich als “den ersten, der auf den Domänen die +Hirten aus- und dafür die Bauern eingewiesen habe”, und auch sonst ist es +überliefert, daß sich die Aufteilung über ganz Italien erstreckte und überall +in den bisherigen Gemeinden die Zahl der Bauernstellen vermehrt ward - denn +nicht durch Gründung neuer Gemeinden, sondern durch Verstärkung der bestehenden +die Bauernschaft zu heben, war die Absicht des Sempronischen Ackergesetzes. Den +Umfang und die tiefgreifende Wirkung dieser Aufteilungen bezeugen die +zahlreichen in der römischen Feldmesserkunst auf die Gracchischen +Landanweisungen zurückgehenden Einrichtungen; wie denn zum Beispiel eine +gehörige und künftigen Irrungen vorbeugende Marksteinsetzung zuerst durch die +Gracchischen Grenzgerichte und Landaufteilungen ins Leben gerufen zu sein +scheint. Am deutlichsten aber reden die Zahlen der Bürgerliste. Die Schätzung, +die im Jahre 623 (131) veröffentlicht ward und tatsächlich wohl Anfang 622 +(132) stattfand, ergab nicht mehr als 319000 waffenfähige Bürger, wogegen sechs +Jahre später (629 125) statt des bisherigen Sinkens sich die Ziffer auf 395000, +also um 76000 hebt - ohne allen Zweifel lediglich infolge dessen, was die +Teilungskommission für die römische Bürgerschaft tat. Ob dieselbe auch bei den +Italikern die Bauernstellen in demselben Verhältnis vermehrt hat, läßt sich +bezweifeln; auf alle Fälle war das, was sie erreichte, ein großes und +segensreiches Resultat. Freilich ging es dabei nicht ab ohne vielfache +Verletzung achtbarer Interessen und bestehender Rechte. Das Teilherrenamt, +besetzt mit den entschiedensten Parteimännern und durchaus Richter in eigener +Sache, ging mit seinen Arbeiten rücksichtslos und selbst tumultuarisch vor; +öffentliche Anschläge forderten jeden, der dazu imstande sei, auf über die +Ausdehnung des Domaniallandes Nachweisungen zu geben; unerbittlich wurde +zurückgegangen auf die alten Erdbücher und nicht bloß neue und alte Okkupation +ohne Unterschied wieder eingefordert, sondern auch vielfältig wirkliches +Privateigentum, über das der Inhaber sich nicht genügend auszuweisen vermochte, +mitkonfisziert. Wie laut und großenteils begründet auch die Klagen waren, der +Senat ließ die Aufteiler gewähren: es war einleuchtend, daß, wenn man einmal +die Domanialfrage erledigen wollte, ohne solches rücksichtsloses Durchgreifen +schlechterdings nicht durchzukommen war. Allein es hatte dies Gewährenlassen +doch seine Grenze. Das italische Domanialland war nicht lediglich in den Händen +römischer Bürger; große Strecken desselben waren einzelnen bundesgenössischen +Gemeinden durch Volks- oder Senatsbeschlüsse zu ausschließlicher Benutzung +zugewiesen, andere Stücke von latinischen Bürgern erlaubter- oder +unerlaubterweise okkupiert worden. Das Teilungsamt griff endlich auch diese +Besitzungen an. Nach formalem Rechte war die Einziehung der von Nichtbürgern +einfach okkupierten Stücke unzweifelhaft zulässig, nicht minder vermutlich die +Einziehung des durch Senatsbeschlüsse, ja selbst des durch Gemeindebeschlüsse +den italischen Gemeinden überwiesenen Domaniallandes, da der Staat damit +keineswegs auf sein Eigentum verzichtete und allem Anschein nach an Gemeinden +eben wie an Private nur auf Widerruf verlieh. Allein die Beschwerden dieser +Bundes- oder Untertanengemeinden, daß Rom die in Kraft stehenden Abmachungen +nicht einhalte, konnten doch nicht, wie die Klagen der durch das Teilungsamt +verletzten römischen Bürger, einfach beiseite gelegt werden. Rechtlich mochten +jene nicht besser begründet sein als diese; aber wenn es in diesem Falle sich +um Privatinteressen von Staatsangehörigen handelte, so kam in Beziehung auf die +latinischen Possessionen in Frage, ob es politisch richtig sei, die militärisch +so wichtigen und schon durch zahlreiche rechtliche und faktische +Zurücksetzungen Rom sehr entfremdeten latinischen Gemeinden noch durch diese +empfindliche Verletzung ihrer materiellen Interessen aufs neue zu verstimmen. +Die Entscheidung lag in den Händen der Mittelpartei; sie war es gewesen, die +nach der Katastrophe des Gracchus im Bunde mit seinen Anhängern die Reform +gegen die Oligarchie geschützt hatte, und sie allein vermochte jetzt in +Vereinigung mit der Oligarchie der Reform eine Schranke zu setzen. Die Latiner +wandten sich persönlich an den hervorragendsten Mann dieser Partei, Scipio +Aemilianus, mit der Bitte, ihre Rechte zu schützen; er sagte es zu, und +wesentlich durch seinen Einfluß ^1 ward im Jahre 625 (129) durch Volksschluß +der Teilkommission die Gerichtsbarkeit entzogen und die Entscheidung, was +Domanial- und was Privatbesitz sei, an die Zensoren und in deren Vertretung an +die Konsuln gewiesen, denen sie nach den allgemeinen Rechtsbestimmungen zukam. +Es war dies nichts anderes als eine Sistierung der weiteren Domanialaufteilung +in milder Form. Der Konsul Tuditanus, keineswegs gracchanisch gesinnt und wenig +geneigt, mit der bedenklichen Bodenregulierung sich zu befassen, nahm die +Gelegenheit wahr, zum illyrischen Heer abzugehen und das ihm aufgetragene +Geschäft unvollzogen zu lassen; die Teilungskommission bestand zwar fort, aber +da die gerichtliche Regulierung des Domaniallandes stockte, blieb auch sie +notgedrungen untätig. Die Reformpartei war tief erbittert. Selbst Männer wie +Publius Mucius und Quintus Metellus mißbilligten Scipios Zwischentreten. In +anderen Kreisen begnügte man sich nicht mit der Mißbilligung. Auf einen der +nächsten Tage hatte Scipio einen Vortrag über die Verhältnisse der Latiner +angekündigt; am Morgen dieses Tages ward er tot in seinem Bette gefunden. Daß +der sechsundfünfzigjährige in voller Gesundheit und Kraft stehende Mann, der +noch den Tag vorher öffentlich gesprochen und dann am Abend, um seine Rede für +den nächsten Tag zu entwerfen, sich früher als gewöhnlich in sein Schlafgemach +zurückgezogen hatte, das Opfer eines politischen Mordes geworden ist, kann +nicht bezweifelt werden; er selbst hatte kurz vorher der gegen ihn gerichteten +Mordanschläge öffentlich erwähnt. Welche meuchelnde Hand den ersten Staatsmann +und den ersten Feldherrn seiner Zeit bei nächtlicher Weile erwürgt hat, ist nie +an den Tag gekommen, und es ziemt der Geschichte weder die aus dem +gleichzeitigen Stadtklatsch überlieferten Gerüchte zu wiederholen noch den +kindischen Versuch anzustellen, aus solchen Akten die Wahrheit zu ermitteln. +Nur daß der Anstifter der Tat der Gracchenpartei angehört haben muß, ist +einleuchtend: Scipios Ermordung war die demokratische Antwort auf die +aristokratische Blutszene am Tempel der Treue. Die Gerichte schritten nicht +ein. Die Volkspartei, mit Recht fürchtend, daß ihre Führer, Gaius Gracchus, +Flaccus, Carbo, schuldig oder nicht, in den Prozeß möchten verwickelt werden, +widersetzte sich mit allen Kräften der Einleitung einer Untersuchung; und auch +die Aristokratie, die an Scipio ebensosehr einen Gegner wie einen Verbündeten +verlor, ließ nicht ungern die Sache ruhen. Die Menge und die gemäßigten Männer +standen entsetzt; keiner mehr als Quintus Metellus, der Scipios Einschreiten +gegen die Reform gemißbilligt hatte, aber von solchen Bundesgenossen schaudernd +sich abwandte und seinen vier Söhnen befahl, die Bahre des großen Gegners zur +Feuerstätte zu tragen. Die Leichenbestattung ward beschleunigt; verhüllten +Hauptes ward der Letzte aus dem Geschlecht des Siegers von Zama hinausgetragen, +ohne daß jemand zuvor des Toten Antlitz hätte sehen dürfen, und die Flammen des +Scheiterhaufens verzehrten mit der Hülle des hohen Mannes zugleich die Spuren +des Verbrechens. +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Hierher gehört ein Rede contra legem iudiciariam Ti. Gracchi, womit nicht, +wie man gesagt hat, ein Gesetz über Quästionengerichte gemeint ist, sondern das +Supplementargesetz zu seiner Ackerrogation: ut triumviri iudicarent, qua +publicus ager, qua privatus esset (Liv. ep. 28; oben S. 95). +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +Die Geschichte Roms kennt manchen genialeren Mann als Scipio Aemilianus, aber +keinen, der an sittlicher Reinheit, an völliger Abwesenheit des politischen +Egoismus, an edelster Vaterlandsliebe ihm gleich kommt; vielleicht auch keinen, +dem das Geschick eine tragischere Rolle zugewiesen hat. Des besten Willens und +nicht gemeiner Fähigkeiten sich bewußt, war er dazu verurteilt, den Ruin seines +Vaterlandes vor seinen Augen sich vollziehen zu sehen und jeden ernstlichen +Versuch einer Rettung, in der klaren Einsicht, nur übel damit ärger zu machen, +in sich niederzukämpfen; dazu verurteilt, Untaten wie die des Nasica gutheißen +und zugleich das Werk des Ermordeten gegen seine Mörder verteidigen zu müssen. +Dennoch durfte er sich sagen, nicht umsonst gelebt zu haben. Er war es, +wenigstens ebensosehr wie der Urheber des Sempronischen Gesetzes, dem die +römische Bürgerschaft einen Zuwachs von gegen 80000 neuen Bauernhufen +verdankte; er war es auch, der diese Domanialteilung hemmte, als sie genützt +hatte, was sie nützen konnte. Daß es an der Zeit war, damit abzubrechen, ward +zwar damals auch von wohlmeinenden Männern bestritten; aber die Tatsache, daß +auch Gaius Gracchus auf diese nach dem Gesetz seines Bruders zu verteilenden +und unverteilt gebliebenen Besitzungen nicht ernstlich zurückkam, spricht gar +sehr dafür, daß Scipio im wesentlichen den richtigen Moment traf. Beide +Maßregeln wurden den Parteien abgezwungen, die erste der Aristokratie, die +zweite den Reformfreunden; beide bezahlte ihr Urheber mit seinem Leben. Es war +Scipio beschieden, auf manchem Schlachtfeld für sein Vaterland zu fechten und +unverletzt heimzukehren, um dort den Tod von Mörderhand zu finden; aber er ist +in seiner stillen Kammer nicht minder für Rom gestorben, als wenn er vor +Karthagos Mauern gefallen wäre. +</p> + +<p> +Die Landaufteilung war zu Ende; die Revolution ging an. Die revolutionäre +Partei, die in dem Teilungsamt gleichsam eine konstituierte Vorstandschaft +besaß, hatte schon bei Scipios Lebzeiten hier und dort mit dem bestehenden +Regiment geplänkelt; namentlich Carbo, eines der ausgezeichnetsten +Rednertalente dieser Zeit, hatte als Volkstribun 623 (131) dem Senat nicht +wenig zu schaffen gemacht, die geheime Abstimmung in den +Bürgerschaftsversammlungen durchgesetzt, soweit es nicht bereits früher +geschehen war, und sogar den bezeichnenden Antrag gestellt, den Volkstribunen +die Wiederbewerbung um dasselbe Amt für das unmittelbar folgende Jahr +freizugeben, also das Hindernis, an dem Tiberius Gracchus zunächst gescheitert +war, gesetzlich zu beseitigen. Der Plan war damals durch den Widerstand Scipios +vereitelt worden; einige Jahre später, wie es scheint nach dessen Tode, wurde +das Gesetz, wenn auch mit beschränkenden Klauseln, wieder ein- und +durchgebracht 2. Die hauptsächliche Absicht der Partei ging indes auf +Reaktivierung des faktisch außer Tätigkeit gesetzten Teilungsamts: unter den +Führern ward der Plan ernstlich besprochen, die Hindernisse, die die italischen +Bundesgenossen derselben entgegenstellten, durch Erteilung des Bürgerrechts an +dieselben zu beseitigen, und die Agitation nahm vorwiegend diese Richtung. Um +ihr zu begegnen, ließ der Senat 628 (126) durch den Volkstribun Marcus Iunius +Pennus die Ausweisung sämtlicher Nichtbürger aus der Hauptstadt beantragen und +trotz des Widerstandes der Demokraten, namentlich des Gaius Gracchus, und der +durch diese gehässige Maßregel hervorgerufenen Gärung in den latinischen +Gemeinden ging der Vorschlag durch. Marcus Fulvius Flaccus antwortete im +folgenden Jahr (629 125) als Konsul mit dem Antrag, den Bürgern der +Bundesgemeinden die Gewinnung der römischen Bürgerrechte zu erleichtern und +auch denen, die sie nicht gewonnen, gegen Straferkenntnisse die Provokation an +die römischen Komitien einzuräumen; allein er stand fast allein - Carbo hatte +inzwischen die Farbe gewechselt und war jetzt eifriger Aristokrat, Gaius +Gracchus abwesend als Quästor in Sardinien - und scheiterte an dem Widerstand +nicht bloß des Senats, sondern auch der Bürgerschaft, die der Ausdehnung ihrer +Privilegien auf noch weitere Kreise sehr wenig geneigt war. Flaccus verließ +Rom, um den Oberbefehl gegen die Kelten zu übernehmen; auch so durch seine +transalpinischen Eroberungen den großen Plänen der Demokratie vorarbeitend, zog +er zugleich sich damit aus der üblen Lage heraus, gegen die von ihm selber +aufgestifteten Bundesgenossen die Waffen tragen zu müssen. Fregellae, an der +Grenze von Latium und Kampanien am Hauptübergang über den Liris inmitten eines +großen und fruchtbaren Gebiets gelegen, damals vielleicht die zweite Stadt +Italiens und in den Verhandlungen mit Rom der gewöhnliche Wortführer für die +sämtlichen latinischen Kolonien, begann infolge der Zurückweisung des von +Flaccus eingebrachten Antrags den Krieg gegen Rom - seit hundertfünfzig Jahren +der erste Fall einer ernstlichen, nicht durch auswärtige Mächte herbeigeführten +Schilderhebung Italiens gegen die römische Hegemonie. Indes gelang es diesmal +noch, den Brand, ehe er andere bundesgenössische Gemeinden ergriff, im Keime zu +ersticken; nicht durch die Überlegenheit der römischen Waffen, sondern durch +den Verrat eines Fregellaners, des Quintus Numitorius Pullus, ward der Prätor +Lucius Opimius rasch Meister über die empörte Stadt, die ihr Stadtrecht und +ihre Mauern verlor und gleich Capua ein Dorf ward. Auf einem Teil ihres +Gebietes ward 630 (124) die Kolonie Fabrateria gegründet; der Rest und die +ehemalige Stadt selbst wurden unter die umliegenden Gemeinden verteilt. Das +schnelle und furchtbare Strafgericht schreckte die Bundesgenossenschaft, und +endlose Hochverratsprozesse verfolgten nicht bloß die Fregellaner, sondern auch +die Führer der Volkspartei in Rom, die begreiflicherweise der Aristokratie als +an dieser Insurrektion mitschuldig galten. Inzwischen erschien Gaius Gracchus +wieder in Rom. Die Aristokratie hatte den gefürchteten Mann zuerst in Sardinien +festzuhalten gesucht, indem sie die übliche Ablösung unterließ und sodann, da +er ohne hieran sich zu kehren dennoch zurückkam, ihn als einen der Urheber des +Fregellanischen Aufstandes vor Gericht gezogen (629-630 125-124). Allein die +Bürgerschaft sprach ihn frei, und nun hob auch er den Handschuh auf, bewarb +sich um das Volkstribunat und ward in einer ungewöhnlich zahlreich besuchten +Wahlversammlung zum Volkstribun auf das Jahr 631 (123) ernannt. Der Krieg war +also erklärt. Die demokratische Partei, immer arm an leitenden Kapazitäten, +hatte neun Jahre hindurch notgedrungen so gut wie gefeiert; jetzt war der +Waffenstillstand zu Ende und es stand diesmal an ihrer Spitze ein Mann, der +redlicher als Carbo und talentvoller als Flaccus in jeder Beziehung zur +Führerschaft berufen war. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +2 Die Restriktion, daß die Kontinuierung nur statthaft sein solle, wenn es an +anderen geeigneten Bewerbern fehle (App. civ. 1, 21), war nicht schwer zu +umgehen. Das Gesetz selbst scheint nicht den älteren Ordnungen anzugehören +(Römisches Staatsrecht, Bd. 1, 3. Aufl., S. 473), sondern erst von den +Gracchanern eingebracht zu sein. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Gaius Gracchus (601-633 153-121) war sehr verschieden von seinem um neun Jahre +älteren Bruder. Wie dieser war er gemeiner Lust und gemeinem Treiben abgewandt, +ein durchgebildeter Mann und ein tapferer Soldat; er hatte vor Numantia unter +seinem Schwager und später in Sardinien mit Auszeichnung gefochten. Allein an +Talent, Charakter und vor allem an Leidenschaft war er dem Tiberius entschieden +überlegen. An der Klarheit und Sicherheit, mit welcher der junge Mann sich +später in dem Drang der verschiedenartigsten, zur praktischen Durchführung +seiner zahlreichen Gesetze erforderlichen Geschäfte zu bewegen wußte, erkannte +man die echte staatsmännische Begabung, wie an der leidenschaftlichen bis zum +Tode getreuen Hingebung, mit der seine näheren Freunde an ihm hingen, die +Liebefähigkeit dieses adligen Gemütes. Der Energie seines Wollens und Handelns +war die durchgemachte Leidensschule, die notgedrungene Zurückhaltung während +der letzten neun Jahre zugute gekommen; nicht mit geminderter, nur mit +verdichteter Glut flammte in ihm die tief in die innerste Brust zurückgedrängte +Erbitterung gegen die Partei, die das Vaterland zerrüttet und ihm den Bruder +ermordet hatte. Durch diese furchtbare Leidenschaft seines Gemütes ist er der +erste Redner geworden, den Rom jemals gehabt hat; ohne sie würden wir ihn +wahrscheinlich den ersten Staatsmännern aller Zeiten beizählen dürfen. Noch +unter den wenigen Trümmern seiner aufgezeichneten Reden sind manche selbst in +diesem Zustande von herzerschütternder Mächtigkeit 3, und wohl begreift man, +daß, wer sie hörte oder auch nur las, fortgerissen ward von dem brausenden +Sturm seiner Worte. Dennoch, sosehr er der Rede Meister war, bemeisterte nicht +selten ihn selber der Zorn, so daß dem glänzenden Sprecher die Rede trübe oder +stockend floß. Es ist das treue Abbild seines politischen Tuns und Leidens. In +Gaius’ Wesen ist keine Ader von der Art seines Bruders, von jener etwas +sentimentalen und gar sehr kurzsichtigen und unklaren Gutmütigkeit, die den +politischen Gegner mit Bitten und Tränen umstimmen möchte; mit voller +Sicherheit betrat er den Weg der Revolution und strebte er nach dem Ziel der +Rache. “Auch mir”, schrieb ihm seine Mutter, “scheint nichts +schöner und herrlicher, als dem Feinde zu vergelten, wofern dies geschehen +kann, ohne daß das Vaterland zugrunde geht. Ist aber dies nicht möglich, da +mögen unsere Feinde bestehen und bleiben, was. sie sind, tausendmal lieber, als +daß das Vaterland verderbe.” Cornelia kannte ihren Sohn; sein +Glaubensbekenntnis war eben das Gegenteil. Rache wollte er nehmen an der +elenden Regierung, Rache um jeden Preis, mochte auch er selbst, ja das +Gemeinwesen darüber zugrunde gehen - die Ahnung, daß das Verhängnis ihn so +sicher ereilen werde wie den Bruder, trieb ihn nur sich zu hasten, gleich dem +tödlich Verwundeten, der sich auf den Feind wirft. Die Mutter dachte edler; +aber auch den Sohn, diese tiefgereizte, leidenschaftlich erregte, durchaus +italienische Natur hat die Nachwelt mehr noch beklagt als getadelt, und sie hat +recht daran getan. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +3 So die bei der Ankündigung seiner Gesetzvorschläge gesprochenen Worte: +“Wenn ich zu euch redete und von euch begehrte, da ich von edler Herkunft +bin und meinen Bruder um euretwillen eingebüßt habe und nun niemand weiter +übrig ist von des Publius Africanus und des Tiberius Gracchus Nachkommen als +nur ich und ein Knabe, mich für jetzt feiern zu lassen, damit nicht unser Stamm +mit der Wurzel ausgerottet werde und ein Sprößling dieses Geschlechts übrig +bleibe: so möchte wohl solches mir von euch bereitwillig zugestanden +werden.” +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Tiberius Gracchus war mit einer einzelnen Administrativreform vor die +Bürgerschaft getreten. Was Gaius in einer Reihe gesonderter Vorschläge +einbrachte, war nichts anderes als eine vollständig neue Verfassung, als deren +erster Grundstein die schon früher durchgesetzte Neuerung erscheint, daß es dem +Volkstribun freistehen solle, sich für das folgende Jahr wiederwählen zulassen. +Wenn hiermit für das Volkshaupt die Möglichkeit einer dauernden und den Inhaber +schützenden Stellung gewonnen war, so galt es weiter, demselben die materielle +Macht zu sichern, das heißt die hauptstädtische Menge - denn daß auf das nur +von Zeit zu Zeit nach der Stadt kommende Landvolk kein Verlaß war, hatte sich +sattsam gezeigt - mit ihren Interessen fest an den Führer zu knüpfen. Hierzu +diente zuvörderst die Einführung der hauptstädtischen Getreideverteilung. Schon +früher war das dem Staat aus den Provinzialzehnten zukommende Getreide oftmals +zu Schleuderpreisen an die Bürgerschaft abgegeben worden. Gracchus verfügte, +daß fortan jedem persönlich in der Hauptstadt sich meldenden Bürger monatlich +eine bestimmte Quantität - es scheint 5 Modii (5/6 preuß. Scheffel) -aus den +öffentlichen Magazinen verabfolgt werden solle, der Modius zu 6 1/3 As (2½ +Groschen) oder noch nicht die Hälfte eines niedrigen Durchschnittspreises; zu +welchem Ende durch Anlage der neuen Sempronischen Speicher die öffentlichen +Kornmagazine erweitert wurden. Diese Verteilung, welche folgeweise die +außerhalb der Hauptstadt lebenden Bürger ausschloß und notwendig die ganze +Masse des Bürgerproletariats nach Rom ziehen mußte, sollte das hauptstädtische +Bürgerproletariat, das bisher wesentlich von der Aristokratie abgehangen hatte, +in die Klientel der Führer der Bewegungspartei bringen und damit dem neuen +Herrn des Staats zugleich eine Leibwache und eine feste Majorität in den +Komitien gewähren. Zu mehrerer Sicherheit hinsichtlich dieser wurde ferner die +in den Zenturiatkomitien noch bestehende Stimmordnung, wonach die fünf +Vermögensklassen in jedem Bezirk nacheinander ihre Stimmen abgaben, +abgeschafft; statt dessen sollten in Zukunft sämtliche Zenturien durcheinander +in einer jedesmal durch das Los festzustellenden Reihenfolge stimmen. Wenn +diese Bestimmungen wesentlich darauf hinzielten, durch das hauptstädtische +Proletariat dem neuen Staatsoberhaupt die vollständige Herrschaft über die +Hauptstadt und damit über den Staat, die freieste Disposition über die Maschine +der Komitien und die Möglichkeit zu verschaffen, den Senat und die Beamten +nötigenfalls zu terrorisieren, so faßte doch der Gesetzgeber daneben allerdings +auch die Heilung der bestehenden sozialen Schäden mit Ernst und Nachdruck an. +Zwar die italische Domänenfrage war in gewissem Sinne abgetan. Das Ackergesetz +des Tiberius und selbst das Teilungsamt bestanden rechtlich noch fort; das von +Gaius durchgebrachte Ackergesetz kann nichts neu festgesetzt haben als die +Zurückgabe der verlorenen Gerichtsbarkeit an die Teilherren. Daß hiermit nur +das Prinzip gerettet werden sollte und die Ackerverteilung wenn überhaupt, doch +nur in sehr beschränktem Umfang wiederaufgenommen ward, zeigt die Bürgerliste, +die für die Jahre 629 (125) und 639 (115) genau dieselbe Kopfzahl ergibt. +Unzweifelhaft ging Gaius hier deshalb nicht weiter, weil das von römischen +Bürgern in Besitz genommene Domanialland wesentlich bereits verteilt war, die +Frage aber wegen der von den Latinern benutzten Domänen nur in Verbindung mit +der sehr schwierigen über die Ausdehnung des Bürgerrechts wiederaufgenommen +werden durfte. Dagegen tat er einen wichtigen Schritt hinaus über das +Ackergesetz des Tiberius, indem er die Gründung von Kolonien in Italien, +namentlich in Tarent und vor allem in Capua, beantragte, also auch das von +Gemeinde wegen verpachtete, bisher von der Aufteilung ausgeschlossene +Domanialland zur Verteilung mitheranzog, und zwar nicht zur Verteilung nach dem +bisherigen, die Gründung neuer Gemeinden ausschließenden Verfahren, sondern +nach dem Kolonialsystem. Ohne Zweifel sollten auch diese Kolonien die +Revolution, der sie ihre Existenz verdankten, dauernd verteidigen helfen. +Bedeutender und folgenreicher noch war es, daß Gaius Gracchus zuerst dazu +schritt, das italische Proletariat in den überseeischen Gebieten des Staats zu +versorgen, indem er an die Stätte, wo Karthago gestanden, 6000 vielleicht nicht +bloß aus den römischen Bürgern, sondern auch aus den italischen Bundesgenossen +erwählte Kolonisten sendete und der neuen Stadt Iunonia das Recht einer +römischen Bürgerkolonie verlieh. Die Anlage war wichtig, aber wichtiger noch +das damit hingestellte Prinzip der überseeischen Emigration, womit für das +italische Proletariat ein bleibender Abzugskanal und in der Tat eine mehr als +provisorische Hilfe eröffnet, freilich aber auch der Grundsatz des bisherigen +Staatsrechts aufgegeben ward, Italien als das ausschließlich regierende, das +Provinzialgebiet als das ausschließlich regierte Land zu betrachten. +</p> + +<p> +Zu diesen auf die große Frage hinsichtlich des Proletariats unmittelbar +bezüglichen Maßregeln kam eine Reihe von Verfügungen, die hervorgingen aus der +allgemeinen Tendenz, gegenüber der altväterischen Strenge der bestehenden +Verfassung gelindere und zeitgemäßere Grundsätze zur Geltung zu bringen. +Hierher gehören die Milderungen im Militärwesen. Hinsichtlich der Länge der +Dienstzeit bestand nach altem Recht keine andere Grenze, als daß kein Bürger +vor vollendetem siebzehnten und nach vollendetem sechsundvierzigsten Jahre zum +ordentlichen Felddienst pflichtig war. Als sodann infolge der Besetzung +Spaniens der Dienst anfing stehend zu werden, scheint zuerst gesetzlich verfügt +zu sein, daß, wer sechs Jahre hintereinander im Felde gestanden, dadurch +zunächst ein Recht erhalte auf den Abschied, wenngleich dieser vor der +Wiedereinberufung den Pflichtigen nicht schützte; später, vielleicht um den +Anfang dieses Jahrhunderts, kam der Satz auf, daß zwanzigjähriger Dienst zu Fuß +oder zehnjähriger zu Roß überhaupt vom weiteren Kriegsdienst befreie 4. +Gracchus erneuerte die vermutlich öfter gewaltsam verletzte Vorschrift, keinen +Bürger vor dem begonnenen achtzehnten Jahr in das Heer einzustellen, und +beschränkte auch, wie es scheint, die zur vollen Befreiung von der +Militärpflicht erforderliche Zahl von Feldzügen; überdies wurde den Soldaten +die Kleidung, deren Betrag ihnen bisher am Solde gekürzt worden war, fortan vom +Staat unentgeltlich geliefert. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +4 So möchte die Angabe Appians (Hisp. 78), daß sechsjähriger Dienst berechtige, +den Abschied zu fordern, auszugleichen sein mit der bekannteren des Polybios +(6, 19), über welche Marquardt (Handbuch, Bd. 6, S. 381) richtig urteilt. Die +Zeit, wo beide Neuerungen aufkamen, läßt sich nicht weiter bestimmen, als daß +die erste wahrscheinlich schon im Jahre 603 (K. W. Nitzsch, Die Gracchen, S. +231), die zweite sicher schon zu Polybios’ Zeit bestand. Daß Gracchus die +Zahl der gesetzlichen Dienstjahre herabsetzte, scheint aus Asconius (Corn. p. +68) zu folgen; vgl. Plut. Tib. Gracch. 16; Dio fr. 83; 7 Bekker. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Hierher gehört ferner die mehrfach in der Gracchischen Gesetzgebung +hervortretende Tendenz, die Todesstrafe wo nicht abzuschaffen, doch noch mehr, +als es schon geschehen war, zu beschränken, die zum Teil selbst in der +Militärgerichtsbarkeit sich geltend macht. Schon seit Einführung der Republik +hatte der Beamte das Recht verloren, über den Bürger die Todesstrafe ohne +Befragung der Gemeinde zu verhängen außer nach Kriegsrecht; wenn dies +Provokationsrecht des Bürgers bald nach der Gracchenzeit auch im Lager +anwendbar und das Recht des Feldherrn, Todesstrafen zu vollstrecken, auf +Bundesgenossen und Untertanen beschränkt erscheint, so ist wahrscheinlich die +Quelle hiervon zu suchen in dem Provokationsgesetz des Gaius Gracchus. Aber +auch das Recht der Gemeinde, die Todesstrafe zu verhängen oder vielmehr zu +bestätigen, ward mittelbar, aber wesentlich dadurch beschränkt, daß Gracchus +diejenigen gemeinen Verbrechen, die am häufigsten zu Todesurteilen Veranlassung +gaben, Giftmischerei und überhaupt Mord, der Bürgerschaft entzog und an +ständige Kommissionsgerichte überwies, welche nicht wie die Volksgerichte durch +Einschreiten eines Tribuns gesprengt werden konnten und von denen nicht bloß +keine Appellation an die Gemeinde ging, sondern deren Wahrsprüche auch so wenig +wie die der althergebrachten Zivilgeschworenen der Kassation durch die Gemeinde +unterlagen. Bei den Bürgerschaftsgerichten war es, namentlich bei den +eigentlich politischen Prozessen, zwar auch längst Regel, daß der Angeklagte +auf freiem Fuß prozessiert und ihm gestattet ward, durch Aufgebung seines +Bürgerrechts wenigstens Leben und Freiheit zu retten; denn die Vermögensstrafe +so wie die Zivilverurteilung konnten auch den Exilierten noch treffen. Allein +vorgängige Verhaftung und vollständige Exekution blieben hier wenigstens +rechtlich möglich und wurden selbst gegen Vornehme noch zuweilen vollzogen, wie +zum Beispiel Lucius Hostilius Tubulus, Prätor 612 (142), der wegen eines +schweren Verbrechens auf den Tod angeklagt war, unter Verweigerung des +Exilrechts festgenommen und hingerichtet ward. Dagegen die aus dem Zivilprozeß +hervorgegangenen Kommissionsgerichte konnten wahrscheinlich von Haus aus +Freiheit und Leben des Bürgers nicht antasten und höchstens auf Verbannung +erkennen - diese, bisher eine dem schuldig befundenen Mann gestattete +Strafmilderung, ward nun zuerst zur förmlichen Strafe. Auch dieses +unfreiwillige Exil ließ gleich dem freiwilligen dem Verbannten das Vermögen, +soweit es nicht zur Befriedigung der Ersatzforderungen und in Geldbußen +daraufging. +</p> + +<p> +Im Schuldwesen endlich hat Gaius Gracchus zwar nichts geneuert; doch behaupten +sehr achtbare Zeugen, daß er den verschuldeten Leuten auf Minderung oder Erlaß +der Forderungen Hoffnung gemacht habe, was, wenn es richtig ist, gleichfalls +diesen radikal populären Maßregeln beizuzählen ist. +</p> + +<p> +Während Gracchus also sich lehnte auf die Menge, die von ihm eine materielle +Verbesserung ihrer Lage teils erwartete, teils empfing, arbeitete er mit +gleicher Energie an dem Ruin der Aristokratie. Wohl erkennend, wie unsicher +jede bloß auf das Proletariat gebaute Herrschaft des Staatsoberhauptes ist, war +er vor allem darauf bedacht, die Aristokratie zu spalten und einen Teil +derselben in sein Interesse zu ziehen. Die Elemente einer solchen Spaltung +waren vorhanden. Die Aristokratie der Reichen, die sich wie ein Mann gegen +Tiberius Gracchus erhoben hatte, bestand in der Tat aus zwei wesentlich +ungleichen Massen, die man einigermaßen der Lords- und der Cityaristokratie +Englands vergleichen kann. Die eine umfaßte den tatsächlich geschlossenen Kreis +der regierenden senatorischen Familien, die der unmittelbaren Spekulation sich +fernhielten und ihre ungeheuren Kapitalien teils in Grundbesitz anlegten, teils +als stille Gesellschafter bei den großen Assoziationen verwerteten. Den Kern +der zweiten Klasse bildeten die Spekulanten, welche als Geschäftsführer dieser +Gesellschaften oder auf eigene Hand die Groß- und Geldgeschäfte im ganzen +Umfang der römischen Hegemonie betrieben. Es ist schon dargestellt worden, wie +die letztere Klasse namentlich im Laufe des sechsten Jahrhunderts allmählich +der senatorischen Aristokratie an die Seite trat und, wie die gesetzliche +Ausschließung der Senatoren von dem kaufmännischen Betrieb durch den von dem +Vorläufer der Gracchen Gaius Flaminius veranlaßten Claudischen Volksschluß, +eine äußere Scheidewand zwischen den Senatoren und den Kauf- und Geldleuten +zog. In der gegenwärtigen Epoche beginnt die kaufmännische Aristokratie unter +dem Namen der “Ritterschaft” einen entscheidenden Einfluß auch in +politischen Angelegenheiten zu üben. Diese Bezeichnung, die ursprünglich nur +der diensttuenden Bürgerreiterei zukam, übertrug sich allmählich, wenigstens im +gewöhnlichen Sprachgebrauch, auf alle diejenigen, die als Besitzer eines +Vermögens von mindestens 400000 Sesterzen zum Roßdienst im allgemeinen +pflichtig waren, und begriff also die gesamte senatorische und +nichtsenatorische vornehme römische Gesellschaft. Nachdem indes nicht lange vor +Gaius Gracchus die Inkompatibilität des Sitzes in der Kurie und des +Reiterdienstes gesetzlich festgestellt und die Senatoren also aus den +Ritterfähigen ausgeschieden waren, konnte der Ritterstand, im großen und ganzen +genommen, betrachtet werden als im Gegensatz zum Senat die +Spekulantenaristokratie vertretend, obwohl die nicht in den Senat +eingetretenen, namentlich also die jüngeren Glieder der senatorischen Familien +nicht aufhörten, als Ritter zu dienen und also zu heißen, ja die eigentliche +Bürgerreiterei, das heißt die achtzehn Ritterzenturien, infolge ihrer +Zusammensetzung durch die Zensoren, fortfuhren, vorwiegend aus der jungen +senatorischen Aristokratie sich zu ergänzen. +</p> + +<p> +Dieser Stand der Ritter, das heißt wesentlich der vermögenden Kaufleute, +berührte vielfältig sich unsanft mit dem regierenden Senat. Es war eine +natürliche Antipathie zwischen den vornehmen Adligen und den Männern, denen mit +dem Gelde der Rang gekommen war. Die regierenden Herren, vor allem die besseren +von ihnen, standen der Spekulation ebenso fern, wie die politischen Fragen und +Koteriefehden den Männern der materiellen Interessen gleichgültig waren. Jene +und diese waren namentlich in den Provinzen schon öfter hart zusammengestoßen; +denn wenn auch im allgemeinen die Provinzialen weit mehr Grund hatten, sich +über die Parteilichkeit der römischen Beamten zu beschweren als die römischen +Kapitalisten, so ließen doch die regierenden Herren vom Senat sich nicht dazu +herbei, den Begehrlichkeiten und Unrechtfertigkeiten der Geldmänner auf Kosten +der Untertanen so durchaus und unbedingt die Hand zu leihen, wie es von jenen +begehrt ward. Trotz der Eintracht gegen einen gemeinschaftlichen Feind, wie +Tiberius Gracchus gewesen war, klaffte zwischen der Adels- und Geldaristokratie +ein tief gehender Riß; und geschickter als sein Bruder erweiterte ihn Gaius, +bis das Bündnis gesprengt war und die Kaufmannschaft auf seiner Seite stand. +Daß die äußeren Vorrechte, durch die späterhin die Männer von Ritterzensus von +der übrigen Menge sich unterschieden - der goldene Fingerreif statt des +gewöhnlichen eisernen oder kupfernen und der abgesonderte und bessere Platz bei +den Bürgerfesten -, der Ritterschaft zuerst von Gaius Gracchus verliehen worden +sind, ist nicht gewiß, aber nicht unwahrscheinlich. Denn aufgekommen sind sie +auf jeden Fall um diese Zeit, und wie die Erstreckung dieser bisher im +wesentlichen senatorischen Privilegien auf den von ihm emporgehobenen +Ritterstand ganz in Gracchus’ Art ist, so war es auch recht eigentlich +sein Zweck, der Ritterschaft den Stempel eines zwischen der senatorischen +Aristokratie und der gemeinen Menge in der Mitte stehenden, ebenfalls +geschlossenen und privilegierten Standes aufzudrücken; und ebendies haben jene +Standesabzeichen, wie gering sie an sich auch waren und wie viele Ritterfähige +auch ihrer sich nicht bedienen mochten, mehr gefördert als manche an sich weit +wichtigere Verordnung. Indes die Partei der materiellen. Interessen, wenn sie +dergleichen Ehren auch keineswegs verschmäht, ist doch dafür allein nicht zu +haben. Gracchus erkannte es wohl, daß sie zwar dem Meistbietenden von Rechts +wegen zufällt, aber es auch eines hohen und reellen Gebotes bedurfte; und so +bot er ihr die asiatischen Gefälle und die Geschworenengerichte. +</p> + +<p> +Das System der römischen Finanzverwaltung, sowohl die indirekten Steuern wie +auch die Domanialgefälle durch Mittelsmänner zu erheben, gewährte an sich schon +dem römischen Kapitalistenstand auf Kosten der Steuerpflichtigen die +ausgedehntesten Vorteile. Die direkten Abgaben indes bestanden entweder, wie in +den meisten Ämtern, in festen, von den Gemeinden zu entrichtenden Geldsummen, +was die Dazwischenkunft römischer Kapitalisten von selber ausschloß, oder, wie +in Sizilien und Sardinien, in einem Bodenzehnten, dessen Erhebung für jede +einzelne Gemeinde in den Provinzen selbst verpachtet ward und wobei also +regelmäßig die vermögenden Provinzialen, und sehr häufig die zehntpflichtigen +Gemeinden selbst, den Zehnten ihrer Distrikte pachteten und dadurch die +gefährlichen römischen Mittelsmänner von sich abwehrten. Als sechs Jahre zuvor +die Provinz Asia an die Römer gefallen war, hatte der Senat sie im wesentlichen +nach dem ersten System einrichten lassen. Gaius Gracchus 5 stieß diese +Verfügung durch einen Volksschluß um und belastete nicht bloß die bis dahin +fast steuerfreie Provinz mit den ausgedehntesten indirekten und direkten +Abgaben, namentlich dem Bodenzehnten, sondern er verfügte auch, daß diese +Hebungen für die gesamte Provinz und in Rom verpachtet werden sollten - eine +Bestimmung, die die Beteiligung der Provinzialen tatsächlich ausschloß und die +in der Mittelsmännerschaft für Zehnten, Hutgeld und Zölle der Provinz Asia eine +Kapitalistenassoziation von kolossaler Ausdehnung ins Leben rief. +Charakteristisch für Gracchus’ Bestreben, den Kapitalistenstand vom Senat +unabhängig zu machen, ist dabei noch die Bestimmung, daß der völlige oder +teilweise Erlaß der Pachtsumme nicht mehr, wie bisher, vom Senat nach Ermessen +bewilligt werden, sondern unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich eintreten +solle. Wenn hier dem Kaufmannsstand eine Goldgrube eröffnet und in den +Mitgliedern der neuen Gesellschaft ein selbst der Regierung imponierender Kern +der hohen Finanz, ein “Senat der Kaufmannschaft” konstituiert ward, +so ward denselben zugleich in den Geschworenengerichten eine bestimmte +öffentliche Tätigkeit zugewiesen. Das Gebiet des Kriminalprozesses, der von +Rechts wegen vor die Bürgerschaft gehörte, war bei den Römern von Haus aus sehr +eng und ward, wie bemerkt, durch Gracchus noch weiter verengt; die meisten +Prozesse, sowohl die wegen gemeiner Verbrechen als auch die Zivilsachen, wurden +entweder von Einzelgeschworenen oder von teils stehenden, teils +außerordentlichen Kommissionen entschieden. Bisher waren jene und diese +ausschließlich aus dem Senat genommen worden; Gracchus überwies sowohl in den +eigentlichen Zivilprozessen wie bei den ständigen und nichtständigen +Kommissionen die Geschworenenfunktionen an den Ritterstand, indem er die +Geschworenenlisten nach Analogie der Ritterzenturien aus den sämtlichen +ritterfähigen Individuen jährlich neu formieren ließ und die Senatoren +geradezu, die jungen Männer der senatorischen Familien durch Festsetzung einer +gewissen Altersgrenze von den Gerichten ausschloß 6. Es ist nicht +unwahrscheinlich, daß die Geschworenenwahl vorwiegend auf dieselben Männer +gelenkt ward, die in den großen kaufmännischen Assoziationen namentlich der +asiatischen und sonstigen Steuerpächter die erste Rolle spielten, eben weil +diese ein sehr nahes eigenes Interesse daran hatten, in den Gerichten zu +sitzen; und fielen also die Geschworenenliste und die Publikanensozietäten in +ihren Spitzen zusammen, so begreift man um so mehr die Bedeutung des also +konstituierten Gegensenats. Die wesentliche Folge hiervon war, daß, während +bisher es nur zwei Gewalten im Staate gegeben hatte, die Regierung als +verwaltende und kontrollierende, die Bürgerschaft als legislative Behörde, die +Gerichte aber zwischen beiden geteilt waren, jetzt die Geldaristokratie nicht +bloß auf der soliden Basis der materiellen Interessen als festgeschlossene und +privilegierte Klasse sich zusammenfand, sondern auch als richtende und +kontrollierende Gewalt in den Staat eintrat und der regierenden Aristokratie +sich fast ebenbürtig zur Seite stellte. All die alten Antipathien der Kaufleute +gegen den Adel mußten fortan in den Wahrsprüchen der Geschworenen einen nur zu +praktischen Ausdruck finden; vor allen Dingen in den Rechenschaftsgerichten der +Provinzialstatthalter hatte der Senator nicht mehr wie bisher von +seinesgleichen, sondern von Großhändlern und Bankiers die Entscheidung zu +erwarten über seine bürgerliche Existenz. Die Fehden zwischen den römischen +Kapitalisten und den römischen Statthaltern verpflanzten sich aus der +Provinzialverwaltung auf den bedenklichen Boden der Rechenschaftsprozesse. Die +Aristokratie der Reichen war nicht bloß gespalten, sondern es war auch dafür +gesorgt, daß der Zwist immer neue Nahrung und leichten Ausdruck fand. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +5 Daß er und nicht Tiberius der Urheber dieses Gesetzes ist, zeigt jetzt Fronto +in den Briefen an Verus z.A. Vgl. Gracchus bei Gell. 11, 10; Cic. rep. 3, 29 +und Verr. 3, 6, 12; Vell. 2. 6. +</p> + +<p> +6 Die zunächst durch diese Veränderung des Richterpersonals veranlaßte neue +Gerichtsordnung für die ständige Kommission wegen Erpressungen besitzen wir +noch zum großen Teil: sie ist bekannt unter dem Namen des Servilischen oder +vielmehr Acilischen Repetundengesetzes. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Mit den also bereiteten Waffen, dem Proletariat und dem Kaufmannsstand, ging +Gracchus an sein Hauptwerk, an den Sturz der regierenden Aristokratie. Den +Senat stürzen hieß einerseits durch gesetzliche Neuerungen eine wesentliche +Kompetenz ihm entziehen, andererseits durch Maßregeln mehr persönlicher und +transitorischer Art die bestehende Aristokratie zugrunde richten. Gracchus hat +beides getan. Vor allem die Verwaltung hatte bisher dem Senat ausschließlich +zugestanden; Gracchus nahm sie ihm ab, indem er teils die wichtigsten +Administrativfragen durch Komitialgesetze, das heißt tatsächlich durch +tribunizische Machtsprüche entschied, teils in den laufenden Angelegenheiten +den Senat möglichst beschränkte, teils selbst in der umfassendsten Weise die +Geschäfte an sich zog. Die Maßregeln der ersten Gattung sind schon erwähnt: der +neue Herr des Staats disponierte, ohne den Senat zu fragen, über die +Staatskasse, indem er durch die Getreideverteilung den öffentlichen Finanzen +eine dauernde und drückende Last aufbürdete, über die Domänen, indem er +Kolonien nicht wie bisher nach Senats- und Volks-, sondern allein nach +Volksschluß aussandte, über die Provinzialverwaltung, indem er die vom Senat +der Provinz Asia gegebene Steuerverfassung durch ein Volksgesetz umstieß und +eine durchaus andere an deren Stelle setzte. Eines der wichtigsten unter den +laufenden Geschäften des Senats, die willkürliche Feststellung der jedesmaligen +Kompetenz der beiden Konsuln, wurde ihm zwar nicht entzogen, aber der bisher +dabei geübte indirekte Druck auf die höchsten Beamten dadurch beschränkt, daß +der Senat angewiesen ward, diese Kompetenzen festzustellen, bevor die +betreffenden Konsuln gewählt seien. Mit beispielloser Tätigkeit endlich +konzentrierte Gaius die verschiedenartigsten und verwickeltsten +Regierungsgeschäfte in seiner Person: Er selbst überwachte die +Getreideverteilung, erlas die Geschworenen, gründete trotz des gesetzlich an +die Stadt ihn fesselnden Amtes persönlich die Kolonien, regulierte das +Wegewesen und schloß die Bauverträge ab, leitete die Senatsverhandlungen, +bestimmte die Konsulwahlen - kurz er gewöhnte das Volk daran, daß in allen +Dingen ein Mann der erste sei, und verdunkelte die schlaffe und lahme +Verwaltung des senatorischen Kollegiums durch sein kräftiges und gewandtes +persönliches Regiment. +</p> + +<p> +Noch energischer als in die Verwaltung griff Gracchus ein in die senatorische +Gerichtsallmacht. Daß er die Senatoren als Geschworene beseitigte, ward schon +gesagt; dasselbe geschah mit der Jurisdiktion, die der Senat als oberste +Verwaltungsbehörde sich in Ausnahmefällen gestattete. Bei scharfer Strafe +untersagte er, wie es scheint in dem erneuerten Provokationsgesetz 7, die +Niedersetzung außerordentlicher Hochverratskommissionen durch Senatsbeschluß, +wie diejenige gewesen war, welche nach seines Bruders Ermordung über dessen +Anhänger zu Gericht gesessen hatte. Die Summe dieser Maßregeln ist, daß der +Senat die Kontrolle ganz verlor und von der Verwaltung nur behielt, was das +Staatshaupt ihm zu lassen für gut befand. Indes diese konstitutiven Maßregeln +genügten nicht; auch der gegenwärtig regierenden Aristokratie wurde unmittelbar +zu Leibe gegangen. Ein bloßer Akt der Rache war es, daß dem zuletzt erwähnten +Gesetz rückwirkende Kraft beigelegt und dadurch derjenige Aristokrat, den nach +Nasicas inzwischen erfolgtem Tode der Haß der Demokraten hauptsächlich traf, +Publius Popillius, genötigt ward, das Land zu meiden. Merkwürdigerweise ging +dieser Antrag nur mit achtzehn gegen siebzehn Stimmen in der Bezirksversammlung +durch - ein Zeichen, was wenigstens in Fragen persönlichen Interesses noch der +Einfluß der Aristokratie bei der Menge vermochte. Ein ähnliches, aber weit +minder zu rechtfertigendes Dekret, den gegen Marcus Octavius gerichteten +Antrag, daß, wer durch Volksschluß sein Amt verloren habe, auf immer unfähig +sein solle, einen öffentlichen Posten zu bekleiden, nahm Gaius zurück auf +Bitten seiner Mutter und ersparte sich damit die Schande, durch die +Legalisierung einer notorischen Verfassungsverletzung das Recht offen zu +verhöhnen und an einem Ehrenmann, der kein bitteres Wort gegen Tiberius +gesprochen und nur der Verfassung und seiner Pflicht, wie er sie verstand, +gemäß gehandelt hatte, niedrige Rache zu nehmen. Aber von ganz anderer +Wichtigkeit als diese Maßregeln war Gaius’ freilich wohl schwerlich zur +Ausführung gelangter Plan, den Senat durch 300 neue Mitglieder, das heißt +ungefähr ebenso viele als er bisher hatte, zu verstärken und diese aus dem +Ritterstand durch Komitien wählen zu lassen - eine Pairskreierung im +umfassendsten Stil, die den Senat in die vollständigste Abhängigkeit von dem +Staatsoberhaupt gebracht haben würde. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +7 Dies und das Gesetz ne quis iudicio circumveniatur dürften identisch sein. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Dies ist die Staatsverfassung, welche Gaius Gracchus entworfen und während der +beiden Jahre seines Volkstribunats (631, 632 123, 122) in ihren wesentlichsten +Punkten durchgeführt hat, soweit wir sehen, ohne auf irgendeinen nennenswerten +Widerstand zu stoßen und ohne zur Erreichung seiner Zwecke Gewalt anwenden zu +müssen. Die Reihenfolge, in der die Maßregeln durchgebracht sind, läßt in der +zerrütteten Überlieferung sich nicht mehr erkennen, und auf manche naheliegende +Frage müssen wir die Antwort schuldig bleiben; es scheint indes nicht, daß uns +mit dem Fehlenden sehr wesentliche Momente entgangen sind, da über die +Hauptsachen vollkommen sichere Kunde vorliegt und Gaius keineswegs wie sein +Bruder durch den Strom der Ereignisse weiter und weiter gedrängt ward, sondern +offenbar einen wohl überlegten, umfassenden Plan in einer Reihe von +Spezialgesetzen im wesentlichen vollständig realisierte. +</p> + +<p> +Daß nun Gaius Gracchus keineswegs, wie viele gutmütige Leute in alter und neuer +Zeit gemeint haben, die römische Republik auf neue demokratische Basen stellen, +sondern vielmehr sie abschaffen und in der Form eines durch stehende Wiederwahl +lebenslänglich und durch unbedingte Beherrschung der formell souveränen +Komitien absolut gemachten Amtes, eines unumschränkten Volkstribunats auf +Lebenszeit, anstatt der Republik die Tyrannis, das heißt nach heutigem +Sprachgebrauch die nicht feudalistische und nicht theokratische, die +napoleonisch absolute Monarchie einführen wollte, das offenbart die +Sempronische Verfassung selbst mit voller Deutlichkeit einem jeden, der Augen +hat und haben will. In der Tat, wenn Gracchus, wie seine Worte deutlich und +deutlicher seine Werke es sagen, den Sturz des Senatsregiments bezweckte, was +blieb in einem Gemeinwesen, das über die Urversammlungen hinaus und für das der +Parlamentarismus nicht vorhanden war, nach dem Sturz des aristokratischen +Regiments für eine andere politische Ordnung möglich als die Tyrannis? Träumer, +wie sein Vorgänger einer war, und Schwindler, wie sie die Folgezeit +heraufführte, mochten dies in Abrede stellen; Gaius Gracchus aber war ein +Staatsmann, und wenn auch die Formulierung, die der große Mann für sein großes +Werk bei sich selber aufstellte, uns nicht überliefert und in sehr +verschiedener Weise denkbar ist, so wußte er doch unzweifelhaft, was er tat. +Sowenig die beabsichtigte Usurpation der monarchischen Gewalt sich verkennen +läßt, so wenig wird, wer die Verhältnisse übersieht, den Gracchus deswegen +tadeln. Eine absolute Monarchie ist ein großes Unglück für die Nation, aber ein +minderes als eine absolute Oligarchie; und wer der Nation statt des größeren +das kleinere Leiden auferlegt, den darf die Geschichte nicht schelten, am +wenigsten eine so leidenschaftlich ernste und allem Gemeinen so fernstehende +Natur wie Gaius Gracchus. Allein nichtsdestoweniger darf sie es nicht +verschweigen, daß durch die ganze Gesetzgebung desselben eine Zwiespältigkeit +verderblichster Art geht, indem sie einerseits das gemeine Beste bezweckt, +andererseits den persönlichen Zwecken, ja der persönlichen Rache des Herrschers +dient. Gracchus war ernstlich bemüht, für die sozialen Schäden eine Abhilfe zu +finden und dem einreißenden Pauperismus zu steuern; dennoch zog er zugleich +durch seine Getreideverteilungen, die für alles arbeitsscheue hungernde +Bürgergesindel eine Prämie werden sollten und wurden, ein hauptstädtisches +Gassenproletariat der schlimmsten Art absichtlich groß. Gracchus tadelte mit +den bittersten Worten die Feilheit des Senats und deckte namentlich den +skandalösen Schacher, den Manius Aquillius mit den kleinasiatischen Provinzen +getrieben, mit schonungsloser und gerechter Strenge auf 8. Aber es war +desselben Mannes Werk, daß der souveräne Pöbel der Hauptstadt für seine +Regierungssorgen sich on der Untertanenschaft alimentieren ließ. Gracchus +mißbilligte lebhaft die schändliche Ausplünderung der Provinzen und veranlaßte +nicht bloß, daß in einzelnen Fällen mit heilsamer Strenge eingeschritten ward, +sondern auch die Abschaffung der durchaus unzureichenden senatorischen +Gerichte, vor denen selbst Scipio Aemilianus, um die entschiedensten Frevler +zur Strafe zu ziehen, sein ganzes Ansehen vergeblich eingesetzt hatte. Dennoch +überlieferte er zugleich durch die Einführung der Kaufmannsgerichte die +Provinzialen mit gebundenen Händen der Partei der materiellen Interessen und +damit einer noch rücksichtsloseren Despotie, als die aristokratische gewesen +war, und führte in Asia eine Besteuerung ein, gegen welche selbst die nach +karthagischem Muster in Sizilien geltende Steuerverfassung gelind und +menschlich heißen konnte - beides, weil er teils der Partei der Geldmänner, +teils für seine Getreideverteilungen und die sonstigen den Finanzen neu +aufgebürdeten Lasten neuer und umfassender Hilfsquellen bedurfte. Gracchus +wollte ohne Zweifel eine feste Verwaltung und eine geordnete Rechtspflege, wie +zahlreiche durchaus zweckmäßige Anordnungen bezeugen; dennoch beruht sein neues +Verwaltungssystem auf einer fortlaufenden Reihe einzelner, nur formell +legalisierter Usurpationen; dennoch zog er das Gerichtswesen, das jeder +geordnete Staat, soweit irgend möglich, zwar nicht über die politischen +Parteien, aber doch außerhalb derselben zu stellen bemüht sein wird, +absichtlich mitten in den Strudel der Revolution. Allerdings fällt die Schuld +dieser Zwiespältigkeit in Gaius Gracchus’ Tendenzen zu einem sehr großen +Teil mehr auf die Stellung als auf die Person. Gleich hier an der Schwelle der +Tyrannis entwickelt sich das verhängnisvolle sittlich-politische Dilemma, daß +derselbe Mann zugleich, man möchte sagen, als Räuberhauptmann sich behaupten +und als der erste Bürger den Staat leiten soll; ein Dilemma, dem auch Perikles, +Caesar, Napoleon bedenkliche Opfer haben bringen müssen. Indes ganz läßt sich +Gaius Gracchus’ Verfahren aus dieser Notwendigkeit nicht erklären; es +wirkt daneben in ihm die verzehrende Leidenschaft, die glühende Rache, die, den +eigenen Untergang voraussehend, den Feuerbrand schleudert in das Haus des +Feindes. Er selber hat es ausgesprochen, wie er über seine Geschworenenordnung +und ähnliche auf die Spaltung der Aristokratie abzweckende Maßregeln dachte; +Dolche nannte er sie, die er auf den Markt geworfen, damit die Bürger - die +vornehmen, versteht sich - mit ihnen sich untereinander zerfleischen möchten. +Er war ein politischer Brandstifter; nicht bloß die hundertjährige Revolution, +die von ihm datiert, ist, soweit sie eines Menschen Werk ist, das Werk des +Gaius Gracchus, sondern vor allem ist er der wahre Stifter jenes entsetzlichen, +von oben herab beschmeichelten und besoldeten hauptstädtischen Proletariats, +das durch seine aus den Getreidespenden von selber folgende Vereinigung in der +Hauptstadt teils vollständig demoralisiert, teils seiner Macht sich bewußt ward +und mit seinen bald pinselhaften, bald bübischen Ansprüchen und seiner Fratze +von Volkssouveränität ein halbes Jahrtausend hindurch wie ein Alp auf dem +römischen Gemeinwesen lastend nur mit diesem zugleich unterging. Und doch - +dieser größte der politischen Verbrecher ist auch wieder der Regenerator seines +Landes. Es ist kaum ein konstruktiver Gedanke in der römischen Monarchie, der +nicht zurückreichte bis auf Gaius Gracchus. Von ihm rührt der wohl in gewissem +Sinne im Wesen des althergebrachten Kriegsrechts begründete, aber in dieser +Ausdehnung und in dieser praktischen Anwendung doch dem älteren Staatsrecht +fremde Satz her, daß aller Grund und Boden der untertänigen Gemeinden als +Privateigentum des Staats anzusehen sei - ein Satz, der zunächst benutzt ward, +um dem Staat das Recht zu vindizieren, diesen Boden beliebig zu besteuern, wie +es in Asien, oder auch zur Anlegung von Kolonien zu verwenden, wie es in Afrika +geschah, und der späterhin ein fundamentaler Rechtssatz der Kaiserzeit ward. +Von ihm rührt die Taktik der Demagogen und Tyrannen her, auf die materiellen +Interessen sich stützend die regierende Aristokratie zu sprengen, überhaupt +aber durch eine strenge und zweckmäßige Administration anstatt des bisherigen +Mißregiments die Verfassungsänderung nachträglich zu legitimieren. Auf ihn +gehen vor allem zurück die Anfänge einer Ausgleichung zwischen Rom und den +Provinzen, wie sie die Herstellung der Monarchie unvermeidlich mit sich bringen +mußte; der Versuch, das durch die italische Rivalität zerstörte Karthago +wiederaufzubauen und überhaupt der italischen Emigration den Weg in die +Provinzen zu eröffnen, ist das erste Glied in der langen Kette dieser folgen- +und segensreichen Entwicklung. Es sind in diesem seltenen Mann und in dieser +wunderbaren politischen Konstellation Recht und Schuld, Glück und Unglück so +ineinander verschlungen, daß es hier sich wohl ziemen mag, was der Geschichte +nur selten ziemt, mit dem Urteil zu verstummen. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +8 Auf diesen Handel um den Besitz von Phrygien, welches nach der Einziehung des +Attalischen Reiches von Manius Aquillius den Königen von Bithynien und von +Pontos zu Kauf geboten und von dem letzteren durch Mehrgebot erstanden ward, +bezieht sich ein noch vorhandenes längeres Redebruchstück des Gracchus. Er +bemerkt darin, daß von den Senatoren keiner umsonst sich um die öffentlichen +Angelegenheiten bekümmere, und fügt hinzu: in Beziehung auf das in Rede +stehende Gesetz (über die Verleihung Phrygiens an König Mithradates) teile der +Senat sich in drei Klassen: solcher, die dafür seien, solcher, die dagegen +seien, und solcher, die stillschwiegen - die ersten seien bestochen von König +Mithradates, die zweiten von König Nikomedes, die dritten aber seien die +feinsten, denn diese ließen sich von den Gesandten beider Könige bezahlen und +jede Partei glauben, daß in ihrem Interesse geschwiegen werde. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Als Gracchus die von ihm entworfene neue Staatsverfassung wesentlich vollendet +hatte, legte er Hand an ein zweites und schwierigeres Werk. Noch schwankte die +Frage hinsichtlich der italischen Bundesgenossen. Wie die Führer der +demokratischen Partei darüber dachten, hatte sich sattsam gezeigt; sie +wünschten natürlich die möglichste Ausdehnung des römischen Bürgerrechts, nicht +bloß, um die von den Latinern okkupierten Domänen zur Verteilung bringen zu +können, sondern vor allem, um mit der ungeheuren Masse der Neubürger ihre +Klientel zu verstärken, um die Komitialmaschine durch immer weitere Ausdehnung +der berechtigten Wählerschaft immer vollständiger in ihre Gewalt zu bringen, +überhaupt um einen Unterschied zu beseitigen, der mit dem Sturz der +republikanischen Verfassung ohnehin jede ernstliche Bedeutung verlor. Allein +hier stießen sie auf Widerstand bei ihrer eigenen Partei und vornehmlich bei +derjenigen Bande, die sonst bereitwillig zu allem, was sie verstand und nicht +verstand, ihr souveränes Ja gab; aus dem einfachen Grunde, daß diesen Leuten +das römische Bürgerrecht sozusagen wie eine Aktie erschien, die ihnen Anspruch +gab auf allerlei sehr handgreifliche direkte und indirekte Gewinnanteile, sie +also ganz und gar keine Lust hatten, die Zahl der Aktionäre zu vermehren. Die +Verwerfung des Fulvischen Gesetzes im Jahre 629 (125) und der daraus +entsprungene Aufstand der Fregellaner waren warnende Zeichen sowohl, der +eigensinnigen Beharrlichkeit der die Komitien beherrschenden Fraktion der +Bürgerschaft als auch des ungeduldigen Drängens der Bundesgenossen. Gegen das +Ende seines zweiten Tribunats (632 122) wagte Gracchus, wahrscheinlich durch +übernommene Verpflichtungen gegen die Bundesgenossen gedrängt, einen zweiten +Versuch; in Gemeinschaft mit Marcus Flaccus, der, obwohl Konsular, um das +früher von ihm ohne Erfolg beantragte Gesetz jetzt durchzubringen, wiederum das +Volkstribunat übernommen hatte, stellte er den Antrag, den Latinern das volle +Bürger-, den übrigen italischen Bundesgenossen das bisherige Recht der Latiner +zu gewähren. Allein der Antrag stieß auf die vereinigte Opposition des Senats +und des hauptstädtischen Pöbels; welcher Art diese Koalition war und wie sie +focht, zeigt scharf und bestimmt ein aus der Rede, die der Konsul Gaius Fannius +vor der Bürgerschaft gegen den Antrag hielt, zufällig erhaltenes Bruchstück. +“So meint ihr also”, sprach der Optimat, “wenn ihr den +Latinern das Bürgerrecht erteilt, eben wie ihr jetzt dort vor mir steht, auch +künftig in der Bürgerversammlung oder bei den Spielen und Volkslustbarkeiten +Platz finden zu können? Glaubt ihr nicht vielmehr, daß jene Leute jeden Fleck +besetzen werden?” Bei der Bürgerschaft des fünften Jahrhunderts, die an +einem Tage allen Sabinern das Bürgerrecht verlieh, hätte ein solcher Redner +wohl mögen ausgezischt werden: die des siebenten fand seine Gründe ungemein +einleuchtend und den von Gracchus ihr gebotenen Preis der Assignation der +latinischen Domänen weitaus zu niedrig. Schon daß der Senat es durchsetzte, die +sämtlichen Nichtbürger vor dem entscheidenden Abstimmungstag aus der Stadt +weisen zu dürfen, zeigte das Schicksal, das dem Antrag selbst bevorstand. Als +dann vor der Abstimmung ein Kollege des Gracchus, Livius Drusus, gegen das +Gesetz einschritt, nahm das Volk dieses Veto in einer Weise auf, daß Gracchus +nicht wagen konnte, weiterzugehen oder gar dem Drusus das Schicksal des Marcus +Octavius zu bereiten. +</p> + +<p> +Es war, wie es scheint, dieser Erfolg, der dem Senat den Mut gab, den Sturz des +siegreichen Demagogen zu versuchen. Die Angriffsmittel waren wesentlich +dieselben, mit denen früher Gracchus selbst operiert hatte. Gracchus’ +Macht ruhte auf der Kaufmannschaft und dem Proletariat, zunächst auf dem +letzteren, das in diesem Kampf, in welchem militärischer Rückhalt beiderseits +nicht vorhanden war, gleichsam die Rolle der Armee spielte. Es war +einleuchtend, daß der Senat weder der Kaufmannschaft noch dem Proletariat ihre +neuen Rechte abzuzwingen mächtig genug war; jeder Versuch, die Getreidegesetze +oder die neue Geschworenenordnung anzugreifen, hätte, in etwas plumperer oder +etwas zivilisierterer Form, zu einem Straßenkrawall geführt, dem der Senat +völlig wehrlos gegenüberstand. Allein es war nicht minder einleuchtend, daß +Gracchus selbst und diese Kaufleute und Proletarier einzig zusammengehalten +wurden durch den gegenseitigen Vorteil, und daß sowohl die Männer der +materiellen Interessen ihre Posten als der eigentliche Pöbel sein Brotkorn +ebenso von jedem andern zu nehmen bereit waren wie von Gaius Gracchus. +Gracchus’ Institutionen standen, für den Augenblick wenigstens, +unerschütterlich fest mit Ausnahme einer einzigen: seiner eigenen +Oberhauptschaft. Die Schwäche dieser lag darin, daß in Gracchus’ +Verfassung zwischen Haupt und Heer schlechterdings ein Treuverhältnis nicht +bestand und in der neuen Verfassung wohl alle anderen Elemente der +Lebensfähigkeit vorhanden waren, nur ein einziges nicht: das sittliche Band +zwischen Herrscher und Beherrschten, ohne das jeder Staat auf tönernen Füßen +steht. In der Verwerfung des Antrags, die Latiner in den Bürgerverband +aufzunehmen, war es mit schneidender Deutlichkeit zu Tage gekommen, daß die +Menge in der Tat niemals für Gracchus stimmte, sondern immer nur für sich; die +Aristokratie entwarf den Plan, dem Urheber der Getreidespenden und +Landanweisungen auf seinem eigenen Boden die Schlacht anzubieten. Es versteht +sich von selbst, daß der Senat dem Proletariat nicht bloß das gleiche bot, was +Gracchus ihm an Getreide und sonst zugesichert hatte, sondern noch mehr. Im +Auftrag des Senats schlug der Volkstribun Marcus Livius Drusus vor, den +Gracchischen Landempfängern den auferlegten Zins zu erlassen und ihre Landlose +für freies und veräußerungsfähiges Eigentum zu erklären; ferner, statt in den +überseeischen, das Proletariat zu versorgen in zwölf italischen Kolonien, jede +von 3000 Kolonisten, zu deren Ausführung das Volk die geeigneten Männer +ernennen möge; nur Drusus selbst verzichtete - im Gegensatz gegen das +Gracchische Familienkollegium - auf jegliche Teilnahme an diesem ehrenvollen +Geschäft. Als diejenigen, die die Kosten dieses Plans zu tragen hätten, wurden +vermutlich die Latiner genannt, denn anderes okkupiertes Domanialland von +einigem Umfang als das von ihnen benutzte scheint nicht mehr in Italien +vorhanden gewesen zu sein. Auch finden sich einzelne Verfügungen des Drusus, +wie die Bestimmung, daß dem latinischen Soldaten nur von seinem vorgesetzten +latinischen, nicht von dem römischen Offizier Stockprügel sollten zuerkannt +werden dürfen, die allem Anschein nach den Zweck hatten, die Latiner für andere +Verluste zu entschädigen. Der Plan war nicht von den feinsten. Die +Konkurrenzunternehmung war allzu deutlich, allzu sichtlich das Bestreben, das +schöne Band zwischen Adel und Proletariat durch weitere gemeinschaftliche +Tyrannisierung der Latiner noch enger zu ziehen, die Frage allzu nahe gelegt, +wo denn auf der Halbinsel, nachdem die italischen Domänen in der Hauptsache +schon weggegeben waren - auch wenn man die gesamten, den Latinern überwiesenen +konfiszierte -, das für zwölf neu zu bildende, zahlreiche und geschlossene +Bürgerschaften erforderliche, okkupierte Domanialland eigentlich belegen sein +möge, endlich Drusus’ Erklärung, daß er mit der Ausführung seines +Gesetzes nichts zu tun haben wolle, so verwünscht gescheit, daß sie beinahe +herzlich albern war. Indes für das plumpe Wild, das man fangen wollte, war die +grobe Schlinge eben recht. Es kam hinzu und war vielleicht entscheidend, daß +Gracchus, auf dessen persönlichen Einfluß alles ankam, eben damals in Afrika +die karthagische Kolonie einrichtete und sein Stellvertreter in der Hauptstadt, +Marcus Flaccus, durch sein heftiges und ungeschicktes Auftreten den Gegnern in +die Hände arbeitete. Das “Volk” ratifizierte demnach die Livischen +Gesetze ebenso bereitwillig wie früher die Sempronischen. Es vergalt sodann dem +neuesten Wohltäter wie üblich dadurch, daß es dem früheren einen mäßigen Tritt +versetzte und, als dieser sich für das Jahr 633 (121) zum drittenmal um das +Tribunat bewarb, ihn nicht wiederwählte; wobei übrigens auch noch +Unrechtfertigkeiten des von Gracchus früher beleidigten wahlleitenden Tribuns +vorgekommen sein sollen. Damit brach die Grundlage seiner Machthaberschaft +unter ihm zusammen. Ein zweiter Schlag traf ihn durch die Konsulwahlen, die +nicht bloß im allgemeinen gegen die Demokratie ausfielen, sondern durch welche +in Lucius Opimius der Mann, der als Prätor 629 (125) Fregellae erobert hatte, +an die Spitze des Staates gestellt ward, eines der entschiedensten und am +wenigsten bedenklichen Häupter der strengen Adelspartei, ein Mann fest +entschlossen, den gefährlichen Gegner bei erster Gelegenheit zu beseitigen. Sie +fand sich bald. Am 10. Dezember 632 (122) hörte Gracchus auf, Volkstribun zu +sein; am 1. Januar 633 (121) trat Opimius sein Amt an. Der erste Angriff traf +wie billig die nützlichste und die unpopulärste Maßregel des Gracchus, die +Wiederherstellung von Karthago. Hatte man bisher die überseeischen Kolonien nur +mittelbar durch die lockenderen italischen angegriffen, so wühlten jetzt +afrikanische Hyänen die neugesetzten karthagischen Grenzsteine auf, und die +römischen Pfaffen bescheinigten auf Verlangen, daß solches Wunder und Zeichen +ausdrücklich warnen solle vor dem Wiederaufbau der gottverfluchten Stätte. Der +Senat fand dadurch sich in seinem Gewissen gedrungen, ein Gesetz vorschlagen zu +lassen, das die Ausführung der Kolonie Iunonia untersagte. Gracchus, der mit +den andern zur Anlegung derselben ernannten Männern eben damals die Kolonisten +auslas, erschien an dem Tag der Abstimmung auf dem Kapitol, wohin die +Bürgerschaft berufen war, um mit seinem Anhang die Verwerfung des Gesetzes zu +bewirken. Gewalttätigkeiten wünschte er zu vermeiden, um den Gegnern nicht den +Vorwand, den sie suchten, selbst an die Hand zu geben; indes hatte er nicht +wehren können, daß ein großer Teil seiner Getreuen, der Katastrophe des +Tiberius sich erinnernd und wohl bekannt mit den Absichten der Aristokratie, +bewaffnet sich einfand, und bei der ungeheuren Aufregung auf beiden Seiten +waren Händel kaum zu vermeiden. In der Halle des Kapitolinischen Tempels +verrichtete der Konsul Lucius Opimius das übliche Brandopfer; einer der ihm +dabei behilflichen Gerichtsdiener, Quintus Antullius, herrschte, die heiligen +Eingeweide in der Hand, die “schlechten Bürger” an, die Halle zu +räumen, und schien sogar an Gaius selbst Hand legen zu wollen; worauf ein +eifriger Gracchaner das Schwert zog und den Menschen niederstieß. Es entstand +ein furchtbarer Lärm. Gracchus suchte vergeblich zum Volk zu sprechen und die +Urheberschaft der gotteslästerlichen Mordtat von sich abzulehnen; er lieferte +den Gegnern nur einen formalen Anklagegrund mehr, indem er, ohne dessen in dem +Getümmel gewahr zu werden, einem eben zum Volk sprechenden Tribun in die Rede +fiel, worauf ein verschollenes Statut aus der Zeit des alten Ständehaders die +schwerste Strafe gesetzt hatte. Der Konsul Lucius Opimius traf seine Maßregeln, +um den Aufstand zum Sturz der republikanischen Verfassung, wie man die Vorgänge +dieses Tages zu bezeichnen beliebte, mit bewaffneter Hand zu unterdrücken. Er +selbst durchwachte die Nacht im Kastortempel am Markte; mit dem frühesten +Morgen füllte das Kapitol sich mit kretischen Bogenschützen, Rathaus und Markt +mit den Männern der Regierungspartei, den Senatoren und der ihnen anhängigen +Fraktion der Ritterschaft, welche auf Geheiß des Konsuls sämtlich bewaffnet und +jeder von zwei bewaffneten Sklaven begleitet sich eingefunden hatten. Es fehlte +keiner von der Aristokratie; selbst der ehrwürdige, hochbejahrte und der Reform +wohlgeneigte Quintus Metellus war mit Schild und Schwert erschienen. Ein +tüchtiger und in den spanischen Kriegen erprobter Offizier, Decimus Brutus, +übernahm das Kommando der bewaffneten Macht; der Rat trat in der Kurie +zusammen. Die Bahre mit der Leiche des Gerichtsdieners ward vor der Kurie +niedergesetzt; der Rat gleichsam überrascht, erschien in Masse an der Tür, um +die Leiche in Augenschein zu nehmen, und zog sich sodann wieder zurück, um das +weitere zu beschließen. Die Führer der Demokratie hatten sich vom Kapitol in +ihre Häuser begeben; Marcus Flaccus hatte die Nacht damit zugebracht, zum +Straßenkrieg zu rüsten, während Gracchus es zu verschmähen schien, mit dem +Verhängnis zu kämpfen. Als man am andern Morgen die auf dem Kapitol und dem +Markt getroffenen Anstalten der Gegner erfuhr, begaben beide sich auf den +Aventin, die alte Burg der Volkspartei in den Kämpfen der Patrizier und +Plebejer. Schweigend und unbewaffnet ging Gracchus dorthin; Flaccus rief die +Sklaven zu den Waffen und verschanzte sich im Tempel der Diana, während er +zugleich seinen jüngeren Sohn Quintus in das feindliche Lager sandte, um +womöglich einen Vergleich zu vermitteln. Dieser kam zurück mit der Meldung, daß +die Aristokratie unbedingte Ergebung verlange; zugleich brachte er die Ladung +des Senats an Gracchus und Flaccus, vor demselben zu erscheinen und wegen +Verletzung der tribunizischen Majestät sich zu verantworten. Gracchus wollte +der Vorladung folgen, allein Flaccus hinderte ihn daran und wiederholte +stattdessen den ebenso verkehrten wie schwächlichen Versuch, solche Gegner zu +einem Vergleich zu bestimmen. Als statt der beiden vorgeladenen Führer bloß der +junge Quintus Flaccus abermals sich einstellte, behandelte der Konsul die +Weigerung jener, sich zu stellen, als den Anfang der offenen Insurrektion gegen +die Regierung; er ließ den Boten verhaften und gab das Zeichen zum Angriff auf +den Aventin, indem er zugleich in den Straßen ausrufen ließ, daß dem, der das +Haupt des Gracchus oder des Flaccus bringe, die Regierung dasselbe buchstäblich +mit Gold aufwiegen werde, sowie daß sie jedem, der vor dem Beginn des Kampfs +den Aventin verlasse, volle Straflosigkeit gewährleiste. Die Reihen auf dem +Aventin lichteten sich schnell; der tapfere Adel im Verein mit den Kretern und +den Sklaven erstürmte den fast unverteidigten Berg und erschlug, wen er +vorfand, bei 250 meist geringe Leute. Marcus Flaccus flüchtete mit seinem +ältesten Sohn in ein Versteck, wo sie bald nachher aufgejagt und niedergemacht +wurden. Gracchus hatte, als das Gefecht begann, sich in den Tempel der Minerva +zurückgezogen und wollte hier sich mit dem Schwerte durchbohren, als sein +Freund Publius Laetorius ihm in den Arm fiel und ihn beschwor, womöglich sich +für bessere Zeiten zu erhalten. Gracchus ließ sich bewegen, einen Versuch zu +machen, nach dem andern Ufer des Tiber zu entkommen; allein den Berg +hinabeilend stürzte er und verstauchte sich den Fuß. Ihm Zeit zum Entrinnen zu +geben, warfen seine beiden Begleiter, Marcus Pomponius an der Porta Trigemina +unter dem Aventin, Publius Laetorius auf der Tiberbrücke, da wo einst Horatius +Cocles allein gegen das Etruskerheer gestanden haben sollte, den Verfolgern +sich entgegen und ließen sich niedermachen; so gelangte Gracchus, nur von +seinem Sklaven Euporus begleitet, in die Vorstadt am rechten Ufer des Tiber. +Hier im Hain der Furrina fand man später die beiden Leichen; es schien, als +habe der Sklave zuerst dem Herrn und dann sich selber den Tod gegeben. Die +Köpfe der beiden gefallenen Führer wurden der Regierung, wie befohlen, +eingehändigt, auch dem Überbringer des Kopfes des Gracchus, einem vornehmen +Mann, Lucius Septumuleius, der bedungene Preis und darüber ausgezahlt, dagegen +die Mörder des Flaccus, geringe Leute, mit leeren Händen fortgeschickt. Die +Körper der Getöteten wurden in den Fluß geworfen, die Häuser der Führer zur +Plünderung der Menge preisgegeben. Gegen die Anhänger des Gracchus begann der +Prozeßkrieg im großartigsten Stil; bis 3000 derselben sollen im Kerker +aufgeknüpft worden sein, unter ihnen der achtzehnjährige Quintus Flaccus, der +an dem Kampf nicht teilgenommen hatte und wegen seiner Jugend und seiner +Liebenswürdigkeit allgemein bedauert ward. Auf dem Freiplatz unter dem Kapitol, +wo der nach wiederhergestelltem innerem Frieden von Camillus geweihte Altar und +andere, bei ähnlichen Veranlassungen errichtete Heiligtümer der Eintracht sich +befanden, wurden diese kleinen Kapellen niedergerissen und aus dem Vermögen der +getöteten oder verurteilten Hochverräter, das bis auf die Mitgift ihrer Frauen +hin konfisziert ward, nach Beschluß des Senats von dem Konsul Lucius Opimius +ein neuer glänzender Tempel der Eintracht mit dazugehöriger Halle errichtet - +allerdings war es zeitgemäß, die Zeichen der alten Eintracht zu beseitigen und +eine neue zu inaugurieren über den Leichen der drei Enkel des Siegers von Zama, +die nun alle, zuerst Tiberius Gracchus, dann Scipio Aemilianus, endlich der +jüngste und gewaltigste von ihnen, Gaius Gracchus, von der Revolution +verschlungen worden waren. Der Gracchen Andenken blieb offiziell geächtet; +nicht einmal das Trauergewand durfte Cornelia um den Tod ihres letzten Sohnes +anlegen. Allein die leidenschaftliche Anhänglichkeit, die gar viele im Leben +für die beiden edlen Brüder und vornehmlich für Gaius empfunden hatten, zeigte +sich in rührender Weise auch nach ihrem Tode in der fast religiösen Verehrung, +die die Menge ihrem Andenken und an den Stätten, wo sie gefallen waren, allen +polizeilichen Vorkehrungen zum Trotz fortfuhr zu zollen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap04"></a>KAPITEL IV.<br/> +Die Restaurationsherrschaft</h2> + +<p> +Das neue Gebäude, das Gaius Gracchus aufgeführt hatte, war mit seinem Tode eine +Ruine. Wohl war sein Tod wie der seines Bruders zunächst nichts als ein Akt der +Rache; allein es war doch zugleich ein sehr wesentlicher Schritt zur +Restauration der alten Verfassung, daß aus der Monarchie, eben da sie im +Begriff war, sich zu begründen, die Person des Monarchen beseitigt ward; und in +diesem Falle um so mehr, weil nach der Katastrophe des Gaius und dem +gründlichen Opimischen Blutgericht im Augenblick schlechterdings niemand +vorhanden war, der, sei es durch Blutsverwandtschaft mit dem gefallenen +Staatsoberhaupt, sei es durch überwiegende Fähigkeit, auch nur zu einem +Versuch, den erledigten Platz einzunehmen, sich legitimiert gefühlt hätte. +Gaius war ohne Kinder aus der Welt gegangen, und auch Tiberius’ +hinterlassener Knabe starb, bevor er zu seinen Jahren kam; die ganze sogenannte +Volkspartei war buchstäblich ohne irgendeinen auch nur namhaft zu machenden +Führer. Die Gracchische Verfassung glich einer Festung ohne Kommandanten; +Mauern und Besatzung waren unversehrt, aber der Feldherr fehlte, und es war +niemand vorhanden, der an den leeren Platz sich hätte setzen mögen als eben die +gestürzte Regierung. +</p> + +<p> +So kam es denn auch. Nach Gaius Gracchus’ erblosem Abgang stellte das +Regiment des Senats gleichsam von selber sich wieder her; und es war dies um so +natürlicher, als dasselbe von dem Tribun nicht eigentlich formell abgeschafft, +sondern nur durch die von ihm ausgehenden Ausnahmehandlungen tatsächlich +zunichte gemacht worden war. Dennoch würde man sehr irren, wenn man in dieser +Restauration nichts weiter sehen wollte als ein Zurückgleiten der +Staatsmaschine in das alte, seit Jahrhunderten befahrene und ausgefahrene +Geleise. Restauration ist immer auch Revolution; in diesem Falle aber ward +nicht so sehr das alte Regiment restauriert als der alte Regent. Die Oligarchie +erschien neu gerüstet in dem Heerzeug der gestürzten Tyrannis; wie der Senat +den Gracchus mit dessen eigenen Waffen aus dem Felde geschlagen hatte, so fuhr +er auch fort, in den wesentlichsten Stücken mit der Verfassung der Gracchen zu +regieren, allerdings mit dem Hintergedanken, sie seiner Zeit wo nicht ganz zu +beseitigen, doch gründlich zu reinigen von den der regierenden Aristokratie in +der Tat feindlichen Elementen. Fürs erste reagierte man wesentlich nur gegen +die Personen, rief den Publius Popillius nach Kassierung der ihn betreffenden +Verfügungen aus der Verbannung zurück (633 121) und machte den Gracchanern den +Prozeßkrieg; wogegen der Versuch der Volkspartei, den Lucius Opimius nach +Niederlegung seines Amtes wegen Hochverrats zur Verurteilung zu bringen, von +der Regierungspartei vereitelt ward (634 120). Es ist für den Charakter dieser +Restaurationsregierung bezeichnend, wie die Aristokratie an +Gesinnungstüchtigkeit fortschritt. Gaius Carbo, einst Bundesgenosse der +Gracchen, hatte seit langem sich bekehrt und noch kürzlich als Verteidiger des +Opimius seinen Eifer und seine Brauchbarkeit bewiesen. Aber er blieb der +Überläufer; als gegen ihn von den Demokraten die gleiche Anklage wie gegen +Opimius erhoben ward, ließ ihn die Regierung nicht ungern fallen, und Carbo, +zwischen beiden Parteien sich verloren sehend, gab sich mit eigener Hand den +Tod. So erwiesen die Männer der Reaktion in Personenfragen sich als lautere +Aristokraten. Dagegen die Getreideverteilungen, die Besteuerung der Provinz +Asia, die Gracchische Geschworenen- und Gerichtsordnung griff die Reaktion +zunächst nicht an und schonte nicht bloß die Kaufmannschaft und das +hauptstädtische Proletariat, sondern huldigte, wie bereits bei der Einbringung +der Livischen Gesetze, so auch ferner diesen Mächten und vor allem dem +Proletariat noch weit entschiedener, als die Gracchen dies getan hatten. Es +geschah dies nicht bloß, weil die Gracchische Revolution in den Gemütern der +Zeitgenossen noch lange nachzitterte und ihre Schöpfungen schützte: die Hegung +und Pflegung wenigstens der Pöbelinteressen vertrug sich in der Tat aufs +vollkommenste mit dem eigenen Vorteil der Aristokratie, und es ward dabei +nichts weiter geopfert als bloß das gemeine Beste. Alle diejenigen Maßregeln, +die von Gaius Gracchus zur Förderung des öffentlichen Wohls getroffen waren, +eben den besten, freilich begreiflicherweise auch den unpopulärsten Teil seiner +Gesetzgebung, ließ die Aristokratie fallen. Nichts wurde so rasch und so +erfolgreich angegriffen wie der großartigste seiner Entwürfe: der Plan, +zunächst die römische Bürgerschaft und Italien, sodann Italien und die +Provinzen rechtlich gleichzustellen und, indem also der Unterschied zwischen +bloß herrschenden und zehrenden und bloß dienenden und arbeitenden +Staatsangehörigen weggeräumt ward, zugleich durch die umfassendste und +systematischste Emigration, die die Geschichte kennt, die soziale Frage zu +lösen. Mit der ganzen Verbissenheit und dem ganzen grämlichen Eigensinn der +Altersschwäche drängte die restaurierte Oligarchie den Grundsatz der abgelebten +Geschlechter, daß Italien das herrschende Land und Rom in Italien die +herrschende Stadt bleiben müsse, der Gegenwart aufs neue auf. Schon bei +Lebzeiten des Gracchus war die Zurückweisung der italischen Bundesgenossen eine +vollendete Tatsache und war gegen den großen Gedanken der überseeischen +Kolonisation ein sehr ernsthafter Angriff gerichtet worden, der die nächste +Ursache zu Gracchus’ Untergang geworden war. Nach seinem Tode wurde der +Plan der Wiederherstellung Karthagos mit leichter Mühe von der Regierungspartei +beseitigt, obgleich die einzelnen daselbst schon verteilten Landlose den +Empfängern geblieben sind. Zwar daß der demokratischen Partei auf einem andern +Punkte eine ähnliche Gründung gelang, konnte sie nicht wehren: im Verlauf der +Eroberungen jenseits der Alpen, welche Marcus Flaccus begonnen hatte, wurde +daselbst im Jahre 636 (118) die Kolonie Narbo (Narbonne) begründet, die älteste +überseeische Bürgerstadt im Römischen Reiche, welche trotz vielfacher +Anfechtungen der Regierungspartei, trotz des geradezu auf Aufhebung derselben +vom Senat gestellten Antrags dennoch, geschützt wahrscheinlich durch die +beteiligten kaufmännischen Interessen, dauernden Bestand gehabt hat. Indes +abgesehen von dieser, in ihrer Vereinzelung nicht sehr bedeutenden Ausnahme +gelang es der Regierung, die Landanweisung außerhalb Italiens durchgängig zu +verhindern. +</p> + +<p> +In gleichem Sinne wurde die italische Domanialfrage geordnet. Die italischen +Kolonien des Gaius, vor allem Capua, wurden aufgehoben und, soweit sie bereits +zur Ausführung gekommen waren, wieder aufgelöst; nur die unbedeutende +tarentinische blieb in der Art bestehen, daß die neue Stadt Neptunia der +bisherigen griechischen Gemeinde an die Seite trat. Was durch die +nichtkoloniale Assignation von den Domänen bereits verteilt war, blieb den +Empfängern; die darauf von Gracchus im Interesse des Gemeinwesens gelegten +Beschränkungen, Erbzins und Veräußerungsverbot, hatte bereits Marcus Drusus +aufgehoben. Dagegen die noch nach Okkupationsrecht besessenen Domänen, welche +außer dem von den Latinern genutzten Domanialland zum größten Teil bestanden +haben werden in dem gemäß des Gracchischen Maximum den Inhabern gebliebenen +Grundbesitz, war man entschlossen, den bisherigen Okkupanten definitiv +zuzuwenden und auch die Möglichkeit künftiger Aufteilung abzuschneiden. +Freilich waren es zunächst diese Ländereien, aus denen die 36000 von Drusus +verheißenen neuen Bauernhufen hätten gebildet werden sollen; allein man sparte +sich die Untersuchung, wo denn unter dem Monde diese Hunderttausende von Morgen +italischen Domaniallands belegen sein möchten, und legte das Livische +Kolonialgesetz, das seinen Dienst getan, stillschweigend zu den Akten - nur +etwa die kleine Kolonie von Scolacium (Squillace) mag auf das Koloniengesetz +des Drusus zurückgehen. Dagegen wurde durch ein Gesetz, das im Auftrag des +Senats der Volkstribun Spurius Thorius durchbrachte, das Teilungsamt im Jahre +635 (119) aufgehoben und den Okkupanten des Domaniallandes ein fester Zins +auferlegt, dessen Ertrag dem hauptstädtischen Pöbel zugute kam - es scheint, +indem die Kornverteilung zum Teil darauf fundiert ward: noch weitergehende +Vorschläge, vielleicht eine Steigerung der Getreidespenden, wehrte der +verständige Volkstribun Gaius Marius ab. Acht Jahre später (643 111) geschah +der letzte Schritt, indem durch einen neuen Volksschluß ^1 das okkupierte +Domanialland geradezu umgewandelt ward in zinsfreies Privateigentum der +bisherigen Okkupanten. Man fügte hinzu, daß in Zukunft Domanialland überhaupt +nicht okkupiert, sondern entweder verpachtet werden oder als gemeine Weide +offenstehen solle; für den letzteren Fall ward durch Feststellung eines sehr +niedrigen Maximum von zehn Stück Groß- und fünfzig Stück Kleinvieh dafür +gesorgt, daß nicht der große Herdenbesitzer den kleinen tatsächlich ausschließe +- verständige Bestimmungen, in denen die Schädlichkeit des übrigen längst +aufgegebenen Okkupationssystems nachträglich offizielle Anerkennung fand, die +aber leider erst getroffen wurden, als dasselbe den Staat bereits wesentlich um +seine Domanialbesitzungen gebracht hatte. Indem die römische Aristokratie also +für sich selber sorgte und was von okkupiertem Lande noch in ihren Händen war, +sich in Eigentum umwandeln ließ, beschwichtigte sie zugleich die italischen +Bundesgenossen dadurch, daß sie denselben an dem von ihnen und namentlich von +ihrer munizipalen Aristokratie genutzten latinischen Domanialland zwar nicht +das Eigentum verlieh, aber doch das ihnen durch ihre Privilegien verbriefte +Recht daran ungeschmälert wahrte. Die Gegenpartei war in der üblen Lage, daß in +den wichtigsten materiellen Fragen die Interessen der Italiker denen der +hauptstädtischen Opposition schnurstracks entgegenliefen, ja jene mit der +römischen Regierung eine Art Bündnis eingingen und gegen die ausschweifenden +Absichten mancher römischen Demagogen bei dem Senat Schutz suchten und fanden. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Er ist großenteils noch vorhanden und bekannt unter dem jetzt seit +dreihundert Jahren fortgepflanzten falschen Namen des Thorischen Ackergesetzes. +</p> + +<p> +———————————————————————————— +</p> + +<p> +Während also die restaurierte Regierung es sich angelegen sein ließ, die Keime +zum Bessern, die in der Gracchischen Verfassung vorhanden waren, gründlich +auszureuten, blieb sie den nicht zum Heil des Ganzen von Gracchus erweckten +feindlichen Mächten gegenüber vollständig ohnmächtig. Das hauptstädtische +Proletariat blieb bestehen in anerkannter Zehrberechtigung; die Geschworenen +aus dem Kaufmannsstand ließ der Senat gleichfalls sich gefallen, so widerwärtig +auch dieses Joch eben dem besseren und stolzeren Teil der Aristokratie fiel. Es +waren unwürdige Fesseln, die die Aristokratie trug; aber wir finden nicht, daß +sie ernstlich dazu tat, sich derselben zu entledigen. Das Gesetz des Marcus +Aemilius Scaurus von 632 (122), das wenigstens die verfassungsmäßigen +Beschränkungen des Stimmrechts der Freigelassenen einschärfte, war für lange +Jahre der einzige, sehr zahme Versuch der senatorischen Regierung, ihren +Pöbeltyrannen wieder zu bändigen. Der Antrag, den der Konsul Quintus Caepio +siebzehn Jahre nach Einführung der Rittergerichte (648 106) einbrachte auf +Zurückgabe der Prozesse an senatorische Geschworene, zeigte, was die Regierung +wünschte, aber auch, was sie vermochte, wenn es sich nicht darum handelte, +Domänen zu verschleudern, sondern einem einflußreichen Stande gegenüber eine +Maßregel durchzusetzen: sie fiel damit durch 2. Zu einer Emanzipation der +Regierung von ihren unbequemen Machtgenossen kam es nicht; wohl aber trugen +diese Maßregeln dazu bei, das niemals aufrichtige Einverständnis der +regierenden Aristokratie mit der Kaufmannschaft und dem Proletariat noch ferner +zu trüben. Beide wußten sehr genau, daß der Senat alle Zugeständnisse nur aus +Angst und widerwillig gewährte; weder durch Dankbarkeits- noch durch +Vorteilsrücksichten an die Herrschaft des Senats dauernd gefesselt, waren beide +sehr bereit, jedem anderen Machthaber, der ihnen mehr oder auch nur das gleiche +bot, dieselben Dienste zu leisten, und hatten nichts dagegen, wenn sich eine +Gelegenheit gab, den Senat zu schikanieren oder zu hemmen. So regierte die +Restauration weiter mit den Wünschen und Gesinnungen der legitimen Aristokratie +und mit der Verfassung und den Regierungsmitteln der Tyrannis. Ihre Herrschaft +ruhte nicht bloß auf den gleichen Basen wie die des Gracchus, sondern sie war +auch gleich schlecht, ja noch schlechter befestigt; sie war stark, wo sie mit +dem Pöbel im Bunde zweckmäßige Institutionen umstieß, aber den Gassenbanden wie +den kaufmännischen Interessen gegenüber vollkommen machtlos. Sie saß auf dem +erledigten Thron mit bösem Gewissen und geteilten Hoffnungen, den Institutionen +des eigenen Staates grollend und doch unfähig, auch nur planmäßig sie +anzugreifen, unsicher im Tun und Lassen außer, wo der eigene materielle Vorteil +sprach, ein Bild der Treulosigkeit gegen die eigene wie die entgegengesetzte +Partei, des inneren Widerspruchs, der kläglichsten Ohnmacht, des gemeinsten +Eigennutzes, ein unübertroffenes Ideal der Mißregierung. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +2 Das zeigt, wie bekannt, der weitere Verlauf. Man hat dagegen geltend gemacht, +daß bei Valerius Maximus Quintus Caepio Patron des Senats genannt werde; allein +teils beweist dies nicht genug, teils paßt, was daselbst erzählt wird, +schlechterdings nicht auf den Konsul des Jahres 648 (106), und es muß hier eine +Irrung sein, sei es nun im Namen oder in den berichteten Tatsachen. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Es konnte nicht anders sein; die gesamte Nation war in intellektuellem und +sittlichem Verfall, vor allem aber die höchsten Stände. Die Aristokratie vor +der Gracchenzeit war wahrlich nicht überreich an Talenten und die Bänke des +Senats vollgedrängt von feigem und verlottertem adligen Gesindel; indes es +saßen doch in demselben auch Scipio Aemilianus, Gaius Laelius, Quintus +Metellus, Publius Crassus, Publius Scaevola und zahlreiche andere achtbare und +fähige Männer, und wer einigen guten Willen mitbrachte, konnte urteilen, daß +der Senat in der Unrechtfertigkeit ein gewisses Maß und ein gewisses Dekorum in +dem Mißregiment einhalte. Diese Aristokratie war gestürzt und sodann +wiederhergestellt worden; fortan ruhte auf ihr der Fluch der Restauration. +Hatte die Aristokratie früher regiert schlecht und recht und seit mehr als +einem Jahrhundert ohne jede fühlbare Opposition, so hatte die durchgemachte +Krise wie ein Blitz in dunkler Nacht ihr den Abgrund gezeigt, der vor ihren +Füßen klaffte. War es ein Wunder, daß fortan der Groll immer und, wo sie es +wagte, der Schrecken das Regiment der altadligen Herrenpartei bezeichnete? daß +die Regierenden noch unendlich schroffer und gewaltsamer als bisher gegen die +nichtregierende Menge als festgeschlossene Partei zusammenstanden? daß die +Familienpolitik jetzt, eben wie in den schlimmsten Zeiten des Patriziats, +wiederum sich griff und zum Beispiel die vier Söhne und (wahrscheinlich) die +zwei Neffen des Quintus Metellus, mit einer einzigen Ausnahme lauter +unbedeutende, zum Teil ihrer Einfalt wegen berufene Leute, innerhalb fünfzehn +Jahren (631-645 123-109) sämtlich zum Konsulat, mit Ausnahme eines einzigen +auch zum Triumph gelangten, von den Schwiegersöhnen und so weiter zu schweigen? +daß, je gewalt- und grausamer einer der Ihrigen gegen die Gegenpartei +aufgetreten war, er desto entschiedener von ihnen gefeiert, dem echten +Aristokraten jeder Frevel, jede Schamlosigkeit verziehen ward? daß die +Regierenden und die Regierten nur darin nicht zwei kriegführenden Parteien +glichen, daß in ihrem Krieg kein Völkerrecht galt? Es war leider nur zu +begreiflich, daß, wenn die alte Aristokratie das Volk mit Ruten schlug, diese +restaurierte es mit Skorpionen züchtigte. Sie kam zurück; aber sie kam weder +klüger noch besser. Nie hat es bis auf diese Zeit der römischen Aristokratie so +vollständig an staatsmännischen und militärischen Kapazitäten gemangelt wie in +dieser Restaurationsepoche zwischen der Gracchischen und der Cinnanischen +Revolution. Bezeichnend dafür ist der Koryphäe der senatorischen Partei dieser +Zeit, Marcus Aemilius Scaurus. Der Sohn hochadliger, aber unvermögender Eltern +und darum genötigt, Gebrauch zu machen von seinen nicht gemeinen Talenten, +schwang er sich auf zum Konsul (639 115) und Zensor (645 109), war lange Jahre +Vormann des Senats und das politische Orakel seiner Standesgenossen und +verewigte seinen Namen nicht bloß als Redner und Schriftsteller, sondern auch +als Urheber einiger der ansehnlichsten in diesem Jahrhundert ausgeführten +Staatsbauten. Indes wenn man näher zusieht, laufen seine vielgefeierten +Großtaten darauf hinaus, daß er als Feldherr einige wohlfeile Dorftriumphe in +den Alpen, als Staatsmann mit seinem Stimm- und Luxusgesetz einige ungefähr +ebenso ernsthafte Siege über den revolutionären Zeitgeist erfocht, sein +eigentliches Talent indes darin bestand, ganz ebenso zugänglich und bestechlich +zu sein wie jeder andere ehrenwerte Senator, aber mit einiger Schlauheit den +Augenblick, wo die Sache bedenklich zu werden anfing, zu wittern und vor allem +durch seine vornehme und ehrwürdige Erscheinung vor dem Publikum den Fabricius +zu agieren. In militärischer Hinsicht finden sich zwar einige ehrenvolle +Ausnahmen tüchtiger Offiziere aus den höchsten Kreisen der Aristokratie; die +Regel aber war, daß die vornehmen Herren, wenn sie an die Spitze der Armeen +treten sollten, schleunigst aus den griechischen Kriegshandbüchern und den +römischen Annalen zusammenlasen, was nötig war, um einen militärischen Diskurs +zu führen und sodann im Feldlager im besten Fall das wirkliche Kommando einem +niedrig geborenen Offizier von erprobter Fähigkeit und erprobter Bescheidenheit +übergaben. In der Tat, wenn ein paar Jahrhunderte zuvor der Senat einer +Versammlung von Königen glich, so spielten diese ihre Nachfahren nicht übel die +Prinzen. Aber der Unfähigkeit dieser restaurierten Adligen hielt völlig die +Waage ihre politische und sittliche Nichtswürdigkeit. Wenn nicht die religiösen +Zustände, auf die zurückzukommen sein wird, von der wüsten Zerfahrenheit dieser +Zeit ein treues Spiegelbild böten und ebenso die äußere Geschichte in dieser +Epoche die vollkommene Schlechtigkeit des römischen Adels als einen ihrer +wesentlichsten Faktoren aufwiese, so würden die entsetzlichsten Verbrechen, die +in den höchsten Kreisen Roms Schlag auf Schlag zum Vorschein kamen, allein +denselben hinreichend charakterisieren. +</p> + +<p> +Die Verwaltung war nach innen und nach außen, was sie sein konnte unter einem +solchen Regiment. Der soziale Ruin Italiens griff mit erschreckender +Geschwindigkeit um sich; seit die Aristokratie das Auskaufen der Kleinbesitzer +sich gesetzlich hatte erlauben lassen, und in ihrem neuen Übermut das +Austreiben derselben immer häufiger sich selbst erlaubte, verschwanden die +Bauernstellen wie die Regentropfen im Meer. Wie mit der politischen die +ökonomische Oligarchie mindestens Schritt hielt, zeigt die Äußerung, die ein +gemäßigt demokratischer Mann, Lucius Marcius Philippus, um 650 (100) tat, daß +es in der ganzen Bürgerschaft kaum 2000 vermögende Familien gebe. Den +praktischen Kommentar dazu lieferten abermals die Sklavenaufstände, welche in +den ersten Jahren des Kimbrischen Krieges alljährlich in Italien ausbrachen, so +in Nuceria, in Capua, im Gebiet von Thurii. Diese letzte Zusammenrottung war +schon so bedeutend, daß gegen sie der städtische Prätor mit seiner Legion hatte +marschieren müssen und dennoch nicht durch Waffengewalt, sondern nur durch +tückischen Verrat der Insurrektion Herr geworden war. Auch das war eine +bedenkliche Erscheinung, daß an der Spitze derselben kein Sklave gestanden +hatte, sondern der römische Ritter Titus Vettius, den seine Schulden zu dem +wahnsinnigen Schritt getrieben hatten, seine Sklaven frei und sich zu ihrem +König zu erklären (650 104). Wie gefährlich die Anhäufung der Sklavenmassen in +Italien der Regierung erschien, beweisen die Vorsichtsmaßregeln hinsichtlich +der Goldwäschereien von Victumulae, die seit 611 (143) für Rechnung der +römischen Regierung betrieben wurden: die Pächter wurden zuerst verpflichtet, +nicht über 5000 Arbeiter anzustellen, später der Betrieb durch Senatsbeschluß +gänzlich eingestellt. Unter einem Regiment wie dem gegenwärtigen war in der Tat +alles zu fürchten, wenn, wie dies sehr möglich war, ein Heer von Transalpinern +in Italien eindrang und die großenteils stammverwandten Sklaven zu den Waffen +rief. +</p> + +<p> +Verhältnismäßig mehr noch litten die Provinzen. Man versuche sich vorzustellen, +wie es in Ostindien aussehen würde, wenn die englische Aristokratie wäre, was +in jener Zeit die römische war, und man wird eine Vorstellung der Lage von +Sizilien und Asia haben. Die Gesetzgebung, indem sie der Kaufmannschaft die +Kontrolle der Beamten übertrug, nötigte diese, gewissermaßen gemeinschaftliche +Sache mit jener zu machen und durch unbedingte Nachgiebigkeit gegen die +Kapitalisten in den Provinzen sich unbeschränkte Plünderungsfreiheit und Schutz +vor der Anklage zu erkaufen. Neben diesen offiziell und halboffiziell +angestellten Räubern plünderten Land- und Seepiraten die sämtlichen +Landschaften des Mittelmeers. Vor allem in den asiatischen Gewässern trieben +die Flibustier es so arg, daß selbst die römische Regierung sich genötigt sah, +im Jahre 652 (102) eine wesentlich aus den Schiffen der abhängigen Kaufstädte +gebildete Flotte unter dem mit prokonsularischer Gewalt bekleideten Prätor +Marcus Antonius nach Kilikien zu entsenden. Diese brachte nicht bloß eine +Anzahl Korsarenschiffe auf und nahm einige Felsennester aus, sondern die Römer +richteten hier sich sogar für die Dauer ein und besetzten zur Unterdrückung des +Seeraubs in dem Hauptsitz desselben, dem rauhen oder westlichen Kilikien, feste +militärische Positionen, was der Anfang war zur Einrichtung der seitdem unter +den römischen Ämtern erscheinenden Provinz Kilikien 3. Die Absicht war löblich +und der Plan an sich zweckmäßig entworfen; nur bewies leider der Fortbestand +und die Steigerung des Korsarenunwesens in den asiatischen Gewässern und +speziell in Kilikien, mit wie unzulänglichen Mitteln man von der neu genommenen +Stellung aus die Piraterie bekämpfte. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +3 Vielfältig wird angenommen, daß die Einrichtung der Provinz Kilikien erst +erfolgte nach der kilikischen Expedition des Publius Servilius 676 f. (78), +allein mit Unrecht; denn schon 662 (92) finden wir Sulla (App. Mithr. 57; civ. +1, 77; Aur. Vict. 75), 674 und 675 (80 79) Gnaeus Dolabella (Cic. Verr. 1, 16 +44) als Statthalter von Kilikien, wonach nichts übrig bleibt, als die +Einrichtung der Provinz in das Jahr 652 (102) zu setzen. Hierfür spricht +ferner, daß in dieser Zeit die Züge der Römer gegen die Korsaren, wie zum +Beispiel die balearischen, ligurischen, dalmatischen, regelmäßig gerichtet +erscheinen auf Besetzung der Küstenpunkte, von wo der Seeraub ausging; +natürlich, denn da die Römer keine stehende Flotte hatten, war das einzige +Mittel, dem Seeraub wirksam zu steuern, die Besetzung der Küsten. Übrigens ist +daran zu erinnern, daß der Begriff der provincia nicht unbedingt Besitz der +Landschaft in sich schließt, sondern an sich nichts ist als ein selbständiges +militärisches Kommando; es ist sehr möglich, daß die Römer zunächst in dieser +rauhen Landschaft nichts nahmen als Station für Schiffe und Mannschaft. +</p> + +<p> +Das ebene Ostkilikien blieb bis auf den Krieg gegen Tigranes bei dem Syrischen +Reich (App. Syr. 48); die ehemals zu Kilikien gerechneten Landschaften nördlich +des Tauros, das sogenannte kappadokische Kilikien und Kataonien gehörten jenes +seit der Auflösung des Attalischen Reiches (Iust. 37, 1; oben S. 62), dieses +wohl schon seit dem Frieden mit Antiochos zu Kappadokien. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Aber nirgends kam die Ohnmacht und die Verkehrtheit der römischen +Provinzialverwaltung in so nackter Blöße zu Tage wie in den Insurrektionen des +Sklavenproletariats, welche mit der Restauration der Aristokratie zugleich in +den vorigen Stand wieder eingesetzt zu sein schienen. Jene aus Aufständen zu +Kriegen anschwellenden Schilderhebungen der Sklavenschaft, wie sie eben um das +Jahr 620 (134) als eine und vielleicht die nächste Ursache der Gracchischen +Revolution aufgetreten waren, erneuern und wiederholen sich in trauriger +Einförmigkeit. Wieder gärte es wie dreißig Jahre zuvor in der gesamten +Sklavenschaft im Römischen Reiche. Der italischen Zusammenrottungen ward schon +gedacht. In den attischen Silberbergwerken standen die Grubenarbeiter auf, +besetzten das Vorgebirge Sunion und plünderten längere Zeit hindurch von dort +aus die Umgegend; an anderen Orten zeigten sich ähnliche Bewegungen. Vor allem +war wieder der Hauptsitz dieser fürchterlichen Vorgänge Sizilien mit seinen +Plantagen und den dort zusammenströmenden kleinasiatischen Sklavenhorden. Es +ist charakteristisch für die Größe des Übels, daß ein Versuch der Regierung, +den schlimmsten Unrechtfertigkeiten der Sklavenhalter zu steuern, die nächste +Ursache der neuen Insurrektion ward. Daß die freien Proletarier in Sizilien +wenig besser daran waren als die Sklavenschaft, hatte schon ihr Verhalten zu +dem ersten Aufstand gezeigt; nach der Besiegung desselben nahmen die römischen +Spekulanten ihre Revanche und steckten die freien Provinzialen massenweise +unter die Sklavenschaften ein. Infolge einer hiergegen im Jahre 650 (204) vom +Senat erlassenen scharfen Verfügung setzte der damalige Statthalter von +Sizilien, Publius Licinius Nerva, in Syrakus ein Freiheitsgericht nieder, das +in der Tat mit Ernst durchgriff; in kurzer Zeit war in achthundert Prozessen +gegen die Sklavenbesitzer entschieden und die Zahl der anhängig gemachten +Sachen immer noch im Steigen. Die erschreckten Plantagenbesitzer stürmten nach +Syrakus, um von dem römischen Statthalter die Sistierung solcher unerhörten +Rechtspflege zu erzwingen; Nerva war schwach genug, sich terrorisieren zu +lassen und die prozeßbittenden Unfreien mit barschen Worten anzuweisen, daß sie +sich des lästigen Verlangens von Recht und Gerechtigkeit zu begeben und +augenblicklich zu denen zurückzukehren hätten, die sich ihre Herren nennten. +Die Abgewiesenen rotteten statt dessen sich zusammen und gingen in die Berge. +Der Statthalter war auf militärische Maßregeln nicht gefaßt und selbst der +elende Landsturm der Insel nicht sogleich zur Hand; weshalb er ein Bündnis +abschloß mit einem der bekanntesten Räuberhauptleute auf der Insel und durch +das Versprechen eigener Begnadigung ihn bewog, die aufständischen Sklaven durch +Verrat den Römern in die Hand zu spielen. Dieses Schwarmes ward man also Herr. +Allein einer anderen Bande entlaufener Sklaven gelang es, dafür eine Abteilung +der Besatzung von Enna (Castrogiovanni) zu schlagen, und dieser erste Erfolg +verschaffte den Insurgenten, was sie vor allem bedurften, Waffen und Zulauf. +Das Heergerät der gefallenen und flüchtigen Gegner gab die erste Grundlage für +ihre militärische Organisation, und bald war die Zahl der Insurgenten auf viele +Tausende angeschwollen. Diese Syrer in der Fremde schienen bereits, gleich +ihren Vorgängern, sich nicht unwürdig, von Königen regiert zu werden wie ihre +Landsleute daheim und - den Lumpenkönig der Heimat bis auf den Namen +parodierend - stellten sie den Sklaven Salvius an ihre Spitze als König +Tryphon. In dem Strich zwischen Enna und Leontinoi (Lentini), wo diese Haufen +ihren Hauptsitz hatten, war das offene Land ganz in den Händen der Insurgenten +und Morgantia und andere ummauerte Städte schon von ihnen belagert, als mit den +eiligst zusammengerafften sizilischen und italischen Scharen der römische +Statthalter das Sklavenheer vor Morgantia überfiel. Er besetzte das +unverteidigte Lager; allein die Sklaven, obwohl überrascht, hielten stand, und +wie es zum Gefecht kam, wich der Landsturm der Insel nicht bloß beim ersten +Anprall, sondern, da die Sklaven jeden, der die Waffen wegwarf, ungehindert +entkommen ließen, benutzten die Milizen fast ohne Ausnahme die gute +Gelegenheit, ihren Abschied zu nehmen, und das römische Heer lief vollständig +auseinander. Hätten die Sklaven in Morgantia mit ihren Genossen vor den Toren +gemeinschaftliche Sache machen wollen, so war die Stadt verloren; sie zogen es +indes vor, von ihren Herren gesetzmäßig die Freiheit geschenkt zu nehmen und +halfen ihnen durch ihre Tapferkeit die Stadt retten, worauf sodann der römische +Statthalter das den Sklaven von den Herren feierlich gegebene +Freiheitsversprechen als widerrechtlich erzwungen von Rechts wegen kassierte. +</p> + +<p> +Während also im Innern der Insel der Aufstand in besorglicher Weise um sich +griff, brach ein zweiter aus auf der Westküste. An der Spitze stand hier +Athenion. Er war, eben wie Kleon, einst ein gefürchteter Räuberhauptmann in +seiner Heimat Kilikien gewesen und von dort als Sklave nach Sizilien geführt +worden. Ganz wie seine Vorgänger versicherte er sich der Gemüter der Griechen +und Syrer vor allem durch Prophezeiungen und anderen erbaulichen Schwindel; +aber kriegskundig und einsichtig wie er war, bewaffnete er nicht, wie die +übrigen Führer, die ganze Masse der ihm zuströmenden Leute, sondern bildete aus +den kriegstüchtigen Mannschaften ein organisiertes Heer, während er die Masse +zu friedlicher Beschäftigung anwies. Bei der strengen Mannszucht, die in seinen +Truppen jedes Schwanken und jede unbotmäßige Regung niederhielt, und der milden +Behandlung der friedlichen Landbewohner und selbst der Gefangenen errang er +rasche und große Erfolge. Die Hoffnung, daß die beiden Führer sich veruneinigen +würden, schlug den Römern auch diesmal fehl; freiwillig fügte sich Athenion dem +weit minder fähigen König Tryphon und erhielt damit die Einigkeit unter den +Insurgenten. Bald herrschten diese so gut wie unumschränkt auf dem platten +Lande, wo die freien Proletarier wieder mehr oder minder offen mit den Sklaven +hielten; die römischen Behörden waren nicht imstande, gegen sie das Feld zu +nehmen, und mußten sich begnügen, mit dem sizilischen und dem eiligst +herangezogenen afrikanischen Landsturm die Städte zu schützen, welche sich in +der beklagenswertesten Verfassung befanden. Die Rechtspflege stockte auf der +ganzen Insel, und es regierte einzig das Faustrecht. Da kein Ackerbürger sich +mehr vor das Tor, kein Landmann sich in die Stadt wagte, brach die +fürchterlichste Hungersnot herein, und die städtische Bevölkerung dieser sonst +Italien ernährenden Insel mußte von den römischen Behörden mit +Getreidesendungen unterstützt werden. Dazu drohten überall im Innern die +Verschwörungen der Stadtsklaven und vor den Mauern die Insurgentenheere, wie +denn selbst Messana um ein Haar von Athenion erobert worden wäre. So schwer es +der Regierung fiel, während des ernsten Kimbrischen Krieges eine zweite Armee +ins Feld zu stellen, sie konnte doch nicht umhin, im Jahre 651 (103) ein Heer +von 14000 Römern und Italikern, umgerechnet die überseeischen Milizen, unter +dem Prätor Lucius Lucullus nach der Insel zu entsenden. Das vereinigte +Sklavenheer stand in den Bergen oberhalb Sciacca und nahm die Schlacht an, die +Lucullus anbot. Die bessere militärische Organisation gab den Römern den Sieg: +Athenion blieb für tot auf der Walstatt, Tryphon mußte sich in die Bergfestung +Triokala werfen; die Insurgenten berieten ernstlich, ob es möglich sei, den +Kampf länger fortzusetzen. Indes die Partei, die entschlossen war, auszuharren +bis auf den letzten Mann, behielt die Oberhand; Athenion, der in wunderbarer +Weise gerettet worden war, trat wieder unter die Seinigen und belebte den +gesunkenen Mut; vor allem aber tat Lucullus unbegreiflicherweise nicht das +geringste, um seinen Sieg zu verfolgen, ja er soll absichtlich die Armee +desorganisiert und sein Feldgerät verbrannt haben, um die gänzliche +Erfolglosigkeit seiner Amtsführung zu bedecken und von seinem Nachfolger nicht +in Schatten gestellt zu werden. Mag dies wahr sein oder nicht, sein Nachfolger +Gaius Servilius (652 102) erlangte nicht bessere Resultate, und beide Generale +sind später ihrer Amtsführung wegen kriminell belangt und verurteilt worden, +was freilich auch durchaus kein sicherer Beweis für ihre Schuld ist. Athenion, +der nach Tryphons Tode (652 102) den Oberbefehl allein übernommen hatte, stand +siegreich an der Spitze eines ansehnlichen Heeres, als im Jahre 653 (101) +Manius Aquillius, der das Jahr zuvor unter Marius im Teutonenkriege sich +ausgezeichnet hatte, als Konsul und Statthalter die Führung des Krieges +übernahm. Nach zweijährigen harten Kämpfen - Aquillius soll mit Athenion +persönlich gefochten und ihn im Zweikampf getötet haben - schlug der römische +Feldherr endlich die verzweifelte Gegenwehr nieder und überwand die Insurgenten +in ihren letzten Schlupfwinkeln durch Hunger. Den Sklaven auf der Insel wurde +das Waffentragen untersagt und der Friede zog wieder auf ihr ein, das heißt die +neuen Peiniger wurden abgelöst von den altgewohnten; wie denn namentlich der +Sieger selbst unter den zahlreichen und energischen Räuberbeamten dieser Zeit +eine hervorragende Stelle einnimmt. Für wen es aber noch eines Beweises +bedurfte, wie das Regiment der restaurierten Aristokratie im Innern beschaffen +war, den konnte man auf die Entstehung wie auf die Führung dieses zweiten +fünfjährigen Sizilischen Sklavenkrieges verweisen. +</p> + +<p> +Wo man aber auch hinsehen mochte in dem weiten Kreis der römischen Verwaltung, +es traten dieselben Ursachen und dieselben Wirkungen hervor. Wenn der +sizilische Sklavenkrieg zeigt, wie wenig die Regierung auch nur der einfachsten +Aufgabe, das Proletariat niederzuhalten, gewachsen war, so offenbarten die +gleichzeitigen Ereignisse in Afrika, wie man jetzt in Rom es verstand, +Klientelstaaten zu regieren. Um dieselbe Zeit, wo der Sizilische Sklavenkrieg +ausbrach, ward auch vor den Augen der erstaunten Welt das Schauspiel +aufgeführt, daß gegen die gewaltige Republik, die die Königreiche Makedonien +und Asien mit einem Schlag ihres schweren Armes zerschmettert hatte, ein +unbedeutender Klientelfürst nicht mittels Waffen, sondern mittels der +Erbärmlichkeit ihrer regierenden Herren eine vierzehnjährige Usurpation und +Insurrektion durchzuführen vermochte. +</p> + +<p> +Das Königreich Numidien dehnte vom Flusse Molochat sich aus bis an die Große +Syrte, so daß es einerseits grenzte an das Mauretanische Reich von Tingis (das +heutige Marokko), andererseits an Kyrene und Ägypten, und den schmalen +Küstenstrich der römischen Provinz Africa westlich, südlich und östlich +umschloß; es umfaßte außer den alten Besitzungen der numidischen Häuptlinge den +bei weitem größten Teil desjenigen Gebiets, welches Karthago in den Zeiten +seiner Blüte in Afrika besessen hatte, darunter mehrere bedeutende +altphönikische Städte wie Hippo regius (Bona) und Groß-Leptis (Lebidah), +überhaupt den größten und besten Teil des reichen nordafrikanischen +Küstenlandes. Nächst Ägypten war ohne Frage Numidien der ansehnlichste unter +allen römischen Klientelstaaten. Nach Massinissas Tode (605 149) hatte Scipio +unter dessen drei Söhne, die Könige Micipsa, Gulussa und Mastanabal, die +väterliche Herrschaft in der Art geteilt, daß der erstgeborene die Residenz und +die Staatskasse, der zweite den Krieg, der dritte die Gerichtsbarkeit übernahm. +Jetzt regierte nach dem Tode seiner beiden Brüder wieder allein Massinissas +ältester Sohn Micipsa 4, ein schwacher, friedlicher Greis, der lieber als mit +Staatsangelegenheiten sich mit dem Studium der griechischen Philosophie +beschäftigte. Da seine Söhne noch nicht erwachsen waren, führte tatsächlich die +Zügel der Regierung ein illegitimer Neffe des Königs, der Prinz Jugurtha. +Jugurtha war kein unwürdiger Enkel Massinissas. Er war ein schöner Mann und ein +gewandter und mutiger Reiter und Jäger; seine Landsleute hielten den klaren und +einsichtigen Verwalter in hohen Ehren, und seine militärische Brauchbarkeit +hatte er als Führer des numidischen Kontingents vor Numantia unter Scipios +Augen erwiesen. Seine Stellung im Königreich und der Einfluß, dessen er durch +seine zahlreichen Freunde und Kriegskameraden bei der römischen Regierung +genoß, ließen es König Micipsa ratsam erscheinen, ihn zu adoptieren (634 120) +und in seinem Testament zu verordnen, daß des Königs beide älteste leibliche +Söhne Adherbal und Hiempsal und sein Adoptivsohn Jugurtha selbdritt, ebenso wie +er selbst mit seinen beiden Brüdern, zu gesamter Hand das Reich erben und +regieren sollten. Zu größerer Sicherheit wurde diese Verfügung unter die +Garantie der römischen Regierung gestellt. Bald nachher, im Jahre 636 (118) +starb König Micipsa. Das Testament trat in Kraft; allein die beiden Söhne +Micipsas, mehr noch als der schwache ältere Bruder der heftige Hiempsal, +gerieten bald mit ihrem Vetter, den sie als Eindringling in die legitime +Erbfolge ansahen, so heftig zusammen, daß der Gedanke an eine Gesamtregierung +der drei Könige aufgegeben werden mußte. Man versuchte eine Realteilung +durchzuführen; allein die hadernden Könige vermochten über die Landes- und +Schatzquoten sich nicht zu einigen, und die Schutzmacht, der hier von Rechts +wegen das entscheidende Wort zustand, bekümmerte wie gewöhnlich um diese +Angelegenheit sich nicht. Es kam zum Bruch; Adherbal und Hiempsal mochten das +Testament des Vaters als erschlichen bezeichnen und Jugurthas Miterbrecht +überhaupt bestreiten, wogegen Jugurtha auftrat als Prätendent auf das gesamte +Königreich. Noch während der Verhandlungen über die Teilung ward Hiempsal durch +gedungene Meuchelmörder aus dem Wege geschafft; zwischen Adherbal und Jugurtha +kam es zum Bürgerkriege, in dem ganz Numidien Partei nahm. Mit seinen minder +zahlreichen, aber besser geübten und besser geführten Truppen siegte Jugurtha +und bemächtigte sich des gesamten Reichsgebiets unter den grausamsten +Verfolgungen gegen die seinem Vetter anhängenden Häupter. Adherbal rettete sich +nach der römischen Provinz und ging von da nach Rom, um dort Klage zu führen. +Jugurtha hatte es erwartet und sich darauf eingerichtet, der drohenden +Intervention zu begegnen. Er hatte im Lager von Numantia noch mehr von Rom +kennengelernt als die römische Taktik: der numidische Prinz, eingeführt in die +Kreise der römischen Aristokraten, war zugleich eingeweiht worden in die +römischen Koterieintrigen und hatte an der Quelle studiert, was man römischen +Adligen zumuten könne; schon damals, sechzehn Jahre vor Micipsas Tode, hatte er +illoyale Unterhandlungen über die numidische Erbfolge mit vornehmen römischen +Kameraden gepflogen und hatte Scipio ihn ernstlich erinnern müssen, daß es +fremden Prinzen anständiger sei, mit dem römischen Staat als mit einzelnen +römischen Bürgern Freundschaft zu halten. Jugurthas Gesandte erschienen in Rom, +nicht bloß mit Worten ausgerüstet; daß sie die richtigen diplomatischen +Überzeugungsmittel gewählt hatten, bewies der Erfolg. Die eifrigsten Vertreter +von Adherbals gutem Recht überzeugten in unglaublicher Geschwindigkeit sich +davon, daß Hiempsal seiner Grausamkeit halber von seinen Untertanen umgebracht +worden und daß der Urheber des Erbfolgkrieges nicht Jugurtha sei, sondern +Adherbal. Selbst die leitenden Männer im Senat erschraken vor dem Skandal; +Marcus Scaurus suchte zu steuern; es war umsonst. Der Senat überging das +Geschehene mit Stillschweigen und verfügte, daß die beiden überlebenden +Testamentserben das Reich zu gleichen Teilen erhalten und zur Verhütung neuen +Haders die Teilung durch eine Kommission des Senats vorgenommen werden solle. +Sie kam; der Konsular Lucius Opimius, bekannt durch seine Verdienste um die +Beseitigung der Revolution, hatte die Gelegenheit wahrgenommen, den Lohn für +seinen Patriotismus einzuziehen, und sich an die Spitze dieser Kommission +stellen lassen. Die Teilung fiel durchaus zu Jugurthas Gunsten und nicht zum +Nachteil der Kommissarien aus; die Hauptstadt Cirta (Constantine) mit ihrem +Hafen Rusicade (Philippeville) kam zwar an Adherbal, allein eben dadurch ward +ihm der fast ganz aus Sandwüsten bestehende östliche Teil des Reiches, Jugurtha +dagegen die fruchtbare und bevölkerte Westhälfte (das spätere Sitifensische und +Cäsariensische Mauretanien) zu teil. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +4 Der Stammbaum der numidischen Fürsten ist folgender: +</p> + + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Es war arg; bald kam es noch schlimmer. Um mit einigem Schein im Wege der +Verteidigung Adherbal um seine Hälfte bringen zu können, reizte Jugurtha +denselben zum Kriege; indes da der schwache Mann, durch die gemachten +Erfahrungen gewitzigt, Jugurthas Reiter sein Gebiet ungehindert brandschatzen +ließ und sich begnügte, in Rom Beschwerde zu führen, begann Jugurtha, +ungeduldig über diese Weitläufigkeiten, auch ohne Vorwand den Krieg. In der +Gegend des heutigen Philippeville ward Adherbal vollständig geschlagen und warf +sich in seine nahe Hauptstadt Cirta. Während die Belagerung ihren Fortgang nahm +und Jugurthas Truppen mit den in Cirta zahlreich ansässigen und bei der +Verteidigung der Stadt lebhafter als die Afrikaner selbst sich beteiligenden +Italikern täglich sich herumschlugen, erschien die von dem römischen Senat auf +Adherbals erste Beschwerden abgeordnete Kommission; natürlich junge unerfahrene +Menschen, wie die Regierung damals sie zu gewöhnlichen Staatssendungen +regelmäßig verwandte. Die Gesandten verlangten, daß Jugurtha sie als von der +Schutzmacht an Adherbal abgeordnet in die Stadt einlasse, überhaupt aber den +Kampf einstelle und ihre Vermittlung annehme. Jugurtha schlug beides kurzweg ab +und die Gesandten zogen schleunigst heim wie die Knaben, die sie waren, um an +die Väter der Stadt zu berichten. Die Väter hörten den Bericht an und ließen +ihre Landsleute in Cirta eben weiter fechten, solange es ihnen beliebte. Erst +als im fünften Monat der Belagerung ein Bote des Adherbal durch die +Verschanzungen der Feinde sich durchschlich, und ein Schreiben des Königs voll +der flehentlichsten Bitten an den Senat kam, raffte derselbe sich auf und faßte +wirklich einen Beschluß - nicht etwa den Krieg zu erklären, wie die Minorität +es verlangte, sondern eine neue Gesandtschaft zu schicken, aber eine +Gesandtschaft mit Marcus Scaurus an der Spitze, dem großen Bezwinger der +Taurisker und der Freigelassenen, dem imponierenden Heros der Aristokratie, +dessen bloßes Erscheinen genügen werde, den ungehorsamen König auf andere +Gedanken zu bringen. In der Tat erschien Jugurtha, wie geheißen, in Utica, um +mit Scaurus zu verhandeln; endlose Debatten wurden gepflogen; als endlich die +Konferenz geschlossen ward, war nicht das geringste Resultat erreicht. Die +Gesandtschaft ging, ohne den Krieg erklärt zu haben, nach Rom zurück und der +König wieder ab zur Belagerung von Cirta. Adherbal sah sich aufs Äußerste +gebracht und verzweifelte an der römischen Unterstützung; die Italiker in +Cirta, der Belagerung müde und für ihre eigene Sicherheit fest vertrauend auf +die Furcht vor dem römischen Namen, drängten überdies zur Übergabe. So +kapitulierte die Stadt. Jugurtha gab Befehl, seinen Adoptivbruder unter +grausamen Martern hinzurichten, die sämtliche erwachsene männliche Bevölkerung +der Stadt aber, Afrikaner wie Italiker, über die Klinge springen zu lassen (642 +112). +</p> + +<p> +Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Italien. Die Minorität des Senats +selbst und alles, was nicht Senat war, verdammten einmütig diese Regierung, für +die die Ehre und das Interesse des Landes nichts zu sein schienen als +verkäufliche Artikel; am lautesten die Kaufmannschaft, die durch die +Hinopferung der römischen und italischen Kaufleute in Cirta am nächsten +getroffen worden war. Die Majorität des Senats sträubte sich zwar auch jetzt +noch; sie appellierte an die Standesinteressen der Aristokratie und setzte alle +Hebel der kollegialischen Geschäftsverschleppung in Bewegung, um den lieben +Frieden noch ferner zu bewahren. Indes als der für 643 (111) gewählte +Volkstribun Gaius Memmius, ein tätiger und beredter Mann, sofort nach Antritt +seines Amtes den Handel öffentlich zur Sprache brachte und die schlimmsten +Sünder zu gerichtlicher Verantwortung ziehen zu wollen drohte, ließ der Senat +es geschehen, daß der Krieg an Jugurtha erklärt ward (642/43 112/11). Es schien +ernst zu werden. Jugurthas Gesandte wurden, ohne vorgelassen zu sein, aus +Italien ausgewiesen; der neue Konsul Lucius Calpurnius Bestia, der, unter +seinen Standesgenossen wenigstens, durch Einsicht und Tätigkeit sich +auszeichnete, betrieb die Rüstungen mit Energie; Marcus Scaurus selbst übernahm +eine Befehlshaberstelle in der afrikanischen Armee; in kurzer Zeit stand ein +römisches Heer auf afrikanischem Boden und rückte, am Bagradas (Medscherda) +hinaufmarschierend, ein in das Numidische Königreich, wo die vor dem Sitz der +königlichen Macht entlegensten Städte, wie Groß-Leptis, bereits freiwillig ihre +Unterwerfung einsandten, während König Bocchus von Mauretanien, obwohl seine +Tochter mit Jugurtha vermählt war, doch den Römern Freundschaft und Bündnis +antrug. Jugurtha selbst verlor den Mut und sandte Boten in das römische +Hauptquartier, um Waffenstillstand zu erbitten. Das Ende des Kampfes schien +nahe und kam noch schneller, als man dachte. Der Vertrag mit König Bocchus +scheiterte daran, daß der König, unbekannt mit den römischen Sitten, diesen den +Römern vorteilhaften Vertrag umsonst abschließen zu können gemeint und deshalb +versäumt hatte, seinen Boten den marktgängigen Preis römischer Bündnisse +mitzugeben. Jugurtha kannte allerdings die römischen Institutionen besser und +hatte nicht versäumt, seine Waffenstillstandsanträge durch die gehörigen +Begleitgelder zu unterstützen; indes auch er hatte sich getäuscht. Nach den +ersten Verhandlungen ergab es sich, daß im römischen Hauptquartier nicht bloß +der Waffenstillstand feil sei, sondern auch der Friede. Die königliche +Schatzkammer war noch von Massinissas Zeiten her wohl gefüllt; rasch war man +handelseinig. Der Vertrag ward abgeschlossen, nachdem der Form halber derselbe +dem Kriegsrat vorgelegt und nach einer unordentlichen und möglichst +summarischen Verhandlung dessen Zustimmung erwirkt worden war. Jugurtha +unterwarf sich auf Gnade und Ungnade; der Sieger aber übte Gnade und gab dem +König sein Reich ungeschmälert zurück gegen eine mäßige Buße und die +Auslieferung der römischen Oberläufer und der Kriegselefanten (643 111), welche +letztere der König großenteils später wiedereinhandelte durch Verträge mit den +einzelnen römischen Platzkommandanten und Offizieren. +</p> + +<p> +Auf die Kunde davon brach in Rom abermals der Sturm los. Alle Welt wußte, wie +der Friede zustande gekommen war; selbst Scaurus also war zu haben, nur um +einen höheren als den gemeinen senatorischen Durchschnittspreis. Die +Rechtsbeständigkeit des Friedens ward im Senat ernstlich angefochten; Gaius +Memmius erklärte, daß der König, wenn er wirklich unbedingt sich unterworfen +habe, sich nicht weigern könne, in Rom zu erscheinen und man ihn demnach +vorladen möge, um hinsichtlich der durchaus irregulären Friedensverhandlungen +durch Vernehmung der beiden paziszierenden Teile den Tatbestand festzustellen. +Man fügte sich der unbequemen Forderung; rechtswidrig aber, da der König nicht +als Feind kam, sondern als unterworfener Mann, ward demselben zugleich sicheres +Geleit zugestanden. Daraufhin erschien der König in der Tat in Rom und stellte +sich zum Verhör vor dem versammelten Volke, das mühsam bewogen ward, das +sichere Geleit zu respektieren und den Mörder der cirtensischen Italiker nicht +auf der Stelle zu zerreißen. Allein kaum hatte Gaius Memmius die erste Frage an +den König gerichtet, als einer seiner Kollegen kraft seines Veto einschritt und +dem Könige befahl zu schweigen. Auch hier also war das afrikanische Gold +mächtiger als der Wille des souveränen Volkes und seiner höchsten Beamten. +Inzwischen gingen im Senat die Verhandlungen über die Gültigkeit des soeben +abgeschlossenen Friedens weiter und der neue Konsul Spurius Postumius Albinus +nahm eifrig Partei für den Antrag, denselben zu kassieren, in der Aussicht, daß +dann der Oberbefehl in Afrika an ihn kommen werde. Dies veranlaßte einen in Rom +lebenden Enkel Massinissas, den Massiva, seine Ansprüche auf das erledigte +Numidische Reich bei dem Senat geltend zu machen; worauf Bomilkar, einer der +Vertrauten des Königs Jugurtha, den Konkurrenten seines Herrn, ohne Zweifel in +dessen Auftrag, meuchlerisch aus dem Wege schaffte und, da ihm dafür der Prozeß +gemacht ward, mit Hilfe Jugurthas aus Rom entfloh. Dies neue, unter den Augen +der römischen Regierung verübte Verbrechen bewirkte wenigstens so viel, daß der +Senat nun den Frieden kassierte und den König aus der Stadt auswies (Winter +643/44 111/10). Der Krieg ging also wieder an, und der Konsul Spurius Albinus +übernahm den Oberbefehl (644 110). Allein das afrikanische Heer war bis in die +untersten Schichten hinab in derjenigen Zerrüttung, wie sie einer solchen +politischen und militärischen Oberleitung angemessen ist. Nicht bloß von +Disziplin war die Rede nicht mehr und die Plünderung der numidischen +Ortschaften, ja des römischen Provinzialgebiets während der Waffenruhe das +Hauptgeschäft der römischen Soldateska gewesen, sondern es hatten auch nicht +wenige Offiziere und Soldaten so gut wie ihre Generale heimliche +Einverständnisse angeknüpft mit dem Feinde. Daß ein solches Heer im Felde +nichts ausrichten konnte, ist begreiflich, und wenn Jugurtha auch diesmal vom +römischen Obergeneral die Untätigkeit kaufte, wie dies später gegen denselben +gerichtlich geltend gemacht ward, so tat er wahrlich ein übriges. Spurius +Albinus also begnügte sich damit, nichts zu tun; dagegen sein Bruder, der nach +seiner Abreise interimistisch den Oberbefehl übernahm, der ebenso tolldreiste +als unfähige Aulus Postumius, kam mitten im Winter auf den Gedanken, durch +einen kühnen Handstreich sich der Schätze des Königs zu bemächtigen, die in der +schwer zugänglichen und schwer zu erobernden Stadt Suthul (später Calama, jetzt +Guelma) sich befanden. Das Heer brach dahin auf und erreichte die Stadt; allein +die Belagerung war erfolg- und aussichtslos, und als der König, der eine +Zeitlang mit seinen Truppen vor der Stadt gestanden, in die Wüste ging, zog der +römische Feldherr es vor, ihn zu verfolgen. Dies eben hatte Jugurtha +beabsichtigt; durch einen nächtlichen Angriff, wobei die Schwierigkeiten des +Terrains und Jugurthas Einverständnisse in der römischen Armee zusammenwirkten, +eroberten die Numidier das römische Lager und trieben die großenteils +waffenlosen Römer in der vollständigsten und schimpflichsten Flucht vor sich +her. Die Folge war eine Kapitulation, deren Bedingungen: Abzug des römischen +Heeres unter dem Joch, sofortige Räumung des ganzen numidischen Gebiets, +Erneuerung des vom Senat kassierten Bündnisvertrages, von Jugurtha diktiert und +von den Römern angenommen wurden (Anfang 645 109). +</p> + +<p> +Dies war denn doch zu arg. Während die Afrikaner jubelten und die plötzlich +eröffnende Aussicht auf den kaum noch für möglich gehaltenen Sturz der +Fremdherrschaft zahlreiche Stämme der freien und halbfreien Wüstenbewohner +unter die Fahnen des siegreichen Königs führte, brauste in Italien die +öffentliche Meinung hoch auf gegen die ebenso verdorbene wie verderbliche +Regierungsaristokratie und brach los in einem Prozeßsturm, der, genährt durch +die Erbitterung der Kaufmannschaft, eine Reihe von Opfern aus den höchsten +Kreisen des Adels wegraffte. Auf den Antrag des Volkstribuns Gaius Mamilius +Limetanus ward trotz der schüchternen Versuche des Senats, das Strafgericht +abzuwenden, eine außerordentliche Geschworenenkommission bestellt zur +Untersuchung des in der numidischen Sukzessionsfrage vorgekommenen +Landesverrats, und ihre Wahlsprüche sandten die beiden bisherigen +Oberfeldherren, Gaius Bestia und Spurius Albinus, ferner den Lucius Opimius, +das Haupt der ersten afrikanischen Kommission und nebenbei den Henker des Gaius +Gracchus, außerdem zahlreiche andere weniger namhafte schuldige und unschuldige +Männer der Regierungspartei in die Verbannung. Daß indes diese Prozesse einzig +darauf hinausliefen, durch Aufopferung einiger der am meisten kompromittierten +Personen die aufgeregte öffentliche Meinung namentlich der Kapitalistenkreise +zu beschwichtigen, und daß dabei von einer Auflehnung des Volkszorns gegen das +recht- und ehrlose Regiment selbst nicht die leiseste Spur vorhanden war, zeigt +sehr deutlich die Tatsache, daß an den schuldigsten unter den Schuldigen, an +den klugen und mächtigen Scaurus nicht bloß niemand sich wagte, sondern daß er +eben um diese Zeit zum Zensor, ja sogar unglaublicherweise zu einem der +Vorstände der außerordentlichen Hochverratskommission erwählt ward. Um so +weniger ward auch nur der Versuch gemacht, der Regierung in ihre Kompetenz zu +greifen, und es blieb lediglich dem Senat überlassen, dem numidischen Skandal +in der für die Aristokratie möglichst gelinden Weise ein Ende zu machen; denn +daß dies an der Zeit war, mochte wohl selbst der adligste Adlige anfangen zu +begreifen. +</p> + +<p> +Der Senat kassierte zunächst auch den zweiten Friedensvertrag - den +Oberbefehlshaber, der ihn abgeschlossen, dem Feinde auszuliefern, wie dies noch +vor dreißig Jahren geschehen war, schien nach den neuen Begriffen von der +Heiligkeit der Verträge nicht ferner nötig -, und die Erneuerung des Krieges +ward diesmal allen Ernstes beschlossen. Man übergab den Oberbefehl in Afrika +zwar wie natürlich einem Aristokraten, aber noch einem der wenigen vornehmen +Männer, die militärisch und sittlich der Aufgabe gewachsen waren. Die Wahl fiel +auf Quintus Metellus. Er war wie die ganze mächtige Familie, der er angehörte, +seinen Grundsätzen nach ein starrer und rücksichtsloser Aristokrat, als Beamter +ein Mann, der es zwar sich zur Ehre rechnete, zum Besten des Staats +Meuchelmörder zu dingen, und was Fabricius gegen Pyrrhos tat, vermutlich als +unpraktische Donquichotterie verlacht haben würde, aber doch ein unbeugsamer, +weder der Furcht noch der Bestechung zugänglicher Verwalter und ein +einsichtiger und erfahrener Kriegsmann. In dieser Hinsicht war er auch von +seinen Standesvorurteilen so weit frei, daß er sich zu seinen +Unterbefehlshabern nicht vornehme Leute aussuchte, sondern den trefflichen +Offizier Publius Rutilius Rufus, der wegen seiner musterhaften Mannszucht und +als Urheber eines veränderten und verbesserten Exerzierreglements in +militärischen Kreisen geschätzt ward, und den tapferen, von der Pike +emporgedienten latinischen Bauernsohn Gaius Marius. Von diesen und anderen +fähigen Offizieren begleitet, erschien Metellus im Laufe des Jahres 645 (109) +als Konsul und Oberfeldherr bei der afrikanischen Armee, die er in einem so +zerrütteten Zustand antraf, daß die Generale bisher nicht gewagt hatten, sie +auf das feindliche Gebiet zu führen und sie niemand fürchterlich war als den +unglücklichen Bewohnern der römischen Provinz. Streng und rasch wurde sie +reorganisiert und im Frühling des Jahres 646 (108) 5 führte Metellus sie über +die numidische Grenze. Wie Jugurtha der veränderten Lage der Dinge inne ward, +gab er sich verloren und machte, noch ehe der Kampf begann, ernstlich gemeinte +Vergleichsanträge, indem er schließlich nichts weiter begehrte, als daß man ihm +das Leben zusichere. Indes Metellus war entschlossen und vielleicht selbst +angewiesen, den Krieg nicht anders zu beendigen als mit der unbedingten +Unterwerfung und der Hinrichtung des verwegenen Klientelfürsten; was auch in +der Tat der einzige Ausgang war, der den Römern genügen konnte. Jugurtha galt +seit dem Sieg über Albinus als der Erlöser Libyens von der Herrschaft der +verhaßten Fremden; rücksichtslos und schlau, wie er, und unbeholfen, wie die +römische Regierung war, konnte er jederzeit auch nach dem Frieden wieder in +seiner Heimat den Krieg entzünden; die Ruhe war nicht eher gesichert und die +Entfernung der afrikanischen Armee nicht eher möglich, als wenn König Jugurtha +nicht mehr war. Offiziell gab Metellus ausweichende Antworten auf die Anträge +des Königs; insgeheim stiftete er die Boten desselben auf, ihren Herrn lebend +oder tot an die Römer auszuliefern. Indes wenn der römische General es +unternahm, mit dem Afrikaner auf dem Gebiet des Meuchelmordes zu wetteifern, so +fand er hier seinen Meister; Jugurtha durchschaute den Plan und rüstete sich, +da er nicht anders konnte, zur verzweifelten Gegenwehr. Jenseits des völlig +öden Gebirgszugs, über den der Weg der Römer in das Innere führte, erstreckte +sich in der Breite von vier deutschen Meilen bis zu dem dem Gebirgszug parallel +laufenden Flusse Muthul eine weite Ebene, welche bis auf die unmittelbare +Nachbarschaft des Flusses wasser- und baumlos war und nur durch einen mit +niedrigem Gestrüpp bedeckten Hügelrücken in der Quere durchsetzt ward. Auf +diesem Hügelrücken erwartete Jugurtha das römische Heer. Seine Truppen standen +in zwei Massen: die eine, ein Teil der Infanterie und die Elefanten, unter +Bomilkar da, wo der Rücken auslief gegen den Fluß, die andere, der Kern des +Fußvolks und die gesamte Reiterei, höher hinauf gegen den Gebirgszug, verdeckt +durch das Gestrüpp. Aus dem Gebirge debouchierend, erblickten die Römer den +Feind in einer ihre rechte Flanke vollständig beherrschenden Stellung und +hatten, da sie auf dem kahlen und wasserlosen Gebirgskamm unmöglich verweilen +konnten und den Fluß notwendig erreichen mußten, die schwierige Aufgabe zu +lösen, durch die vier Meilen breite, ganz offene Ebene, unter den Augen der +feindlichen Reiter und selber ohne leichte Kavallerie, an den Strom zu +gelangen. Metellus entsandte ein Detachement unter Rufus in gerader Richtung an +den Fluß, um daselbst ein Lager zu schlagen; die Hauptmasse marschierte aus den +Debouchés des Gebirges in schräger Richtung durch die Ebene auf den Hügelrücken +zu, um den Feind von demselben herunterzuwerfen. Indes dieser Marsch in der +Ebene drohte das Verderben des Heeres zu werden, denn während numidische +Infanterie im Rücken der Römer die Gebirgsdefileen besetzte, wie diese sie +räumten, sah sich die römische Angriffskolonne auf allen Seiten von den +feindlichen Reitern umschwärmt, die von dem Hügelrücken herab angriffen. Das +stete Anprallen der feindlichen Schwärme hinderte den Vormarsch, und die +Schlacht drohte sich in eine Anzahl verwirrter Detailgefechte aufzulösen; +während gleichzeitig Bomilkar mit seiner Abteilung das Korps unter Rufus +festhielt, um es zu hindern, der schwer bedrängten römischen Hauptarmee zu +Hilfe zu eilen. Jedoch gelang es Metellus und Marius mit ein paar tausend +Soldaten, den Fuß des Hügelrückens zu erreichen; und das numidische Fußvolk, +das die Höhen verteidigte, lief trotz der Überzahl und der günstigen Stellung +fast ohne Widerstand davon, als die Legionäre im Sturmschritt den Berg hinauf +angriffen. Ebenso schlecht hielt sich das numidische Fußvolk gegen Rufus; es +ward bei dem ersten Angriff zerstreut und die Elefanten in dem durchschnittenen +Terrain alle getötet oder gefangen. Spät am Abend trafen die beiden römischen +Heerhaufen, jeder für sich Sieger und jeder besorgt um das Schicksal des +andern, zwischen den beiden Walplätzen zusammen. Es war eine Schlacht, die für +Jugurthas ungemeines militärisches Talent ebenso zeugte wie für die +unverwüstliche Tüchtigkeit der römischen Infanterie, welche allein die +strategische Niederlage in einen Sieg umgewandelt hatte. Jugurtha sandte nach +der Schlacht einen großen Teil seiner Truppen heim und beschränkte sich auf den +kleinen Krieg, den er gleichfalls mit Gewandtheit leitete. Die beiden römischen +Kolonnen, die eine von Metellus geführt, die andere von Marius, der, obwohl von +Geburt und Rang der geringste, seit der Schlacht am Muthul unter den Korpschefs +die erste Stelle einnahm, durchzogen das numidische Gebiet, besetzten die +Städte und machten, wo eine Ortschaft die Tore nicht gutwillig geöffnet hatte, +die erwachsene männliche Bevölkerung nieder. Allein die ansehnlichste unter den +Städten im östlichen Binnenland, Zama, leistete den Römern ernsthaften +Widerstand, den der König nachdrücklich unterstützte. Sogar ein Überfall des +römischen Lagers gelang ihm, und die Römer sahen sich endlich genötigt, die +Belagerung aufzuheben und in das Winterquartier zu gehen. Der leichteren +Verpflegung wegen verlegte Metellus dasselbe, unter Zurücklassung von +Besatzungen in den eroberten Städten, in die römische Provinz und benutzte die +Waffenruhe, um wieder Unterhandlungen anzuknüpfen, indem er sich geneigt +zeigte, dem König einen erträglichen Frieden zu bewilligen. Jugurtha ging +darauf bereitwillig ein; bereits hatte er sich anheischig gemacht, 200000 Pfund +Silber zu entrichten, ja sogar seine Elefanten und 300 Geiseln schon +abgeliefert, ebenso 3000 römische Überläufer, die sofort niedergemacht wurden. +Gleichzeitig aber wurde des Königs vertrautester Ratgeber, Bomilkar, der nicht +mit Unrecht besorgte, daß, wenn es zum Frieden käme, Jugurtha ihn als den +Mörder des Massiva den römischen Gerichten überliefern werde, von Metellus +gewonnen und gegen Zusicherung der Straflosigkeit für jenen Mord und großer +Belohnungen zu dem Versprechen bewogen, den König den Römern lebendig oder tot +in die Hände zu liefern. Indes weder jene offizielle Verhandlung noch diese +Intrige führte zu dem gewünschten Resultat. Als Metellus mit dem Ansinnen +herausrückte, daß der König persönlich sich als Gefangener zu stellen habe, +brach dieser die Unterhandlungen ab; Bomilkars Verkehr mit dem Feinde ward +entdeckt und derselbe festgenommen und hingerichtet. Es soll keine Schutzrede +sein für diese diplomatischen Kabalen niedrigster Art; aber die Römer hatten +allen Grund, danach zu trachten, sich der Person ihres Gegners zu bemächtigen. +Der Krieg war auf dem Punkt angelangt, wo man ihn weder weiterführen noch +aufgeben konnte. Wie die Stimmung in Numidien war, beweist zum Beispiel der +Aufstand der bedeutendsten unter den Römern besetzten Städten Vaga 6 im Winter +646/47 (108/07), wobei die gesamte römische Besatzung, Offiziere und Gemeine, +niedergemacht wurde mit Ausnahme des Kommandanten Titus Turpilius Silanus, +welcher später wegen Einverständnisses mit dem Feinde, ob mit Recht oder +Unrecht, läßt sich nicht sagen, von dem römischen Kriegsgericht zum Tode +verurteilt und hingerichtet ward. Die Stadt wurde von Metellus am zweiten Tage +nach dem Abfall überrumpelt und der ganzen Strenge des Kriegsgerichts +preisgegeben; allein wenn die Gemüter der leicht erreichbaren und +verhältnismäßig fügsamen Anwohner des Bagradas also gestimmt waren, wie mochte +es da aussehen weiter landeinwärts und bei den schweifenden Stämmen der Wüste? +Jugurtha war der Abgott der Afrikaner, die in ihm den doppelten Brudermörder +gern übersahen über dem Retter und Rächer der Nation. Zwanzig Jahre nachher +mußte ein numidisches Korps, das für die Römer in Italien focht, schleunigst +nach Afrika zurückgesandt werden, als in den feindlichen Reihen Jugurthas Sohn +sich zeigte: man mag daraus schließen, was er selber über die Seinen vermochte. +Wie war ein Ende des Krieges abzusehen in Landschaften, wo die vereinigten +Eigentümlichkeiten der Bevölkerung und des Bodens einem Führer, der sich einmal +der Sympathien der Nation versichert hat, es gestatten, den Krieg in endlosen +Kleingefechten fortzuspinnen oder auch gar ihn eine Zeitlang schlafen zu legen, +um ihn im rechten Augenblick mit neuer Gewalt wiederzuerwecken? +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +5 In der spannenden und geistreichen Darstellung dieses Krieges von Sallust ist +die Chronologie mehr als billig vernachlässigt. Der Krieg ging im Sommer 649 +(105) zu Ende (c. 114); wenn also Marius seine Kriegführung als Konsul 647 +(107) begann, so führte er dort das Kommando in drei Kampagnen. Allein die +Erzählung schildert nur zwei, und mit Recht. Denn eben wie Metellus allem +Anschein nach zwar schon 645 (109) nach Afrika ging, aber, da er spät eintraf +(c. 37, 44) und die Reorganisation des Heeres Zeit kostete (c. 44), seine +Operationen erst im folgenden Jahr begann, trat auch Marius, der gleichfalls in +Italien längere Zeit sich mit Kriegsvorbereitungen aufhielt (c. 84), entweder +als Konsul 647 (107) spät im Jahre und nach beendigtem Feldzug oder auch erst +als Prokonsul 648 (106) den Oberbefehl an; so daß also die beiden Feldzüge des +Metellus 646, 647 (108, 107) die des Marius 648, 649 (106, 105) fallen. Dazu +paßt, daß Metellus erst im Jahre 648 (106) triumphierte (Eph. epigr. IV, S. +257). Dazu paßt ferner, daß die Schlacht am Muthul und die Belagerung von Zama +nach dem Verhältnis, in dem sie zu Marius’ Bewerbung um das Konsulat +stehen, notwendig in das Jahr 646 (108) gesetzt werden müssen. Von +Ungenauigkeiten ist der Schriftsteller auf keinen Fall freizusprechen; wie denn +Marius sogar noch 649 (105) bei ihm Konsul genannt wird. +</p> + +<p> +Die Verlängerung des Kommandos des Metellus, die Sallustius (62, 10) berichtet, +kann sich nach dem Platze, an dem sie steht, nur beziehen auf das Jahr 647 +(107); als im Sommer 646 (108) auf Grund des Sempronischen Gesetzes die +Provinzen der für 647 (107) zu wählenden Konsuln festzusetzen waren, bestimmte +der Senat zwei andere Provinzen und ließ also Numidien dem Metellus. Diesen +Senatsschluß stieß das 72, 7 erwähnte Plebiszit um. Die folgenden in den besten +Handschriften beider Familien lückenhaft überlieferten Worte sed Paulo …. +decreverat: ea res frustra fuit müssen entweder die den Konsuln vom Senat +bestimmten Provinzen genannt haben - etwa sed paulo [ante uti consulibus Italia +et Gallia provinciae essent senatus] decreverat - oder, nach der Ergänzung der +Vulgathandschriften: sed Paulo [ante senatus Metello Numidiam] decreverat. +</p> + +<p> +6 Jetzt Bedschah an der Medscherda. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +Als Metellus im Jahre 647 (107) wieder ins Feld rückte, hielt Jugurtha ihm +nirgends stand: bald tauchte er da auf, bald an einem andern, weit entfernten +Punkt; es schien, als würde man ebenso leicht Herr werden über die Löwen wie +über diese Reiter der Wüste. Eine Schlacht ward geschlagen, ein Sieg gewonnen; +aber was man mit dem Sieg gewonnen hatte, war schwer zu sagen. Der König war +verschwunden in die unabsehliche Weite. Im Innern des heutigen Beilek von +Tunis, hart am Saum der großen Wüste, lag in quelliger Oase der feste Platz +Thala 7; dorthin hatte Jugurtha sich zurückgezogen mit seinen Kindern, seinen +Schätzen und dem Kern seiner Truppen, bessere Zeiten daselbst abzuwarten. +Metellus wagte es, durch eine Einöde, wo das Wasser auf zehn deutsche Meilen in +Schläuchen mitgeführt werden mußte, dem König zu folgen; Thala ward erreicht +und fiel nach vierzigtägiger Belagerung; allein nicht bloß vernichteten die +römischen Überläufer mit dem Gebäude, in dem sie nach Einnahme der Stadt sich +selber verbrannten, zugleich den wertvollsten Teil der Beute, sondern, worauf +mehr ankam, der König Jugurtha war mit seinen Kindern und seiner Kasse +entkommen. Numidien zwar war so gut wie ganz in den Händen der Römer; aber +statt daß man damit am Ziele gestanden hätte, schien der Krieg nur über ein +immer weiteres Gebiet sich auszudehnen. Im Süden begannen die freien +gätulischen Stämme der Wüste auf Jugurthas Ruf den Nationalkrieg gegen die +Römer. Im Westen schien König Bocchus von Mauretanien, dessen Freundschaft die +Römer in früherer Zeit verschmäht hatten, jetzt nicht abgeneigt, mit seinem +Schwiegersohn gegen sie gemeinschaftliche Sache zu machen: er nahm ihn nicht +bloß bei sich auf, sondern rückte auch, mit den eigenen zahllosen Reiterscharen +Jugurthas Haufen vereinigend, in die Gegend von Cirta, wo Metellus sich im +Winterquartier befand. Man begann zu unterhandeln; es war klar, daß er mit +Jugurthas Person den eigentlichen Kampfpreis für Rom in Händen hielt. Was er +aber beabsichtigte, ob den Römern den Schwiegersohn teuer zu verkaufen oder mit +dem Schwiegersohn gemeinschaftlich den Nationalkrieg aufzunehmen, wußten weder +die Römer noch Jugurtha und vielleicht der König selbst nicht; derselbe beeilte +sich auch keineswegs, aus seiner zweideutigen Stellung herauszutreten. Darüber +verließ Metellus die Provinz, die er durch Volksbeschluß genötigt worden war, +seinem ehemaligen Unterfeldherrn, dem jetzigen Konsul Marius abzutreten und +dieser übernahm für den nächsten Feldzug 648 (106) den Oberbefehl. Er verdankte +ihn gewissermaßen einer Revolution. Im Vertrauen auf die von ihm geleisteten +Dienste und nebenher auf die ihm zuteil gewordenen Orakel hatte er sich +entschlossen, als Bewerber um das Konsulat aufzutreten. Wenn die Aristokratie +die ebenso verfassungsmäßige wie sonst vollkommen gerechtfertigte Bewerbung des +tüchtigen, durchaus nicht oppositionell gesinnten Mannes unterstützt hätte, so +würde dabei nichts herausgekommen sein als die Verzeichnung eines neuen +Geschlechts in den konsularischen Fasten; statt dessen wurde der nicht adlige +Mann, der die höchste Gemeinwürde für sich begehrte, von der ganzen regierenden +Kaste als ein frecher Neuerer und Revolutionär geschmäht - vollkommen wie einst +der plebejische Bewerber von den Patriziern behandelt worden war, nur jetzt +ohne jeden formalen Rechtsgrund -, der tapfere Offizier mit spitzen Reden von +Metellus verhöhnt - Marius möge mit seiner Kandidatur warten, hieß es, bis +Metellus’ Sohn, ein bartloser Knabe, mit ihm sich bewerben könne - und +kaum im letzten Augenblick aufs ungnädigste entlassen, um für das Jahr 647 +(107), als Bewerber um das Konsulat in der Hauptstadt aufzutreten. Hier vergalt +er das erlittene Unrecht seinem Feldherrn reichlich, indem er vor der gaffenden +Menge die Kriegführung und Verwaltung des Metellus in Afrika in einer ebenso +unmilitärischen wie schmählich unbilligen Weise kritisierte, ja sogar es nicht +verschmähte, dem lieben, ewig von geheimen, höchst unerhörten und höchst +unzweifelhaften Konspirationen der vornehmen Herren munkelnden Pöbel das platte +Märchen aufzutischen, daß Metellus den Krieg absichtlich verschleppe, um so +lange wie möglich Oberbefehlshaber zu bleiben. Den Gassenbuben leuchtete dies +vollkommen ein; zahlreiche, aus guten und schlechten Ursachen der Regierung +mißwollende Leute, namentlich die mit Grund erbitterte Kaufmannschaft, +verlangten nichts Besseres als eine solche Gelegenheit, die Aristokratie an +ihrer empfindlichsten Stelle zu verletzen; er wurde nicht bloß mit ungeheurer +Majorität zum Konsul gewählt, sondern ihm auch, während sonst nach dem Gesetze +des Gaius Gracchus die Entscheidung über die jedesmaligen Kompetenzen der +Konsuln dem Senat zustand, unter Umstoßung der vom Senat getroffenen Verfügung, +die den Metellus an seiner Stelle ließ, durch Beschluß der souveränen Komitien +der Oberbefehl im Afrikanischen Krieg übertragen. Demgemäß trat er im Laufe des +Jahres 647 (107) an Metellus’ Stelle und führte das Kommando in dem +Feldzuge des folgenden Jahres; allein die zuversichtliche Verheißung, es besser +zu machen als sein Vorgänger und den Jugurtha an Händen und Füßen gebunden +schleunigst nach Rom abzuliefern, war leichter gegeben als erfüllt. Marius +schlug sich herum mit den Gätulern; er unterwarf einzelne noch nicht besetzte +Städte; er unternahm eine Expedition nach Capsa (Gafsa) im äußersten Südosten +des Königreichs, welche die von Thala an Schwierigkeit noch überbot, nahm die +Stadt durch Kapitulation und ließ trotz des Vertrages alle erwachsenen Männer +darin töten - freilich das einzige Mittel, den Wiederabfall der fernliegenden +Wüstenstadt zu verhüten; er griff ein am Fluß Molochath, der das numidische +Gebiet vom mauretanischen schied, belegenes Bergkastell an, in das Jugurtha +seine Kasse geschafft hatte, und erstürmte, eben als er schon am Erfolg +verzweifelnd von der Belagerung abstehen wollte, durch den Handstreich einiger +kühner Kletterer glücklich das unbezwingliche Felsennest. Wenn es bloß darauf +angekommen wäre, durch dreiste Razzias das Heer abzuhärten und dem Soldaten +Beute zu schaffen oder auch Metellus’ Zug in die Wüste durch eine noch +weiter greifende Expedition zu verdunkeln, so konnte man diese Kriegführung +gelten lassen; in der Hauptsache ward das Ziel, worauf alles ankam und das +Metellus mit fester Konsequenz im Auge behalten hatte, die Gefangennehmung des +Jugurtha, dabei völlig beiseite gesetzt. Der Zug des Marius nach Capsa war ein +ebenso zweckloses wie der des Metellus nach Thala ein zweckmäßiges Wagnis; die +Expedition aber an den Molochath, welche an, wo nicht in das mauretanische +Gebiet streifte, war geradezu zweckwidrig. König Bocchus, in dessen Hand es +lag, den Krieg zu einem für die Römer günstigen Ausgang zu bringen oder ihn ins +Endlose zu verlängern, schloß jetzt mit Jugurtha einen Vertrag ab, in dem +dieser ihm einen Teil seines Reiches abtrat, Bocchus aber versprach, den +Schwiegersohn gegen Rom tätig zu unterstützen. Das römische Heer, das vom Fluß +Molochath wieder zurückkehrte, sah sich eines Abends plötzlich umringt von +ungeheuren Massen mauretanischer und numidischer Reiterei; man mußte fechten, +wo und wie die Abteilungen eben standen, ohne daß eine eigentliche +Schlachtordnung und ein leitendes Kommando sich hätten durchführen lassen, und +sich glücklich schätzen, die stark gelichteten Truppen auf zwei voneinander +nicht weit entfernten Hügeln vorläufig für die Nacht in Sicherheit zu bringen. +Indes die arge Nachlässigkeit der von ihrem Siege trunkenen Afrikaner entriß +ihnen die Folgen desselben; sie ließen sich von den während der Nacht +einigermaßen wiedergeordneten römischen Truppen beim grauenden Morgen im tiefen +Schlafe überfallen und wurden glücklich zerstreut. Darauf setzte das römische +Heer in besserer Ordnung und mit größerer Vorsicht den Rückzug fort; allein +noch einmal wurde es auf demselben von allen vier Seiten zugleich angefallen +und schwebte in großer Gefahr, bis der Reiterobrist Lucius Cornelius Sulla +zuerst die ihm gegenüberstehenden Reiterhaufen auseinanderstäubte und von deren +Verfolgung rasch zurückkehrend sich weiter auf Jugurtha und Bocchus warf, da wo +sie persönlich das römische Fußvolk im Rücken bedrängten. Also ward auch dieser +Angriff glücklich abgeschlagen; Marius brachte sein Heer zurück nach Cirta und +nahm daselbst das Winterquartier (648/49 106/05). Es ist wunderlich, aber +freilich begreiflich, daß man römischerseits um die Freundschaft des Königs +Bocchus, die man anfangs verschmäht, sodann wenigstens nicht eben gesucht +hatte, jetzt, nachdem er den Krieg begonnen hatte, anfing sich aufs eifrigste +zu bemühen, wobei es den Römern zustatten kam, daß von mauretanischer Seite +keine förmliche Kriegserklärung stattgefunden hatte. Nicht ungern trat König +Bocchus zurück in seine alte zweideutige Stellung; ohne den Vertrag mit +Jugurtha aufzulösen oder diesen zu entlassen, ließ er mit dem römischen +Feldherrn sich ein auf Verhandlungen über die Bedingungen eines Bündnisses mit +Rom. Als man einig geworden war oder zu sein schien, erbat sich der König, daß +Marius zum Abschluß des Vertrages und zur Übernahme des königlichen Gefangenen +den Lucius Sulla an ihn absenden möge, der dem König bekannt und genehm sei +teils von der Zeit her, wo er als Gesandter des Senats am mauretanischen Hofe +erschienen war, teils durch Empfehlungen der nach Rom bestimmten mauretanischen +Gesandten, denen Sulla unterwegs Dienste geleistet hatte. Marius war in einer +unbequemen Lage. Lehnte er die Zumutung ab, so führte dies wahrscheinlich zum +Bruche; nahm er sie an, so gab er seinen adligsten und tapfersten Offizier +einem mehr als unzuverlässigen Mann in die Hände, der, wie männiglich bekannt, +mit den Römern und mit Jugurtha doppeltes Spiel spielte, und der fast den Plan +entworfen zu haben schien, an Jugurtha und Sulla sich vorläufig nach beiden +Seiten hin Geiseln zu schaffen. Indes der Wunsch, den Krieg zu Ende zu bringen, +überwog jede andere Rücksicht, und Sulla verstand sich zu der bedenklichen +Aufgabe, die Marius ihm ansann. Dreist brach er auf, geleitet von König +Bocchus’ Sohn Volux, und seine Entschlossenheit wankte selbst dann nicht, +als sein Wegweiser ihn mitten durch das Lager des Jugurtha führte. Er wies die +kleinmütigen Fluchtvorschläge seiner Begleiter zurück und zog, des Königs Sohn +an der Seite, unverletzt durch die Feinde. Dieselbe Entschiedenheit bewährte +der kecke Offizier in den Verhandlungen mit dem Sultan und bestimmte ihn +endlich, ernstlich eine Wahl zu treffen. Jugurtha ward aufgeopfert. Unter dem +Vorgeben, daß alle seine Begehren bewilligt werden sollten, wurde er von dem +eigenen Schwiegervater in einen Hinterhalt gelockt, sein Gefolge niedergemacht +und er selbst gefangengenommen. So fiel der große Verräter durch den Verrat +seiner Nächsten. Gefesselt brachte Lucius Sulla den listigen und rastlosen +Afrikaner mit seinen Kindern in das römische Hauptquartier; damit war nach +siebenjähriger Dauer der Krieg zu Ende. Der Sieg ging zunächst auf den Namen +des Marius; seinem Triumphalwagen schritt in königlichem Schmuck und in Fesseln +König Jugurtha mit seinen beiden Söhnen vorauf, als der Sieger am 1. Januar 650 +(104) in Rom einzog; auf seinen Befehl starb der Sohn der Wüste wenige Tage +darauf in dem unterirdischen Stadtgefängnis, dem alten Brunnenhaus am Kapitol, +dem “eisigen Badgemach”, wie der Afrikaner es nannte, als er die +Schwelle überschritt, um daselbst sei es erdrosselt zu werden, sei es +umzukommen durch Kälte und Hunger. Allein es ließ sich nicht leugnen, daß +Marius an den wirklichen Erfolgen den geringsten Anteil hatte, daß Numidiens +Eroberung bis an den Saum der Wüste das Werk des Metellus, Jugurthas +Gefangennahme das des Sulla war und zwischen beiden Marius eine für einen +ehrgeizigen Emporkömmling einigermaßen kompromittierende Rolle spielte. Marius +ertrug es ungern, daß sein Vorgänger den Namen des Siegers von Numidien annahm; +er brauste zornig auf, als König Bocchus später ein goldnes Bildwerk auf dem +Kapitol weihte, welches die Auslieferung des Jugurtha an Sulla darstellte; und +doch stellten auch in den Augen unbefangener Urteiler die Leistungen dieser +beiden des Marius Feldherrnschaft gar sehr in Schatten, vor allem Sullas +glänzender Zug in die Wüste, der seinen Mut, seine Geistesgegenwart, seinen +Scharfsinn, seine Macht über die Menschen vor dem Feldherrn selbst und vor der +ganzen Armee zur Anerkennung gebracht hatte. An sich wäre auf diese +militärischen Rivalitäten wenig angekommen, wenn sie nicht in den politischen +Parteikampf eingegriffen hätten; wenn nicht die Opposition durch Marius den +senatorischen General verdrängt gehabt, nicht die Regierungspartei Metellus und +mehr noch Sulla mit erbitternder Absichtlichkeit als die militärischen +Koryphäen gefeiert und dem nominellen Sieger vorgezogen hätte - wir werden auf +die verhängnisvollen Folgen dieser Verhetzungen in der Darstellung der inneren +Geschichte zurückzukommen haben. +</p> + +<p> +————————————————- +</p> + +<p> +7 Die Örtlichkeit ist nicht wiedergefunden. Die frühere Annahme, daß Thelepte +(bei Feriana, nördlich von Capsa) gemeint sei, ist willkürlich und die +Identifikation mit einer auch heute Thala genannten Örtlichkeit östlich von +Capsa auch nicht gehörig begründet. +</p> + +<p> +———————————————— +</p> + +<p> +Im übrigen verlief diese Insurrektion des numidischen Klientelstaats, ohne +weder in den allgemeinen politischen Verhältnissen noch auch nur in denen der +afrikanischen Provinz eine merkliche Veränderung hervorzubringen. Abweichend +von der sonst in dieser Zeit befolgten Politik ward Numidien nicht in eine +römische Provinz umgewandelt; offenbar deshalb, weil das Land nicht ohne eine +die Grenzen gegen die Wilden der Wüste deckende Armee zu behaupten und man +keineswegs gemeint war, in Afrika ein stehendes Heer zu unterhalten. Man +begnügte sich deshalb, die westlichste Landschaft Numidiens, wahrscheinlich den +Strich vom Fluß Molochath bis zum Hafen von Saldae (Bougie) - das spätere +Mauretanien von Caesarea (Provinz Algier) - zu dem Reich des Bocchus zu +schlagen und das darum verkleinerte Königreich Numidien auf den letzten noch +lebenden legitimen Enkel Massinissas, Jugurthas an Körper und Geist schwachen +Halbbruder Gauda, zu übertragen, welcher bereits im Jahre 646 (108) auf +Veranlassung des Marius seine Ansprüche bei dem Senat geltend gemacht hatte 8. +Zugleich wurden die gätulischen Stämme im inneren Afrika als freie +Bundesgenossen unter die mit den Römern in Vertrag stehenden unabhängigen +Nationen aufgenommen. +</p> + +<p> +———————————————————————————————— +</p> + +<p> +8 Sallusts politisches Genregemälde des jugurthinischen Krieges, in der sonst +völlig verblaßten und verwaschenen Tradition dieser Epoche das einzige in +frischen Farben übriggebliebene Bild, schließt mit Jugurthas Katastrophe, +seiner Kompositionsweise getreu, poetisch, nicht historisch; und auch +anderweitig fehlt es an einem zusammenhängenden Bericht über die Behandlung des +Numidischen Reiches. Daß Gauda Jugurthas Nachfolger ward deuten Sallust (c. 64) +und Dio Cassius (fr. 79, 4 Bekk.) an und bestätigt eine Inschrift von Cartagena +(Orelli 630), die ihn König und Vater Hiempsals II. nennt. Daß im Westen die +zwischen Numidien einer- und dem römischen Afrika und Kyrene andererseits +bestehenden Grenzverhältnisse unverändert blieben, zeigt Caesar (civ. 2, 38), +Bell. Afr. 43, 77 und die spätere Provinzialverfassung. Dagegen liegt es in der +Natur der Sache und wird auch von Sallust (c. 97; 102; 111) angedeutet, daß +Bocchus’ Reich bedeutend vergrößert ward; womit es unzweifelhaft +zusammenhängt, daß Mauretanien, ursprünglich beschränkt auf die Landschaft von +Tingis (Marokko), in späterer Zeit sich erstreckt auf die Landschaft von +Caesarea (Provinz Algier) und die von Sitifis (westliche Hälfte der Provinz +Constantine). Da Mauretanien zweimal von den Römern vergrößert ward, zuerst 649 +(105) nach Jugurthas Auslieferung, sodann 708 (46) nach Auflösung des +Numidischen Reiches, so ist wahrscheinlich die Landschaft von Caesarea bei der +ersten, die von Sitifis bei der zweiten Vergrößerung hinzugekommen. +</p> + +<p> +——————————————————————————————— +</p> + +<p> +Wichtiger als diese Regulierung der afrikanischen Klientel waren die +politischen Folgen des Jugurthinischen Krieges oder vielmehr der +Jugurthinischen Insurrektion, obgleich auch diese häufig zu hoch angeschlagen +worden sind. Allerdings waren darin alle Schäden des Regiments in unverhüllter +Nacktheit zu Tage gekommen; es war jetzt nicht bloß notorisch, sondern +sozusagen gerichtlich konstatiert, daß den regierenden Herren Roms alles feil +war, der Friedensvertrag wie das Interzessionsrecht, der Lagerwall und das +Leben der Soldaten; der Afrikaner hatte nicht mehr gesagt als die einfache +Wahrheit, als er bei seiner Abreise von Rom äußerte, wenn er nur Geld genug +hätte, mache er sich anheischig, die Stadt selber zu kaufen. Allein das ganze +äußere und innere Regiment dieser Zeit trug den gleichen Stempel teuflischer +Erbärmlichkeit. Für uns verschiebt der Zufall, daß uns der Krieg in Afrika +durch bessere Berichte näher gerückt ist als die anderen gleichzeitigen +militärischen und politischen Ereignisse, die richtige Perspektive; die +Zeitgenossen erfuhren durch jene Enthüllungen eben nichts, als was jedermann +längst wußte und jeder unerschrockene Patriot längst mit Tatsachen zu belegen +imstande war. Daß man für die nur durch ihre Unfähigkeit aufgewogene +Niederträchtigkeit der restaurierten Senatsregierung jetzt einige neue, noch +stärkere und noch unwiderleglichere Beweise in die Hände bekam, hätte dennoch +von Wichtigkeit sein können, wenn es eine Opposition und eine öffentliche +Meinung gegeben hätte, mit denen die Regierung genötigt gewesen wäre sich +abzufinden. Allein dieser Krieg hatte in der Tat nicht minder die Regierung +prostituiert als die vollständige Nichtigkeit der Opposition offenbart. Es war +nicht möglich, schlechter zu regieren als die Restauration in den Jahren +637-645 (117-109) es tat, nicht möglich, wehrloser und verlorener dazustehen, +als der römische Senat im Jahre 645 (109) stand; hätte es in Rom eine wirkliche +Opposition gegeben, das heißt eine Partei, die eine prinzipielle Abänderung der +Verfassung wünschte und betrieb, so mußte diese notwendig jetzt wenigstens +einen Versuch machen, den restaurierten Senat zu stürzen. Er erfolgte nicht; +man machte aus der politischen eine Personenfrage, wechselte die Feldherren und +schickte ein paar nichtsnutzige und unbedeutende Leute in die Verbannung. Damit +stand es also fest, daß die sogenannte Popularpartei als solche weder regieren +konnte, noch regieren wollte; daß es in Rom schlechterdings nur zwei mögliche +Regierungsformen gab, die Tyrannis und die Oligarchie; daß, solange es zufällig +an einer Persönlichkeit fehlte, die, wo nicht bedeutend, doch bekannt genug +war, um sich zum Staatsoberhaupt aufzuwerfen, die ärgste Mißwirtschaft +höchstens einzelne Oligarchen, aber niemals die Oligarchie gefährdete; daß +dagegen, sowie ein solcher Prätendent auftrat, nichts leichter war, als die +morschen kurulischen Stühle zu erschüttern. In dieser Hinsicht war das +Auftreten des Marius bezeichnend, eben weil es an sich so völlig unmotiviert +war. Wenn die Bürgerschaft nach Albinus’ Niederlage die Kurie gestürmt +hätte, es wäre begreiflich, um nicht zu sagen in der Ordnung gewesen; aber nach +der Wendung, die Metellus dem Numidischen Krieg gegeben hatte, konnte von +schlechter Führung, geschweige denn von Gefahr für das Gemeinwesen wenigstens +in dieser Beziehung nicht mehr die Rede sein; und dennoch gelang es dem ersten +besten ehrgeizigen Offizier, das auszuführen, womit einst der ältere Africanus +der Regierung gedroht, und sich eines der vornehmsten militärischen Kommandos +gegen den bestimmt ausgesprochenen Willen der Regierung zu verschaffen. Die +öffentliche Meinung, nichtig in den Händen der sogenannten Popularpartei, ward +zur unwiderstehlichen Waffe in der Hand des künftigen Königs von Rom. Es soll +damit nicht gesagt werden, daß Marius beabsichtigte, den Prätendenten zu +spielen, am wenigsten damals schon, als er um den Oberbefehl von Afrika bei dem +Volke warb; aber mochte er begreifen oder nicht begreifen, was er tat, es war +augenscheinlich zu Ende mit dem restaurierten aristokratischen Regiment, wenn +die Komitialmaschine anfing, Feldherren zu machen oder, was ungefähr dasselbe +war, wenn jeder populäre Offizier imstande war, in legaler Weise sich selbst +zum Feldherrn zu ernennen. Ein einziges neues Element trat in diesen +vorläufigen Krisen auf; es war das Hineinziehen der militärischen Männer und +der militärischen Macht in die politische Revolution. Ob Marius’ +Auftreten unmittelbar die Einleitung sein werde zu einem neuen Versuch, die +Oligarchie durch die Tyrannis zu verdrängen, oder ob dasselbe, wie so manches +Ähnliche, als vereinzelter Eingriff in die Prärogative der Regierung ohne +weitere Folgen vorübergehen werde, ließ sich noch nicht bestimmen; wohl aber +war es vorauszusehen, daß, wenn diese Keime einer zweiten Tyrannis zur +Entwicklung gelangten, in derselben nicht ein Staatsmann, wie Gaius Gracchus, +sondern ein Offizier an die Spitze treten werde. Die gleichzeitige +Reorganisation des Heerwesens, indem zuerst Marius bei der Bildung seiner nach +Afrika bestimmten Armee von der bisher geforderten Vermögensqualifikation absah +und auch dem ärmsten Bürger, wenn er sonst brauchbar war, als Freiwilligen den +Eintritt in die Legion gestattete, mag von ihrem Urheber aus rein militärischen +Rücksichten veranstaltet worden sein; allein darum war es nichtsdestoweniger +ein folgenreiches politisches Ereignis, daß das Heer nicht mehr, wie ehemals, +aus denen, die viel, nicht einmal mehr wie in der jüngsten Zeit aus denen, die +etwas zu verlieren hatten, gebildet ward, sondern anfing sich zu verwandeln in +einen Haufen von Leuten, die nichts hatten als ihre Arme und was der Feldherr +ihnen spendete. Die Aristokratie herrschte im Jahre 650 (104) ebenso +unumschränkt wie im Jahre 620 (134); aber die Zeichen der herannahenden +Katastrophe hatten sich gemehrt, und am politischen Horizont war neben der +Krone das Schwert aufgegangen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap05"></a>KAPITEL V.<br/> +Die Völker des Nordens</h2> + +<p> +Seit dem Ende des sechsten Jahrhunderts beherrschte die römische Gemeinde die +drei großen von dem nördlichen Kontinent in das Mittelmeer hineinragenden +Halbinseln, wenigstens im ganzen genommen; denn freilich innerhalb derselben +fuhren im Norden und Westen Spaniens, in den Ligurischen Apenninen und +Alpentälern, in den Gebirgen Makedoniens und Thrakiens die ganz- oder +halbfreien Völkerschaften fort, der schlaffen römischen Regierung zu trotzen. +Ferner war die kontinentale Verbindung zwischen Spanien und Italien wie +zwischen Italien und Makedonien nur in der oberflächlichsten Weise hergestellt +und die Landschaften jenseits der Pyrenäen, der Alpen und der Balkankette, die +großen Stromgebiete der Rhone, des Rheins und der Donau lagen wesentlich +außerhalb des politischen Gesichtskreises der Römer. Es ist hier darzustellen, +was römischerseits geschah, um nach dieser Richtung hin das Reich zu sichern +und zu arrondieren und wie zugleich die großen Völkermassen, die hinter jenem +gewaltigen Gebirgsvorhang ewig auf und nieder wogten, anfingen, an die Tore der +nördlichen Gebirge zu pochen und die griechisch-römische Welt wieder einmal +unsanft daran zu mahnen, daß sie mit Unrecht meine, die Erde für sich allein zu +besitzen. +</p> + +<p> +Fassen wir zunächst die Landschaft zwischen den Westalpen und den Pyrenäen ins +Auge. Die Römer beherrschten diesen Teil der Küste des Mittelmeers seit langem +durch ihre Klientelstadt Massalia, eine der ältesten, treuesten und mächtigsten +der von Rom abhängigen bundesgenössischen Gemeinden, deren Seestationen, +westlich Agathe (Agde) und Rhode (Rosas), östlich Tauroention (Ciotat), Olbia +(Hyères?), Antipolis (Antibes) und Nikäa (Nizza), die Küstenfahrt wie den +Landweg von den Pyrenäen zu den Alpen sicherten und deren merkantile und +politische Verbindungen weit ins Binnenland hineinreichten. Eine Expedition in +die Alpen oberhalb Nizza und Antibes gegen die ligurischen Oxybier und Dekieten +ward im Jahre 600 (154) von den Römern teils auf Ansuchen der Massalioten, +teils im eigenen Interesse unternommen und nach heftigen und zum Teil +verlustvollen Gefechten dieser Teil des Gebirges gezwungen, den Massalioten +fortan stehende Geiseln zu geben und ihnen jährlichen Zins zu zahlen. Es ist +nicht unwahrscheinlich, daß um diese Zeit zugleich in dem ganzen von Massalia +abhängigen Gebiete jenseits der Alpen der nach dem Muster des massaliotischen +daselbst aufblühende Wein- und Ölbau im Interesse der italischen Gutsbesitzer +und Kaufleute untersagt ward ^1. Einen ähnlichen Charakter finanzieller +Spekulation trägt der Krieg, der wegen der Goldgruben und Goldwäschereien von +Victumulae (in der Gegend von Vercelli und Bard und im ganzen Tal der Dora +Baltea) von den Römern unter dem Konsul Appius Claudius im Jahre 611 (143) +gegen die Salasser geführt ward. Die große Ausdehnung dieser Wäschereien, +welche den Bewohnern der niedriger liegenden Landschaft das Wasser für ihre +Äcker entzog, rief erst einen Vermittlungsversuch, sodann die bewaffnete +Intervention der Römer hervor; der Krieg, obwohl die Römer auch ihn wie alle +übrigen dieser Epoche mit einer Niederlage begannen, führte endlich zu der +Unterwerfung der Salasser und der Abtretung des Goldbezirkes an das römische +Ärar. Einige Jahrzehnte später (654 100) ward auf dem hier gewonnenen Gebiet +die Kolonie Eporedia (Ivrea) angelegt, hauptsächlich wohl, um durch sie den +westlichen wie durch Aquileia den östlichen Alpenpaß zu beherrschen. Einen +ernsteren Charakter nahmen diese alpinischen Kriege erst an, als Marcus Fulvius +Flaccus, der treue Bundesgenosse des Gaius Gracchus, als Konsul 629 (125) in +dieser Gegend den Oberbefehl übernahm. Er zuerst betrat die Bahn der +transalpinischen Eroberungen. In der vielgeteilten keltischen Nation war um +diese Zeit, nachdem der Gau der Biturigen seine wirkliche Hegemonie eingebüßt +und nur eine Ehrenvorstandschaft behalten hatte, der effektiv führende Gau in +dem Gebiet von den Pyrenäen bis zum Rhein und vom Mittelmeer bis zur Westsee +der Arverner 2, und es erscheint danach nicht gerade übertrieben, daß er bis +180000 Mann ins Feld zu stellen vermocht haben soll. Mit ihnen rangen daselbst +die Häduer (um Autun) um die Hegemonie als ungleiche Rivalen; während in dem +nordöstlichen Gallien die Könige der Suessionen (um Soissons) den bis nach +Britannien hinüber sich erstreckenden Völkerbund der Belgen unter ihrer +Schutzherrschaft vereinigten. Griechische Reisende jener Zeit wußten viel zu +erzählen von der prachtvollen Hofhaltung des Arvernerkönigs Luerius, wie +derselbe, umgeben von seinem glänzenden Clangefolge, den Jägern mit der +gekoppelten Meute und der wandernden Sängerschar, auf dem silberbeschlagenen +Wagen durch die Städte seines Reiches fuhr, das Gold mit vollen Händen +auswerfend unter die Menge, vor allen aber das Herz des Dichters mit dem +leuchtenden Regen erfreuend - die Schilderungen von der offenen Tafel, die er +in einem Raume von 1500 Doppelschritten ins Gevierte abhielt und zu der jeder +des Wegs Kommende geladen war, erinnern lebhaft an die Hochzeitstafel Camachos. +In der Tat zeugen die zahlreichen noch jetzt vorhandenen arvernischen +Goldmünzen dieser Zeit dafür, daß der Arvernergau zu ungemeinem Reichtum und +einer verhältnismäßig hoch gesteigerten Zivilisation gediehen war. +Flaccus’ Angriff traf indes zunächst nicht auf die Arverner, sondern auf +die kleineren Stämme in dem Gebiet zwischen den Alpen und der Rhone, wo die +ursprünglich ligurischen Einwohner mit nachgerückten keltischen Scharen sich +vermischt hatten und eine der keltiberischen vergleichbare keltoligurische +Bevölkerung entstanden war. Er focht (629, 630 125, 124) mit Glück gegen die +Salyer oder Salluvier in der Gegend von Aix und im Tal der Durance und gegen +ihre nördlichen Nachbarn, die Vocontier (Dept. Vaucluse und Drôme), ebenso sein +Nachfolger Gaius Sextius Calvinus (631, 632 123, 122) gegen die Allobrogen, +einen mächtigen keltischen Clan in dem reichen Tal der Isère, der auf die Bitte +des landflüchtigen Königs der Salyer, Tutomotulus, gekommen war, ihm sein Land +wiedererobern zu helfen, aber in der Gegend von Aix geschlagen wurde. Da die +Allobrogen indes nichtsdestoweniger sich weigerten, den Salyerkönig +auszuliefern, drang Calvinus’ Nachfolger Gnaeus Domitius Ahenobarbus in +ihr eigenes Gebiet ein (632 122). Bis dahin hatte der führende keltische Stamm +dem Umsichgreifen der italischen Nachbarn zugesehen; der Arvernerkönig Betuhus, +jenes Luerius’ Sohn, schien nicht sehr geneigt, des losen +Schutzverhältnisses wegen, in dem die östlichen Gaue zu ihm stehen mochten, in +einen bedenklichen Krieg sich einzulassen. Indes als die Römer Miene machten, +die Allobrogen auf ihrem eigenen Gebiet anzugreifen, bot er seine Vermittlung +an, deren Zurückweisung zur Folge hatte, daß er mit seiner gesamten Macht den +Allobrogen zu Hilfe erschien; wogegen wieder die Häduer Partei ergriffen für +die Römer. Auch die Römer sandten auf die Nachricht von der Schilderhebung der +Arverner den Konsul des Jahres 633 (121) Quintus Fabius Maximus, um in +Verbindung mit Ahenobarbus dem drohenden Sturm zu begegnen. An der südlichen +Grenze des allobrogischen Kantons, am Einfluß der Isère in die Rhone, ward am +8. August 633 (121) die Schlacht geschlagen, die über die Herrschaft im +südlichen Gallien entschied. König Betuitus, wie er die zahllosen Haufen der +abhängigen Clans auf der über die Rhone geschlagenen Schiffbrücke an sich +vorüberziehen und gegen sie die dreimal schwächeren Römer sich aufstellen sah, +soll ausgerufen haben, daß dieser ja nicht genug seien, um die Hunde des +Keltenheeres zu sättigen. Allein Maximus, ein Enkel des Siegers von Pydna, +erfocht dennoch einen entscheidenden Sieg, welcher, da die Schiffbrücke unter +der Masse der Flüchtenden zusammenbrach, mit der Vernichtung des größten Teils +der arvernischen Armee endigte. Die Allobrogen, denen ferner Beistand zu +leisten der Arvernerkönig sich unfähig erklärte und denen er selber riet, mit +Maximus ihren Frieden zu machen, unterwarfen sich dem Konsul, worauf derselbe, +fortan der Allobrogiker genannt, nach Italien zurückging und die nicht mehr +ferne Beendigung des arvernischen Krieges dem Ahenobarbus überließ. Dieser, auf +König Betuitus persönlich erbittert, weil er die Allobrogen veranlaßt habe, +sich dem Maximus und nicht ihm zu ergeben, bemächtigte sich in treuloser Weise +der Person des Königs und sandte ihn nach Rom, wo der Senat den Bruch des +Treuworts zwar mißbilligte, aber nicht bloß den verratenen Mann festhielt, +sondern auch befahl, den Sohn desselben, Congonnetiacus, gleichfalls nach Rom +zu senden. Dies scheint die Ursache gewesen zu sein, daß der fast schon +beendigte arvernische Krieg noch einmal aufloderte und es bei Vindalium +(oberhalb Avignon) am Einfluß der Sorgue in die Rhone zu einer zweiten +Entscheidung durch die Waffen kam. Sie fiel nicht anders aus als die erste; es +waren diesmal hauptsächlich die afrikanischen Elefanten, die das Keltenheer +zerstreuten. Hierauf bequemten sich die Arverner zum Frieden und die Ruhe war +in dem Keltenland wiederhergestellt 3. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Wenn Cicero, indem er dies den Africanus schon im Jahre 625 (129) sagen läßt +(rep. 3, 9), nicht einen Anachronismus sich hat zu Schulden kommen lassen, so +bleibt wohl nur die im Text bezeichnete Auffassung möglich. Auf Norditalien und +Ligurien bezieht diese Verfügung sich nicht, wie schon der Weinbau der Genuaten +im Jahre 637 (117) beweist; ebensowenig auf das unmittelbare Gebiet von +Massalia (Just. 43, 4; Poseid. fr. 25 Müller; Strab. 4, 179). Die starke +Ausfuhr von Öl und Wein aus Italien nach dem Rhonegebiet im siebenten +Jahrhundert der Stadt ist bekannt. +</p> + +<p> +2 In der Auvergne. Ihre Hauptstadt, Nemetum oder Nemossus, lag nicht weit von +Clermont. +</p> + +<p> +3 Die Schlacht bei Vindalium stellen zwar der Livianische Epitomator und +Orosius vor die an der Isara; allein auf die umgekehrte Folge führen Florus und +Strabon (4, 191), und sie wird bestätigt teils dadurch, daß Maximus nach dem +Auszug des Livius und Plinius (nat. 7, 50) die Gallier als Konsul besiegte, +teils besonders durch die Kapitolinischen Fasten, nach denen nicht bloß Maximus +vor Ahenobarbus triumphierte, sondern auch jener über die Allobrogen und den +Arvernerkönig, dieser nur über die Arverner. Es ist einleuchtend, daß die +Schlacht gegen Allobrogen und Arverner früher stattgefunden haben muß als die +gegen die Arverner allein. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Das Ergebnis dieser militärischen Operationen war die Einrichtung einer neuen +römischen Provinz zwischen den Seealpen und den Pyrenäen. Die sämtlichen +Völkerschaften zwischen den Alpen und der Rhone wurden von den Römern abhängig +und, soweit sie nicht nach Massalia zinsten, vermutlich schon jetzt den Römern +tributär. In der Landschaft zwischen der Rhone und den Pyrenäen behielten die +Arverner zwar die Freiheit und wurden nicht den Römern zinspflichtig; allein +sie hatten den südlichsten Teil ihres mittel- oder unmittelbaren Gebiets, den +Strich südlich der Cevennen bis an das Mittelmeer und den oberen Lauf der +Garonne bis nach Tolosa (Toulouse), an die Römer abzutreten. Da der nächste +Zweck dieser Okkupationen die Herstellung einer Landverbindung zwischen Spanien +und Italien war, so wurde unmittelbar nach der Besetzung gesorgt für die +Chaussierung des Küstenweges. Zu diesem Ende wurde von den Alpen zur Rhone der +Küstenstrich in der Breite von 1/5 bis 3/10 deutschen Meile den Massalioten, +die ja bereits eine Reihe von Seestationen an dieser Küste besaßen, überwiesen +mit der Verpflichtung, die Straße in gehörigem Stand zu halten; wogegen von der +Rhone bis zu den Pyrenäen die Römer selbst eine Militärchaussee anlegten, die +von ihrem Urheber Ahenobarbus den Namen der Domitischen Straße erhielt. Wie +gewöhnlich verband mit dem Straßenbau sich die Anlage neuer Festungen. Im +östlichen Teil fiel die Wahl auf den Platz, wo Gaius Sextius die Kelten +geschlagen hatte und wo die Anmut und Fruchtbarkeit der Gegend wie die +zahlreichen kalten und warmen Quellen zur Ansiedelung einluden; hier entstand +eine römische Ortschaft, die “Bäder des Sextius”, Aquae Sextiae +(Aix). Westlich von der Rhone siedelten die Römer in Narbo sich an, einer +uralten Keltenstadt an dem schiffbaren Fluß Atax (Aude) in geringer Entfernung +vom Meere, die bereits Hekatäos nennt und die schon vor ihrer Besetzung durch +die Römer als lebhafter an dem britannischen Zinnhandel beteiligter +Handelsplatz mit Massalia rivalisierte. Aquae erhielt nicht Stadtrecht, sondern +blieb ein stehendes Lager 4; dagegen Narbo, obwohl gleichfalls wesentlich als +Wacht- und Vorposten gegen die Kelten gegründet, ward als +“Marsstadt” römische Bürgerkolonie und der gewöhnliche Sitz des +Statthalters der neuen transalpinischen Keltenprovinz oder, wie sie noch +häufiger genannt wird, der Provinz Narbo. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +4 Aquae ward nicht Kolonie, wie Livius (ep. 61) sagt, sondern Kastell (Strab. +4, 180; Vell. 1, 15; J. N. Madvig, Opuscula academica. Bd. 1. Kopenhagen 1834, +S. 303). Dasselbe gilt von Italica und vielen anderen Orten - so ist zum +Beispiel Vindonissa rechtlich nie etwas anderes gewesen als ein keltisches +Dorf, aber dabei zugleich ein befestigtes römisches Lager und eine sehr +ansehnliche Ortschaft. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Die Gracchische Partei, welche diese transalpinischen Gebietserwerbungen +veranlaßte, wollte offenbar sich hier ein neues und unermeßliches Gebiet für +ihre Kolonisationspläne eröffnen, das dieselben Vorzüge darbot wie Sizilien und +Afrika und leichter den Eingeborenen entrissen werden konnte als die +sizilischen und libyschen Äcker den italischen Kapitalisten. Der Sturz des +Gaius Gracchus machte freilich auch hier sich fühlbar in der Beschränkung der +Eroberungen und mehr noch der Stadtgründungen; indes wenn die Absicht nicht in +vollem Umfang erreicht ward, so ward sie doch auch nicht völlig vereitelt. Das +gewonnene Gebiet und mehr noch die Gründung von Narbo, welcher Ansiedelung der +Senat vergeblich das Schicksal der karthagischen zu bereiten suchte, blieben +als unfertige, aber den künftigen Nachfolger des Gracchus an die Fortsetzung +des Baus mahnende Ansätze stehen. Offenbar schützte die römische +Kaufmannschaft, die nur in Narbo mit Massalia in dem gallisch-britannischen +Handel zu konkurrieren vermochte, diese Anlage vor den Angriffen der Optimaten. +</p> + +<p> +Eine ähnliche Aufgabe wie im Nordwesten war auch gestellt im Nordosten von +Italien; sie ward gleichfalls nicht ganz vernachlässigt, aber noch +unvollkommener als jene gelöst. Mit der Anlage von Aquileia (571 183) kam die +Istrische Halbinsel in den Besitz der Römer; in Epirus und dem ehemaligen +Gebiet des Herrn von Skodra geboten sie zum Teil bereits geraume Zeit früher. +Allein nirgends reichte ihre Herrschaft ins Binnenland hinein, und selbst an +der Küste beherrschten sie kaum dem Namen nach den unwirtlichen Ufersaum +zwischen Istrien und Epirus, der in seinen wildverschlungenen, weder von +Flußtälern noch von Küstenebenen unterbrochenen, schuppenartig +aneinandergereihten Bergkesseln und in der längs des Ufers sich hinziehenden +Kette felsiger Inseln Italien und Griechenland mehr scheidet als +zusammenknüpft. Um die Stadt Delminium (an der Cettina bei Trigl) schloß sich +hier die Eidgenossenschaft der Delmater oder Dalmater, deren Sitten rauh waren +wie ihre Berge: während die Nachbarvölker bereits zu reicher Kulturentwicklung +gelangt waren, kannte man in Dalmatien noch keine Münze und teilte den Acker, +ohne daran ein Sondereigentum anzuerkennen, von acht zu acht Jahren neu auf +unter die gemeinsässigen Leute. Land- und Seeraub waren die einzigen bei ihnen +heimischen Gewerbe. Diese Völkerschaften hatten in früheren Zeiten in einem +losen Abhängigkeitsverhältnis zu den Herren von Skodra gestanden und waren +insofern mitbetroffen worden von den römischen Expeditionen gegen die Königin +Teuta und Demetrios von Pharos; allein bei dem Regierungsantritt des Königs +Genthios hatten sie sich losgemacht und waren dadurch dem Schicksal entgangen, +das das südliche Illyrien in den Sturz des Makedonischen Reiches verflocht und +es von Rom dauernd abhängig machte. Die Römer überließen die wenig lockende +Landschaft gern sich selbst. Allein die Klagen der römischen Illyrier, +namentlich der Daorser, die an der Narenta südlich von den Dalmatern wohnten, +und der Bewohner der Insel Issa (Lissa), deren kontinentale Stationen Tragyrion +(Trau) und Epetion (bei Spalato) von den Eingeborenen schwer zu leiden hatten, +nötigten die römische Regierung, an diese eine Gesandtschaft abzuordnen und, da +diese die Antwort zurückbrachte, daß die Dalmater um die Römer weder bisher +sich gekümmert hätten noch künftig kümmern würden, im Jahre 598 (156) ein Heer +unter dem Konsul Gaius Marcius Figulus dorthin zu senden. Er drang in Dalmatien +ein, ward aber wieder zurückgedrängt bis auf das römische Gebiet. Erst sein +Nachfolger Publius Scipio Nasica nahm 599 (155) die große und feste Stadt +Delminium, worauf die Eidgenossenschaft sich zum Ziel legte und sich bekannte +als den Römern untertänig. Indes war die arme und nur oberflächlich +unterworfene Landschaft nicht wichtig genug, um als eigenes Amt verwaltet zu +werden; man begnügte sich, wie man es schon für die wichtigeren Besitzungen in +Epirus getan, sie von Italien aus mit dem diesseitigen Keltenland zugleich +verwalten zu lassen; wobei es wenigstens als Regel auch dann blieb, als im +Jahre 608 (146) die Provinz Makedonien eingerichtet und deren nordöstliche +Grenze nördlich von Skodra festgestellt worden war 5. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +5 3, 49. Die Pirusten in den Tälern des Drin gehörten zur Provinz Makedonien, +streiften aber hinüber in das benachbarte Illyricum (Caes. Gall. 5, 1). +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Aber ebendiese Umwandlung Makedoniens in eine von Rom unmittelbar abhängige +Landschaft gab den Beziehungen Roms zu den Völkern im Nordosten größere +Bedeutung, indem sie den Römern die Verpflichtung auferlegte, die überall +offene Nord- und Ostgrenze gegen die angrenzenden barbarischen Stämme zu +verteidigen; und in ähnlicher Weise ging nicht lange darauf (621 133) durch die +Erwerbung des bisher zum Reich der Attaliden gehörigen Thrakischen Chersones +(Halbinsel von Gallipoli) die bisher den Königen von Pergamon obliegende +Verpflichtung, die Hellenen hier gegen die Thraker zu schützen, gleichfalls auf +die Römer über. Von der zwiefachen Basis aus, die das Potal und die +makedonische Landschaft darboten, konnten die Römer jetzt ernstlich gegen das +Quellgebiet des Rheins und die Donau vorgehen und der nördlichen Gebirge +wenigstens insoweit sich bemächtigen, als die Sicherheit der südlichen +Landschaften es erforderte. Auch in diesen Gegenden war damals die mächtigste +Nation das große Keltenvolk, welches der einheimischen Sage zufolge aus seinen +Sitzen am westlichen Ozean sich um dieselbe Zeit südlich der Hauptalpenkette in +das Potal und nördlich derselben in die Landschaften am oberen Rhein und an der +Donau ergossen hatte. Von ihren Stämmen saßen auf beiden Ufern des Oberrheins +die mächtigen, reichen und, da sie mit den Römern nirgends sich unmittelbar +berührten, mit ihnen in Frieden und Vertrag lebenden Helvetier, die damals vom +Genfer See bis zum Main sich erstreckend die heutige Schweiz, Schwaben und +Franken innegehabt zu haben scheinen. Mit ihnen grenzten die Boier, deren Sitze +das heutige Bayern und Böhmen gewesen sein mögen 6. Südöstlich von ihnen +begegnen wir einem anderen Keltenstamm, der in der Steiermark und Kärnten unter +dem Namen der Taurisker, später der Noriker, in Friaul, Krain, Istrien unter +dem der Karner auftritt. Ihre Stadt Noreia (unweit St. Veit nördlich von +Klagenfurt) war blühend und weitbekannt durch die schon damals in dieser Gegend +eifrig betriebenen Eisengruben; mehr noch wurden eben in dieser Zeit die +Italiker dorthin gelockt durch die dort zu Tage gekommenen reichen Goldlager, +bis die Eingeborenen sie ausschlossen und dies Kalifornien der damaligen Zeit +für sich allein nahmen. Diese zu beiden Seiten der Alpen sich ergießenden +keltischen Schwärme hatten nach ihrer Art vorwiegend nur das Flach- und +Hügelland besetzt; die eigentliche Alpenlandschaft und ebenso das Gebiet der +Etsch und des unteren Po war von ihnen unbesetzt und in den Händen der früher +dort einheimischen Bevölkerung geblieben, welche, ohne daß über ihre +Nationalität bis jetzt etwas Sicheres zu ermitteln gelungen wäre, unter dem +Namen der Räter in den Gebirgen der Ostschweiz und Tirols, unten dem der +Euganeer und Veneter um Padua und Venedig auftreten, so daß an diesem letzten +Punkt die beiden großen Keltenströme fast sich berühren und nur ein schmaler +Streif eingeborener Bevölkerung die keltischen Cenomaner um Brescia von den +keltischen Karnern in Friaul scheidet. Die Euganeer und Veneter waren längst +friedliche Untertanen der Römer; dagegen die eigentlichen Alpenvölker waren +nicht bloß noch frei, sondern machten auch von ihren Bergen herab regelmäßig +Streifzüge in die Ebene zwischen den Alpen und dem Po, wo sie sich nicht +begnügten zu brandschatzen, sondern auch in den eingenommenen Ortschaften mit +fürchterlicher Grausamkeit hausten und nicht selten die ganze männliche +Bevölkerung bis zum Kinde in den Windeln niedermachten - vermutlich die +tatsächliche Antwort auf die römischen Razzias in den Alpentälern. Wie +gefährlich diese rätischen Einfälle waren, zeigt, daß einer derselben um das +Jahr 660 (94) die ansehnliche Ortschaft Comum zugrunde richtete. Wenn bereits +diese auf und jenseits der Alpenkette sitzenden keltischen und nichtkeltischen +Stämme vielfach sich gemischt haben mögen, so ist die Völkermengung, wie +begreiflich, noch in viel umfassenderer Weise eingetreten in den Landschaften +an der unteren Donau, wo nicht, wie in den westlicheren, die hohen Gebirge als +natürliche Scheidewände dienen. Die ursprünglich illyrische Bevölkerung, deren +letzter reiner Überrest die heutigen Albanesen zu sein scheinen, war +durchgängig wenigstens im Binnenland stark gemengt mit keltischen Elementen und +die keltische Bewaffnung und Kriegsweise hier wohl überall eingeführt. Zunächst +an die Taurisker schlossen sich die Japyden, die auf den Julischen Alpen im +heutigen Kroatien bis hinab nach Fiume und Zeng saßen, ein ursprünglich wohl +illyrischer, aber stark mit Kelten gemischter Stamm. An sie grenzten im Litoral +die schon genannten Dalmater, in deren rauhe Gebirge die Kelten nicht +eingedrungen zu sein scheinen; im Binnenland dagegen waren die keltischen +Skordisker, denen das ehemals hier vor allem mächtige Volk der Triballer +erlegen war und die schon in den Keltenzügen nach Delphi eine Hauptrolle +gespielt hatten, an der unteren Save bis zur Morawa im heutigen Bosnien und +Serbien um diese Zeit die führende Nation, die weit und breit nach Mösien, +Thrakien und Makedonien streifte und von deren wilder Tapferkeit und grausamen +Sitten man sich schreckliche Dinge erzählte. Ihr Hauptwaffenplatz war das feste +Segestica oder Siscia an der Mündung der Kulpa in die Save. Die Völker, die +damals in Ungarn, Siebenbürgen, Rumänien, Bulgarien saßen, blieben für jetzt +noch außerhalb des Gesichtskreises der Römer; nur mit den Thrakern berührte man +sich an der Ostgrenze Makedoniens in den Rhodopegebirgen. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +6 “Zwischen dem Herkynischen Walde (d. h. hier wohl der Rauhen Alb), dem +Rhein und dem Main wohnten die Helvetier”, sagt Tacitus (Germ. 28), +“weiterhin die Boier.” Auch Poseidonios (bei Strabon 7, 293) gibt +an, daß die Boier zu der Zeit, wo sie die Kimbrer abschlugen, den Herkynischen +Wald bewohnten, d. h. die Gebirge von der Rauhen Alb bis zum Böhmerwald. Wenn +Caesar sie “jenseits des Rheines” versetzt (Gall. 1, 5), so ist +dies damit nicht im Widerspruch, denn da er hier von helvetischen Verhältnissen +ausgeht, kann er sehr wohl die Landschaft nordöstlich vom Bodensee meinen; +womit vollkommen übereinstimmt, daß Strabon die ehemals boische Landschaft als +dem Bodensee angrenzend bezeichnet, nur daß er nicht ganz genau als Anwohner +des Bodensees die Vindeliker daneben nennt, da diese sich dort erst +festsetzten, nachdem die Boier diese Striche geräumt hatten. Aus diesen ihren +Sitzen waren die Boier von den Markomannen und anderen deutschen Stämmen schon +vor Poseidonios’ Zeit, also vor 650 (100) vertrieben; Splitter derselben +irrten zu Caesars Zeit in Kärnten umher (Caes. Gall. 1, 5) und kamen von da zu +den Helvetiern und in das westliche Gallien; ein anderer Schwarm fand neue +Sitze am Plattensee, wo er dann von den Geten vernichtet ward, die Landschaft +aber, die sogenannte “boische Einöde”, den Namen dieses +geplagtesten aller keltischen Völker bewahrte. Vgl. 2, 193 A. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +Es wäre für eine kräftigere Regierung, als die damalige römische es war, keine +leichte Aufgabe gewesen, gegen diese weiten und barbarischen Gebiete eine +geordnete und ausreichende Grenzverteidigung einzurichten; was unter den +Auspizien der Restaurationsregierung für den wichtigen Zweck geschah, genügt +auch den mäßigsten Anforderungen nicht. An Expeditionen gegen die Alpenbewohner +scheint es nicht gefehlt zu haben; im Jahre 636 (118) ward triumphiert über die +Stöner, die in den Bergen oberhalb Verona gesessen haben dürften; im Jahre 659 +(95) ließ der Konsul Lucius Crassus die Alpentäler weit und breit durchstöbern +und die Einwohner niedermachen, und dennoch gelang es ihm nicht, derselben +genug zu erschlagen, um einen Dorftriumph feiern und mit seinem Rednerruhm den +Siegerlorbeer paaren zu können. Allein da man es bei derartigen Razzias +bewenden ließ, die die Eingeborenen nur erbitterten, ohne sie unschädlich zu +machen, und, wie es scheint, nach jedem solchen Überlauf die Truppen wieder +wegzog, so blieb der Zustand in der Landschaft jenseits des Po im wesentlichen, +wie er war. +</p> + +<p> +Auf der entgegengesetzten Grenze in Thrakien scheint man sich wenig um die +Nachbarn bekümmert zu haben; kaum daß im Jahre 651 (103) Gefechte mit den +Thrakern, im Jahre 657 (97) andere mit den Mädern in den Grenzgebirgen zwischen +Makedonien und Thrakien erwähnt werden. +</p> + +<p> +Ernstlichere Kämpfe fanden statt im illyrischen Land, wo über die unruhigen +Dalmater von den Nachbarn und den Schiffern auf der Adriatischen See beständig +Beschwerde geführt ward; und an der völlig offenen Nordgrenze Makedoniens, +welche nach dem bezeichnenden Ausdruck eines Römers so weit ging als die +römischen Schwerter und Speere reichten, ruhten die Kämpfe mit den Nachbarn +niemals. Im Jahre 619 (135) ward ein Zug gemacht gegen die Ardyäer oder Vardäer +und die Pleräer oder Paralier, eine dalmatische Völkerschaft in dem Litoral +nördlich der Narentamündung, die nicht aufhörte, auf dem Meer und an der +gegenüberliegenden Küste Unfug zu treiben; auf Geheiß der Römer siedelten sie +von der Küste weg im Binnenland, der heutigen Herzegowina, sich an und begannen +den Acker zu bauen, verkümmerten aber in der rauben Gegend bei dem ungewohnten +Beruf. Gleichzeitig ward von Makedonien aus ein Angriff gegen die Skordisker +gerichtet, die vermutlich mit den angegriffenen Küstenbewohnern +gemeinschaftliche Sache gemacht hatten. Bald darauf (625 129) demütigte der +Konsul Tuditanus in Verbindung mit dem tüchtigen Decimus Brutus, dem Bezwinger +der spanischen Callaeker, die Japyden und trug, nachdem er anfänglich eine +Niederlage erlitten, schließlich die römischen Waffen tief nach Dalmatien +hinein bis an den Kerkafluß, 25 deutsche Meilen abwärts von Aquileia; die +Japyden erscheinen fortan als eine befriedete und mit Rom in Freundschaft +lebende Nation. Dennoch erhoben zehn Jahre später (635 119) die Dalmater sich +aufs neue, abermals in Gemeinschaft mit den Skordiskern. Während gegen diese +der Konsul Lucius Cotta kämpfte und dabei, wie es scheint, bis Segestica +vordrang, zog gegen die Dalmater sein Kollege, der ältere Bruder des Besiegten +von Numidien, Lucius Metellus, seitdem der Dalmatiker genannt, überwand sie und +überwinterte in Salona (Spalato), welche Stadt fortan als der Hauptwaffenplatz +der Römer in dieser Gegend erscheint. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß in +diese Zeit auch die Anlage der Gabinischen Chaussee fällt, die von Salona in +östlicher Richtung nach Andetrium (bei Much) und von da weiter landeinwärts +führte. Mehr den Charakter des Eroberungskrieges trug die Expedition des +Konsuls des Jahres 539 (115), Marcus Aemilius Scaurus, gegen die Taurisker 7; +er überstieg, der erste unter den Römern, die Kette der Ostalpen an ihrer +niedrigsten Senkung zwischen Triest und Laibach und schloß mit den Tauriskern +Gastfreundschaft, wodurch der nicht unwichtige Handelsverkehr gesichert ward, +ohne daß doch die Römer, wie eine förmliche Unterwerfung dies nach sich gezogen +haben würde, in die Völkerbewegungen nordwärts der Alpen hineingezogen worden +wären. +</p> + +<p> +——————————————————————————————————— +</p> + +<p> +7 Galli Karni heißen sie in den Triumphalfasten, Ligures Taurisci (denn so ist +statt des überlieferten Ligures et Cauristi zu schreiben) bei Victor. +</p> + +<p> +———————————————————————————————————- +</p> + +<p> +Von den fast verschollenen Kämpfen mit den Skordiskern ist durch einen kürzlich +in der Nähe von Thessalonike zum Vorschein gekommenen Denkstein aus dem Jahr +Roms 636 (118) ein auch in seiner Vereinzelung deutlich redendes Blatt wieder +zum Vorschein gekommen. Danach fiel in diesem Jahr der Statthalter Makedoniens +Sextus Pompeius bei Argos (unweit Stobi am oberen Axios oder Vardar) in einer +diesen Kelten gelieferten Schlacht; und nachdem dessen Quästor Marcus Annius +mit seinen Truppen herbeigekommen und der Feinde einigermaßen Herr geworden +war, brachen bald darauf dieselben Kelten in Verbindung mit dem König der Mäder +(am oberen Strymon) Tipas in noch größeren Massen abermals ein, und mit Mühe +erwehrten sich die Römer der andringenden Barbaren 8. Die Dinge nahmen bald +eine so drohende Gestalt an, daß es nötig wurde, konsularische Heere nach +Makedonien zu entsenden 9. Wenige Jahre darauf wurde der Konsul des Jahres 640 +(114), Gaius Porcius Cato, in den serbischen Gebirgen von denselben Skordiskern +überfallen und sein Heer vollständig aufgerieben, während er selbst mit wenigen +schimpflich entfloh; mühsam schirmte der Prätor Marcus Didius die römische +Grenze. Glücklicher fochten seine Nachfolger Gaius Metellus Caprarius (641, 642 +113, 112), Marcus Livius Drusus (642, 643 112, 111), der erste römische +Feldherr, der die Donau erreichte, und Quintus Minucius Rufus (644-647 +110-107), der die Waffen längs der Morawa ^10 trug und die Skordisker +nachdrücklich schlug. Aber nichtsdestoweniger fielen sie bald nachher, im Bunde +wieder mit den Mädern und den Dardanern, in das römische Gebiet und plünderten +sogar das delphische Heiligtum; erst da machte Lucius Scipio dem +zweiunddreißigjährigen Skordiskerkrieg ein Ende und trieb den Rest hinüber auf +das linke Ufer der Donau ^11. Seitdem beginnen an ihrer Stelle die +ebengenannten Dardaner (in Serbien) in dem Gebiet zwischen der Nordgrenze +Makedoniens und der Donau die erste Rolle zu spielen. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +8 Der Quästor von Makedonien M. Annius P. f., dem die Stadt Lete (Aivati, 4 +Stadien nordwestlich von Thessalonike) im Jahre 29 der Provinz, der Stadt 636 +(118) diesen Denkstein setzte (SIG 247), ist sonst nicht bekannt; der Prätor +Sex. Pompeius, dessen Fall darin erwähnt wird, kann kein anderer sein als der +Großvater des Pompeius, mit dem Caesar stritt, der Schwager des Dichters +Lucilius. Die Feinde werden bezeichnet als Γαλατών έθνος. Es wird +hervorgehoben, daß Annius aus Schonung gegen die Provinzialen es unterließ, +ihre Kontingente aufzubieten und mit den römischen Truppen allein die Barbaren +zurücktrieb. Allem Anschein nach hat Makedonien schon damals eine faktisch +stehende römische Besatzung erfordert. +</p> + +<p> +9 Ist Quintus Fabius Maximus Eburnus, Konsul 638 (116) nach Makedonien gegangen +(CIG 1534; A. Zumpt, Commentationes epigraphicae. Bd. z. Berlin 1854, S. 167), +so muß auch er dort einen Mißerfolg erlitten haben, da Cicero (Pis. 16, 38) +sagt: ex (Macedonia) aliquot praetorio imperio, consulari quidem nemo rediit, +qui incolumis fuerit, quin triumpharit; denn die für diese Epoche vollständige +Triumphalliste kennt nur die drei makedonischen Triumphe des Metellus 643 +(111), des Drusus 644 (110) und des Minucius 648 (106). +</p> + +<p> +^10 Da nach Frontinus (grom. 2, 4, 3), Velleius und Eutrop die von Minucius +besiegte Völkerschaft die Skordisker waren, so kann es nur ein Fehler von +Florus sein, daß er statt des Margos (Morawa) den Hebros (die Maritza) nennt. +</p> + +<p> +^11 Von dieser Vernichtung der Skordisker, während die Mäder und Dardaner zum +Vertrag zugelassen wurden, berichtet Appian (Ill. 5), und in der Tat sind +seitdem die Skordisker aus dieser Gegend verschwunden. Wenn die schließliche +Überwältigung im 32. Jahr από τής πρώτης εις Κελτούς πείρας stattgefunden hat, +so scheint dies von einem zweiunddreißigjährigen Krieg zwischen den Römern und +den Skordiskern verstanden werden zu müssen, dessen Beginn vermutlich nicht +lange nach der Konstituierung der Provinz Makedonien (608 146) fällt und von +dem die oben verzeichneten Waffenereignisse (636-647 118-107) ein Teil sind. +Daß die Überwindung kurz vor dem Ausbruch der italischen Bürgerkriege, also +wohl spätestens 663 (91) erfolgt ist, geht aus Appians Erzählung hervor. Sie +fällt zwischen 650 (104) und 656 (98), wenn ihr ein Triumph gefolgt ist, denn +vor- und nachher ist das Triumphalverzeichnis vollständig; indes ist es +möglich, daß es aus irgendeinem Grund zum Triumph nicht kam. Der Sieger ist +weiter nicht bekannt; vielleicht ist es kein anderer als der Konsul des Jahres +671 (83), da dieser infolge der cinnanisch-marianischen Wirren füglich +verspätet zum Konsulat gelangt sein kann. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Indes diese Siege hatten eine Folge, welche die Sieger nicht ahnten. Schon seit +längerer Zeit irrte ein “unstetes Volk” an dem nördlichen Saum der +zu beiden Seiten der Donau von den Kelten eingenommenen Landschaft. Sie nannten +sich die Kimbrer, das heißt die Chempho, die Kämpen oder, wie ihre Feinde +übersetzten, die Räuber, welche Benennung indes allem Anschein nach schon vor +ihrem Auszug zum Volksnamen geworden war. Sie kamen aus dem Norden und stießen +unter den Kelten zuerst, soweit bekannt, auf die Boier, wahrscheinlich in +Böhmen. Genaueres über die Ursache und die Richtung ihrer Heerfahrt haben die +Zeitgenossen aufzuzeichnen versäumt ^12 und kann auch durch keine Mutmaßung +ergänzt werden, da die derzeitigen Zustände nördlich von Böhmen und dem Main +und östlich vom unteren Rheine unseren Blicken sich vollständig entziehen. +Dagegen dafür, daß die Kimbrer und nicht minder der ihnen später sich +anschließende gleichartige Schwarm der Teutonen ihrem Kerne nach nicht der +keltischen Nation angehören, der die Römer sie anfänglich zurechneten, sondern +der deutschen, sprechen die bestimmtesten Tatsachen: das Erscheinen zweier +kleiner gleichnamiger Stämme, allem Anschein nach in den Ursitzen +zurückgebliebener Reste, der Kimbrer im heutigen Dänemark, der Teutonen im +nordöstlichen Deutschland in der Nähe der Ostsee, wo ihrer schon Alexanders des +Großen Zeitgenosse Pytheas bei Gelegenheit des Bernsteinhandels gedenkt; die +Verzeichnung der Kimbrer und Teutonen in der germanischen Völkertafel unter den +Ingävonen neben den Chaukern; das Urteil Caesars, der zuerst die Römer den +Unterschied der Deutschen und der Kelten kennen lehrte und die Kimbrer, deren +er selbst noch manchen gesehen haben muß, den Deutschen beizählt; endlich die +Völkernamen selbst und die Angaben über ihre Körperbildung und ihr sonstiges +Wesen, die zwar auf die Nordländer überhaupt, aber doch vorwiegend auf die +Deutschen passen. Andererseits ist es begreiflich, daß ein solcher Schwarm, +nachdem er vielleicht Jahrzehnte auf der Wanderschaft sich befunden und auf +seinen Zügen an und in dem Keltenland ohne Zweifel jeden Waffenbruder, der sich +anschloß, willkommen geheißen hatte, eine Menge keltischer Elemente in sich +schloß; so daß es nicht befremdet, wenn Männer keltischen Namens an der Spitze +der Kimbrer stehen oder wenn die Römer sich keltisch redender Spione bedienen, +um bei ihnen zu kundschaften. Es war ein wunderbarer Zug, dessengleichen die +Römer noch nicht gesehen hatten; nicht eine Raubfahrt reisiger Leute, auch +nicht ein “heiliger Lenz” in die Fremde wandernder junger +Mannschaft, sondern ein wanderndes Volk, das mit Weib und Kind, mit Habe und +Gut auszog, eine neue Heimat sich zu suchen. Der Karren, der überall bei den +noch nicht völlig seßhaft gewordenen Völkern des Nordens eine andere Bedeutung +hatte als bei den Hellenen und den Italikern und auch von den Kelten +durchgängig ins Lager mitgeführt ward, war hier gleichsam das Haus, wo unter +dem übergespannten Lederdach neben dem Gerät Platz sich fand für die Frau und +die Kinder und selbst für den Haushund. Die Südländer sahen mit Verwunderung +diese hohen schlanken Gestalten mit den tiefblonden Locken und den hellblauen +Augen, die derben stattlichen Frauen, die den Männern an Größe und Stärke wenig +nachgaben, die Kinder mit dem Greisenhaar, wie die Italiener verwundert die +flachsköpfigen Jungen des Nordlandes bezeichneten. Das Kriegswesen war +wesentlich das der Kelten dieser Zeit, die nicht mehr, wie einst die +italischen, barhäuptig und bloß mit Schwert und Dolch fochten, sondern mit +kupfernen, oft reichgeschmückten Helmen und mit einer eigentümlichen Wurfwaffe, +der Materis; daneben war das große Schwert geblieben und der lange schmale +Schild, neben dem man auch wohl noch einen Panzer trug. An Reiterei fehlte es +nicht; doch waren die Römer in dieser Waffe ihnen überlegen. Die +Schlachtordnung war wie früher eine rohe, angeblich ebensoviel Glieder tief wie +breit gestellte Phalanx, deren erstes Glied in gefährlichen Gefechten nicht +selten die metallenen Leibgürtel mit Stricken zusammenknüpfte. Die Sitten waren +rauh. Das Fleisch ward häufig roh verschlungen. Heerkönig war der tapferste und +womöglich der längste Mann. Nicht selten ward, nach Art der Kelten und +überhaupt der Barbaren, Tag und Ort des Kampfes vorher mit dem Feinde +ausgemacht, auch wohl vor dem Beginn der Schlacht ein einzelner Gegner zum +Zweikampf herausgefordert. Die Einleitung zum Kampf machten Verhöhnungen des +Feindes durch unschickliche Gebärden und ein entsetzliches Gelärm, indem die +Männer ihr Schlachtgebrüll erhoben und die Frauen und Kinder durch Rufpauken +auf die ledernen Wagendeckel nachhalfen. Der Kimbrer focht tapfer - galt ihm +doch der Tod auf dem Bett der Ehre als der einzige, der des freien Mannes +würdig war -, allein nach dem Siege hielt er sich schadlos durch die wildeste +Bestialität und verhieß auch wohl im voraus den Schlachtgöttern, darzubringen, +was der Sieg in die Gewalt der Sieger geben würde. Dann wurden die Geräte +zerschlagen, die Pferde getötet, die Gefangenen aufgeknüpft oder nur +aufbehalten, um den Göttern geopfert zu werden. Es waren die Priesterinnen, +greise Frauen in weißen linnenen Gewändern und unbeschuht, die wie Iphigeneia +im Skythenland diese Opfer vollzogen und aus dem rinnenden Blut des geopferten +Kriegsgefangenen oder Verbrechers die Zukunft wiesen. Wieviel von diesen Sitten +allgemeiner Brauch der nordischen Barbaren, wieviel von den Kelten entlehnt, +wie viel deutsches Eigen sei, wird sich nicht ausmachen lassen; nur die Weise, +nicht durch Priester, sondern durch Priesterinnen das Heer geleiten und leiten +zu lassen, darf als unzweifelhaft deutsche Art angesprochen werden. So zogen +die Kimbrer hinein in das unbekannte Land, ein ungeheures Knäuel mannigfaltigen +Volkes, das um einen Kern deutscher Auswanderer von der Ostsee sich +zusammengeballt hatte, nicht unvergleichbar den Emigrantenmassen, die in +unseren Zeiten ähnlich belastet und ähnlich gemischt und nicht viel minder ins +Blaue hinein übers Meer fahren; ihre schwerfällige Wagenburg mit der +Gewandtheit, die ein langes Wanderleben gibt, hinüberführend über Ströme und +Gebirge, gefährlich den zivilisierteren Nationen wie die Meereswoge und die +Windsbraut, aber wie diese latinisch und unberechenbar, bald rasch vordringend, +bald plötzlich stockend oder seitwärts und rückwärts sich wendend. Wie ein +Blitz kamen und trafen sie; wie ein Blitz waren sie verschwunden, und es fand +sich leider in der unlebendigen Zeit, in der sie erschienen, kein Beobachter, +der es wert gehalten hätte, das wunderbare Meteor genau abzuschildern. Als man +später anfing, die Kette zu ahnen, von welcher diese Heerfahrt, die erste +deutsche, die den Kreis der antiken Zivilisation berührt hat, ein Glied ist, +war die unmittelbare und lebendige Kunde von derselben lange verschollen. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +^12 Denn der Bericht, daß an den Küsten der Nordsee durch Sturmfluten große +Landschaften weggerissen und dadurch die massenhafte Auswanderung der Kimbrer +veranlaßt worden sei (Strab. 7, 293), erscheint zwar uns nicht wie denen, die +ihn aufzeichneten, märchenhaft, allein ob er auf Überlieferung oder Vermutung +sich gründet, ist doch nicht zu entscheiden. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Dies heimatlose Volk der Kimbrer, das bisher von den Kelten an der Donau, +namentlich den Boiern verhindert worden war, nach Süden vorzudringen, +durchbrach diese Schranke infolge der von den Römern gegen die Donaukelten +gerichteten Angriffe, sei es nun, daß die Donaukelten die kimbrischen Gegner zu +Hilfe riefen gegen die vordringenden Legionen, oder daß jene durch den Angriff +der Römer verhindert wurden, ihre Nordgrenzen so wie bisher zu schirmen. Durch +das Gebiet der Skordisker einrückend in das Tauriskerland, näherten sie im +Jahre 641 (113) sich den Krainer Alpenpässen, zu deren Deckung der Konsul +Gnaeus Papirius Carbo auf den Höhen unweit Aquileia sich aufstellte. Hier +hatten siebzig Jahre zuvor keltische Stämme sich diesseits der Alpen +anzusiedeln versucht, aber auf Geheiß der Römer den schon okkupierten Boden +ohne Widerstand geräumt; auch jetzt erwies die Furcht der transalpinischen +Völker vor dem römischen Namen sich mächtig. Die Kimbrer griffen nicht an; ja +sie fügten sich, als Carbo sie das Gebiet der Gastfreunde Roms, der Taurisker, +räumen hieß, wozu der Vertrag mit diesen ihn keineswegs verpflichtete, und +folgten den Führern, die ihnen Carbo gegeben hatte, um sie über die Grenze zu +geleiten. Allein diese Führer waren vielmehr angewiesen, die Kimbrer in einen +Hinterhalt zu locken, wo der Konsul ihrer wartete. So kam es unweit Noreia im +heutigen Kärnten zum Kampf, in dem die Verratenen über den Verräter siegten und +ihm beträchtlichen Verlust beibrachten; nur ein Unwetter, das die Kämpfenden +trennte, verhinderte die vollständige Vernichtung der römischen Armee. Die +Kimbrer hätten sogleich ihren Angriff gegen Italien richten können; sie zogen +es vor, sich westwärts zu wenden. Mehr durch Vertrag mit den Helvetiern und den +Sequanern als durch Gewalt der Waffen eröffneten sie sich den Weg auf das linke +Rheinufer und über den Jura und bedrohten hier einige Jahre nach Carbos +Niederlage abermals in nächster Nähe das römische Gebiet. Die Rheingrenze und +das zunächst gefährdete Gebiet der Allobrogen zu decken, erschien 645 (109) im +südlichen Gallien ein römisches Heer unter Marcus Iunius Silanus. Die Kimbrer +baten, ihnen Land anzuweisen, wo sie friedlich sich niederlassen könnten - eine +Bitte, die sich allerdings nicht gewähren ließ. Der Konsul griff statt aller +Antwort sie an; er ward vollständig geschlagen und das römische Lager erobert. +Die neuen Aushebungen, welche durch diesen Unfall veranlaßt wurden, stießen +bereits auf so große Schwierigkeit, daß der Senat deshalb die Aufhebung der +vermutlich von Gaius Gracchus herrührenden, die Verpflichtung zum Kriegsdienst +der Zeit nach einschränkenden Gesetze bewirkte. Indes die Kimbrer, statt ihren +Sieg gegen die Römer zu verfolgen, sandten an den Senat nach Rom, die Bitte um +Anweisung von Land zu wiederholen, und beschäftigten sich inzwischen, wie es +scheint, mit der Unterwerfung der umliegenden keltischen Kantone. So hatten vor +den Deutschen die römische Provinz und die neue römische Armee für den +Augenblick Ruhe; dagegen stand ein neuer Feind auf im Keltenland selbst. Die +Helvetier, die in den steten Kämpfen mit ihren nordöstlichen Nachbarn viel zu +leiden hatten, fühlten durch das Beispiel der Kimbrer sich gereizt, gleichfalls +im westlichen Gallien sich ruhigere und fruchtbarere Sitze zu suchen, und +hatten vielleicht schon, als die Kimbrerscharen durch ihr Land zogen, sich dazu +mit ihnen verbündet; jetzt überschritten unter Divicos Führung die Mannschaften +der Tougener (unbekannter Lage) und der Tigoriner (am See von Murten) den Jura +^13 und gelangten bis in das Gebiet der Nitiobrogen (um Agen an der Garonne). +Das römische Heer unter dem Konsul Lucius Cassius Longinus, auf das sie hier +stießen, ließ sich von den Helvetiern in einen Hinterhalt locken, wobei der +Feldherr selber und sein Legat, der Konsular Lucius Piso, mit dem größten Teil +der Soldaten ihren Tod fanden; der interimistische Oberbefehlshaber der +Mannschaft, die sich in das Lager gerettet hatte, Gaius Popillius, kapitulierte +auf Abzug unter dem Joch gegen Auslieferung der Hälfte der Habe, die die +Truppen mit sich führten, und Stellung von Geiseln (647 107). So bedenklich +standen die Dinge für die Römer, daß in ihrer eigenen Provinz eine der +wichtigsten Städte, Tolosa, sich gegen sie erhob und die römische Besatzung in +Fesseln schlug. +</p> + +<p> +——————————————————- +</p> + +<p> +^13 Die gewöhnliche Annahme, daß die Tougener und Tigoriner mit den Kimbrern +zugleich in Gallien eingerückt seien, läßt sich auf Strabon 7, 293 nicht +stützen und stimmt wenig zu dem gesonderten Auftreten der Helvetier. Die +Überlieferung über diesen Krieg ist übrigens in einer Weise trümmerhaft, daß +eine zusammenhängende Geschichtserzählung, völlig wie bei den Samnitischen +Kriegen, nur Anspruch machen kann auf ungefähre Richtigkeit. +</p> + +<p> +——————————————————— +</p> + +<p> +Indes da die Kimbrer fortfuhren, sich anderswo zu tun zu machen und auch die +Helvetier vorläufig die römische Provinz nicht weiter belästigten, hatte der +neue römische Oberfeldherr Quintus Servilius Caepio volle Zeit, sich der Stadt +Tolosa durch Verrat wieder zu bemächtigen und das alte und berühmte Heiligtum +des Keltischen Apollon von den darin aufgehäuften ungeheuren Schätzen mit Muße +zu leeren - ein erwünschter Gewinn für die bedrängte Staatskasse, nur daß +leider die Gold- und Silberfässer auf dem Wege von Tolosa nach Massalia der +schwachen Bedeckung durch einen Räuberhaufen abgenommen wurden und spurlos +verschwanden; wie es hieß, waren die Anstifter dieses Überfalles der Konsul +selbst und sein Stab (648 106). Inzwischen beschränkte man sich gegen den +Hauptfeind auf die strengste Defensive und hütete mit drei starken Heeren die +römische Provinz, bis es den Kimbrern gefallen würde, den Angriff zu +wiederholen. Sie kamen im Jahre 649 (105) unter ihrem König Boiorix, diesmal +ernstlich denkend an einen Einfall in Italien. Gegen sie befehligte am rechten +Rhoneufer der Prokonsul Caepio, am linken der Konsul Gnaeus Mallius Maximus und +unter ihm, an der Spitze eines abgesonderten Korps, sein Legat, der Konsular +Marcus Aurelius Scaurus. Der erste Angriff traf diesen: er ward völlig +geschlagen und selbst gefangen in das feindliche Hauptquartier gebracht, wo der +kimbrische König, erzürnt über die stolze Warnung des gefangenen Römers, sich +nicht mit seinem Heer nach Italien zu wagen, ihn niederstieß. Maximus befahl +darauf seinem Kollegen, sein Heer über die Rhone zu führen; widerwillig sich +fügend erschien dieser endlich bei Arausio (Orange) am linken Ufer des Flusses, +wo nun die ganze römische Streitmacht dem Kimbrerheer gegenüberstand und ihm +durch ihre ansehnliche Zahl so imponiert haben soll, daß die Kimbrer anfingen +zu unterhandeln. Allein die beiden Führer lebten im heftigsten Zerwürfnis. +Maximus, ein geringer und unfähiger Mann, war als Konsul seinem stolzeren und +besser geborenen, aber nicht besser gearteten prokonsularischen Kollegen Caepio +von Rechts wegen übergeordnet; allein dieser weigerte sich, ein +gemeinschaftliches Lager zu beziehen und gemeinschaftlich die Operationen zu +beraten, und behauptete nach wie vor sein selbständiges Kommando. Vergeblich +versuchten Abgeordnete des römischen Senats eine Ausgleichung zu bewirken; auch +eine persönliche Zusammenkunft der Feldherren, welche die Offiziere erzwangen, +erweiterte nur den Riß. Als Caepio den Maximus mit den Boten der Kimbrer +verhandeln sah, meinte er diesen im Begriff, die Ehre ihrer Unterwerfung allein +zu gewinnen, und warf mit seinem Heerteil allein sich schleunigst auf den +Feind. Er ward völlig vernichtet, so daß auch das Lager dem Feinde in die Hände +fiel (6. Oktober 649 105); und sein Untergang zog die nicht minder vollständige +Niederlage der zweiten römischen Armee nach sich. Es sollen 80000 römische +Soldaten und halb soviel von dem ungeheuren und unbehilflichen Troß gefallen, +nur zehn Mann entkommen sein - so viel ist gewiß, daß es nur wenigen von den +beiden Heeren gelang, sich zu retten, da die Römer mit dem Fluß im Rücken +gefochten hatten. Es war eine Katastrophe, die materiell und moralisch den Tag +von Cannae weit überbot. Die Niederlagen des Carbo, des Silanus, des Longinus +waren an den Italikern ohne nachhaltigen Eindruck vorübergegangen. Man war es +schon gewohnt, jeden Krieg mit Unfällen zu eröffnen; die Unüberwindlichkeit der +römischen Waffen stand so unerschütterlich fest, daß es überflüssig schien, die +ziemlich zahlreichen Ausnahmen zu beachten. Die Schlacht von Arausio aber, das +den unverteidigten Alpenpässen in erschreckender Weise sich nähernde +Kimbrerheer, die sowohl in der römischen Landschaft jenseits der Alpen als auch +bei den Lusitanern aufs neue und verstärkt ausbrechende Insurrektion, der +wehrlose Zustand Italiens rüttelten furchtbar auf aus diesen Träumen. Man +gedachte wieder der nie völlig vergessenen Keltenstürme des vierten +Jahrhunderts, des Tages an der Allia und des Brandes von Rom; mit der doppelten +Gewalt zugleich ältester Erinnerung und frischester Angst kam der +Gallierschreck über Italien; im ganzen Okzident schien man es inne zu werden, +daß die Römerherrschaft anfange zu wanken. Wie nach der Cannensischen Schlacht +wurde durch Senatsbeschluß die Trauerzeit abgekürzt ^14. Die neuen Werbungen +stellten den drückendsten Menschenmangel heraus. Alle waffenfähigen Italiker +mußten schwören, Italien nicht zu verlassen; die Kapitäne der in den italischen +Häfen liegenden Schiffe wurden angewiesen, keinen dienstpflichtigen Mann an +Bord zu nehmen. Es ist nicht zu sagen, was hätte kommen mögen, wenn die Kimbrer +sogleich nach ihrem Doppelsieg durch die Alpenpforten in Italien eingerückt +wären. Indes sie überschwemmten zunächst das Gebiet der Arverner, die mühsam in +ihren Festungen der Feinde sich erwehrten, und zogen bald von da, der +Belagerung müde, nicht nach Italien, sondern westwärts gegen die Pyrenäen. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^14 Hierher gehört ohne Zweifel das Fragment Diodors Vat. p. 122. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Wenn der erstarrte Organismus der römischen Politik noch aus sich selber zu +einer heilsamen Krise gelangen konnte, so mußte sie jetzt eintreten, wo durch +einen der wunderbaren Glücksfälle, an denen die Geschichte Roms so reich ist, +die Gefahr nahe genug drohte, um alle Energie und allen Patriotismus in der +Bürgerschaft aufzurütteln, und doch nicht so plötzlich hereinbrach, daß diesen +Kräften kein Raum geblieben wäre, sich zu entwickeln. Allein es wiederholten +sich nur ebendieselben Erscheinungen, die vier Jahre zuvor nach den +afrikanischen Niederlagen eingetreten waren. In der Tat waren die afrikanischen +und die gallischen Unfälle wesentlich gleicher Art. Es mag sein, daß zunächst +jene mehr der Oligarchie im ganzen, diese mehr einzelnen Beamten zur Last +fielen; allein die öffentliche Meinung erkannte mit Recht in beiden vor allen +Dingen den Bankrott der Regierung, welche in fortschreitender Entwicklung +zuerst die Ehre des Staats und jetzt bereits dessen Existenz in Frage stellte. +Man täuschte sich damals so wenig wie jetzt über den wahren Sitz des Übels, +allein jetzt so wenig wie damals brachte man es auch nur zu einem Versuch, an +der rechten Stelle zu bessern. Man sah es wohl, daß das System die Schuld trug; +aber man blieb auch diesmal dabei stehen, einzelne Personen zur Verantwortung +zu ziehen - nur entlud freilich über den Häuptern der Oligarchie dies zweite +Gewitter sich mit um so viel schwereren Schlägen, als die Katastrophe von 649 +(105) die von 645 (109) an Umfang und Gefährlichkeit übertraf. Das +instinktmäßig sichere Gefühl des Publikums, daß es gegen die Oligarchie kein +Mittel gebe als die Tyrannis, zeigte sich wiederum, indem dasselbe bereitwillig +einging auf jeden Versuch namhafter Offiziere, der Regierung die Hand zu +zwingen und unter dieser oder jener Form das oligarchische Regiment durch eine +Diktatur zu stürzen. +</p> + +<p> +Zunächst war es Quintus Caepio, gegen den die Angriffe sich richteten; mit +Recht, insofern die Niederlage von Arausio zunächst durch seine Unbotmäßigkeit +herbeigeführt war, auch abgesehen von der wahrscheinlich gegründeten, aber +nicht erwiesenen Unterschlagung der tolosanischen Beute; indes trug zu der Wut, +die die Opposition gegen ihn entwickelte, wesentlich auch das bei, daß er als +Konsul einen Versuch gewagt hatte, den Kapitalisten die Geschworenenstellen zu +entreißen. Um seinetwillen ward der alte ehrwürdige Grundsatz, auch im +schlechtesten Gefäß die Heiligkeit des Amtes zu ehren, gebrochen und, während +gegen den Urheber des cannensischen Unglückstages der Tadel in die stille Brust +verschlossen worden war, der Urheber der Niederlage von Arausio durch +Volksbeschluß des Prokonsulats entsetzt und - was seit den Krisen, in denen das +Königtum untergegangen, nicht wieder vorgekommen war - sein Vermögen von der +Staatskasse eingezogen (649? 105). Nicht lange nachher wurde derselbe durch +einen zweiten Bürgerschluß aus dem Senat gestoßen (650 104). Aber dies genügte +nicht; man wollte mehr Opfer und vor allem Caepios Blut. Eine Anzahl +oppositionell gesinnter Volkstribune, an ihrer Spitze Lucius Appuleius +Saturninus und Gaius Norbanus, beantragten im Jahre 651 (103) wegen des in +Gallien begangenen Unterschleifs und Landesverrats ein Ausnahmegericht +niederzusetzen; trotz der faktischen Abschaffung der Untersuchungshaft und der +Todesstrafe für politische Vergehen wurde Caepio verhaftet und die Absicht +unverhohlen ausgesprochen, das Todesurteil über ihn zu fällen und zu +vollstrecken. Die Regierungspartei versuchte, durch tribunizische Interzession +den Antrag zu beseitigen; allein die einsprechenden Tribune wurden mit Gewalt +aus der Versammlung verjagt und bei dem heftigen Auflauf die ersten Männer des +Senats durch Steinwürfe verletzt. Die Untersuchung war nicht zu verhindern und +der Prozeßkrieg ging im Jahre 651 (103) seinen Gang wie sechs Jahre zuvor; +Caepio selbst, sein Kollege im Oberbefehl Gnaeus Malbus Maximus und zahlreiche +andere angesehene Männer wurden verurteilt; mit Mühe gelang es einem mit Caepio +befreundeten Volkstribun, durch Aufopferung seiner eigenen bürgerlichen +Existenz den Hauptangeklagten wenigstens das Leben zu retten ^15. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +^15 Die Amtsentsetzung des Prokonsuls Caepio, mit der die Vermögenseinziehung +verbunden war (Liv. ep. 67), ward wahrscheinlich unmittelbar nach der Schlacht +von Arausio (6. Oktober 649 105) von der Volksversammlung ausgesprochen. Daß +zwischen der Absetzung und der eigentlichen Katastrophe einige Zeit verstrich, +zeigt deutlich der im Jahre 650 (104) gestellte, auf Caepio gemünzte Antrag, +daß Amtsentsetzung den Verlust des Sitzes im Senat nach sich ziehen solle +(Ascon. Corn. 78). Die Fragmente des Licinianus (p. 10: Cn. Manilius ob eandem +causam quam et Caepio L. Saturnini rogatione e civitate est cito [?] eiectus; +wodurch die Andeutung bei Cicero (De orat. 2, 28,125) klar wird, lehren jetzt, +daß ein von Lucius Appuleius Saturninus vorgeschlagenes Gesetz diese +Katastrophe herbeigeführt hat. Es ist dies offenbar kein anderes als das +Appuleische Gesetz über die geschmälerte Majestät des römischen Staates (Cic. +De orat. 2, 25, 107; 49, 201) oder, wie der Inhalt desselben schon früher (Bd. +2, S. 193 der ersten Auflage [Orig.]) bestimmt ward, Saturninus’ Antrag +auf Niedersetzung einer außerordentlichen Kommission zur Untersuchung der +während der kimbrischen Unruhen vorgekommenen Landesverrätereien. Die +Untersuchungskommission wegen des Goldes von Tolosa (Cic. nat. deor. 3, 30, 74) +entsprang in ganz ähnlicher Weise aus dem Appuleischen Gesetz, wie die dort +weiter genannten Spezialgerichte über eine ärgerliche Richterbestechung aus dem +Mucischen von 613 (141), die über die Vorgänge mit den Vestalinnen aus dem +Peducäischen von 641 (113), die über den Jugurthinischen Krieg aus dem +Mamilischen von 644 (110). Die Vergleichung dieser Fälle lehrt auch, daß von +dergleichen Spezialkommissionen, anders als von den ordentlichen, selbst +Strafen an Leib und Leben erkannt werden konnten und erkannt worden sind. Wenn +anderweitig der Volkstribun Gaius Norbanus als derjenige genannt wird, der das +Verfahren gegen Caepio veranlaßte und dafür später zur Verantwortung gezogen +ward (Cic. De orat. 2, 40, 167; 48, 199; 4, 200. part. 30, 105 u. a. St.), so +ist dies damit nicht in Widerspruch; denn der Antrag ging, wie gewöhnlich, von +mehreren Volkstribunen aus (Rhet. Her. 1, 14, 24; Cic. De orat. 2, 47, 197), +und da Saturninus bereits tot war, als die aristokratische Partei daran denken +konnte, Vergeltung zu üben, hielt man sich an den Kollegen. Was die Zeit dieser +zweiten und schließlichen Verurteilung Caepios anlangt, so ist die gewöhnliche, +sehr unüberlegte Annahme, welche dieselbe in das Jahr 650 (95), zehn Jahre nach +der Schlacht von Arausio setzt, bereits früher zurückgewiesen worden. Sie +beruht lediglich darauf, daß Crassus als Konsul, also 659 (95) für Caepio +sprach (Cic. Brut. 44,162); was er aber offenbar nicht als dessen Sachwalter +tat, sondern als Norbanus wegen seines Verfahrens gegen Caepio im Jahre 659 +(95) von Publius Sulpicius Rufus zur Verantwortung gezogen ward. Früher wurde +für diese zweite Anklage das Jahr 650 (104) angenommen; seit wir wissen, daß +sie aus einem Antrag des Saturninus hervorging, kann man nur schwanken zwischen +dem Jahr 651 (103), wo dieser zum ersten (Plut. Mar. 14; Oros. hist. 5, 17; +App. 1, 28; Diod. p. 608, 631) und 654 (100), wo er zum zweiten Male +Volkstribun war. Ganz sicher entscheidende Momente finden sich nicht, aber die +sehr überwiegende Wahrscheinlichkeit spricht für das erstere Jahr, teils weil +dies den Unglücksfällen in Gallien näher steht, teils weil in den ziemlich +ausführlichen Berichten über Saturninus’ zweites Tribunat Quintus Caepio +des Vaters und der gegen diesen gerichteten Gewaltsamkeiten nicht gedacht wird. +Daß die infolge der Urteilssprüche wegen der unterschlagenen tolosanischen +Beute an den Staatsschatz zurückgezahlten Summen von Saturninus im zweiten +Tribunat für seine Kolonisationspläne in Anspruch genommen werden (Vir. ill. +73, 5 und dazu Orelli ind. legg. p. 137), ist an sich nicht entscheidend und +kann überdies leicht durch Verwechslung von dem ersten afrikanischen auf das +zweite allgemeine Ackergesetz des Saturninus übertragen worden sein. +</p> + +<p> +Daß späterhin, als Norbanus belangt ward, dies eben auf Grund des von ihm +mitveranlaßten Gesetzes geschah, ist eine dem römischen politischen Prozeß +dieser Zeit gewöhnliche Ironie (Cic. Brut. 89, 305) und darf etwa nicht zu dem +Glauben verleiten, als sei das Appuleische Gesetz schon, wie das spätere +Cornelische, ein allgemeines Hochverratsgesetz gewesen. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +Wichtiger als diese Maßregel der Rache war die Frage, wie der gefährliche Krieg +jenseits der Alpen ferner geführt und zunächst, wem darin die +Oberfeldherrnschaft übertragen werden sollte. Bei unbefangener Behandlung war +es nicht schwer, eine passende Wahl zu treffen. Rom war zwar im Vergleich mit +früheren Zeiten an militärischen Notabilitäten nicht reich; allein es hatten +doch Quintus Maximus in Gallien, Marcus Aemilius Scaurus und Quintus Minucius +in den Donauländern, Quintus Metellus, Publius Rutilius Rufus, Gaius Marius in +Afrika mit Auszeichnung kommandiert; und es handelte sich ja nicht darum, einen +Pyrrhos oder Hannibal zu schlagen, sondern den Barbaren des Nordens gegenüber +die oft erprobte Überlegenheit römischer Waffen und römischer Taktik wieder in +ihr Recht einzusetzen, wozu es keines genialen, sondern nur eines strengen und +tüchtigen Kriegsmanns bedurfte. Allein es war eben eine Zeit, in der alles eher +möglich war als die unbefangene Erledigung einer Verwaltungsfrage. Die +Regierung war, wie es nicht anders sein konnte und wie schon der jugurthinische +Krieg gezeigt hatte, in der öffentlichen Meinung so vollständig bankrott, daß +ihre tüchtigsten Feldherren in der vollen Siegeslaufbahn weichen mußten, sowie +es einem namhaften Offizier einfiel, sie vor dem Volk herunterzumachen und als +Kandidat der Opposition von dieser sich an die Spitze der Geschäfte stellen zu +lassen. Es war kein Wunder, daß, was nach den Siegen des Metellus geschehen +war, gesteigert sich wiederholte nach den Niederlagen des Gnaeus, Mallius und +Quintus Caepio. Abermals trat Gaius Marius trotz des Gesetzes, das das Konsulat +mehr als einmal zu übernehmen verbot, auf als Bewerber um das höchste Staatsamt +und nicht bloß ward er, während er noch in Afrika an der Spitze des dortigen +Heeres stand, zum Konsul ernannt und ihm der Oberbefehl in dem Gallischen Krieg +übergeben, sondern es ward ihm auch fünf Jahre hintereinander (650-654 104-100) +wieder und wieder das Konsulat übertragen, in einer Weise, welche aussah wie +ein berechneter Hohn gegen den eben in Beziehung auf diesen Mann in seiner +ganzen Torheit und Kurzsichtigkeit bewährten exklusiven Geist der Nobilität, +aber freilich auch in den Annalen der Republik unerhört und in der Tat mit dem +Geiste der freien Verfassung Roms schlechterdings unverträglich war. Namentlich +in dem römischen Militärwesen, dessen im Afrikanischen Krieg begonnene +Umgestaltung aus einer Bürgerwehr in eine Söldnerschar Marius während seines +fünfjährigen, durch die Not der Zeit mehr noch als durch die Klauseln seiner +Bestallung unumschränkten Oberkommandos fortsetzte und vollendete, sind die +tiefen Spuren dieser inkonstitutionellen Oberfeldherrnschaft des ersten +demokratischen Generals für alle Zeit sichtbar geblieben. +</p> + +<p> +Der neue Oberfeldherr Gaius Marius erschien im Jahre 650 (164) jenseits der +Alpen, gefolgt von einer Anzahl erprobter Offiziere, unter denen der kühne +Fänger des Jugurtha, Lucius Sulla, bald sich abermals hervortat, und von +zahlreichen Scharen italischer und bundesgenössischer Soldaten. Zunächst fand +er den Feind, gegen den er geschickt war, nicht vor. Die wunderlichen Leute, +die bei Arausio gesiegt hatten, waren inzwischen, wie schon gesagt ward, +nachdem sie die Landschaft westlich der Rhone ausgeraubt hatten, über die +Pyrenäen gestiegen und schlugen sich eben in Spanien mit den tapferen Bewohnern +der Nordküste und des Binnenlandes herum; es schien, als wollten die Deutschen +ihr Talent, nicht zuzugreifen, gleich bei ihrem ersten Auftreten in der +Geschichte beweisen. So fand Marius volle Zeit, einesteils die abgefallenen +Tektosagen zum Gehorsam zurückzubringen, die schwankende Treue der untertänigen +gallischen und ligurischen Gaue wieder zu befestigen und innerhalb wie +außerhalb der römischen Provinz von den gleich den Römern durch die Kimbrer +gefährdeten Bundesgenossen, wie zum Beispiel von den Massalioten, den +Allobrogen, den Sequanern, Beistand und Zuzug zu erlangen; andrerseits durch +strenge Mannszucht und unparteiische Gerechtigkeit gegen Vornehme und Geringe +das ihm anvertraute Heer zu disziplinieren und durch Märsche und ausgedehnte +Schanzarbeiten - insbesondere die Anlegung eines später den Massalioten +überwiesenen Rhonekanals zur leichteren Herbeischaffung der von Italien dem +Heer nachgesandten Transporte - die Soldaten für die ernstere Kriegsarbeit +tüchtig zu machen. Auch er verhielt sich in strenger Defensive und überschritt +nicht die Grenzen der römischen Provinz. Endlich, es scheint im Laufe des +Jahres 651 (103), flutete der Kimbrenstrom, nachdem er in Spanien an dem +tapferen Widerstand der eingeborenen Völkerschaften, namentlich der Keltiberer +sich gebrochen hatte, wieder zurück über die Pyrenäen und von da, wie es +scheint, am Atlantischen Ozean hinauf, wo alles den schrecklichen Männern sich +unterwarf, von den Pyrenäen bis zur Seine. Erst hier, an der Landesgrenze der +tapferen Eidgenossenschaft der Belgen, trafen sie auf ernstlichen Widerstand; +allein eben auch hier, während sie im Gebiet der Veliocasser (bei Rouen) +standen, kam ihnen ansehnlicher Zuzug. Nicht bloß drei Quartiere der Helvetier, +darunter die Tigoriner und Tougener, welche früher an der Garonne gegen die +Römer gefochten hatten, gesellten, wie es scheint um diese Zeit, sich zu den +Kimbrern, sondern es stießen auch zu ihnen die stammverwandten Teutonen unter +ihrem König Teutobod, welche durch uns nicht überlieferte Fügungen aus ihrer +Heimat an der Ostsee hierher an die Seine verschlagen waren ^16. Aber auch die +vereinigten Scharen vermochten den tapferen Widerstand der Belgen nicht zu +überwältigen. Die Führer entschlossen sich daher, mit der also angeschwollenen +Menge den schon mehrmals beratenen Zug nach Italien nun allen Ernstes +anzutreten. Um nicht mit dem bisher zusammengeraubten Gut sich zu schleppen, +wurde dasselbe hier zurückgelassen unter dem Schutz einer Abteilung von 6000 +Mann, aus denen später nach mancherlei Irrfahrten die Völkerschaft der +Aduatuker an der Sambre erwachsen ist. Indes sei es wegen der schwierigen +Verpflegung auf den Alpenstraßen, sei es aus anderen Gründen, die Massen lösten +sich wieder auf in zwei Heerhaufen, von denen der eine, die Kimbrer und +Tigoriner, über den Rhein zurück und durch die schon im Jahre 641 (113) +erkundeten Pässe der Ostalpen, der andere, die neuangelangten Teutonen, die +Tougener und die schon in der Schlacht von Arausio bewährte kimbrische +Kernschar der Ambronen, durch das römische Gallien und die Westpässe nach +Italien eindringen sollte. Diese zweite Abteilung war es, die im Sommer 652 +(102) abermals ungehindert die Rhone überschritt und am linken Ufer derselben +mit den Römern den Kampf nach fast dreijähriger Pause wieder aufnahm. Marius +erwartete sie in einem wohlgewählten und wohlverproviantierten Lager am Einfluß +der Isère in die Rhone, in welcher Stellung er die beiden einzigen damals +gangbaren Heerstraßen nach Italien, die über den Kleinen Bernhard und die an +der Küste, zugleich den Barbaren verlegte. Die Teutonen griffen das Lager an, +das ihnen den Weg sperrte; drei Tage nacheinander tobte der Sturm der Barbaren +um die römischen Verschanzungen, aber der wilde Mut scheiterte an der +Überlegenheit der Römer im Festungskrieg und an der Besonnenheit des Feldherrn. +Nach hartem Verlust entschlossen sich die dreisten Gesellen, den Sturm +aufzugeben und am Lager vorbei fürbaß nach Italien zu marschieren. Sechs Tage +hintereinander zogen sie daran vorüber, ein Beweis mehr noch für die +Schwerfälligkeit ihres Trosses als für ihre ungeheure Zahl. Der Feldherr ließ +es geschehen ohne anzugreifen; daß er durch den höhnischen Zuruf der Feinde, ob +die Römer nicht Aufträge hätten an ihre Frauen daheim, sich nicht irren ließ, +ist begreiflich, aber daß er dies verwegene Vorbeidefilieren der feindlichen +Kolonnen vor der konzentrierten römischen Masse nicht benutzte um zu schlagen, +zeigt, wie wenig er seinen ungeübten Soldaten vertraute. Als der Zug vorüber +war, brach auch er sein Lager ab und folgte dem Feinde auf dem Fuß, in strenger +Ordnung und Nacht für Nacht sich sorgfältig verschanzend. Die Teutonen, die der +Küstenstraße zustrebten, gelangten längs der Rhone hinabmarschierend bis in die +Gegend von Aquae Sextiae, gefolgt von den Römern. Beim Wasserschöpfen stießen +hier die leichten ligurischen Truppen der Römer mit der feindlichen Nachhut, +den Ambronen, zusammen; das Gefecht ward bald allgemein; nach heftigem Kampf +siegten die Römer und verfolgten den weichenden Feind bis an die Wagenburg. +Dieser erste glückliche Zusammenstoß erhöhte dem Feldherrn wie den Soldaten den +Mut; am dritten Tage nach demselben ordnete Marius auf dem Hügel, dessen Spitze +das römische Lager trug, seine Reihen zur entscheidenden Schlacht. Die +Teutonen, längst ungeduldig, mit ihren Gegnern sich zu messen, stürmten sofort +den Hügel hinauf und begannen das Gefecht. Es war ernst und langwierig; bis zum +Mittag standen die Deutschen wie die Mauern; allein die ungewohnte Glut der +provencalischen Sonne erschlaffte ihre Sehnen und ein blinder Lärm in ihrem +Rücken, wo ein Haufen römischer Troßbuben aus einem waldigen Versteck mit +gewaltigem Geschrei hervorrannte, entschied vollends die Auflösung der +schwankenden Reihen. Der ganze Schwarm ward gesprengt und, wie begreiflich in +dem fremden Lande, entweder getötet oder gefangen; unter den Gefangenen war der +König Teutobod, unter den Toten eine Menge Frauen, welche, nicht unbekannt mit +der Behandlung, die ihnen als Sklavinnen bevorstand, teils auf ihren Karren in +verzweifelter Gegenwehr sich hatten niedermachen lassen, teils in der +Gefangenschaft, nachdem sie umsonst gebeten, sie dem Dienst der Götter und der +heiligen Jungfrauen der Vesta zu widmen, sich selber den Tod gegeben hatten +(Sommer 652 102). +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^16 Diese Darstellung beruht im wesentlichen auf dem verhältnismäßig +zuverlässigsten Livianischen Bericht in der Epitome (67, wo zu lesen ist: +reversi in Galliam in Vellocassis se Teutonis coniunxerunt) und bei Obsequens, +mit Beseitigung der geringeren Zeugnisse, die die Teutonen schon früher, zum +Teil, wie App. Celt. 13, schon in der Schlacht von Noreia, neben den Kimbrern +auftreten lassen. Damit sind verbunden die Notizen bei Caesar (Gall. 1, 33; 2, +4 u. 29), da mit dem Zug der Kimbrer in die römische Provinz und nach Italien +nur die Expedition von 652 (102) gemeint sein kann. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +So hatte Gallien Ruhe vor den Deutschen; und es war Zeit, denn schon standen +deren Waffenbrüder diesseits der Alpen. Mit den Helvetiern verbündet, waren die +Kimbrer ohne Schwierigkeit von der Seine in das obere Rheintal gelangt, hatten +die Alpenkette auf dem Brennerpaß überschritten und waren von da durch die +Täler der Eisack und Etsch hinabgestiegen in die italische Ebene. Hier sollte +der Konsul Quintus Lutatius Catulus die Pässe bewachen; allein der Gegend nicht +völlig kundig und fürchtend, umgangen zu werden hatte er sich nicht getraut, in +die Alpen selbst vorzurücken, sondern unterhalb Trient am linken Ufer der Etsch +sich aufgestellt und für alle Fälle den Rückzug auf das rechte durch Anlegung +einer Brücke sich gesichert. Allein als nun die Kimbrer in dichten Scharen aus +den Bergen hervordrangen, ergriff ein panischer Schreck das römische Heer und +Legionäre und Reiter liefen davon, diese geradeswegs nach der Hauptstadt, jene +auf die nächste Anhöhe, die Sicherheit zu gewähren schien. Mit genauer Not +brachte Catulus wenigstens den größten Teil seines Heeres durch eine Kriegslist +wieder an den Fluß und über die Brücke zurück, ehe es den Feinden, die den +oberen Lauf der Etsch beherrschten und schon Bäume und Balken gegen die Brücke +hinabtreiben ließen, gelang, diese zu zerstören und damit dem Heer den Rückzug +abzuschneiden. Eine Legion indes hatte der Feldherr auf dem anderen Ufer +zurücklassen müssen und bereits wollte der feige Tribun, der sie führte, +kapitulieren, als der Rottenführer Gnaeus Petreius von Atina ihn niederstieß +und mitten durch die Feinde auf das rechte Ufer der Etsch zu dem Hauptheer sich +durchschlug. So war das Heer und einigermaßen selbst die Waffenehre gerettet; +allein die Folgen der versäumten Besetzung der Pässe und des übereilten +Rückzugs waren dennoch sehr empfindlich. Catulus mußte auf das rechte Ufer des +Po sich zurückziehen und die ganze Ebene zwischen dem Po und den Alpen in der +Gewalt der Kimbrer lassen, so daß man die Verbindung mit Aquileia nur zur See +noch unterhielt. Dies geschah im Sommer 652 (102), um dieselbe Zeit, wo es +zwischen den Teutonen und den Römern bei Aquae Sextiae zur Entscheidung kam. +Hätten die Kimbrer ihren Angriff ununterbrochen fortgesetzt, so konnte Rom in +eine sehr bedrängte Lage geraten; indes ihrer Gewohnheit, im Winter zu rasten, +blieben sie auch diesmal getreu und um so mehr, als das reiche Land, die +ungewohnten Quartiere unter Dach und Fach, die warmen Bäder, die neuen +reichlichen Speisen und Getränke sie einluden, es sich vorläufig wohl sein zu +lassen. Dadurch gewannen die Römer Zeit, ihnen mit vereinigten Kräften in +Italien zu begegnen. Es war keine Zeit, was der demokratische General sonst +wohl getan haben würde, den unterbrochenen Eroberungsplan des Keltenlandes, wie +Gaius Gracchus ihn mochte entworfen haben, jetzt wieder aufzunehmen; von dem +Schlachtfeld von Aix wurde das siegreiche Heer an den Po geführt und nach +kurzem Verweilen in der Hauptstadt, wo er den ihm angetragenen Triumph bis nach +völliger Überwindung der Barbaren zurückwies, traf auch Marius selbst bei den +vereinigten Armeen ein. Im Frühjahr 653 (101) überschritten sie, 50000 Mann +stark, unter dem Konsul Marius und dem Prokonsul Catulus wiederum den Po und +zogen gegen die Kimbrer, welche ihrerseits flußaufwärts marschiert zu sein +scheinen, um den mächtigen Strom an seiner Quelle zu überschreiten. Unterhalb +Vercellae unweit der Mündung der Sesia in den Po ^17, ebenda, wo Hannibal seine +erste Schlacht auf italischem Boden geschlagen hatte, trafen die beiden Heere +aufeinander. Die Kimbrer wünschten die Schlacht und sandten, ihrer Landessitte +gemäß, zu den Römern, Zeit und Ort dazu auszumachen: Marius willfahrte ihnen +und nannte den nächsten Tag - es war der 30. Juli 653 (101) - und das Raudische +Feld, eine weite Ebene, auf der die überlegene römische Reiterei einen +vorteilhaften Spielraum fand. Hier stieß man auf den Feind, erwartet und doch +überraschend; denn in dem dichten Morgennebel fand sich die kimbrische Reiterei +im Handgemenge mit der stärkeren römischen, ehe sie es vermutete, und ward von +ihr zurückgeworfen auf das Fußvolk, das eben zum Kampfe sich ordnete. Mit +geringen Opfern ward ein vollständiger Sieg erfochten und die Kimbrer +vernichtet. Glücklich mochte heißen, wer den Tod in der Schlacht fand, wie die +meisten, unter ihnen der tapfere König Boiorix; glücklicher mindestens als die, +die nachher verzweifelnd Hand an sich selbst legten oder gar auf dem +Sklavenmarkt in Rom den Herrn suchen mußten, der dem einzelnen Nordmannen die +Dreistigkeit vergalt, des schönen Südens begehrt zu haben, ehe denn es Zeit +war. Die Tigoriner, die auf den Vorbergen der Alpen zurückgeblieben waren, um +den Kimbrern später zu folgen, verliefen sich auf die Kunde von der Niederlage +in ihre Heimat. Die Menschenlawine, die dreizehn Jahre hindurch von der Donau +bis zum Ebro, von der Seine bis zum Po die Nationen alarmiert hatte, ruhte +unter der Scholle oder fronte im Sklavenjoch; der verlorene Posten der +deutschen Wanderungen hatte seine Schuldigkeit getan; das heimatlose Volk der +Kimbrer mit seinen Genossen war nicht mehr. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^17 Man hat nicht wohl getan, von der Überlieferung abweichend das Schlachtfeld +nach Verona zu verlegen; wobei übersehen ward, daß zwischen den Gefechten an +der Etsch und dem entscheidenden Treffen ein ganzer Winter und vielfache +Truppenbewegungen liegen, und daß Catulus nach ausdrücklicher Angabe (Plut. +Mar. 24) bis auf das rechte Poufer zurückgewichen war. Auch die Angaben, daß am +Po (Hier. chron. a. Abr.) und daß da, wo Stilicho später die Geten schlug, d. +h. bei Cherasco am Tanaro, die Kimbrer geschlagen wurden, führen, obwohl beide +ungenau, doch viel eher nach Vercellae als nach Verona. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Über den Leichen haderten die politischen Parteien Roms ihren kümmerlichen +Hader weiter, ohne um das große Kapitel der Weltgeschichte sich zu bekümmern, +davon hier das erste Blatt sich aufgeschlagen hatte, ohne auch nur Raum zu +geben dem reinen Gefühl, daß an diesem Tage Roms Aristokraten wie Roms +Demokraten ihre Schuldigkeit getan hatten. Die Rivalität der beiden Feldherren, +die nicht bloß politische Gegner, sondern auch durch den so verschiedenen +Erfolg der beiden vorjährigen Feldzüge militärisch gespannt waren, kam sofort +nach der Schlacht zum widerwärtigsten Ausbruch. Catulus mochte mit Recht +behaupten, daß das Mitteltreffen, das er befehligte, den Sieg entschieden habe +und daß von seinen Leuten einunddreißig, von den Marianern nur zwei Feldzeichen +eingebracht seien - seine Soldaten führten sogar die Abgeordneten der Stadt +Parma durch die Leichenhaufen, um ihnen zu zeigen, daß Marius tausend +geschlagen habe, Catulus aber zehntausend. Nichtsdestoweniger galt Marius als +der eigentliche Besieger der Kimbrer, und mit Recht; nicht bloß, weil er kraft +seines höheren Ranges an dem entscheidenden Tage den Oberbefehl geführt hatte +und an militärischer Begabung und Erfahrung seinem Kollegen ohne Zweifel weit +überlegen war, sondern vor allem, weil der zweite Sieg von Vercellae in der Tat +nur möglich geworden war durch den ersten von Aquae Sextiae. Allein in der +damaligen Zeit waren es weniger diese Erwägungen, die den Ruhm von den Kimbrern +und Teutonen Rom errettet zu haben ganz und voll an Marius’ Namen +knüpften, als die politischen Parteirücksichten. Catulus war ein feiner und +gescheiter Mann, ein so anmutiger Sprecher, daß der Wohllaut seiner Worte fast +wie Beredsamkeit klang, ein leidlicher Memoirenschreiber und Gelegenheitspoet +und ein vortrefflicher Kunstkenner und Kunstrichter; aber er war nichts weniger +als ein Mann des Volkes und sein Sieg ein Sieg der Aristokratie. Die Schlachten +aber des groben Bauern, welcher von dem gemeinen Volke auf den Schild gehoben +war und das gemeine Volk zum Siege geführt hatte, diese Schlachten waren nicht +bloß Niederlagen der Kimbrer und Teutonen, sondern auch Niederlagen der +Regierung; es knüpften daran sich noch ganz andere Hoffnungen als die, daß man +wieder ungestört jenseits der Alpen Geldgeschäfte machen oder diesseits den +Acker bauen könne. Zwanzig Jahre waren verstrichen, seit Gaius Gracchus’ +blutende Leiche den Tiber hinabgetrieben war; seit zwanzig Jahren ward das +Regiment der restaurierten Oligarchie ertragen und verwünscht; immer noch war +dem Gracchus kein Rächer, seinem angefangenen Bau kein zweiter Meister +erstanden. Es haßten und hofften viele, viele von den schlechtesten und viele +von den besten Bürgern des Staats; war der Mann, der diese Rache und diese +Wünsche zu erfüllen verstand, endlich gefunden in dem Sohn des Tagelöhners von +Arpinum? Stand man wirklich an der Schwelle der neuen, vielgefürchteten und +vielersehnten zweiten Revolution? +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap06"></a>KAPITEL VI.<br/> +Revolutionsversuch des Marius und Reformversuch des Drusus</h2> + +<p> +Gaius Marius ward, eines armen Tagelöhners Sohn, geboren im Jahre 599 (155) in +dem damals arpinatischen Dorfe Cereatae, das später als Cereatae Marianae +Stadtrecht erhielt und noch heute den Namen “Mariusheimat” +(Casamare) trägt. Beim Pfluge war er aufgekommen, in so dürftigen +Verhältnissen, daß sie ihm selbst zu den Gemeindeämtern von Arpinum den Zugang +zu verschließen schienen; er lernte früh, was er später noch als Feldherr übte, +Hunger und Durst, Sonnenbrand und Winterkälte ertragen und auf der harten Erde +schlafen. Sowie das Alter es ihm erlaubte, war er in das Heer eingetreten und +hatte in der schweren Schule der Spanischen Kriege sich rasch zum Offizier +emporgedient; in Scipios Numantinischem Kriege zog er, damals +dreiundzwanzigjährig, des strengen Feldherrn Augen auf sich durch die saubere +Haltung seines Pferdes und seiner Waffen wie durch seine Tapferkeit im Gefecht +und sein ehrbares Betragen im Lager. Er war heimgekehrt mit ehrenvollen Narben +und kriegerischen Abzeichen und mit dem lebhaften Wunsch, in der rühmlich +betretenen Laufbahn sich einen Namen zu machen; allein unter den damaligen +Verhältnissen konnte zu den politischen Ämtern, die allein zu höheren +Militärstellen führten, auch der verdienteste Mann nicht gelangen ohne Vermögen +und ohne Verbindungen. Beides ward dem jungen Offizier zuteil durch glückliche +Handelsspekulationen und durch die Verbindung mit einem Mädchen aus dem +altadligen Geschlecht der Julier; so gelangte er unter großen Anstrengungen und +nach vielfachen Mißerfolgen im Jahre 639 (115) bis zur Prätur, in welcher er +als Statthalter des jenseitigen Spaniens seine militärische Tüchtigkeit aufs +neue zu bewähren Gelegenheit fand. Wie er sodann der Aristokratie zum Trotz im +Jahre 647 (107) das Konsulat übernahm und als Prokonsul (648, 649 106, 105) den +Afrikanischen Krieg beendigte, wie er, nach dem Unglückstag von Arausio zur +Oberleitung des Krieges gegen die Deutschen berufen, unter viermal vom Jahre +650 (104) bis zum Jahre 653 (101) wiederholter, in den Annalen der Republik +beispielloser Erneuerung des Konsulats, die Kimbrer jenseits, die Teutonen +diesseits der Alpen überwand und vernichtete, ist bereits erzählt worden. In +seinem Kriegsamt hatte er sich gezeigt als einen braven und rechtschaffenen +Mann, der unparteiisch Recht sprach, über die Beute mit seltener Ehrlichkeit +und Uneigennützigkeit verfügte und durchaus unbestechlich war; als einen +geschickten Organisator, der die einigermaßen eingerostete Maschine des +römischen Heerwesens wieder in brauchbaren Stand gesetzt hatte; als einen +fähigen Feldherrn, der den Soldaten in Zucht und doch bei guter Laune erhielt +und zugleich im kameradschaftlichen Verkehr seine Liebe gewann, dem Feinde aber +kühn ins Auge sah und zur rechten Zeit sich mit ihm schlug. Eine militärische +Kapazität im eminenten Sinn war er, soweit wir urteilen können, nicht; allein +die sehr achtungswerten Eigenschaften, die er besaß, genügten unter den damals +bestehenden Verhältnissen vollkommen, um ihm den Ruf einer solchen zu +verschaffen, und auf diesen gestützt war er in einer beispiellos ehrenvollen +Weise eingetreten unter die Konsulare und die Triumphatoren. Allein er paßte +darum nicht besser in den glänzenden Kreis. Seine Stimme blieb rauh und laut, +sein Blick wild, als sähe er noch Libyer oder Kimbrer vor sich und nicht +wohlerzogene und parfümierte Kollegen. Daß er abergläubisch war wie ein echter +Lanzknecht, daß er zur Bewerbung um sein erstes Konsulat sich nicht durch den +Drang seiner Talente, sondern zunächst durch die Aussagen eines etruskischen +Eingeweidebeschauers bestimmen ließ, und bei dem Feldzug gegen die Teutonen +eine syrische Prophetin Martha mit ihren Orakeln dem Kriegsrat aushalf, war +nicht eigentlich unaristokratisch; in solchen Dingen begegneten sich damals wie +zu allen Zeiten die höchsten und die niedrigsten Schichten der Gesellschaft. +Allein unverzeihlich war der Mangel an politischer Bildung; es war zwar +löblich, daß er die Barbaren zu schlagen verstand, aber was sollte man denken +von einem der verfassungsmäßigen Etikette so unkundigen Konsul, daß er im +Triumphalkostüm im Senat erschien! Auch sonst hing die Rotüre ihm an. Er war +nicht bloß - nach aristokratischer Terminologie - ein armer Mann, sondern, was +schlimmer war, genügsam und ein abgesagter Feind aller Bestechung und +Durchstecherei. Nach Soldatenart war er nicht wählerisch, aber becherte gern, +besonders in späteren Jahren; Feste zu geben verstand er nicht und hielt einen +schlechten Koch. Ebenso übel war es, daß der Konsular nur Lateinisch verstand +und die griechische Konversation sich verbitten mußte; daß er bei den +griechischen Schauspielen sich langweilte, mochte hingehen - er war vermutlich +nicht der einzige -, aber daß er sich zu seiner Langenweile bekannte, war naiv. +So blieb er zeit seines Lebens ein unter die Aristokraten verschlagener +Bauersmann und geplagt von den empfindlichen Stichelworten und dem +empfindlicheren Mitleiden seiner Kollegen, das wie diese selber zu verachten er +denn doch nicht über sich vermochte. Nicht viel weniger wie außerhalb der +Gesellschaft stand Marius außerhalb der Parteien. Die Maßregeln, die er in +seinem Volkstribunat (635 119) durchsetzte, eine bessere Kontrolle bei der +Abgabe der Stimmtäfelchen zur Abstellung der argen dabei stattfindenden +Betrügereien und die Verhinderung ausschweifender Anträge auf Spenden an das +Volk, tragen nicht den Stempel einer Partei, am wenigsten den der +demokratischen, sondern zeigen nur, daß ihm Unrechtfertigkeit und Unvernunft +verhaßt waren; und wie hätte auch ein Mann wie dieser, Bauer von Geburt und +Soldat aus Neigung, von Haus aus revolutionär sein können? Die Anfeindungen der +Aristokratie hatten ihn zwar später in das Lager der Gegner der Regierung +getrieben, und rasch sah er sich hier auf den Schild gehoben zunächst als +Feldherr der Opposition und demnächst vielleicht bestimmt zu noch höheren +Dingen. Allein es war dies weit mehr die Folge der zwingenden Gewalt der +Verhältnisse und des allgemeinen Bedürfnisses der Opposition nach einem Haupte +als sein eigenes Werk; hatte er doch seit seinem Abgang nach Afrika 647/48 +(107/06) kaum vorübergehend auf kurze Zeit in der Hauptstadt verweilt. Erst in +der zweiten Hälfte des Jahres 653 (101) kam er, Sieger wie über die Kimbrer so +über die Teutonen, nach Rom zurück, um den verschobenen Triumph nun zwiefach zu +feiern, entschieden der erste Mann in Rom und doch zugleich politischer +Anfänger. Es war unwidersprechlich ausgemacht, nicht bloß daß Marius Rom +gerettet habe, sondern daß er der einzige Mann sei, der Rom habe retten können; +sein Name war auf allen Lippen; die Vornehmen erkannten seine Leistungen an; +bei dem Volk war er populär wie keiner vor oder nach ihm, populär durch seine +Tugenden wie durch seine Fehler, durch seine unaristokratische +Uneigennützigkeit nicht minder wie durch seine bäurische Derbheit; er hieß der +Menge der dritte Romulus und der zweite Camillus; gleich den Göttern wurden ihm +Trankopfer gespendet. Es war kein Wunder, wenn dem Bauernsohn der Kopf mitunter +schwindelte von all der Herrlichkeit, wenn er seinen Zug von Afrika ins +Kettenland den Siegesfahrten des Dionysos von Erdteil zu Erdteil verglich und +sich für seinen Gebrauch einen Becher - keinen von den kleinsten - nach dem +Muster des Bakchischen fertigen ließ. Es war ebensoviel Hoffnung wie +Dankbarkeit in dieser taumelnden Begeisterung des Volkes, die wohl einen Mann +von kälterem Blut und gereifterer politischer Erfahrung zu irren vermocht +hätte. Marius’ Werk schien seinen Bewunderern keineswegs vollendet. +Schwerer als die Barbaren lastete auf dem Lande die elende Regierung; ihm, dem +ersten Manne Roms, dem Liebling des Volkes, dem Haupt der Opposition kam es zu, +Rom zum zweitenmal zu retten. Zwar war ihm, dem Bauer und Soldaten, das +hauptstädtische politische Treiben fremd und unbequem; er sprach so schlecht, +wie er gut kommandierte, und bewies den Lanzen und Schwertern der Feinde +gegenüber eine weit festere Haltung als gegen die klatschende oder zischende +Menge; aber auf seine Neigung kam wenig an. Hoffnungen binden. Seine +militärische und politische Stellung war von der Art, daß, wenn er mit seiner +ruhmvollen Vergangenheit nicht brechen, die Erwartungen seiner Partei, ja der +Nation nicht täuschen, seiner eigenen Gewissenspflicht nicht untreu werden +wollte, er der Mißverwaltung der öffentlichen Angelegenheiten steuern und dem +Restaurationsregiment ein Ende machen mußte, und wenn er nur die inneren +Eigenschaften eines Volkshauptes besaß, so konnte er dessen, was zum +Volksführer ihm abging, allerdings entraten. +</p> + +<p> +Eine furchtbare Waffe hielt er in der Hand in der neu organisierten Armee. Bis +auf seine Zeit hatte man von dem Grundgedanken der Servianischen Verfassung, +die Aushebung lediglich auf die vermögenden Bürger zu beschränken und die +Unterschiede der Waffengattungen allein nach den Vermögensklassen zu ordnen, +wohl schon manches nachlassen müssen: es war das zum Eintritt in das Bürgerheer +verpflichtende Minimalvermögen von 11000 Assen (300 Talern) herabgesetzt worden +auf 4000 (115 Taler; 2, 345); es waren die älteren sechs in den Waffengattungen +unterschiedenen Vermögensklassen beschränkt worden auf drei, indem man zwar wie +nach der Servianischen Ordnung die Reiter aus den vermögendsten, die +Leichtbewaffneten aus den ärmsten Dienstpflichtigen auslas, aber den +Mittelstand, die eigentliche Linieninfanterie unter sich nicht mehr nach dem +Vermögen, sondern nach dem Dienstalter in die drei Treffen der Hastaten, +Principes und Triarier ordnet. Man hatte ferner schon längst die italischen +Bundesgenossen in sehr ausgedehntem Maße zum Kriegsdienst mitherangezogen, +indes auch hier, ganz wie bei der römischen Bürgerschaft, die Militärpflicht +vorzugsweise auf die besitzenden Klassen gelegt. Nichtsdestoweniger ruhte das +römische Militärwesen bis auf Marius im wesentlichen auf jener uralten +Bürgerwehrordnung. Allein für die veränderten Verhältnisse paßte dieselbe nicht +mehr. Die besseren Klassen der Gesellschaft zogen teils vom Heerdienst mehr und +mehr sich zurück, teils schwand der römische und italische Mittelstand +überhaupt zusammen; dagegen waren einesteils die beträchtlichen Streitmittel +der außeritalischen Bundesgenossen und Untertanen verfügbar geworden, +andererseits bot das italische Proletariat, richtig verwandt, ein militärisch +wenigstens sehr brauchbares Material. Die Bürgerreiterei, die aus der Klasse +der Wohlhabenden gebildet werden sollte, war im Felddienst schon vor Marius +tatsächlich eingegangen. Als wirklicher Heerkörper wird sie zuletzt genannt in +dem spanischen Feldzug von 614 (140), wo sie den Feldherrn durch ihren +höhnischen Hochmut und ihre Unbotmäßigkeit zur Verzweiflung bringt und zwischen +beiden ein von den Reitern wie vom Feldherrn mit gleicher Gewissenlosigkeit +geführter Krieg ausbricht. Im Jugurthinischen Krieg erscheint sie schon nur +noch als eine Art Nobelgarde für den Feldherrn und fremde Prinzen; von da an +verschwindet sie ganz. Ebenso erwies sich die Ergänzung der Legionen mit +gehörig qualifizierten Pflichtigen schon im gewöhnlichen Lauf der Dinge +schwierig, so daß Anstrengungen, wie sie nach der Schlacht von Arausio nötig +waren, unter Einhaltung der bestehenden Vorschriften über die Dienstpflicht +wohl in der Tat materiell unausführbar gewesen sein würden. Andererseits wurden +schon vor Marius, namentlich in der Kavallerie und der leichten Infanterie, die +außeritalischen Untertanen, die schweren Berittenen Thrakiens, die leichte +afrikanische Reiterei, das vortreffliche leichte Fußvolk der bebenden Ligurer, +die Schleuderer von den Balearen, in immer größerer Anzahl auch außerhalb ihrer +Provinzen bei den römischen Heeren mitverwendet; und zugleich drängten sich, +während an qualifizierten Bürgerrekruten Mangel war, die nichtqualifizierten +ärmeren Bürger ungerufen zum Eintritt in die Armee, wie denn bei der Masse des +arbeitslosen oder arbeitsscheuen Bürgergesindels und bei den ansehnlichen +Vorteilen, die der römische Kriegsdienst abwarf, die Freiwilligenwerbung nicht +schwierig sein konnte. Es war demnach nichts als eine notwendige Konsequenz der +politischen und sozialen Umwandlung des Staats, daß man im Militärwesen +überging von dem System des Bürgeraufgebots zu dem Zuzug- und Werbesystem, die +Reiterei und die leichten Truppen wesentlich aus den Kontingenten der +Untertanen bildete, wie denn für den kimbrischen Feldzug schon bis nach +Bithynien Zuzug angesagt ward, für die Linieninfanterie aber zwar die bisherige +Dienstpflichtordnung nicht aufhob, allein daneben jedem freigeborenen Bürger +den freiwilligen Eintritt in das Heer gestattete, was zuerst Marius 647 (107) +tat. +</p> + +<p> +Hierzu kam die Nivellierung innerhalb der Linieninfanterie, die gleichfalls auf +Marius zurückgeht. Die römische Weise aristokratischer Gliederung hatte bis +dahin auch innerhalb der Legion geherrscht. Die vier Treffen der Leichten, der +Hastaten, der Principes, der Triarier oder, wie man auch sagen kann, der +Vorhut, der ersten, zweiten und dritten Linie hatten bis dahin jedes seine +besondere Qualifikation nach Vermögens- oder Dienstalter und großenteils auch +verschiedene Bewaffnung, jedes seinen ein für allemal bestimmten Platz in der +Schlachtordnung, jedes seinen bestimmten militärischen Rang und sein eigenes +Feldzeichen gehabt. Alle diese Unterschiede fielen jetzt über den Haufen. Wer +überhaupt als Legionär zugelassen ward, bedurfte keiner weiteren Qualifikation, +um in jeder Abteilung zu dienen; über die Einordnung entschied einzig das +Ermessen der Offiziere. Alle Unterschiede der Bewaffnung fielen weg und somit +wurden auch alle Rekruten gleichmäßig geschult. Ohne Zweifel in Verbindung +damit stehen die vielfachen Verbesserungen, die in der Bewaffnung, dem Tragen +des Gepäcks und ähnlichen Dingen von Marius herrühren und ein rühmliches +Zeugnis ablegen von der Einsicht desselben in das praktische Detail des +Kriegshandwerks und seiner Fürsorge für die Soldaten; vor allem aber das neue, +von dem Kameraden des Marius im Afrikanischen Krieg, Publius Rutilius Rufus +(Konsul 649 105), entworfene Exerzierreglement; es ist bezeichnend, daß +dasselbe die militärische Ausbildung des einzelnen Mannes beträchtlich +steigerte und wesentlich sich anlehnte an die in den damaligen Fechterschulen +übliche Ausbildung der künftigen Gladiatoren. Die Gliederung der Legion ward +eine gänzlich andere. An die Stelle der 30 Fähnlein (manipuli) schwerer +Infanterie, die - jedes zu zwei Zügen (centuriae) von je 60 Mann in den beiden +ersten und je 30 Mann im dritten Treffen - bisher die taktische Einheit +gebildet hatten, traten 10 Haufen (cohortes), jeder mit eigenem Feldzeichen und +jeder zu sechs, oft auch nur zu fünf Zügen von je 100 Mann; so daß, obgleich +gleichzeitig durch Einziehung der leichten Infanterie der Legion 1200 Mann +erspart wurden, dennoch die Gesamtzahl der Legion von 4200 auf 5000 bis 6000 +Mann stieg. Die Sitte, in drei Treffen zu fechten, blieb bestehen, allein wenn +bisher jedes Treffen einen eigenen Truppenkörper gebildet hatte, so war es in +Zukunft dem Feldherrn überlassen, die Kohorten, über die er disponierte, in die +drei Linien nach Ermessen zu verteilen. Den militärischen Rang bestimmte einzig +die Ordnungsnummer der Soldaten und der Abteilungen. Die vier Feldzeichen der +einzelnen Legionsteile, der Wolf, der mannköpfige Stier, das Roß, der Eber, die +bisher wahrscheinlich der Reiterei und den drei Treffen der schweren Infanterie +waren vorgetragen worden, verschwanden; dafür traten die Fähnlein der neuen +Kohorten ein und das neue Zeichen, das Marius der gesamten Legion verlieh, der +silberne Adler. Wenn also innerhalb der Legion jede Spur der bisherigen +bürgerlichen und aristokratischen Gliederung verschwand und unter den +Legionären fortan nur noch rein soldatische Unterschiede vorkamen, so hatte +sich dagegen schon einige Jahrzehnte früher aus zufälligen Anlässen eine +bevorzugte Heeresabteilung neben den Legionen entwickelt: die Leibwache des +Feldherrn. Bis dahin hatten ausgesuchte Mannschaften aus den bundesgenössischen +Kontingenten die persönliche Bedeckung des Feldherrn gebildet; römische +Legionäre oder gar freiwillig sich erbietende Mannschaften zum persönlichen +Dienst bei dem selben zu verwenden, widerstritt der strengen Gebundenheit des +gewaltigen Gemeinwesens. Aber als der Numantinische Krieg ein beispiellos +demoralisiertes Heer großgezogen hatte und Scipio Aemilianus, der berufen ward, +dem wüsten Unwesen zu steuern, es nicht bei der Regierung hatte durchsetzen +können, völlig neue Truppen unter die Waffen zu rufen, ward es ihm wenigstens +gewährt, außer einer Anzahl von Mannschaften, die ihm die abhängigen Könige und +Freistädte des Auslandes zur Verfügung stellten, aus freiwilligen römischen +Bürgern eine persönliche Bedeckungsmannschaft von 500 Mann zu bilden. Diese +Kohorte, teils aus den besseren Ständen, teils aus der niederen persönlichen +Klientel des Feldherrn hervorgegangen und daher bald die der Freunde, bald die +des Hauptquartiers (praetoriani) genannt, hatte den Dienst in diesem +(praetorium), wofür sie vom Lager- und Schanzdienst frei war, und genoß höheren +Sold und größeres Ansehen. +</p> + +<p> +Diese vollständige Revolution der römischen Heerverfassung scheint allerdings +wesentlich aus rein militärischen Motiven hervorgegangen und überhaupt weniger +das Werk eines einzelnen, am wenigsten eines berechnenden Ehrgeizigen, als die +vom Drang der Umstände gebotene Umgestaltung unhaltbar gewordener Einrichtungen +gewesen zu sein. Es ist wahrscheinlich, daß die Einführung des inländischen +Werbesystems durch Marius ebenso den Staat militärisch vom Untergang gerettet +hat, wie manches Jahrhundert später Arbogast und Stilicho durch Einführung des +ausländischen ihm noch auf eine Weile die Existenz fristeten. +Nichtsdestoweniger lag in ihr, wenn auch noch unentwickelt, zugleich eine +vollständige politische Revolution. Die republikanische Verfassung ruhte +zumeist darauf, daß der Bürger zugleich Soldat, der Soldat vor allem Bürger +war; es war mit ihr zu Ende, sowie ein Soldatenstand sich bildete. Hierzu mußte +schon das neue Exerzierreglement führen mit seiner dem Kunstfechter abgeborgten +Routine; der Kriegsdienst ward allmählich Kriegshandwerk. Weit rascher noch +wirkte die wenn auch beschränkte Zuziehung des Proletariats zum Militärdienst, +besonders in Verbindung mit den uralten Satzungen, die dem Feldherrn ein nur +mit sehr soliden republikanischen Institutionen verträgliches arbiträres +Belohnungsrecht seiner Soldaten einräumten und dem tüchtigen und glücklichen +Soldaten eine Art Anrecht gaben, vom Feldherrn einen Teil der beweglichen +Beute, vom Staat ein Stück des gewonnenen Ackers zu heischen. Wenn der +ausgehobene Bürger und Bauer in dem Kriegsdienst nichts sah als eine für das +gemeine Beste zu übernehmende Last und im Kriegsgewinn nichts als einen +geringen Entgelt für den ihm aus dem Dienst erwachsenden weit ansehnlicheren +Verlust, so war dagegen der geworbene Proletarier nicht bloß für den Augenblick +allein angewiesen auf seinen Sold, sondern auch für die Zukunft mußte er, den +nach der Entlassung kein Invaliden-, ja nicht einmal ein Armenhaus aufnahm, +wünschen, zunächst bei der Fahne zu bleiben und diese nicht anders zu verlassen +als mit Begründung seiner bürgerlichen Existenz. Seine einzige Heimat war das +Lager, seine einzige Wissenschaft der Krieg, seine einzige Hoffnung der +Feldherr - was hierin lag, leuchtet ein. Als Marius nach dem Treffen auf dem +Raudischen Feld zwei Kohorten italischer Bundesgenossen ihrer tapferen Haltung +wegen in Masse das Bürgerrecht auf dem Schlachtfeld selbst verfassungswidrig +verlieh, rechtfertigte er später sich damit, daß er im Lärm der Schlacht die +Stimme der Gesetze nicht habe unterscheiden können. Wenn einmal in wichtigeren +Fragen das Interesse des Heers und des Feldherrn in verfassungswidrigem +Begehren sich begegneten, wer mochte dafür stehen, daß alsdann nicht noch +andere Gesetze über dem Schwertergeklirr nicht würden vernommen werden? Man +hatte das stehende Heer, den Soldatenstand, die Garde; wie in der bürgerlichen +Verfassung, so standen auch in der militärischen bereits alle Pfeiler der +künftigen Monarchie: es fehlte einzig an dem Monarchen. Wie die zwölf Adler um +den Palatinischen Hügel kreisten, da riefen sie dem Königtum; der neue Adler, +den Gaius Marius den Legionen verlieh, verkündete das Reich der Kaiser. +</p> + +<p> +Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß Marius einging auf die glänzenden +Aussichten, die seine militärische und politische Stellung ihm eröffnete. Es +war eine trübe, schwere Zeit. Man hatte Frieden, aber man ward des Friedens +nicht froh; es war nicht mehr wie einst nach dem ersten gewaltigen Anprall der +Nordländer auf Rom, wo nach überstandener Krise im frischen Gefühl der Genesung +alle Kräfte sich neu geregt, wo sie in üppiger Entfaltung das Verlorene rasch +und reichlich ersetzt hatten. Alle Welt fühlte, daß, mochten auch tüchtige +Feldherren noch aber und abermals das unmittelbare Verderben abwehren, das +Gemeinwesen darum nur um so sicherer zu Grunde gehe unter dem Regiment der +restaurierten Oligarchie; aber alle Welt fühlte auch, daß die Zeit nicht mehr +war, wo in solchen Fällen die Bürgerschaft sich selber half, und daß nichts +besser ward, solange des Gaius Gracchus Platz leer blieb. Wie tief die Menge +die nach dem Verschwinden jener beiden hohen Jünglinge, welche der Revolution +das Tor geöffnet hatten, zurückgebliebene Lücke empfand, freilich auch wie +kindisch sie nach jedem Schatten des Ersatzes griff, beweist der falsche Sohn +des Tiberius Gracchus, welcher, obwohl die eigene Schwester der beiden Gracchen +ihn auf offenem Markte des Betruges zieh, dennoch einzig seines usurpierten +Namens wegen vom Volke für 655 (99) zum Tribun gewählt ward. In demselben Sinne +jubelte die Menge dem Gaius Marius entgegen; wie sollte sie nicht? Wenn +irgendeiner, schien er der rechte Mann; war er doch der erste Feldherr und der +populärste Name seiner Zeit, anerkannt brav und rechtschaffen und selbst durch +seine von dem Parteitreiben entfernte Stellung zum Regenerator des Staats, +empfohlen - wie hätte nicht das Volk, wie hätte er selbst nicht sich dafür +halten sollen! Die öffentliche Meinung war so entschieden wie möglich +oppositionell; es ist bezeichnend dafür, daß die Besetzung der in den höchsten +geistlichen Kollegien erledigten Stellen durch die Bürgerschaft anstatt durch +die Kollegien selbst, die die Regierung noch im Jahre 609 (145) durch Anregung +der religiösen Bedenken in den Komitien zu Fall gebracht hatte, im Jahre 650 +(104) auf den Antrag des Gnaeus Domitius durchging, ohne daß der Senat es hätte +wagen können, sich auch nur ernstlich zu widersetzen. Durchaus schien es nur an +einem Haupte zu fehlen, das der Opposition einen festen Mittelpunkt und ein +praktisches Ziel gab; und dies war jetzt in Marius gefunden. +</p> + +<p> +Zur Durchführung seiner Aufgabe bot sich ihm ein doppelter Weg: Marius konnte +die Oligarchie zu stürzen versuchen als Imperator an der Spitze der Armee oder +auf dem für konstitutionelle Änderungen verfassungsmäßig bezeichneten Weg; +dorthin wies seine eigene Vergangenheit, hierin der Vorgang des Gracchus. Es +ist sehr begreiflich, daß er den ersteren Weg nicht betrat, vielleicht nicht +einmal die Möglichkeit dachte, ihn zu betreten. Der Senat war oder schien so +macht- und ratlos, so verhaßt und verachtet, daß Marius gegen ihn kaum einer +anderen Stütze als seiner ungeheuren Popularität zu bedürfen, nötigenfalls aber +trotz der Auflösung des Heeres sie in den entlassenen und ihrer Belohnungen +harrenden Soldaten zu finden meinte. Es ist wahrscheinlich, daß Marius, im +Hinblick auf Gracchus’ leichten und scheinbar fast vollständigen Sieg und +auf seine eigenen, denen des Gracchus weit überlegenen Hilfsmittel, den Umsturz +einer vierhundertjährigen, mit dem nach komplizierter Hierarchie geordneten +Staatskörper und der mannigfaltigsten Gewohnheiten und Interessen innig +verwachsenen Verfassung für weit leichter hielt, als er war. Aber selbst wer +tiefer in die Schwierigkeiten des Unternehmens hineinsah, als es Marius +wahrscheinlich tat, mochte erwägen, daß das Heer, obwohl im Übergang begriffen +von der Bürgerwehr zur Söldnerschar, doch während dieses Übergangszustandes +noch keineswegs zum blinden Werkzeug eines Staatsstreiches sich schickte und +daß ein Versuch, die widerstrebenden Elemente durch militärische Mittel zu +beseitigen, die Widerstandsfähigkeit der Gegner wahrscheinlich gesteigert haben +würde. Die organisierte Waffengewalt in den Kampf zu verwickeln, mußte auf den +ersten Blick überflüssig, auf den zweiten bedenklich erscheinen: man war eben +am Anfang der Krise und die Gegensätze von ihrem letzten, kürzesten und +einfachsten Ausdruck noch weit entfernt. +</p> + +<p> +Marius entließ also der bestehenden Ordnung gemäß nach dem Triumph sein Heer +und schlug den von Gaius Gracchus vorgezeichneten Weg ein, vermittels der +Übernahme der verfassungsmäßigen Staatsämter die Oberhauptschaft im Staate an +sich zu bringen. Er fand sich damit angewiesen auf die sogenannte Volkspartei +und in deren damaligen Führern um so mehr seine Bundesgenossen, als der +siegreiche General die zur Gassenherrschaft erforderlichen Gaben und +Erfahrungen durchaus nicht besaß. So gelangte die demokratische Partei nach +langer Nichtigkeit plötzlich wieder zu politischer Bedeutung. Sie hatte in dem +langen Interim von Gaius Gracchus bis auf Marius sich wesentlich +verschlechtert. Wohl war das Mißvergnügen über das senatorische Regiment jetzt +nicht geringer als damals; aber manche der Hoffnungen, die den Gracchen ihre +treuesten Anhänger zugeführt hatten, war inzwischen als Illusion erkannt worden +und die Ahnung inzwischen manchem aufgegangen, daß diese Gracchische Agitation +auf ein Ziel hinausliefe, wohin ein sehr großer Teil der Mißvergnügten +keineswegs zu folgen willig war; wie denn überhaupt in dem zwanzigjährigen +Hetzen und Treiben gar viel verschliffen und vergriffen war von der frischen +Begeisterung, dem felsenfesten Glauben, der sittlichen Reinheit des Strebens, +die die Anfangsstadien der Revolutionen bezeichnen. Aber wenn die demokratische +Partei nicht mehr war, was sie unter Gaius Gracchus gewesen, so standen die +Führer der Zwischenzeit jetzt ebenso tief unter ihrer Partei, als Gaius +Gracchus hoch über derselben gestanden hatte. Es lag dies in der Natur der +Sache. Bis wieder ein Mann auftraf, der es wagte, wie Gaius Gracchus nach der +Staatsoberhauptschaft zu greifen, konnten die Führer nur Lückenbüßer sein: +entweder politische Anfänger, die ihre jugendliche Oppositionslust austobten +und sodann, als sprudelnde Feuerköpfe und beliebte Sprecher legitimiert, mit +mehr oder minder Geschicklichkeit ihren Rückzug in das Lager der +Regierungspartei bewerkstelligten; oder auch Leute, die an Vermögen und Einfluß +nichts zu verlieren, an Ehre gewöhnlich nicht einmal etwas zu gewinnen hatten, +und die aus persönlicher Erbitterung oder auch aus bloßer Lust am Lärmschlagen +sich ein Geschäft daraus machten, die Regierung zu hindern und zu ärgern. Der +ersten Gattung gehörten zum Beispiel an Gaius Memmius und der bekannte Redner +Lucius Crassus, die ihre in den Reihen der Opposition gewonnenen oratorischen +Lorbeern demnächst als eifrige Regierungsmänner verwerteten. Die namhaftesten +Führer der Popularpartei aber um diese Zeit waren Männer der zweiten Gattung: +sowohl Gaius Servilius Glaucia, von Cicero der römische Hyperbolos genannt, ein +gemeiner Gesell niedrigster Herkunft und unverschämtester Straßenberedsamkeit, +aber wirksam und selbst gefürchtet wegen seiner drastischen Witze, als auch +sein besserer und fähigerer Genosse Lucius Appuleius Saturninus, der selbst +nach den Berichten seiner Feinde ein feuriger und eindringlicher Sprecher war +und wenigstens nicht von gemein eigennützigen Motiven geleitet ward. Ihm war +als Quästor die in üblicher Weise ihm zugefallene Getreideverwaltung durch +Beschluß des Senats entzogen worden, weniger wohl wegen fehlerhafter +Amtsführung als um das eben damals populäre Amt lieber einem der Häupter der +Regierungspartei, dem Marcus Scaurus, als einem unbekannten, keiner der +herrschenden Familien angehörigen jungen Manne zuzuwenden. Diese Kränkung hatte +den aufstrebenden und lebhaften Mann in die Opposition gedrängt; und er vergalt +als Volkstribun 651 (103) das Empfangene mit Zinsen. Ein ärgerlicher Handel +hatte damals den anderen gedrängt. Er hatte die von den Gesandten des Königs +Mithradates in Rom bewirkten Bestechungen auf offenem Markt zur Sprache +gebracht - diese den Senat aufs höchste kompromittierenden Enthüllungen hätten +fast dem kühnen Tribun das Leben gekostet. Er hatte gegen den Besieger +Numidiens Quintus Metellus, als derselbe sich für 652 (102) um die Zensur +bewarb, einen Auflauf erregt und denselben auf dem Kapitol belagert gehalten, +bis die Ritter ihn nicht ohne Blutvergießen befreiten; des Zensors Metellus +Vergeltung, die schimpfliche Ausstoßung des Saturninus wie des Glaucia aus dem +Senat bei Gelegenheit der Revision des Senatorenverzeichnisses, war nur +gescheitert an der Schlaffheit des dem Metellus zugegebenen Kollegen. Er +hauptsächlich hatte jenes Ausnahmegericht gegen Caepio und dessen Genossen +trotz des heftigsten Widerstrebens der Regierungspartei, er gegen dieselben die +lebhaft bestrittene Wiederwahl des Marius zum Konsul für 652 (102) +durchgesetzt. Saturninus war entschieden der energischste Feind des Senats und +der tätigste und beredteste Führer der Volkspartei seit Gaius Gracchus, +freilich auch gewalttätig und rücksichtslos wie keiner vor ihm, immer bereit, +in die Straße hinabzusteigen und statt mit Worten den Gegner mit Knütteln zu +widerlegen. +</p> + +<p> +Solcher Art waren die beiden Führer der sogenannten Popularpartei, die mit dem +siegreichen Feldherrn jetzt gemeinschaftliche Sache machten. Es war natürlich; +die Interessen und die Zwecke gingen zusammen, und auch schon bei Marius’ +früheren Bewerbungen hatte wenigstens Saturninus aufs entschiedenste und +erfolgreichste für ihn Partei genommen. Sie wurden sich dahin einig, daß für +654 (100) Marius um das sechste Konsulat, Saturninus um das zweite Tribunat, +Glaucia um die Prätur sich bewerben sollten, um im Besitz dieser Ämter die +beabsichtigte Staatsumwälzung durchzuführen. Der Senat ließ die Ernennung des +minder gefährlichen Glaucia geschehen, aber tat, was er konnte, um +Marius’ und Saturninus’ Wahl zu hindern oder doch wenigstens jenem +in Quintus Metellus einen entschlossenen Gegner als Kollegen im Konsulat an die +Seite zu setzen. Von beiden Parteien wurden alle Hebel, erlaubte und +unerlaubte, in Bewegung gesetzt; allein es gelang dem Senat nicht, die +gefährliche Verschwörung im Keim zu ersticken. Marius selbst verschmähte es +nicht, Stimmenbettel, es heißt sogar auch Stimmenkauf zu betreiben; ja als in +den tribunizischen Wahlen neun Männer von der Liste der Regierungspartei +proklamiert waren und auch die zehnte Stelle bereits einem achtbaren Mann +derselben Farbe, Quintus Nunnius, gesichert schien, ward dieser von einem +wüsten Haufen, der vorzugsweise aus entlassenen Soldaten des Marius bestanden +haben soll, angefallen und erschlagen. So gelangten die Verschworenen, freilich +auf die gewaltsamste Weise, zum Ziel. Marius wurde gewählt als Konsul, Glaucia +als Prätor, Saturninus als Volkstribun für 654 (109): nicht Quintus Metellus, +sondern ein unbedeutender Mann, Lucius Valerius Flaccus, erhielt die zweite +Konsulstelle; die verbündeten Männer konnten daran gehen, ihre weiter +beabsichtigten Pläne ins Werk zu setzen und das 633 (121) unterbrochene Werk zu +vollenden. +</p> + +<p> +Erinnern wir uns, welche Ziele Gaius Gracchus und mit welchen Mitteln er sie +verfolgt hatte. Es galt, die Oligarchie nach innen wie nach außen zu brechen, +also teils die vom Senat völlig abhängig gewordene Beamtengewalt in ihre +ursprünglichen souveränen Rechte wiedereinzusetzen und die Ratsversammlung aus +der regierenden wieder in eine beratende Behörde umzuwandeln, teils der +aristokratischen Gliederung des Staats in die drei Klassen der herrschenden +Bürger-, der italischen Bundesgenossen- und der Untertanenschaft durch +allmähliche Ausgleichung dieser mit einem nichtoligarchischen Regiment +unverträglichen Gegensätze ein Ende zu machen. Diese Gedanken nahmen die drei +verbündeten Männer wieder auf in den Kolonialgesetzen, die Saturninus als +Volkstribun teils schon früher (651 103) eingebracht hatte, teils jetzt (654 +100) einbrachte ^1. Schon in jenem Jahre war zunächst zu Gunsten der +Marianischen Soldaten, der Bürger nicht bloß, sondern, wie es scheint, auch der +italischen Bundesgenossen, die unterbrochene Verteilung des karthagischen +Gebiets wieder aufgenommen und jedem dieser Veteranen ein Landlos von 100 +Morgen oder etwa dem fünffachen Maß eines gewöhnlichen italischen Bauernhofs in +der Provinz Africa zugesichert worden. Jetzt ward für die römisch-italische +Emigration nicht bloß das bereits zur Verfügung stehende Provinzialland in +weitester Ausdehnung in Anspruch genommen, sondern auch mittels der rechtlichen +Fiktion, daß den Römern durch die Besiegung der Kimbrer das gesamte von diesen +besetzte Gebiet von Rechts wegen erworben sei, alles Land der noch unabhängigen +Keltenstämme jenseits der Alpen. Zur Leitung der Landanweisungen wie der zu +diesem Behuf etwa nötig erscheinenden weiteren Maßregeln ward Gaius Marius +berufen; die unterschlagenen, aber von den schuldigen Aristokraten erstatteten +oder noch zu erstattenden Tempelschätze von Tolosa wurden zur Ausstattung der +neuen Landempfänger bestimmt. Dieses Gesetz nahm also nicht bloß die +Eroberungspläne jenseits der Alpen und die transalpinischen und überseeischen +Kolonisationsentwürfe, wie Gaius Gracchus und Flaccus sie entworfen hatten, im +ausgedehntesten Umfang wieder auf, sondern indem es die Italiker neben den +Römern zur Emigration zuließ und doch ohne Zweifel die sämtlichen neuen +Gemeinden als Bürgerkolonien einzurichten vorschrieb, machte es einen Anfang, +die so schwer durchzubringenden und doch unmöglich auf die Länge abzuweisenden +Ansprüche der Italiker auf Gleichstellung mit den Römern zu befriedigen. +Zunächst aber wurde, wenn das Gesetz durchging und Marius zur selbständigen +Ausführung dieser ungeheuren Eroberungs- und Aufteilungspläne berufen ward, +tatsächlich derselbe bis zur Realisierung jener Pläne oder vielmehr, bei der +Unbestimmtheit und Schrankenlosigkeit derselben, auf zeit seines Lebens Monarch +von Rom; wozu denn vermutlich, wie Gracchus das Tribunat, so Marius das +Konsulat alljährlich sich erneuern zu lassen gedachte. überhaupt ist bei der +sonstigen Übereinstimmung der für den jüngeren Gracchus und für Marius +entworfenen politischen Stellungen in allen wesentlichen Stücken oder zwischen +dem landanweisenden Tribun und dem landanweisenden Konsul darin ein sehr +wesentlicher Unterschied, daß jener eine rein bürgerliche, dieser daneben eine +militärische Stellung einnehmen sollte: ein Unterschied, der zwar mit, aber +doch keineswegs allein aus den persönlichen Verhältnissen hervorging, unter +denen die beiden Männer an die Spitze des Staates getreten waren. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Es ist nicht möglich, genau zu unterscheiden, was dem ersten und was dem +zweiten Tribunat des Saturninus angehört; um so weniger, als derselbe in beiden +offenbar dieselben Gracchischen Tendenzen verfolgte. Das afrikanische +Ackergesetz setzt die Schrift ‘De viris illustribus’ (73, 1) mit +Bestimmtheit in 651 (103): und es pafft dies auch zu der erst kurz vorher +erfolgten Beendigung des Jugurthinischen Krieges. Das zweite Ackergesetz gehört +unzweifelhaft in das Jahr 654 (100). Das Majestäts- und das Getreidegesetz sind +nur vermutungsweise jenes in 651 (103), dieses in 654 (100) gesetzt worden. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Wenn also das Ziel beschaffen war, das Marius und seine Genossen sich +vorgesteckt hatten, so fragte es sich weiter um die Mittel, durch welche man +den voraussichtlich hartnäckigen Widerstand der Regierungspartei zu brechen +gedachte. Gaius Gracchus hatte seine Schlachten geschlagen mit dem +Kapitalistenstand und dem Proletariat. Seine Nachfolger versäumten zwar nicht, +auch diesen entgegenzukommen. Den Rittern ließ man nicht bloß die Gerichte, +sondern ihre Geschworenengewalt wurde ansehnlich gesteigert teils durch eine +verschärfte Ordnung für die den Kaufleuten vor allem wichtige stehende +Kommission wegen Erpressungen seitens der Staatsbeamten in den Provinzen, +welche Glaucia, wahrscheinlich in diesem Jahr, durchbrachte, teils durch das +wohl schon 651 (103) auf Saturninus’ Antrag niedergesetzte Spezialgericht +über die während der kimbrischen Bewegung in Gallien vorgekommenen +Unterschlagungen und sonstigen Amtsvergehen. Zum Frommen des hauptstädtischen +Proletariats ferner ward der bisher bei den Getreideverteilungen für den +römischen Scheffel zu entrichtende Schleuderpreis von 6 1/3 As herabgesetzt auf +eine bloße Rekognitionsgebühr von 5/6 As. Indes obwohl man das Bündnis mit den +Rittern und dem hauptstädtischen Proletariat nicht verschmähte, so ruhte doch +die eigentlich zwingende Macht der Verbündeten wesentlich nicht darauf, sondern +auf den entlassenen Soldaten der Marianischen Armee, welche ebendeshalb in den +Kolonialgesetzen selbst in so ausschweifender Weise bedacht worden waren. Auch +hierin tritt der vorwiegend militärische Charakter hervor, der hauptsächlich +diesen Revolutionsversuch von dem voraufgehenden unterscheidet. +</p> + +<p> +Man ging also ans Werk. Das Getreide- und das Kolonialgesetz stießen bei der +Regierung, wie begreiflich, auf die lebhafteste Gegenwehr. Man bewies im Senat +mit schlagenden Zahlen, daß jenes die öffentlichen Kassen bankrott machen +müsse; Saturninus kümmerte sich nicht darum. Man erwirkte gegen beide Gesetze +tribunizische Interzession; Saturninus ließ weiterstimmen. Man zeigte den die +Abstimmung leitenden Beamten an, daß ein Donnerschlag vernommen worden sei, +durch welches Zeichen nach altem Glauben die Götter befahlen, die +Volksversammlung zu entlassen; Saturninus bemerkte den Abgesandten, der Senat +werde wohl tun, sich ruhig zu verhalten, sonst könne gar leicht nach dem Donner +der Hagel folgen. Endlich trieb der städtische Quästor Quintus Caepio, +vermutlich der Sohn des drei Jahre zuvor verurteilten Feldherrn 2 und gleich +seinem Vater ein heftiger Gegner der Popularpartei, mit einem Haufen ergebener +Leute die Stimmversammlung mit Gewalt auseinander. Allein die derben Soldaten +des Marius, die massenweise zu dieser Abstimmung nach Rom geströmt waren, +sprengten, rasch zusammengerafft, wieder die städtischen Haufen, und so gelang +es, auf dem wiedereroberten Stimmfeld die Abstimmung über die Appuleischen +Gesetze zu Ende zu führen. Der Skandal war arg; als es indes zur Frage kam, ob +der Senat der Klausel des Gesetzes genügen werde, daß binnen fünf Tagen nach +dessen Durchbringung jeder vom Rat bei Verlust seiner Ratsherrnstelle auf +getreuliche Befolgung des Gesetzes einen Eid abzulegen habe, leisteten diesen +Eid die sämtlichen Senatoren mit einziger Ausnahme des Quintus Metellus, der es +vorzog, die Heimat zu verlassen. Nicht ungern sahen Marius und Saturninus den +besten Feldherrn und den tüchtigsten Mann unter der Gegenpartei durch +Selbstverbannung aus dem Staate scheiden. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +2 Dahin führen alle Spuren. Der ältere Quintus Caepio war 648 (106) Konsul, der +jüngere 651 (103) oder 654 (100) Quästor, also jener um oder vor 605 (149), +dieser um 624 (130) oder 627 (117) geboren; daß jener starb, ohne Söhne zu +hinterlassen (Strab. 4, 188), widerspricht nicht, denn der jüngere Caepio fiel +664 (90) und der ältere, der im Exil zu Smyrna sein Leben beschloß, kann gar +wohl ihn überlebt haben. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +Man schien am Ziel; dem schärfer Sehenden mußte schon jetzt das Unternehmen als +gescheitert erscheinen. Die Ursache des Fehlschlagens lag wesentlich in der +ungeschickten Allianz eines politisch unfähigen Feldherrn und eines fähigen, +aber rücksichtslos heftigen, und mehr von Leidenschaft als von staatsmännischen +Zwecken erfüllten Demagogen von der Gasse. Man hatte sich vortrefflich +vertragen, solange es sich nur noch um Pläne handelte; als es dann aber zur +Ausführung kam, zeigte es sich sehr bald, daß der gefeierte Feldherr in der +Politik nichts war als eine Inkapazität; daß sein Ehrgeiz der des Bauern war, +der den Adligen an Titeln erreichen und womöglich überbieten möchte, nicht aber +der des Staatsmannes, der regieren will, weil er dazu in sich die Kraft fühlt; +daß jedes Unternehmen, welches auf seine politische Persönlichkeit gebaut war, +auch unter den sonst günstigsten Verhältnissen notwendig an ihm selber +scheitern mußte. +</p> + +<p> +Er wußte weder seine Gegner zu gewinnen noch seine Partei zu bändigen. Die +Opposition gegen ihn und seine Genossen war an sich schon ansehnlich genug; +denn nicht bloß die Regierungspartei in Masse gehörte dazu, sondern auch der +große Teil der Bürgerschaft, der mit eifersüchtigen Blicken den Italikern +gegenüber über seinen Sonderrechten Wache hielt; durch den Gang aber, den die +Dinge nahmen, wurde noch die gesamte begüterte Klasse zu der Regierung +hinübergedrängt. Saturninus und Glaucia waren von Haus aus Herren und Diener +des Proletariats und darum keineswegs auf gutem Fuße mit der Geldaristokratie, +die zwar nichts dagegen hatte, mittels des Pöbels dem Senat einmal Schach zu +bieten, aber Straßenaufläufe und arge Gewalttätigkeiten nicht liebte. Schon in +Saturninus’ erstem Tribunat hatten dessen bewaffnete Rotten mit den +Rittern sich herumgeschlagen; die heftige Opposition, auf die seine Wahl zum +Tribun für 654 (100) stieß, zeigt deutlich, wie klein die ihm günstige Partei +war. Es wäre Marius’ Aufgabe gewesen, der bedenklichen Hilfe dieser +Genossen sich nur mit Maßen zu bedienen und männiglich zu überzeugen, daß sie +nicht bestimmt seien zu herrschen, sondern ihm, dem Herrscher, zu dienen. Da er +das gerade Gegenteil davon tat und die Sache ganz das Ansehen gewann, als +handle es sich nicht darum, einen intelligenten und kräftigen Herrn, sondern +die reine Kanaille ans Regiment zu bringen, so schlossen dieser gemeinsamen +Gefahr gegenüber die Männer der materiellen Interessen, zum Tode erschrocken +über das wüste Wesen, sich wieder eng an den Senat an. Während Gaius Gracchus, +wohl erkennend, daß mit dem Proletariat allein keine Regierung gestürzt werden +kann, vor allen Dingen bemüht gewesen war, die besitzenden Klassen auf seine +Seite zu ziehen, fingen diese seine Fortsetzer damit an, die Aristokratie mit +der Bourgeoisie zu versöhnen. +</p> + +<p> +Aber noch rascher als die Versöhnung der Feinde führte den Ruin des +Unternehmens die Uneinigkeit herbei, welche unter dessen Urhebern Marius’ +mehr als zweideutiges Auftreten notwendigerweise hervorrief. Während die +entscheidenden Anträge von seinen Genossen gestellt, von seinen Soldaten +durchgefochten wurden, verhielt Marius sich vollständig leidend, gleich als ob +der politische Führer nicht ebenso wie der militärische, wenn es zum +Hauptangriff geht, überall und vor allen einstehen müßte mit seiner Person. +Aber es war damit nicht genug; vor den Geistern, die er selber gerufen, +erschrak er und nahm Reißaus. Als seine Genossen zu Mitteln griffen, die ein +ehrlicher Mann nicht billigen konnte, ohne die aber freilich das angestrebte +Ziel sich nicht erreichen ließ, versuchte er in der üblichen Weise +politisch-moralischer Konfusionäre sich von der Teilnahme an jenen Verbrechen +reinzuwaschen und zugleich das Ergebnis derselben sich zunutze zu machen. Es +gibt ein Geschichtchen, daß der General einst in zwei verschiedenen Zimmern +seines Hauses in dem einen mit dem Saturninus und den Seinen, in dem anderen +mit den Abgeordneten der Oligarchie geheime Unterhandlungen gepflogen habe, +dort über das Losschlagen gegen dem Senat, hier über das Einschreiten gegen die +Revolte, und daß er unter einem Vorwand, wie er der Peinlichkeit der Situation +entsprach, zwischen beiden Konferenzen ab und zu gegangen sei - ein +Geschichtchen, so sicherlich erfunden und so sicher treffend wie nur irgendein +Einfall des Aristophanes. Offenkundig ward die zweideutige Stellung des Marius +bei der Eidesfrage, wobei er anfangs Miene machte, den durch die Appuleischen +Gesetze geforderten Eid der bei ihrer Durchbringung vorgekommenen Formfehler +halber selbst zu verweigern und dann denselben unter den Vorbehalt schwor, +wofern die Gesetze wirklich rechtsbeständig seien; ein Vorbehalt, der den Eid +selber aufhob, und den natürlich sämtliche Senatoren in ihren Schwur +gleichfalls aufnahmen, so daß durch diese Weise der Beeidigung die Gültigkeit +der Gesetze nicht gesichert, sondern vielmehr erst recht in Frage gestellt +ward. +</p> + +<p> +Die Folgen dieses unvergleichlich kopflosen Auftretens des gefeierten Feldherrn +entwickelten sich rasch. Saturninus und Glaucia hatten nicht deswegen die +Revolution unternommen und dem Marius die Staatsoberhauptschaft verschafft, um +sich von ihm verleugnen und aufopfern zu lassen; wenn Glaucia, der spaßhafte +Volksmann, bisher den Marius mit den lustigsten Blumen seiner lustigen +Beredsamkeit überschüttet hatte, so dufteten die Kränze, welche er jetzt ihm +wand, keineswegs nach Rosen und Violen. Es kam zum vollständigen Bruch, womit +beide Teile verloren waren; denn weder stand Marius fest genug, um allein das +von ihm selbst in Frage gestellte Kolonialgesetz zu halten und der ihm darin +bestimmten Stellung sich zu bemächtigen, noch waren Saturninus und Glaucia in +der Lage, das für Marius begonnene Geschäft auf eigene Rechnung fortzuführen. +Indes die beiden Demagogen waren so kompromittiert, daß sie nicht zurückkonnten +und nur die Wahl hatten, ihre Ämter in gewöhnlicher Weise niederzulegen und +damit ihren erbitterten Gegnern sich mit gebundenen Händen zu überliefern oder +nun selber nach dem Szepter zu greifen, dessen Gewicht sie freilich fühlten +nicht tragen zu können. Sie entschlossen sich zu dem letzteren; Saturninus +wollte für 655 (99) abermals um das Volkstribunat als Bewerber auftreten, +Glaucia, obwohl Prätor und erst nach zwei Jahren wahlfähig zum Konsulat, um +dieses sich bewerben. In der Tat wurden die tribunizischen Wahlen durchaus in +ihrem Sinne entschieden und Marius’ Versuch, den falschen Tiberius +Gracchus an der Bewerbung um das Tribunat zu hindern, diente nur dazu, dem +gefeierten Mann zu beweisen, was seine Popularität jetzt noch wert war; die +Menge sprengte die Tür des Gefängnisses, in dem Gracchus eingesperrt saß, trug +ihn im Triumph durch die Straßen und wählte ihn mit großer Majorität zu ihrem +Tribun. Die wichtigere Konsulnwahl suchten Saturninus und Glaucia durch das im +vorigen Jahr erprobte Mittel zur Beseitigung unbequemer Konkurrenzen in die +Hand zu bekommen; der Gegenkandidat der Regierungspartei, Gaius Memmius, +derselbe, der elf Jahre zuvor gegen sie die Opposition geführt hatte, wurde von +einem Haufen Gesindel überfallen und mit Knütteln erschlagen. Aber die +Regierungspartei hatte nur auf ein eklatantes Ereignis der Art gewartet, um +Gewalt zu brauchen. Der Senat forderte den Konsul Gaius Marius auf, +einzuschreiten, und dieser gab in der Tat sich dazu her, das Schwert, das er +von der Demokratie erhalten und für sie zu führen versprochen hatte, nun für +die konservative Partei zu ziehen. Die junge Mannschaft ward schleunigst +aufgeboten, mit Waffen aus den öffentlichen Gebäuden ausgerüstet und +militärisch geordnet; der Senat selbst erschien bewaffnet auf dem Markt, an der +Spitze sein greiser Vormann Marcus Scaurus. Die Gegenpartei war wohl im +Straßenlärm überlegen, aber auf einen solchen Angriff nicht vorbereitet; sie +mußte nun sich wehren, wie es ging. Man erbrach die Tore der Gefängnisse und +rief die Sklaven zur Freiheit und unter die Waffen; man rief - so heißt es +wenigstens - den Saturninus zum König oder Feldherrn aus; an dem Tage, wo die +neuen Volkstribune ihr Amt anzutreten hatten, am 10. Dezember 654 (100), kam es +auf dem Großen Markte zur Schlacht, der ersten, die, seit Rom stand, innerhalb +der Mauern der Hauptstadt geliefert worden ist. Der Ausgang war keinen +Augenblick zweifelhaft. Die Popularen wurden geschlagen und hinaufgedrängt auf +das Kapitol, wo man ihnen das Wasser abschnitt und sie dadurch nötigte, sich zu +ergeben. Marius, der den Oberbefehl führte, hätte gern seinen ehemaligen +Verbündeten und jetzigen Gefangenen das Leben gerettet; laut rief Saturninus +der Menge zu, daß alles, was er beantragt, im Einverständnis mit dem Konsul +geschehen sei; selbst einem schlechteren Mann, als Marius war, mußte grauen vor +der ehrlosen Rolle, die er an diesem Tage spielte. Indes er war längst nicht +mehr Herr der Dinge. Ohne Befehl erklimmte die vornehme Jugend das Dach des +Rathauses am Markt, in das man vorläufig die Gefangenen eingesperrt hatte, +deckte die Ziegel ab und steinigte sie mit denselben. So kam Saturninus um mit +den meisten der namhafteren Gefangenen. Glaucia ward in einem Versteck gefunden +und gleichfalls getötet. Ohne Urteil und Recht starben an diesem Tage vier +Beamte des römischen Volkes. ein Prätor, ein Quästor, zwei Volkstribune und +eine Anzahl anderer bekannter und zum Teil guten Familien angehöriger Männer. +Trotz der schweren und blutigen Verschuldungen, die die Häupter auf sich +geladen hatten, durfte man dennoch sie bedauern; sie fielen wie die Vorposten, +die das Hauptheer im Stich läßt und sie nötigt, im verzweifelten Kampf zwecklos +unterzugehen. +</p> + +<p> +Nie hatte die Regierungspartei einen vollständigeren Sieg erfochten, nie die +Opposition eine härtere Niederlage erlitten als an diesem 10. Dezember. Es war +das wenigste, daß man sich einiger unbequemer Schreier entledigt hatte, die +jeden Tag durch Gesellen von gleichem Schlag ersetzt werden konnten; schwerer +fiel ins Gewicht, daß der einzige Mann, der damals imstande war, der Regierung +gefährlich zu werden, sich selber öffentlich und vollständig vernichtet hatte; +am schwersten, daß die beiden oppositionellen Elemente, der Kapitalistenstand +und das Proletariat, gänzlich entzweit aus dem Kampfe hervorgingen. Zwar das +Werk der Regierung war dies nicht; teils die Macht der Verhältnisse, teils und +vor allem die grobe Bauernfaust seines unfähigen Nachtreters hatten wieder +aufgelöst, was unter Gaius Gracchus’ gewandter Hand sich zusammenfügte; +allein im Resultat kam nichts darauf an, ob Berechnung oder Glück der Regierung +zum Siege verhalf. Eine kläglichere Stellung ist kaum zu erdenken, als wie sie +der Held von Aquae und Vercellae nach jener Katastrophe einnahm - nur um so +kläglicher, weil man nicht anders konnte, als sie mit dem Glanze vergleichen, +der nur wenige Monate zuvor denselben Mann umgab. Weder auf aristokratischer +noch auf demokratischer Seite gedachte weiter jemand des siegreichen Feldherrn +bei der Besetzung der Ämter; der Mann der sechs Konsulate konnte nicht einmal +wagen, sich 656 (98) um die Zensur zu bewerben. Er ging fort in den Osten, wie +er sagte, um ein Gelübde dort zu lösen, in der Tat, um nicht von der +triumphierenden Rückkehr seines Todfeindes, des Quintus Metellus, Zeuge zu +sein; man ließ ihn gehen. Er kam wieder zurück und öffnete sein Haus; seine +Säle standen leer. Immer hoffte er, daß es wieder Kämpfe und Schlachten geben +und man seines erprobten Armes abermals bedürfen werde; er dachte sich im +Osten, wo die Römer allerdings Ursache genug gehabt hätten, energisch zu +intervenieren, Gelegenheit zu einem Kriege zu machen. Aber auch dies schlug ihm +fehl wie jeder andere seiner Wünsche; es blieb tiefer Friede. Und dabei fraß +der einmal in ihm aufgestachelte Hunger nach Ehren, je öfter er getäuscht ward, +immer tiefer sich ein in sein Gemüt; abergläubisch wie er war, nährte er in +seinem Busen ein altes Orakelwort, das ihm sieben Konsulate verheißen hatte, +und sann in finsteren Gedanken, wie es geschehen möge, daß dies Wort seine +Erfüllung und er seine Rache bekomme, während er allen, nur sich selbst nicht, +unbedeutend und unschädlich erschien. +</p> + +<p> +Folgenreicher noch als die Beseitigung des gefährlichen Mannes war die tiefe +Erbitterung gegen die sogenannten Popularen, welche die Schilderhebung des +Saturninus in der Partei der materiellen Interessen zurückließ. Mit der +rücksichtslosesten Härte verurteilten die Rittergerichte jeden, der zu den +oppositionellen Ansichten sich bekannte; so ward Sextus Titius mehr noch als +wegen seines Ackergesetzes deswegen verdammt, weil er des Saturninus Bild im +Hause gehabt hatte; so Gaius Appuleius Decianus, weil er als Volkstribun das +Verfahren gegen Saturninus als ein ungesetzliches bezeichnet hatte. Sogar für +ältere, von den Popularen der Aristokratien zugefügte Unbill wurde nun nicht +ohne Aussicht auf Erfolg vor den Rittergerichten Genugtuung gefordert. Weil +Gaius Norbanus acht Jahre zuvor in Gemeinschaft mit Saturninus den Konsular +Quintus Caepio ins Elend getrieben hatte, wurde er jetzt (659 95) auf Grund +seines eigenen Gesetzes des Hochverrats angeklagt, und lange schwankten die +Geschworenen - nicht, ob der Angeklagte schuldig oder unschuldig, sondern ob +sein Bundesgenosse oder sein Feind, Saturninus oder Caepio ihnen hassenswerter +erscheine, bis sie denn doch zuletzt für Freisprechung sich entschieden. War +man auch der Regierung an sich nicht geneigter als früher, so erschien doch +nun, seit man sich, wenn auch nur einen Augenblick, am Rande der eigentlichen +Pöbelherrschaft befunden hatte, jedem, der etwas zu verlieren hatte, das +bestehende Regiment in einem anderen Licht es war notorisch elend und +staatsverderberisch, aber die kümmerliche Furcht vor dem noch elenderen und +noch staatsverderblicheren Regiment der Proletarier hatte ihm einen relativen +Wert verliehen. So ging jetzt die Strömung, daß die Menge einen Volkstribun +zerriß, der es gewagt hatte, die Rückkehr des Quintus Metellus zu verzögern, +und daß die Demokraten anfingen, ihr Heil zu suchen in dem Bündnis mit Mördern +und Giftmischern, wie sie zum Beispiel des verhaßten Metellus durch Gift sich +entledigten, oder gar in dem Bündnis mit dem Landesfeind, wie denn einzelne von +ihnen schon flüchteten an den Hof des Königs Mithradates, der im stillen zum +Krieg rüstete gegen Rom. +</p> + +<p> +Auch die äußeren Verhältnisse gestalteten für die Regierung sich günstig. Die +römischen Waffen waren in der Zeit vom Kimbrischen bis auf den +Bundesgenossenkrieg nur wenig, überall aber mit Ehren tätig. Ernstlich +gestritten wurde nur in Spanien, wo während der letzten für Rom so schweren +Jahre die Lusitaner (649f. 105) und die Keltiberer sich reit ungewohnter +Heftigkeit gegen die Römer aufgelehnt hatten; hier stellten in dem Jahre +656-661 (98-93) der Konsul Titus Didius in der nördlichen und der Konsul +Publius Crassus in der südlichen Provinz mit Tapferkeit und Glück nicht bloß +das Obergewicht der römischen Waffen wieder her, sondern schleiften auch die +wiederspenstigen Städte und versetzten, wo es nötig schien, die Bevölkerung der +festen Bergstädte in die Ebenen. Daß um dieselbe Zeit die römische Regierung +auch wieder des ein Menschenalter hindurch vernachlässigten Ostens gedachte und +energischer, als seit langem erhört war, in Kyrene, Syrien, Kleinasien auftrat, +wird später darzustellen sein. Noch niemals seit dem Beginn der Revolution war +das Regiment der Restauration so fest begründet, so populär gewesen. +Konsularische Gesetze lösten die tribunizischen, Freiheitsbeschränkungen die +Fortschrittsmaßregeln ab. Die Kassierung der Gesetze des Saturninus verstand +sich von selbst; die überseeischen Kolonien des Marius schwanden zusammen zu +einer einzigen winzigen Ansiedelung auf der wüsten Insel Korsika. Als der +Volkstribun Sextus Titius, ein karikierter Alkibiades, der im Tanz und +Ballspiel stärker war als in der Politik und dessen hervorragendstes Talent +darin bestand, nachts auf den Straßen die Götterbilder zu zerschlagen, das +Appuleische Ackergesetz im Jahre 655 (99) wieder ein- und durchbrachte, konnte +der Senat das neue Gesetz unter einem religiösen Vorwand kassieren, ohne daß +jemand dafür einzustehen auch nur versucht hätte; den Urheber straften, wie +schon erwähnt ward, die Ritter in ihren Gerichten. Das Jahr darauf (656 98) +machte ein von den beiden Konsuln eingebrachtes Gesetz die übliche +vierundzwanzigtägige Frist zwischen Ein- und Durchbringung eines +Gesetzvorschlags obligatorisch und verbot, mehrere verschiedenartige +Bestimmungen in einen Antrag zusammenzufassen; wodurch die unvernünftige +Ausdehnung der legislatorischen Initiative wenigstens etwas beschränkt und +offenbare Überrumpelungen der Regierung durch neue Gesetze abgewehrt wurden. +Immer deutlicher zeigte es sich, daß die Gracchische Verfassung, die den Sturz +ihres Urhebers überdauert hatte, jetzt, seit die Menge und die Geldaristokratie +nicht mehr zusammengingen, in ihren Grundfesten schwankte. Wie diese Verfassung +geruht hatte auf der Spaltung der Aristokratie, so schien die Zwiespältigkeit +der Opposition sie zu Falle bringen zu müssen. Wenn jemals, so war jetzt die +Zeit gekommen, um das unvollkommene Restaurationswerk von 633 (121) zu +vollenden, um dem Tyrannen endlich auch seine Verfassung nachzusenden und die +regierende Oligarchie in den Alleinbesitz der politischen Gewalt +wiedereinzusetzen. +</p> + +<p> +Es kam alles an auf die Wiedergewinnung der Geschworenenstellen. Die Verwaltung +der Provinzen, die hauptsächliche Grundlage des senatorischen Regiments, war +von den Geschworenengerichten, namentlich von der Kommission wegen +Erpressungen, in dem Maße abhängig geworden, daß der Statthalter die Provinz +nicht mehr für den Senat, sondern für den Kapitalisten- und Kaufmannsstand zu +verwalten schien. Wie bereitwillig immer die Geldaristokratie der Regierung +entgegenkam, wenn es um Maßregeln gegen die Demokraten sich handelte, so +unnachsichtlich ahndete sie jeden Versuch, sie in diesem ihrem wohlerworbenen +Recht freiesten Schaltens in den Provinzen zu beschränken. Einzelne derartige +Versuche wurden jetzt gemacht; die regierende Aristokratie fing wieder an, sich +zu fühlen und eben ihre besten Männer hielten sich verpflichtet, der +entsetzlichen Mißwirtschaft in den Provinzen wenigstens für ihre Person +entgegenzutreten. Am entschlossensten tat dies Quintus Mucius Scaevola, gleich +seinem Vater Publius Oberpontifex und im Jahre 659 (95) Konsul, der erste +Jurist und einer der vorzüglichsten Männer seiner Zeit. Als prätorischer +Statthalter (um 656 98) von Asia, der reichsten und gemißhandeltsten unter +allen Provinzen, statuierte er in Gemeinschaft mit seinem älteren, als +Offizier, Jurist und Geschichtschreiber ausgezeichneten Freunde, dem Konsular +Publius Rutilius Rufus, ein ernstes und abschreckendes Exempel. Ohne einen +Unterschied zwischen Italikern und Provinzialen, Vornehmen und Geringen zu +machen, nahm er jede Klage an und zwang nicht bloß die römischen Kaufleute und +Staatspächter wegen erwiesener Schädigungen, vollen Geldersatz zu leisten, +sondern, als einige ihrer angesehensten und rücksichtslosesten Agenten +todeswürdiger Verbrechen schuldig befunden wurden, ließ er diese, taub gegen +alle Bestechungsanträge, ans Kreuz schlagen wie Rechtens. Der Senat billigte +sein Verfahren und setzte sogar seitdem den Statthaltern von Asia es in die +Instruktion, daß sie sich die Verwaltungsgrundsätze Scaevolas zum Muster nehmen +möchten; allein die Ritter, wenn sie gleich an den hochadligen und +vielvermögenden Staatsmann selber sich nicht wagten, zogen seine Gefährten vor +Gericht, zuletzt (um 662 92) sogar den angesehensten derselben, seinen Legaten +Publius Rufus, der nur durch Verdienste und anerkannte Rechtschaffenheit, nicht +durch Familienanhang verteidigt war. Die Anklage, daß dieser Mann sich in Asia +habe Erpressungen zuschulden kommen lassen, brach zwar fast zusammen unter +ihrer eigenen Lächerlichkeit wie unter der Verworfenheit des Anklägers, eines +gewissen Apicius; allein man ließ dennoch die willkommene Gelegenheit, den +Konsular zu demütigen, nicht vorübergehen, und da dieser, die falsche +Beredsamkeit, die Trauergewänder, die Tränen verschmähend, sich kurz, einfach +und sachlich verteidigte und den souveränen Kapitalisten die begehrte Huldigung +stolz verweigerte, ward er in der Tat verurteilt und sein mäßiges Vermögen zur +Befriedigung erdichteter Entschädigungsansprüche eingezogen. Der Verurteilte +begab sich in die angeblich von ihm ausgeplünderte Provinz und verlebte +daselbst, von sämtlichen Gemeinden mit Ehrengesandtschaften empfangen und zeit +seines Lebens gefeiert und beliebt, in literarischer Muße die ihm noch übrigen +Tage. Und diese schmachvolle Verurteilung war wohl der ärgste, aber keineswegs +der einzige Fall der Art. Mehr vielleicht noch als solcher Mißbrauch der Justiz +gegen Männer fleckenlosen Wandels, aber neuen Adels erbitterte es die +senatorische Partei, daß der reinste Adel nicht mehr genügte, die etwaigen +Flecken der Ehrlichkeit zuzudecken. Kaum war Rufus aus dem Lande, als der +angesehenste aller Aristokraten, seit zwanzig Jahren der Vormann des Senats, +der siebzigjährige Marcus Scaurus, wegen Erpressungen vor Gericht gezogen ward; +nach aristokratischen Begriffen ein Sacrilegium, selbst wenn er schuldig war. +Das Anklägeramt fing an von schlechten Gesellen gewerbsmäßig betrieben zu +werden und nicht Unbescholtenheit, nicht Rang, nicht Alter schützte mehr vor +den frevelhaftesten und gefährlichsten Angriffen. Die Erpressungskommission +ward aus einer Schutzwehr der Provinzialen ihre schlimmste Geißel; der +offenkundige Dieb ging frei aus, wenn er nur seine Mitthebe gewähren ließ und +sich nicht weigerte, einen Teil der erpreßten Summen den Geschworenen zufließen +zu lassen; aber jeder Versuch, den billigen Forderungen der Provinzialen auf +Recht und Gerechtigkeit zu entsprechen, reichte hin zur Verurteilung. Die +römische Regierung schien in dieselbe Abhängigkeit von dem kontrollierenden +Gericht versetzt werden zu sollen, in der einst das Richterkollegium in +Karthago den dortigen Rat gehalten hatte. In furchtbarer Weise erfüllte sich +Gaius Gracchus’ ahnungsvolles Wort, daß mit dem Dolche seines +Geschworenengesetzes die vornehme Welt sich selber zerfleischen werde. +</p> + +<p> +Ein Sturm auf die Rittergerichte war unvermeidlich. Wer in der Regierungspartei +noch Sinn dafür hatte, daß das Regieren nicht bloß Rechte, sondern auch +Pflichten in sich schließt, ja wer nur noch edleren und stolzeren Ehrgeiz in +sich empfand, mußte sich auflehnen gegen diese erdrückende und entehrende +politische Kontrolle, die jede Möglichkeit, rechtschaffen zu verwalten, von +vornherein abschnitt. Die skandalöse Verurteilung des Rutilius Rufus schien +eine Aufforderung, den Angriff sofort zu beginnen, und Marcus Livius Drusus, +der im Jahre 663 (91) Volkstribun war, betrachtete dieselbe als besonders an +sich gerichtet. Der Sohn des gleichnamigen Mannes, der dreißig Jahre zuvor +zunächst den Gaius Gracchus gestürzt und später auch als Offizier durch die +Unterwerfung der Skordisker sich einen Namen gemacht hatte, war Drusus, gleich +seinem Vater, streng konservativ gesinnt und hatte diese seine Gesinnung +bereits in dem Aufstand des Saturninus tatsächlich bewährt. Er gehörte den +Kreisen des höchsten Adels an und war Besitzer eines kolossalen Vermögens; auch +der Gesinnung nach war er ein echter Aristokrat - ein energisch stolzer Mann, +der es verschmähte, mit den Ehrenzeichen seiner Ämter sich zu behängen, aber +auf dem Totenbette es aussprach, daß nicht bald ein Bürger wiederkommen werde, +der ihm gleich sei; ein Mann, dem das schöne Wort, daß der Adel verpflichtet, +die Richtschnur seines Lebens ward und blieb. Mit der ganzen ernsten +Leidenschaft seines Gemütes hatte er sich abgewandt von der Eitelkeit und +Feilheit des vornehmen Pöbels; zuverlässig und sittenstreng war er bei den +geringen Leuten, denen seine Tür und sein Beutel immer offenstanden, mehr +geachtet als eigentlich beliebt und trotz seiner Jugend durch die persönliche +Würde seines Charakters von Gewicht im Senat wie auf dem Markte. Auch stand er +nicht allein. Marcus Scaurus hatte den Mut, bei Gelegenheit seiner Verteidigung +in dem Prozeß wegen Erpressungen den Drusus öffentlich aufzufordern, Hand zu +legen an die Reform der Geschworenenordnung; er sowie der berühmte Redner +Lucius Crassus waren im Senat die eifrigsten Verfechter, vielleicht die +Miturheber seiner Anträge. Indes die Masse der regierenden Aristokratie dachte +keineswegs wie Drusus, Scaurus und Crassus. Es fehlte im Senat nicht an +entschiedenen Anhängern der Kapitalistenpartei, unter denen namentlich sich +bemerkbar machten der derzeitige Konsul Lucius Marcius Philippus, der wie +früher die Sache der Demokratie, so jetzt die des Ritterstandes mit Eifer und +Klugheit verfocht, und der verwegene und rücksichtslose Quintus Caepio, den +zunächst die persönliche Feindschaft gegen Drusus und Scaurus zu dieser +Opposition bestimmte. Allein gefährlicher als diese entschiedenen Gegner war +die feige und faule Masse der Aristokratie, die zwar die Provinzen lieber +allein geplündert hätte, aber am Ende auch nicht viel dawider hatte, mit den +Rittern die Beute zu teilen, und, statt den Ernst und die Gefahren des Kampfes +gegen die übermütigen Kapitalisten zu übernehmen, es viel billiger und bequemer +fand, sich von ihnen durch gute Worte und gelegentlich durch einen Fußfall oder +auch eine runde Summe Straflosigkeit zu erkaufen. Nur der Erfolg konnte zeigen, +wieweit es gelingen werde, diese Masse mit fortzureißen, ohne die es nun einmal +nicht möglich war, zum Ziele zu gelangen. +</p> + +<p> +Drusus entwarf den Antrag, die Geschworenenstellen den Bürgern vom Ritterzensus +zu entziehen und sie dem Senat zurückzugeben, welcher zugleich durch Aufnahme +von 300 neuen Mitgliedern in den Stand gesetzt werden sollte, den vermehrten +Obliegenheiten zu genügen; zur Aburteilung derjenigen Geschworenen, die der +Bestechlichkeit sich schuldig gemacht hätten oder schuldig machen würden, +sollte eine eigene Kriminalkommission niedergesetzt werden. Hiermit war der +nächste Zweck erreicht, die Kapitalisten ihrer politischen Sonderrechte zu +berauben und sie für die verübte Unbill zur Verantwortung zu ziehen. Indes +Drusus’ Anträge und Absichten beschränkten sich hierauf keineswegs; seine +Vorschläge waren keine Gelegenheitsmaßregeln, sondern ein umfassender und +durchdachter Reformplan. Er beantragte ferner, die Getreideverteilung zu +erhöhen und die Mehrkosten zu decken durch die dauernde Emission einer +verhältnismäßigen Zahl von kupfernen plattierten neben den silbernen Denaren, +sodann das gesamte noch unverteilte italische Ackerland, also namentlich die +Kampanische Domäne, und den besten Teil Siziliens zur Ansiedlung von +Bürgerkolonisten zu bestimmen; endlich ging er gegen die italischen +Bundesgenossen die bestimmtesten Verpflichtungen ein, ihnen das römische +Bürgerrecht zu verschaffen. So erschienen denn hier von aristokratischer Seite +ebendieselben Herrschaftsstützen und ebendieselben Reformgedanken, auf denen +Gaius Gracchus’ Verfassung beruht hatte - ein seltsames und doch sehr +begreifliches Zusammentreffen. Es war nur in der Ordnung, daß, wie die Tyrannis +gegen die Oligarchie, so diese gegen die Geldaristokratie sich stützte auf das +besoldete und gewissermaßen organisierte Proletariat; hatte die Regierung +früher die Ernährung des Proletariats auf Staatskosten als ein unvermeidliches +Übel hingenommen, so dachte Drusus jetzt dasselbe, wenigstens für den +Augenblick, gegen die Geldaristokratie zu gebrauchen. Es war nur in der +Ordnung, daß der bessere Teil der Aristokratie, ebenwie ehemals auf das +Ackergesetz des Tiberius Gracchus, so jetzt bereitwillig einging auf alle +diejenigen Reformmaßregeln, die, ohne die Oberhauptsfrage zu berühren, nur +darauf abzweckten, die alten Schäden des Staats auszuheilen. In der +Emigrations- und Kolonisationsfrage konnte man zwar so weit nicht gehen wie die +Demokratie, da die Herrschaft der Oligarchie wesentlich beruhte auf dem freien +Schalten über die Provinzen und durch jedes dauernde militärische Kommando +gefährdet ward; die Gedanken, Italien und die Provinzen gleichzustellen und +jenseits der Alpen zu erobern, vertrugen mit den konservativen Prinzipien sich +nicht. Allein die launischen und selbst die kampanischen Domänen so wie +Sizilien konnte der Senat recht wohl aufopfern, um den italischen Bauernstand +zu heben und dennoch die Regierung nach wie vor behaupten; wobei noch hinzukam, +daß man künftigen Agitationen nicht wirksamer vorbeugen konnte als dadurch, daß +alles irgend verfügbare Land von der Aristokratie selbst zur Aufteilung +gebracht ward und für künftige Demagogen, nach Drusus’ eigenem Ausdruck, +nichts zu verteilen übrig blieb als der Gassenkot und das Morgenrot. Ebenso war +es für die Regierung, mochte dies nun ein Monarch sein oder eine geschlossene +Anzahl herrschender Familien, ziemlich einerlei, ob halb oder ganz Italien zum +römischen Bürgerverband gehörte; und daher mußten wohl beiderseits die +reformierenden Männer sich in dem Gedanken begegnen, durch zweckmäßige und +rechtzeitige Erstreckung des Bürgerrechts die Gefahr abzuwenden, daß die +Insurrektion von Fregellae in größerem Maßstab wiederkehre, nebenher auch an +den zahl- und einflußreichen Italikern sich Bundesgenossen für ihre Pläne +suchen. So scharf in der Oberhauptsfrage die Ansichten und Absichten der beiden +großen politischen Parteien sich schieden, so vielfach berührten sich in den +Operationsmitteln und in den reformistischen Tendenzen die besten Männer aus +beiden Lagern; und wie Scipio Aemilianus ebenso unter den Widersachern des +Tiberius Gracchus wie unter den Förderern seiner Reformbestrebungen genannt +werden kann, so war auch Drusus der Nachfolger und Schüler nicht minder als der +Gegner des Gaius. Die beiden hochgeborenen und hochsinnigen jugendlichen +Reformatoren waren sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick schien und auch +persönlich beide nicht unwert, über dem trüben Nebel des befangenen +Parteitreibens in reineren und höheren Anschauungen sich mit dem Kern ihrer +patriotischen Bestrebungen zu begegnen. +</p> + +<p> +Es handelte sich um die Durchbringung der von Drusus entworfenen Gesetze, von +denen übrigens der Antragsteller, ebenwie Gaius Gracchus, den bedenklichen +Vorschlag, den italischen Bundesgenossen das römische Bürgerrecht zu verleihen, +vorläufig zurückhielt und zunächst nur das Geschworenen-, Acker- und +Getreidegesetz vorlegte. Die Kapitalistenpartei widerstand aufs heftigste und +würde bei der Unentschlossenheit des größten Teils der Aristokratie und der +Haltlosigkeit der Komitien ohne Frage die Verwerfung des Geschworenengesetzes +durchgesetzt haben, wenn es allein zur Abstimmung gekommen wäre. Drusus faßte +deshalb seine sämtlichen Anträge in einen einzigen zusammen; und indem also +alle bei den Getreide- und Landverteilungen interessierten Bürger genötigt +wurden, auch für das Geschworenengesetz zu stimmen, gelang es durch sie und +durch die Italiker, welche mit Ausnahme der in ihrem Domanialbesitz bedrohten +großen Grundbesitzer, namentlich der umbrischen und etruskischen, fest zu +Drusus standen, das Gesetz durchzubringen - freilich erst, nachdem Drusus den +Konsul Philippus, der nicht aufhörte zu widerstreben, hatte verhaften und durch +den Büttel in den Kerker abführen lassen. Das Volk feierte den Tribun als +seinen Wohltäter und empfing ihn im Theater mit Aufstehen und Beifallklatschen; +allein die Abstimmung hatte den Kampf nicht so sehr entschieden als auf einen +anderen Boden verlegt, da die Gegenpartei den Antrag des Drusus mit Recht als +dem Gesetz von 656 (98) zuwiderlaufend und deshalb als nichtig bezeichnete. Der +Hauptgegner des Tribuns, der Konsul Philippus, forderte den Senat auf, aus +diesem Grunde das Livische Gesetz als formwidrig zu kassieren; allein die +Majorität des Senats, erfreut, die Rittergerichte los zu sein, wies den Antrag +zurück. Der Konsul erklärte darauf auf offenem Markte, daß mit einem solchen +Senat zu regieren nicht möglich sei und er sich nach einem anderen Staatsrat +umsehen werde; er schien einen Staatsstreich zu beabsichtigen. Der Senat, von +Drusus deswegen berufen, sprach nach stürmischen Verhandlungen gegen den Konsul +ein Tadels- und Mißtrauensvotum aus; allein im geheimen begann sich in einem +großen Teil der Majorität die Angst vor der Revolution zu regen, mit der sowohl +Philippus als ein großer Teil der Kapitalisten zu drohen schien. Andere +Umstände kamen hinzu. Einer der tätigsten und angesehensten unter Drusus’ +Gesinnungsgenossen, der Redner Lucius Crassus, starb plötzlich wenige Tage nach +jener Senatssitzung (September 663 91). Die von Drusus mit den Italikern +angeknüpften Verbindungen, die er anfangs nur wenigen seiner Vertrautesten +mitgeteilt hatte, wurden allmählich ruchbar, und in das wütende Geschrei über +Landesverrat, das die Gegner erhoben, stimmten viele, vielleicht die meisten +Männer der Regierungspartei mit ein; selbst die edelmütige Warnung, die er dem +Konsul Philippus zukommen ließ, bei dem Bundesfest auf dem Albanerberg vor den +von den Italikern ausgesandten Mördern sich zu hüten, diente nur dazu, ihn +weiter zu kompromittieren, indem sie zeigte, wie tief er in die unter den +Italikern gärenden Verschwörungen verwickelt war. Immer heftiger drängte +Philippus auf Kassation des Livischen Gesetzes; immer lauer ward die Majorität +in der Verteidigung desselben. Bald erschien die Rückkehr zu den früheren +Verhältnissen der großen Menge der Furchtsamen und Unentschiedenen im Senat als +der einzige Ausweg, und der Kassationsbeschluß wegen formeller Mängel erfolgte. +Drusus, nach seiner Art streng sich bescheidend, begnügte sich daran zu +erinnern, daß der Senat also selbst die verhaßten Rittergerichte +wiederherstelle, und begab sich seines Rechtes, den Kassationsbeschluß durch +Interzession ungültig zu machen. Der Angriff des Senats auf die +Kapitalistenpartei war vollständig abgeschlagen, und willig oder unwillig fügte +man sich abermals in das bisherige Joch. Aber die hohe Finanz begnügte sich +nicht gesiegt zu haben. Als Drusus eines Abends auf seinem Hausflur die wie +gewöhnlich ihn begleitende Menge eben verabschieden wollte, stürzte er +plötzlich vor dem Bilde seines Vaters zusammen; eine Mörderhand hatte ihn +getroffen und so sicher, daß er wenige Stunden darauf den Geist aufgab. Der +Täter war in der Abenddämmerung verschwunden, ohne daß jemand ihn erkannt +hatte, und eine gerichtliche Untersuchung fand nicht statt; aber es brauchte +derselben nicht, um hier jenen Dolch zu erkennen, mit dem die Aristokratie sich +selber zerfleischte. Dasselbe gewaltsame und grauenvolle Ende, das die +demokratischen Reformatoren weggerafft hatte, war auch dem Gracchus der +Aristokratie bestimmt. Es lag darin eine tiefe und traurige Lehre. An dem +Widerstand oder an der Schwäche der Aristokratie scheiterte die Reform, selbst +wenn der Versuch zu reformieren aus ihren eigenen Reihen hervorging. Seine +Kraft und sein Leben hatte Drusus darangesetzt, die Kaufmannsherrschaft zu +stürzen, die Emigration zu organisieren, den drohenden Bürgerkrieg abzuwenden; +er sah noch selbst die Kaufleute unumschränkter regieren als je, sah alle seine +Reformgedanken vereitelt und starb mit dem Bewußtsein, daß seid jäher Tod das +Signal zu dem fürchterlichsten Bürgerkrieg sein werde, der je das schöne +italische Land verheert hat. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap07"></a>KAPITEL VII.<br/> +Die Empörung der italischen Untertanen und die Sulpicische Revolution</h2> + +<p> +Seitdem mit Pyrrhos’ Überwindung der letzte Krieg, den die Italiker für +ihre Unabhängigkeit geführt hatten, zu Ende gegangen war, das heißt seit fast +zweihundert Jahren, hatte jetzt das römische Prinzipat in Italien bestanden, +ohne daß es selbst unter den gefährlichsten Verhältnissen ein einziges Mal in +seiner Grundlage geschwankt hätte. Vergeblich hatte das Heldengeschlecht der +Barleiden, vergeblich die Nachfolger des großen Alexander und der Achämeniden +versucht, die italische Nation zum Kampf aufzurütteln gegen die übermächtige +Hauptstadt; gehorsam war dieselbe auf den Schlachtfeldern am Guadalquivir und +an der Medscherda, am Tempepaß und am Sipylos erschienen und hatte mit dem +besten Blute ihrer Jugend ihren Herren die Untertänigkeit dreier Weltteile +erfechten helfen. Ihre eigene Stellung indessen hatte sich wohl verändert, aber +eher verschlechtert als verbessert. In materieller Hinsicht zwar hatte sie sich +im allgemeinen nicht zu beklagen. Wenn auch der kleine und der mittlere +Grundbesitzer durch ganz Italien infolge der unverständigen römischen +Korngesetzgebung litt, so gediehen dafür die größeren Gutsherren und mehr noch +der Kaufmanns- und Kapitalistenstand, da die Italiker hinsichtlich der +finanziellen Ausbeutung der Provinzen im wesentlichen denselben Schutz und +dieselben Vorrechte genossen wie die römischen Bürger und also die materiellen +Vorteile des politischen Übergewichts der Römer großenteils auch ihnen zugute +kamen. Überhaupt waren die wirtschaftlichen und sozialen Zustände Italiens +nicht zunächst abhängig von den politischen Unterschieden; es gab vorzugsweise +bundesgenössische Landschaften, wie Etrurien und Umbrien, in denen der freie +Bauernstand verschwunden war, andere, wie die Abruzzentäler, in denen derselbe +noch leidlich und zum Teil fast unberührt sich erhalten hatte - ähnlich wie +sich gleiche Verschiedenheit auch in den verschiedenen römischen +Bürgerdistrikten nachweisen läßt. Dagegen die politische Zurücksetzung ward +immer herber, immer schroffer. Wohl fand ein förmlicher unverhüllter +Rechtsbruch wenigstens in Hauptfragen nicht statt. Die Kommunalfreiheit, welche +unter dem Namen der Souveränität den italischen Gemeinden vertragsmäßig +zustand, wurde von der römischen Regierung im ganzen respektiert; den Angriff, +den die römische Reformpartei im Anfang der agrarischen Bewegung auf die den +besser gestellten Gemeinden verbrieften römischen Domänen machte, hatte nicht +bloß die streng konservative sowie die Mittelpartei in Rom ernstlich bekämpft, +sondern auch die römische Opposition selbst sehr bald aufgegeben. Allein die +Rechte, welche Rom als der führenden Gemeinde zustanden und zustehen mußten, +die oberste Leitung des Kriegswesens und die Oberaufsicht über die gesamte +Verwaltung, wurden in einer Weise ausgeübt, die fast ebenso schlimm war, als +wenn man die Bundesgenossen geradezu für rechtlose Untertanen erklärt hätte. +Die zahlreichen Milderungen des furchtbar strengen römischen Kriegsrechts, +welche im Laufe des siebenten Jahrhunderts in Rom eingeführt wurden, scheinen +sämtlich auf die römischen Bürgersoldaten beschränkt geblieben zu sein; von der +wichtigsten, der Abschaffung der standrechtlichen Hinrichtungen, ist dies gewiß +und der Eindruck leicht zu ermessen, wenn, wie dies im Jugurthinischen Krieg +geschah, angesehene latinische Offiziere nach Urteil des römischen Kriegsrats +enthauptet wurden, dem letzten Bürgersoldaten aber im gleichen Fall das Recht +zustand, an die bürgerlichen Gerichte Roms Berufung einzulegen. In welchem +Verhältnis die Bürger und die italischen Bundesgenossen zum Kriegsdienst +angezogen werden sollten, war vertragsmäßig wie billig unbestimmt geblieben; +allein während in früherer Zeit beide durchschnittlich die gleiche Zahl +Soldaten gestellt hatten, wurden jetzt, obwohl das Bevölkerungsverhältnis +wahrscheinlich eher zu Gunsten als zum Nachteil der Bürgerschaft sich verändert +hatte, die Forderungen an die Bundesgenossen allmählich unverhältnismäßig +gesteigert, so daß man ihnen teils den schwereren und kostbareren Dienst +vorzugsweise aufbürdete, teils jetzt regelmäßig auf einen Bürger zwei +Bundesgenossen aushob. Ähnlich wie die militärische Oberleitung wurde die +bürgerliche Oberaufsicht, welche mit Einschluß der davon kaum zu trennenden +obersten Administrativjurisdiktion die römische Regierung stets und mit Recht +über die abhängigen italischen Gemeinden sich vorbehalten hatte, in einer Weise +ausgedehnt, daß die Italiker fast nicht minder als die Provinzialen sich der +Willkür eines jeden der zahllosen römischen Beamten schutzlos preisgegeben +sahen. In Teanum Sidicinum, einer der angesehensten Bundesstädte, hatte ein +Konsul den Bürgermeister der Stadt an dem Schandpfahl auf dem Markt mit Ruten +stäupen lassen, weil seiner Gemahlin, die in dem Männerbad zu baden verlangte, +die Munizipalbeamten nicht schleunig genug die Badenden ausgetrieben hatten und +ihr das Bad nicht sauber erschienen war. Ähnliche Auftritte waren in +Ferentinum, gleichfalls einer Stadt besten Rechts, ja in der alten und +wichtigen latinischen Kolonie Cales vorgefallen. In der latinischen Kolonie +Venusia war ein freier Bauersmann von einem durchpassierenden jungen, amtlosen +römischen Diplomaten wegen eines Spaßes, den er sich über dessen Sänfte erlaubt +hatte, angehalten, niedergeworfen und mit dem Tragriemen der Sänfte zu Tode +gepeitscht worden. Dieser Vorfälle wird um die Zeit des fregellanischen +Aufstandes gelegentlich gedacht; es leidet keinen Zweifel, daß ähnliche +Unrechtfertigkeiten häufig vorkamen und ebensowenig, daß eine ernstliche +Genugtuung für solche Missetaten nirgends zu erlangen war, wogegen das nicht +leicht ungestraft verletzte Provokationsrecht wenigstens Leib und Leben des +römischen Bürgers einigermaßen schützte. Es konnte nicht fehlen, daß infolge +dieser Behandlung der Italiker seitens der römischen Regierung die Spannung, +welche die Weisheit der Ahnen zwischen den latinischen und den sonstigen +italischen Gemeinden sorgfältig unterhalten hatte, wenn nicht verschwand, so +doch nachließ. Die Zwingburgen Roms und die durch die Zwingburgen in Gehorsam +erhaltenen Landschaften lebten jetzt unter dem gleichen Druck; der Latiner +konnte den Picenter daran erinnern, daß sie beide in gleicher Weise “den +Beilen unterworfen” seien; die Vögte und die Knechte von ehemals +vereinigte jetzt der gemeinsame Haß gegen den gemeinsamen Zwingherrn. +</p> + +<p> +Wenn also der gegenwärtige Zustand der italischen Bundesgenossen aus einem +leidlichen Abhängigkeitsverhältnis umgeschlagen war in die drückendste +Knechtschaft, so war zugleich denselben jede Aussicht auf Erlangung besseren +Rechts genommen worden. Schon mit der Unterwerfung Italiens hatte die römische +Bürgerschaft sich abgeschlossen und die Erteilung des Bürgerrechts an ganze +Gemeinden vollständig aufgegeben, die an einzelne Personen sehr beschränkt. +Jetzt ging man noch einen Schritt weiter: bei Gelegenheit der die Erstreckung +des römischen Bürgerrechts auf ganz Italien bezweckenden Agitation in den +Jahren 628, 632 (126, 122) griff man das Übersiedlungsrecht selbst an und wies +geradezu die sämtlichen in Rom sich aufhaltenden Nichtbürger durch Volks- und +Senatbeschluß aus der Hauptstadt aus - eine ebenso durch ihre Illiberalität +gehässige wie durch die vielfach dabei verletzten Privatinteressen gefährliche +Maßregel. Kurz, wenn die italischen Bundesgenossen zu den Römern früher +gestanden hatten teils als bevormundete Brüder, mehr beschützt als beherrscht +und nicht zu ewiger Unmündigkeit bestimmt, teils als leidlich gehaltene und der +Hoffnung auf die Freilassung nicht völlig beraubte Knechte, so standen sie +jetzt sämtlich ungefähr in gleicher Untertänigkeit und gleicher +Hoffnungslosigkeit unter den Ruten und Beilen ihrer Zwingherren und durften +höchstens als bevorrechtete Knechte sich es herausnehmen, die von den Herren +empfangenen Fußtritte an die armen Provinzialen weiterzugeben. +</p> + +<p> +Es liegt in der Natur solcher Zerwürfnisse, daß sie anfangs, zurückgehalten +durch das Gefühl der nationalen Einheit und die Erinnerung gemeinschaftlich +überdauerter Gefahr, leise und gleichsam bescheiden auftreten, bis allmählich +der Riß sich erweitert und zwischen den Herrschern, deren Recht lediglich ihre +Macht ist, und den Beherrschten, deren Gehorsam nicht weiter reicht als ihre +Furcht, das unverhohlene Gewaltverhältnis sich offenbart. Bis zu der Empörung +und Schleifung von Fregellae im Jahre 629 (125), die gleichsam offiziell den +veränderten Charakter der römischen Herrschaft konstatierte, trug die Gärung +unter den Italikern nicht eigentlich einen revolutionären Charakter. Das +Begehren nach Gleichberechtigung hatte allmählich sich gesteigert von stillem +Wunsch zu lauter Bitte, nur um, je bestimmter es auftrat, desto entschiedener +abgewiesen zu werden. Sehr bald konnte man erkennen, daß eine gutwillige +Gewährung nicht zu hoffen sei, und der Wunsch, das Verweigerte zu ertrotzen, +wird nicht gefehlt haben; allein Roms damalige Stellung ließ den Gedanken, +diesen Wunsch zur Tat zu machen, kaum aufkommen. Obwohl das Zahlenverhältnis +der Bürger und Nichtbürger in Italien sich nicht gehörig ermitteln läßt, so +kann es doch als ausgemacht gelten, daß die Zahl der Bürger nicht sehr viel +geringer war als die der italischen Bundesgenossen und auf ungefähr 400000 +waffenfähige Bürger mindestens 500000, wahrscheinlich 600000 Bundesgenossen +kamen ^1. Solange bei einem solchen Verhältnis die Bürgerschaft einig und kein +nennenswerter äußerer Feind vorhanden war, konnte die in eine Unzahl einzelner +Stadt- und Gaugemeinden zersplitterte und durch tausendfache öffentliche und +Privatverhältnisse mit Rom verknüpfte italische Bundesgenossenschaft zu einem +gemeinschaftlichen Handeln nimmermehr gelangen und mit mäßiger Klugheit es der +Regierung nicht fehlen, die schwierigen und grollenden Untertanenschaften teils +durch die kompakte Masse der Bürgerschaft, teils durch die sehr ansehnlichen +Hilfsmittel, die die Provinzen darboten, teils eine Gemeinde durch die andere +zu beherrschen. Darum verhielten die Italiker sich ruhig, bis die Revolution +Rom zu erschüttern begann; sowie aber diese ausgebrochen war, griffen auch sie +ein in das Treiben und Wogen der römischen Parteien, um durch die eine oder die +andere die Gleichberechtigung zu erlangen. Sie hatten gemeinschaftliche Sache +gemacht erst mit der Volks-, sodann mit der Senatspartei und bei beiden gleich +wenig erreicht. Sie hatten sich überzeugen müssen, daß zwar die besten Männer +beider Parteien die Gerechtigkeit und Billigkeit ihrer Forderungen anerkannten, +daß aber diese besten Männer, Aristokraten wie Populare, gleich wenig +vermochten, bei der Masse ihrer Partei diesen Forderungen Gehör zu verschaffen. +Sie hatten es mitangesehen, wie die begabtesten, energischsten, gefeiertsten +Staatsmänner Roms in demselben Augenblick, wo sie als Sachwalter der Italiker +auftraten, sich von ihren eigenen Anhängern verlassen gefunden hatten und +deshalb gestürzt worden waren. In all den Wechselfällen der dreißigjährigen +Revolution und Restauration waren Regierungen genug ein- und abgesetzt worden, +aber wie auch das Programm wandelbar sein mochte, die kurzsichtige +Engherzigkeit saß ewig am Steuer. Vor allem die neuesten Vorgänge hatten es +deutlich offenbart, wie vergeblich die Italiker die Berücksichtigung ihrer +Ansprüche von Rom erwarteten. Solange sich die Begehren der Italiker mit denen +der Revolutionspartei gemischt hatten und bei dieser an dem Unverstand der +Massen gescheitert waren, konnte man sich noch dem Glauben überlassen, als sei +die Oligarchie nur den Antragstellern, nicht dem Antrag selbst feindlich +gesinnt gewesen, als sei noch eine Möglichkeit vorhanden, daß der +intelligentere Staat die mit dem Wesen der Oligarchie verträgliche und dem +Senat heilsame Maßregel seinerseits aufnehmen werde. Allein die letzten Jahre, +in denen der Senat wieder fast unumschränkt regierte, hatten über die Absichten +auch der römischen Oligarchie eine nur zu leidige Klarheit verbreitet. Statt +der gehofften Milderungen erging im Jahre 659 (95) ein konsularisches Gesetz, +das den Nichtbürgern aufs strengste untersagte, des Bürgerrechts sich +anzumaßen, und die Kontravenienten mit Untersuchung und Strafe bedrohte - ein +Gesetz, das eine große Anzahl der angesehensten und bei der +Gleichberechtigungsfrage am meisten interessierten Personen aus den Reihen der +Römer in die der Italiker zurückwarf und das in seiner juristischen +Unanfechtbarkeit und staatsmännischen Wahnwitzigkeit vollkommen auf einer Linie +steht mit jener berühmten Akte, welche den Grund legte zur Trennung +Nordamerikas vom Mutterland, und denn auch ebenwie diese die nächste Ursache +des Bürgerkrieges ward. Es war nur um so schlimmer, daß die Urheber dieses +Gesetzes keineswegs zu den verstockten und unverbesserlichen Optimaten +gehörten, sondern keine anderen waren als der kluge und allgemein verehrte, +freilich, wie Georg Grenville, von der Natur zum Rechtsgelehrten und vom +Verhängnis zum Staatsmann bestimmte Quintus Scaevola, welcher durch seine +ebenso ehrenwerte als schädliche Rechtlichkeit erst den Krieg zwischen Senat +und Rittern und dann den zwischen Römern und Italikern mehr als irgendein +zweiter entzündet hat, und der Redner Lucius Crassus, der Freund und +Bundesgenosse des Drusus und überhaupt einer der gemäßigtsten und +einsichtigsten Optimaten. Inmitten der heftigen Gärung, die dies Gesetz und die +daraus entstandenen zahlreichen Prozesse in ganz Italien hervorriefen, schien +den Italikern noch einmal der Stern der Hoffnung aufzugehen in Marcus Drusus. +Was fast unmöglich gedünkt hatte, daß ein Konservativer die reformatorischen +Gedanken der Gracchen aufnehmen und die Gleichberechtigung der Italiker +durchfechten werde, war nun dennoch eingetreten; ein hocharistokratischer Mann +hatte sich entschlossen, zugleich die Italiker von der sizilischen Meerenge bis +an die Alpen hin und die Regierung zu emanzipieren und all seinen ernsten +Eifer, all seine zuverlässige Hingebung an diese hochherzigen Reformpläne zu +setzen. Ober wirklich, wie erzählt wird, sich an die Spitze eines Geheimbundes +gestellt hat, dessen Fäden durch ganz Italien liefen und dessen Mitglieder sich +eidlich 2 verpflichteten, zusammenzustehen für Drusus und die gemeinschaftliche +Sache, ist nicht auszumachen; aber wenn er auch nicht zu so gefährlichen und in +der Tat für einen römischen Beamten unverantwortlichen Dingen die Hand geboten +hat, so ist es doch sicher nicht bei allgemeinen Verheißungen geblieben und +sind, wenngleich vielleicht ohne und gegen seinen Willen, auf seinen Namen hin +bedenkliche Verbindungen geknüpft worden. Jubelnd vernahm man in Italien, daß +Drusus unter Zustimmung der großen Mehrheit des Senats seine ersten Anträge +durchgesetzt habe; mit noch größerem Jubel feierten alle Gemeinden Italiens +nicht lange darauf die Genesung des plötzlich schwer erkrankten Tribuns. Aber +wie Drusus’ weitere Absichten sich enthüllten, wechselten die Dinge; er +konnte nicht wagen, das Hauptgesetz einzubringen; er mußte verschieben, mußte +zögern, mußte bald zurückweichen. Man vernahm, daß die Majorität des Senats +unsicher werde und von ihrem Führer abzufallen drohe; in rascher Folge lief +durch die Gemeinden Italiens die Kunde, daß das durchgebrachte Gesetz kassiert +sei, daß die Kapitalisten unumschränkter schalteten als je, daß der Tribun von +Mörderhand getroffen, daß er tot sei (Herbst 663 91). +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Diese Ziffern sind den Zensuszahlen der Jahre 639 (115) und 684 (70) +entnommen; waffenfähige Bürger zählte man in jenem Jahr 394336, in diesem +910000 (nach Phlegon fr. 13 Müller, welchen Satz Clinton und dessen +Ausschreiber fälschlich auf den Zensus von 668 (86) beziehen; nach Liv. ep. 98 +wurden - nach der richtigen Lesung - 900000 Köpfe gezählt). Die einzige +zwischen diesen beiden bekannte Zählungsziffer, die des Zensus von 668 (86), +der nach Hieronymus 463000 Köpfe ergab, ist wohl nur deshalb so gering +ausgefallen, weil er mitten in der Krise der Revolution stattfand. Da ein +Steigen der Bevölkerung Italiens in der Zeit von 639 (115) bis 684 (70) nicht +denkbar ist, und selbst die Sullanischen Landanweisungen die Lücken, die der +Krieg gerissen, höchstens gedeckt haben können, so darf der Überschuß von +reichlich 500000 Waffenfähigen mit Sicherheit auf die inzwischen erfolgte +Aufnahme der Bundesgenossen zurückgeführt werden. Indes ist es möglich und +sogar wahrscheinlich, daß in diesen verhängnisvollen Jahren der Gesamtstand der +italischen Bevölkerung vielmehr zurückging; rechnet man das Gesamtdefizit auf +100000 Waffenfähige, was nicht übertrieben erscheint, so kommen für die Zeit +des Bundesgenossenkrieges in Italien auf zwei Bürger drei Nichtbürger. +</p> + +<p> +2 Die Eidesformel ist erhalten (bei Diod. Vat. p. 128); sie lautet: “Ich +schwöre bei dem Kapitolinischen Jupiter und bei der römischen Vesta und bei dem +angestammten Mars und bei der zeugenden Sonne und bei der nährenden Erde und +bei den göttlichen Gründern und Mehrern (den Penaten) der Stadt Rom, daß mir +Freund sein soll und Feind sein soll, wer Freund und Feind ist dem Drusus; +ingleichen daß ich weder meines eigenen noch des Lebens meiner Kinder und +meiner Eltern schonen will, außer insoweit es dem Drusus frommt und den +Genossen dieses Eides. Wenn ich aber Bürger werden sollte durch das Gesetz des +Drusus, so will ich Rom achten als meine Heimat und Drusus als den größten +meiner Wohltäter. Diesen Eid will ich abnehmen so vielen meiner Mitbürger, als +ich vermag; und schwöre ich recht, so gehe es mir wohl, schwöre ich falsch, so +gehe es mir übel!” +</p> + +<p> +Indes wird man Wohltun, diesen Bericht mit Vorsicht zu benutzen; er rührt +entweder her aus den gegen Drusus von Philippus gehaltenen Reden (worauf die +sinnlose, von dem Auszugmacher der Eidesformel vorgesetzte Überschrift +‘Eid des Philippus’ zu führen scheint) oder im besten Fall aus den +später über diese Verschwörung in Rom aufgenommenen Kriminalprozeßakten; und +auch bei der letzteren Annahme bleibt es fraglich, ob diese Eidesformel aus den +Inkulpaten heraus- oder in sie hineininquiriert ward. +</p> + +<p> +———————————————————- +</p> + +<p> +Die letzte Hoffnung, durch Vertrag die Aufnahme in den römischen Bürgerverband +zu erlangen, ward den Italikern mit Marcus Drusus zu Grabe getragen. Wozu +dieser konservative und energische Mann unter den günstigsten Verhältnissen +seine eigene Partei nicht hatte bestimmen können, dazu war überhaupt auf dem +Wege der Güte nicht zu gelangen. Den Italikern blieb nur die Wahl, entweder +geduldig sich zu fügen oder den Versuch, der vor fünfunddreißig Jahren durch +die Zerstörung von Fregellae im Keim erstickt worden war, noch einmal und +womöglich mit gesamter Hand zu wiederholen und mit den Waffen sei es Rom zu +vernichten und zu beerben, sei es wenigstens die Gleichberechtigung mit Rom zu +erzwingen. Es war dieser letztere Entschluß freilich ein Entschluß der +Verzweiflung; wie die Sachen lagen, mochte die Auflehnung der einzelnen +Stadtgemeinden gegen die römische Regierung gar leicht noch hoffnungsloser +erscheinen als der Aufstand der amerikanischen Pflanzstädte gegen das Britische +Imperium; allem Anschein nach konnte die römische Regierung mit mäßiger +Aufmerksamkeit und Tatkraft dieser zweiten Schilderhebung das Schicksal der +früheren bereiten. Allein war es etwa minder ein Entschluß der Verzweiflung, +wenn man stillsaß und die Dinge über sich kommen ließ? Wenn man sich erinnerte, +wie die Römer ungereizt in Italien zu hausen gewohnt waren, was war jetzt zu +erwarten, wo die angesehensten Männer in jeder italischen Stadt mit Drusus in +einem Einverständnis gestanden hatten oder haben sollten - beides war +hinsichtlich der Folgen ziemlich dasselbe -, das geradezu gegen die jetzt +siegreiche Partei gerichtet und füglich als Hochverrat zu qualifizieren war? +Allen denen, die an diesem Geheimbund teilgehabt, ja allen, die nur der +Teilhaberschaft verdächtigt werden konnten, blieb keine andere Wahl, als den +Krieg zu beginnen oder ihren Nacken unter das Henkerbeil zu beugen. Es kam +hinzu, daß für eine allgemeine Schilderhebung durch ganz Italien der +gegenwärtige Augenblick noch verhältnismäßig günstige Aussichten darbot. Wir +sind nicht genau darüber unterrichtet, inwieweit die Römer die Sprengung der +größeren italischen Eidgenossenschaften durchgeführt hatten; es ist indes nicht +unwahrscheinlich, daß die Marser, die Paeligner, vielleicht sogar die Samniten +und Lucaner damals noch in ihrer alten, wenn auch politisch bedeutungslos +gewordenen, zum Teil wohl auf bloße Fest- und Opfergemeinschaft zurückgeführten +Gemeindebünden zusammenstanden. Immer fand die beginnende Insurrektion jetzt +noch an diesen Verbänden einen Stützpunkt; wer aber konnte sagen, wie bald die +Römer ebendarum dazu schreiten würden, auch sie zu beseitigen? Der Geheimbund +ferner, an dessen Spitze Drusus gestanden haben sollte, hatte sein wirkliches +oder gehofftes Haupt an ihm verloren, aber er selber bestand und gewährte für +die politische Organisation des Aufstandes einen wichtigen Anhalt, während die +militärische daran anknüpfen konnte, daß jede Bundesstadt ihr eigenes Heerwesen +und erprobte Soldaten besaß. Andrerseits war man in Rom auf nichts ernstlich +gefaßt. Man vernahm wohl davon, daß unruhige Bewegungen in Italien stattfänden +und die bundesgenössischen Gemeinden miteinander einen auffallenden Verkehr +unterhielten; aber statt schleunigst die Bürger unter die Waffen zu rufen, +begnügte das regierende Kollegium sich damit, in herkömmlicher Art die Beamten +zur Wachsamkeit zu ermahnen und Spione auszusenden, um etwas Genaueres zu +erfahren. Die Hauptstadt war so völlig unverteidigt, daß ein entschlossener +marsischer Offizier Quintus Pompaedius Silo, einer von den vertrautesten +Freunden des Drusus, den Plan entworfen haben soll, an der Spitze einer Schar +zuverlässiger, unter den Gewändern Schwerter führender Männer sich in dieselbe +einzuschleichen und sich ihrer durch einen Handstreich zu bemächtigen. Ein +Aufstand bereitete also sich vor; Verträge wurden geschlossen, die Rüstungen +still und tätig betrieben, bis endlich, wie gewöhnlich noch etwas früher, als +die leitenden Männer beabsichtigt hatten, durch einen Zufall die Insurrektion +zum Ausbruch kam. Der römische Prätor mit prokonsularischer Gewalt Gaius +Servilius, durch seine Kundschafter davon benachrichtigt, daß die Stadt Asculum +(Ascoli) in den Abruzzen an die Nachbargemeinden Geiseln sende, begab sich mit +seinem Legaten Fonteius und wenigem Gefolge dorthin und richtete an die eben +zur Feier der großen Spiele im Theater versammelte Menge eine donnernde +Drohrede. Der Anblick der nur zu bekannten Beile, die Verkündigung der nur zu +ernst gemeinten Drohungen warf den Funken in den seit Jahrhunderten +aufgehäuften Zunder des erbitterten Hasses; die römischen Beamten wurden im +Theater selbst von der Menge zerrissen und sofort, gleich als gelte es, durch +einen furchtbaren Frevel jede Brücke der Versöhnung abzubrechen, die Tore auf +Befehl der Obrigkeit geschlossen, die sämtlichen in Asculum verweilenden Römer +niedergemacht und ihre Habe geplündert. Wie die Flamme durch die Steppe lief +die Empörung durch die Halbinsel. Voran ging das tapfere und zahlreiche Volk +der Marser in Verbindung mit den kleinen, aber kernigen Eidgenossenschaften in +den Abruzzen, den Paelignern, Marrucinern, Frentanern und Vestinern; der schon +genannte tapfere und kluge Quintus Silo war hier die Seele der Bewegung. Von +den Marsern wurde zuerst den Römern förmlich abgesagt, wonach späterhin dem +Krieg der Name des marsischen blieb. Dem gegebenen Beispiel folgten die +samnitischen und überhaupt die Masse der Gemeinden vom Liris und den Abruzzen +bis hinab nach Kalabrien und Apulien, so daß bald in ganz Mittel- und +Süditalien gegen Rom gerüstet ward. Die Etrusker und Umbrer dagegen hielten zu +Rom, wie sie bereits früher mit den Rittern zusammengehalten hatten gegen +Drusus. Es ist bezeichnend, daß in diesen Landschaften seit alten Zeiten die +Grund- und Geldaristokratie übermächtig und der Mittelstand gänzlich +verschwunden war, wogegen in und an den Abruzzen der Bauernstand sich reiner +und frischer bewahrt hatte als irgendwo sonst in Italien; der Bauern- und +überhaupt der Mittelstand also war es, aus dem der Aufstand wesentlich +hervorging, wogegen die munizipale Aristokratie auch jetzt noch Hand in Hand +ging mit der hauptsächlichen Regierung. Danach ist es auch leicht erklärlich, +daß in den aufständischen Distrikten einzelne Gemeinden und in den +aufständischen Gemeinden Minoritäten festhielten an dem römischen Bündnis; wie +zum Beispiel die Vestinerstadt Pinna für Rom eine schwere Belagerung aushielt +und ein im Hirpinerland gebildetes Loyalistenkorps unter Minatus Magius von +Aeclanum die römischen Operationen in Kampanien unterstützte. Endlich hielten +fest an Rom die am besten gestellten bundesgenössischen Gemeinden, in +Kampanien, Nola und Nuceria, und die griechischen Seestädte Neapolis und +Rhegion, desgleichen wenigstens die meisten latinischen Kolonien, wie zum +Beispiel Alba und Aesernia - ebenwie im Hannibalischen Kriege die latinischen +und die griechischen Städte im ganzen für die sabellischen gegen Rom Partei +genommen hatten. Die Vorfahren hatten Italiens Beherrschung auf die +aristokratische Gliederung gegründet und mit geschickter Abstufung der +Abhängigkeiten die schlechter gestellten Gemeinden durch die besseren Rechts, +innerhalb jeder Gemeinde aber die Bürgerschaft durch die Munizipalaristokratie +in Untertänigkeit gehalten. Erst jetzt, unter dem unvergleichlich schlechten +Regiment der Oligarchie, erprobte es sich vollständig, wie fest und gewaltig +die Staatsmänner des vierten und fünften Jahrhunderts ihre Werksteine +ineinandergefügt hatten; auch diese Sturmflut hielt der vielfach erschütterte +Bau noch aus. Freilich war damit, daß die besser gestellten Städte nicht auf +den ersten Stoß von Rom ließen, noch keineswegs gesagt, daß sie auch jetzt, wie +im Hannibalischen Kriege, auf die Länge und nach schweren Niederlagen ausdauern +würden, ohne in ihrer Treue gegen Rom zu schwanken; die Feuerprobe war noch +nicht überstanden. +</p> + +<p> +Das erste Blut war also geflossen und Italien in zwei große Heerlager +auseinandergetreten. Zwar fehlte, wie wir sahen, noch gar viel an einer +allgemeinen Schilderhebung der italischen Bundesgenossenschaft; dennoch hatte +die Insurrektion schon eine vielleicht die Hoffnungen der Führer selbst +übertreffende Ausdehnung gewonnen, und die Insurgenten konnten ohne Übermut +daran denken, der römischen Regierung ein billiges Abkommen anzubieten. Sie +sandten Boten nach Rom und machten sich anheischig, gegen Aufnahme in den +Bürgerverband die Waffen niederzulegen; es war vergebens. Der Gemeinsinn, der +so lange in Rom vermißt worden war, schien plötzlich wiedergekehrt zu sein, nun +es sich darum handelte, einem gerechten und jetzt auch mit ansehnlicher Macht +unterstützten Begehren der Untertanen mit starrer Borniertheit in den Weg zu +treten. Die nächste Folge der italischen Insurrektion war, ähnlich wie nach den +Niederlagen, die die Regierungspolitik in Afrika und Gallien erlitten hatte, +die Eröffnung eines Prozeßkrieges, mittels dessen die Richteraristokratie Rache +nahm an denjenigen Männern der Regierung, in denen man, mit Recht oder Unrecht, +die nächste Ursache dieses Unheils sah. Auf den Antrag des Tribuns Quintus +Varius ward trotz des Widerstandes der Optimaten und trotz der tribunizischen +Interzession eine besondere Hochverratskommission, natürlich aus dem mit +offener Gewalt für diesen Antrag kämpfenden Ritterstand, niedergesetzt zur +Untersuchung der von Drusus angezettelten und, wie in Italien so auch in Rom, +weitverzweigten Verschwörung, aus der die Insurrektion hervorgegangen war und +die jetzt, da halb Italien in Waffen stand, der gesamten erbitterten und +erschreckten Bürgerschaft als unzweifelhafter Landesverrat erschien. Die +Urteile dieser Kommission räumten stark auf in den Reihen der senatorischen +Vermittlungspartei; unter andern namhaften Männern ward Drusus’ genauer +Freund, der junge talentvolle Gaius Cotta, in die Verbannung gesandt, und mit +Not entging der greise Marcus Scaurus dem gleichen Schicksal. Der Verdacht +gegen die den Reformen des Drusus geneigten Senatoren ging soweit, daß bald +nachher der Konsul Lupus aus dem Lager an den Senat berichtete über die +Verbindungen, die zwischen den Optimaten in seinem Lager und dem Feinde +beständig unterhalten würden; ein Verdacht, der sich freilich bald durch das +Aufgreifen marsischer Spione als unbegründet auswies. Insofern konnte der König +Mithradates nicht mit Unrecht sagen, daß der Hader der Faktionen ärger als der +Bundesgenossenkrieg selbst den römischen Staat zerrüttete. Zunächst indes +stellte der Ausbruch der Insurrektion und der Terrorismus, den die +Hochverratskommission übte, wenigstens einen Schein her von Einigkeit und +Kraft. Die Parteifehden schwiegen; die fähigen Offiziere aller Farben, +Demokraten wie Gaius Marius, Aristokraten wie Lucius Sulla, Freunde des Drusus +wie Publius Sulpicius Rufus, stellten sich der Regierung zur Verfügung; die +Getreideverteilungen wurden, wie es scheint, um diese Zeit durch Volksbeschluß +wesentlich beschränkt, um die finanziellen Kräfte des Staates für den Krieg +zusammenzuhalten, was um so notwendiger wir, als bei der drohenden Stellung des +Königs Mithradates die Provinz Asia jeden Augenblick in Feindeshand geraten und +damit eine der Hauptquellen des römischen Schatzes versiegen konnte; die +Gerichte stellten mit Ausnahme der Hochverratskommission nach Beschluß des +Senats vorläufig ihre Tätigkeit ein; alle Geschäfte stockten und man dachte an +nichts als an Aushebung von Soldaten und Anfertigung von Waffen. +</p> + +<p> +Während also der führende Staat in Voraussicht des bevorstehenden schweren +Krieges sich straffer zusammennahm, hatten die Insurgenten die schwierigere +Aufgabe zu lösen, sich während des Kampfes politisch zu organisieren. In dem +inmitten der marsischen, samnitischen, marrucinischen und vestinischen Gaue, +also im Herzen der insurgierten Landschaften belegenen Gebiete der Päligner, in +der schönen Ebene an dem Pescarafluß ward die Stadt Corfinium auserlesen zum +Gegen-Rom oder zur Stadt Italia, deren Bürgerrecht den Bürgern sämtlicher +insurgierter Gemeinden erteilt ward; hier wurden in entsprechender Größe Markt +und Rathaus abgesteckt. Ein Senat von fünfhundert Mitgliedern erhielt den +Auftrag, die Verfassung festzustellen, und die Oberleitung des Kriegswesens. +Nach seiner Anordnung erlas die Bürgerschaft aus den Männern senatorischen +Ranges zwei Konsuln und zwölf Prätoren, die ebenwie Roms zwei Konsuln und sechs +Prätoren die höchste Amtsgewalt in Krieg und Frieden .übernahmen. Die +lateinische Sprache, die damals schon bei den Marsern und Picentern die +landübliche war, blieb in offiziellem Gebrauch, aber es trat ihr die +samnitische als die im südlichen Italien vorherrschende gleichberechtigt zur +Seite und beider bediente man sich abwechselnd auf den Silbermünzen, die man +nach römischen Mustern und nach römischem Fuß auf den Namen des neuen +italischen Staates zu schlagen anfing, also das seit zwei Jahrhunderten von Rom +ausgeübte Münzmonopol ebenfalls ihm aneignend. Es geht aus diesen Bestimmungen +hervor, was sich freilich schon von selbst versteht, daß die Italiker jetzt +nicht mehr sich Gleichberechtigung von den Römern zu erstreiten, sondern diese +zu vernichten oder zu unterwerfen und einen neuen Staat zu bilden gedachten. +Aber es geht daraus auch hervor, daß ihre Verfassung nichts war als ein reiner +Abklatsch der römischen oder, was dasselbe ist, die altgewohnte, bei den +italischen Nationen seit undenklicher Zeit hergebrachte Politik: eine +Stadtordnung statt einer Staatskonstitution, mit Urversammlungen von gleicher +Unbehilflichkeit und Nichtigkeit, wie die römischen Komitien es waren, mit +einem regierenden Kollegium, das dieselben Elemente der Oligarchie in sich trug +wie der römische Senat, mit einer in gleicher Art durch eine Vielzahl +konkurrierender höchster Beamten ausgeübten Exekutive - es geht diese +Nachbildung bis in das kleinste Detail hinab, wie zum Beispiel der Konsul- oder +Prätortitel des höchstkommandierenden Magistrats auch von den Feldherren der +Italiker nach einem Siege vertauscht wird mit dem Titel Imperator. Es ändert +sich eben nichts als der Name, ganz wie auf den Münzen der Insurgenten dasselbe +Götterbild erscheint und nur die Beschrift nicht Roma, sondern Italia lautet. +Nur darin unterscheidet, nicht zu seinem Vorteil, sich dies Insurgenten-Rom von +dem ursprünglichen, daß das letztere denn doch eine städtische Entwicklung +gehabt und seine unnatürliche Zwischenstellung zwischen Stadt und Staat +wenigstens auf natürlichem Wege sich gebildet hatte, wogegen das neue Italia +gar nichts war als der Kongreßplatz der Insurgenten und durch eine reine +Legalfiktion die Bewohner der Halbinsel zu Bürgern dieser neuen Hauptstadt +gestempelt wurden. Bezeichnend aber ist es, daß hier, wo die plötzliche +Verschmelzung einer Anzahl einzelner Gemeinden zu einer neuen politischen +Einheit den Gedanken einer Repräsentativverfassung im modernen Sinn so +nahelegte, doch von einer solchen keine Spur, ja das Gegenteil sich zeigt 3 und +nur die kommunale Organisation in einer noch widersinnigeren Weise als bisher +reproduziert wird. Vielleicht nirgends zeigt es sich so deutlich wie hier, daß +dem Altertum die freie Verfassung unzertrennlich ist von dem Auftreten des +souveränen Volkes in eigener Person in den Urversammlungen oder von der Stadt, +und daß der große Grundgedanke des heutigen republikanisch-konstitutionellen +Staates: die Volkssouveränität auszudrücken durch eine +Repräsentantenversammlung, dieser Gedanke, ohne den der freie Staat ein Unding +wäre, ganz und vollkommen modern ist. Selbst die italische Staatenbildung, +obwohl sie in den gewissermaßen repräsentativen Senaten und in dem Zurücktreten +der Komitien dem freien Staat der Neuzeit sich nähert, hat doch weder als Rom +noch als Italia jemals die Grenzlinie zu überschreiten vermocht. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +3 Selbst aus unserer dürftigen Kunde, worunter Diodor (p. 538) und Strabon (5, +4, 2) noch das Beste geben, erhellt dies sehr bestimmt; wie denn zum Beispiel +der letztere ausdrücklich sagt, daß die Bürgerschaft die Beamten wählte. Daß +der Senat von Italia in anderer Weise gebildet werden und andere Kompetenz +haben sollte als der römische, ist wohl behauptet, aber nicht bewiesen worden. +Man wird bei der ersten Zusammensetzung natürlich für eine einigermaßen +gleichmäßige Vertretung der insurgierten Städte gesorgt haben; allein daß die +Senatoren von Rechts wegen von den Gemeinden deputiert werden sollten, ist +nirgends überliefert. Ebensowenig schließt der Auftrag an den Senat, die +Verfassung zu entwerfen, die Promulgation durch den Beamten und die +Ratifikation durch die Volksversammlung aus. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +So begann wenige Monate nach Drusus’ Tode im Winter 663/64 (91/90) der +Kampf, wie eine der Insurgentenmünzen ihn darstellt, des sabellinischen Stiers +gegen die römische Wölfin. Beiderseits rüstete man eifrig; in Italia wurden +große Vorräte an Waffen, Zufuhr und Geld aufgehäuft; in Rom bezog man aus den +Provinzen, namentlich aus Sizilien, die erforderlichen Vorräte und setzte für +alle Fälle die lange vernachlässigten Mauern in Verteidigungszustand. Die +Streitkräfte waren einigermaßen gleich gewogen. Die Römer füllten die Lücken in +den italischen Kontingenten teils durch gesteigerte Aushebung aus der +Bürgerschaft und aus den schon fast ganz romanisierten Bewohnern der +Keltenlandschaften diesseits der Alpen, von denen allein bei der kampanischen +Armee 10000 dienten 4, teils durch die Zuzüge der Numidier und anderer +überseeischer Nationen, und brachten mit Hilfe der griechischen und +kleinasiatischen Freistädte eine Kriegsflotte zusammen 5. Beiderseits wurden, +ohne die Besatzungen zu rechnen, bis 100000 Soldaten mobil gemacht 6 und an +Tüchtigkeit der Mannschaft, an Kriegstaktik und Bewaffnung standen die Italiker +hinter den Römern in nichts zurück. Die Führung des Krieges war für die +Insurgenten wie für die Römer deswegen sehr schwierig, weil das aufständische +Gebiet sehr ausgedehnt und eine große Zahl zu Rom haltender Festungen in +demselben zerstreut war; so daß einerseits die Insurgenten sich genötigt sahen, +einen sehr zersplitternden und zeitraubenden Festungskrieg mit einer +ausgedehnten Grenzdeckung zu verbinden, andrerseits die Römer nicht wohl anders +konnten, als die nirgends recht zentralisierte Insurrektion in allen +insurgierten Landschaften zu bekämpfen. Militärisch zerfiel das insurgierte +Land in zwei Hälften: in der nördlichen, die von Picenum und den Abruzzen bis +an die kampanische Nordgrenze reichte und die lateinisch redenden Distrikte +umfaßte, übernahmen italischerseits der Marser Quintus Silo, römischerseits +Publius Rutilius Lupus, beide als Konsuln, den Oberbefehl; in der südlichen, +welche Kampanien, Samnium und überhaupt die sabellisch redenden Landschaften in +sich schloß, befehligte als Konsul der Insurgenten der Samnite Gaius Papius +Mutilus, als römischer Konsul Lucius Iulius Caesar. Jedem der beiden +Oberfeldherrn standen auf italischer Seite sechs, auf römischer fünf +Unterbefehlshaber zur Seite, so daß ein jeder von diesen in einem bestimmten +Bezirk den Angriff und die Verteidigung leitete, die konsularischen Heere aber +die Bestimmung hatten, freier zu agieren und die Entscheidung zu bringen. Die +angesehensten römischen Offiziere, wie zum Beispiel Gaius Marius, Quintus +Catulus und die beiden im Spanischen Krieg erprobten Konsulare Titus Didius und +Publius Crassus, stellten für diese Posten den Konsuln sich zur Verfügung; und +wenn man auf Seiten der Italiker nicht so gefeierte Namen entgegenzustellen +hatte, so bewies doch der Erfolg, daß ihre Führer den römischen militärisch in +nichts nachstanden. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +4 Die Schleuderbleie von Asculum beweisen, daß auch im Heere des Strabo die +Gallier sehr zahlreich waren. +</p> + +<p> +5 Wir haben noch einen römischen Senatsbeschluß vom 22. Mai 676 (78), welcher +dreien griechischen Schiffskapitänen von Karystos, Klazomenä und Miletos für +die seit dem Beginn des Italischen Krieges (664 90) geleisteten treuen Dienste +bei ihrer Entlassung Ehren und Vorteile zuerkennt. Gleichartig ist die +Nachricht Memnons, daß von Herakleia am Schwarzen Meer für den Italischen Krieg +zwei Trieren aufgeboten und dieselben im elften Jahre mit reichen Ehrengaben +heimgekehrt seien. +</p> + +<p> +6 Daß diese Angaben Appians nicht übertrieben ist, beweisen die Schleuderbleie +von Asculum, die unter anderen die fünfzehnte Legion nennen. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Die Offensive in diesem durchaus dezentralisierten Krieg war im ganzen auf +seiten der Römer, tritt aber auch hier nirgends mit Entschiedenheit auf. Es +fällt auf, daß weder die Römer ihre Truppen zusammennahmen, um einen +überlegenen Angriff gegen die Insurgenten auszuführen, noch die Insurgenten den +Versuch machten, in Latium einzurücken und sich auf die feindliche Hauptstadt +zu werfen; wir sind indes mit den beiderseitigen Verhältnissen zu wenig +bekannt; um zu beurteilen, ob und wie man anders hätte handeln können und +inwieweit die Schlaffheit der römischen Regierung einer- und die lose +Verbindung der föderierten Gemeinden andrerseits zu diesem Mangel an Einheit in +der Kriegführung beigetragen haben. Es ist begreiflich, daß bei diesem System +es wohl zu Siegen und Niederlagen kam, aber sehr lange nicht zu einer +endgültigen Erledigung; nicht minder aber auch, saß von einem solchen Krieg, +der in eine Reihe von Gefechten einzelner gleichzeitig, bald gesondert, bald +kombiniert operierender Korps sich auflöste, aus unserer beispiellos +trümmerhaften Überlieferung ein anschauliches Bild sich nicht herstellen läßt. +</p> + +<p> +Der erste Sturm traf selbstverständlich die in den insurgierten Landschaften zu +Rom haltenden Festungen, die schleunigst ihre Tore schlossen und die bewegliche +Habe vom Lande hereinschafften. Silo warf sich auf die Zwingburg der Marser, +das feste Alba, Mutilus auf die im Herzen Samniums angelegte Latinerstadt +Aesernia: dort wie hier trafen sie auf den entschlossensten Widerstand. +Ähnliche Kämpfe mögen im Norden um Firmum, Hatria, Pinna, im Süden um Luceria, +Benevent, Nola, Paestum getobt haben, bevor und während die römischen Heere +sich an den Grenzen der insurgierten Landschaft aufstellten. Nachdem die +Südarmee unter Caesar in der größtenteils noch zu Rom haltenden kampanischen +Landschaft sich im Frühjahr 664 (90) gesammelt und Capua mit seinem für die +Finanzen Roms so wichtigen Domanialgebiet sowie die bedeutenderen Bundesstädte +mit Besatzung versehen hatte, versuchte sie zur Offensive überzugehen und den +kleineren, nach Samnium und Lucanien unter Marcus Marcellus und Publius Crassus +vorausgesandten Abteilungen zu Hilfe zu kommen. Allein Caesar ward von den +Samniten und den Marsern unter Publius Vettius Scato mit starkem Verlust +zurückgewiesen, und die wichtige Stadt Venafrum trat hierauf über zu den +Insurgenten, denen sie die römische Besatzung in die Hände lieferte. Durch den +Abfall dieser Stadt, die auf der Heerstraße von Kampanien nach Samnium lag, war +Aesernia abgeschnitten, und die bereits hart angegriffene Festung sah sich +jetzt ausschließlich auf den Mut und die Ausdauer ihrer Verteidiger und ihres +Kommandanten Marcellus angewiesen. Zwar machte ein Streifzug, den Sulla mit +derselben kühnen Verschlagenheit wie vor Jahren den Zug zu Bocchus glücklich zu +Ende führte, den bedrängten Aeserninern für einen Augenblick Luft; allein +dennoch wurden sie nach hartnäckiger Gegenwehr gegen Ende des Jahres durch die +äußerste Hungersnot gezwungen zu kapitulieren. Auch in Lucanien ward Publius +Crassus von Marcus Lamponius geschlagen und genötigt, sich in Grumentum +einzuschließen, das nach langer und harter Belagerung fiel. Apulien und die +südlichen Landschaften hatte man ohnehin gänzlich sich selbst überlassen +müssen. Die Insurrektion griff um sich; wie Mutilus an der Spitze der +samnitischen Armee in Kampanien einrückte, übergab die Bürgerschaft von Nola +ihm ihre Stadt und lieferte die römische Besatzung aus, deren Befehlshaber auf +Mutilus’ Befehl hingerichtet, die Mannschaft in die siegreiche Armee +untergesteckt ward. Mit einziger Ausnahme von Nuceria, das fest an Rom hielt, +ging ganz Kampanien bis zum Vesuv den Römern verloren; Salernum, Stabiae, +Pompeii, Herculaneum erklärten sich für die Insurgenten; Mutilus konnte in das +Gebiet nördlich vom Vesuv vorrücken und mit seiner samnitisch-lucanischen Armee +Acerrae belagern. Die Numidier, die in großer Zahl bei Caesars Armee standen, +fingen an, scharenweise zu Mutilus überzugehen oder vielmehr zu Oxyntas, dem +Sohne Jugurthas, der bei der Übergabe von Venusia den Samniten in die Hände +gefallen war und nun im königlichen Purpur in den Reihen der Samniten erschien, +so daß Caesar sich genötigt sah, das ganze afrikanische Korps in die Heimat +zurückzuschicken. Mutilus wagte sogar einen Sturm auf das römische Lager; +allein er ward abgeschlagen, und die Samniten, denen bei dem Abzug die römische +Reiterei in den Rücken gefallen war, ließen bei 6000 Tote auf dem Schlachtfeld. +Es war der erste namhafte Erfolg, den in diesem Kriege die Römer errangen; das +Heer rief den Feldherrn zum Imperator aus, und in der Hauptstadt fing der tief +gesunkene Mut wieder an sich zu heben. Zwar ward nicht lange darauf die +siegreiche Armee bei einem Flußübergang von Marius Egnatius angegriffen und so +nachdrücklich geschlagen, daß sie bis Teanum zurückweichen und dort wieder +organisiert werden mußte; indes gelang es den Anstrengungen des tätigen +Konsuls, sein Heer noch vor Einbruch des Winters wieder in kriegsfähigen +Zustand zu setzen und seine alte Stellung wieder einzunehmen unter den Mauern +von Acerrae, das die samnitische Hauptarmee unter Mutilus fortfuhr zu belagern. +</p> + +<p> +Gleichzeitig hatten die Operationen auch in Mittelitalien begonnen, wo der +Aufstand von den Abruzzen und der Landschaft am Fuciner See aus in gefährlicher +Nähe die Hauptstadt bedrohte. Ein selbständiges Korps unter Gnaeus Pompeius +Strabo ward ins Picenische gesandt, um, auf Firmum und Falerio gestützt, +Asculum zu bedrohen; die Hauptmasse dagegen der römischen Nordarmee stellte +unter dem Konsul Lupus sich auf an der Grenze des latinischen und des +marsischen Gebietes, wo an der Valerischen und der Salarischen Chaussee der +Feind der Hauptstadt am nächsten stand; der kleine Fluß Tolenus (Turano), der +zwischen Tibur und Alba die Valerische Straße schneidet und bei Rieti in den +Velino fällt, schied die beiden Heere. Ungeduldig drängte der Konsul Lupus zur +Entscheidung und überhörte den unbequemen Rat des Marius, die des Dienstes +ungewohnte Mannschaft erst im kleinen Krieg zu üben. Zunächst ward ihm die +10000 Mann starke Abteilung des Gaius Perpenna vollständig geschlagen. Der +Oberfeldherr entsetzte den geschlagenen General seines Kommandos und vereinigte +den Rest des Korps mit dem unter Marius’ Befehl stehenden, ließ sich aber +dadurch nicht abhalten, die Offensive zu ergreifen und in zwei teils von ihm +selbst, teils von Marius geführten Abteilungen auf zwei nicht weit voneinander +geschlagenen Brücken den Tolenus zu überschreiten. Ihnen gegenüber stand +Publius Scato mit den Marsern; er hatte sein Lager an der Stelle geschlagen, wo +Marius den Bach überschritt, allein ehe der Übergang stattfand, sich mit +Hinterlassung der bloßen Lagerposten von dort weggezogen und weiter +flußaufwärts eine verdeckte Stellung genommen, in welcher er das römische Korps +unter Lupus unvermutet während des Übergehens angriff und es teils +niedermachte, teils in den Fluß sprengte (11. Juni 664 90). Der Konsul selbst +und 8000 der Seinen blieben. Es konnte kaum ein Ersatz heißen, daß Marius, +Scatos Abmarsch endlich gewahrend, über den Fluß gegangen war und nicht ohne +Verlust der Feinde deren Lager besetzt hatte. Doch zwang dieser Flußübergang +und gleichzeitig von dem Feldherrn Servius Sulpicius über die Paeligner +erfochtener Sieg die Marser, ihre Verteidigungslinie etwas zurückzunehmen, und +Marius, welcher nach Beschluß des Senats als Höchstkommandierender an +Lupus’ Stelle trat, verhinderte wenigstens, daß der Feind weitere Erfolge +errang. Allein Quintus Caepio, der bald darauf ihm gleichberechtigt zur Seite +gesetzt ward, weniger wegen eines glücklich von ihm bestandenen Gefechtes, als +weil er den damals in Rom tonangebenden Rittern durch seine heftige Opposition +gegen Drusus sich empfohlen hatte, ließ sich von Silo durch die Vorspiegelung, +ihm sein Heer verraten zu wollen, in einen Hinterhalt locken und ward mit einem +großen Teil seiner Mannschaft von den Marsern und Vestinern zusammengehauen. +Marius, nach Caepios Fall wiederum alleiniger Oberbefehlshaber, hinderte durch +seinen zähen Widerstand den Gegner, die errungenen Vorteile zu benutzen, und +drang allmählich tief in das marsische Gebiet ein. Die Schlacht versagte er +lange; als er endlich sie lieferte, überwand er seinen stürmischen Gegner, der +unter anderen Toten den Hauptmann der Marruciner Herius Asinius auf der +Walstatt zurückließ. In einem zweiten Treffen wirkten Marius’ Heer und +das zur Südarmee gehörige Korps des Sulla zusammen, um den Marsern eine noch +empfindlichere Niederlage beizubringen, die ihnen 6000 Mann kostete; die Ehre +dieses Tages aber blieb dem jüngeren Offizier, denn Marius hatte zwar die +Schlacht geliefert und gewonnen, aber Sulla den Flüchtigen den Rückzug verlegt +und sie aufgerieben. +</p> + +<p> +Während also am Fuciner See heftig und mit wechselndem Erfolg gefochten ward, +hatte auch das picenische Korps unter Strabo unglücklich und glücklich +gestritten. Die Insurgentenchefs Gaius Iudacilius aus Asculum, Publius Vettius +Scato und Titus Lafrenius hatten mit vereinten Kräften dasselbe angegriffen, es +geschlagen und gezwungen, sich nach Firmum zu werfen, wo Lafrenius den Strabo +belagert hielt, während Iudacilius in Apulien einrückte und Canusium, Venusia +und die sonstigen dort noch zu Rom haltenden Städte zum Anschluß an die +Aufständischen bestimmte. Allein auf der römischen Seite bekam Servius +Sulpicius durch seinen Sieg über die Paeligner freie Hand, um in Picenum +einzurücken und Strabo Hilfe zu bringen. Lafrenius ward, während von vorn +Strabo ihn angriff, von Sulpicius in den Rücken gefaßt und sein Lager in Brand +gesteckt; er selber fiel, der Rest seiner Truppen warf sich in aufgelöster +Flucht nach Asculum. So vollständig hatte im Picenischen die Lage der Dinge +sich geändert, daß wie vorher die Römer auf Firmum, so jetzt die Italiker auf +Asculum sich beschränkt sahen und der Krieg also sich abermals in eine +Belagerung verwandelte. +</p> + +<p> +Endlich war im Laufe des Jahres zu den beiden schwierigen und vielgeteilten +Kriegen im südlichen und mittleren Italien noch ein dritter in der nördlichen +Landschaft gekommen, indem die für Rom so gefährliche Lage der Dinge nach den +ersten Kriegsmonaten einen großen Teil der umbrischen und einzelne etruskische +Gemeinden veranlaßt hatte, sich für die Insurrektion zu erklären, so daß es +nötig geworden war, gegen die Umbrer den Aulus Plotius, gegen die Etrusker den +Lucius Porcius Cato zu entsenden. Hier indes stießen die Römer auf einen weit +minder energischen Widerstand als im marsischen und samnitischen Land und +behaupteten das entschiedenste Übergewicht im Felde. +</p> + +<p> +So ging das schwere erste Kriegsjahr zu Ende, militärisch wie politisch trübe +Erinnerungen und bedenkliche Aussichten hinterlassend. Militärisch waren beide +Armeen der Römer, die marsische wie die kampanische, durch schwere Niederlagen +geschwächt und entmutigt, die Nordarmee genötigt, vor allem auf die Deckung der +Hauptstadt bedacht zu sein, die Südarmee bei Neapel in ihren Kommunikationen +ernstlich bedroht, da die Insurgenten ohne viele Schwierigkeit aus dem +marsischen oder samnitischen Gebiet hervorbrechen und zwischen Rom und Neapel +sich festsetzen konnten; weswegen man es notwendig fand, wenigstens eine +Postenkette von Cumae nach Rom zu ziehen. Politisch hatte die Insurrektion +während dieses ersten Kampfjahres nach allen Seiten hin Boden gewonnen, der +Obertritt von Nola, die rasche Kapitulation der festen und großen latinischen +Kolonie Venusia, der umbrisch-etruskische Aufstand waren bedenkliche Zeichen, +daß die römische Symmachie in ihren innersten Fugen wanke und nicht imstande +sei, diese letzte Probe auszuhalten. Schon hatte man der Bürgerschaft das +Äußerste zugemutet, schon, um jene Postenkette an der latinisch-kampanischen +Küste zu bilden, gegen 6000 Freigelassene in die Bürgermiliz eingereiht, schon +von den noch treugebliebenen Bundesgenossen die schwersten Opfer gefordert; es +war nicht möglich, die Sehne des Bogens noch schärfer anzuziehen, ohne alles +aufs Spiel zu setzen. Die Stimmung der Bürgerschaft war unglaublich gedrückt. +Nach der Schlacht am Tolenus, als der Konsul und die zahlreichen mit ihm +gefallenen namhaften Bürger von dem nahen Schlachtfeld nach der Hauptstadt als +Leichen zurückgebracht und daselbst bestattet wurden, als die Beamten zum +Zeichen der öffentlichen Trauer den Purpur und die Ehrenabzeichen von sich +legten, als von der Regierung an die hauptstädtischen Bewohner der Befehl +erging, in Masse sich zu bewaffnen, hatten nicht wenige sich der Verzweiflung +überlassen und alles verloren gegeben. Zwar war die schlimmste Entmutigung +gewichen nach den von Caesar bei Acerrae, von Strabo im Picenischen erfochtenen +Siegen; auf die Meldung des ersteren hatte man in der Hauptstadt den Kriegsrock +wieder mit dem Bürgerkleid vertauscht, auf die des zweiten die Zeichen der +Landestrauer abgelegt; aber es war doch nicht zweifelhaft, daß im ganzen die +Römer in diesem Waffengang den kürzeren gezogen hatten, und vor allen Dingen +war aus dem Senat wie aus der Bürgerschaft der Geist entwichen, der sie einst +durch alle Krisen des Hannibalischen Krieges hindurch zum Siege getragen hatte. +Man begann den Krieg wohl noch mit dem gleichen trotzigen Übermut wie damals, +aber man wußte ihn nicht wie damals damit zu endigen; der starre Eigensinn, die +zähe Konsequenz hatten einer schlaffen und feigen Gesinnung Platz gemacht. +Schon nach dem ersten Kriegsjahr wurde die äußere und innere Politik plötzlich +eine andere und wandte sich zur Transaktion. Es ist kein Zweifel, daß man damit +das Klügste tat, was sich tun ließ; aber nicht weil man, durch die unmittelbare +Gewalt der Waffen genötigt, nicht umhin konnte, sich nachteilige Bedingungen +gefallen zu lassen, sondern weil das, worum gestritten ward, die Verewigung des +politischen Vorranges der Römer vor den übrigen Italikern, dem Gemeinwesen +selber mehr schädlich als förderlich war. Es trifft im öffentlichen Leben wohl, +daß ein Fehler den anderen ausgleicht; hier machte, was der Eigensinn +verschuldet hatte, die Feigheit gewissermaßen wieder gut. Das Jahr 664 (90) +hatte begonnen mit der schroffsten Zurückweisung des von den Insurgenten +angebotenen Vergleichs und mit der Eröffnung eines Prozeßkrieges, in welchem +die leidenschaftlichsten Verteidiger des patriotischen Egoismus, die +Kapitalisten, Rache nahmen an allen denjenigen, die im Verdacht standen, der +Mäßigung und der rechtzeitigen Nachgiebigkeit das Wort geredet zu haben. +Dagegen brachte der Tribun Marcus Plautius Silvanus, der am 10. Dezember +desselben Jahres sein Amt antrat, ein Gesetz durch, das die +Hochverratskommission den Kapitalistengeschworenen entzog und anderen, aus der +freien, nicht ständisch qualifizierten Wahl der Distrikte hervorgegangenen +Geschworenen anvertraute; wovon die Folge war, daß diese Kommission aus einer +Geißel der Moderierten zu einer Geißel der Ultras ward und sie unter anderen +ihren eigenen Urheber Quintus Varius, dem die öffentliche Stimme die +schlimmsten demokratischen Greueltaten, die Vergiftung des Quintus Metellus und +die Ermordung des Drusus, schuld gab, in die Verbannung sandte. Wichtiger als +diese seltsam offenherzige politische Palinodie war die veränderte Richtung, +die man in der Politik gegen die Italiker einschlug. Genau dreihundert Jahre +waren verflossen, seit Rom zum letzten Male sich hatte den Frieden diktieren +lassen müssen; Rom war jetzt wieder unterlegen, und da es den Frieden begehrte, +war derselbe nur möglich wenigstens durch teilweises Eingehen auf die +Bedingungen der Gegner. Mit den Gemeinden, die bereits in Waffen sich erhoben +hatten, um Rom zu unterwerfen und zu zerstören, war die Fehde zu erbittert +geworden, als daß man in Rom es über sich gewonnen hätte, ihnen die verlangten +Zugeständnisse zu machen; und hätte man es getan, sie wären vielleicht jetzt +von der anderen Seite zurückgewiesen worden. Indes wenn den bis jetzt noch +treugebliebenen Gemeinden die ursprünglichen Forderungen unter gewissen +Einschränkungen gewährt wurden, so ward damit teils der Schein freiwilliger +Nachgiebigkeit gerettet, teils die sonst unvermeidliche Konsolidierung der +Konföderation verhindert und damit der Weg zu ihrer Überwindung gebahnt. So +taten denn die Pforten des römischen Bürgertums, die der Bitte so lange +verschlossen geblieben waren, jetzt plötzlich sich auf, als die Schwerter daran +pochten; jedoch auch jetzt nicht voll und ganz, sondern selbst für die +Aufgenommenen in widerwilliger und kränkender Weise. Ein von dem Konsul Lucius +Caesar 7 durchgebrachtes Gesetz verlieh das römische Bürgerrecht den Bürgern +aller derjenigen italischen Bundesgemeinden, die bis dahin noch nicht Rom offen +abgesagt hatten; ein zweites der Volkstribune Marcus Plautius Silvanus und +Gaius Papirius Carbo setzte jedem in Italien verbürgerten und domizilierten +Mann eine zweimonatliche Frist, binnen welcher es ihm gestattet sein solle, +durch Anmeldung bei einem römischen Beamten das römische Bürgerrecht zu +gewinnen. Indes sollten diese Neubürger, ähnlich den Freigelassenen, im +Stimmrecht in der Art beschränkt sein, daß von den fünfunddreißig Bezirken sie +nur in acht, wie die Freigelassenen nur in vier, eingeschrieben werden konnten; +ob die Beschränkung persönlich oder, wie es scheint, erblich war, ist nicht mit +Sicherheit zu entscheiden. Diese Maßregel bezog sich zunächst auf das +eigentliche Italien, das nördlich damals noch wenig über Ancona und Florenz +hinausreichte. In dem Kettenland diesseits der Alpen, das zwar rechtlich +Ausland war, aber in der Administration wie in der Kolonisierung längst als +Teil Italiens galt, wurden sämtliche latinische Kolonien behandelt wie die +italischen Gemeinden. Im übrigen war hier diesseits des Po der größte Teil des +Bodens nach Auflösung der alten keltischen Stammgemeinden zwar nicht nach dem +munizipalen Schema organisiert, stand aber doch im Eigentum römischer, meist in +Marktflecken (fora) zusammenwohnender Bürger. Die nicht zahlreichen +bundesgenössischen Ortschaften diesseits des Po, namentlich Ravenna, sowie die +gesamte Landschaft zwischen dem Po und den Alpen ward infolge eines von dem +Konsul Strabo im Jahre 665 (89) eingebrachten Gesetzes nach italischer +Stadtverfassung organisiert, so daß die hierzu sich nicht eignenden Gemeinden, +namentlich die Ortschaften in den Alpentälern, einzelnen Städten als abhängige +und zinspflichtige Dörfer zugelegt wurden, diese neuen Stadtgemeinden aber +nicht mit dem römischen Bürgertum beschenkt, sondern durch die rechtliche +Fiktion, daß sie latinische Kolonien seien, mit denjenigen Rechten bekleidet, +welche bisher den latinischen Städten geringeren Rechts zugestanden hatten. +Italien endigte also damals tatsächlich am Po, während die transpadanische +Landschaft als Vorland behandelt ward. Hier, nördlich vom Po, gab es außer +Cremona, Eporedia und Aquileia keine Bürger- oder latinische Kolonien, und es +waren auch die einheimischen Stämme hier keineswegs, wie südlich vom Po, +verdrängt worden. Die Abschaffung der keltischen Gau- und die Einführung der +italischen Stadtverfassung bahnte die Romanisierung des reichen und wichtigen +Gebietes an; es war dies der erste Schritt zu der langen und folgenreichen +Umgestaltung des gallischen Stammes, im Gegensatz zu dem und zu dessen Abwehr +einstmals Italien sich zusammengefunden hatte, in Genossen ihrer italischen +Herren. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +7 Das Julische Gesetz muß in den letzten Monaten des Jahres 664 (90) erlassen +sein, da während der guten Jahreszeit Caesar im Felde stand; das Plautische ist +wahrscheinlich, wie in der Regel die tribunizischen Anträge, unmittelbar nach +dem Amtsantritt der Tribune, also Dezember 664 (90) oder Januar 665 (89) +durchgebracht worden. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +So ansehnlich diese Zugeständnisse waren, wenn man sie vergleicht mit der seit +mehr als hundertfünfzig Jahren festgehaltenen starren Abgeschlossenheit der +römischen Bürgerschaft, so schlossen sie doch nichts weniger als eine +Kapitulation mit den wirklichen Insurgenten ein, sondern sollten teils die +schwankenden und mit dem Abfall drohenden Gemeinden festhalten, teils möglichst +viele Überläufer aus den feindlichen Reihen herüberziehen. In welchem Umfang +diese Gesetze, namentlich das wichtigste derselben, das des Caesar, zur +Anwendung gekommen sind, läßt sich nicht genau sagen, da wir den Umfang der +Insurrektion zur Zeit der Erlassung des Gesetzes nur im allgemeinen anzugeben +vermögen. Die Hauptsache war auf jeden Fall, daß die bisher latinischen +Gemeinden, sowohl die Überreste der alten latinischen Eidgenossenschaft, wie +Tibur und Praeneste, als auch besonders die latinischen Kolonien, mit Ausnahme +der wenigen zu den Insurgenten übergegangenen, dadurch eintraten in den +römischen Bürgerverband. Außerdem fand das Gesetz Anwendung auf die +treugebliebenen Bundesstädte in Etrurien und besonders in Süditalien, wie +Nuceria und Neapolis. Daß einzelne bisher besonders bevorzugte Gemeinden über +die Annahme des Bürgerrechts schwankten, Neapolis zum Beispiel Bedenken trug, +seinen bisherigen Vertrag mit Rom, der den Bürgern Freiheit vom Landdienst und +ihre griechische Verfassung, vielleicht auch überdies Domanialnutzungen +garantierte, gegen das beschränkte Neubürgerrecht hinzugeben, ist begreiflich; +es ist wahrscheinlich aus den dieser Anstände wegen geschlossenen Vergleichen +herzuleiten, daß diese Stadt, sowie auch Rhegion und vielleicht noch andere +griechische Gemeinden in Italien, selbst nach dem Eintritt in den Bürgerverband +ihre bisherige Kommunalverfassung und die griechische Sprache als offizielle +unverändert beibehalten haben. Auf alle Fälle ward infolge dieser Gesetze der +römische Bürgerverband außerordentlich erweitert durch das Aufgehen von +zahlreichen und ansehnlichen von der sizilischen Meerenge bis zum Po +zerstreuten Stadtgemeinden in denselben, außerdem die Landschaft zwischen dem +Po und den Alpen durch die Erteilung des besten bundesgenössischen Rechts +gleichsam mit der gesetzlichen Anwartschaft auf das volle Bürgerrecht beliehen. +</p> + +<p> +Gestützt auf diese Konzessionen an die schwankenden Gemeinden nahmen die Römer +mit neuem Mute den Kampf auf gegen die aufständischen Distrikte. Man hatte von +den bestehenden politischen Institutionen so viel niedergerissen, als notwendig +schien, um die Ausbreitung des Brandes zu hindern; die Insurrektion griff +fortan wenigstens nicht weiter um sich. Namentlich in Etrurien und Umbrien, wo +sie erst im Beginn war, wurde sie wohl mehr noch durch das Julische Gesetz als +durch den Erfolg der römischen Waffen so auffallend rasch überwältigt. In den +ehemaligen latinischen Kolonien, in der dicht bewohnten Polandschaft eröffneten +sich reiche und jetzt zuverlässige Hilfsquellen; mit diesen und mit denen der +Bürgerschaft selbst konnte man daran gehen, den jetzt isolierten Brand zu +bewältigen. Die beiden bisherigen Oberbefehlshaber gingen nach Rom zurück, +Caesar als erwählter Zensor, Marius, weil man seine Kriegführung als unsicher +und langsam tadelte und den sechsundsechzigjährigen Mann für altersschwach +erklärte. Sehr wahrscheinlich war dieser Vorwurf unbegründet; Marius bewies, +indem er täglich in Rom auf dem Turnplatz erschien, wenigstens seine +körperliche Frische, und auch als Oberbefehlshaber scheint er in dem letzten +Feldzug im ganzen die alte Tüchtigkeit bewährt zu haben; aber glänzende +Erfolge, mit denen allein er nach seinem politischen Bankrott sich hätte in der +öffentlichen Meinung rehabilitieren können, hatte er nicht erfochten, und so +ward der gefeierte Degen zu seinem bitteren Kummer jetzt auch als Offizier ohne +Umstände zu dem alten Eisen geworfen. An Marius’ Stelle trat bei der +marsischen Armee der Konsul dieses Jahres Lucius Porcius Cato, der mit +Auszeichnungen in Etrurien gefochten hatte, an Caesars bei der kampanischen der +Unterfeldherr Lucius Sulla, dem man einige der wesentlichsten Erfolge des +vorigen Feldzugs verdankte; Gnaeus Strabo behielt, jetzt als Konsul, das mit so +großem Erfolg von ihm geführte Kommando im picenischen Gebiet. +</p> + +<p> +So begann der zweite Feldzug 665 (89), den noch im Winter die Insurgenten +eröffneten durch den kühnen, an den großartigen Gang der Samnitischen Kriege +erinnernden Versuch, einen marsischen Heerhaufen von 15000 Mann der in +Norditalien gärenden Insurrektion zu Hilfe nach Etrurien zu senden. Allein +Strabo, durch dessen Bereich er zu passieren hatte, verlegte ihm den Weg und +schlug ihn vollständig; nur wenige gelangten zurück in die weit entfernte +Heimat. Als dann die Jahreszeit den römischen Heeren gestattete, die Offensive +zu ergreifen, betrat Cato das marsische Gebiet und drang unter glücklichen +Gefechten in demselben vor, allein er fiel in der Gegend des Fuciner Sees bei +einem Sturm auf das feindliche Lager, wodurch die ausschließliche Oberleitung +der Operationen in Mittelitalien auf Strabo überging. Dieser beschäftigte sich +teils mit der fortgesetzten Belagerung von Asculum, teils mit der Unterwerfung +der marsischen, sabellischen und apulischen Landschaften. Zum Entsatz seiner +bedrängten Heimatstadt erschien vor Asculum Iudacilius mit dem picentischen +Aufgebot und griff die belagernde Armee an, während gleichzeitig die +ausfallende Besatzung sich auf die römischen Linien warf. Es sollen an diesem +Tage 75000 Römer gegen 60000 Italiker gefochten haben. Der Sieg blieb den +Römern, doch gelang es dem Iudacilius, mit einem Teil des Entsatzheeres sich in +die Stadt zu werfen. Die Belagerung nahm ihren Fortgang; sie war langwierig 8 +durch die Festigkeit des Platzes und die verzweifelte Verteidigung der +Bewohner, welche fochten in Erinnerung an die schreckliche Kriegserklärung +innerhalb ihrer Mauern. Als Iudacilius endlich nach mehrmonatlicher tapferer +Verteidigung die Kapitulation herankommen sah, ließ er die Häupter der römisch +gesinnten Fraktion der Bürgerschaft unter Martern umbringen und gab sodann sich +selbst den Tod. So wurden die Tore geöffnet und die römischen Exekutionen +lösten die italischen ab: alle Offiziere und alle angesehenen Bürger wurden +hingerichtet, die übrigen mit dem Bettelstab ausgetrieben, sämtliches Hab und +Gut von Staats wegen eingezogen. Während der Belagerung und nach dem Fall von +Asculum durchzogen zahlreiche römische Korps die benachbarten aufständischen +Landschaften und bewogen eine nach der anderen zur Unterwerfung. Die Marruciner +fügten sich, nachdem Servius Sulpicius sie bei Teate (Chieti) nachdrücklich +geschlagen hatte. In Apulien drang der Prätor Gaius Cosconius ein, nahm Salapia +und Cannae und belagerte Canusium. Einen samnitischen Heerhaufen, der unter +Marius Egnatius der unkriegerischen Landschaft zu Hilfe kam und in der Tat die +Römer zurückdrängte, gelang es dem römischen Feldherrn bei dem Übergang über +den Aufidus zu schlagen; Egnatius fiel und der Rest des Heeres mußte in den +Mauern von Canusium Schutz suchen. Die Römer drangen wieder vor bis nach +Venusia und Rubi und wurden Herren von ganz Apulien. Auch am Fuciner See und am +Majellagebirg, in den Hauptsitzen der Insurrektion, stellten die Römer ihre +Herrschaft wieder her; die Marser ergaben sich an die Unterfeldherren Strabos, +Quintus Metellus Pius und Gaius Cinna, die Vestiner und Paeligner im folgenden +Jahr (666 88) an Strabo selbst; die Insurgentenhauptstadt Italia ward wieder +die bescheidene pälignische Landstadt Corfinium; die Reste des italischen +Senats flüchteten auf samnitisches Gebiet. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +8 Schleuderbleie mit dem Namen der Legion, die sie warf, auch wohl mit +Verwünschungen der “entlaufenen Sklaven” - demnach römische - oder +mit der Aufschrift entweder: “triff die Picenter” oder “triff +den Pompeius” -jene römische, diese italische - finden sieh von jener +Zeit her noch jetzt zahlreich in der Gegend von Ascoli. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Die römische Südarmee, welche jetzt unter Lucius Sullas Befehlen stand, hatte +gleichzeitig die Offensive ergriffen und war eingedrungen in das vom Feind +besetzte südliche Kampanien. Stabiae ward von Sulla selbst erobert und zerstört +(30. April 665 89), Herculaneum von Titus Didius, der indes, es scheint bei +diesem Sturm, selber fiel (11. Juni). Länger widerstand Pompeii. Der +samnitische Feldherr Lucius Cluentius kam herbei, der Stadt Entsatz zu bringen, +allein er ward von Sulla zurückgewiesen, und als er, durch Keltenscharen +verstärkt, seinen Versuch wiederholte, hauptsächlich durch den Wankelmut dieser +unzuverlässigen Gesellen so vollständig geschlagen, daß sein Lager erobert und +er selbst mit dem größten Teil der Seinigen auf der Flucht nach Nola zu +niedergehauen ward. Das dankbare römische Heer verlieh seinem Feldherrn den +Graskranz, mit welchem schlichten Zeichen nach Lagerbrauch der Soldat +geschmückt wurde, der durch seine Tüchtigkeit eine Abteilung seiner Kameraden +gerettet hatte. Ohne mit der Belagerung Nolas und den anderen von den Samniten +noch besetzten kampanischen Städte sich aufzuhalten, rückte Sulla sofort in das +innere Land ein, wo der Hauptherd der Insurrektion war. Die rasche Eroberung +und fürchterliche Bestrafung von Aeclanum verbreitete Schrecken in der ganzen +hirpinischen Landschaft; sie unterwarf sich, noch ehe der lucanische Zuzug +herankam, der zu ihrem Beistand sich in Bewegung setzte, und Sulla konnte +ungehindert vordringen, bis in das Gebiet der samnitischen Eidgenossenschaft. +Der Paß, wo die samnitische Landwehr unter Mutilus ihn erwartete, wurde +umgangen, die samnitische Armee im Rücken angegriffen und geschlagen; das Lager +ging verloren, der Feldherr rettete sich verwundet nach Aesernia. Sulla rückte +vor die Hauptstadt der samnitischen Landschaft Bovianum und zwang sie durch +einen zweiten, unter ihren Mauern erfochtenen Sieg zu kapitulieren. Erst die +vorgerückte Jahreszeit machte hier dem Feldzug ein Ende. +</p> + +<p> +Es war der vollständigste Umschwung der Dinge. So gewaltig, so siegreich, so +vordringend die Insurrektion den Feldzug des Jahres 665 (89) begonnen hatte, so +tiefgebeugt, so überall geschlagen, so völlig hoffnungslos ging sie aus +demselben hervor. Ganz Norditalien war beruhigt. In Mittelitalien waren beide +Küsten völlig in römischer Gewalt, die Abruzzen fast vollständig, Apulien bis +auf Venusia, Kampanien bis auf Nola in den Händen der Römer und durch die +Besetzung des hirpinischen Gebietes die Verbindung gesprengt zwischen den +beiden einzigen noch in offener Gegenwehr beharrenden Landschaften, der +samnitischen und der lucanisch-brettischen. Das Insurrektionsgebiet glich einer +erlöschenden ungeheuren Brandstätte; überall traf das Auge auf Asche und +Trümmer und verglimmende Brände, hie und da loderte noch zwischen den Ruinen +die Flamme empor, aber man war des Feuers überall Meister und nirgends drohte +mehr Gefahr. Es ist zu bedauern, daß wir die Ursachen dieses plötzlichen +Umschwunges in der oberflächlichen Überlieferung nicht mehr genügend erkennen. +So unzweifelhaft Strabos und mehr noch Sullas geschickte Führung und namentlich +die energischere Konzentrierung der römischen Streitkräfte, die raschere +Offensive wesentlich dazu beigetragen hat, so mögen doch neben den +militärischen auch politische Unruhen bei dem beispiellos raschen Sturz der +Insurgentenmacht im Spiel gewesen sein; es mag das Gesetz des Silvanus und +Carbo seinen Zweck, Abfall und Verrat der gemeinen Sache in die Reihen der +Feinde zu tragen, erfüllt haben, es mag, wie so oft, unter die lose verknüpften +aufständischen Gemeinden das Unglück als Apfel der Zwietracht gefallen sein. +Wir sehen nur - und es deutet auch dies auf eine sicher unter heftigen +Konvulsionen erfolgte innerliche Auflösung der Italia -, daß die Samniten, +vielleicht unter Leitung des Marsers Quintus Silo, der von Haus aus die Seele +des Aufstandes gewesen und nach der Kapitulation der Marser landflüchtig zu dem +Nachbarvolk gegangen war, jetzt sich eine andere, rein landschaftliche +Organisation gaben und, nachdem die “Italia” überwunden war, es +unternahmen, als “Safinen” oder Samniten den Kampf noch weiter +fortzusetzen 9. Das feste Aesernia ward aus der Zwingburg der letzte Hort der +samnitischen Freiheit; ein Heer sammelte sich von angeblich 30000 Mann zu Fuß +und 1000 zu Pferd und ward durch Freisprechung und Einordnung von 20000 Sklaven +verstärkt; fünf Feldherren traten an dessen Spitze, darunter als der erste Silo +und neben ihm Mutilus. Mit Erstaunen sah man nach zweihundertjähriger Pause die +Samnitenkriege aufs neue beginnen und das entschlossene Bauernvolk abermals, +ganz wie im fünften Jahrhundert, nachdem die italische Konföderation +gescheitert war, noch einen Versuch machen, seine landschaftliche +Unabhängigkeit auf eigene Faust von Rom zu ertrotzen. Allein dieser Entschluß +der tapfersten Verzweiflung änderte in der Hauptsache nicht viel; es mochte der +Bergkrieg in Samnium und Lucanien noch einige Zeit und einige Opfer fordern, +die Insurrektion war nichtsdestoweniger schon jetzt wesentlich zu Ende. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +9 Dieser Epoche müssen die seltenen Denare mit Safinim und G. Mutil in +oskischer Schrift angehören; denn solange die Italia von den Insurgenten +festgehalten ward, konnte kein einzelner Gau als souveräne Macht Münzen mit dem +eigenen Namen schlagen. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Allerdings war inzwischen eine neue Komplikation eingetreten, indem die +asiatischen Verwicklungen es zu einer gebieterischen Notwendigkeit gemacht +hatten, an König Mithradates von Pontos den Krieg zu erklären und für das +nächste Jahr (666 88) den einen Konsul und eine konsularische Armee nach +Kleinasien zu bestimmen. Wäre dieser Krieg ein Jahr früher zum Ausbruch +gekommen, so hätte die gleichzeitige Empörung des halben Italiens und der +wichtigsten Provinz dem römischen Staat eine ungeheure Gefahr bereitet. Jetzt, +nachdem in dem raschen Sturz der italischen Insurrektion das wunderbare Glück +Roms sich abermals bewährt hatte, war dieser neu beginnende asiatische Krieg, +trotzdem daß er mit dem verendenden italischen sich verschlang, doch nicht +eigentlich bedrohlicher Art, um so weniger, als Mithradates in seinem Übermut +die Aufforderung der Italiker, ihnen unmittelbaren Beistand zu leisten, von der +Hand wies, aber freilich immer noch in hohem Grade unbequem. Die Zeiten waren +nicht mehr, wo man einen italischen und einen überseeischen Krieg unbedenklich +nebeneinander führte; die Staatskasse war nach zwei Kriegsjahren bereits +vollständig erschöpft, die Bildung einer neuen Armee neben den bereits im Felde +stehenden schien kaum ausführbar. Indes man half sich wie man konnte. Der +Verkauf der seit alter Zeit auf und an der Burg freigebliebenen Plätze an die +Baulustigen, woraus 9000 Pfund Gold (2½ Mill. Taler) gelöst wurden, lieferte +die erforderlichen Geldmittel. Eine neue Armee ward nicht gebildet, sondern die +in Kampanien unter Sulla stehende bestimmt, nach Asien sich einzuschiffen, +sobald der Stand der Dinge im südlichen Italien es ihr gestatten würde sich zu +entfernen; war bei den Fortschritten der im Norden unter Strabo operierenden +Armee voraussichtlich bald geschehen konnte. +</p> + +<p> +So begann der dritte Feldzug 666 (88) unter günstigen Aussichten für Rom. +Strabo dämpfte den letzten Widerstand, der noch in den Abruzzen geleistet ward. +In Apulien machte Cosconius’ Nachfolger Quintus Metellus Pius, der Sohn +des Überwinders von Numidien und an energisch konservativer Gesinnung wie an +militärischer Begabung seinem Vater nicht ungleich, dem Widerstand ein Ende +durch die Einnahme von Venusia, wobei 3000 Bewaffnete gefangen genommen wurden. +In Samnium gelang zwar Silo die Wiedereinnahme von Bovianum; allein in einer +Schlacht, die er dem römischen General Mamercus Aemilius lieferte, siegten die +Römer, und was wichtiger war als der Sieg selbst, unter 6000 Toten, die die +Samniten auf der Walstatt ließen, war auch Silo. In Kampanien wurden die +kleineren Ortschaften, die die Samniten noch besetzt hielten, von Sulla ihnen +entrissen und Nola umstellt. Auch in Lucanien drang der römische Feldherr Aulus +Gabinius ein und errang nicht geringe Erfolge; allein nachdem er bei einem +Angriff auf das feindliche Lager gefallen war, herrschte der Insurgentenführer +Lamponius mit den Seinen wiederum fast ungestört in der weiten und öden +lucanisch-brettischen Landschaft. Er machte sogar einen Versuch sich Rhegions +zu bemächtigen, den indes der sizilische Statthalter Gaius Norbanus vereitelte. +Trotz einzelner Unfälle näherte man sich unaufhaltsam dem Ziel; der Fall von +Nola, die Unterwerfung von Samnium, die Möglichkeit, ansehnliche Streitkräfte +für Asien verfügbar zu machen, schienen nicht mehr fern, als die Wendung der +Dinge in der Hauptstadt der fast schon erstickten Insurrektion unvermutet Luft +machte. +</p> + +<p> +Rom war in fürchterlicher Gärung. Drusus’ Angriff auf die Rittergerichte +und sein durch die Ritterpartei bewirkter jäher Sturz, sodann der +zweischneidige Varische Prozeßkrieg hatten die bitterste Zwietracht gesät +zwischen Aristokratie und Bourgeoisie sowie zwischen den Gemäßigten und den +Ultras. Die Ereignisse hatten der Partei der Nachgiebigkeit vollständig recht +gegeben: was sie beantragt hatte, freiwillig zu verschenken, das hatte man mehr +als halb gezwungen zugestehen müssen; allein die Art, wie dies Zugeständnis +erfolgt war, trug eben wie die frühere Weigerung den Charakter des +eigensinnigen und kurzsichtigen Neides. Statt allen italischen Gemeinden das +gleiche Recht zu gewähren, hatte man die Zurücksetzung nur anders formuliert. +Man hatte eine große Anzahl italischer Gemeinden in den römischen Bürgerverband +aufgenommen, aber was man verlieh, wieder mit einem ehrenrührigen Makel +behaftet, die Neu- neben die Altbürger ungefähr wie die Freigelassenen neben +die Freigeborenen gestellt. Man hatte die Gemeinden zwischen dem Po und den +Alpen durch das Zugeständnis des latinischen Rechts mehr gereizt als +befriedigt. Man hatte endlich einem ansehnlichen und nicht dem schlechtesten +Teil der Italiker, sämtlichen wieder unterworfenen insurgierten Gemeinden, +nicht bloß das Bürgerrecht vorenthalten, sondern sogar ihre ehemaligen, durch +den Aufstand vernichteten Verträge ihnen nicht wieder rechtlich verbrieft, +höchstens im Gnadenweg und auf beliebigen Widerruf dieselben erneuert ^10. Die +Zurücksetzung im Stimmrecht verletzte um so tiefer, als sie bei der damaligen +Beschaffenheit der Komitien politisch sinnlos war und die scheinheilige +Fürsorge der Regierung für die unbefleckte Reinheit der Wählerschaft jedem +Unbefangenen lächerlich erscheinen mußte; all jene Beschränkungen aber waren +insofern gefährlich, als sie jeden Demagogen dazu einluden, durch Aufnahme der +mehr oder minder gerechten Forderungen der Neubürger sowohl wie der vom +Bürgerrecht ausgeschlossenen Italiker seine anderweitigen Zwecke durchzusetzen. +Wenn somit die heller sehende Aristokratie diese halben und mißgünstigen +Konzessionen ebenso unzulänglich finden mußte wie die Neubürger und die +Ausgeschlossenen selbst, so vermißte sie ferner schmerzlich in ihren Reihen die +zahlreichen und vorzüglichen Männer, die die Varische Hochverratskommission ins +Elend gesandt hatte und die zurückzurufen deswegen nur noch schwieriger war, +weil sie nicht durch Volks-, sondern durch Geschworenengerichte verurteilt +worden waren; denn sowenig man Bedenken trug, einen Volksschluß auch +richterlicher Natur durch einen zweiten zu kassieren, so erschien doch die +Kassation eines Geschworenenverdikts durch das Volk eben der besseren +Aristokratie als ein sehr gefährliches Beispiel. So waren weder die Ultras noch +die Gemäßigten mit dem Ausgang der italischen Krise zufrieden. Aber von noch +tieferem Grolle schwoll das Herz des alten Mannes, der mit erfrischten +Hoffnungen in den Italischen Krieg gezogen und daraus unfreiwillig +zurückgekommen war, mit dem Bewußtsein, neue Dienste geleistet und dafür neue +schwerste Kränkungen empfangen zu haben, mit dem bitteren Gefühle, von den +Feinden nicht mehr gefürchtet, sondern geringgeschätzt zu werden, mit jenem +Wurm der Rache im Herzen, der sich aufnährt an seinem eigenen Gifte. Auch von +ihm galt, was von den Neubürgern und den Ausgeschlossenen: unfähig und +unbehilflich wie er sich erwiesen hatte, war doch sein populärer Name in der +Hand eines Demagogen ein furchtbares Werkzeug. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +^10 Dediticiis, sagt Licinianus (p. 15) unter dem Jahre 667 (87), omnibus +[ci]vita[sJ data; qui polliciti mult[aJ milia militum vix XV … cobortes +miserunt worin der Livianische Bericht (ep. 80: Italicis populis a senatu +civltas data est) in teilweise schärferer Fassung wiedererscheint. Dediticii +sind nach römischem Staatsrecht diejenigen peregrinischen Freien (Gaius inst. +13-15, 25; Ulp. 20, 14; 22, 2), die den Römern untertan geworden und zu keinem +Bündnis zugelassen worden sind. Sie behalten nicht bloß Leben, Freiheit und +Eigentum, sondern können auch in Gemeinden mit eigener Verfassung konstituiert +sein. Απόλιδες, nullius certae civitatis cives (Ulp. 20, 14; vgl. Dig. 48, 19, +17, 1), sind nur die durch rechtliche Fiktion den dediticii gleichgestellten +Freigelassenen (ii qui dediticiorum numero sunt, nur mißbräuchlich und bei +besseren Schriftstellern selten geradezu dediticii genannt: Gaius inst. 1, 12; +Ulp. 1, 14; Paul. 4, 12, 6) ebenso wie die verwandten liberti Latini Juniani. +Aber die dediticii sind dennoch dem römischen Staate gegenüber insofern +rechtlos, als nach römischem Staatsrecht jede Dedition notwendig unbedingt ist +(Polyb. 21,1; vgl. 20, 9 u.10; 36, 2) und alle ihnen ausdrücklich oder +stillschweigend zugestandenen Rechte nur precario, also auf beliebigen Widerruf +zugestanden werden (App. Hisp. 44), der römische Staat also, was er auch gleich +oder später über seine Deditizier verhängen mag, niemals gegen sie eine +Rechtsverletzung begehen kann. Diese Rechtlosigkeit hört erst auf durch +Abschließung eines Bündnisvertrages (Liv. 34, 57). Darum erscheinen deditio und +foedus als staatsrechtlich sich ausschließende Gegenstände (Liv. 4, 30; 28, 34; +Cod. Theod. 7, 13, 16 und dazu Gothofr.), und nichts anderes ist auch der den +Juristen geläufige Gegensatz der Quasideditizier und der Quasilatiner, denn die +Latiner sind eben die Föderierten im eminenten Sinn (Cic. Balb. 24, 54). +</p> + +<p> +Nach dem älteren Staatsrecht gab es, mit Ausnahme der nicht zahlreichen, +infolge des Hannibalischen Krieges ihrer Verträge verlustig erklärten +Gemeinden, keine italischen Deditizier; noch in dem Plautischen Gesetz von +664/65 (90/89) schloß die Bezeichnung: qui foederatis civitatibus adscripti +fuerunt (Cic. Arch. 4, 7) wesentlich alle Italiker ein. Da nun aber unter den +dediticii, die 667 (87) nachträglich das Bürgerrecht empfingen, doch nicht +füglich bloß die Brettier und Picenter verstanden sein können, so wird man +annehmen dürfen, daß alle Insurgenten, soweit sie die Waffen niedergelegt und +nicht nach dem Plautisch-Papirischen Gesetz das Bürgerrecht erworben hatten, +als Deditizier behandelt oder, was dasselbe ist, daß ihre durch die +Insurrektion von selbst kassierten Verträge (darum qui foederati fuerunt in der +angeführten Ciceronischen Stelle) ihnen bei der Ergebung nicht rechtlich +erneuert wurden. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Mit diesen Elementen politischer Konvulsionen verband sich der rasch +fortschreitende Verfall der ehrbaren Kriegssitte und der militärischen +Disziplin. Die Keime, welche die Einstellung der Proletarier in das Heer in +sich trug, entwickelten sich mit erschreckender Geschwindigkeit während des +demoralisierenden Insurgentenkriegs, der jeden waffenfähigen Mann ohne +Unterschied zum Dienst zuzulassen nötigte und der vor allem unmittelbar in das +Hauptquartier wie in das Soldatenzelt die politische Propaganda trug. Bald +zeigten sich die Folgen in dem Erschlaffen aller Bande der militärischen +Hierarchie. Während der Belagerung von Pompeii ward der Befehlshaber des +Sullanischen Belagerungskorps, der Konsular Aulus Postumius Albinus, von seinen +Soldaten, die von ihrem Feldherrn dem Feinde verraten zu sein glaubten, mit +Steinen und Knütteln erschlagen; und der Oberbefehlshaber Sulla begnügte sich, +die Truppen zu ermahnen, durch tapferes Verhalten vor dem Feind die Erinnerung +an diesen Vorgang auszulöschen. Die Urheber dieser Tat waren die +Flottensoldaten, von jeher die am mindesten achtbare Truppe: bald folgte eine +vorwiegend aus dem Stadtpöbel ausgehobene Abteilung der Legionäre dem gegebenen +Beispiel. Angestiftet von einem der Helden des Marktes, Gaius Titius, vergriff +sie sich an dem Konsul Cato. Durch einen Zufall entging derselbe diesmal dem +Tode; Titius aber ward zwar festgesetzt, indes nicht bestraft. Als Cato dann +bald darauf wirklich in einem Gefechte umkam, wurden seine eigenen Offiziere, +namentlich der jüngere Gaius Marius, ob mit Recht oder mit Unrecht ist nicht +auszumachen, als die Urheber seines Todes bezeichnet. +</p> + +<p> +Zu dieser beginnenden politischen und militärischen kam die vielleicht noch +entsetzlichere ökonomische Krise, die im Verfolg des Bundesgenossenkrieges und +der asiatischen Unruhen über die römischen Geldmänner hereingebrochen war. Die +Schuldner, unfähig, auch nur die Zinsen zu erschwingen, und dennoch von ihren +Gläubigern unerbittlich gedrängt, hatten bei dem beikommenden Gerichtsvorstand, +dem Stadtprätor Asellio, teils Aufschub erbeten, um ihre Besitzungen verkaufen +zu können, teils die alten verschollenen Zinsgesetze wieder hervorgesucht und +nach der vor Zeiten festgestellten Vorschrift den vierfachen Betrag der dem +Gesetz zuwider gezahlten Zinsen von den Gläubigern eingeklagt. Asellio gab sich +dazu her, das tatsächlich bestehende Recht durch dessen Buchstaben zu beugen, +und instruierte in gewöhnlicher Weise die verlangten Zinsklagen; worauf die +verletzten Gläubiger unter Leitung des Volkstribuns Lucius Cassius sich auf dem +Markt zusammentaten und den Prätor, da er eben in priesterlichem Schmuck ein +Opfer darbrachte, vor dem Tempel der Eintracht überfielen und erschlugen - eine +Freveltat, wegen deren nicht einmal eine Untersuchung stattfand (665 89). +Andererseits ging in den Schuldnerkreisen die Rede, daß der leidenden Menge +nicht anders geholfen werden könne als durch “neue +Rechnungsbücher”, das heißt durch gesetzliche Vernichtung der Forderungen +sämtlicher Gläubiger an sämtliche Schuldner. Es war genau wieder wie während +des Ständestreits: wieder machten die Kapitalisten im Bunde mit der befangenen +Aristokratie der gedrückten Menge und der zur Mäßigung des starren Rechtes +mahnenden Mittelpartei den Krieg und den Prozeß; wieder stand man an dem Rande +desjenigen Abgrundes, in den der verzweifelte Schuldner den Gläubiger mit sich +hinabreißt; nur war seitdem an die Stelle der einfach bürgerlichen und +sittlichen Ordnung einer großen Ackerstadt die soziale Zerrissenheit einer +Kapitale vieler Nationen und diejenige Demoralisation getreten, in der der +Prinz mit dem Bettler sich begegnet; nur waren alle Mißverhältnisse breiter, +schroffer, in grauenhafter Weise großartiger geworden. Indem der +Bundesgenossenkrieg all die gärenden politischen und sozialen Elemente in der +Bürgerschaft gegeneinander rüttelte, legte er den Grund zu einer neuen +Revolution. Zum Ausbruch brachte sie ein Zufall. +</p> + +<p> +Der Volkstribun Publius Sulpicius Rufus war es, der im Jahre 666 (88) bei der +Bürgerschaft die Anträge stellte, jeden Senator, der über 2000 Denare (600 +Taler) schulde, seiner Ratsstelle verlustig zu erklären; den durch unfreie +Geschworenengerichte verurteilten Bürgern die Rückkehr in die Heimat +freizugeben; die Neubürger durch sämtliche Distrikte zu verteilen und +ingleichen den Freigelassenen Stimmrecht in allen Distrikten zu gestatten. Es +waren Vorschläge, die aus dem Munde dieses Mannes zum Teil wenigstens +überraschten. Publius Sulpicius Rufus (geboren 630 124) verdankte seine +politische Bedeutung weniger seiner adligen Geburt, seinen bedeutenden +Verbindungen und seinem angeerbten Reichtum als seinem ungemeinen Rednertalent, +worin von den Altersgenossen keiner ihm gleichkam; die mächtige Stimme, die +lebhaften, zuweilen an Theateraktion streifenden Gebärden, die üppige Fülle +seines Wortstroms ergriffen auch wen sie nicht überzeugten. Seiner +Parteistellung nach stand er von Haus aus auf der Seite des Senats, und sein +erstes politisches Auftreten (659 95) war die Anklage des der Regierungspartei +tödlich verhaßten Norbanus gewesen. Unter den Konservativen gehörte er zu der +Fraktion des Crassus und Drusus. Was ihn zunächst veranlaßte, sich für das Jahr +666 (88) um das Volkstribunat zu bewerben und um dessentwillen seinen +patrizischen Adel abzulegen, wissen wir nicht; doch scheint es dadurch, daß +auch er, wie die gesamte Mittelpartei, von den Konservativen als Revolutionär +verfolgt worden war, noch keineswegs Revolutionär geworden zu sein und +keineswegs einen Umsturz der Verfassung im Sinne des Gaius Gracchus +beabsichtigt zu haben. Eher mag er, als der einzige aus dem Varischen +Prozeßsturm unversehrt hervorgegangene namhafte Mann der Partei des Crassus und +Drusus, sich berufen gefühlt haben, das Werk des Drusus zu vollenden und die +noch bestehenden Zurücksetzungen der Neubürger schließlich zu beseitigen, wozu +er des Tribunats bedurfte. Noch aus seinem Tribunat werden mehrere Handlungen +von ihm erwähnt, die das gerade Gegenteil demagogischer Absichten verraten - so +hinderte er durch sein Einschreiten einen seiner Kollegen, die auf Grund des +Varischen Gesetzes ergangenen Geschworenenurteile durch Volksschluß zu +kassieren; und als der gewesene Ädil Gaius Caesar verfassungswidrig sich mit +Überspringung der Prätur um das Konsulat für 667 (87) bewarb, wie es heißt in +der Absicht, sich später die Führung des Asiatischen Krieges übertragen zu +lassen, trat, entschlossener und schärfer als irgendein anderer, Sulpicius ihm +entgegen. Ganz im Sinne des Drusus also forderte er von sich wie von andern +zunächst und vor allem die Einhaltung der Verfassung. Aber freilich vermochte +er ebensowenig wie Drusus das Unverträgliche zu vereinigen und die von ihm +beabsichtigte, an sich verständige, aber von der ungeheuren Mehrzahl der +Altbürgerschaft auf gütlichem Wege niemals zu erlangende Verfassungsänderung in +strenger Form Rechtens durchzusetzen. Der Bruch mit der mächtigen Familie der +Iulier, unter denen namentlich der Bruder des Gaius, der Konsular Lucius +Caesar, im Senat sehr einflußreich war, und mit der derselben anhängenden +Fraktion der Aristokratie hat ohne Zweifel auch wesentlich mitgewirkt und den +zornmütigen Mann durch persönliche Erbitterung über die ursprüngliche Absicht +hinausgeführt. Aber der Charakter der von ihm eingebrachten Anträge ist doch +von der Art, daß sie keineswegs die Persönlichkeit und die bisherige +Parteistellung ihres Urhebers verleugnen. Die Gleichstellung der Neubürger mit +den Altbürgern war nichts als die teilweise Wiederaufnahme der von Drusus +entworfenen Anträge zu Gunsten der Italiker und wie diese nur die Erfüllung der +Vorschriften einer gesunden Politik. Die Zurückrufung der durch die Varischen +Geschworenen Verurteilten opferte zwar den Grundsatz der Unverletzlichkeit des +Geschworenenwahrspruchs, für den Sulpicius eben noch selbst mit der Tat +eingestanden war, aber sie kam zunächst wesentlich den eigenen Parteigenossen +des Antragstellers, den gemäßigten Konservativen, zugute, und es läßt sich von +dem stürmischen Mann recht wohl begreifen, daß er bei seinem ersten Auftreten +eine solche Maßregel entschieden bekämpfte und dann, ergrimmt über den +Widerstand, auf den er traf, sie selber beantragte. Die Maßregel gegen die +Überschuldung der Senatoren war ohne Zweifel herbeigeführt durch die Bloßlegung +der trotz alles äußeren Glanzes tief zerrütteten ökonomischen Lage der +regierenden Familien bei Gelegenheit der letzten finanziellen Krise; es war +zwar peinlich, aber an sich doch im wohlverstandenen Interesse der +Aristokratie, wenn, wie dies die Folge des Sulpicischen Antrags sein mußte, +alle Individuen aus dem Senat ausschieden, die nicht vermochten, ihre Passiva +rasch zu liquidieren, und wenn das Koteriewesen, das in der Überschuldung +vieler Senatoren und ihrer dadurch herbeigeführten Abhängigkeit von den reichen +Kollegen seinen hauptsächlichen Halt fand, durch die Beseitigung des notorisch +feilen Senatorengesindels gedämpft ward - womit natürlich nicht geleugnet +werden soll, daß Rufus eine den Senat so schroff und gehässig prostituierende +Säuberung der Kurie, wie er sie vorschlug, ohne seine persönlichen Zerwürfnisse +mit den herrschenden Koteriehäuptern sicher niemals beantragt haben würde. +Endlich die Bestimmung zu Gunsten der Freigelassenen hatte unzweifelhaft +zunächst den Zweck, den Antragsteller zum Herrn der Gasse zu machen; an sich +aber war sie weder unmotiviert noch mit der aristokratischen Verfassung +unvereinbar. Seitdem man angefangen hatte, die Freigelassenen zum Militärdienst +mit hinzuzuziehen, war ihre Forderung des Stimmrechts insofern gerechtfertigt, +als Stimmrecht und Dienstpflicht stets Hand in Hand gegangen waren. Vor allen +Dingen aber kam bei der Nichtigkeit der Komitien politisch sehr wenig darauf +an, ob in diesen Sumpf noch eine Kloake mehr sich entleerte. Die Möglichkeit, +mit den Komitien zu regieren, ward für die Oligarchie eher gesteigert als +gemindert durch die unbeschränkte Zulassung der Freigelassenen, welche ja zu +einem sehr großen Teil von den regierenden Familien persönlich und ökonomisch +abhängig waren und richtig verwandt eben ein Mittel für die Regierung abgeben +konnten, die Wahlen gründlicher noch als bisher zu beherrschen. Wider die +Tendenzen der reformistisch gesinnten Aristokratie lief diese Maßregel +allerdings wie jede andere politische Begünstigung des Proletariats; allein sie +war auch für Rufus schwerlich etwas anderes, als was das Getreidegesetz für +Drusus gewesen war: ein Mittel, um das Proletariat auf seine Seite zu ziehen +und mit dessen Hilfe den Widerstand gegen die beabsichtigten, wahrhaft +gemeinnützigen Reformen zu brechen. Es ließ sich leicht voraussehen, daß dieser +nicht gering sein, daß die bornierte Aristokratie und die bornierte Bourgeoisie +ebendenselben stumpfsinnigen Neid wie vor dem Ausbruch der Insurrektion jetzt +nach ihrer Überwindung betätigen, daß die große Majorität aller Parteien die im +Augenblick der furchtbarsten Gefahr gemachten halben Zugeständnisse im stillen +oder auch laut als unzeitige Nachgiebigkeit bezeichnen und jeder Ausdehnung +derselben sich leidenschaftlich widersetzen werde. Drusus’ Beispiel hatte +gezeigt, was dabei herauskam, wenn man konservative Reformen allein im +Vertrauen auf die Senatsmajorität durchzusetzen unternahm; es war vollkommen +erklärlich, daß sein Freund und Gesinnungsgenosse verwandte Absichten in +Opposition gegen diese Mehrheit und in den Formen der Demagogie zu realisieren +versuchte. Rufus gab demnach sich keine Mühe, durch den Köder der +Geschworenengerichte den Senat für sich zu gewinnen. Besseren Rückhalt fand er +bei den Freigelassenen und vor allem an dem bewaffneten Gefolge - dem Bericht +seiner Gegner zufolge bestand es aus 3000 gedungenen Leuten und einem +“Gegensenat” von 600 jungen Männern aus der besseren Klasse -, mit +dem er in den Straßen und auf dem Markte erschien. Seine Anträge stießen denn +auch auf den entschiedensten Widerstand bei der Majorität des Senats, welche +zunächst, um Zeit zu gewinnen, die Konsuln Lucius Cornelius Sulla und Quintus +Pompeius Rufus, beide abgesagte Gegner der Demagogie, bewog, außerordentliche +religiöse Festlichkeiten anzuordnen, während deren die Volksversammlungen +ruhten. Sulpicius antwortete mit einem heftigen Auflauf, bei welchem unter +anderen Opfern der junge Quintus Pompeius, der Sohn des einen und Schwiegersohn +des anderen Konsuls, den Tod fand und das Leben der beiden Konsuln selbst +ernstlich bedroht ward - Sulla soll sogar nur dadurch gerettet worden sein, daß +Marius ihm sein Haus öffnete. Man mußte nachgeben; Sulla verstand sich dazu, +die angekündigten Festlichkeiten abzusagen, und die Sulpicischen Anträge gingen +nun ohne weiteres durch. Allein es war damit ihr Schicksal noch keineswegs +gesichert. Mochte auch in der Hauptstadt sich die Aristokratie geschlagen +geben, so gab es jetzt - zum erstenmal seit dem Beginn der Revolution - noch +eine andere Macht in Italien, die nicht übersehen werden durfte: die beiden +starken und siegreichen Armeen des Prokonsuls Strabo und des Konsuls Sulla. War +auch Strabos politische Stellung zweideutig, so stand Sulla, obwohl er der +offenbaren Gewalt für den Augenblick gewichen war, nicht bloß mit der +Senatsmajorität in vollem Einvernehmen, sondern war auch, unmittelbar nachdem +er die Festlichkeiten abgesagt hatte, abgegangen nach Kampanien zu seiner +Armee. Den unbewaffneten Konsul durch die Knüttelmänner oder die wehrlose +Hauptstadt durch die Schwerter der Legionen zu terrorisieren, lief am Ende auf +dasselbe hinaus; Sulpicius setzte voraus, daß der Gegner, jetzt wo er konnte, +Gewalt mit Gewalt vergelten und an der Spitze seiner Legionen nach der +Hauptstadt zurückkehren werde, um den konservativen Demagogen mitsamt seinen +Gesetzen über den Haufen zu werfen. Vielleicht irrte er sich. Sulla wünschte +den Krieg gegen Mithradates ebensosehr, wie ihm grauen mochte vor dem +hauptstädtischen politischen Brodel; bei seinem originellen Indifferentismus +und seiner unübertroffenen politischen Nonchalance hat es große +Wahrscheinlichkeit, daß er den Staatsstreich, den Sulpicius erwartete, +keineswegs beabsichtigte und daß er, wenn man ihn hätte gewähren lassen, nach +der Einnahme von Nola, dessen Belagerung ihn noch beschäftigte, unverweilt sich +mit seinen Truppen nach Asien eingeschifft haben würde. Indes wie dem auch sein +mag, Sulpicius entwarf, um den vermuteten Streich zu parieren, den Plan, Sulla +den Oberbefehl abzunehmen, und ließ zu diesem Ende mit Marius sich ein, dessen +Name noch immer hinreichend populär war, um einen Antrag, den Oberbefehl im +Asiatischen Kriege auf ihn zu übertragen, der Menge plausibel erscheinen zu +lassen, und dessen militärische Stellung und Kapazität für den Fall eines +Bruches mit Sulla eine Stütze werden konnte. Die Gefahr, die darin lag, den +alten, ebenso unfähigen als rach- und ehrsüchtigen Mann an die Spitze der +kampanischen Armee zu stellen, mochte Sulpicius nicht übersehen und ebensowenig +die arge Abnormität, einem Privatmann ein außerordentliches Oberkommando durch +Volksschluß zu übertragen; aber eben Marius’ erprobte staatsmännische +Unfähigkeit gab eine Art Garantie dafür, daß er die Verfassung nicht ernstlich +würde gefährden können, und vor allem war Sulpicius’ eigene Lage, wenn er +Sullas Absichten richtig beurteilte, eine so bedrohte, daß dergleichen +Rücksichten kaum mehr in Betracht kamen. Daß der abgestandene Held selbst +bereitwillig jedem entgegenkam, der ihn als Condottiere gebrauchen wollte, +versteht sich von selbst; nach dem Oberbefehl nun gar in einem asiatischen +Krieg gelüstete sein Herz seit vielen Jahren und nicht weniger vielleicht +danach, einmal gründlich abzurechnen mit der Senatsmajorität. Demnach erhielt +auf Antrag des Sulpicius durch Beschluß des Volkes Gaius Marius mit +außerordentlicher höchster oder sogenannter prokonsularischer Gewalt das +Kommando der kampanischen Armee und den Oberbefehl in dem Krieg gegen +Mithradates, und es wurden, um das Heer von Sulla zu übernehmen, zwei +Volkstribune in das Lager von Nola abgesandt. +</p> + +<p> +Die Botschaft kam an den unrechten Mann. Wenn irgend jemand berufen war, den +Oberbefehl im Asiatischen Kriege zu führen, so war es Sulla. Er hatte wenige +Jahre zuvor mit dem größten Erfolge auf demselben Kriegsschauplatz kommandiert: +er hatte mehr als irgendein anderer Mann beigetragen zur Überwältigung der +gefährlichen italischen Insurrektion; ihm als Konsul des Jahres, in welchem der +Asiatische Krieg zum Ausbruch kam, war in der hergebrachten Weise und mit +voller Zustimmung seines ihm befreundeten und verschwägerten Kollegen das +Kommando in demselben übertragen worden. Es war ein starkes Ansinnen, einen +unter solchen Verhältnissen übernommenen Oberbefehl nach Beschluß der +souveränen Bürgerschaft von Rom abzugeben an einen alten militärischen und +politischen Antagonisten, in dessen Händen die Armee, niemand mochte sagen zu +welchen Gewaltsamkeiten und Verkehrtheiten, mißbraucht werden konnte. Sulla war +weder gutmütig genug, um freiwillig einem solchen Befehl Folge zu leisten, noch +abhängig genug, um es zu müssen. Sein Heer war, teils infolge der von Marius +herrührenden Umgestaltungen des Heerwesens, teils durch die von Sulla +gehandhabte sittlich lockere und militärisch strenge Disziplin, wenig mehr als +eine ihrem Führer unbedingt ergebene und in politischen Dingen indifferente +Lanzknechtschar. Sulla selbst war ein blasierter, kalter und klarer Kopf, dem +die souveräne römische Bürgerschaft ein Pöbelhaufen war, der Held von Aquae +Sextiae ein bankrotter Schwindler, die formelle Legalität eine Phrase, Rom +selbst eine Stadt ohne Besatzung und mit halbverfallenen Mauern, die viel +leichter erobert werden konnte als Nola. In diesem Sinne handelte er. Er +versammelte seine Soldaten - es waren sechs Legionen oder etwa 35000 Mann - und +setzte ihnen die von Rom angelangte Botschaft auseinander, nicht vergessend, +ihnen anzudeuten, daß der neue Oberfeldherr ohne Zweifel nicht dieses Heer, +sondern andere, neu gebildete Truppen nach Kleinasien führen werde. Die höheren +Offiziere, immer noch mehr Bürger als Militärs, hielten sich zurück, und nur +ein einziger von ihnen folgte dem Feldherrn gegen die Hauptstadt; allein die +Soldaten, die nach früheren Erfahrungen in Asien einen bequemen Krieg und +unendliche Beute zu finden hofften, brausten auf; in einem Nu waren die beiden +von Rom gekommenen Tribune zerrissen und von allen Seiten erscholl der Zuruf, +daß der Feldherr sie auf Rom zu führen möge. Unverweilt brach der Konsul auf, +und unterwegs seinen Gleichgesinnten Kollegen an sich ziehend, gelang er in +raschen Märschen, wenig sich kümmernd um die von Rom ihm entgegeneilenden +Abgesandten, die ihn aufzuhalten versuchten, bis unter die Mauern der +Hauptstadt. Unerwartet sah man Sullas Heersäulen sich aufstellen an der +Tiberbrücke und am Collinischen und Esquilinischen Tore und sodann zwei +Legionen in Reih’ und Glied, ihre Feldzeichen voran, den Befriedeten +Mauerring überschreiten, jenseits dessen das Gesetz den Krieg gebannt hatte. So +viel schlimmer Hader, so viele bedeutende Fehden waren innerhalb dieser Mauern +zum Austrag gekommen, ohne daß ein römisches Heer den heiligen Stadtfrieden +gebrochen hätte; jetzt geschah es, zunächst um der elenden Frage willen, ob +dieser oder jener Offizier berufen sei, im Osten zu kommandieren. Die +einrückenden Legionen gingen vor bis auf die Höhe des Esquilin; als die von den +Dächern heranregnenden Geschosse und Steine die Soldaten unsicher machten und +sie zu weichen anfingen, erhob Sulla selbst die flammende Fackel und, mit +Brandpfeilen und Anzündung der Häuser drohend, brachen die Legionen sich Bahn +bis auf den Esquilinischen Marktplatz (unweit S. Maria Maggiore). Hier wartete +ihrer die eiligst von Marius und Sulpicius zusammengeraffte Mannschaft und warf +die zuerst eindringenden Kolonnen durch die Überzahl zurück. Aber von den Toren +kam denselben Verstärkung; eine andere Abteilung der Sullaner machte Anstalt, +auf der Suburastraße die Verteidiger zu umgehen; sie mußten zurück. Am Tempel +der Tellus, wo der Esquilin anfängt sich gegen den Großen Marktplatz zu senken, +versuchte Marius noch einmal sich zu setzen; er beschwor Senat und Ritter und +die gesamte Bürgerschaft, den Legionen sich entgegenzuwerfen. Aber er selbst +hatte dieselben aus Bürgern in Lanzknechte umgeschaffen; sein eigenes Werk +wandte sich gegen ihn; sie gehorchten nicht der Regierung, sondern ihrem +Feldherrn. Selbst als die Sklaven unter dem Versprechen der Freiheit +aufgefordert wurden, sich zu bewaffnen, erschienen ihrer nicht mehr als drei. +Es blieb den Führern nichts übrig, als eiligst durch die noch unbesetzten Tore +zu entrinnen; nach wenigen Stunden war Sulla unumschränkter Herr von Rom. Diese +Nacht brannten die Wachfeuer der Legionen auf dem Großen Marktplatz der +Hauptstadt. +</p> + +<p> +Die erste militärische Intervention in den bürgerlichen Fehden hatte es zur +vollen Evidenz gebracht, sowohl daß die politischen Kämpfe auf dem Punkt +angekommen waren, wo nur noch offene und unmittelbare Gewalt die Entscheidung +gibt, als auch daß die Gewalt des Knüttels nichts ist gegen die Gewalt des +Schwertes. Es ist die konservative Partei gewesen, die das Schwert zuerst +gezogen und an der denn auch jenes ahnungsvolle Wort des Evangeliums über den, +der zuerst das Schwert erhebt, seinerzeit sich erfüllt hat. Für jetzt +triumphierte sie vollständig und durfte ihren Sieg nach Belieben selber +formulieren. Von selbst verstand es sich, daß die Sulpicischen Gesetze als von +Rechts wegen nichtig bezeichnet wurden. Ihr Urheber und seine namhaftesten +Anhänger hatten sich geflüchtet; sie wurden, zwölf an der Zahl, von dem Senat +als Vaterlandsfeinde zur Fahndung und Hinrichtung ausgeschrieben. Publius +Sulpicius ward infolgedessen bei Laurentum ergriffen und niedergemacht und das +an Sulla gesandte Haupt des Tribuns nach dessen Anordnung auf dem Markt auf +ebenderselben Rednerbühne zur Schau gestellt, wo er selbst noch wenige Tage +zuvor in voller Jugend- und Rednerkraft gestanden hatte. Die anderen Geächteten +wurden verfolgt; auch dem alten Gaius Marius waren die Mörder auf den Fersen. +Wie der Feldherr auch die Erinnerung an seine glorreichen Tage durch eine Kette +von Erbärmlichkeiten getrübt haben mochte, jetzt, wo der Retter des Vaterlandes +um sein Leben lief, war er wieder der Sieger von Vercellae und mit atemloser +Spannung vernahm man in ganz Italien die Ereignisse seiner wundersamen Flucht. +In Ostia hatte er ein Fahrzeug bestiegen, um nach Afrika zu segeln; allein +widrige Winde und Mangel an Vorräten zwangen ihn, am Circeischen Vorgebirg zu +landen und auf gut Glück in die Irre zu gehen. Von wenigen begleitet und keinem +Dach sich anvertrauend, gelangte der greise Konsular zu Fuß, oft vom Hunger +gepeinigt, in die Nähe der römischen Kolonie Minturnae an der Mündung des +Garigliano. Hier zeigten sich in der Ferne die verfolgenden Reiter; mit genauer +Not ward das Ufer erreicht, und ein dort liegendes Handelsschiff entzog ihn +seinen Verfolgern; allein die ängstlichen Schiffer legten bald wieder an und +suchten das Weite, während Marius am Strande schlief. In dem Strandsumpf von +Minturnae, bis zum Gürtel in den Schlamm versunken und das Haupt unter einem +Schilfhaufen verborgen, fanden ihn seine Verfolger und lieferten ihn ab an die +Stadtbehörde von Minturnae. Er ward ins Gefängnis gelegt und der Stadtbüttel, +ein kimbrischer Sklave, gesandt, ihn hinzurichten; allein der Deutsche erschrak +vor dem blitzenden Auge seines alten Besiegers und das Beil entsank ihm, als +der General mit seiner gewaltigen Stimme ihn anherrschte, ob er der Mann sei, +den Gaius Marius zu töten. Als man dies vernahm, ergriff die Beamten von +Minturnae die Scham, daß der Retter Roms größere Ehrfurcht finde bei den +Sklaven, denen er die Knechtschaft, als bei den Mitbürgern, denen er die +Freiheit gebracht hatte; sie lösten seine Fesseln, gaben ihm Schiff und +Reisegeld und sandten ihn nach Aenaria (Ischia). Die Verbannten mit Ausnahme +des Sulpicius fanden in diesen Gewässern sich allmählich zusammen; sie liefen +am Eryx und bei dem ehemaligen Karthago an, allein die römischen Beamten wiesen +sie in Sizilien wie in Afrika zurück. So entrannen sie nach Numidien, dessen +öde Stranddünen ihnen einen Zufluchtsort für den Winter gewährten. Allein der +König Hiempsal II., den sie zu gewinnen hofften und der auch eine Zeitlang sich +die Miene gegeben hatte, mit ihnen sich verbinden zu wollen, hatte es nur +getan, um sie sicher zu machen, und versuchte jetzt, sich ihrer Personen zu +bemächtigen. Mit genauer Not entrannen die Flüchtlinge seinen Reitern und +fanden vorläufig eine Zuflucht auf der kleinen Insel Kerkina (Kerkena) an der +tunesischen Küste. Wir wissen es nicht, ob Sulla seinem Glücksstern auch dafür +dankte, daß es ihm erspart blieb, den Kimbrersieger töten zu lassen; wenigstens +scheint es nicht, daß die minturnensischen Beamten bestraft worden sind. +</p> + +<p> +Um die vorhandenen Übelstände zu beseitigen und künftige Umwälzungen zu +verhüten, veranlaßte Sulla eine Reihe neuer gesetzlicher Bestimmungen. Für die +bedrängten Schuldner scheint nichts geschehen zu sein, als daß man die +Vorschriften über das Zinsmaximum einschärfte ^11; außerdem wurde die +Ausführung einer Anzahl von Kolonien angeordnet. Der in den Schlachten und +Prozessen des Bundesgenossenkrieges sehr zusammengeschwundene Senat ward +ergänzt durch die Aufnahme von 300 neuen Senatoren, deren Auswahl natürlich im +optimatischen Interesse getroffen ward. Endlich wurden hinsichtlich des +Wahlmodus und der legislatorischen Initiative wesentliche Änderungen +vorgenommen. Die alte Servianische Stimmordnung der Zenturiatkomitien, nach der +die erste Steuerklasse mit einem Vermögen von 100000 Sesterzen (7600 Talern) +oder darüber allein fast die Hälfte der Stimmen inne hatte, trat wieder an die +Stelle der im Jahre 513 (241) eingeführten, das Übergewicht der ersten Klasse +mildernden Ordnungen. Tatsächlich ward damit für die Wahl der Konsuln, Prätoren +und Zensoren ein Zensus eingeführt, der die nicht Wohlhabenden vom aktiven +Wahlrecht der Sache nach ausschloß. Die legislatorische Initiative wurde den +Volkstribunen dadurch beschränkt, daß jeder Antrag fortan von ihnen zunächst +dem Senat vorgelegt werden mußte und erst, wenn dieser ihn gebilligt hatte, an +das Volk gelangen konnte. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +^11 Klar ist es nicht, was das “Zwölftelgesetz’, der Konsuln Sulla +und Rufus von 666 (88) in dieser Hinsicht vorschrieb; die einfachste Annahme +bleibt aber, darin eine Erneuerung des Gesetzes von 397 (357) zu sehen, so daß +der höchste erlaubte Zinsfuß wieder 1/12 des Kapitals für das zehnmonatliche +oder 10 Prozent für das zwölfmonatliche Jahr ward. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Diese durch den Sulpicischen Revolutionsversuch hervorgerufenen Verfügungen +desjenigen Mannes, der darin als Schild und Schwert der Verfassungspartei +aufgetreten war, des Konsuls Sulla, tragen einen ganz eigentümlichen Charakter. +Sulla wagte es, ohne die Bürgerschaft oder Geschworene zu fragen, über zwölf +der angesehensten Männer, darunter fungierende Beamte und den berühmtesten +General seiner Zeit, das Todesurteil zu verhängen und öffentlich zu diesen +Ächtungen sich zu bekennen, eine Verletzung der altheiligen +Provokationsgesetze, die selbst von sehr konservativen Männern, wie zum +Beispiel von Quintus Scaevola, strengen Tadel erfuhr. Er wagte es, eine seit +anderthalb Jahrhunderten bestehende Wahlordnung umzustoßen und den seit langem +verschollenen und verfemten Wahlzensus wiederherzustellen. Er wagte es, das +Recht der Legislation seinen beiden uralten Faktoren, den Beamten und den +Komitien, tatsächlich zu entziehen und es auf eine Behörde zu übertragen, die +zu keiner Zeit formell ein anderes Recht in dieser Hinsicht besessen hatte als +das, dabei um Rat gefragt werden zu können. Kaum hatte je ein Demokrat in so +tyrannischen Formen Justiz geübt, mit so rücksichtsloser Kühnheit an den +Fundamenten der Verfassung gerüttelt und gemodelt wie dieser konservative +Reformator. Sieht man aber auf die Sache statt auf die Form, so gelangt man zu +sehr verschiedenen Ergebnissen. Revolutionen sind nirgends und am wenigsten in +Rom beendigt worden, ohne eine gewisse Zahl von Opfern zu fordern, welche, in +mehr oder minder der Justiz abgeborgten Formen, die Schuld, überwunden zu sein, +gleichsam als ein Verbrechen büßen. Wer sich erinnert an die prozessualischen +Konsequenzen, wie sie die siegende Partei nach dem Sturz der Gracchen und des +Saturninus gezogen hatte, der fühlt sich geneigt, dem Sieger vom Esquilinischen +Markt das Lob der Offenheit und der relativen Mäßigung zu erteilen, indem er +einmal ohne viel Umstände das, was Krieg war, auch als Krieg nahm und die +geschlagenen Männer als rechtlose Feinde in die Acht erklärte; zweitens die +Zahl der Opfer möglichst beschränkte und wenigstens das widerliche Wüten gegen +die geringen Leute nicht gestattete. Eine ähnliche Mäßigung zeigt sich in den +politischen Organisationen. Die Neuerung hinsichtlich der Gesetzgebung, die +wichtigste und scheinbar durchgreifendste, brachte in der Tat nur den +Buchstaben der Verfassung mit dem Geist derselben in Einklang. Die römische +Legislation, wo jeder Konsul, Prätor oder Tribun jede beliebige Maßregel bei +der Bürgerschaft beantragen und ohne Debatte zur Abstimmung bringen konnte, war +von Haus aus unvernünftig gewesen und mit der steigenden Nullität der Komitien +es immer mehr geworden; sie ward nur ertragen, weil faktisch der Senat sich das +Vorberatungsrecht vindiziert hatte und regelmäßig den ohne solche Vorberatung +zur Abstimmung ge langenden Antrag erstickte durch politische oder religiöse +Interzession. Diese Dämme hatte die Revolution fortgeschwemmt; infolgedessen +fing nun jenes absurde System an, seine Konsequenzen vollständig und jedem +mutwilligen Buben den Umsturz des Staats in formell legaler Weise möglich zu +machen. Was war unter solchen Umständen natürlicher, notwendiger, im rechten +Sinne konservativer, als die bisher auf Umwegen realisierte Legislation des +Senats jetzt förmlich und ausdrücklich anzuerkennen? Etwas Ähnliches gilt von +der Erneuerung des Wahlzensus. Die ältere Verfassung ruhte durchaus auf +demselben; auch die Reform von 513 (241) hatte die Bevorzugung der Vermögenden +nur beschränkt. Aber seit diesem Jahr war eine ungeheure finanzielle Umwandlung +eingetreten, welche eine Erhöhung des Wahlzensus wohl rechtfertigen konnte. +Auch die neue Timokratie änderte also den Buchstaben der Verfassung nur, um dem +Geiste derselben treu zu bleiben, indem sie zugleich dem schändlichen +Stimmenkauf samt allem, was daran hing, in der möglichst milden Form zu wehren +wenigstens versuchte. Endlich die Bestimmungen zu Gunsten der Schuldner, die +Wiederaufnahme der Kolonisationspläne gaben den redenden Beweis, daß Sulla, +wenn er auch nicht gemeint war, Sulpicius’ leidenschaftlichen Anträgen +beizupflichten, doch eben wie er und wie Drusus, wie überhaupt alle heller +sehenden Aristokraten, den materiellen Reformen an sich geneigt war; wobei +nicht übersehen werden darf, daß er diese Maßregel nach dem Siege und durchaus +freiwillig beantragte. Wenn man hiermit verbindet, daß Sulla die +hauptsächlichen Fundamente der Gracchischen Verfassung bestehen ließ und weder +an den Rittergerichten noch an den Kornverteilungen rüttelte, so wird man das +Urteil gerechtfertigt finden, daß die Sullanische Ordnung von 666 (86) an dem +seit dem Sturz des Gaius Gracchus bestehenden Status quo wesentlich festhielt +und nur teils die dem bestehenden Regiment zunächst Gefahr drohenden +überlieferten Satzungen zeitgemäß änderte, teils den vorhandenen sozialen Übeln +nach Kräften abzuhelfen suchte, soweit beides sich tun ließ, ohne die +tieferliegenden Schäden zu berühren. Energische Verachtung des +konstitutionellen Formalismus in Verbindung mit einem lebendigen Gefühl für den +inneren Gehalt der bestehenden Ordnungen, klare Einsichten und löbliche +Absichten bezeichnen durchaus diese Gesetzgebung; ebenso aber eine gewisse +Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit, wie denn namentlich sehr viel guter +Wille dazu gehörte, um zu glauben, daß die Feststellung des Zinsmaximums den +verwirrten Kreditverhältnissen aufhelfen und daß das Vorberatungsrecht des +Senats sich gegen die künftige Demagogie widerstandsfähiger erweisen werde als +bisher das Interzessionsrecht und die Religion. +</p> + +<p> +In der Tat stiegen an dem reinen Himmel der Konservativen sehr bald neue Wolken +auf. Die asiatischen Verhältnisse nahmen einen immer drohenderen Charakter an. +Schon hatte der Staat dadurch, daß die Sulpicische Revolution den Abgang des +Heeres nach Asien verzögert hatte, den schwersten Schaden erlitten; die +Einschiffung konnte auf keinen Fall länger verschoben werden. Inzwischen hoffte +Sulla teils in den Konsuln, die nach der neuen Wahlordnung gewählt würden, +teils besonders in den mit der Bezwingung der Reste der italischen Insurrektion +beschäftigten Armeen Garanten gegen einen neuen Sturm auf die Oligarchie in +Italien zurückzulassen. Allein in den Konsularkomitien fiel die Wahl nicht auf +die von Sulla aufgestellten Kandidaten, sondern neben Gnaeus Octavius, einem +allerdings streng optimatisch gesinnten Mann, auf Lucius Cornelius Cinna, der +zur entschiedensten Opposition gehörte. Vermutlich war es hauptsächlich die +Kapitalistenpartei, die mit dieser Wahl dem Urheber des Zinsgesetzes vergalt. +Sulla nahm die unbequeme Wahl mit der Erklärung hin, daß es ihn freue, die +Bürger von ihrer verfassungsmäßigen Wahlfreiheit Gebrauch machen zu sehen, und +begnügte sich, beiden Konsuln den Schwur abzunehmen auf treue Beobachtung der +bestehenden Verfassung. Von den Armeen kam es vornehmlich auf die Nordarmee an, +da die kampanische größten teils nach Asien abzugehen bestimmt war. Sulla ließ +durch Volksschluß das Kommando über jene auf seinen treuergebenen Kollegen +Quintus Rufus übertragen und den bisherigen Feldherrn Gnaeus Strabo in +möglichst schonender Weise zurückrufen, um so mehr als dieser der Ritterpartei +angehörte und seine passive Haltung während der Sulpicischen Unruhen der +Aristokratie nicht geringe Bedenken erregt hatte. Rufus traf bei dem Heer ein +und übernahm an Strabos Stelle den Oberbefehl; allein wenige Tage nachher ward +er von den Soldaten erschlagen und Strabo trat wieder zurück in das kaum +abgegebene Kommando. Er galt als der Anstifter des Mordes; gewiß ist es, daß er +ein Mann war, zu dem man solcher Tat sich versehen konnte, der die Früchte der +Untat erntete und die wohlbekannten Urheber nur mit Worten strafte. Für Sulla +war Rufus’ Beseitigung und Strabos Feldherrnschaft eine neue und ernste +Gefahr; doch tat er nichts, um diesem das Kommando abzunehmen. Als bald darauf +sein Konsulat zu Ende ging, sah er sich einerseits von seinem Nachfolger Cinna +gedrängt, endlich nach Asien abzugehen, wo seine Anwesenheit allerdings +dringend not tat, andererseits von einem der neuen Tribune vor das Volksgericht +geladen; es war dem blödesten Auge klar, daß ein neuer Sturm gegen ihn und +seine Partei sich vorbereitete und daß die Gegner seine Entfernung wünschten. +Sulla hatte die Wahl, mit Cinna, vielleicht mit Strabo es zum Bruche zu treiben +und abermals auf Rom zu marschieren, oder die italischen Angelegenheiten gehen +zu lassen, wie sie konnten und mochten und nach einem andern Weltteil sich zu +entfernen. Sulla entschied sich - ob mehr aus Patriotismus oder mehr aus +Indifferenz, wird nie ausgemacht werden - für die letztere Alternative, übergab +das in Samnium zurückbleibende Korps dem zuverlässigen und kriegskundigen +Quintus Metellus Pius, der an Sullas Stelle den prokonsularischen Oberbefehl in +Unteritalien übernahm, die Leitung der Belagerung von Nola dem Proprätor Appius +Claudius und schiffte im Anfang des Jahres 667 (87) mit seinen Legionen nach +dem hellenischen Osten sich ein. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap08"></a>KAPITEL VIII.<br/> +Der Osten und König Mithradates</h2> + +<p> +Die atemlose Spannung, in welcher die Revolution mit ihrem ewig sich +erneuernden Feuerlärm und Löschruf die römische Regierung erhielt, war die +Ursache, daß dieselbe die Provinzialverhältnisse überhaupt aus den Augen +verlor, am meisten aber die des asiatischen Ostens, dessen ferne und +unkriegerische Nationen nicht so unmittelbar wie Afrika, Spanien und die +transalpinischen Nachbarn der Beachtung der Regierung sich aufdrängten. Nach +der Einziehung des Attalischen Königreiches, die mit dem Ausbruch der +Revolution zusammenfällt, ist ein volles Menschenalter hindurch kaum irgendeine +ernstliche Beteiligung Roms an den orientalischen Angelegenheiten nachzuweisen, +mit Ausnahme der durch die maßlose Dreistigkeit der kilikischen Piraterie den +Römern abgedrungenen Einrichtung der Provinz Kilikien im Jahre 652 (102), +welche der Sache nach auch nichts weiter war als die Anordnung einer bleibenden +Station für eine kleine römische Heer- und Flottenabteilung in den östlichen +Gewässern. Erst nachdem die Marianische Katastrophe im Jahre 654 (100) die +Restaurationsregierung einigermaßen konsolidiert hatte, begann die römische +Regierung aufs neue den Ereignissen im Osten einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. +</p> + +<p> +In vieler Hinsicht waren die Verhältnisse noch, wie wir dreißig Jahre zuvor sie +verließen. Das Reich Ägypten mit seinen beiden Nebenländern Kyrene und Kypros +löste mit dem Tode Euergetes II. (637 117) teils rechtlich, teils tatsächlich +sich auf. Kyrene kam an den natürlichen Sohn desselben, Ptolemaeos Apion, und +trennte sich auf immer von dem Hauptland. Um die Herrschaft in diesem haderten +die Witwe des letzten Königs, Kleopatra († 665 89), und dessen beide Söhne +Soter II. Lathyros († 673 81) und Alexander I. († 666 88), was die Ursache +ward, daß auch Kypros auf längere Zeit von Ägypten sich schied. Die Römer +griffen in die Wirren nicht ein; ja als ihnen im Jahre 658 (96) das Kyrenische +Reich durch das Testament des kinderlosen Königs Apion anfiel, schlugen sie +diesen Erwerb zwar nicht geradezu aus, aber überließen doch die Landschaft im +wesentlichen sich selbst, indem sie die griechischen Städte des Reiches, +Kyrene, Ptolemais, Berenike, zu Freistädten erklärten und denselben sogar die +Nutzung der königlichen Domänen überwiesen. Die Oberaufsicht des Statthalters +von Africa über dieses Gebiet war bei dessen Entlegenheit noch weit mehr eine +bloß nominelle als die des Statthalters von Makedonien über die hellenischen +Freistädte. Die Folgen dieser Maßregel, die ohne Zweifel nicht aus dem +Philhellenismus, sondern lediglich aus der Schwäche und Nachlässigkeit der +römischen Regierung hervorging, waren wesentlich dieselben, die unter gleichen +Verhältnissen in Hellas eingetreten waren: Bürgerkriege und Usurpation +zerrissen die Landschaft so, daß, als dort zufällig im Jahre 668 (86) ein +höherer römischer Offizier erschien, die Einwohner ihn dringend ersuchten, ihre +Verhältnisse zu ordnen und ein dauerhaftes Regiment bei ihnen zu begründen. +</p> + +<p> +Auch in Syrien war es in der Zwischenzeit nicht viel anders, am wenigsten +besser geworden. Während des zwanzigjährigen Erbfolgekrieges der beiden +Halbbrüder Antiochos Grypos († 658 96) und Antiochos von Kyzikos († 659 95), +der sich nach dem Tode derselben auf ihre Söhne forterbte, ward das Reich, um +das man stritt, fast zu einem eitlen Namen, in dem die kilikischen Seekönige, +die Araberscheichs der syrischen Wüste, die Fürsten der Juden und die +Magistrate der größeren Städte in der Regel mehr zu sagen hatten als die Träger +des Diadems. Inzwischen setzten im westlichen Kilikien die Römer sich fest und +ging das wichtige Mesopotamien definitiv über an die Parther. +</p> + +<p> +Die Monarchie der Arsakiden hatte, hauptsächlich infolge der Einfälle +turanischer Stämme, um die Zeit der Gracchen eine gefährliche Krise +durchzumachen gehabt. Der neunte Arsakide, Mithradates II. oder der Große (630 +? - 667 ? 124 ? 87 ?), hatte dem Staat zwar seine überwiegende Stellung in +Innerasien zurückgegeben, die Skythen zurückgeschlagen und gegen Syrien und +Armenien die Grenze des Reiches vorgeschoben, allein gegen das Ende seines +Lebens lähmten neue Unruhen sein Regiment; und während die Großen des Reiches, +ja der eigene Bruder Orodes gegen den König sich auflehnten und endlich dieser +Bruder ihn stürzte und töten ließ, erhob sich das bis dahin unbedeutende +Armenien. Dieses Land, das seit seiner Selbständigkeitserklärung in die +nordöstliche Hälfte oder das eigentliche Armenien, das Reich der Artaxiaden, +und die südwestliche oder Sophene, das Reich der Zariadriden, geteilt gewesen +war, wurde durch den Artaxiaden Tigranes (regierte seit 660 94) zum erstenmal +zu einem Königreich vereinigt, und teils diese Machtverdoppelung, teils die +Schwäche der parthischen Herrschaft machten es dem neuen König von ganz +Armenien möglich, nicht bloß aus der Klientel der Parther sich zu lösen und die +früher an sie abgetretenen Landschaften zurückzugewinnen, sondern sogar das +Oberkönigtum von Asien, wie es von den Achämeniden auf die Seleukiden und von +diesen auf die Arsakiden übergegangen war, an Armenien zu bringen. +</p> + +<p> +In Kleinasien endlich bestand die Länderteilung, wie sie nach der Auflösung des +Attalischen Reiches unter römischer Einwirkung festgestellt worden war, noch +wesentlich ungeändert. In dem Zustande der Klientelstaaten, der Königreiche +Bithynien, Kappadokien, Pontus, der Fürstentümer Paphlagoniens und Galatiens, +der zahlreichen Städtebünde und Freistädte, war eine äußerliche Änderung +zunächst nicht wahrzunehmen. Innerlich hatte dagegen der Charakter der +römischen Herrschaft allerdings überall sich wesentlich umgestaltet. Teils +durch die bei jedem tyrannischen Regiment naturgemäß eintretende stetige +Steigerung des Druckes, teils durch die mittelbare Einwirkung der römischen +Revolution - man erinnere sich an die Einziehung des Bodeneigentums in der +Provinz Asien durch Gaius Gracchus, an die römischen Zehnten und Zölle und an +die Menschenjagden, die die Zöllner daselbst nebenbei betrieben - lastete die +schon von Haus aus schwer erträgliche römische Herrschaft in einer Weise auf +Asien, daß weder die Königskrone noch die Bauernhütte daselbst mehr sicher war +vor Konfiskation, daß jeder Halm für den römischen Zehntherrn zu wachsen, jedes +Kind freier Eltern für die römischen Sklavenzwinger geboren zu werden schien. +Zwar ertrug der Asiate in seiner unerschöpflichen Passivität auch diese Qual; +allein es waren nicht Geduld und Überlegung, die ihn ruhig tragen hießen, +sondern der eigentümlich orientalische Mangel der Initiative, und es konnten in +diesen friedlichen Landschaften, unter diesen weichlichen Nationen wunderbare, +schreckhafte Dinge sich ereignen, wenn einmal ein Mann unter sie trat, der es +verstand, das Zeichen zu geben. +</p> + +<p> +Es regierte damals im Reiche Pontus König Mithradates VI. mit dem Beinamen +Eupator (geb. um 624 130, gest. 691 63), der sein Geschlecht von väterlicher +Seite im sechzehnten Glied auf den König Dareios Hystaspes’ Sohn, im +achten auf den Stifter des Pontischen Reiches, Mithradates I., zurückführte, +von mütterlicher den Alexandriden und Seleukiden entstammte. Nach dem frühen +Tode seines Vaters Mithradates Euergetes, der in Sinope von Mörderhand fiel, +war er um 634 (120) als elfjähriger Knabe König genannt worden; allein das +Diadem brachte ihm nur Not und Gefahr. Die Vormünder, ja, wie es scheint, die +eigene, durch des Vaters Testament zur Mitregierung berufene Mutter standen dem +königlichen Knaben nach dem Leben; es wird erzählt, daß er, um den Dolchen +seiner gesetzlichen Beschützer sich zu entziehen, freiwillig in das Elend +gegangen sei und sieben Jahre hindurch, Nacht für Nacht die Ruhestätte +wechselnd, ein Flüchtling in seinem eigenen Reiche, ein heimatloses Jägerleben +geführt habe. Also ward der Knabe ein gewaltiger Mann. Wenngleich unsere +Berichte über ihn im wesentlichen auf schriftliche Aufzeichnungen der +Zeitgenossen zurückgehen, so hat nichtsdestoweniger die im Orient blitzschnell +sich bildende Sage den mächtigen König früh geschmückt mit manchen der Züge +ihrer Simson und Rustem; aber auch diese gehören zum Charakter ebenwie die +Wolkenkrone zum Charakter der höchsten Bergspitzen: die Grundlinien des Bildes +erscheinen in beiden Fällen nur farbiger und phantastischer, nicht getrübt noch +wesentlich geändert. Die Waffenstücke, die dem riesengroßen Leibe des Königs +Mithradates paßten, erregten das Staunen der Asiaten und mehr noch der +Italiker. Als Läufer überholte er das schnellste Wild; als Reiter bändigte er +das wilde Roß und vermochte mit gewechselten Pferden an einem Tage 25 deutsche +Meilen zurückzulegen; als Wagenlenker fuhr er mit sechzehn und gewann im +Wettrennen manchen Preis - freilich war es gefährlich, in solchem Spiel dem +König obzusiegen. Auf der Jagd traf er das Wild im vollen Galopp vom Pferde +herab, ohne zu fehlen; aber auch an der Tafel suchte er seinesgleichen - er +veranstaltete wohl Wettschmäuse und gewann darin selber die für den derbsten +Esser und für den tapfersten Trinker ausgesetzten Preise - und nicht minder in +den Freuden des Harems, wie unter anderm die zügellosen Billets seiner +griechischen Mätressen bewiesen, die sich unter seinen Papieren fanden. Seine +geistigen Bedürfnisse befriedigte er im wüstesten Aberglauben -Traumdeuterei +und das griechische Mysterienwesen füllten nicht wenige der Stunden des Königs +aus - und in einer rohen Aneignung der hellenischen Zivilisation. Er liebte +griechische Kunst und Musik, das heißt er sammelte Pretiosen, reiches Gerät, +alte persische und griechische Prachtstücke - sein Ringkabinett war berühmt -, +hatte stets griechische Geschichtschreiber, Philosophen, Poeten in seiner +Umgebung und setzte bei seinen Hoffesten neben den Preisen für Esser und +Trinker auch welche aus für den drolligsten Spaßmacher und den besten Sänger. +So war der Mensch; der Sultan entsprach ihm. Im Orient, wo das Verhältnis des +Herrschers und der Beherrschten mehr den Charakter des Natur- als des +sittlichen Gesetzes trägt, ist der Untertan hündisch treu und hündisch falsch, +der Herrscher grausam und mißtrauisch. In beiden ist Mithradates kaum +übertroffen worden. Auf seinen Befehl starben oder verkamen in ewiger Haft +wegen wirklicher oder angeblicher Verräterei seine Mutter, sein Bruder, seine +ihm vermählte Schwester, drei seiner Söhne und ebenso viele seiner Töchter. +Vielleicht noch empörender ist es, daß sich unter seinen geheimen Papieren im +voraus aufgesetzte Todesurteile gegen mehrere seiner vertrautesten Diener +vorfanden. Ebenso ist es echt sultanisch, daß er späterhin, nur um seinen +Feinden die Siegestrophäen zu entziehen, seine beiden griechischen Gattinnen, +seine Schwestern und seinen ganzen Harem töten ließ und den Frauen nur die Wahl +der Todesart freigab. Das experimentale Studium der Gifte und Gegengifte +betrieb er als einen wichtigen Zweig der Regierungsgeschäfte und versuchte, +seinen Körper an einzelne Gifte zu gewöhnen. Verrat und Mord hatte er von früh +auf von jedermann und zumeist von den Nächsten erwarten und gegen jedermann und +zumeist gegen die Nächsten üben gelernt, wovon denn die notwendige und durch +seine ganze Geschichte belegte Folge war, daß all seine Unternehmungen +schließlich mißlangen durch die Treulosigkeit seiner Vertrauten. Dabei begegnen +wohl einzelne Züge von hochherziger Gerechtigkeit; wenn er Verräter bestrafte, +schonte er in der Regel diejenigen, welche nur durch ihr persönliches +Verhältnis zu dem Hauptverbrecher mitschuldig geworden waren; allein +dergleichen Anfälle von Billigkeit fehlen bei keinem rohen Tyrannen. Was +Mithradates in der Tat auszeichnet unter der großen Anzahl gleichartiger +Sultane, ist seine grenzenlose Rührigkeit. Eines schönen Morgens war er aus +seiner Hofburg verschwunden und blieb Monate lang verschollen, so daß man ihn +bereits verloren gab; als er zurückkam, hatte er unerkannt ganz Vorderasien +durchwandert und Land und Leute überall militärisch erkundet. Von gleicher Art +ist es, daß er nicht bloß überhaupt ein redefertiger Mann war, sondern auch den +zweiundzwanzig Nationen, über die er gebot, jeder in ihrer Zunge Recht sprach, +ohne eines Dolmetschers zu bedürfen - ein bezeichnender Zug für den regsamen +Herrscher des sprachenreichen Ostens. Denselben Charakter trägt seine ganze +Regententätigkeit. Soweit wir sie kennen - denn von der inneren Verwaltung +schweigt unsere Überlieferung leider durchaus -, geht sie auf wie die eines +jeden anderen Sultans im Sammeln von Schätzen, im Zusammentreiben der Heere, +die wenigstens in seinen früheren Jahren gewöhnlich nicht der König selbst, +sondern irgendein griechischer Condottiere gegen den Feind führt, in dem +Bestreben, neue Satrapien zu den alten zu fügen; von höheren Elementen, +Förderung der Zivilisation, ernstlicher Führerschaft der nationalen Opposition, +eigenartiger Genialität finden sich, in unserer Überlieferung wenigstens, bei +Mithradates keine bewußten Spuren, und wir haben keinen Grund, auch nur mit den +großen Regenten der Osmanen, wie Muhamed II. und Suleiman waren, ihn auf eine +Linie zu stellen. Trotz der hellenischen Bildung, die ihm nicht viel besser +sitzt als seinen Kappadokiern die römische Rüstung, ist er durchaus ein +Orientale gemeinen Schlags, roh, voll sinnlichster Begehrlichkeit, +abergläubisch, grausam, treu- und rücksichtslos, aber so kräftig organisiert, +so gewaltig physisch begabt, daß sein trotziges Umsichschlagen, sein +unverwüstlicher Widerstandsmut häufig wie Talent, zuweilen sogar wie Genie +aussieht. Wenn man auch in Anschlag bringt, daß während der Agonie der Republik +es leichter war, Rom Widerstand zu leisten als in den Zeiten Scipios oder +Traians, und daß nur die Verschlingung der asiatischen Ereignisse mit den +inneren Bewegungen Italiens es Mithradates möglich machte, doppelt so lange als +Jugurtha den Römern zu widerstehen, so bleibt es darum doch nicht minder wahr, +daß bis auf die Partherkriege er der einzige Feind ist, der im Osten den Römern +ernstlich zu schaffen gemacht, und daß er gegen sie sich gewehrt hat wie gegen +den Jäger der Löwe der Wüste. Aber mehr als solchen naturkräftigen Widerstand +sind wir nach dem, was vorliegt, auch nicht berechtigt, in ihm zu erkennen. +</p> + +<p> +Indes wie man immer über die Individualität des Königs urteilen möge, seine +geschichtliche Stellung bleibt in hohem Grade bedeutsam. Die Mithradatischen +Kriege sind zugleich die letzte Regung der politischen Opposition von Hellas +gegen Rom und der Anfang einer auf sehr verschiedenen und weit tieferen +Gegensätzen beruhenden Auflehnung gegen die römische Suprematie, der nationalen +Reaktion der Asiaten gegen die Okzidentalen. Wie Mithradates selbst so war auch +sein Reich ein orientalisches, die Polygamie und das Haremwesen herrschend am +Hofe und überhaupt unter den Vornehmen, die Religion der Landesbewohner wie die +offizielle des Hofes vorwiegend der alte Nationalkult; der Hellenismus daselbst +war wenig verschieden von dem Hellenismus der armenischen Tigraniden und der +Arsakiden des Partherreichs. Es mochten die kleinasiatischen Griechen einen +kurzen Augenblick für ihre politischen Träume an diesem König einen Halt zu +finden meinen; in der Tat ward in seinen Schlachten um ganz andere Dinge +gestritten, als worüber auf den Feldern von Magnesia und Pydna die Entscheidung +fiel. Es war nach langer Waffenruhe ein neuer Gang in dem ungeheuren Zweikampf +des Westens und des Ostens, welcher von den Kämpfen bei Marathon auf die +heutige Generation sich vererbt hat und vielleicht seine Zukunft ebenso nach +Jahrtausenden zählen mag wie seine Vergangenheit. +</p> + +<p> +So offenbar indes in dem ganzen Sein und Tun des kappadokischen Königs das +fremdartige und unhellenische Wesen hervortritt, so schwierig ist es, das hier +obwaltende nationale Element bestimmt anzugeben, und kaum wird es je gelingen, +in dieser Hinsicht über Allgemeinheiten hinaus und zu einer wirklichen +Anschauung zu gelangen. In dem ganzen Kreis der antiken Zivilisation gibt es +keinen Bezirk, in welchem so zahlreiche, so verschiedenartige, so seit fernster +Zeit mannigfaltig verschlungene Stämme neben- und durcheinander geschoben und +wo demzufolge die Verhältnisse der Nationalitäten weniger klar wären wie in +Kleinasien. Die semitische Bevölkerung setzt sich von Syrien her in +ununterbrochenem Zuge nach Kypros und Kilikien fort, und es scheint ihr ferner +auch an der Ostküste in der karischen lydischen Landschaft der Grundstock der +Bevölkerung anzugehören, während die nordwestliche Spitze von den Bithynern, +den Stammverwandten der europäischen Thraker, eingenommen wird. Dagegen das +Binnenland und die Nordküste sind vorwiegend von indogermanischen, am nächsten +den iranischen verwandten Völkerschaften erfüllt. Von der armenischen und der +phrygischen Sprache ^1 ist es ausgemacht, von der kappadokischen +höchstwahrscheinlich, daß sie zunächst an das Zend grenzten; und wenn von den +Mysern angegeben wird, daß bei ihnen lydische und phrygische Sprache sich +begegneten, so bezeichnet dies eben eine semitisch-iranische, etwa der +assyrischen vergleichbare Mischbevölkerung. Was die zwischen Kilikien und +Karien sich ausbreitenden Landschaften, namentlich die lykische, anlangt, so +mangelt es, trotz der gerade hier in Fülle vorhandenen Überreste einheimischer +Sprache und Schrift, bis jetzt über dieselbe noch an gesicherten Ergebnissen, +und es ist nur wahrscheinlich, daß diese Stämme eher den Indogermanen als den +Semiten zuzuzählen sind. Wie dann überall dieses Völkergewirre sich zuerst ein +Netz griechischer Kaufstädte, sodann der durch das kriegerische wie das +geistige Übergewicht der griechischen Nation ins Leben gerufene Hellenismus +gelegt hat, ist in seinen Umrissen bereits früher auseinandergesetzt worden. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Die als phrygisch angeführten Wörter Βαγαίος = Zeus und der alte Königsname +Μάνις sind unzweifelhaft richtig auf das zendische bagha = Gott und das +deutsche Mannus, indisch Manus zurückgeführt worden. Chr. Lassen in: ZDMG, 10, +1888, S. 329f. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +In diesen Gebieten herrschte König Mithradates und zwar zunächst in Kappadokien +am Schwarzen Meer oder der sogenannten pontischen Landschaft, da wo, am +nordöstlichen Ende Kleinasiens gegen Armenien zu und mit diesem in steter +Berührung, sich die iranische Nationalität vermutlich minder gemischt als +irgendwo sonst in Kleinasien behauptet hatte. Nicht einmal der Hellenismus war +hier tief eingedrungen. Mit Ausnahme der Küste, wo mehrere ursprünglich +griechische Ansiedlungen bestanden, namentlich die bedeutenden Handelsplätze +Trapezus, Amisos und vor allem die Geburts- und Residenzstadt Mithradats und +die blühendste Stadt des Reiches, Sinope, war das Land noch in einem sehr +primitiven Zustand. Nicht als hätte es wüst gelegen; vielmehr wie die pontische +Landschaft noch heute eine der lachendsten der Erde ist, in der Getreidefelder +mit Wäldern von wilden Obstbäumen wechseln, war sie ohne Zweifel auch zu +Mithradates’ Zeit wohl bebaut und verhältnismäßig auch bevölkert. Allein +eigentliche Städte gab es daselbst kaum, sondern nur Burgen, die den +Ackerleuten als Zufluchtsstätten und dem König als Schatzkammern zur +Aufbewahrung der eingehenden Steuern dienten, wie denn allein in Kleinarmenien +fünfundsiebzig solcher kleiner königlicher Kastelle gezählt wurden. Wir finden +nicht, daß Mithradates wesentlich dazu getan hätte, das städtische Wesen in +seinem Reiche emporzubringen; und wie er gestellt war, in tatsächlicher, wenn +auch vielleicht ihm selbst nicht völlig bewußter Reaktion gegen den +Hellenismus, begreift sich dies wohl. Um so tätiger erscheint er, gleichfalls +in ganz orientalischer Weise, bemüht, sein Reich, das schon nicht klein war, +wenn auch der Umfang desselben wohl übertrieben auf 500 deutsche Meilen +angegeben wird, nach allen Seiten hin zu erweitern: am Schwarzen Meer wie gegen +Armenien und gegen Kleinasien finden wir seine Heere, seine Flotten und seine +Botschafter tätig. Nirgends aber bot sich ihm ein so freier und so weiter +Spielraum wie an den östlichen und den nördlichen Gestaden des Schwarzen +Meeres, auf deren damalige Zustände hier einen Blick zu werfen nicht +unterlassen werden darf, so schwierig oder vielmehr unmöglich es ist, ein +wirklich anschauliches Bild davon zu geben. An dem östlichen Ufer des Schwarzen +Meeres, das bisher fast unbekannt erst durch Mithradates der allgemeineren +Kunde aufgeschlossen ward, wurde die kolchische Landschaft am Phasis +(Mingrelien und Imereti) mit der wichtigen Handelsstadt Dioskurias den +einheimischen Fürsten entrissen und verwandelt in eine pontische Satrapie. +Folgenreicher noch waren seine Unternehmungen in den nördlichen Landschaften 2. +Die weiten hügel- und waldlosen Steppen, die sich nördlich vom Schwarzen Meer, +vom Kaukasus und von der Kaspischen See hinziehen, sind ihrer +Naturbeschaffenheit zufolge, namentlich wegen der zwischen dem Klima von +Stockholm und von dem von Madeira schwankenden Temperaturdifferenz und der +nicht selten eintretenden und bis zu 22 Monaten und länger anhaltenden +absoluten Regen- und Schneelosigkeit, für den Ackerbau und überhaupt für feste +Ansiedlung wenig geeignet und waren dies immer, wenngleich vor zweitausend +Jahren die klimatischen Verhältnisse vermutlich etwas weniger ungünstig +standen, als dies heutzutage der Fall ist 3. Die verschiedenen Stämme, die der +Wandertrieb in diese Gegenden geführt hatte, fügten sich diesem Gebot der Natur +und führten und führen zum Teil noch jetzt ein wanderndes Hirtenleben, indem +sie mit ihren Rinder- oder häufiger noch mit ihren Roßherden Wohn- und +Weideplätze wechselten und ihr Gerät auf Wagenhäusern sich nachführten. Auch +die Bewaffnung und Kampfweise richtete sich hiernach: die Bewohner dieser +Steppen fochten großenteils beritten und immer aufgelöst, mit Helm und Panzer +von Leder und lederüberzogenem Schild gerüstet, gewaffnet mit Schwert, Lanze +und Bogen - die Vorfahren der heutigen Kosaken. Den ursprünglich hier +ansässigen Skythen, die mongolischer Rasse und in Sitte und Körpergestalt den +heutigen Bewohnern Sibiriens verwandt gewesen zu sein scheinen, hatten sich, +von Osten nach Westen vorrückend, sarmatische Stämme nachgeschoben, Sauromaten, +Roxolaner, Jazygen, die gemeiniglich für slawischer Abkunft gehalten werden, +obwohl diejenigen Eigennamen, welche man ihnen zuzuschreiben befugt ist, mehr +mit medischen und persischen sich verwandt zeigen und vielleicht jene Völker +vielmehr dem großen Zendstamme angehört haben. In entgegengesetzter Richtung +fluteten thrakische Schwärme, namentlich die Geten, die bis zum Dnjestr +gelangten; dazwischen drängten sich, wahrscheinlich als Ausläufer der großen +germanischen Wanderung, deren Hauptmasse das Schwarze Meer nicht berührt zu +haben scheint, am Dnjepr sogenannte Kelten, ebendaselbst die Bastarner, an der +Donaumündung die Peukinen. Ein eigentlicher Staat bildete sich nirgends; es +lebte jeder Stamm unter seinen Fürsten und Ältesten für sich. Zu all diesen +Barbaren in scharfem Gegensatz standen die hellenischen Ansiedlungen, welche +zur Zeit des gewaltigen Aufschwungs des griechischen Handels, namentlich von +Miletos aus, an diesen Gestaden gegründet worden waren, teils als Emporien, +teils als Stationen für den wichtigen Fischfang und selbst für den Ackerbau, +für welchen, wie schon gesagt ward, das nordwestliche Gestade des Schwarzen +Meeres im Altertum minder ungünstige Verhältnisse darbot, als dies heutzutage +der Fall ist; für die Benutzung des Bodens zahlten hier die Hellenen, wie die +Phöniker in Libyen, den einheimischen Herren Schoß und Grundzins. Die +wichtigsten dieser Ansiedlungen waren die Freistadt Chersonesos (unweit +Sevastopol), auf dem Gebiet der Skythen in der Taurischen Halbinsel (Krim) +angelegt und unter nicht vorteilhaften Verhältnissen durch ihre gute Verfassung +und den Gemeingeist ihrer Bürger in mäßigem Wohlstand sich behauptend; ferner +auf der gegenüberliegenden Seite der Halbinsel an der Straße von dem Schwarzen +in das Asowsche Meer Pantikapäon (Kertsch), seit dem Jahre 457 (297) Roms +regiert von erblichen Bürgermeistern, später bosporanische Könige genannt, den +Archäanaktiden, Spartokiden und Pärisaden. Der Getreidebau und der Fischfang im +Asowschen Meer hatten die Stadt schnell zur Blüte gebracht. Ihr Gebiet umfaßte +in der Mithradatischen Zeit noch die kleinere Osthälfte der Krim mit Einschluß +der Stadt Theodosia und auf dem gegenüberliegenden asiatischen Kontinent die +Stadt Phanagoria und die Sindische Landschaft. In besseren Zeiten hatten die +Herren von Pantikapäon zu Lande die Völker an der Ostküste des Asowschen Meeres +und das Kubantal, zur See mit ihrer Flotte das Schwarze Meer beherrscht; allein +Pantikapäon war nicht mehr, was es gewesen war. Nirgends empfand man tiefer als +an diesen fernen Grenzposten den traurigen Rückgang der hellenischen Nation. +Athen in seiner guten Zeit ist der einzige Griechenstaat gewesen, der hier die +Pflichten der führenden Macht erfüllte, die allerdings auch den Athenern durch +ihren Bedarf pontischen Getreides besonders nahegelegt wurden. Von dem Sturz +der attischen Seemacht an blieben diese Landschaften im ganzen sich selbst +überlassen. Die griechischen Landmächte sind nie dazu gelangt, ernstlich hier +einzugreifen, obwohl Philippos, der Vater Alexanders, und Lysimachos einigemal +dazu ansetzten; und auch die Römer, auf welche mit der Eroberung Makedoniens +und Kleinasiens die politische Verpflichtung überging, hier, wo die griechische +Zivilisation dessen bedurfte, ihr starker Schild zu sein, vernachlässigten +völlig das Gebot des Vorteils wie der Ehre. Der Fall von Sinope, das Sinken von +Rhodos vollendeten die Isolierung der Hellenen am Nordgestade des Schwarzen +Meeres. Ein lebendiges Bild ihrer Lage den schweifenden Barbaren gegenüber gibt +uns eine Inschrift von Olbia (unweit der Dnjeprmündung bei Očakov), die nicht +allzulange vor der Mithradatischen Zeit gesetzt zu sein scheint. Die +Bürgerschaft muß dem Barbarenkönig nicht bloß jährlichen Zins an sein Hoflager +schicken, sondern ihm auch, wenn er vor der Stadt lagert oder auch nur +vorbeizieht, eine Verehrung machen, in ähnlicher Weise auch geringere +Häuptlinge, ja zuweilen den ganzen Schwarm der Barbaren mit Geschenken +abfinden, und es geht ihr übel, wenn die Gabe zu geringfügig erscheint. Die +Stadtkasse ist bankrott, und man muß die Tempelkleinode zum Pfand setzen. +Inzwischen drängen draußen vor den Toren sich die Stämme der Wilden: das Gebiet +wird verwüstet, die Feldarbeiter in Masse weggeschleppt, ja, was das ärgste +ist, die schwächeren der barbarischen Nachbarn, die Skythen, suchen, um vor dem +Andrang der wilderen Kelten sich selber zu bergen, der ummauerten Stadt sich zu +bemächtigen, so daß zahlreiche Bürger dieselbe verlassen und man schon daran +denkt, sie ganz aufzugeben. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +2 Sie sind hier zusammengefaßt, da sie freilich zum Teil erst zwischen den +ersten und den zweiten, zum Teil aber doch schon vor den ersten Krieg mit Rom +fallen (Memn. 30; Iust. 38, 7 a. E.; App. Mithr. 13; Eutr. 5, 5) und eine +Erzählung nach der Zeitfolge sich hier nun einmal schlechterdings nicht +durchführen läßt. Auch das neu gefundene Dekret von Chersonesos hat in dieser +Hinsicht keinen Aufschluß gegeben. Danach ist Diophantos zweimal gegen die +taurischen Skythen gesandt worden; aber daß die zweite Schilderhebung derselben +mit dem Beschluß des römischen Senats zu Gunsten der skythischen Fürsten in +Verbindung steht, erhellt aus der Urkunde nicht und ist nicht einmal +wahrscheinlich. +</p> + +<p> +3 Es hat viele Wahrscheinlichkeit, daß die ungemeine Trockenheit, die +vornehmlich jetzt den Ackerbau in der Krim und in diesen Gegenden überhaupt +erschwert, sehr gesteigert worden ist durch das Schwinden der Wälder des +mittleren und südlichen Rußland, die ehemals bis zu einem gewissen Grad die +Küstenlandschaft gegen den austrocknenden Nordostwind schützten. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Diese Zustände fand Mithradates vor, als seine makedonische Phalanx den Kamm +des Kaukasus überschreitend hinabstieg in die Täler des Kuban und Terek und +gleichzeitig seine Flotte in den Gewässern der Krim sich zeigte. Kein Wunder, +daß auch hier überall, wie es schon in Dioskurias geschehen war, die Hellenen +den pontischen König mit offenen Armen empfingen und in dem Halbhellenen und +seinen griechisch gerüsteten Kappadokiern ihre Befreier sahen. Es zeigte sich, +was Rom hier versäumt hatte. Den Herren von Pantikapäon waren ebendamals die +Tributforderungen zu unerschwinglicher Höhe gesteigert worden; die Stadt +Chersonesos sah sich von dem König der auf der Halbinsel hausenden Skythen, +Skiluros, und dessen fünfzig Söhnen hart bedrängt; gern gaben jene ihre +Erbherrschaft, diese die lang bewahrte Freiheit hin, um ihr letztes Gut, ihr +Hellenentum, zu retten. Es war nicht umsonst. Mithradates’ tapfere +Feldherren Diophantos und Neoptolemos und seine disziplinierten Truppen wurden +leicht mit den Steppenvölkern fertig. Neoptolemos schlug sie in der Straße von +Pantikapäon teils zu Wasser, teils im Winter auf dem Eise; Chersonesos wurde +befreit, die Burgen der Taurier gebrochen und durch zweckmäßig angelegte +Festungen der Besitz der Halbinsel gesichert. Gegen die Reuxinaler oder, wie +sie später heißen, die Roxolaner (zwischen Dnjepr und Don), die den Tauriern zu +Hilfe herbeikamen, zog Diophantos; ihrer 50000 flohen vor seinen 6000 +Phalangiten und bis zum Dnjepr drangen die pontischen Waffen 4. So erwarb +Mithradates hier sich ein zweites, mit dem pontischen verbundenes und gleich +diesem wesentlich auf eine Anzahl griechischer Handelsstädte gegründetes +Königreich, das Bosporanische genannt, das die heutige Krim mit der +gegenüberliegenden asiatischen Landspitze umfaßte und jährlich 200 Talente +(314000 Taler) und 180000 Scheffel Getreide in die königlichen Kassen und +Magazine lieferte. Die Steppenvölker selbst vom Nordabhang des Kaukasus bis zur +Donaumündung traten wenigstens zum großen Teil in Klientel oder in Vertrag mit +dem pontischen König und boten ihm, wenn nicht andere Hilfe, doch wenigstens +einen unerschöpflichen Werbeplatz für seine Armeen. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +4 Das kürzlich aufgefundene Ehrendekret der Stadt Chersonesos für diesen +Diophantos (SIG 252) bestätigt die Überlieferung durchaus. Es zeigt uns die +Stadt in nächster Nähe - den Hafen von Balaklava müssen die Taurer, Simferopol +die Skythen damals in der Gewalt gehabt haben -, bedrängt teils von den Taurern +an der Südküste der Krim, teils und vor allem von den Skythen, die das ganze +Innere der Halbinsel und das angrenzende Festland in der Gewalt haben; es zeigt +uns ferner, wie der Feldherr des Königs Mithradates nach allen Seiten hin der +Griechenstadt Luft macht die Taurer niederschlägt und in ihrem Gebiet eine +Zwingburg (wahrscheinlich Eupatorion) errichtet, die Verbindung zwischen den +westlichen und den östlichen Hellepen der Halbinsel herstellt, im Westen die +Dynastie des Skiluros, im Osten den Skythenfürsten Saumakos überwältigt, die +Skythen bis auf den Kontinent verfolgt und endlich sie mit den Reuxinalern - so +heißen hier, wo sie zuerst auftreten, die späteren Roxolaner - in der großen +Feldschlacht besiegt, deren auch die schriftliche Überlieferung gedenkt. Eine +formelle Unterordnung der Griechenstadt unter den König scheint nicht +stattgefunden zu haben; Mithradates erscheint nur als schützender +Bundesgenosse, der gegen die als unbesiegbar geltenden (τούς ανυποστάτους +δοκούντασ ειμεν) Skythen für die Griechenstadt die Schlachten schlägt, welche +wahrscheinlich zu ihm ungefähr in dem Verhältnis gestanden hat wie Massalia und +Athen zu Rom. Die Skythen dagegen in der Krim werden Untertanen (υπάκοιοι) des +Mithradates. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Während also gegen Norden die bedeutendsten Erfolge gelangen, griff der König +zugleich um sich gegen Osten und gegen Westen. Wichtiger als die Einziehung +Kleinarmeniens, das durch ihn aus einer abhängigen Herrschaft zum +integrierenden Teil des Pontischen Reiches ward, war die enge Verbindung, in +die er mit dem König von Großarmenien trat. Er gab dem Tigranes nicht bloß +seine Tochter Kleopatra zur Gemahlin, sondern er war es auch wesentlich, durch +dessen Unterstützung Tigranes sich der Herrschaft der Arsakiden entwand und +ihre Stelle in Asien einnahm. Es scheint zwischen beiden eine Verabredung in +der Art getroffen zu sein, daß Tigranes Syrien und das innere Asien, +Mithradates Kleinasien und die Küsten des Schwarzen Meeres zu besetzen +übernahmen unter Zusage gegenseitiger Unterstützung, und ohne Zweifel war es +der tätigere und fähigere Mithradates, der dies Abkommen hervorrief, um sich +den Rücken zu decken und einen mächtigen Bundesgenossen zu sichern. +</p> + +<p> +In Kleinasien endlich richtete der König die Blicke auf das binnenländische +Paphlagonien - die Küste gehörte seit langem zum Poptischen Reich - und auf +Kappadokien 5. Auf jenes machte man pontischerseits Ansprüche als durch +Testament des letzten der Pylämeniden vermacht an den König Mithradates +Euergetes; wogegen freilich legitime oder illegitime Prätendenten und das Land +selbst protestierten. Was Kappadokien anlangt, so hatten die pontischen +Herrscher nicht vergessen, daß dies Land und Kappadokien am Meer einst +zusammengehört hatten, und trugen sich fortwährend mit Reunionsideen. +Paphlagonien ward von Mithradates besetzt in Gemeinschaft mit König Nikomedes +von Bithynien, mit dem er das Land teilte. Als der Senat dagegen Einspruch +erhob, fügte sich Mithradates demselben, während Nikomedes einen seiner Söhne +mit dem Namen Pylämenes ausstattete und unter diesem Titel die Landschaft an +sich behielt. Noch schlimmere Wege ging die Politik der Verbündeten in +Kappadokien. König Ariarathes VI. ward ermordet durch Gordios, es hieß im +Auftrage, jedenfalls im Interesse des Schwagers, des Ariarathes Mithradates +Eupator; sein junger Sohn Ariarathes wußte den Übergriffen des Königs von +Bithynien nur zu begegnen vermittels der zweideutigen Hilfe seines Oheims, für +welche dieser dann ihm ansann, dem flüchtig gewordenen Mörder seines Vaters die +Rückkehr nach Kappadokien zu gestatten. Es kam hierüber zum Bruch und zum +Krieg; jedoch als beide Heere zur Schlacht sich gegenüberstanden, begehrte der +Oheim zuvor eine Zusammenkunft mit dem Neffen und stieß dabei den unbewaffneten +Jüngling mit eigener Hand nieder. Gordios, der Mörder des Vaters, übernahm +hierauf im Auftrage Mithradats die Regierung; und obwohl die unwillige +Bevölkerung sich gegen ihn erhob und den jüngeren Sohn des letzten Königs zur +Herrschaft berief, vermochte dieser doch Mithradats überlegenen Streitkräften +keinen dauernden Widerstand zu leisten. Der baldige Tod des von dem Volke auf +den Thron gesetzten Jünglings gab dem pontischen König um so mehr freie Hand, +als mit diesem das kappadokische Regentenhaus erlosch. Als nomineller Regent +ward, ebenwie in Bithynien geschehen war, ein falscher Ariarathes proklamiert, +unter dessen Namen Gordios als Statthalter Mithradats das Reich verwaltete. +Gewaltiger als seit langem ein einheimischer Monarch herrschte König +Mithradates am nördlichen wie am südlichen Gestade des Schwarzen Meeres und +weit in das innere Kleinasien hinein. Die Hilfsquellen des Königs für den Krieg +zu Lande und zu Wasser schienen unermeßlich. Sein Werbeplatz reichte von der +Donaumündung bis zum Kaukasus und dem Kaspischen Meer; Thraker, Skythen, +Sauromaten, Bastarner, Kolchier, Iberer (im heutigen Georgien) drängten sich +unter seine Fahne; vor allem rekrutierte er seine Kriegsscharen aus den +tapferen Bastarnern. Für die Flotte lieferte ihm die kolchische Satrapie außer +Flachs, Hanf, Pech und Wachs das trefflichste, vom Kaukasus herabgeflößte +Bauholz; Steuermänner und Offiziere wurden in Phönikien und Syrien gedungen. In +Kappadokien, hieß es, sei der König eingerückt mit 600 Sichelwagen, 1000 +Pferden und 8000 Mann zu Fuß; und er hatte für diesen Krieg bei weitem noch +nicht aufgeboten, was er aufzubieten vermochte. Bei dem Mangel einer römischen +oder sonst namhaften Seemacht beherrschte die pontische Flotte, gestützt auf +Sinope und die Häfen der Krim, das Schwarze Meer ausschließlich. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +5 Die Chronologie der folgenden Ereignisse ist nur ungefähr zu bestimmen. Um +640 (114) etwa scheint Mithradates Eupator tatsächlich die Regierung angetreten +zu haben; Sullas Intervention fand 662 (92) statt (Liv. ep. 70), womit die +Berechnung der Mithradatischen Kriege auf einen Zeitraum von dreißig Jahren +(662-691 92-63) zusammenstimmt (Plin. nat. 7, 26, 97). In die Zwischenzeit +fallen die paphlagonischen und kappadokischen Sukzessionshändel, mit denen die +von Mithradates, wie es scheint, in Saturninus’ erstem Tribunat 651 (103) +in Rom versuchte Bestechung (Diod. 631) wahrscheinlich schon zusammenhängt. +Marius, der 655 (99) Rom verließ und nicht lange im Osten verweilte, traf +Mithradates schon in Kappadokien und verhandelte mit ihm wegen seiner +Übergriffe (Cic. Brut. 1, 5; Plut. Mar. 31); Ariarathes VI. war also damals +schon ermordet. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Daß der römische Senat seine allgemeine Politik, die mehr oder minder von ihm +abhängigen Staaten niederzuhalten, auch gegen den pontischen geltend machte, +beweist sein Verhalten bei dem Thronwechsel nach dem plötzlichen Tode +Mithradates V. Dem unmündigen Knaben, der ihm folgte, wurde das dem Vater für +seine Teilnahme an dem Kriege gegen Aristonikos oder vielmehr für sein gutes +Geld verliehene Großphrygien genommen und diese Landschaft dem unmittelbar +römischen Gebiet hinzugefügt 6. Aber nachdem dieser Knabe dann zu seinen Jahren +gelangt war, bewies derselbe Senat gegen dessen allseitige Übergriffe und gegen +diese imposante Machtbildung, deren Entwicklung vielleicht einen +zwanzigjährigen Zeitraum ausfüllt, völlige Passivität. Er ließ es geschehen, +daß einer seiner Klientelstaaten sich militärisch zu einer Großmacht +entwickelte, die über hunderttausend Bewaffnete gebot; daß er in die engste +Verbindung trat mit dem neuen, zum Teil durch seine Hilfe an die Spitze der +innerasiatischen Staaten gestellten Großkönig des Ostens; daß er die +benachbarten asiatischen Königreiche und Fürstentümer unter Vorwänden einzog, +die fast wie ein Hohn auf die schlecht berichtete und weit entfernte +Schutzmacht klangen; daß er endlich sogar in Europa sich festsetzte und als +König auf der Taurischen Halbinsel, als Schutzherr fast bis an die +makedonisch-thrakische Grenze gebot. Wohl ward über diese Verhältnisse im Senat +verhandelt; aber wenn das hohe Kollegium sich in der paphlagonischen +Erbangelegenheit schließlich dabei beruhigte, daß Nikomedes sich auf seinen +falschen Pylämenes berief, so war dasselbe offenbar nicht so sehr getäuscht als +dankbar für jeden Vorwand, der ihm das ernstliche Einschreiten ersparte. +Inzwischen wurden die Beschwerden immer zahlreicher und dringender. Die Fürsten +der taurischen Skythen, die Mithradates aus der Krim verdrängt hatte, wandten +sich um Hilfe nach Rom; wer von den Senatoren irgend noch der traditionellen +Maximen der römischen Politik gedachte, mußte sich erinnern, daß einst unter so +ganz anderen Verhältnissen der Übergang des Königs Antiochos nach Europa und +die Besetzung des thrakischen Chersones durch seine Truppen das Signal zu dem +Asiatischen Krieg geworden war, und mußte begreifen, daß die Besetzung des +taurischen durch den pontischen König jetzt noch viel weniger geduldet werden +konnte. Den Ausschlag gab endlich die faktische Reunion des Königreichs +Kappadokien, wegen welcher überdies Nikomedes von Bithymen, der auch +seinerseits durch einen andern falschen Ariarathes Kappadokien in Besitz zu +nehmen gehofft hatte und durch den pontischen Prätendenten den seinigen +ausgeschlossen sah, nicht ermangelt haben wird, die römische Regierung zur +Intervention zu drängen. Der Senat beschloß, daß Mithradates die skythischen +Fürsten wiedereinzusetzen habe - so weit war man durch die schlaffe +Regierungsweise aus den Bahnen der richtigen Politik gedrängt, daß man jetzt, +statt die Hellenen gegen die Barbaren, umgekehrt die Skythen gegen die halben +Landsleute unterstützen mußte. Paphlagonien wurde abhängig erklärt und der +falsche Pylämenes des Nikomedes angewiesen, das Land zu räumen. Ebenso sollte +der falsche Ariarathes des Mithradates aus Kappadokien weichen und, da die +Vertreter des Landes die angebotene Freiheit ausschlugen, durch freie Volkswahl +ihm wiederum ein König gesetzt werden. Die Beschlüsse klangen energisch genug; +nur war es übel, daß man, statt ein Heer zu senden, den Statthalter von +Kilikien, Lucius Sulla, mit der Handvoll Leute, die er daselbst gegen die +Räuber und Piraten kommandierte, anwies, in Kappadokien zu intervenieren. Zum +Glück vertrat im Osten die Erinnerung an die ehemalige Energie der Römer besser +ihr Interesse als ihr gegenwärtiges Regiment und ergänzte die Energie und +Gewandtheit des Statthalters, was der Senat an beiden vermissen ließ. +Mithradates hielt sich zurück und begnügte sich, den Großkönig Tigranes von +Armenien, der den Römern gegenüber eine freiere Stellung hatte als er, zu +veranlassen, Truppen nach Kappadokien zu senden. Sulla nahm rasch seine +Mannschaft und die Zuzüge der asiatischen Bundesgenossen zusammen, überstieg +den Taurus und schlug den Statthalter Gordios samt seinen armenischen +Hilfstruppen aus Kappadokien hinaus. Dies wirkte. Mithradates gab in allen +Stücken nach; Gordios mußte die Schuld der kappadokischen Wirren auf sich +nehmen und der falsche Ariarathes verschwand; die Königswahl, die der pontische +Anhang vergebens auf Gordios zu lenken versucht hatte, fiel auf den angesehenen +Kappadokier Ariobarzanes. Als Sulla im Verfolg seiner Expedition in die Gegend +des Euphrat gelangte, in dessen Wellen damals zuerst römische Feldzeichen sich +spiegelten, fand bei dieser Gelegenheit auch die erste Berührung statt zwischen +den Römern und den Parthern, welche letztere infolge der Spannung zwischen +ihnen und Tigranes Ursache hatten, den Römern sich zu nähern. Beiderseits +schien man zu fühlen, daß etwas darauf ankam bei dieser ersten Berührung der +beiden Großmächte des Westens und des Ostens, dem Anspruch auf die Herrschaft +der Welt nichts zu vergeben; aber Sulla, kecker als der parthische Bote, nahm +und behauptete in der Zusammenkunft den Ehrenplatz zwischen dem König von +Kappadokien und dem parthischen Abgesandten. Mehr als durch seine Siege im +Osten mehrte Sullas Ruhm sich durch diese vielgefeierte Konferenz am Euphrat; +der parthische Gesandte büßte später seinem Herrn dafür mit dem Kopfe. Indes +für den Augenblick hatte diese Berührung keine weitere Folge. Nikomedes +unterließ es im Vertrauen auf die Gunst der Römer, Paphlagonien zu räumen; aber +die gegen Mithradates gefaßten Senatsbeschlüsse wurden ferner vollzogen, die +Wiederherstellung der skythischen Häuptlinge von ihm wenigstens zugesagt; der +frühere Status quo im Osten schien wiederhergestellt (662 92). +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +6 Ein vor kurzem in dem Dorfe Aresli südlich von Synnada gefundener +Senatsbeschluß vom Jahre 638 (116) (Viereck, sermo Graecus quo senatus Romanus +usus sit, S. 51) bestätigt sämtliche, von dem König bis zu seinem Tode +getroffenen Anordnungen und zeigt also, daß Großphrygien nach dem Tode des +Vaters nicht bloß dem Sohn genommen ward, was auch Appian berichtet, sondern +damit geradezu unter römische Botmäßigkeit kam. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +So hieß es; in der Tat war von einer ernstlichen Zurückführung der früheren +Ordnung der Dinge wenig zu verspüren. Kaum hatte Sulla Asien verlassen, als +König Tigranes von Großarmenien über den neuen König von Kappadokien, +Ariobarzanes, herfiel, ihn vertrieb und an seiner Stelle den pontischen +Prätendenten Ariarathes wiedereinsetzte. In Bithynien, wo nach dem Tode des +alten Königs Nikomedes Il. (um 663 91) dessen Sohn Nikomedes III. Philopator +vom Volk und vom römischen Senat als rechtmäßiger König anerkannt worden war. +trat dessen jüngerer Bruder Sokrates als Kronprätendent auf und bemächtigte +sich der Herrschaft. Es war klar, daß der eigentliche Urheber der +kappadokischen wie der bithynischen Wirren kein anderer als Mithradates war, +obwohl er sich jeder offenkundigen Beteiligung enthielt. Jedermann wußte, daß +Tigranes nur handelte auf seinen Wink: in Bithynien aber war Sokrates mit +pontischen Truppen eingerückt und des rechtmäßigen Königs Leben durch +Mithradates’ Meuchelmörder bedroht. In der Krim gar und den benachbarten +Landschaften dachte der pontische König nicht daran zurückzuweichen und trug +vielmehr seine Waffen weiter und weiter. +</p> + +<p> +Die römische Regierung, von den Königen Ariobarzanes und Nikomedes persönlich +um Hilfe angerufen, schickte nach Kleinasien zur Unterstützung des dortigen +Statthalters Lucius Cassius den Konsular Manius Aquillius, einen im Kimbrischen +und im Sizilischen Krieg erprobten Offizier, jedoch nicht als Feldherrn an der +Spitze einer Armee, sondern als Gesandten, und wies die asiatischen +Klientelstaaten und namentlich den Mithradates an, nötigenfalls mit gewaffneter +Hand Beistand zu leisten. Es kam eben wie zwei Jahre zuvor. Der römische +Offizier vollzog dem ihm gewordenen Auftrag mit Hilfe des kleinen römischen +Korps, über das der Statthalter der Provinz Asia verfügte, und des Aufgebots +der Phryger und der Galater; König Nikomedes und König Ariobarzanes bestiegen +wieder ihre schwankenden Throne; Mithradates entzog sich zwar der Aufforderung, +Zuzug zu gewähren, unter verschiedenen Vorwänden, allein er leistete nicht bloß +den Römern keinen offenen Widerstand, sondern der bithynische Prätendent +Sokrates wurde sogar auf sein Geheiß getötet (664 90). +</p> + +<p> +Es war eine sonderbare Verwicklung. Mithradates war vollkommen überzeugt, gegen +die Römer in offenem Kampfe nichts ausrichten zu können und es nicht zum +offenen Bruch und zum Kriege mit ihnen kommen lassen zu dürfen. Wäre er nicht +also entschlossen gewesen, so fand sich kein günstigerer Augenblick, den Kampf +zu beginnen, als der gegenwärtige: eben damals, als Aquillius in Bithymen und +Kappadokien einrückte, stand die italische Insurrektion auf dem Höhepunkt ihrer +Macht und konnte selbst den Schwachen Mut machen, gegen Rom sich zu erklären; +dennoch ließ Mithradates das Jahr 664 (90) ungenutzt verstreichen. Aber +nichtsdestoweniger verfolgte er so zäh wie rührig seinen Plan, in Kleinasien +sich auszubreiten. Diese seltsame Verbindung der Politik des Friedens um jeden +Preis mit der der Eroberung war allerdings in sich unhaltbar und beweist nur +aufs neue, daß Mithradates nicht zu den Staatsmännern rechter Art gehörte und +weder zum Kampf zu rüsten wußte wie König Philippos noch sich zu fügen wie +König Attalos, sondern in echter Sultansart ewig hin- und hergezogen ward +zwischen begehrlicher Eroberungslust mit dem Gefühl seiner eigenen Schwäche. +Aber auch so läßt sich sein Beginnen nur begreifen, wenn man sich erinnert, daß +Mithradates in zwanzigjähriger Erfahrung die damalige römische Politik +kennengelernt hatte. Er wußte sehr genau, daß die römische Regierung nichts +weniger als kriegslustig war, ja daß sie, im Hinblick auf die ernstliche +Gefahr, die jeder berühmte General ihrer Herrschaft bereitete, in frischer +Erinnerung an den Kimbrischen Krieg und Marius, den Krieg womöglich noch mehr +fürchtete als er selbst. Daraufhin handelte er. Er scheute sich nicht, in einer +Weise aufzutreten, die jeder energischen und nicht durch egoistische +Rücksichten gefesselten Regierung hundertfach Ursache und Anlaß zur +Kriegserklärung gegeben haben würde; aber er vermied sorgfältig den offenen +Bruch, der den Senat in die Notwendigkeit dazu versetzt hätte. Sowie Ernst +gezeigt ward, wich er zurück, vor Sulla wie vor Aquillius; er hoffte +unzweifelhaft darauf, daß nicht immer energische Feldherren ihm +gegenüberstehen, daß auch er so gut wie Jugurtha auf seine Scaurus und Albinus +treffen würde. Es muß zugestanden werden, daß diese Hoffnung nicht unverständig +war, obwohl freilich eben Jugurthas Beispiel auch wieder gezeigt hatte, wie +verkehrt es war, die Bestechung eines römischen Heerführers und die Korruption +einer römischen Armee mit der Überwindung des römischen Volkes zu verwechseln. +So standen die Dinge zwischen Frieden und Krieg und ließen ganz dazu an, noch +lange sich in gleicher Art weiterzuschleppen. Aber dies zuzulassen war +Aquillius’ Absicht nicht, und da er seine Regierung nicht zwingen konnte, +Mithradates den Krieg zu erklären, so bediente er sich dazu des Königs +Nikomedes. Dieser, ohnehin in die Hand des römischen Feldherrn gegeben und +überdies noch für die abgelaufenen Kriegskosten und die dem Feldherrn +persönlich zugesicherten Summen sein Schuldner, konnte sich dem Ansinnen +desselben, mit Mithradates den Krieg zu beginnen, nicht entziehen. Die +bithynische Kriegserklärung erfolgte; aber selbst als Nikomedes’ Schiffe +den pontischen den Bosporus sperrten, seine Truppen in die pontischen +Grenzdistrikte einrückten und die Gegend von Amastris brandschatzten, blieb +Mithradates noch unerschüttert bei seiner Friedenspolitik; statt die Bithyner +über die Grenze zu werfen, führte er Klage bei der römischen Gesandtschaft und +bat dieselbe, entweder vermitteln oder ihm die Selbstverteidigung gestatten zu +wollen. Allein er ward von Aquillius dahin beschieden, daß er unter allen +Umständen sich des Krieges gegen Nikomedes zu enthalten habe. Das freilich war +deutlich. Genau dieselbe Politik hatte man gegen Karthago angewendet; man ließ +das Schlachtopfer von der römischen Meute überfallen und verbot ihm, gegen +dieselbe sich zu wehren. Auch Mithradates erachtete sich verloren, ebenwie die +Karthager es getan hatten; aber wenn die Phöniker sich aus Verzweiflung +ergaben, so tat dagegen der König von Sinope das Gegenteil und rief seine +Truppen und Schiffe zusammen - “Wehrt nicht”, so soll er gesagt +haben, “auch wer unterliegen muß, dennoch sich gegen den Räuber?” +Sein Sohn Ariobarzanes erhielt Befehl, in Kappadokien einzurücken; es ging noch +einmal eine Botschaft an die römischen Gesandten, um ihnen anzuzeigen, wozu die +Notwehr den König gezwungen habe, und eine letzte Erklärung von ihnen zu +fordern. Sie lautete, wie zu erwarten war. Obwohl weder der römische Senat noch +König Mithradates noch König Nikomedes den Bruch gewollt hatten, Aquillius +wollte ihn und man hatte Krieg (Ende 665 80). +</p> + +<p> +Mit aller ihm eigenen Energie betrieb Mithradates die politischen und +militärischen Vorbereitungen zu dem ihm aufgedrungenen Waffengang. Vor allen +Dingen knüpfte er das Bündnis mit König Tigranes von Armenien fester und +erlangte von ihm das Versprechen eines Hilfsheeres, das in Vorderasien +einrücken und Grund und Boden daselbst für König Mithradates, die bewegliche +Habe für König Tigranes in Besitz nehmen sollte. Der parthische König, verletzt +durch das stolze Verhalten Sullas, trat wenn nicht gerade als Gegner, doch auch +nicht als Bundesgenosse der Römer auf. Den Griechen war der König bemüht, sich +in der Rolle des Philippos und des Perseus, als Vertreter der griechischen +Nation gegen die römische Fremdherrschaft darzustellen. Pontische Gesandte +gingen an den König von Ägypten und an den letzten Überrest des freien +Griechenlands, den kretensischen Städtebund, und beschworen sie, für die Rom +auch schon die Ketten geschmiedet, jetzt im letzten Augenblick einzustehen für +die Rettung der hellenischen Nationalität; es war dies wenigstens auf Kreta +nicht ganz vergeblich, und zahlreiche Kretenser nahmen Dienste im pontischen +Heer. Man hoffte auf die sukzessive Insurrektion der kleineren und kleinsten +Schutzstaaten, Numidiens, Syriens, der hellenischen Republiken, auf die +Empörung der Provinzen, vor allem des maßlos gedrückten Vorderasiens. Man +arbeitete an der Erregung eines thrakischen Aufstandes, ja an der Insurgierung +Makedoniens. Die schon vorher blühende Piraterie wurde jetzt als willkommene +Bundesgenossin überall entfesselt, und mit furchtbarer Raschheit erfüllten bald +Korsarengeschwader, pontische Kaper sich nennend, weithin das Mittelmeer. Man +vernahm mit Spannung und Freude die Kunde von den Gärungen innerhalb der +römischen Bürgerschaft und von der zwar überwundenen, aber doch noch lange +nicht unterdrückten italischen Insurrektion. Unmittelbare Beziehungen indes mit +den Unzufriedenen und Insurgenten in Italien bestanden nicht; nur wurde in +Asien ein römisch bewaffnetes und organisiertes Fremdenkorps gebildet, dessen +Kern römische und italische Flüchtlinge waren. Streitkräfte gleich denen +Mithradats waren seit den Perserkriegen in Asien nicht gesehen worden. Die +Angaben, daß er, das armenische Hilfsheer ungerechnet, mit 250000 Mann zu Fuß +und 40 000 Reitern das Feld nahm, daß 300 pontische Deck- und 100 offene +Schiffe in See stachen, scheinen nicht allzu übertrieben bei einem Kriegsherrn, +der über die zahllosen Steppenbewohner verfügte. Die Feldherrn, namentlich die +Brüder Neoptolemos und Archelaos, waren erfahrene und umsichtige griechische +Hauptleute; auch unter den Soldaten des Königs fehlte es nicht an tapferen +todverachtenden Männern, und die gold- und silberblinkenden Rüstungen und +reichen Gewänder der Skythen und Meder mischten sich lustig mit dem Erz und +Stahl der griechischen Reisigen. Ein einheitlicher militärischer Organismus +freilich hielt diese buntscheckigen Haufen nicht zusammen - auch die Armee des +Mithradates war nichts als eine jener ungeheuerlichen asiatischen +Kriegsmaschinen, wie sie oft schon, zuletzt, genau ein Jahrhundert zuvor, bei +Magnesia einer höheren militärischen Organisation unterlegen waren; immer aber +stand doch der Osten gegen die Römer in Waffen, während auch in der westlichen +Hälfte des Reichs es nichts weniger als friedlich aussah. So sehr es an sich +für Rom eine politische Notwendigkeit war, Mithradates den Krieg zu erklären, +so war doch gerade dieser Augenblick so übel gewählt wie möglich, und auch aus +diesem Grunde ist es sehr wahrscheinlich, daß Manius Aquillius zunächst aus +Rücksichten auf seine eigenen Interessen den Bruch zwischen Rom und Mithradates +eben jetzt herbeigeführt hat. Für den Augenblick hatte man in Asien keine +anderen Truppen zur Verfügung als die kleine römische Abteilung unter Lucius +Cassius und die vorderasiatischen Milizen, und bei der militärischen und +finanziellen Klemme, in der man daheim sich infolge des Insurrektionskrieges +befand, konnte eine römische Armee im günstigsten Fall nicht vor dem Sommer 666 +(88) in Asien landen. Bis dahin hatten die römischen Beamten daselbst einen +schweren Stand; indes hoffte man, die römische Provinz decken und sich +behaupten zu können, wo man stand: das bithynische Heer unter König Nikomedes +in seiner im vorigen Jahr eingenommenen Stellung auf paphlagonischem Gebiet +zwischen Amastris und Sinope, weiter rückwärts in der bithynischen, +galatischen, kappadokischen Landschaft die Abteilungen unter Lucius Cassius, +Manius Aquillius, Quintus Oppius, während die bithynisch-römische Flotte +fortfuhr, den Bosporus zu sperren. +</p> + +<p> +Mit dem Beginn des Frühjahrs 666 (88) ergriff Mithradates die Offensive. An +einem Nebenfluß des Halys, dem Amnias (bei dem heutigen Tesch köpri), stieß der +pontische Vortrab, Reiterei und Leichtbewaffnete, auf die bithynische Armee und +sprengte dieselbe trotz ihrer sehr überlegenen Zahl im ersten Anlauf so +vollständig auseinander, daß das geschlagene Heer sich auflöste und Lager und +Kriegskasse den Siegern in die Hände fielen. Es waren hauptsächlich Neoptolemos +und Archelaos, denen der König diesen glänzenden Erfolg verdankte. Die weiter +zurückstehenden, noch viel schlechteren asiatischen Milizen gaben hierauf sich +überwunden, noch ehe sie mit dem Feinde zusammenstießen; wo Mithradates’ +Feldherren sich ihnen näherten, stoben sie auseinander. Eine römische Abteilung +ward in Kappadokien geschlagen; Cassius suchte in Phrygien mit dem Landsturm +das Feld zu halten, allein er entließ ihn wieder, ohne mit ihm eine Schlacht +wagen zu mögen, und warf sich mit seinen wenigen zuverlässigen Leuten in die +Ortschaften am oberen Mäander, namentlich nach Apameia; Oppius räumte in +gleicher Weise Pamphylien und schloß in dem phrygischen Laodikeia sich ein; +Aquillius ward im Zurückweichen am Sangarios im bithynischen Gebiet eingeholt +und so vollständig geschlagen, daß er sein Lager verlor und sich in die +römische Provinz nach Pergamon retten mußte; bald war auch diese überschwemmt +und Pergamon selbst in den Händen des Königs, ebenso der Bosporus und die +daselbst befindlichen Schiffe. Nach jedem Sieg hatte Mithradates sämtliche +Gefangene der kleinasiatischen Miliz entlassen und nichts versäumt, die von +Anfang an ihm zugewandten nationalen Sympathien zu steigern. Jetzt war die +ganze Landschaft bis zum Mäander mit Ausnahme weniger Festungen in seiner +Gewalt; zugleich erfuhr man, daß in Rom eine neue Revolution ausgebrochen, daß +der gegen Mithradates bestimmte Konsul Sulla, statt nach Asien sich +einzuschiffen, gegen Rom marschiert sei, daß die gefeiertsten römischen +Generale sich untereinander Schlachten lieferten um auszumachen, wem der +Oberbefehl im Asiatischen Kriege gebühre. Rom schien eifrigst bemüht, sich +selber zugrunde zu richten; es ist kein Wunder, daß, wenngleich Minoritäten +auch jetzt noch überall zu Rom hielten, doch die große Masse der Kleinasiaten +den Pontikern zufiel. Die Hellenen und die Asiaten vereinigten sich in dem +Jubel, der den Befreier empfing; es ward üblich, den König, in dem wie in dem +göttlichen Indersieger Asien und Hellas sich abermals zusammenfanden, zu +verehren unter dem Namen des neuen Dionysos. Die Städte und Inseln sandten, wo +er hinkam, ihm Boten entgegen, “den rettenden Gott” zu sich +einzuladen, und festlich gekleidet strömte die Bürgerschaft vor die Tore, ihn +zu empfangen. Einzelne Orte lieferten die bei ihnen verweilenden römischen +Offiziere gebunden an den König ein, so Laodikeia den Kommandanten der Stadt +Quintus Oppius, Mytilene auf Lesbos den Konsular Manius Aquillius 7. Die ganze +Wut des Barbaren, der den, vor dem er gezittert hat, in seine Macht bekommt, +entlud sich über den unglücklichen Urheber des Krieges. Bald zu Fuß an einen +gewaltigen berittenen Bastarner angefesselt, bald auf einen Esel gebunden und +seinen eigenen Namen abrufend ward der bejahrte Mann durch ganz Kleinasien +geführt und, als endlich das arme Schaustück wieder am königlichen Hof in +Pergamon anlangte, auf Befehl des Königs, um seine Habgier, die eigentlich den +Krieg veranlaßt habe, zu sättigen, ihm geschmolzenes Gold in den Hals gegossen, +daß er unter Qualen den Geist aufgab. Aber es blieb nicht bei diesem rohen +Hohn, der allein hinreicht, seinen Urheber auszustreichen aus der Reihe der +adligen Männer. Von Ephesos aus erließ König Mithradates an alle von ihm +abhängigen Statthalter und Städte den Befehl, an einem und demselben Tage +sämtliche in ihrem Bezirk sich aufhaltende Italiker, Freie und Unfreie, ohne +Unterschied des Geschlechts und des Alters zu töten und bei schwerer Strafe +keinem der Verfemten zur Rettung behilflich zu sein, die Leichen der +Erschlagenen den Vögeln zum Fraß hinzuwerfen, die Habe einzuziehen und sie zur +Hälfte an die Mörder, zur Hälfte an den König abzuliefern. Die entsetzlichen +Befehle wurden mit Ausnahme weniger Bezirke, wie zum Beispiel der Insel Kos, +pünktlich vollzogen und achtzig-, nach anderen Berichten +hundertundfünfzigtausend wenn nicht unschuldige, so doch wehrlose Männer, +Frauen und Kinder mit kaltem Blut an einem Tage in Kleinasien geschlachtet - +eine grauenvolle Exekution, bei welcher die gute Gelegenheit, der Schulden sich +zu entledigen und die dem Sultan zu jedem Henkerdienst bereite asiatische +Schergenwillfährigkeit wenigstens ebensosehr mitgewirkt haben wie das +vergleichungsweise edle Gefühl der Rache. Politisch war diese Maßregel nicht +bloß ohne jeden vernünftigen Zweck - denn der finanzielle ließ auch ohne diesen +Blutbefehl sich erreichen, und die Kleinasiaten waren selbst durch das +Bewußtsein der ärgsten Blutschuld nicht zum kriegerischen Eifer zu treiben -, +sondern sogar zweckwidrig, indem sie einerseits den römischen Senat, soweit er +irgend noch der Energie fähig war, zur ernstlichen Kriegführung zwang, +andererseits nicht bloß die Römer traf, sondern ebensogut des Königs natürliche +Bundesgenossen, die nichtrömischen Italiker. Es ist dieser ephesische +Mordbefehl durchaus nichts als ein zweckloser Akt der tierisch blinden Rache, +welcher nur durch die kolossalen Proportionen, in denen hier der Sultanismus +auftritt, einen falschen Schein von Großartigkeit erhält. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +7 Die Urheber der Gefangennehmung und Auslieferung des Aquillius traf +fünfundzwanzig Jahre später die Vergeltung, indem sie nach Mithradates’ +Tode dessen Sohn Pharnakes an die Römer übergab. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Überhaupt ging des Königs Sinn hoch; aus Verzweiflung hatte er den Krieg +begonnen, aber der unerwartet leichte Sieg, das Ausbleiben des gefürchteten +Sulla ließen ihn übergehen zu den hochfahrendsten Hoffnungen. Er richtete sich +häuslich in Vorderasien ein; der Sitz des römischen Statthalters, Pergamon, +ward seine neue Hauptstadt; das alte Reich von Sinope wurde als +Statthalterschaft an des Königs Sohn Mithradates zur Verwaltung übergeben; +Kappadokien, Phrygien, Bithymen wurden organisiert als pontische Satrapien. Die +Großen des Reichs und des Königs Günstlinge wurden mit reichen Gaben und Lehen +bedacht und sämtlichen Gemeinden nicht bloß die rückständigen Steuern erlassen, +sondern auch Steuerfreiheit auf fünf Jahre zugesichert - eine Maßregel, die +ebenso verkehrt war wie die Ermordung der Römer, wenn der König dadurch sich +die Treue der Kleinasiaten zu sichern meinte. +</p> + +<p> +Freilich füllte des Königs Schatz ohnehin sich reichlich durch die +unermeßlichen Summen, die aus dem Vermögen der Italiker und anderen +Konfiskationen einkamen; wie denn z. B. allein auf Kos 800 Talente (1250000 +Taler), welche die Juden dort deponiert hatten, von Mithradates weggenommen +wurden. Der nördliche Teil von Kleinasien und die meisten dazu gehörigen Inseln +waren in des Königs Gewalt; außer einigen kleinen paphlagonischen Dynasten gab +es hier kaum einen Bezirk, der noch zu Rom hielt; das gesamte Ägäische Meer +ward beherrscht von seinen Flotten. Nur der Südwesten, die Städtebünde von +Karien und Lykien und die Stadt Rhodos widerstanden ihm. In Karien ward zwar +Stratonikeia mit den Waffen bezwungen; Magnesia am Sipylos aber bestand +glücklich eine schwere Belagerung, bei welcher Mithradates’ tüchtigster +Offizier Archelaos geschlagen und verwundet ward. Rhodos, der Zufluchtsort der +aus Asien entkommenen Römer, unter ihnen des Statthalters Lucius Cassius, wurde +von Mithradates zu Wasser und zu Lande mit ungeheurer Übermacht angegriffen. +Aber seine Seeleute, so mutig sie unter den Augen des Königs ihre Pflicht +taten, waren ungeschickte Neulinge, und es kam vor, daß rhodische Geschwader +vielfach stärkere pontische überwanden und mit erbeuteten Schiffen heimkehrten. +Auch zu Lande rückte die Belagerung nicht vor; nachdem ein Teil der Arbeiten +zerstört worden war, gab Mithradates das Unternehmen auf und die wichtige Insel +sowie das gegenüberliegende Festland blieben in den Händen der Römer. +</p> + +<p> +Aber nicht bloß die asiatische Provinz wurde, hauptsächlich infolge der zur +ungelegensten Zeit ausbrechenden Sulpicischen Revolution, fast unverteidigt von +Mithradates besetzt, sondern derselbe richtete schon den Angriff auch gegen +Europa. Bereits seit dem Jahre 662 (92) hatten die Grenznachbarn Makedoniens +gegen Norden und Osten ihre Einfälle mit auffallender Heftigkeit und +Streitigkeit erneuert; in den Jahren 664, 665 (90, 89) überrannten die Thraker. +Makedonien und ganz Epeiros und plünderten den Tempel von Dodona. Noch +auffallender ist es, daß damit noch einmal der Versuch verbunden ward, einen +Prätendenten auf den makedonischen Thron in der Person eines gewissen Euphenes +aufzustellen. Mithradates, der von der Krim aus Verbindungen mit den Thrakern +unterhielt, war all diesen Vorgängen schwerlich fremd. Zwar erwehrte sich der +Prätor Gaius Sentius mit Hilfe der thrakischen Dentheleten dieser +Eingedrungenen; allein es dauerte nicht lange, daß ihm mächtigere Gegner kamen. +Mithradates hatte, fortgerissen von seinen Erfolgen, den kühnen Entschluß +gefaßt, wie Antiochos den Krieg um die Herrschaft über Asien in Griechenland +zur Entscheidung zu bringen, und zu Lande oder zur See den Kern seiner Truppen +dorthin dirigiert. Sein Sohn Ariarathes drang von Thrakien aus in das schwach +verteidigte Makedonien ein, unterwegs die Landschaft unterwerfend und in +pontische Satrapien einteilend. Abdera, Philippi wurden Hauptstützpunkte der +pontischen Waffen in Europa. Die pontische Flotte, geführt von +Mithradates’ bestem Feldherrn Archelaos, erschien im Ägäischen Meer, wo +kaum ein römisches Segel zu finden war. Delos, der Stapelplatz des römischen +Handels in diesen Gewässern, ward besetzt und bei 20000 Menschen, größtenteils +Italiker, daselbst niedergemetzelt; Euböa erlitt ein gleiches Schicksal; bald +waren östlich vom Malfischen Vorgebirg alle Inseln in Feindes Hand; man konnte +weitergehen zum Angriff auf das Festland selbst. Zwar den Angriff, den die +pontische Flotte von Euböa aus auf das wichtige Demetrias machte, schlug +Bruttius Sura, der tapfere Unterfeldherr des Statthalters von Makedonien, mit +seiner Handvoll Leute und wenigen zusammengerafften Schiffen ab und besetzte +sogar die Insel Skiathos: aber er konnte nicht verhindern, daß der Feind im +eigentlichen Griechenland sich festsetzte. Auch hier wirkte Mithradates nicht +bloß mit den Waffen, sondern zugleich mit der nationalen Propaganda. Sein +Hauptwerkzeug für Athen war ein gewisser Aristion, seiner Geburt nach ein +attischer Sklave, seines Handwerks ehemals Schulmeister der Epikurischen +Philosophie, jetzt Günstling Mithradats; ein vortrefflicher Peisthetäros, der +durch die glänzende Karriere, die er bei Hof gemacht, den Pöbel zu blenden und +ihm mit Aplomb zu versichern verstand, daß aus dem seit beiläufig sechzig +Jahren in Schutt liegenden Karthago die Hilfe für Mithradates schon unterwegs +sei. Durch solche Reden des neuen Perikles ward es erreicht, daß die wenigen +Verständigen aus Athen entwichen, der Pöbel aber und ein paar toll gewordene +Literaten den Römern förmlich absagten. So ward aus dem Exphilosophen ein +Gewaltherrscher, der, gestützt auf seine pontische Söldnerbande, ein Schand- +und Blutregiment begann, und aus dem Peiräeus ein pontischer Landungsplatz. +Sowie Mithradats Truppen auf dem griechischen Kontinent standen, fielen die +meisten der kleinen Freistaaten ihnen zu: Achäer, Lakonen, Böoter, bis hinauf +nach Thessalien. Sura, nachdem er aus Makedonien einige Verstärkung +herangezogen hatte, rückte in Böotien ein, um dem belagerten Thespiä Hilfe zu +bringen, und schlug sich bei Chäroneia in dreitägigen Gefechten mit Archelaos +und Aristion; aber sie führten zu keiner Entscheidung und Sura mußte +zurückgehen, als die pontischen Verstärkungen aus dem Peloponnes sich näherten +(Ende 666, Anfang 667 88, 87). +</p> + +<p> +So gebietend war die Stellung Mithradats vor allem zur See, daß eine Botschaft +der italischen Insurgenten ihn auffordern konnte, einen Landungsversuch in +Italien zu machen; allein ihre Sache war damals bereits verloren und der König +wies das Ansinnen zurück. +</p> + +<p> +Die Lage der römischen Regierung fing an bedenklich zu werden. Kleinasien und +Hellas waren ganz, Makedonien zum guten Teil in Feindeshand; auf der See +herrschte ohne Nebenbuhler die pontische Flagge. Dazu kam die italische +Insurrektion, die, im ganzen zu Boden geschlagen, immer noch in weiten Gebieten +Italiens unbestritten die Herrschaft führte; dazu die kaum beschwichtigte +Revolution, die jeden Augenblick drohte, wiederum und furchtbarer +emporzulodern; dazu endlich die durch die inneren Unruhen in Italien und die +ungeheuren Verluste der asiatischen Kapitalisten hervorgerufene fürchterliche +Handels- und Geldkrise und der Mangel an zuverlässigen Truppen. Die Regierung +hätte dreier Armeen bedurft, um in Rom die Revolution niederzuhalten, in +Italien die Insurrektion völlig zu ersticken und in Asien Krieg zu führen; sie +hatte eine einzige, die des Sulla, denn die Nordarmee war unter dem +unzuverlässigen Gnaeus Strabo nichts als eine Verlegenheit mehr. Die Wahl unter +jenen drei Aufgaben stand bei Sulla; er entschied sich, wie wir sahen, für den +asiatischen Krieg. Es war nichts Geringes, man darf vielleicht sagen eine große +patriotische Tat, daß in diesem Konflikt des allgemeinen vaterländischen und +des besonderen Parteiinteresses das erstere die Oberhand behielt und Sulla +trotz der Gefahren, die seine Entfernung aus Italien für seine Verfassung und +für seine Partei nach sich zog, dennoch im Frühling 667 (87) landete an der +Küste von Epeiros. Aber er kam nicht, wie sonst römische Oberfeldherrn im Osten +aufzutreten pflegten. Daß sein Heer von fünf Legionen oder höchstens 30000 Mann +8 wenig stärker war als eine gewöhnliche Konsulararmee, war das wenigste. Sonst +hatte in den östlichen Kriegen eine römische Flotte niemals gefehlt, ja ohne +Ausnahme die See beherrscht; Sulla, gesandt, um zwei Kontinente und die Inseln +des Ägäischen Meeres wiederzuerobern, kam ohne ein einziges Kriegsschiff. Sonst +hatte der Feldherr eine volle Kasse mit sich geführt und den größten Teil +seiner Bedürfnisse auf dem Seeweg aus der Heimat bezogen; Sulla kam mit leeren +Händen - denn die für den Feldzug von 666 (88) mit Not flüssig gemachten Summen +waren in Italien draufgegangen - und sah sich ausschließlich angewiesen auf +Requisitionen. Sonst hatte der Feldherr seinen einzigen Gegner im feindlichen +Lager gefunden und hatten dem Landesfeind gegenüber seit der Beendigung des +Ständekampfes die politischen Faktionen ohne Ausnahme zusammengestanden; unter +Mithradates’ Feldzeichen fochten namhafte römische Männer, große +Landschaften Italiens begehrten, mit ihm in Bündnis zu treten, und es war +wenigstens zweifelhaft, ob die demokratische Partei das rühmliche Beispiel, das +Sulla ihr gegeben, befolgen und mit ihm Waffenstillstand halten werde, solange +er gegen den asiatischen König focht. Aber der rasche General, der mit all +diesen Verlegenheiten zu ringen hatte, war nicht gewohnt, vor Erledigung der +nächsten Aufgabe um die ferneren Gefahren sich zu bekümmern. Da seine an den +König gerichteten Friedensanträge, die im wesentlichen auf die +Wiederherstellung des Zustandes vor dem Kriege hinausliefen, keine Annahme +fanden, so rückte er, wie er gelandet war, von den epeirotischen Häfen bis nach +Böotien vor, schlug hier am Thilphossischen Berge die Feldherren der Feinde, +Archelaos und Aristion, und bemächtigte sich nach diesem Siege fast ohne +Widerstand des gesamten griechischen Festlandes mit Ausnahme der Festung Athen +und des Peiräeus, wohin Aristion und Archelaos sich geworfen hatten und die +durch einen Handstreich zu nehmen mißlang. Eine römische Abteilung unter Lucius +Hortensius besetzte Thessalien und streifte bis in Makedonien; eine andere +unter Munatius stellte vor Chalkis sich auf, um das unter Neoptolemos auf Euböa +stehende feindliche Korps abzuwehren; Sulla selbst bezog ein Lager bei Eleusis +und Megara, von wo aus er Griechenland und den Peloponnes beherrschte und die +Belagerung der Stadt und des Hafens von Athen betrieb. Die hellenischen Städte, +wie immer von der nächsten Furcht regiert, unterwarfen sich den Römern auf jede +Bedingung und waren froh, wenn sie mit Lieferungen von Vorräten und Mannschaft +und mit Geldbußen schwerere Strafen abkaufen durften. Minder rasch gingen die +Belagerungen in Attika vonstatten. Sulla sah sich genötigt, in aller Form das +schwere Belagerungszeug zu rüsten, wozu die Bäume der Akademie und des Lykeion +das Holz liefern mußten. Archelaos leitete die Verteidigung ebenso kräftig wie +besonnen; er bewaffnete seine Schiffsmannschaft, schlug also verstärkt die +Angriffe der Römer mit überlegener Macht ab und machte häufige und nicht selten +glückliche Ausfälle. Zwar die zum Entsatz herbeirückende pontische Armee des +Dromichätes ward unter den Mauern Athens nach hartem Kampf, bei dem namentlich +Sullas tapferer Unterfeldherr Lucius Licinius Murena sich hervortat, von den +Römern geschlagen; aber die Belagerung schritt darum nicht rascher vor. Von +Makedonien aus, wo die Kappadokier inzwischen sich definitiv festgesetzt +hatten, kam reichliche und regelmäßige Zufuhr zur See, die Sulla nicht imstande +war, der Hafenfestung abzuschneiden; in Athen gingen zwar die Vorräte auf die +Neige, doch konnte bei der Nähe der beiden Festungen Archelaos mehrfache +Versuche machen, Getreidetransporte nach Athen zu werfen, die nicht alle +mißlangen. So verfloß in peinlicher Resultatlosigkeit der Winter 667/68 +(87/86). Wie die Jahreszeit es erlaubte, warf Sulla sich mit Ungestüm auf den +Peiräeus; in der Tat gelang es, durch Geschütze und Minen einen Teil der +gewaltigen Perikleischen Mauern in Bresche zu legen, und sofort schritten die +Römer zum Sturm; allein er ward abgeschlagen, und als er wiederholt ward, +fanden sich hinter den eingestürzten Mauerteilen halbmondförmige Verschanzungen +errichtet, aus denen die Eindringenden sich von drei Seiten beschossen und zur +Umkehr gezwungen sahen. Sulla hob darauf die Belagerung auf und begnügte sich +mit einer Blockade. In Athen waren inzwischen die Lebensmittel ganz zu Ende +gegangen; die Besatzung versuchte eine Kapitulation zustande zu bringen, aber +Sulla wies ihre redefertigen Boten zurück mit dem Bedeuten, daß er nicht als +Student, sondern als General vor ihnen stehe und nur unbedingte Unterwerfung +annehme. Als Aristion, wohl wissend, welches Schicksal dann ihm bevorstand, +damit zögerte, wurden die Leitern angelegt und die kaum noch verteidigte Stadt +erstürmt (1. März 668 86). Aristion warf sich in die Akropolis, wo er bald +darauf sich ergab. Der römische Feldherr ließ die Soldateska in der eroberten +Stadt morden und plündern und die angeseheneren Rädelsführer des Abfalls +hinrichten; die Stadt selbst aber erhielt von ihm ihre Freiheit und ihre +Besitzungen, sogar das wichtige Delos zurück und ward also noch einmal gerettet +durch ihre herrlichen Toten. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +8 Man muß sich erinnern, daß seit dem Bundesgenossenkrieg auf die Legion, da +sie nicht mehr von italischen Kontingenten begleitet ist, mindestens nur die +halbe Mannzahl kommt wie vordem. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +Über den Epikureischen Schulmeister also hatte man gesiegt; indes Sullas Lage +blieb im höchsten Grade peinlich, ja verzweifelt. Mehr als ein Jahr stand er +nun im Felde, ohne irgendeinen nennenswerten Schritt vorwärtsgekommen zu sein, +ein einziger Hafenplatz spottete all seiner Anstrengungen, während Asien +gänzlich sich selbst überlassen, die Eroberung Makedoniens von +Mithradates’ Statthaltern kürzlich durch die Einnahme von Amphipolis +vollendet war. Ohne Flotte - dies zeigte sich immer deutlicher - war es nicht +bloß unmöglich, die Verbindungen und die Zufuhr von den feindlichen und den +zahllosen Piratenschiffen zu sichern, sondern auch nur den Peiräeus, geschweige +denn Asien und die Inseln wiederzugewinnen; und doch ließ sich nicht absehen, +wie man zu Kriegsschiffen gelangen konnte. Schon im Winter 667/68 (87/86) hatte +Sulla einen seiner fähigsten und gewandtesten Offiziere, Lucius Licinius +Lucullus, in die östlichen Gewässer entsandt, um dort womöglich Schiffe +aufzutreiben. Mit sechs offenen Booten, die er von den Rhodiern und andern +kleinen Gemeinden zusammengeborgt hatte, lief Lucullus aus; einem +Piratengeschwader, das die meisten seiner Boote aufbrachte, entging er selbst +nur durch einen Zufall; mit gewechselten Schiffen den Feind täuschend, gelangte +er über Kreta und Kyrene nach Alexandreia; allein der ägyptische Hof schlug die +Bitte um Unterstützung mit Kriegsschiffen ebenso höflich wie entschieden ab. +Kaum irgendwo zeigt sich so deutlich wie hier der tiefe Verfall des römischen +Staats, der einst das Angebot der Könige von Ägypten, mit ihrer ganzen Seemacht +den Römern beizustehen, dankbar abzulehnen vermocht hatte und jetzt selbst den +alexandrinischen Staatsmännern schon bankrott erschien. Zu allem dem kam die +finanzielle Bedrängnis; schon hatte Sulla die Schatzhäuser des Olympischen +Zeus, des Delphischen Apollon, des Epidaurischen Asklepios leeren müssen, wofür +die Götter entschädigt wurden durch die zur Straße eingezogene Halbscheid des +thebanischen Gebiets. Aber weit schlimmer als all diese militärische und +finanzielle Verlegenheit war der Rückschlag der politischen Umwälzung in Rom, +deren rasche, durchgreifende, gewaltsame Vollendung die ärgsten Befürchtungen +weit hinter sich gelassen hatte. Die Revolution führte in der Hauptstadt das +Regiment; Sulla war abgesetzt, das asiatische Kommando an seiner Stelle dem +demokratischen Konsul Lucius Valerius Flaccus übertragen worden, den man +täglich in Griechenland erwarten konnte. Zwar hatte die Soldateska festgehalten +an Sulla, der alles tat, um sie bei guter Laune zu erhalten; aber was ließ sich +erwarten, wo Geld und Zufuhr ausblieben, wo der Feldherr abgesetzt und +geächtet, sein Nachfolger im Anmarsch war und zu allem diesem der Krieg gegen +den zähen seemächtigen Gegner aussichtslos sich hinspann! +</p> + +<p> +König Mithradates übernahm es, den Gegner aus seiner bedenklichen Lage zu +befreien. Allem Anschein nach war er es, der das Defensivsystem seiner Generale +mißbilligte und ihnen Befehl schickte, den Feind fördersamst zu überwinden. +Schon 667 (87) war sein Sohn Ariarathes aus Makedonien aufgebrochen, um Sulla +im eigentlichen Griechenland zu bekämpfen; nur der plötzliche Tod, der den +Prinzen auf dem Marsch am Tisäischen Vorgebirg in Thessalien ereilte, hatte die +Expedition damals rückgängig gemacht. Sein Nachfolger Taxiles erschien jetzt +(668 86), das in Thessalien stehende römische Korps vor sich hertreibend, mit +einem Heer von angeblich 100000 Mann zu Fuß und 10000 Reitern an den +Thermopylen. Mit ihm vereinigte sich Dromichätes. Auch Archelaos räumte - es +scheint, weniger durch Sullas Waffen gezwungen als durch Befehle seines Herrn - +den Peiräeus erst teilweise, sodann ganz und stieß in Böotien zu der pontischen +Hauptarmee. Sulla, nachdem der Peiräeus mit all seinen vielbewunderten +Bauwerken auf seinen Befehl zerstört worden war, folgte der pontischen Armee in +der Hoffnung, vor dem Eintreffen des Flaccus eine Hauptschlacht liefern zu +können. Vergeblich riet Archelaos, sich hierauf nicht einzulassen, sondern die +See und die Küsten besetzt und den Feind hinzuhalten; wie einst unter Dareios +und Antiochos, so stürzten auch jetzt die Massen der Orientalen, wie +geängstigte Tiere in die Feuersbrunst, sich rasch und blindlings in den Kampf; +und törichter als je war dies hier angewandt, wo die Asiaten vielleicht nur +einige Monate hätten warten dürfen, um bei einer Schlacht zwischen Sulla und +Flaccus die Zuschauer abzugeben. In der Ebene des Kephissos unweit Chäroneia im +März 668 (86) trafen die Heere aufeinander. Selbst mit Einschluß der aus +Thessalien zurückgedrängten Abteilung, der es geglückt war, ihre Verbindung mit +der römischen Hauptarmee zu bewerkstelligen, und mit Einschluß der griechischen +Kontingente fand sich das römische Heer einem dreifach stärkeren Feind +gegenüber und namentlich einer weit überlegenen und bei der Beschaffenheit des +Schlachtfeldes sehr gefährlichen Reiterei, gegen die Sulla seine Flanken durch +verschanzte Gräben zu decken nötig fand, sowie er in der Front zum Schutz gegen +die feindlichen Streitwagen zwischen seiner ersten und zweiten Linie eine +Palisadenkette anbringen ließ. Als die Streitwagen den Kampf zu eröffnen +heranrollten, zog sich das erste Treffen der Römer hinter diese Pfahlreihe +zurück; die Wagen, an ihr abprallend und gescheucht durch die römischen +Schleuderer und Schützen, warfen sich auf die eigene Linie und brachten +Verwirrung sowohl in die makedonische Phalanx wie in das Korps der italischen +Flüchtlinge. Archelaos zog eilig seine Reiterei von beiden Flanken herbei und +schickte sie dem Feinde entgegen, um Zeit zu gewinnen, sein Fußvolk wieder zu +ordnen; sie griff mit großem Feuer an und durchbrach die römischen Reihen; +allein die römische Infanterie formierte sich rasch in geschlossene Massen und +hielt den von allen Seiten auf sie anstürmenden Reitern mutig stand. Inzwischen +führte Sulla selbst auf dem rechten Flügel seine Reiterei in die entblößte +Flanke des Feindes; die asiatische Infanterie wich, ohne eigentlich zum +Schlagen gekommen zu sein, und ihr Weichen brachte Unruhe auch in die +Reitermassen. Ein allgemeiner Angriff des römischen Fußvolks, das durch die +schwankende Haltung der feindlichen Reiter wieder Luft bekam, entschied den +Sieg. Die Schließung der Lagertore, die Archelaos anordnete, um die Flucht zu +hemmen, bewirkte nur, daß das Blutbad um so größer ward und, als die Tore +endlich sich auftaten, die Römer mit den Asiaten zugleich eindrangen. Nicht den +zwölften. Mann soll Archelaos nach Chalkis gerettet haben. Sulla folgte ihm bis +an den Euripos; den schmalen Meeresarm zu überschreiten war er nicht imstande. +</p> + +<p> +Es war ein großer Sieg, aber die Resultate waren geringfügig, was wegen des +Mangels einer Flotte, teils weil der römische Sieger sich genötigt sah, statt +die Besiegten zu verfolgen, zunächst vor seinen Landsleuten sich zu schützen. +Die See war noch immer ausschließlich bedeckt von den pontischen Geschwadern, +die jetzt selbst westlich vom Malfischen Vorgebirge sich zeigten; noch nach der +Schlacht von Chäroneia setzte Archelaos auf Zakynthos Truppen ans Land und +machte einen Versuch, auf dieser Insel sich festzusetzen. Ferner war inzwischen +in der Tat Lucius Flaccus mit zwei Legionen in Epeiros gelandet, nicht ohne +unterwegs durch Stürme und durch die im Adriatischen Meer kreuzenden +feindlichen Kriegsschiffe starken Verlust erlitten zu haben; bereits standen +seine Truppen in Thessalien; dorthin zunächst mußte Sulla sich wenden. Bei +Melitäa am nördlichen Abhang des Othrysgebirges lagerten beide römischen Heere +sich gegenüber; ein Zusammenstoß schien unvermeidlich. Indes Flaccus, nachdem +er Gelegenheit gehabt hatte sich zu überzeugen, daß Sullas Soldaten keineswegs +geneigt war ihren siegreichen Führer an den gänzlich unbekannten demokratischen +Oberfeldherrn zu verraten, daß vielmehr seine eigene Vorhut anfing, in das +Sullanische Lager zu desertieren, wich dem Kampfe aus, dem er in keiner +Hinsicht gewachsen war, und brach auf gegen Norden, um durch Makedonien und +Thrakien nach Asien zu gelangen und dort durch Überwältigung Mithradats sich +den Weg zu weiteren Erfolgen zu bahnen. Daß Sulla den schwächeren Gegner +ungehindert abziehen ließ und, statt ihm zu folgen, vielmehr zurück nach Athen +ging, wo er den Winter 668/69 (86/85) verweilt zu haben scheint, ist +militärisch betrachtet auffallend; vielleicht darf man annehmen, daß auch hier +politische Beweggründe ihn leiteten und er gemäßigt und +</p> + +<p> +Patriotisch genug dachte, um wenigstens so lange, als man doch mit den Asiaten +zu tun hatte, gern einen Sieg über die Landsleute zu vermeiden und die +erträglichste Lösung der leidigen Verwicklung darin zu finden, wenn die +Revolutionsarmee in Asien, die der Oligarchie in Europa mit dem +gemeinschaftlichen Feinde stritt. +</p> + +<p> +Mit dem Frühling 669 (85) gab es in Europa wieder neue Arbeit. Mithradates, der +in Kleinasien seine Rüstungen unermüdlich fortsetzte, hatte eine, der bei +Chäroneia aufgeriebenen an Zahl nicht viel nachstehende Armee unter Dorylaos +nach Euböa gesandt; von dort war dieselbe in Verbindung mit den Überbleibseln +der Armee des Archelaos über den Euripos nach Böotien gegangen. Der pontische +König, der in den Siegen über die bithynische und die kappadokische Miliz den +Maßstab fand für die Leistungsfähigkeit seiner Armee, begriff die ungünstige +Wendung nicht, die die Dinge in Europa nahmen; schon flüsterten die Kreise der +Höflinge von Verrat des Archelaos; peremtorischer Befehl war gegeben, mit der +neuen Armee sofort eine zweite Schlacht zu liefern und nun unfehlbar die Römer +zu vernichten. Der Wille des Herrn geschah, wo nicht im Siegen, doch wenigstens +im Schlagen. Abermals in der Kephissosebene bei Orchomenos, begegneten sich die +Römer und die Asiaten. Die zahlreiche und vortreffliche Reiterei der letzteren +warf sich ungestüm auf das römische Fußvolk, das zu schwanken und zu weichen +begann; die Gefahr ward so dringend, daß Sulla ein Feldzeichen ergriff und mit +seinen Adjutanten und Ordonnanzen gegen den Feind vorgehend mit lauter Stimme +den Soldaten zurief, wenn man daheim sie frage, wo sie ihren Feldherrn im Stich +gelassen hätten, so möchten sie antworten: bei Orchomenos. Dies wirkte; die +Legionen standen wieder und überwältigten die feindlichen Reiter, worauf auch +die Infanterie mit leichter Mühe geworfen ward. Am folgenden Tage wurde das +Lager der Asiaten umstellt und erstürmt; der weitaus größte Teil derselben fiel +oder kam in den Kopaischen Sümpfen um; nur wenige, unter ihnen Archelaos, +gelangten nach Euböa. Die böotischen Gemeinden hatten den abermaligen Abfall +von Rom schwer, zum Teil bis zur Vernichtung zu büßen. Dem Einmarsch in +Makedonien und Thrakien stand nichts im Wege: Philippi ward besetzt, Abdera von +der pontischen Besatzung freiwillig geräumt, überhaupt das europäische Festland +von den Feinden gesäubert. Am Ende des dritten Kriegsjahres (669 85) konnte +Sulla Winterquartiere in Thessalien beziehen, um im Frühjahr 670 (84) 9 den +asiatischen Feldzug zu beginnen, zu welchem Ende er Befehl gab, in den +thessalischen Häfen Schiffe zu bauen. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +9 Die Chronologie dieser Ereignisse liegt, wie alle Einzelheiten überhaupt, in +einem Dunkel, das die Forschung höchstens bis zur Dämmerung zu zerstreuen +vermag. Daß die Schlacht von Chäroneia, wenn auch nicht an demselben Tage wie +die Erstürmung von Athen (Paus. 1, 20), doch bald nachher, etwa im März 668 +(86), stattfand, ist ziemlich sicher. Daß die darauf folgende thessalische und +die zweite böotische Kampagne nicht bloß den Rest des Jahres 668 (86), sondern +auch das ganze Jahr 669 (85) in Anspruch nahmen, ist an sich wahrscheinlich und +wird es noch mehr dadurch, daß Sullas Unternehmungen in Asien nicht genügen, um +mehr als einen Feldzug auszufüllen. Auch scheint Licinianus anzudeuten, daß +Sulla für den Winter 668/69 (86/85) wieder nach Athen zurückging und hier die +Untersuchungen und Bestrafungen vornahm; worauf dann die Schlacht von +Orchomenos erzählt wird. Darum ist der Übergang Sullas nach Asien nicht 669 +(85), sondern 670 (84) gesetzt worden. +</p> + +<p> +—————————————————————— +</p> + +<p> +Inzwischen hatten auch die kleinasiatischen Verhältnisse sich wesentlich +geändert. Wenn König Mithradates einst aufgetreten war als der Befreier der +Hellenen, wenn er mit Förderung der städtischen Unabhängigkeit und mit +Steuererlassen seine Herrschaft eingeleitet hatte, so war auf diesen kurzen +Taumel nur zu rasch und nur zu bitter die Enttäuschung gefolgt. Sehr bald war +er in seinem wahren Charakter hervorgetreten und hatte eine die Tyrannei der +römischen Vögte weit überbietende Zwingherrschaft zu üben begonnen, die sogar +die geduldigen Kleinasiaten zu offener Auflehnung trieb. Der Sultan griff +dagegen wieder zu den gewaltsamsten Mitteln. Seine Verordnungen verliehen den +zugewandten Ortschaften die Selbständigkeit, den Insassen das Bürgerrecht, den +Schuldnern vollen Schuldenerlaß, den Besitzlosen Äcker, den Sklaven die +Freiheit; an 15000 solcher freigelassener Sklaven fochten im Heer des +Archelaos. Die fürchterlichsten Szenen waren die Folge dieser von oben herab +erfolgenden Umwälzung aller bestehenden Ordnung. Die ansehnlichsten Kaufstädte, +Smyrna, Kolophon, Ephesos, Tralleis, Sardeis, schlossen den Vögten des Königs +die Tore oder brachten sie um und erklärten sich für Rom ^10. Dagegen ließ der +königliche Vogt Diodoros, ein namhafter Philosoph wie Aristion, von anderer +Schule, aber gleich brauchbar zur schlimmsten Herrendienerei, im Auftrag seines +Herrn den gesamten Stadtrat von Adramytion niedermachen. Die Chier, die der +Hinneigung zu Rom verdächtig schienen, wurden zunächst um 2000 Talente (3150000 +Taler) gebüßt und, da die Zahlung nicht richtig befunden wurde, in Masse auf +Schiffe gesetzt und gebunden, unter Aufsicht ihrer eigenen Sklaven, an die +kolchische Küste deportiert, während ihre Insel mit pontischen Kolonisten +besetzt ward. Die Häuptlinge der kleinasiatischen Kelten befahl der König +sämtlich an einem Tage mit ihren Weibern und Kindern umzubringen und Galatien +in eine pontische Satrapie zu verwandeln. Die meisten dieser Blutbefehle wurden +auch entweder an Mithradates’ eigenem Hoflager oder im galatischen Lande +vollstreckt, allein die wenigen Entronnenen stellten sich an die Spitze ihrer +kräftigen Stämme und schlugen den Statthalter des Königs, Eumachos, aus ihren +Grenzen hinaus. Daß diesen König die Dolche der Mörder verfolgten, ist +begreiflich; sechzehnhundert Menschen wurden als in solche Komplotte verwickelt +von den königlichen Untersuchungsgerichten zum Tode verurteilt. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^10 Es ist kürzlich (Waddington, Zusätze zu Lebas, 3, 136a) der desfällige +Beschluß der Bürgerschaft von Ephesos aufgefunden worden. Sie seien, erklären +die Bürger, in die Gewalt des “Königs von Kappadokien” Mithradates +geraten, erschreckt durch die Masse seiner Streitkräfte und die Plötzlichkeit +seines Angriffs; wie aber die Gelegenheit dazu sich darbiete, erklärten sie +“für die Herrschaft (ηγεμονία) der Römer und die gemeine Freiheit” +ihm den Krieg. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Wenn also der König durch dies selbstmörderische Wüten seine derzeitigen +Untertanen gegen sich unter die Waffen rief, so begannen gleichzeitig die Römer +auch in Asien, ihn zur See und zu Lande zu drängen. Lucullus hatte, nachdem der +Versuch, die ägyptische Flotte gegen Mithradates vorzuführen, gescheitert war, +sein Bemühen, sich Kriegsschiffe zu verschaffen, in den syrischen Seestädten +mit besserem Erfolg wiederholt und seine werdende Flotte in den kyprischen, +pamphylischen und rhodischen Häfen verstärkt, bis er sich stark genug fand, zum +Angriff überzugehen. Gewandt vermied er es, mit überlegenen Streitkräften sich +zu messen und errang dennoch nicht unbedeutende Erfolge. Die knidische Insel +und Halbinsel wurden von ihm besetzt, Samos angegriffen, Kolophon und Chios den +Feinden entrissen. +</p> + +<p> +Inzwischen war auch Flaccus mit seiner Armee durch Makedonien und Thrakien nach +Byzantion und von dort, die Meerenge passierend, nach Kalchedon gelangt (Ende +668 86). Hier brach gegen den Feldherrn eine Militärinsurrektion aus, angeblich +weil er den Soldaten die Beute unterschlug; die Seele derselben war einer der +höchsten Offiziere des Heeres, ein Mann, dessen Name in Rom sprichwörtlich +geworden war für den rechten Pöbelredner, Gaius Flavius Fimbria, welcher, +nachdem er mit seinem Oberfeldherrn sich entzweit hatte, das auf dem Markt +begonnene Demagogengeschäft ins Lager übertrug. Flaccus ward von dem Heer +abgesetzt und bald nachher in Nikomedeia unweit Kalchedon getötet; an seine +Stelle trat nach Beschluß der Soldaten Fimbria. Es versteht sich, daß er seinen +Leuten alles nachsah: in dem befreundeten Kyzikos zum Beispiel ward der +Bürgerschaft befohlen, ihre gesamte Habe an die Soldaten bei Todesstrafe +auszuliefern und zum warnenden Exempel zwei der angesehensten Bürger sogleich +vorläufig hingerichtet. Allein militärisch war der Wechsel des Oberbefehls +dennoch ein Gewinn; Fimbria war nicht wie Flaccus ein unfähiger General, +sondern energisch und talentvoll. Bei Miletopolis (am Rhyndakos westlich von +Brussa) schlug er den jüngeren Mithradates, der als Statthalter der pontischen +Satrapie ihm entgegengezogen war, vollständig in einem nächtlichen Überfall und +öffnete sich durch diesen Sieg den Weg nach der Hauptstadt sonst der römischen +Provinz, jetzt des pontischen Königs, Pergamon, von wo er den König vertrieb +und ihn zwang, sich nach dem wenig entfernten Hafen Pitane zu retten, um dort +sich einzuschiffen. Eben jetzt erschien Lucullus mit seiner Flotte in diesen +Gewässern; Fimbria beschwor ihn, durch seinen Beistand ihm die Gefangennehmung +des Königs möglich zu machen. Aber der Optimat war mächtiger in Lucullus als +der Patriot; er segelte weiter, und der König entkam nach Mytilene. Auch so war +Mithradates’ Lage bedrängt genug. Am Ende des Jahres 669 (85) war Europa +verloren, Kleinasien gegen ihn teils im Aufstand begriffen, teils von einem +römischen Heer eingenommen und er selbst von diesem in unmittelbarer Nähe +bedroht. Die römische Flotte unter Lucullus hatte an der Küste der troischen +Landschaft in zwei glücklichen Seegefechten am Vorgebirg Lekton und bei der +Insel Tenedos ihre Stellung behauptet; sie zog daselbst die inzwischen nach +Sullas Anordnung in Thessalien erbauten Schiffe an sich und verbürgte in ihrer +den Hellespont beherrschenden Stellung dem Feldherrn der römischen Senatsarmee +für das nächste Frühjahr den sicheren und bequemen Übergang nach Asien. +</p> + +<p> +Mithradates versuchte zu unterhandeln. Unter anderen Verhältnissen zwar hätte +der Urheber des ephesischen Mordedikts nie und nimmermehr hoffen dürfen, zum +Frieden mit Rom gelassen zu werden; allein bei den inneren Konvulsionen der +römischen Republik, wo die herrschende Regierung den gegen Mithradates +ausgesandten Feldherrn in die Acht erklärt hatte und daheim gegen seine +Parteigenossen in der grauenhaftesten Weise wütete, wo ein römischer General +gegen den andern und doch wieder beide gegen denselben Feind standen, hoffte er +nicht bloß einen Frieden, sondern einen günstigen Frieden erlangen zu können. +Er hatte die Wahl, sich an Sulla oder an Fimbria zu wenden; mit beiden ließ er +unterhandeln, doch scheint seine Absicht von Haus aus gewesen zu sein, mit +Sulla abzuschließen, der wenigstens in dem Horizont des Königs als seinem +Nebenbuhler entschieden überlegen erschien. Sein Feldherr Archelaos forderte +nach Anweisung seines Herrn Sulla auf, Asien an den König abzutreten und dafür +die Hilfe desselben gegen die demokratische Partei in Rom zu gewärtigen. Aber +Sulla, kühl und klar wie immer, wünschte zwar wegen der Lage der Dinge in +Italien dringend die schleunige Erledigung der asiatischen Angelegenheiten, +schlug aber die Vorteile der kappadokischen Allianz für den ihm in Italien +bevorstehenden Krieg sehr niedrig an und war überhaupt viel zu sehr Römer, um +in eine so entehrende und so nachteilige Abtretung zu willigen. In den +Friedenskonferenzen, die im Winter 669/70 (85/84) zu Delion an der böotischen +Küste, Euböa gegenüber, stattfanden, weigerte er sich bestimmt, auch nur einen +Fußbreit Landes abzutreten, ging aber, der alten römischen Sitte, die vor dem +Kampfe erhobenen Forderungen nach dem Siege nicht zu steigern, aus gutem Grunde +getreu, über die früher gestellten Bedingungen nicht hinaus. Er forderte die +Rückgabe aller von dem König gemachten und ihm noch nicht wiederentrissenen +Eroberungen, Kappadokiens, Paphlagoniens, Galatiens, Bithyniens, Kleinasiens +und der Inseln, die Auslieferung der Gefangenen und Überläufer, die Übergabe +der achtzig Kriegsschiffe des Archelaos zur Verstärkung der immer noch geringen +römischen Flotte, endlich Sold und Verpflegung für das Heer und Ersatz der +Kriegskosten mit der sehr mäßigen Summe von 3000 Talenten (4¾ Mill. Taler). Die +nach dem Schwarzen Meer weggeführten Chier sollten heimgesandt, den römisch +gesinnten Makedoniern ihre weggeführten Familien zurückgegeben, den mit Rom +verbündeten Städten eine Anzahl Kriegsschiffe zugestellt werden. Von Tigranes, +der streng genommen gleichfalls mit in den Frieden hätte eingeschlossen werden +sollen, schwieg man auf beiden Seiten, da an den endlosen Weiterungen, die +seine Beiziehung machen mußte, keinem der kontrahierenden Teile gelegen war. +Der Besitzstand also, den der König vor dem Kriege gehabt hatte, blieb ihm und +es ward ihm keine ehrenkränkende Demütigung angesonnen ^11. Archelaos, deutlich +erkennend, daß verhältnismäßig unerwartet viel erreicht und mehr nicht zu +erreichen sei, schloß auf diese Bedingungen die Präliminarien und den +Waffenstillstand ab und zog die Truppen aus den Plätzen heraus, die die Asiaten +noch in Europa innehatten. Allein Mithradates verwarf den Frieden und begehrte +wenigstens, daß die Römer auf die Auslieferung der Kriegsschiffe verzichten und +ihm Paphlagonien einräumen wollten; indem er zugleich geltend machte, daß +Fimbria ihm weit günstigere Bedingungen zu gewähren bereit sei. Sulla, +beleidigt durch dies Gleichstellen seiner Anerbietungen mit denen eines +amtlosen Abenteurers und bei dem äußersten Maß der Nachgiebigkeit bereits +angelangt, brach die Unterhandlungen ab. Er hatte die Zwischenzeit benutzt, um +Makedonien wiederzuordnen und die Dardaner, Sinter, Mäder zu züchtigen, wobei +er zugleich seinem Heer Beute verschaffte und sich Asien näherte; denn dahin zu +gehen war er auf jeden Fall entschlossen, um mit Fimbria abzurechnen. Nun +setzte er sofort seine in Thrakien stehenden Legionen sowie seine Flotte in +Bewegung nach dem Hellespont. Da endlich gelang es Archelaos, seinem +eigensinnigen Herrn die widerstrebende Einwilligung zu dem Traktat zu +entreißen; wofür er später am königlichen Hofe als der Urheber des nachteiligen +Friedens scheel angesehen, ja des Verrats bezichtigt ward, so daß einige Zeit +nachher er sich genötigt sah, das Land zu räumen und zu den Römern zu flüchten, +die ihn bereitwillig aufnahmen und mit Ehren überhäuften. Auch die römischen +Soldaten murrten; daß die gehoffte asiatische Kriegsbeute ihnen entging, mochte +dazu freilich mehr beitragen als der an sich wohl gerechtfertigte Unwille, daß +man den Barbarenfürsten, der achtzigtausend ihrer Landsleute ermordet und über +Italien und Asien unsägliches Elend gebracht hatte, mit dem größten Teil der in +Asien zusammengeplünderten Schätze ungestraft abziehen ließ in seine Heimat. +Sulla selbst mag es schmerzlich empfunden haben, daß die politischen +Verwicklungen seine militärisch so einfache Aufgabe in peinlichster Weise +durchkreuzten und ihn zwangen, nach solchen Siegen sich mit einem solchen +Frieden zu begnügen. Indes zeigt sich die Selbstverleugnung und die Einsicht, +mit der er diesen ganzen Krieg geführt hat, nur aufs neue in diesem +Friedensschluß; denn der Krieg gegen einen Fürsten, dem fast die ganze Küste +des Schwarzen Meeres gehorchte und dessen Starrsinn noch die letzten +Verhandlungen deutlich offenbarten, nahm selbst im günstigsten Fall Jahre in +Anspruch, und die Lage Italiens war von der Art, daß es fast schon für Sulla zu +spät schien, um mit den wenigen Legionen, die er besaß, der dort regierenden +Partei entgegenzutreten ^12. Indes bevor dies geschehen konnte, war es +schlechterdings notwendig, den kecken Offizier niederzuwerfen, der in Asien an +der Spitze der demokratischen Armee stand, damit derselbe nicht, wie Sulla +jetzt von Asien aus die. italische Revolution zu unterdrücken hoffte, so +dereinst ebenfalls von Asien aus derselben zu Hilfe komme. Bei Kypsela am +Hebros erreichte Sulla die Nachricht von der Ratifikation des Friedens durch +Mithradates; allein der Marsch nach Asien ging weiter. Der König, hieß es, +wünsche persönlich mit dem römischen Feldherrn zusammenzutreffen und den +Frieden mit ihm zu vereinbaren; vermutlich war dies nichts als ein schicklicher +Vorwand, um das Heer nach Asien überzuführen und dort mit Fimbria ein Ende zu +machen. So überschritt Sulla, begleitet von seinen Legionen und von Archelaos, +den Hellespont; nachdem er am asiatischen Ufer desselben in Dardanos mit +Mithradates zusammengetroffen war und mündlich den Vertrag abgeschlossen hatte, +ließ er den Marsch fortsetzen, bis er bei Thyateira unweit Pergamon auf das +Lager des Fimbria traf. Hart an demselben schlug er das seinige auf. Die +Sullanischen Soldaten, an Zahl, Zucht, Führung und Tüchtigkeit den Fimbrianern +weit überlegen, sahen mit Verachtung auf die verzagten und demoralisierten +Haufen und deren unberufenen Oberfeldherrn. Die Desertionen unter den +Fimbrianern wurden immer zahlreicher. Als Fimbria anzugreifen befahl, weigerten +die Soldaten sich, gegen ihre Mitbürger zu fechten, ja sogar den geforderten +Eid, treulich im Kampf zusammenzustehen, in seine Hände abzulegen. Ein +Mordversuch auf Sulla schlug fehl; zu der von Fimbria erbetenen Zusammenkunft +erschien Sulla nicht, sondern begnügte sich, ihm durch einen seiner Offiziere +eine Aussicht auf persönliche Rettung zu eröffnen. Fimbria war eine frevelhafte +Natur, aber keine Memme; statt das von Sulla ihm angebotene Schiff anzunehmen +und zu den Barbaren zu fliehen, ging er nach Pergamon und fiel im Tempel des +Asklepios in sein eigenes Schwert. Die kompromittiertesten aus seinem Heer +begaben sich zu Mithradates oder zu den Piraten, wo sie bereitwillige Aufnahme +fanden; die Masse stellte sich unter die Befehle Sullas. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^11 Die Angabe, daß Mithradates den Städten, die seine Partei ergriffen hatten +im Frieden Straflosigkeit ausbedungen habe (Memn. 35), erscheint schon nach dem +Charakter des Siegers wie des Besiegten wenig glaublich und fehlt auch bei +Appian wie bei Licinianus. Die schriftliche Abfassung des Friedensvertrages +ward versäumt, was später zu vielen Entstellungen benutzt ward. +</p> + +<p> +^12 Auch die armenische Tradition kennt den Ersten Mithradatischen Krieg. König +Ardasches von Armenien, berichtet Moses von Khorene, begnügte sich nicht mit +dem zweiten Rang, der ihm im Persischen (Parthischen) Reich von Rechts wegen +zukam, sondern zwang den Partherkönig Arschagan, ihm die höchste Gewalt +abzutreten, worauf er in Persien sich einen Palast bauen und daselbst Münzen +mit eigenem Bildnis schlagen ließ und den Arschagan zum Unterkönig Persiens, +seinen Sohn Dicran (Tigranes) zum Unterkönig Armeniens bestellte, seine Tochter +Ardaschama aber vermählte mit dem Großfürsten der Iberer Mihrdates +(Mithradates), der von dem Mihrdates, Satrapen des Dareios und Statthalters +Alexanders über die besiegten Iberer, abstammte und in den nördlichen Bergen +sowie über das Schwarze Meer befahl. Ardasches nahm darauf den König der Lydier +Krösos gefangen, unterwarf das Festland zwischen den beiden großen Meeren +(Kleinasien) und ging über das Meer mit unzähligen Schiffen, um den Westen zu +bezwingen. Da in Rom damals Anarchie war, fand er nirgends ernstlichen +Widerstand, aber seine Soldaten brachten einander um und Ardasches fiel von der +Hand seiner Leute. Nach Ardasches’ Tode rückte sein Nachfolger Dicran +gegen die Armee der Griechen (d. i. der Römer), die jetzt ihrerseits in das +armenische Land eindrangen; er setzte ihrem Vordringen ein Ziel, übergab seinem +Schwager Mithradates die Verwaltung von Madschag (Mazaka in Kappadokien) und +des Binnenlandes nebst einer ansehnlichen Streitmacht und kehrte zurück nach +Armenien. Viele Jahre später zeigte man noch in den armenischen Städten Statuen +griechischer Götter von bekannten Meistern, Siegeszeichen aus diesem Feldzug. +</p> + +<p> +Man erkennt hier verschiedene Tatsachen des Ersten Mithradatischen Kriegs ohne +Mühe wieder, aber die ganze Erzählung ist augenscheinlich +durcheinandergeworfen, mit fremdartigen Zusätzen ausgestattet und namentlich +durch patriotische Fälschung auf Armenien übertragen. Ganz ebenso wird später +der Sieg über Crassus den Armeniern beigelegt. Diese orientalischen Nachrichten +sind mit um so größerer Vorsicht aufzunehmen, als sie keineswegs reine +Volkssage sind, sondern teils die Nachrichten des Josephus, Eusebius und +anderer, den Christen des fünften Jahrhunderts geläufiger Quellen darin mit den +armenischen Traditionen verschmolzen, teils auch die historischen Romane der +Griechen und ohne Frage auch die eigenen patriotischen Phantasien des Moses +dafür ansehnlich in Kontribution gesetzt sind. So schlecht unsere +okzidentalische Überlieferung an sich ist, so kann die Zuziehung der +orientalischen in diesem und in ähnlichen Fällen, wie zum Beispiel der +unkritische Saint-Martin sie versucht hat, doch nur dahin führen, sie noch +stärker zu trüben. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Sulla beschloß, diese beiden Legionen, denen er für den bevorstehenden Krieg +doch nicht traute, in Asien zurückzulassen, wo die entsetzliche Krise noch +lange in den einzelnen Städten und Landschaften nachzitterte. Das Kommando über +dieses Korps und die Statthalterschaft im römischen Asien übergab er seinem +besten Offizier Lucius Licinius Murena. Die revolutionären Maßregeln +Mithradats, wie die Befreiung der Sklaven und die Kassation der Forderungen, +wurden natürlich aufgehoben; eine Restauration, die freilich an vielen Orten +nicht ohne Waffengewalt durchgesetzt werden konnte. Die Städte des östlichen +Grenzgebiets unterlagen einer durchgreifenden Reorganisation und rechneten seit +dem Jahre 670 (84) als dem ihrer Konstituierung. Es ward ferner Gerechtigkeit +geübt, wie die Sieger sie verstanden. Die namhaftesten Anhänger Mithradats und +die Urheber der an den Italikern verübten Mordtaten traf die Todesstrafe. Die +Steuerpflichtigen mußten die sämtlichen von den letzten fünf Jahren her +rückständigen Zehnten und Zölle sofort nach Abschätzung bar erlegen; außerdem +hatten sie eine Kriegsentschädigung von 20000 Talenten (32 Mill. Talern) zu +entrichten, zu deren Eintreibung Lucius Lucullus zurückblieb. Es waren die +Maßregeln von furchtbarer Strenge und schrecklichen Folgen; wenn man sich indes +des ephesischen Dekrets und seiner Exekution erinnert, so fühlt man sich +geneigt, dieselben als eine verhältnismäßig noch gelinde Vergeltung zu +betrachten. Daß die sonstigen Erpressungen nicht ungewöhnlich drückend waren, +beweist der Betrag der später im Triumph aufgeführten Beute, der an edlem +Metall sich nur auf etwa 8 Mill. Taler belief. Die wenigen treugebliebenen +Gemeinden dagegen, namentlich die Insel Rhodos, die lykische Landschaft, +Magnesia am Mäander wurden reich belohnt; Rhodos erhielt wenigstens einen Teil +der nach dem Kriege gegen Perseus ihm entzogenen Besitzungen zurück. +Desgleichen wurden die Chier für die ausgestandene Not, die Ilienser für die +wahnsinnig grausame Mißhandlung, die ihnen Fimbria wegen der mit Sulla +angeknüpften Verhandlungen zugefügt hatte, nach Möglichkeit durch Freibriefe +und Vergünstigungen entschädigt. Die Könige von Bithynien und Kappadokien hatte +Sulla schon in Dardanos mit dem pontischen König zusammengeführt und sie alle +Frieden und gute Nachbarschaft geloben lassen; wobei freilich der stolze +Mithradates sich geweigert hatte, den nicht von königlichem Blute stammenden +Ariobarzanes, den Sklaven, wie er ihn nannte, persönlich vor sich zu lassen. +Gaius Scribonius Curio ward beauftragt, in den beiden von Mithradates geräumten +Reichen die Wiederherstellung der gesetzlichen Zustände zu überwachen. +</p> + +<p> +So war man am Ziel. Nach vier Kriegsjahren war der pontische König wieder ein +Klient der Römer und in Griechenland, Makedonien und Kleinasien ein +einheitliches und geordnetes Regiment wiederhergestellt; die Gebote des +Vorteils und der Ehre waren, wo nicht zur Genüge, doch zur Notdurft befriedigt. +Sulla hatte nicht bloß als Soldat und Feldherr glänzend sich hervorgetan, +sondern die schwere Mittelstraße zwischen kühnem Ausharren und klugem Nachgeben +auf seinem von tausendfachen Hindernissen durchkreuzten Gange einzuhalten +verstanden. Fast wie Hannibal hatte er gekriegt und gesiegt, um mit den +Streitkräften, die der erste Sieg ihm gab, alsbald zu einem zweiten und +schwereren Kampfe sich zu schicken. Nachdem er seine Soldaten durch die üppigen +Winterquartiere in dem reichen Vorderasien einigermaßen für ihre ausgestandenen +Strapazen entschädigt hatte, ging er im Frühjahr 671 (83) auf 1600 Schiffen von +Ephesos nach dem Peiräeus und von da auf dem Landweg nach Paträ, wo die Schiffe +wiederum bereit standen, um die Truppen nach Brundisium zu führen. Ihm vorauf +ging ein Bericht an den Senat über seine Feldzüge in Griechenland und Asien, +dessen Schreiber von seiner Absetzung nichts zu wissen schien; es war die +stumme Ankündigung der bevorstehenden Restauration. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap09"></a>KAPITEL IX.<br/> +Cinna und Sulla</h2> + +<p> +Die gespannten und unklaren Verhältnisse, in denen Sulla bei seiner Abfahrt +nach Griechenland im Anfang des Jahres 667 (87) Italien zurückließ, sind früher +dargelegt worden: die halb erstickte Insurrektion, die Hauptarmee unter dem +mehr als halb usurpierten Kommando eines politisch sehr zweideutigen Generals, +die Verwirrung und die vielfach tätige Intrige in der Hauptstadt. Der Sieg der +Oligarchie durch Waffengewalt hatte trotz oder wegen seiner Mäßigung +vielfältige Mißvergnügte gemacht. Die Kapitalisten, von den Schlägen der +schwersten Finanzkrise, die Rom noch erlebt hatte, schmerzlich getroffen, +grollten der Regierung wegen des Zinsgesetzes, das sie erlassen, und wegen des +Italischen und des Asiatischen Krieges, die sie nicht verhütet hatte. Die +Insurgenten, soweit sie die Waffen niedergelegt, beklagten nicht bloß den +Verlust ihrer stolzen Hoffnungen auf Erlangung gleicher Rechte mit der +herrschenden Bürgerschaft, sondern auch den ihrer althergebrachten Verträge und +ihre neue völlig rechtlose Untertanenstellung. Die Gemeinden zwischen Alpen und +Po waren ebenfalls unzufrieden mit den ihnen gemachten halben Zugeständnissen +und die Neubürger und Freigelassenen erbittert durch die Kassation der +Sulpicischen Gesetze. Der Stadtpöbel litt unter der allgemeinen Bedrängnis und +fand es unerlaubt, daß das Säbelregiment sich die verfassungsmäßige +Knüttelherrschaft nicht ferner hatte wollen gefallen lassen. Der +hauptstädtische Anhang der nach der Sulpicischen Umwälzung Geächteten, der +infolge der ungemeinen Mäßigung Sullas sehr zahlreich geblieben war, arbeitete +eifrig daran, diesen die Erlaubnis zur Rückkehr zu erwirken; namentlich einige +reiche und angesehene Frauen sparten für diesen Zweck keine Mühe und kein Geld. +Keine dieser Verstimmungen war eigentlich von der Art, daß sie einen neuen +gewaltsamen Zusammenstoß der Parteien in nahe Aussicht stellte; größtenteils +waren sie zielloser und vorübergehender Art: aber sie alle nährten das +allgemeine Mißbehagen und hatten schon mehr oder minder mitgewirkt bei der +Ermordung des Rufus, den wiederholten Mordversuchen gegen Sulla, dem zum Teil +oppositionellen Ausfall der Konsul- und Tribunenwahlen für 667 (87). Der Name +des Mannes, den die Mißvergnügten an die Spitze des Staats berufen hatten, des +Lucius Cornelius Cinna, war bis dahin kaum genannt worden, außer insofern er +als Offizier im Bundesgenossenkrieg sich gut geschlagen hatte; über die +Persönlichkeit desselben und seine ursprünglichen Absichten sind wir weniger +unterrichtet als über die irgendeines andern Parteiführers in der römischen +Revolution. Die Ursache ist allem Anschein nach keine andere, als daß dieser +ganz gemeine und durch den niedrigsten Egoismus geleitete Gesell weitergehende +politische Pläne von Haus aus gar nicht gehabt hat. Es ward gleich bei seinem +Auftreten behauptet, daß er gegen ein tüchtiges Stück Geld sich den Neubürgern +und der Koterie des Marius verkauft habe, und die Beschuldigung sieht sehr +glaublich aus; wäre sie aber auch falsch, so bleibt es nichtsdestoweniger +charakteristisch, daß ein derartiger Verdacht, wie er nie gegen Saturninus und +Sulpicius geäußert worden war, an Cinna haftete. In der Tat hat die Bewegung, +an deren Spitze er sich stellte, ganz den Anschein der Geringhaltigkeit sowohl +der Beweggründe wie der Ziele. Sie ging nicht so sehr von einer Partei aus als +von einer Anzahl Mißvergnügter ohne eigentlich politische Zwecke und +nennenswerten Rückhalt, die hauptsächlich die Rückberufung der Verbannten in +gesetzlicher oder ungesetzlicher Weise durchzusetzen sich vorgenommen hatte. +Cinna scheint in die Verschwörung nur nachträglich und nur deshalb +hineingezogen zu sein, weil die Intrige, die infolge der Beschränkung der +tribunizischen Gewalt zur Vorbringung ihrer Anträge einen Konsul brauchte, +unter den Konsularkandidaten für 667 (87) in ihm das geeignetste Werkzeug ersah +und dann ihn als den Konsul vorschob. Unter den in zweiter Linie erscheinenden +Leitern der Bewegung fanden sich einige fähigere Köpfe, so der Volkstribun +Gnaeus Papirius Carbo, der durch seine stürmische Volksberedsamkeit sich einen +Namen gemacht hatte, und vor allem Quintus Sertorius, einer der talentvollsten +römischen Offiziere und in jeder Hinsicht ein vorzüglicher Mann, welcher seit +seiner Bewerbung um das Volkstribunat mit Sulla persönlich verfeindet und durch +diesen Hader in die Reihen der Mißvergnügten geführt worden war, wohin er +seiner Art nach keineswegs gehörte. Der Prokonsul Strabo, obwohl mit der +Regierung gespannt, war dennoch weit entfernt, mit dieser Fraktion sich +einzulassen. +</p> + +<p> +Solange Sulla in Italien stand, hielten die Verbündeten aus guten Gründen sich +still. Als indes der gefürchtete Prokonsul, nicht den Mahnungen des Konsuls +Cinna, sondern dem dringenden Stand der Dinge im Osten nachgebend, sich +eingeschifft hatte, legte Cinna, unterstützt von der Majorität des +Tribunenkollegiums, sofort die Gesetzentwürfe vor, wodurch man übereingekommen +war, gegen die Sullanische Restauration von 666 (88) teilweise zu reagieren; +sie enthielten die politische Gleichstellung der Neubürger und der +Freigelassenen, wie Sulpicius sie beantragt hatte, und die Wiedereinsetzung der +infolge der Sulpicischen Revolution Geächteten in den vorigen Stand. In Masse +strömten die Neubürger nach der Hauptstadt, um dort mit den Freigelassenen +zugleich die Gegner einzuschüchtern und nötigenfalls zu zwingen. Aber auch die +Regierungspartei war entschlossen, nicht zu weichen; es stand Konsul gegen +Konsul, Gnaeus Octavius gegen Lucius Cinna, und Tribun gegen Tribun; +beiderseits erschien man am Tage der Abstimmung großenteils bewaffnet auf dem +Stimmplatz. Die Tribune von der Senatspartei legten Interzession ein; als gegen +sie auf der Rednerbühne selbst die Schwerter gezückt wurden, brauchte Octavius +gegen die Gewalttäter Gewalt. Seine geschlossenen Haufen bewaffneter Männer +säuberten nicht bloß die Heilige Straße und den Marktplatz, sondern wüteten +auch, der Befehle ihres milder gesinnten Führers nicht achtend, in grauenhafter +Weise gegen die versammelten Massen. Der Marktplatz schwamm in Blut an diesem +“Octaviustag”, wie niemals vor- oder nachher - auf zehntausend +schätzte man die Zahl der Leichen. Cinna rief die Sklaven auf, sich durch +Teilnahme an dem Kampf die Freiheit zu erkaufen; aber sein Ruf war ebenso +erfolglos wie der gleiche des Marius das Jahr zuvor, und es blieb den Führern +der Bewegung nichts übrig, als zu flüchten. Weiter gegen die Häupter der +Verschwörung, solange ihr Amtsjahr lief, zu verfahren gab die Verfassung kein +Mittel an die Hand. Allein ein vermutlich mehr loyaler als frommer Prophet +hatte geweissagt, daß die Verbannung des Konsuls Cinna und der sechs mit ihm +haltenden Volkstribune dem Lande Frieden und Ruhe wiedergeben werde; und in +Gemäßheit zwar nicht der Verfassung, aber wohl dieses glücklich von den +Orakelbewahrern aufgefangenen Götterratschlags wurde durch Beschluß des Senats +der Konsul Cinna seines Amtes entsetzt, an seiner Stelle Lucius Cornelius +Merula gewählt und gegen die flüchtigen Häupter die Acht ausgesprochen. Die +ganze Krise schien damit endigen zu sollen, daß die Zahl der ausgetretenen +Männer in Numidien um einige Köpfe sich vermehrte. +</p> + +<p> +Ohne Zweifel wäre auch bei der Bewegung nichts weiter herausgekommen, wenn +nicht teils der Senat in seiner gewöhnlichen Schlaffheit es unterlassen hätte, +die Flüchtlinge rasch wenigstens zur Räumung Italiens zu nötigen, teils diese +in der Lage gewesen wären, zu ihren Gunsten als der Verfechter der Emanzipation +der Neubürger gewissermaßen den Aufstand der Italiker zu erneuern. Ungehindert +erschienen sie in Tibur, in Praeneste, in allen bedeutenden Neubürgergemeinden +Latiums und Kampaniens und forderten und erhielten überall zur Durchführung der +gemeinschaftlichen Sache Geld und Mannschaft. So unterstützt zeigten sie sich +bei der Belagerungsarmee von Nola. Die Heere dieser Zeit waren demokratisch und +revolutionär gesinnt, wo immer nicht der Feldherr durch seine imponierende +Persönlichkeit sie an sich selber fesselte; die Reden der flüchtigen Beamten, +die überdies zum Teil, wie namentlich Cinna und Sertorius, aus den letzten +Feldzügen in gutem Andenken bei den Soldaten standen, machten tiefen Eindruck; +die verfassungswidrige Absetzung des popularen Konsuls, der Eingriff des Senats +in die Rechte des souveränen Volkes wirkten auf den gemeinen Mann, und den +Offizieren machte das Gold des Konsuls oder vielmehr der Neubürger den +Verfassungsbruch deutlich. Das kampanische Heer erkannte den Cinna als Konsul +an und schwor ihm Mann für Mann den Eid der Treue; es ward der Kern für die von +den Neubürgern und selbst den bundesgenössischen Gemeinden herbeiströmenden +Scharen. Bald bewegten ansehnliche, wenn auch meistens aus Rekruten bestehende +Haufen sich von Kampanien auf die Hauptstadt zu. Andere Schwärme nahten ihr von +Norden. Auf Cinnas Einladung waren die das Jahr zuvor Verbannten bei Telamon an +der etruskischen Küste gelandet. Es waren nicht mehr als etwa 500 Bewaffnete, +größtenteils Sklaven der Flüchtlinge und geworbene numidische Reiter; aber +Gaius Marius, wie er das Jahr zuvor mit dem hauptstädtischen Gesindel hatte +Gemeinschaft machen wollen, ließ jetzt die Zwinghäuser erbrechen, in denen die +Gutsbesitzer dieser Gegend ihre Feldarbeiter zur Nachtzeit einschlossen, und +die Waffen, die er diesen bot, um sich die Freiheit zu erfechten, wurden nicht +verschmäht. Durch diese Mannschaft und die Zuzüge der Neubürger sowie der von +allen Seiten mit ihrem Anhang herbeiströmenden landflüchtigen Leute verstärkt, +zählte er bald 6000 Mann unter seinen Adlern und konnte vierzig Schiffe +bemannen, die sich vor die Tibermündung legten und auf die nach Rom segelnden +Getreideschiffe Jagd machten. Mit diesen stellte er sich dem +“Konsul” Cinna zur Verfügung. Die Führer der kampanischen Armee +schwankten; die einsichtigeren, namentlich Sertorius, warnten ernstlich vor der +allzuengen Gemeinschaft mit einem Manne, der durch seinen Namen an die Spitze +der Bewegung geführt werden mußte und doch notorisch ebenso jedes +staatsmännischen Handelns unfähig wie von wahnsinnigem Rachedurst gepeinigt +war; indes Cinna achtete diese Bedenklichkeiten nicht und bestätigte dem Marius +den Oberbefehl in Etrurien und zur See mit prokonsularischer Gewalt. +</p> + +<p> +So zog sich das Gewitter um die Hauptstadt zusammen, und es konnte nicht länger +verschoben werden, zu ihrem Schutz die Regierungstruppen heranzuziehen ^1. Aber +die Streitkräfte des Metellus wurden in Samnium und vor Nola durch die Italiker +festgehalten; Strabo allein war imstande, der Hauptstadt zu Hilfe zu eilen. Er +erschien auch und schlug sein Lager am Collinischen Tor; mit seiner starken und +krieggewohnten Armee wäre er wohl imstande gewesen, die noch schwachen +Insurgentenhaufen rasch und völlig zu vernichten; allein dies schien nicht in +seiner Absicht zu liegen. Vielmehr ließ er es geschehen, daß Rom von den +Insurgenten in der Tat umstellt ward. Cinna mit seinem Korps und dem des Carbo +stellten sich am rechten Tiberufer dem Ianiculum gegenüber auf, Sertorius am +linken, Pompeius gegenüber gegen den Servianischen Wall zu. Marius, mit seinem +allmählich auf drei Legionen angewachsenen Haufen und im Besitz einer Anzahl +von Kriegsschiffen, besetzte einen Küstenplatz nach dem andern, bis zuletzt +sogar Ostia durch Verrat in seine Gewalt kam und, gleichsam zum Vorspiel der +herannahenden Schreckensherrschaft, der wilden Bande von dem Feldherrn zu Mord +und Plünderung preisgegeben ward. Die Hauptstadt schwebte, schon durch die +bloße Hemmung des Verkehrs, in großer Gefahr; auf Befehl des Senats wurden +Mauern und Tore in Verteidigungszustand gesetzt und das Bürgeraufgebot auf das +Ianiculum befehligt. Strabos Untätigkeit erregte bei Vornehmen und Geringen +gleichmäßig Befremden und Entrüstung. Der Verdacht, daß er mit Cinna insgeheim +unterhandle, lag nahe, war indes wahrscheinlich unbegründet; ein ernstliches +Gefecht, das er dem Haufen des Sertorius lieferte, und die Unterstützung, die +er dem Konsul Octavius gewährte, als Marius durch Einverständnis mit einem der +Offiziere der Besatzung in das Ianiculum eingedrungen war, und durch die es in +der Tat gelang, die Insurgenten mit starkem Verlust wieder hinauszuschlagen, +bewiesen es, daß er nichts weniger beabsichtigte, als sich den +Insurgentenführern anzuschließen oder vielmehr unterzuordnen. Vielmehr scheint +seine Absicht gewesen zu sein, der geängsteten hauptstädtischen Regierung und +Bürgerschaft seinen Beistand gegen die Insurrektion um den Preis des Konsulats +für das nächste Jahr zu verkaufen und damit das Heft des Regiments selber in +die Hände zu bekommen. Der Senat war indes nicht geneigt, um dem einen +Usurpator zu entgehen, sich dem andern in die Arme zu werfen, und suchte sich +anderweitig zu helfen. Den sämtlichen, an dem Aufstand der Bundesgenossen +beteiligten italischen Gemeinden, die die Waffen niedergelegt und infolgedessen +ihr altes Bündnis eingebüßt hatten, wurde durch Senatsbeschluß nachträglich das +Bürgerrecht verliehen 2. Es schien gleichsam offiziell konstatiert werden zu +sollen, daß Rom in dem Krieg gegen die Italiker seine Existenz nicht um eines +großen Zweckes, sondern um der eigenen Eitelkeit willen eingesetzt hatte: in +der ersten augenblicklichen Verlegenheit wurde, um ein paar tausend Soldaten +mehr auf die Beine zu bringen, alles aufgeopfert, was in dem +Bundesgenossenkrieg um so fürchterlich teuren Preis errungen worden war. In der +Tat kamen auch Truppen aus den Gemeinden, denen diese Nachgiebigkeit zugute +kam; aber statt der versprochenen vielen Legionen betrug ihr Zuzug im ganzen +nicht mehr als höchstens zehntausend Mann. Wichtiger noch wäre es gewesen, mit +den Samniten und Nolanern zu einem Abkommen zu gelangen, um die Truppen des +durchaus zuverlässigen Metellus zum Schutze der Hauptstadt verwenden zu können. +Allein die Samniten stellten Forderungen, die an das Caudinische Joch +erinnerten: Rückgabe des den Samniten abgenommenen Beuteguts und ihrer +Gefangenen und Überläufer; Verzicht auf die samnitischerseits den Römern +entrissene Beute; Bewilligung des Bürgerrechts an die Samniten selbst sowie an +die zu ihnen übergetretenen Römer. Der Senat verwarf selbst in dieser Not so +entehrende Friedensbedingungen, wies aber den noch den Metellus an, mit +Zurücklassung einer kleinen Abteilung alle im südlichen Italien irgend +entbehrlichen Truppen schleunigst selber nach Rom zu führen. Er gehorchte; aber +die Folge war, daß die Samniten den gegen sie zurückgelassenen Legaten des +Metellus Plautius mit seinem schwachen Haufen angriffen und schlugen, daß die +nolanische Besatzung ausrückte und die benachbarte, mit Rom verbündete Stadt +Abella in Brand steckte; daß ferner Cinna und Marius den Samniten alles +bewilligten, was sie begehrten - was lag ihnen an römischer Ehre! -und +samnitischer Zuzug die Reihen der Insurgenten verstärkte. Ein empfindlicher +Verlust war es auch, daß nach einem für die Regierungstruppen unglücklichen +Gefecht Ariminum von den Insurgenten besetzt und dadurch die wichtige +Verbindung zwischen Rom und dem Potal, von wo Mannschaft und Zufuhren erwartet +wurden, unterbrochen ward. Mangel und Hunger stellten sich ein. Die große +volkreiche, stark mit Truppen besetzte Stadt war nur ungenügend mit Vorräten +versehen; und namentlich Marius ließ es sich angelegen sein, ihr die Zufuhr +mehr und mehr abzuschneiden. Schon früher hatte er den Tiber durch eine +Schiffbrücke gesperrt; jetzt brachte er durch die Eroberung von Antium, +Lanuvium, Aricia und anderen Ortschaften die noch offenen Landverbindungswege +in seine Gewalt und kühlte zugleich vorläufig seine Rache, indem er, wo immer +Gegenwehr geleistet worden war, die gesamte Bürgerschaft mit Ausnahme derer, +die etwa die Stadt ihm verraten hatten, über die Klinge springen ließ. +Ansteckende Krankheiten waren die Folge der Not und räumten in den dicht um die +Hauptstadt zusammengedrängten Heermassen fürchterlich auf von Strabos +Veteranenheer sollen 11000, von den Truppen des Octavius 6000 Mann denselben +erlegen sein. Dennoch verzweifelte die Regierung nicht; und ein glückliches +Ereignis für sie war Strabos plötzlicher Tod. Er starb an der Pest 3; die aus +vielen Gründen gegen ihn erbitterten Massen rissen seinen Leichnam von der +Bahre und schleiften ihn durch die Straßen. Was von seinen Truppen übrig war, +vereinigte der Konsul Octavius mit seiner Armee. Nach Metellus’ +Eintreffen und Strabos Abscheiden war die Regierungsarmee wieder ihren Gegnern +wenigstens gewachsen und konnte am Albaner Gebirge gegen die Insurgenten zum +Kampfe sich stellen. Allein die Gemüter der Regierungssoldaten waren tief +erschüttert; als Cinna ihnen gegenüber erschien, empfingen sie ihn mit Zuruf, +als wäre er noch ihr Feldherr und Konsul; Metellus fand es geraten, es nicht +auf die Schlacht ankommen zu lassen, sondern die Truppen in das Lager +zurückzuführen. Die Optimaten selbst wurden unsicher und unter sich uneins. +Während eine Partei, an ihrer Spitze der ehrenwerte, aber störrige und +kurzsichtige Konsul Octavius, sich beharrlich gegen jede Nachgiebigkeit setzte, +versuchte der kriegskundigere und verständigere Metellus einen Vergleich +zustande zu bringen; aber seine Zusammenkunft mit Cinna erregte den Zorn der +Ultras beider Parteien: Cinna hieß dem Marius ein Schwächling, Metellus dem +Octavius ein Verräter. Die Soldaten, ohnehin verstört und nicht ohne Ursache +der Führung des unerprobten Octavius mißtrauend, sannen Metellus an, den +Oberbefehl zu übernehmen, und begannen, da dieser sich weigerte, haufenweise +die Waffen wegzuwerfen oder gar zum Feind zu desertieren. Die Stimmung der +Bürgerschaft wurde täglich gedrückter und schwieriger. Auf den Ruf der Herolde +Cinnas, daß den überlaufenden Sklaven die Freiheit zugesichert sei, strömten +dieselben scharenweise aus der Hauptstadt in das feindliche Lager. Dem +Vorschlage aber, daß der Senat den Sklaven, die in das Heer eintreten würden, +die Freiheit zusichern solle, widersetzte Octavius sich entschieden. Die +Regierung konnte es sich nicht verbergen, daß sie geschlagen war und daß nichts +übrig blieb, als mit den Führern der Bande womöglich ein Abkommen zu treffen, +wie der überwältigte Wanderer es trifft mit dem Räuberhauptmann. Boten gingen +an Cinna; allein da sie törichterweise Schwierigkeiten machten, ihn als Konsul +anzuerkennen und Cinna während dieser Weiterungen sein Lager hart vor die +Stadttore verlegte, so griff das Überlaufen so sehr um sich, daß es nicht mehr +möglich war, irgendwelche Bedingungen festzusetzen, sondern der Senat sich +einfach dem in die Acht erklärten Konsul unterwarf, indem er nur die Bitte +hinzufügte, des Blutvergießens sich zu enthalten. Cinna sagte es zu, aber +weigerte sich, sein Versprechen eidlich zu bekräftigen; Marius, ihm zur Seite +den Verhandlungen beiwohnend, verharrte in finsterem Schweigen. +</p> + +<p> +—————————————————— +</p> + +<p> +^1 Die ganze folgende Darstellung beruht wesentlich auf dem neu aufgefundenen +Bericht des Licinianus, der eine Anzahl früher unbekannter Tatsachen mitteilt +und vor allem die Folge und Verknüpfung dieser Vorgänge deutlicher, als bisher +möglich war, erkennen läßt. +</p> + +<p> +2 3, 258. Daß eine Bestätigung durch die Komitien nicht stattfand, geht aus +Cic. Phil. 12, 11, 27 hervor. Der Senat scheint sich der Form bedient zu haben, +die Frist des Plautisch-Papirischen Gesetzes einfach zu verlängern, was ihm +nach Herkommen freistand und tatsächlich hinauslief auf Erteilung des +Bürgerrechts an alle Italiker. +</p> + +<p> +3 Adflatus sidere wie Livius (nach Obsequens 56) sagt, heißt “von der +Pest ergriffen” (Petr. 2; Plin. nat. 2, 41, 108; Liv. 8, 9, 12), nicht +“vom Blitz getroffen”, wie die Späteren es mißverstanden haben. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Die Tore der Hauptstadt öffneten sich. Der Konsul zog ein mit seinen Legionen; +aber Marius, spöttisch erinnernd an das Achtgesetz, weigerte sich, die Stadt zu +betreten, bevor das Gesetz es ihm gestatte, und eilig versammelten sich die +Bürger auf dem Markt, um den kassierenden Beschluß zu fassen. So kam er denn +und mit ihm die Schreckensherrschaft. Es war beschlossen, nicht einzelne Opfer +auszuwählen, sondern die namhaften Männer der Optimatenpartei sämtlich +niedermachen zu lassen und ihre Güter einzuziehen. Die Tore wurden gesperrt; +fünf Tage und fünf Nächte währte unausgesetzt die Schlächterei; einzelne +Entkommene oder Vergessene wurden auch nachher noch täglich erschlagen und +monatelang ging die Blutjagd durch ganz Italien. Der Konsul Gnaeus Octavius war +das erste Opfer. Seinem oft ausgesprochenen Grundsatz getreu, lieber den Tod zu +leiden als den rechtlosen Leuten das geringste Zugeständnis zu machen, weigerte +er auch jetzt sich zu fliehen, und im konsularischen Schmuck harrte er auf dem +Ianiculum des Mörders, der nicht lange säumte. Es starben Lucius Caesar (Konsul +644 90), der gefeierte Sieger von Acerrae; sein Bruder Gaius, dessen unzeitiger +Ehrgeiz den Sulpicischen Tumult heraufbeschworen hatte, bekannt als Redner und +Dichter und als liebenswürdiger Gesellschafter; Marcus Antonius (Konsul 665 +99), nach dem Tode des Lucius Crassus unbestritten der erste Sachwalter seiner +Zeit; Publius Crassus (Konsul 657 97), der im Spanischen und im +Bundesgenossenkrieg und noch während der Belagerung Roms mit Auszeichnung +kommandiert hatte: überhaupt eine Menge der angesehensten Männer der +Regierungspartei, unter denen von den gierigen Häschern namentlich die reichen +mit besonderem Eifer verfolgt wurden. Jammervoll vor allen schien der Tod des +Lucius Merula, der sehr wider seinen Wunsch Cinnas Nachfolger geworden war und +nun deswegen peinlich angeklagt und vor die Komitien geladen, um der +unvermeidlichen Verurteilung zuvorzukommen, sich die Adern öffnete und am Altar +des Höchsten Jupiter, dessen Priester er war, nach Ablegung der priesterlichen +Kopfbinde, wie es die religiöse Pflicht des sterbenden Flamen mit sich brachte, +den Geist aushauchte; und mehr noch der Tod des Quintus Catulus (Konsul 652 +102), einst in besseren Tagen in dem herrlichsten Sieg und Triumph der Gefährte +desselben Marius, der jetzt für die flehenden Verwandten seines alten Kollegen +keine andere Antwort hatte als den einsilbigen Bescheid: “Er muß +sterben!” Der Urheber all dieser Untaten war Gaius Marius. Er bezeichnete +die Opfer und die Henker - nur ausnahmsweise ward, wie gegen Merula und +Catulus, eine Rechtsform beobachtet; nicht selten war ein Blick oder das +Stillschweigen, womit er die Begrüßenden empfing, das Todesurteil, das stets +sofort vollstreckt ward. Selbst mit dem Tode des Opfers ruhte seine Rache +nicht; er verbot, die Leichen zu bestatten; er ließ - worin freilich Sulla ihm +vorangegangen war - die Köpfe der getöteten Senatoren an die Rednerbühne auf +dem Marktplatz heften; einzelne Leichen ließ er über den Markt schleifen, die +des Gaius Caesar an der Grabstätte des vermutlich einst von Caesar angeklagten +Quintus Varius noch einmal durchbohren; er umarmte öffentlich den Menschen, der +ihm, während er bei Tafel saß, den Kopf des Antonius überreichte, den selber in +seinem Versteck aufzusuchen und mit eigener Hand umzubringen er kaum hatte +abgehalten werden können. Hauptsächlich seine Sklavenlegionen, namentlich eine +Abteilung Ardyäer, dienten ihm als Schergen und versäumten nicht, in diesen +Saturnalien ihrer neuen Freiheit die Häuser ihrer ehemaligen Herren zu plündern +und was ihnen darin vorkam, zu schänden und zu morden. Seine eigenen Genossen +waren in Verzweiflung über dieses wahnsinnige Wüten; Sertorius beschwor den +Konsul, demselben um jeden Preis Einhalt zu tun, und auch Cinna war +erschrocken. Aber in Zeiten, wie diese waren, wird der Wahnsinn selbst eine +Macht; man stürzt sich in den Abgrund, um vor dem Schwindel sich zu retten. Es +war nicht leicht, dem rasenden alten Mann und seiner Bande in den Arm zu +fallen, und am wenigsten Cinna hatte den Mut dazu; er wählte den Marius +vielmehr für das nächste Jahr zu seinem Kollegen im Konsulat. Das +Schreckensregiment terrorisierte die gemäßigteren Sieger nicht viel weniger als +die geschlagene Partei; nur die Kapitalisten waren nicht unzufrieden damit, daß +eine fremde Hand sich dazu herlieh, die stolzen Oligarchen einmal gründlich zu +demütigen, und zugleich infolge der umfassenden Konfiskationen und +Versteigerungen der beste Teil der Beute an sie kam - sie erwarben in diesen +Schreckenszeiten bei dem Volke sich den Beinamen der “Einsäckler”. +</p> + +<p> +Dem Urheber dieses Terrorismus, dem alten Gaius Marius, hatte also das +Verhängnis seine beiden höchsten Wünsche gewährt. Er hatte Rache genommen an +der ganzen vornehmen Meute, die ihm seine Siege vergällt, seine Niederlagen +vergiftet hatte; er hatte jeden Nadelstich mit einem Dolchstich vergelten +können. Er trat ferner das neue Jahr noch einmal an als Konsul; das Traumbild +des siebenten Konsulates, das der Orakelspruch ihm zugesichert, nach dem er +seit dreizehn Jahren gegriffen hatte, war nun wirklich geworden. Was er +wünschte, hatten die Götter ihm gewährt; aber auch jetzt noch, wie in der alten +Sagenzeit, übten sie die verhängnisvolle Ironie, den Menschen zu verderben +durch die Erfüllung seiner Wünsche. In seinen ersten Konsulaten der Stolz, im +sechsten das Gespött seiner Mitbürger, stand er jetzt im siebenten belastet mit +dem Fluche aller Parteien, mit dem Haß der ganzen Nation; er, der von Haus aus +rechtliche, tüchtige, kernbrave Mann, gebrandmarkt als das wahnwitzige +Oberhaupt einer ruchlosen Räuberbande. Er selbst schien es zu fühlen. Wie im +Taumel vergingen ihm die Tage, und des Nachts versagte ihm seine Lagerstatt die +Ruhe, so daß er zum Becher griff, um nur sich zu betäuben. Ein hitziges Fieber +ergriff ihn; nach siebentägigem Krankenlager, in dessen wilden Phantasien er +auf den kleinasiatischen Gefilden die Schlachten schlug, deren Lorbeer Sulla +bestimmt war, am 13. Januar 668 (86) war er eine Leiche. Er starb, über siebzig +Jahr alt, im Vollbesitz dessen, was er Macht und Ehre nannte, und in seinem +Bette; aber die Nemesis ist mannigfaltig und sühnt nicht immer Blut mit Blut. +Oder war es etwa keine Vergeltung, daß Rom und Italien bei der Nachricht von +dem Tode des gefeierten Volkserretters jetzt aufatmeten wie kaum bei der Kunde +von der Schlacht auf dem Raudischen Feld? +</p> + +<p> +Auch nach seinem Tode zwar kamen einzelne Auftritte vor, die an die +Schreckenszeit erinnerten; so machte zum Beispiel Gaius Fimbria, der wie kein +anderer bei den Marianischen Schlächtereien seine Hand in Blut getaucht hatte, +bei dem Leichenbegängnis des Marius selbst einen Versuch, den allgemein +verehrten und selbst von Marius verschonten Oberpontifex Quintus Scaevola +(Konsul 659 95) umzubringen und klagte dann, als derselbe von der empfangenen +Wunde genas, ihn peinlich an, wegen des Verbrechens, wie er scherzhaft sich +ausdrückte, daß er sich nicht habe wollen ermorden lassen. Aber die Orgien des +Mordens waren doch vorüber. Unter dem Vorwand der Soldzahlung rief Sertorius +die Marianischen Banditen zusammen, umzingelte sie mit seinen zuverlässigen +keltischen Truppen und ließ sie, nach den geringsten Angaben 4000 an der Zahl, +sämtlich niederhauen. +</p> + +<p> +Mit dem Schreckensregiment zugleich war die Tyrannis gekommen. Cinna stand +nicht bloß vier Jahre nacheinander (667-670 87-84) als Konsul an der Spitze des +Staats, sondern er ernannte auch regelmäßig sich und seine Kollegen, ohne das +Volk zu befragen; es war, als ob diese Demokraten die souveräne +Volksversammlung mit absichtlicher Geringschätzung beiseite schöben. Kein +anderes Haupt der Popularpartei vor- oder nachher hat eine so vollkommen +absolute Gewalt in Italien wie in dem größten Teil der Provinzen so lange Zeit +hindurch fast ungestört besessen wie Cinna; aber es ist auch keiner zu nennen, +dessen Regiment so vollkommen nichtig und ziellos gewesen wäre. Man nahm +natürlich das von Sulpicius und später von Cinna selbst beantragte, den +Neubürgern und den Freigelassenen gleiches Stimmrecht mit den Altbürgern +zusichernde Gesetz wieder auf und ließ dasselbe durch einen Senatsbeschluß +förmlich als zu Recht bestehend bestätigen (670 84). Man ernannte Zensoren (668 +86), um demgemäß sämtliche Italiker in die fünfunddreißig Bürgerbezirke zu +verteilen - eine seltsame Fügung dabei war es, daß infolge des Mangels von +fähigen Kandidaten zur Zensur derselbe Philippus, der als Konsul 663 (91) +hauptsächlich den Plan des Drusus, den Italikern das Stimmrecht zu verleihen, +hatte scheitern machen, jetzt dazu ausersehen ward, sie als Zensor in die +Bürgerrollen einzuschreiben. Man stieß natürlich die von Sulla im Jahre 666 +(88) begründeten reaktionären Institutionen um. Man tat einiges, um dem +Proletariat sich gefällig zu erweisen - so wurden wahrscheinlich die vor +einigen Jahren eingeführten Beschränkungen der Getreideverteilung jetzt +wiederum beseitigt; so wurde nach dem Vorschlag des Volkstribuns Marcus Iunius +Brutus die von Gaius Gracchus beabsichtigte Koloniegründung in Capua im +Frühjahr 671 (83) in der Tat ins Werk gesetzt; so veranlaßte Lucius Valerius +Flaccus der Jüngere ein Schuldgesetz, das jede Privatforderung auf den vierten +Teil ihres Nominalbetrags herabsetzte und drei Viertel zu Gunsten der Schuldner +kassierte. Diese Maßregeln aber, die einzigen konstitutiven während des ganzen +Cinnanischen Regiments, sind ohne Ausnahme vom Augenblick diktiert; es liegt - +und vielleicht ist dies das Entsetzlichste bei dieser ganzen Katastrophe - +derselben nicht etwa ein verkehrter, sondern gar kein politischer Plan zu +Grunde. Man liebkoste den Pöbel und verletzte ihn zugleich in höchst unnötiger +Weise durch zwecklose Mißachtung der verfassungsmäßigen Wahlordnung. Man konnte +an der Kapitalistenpartei einen Halt finden und schädigte sie aufs +empfindlichste durch das Schuldgesetz. Die eigentliche Stütze des Regiments +waren - durchaus ohne dessen Zutun - die Neubürger; man ließ sich ihren +Beistand gefallen, aber es geschah nichts, um die seltsame Stellung der +Samniten zu regeln, die dem Namen nach jetzt römische Bürger waren, aber +offenbar tatsächlich ihre landschaftliche Unabhängigkeit als den eigentlichen +Zweck und Preis des Kampfes betrachteten und diese gegen all und jeden zu +verteidigen in Waffen blieben. Man schlug die angesehenen Senatoren tot wie +tolle Hunde; aber nicht das geringste ward getan, um den Senat im Interesse der +Regierung zu reorganisieren oder auch nur dauernd zu terrorisieren, so daß +dieselbe auch seiner keineswegs sicher war. So hatte Gaius Gracchus den Sturz +der Oligarchie nicht verstanden, daß der neue Herr sich auf seinem +selbstgeschaffenen Thron verhalten könne, wie es legitime Nullkönige zu tun +belieben. Aber diesen Cinna hatte nicht sein Wollen, sondern der reine Zufall +emporgetragen; war es ein Wunder, daß er blieb, wo die Sturmflut der Revolution +ihn hingespült hatte, bis eine zweite Sturmflut kam, ihn wiederfortzuschwemmen? +</p> + +<p> +Dieselbe Verbindung der gewaltigsten Machtfülle mit der vollständigsten +Impotenz und Inkapazität der Machthaber zeigte die Kriegführung der +revolutionären Regierung gegen die Oligarchie, an der denn doch zunächst ihre +Existenz hing. In Italien gebot sie unumschränkt. Unter den Altbürgern war ein +sehr großer Teil grundsätzlich demokratisch gesinnt; die noch größere Masse der +ruhigen Leute mißbilligte zwar die Marianischen Greuel, sahen aber in einer +oligarchischen Restauration nichts als die Eröffnung eines zweiten +Schreckensregiments der entgegengesetzten Partei. Der Eindruck der Untaten des +Jahres 667 (87) auf die Nation insgesamt war verhältnismäßig gering gewesen, da +sie vorwiegend doch nur die hauptstädtische Aristokratie betroffen hatten, und +ward überdies einigermaßen ausgelöscht durch das darauffolgende dreijährige, +leidlich ruhige Regiment. Die gesamte Masse der Neubürger endlich, vielleicht +drei Fünftel der Italiker, stand entschieden wo nicht für die gegenwärtige +Regierung, doch gegen die Oligarchie. +</p> + +<p> +Gleich Italien hielten zu jener die meisten Provinzen: Sizilien, Sardinien, +beide Gallien, beide Spanien. In Africa machte Quintus Metellus, der den +Mördern glücklich entkommen war, einen Versuch, diese Provinz für die Optimaten +zu halten; zu ihm begab sich aus Spanien Marcus Crassus, der jüngste Sohn des +in dem Marianischen Blutbad umgekommenen Publius Crassus, und verstärkte ihn +durch einen in Spanien zusammengebrachten Haufen. Allein sie mußten, da sie +sich untereinander entzweiten, dem Statthalter der revolutionären Regierung, +Gaius Fabius Hadrianus, weichen. Asien war in den Händen Mithradats; somit +blieb als einzige Freistatt der verfemten Oligarchie die Provinz Makedonien, +soweit sie in Sullas Gewalt war. Dorthin retteten sich Sullas Gemahlin und +Kinder, die mit Mühe dem Tode entgangen waren, und nicht wenige entkommene +Senatoren, so daß bald in seinem Hauptquartier eine Art von Senat sich bildete. +An Dekreten gegen den oligarchischen Prokonsul ließ es die Regierung nicht +fehlen. Sulla ward durch die Komitien seines Kommandos und seiner sonstigen +Ehren und Würden entsetzt und geächtet, wie das in gleicher Weise auch gegen +Metellus, Appius Claudius und andere angesehene Flüchtlinge geschah; sein Haus +in Rom wurde geschleift, seine Landgüter verwüstet. Indes damit freilich war +die Sache nicht erledigt. Hätte Gaius Marius länger gelebt, so wäre er ohne +Zweifel selbst gegen Sulla dorthin marschiert, wohin noch auf seinem Todbette +die Fieberbilder ihn führten; welche Maßregeln nach seinem Tode die Regierung +ergriff, ward schon erzählt. Lucius Valerius Flaccus der jüngere 4, der nach +Marius’ Tode das Konsulat und das Kommando im Osten übernahm (668 86), +war weder Soldat noch Offizier, sein Begleiter Gaius Fimbria nicht unfähig, +aber unbotmäßig, das ihnen mitgegebene Heer schon der Zahl nach dreifach +schwächer als die Sullanische Armee. Man vernahm nacheinander, daß Flaccus, um +nicht von Sulla erdrückt zu werden, an ihm vorüber nach Asien abgezogen sei +(668 86), daß Fimbria ihn beseitigt und sich selbst an seine Stelle gesetzt +habe (Anfang 669 85), daß Sulla Frieden geschlossen habe mit Mithradates +(669/70 85/84). Bis dahin hatte Sulla den in der Hauptstadt regierenden +Behörden gegenüber geschwiegen; jetzt lief ein Schreiben von ihm an den Senat +ein, worin er die Beendigung des Krieges berichtete und seine Rückkehr nach +Italien ankündigte; die den Neubürgern erteilten Rechte werde er achten; +Strafexekutionen seien zwar unvermeidlich, allein sie würden nicht die Massen, +sondern die Urheber treffen. Diese Ankündigung schreckte Cinna aus seiner +Untätigkeit auf; wenn er bisher nichts gegen Sulla getan hatte, als daß einige +Mannschaft unter die Waffen gestellt und eine Anzahl Schiffe im Adriatischen +Meere versammelt worden war, so beschloß er jetzt, schleunigst nach +Griechenland überzugehen. Aber andererseits weckte Sullas Schreiben, das den +Umständen nach äußerst gemäßigt zu nennen war, in der Mittelpartei Hoffnungen +auf eine friedliche Ausgleichung. Die Majorität des Senats beschloß nach dem +Vorschlag des älteren Flaccus, einen Sühneversuch einzuleiten und zu dem Ende +Sulla aufzufordern, sich unter Verbürgung sicheren Geleits in Italien +einzufinden, die Konsuln Cinna und Carbo aber zu veranlassen, bis zum Eingang +von Sullas Antwort die Rüstungen einzustellen. Sulla wies die Vorschläge nicht +unbedingt von der Hand; er kam zwar natürlich nicht selbst, aber ließ durch +Boten erklären, daß er nichts fordere als Wiedereinsetzung der Verbannten in +den vorigen Stand und gerichtliche Bestrafung der begangenen Verbrechen, +Sicherheit übrigens nicht geleistet begehre, sondern denen daheim zu bringen +gedenke. Seine Abgesandten fanden den Stand der Dinge in Italien wesentlich +verändert. Cinna hatte, ohne um jenen Senatsbeschluß sich weiter zu bekümmern, +sofort nach aufgehobener Sitzung sich zum Heer begeben und die Einschiffung +desselben betrieben. Die Aufforderung, in der bösen Jahreszeit sich dem Meer +anzuvertrauen, rief unter den schon schwierigen Truppen im Hauptquartier zu +Ancona eine Meuterei hervor, deren Opfer Cinna ward (Anfang 670 84), worauf +sein Kollege Carbo sich genötigt sah, die schon übergegangenen Abteilungen +zurückzuführen und, auf das Aufnehmen des Krieges in Griechenland verzichtend, +Winterquartiere in Ariminum zu beziehen. Sullas Anträge aber fanden darum keine +bessere Aufnahme: der Senat wies seine Vorschläge zurück, ohne auch nur die +Boten nach Rom zu lassen, und befahl ihm kurzweg, die Waffen niederzulegen. Es +war nicht zunächst die Koterie der Marianer, welche dies entschiedene Auftreten +bewirkte. Eben jetzt, wo es galt, mußte diese Faktion die bisher usurpierte +Besetzung des höchsten Amtes abgeben und für das entscheidende Jahr 671 (83) +wieder Konsulwahlen veranstalten. Die Stimmen vereinigten hierbei sich nicht +auf den bisherigen Konsul Carbo noch auf einen der fähigen Offiziere der bis +dahin regierenden Clique, wie Quintus Sertorius oder Gaius Marius den Sohn, +sondern auf Lucius Scipio und Gaius Norbanus, zwei Inkapazitäten, von denen +keiner zu schlagen, Scipio nicht einmal zu sprechen verstand, und von denen +jener nur als der Urenkel des Antiochossiegers, dieser als politischer Gegner +der Oligarchie sich der Menge empfahlen. Die Marianer wurden nicht so sehr +ihrer Untaten wegen verabscheut als ihrer Nichtigkeit wegen verachtet; aber +wenn die Nation nichts von diesen, so wollte sie in ihrer großen Majorität noch +viel weniger von Sulla und einer oligarchischen Restauration etwas wissen. Man +dachte ernstlich an Abwehr. Während Sulla nach Asien überging, das Heer des +Fimbria zum Übertritt bestimmte und dessen Führer durch seine eigene Hand fiel, +benutzte die Regierung in Italien die durch diese Schritte Sullas ihr gegönnte +weitere Jahresfrist zu energischen Rüstungen: es sollen bei Sullas Landung +100000, später sogar die doppelte Anzahl von Bewaffneten gegen ihn gestanden +haben. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +4 Lucius Valerius Flaccus, den die Fasten als Konsul 668 (86) nennen, ist nicht +der Konsul des Jahres 654 (100), sondern ein gleichnamiger jüngerer Mann, +vielleicht des vorigen Sohn. Einmal ist das Gesetz, das die Wiederwahl zum +Konsulat untersagte, von ca. 603 (151) bis 673 (81) rechtlich in Kraft +geblieben, und es ist nicht wahrscheinlich, daß dasselbe, war für Scipio +Aemilianus und Marius, auch für Flaccus geschah. Zweitens wird nirgends, wo der +eine oder der andere Flaccus genannt wird, eines doppelten Konsulats gedacht, +auch nicht, wo es notwendig war wie Cic. Flacc. 32, 77. Drittens kann der +Lucius Valerius Flaccus, der im Jahre 669 (85) als Vormann des Senats, also als +Konsulat in Rom tätig war (Liv. 83), nicht der Konsul des Jahres 668 (86) sein, +da dieser damals bereits nach Asien abgegangen und wahrscheinlich schon tot +war. Der Konsul 654 (100), Zensor 657 (97), ist derjenige, den Cicero (Att. 8, +3, 6) unter den 667 (87) in Rom anwesenden Konsulaten nennt; er war 669 (85) +unzweifelhaft der älteste lebende Altzensor und also geeignet zum Vormann des +Senats; er ist auch der Zwischenkönig und der Reiterführer von 672 (82). +Dagegen ist der Konsul 668 (86), der in Nikomedeia umkam, der Vater des von +Cicero verteidigten Lucius Flaccus (Flacc. 25, 61; vgl. 23, 55; 32, 77). +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Gegen diese italische Macht hatte Sulla nichts in die Waagschale zu legen als +seine fünf Legionen, die, auch mit Einrechnung einiger in Makedonien und im +Peloponnes aufgebotener Zuzüge, kaum auf 40000 Mann sich belaufen mochten. +Allerdings hatte dies Heer in siebenjährigen Kämpfen in Italien, Griechenland +und Asien des Politisierens sich entwöhnt und hing seinem Feldherrn, der den +Soldaten alles, Schwelgerei, Bestialität, sogar Meuterei gegen die Offiziere, +nachsah, nichts verlangte als Tapferkeit und Treue gegen den Feldherrn und für +den Sieg die verschwenderischsten Belohnungen in Aussicht stellte, mit allem +jenem soldatischen Enthusiasmus an, der um so gewaltiger ist, als dabei die +edelsten und die gemeinsten Leidenschaften oft in derselben Brust sich +begegnen. Freiwillig schworen nach römischer Sitte die Sullanischen Soldaten +sich einander es zu, fest zusammenzuhalten, und freiwillig brachte ein jeder +dem Feldherrn seinen Sparpfennig als Beisteuer zu den Kriegskosten. Allein so +ansehnlich diese geschlossene Kernschar gegen die feindlichen Massen ins +Gewicht fiel, so erkannte doch Sulla sehr wohl, daß Italien nicht mit fünf +Legionen bezwungen werden konnte, wenn es im entschlossenen Widerstande einig +zusammenhielt. Mit der Popularpartei und ihren unfähigen Autokraten fertig zu +werden, wäre nicht schwierig gewesen; aber er sah sich gegenüber und mit dieser +vereinigt die ganze Masse derer, die keine oligarchische Schreckensrestauration +wollten, und vor allen Dingen die gesamte Neubürgerschaft, sowohl diejenigen, +die durch das Julische Gesetz von der Teilnahme an der Insurrektion sich hatten +abhalten lassen, als diejenigen, deren Schilderhebung vor wenigen Jahren Rom an +den Rand des Verderbens geführt hatte. Sulla übersah vollkommen die Lage der +Verhältnisse und war weit entfernt von der blinden Erbitterung und der +eigensinnigen Starrheit, die die Majorität seiner Partei charakterisierten. +Während das Staatsgebäude in vollen Flammen stand, während man seine Freunde +ermordete, seine Häuser zerstörte, seine Familie ins Elend trieb, war er +unbeirrt auf seinem Posten verblieben, bis der Landesfeind überwältigt und die +römische Grenze gesichert war. In demselben Sinne patriotischer und +einsichtiger Mäßigung behandelte er auch jetzt die italischen Verhältnisse und +tat, was er irgend tun konnte, um die Gemäßigten und die Neubürger zu beruhigen +und um zu verhindern, daß nicht unter dem Namen des Bürgerkrieges der weit +gefährlichere Krieg zwischen den Altrömern und den italischen Bundesgenossen +abermals emporlodere. Schon das erste Schreiben, das Sulla an den Senat +richtete, hatte nichts als Recht und Gerechtigkeit gefordert und eine +Schreckensherrschaft ausdrücklich zurückgewiesen; im Einklang damit stellte er +nun allen denen, die noch jetzt von der revolutionären Regierung sich lossagen +würden, unbedingte Begnadigung in Aussicht und veranlaßte seine Soldaten, Mann +für Mann, zu schwören, daß sie den Italikern durchaus als Freunden und +Mitbürgern begegnen würden. Die bündigsten Erklärungen sicherten den Neubürgern +die von ihnen erworbenen politischen Rechte; so daß Carbo deshalb von jeder +italischen Stadtgemeinde sich Geiseln wollte stellen lassen, was indes an der +allgemeinen Indignation und an dem Widerspruch des Senats scheiterte. Die +Hauptschwierigkeit der Lage Sullas bestand in der Tat darin, daß bei der +eingerissenen Wort- und Treulosigkeit die Neubürger allen Grund hatten, wenn +nicht an seinen persönlichen Absichten, doch daran zu zweifeln, ob er es +vermögen werde, seine Partei zum Worthalten nach dem Siege zu bestimmen. +</p> + +<p> +Im Frühling 671 (83) landete Sulla mit seinen Legionen in dem Hafen von +Brundisium. Der Senat erklärte auf die Nachricht davon das Vaterland in Gefahr +und übertrug den Konsuln unbeschränkte Vollmacht; aber diese unfähigen Leiter +hatten sich nicht vorgesehen und waren durch die seit Jahren in Aussicht +stehende Landung dennoch überrascht. Das Heer befand sich noch in Ariminum, die +Häfen waren unbesetzt und überhaupt unglaublicherweise in dem ganzen +südöstlichen Litoral kein Mann unter den Waffen. Die Folgen zeigten sich bald. +Gleich Brundisium selbst, eine ansehnliche Neubürgergemeinde, öffnete ohne +Widerstand dem oligarchischen General die Tore und dem gegebenen Beispiel +folgte ganz Messapien und Apulien. Die Armee marschierte durch diese Gegenden +wie durch Freundesland und hielt, ihres Eides eingedenk, durchgängig die +strengste Mannszucht. Von allen Seiten strömten die versprengten Reste der +Optimatenpartei in das Lager Sullas. Aus den Bergschluchten Liguriens, wohin er +von Afrika sich gerettet hatte, kam Quintus Metellus und übernahm wieder, als +Kollege Sullas, das im Jahr 667 (87) ihm übertragene und von der Revolution ihm +aberkannte prokonsularische Kommando; ebenso erschien von Afrika her mit einer +kleinen Schar Bewaffneter Marcus Crassus. Die meisten Optimaten freilich kamen +als vornehme Emigranten mit großen Ansprüchen und geringer Kampflust, so daß +sie von Sulla selbst bittere Worte zu hören bekamen über die adligen Herren, +die zum Heil des Staates sich wollten retten lassen und nicht einmal dazu zu +bringen seien, ihre Sklaven zu bewaffnen. Wichtiger war es, daß schon +Überläufer aus dem demokratischen Lager sich einstellten - so der feine und +angesehene Lucius Philippus, nebst ein paar notorisch unfähigen Leuten der +einzige Konsular, der mit der revolutionären Regierung sich eingelassen und +unter ihr Ämter angenommen hatte; er fand bei Sulla die zuvorkommendste +Aufnahme und erhielt den ehrenvollen und bequemen Auftrag, die Provinz +Sardinien für ihn zu besetzen. Ebenso wurden Quintus Lucretius Ofelia und +andere brauchbare Offiziere empfangen und sofort beschäftigt; selbst Publius +Cethegus, einer der nach der Sulpicischen Erneute von Sulla geächteten +Senatoren, erhielt Verzeihung und eine Stellung im Heer. Wichtiger noch als die +einzelnen Übertritte war der der Landschaft Picenum, der wesentlich dem Sohne +des Strabo, dem jungen Gnaeus Pompeius, verdankt ward. Dieser, gleich seinem +Vater von Haus aus kein Anhänger der Oligarchie, hatte die revolutionäre +Regierung anerkannt und sogar in Cinnas Heer Dienste genommen; allein es ward +ihm nicht vergessen, daß sein Vater die Waffen gegen die Revolution getragen +hatte; er sah sich vielfach angefeindet, ja sogar durch Anklage auf Herausgabe +der nach der Einnahme von Asculum von seinem Vater wirklich oder angeblich +unterschlagenen Beute mit dem Verlust seines sehr beträchtlichen Vermögens +bedroht. Zwar wendete mehr als die Beredsamkeit des Konsulars Lucius Philippus +und des jungen Quintus Hortensius der Schutz des ihm persönlich gewogenen +Konsuls Carbo den ökonomischen Ruin von ihm ab; aber die Verstimmung blieb. Auf +die Nachricht von Sullas Landung ging er nach Picenum, wo er ausgedehnte +Besitzungen und von seinem Vater und dem Bundesgenossenkriege her die besten +munizipalen Verbindungen hatte und pflanzte in Auximum (Osimo) die Fahne der +optimatischen Partei auf. Die meistens von Altbürgern bewohnte Landschaft fiel +ihm zu; die junge Mannschaft, welche großenteils mit ihm unter seinem Vater +gedient hatte, stellte sich bereitwillig unter den beherzten Führer, der, noch +nicht dreiundzwanzigjährig, ebensosehr Soldat wie General war, im Reitergefecht +den Seinen voraussprengte und tüchtig mit in den Feind einhieb. Das picenische +Freiwilligenkorps wuchs bald auf drei Legionen; den aus der Hauptstadt zur +Dämpfung der picenischen Insurrektion ausgesandten Abteilungen unter Cloelius, +Gaius Carrinas, Lucius Iunius Brutus Damasippus 5 wußte der improvisierte +Feldherr, die unter denselben entstandenen Zwistigkeiten geschickt benutzend, +sich zu entziehen oder sie einzeln zu schlagen und mit dem Hauptheer Sullas, +wie es scheint in Apulien, die Verbindung herzustellen. Sulla begrüßte ihn als +Imperator, das heißt als einen im eigenen Namen kommandierenden und nicht +unter, sondern nehmen ihm stehenden Offizier und zeichnete den Jüngling durch +Ehrenbezeigungen aus, wie er sie keinem seiner vornehmen Klienten erwies - +vermutlich nicht ohne die Nebenabsicht, der charakterlosen Schwäche seiner +eigenen Parteigenossen damit eine indirekte Züchtigung zukommen zu lassen. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +5 Nur an diesen kann hier gedacht werden, da Marcus Brutus, der Vater des +sogenannten Befreiers, im Jahr 671 (83) Volkstribun war, also nicht im Felde +kommandieren konnte. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Also moralisch und materiell ansehnlich verstärkt gelangten Sulla und Metellus +nach Apulien durch die immer noch insurgierten samnitischen Gegenden nach +Kampanien. Hierhin wandte sich auch die feindliche Hauptmacht, und es schien +die Entscheidung hier fallen zu müssen. Das Heer des Konsuls Gaius Norbanus +stand bereits bei Capua, wo eben die neue Kolonie mit allem demokratischen Pomp +sich konstituierte; die zweite Konsulararmee rückte ebenfalls auf der Appischen +Straße heran. Aber bevor sie eintraf, stand Sulla schon dem Norbanus gegenüber. +Ein letzter Vermittlungsversuch, den Sulla machte, führte nur dazu, daß man an +seinen Boten sich vergriff. In frischer Erbitterung warfen seine kampfgewohnten +Scharen sich auf den Feind; ihr gewaltiger Stoß vom Berge Tifata herab +zersprengte den in der Ebene aufgestellten Feind im ersten Anlauf; mit dem Rest +seiner Mannschaft warf sich Norbanus in die revolutionäre Kolonie Capua und die +Neubürgerstadt Neapolis und ließ dort sich blockieren. Sullas Truppen, bisher +nicht ohne Besorgnis ihre schwache Zahl mit den feindlichen Massen +vergleichend, hatten durch diesen Sieg das Vollgefühl militärischer +Überlegenheit gewonnen; statt mit der Belagerung der Trümmer der geschlagenen +Armee sich aufzuhalten, ließ Sulla die Städte umstellen, wo sie sich befanden, +und rückte auf der Appischen Straße vor gegen Teanum, wo Scipio stand. Auch ihm +bot er, ehe der Kampf begann, noch einmal die Hand zum Frieden; es scheint in +gutem Ernste. Scipio, schwach wie er war, ging darauf ein; ein Waffenstillstand +ward geschlossen; zwischen Cales und Teanum kamen die beiden Feldherren, beide +Glieder des gleichen Adelsgeschlechts, beide gebildet und feingesittet und +langjährige Kollegen im Senat, persönlich zusammen; man ließ sich auf die +einzelnen Fragen ein; schon war man so weit, daß Scipio einen Boten nach Capua +absandte, um die Meinung seines Kollegen einzuholen. Inzwischen mischten sich +die Soldaten beider Lager; die Sullaner, von ihrem Feldherrn reichlich mit Geld +versehen, machten es den nicht allzu kriegslustigen Rekruten beim Becher leicht +begreiflich, daß es besser sei, sie zu Kameraden als zu Feinden zu haben; +vergeblich warnte Sertorius den Feldherrn, diesem gefährlichen Verkehr ein Ende +zu machen. Die Verständigung, die so nahe geschienen, trat doch nicht ein; +Scipio war es, welcher den Waffenstillstand kündigte. Aber Sulla behauptete, +daß es zu spät und der Vertrag bereits abgeschlossen gewesen sei; und unter dem +Vorwand, daß ihr Feldherr den Waffenstillstand widerrechtlich aufgesagt, gingen +Scipios Soldaten in Masse über in die feindlichen Reihen. Die Szene schloß mit +einer allgemeinen Umarmung, der die kommandierenden Offiziere der +Revolutionsarmee zuzusehen hatten. Sulla ließ den Konsul auffordern, sein Amt +niederzulegen, was er tat, und ihn nebst seinem Stab durch seine Reiter dahin +eskortieren, wohin sie begehrten; allein kaum in Freiheit gesetzt, legte Scipio +die Abzeichen seiner Würde wieder an und begann aufs neue, Truppen +zusammenzuziehen, ohne indes weiter etwas von Belang auszurichten. Sulla und +Metellus nahmen Winterquartiere in Kampanien und hielten, nachdem ein zweiter +Versuch, mit Norbanus sich zu verständigen, gescheitert war, Capua den Winter +über blockiert. +</p> + +<p> +Die Ergebnisse des ersten Feldzugs waren für Sulla die Unterwerfung von +Apulien, Picenum und Kampanien, die Auflösung der einen, die Besiegung und +Blockierung der anderen konsularischen Armee. Schon traten die italischen +Gemeinden, genötigt, zwischen ihren zwiefachen Drängern jede für sich Partei zu +ergreifen, zahlreich mit ihm in Unterhandlung und ließen sich die von der +Gegenpartei erworbenen politischen Rechte durch förmliche Separatverträge von +dem Feldherrn der Oligarchie garantieren; Sulla hegte die bestimmte Erwartung +und trug sie absichtlich zur Schau, die revolutionäre Regierung in dem nächsten +Feldzug niederzuwerfen und wieder in Rom einzuziehen. +</p> + +<p> +Aber auch der Revolution schien die Verzweiflung neue Kräfte zu geben. Das +Konsulat übernahmen zwei ihrer entschiedensten Führer, Carbo zum dritten Male +und Gaius Marius der Sohn; daß der letztere eben zwanzigjährige Mann +gesetzmäßig das Konsulat nicht bekleiden konnte, achtete man so wenig wie jeden +anderen Punkt der Verfassung. Quintus Sertorius, der in dieser und in anderen +Angelegenheiten eine unbequeme Kritik machte, wurde angewiesen, um neue +Werbungen vorzunehmen, nach Etrurien und von da in seine Provinz, das +Diesseitige Spanien, abzugehen. Die Kasse zu füllen, mußte der Senat die +Einschmelzung des goldenen und silbernen Tempelgeräts der Hauptstadt verfügen; +wie bedeutend der Ertrag war, erhellt daraus, daß nach mehrmonatlicher +Kriegführung davon noch über 4 Millionen Taler (14000 Pfund Gold und 6000 Pfund +Silber) vorrätig waren. In dem beträchtlichen Teile Italiens, der gezwungen +oder freiwillig noch zu der Revolution hielt, wurden die Rüstungen lebhaft +betrieben. Aus Etrurien, wo die Neubürgergemeinden sehr zahlreich waren, und +dem Pogebiet kamen ansehnliche neu gebildete Abteilungen. Auf den Ruf des +Sohnes stellten die Marianischen Veteranen in großer Anzahl sich bei den Fahnen +ein. Aber nirgends ward zum Kampf gegen Sulla so leidenschaftlich gerüstet wie +in dem insurgierten Samnium und einzelnen Strichen von Lucanien. Es war nichts +weniger als Ergebenheit gegen die revolutionäre römische Regierung, daß +zahlreicher Zuzug aus den oskischen Gegenden ihre Heere verstärkte; wohl aber +begriff man daselbst, daß eine von Sulla restaurierte Oligarchie sich die jetzt +faktisch bestehende Selbständigkeit dieser Landschaften nicht so gefallen +lassen werde wie die schlaffe Cinnanische Regierung; und darum erwachte in dem +Kampf gegen Sulla noch einmal die uralte Rivalität der Sabeller gegen die +Latiner. Für Samnium und Latium war dieser Krieg so gut ein Nationalkampf wie +die Kriege des fünften Jahrhunderts; man stritt nicht um ein Mehr oder Minder +von politischen Rechten, sondern um den lange verhaltenen Haß durch Vernichtung +des Gegners zu sättigen. Es war darum kein Wunder, wenn dieser Teil des Krieges +einen ganz anderen Charakter trug als die übrigen Kämpfe, wenn hier keine +Verständigung versucht, kein Quartier gegeben oder genommen, die Verfolgung bis +aufs äußerste fortgesetzt ward. +</p> + +<p> +So trat man den Feldzug des Jahres 672 (82) beiderseits mit verstärkten +Streitkräften und gesteigerter Leidenschaft an. Vor allem die Revolution warf +die Scheide weg; auf Carbos Antrag ächteten die römischen Komitien alle in +Sullas Lager befindlichen Senatoren. Sulla schwieg; er mochte denken, daß man +im voraus sich selber das Urteil spreche. +</p> + +<p> +Die Armee der Optimaten teilte sich. Der Prokonsul Metellus übernahm es, +gestützt auf die picenische Insurrektion, nach Oberitalien vorzudringen, +während Sulla von Kampanien aus geradeswegs gegen die Hauptstadt marschierte. +Jenem warf Carbo sich entgegen; der feindlichen Hauptarmee wollte Marius in +Latium begegnen. Auf der Launischen Straße heranrückend, traf Sulla unweit +Signia auf den Feind, der vor ihm zurückwich bis nach dem sogenannten +“Hafen des Sacer” zwischen Signia und dem Hauptwaffenplatz der +Marianen dem festen Praeneste. Hier stellte Marius sich zur Schlacht. Sein Heer +war etwa 40000 Mann stark und er an wildem Grimme und persönlicher Tapferkeit +seines Vaters rechter Sohn; aber es waren nicht die wohlgeübten Scharen, mit +denen dieser seine Schlachten geschlagen hatte, und noch minder durfte der +unerfahrene junge Mann mit dem alten Kriegsmeister sich vergleichen. Bald +wichen seine Truppen; der Übertritt einer Abteilung noch während des Gefechts +beschleunigte die Niederlage. Über die Hälfte der Marianer waren tot oder +gefangen; der Überrest, weder imstande, das Feld zu halten, noch, das andere +Ufer des Tiber zu gewinnen, genötigt, in den benachbarten Festungen Schutz zu +suchen; die Hauptstadt, die zu verproviantieren man versäumt hatte, unrettbar +verloren. Infolgedessen gab Marius dem daselbst befehligten Prätor Lucius +Brutus Damasippus den Befehl, sie zu räumen, vorher aber alle bisher noch +verschonten angesehenen Männer der Gegenpartei niederzumachen. Der Auftrag, +durch den der Sohn die Ächtungen des Vaters noch überbot, ward vollzogen; +Damasippus berief unter einem Vorwand den Senat, und die bezeichneten Männer +wurden teils in der Sitzung selbst, teils auf der Flucht vor dem Rathaus +niedergestoßen. Trotz der vorhergegangenen gründlichen Aufräumung fanden sich +doch noch einzelne namhaftere Opfer: so der gewesene Ädil Publius Antistius, +der Schwiegervater des Gnaeus Pompeius, und der gewesene Prätor Gaius Carbo, +der Sohn des bekannten Freundes und nachherigen Gegners der Gracchen, nach dem +Tode so vieler ausgezeichneter Talente die beiden besten Gerichtsredner auf dem +verödeten Markt; der Konsular Lucius Domitius und vor allem der ehrwürdige +Oberpriester Quintus Scaevola, der dem Dolch des Fimbria nur entgangen war, um +jetzt während der letzten Krämpfe der Revolution in der Halle des seiner Obhut +anvertrauten Vestatempels zu verbluten. Mit stummem Entsetzen sah die Menge die +Leichen dieser letzten Opfer des Terrorismus durch die Straßen schleifen und +sie in den Fluß werfen. +</p> + +<p> +Marius’ aufgelöste Haufen warfen sich in die nahen und festen +Neubürgerstädte Norba und Praeneste, er selbst mit der Kasse und dem größten +Teil der Flüchtlinge in die letztere. Sulla ließ, ebenwie das Jahr zuvor vor +Capua, vor Praeneste einen tüchtigen Offizier, den Quintus Ofelia, zurück, mit +dem Auftrag, seine Kräfte nicht an die Belagerung der festen Stadt zu +vergeuden, sondern sie mit einer weiten Blockadelinie einzuschließen und sie +auszuhungern; er selbst rückte von verschiedenen Seiten auf die Hauptstadt zu, +welche er wie die ganze Umgegend vom Feinde verlassen fand und ohne Gegenwehr +besetzte. Kaum nahm er sich die Zeit, das Volk durch eine Ansprache zu +beruhigen und die nötigsten Anordnungen zu treffen; sofort ging er weiter nach +Etrurien, um in Verbindung mit Metellus die Gegner auch aus Norditalien zu +vertreiben. +</p> + +<p> +Metellus war inzwischen am Fluß Aesis (Esino zwischen Ancona und Sinigaglia), +der die picenische Landschaft von der gallischen Provinz schied, auf Carbos +Unterfeldherrn Carrinas gestoßen und hatte diesen geschlagen; als Carbo selbst +mit seiner überlegenen Armee herbeikam, hatte er das weitere Vordringen +aufgeben müssen. Allein auf die Nachricht von der Schlacht am Sacerhafen war +Carbo, um seine Kommunikationen besorgt, zurückgegangen bis auf die Flaminische +Chaussee, um in deren Knotenpunkt Ariminum sein Hauptquartier zu nehmen und von +dort teils die Pässe des Apennin, teils das Potal zu behaupten. Bei dieser +rückgängigen Bewegung gerieten nicht bloß verschiedene Abteilungen dem Feinde +in die Hände, sondern ward auch von Pompeius Sena gallica erstürmt und Carbos +Nachhut in einem glänzenden Reitergefecht zersprengt; indes erreichte Carbo im +ganzen seinen Zweck. Der Konsulat Norbanus übernahm im Potal das Kommando; +Carbo selbst begab sich nach Etrurien. Aber der Marsch Sullas mit seinen +siegreichen Legionen nach Etrurien änderte die Lage der Dinge: bald reichten +von Gallien, Umbrien und Rom aus drei Sullanische Heere einander die Hände. +Metellus ging mit der Flotte an Ariminum vorbei nach Ravenna und schnitt bei +Faventia die Verbindung ab zwischen Ariminum und dem Potal, in das auf der +großen Straße nach Placentia er eine Abteilung vorgehen ließ unter Marcus +Lucullus, dem Quästor Sullas und dem Bruder seines Flottenführers im +Mithradatischen Krieg. Der junge Pompeius und sein Altersgenosse und +Nebenbuhler Crassus drangen aus dem Picenischen auf Bergwegen in Umbrien ein +und gewannen die Flaminische Straße bei Spoletium, wo sie Carbos Unterfeldherrn +Carrinas schlugen und in die Stadt einschlossen; indes gelang es diesem in +einer regnerischen Nacht, aus derselben zu entweichen und, wenngleich nicht +ohne Verlust, zum Heer des Carbo durchzudringen. Sulla selbst rückte von Rom +aus in zwei Heerhaufen in Etrurien ein, von denen der eine an der Küste +vorgehend bei Saturnia (zwischen den Flüssen Ombrone und Albegna) das ihm +entgegenstehende Korps schlug, der zweite unter Sullas eigener Führung im +Clanistal auf die Armee des Carbo traf und ein glückliches Gefecht mit dessen +spanischer Reiterei bestand. Aber die Hauptschlacht, die zwischen Carbo und +Sulla in der Gegend von Chiusi geschlagen ward, endigte zwar ohne eigentliche +Entscheidung, jedoch insofern zu Gunsten Carbos, als Sullas siegreiches +Vordringen gehemmt ward. Auch in der Umgegend von Rom schienen die Dinge für +die revolutionäre Partei sich günstiger wenden und der Krieg wieder sich +hauptsächlich nach dieser Gegend ziehen zu wollen. Denn während die +oligarchische Partei alle ihre Kräfte um Etrurien konzentrierte, machte die +Demokratie aller Orten die äußerste Anstrengung, um die Blockade von Praeneste +zu sprengen. Selbst der Statthalter von Sizilien, Marcus Perpenna, machte sich +dazu auf; es scheint indes nicht, daß er nach Praeneste gelangte. Ebensowenig +glückte dies dem von Carbo detachierten, sehr ansehnlichen Korps unter Marcius; +von den bei Spoletium stehenden feindlichen Truppen überfallen und geschlagen, +durch Unordnung, Mangel an Zufuhr und Meuterei demoralisiert, ging ein Teil zu +Carbo zurück, ein anderer nach Ariminum, der Rest verlief sich. Ernstliche +Hilfe dagegen kam aus Süditalien. Hier brachen die Samniten unter Pontius von +Telesia, die Lucaner unter ihrem erprobten Feldherrn Marcus Lamponius auf, ohne +daß der Abmarsch ihnen gewehrt worden wäre, zogen im Kampanien, wo Capua noch +immer sich hielt, eine Abteilung der Besatzung unter Gutta an sich und rückten +also, angeblich 70000 Mann stark, auf Praeneste zu. Sulla selbst kehrte darauf, +mit Zurücklassung eines Korps gegen Carbo, nach Latium zurück und nahm in den +Engpässen vorwärts Praeneste 6 eine wohlgewählte Stellung, in der er dem +Entsatzheer den Weg sperrte. Vergeblich versuchte die Besatzung, Ofelias Linien +zu durchbrechen, vergeblich das Entsatzherr Sulla zu vertreiben; beide +verharrten unbeweglich in ihren festen Stellungen, selbst nachdem, von Carbo +gesendet, Damasippus mit zwei Legionen das Entsatzheer verstärkt hatte. Während +aber der Gang des Krieges in Etrurien wie in Latium stockte, kam es im Potal +zur Entscheidung. Hier hatte bisher der Feldherr der Demokratie Gaius Norbanus +die Oberhand behauptet, den Unterfeldherrn des Metellus, Marcus Lucullus, mit +überlegener Macht angegriffen und ihn genötigt, sich in Placentia +einzuschließen, endlich sich gegen Metellus selbst gewandt. Bei Faventia traf +er auf diesen und griff am späten Nachmittag mit seinen vom Marsch ermüdeten +Truppen sofort an; die Folge war eine vollständige Niederlage und die totale +Auflösung seines Korps, von dem nur etwa 1000 Mann nach Etrurien zurückkamen. +Auf die Nachricht von dieser Schlacht fiel Lucullus aus Placentia aus und +schlug die gegen ihn zurückgebliebene Abteilung bei Fidentia (zwischen Piacenza +und Parma). Die lucanischen Truppen des Albinovanus traten in Masse über; ihr +Führer machte seine anfängliche Zögerung wieder gut, indem er die vornehmsten +Offiziere der revolutionären Armee zu einem Bankett bei sich einlud und sie +dabei niedermachen ließ; überhaupt schloß, wer irgend nur durfte, jetzt seinen +Frieden. Ariminum mit allen Vorräten und Kassen geriet in Metellus’ +Gewalt; Norbanus schiffte nach Rhodos sich ein; das ganze Land zwischen Alpen +und Apenninen erkannte das Optimatenregiment an. Die bisher dort beschäftigten +Truppen konnten sich wenden zum Angriff auf Etrurien, die letzte Landschaft, wo +die Gegner noch das Feld behaupteten. Als Carbo im Lager bei Clusium diese +Nachrichten erhielt, verlor er die Fassung. Obwohl er eine noch immer +ansehnliche Truppenmasse unter seinen Befehlen hatte, entwich er dennoch +heimlich aus seinem Hauptquartier und schiffte nach Afrika sich ein. Die im +Stich gelassenen Truppen befolgten teils das Beispiel, mit dem der Feldherr +ihnen vorangegangen war, und gingen nach Hause, teils wurden sie von Pompeius +aufgerieben; die letzten Scharen nahm Carrinas zusammen und führte sie nach +Latium zu der Armee von Praeneste. Hier hatte inzwischen nichts sich verändert; +und die letzte Entscheidung nahte heran. Carrinas’ Haufen waren nicht +zahlreich genug, um Sullas Stellung zu erschüttern; schon näherte sich der +Vortrab der bisher in Etrurien beschäftigten Armee der oligarchischen Partei +unter Pompeius; in wenigen Tagen zog die Schlinge um das Heer der Demokraten +und der Samniten sich zusammen. Da entschlossen sich die Führer desselben, von +Praeneste abzulassen und mit gesamter Macht auf das nur einen starken +Tagemarsch entfernte Rom sich zu werfen. Militärisch waren sie damit verloren; +ihre Rückzugslinie, die Latinische Straße, geriet durch diesen Marsch in Sullas +Hand, und wenn sie auch Roms sich bemächtigten, so wurden sie, eingeschlossen +in die zur Verteidigung keineswegs geeignete Stadt und eingekeilt zwischen +Metellus und Sullas weit überlegene Armeen, darin unfehlbar erdrückt. Aber es +handelte sich auch nicht mehr um Rettung, sondern einzig um Rache bei diesem +Zug nach Rom, dem letzten Wutausbruch der leidenschaftlichen Revolutionäre und +vor allem der verzweifelnden sabellischen Nation. Es war Ernst, was Pontius von +Telesia den Seinigen zurief: um der Wölfe, die Italien die Freiheit geraubt +hätten, loszuwerden, müsse man den Wald vernichten, in dem sie hausten. Nie hat +Rom in einer furchtbareren Gefahr geschwebt als am 1. November 672 (82), als +Pontius, Lamponius, Carrinas, Damasippus auf der Latinischen Straße gegen Rom +herangezogen, etwa eine Viertelmeile vom Collinischen Tor lagerten. Es drohte +ein Tag wie der 20. Juli 365 der Stadt (389) und der 15. Juni 455 n. Chr., die +Tage der Kelten und der Vandalen. Die Zeiten waren nicht mehr, wo ein +Handstreich gegen Rom ein törichtes Unternehmen war, und an Verbindungen in der +Hauptstadt konnte es den Anrückenden nicht fehlen. Die Freiwilligenschar, die +aus der Stadt ausrückte, meist vornehme Jünglinge, zerstob wie Spreu vor der +ungeheuren Übermacht. Die einzige Hoffnung der Rettung beruhte auf Sulla. +Dieser war, auf die Nachricht vom Abmarsch des samnitischen Heeres in der +Richtung auf Rom, gleichfalls eiligst aufgebrochen der Hauptstadt zu Hilfe. Den +sinkenden Mut der Bürgerschaft belebte im Laufe des Morgens das Erscheinen +seiner ersten Reiter unter Balbus; am Mittag erschien er selbst mit der +Hauptmacht und ordnete sofort am Tempel der Erykinischen Aphrodite vor dem +Collinischen Tor (unweit Porta Pia) die Reihen zur Schlacht. Seine +Unterbefehlshaber beschworen ihn, nicht die durch den Gewaltmarsch erschöpften +Truppen sofort in den Kampf zu schicken; aber Sulla erwog, was die Nacht über +Rom bringen könne, und befahl noch am späten Nachmittag den Angriff. Die +Schlacht war hart bestritten und blutig. Der linke Flügel Sullas, den er selbst +anführte, wich zurück bis an die Stadtmauer, so daß es notwendig ward, die +Stadttore zu schließen; schon brachten Versprengte die Nachricht an Ofelia, daß +die Schlacht verloren sei. Allein auf den rechten Flügel warf Marcus Crassus +den Feind und verfolgte ihn bis Antemnae, wodurch auch der andere Flügel wider +Luft bekam und eine Stunde nach Sonnenuntergang seinerseits ebenfalls zum +Vorrücken überging. Die ganze Nacht und noch den folgenden Morgen ward +gefochten; erst der Übertritt einer Abteilung von 3000 Mann, die sofort die +Waffen gegen die früheren Kameraden wandten, setzte dem Kampf ein Ziel. Rom war +gerettet. Die Insurgentenarmee, für die es nirgends einen Rückzug gab, wurde +vollständig aufgerieben. Die in der Schlacht gemachten Gefangenen, 3000 bis +4000 an der Zahl, darunter die Generale Damasippus, Carrinas und den schwer +verwundeten Pontius, ließ Sulla am dritten Tage nach der Schlacht in das +städtische Meierhaus auf dem Marsfeld führen und daselbst bis auf den letzten +Mann niederhauen, so daß man in dem nahen Tempel der Bellona, wo Sulla eben +eine Senatssitzung abhielt, deutlich das Klirren der Waffen und das Stöhnen der +Sterbenden vernahm. Es war eine gräßliche Exekution und sie soll nicht +entschuldigt werden; aber es ist nicht gerecht zu verschweigen, daß diese +selben Menschen, die dort starben, wie eine Räuberbande über die Hauptstadt und +die Bürgerschaft hergefallen waren und sie, wenn sie Zeit gefunden hätten, so +weit vernichtet haben würden, als Feuer und Schwert eine Stadt und eine +Bürgerschaft zu vernichten vermögen. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +6 Es wird gemeldet, daß Sulla in dem Engpaß stand, durch den Praeneste allein +zugänglich war (App. I, 90); und die weiteren Ereignisse zeigen, daß sowohl ihm +als dem Entsatzheer die Straße nach Rom offenstand. Ohne Zweifel stand Sulla +auf der Querstraße, die von der Latinischen, auf der sie Samniten herankamen, +bei Valmontono nach Palestrina abbiegt; in diesem Fall kommunizierte Sulla auf +der praenestinischen, die Feinde auf der Launischen oder labicanischen mit der +Hauptstadt. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Damit war der Krieg in der Hauptsache zu Ende. Die Besatzung von Praeneste +ergab sich, als die aus den über die Mauer geworfenen Köpfen des Carrinas und +anderer Offiziere den Ausgang der Schlacht von Rom erfuhr. Die Führer, der +Konsul Gaius Marius und der Sohn des Pontius, stürzten, nachdem ein Versuch zu +entkommen ihnen vereitelt war, sich einer in des andern Schwert. Die Menge gab +der Hoffnung sich hin und ward durch Cethegus darin bestärkt, daß der Sieger +für sie auch jetzt noch Gnade walten lassen werde. Aber deren Zeiten waren +vorbei. Je unbedingter Sulla bis zum letzten Augenblick den Übertretenden volle +Verzeihung gewährt hatte, desto unerbittlicher erwies er sich gegen die Führer +und Gemeinden, die ausgehalten hatten bis zuletzt. Von den praenestinischen +Gefangenen, 12000 an der Zahl, wurden zwar außer den Kindern und Frauen die +meisten Römer und einzelne Pränestiner entlassen, aber die römischen Senatoren, +fast alle Pränestiner und sämtliche Samniten wurden entwaffnet und +zusammengehauen, die reiche Stadt geplündert. Es ist begreiflich, daß nach +solchem Vorgang die noch nicht übergegangenen Neubürgerstädte den Widerstand in +hartnäckigster Weise fortsetzten. So töteten in der latinischen Stadt Norba, +als Aemilius Lepidus durch Verrat daselbst eindrang, die Bürger sich +untereinander und zündeten selbst ihre Stadt an, um nur ihren Henkern die Rache +und die Beute zu entziehen. In Unteritalien war bereits früher Neapolis +erstürmt und, wie es scheint, Capua freiwillig aufgegeben worden; Nola aber +wurde erst im Jahr 674 (80) von den Samniten geräumt. Auf der Flucht von hier +fiel der letzte noch übrige namhafte Führer der Italiker, der Insurgentenkonsul +des hoffnungsreichen Jahres 664 (90), Gaius Papius Mutilus, abgewiesen von +seiner Gattin, zu der er verkleidet sich durchgeschlichen und bei der er einen +Zufluchtsort zu finden gedacht hatte, vor der Tür des eigenen Hauses in Teanum +in sein Schwert. Was die Samniten anlangt, so erklärte der Diktator, daß Rom +nicht Ruhe haben werde, solange Samnium bestehe, und daß darum der samnitische +Name von der Erde vertilgt werden müsse; und wie er diese Worte an den vor Rom +und in Praeneste Gefangenen in schrecklicher Weise wahr machte, so scheint er +auch noch einen Verheerungszug durch die Landschaft unternommen, Aesernia 7 +eingenommen (674? 80) und die bis dahin blühende und bevölkerte Landschaft in +die Einöde umgewandelt zu haben, die sie seitdem geblieben ist. Ebenso ward in +Umbrien Tuder durch Marcus Crassus erstürmt. Länger wehrten sich in Etrurien +Populonium und vor allem das unbezwingliche Volaterrae, das aus den Resten der +geschlagenen Partei ein Heer von vier Legionen um sich sammelte und eine +zweijährige, zuerst von Sulla persönlich, sodann von dem gewesenen Prätor Gaius +Carbo, dem Bruder des demokratischen Konsuls, geleitete Belagerung aushielt, +bis endlich im dritten Jahre nach der Schlacht am Collinischen Tor (675 79) die +Besatzung gegen freien Abzug kapitulierte. Aber in dieser entsetzlichen Zeit +galt weder Kriegsrecht noch Kriegszucht; die Soldaten schrien über Verrat und +steinigten ihren allzu nachgiebigen Feldherrn; eine von der römischen Regierung +geschickte Reiterschar hieb die gemäß der Kapitulation abziehende Besatzung +nieder. Das siegreiche Heer wurde durch Italien verteilt und alle unsicheren +Ortschaften mit starken Besatzungen belegt; unter der eisernen Hand der +Sullanischen Offiziere verendeten langsam die letzten Zuckungen der +revolutionären und nationalen Opposition. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +7 Ein anderer Name kann wohl kaum in der Korruptel Liv. 89 miam in Samnio sich +verbergen; vgl. Strab. 5, 3, 10. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Noch gab es in den Provinzen zu tun. Zwar Sardinien war dem Statthalter der +revolutionären Regierung Quintus Antonius rasch durch Lucius Philippus +entrissen worden (672 82) und auch das Transalpinische Gallien leistete +geringen oder gar keinen Widerstand; aber in Sizilien, Spanien, Africa schien +die Sache der in Italien geschlagenen Partei noch keineswegs verloren. Sizilien +regierte für sie der zuverlässige Statthalter Marcus Perpenna. Quintus +Sertorius hatte im Diesseitigen Spanien die Provinzialen an sich zu fesseln und +aus den in Spanien ansässigen Römern eine nicht unansehnliche Armee sich zu +bilden gewußt, welche zunächst die Pyrenäenpässe sperrte; er hatte auch hier +wieder bewiesen, daß, wo immer man ihn hinstellte, er an seinem Platze und +unter all den revolutionären Inkapazitäten er der einzige praktisch brauchbare +Mann war. In Africa war der Statthalter Hadrianus zwar, da er das +Revolutionieren allzu gründlich betrieb und den Sklaven die Freiheit zu +schenken anfing, bei einem durch die römischen Kaufleute von Utica +angezettelten Auflauf in seiner Amtswohnung überfallen und mit seinem Gesinde +verbrannt worden (672 82); indes hielt die Provinz nichtsdestoweniger zu der +revolutionären Regierung, und Cinnas Schwiegersohn, der junge fähige Gnaeus +Domitius Ahenobarbus, übernahm daselbst den Oberbefehl. Es war sogar von dort +aus die Propaganda in die Klientelstaaten Numidien und Mauretanien getragen +worden. Deren legitime Regenten Hiempsal II., des Gauda, und Bogud, des Bocchus +Sohn, hielten zwar mit Sulla; aber mit Hilfe der Cinnaner war jener durch den +demokratischen Prätendenten Hiarbas vom Thron gestoßen worden, und ähnliche +Fehden bewegten das Mauretanische Reich. Der aus Italien geflüchtete Konsul +Carbo verweilte auf der Insel Kossyra (Pantellaria) zwischen Afrika und +Sizilien, unschlüssig, wie es scheint, ob er nach Ägypten sich flüchten oder in +einer der treuen Provinzen versuchen sollte, den Kampf zu erneuern. +</p> + +<p> +Sulla sandte nach Spanien den Gaius Annius und den Gaius Valerius Flaccus, als +Statthalter jenen der jenseitigen, diesen der Ebroprovinz. Das schwierige +Geschäft, die Pyrenäenpässe mit Gewalt sich zu eröffnen, ward ihnen dadurch +erspart, daß der von Sertorius dort hingestellte General durch einen seiner +Offiziere ermordet ward und darauf die Truppen desselben sich verliefen. +Sertorius, viel zu schwach, um sich im gleichen Kampfe zu behaupten, raffte +eilig die nächststehenden Abteilungen zusammen und schiffte in Neukarthago sich +ein - wohin, wußte er selbst nicht, vielleicht an die afrikanische Küste oder +nach den Kanarischen Inseln, nur irgendwohin, wohin Sullas Arm nicht reiche. +Spanien unterwarf hierauf sich willig den Sullanischen Beamten (um 673 81), und +Flaccus focht glücklich mit den Kelten, durch deren Gebiet er marschierte, und +mit den spanischen Keltiberern (674 80). +</p> + +<p> +Nach Sizilien ward Gnaeus Pompeius als Proprätor gesandt und die Insel, als +Pompeius mit 120 Segeln und sechs Legionen sich an der Küste zeigte, von +Perpenna ohne Gegenwehr geräumt. Pompeius schickte von dort ein Geschwader nach +Kossyra, das die daselbst verweilenden Marianischen Offiziere aufhob; Marcus +Brutus und die übrigen wurden sofort hingerichtet, den Konsul Carbo aber hatte +Pompeius befohlen, vor ihn selbst nach Lilybäon zu führen, um ihn hier, +uneingedenk des in gefährlicher Zeit ihm von ebendiesem Manne zuteil gewordenen +Schutzes, persönlich dem Henker zu überliefern (672 82). Von hier weiter +beordert nach Afrika, schlug Pompeius die von Ahenobarbus und Hiarbas +gesammelten, nicht unbedeutenden Streitkräfte mit seinem allerdings weit +zahlreicheren Heer aus dem Felde und gab, die Begrüßung als Imperator vorläufig +ablehnend, sogleich das Zeichen zum Sturm auf das feindliche Lager. So ward er +an einem Tage der Feinde Herr; Ahenobarbus war unter den Gefallenen; mit Hilfe +des Königs Bogud ward Hiarbas in Bulla ergriffen und getötet und Hiempsal in +sein angestammtes Reich wiedereingesetzt; eine große Razzia gegen die Bewohner +der Wüste, von denen eine Anzahl gätulischer, von Marius als frei anerkannter +Stämme Hiempsal untergeben wurden, stellte auch hier die gesunkene Achtung des +römischen Namens wieder her; in vierzig Tagen nach Pompeius’ Landung in +Afrika war alles zu Ende (674? 80). Der Senat wies ihn an, sein Heer +aufzulösen, worin die Andeutung lag, daß er nicht zum Triumph gelassen werden +solle, auf welchen er als außerordentlicher Beamter dem Herkommen nach keinen +Anspruch machen durfte. Der Feldherr grollte heimlich, die Soldaten laut; es +schien einen Augenblick, als werde die afrikanische Armee gegen den Senat +revoltieren und Sulla gegen seinen Tochtermann zu Felde ziehen. Indes Sulla gab +nach und ließ den jungen Mann sich berühmen, der einzige Römer zu sein, der +eher Triumphator (12. März 675 79) als Senator geworden war; ja bei der +Heimkehr von diesen bequemen Großtaten begrüßte der “Glückliche”, +vielleicht nicht ohne einige Ironie, den Jüngling als den “Großen”. +</p> + +<p> +Auch im Osten hatten nach Sullas Einschiffung im Frühling 671 (83) die Waffen +nicht geruht. Die Restauration der alten Verhältnisse und die Unterwerfung +einzelner Städte kostete, wie in Italien so auch in Asien, noch manchen +blutigen Kampf; namentlich gegen die freie Stadt Mytilene mußte Lucius +Lucullus, nachdem er alle milderen Mittel erschöpft hatte, endlich Truppen +führen, und selbst ein Sieg im freien Felde machte dem eigensinnigen Widerstand +der Bürgerschaft kein Ende. +</p> + +<p> +Mittlerweile war der römische Statthalter von Asien, Lucius Murena, mit dem +König Mithradates in neue Verwicklungen geraten. Dieser hatte sich nach dem +Frieden beschäftigt, seine auch in den nördlichen Provinzen erschütterte +Herrschaft wieder zu befestigen; er hatte die Kolchier beruhigt, indem er +seinen tüchtigen Sohn Mithradates ihnen zum Statthalter setzte, dann diesen +selbst aus dem Wege geräumt, und rüstete nun zu einem Zug in sein +Bosporanisches Reich. Auf die Versicherungen des Archelaos hin, der inzwischen +bei Murena eine Freistatt hatte suchen müssen, daß diese Rüstungen gegen Rom +gerichtet seien, setzte sich Murena unter dem Vorgeben, daß Mithradates noch +kappadokische Grenzdistrikte in Besitz habe, mit seinen Truppen nach dem +kappadokischen Komana in Bewegung, verletzte also die pontische Grenze (671 +83). Mithradates begnügte sich, bei Murena und, da dies vergeblich war, bei der +römischen Regierung Beschwerde zu führen. In der Tat erschienen Beauftragte +Sullas den Statthalter abzumahnen; allein er fügte sich nicht, sondern +überschritt den Halys und betrat das unbestritten pontische Gebiet, worauf +Mithradates beschloß, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Sein Feldherr Gordios +mußte das römische Heer festhalten, bis der König mit weit überlegenen +Streitkräften herankam und die Schlacht erzwang; Murena ward besiegt und mit +großem Verlust bis über die römische Grenze nach Phrygien zurückgeworfen, die +römischen Besatzungen aus ganz Kappadokien vertrieben. Murena hatte zwar die +Stirn, wegen dieser Vorgänge sich Sieger zu nennen und den Imperatorentitel +anzunehmen (672 82); indes die derbe Lektion und eine zweite Mahnung Sullas +bewogen ihn doch endlich, die Sache nicht weiterzutreiben; der Friede zwischen +Rom und Mithradates ward erneuert (673 81). +</p> + +<p> +Über diese törichte Fehde war die Bezwingung der Mytilenäer verzögert worden; +erst Murenas Nachfolger gelang es nach langer Belagerung zu Lande und zur See, +wobei die bithynische Flotte gute Dienste tat, die Stadt mit Sturm einzunehmen +(675 79). +</p> + +<p> +Die zehnjährige Revolution und Insurrektion war im Westen und im Osten zu Ende; +der Staat hatte wieder eine einheitliche Regierung und Frieden nach außen und +innen. Nach den fürchterlichen Konvulsionen der letzten Jahre war schon diese +Rast eine Erleichterung; ob sie mehr gewähren sollte, ob der bedeutende Mann, +dem das schwere Werk der Bewältigung des Landesfeindes, das schwerere der +Bändigung der Revolution gelungen war, auch dem schwersten von allen, der +Wiederherstellung der in ihren Grundfesten schwankenden sozialen und +politischen Ordnung zu genügen vermochte, mußte demnächst sich entscheiden. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap10"></a>KAPITEL X.<br/> +Die Sullanische Verfassung</h2> + +<p> +Um die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen Römern und Römern geschlagen +ward, in der Nacht des 6. Juli 671 (83), war der ehrwürdige Tempel, den die +Könige errichtet, die junge Freiheit geweiht, die Stürme eines halben +Jahrtausends verschont hatten, der Tempel des Römischen Jupiter, auf dem +Kapitol in Flammen aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des +Zustandes der römischen Verfassung. Auch diese lag in Trümmern und bedurfte +eines neuen Aufbaus. Die Revolution war zwar besiegt, aber es fehlte doch viel, +daß damit von selber das alte Regiment wieder sich hergestellt hätte. +Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, daß jetzt nach dem Tode der +beiden revolutionären Konsuln es genügen werde, die gewöhnliche Ergänzungswahl +zu veranstalten und es dem Senat zu überlassen, was ihm zur Belohnung der +siegreichen Armee, zur Bestrafung der schuldigsten Revolutionäre, etwa auch zur +Verhütung ähnlicher Ausbrüche weiter erforderlich erscheinen werde. Allein +Sulla, in dessen Händen der Sieg für den Augenblick alle Macht vereinigt hatte, +urteilte richtiger über die Verhältnisse und die Personen. Die Aristokratie +Roms war in ihrer besten Epoche nicht hinausgekommen über ein halb großartiges, +halb borniertes Festhalten an den überlieferten Formen; wie sollte das +schwerfällige kollegialische Regiment dieser Zeit dazu kommen, eine umfassende +Staatsreform energisch und konsequent durchzuführen? Und eben jetzt, nachdem +die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weggerafft hatte, war in +demselben die zu einem solchen Beginnen erforderliche Kraft und Intelligenz +weniger als je zu finden. Wie unbrauchbar durchgängig das aristokratische +Vollblut und wie wenig Sulla über dessen Nichtsnutzigkeit im unklaren war, +beweist die Tatsache, daß mit Ausnahme des ihm verschwägerten Quintus Metellus +er sich seine Werkzeuge sämtlich auslas aus der ehemaligen Mittelpartei und den +Überläufern aus dem demokratischen Lager - so Lucius Flaccus, Lucius Philippus, +Quintus Ofella, Gnaeus Pompeius. Sulla war die Wiederherstellung der alten +Verfassung so sehr Ernst wie nur dem leidenschaftlichsten aristokratischen +Emigranten; aber er begriff, wohl auch nicht in dem ganzen und vollen Umfang - +wie hätte er sonst überhaupt Hand ans Werk zu legen vermocht? -, aber doch +besser als seine Partei, welchen ungeheuren Schwierigkeiten dieses +Restaurationswerk unterlag. Als unumgänglich betrachtete er teils umfassende +Konzessionen, soweit Nachgiebigkeit möglich war, ohne das Wesen der Oligarchie +anzutasten, teils die Herstellung eines energischen Repressiv- und +Präventivsystems; und er sah es deutlich, daß der Senat, wie er war, jede +Konzession verweigern oder verstümmeln, jeden systematischen Neubau +parlamentarisch ruinieren werde. Hatte Sulla schon nach der Sulpicischen +Revolution, ohne viel zu fragen, in der einen und der andern Richtung +durchgesetzt, was er für nötig erachtete, so war er auch jetzt unter weit +schärferen und gespannteren Verhältnissen entschlossen, die Oligarchie nicht +mit, sondern trotz der Oligarchen auf eigene Hand zu restaurieren. Sulla aber +war nicht wie damals Konsul, sondern bloß mit prokonsularischer, das heißt rein +militärischer Gewalt ausgestattet; er bedurfte einer möglichst nahe an den +verfassungsmäßigen Formen sich haltenden, aber doch außerordentlichen Gewalt, +um Freunden und Feinden seine Reform zu oktroyieren. In einem Schreiben an den +Senat eröffnete er demselben, daß es ihm unumgänglich scheine, die Ordnung des +Staates in die Hände eines einzigen, mit unumschränkter Machtvollkommenheit +ausgerüsteten Mannes zu legen, und daß er sich für geeignet halte, diese +schwierige Aufgabe zu erfüllen. Dieser Vorschlag, so unbequem er vielen kam, +war unter den obwaltenden Umständen ein Befehl. Im Auftrag des Senats brachte +der Vormann desselben, der Zwischenkönig Lucius Valerius Flaccus der Vater, als +interimistischer Inhaber der höchsten Gewalt bei der Bürgerschaft den Antrag +ein, daß dem Prokonsul Lucius Cornelius Sulla für die Vergangenheit die +nachträgliche Billigung aller von ihm als Konsul und Prokonsul vollzogenen +Amtshandlungen, für die Zukunft aber das Recht erteilt werden möge, über Leben +und Eigentum der Bürger in erster und letzter Instanz zu erkennen, mit den +Staatsdomänen nach Gutdünken zu schalten, die Grenzen Roms, Italiens, des +Staats nach Ermessen zu verschieben, in Italien Stadtgemeinden aufzulösen oder +zu gründen, über die Provinzen und die abhängigen Staaten zu verfügen, das +höchste Imperium anstatt des Volkes zu vergeben und Prokonsuln und Proprätoren +zu ernennen, endlich durch neue Gesetze für die Zukunft den Staat zu ordnen; +daß es in sein eigenes Ermessen gestellt werden solle, wann er seine Aufgabe +gelöst und es an der Zeit erachte, dies außerordentliche Amt niederzulegen; daß +endlich während desselben es von seinem Gutfinden abhängen solle, die +ordentliche höchste Magistratur daneben eintreten oder auch ruhen zu lassen. Es +versteht sich, daß die Annahme ohne Widerspruch stattfand (November 672 82), +und nun erst erschien der neue Herr des Staates, der bisher als Prokonsul die +Hauptstadt zu betreten vermieden hatte, innerhalb der Mauern von Rom. Den Namen +entlehnte dies neue Amt von der seit dem Hannibalischen Kriege tatsächlich +abgeschafften Diktatur; aber sie außer seinem bewaffneten Gefolge ihm doppelt +so viele Liktoren vorausschritten als dem Diktator der älteren Zeit, so war +auch in der Tat diese neue “Diktatur zur Abfassung von Gesetzen und zur +Ordnung des Gemeinwesens”, wie die offizielle Titulatur lautet, ein ganz +anderes als jenes ehemalige, der Zeit und der Kompetenz nach beschränkte, die +Provokation an die Bürgerschaft nicht ausschließende und die ordentliche +Magistratur nicht annullierende Amt. Es glich dasselbe vielmehr dem der +“Zehnmänner zur Abfassung von Gesetzen”, die gleichfalls als +außerordentliche Regierung mit unbeschränkter Machtvollkommenheit unter +Beseitigung der ordentlichen Magistratur aufgetreten waren und tatsächlich +wenigstens ihr Amt als ein der Zeit nach unbegrenztes verwaltet hatten. Oder +vielmehr dies neue Amt mit seiner auf einem Volksbeschluß ruhenden, durch keine +Befristung und Kollegialität eingeengten absoluten Gewalt war nichts anderes +als das alte Königtum, das ja eben auch beruhte auf der freien Verpflichtung +der Bürgerschaft, einem aus ihrer Mitte als absolutem Herrn zu gehorchen. +Selbst von Zeitgenossen wird zur Rechtfertigung Sullas es geltend gemacht, daß +ein König besser sei als eine schlechte Verfassung ^1, und vermutlich ward auch +der Diktatortitel nur gewählt um anzudeuten, daß, wie die ehemalige Diktatur +eine vielfach beschränkte, so diese neue eine vollständige Wiederaufnahme der +königlichen Gewalt in sich enthalte. So fiel denn seltsamerweise Sullas Weg +auch hier zusammen mit dem, den in so ganz anderer Absicht Gaius Gracchus +eingeschlagen hatte. Auch hier mußte die konservative Partei von ihren Gegnern +borgen, der Schirmherr der oligarchischen Verfassung selbst auftreten als +Tyrann, um die ewig andringende Tyrannis abzuwehren. Es war gar viel Niederlage +in diesem letzten Siege der Oligarchie. +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +^1 Satius est uti regibus quam uti malis legibus (Rhet. Her. 2, 22). +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +Sulla hatte die schwierige und grauenvolle Arbeit des Restaurationswerkes nicht +gesucht und nicht gewünscht; da ihm aber keine andere Wahl blieb, als sie +gänzlich unfähigen Händen zu überlassen oder sie selber zu übernehmen, griff er +sie an mit rücksichtsloser Energie. Vor allen Dingen mußte eine Feststellung +hinsichtlich der Schuldigen getroffen werden. Sulla war an sich zum Verzeihen +geneigt. Sanguinischen Temperaments wie er war, konnte er wohl zornig +aufbrausen, und der mochte sich hüten, der sein Auge flammen und seine Wangen +sich färben sah; aber die chronische Rachsucht, wie sie Marius in seiner +greisenhaften Verbitterung eigen war, war seinem leichten Naturell durchaus +fremd. Nicht bloß nach der Revolution von 666 (88) war er mit verhältnismäßig +großer Milde aufgetreten; auch die zweite, die so furchtbare Greuel verübt und +ihn persönlich so empfindlich getroffen hatte, hatte ihn nicht aus dem +Gleichgewicht gebracht. In derselben Zeit, so der Henker die Körper seiner +Freunde durch die Straßen der Hauptstadt schleifte, hatte er dem blutbefleckten +Fimbria das Leben zu retten gesucht und, da dieser freiwillig den Tod nahm, +Befehl gegeben, seine Leiche anständig zu bestatten. Bei der Landung in Italien +hatte er ernstlich sich erboten, zu vergeben und zu vergessen, und keiner, der +seinen Frieden zu machen kam, war zurückgewiesen worden. Noch nach den ersten +Erfolgen hatte er in diesem Sinne mit Lucius Scipio verhandelt; die +Revolutionspartei war es gewesen, die diese Verhandlungen nicht bloß +abgebrochen, sondern nach denselben, im letzten Augenblicke vor ihrem Sturz, +die Mordtaten abermals und grauenvoller als je wieder aufgenommen, ja zur +Vernichtung der Stadt Rom sich mit dem uralten Landesfeind verschworen hatte. +Nun war es genug. Kraft seiner neuen Amtsgewalt erklärte Sulla unmittelbar nach +Übernahme der Regentschaft als Feinde des Vaterlands vogelfrei sämtliche Zivil- +und Militärbeamte, welche nach dem, Sullas Behauptung zufolge rechtsbeständig +abgeschlossenen, Vertrag mit Scipio noch für die Revolution tätig gewesen +wären, und von den übrigen Bürgern diejenigen, die in auffallender Weise +derselben Vorschub getan hätten. Wer einen dieser Vogelfreien tötete, war nicht +bloß straffrei wie der Henker, der ordnungsmäßig eine Exekution vollzieht, +sondern erhielt auch für die Hinrichtung eine Vergütung von 12000 Denaren (3600 +Tälern); jeder dagegen, der eines Geächteten sich annahm, selbst der nächste +Verwandte, unterlag der schwersten Strafe. Das Vermögen der Geächteten verfiel +dem Staat gleich der Feindesbeute; ihre Kinder und Enkel wurden von der +politischen Laufbahn ausgeschlossen, dennoch aber, insofern sie senatorischen +Standes waren, verpflichtet, die senatorischen Lasten für ihren Teil zu +übernehmen. Die letzten Bestimmungen fanden auch Anwendung auf die Güter und +die Nachkommen derjenigen, die im Kampfe für die Revolution gefallen waren; was +noch hinausging selbst über die im ältesten Recht gegen solche, die die Waffen +gegen ihr Vaterland getragen hatten, geordneten Strafen. Das Schrecklichste in +diesem Schreckenssystem war die Unbestimmtheit der aufgestellten Kategorien, +gegen die sofort im Senat remonstriert ward und der Sulla selber dadurch +abzuhelfen suchte, daß er die Namen der Geächteten öffentlich anschlagen ließ +und als letzten Termin für den Schluß der Ächtungsliste den 1. Juni 673 (81) +festsetzte. Sosehr diese täglich anschwellende und zuletzt bis auf 4700 Namen +steigende Bluttafel 2 das gerechte Entsetzen der Bürger war, so war doch damit +der reinen Schergenwillkür in etwa gesteuert. Es war wenigstens nicht der +persönliche Groll des Regenten, dem die Masse dieser Opfer fiel; sein grimmiger +Haß richtete sich einzig gegen die Marier, die Urheber der scheußlichen +Metzeleien von 667 (87) und 672 (82). Auf seinen Befehl ward das Grab des +Siegers von Aquae Sextiae wiederaufgerissen und die Asche desselben in den Anio +gestreut, die Denkmäler seiner Siege über Afrikaner und Deutsche umgestürzt +und, da ihn selbst sowie seinen Sohn der Tod seiner Rache entrückt hatte, sein +Adoptivneffe Marcus Marius Gratidianus, der zweimal Prätor gewesen und bei der +römischen Bürgerschaft sehr beliebt war, an dem Grabe des bejammernswertesten +der Marianischen Schlachtopfer, des Catulus, unter den grausamsten Martern +hingerichtet. Auch sonst hatte der Tod schon die namhaftesten der Gegner +hingerafft; von den Führern waren nur noch übrig Gaius Norbanus, der in Rhodos +Hand an sich selbst legte, während die Ekklesia über seine Auslieferung beriet; +Lucius Scipio, dem seine Bedeutungslosigkeit und wohl auch seine vornehme +Geburt Schonung verschafften und die Erlaubnis, in seiner Zufluchtsstätte +Massalia seine Tage in Ruhe beschließen zu dürfen; und Quintus Sertorius, der +landflüchtig an der mauretanischen Küste umherirrte. Aber dennoch häuften sich +am Servilischen Bassin, da wo die Jugarische Gasse in den Marktplatz +einmündete, die Häupter der getöteten Senatoren, welche hier öffentlich +auszustellen der Diktator befohlen hatte, und vor allem unter den Männern +zweiten und dritten Ranges hielt der Tod eine furchtbare Ernte. Außer denen, +die für Ehre Dienste in der oder für die revolutionäre Armee ohne viele Wahl, +zuweilen wegen eines einem der Offiziere derselben gemachten Vorschusses oder +wegen der mit einem solchen geschlossenen Gastfreundschaft, in die Liste +eingetragen wurden, traf namentlich jene Kapitalisten, die über die Senatoren +zu Gericht gesessen und in Marianischen Konfiskationen spekuliert hatten, +“die Einsäckler”, die Vergeltung; etwa sechzehnhundert der +sogenannten Ritter 3 waren auf der Ächtungsliste verzeichnet. Ebenso büßten die +gewerbsmäßigen Ankläger, die schwerste Geißel der Vornehmen, die sich ein +Geschäft daraus machten, die Männer senatorischen Standes vor die +Rittergerichte zu ziehen - “Wie geht es nur zu”, fragte bald darauf +ein Sachwalter, “daß sie uns die Gerichtsbänke gelassen haben, da sie +doch Ankläger und Richter totschlugen?” Die wildesten und schändlichsten +Leidenschaften rasten viele Monate hindurch ungefesselt durch Italien. In der +Hauptstadt war es ein Keltentrupp, dem zunächst die Exekutionen aufgetragen +wurden, und Sullanische Soldaten und Unteroffiziere durchzogen zu gleichem +Zweck die verschiedenen Distrikte Italiens; aber auch jeder Freiwillige war ja +willkommen, und vornehmes und niederes Gesindel drängte sich herbei, nicht +bloß, um die Mordprämie zu verdienen, sondern auch, um unter dem Deckmantel der +politischen Verfolgung die eigene Rachsucht oder Habsucht zu befriedigen. Es +kam wohl vor, daß der Eintragung in die Ächtungsliste die Ermordung nicht +nachfolgte, sondern voranging. Ein Beispiel zeigt, in welcher Art diese +Exekutionen erfolgten. In Larinum, einer marianisch gesinnten Neubürgerstadt, +trat ein gewisser Statius Albius Oppianicus, der um einer Anklage wegen Mordes +zu entgehen in das Sullanische Hauptquartier entwichen war, nach dem Sieg auf +als Kommissarius des Regenten, setzte die Stadtobrigkeit ab und sich und seine +Freunde an deren Stelle und ließ den, der ihn mit der Anklage bedroht hatte, +nebst dessen nächsten Verwandten und Freunden ächten und töten. So fielen +unzählige, darunter nicht wenige entschiedene Anhänger der Oligarchie, als +Opfer der Privatfeindschaft oder ihres Reichtums; die fürchterliche Verwirrung +und die sträfliche Nachsicht, die Sulla wie überall so auch hier gegen die ihm +näher Stehenden bewies, verhinderten jede Ahndung auch nur der hierbei mit +untergelaufenen gemeinen Verbrechen. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +2 Diese Gesamtzahl gibt Valerius Maximus 9, 2, 1. Nach Appian (civ. 1, 9.5) +wurden von Sulla geächtet gegen 40 Senatoren, wozu nachträglich noch einige +hinzukamen, und etwa 1600 Ritter; nach Florus (2, 9; daraus Aug. civ. 3, 28) +2000 Senatoren und Ritter. Nach Plutarch (Sull. 31) wurden in den ersten drei +Tagen 520, nach Orosius (hist. 5, 21) in den ersten Tagen 580 Namen in die +Liste eingetragen. Zwischen all diesen Berichten ist ein wesentlicher +Widerspruch nicht vorhanden, da ja teils nicht bloß Senatoren und Ritter +getötet wurden, teils die Liste monatelang offenblieb, Wenn an einer anderen +Stelle Appian (civ. 1, 103) als von Sulla getötet oder verbannt aufführt +fünfzehn Konsulare, 90 Senatoren, 2600 Ritter, so sind hier, wie schon der +Zusammenhang zeigt, die Opfer des Bürgerkriegs überhaupt und die Opfer Sullas +verwechselt. Die fünfzehn Konsulate sind Quintus Catulus Konsul 652 (102), +Marcus Antonius 655 (99), Publius Crassus 657 (97) Quintus Scaevola 659 (95), +Lucius Domitius 660 (94), Lucius Caesar 664 (90), Quintus Rufus 666 (88), +Lucius Cinna 667-670 (87-84), Gnaeus Octavius 667 (87), Lucius Merula 667 (87), +Lucius Flaccus 668 (86), Gnaeus Carbo 669, 670, 672 (85, 84, 82), Gaius +Norbanus 671 (83), Lucius Scipio 671 (83), Gaius Marius 672 (82), von denen +vierzehn getötet, einer, Lucius Scipio, verbannt wurde. Wenn dagegen der +Livianische Bericht bei Eutrop (5, 9) und Orosius (5, 22) als im +Bundesgenossen- und Bürgerkrieg weggerafft (consumpti) angibt 24 Konsulare, +sieben Prätorier, sechs Ädilizier, 200 Senatoren, so sind hier teils die im +Italischen Kriege gefallenen Männer mitgezählt, wie die Konsulare Aulus +Albinus, Konsul 655 (99), Titus Didius 656 (98), Publius Lupus 664 (90), Lucius +Cato 665 (89), teils vielleicht Quintus Metellus Numidicus, Manius Aquillius, +Gaius Marius der Vater, Gnaeus Strabo, die man allenfalls auch als Opfer dieser +Zeit ansehen konnte, oder andere Männer, deren Schicksal uns nicht bekannt ist. +Von den vierzehn getöteten Konsularen sind drei, Rufus, Cinna und Flaccus, +durch Militärrevolten, dagegen acht Sullanische, drei Marianische Konsulate als +Opfer der Gegenpartei gefallen. Nach der Vergleichung der oben angegebenen +Ziffern galten als Opfer des Marius 50 Senatoren und 1000 Ritter, als Opfer des +Sulla 40 Senatoren und 1600 Ritter; es gibt dies einen wenigstens nicht ganz +willkürlichen Maßstab zur Abschätzung des Umfangs der beiderseitigen Frevel. +</p> + +<p> +3 Einer von diesen ist der in Ciceros Rede für Publius Quinctius öfter genannte +Senator Sextus Alfenus. +</p> + +<p> +————————————————————————————— +</p> + +<p> +In ähnlicher Weise ward mit dem Beutegut verfahren. Sulla wirkte aus +politischen Rücksichten dahin, daß die angesehenen Bürger sich bei dessen +Ersteigerung beteiligten; ein großer Teil drängte übrigens freiwillig sich +herbei, keiner eifriger als der junge Marcus Crassus. Unter den obwaltenden +Umständen war die ärgste Schleuderwirtschaft nicht zu vermeiden, die übrigens +zum Teil schon aus der römischen Weise folgte, die vom Staat eingezogenen +Vermögen gegen eine Pauschalsumme zur Realisierung zu verkaufen; es kam noch +hinzu, daß der Regent teils sich selbst nicht vergaß, teils besonders seine +Gemahlin Metella und andere ihm nahestehende vornehme und geringe Personen, +selbst Freigelassene und Kneipgenossen, bald ohne Konkurrenz kaufen ließ, bald +ihnen den Kaufschilling ganz oder teilweise erließ - so soll zum Beispiel einer +seiner Freigelassenen ein Vermögen von 6 Millionen (457000 Talern) für 2000 +Sesterzen (152 Taler) ersteigert haben und einer seiner Unteroffiziere durch +derartige Spekulationen zu einem Vermögen von 10 Mill. Sesterzen (761000 +Talern) gelangt sein. Der Unwille war groß und gerecht; schon während Sollas +Regentschaft fragte ein Advokat, ob der Adel den Bürgerkrieg nur geführt habe, +um seine Freigelassenen und Knechte zu reichen Leuten zu machen. Trotz dieser +Schleuderei indes betrug der Gesamterlös aus den konfiszierten Gütern nicht +weniger als 350 Mill. Sesterzen (27 Mill. Taler), was von dem ungeheuren Umfang +dieser hauptsächlich auf den reichsten Teil der Bürgerschaft fallenden +Einziehungen einen ungefähren Begriff gibt. Es war durchaus ein fürchterliches +Strafgericht. Es gab keinen Prozeß, keine Begnadigung mehr; bleischwer lastete +der dumpfe Schrecken auf dem Lande, und das freie Wort war auf dem Markte der +Haupt- wie der Landstadt verstummt. Das oligarchische Schreckensregiment trug +wohl einen anderen Stempel als das revolutionäre; wenn Marius seine persönliche +Rachsucht im Blute seiner Feinde gelöscht hatte, so schien Sulla den +Terrorismus man möchte sagen abstrakt als zur Einführung der neuen +Gewaltherrschaft notwendig zu erachten und die Metzelei fast gleichgültig zu +betreiben oder betreiben zu lassen. Aber nur um so entsetzlicher erschien das +Schreckensregiment, indem es von der konservativen Seite her und gewissermaßen +ohne Leidenschaft auftrat; nur um so unrettbarer schien das Gemeinwesen +verloren, indem der Wahnsinn und der Frevel auf beiden Seiten im Gleichgewicht +standen. +</p> + +<p> +In der Ordnung der Verhältnisse Italiens und der Hauptstadt hielt Sulla, obwohl +er sonst im allgemeinen alle während der Revolution vorgenommenen, nicht bloß +die laufenden Geschäfte erledigenden Staatshandlungen als nichtig behandelte, +doch fest an dem von ihr aufgestellten Grundsatz, daß jeder Bürger einer +italischen Gemeinde damit von selbst auch Bürger von Rom sei; die Unterschiede +zwischen Bürgern und italischen Bundesgenossen, zwischen Altbürgern besseren +und Neubürgern beschränkteren Rechts waren und blieben beseitigt. Nur den +Freigelassenen ward das unbeschränkte Stimmrecht abermals entzogen und für sie +das alte Verhältnis wiederhergestellt. Den aristokratischen Ultras mochte dies +als eine große Konzession erscheinen; Sulla sah, daß den revolutionären Führern +jene mächtigen Hebel notwendig aus der Hand gewunden werden mußten und daß die +Herrschaft der Oligarchie durch die Vermehrung der Zahl der Bürger nicht +wesentlich gefährdet ward. Aber mit dieser Nachgiebigkeit im Prinzip verband +sich das härteste Gericht über die einzelnen Gemeinden in sämtlichen +Landschaften Italiens, ausgeführt durch Spezialkommissare und unter Mitwirkung +der durch die ganze Halbinsel verteilten Besatzungen. Manche Städte wurden +belohnt, wie zum Beispiel die erste Gemeinde, die sich an Sulla angeschlossen +hatte, Brundisium, jetzt die für diesen Seehafen so wichtige Zollfreiheit +erhielt; mehrere bestraft. Den minder Schuldigen wurden Geldbußen, +Niederreißung der Mauern, Schleifung der Burgen diktiert; den hartnäckigsten +Gegnern konfiszierte der Regent einen Teil ihrer Feldmark, zum Teil sogar das +ganze Gebiet, wie denn dies rechtlich allerdings als verwirkt angesehen werden +konnte, mochte man nun sie als Bürgergemeinden behandeln, die die Waffen gegen +ihr Vaterland getragen, oder als Bundesstaaten, die dem ewigen Friedensvertrag +zuwider mit Rom Krieg geführt hatten. In diesem Falle ward zugleich allen aus +dem Besitz gesetzten Bürgern, aber auch nur diesen, ihr Stadt- und zugleich das +römische Bürgerrecht aberkannt, wogegen sie das schlechteste latinische +empfingen 4. Man vermied also an italischen Untertanengemeinden geringeren +Rechts der Opposition einen Kern zu gewähren; die heimatlosen Expropriierten +mußten bald in der Masse des Proletariats sich verlieren. In Kampanien ward +nicht bloß, wie sich von selbst versteht, die demokratische Kolonie Capua +aufgehoben und die Domäne an den Staat zurückgegeben, sondern auch, +wahrscheinlich um diese Zeit, der Gemeinde Neapolis die Insel Aenaria (Ischia) +entzogen. In Latium wurde die gesamte Mark der großen und reichen Stadt +Praeneste und vermutlich auch die von Norba eingezogen, ebenso in Umbrien die +von Spoletium. Sulmo in der pälignischen Landschaft ward sogar geschleift. Aber +vor allem schwer lastete des Regenten eiserner Arm auf den beiden Landschaften, +die bis zuletzt und noch nach der Schlacht am Collinischen Tor ernstlichen +Widerstand geleistet hatten, auf Etrurien und Samnium. Dort traf die +Gesamtkonfiskation eine Reihe der ansehnlichsten Kommunen, zum Beispiel +Florentia, Faesulae, Arretium, Volaterrae. Von Samniums Schicksal ward schon +gesprochen; hier ward nicht konfisziert, sondern das Land für immer verwüstet, +seine blühenden Städte, selbst die ehemalige latinische Kolonie Aesernia, öde +gelegt und die Landschaft der bruttischen und lucanischen gleichgestellt. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +4 Es kam hierbei noch die eigentümliche Erschwerung hinzu, daß das latinische +Recht sonst regelmäßig, ebenwie das peregrinische, die Mitgliedschaft in einer +bestimmten latinischen oder peregrinischen Gemeinde in sich schloß, hier aber - +ähnlich wie bei den späteren Freigelassenen latinischen und deditizischen +Rechts (vgl. 3, 258 A.) - ohne ein solches eigenes Stadtrecht auftrat. Die +Folge war, daß diese Latiner die an die Stadtverfassung geknüpften Privilegien +entbehrten, genau genommen auch nicht testieren konnten, da niemand anders ein +Testament errichten kann als nach dem Recht seiner Stadt; wohl aber konnten sie +aus römischen Testamenten erwerben und unter Lebenden unter sich wie mit Römern +oder Latinern in den Formen des römischen Rechts verkehren. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Diese Anordnungen über das italische Bodeneigentum stellten teils diejenigen +römischen Domanialländereien, welche den ehemaligen Bundesgenossengemeinden zur +Nutznießung übertragen waren und jetzt mit deren Auflösung an die römische +Regierung zurückfielen, teils die eingezogenen Feldmarken der straffälligen +Gemeinden zur Verfügung des Regenten; und er benutzte sie, um darauf die +Soldaten der siegreichen Armee ansässig zu machen. Die meisten dieser neuen +Ansiedlungen kamen nach Etrurien, zum Beispiel nach Faesulae und Arretium, +andere nach Latium und Kampanien, wo unter andern Praeneste und Pompeii +Sullanische Kolonien wurden. Samnium wiederzubevölkern lag, wie gesagt, nicht +in der Absicht des Regenten. Ein großer Teil dieser Assignationen erfolgte in +gracchanischer Weise, so daß die Angesiedelten zu einer schon bestehenden +Stadtgemeinde hinzutraten. Wie umfassend die Ansiedelung war, zeigt die Zahl +der verteilten Landlose, die auf 120000 angegeben wird; wobei dennoch einige +Ackerkomplexe anderweitig verwandt wurden, wie zum Beispiel der Dianentempel +auf dem Berg Tifata mit Ländereien beschenkt ward, andere, wie die +volaterranische Mark und ein Teil der arretinischen, unverteilt blieben, andere +endlich nach dem alten, gesetzlich untersagten, aber jetzt wiederauftauchenden +Mißbrauch von Sullas Günstlingen nach Okkupationsrecht eingenommen wurden. Die +Zwecke, die Sulla bei dieser Kolonisation verfolgte, waren mannigfacher Art. +Zunächst löste er damit seinen Soldaten das gegebene Wort. Ferner nahm er damit +den Gedanken auf, in dem die Reformpartei und die gemäßigten Konservativen +zusammentrafen und demgemäß er selbst schon im Jahre 666 (88) die Gründung +einer Anzahl von Kolonien angeordnet hatte: die Zahl der ackerbauenden +Kleinbesitzer in Italien durch Zerschlagung größerer Besitzungen von Seiten der +Regierung zu vermehren; wie ernstlich ihm hieran gelegen war, zeigt das +erneuerte Verbot des Zusammenschlagens der Ackerlose. Endlich und vor allem sah +er in diesen angesiedelten Soldaten gleichsam stehende Besatzungen, die mit +ihrem Eigentumsrecht zugleich seine neue Verfassung schirmen würden; weshalb +auch, wo nicht die ganze Mark eingezogen ward, wie zum Beispiel in Pompeii, die +Kolonisten nicht mit der Stadtgemeinde verschmolzen, sondern die Altbürger und +die Kolonisten als zwei in demselben Mauerring vereinigte Bürgerschaften +konstituiert wurden. Diese Kolonialgründungen ruhten wohl auch wie die älteren +auf Volksschluß, aber doch nur mittelbar, insofern sie der Regent auf Grund der +desfälligen Klausel des Valerischen Gesetzes konstituierte; der Sache nach +gingen sie hervor aus der Machtvollkommenheit des Herrschers und erinnerten +insofern an das freie Schalten der ehemaligen königlichen Gewalt über das +Staatsgut. Insofern aber, als der Gegensatz des Soldaten und des Bürgers, der +sonst eben durch die Deduktion der Soldaten aufgehoben ward, bei den +Sullanischen Kolonien noch nach ihrer Ausführung lebendig bleiben sollte und +blieb, und als diese Kolonisten gleichsam das stehende Heer des Senats +bildeten, werden sie nicht unrichtig im Gegensatz gegen die älteren als +Militärkolonien bezeichnet. +</p> + +<p> +Dieser faktischen Konstituierung einer stehenden Armee des Senats verwandt ist +die Maßregel des Regenten, aus den Sklaven der Geächteten über 10000 der +jüngsten und kräftigsten Männer auszuwählen und insgesamt freizusprechen. Diese +neuen Cornelier, deren bürgerliche Existenz an die Rechtsbeständigkeit der +Institutionen ihres Patrons geknüpft war, sollten eine Art von Leibwache für +die Oligarchie sein und ihr den städtischen Pöbel beherrschen helfen, auf den +nun einmal in der Hauptstadt in Ermangelung einer Besatzung alles ankam. +</p> + +<p> +Diese außerordentlichen Stützen, auf die zunächst der Regent die Oligarchie +lehnte, schwach und ephemer wie sie wohl auch ihrem Urheber erscheinen mochten, +waren doch die einzig möglichen, wenn man nicht zu Mitteln greifen wollte, wie +die förmliche Aufstellung eines stehendes Heeres in Rom und dergleichen +Maßregeln mehr, die der Oligarchie noch weit eher ein Ende gemacht haben würden +als ,die demagogischen Angriffe. Das dauernde Fundament der ordentlichen +Regierungsgewalt der Oligarchie mußte natürlich der Senat sein mit einer so +gesteigerten und so konzentrierten Gewalt, daß er an jedem einzelnen +Angriffspunkt den nichtorganisierten Gegnern überlegen gegenüberstand. Das +vierzig Jahre hindurch befolgte System der Transaktionen war zu Ende. Die +Gracchische Verfassung, noch geschont in der ersten Sullanischen Reform von +666, ward jetzt von Grund aus beseitigt. Seit Gaius Gracchus hatte die +Regierung dem hauptstädtischen Proletariat gleichsam das Recht der Erneute +zugestanden und es abgekauft durch regelmäßige Getreideverteilungen an die in +der Hauptstadt domizilierten Bürger; Sulla schaffte dieselben ab. Durch die +Verpachtung der Zehnten und Zölle der Provinz Asia in Rom hatte Gaius Gracchus +den Kapitalistenstand organisiert und fundiert; Sulla hob das System der +Mittelsmänner auf und verwandelte die bisherigen Leistungen der Asiaten in +feste Abgaben, welche nach den zum Zweck der Nachzahlung der Rückstände +entworfenen Schätzungslisten auf die einzelnen Bezirke umgelegt wurden 5. Gaius +Gracchus hatte durch Übergabe der Geschworenenposten an die Männer vom +Ritterzensus dem Kapitalistenstand eine indirekte Mitverwaltung und +Mitregierung erwirkt, die nicht selten sich stärker als die offizielle +Verwaltung und Regierung erwies; Sulla schaffte die Rittergerichte ab und +stellte die senatorischen wieder her. Gaius Gracchus oder doch die gracchische +Zeit hatte den Rittern einen Sonderstand bei den Volksfesten eingeräumt, wie +ihn schon seit längerer Zeit die Senatoren besaßen; Sulla hob ihn auf und wies +die Ritter zurück auf die Plebejerbänke 6. Der Ritterstand, als solcher durch +Gaius Gracchus geschaffen, verlor seine politische Existenz durch Sulla. +Unbedingt, ungeteilt und auf die Dauer sollte der Senat die höchste Macht in +Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichten überkommen und auch äußerlich nicht bloß +als privilegierter, sondern als einzig privilegierter Stand auftreten. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +5 Daß Sullas Umlage der rückständigen fünf Jahresziele und der Kriegskosten auf +die Gemeinden von Asia (App. Mithr. 62 und sonst) auch für die Zukunft +maßgebend war, zeigt schon die Zurückführung der Einteilung Asias in vierzig +Distrikte auf Sulla (Cassiod. chron. 670) und die Zugrundelegung der +sullanischen Repartition bei späteren Ausschreibungen (Cic. Flacc. 14, 32), +ferner, daß bei dem Flottenbau 672 (81) die hierzu verwandten Summen an der +Steuerzahlung (ex pecunia vectigali populo Romano) gekürzt werden (Cic. Verr. +1, 35, 89). Geradezu sagt endlich Cicero (ad Q. fr. 1, 11, 33), daß die +Griechen “nicht imstande waren, von sich aus den von Sulla ihnen +auferlegten Zins zu zahlen ohne Steuerpächter”. +</p> + +<p> +6 Überliefert ist es freilich nicht, von wem dasjenige Gesetz erlassen ward, +welches die Erneuerung des älteren Privilegs durch das Roscische Theatergesetz +687 (67) nötig machte (Friedländer in Becker, Handbuch, Bd. 4, S. 531), aber +nach der Lage der Sache war der Urheber dieses Gesetzes unzweifelhaft Sulla. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Vor allem mußte zu diesem Ende die Regierungsbehörde ergänzt und selber +unabhängig gestellt werden. Durch die letzten Krisen war die Zahl der Senatoren +furchtbar zusammengeschwunden. Zwar stellte Sulla den durch die Rittergerichte +Verbannten jetzt die Rückkehr frei, wie dem Konsular Publius Rutilius Rufus, +der übrigens von der Erlaubnis keinen Gebrauch machte, und dem Freunde des +Drusus, Gaius Cotta; allein es war dies ein geringer Ersatz für die Lücken, die +der revolutionäre wie der reaktionäre Terrorismus in die Reihen des Senats +gerissen hatte. Deshalb wurde nach Sullas Anordnung der Senat +außerordentlicherweise ergänzt durch etwa 300 neue Senatoren, welche die +Distriktversammlung aus den Männern vom Ritterzensus zu ernennen hatte und die +sie, wie begreiflich, vorzugsweise teils aus den jüngeren Männern der +senatorischen Häuser, teils aus Sullanischen Offizieren und anderen, durch die +letzte Umwälzung Emporgekommenen auslas. Aber auch für die Zukunft ward die +Aufnahme in den Senat neu geordnet und auf wesentlich andere Grundlagen +gestellt. Nach der bisherigen Verfassung trat man in den Senat ein entweder +durch zensorische Berufung, was der eigentliche und ordentliche Weg war, oder +durch die Bekleidung eines der drei kurulischen Ämter: des Konsulats, der +Prätur oder der Ädilität, an welche seit dem Ovinischen Gesetz von Rechts wegen +Sitz und Stimme im Senat geknüpft war; die Bekleidung eines niederen Amtes, des +Tribunats oder der Quästur, gab wohl einen faktischen Anspruch auf einen Platz +im Senat, insofern die zensorische Auswahl vorzugsweise auf diese Männer sich +lenkte, aber keineswegs eine rechtliche Anwartschaft. Von diesen beiden +Eintrittswegen hob Sulla den ersteren auf durch die wenigstens tatsächliche +Beseitigung der Zensur und änderte den zweiten dahin ab, daß der gesetzliche +Eintritt in den Senat statt an die Ädilität an die Quästur geknüpft und +zugleich die Zahl der jährlich zu ernennenden Quästoren auf zwanzig 7 erhöht +ward. Die bisher den Zensoren rechtlich zustehende, obwohl tatsächlich längst +nicht mehr in ihrem ursprünglichen ernstlichen Sinn geübte Befugnis, bei den +von fünf zu fünf Jahren stattfindenden Revisionen jeden Senator unter Angabe +von Gründen von der Liste zu streichen, fiel für die Zukunft ebenfalls fort; +die bisherige faktische Unabsetzbarkeit der Senatoren ward also von Sulla +schließlich festgestellt. Die Gesamtzahl der Senatoren, die bis dahin +vermutlich die alte Normalzahl von 300 nicht viel überstiegen und oft wohl +nicht einmal erreicht hatte, ward dadurch beträchtlich, vielleicht +durchschnittlich um das Doppelte erhöht, 8 was auch schon die durch die +Übertragung der Geschworenenfunktionen stark vermehrten Geschäfte des Senats +notwendig machten. Indem ferner sowohl die außerordentlich eintretenden +Senatoren als die Quästoren ernannt wurden von den Tributkomitien, wurde der +bisher mittelbar auf den Wahlen des Volkes ruhende Senat jetzt durchaus auf +direkte Volkswahl gegründet, derselbe also einem repräsentativen Regiment so +weit genähert, als dies mit dem Wesen der Oligarchie und den Begriffen des +Altertums überhaupt sich vertrug. Aus einem nur zum Beraten der Beamten +bestimmten Kollegium war im Laufe der Zeit der Senat eine den Beamten +befehlende und selbstregierende Behörde geworden; es war hiervon nur eine +konsequente Weiterentwicklung, wenn das den Beamten ursprünglich zustehende +Recht, die Senatoren zu ernennen und zu kassieren, denselben entzogen und der +Senat auf dieselbe rechtliche Grundlage gestellt wurde, auf welcher die +Beamtengewalt selber ruhte. Die exorbitante Befugnis der Zensoren, die Ratliste +zu revidieren und nach Gutdünken Namen zu streichen oder zuzusetzen, vertrug in +der Tat sich nicht mit einer geordneten oligarchischen Verfassung. Indem jetzt +durch die Quästorenwahl für eine genügende regelmäßige Ergänzung gesorgt ward, +wurden die zensorischen Revisionen überflüssig und durch deren Wegfall das +wesentliche Grundprinzip jeder Oligarchie, die Inamovibilität und +Lebenslänglichkeit der zu Sitz und Stimme gelangten Glieder des Herrenstandes, +endgültig konsolidiert. +</p> + +<p> +———————————————————————— +</p> + +<p> +7 Wieviele Quästoren bis dahin jährlich gewählt wurden, ist nicht bekannt. Im +Jahre 487 (267) stellte sich die Zahl auf acht: zwei städtische, zwei Militär- +und vier Flottenquästoren; wozu dann die in den Ämtern beschäftigten Quästoren +hinzugetreten sind. Denn die Flottenquästuren in Ostia, Cales und so weiter +gingen keineswegs ein, und auch die Militärquästoren konnten nicht anderweitig +verwendet werden, da sonst der Konsul, wo er als Oberfeldherr auftrat, ohne +Quästor gewesen sein würde. Da es nun bis auf Sulla neun Ämter gab, überdies +nach Sizilien zwei Quästoren gingen, so könnte er möglicherweise schon achtzehn +Quästoren vorgefunden haben. Wie indes auch die Zahl der Oberbeamten dieser +Zeit beträchtlich geringer als die ihrer Kompetenzen gewesen und hier stets +durch Fristerstreckung und andere Aushilfen Rat geschafft worden ist, überhaupt +die Tendenz der römischen Regierung darauf ging, die Zahl der Beamten möglichst +zu beschränken, so mag es auch mehr quästorische Kompetenzen gegeben haben als +Quästoren, und es kann selbst sein, daß in kleine Provinzen, wie zum Beispiel +Kilikien, in dieser Zeit gar kein Quästor ging. Aber sicher hat es doch schon +vor Sulla mehr als acht Quästoren gegeben. +</p> + +<p> +8 Von einer festen Zahl der Senatoren kann genau genommen überhaupt nicht die +Rede sein. Wenn auch die Zensoren vor Sulla jedesmal eine Liste von 300 Köpfen +anfertigten, so traten doch zu dieser immer noch diejenigen Nichtsenatoren +hinzu, die nach Abfassung der Liste bis zur Aufstellung der nächsten ein +kurulisches Amt bekleideten; und nach Sulla gab es so viele Senatoren, als +gerade Quästorier am Leben waren. Wohl aber ist anzunehmen, daß Sulla den Senat +auf ungefähr 500 bis 600 Köpfe zu bringen bedacht war; und diese Zahl ergibt +sich, wenn jährlich 20 neue Mitglieder von durchschnittlich 30 Jahren eintraten +und man die durchschnittliche Dauer der senatorischen Würde auf 25 bis 30 Jahre +ansetzt. In einer stark besuchten Senatssitzung der ciceronischen Zeit waren +417 Mitglieder anwesend. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Hinsichtlich der Gesetzgebung begnügte sich Sulla, die im Jahre 666 (88) +getroffenen Bestimmungen wiederaufzunehmen und die legislatorische Initiative, +wie sie längst tatsächlich dem Senat zustand, wenigstens den Tribunen gegenüber +auch gesetzlich ihm zu sichern. Die Bürgerschaft blieb der formelle Souverän; +allein was ihre Urversammlungen anlangt, so schien es dem Regenten notwendig, +die Form zwar sorgfältig zu konservieren, aber jede wirkliche Tätigkeit +derselben noch sorgfältiger zu verhüten. Sogar mit dem Bürgerrecht selbst ging +Sulla in der geringschätzigsten Weise um; er machte keine Schwierigkeit, weder +den Neubürgergemeinden es zuzugestehen noch Spanier und Kelten in Masse damit +zu beschenken; ja es geschah, wahrscheinlich nicht ohne Absicht, +schlechterdings gar nichts für die Feststellung der Bürgerliste, die doch nach +so gewaltigen Umwälzungen einer Revision dringend bedurfte, wenn es überhaupt +der Regierung noch mit den hieran sich knüpfenden Rechtsbefugnissen Ernst war. +Geradezu beschränkt wurde die legislatorische Kompetenz der Komitien übrigens +nicht; es war auch nicht nötig, da ja infolge der besser gesicherten Initiative +des Senats das Volk ohnehin nicht leicht wider den Willen der Regierung in die +Verwaltung, das Finanzwesen und die Kriminaljurisdiktion eingreifen konnte und +seine legislative Mitwirkung wesentlich wieder zurückgeführt ward auf das +Recht, zu Änderungen der Verfassung ja zu sagen. +</p> + +<p> +Wichtiger war die Beteiligung der Bürgerschaft bei den Wahlen, deren man nun +einmal nicht entbehren zu können schien, ohne mehr aufzurütteln, als Sullas +obenhin sich haltende Restauration aufrütteln konnte und wollte. Die Eingriffe +der Bewegungspartei in die Priesterwahlen wurden beseitigt; nicht bloß das +Domitische Gesetz von 650 (104), das die Wahlen zu den höchsten Priesterämtern +überhaupt dem Volke übertrug, sondern auch die älteren gleichartigen +Verfügungen hinsichtlich des Oberpontifex und des Obercurio wurden von Sulla +kassiert und den Priesterkollegien das Recht der Selbstergänzung in seiner +ursprünglichen Unbeschränktheit zurückgegeben. Hinsichtlich der Wahlen zu den +Staatsämtern aber blieb es im ganzen bei der bisherigen Weise; außer insofern +die sogleich zu erwähnende neue Regulierung des militärischen Kommandos +allerdings folgeweise eine wesentliche Beschränkung der Bürgerschaft in sich +schloß, ja gewissermaßen das Vergebungsrecht der Feldherrnstellen von der +Bürgerschaft auf den Senat übertrug. Es scheint nicht einmal, daß Sulla die +früher versuchte Restauration der Servianischen Stimmordnung jetzt +wiederaufnahm, sei es nun, daß er es überhaupt als gleichgültig betrachtete, ob +die Stimmabteilungen so oder so zusammengesetzt seien, sei es, daß diese ältere +Ordnung ihm den gefährlichen Einfluß der Kapitalisten zu steigern schien. Nur +die Qualifikationen wurden wiederhergestellt und teilweise gesteigert. Die zur +Bekleidung eines jeden Amtes erforderliche Altersgrenze ward aufs neue +eingeschärft; ebenso die Bestimmung, daß jeder Bewerber um das Konsulat vorher +die Prätur, jeder Bewerber um die Prätur vorher die Quästur bekleidet haben +müsse, wogegen es gestattet war, die Ädilität zu übergehen. Mit besonderer +Strenge wurde, in Hinblick auf die jüngst mehrfach vorgenommenen Versuche, in +der Form des durch mehrere Jahre hindurch fortgesetzten Konsulats die Tyrannis +zu begründen, gegen diesen Mißbrauch eingeschritten und verfügt, daß zwischen +der Bekleidung zweier ungleicher Ämter mindestens zwei, zwischen der +zweimaligen Bekleidung desselben Amtes mindestens zehn Jahre verfließen +sollten; mit welcher letzteren Bestimmung, anstatt der in der jüngsten +ultraoligarchischen Epoche beliebten absoluten Untersagung jeder Wiederwahl zum +Konsulat, wieder die ältere Ordnung vom Jahre 412 (342) aufgenommen ward. Im +ganzen aber ließ Sulla den Wahlen ihren Lauf und suchte nur die Beamtengewalt +in der Art zu fesseln, daß, wen auch immer die unberechenbare Laune der +Komitien zum Amte berief, der Gewählte außerstande sein würde, gegen die +Oligarchie sich aufzulehnen. +</p> + +<p> +Die höchsten Beamten des Staats waren in dieser Zeit tatsächlich die drei +Kollegien der Volkstribune, der Konsuln und Prätoren und der Zensoren. Sie alle +gingen aus der Sullanischen Restauration mit wesentlich geschmälerten Rechten +hervor; vor allem das tribunizische Amt, das dem Regenten erschien als ein zwar +auch für das Senatsregiment unentbehrliches, aber dennoch, als von der +Revolution erzeugt und stets geneigt, wieder Revolutionen aus sich zu erzeugen, +strenger und dauernder Fesselung bedürftiges Werkzeug. Von dem Rechte, die +Amtshandlungen der Magistrate durch Einschreiten zu kassieren, den +Kontravenienten eventuell zu brächen und dessen weitere Bestrafung zu +veranlassen, war die tribunizische Gewalt ausgegangen; dies blieb den Tribunen +auch jetzt, nur daß auf den Mißbrauch des Interzessionsrechts eine schwere, die +bürgerliche Existenz regelmäßig vernichtende Geldstrafe gesetzt ward. Die +weitere Befugnis des Tribuns, mit dem Volke nach Gutdünken zu verhandeln, teils +um Anklagen einzubringen, insbesondere gewesene Beamte vor dem Volk zur +Rechenschaft zu ziehen, teils um Gesetze zur Abstimmung vorzulegen, war der +Hebel gewesen, durch den die Gracchen, Saturninus, Sulpicius den Staat +umgewälzt hatten; sie ward nicht aufgehoben, aber wohl von einer vorgängig bei +dem Senat nachzusuchenden Erlaubnis abhängig gemacht 9. Endlich wurde +hinzugefügt, daß die Bekleidung des Tribunats in Zukunft zur Übernahme eines +höheren Amtes unfähig machen solle - eine Bestimmung, die wie so manches andere +in Sullas Restauration wieder auf die altpatrizischen Satzungen zurückkam und, +ganz wie in den Zeiten vor der Zulassung der Plebejer zu den bürgerlichen +Ämtern, das Tribunat einer- und die kurulischen Ämter andererseits miteinander +unvereinbar erklärte. Auf diese Weise hoffte der Gesetzgeber der Oligarchie, +der tribunizischen Demagogie zu wehren und alle ehrgeizigen und aufstrebenden +Männer von dem Tribunat fernzuhalten, dagegen dasselbe festzuhalten als +Werkzeug des Senats, sowohl zur Vermittlung zwischen diesem und der +Bürgerschaft, als auch vorkommendenfalls zur Niederhaltung der Magistratur; und +wie die Herrschaft des Königs und später der republikanischen Beamten über die +Bürgerschaft kaum irgendwo so klar zu Tage tritt wie in dem Satze, daß +ausschließlich sie das Recht haben, öffentlich zum Volke zu reden, so zeigt +sich die jetzt zuerst rechtlich festgestellte Oberherrlichkeit des Senats am +bestimmtesten in dieser von dem Vormann des Volkes für jede Verhandlung mit +demselben vom Senat zu erbittenden Erlaubnis. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +9 Darauf gehen die Worte des Lepidus bei Sallust (bist. 1, 41, 11 Dietsch): +populus Romanus exutus … iure agitandi, auf die Tacitus (ann. 3, 27) anspielt: +statim turbidis Lepidi rogationibus neque multo post tribunis reddita licentia +quoquo vellent populum agitandi. Daß die Tribune nicht überhaupt das Recht +verloren, mit dem Volke zu verhandeln, zeigt deutlicher als Cic. leg. 3, 4, 10 +das Plebiszit de Thermensibus, welches aber auch in der Eingangsformel sich +bezeichnet als de senatus sententia erlassen. Daß die Konsuln dagegen auch nach +der Sullanischen Ordnung ohne vorgängigen Senatsbeschluß Anträge an das Volk +bringen konnten, beweist nicht bloß das Stillschweigen der Quellen, sondern +auch der Verlauf der Revolutionen von 667 (87) und 676 (78), deren Führer eben +aus diesem Grunde nicht Tribune, sondern Konsuln gewesen sind. Darum begegnen +auch in dieser Zeit konsularische Gesetze über administrative Nebenfragen, wie +zum Beispiel das Getreidegesetz von 681 (73), für die zu andern Zeiten sicher +Plebiszite eingetreten sein würden. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Auch Konsulat und Prätur, obwohl sie von dem aristokratischen Regenerator Roms +mit günstigeren Augen betrachtet wurden als das an sich verdächtige Tribunat, +entgingen doch keineswegs dem Mißtrauen gegen das eigene Werkzeug, welches +durchaus die Oligarchie bezeichnet. Sie wurden in schonenderen Formen, aber in +sehr fühlbarer Weise beschränkt. Sulla knüpfte hier an die Geschäftsteilung an. +Zu Anfang dieser Periode bestand dafür die folgende Ordnung. Den beiden Konsuln +lag immer noch, wie ehemals der Inbegriff der Geschäfte des höchsten Amtes +überhaupt, so jetzt derjenige Inbegriff der höchsten Amtsgeschäfte ob, für +welchen nicht gesetzlich besondere Kompetenzen festgestellt waren. Dies +letztere war der Fall mit dem hauptstädtischen Gerichtswesen, womit die Konsuln +sich nach einer unverbrüchlich festgehaltenen Regel nicht befassen durften, und +mit den damals bestehenden überseeischen Ämtern: Sizilien, Sardinien und den +beiden Spanien, in denen der Konsul das Kommando zwar führen konnte, aber nur +ausnahmsweise führte. Im ordentlichen Lauf der Dinge wurden demnach sechs +Spezialkompetenzen, die beiden hauptstädtischen Gerichtsvorstandschaften und +die vier überseeischen Ämter unter die sechs Prätoren vergeben, woneben den +beiden Konsuln kraft ihrer Generalkompetenz die Leitung der hauptstädtischen +nichtgerichtlichen Geschäfte und das militärische Kommando in den +festländischen Besitzungen oblag. Da diese Generalkompetenz also doppelt +besetzt war, blieb der Sache nach der eine Konsul zur Verfügung der Regierung, +und für gewöhnliche Zeiten kam man demnach mit jenen acht höchsten +Jahresbeamten vollständig, ja reichlich aus. Für außerordentliche Fälle blieb +es ferner vorbehalten, teils die nicht militärischen Kompetenzen zu kumulieren, +teils die militärischen über die Endfrist hinaus fortdauern zu lassen +(prorogare). Es war nicht ungewöhnlich, die beiden Gerichtsvorstandschaften +demselben Prätor zu übertragen und die regelmäßig von den Konsuln zu +beschaffenden hauptstädtischen Geschäfte durch den Stadtprätor versehen zu +lassen; wogegen es verständigerweise möglichst vermieden ward, mehrere +Kommandos in derselben Hand zu vereinigen. Hier half vielmehr die Regel aus, +daß im militärischen Imperium es kein Interregnum gab, also dasselbe, obwohl +gesetzlich befristet, doch nach Eintritt des Endtermines von Rechts wegen noch +so lange fortdauerte, bis der Nachfolger erschien und dem Vorgänger das +Kommando abnahm, oder, was dasselbe ist, daß der kommandierende Konsul oder +Prätor nach Ablauf seiner Amtszeit, wenn der Nachfolger nicht erschien, an +Konsuls oder Prätors Statt weiter fungieren konnte und mußte. Der Einfluß des +Senats auf diese Geschäftsverteilung bestand darin, daß es observanzmäßig von +ihm abhing, entweder die Regel walten, also die sechs Prätoren die sechs +Spezialkompetenzen unter sich verlosen und die Konsuln die festländischen, +nichtgerichtlichen Geschäfte besorgen zu lassen, oder irgendeine Abweichung von +derselben anzuordnen, etwa dem Konsul ein augenblicklich besonders wichtiges +überseeisches Kommando zuzuweisen oder eine außerordentliche militärische und +gerichtliche Kommission, zum Beispiel das Flottenkommando oder eine wichtige +Kriminaluntersuchung, unter die zur Verteilung kommenden Kompetenzen +aufzunehmen und die dadurch weiter nötig werdenden Kumulationen und +Fristerstreckungen zu veranlassen - wobei übrigens lediglich die Absteckung der +jedesmaligen konsularischen und respektiv prätorischen Kompetenzen, nicht die +Bezeichnung der für das einzelne Amt eintretenden Personen dem Senate zustand, +die letztere vielmehr durchgängig durch Vereinbarung der konkurrierenden +Beamten oder durch das Los erfolgte. Die Bürgerschaft war in der älteren Zeit +wohl veranlaßt worden, die in dem Unterlassen der Ablösung enthaltene +tatsächliche Verlängerung des Kommandos durch besonderen Gemeindebeschluß zu +regularisieren; indes war dies mehr dem Geiste, als dem Buchstaben der +Verfassung nach notwendig und bald griff die Bürgerschaft hierbei nicht weiter +ein. Im Laufe des siebenten Jahrhunderts traten nun allmählich zu den +bestehenden sechs Spezialkompetenzen sechs andere hinzu; die fünf neuen +Statthalterschaften von Makedonien, Africa, Asia, Narbo und Kilikien und die +Vorstandschaft in dem stehenden Kommissionsgericht wegen Erpressungen. Mit dem +immer mehr sich ausdehnenden Wirkungskreise der römischen Regierung trat +überdies immer häufiger der Fall ein, daß die Oberbeamten für außerordentliche +militärische oder prozessualische Kommissionen in Anspruch genommen wurden. +Dennoch wurde die Zahl der ordentlichen höchsten Jahrbeamten nicht vermehrt; +und es kamen also auf acht jährlich zu ernennende Beamte, von allem andern +abgesehen, mindestens zwölf jährlich zu besetzende Spezialkompetenzen. +Natürlich war es nicht Zufall, daß man dies Defizit nicht durch Kreierung neuer +Prätorenstellen ein für allemal deckte. Dem Buchstaben der Verfassung gemäß +sollten die sämtlichen höchsten Beamten Jahr für Jahr von der Bürgerschaft +ernannt werden; nach der neuen Ordnung oder vielmehr Unordnung, derzufolge die +entstehenden Lücken wesentlich durch Fristerstreckung ausgefüllt wurden und den +gesetzlich ein Jahr fungierenden Beamten in der Regel vom Senat ein zweites +Jahr zugelegt, nach Befinden dasselbe aber auch verweigert ward, besetzte die +wichtigsten und lukrativsten Stellen im Staate nicht mehr die Bürgerschaft, +sondern aus einer durch die Bürgerschaftswahlen gebildeten Konkurrentenliste +der Senat. Üblich ward es dabei, da unter diesen Stellen die überseeischen +Kommandos als die einträglichsten vor allem gesucht waren, denjenigen Beamten, +die ihr Amt entweder rechtlich oder doch tatsächlich an die Hauptstadt +fesselte, also den beiden Vorstehern der städtischen Gerichtsbarkeit und häufig +auch den Konsuln, nach Ablauf ihres Amtsjahrs ein überseeisches Kommando zu +übertragen, was mit dem Wesen der Prorogation sich vertrug, da die Amtsgewalt +des in Rom und des in der Provinz fungierenden Oberbeamten wohl anders bezogen, +aber nicht eigentlich staatsrechtlich eine qualitativ andere war. +</p> + +<p> +Diese Verhältnisse fand Sulla vor und sie lagen seiner neuen Ordnung zu Grunde. +Der Grundgedanke derselben war die vollständige Scheidung der politischen +Gewalt, welche in den Bürger-, und der militärischen, welche in den +Nichtbürgerdistrikten regierte, und die durchgängige Erstreckung der Dauer des +höchsten Amtes von einem Jahr auf zwei, von denen das erstere den bürgerlichen, +das zweite den militärischen Geschäften gewidmet ward. Räumlich waren die +bürgerliche und die militärische Gewalt allerdings längst schon durch die +Verfassung geschieden, und endete jene an dem Pomerium, wo diese begann; allein +immer noch hielt derselbe Mann die höchste politische und die höchste +militärische Macht in seiner Hand vereinigt. Künftig sollte der Konsul und +Prätor mit Rat und Bürgerschaft verhandeln, der Prokonsul und Proprätor die +Armee kommandieren, jenem aber jede militärische, diesem jede politische +Tätigkeit gesetzlich abgeschnitten sein. Dies führte zunächst zu der +politischen Trennung der norditalischen Landschaft von dem eigentlichen +Italien. Bisher hatten dieselben wohl in einem nationalen Gegensatz gestanden, +insofern Norditalien vorwiegend von Ligurern und Kelten, Mittel- und Süditalien +von Italikern bewohnt ward; allein politisch und administrativ stand das +gesamte festländische Gebiet des römischen Staates von der Meerenge bis an die +Alpen mit Einschluß der illyrischen Besitzungen, Bürger-, latinische und +Nichtitalikergemeinden ohne Unterschied, im ordentlichen Laufe der Dinge unter +der Verwaltung der in Rom eben fungierenden höchsten Beamten, wie denn ja auch +die Kolonialgründungen sich durch dies ganze Gebiet erstreckten. Nach Sullas +Ordnung wurde das eigentliche Italien, dessen Nordgrenze zugleich statt des +Aesis der Rubico ward, als ein jetzt ohne Ausnahme von römischen Bürgern +bewohntes Gebiet, den ordentlichen römischen Obrigkeiten untergeben und daß in +diesem Sprengel regelmäßig keine Truppen und kein Kommandant standen, einer der +Fundamentalsätze des römischen Staatsrechts; das Keltenland diesseits der Alpen +dagegen, in dem schon der beständig fortwährenden Einfälle der Alpenvölker +wegen ein Kommando nicht entbehrt werden konnte, wurde nach dem Muster der +älteren überseeischen Kommandos als eigene Statthalterschaft konstituiert ^10. +Indem nun endlich die Zahl der jährlich zu ernennenden Prätoren von sechs auf +acht erhöht ward, stellte sich die neue Geschäftsordnung dahin, daß die +jährlich zu ernennenden zehn höchsten Beamten während ihres ersten Amtsjahrs +als Konsuln oder Prätoren den hauptstädtischen Geschäften - die beiden Konsuln +der Regierung und Verwaltung, zwei der Prätoren der Zivilrechtspflege, die +übrigen sechs der reorganisierten Kriminaljustiz - sich widmeten, während ihres +zweiten Amtsjahrs als Prokonsuln oder Proprätoren das Kommando in einer der +zehn Statthalterschaften: Sizilien, Sardinien, beiden Spanien, Makedonien, +Asia, Africa, Narbo, Kilikien und dem italischen Keltenland übernahmen. Die +schon erwähnte Vermehrung der Quästorenzahl durch Sulla auf zwanzig gehört +ebenfalls in diesen Zusammenhang ^11. +</p> + +<p> +————————————————- +</p> + +<p> +^10 Für diese Annahme gibt es keinen anderen Beweis, als daß das italische +Keltenland eine Provinz in dem Sinne, wo das Wort einen geschlossenen und von +einem jährlich erneuerten Statthalter verwalteten Sprengel bedeutet, in den +älteren Zeiten ebenso entschieden nicht ist wie allerdings in der caesarischen +es eine ist (vgl. Licin. p. 39: Data erat et Sullae provincia Gallia +cisalpina). +</p> + +<p> +Nicht viel anders steht es mit der Vorschiebung der Grenze; wir wissen, daß +ehemals der Aesis, zu Caesars Zeit der Rubico, das Keltenland von Italien +schied, aber nicht, wann die Vorrückung stattfand. Man hat zwar daraus, daß +Marcus Terentius Varro Lucullus als Proprätor in dem Distrikt zwischen Aesis +und Rubico eine Grenzregulierung vornahm (Orelli 570), geschlossen, daß +derselbe wenigstens im Jahre nach Lucullus’ Prätur 679 (75) noch +Provinzialland gewesen sein müsse, da auf italischem Boden der Proprätor nichts +zu schaffen habe. Indes nur innerhalb des Pomerium hört jedes prorogierte +Imperium von selber auf; in Italien dagegen ist auch nach Sullas Ordnung ein +solches zwar nicht regelmäßig vorhanden, aber doch zulässig, und ein +außerordentliches ist das von Lucullus bekleidete Amt doch auf jeden Fall +gewesen. Wir können aber auch nachweisen, wann und wie Lucullus ein solches in +dieser Gegend bekleidet hat. Gerade er war schon vor der Sullanischen +Reorganisation 672 (82) als kommandierender Offizier eben hier tätig und +wahrscheinlich, ebenwie Pompeius, von Sulla mit proprätorischer Gewalt +ausgestattet; in dieser Eigenschaft wird er 672 (82) oder 673 (81) (vgl. App. +1, 95) die fragliche Grenze reguliert haben. Aus dieser Inschrift folgt also +für die rechtliche Stellung Norditaliens überhaupt nichts und am wenigsten für +die Zeit nach Sullas Diktatur. Dagegen ist es ein bemerkenswerter Fingerzeig, +daß Sulla das römische Pomerium vorschob (Sen. dial. 10, 14; Dio Cass. 43, 50), +was nach römischem Staatsrecht nur dem gestattet war, der nicht etwa die +Reichs-, sondern die Stadt-, d. h. die italische Grenze vorgerückt hatte. +</p> + +<p> +^11 Da nach Sizilien zwei, in jede andere Provinz ein Quästor gingen, überdies +die zwei städtischen und die zwei den Konsuln bei der Kriegsführung +beigeordneten und die vier Flottenquästoren bestehen blieben, so waren hierfür +neunzehn Beamte jährlich erforderlich. Die zwanzigste Quästorenkompetenz läßt +sich nicht nachweisen. +</p> + +<p> +———————————————— +</p> + +<p> +Zunächst ward hiermit an die Stelle der bisherigen unordentlichen und zu allen +möglichen schlechten Manövern und Intrigen einladenden Ämterverteilung eine +klare und feste Regel gesetzt, dann aber auch den Ausschreitungen der +Beamtengewalt nach Möglichkeit vorgebeugt und der Einfluß der obersten +Regierungsbehörde wesentlich gesteigert. Nach der bisherigen Ordnung ward in +dem Reiche rechtlich nur unterschieden die Stadt, welche der Mauerring +umschloß, und die Landschaft außerhalb des Pomerium; die neue Ordnung setzte an +die Stelle der Stadt das neue, fortan als ewig befriedet dem regelmäßigen +Kommando entzogene Italien ^12 und ihm gegenüber das festländische und +überseeische Gebiet, das umgekehrt notwendig unter Militärkommandanten steht, +die von jetzt an sogenannten Provinzen. Nach der bisherigen Ordnung war +derselbe Mann sehr häufig zwei, oft auch mehr Jahre in demselben Amte +verblieben; die neue Ordnung beschränkte die hauptstädtischen Ämter wie die +Statthalterposten durchaus auf ein Jahr, und die spezielle Verfügung, daß jeder +Statthalter binnen dreißig Tagen, nachdem der Nachfolger in seinem Sprengel +eingetroffen sei, denselben unfehlbar zu verlassen habe, zeigt sehr klar, +namentlich wenn man damit noch das früher erwähnte Verbot der unmittelbaren +Wiederwahl des gewesenen Beamten zu demselben oder einem anderen Volksamt +zusammennimmt, was die Tendenz dieser Einrichtungen war: es war die alterprobte +Maxime, durch die einst der Senat das Königtum sich dienstbar gemacht hatte, +daß die Beschränkung der Magistratur der Kompetenz nach der Demokratie, die der +Zeit nach der Oligarchie zugute komme. Nach der bisherigen Ordnung hatte Gaius +Marius zugleich als Haupt des Senats und als Oberfeldherr des Staates amtiert; +wenn er es nur seiner eigenen Ungeschicklichkeit zuzuschreiben hatte, daß es +ihm mißlang, mittels dieser doppelten Amtsgewalt die Oligarchie zu stürzen, so +schien nun dafür gesorgt, daß nicht etwa ein klügerer Nachfolger denselben +Hebel besser gebrauche. Nach der bisherigen Ordnung hatte auch der vom Volke +unmittelbar ernannte Beamte eine militärische Stellung haben können; die +sullanische dagegen behielt diese ausschließlich denjenigen Beamten vor, die +der Senat durch Erstreckung der Amtsfrist in ihrer Amtsgewalt bestätigte. Zwar +war diese Amtsverlängerung jetzt stehend geworden; dennoch wurde sie den +Auspizien und dem Namen, überhaupt der staatsrechtlichen Formulierung nach auch +ferner als außerordentliche Fristerstreckung behandelt. Es war dies nicht +gleichgültig. Den Konsul oder den Prätor konnte nur die Bürgerschaft seines +Amtes entsetzen; den Prokonsul und den Proprätor ernannte und entließ der +Senat, so daß durch diese Verfügung die gesamte Militärgewalt, auf die denn +doch zuletzt alles ankam, formell wenigstens vom Senat abhängig wurde. +</p> + +<p> +————————————————————————— +</p> + +<p> +^12 Die italische Eidgenossenschaft ist viel älter; aber sie ist ein +Staatenbund, nicht, wie das sullanische Italien, ein innerhalb des Römischen +Reiches einheitlich abgegrenztes Staatsgebiet. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +Daß endlich das höchste aller Ämter, die Zensur, nicht förmlich aufgehoben, +aber in derselben Art beseitigt ward wie ehemals die Diktatur, ward schon +bemerkt. Praktisch konnte man derselben allenfalls entraten. Für die Ergänzung +des Senats war anderweitig gesorgt. Seit Italien tatsächlich steuerfrei war und +das Heer wesentlich durch Werbung gebildet ward, hatte das Verzeichnis der +Steuer- und Dienstpflichtigen in der Hauptsache seine Bedeutung verloren; und +wenn in der Ritterliste und dem Verzeichnis der Stimmberechtigten Unordnung +einriß, so mochte man dies nicht gerade ungern sehen. Es blieben also nur die +laufenden Finanzgeschäfte, welche die Konsuln schon bisher verwaltet hatten, +wenn, wie dies häufig vorkam, die Zensorenwahl unterblieben war, und nun als +einen Teil ihrer ordentlichen Amtstätigkeit übernahmen. Gegen den wesentlichen +Gewinn, daß der Magistratur in den Zensoren ihre höchste Spitze entzogen ward, +kam nicht in Betracht und tat der Alleinherrschaft des höchsten +Regierungskollegiums durchaus keinen Eintrag, daß, um die Ambition der jetzt so +viel zahlreicheren Senatoren zu befriedigen, die Zahl der Pontifices und die +der Augurn von neun, die der Orakelbewahrer von zehn auf je fünfzehn, die der +Schmausherren von drei auf sieben vermehrt ward. +</p> + +<p> +In dem Finanzwesen stand schon nach der bisherigen Verfassung die entscheidende +Stimme bei dem Senat; es handelte sich demnach hier um die Wiederherstellung +einer geordneten Verwaltung. Sulla hatte anfänglich sich in nicht geringer +Geldnot befunden; die aus Kleinasien mitgebrachten Summen waren für den Sold +des zahlreichen und stets anschwellenden Heeres bald verausgabt. Noch nach dem +Siege am Collinischen Tor hatte der Senat, da die Staatskasse nach Praeneste +entführt worden war, sich zu Notschritten entschließen müssen. Verschiedene +Bauplätze in der Hauptstadt und einzelne Stücke der kampanischen Domäne wurden +feilgeboten, die Klientelkönige, die befreiten und bundesgenössischen Gemeinden +außerordentlicherweise in Kontribution gesetzt, zum Teil ihnen ihr Grundbesitz +und ihre Zölle eingezogen, anderswo denselben für Geld neue Privilegien +zugestanden. Indes der bei der Übergabe von Praeneste vorgefundene Rest der +Staatskasse von beiläufig 4 Mill. Talern, die bald beginnenden Versteigerungen +und andere außerordentliche Hilfsquellen halfen der augenblicklichen +Verlegenheit ab. Für die Zukunft aber ward gesorgt weniger durch die asiatische +Abgabenreform, bei der vorzugsweise die Steuerpflichtigen gewannen und die +Staatskasse wohl nur nicht verlor, als durch die Wiedereinziehung der +kampanischen Domäne, wozu jetzt noch Aenaria gefügt ward, und vor allem durch +die Abschaffung der Kornverteilungen, die seit Gaius Gracchus wie ein Krebs an +den römischen Finanzen gezehrt hatten. +</p> + +<p> +Dagegen ward das Gerichtswesen wesentlich umgestaltet, teils aus politischen +Rücksichten, teils um in die bisherige sehr unzulängliche und +unzusammenhängende Prozeßlegislation größere Einheit und Brauchbarkeit zu +bringen. Nach der bisherigen Ordnung gingen die Prozesse zur Entscheidung teils +an die Bürgerschaft, teils an Geschworene. Die Gerichte, in denen die ganze +Bürgerschaft auf Provokation von dem Urteil des Magistrats hin entschied, lagen +bis auf Sulla in den Händen in erster Reihe der Volkstribune, in zweiter der +Ädilen, indem sämtliche Prozesse, durch die ein Beamter oder Beauftragter der +Gemeinde wegen seiner Geschäftsführung zur Verantwortung gezogen ward, mochten +sie auf Leib und Leben oder auf Geldbußen gehen, von den Volkstribunen, alle +übrigen Prozesse, in denen schließlich das Volk entschied, von den kurulischen +oder plebejischen Ädilen in erster Instanz abgeurteilt, in zweiter geleitet +wurden. Sulla hat den tribunizischen Rechenschaftsprozeß wenn nicht geradezu +abgeschafft, so doch, ebenwie die legislatorische Initiative der Tribune, von +der vorgängigen Einwilligung des Senats abhängig gemacht und vermutlich auch +den ädilizischen Strafprozeß in ähnlicher Weise beschränkt. Dagegen erweiterte +er die Kompetenz der Geschworenengerichte. Es gab damals ein doppeltes +Verfahren vor Geschworenen. Das ordentliche, welches anwendbar war in allen +nach unserer Auffassung zu einem Kriminal- oder Zivilprozeß sich eignenden +Fällen, mit Ausnahme der unmittelbar gegen den Staat gerichteten Verbrechen, +bestand darin, daß der eine der beiden hauptstädtischen Gerichtsherren die +Sache instruierte und ein von ihm ernannter Geschworener auf Grund dieser +Instruktion entschied. Der außerordentliche Geschworenenprozeß trat ein in +einzelnen wichtigen Zivil- oder Kriminalfällen, wegen welcher durch besondere +Gesetze anstatt des Einzelgeschworenen ein eigener Geschworenenhof bestellt +worden war. Dieser Art waren teils die für einzelne Fälle konstituierten +Spezialgerichtsstellen; teils die stehenden Kommissionalgerichtshöfe, wie sie +für Erpressungen, für Giftmischerei und Mord, vielleicht auch für +Wahlbestechung und andere Verbrechen im Laufe des siebenten Jahrhunderts +niedergesetzt worden waren; teils endlich die beiden Höfe der Zehnmänner für +den Freiheits- und der Hundertundfünf- oder kürzer der Hundertmänner für den +Erbschaftsprozeß, auch von dem bei allem Eigentumsstreit gebrauchten +Lanzenschaft das Schaftgericht (hasta) genannt. Der Zehnmännerhof (decemviri +litibus iudicandis) war eine uralte Institution zum Schutze der Plebejer gegen +ihre Herren. Zeit und Veranlassung der Entstehung des Schaftgerichts liegen im +Dunkeln, werden aber vermutlich ungefähr dieselben sein wie bei den oben +erwähnten wesentlich gleichartigen Kriminalkommissionen. Über die Leitung +dieser verschiedenen Gerichtshöfe war in den einzelnen Gerichtsordnungen +verschieden bestimmt; so standen dem Erpressungsgericht ein Prätor, dem +Mordgericht ein aus den gewesenen Ädilen besonders ernannter Vorstand, dem +Schaftgericht mehrere aus den gewesenen Quästoren genommene Direktoren vor. Die +Geschworenen wurden wenigstens für das ordentliche wie für das außerordentliche +Verfahren in Gemäßheit der Gracchischen Ordnung aus den nichtsenatorischen +Männern von Ritterzensus genommen; die Auswahl stand im allgemeinen den +Magistraten zu, die die Gerichtsleitung hatten, jedoch in der Weise, daß sie +mit dem Antritt ihres Amts die Geschworenenliste ein für allemal aufzustellen +hatten und dann das einzelne Geschworenenkollegium aus diesen nicht durch freie +Auswahl des Magistrats, sondern durch Losung und durch Rejektion der Parteien +gebildet ward. Aus der Volkswahl gingen nur die Zehnmänner für den +Freiheitsprozeß hervor. +</p> + +<p> +Sullas Reformen waren hauptsächlich dreifacher Art. Einmal vermehrte er die +Zahl der Geschworenenhöfe sehr beträchtlich. Es gab späterhin besondere +Geschworenenkommissionen für Erpressung; für Mord mit Einschluß von +Brandstiftung und falschem Zeugnis; für Wahlbestechung; ferner für Hochverrat +und jede Entehrung des römischen Namens; für die schwersten Betrugsfälle: +Testaments- und Münzfälschung; für Ehebruch; für die schwersten +Ehrverletzungen, namentlich Realinjurien und Störung des Hausfriedens; +vielleicht auch für Unterschlagung öffentlicher Gelder, für Zinswucher und +andere Vergehen; und wenigstens die meisten dieser Höfe sind von Sulla entweder +vorgefunden oder ins Leben gerufen und von ihm mit einer besonderen Kriminal- +und Kriminalprozeßordnung versehen worden. Übrigens blieb es der Regierung +unbenommen, vorkommendenfalls für einzelne Gruppen von Verbrechen Spezialhöfe +zu bestellen. Folgeweise wurden hierdurch die Volksgerichte im wesentlichen +abgeschafft, namentlich die Hochverratsprozesse an die neue +Hochverratskommission gewiesen, der ordentliche Geschworenenprozeß bedeutend +beschränkt, indem ihm die schwereren Fälschungen und Injurien entzogen wurden. +Was zweitens die Oberleitung der Gerichte anlangt, so standen, wie schon +erwähnt ward, jetzt für die Leitung der verschiedenen Geschworenenhöfe sechs +Prätoren zur Disposition, denen noch für die am meisten in Anspruch genommene +Kommission für Mordtaten eine Anzahl anderer Dirigenten zugegeben wurden. In +die Geschworenenstellen traten drittens statt der gracchischen Ritter wieder +die Senatoren ein. +</p> + +<p> +Der politische Zweck dieser Verfügungen, der bisherigen Mitregierung der Ritter +ein Ende zu machen, liegt klar zu Tage; aber ebensowenig läßt es sich +verkennen, daß dieselben nicht bloß politische Tendenzmaßregeln waren, sondern +hier der erste Versuch gemacht wurde, dem seit den ständischen Kämpfen immer +mehr verwilderten römischen Kriminalprozeß und Kriminalrecht wiederaufzuhelfen. +Von dieser Sullanischen Gesetzgebung datiert sich die dem älteren Recht +unbekannte Scheidung von Kriminal- und Zivilsachen in dem Sinn, den wir noch +heute damit verbinden: als Kriminalsache erscheint seitdem, was vor die von dem +Prätor geleitete Geschworenenbank gehört, als Zivilsache dasjenige Verfahren, +wo der oder die Geschworenen nicht unter prätorischem Vorsitz funktionieren. +Die Gesamtheit der Sullanischen Quästionenordnungen läßt sich zugleich als das +erste römische Gesetzbuch nach den Zwölf Tafeln und als das erste überhaupt je +besonders erlassene Kriminalgesetzbuch bezeichnen. Aber auch im einzelnen zeigt +sich ein löblicher und liberaler Geist. So seltsam es von dem Urheber der +Proskriptionen klingen mag, so bleibt es darum nichtsdestoweniger wahr, daß er +die Todesstrafe für politische Vergehen abgeschafft hat; denn da nach +römischer, auch von Sulla unverändert festgehaltener Sitte nur das Volk, nicht +die Geschworenenkommission auf Verlust des Lebens oder auf gefängliche Haft +erkennen konnte, so kam die Übertragung der Hochverratsprozesse von der +Bürgerschaft auf eine stehende Kommission hinaus auf die Abschaffung der +Todesstrafe für solche Vergehen, während andererseits in der Beschränkung der +verderblichen Spezialkommissionen für einzelne Hochverratsfälle, wie deren eine +die Varische im Bundesgenossenkrieg gewesen war; gleichfalls ein Fortschritt +zum Besseren lag. Die gesamte Reform ist von ungemeinem und dauerndem Nutzen +gewesen und ein bleibendes Denkmal des praktischen, gemäßigten, +staatsmännischen Geistes, der ihren Urheber wohl würdig machte, gleich den +alten Dezemvirn als souveräner Vermittler mit der Rolle des Gesetzes zwischen +die Parteien zu treten. +</p> + +<p> +Als einen Anhang zu diesen Kriminalgesetzen mag man die polizeilichen Ordnungen +betrachten, durch welche Sulla, das Gesetz an die Stelle des Zensors setzend, +gute Zucht und strenge Sitte wieder einschärfte und durch Feststellung neuer +Maximalsätze anstatt der alten längst verschollenen den Luxus bei Mahlzeiten, +Begräbnissen und sonst zu beschränken versuchte. +</p> + +<p> +Endlich ist wenn nicht Sullas, doch das Werk der sullanischen Epoche die +Entwicklung eines selbständigen römischen Munizipalwesens. Dem Altertum ist der +Gedanke, die Gemeinde als ein untergeordnetes politisches Ganze dem höheren +Staatsganzen organisch einzufügen, ursprünglich fremd; die Despotie des Ostens +kennt städtische Gemeinwesen im strengen Sinne des Worts nicht und in der +ganzen hellenisch-italischen Welt fällt Stadt und Staat notwendig zusammen. +Insofern gibt es in Griechenland wie in Italien von Haus aus ein eigenes +Munizipalwesen nicht. Vor allem die römische Politik hielt mit der ihr eigenen +zähen Konsequenz hieran fest; noch im sechsten Jahrhundert wurden die +abhängigen Gemeinden Italiens entweder, um ihnen ihre munizipale Verfassung zu +bewahren, als formell souveräne Nichtbürgerstaaten konstituiert oder, wenn sie +römisches Bürgerrecht erhielten, zwar nicht gehindert, sich als Gesamtheit zu +organisieren, aber doch der eigentlich munizipalen Rechte beraubt, so daß in +allen Bürgerkolonien und Bürgermunizipien selbst die Rechtspflege und das +Bauwesen von den römischen Prätoren und Zensoren verwaltet ward. Das Höchste, +wozu man sich verstand, war durch einen von Rom aus ernannten Stellvertreter +(praefectus) des Gerichtsherrn wenigstens die dringendsten Rechtssachen an Ort +und Stelle erledigen zu lassen. Nicht anders verfuhr man in den Provinzen, +außer daß hier an die Stelle der hauptstädtischen Behörden der Statthalter +trat. In den freien, das heißt formell souveränen Städten ward die Zivil- oder +Kriminaljurisdiktion von den Munizipalbeamten nach den Lokalstatuten verwaltet; +nur daß freilich, wo nicht ganz besondere Privilegien entgegenstanden, jeder +Römer sowohl als Beklagter wie als Kläger verlangen konnte, seine Sache vor +italischen Richtern nach italischem Recht entschieden zu sehen. Für die +gewöhnlichen Provinzialgemeinden war der römische Statthalter die einzige +regelmäßige Gerichtsbehörde, der die Instruierung aller Prozesse oblag. Es war +schon viel, wenn, wie in Sizilien, in dem Fall, daß der Beklagte ein Siculer +war, der Statthalter durch das Provinzialstatut gehalten war, einen +einheimischen Geschworenen zu geben und nach Ortsgebrauch entscheiden zu +lassen; in den meisten Provinzen scheint auch dies vom Gutfinden des +instruierenden Beamten abgehangen zu haben. +</p> + +<p> +Im siebenten Jahrhundert ward diese unbedingte Zentralisation des öffentlichen +Lebens der römischen Gemeinde in dem einen Mittelpunkt Rom wenigstens für +Italien aufgegeben. Seit dies eine einzige städtische Gemeinde war und das +Stadtgebiet vom Arnus und Rubico bis hinab zur sizilischen Meerenge reichte, +mußte man wohl sich entschließen, innerhalb dieser großen wiederum kleinere +Stadtgemeinden zu bilden. So ward Italien nach Vollbürgergemeinden organisiert, +bei welcher Gelegenheit man zugleich die durch ihren Umfang gefährlichen +größeren Gaue, soweit dies nicht schon früher geschehen war, in mehrere +kleinere Stadtbezirke aufgelöst haben mag. Die Stellung dieser neuen +Vollbürgergemeinden war ein Kompromiß zwischen derjenigen, die ihnen bis dahin +als Bundesstaaten zugekommen war, und derjenigen, die ihnen als integrierenden +Teilen der römischen Gemeinde nach älterem Recht zugekommen sein würde. +Zugrunde lag im ganzen die Verfassung der bisherigen formell souveränen +latinischen oder auch, insofern deren Verfassung in den Grundzügen der +römischen gleich ist, die der römischen altpatrizisch-konsularischen Gemeinde; +nur daß darauf gehalten ward, für dieselben Institutionen in dem Munizipium +andere und geringere Namen zu verwenden als in der Hauptstadt, das heißt im +Staat. Eine Bürgerversammlung tritt an die Spitze mit der Befugnis, +Gemeindestatute zu erlassen und die Gemeindebeamten zu ernennen. Ein +Gemeinderat von hundert Mitgliedern übernimmt die Rolle des römischen Senats. +Das Gerichtswesen wird verwaltet von vier Gerichtsherren, zwei ordentlichen +Richtern, die den beiden Konsuln, zwei Marktrichtern, die den kurulischen +Ädilen entsprechen. Die Zensurgeschäfte, die wie in Rom von fünf zu fünf Jahr +sich erneuerten und allem Anschein nach vorwiegend in der Leitung der +Gemeindebauten bestanden, wurden von den höchsten Gemeindebeamten, also den +beiden ordentlichen Gerichtsherren, mit übernommen, welche in diesem Fall den +auszeichnenden Titel der “Gerichtsherren mit zensorischer oder +Fünfjahrgewalt” annahmen. Die Gemeindekasse verwalteten zwei Quästoren. +Für das Sakralwesen sorgten zunächst die beiden der ältesten latinischen +Verfassung allein bekannten Kollegien priesterlicher Sachverständigen, die +munizipalen Pontifices und Augurn. +</p> + +<p> +Was das Verhältnis dieses sekundären politischen Organismus zu dem primären des +Staates anlangt, so standen im allgemeinen jenem wie diesem die politischen +Befugnisse vollständig zu und band also der Gemeindebeschluß und das Imperium +der Gemeindebeamten den Gemeindebürger ebenso wie der Volksbeschluß und das +konsularische Imperium den Römer. Dies führte im ganzen zu einer +konkurrierenden Tätigkeit der Staats- und der Stadtbehörden: Es hatten +beispielsweise beide das Recht der Schatzung und Besteuerung, ohne daß bei den +etwaigen städtischen Schatzungen und Steuern die von Rom ausgeschriebenen oder +bei diesen jene berücksichtigt worden wären; es durften öffentliche Bauten +sowohl von den römischen Beamten in ganz Italien als auch von den städtischen +in ihrem Sprengel angeordnet werden, und was dessen mehr ist. Im Kollisionsfall +wich natürlich die Gemeinde dem Staat und brach der Volksschluß den +Stadtschluß. Eine förmliche Kompetenzteilung fand wohl nur in der Rechtspflege +statt, wo das reine Konkurrenzsystem zu der größten Verwirrung geführt haben +würde; hier wurden im Kriminalprozeß vermutlich alle Kapitalsachen, im +Zivilverfahren die schwereren, und ein selbständiges Auftreten der +dirigierenden Beamten voraussetzenden Prozesse den hauptstädtischen Behörden +und Geschworenen vorbehalten und die italischen Stadtgerichte auf die +geringeren und minder verwickelten oder auch sehr dringenden Rechtshändel +beschränkt. +</p> + +<p> +Die Entstehung dieses italischen Gemeindewesens ist nicht überliefert. Es ist +wahrscheinlich, daß sie in ihren Anfängen zurückgeht auf Ausnahmebestimmungen +für die großen Bürgerkolonien, die am Ende des sechsten Jahrhunderts gegründet +wurden; wenigstens deuten einzelne, an sich gleichgültige formelle Differenzen +zwischen Bürgerkolonien und Bürgermunizipien darauf hin, daß die neue, damals +praktisch an die Stelle der latinischen tretende Bürgerkolonie ursprünglich +eine bessere staatsrechtliche Stellung gehabt hat als das weit ältere +Bürgermunizipium, und diese Bevorzugung kann wohl nur bestanden haben in einer +der latinischen sich annähernden Gemeindeverfassung, wie sie späterhin +sämtlichen Bürgerkolonien wie Bürgermunizipien zukam. Bestimmt nachweisen läßt +sich die neue Ordnung zuerst für die revolutionäre Kolonie Capua, und keinem +Zweifel unterliegt es, daß sie ihre volle Anwendung erst fand, als die +sämtlichen bisher souveränen Städte Italiens infolge des Bundesgenossenkriegs +als Bürgergemeinden organisiert werden mußten. Ob schon das Julische Gesetz, ob +die Zensoren von 668 (86), ob erst Sulla das einzelne geordnet hat, läßt sich +nicht entscheiden; die Übertragung der zensorischen Geschäfte auf die +Gerichtsherren scheint zwar nach Analogie der Sullanischen, die Zensur +beseitigenden Ordnung eingeführt zu sein, kann aber auch ebensogut auf die +älteste latinische Verfassung zurückgehen, die ja auch die Zensur nicht kannte. +Auf alle Fälle ist diese dem eigentlichen Staat sich ein- und unterordnende +Stadtverfassung eines der merkwürdigsten und folgenreichsten Erzeugnisse der +sullanischen Zeit und des römischen Staatslebens überhaupt. Staat und Stadt +ineinanderzufügen hat allerdings das Altertum ebensowenig vermocht, als es +vermocht hat, das repräsentative Regiment und andere große Grundgedanken +unseres heutigen Staatslebens aus sich zu entwickeln; aber es hat seine +politische Entwicklung bis an diejenigen Grenzen geführt, wo diese die +gegebenen Maße überwächst und sprengt, und vor allem ist dies in Rom geschehen, +das in jeder Beziehung an der Scheide und in der Verbindung der alten und der +neuen geistigen Welt steht. In der Sullanischen Verfassung sind einerseits die +Urversammlung und der städtische Charakter des Gemeinwesens Rom fast zur +bedeutungslosen Form zusammengeschwunden, andererseits die innerhalb des +Staates stehende Gemeinde schon in der italischen vollständig entwickelt; bis +auf den Namen, der freilich in solchen Dingen die Hälfte der Sache ist, hat +diese letzte Verfassung der freien Republik das Repräsentativsystem und den auf +den Gemeinden sich aufbauenden Staat durchgeführt. +</p> + +<p> +Das Gemeindewesen in den Provinzen ward hierdurch nicht geändert; die +Gemeindebehörden der unfreien Städte blieben vielmehr, von besonderen Ausnahmen +abgesehen, beschränkt auf Verwaltung und Polizei und auf diejenige +Jurisdiktion, welche die römischen Behörden vorzogen, nicht selbst in die Hand +zu nehmen. +</p> + +<p> +Dieses war die Verfassung, die Lucius Cornelius Sulla der Gemeinde Rom gab. +Senat und Ritterstand, Bürgerschaft und Proletariat, Italiker und Provinzialen +nahmen sie hin, wie sie vom Regenten ihnen diktiert ward, wenn nicht ohne zu +grollen, doch ohne sich aufzulehnen; nicht so die Sullanischen Offiziere. Das +römische Heer hatte seinen Charakter gänzlich verändert. Es war allerdings +durch die Marianische Reform wieder schlagfertiger und militärisch brauchbarer +geworden, als da es vor den Mauern von Numantia nicht focht; aber es hatte +zugleich sich aus einer Bürgerwehr in eine Schar von Lanzknechten verwandelt, +welche dem Staat gar keine und dem Offizier nur dann Treue bewiesen, wenn er +verstand, sie persönlich an sich zu fesseln. Diese völlige Umgestaltung des +Armeegeistes hatte der Bürgerkrieg in gräßlicher Weise zur Evidenz gebracht: +sechs kommandierende Generale, Albinus, Cato, Rufus, Flaccus, Cinna und Gaius +Carbo, waren während desselben gefallen von der Hand ihrer Soldaten; einzig +Sulla hatte bisher es vermocht, der gefährlichen Meute Herr zu bleiben, +freilich nur, indem er allen ihren wilden Begierden den Zügel schießen ließ wie +noch nie vor ihm ein römischer Feldherr. Wenn deshalb ihm der Verderb der alten +Kriegszucht schuld gegeben wird, so ist dies nicht gerade unrichtig, aber +dennoch ungerecht; er war eben der erste römische Beamte, der seiner +militärischen und politischen Aufgabe nur dadurch zu genügen imstande war, daß +er auftrat als Condottiere. Aber er hatte die Militärdiktatur nicht übernommen, +um den Staat der Soldateska untertänig zu machen, sondern vielmehr, um alles im +Staat, vor allem aber das Heer und die Offiziere, unter die Gewalt der +bürgerlichen Ordnung zurückzuzwingen. Wie dies offenbar ward, erhob sich gegen +ihn eine Opposition mit seinem eigenen Stab. Mochte den übrigen Bürgern +gegenüber die Oligarchie den Tyrannen spielen; aber daß auch die Generale, die +mit ihrem guten Schwert die umgestürzten Senatorensessel wieder aufgerichtet +hatten, jetzt ebendiesem Senat unweigerlichen Gehorsam zu leisten aufgefordert +wurden, schien unerträglich. Eben die beiden Offiziere, denen Sulla das meiste +Vertrauen geschenkt hatte, widersetzten sich der neuen Ordnung der Dinge. Als +Gnaeus Pompeius, den Sulla mit der Eroberung von Sizilien und Afrika beauftragt +und zu seinem Tochtermanne erkoren hatte, nach Vollzug seiner Aufgabe vom Senat +den Befehl erhielt, sein Heer zu entlassen, unterließ er es zu gehorsamen und +wenig fehlte an offenem Aufstand. Quintus Ofella, dessen festem Ausharren vor +Praeneste wesentlich der Erfolg des letzten und schwersten Feldzuges verdankt +ward, bewarb sich in ebenso offenem Widerspruch gegen die neu erlassenen +Ordnungen um das Konsulat, ohne die niederen Ämter bekleidet zu haben. Mit +Pompeius kam, wenn nicht eine herzliche Aussöhnung, doch ein Vergleich +zustande. Sulla, der seinen Mann genug kannte, um ihn nicht zu fürchten, nahm +die Impertinenz hin, die Pompeius ihm ins Gesicht sagte, daß mehr Leute sich um +die aufgehende Sonne kümmerten als um die untergehende, und bewilligte dem +eitlen Jüngling die leeren Ehrenbezeigungen, an denen sein Herz hing. Wenn er +hier sich läßlich zeigte, so bewies er dagegen Ofella gegenüber, daß er nicht +der Mann war, sich von seinen Marschällen imponieren zu lassen: So wie dieser +verfassungswidrig als Bewerber vor das Volk trat, ließ ihn Sulla auf +öffentlichem Marktplatz niederstoßen und setzte sodann der versammelten +Bürgerschaft auseinander, daß die Tat auf seinen Befehl und warum sie vollzogen +sei. So verstummte zwar für jetzt diese bezeichnende Opposition des +Hauptquartiers gegen die neue Ordnung der Dinge; aber sie blieb bestehen und +gab den praktischen Kommentar zu Sullas Worten, daß das, was er diesmal tue, +nicht zum zweitenmal getan werden könne. +</p> + +<p> +Eines blieb noch übrig -vielleicht das schwerste von allem: die Zurückführung +der Ausnahmezustände in die neualten gesetzlichen Bahnen. Sie ward dadurch +erleichtert, daß Sulla dieses letzte Ziel nie aus den Augen verloren hatte. +Obwohl das Valerische Gesetz ihm absolute Gewalt und jeder seiner Verordnungen +Gesetzeskraft gegeben, hatte er dennoch dieser exorbitanten Befugnis sich nur +bei Maßregeln bedient, die von vorübergehender Bedeutung waren und wo die +Beteiligung Rat und Bürgerschaft bloß nutzlos kompromittiert haben würde, +namentlich bei den Ächtungen. Regelmäßig hatte er schon selbst diejenigen +Bestimmungen beobachtet, die er für die Zukunft vorschrieb. Daß das Volk +befragt ward, lesen wir in dem Quästorengesetz, das zum Teil noch vorhanden +ist, und von anderen Gesetzen, zum Beispiel dem Aufwandgesetz und denen über +die Konfiskation der Feldmarken, ist es bezeugt. Ebenso ward bei wichtigeren +Administrativakten, zum Beispiel bei der Entsendung und Zurückberufung der +afrikanischen Armee und bei Erteilung von städtischen Freibriefen, der Senat +vorangestellt. In demselben Sinn ließ Sulla schon für 673 (81) Konsuln wählen, +wodurch wenigstens die gehässige offizielle Datierung nach der Regentschaft +vermieden ward; doch blieb die Macht noch ausschließlich bei dem Regenten und +ward die Wahl auf sekundäre Persönlichkeiten geleitet. Aber im Jahre darauf +(674 80) setzte Sulla die ordentliche Verfassung wieder vollständig in +Wirksamkeit und verwaltete als Konsul in Gemeinschaft mit seinem Waffengenossen +Quintus Metellus den Staat, während er die Regentschaft zwar noch beibehielt, +aber vorläufig ruhen ließ. Er begriff es wohl, wie gefährlich es eben für seine +eigenen Institutionen war, die Militärdiktatur zu verewigen. Da die neuen +Zustände sich haltbar zu erweisen schienen, und von den neuen Einrichtungen +zwar manches, namentlich in der Kolonisierung, noch zurück, aber doch das +meiste und wichtigste vollendet war, so ließ er den Wahlen für 675 (79) freien +Lauf, lehnte die Wiederwahl zum Konsulat als mit seinen eigenen Verordnungen +unvereinbar ab und legte, bald nachdem die neuen Konsuln Publius Servilius und +Appius Claudius ihr Amt angetreten hatten, im Anfang des Jahres 675 (79) die +Regentschaft nieder. Es ergriff selbst starre Herzen, als der Mann, der bis +dahin mit dem Leben und dem Eigentum von Millionen nach Willkür geschaltet +hatte, auf dessen Wink so viele Häupter gefallen waren, dem in jeder Gasse +Roms, in jeder Stadt Italiens Todfeinde wohnten und der ohne einen ebenbürtigen +Verbündeten, ja genau genommen ohne den Rückhalt einer festen Partei sein +tausend Interessen und Meinungen verletzendes Werk der Reorganisation des +Staates zu Ende geführt hatte, als dieser Mann auf den Marktplatz der +Hauptstadt trat, sich seiner Machtfülle freiwillig begab, seine bewaffneten +Begleiter verabschiedete, seine Gerichtsdiener entließ und die dichtgedrängte +Bürgerschaft aufforderte zu reden, wenn einer von ihm Rechenschaft begehre. +Alles schwieg; Sulla stieg herab von der Rednerbühne und zu Fuß, nur von den +Seinigen begleitet, ging er mitten durch ebenjenen Pöbel, der ihm vor acht +Jahren das Haus geschleift hatte, zurück nach seiner Wohnung. +</p> + +<p> +Die Nachwelt hat weder Sulla selbst noch sein Reorganisationswerk richtig zu +würdigen verstanden, wie sie denn unbillig zu sein pflegt gegen die +Persönlichkeiten, die dem Strom der Zeiten sich entgegenstemmen. In der Tat ist +Sulla eine von den wunderbarsten, man darf vielleicht sagen eine einzige +Erscheinung in der Geschichte. Physisch und psychisch ein Sanguiniker, +blauäugig, blond, von auffallend weißer, aber bei jeder leidenschaftlichen +Bewegung sich rötender Gesichtsfarbe, übrigens ein schöner, feurig blickender +Mann, schien er nicht eben bestimmt, dem Staat mehr zu sein als seine Ahnen, +die seit seines Großvaters Großvater Publius Cornelius Rufinus (Konsul 464, 477 +290, 277), einem der angesehensten Feldherrn und zugleich dem prunkliebendsten +Mann der pyrrhischen Zeit, in Stellungen zweiten Ranges verharrt hatten. Er +begehrte vom Leben nichts als heiteren Genuß. Aufgewachsen in dem Raffinement +des gebildeten Luxus, wie er in jener Zeit auch in den minder reichen +senatorischen Familien Roms einheimisch war, bemächtigte er rasch und bebend +sich der ganzen Fülle sinnlich geistiger Genüsse, welche die Verbindung +hellenischer Feinheit und römischen Reichtums zu gewähren vermochten. Im +adligen Salon und unter dem Lagerzelt war er gleich willkommen als angenehmer +Gesellschafter und guter Kamerad; vornehme und geringe Bekannte fanden in ihm +den teilnehmenden Freund und den bereitwilligen Helfer in der Not, der sein +Geld weit lieber seinem bedrängten Genossen als seinem reichen Gläubiger +gönnte. Leidenschaftlich huldigte er dem Becher, noch leidenschaftlicher den +Frauen; selbst in seinen späteren Jahren war er nicht mehr Regent, wenn er nach +vollbrachtem Tagesgeschäft sich zur Tafel setzte. Ein Zug der Ironie, man +könnte vielleicht sagen der Bouffonnerie, geht durch seine ganze Natur. Noch +als Regent befahl er, während er die Versteigerung der Güter der Geächteten +leitete, für ein ihm überreichtes schlechtes Lobgedicht dem Verfasser eine +Verehrung aus der Beute zu verabreichen unter der Bedingung, daß er gelobe, ihn +niemals wieder zu besingen. Als er vor der Bürgerschaft Ofenas Hinrichtung +rechtfertigte, geschah es, indem er den Leuten die Fabel erzählte von dem +Ackersmann und den Läusen. Seine Gesellen wählte er gern unter den +Schauspielern und liebte es, nicht bloß mit Quintus Roscius, dem römischen +Talma, sondern auch mit viel geringeren Bühnenleuten beim Weine zu sitzen; wie +er denn auch selbst nicht schlecht sang und sogar zur Aufführung in seinem +Zirkel selber Possen schrieb. Doch ging in diesen lustigen Bacchanalien ihm +weder die körperliche noch die geistige Spannkraft verloren; noch in der +ländlichen Muße seiner letzten Jahre lag er eifrig der Jagd ob, und daß er aus +dem eroberten Athen die Aristotelischen Schriften nach Rom brachte, beweist +doch wohl für sein Interesse auch an ernsterer Lektüre. Das spezifische +Römertum stieß ihn eher ab. Von der plumpen Morgue, die die römischen Großen +gegenüber den Griechen zu entwickeln liebten, und von der Feierlichkeit +beschränkter großer Männer hatte Sulla nichts, vielmehr ließ er gern sich +gehen, erschien wohl zum Skandal mancher seiner Landsleute in griechischen +Städten in griechischer Tracht oder veranlaßte seine adligen Gesellen, bei den +Spielen selber die Rennwagen zu lenken. Noch weniger war ihm von den halb +patriotischen, halb egoistischen Hoffnungen geblieben, die in Ländern freier +Verfassung jede jugendliche Kapazität auf den politischen Tummelplatz locken +und die auch er wie jeder andere einmal empfunden haben mag; in einem Leben, +wie das seine war, schwankend zwischen leidenschaftlichem Taumel und mehr als +nüchternem Erwachen, verzetteln sich rasch die Illusionen. Wünschen und Streben +mochte ihm eine Torheit erscheinen in einer Welt, die doch unbedingt vom Zufall +regiert ward und wo, wenn überhaupt auf etwas, man ja doch auf nichts spannen +konnte als auf diesen Zufall. Dem allgemeinen Zug der Zeit, zugleich dem +Unglauben und dem Aberglauben, sich zu ergeben folgte auch er. Seine +wunderliche Gläubigkeit ist nicht der plebejische Köhlerglaube des Marius, der +von dem Pfaffen für Geld sich wahrsagen und seine Handlungen durch ihn +bestimmen läßt; noch weniger der finstere Verhängnisglaube des Fanatikers, +sondern jener Glaube an das Absurde, wie er bei jedem von dem Vertrauen auf +eine zusammenhängende Ordnung der Dinge durch und durch zurückgekommenen +Menschen notwendig sich einstellt, der Aberglaube des glücklichen Spielers, der +sich vom Schicksal privilegiert erachtet, jedesmal und überall die rechte +Nummer zu werfen. In praktischen Fragen verstand Sulla sehr wohl, mit den +Anforderungen der Religion ironisch sich abzufinden. Als er die Schatzkammern +der griechischen Tempel leerte, äußerte er, daß es demjenigen nimmermehr fehlen +könne, dem die Götter selbst die Kasse füllten. Als die delphischen Priester +ihm berichteten, daß sie sich scheuten, die verlangten Schätze zu senden, da +die Zither des Gottes hell geklungen, als man sie berührt, ließ er ihnen +zurücksagen, daß man sie nun um so mehr schicken möge, denn offenbar stimme der +Gott seinem Vorhaben zu. Aber darum wiegte er nicht weniger gern sich in dem +Gedanken, der auserwählte Liebling der Götter zu sein, ganz besonders jener, +der er bis in seine späten Jahre vor allen den Preis gab, der Aphrodite. In +seinen Unterhaltungen wie in seiner Selbstbiographie rühmte er sich vielfach +des Verkehrs, den in Träumen und Anzeichen die Unsterblichen mit ihm gepflogen. +Er hatte wie wenig andere ein Recht, auf seine Taten stolz zu sein; er war es +nicht, wohl aber stolz auf sein einzig treues Glück. Er pflegte wohl zu sagen, +daß jedes improvisierte Beginnen ihm besser ausgeschlagen sei als das planmäßig +angelegte, und eine seiner wunderlichsten Marotten, die Zahl der in den +Schlachten auf seiner Seite gefallenen Leute regelmäßig als null anzugeben, ist +doch auch nichts als die Kinderei eines Glückskindes. Es war nur der Ausdruck +der ihm natürlichen Stimmung, als er, auf dem Gipfel seiner Laufbahn angelangt +und alle seine Zeitgenossen in schwindelnder Tiefe unter sich sehend, die +Bezeichnung des Glücklichen, Sulla Felix, als förmlichen Beinamen annahm und +auch seinen Kindern entsprechende Benennungen beilegte. +</p> + +<p> +Nichts lag Sulla ferner als der planmäßige Ehrgeiz. Er war zu gescheit, um +gleich den Dutzendaristokraten seiner Zeit die Verzeichnung seines Namens in +die konsularischen Register als das Ziel seines Lebens zu betrachten; zu +gleichgültig und zu wenig Ideolog, um sich mit der Reform des morschen +Staatsgebäudes freiwillig befassen zu mögen. Er blieb, wo Geburt und Bildung +ihn hinwiesen, in dem Kreis der vornehmen Gesellschaft und machte wie üblich +die Ämterlaufbahn durch; Ursache sich anzustrengen hatte er nicht und überließ +dies den politischen Arbeitsbienen, an denen es ja nicht fehlte. So führte ihn +im Jahre 647 (107) bei der Verlosung der Quästorenstellen der Zufall nach +Afrika in das Hauptquartier des Gaius Marius. Der unversuchte hauptstädtische +Elegant ward von dem rauben bäurischen Feldherrn und seinem erprobten Stab +nicht zum besten empfangen. Durch diese Aufnahme gereizt, machte Sulla, +furchtlos und anstellig wie er war, im Fluge das Waffenhandwerk sich zu eigen +und entwickelte auf dem verwegenen Zug nach Mauretanien zuerst jene +eigentümliche Verbindung von Keckheit und Verschmitztheit, wegen deren seine +Zeitgenossen von ihm sagten, daß er halb Löwe, halb Fuchs und der Fuchs in ihm +gefährlicher sei als der Löwe. Dem jungen, hochgeborenen, brillanten Offizier, +der anerkanntermaßen der eigentliche Beendiger des lästigen Numidischen Krieges +war, öffnete jetzt sich die glänzendste Laufbahn; er nahm auch teil am +Kimbrischen Krieg und offenbarte in der Leitung des schwierigen +Verpflegungsgeschäftes sein ungemeines Organisationstalent; nichtsdestoweniger +zogen ihn auch jetzt die Freuden des hauptstädtischen Lebens weit mehr an als +Krieg oder gar Politik. In der Prätur, welches Amt er, nachdem er sich einmal +vergeblich beworben hatte, im Jahre 661 (93) übernahm, fügte es sich abermals, +daß ihm in seiner Provinz, der unbedeutendsten von allen, der erste Sieg über +König Mithradates und der erste Vertrag mit den mächtigen Arsakiden sowie deren +erste Demütigung gelang. Der Bürgerkrieg folgte. Sulla war es wesentlich, der +den ersten Akt desselben, die italische Insurrektion zu Roms Gunsten entschied +und dabei mit dem Degen das Konsulat sich gewann; er war es ferner, der als +Konsul den Sulpicischen Aufstand mit energischer Raschheit zu Boden schlug. Das +Glück schien sich ein Geschäft daraus zu machen, den alten Helden Marius durch +diesen jüngeren Offizier zu verdunkeln. Die Gefangennehmung Jugurthas, die +Besiegung Mithradats, die beide Marius vergeblich erstrebt hatte, wurden in +untergeordneten Stellungen von Sulla vollführt; im Bundesgenossenkrieg, in dem +Marius seinen Feldherrnruhm einbüßte und abgesetzt ward, gründete Sulla seinen +militärischen Ruf und stieg empor zum Konsulat; die Revolution von 666 (88), +die zugleich und vor allem ein persönlicher Konflikt zwischen den beiden +Generalen war, endigte mit Marius’ Ächtung und Flucht. Fast ohne es zu +wollen war Sulla der berühmteste Feldherr seiner Zeit, der Hort der Oligarchie +geworden. Es folgten neue und furchtbarere Krisen, der Mithradatische Krieg, +die Cinnanische Revolution: Sullas Stern blieb immer im Steigen. Wie der +Kapitän, der das brennende Schiff nicht löscht, sondern fortfährt, auf den +Feind zu feuern, harrte Sulla, während die Revolution in Italien tobte, in +Asien unerschüttert aus, bis der Landesfeind gezwungen war. Mit diesem fertig, +zerschmetterte er die Anarchie und rettete die Hauptstadt vor der Brandfackel +der verzweifelnden Samniten und Revolutionäre. Der Moment der Heimkehr war für +Sulla ein überwältigender in Freude und in Schmerz; er selbst erzählt in seinen +Memoiren, daß er die erste Nacht in Rom kein Auge habe zutun können, und wohl +mag man es glauben. Aber immer noch war seine Aufgabe nicht zu Ende, sein Stern +in weiterem Steigen. Absoluter Selbstherrscher wie nur je ein König und doch +durchaus verharrend auf dem Boden des formellen Rechts, zügelte er die +ultrareaktionäre Partei, vernichtete die seit vierzig Jahren die Oligarchie +einengende Gracchische Verfassung und zwang zuerst die der Oligarchie +Konkurrenz machenden Mächte der Kapitalisten und des hauptstädtischen +Proletariats, endlich den im Schoße seines eigenen Stabes erwachsenen Übermut +des Säbels wieder unter das neu befestigte Gesetz. Selbständiger als je stellte +er die Oligarchie hin, legte die Beamtenmacht als dienendes Werkzeug in ihre +Hände, verlieh ihr die Gesetzgebung, die Gerichte, die militärische und +finanzielle Obergewalt und gab ihr eine Art Leibwache in den befreiten Sklaven, +eine Art Heer in den angesiedelten Militärkolonisten. Endlich, als das Werk +vollendet war, trat der Schöpfer zurück von seiner Schöpfung; freiwillig ward +der absolute Selbstherrscher wieder einfacher Senator. In dieser ganzen langen +militärischen und politischen Bahn hat Sulla nie eine Schlacht verloren, nie +einen Schritt zurücktun müssen und ungeirrt von Feinden und Freunden sein Werk +geführt bis an das selbstgesteckte Ziel. Wohl hatte er Ursache, seinen Stern zu +preisen. Die launenhafte Göttin des Glücks schien hier einmal die Laune der +Beständigkeit angewandelt und sie darin sich gefallen zu haben, auf ihren +Liebling an Erfolgen und Ehren zu häufen, was er begehrte und nicht begehrte. +Aber die Geschichte wird gerechter gegen ihn sein müssen, als er es gegen sich +selber war, und ihn in eine höhere Reihe stellen als in die der bloßen +Favoriten der Fortuna. +</p> + +<p> +Nicht als wäre die Sullanische Verfassung ein Werk politischer Genialität, wie +zum Beispiel die Gracchische und die Caesarische. Es begegnet in ihr, wie dies +ja schon das Wesen der Restauration mit sich bringt, auch nicht ein +staatsmännisch neuer Gedanke; alle ihre wesentlichsten Momente: der Eintritt in +den Senat durch Bekleidung der Quästur, die Aufhebung des zensorischen Rechts, +den Senator aus dem Senate zu stoßen, die legislatorische Initiative des +Senats, die Verwandlung des tribunizischen Amtes in ein Werkzeug des Senats zur +Fesselung des Imperiums, die Erstreckung der Dauer des Oberamts auf zwei Jahre, +der Übergang des Kommandos von dem Volksmagistrat auf den senatorischen +Prokonsul oder Proprätor, selbst die neue Kriminal- und Munizipalordnung sind +nicht von Sulla geschaffene, sondern früher schon aus dem oligarchischen +Regiment entwickelte und durch ihn nur regulierte und fixierte Institutionen. +Ja selbst die seiner Restauration anhaftenden Greuel, die Ächtungen und +Konfiskationen, sind sie, verglichen mit den Taten der Nasica, Popillius, +Opimius, Caepio und so weiter, etwas anderes als die rechtliche Formulierung +der hergebrachten oligarchischen Weise, sich der Gegner zu entledigen? Über die +römische Oligarchie dieser Zeit nun gibt es kein Urteil als unerbittliche und +rücksichtslose Verdammung; und wie alles andere, was ihr anhängt, ist davon +auch die Sullanische Verfassung vollständig mitbetroffen. Das von der +Genialität des Bösen bestochene Lob versündigt sich an dem heiligen Geist der +Geschichte; aber daran wird man doch erinnern dürfen, daß weit weniger Sulla +die Sullanische Restauration zu verantworten hat als die seit Jahrhunderten als +Clique regierende und mit jedem Jahr mehr der greisenhaften Entnervung und +Verbissenheit verfallende römische Aristokratie insgesamt, und daß alles, was +darin schal, und alles, was darin verrucht ist, am letzten Ende auf diese +zurückfällt. Sulla hat den Staat reorganisiert, aber nicht wie der Hausherr, +der sein zerrüttetes Gewese und Gesinde nach eigener Einsicht in Ordnung +bringt, sondern wie der zeitweilige Geschäftsführer, der seiner Anweisung +getreu nachkommt; es ist flach und falsch, in diesem Falle die schließliche und +wesentliche Verantwortung von dem Geschäftsherrn ab auf den Verwalter zu +wälzen. Man schlägt Sullas Bedeutung viel zu hoch an oder findet vielmehr mit +jenen schauderhaften, nie wiedergutzumachenden und nie wiedergutgemachten +Proskriptionen, Expropriationen und Restaurationen viel zu leicht sich ab, wenn +man sie als das Werk eines zufällig an die Spitze des Staats geratenen +Wüterichs ansieht. Adelstaten waren dies und Restaurationsterrorismus, Sulla +aber nicht mehr dabei als, mit dem Dichter zu reden, das hinter dem bewußten +Gedanken unbewußt herwandelnde Richtbeil. Diese Rolle hat Sulla mit +wunderbarer, ja dämonischer Vollkommenheit durchgeführt; innerhalb der Grenzen +aber, die sie ihm gezogen, hat er nicht bloß großartig, sondern selbst nützlich +gewirkt. Nie wieder hat eine tief gesunkene und stetig tiefer sinkende +Aristokratie, wie die römische damals war, einen Vormund gefunden, der so wie +Sulla willig und fähig war, ohne jede Rücksicht auf eigenen Machtgewinn für sie +den Degen des Feldherrn und den Griffel des Gesetzgebers zu führen. Es ist +freilich ein Unterschied, ob ein Offizier aus Bürgersinn das Szepter verschmäht +oder aus Blasiertheit es wegwirft; aber in der völligen Abwesenheit des +politischen Egoismus - freilich auch nur in diesem einen - verdient Sulla neben +Washington genannt zu werden. Aber nicht bloß die Aristokratie, das gesamte +Land ward ihm mehr schuldig, als die Nachwelt gern sich eingestand. Sulla hat +die italische Revolution, insoweit sie beruhte auf der Zurücksetzung einzelner +minder berechtigter gegen andere besser berechtigte Distrikte, endgültig +geschlossen und ist, indem er sich und seine Partei zwang, die +Gleichberechtigung aller Italiker vor dem Gesetz anzuerkennen, der wahre und +letzte Urheber der vollen staatlichen Einheit Italiens geworden - ein Gewinn, +der mit endloser Not und Strömen von Blut dennoch nicht zu teuer erkauft war. +Aber Sulla hat noch mehr getan. Seit länger als einem halben Jahrhundert war +Roms Macht im Sinken und die Anarchie daselbst in Permanenz; denn das Regiment +des Senats mit der Gracchischen Verfassung war Anarchie und gar das Regiment +Cinnas und Carbos noch weit ärgere Meisterlosigkeit, deren grauenvolles Bild +sich am deutlichsten in jenem ebenso verwirrten wie naturwidrigen Bündnis mit +den Samniten widerspiegelt, der unklarste, unerträglichste, heilloseste aller +denkbaren politischen Zustände, in der Tat der Anfang des Endes. Es ist nicht +zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß das lange unterhöhlte römische +Gemeinwesen notwendig hätte zusammenstürzen müssen, wenn nicht durch die +Intervention in Asien und in Italien Sulla die Existenz desselben gerettet +hätte. Freilich hat Sullas Verfassung so wenig Bestand gehabt wie die +Cromwells, und es war nicht schwer zu sehen, daß sein Bau kein solider war; +aber es ist eine arge Gedankenlosigkeit, darüber zu übersehen, daß ohne Sulla +höchstwahrscheinlich der Bauplatz selbst von den Fluten wäre fortgerissen +worden; und auch jener Tadel trifft zunächst nicht Sulla. Der Staatsmann baut +nur, was er in dem ihm angewiesenen Kreise bauen kann. Was ein konservativ +Gesinnter tun konnte, um die alte Verfassung zu retten, das hat Sulla getan; +und geahnt hat er es selbst, daß er wohl eine Festung, aber keine Besatzung zu +schaffen vermöge und die grenzenlose Nichtigkeit der Oligarchen jeden Versuch, +die Oligarchie zu retten, vergeblich machen werde. Seine Verfassung glich einem +in das brandende Meer hineingeworfenen Notdamm; es ist kein Vorwurf für den +Baumeister, wenn ein Jahrzehnt später die Wellen den naturwidrigen und von den +Geschützten selbst nicht verteidigten Bau verschlangen. Der Staatsmann wird +nicht der Hinweisung auf höchst löbliche Einzelformen, zum Beispiel des +asiatischen Steuerwesens und der Kriminaljustiz, bedürfen, um Sullas ephemere +Restauration nicht geringschätzig abzufertigen, sondern wird darin eine richtig +entworfene und unter unsäglichen Schwierigkeiten im großen und ganzen +konsequent durchgeführte Reorganisation des römischen Gemeinwesens bewundern +und den Retter Roms, den Vollender der italischen Einheit unter, aber doch auch +neben Cromwell stellen. +</p> + +<p> +Freilich ist es nicht bloß der Staatsmann, der im Totengericht Stimme hat, und +das empörte menschliche Gefühl wird mit Recht sich nie mit dem versöhnen, was +Sulla getan oder das andere taten, gelitten hat. Sulla hat seine +Gewaltherrschaft nicht bloß mit rücksichtsloser Gewaltsamkeit begründet, +sondern dabei auch die Dinge mit einer gewissen zynischen Offenheit beim +rechten Namen genannt, durch die er es unwiederbringlich verdorben hat mit der +großen Masse der Schwachherzigen, die mehr vor dem Namen als vor der Sache sich +entsetzen, durch die er aber allerdings auch dem sittlichen Urteil wegen der +Kühle und Klarheit seines Frevels noch empörender erscheint als der +leidenschaftliche Verbrecher. Ächtungen, Belohnungen der Henker, +Güterkonfiskationen, kurzer Prozeß gegen unbotmäßige Offiziere waren hundertmal +vorgekommen, und die stumpfe politische Sittlichkeit der antiken Zivilisation +hatte für diese Dinge nur lauen Tadel; aber das freilich war unerhört, daß die +Namen der vogelfreien Männer öffentlich angeschlagen und die Köpfe öffentlich +ausgestellt wurden, daß den Banditen eine feste Summe ausgesetzt und dieselbe +in die öffentlichen Kassenbücher ordnungsmäßig eingetragen ward, daß das +eingezogene Gut gleich der feindlichen Beute auf offenem Markt unter den Hammer +kam, daß der Feldherr den widerspenstigen Offizier geradezu niederhauen ließ +und vor allem Volk sich zu der Tat bekannte. Diese öffentliche Verhöhnung der +Humanität ist auch ein politischer Fehler; er hat nicht wenig dazu beigetragen, +spätere revolutionäre Krisen im voraus zu vergiften, und noch jetzt ruht +deswegen verdientermaßen ein finsterer Schatten auf dem Andenken des Urhebers +der Proskriptionen. +</p> + +<p> +Mit Recht darf man ferner tadeln, daß Sulla, während er in allen wichtigen +Dingen rücksichtslos durchgriff, doch in untergeordneten, namentlich in +Personenfragen sehr häufig seinem sanguinischen Temperament nachgab und nach +Neigung oder Abneigung verfuhr. Er hat, wo er wirklich einmal Haß empfand, wie +gegen die Marier, ihm zügellos auch gegen Unschuldige den Lauf gelassen und von +sich selbst gerühmt, daß niemand besser als er Freunden und Feinden vergolten +habe ^13. Er verschmähte es nicht, bei Gelegenheit seiner Machtstellung, ein +kolossales Vermögen zu sammeln. Der erste absolute Monarch des römischen +Staats, bewährte er den Kernspruch des Absolutismus, daß den Fürsten die +Gesetze nicht binden, sogleich an den von ihm selbst erlassenen Ehebruchs- und +Verschwendungsgesetzen. Verderblicher aber als diese Nachsicht gegen sich +selbst ward dem Staat sein läßliches Verfahren gegen seine Partei und seinen +Kreis. Schon seine schlaffe Soldatenzucht, obwohl sie zum Teil durch politische +Notwendigkeit geboten war, läßt sich hierher rechnen; viel schädlicher aber +noch war die Nachsicht gegen seinen politischen Anhang. Es ist kaum glaublich, +was er gelegentlich hinnahm; so zum Beispiel ward dem Lucius Murena für die +durch die schlimmste Verkehrtheit und Unbotmäßigkeit erlittenen Niederlagen +nicht bloß die Strafe erlassen, sondern auch der Triumph zugestanden; so wurde +Gnaeus Pompeius, der sich noch schwerer vergangen hatte, von Sulla noch +verschwenderischer geehrt. Die Ausdehnung und die ärgsten Frevel der Ächtungen +und Konfiskationen sind wahrscheinlich weniger aus Sullas eigenem Wollen, als +aus diesem freilich in seiner Stellung kaum verzeihlicheren Indifferentismus +hervorgegangen. Daß Sulla bei seinem innerlich energischen und doch dabei +gleichgültigen Wesen sehr verschieden, bald unglaublich nachsichtig, bald +unerbittlich streng auftrat, ist begreiflich. Die tausendmal wiederholte Rede, +daß er vor seiner Regentschaft ein guter milder Mann, als Regent ein +blutdürstiger Wüterich gewesen sei, richtet sich selbst; wenn er als Regent das +Gegenteil der früheren Gelindigkeit zeigte, so wird man vielmehr sagen müssen, +daß er mit demselben nachlässigen Gleichmut strafte, mit dem er verzieh. Diese +halb ironische Leichtfertigkeit geht überhaupt durch sein ganzes politisches +Tun. Es ist immer, als sei dem Sieger, eben wie es ihm gefiel, sein Verdienst +um den Sieg Glück zu schelten, auch der Sieg selber nichts wert; als habe er +eine halbe Empfindung von der Nichtigkeit und Vergänglichkeit des eigenen +Werkes; als ziehe er nach Verwalterart das Ausbessern dem Einreißen und Umbauen +vor und lasse sich am Ende auch mit einer leidlichen Übertünchung der Schäden +genügen. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +^13 Euripides, Medeia, 807: +</p> + +<p> +Es soll mich keiner achten schwächlich und gering, +</p> + +<p> +Gutmütig nicht; ich bin gemacht aus anderm Stoff, +</p> + +<p> +Den Feinden schrecklich und den Freunden liebevoll. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +Wie er nun aber war, dieser Don Juan der Politik war ein Mann aus einem Gusse. +Sein ganzes Leben zeugt von dem innerlichen Gleichgewicht seines Wesens; in den +verschiedensten Lagen blieb Sulla unverändert derselbe. Es war derselbe Sinn, +der nach den glänzenden Erfolgen in Afrika ihn wieder den hauptstädtischen +Müßiggang suchen und der nach dem Vollbesitz der absoluten Macht ihn Ruhe und +Erholung finden ließ in seiner cumanischen Villa. In seinem Munde war es keine +Phrase, daß ihm die öffentlichen Geschäfte eine Last seien, die er abwarf, so +wie er durfte und konnte. Auch nach der Resignation blieb er völlig sich +gleich, ohne Unmut und ohne Affektation, froh, der öffentlichen Geschäfte +entledigt zu sein und dennoch hie und da eingreifend, wo die Gelegenheit sich +bot. Jagd und Fischfang und die Abfassung seiner Memoiren füllten seine müßigen +Stunden; dazwischen ordnete er auf Bitten der unter sich uneinigen Bürger die +inneren Verhältnisse der benachbarten Kolonie Puteoli ebenso sicher und rasch +wie früher die Verhältnisse der Hauptstadt. Seine letzte Tätigkeit auf dem +Krankenlager bezog sich auf die Beitreibung eines Zuschusses zu dem +Wiederaufbau des Kapitolinischen Tempels, den vollendet zu sehen ihm nicht mehr +vergönnt war. Wenig über ein Jahr nach seinem Rücktritt, im sechzigsten +Lebensjahr, frisch an Körper und Geist, ward er vom Tode ereilt; nach kurzem +Krankenlager - noch zwei Tage vor seinem Tode schrieb er an seiner +Selbstbiographie - raffte ein Blutsturz ^14 ihn hinweg (676 78). Sein getreues +Glück verließ ihn auch im Tode nicht. Er konnte nicht wünschen, noch einmal in +den widerwärtigen Strudel der Parteikämpfe hineingezogen zu werden und seine +alten Krieger noch einmal gegen eine neue Revolution führen zu müssen; und nach +dem Stande der Dinge bei seinem Tode in Spanien und in Italien hätte bei +längerem Leben ihm dies kaum erspart bleiben können. Schon jetzt, da von seiner +feierlichen Bestattung in der Hauptstadt die Rede war, wurden zahlreiche +Stimmen, die bei seinen Lebzeiten geschwiegen hatten, dort gegen die letzte +Ehre laut, die man dem Tyrannen zu erweisen gedachte. Aber noch war die +Erinnerung zu frisch und die Furcht vor seinen alten Soldaten zu lebendig; es +wurde beschlossen, die Leiche nach der Hauptstadt bringen zu lassen und dort +die Exequien zu begehen. Nie hat Italien eine großartigere Trauerfeier gesehen. +Überall wo der königlich geschmückte Tote hindurchgetragen ward, ihm vorauf +seine wohlbekannten Feldzeichen und Rutenbündel, da schlossen die Einwohner und +vor allem seine alten Lanzknechte an das Trauergefolge sich an; es schien, als +wollte die gesamte Truppe um den Mann, der sie im Leben so oft und nie anders +als zum Siege geführt hatte, noch einmal im Tode sich vereinigen. So gelangte +der endlose Leichenzug in die Hauptstadt, wo die Gerichte feierten und alle +Geschäfte ruhten und zweitausend goldene Kränze, als letzte Ehrengabe der +treuen Legionen, der Städte und der näheren Freunde, des Toten harrten. Sulla +hatte, dem Geschlechtsgebrauch der Cornelier gemäß, seinen Körper unverbrannt +beizusetzen verordnet; aber andere waren besser als er dessen eingedenkt, was +vergangene Tage gebracht hatten und künftige Tage bringen mochten - auf Befehl +des Senats ward die Leiche des Mannes, der die Gebeine des Marius aus ihrer +Ruhe im Grabe aufgestört hatte, den Flammen übergeben. Geleitet von allen +Beamten und dem gesamten Senat, den Priestern und Priesterinnen in ihrer +Amtstracht und der ritterlich gerüsteten adligen Knabenschar gelangte der Zug +auf den großen Marktplatz; auf diesem von seinen Taten und fast noch von dem +Klange seiner gefürchteten Worte erfüllten Platz ward dem Toten die Leichenrede +gehalten und von dort die Bahre auf den Schultern der Senatoren nach dem +Marsfeld getragen, wo der Scheiterhaufen errichtet war. Während er in Flammen +loderte, hielten die Ritter und die Soldaten den Ehrenlauf um die Leiche; die +Asche des Regenten aber ward auf dem Marsfeld neben den Gräbern der alten +Könige beigesetzt, und ein Jahr hindurch haben die römischen Frauen um ihn +getrauert. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^14 Nicht die Phthiriasis, wie ein anderer Bericht sagt; aus dem einfachen +Grunde, daß eine solche Krankheit nur in der Phantasie existiert. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap11"></a>KAPITEL XI.<br/> +Das Gemeinwesen und seine Ökonomie</h2> + +<p> +Ein neunzigjähriger Zeitraum, vierzig Jahr tiefen Friedens, fünfzig einer fast +permanenten Revolution liegen hinter uns. Es ist diese Epoche die ruhmloseste, +die die römische Geschichte kennt. Zwar wurden in westlicher und östlicher +Richtung die Alpen überschritten und gelangten die römischen Waffen auf der +spanischen Halbinsel bis zum Atlantischen Ozean, auf der +makedonisch-griechischen bis zur Donau; aber es waren so wohlfeile wie +unfruchtbare Lorbeeren. Der Kreis der “auswärtigen Völkerschaften in der +Willkür, Botmäßigkeit, Herrschaft oder Freundschaft der römischen +Bürgerschaft” ^1 ward nicht wesentlich erweitert; man begnügte sich, den +Erwerb einer besseren Zeit zu realisieren und die in loseren Formen der +Abhängigkeit an Rom geknüpften Gemeinden mehr und mehr in die volle +Untertänigkeit zu bringen. Hinter dem glänzenden Vorhang der +Provinzialreunionen verbarg sich ein sehr fühlbares Sinken der römischen Macht. +Während die gesamte antike Zivilisation immer bestimmter in dem römischen Staat +zusammengefaßt, immer altgemeingültiger in demselben formuliert ward, fingen +zugleich jenseits der Alpen und jenseits des Euphrat die von ihr +ausgeschlossenen Nationen an, aus der Verteidigung zum Angriff überzugehen. Auf +den Schlachtfeldern von Aquae Sextiae und Vercellae, von Chäroneia und +Orchomenos wurden die ersten Schläge desjenigen Gewitters vernommen, das über +die italisch-griechische Welt zu bringen die germanischen Stämme und die +asiatischen Horden bestimmt waren und dessen letztes dumpfes Rollen fast noch +bis in unsere Gegenwart hineinreicht. Aber auch in der inneren Entwicklung +trägt diese Epoche denselben Charakter. Die alte Ordnung stürzt +unwiederbringlich zusammen. Das römische Gemeinwesen war angelegt als eine +Stadtgemeinde, welche durch ihre freie Bürgerschaft sich selber die Herren und +die Gesetze gab, welche von diesen wohlberatenen Herren innerhalb dieser +gesetzlichen Schranken mit königlicher Freiheit geleitet ward, um welche teils +die italische Eidgenossenschaft als ein Inbegriff freier, der römischen +wesentlich gleichartiger und stammverwandter Stadtgemeinden, teils die +außeritalische Bundesgenossenschaft als ein Inbegriff griechischer Freistädte +und barbarischer Völker und Herrschaften, beide von der Gemeinde Rom mehr +bevormundet als beherrscht, in zweifachem Kreise sich schlossen. Es war das +letzte Ergebnis der Revolution - und beide Parteien, die nominell konservative +wie die demokratische Partei, hatten dazu mitgewirkt und trafen darin zusammen +-, daß von diesem ehrwürdigen Bau, der am Anfang der gegenwärtigen Epoche zwar +rissig und schwankend, aber doch noch aufrecht gestanden, am Schluß derselben +kein Stein mehr auf dem andern geblieben war. Der souveräne Machthaber war +jetzt entweder ein einzelner Mann oder die geschlossene Oligarchie bald der +Vornehmen, bald der Reichen. Die Bürgerschaft hatte jeden rechtlichen Anteil am +Regiment verloren. Die Beamten waren unselbständige Werkzeuge in der Hand des +jedesmaligen Machthabers. Die Stadtgemeinde Rom hatte durch ihre +widernatürliche Erweiterung sich selber zersprengt. Die italische +Eidgenossenschaft war aufgegangen in die Stadtgemeinde. Die außeritalische +Bundesgenossenschaft war im vollen Zug sich in eine Untertanenschaft zu +verwandeln. Die gesamte organische Gliederung des römischen Gemeinwesens war +zugrunde gegangen und nichts übrig geblieben, als eine rohe Masse mehr oder +minder disparater Elemente. Der Zustand drohte in volle Anarchie und in innere +und äußere Auflösung des Staats überzugehen. Die politische Bewegung lenkte +durchaus nach dem Ziele der Despotie; nur darüber noch ward gestritten, ob der +geschlossene Kreis der vornehmen Familien oder der Kapitalistensenat oder ein +Monarch Despot sein solle. Die politische Bewegung ging durchaus die zum +Despotismus führenden Wege: der Grundgedanke des freien Gemeinwesens, daß die +ringenden Mächte gegenseitig sich auf mittelbaren Zwang beschränken, war allen +Parteien gleichmäßig abhanden gekommen, und hüben und drüben fingen zuerst die +Knüttel, bald auch die Schwerter an, um die Herrschaft zu fechten. Die +Revolution, insofern zu Ende, als die alte Verfassung von beiden Seiten als +definitiv beseitigt anerkannt und Ziel und Weg der neuen politischen +Entwicklung deutlich festgestellt war, hatte doch für diese Reorganisation des +Staates selbst bis jetzt nur provisorische Lösungen gefunden; weder die +Gracchische noch die Sullanische Konstituierung der Gemeinde trugen einen +abschließenden Charakter. Das aber war das Bitterste dieser bitteren Zeit, daß +dem klarsehenden Patrioten selbst das Hoffen und das Streben sich versagten. +Die Sonne der Freiheit mit all ihrer unendlichen Segensfülle ging unaufhaltsam +unter, und die Dämmerung senkte sich über die eben noch so glänzende Welt. Es +war keine zufällige Katastrophe, der Vaterlandsliebe und Genie hätten wehren +können; es waren uralte soziale Schäden, im letzten Kern der Ruin des +Mittelstandes durch das Sklavenproletariat, an denen das römische Gemeinwesen +zugrunde ging. Auch der einsichtigste Staatsmann war in der Lage des Arztes, +dem es gleich peinlich ist, die Agonie zu verlängern und zu verkürzen. Ohne +Zweifel war Rom um so besser beraten, je rascher und durchgreifender ein Despot +alle Reste der alten freiheitlichen Verfassung beseitigte und für das +bescheidene Maß menschlichen Gedeihens, wofür in dem Absolutismus Raum ist, die +neuen Formen und Formeln fand; der innere Vorzug, der der Monarchie unter den +gegebenen Verhältnissen gegenüber jeder Oligarchie zukam, lag wesentlich +ebendarin, daß ein solcher energisch nivellierender und energisch aufbauender +Despotismus von einer kollegialischen Behörde nimmermehr geübt werden konnte. +Allein diese kühlen Erwägungen machen keine Geschichte; nicht der Verstand, nur +die Leidenschaft baut für die Zukunft. Man mußte eben erwarten, wie lange das +Gemeinwesen fortfahren werde, nicht leben und nicht sterben zu können, und ob +es schließlich an einer mächtigen Natur seinen Meister und, soweit dies möglich +war, seinen Neuschöpfer finden oder in Elend und Schwäche zusammenstürzen +werde. +</p> + +<p> +———————————————————————————————————— +</p> + +<p> +^1 Exterae nationes in arbitratu dicione potestate amicitiave populi Romani +(Lex repetund. v. 1), die offizielle Bezeichnung der nichtitalischen Untertanen +und Klienten im Gegensatz der italischen “Eidgenossen und +Stammverwandten” (socii nominisve Latini). +</p> + +<p> +———————————————————————————————————- +</p> + +<p> +Es bleibt noch übrig, die ökonomische und soziale Seite dieses Verlaufs +hervorzuheben, insoweit dies nicht bereits früher geschehen ist. +</p> + +<p> +Der Staatshaushalt ruhte seit dem Anfang dieser Epoche wesentlich auf den +Einkünften aus den Provinzen. In Italien ward die Grundsteuer, die hier stets +nur neben den ordentlichen Domanial- und anderen Gefällen als außerordentliche +Abgabe vorgekommen war, seit der Schlacht von Pydna nicht wieder erhoben, so +daß die unbedingte Grundsteuerfreiheit anfing, als ein verfassungsmäßiges +Vorrecht des römischen Grundbesitzers betrachtet zu werden. Die Regalien des +Staats, wie das Salzmonopol und das Münzrecht, wurden, wenn überhaupt je, so +wenigstens jetzt nicht als Einnahmequellen behandelt. Auch die neue +Erbschaftssteuer ließ man wieder schwinden oder schaffte sie vielleicht +geradezu ab. Demnach zog die römische Staatskasse aus Italien einschließlich +des diesseitigen Galliens nichts als teils den Domänenertrag, namentlich von +dem kampanischen Gebiet und den Goldgruben im Lande der Kelten, teils die +Abgabe von den Freilassungen und den nicht zu eigenem Verbrauch des +Einführenden in das römische Stadtgebiet zur See eingehenden Waren, welche +beide wesentlich als Luxussteuern betrachtet werden können und allerdings durch +die Ausdehnung des römischen Stadt- und zugleich Zollgebiets auf ganz Italien, +wahrscheinlich mit Einschluß des diesseitigen Galliens, ansehnlich gesteigert +werden mußten. +</p> + +<p> +In den Provinzen nahm der römische Staat zunächst als Privateigentum in +Anspruch teils in den nach Kriegsrecht vernichteten Staaten die gesamte Mark, +teils in denjenigen Staaten, wo die römische Regierung an die Stelle der +ehemaligen Herrscher getreten war, den von diesen innegehaltenen Grundbesitz, +kraft welches Rechts die Feldmarken von Leontinoi, Karthago, Korinth, das +Domanialgut der Könige von Makedonien, Pergamon und Kyrene, die Gruben in +Spanien und Makedonien als römische Domänen galten und, ähnlich wie das Gebiet +von Capua, von den römischen Zensoren an Privatunternehmer gegen Abgabe einer +Ertragsquote oder einer bestimmten Geldsumme verpachtet wurden. Daß Gaius +Gracchus noch weiter ging, das gesamte Provinzialland als Domäne ansprach und +zunächst für die Provinz Asia diesen Satz insofern praktisch durchführte, als +er den Bodenzehnten, die Hut- und Hafengelder daselbst rechtlich motivierte +durch das Eigentumsrecht des römischen Staats an Acker, Wiese und Küste der +Provinz, mochten diese nun früher dem König oder Privaten gehört haben, ward +bereits früher ausgeführt. +</p> + +<p> +Nutzbare Staatsregalien scheint es in dieser Zeit auch den Provinzen gegenüber +noch nicht gegeben zu haben; die Untersagung des Wein- und Ölbaues im +Transalpinischen Gallien kam der Staatskasse als solcher nicht zugute. Dagegen +wurden direkte und indirekte Steuern in großem Umfang erhoben. Die als +vollständig souverän anerkannten Klientelstaaten, also zum Beispiel die +Königreiche Numidien und Kappadokien, die Bundesstädte (civitates foederatae) +Rhodos, Messana, Tauromenion, Massalia, Gades waren rechtlich steuerfrei und +durch ihren Vertrag nur verpflichtet, die römische Republik in Kriegszeiten +teils durch regelmäßige Stellung einer festen Anzahl von Schiffen oder +Mannschaften auf ihre Kosten, teils, wie natürlich, im Notfall durch +außerordentliche Hilfsleistung jeder Art zu unterstützen. Das übrige +Provinzialgebiet dagegen, selbst mit Einschluß der Freistädte, unterlag +durchgängig der Besteuerung, und nur die mit römischem Bürgerrecht beliehenen +Städte, wie Narbo, und die speziell mit der Steuerfreiheit beschenkten +Gemeinden (civitates immunes), wie Kentoripa in Sizilien, waren hiervon +ausgenommen. Die direkten Abgaben bestanden teils, wie in Sizilien und +Sardinien, in einem Anrecht auf den Zehnten 2 der Garben und sonstigen +Feldfrüchte wie der Trauben und Oliven, oder, wenn das Land zur Weide lag, +einem entsprechenden Hutgeld; teils, wie in Makedonien, Achaia, Kyrene, dem +größten Teil von Africa, beiden Spanien, nach Sulla auch in Asia, in einer von +jeder einzelnen Gemeinde jährlich nach Rom zu entrichtenden festen Geldsumme +(stipendium, tributum), welche zum Beispiel für ganz Makedonien 600000 (183000 +Taler), für die kleine Insel Gyaros bei Andros 150 Denare (46 Taler) betrug und +allem Anschein nach im ganzen niedrig und geringer war als die vor der +römischen Herrschaft entrichtete Abgabe. Jene Bodenzehnten und Hutgelder +verdang der Staat gegen Lieferung fester Quantitäten Korn oder fester +Geldsummen an Privatunternehmer; dieser Geldabgaben wegen hielt er sich an die +einzelnen Gemeinden und überließ es diesen, den Betrag nach den von der +römischen Regierung im allgemeinen festgestellten Prinzipien auf die +Steuerpflichtigen zu repartieren und von diesen einzuziehen 3. Die indirekten +Abgaben bestanden, abgesehen von den untergeordneten Chaussee-, Brücken- und +Kanalgeldern, wesentlich in den Zöllen. Die Zölle des Altertums waren, wo nicht +ausschließlich doch sehr vorwiegend Hafen-, seltener Landgrenzzölle auf die zur +Feilbietung bestimmten ein- und ausgehenden Waren und wurden von jeder Gemeinde +in ihren Häfen und ihrem Gebiet nach Ermessen erhoben. Die Römer erkannten dies +auch insofern im allgemeinen an, als sich ihr ursprüngliches Zollgebiet nicht +weiter erstreckte als der römische Bürgerbezirk, und die Reichsgrenze +keineswegs Zollgrenze, ein allgemeiner Reichszoll also unbekannt war; nur auf +dem Wege des Staatsvertrages ward in den Klientelgemeinden für den römischen +Staat wohl durchaus Zollfreiheit, für den römischen Bürger vielfach wenigstens +Zollbegünstigung ausbedungen. Aber in denjenigen Bezirken, die nicht zum +Bündnis mit Rom zugelassen waren, sondern in eigentlicher Untertänigkeit +standen, auch nicht die Immunität erworben hatten, fielen die Zölle doch +selbstverständlich an den eigentlichen Souverän, das heißt an die römische +Gemeinde; und infolgedessen wurden einzelne größere Gebiete innerhalb des +Reiches als besondere römische Zolldistrikte konstituiert, in welchen die +einzelnen verbündeten oder mit Immunität beliehenen Gemeinden als vom römischen +Zoll befreit enklaviert wurden. So bildete Sizilien schon seit der +karthagischen Zeit einen geschlossenen Zollbezirk, an dessen Grenze von allen +aus- und eingehenden Waren eine Abgabe von fünf Prozent vom Wert erhoben ward; +so ward an den Grenzen von Asia infolge des Sempronischen Gesetzes eine +ähnliche Abgabe von zweieinhalb Prozent erhoben; so ward in ähnlicher Weise die +Provinz Narbo, ausschließlich der Feldmark der römischen Kolonie, als römischer +Zollbezirk organisiert. Bei dieser Einrichtung mag außer den fiskalischen +Zwecken auch die löbliche Absicht mitgewirkt haben, der aus den mannigfaltigen +Kommunalzöllen unvermeidlich entstehenden Verwirrung durch gleichmäßige +Grenzzollregulierung zu steuern. Zur Erhebung wurden die Zölle gleich den +Zehnten ohne Ausnahme an Mittelsmänner verdungen. +</p> + +<p> +————————————————————————————————- +</p> + +<p> +2 Dieser Steuerzehnte, den der Staat von dem Privatgrundeigentum erhebt, ist +wohl zu unterscheiden von dem Eigentümerzehnten, den er auf das Dominalland +legt. Jener ward in Sizilien verpachtet und stand ein für allemal fest; diesen, +insonderheit den des Leontinischen Ackers, verpachteten die Zensoren in Rom und +regulierten die zu entrichtende Ertragsquote und die sonstigen Bedingungen nach +Ermessen (Cic. Verr. 3, 6, 13; 5, 21, 53; leg. 1, 2, 4; 2, 18, 48). Vgl. mein +Römisches Staatsrecht, Bd. 3, S. 730. +</p> + +<p> +3 Das Verfahren war, wie es scheint, folgendes. Die römische Regierung +bestimmte zunächst die Gattung und die Höhe der Abgabe: so zum Beispiel ward in +Asien auch nach der Sullanisch-Caesarischen Ordnung die zehnte Garbe erhoben +(App. civ. 5 4); so steuerten nach Caesars Verordnung die Juden jedes andere +Jahr ein Viertel der Aussaat (Ios. ant. Iud. 4, 10, 6; vgl. 2, 5); so ward in +Kilikien und Syrien später 5 vom Hundert des Vermögens (App. Syr. 50) und auch +in Africa eine, wie es scheint, ähnliche Abgabe entrichtet, wobei übrigens das +Vermögen nach gewissen Präsumtionen, z. B. nach der Größe des Bodenbesitzes, +der Zahl der Türöffnungen, der Kopfzahl der Kinder und Sklaven abgeschätzt +worden zu sein scheint (exactio capitum atque ostiorum, Cic. ad fam. 3, 8, 5, +von Kilikien; φόρος επί τή γή καί τοίς σώμασιν, App. Pun. 135, für Africa). +Nach dieser Norm wurde von den Gemeindebehörden unter Oberaufsicht des +römischen Statthalters (Cic. ad Q. fr. 1, 1, 8; SC. de Asclep. 22, 23) +festgestellt, wer steuerpflichtig und was von jedem einzelnen Steuerpflichtigen +zu leisten sei (imperata επικεφάλια Cic. Att. 5, I6); wer dies nicht +rechtzeitig entrichtete, dessen Steuerschuld ward ebenwie in Rom verkauft, d. +h. einem Unternehmer mit einem Zuschlag zur Einziehung übertragen (venditio +tributorum Cic. ad fam. 3, 8, 5; ωνάς omnium venditas, ders. Att. 5, 16). Der +Ertrag dieser Steuern floß den Hauptgemeinden zu, wie zum Beispiel die Juden +ihr Korn nach Sidon zu senden hatten, und aus deren Kassen wurde sodann der +festgesetzte Geldbetrag nach Rom abgeführt. Auch diese Steuern also wurden +mittelbar erhoben, und der Vermittler behielt je nach den Umständen, entweder +einen Teil des Ertrags der Steuer für sich oder setzte aus eigenem Vermögen zu; +der Unterschied dieser Erhebung von der anderen durch Publikanen lag lediglich +darin, daß dort die Gemeindebehörde der Kontribuablen, hier römische +Privatunternehmer den Vermittler machten. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Hierauf waren die ordentlichen Lasten der römischen Steuerpflichtigen +beschränkt, wobei übrigens nicht übersehen werden darf, daß die Erhebungskosten +höchst beträchtlich waren und die Kontribuablen unverhältnismäßig mehr zahlten, +als die römische Regierung empfing. Denn wenn das System der Steuereinziehung +durch Mittelsmänner, namentlich durch Generalpächter, schon an sich von allen +das verschwenderischste ist, so ward in Rom noch durch die geringe Teilung der +Pachtungen und die ungeheure Assoziation des Kapitals die wirksame Konkurrenz +aufs äußerste erschwert. +</p> + +<p> +Zu diesen ordentlichen Belastungen aber kommen noch erstlich die Requisitionen +hinzu. Die Kosten der Militärverwaltung trug von Rechts wegen die römische +Gemeinde. Sie versah die Kommandanten jeder Provinz mit den Transportmitteln +und allen sonstigen Bedürfnissen; sie besoldete und versorgte die römischen +Soldaten in der Provinz. Nur Dach und Fach, Holz, Heu und ähnliche Gegenstände +hatten die Provinzialgemeinden den Beamten und Soldaten unentgeltlich zu +gewähren; ja die freien Städte waren sogar auch von der Wintereinquartierung - +feste Standlager kannte man noch nicht - regelmäßig befreit. Wenn der +Statthalter also Getreide, Schiffe, Sklaven zu deren Bemannung, Leinwand, +Leder, Geld oder anderes bedurfte, so stand es ihm zwar im Kriege unbedingt und +nicht viel anders auch in Friedenszeiten frei, solche Lieferungen nach Ermessen +und Bedürfnis von den Untertanengemeinden oder den souveränen Klientelstaaten +einzufordern, allein dieselben wurden, gleich der römischen Grundsteuer, +rechtlich als Käufe oder Vorschüsse behandelt und der Wert von der römischen +Staatskasse sogleich oder später ersetzt. Aber dennoch wurden, wenn nicht in +der staatsrechtlichen Theorie, so doch praktisch, diese Requisitionen eine der +drückendsten Belastungen der Provinzialen; um so mehr, als die +Entschädigungsziffer regelmäßig von der Regierung oder gar dem Statthalter +einseitig festgesetzt ward. Es begegnen wohl einzelne gesetzliche +Beschränkungen dieses gefährlichen Requisitionsrechts der römischen Oberbeamten +- so die schon erwähnte Vorschrift, daß in Spanien dem Landmann durch +Getreiderequisitionen nicht mehr als die zwanzigste Garbe entzogen und auch +hierfür der Preis nicht einseitig ausgemacht werden dürfte; die Bestimmung +eines Maximalquantums des von dem Statthalter für seine und seines Gefolges +Bedürfnisse zu requirierenden Getreides; die vorgängige Anordnung einer +festbestimmten und hochgegriffenen Vergütung für das Getreide, das wenigstens +in Sizilien häufig für die Bedürfnisse der Hauptstadt eingefordert ward. Allein +durch dergleichen Festsetzungen wurde der Druck jener Requisitionen auf die +Ökonomie der Gemeinden und der einzelnen in den Provinzen wohl hier und da +gelindert, aber keineswegs beseitigt. In außerordentlichen Krisen steigerte +dieser Druck sich unvermeidlich und oft ins Grenzenlose, wie denn auch alsdann +die Lieferungen nicht selten in der Form der Strafausschreibung oder in der der +erzwungenen freiwilligen Beiträge erfolgten, die Vergütung also ganz wegfiel. +So zwang Sulla im Jahre 670/71 (84/83) die kleinasiatischen Provinzialen, die +allerdings sich aufs schwerste gegen Rom vergangen hatten, jedem bei ihnen +einquartierten Gemeinen vierzigfachen (für den Tag 16 Denare = 3 2/3 Taler), +jedem Centurio fünfundsiebzigfachen Sold zu gewähren, außerdem Kleidung und +Tisch nebst dem Recht, nach Belieben Gäste einzuladen; so schrieb derselbe +Sulla bald nachher eine allgemeine Umlage auf die Klientel- und +Untertanengemeinden aus, von deren Erstattung natürlich keine Rede war. +</p> + +<p> +Ferner sind die Gemeindelasten nicht aus den Augen zu lassen. Sie müssen +verhältnismäßig sehr ansehnlich gewesen sein 4, da die Verwaltungskosten, die +Instandhaltung der öffentlichen Gebäude, überhaupt alle Zivilausgaben von den +städtischen Budgets getragen wurden und die römische Regierung lediglich das +Militärwesen aus ihrer Kasse zu bestreiten übernahm. Sogar von diesem +Militärbudget aber wurden noch beträchtliche Posten auf die Gemeinden abgewälzt +- so die Anlage- und Unterhaltungskosten der nichtitalischen Militärstraßen, +die der Flotten in den nichtitalischen Meeren, ja selbst zu einem großen Teil +die Ausgaben für das Heerwesen, insofern die Wehrmannschaft der Klientelstaaten +wie die der Untertanen auf Kosten ihrer Gemeinden innerhalb ihrer Provinz +regelmäßig zum Dienst herangezogen wurden und auch außerhalb derselben Thraker +in Afrika, Afrikaner in Italien und so weiter an jedem beliebigen Ort immer +häufiger anfingen, mitverwendet zu werden. Wenn nur die Provinzen, nicht aber +Italien direkte Abgaben an die Regierung entrichtete, so war dies wo nicht +politisch, doch finanziell billig, solange als Italien die Lasten und Kosten +des Militärwesens allein trug; seit dies aber aufgegeben ward, waren die +Provinzialen auch finanziell entschieden überlastet. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +4 Beispielsweise entrichtete in Judäa die Stadt Joppe 26075 römische Scheffel +Korn, die übrigen Juden die zehnte Garbe an den Volksfürsten; wozu dann noch +der Tempelschoß und die für die Römer bestimmte sidonische Abgabe kamen. Auch +in Sizilien ward neben dem römischen Zehnten eine sehr ansehnliche +Gemeindeschatzung vom Vermögen erhoben. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +Endlich ist das große Kapitel des Unrechts nicht zu vergessen, durch das die +römischen Beamten und Steuerpächter in der mannigfaltigsten Weise die +Steuerlast der Provinzen steigerten. Man mochte jedes Geschenk, das der +Statthalter nahm, gesetzlich als erpreßtes Gut behandeln, und selbst das Recht +zu kaufen ihm durch Gesetz beschränken, seine öffentliche Tätigkeit bot ihm, +wenn er unrecht tun wollte, dennoch der Handhaben mehr als genug. Die +Einquartierung der Truppen; die freie Wohnung der Beamten und des Schwarmes von +Adjutanten senatorischen oder Ritterranges, von Schreibern, Gerichtsdienern, +Herolden, Ärzten und Pfaffen; das den Staatsboten zukommende Recht +unentgeltlicher Beförderung; die Approbierung und der Transport der schuldigen +Naturallieferungen; vor allem die Zwangsverkäufe und die Requisitionen gaben +allen Beamten Gelegenheit, aus den Provinzen fürstliche Vermögen heimzubringen; +und das Stehlen ward immer allgemeiner, je mehr die Kontrolle der Regierung +sich als null erwies und die der Kapitalistengerichte sogar als gefährlich +allein für den ehrlichen Beamten. Die durch die Häufigkeit der Klagen über +Beamtenerpressung in den Provinzen veranlaßte Einrichtung einer stehenden +Kommission für dergleichen Fälle im Jahre 605 (149) und die rasch sich +folgenden und die Strafe stets steigernden Erpressungsgesetze zeigen, wie die +Flutmesser den Wasserstand, die immer wachsende Höhe des Übels. +</p> + +<p> +Unter all diesen Verhältnissen konnte selbst eine der Anlage nach mäßige +Besteuerung effektiv äußerst drückend werden, und daß sie dies war, ist außer +Zweifel, wenngleich der ökonomische Druck, den die italischen Kaufleute und +Bankiers auf die Provinzen übten, noch weit schwerer auf denselben gelastet +haben mag als die Besteuerung mit allen daran hängenden Mißbräuchen. +</p> + +<p> +Fassen wir zusammen, so war die Einnahme, welche Rom aus den Provinzen zog, +nicht eigentlich eine Besteuerung der Untertanen in dem Sinn, den wir jetzt +damit verbinden, sondern vielmehr überwiegend eine den attischen Tributen +vergleichbare Hebung, womit der führende Staat die Kosten des von demselben +übernommenen Kriegswesens bestritt. Daraus erklärt sich auch die auffallende +Geringfügigkeit des Roh- wie des Reinertrags. Es findet sich eine Angabe, +wonach die römische Einnahme, vermutlich mit Ausschluß der italischen Einkünfte +und des von den Zehntpächtern in Natur nach Italien abgelieferten Getreides, +bis zum Jahr 691 (63) nicht mehr betrug als 200 Mill. Sesterzen (15 Mill. +Taler); also nur zwei Drittel der Summe, die der König von Ägypten jährlich aus +seinem Lande zog. Nur auf den ersten Blick kann das Verhältnis befremden. Die +Ptolemäer beuteten das Niltal aus wie große Plantagenbesitzer und zogen +ungeheure Summen aus dem von ihnen monopolisierten Handelsverkehr mit dem +Orient; das römische Ärar war nicht viel mehr als die Bundeskriegskasse der +unter Roms Schutz geeinigten Gemeinden. Der Reinertrag war wahrscheinlich +verhältnismäßig noch geringer. Einen ansehnlichen Überschuß lieferten wohl nur +Sizilien, wo das karthagische Besteuerungssystem galt, und vor allem Asia, seit +Gaius Gracchus, um seine Getreideverteilung möglich zu machen, daselbst die +Bodenkonfiskation und die allgemeine Domanialbesteuerung durchgesetzt hatte; +nach vielfältigen Zeugnissen ruhten die römischen Staatsfinanzen wesentlich auf +den Abgaben von Asia. Die Versicherung klingt ganz glaublich, daß die übrigen +Provinzen durchschnittlich ungefähr so viel kosteten als sie einbrachten; ja +diejenigen, welche eine bedeutende Besatzung erforderten, wie beide Spanien, +das Jenseitige Gallien, Makedonien, mögen oft mehr gekostet als getragen haben. +Im ganzen blieb dem römischen Ärar allerdings in gewöhnlichen Zeiten ein +Überschuß, welcher es möglich machte, die Staats- und Stadtbauten reichlich zu +bestreiten und einen Notpfennig aufzusammeln; aber auch die für diese Beträge +vorkommenden Ziffern, zusammengehalten mit dem weiten Gebiet der römischen +Herrschaft, sprechen für die Geringfügigkeit des Reinertrags der römischen +Steuern. In gewissem Sinne hat also der alte, ebenso ehrenwerte wie verständige +Grundsatz: die politische Hegemonie nicht als nutzbares Recht zu behandeln, +ebenwie die römisch-italische so auch noch die provinziale Finanzverfassung +beherrscht. Was die römische Gemeinde von ihren überseeischen Untertanen erhob, +ward der Regel nach auch für die militärische Sicherung der überseeischen +Besitzungen wieder verausgabt; und wenn diese römischen Hebungen dadurch die +Pflichtigen schwerer trafen als die ältere Besteuerung, daß sie großenteils im +Ausland verausgabt wurden, so schloß dagegen die Ersetzung der vielen kleinen +Herren und Heere durch eine einzige Herrschaft und eine zentralisierte +Militärverwaltung eine sehr ansehnliche ökonomische Ersparnis ein. Aber +freilich erscheint dieser Grundsatz einer besseren Vorzeit in der +Provinzialorganisation doch von vornherein innerlich zerstört und durchlöchert +durch die zahlreichen Ausnahmen, die man davon sich gestattete. Der +hieronisch-karthagische Bodenzehnte in Sizilien ging weit hinaus über den +Betrag eines jährlichen Kriegsbeitrags. Mit Recht ferner sagt Scipio Aemilianus +bei Cicero, daß es der römischen Bürgerschaft übel anstehe, zugleich den +Gebieter und den Zöllner der Nationen zu machen. Die Aneignung der Hafenzölle +war mit dem Grundsatz der uneigennützigen Hegemonie nicht vereinbar, und die +Höhe der Zollsätze sowie die vexatorische Erhebungsweise nicht geeignet, das +Gefühl des hier zugefügten Unrechts zu beschwichtigen. Es gehört wohl schon +dieser Zeit an, daß der Name des Zöllners den östlichen Völkerschaften +gleichbedeutend mit dem des Frevlers und des Räubers ward; keine Belastung hat +so wie diese dazu beigetragen, den römischen Namen besonders im Osten +widerwärtig und gehässig zu machen. Als dann aber Gaius Gracchus und diejenige +Partei an das Regiment kam, die sich in Rom die populäre nannte, ward die +politische Herrschaft unumwunden für ein Recht erklärt, das jedem der Teilhaber +Anspruch gab auf eine Anzahl Scheffel Korn, ward die Hegemonie geradezu in +Bodeneigentum verwandelt, das vollständige Exploitierungssystem nicht bloß +eingeführt, sondern mit unverschämter Offenherzigkeit rechtlich motiviert und +proklamiert. Sicher war es auch kein Zufall, daß dabei eben die beiden am +wenigsten kriegerischen Provinzen Sizilien und Asia das härteste Los traf. +</p> + +<p> +Einen ungefähren Messer des römischen Finanzstandes dieser Zeit gewähren in +Ermangelung bestimmter Angaben noch am ersten die öffentlichen Bauten. In den +ersten Dezennien dieser Epoche wurden dieselben in größtem Umfange betrieben, +und vor allem die Chausseeanlagen sind zu keiner Zeit so energisch gefördert +worden. In Italien schloß sich an die große, vermutlich schon ältere +Südchaussee, die als Verlängerung der Appischen von Rom über Capua, Beneventum, +Venusia nach den Häfen von Tarent und Brundisium lief, eine Seitenstraße an von +Capua bis zur sizilischen Meerenge, ein Werk des Publius Popillius, Konsul 622 +(132). An der Ostküste, wo bisher nur die Strecke von Fanum nach Ariminum als +Teil der Flaminischen Straße chaussiert gewesen war, wurde die Küstenstraße +südwärts bis nach Brundisium, nordwärts über Hatria am Po bis nach Aquileia +verlängert und wenigstens das Stück von Ariminum bis Hatria von dem +ebengenannten Popillius in dem gleichen Jahr angelegt. Auch die beiden großen +etrurischen Chausseen, die Küsten- oder Aurelische Straße von Rom nach Pisa und +Luna, an der unter anderem im Jahre 631 (123) gebaut ward, und die über Sutrium +und Clusium nach Arretium und Florentia geführte Cassische, die nicht vor 583 +(171) gebaut zu sein scheint, dürften als römische Staatschausseen erst dieser +Zeit angehören. Um Rom selbst bedurfte es neuer Anlagen nicht; doch wurde die +Mulvische Brücke (Ponte Molle), auf der die Flaminische Straße unweit Rom den +Tiber überschritt, im Jahre 645 (109) von Stein hergestellt. Endlich in +Norditalien, das bis dahin keine andere als die bei Placentia endigende +Flaminisch-Ämilische Kunststraße gehabt hatte, wurde im Jahre 606 (148) die +große Postumische Straße gebaut, die von Genua über Dertona, wo wahrscheinlich +gleichzeitig eine Kolonie gegründet ward, weiter über Placentia, wo sie die +Flaminisch-Ämilische Straße aufnahm, Cremona und Verona nach Aquileia führte +und also das Tyrrhenische und das Adriatische Meer miteinander verband; wozu +noch die im Jahre 645 (109) durch Marcus Aemilius Scaurus hergestellte +Verbindung zwischen Luna und Genua hinzukam, welche die Postumische Straße +unmittelbar mit Rom verknüpfte. In einer anderen Weise war Gaius Gracchus für +das italische Wegewesen tätig. Er sicherte die Instandhaltung der großen +Landstraßen, indem er bei der Ackerverteilung längs derselben Grundstücke +anwies, auf denen die Verpflichtung der Wegebesserung als dingliche Last +haftete; auf ihn ferner oder doch auf die Ackerverteilungskommission scheint, +wie die Sitte, die Feldgrenze durch ordentliche Marksteine zu bezeichnen, so +auch die der Errichtung von Meilensteinen zurückzugehen; er sorgte endlich für +gute Vizinalwege, um auch hierdurch den Ackerbau zu fördern. Aber weit +folgenreicher noch war die ohne Zweifel eben in dieser Epoche beginnende Anlage +von Reichschausseen in den Provinzen: die Domitische Straße stellte nach langen +Vorbereitungen den Landweg von Italien nach Spanien sicher und hing mit der +Gründung von Aquae Sextiae und Narbo eng zusammen; die Gabinische und die +Egnatische führten von den Hauptplätzen an der Ostküste des Adriatischen +Meeres, jene von Salona, diese von Apollonia und Dyrrhachion, in das Binnenland +hinein; das unmittelbar nach der Einrichtung der asiatischen Provinz im Jahre +625 (129) von Manius Aquillius angelegte Straßennetz führte von der Hauptstadt +Ephesus nach verschiedenen Richtungen bis an die Reichsgrenze - alles Anlagen, +über deren Entstehung in der trümmerhaften Überlieferung dieser Epoche keine +Angabe zu finden ist, die aber nichtsdestoweniger mit der Konsolidierung der +römischen Herrschaft in Gallien, Dalmatien, Makedonien und Kleinasien +unzweifelhaft in Zusammenhang standen und für die Zentralisierung des Staats +und die Zivilisierung der unterworfenen barbarischen Distrikte von der größten +Bedeutung geworden sind. +</p> + +<p> +Wie für die Straßen war man wenigstens in Italien auch für die großen +Entsumpfungsarbeiten tätig. So ward im Jahre 594 (160) die Trockenlegung der +Pomptinischen Sümpfe, die Lebensfrage für Mittelitalien, mit großem +Kraftaufwand und wenigstens vorübergehendem Erfolg angegriffen; so im Jahre 645 +(109) in Verbindung mit den norditalischen Chausseebauten zugleich die +Entsumpfung der Niederungen zwischen Parma und Placentia bewerkstelligt. +Endlich tat die Regierung viel für die zur Gesundheit und Annehmlichkeit der +Hauptstadt ebenso unentbehrlichen wie kostspieligen römischen Wasserleitungen. +Nicht bloß wurden die beiden seit den Jahren 442 (312) und 492 (262) bereits +bestehenden, die Appische und die Anioleitung, im Jahre 610 (144) von Grund aus +repariert, sondern auch zwei neue Leitungen angelegt: im Jahre 610 (144) die +Marcische, die an Güte und Fülle des Wassers auch später unübertroffen blieb, +und neunzehn Jahre nachher die sogenannte Laue. Welche Operationen die römische +Staatskasse, ohne vom Kreditsystem Gebrauch zu machen, mittels reiner +Barzahlung auszuführen vermochte, zeigt nichts deutlicher als die Art, wie die +Marcische Leitung zustande kam: die dazu erforderliche Summe von 180 Mill. +Sesterzen (in Gold 13½ Mill. Taler) ward innerhalb dreier Jahre disponibel +gemacht und verwandt. Es läßt dies schließen auf eine sehr ansehnliche Reserve +des Staatsschatzes, die denn auch schon im Anfang dieser Periode nahe an 6 +Mill. Taler betrug und ohne Zweifel beständig im Steigen war. +</p> + +<p> +Alle diese Tatsachen zusammengenommen, lassen allerdings auf einen im +allgemeinen günstigen Stand der römischen Finanzen dieser Zeit schließen. Nur +darf auch in finanzieller Hinsicht nicht übersehen werden, daß die Regierung +während der ersten zwei Drittel dieses Zeitabschnitts zwar glänzende und +großartige Bauten ausführte, aber dafür andere wenigstens ebenso notwendige +Ausgaben zu machen unterließ. Wie ungenügend sie für das Militärwesen sorgte, +ist bereits hervorgehoben worden: in den Grenzlandschaften, ja im Potal +plünderten die Barbaren, im Innern hausten selbst in Kleinasien, Sizilien, +Italien die Räuberbanden. Die Flotte gar ward völlig vernachlässigt; römische +Kriegsschiffe gab es kaum mehr und die Kriegsschiffe, die man durch die +Untertanenstädte bauen und erhalten ließ, reichten nicht aus, so daß man nicht +bloß schlechterdings keinen Seekrieg zu führen, sondern nicht einmal den +Piraten das Handwerk zu legen imstande war. In Rom selbst unterblieben eine +Menge der notwendigsten Verbesserungen und namentlich die Flußbauten wurden +seltsam vernachlässigt. Immer noch besaß die Hauptstadt keine andere Brücke +über den Tiber als den uralten hölzernen Steg, der über die Tiberinsel nach dem +Ianiculum führte; immer noch ließ man den Tiber jährlich die Straßen unter +Wasser setzen und Häuser, ja nicht selten ganze Quartiere niederwerfen, ohne +etwas für die Uferbefestigung zu tun; immer mehr ließ man, wie gewaltig auch +der überseeische Handel sich entwickelte, die an sich schon schlechte Reede von +Ostia versanden. Eine Regierung, die unter den günstigsten Verhältnissen und in +einer Epoche vierzigjährigen Friedens nach außen und innen solche Pflichten +versäumt, kann leicht Steuern schwinden lassen und dennoch einen jährlichen +Überschuß der Einnahme über die Ausgabe und einen ansehnlichen Sparschatz +erzielen; aber eine derartige Finanzverwaltung verdient keineswegs Lob wegen +ihrer nur scheinbar glänzenden Ergebnisse, sondern vielmehr dieselben Vorwürfe +der Schlaffheit, des Mangels an einheitlicher Leitung, der verkehrten +Volksschmeichelei, die auf jedem andern politischen Gebiet gegen das +senatorische Regiment dieser Epoche erhoben werden mußten. +</p> + +<p> +Weit schlimmer gestalteten sich natürlich die finanziellen Verhältnisse, als +die Stürme der Revolution hereinbrachen. Die neue und, auch bloß finanziell +betrachtet, höchst drückende Belastung, die dem Staat aus der durch Gaius +Gracchus ihm auferlegten Verpflichtung erwuchs, den hauptstädtischen Bürgern +das Getreide zu Schleuderpreisen zu verabfolgen, ward allerdings durch die in +der Provinz Asia neu eröffneten Einnahmequellen zunächst wieder ausgeglichen. +Nichtsdestoweniger scheinen die öffentlichen Bauten seitdem fast gänzlich ins +Stocken gekommen zu sein. So zahlreich die erweislichermaßen von der Schlacht +bei Pydna bis auf Gaius Gracchus angelegten öffentlichen Werke sind, so werden +dagegen aus der Zeit nach 632 (122) kaum andere genannt als die Brücken-, +Straßen und Entsumpfungsanlagen, die Marcus Aemilius Scaurus als Zensor 645 +(109) anordnete. Es muß dahingestellt bleiben, ob dies die Folge der +Kornverteilungen ist oder, wie vielleicht wahrscheinlicher, die Folge des +gesteigerten Sparschatzsystems, wie es sich schickt für ein immer mehr zur +Oligarchie erstarrendes Regiment, und wie es angedeutet ist in der Angabe, daß +der römische Reservefonds seinen höchsten Stand im Jahre 663 (91) erreichte. +Der fürchterliche Insurrektions- und Revolutionssturm in Verbindung mit dem +fünfjährigen Ausbleiben der kleinasiatischen Gefälle war die erste nach dem +Hannibalischen Krieg wieder den römischen Finanzen zugemutete ernste Probe; sie +haben dieselbe nicht bestanden. Nichts vielleicht zeichnet so klar den +Unterschied der Zeiten, als daß im Hannibalischen Krieg erst im zehnten +Kriegsjahre, als die Bürgerschaft den Steuern fast erlag, der Sparschatz +angegriffen, dagegen der Bundesgenossenkrieg gleich von Haus aus auf den +Kassenbestand fundiert ward und, als schon nach zwei Feldzügen derselbe bis auf +den letzten Pfennig ausgegeben war, man lieber die öffentlichen Plätze in der +Hauptstadt versteigerte und die Tempelschätze angriff, als eine Steuer auf die +Bürger ausschrieb. Indes der Sturm, so arg er war, ging vorüber; Sulla stellte, +freilich unter ungeheuren, namentlich den Untertanen und den italischen +Revolutionären aufgebürdeten ökonomischen Opfern, die Ordnung in den Finanzen +wieder her und sicherte, indem er die Getreidespenden aufhob, die asiatischen +Abgaben aber, wenn auch gemindert, doch beibehielt, dem Gemeinwesen wenigstens +in dem Sinn einen befriedigenden ökonomischen Zustand, als die ordentlichen +Ausgaben weit unter den ordentlichen Einnahmen blieben. +</p> + +<p> +In der Privatökonomie dieser Zeit tritt kaum ein neues Moment hervor; die +früher dargelegten Vorzüge und Nachteile der sozialen Verhältnisse Italiens +werden nicht verändert, sondern nur weiter und schärfer entwickelt. In der +Bodenwirtschaft sahen wir bereits früher die steigende römische Kapitalmacht +den mittleren und kleinen Grundbesitz in Italien sowohl wie in den Provinzen +allmählich verzehren, wie die Sonne die Regentropfen aufsaugt. Die Regierung +sah nicht bloß zu ohne zu wehren, sondern förderte noch die schädliche +Bodenteilung durch einzelne Maßregeln, vor allem durch das zu Gunsten der +großen italischen Grundbesitzer und Kaufleute ausgesprochene Verbot der +transalpinischen Wein- und Ölproduktion 5. Zwar wirkten sowohl die Opposition +als die auf die Reformideen eingehende Fraktion der Konservativen energisch dem +übel entgegen: indem die beiden Gracchen die Aufteilung fast des gesamten +Domaniallandes durchsetzten, gaben sie dem Staat 80000 neue italische Bauern; +indem Sulla 120000 Kolonisten in Italien ansiedelte, ergänzte er wenigstens +einen Teil der von der Revolution und von ihm selbst in die Reihen der +italischen Bauernschaft gerissenen Lücken; allein dem durch stetigen Abfluß +sich leerenden Gefäß ist nicht durch Einschöpfen auch beträchtlicher Massen, +sondern nur durch Herstellung eines stetigen Zuflusses zu helfen, welche +vielfach versucht ward, aber nicht gelang. In den Provinzen nun gar geschah +nicht das Geringste, um den dortigen Bauernstand vor dem Auskaufen durch die +römischen Spekulanten zu retten: die Provinzialen waren ja bloß Menschen und +keine Partei. Die Folge war, daß mehr und mehr auch die außeritalische +Bodenrente nach Rom floß. Übrigens war die Plantagenwirtschaft, die um die +Mitte dieser Epoche selbst in einzelnen Landschaften Italiens, zum Beispiel in +Etrurien, bereits durchaus überwog, bei dem Zusammenwirken eines energischen +und rationellen Betriebs und reichlicher Geldmittel in ihrer Art zu hoher Blüte +gelangt. Die italische Weinproduktion vor allem, die teils die Eröffnung +gezwungener Märkte in einem Teil der Provinzen, teils das zum Beispiel in dem +Aufwandgesetz von 593 (161) ausgesprochene Verbot der ausländischen Weine in +Italien auch künstlich förderten, erzielte sehr bedeutende Erfolge; der Amineer +und der Falerner fingen an, neben dem Thasier und Chier genannt zu werden, und +der “Opimische Wein” vom Jahre 633 (121), der römische Elfer, blieb +im Andenken, lange nachdem der letzte Krug geleert war. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +5 3, 170. Damit mag auch die Bemerkung des nach Cato und vor Varro lebenden +römischen Landwirts Saserna (bei Colum. 1, 1, 5) zusammenhängen, daß der Wein- +und Ölbau sich beständig weiter nach Norden ziehe. Auch der Senatsbeschluß +wegen Übersetzung der Magonischen Bücher gehört hierher. +</p> + +<p> +——————————————————————- +</p> + +<p> +Von Gewerben und Fabrikation ist nichts zu sagen, als daß die italische Nation +in dieser Hinsicht in einer an Barbarei grenzenden Passivität verharrte. Man +zerstörte wohl die korinthischen Fabriken, die Depositare so mancher wertvollen +gewerblichen Tradition, aber nicht um selbst ähnliche Fabriken zu gründen, +sondern um zu Schwindelpreisen zusammenzukaufen, was die griechischen Häuser an +korinthischen Ton- oder Kupfergefäßen und ähnlichen “alten +Arbeiten” bewahrten. Was von Gewerken noch einigermaßen gedieh, wie zum +Beispiel die mit dem Bauwesen zusammenhängenden, trug für das Gemeinwesen +deshalb kaum einen Nutzen, weil auch hier bei jeder größeren Unternehmung die +Sklavenwirtschaft sich ins Mittel legte; wie denn zum Beispiel die Anlage der +Marcischen Wasserleitung in der Art erfolgte, daß die Regierung mit 3000 +Meistern zugleich Bau- und Lieferungsverträge abschloß, von denen dann jeder +mit seiner Sklavenschar die übernommene Arbeit beschaffte. +</p> + +<p> +Die glänzendste oder vielmehr die allein glänzende Seite der römischen +Privatwirtschaft ist der Geldverkehr und der Handel. An der Spitze stehen die +Domanial- und die Steuerpachtungen, durch die ein großer, vielleicht der größte +Teil der römischen Staatseinnahmen in die Taschen der römischen Kapitalisten +floß. Der Geldverkehr ferner war im ganzen Umfang des römischen Staats von den +Römern monopolisiert; jeder in Gallien umgesetzte Pfennig, heißt es in einer +bald nach dem Ende dieser Periode herausgegebenen Schrift, geht durch die +Bücher der römischen Kaufleute, und so war es ohne Zweifel überall. Wie das +Zusammenwirken der rohen ökonomischen Zustände und der rücksichtslosen +Ausnutzung der politischen Übermacht zu Gunsten der Privatinteressen eines +jeden vermögenden Römers eine wucherliche Zinswirtschaft allgemein machte, +zeigt zum Beispiel die Behandlung der von Sulla der Provinz Asia 670 (84) +auferlegten Kriegssteuer, die die römischen Kapitalisten vorschossen; sie +schwoll mit gezahlten und nichtgezahlten Zinsen binnen vierzehn Jahren auf das +Sechsfache ihres ursprünglichen Betrags an. Die Gemeinden mußten ihre +öffentlichen Gebäude, ihre Kunstwerke und Kleinodien, die Eltern ihre +erwachsenen Kinder verkaufen, um dem römischen Gläubiger gerecht zu werden; es +war nichts Seltenes, daß der Schuldner nicht bloß der moralischen Tortur +unterworfen, sondern geradezu auf die Marterbank gelegt ward. Hierzu kam +endlich der Großhandel. Italiens Ausfuhr und Einfuhr waren sehr beträchtlich. +Jene bestand vornehmlich in Wein und Öl, womit Italien neben Griechenland fast +ausschließlich - die Weinproduktion in der massaliotischen und turdetanischen +Landschaft kann damals nur gering gewesen sein - das gesamte Mittelmeergebiet +versorgte; italischer Wein ging in bedeutenden Quantitäten nach den +Balearischen Inseln und Keltiberien, nach Africa, das nur Acker- und Weideland +war, nach Narbo und in das innere Gallien. Bedeutender noch war die Einfuhr +nach Italien, wo damals aller Luxus sich konzentrierte und die meisten +Luxusartikel, Speisen, Getränke, Stoffe, Schmuck, Bücher, Hausgerät, +Kunstwerke, über See eingeführt wurden. Vor allem aber der Sklavenhandel nahm +infolge der stets steigenden Nachfrage der römischen Kaufleute einen +Aufschwung, dessengleichen man im Mittelmeergebiet noch nicht gekannt hatte und +der mit dem Aufblühen der Piraterie im engsten Zusammenhang steht; alle Länder +und alle Nationen wurden dafür in Kontribution gesetzt, die Hauptfangplätze +aber waren Syrien und das innere Kleinasien. In Italien konzentrierte die +überseeische Einfuhr sich vorzugsweise in den beiden großen Emporien am +Tyrrhenischen Meer, Ostia und Puteoli. Nach Ostia, dessen Reede wenig taugte, +das aber, als der nächste Hafen an Rom, für weniger werthafte Waren der +geeignetste Stapelplatz war, zog sich die für die Hauptstadt bestimmte +Korneinfuhr, dagegen der Luxushandel mit dem Osten überwiegend nach Puteoli, +das durch seinen guten Hafen für Schiffe mit wertvoller Ladung sich empfahl und +in der mehr und mehr mit Landhäusern sich füllenden Gegend von Baiae den +Kaufleuten einen dem hauptstädtischen wenig nachstehenden Markt in nächster +Nähe darbot. Lange Zeit ward dieser letztere Verkehr durch Korinth und nach +dessen Vernichtung durch Delos vermittelt, wie denn in diesem Sinne Puteoli bei +Lucilius das italische “Klein-Delos” heißt; nach der Katastrophe +aber, die Delos im Mithradatischen Kriege betraf, und von der es sich nicht +wieder erholt hat, knüpften die Puteolaner direkte Handelsverbindungen mit +Syrien und Alexandreia an und entwickelte damit ihre Stadt immer entschiedener +sich zu dem ersten überseeischen Handelsplatz Italiens. Aber nicht bloß der +Gewinn, der bei der italischen Aus- und Einfuhr gemacht ward, fiel wesentlich +den Italikern zu; auch in Narbo konkurrierten sie im keltischen Handel mit den +Massalioten, und überhaupt leidet es keinen Zweifel, daß die überall +fluktuierend oder ansässig anzutreffende römische Kaufmannschaft den besten +Teil aller Spekulationen für sich nahm. +</p> + +<p> +Fassen wir diese Erscheinungen zusammen, so erkennen wir als den +hervorstechenden Zug der Privatwirtschaft dieser Epoche die der politischen +ebenbürtig zur Seite gehende finanzielle Oligarchie der römischen Kapitalisten. +In ihren Händen vereinigt sich die Bodenrente fast des ganzen Italiens und der +besten Stücke des Provinzialgebiets, die wucherliche Rente des von ihnen +monopolisierten Kapitals, der Handelsgewinn aus dem gesamten Reiche, endlich in +Form der Pachtnutzung ein sehr beträchtlicher Teil der römischen +Staatseinkünfte. Die immer zunehmende Anhäufung der Kapitalien zeigt sich in +dem Steigen des Durchschnittsatzes des Reichtums: 3 Mill. Sesterzen (228000 +Taler) war jetzt ein mäßiges senatorisches, 2 Mill. (152000 Taler) ein +anständiges Rittervermögen; das Vermögen des reichsten Mannes der Gracchischen +Zeit, des Publius Crassus, Konsul 623 131), ward auf 100 Mill. Sesterzen +(7½Mill. Taler) geschätzt. Es ist kein Wunder, wenn dieser Kapitalistenstand +die äußere Politik vorwiegend bestimmt, wenn er aus Handelsrivalität Karthago +und Korinth zerstört, wie einst die Etrusker Alalia, die Syrakusier Caere +zerstörten, wenn er dem Senat zum Trotz die Gründung von Narbo aufrecht erhält. +Es ist ebenfalls kein Wunder, wenn diese Kapitalistenoligarchie in der inneren +Politik der Adelsoligarchie eine ernstliche und oft siegreiche Konkurrenz +macht. Es ist aber auch kein Wunder, wenn ruinierte reiche Leute sich an die +Spitze empörter Sklavenhaufen stellen und das Publikum sehr unsanft daran +erinnert, daß aus dem eleganten Bordell der Übergang zu der Räuberhöhle leicht +gefunden ist. Es ist kein Wunder, wenn jeder finanzielle Babelturm mit seiner +nicht rein ökonomischen, sondern der politischen Übermacht Roms entlehnten +Grundlage bei jeder ernsten politischen Krise ungefähr in derselben Art +schwankt wie unser sehr ähnlicher Staatspapierbau. Die ungeheure Finanzkrise, +die im Verfolg der italisch-asiatischen Bewegungen 664f. (90) über den +römischen Kapitalistenstand hereinbrach, die Bankrotte des Staates und der +Privaten, die allgemeine Entwertung der Grundstücke und der Gesellschaftsparten +können wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; wohl aber lassen im allgemeinen +keinen Zweifel an ihrer Art und ihrer Bedeutung ihre Resultate: die Ermordung +des Gerichtsherrn durch einen Gläubigerhaufen, der Versuch, alle nicht von +Schulden freien Senatoren aus dem Senat zu stoßen, die Erneuerung des +Zinsmaximum durch Sulla, die Kassation von 75 Prozent aller Forderungen durch +die revolutionäre Partei. Die Folge dieser Wirtschaft war natürlich in den +Provinzen allgemeine Verarmung und Entvölkerung, wogegen die parasitische +Bevölkerung reisender oder auf Zeit ansässiger Italiker überall im Steigen war. +In Kleinasien sollen an einem Tage 80000 Menschen italischer Abkunft umgekommen +sein. Wie zahlreich dieselben auf Delos waren, beweisen die noch auf der Insel +vorhandenen Denksteine und die Angabe, daß hier 20000 Fremde, meistens +italische Kaufleute, auf Mithradates’ Befehl getötet wurden. In Afrika +waren der Italiker so viele, daß sogar die numidische Stadt Cirta hauptsächlich +durch sie gegen Jugurtha verteidigt werden konnte. Auch Gallien, heißt es, war +angefüllt mit römischen Kaufleuten; nur für Spanien finden sich, vielleicht +nicht zufällig, dergleichen Angaben nicht. In Italien selbst ist dagegen der +Stand der freien Bevölkerung in dieser Epoche ohne Zweifel im ganzen +zurückgegangen. Allerdings haben die Bürgerkriege hierzu wesentlich mitgewirkt, +welche nach allgemeingehaltenen und freilich wenig zuverlässigen Angaben 100000 +bis 150000 Köpfe von der römischen Bürgerschaft, 300000 von der italischen +Bevölkerung überhaupt weggerafft haben sollen; aber schlimmer wirkten der +ökonomische Ruin des Mittelstandes und die maßlose Ausdehnung der +kaufmännischen Emigration, die einen großen Teil der italischen Jugend während +ihrer kräftigsten Jahre im Ausland zu verweilen veranlaßte. Einen Ersatz sehr +zweifelhaften Wertes gewährte dafür die freie parasitische +hellenisch-orientalische Bevölkerung, die als königliche oder +Gemeindediplomaten, als Ärzte, Schulmeister, Pfaffen, Bediente, Schmarotzer und +in den tausendfachen Ämtern der Industrieritter- und Gaunerschaft in der +Hauptstadt, als Händler und Schiffer namentlich in Ostia, Puteoli und +Brundisium verweilten. Noch bedenklicher war das unverhältnismäßige Steigen der +Sklavenmenge auf der Halbinsel. Die italische Bürgerschaft zählte nach der +Schätzung des Jahres 684 (70) 910000 waffenfähige Männer, wobei, um den Betrag +der freien Bevölkerung auf der Halbinsel zu erhalten, die in der Schätzung +zufällig übergangenen, die Latiner in der Landschaft zwischen den Alpen und dem +Po und die in Italien domizilierten Ausländer, hinzu-, die auswärts +domizilierten römischen Bürger dagegen abzurechnen sind. Es wird demnach kaum +möglich sein, die freie Bevölkerung der Halbinsel höher als auf 6 bis 7 Mill. +Köpfe anzusetzen. Wenn die damalige Gesamtbevölkerung derselben der +gegenwärtigen gleichkam, so hätte man danach eine Sklavenmasse von 13 bis 14 +Mill. Köpfen anzunehmen. Es bedarf indes solcher trüglichen Berechnungen nicht, +um die gefährliche Spannung dieser Verhältnisse anschaulich zu machen; laut +genug reden die partiellen Sklaveninsurrektionen und der seit dem Beginn der +Revolutionen am Schlusse eines jeden Aufstandes erschallende Aufruf an die +Sklaven, die Waffen gegen ihre Herren zu ergreifen und die Freiheit sich zu +erfechten. Wenn man sich England vorstellt mit seinen Lords, seinen Squires und +vor allem seiner City, aber die Freeholders und Pächter in Proletarier, die +Arbeiter und Matrosen in Sklaven verwandelt, so wird man ein ungefähres Bild +der damaligen Bevölkerung der italischen Halbinsel gewinnen. +</p> + +<p> +Wie im klaren Spiegel liegen die ökonomischen Verhältnisse dieser Epoche noch +heute uns vor in dem römischen Münzwesen. Die Behandlung desselben zeigt +durchaus den einsichtigen Kaufmann. Seit langer Zeit standen Gold und Silber +als allgemeine Zahlmittel nebeneinander, so daß zwar zum Zweck allgemeiner +Kassebilanzen ein festes Wertverhältnis zwischen beiden Metallen gesetzlich +normiert war, aber doch regelmäßig es nicht freistand, ein Metall für das +andere zu geben, sondern je nach dem Inhalt der Verschreibung in Gold oder +Silber zu zahlen war. Auf diesem Wege wurden die großen Übelstände vermieden, +die sonst an die Aufstellung eines doppelten Wertmetalls unvermeidlich sich +knüpfen; die starken Goldkrisen - wie denn zum Beispiel um 600 (150) infolge +der Entdeckung der tauriskischen Goldlager das Gold gegen Silber auf einmal in +Italien um 33 2/3 Prozent abschlug - wirkten wenigstens nicht direkt auf die +Silbermünze und den Kleinverkehr ein. Es lag in der Natur der Sache, daß, je +mehr der überseeische Verkehr sich ausdehnte, desto entschiedener das Gold aus +der zweiten in die erste Stelle eintrat, was denn auch die Angaben über die +Staatskassenbestände und die Staatskassengeschäfte bestätigen; aber die +Regierung ließ sich dadurch nicht bewegen, das Gold auch in die Münze +einzuführen. Die in der Not des Hannibalischen Krieges versuchte hatte man +längst wieder fallen lassen; die wenigen Goldstücke, die Sulla als Regent +schlug, sind kaum mehr gewesen als Gelegenheitsmünze für seine +Triumphalgeschenke. Nach wie vor zirkulierte als wirkliche Münze ausschließlich +das Silber; das Gold ward, mochte es nun, wie gewöhnlich, in Barren umlaufen +oder ausländisches oder allenfalls auch inländisches Gepräge tragen, lediglich +nach dem Gewicht genommen. Dennoch standen Gold und Silber als Verkehrsmittel +gleich, und die betrügliche Legierung des Goldes wurde gleich der Prägung +falscher Silbermünzen rechtlich als Münzvergehen betrachtet. Man erreichte +hierdurch den unermeßlichen Vorteil, bei dem wichtigsten Zahlmittel selbst die +Möglichkeit der Münzdefraude und Münzveruntreuung abzuschneiden. übrigens war +die Münzprägung ebenso reichlich wie musterhaft. Nachdem im Hannibalischen +Kriege das Silberstück von 1/72 auf 1/84 Pfund reduziert worden war, ist +dasselbe mehr als drei Jahrhunderte hindurch vollkommen gleich schwer und +gleich fein geblieben; eine Legierung fand nicht statt. Die Kupfermünze wurde +um den Anfang dieser Periode völlig zur Scheidemünze und hörte auf, wie früher, +im Großverkehr gebraucht zu werden; aus diesem Grunde wurde etwa seit dem +Anfang des siebenten Jahrhunderts der As nicht mehr geschlagen und die +Kupferprägung beschränkt auf die im Silber nicht füglich herzustellenden +Kleinwerte von einem Semis (fast 3 Pfennig) und darunter. Die Münzsorten waren +nach einem einfachen Prinzip geordnet und in der damals kleinsten Münze +gewöhnlicher Prägung, dem Quadrans (1½ Pfennig), hinabgeführt bis an die Grenze +der fühlbaren Werte. Es war ein Münzsystem, das an prinzipieller Verständigkeit +der Grundlagen wie an eisern strenger Durchführung derselben im Altertum einzig +dasteht und auch in der neueren Zeit nur selten erreicht worden ist. Doch hat +auch dies seinen wunden Fleck. Nach einer im ganzen Altertum gemeinen, in ihrer +höchsten Entwicklung in Karthago auftretenden Sitte gab auch die römische +Regierung mit den guten silbernen Denaren zugleich kupferne, mit Silber +plattierte aus, welche gleich jenen genommen werden mußten und nichts waren als +ein unserem Papiergeld analoges Zeichengeld mit Zwangskurs und Fundierung auf +die Staatskasse, insofern auch diese nicht befugt war, die plattierten Stücke +zurückzuweisen. Eine offizielle Falschmünzerei war dies so wenig wie unsere +Papiergeldfabrikation, da man die Sache ganz offen betrieb: Marcus Drusus +beantragte 663 (91), um die Mittel für seine Kornspenden zu gewinnen, die +Emission von einem plattierten auf je sieben silberne, neu aus der Münze +hervorgehende Denare; allein nichtsdestoweniger bot diese Maßregel nicht bloß +der privaten Falschmünzerei eine bedenkliche Handhabe, sondern sie ließ auch +das Publikum absichtlich darüber im ungewissen, ob es Silber- oder Zeichengeld +empfange und in welchem Gesamtbetrag das letztere in Umlauf sei. In der +bedrängten Zeit des Bürgerkrieges und der großen finanziellen Krise scheint man +der Planierung sich so über die Gebühr bedient zu haben, daß zu der Finanzkrise +eine Münzkrise sich gesellte und die Masse der falschen und faktisch +entwerteten Stücke den Verkehr höchst unsicher machte. Deshalb wurde während +des Cinnanischen Regiments von den Prätoren und Tribunen, zunächst von Marcus +Marius Gratidianus, die Einlösung des sämtlichen Zeichengeldes durch Silbergeld +verfügt und zu dem Ende ein Probierbüro eingerichtet. Inwieweit die Aufrufung +durchgeführt ward, ist nicht überliefert; die Zeichengeldprägung selbst blieb +bestehen. +</p> + +<p> +Was die Provinzen anlangt, so ward in Gemäßheit der grundsätzlichen Beseitigung +der Goldmünze die Goldprägung nirgends, auch in den Klientelstaaten nicht +gestattet; so daß die Goldprägung in dieser Zeit nur vorkommt, wo Rom gar +nichts zu sagen hatte, namentlich bei den Kelten nordwärts von den Cevennen und +bei den gegen Rom sich auflehnenden Staaten, wie denn die Italiker sowohl wie +auch Mithradates Eupator Goldmünzen schlugen. Auch die Silberprägung zeigt die +Regierung sich bestrebt, mehr und mehr in ihre Hand zu bringen, vornehmlich im +Westen. In Afrika und Sardinien mag die karthagische Gold- und Silbermünze auch +nach dem Sturz des karthagischen Staats im Umlauf geblieben sein; aber +geschlagen wurde daselbst in Edelmetallen weder auf karthagischen noch auf +römischen Fuß, und sicher hat sehr bald nach der Besitzergreifung der Römer +auch in dem Verkehr beider Landschaften der von Italien eingeführte Denar das +Übergewicht erhalten. In Spanien und Sizilien, die früher an Rom gekommen sind +und überhaupt eine mildere Behandlung erfuhren, ist zwar unter römischer +Herrschaft in Silber geprägt, ja in dem ersteren Lande die Silberprägung erst +durch die Römer und auf römischen Fuß ins Leben gerufen worden; aber es sind +gute Gründe vorhanden für die Annahme, daß auch in diesen beiden Landschaften +wenigstens seit dem Anfang des siebenten Jahrhunderts die provinziale und +städtische Prägung sich auf die kupferne Scheidemünze hat beschränken müssen. +Nur im Narbonesischen Gallien konnte der altverbündeten und ansehnlichen +Freistadt Massalia das Recht der Silberprägung nicht entzogen werden; und +dasselbe gilt vermutlich von den illyrischen Griechenstädten Apollonia und +Dyrrhachion. Indes beschränkte man doch diesen Gemeinden indirekt ihr Münzrecht +dadurch, daß der Dreivierteldenar, der nach Anordnung der römischen Regierung +dort wie hier geprägt ward und der unter dem Namen des Victoriatus in das +römische Münzsystem aufgenommen worden war, um die Mitte des 7. Jahrhunderts in +diesem beseitigt ward; wovon die Folge sein mußte, daß das massaliotische und +illyrische Courant aus Oberitalien verdrängt wurde und außer seinem +einheimischen Gebiete nur noch etwa in den Alpen- und Donaulandschaften gangbar +blieb. So weit war man also bereits in dieser Epoche, daß in der gesamten +Westhälfte des römischen Staates der Denarfuß ausschließlich herrschte: denn +Italien, Sizilien - von dem es für den Anfang der nächsten Epoche ausdrücklich +bezeugt ist, daß daselbst kein anderes Silbergeld umlief als der Denar -, +Sardinien, Afrika brauchten ausschließlich römisches Silbergeld, und das in +Spanien noch umlaufende Provinzialsilber sowie die Silbermünze der Massalioten +und Illyriker war wenigstens auf Denarfuß geschlagen. Anders war es im Osten. +Hier, wo die Zahl der seit alter Zeit münzenden Staaten und die Masse der +umlaufenden Landesmünze sehr ansehnlich war, drang der Denar nicht in größerem +Umfang ein, wenn er auch vielleicht gesetzlich gangbar erklärt ward: vielmehr +blieb hier entweder der bisherige Münzfuß, wie zum Beispiel Makedonien noch als +Provinz, wenn auch teilweise mit Hinzufügung der Namen von römischen Beamten zu +dem der Landschaft, seine attischen Tetradrachmen geschlagen und gewiß +wesentlich kein anderes Geld gebracht hat; oder es wurde unter römischer +Autorität ein den Verhältnissen entsprechender eigentümlicher Münzfuß neu +eingeführt, wie denn bei der Einrichtung der Provinz Asia derselben ein neuer +Stater, der sogenannte Cistophorus, von der römischen Regierung geordnet und +dieser seitdem von den Bezirkshauptstädten daselbst unter römischer +Oberaufsicht geschlagen ward. Diese wesentliche Verschiedenheit des +okzidentalischen und des orientalischen Münzwesens ist von der größten +geschichtlichen Bedeutung geworden: die Romanisierung der unterworfenen Länder +hat in der Annahme der römischen Münze einen ihrer wichtigsten Hebel gefunden, +und es ist kein Zufall, daß dasjenige, was wir in dieser Epoche als Gebiet des +Denars bezeichnet haben, späterhin zu der lateinischen, dagegen das Gebiet der +Drachme späterhin zu der griechischen Reichshälfte geworden ist. Noch +heutigentags stellt jenes Gebiet im wesentlichen den Inbegriff der romanischen +Kultur dar, während dieses dagegen aus der europäischen Zivilisation sich +ausgeschieden hat. +</p> + +<p> +Wie bei solchen ökonomischen Zuständen die sozialen Verhältnisse sich gestalten +mußten, ist im allgemeinen leicht zu ermessen, die Steigerung aber des +Raffinements, der Preise, des Ekels und der Leere im besonderen zu verfolgen +weder erfreulich noch lehrreich. Verschwendung und sinnlicher Genuß war die +Losung überall, bei den Parvenus so gut wie bei den Liciniern und Metellern; +nicht der feine Luxus gedieh, der die Blüte der Zivilisation ist, sondern +derjenige, der in der verkommenden hellenischen Zivilisation Kleinasiens und +Alexandreias sich entwickelt hatte, der alles Schöne und Bedeutende zur +Dekoration entadelte und auf den Genuß studierte mit einer mühseligen +Pedanterie, einer zopfigen Tüftelei, die ihn dem sinnlich wie dem geistig +frischen Menschen gleich ekelhaft macht. Was die Volksfeste anlangt, so wurde, +es scheint um die Mitte dieses Jahrhunderts, durch einen von Gnaeus Aufidius +beantragten Bürgerschluß die in der catonischen Zeit untersagte Einfuhr +überseeischer Bestien förmlich wieder gestattet, wodurch denn die Tierhetzen in +schwunghaften Betrieb kamen und ein Hauptstück der Bürgerfeste wurden. Um 651 +(103) erschienen in der römischen Arena zuerst mehrere Löwen, 655 (99) die +ersten Elefanten; 661 (93) ließ Sulla als Prätor schon hundert Löwen auftreten. +Dasselbe gilt von den Fechterspielen. Wenn die Altvordern die Bilder großer +Schlachten öffentlich ausgestellt hatten, so fingen die Enkel an, dasselbe von +ihren Gladiatorenspielen zu tun und mit solchen Haupt- und Staatsaktionen der +Zeit sich selber vor den Nachkommen zu verspotten. Welche Summen dafür und für +die Begräbnisfeierlichkeiten überhaupt aufgingen, kann man aus dem Testament +des Marcus Aemilius Lepidus (Konsul 567, 579 187, 175; † 592 152) abnehmen; +derselbe befahl seinen Kindern, da die wahrhafte letzte Ehre nicht in leerem +Gepränge, sondern in der Erinnerung an die eigenen und der Ahnen Verdienste +bestehe, auf seine Bestattung nicht mehr als 1 Mill. Asse (76000 Taler) zu +verwenden. Auch der Bau- und Gartenluxus war im Steigen; das prachtvolle und +namentlich wegen der alten Bäume des Gartens berühmte Stadthaus des Redners +Crassus († 663 91) ward mit den Bäumen auf 6 Mill. Sesterzen (457000 Taler), +ohne diese auf die Hälfte geschätzt, während der Wert eines gewöhnlichen +Wohnhauses in Rom etwa auf 60000 Sesterzen (4600 Taler) angeschlagen werden +kann 6. Wie rasch die Preise der Luxusgrundstücke stiegen, zeigt das Beispiel +der Misenischen Villa, die Cornelia, die Mutter der Gracchen, für 75000 +Sesterzen (5700 Taler), Lucius Lucullus, Konsul 680 (74) um den +dreiunddreißigfachen Preis erstand. Die Villenbauten und das raffinierte Land- +und Badeleben machten Baiae und überhaupt die Umgegend des Golfs von Neapel zum +Eldorado des vornehmen Müßiggangs. Die Hasardspiele, bei denen es keineswegs +mehr, wie bei dem italischen Knöchelspiel, um Nüsse ging, wurden gemein und +schon 639 (115) ein zensorisches Edikt dagegen erlassen. Gazestoffe, die die +Formen mehr zeigten als verhüllten, und seidene Kleider fingen an, bei Frauen +und selbst bei Männern die alten wollenen Röcke zu verdrängen. Gegen die +rasende Verschwendung, die mit ausländischen Parfümerien getrieben ward, +stemmten sich vergeblich die Aufwandgesetze. Aber der eigentliche Glanz- und +Brennpunkt dieses vornehmen Lebens war die Tafel. Man bezahlte Schwindelpreise +- bis 100000 Sesterzen (7600 Taler) - für einen ausgesuchten Koch; man baute +mit Rücksicht darauf und versah namentlich die Landhäuser an der Küste mit +eigenen Salzwasserteichen, um Seefische und Austern jederzeit frisch auf die +Tafel liefern zu können; man nannte es schon ein elendes Diner, wenn das +Geflügel ganz und nicht bloß die erlesenen Stücke den Gästen vorgelegt wurden +und wenn diesen zugemutet ward, von den einzelnen Gerichten zu essen und nicht +bloß zu kosten; man bezog für schweres Geld ausländische Delikatessen und +griechischen Wein, der bei jeder anständigen Mahlzeit wenigstens einmal +herumgereicht werden mußte. Vor allem bei der Tafel glänzte die Schar der +Luxussklaven, die Kapelle, das Ballett, das elegante Mobiliar, die +goldstrotzenden oder gemäldeartig gestickten Teppiche, die Purpurdecken, das +antike Bronzegerät, das reiche Silbergeschirr. Hiergegen zunächst richteten +sich die Luxusgesetze, die häufiger (593, 639, 665, 673 161, 115, 89, 82) und +ausführlicher als je ergingen: eine Menge Delikatessen und Weine wurden darin +gänzlich untersagt, für andere nach Gewicht und Preis ein Maximum festgesetzt, +ebenso die Quantität des silbernen Tafelgeschirrs gesetzlich beschränkt, +endlich allgemeine Maximalbeträge der Kosten der gewöhnlichen und der +Festtagsmahlzeit vorgeschrieben, zum Beispiel 593 (161) von 10 und 100 (17½ +Groschen und 5½ Taler), 673 (81) von 30 und 300 Sesterzen (1 Taler, 22 Groschen +und 17 Taler). Zur Steuer der Wahrheit muß leider hinzugefügt werden, daß von +allen vornehmen Römern nicht mehr als drei, und zwar keineswegs die Gesetzgeber +selber, diese staatlichen Gesetze befolgt haben sollen; auch diesen dreien aber +beschnitt nicht das Gesetz des Staates den Küchenzettel, sondern das der Stoa. +Es lohnt der Mühe, einen Augenblick noch bei dem trotz all dieser Gesetze +steigenden Luxus im Silbergerät zu verweilen. Im sechsten Jahrhundert war +silbernes Tafelgeschirr mit Ausnahme des althergebrachten silbernen Salzfasses +eine Ausnahme; die karthagischen Gesandtschaften spotteten darüber, daß sie in +jedem Hause, wo man sie eingeladen, dasselbe silberne Tafelgerät wiedergefunden +hätten. Noch Scipio Aemilianus besaß nicht mehr als 32 Pfund (800 Taler) an +verarbeitetem Silber; sein Neffe Quintus Fabius (Konsul 633 121) brachte es +zuerst auf 1000 (25 000 Taler), Marcus Drusus (Volkstribun 633 121) schon auf +10000 Pfund (250000 Taler); in Sullas Zeit zählte man in der Hauptstadt bereits +gegen 150 hundertpfündige silberne Prachtschüsseln, von denen manche ihren +Besitzer auf die Proskriptionsliste brachte. Um die hierfür verschwendeten +Summen zu ermessen, muß man sich erinnern, daß auch die Arbeit schon mit +ungeheuren Preisen bezahlt ward, wie denn für ausgezeichnetes Silbergerät Gaius +Gracchus den fünfzehn-, Lucius Crassus (Konsul 659 95) den achtzehnfachen +Metallwert bezahlte, der letztere für ein Becherpaar eines namhaften +Silberarbeiters 100 000 Sesterzen (7600 Taler) gab. So war es verhältnismäßig +überall. +</p> + +<p> +Wie es um Ehe und Kinderzeugung stand, zeigen schon die Gracchischen +Ackergesetze, die zuerst darauf eine Prämie setzten. Die Scheidung, einst in +Rom fast unerhört, war jetzt ein alltägliches Ereignis; wenn bei der ältesten +römischen Ehe der Mann die Frau gekauft hatte, so hätte man den jetzigen +vornehmen Römern vorschlagen mögen, um zu der Sache auch den Namen zu haben, +eine Ehemiete einzuführen. Selbst ein Mann .wie Metellus Macedonicus, der durch +seine ehrenwerte Häuslichkeit und seine zahlreiche Kinderschar die Bewunderung +seiner Zeitgenossen war, schärfte als Zensor 623 (131) den Bürgern die Pflicht, +im Ehestande zu leben, in der Art ein, daß er denselben bezeichnete als eine +drückende, aber von den Patrioten pflichtmäßig zu übernehmende öffentliche +Last. 7 +</p> + +<p> +———————————————————- +</p> + +<p> +6 In dem Hause, das Sulla als junger Mann bewohnte, zahlte er für das +Erdgeschoß 3000, der Mieter des obern Stockes 2000 Sesterzen Miete (Plut. Sull. +1), was zu 2/3 des gewöhnlichen Kapitalzinses kapitalisiert, ungefähr den +obigen Betrag ergibt. Dies war eine wohlfeile Wohnung. Wenn ein +hauptstädtischer Mietzins von 6000 Sesterzen (460 Taler) für das Jahr 629 (125) +ein hoher genannt wird (Vell. 1, 10), so müssen dabei besondere Umstände +obgewaltet haben. +</p> + +<p> +7 “Wenn wir könnten, ihr Bürger”, hieß es in seiner Rede, würden +wir freilich alle von dieser Last uns befreien. Da aber die Natur es so +eingerichtet hat, daß weder mit den Frauen sich bequem, noch ohne die Frauen +überhaupt sich leben läßt, so ziemt es sich auf dauernde Wohlfahrt mehr zu +sehen als auf kurzes Wohlleben.” +</p> + +<p> +——————————————————— +</p> + +<p> +Allerdings gab es Ausnahmen. Die landstädtischen Kreise, namentlich die der +größeren Gutsbesitzer, hatten die alte ehrenwerte latinische Nationalsitte +treuer bewahrt. In der Hauptstadt aber war die catonische Opposition zur Phrase +geworden; die moderne Richtung herrschte souverän und, wenn auch einzelne fest +und fein organisierte Naturen, wie Scipio Aemilianus, römische Sitte mit +attischer Bildung zu vereinigen wußten, war doch bei der großen Menge der +Hellenismus gleichbedeutend mit geistiger und sittlicher Verderbnis. Den +Rückschlag dieser sozialen Übelstände auf die politischen Verhältnisse darf man +niemals aus den Augen verlieren, wenn man die römische Revolution verstehen +will. Es war nicht gleichgültig, daß von den beiden vornehmen Männern, die im +Jahre 662 (92) als oberste Sittenmeister der Gemeinde fungierten, der eine dem +andern öffentlich vorrückte, daß er einer Muräne, dem Stolz seines Fischteichs, +bei ihrem Tode Tränen nachgeweint habe, und dieser wieder jenem, daß er drei +Frauen begraben und um keine eine Träne geweint habe. Es war nicht +gleichgültig, daß im Jahre 593 (161) auf offenem Markt ein Redner folgende +Schilderung eines senatorischen Zivilgeschworenen zum besten geben konnte, den +der angesetzte Termin in dem Kreise seiner Zechbrüder findet. “Sie +spielen Hasard, fein parfümiert, die Mätressen um sie herum. Wie der Nachmittag +herankommt, lassen sie den Bedienten kommen und heißen ihn auf der Dingstätte +sich umhören, was auf dem Markt vorgefallen sei, wer für und wer gegen den +neuen Gesetzvorschlag gesprochen, welche Distrikte dafür, welche dagegen +gestimmt hätten. Endlich gehen sie selbst auf den Gerichtsplatz, eben früh +genug, um sich den Prozeß nicht selbst auf den Hals zu ziehen. Unterwegs ist in +keinem Winkelgäßchen eine Gelegenheit, die sie nicht benutzen, denn sie haben +sich den Leib voll Wein geschlagen. Verdrossen kommen sie auf die Dingstätte +und geben den Parteien das Wort. Die, die es angeht, tragen ihre Sache vor. Der +Geschworene heißt die Zeugen auftreten; er selbst geht beiseite. Wie er +zurückkommt, erklärt er alles gehört zu haben und fordert die Urkunden. Ersieht +hinein in die Schriften; kaum hält er vor Wein die Augen auf. Wie er sich dann +zurückzieht, das Urteil auszufüllen, läßt er zu seinen Zechbrüdern sich +vernehmen: ‘Was gehen mich die langweiligen Leute an? Warum gehen wir +nicht lieber einen Becher Süßen mit griechischem Wein trinken und essen dazu +einen fetten Krammetsvogel und einen guten Fisch, einen veritablen Hecht von +der Tiberinsel?’” Die den Redner hörten, lachten; aber war es nicht +auch sehr ernsthaft, daß dergleichen Dinge belacht wurden? +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap12"></a>KAPITEL XII.<br/> +Nationalität, Religion, Erziehung</h2> + +<p> +In dem großen Kampfe der Nationalitäten innerhalb des weiten Umfangs des +Römischen Reiches erscheinen die sekundären Nationen in dieser Zeit im +Zurückweichen oder im Verschwinden. Die bedeutendste unter allen, die +phönikische, empfing durch die Zerstörung Karthagos die Todeswunde, an der sie +sich langsam verblutet hat. Die Landschaften Italiens, die ihre alte Sprache +und Sitte bis dahin noch gewahrt hatten, Etrurien und Samnium, wurden nicht +bloß von den schwersten Schlägen der Sullanischen Reaktion getroffen, sondern +die politische Nivellierung Italiens nötigte ihnen auch im öffentlichen Verkehr +die lateinische Sprache und Weise auf und drückte die alten Landessprachen +herab zu rasch verkümmernden Volksdialekten. Nirgendmehr erscheint im ganzen +Umfange des römischen Staates eine Nationalität als befugt, mit der römischen +und der griechischen auch nur zu ringen. Dagegen ist extensiv wie intensiv die +latinische Nationalität im entschiedensten Aufschwung. Wie seit dem +Bundesgenossenkrieg jedes italische Grundstück jedem Italiker zu vollem +römischen Eigen zustehen, jeder italische Tempelgott römische Gabe empfangen +kann, wie in ganz Italien mit Ausnahme der transpadanischen Landschaft seitdem +das römische Recht mit Beseitigung aller anderen Stadt- und Landrechte +ausschließlich gilt: so ist damals die römische Sprache auch die allgemeine +Geschäfts- und bald gleichfalls die allgemeine Sprache des gebildeten Verkehrs +auf der ganzen Halbinsel von den Alpen bis zur Meerenge geworden. Aber sie +beschränkte sich schon nicht mehr auf diese natürlichen Grenzen. Die in Italien +zusammenströmende Kapitalmasse, der Reichtum seiner Produkte, die Intelligenz +seiner Landwirte, die Gewandtheit seiner Kaufleute fand keinen hinreichenden +Spielraum auf der Halbinsel; hierdurch und durch den öffentlichen Dienst wurden +die Italiker massenweise in die Provinzen geführt. Ihre privilegierte Stellung +daselbst privilegierte auch die römische Sprache und das römische Recht, selbst +wo nicht bloß Römer miteinander verkehrten; überall standen die Italiker +zusammen als festgeschlossene und organisierte Massen, die Soldaten in ihren +Legionen, die Kaufleute jeder größeren Stadt als eigene Korporationen, die in +dem einzelnen provinzialen Gerichtssprengel domizilierten oder verweilenden +römischen Bürger als “Kreise” (conventus civium Romanorum) mit +ihrer eigenen Geschworenenliste und gewissermaßen mit Gemeindeverfassung; und +wenn auch diese provinzialen Römer regelmäßig früher oder später nach Italien +zurückgingen, so bildete sich dennoch allmählich aus ihnen der Stamm einer +festen, teils römischen, teils an die römische sich anlehnenden +Mischbevölkerung der Provinzen. Daß in Spanien, wo das römische Heer zuerst +stehend ward, auch zuerst eigene Provinzialstädte italischer Verfassung, +Carteia 583 (171), Valentia 616 (133), später Palma und Pollentia organisiert +worden sind, ward bereits erwähnt. Wenn das Binnenland noch wenig zivilisiert +war, das Gebiet der Vaccäer zum Beispiel noch lange nach dieser Zeit unter den +rauhesten und widerwärtigsten Aufenthaltsorten für den gebildeten Italiker +genannt wird, so bezeugen dagegen Schriftsteller und Inschriftsteine, daß schon +um die Mitte des siebenten Jahrhunderts um Neukarthago und sonst an der Küste +die lateinische Sprache in gemeinem Gebrauch war. In bewußter Weise entwickelte +zuerst Gaius Gracchus den Gedanken, die Provinzen des römischen Staats durch +die italische Emigration zu kolonisieren, das heißt zu romanisieren, und legte +Hand an die Ausführung desselben; und obgleich die konservative Opposition +gegen den kühnen Entwurf sich auflehnte, die gemachten Anfänge größtenteils +zerstörte und die Fortführung hemmte, so blieb doch die Kolonie Narbo erhalten, +schon an sich eine bedeutende Erweiterung des lateinischen Sprachgebiets und +noch bei weitem wichtiger als der Merkstein eines großen Gedankens, der +Grundstein eines gewaltigen künftigen Baues. Der antike Gallizismus, ja das +heutige Franzosentum sind von dort ausgegangen und in ihrem letzten Grunde +Schöpfungen des Gaius Gracchus. Aber die latinische Nationalität erfüllte nicht +bloß die italischen Grenzen und fing an sie zu überschreiten, sondern sie +gelangte auch in sich zu tieferer geistiger Begründung. Wir finden sie im Zuge, +eine klassische Literatur, einen eigenen höheren Unterricht sich zu schaffen; +und wenn man im Vergleich mit den hellenischen Klassikern und der hellenischen +Bildung sich versucht fühlen kann, die schwächliche italische +Treibhausproduktion gering zu achten, so kam es doch für die geschichtliche +Entwicklung zunächst weit weniger darauf an, wie die lateinische klassische +Literatur und die lateinische Bildung, als darauf, daß sie neben der +griechischen stand; und herabgekommen wie die gleichzeitigen Hellenen auch +literarisch waren, durfte man wohl das Wort des Dichters auch hier anwenden, +daß der lebendige Tagelöhner mehr ist als der tote Achill. +</p> + +<p> +Wie rasch und ungestüm aber die lateinische Sprache und Nationalität vorwärts +dringt, sie erkennt zugleich die hellenische an als durchaus gleich, ja früher +und besser berechtigt und tritt mit dieser überall in das engste Bündnis oder +durchdringt sich mit ihr zu gemeinschaftlicher Entwicklung. Die italische +Revolution, die sonst alle nichtlatinischen Nationalitäten auf der Halbinsel +nivellierte, rührte nicht an die Griechenstädte Tarent, Rhegion, Neapolis, +Lokri. Ebenso blieb Massalia, obwohl jetzt umschlossen von römischem Gebiet, +fortwährend eine griechische Stadt und eben als solche fest verbunden mit Rom. +Mit der vollständigen Latinisierung Italiens ging die steigende Hellenisierung +Hand in Hand. In den höheren Schichten der italischen Gesellschaft wurde die +griechische Bildung zum integrierenden Bestandteil der eigenen. Der Konsul des +Jahres 623 (131), der Oberpontifex Publius Crassus, erregte des Staunen selbst +der geborenen Griechen, da er als Statthalter von Asia seine gerichtlichen +Entscheidungen, wie der Fall es erforderte, bald in gewöhnlichem Griechisch +abgab, bald in einem der vier zu Schriftsprachen gewordenen Dialekte. Und wenn +die italische Literatur und Kunst längst unverwandt nach Osten blickten, so +begann jetzt auch die hellenische das Antlitz nach Westen zu wenden. Nicht bloß +die griechischen Städte in Italien blieben fortwährend zu regem geistigen +Verkehr mit Griechenland, Kleinasien, Ägypten und gönnten den dort gefeierten +griechischen Poeten und Schauspielern auch bei sich den gleichen Verdienst und +die gleichen Ehren; auch in Rom kamen, nach dem von dem Zerstörer Korinths bei +seinem Triumph 608 (146) gegebenen Beispiel, die gymnastischen und musischen +Spiele der Griechen: Wettkämpfe im Ringen sowie im Musizieren, Spielen, +Rezitieren und Deklamieren in Aufnahme ^1. Die griechischen Literaten schlugen +schon ihre Fäden bis in die vornehme römische Gesellschaft, vor allem in den +Scipionischen Kreis, dessen hervorragende griechische Mitglieder, der +Geschichtschreiber Polybios, der Philosoph Panätios, bereits mehr der römischen +als der griechischen Entwicklungsgeschichte angehören. Aber auch in anderen, +minderhochstehenden Zirkeln begegnen ähnliche Beziehungen. Wir gedenken eines +anderen Zeitgenossen Scipios, des Philosophen Kleitomachos, weil in seinem +Leben zugleich die gewaltige Völkermischung dieser Zeit sinnlich vor das Auge +tritt: ein geborener Karthager, sodann in Athen Zuhörer des Karneades und +später dessen Nachfolger in seiner Professur, verkehrte er von Athen aus mit +den gebildetsten Männern Italiens, dem Historiker Aulus Albinus und dem Dichter +Lucilius, und widmete teils dem römischen Konsul, der die Belagerung Karthagos +eröffnete, Lucius Censorinus, ein wissenschaftliches Werk, teils seinen als +Sklaven nach Italien geführten Mitbürgern eine philosophische Trostschrift. +Hatten namhafte griechische Literaten bisher wohl vorübergehend als Gesandte, +Verbannte oder sonstwie ihren Aufenthalt in Rom genommen, so fingen sie jetzt +schon an, dort sich niederzulassen; wie zum Beispiel der schon genannte +Panätios in Scipios Hause lebte, und der Hexametermacher Archias von Antiocheia +im Jahre 652 (102) sich in Rom niederließ und von der Improvisierkunst und von +Heldengedichten auf römische Konsulare sich anständig ernährte. Sogar Gaius +Marius, der schwerlich von seinem Carmen eine Zeile verstand und überhaupt zum +Mäzen möglichst übel sich schickte, konnte nicht umhin, den Verskünstler zu +patronisieren. Während also das geistige und literarische Leben wenn nicht die +reineren, doch die vornehmeren Elemente der beiden Nationen miteinander in +Verbindung brachte, flossen andererseits durch das massenhafte Eindringen der +kleinasiatischen und syrischen Sklavenscharen und durch die kaufmännische +Einwanderung aus dem griechischen und halbgriechischen Osten die rohesten und +stark mit orientalischen und überhaupt barbarischen Bestandteilen versetzten +Schichten des Hellenismus zusammen mit dem italischen Proletariat und gaben +auch diesem eine hellenische Färbung. Die Bemerkung Ciceros, daß neue Sprache +und neue Weise zuerst in den Seestädten aufkommt, dürfte zunächst auf das +halbhellenische Wesen in Ostia, Puteoli und Brundisium sich beziehen, wo mit +der fremden Ware auch die fremde Sitte zuerst Eingang und von da aus weiteren +Vertrieb fand. +</p> + +<p> +—————————————————————————- +</p> + +<p> +^1 Daß vor 608 (146) keine “griechischen Spiele” in Rom gegeben +seien (Tac. ann. 14, 21), ist nicht genau; schon 568 (186) traten griechische +“Künstler” (τεχνίται) und Athleten (Liv. 39, 22), 587 (167) +griechische Flötenspieler, Tragöden und Faustkämpfer auf (Polyb. 30, 13). +</p> + +<p> +————————————————————————— +</p> + +<p> +Das unmittelbare Resultat dieser vollständigen Revolution in den +Nationalitätsverhältnissen war allerdings nichts weniger als erfreulich. +Italien wimmelte von Griechen, Syrern, Phönikern, Juden, Ägyptern, die +Provinzen von Römern; die scharf ausgeprägten Volkstümlichkeiten rieben sich +überall aneinander und verschliffen sich zusehends; es schien nichts +übrigbleiben zu sollen als der allgemeine Charakter der Vernutzung. Was das +lateinische Wesen an Ausdehnung gewann, verlor es an Frische; vor allem in Rom +selbst, wo der Mittelstand am frühesten und vollständigsten verschwand und +nichts übrig blieb als die großen Herren und die Bettler, beide in gleichem +Maße Kosmopoliten. Cicero versichert, daß um 660 (190) die allgemeine Bildung +in den launischen Städten höher gestanden habe als in Rom; dies bestätigt die +Literatur dieser Zeit, deren erfreulichste, gesundeste und eigentümlichste +Erzeugnisse, wie die nationale Komödie und die Lucilische Satire, mit größerem +Recht latinisch heißen als römisch. Daß der italische Hellenismus der unteren +Schichten in der Tat nichts war als ein zugleich mit allen Auswüchsen der +Kultur und mit oberflächlich übertünchter Barbarei behafteter widerwärtiger +Kosmopolitismus, versteht sich von selbst; aber auch für die bessere +Gesellschaft blieb der feine Sinn des Scipionischen Kreises nicht auf die Dauer +maßgebend. Je mehr die Masse der Gesellschaft anfing, sich für das griechische +Wesen zu interessieren, desto entschiedener griff sie statt zu der klassischen +Literatur vielmehr zu den modernsten und frivolsten Erzeugnissen des +griechischen Geistes; statt im hellenischen Sinn das römische Wesen zu +gestalten, begnügte man sich mit Entlehnung desjenigen Zeitvertreibs, der den +eigenen Geist möglichst wenig in Tätigkeit setzte. In diesem Sinn äußerte der +arpinatische Gutsbesitzer Marcus Cicero, der Vater des Redners, daß der Römer, +wie der syrische Sklave, immer um so weniger tauge, je mehr er griechisch +verstehe. +</p> + +<p> +Diese nationale Dekomposition ist unerquicklich wie die ganze Zeit, aber auch +wie diese bedeutsam und folgenreich. Der Völkerkreis, den wir die alte Welt zu +nennen gewohnt sind, schreitet fort von der äußerlichen Einigung unter der +Machtgewalt Roms zu der inneren unter der Herrschaft der modernen, wesentlich +auf hellenischen Elementen ruhenden Bildung. Über den Trümmern der +Völkerschaften zweiten Ranges vollzieht sich zwischen den beiden herrschenden +Nationen stillschweigend der große geschichtliche Kompromiß; die griechische +und die lateinische Nationalität schließen miteinander Frieden. Auf dem Gebiete +der Bildung verzichten die Griechen, auf dem politischen die Römer auf ihre +exklusive Sprachherrschaft; im Unterricht wird dem Latein eine freilich +beschränkte und unvollständige Gleichstellung mit dem Griechischen eingeräumt; +andererseits gestattet zuerst Sulla den fremden Gesandten, vor dem römischen +Senat ohne Dolmetscher griechisch zu reden. Die Zeit kündigt sich an, wo das +römische Gemeinwesen in einen zwiesprachigen Staat übergehen und der rechte +Erbe des Thrones und der Gedanken Alexanders des Großen im Westen aufstehen +wird, zugleich ein Römer und ein Grieche. +</p> + +<p> +Was schon der Überblick der nationalen Verhältnisse also zeigt, die +Unterdrückung der sekundären und die gegenseitige Durchdringung der beiden +primären Nationalitäten, das ist im Gebiete der Religion, der Volkserziehung, +der Literatur und der Kunst noch im einzelnen genauer darzulegen. +</p> + +<p> +Die römische Religion war mit dem römischen Gemeinwesen und dem römischen +Haushalt so innig verwachsen, so gar nichts anderes als die fromme +Widerspiegelung der römischen Bürgerwelt, daß die politische und soziale +Revolution notwendigerweise auch das Religionsgebäude über den Haufen warf. Der +alte italische Volksglaube stürzt zusammen; über seinen Trümmern erheben sich, +wie über den Trümmern des politischen Gemeinwesens Oligarchie und Tyrannis, so +auf der einen Seite der Unglaube, die Staatsreligion, der Hellenismus, auf der +anderen der Aberglaube, das Sektenwesen, die Religion der Orientalen. +Allerdings gehen die Anfänge von beiden, wie ja auch die Anfänge der +politisch-sozialen Revolution, bereits in die vorige Epoche zurück. Schon +damals rüttelte die hellenische Bildung der höheren Kreise im stillen an dem +Glauben der Väter; schon Ennius bürgerte die Allegorisierung und Historisierung +der hellenischen Religion in Italien ein; schon der Senat, der Hannibal +bezwang, mußte die Übersiedlung des kleinasiatischen Kybelekults nach Rom +gutheißen und gegen anderen noch schlimmeren Aberglauben, namentlich das +bakchische Muckertum, aufs ernstlichste einschreiten. Indes wie überhaupt in +der vorhergehenden Periode die Revolution mehr in den Gemütern sich +vorbereitete als äußerlich sich vollzog, so ist auch die religiöse Umwälzung im +wesentlichen dort erst das Werk der gracchischen und sullanischen Zeit. +</p> + +<p> +Versuchen wir zunächst die an den Hellenismus sich anlehnende Richtung zu +verfolgen. Die hellenische Nation, weit früher als die italische erblüht und +abgeblüht, hatte längst die Epoche des Glaubens durchmessen und seitdem sich +ausschließlich bewegt auf dem Gebiet der Spekulation und Reflexion; seit langem +gab es dort keine Religion mehr, sondern nur noch Philosophie. Aber auch die +philosophische Tätigkeit des hellenischen Geistes hatte, als sie auf Rom zu +wirken begann, die Epoche der produktiven Spekulation bereits weit hinter sich +und war in dem Stadium angekommen, wo nicht bloß keine wahrhaft neuen Systeme +mehr entstehen, sondern wo auch die Fassungskraft für die vollkommensten der +älteren zu schwinden beginnt und man auf die schulmäßige und bald scholastische +Überlieferung der unvollkommneren Philosopheme der Vorfahren sich beschränkt; +in dem Stadium also, wo die Philosophie, statt den Geist zu vertiefen und zu +befreien, vielmehr ihn verflacht und ihn in die schlimmsten aller Fesseln, die +selbstgeschmiedeten, schlägt. Der Zaubertrank der Spekulation, immer +gefährlich, ist, verdünnt und abgestanden, sicheres Gift. So schal und +verwässert reichten die gleichzeitigen Griechen ihn den Römern, und diese +verstanden weder ihn zurückzuweisen noch von den lebenden Schulmeistern auf die +toten Meister zurückzugehen. Platon und Aristoteles, um von den vorsokratischen +Weisen zu schweigen, sind ohne wesentlichen Einfluß auf die römische Bildung +geblieben, wenngleich die erlauchten Namen gern genannt, ihre faßlicheren +Schriften auch wohl gelesen und übersetzt wurden. So wurden denn die Römer in +der Philosophie nichts als schlechter Lehrer schlechtere Schüler. Außer der +historisch-rationalistischen Auffassung der Religion, welche die Mythen +auflöste in Lebensbeschreibungen verschiedener in grauer Vorzeit lebender +Wohltäter des Menschengeschlechtes, aus denen der Aberglaube Götter gemacht +habe, oder dem sogenannten Euhemerismus, sind hauptsächlich drei +Philosophenschulen für Italien von Bedeutung geworden: die beiden dogmatischen +des Epikuros († 484 270) und des Zenon († 491 263) und die skeptische des +Arkesilas († 513 241) und Karneades (541-625 231-129) oder mit den Schulnamen +der Epikureismus, die Stoa und die Neuere Akademie. Die letzte dieser +Richtungen, welche von der Unmöglichkeit des überzeugten Wissens ausging und an +dessen Stelle nur ein für das praktische Bedürfnis ausreichendes vorläufiges +Meinen als möglich zugab, bewegte sich hauptsächlich polemisch, indem sie jeden +Satz des positiven Glaubens wie des philosophischen Dogmatismus in den +Schlingen ihrer Dilemmen fing. Sie steht insofern ungefähr auf einer Linie mit +der älteren Sophistik, nur daß begreiflicherweise die Sophisten mehr gegen den +Volksglauben, Karneades und die Seinen mehr gegen ihre philosophischen Kollegen +ankämpften. Dagegen trafen Epikuros und Zenon überein sowohl in dem Ziel einer +rationellen Erklärung des Wesens der Dinge als auch in der physiologischen, von +dem Begriff der Materie ausgehenden Methode. Auseinander gingen sie, insofern +Epikuros, der Atomenlehre Demokrits folgend, das Urwesen als starre Materie +faßt und diese nur durch mechanische Verschiedenheiten in die Mannigfaltigkeit +der Dinge überführt, Zenon dagegen, sich anlehnend an den Ephesier Herakleitos, +schon in den Urstoff eine dynamische Gegensätzlichkeit und eine auf- und +niederwogende Bewegung hineinlegt; woraus denn die weiteren Unterschiede sich +ableiten: daß im epikureischen System die Götter gleichsam nicht vorhanden und +höchstens der Traum der Träume sind, die stoischen Götter die ewig rege Seele +der Welt und als Geist, als Sonne, als Gott mächtig über den Körper, die Erde, +die Natur; daß Epikuros nicht, wohl aber Zenon eine Weltregierung und eine +persönliche Unsterblichkeit der Seele anerkennt; daß das Ziel des menschlichen +Strebens nach Epikuros ist das unbedingte, weder von körperlichem Begehren noch +von geistigem Streiten aufgeregte Gleichgewicht, dagegen nach Zenon die durch +das stetige Gegeneinanderstreben des Geistes und Körpers immer gesteigerte und +zu dem Einklang mit der ewig streitenden und ewig friedlichen Natur +aufstrebende menschliche Tätigkeit. In einem Punkte aber stimmten der Religion +gegenüber alle diese Schulen zusammen: daß der Glaube als solcher nichts sei +und notwendig ersetzt werden müsse durch die Reflexion, mochte diese übrigens +mit Bewußtsein darauf verzichten, zu einem Resultat zu gelangen, wie die +Akademie, oder die Vorstellungen des Volksglaubens verwerfen, wie die Schule +Epikurs, oder dieselben teils motiviert festhalten, teils modifizieren, wie die +Stoiker taten. +</p> + +<p> +Es war danach nur folgerichtig, daß die erste Berührung der hellenischen +Philosophie mit der römischen, ebenso glaubensfesten als antispekulativen +Nation durchaus feindlicher Art war. Die römische Religion hatte vollkommen +recht, von diesen philosophischen Systemen sowohl die Befehdung wie die +Begründung sich zu verbitten, die beide ihr eigentliches Wesen aufhoben. Der +römische Staat, der in der Religion instinktmäßig sich selber angegriffen +fühlte, verhielt sich billig gegen die Philosophen wie die Festung gegen die +Eclaireurs der anrückenden Belagerungsarmee und wies schon 593 (161) mit den +Rhetoren auch die griechischen Philosophen aus Rom aus. In der Tat war auch +gleich das erste größere Debüt der Philosophie in Rom eine förmliche +Kriegserklärung gegen Glaube und Sitte. Es ward veranlaßt durch die Okkupation +von Oropos durch die Athener, mit deren Rechtfertigung vor dem Senat diese drei +der angesehensten Professoren der Philosophie, darunter den Meister der +modernen Sophistik, Karneades, beauftragten (599 155). Die Wahl war insofern +zweckmäßig, als der ganz schandbare Handel jeder Rechtfertigung im gewöhnlichen +Verstand spottete; dagegen paßte es vollkommen für den Fall, wenn Karneades +durch Rede und Gegenrede bewies, daß sich gerade ebenso viele und ebenso +nachdrückliche Gründe zum Lobe der Ungerechtigkeit vorbringen ließen wie zum +Lobe der Gerechtigkeit, und wenn er in bester logischer Form dartat, daß man +mit gleichem Recht von den Athenern verlangen könne, Oropos herauszugeben und +von den Römern, sich wieder zu beschränken auf ihre alten Strohhütten am +Palatin. Die der griechischen Sprache mächtige Jugend ward durch den Skandal +wie durch den raschen und emphatischen Vortrag des gefeierten Mannes +scharenweise herbeigezogen; aber diesmal wenigstens konnte man Cato nicht +unrecht geben, wenn er nicht bloß die dialektischen Gedankenreihen der +Philosophen unhöflich genug mit den langweiligen Psalmodien der Klageweiber +verglich, sondern auch im Senat darauf drang, einen Menschen auszuweisen, der +die Kunst verstand, Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht zu machen, und dessen +Verteidigung in der Tat nichts war als ein schamloses und fast höhnisches +Eingeständnis des Unrechts. Indes dergleichen Ausweisungen reichten nicht weit, +um so weniger, da es doch der römischen Jugend nicht verwehrt werden konnte, in +Rhodos oder Athen philosophische Vorträge zu hören. Man gewöhnte sich, die +Philosophie zuerst wenigstens als notwendiges Übel zu dulden, bald auch für die +in ihrer Naivität nicht mehr haltbare römische Religion in der fremden +Weisheitslehre eine Stütze zu suchen, die als Glauben zwar sie ruinierte, aber +dafür doch dem gebildeten Mann gestattete, die Namen und Formen des +Volksglaubens anständigerweise einigermaßen festzuhalten. Indes diese Stütze +konnte weder der Euhemerismus sein noch das System des Karneades oder des +Epikuros. Die Mythenhistorisierung trat dem Volksglauben allzu schroff +entgegen, indem sie die Götter geradezu für Menschen erklärte; Karneades zog +gar ihre Existenz in Zweifel, und Epikuros sprach ihnen wenigstens jeden +Einfluß auf die Geschicke der Menschen ab. Zwischen diesen Systemen und der +römischen Religion war ein Bündnis unmöglich; sie waren und blieben verfemt. +Noch in Ciceros Schriften wird es für Bürgerpflicht erklärt, dem Euhemerismus +Widerstand zu leisten, der dem Gottesdienst zu nahe trete; und von den in +seinen Gesprächen auftretenden Akademikern und Epikureern muß jener sich +entschuldigen, daß er als Philosoph zwar ein Jünger des Karneades, aber als +Bürger und Pontifex ein rechtgläubiger Bekenner des Kapitolinischen Jupiter +sei, der Epikureer sogar schließlich sich gefangen geben und sich bekehren. +Keines dieser drei Systeme ward eigentlich populär. Die platte Begreiflichkeit +des Euhemerismus hat wohl eine gewisse Anziehungskraft auf die Römer geübt, +namentlich auf die konventionelle Geschichte Roms nur zu tief eingewirkt mit +ihrer zugleich kindischen und altersschwachen Historisierung der Fabel; auf die +römische Religion aber blieb er deshalb ohne wesentlichen Einfluß, weil diese +von Haus aus nur allegorisierte, nicht fabulierte und es dort nicht wie in +Hellas möglich war, Biographien Zeus des ersten, zweiten und dritten zu +schreiben. Die moderne Sophistik konnte nur gedeihen, wo, wie in Athen, die +geistreiche Maulfertigkeit zu Hause war und überdies die langen Reihen +gekommener und gegangener philosophischer Systeme hohe Schuttlagen geistiger +Brandstätten aufgeschichtet hatten. Gegen den Epikurischen Quietismus endlich +lehnte alles sich auf, was in dem römischen, so durchaus auf Tätigkeit +gerichteten Wesen tüchtig und brav war. Dennoch fand er mehr sein Publikum als +der Euhemerismus und die Sophistik, und es ist wahrscheinlich dies die Ursache, +weshalb die Polizei fortgefahren hat, ihm am längsten und ernstlichsten den +Krieg zu machen. Indes dieser römische Epikureismus war nicht so sehr ein +philosophisches System als eine Art philosophischen Dominos, unter dem - sehr +gegen die Absicht seines streng sittlichen Urhebers - der gedankenlose +Sinnesgenuß für die gute Gesellschaft sich maskierte; wie denn einer der +frühesten Bekenner dieser Sekte, Titus Albucius, in Lucilius’ Gedichten +figuriert als der Prototyp des übel hellenisierenden Römers. +</p> + +<p> +Gar anders stand und wirkte in Italien die stoische Philosophie. Im geraden +Gegensatz gegen jene Richtungen schloß sie an die Landesreligion so eng sich +an, wie das Wissen sich dem Glauben zu akkommodieren überhaupt nur vermag. An +dem Volksglauben mit seinen Göttern und Orakeln hielt der Stoiker insofern +grundsätzlich fest, als er darin eine instinktive Erkenntnis sah, auf welche +die wissenschaftliche Rücksicht zu nehmen, ja in zweifelhaften Fällen sich ihr +unterzuordnen verpflichtet sei. Er glaubte mehr anders als das Volk als +eigentlich anderes: der wesentlich wahre und höchste Gott zwar war ihm die +Weltseele, aber auch jede Manifestation des Urgottes war wiederum Gott, die +Gestirne vor allem, aber auch die Erde, der Weinstock, die Seele des hohen +Sterblichen, den das Volk als Heros ehrte, ja überhaupt jeder abgeschiedene +Geist eines gewordenen Menschen. Diese Philosophie paßte in der Tat besser nach +Rom als in die eigene Heimat. Der Tadel des frommen Gläubigen, daß der Gott des +Stoikers weder Geschlecht noch Alter noch Körperlichkeit habe und aus einer +Person in einen Begriff verwandelt sei, hatte in Griechenland einen Sinn, nicht +aber in Rom. Die grobe Allegorisierung und sittliche Purifizierung, wie sie der +stoischen Götterlehre eigen war, verdarb den besten Kern der hellenischen +Mythologie; aber die auch in ihrer naiven Zeit dürftige plastische Kraft der +Römer hatte nicht mehr erzeugt als eine leichte, ohne sonderlichen Schaden +abzustreifende Umhüllung der ursprünglichen Anschauung oder des ursprünglichen +Begriffes, woraus die Gottheit hervorgegangen war. Pallas Athene mochte zürnen, +wenn sie sich plötzlich in den Begriff des Gedächtnisses verwandelt fand; +Minerva war auch bisher eben nicht viel mehr gewesen. Die supranaturalische +stoische und die allegorische römische Theologie fielen in ihrem Ergebnis im +ganzen zusammen. Selbst aber wenn der Philosoph einzelne Sätze der +Priesterlehre als zweifelhaft oder als falsch bezeichnen mußte, wie denn zum +Beispiel die Stoiker, die Vergötterungslehre verwerfend, in Hercules, Kastor, +Pollux nichts als die Geister ausgezeichneter Menschen sahen, und ebenso das +Götterbild nicht als Repräsentanten der Gottheit gelten lassen konnten, so war +es wenigstens nicht die Art der Anhänger Zenons, gegen diese Irrlehren +anzukämpfen und die falschen Götter zu stürzen; vielmehr bewiesen sie überall +der Landesreligion Rücksicht und Ehrfurcht, auch in ihren Schwächen. Auch die +Richtung der Stoa auf eine kasuistische Moral und auf die rationelle Behandlung +der Fachwissenschaften war ganz im Sinne der Römer, zumal der Römer dieser +Zeit, welche nicht mehr wie die Väter in unbefangener Weise Zucht und gute +Sitte übten, sondern deren naive Sittlichkeit auflösten in einen Katechismus +erlaubter und unerlaubter Handlungen; deren Grammatik und Jurisprudenz überdies +dringend eine methodische Behandlung erheischten, ohne jedoch die Fähigkeit zu +besitzen, diese aus sich selber zu entwickeln. So inkorporierte diese +Philosophie als ein zwar dem Ausland entlehntes, aber auf italischem Boden +akklimatisiertes Gewächs sich durchaus dem römischen Volkshaushalt, und wir +begegnen ihren Spuren auf den verschiedenartigsten Gebieten. Ihre Anfänge +reichen ohne Zweifel weiter zurück; aber zur vollen Geltung in den höheren +Schichten der römischen Gesellschaft gelangte die Stoa zuerst durch den Kreis, +der sich um Scipio Aemilianus gruppierte. Panätios von Rhodos, der Lehrmeister +Scipios und aller ihm nahestehender Männer in der stoischen Philosophie und +beständig in seinem Gefolge, sogar auf Reisen sein gewöhnlicher Begleiter, +verstand es, das System geistreichen Männern nahe zu bringen, dessen +spekulative Seite zurücktreten zu lassen und die Dürre der Terminologie, die +Flachheit des Moralkatechismus einigermaßen zu mildern, namentlich auch durch +Herbeiziehung der älteren Philosophen, unter denen Scipio selbst den +Xenophonteischen Sokrates vorzugsweise liebte. Seitdem bekannten zur Stoa sich +die namhaftesten Staatsmänner und Gelehrten, unter anderen die Begründer der +wissenschaftlichen Philologie und der wissenschaftlichen Jurisprudenz, Stilo +und Quintus Scaevola. Der schulmäßige Schematismus, der in diesen +Fachwissenschaften seitdem wenigstens äußerlich herrscht und namentlich +anknüpft an eine wunderliche, scharadenhaft geistlose Etymologisiermethode, +stammt aus der Stoa. Aber unendlich wichtiger ist die aus der Verschmelzung der +stoischen Philosophie und der römischen Religion hervorgehende neue +Staatsphilosophie und Staatsreligion. Das spekulative Element, von Haus aus in +dem Zenonischen System wenig energisch ausgeprägt und schon weiter +abgeschwächt, als dasselbe in Rom Eingang fand, nachdem bereits ein Jahrhundert +hindurch die griechischen Schulmeister sich beflissen hatten, diese Philosophie +in die Knabenköpfe hinein und damit den Geist aus ihr hinauszutreiben, trat +völlig zurück in Rom, wo niemand spekulierte als der Wechsler; es war wenig +mehr die Rede von der idealen Entwicklung des in der Seele des Menschen +waltenden Gottes oder göttlichen Weltgesetzes. Die stoischen Philosophen +zeigten sich nicht unempfänglich für die recht einträgliche Auszeichnung, ihr +System zur halboffiziellen römischen Staatsphilosophie erhoben zu sehen, und +erwiesen sich überhaupt geschmeidiger, als man es nach ihren rigorosen +Prinzipien hätte erwarten sollen. Ihre Lehre von den Göttern und vom Staat +zeigte bald eine seltsame Familienähnlichkeit mit den realen Institutionen +ihrer Brotherren; statt über den kosmopolitischen Philosophenstaat stellten sie +Betrachtungen an über die weise Ordnung des römischen Beamtenwesens; und wenn +die feineren Stoiker, wie Panätios, die göttliche Offenbarung durch Wunder und +Zeichen als denkbar, aber ungewiß dahingestellt, die Sterndeuterei nun gar +entschieden verworfen hatten, so verfochten schon seine nächsten Nachfolger +jene Offenbarungslehre, das heißt die römische Auguraldisziplin, so steif und +fest wie jeden anderen Schulsatz und machten sogar der Astrologie höchst +unphilosophische Zugeständnisse. Das Hauptstück des Systems ward immer mehr die +kasuistische Pflichtenlehre. Sie kam dem hohlen Tugendstolz entgegen, bei +welchem die Römer dieser Zeit in der vielfach demütigenden Berührung mit den +Griechen Entschädigung suchten, und formulierte den angemessenen Dogmatismus +der Sittlichkeit, der, wie jede wohlerzogene Moral, mit herzerstarrender +Rigorosität im ganzen die höflichste Nachsicht im einzelnen verbindet 2. Ihre +praktischen Resultate werden kaum viel höher anzuschlagen sein als daß, wie +gesagt, in zwei oder drei vornehmen Häusern der Stoa zuliebe schlecht gegessen +ward. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +2 Ein ergötzliches Exempel kann man bei Cicero (off. 3, 12. 13) nachlesen. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Dieser neuen Staatsphilosophie eng verwandt oder eigentlich ihre andere Seite +ist die neue Staatsreligion, deren wesentliches Kennzeichen das bewußte +Festhalten der als irrationell erkannten Sätze des Volksglaubens aus äußeren +Zweckmäßigkeitsgründen ist. Schon einer der hervorragendsten Männer des +Scipionischen Kreises, der Grieche Polybios, spricht es unverhohlen aus, daß +das wunderliche und schwerfällige römische Religionszeremoniell einzig der +Menge wegen erfunden sei, die, da die Vernunft nichts über sie vermöge, mit +Zeichen und Wundern beherrscht werden müsse, während verständige Leute +allerdings der Religion nicht bedürften. Ohne Zweifel teilten Polybios’ +römische Freunde im wesentlichen diese Gesinnung, wenn sie auch nicht in so +kruder und so platter Weise Wissenschaft und Religion sich entgegensetzten. +Weder Laelius noch Scipio Aemilianus können in der Auguraldisziplin, an die +auch Polybios zunächst denkt, etwas anderes gesehen haben als eine politische +Institution; doch war der Nationalsinn in ihnen zu mächtig und das +Anstandsgefühl zu fein, als daß sie mit solchen bedenklichen Erörterungen +öffentlich hätten auftreten mögen. Aber schon in der folgenden Generation trug +der Oberpontifex Quintus Scaevola (Konsul 659 95; 3, 221; 336) wenigstens in +seiner mündlichen Rechtsunterweisung unbedenklich die Sätze vor, daß es eine +zweifache Religion gebe, eine verstandesmäßige philosophische und eine +nichtverstandesmäßige traditionelle, daß jene sich nicht eigne zur +Staatsreligion, da sie mancherlei enthalte, was dem Volk zu wissen unnütz oder +sogar schädlich sei, daß demnach die überlieferte Staatsreligion bleiben müsse, +wie sie sei. Nur eine weitere Entwicklung desselben Grundgedankens ist die +Varronische Theologie, in der die römische Religion durchaus behandelt wird als +ein Staatsinstitut. Der Staat, wird hier gelehrt, sei älter als die Götter des +Staats, wie der Maler älter als das Gemälde; wenn es sich darum handelte, die +Götter neu zu machen, würde man allerdings wohltun, sie zweckdienlicher und den +Teilen der Weltseele prinzipmäßig entsprechender zu machen und zu benennen, +auch die nur irrige Vorstellungen erweckenden Götterbilder 3 und das verkehrte +Opferwesen zu beseitigen; allein da diese Einrichtungen einmal beständen, so +müsse jeder gute Bürger sie kennen und befolgen und dazu tun, daß der +“gemeine Mann” die Götter vielmehr höher achten als geringschätzen +lerne. Daß der gemeine Mann, zu dessen Besten die Herren ihren Verstand +gefangen gaben, diesen Glauben jetzt verschmähte und sein Heil anderswo suchte, +versteht sich von selbst und wird weiterhin sich zeigen. So war denn die +römische Hochkirche fertig, eine scheinheilige Priester- und Levitenschaft und +eine glaubenslose Gemeinde. Je unverhohlener man die Landesreligion für eine +politische Institution erklärte, desto entschiedener betrachteten die +politischen Parteien das Gebiet der Staatskirche als Tummelplatz für Angriff +und Verteidigung; was namentlich in immer steigendem Maße der Fall war mit der +Auguralwissenschaft und mit den Wahlen zu den Priesterkollegien. Die alte und +natürliche Übung, die Bürgerversammlung zu entlassen, wenn ein Gewitter +heraufzog, hatte unter den Händen der römischen Augurn sich zu einem +weitläufigen System verschiedener Himmelszeichen und daran sich knüpfender +Verhaltungsregeln entwickelt; in den ersten Dezennien dieser Epoche ward sogar +durch das Älische und das Fufische Gesetz geradezu verordnet, daß jede +Volksversammlung auseinanderzugehen genötigt sei, wenn es einem höheren Beamten +einfalle, nach Gewitterzeichen am Himmel zu schauen; und die römische +Oligarchie war stolz auf den schlauen Gedanken, fortan durch eine einzige +fromme Lüge jedem Volksbeschluß den Stempel der Nichtigkeit aufdrücken zu +können. Umgekehrt lehnte die römische Opposition sich auf gegen die alte Übung, +daß die vier höchsten Priesterkollegien bei entstehenden Vakanzen sich selber +ergänzten, und forderte die Erstreckung der Volkswahl auch auf die Stellen +selbst, wie sie für die Vorstandschaften dieser Kollegien schon früher +eingeführt war. Es widersprach dies allerdings dem Geiste dieser +Körperschaften, aber dieselben hatten kein Recht, darüber sich zu beklagen, +nachdem sie ihrem Geiste selbst untreu geworden waren und zum Beispiel der +Regierung mit religiösen Kassationsgründen politischer Akte auf Verlangen an +die Hand gingen. Diese Angelegenheit ward ein Zankapfel der Parteien. Den +ersten Sturm im Jahre 609 (145) schlug der Senat ab, wobei namentlich der +Scipionische Kreis für die Verwerfung des Antrags den Ausschlag gab. Aber im +Jahre 650 (104) ging sodann der Vorschlag durch mit der früher schon bei der +Wahl der Vorstände gemachten Beschränkungen zum Besten bedenklicher Gewissen, +daß nicht die ganze Bürgerschaft, sondern nur der kleinere Teil der Bezirke zu +wählen habe. Dagegen stellte Sulla das Kooptationsrecht in vollem Umfang wieder +her. Mit dieser Fürsorge der Konservativen für die reine Landesreligion vertrug +es natürlich sich aufs beste, daß eben in den vornehmsten Kreisen mit derselben +offen Spott getrieben ward. Die praktische Seite des römischen Priestertums war +die priesterliche Küche; die Augural- und Pontifikalschmäuse waren gleichsam +die offiziellen Silberblicke eines römischen Feinschmeckerlebens und manche +derselben machten Epoche in der Geschichte der Gastronomie, wie zum Beispiel +die Antrittsmahlzeit des Augurs Quintus Hortensius die Pfauenbraten aufgebracht +hat. Sehr brauchbar ward auch die Religion befunden, um den Skandal pikanter zu +machen. Es war ein Lieblingsvergnügen vornehmer junger Herren, zur Nachtzeit +auf den Straßen die Götterbilder zu schänden oder zu verstümmeln. Gewöhnliche +Liebeshändel waren längst gemein und Verhältnisse mit Ehefrauen fingen an es zu +werden; aber ein Verhältnis zu einer Vestalin war so pikant wie in der Welt des +Decamerone die Nonnenliebschaft und das Klosterabenteuer. Bekannt ist der arge +Handel des Jahres 640 (114), in welchem drei Vestalinnen, Töchter der +vornehmsten Familien, und deren Liebhaber, junge Männer gleichfalls aus den +besten Häusern, zuerst vor dem Pontifikalkollegium und, da dies die Sache zu +vertuschen suchte, vor einem durch eigenen Volksschluß eingesetzten +außerordentlichen Gericht wegen Unzucht zur Verantwortung gezogen und sämtlich +zum Tode verurteilt wurden. Solchen Skandal nun konnten freilich gesetzte Leute +nicht billigen; aber dagegen war nichts einzuwenden, daß man die positive +Religion im vertrauten Kreise albern fand: die Augurn konnten, wenn einer den +andern fungieren sah, sich einander ins Gesicht lachen, unbeschadet ihrer +religiösen Pflichten. Man gewinnt die bescheidene Heuchelei verwandter +Richtungen ordentlich lieb, wenn man die krasse Unverschämtheit der römischen +Priester und Leviten damit vergleicht. Ganz unbefangen ward die offizielle +Religion behandelt als ein hohles, nur für die politischen Maschinisten noch +brauchbares Gerüste; in dieser Eigenschaft konnte es mit seinen zahllosen +Winkeln und Falltüren, wie es fiel, jeder Partei dienen und hat einer jeden +gedient. Zumeist sah allerdings die Oligarchie ihr Palladium in der +Staatsreligion, vornehmlich in der Auguraldisziplin; aber auch die Gegenpartei +machte keine prinzipielle Opposition gegen ein Institut, das nur noch ein +Scheinleben hatte, sondern betrachtete dasselbe im ganzen als eine Schanze, die +aus dem Besitz des Feindes in den eigenen übergehen könne. +</p> + +<p> +—————————————————————————————- +</p> + +<p> +3 Auch in Varros Satire ‘Die Aboriginer’ wurde in spöttischer Weise +dargestellt, wie die Urmenschen sich nicht hätten genügen lassen mit dem Gott, +den nur der Gedanke erkennt, sondern sich gesehnt hätten nach Götterpuppen und +Götterbilderchen. +</p> + +<p> +—————————————————————————————- +</p> + +<p> +Im scharfen Gegensatz gegen dies eben geschilderte Religionsgespenst stehen die +verschiedenen fremden Kulte, welche diese Epoche hegte und pflegte und denen +wenigstens eine sehr entschiedene Lebenskraft nicht abgesprochen werden kann. +Sie begegnen überall, bei den vornehmen Damen und Herren wie in den +Sklavenkreisen, bei dem General wie bei dem Lanzknecht, in Italien wie in den +Provinzen. Es ist unglaublich, wie hoch hinauf dieser Aberglaube bereits +reicht. Als im Kimbrischen Krieg eine syrische Prophetin Martha sich erbot, die +Wege und Mittel zur Überwindung der Deutschen dem Senat an die Hand zu geben, +wies dieser zwar sie mit Verachtung zurück; aber die römischen Damen und +namentlich Marius’ eigene Gemahlin expedierten sie dennoch nach dem +Hauptquartier, wo der Gemahl sie bereitwillig aufnahm und mit sich herumführte, +bis die Teutonen geschlagen waren. Die Führer der verschiedensten Parteien im +Bürgerkrieg, Marias, Octavius, Sulla, trafen zusammen in dem Glauben an Zeichen +und Orakel. Selbst der Senat maßte während desselben in den Wirren des Jahres +667 (87) sich dazu verstehen, den Faseleien einer verrückten Prophetin gemäß +Anordnungen zu treffen. Für das Erstarren der römisch-hellenischen Religion, +wie für das im Steigen begriffene Bedürfnis der Menge nach stärkeren religiösen +Stimulantien ist es bezeichnend, daß der Aberglaube nicht mehr, wie in den +Bakchenmysterien, anknüpft an die nationale Religion; selbst die etruskische +Mystik ist bereits überflügelt; durchaus in erster Linie erscheinen die in den +heißen Landschaften des Orients gezeitigten Kulte. Sehr viel hat dazu +beigetragen das massenhafte Eindringen kleinasiatischer und syrischer Elemente +in die Bevölkerung, teils durch die Sklaveneinfuhr, teils durch den +gesteigerten Verkehr Italiens mit dem Osten. Die Macht dieser fremdländischen +Religion tritt sehr scharf hervor in den Aufständen der sizilischen, +größtenteils aus Syrien herstammenden Sklaven. Eunus spie Feuer, Athenion las +in den Sternen; die von den Sklaven in diesen Kriegen geschleuderten Bleikugeln +tragen großenteils Götternamen, neben Zeus und Artetuis besonders den der +geheimnisvollen von Kreta nach Sizilien gewanderten und daselbst eifrig +verehrten Mütter. Ähnlich wirkte der Handelsverkehr, namentlich seitdem die +Waren von Berytos und Alexandreia direkt nach den italischen Häfen gingen: +Ostia und Puteoli wurden die großen Stapelplätze wie für die syrischen Salben +und die ägyptische Leinwand so auch für den Glauben des Ostens. Überall ist mit +der Völker- auch die Religionsmengung beständig im Steigen. Von allen erlaubten +Kulten war der populärste der der pessinuntischen Göttermutter, der mit seinem +Eunuchenzölibat, mit den Schmäusen, der Musik, den Bettelprozessionen und dem +ganzen sinnlichen Gepränge der Menge imponierte; die Hauskollekten wurden +bereits als eine ökonomische Last empfunden. In der gefährlichsten Zeit des +Kimbrischen Krieges erschien der Hohepriester Battakes von Pessinus in eigener +Person in Rom, um die Interessen des dortigen, angeblich entweihten Tempels +seiner Göttin zu vertreten, redete im besonderen Auftrag der Göttermutter zum +römischen Volk und tat auch verschiedene Wunder. Die verständigen Leute +ärgerten sich, aber die Weiber und die große Menge ließen es sich nicht nehmen, +dem Propheten beim Abzug in hellen Haufen das Geleit zu geben. Gelübde, nach +dem Osten zu wallfahrten, waren bereits nichts Seltenes mehr, wie denn selbst +Marius also seine Pilgerfahrt nach Pessinus unternahm; ja es gaben schon +(zuerst 653 101) römische Bürger sich zu dem Eunuchenpriestertum her. Aber weit +populärer noch waren natürlich die unerlaubten und Geheimkulte. Schon zu Catos +Zeit hatte der chaldäische Horoskopensteller angefangen, dem etruskischen +Eingeweide-, dem marsischen Vogelschauer Konkurrenz zu machen; bald war die +Sternguckerei und Sterndeuterei in Italien ebenso zu Hause wie in ihrem +traumseligen Heimatland. Schon 615 (139) wies der römische Fremdenprätor die +sämtlichen “Chaldäer” an, binnen zehn Tagen Rom und Italien zu +räumen. Dasselbe Schicksal traf gleichzeitig die Juden, welche zu ihrem Sabbat +italische Proselyten zugelassen hatten. Ebenso hatte Scipio das Lager von +Numantia von Wahrsagern und frommen Industrierittern jeder Art zu reinigen. +Einige Jahrzehnte später (657 97) sah man sogar sich genötigt, die +Menschenopfer zu verbieten. Der wilde Kult der kappadokischen Ma oder, wie die +Römer sie nannten, der Bellona, welcher bei den festlichen Aufzügen die +Priester das eigene Blut zum Opfer verspritzten, und die düstere ägyptische +Götterverehrung beginnen sich zu melden; schon Sulla erschien jene +Kappadokierin im Traume, und von den späteren römischen Isis- und +Osirisgemeinden führten die ältesten ihre Entstehung bis in die sullanische +Zeit zurück. Man war irre geworden, nicht bloß an dem alten Glauben, sondern +auch an sich selbst; die entsetzlichsten Krisen einer fünfzigjährigen +Revolution, das instinktmäßige Gefühl, daß der Bürgerkrieg noch keineswegs am +Ende sei, steigerten die angstvolle Spannung, die trübe Beklommenheit der +Menge. Unruhig erklomm der irrende Gedanke jede Höhe und versenkte sich in +jeden Abgrund, wo er neue Aus- und Einsichten in die drohenden Verhängnisse, +neue Hoffnungen in dem verzweifelten Kampfe gegen das Geschick oder vielleicht +auch nur neue Angst zu finden wähnte. Der ungeheuerliche Mystizismus fand in +der allgemeinen politischen, ökonomischen, sittlichen, religiösen Zerfahrenheit +den ihm genehmen Boden und gedieh mit erschreckender Schnelle: es war, als +wären Riesenbäume über Nacht aus der Erde gewachsen, niemand wußte woher und +wozu, und ebendieses wunderbar rasche Emporkommen wirkte neue Wunder und +ergriff epidemisch alle nicht ganz befestigten Gemüter. +</p> + +<p> +In ähnlicher Weise wie auf dem religiösen Gebiet vollendete sich die in der +vorigen Epoche begonnene Revolution auf dem der Erziehung und Bildung. Wie der +Grundgedanke des römischen Wesens, die bürgerliche Gleichheit, bereits im Laufe +des sechsten Jahrhunderts auch auf diesem Gebiet ins Schwanken gekommen war, +ist früher dargestellt worden. Schon zu Pictors und Catos Zeit war die +griechische Bildung in Rom weit verbreitet und gab es eine eigene römische +Bildung; allein man war doch mit beiden nicht über die Anfänge hinausgelangt. +Was man unter römisch-griechischer Musterbildung in dieser Zeit ungefähr +verstand, zeigt Catos ‘Encyklopädie’; es ist wenig mehr als die +Formulierung des alten römischen Hausvatertums und wahrlich, mit der damaligen +hellenischen Bildung verglichen, dürftig genug. Auf wie niedriger Stufe noch im +Anfang des siebenten Jahrhunderts der Jugendunterricht in Rom durchgängig +stand, läßt aus den Äußerungen bei Polybios sich abnehmen, welcher in dieser +einen Hinsicht gegenüber der verständigen privaten und öffentlichen Fürsorge +seiner Landsleute die sträfliche Gleichgültigkeit der Römer tadelnd hervorhebt +- in den dieser Gleichgültigkeit zu Grunde liegenden tieferen Gedanken der +bürgerlichen Gleichheit hat kein Hellene, auch Polybios nicht sich zu finden +vermocht. +</p> + +<p> +Jetzt ward dies anders. Wie zu dem naiven Volksglauben der aufgeklärte stoische +Supranaturalismus hinzutrat, so formulierte auch in der Erziehung neben dem +einfachen Volksunterricht sich eine besondere Bildung, eine exklusive Humanitas +und vertilgte die letzten Überreste der alten geselligen Gleichheit. Es wird +nicht überflüssig sein, auf die Gestaltung des neuen Jugendunterrichts, sowohl +des griechischen wie des höheren lateinischen, einen Blick zu werfen. +</p> + +<p> +Es ist eine wundersame Fügung, daß derselbe Mann, der politisch die hellenische +Nation definitiv überwand, Lucius Aemilius Paullus, zugleich zuerst oder als +einer der ersten die hellenische Zivilisation vollständig anerkannte als das, +was sie seitdem unwidersprochen geblieben ist, die Zivilisation der antiken +Welt. Er selber zwar war ein Greis, bevor es ihm gestattet wurde, die +Homerischen Lieder im Sinn, hinzutreten vor den Zeus des Pheidias; aber sein +Herz war jung genug, um den vollen Sonnenglanz hellenischer Schönheit und die +unbezwingliche Sehnsucht nach den goldenen Äpfeln der Hesperiden in seiner +Seele heimzubringen; Dichter und Künstler hatten an dem fremden Mann einen +ernsteren und innigeren Gläubigen gefunden, als irgendeiner war von den klugen +Leuten des damaligen Griechenland. Er machte kein Epigramm auf Homeros oder +Pheidias, aber er ließ seine Kinder einführen in die Reiche des Geistes. Ohne +die nationale Erziehung zu vernachlässigen, soweit es eine solche gab, sorgte +er wie die Griechen für die physische Entwicklung seiner Knaben, zwar nicht +durch die nach römischen Begriffen unzulässigen Turnübungen, aber durch +Unterweisung in der bei den Griechen fast kunstmäßig entwickelten Jagd, und +steigerte den griechischen Unterricht in der Art, daß nicht mehr bloß die +Sprache um des Sprechens willen gelernt und geübt, sondern nach griechischer +Art der Gesamtstoff allgemeiner höherer Bildung an die Sprache geknüpft und aus +ihr entwickelt ward - also vor allem die Kenntnis der griechischen Literatur +mit der zu deren Verständnis nötigen mythologischen und historischen Kunde, +sodann Rhetorik und Philosophie. Die Bibliothek des Königs Perseus war das +einzige Stück, das Paullus aus der makedonischen Kriegsbeute für sich nahm, um +sie seinen Söhnen zu schenken. Sogar griechische Maler und Bildner befanden +sich in seinem Gefolge und vollendeten die musische Bildung seiner Kinder. Daß +die Zeit vorüber war, wo man auf diesem Gebiet sich dem Hellenismus gegenüber +bloß ablehnend verhalten konnte, hatte schon Cato empfunden; die Besseren +mochten jetzt ahnen, daß der edle Kern römischer Art durch den ganzen +Hellenismus weniger gefährdet werde als durch dessen Verstümmelung und +Mißbildung: die Masse der höheren Gesellschaft Roms und Italiens machte die +neue Weise mit. An griechischen Schulmeistern war seit langem in Rom kein +Mangel; jetzt strömten sie scharenweise, und nicht bloß als Sprach-, sondern +als Lehrer der Literatur und Bildung überhaupt, nach dem neu eröffneten +ergiebigen Absatzmarkt ihrer Weisheit. Griechische Hofmeister und Lehrer der +Philosophie, die freilich, auch wenn sie nicht Sklaven waren, regelmäßig wie +Bediente 4 gehalten wurden, wurden jetzt stehend in den Palästen Roms; man +raffinierte darauf, und es findet sich, daß für einen griechischen +Literatursklaven ersten Ranges 200000 Sesterzen (15200 Taler) gezahlt worden +sind. Schon 593 (161) bestanden in der Hauptstadt eine Anzahl besonderer +Lehranstalten für griechische Deklamationsübung. Schon begegnen einzelne +ausgezeichnete Namen unter diesen römischen Lehrern: des Philosophen Panätios +ward bereits gedacht; der angesehene Grammatiker Krates von Mallos in Kilikien, +Aristarchs Zeitgenosse und ebenbürtiger Rival, fand um 585 (169) in Rom ein +Publikum für die Vorlesung und sprachliche und sachliche Erläuterung der +Homerischen Gedichte. Zwar stieß diese neue Weise des Jugendunterrichts, +revolutionär und antinational wie sie war, zum Teil auf den Widerstand der +Regierung; allein der Ausweisungsbefehl, den die Behörden 593 (161) gegen +Rhetoren und Philosophen schleuderten, blieb, zumal bei dem steten Wechsel der +römischen Oberbeamten, wie alle ähnlichen Befehle ohne nennenswerten Erfolg, +und nach des alten Cato Tode ward in seinem Sinne wohl noch öfters geklagt, +aber nicht mehr gehandelt. Der höhere Unterricht im Griechischen und in den +griechischen Bildungswissenschaften blieb fortan anerkannt als ein wesentlicher +Teil der italischen Bildung. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +4 Cicero sagt, daß er seinen gelehrten Sklaven Dionysios rücksichtsvoller +behandelt habe als Scipio den Panätios; und in gleichem Sinne hieß es bei +Lucilius: +</p> + +<p> +Nützlicher ist mir mein Gaul, mein Reitknecht, Mantel und Zeltdach +</p> + +<p> +Als der Philosoph. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Aber ihm zur Seite entwickelte sich ein höherer lateinischer Unterricht. Es ist +in der vorigen Epoche dargestellt worden, wie der lateinische +Elementarunterricht sich innerlich gesteigert hatte; wie an die Stelle der +Zwölf Tafeln gleichsam als verbesserte Fibel die lateinische Odyssee getreten +war und nun der römische Knabe an dieser Übersetzung, wie der griechische an +dem Original, die Kunde und den Vortrag der Muttersprache ausbildete; wie +namhafte griechische Sprach- und Literaturlehrer, Andronicus, Ennius und andere +mehr, die doch wahrscheinlich schon nicht eigentlich Kinder, sondern +heranreifende Knaben und Jünglinge lehrten, es nicht verschmähten, neben der +griechischen auch in der Muttersprache zu unterrichten. Es waren das die +Anfänge eines höheren lateinischen Unterrichts, aber doch noch ein solcher +nicht. Der Sprachunterricht kann den elementaren Kreis nicht überschreiten, +solange es an einer Literatur mangelt. Erst als es nicht bloß lateinische +Schulbücher, sondern eine lateinische Literatur gab und diese in den Werken der +Klassiker des sechsten Jahrhunderts in einer gewissen Abgeschlossenheit vorlag, +traten die Muttersprache und die einheimische Literatur wahrhaft ein in den +Kreis der höheren Bildungselemente; und die Emanzipation von den griechischen +Sprachmeistern ließ nun auch nicht lange auf sich warten. Angeregt durch die +Homerischen Vorlesungen des Krates begannen gebildete Römer die rezitativen +Werke auch ihrer Literatur, Naevius’ ‘Punischen Krieg’, +Ennius’ ‘Chronik’, späterhin auch Lucilius’ Gedichte +zuerst einem erlesenen Kreis, dann öffentlich an fest bestimmten Tagen und +unter großem Zulauf vorzutragen, auch wohl nach dem Vorgang der homerischen +Grammatiker sie kritisch zu bearbeiten. Diese literarischen Vorträge, die +gebildete Dilettanten (litterati) unentgeltlich hielten, waren zwar kein +förmlicher Jugendunterricht, aber doch ein wesentliches Mittel, die Jugend in +das Verständnis und den Vortrag der klassischen lateinischen Literatur +einzuführen. +</p> + +<p> +Ähnlich ging es mit der Bildung der lateinischen Rede. Die vornehme römische +Jugend, die schon in frühem Alter mit Lob- und gerichtlichen Reden öffentlich +aufzutreten angehalten ward, wird es an Redeübungen nie haben fehlen lassen; +indes erst in dieser Epoche und infolge der neuen exklusiven Bildung entstand +eine eigentliche Redekunst. Als der erste römische Sachwalter, der Sprache und +Stoff kunstmäßig behandelte, wird Marcus Lepidus Porcina (Konsul 617 137) +genannt; die beiden berühmten Advokaten der marianischen Zeit, der männliche +und lebhafte Marcus Antonius (611-667143-87) und der feine, gehaltene Redner +Lucius Crassus (614-663 140-91), waren schon vollständig Kunstredner. Die +Übungen der Jugend im Sprechen stiegen natürlich an Umfang und Bedeutung, aber +blieben doch, eben wie die lateinischen Literaturübungen, wesentlich darauf +beschränkt, daß der Anfänger an den Meister der Kunst persönlich sich anschloß +und durch sein Beispiel und seine Lehre sich ausbildete. +</p> + +<p> +Förmliche Unterweisung sowohl in lateinischer Literatur als in lateinischer +Redekunst gab zuerst um 650 (100) Lucius Aelius Praeconinus von Lanuvium, der +“Griffelmann” (Stilo) genannt, ein angesehener, streng konservativ +gesinnter römischer Ritter, der mit einem auserlesenen Kreise jüngerer Männer - +darunter Varro und Cicero - den Plautus und ähnliches las, auch wohl Entwürfe +zu Reden mit den Verfassern durchging oder dergleichen seinen Freunden an die +Hand gab. Dies war ein Unterricht; aber ein gewerbmäßiger Schulmeister war +Stilo nicht, sondern er lehrte Literatur und Redekunst, wie in Rom die +Rechtswissenschaft gelehrt ward, als ein älterer Freund der aufstrebenden +jungen Leute, nicht als ein gedungener, jedem zu Gebote stehender Mann. Aber um +seine Zeit begann auch der schulmäßige höhere Unterricht im Lateinischen, +getrennt sowohl von dem elementaren lateinischen als von dem griechischen +Unterricht, und von bezahlten Lehrmeistern, in der Regel freigelassenen +Sklaven, in besonderen Anstalten erteilt. Daß Geist und Methode durchaus den +griechischen Literatur- und Sprachübungen abgeborgt wurden, versteht sich von +selbst; und auch die Schüler bestanden wie bei diesen aus Jünglingen, nicht aus +Knaben. Bald schied sich dieser lateinische Unterricht, wie der griechische, in +einen zwiefachen Kursus, indem erstlich die lateinische Literatur +wissenschaftlich vorgetragen, sodann zu Lob-, Staats- und Gerichtsreden +kunstmäßige Anleitung gegeben ward. Die erste römische Literaturschule +eröffnete um Stilos Zeit Marcus Saevius Nicanor Postumus, die erste besondere +Schule für lateinische Rhetorik um 660 (90) Lucius Plotius Gallus; doch ward in +der Regel auch in den lateinischen Literaturschulen Anleitung zur Redekunst +gegeben. Dieser neue lateinische Schulunterricht war von der tiefgreifendsten +Bedeutung. Die Anleitung zur Kunde lateinischer Literatur und lateinischer +Rede, wie sie früher von hochgestellten Kennern und Meistern erteilt worden +war, hatte den Griechen gegenüber eine gewisse Selbständigkeit sich bewahrt. +Die Kenner der Sprache und die Meister der Rede standen wohl unter dem Einfluß +des Hellenismus, aber nicht unbedingt unter dem der griechischen Schulgrammatik +und Schulrhetorik; namentlich die letztere wurde entschieden perhorresziert. +Der Stolz wie der gesunde Menschenverstand der Römer empörte sich gegen die +griechische Behauptung, daß die Fähigkeit, über Dinge, die der Redner verstand +und empfand, verständig und anregend in der Muttersprache zu seinesgleichen zu +reden, in der Schule nach Schulregeln gelernt werden könne. Dem tüchtigen +praktischen Advokaten mußte das gänzlich dem Leben entfremdete Treiben der +griechischen Rhetoren für den Anfänger schlimmer als gar keine Vorbereitung +erscheinen; dem durchgebildeten und durch das Leben gereiften Manne dünkte die +griechische Rhetorik schal und widerlich; dem ernstlich konservativ gesinnten +entging die Wahlverwandtschaft nicht zwischen der gewerbmäßig entwickelten +Redekunst und dem demagogischen Handwerk. So hatte denn namentlich der +Scipionische Kreis den Rhetoren die bitterste Feindschaft geschworen, und wenn +die griechischen Deklamationen bei bezahlten Meistern, zunächst wohl als +Übungen im Griechischsprechen, geduldet wurden, so war doch die griechische +Rhetorik damit weder in die lateinische Rede noch in den lateinischen +Redeunterricht eingedrungen. In den neuen lateinischen Rhetorschulen aber +wurden die römischen Jungen zu Männern und Staatsrednern dadurch gebildet, daß +sie paarweise den bei der Leiche des Aias mit dem blutigen Schwerte desselben +gefundenen Odysseus der Ermordung seines Waffengefährten anklagten und dagegen +ihn verteidigten; daß sie den Orestes wegen Muttermordes belangten oder in +Schutz nahmen; daß sie vielleicht auch dem Hannibal nachträglich mit einem +guten Rat darüber aushalfen, ob er besser tue, der Vorladung nach Rom Folge zu +leisten oder in Karthago zu bleiben oder die Flucht zu ergreifen. Es ist +begreiflich, daß gegen diese widerwärtigen und verderblichen Wortmühlen noch +einmal die catonische Opposition sich regte. Die Zensoren des Jahres 662 (92) +erließen eine Warnung an Lehrer und Eltern, die jungen Menschen nicht den +ganzen Tag mit Übungen hinbringen zu lassen, von denen die Vorfahren nichts +gewußt hätten; und der Mann, von dem diese Warnung kam, war kein geringerer als +der erste Gerichtsredner seiner Zeit, Lucius Licinius Crassus. Natürlich sprach +die Kassandra vergebens; lateinische Deklamierübungen über die gangbaren +griechischen Schulthemen wurden ein bleibender Bestandteil des römischen +Jugendunterrichts und taten das Ihrige, um schon die Knaben zu advokatischen +und politischen Schauspielern zu erziehen und jede ernste und wahre +Beredsamkeit im Keime zu ersticken. +</p> + +<p> +Als Gesamtergebnis aber dieser modernen römischen Erziehung entwickelte sich +der neue Begriff der sogenannten “Menschlichkeit”, der Humanität, +welche bestand teils in der mehr oder minder oberflächlich angeeigneten +musischen Bildung der Hellenen, teils in einer dieser nachgebildeten oder +nachgestümperten privilegierten lateinischen. Diese neue Humanität sagte, wie +schon der Name andeutet, sich los von dem spezifisch römischen Wesen, ja trat +dagegen in Opposition und vereinigte in sich, ebenwie unsere eng verwandte +“allgemeine Bildung”, einen national kosmopolitischen und sozial +exklusiven Charakter. Auch hier war die Revolution, die die Stände schied und +die Völker verschmolz. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<h2><a name="chap13"></a>KAPITEL XIII.<br/> +Literatur und Kunst</h2> + +<p> +Das sechste Jahrhundert ist, politisch wie literarisch, eine frische und große +Zeit. Zwar begegnet auf dem schriftstellerischen Gebiet so wenig wie auf dem +politischen ein Mann ersten Ranges; Naevius, Ennius, Plautus, Cato, begabte und +lebendige Schriftsteller von scharf ausgeprägter Individualität, sind nicht im +höchsten Sinn schöpferische Talente; aber nichtsdestoweniger fühlt man dem +Schwung, der Rührigkeit, der Keckheit ihrer dramatischen, epischen, +historischen Versuche es an, daß sie ruhen auf den Riesenkämpfen der Punischen +Kriege. Es ist vieles nur künstlich verpflanzt, in Zeichnung und Farbe vielfach +gefehlt, Kunstform und Sprache unrein behandelt, Griechisches und Nationales +barock ineinandergefügt; die ganze Leistung verleugnet den Stempel des +schulmäßigen Urspungs nicht und ist unselbständig und unvollkommen; aber +dennoch lebt in den Dichtern und Schriftstellern dieser Zeit, wo nicht die +volle Kraft, das hohe Ziel zu erreichen, doch der Mut und die Hoffnung, mit den +Griechen zu wetteifern. Anders ist es in dieser Epoche. Die Morgennebel sanken; +was man im frischen Gefühl der im Kriege gestählten Volkskraft begonnen hatte, +mit jugendlichem Mangel an Einsicht in die Schwierigkeit des Beginnens und in +das Maß des eigenen Talents, aber auch mit jugendlicher Lust und Liebe zum +Werke, das vermochte man nicht weiterzuführen, als teils die dumpfe Schwüle der +heraufziehenden revolutionären Gewitter die Luft zu erfüllen begann, teils den +Einsichtigeren allmählich die Augen aufgingen über die unvergleichliche +Herrlichkeit der griechischen Poesie und Kunst und über die sehr bescheidene +künstlerische Begabung der eigenen Nation. Die Literatur des sechsten +Jahrhunderts war hervorgegangen aus der Einwirkung der griechischen Kunst auf +halb gebildete, aber angeregte und empfängliche Gemüter. Die gesteigerte +hellenische Bildung des siebenten rief eine literarische Reaktion hervor, +welche die in jenen naiven Nachdichtungsversuchen doch auch enthaltenen +Blütenkeime mit dem Winterfrost der Reflexion verdarb und Kraut und Unkraut der +älteren Richtung miteinander ausreutete. Diese Reaktion ging zunächst und +hauptsächlich hervor aus dem Kreise, der um Scipio Aemilianus sich schloß und +dessen hervorragendste Glieder unter der römischen vornehmen Welt außer Scipio +dessen älterer Freund und Berater Gaius Laelius (Konsul 614 140) und Scipios +jüngere Genossen, Lucius Furius Philus (Konsul 618 136) und Spurius Mummius, +der Bruder des Zerstörers von Korinth, unter den römischen und griechischen +Literaten der Komiker Terentius, der Satirenschreiber Lucilius, der +Geschichtschreiber Polybios, der Philosoph Panätios waren. Wem die Ilias, wem +Xenophon und Menandros geläufig waren, dem konnte der römische Homer nicht +imponieren und noch weniger die schlechten Übersetzungen Euripideischer +Tragödien, wie Ennius sie geliefert hatte und Pacuvius sie zu liefern fortfuhr. +Mochten der Kritik gegen die vaterländische Chronik patriotische Rücksichten +Schranken stecken, so richtete doch Lucilius sehr spitzige Pfeile gegen +“die traurigen Figuren aus den geschraubten Expositionen des +Pacuvius”; und ähnliche strenge, aber nicht ungerechte Kritiken des +Ennius, Plautus, Pacuvius, all dieser Dichter, “die einen Freibrief zu +haben scheinen, schwülstig zu reden und unlogisch zu schließen”, begegnen +bei dem feinen Verfasser der am Schlusse dieser Periode geschriebenen, dem +Herennius gewidmeten Rhetorik. Man zuckte die Achseln über die Interpolationen, +mit denen der derbe römische Volkswitz die eleganten Komödien des Philemon und +des Diphilos staffiert hatte. Halb lächelnd, halb neidisch wandte man sich ab +von den unzulänglichen Versuchen einer dumpfen Zeit, die diesem Kreise +erscheinen mochten etwa wie dem gereiften Manne die Gedichtblätter aus seiner +Jugend; auf die Verpflanzung des Wunderbaumes verzichtend, ließ man in Poesie +und Prosa die höheren Kunstgattungen wesentlich fallen und beschränkte sich +hier darauf, der Meisterwerke des Auslandes sich einsichtig zu erfreuen. Die +Produktivität dieser Epoche bewegt sich vorwiegend auf den untergeordneten +Gebieten, der leichteren Komödie, der poetischen Miszelle, der politischen +Broschüre, den Fachwissenschaften. Das literarische Stichwort wird die +Korrektheit, im Kunststil und vor allem in der Sprache, welche, wie ein engerer +Kreis von Gebildeten aus dem gesamten Volke sich aussondert, sich ihrerseits +ebenfalls zersetzt in das klassische Latein der höheren Gesellschaft und das +vulgäre des gemeinen Mannes. “Reine Sprache” verheißen die +Terenzischen Prologe; Sprachfehlerpolemik ist ein Hauptelement der Lucilischen +Satire; und ebendamit hängt es zusammen, daß die griechische Schriftstellerei +der Römer jetzt entschieden zurücktritt. Insofern ist ein Fortschritt zum +Besseren allerdings vorhanden; es begegnen in dieser Epoche weit seltener +unzulängliche, weit häufiger in ihrer Art vollendete und durchaus erfreuliche +Leistungen als vorher oder nachher; in sprachlicher Hinsicht nennt schon Cicero +die Zeit des Laelius und des Scipio die goldene des reinen unverfälschten +Latein. Desgleichen steigt die literarische Tätigkeit in der öffentlichen +Meinung allmählich vom Handwerk zur Kunst empor. Noch im Anfang dieser Periode +galt, wenn auch nicht die Veröffentlichung rezitativer Poesien, doch jedenfalls +die Anfertigung von Theaterstücken als nicht schicklich für den vornehmen +Römer: Pacuvius und Terentius lebten von ihren Stücken; das Dramenschreiben war +lediglich ein Handwerk und keines mit goldenem Boden. Um die Zeit Sullas hatten +die Verhältnisse sich völlig verwandelt. Schon die Schauspielerhonorare dieser +Zeit beweisen, daß auch der beliebte dramatische Dichter damals auf eine +Bezahlung Anspruch machen durfte, deren Höhe den Makel entfernte. Damit wurde +die Bühnendichtung zur freien Kunst erhoben; und so finden wir denn auch Männer +aus den höchsten adligen Kreisen, zum Beispiel Lucius Caesar (Ädil 664 90, † +667 87) für die römische Bühne tätig und stolz darauf, in der römischen +“Dichtergilde” neben dem ahnenlosen Accius zu sitzen. Die Kunst +gewinnt an Teilnahme und an Ehre; aber der Schwung ist hin im Leben wie in der +Literatur. Die nachtwandlerische Sicherheit, die den Dichter zum Dichter macht, +und die vor allem bei Plautus sehr entschieden hervortritt, kehrt bei keinem +der späteren wieder - die Epigonen der Hannibalskämpfer sind korrekt, aber +matt. +</p> + +<p> +Betrachten wir zuerst die römische Bühnenliteratur und die Bühne selbst. Im +Trauerspiel treten jetzt zuerst Spezialitäten auf; die Tragödiendichter dieser +Epoche kultivierten nicht, wie die der vorigen, nebenbei das Lustspiel und das +Epos. Die Wertschätzung dieses Kunstzweiges in den schreibenden und lesenden +Kreisen war offenbar im Steigen, schwerlich aber die tragische Dichtung selbst. +Der nationalen Tragödie (praetexta), der Schöpfung des Naevius, begegnen wir +nur noch bei dem gleich zu erwähnenden Pacuvius, einem Spätling der +Ennianischen Epoche. Unter den wahrscheinlich zahlreichen Nachdichtern +griechischer Tragödie erwerben nur zwei sich einen bedeutenden Namen. Marcus +Pacuvius aus Brundisium (535 - ca. 625 219 bis 129), der in seinen früheren +Jahren im Rom vom Malen, erst im höheren Alter vom Trauerspieldichten lebte, +gehört seinen Jahren wie seiner Art nach mehr dem sechsten als dem siebenten +Jahrhundert an, obwohl seine poetische Tätigkeit in dieses fällt. Er dichtete +im ganzen in der Weise seines Landsmanns, Oheims und Meisters Ennius. Sorgsamer +feilend und nach höherem Schwunge strebend als sein Vorgänger, galt er +günstigen Kunstkritikern später als Muster der Kunstpoesie und des reichen +Stils; in den auf uns gekommenen Bruchstücken fehlt es indes nicht an Belegen, +die Ciceros sprachlichen und Lucilius’ ästhetischen Tadel des Dichters +rechtfertigen; seine Sprache erscheint holpriger als die seines Vorgängers, +seine Dichtweise schwülstig und tüftelnd ^1. Es finden sich Spuren, daß er wie +Ennius mehr auf Philosophie als auf Religion gab; aber er bevorzugte doch nicht +wie dieser die der neologischen Richtung zusagenden sinnliche Leidenschaft oder +moderne Aufklärung predigenden Dramen und schöpfte ohne Unterschied bei +Sophokles und bei Euripides - von jener entschiedenen und beinahe genialen +Tendenzpoesie des Ennius kann in dem jüngeren Dichter keine Ader gewesen sein. +</p> + +<p> +————————————————————————- +</p> + +<p> +^1 So hieß es im ‘Paulus’, einem Originalstück, wahrscheinlich in +der Beschreibung des Passes von Pythion (2, 296): +</p> + +<p> +Qua vix caprigeno géneri gradilis gréssio est. +</p> + +<p> +Wo kaum +</p> + +<p> +Dem bockgeschlechtigen Geschlecht gangbar der Gang. +</p> + +<p> +Und in einem andern Stück wird den Zuhörern angesonnen, folgende Beschreibung +zu verstehen: +</p> + +<p> +Vierfüßig, langsamwandelnd, ackerheimisch, rauh, +</p> + +<p> +Niedrig, kurzköpfig, schlangenhalsig, starr zu schaun, +</p> + +<p> +Und, ausgeweidet, leblos mit lebendigem Ton. +</p> + +<p> +Worauf dieselben natürlich erwidern: +</p> + +<p> +Mit dichtverzäuntem Worte schilderst du uns ab, +</p> + +<p> +Was ratend schwerlich auch der kluge Mann durchschaut; +</p> + +<p> +Wenn du nicht offen redest, wir verstehn dich nicht. +</p> + +<p> +Es erfolgt nun das Geständnis, daß die Schildkröte gemeint ist. übrigens +fehlten solche Rätselreden auch bei den attischen Trauerspieldichtern nicht, +die deshalb von der Mittleren Komödie oft und derb mitgenommen wurden. +</p> + +<p> +——————————————————————————— +</p> + +<p> +Lesbarere und gewandtere Nachbildungen der griechischen Tragödie lieferte des +Pacuvius jüngerer Zeitgenosse Lucius Accius, eines Freigelassenen Sohn von +Pisaurum (584 - nach 651 170-108), außer Pacuvius der einzige namhafte +tragische Dichter des siebenten Jahrhunderts. Ohne Zweifel war er, ein auch +literarhistorisch und grammatisch tätiger Schriftsteller, bemüht, statt der +kruden Weise seiner Vorgänger größere Reinheit in Sprache und Stil in die +lateinische Tragödie einzuführen; doch ward auch seine Ungleichheit und +Inkorrektheit von den Männern der strengen Observanz, wie Lucilius, +nachdrücklich getadelt. +</p> + +<p> +Weit größere Tätigkeit und weit bedeutendere Erfolge begegnen auf dem Gebiete +des Lustspiels. Gleich am Anfang dieser Periode erfolgte gegen die gangbare und +volksmäßige Lustspieldichtung eine bemerkenswerte Reaktion. Ihr Vertreter +Terentius (558-595 196-159) ist eine der geschichtlich interessantesten +Erscheinungen in der römischen Literatur. Geboren im phönikischen Afrika, in +früher Jugend als Sklave nach Rom gebracht und dort in die griechische Bildung +der Zeit eingeführt, schien er von Haus aus dazu berufen, der neuattischen +Komödie ihren kosmopolitischen Charakter zurückzugeben, den sie in der +Zustutzung für das römische Publikum unter Naevius, Plautus und ihrer Genossen +derben Händen einigermaßen eingebüßt hatte. Schon in der Wahl und der +Verwendung der Musterstücke zeigt sich der Gegensatz zwischen ihm und +demjenigen seiner Vorgänger, den wir jetzt allein mit ihm vergleichen können. +Plautus wählt seine Stücke aus dem ganzen Kreise der neueren attischen Komödie +und verschmäht die keckeren und populäreren Lustspieldichter, wie zum Beispiel +den Philemon, durchaus nicht; Terenz hält sich fast ausschließlich an +Menandros, den zierlichsten, feinsten und züchtigsten unter allen Poeten der +neueren Komödie. Die Weise, mehrere griechische Stücke zu einem lateinischen +zusammenzuarbeiten, wird von Terenz zwar beibehalten, da sie nach Lage der +Sache für den römischen Bearbeiter nun einmal unvermeidlich war, aber mit +unvergleichlich mehr Geschicklichkeit und Sorgsamkeit gehandhabt. Der +Plautinische Dialog entfernte sich ohne Zweifel sehr häufig von seinen Mustern; +Terenz rühmt sich des wörtlichen Anschlusses seiner Nachbildungen an die +Originale, wobei freilich nicht an eine wörtliche Übersetzung in unserm Sinn +gedacht werden darf. Die nicht selten rohe, aber immer drastische Auftragung +römischer Lokaltöne auf den griechischen Grund, wie Plautus sie liebte, wird +vollständig und absichtlich verbannt, nicht eine Anspielung erinnert an Rom, +nicht ein Sprichwort, kaum eine Reminiszenz 2; selbst die lateinischen Titel +werden durch griechische ersetzt. Derselbe Unterschied zeigt sich in der +künstlerischen Behandlung. Vor allen Dingen erhalten die Schauspieler die ihnen +gebührenden Masken zurück und wird für eine sorgfältigere Inszenierung Sorge +getragen, so daß nicht mehr wie bei Plautus alles, was dahin und nicht dahin +gehört, auf der Straße vorzugehen braucht. Plautus schürzt und löst den Knoten +leichtsinnig und lose, aber seine Fabel ist drollig und oft frappant; Terenz, +weit minder drastisch, trägt überall, nicht selten auf Kosten der Spannung, der +Wahrscheinlichkeit Rechnung und polemisiert nachdrücklich gegen die allerdings +zum Teil platten und abgeschmackten stehenden Notbehelfe seiner Vorgänger, zum +Beispiel gegen die allegorischen Träume 3. Plautus malt seine Charaktere mit +breiten Strichen, oft schablonenhaft, immer für die Wirkung aus der Ferne und +im ganzen und groben; Terenz behandelt die psychologische Entwicklung mit einer +sorgfältigen und oft vortrefflichen Miniaturmalerei, wie zum Beispiel in den +‘Brüdern’ die beiden Alten, der bequeme städtische Lebemann und der +vielgeplackte, durchaus nicht parfümierte Gutsherr, einen meisterhaften +Kontrast bilden. In den Motiven wie in der Sprache steht Plautus in der Kneipe, +Terenz im guten bürgerlichen Haushalt. Die rüpelhafte Plautinische Wirtschaft, +die sehr ungenierten, aber allerliebsten Dirnchen mit den obligaten Wirten +dazu, die säbelrasselnden Landsknechte, die ganz besonders launig gemalte +Bedientenwelt, deren Himmel der Keller, deren Fatum die Peitsche ist, sind bei +Terenz verschwunden oder doch zum Besseren gewandt. Bei Plautus befindet man +sich, im ganzen genommen, unter angehendem oder ausgebildetem Gesindel, bei +Terenz dagegen regelmäßig unter lauter edlen Menschen; wird ja einmal ein +Mädchenwirt ausgeplündert oder ein junger Mensch ins Bordell geführt, so +geschieht es in moralischer Absicht, etwa aus brüderlicher Liebe oder um den +Knaben vom Besuch schlichter Häuser abzuschrecken. In den Plautinischen Stücken +herrscht die Philisteropposition der Kneipe gegen das Haus: überall werden die +Frauen heruntergemacht zur Ergötzung aller zeitweilig emanzipierten und einer +liebenswürdigen Begrüßung daheim nicht völlig versicherten Eheleute. In den +Terenzischen Komödien herrscht nicht eine sittlichere, aber wohl eine +schicklichere Auffassung der Frauennatur und des ehelichen Lebens. Regelmäßig +schließen sie mit einer tugendhaften Hochzeit oder womöglich mit zweien - +ebenwie von Menandros gerühmt wird, daß er jede Verführung durch eine Hochzeit +wiedergutgemacht habe. Die Lobreden auf das ehelose Leben, die bei Menandros so +häufig sind, werden von seinem römischen Bearbeiter nur mit charakteristischer +Schüchternheit wiederholt 4, dagegen der Verliebte in seiner Pein, der +zärtliche Ehemann am Kindbett, die liebevolle Schwester auf dem Sterbelager im +‘Verschnittenen’ und im ‘Mädchen von Andros’ gar +anmutig geschildert; ja in der ‘Schwiegermutter’ erscheint sogar am +Schluß als rettender Engel ein tugendhaftes Freudenmädchen, ebenfalls eine echt +Menandrische Figur, die das römische Publikum freilich wie billig auspfiff. Bei +Plautus sind die Väter durchaus nur dazu da, um von den Söhnen gefoppt und +geprellt zu werden; bei Terenz wird im ‘Selbstquäler’ der verlorene +Sohn durch väterliche Weisheit gebessert und, wie er überhaupt voll trefflicher +Pädagogik ist, geht in dem vorzüglichsten seiner Stücke, den +‘Brüdern’, die Pointe darauf hinaus, zwischen der allzu liberalen +Onkel- und der allzu rigorosen Vatererziehung die rechte Mitte zu finden. +Plautus schreibt für den großen Haufen und führt gottlose und spöttische Reden +im Munde, soweit die Bühnenzensur es irgend gestattet; Terenz bezeichnet +vielmehr als seinen Zweck, den Guten zu gefallen und, wie Menandros, niemand zu +verletzen. Plautus liebt den raschen, oft lärmenden Dialog, und es gehört zu +seinen Stücken das lebhafte Körperspiel der Schauspieler; Terenz beschränkte +sich auf “ruhiges Gespräch”. Plautus’ Sprache fließt über von +burlesken Wendungen und Wortwitzen, von Alliterationen, von komischen +Neubildungen, aristophanischen Wörterverklitterungen, spaßhaft entlehnten +griechischen Schlagwörtern. Dergleichen Capricci kennt Terenz nicht: sein +Dialog bewegt sich im reinsten Ebenmaß, und die Pointen sind zierliche +epigrammatische und sentenziöse Wendungen. Kein Lustspiel des Terenz ist dem +Plautinischen gegenüber, weder in poetischer noch in sittlicher Hinsicht, ein +Fortschritt zu nennen. Von Originalität kann bei beiden nicht, aber wo möglich +noch weniger bei Terenz, die Rede sein; und das zweifelhafte Lob korrekterer +Kopierung wird wenigstens aufgewogen dadurch, daß der jüngere Dichter wohl die +Vergnüglichkeit, aber nicht Lustigkeit Menanders wiederzugeben verstand, so daß +die dem Menander nachgedichteten Lustspiels des Plautus, wie der +‘Stichus’, die Kästchenkomödie, ‘Die beiden Backchis’, +wahrscheinlich weit mehr von dem sprudelnden Zauber des Originals bewahren als +die Komödien des “halbierten Menander”. Ebensowenig wie in dem +Übergang vom Rohen zum Matten der Ästhetiker, kann der Sittenrichter in dem +Übergang von der Plautinischen Zote und Indifferenz zu der Terenzischen +Akkommodierungsmoral einen Fortschritt erkennen. Aber ein sprachlicher +Fortschritt fand allerdings statt. Die elegante Sprache war der Stolz des +Dichters, und ihrem unnachahmlichen Reiz vor allem verdankte er es, daß die +feinsten Kunstrichter der Folgezeit, wie Cicero, Caesar, Quintilian, unter +allen römischen Dichtern der republikanischen Zeit ihm den Preis zuerkannten. +Insofern ist es auch wohl gerechtfertigt, in der römischen Literatur, deren +wesentlicher Kern ja nicht die Entwicklung der lateinischen Poesie, sondern die +der lateinischen Sprache ist, von den Terenzischen Lustspielen als der ersten +künstlerisch reinen Nachbildung hellenischer Kunstwerke eine neue Ära zu +datieren. Im entschiedensten literarischen Krieg brach die moderne Komödie sich +Bahn. Die Plautinische Dichtweise hatte in dem römischen Bürgerstand Wurzel +gefaßt; die Terenzischen Lustspiele stießen auf den lebhaftesten Widerstand bei +dem Publikum, das ihre “matte Sprache”, ihren “schwachen +Stil” unleidlich fand. Der, wie es scheint, ziemlich empfindliche Dichter +antwortete in den eigentlich keineswegs hierzu bestimmten Prologen mit +Antikritiken voll defensiver und offensiver Polemik und provozierte von der +Menge, die aus seiner ‘Schwiegermutter’ zweimal weggelaufen war, um +einer Fechter- und Seiltänzerbande zuzusehen, auf die gebildeten Kreise der +vornehmen Welt. Er erklärte, nur nach dem Beifall der “Guten” zu +streben, wobei freilich die Andeutung nicht fehlt, daß es durchaus nicht +anständig sei, Kunstwerke zu mißachten, die den Beifall der +“Wenigen” erhalten hätten. Er ließ die Rede sich gefallen oder +begünstigte sie sogar, daß vornehme Leute ihn bei seinem Dichten mit Rat und +sogar mit der Tat unterstützten 5. In der Tat drang er durch; selbst in der +Literatur herrschte die Oligarchie und verdrängte die kunstmäßige Komödie der +Exklusiven das volkstümliche Lustspiel: wir finden, daß um 620 (134) die +Plautinischen Stücke vom Repertoire verschwanden. Es ist dies um so +bezeichnender, als nach dem frühen Tode des Terenz durchaus kein +hervorstechendes Talent weiter auf diesem Gebiet tätig war; über die Komödien +des Turpilius († 651 hochbejahrt 103) und andere ganz oder fast ganz +verschollene Lückenbüßer urteilte schon am Ende dieser Periode ein Kenner, daß +die neuen Komödien noch viel schlechter seien als die schlechten neuen +Pfennige. +</p> + +<p> +Daß wahrscheinlich bereits im Laufe des sechsten Jahrhunderts zu der +griechisch-römischen Komödie (palliata) die nationale (togata) hinzugetreten +war als Abbild zwar nicht des spezifischen hauptstädtischen, aber doch des Tuns +und Treibens im latinischen Land, ist früher gezeigt worden. Natürlich +bemächtigte die Terenzische Schule rasch sich auch dieser Gattung; es war ganz +in ihrem Sinn, die griechische Komödie einerseits in getreuer Übersetzung, +andererseits in rein römischer Nachdichtung in Italien einzubürgern. Der +Hauptvertreter dieser Richtung ist Lucius Afranius (blüht um 660 90). Die +Bruchstücke, die uns von ihm vorliegen, geben keinen bestimmten Eindruck, aber +sie widersprechen auch nicht dem, was die römischen Kunstkritiker über ihn +bemerken. Seine zahlreichen Nationallustspiele waren der Anlage nach durchaus +dem griechischen Intrigenstück nachgebildet, nur daß sie, wie bei der +Nachdichtung natürlich ist, einfacher und kürzer ausfielen. Auch im einzelnen +borgte er, was ihm gefiel, teils von Menandros, teils aus der älteren +Nationalliteratur. Von den latinischen Lokaltönen aber, die bei dem Schöpfer +dieser Kunstgattung, Titinius, so bestimmt hervortreten, begegnet bei Afranius +nicht viel 6; seine Sujets halten sich sehr allgemein und mögen wohl +durchgängig Nachbildungen bestimmter griechischer Komödien nur mit verändertem +Kostüm sein. Ein feiner Eklektizismus und eine gewandte Kunstdichtung - +literarische Anspielungen kommen nicht selten vor - sind ihm eigen wie dem +Terenz; auch die sittliche Tendenz, die seine Stücke dem Schauspiel näherte, +die polizeimäßige Haltung, die reine Sprache hat er mit diesem gemein. Als +Geistesverwandten des Menandros und des Terenz charakterisieren ihn hinreichend +das Urteil der Späteren, daß er die Toga trage wie Menandros sie als Italiker +getragen haben würde, und seine eigene Äußerung, daß ihm Terenz über alle +andern Dichter gehe. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +2 Vielleicht die einzige Ausnahme ist im ‘Mädchen von Andros’ (4, +5) die Antwort auf die Frage, wie es gehe: +</p> + +<p> +Nun, +</p> + +<p> +Wie wir können, heißt’s ja, da, wie wir möchten, es nicht geht, +</p> + +<p> +mit Anspielung auf die freilich auch einem griechischen Sprichwort +nachgebildete Zeile des Caecilius: +</p> + +<p> +Geht’s nicht so, wie du magst, so lebe wie du kannst. +</p> + +<p> +Das Lustspiel ist das älteste der Terenzischen und ward auf Empfehlung des +Caecilius von dem Theatervorstand zur Aufführung gebracht. Der leise Dank ist +bezeichnend. +</p> + +<p> +3 Ein Seitenstück zu der von Hunden gehetzten, weinend einen jungen Menschen um +Hilfe anrufenden Hindin, die Terenz (Phorm. prol. 4) verspottet, wird man in +der wenig geistreichen Plautinischen Allegorie von der Ziege und dem Affen +(Merc. 2, 1) erkennen dürfen. Schließlich gehen auch dergleichen Auswüchse auf +die Euripideische Rhetorik zurück (z. B. Eur. Hek. 90). +</p> + +<p> +4 Micio in den ‘Brüdern’ (I, 1) preist sein Lebenslos und +namentlich auch, daß er nie eine Frau gehabt, “was jene (die Griechen) +für ein Glück halten”. +</p> + +<p> +5 Im Prolog des ‘Selbstquälers’ läßt er von seinen Rezensenten sich +vorwerfen: +</p> + +<p> +Er habe verlegt sich plötzlich auf die Poesie, +</p> + +<p> +Der Freunde Geist vertrauend, nicht aus eignem Drang; +</p> + +<p> +und in dem späteren (594 160) zu den ‘Brüdern’ heißt es: +</p> + +<p> +Denn wenn Mißgünstige sagen, daß vornehme Herrn +</p> + +<p> +Beim Werk ihm helfen und mitschreiben an jedem Stück, +</p> + +<p> +So rechnet dies, was herber Tadel jenen scheint, +</p> + +<p> +Der Dichter zum Ruhm sich: daß den Männern er gefällt, +</p> + +<p> +Die euch und allem Volke wohlgefällig sind, +</p> + +<p> +Die in Kriegsläuften seinerzeit mit Rat und Tat +</p> + +<p> +Hilfreich erprobt ihr all’ und ohne Übermut. +</p> + +<p> +Schon in der ciceronischen Zeit war es allgemeine Annahme, daß hier Laelius und +Scipio Aemilianus gemeint seien; man bezeichnete die Szenen die von denselben +herrühren sollten; man erzählte von den Fahrten des armen Dichters mit seinen +vornehmen Gönnern auf ihre Güter bei Rom und fand es unverzeihlich, daß +dieselben für die Verbesserung seiner ökonomischen Lage gar nichts getan +hätten. Allein die sagenbildende Kraft ist bekanntlich nirgends mächtiger als +in der Literaturgeschichte. Es leuchtet ein, und schon besonnene römische +Kritiker haben es erkannt, daß diese Zeilen unmöglich auf den damals 25jährigen +Scipio und auf seinen nicht viel älteren Freund Laelius gehen können. +Verständiger wenigstens dachten andere an die vornehmen Poeten Quintus Labeo +(Konsul 571 183) und Marcus Popillius (Konsul 581 173) und den gelehrten +Kunstfreund und Mathematiker Lucius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166); doch ist +auch dies offenbar nur Vermutung. Daß Terenz dem Scipionischen Hause nahe +stand, ist übrigens nicht zu bezweifeln; es ist bezeichnend, daß die erste +Aufführung der ‘Brüder’ und die zweite der +‘Schwiegermutter’ stattfand bei den Begräbnisfeierlichkeiten des +Lucius Paullus, die dessen Söhne Scipio und Fabius ausrichteten. +</p> + +<p> +6 Dabei haben vermutlich auch äußerliche Umstände mitgewirkt. Nachdem infolge +des Bundesgenossenkrieges alle italischen Gemeinden das römische Bürgerrecht +erlangt hatten, war es nicht mehr erlaubt, die Szene eines Lustspiels in eine +solche zu verlegen, und mußte der Dichter sich entweder allgemein halten oder +untergegangene oder ausländische Orte auswählen. Gewiß hat auch dieser Umstand, +der selbst bei der Aufführung der älteren Lustspiele in Betracht kam, auf das +Nationallustspiel ungünstig eingewirkt. +</p> + +<p> +—————————————————————- +</p> + +<p> +Neu trat in dieser Epoche in das Gebiet der lateinischen Literatur die Posse +ein. Sie selbst war uralt; lange bevor Rom stand, mögen Latiums lustige +Gesellen bei festlichen Gelegenheiten in den ein für allemal feststehenden +Charaktermasken improvisiert haben. Einen festen lokalen Hintergrund erhielten +diese Späße an dem lateinischen Schildburg, wozu man die im Hannibalischen +Kriege zerstörte und damit der Komik preisgegebene ehemals oskische Stadt +Atella ausersah; seitdem ward für diese Aufführungen der Name der +“Oskischen Spiele” oder “Spiele von Atella” üblich 7. +Aber mit der Bühne 8 und mit der Literatur hatten diese Scherze nichts zu tun; +sie wurden von Dilettanten wo und wie es ihnen beliebte aufgeführt, und die +Texte nicht geschrieben oder doch nicht veröffentlicht. Erst in dieser Periode +überwies man das Atellanenstück an eigentliche Schauspieler 9 und verwandte es, +ähnlich wie das griechische Satyrdrama, als Nachspiel namentlich nach den +Tragödien; wo es denn nicht fern lag, auch die schriftstellerische Tätigkeit +hierauf zu erstrecken. Ob die römische Kunstposse ganz selbständig sich +entwickelte oder etwa die in mancher Hinsicht verwandte unteritalische zu ihr +den Anstoß gegeben hat ^10, läßt sich nicht mehr entscheiden; daß die einzelnen +Stücke durchgängig Originalarbeiten gewesen sind, ist gewiß. Als Begründer +dieser neuen Literaturgattung trat in der ersten Hälfte des siebenten +Jahrhunderts ^11 Lucius Pomponius aus der latinischen Kolonie Bonoma auf, neben +dessen Stücken bald auch die eines andern Dichters, Novius, sich beliebt +machten. Soweit die nicht zahlreichen Trümmer und die Berichte der alten +Literatoren uns hier ein Urteil gestatten, waren es kurze, regelmäßig wohl +einaktige Possen, deren Reiz weniger auf der tollen und locker geknüpften Fabel +beruhte als auf der drastischen Abkonterfeiung einzelner Stände und +Situationen. Gern wurden Festtage und öffentliche Akte komisch geschildert: +‘Die Hochzeit’, ‘Der erste März’, ‘Pantalon +Wahlkandidat’; ebenso fremde Nationalitäten: die transalpinischen +Gallier, die Syrer; vor allem häufig erschienen auf den Brettern die einzelnen +Gewerbe: der Küster, der Wahrsager, der Vogelschauer, der Arzt, der Zöllner, +der Maler, Fischer, Bäcker gingen über die Bühne; die Ausrufer hatten viel zu +leiden und mehr noch die Walker, die in der römischen Narrenwelt die Rolle +unserer Schneider gespielt zu haben scheinen. Wenn also dem mannigfaltigen +städtischen Leben sein Recht geschah, so ward auch der Bauer mit seinen Leiden +und Freuden nach allen Seiten dargestellt - von der Fülle dieses ländlichen +Repertoires geben eine Ahnung die zahlreichen derartigen Titel, wie zum +Beispiel ‘Die Kuh’, ‘Der Esel’, ‘Das +Zicklein’, ‘Die Sau’, ‘Das Schwein’, ‘Das +kranke Schwein, ‘Der Bauer, ‘Der Landmann, ‘Pantalon +Landmann, ‘Der Rinderknecht, ‘Die Winzer, ‘Der +Feigensammler’, ‘Das Holzmachen’, ‘Das Behacken, +‘Der Hühnerhof’. Immer noch waren es in diesen Stücken die +stehenden Figuren des dummen und des pfiffigen Dieners, des guten Alten, des +weisen Mannes, die das Publikum ergötzten; namentlich der erste durfte nicht +fehlen, der Pulcinell dieser Posse, der gefräßige, unflätige ausstaffiert +häßliche und dabei ewig verliebte Maccus, immer im Begriff, über seine eigenen +Füße zu fallen, von allen mit Hohn und mit Prügeln bedacht und endlich am +Schluß der regelmäßige Sündenbock - die Titel ‘Pulcinell Soldat, +‘Pulcinell Wirt’, ‘Jungfer Pulcinell’, ‘Pulcinell +in der Verbannung, ‘Die beiden Pulcinelle’ mögen dem gutgelaunten +Leser eine Ahnung davon geben, wie mannigfaltig es auf der römischen +Mummenschanz herging. Obwohl diese Possen, wenigstens seit sie geschrieben +wurden, den allgemeinen Gesetzen der Literatur sich fügten und in den Versmaßen +zum Beispiel der griechischen Bühne sich anschlossen, so hielten sie doch sich +natürlicherweise bei weitem latinischer und volkstümlicher als selbst das +nationale Lustspiel; in die griechische Welt begab sich die Posse nur in der +Form der travestierten Tragödie ^12 und auch dies Genre scheint erst von Novius +und überhaupt nicht sehr häufig kultiviert worden zu sein. Die Posse dieses +Dichters wagte sich auch schon, wo nicht bis in den Olymp, doch wenigstens bis +zu dem menschlichsten der Götter, dem Hercules; er schrieb einen +‘Hercules Auctionator’. Daß der Ton nicht der feinste war, versteht +sich; sehr unzweideutige Zweideutigkeiten, grobkörnige Bauernzoten, Kinder +schreckende und gelegentlich fressende Gespenster gehörten hier einmal mit +dazu, und persönliche Anzüglichkeiten, sogar mit Nennung der Namen, schlüpften +nicht selten durch. Aber es fehlte auch nicht an lebendiger Schilderung, an +grotesken Einfällen, schlagenden Späßen, kernigen Sprüchen, und die Harlekinade +gewann sich rasch eine nicht unansehnliche Stellung im Bühnenleben der +Hauptstadt und selbst in der Literatur. +</p> + +<p> +—————————————————— +</p> + +<p> +7 Es knüpfen sich an diesen Namen seit alter Zeit eine Reihe von Irrtümern. Das +arge Versehen griechischer Berichterstatter, daß diese Possen in Rom in +oskischer Sprache gespielt worden seien, wird mit Recht jetzt allgemein +verworfen; allein es stellt bei genauerer Betrachtung sich nicht minder als +unmöglich heraus diese, in der Mitte des latinischen Stadt- und Landlebens +stehenden Stücke überhaupt auf das national oskische Wesen zu beziehen. Die +Benennung des “Atellanischen Spiels” erklärt sich auf eine andere +Weise. Die latinische Posse mit ihren festen Rollen und stehenden Späßen +bedurfte einer bleibenden Szenerie; die Narrenwelt sucht überall sich ein +Schildburg. Natürlich konnte bei der römischen Bühnenpolizei keine der +römischen oder auch nur mit Rom verbündeten latinischen Gemeinden dazu genommen +werden, obwohl die togatae in diese zu verlegen gestattet war. Atella aber, das +mit Capua zugleich im Jahre 543 (211) rechtlich vernichtet ward, tatsächlich +aber als ein von römischen Bauern bewohntes Dorf fortbestand, eignete sich dazu +in jeder Beziehung. Zur Gewißheit wird diese Vermutung durch die Wahrnehmung, +daß einzelne dieser Possen auch in anderen überhaupt oder doch rechtlich nicht +mehr existierenden Gemeinden des lateinisch redenden Gebiets spielen: so des +Pomponius Campani, vielleicht auch seine Adelphi und seine Quinquatria in +Capua, des Novius milites Pometinenses in Suessa Pometia, während keine +bestehende Gemeinde ähnlich gemißhandelt wird. Die wirkliche Heimat dieser +Stücke ist also Latium, ihr poetischer Schauplatz die latinisierte +Oskerlandschaft; mit der oskischen Nation haben sie nichts zu tun. Daß ein +Stück des Naevius († nach 550 200) in Ermangelung eigentlicher Schauspieler von +“Atellanenspielern” aufgeführt ward und deshalb personata hieß +(Festus u. d. W.), beweist hiergegen in keinem Fall; die Benennung +“Atellanenspieler” wird hier proleptisch stehen, und man könnte +sogar danach vermuten, daß sie früher “Maskenspieler” (personati) +hießen. +</p> + +<p> +Ganz in gleicher Weise erklären sich endlich auch die “Lieder von +Fescennium”, die gleichfalls zu der parodischen Poesie der Römer gehören +und in der südetruskischen Ortschaft Fescennium lokalisiert wurden, ohne darum +mehr zu der etruskischen Poesie gerechnet werden zu dürfen als die Atellanen +zur oskischen. Daß Fescennium in historischer Zeit nicht Stadt, sondern Dorf +war, läßt sich allerdings nicht unmittelbar beweisen, ist aber nach der Art, +wie die Schriftsteller des Ortes gedenken und nach dem Schweigen der +Inschriften im höchsten Grade wahrscheinlich. +</p> + +<p> +8 Die enge und ursprüngliche Verbindung, in die namentlich Livius die +Atellanenposse mit der Satura und dem aus dieser sich entwickelnden Schauspiel +bringt, ist schlechterdings nicht haltbar. Zwischen dem Histrio und dem +Atellanenspieler war der Unterschied ungefähr ebenso groß wie heutzutage +zwischen dem, der auf die Bühne und dem, der auf den Maskenball geht; auch +zwischen dem Schauspiel, das bis auf Terenz keine Masken kannte, und der +Atellane, die wesentlich auf der Charaktermaske beruhte, besteht ein +ursprünglicher, in keiner Weise auszugleichender Unterschied. Das Schauspiel +ging aus von dem Flötenstücke, das anfangs ohne alle Rezitation bloß auf Gesang +und Tanz sich beschränkte, sodann einen Text (satura), endlich durch Andronicus +ein der griechischen Schaubühne entlehntes Libretto erhielt, worin die alten +Flötenlieder ungefähr die Stelle des griechischen Chors einnahmen. Mit der +Dilettantenposse berührt sich dieser Entwicklungsgang in den früheren Stadien +nirgends. +</p> + +<p> +9 In der Kaiserzeit ward die Atellane durch Schauspieler von Profession +dargestellt (Friedländer in Beckers Handbuch, Bd. 6, S. 549). Die Zeit, wo +diese anfingen, sich mit ihr zu befassen, ist nicht überliefert, kann aber kaum +eine andere gewesen sein als diejenige, in welcher die Atellane unter die +regelmäßigen Bühnenspiele eintrat, das heißt die vorciceronische Epoche, (Cic. +ad fam. 9, 16). Damit ist nicht im Widerspruch, daß noch zu Livius’ (7, +2) Zeit die Atellanenspieler im Gegensatz der übrigen Schauspieler ihre +Ehrenrechte behielten; denn damit, daß Schauspieler von Profession gegen +Bezahlung die Atellane mitaufzuführen anfingen, ist noch gar nicht gesagt, daß +dieselbe nicht mehr, zum Beispiel in den Landstädten, von unbezahlten +Dilettanten aufgeführt ward und das Privilegium also fortwährend anwendbar +blieb. +</p> + +<p> +^10 Es verdient Beachtung, daß die griechische Posse nicht bloß vorzugsweise in +Unteritalien zu Hause ist, sondern auch manche ihrer Stücke (zum Beispiel unter +denen des Sopatros ‘Das Linsengericht, ‘Bakchis’ Freier, +‘Des Mystakos Lohnlakai, ‘Die Gelehrtem, ‘Der +Physiolog’) lebhaft an die Atellanen erinnern. Auch muß diese +Possendichtung bis in die Zeit hinabgereicht haben, wo die Griechen in und um +Neapel eine Enklave in dem lateinisch redenden Kampanien bildeten; denn einer +dieser Possenschreiber, Blaesus von Capreae, führt schon einen römischen Namen +und schrieb eine Posse ‘Saturnus’. +</p> + +<p> +^11 Nach Eusebius blühte Pomponius um 664 (90); Velleius nennt ihn Zeitgenossen +des Lucius Crassus (614-663 140-91) und Marcus Antonius (611-667 143-87). Die +erste Ansetzung dürfte um ein Menschenalter zu spät sein; die um 650 100 +abgekommene Rechnung nach Victoriaten kommt in seinen ‘Malern’ noch +vor, und um das Ende dieser Periode begegnen auch schon die Mimen, welche die +Atellanen von der Bühne verdrängten. +</p> + +<p> +^12 Lustig genug mochte sie auch hier sein. So hieß es in Novius’ +‘Phönissen’: +</p> + +<p> +Auf! waffne dich! mit der Binsenkeule schlag ich dich tot! +</p> + +<p> +ganz wie Menanders ‘falscher Herakles’ auftritt. +</p> + +<p> +——————————————————————— +</p> + +<p> +Was endlich die Entwicklung des Bühnenwesens anlangt, so sind wir nicht +imstande, im einzelnen darzulegen, was im ganzen klar erhellt, daß das +allgemeine Interesse an den Bühnenspielen beständig im Steigen war und +dieselben immer häufiger und immer prachtvoller wurden. Nicht bloß ward jetzt +wohl kaum ein ordentliches oder außerordentliches Volksfest ohne Bühnenspiele +begangen, auch in den Landstädten und Privathäusern wurden Vorstellungen +gemieteter Schauspielertruppen gewöhnlich. Zwar entbehrte, während +wahrscheinlich manche Munizipalstadt schon in dieser Zeit ein steinernes +Theater besaß, die Hauptstadt eines solchen noch immer; den schon verdungenen +Theaterbau hatte der Senat im Jahre 599 (185) auf Veranlassung des Publius +Scipio Nasica wieder inhibiert. Es war das ganz im Geiste der scheinheiligen +Politik dieser Zeit, daß man aus Respekt vor den Sitten der Väter die Erbauung +eines stehenden Theaters verhinderte, aber nichtsdestoweniger die Theaterspiele +reißend zunehmen und Jahr aus Jahr ein ungeheure Summen verschwenden ließ, um +Brettergerüste für dieselben aufzuschlagen und zu dekorieren. Die +Bühneneinrichtungen hoben sich zusehends. Die verbesserte Inszenierung und die +Wiedereinführung der Masken um die Zeit des Terenz hängt wohl ohne Zweifel +damit zusammen, daß die Einrichtung und Instandhaltung der Bühne und des +Bühnenapparats im Jahre 580 (74) auf die Staatskasse übernommen ward ^13. +Epochemachend in der Theatergeschichte wurden die Spiele, welche Lucius Mummius +nach der Einnahme von Korinth gab (609 145). Wahrscheinlich wurde damals zuerst +ein nach griechischer Art akustisch gebautes und mit Sitzplätzen versehenes +Theater aufgeschlagen und überhaupt auf die Spiele mehr Sorgfalt verwandt ^14. +Nun ist auch von Erteilung eines Siegespreises, also von Konkurrenz mehrerer +Stücke, von lebhafter Parteinahme des Publikums für und gegen die +Hauptschauspieler, von Clique und Claque mehrfach die Rede. Dekorationen und +Maschinerie wurden verbessert: kunstmäßig gemalte Kulissen und hörbare +Theaterdonner kamen unter der Ädilität des Gaius Claudius Pulcher 655 (99) auf +^15, zwanzig Jahre später (675 79) unter der Ädilität der Brüder Lucius und +Marcus Lucullus, die Verwandlung der Dekorationen durch Umdrehung der Kulissen. +Dem Ende dieser Epoche gehört der größte römische Schauspieler an, der +Freigelassene Quintus Roscius († um 692 62 hoch bejahrt), durch mehrere +Generationen hindurch der Schmuck und Stolz der römischen Bühne ^16, Sullas +Freund und gern gesehener Tischgenosse, auf den noch später zurückzukommen sein +wird. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +^13 Bisher hatte der Spielgeber die Bühne und den szenischen Apparat aus der +ihm überwiesenen Pauschsumme oder auf eigene Kosten instand setzen müssen und +wird wohl nicht oft hierauf viel Geld gewendet worden sein. Im Jahre 580 (174) +aber gaben die Zensoren die Einrichtung der Bühne für die Spiele der Ädilen und +Prätoren besonders in Verding (Liv. 41, 27); daß der Bühnenapparat jetzt nicht +mehr bloß für einmal angeschafft ward, wird zu einer merklichen Verbesserung +desselben geführt haben. +</p> + +<p> +^14 Die Berücksichtigung der akustischen Vorrichtungen der Griechen folgt wohl +aus Vitr. 5, 5, B. Über die Sitzplätze hat F. W. Ritschl, Parerga zu Plautus +und Terentius. Leipzig 1845. Bd. 1, S. 227, XX) gesprochen; doch dürften (nach +Plaut. Capt. prol. 11) nur diejenigen, welche nicht capite censi waren, +Anspruch auf einen solchen gehabt haben. Wahrscheinlich gehen übrigens zunächst +auf diese epochemachenden Theaterspiele des Mummius (Tac. arm. 14, 21) die +Worte des Horaz, daß “das gefangene Griechenland den Sieger gefangen +nahm”. +</p> + +<p> +^15 Die Kulissen des Pulcher müssen ordentlich gemalt gewesen sein, da die +Vögel versucht haben sollen, sich auf die Ziegel derselben zu setzen (Plin nat. +35, 4 23; Val. Max. 2, 4, 6). Bis dahin hatte die Donnermaschinerie darin +bestanden, daß Nägel und Steine in einem kupfernen Kessel geschüttelt wurden; +erst Pulcher stellte einen besseren Donner durch gerollte Steine her - das +nannte man seitdem “Claudischen Donner” (Festus v. Claudiana p. +57). +</p> + +<p> +^16 Unter den wenigen, aus dieser Epoche erhaltenen kleineren Gedichten findet +</p> + +<p> +sich folgendes Epigramm auf diesen gefeierten Schauspieler: +</p> + +<p> + Constiteram, exorientem Auroram forte salutans, +</p> + +<p> + Cum subito a laeva Roscius exoritur. +</p> + +<p> + Pace mihi liceat, caelestes, dicere vestra: +</p> + +<p> + Mortalis visust pulchrior esse deo. +</p> + +<p> + Jüngsthin stand ich, die Sonne verehrend eben im Aufgehn: +</p> + +<p> + Da zur Linken mir, schau! plötzlich geht Roscius auf. +</p> + +<p> + Zürnet, ihr Himmlischen, nicht, wenn was ich gedacht ich gestehe: +</p> + +<p> + Schöner fürwahr als der Gott deuchte der Sterbliche mir. +</p> + +<p> +Der Verfasser dieses griechisch gehaltenen und von griechischem +Kunstenthusiasmus eingegebenen Epigramms ist kein geringerer Mann als der +Besieger der Kimbrer, Quintus Lutatius Catulus, Konsul 652 (102). +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +In der rezitativen Poesie fällt vor allem die Nichtigkeit des Epos auf, das im +sechsten Jahrhundert unter der zum Lesen bestimmten Literatur entschieden den +ersten Platz eingenommen hatte, im siebenten zwar zahlreiche Vertreter fand, +aber nicht einen einzigen von auch nur vorübergehendem Erfolg. Aus der +gegenwärtigen Epoche ist kaum etwas zu nennen als eine Anzahl roher Versuche, +den Homer zu übersetzen und einige Fortsetzungen der Ennianischen Jahrbücher, +wie des Hostius ‘Histrischer Krieg’ und des Aulus Furius (um 650 +100) ‘Jahrbücher (vielleicht) des Gallischen Krieges’, die allem +Anschein nach unmittelbar da fortfuhren, wo Ennius in der Beschreibung des +Histrischen Krieges von 576 (178) und 577 (177) aufgehört hatte. Auch in der +didaktischen und elegischen Poesie erscheint nirgends ein hervorragender Name. +Die einzigen Erfolge, welche die rezitative Dichtkunst dieser Epoche +aufzuweisen hat, gehören dem Gebiete der sogenannten Satura an, derjenigen +Kunstgattung, die gleich dem Briefe oder der Broschüre jede Form zuläßt und +jeden Inhalt aufnimmt, darum auch aller eigentlichen Gattungskriterien +ermangelnd, durchaus nach der Individualität eines jeden Dichters sich +individualisiert und nicht bloß auf der Grenze von Poesie und Prosa, sondern +schon mehr als zur Hälfte außerhalb der eigentlichen Literatur steht. Die +launigen poetischen Episteln, die einer der jüngeren Männer des Scipionischen +Kreises, Spurius Mummius, der Bruder des Zerstörers von Korinth, aus dem Lager +von Korinth an seine Freunde daheim gesandt hatte, wurden noch ein Jahrhundert +später gern gelesen; und es mögen dergleichen nicht zur Veröffentlichung +bestimmte poetische Scherze aus dem reichen geselligen und geistigen Leben der +besseren Zirkel Roms damals zahlreich hervorgegangen sein. Ihr Vertreter in der +Literatur ist Gaius Lucilius (606-651 148-103), einer angesehenen Familie der +latinischen Kolonie Suessa entsprossen und gleichfalls ein Glied des +Scipionischen Kreises. Auch seine Gedichte sind gleichsam offene Briefe an das +Publikum, ihr Inhalt, wie ein geistreicher Nachfahre anmutig sagt, das ganze +Leben des gebildeten unabhängigen Mannes, der den Vorgängen auf der politischen +Schaubühne vom Parkett und gelegentlich von den Kulissen aus zusieht, der mit +den Besten seiner Zeit verkehrt als mit seinesgleichen, der Literatur und +Wissenschaft mit Anteil und Einsicht verfolgt, ohne doch selbst für einen +Dichter oder Gelehrten gelten zu wollen, und der endlich für alles, was im +Guten und Bösen ihm begegnet, für politische Erfahrungen und Erwartungen, für +Sprachbemerkungen und Kunsturteile, für eigene Erlebnisse, Besuche, Diners, +Reisen wie für vernommene Anekdoten sein Taschenbuch zum Vertrauten nimmt. +Kaustisch, kapriziös, durchaus individuell hat die Lucilische Poesie doch eine +scharf ausgeprägte oppositionelle und insofern auch lehrhafte Tendenz, +literarisch sowohl wie moralisch und politisch; auch in ihr ist etwas von der +Auflehnung der Landschaft gegen die Hauptstadt, herrscht das Selbstgefühl des +rein redenden und ehrenhaft lebenden Suessaners im Gegensatz gegen das große +Babel der Sprachmengerei und Sittenverderbnis. Die Richtung des Scipionischen +Kreises auf literarische, namentlich sprachliche Korrektheit findet kritisch +ihren vollendetsten und geistreichsten Vertreter in Lucilius. Er widmete gleich +sein erstes Buch dem Begründer der römischen Philologie, Lucius Stilo, und +bezeichnete als das Publikum, für das er schrieb, nicht die gebildeten Kreise +reiner und mustergültiger Rede, sondern die Tarentiner, die Brettier, die +Siculer, das heißt die Halbgriechen Italiens, deren Lateinisch allerdings eines +Korrektivs wohl bedürfen mochte. Ganze Bücher seiner Gedichte beschäftigen sich +mit der Feststellung der lateinischen Orthographie und Prosodie, mit der +Bekämpfung pränestinischer, sabinischer, etruskischer Provinzialismen, mit der +Ausmerzung gangbarer Solözismen, woneben der Dichter aber keineswegs vergißt, +den geistlos schematischen Isokrateischen Wort- und Phrasenpurismus zu +verhöhnen ^17 und selbst dem Freunde Scipio die exklusive Feinheit seiner Rede +in recht ernsthaften Scherzen vorzurücken ^18. Aber weit ernstlicher noch als +das reine einfache Latein predigt der Dichter reine Sitte im Privat- und im +öffentlichen Leben. Seine Stellung begünstigte ihn hierbei in eigener Art. +Obwohl durch Herkunft, Vermögen und Bildung den vornehmen Römern seiner Zeit +gleichstehend und Besitzer eines ansehnlichen Hauses in der Hauptstadt, war er +doch nicht römischer Bürger, sondern latinischer; selbst sein Verhältnis zu +Scipio, unter dem er in seiner ersten Jugend den Numantinischen Krieg +mitgemacht hatte und in dessen Hause er häufig verkehrte, mag damit +zusammenhängen, daß Scipio in vielfachen Beziehungen zu den Latinern stand und +in den politischen Fehden der Zeit ihr Patron war. Die öffentliche Laufbahn war +ihm hierdurch verschlossen und die Spekulantenkarriere verschmähte er - er +mochte nicht, wie er einmal sagt, “aufhören, Lucilius zu sein, um +asiatischer Steuerpächter zu werden”. So stand er in der schwülen Zeit +der Gracchischen Reformen und des sich vorbereitenden Bundesgenossenkrieges, +verkehrend in den Palästen und Villen der römischen Großen und doch nicht +gerade ihr Klient, zugleich mitten in den Wogen des politischen Koterien- und +Parteikampfes und doch nicht unmittelbar an jenem und diesem beteiligt; ähnlich +wie Béranger, an den gar vieles in Lucilius’ politischer und poetischer +Stellung erinnert. Von diesem Standpunkt aus sprach er mit unverwüstlichem +gesunden Menschenverstand, mit unversiegbarer guter Laune und ewig sprudelndem +Witz hinein in das öffentliche Leben. +</p> + +<p> +Jetzt aber am Fest- und Werkeltag +</p> + +<p> +Den ganzen lieben langen Tag +</p> + +<p> +Auf dem Markte von früh bis Spat +</p> + +<p> +Drängen die Bürger und die sich vom Rat +</p> + +<p> +Und weichen und wanken nicht von der Statt. +</p> + +<p> +Ein Handwerk einzig und allein +</p> + +<p> +Betreiben alle insgemein, +</p> + +<p> +Den andern zu prellen mit Verstand, +</p> + +<p> +Im Lügen zu haben die Vorderhand +</p> + +<p> +Und zu werden im Schmeicheln und Heucheln gewandt. +</p> + +<p> +All’ untereinandern belauern sie sich, +</p> + +<p> +Als läge jeder mit jedem im Krieg ^19. +</p> + +<p> +—————————————————————————————- +</p> + +<p> +^17 Quam lepide λέξεις, compostae ut tesserulae omnes +</p> + +<p> +Arte pavimento atque emblemate vermiculato! +</p> + +<p> +Ei, die niedliche Phrasenfabrik! +</p> + +<p> +Gefügt so zierlich Stück für Stück, +</p> + +<p> +Wie die Stifte im bunten Mosaik. +</p> + +<p> +^18 Der Dichter rät ihm: +</p> + +<p> +Quo facetior videare et scire plus quam ceteri, +</p> + +<p> +Daß du gebildeter als die andern heißest und ein feinerer Mann, +</p> + +<p> +- nicht pertaesum, sondern pertisum zu sagen. +</p> + +<p> +^19 Nunc vero a mane ad noctem, festo atque profesto +</p> + +<p> +Toto itidem pariterque die populusque patresque +</p> + +<p> +Iactare endo foro se omnes, decedere nusquam. +</p> + +<p> +Uni se atque eidem studio omnes dedere et arti: +</p> + +<p> +Verba dare ut acute possint, pugnare dolose, +</p> + +<p> +Blanditia certare, bonun simulare virum se, +</p> + +<p> +Insidias facere ut si hostes sint omnibus omnes. +</p> + +<p> +—————————————————————————————— +</p> + +<p> +Die Erläuterungen zu diesem unerschöpflichen Text griffen schonungslos, ohne +die Freunde, ja ohne den Dichter selbst zu vergessen, die Übelstände der Zeit +an, das Koteriewesen, den endlosen spanischen Kriegsdienst und was dessen mehr +war; gleich die Eröffnung seiner Satiren war eine große Debatte des olympischen +Göttersenats über die Frage, ob Rom es noch ferner verdiene, des Schutzes der +Himmlischen sich zu erfreuen. Körperschaften, Stände, Individuen wurden überall +einzeln mit Namen genannt; die der römischen Bühne verschlossene Poesie der +politischen Polemik ist das rechte Element und der Lebenshauch der Lucilischen +Gedichte, die mit einer selbst in den auf uns gekommenen Trümmern noch +entzückenden Macht des schlagendsten und bilderreichsten Witzes +“gleichwie mit gezogenem Schwerte” auf den Feind eindringen und ihn +zermalmen. Hier, in dem sittlichen Übergewicht und dem stolzen Freiheitsgefühl +des Dichters von Suessa, liegt der Grund, weshalb der feine Venusianer, der in +der alexandrinischen Zeit der römischen Poesie die Lucilische Satire +wiederaufnahm, trotz aller Überlegenheit im Formgeschick mit richtiger +Bescheidenheit dem älteren Poeten weicht als “seinem Besseren”. Die +Sprache ist die des griechisch und lateinisch durchgebildeten Mannes, der +durchaus sich gehen läßt; ein Poet wie Lucilius, der angeblich vor Tisch +zweihundert und nach Tisch wieder zweihundert Hexameter machte, ist viel zu +eilig, um knapp zu sein; unnützige Weitläufigkeit, schluderige Wiederholung +derselben Wendung, arge Nachlässigkeiten begegnen. häufig; das erste Wort, +lateinisch oder griechisch, ist immer das beste. Ähnlich sind die Maße, +namentlich der sehr vorherrschende Hexameter behandelt; wenn man die Worte +umstellt, sagt sein geistreicher Nachahmer, so würde kein Mensch merken, daß er +etwas anderes vor sich habe als einfache Prosa; der Wirkung nach lassen sie +sich nur mit unseren Knüttelversen vergleichen 20. Die Terenzischen und die +Lucilischen Gedichte stehen auf demselben Bildungsniveau und verhalten sich wie +die sorgsam gepflegte und gefeilte literarische Arbeit zu dem mit fliegender +Feder geschriebenen Brief. Aber die unvergleichlich höhere geistige Begabung +und freiere Lebensanschauung, die der Ritter von Suessa vor dem afrikanischen +Sklaven voraus hatte, machten seinen Erfolg ebenso rasch und glänzend, wie der +des Terenz mühsam und zweifelhaft gewesen war; Lucilius war sofort der Liebling +der Nation und auch er konnte wie Béranger von seinen Gedichten sagen, +“daß sie allein unter allen vom Volke gelesen würden”. Die +ungemeine Popularität der Lucilischen Gedichte ist auch geschichtlich ein +bemerkenswertes Ereignis; man sieht daraus, daß die Literatur schon eine Macht +war, und ohne Zweifel würden wir die Spuren derselben, wenn eine eingehende +Geschichte dieser Zeit sich erhalten hätte, darin mehrfach antreffen. Die +Folgezeit hat das Urteil der Zeitgenossen nur bestätigt; die antialexandrinisch +gesinnten römischen Kunstrichter sprachen dem Lucilius den ersten Rang unter +allen lateinischen Dichtern zu. Soweit die Satire überhaupt als eigene +Kunstform angesehen werden kann, hat Lucilius sie erschaffen und in ihr die +einzige Kunstgattung, welche den Römern eigentümlich und von ihnen auf die +Nachwelt vererbt worden ist. +</p> + +<p> +————————————————————- +</p> + +<p> +20 Folgendes längere Bruchstück ist charakteristisch für die stilistische und +metrische Behandlung, deren Lotterigkeit sich in deutschen Hexametern unmöglich +wiedergeben läßt: +</p> + +<p> +Virtus, Albine, est pretium persolvere verum +</p> + +<p> +Queis in versamur, queis vivimu’ rebu potesse; +</p> + +<p> +Virtus est homini scire id quod quaeque habeat res; +</p> + +<p> +Virtus scire homini rectum, utile quid sit, honestum, +</p> + +<p> +Quae bona, guae mala item, quid inutile, turpe, inhonestum; +</p> + +<p> +Virtus quaerendae rei finem scire modumque; +</p> + +<p> +Virtus divitiis pretium persolvere posse; +</p> + +<p> +Virtus id dare quod re ipsa debetur honori, +</p> + +<p> +Hostem esse atque inimicum hominum morumque malorum. +</p> + +<p> +Contra defensorem hominum morumque bonorum, +</p> + +<p> +Hos magni facere, his bene velle, his vivere amicum; +</p> + +<p> +Commoda praeterea patriae sibi prima putare, +</p> + +<p> +Deinde parentum, tertia iam postremaque nostra. +</p> + +<p> +Tugend ist zahlen den rechten Preis +</p> + +<p> +Zu können nach ihrer Art und Weis +</p> + +<p> +Für jede Sach’ in unserm Kreis; +</p> + +<p> +Tugend, zu wissen, was jedes Ding +</p> + +<p> +Mit sich für den Menschen bring’; +</p> + +<p> +Tugend, zu wissen, was nützlich und recht, +</p> + +<p> +Was gut und übel, unnütz und schlecht; +</p> + +<p> +Tugend, wenn man dem Erwerb und Fleiß +</p> + +<p> +Zu setzen die rechte Grenze weiß +</p> + +<p> +Und dem Reichtum den rechten Preis; +</p> + +<p> +Tugend, dem Rang zu geben sein Recht, +</p> + +<p> +Feind zu sein Menschen und Sitten schlecht, +</p> + +<p> +Freund Menschen und Sitten gut und recht; +</p> + +<p> +Vor solchen zu hegen Achtung und Scheu, +</p> + +<p> +Zu ihnen zu halten in Lieb’ und Treu; +</p> + +<p> +Immer zu sehen am ersten Teil +</p> + +<p> +Auf des Vaterlandes Heil, +</p> + +<p> +Sodann auf das, was den Eltern frommt, +</p> + +<p> +Und drittens der eigene Vorteil kommt. +</p> + +<p> +—————————————————————————— +</p> + +<p> +Von der an den Alexandrinismus anknüpfenden Poesie ist in Rom in dieser Epoche +noch nichts zu nennen als kleinere, nach alexandrinischen Epigrammen übersetzte +oder ihnen nachgebildete Gedichte, welche nicht ihrer selbst wegen, aber wohl +als der erste Vorbote der jüngeren Literaturepoche Roms Erwähnung verdienen. +Abgesehen von einigen wenig bekannten und auch der Zeit nach nicht mit +Sicherheit zu bestimmenden Dichtern gehören hierher Quintus Catulus (Konsul 622 +102) und Lucius Manlius, ein angesehener Senator, der im Jahre 657 (97) +schrieb. Der letztere scheint manche der bei den Griechen landläufigen +geographischen Märchen, zum Beispiel die delische Latonasage, die Fabeln von +der Europa und von dem Wundervogel Phönix zuerst bei den Römern in Umlauf +gebracht zu haben; wie es denn auch ihm vorbehalten war, auf seinen Reisen in +Dodona jenen merkwürdigen Dreifuß zu entdecken und abzuschreiben, worauf das +den Pelasgern vor ihrer Wanderung in das Land der Sikeler und Aboriginer +erteilte Orakel zu lesen war - ein Fund, den die römischen Geschichtsbücher +nicht versäumten, andächtig zu registrieren. +</p> + +<p> +Die Geschichtschreibung dieser Epoche ist vor allen Dingen bezeichnet durch +einen Schriftsteller, der zwar weder durch Geburt noch nach seinem geistigen +und literarischen Standpunkt der italischen Entwicklung angehört, der aber +zuerst oder vielmehr allein die Weltstellung Roms zur schriftstellerischen +Geltung und Darstellung gebracht hat und dem alle späteren Geschlechter und +auch wir das Beste verdanken, was wir von der römischen Entwicklung wissen. +Polybios (ca. 546 - ca. 627 208-127) von Megalopolis im Peloponnes, des +achäischen Staatsmannes Lykortas Sohn, machte, wie es scheint, schon 565 (189) +den Zug der Römer gegen die kleinasiatischen Kelten mit und ward später, +vielfach namentlich während des Dritten Makedonischen Krieges, von seinen +Landsleuten in militärischen und diplomatischen Geschäften verwendet. Nach der +durch diesen Krieg in Hellas herbeigeführten Krise wurde er mit den anderen +achäischen Geiseln nach Italien abgeführt, wo er siebzehn Jahre (587-604 +167-150) in der Konfinierung lebte und durch die Söhne des Paullus in die +vornehmen hauptstädtischen Kreise eingeführt ward. Die Rücksendung der +achäischen Geiseln führte ihn in die Heimat zurück, wo er fortan den stehenden +Vermittler zwischen seiner Eidgenossenschaft und den Römern machte. Bei der +Zerstörung von Karthago und von Korinth (608 146) war er gegenwärtig. Er schien +vom Schicksal gleichsam dazu erzogen, Roms geschichtliche Stellung deutlicher +zu erfassen, als die damaligen Römer selbst es vermochten. Auf dem Platze, wo +er stand, ein griechischer Staatsmann und ein römischer Gefangener, seiner +hellenischen Bildung wegen geschätzt und gelegentlich beneidet von Scipio +Aemilianus und überhaupt den ersten Männern Roms, sah er die Ströme, die so +lange getrennt geflossen waren, zusammenrinnen in dasselbe Bett und die +Geschichte der Mittelmeerstaaten zusammengehen in die Hegemonie der römischen +Macht und der griechischen Bildung. So ward Polybios der erste namhafte +Hellene, der mit ernster Überzeugung auf die Weltanschauung des Scipionischen +Kreises einging und die Überlegenheit des Hellenismus auf dem geistigen, des +Römertums auf dem politischen Gebiet als Tatsachen anerkannte, über die die +Geschichte in letzter Instanz gesprochen hatte und denen man beiderseits sich +zu unterwerfen berechtigt und verpflichtet war. In diesem Sinne handelte er als +praktischer Staatsmann und schrieb er seine Geschichte. Mochte er in der Jugend +dem ehrenwerten, aber unhaltbaren achäischen Lokalpatriotismus gehuldigt haben, +so vertrat er in seinen späteren Jahren, in deutlicher Einsicht der +unvermeidlichen Notwendigkeit, in seiner Gemeinde die Politik des engsten +Anschlusses an Rom. Es war das eine höchst verständige und ohne Zweifel +wohlgemeinte, aber nichts weniger als hochherzige und stolze Politik. Auch von +der Eitelkeit und Kleinlichkeit des derzeitigen hellenischen Staatsmannstums +hat Polybios nicht vermocht, sich persönlich völlig frei zu machen. Kaum aus +der Konfinierung entlassen, stellte er an den Senat den Antrag, daß er den +Entlassenen, jedem in seiner Heimat, den ehemaligen Rang noch förmlich +verbriefen möge, worauf Cato treffend bemerkte, ihm komme das vor, als wenn +Odysseus noch einmal in die Höhle des Polyphemos zurückkehre, um sich von dem +Riesen Hut und Gürtel auszubitten. Sein Verhältnis zu den römischen Großen hat +er oft zum Besten seiner Landsleute benutzt, aber die Art, wie er der hohen +Protektion sich unterwirft und sich berühmt, nähert sich doch einigermaßen dem +Oberkammerdienertum. Durchaus denselben Geist, den seine praktische, atmet auch +seine literarische Tätigkeit. Es war die Aufgabe seines Lebens, die Geschichte +der Einigung der Mittelmeerstaaten unter der Hegemonie Roms zu schreiben. Vom +ersten Punischen Krieg bis zur Zerstörung von Karthago und Korinth faßt sein +Werk die Schicksale der sämtlichen Kulturstaaten, das heißt Griechenlands, +Makedoniens, Kleinasiens, Syriens, Ägyptens, Karthagos und Italiens zusammen +und stellt deren Eintreten in die römische Schutzherrschaft im ursächlichen +Zusammenhang dar; insofern bezeichnet er es als sein Ziel, die Zweck- und +Vernunftmäßigkeit der römischen Hegemonie zu erweisen. In der Anlage wie in der +Ausführung steht diese Geschichtschreibung in scharfem und bewußtem Gegensatz +gegen die gleichzeitige römische wie gegen die gleichzeitige griechische +Historiographie. In Rom stand man noch vollständig auf dem Chronikenstandpunkt; +hier gab es wohl einen bedeutungsvollen geschichtlichen Stoff, aber die +sogenannte Geschichtschreibung beschränkte sich - mit Ausnahme der sehr +achtbaren, aber rein individuellen und doch auch nicht über die Anfänge der +Forschung wie der Darstellung hinausgelangten Schriften Catos - teils auf +Ammenmärchen, teils auf Notizenbündel. Die Griechen hatten eine +Geschichtsforschung und eine Geschichtschreibung allerdings gehabt; aber der +zerfahrenen Diadochenzeit waren die Begriffe von Nation und Staat so +vollständig abhanden gekommen, daß es keinem der zahllosen Historiker gelang, +der Spur der großen attischen Meister im Geiste und in der Wahrheit zu folgen +und den weltgeschichtlichen Stoff der Zeitgeschichte weltgeschichtlich zu +behandeln. Ihre Geschichtschreibung war entweder rein äußerliche Aufzeichnung, +oder es durchdrang sie der Phrasen- und Lügenkram der attischen Rhetorik, und +nur zu oft die Feilheit und die Gemeinheit, die Speichelleckerei und die +Erbitterung der Zeit. Bei den Römern wie bei den Griechen gab es nichts als +Stadt- oder Stammgeschichten. Zuerst Polybios, ein Peloponnesier, wie man mit +Recht erinnert hat, und geistig den Attikern wenigstens ebensofern stehend wie +den Römern, überschritt diese kümmerlichen Schranken, behandelte den römischen +Stoff mit hellenisch gereifter Kritik und gab zwar nicht eine universale, aber +doch eine von den Lokalstaaten losgelöste und den im Werden begriffenen +römisch-griechischen Staat erfassende Geschichte. Vielleicht niemals hat ein +Geschichtschreiber so vollständig wie Polybios alle Vorzüge eines +Quellenschriftstellers in sich vereinigt. Der Umfang seiner Aufgabe ist ihm +vollkommen deutlich und jeden Augenblick gegenwärtig; und durchaus haftet der +Blick auf dem wirklich geschichtlichen Hergang. Die Sage, die Anekdote, die +Masse der wertlosen Chroniknotizen wird beiseite geworfen; die Schilderung der +Länder und Völker, die Darstellung der staatlichen und merkantilen +Verhältnisse, all die so unendlich wichtigen Tatsachen, die dem Annalisten +entschlüpfen, weil sie sich nicht auf ein bestimmtes Jahr aufnageln lassen, +werden eingesetzt in ihr lange verkümmertes Recht. In der Herbeischaffung des +historischen Materials zeigt Polybios eine Umsicht und Ausdauer, wie sie im +Altertum vielleicht nicht wiedererscheinen; er benutzt die Urkunden, +berücksichtigt umfassend die Literatur der verschiedenen Nationen, macht von +seiner günstigen Stellung zum Einziehen der Nachrichten von Mithandelnden und +Augenzeugen den ausgedehntesten Gebrauch, bereist endlich planmäßig das ganze +Gebiet der Mittelmeerstaaten und einen Teil der Küste des Atlantischen Ozeans +21. Die Wahrhaftigkeit ist ihm Natur; in allen großen Dingen hat er kein +Interesse für diesen oder gegen jenen Staat, für diesen oder gegen jenen Mann, +sondern einzig und allein für den wesentlichen Zusammenhang der Ereignisse, den +im richtigen Verhältnis der Ursachen und Wirkungen darzulegen ihm nicht bloß +die erste, sondern die einzige Aufgabe des Geschichtschreibers scheint. Die +Erzählung endlich ist musterhaft vollständig, einfach und klar. Aber alle diese +ungemeinen Vorzüge machen noch keineswegs einen Geschichtschreiber ersten +Ranges. Polybios faßt seine literarische Aufgabe, wie er seine praktische +faßte, mit großartigem Verstand, aber auch nur mit dem Verstande. Die +Geschichte, der Kampf der Notwendigkeit und der Freiheit, ist ein sittliches +Problem; Polybios behandelt sie, als wäre sie ein mechanisches. Nur das Ganze +gilt für ihn, in der Natur wie im Staat; das besondere Ereignis, der +individuelle Mensch, wie wunderbar sie auch erscheinen mögen, sind doch +eigentlich nichts als einzelne Momente, geringe Räder in dem höchst künstlichen +Mechanismus, den man den Staat nennt. Insofern war Polybios allerdings wie kein +anderer geschaffen zur Darstellung der Geschichte des römischen Volkes, welches +in der Tat das einzige Problem gelöst hat, sich zu beispielloser innerer und +äußerer Größe zu erheben ohne auch nur einen im höchsten Sinne genialen +Staatsmann, und das auf seinen einfachen Grundlagen mit wunderbarer fast +mathematischer Folgerichtigkeit sich entwickelt. Aber das Moment der sittlichen +Freiheit waltet in jeder Volksgeschichte und wurde auch in der römischen von +Polybios nicht ungestraft verkannt. Polybios’ Behandlung aller Fragen, in +denen Recht, Ehre, Religion zur Sprache kommen, ist nicht bloß platt, sondern +auch gründlich falsch. Dasselbe gilt überall, wo eine genetische Konstruktion +erfordert wird; die rein mechanischen Erklärungsversuche, die Polybios an deren +Stelle setzt, sind mitunter geradezu zum Verzweifeln, wie es denn kaum eine +törichtere politische Spekulation gibt, als die vortreffliche Verfassung Roms +aus einer verständigen Mischung monarchischer, aristokratischer und +demokratischer Elemente her- und aus der Vortrefflichkeit der Verfassung die +Erfolge Roms abzuleiten. Die Auffassung der Verhältnisse ist überall bis zum +Erschrecken nüchtern und phantasielos, die geringschätzige und superkluge Art, +die religiösen Dinge zu behandeln, geradezu widerwärtig. Die Darstellung, in +bewußter Opposition gegen die übliche, künstlerisch stilisierte griechische +Historiographie gehalten, ist wohl richtig und deutlich, aber dünn und matt, +öfter als billig in polemische Exkurse oder in memoirenhafte, nicht selten +recht selbstgefällige Schilderung der eigenen Erlebnisse sich verlaufend. Ein +oppositioneller Zug geht durch die ganze Arbeit; der Verfasser bestimmte seine +Schrift zunächst für die Römer und fand doch auch hier nur einen sehr kleinen +Kreis, der ihn verstand; er fühlte es, daß er den Römern ein Fremder, seinen +Landsleuten ein Abtrünniger blieb und daß er mit seiner großartigen Auffassung +der Verhältnisse mehr der Zukunft als der Gegenwart angehörte. Darum blieb er +nicht frei von einer gewissen Verstimmtheit und persönlichen Bitterkeit, die in +seiner Polemik gegen die flüchtigen oder gar feilen griechischen und die +unkritischen römischen Historiker öfters zänkisch und kleinlich auftritt und +aus dem Geschichtschreiber- in den Rezensententon fällt. Polybios ist kein +liebenswürdiger Schriftsteller; aber wie die Wahrheit und Wahrhaftigkeit mehr +ist als alle Zier und Zierlichkeit, so ist vielleicht kein Schriftsteller des +Altertums zu nennen, dem wir so viele ernstliche Belehrung verdanken wie ihm. +Seine Bücher sind wie die Sonne auf diesem Gebiet; wo sie anfangen, da heben +sich die Nebelschleier, die noch die Samnitischen und den Pyrrhischen Krieg +bedecken, und wo sie endigen, beginnt eine neue, womöglich noch lästigere +Dämmerung. +</p> + +<p> +————————————————————— +</p> + +<p> +21 Dergleichen gelehrte Reisen waren übrigens bei den Griechen dieser Zeit +nichts Seltenes. So fragt bei Plautus (Men. 248 vgl. 235) jemand, der das ganze +Mittelländische Meer durchschifft hat: +</p> + +<p> +Warum geh’ ich nicht +</p> + +<p> +nach Hause, da ich doch keine Geschichte schreiben will? +</p> + +<p> +———————————————————— +</p> + +<p> +In einem seltsamen Gegensatz zu dieser großartigen Auffassung und Behandlung +der römischen Geschichte durch einen Ausländer steht die gleichzeitige +einheimische Geschichtsliteratur. Im Anfang dieser Periode begegnen noch einige +griechisch geschriebene Chroniken, wie die schon erwähnte des Aulus Postumius +(Konsul 603 151), voll übler Pragmatik, und die des Gaius Acilius (schloß in +hohem Alter um 612 142); doch gewann unter dem Einfluß teils des catonischen +Patriotismus, teils der feineren Bildung des Scipionischen Kreises die +lateinische Sprache auf diesem Gebiet so entschieden die Vorhand, daß nicht +bloß unter den jüngeren Geschichtswerken kaum ein oder das andere griechisch +geschriebene vorkommt 22, sondern auch die älteren griechischen Chroniken ins +Lateinische übersetzt und wahrscheinlich vorwiegend in diesen Übersetzungen +gelesen wurden. Leider ist nur an den lateinisch geschriebenen Chroniken dieser +Epoche außer dem Gebrauch der Muttersprache kaum weiter etwas zu loben. Sie +waren zahlreich und ausführlich genug - genannt werden zum Beispiel die des +Lucius Cassius Hemina (um 608 146), des Lucius Calpurnius Piso (Konsul 621 +188), des Gaius Sempronius Tuditanus (Konsul 625 129), des Gaius Fannius +(Konsul 632 122). Dazu kommt die Redaktion der offiziellen Stadtchronik in +achtzig Büchern, welche Publius Mucius Scaevola (Konsul 621 133), ein auch als +Jurist angesehener Mann, als Oberpontifex veranstaltete und veröffentlichte und +damit dem Stadtbuch insofern seinen Abschluß gab, als die +Pontifikalaufzeichnungen seitdem, wenn nicht gerade aufhörten, doch wenigstens +bei der steigenden Betriebsamkeit der Privatchronisten nicht weiter literarisch +in Betracht kamen. Alle diese Jahrbücher, mochten sie nun als Privat- oder als +offizielle Werke sich ankündigen, waren wesentlich gleichartige +Zusammenarbeitungen des vorhandenen geschichtlichen und quasigeschichtlichen +Materials; und der Quellen- wie der formelle Wert sank ohne Zweifel in +demselben Maße, wie ihre Ausführlichkeit stieg. Allerdings gibt es in der +Chronik nirgends Wahrheit ohne Dichtung, und es wäre sehr töricht, mit Naevius +und Pictor zu rechten, daß sie es nicht anders gemacht als Hekatäos und Saxo +Grammaticus; aber die späteren Versuche, aus solchen Nebelwolken Häuser zu +bauen, stellen auch die geprüfteste Geduld auf eine harte Probe. Keine Lücke +der Überlieferung klafft so tief, daß diese glatte und platte Lüge sie nicht +mit spielender Leichtigkeit überkleisterte. Ohne Anstoß werden die +Sonnenfinsternisse, Zensuszahlen, Geschlechtsregister, Triumphe vom laufenden +Jahre bis auf Anno eins rückwärts geführt; es steht geschrieben zu lesen, in +welchem Jahr, Monat und Tag König Romulus gen Himmel gefahren ist und wie König +Servius Tullius zuerst am 25. November 183 (571) und wieder am 25. Mai 187 +(567) über die Etrusker triumphiert hat. Damit steht es denn im besten +Einklang, daß man in den römischen Docks den Gläubigen das Fahrzeug wies, auf +welchem Aeneas von Ilion nach Latium gefahren war, ja sogar ebendieselbe Sau, +welche Aeneas als Wegweiser gedient hatte, wohl eingepökelt im römischen +Vestatempel konservierte. Mit dem Lügemut eines Dichters verbinden diese +vornehmen Chronikschreiber die langweiligste Kanzlistengenauigkeit und +behandeln durchaus ihren großen Stoff mit derjenigen Plattheit, die aus dem +Austreiben zugleich aller poetischen und aller historischen Elemente notwendig +resultiert. Wenn wir zum Beispiel bei Piso lesen, daß Romulus sich gehütet +habe, dann zu pokulieren, wenn er den andern Tag eine Sitzung gehabt; daß die +Tarpeia die Burg den Sabinern aus Vaterlandsliebe verraten habe, um die Feinde +ihrer Schilde zu berauben: so kann das Urteil verständiger Zeitgenossen über +diese ganze Schreiberei nicht befremden, “daß das nicht heiße Geschichte +schreiben, sondern den Kindern Geschichten erzählen”. Weit vorzüglicher +waren einzelne Werke über die Geschichte der jüngsten Vergangenheit und der +Gegenwart, namentlich die Geschichte des Hannibalischen Krieges von Lucius +Coelius Antipater (um 633 121) und des wenig jüngeren Publius Sempronius +Asellio Geschichte seiner Zeit. Hier fand sich wenigstens schätzbares Material +und ernster Wahrheitssinn, bei Antipater auch eine lebendige, wenngleich stark +manierierte Darstellung; doch reichte, nach allen Zeugnissen und Bruchstücken +zu schließen, keines dieser Bücher weder in markiger Form noch in Originalität +an die “Ursprungsgeschichten” Catos, der leider auf dem +historischen Gebiet so wenig wie auf dem politischen Schule gemacht hat. Stark +vertreten sind auch, wenigsten der Masse nach, die untergeordneten, mehr +individuellen und ephemeren Gattungen der historischen Literatur, die Memorien, +die Briefe, die Reden. Schon zeichneten die ersten Staatsmänner Roms selbst +ihre Erlebnisse auf: so Marcus Scaurus (Konsul 639 115), Publius Rufus (Konsul +649 105), Quintus Catulus (Konsul 652 102), selbst der Regent Sulla; doch +scheint keine dieser Produktionen anders als durch ihren stofflichen Gehalt für +die Literatur von Bedeutung gewesen zu sein. Die Briefsammlung der Cornelia, +der Mutter der Gracchen, ist bemerkenswert teils durch die musterhaft reine +Sprache und den hohen Sinn der Schreiberin, teils als die erste in Rom +publizierte Korrespondenz und zugleich die erste literarische Produktion einer +römischen Frau. Die Redeschriftstellerei bewahrte in dieser Periode den von +Cato ihr aufgedrückten Stempel; Advokatenplädoyers wurden noch nicht als +literarische Produktion angesehen, und was von Reden veröffentlicht ward, waren +politische Pamphlete. Während der revolutionären Bewegung nahm diese +Broschürenliteratur an Umfang und Bedeutung zu, und unter der Masse ephemerer +Produkte fanden sich auch einzelne, die, wie Demosthenes’ Philippiken und +Couriers fliegende Blätter, durch die bedeutende Stellung ihrer Verfasser und +durch ihr eigenes Schwergewicht einen bleibenden Platz in der Literatur sich +erwarben. So die Staatsreden des Gaius Laelius und des Scipio Aemilianus, +Musterstücke des trefflichsten Latein wie des edelsten Vaterlandsgefühls; so +die sprudelnden Reden des Gaius Titius, von deren drastischen Lokal- und +Zeitbildern - die Schilderung des senatorischen Geschworenen ward früher +mitgeteilt - das nationale Lustspiel manches entlehnt hat; so vor allem die +zahlreichen Reden des Gaius Gracchus, deren flammende Worte den +leidenschaftlichen Ernst, die baldige Haltung und das tragische Verhängnis +dieser hohen Natur im treuen Spiegelbild bewahrten. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +22 Die einzige wirkliche Ausnahme, soweit wir wissen, ist die griechische +Geschichte des Gnaeus Aufidius, der in Ciceros (Tusc. 5, 38, 112) Knabenzeit, +also um 660 (90) blühte. Die griechischen Memoiren des Publius Rutilius Rufus +(Konsul 649 105) sind kaum als Ausnahme anzusehen, da ihr Verfasser sie im Exil +zu Smyrna schrieb. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +In der wissenschaftlichen Literatur begegnet in der juristischen +Gutachtensammlung des Marcus Brutus, die um das Jahr 600 (150) veröffentlicht +ward, ein bemerkenswerter Versuch, die bei den Griechen übliche dialogische +Behandlung fachwissenschaftlicher Stoffe nach Rom zu verpflanzen und durch eine +nach Personen, Zeit und Ort bestimmte Szenerie des Gesprächs der Abhandlung +eine künstlerische, halb dramatische Form zu geben. Indes die späteren +Gelehrten, schon der Philolog Stilo und der Jurist Scaevola, ließen sowohl in +den allgemeinen Bildungs- wie in den spezielleren Fachwissenschaften diese mehr +poetische als praktische Methode fallen. Der steigende Wert der Wissenschaft +als solcher und das in Rom überwiegende stoffliche Interesse an derselben +spiegelt sich deutlich in diesem raschen Abwerfen der Fessel künstlerischer +Form. Im einzelnen ist von den allgemein humanen Wissenschaften, der Grammatik +oder vielmehr der Philologie, der Rhetorik und der Philosophie, insofern schon +gesprochen worden, als dieselben jetzt wesentliche Bestandteile der +gewöhnlichen römischen Bildung wurden und dadurch jetzt zuerst von den +eigentlichen Fachwissenschaften anfingen sich abzusondern. Auf dem +literarischen Gebiet blüht die lateinische Philologie fröhlich auf, im engen +Anschluß an die längst sicher gegründete philologische Behandlung der +griechischen Literatur. Es ward bereits erwähnt, daß um den Anfang dieses +Jahrhunderts auch die lateinischen Epiker ihre Diaskeuasten und Textrevisoren +fanden; ebenso ward hervorgehoben, daß nicht bloß der Scipionische Kreis +überhaupt vor allem andern auf Korrektheit drang, sondern auch einzelne der +namhaftesten Poeten, zum Beispiel Accius und Lucilius, sich mit Regulierung der +Orthographie und der Grammatik beschäftigten. Gleichzeitig begegnen einzelne +Versuche, von der historischen Seite her die Realphilologie zu entwickeln; +freilich werden die Abhandlungen der unbeholfenen Annalisten dieser Zeit, wie +die des Hemina ‘über die Zensoren’, des Tuditanus ‘über die +Beamten’ schwerlich besser geraten sein als ihre Chroniken. Interessanter +sind die Bücher über die Ämter von dem Freunde des Gaius Gracchus, Marcus +Iunius, als der erste Versuch, die Altertumsforschung für politische Zwecke +nutzbar zu machen 23, und die metrisch abgefaßten Didaskalien des Tragikers +Accius, ein Anlauf zu einer Literargeschichte des lateinischen Dramas. Indes +jene Anfänge einer wissenschaftlichen Behandlung der Muttersprache tragen noch +ein sehr dilettantisches Gepräge und erinnern lebhaft an unsere +Orthographieliteratur der Bodmer-Klopstockischen Zeit; auch die antiquarischen +Untersuchungen dieser Epoche wird man ohne Unbilligkeit auf einen bescheidenen +Platz verweisen dürfen. Derjenige Römer, der die lateinische Sprach- und +Altertumsforschung im Sinne der alexandrinischen Meister wissenschaftlich +begründete, war Lucius Aelius Stilo um 650 (100). Er zuerst ging zurück auf die +ältesten Sprachdenkmäler und kommentierte die Saliarischen Litaneien und das +römische Stadtrecht. Er wandte der Komödie des sechsten Jahrhunderts seine +besondere Aufmerksamkeit zu und stellte zuerst ein Verzeichnis der nach seiner +Ansicht echten Plautinischen Stücke auf. Er suchte nach griechischer Art die +Anfänge einer jeden einzelnen Erscheinung des römischen Lebens und Verkehrs +geschichtlich zu bestimmen und für jede den “Erfinder” zu +ermitteln, und zog zugleich die gesamte annalistische Überlieferung in den +Kreis seiner Forschung. Von dem Erfolg, der ihm bei seinen Zeitgenossen ward, +zeugen die Widmungen des bedeutendsten dichterischen und des bedeutendsten +Geschichtswerkes seiner Zeit, der Satiren des Lucilius und der Geschichtsbücher +des Antipater; und auch für die Zukunft hat dieser erste römische Philolog die +Studien seiner Nation bestimmt, indem er seine zugleich sprachliche und +sachliche Forschung auf seinen Schüler Varro vererbte. +</p> + +<p> +——————————————————————————- +</p> + +<p> +23 Die Behauptung zum Beispiel, daß die Quästoren in der Königszeit von der +Bürgerschaft, nicht vom König ernannt seien, ist ebenso sicher falsch als sie +den Parteicharakter an der Stirn trägt. +</p> + +<p> +———————————————————————————- +</p> + +<p> +Mehr untergeordneter Art war begreiflicherweise die literarische Tätigkeit auf +dem Gebiet der lateinischen Rhetorik; es gab hier nichts zu tun als Hand- und +Übungsbücher nach dem Muster der griechischen Kompendien des Hermagoras und +anderer zu schreiben, woran es denn freilich die Schulmeister, teils um des +Bedürfnisses, teils um der Eitelkeit und des Geldes willen, nicht fehlen +ließen. Von einem unbekannten Verfasser, der nach der damaligen Weise zugleich +lateinische Literatur und lateinische Rhetorik lehrte und über beide schrieb, +ist uns ein solches, unter Sullas Diktatur abgefaßtes Handbuch der Redekunst +erhalten; eine nicht bloß durch die knappe, klare und sichere Behandlung des +Stoffes, sondern vor allem durch die verhältnismäßige Selbständigkeit den +griechischen Mustern gegenüber bemerkenswerte Lehrschrift. Obwohl in der +Methode gänzlich abhängig von den Griechen, weist der Römer doch bestimmt und +sogar schroff alles das ab, “was die Griechen an nutzlosem Kram +zusammengetragen haben, einzig damit die Wissenschaft schwerer zu lernen +erscheine”. Der bitterste Tadel trifft die haarspaltende Dialektik, diese +“geschwätzige Wissenschaft der Redeunkunst”, deren vollendeter +Meister, vor lauter Angst, sich zweideutig auszudrücken, zuletzt nicht mehr +seinen eigenen Namen auszusprechen wagt. Die griechische Schulterminologie wird +durchgängig und absichtlich vermieden. Sehr ernstlich warnt der Verfasser vor +der Viellehrerei und schärft die goldene Regel ein, daß der Schüler von dem +Lehrer vor allem dazu anzuleiten sei, sich selbst zu helfen; ebenso ernstlich +erkennt er es an, daß die Schule Neben-, das Leben die Hauptsache ist, und gibt +in seinen durchaus selbständig gewählten Beispielen den Widerhall derjenigen +Sachwalterreden, die während der letzten Dezennien in der römischen +Advokatenwelt Aufsehen gemacht hatten. Es verdient Aufmerksamkeit, daß die +Opposition gegen die Auswüchse des Hellenismus, die früher gegen das Aufkommen +einer eigenen lateinischen Redekunst sich gerichtet hatte, nach deren Aufkommen +in dieser selbst sich fortsetzt und damit der römischen Beredsamkeit im +Vergleich mit der gleichzeitigen griechischen theoretisch und praktisch eine +höhere Würde und eine größere Brauchbarkeit sichert. +</p> + +<p> +Die Philosophie endlich ist in der Literatur noch nicht vertreten, da weder +sich aus innerem Bedürfnis eine nationalrömische Philosophie entwickelte noch +äußere Umstände eine lateinische philosophische Schriftstellerei hervorriefen. +Mit Sicherheit als dieser Zeit angehörig sind nicht einmal lateinische +Übersetzungen populärer philosophischer Kompendien nachzuweisen; wer +Philosophie trieb, las und disputierte griechisch. +</p> + +<p> +In den Fachwissenschaften ist die Tätigkeit gering. So gut man auch in Rom +verstand zu ackern und zu rechnen, so fand doch die physikalische und +mathematische Forschung dort keinen Boden. Die Folgen der vernachlässigten +Theorie zeigen sich praktisch in dem niedrigen Stande der Arzneikunde und +einesteils der militärischen Wissenschaften. Unter allen Fachwissenschaften +blüht nur die Jurisprudenz. Wir können ihre innerliche Entwicklung nicht +chronologisch genau verfolgen; im ganzen trat das Sakralrecht mehr und mehr +zurück und stand am Ende dieser Periode ungefähr wie heutzutage das kanonische; +die feinere und tiefere Rechtsauffassung dagegen, welche an die Stelle der +äußerlichen Kennzeichen die innerlich wirksamen Momente setzt, zum Beispiel die +Entwicklung der Begriffe der böswilligen und der fahrlässigen Verschuldung, des +vorläufig schutzberechtigten Besitzes, war zur Zeit der Zwölf Tafeln noch +nicht, wohl aber in der ciceronischen Zeit vorhanden und mag der gegenwärtigen +Epoche ihre wesentliche Ausbildung verdanken. Die Rückwirkung der politischen +Verhältnisse auf die Rechtsentwicklung ist schon mehrfach angedeutet worden; +sie war nicht immer vorteilhaft. Durch die Einrichtung des +Erbschaftsgerichtshofs der Hundertmänner zum Beispiel trat auch in dem +Vermögensrecht ein Geschworenenkollegium auf, das gleich den Kriminalbehörden, +statt das Gesetz einfach anzuwenden, sich über dasselbe stellte und mit der +sogenannten Billigkeit die rechtlichen Institutionen untergrub; wovon unter +anderm eine Folge die unvernünftige Satzung war, daß es jedem, den ein +Verwandter im Testament übergangen hat, freisteht, auf Kassierung des +Testaments vor dem Gerichtshof anzutragen, und das Gericht nach Ermessen +entscheidet. Bestimmter läßt die Entwicklung der juristischen Literatur sich +erkennen. Sie hatte bisher auf Formulariensammlungen und Worterklärungen zu den +Gesetzen sich beschränkt; in dieser Periode bildete sich zunächst eine +Gutachtenliteratur, die ungefähr unseren heutigen Präjudikatensammlungen +entspricht. Die Gutachten, die längst nicht mehr bloß von Mitgliedern des +Pontifikalkollegiums, sondern von jedem, der Befrager fand, zu Hause oder auf +offenem Markt erteilt wurden, und an die schon rationelle und polemische +Erörterungen und die der Rechtswissenschaft eigentümlichen stehenden +Kontroversen sich anknüpften, fingen um den Anfang des siebenten Jahrhunderts +an, aufgezeichnet und in Sammlungen bekannt gemacht zu werden; es geschah dies +zuerst von dem jüngeren Cato († um 600 150) und von Marcus Brutus (etwa +gleichzeitig), und schon diese Sammlungen waren, wie es scheint, nach Materien +geordnet 24. Bald schritt man fort zu einer eigentlich systematischen +Darstellung des Landrechts. Ihr Begründer war der Oberpontifex Quintus Mucius +Scaevola (Konsul 659, † 672 95, 82), in dessen Familie die Rechtswissenschaft +wie das höchste Priestertum erblich war. Seine achtzehn Bücher ‘vom +Landrecht, welche das positive juristische Material: die gesetzlichen +Bestimmungen, die Präjudikate und die Autoritäten teils aus den älteren +Sammlungen, teils aus der mündlichen Überlieferung in möglichster +Vollständigkeit zusammenfaßten, sind der Ausgangspunkt und das Muster der +ausführlichen römischen Rechtssysteme geworden; ebenso wurde seine resümierende +Schrift ‘Definitionen’ (όρος) die Grundlage der juristischen +Kompendien und namentlich der Regelbücher. Obwohl diese Rechtsentwicklung +natürlich im wesentlichen von dem Hellenismus unabhängig vor sich ging, so hat +doch die Bekanntschaft mit dem philosophisch-praktischen Schematismus der +Griechen im allgemeinen unzweifelhaft auch zu der mehr systematischen +Behandlung der Rechtswissenschaft den Anstoß gegeben, wie denn der griechische +Einfluß bei der zuletzt genannten Schrift schon im Titel hervortritt. Daß in +einzelnen mehr äußerlichen Dingen die römische Jurisprudenz durch die Stoa +bestimmt ward, ward schon bemerkt. +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +24 Catos Buch führte wohl den Titel ‘De iuris disciplina’ (Gell. +13, 20), das des Brutus den ‘De iure civili’ (Cic. Cluent. 51, 141; +De orat. 2, 55, 223); daß es wesentlich Gutachtensammlungen waren, zeigt Cicero +(De orat. 2, 33, 142). +</p> + +<p> +———————————————————————- +</p> + +<p> +Die Kunst weist noch weniger erfreuliche Erscheinungen auf. In der Architektur, +Skulptur und Malerei breitete zwar das dilettantische Wohlgefallen immer +allgemeiner sich aus, aber die eigene Übung ging eher rück- als vorwärts. Immer +gewöhnlicher ward es bei dem Aufenthalt in griechischen Gegenden, die +Kunstwerke sich zu betrachten, wofür namentlich die Winterquartiere der +Sullanischen Armee in Kleinasien 670/71 (84/83) epochemachend wurden. Die +Kunstkennerschaft entwickelte sich auch in Italien. Mit silbernem und bronzenem +Gerät hatte man angefangen; um den Anfang dieser Epoche begann man nicht bloß +griechische Bildsäulen, sondern auch griechische Gemälde zu schätzen. Das erste +im Rom öffentlich aufgestellte Bild war der Bakchos des Aristeides, den Lucius +Mummius aus der Versteigerung der korinthischen Beute zurücknahm, weil König +Attalos bis zu 6000 Denaren (1827 Taler) darauf bot. Die Bauten wurden +glänzender, und namentlich kam der überseeische, besonders der hymettische +Marmor (Cipollin) dabei in Gebrauch - die italischen Marmorbrüche waren noch +nicht in Betrieb. Der prachtvolle, noch in der Kaiserzeit bewunderte +Säulengang, den der Besieger Makedoniens, Quintus Metellus (Konsul 611 143), +auf dem Marsfelde anlegte, schloß den ersten Marmortempel ein, den die +Hauptstadt sah; bald folgten ähnliche Anlagen auf dem Kapitol durch Scipio +Nasica (Konsul 616 138), nahe dem Rennplatz durch Gnaeus Octavius (Konsul 626 +128). Das erste mit Marmorsäulen geschmückte Privathaus war das des Redners +Lucius Crassus († 663 91) auf dem Palatin. Aber wo man plündern und kaufen +konnte, statt selber zu schaffen, da geschah es; es ist ein schlimmes +Armutszeugnis für die römische Architektur, daß sie schon anfing, die Säulen +der alten griechischen Tempel zu verwenden, wie zum Beispiel das römische +Kapitol durch Sulla mit denen des Zeustempels in Athen geschmückt ward. Was +dennoch in Rom gearbeitet ward, ging aus den Händen von Fremden hervor; die +wenigen römischen Künstler dieser Zeit, die namentlich erwähnt werden, sind +ohne Ausnahme eingewanderte italische oder überseeische Griechen: so der +Architekt Hermodoros aus dem kyprischen Salamis, der unter anderm die römischen +Docks wiederherstellte und für Quintus Metellus (Konsul 611 143) den Tempel des +Jupiter Stator in der von diesem angelegten Halle, für Decimus Brutus (Konsul +616 138) den Marstempel im Flaminischen Circus baute; der Bildhauer Pasiteles +(um 665 89) aus Großgriechenland, der für römische Tempel Götterbilder aus +Elfenbein lieferte; der Maler und Philosoph Metrodoros von Athen, der +verschrieben ward, um die Bilder für den Triumph des Lucius Paullus (587 168) +zu malen. Es ist bezeichnend, daß die Münzen dieser Epoche im Vergleich mit +denen der vorigen zwar eine größere Mannigfaltigkeit der Typen, aber im +Stempelschnitt eher einen Rück- als einen Fortschritt zeigen. +</p> + +<p> +Endlich Musik und Tanz siedelten in gleicher Weise von Hellas über nach Rom, +einzig, um daselbst zur Erhöhung des dekorativen Luxus verwandt zu werden. +Solche fremdländischen Künste waren allerdings nicht neu in Rom; der Staat +hatte seit alter Zeit bei seinen Festen etruskische Flötenbläser und Tänzer +auftreten lassen und die Freigelassenen und die niedrigste Klasse des römischen +Volkes auch bisher schon mit diesem Gewerbe sich abgegeben. Aber neu war es, +daß griechische Tänze und musikalische Aufführungen die stehende Begleitung +einer vornehmen Tafel wurden; neu war eine Tanzschule, wie Scipio Aemilianus in +einer seiner Reden sie voll Unwillen schildert, in der über fünfhundert Knaben +und Mädchen, die Hefe des Volkes und Kinder von Männern in Amt und Würden +durcheinander, von einem Ballettmeister Anweisung erhielten, zu wenig ehrbaren +Kastagnettentänzen, zu entsprechenden Gesängen und zum Gebrauch der verrufenen +griechischen Saiteninstrumente. Neu war es auch - nicht so sehr, daß ein +Konsular und Oberpontifex, wie Publius Scaevola (Konsul 621 133), auf dem +Spielplatz ebenso bebend die Bälle fing, wie er daheim die verwickeltsten +Rechtsfragen löste, als daß vornehme junge Römer bei den Festspielen Sullas vor +allem Volke ihre Jockeykünste produzierten. Die Regierung versuchte wohl +einmal, diesem Treiben Einhalt zu tun; wie denn zum Beispiel im Jahre 639 (115) +alle musikalischen Instrumente mit Ausnahme der in Latium einheimischen +einfachen Flöte von den Zensoren untersagt wurden. Aber Rom war kein Sparta; +das schlaffe Regiment signalisierte mehr die Übelstände durch solche Verbote, +als daß es durch scharfe und folgerichtige Anwendung ihnen abzuhelfen auch nur +versucht hätte. +</p> + +<p> +Werfen wir schließlich einen Blick zurück auf das Gesamtbild, das die Literatur +und die Kunst Italiens von dem Tode des Ennius bis auf den Anfang der +ciceronischen Zeit vor uns entfaltet, so begegnen wir auch hier in Vergleich +mit der vorhergehenden Epoche dem entschiedensten Sinken der Produktivität. Die +höheren Gattungen der Literatur sind abgestorben oder im Verkümmern, so das +Epos, das Trauerspiel, die Geschichte. Was gedeiht, sind die untergeordneten +Arten, die Übersetzung und die Nachbildung des Intrigenstücks, die Posse, die +poetische und prosaische Broschüre; in diesem letzten, von der vollen +Windsbraut der Revolution durchrasten Gebiet der Literatur begegnen wir den +beiden größten literarischen Talenten dieser Epoche, dem Gaius Gracchus und dem +Gaius Lucilius, die beide über eine Menge mehr oder minder mittelmäßiger +Schriftsteller emporragen, wie in einer ähnlichen Epoche der französischen +Literatur über eine Unzahl anspruchsvoller Nullitäten Courier und Béranger. +Ebenso ist in den bildenden und zeichnenden Künsten die immer schwache +Produktivität jetzt völlig null. Dagegen gedeiht der rezeptive Kunst- und +Literaturgenuß; wie die Epigonen dieser Zeit auf dem politischen Gebiet die +ihren Vätern angefallenen Erbschaften einziehen und ausnutzen, so finden wir +sie auch hier als fleißige Schauspielbesucher, als Literaturfreunde, als +Kunstkenner und mehr noch als Sammler. Die achtungswerteste Seite dieser +Tätigkeit ist die gelehrte Forschung, die vor allem in der Rechtswissenschaft +und in der Sprach- und Sachphilologie eigene geistige Anstrengung offenbart. +Mit der Begründung dieser Wissenschaften, welche recht eigentlich in die +gegenwärtige Epoche fällt, und zugleich mit den ersten geringen Anfängen der +Nachdichtung der alexandrinischen Treibhauspoesie kündigt bereits die Epoche +des römischen Alexandrinismus sich an. Alles, was diese Epoche geschaffen hat, +ist glatter, fehlerfreier, systematischer als die Schöpfungen des sechsten +Jahrhunderts; nicht ganz mit Unrecht sahen die Literaten und Literaturfreunde +dieser Zeit auf ihre Vorgänger wie auf stümperhafte Anfänger herab. Aber wenn +sie die Mangelhaftigkeit jener Anfängerarbeiten belächelten oder beschalten, so +mochten doch auch eben die geistreichsten von ihnen sich es gestehen, daß die +Jugendzeit der Nation vorüber war, und vielleicht diesen oder jenen doch wieder +im stillen Grunde des Herzens die Sehnsucht beschleichen, den lieblichen Irrtum +der Jugend abermals zu irren. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 4 by Theodor Mommsen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + +***** This file should be named 3063-h.htm or 3063-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/0/6/3063/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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