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+<title>Römische Geschichte Book 4, by Theodor Mommsen</title>
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+<pre>
+The Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 4 by Theodor Mommsen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Römische Geschichte Book 4
+
+Author: Theodor Mommsen
+
+Release Date: February, 2002 [Etext #3063]
+[Most recently updated: January 15, 2020]
+
+Language: German
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+Character set encoding: UTF-8
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
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+<h1>Römische Geschichte </h1>
+
+<h4>Viertes Buch<br/>
+Die Revolution
+</h4>
+
+<h2>von Theodor Mommsen</h2>
+
+<hr />
+
+<p>
+The following e-text of Mommsen&rsquo;s Roemische Geschichte contains some
+(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a
+modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek
+words, nor is there any differentiation between the different accents of
+ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.
+</p>
+
+<h2>Contents</h2>
+
+<table summary="" style="margin-left: auto; margin-right: auto">
+
+<tr>
+<td> <a href="#part04"><b>Viertes Buch&mdash;Die Revolution</b></a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap01">KAPITEL I. Die untertänigen Landschaften bis zu der Gracchenzeit</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap02">KAPITEL II. Die Reformbewegung und Tiberius Gracchus</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap03">KAPITEL III. Die Revolution und Gaius Gracchus</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap04">KAPITEL IV. Die Restaurationsherrschaft</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap05">KAPITEL V. Die Völker des Nordens</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap06">KAPITEL VI. Revolutionsversuch des Marius und Reformversuch des Drusus</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap07">KAPITEL VII. Die Empörung der italischen Untertanen und die Sulpicische Revolution</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap08">KAPITEL VIII. Der Osten und König Mithradates</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap09">KAPITEL IX. Cinna und Sulla</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap10">KAPITEL X. Die Sullanische Verfassung</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap11">KAPITEL XI. Das Gemeinwesen und seine Ökonomie</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap12">KAPITEL XII. Nationalität, Religion, Erziehung</a></td>
+</tr>
+
+<tr>
+<td> <a href="#chap13">KAPITEL XIII. Literatur und Kunst</a></td>
+</tr>
+
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="part04"></a>Viertes Buch<br/>
+Die Revolution
+</h2>
+
+<p class="letter">
+&ldquo;Aber sie treiben&rsquo;s toll;<br/>
+Ich fürcht&rsquo;, es breche&rdquo;.<br/>
+Nicht jeden Wochenschluß<br/>
+Macht Gott die Zeche.
+</p>
+
+<p class="right">
+Goethe
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap01"></a>KAPITEL I.<br/>
+Die untertänigen Landschaften bis zu der Gracchenzeit</h2>
+
+<p>
+Mit der Vernichtung des Makedonischen Reichs ward die Oberherrlichkeit Roms
+eine Tatsache, die von den Säulen des Hercules bis zu den Mündungen des Nil und
+des Orontes nicht bloß feststand, sondern gleichsam als das letzte Wort des
+Verhängnisses auf den Völkern lastete mit dem ganzen Druck der Unabwendbarkeit
+und ihnen nur die Wahl zu lassen schien, sich in hoffnungslosem Widerstreben
+oder in hoffnungslosem Dulden zu verzehren. Wenn nicht die Geschichte von dem
+ernsten Leser es als ihr Recht fordern dürfte, sie durch gute und böse Tage,
+durch Frühlings- und Winterlandschaft zu begleiten, so möchte der
+Geschichtschreiber versucht sein, sich der trostlosen Aufgabe zu entziehen,
+diesem Kampf der Übermacht mit der Ohnmacht sowohl in den schon zum Römischen
+Reich gezogenen spanischen Landschaften wie in den noch nach Klientelrecht
+beherrschten afrikanischen, hellenischen, asiatischen Gebieten in seinen
+mannigfaltigen und doch eintönigen Wendungen zu folgen. Aber wie unbedeutend
+und untergeordnet auch die einzelnen Kämpfe erscheinen mögen, eine tiefe
+geschichtliche Bedeutung kommt ihnen in ihrer Gesamtheit dennoch zu; und vor
+allem die italischen Verhältnisse dieser Zeit werden erst verständlich durch
+die Einsicht in den Rückschlag, der von den Provinzen aus auf die Heimat traf.
+</p>
+
+<p>
+Außer in den naturgemäß als Nebenländer Italiens anzusehenden Gebieten, wo
+übrigens auch die Eingeborenen noch keineswegs vollständig unterworfen waren
+und, nicht eben zur Ehre Roms, Ligurer, Sarder und Korsen fortwährend
+Gelegenheit zu &ldquo;Dorftriumphen&rdquo; lieferten, bestand eine förmliche
+Herrschaft Roms zu Anfang dieser Periode nur in den beiden spanischen
+Provinzen, die den größeren östlichen und südlichen Teil der Pyrenäischen
+Halbinsel umfaßten. Es ist schon früher versucht worden, die Zustände der
+Halbinsel zu schildern: Iberer und Kelten, Phöniker, Hellenen, Römer mischten
+sich hier bunt durcheinander; gleichzeitig und vielfach sich durchkreuzend
+bestanden daselbst die verschiedensten Arten und Stufen der Zivilisation, die
+altiberische Kultur neben vollständiger Barbarei, die Bildungsverhältnisse
+phönikischer und griechischer Kaufstädte neben der aufkeimenden Latinisierung,
+die namentlich durch die in den Silberbergwerken zahlreich beschäftigten
+Italiker und durch die starke stehende Besatzung gefördert ward. In dieser
+Hinsicht erwähnenswert sind die römische Ortschaft Italica (bei Sevilla) und
+die latinische Kolonie Carteia (an der Bai von Gibraltar), die letztere die
+erste überseeische Stadtgemeinde latinischer Zunge und italischer Verfassung.
+Italica wurde von dem älteren Scipio, noch ehe er Spanien verließ (548 206),
+für seine zum Verbleiben auf der Halbinsel geneigten Veteranen gegründet,
+wahrscheinlich indes nicht als Bürgergemeinde, sondern nur als Marktort ^1;
+Carteias Gründung fällt in das Jahr 583 (171) und ward veranlaßt durch die
+Menge der von römischen Soldaten mit spanischen Sklavinnen erzeugten
+Lagerkinder, welche rechtlich als Sklaven, tatsächlich als freie Italiker
+aufwuchsen und nun von Staats wegen freigesprochen und in Verbindung mit den
+alten Einwohnern von Carteia als latinische Kolonie konstituiert wurden.
+Beinahe dreißig Jahre nach der Ordnung der Ebroprovinz durch Tiberius
+Sempronius Gracchus (575, 576 179, 178) genossen die spanischen Landschaften im
+ganzen ungestört die Segnungen des Friedens, obwohl ein paarmal von Kriegszügen
+gegen die Keltiberer und Lusitaner die Rede ist. Aber ernstere Ereignisse
+traten im Jahre 600 (154) ein. Unter Führung eines Häuptlings Punicus fielen
+die Lusitaner ein in das römische Gebiet, schlugen die beiden gegen sie
+vereinigten römischen Statthalter und töteten ihnen eine große Anzahl Leute.
+Die Vettonen (zwischen dem Tajo und dem oberen Duero) wurden hierdurch
+bestimmt, mit den Lusitanern gemeinschaftliche Sache zu machen; so verstärkt
+vermochten diese ihre Streifzüge bis an das Mittelländische Meer auszudehnen
+und sogar das Gebiet der Bastulophöniker unweit der römischen Hauptstadt
+Neukarthago (Cartagena) zu brandschatzen. Man nahm in Rom die Sache ernst
+genug, um die Absendung eines Konsuls nach Spanien zu beschließen, was seit 559
+(195) nicht geschehen war, und ließ sogar zur Beschleunigung der Hilfsleistung
+die neuen Konsuln zwei und einen halben Monat vor der gesetzlichen Zeit ihr Amt
+antreten - es war dies die Ursache, weshalb der Amtsantritt der Konsuln vom 15.
+März sich auf den 1. Januar verschob und damit derjenige Jahresanfang sich
+feststellte, dessen wir noch heute uns bedienen. Allein ehe noch der Konsul
+Quintus Fulvius Nobilior mit seiner Armee eintraf, kam es zwischen dem
+Statthalter des Jenseitigen Spaniens, dem Prätor Lucius Mummius, und den jetzt
+nach Punicus&rsquo; Fall von seinem Nachfolger Kaesarus geführten Lusitanern am
+rechten Ufer des Tajo zu einem sehr ernsthaften Treffen (601 158). Das Glück
+war anfangs den Römern günstig; das lusitanische Heer ward zersprengt, das
+Lager genommen. Allein, teils bereits vom Marsch ermüdet, teils in der
+Unordnung des Nachsetzens sich auflösend, wurden sie von den schon besiegten
+Gegnern schließlich vollständig geschlagen und büßten zu dem feindlichen Lager
+das eigene sowie an Toten 9000 Mann ein. Weit und breit loderte jetzt die
+Kriegsflamme auf. Die Lusitaner am linken Ufer des Tajo warfen sich unter
+Anführung des Kaukaenus auf die den Römern untertänigen Keltiker (in Alentejo)
+und nahmen ihre Stadt Conistorgis weg. Den Keltiberern sandten die Lusitaner
+die dem Mummius abgenommenen Feldzeichen zugleich als Siegesbotschaft und als
+Mahnung zu; und auch hier fehlte es nicht an Gärungsstoff. Zwei kleine, den
+mächtigen Arevakern (um die Quellen des Duero und Tajo) benachbarte
+Völkerschaften Keltiberiens, die Beller und Titther, hatten beschlossen, in
+eine ihrer Städte, Segeda, sich zusammenzusiedeln. Während sie mit dem Mauerbau
+beschäftigt waren, ward ihnen dieser römischerseits untersagt, da die
+Sempronischen Ordnungen den unterworfenen Gemeinden jede eigenmächtige
+Städtegründung verböten, und zugleich die vertragsmäßig schuldige, aber seit
+längerer Zeit nicht verlangte Leistung an Geld und Mannschaft eingefordert.
+Beiden Befehlen weigerten die Spanier den Gehorsam, da es sich nur um
+Erweiterung, nicht um Gründung einer Stadt handle, die Leistungen aber nicht
+bloß suspendiert, sondern von den Römern erlassen seien. Darüber erschien
+Nobilior im Diesseitigen Spanien mit einem fast 30000 Mann starken Heer, unter
+dem auch numidische Reiter und zehn Elefanten sich befanden. Noch standen die
+Mauern der neuen Stadt nicht vollständig; die meisten Segedaner unterwarfen
+sich. Allein die entschlossensten flüchteten mit Weib und Kind zu den mächtigen
+Arevakern und forderten sie auf, mit ihnen gegen die Römer gemeinschaftliche
+Sache zu machen. Die Arevaker, ermutigt durch den Sieg der Lusitaner über
+Mummius, gingen darauf ein und wählten einen der flüchtigen Segedaner, Karus,
+zu ihrem Feldherrn. Am dritten Tag nach seiner Wahl war der tapfere Führer eine
+Leiche, aber das römische Heer geschlagen und bei 6000 römische Bürger getötet
+- der Tag des 23. August, das Fest der Volkanalien, blieb seitdem den Römern in
+schlimmer Erinnerung. Doch bewog der Fall ihres Feldherrn die Arevaker, sich in
+ihre festeste Stadt Numantia (Garray, eine Legua nördlich von Soria am Duero)
+zurückzuziehen, wohin Nobilior ihnen folgte. Unter den Mauern der Stadt kam es
+zu einem zweiten Treffen, in welchem die Römer anfänglich durch ihre Elefanten
+die Spanier in die Stadt zurückdrängten, aber dabei infolge der Verwundung
+eines der Tiere in Verwirrung gerieten und durch die abermals ausrückenden
+Feinde eine zweite Niederlage erlitten. Dieser und andere Unfälle, wie die
+Vernichtung eines zur Herbeirufung von Zuzugmannschaft ausgesandten römischen
+Reiterkorps, gestalteten die Angelegenheiten der Römer in der diesseitigen
+Provinz so ungünstig, daß die Festung Okilis, wo die Kasse und die Vorräte der
+Römer sich befanden, zum Feinde übertrat und die Arevaker daran denken konnten,
+freilich ohne Erfolg, den Römern den Frieden zu diktieren. Einigermaßen wurden
+indes diese Nachteile aufgewogen durch die Erfolge, die Mummius in der
+südlichen Provinz erfocht. So geschwächt auch durch die erlittene Niederlage
+sein Heer war, gelang es ihm dennoch, mit demselben den unvorsichtig sich
+zerstreuenden Lusitanern am rechten Tajoufer eine Niederlage beizubringen und,
+übergehend auf das linke, wo die Lusitaner das ganze römische Gebiet überrannt,
+ja bis nach Afrika gestreift hatten, die südliche Provinz von den Feinden zu
+säubern. In die nördliche sandte das folgende Jahr (602 152) der Senat außer
+beträchtlichen Verstärkungen einen andern Oberfeldherrn an der Stelle des
+unfähigen Nobilior, den Konsul Marcus Claudius Marcellus, der schon als Prätor
+586 (168) sich in Spanien ausgezeichnet und seitdem in zwei Konsulaten sein
+Feldherrntalent bewährt hatte. Seine geschickte Führung und mehr noch seine
+Milde änderte die Lage der Dinge schnell: Okilis ergab sich ihm sofort, und
+selbst die Arevaker, von Marcellus in der Hoffnung bestärkt, daß ihnen gegen
+eine mäßige Buße Friede gewährt werden würde, schlossen Waffenstillstand und
+schickten Gesandte nach Rom. Marcellus konnte sich nach der südlichen Provinz
+begeben, wo die Vettonen und Lusitaner sich dem Prätor Marcus Atilius zwar
+botmäßig erwiesen hatten, solange er in ihrem Gebiet stand, allein nach seiner
+Entfernung sofort wieder aufgestanden waren und die römischen Verbündeten
+heimsuchten. Die Ankunft des Konsuls stellte die Ordnung wieder her, und
+während er in Corduba überwinterte, ruhten auf der ganzen Halbinsel die Waffen.
+Inzwischen ward in Rom über den Frieden mit den Arevakern verhandelt. Es ist
+bezeichnend für die inneren Verhältnisse Spaniens, daß vornehmlich die
+Sendlinge der bei den Arevakern bestehenden römischen Partei die Verwerfung der
+Friedensvorschläge in Rom durchsetzten, indem sie vorstellten, daß, wenn man
+die römisch gesinnten Spanier nicht preisgeben wolle, nur die Wahl bleibe,
+entweder jährlich einen Konsul mit entsprechendem Heer nach der Halbinsel zu
+senden oder jetzt ein nachdrückliches Exempel zu statuieren. Infolgedessen
+wurden die Boten der Arevaker ohne entscheidende Antwort verabschiedet und die
+energische Fortsetzung des Krieges beschlossen. Marcellus sah sich demnach
+genötigt, im folgenden Frühjahr (603 151) den Krieg gegen die Arevaker wieder
+zu beginnen. Indes sei es nun, wie behauptet wird, daß er den Ruhm, den Krieg
+beendigt zu haben, seinem bald zu erwartenden Nachfolger nicht gönnte, sei es,
+was vielleicht wahrscheinlicher ist, daß er gleich Gracchus in der milden
+Behandlung der Spanier die erste Bedingung eines dauerhaften Friedens sah -
+nach einer geheimen Zusammenkunft des römischen Feldherrn mit den
+einflußreichsten Männern der Arevaker kam unter den Mauern von Numantia ein
+Traktat zustande, durch den die Arevaker den Römern sich auf Gnade und Ungnade
+ergaben, aber unter Verpflichtung zu Geldzahlung und Geiselstellung in ihre
+bisherigen vertragsmäßigen Rechte wiedereingesetzt wurden.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Italica wird durch Scipio das geworden sein, was in Italien forum et
+conciliabulum civium Romanorum hieß; ähnlich ist später Aquae Sextiae in
+Gallien entstanden. Die Entstehung überseeischer Bürgergemeinden beginnt erst
+später mit Karthago und Narbo; indes ist es merkwürdig, daß in gewissem Sinne
+doch auch dazu schon Scipio den Anfang machte.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Als der neue Oberfeldherr, der Konsul Lucius Lucullus, bei dem Heere eintraf,
+fand er den Krieg, den zu führen er gekommen war, bereits durch förmlichen
+Friedensschluß beendigt, und seine Hoffnung, Ehre und vor allem Geld aus
+Spanien heimzubringen, schien vereitelt. Indes dafür gab es Rat. Auf eigene
+Hand griff Lucullus die westlichen Nachbarn der Arevaker, die Vaccäer, an, eine
+noch unabhängige keltiberische Nation, die mit den Römern im besten
+Einvernehmen lebte. Auf die Frage der Spanier, was sie denn gefehlt hätten, war
+die Antwort: der Überfall der Stadt Cauca (Coca, acht Leguas westlich von
+Segovia); und als die erschreckte Stadt mit schweren Geldopfern die
+Kapitulation erkauft zu haben meinte, rückten römische Truppen in sie ein und
+knechteten oder mordeten die Einwohnerschaft ohne jeglichen Vorwand. Nach
+dieser Heldentat, die etwa 20000 wehrlosen Menschen das Leben gekostet haben
+soll, ging der Marsch weiter. Weit und breit standen die Dörfer und Ortschaften
+leer oder schlossen, wie das feste Intercatia und die Hauptstadt der Vaccäer,
+Pallantia (Palencia), dem römischen Heere ihre Tore. Die Habsucht hatte in
+ihren eigenen Netzen sich gefangen; keine Gemeinde fand sich, die mit dem
+treubrüchigen Feldherrn eine Kapitulation hätte abschließen mögen, und die
+allgemeine Flucht der Bewohner machte nicht bloß die Beute karg, sondern auch
+das längere Verweilen in diesen unwirtlichen Gegenden fast unmöglich. Vor
+Intercatia gelang es einem angesehenen Kriegstribun, dem Scipio Aemilianus,
+leiblichem Sohn des Siegers von Pydna und Adoptivenkel des Siegers von Zama,
+durch sein Ehrenwort, da das des Feldherrn nichts mehr galt, die Bewohner zum
+Abschluß eines Vertrages zu bestimmen, infolgedessen das römische Heer gegen
+Lieferung von Vieh und Kleidungsstücken abzog. Aber die Belagerung von
+Pallantia mußte wegen Mangels an Lebensmitteln aufgehoben werden, und das
+römische Heer ward auf dem Rückmarsch von den Vaccäern bis zum Duero verfolgt.
+Lucullus begab sich darauf nach der südlichen Provinz, wo der Prätor Servius
+Sulpicius Galba in demselben Jahr von den Lusitanern sich hatte schlagen
+lassen; beide überwinterten nicht fern voneinander, Lucullus im turdetanischen
+Gebiet, Galba bei Conistorgis, und griffen im folgenden Jahr (604 150)
+gemeinschaftlich die Lusitaner an. Lucullus errang an der Gaditanischen
+Meerenge einige Vorteile über sie. Galba richtete mehr aus, indem er mit drei
+lusitanischen Stämmen am rechten Ufer des Tajo einen Vertrag abschloß und sie
+in bessere Wohnsitze überzusiedeln verhieß, worauf die Barbaren, die der
+gehofften Äcker wegen, 7000 an der Zahl, sich bei ihm einfanden, in drei
+Abteilungen geteilt, entwaffnet und teils als Sklaven weggeführt, teils
+niedergehauen wurden. Kaum ist je mit gleicher Treulosigkeit, Grausamkeit und
+Habgier Krieg geführt worden wie von diesen beiden Feldherren, die dennoch
+durch ihre verbrecherisch erworbenen Schätze der eine der Verurteilung, der
+andre sogar der Anklage entging. Den Galba versuchte der alte Cato noch in
+seinem fünfundachtzigsten Jahr, wenige Monate vor seinem Tode, vor der
+Bürgerschaft zur Verantwortung zu ziehen; aber die jammernden Kinder des
+Generals und sein heimgebrachtes Gold erwiesen dem römischen Volke seine
+Unschuld.
+</p>
+
+<p>
+Nicht so sehr die ehrlosen Erfolge, die Lucullus und Galba in Spanien erreicht
+hatten, als der Ausbruch des Vierten Makedonischen und des Dritten
+Karthagischen Krieges im Jahre 605 (149) bewirkte, daß man die spanischen
+Angelegenheiten zunächst wieder den gewöhnlichen Statthaltern überließ. So
+verwüsteten denn die Lusitaner, durch Galbas Treulosigkeit mehr erbittert als
+gedemütigt, unaufhörlich das reiche turdetanische Gebiet. Gegen sie zog der
+römische Statthalter Gaius Vetilius (607/08 147/48) 2 und schlug sie nicht
+bloß, sondern drängte auch den ganzen Haufen auf einen Hügel zusammen, wo
+derselbe rettungslos verloren schien. Schon war die Kapitulation so gut wie
+abgeschlossen, als Viriathus, ein Mann geringer Herkunft, aber wie einst als
+Bube ein tapferer Verteidiger seiner Herde gegen die wilden Tiere und Räuber,
+so jetzt in ernsteren Kämpfen ein gefürchteter Guerillachef und einer der
+wenigen, die dem treulosen Überfall Galbas zufällig entronnen waren, seine
+Landsleute warnte, auf römisches Ehrenwort zu bauen und ihnen Rettung verhieß,
+wenn sie ihm folgen wollten. Sein Wort und sein Beispiel wirkten; das Heer
+übertrug ihm den Oberbefehl. Viriathus gab der Masse seiner Leute den Befehl,
+sich in einzelnen Trupps auf verschiedenen Wegen nach dem bestimmten
+Sammelplatz zu begeben; er selber bildete aus den bestberittenen und
+zuverlässigsten Leuten ein Korps von 1000 Pferden, womit er den Abzug der
+Seinigen deckte. Die Römer, denen es an leichter Kavallerie fehlte, wagten
+nicht, unter den Augen der feindlichen Reiter sich zur Verfolgung zu
+zerstreuen. Nachdem Viriathus zwei volle Tage hindurch mit seinem Haufen das
+ganze römische Heer aufgehalten hatte, verschwand auch er plötzlich in der
+Nacht und eilte dem allgemeinen Sammelplatz zu. Der römische Feldherr folgte
+ihm, fiel aber in einen geschickt gelegten Hinterhalt, in dem er die Hälfte
+seines Heeres verlor und selber gefangen und getötet ward; kaum rettete der
+Rest der Truppen sich an die Meerenge nach der Kolonie Carteia. Schleunigst
+wurden vom Ebro her 5000 Mann spanischer Landsturm zur Verstärkung der
+geschlagenen Römer gesandt; aber Viriathus vernichtete das Korps noch auf dem
+Marsch und gebot in dem ganzen karpetanischen Binnenland so unumschränkt, daß
+die Römer nicht einmal wagten, ihn dort aufzusuchen. Viriathus, jetzt als Herr
+und König der sämtlichen Lusitaner anerkannt, verstand es, das volle Gewicht
+seiner fürstlichen Stellung mit dem schlichten Wesen des Hirten zu vereinigen.
+Kein Abzeichen unterschied ihn von dem gemeinen Soldaten; von der
+reichgeschmückten Hochzeitstafel seines Schwiegervaters, des Fürsten Astolpa im
+römischen Spanien, stand er auf, ohne das goldene Geschirr und die kostbaren
+Speisen berührt zu haben, hob seine Braut auf das Roß und ritt mit ihr zurück
+in seine Berge. Nie nahm er von der Beute mehr als denselben Teil, den er auch
+jedem seiner Kameraden zuschied. Nur an der hohen Gestalt und an dem treffenden
+Witzwort erkannte der Soldat den Feldherrn, vor allem aber daran, daß er es in
+Mäßigkeit und in Mühsal jedem der Seinigen zuvortat, nie anders als in voller
+Rüstung schlief und in der Schlacht allen voran focht. Es schien, als sei in
+dieser gründlich prosaischen Zeit einer der Homerischen Helden wiedergekehrt;
+weit und breit erscholl in Spanien der Name des Viriathus, und die tapfere
+Nation meinte endlich in ihm den Mann gefunden zu haben, der die Ketten der
+Fremdherrschaft zu brechen bestimmt sei. Ungemeine Erfolge im nördlichen wie im
+südlichen Spanien bezeichneten die nächsten Jahre seiner Feldherrnschaft. Den
+Prätor Gaius Plautius (608/09 146) wußte er, nachdem er dessen Vorhut
+vernichtet hatte, hinüber auf das rechte Tajoufer zu locken und ihn dort so
+nachdrücklich zu schlagen, daß der römische Feldherr mitten im Sommer in die
+Winterquartiere ging - später ward dafür gegen ihn die Anklage wegen Entehrung
+der römischen Gemeinde vor dem Volk erhoben und er genötigt, die Heimat zu
+meiden. Desgleichen wurde das Heer des Statthalters - es scheint, der
+diesseitigen Provinz - Claudius Unimanus vernichtet, das des Gaius Negidius
+überwunden und weithin das platte Land gebrandschatzt. Auf den spanischen
+Bergen erhoben sich Siegeszeichen, die mit den Insignien der römischen
+Statthalter und mit den Waffen der Legionen geschmückt waren; bestürzt und
+beschämt vernahm man in Rom von den Siegen des Barbarenkönigs. Zwar übernahm
+jetzt ein zuverlässiger Offizier die Führung des Spanischen Krieges, der zweite
+Sohn des Siegers von Pydna, der Konsul Quintus Fabius Maximus Aemilianus (609
+145). Allein die krieggewohnten, eben von Makedonien und Afrika heimgekehrten
+Veteranen aufs neue in den verhaßten Spanischen Krieg zu senden, wagte man
+schon nicht mehr; die beiden Legionen, die Maximus mitbrachte, waren neu
+geworben und nicht viel minder unzuverlässig als das alte, gänzlich
+demoralisierte spanische Heer. Nachdem die ersten Gefechte wieder für die
+Lusitaner günstig ausgefallen waren, hielt der einsichtige Feldherr den Rest
+des Jahres seine Truppen in dem Lager bei Urso (Osuna südöstlich von Sevilla)
+zusammen, ohne die angebotene Feldschlacht zu liefern, und nahm erst im
+folgenden (610 144), nachdem im kleinen Krieg seine Truppen kampffähig geworden
+waren, wieder das Feld, wo er dann die Überlegenheit zu behaupten vermochte und
+nach glücklichen Waffentaten nach Corduba ins Winterlager ging. Als aber an
+Maximus&rsquo; Stelle der feige und ungeschickte Prätor Quinctius den Befehl
+übernahm, erlitten die Römer wiederum eine Niederlage über die andere und
+schloß ihr Feldherr sich wieder mitten im Sommer in Corduba ein, während
+Viriathus&rsquo; Scharen die südliche Provinz überschwemmten (611 143). Sein
+Nachfolger, des Maximus Aemilianus Adoptivbruder Quintus Fabius Maximus
+Servilianus, mit zwei frischen Legionen und zehn Elefanten nach der Halbinsel
+gesendet, versuchte, in das lusitanische Gebiet einzudringen, allein nach einer
+Reihe nichts entscheidender Gefechte und einem mühsam abgeschlagenen Sturm auf
+das römische Lager sah er sich genötigt, auf das römische Gebiet
+zurückzuweichen. Viriathus folgte ihm in die Provinz; da aber seine Truppen
+nach dem Brauch spanischer Insurgentenheere plötzlich sich verliefen, mußte
+auch er nach Lusitanien zurückkehren (612 142). Im nächsten Jahre (613 141)
+ergriff Servilianus wieder die Offensive, durchzog die Gegenden am Baetis und
+Anas und besetzte sodann, in Lusitanien einrückend, eine Menge Ortschaften.
+Eine große Zahl der Insurgenten fiel in seine Hand; die Führer - es waren deren
+gegen 500 - wurden hingerichtet, den aus römischem Gebiet zum Feinde
+Übergegangenen die Hände abgehauen, die übrige Masse in die Sklaverei verkauft.
+Aber der Spanische Krieg bewährte auch hier seine tückische Unbeständigkeit.
+Das römische Heer ward nach all diesen Erfolgen bei der Belagerung von Erisane
+von Viriathus angegriffen, geworfen und auf einen Felsen gedrängt, wo es
+gänzlich in der Gewalt der Feinde war. Viriathus indes begnügte sich, wie einst
+der Samnitenfeldherr in den Caudinischen Pässen, mit Servilianus einen Frieden
+abzuschließen, worin die Gemeinde der Lusitaner als souverän und Viriathus als
+König derselben anerkannt ward. Die Macht der Römer war nicht mehr gestiegen
+als das nationale Ehrgefühl gesunken; man war in der Hauptstadt froh, des
+lästigen Krieges entledigt zu sein, und Senat und Volk gaben dem Vertrage die
+Ratifikation. Allein des Servilianus leiblicher Bruder und Amtsnachfolger
+Quintus Servilius Caepio war mit dieser Nachgiebigkeit wenig zufrieden und der
+Senat schwach genug, anfangs den Konsul zu heimlichen Machinationen gegen den
+Viriathus zu bevollmächtigen und bald ihm den offenen, unbeschönigten Bruch des
+gegebenen Treuworts wenigstens nachzusehen. So drang Caepio in Lusitanien ein
+und durchzog das Land bis zu dem Gebiet der Vettonen und Callaeker; Viriathus
+vermied den Kampf mit der Übermacht und entzog sich durch geschickte Bewegungen
+dem Gegner (614 140). Als aber im folgenden Jahre (615 139) nicht bloß Caepio
+den Angriff erneuerte, sondern auch das in der nördlichen Provinz inzwischen
+verfügbar gewordene Heer unter Marcus Popillius in Lusitanien erschien, bat
+Viriathus um Frieden unter jeder Bedingung. Er ward geheißen, alle aus dem
+römischen Gebiet zu ihm übergetretenen Leute, darunter seinen eigenen
+Schwiegervater, an die Römer auszuliefern; es geschah, und die Römer ließen
+dieselben hinrichten oder ihnen die Hände abhauen. Allein es war damit nicht
+genug; nicht auf einmal pflegten die Römer den Unterworfenen anzukündigen, was
+über sie verhängt war. Ein Befehl nach dem andern, und immer der folgende
+unerträglicher als die vorhergehenden, erging an die Lusitaner, und schließlich
+ward sogar die Auslieferung der Waffen von ihnen gefordert. Da gedachte
+Viriathus abermals des Schicksals seiner Landsleute, die Galba hatte entwaffnen
+lassen, und griff aufs neue zum Schwert, aber zu spät. Sein Schwanken hatte in
+seiner nächsten Umgebung die Keime des Verrats gesät; drei seiner Vertrauten,
+Audas, Ditalko und Minucius aus Urso, verzweifelnd an der Möglichkeit, jetzt
+noch zu siegen, erwirkten von dem König die Erlaubnis, noch einmal mit Caepio
+Friedensunterhandlungen anzuknüpfen, und benutzten sie, um gegen Zusicherung
+persönlicher Amnestie und weiterer Belohnungen das Leben des lusitanischen
+Helden den Fremden zu verkaufen. Zurückgekehrt in das Lager, versicherten sie
+den König des günstigsten Erfolgs ihrer Verhandlungen und erdolchten die Nacht
+darauf den Schlafenden in seinem Zelte. Die Lusitaner ehrten den herrlichen
+Mann durch eine Totenfeier ohnegleichen, bei der zweihundert Fechterpaare die
+Leichenspiele fochten; höher noch dadurch, daß sie den Kampf nicht aufgaben,
+sondern an die Stelle des gefallenen Helden den Tautamus zu ihrem Oberfeldherrn
+ernannten. Kühn genug war auch der Plan, den dieser entwarf, den Römern Sagunt
+zu entreißen; allein der neue Feldherr besaß weder seines Vorgängers weise
+Mäßigung noch dessen Kriegsgeschick. Die Expedition scheiterte völlig, und auf
+der Rückkehr ward das Heer bei dem Übergang über den Baetis angegriffen und
+genötigt, sich unbedingt zu ergeben. Also, weit mehr durch Verrat und Mord von
+Fremden wie von Eingeborenen als durch ehrlichen Krieg, ward Lusitanien
+bezwungen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+2 Die Chronologie des Viriathischen Krieges ist wenig gesichert. Es steht fest,
+daß Viriathus&rsquo; Auftreten von dem Kampf mit Vetilius datiert (App. Hisp.
+61; Liv. 52; Oros. hist. 5, 4) und daß er 615 (130) umkam (Diod. Vat. p. 110 u.
+a. m.); die Dauer seines Regiments wird auf acht (App. Hisp. 63), zehn (Iust.
+44, 2), elf (Diod. p. 597), fünfzehn (Liv. 54; Eutr. 4, 16; Oros. hist. 5, 4;
+Flor. epit. 1, 33) und zwanzig Jahre (Vell. 2, 90) berechnet. Der erste Ansatz
+hat deswegen einige Wahrscheinlichkeit, weil Viriathus&rsquo; Auftreten sowohl
+bei Diodor (p. 591; Vat. p. 107 108) wie auch bei Orosius (hist. 5, 4) an die
+Zerstörung von Korinth angeknüpft wird. Von den römischen Statthaltern, mit
+denen sich Viriathus schlug, gehören ohne Zweifel mehrere der nördlichen
+Provinz an, da Viriathus zwar vorwiegend, aber nicht ausschließlich in der
+südlichen tätig war (Liv. 52); man darf also nicht nach der Zahl dieser Namen
+die Zahl der Jahre seiner Feldherrnschaft berechnen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Während die südliche Provinz durch Viriathus und die Lusitaner heimgesucht
+ward, war nicht ohne deren Zutun in der nördlichen bei den keltiberischen
+Nationen ein zweiter, nicht minder ernster Krieg ausgebrochen. Viriathus&rsquo;
+glänzende Erfolge bewogen im Jahre 610 (144) die Arevaker, gleichfalls gegen
+die Römer sich zu erheben, und es war dies die Ursache, weshalb der zur
+Ablösung des Maximus Aemilianus nach Spanien gesandte Konsul Quintus Caecilius
+Metellus nicht nach der südlichen Provinz ging, sondern gegen die Keltiberer
+sich wandte. Auch gegen sie bewährte er, namentlich während der Belagerung der
+für unbezwinglich gehaltenen Stadt Contrebia, dieselbe Tüchtigkeit, die er bei
+der Überwindung des makedonischen Pseudophilipp bewiesen hatte; nach
+zweijähriger Verwaltung (611, 612 143, 142) war die nördliche Provinz zum
+Gehorsam zurückgebracht. Nur die beiden Städte Termantia und Numantia hatten
+noch den Römern die Tore nicht geöffnet; auch mit diesen aber war die
+Kapitulation fast schon abgeschlossen und der größte Teil der Bedingungen von
+den Spaniern erfüllt. Als es jedoch zur Ablieferung der Waffen kam, ergriff
+auch sie eben wie den Viriathus jener echt spanische Stolz auf den Besitz des
+wohlgeführten Schwertes, und es ward beschlossen, unter dem kühnen Megaravicus
+den Krieg fortzusetzen. Es schien eine Torheit; das konsularische Heer, dessen
+Befehl 613 (141) der Konsul Quintus Pompeius übernahm, war viermal so stark als
+die gesamte waffenfähige Bevölkerung von Numantia. Allein der völlig
+kriegsunkundige Feldherr erlitt unter den Mauern beider Städte so harte
+Niederlagen (613, 614 141, 140), daß er endlich es vorzog, den Frieden, den er
+nicht erzwingen konnte, durch Unterhandlungen zu erwirken. Mit Termantia muß
+ein definitives Abkommen getroffen sein; auch den Numantinern sandte der
+römische Feldherr ihre Gefangenen zurück und forderte die Gemeinde unter dem
+geheimen Versprechen günstiger Behandlung auf, sich ihm auf Gnade und Ungnade
+zu ergeben. Die Numantiner, des Krieges müde, gingen darauf ein, und der
+Feldherr beschränkte in der Tat seine Forderungen auf das möglichst geringe
+Maß. Gefangene, Überläufer, Geiseln waren abgeliefert und die bedungene
+Geldsumme größtenteils gezahlt, als im Jahre 615 (139) der neue Feldherr Marcus
+Popillius Laenas im Lager eintraf. Sowie Pompeius die Last des Oberbefehls auf
+fremde Schultern gewälzt sah, ergriff er, um sich der in Rom seiner wartenden
+Verantwortung für den nach römischen Begriffen ehrlosen Frieden zu entziehen,
+den Ausweg, sein Wort nicht etwa bloß zu brechen, sondern zu verleugnen und,
+als die Numantiner kamen, um die letzte Zahlung zu machen, ihren und seinen
+Offizieren ins Gesicht den Abschluß des Vertrages einfach in Abrede zu stellen.
+Die Sache ging zur rechtlichen Entscheidung an den Senat nach Rom; während dort
+darüber verhandelt ward, ruhte vor Numantia der Krieg und beschäftigte sich
+Laenas mit einem Zug nach Lusitanien, wo er die Katastrophe des Viriathus
+beschleunigen half, und mit einem Streifzug gegen die den Numantinern
+benachbarten Lusonen. Als endlich vom Senat die Entscheidung kam, lautete sie
+auf Fortsetzung des Krieges - man beteiligte sich also von Staats wegen an dem
+Bubenstreich des Pompeius. Mit ungeschwächtem Mut und erhöhter Erbitterung
+nahmen die Numantiner den Kampf wieder auf; Laenas focht unglücklich gegen sie
+und nicht minder sein Nachfolger Gaius Hostilius Mancinus (617 137). Aber die
+Katastrophe führten weit weniger die Waffen der Numantiner herbei als die
+schlaffe und elende Kriegszucht der römischen Feldherrn und die Folge
+derselben, die von Jahr zu Jahr üppiger wuchernde Liederlichkeit,
+Zuchtlosigkeit und Feigheit der römischen Soldaten. Das bloße, überdies falsche
+Gerücht, daß die Kantabrer und Vaccäer zum Entsatz von Numantia heranrückten,
+bewog das römische Heer, ungeheißen in der Nacht das Lager zu räumen, um sich
+in den sechzehn Jahre zuvor von Nobilior angelegten Verschanzungen zu bergen.
+Die Numantiner, von dem Aufbruch in Kenntnis gesetzt, drängten der fliehenden
+Armee nach und umzingelten sie; es blieb nur die Wahl, mit dem Schwert in der
+Hand sich durchzuschlagen oder auf die von den Numantinern gestellten
+Bedingungen Frieden zu schließen. Mehr als der Konsul, der persönlich ein
+Ehrenmann, aber schwach und wenig bekannt war, bewirkte Tiberius Gracchus, der
+als Quästor im Heere diente, durch sein von dem Vater, dem weisen Ordner der
+Ebroprovinz, auf ihn vererbtes Ansehen bei den Keltiberern, daß die Numantiner
+sich mit einem billigen, von allen Stabsoffizieren beschworenen Friedensvertrag
+genügen ließen. Allein der Senat rief nicht bloß den Feldherrn sofort zurück,
+sondern ließ auch nach langer Beratung bei der Bürgerschaft darauf antragen,
+den Vertrag zu behandeln wie einst den caudinischen, das heißt, ihm die
+Ratifikation zu verweigern und die Verantwortlichkeit dafür auf diejenigen
+abzuwälzen, die ihn geschlossen hatten. Von Rechts wegen hätten dies sämtliche
+Offiziere sein müssen, die den Vertrag beschworen hatten; allein Gracchus und
+die übrigen wurden durch ihre Verbindungen gerettet; Mancinus allein, der nicht
+den Kreisen der höchsten Aristokratie angehörte, ward bestimmt, für eigene und
+fremde Schuld zu büßen. Seiner Insignien entkleidet, ward der römische Konsular
+zu den feindlichen Vorposten geführt, und da die Numantiner ihn anzunehmen
+verweigerten, um nicht auch ihrerseits den Vertrag als nichtig anzuerkennen,
+stand der ehemalige Oberfeldherr, im Hemd und die Hände auf den Rücken
+gebunden, einen Tag lang vor den Toren von Numantia, Freunden und Feinden ein
+klägliches Schauspiel. Jedoch für Mancinus&rsquo; Nachfolger, seinen Kollegen
+im Konsulat, Marcus Aemilius Lepidus, schien die bittere Lehre völlig verloren.
+Während die Verhandlungen über den Vertrag mit Mancinus in Rom schwebten, griff
+er unter nichtigen Vorwänden, eben wie sechzehn Jahre zuvor Lucullus, das freie
+Volk der Vaccäer an und begann in Gemeinschaft mit dem Feldherrn der
+jenseitigen Provinz Pallantia zu belagern (618 136). Ein Senatsbeschluß befahl
+ihm, von dem Krieg abzustehen; nichtsdestoweniger setzte er, unter dem Vorwand,
+daß die Umstände inzwischen sich geändert hätten, die Belagerung fort. Dabei
+war er als Soldat gerade so schlecht wie als Bürger; nachdem er so lange vor
+der großen und festen Stadt gelegen hatte, bis ihm in dem rauhen feindlichen
+Land die Zufuhr ausgegangen war, mußte er mit Zurücklassung aller Verwundeten
+und Kranken den Rückzug beginnen, auf dem die verfolgenden Pallantiner die
+Hälfte seiner Soldaten aufrieben und, wenn sie die Verfolgung nicht zu früh
+abgebrochen hätten, das schon in voller Auflösung begriffene römische Heer
+wahrscheinlich ganz vernichtet haben würden. Dafür ward denn dem hochgeborenen
+General bei seiner Heimkehr eine Geldbuße auferlegt. Seine Nachfolger Lucius
+Furius Philus (618 136) und Quintus Calpurnius Piso (619 135) hatten wieder
+gegen die Numantiner Krieg zu führen, und da sie eben gar nichts taten, kamen
+sie glücklich ohne Niederlage heim. Selbst die römische Regierung fing endlich
+an einzusehen, daß man so nicht länger fortfahren könne; man entschloß sich,
+die Bezwingung der kleinen spanischen Landstadt außerordentlicherweise dem
+ersten Feldherrn Roms, Scipio Aemilianus, zu übertragen. Die Geldmittel zur
+Kriegführung wurden ihm freilich dabei mit verkehrter Kargheit zugemessen und
+die verlangte Erlaubnis, Soldaten auszuheben, sogar geradezu verweigert, wobei
+Koterieintrigen und die Furcht, der souveränen Bürgerschaft lästig zu werden,
+zusammengewirkt haben mögen. Indes begleitete ihn freiwillig eine große Anzahl
+von Freunden und Klienten, unter ihnen sein Bruder Maximus Aemilianus, der vor
+einigen Jahren mit Auszeichnung gegen Viriathus kommandiert hatte. Gestützt auf
+diese zuverlässige Schar, die als Feldherrnwache konstituiert ward, begann
+Scipio das tief zerrüttete Heer zu reorganisieren (620 134). Vor allen Dingen
+mußte der Troß das Lager räumen - es fanden sich bis 2000 Dirnen und eine
+Unzahl Wahrsager und Pfaffen von allen Sorten -, und da der Soldat zum Fechten
+unbrauchbar war, mußte er wenigstens schanzen und marschieren. Den ersten
+Sommer vermied der Feldherr jeden Kampf mit den Numantinern; er begnügte sich,
+die Vorräte in der Umgegend zu vernichten und die Vaccäer, die den Numantinern
+Korn verkauften, zu züchtigen und zur Anerkennung der Oberhoheit Roms zu
+zwingen. Erst gegen den Winter zog Scipio sein Heer um Numantia zusammen; außer
+dem numidischen Kontingent von Reitern, Fußsoldaten und zwölf Elefanten unter
+Anführung des Prinzen Jugurtha und den zahlreichen spanischen Zuzügen waren es
+vier Legionen, überhaupt eine Heermasse von 60000 Mann, die eine Stadt mit
+einer waffenfähigen Bürgerschaft von höchstens 8000 Köpfen einschloß. Dennoch
+boten die Belagerten oftmals den Kampf an; allein Scipio, wohl erkennend, daß
+die vieljährige Zuchtlosigkeit nicht mit einem Schlag sich ausrotten lasse,
+verweigerte jedes Gefecht, und wo es dennoch bei den Ausfällen der Belagerten
+dazu kam, rechtfertigte die feige, kaum durch das persönliche Erscheinen des
+Feldherrn gehemmte Flucht der Legionäre diese Taktik nur zu sehr. Nie hat ein
+Feldherr seine Soldaten verächtlicher behandelt als Scipio die numantinische
+Armee; und nicht bloß mit bitteren Reden, sondern vor allem durch die Tat
+bewies er ihr, was er von ihr halte. Zum erstenmal führten die Römer, wo es nur
+auf sie ankam, das Schwert zu brauchen, den Kampf mit Hacke und Spaten. Rings
+um die ganze Stadtmauer von reichlich einer halben deutschen Meile im Umfang
+ward eine doppelt so ausgedehnte, mit Mauern, Türmen und Gräben versehene
+zwiefache Umwallungslinie aufgeführt und auch der Duerofluß, auf dem den
+Belagerten anfangs noch durch kühne Schiffer und Taucher einige Vorräte
+zugekommen waren, endlich abgesperrt. So mußte die Stadt, die zu stürmen man
+nicht wagte, wohl durch Hunger erdrückt werden, um so mehr, als es der
+Bürgerschaft nicht möglich gewesen war, sich während des letzten Sommers zu
+verproviantieren. Bald litten die Numantiner Mangel an allem. Einer ihrer
+kühnsten Männer, Retogenes, schlug sich mit wenigen Begleitern durch die
+feindlichen Linien durch, und seine rührende Bitte, die Stammesgenossen nicht
+hilflos untergehen zu lassen, war wenigstens in einer der Arevakerstädte, in
+Lutia, von großer Wirkung. Bevor aber die Bürger von Lutia sich entschieden
+hatten, erschien Scipio, benachrichtigt von den römisch Gesinnten in der Stadt,
+mit Übermacht vor ihren Mauern und zwang die Behörden, ihm die Führer der
+Bewegung, vierhundert der trefflichsten Jünglinge, auszuliefern, denen sämtlich
+auf Befehl des römischen Feldherrn die Hände abgehauen wurden. Die Numantiner,
+also der letzten Hoffnung beraubt, sandten an Scipio, um über die Unterwerfung
+zu verhandeln, und riefen den tapferen Mann an, der Tapferen zu schonen; allein
+als die rückkehrenden Boten meldeten, daß Scipio unbedingte Ergebung verlange,
+wurden sie von der wütenden Menge zerrissen, und eine neue Frist verfloß, bis
+Hunger und Seuchen ihr Werk vollendet hatten. Endlich kam in das römische
+Hauptquartier eine zweite Botschaft, daß die Stadt jetzt bereit sei, auf Gnade
+und Ungnade sich zu unterwerfen. Als demnach die Bürgerschaft angewiesen wurde,
+am folgenden Tag vor den Toren zu erscheinen, bat sie um einige Tage Frist, um
+denjenigen Bürgern, die den Untergang der Freiheit nicht zu überleben
+beschlossen hätten, Zeit zum Sterben zu gestatten. Sie ward ihnen gewährt, und
+nicht wenige benutzten sie. Endlich erschien der elende Rest vor den Toren.
+Scipio las fünfzig der Ansehnlichsten aus, um sie in seinem Triumphe
+aufzuführen; die übrigen wurden in die Sklaverei verkauft, die Stadt dem Boden
+gleichgemacht, ihr Gebiet unter die Nachbarstädte verteilt. Das geschah im
+Herbst 621 (133), fünfzehn Monate nachdem Scipio den Oberbefehl übernommen
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mit Numantias Fall war die hier und da noch sich regende Opposition gegen Rom
+in der Wurzel getroffen; militärische Spaziergänge und Geldbußen reichten aus,
+um die römische Oberherrschaft im ganzen diesseitigen Spanien zur Anerkennung
+zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Auch im jenseitigen ward durch die Überwindung der Lusitaner die römische
+Herrschaft befestigt und ausgedehnt. Der Konsul Decimus Iunius Brutus, der an
+Caepios Stelle trat, siedelte die kriegsgefangenen Lusitaner an in der Nähe von
+Sagunt und gab ihrer neuen Stadt Valentia (Valencia) gleich Carteia latinische
+Verfassung (616 138); er durchzog ferner (616-618 138-136) in verschiedenen
+Richtungen die iberische Westküste und gelangte zuerst von den Römern an das
+Gestade des Atlantischen Meers. Die von ihren Bewohnern, Männern und Frauen,
+hartnäckig verteidigten Städte der dort wohnenden Lusitaner wurden durch ihn
+bezwungen, und die bis dahin unabhängigen Callaeker nach einer großen Schlacht,
+in der ihrer 50000 gefallen sein sollen, mit der römischen Provinz vereinigt.
+Nach Unterwerfung der Vaccäer, Lusitaner und Callaeker war jetzt mit Ausnahme
+der Nordküste die ganze Halbinsel wenigstens dem Namen nach den Römern
+untertan. Eine senatorische Kommission ging nach Spanien, um im Einvernehmen
+mit Scipio das neugewonnene Provinzialgebiet römisch zu ordnen, und Scipio tat,
+was er konnte, um die Folgen der ehr- und kopflosen Politik seiner Vorgänger zu
+beseitigen, wie denn zum Beispiel die Kaukaner, deren schmachvolle Mißhandlung
+durch Lucullus er neunzehn Jahre zuvor als Kriegstribun mit hatte ansehen
+müssen, von ihm eingeladen wurden, in ihre Stadt zurückzukehren und sie
+wiederaufzubauen. Es begann wiederum für Spanien eine leidlichere Zeit. Die
+Unterdrückung des Seeraubes, der auf den Balearen gefährliche Schlupfwinkel
+fand, durch Quintus Caecilius Metellus&rsquo; Besetzung dieser Inseln im Jahre
+631 (123) war dem Aufblühen des spanischen Handels ungemein förderlich, und
+auch sonst waren die fruchtbaren und von einer dichten, in der Schleuderkunst
+unübertroffenen Bevölkerung bewohnten Inseln ein wertvoller Besitz. Wie
+zahlreich schon damals die lateinisch redende Bevölkerung auf der Halbinsel
+war, beweist die Ansiedelung von 3000 spanischen Latinern in den Städten Palma
+und Pollentia (Pollenza) auf den neugewonnenen Inseln. Trotz mancher schwerer
+Mißstände bewahrte die römische Verwaltung Spaniens im ganzen den Stempel, den
+die catonische Zeit und zunächst Tiberius Gracchus ihr aufgeprägt hatten. Das
+römische Grenzgebiet zwar hatte von den Überfällen der halb oder gar nicht
+bezwungenen Stämme des Nordens und Westens nicht wenig zu leiden. Bei den
+Lusitanern namentlich tat die ärmere Jugend regelmäßig sich in Räuberbanden
+zusammen und brandschatzte in hellen Haufen die Landsleute oder die Nachbarn,
+weshalb noch in viel späterer Zeit die einzeln gelegenen Bauernhöfe in dieser
+Gegend festungsartig angelegt und im Notfall verteidigungsfähig waren; und es
+gelang den Römern nicht, diesem Räuberwesen in den unwirtlichen und schwer
+zugänglichen lusitanischen Bergen ein Ende zu machen. Aber die bisherigen
+Kriege nahmen doch mehr und mehr den Charakter des Bandenunfugs an, den jeder
+leidlich tüchtige Statthalter mit den gewöhnlichen Mitteln niederzuhalten
+vermochte, und trotz dieser Heimsuchung der Grenzdistrikte war Spanien unter
+allen römischen Gebieten das blühendste und am besten organisierte Land; das
+Zehntensystem und die Mittelsmänner waren daselbst unbekannt, die Bevölkerung
+zahlreich und die Landschaft reich an Korn und Vieh.
+</p>
+
+<p>
+In einem weit unleidlicheren Mittelzustand zwischen formeller Souveränität und
+tatsächlicher Untertänigkeit befanden sich die afrikanischen, griechischen und
+asiatischen Staaten, welche durch die Kriege der Römer gegen Karthago,
+Makedonien und Syrien und deren Konsequenzen in den Kreis der römischen
+Hegemonie gezogen worden waren. Der unabhängige Staat bezahlt den Preis seiner
+Selbständigkeit nicht zu teuer, indem er die Leiden des Krieges auf sich nimmt,
+wenn es sein muß; der Staat, der die Selbständigkeit eingebüßt hat, mag
+wenigstens einen Ersatz darin finden, daß der Schutzherr ihm Ruhe schafft vor
+seinen Nachbarn. Allein diese Klientelstaaten Roms hatten weder Selbständigkeit
+noch Frieden. In Afrika bestand zwischen Karthago und Numidien tatsächlich ein
+ewiger Grenzkrieg. In Ägypten hatte zwar der römische Schiedsspruch den
+Sukzessionsstreit der beiden Brüder Ptolemaeos Philometor und Ptolemaeos des
+Dicken geschlichtet; allein die neuen Herren von Ägypten und von Kyrene führten
+nichtsdestoweniger Krieg um den Besitz von Kypros. In Asien waren nicht bloß
+die meisten Königreiche, Bithynien, Kappadokien, Syrien, gleichfalls durch
+Erbfolgestreitigkeiten und dadurch hervorgerufene Interventionen der
+Nachbarstaaten innerlich zerrissen, sondern es wurden auch vielfache und
+schwere Kriege geführt zwischen den Attaliden und den Galatern, zwischen den
+Attaliden und den bithynischen Königen, ja zwischen Rhodos und Kreta. Ebenso
+glimmten im eigentlichen Hellas die dort landüblichen zwerghaften Fehden, und
+selbst das sonst so ruhige makedonische Land verzehrte sich in dem inneren
+Hader seiner neuen demokratischen Verfassungen. Es war die Schuld der Herrscher
+wie der Beherrschten, daß die letzte Lebenskraft und der letzte Wohlstand der
+Nationen in diesen ziellosen Fehden vergeudet ward. Die Klientelstaaten hätten
+einsehen müssen, daß der Staat, der nicht gegen jeden, überhaupt nicht Krieg
+führen kann und daß, da der Besitzstand und die Machtstellung all dieser
+Staaten tatsächlich unter römischer Garantie stand, ihnen bei jeder Differenz
+nur die Wahl blieb, entweder mit den Nachbarn in Güte sich zu vergleichen oder
+die Römer zum Schiedsspruch aufzufordern. Wenn die achäische Tagsatzung von
+Rhodiern und Kretern um Bundeshilfe gemahnt ward und ernstlich über deren
+Absendung beratschlagte (601 153), so war dies einfach eine politische Posse;
+der Satz, den der Führer der römisch gesinnten Partei damals aufstellte, daß es
+den Achäern nicht mehr freistehe, ohne Erlaubnis der Römer Krieg zu führen,
+drückte, freilich mit übelklingender Schärfe, die einfache Wahrheit aus, daß
+die Souveränität der Dependenzstaaten eben nur eine formelle war und jeder
+Versuch, dem Schatten Leben zu verleihen, notwendig dahin führen mußte, auch
+den Schatten zu vernichten. Aber ein Tadel, schwerer als der gegen die
+Beherrschten, ist gegen die herrschende Gemeinde zu richten. Es ist für den
+Menschen wie für den Staat keine leichte Aufgabe, in die eigene
+Bedeutungslosigkeit sich zu finden; des Machthabers Pflicht und Recht ist es,
+entweder die Herrschaft aufzugeben oder durch Entwicklung einer imponierenden
+materiellen Überlegenheit die Beherrschten zur Resignation zu nötigen. Der
+römische Senat tat keines von beidem. Von allen Seiten angerufen und bestürmt,
+griff der Senat beständig ein in den Gang der afrikanischen, hellenischen,
+asiatischen, ägyptischen Angelegenheiten, allein in einer so unsteten und
+schlaffen Weise, daß durch diese Schlichtungsversuche die Verwirrung gewöhnlich
+nur noch ärger ward. Es war die Zeit der Kommissionen. Beständig gingen
+Beauftragte des Senats nach Karthago und Alexandreia, an die achäische
+Tagsatzung und die Höfe der vorderasiatischen Herren; sie untersuchten,
+inhibierten, berichteten, und dennoch ward in den wichtigsten Dingen nicht
+selten ohne Wissen und gegen den Willen des Senats verfahren. Es konnte
+geschehen, daß Kypros, welches der Senat dem Kyrenäischen Reich zugeschieden
+hatte, nichtsdestoweniger bei Ägypten blieb; daß ein syrischer Prinz den Thron
+seiner Vorfahren bestieg unter dem Vorgeben, ihn von den Römern zugesprochen
+erhalten zu haben, während in der Tat ihm derselbe vom Senate ausdrücklich
+abgeschlagen und er selbst nur durch Bannbruch von Rom entkommen war; ja daß
+die offenkundige Ermordung eines römischen Kommissars, der im Auftrag des
+Senats vormundschaftlich das Regiment von Syrien führte, gänzlich ungeahndet
+hinging. Die Asiaten wußten zwar sehr wohl, daß sie nicht imstande seien, den
+römischen Legionen zu widerstehen; aber sie wußten nicht minder, wie wenig der
+Senat geneigt war, den Bürgern Marschbefehl nach dem Euphrat oder dem Nil zu
+erteilen. So ging es in diesen entlegenen Landschaften zu wie in der
+Schulstube, wenn der Lehrer fern und schlaff ist; und Roms Regiment brachte die
+Völker zugleich um die Segnungen der Freiheit und um die der Ordnung. Für die
+Römer selbst aber war diese Lage der Dinge insofern bedenklich, als sie die
+Nord- und Ostgrenze gewissermaßen preisgab. Ohne daß Rom unmittelbar und rasch
+es zu verhindern vermochte, konnten hier, gestützt auf die außerhalb des
+Bereiches der römischen Hegemonie gelegenen Binnenlandschaften und im Gegensatz
+gegen die schwachen römischen Klientelstaaten, Reiche sich bilden von einer für
+Rom gefährlichen und früher oder später mit ihm rivalisierenden
+Machtentwicklung. Allerdings schirmte hiergegen einigermaßen der überall
+zerspaltene und nirgends einer großartigen staatlichen Entwicklung günstige
+Zustand der angrenzenden Nationen; aber dennoch erkennt man namentlich in der
+Geschichte des Ostens sehr deutlich, daß in dieser Zeit die Phalanx des
+Seleukos nicht mehr und die Legionen des Augustus noch nicht am Euphrat
+standen.
+</p>
+
+<p>
+Diesem Zustand der Halbheit ein Ende zu machen war hohe Zeit. Das einzig
+mögliche Ende aber war die Verwandlung der Klientelstaaten in römische Ämter,
+was um so eher geschehen konnte, als ja die römische Provinzialverfassung
+wesentlich nur die militärische Gewalt in der Hand des römischen Vogts
+zusammenfaßte und Verwaltung und Gerichte in der Hauptsache den Gemeinden
+blieben oder doch bleiben sollten, also, was von der alten politischen
+Selbständigkeit überhaupt noch lebensfähig war, sich in der Form der
+Gemeindefreiheit bewahren ließ. Zu verkennen war die Notwendigkeit dieser
+administrativen Reform nicht wohl; es fragte sich nur, ob der Senat dieselbe
+verzögern und verkümmern, oder ob er den Mut und die Macht haben werde, das
+Notwendige klar einzusehen und energisch durchzuführen.
+</p>
+
+<p>
+Blicken wir zunächst auf Afrika. Die von den Römern in Libyen gegründete
+Ordnung der Dinge ruhte wesentlich auf dem Gleichgewicht des Nomadenreiches
+Massinissas und der Stadt Karthago. Während jenes unter Massinissas
+durchgreifendem und klugem Regiment sich erweiterte, befestigte und
+zivilisierte, ward auch Karthago durch die bloßen Folgen des Friedensstandes
+wenigstens an Reichtum und Volkszahl wieder, was es auf der Höhe seiner
+politischen Macht gewesen war. Die Römer sahen mit übelverhehlter, neidischer
+Furcht die, wie es schien, unverwüstliche Blüte der alten Nebenbuhlerin; hatten
+sie bisher den beständig fortgesetzten Übergriffen Massinissas gegenüber
+derselben jeden ernstlichen Schutz verweigert, so fingen sie jetzt an, offen zu
+Gunsten des Nachbarn zu intervenieren. Der seit mehr als dreißig Jahren
+zwischen der Stadt und dem König schwebende Streit über den Besitz der
+Landschaft Emporia an der Kleinen Syrte, einer der fruchtbarsten des
+karthagischen Gebiets, ward endlich (um 594 160) von römischen Kommissarien
+dahin entschieden, daß die Karthager die noch in ihrem Besitz verbliebenen
+emporitanischen Städte zu räumen und als Entschädigung für die widerrechtliche
+Nutzung des Gebiets 500 Talente (860000 Taler) an den König zu zahlen hätten.
+Die Folge war, daß Massinissa sofort sich eines anderen karthagischen Bezirks
+an der Westgrenze des karthagischen Gebiets, der Stadt Tusca und der großen
+Felder am Bagradas, bemächtigte; den Karthagern blieb nichts übrig, als
+abermals in Rom einen hoffnungslosen Prozeß anhängig zu machen. Nach langem und
+ohne Zweifel absichtlichem Zögern erschien in Afrika eine zweite Kommission
+(597 157); als aber die Karthager auf einen, ohne genaue vorgängige
+Untersuchung der Rechtsfrage von derselben zu fällenden Schiedsspruch nicht
+unbedingt kompromittieren wollten, sondern auf eingehender Erörterung der
+Rechtsfrage bestanden, kehrten die Kommissare ohne weiteres wieder zurück nach
+Rom. Die Rechtsfrage zwischen Karthago und Massinissa blieb also unerledigt;
+aber die Sendung führte eine wichtigere Entscheidung herbei. Das Haupt dieser
+Kommission war der alte Marcus Cato gewesen, damals vielleicht der
+einflußreichste Mann im Senat und als Veteran aus dem Hannibalischen Kriege
+noch von dem vollen Pönerhaß und der vollen Pönerfurcht durchdrungen. Betroffen
+und mißgünstig hatte dieser mit eigenen Augen den blühenden Zustand der
+Erbfeinde Roms, die üppige Landschaft und die wogenden Gassen, die gewaltigen
+Waffenvorräte in den Zeughäusern und das reiche Flottenmaterial geschaut; schon
+sah er im Geiste einen zweiten Hannibal all diese Hilfsmittel gegen Rom
+verwenden. In seiner ehrlichen und mannhaften, aber durchaus bornierten Weise
+kam er zu dem Ergebnis, daß Rom nicht eher sicher sein werde, als bis Karthago
+vom Erdboden verschwunden sei, und entwickelte nach seiner Heimkehr diese
+Ansicht sofort im Senat. Dort widersetzten die freier blickenden Männer der
+Aristokratie, namentlich Scipio Nasica, sich dieser kümmerlichen Politik mit
+großem Ernst und entwickelten die Blindheit der Besorgnisse vor einer
+Kaufstadt, deren phönikische Bewohner mehr und mehr der kriegerischen Künste
+und Gedanken sich entwöhnten, und die vollkommene Verträglichkeit der Existenz
+dieser reichen Handelsstadt mit der politischen Suprematie Roms. Selbst die
+Umwandlung Karthagos in eine römische Provinzialstadt wäre ausführbar, ja,
+verglichen mit dem gegenwärtigen Zustand, den Phönikern selbst vielleicht nicht
+unwillkommen gewesen. Indes Cato wollte eben nicht die Unterwerfung, sondern
+den Untergang der verhaßten Stadt. Seine Politik fand, wie es scheint,
+Bundesgenossen teils an den Staatsmännern, die geneigt waren, die überseeischen
+Gebiete in unmittelbare Abhängigkeit von Rom zu bringen, teils und vor allem an
+dem mächtigen Einfluß der römischen Bankiers und Großhändler, denen nach der
+Vernichtung der reichen Geld- und Handelsstadt die Erbschaft derselben zufallen
+mußte. Die Majorität beschloß, bei der ersten passenden Gelegenheit - eine
+solche abzuwarten forderte die Rücksicht auf die öffentliche Meinung - den
+Krieg mit Karthago oder vielmehr die Zerstörung der Stadt zu bewirken.
+</p>
+
+<p>
+Die gewünschte Veranlassung fand sich rasch. Die erbitternden
+Rechtsverletzungen von Seiten Massinissas und der Römer brachten in Karthago
+den Hasdrubal und den Karthalo an das Regiment, die Führer der Patriotenpartei,
+welche, ähnlich der achäischen, zwar nicht daran dachte, gegen die römische
+Suprematie sich aufzulehnen, aber wenigstens die den Karthagern vertragsmäßig
+zustehenden Rechte gegen Massinissa, wenn nötig mit den Waffen, zu verteidigen
+entschlossen war. Die Patrioten ließen vierzig der entschiedensten Anhänger
+Massinissas aus der Stadt verbannen und das Volk schwören, ihnen unter keiner
+Bedingung je die Rückkehr zu gestatten; zugleich bildeten sie zur Abwehr gegen
+die von Massinissa zu erwartenden Angriffe aus den freien Numidiern ein starkes
+Heer unter Arkobarzanes, dem Enkel des Syphax (um 600 154). Massinissa indes
+war klug genug, jetzt nicht zu rüsten, sondern sich wegen des streitigen
+Gebiets am Bagradas unbedingt dem Schiedsspruch der Römer zu unterwerfen; und
+so konnte man römischerseits mit einigem Schein behaupten, daß die
+karthagischen Rüstungen gegen die Römer gerichtet sein müßten, und auf
+sofortige Entlassung des Heeres und Vernichtung der Flottenvorräte dringen. Der
+karthagische Rat wollte einwilligen, allein die Menge verhinderte die
+Ausführung des Beschlusses, und die römischen Boten, die diesen Bescheid nach
+Karthago überbracht hatten, schwebten in Lebensgefahr. Massinissa sandte seinen
+Sohn Gulussa nach Rom, um über die fortdauernden Vorbereitungen Karthagos für
+den Land- und den Seekrieg Bericht zu erstatten und die Kriegserklärung zu
+beschleunigen. Nachdem noch einmal eine Gesandtschaft von zehn Männern es
+bestätigt hatte, daß in Karthago in der Tat gerüstet werde (602 152), verwarf
+der Senat zwar die unbedingte Kriegserklärung, die Cato begehrte, beschloß aber
+in geheimer Sitzung, daß der Krieg erklärt sein solle, wenn die Karthager sich
+nicht dazu verstehen würden, ihr Heer zu entlassen und ihr Flottenmaterial zu
+verbrennen. Inzwischen hatte in Afrika der Kampf bereits begonnen. Massinissa
+hatte die von den Karthagern verbannten Leute unter Geleitschaft seines Sohnes
+Gulussa nach der Stadt zurückgesandt. Da die Karthager diesen die Tore
+schlossen, auch von den abziehenden Numidiern einige erschlugen, setzte
+Massinissa seine Truppen in Bewegung, und auch die karthagische Patriotenpartei
+machte sich kampffertig. Indes Hasdrubal, der an die Spitze ihrer Armee trat,
+war einer der gewöhnlichen Heerverderber, wie die Karthager sie zu Feldherren
+zu nehmen pflegten; im Feldherrnpurpur einherstolzierend wie ein Theaterkönig
+und seines stattlichen Bauches auch im Lager pflegend, war der eitle und
+schwerfällige Mann wenig geeignet, den Helfer zu machen in einer Bedrängnis,
+die vielleicht selbst Hamilkars Geist und Hannibals Arm nicht mehr hätten
+abwenden können. Vor den Augen des Scipio Aemilianus, der, damals Kriegstribun
+in der spanischen Armee, an Massinissa gesandt worden war, um seinem Feldherrn
+afrikanische Elefanten zuzuführen, und der bei dieser Gelegenheit von einem
+Berge herab &ldquo;wie Zeus vom Ida&rdquo; der Schlacht zuschaute, lieferten
+die Karthager und die Numidier sich ein großes Treffen, in welchem jene, obwohl
+durch 6000, von unzufriedenen Hauptleuten Massinissas ihnen zugeführte
+numidische Reiter verstärkt und an Zahl dem Feinde überlegen, dennoch den
+kürzeren zogen. Nach dieser Niederlage erboten sich die Karthager gegen
+Massinissa zu Gebietsabtretungen und Geldzahlungen, und Scipio versuchte auf
+ihr Anhalten, einen Vertrag zustande zu bringen; allein an der Weigerung der
+karthagischen Patrioten, die Überläufer auszuliefern, scheiterte das
+Friedensgeschäft. Hasdrubal aber, eng eingeschlossen von den Truppen des
+Gegners, wurde genötigt, alles zu bewilligen, was dieser forderte: Auslieferung
+der Überläufer, Rückkehr der Verbannten, Abgabe der Waffen, Abzug unter dem
+Joch, Zahlung von jährlich 100 Talenten (155000 Talern) für die nächsten
+fünfzig Jahre; und selbst dieser Vertrag wurde von den Numidiern nicht
+gehalten, sondern der entwaffnete Rest des karthagischen Heeres auf der
+Heimkehr von ihnen zusammengehauen.
+</p>
+
+<p>
+Die Römer, die sich wohl gehütet hatten, den Krieg selbst durch zeitige
+Dazwischenkunft zu verhindern, hatten jetzt, was sie wünschten: einen
+brauchbaren Kriegsgrund - denn die Bestimmungen des Vertrags, nicht gegen
+römische Bundesgenossen noch außerhalb der eigenen Grenzen Krieg zu führen,
+waren jetzt allerdings von den Karthagern übertreten worden - und einen bereits
+im voraus geschlagenen Gegner. Schon wurden die italischen Kontingente nach Rom
+gemahnt und die Schiffe zusammenberufen; jeden Augenblick konnte die
+Kriegserklärung da sein. Die Karthager boten alles auf, den drohenden Schlag
+abzuwenden. Die Führer der Patriotenpartei, Hasdrubal und Karthalo, wurden zum
+Tode verurteilt und eine Gesandtschaft nach Rom geschickt, um auf sie die
+Verantwortung zu wälzen. Allein, zugleich trafen Boten von Utica, der zweiten
+Stadt der libyschen Phöniker, dort ein, welche Vollmacht hatten, ihre Gemeinde
+den Römern völlig zu eigen zu geben - mit dieser zuvorkommenden Unterwürfigkeit
+verglichen, schien es fast Trotz, daß die Karthager sich begnügt hatten, die
+Hinrichtung ihrer angesehensten Männer unverlangt anzuordnen. Der Senat
+erklärte, daß die Entschuldigung der Karthager unzureichend befunden sei; auf
+die Frage, was denn genügen werde, hieß es, das sei den Karthagern ja bekannt.
+Freilich konnte man es wissen, was die Römer wollten; allein es schien doch
+wieder unmöglich zu glauben, daß nun wirklich für die liebe Heimatstadt die
+letzte Stunde gekommen sei. Noch einmal gingen karthagische Sendboten, diesmal
+ihrer dreißig und mit unbeschränkter Vollmacht, nach Rom. Als sie ankamen, war
+bereits der Krieg erklärt (Anfang 605 149) und das doppelte Konsularheer
+eingeschifft; doch versuchten sie noch jetzt, den Sturm durch vollständige
+Unterwerfung zu beschwören. Der Senat beschied sie, daß Rom bereit sei, der
+karthagischen Gemeinde ihr Gebiet, ihre städtische Freiheit und ihr Landrecht,
+ihr Gemeinde- und Privatvermögen zu garantieren, wofern sie den soeben nach
+Sizilien abgegangenen Konsuln binnen Monatsfrist in Lilybäon 300 Geiseln aus
+den Kindern der regierenden Familien stellen und die weiteren Befehle erfüllen
+würden, die ihnen die Konsuln nach ihrer Instruktion würden zugehen lassen. Man
+hat den Bescheid zweideutig genannt; sehr verkehrt, wie schon damals
+klarblickende Männer selbst unter den Karthagern hervorhoben. Daß alles, was
+man nur begehren konnte, garantiert ward mit einziger Ausnahme der Stadt, und
+daß keine Rede davon war, die Einschiffung der Truppen nach Afrika zu
+sistieren, zeigte sehr deutlich, was man beabsichtigte; der Senat verfuhr mit
+furchtbarer Härte, aber den Anschein der Nachgiebigkeit gab er sich nicht.
+Indes man wollte in Karthago nicht sehen; es fand sich kein Staatsmann, der die
+haltlose städtische Menge entweder zum vollen Widerstand oder zur vollen
+Resignation zu bewegen vermocht hätte. Als man zugleich das entsetzliche
+Kriegsdekret und die erträgliche Geiselforderung vernahm, fügte man zunächst
+sich dieser und hoffte weiter, weil man den Mut nicht hatte es auszudenken, was
+es heiße, sich der Willkür eines Todfeindes im voraus zu unterwerfen. Die
+Konsuln sandten die Geiseln von Lilybäon zurück nach Rom und beschieden die
+karthagischen Boten, das weitere in Afrika zu vernehmen. Ohne Widerstand
+geschah die Landung und wurden die geforderten Lebensmittel verabfolgt. Als im
+Hauptquartier von Utica die gesamte Gerusia von Karthago erschien, um die
+weiteren Befehle entgegenzunehmen, begehrten die Konsuln zunächst die
+Entwaffnung der Stadt. Auf die Frage der Karthager, wer sie sodann auch nur
+gegen ihre eigenen Ausgewanderten, gegen die auf 20000 Mann angeschwollene
+Armee des dem Todesurteil durch die Flucht entronnenen Hasdrubal beschützen
+solle, ward ihnen erwidert, daß dies die Sorge der Römer sein werde. Gehorsam
+erschien demnach der Rat der Stadt vor den Konsuln mit allem Flottenmaterial,
+allen Kriegsvorräten der öffentlichen Zeughäuser, allen im Privatbesitz
+befindlichen Waffen - man zählte 3000 Wurfgeschütze und 200000 volle Rüstungen
+- und fragte an, ob noch weiteres begehrt werde. Da erhob sich der Konsul
+Lucius Marcius Censorinus und eröffnete dem Rat, daß in Gemäßheit der vom Senat
+erlassenen Instruktion die bisherige Stadt zerstört werden müsse, den Bewohnern
+aber freistehe, sich wo sie sonst wollten auf ihrem Gebiet, jedoch mindestens
+zwei deutsche Meilen vom Meer entfernt, wiederum anzusiedeln. Dieser
+fürchterliche Befehl rüttelte in den Phönikern die ganze, soll man sagen
+hochherzige oder wahnwitzige Begeisterung auf, wie sie einst die Tyrier gegen
+Alexander und später die Juden gegen Vespasian bewiesen. Beispiellos wie die
+Geduld war, mit der diese Nation Knechtschaft und Druck zu ertragen vermochte,
+ebenso beispiellos war jetzt, wo es sich nicht um Staat und Freiheit handelte,
+sondern um den eigenen, geliebten Boden der Vaterstadt und die altgewohnte
+teure Meeresheimat, die rasende Empörung der kaufmännischen und seefahrenden
+Bevölkerung. Von Hoffnung und Rettung konnte nicht die Rede sein; der
+politische Verstand gebot ohne Frage auch jetzt sich zu fügen - aber die Stimme
+der wenigen, welche mahnten, das Unvermeidliche auf sich zu nehmen, verscholl
+wie der Ruf des Fährmanns im Orkan in dem brausenden Wutgeheul der Menge, die
+in ihrem wahnsinnigen Toben teils an den Beamten der Stadt sich vergriff,
+welche zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten, teils die
+unschuldigen Träger der Botschaft, so viele von ihnen überhaupt heimzukehren
+gewagt hatten, die Schreckenskunde entgelten ließ, teils die zufällig in der
+Stadt verweilenden Italiker zerriß, um wenigstens an diesen die Rache
+vorwegzunehmen für die Vernichtung der Heimat. Man beschloß nicht sich zu
+wehren; wehrlos wie man war, verstand sich dies von selbst. Die Tore wurden
+geschlossen, auf die von Wurfgeschossen entblößten Mauerzinnen Steine
+geschafft, der Oberbefehl an Hasdrubal, den Tochtersohn Massinissas,
+übertragen, die Sklaven sämtlich frei erklärt. Das Emigrantenheer unter dem
+flüchtigen Hasdrubal, das mit Ausnahme der von den Römern besetzten Städte an
+der Ostküste, Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus und Achulla und der Stadt
+Utica, das ganze karthagische Gebiet innehatte und für die Verteidigung eine
+unschätzbare Stütze bot, ward ersucht, der Gemeinde seinen Beistand in dieser
+höchsten Not nicht zu versagen. Zugleich versuchte man, in echt phönikischer
+Weise die grenzenloseste Erbitterung unter dem Mantel der Demut versteckend,
+den Feind zu täuschen. Es ging eine Botschaft an die Konsuln, um dreißigtägigen
+Waffenstillstand zur Absendung einer Gesandtschaft nach Rom zu erbitten. Die
+Karthager wußten wohl, daß die Feldherrn diese einmal schon abgeschlagene Bitte
+weder gewähren wollten noch konnten; allein die Konsuln wurden dadurch bestärkt
+in der natürlichen Voraussetzung, daß nach dem ersten Ausbruch der Verzweiflung
+die gänzlich wehrlose Stadt sich fügen werde, und verschoben deshalb den
+Angriff. Die kostbare Zwischenzeit ward benutzt, um Wurfgeschütze und Rüstungen
+herzustellen; Tag und Nacht ward ohne Unterschied des Alters und Geschlechts an
+Maschinen und Waffen gezimmert und gehämmert; um Balken und Metall zu erlangen,
+wurden die öffentlichen Gebäude niedergerissen; um die für die Wurfgeschütze
+unentbehrlichen Sehnen herzustellen, schoren die Frauen sich das Haar; in
+unglaublich kurzer Zeit waren die Mauern und die Männer wieder bewehrt. Daß
+dies alles geschehen konnte, ohne daß die wenige Meilen entfernten Konsuln
+etwas davon erfuhren, ist nicht der am wenigsten wunderbare Zug in dieser
+wunderbaren, von einem wahrhaft genialen, ja dämonischen Volkshaß getragenen
+Bewegung. Als endlich die Konsuln, des Wartens müde, aus dem Lager bei Utica
+aufbrachen und bloß mit Leitern die nackten Mauern ersteigen zu können meinten,
+fanden sie mit Staunen und Schrecken die Zinnen aufs neue mit Katapulten
+gekrönt und die große volkreiche Stadt, welche man gleich einem offenen Flecken
+zu besetzen gehofft hatte, fähig und bereit, sich bis auf den letzten Mann zu
+verteidigen.
+</p>
+
+<p>
+Karthago war sehr fest durch die Natur seiner Lage 3 wie durch die Kunst seiner
+gar oft auf den Schutz ihrer Mauern angewiesenen Bewohner. In den weiten
+Tunesischen Golf, den westlich Kap Farina, östlich Kap Bon begrenzen, springt
+in der Richtung von Westen nach Osten eine Landspitze vor, die an drei Seiten
+vom Meer umflossen ist und nur gegen Westen mit dem Festland zusammenhängt.
+Diese Landspitze, an der schmalsten Stelle nur etwa eine halbe deutsche Meile
+breit und im ganzen flach, erweitert sich wieder gegen den Golf und endigt hier
+in den beiden Höhen von Dschebel-Khawi und Sidi bu Said, zwischen denen die
+Fläche von El Mersa sich ausdehnt. Auf dem südlichen, mit der Höhe von Sidi bu
+Said abschließenden Teil derselben lag die Stadt Karthago. Der ziemlich steile
+Abfall jener Höhe gegen den Golf und dessen zahlreiche Klippen und Untiefen
+gaben an der Golfseite der Stadt natürliche Festigkeit, und es genügte hier
+eine einfache Umwallung. Dagegen auf die Mauer an der West- oder Landseite, wo
+die Natur keinen Schutz bot, war alles verwendet, was die damalige
+Befestigungskunst vermochte. Sie bestand, wie die kürzlich aufgedeckten, mit
+der Beschreibung des Polybios genau übereinstimmenden Überreste gezeigt haben,
+aus einer Außenmauer von 6½ Fuß Dicke und an diese hinterwärts, wahrscheinlich
+in ihrer ganzen Ausdehnung, angelehnten ungeheuren Kasematten, welche durch
+einen 6 Fuß breiten bedeckten Gang von der Außenmauer getrennt waren und, die
+jede reichlich 3 Fuß breiten Vorder- und Hintermauern nicht gerechnet, eine
+Tiefe von 11 Fuß hatten 4. Dieser ungeheure, durchaus aus mächtigen Quadern
+zusammengefügte Wall erhob sich in zwei Stockwerken, die Zinnen und die
+mächtigen vier Stockwerke hohen Türme ungerechnet, zu einer Höhe von 45 Fuß 5
+und gewährte in dem untern Stockwerke der Kasematten Stallung und
+Futtermagazine für 300 Elefanten, in dem oberen Pferdeställe, Magazin- und
+Kasernenräume 6. Der Burghügel, die Byrsa (syrisch birtha = Burg), ein
+verhältnismäßig bedeutender Fels von 188 Fuß Höhe und an der Unterfläche einem
+Umfang von reichlich 2000 Doppelschritten 7, griff in diese Mauer an ihrem
+südlichen Ende ein, ähnlich wie die Felswand des Kapitols in den römischen
+Stadtwall. Die obere Fläche desselben trug den gewaltigen, auf einem Unterbau
+von sechzig Stufen ruhenden Tempel des Heilgottes. Die Südseite der Stadt
+bespülte teils der seichte Tunesische See im Südwesten, den eine von der
+karthagischen Halbinsel südwärts auslaufende schmale und niedrige Landzunge 8
+fast gänzlich von dem Golfe schied, teils im Südosten der offene Golf. An
+dieser letzten Stelle befand sich der Doppelhafen der Stadt, ein Werk von
+Menschenhand: der äußere oder der Handelshafen, ein längliches, die schmale
+Seite dem Meere zuwendendes Viereck, von dessen nur 70 Fuß breiter Mündung nach
+beiden Seiten breite Kais am Wasser sich hinzogen, und der innere kreisrunde
+Kriegshafen, der Kothon 9, mit der das Admiralhaus tragenden Insel in der
+Mitte, in den man durch den äußeren gelangte. Zwischen beiden ging die
+Stadtmauer durch, die, von der Byrsa ostwärts sich wendend, die Landzunge und
+den Außenhafen aus-, dagegen den Kriegshafen einschloß, so daß die Einfahrt in
+den letzteren gleich einem Tor verschließbar gedacht werden muß. Unweit des
+Kriegshafens lag der Marktplatz, der durch drei enge Straßen mit der nach der
+Stadtseite offenen Burg verbunden war. Nördlich von und außerhalb der
+eigentlichen Stadt hatte der ziemlich beträchtliche, schon zu jener Zeit
+großenteils mit Landhäusern und wohlbewässerten Gärten gefüllte Raum der
+heutigen El Mersa, damals Magalia genannt, eine eigene, an die Stadtmauer sich
+anlehnende Umwallung. Auf der gegenüberliegenden Spitze der Halbinsel, dem
+Dschebel-Khawi bei dem heutigen Dorfe Qamart, lag die Gräberstadt. Diese drei,
+die Alt-, die Vor- und die Gräberstadt, füllten zusammen die ganze Breite der
+Landspitze an ihrer dem Golf zugewandten Seite aus und waren nur zugänglich auf
+den beiden Hauptstraßen nach Utica und Tunes über jene schmale Landzunge, die
+zwar nicht mit einer Mauer geschlossen war, aber doch für die unter dem Schutze
+der Hauptstadt und wieder zu deren Schutz sich aufstellenden Heere die
+vorteilhafteste Stellung darbot.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+3 Der Zug der Küste ist im Laufe der Jahrhunderte so verändert worden, daß man
+an der alten Stätte die ehemaligen Lokalverhältnisse nur unvollkommen
+wiedererkennt. Den Namen der Stadt bewahrt das Kap Kartadschena, auch von dem
+dort befindlichen Heiligengrab Ras Sidi bu Said genannt, die in den Golf
+hineinragende östliche Spitze der Halbinsel und ihr höchster 393 Fuß über dem
+Meere gelegener Punkt.
+</p>
+
+<p>
+4 Die von C. E. Beulé (Fouilles à Carthage. Paris 1861) mitgeteilten Tiefmaße
+sind in Metern und in griechischen Fuß (1 = 0,309):
+</p>
+
+<p>
+Außenmauer
+</p>
+
+<p>
+2 Meter = 6½ Fuß
+</p>
+
+<p>
+Korridor
+</p>
+
+<p>
+9 Meter = 6 Fuß
+</p>
+
+<p>
+Vordermauer der Kasematten
+</p>
+
+<p>
+1 Meter = 3¼Fuß
+</p>
+
+<p>
+Kasemattensäle
+</p>
+
+<p>
+4,2 Meter = 14 Fuß
+</p>
+
+<p>
+Hintermauer der Kasematten
+</p>
+
+<p>
+1 Meter = 3¼Fuß
+</p>
+
+<p>
+Gesamttiefe der Mauer
+</p>
+
+<p>
+10,1 Meter = 33 Fuß
+</p>
+
+<p>
+oder, wie Diodor (p. 522) angibt, 22 Ellen (1 griechische Elle = 1½ Fuß),
+während Livius (bei Oros. bist. 4, 22) und Appian (Pun. 95), die eine andere,
+minder genaue Stelle des Polybios vor Augen gehabt zu haben scheinen, die
+Mauertiefe auf 30 Fuß ansetzen. Die dreifache Mauer Appians, über die bisher
+durch Florus (epit. 1, 31) eine falsche Vorstellung verbreitet war, ist die
+Außenmauer, die Vorder- und die Hintermauer der Kasematten. Daß dies
+Zusammentreffen nicht zufällig ist und wir hier in der Tat die Überreste der
+berühmten karthagischen Mauer vor uns haben, wird jedem einleuchten; N.
+Davis&rsquo; Einwürfe (Carthage and her remains. 1861, S. 370f.) zeigen nur,
+daß gegen die wesentlichen Ergebnisse Beulés auch mit dem besten Willen wenig
+auszurichten ist. Nur muß man festhalten, daß die alten Berichterstatter die
+Angaben, um die es sich handelt, sämtlich nicht von der Burgmauer geben,
+sondern von der Stadtmauer an der Landseite, von der die Mauer an der Südseite
+des Burghügels ein integrierender Teil war (Gros. bist. 4, 22). Dazu stimmt,
+daß die Ausgrabungen auf dem Burghügel gegen Osten, Norden und Westen nirgends
+Spuren von Befestigungen, dagegen an der Südseite eben jene großartigen
+Mauerreste gezeigt haben. Es ist kein Grund vorhanden, dieselben als Überreste
+einer besonderen, von der Stadtmauer verschiedenen Burgbefestigung anzusehen;
+weitere Grabungen in entsprechender Tiefe - das Fundament der an der Byrsa
+aufgefundenen Stadtmauer liegt 56 Fuß unter dem heutigen Boden - werden
+vermutlich längs der ganzen Landseite gleiche oder doch ähnliche Fundamente zu
+Tage fördern, wenn auch wahrscheinlich da wo die ummauerte Vorstadt Magalia
+sich an die Hauptmauer anlehnte, die Befestigung entweder von Haus aus
+schwächer gewesen oder früh vernachlässigt worden ist. Wie lang die Mauer im
+ganzen war, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen; doch ergibt sich, da 300
+Elefanten hier Stallung fanden und auch deren Futtermagazine und vielleicht
+noch andere Räumlichkeiten sowie die Tore in Anrechnung zu bringen sind, schon
+hieraus eine sehr ansehnliche Längenentwicklung. Daß die innere Stadt, in deren
+Mauer die Byrsa einbegriffen war, zumal im Gegensatz zu der besonders
+ummauerten Vorstadt Magalia zuweilen selber Byrsa genannt wird (App. Pun. 117;
+Nepos bei Serv. Aen. 1, 368), ist leicht begreiflich.
+</p>
+
+<p>
+5 So rechnet Appian a.a.O.; Diodor gibt, wahrscheinlich mit Einrechnung der
+Zinnen, die Höhe auf 40 Ellen oder 60 Fuß. Der erhaltene Überrest ist noch
+12-16 Fuß (4-5 Meter) hoch.
+</p>
+
+<p>
+6 Die bei der Ausgrabung zu Tage gekommenen hufeisenförmigen Säle haben eine
+Tiefe von 14, eine Breite von 11 griechischen Fuß; die Weite der Eingänge wird
+nicht angegeben. Ob diese Maße und die Verhältnisse des Korridors ausreichen,
+um in ihnen Elefantenställe zu erkennen, bleibt durch genauere Ermittlung
+festzustellen. Die Zwischenmauern, die die Säle voneinander scheiden, haben die
+Dicke von 1,1 Meter = 3½ Fuß.
+</p>
+
+<p>
+7 Oros. hist. 4, 22. Reichlich 2000 Schritte oder - wie Polybios gesagt haben
+wird - 16 Stadien sind ungefähr 3000 Meter. Der Burghügel, auf dem jetzt die
+Kirche des hl. Ludwig steht, mißt oben etwa 1400, auf der halben Höhe etwa 2600
+Meter im Umkreis (Beule, Fouilles, S. 22); auf den unteren Umfang wird jene
+Angabe recht gut auskommen.
+</p>
+
+<p>
+8 Sie trägt jetzt das Fort Goletta.
+</p>
+
+<p>
+9 Daß dieses phönikische Wort das kreisförmig ausgegrabene Bassin bezeichnet,
+zeigt sowohl Diod. 3, 44 wie die Bedeutung Becher, in der die Griechen dasselbe
+verwenden. Es paßt also nur auf den inneren Hafen Karthagos, und davon brauchen
+es auch Strabon (17, 2, 14; wo es eigentlich für die Admiralinsel gesetzt ist)
+und Festus (v. cothones p. 37). Appian (Pun. 127) bezeichnet nicht ganz genau
+den viereckigen Vorhafen des Kothon als Teil desselben.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die schwierige Arbeit, eine so wohlbefestigte Stadt zu bezwingen, wurde noch
+dadurch erschwert, daß teils die Hilfsmittel der Hauptstadt selbst und des noch
+immer 800 Ortschaften umfassenden und von der Emigrantenpartei größtenteils
+beherrschten Gebietes, teils die zahlreichen mit Massinissa verfeindeten Stämme
+der ganz oder halb freien Libyer den Karthagern gestatteten, sich nicht auf die
+Verteidigung der Stadt zu beschränken, sondern zugleich ein zahlreiches Heer im
+Felde zu halten, welches bei der verzweifelten Stimmung der Emigranten und der
+Brauchbarkeit der leichten numidischen Reiterei von den Belagerern nicht außer
+acht gelassen werden durfte.
+</p>
+
+<p>
+Es hatten somit die Konsuln eine keineswegs leichte Aufgabe zu lösen, als sie
+nun doch sich genötigt sahen, die Belagerung regelrecht zu beginnen. Manius
+Manilius, der das Landheer befehligte, schlug sein Lager der Burgmauer
+gegenüber, während Lucius Censorinus mit der Flotte an dem See sich aufstellte
+und dort auf der Landzunge die Operationen begann. Die karthagische Armee unter
+Hasdrubal lagerte an dem andern Ufer des Sees bei der Festung Nepheris, von wo
+aus sie den zum Holzfällen für den Maschinenbau ausgeschickten römischen
+Soldaten ihre Arbeit erschwerte und namentlich der tüchtige Reiterführer
+Himilkon Phameas den Römern viele Leute tötete. Indes stellte Censorinus auf
+der Landzunge zwei große Sturmböcke her und brach mit ihnen Bresche an dieser
+schwächsten Stelle der Mauer; der Sturm indes mußte, da es Abend geworden,
+verschoben werden. In der Nacht gelang es den Belagerten, einen großen Teil der
+Bresche zu füllen und durch einen Ausfall die römischen Maschinen so zu
+beschädigen, daß sie am nächsten Tage nicht weiterarbeiten konnten. Dennoch
+wagten die Römer den Sturm; allein sie fanden die Bresche und die nächsten
+Mauerabschnitte und Häuser stark besetzt und gingen so unvorsichtig vor, daß
+sie mit starkem Verlust zurückgeschlagen wurden und noch weit größere Nachteile
+erlitten haben würden, wenn nicht der Kriegstribun Scipio Aemilianus, den
+Ausgang des tolldreisten Angriffs vorhersehend, seine Leute vor den Mauern
+zusammengehalten und mit ihnen die Flüchtenden aufgenommen hätte. Noch viel
+weniger richtete Manilius gegen die unbezwingliche Burgmauer aus. So zog die
+Belagerung sich in die Länge. Die durch die Sommerhitze im Lager erzeugten
+Krankheiten, die Abreise des fähigeren Feldherrn Censorinus, endlich die
+Verstimmung und Untätigkeit Massinissas, der begreiflicherweise die Römer sehr
+ungern die längst begehrte Beute für sich selber nehmen sah, und der bald
+darauf (Ende 605 149) erfolgte Tod des neunzigjährigen Königs brachten die
+Offensivoperationen der Römer völlig ins Stocken. Sie hatten genug zu tun, um
+ihre Schiffe gegen die karthagischen Brander und ihr Lager gegen die
+nächtlichen Überfälle zu schützen und durch Anlegung eines Hafenkastells und
+Streifzüge in die Umgegend Nahrung für Menschen und Pferde zu beschaffen. Zwei
+gegen Hasdrubal gerichtete Expeditionen blieben beide ohne Erfolg, ja die erste
+hätte bei der schlechten Führung auf dem schwierigen Terrain fast mit einer
+förmlichen Niederlage geendigt. So ruhmlos dieser Krieg für den Feldherrn wie
+für das Heer verlief, so glänzend tat der Kriegstribun Scipio darin sich
+hervor. Er war es, der bei dem Nachtsturm der Feinde auf das römische Lager,
+mit einigen Reiterschwadronen ausrückend und den Feind in den Rücken fassend,
+ihn zum Umkehren nötigte. Auf dem ersten Zug nach Nepheris machte er nach dem
+Flußübergang, der wider seinen Rat stattgefunden hatte und fast das Verderben
+des Heeres geworden wäre, durch einen verwegenen Seitenangriff dem
+rückkehrenden Heer Luft und befreite eine schon verloren gegebene Abteilung
+durch seinen aufopfernden Heldenmut. Während die übrigen Offiziere, der Konsul
+vor allem, durch ihre Wortlosigkeit die zu Unterhandlungen geneigten Städte und
+Parteiführer zurückschreckten, gelang es Scipio, einen der tüchtigsten von
+diesen, Himilkon Phameas, mit 2200 Reitern zum Übertritt zu bestimmen. Endlich,
+nachdem er, den Auftrag des sterbenden Massinissa erfüllend, unter dessen drei
+Söhne, die Könige Micipsa, Gulussa und Mastanabal, das Reich geteilt hatte,
+führte er in Gulussa einen seines Vaters würdigen Reiterführer dem römischen
+Heer zu und half damit dem bisher empfindlich gefühlten Mangel an leichter
+Reiterei ab. Sein feines und doch schlichtes Wesen, das mehr an seinen
+leiblichen Vater erinnerte als an den, dessen Namen er trug, bezwang auch den
+Neid, und im Lager wie in der Hauptstadt war Scipios Name auf allen Lippen.
+Selbst Cato, der nicht freigebig mit seinem Lobe war, wandte wenige Monate vor
+seinem Tode - er starb am Ende des Jahres 605 (149), ohne den Wunsch seines
+Lebens, die Vernichtung Karthagos, erfüllt gesehen zu haben - auf den jungen
+Offizier und seine unfähigen Kameraden die Homerische Zeile an: &ldquo;Einzig
+er ist ein Mann, die andern sind wandelnde Schatten ^10.&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^10 Οιος πέπυται, τοί δέ σκιαί αίσσουσιν.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Über diese Vorgänge war der Jahresschluß und damit der Kommandowechsel
+herangekommen: ziemlich spät erschien der Konsul Lucius Piso (606 148) und
+übernahm den Oberbefehl des Landheeres so wie Lucius Mancinus den der Flotte.
+Indes, hatten die Vorgänger wenig geleistet, so geschah nun gar nichts. Statt
+mit der Belagerung Karthagos oder der Überwindung der Armee Hasdrubals
+beschäftigte Piso sich damit, die kleinen phönikischen Seestädte anzugreifen
+und auch dies meist ohne Erfolg, wie zum Beispiel Clupea ihn zurückschlug und
+er von Hippon Diarrhytos, nachdem er den ganzen Sommer davor verloren hatte und
+das Belagerungsgerät ihm zweimal verbrannt worden war, schimpflich abziehen
+mußte. Neapolis ward zwar genommen; aber die Plünderung der Stadt gegen das
+gegebene Ehrenwort war auch dem Fortgang der römischen Waffen nicht sonderlich
+günstig. Der Mut der Karthager stieg. Ein numidischer Scheik Bithyas ging mit
+800 Pferden zu ihnen über; karthagische Gesandte konnten es versuchen, mit den
+Königen von Numidien und Mauretanien, ja, mit dem falschen Philippos von
+Makedonien Verbindungen einzuleiten. Vielleicht mehr die inneren Zerwürfnisse -
+Hasdrubal der Emigrant verdächtigte den gleichnamigen Feldherrn, der in der
+Stadt befehligte, wegen seiner Verwandtschaft mit Massinissa und ließ ihn im
+Rathause erschlagen - als die Tätigkeit der Römer verhinderten eine für
+Karthago noch günstigere Wendung der Dinge. So griff man in Rom, um dem
+besorglichen Stand der afrikanischen Angelegenheiten Wandel zu schaffen, zu der
+außerordentlichen Maßregel, dem einzigen Mann, der bis jetzt von den libyschen
+Feldern Ehre heimgebracht hatte und den sein Name selbst für diesen Krieg
+empfahl, dem Scipio, statt der Ädilität, um die er eben sich bewarb, mit
+Beseitigung der entgegenstehenden Gesetze vor der Zeit das Konsulat und durch
+besonderen Beschluß die Führung des Afrikanischen Krieges zu übertragen. Er
+traf (607 147) in Utica in einem Augenblick ein, wo viel auf dem Spiel stand.
+Der römische Admiral Mancinus, von Piso mit der nominellen Fortsetzung der
+Belagerung der Hauptstadt beauftragt, hatte eine steile, von dem bewohnten
+Bezirk weit entlegene und kaum verteidigte Klippe an der schwer zugänglichen
+Seite der Außenstadt Magalia besetzt und fast seine gesamte, nicht zahlreiche
+Mannschaft dort vereinigt, in der Hoffnung, von hier aus in die Außenstadt
+eindringen zu können. In der Tat waren die Angreifer schon einen Augenblick
+innerhalb der Tore derselben gewesen, und schon war der Lagertroß in der
+Hoffnung auf Beute in Masse herbeigeströmt, als sie wieder auf die Klippe
+zurückgedrängt wurden und ohne Zufuhr und fast abgeschnitten in der größten
+Gefahr schwebten. So fand Scipio die Lage der Dinge. Kaum angekommen, entsandte
+er die mitgebrachte Mannschaft und die Miliz von Utica zu Schiff nach dem
+bedrohten Punkt, und es gelang, dessen Besatzung zu retten und die Klippe
+selbst zu behaupten. Nachdem diese Gefahr abgewendet schien, begab der Feldherr
+sich in das Lager Pisos, um das Heer zu übernehmen und nach Karthago
+zurückzuführen. Hasdrubal aber und Bithyas benutzten seine Abwesenheit, um ihr
+Lager unmittelbar an die Stadt zu rücken und den Angriff auf die Besatzung der
+Klippe von Magalia zu erneuern; indes auch jetzt erschien Scipio mit dem
+Vortrab der Hauptarmee zeitig genug, um dem Posten abermals Beistand zu
+leisten. Danach begann von neuem und ernstlicher die Belagerung. Vor allen
+Dingen säuberte Scipio das Lager von der Masse des Trosses und der Marketender
+und zog die erschlafften Zügel der Disziplin wieder mit Strenge an. Bald nahmen
+auch die militärischen Operationen einen lebhafteren Gang. Bei einem
+nächtlichen Angriff auf die Außenstadt gelangten von einem Turme aus, der den
+Mauern an Höhe gleich vor denselben stand, die Römer auf die Zinnen und
+öffneten ein Pförtchen, durch das das ganze Heer eindrang. Die Karthager gaben
+die Außenstadt und das Lager vor den Toren auf und übertrugen den Oberbefehl
+über die auf 30000 Mann sich belaufende städtische Besatzung an Hasdrubal. Der
+neue Kommandant bewies seine Energie zuvörderst dadurch, daß er sämtliche
+römische Gefangenen auf die Mauerzinnen bringen und sie vor den Augen des
+Belagerungsheeres nach grausamen Martern in die Tiefe stürzen ließ; und als
+hierüber Stimmen des Tadels sich erhoben, wurde auch gegen die Bürger die
+Schreckensherrschaft eingeführt. Scipio inzwischen suchte, nachdem er die Stadt
+auf sich selber beschränkt hatte, ihr den Verkehr nach außen hin völlig
+abzuschneiden. Er selbst nahm sein Hauptquartier auf dem Erdrücken, durch den
+die karthagische Halbinsel mit dem Festland zusammenhängt, und schlug hier
+trotz der vielfachen Versuche der Karthager, den Bau zu stören, ein großes,
+diesen Rücken in seiner ganzen Breite schließendes Lager, das die Stadt nach
+der Landseite hin vollständig absperrte. Indes liefen noch immer
+Proviantschiffe in den Hafen ein, teils kühne Kauffahrer, die der hohe Gewinn
+lockte, teils Schiffe des Bithyas, der von Nepheris am Ende des Tunesischen
+Sees aus jeden günstigen Fahrwind benutzte, um Lebensmittel nach der Stadt zu
+bringen; wie auch daselbst die Bürgerschaft schon litt, die Besatzung war noch
+hinreichend versorgt. Scipio zog deshalb von der Landzunge zwischen See und
+Golf in den letzteren hinein einen Steindamm von 96 Fuß Breite, um damit die
+Hafenmündung zu sperren. Die Stadt schien verloren, als das Gelingen dieses
+anfangs von den Karthagern als unausführbar verspotteten Unternehmens offenbar
+ward. Aber eine Überraschung machte die andere wett. Während die römischen
+Arbeiter an dem Damm schanzten, wurde auch im karthagischen Hafen zwei Monate
+lang Tag und Nacht gearbeitet, ohne daß selbst die Überläufer zu sagen wußten,
+was die Belagerten beabsichtigten. Plötzlich, als eben die Römer mit der
+Verbauung des Hafeneingangs fertig waren, segelten aus demselben Hafen fünfzig
+karthagische Dreidecker und eine Anzahl Boote und Kähne hinaus in den Golf -die
+Karthager hatten, während die Feinde die alte Hafenmündung gegen Süden
+sperrten, durch einen in östlicher Richtung gezogenen Kanal sich einen neuen
+Ausgang geschaffen, welcher bei der Tiefe des Meeres an dieser Stelle unmöglich
+gesperrt werden konnte. Hätten die Karthager, statt mit dem Paradezug sich zu
+begnügen, sofort sich mit Entschlossenheit auf die halbabgetakelte und völlig
+unvorbereitete römische Flotte gestürzt, so war diese verloren; als sie am
+dritten Tage wiederkehrten, um die Seeschlacht zu liefern, fanden sie die Römer
+gerüstet. Der Kampf verlief ohne Entscheidung; bei der Rückfahrt aber stopften
+sich die karthagischen Schiffe so sehr in und vor der Hafenmündung, daß der
+dadurch entstandene Schaden einer Niederlage gleichkam. Scipio richtete nun
+seine Angriffe auf den äußeren Hafenkai, welcher außerhalb der Stadtmauern lag
+und nur durch einen vor kurzem angelegten Erdwall notdürftig geschützt war. Die
+Maschinen wurden auf der Landzunge aufgestellt und eine Bresche war leicht
+gemacht; aber mit beispielloser Unerschrockenheit griffen die Karthager, die
+Untiefen durchwatend, das Belagerungszeug an, verjagten die
+Besatzungsmannschaft, welche so ins Laufen kam, daß Scipio seine eigenen Reiter
+auf sie einhauen lassen mußte, und zerstörten die Maschinen. Auf diese Weise
+gewannen sie Zeit, die Bresche zu schließen. Scipio stellte indes die Maschinen
+wieder her und schoß die Holztürme der Feinde in Brand, wodurch er den Kai und
+damit den Außenhafen in seine Gewalt bekam. Ein der Stadtmauer an Höhe
+gleichkommender Wall wurde hier aufgeführt, und es war jetzt endlich die Stadt
+von der Land- wie von der Seeseite vollständig abgesperrt, da man nur durch den
+äußeren in den inneren Hafen gelangte. Um die Blockade vollständig zu sichern,
+ließ Scipio das Lager bei Nepheris, das jetzt Diogenes befehligte, von Gaius
+Laelius angreifen; durch eine glückliche Kriegslist ward es erobert und die
+ganze dort versammelte zahllose Menschenmasse getötet oder gefangen. Darüber
+war der Winter herangekommen, und Scipio stellte die Operationen ein, es dem
+Hunger und den Seuchen überlassend, das Begonnene zu vollenden. Wie furchtbar
+die Gewaltigen des Herrn inzwischen an dem Vernichtungswerk gearbeitet hatten,
+während Hasdrubal freilich fortfuhr zu prahlen und zu prassen, zeigte sich, so
+wie im Frühling 608 (146) das römische Heer zum Angriff gegen die innere Stadt
+überging. Hasdrubal ließ den Außenhafen anzünden und machte sich bereit, den
+auf den Kothon erwarteten Sturm abzuschlagen; aber Laelius gelang es, weiter
+aufwärts die von der ausgehungerten Besatzung kaum noch verteidigte Mauer zu
+übersteigen und so bis an den inneren Hafen vorzudringen. Die Stadt war
+erobert, aber der Kampf noch keineswegs zu Ende. Die Angreifer besetzten den an
+den kleinen Hafen anstoßenden Markt und drangen in den drei schmalen, von
+diesem nach der Burg zu führenden Straßen langsam vor - langsam, denn von den
+gewaltigen bis zu sechs Stockwerken hohen Häusern mußte eines nach dem andern
+erstürmt werden; auf den Dächern oder auf über die Straße gelegten Balken drang
+der Soldat von einem dieser festungsähnlichen Gebäude in das benachbarte oder
+gegenüberstehende vor und stieß nieder, was darin ihm vorkam. So verflossen
+sechs Tage, schreckliche für die Bewohner der Stadt und auch für die Angreifer
+voll Not und Gefahr; endlich langte man vor dem steilen Burgfelsen an, auf den
+sich Hasdrubal und die noch übrige Mannschaft zurückgezogen hatten. Um einen
+breiteren Aufweg zu bekommen, befahl Scipio, die eroberten Straßen anzuzünden
+und den Schutt zu planieren, bei welcher Veranlassung eine Menge in den Häusern
+versteckter kampfunfähiger Personen elend umkamen. Da endlich bat der auf der
+Burg zusammengedrängte Rest der Bevölkerung um Gnade. Das nackte Leben ward
+ihnen zugestanden und sie erschienen vor dem Sieger, 30000 Männer und 25000
+Frauen, nicht der zehnte Teil der ehemaligen Bevölkerung. Einzig die römischen
+Überläufer, 900 an der Zahl, und der Feldherr Hasdrubal mit seiner Gattin und
+seinen beiden Kindern hatten sich in den Tempel des Heilgottes geworfen: für
+sie, für die desertierten Soldaten wie für den Mörder der römischen Gefangenen,
+gab es keinen Vertrag. Aber als nun, dem Hunger erliegend, die entschlossensten
+unter ihnen den Tempel anzündeten, ertrug Hasdrubal es nicht, dem Tode ins Auge
+zu sehen; einzeln entrann er zu dem Sieger und bat kniefällig um sein Leben. Es
+ward ihm gewährt; aber wie seine Gattin, die mit ihren Kindern unter den
+übrigen auf dem Tempeldach sich befand, ihn zu den Füßen Scipios erblickte,
+schwoll ihr das stolze Herz über diese Schändung der teuren untergehenden
+Heimat und den Gemahl mit bitteren Worten erinnernd, seines Lebens sorglich zu
+schonen, stürzte sie erst die Söhne und dann sich selber in die Flammen. Der
+Kampf war zu Ende. Der Jubel im Lager wie in Rom war grenzenlos; nur die
+Edelsten des Volkes schämten im stillen sich der neuesten Großtat der Nation.
+Die Gefangenen wurden größtenteils zu Sklaven verkauft; einzelne ließ man im
+Kerker verkommen; die vornehmsten, Bithyas und Hasdrubal, wurden als römische
+Staatsgefangene in Italien interniert und leidlich behandelt. Das bewegliche
+Gut, soweit es nicht Gold und Silber war oder Weihgeschenk, ward den Soldaten
+zur Plünderung preisgegeben; von den Tempelschätzen ward die in besseren Zeiten
+von Karthago aus den sizilischen Städten weggeführte Beute diesen
+zurückgestellt, wie zum Beispiel der Stier des Phalaris den Akragantinern; das
+übrige, fiel an den römischen Staat.
+</p>
+
+<p>
+Indes noch stand die Stadt zum bei weitem größten Teil. Es ist glaublich, daß
+Scipio die Erhaltung derselben wünschte; wenigstens richtete er deswegen noch
+eine besondere Anfrage an den Senat. Scipio Nasica versuchte noch einmal, die
+Forderungen der Vernunft und der Ehre geltend zu machen; es war vergebens. Der
+Senat befahl dem Feldherrn, die Stadt Karthago und die Außenstadt Magalia dem
+Boden gleich zu machen, desgleichen alle Ortschaften, die es bis zuletzt mit
+Karthago gehalten; sodann über den Boden Karthagos den Pflug zu führen, um der
+Existenz der Stadt in Form Rechtens ein Ende zu machen, und Grund und Boden auf
+ewige Zeiten zu verwünschen, also daß weder Haus noch Kornfeld je dort
+entstehen möge. Es geschah wie befohlen war. Siebzehn Tage brannten die Ruinen;
+als vor kurzem die Überreste der karthagischen Stadtmauer aufgegraben wurden,
+fand man sie bedeckt mit einer vier bis fünf Fuß tiefen, von halb verkohlten
+Holzstücken, Eisentrümmern und Schleuderkugeln erfüllten Aschenlage. Wo die
+fleißigen Phöniker ein halbes Jahrtausend geschafft und gehandelt hatten,
+weideten fortan römische Sklaven die Herden ihrer fernen Herren. Scipio aber,
+den die Natur zu einer edleren als zu dieser Henkerrolle bestimmt hatte, sah
+schaudernd auf sein eigenes Werk, und statt der Siegesfreude erfaßte den Sieger
+selber die Ahnung der solcher Untat unausbleiblich nachfolgenden Vergeltung.
+</p>
+
+<p>
+Es blieb noch übrig, für die künftige Organisation der Landschaft die
+Einrichtungen zu treffen. Die frühere Weise, mit den gewonnenen überseeischen
+Besitzungen die Bundesgenossen zu belehnen, ward nicht ferner beliebt. Micipsa
+und seine Brüder behielten im wesentlichen ihr bisheriges Gebiet mit Einschluß
+der kürzlich am Bagradas und in Emporia den Karthagern entrissenen Distrikte;
+die lange genährte Hoffnung, Karthago zur Hauptstadt zu erhalten, ward für
+immer vereitelt; dafür verehrte ihnen der Senat die karthagischen
+Büchersammlungen. Die karthagische Landschaft, wie die Stadt sie zuletzt
+besessen hatte, das heißt der schmale, Sizilien zunächst gegenüberliegende
+Küstenstrich von Afrika, vom Tuscafluß (bei Thabzaca) bis Thaenae (der Insel
+Kerkena gegenüber), ward eine römische Provinz. Im Binnenland, wo die
+übergriffe Massinissas die karthagische Herrschaft fortwährend weiter
+beschränkt hatten und schon Bulla, Zama, Aquae den Königen gehörten, blieb den
+Numidiern, was sie besaßen. Allein die sorgfältige Regulierung der Grenze
+zwischen der römischen Provinz und dem auf drei Seiten dieselbe einschließenden
+numidischen Königreich zeugte davon, daß Rom gegen sich keineswegs dulden
+werde, was es gegen Karthago verstattet hatte; wogegen der Name der neuen
+Provinz, Africa, andererseits darauf hinzudeuten schien, daß Rom die
+gegenwärtig abgesteckte Grenze durchaus nicht als eine definitive betrachte.
+Die Oberverwaltung der neuen Provinz übernahm ein römischer Statthalter, dessen
+Sitz Utica wurde. Einer regelmäßigen Grenzverteidigung bedurfte dieselbe nicht,
+da das verbündete Numidische Reich sie überall von den Bewohnern der Wüste
+schied. Hinsichtlich der Abgaben verfuhr man im ganzen mit Milde. Diejenigen
+Gemeinden, die seit Anfang des Krieges auf seiten der Römer gestanden hatten -
+es waren dies nur die Seestädte Utica, Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus,
+Achulla, Usalis und die Binnenstadt Theudalis -, behielten ihre Mark und wurden
+Freistädte; dasselbe Recht empfing die neugegründete Gemeinde der Überläufer.
+Das Stadtgebiet Karthagos, mit Ausnahme eines an Utica verschenkten Striches,
+und das der übrigen zerstörten Ortschaften ward römisches Domanialland, welches
+man durch Verpachtung verwertete. Die übrigen Ortschaften verloren gleichfalls
+dem Rechte nach ihr Bodeneigentum und ihre städtischen Freiheiten; doch wurde
+ihnen ihr Acker und ihre Verfassung bis auf weitere Anordnung der römischen
+Regierung vorläufig als widerruflicher Besitz gelassen und zahlten die
+Gemeinden für die Nutzung des römisch gewordenen Bodens jährlich nach Rom eine
+ein für allemal normierte Abgabe (stipendium), welche sie dann ihrerseits
+mittels einer Vermögenssteuer von den einzelnen Abgabepflichtigen
+wiedereinzogen. Die eigentlichen Gewinner aber bei dieser Zerstörung der ersten
+Handelsstadt des Westens waren die römischen Kaufleute, welche, sowie Karthago
+in Asche lag, scharenweise nach Utica strömten und von dort aus nicht bloß die
+römische Provinz, sondern auch die bis dahin ihnen verschlossenen numidischen
+und gätulischen Landschaften auszubeuten begannen.
+</p>
+
+<p>
+Um dieselbe Zeit wie Karthago verschwand auch Makedonien aus der Reihe der
+Nationen. Die vier kleinen Eidgenossenschaften, in die die Weisheit des
+römischen Senats das alte Königreich zerstückelt hatte, konnten in sich und
+untereinander nicht zum Frieden kommen; wie es in dem Lande zuging, zeigt ein
+einzelner, zufällig erwähnter Vorfall in Phakos, wo der gesamte Regierungsrat
+einer dieser Eidgenossenschaften auf Anstiften eines gewissen Damasippos
+ermordet wurde. Weder die Kommissionen, die der Senat abordnete (590 164), noch
+die nach griechischer Sitte von den Makedoniern herbeigerufenen fremden
+Schiedsrichter, wie zum Beispiel Scipio Aemilianus (603 151), vermochten einen
+leidlichen Zustand herzustellen. Da erschien plötzlich in Thrakien ein junger
+Mann, der sich Philippos nannte, den Sohn des Königs Perseus, welchem er
+auffallend glich, und der syrischen Laodike. Seine Jugend hatte er in der
+mysischen Stadt Adramytion verlebt; hier behauptete er die sicheren Beweise
+seiner hohen Abstammung erhalten zu haben. Mit diesen hatte er, nach einem
+vergeblichen Versuch, in seinem Heimatland sich geltend zu machen, sich an
+seiner Mutter Bruder, König Demetrios Soter von Syrien, gewandt. Es fanden sich
+in der Tat einige Männer, die dem Adramytener glaubten oder zu glauben vorgaben
+und den König bestürmten, den Prinzen entweder in sein angeerbtes Reich
+wiedereinzusetzen oder ihm die Krone Syriens abzutreten; worauf Demetrios, um
+dem tollen Treiben ein Ende zu machen, den Prätendenten festnahm und den Römern
+zuschickte. Indes der Senat achtete des Menschen so wenig, daß er ihn in einer
+italischen Stadt konfinierte, ohne ihn auch nur ernstlich bewachen zu lassen.
+So war er nach Milet entflohen, wo die städtischen Behörden ihn abermals
+aufgriffen und bei römischen Kommissarien anfragten, was sie mit dem Gefangenen
+machen sollten. Diese rieten, ihn laufen zu lassen; es geschah. Jetzt versuchte
+er denn weiter in Thrakien sein Glück; und wunderbarerweise fand er hier
+Anerkennung und Unterstützung, nicht bloß bei den thrakischen Barbarenfürsten
+Teres, dem Gemahl seiner Vaterschwester, und Barsabas, sondern auch bei den
+klugen Byzantiern. Mit thrakischer Unterstützung drang der sogenannte Philipp
+in Makedonien ein, und obwohl er anfangs geschlagen ward, erfocht er doch bald
+einen Sieg über das makedonische Aufgebot in der Odomantike jenseits des
+Strymon und darauf einen zweiten diesseits des Flusses, der ihm den Besitz von
+ganz Makedonien verschaffte. So apokryphisch seine Erzählung klang und so
+entschieden es feststand, daß der echte Philippos Perseus&rsquo; Sohn achtzehn
+Jahre alt in Alba gestorben und dieser Mensch nichts weniger als ein
+makedonischer Prinz, sondern der adramytenische Walker Andriskos sei, so war
+man doch in Makedonien der Königsherrschaft zu sehr gewohnt, um nicht mit der
+Legitimitätsfrage sich rasch abzufinden und gern in das alte Gleis
+wiedereinzulenken. Schon kamen Boten von den Thessalern, daß der Prätendent in
+ihr Gebiet eingerückt sei; der römische Kommissar Nasica, der in der Erwartung,
+daß das erste ernste Wort dem törichten Beginnen ein Ende machen werde, vom
+Senat ohne Soldaten nach Makedonien gesandt worden war, mußte die achäische und
+pergamenische Mannschaft aufbieten und mit den Achäern Thessalien gegen die
+Übermacht, soweit es anging, schirmen, bis (605? 149) der Prätor Juventius mit
+einer Legion erschien. Dieser griff mit seiner geringen Streitmacht die
+Makedonier an; allein er selber fiel, sein Heer ging fast ganz zugrunde und
+Thessalien geriet zum größten Teil in die Gewalt des falschen Philippos, der
+sein Regiment hier und in Makedonien in grausamer und übermütiger Weise
+handhabte. Endlich betrat ein stärkeres römisches. Heer unter Quintus Caecilius
+Metellus den Kampfplatz und drang, unterstützt durch die pergamenische Flotte,
+in Makedonien ein. Zwar behielten in dem ersten Reitergefecht die Makedonier
+die Oberhand; allein bald traten Spaltungen und Desertionen im makedonischen
+Heer ein, und der Fehler des Prätendenten, sein Heer zu teilen und die eine
+Hälfte nach Thessalien zu detachieren, verschaffte den Römern einen leichten
+und entscheidenden Sieg (606 148). Philippos flüchtete nach Thrakien zu dem
+Häuptling Byzes, wohin Metellus ihm folgte und nach einem zweiten Sieg seine
+Auslieferung erlangte.
+</p>
+
+<p>
+Die vier makedonischen Eidgenossenschaften hatten sich dem Prätendenten nicht
+freiwillig unterworfen, sondern waren lediglich der Gewalt gewichen. Nach der
+bisher befolgten Politik lag also kein Grund vor, den Makedoniern den Schatten
+von Selbständigkeit zu nehmen, den die Schlacht von Pydna ihnen noch gelassen
+hatte; dennoch wurde das Reich Alexanders jetzt auf Befehl des Senats von
+Metellus in eine römische Provinz verwandelt. Sehr deutlich ward es hier, daß
+die römische Regierung ihr System geändert und das Klientel- durch das
+Untertanenverhältnis zu ersetzen beschlossen hatte; und darum wurde die
+Einziehung der vier makedonischen Eidgenossenschaften in dem ganzen Kreise der
+Klientelstaaten als ein gegen alle gerichteter Schlag empfunden. Die früher
+nach den ersten römischen Siegen von Makedonien abgerissenen Besitzungen in
+Epeiros, die Ionischen Inseln und die Häfen Apollonia und Epidamnos, welche
+bisher zu dem italischen Beamtensprengel gehört hatten, wurden jetzt wieder mit
+Makedonien vereinigt, so daß dasselbe, wahrscheinlich schon um diese Zeit, im
+Nordosten bis jenseits Skodra reichte, wo Illyricum begann. Ebenso fiel die
+Schutzherrlichkeit, die Rom über das eigentliche Griechenland in Anspruch nahm,
+von selbst dem neuen Statthalter von Makedonien zu. So erhielt Makedonien die
+Einigkeit zurück und auch ungefähr wieder die Grenzen, wie es sie in seiner
+blühendsten Zeit gehabt; aber es war nicht mehr ein einiges Reich, sondern eine
+einige Provinz, mit kommunaler und selbst wie es scheint landschaftlicher
+Organisation, jedoch unter einem italischen Vogt und Schatzmeister, deren Namen
+auch wohl auf den Landesmünzen neben dem der Landschaft erscheinen. Als Steuer
+blieb die alte mäßige Abgabe, wie Paullus sie angeordnet hatte, eine Summe von
+100 Talenten (155000 Talern), die in festen Beträgen auf die einzelnen
+Gemeinden umgelegt war. Dennoch vermochte das Land seiner alten ruhmreichen
+Dynastie noch nicht zu vergessen. Wenige Jahre nach der Besiegung des falschen
+Philippos pflanzte ein anderer angeblicher Perseussohn, Alexander, am Nestos
+(Karasu) die Fahne der Insurrektion auf und hatte in kurzer Zeit 1600 Mann
+vereinigt; allein der Quästor Lucius Tremellius ward des Aufstandes ohne Mühe
+Herr und verfolgte den fliehenden Prätendenten bis nach Dardanien (612 142).
+Dies aber ist auch die letzte Regung des stolzen makedonischen Nationalsinns,
+der zwei Jahrhunderte zuvor in Hellas und Asien so große Dinge vollbracht
+hatte; seitdem ist von den Makedoniern kaum etwas anderes zu berichten, als daß
+sie fortfuhren, von dem der definitiven Provinzialorganisation der Landschaft
+(608 146) an ihre tatenlosen Jahre zu zählen.
+</p>
+
+<p>
+Fortan waren es die Römer, denen die Verteidigung der makedonischen Nord- und
+Ostgrenzen, das heißt der Grenze der hellenischen Zivilisation gegen die
+Barbaren, oblag. Sie ward von ihnen mit unzulänglichen Streitkräften und im
+ganzen nicht mit der gebührenden Energie geführt; doch ist zunächst für diesen
+militärischen Zweck die große Egnatische Chaussee angelegt worden, welche schon
+zu Polybios&rsquo; Zeit von den beiden Haupthäfen an der Westküste, Apollonia
+und Dyrrhachion, quer durch das Binnenland nach Thessalonike, später noch
+weiter bis an den Hebros (Maritza) lief ^11. Die neue Provinz ward die
+natürliche Basis teils für die Züge gegen die unruhigen Dalmater, teils für die
+zahlreichen Expeditionen gegen die nordwärts der griechischen Halbinsel
+ansässigen illyrischen, keltischen und thrakischen Stämme, die später in ihrem
+geschichtlichen Zusammenhang darzustellen sein werden.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^11 Als Handelsstraße zwischen dem Adriatischen und Schwarzen Meer, als
+diejenige nämlich, in deren Mitte die kerkyräischen Weinkrüge den thasischen
+und lesbischen begegnen, kennt diese Straße schon der Verfasser der
+pseudo-aristotelischen Schrift &lsquo;Von den merkwürdigen Dingen&rsquo;. Auch
+heute noch läuft dieselbe wesentlich in gleicher Richtung von Durazzo, die
+Berge von Bagora (Kandavisches Gebirge) am See von Ochrida (Lychnitis)
+durchschneidend, über Monastir nach Saloniki.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Mehr als Makedonien hatte das eigentliche Griechenland sich der Gunst der
+herrschenden Macht zu erfreuen; und die Philhellenen Roms mochten wohl der
+Ansicht sein, daß daselbst die Nachwehen des Perseischen Krieges im
+Verschwinden und die Verhältnisse überhaupt auf dem Wege zum Besseren seien.
+Die verbissensten Aufhetzer der jetzt herrschenden Partei, Lykiskos der Ätoler,
+Mnasippos der Böoter, Chrematas der Akarnane, der schandbare Epeirote Charops,
+dem selbst ehrenhafte Römer ihr Haus verboten, stiegen einer nach dem andern
+ins Grab; ein anderes Geschlecht wuchs heran, in dem die alten Erinnerungen und
+die alten Gegensätze verblaßt waren. Der römische Senat meinte die Zeit des
+allgemeinen Vergebens und Vergessens gekommen und entließ im Jahre 604 (150)
+die noch übrigen der seit siebzehn Jahren in Italien konfinierten achäischen
+Patrioten, deren Freigebung die achäische Tagsatzung nicht aufgehört hatte zu
+fordern. Dennoch irrte man sich. Wie wenig es den Römern mit all ihrem
+Philhellenentum gelungen war, den hellenischen Patriotismus innerlich zu
+versöhnen, offenbarte sich in nichts so deutlich wie in der Stellung der
+Griechen zu den Attaliden. König Eumenes II. war als Römerfreund in
+Griechenland im höchsten Grade verhaßt gewesen; kaum aber war zwischen ihm und
+den Römern eine Verstimmung eingetreten, als er in Griechenland plötzlich
+populär ward; wie früher von Makedonien erwartete der hellenische Euelpides den
+Erlöser aus der Fremdherrschaft jetzt von Pergamon. Vor allen Dingen aber stieg
+in der sich selbst überlassenen hellenischen Kleinstaaterei zusehends die
+soziale Zerrüttung. Das Land verödete, nicht durch Krieg und Pest, sondern
+durch die immer weiter um sich greifende Abneigung der höheren Stände, mit Frau
+und Kindern sich zu plagen; dafür strömte wie bisher das verbrecherische oder
+leichtsinnige Gesindel vorwiegend nach Griechenland, um daselbst den
+Werbeoffizier zu erwarten. Die Gemeinden versanken in immer tiefere
+Verschuldung und in ökonomische Ehr- und die daranhängende Kreditlosigkeit;
+einzelne Städte, namentlich Athen und Theben, griffen in ihrer Finanznot
+geradezu zum Räuberhandwerk und plünderten die Nachbargemeinden aus. Auch der
+innere Hader in den Bünden, zum Beispiel zwischen den freiwilligen und den
+gezwungenen Mitgliedern der Achäischen Eidgenossenschaft, war keineswegs
+beigelegt. Wenn die Römer, wie es scheint, glaubten, was sie wünschten, und der
+augenblicklich herrschenden Ruhe vertrauten, so sollten sie bald erfahren, daß
+die jüngere Generation in Hellas um nichts besser und um nichts klüger als die
+ältere war. Die Gelegenheit, um mit den Römern Händel anzufangen, brach man
+geradezu vom Zaune.
+</p>
+
+<p>
+Um einen schmutzigen Handel zu bedecken, warf um das Jahr 605 (149) der zeitige
+Vorstand der Achäischen Eidgenossenschaft, Diäos, auf der Tagsatzung die
+Behauptung hin, daß die den Lakedaemoniern als Glied der Achäischen
+Eidgenossenschaft von dieser zugestandenen Sonderrechte, die Befreiung von der
+achäischen Kriminaljurisdiktion und das Recht, Sondergesandtschaften nach Rom
+zu schicken, ihnen keineswegs von den Römern gewährleistet seien. Es war eine
+freche Lüge; allein die Tagsatzung glaubte natürlich, was sie wünschte, und da
+sich die Achäer bereit zeigten, ihre Behauptungen mit den Waffen in der Hand
+wahrzumachen, gaben die schwächeren Spartaner vorläufig nach, oder vielmehr
+diejenigen, deren Auslieferung von den Achäern begehrt ward, verließen die
+Stadt, um als Kläger vor dem römischen Senat aufzutreten. Der Senat antwortete
+wie gewöhnlich, daß er eine Kommission zur Untersuchung der Sache senden werde;
+allein statt dieses Bescheides berichteten die Boten, in Achaia wie in Sparta
+und beide falsch, daß der Senat zu ihren Gunsten entschieden habe. Die Achäer,
+die wegen der soeben in Thessalien geleisteten Bundeshilfe gegen den falschen
+Philippos sich mehr als je in bundesgenössischer Gleichheit und politischer
+Gewichtigkeit fühlten, rückten im Jahre 606 (148) unter ihrem Strategen
+Damokritos in Lakonike ein; vergeblich mahnte, von Metellus aufgefordert, eine
+nach Asien durchpassierende römische Gesandtschaft, Frieden zu halten und die
+Kommissarien des Senats zu erwarten. Eine Schlacht ward geliefert, in der bei
+1000 Spartaner fielen, und Sparta hätte genommen werden können, wenn Damokritos
+nicht als Offizier ebenso untüchtig gewesen wäre wie als Staatsmann. Er ward
+abgesetzt, und sein Nachfolger Diäos, der Anstifter all dieses Unfugs, setzte
+den Krieg eifrig fort, während er gleichzeitig den gefürchteten Kommandanten
+von Makedonien der vollen Botmäßigkeit der Achäischen Eidgenossenschaft
+versichern ließ. Darüber erschien die lange erwartete römische Kommission, an
+ihrer Spitze Aurelius Orestes; nun ruhten die Waffen und die achäische
+Tagsatzung versammelte sich in Korinth, um ihre Eröffnungen entgegenzunehmen.
+Sie waren unerwarteter und unerfreulicher Art. Die Römer hatten sich
+entschlossen, die unnatürliche und usurpierte Einreihung Spartas unter die
+achäischen Staaten wiederaufzuheben und überhaupt gegen die Achäer
+durchzugreifen. Schon einige Jahre zuvor (591 163) hatten dieselben die
+ätolische Stadt Pleuron aus ihrem Bund entlassen müssen; jetzt wurden sie
+angewiesen auf sämtliche seit dem Zweiten Makedonischen Krieg gemachte
+Erwerbungen, das heißt auf Korinth, Orchomenos, Argos, Sparta im Peloponnes und
+Herakleia am Ota, zu verzichten und ihren Bund wieder auf den Bestand am Ende
+des Hannibalischen Krieges zurückzuführen. Wie dies die achäischen Abgeordneten
+vernahmen, stürmten sie sofort auf den Markt, ohne die Römer auch nur
+auszuhören, und teilten die römischen Forderungen der Menge mit, worauf der
+regierende und der regierte Pöbel einhellig beschloß, zu allervörderst
+sämtliche in Korinth anwesende Lakedämonier festzusetzen, da ja Sparta dies
+Unglück über sie gebracht habe. Die Verhaftung erfolgte denn auch in der
+tumultuarischsten Weise, so daß Lakonername oder Lakonerschuhe als hinreichende
+Einsperrungsgründe erschienen: ja man drang sogar in die Wohnungen der
+römischen Gesandten, um die dorthin geflüchteten Lakedaemonier festzunehmen,
+und es fielen gegen die Römer harte Reden, obgleich man an ihrer Person sich
+nicht vergriff. Indigniert kehrten dieselben heim und führten bittere, selbst
+übertriebene Beschwerde im Senat; dennoch beschränkte sich dieser mit derselben
+Mäßigung, die all seine Maßregeln gegen die Griechen bezeichnet, zunächst auf
+Vorstellungen. In der mildesten Form und der Genugtuung für die erlittenen
+Beleidigungen kaum erwähnend, wiederholte Sextus Iulius Caesar auf der
+Tagsatzung in Aegion (Frühling 607 147) die Befehle der Römer. Aber die Leiter
+der Dinge in Achaia, an ihrer Spitze der neue Strateg Kritolaos (Strateg Mai
+607 bis Mai 608 147/46), zogen als staatskluge und in der höheren Politik
+wohlbewanderte Leute daraus bloß den Schluß, daß die römischen Angelegenheiten
+gegen Karthago und Viriathus sehr schlecht stehen müßten, und fuhren fort, die
+Römer zugleich zu prellen und zu beleidigen. Caesar ward ersucht, zur
+Ausgleichung der Sache eine Zusammenkunft von Abgeordneten der streitenden
+Teile in Tegea zu veranstalten; es geschah, allein nachdem Caesar und die
+lakedämonischen Gesandten daselbst lange vergeblich auf die Achäer gewartet
+hatten, erschien endlich Kritolaos allein und zeigte an, daß lediglich die
+allgemeine Volksversammlung der Achäer in dieser Sache kompetent sei und
+dieselbe erst auf der Tagsatzung, das heißt in sechs Monaten, erledigt werden
+könne. Caesar ging darauf nach Rom zurück; die nächste Volksversammlung der
+Achäer aber erklärte auf Kritolaos&rsquo; Antrag förmlich den Krieg gegen
+Sparta. Auch jetzt noch machte Metellus einen Versuch, den Zwist in Güte
+beizulegen, und schickte Gesandte nach Korinth; allein die lärmende Ekklesia,
+größtenteils bestehend aus dem Pöbel der reichen Handels- und Fabrikstadt,
+übertobte die Stimme der römischen Gesandten und zwang sie, die Rednerbühne zu
+verlassen. Kritolaos&rsquo; Erklärung, daß man die Römer wohl zu Freunden, aber
+nicht zu Herren wünsche, ward mit unsäglichem Jubel aufgenommen, und als die
+Mitglieder der Tagsatzung sich ins Mittel legen wollten, schützte der Pöbel den
+Mann seines Herzens und beklatschte die Stichwörter von dem Landesverrat der
+Reichen und der notwendigen Militärdiktatur sowie die geheimnisvollen Winke
+über die nahe bevorstehende Schilderhebung unzähliger Völker und Könige gegen
+Rom. Von welchem Geist die Bewegung beseelt war, zeigten die beiden Beschlüsse,
+daß bis zum hergestellten Frieden alle Klubs permanent sein und alle
+Schuldklagen ruhen sollten. Man hatte also Krieg, ja sogar auch wirkliche
+Bundesgenossen: die Thebaner und Böoter nämlich und ferner die Chalkidenser.
+Schon zu Anfang des Jahres 608 (146) rückten die Achäer in Thessalien ein, um
+Herakleia am Öta, das in Gemäßheit des Senatsbeschlusses sich von der
+Achäischen Eidgenossenschaft losgesagt hatte, wieder zum Gehorsam zu bringen.
+Der Konsul Lucius Mummius, den der Senat nach Griechenland zu senden
+beschlossen hatte, war noch nicht eingetroffen; demnach übernahm es Metellus
+mit den makedonischen Legionen, Herakleia zu schützen. Als dem
+achäisch-thebanischen Heer das Anrücken der Römer gemeldet ward, war von
+Schlagen nicht mehr die Rede; man ratschlagte einzig, wie es wohl gelingen
+möchte, den sicheren Peloponnes wieder zu erreichen; eiligst machte die Armee
+sich davon und versuchte nicht einmal, die Stellung bei den Thermopylen zu
+halten. Metellus indes beschleunigte die Verfolgung und erreichte und schlug
+das griechische Heer bei Skarpheia in Lokris. Der Verlust an Gefangenen und
+Toten war beträchtlich; von Kritolaos ward nach der Schlacht nie wieder eine
+Kunde vernommen. Die Trümmer der geschlagenen Armee irrten in einzelnen Trupps
+in den hellenischen Landschaften umher und baten überall umsonst um Aufnahme;
+die Abteilung von Paträ ward in Phokis, das arkadische Elitenkorps bei
+Chäroneia aufgerieben; ganz Nordgriechenland wurde geräumt, und von dem
+Achäerheer und der in Masse flüchtenden Bürgerschaft von Theben gelangte nur
+ein geringer Teil in den Peloponnes. Metellus suchte durch die möglichste Milde
+die Griechen zum Aufgeben des sinnlosen Widerstandes zu bestimmen und befahl
+zum Beispiel, alle Thebaner mit Ausnahme eines einzigen laufen zu lassen; seine
+wohlgemeinten Versuche scheiterten nicht an der Energie des Volkes, sondern an
+der Desperation der um ihren eigenen Kopf besorgten Führer. Diäos, der nach
+Kritolaos&rsquo; Fall wieder den Oberbefehl übernommen hatte, berief alle
+Waffenfähigen auf den Isthmos und befahl, 12000 in Griechenland geborene
+Sklaven in das Heer einzustellen; die Reichen wurden zu Vorschüssen angehalten
+und unter den Friedensfreunden, soweit sie nicht durch Bestechung der
+Schreckensherren ihr Leben erkauften, durch Blutgerichte aufgeräumt. Der Kampf
+ging also fort und in dem gleichen Stile. Die achäische Vorhut, die 4000 Mann
+stark unter Alkamenes bei Megara stand, verlief sich, sowie sie die römischen
+Feldzeichen gewahrte. Die Hauptmacht auf dem Isthmos wollte Metellus eben
+angreifen lassen, als der Konsul Lucius Mummius mit wenigen Begleitern im
+römischen Hauptquartier eintraf und das Kommando übernahm. Inzwischen boten die
+Achäer, ermutigt durch einen gelungenen Angriff auf die allzu unvorsichtigen
+römischen Vorposten, der römischen um das Doppelte überlegenen Armee bei
+Leukopetra auf dem Isthmos die Schlacht an. Die Römer zögerten nicht sie
+anzunehmen. Gleich zu Anfang rissen die achäischen Reiter in Masse aus vor der
+sechsfach stärkeren römischen Reiterei; die Hopliten standen dem Feinde, bis
+ein Flankenangriff des römischen Elitenkorps auch in ihre Reihen Verwirrung
+brachte. Damit war der Widerstand zu Ende. Diäos floh in seine Heimat, tötete
+sein Weib und nahm selber Gift; die Städte unterwarfen sich sämtlich ohne
+Gegenwehr, und sogar das unbezwingliche Korinth, in das einzurücken Mummius
+drei Tage zauderte, weil er einen Hinterhalt besorgte, ward ohne Schwertstreich
+von den Römern besetzt.
+</p>
+
+<p>
+Die neue Regelung der griechischen Verhältnisse ward in Gemeinschaft mit einer
+Kommission von zehn Senatoren dem Konsul Mummius übertragen, der sich in dem
+eroberten Lande im ganzen ein gesegnetes Andenken erwarb. Zwar war es, gelind
+gesagt, eine Torheit, daß er seiner Kriegs- und Siegestaten wegen den Namen des
+&ldquo;Achaikers&rdquo; annahm und dem Hercules Sieger dankerfüllt einen Tempel
+erbaute; allein als Verwalter erwies er, der nicht in aristokratischem Luxus
+und aristokratischer Korruption aufgewachsen, sondern ein &ldquo;neuer
+Mann&rdquo; und verhältnismäßig unbemittelt war, sich gerecht und mild. Es ist
+eine rednerische Übertreibung, daß von den Achäern bloß Diäos, von den Böotern
+bloß Pytheas umgekommen seien; in Chalkis namentlich fielen arge Greuel vor; im
+ganzen ward aber doch in den Strafgerichten Maß gehalten. Den Antrag, die
+Statuen des Begründers der achäischen Patriotenpartei, des Philopömen,
+umzustürzen, wies Mummius zurück; die den Gemeinden auferlegten Geldbußen
+wurden nicht für die römische Kasse, sondern für die geschädigten griechischen
+Städte bestimmt, größtenteils auch später erlassen und das Vermögen derjenigen
+Hochverräter, die Eltern oder Kinder hatten, nicht von Staats wegen verkauft,
+sondern diesen überwiesen. Nur die Kunstschätze wurden aus Korinth, Thespiä und
+anderen Städten weggeführt und teils in der Hauptstadt, teils in den
+Landstädten Italiens aufgestellt ^12, einzelne Stücke auch den isthmischen,
+delphischen und olympischen Tempeln verehrt. Auch in der definitiven
+Organisation der Landschaft im allgemeinen waltete die Milde. Zwar wurden, wie
+es die Provinzialverfassung mit sich brachte, die Sondereidgenossenschaften,
+vor allem die achäische, als solche aufgelöst, die Gemeinden isoliert und durch
+die Bestimmung, daß niemand in zweien derselben zugleich Grundbesitz erwerben
+dürfe, der Zwischenverkehr gehemmt. Ferner wurden, wie es schon Flamininus
+versucht hatte, die demokratischen Stadtverfassungen durchaus beseitigt und in
+jeder Gemeinde einem aus den Vermögenden gebildeten Rat das Regiment in die
+Hand gegeben. Auch wurde jeder Gemeinde eine feste, nach Rom zu entrichtende
+Abgabe auferlegt und sie sämtlich dem Statthalter von Makedonien in der Art
+untergeordnet, daß diesem als oberstem Militärchef auch in Verwaltung und
+Gerichtsbarkeit eine Oberleitung zustand und er zum Beispiel wichtigere
+Kriminalprozesse zur Entscheidung an sich ziehen konnte. Dennoch blieb den
+griechischen Gemeinden die &ldquo;Freiheit&rdquo;, das heißt eine, freilich
+durch die römische Hegemonie zum Namen zusammengeschwundene, formelle
+Souveränität, welche das Eigentum an Grund und Boden und das Recht eigener
+Verwaltung und Gerichtsbarkeit in sich schloß ^13. Einige Jahre später ward
+sogar nicht bloß ein Schatten der alten Eidgenossenschaften wieder gestattet,
+sondern auch die drückende Beschränkung in der Veräußerung des Grundbesitzes
+beseitigt.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^12 Aus den sabinischen Ortschaften, aus Parma, ja aus Italica in Spanien sind
+noch mehrere mit Mummius&rsquo; Namen bezeichnete Basen bekannt, die einst
+solche Beutegaben trugen.
+</p>
+
+<p>
+^13 Die Frage, ob Griechenland im Jahre 608 (146) römische Provinz geworden sei
+oder nicht, läuft in der Hauptsache auf einen Wortstreit hinaus. Daß die
+griechischen Gemeinden durchgängig &ldquo;frei&rdquo; blieben (CIG 1543, 15;
+Caes. civ. 3, 5; App. Mithr. 58; Zonar. 9, 31), ist ausgemacht; aber nicht
+minder ist es ausgemacht, daß Griechenland damals von den Römern &ldquo;in
+Besitz genommen ward&rdquo; (Tac. arm. 14, 21; 1. Makk. 8, 9,10); daß von da an
+jede Gemeinde einen festen Zins nach Rom entrichtete (Paus. 7, 16, 6; vgl. Cic.
+prov. 3, 5), die kleine Insel Gyaros zum Beispiel jährlich 150 Drachmen (Strab.
+10, 485); daß die &ldquo;Ruten und Beile&rdquo; des römischen Statthalters
+fortan auch in Griechenland schalteten (Polyb. 38, 1 c; vgl. Cic. Verr. 1. 1,
+21, 55) und derselbe die Oberaufsicht über die Stadtverfassungen (CIG 1543)
+sowie in gewissen Fällen die Kriminaljurisdiktion (CIG 1543; Plut. Cim. 2)
+fortan ebenso übte wie bis dahin der römische Senat; daß endlich die
+makedonische Provinzialära auch in Griechenland im Gebrauch war. Zwischen
+diesen Tatsachen ist keineswegs ein Widerspruch oder doch kein anderer als
+derjenige, welcher überhaupt in der Stellung der freien Städte liegt, welche
+bald als außerhalb der Provinz stehend (z. B. Suet. Caes. 25; Colum. 11, 3,
+26), bald als der Provinz zugeteilt (z. B. los. ant. lud. 14, 4, 4) bezeichnet
+werden. Der römische Domanialbesitz in Griechenland beschränkte sich zwar auf
+den Korinthischen Acker und etwa einige Stücke von Euböa (CIG 5879) und
+eigentliche Untertanen gab es dort gar nicht; allein darum konnte dennoch, wenn
+man auf das tatsächlich zwischen den griechischen Gemeinden und dem
+makedonischen Statthalter bestehende Verhältnis sieht, ebenso wie Massalia zur
+Provinz Narbo, Dyrrhachion zur Provinz Makedonien, auch Griechenland zu der
+makedonischen Provinz gerechnet werden. Es finden sich sogar noch viel
+weitergehende Fälle: Das Cisalpinische Gallien bestand seit 655 (89) aus lauter
+Bürger- oder latinischen Gemeinden und ward dennoch durch Sulla Provinz; ja in
+der caesarischen Zeit begegnen Landschaften, die ausschließlich aus
+Bürgergemeinden bestehen und die dennoch keineswegs aufhören, Provinzen zu
+sein. Sehr klar tritt hier der Grundbegriff der römischen provincia hervor; sie
+ist zunächst nichts als das &ldquo;Kommando&rdquo; und alle Verwaltungs- und
+Jurisdiktionstätigkeit des Kommandanten sind ursprünglich Nebengeschäfte und
+Korollarien seiner militärischen Stellung.
+</p>
+
+<p>
+Andererseits muß dagegen, wenn man die formelle Souveränität der freien
+Gemeinden ins Auge faßt, zugestanden werden, daß durch die Ereignisse des
+Jahres 608 (146) Griechenlands Stellung staatsrechtlich sich nicht änderte: es
+waren mehr faktische als rechtliche Verschiedenheiten, daß statt der Achäischen
+Eidgenossenschaft jetzt die einzelnen Gemeinden Achaias als tributäre
+Klientelstaaten neben Rom standen und daß seit Einrichtung der römischen
+Sonderverwaltung in Makedonien diese anstatt der hauptstädtischen Behörden die
+Oberaufsicht über die griechischen Klientelstaaten übernahm. Man kann demnach,
+je nachdem die tatsächliche oder die formelle Auffassung überwiegt,
+Griechenland als Teil des Kommandos von Makedonien ansehen oder auch nicht;
+indes wird der ersteren Auffassung mit Recht das Übergewicht eingeräumt.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Strengere Behandlung aber traf die Gemeinden, Theben, Chalkis und Korinth. Es
+läßt sich nichts dawider erinnern, daß die ersten beiden entwaffnet und durch
+Niederreißung ihrer Mauern in offene Flecken umgewandelt wurden; dagegen bleibt
+die durchaus unmotivierte Zerstörung der ersten Handelsstadt Griechenlands, des
+blühenden Korinth, ein düsterer Schandfleck in den Jahrbüchern Roms. Auf
+ausdrücklichen Befehl des Senats wurden die korinthischen Bürger aufgegriffen,
+und was dabei nicht umkam, in die Sklaverei verkauft, die Stadt selbst nicht
+etwa bloß ihrer Mauern und ihrer Burg beraubt, was, wenn man einmal dieselbe
+nicht dauernd besetzen wollte, allerdings nicht zu vermeiden war, sondern dem
+Boden gleichgemacht und in den üblichen Bannformen jeder Wiederanbau der öden
+Stätte untersagt, das Gebiet derselben zum Teil an Sikyon gegeben unter der
+Auflage, anstatt Korinths die Kosten des isthmischen Nationalfestes zu
+bestreiten, größtenteils aber zu römischem Gemeinland erklärt. Also erlosch der
+&ldquo;Augapfel von Hellas&rdquo;, der letzte köstliche Schmuck des einst so
+städtereichen griechischen Landes. Fassen wir aber die ganze Katastrophe noch
+einmal ins Auge, so muß die unparteiische Geschichte es anerkennen, was die
+Griechen dieser Zeit selbst unumwunden eingestanden, daß an dem Kriege selbst
+nicht die Römer die Schuld trugen, sondern daß die unkluge Treubrüchigkeit und
+die schwächliche Tollkühnheit der Griechen die römische Intervention erzwangen.
+Die Beseitigung der Scheinsouveränität der Bünde und alles damit verknüpften
+unklaren und verderblichen Schwindels war ein Glück für das Land und das
+Regiment des römischen Oberfeldherrn von Makedonien, wieviel es auch zu
+wünschen übrig ließ, immer noch bei weitem besser als die bisherige Wirr- und
+Mißregierung der griechischen Eidgenossenschaften und der römischen
+Kommissionen. Der Peloponnes hörte auf, die große Söldnerherberge zu sein; es
+ist bezeugt und begreiflich, daß überhaupt mit dem unmittelbaren römischen
+Regiment Sicherheit und. Wohlstand einigermaßen zurückkehrten. Das
+Themistokleische Epigramm, daß der Ruin den Ruin abgewandt habe, wurde von den
+damaligen Hellenen nicht ganz mit Unrecht angewandt auf den Untergang der
+griechischen Selbständigkeit. Die ungemeine Nachsicht, welche Rom auch jetzt
+noch gegen die Griechen bewies, tritt erst recht in das Licht, wenn man sie mit
+dem gleichzeitigen Verfahren derselben Behörden gegen die Spanier und die
+Phöniker zusammenhält; Barbaren grausam zu behandeln schien nicht unerlaubt,
+aber wie später Kaiser Traianus hielten es auch die Römer dieser Zeit
+&ldquo;für hart und barbarisch, Athen und Sparta den noch übrigen Schatten von
+Freiheit zu entreißen&rdquo;. Um so schärfer kontrastiert mit dieser
+allgemeinen Milde die empörende, selbst von den Schutzrednern der karthagischen
+und der numantinischen Katastrophe gemißbilligte Behandlung von Korinth, welche
+durch die auf den Gassen von Korinth gegen die römischen Abgeordneten
+ausgestoßenen Schmähreden auch nach römischem Völkerrecht nichts weniger als
+gerechtfertigt ward. Und doch ging sie keineswegs hervor aus der Brutalität
+eines einzelnen Mannes, am wenigsten des Mummius, sondern war eine vom
+römischen Rat erwogene und beschlossene Maßregel. Man wird nicht irren, wenn
+man darin das Werk der Kaufmannspartei erkennt, die in dieser Epoche schon
+neben der eigentlichen Aristokratie anfängt, in die Politik einzugreifen, und
+die in Korinth einen Handelsnebenbuhler beseitigt hat. Wenn die römischen
+Großhändler bei der Regulierung Griechenlands mit zureden gehabt haben, so
+begreift man, weshalb das Strafgericht eben gegen Korinth gerichtet ward und
+weshalb man nicht bloß die Stadt vernichtete, wie sie war, sondern auch die
+Ansiedlung an dieser für den Handel so überaus günstigen Stätte für die Zukunft
+verbot. Für die auch in Hellas sehr zahlreichen römischen Kaufleute ward der
+Mittelpunkt fortan das peloponnesische Argos; wichtiger aber für den römischen
+Großhandel ward Delos, das, schon seit 586 (168) römischer Freihafen, einen
+guten Teil der Geschäfte von Rhodos an sich gezogen hatte und nun in ähnlicher
+Weise in die korinthischen eintrat. Diese Insel blieb für längere Zeit der
+Hauptstapelplatz der vom Osten nach dem Westen gehenden Waren ^14.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————
+</p>
+
+<p>
+^14 Ein merkwürdiger Beleg dafür ist die Benennung der feinen griechischen
+Bronze- und Kupferwaren die in der ciceronischen Zeit ohne Unterschied
+&ldquo;korinthisches&rdquo; oder &ldquo;delisches Kupfer&rdquo; genannt werden.
+Die Bezeichnung ist in Italien begreiflicherweise nicht von den Fabrikations-,
+sondern von den Exportplätzen hergenommen (Plin. nat. 34, 2, 9); womit
+natürlich nicht geleugnet wird, daß dergleichen Gefäße auch in Korinth und
+Delos selbst fabriziert wurden.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————
+</p>
+
+<p>
+Unvollständiger als in der nur durch schmale Meere von Italien getrennten
+afrikanischen und makedonisch-hellenischen Landschaft entwickelte sich die
+römische Herrschaft in dem dritten entfernteren Weltteil.
+</p>
+
+<p>
+In Vorderasien war durch die Zurückdrängung der Seleukiden das Reich von
+Pergamon die erste Macht geworden. Nicht geirrt durch die Traditionen der
+Alexandermonarchien, einsichtig und kühl genug, um auf das Unmögliche zu
+verzichten, verhielten die Attaliden sich ruhig und strebten nicht, ihre
+Grenzen zu erweitern noch der römischen Hegemonie sich zu entziehen, sondern
+den Wohlstand ihres Reiches, soweit die Römer es erlaubten, zu fördern und die
+Künste des Friedens zu pflegen. Doch entgingen sie darum der Eifersucht und dem
+Argwohn Roms nicht. Im Besitz der europäischen Küste der Propontis, der
+Westküste Kleinasiens und des kleinasiatischen Binnenlandes bis zur
+kappadokischen und kilikischen Grenze, in enger Verbindung mit den syrischen
+Königen, von denen Antiochos Epiphanes († 590 164) durch die Hilfe der
+Attaliden auf den Thron gelangt war, hatte König Eumenes II. durch seine bei
+dem immer tieferen Sinken Makedoniens und Syriens nur noch ansehnlicher
+erscheinende Macht selbst den Begründern derselben Bedenken eingeflößt; es ist
+schon erzählt worden, wie der Senat darauf bedacht war, nach dem Dritten
+Makedonischen Krieg diesen Bundesgenossen durch unfeine diplomatische Künste zu
+demütigen und zu schwächen. Die an sich schon schwierigen Verhältnisse der
+Herren von Pergamon zu den ganz und halb freien Handelsstädten innerhalb ihres
+Reichs und zu den barbarischen Nachbarn an dessen Grenzen wurden durch diese
+Verstimmung der Schutzherren noch peinlicher verwickelt. Da es nicht klar war,
+ob nach dem Friedensvertrag von 565 (189) die Taurushöhen in der pamphylischen
+und pisidischen Landschaft zum Syrischen oder zum Pergamenischen Reich
+gehörten, leisteten die tapferen Selger, es scheint unter nomineller
+Anerkennung der syrischen Oberhoheit, den Königen Eumenes Il. und Attalos II.
+langjährigen und energischen Widerstand in den schwer zugänglichen Gebirgen
+Pisidiens. Auch die asiatischen Kelten, welche eine Zeitlang unter Zulassung
+der Römer unter pergamenischer Botmäßigkeit gestanden hatten, fielen von
+Eumenes ab und begannen im Einverständnis mit dem Erbfeind der Attaliden, dem
+König Prusias von Bithynien, um 587 (167) plötzlich gegen ihn Krieg. Der König
+hatte keine Zeit gehabt, Mietstruppen zu dingen; all seine Einsicht und
+Tapferkeit konnte nicht verhindern, daß sie die asiatische Miliz schlugen und
+das Gebiet überschwemmten; wir kennen bereits die eigentümliche Vermittlung, zu
+der die Römer auf Eumenes&rsquo; Bitte sich herbeiließen. Sowie er indes Zeit
+gefunden hatte, mit Hilfe seiner wohlgefüllten Kasse eine kampffähige Armee
+aufzustellen, trieb er auch die wilden Scharen schnell zurück über die Grenze
+seines Reiches; und obwohl Galatien ihm verloren blieb und seine hartnäckig
+fortgesetzten Versuche, dort die Hände im Spiel zu behalten, durch römischen
+Einfluß vereitelt wurden ^15, hinterließ er dennoch trotz aller offenen
+Angriffe und geheimen Machinationen, die seine Nachbarn und die Römer gegen ihn
+gerichtet hatten, bei seinem Tode (um 595 159) das Reich in ungeschmälertem
+Bestand. Sein Bruder Attalos II. Philadelphos († 616 138) wies den Versuch des
+Königs Pharnakes von Pontos, sich der Vormundschaft über Eumenes&rsquo;
+unmündigen Sohn zu bemächtigen, mit römischer Hilfe zurück und regierte anstatt
+seines Neffen wie Antigonos Doson als Vormund auf Lebenszeit. Gewandt, tüchtig,
+fügsam, ein echter Attalide, verstand er es, den argwöhnischen Senat von der
+Nichtigkeit der früher gehegten Besorgnisse zu überzeugen. Die antirömische
+Partei beschuldigte ihn, daß er sich dazu hergebe, das Land für die Römer zu
+hüten und jede Beleidigung und Erpressung von ihnen sich gefallen lasse; indes
+konnte er, des römischen Schutzes sicher, in die syrischen, kappadokischen und
+bithynischen Thronstreitigkeiten entscheidend eingreifen. Auch aus dem
+gefährlichen bithynischen Krieg, den König Prusias II., der Jäger genannt (572
+? - 605 182-149), ein Regent, der alle barbarischen und alle zivilisierten
+Laster in sich vereinigte, gegen ihn begann, rettete ihn die römische
+Intervention - freilich erst, nachdem er selbst in seiner Hauptstadt belagert
+und eine erste Mahnung der Römer von Prusias unbefolgt gelassen, ja verhöhnt
+worden war (598-600 156-154). Allein mit der Thronbezeigung seines Mündels
+Attalos III. Philometor (616-621 133-133) trat an die Stelle des friedlichen
+und mäßigen Bürgerkönigtums ein asiatisches Sultanregiment, unter dem es zum
+Beispiel vorkam, daß der König, um des unbequemen Rats seiner väterlichen
+Freunde sich zu entledigen, sie im Palast versammeln und erst sie, sodann ihre
+Frauen und Kinder von seinen Lanzknechten niedermachen ließ; nebenher schrieb
+er Bücher über den Gartenbau, zog Giftkräuter und bossierte in Wachs, bis ein
+plötzlicher Tod ihn abrief. Mit ihm erlosch das Geschlecht der Attaliden. In
+solchem Fall konnte nach dem wenigstens für die Klientelstaaten Roms gültigen
+Staatsrecht der letzte Regent testamentarisch über die Sukzession verfügen. Ob
+der Gedanke, das Reich den Römern zu vermachen, dem letzten Attaliden durch den
+wahnwitzigen Groll gegen seine Untertanen eingegeben worden war, der ihn bei
+Lebzeiten gepeinigt hatte, oder ob hierin bloß eine weitere Anerkennung der
+tatsächlichen Oberlehnsgewalt Roms lag, ist nicht zu entscheiden. Das Testament
+lag vor ^16; die Römer traten die Erbschaft an und die Frage über das Land und
+den Schatz der Attaliden fiel in Rom als neuer Erisapfel unter die hadernden
+politischen Parteien. Aber auch in Asien entzündete dies Königstestament den
+Bürgerkrieg. Im Vertrauen auf die Abneigung der Asiaten gegen die bevorstehende
+Fremdherrschaft trat ein natürlicher Sohn Eumenes&rsquo; II., Aristonikos in
+Leukä, einer kleinen Hafenstadt zwischen Smyrna und Phokäa, als Kronprätendent
+auf. Phokäa und andere Städte fielen ihm zu; indes von den Ephesiern, die in
+dem festen Anschluß an Rom die einzige Möglichkeit erkannten, ihre Privilegien
+sich zu erhalten, zur See auf der Höhe von Kyme geschlagen, mußte er in das
+Binnenland flüchten. Schon glaubte man ihn verschollen; da erschien er
+plötzlich wieder an der Spitze der neuen &ldquo;Bürger der Sonnenstadt&rdquo;
+^17, das heißt der von ihm in Masse zur Freiheit gerufenen Sklaven,
+bemächtigte, sich der lydischen Städte Thyateira und Apollonis sowie eines
+Teils der attalischen Ortschaften und rief Scharen thrakischer Lanzknechte
+unter seine Fahnen. Der Kampf ward ernsthaft. Römische Truppen standen in Asien
+nicht; die asiatischen Freistädte und die Kontingente der Klientelfürsten von
+Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien, Pontos, Armenien konnten des Prätendenten
+sich nicht erwehren; er drang mit gewaffneter Hand in Kolophon, Samos, Myndos
+ein und gebot schon fast über das gesamte väterliche Reich, als am Ende des
+Jahres 623 (131) ein römisches Heer in Asien landete. Dessen Feldherr, der
+Konsul und Oberpontifex Publius Licinius Crassus Mucianus, einer der reichsten
+und zugleich einer der gebildetsten Männer Roms und als Redner wie als
+Rechtskenner gleich ausgezeichnet, schickte sich an, den Prätendenten in Leukä
+zu belagern, ließ aber während der Vorbereitungen dazu von dem allzu gering
+geschätzten Gegner sich überraschen und schlagen und ward selbst von einem
+thrakischen Haufen gefangen. Den Triumph aber, den Oberfeldherrn Roms als
+Gefangenen zur Schau zu stellen, gönnte er einem solchen Feinde nicht; er
+reizte die Barbaren, die ihn ergriffen hatten, ohne ihn zu kennen, ihm den Tod
+zu geben (Anfang 624 130), und erst als Leiche ward der Konsular erkannt. Mit
+ihm, wie es scheint, fiel König Ariarathes von Kappadokien. Indes ward
+Aristonikos nicht lange nach diesem Siege von Crassus&rsquo; Nachfolger Marcus
+Perpenna überfallen, sein Heer zersprengt, er selbst in Stratonikeia belagert
+und gefangen und bald darauf in Rom hingerichtet. Die Unterwerfung der letzten,
+noch Widerstand leistenden Städte und die definitive Regulierung der Landschaft
+übernahm nach Perpennas plötzlichem Tode Manius Aquillius (625 129). Man
+verfuhr ähnlich wie im karthagischen Gebiet. Der östliche Teil des
+Attalidenreichs ward den Klientelkönigen überwiesen, um die Römer von dem
+Grenzschutz und damit von der Notwendigkeit einer stehenden Besatzung in Asien
+zu befreien; Telmissos kam an die lykische Eidgenossenschaft; die europäischen
+Besitzungen in Thrakien wurden zu der Provinz Makedonien geschlagen; das übrige
+Gebiet ward als neue römische Provinz eingerichtet, der gleich der
+karthagischen nicht ohne Absicht der Name des Weltteils beigelegt ward, in, dem
+sie lag. Die Steuern, die nach Pergamon gezahlt worden waren, wurden dem Lande
+erlassen und dasselbe mit gleicher Milde behandelt wie Hellas und Makedonien.
+So ward der ansehnlichste kleinasiatische Staat eine römische Vogtei.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^15 Mehrere vor kurzem (SB München, 1860, S. 180f.) bekannt gewordene Schreiben
+der Könige Eumenes II. und Attalos II. an den Priester von Pessinus, welcher
+durchgängig Attis heißt (vgl. Polyb. 22, 20), erläutern diese Verhältnisse sehr
+anschaulich. Das älteste derselben und das einzige datierte, geschrieben im 34.
+Regierungsjahre des Eumenes am siebten Tage vor dem Ende des Gorpiäos, also
+590/91 der Stadt (164/63), bietet dem Priester militärische Hilfe an, um den
+(sonst nicht bekannten) Pesongern von ihnen besetztes Tempelland zu entreißen.
+Das folgende, ebenfalls noch von Eumenes, zeigt den König als Partei in der
+Fehde zwischen dem Priester von Pessinus und dessen Bruder Aiorix. Ohne Zweifel
+gehörten beide Handlungen des Eumenes zu denjenigen, die in den Jahren 590f.
+(164) in Rom zur Anzeige kamen als Versuche desselben, sich in die gallischen
+Angelegenheiten auch fernerhin zu mengen und dort seine Parteigenossen zu
+stützen (Polyb. 31, 6, 9; 32, 3, 5). Dagegen geht aus einem der Schreiben
+seines Nachfolgers Attalos hervor, wie sich die Zeiten geändert und die Wünsche
+herabgestimmt hatten. Der Priester Attis scheint auf einer Zusammenkunft in
+Apameia von Attalos abermals die Zusage bewaffneter Hilfe erhalten zu haben;
+nachher aber schreibt ihm der König, daß in einem deswegen abgehaltenen
+Staatsrat, dem Athenäos (sicher der bekannte Bruder des Königs), Sosandros,
+Menogenes, Chloros und andere Verwandte (αναγκαίοι) beigewohnt hätten, nach
+langem Schwanken endlich die Majorität dem Chloros dahin beigetreten sei, daß
+nichts geschehen dürfe, ohne die Römer vorher zu befragen; denn selbst wenn ein
+Erfolg erreicht werde, setzte man sich dem Wiederverlust und dem bösen Verdacht
+aus, &ldquo;den sie auch gegen den Bruder&rdquo; (Eumenes II.) &ldquo;gehegt
+hätten&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+^16 In demselben Testament gab der König seiner Stadt Pergamon die
+&ldquo;Freiheit&rdquo;, das heißt die δημοκρατία, das städtische
+Selbstregiment. Laut einer merkwürdigen, kürzlich dort gefundenen Urkunde
+(Römisches Staatsrecht, Bd. 3, 3. Aufl., S. 726) beschloß nach Eröffnung des
+Testaments, aber vor dessen Bestätigung durch die Römer der also konstituierte
+Demos den bisher vom Bürgerrecht ausgeschlossenen Klassen der Bevölkerung,
+insbesondere den im Zensus aufgeführten Paröken und den in Stadt und Land
+wohnhaften Soldaten, auch den Makedoniern, das städtische Bürgerrecht zu
+verleihen, um also ein gutes Einverständnis in der gesamten Bevölkerung
+herbeizuführen. Offenbar wollte die Bürgerschaft, indem sie die Römer vor die
+vollendete Tatsache dieser umfassenden Ausgleichung stellte, vor dem
+eigentlichen Eintreten der römischen Herrschaft sich gegen dieselbe in
+Verfassung setzen und den fremden Gebietern die Möglichkeit nehmen, die
+Rechtsverschiedenheiten innerhalb der Bevölkerung zur Sprengung der
+Gemeindefreiheit zu benutzen.
+</p>
+
+<p>
+^17 Diese seltsamen &ldquo;Heliopoliten&rdquo; sind, nach der mir von einem
+Freunde geäußerten wahrscheinlichen Meinung, so zu fassen, daß die befreiten
+Sklaven als Bürger einer umgenannten oder auch vielleicht für jetzt nur
+gedachten Stadt Heliopolis sich konstituierter, die ihren Namen von dem in
+Syrien hochverehrten Sonnengott empfing.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die zahlreichen andern Kleinstaaten und Städte Vorderasiens, das Königreich
+Bithynien, die paphlagonischen und gallischen Fürstentümer, die lykische und
+die pamphylische Eidgenossenschaft, die Freistädte Kyzikos und Rhodos blieben
+in ihren bisherigen beschränkten Verhältnissen bestehen.
+</p>
+
+<p>
+Jenseits des Halys befolgte Kappadokien, nachdem König Ariarathes V. Philopator
+(591 - 624 136 - 130), hauptsächlich durch Hilfe der Attaliden, sich gegen
+seinen von Syrien unterstützten Bruder und Nebenbuhler Holophernes behauptet
+hatte, wesentlich die pergamenische Politik, sowohl in der unbedingten
+Hingebung an Rom als in der Richtung auf hellenische Bildung. Durch ihn drang
+diese ein in das bis dahin fast barbarische Kappadokien und freilich auch
+sogleich ihre Auswüchse, wie der Bakchosdienst und das wüste Treiben der
+wandernden Schauspielertruppen, der sogenannten &ldquo;Künstler&rdquo;. Zum
+Lohn der Treue gegen Rom, die dieser Fürst in dem Kampfe gegen den
+pergamenischen Prätendenten mit seinem Leben bezahlt hatte, ward sein
+unmündiger Erbe Ariarathes VI. nicht nur gegen die von dem König von Pontos
+versuchte Usurpation durch die Römer geschirmt, sondern ihm auch der
+südöstliche Teil des Attalidenreiches gegeben, Lykaorien nebst der östlich
+daran grenzenden, .in älterer Zeit zu Kilikien gerechneten Landschaft.
+</p>
+
+<p>
+Endlich im fernen Nordosten Kleinasiens gelangte &ldquo;Kappadokien am
+Meer&rdquo; oder kurzweg der &ldquo;Meerstaat&rdquo;, Pontos, zu steigender
+Ausdehnung und Bedeutung. Nicht lange nach der Schlacht von Magnesia hatte
+König Pharnakes I. sein Gebiet weit über den Halys bis nach Tios an, der
+bithynischen Grenze ausgedehnt und namentlich des reichen Sinope sich
+bemächtigt, das aus einer griechischen Freistadt dieser Könige Residenz ward.
+Zwar hatten die durch diese Übergriffe gefährdeten Nachbarstaaten, König
+Eumenes II. an ihrer Spitze, deswegen Krieg gegen ihn geführt (571-575 183-179)
+und unter römischer Vermittlung das Versprechen von ihm erzwungen, Galatien und
+Paphlagonien zu räumen; allein der Verlauf der Ereignisse zeigt, daß Pharnakes
+sowie sein Nachfolger Mithradates V. Euergetes (598 ? - 634 156 - 120), treue
+Bundesgenossen Roms im Dritten Punischen Krieg sowie in dem gegen Aristonikos,
+nicht bloß jenseits des Halys sitzen geblieben sind, sondern auch der Sache
+nach die Schutzherrlichkeit über die paphlagonischen und galatischen Dynasten
+behalten haben. Nur unter dieser Voraussetzung ist es erklärlich, wie
+Mithradates, angeblich wegen seiner tapferen Taten im Kriege gegen Aristonikos,
+in der Tat für beträchtliche an den römischen Feldherrn gezahlte Summen, von
+demselben nach Auflösung des Attalischen Reiches Großphrygien empfangen konnte.
+Wie weit andererseits gegen den Kaukasus und die Euphratquellen das :Pontische
+Reich sich um diese Zeit erstreckte, ist nicht genau zu bestimmen; doch scheint
+es den westlichen Teil von Armenien um Enderes und Diwirigi oder das sogenannte
+Klein-Armenien als abhängige Satrapie umfaßt zu haben, während Groß -Armenien
+und Sophene eigene unabhängige Reiche bildeten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn also auf der kleinasiatischen Halbinsel wesentlich Rom das Regiment führte
+und, so vieles auch ohne und gegen seinen Willen geschah, doch den Besitzstand
+im ganzen bestimmt, so blieben dagegen die weiten Strecken jenseits des Taurus
+und des oberen Euphrat bis hinab zum Niltal in der Hauptsache sich selber
+überlassen. Zwar der der Regulierung des Ostens von 565 (189) zugrunde gelegte
+Satz, daß der Halys die Ostgrenze der römischen Klientel bilden solle, ward vom
+Senat nicht eingehalten und trug auch die Unhaltbarkeit in sich selber. Der
+politische Horizont ist Selbsttäuschung so gut wie der physische; wenn dem
+Staate Syrien die Zahl der ihm gestatteten Kriegsschiffe und Kriegselefanten im
+Friedensvertrag selbst normiert ward, wenn das syrische Heer auf Befehl des
+römischen Senats das halb gewonnene Ägypten räumte, so lag da in die
+vollständige Anerkennung der Hegemonie und der Klientel. Darum gingen denn auch
+die Thronstreitigkeiten in Syrien wie in Ägypten zur Beilegung an die römische
+Regierung. Dort stritten nach Antiochos Epiphanes&rsquo; Tode (590 164) der als
+Geisel in Rom lebende Sohn Seleukos des vierten, Demetrios, später Soter
+genannt, und des letzten Königs Antiochos Epiphanes unmündiger Sohn Antiochos
+Eupator um die Krone; hier war von den beiden seit 584 (170) gemeinschaftlich
+regierenden Brüdern der ältere Ptolemaeos Philometor (573-608 146-131) durch
+den jüngeren Ptolemaeos Euergetes II. oder den Dicken († 637 117) aus dem Lande
+getrieben worden (590 164) und, um seine Herstellung zu erwirken, persönlich in
+Rom erschienen. Beide Angelegenheiten ordnete der Senat lediglich auf
+diplomatischem Wege und wesentlich nach Maßgabe des römischen Vorteils. In
+Syrien ward Antiochos Eupator mit Beseitigung des besser berechtigten Demetrios
+als König anerkannt und mit der Führung der Vormundschaft über den königlichen
+Knaben der römische Senator Gnaeus Octavius vom Senat beauftragt, welcher, wie
+begreiflich, durchaus im römischen Interesse regierte, die Kriegsflotte und das
+Elefantenheer dem Friedensvertrag von 565 (189) gemäß reduzierte und im besten
+Zuge war, den militärischen Ruin des Landes zu vollenden. In Ägypten ward nicht
+bloß Philometors Herstellung bewirkt, sondern auch, teils um dem Bruderzwist
+ein Ziel zu setzen, teils um die noch immer ansehnliche Macht Ägyptens zu
+schwächen, Kyrene vom Reich getrennt und Euergetes mit demselben abgefunden.
+&ldquo;Könige sind, wen die Römer wollen&rdquo;, schrieb nicht lange nachher
+ein jüdischer Mann, &ldquo;und wen sie nicht wollen, den verjagen sie von Land
+und Leuten&rdquo;. Allein dies war für lange Zeit das letzte Mal, daß der
+römische Senat in den Angelegenheiten des Ostens mit derjenigen Tüchtigkeit und
+Tatkraft auftrat, welche er in den Verwicklungen mit Philippos, Antiochos und
+Perseus durchgängig bewährt hatte. Der innerliche Verfall des Regiments wirkte
+am spätesten, aber wirkte doch endlich auch zurück auf die Behandlung der
+auswärtigen Angelegenheiten. Das Regiment ward unstet und unsicher; man ließ
+die eben erfaßten Zügel erschlaffen und beinahe wieder fahren. Der
+vormundschaftliche Regent von Syrien ward in Laodikeia ermordet; der
+zurückgewiesene Prätendent Demetrios entfloh aus Rom und bemächtigte sich unter
+dem dreisten Vorgeben, daß der römische Senat ihn dazu bevollmächtigt habe,
+nach Beseitigung des königlichen Knaben der Regierung seines väterlichen
+Reiches (592 162). Bald nachher brach zwischen den Königen von Ägypten und
+Kyrene Krieg aus über den Besitz der Insel Kypros, welche der Senat zuerst dem
+älteren, sodann dem jüngeren zugeschieden hatte, und im Widerspruch mit der
+neuesten römischen Entscheidung blieb dieselbe schließlich bei Ägypten. So
+wurde die römische Regierung, in der Fülle ihrer Macht und während des tiefsten
+inneren und äußeren Friedens daheim, von den ohnmächtigen Königen des Ostens
+mit ihren Dekreten verhöhnt, ihr Name gemißbraucht, ihr Mündel und ihr
+Kommissar ermordet. Als siebzig Jahre zuvor die Illyriker in ähnlicher Weise
+sich an römischen Abgeordneten vergriffen, hatte der damalige Senat dem
+Ermordeten auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet und mit Heer und Flotte die
+Mörder zur Verantwortung gezogen. Der Senat dieser Zeit ließ dem Gnaeus
+Octavius gleichfalls ein Denkmal setzen, wie die Sitte der Väter es vorschrieb;
+aber statt Truppen nach Syrien einzuschiffen, ward Demetrios als König des
+Landes anerkannt - man war ja jetzt so mächtig, daß es überflüssig schien, die
+Ehre zu wahren. Ebenso blieb nicht bloß Kypros trotz des entgegenstehenden
+Senatsbeschlusses bei Ägypten, sondern als nach Philometors Tode (608 146)
+Euergetes ihm nachfolgte und dadurch das geteilte Reich wiederum vereinigt
+ward, ließ der Senat auch dies ungehindert geschehen. Nach solchen Vorgängen
+war der römische Einfluß in diesen Landschaften tatsächlich gebrochen und
+entwickelten sich die Verhältnisse daselbst zunächst ohne Zutun der Römer; doch
+ist des weiteren Verlaufs der Dinge wegen es notwendig, auch jetzt den näheren
+und selbst den ferneren Osten nicht völlig aus den Augen zu verlieren.
+</p>
+
+<p>
+Wenn in dem allerseits abgeschlossenen Ägypten der Status quo sich so leicht
+nicht verschob, so gruppierten dagegen in Asien dies- und jenseits des Euphrat
+während und zum Teil infolge dieser momentanen Stockung der römischen
+Oberleitung die Völker und Staaten sich wesentlich anders. Jenseits der großen
+iranischen Wüste hatten nicht lange nach Alexander dem Großen am Indus das
+Reich von Palimbothra unter Tschandragupta (Sandrakottos), am oberen Oxus der
+mächtige baktrische Staat, beide aus einer Mischung der nationalen Elemente und
+der östlichsten Ausläufer hellenischer Zivilisation sich gebildet. Westwärts
+von diesen begann das Reich Asien, das noch unter Antiochos dem Großen zwar
+geschmälert, aber immer noch ungeheuer vom Hellespont bis zu den medischen und
+persischen Landschaften sich erstreckte und das ganze Stromgebiet des Euphrat
+und Tigris in sich schloß. Noch jener König hatte seine Waffen bis jenseits der
+Wüste in das Gebiet der Parther und Baktrier getragen; erst unter ihm hatte der
+gewaltige Staat angefangen sich aufzulösen. Nicht bloß Vorderasien war infolge
+der Schlacht von Magnesia verloren worden; auch die gänzliche Lösung der beiden
+Kappadokien und der beiden Armenien, des eigentlichen Armenien im Nordosten und
+der Landschaft Sophene im Südwesten, und ihre Verwandlung in selbständige
+Königreiche aus syrischen Lehnsfürstentümern, gehört dieser Zeit an. Von diesen
+Staaten gelangte namentlich Großarmenien unter den Artaxiaden bald zu einer
+ansehnlichen Stellung. Vielleicht noch gefährlichere Wunden schlug dem Reiche
+seines Nachfolgers Antiochos Epiphanes (579-590 175-164) törichte
+Nivellierungspolitik. So richtig es auch war, daß sein Reich mehr einem
+Länderbündel als einem Staate glich und daß die Verschiedenheiten der
+Nationalitäten und der Religionen der Untertanen der Regierung die
+wesentlichsten Hindernisse bereitete, so war doch der Plan, hellenisch-römische
+Weise und hellenisch-römischen Kultus überall in seinem Lande einzuführen und
+seine Völker in politischer wie in religiöser Hinsicht auszugleichen unter
+allen Umständen eine Torheit, auch abgesehen davon, daß dieser karikierte
+Joseph II. persönlich einem solchen gigantischen Beginnen nichts weniger als
+gewachsen war und durch Tempelplünderung im großartigsten Maßstab und die
+tollste Ketzerverfolgung seine Reformen in der übelsten Weise einleitete. Die
+eine Folge hiervon war, daß die Bewohner der Grenzprovinz gegen Ägypten, die
+Juden, sonst bis zur Demütigkeit fügsame und äußerst tätige und betriebsame
+Leute, durch den systematischen Religionszwang zur offenen Empörung gedrängt
+wurden (um 587 167). Die Sache kam an den Senat, und da derselbe eben damals
+teils gegen Demetrios Soter mit gutem Grund erbittert war, teils eine
+Verbindung der Attaliden und Seleukiden besorgte, überhaupt aber die
+Herstellung einer Mittelmacht zwischen Syrien und Ägypten im Interesse Roms
+lag, so machte er keine Schwierigkeit, die Freiheit und Autonomie der
+insurgierten Nation sofort anzuerkennen (um 593 161). Indes geschah doch von
+Rom für die Juden nur, was man tun konnte, ohne sich selber zu bemühen; trotz
+der Klausel des zwischen den Römern und den Juden abgeschlossenen Vertrags, die
+den Juden, im Fall sie angegriffen würden, den Beistand Roms versprach, und
+trotz des an die Könige von Syrien und Ägypten gerichteten Verbots, ihre
+Truppen durch das jüdische Land zu führen, blieb es natürlich lediglich jenen
+selbst überlassen, der syrischen Könige sich zu erwehren. Mehr als die Briefe
+ihrer mächtigen Verbündeten tat für sie die tapfere und umsichtige Leitung des
+Aufstandes durch das Heldengeschlecht der Makkabäer und die innere
+Zerrissenheit des Syrischen Reiches: während des Haders zwischen den syrischen
+Königen Tryphon und Demetrios Nikator ward den Juden die Autonomie und
+Steuerfreiheit förmlich zugestanden (612 142) und bald darauf sogar das Haupt
+des Makkabäerhauses, Simon, des Mattathias Sohn, von der Nation wie von dem
+syrischen Großkönig als Hochpriester und Fürst Israels förmlich anerkannt ^18
+(615 139).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^18 Von ihm rühren die Münzen her mit der Aufschrift &ldquo;Shekel
+Israel&rdquo; und der Jahreszahl des &ldquo;heiligen Jerusalem&rdquo; oder
+&ldquo;der Erlösung Sions&rdquo;. Die ähnlichen mit dem Namen Simons, des
+Fürsten (Nessi) Israel, gehören nicht ihm, sondern dem Insurgentenführer Bar
+Kochba unter Hadrian.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Folgenreicher noch als diese Insurrektion der Israeliten war die gleichzeitig
+und wahrscheinlich aus gleicher Ursache entstandene Bewegung in den östlichen
+Landschaften, wo Antiochos Epiphanes die Tempel der persischen Götter nicht
+minder leerte wie den von Jerusalem und dort den Anhängern des Ahuramazda und
+des Mithra es nicht besser gemacht haben wird wie hier denen des Jehova. Wie in
+Judäa, nur in weiterem Umfang und in großartigeren Verhältnissen, war das
+Ergebnis eine Reaktion der einheimischen Weise und der einheimischen Religion
+gegen den Hellenismus und die hellenischen Götter; die Träger dieser Bewegung
+waren die Parther und aus ihr entsprang das große Partherreich. Die
+&ldquo;Parthwa&rdquo; oder Parther, die als eine der zahllosen in das große
+Perserreich aufgegangenen Völkerschaften früh, zuerst im heutigen Khorasan
+südöstlich vom Kaspischen Meere begegnen, erscheinen schon seit 500 (250) unter
+dem skythischen, das heißt turanischen Fürstengeschlecht der Arsakiden als ein
+selbständiger Staat, der indes erst ein Jahrhundert später aus seiner
+Dunkelheit hervortrat. Der sechste Arsakes, Mithradates I. (579? - 618?
+175-136), ist der eigentliche Gründer der parthischen Großmacht. Ihm erlag das
+an sich weit mächtigere, aber teils durch die Fehden mit den skythischen
+Reiterscharen von Turan und mit den Staaten am Indus, teils durch innere Wirren
+bereits in allen Fugen erschütterte Baktrische Reich. Fast gleiche Erfolge
+errang er in den Landschaften westlich von der großen Wüste. Das Syrische Reich
+war eben damals, teils infolge der verfehlten Hellenisierungsversuche des
+Antiochos Epiphanes, teils durch die nach dessen Tode eintretenden
+Sukzessionswirren, aufs tiefste zerrüttet und die inneren Provinzen im vollen
+Zuge, sich von Antiocheia und der Küstenlandschaft abzulösen; in Kommagene zum
+Beispiel, der nördlichsten Landschaft Syriens an der kappadokischen Grenze,
+machte der Satrap Ptolemaeos, auf dem entgegengesetzten Ufer des Euphrat im
+nördlichen Mesopotamien oder der Landschaft Osrhoene der Fürst von Edessa, in
+der wichtigen Provinz Medien der Satrap Timarchos sich unabhängig; ja der
+letztere ließ sich vom römischen Senat seine Unabhängigkeit bestätigen und
+herrschte, gestützt auf das verbündete Armenien, bis hinab nach Seleukeia am
+Tigris. Unordnungen dieser Art waren im Asiatischen Reiche in Permanenz, sowohl
+die Provinzen unter ihren halb oder ganz unabhängigen Satrapen in ewigem
+Aufstand als auch die Hauptstadt mit ihrem gleich dem römischen und dem
+alexandrinischen zuchtlosen und widerspenstigen Pöbel. Die gesamte Meute der
+Nachbarkönige, Ägypten, Armenien, Kappadokien, Pergamon, mengte unaufhörlich
+sich in die Angelegenheiten Syriens und nährte die Erbfolgestreitigkeiten, so
+daß der Bürgerkrieg und die faktische Teilung der Herrschaft unter zwei oder
+mehr Prätendenten fast zur stehenden Landplage ward. Die römische Schutzmacht,
+wenn sie die Nachbarn nicht aufstiftete, sah untätig zu. Zu allem diesem
+drängte von Osten her das neue Partherreich, nicht bloß mit seiner materiellen
+Macht, sondern auch mit dem ganzen Übergewicht seiner nationalen Sprache und
+Religion, seiner nationalen Heer- und Staatsverfassung auf die Fremdlinge ein.
+Es ist hier noch nicht der Ort dies regenerierte Kyrosreich zu schildern; es
+genügt im allgemeinen, daran zu erinnern, daß, so mächtig auch in ihm noch der
+Hellenismus auftritt, dennoch der parthische Staat, verglichen mit dem der
+Seleukiden, auf einer nationalen und religiösen Reaktion beruht und die alte
+iranische Sprache, der Magierstand und der Mithrasdienst, die orientalische
+Lehnsverfassung, die Reiterei der Wüste und Pfeil und Bogen hier zuerst dem
+Hellenismus wieder übermächtig entgegentraten. Die Lage der Reichskönige diesem
+allem gegenüber war in der Tat beklagenswert. Das Geschlecht der Seleukiden war
+keineswegs so entnervt wie zum Beispiel das der Lagiden, und einzelnen
+derselben mangelte es nicht an Tapferkeit und Fähigkeit; sie wiesen auch wohl
+den einen oder den andern jener zahllosen Rebellen, Prätendenten und
+Intervenienten in seine Schranken zurück; aber es fehlte ihrer Herrschaft so
+sehr an einer festen Grundlage, daß sie dennoch der Anarchie nicht auch nur
+vorübergehend zu steuern vermochten. Das Ergebnis war denn, was es sein mußte.
+Die östlichen Landschaften Syriens unter ihren unbeschützten oder gar
+aufrührerischen Satrapen gerieten unter parthische Botmäßigkeit; Persien,
+Babylonien, Medien wurden auf immer vom Syrischen Reiche getrennt; der neue
+Staat der Parther reichte zu beiden Seiten der großen Wüste vom Oxus und
+Hindukusch bis zum Tigris und zur Arabischen Wüste, wiederum gleich dem
+Perserreich und all den älteren asiatischen Großstaaten eine reine
+Kontinentalmonarchie und wiederum eben gleich dem Perserreich in ewiger Fehde
+begriffen einerseits mit den Völkern von Turan, andererseits mit den
+Okzidentalen. Der Syrische Staat umfaßte außer der Küstenlandschaft höchstens
+noch Mesopotamien und verschwand, mehr noch infolge seiner inneren Zerrüttung
+als seiner Verkleinerung, auf immer aus der Reihe der Großstaaten. Wenn die
+mehrfach drohende gänzliche Unterjochung des Landes durch die Parther
+unterblieb, so ist dies nicht der Gegenwehr der letzten Seleukiden, noch
+weniger dem Einfluß Roms zuzuschreiben, sondern vielmehr den vielfältigen
+inneren Unruhen im Partherreiche selbst und vor allem den Einfällen der
+turanischen Steppenvölker in dessen östliche Landschaften.
+</p>
+
+<p>
+Diese Umwandlung der Völkerverhältnisse im inneren Asien ist der Wendepunkt in
+der Geschichte des Altertums. Auf die Völkerflut, die bisher von Westen nach
+Osten sich ergossen und in dem großen Alexander ihren letzten und höchsten
+Ausdruck gefunden hatte, folgt die Ebbe. Seit der Partherstaat besteht, ist
+nicht bloß verloren, was in Baktrien und am Indus etwa noch von hellenischen
+Elementen sich erhalten haben mochte, sondern auch das westliche Iran weicht
+wieder zurück in das seit Jahrhunderten verlassene, aber noch nicht verwischte
+Geleise. Der römische Senat opfert das erste wesentliche Ergebnis der Politik
+Alexanders und leitet damit jene rückläufige Bewegung ein, deren letzte
+Ausläufer im Alhambra von Granada und in der Großen Moschee von Konstantinopel
+endigen. Solange noch das Land von Ragä und Persepolis bis zum Mittelmeer dem
+König von Antiochia gehorchte, erstreckte auch Roms Macht sich bis an die
+Grenze der großen Wüste; der Partherstaat, nicht weil er so gar mächtig war,
+sondern weil er seinen Schwerpunkt fern von der Küste, im inneren Asien fand,
+konnte niemals eintreten in die Klientel des Mittelmeerreiches. Seit Alexander
+hatte die Welt den Okzidentalen allein gehört und schien der Orient für diese
+nur zu sein, was später Amerika und Australien für die Europäer wurden; mit
+Mithradates I. trat dieser wieder ein in den Kreis der politischen Bewegung.
+Die Welt hatte wieder zwei Herren.
+</p>
+
+<p>
+Es ist noch übrig, auf die maritimen Verhältnisse dieser Zeit einen Blick zu
+werfen, obwohl darüber sich kaum etwas anderes sagen läßt, als daß es nirgends
+mehr eine Seemacht gab. Karthago war vernichtet, Syriens Kriegsflotte
+vertragsmäßig zugrunde gerichtet, Ägyptens einst so gewaltige Kriegsmarine
+unter seinen gegenwärtigen schlaffen Regenten in tiefem Verfall. Die kleineren
+Staaten und namentlich die Kaufstädte hatten wohl einige bewaffnete Fahrzeuge,
+aber sie genügten nicht einmal für die im Mittelmeere so schwierige
+Unterdrückung des Seeraubs. Mit Notwendigkeit fiel diese Rom zu als der
+führenden Macht im Mittelmeer. Wie ein Jahrhundert zuvor die Römer eben hierin
+mit besonderer und wohltätiger Entschiedenheit aufgetreten waren und namentlich
+im Osten ihre Suprematie zunächst eingeführt hatten durch die zum allgemeinen
+Besten energisch gehandhabte Seepolizei, ebenso bestimmt bezeichnet die
+vollständige Nichtigkeit derselben schon im Beginn dieser Periode den furchtbar
+raschen Verfall des aristokratischen Regiments. Eine eigene Flotte besaß Rom
+nicht mehr; man begnügte sich, wenn es nötig schien, von den italischen, den
+kleinasiatischen und den sonstigen Seestädten Schiffe einzufordern. Die Folge
+war natürlich, daß das Flibustierwesen sich organisierte und konsolidierte. Zu
+dessen Unterdrückung geschah nun wohl, wenn nicht genug, so doch etwas, soweit
+die unmittelbare Macht der Römer reichte, im Adriatischen und Tyrrhenischen
+Meer. Die gegen die dalmatischen und ligurischen Küsten in dieser Epoche
+gerichteten Expeditionen bezweckten namentlich die Unterdrückung des Seeraubs
+in den beiden italischen Meeren; aus gleichem Grunde wurden im Jahre 631 (123)
+die Balearischen Inseln besetzt. Dagegen in den mauretanischen und den
+griechischen Gewässern blieb es den Anwohnern und den Schiffern überlassen, mit
+den Korsaren auf die eine oder die andere Weise sich abzufinden, da die
+römische Politik daran festhielt sich um diese entfernteren Gegenden so wenig
+wie irgend möglich zu kümmern. Die zerrütteten und bankerotten Gemeinwesen in
+den also sich selbst überlassenen Küstenstaaten wurden hierdurch natürlich zu
+Freistätten der Korsaren; und an solchen fehlte es namentlich in Asien nicht.
+Am ärgsten sah es in dieser Hinsicht aus auf Kreta, das durch eine glückliche
+Lage und die Schwäche oder Schlaffheit der Großstaaten des Westens und Ostens
+allein unter allen griechischen Ansiedlungen seine Unabhängigkeit bewahrt
+hatte; die römischen Kommissionen kamen und gingen freilich auch auf dieser
+Insel, aber richteten hier noch weniger aus als selbst in Syrien und Ägypten.
+Fast schien es aber, als habe das Schicksal den Kretern die Freiheit nur
+gelassen um zu zeigen, was herauskomme bei der hellenischen Unabhängigkeit. Es
+war ein schreckliches Bild. Die alte dorische Strenge der Gemeindeordnungen war
+ähnlich wie in Tarent umgeschlagen in eine wüste Demokratie, der ritterliche
+Sinn der Bewohner in eine wilde Rauf- und Beutegier; ein achtbarer Hellene
+selbst bezeugt es, daß allein auf Kreta nichts für schimpflich gelte, was
+einträglich sei, und noch der Apostel Paulus führt billigend den Spruch eines
+kretischen Dichters an: &ldquo;Lügner sind all, Faulranzen, unsaubere Tiere die
+Kreter.&rdquo; Die ewigen Bürgerkriege verwandelten trotz der römischen
+Friedensstiftungen auf der alten &ldquo;Insel der hundert Städte&rdquo; eine
+blühende Ortschaft nach der andern in Ruinenhaufen. Ihre Bewohner
+durchstreiften als Räuber die Heimat und die Fremde, die Länder und die Meere;
+die Insel ward der Werbeplatz für die umliegenden Königreiche, seit dieser
+Unfug im Peloponnes nicht mehr geduldet ward, und vor allem der rechte Sitz der
+Piraterie, wie denn zum Beispiel um diese Zeit die Insel Siphnos durch eine
+kretische Korsarenflotte völlig ausgeraubt ward. Rhodos, das ohnehin von dem
+Verlust seiner Besitzungen auf dem Festland und den seinem Handel zugefügten
+Schlägen sich nicht zu erholen vermochte, vergeudete seine letzten Kräfte in
+den Kriegen, die es zur Unterdrückung der Piraterie gegen die Kreter zu führen
+sich genötigt sah (um 600 150) und in denen die Römer zwar zu vermitteln
+suchten, indes ohne Ernst und, wie es scheint, ohne Erfolg.
+</p>
+
+<p>
+Neben Kreta fing bald auch Kilikien an, für diese Flibustierwirtschaft eine
+zweite Heimat zu werden; und es war nicht bloß die Ohnmacht der syrischen
+Herrscher, die ihr hier Vorschub tat: der Usurpator Diodotos Tryphon, der sich
+vom Sklaven zum König Syriens aufgeschwungen hatte (608-615 146-139), förderte,
+um durch Korsarenhilfe seinen Thron zu befestigen, in seinem Hauptsitz, dem
+Rauhen oder westlichen Kilikien, mit allen Mitteln von oben herab die
+Piraterie. Der ungemein gewinnbringende Verkehr mit den Piraten, die zugleich
+die hauptsächlichsten Sklavenfänger und Sklavenhändler waren, verschaffte ihnen
+bei dem kaufmännischen Publikum, sogar in Alexandreia, Rhodos und Delos eine
+gewisse Duldung, an der selbst die Regierungen wenigstens durch Passivität sich
+beteiligten. Das Übel ward so ernsthaft, daß der Senat um 611 (143) seinen
+besten Mann, Scipio Aemilianus, nach Alexandreia und Syrien sandte, um an Ort
+und Stelle zu ermitteln, was sich dabei tun lasse. Allein diplomatische
+Vorstellungen der Römer machten die schwachen Regierungen nicht stark; es gab
+keine andere Abhilfe als geradezu eine Flotte in diesen Gewässern zu
+unterhalten, wozu es wieder der römischen Regierung an Energie und Konsequenz
+gebrach. So blieb eben alles beim alten, die Piratenflotte die einzige
+ansehnliche Seemacht im Mittelmeere, der Menschenfang das einzige daselbst
+blühende Gewerbe. Die römische Regierung sah den Dingen zu, die römischen
+Kaufleute aber standen als die besten Kunden auf dem Sklavenmarkt mit den
+Piratenkapitänen als den bedeutendsten Großhändlern in diesem Artikel auf Delos
+und sonst in regem und freundlichem Geschäftsverkehr.
+</p>
+
+<p>
+Wir haben die Umgestaltung der äußeren Verhältnisse Roms und der
+römisch-hellenischen Welt überhaupt in ihren Umrissen von der Schlacht bei
+Pydna bis auf die Gracchenzeit, vom Tajo und vom Bagradas zum Nil und zum
+Euphrat begleitet. Es war eine große und schwierige Aufgabe, die Rom mit dem
+Regimente dieser römisch-hellenischen Welt übernahm; sie ward nicht völlig
+verkannt, aber keineswegs gelöst. Die Unhaltbarkeit des Gedankens der
+catonischen Zeit, den Staat auf Italien zu beschränken und außerhalb Italiens
+nur durch Klientel zu herrschen, ward von den leitenden Männern der folgenden
+Generation wohl begriffen und wohl die Notwendigkeit eingesehen, an die Stelle
+dieses Klientelregiments eine die Gemeindefreiheiten wahrende, unmittelbare
+Herrschaft Roms zu setzen. Allein statt diese neue Ordnung fest, rasch und
+gleichmäßig durchzuführen, wurden einzelne Landschaften eingezogen, wo eben
+Gelegenheit, Eigensinn, Nebenvorteil und Zufall dazu führten, wogegen der
+größere Teil des Klientelgebiets entweder in der unerträglichen Halbheit seiner
+bisherigen Stellung verblieb oder gar, wie namentlich Syrien, sich gänzlich dem
+Einfluß Roms entzog. Aber auch das Regiment selbst ging mehr und mehr auf in
+einem schwächlichen und kurzsichtigen Egoismus. Man begnügte sich von heute auf
+morgen zu regieren und nur eben die laufenden Geschäfte notdürftig zu
+erledigen. Man war gegen die Schwachen der strenge Herr - als die Stadt Mylasa
+in Karien dem Publius Crassus Konsul 623 (131) zur Erbauung eines Sturmbocks
+einen andern Balken als den verlangten sandte, ward der Vorstand der Stadt
+deswegen ausgepeitscht; und Crassus war kein schlechter Mann und ein streng
+rechtlicher Beamter. Dagegen ward die Strenge da vermißt, wo sie an ihrem Platz
+gewesen wäre, wie gegen die angrenzenden Barbaren und gegen die Piraten. Indem
+die Zentralregierung auf jede Oberleitung und jede Übersicht der
+Provinzialverhältnisse Verzicht tat, gab sie dem jedesmaligen Vogt nicht bloß
+die Interessen der Untertanen, sondern auch die des Staates vollständig preis.
+Die spanischen Vorgänge, unbedeutend an sich, sind hierfür belehrend. Hier, wo
+die Regierung weniger als in den übrigen Provinzen sich auf die bloße
+Zuschauerrolle beschränken konnte, wurde nicht bloß von den römischen
+Statthaltern das Völkerrecht geradezu mit Füßen getreten und durch eine Wort-
+und Treulosigkeit sondergleichen, durch das frevelhafteste Spiel mit
+Kapitulationen und Verträgen, durch Niedermetzelung untertäniger Leute und
+Mordanstiftung gegen die feindlichen Feldherren die römische Ehre dauernd im
+Kote geschleift, sondern es ward auch gegen den ausgesprochenen Willen der
+römischen Oberbehörde Krieg geführt und Friede geschlossen und aus
+unbedeutenden Vorfällen; wie zum Beispiel dem Ungehorsam der Numantiner, durch
+eine seltene Vereinigung von Verkehrtheit und Verruchtheit eine für den Staat
+verhängnisvolle Katastrophe entwickelt. Und das alles geschah, ohne daß in Rom
+auch nur eine ernstliche Bestrafung deswegen verfügt ward. Über die Besetzung
+der wichtigsten Stellen und die Behandlung der bedeutendsten politischen Fragen
+entschieden nicht bloß die Sympathien und Rivalitäten der verschiedenen
+Senatskoterien mit, sondern es fand selbst schon das Gold der auswärtigen
+Dynasten Eingang bei den Ratsherren von Rom. Als der erste, der mit Erfolg
+versuchte, den römischen Senat zu bestechen, wird Timarchos genannt, der
+Gesandte des Königs Antiochos Epiphanes von Syrien († 590 164); bald wurde die
+Beschenkung einflußreicher Senatoren durch auswärtige Könige so gewöhnlich, daß
+es auffiel, als Scipio Aemilianus die im Lager vor Numantia ihm von dem König
+von Syrien zugekommenen Gaben in die Kriegskasse einwarf. Durchaus ließ man den
+alten Grundsatz fallen, daß der Lohn der Herrschaft einzig die Herrschaft und
+die Herrschaft ebensosehr eine Pflicht und eine Last wie ein Recht und ein
+Vorteil sei. So kam die neue Staatswirtschaft auf, welche von der Besteuerung
+der Bürger absah und dagegen die Untertanenschaft als einen nutzbaren Besitz
+der Gemeinde teils von Gemeinde wegen ausbeutete, teils der Ausbeutung durch
+die Bürger überlieferte; nicht bloß wurde dem rücksichtslosen Geldhunger des
+römischen Kaufmanns in der Provinzialverwaltung mit frevelhafter Nachgiebigkeit
+Spielraum gestattet, sondern es wurden sogar die ihm mißliebigen Handelsrivalen
+durch die Heere des Staats aus dem Wege geräumt und die herrlichsten Städte der
+Nachbarländer nicht der Barbarei der Herrschsucht, sondern der weit
+scheußlicheren Barbarei der Spekulation geopfert. Durch den Ruin der älteren,
+der Bürgerschaft allerdings schwere Opfer auferlegenden Kriegsordnung grub der
+am letzten Ende doch nur auf seinem militärischen Übergewicht ruhende Staat
+sich selber die Stütze ab. Die Flotte ließ man ganz eingehen, das
+Landkriegswesen in der unglaublichsten Weise verfallen. Die Bewachung der
+asiatischen und afrikanischen Grenzen wurde auf die Untertanen abgewälzt und
+was man nicht von sich abwälzen konnte, wie die italische, makedonische und
+spanische Grenzverteidigung, in der elendesten Weise verwaltet. Die besseren
+Klassen fingen an so sehr aus dem Heere zu verschwinden, daß es schon schwer
+hielt, für die spanischen Heere die erforderliche Anzahl von Offizieren
+aufzutreiben. Die immer steigende Abneigung namentlich gegen den spanischen
+Kriegsdienst in Verbindung mit der von den Beamten bei der Aushebung bewiesenen
+Parteilichkeit nötigten im Jahre 602 (152) zum Aufgeben der alten Übung, die
+Auswahl der erforderlichen Anzahl Soldaten aus der dienstpflichtigen Mannschaft
+dem freien Ermessen der Offiziere zu überlassen, und zu deren Ersetzung durch
+das Losen der sämtlichen Dienstpflichtigen - sicher nicht zum Vorteil des
+militärischen Gemeingeistes und der Kriegstüchtigkeit der einzelnen
+Abteilungen. Die Behörden, statt mit Strenge durchzugreifen, erstreckten die
+leidige Volksschmeichelei auch hierauf mit: wenn einmal ein Konsul für den
+spanischen Dienst pflichtmäßig strenge Aushebungen veranstaltete, so machten
+die Tribune Gebrauch von ihrem verfassungsmäßigen Recht, ihn zu verhaften (603,
+616 151,138); und es ward schon bemerkt, daß Scipios Ansuchen, ihm für den
+Numantinischen Krieg die Aushebung zu gestatten, vom Senat geradezu
+abgeschlagen ward. Schon erinnern denn auch die römischen Heere vor Karthago
+oder Numantia an jene syrischen Armeen, in denen die Zahl der Bäcker, Köche,
+Schauspieler und sonstigen Nichtkombattanten die der sogenannten Soldaten um
+das Vierfache überstieg; schon geben die römischen Generale ihren karthagischen
+Kollegen in der Heerverderbekunst wenig nach und werden die Kriege in Afrika
+wie in Spanien, in Makedonien wie in Asien regelmäßig mit Niederlagen eröffnet;
+schon schweigt man still zu der Ermordung des Gnaeus Octavius, schon ist
+Viriathus&rsquo; Meuchelmord ein Meisterwerk der römischen Diplomatie, schon
+die Eroberung von Numantia eine Großtat. Wie völlig der Begriff von Volks- und
+Mannesehre bereits den Römern abhanden gekommen war, zeigte mit
+epigrammatischer Schärfe die Bildsäule des entkleideten und gebundenen
+Mancinus, welche dieser selbst, stolz auf seine patriotische Aufopferung, in
+Rom sich setzen ließ. Wohin man den Blick auch wendet, findet man Roms innere
+Kraft wie seine äußere Macht in raschem Sinken. Der in Riesenkämpfen gewonnene
+Boden wird in dieser Friedenszeit nicht erweitert, ja nicht einmal behauptet.
+Das Weltregiment, schwer zu erringen, ist schwerer noch zu bewahren; jenes
+hatte der römische Senat vermocht, an diesem ist er gescheitert.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap02"></a>KAPITEL II.<br/>
+Die Reformbewegung und Tiberius Gracchus</h2>
+
+<p>
+Ein volles Menschenalter nach der Schlacht von Pydna erfreute der römische
+Staat sich der tiefsten, kaum hie und da an der Oberfläche bewegten Ruhe. Das
+Gebiet dehnte über die drei Weltteile sich aus; der Glanz der römischen Macht
+und der Ruhm des römischen Namens waren in dauerndem Steigen; aller Augen
+ruhten auf Italien, alle Talente, aller Reichtum strömten dahin: eine goldene
+Zeit friedlicher Wohlfahrt und geistigen Lebensgenusses schien dort beginnen zu
+müssen. Mit Bewunderung erzählten sich die Orientalen dieser Zeit von der
+mächtigen Republik des Westens, &ldquo;die die Königreiche bezwang fern und
+nah, und wer ihren Namen vernahm, der fürchtete sich; mit den Freunden und
+Schutzbefohlenen aber hielt sie guten Frieden. Solche Herrlichkeit war bei den
+Römern, und doch setzte keiner die Krone sich auf und prahlte keiner im
+Purpurgewand; sondern wen sie Jahr um Jahr zu ihrem Herrn machten, auf den
+hörten sie, und war bei ihnen nicht Neid noch Zwietracht.&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+So schien es in der Ferne; in der Nähe sahen die Dinge anders aus. Das Regiment
+der Aristokratie war im vollen Zuge, sein eigenes Werk zu verderben. Nicht als
+wären die Söhne und Enkel der Besiegten von Cannae und der Sieger von Zama so
+völlig aus der Art ihrer Väter und Großväter geschlagen; es waren weniger
+andere Menschen, die jetzt im Senate saßen, als eine andere Zeit. Wo eine
+geschlossene Zahl alter Familien festgegründeten Reichtums und ererbter
+staatsmännischer Bedeutung das Regiment führt, wird sie in den Zeiten der
+Gefahr eine ebenso unvergleichlich zähe Folgerichtigkeit und heldenmütige
+Opferfähigkeit entwickeln wie in den Zeiten der Ruhe kurzsichtig, eigensüchtig
+und schlaff regieren - zu dem einen wie dem andern liegen die Keime im Wesen
+der Erblichkeit und der Kollegialität. Der Krankheitsstoff war längst
+vorhanden, aber ihn zu entwickeln bedurfte es der Sonne des Glückes. In Catos
+Frage, was aus Rom werden solle, wenn es keinen Staat mehr zu fürchten haben
+werde, lag ein tiefer Sinn. Jetzt war man so weit: jeder Nachbar, den man hätte
+fürchten mögen, war politisch vernichtet, und von den Männern, welche unter der
+alten Ordnung der Dinge, in der ernsten Schule des Hannibalischen Krieges
+erzogen waren und aus denen der Nachklang jener gewaltigen Zeit bis in ihr
+spätestes Alter noch widerhallte, rief der Tod einen nach dem andern ab, bis
+endlich auch die Stimme des letzten von ihnen, des alten Cato, im Rathaus und
+auf dem Marktplatz verstummte. Eine jüngere Generation kam an das Regiment, und
+ihre Politik war eine arge Antwort auf jene Frage des alten Patrioten. Wie das
+Untertanenregiment und die äußere Politik unter ihren Händen sich gestalteten,
+ist bereits dargelegt worden. Womöglich noch mehr ließ man in den inneren
+Angelegenheiten das Schiff vor dem Winde treiben; wenn man unter innerem
+Regiment mehr versteht als die Erledigung der laufenden Geschäfte, so ward in
+dieser Zeit überhaupt in Rom nicht regiert. Der einzige leitende Gedanke der
+regierenden Korporation war die Erhaltung und womöglich Steigerung ihrer
+usurpierten Privilegien. Nicht der Staat hatte für sein höchstes Amt ein
+Anrecht auf den rechten und den besten Mann, sondern jedes Glied der
+Kamaraderie ein angeborenes, weder durch unbillige Konkurrenz der
+Standesgenossen noch durch Übergriffe der Ausgeschlossenen zu verkürzendes
+Anrecht auf das höchste Staatsamt. Darum steckte die Clique zu ihrem
+wichtigsten politischen Ziel sich die Beschränkung der Wiederwahl zum Konsulat
+und die Ausschließung der &ldquo;neuen Menschen&rdquo;; es gelang denn auch in
+der Tat, jene um das Jahr 603 (151) gesetzlich untersagt zu erhalten ^1 und
+auszureichen mit einem Regiment adliger Nullitäten. Auch die Tatenlosigkeit der
+Regierung nach außen hin hängt ohne Zweifel mit dieser gegen die Bürgerlichen
+ausschließenden und gegen die einzelnen Standesglieder mißtrauischen
+Adelspolitik zusammen. Man konnte gemeine Leute, deren Adelsbrief ihre Taten
+waren, von den lauteren Kreisen der Aristokratie nicht sicherer fern halten,
+als indem man überhaupt es keinem gestattete, Taten zu verrichten; auch würde
+dem bestehenden Regiment der allgemeinen Mittelmäßigkeit selbst ein adliger
+Eroberer Syriens oder Ägyptens schon unbequem gewesen sein. Allerdings fehlte
+es auch jetzt an einer Opposition nicht, und sie war sogar bis zu einem
+gewissen Grade erfolgreich. Man verbesserte die Rechtspflege. Die
+Administrativjurisdiktion, wie der Senat sie entweder selbst oder gelegentlich
+durch außerordentliche Kommissionen über die Provinzialbeamten ausübte, reichte
+anerkanntermaßen nicht aus; es war eine für das ganze öffentliche Leben der
+römischen Gemeinde folgenreiche Neuerung, daß im Jahre 605 (149) auf Vorschlag
+des Lucius Calpurnius Piso eine ständige Senatorenkommission (quaestio
+ordinaria) niedergesetzt ward, um die Beschwerden der Provinzialen gegen die
+vorgesetzten römischen Beamten wegen Gelderpressung in gerichtlichen Formen zu
+prüfen. Man suchte die Komitien von dem übermächtigen Einfluß der Aristokratie
+zu emanzipieren. Die Panazee auch der römischen Demokratie war die geheime
+Abstimmung in den Versammlungen der Bürgerschaft, welche zuerst für die
+Magistratswahlen durch das Gabinische (615 139), dann für die Volksgerichte
+durch das Cassische (617 137), endlich für die Abstimmung über Gesetzvorschläge
+durch das Papirische Gesetz (623 131) eingeführt ward. In ähnlicher Weise
+wurden bald nachher (um 625 129) die Senatoren durch Volksbeschluß angewiesen,
+bei dem Eintritt in den Senat ihr Ritterpferd abzugeben und also auf den
+bevorzugten Stimmplatz in den achtzehn Ritterzenturien zu verzichten. In diesen
+auf die Emanzipation der Wählerschaft von dem regierenden Herrenstand
+gerichteten Maßregeln mochte die Partei, die sie veranlaßte, vielleicht den
+Anfang zu einer Regeneration des Staates erblicken; in der Tat ward dadurch in
+der Nichtigkeit und Unfreiheit des gesetzlich höchsten Organs der römischen
+Gemeinde auch nicht das mindeste geändert, ja dieselbe allen, die es anging und
+nicht anging, nur noch handgreiflicher dargetan. Ebenso prahlhaftig und ebenso
+eitel war die förmliche Anerkennung der Unabhängigkeit und Souveränität der
+Bürgerschaft, welche ihr durch die Verlegung ihres Versammlungsplatzes von der
+alten Dingstatt unter dem Rathaus auf den Marktplatz zuteil ward (um 609 145).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Im Jahre 537 (217) wurde das die Wiederwahl zum Konsulat beschränkende
+Gesetz auf die Dauer des Krieges in Italien (also bis 551 203) suspendiert
+(Liv. 27, 6). Nach Marcellus&rsquo; Tode 546 (208) aber sind Wiederwahlen zum
+Konsulat, wenn die abdizierenden Konsuln von 592 (162) nicht mitgerechnet
+werden, überhaupt nur vorgekommen in den Jahren 547, 554, 560, 579, 585, 586,
+591, 596, 599, 602 (207, 200, 194, 175, 169, 168, 163, 158, 155, 152); also
+nicht öfter in diesen sechsundfünfzig als zum Beispiel in den zehn Jahren
+401-410 (353-344). Nur eine von diesen, und eben die letzte, ist mit Verletzung
+des zehnjährigen Intervalls erfolgt; und ohne Zweifel ist die seltsame Wahl des
+Marcus Marcellus, Konsul 588 (166) und 599 (155), zum dritten Konsulat für 602
+(152), deren nähere Umstände wir nicht kennen, die Veranlassung der
+gesetzlichen Untersagung der Wiederwahl zum Konsulat überhaupt (Liv. ep. 56)
+geworden; zumal da dieser Antrag, als von Cato unterstützt (p. 55 Jordan), vor
+605 (149) eingebracht worden sein muß.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Aber diese Fehde der formalen Volkssouveränität gegen die tatsächlich
+bestehende Verfassung war zum guten Teil scheinhafter Art. Die Parteiphrasen
+prasselten und klirrten; von den Parteien selbst war in den wirklich und
+unmittelbar praktischen Angelegenheiten wenig zu spüren. Das ganze siebente
+Jahrhundert hindurch bildeten die jährlichen Gemeindewahlen zu den bürgerlichen
+Ämtern, namentlich zum Konsulat und zur Zensur, die eigentlich stehende
+Tagesfrage und den Brennpunkt des politischen Treibens; aber nur in einzelnen
+seltenen Fällen waren in den verschiedenen Kandidaturen auch entgegengesetzte
+politische Prinzipien verkörpert; regelmäßig blieben dieselben rein persönliche
+Fragen und war es für den Gang der Angelegenheiten gleichgültig, ob die
+Majorität der Wahlkörper dem Cäcilier oder dem Cornelier zufiel. Man entbehrte
+also dessen, was die Übelstände des Parteilebens alle überträgt und vergütet,
+der freien und gemeinschaftlichen Bewegung der Massen nach dem als zweckmäßig
+erkannten Ziel, und duldete sie dennoch alle lediglich zum Frommen des kleinen
+Spiels der herrschenden Koterien.
+</p>
+
+<p>
+Es war dem römischen Adligen verhältnismäßig leicht, die Ämterlaufbahn als
+Quästor und Volkstribun zu betreten, aber die Erlangung des Konsulats und der
+Zensur war auch ihm nur durch große und jahrelange Anstrengungen möglich. Der
+Preise waren viele, aber der lohnenden wenige; die Kämpfer liefen, wie ein
+römischer Dichter einmal sagt, wie in einer an den Schranken weiten, allmählich
+mehr und mehr sich verengenden Bahn. Das war recht, solange das Amt war, wie es
+hieß, eine &ldquo;Ehre&rdquo;, und militärische, politische, juristische
+Kapazitäten wetteifernd um die seltenen Kränze warben; jetzt aber hob die
+tatsächliche Geschlossenheit der Nobilität den Nutzen der Konkurrenz auf und
+ließ nur ihre Nachteile übrig. Mit wenigen Ausnahmen drängten die den
+regierenden Familien angehörenden jungen Männer sich in die politische
+Laufbahn, und der hastige und unreife Ehrgeiz griff bald zu wirksameren
+Mitteln, als nützliche Tätigkeit für das gemeine Beste war. Die erste Bedingung
+für die öffentliche Laufbahn wurden mächtige Verbindungen; dieselbe begann also
+nicht wie sonst im Lager, sondern in den Vorzimmern der einflußreichen Männer.
+Was sonst nur Schutzbefohlene und Freigelassene getan, daß sie ihrem Herrn am
+frühen Morgen aufzuwarten kamen und öffentlich in seinem Gefolge erschienen,
+das übertrug sich jetzt auf die neue vornehme Klientel. Aber auch der Pöbel ist
+ein großer Herr und will als solcher respektiert sein. Der Janhagel fing an, es
+als sein Recht zu fordern, daß der künftige Konsul in jedem Lumpen von der
+Gasse das souveräne Volk erkenne und ehre und jeder Bewerber bei seinem
+&ldquo;Umgang&rdquo; (ambitus) jeden einzelnen Stimmgeber bei Namen begrüße und
+ihm die Hand drücke. Bereitwillig ging die vornehme Welt ein auf diesen
+entwürdigenden Ämterbettel. Der richtige Kandidat kroch nicht bloß im Palast,
+sondern auch auf der Gasse und empfahl sich der Menge durch Liebäugeleien,
+Nachsichtigkeiten, Artigkeiten von feinerer oder gröberer Qualität. Der Ruf
+nach Reformen und die Demagogie wurden dazu vernutzt, sich bei dem Publikum
+bekannt und beliebt zu machen; und sie wirkten um so mehr, je mehr sie nicht
+die Sache angriffen, sondern die Person. Es ward Sitte, daß die bartlosen
+Jünglinge vornehmer Geburt, um sich glänzend in das öffentliche Leben
+einzuführen, mit der unreifen Leidenschaft ihrer knabenhaften Beredsamkeit die
+Rolle Catos weiterspielten und aus eigener Machtvollkommenheit sich womöglich
+gegen einen recht hochstehenden und recht unbeliebten Mann zu Anwälten des
+Staats aufwarfen; man ließ es geschehen, daß das ernste Institut der
+Kriminaljustiz und der politischen Polizei ein Mittel für den Ämterbewerb ward.
+Die Veranstaltung oder, was noch schlimmer war, die Verheißung prachtvoller
+Volkslustbarkeiten war längst die gleichsam gesetzliche Vorbedingung zur
+Erlangung des Konsulats; jetzt begannen auch schon, wie das um 595 (159)
+dagegen erlassene Verbot bezeugt, die Stimmen der Wähler geradezu mit Geld
+erkauft zu werden. Vielleicht die schlimmste Folge des dauernden Buhlens der
+regierenden Aristokratie um die Gunst der Menge war die Unvereinbarkeit dieser
+Bettler- und Schmeichlerrolle mit derjenigen Stellung, welche der Regierung den
+Regierten gegenüber von Rechts wegen zukommt. Das Regiment ward dadurch aus
+einem Segen für das Volk zum Fluch. Man wagte es nicht mehr, über Gut und Blut
+der Bürger zum Besten des Vaterlandes nach Bedürfnis zu verfügen. Man ließ die
+Bürgerschaft sich an den gefährlichen Gedanken gewöhnen, daß sie selbst von der
+vorschußweisen Entrichtung direkter Abgaben gesetzlich befreit sei - nach dem
+Kriege gegen Perseus ist kein Schoß mehr von der Gemeinde gefordert worden. Man
+ließ lieber das Heerwesen verfallen, als daß man die Bürger zu dem verhaßten
+überseeischen Dienst zwang; wie es den einzelnen Beamten erging, die die
+Konskription nach der Strenge des Gesetzes durchzuführen versuchten, ist schon
+gesagt worden.
+</p>
+
+<p>
+In verhängnisvoller Weise verschlingen sich in dem Rom dieser Zeit die
+zwiefachen Mißstände einer ausgearteten Oligarchie und einer noch
+unentwickelten, aber schon im Keime vom Wurmfraß ergriffenen Demokratie. Ihren
+Parteinamen nach, welche zuerst in dieser Periode gehört werden, wollten die
+&ldquo;Optimaten&rdquo; den Willen der Besten, die &ldquo;Popularen&rdquo; den
+der Gemeinde zur Geltung bringen; in der Tat gab es in dem damaligen Rom weder
+eine wahre Aristokratie noch eine wahrhaft sich selber bestimmende Gemeinde.
+Beide Parteien stritten gleichermaßen für Schatten und zählten in ihren Reihen
+nur entweder Schwärmer oder Heuchler. Beide waren von der politischen Fäulnis
+gleichmäßig ergriffen und in der Tat beide gleich nichtig. Beide waren mit
+Notwendigkeit in den Status quo gebannt, da weder hüben noch drüben ein
+politischer Gedanke, geschweige denn ein politischer Plan sich fand, der über
+diesen hinausgegangen wäre, und so vertrugen denn auch beide sich miteinander
+so vollkommen, daß sie auf jeden Schritt sich in den Mitteln wie in den Zwecken
+begegneten und der Wechsel der Partei mehr ein Wechsel der politischen Taktik
+als der politischen Gesinnung war. Das Gemeinwesen hätte ohne Zweifel gewonnen,
+wenn entweder die Aristokratie statt der Bürgerschaftswahlen geradezu einen
+erblichen Turnus eingeführt oder die Demokratie ein wirkliches
+Demagogenregiment aus sich hervorgebracht hätte. Aber diese Optimaten und diese
+Popularen des beginnenden siebenten Jahrhunderts waren die einen für die andern
+viel zu unentbehrlich, um sich also auf Tod und Leben zu bekriegen; sie konnten
+nicht bloß nicht einander vernichten, sondern, wenn sie es gekonnt hätten,
+hätten sie es nicht gewollt. Darüber wich denn freilich politisch wie sittlich
+das Gemeinwesen immer mehr aus den Fugen und ging seiner völligen Auflösung
+entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Es ging denn auch die Krise, durch welche die römische Revolution eröffnet
+ward, nicht aus diesem dürftigen politischen Konflikt hervor, sondern aus den
+ökonomischen und sozialen Verhältnissen, welche die römische Regierung wie
+alles andere lediglich gehen ließ und welche also Gelegenheit fanden, den seit
+langem gärenden Krankheitsstoff jetzt ungehemmt mit furchtbarer Raschheit und
+Gewaltsamkeit zu zeigen. Seit uralter Zeit beruhte die römische Ökonomie auf
+den beiden ewig sich suchenden und ewig hadernden Faktoren, der bäuerlichen und
+der Geldwirtschaft. Schon einmal hatte die letztere im engsten Bunde mit dem
+großen Grundbesitz Jahrhunderte lang gegen den Bauernstand einen Krieg geführt,
+der mit dem Untergang zuerst der Bauernschaft und demnächst des ganzen
+Gemeinwesens endigen zu müssen schien, aber ohne eigentliche Entscheidung
+abgebrochen ward infolge der glücklichen Kriege und der hierdurch möglich
+gemachten umfänglichen und großartigen Domanialaufteilung. Es ward schon früher
+gezeigt, daß in derselben Zeit, welche den Gegensatz zwischen Patriziern und
+Plebejern unter veränderten Namen erneuerte, das unverhältnismäßig
+anschwellende Kapital einen zweiten Sturm gegen die bäuerliche Wirtschaft
+vorbereitete. Zwar der Weg war ein anderer. Ehemals war der kleine Bauer
+ruiniert worden durch Vorschüsse, die ihn tatsächlich zum Meier seines
+Gläubigers herabdrückten; jetzt ward er erdrückt durch die Konkurrenz des
+überseeischen und insonderheit des Sklavenkorns. Man schritt fort mit der Zeit;
+das Kapital führte gegen die Arbeit, das heißt gegen die Freiheit der Person,
+den Krieg, natürlich wie immer in strengster Form Rechtens, aber nicht mehr in
+der unziemlichen Weise, daß der freie Mann der Schulden wegen Sklave ward,
+sondern von Haus aus mit rechtmäßig gekauften und bezahlten Sklaven; der
+ehemalige hauptstädtische Zinsherr trat auf in zeitgemäßer Gestalt als
+industrieller Plantagenbesitzer. Allein das letzte Ergebnis war in beiden
+Fällen das gleiche: die Entwertung der italischen Bauernstellen, die
+Verdrängung der Kleinwirtschaft zuerst in einem Teil der Provinzen, sodann in
+Italien durch die Gutswirtschaft; die vorwiegende Richtung auch dieser in
+Italien auf Viehzucht und auf Öl- und Weinbau; schließlich die Ersetzung der
+freien Arbeiter in den Provinzen wie in Italien durch Sklaven. Eben wie die
+Nobilität deshalb gefährlicher war als das Patriziat, weil jene nicht wie
+dieses durch eine Verfassungsänderung sich beseitigen ließ, so war auch diese
+neue Kapitalmacht darum gefährlicher als die des vierten und fünften
+Jahrhunderts, weil gegen sie mit Änderungen des Landrechts nichts auszurichten
+war.
+</p>
+
+<p>
+Ehe wir es versuchen, den Verlauf dieses zweiten großen Konflikts von Arbeit
+und Kapital zu schildern, wird es notwendig, über das Wesen und den Umfang der
+Sklavenwirtschaft hier einige Andeutungen einzuschalten. Wir haben es hier
+nicht zu tun mit der alten, gewissermaßen unschuldigen Feldsklaverei, wonach
+der Bauer entweder zugleich mit seinem Knechte ackert oder auch, wenn er mehr
+Land besitzt, als er bewirtschaften kann, denselben entweder als Verwalter oder
+auch unter Verpflichtung zur Ablieferung eines Teils vom Ertrag gewissermaßen
+als Pächter über einen abgeteilten Meierhof setzt; solche Verhältnisse
+bestanden zwar zu allen Zeiten - um Comum zum Beispiel waren sie noch in der
+Kaiserzeit die Regel -, allein als Ausnahmezustände bevorzugter Landschaften
+und milde verwalteter Güter. Hier ist die Großwirtschaft mit Sklaven gemeint,
+welche im römischen Staat wie einst im karthagischen aus der Übermacht des
+Kapitals sich entwickelte. Während für den Sklavenbestand der älteren Zeit die
+Kriegsgefangenschaft und die Erblichkeit der Knechtschaft ausreichten, beruht
+diese Sklavenwirtschaft, völlig wie die amerikanische, auf systematisch
+betriebener Menschenjagd, da bei der auf Leben und Fortpflanzung der Sklaven
+wenig Rücksicht nehmenden Nutzungsweise die Sklavenbevölkerung beständig
+zusammenschwand und selbst die stets neue Massen auf den Sklavenmarkt
+liefernden Kriege das Defizit zu decken nicht ausreichten. Kein Land, wo dieses
+jagdbare Wild sich vorfand, blieb hiervon verschont; selbst in Italien war es
+keineswegs unerhört, daß der arme Freie von seinem Brotherrn unter die Sklaven
+eingestellt ward. Das Negerland jener Zeit aber war Vorderasien 2, wo die
+kretischen und kilikischen Korsaren, die rechten gewerbsmäßigen Sklavenjäger
+und Sklavenhändler, die Küsten Syriens und die griechischen Inseln ausraubten,
+wo mit ihnen wetteifernd die römischen Zollpächter in den Klientelstaaten
+Menschenjagden veranstalteten und die Gefangenen unter ihr Sklavengesinde
+untersteckten - es geschah dies in solchem Umfang, daß um 650 (100) der König
+von Bithynien sich unfähig erklärte, den verlangten Zuzug zu leisten, da aus
+seinem Reich alle arbeitsfähigen Leute von den Zollpächtern weggeschleppt
+seien. Auf dem großen Sklavenmarkt in Delos, wo die kleinasiatischen
+Sklavenhändler ihre Ware an die italischen Spekulanten absetzten, sollen an
+einem Tage bis zu 10000 Sklaven des Morgens ausgeschifft und vor Abend alle
+verkauft gewesen sein - ein Beweis zugleich, welche ungeheure Zahl von Sklaven
+geliefert ward und wie dennoch die Nachfrage immer noch das Angebot überstieg.
+Es war kein Wunder. Bereits in der Schilderung der römischen Ökonomie des
+sechsten Jahrhunderts ist es dargelegt worden, daß dieselbe wie überhaupt die
+gesamte Großwirtschaft des Altertums auf dem Sklavenbetriebe ruht. Worauf immer
+die Spekulation sich warf, ihr Werkzeug war ohne Ausnahme der rechtlich zum
+Tier herabgesetzte Mensch. Durch Sklaven wurden großenteils die Handwerke
+betrieben, so daß der Ertrag dem Herrn zufiel. Durch die Sklaven der
+Steuerpachtgesellschaft wurde die Erhebung der öffentlichen Gefälle in den
+untern Graden regelmäßig beschafft. Ihre Hände besorgten den Grubenbau, die
+Pechhütten und was derart sonst vorkommt; schon früh kam es auf, Sklavenherden
+nach den spanischen Bergwerken zu senden, deren Vorsteher sie bereitwillig
+annahmen und hoch verzinsten. Die Wein- und Olivenlese wurde in Italien nicht
+von den Leuten auf dem Gut bewirkt, sondern einem Sklavenbesitzer in Akkord
+gegeben. Die Hütung des Viehs ward allgemein durch Sklaven beschafft; der
+bewaffneten, häufig berittenen Hirtensklaven auf den großen Weidestrecken
+Italiens ist bereits gedacht worden, und dieselbe Art der Weidewirtschaft ward
+bald auch in den Provinzen ein beliebter Gegenstand der römischen Spekulation -
+so war zum Beispiel Dalmatien kaum erobert (599 155), als die römischen
+Kapitalisten anfingen, dort in italischer Weise die Viehzucht im großen zu
+betreiben. Aber in jeder Beziehung weit schlimmer noch war der eigentliche
+Plantagenbau, die Bestellung der Felder durch eine Herde nicht selten mit dem
+Eisen gestempelter Sklaven, welche mit Fußschellen an den Beinen unter
+Aufsehern des Tags die Feldarbeiten taten und nachts in dem gemeinschaftlichen,
+häufig unterirdischen Arbeiterzwinger zusammengesperrt wurden. Diese
+Plantagenwirtschaft war aus dem Orient nach Karthago gewandert und scheint
+durch die Karthager nach Sizilien gelangt zu sein, wo, wahrscheinlich aus
+diesem Grunde, die Plantagenwirtschaft früher und vollständiger als in
+irgendeinem anderen Gebiet der römischen Herrschaft durchgebildet auftritt 3.
+Die Leontinische Feldmark von etwa 30 000 Jugera urbaren Landes, die als
+römische Domäne von den Zensoren verpachtet wurde, finden wir einige Dezennien
+nach der Gracchenzeit geteilt unter nicht mehr als 84 Pächter, von denen also
+durchschnittlich auf jeden 360 Jugera kamen und unter denen nur ein einziger
+Leontiner, die übrigen fremde, meistens römische Spekulanten waren. Man sieht
+hieraus, mit welchem Eifer die römischen Spekulanten hier in die Fußstapfen
+ihrer Vorgänger traten und welche großartigen Geschäfte mit sizilischem Vieh
+und sizilischem Sklavenkorn die römischen und nichtrömischen Spekulanten
+gemacht haben werden, die mit ihren Hutungen und Pflanzungen die schöne Insel
+bedeckten. Italien indes blieb von dieser schlimmsten Form der
+Sklavenwirtschaft für jetzt noch wesentlich verschont. Wenngleich in Etrurien,
+wo die Plantagenwirtschaft zuerst in Italien aufgekommen zu sein scheint und wo
+sie wenigstens vierzig Jahre später in ausgedehntestem Umfange bestand,
+höchstwahrscheinlich schon jetzt es an Arbeiterzwingern nicht fehlte, so ward
+doch die italische Ackerwirtschaft in dieser Zeit noch überwiegend durch freie
+Leute oder doch durch ungefesselte Knechte, daneben durch Akkordierung größerer
+Arbeiten an Unternehmer betrieben. Recht deutlich zeigt sich der Unterschied
+des italischen Sklavenwesens von dem sizilischen darin, daß bei dem sizilischen
+Sklavenaufstand 619-622 (135-1 S2) allein die Sklaven der nach italischer Weise
+lebenden mamertinischen Gemeinde sich nicht beteiligten.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+2 Auch damals wurde es geltend gemacht, daß die Menschenrasse daselbst durch
+besondere Dauerhaftigkeit sich vorzugsweise zum Sklavenstand eigne. Schon
+Plautus (Trip. 542) preist &ldquo;den Syrerschlag, der mehr verträgt als ein
+andrer sonst&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+3 Auch die hybrid griechische Benennung des Arbeitshauses (ergastulum von
+εργάζομαι nach Analogie von stabulum, operculum) deutet darauf, daß diese
+Wirtschaftsweise aus einer Gegend des griechischen Sprachgebiets und in einer
+noch nicht hellenisch durchgebildeten Zeit den Römern zukam.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Das Meer von Jammer und Elend, das in diesem elendesten aller Proletariate sich
+vor unsern Augen auftut, mag ergründen, wer den Blick in solche Tiefen wagt; es
+ist leicht möglich, daß mit denen der römischen Sklavenschaft verglichen die
+Summe aller Negerleiden ein Tropfen ist. Hier kommt es weniger auf den Notstand
+der Sklavenschaft selbst an als auf die Gefahren, die sie über den römischen
+Staat brachte und auf das Verhalten der Regierung denselben gegenüber. Daß dies
+Proletariat weder durch die Regierung ins Leben gerufen war noch geradezu von
+ihr beseitigt werden konnte, leuchtet ein; es hätte dies nur geschehen können
+durch Heilmittel, die noch schlimmer gewesen wären als das Übel. Der Regierung
+lag nur ob, teils die unmittelbare Gefahr für Eigentum und Leben, womit das
+Sklavenproletariat die Staatsangehörigen bedrohte, durch eine ernstliche
+Sicherheitspolizei abzuwenden, teils auf die möglichste Beschränkung des
+Proletariats durch Hebung der freien Arbeit hinzuwirken. Sehen wir, wie die
+römische Aristokratie diesen beiden Aufgaben nachkam.
+</p>
+
+<p>
+Wie die Polizei gehandhabt ward, zeigen die allerorts ausbrechenden
+Sklavenverschwörungen und Sklavenkriege. In Italien schienen die wüsten
+Vorgänge, wie sie in den unmittelbaren Nachwehen des Hannibalischen Krieges
+vorgekommen waren, sich jetzt zu erneuern; auf einmal mußte man in der
+Hauptstadt 150, in Minturnae 450, in Sinuessa gar 4000 Sklaven aufgreifen und
+hinrichten lassen (621 133). Noch schlimmer stand es begreiflicherweise in den
+Provinzen. Auf dem großen Sklavenmarkt zu Delos und in den attischen
+Silbergruben hatte man um dieselbe Zeit die aufständischen Sklaven mit den
+Waffen zu Paaren zu treiben. Der Krieg gegen Aristonikos und seine
+kleinasiatischen &ldquo;Sonnenstädter&rdquo; war wesentlich ein Krieg der
+Besitzenden gegen die empörten Sklaven. Am ärgsten aber stand es
+natürlicherweise in dem gelobten Lande des Plantagensystems, in Sizilien. Die
+Räuberwirtschaft war daselbst, zumal im Binnenlande, längst ein stehendes Übel;
+sie fing an, sich zur Insurrektion zu steigern. Ein reicher und mit den
+italischen Herren in industrieller Exploitierung seines lebendigen Kapitals
+wetteifernder Pflanzer von Enna (Castrogiovanni), Damophilos, ward von seinen
+erbitterten Feldsklaven überfallen und ermordet; worauf die wilde Schar in die
+Stadt Enna strömte und dort derselbe Vorgang in größerem Maßstab sich
+erneuerte. In Masse erhoben die Sklaven sich gegen ihre Herren, töteten oder
+knechteten sie und riefen an die Spitze des schon ansehnlichen
+Insurgentenheeres einen Wundermann aus dem syrischen Apameia, der Feuer zu
+speien und zu orakeln verstand, bisher als Sklave Eunus genannt, jetzt als
+Haupt der Insurgenten Antiochos der König der Syrer. Warum auch nicht? Hatte
+doch wenige Jahre zuvor ein anderer syrischer Knecht, der nicht einmal ein
+Prophet war, in Antiocheia selbst das königliche Stirnband der Seleukiden
+getragen. Der tapfere &ldquo;Feldherr&rdquo; des neuen Königs, der griechische
+Sklave Achäos, durchstreifte die Insel, und nicht bloß die wilden Hirten
+strömten von nah und fern unter die seltsamen Fahnen - auch die freien
+Arbeiter, die den Pflanzern alles Üble gönnten, machten mit den empörten
+Sklaven gemeinschaftliche Sache. In einer anderen Gegend Siziliens folgte ein
+kilikischer Sklave, Kleon, einst in seiner Heimat ein dreister Räuber, dem
+gegebenen Beispiel und besetzte Akragas, und da die Häupter miteinander sich
+vertrugen, gelang es ihnen nach manchen geringeren Erfolgen zuletzt, den Prätor
+Lucius Hypsaeus selbst mit seiner größtenteils aus sizilischen Milizen
+bestehenden Armee gänzlich zu schlagen und sein Lager zu erobern. Hierdurch kam
+fast die ganze Insel in die Gewalt der Aufständischen, deren Zahl nach den
+mäßigsten Angaben sich auf 70000 Waffenfähige belaufen haben soll; die Römer
+sahen sich genötigt, drei Jahre nacheinander (620-622 134-132) Konsuln und
+konsularische Heere nach Sizilien abzusenden, bis nach manchen unentschiedenen,
+ja zum Teil unglücklichen Gefechten endlich mit der Einnahme von Tauromenion
+und von Enna der Aufstand überwältigt war. Vor der letzteren Stadt, in die sich
+die entschlossenste Mannschaft der Insurgenten geworfen hatte, um sich in
+dieser unbezwinglichen Stellung zu verteidigen, wie sich Männer verteidigen,
+die an Rettung wie an Begnadigung verzweifeln, lagerten die Konsuln Lucius
+Calpurnius Piso und Publius Rupilius zwei Jahre hindurch und bezwangen sie
+endlich mehr durch den Hunger als durch die Waffen 4.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+4 Noch jetzt finden sich vor Castrogiovanni, da, wo der Aufgang am wenigsten
+jäh ist, nicht selten römische Schleuderkugeln mit dem Namen des Konsuls von
+621 (133): L. Piso L. f. cos.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Das waren die Ergebnisse der Sicherheitspolizei, wie sie von dem römischen
+Senat und dessen Beamten in Italien und den Provinzen gehandhabt ward. Wenn die
+Aufgabe, das Proletariat zu beseitigen, die ganze Macht und Weisheit der
+Regierung erfordert und nur zu oft übersteigt, so ist dagegen die polizeiliche
+Niederhaltung desselben für jedes größere Gemeinwesen verhältnismäßig leicht.
+Es stände wohl um die Staaten, wenn die besitzlosen Massen ihnen keine andere
+Gefahr bereiteten, als wie sie auch droht von Bären und Wölfen; nur der
+Ängsterling und wer mit der albernen Angst der Menge Geschäfte macht,
+prophezeit den Untergang der bürgerlichen Ordnung in Sklavenaufständen oder
+Proletariatinsurrektionen. Aber selbst dieser leichteren Aufgabe der Bändigung
+der gedrückten Massen ward von der römischen Regierung trotz des tiefsten
+Friedens und der unerschöpflichen Hilfsquellen des Staats keineswegs genügt. Es
+war dies ein Zeichen ihrer Schwäche; aber nicht ihrer Schwäche allein. Von
+Rechts wegen war der römische Statthalter verpflichtet, die Landstraßen rein zu
+halten und die aufgegriffenen Räuber, wenn es Sklaven waren, ans Kreuz schlagen
+zu lassen; natürlich, denn Sklavenwirtschaft ist nicht möglich ohne
+Schreckensregiment. Allein in dieser Zeit war in Sizilien wohl auch mitunter,
+wenn die Straßen allzu unsicher wurden, von dem Statthalter eine Razzia
+veranstaltet, aber um es mit den italischen Pflanzern nicht zu verderben,
+wurden die gefangenen Räuber von der Behörde in der Regel an ihre Herren zu
+gutfindender Bestrafung abgegeben; und diese Herren waren sparsame Leute,
+welche ihren Hirtenknechten, wenn sie Kleider begehrten, mit Prügel antworteten
+und mit der Frage, ob denn die Reisenden nackt durch das Land zögen. Die Folge
+solcher Konnivenz war denn, daß nach Überwältigung des Sklavenaufstandes der
+Konsul Publius Rupilius alles, was lebend in seine Hände kam, es heißt über
+20000 Menschen, ans Kreuz schlagen ließ. Es war freilich nicht länger möglich,
+das Kapital zu schonen.
+</p>
+
+<p>
+Unendlich schwerer zu gewinnende, freilich auch unendlich reichere Früchte
+verhieß die Fürsorge der Regierung für Hebung der freien Arbeit und folgeweise
+für Beschränkung des Sklavenproletariats. Leider geschah in dieser Beziehung
+schlechterdings gar nichts. In der ersten sozialen Krise hatte man gesetzlich
+dem Gutsherrn vorgeschrieben, eine nach der Zahl seiner Sklavenarbeiter
+abgemessene Anzahl freier Arbeiter zu verwenden. Jetzt ward auf Veranlassung
+der Regierung eine punische Schrift über den Landbau, ohne Zweifel eine
+Anweisung zur Plantagenwirtschaft nach karthagischer Art, zu Nutz und Frommen
+der italischen Spekulation ins Lateinische übersetzt -das erste und einzige
+Beispiel einer von dem römischen Senat veranlaßten literarischen Unternehmung!
+Dieselbe Tendenz offenbart sich in einer wichtigeren Angelegenheit oder
+vielmehr in der Lebensfrage für Rom, in dem Kolonisierungssystem. Es bedurfte
+nicht der Weisheit, nur der Erinnerung an den Verlauf der ersten sozialen Krise
+Roms, um zu begreifen, daß gegen ein agrikoles Proletariat die einzige
+ernstliche Abhilfe in einem umfassenden und regularisierten Emigrationssystem
+bestand, wozu die äußeren Verhältnisse Roms die günstigste Gelegenheit
+darboten. Bis gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts hatte man in der Tat dem
+fortwährenden Zusammenschwinden des italischen Kleinbesitzes durch fortwährende
+Gründung neuer Bauernhufen entgegengewirkt. Es war dies zwar keineswegs in dem
+Maße geschehen, wie es hätte geschehen können und sollen; man hatte nicht bloß
+das seit alten Zeiten von Privaten okkupierte Domanialland nicht eingezogen,
+sondern auch weitere Okkupationen neugewonnenen Landes gestattet und andere
+sehr wichtige Erwerbungen, wie namentlich das Gebiet von Capua, zwar nicht der
+Okkupation preisgegeben, aber doch auch nicht zur Verteilung gebracht, sondern
+als nutzbare Domäne verwertet. Dennoch hatte die Landanweisung segensreich
+gewirkt, vielen der Notleidenden Hilfe und allen Hoffnung gegeben. Allein, nach
+der Gründung von Luna (577 177) findet sich, außer der vereinzelt stehenden
+Anlage der picenischen Kolonie Auximum (Osimo) im Jahre 597 (157), von weiteren
+Landanweisungen auf lange hinaus keine Spur. Die Ursache ist einfach. Da seit
+der Besiegung der Boier und Apuaner außer den wenig lockenden ligurischen
+Tälern neues Gebiet in Italien nicht gewonnen ward, war daselbst kein anderes
+Land zu verteilen als das verpachtete oder okkupierte Domanialland, dessen
+Antastung der Aristokratie begreiflicherweise jetzt ebensowenig genehm war wie
+vor dreihundert Jahren. Das außerhalb Italien! gewonnene Gebiet zur Verteilung
+zu bringen, schien aber aus politischen Gründen unzulässig; Italien sollte das
+herrschende Land bleiben und die Scheidewand zwischen italischen Herren und
+dienenden Provinzialen nicht fallen. Wenn man nicht die Rücksichten der höheren
+Politik oder gar die Standesinteressen beiseite setzen wollte, blieb der
+Regierung nichts übrig, als dem Ruin des italischen Bauernstandes zuzusehen,
+und also geschah es. Die Kapitalisten fuhren fort, die kleinen Besitzer
+auszukaufen, auch wohl, wenn sie eigensinnig blieben, deren Äcker ohne
+Kaufbrief einzuziehen, wobei es begreiflich nicht immer gütlich abging - eine
+besonders beliebte Weise war es, dem Bauer, während er im Felde stand, Weib und
+Kinder vom Hofe zu stoßen und ihn mittels der Theorie der vollendeten Tatsache
+zur Nachgiebigkeit zu bringen. Die Gutsbesitzer fuhren fort, statt der freien
+Arbeiter sich vorwiegend der Sklaven zu bedienen, schon deshalb, weil diese
+nicht wie jene zum Kriegsdienst abgerufen werden konnten, und dadurch das freie
+Proletariat auf das gleiche Niveau des Elends mit der Sklavenschaft
+herabzudrücken. Sie fuhren fort, durch das spottwohlfeile sizilische
+Sklavenkorn das italische von dem hauptstädtischen Markt zu verdrängen und
+dasselbe auf der ganzen Halbinsel zu entwerten. In Etrurien hatte die alte
+einheimische Aristokratie im Bunde mit den römischen Kapitalisten schon im
+Jahre 520 (184) es so weit gebracht, daß es dort keinen freien Bauern mehr gab.
+Es konnte auf dem Markt der Hauptstadt laut gesagt werden, daß die Tiere ihr
+Lager hätten, den Bürgern aber nichts geblieben sei als Luft und Sonnenschein
+und daß die, welche die Herren der Welt hießen, keine Scholle mehr ihr eigen
+nennten. Den Kommentar zu diesen Worten lieferten die Zählungslisten der
+römischen Bürgerschaft. Vom Ende des Hannibalischen Krieges bis zum Jahre 595
+(159) ist die Bürgerzahl in stetigem Steigen, wovon die Ursache wesentlich zu
+suchen ist in den fortdauernden und ansehnlichen Verteilungen von Domanialland;
+nach 595 (159), wo die Zählung 328000 waffenfähige Bürger ergab, zeigt sich
+dagegen ein regelmäßiges Sinken, indem sich die Liste im Jahre 600 (154) auf
+324000, im Jahre 607 (147) auf 322000, im Jahre 623 (131) auf 319000
+waffenfähige Bürger stellt - ein erschreckendes Ergebnis für eine Zeit tiefen
+inneren und äußeren Friedens. Wenn das so fortging, löste die Bürgerschaft sich
+auf in Pflanzer und Sklaven und konnte schließlich der römische Staat, wie es
+bei den Parthern geschah, seine Soldaten auf dem Sklavenmarkt kaufen.
+</p>
+
+<p>
+So standen die äußeren und inneren Verhältnisse Roms, als der Staat eintrat in
+das siebente Jahrhundert seines Bestandes. Wohin man auch das Auge wandte, fiel
+es auf Mißbräuche und Verfall; jedem einsichtigen und wohlwollenden Mann mußte
+die Erwägung sich aufdrängen, ob denn hier nicht zu helfen und zu bessern sei.
+Es fehlte an solchen in Rom nicht; aber keiner schien mehr berufen zu dem
+großen Werk der politischen und sozialen Reform als der Lieblingssohn des
+Aemilius Paullus, der Adoptivenkel des großen Scipio, der dessen glorreichen
+Afrikanernamen nicht bloß kraft Erb-, sondern auch kraft eigenen Rechtes trug,
+Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus (570-625 184-129). Gleich seinem
+Vater war er ein maßvoller, durch und durch gesunder Mann, nie krank am Körper
+und nie unsicher über den nächsten und notwendigen Entschluß. Schon in seiner
+Jugend hatte er sich ferngehalten von dem gewöhnlichen Treiben der politischen
+Anfänger, dem Antichambrieren in den Zimmern der vornehmen Senatoren und den
+gerichtlichen Deklamationen. Dagegen liebte er die Jagd - als Siebzehnjähriger
+hatte er, nachdem er den Feldzug gegen Perseus unter seinem Vater mit
+Auszeichnung mitgemacht hatte, als Belohnung dafür sich freie Pirsch in dem
+seit vier Jahren unberührten Wildhag der Könige von Makedonien erbeten - und
+vor allen Dingen wandte er gern seine Muße auf wissenschaftlichen und
+literarischen Genuß. Durch die Fürsorge seines Vaters war er früh in diejenige
+echte griechische Bildung eingeführt worden, welche über das geschmacklose
+Hellenisieren der gemeinen Halbbildung hinaushob; durch seine ernste und
+treffende Würdigung des Echten und des Schlechten in dem griechischen Wesen und
+durch sein adliges Auftreten imponierte dieser Römer den Höfen des Ostens, ja
+sogar den spottlustigen Alexandrinern. Seinen Hellenismus erkannte man vor
+allem in der feinen Ironie seiner Rede und in seinem klassisch reinen Latein.
+Obwohl nicht eigentlich Schriftsteller, zeichnete er doch wie Cato seine
+politischen Reden auf - sie wurden gleich den Briefen seiner Adoptivschwester,
+der Mutter der Gracchen, von den späteren Literatoren als Meisterstücke
+mustergültiger Prosa geschätzt - und zog mit Vorliebe die besseren griechischen
+und römischen Literaten in seinen Kreis, welcher plebejische Umgang ihm
+freilich nicht wenig verdacht ward von denjenigen Kollegen im Senat, die auf
+ihre edle Geburt als einzige Auszeichnung angewiesen waren. Ein sittlich fester
+und zuverlässiger Mann, galt sein Wort bei Freund und Feind; er mied Bauten und
+Spekulationen und lebte einfach; dafür handelte er in Geldangelegenheiten nicht
+bloß ehrlich und uneigennützig, sondern auch mit einer dem kaufmännischen Sinn
+seiner Zeitgenossen seltsam dünkenden Zartheit und Liberalität. Er war ein
+tüchtiger Soldat und Offizier; aus dem Afrikanischen Krieg brachte er den
+Ehrenkranz heim, der wegen Rettung gefährdeter Bürger mit eigener Lebensgefahr
+erteilt zu werden pflegte, und beendete den Krieg als Feldherr, den er als
+Offizier begonnen hatte; an wirklich schwierigen Aufgaben sein
+Feldherrngeschick zu erproben, boten die Umstände ihm keine Gelegenheit. Scipio
+war so wenig wie sein Vater eine geniale Natur - davon zeugt schon seine
+Vorliebe für Xenophon, den nüchternen Militär und korrekten Schriftsteller -,
+aber ein rechter und echter Mann, der vor andern berufen schien, dem
+beginnenden Verfall durch organische Reformen zu wehren. Um so bezeichnender
+ist es, daß er es nicht versucht hat. Zwar half er, wo und wie er konnte,
+Mißbräuche abstellen und verhindern und arbeitete namentlich hin auf
+Verbesserung der Rechtspflege. Hauptsächlich durch seinen Beistand vermochte
+Lucius Cassius, ein tüchtiger Mann von altväterischer Strenge und
+Ehrenhaftigkeit, gegen den heftigsten Widerstand der Optimaten, sein
+Stimmgesetz durchzubringen, welches für die noch immer den wichtigsten Teil der
+Kriminaljurisdiktion umfassenden Volksgerichte die geheime Abstimmung
+einführte. Ebenso zog er, der die Knabenanklagen nicht hatte mitmachen mögen,
+in seinen reifen Jahren selbst mehrere der schuldigsten Männer der Aristokratie
+vor die Gerichte. In gleichem Geiste hat er als Feldherr vor Karthago und vor
+Numantia die Weiber und die Pfaffen zu den Toren des Lagers hinausgejagt und
+das Soldatengesindel wieder zurück gezwungen unter den eisernen Druck der alten
+Heereszucht, als Zensor (612 142) unter der vornehmen Welt der glattkinnigen
+Manschettenträger aufgeräumt und mit ernsten Worten die Bürgerschaft ermahnt,
+an den rechtschaffenen Sitten der Väter treulich zu halten. Aber niemand, und
+er selber am wenigsten, konnte es verkennen, daß die Verschärfung der
+Rechtspflege und das vereinzelte Dazwischenfahren nicht einmal Anfänge waren
+zur Heilung der organischen Übel, an denen der Staat krankte. An diese hat
+Scipio nicht gerührt. Gaius Laelius (Konsul 614 140), Scipios älterer Freund
+und sein politischer Lehrmeister und Vertrauter, hatte den Plan gefaßt, die
+Einziehung des unvergebenen, aber vorläufig okkupierten italischen
+Domaniallandes vorzuschlagen und durch dessen Aufteilung der zusehends
+verfallenden italischen Bauernschaft Hilfe zu bringen; allein er stand von dem
+Vorschlag ab, als er sah, welchen Sturm er zu erregen im Begriff war, und ward
+fortan &ldquo;der Verständige&rdquo; genannt. Auch Scipio dachte also. Er war
+von der Größe des Übels völlig durchdrungen und griff, wo er nur sich selber
+wagte, mit ehrenwertem Mut ohne Ansehen der Person rücksichtslos an und durch;
+allein er hatte sich auch überzeugt, daß dem Lande nur zu helfen sei um den
+Preis derselben Revolution, die im vierten und fünften Jahrhundert aus der
+Reformfrage sich entsponnen hatte, und ihm schien, mit Recht oder mit Unrecht,
+das Heilmittel schlimmer als das Übel. So stand er mit dem kleinen Kreis seiner
+Freunde zwischen den Aristokraten, die ihm seine Befürwortung des Cassischen
+Gesetzes nie verziehen, und den Demokraten, denen er doch auch nicht genügte
+noch genügen wollte, während seines Lebens einsam, nach seinem Tode gefeiert
+von beiden Parteien, bald als Vormann der Aristokratie, bald als Begünstiger
+der Reform. Bis auf seine Zeit hatten die Zensoren bei der Niederlegung ihres
+Amtes die Götter angerufen, dem Staat größere Macht und Herrlichkeit zu
+verleihen; der Zensor Scipio betete, daß sie geneigen möchten, den Staat zu
+erhalten. Sein ganzes Glaubensbekenntnis liegt in dem schmerzlichen Ausruf.
+</p>
+
+<p>
+Aber wo der Mann verzagte, der zweimal das römische Heer aus tiefem Verfall zum
+Siege geführt hatte, da getraute sich ein tatenloser Jüngling, zum Retter
+Italiens sich aufzuwerfen. Er hieß Tiberius Sempronius Gracchus (591-621
+163-133). Sein gleichnamiger Vater (Konsul 577, 591; Zensor 585 177, 163;169)
+war das rechte Musterbild eines römischen Aristokraten. Die glänzende, nicht
+ohne Bedrückung der abhängigen Gemeinden zuwege gebrachte Pracht seiner
+ädilizischen Spiele hatte ihm schweren und verdienten Tadel vom Senat
+zugezogen, während er durch sein Einschreiten in dem leidigen Prozeß gegen die
+persönlich ihm verfeindeten Scipionen sein ritterliches und wohl auch sein
+Standesgefühl, durch sein energisches Auftreten gegen die Freigelassenen in
+seiner Zensur seine konservative Gesinnung betätigte und als Statthalter der
+Ebroprovinz durch Tapferkeit und vor allem durch Gerechtigkeit sich um sein
+Vaterland ein bleibendes Verdienst und zugleich in den Gemütern der
+unterworfenen Nation ein dauerndes Gedächtnis in Ehrfurcht und Liebe erwarb.
+</p>
+
+<p>
+Seine Mutter Cornelia war die Tochter des Siegers von Zama, welcher ebenjenes
+hochherzigen Dazwischentretens wegen den bisherigen Gegner sich zum
+Schwiegersohn erkoren hatte, sie selbst eine hochgebildete und bedeutende Frau,
+die nach dem Tode ihres viel älteren Gemahls die Hand des Königs von Ägypten
+zurückgewiesen hatte und im Andenken an den Gemahl und den Vater die drei ihr
+gebliebenen Kinder erzog. Der ältere von den beiden Söhnen, Tiberius, war eine
+gute und sittliche Natur, sanften Blicks und ruhigen Wesens, wie es schien, zu
+allem andern eher bestimmt als zum Agitator der Massen. Mit allen seinen
+Beziehungen und Anschauungen gehörte er dem Scipionischen Kreise an, dessen
+feine griechische und nationale Durchbildung er und seine Geschwister teilten.
+Scipio Aemilianus war zugleich sein Vetter und seiner Schwester Gemahl; unter
+ihm hatte Tiberius als Achtzehnjähriger die Erstürmung Karthagos mitgemacht und
+durch seine Tapferkeit das Lob des strengen Feldherrn und kriegerische
+Auszeichnungen erworben. Daß der tüchtige junge Mann die Anschauungen über den
+Verfall des Staats an Haupt und Gliedern, wie sie in diesem Kreise gangbar
+waren, die Gedanken namentlich über die Hebung des italischen Bauernstandes mit
+aller Lebendigkeit und allem Rigorismus der Jugend in sich aufnahm und
+steigerte, ist begreiflich; waren es doch nicht bloß die jungen Leute, denen
+das Zurückweichen des Laelius vor der Durchführung seiner Reformideen nicht
+verständig erschien, sondern schwach. Appius Claudius, der gewesene Konsul (611
+143) und Zensor (618 136), einer der angesehensten Männer des Senats, tadelte
+mit all der gewaltsamen Leidenschaftlichkeit, die in dem Geschlecht der
+Claudier erblich war und blieb, daß der Scipionische Kreis den Plan der
+Domänenaufteilung so rasch wieder habe fallen lassen; um so bitterer, wie es
+scheint, weil er mit Scipio Aemilianus bei der Bewerbung um die Zensur in
+persönliche Konflikte gekommen war. Ebenso sprach Publius Crassus Mucianus sich
+aus, der derzeitige Oberpontifex, als Mensch und Rechtsgelehrter im Senat wie
+in der Bürgerschaft allgemein verehrt. Sogar dessen Bruder Publius Mucius
+Scaevola, der Begründer der wissenschaftlichen Jurisprudenz in Rom, schien dem
+Reformplan nicht abgeneigt, und seine Stimme war von um so größerem Gewicht,
+als er gewissermaßen außerhalb der Parteien stand. Ähnlich dachte Quintus
+Metellus, der Überwinder Makedoniens und der Achäer, mehr aber noch als seiner
+Kriegstaten halber geachtet als ein Muster alter Zucht und Sitte in seinem
+häuslichen wie in seinem öffentlichen Leben. Tiberius Gracchus stand diesen
+Männern nahe, namentlich dem Appius, dessen Tochter er, und dem Mucianus,
+dessen Tochter sein Bruder zum Weib genommen hatte; es war kein Wunder, daß der
+Gedanke sich in ihm regte, den Reformplan selber wiederaufzunehmen, sobald er
+sich in einer Stellung befinden werde, die ihm verfassungsmäßig die Initiative
+gestatte. Persönliche Motive mochten ihn hierin bestärken. Der Friedensvertrag,
+den Mancinus 617 (147) mit den Numantinern abschloß, war wesentlich
+Gracchus&rsquo; Werk; daß der Senat ihn kassiert hatte, daß der Feldherr
+deswegen den Feinden ausgeliefert worden und Gracchus mit den übrigen höheren
+Offizieren dem gleichen Schicksal nur durch die größere Gunst, deren er bei der
+Bürgerschaft genoß, entgangen war, konnte den jungen rechtschaffenen und
+stolzen Mann nicht milder stimmen gegen die herrschende Aristokratie. Die
+hellenischen Rhetoren, mit denen er gern philosophierte und politisierte, der
+Mytilenäer Diophanes, der Kymäer Gaius Blossius, nährten in seiner Seele die
+Ideale, mit denen er sich trug; als seine Absichten in weiteren Kreisen bekannt
+wurden, fehlte es nicht an billigenden Stimmen, und mancher öffentliche
+Anschlag forderte den Enkel des Afrikaners auf, des armen Volkes, der Rettung
+Italiens zu gedenken.
+</p>
+
+<p>
+Am 10. Dezember 620 (134) übernahm Tiberius Gracchus das Volkstribunat. Die
+entsetzlichen Folgen der bisherigen Mißregierung, der politische, militärische,
+ökonomische, sittliche Verfall der Bürgerschaft lagen eben damals nackt und
+bloß jedermann vor Augen. Von den beiden Konsuln dieses Jahres focht der eine
+ohne Erfolg in Sizilien gegen die aufständischen Sklaven und war der andere,
+Scipio Aemilianus, seit Monaten beschäftigt, eine kleine spanische Landstadt
+nicht zu besiegen, sondern zu erdrücken. Wenn es noch einer besonderen
+Aufforderung bedurfte, um Gracchus&rsquo; Entschluß zur Tat werden zu lassen,
+sie lag in diesen, jedes Patrioten Gemüt mit unnennbarer Angst erfüllenden
+Zuständen. Sein Schwiegervater versprach Beistand mit Rat und Tat, man durfte
+hoffen auf die Unterstützung des Juristen Scaevola, der kurz vorher zum Konsul
+für 621 (133) erwählt worden war. So beantragte Gracchus gleich nach Antritt
+seines Amtes die Erlassung eines Ackergesetzes, das in gewissem Sinn nichts war
+als eine Erneuerung des Licinisch-Sextischen vom Jahre 387 der Stadt (367). Es
+sollten danach die sämtlichen okkupierten und von den Inhabern ohne Entgelt
+benutzten Staatsländereien - die verpachteten, wie zum Beispiel das Gebiet von
+Capua, berührte das Gesetz nicht - von Staats wegen eingezogen werden, jedoch
+mit der Beschränkung, daß der einzelne Okkupant für sich 500 und für jeden Sohn
+250, im ganzen jedoch nicht über 1000 Morgen zu bleibendem und garantiertem
+Besitz solle behalten oder dafür Ersatz in Land in Anspruch nehmen dürfen. Für
+etwaige, von den bisherigen Inhabern vorgenommene Verbesserungen, wie Gebäude
+und Pflanzungen, scheint man Entschädigung bewilligt zu haben. Das also
+eingezogene Domanialland sollte in Lose von 30 Morgen zerschlagen und diese
+teils an Bürger, teils an italische Bundesgenossen verteilt werden, nicht als
+freies Eigentum, sondern als unveräußerliche Erbpacht, deren Inhaber das Land
+zum Feldbau zu benutzen und eine mäßige Rente an die Staatskasse zu zahlen sich
+verpflichteten. Ein Kollegium von drei Männern, die als ordentliche und
+stehende Beamte der Gemeinde angesehen und jährlich von der Volksversammlung
+gewählt wurden, ward mit dem Einziehungs- und Aufteilungsgeschäft beauftragt,
+wozu später noch der wichtige und schwierige Auftrag kam, rechtlich
+festzustellen, was Domanialland und was Privateigentum sei. Die Aufteilung war
+demnach angelegt als auf unbestimmte Zeit fortgehend, bis daß die sehr
+ausgedehnten und schwer festzustellenden italischen Domänen reguliert sein
+würden. Mit dem Licinisch-Sextischen Gesetz verglichen waren neu in dem
+Sempronischen Ackergesetz teils die Klausel zu Gunsten der beerbten Besitzer,
+teils die für die neuen Landstellen beantragte Erbpachtgutsqualität und
+Unveräußerlichkeit, teils und vor allem die regulierte und dauernde Exekutive,
+deren Fehlen in dem älteren Gesetz hauptsächlich bewirkt hatte, daß dasselbe
+ohne nachhaltige praktische Anwendung geblieben war.
+</p>
+
+<p>
+Den großen Grundbesitzern, die jetzt wie vor drei Jahrhunderten ihren
+wesentlichen Ausdruck fanden im Senat, war also der Krieg erklärt, und seit
+langem zum erstenmal stand wieder einmal ein einzelner Beamter in ernsthafter
+Opposition gegen die aristokratische Regierung. Sie nahm den Kampf auf in der
+für solche Fälle hergebrachten Weise, die Ausschreitungen des Beamtentums durch
+dieses selbst zu paralysieren. Ein Kollege des Gracchus, Marcus Octavius, ein
+entschlossener und von der Verwerflichkeit des beantragten Domanialgesetzes
+ernstlich überzeugter Mann, tat Einspruch, als dasselbe zur Abstimmung gebracht
+werden sollte; womit verfassungsmäßig der Antrag beseitigt war. Gracchus
+sistierte nun seinerseits die Staatsgeschäfte und die Rechtspflege und legte
+seine Siegel auf die öffentlichen Kassen; man nahm es hin - es war unbequem,
+aber das Jahr ging ja doch auch zu Ende. Gracchus, ratlos, brachte sein Gesetz
+zum zweitenmal zur Abstimmung; natürlich wiederholte Octavius seinen Einspruch,
+und auf die flehentliche Bitte seines Kollegen und bisherigen Freundes, ihm die
+Rettung Italiens nicht zu wehren, mochte er erwidern, daß darüber, wie Italien
+gerettet werden könne, eben die Ansichten verschieden, sein verfassungsmäßiges
+Recht aber, gegen den Antrag des Kollegen seines Veto sich zu bedienen, außer
+allem Zweifel sei. Der Senat machte jetzt den Versuch, Gracchus einen
+leidlichen Rückzug zu eröffnen; zwei Konsulare forderten ihn auf, die
+Angelegenheit in der Kurie weiterzuverhandeln, und eifrig ging der Tribun
+hierauf ein. Er suchte in diesen Antrag hineinzulegen, daß der Senat damit die
+Domanialaufteilung im Prinzip zugestanden habe; allein weder lag dies darin,
+noch war der Senat irgend geneigt, in der Sache nachzugeben; die Verhandlungen
+endigten ohne jedes Resultat. Die verfassungsmäßigen Wege waren erschöpft. In
+früheren Zeiten hatte man unter solchen Verhältnissen es sich nicht verdrießen
+lassen, den gestellten Antrag für dies Jahr zur Ruhe zu legen, aber in jedem
+folgenden ihn wiederaufzunehmen, bis der Ernst des Forderns und der Druck der
+öffentlichen Meinung den Widerstand brachen. Jetzt lebte man rascher. Gracchus
+schien auf dem Punkte angelangt, wo er entweder auf die Reform überhaupt
+verzichten oder die Revolution beginnen mußte; er tat das letztere, indem er
+mit der Erklärung vor die Bürgerschaft trat, daß entweder er oder Octavius aus
+dem Kollegium ausscheiden müsse, und diesem ansann, die Bürger darüber
+abstimmen zu lassen, welchen von ihnen sie entlassen wollten. Octavius weigerte
+sich natürlich, auf diesen wunderlichen Zweikampf einzugehen; die Interzession
+war eben dazu da, solchen Meinungsverschiedenheiten der Kollegen Raum zu
+gewähren. Da brach Gracchus die Verhandlung mit dem Kollegen ab und wandte sich
+an die versammelte Menge mit der Frage, ob nicht der Volkstribun, der dem Volk
+zuwiderhandle, sein Amt verwirkt habe; und die Versammlung, längst gewohnt, zu
+allen an sie gebrachten Anträgen ja zu sagen und größtenteils zusammengesetzt
+aus dem vom Lande hereingeströmten und bei der Durchführung des Gesetzes
+persönlich interessierten agrikolen Proletariat, bejahte fast einstimmig die
+Frage. Marcus Octavius ward auf Gracchus&rsquo; Befehl durch die Gerichtsdiener
+von der Tribunenbank entfernt und hierauf unter allgemeinem Jubel das
+Ackergesetz durchgebracht und die ersten Teilungsherren ernannt. Die Stimmen
+fielen auf den Urheber des Gesetzes nebst seinem erst zwanzigjährigen Bruder
+Gaius und seinem Schwiegervater Appius Claudius. Eine solche Familienwahl
+steigerte die Erbitterung der Aristokratie. Als die neuen Beamten sich wie
+üblich an den Senat wandten, um ihre Ausstattungs- und Taggelder angewiesen zu
+erhalten, wurden jene verweigert und ein Taggeld angewiesen von 24 Assen (10
+Groschen). Die Fehde griff immer weiter um sich und ward immer gehässiger und
+persönlicher. Das schwierige und verwickelte Geschäft der Abgrenzung,
+Einziehung und Aufteilung der Domänen trug den Hader in jede Bürgergemeinde, ja
+selbst in die verbündeten italischen Städte. Die Aristokratie hatte es kein
+Hehl, daß sie das Gesetz vielleicht, weil sie müsse, sich gefallen lassen, der
+unberufene Gesetzgeber aber ihrer Rache nimmermehr entgehen werde; und die
+Ankündigung des Quintus Pompeius, daß er den Gracchus an demselben Tage, wo er
+das Tribunat niederlege, in Anklagestand versetzen werde, war unter den
+Drohungen, die gegen den Tribun fielen, noch bei weitem nicht die schlimmste.
+Gracchus glaubte, wahrscheinlich mit Recht, seine persönliche Sicherheit
+bedroht und erschien auf dem Markt nicht mehr ohne eine Gefolge von drei- bis
+viertausend Menschen, worüber er selbst von dem der Reform an sich nicht
+abgeneigten Metellus im Senat bittere Worte hören wußte. Überhaupt, wenn er
+gemeint hatte, mit Durchbringung seines Ackergesetzes am Ziele zu sein, so
+hatte er jetzt zu lernen, daß er erst am Anfang stand. Das &ldquo;Volk&rdquo;
+war ihm zu Dank verpflichtet; aber er war ein verlorener Mann, wenn er keinen
+anderen Schirm mehr hatte als diese Dankbarkeit des Volkes, wenn er demselben
+nicht unentbehrlich blieb und durch andere und weitergreifende Vorschläge neue
+und immer neue Interessen und Hoffnungen an sich knüpfte. Ebendamals war durch
+das Testament des letzten Königs von Pergamon den Römern Reich und Vermögen der
+Attaliden zugefallen; Gracchus beantragte bei dem Volk, den pergamenischen
+Schatz unter die neuen Landbesitzer zur Anschaffung des erforderlichen
+Beschlags zu verteilen und vindizierte überhaupt, gegen die bestehende Übung,
+der Bürgerschaft das Recht, über die neue Provinz definitiv zu entscheiden.
+Weitere populäre Gesetze, über Abkürzung der Dienstzeit, über Ausdehnung des
+Provokationsrechts, über die Aufhebung des Vorrechts der Senatoren,
+ausschließlich als Zivilgeschworene zu fungieren, sogar über die Aufnahme der
+italischen Bundesgenossen in den römischen Bürgerverband, soll er vorbereitet
+haben; wie weit seine Entwürfe in der Tat gereicht haben, läßt sich nicht
+entscheiden, gewiß ist nur, daß Gracchus seine einzige Rettung darin sah, das
+Amt, das ihn schützte, von der Bürgerschaft auf ein zweites Jahr verliehen zu
+erhalten, und daß er, um diese verfassungswidrige Verlängerung zu bewirken,
+weitere Reformen in Aussicht stellte. Hatte er anfangs sich eingesetzt, um das
+Gemeinwesen zu retten, so wußte er jetzt schon, um sich zu retten, das
+Gemeinwesen aufs Spiel setzen. Die Bezirke traten zusammen zur Wahl der
+Tribunen für das nächste Jahr, und die ersten Abteilungen gaben ihre Stimmen
+für Gracchus; aber die Gegenpartei drang mit ihrem Einspruch schließlich
+wenigstens insoweit durch, daß die Versammlung unverrichteter Sache aufgelöst
+und die Entscheidung auf den folgenden Tag verschoben ward. Für diesen setzte
+Gracchus alle Mittel in Bewegung, erlaubte und unerlaubte: er zeigte sich dem
+Volke im Trauergewand und empfahl ihm seinen unmündigen Knaben; für den Fall,
+daß die Wahl abermals durch Einspruch gestört werden würde, traf er
+Vorkehrungen, den Anhang der Aristokratie mit Gewalt von dem Versammlungsplatz
+vor dem Kapitolinischen Tempel zu vertreiben. So kam der zweite Wahltag heran;
+die Stimmen fielen wie an dem vorhergehenden und wieder erfolgte der Einspruch;
+der Auflauf begann. Die Bürger zerstreuten sich; die Wahlversammlung war
+faktisch aufgehoben; der Kapitolinische Tempel ward geschlossen; man erzählte
+sich in der Stadt, bald daß Tiberius die sämtlichen Tribunen abgesetzt habe,
+bald daß er ohne Wiederwahl sein Amt fortzuführen entschlossen sei. Der Senat
+versammelte sich im Tempel der Treue, hart bei dem Jupitertempel; die
+erbittertsten Gegner des Gracchus führten in der Sitzung das Wort; als Tiberius
+die Hand nach der Stirn bewegte, um in dem wilden Getümmel dem Volke zu
+erkennen zu geben, daß sein Leben bedroht sei, hieß es, er fordere schon die
+Leute auf, sein Haupt mit der königlichen Binde zu schmücken. Der Konsul
+Scaevola ward angegangen, den Hochverräter sofort töten zu lassen; als der
+gemäßigte, der Reform an sich keineswegs abgeneigte Mann das ebenso unsinnige
+wie barbarische Begehren unwillig zurückwies, rief der Konsular Publius Scipio
+Nasica, ein harter und leidenschaftlicher Aristokrat, die Gleichgesinnten auf,
+sich zu bewaffnen, wie sie könnten, und ihm zu folgen. Von den Landleuten war
+zu den Wahlen fast niemand in die Stadt gekommen; das Stadtvolk wich scheu
+auseinander, als es die vornehmen Männer mit Stuhlbeinen und Knütteln in den
+Händen zornigen Auges heranstürmen sah; Gracchus versuchte, von wenigen
+begleitet, zu entkommen. Aber er stürzte auf der Flucht am Abhang des Kapitols
+und ward von einem der Wütenden - Publius Satureius und Lucius Rufus stritten
+sich später um die Henkerehre - vor den Bildsäulen der sieben Könige am Tempel
+der Treue durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe getötet; mit ihm
+dreihundert andere Männer, keiner durch Eisenwaffen. Als es Abend geworden war,
+wurden die Körper in den Tiberfluß gestürzt; vergebens bat Gaius, ihm die
+Leiche seines Bruders zur Bestattung zu vergönnen. Solch einen Tag hatte Rom
+noch nicht erlebt. Der mehr als hundertjährige Hader der Parteien während der
+ersten sozialen Krise hatte zu keiner Katastrophe geführt, wie diejenige war,
+mit der die zweite begann. Auch den besseren Teil der Aristokratie mochte
+schaudern; indes man konnte nicht mehr zurück. Man hatte nur die Wahl, eine
+große Zahl der zuverlässigsten Parteigenossen der Rache der Menge preiszugeben
+oder die Verantwortung der Untat auf die Gesamtheit zu übernehmen; das letztere
+geschah. Man hielt offiziell daran fest, daß Gracchus die Krone habe nehmen
+wollen, und rechtfertigte diesen neuesten Frevel mit dem uralten des Ahala; ja
+man überwies sogar die weitere Untersuchung gegen Gracchus&rsquo; Mitschuldige
+einer besonderen Kommission und ließ deren Vormann, den Konsul Publius
+Popillius, dafür sorgen, daß durch Blutsentenzen gegen eine große Anzahl
+geringer Leute der Bluttat gegen Gracchus nachträglich eine Art rechtlichen
+Gepräges aufgedrückt ward (622 132). Nasica, gegen den vor allen anderen die
+Menge Rache schnaubte und der wenigstens den Mut hatte, sich offen vor dem
+Volke zu seiner Tat zu bekennen und sie zu vertreten, ward unter ehrenvollen
+Vorwänden nach Asien gesandt und bald darauf (624 130) abwesend mit dem
+Oberpontifikat bekleidet. Auch die gemäßigte Partei trennte sich hierin nicht
+von ihren Kollegen. Gaius Laelius beteiligte sich bei den Untersuchungen gegen
+die Gracchaner; Publius Scaevola, der die Ermordung zu verhindern gesucht
+hatte, verteidigte sie später im Senat; als Scipio Aemilianus nach seiner
+Rückkehr aus Spanien (622 132) aufgefordert ward, sich öffentlich darüber zu
+erklären, ob er die Tötung seines Schwagers billige oder nicht, gab er die
+wenigstens zweideutige Antwort, daß, wofern er nach der Krone getrachtet habe,
+er mit Recht getötet worden sei.
+</p>
+
+<p>
+Versuchen wir über diese folgenreichen Ereignisse zu einem Urteil zu gelangen.
+Die Einrichtung eines Beamtenkollegiums, das dem gefährlichen Zusammenschwinden
+der Bauernschaft durch umfassende Gründung neuer Kleinstellen aus dem gesamten,
+dem Staat zur Verfügung stehenden italischen Grundbesitz entgegenzuwirken
+hatte, war freilich kein Zeichen eines gesunden volkswirtschaftlichen
+Zustandes, aber unter den obwaltenden politischen und sozialen Verhältnissen
+zweckmäßig. Die Aufteilung der Domänen ferner war an sich keine politische
+Parteifrage; sie konnte bis auf die letzte Scholle durchgeführt werden, ohne
+daß die bestehende Verfassung geändert, das Regiment der Aristokratie irgend
+erschüttert ward. Ebensowenig konnte hier von einer Rechtsverletzung die Rede
+sein. Anerkanntermaßen war der Eigentümer des okkupierten Landes der Staat; der
+Inhaber konnte als bloß geduldeter Besitzer in der Regel nicht einmal den
+gutgläubigen Eigentumsbesitz sich zuschreiben, und wo er ausnahmsweise es
+konnte, stand ihm entgegen, daß gegen den Staat nach römischem Landrecht die
+Verjährung nicht lief. Die Domänenaufteilung war keine Aufhebung, sondern eine
+Ausübung des Eigentums; über die formelle Rechtsbeständigkeit derselben waren
+alle Juristen einig. Allein damit, daß die Domänenaufteilung weder der
+bestehenden Verfassung Eintrag tat noch eine Rechtsverletzung in sich schloß,
+war der Versuch, diese Rechtsansprüche des Staats jetzt durchzuführen,
+politisch noch keineswegs gerechtfertigt. Was man wohl in unsern Tagen erinnert
+hat, wenn ein großer Grundherr rechtlich ihm zustehende, aber tatsächlich seit
+langen Jahren nicht erhobene Ansprüche plötzlich in ihrem ganzen Umfang geltend
+zu machen beginnt, konnte mit gleichem und besserem Rechte auch gegen die
+Gracchische Rogation eingewendet werden. Unleugbar hatten diese okkupierten
+Domänen zum Teil seit dreihundert Jahren sich in erblichem Privatbesitz
+befunden; das Bodeneigentum des Staats, das seiner Natur nach überhaupt
+leichter als das des Bürgers den privatrechtlichen Charakter verliert, war an
+diesen Grundstücken so gut wie verschollen und die jetzigen Inhaber durchgängig
+durch Kauf oder sonstigen lästigen Erwerb zu diesen Besitzungen gelangt. Der
+Jurist mochte sagen was er wollte; den Geschäftsleuten erschien die Maßregel
+als eine Expropriation der großen Grundbesitzer zum Besten des agrikolen
+Proletariats; und in der Tat konnte auch kein Staatsmann sie anders bezeichnen.
+Daß die leitenden Männer der catonischen Epoche nicht anders geurteilt hatten,
+zeigt sehr klar die Behandlung eines ähnlichen, zu ihrer Zeit vorgekommenen
+Falles. Das im Jahre 543 (211) zur Domäne geschlagene Gebiet von Capua und den
+Nachbarstädten war in den folgenden unruhigen Zeiten tatsächlich größtenteils
+in Privatbesitz übergegangen. In den letzten Jahren des sechsten Jahrhunderts,
+wo man vielfältig, besonders durch Catos Einfluß bestimmt, die Zügel des
+Regiments wieder straffer anzog, beschloß die Bürgerschaft, das campanische
+Gebiet wieder an sich zu nehmen und zum Besten des Staatsschatzes zu verpachten
+(582 172). Dieser Besitz beruhte auf einer nicht durch vorgängige Aufforderung,
+sondern höchstens durch Konnivenz der Behörden gerechtfertigten und nirgends
+viel über ein Menschenalter hinaus fortgesetzten Okkupation; dennoch wurden die
+Inhaber nicht anders als gegen eine im Auftrag des Senats von dem Stadtprätor
+Publius Lentulus ausgeworfene Entschädigungssumme aus dem Besitz gesetzt (ca.
+589 165) 5. Weniger bedenklich vielleicht, aber doch auch nicht unbedenklich
+war es, daß für die neuen Landlose Erbpachtqualität und Unveräußerlichkeit
+festgestellt ward. Die liberalsten Grundsätze in bezug auf die Verkehrsfreiheit
+hatten Rom groß gemacht, und es vertrug sich sehr wenig mit dem Geist der
+römischen Institutionen, daß diese neuen Bauern von oben herab angehalten
+wurden, ihr Grundstück in einer bestimmten Weise zu bewirtschaften, und daß für
+dasselbe Retraktrechte und alle der Verkehrsbeschränkung anhängenden
+Einschnürungsmaßregeln festgestellt wurden.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+5 Die bisher nur aus Cicero (leg. agr. 2, 31, 82; vgl. Liv. 42, 2, 19)
+teilweise bekannte Tatsache wird jetzt durch die Fragmente des Licinianus (p.
+4) wesentlich vervollständigt. Die beiden Berichte sind dahin zu vereinigen,
+daß Lentulus die Possessoren gegen eine von ihm festgesetzte
+Entschädigungssumme expropriierte, bei den wirklichen Grundeigentümern aber
+nichts ausrichtete, da er sie zu expropriieren nicht befugt war und sie auf
+Verkauf sich nicht einlassen wollten.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Man wird einräumen, daß diese Einwürfe gegen das Sempronische Ackergesetz nicht
+leicht wogen. Dennoch entscheiden sie nicht. Jene tatsächliche Expropriation
+der Domänenbesitzer war sicher ein großes Übel; aber sie war dennoch das
+einzige Mittel, um einem noch viel größeren, ja den Staat geradezu
+vernichtenden, dem Untergang des italischen Bauernstandes, wenigstens auf lange
+hinaus zu steuern. Darum begreift man es wohl, warum die ausgezeichnetsten und
+patriotischsten Männer auch der konservativen Partei, an ihrer Spitze Gaius
+Laelius und Scipio Aemilianus, die Domänenaufteilung an sich billigten und
+wünschten.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn der Zweck des Tiberius Gracchus wohl der großen Majorität der
+einsichtigen Vaterlandsfreunde gut und heilsam erschienen ist, so hat dagegen
+der Weg, den er einschlug, keines einzigen nennenswerten und patriotischen
+Mannes Billigung gefunden und finden können. Rom wurde um diese Zeit regiert
+durch den Senat. Wer gegen die Majorität des Senats eine Verwaltungsmaßregel
+durchsetzte, der machte Revolution. Es war Revolution gegen den Geist der
+Verfassung, als Gracchus die Domänenfrage vor das Volk brachte; Revolution auch
+gegen den Buchstaben, als er das Korrektiv der Staatsmaschine, durch welches
+der Senat die Eingriffe in sein Regiment verfassungsmäßig beseitigte, die
+tribunizische Interzession durch die mit unwürdiger Sophistik gerechtfertigte
+Absetzung seines Kollegen nicht bloß für jetzt, sondern für alle Folgezeit
+zerstörte. Indes nicht hierin liegt die sittliche und politische Verkehrtheit
+von Gracchus&rsquo; Tun. Für die Geschichte gibt es keine
+Hochverratsparagraphen; wer eine Macht im Staat zum Kampf aufruft gegen die
+andere, der ist gewiß ein Revolutionär, aber vielleicht zugleich ein
+einsichtiger und preiswürdiger Staatsmann. Der wesentliche Fehler der
+Gracchischen Revolution liegt in einer nur zu oft übersehenen Tatsache: in der
+Beschaffenheit der damaligen Bürgerversammlungen. Das Ackergesetz des Spurius
+Cassius und das des Tiberius Gracchus hatten in der Hauptsache denselben Inhalt
+und denselben Zweck; dennoch war das Beginnen beider Männer nicht weniger
+verschieden als die ehemalige römische Bürgerschaft, welche mit den Latinern
+und Hernikern die Volskerbeute teilte, und die jetzige, die die Provinzen Asia
+und Africa einrichten ließ. Jene war eine städtische Gemeinde, die
+zusammentreten und zusammen handeln konnte; diese ein großer Staat, dessen
+Angehörige in einer und derselben Urversammlung zu vereinigen und diese
+Versammlung entscheiden zu lassen ein ebenso klägliches wie lächerliches
+Resultat gab. Es rächte sich hier der Grundfehler der Politie des Altertums,
+daß sie nie vollständig von der städtischen zur staatlichen Verfassung oder,
+was dasselbe ist, von dem System der Urversammlungen zum parlamentarischen
+fortgeschritten ist. Die souveräne Versammlung Roms war, was die souveräne
+Versammlung in England sein würde, wenn statt der Abgeordneten die sämtlichen
+Wähler Englands zum Parlament zusammentreten wollten: eine ungeschlachte, von
+allen Interessen und allen Leidenschaften wüst bewegte Masse, in der die
+Intelligenz spurlos verschwand; eine Masse, die weder die Verhältnisse zu
+übersehen noch auch nur einen eigenen Entschluß zu fassen vermochte; eine Masse
+vor allem, in welcher, von seltenen Ausnahmefällen abgesehen, unter dem Namen
+der Bürgerschaft ein paar hundert oder tausend von den Gassen der Hauptstadt
+zufällig aufgegriffene Individuen handelten und stimmten. Die Bürgerschaft fand
+sich in den Bezirken wie in den Hundertschaften durch ihre faktischen
+Repräsentanten in der Regel ungefähr ebenso genügend vertreten wie in den
+Kurien durch die daselbst von Rechts wegen sie repräsentierenden dreißig
+Gerichtsdiener; und eben wie der sogenannte Kurienbeschluß nichts war als ein
+Beschluß desjenigen Magistrats, der die Gerichtsdiener zusammenrief, so war
+auch der Tribus- und Zenturienbeschluß in dieser Zeit wesentlich nichts als ein
+durch einige obligate Jaherren legalisierter Beschluß des vorschlagenden
+Beamten. Wenn aber in diesen Stimmversammlungen, den Komitien, sowenig man es
+auch mit der Qualifikation genau nahm, im ganzen doch nur Bürger erschienen, so
+war dagegen in den bloßen Volksversammlungen, den Kontionen, platz- und
+schreiberechtigt, was nur zwei Beine hatte, Ägypter und Juden, Gassenbuben und
+Sklaven. In den Augen des Gesetzes bedeutete allerdings ein solches Meeting
+nichts; es konnte nicht abstimmen noch beschließen. Allein tatsächlich
+beherrschte dasselbe die Gasse und schon war die Gassenmeinung eine Macht in
+Rom und kam etwas darauf an, ob diese wüste Masse bei dem, was ihr mitgeteilt
+ward, schwieg oder schrie, ob sie klatschte und jubelte oder den Redner
+auspfiff und anheulte. Nicht viele hatten den Mut, die Haufen anzuherrschen,
+wie es Scipio Aemilianus tat, als sie wegen seiner Äußerung über den Tod seines
+Schwagers ihn auszischten: Ihr da, sprach er, denen Italien nicht Mutter ist
+sondern Stiefmutter, ihr habt zu schweigen! Und da sie noch lauter tobten: ihr
+meint doch nicht, daß ich die losgebunden fürchten werde, die ich in Ketten auf
+den Sklavenmarkt geschickt habe?
+</p>
+
+<p>
+Daß man der verrosteten Maschine der Komitien sich für die Wahlen und für die
+Gesetzgebung bediente, war schon übel genug. Aber wenn man diesen Massen,
+zunächst den Komitien und faktisch auch den Kontionen, Eingriffe in die
+Verwaltung gestattete und dem Senat das Werkzeug zur Verhütung solcher
+Eingriffe aus den Händen wand; wenn man gar diese sogenannte Bürgerschaft aus
+dem gemeinen Säckel sich selber Äcker samt Zubehör dekretieren ließ; wenn man
+einem jeden, dem die Verhältnisse und sein Einfluß beim Proletariat die
+Gelegenheit gab, die Gassen auf einige Stunden zu beherrschen, die Möglichkeit
+eröffnete, seinen Projekten den legalen Stempel des souveränen Volkswillens
+aufzudrücken, so war man nicht am Anfang, sondern am Ende der Volksfreiheit,
+nicht bei der Demokratie angelangt, sondern bei der Monarchie. Darum hatten in
+der vorigen Periode Cato und seine Gesinnungsgenossen solche Fragen nie an die
+Bürgerschaft gebracht, sondern lediglich sie im Senat verhandelt. Darum
+bezeichnen Gracchus&rsquo; Zeitgenossen, die Männer des Scipionischen Kreises,
+das Flaminische Ackergesetz von 522 (232), den ersten Schritt auf jener
+verhängnisvollen Bahn, als den Anfang des Verfalles der römischen Größe. Darum
+ließen dieselben den Urheber der Domanialteilung fallen und erblickten in
+seinem schrecklichen Ende gleichsam einen Damm gegen künftige ähnliche
+Versuche, während sie doch die von ihm durchgesetzte Domanialteilung selbst mit
+aller Energie festhielten und nutzten - so jammervoll standen die Dinge in Rom,
+daß redliche Patrioten in die grauenvolle Heuchelei hineingedrängt wurden, den
+Übeltäter preiszugeben und die Frucht der Übeltat sich anzueignen. Darum hatten
+auch die Gegner des Gracchus in gewissem Sinne nicht unrecht, als sie ihn
+beschuldigten, nach der Krone zu streben. Es ist für ihn viel mehr eine zweite
+Anklage als eine Rechtfertigung, daß dieser Gedanke ihm selber wahrscheinlich
+fremd war. Das aristokratische Regiment war so durchaus verderblich, daß der
+Bürger, der den Senat ab- und sich an dessen Stelle zu setzen vermochte,
+vielleicht dem Gemeinwesen mehr noch nützte, als er ihm schadete. Allein dieser
+kühne Spieler war Tiberius Gracchus nicht, sondern ein leidlich fähiger,
+durchaus wohlmeinender, konservativ patriotischer Mann, der eben nicht wußte,
+was er begann, der im besten Glauben, das Volk zu rufen, den Pöbel beschwor und
+nach der Krone griff, ohne selbst es zu wissen, bis die unerbittliche
+Konsequenz der Dinge ihn unaufhaltsam drängte in die demagogisch-tyrannische
+Bahn, bis mit der Familienkommission, den Eingriffen in das öffentliche
+Kassenwesen, den durch Not und Verzweiflung erpreßten weiteren
+&ldquo;Reformen&rdquo;, der Leibwache von der Gasse und den Straßengefechten
+der bedauernswerte Usurpator Schritt für Schritt sich und andern klarer
+hervortrat, bis endlich die entfesselten Geister der Revolution den unfähigen
+Beschwörer packten und verschlangen. Die ehrlose Schlächterei, durch die er
+endigte, richtet sich selber, wie sie die Adelsrotte richtet, von der sie
+ausging; allein die Märtyrerglorie, mit der sie Tiberius Gracchus&rsquo; Namen
+geschmückt hat, kam hier wie gewöhnlich an den unrechten Mann. Die besten
+seiner Zeitgenossen urteilten anders. Als dem Scipio Aemilianus die Katastrophe
+gemeldet ward, sprach er die Worte Homers: &ldquo;Also verderb&rsquo; ein
+jeder, der ähnliche Werke vollführt hat!&rdquo; Und als des Tiberius jüngerer
+Bruder Miene machte, in gleicher Weise aufzutreten, schrieb ihm die eigene
+Mutter: &ldquo;Wird denn unser Haus des Wahnsinns kein Ende finden? Wo wird die
+Grenze sein? Haben wir noch nicht hinreichend uns zu schämen, den Staat
+verwirrt und zerrüttet zu haben?&rdquo; So sprach nicht die besorgte Mutter,
+sondern die Tochter des Überwinders der Karthager, die noch ein größeres
+Unglück kannte und erfuhr als den Tod ihrer Kinder.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap03"></a>KAPITEL III.<br/>
+Die Revolution und Gaius Gracchus</h2>
+
+<p>
+Tiberius Gracchus war tot; indes seine beiden Werke, die Landaufteilung wie die
+Revolution, überlebten ihren Urheber. Dem verkommenen agrikolen Proletariat
+gegenüber konnte der Senat wohl einen Mord wagen, aber nicht diesen Mord zur
+Aufhebung des Sempronischen Ackergesetzes benutzen; durch den wahnsinnigen
+Ausbruch der Parteiwut war das Gesetz selbst weit mehr befestigt als
+erschüttert worden. Die reformistisch gesinnte Partei der Aristokratie, welche
+die Domanialteilung offen begünstigte, an ihrer Spitze Quintus Metellus, eben
+um diese Zeit (623 131) Zensor, und Publius Scaevola, gewann in Verbindung mit
+der Partei des Scipio Aemilianus, die der Reform wenigstens nicht abgeneigt
+war, selbst im Senat für jetzt die Oberhand, und ausdrücklich wies ein
+Senatsbeschluß die Teilherren an, ihre Arbeiten zu beginnen. Nach dem
+Sempronischen Gesetz sollten dieselben jährlich von der Gemeinde ernannt
+werden, und es ist dies auch wahrscheinlich geschehen; allein bei der
+Beschaffenheit ihrer Aufgabe war es natürlich, daß die Wahl wieder und wieder
+auf dieselben Männer fiel und eigentliche Neuwahlen nur stattfanden, wo ein
+Platz durch den Tod sich erledigte. So trat für Tiberius Gracchus in dieselbe
+ein der Schwiegervater seines Bruders Gaius, Publius Crassus Mucianus; und als
+dieser 624 (130) gefallen und auch Appius Claudius gestorben war, leiteten das
+Teilungsgeschäft in Gemeinschaft mit dem jungen Gaius Gracchus zwei der
+tätigsten Führer der Bewegungspartei, Marcus Fulvius Flaccus und Gaius Papirius
+Carbo. Schon die Namen dieser Männer bürgen dafür, daß man das Geschäft der
+Einziehung und Aufteilung des okkupierten Domaniallandes mit Eifer und
+Nachdruck angriff, und in der Tat fehlt es auch dafür nicht an Beweisen.
+Bereits der Konsul des Jahres 622 (132), Publius Popillius, derselbe, der die
+Blutgerichte gegen die Anhänger des Tiberius Gracchus leitete, verzeichnet auf
+einem öffentlichen Denkmal sich als &ldquo;den ersten, der auf den Domänen die
+Hirten aus- und dafür die Bauern eingewiesen habe&rdquo;, und auch sonst ist es
+überliefert, daß sich die Aufteilung über ganz Italien erstreckte und überall
+in den bisherigen Gemeinden die Zahl der Bauernstellen vermehrt ward - denn
+nicht durch Gründung neuer Gemeinden, sondern durch Verstärkung der bestehenden
+die Bauernschaft zu heben, war die Absicht des Sempronischen Ackergesetzes. Den
+Umfang und die tiefgreifende Wirkung dieser Aufteilungen bezeugen die
+zahlreichen in der römischen Feldmesserkunst auf die Gracchischen
+Landanweisungen zurückgehenden Einrichtungen; wie denn zum Beispiel eine
+gehörige und künftigen Irrungen vorbeugende Marksteinsetzung zuerst durch die
+Gracchischen Grenzgerichte und Landaufteilungen ins Leben gerufen zu sein
+scheint. Am deutlichsten aber reden die Zahlen der Bürgerliste. Die Schätzung,
+die im Jahre 623 (131) veröffentlicht ward und tatsächlich wohl Anfang 622
+(132) stattfand, ergab nicht mehr als 319000 waffenfähige Bürger, wogegen sechs
+Jahre später (629 125) statt des bisherigen Sinkens sich die Ziffer auf 395000,
+also um 76000 hebt - ohne allen Zweifel lediglich infolge dessen, was die
+Teilungskommission für die römische Bürgerschaft tat. Ob dieselbe auch bei den
+Italikern die Bauernstellen in demselben Verhältnis vermehrt hat, läßt sich
+bezweifeln; auf alle Fälle war das, was sie erreichte, ein großes und
+segensreiches Resultat. Freilich ging es dabei nicht ab ohne vielfache
+Verletzung achtbarer Interessen und bestehender Rechte. Das Teilherrenamt,
+besetzt mit den entschiedensten Parteimännern und durchaus Richter in eigener
+Sache, ging mit seinen Arbeiten rücksichtslos und selbst tumultuarisch vor;
+öffentliche Anschläge forderten jeden, der dazu imstande sei, auf über die
+Ausdehnung des Domaniallandes Nachweisungen zu geben; unerbittlich wurde
+zurückgegangen auf die alten Erdbücher und nicht bloß neue und alte Okkupation
+ohne Unterschied wieder eingefordert, sondern auch vielfältig wirkliches
+Privateigentum, über das der Inhaber sich nicht genügend auszuweisen vermochte,
+mitkonfisziert. Wie laut und großenteils begründet auch die Klagen waren, der
+Senat ließ die Aufteiler gewähren: es war einleuchtend, daß, wenn man einmal
+die Domanialfrage erledigen wollte, ohne solches rücksichtsloses Durchgreifen
+schlechterdings nicht durchzukommen war. Allein es hatte dies Gewährenlassen
+doch seine Grenze. Das italische Domanialland war nicht lediglich in den Händen
+römischer Bürger; große Strecken desselben waren einzelnen bundesgenössischen
+Gemeinden durch Volks- oder Senatsbeschlüsse zu ausschließlicher Benutzung
+zugewiesen, andere Stücke von latinischen Bürgern erlaubter- oder
+unerlaubterweise okkupiert worden. Das Teilungsamt griff endlich auch diese
+Besitzungen an. Nach formalem Rechte war die Einziehung der von Nichtbürgern
+einfach okkupierten Stücke unzweifelhaft zulässig, nicht minder vermutlich die
+Einziehung des durch Senatsbeschlüsse, ja selbst des durch Gemeindebeschlüsse
+den italischen Gemeinden überwiesenen Domaniallandes, da der Staat damit
+keineswegs auf sein Eigentum verzichtete und allem Anschein nach an Gemeinden
+eben wie an Private nur auf Widerruf verlieh. Allein die Beschwerden dieser
+Bundes- oder Untertanengemeinden, daß Rom die in Kraft stehenden Abmachungen
+nicht einhalte, konnten doch nicht, wie die Klagen der durch das Teilungsamt
+verletzten römischen Bürger, einfach beiseite gelegt werden. Rechtlich mochten
+jene nicht besser begründet sein als diese; aber wenn es in diesem Falle sich
+um Privatinteressen von Staatsangehörigen handelte, so kam in Beziehung auf die
+latinischen Possessionen in Frage, ob es politisch richtig sei, die militärisch
+so wichtigen und schon durch zahlreiche rechtliche und faktische
+Zurücksetzungen Rom sehr entfremdeten latinischen Gemeinden noch durch diese
+empfindliche Verletzung ihrer materiellen Interessen aufs neue zu verstimmen.
+Die Entscheidung lag in den Händen der Mittelpartei; sie war es gewesen, die
+nach der Katastrophe des Gracchus im Bunde mit seinen Anhängern die Reform
+gegen die Oligarchie geschützt hatte, und sie allein vermochte jetzt in
+Vereinigung mit der Oligarchie der Reform eine Schranke zu setzen. Die Latiner
+wandten sich persönlich an den hervorragendsten Mann dieser Partei, Scipio
+Aemilianus, mit der Bitte, ihre Rechte zu schützen; er sagte es zu, und
+wesentlich durch seinen Einfluß ^1 ward im Jahre 625 (129) durch Volksschluß
+der Teilkommission die Gerichtsbarkeit entzogen und die Entscheidung, was
+Domanial- und was Privatbesitz sei, an die Zensoren und in deren Vertretung an
+die Konsuln gewiesen, denen sie nach den allgemeinen Rechtsbestimmungen zukam.
+Es war dies nichts anderes als eine Sistierung der weiteren Domanialaufteilung
+in milder Form. Der Konsul Tuditanus, keineswegs gracchanisch gesinnt und wenig
+geneigt, mit der bedenklichen Bodenregulierung sich zu befassen, nahm die
+Gelegenheit wahr, zum illyrischen Heer abzugehen und das ihm aufgetragene
+Geschäft unvollzogen zu lassen; die Teilungskommission bestand zwar fort, aber
+da die gerichtliche Regulierung des Domaniallandes stockte, blieb auch sie
+notgedrungen untätig. Die Reformpartei war tief erbittert. Selbst Männer wie
+Publius Mucius und Quintus Metellus mißbilligten Scipios Zwischentreten. In
+anderen Kreisen begnügte man sich nicht mit der Mißbilligung. Auf einen der
+nächsten Tage hatte Scipio einen Vortrag über die Verhältnisse der Latiner
+angekündigt; am Morgen dieses Tages ward er tot in seinem Bette gefunden. Daß
+der sechsundfünfzigjährige in voller Gesundheit und Kraft stehende Mann, der
+noch den Tag vorher öffentlich gesprochen und dann am Abend, um seine Rede für
+den nächsten Tag zu entwerfen, sich früher als gewöhnlich in sein Schlafgemach
+zurückgezogen hatte, das Opfer eines politischen Mordes geworden ist, kann
+nicht bezweifelt werden; er selbst hatte kurz vorher der gegen ihn gerichteten
+Mordanschläge öffentlich erwähnt. Welche meuchelnde Hand den ersten Staatsmann
+und den ersten Feldherrn seiner Zeit bei nächtlicher Weile erwürgt hat, ist nie
+an den Tag gekommen, und es ziemt der Geschichte weder die aus dem
+gleichzeitigen Stadtklatsch überlieferten Gerüchte zu wiederholen noch den
+kindischen Versuch anzustellen, aus solchen Akten die Wahrheit zu ermitteln.
+Nur daß der Anstifter der Tat der Gracchenpartei angehört haben muß, ist
+einleuchtend: Scipios Ermordung war die demokratische Antwort auf die
+aristokratische Blutszene am Tempel der Treue. Die Gerichte schritten nicht
+ein. Die Volkspartei, mit Recht fürchtend, daß ihre Führer, Gaius Gracchus,
+Flaccus, Carbo, schuldig oder nicht, in den Prozeß möchten verwickelt werden,
+widersetzte sich mit allen Kräften der Einleitung einer Untersuchung; und auch
+die Aristokratie, die an Scipio ebensosehr einen Gegner wie einen Verbündeten
+verlor, ließ nicht ungern die Sache ruhen. Die Menge und die gemäßigten Männer
+standen entsetzt; keiner mehr als Quintus Metellus, der Scipios Einschreiten
+gegen die Reform gemißbilligt hatte, aber von solchen Bundesgenossen schaudernd
+sich abwandte und seinen vier Söhnen befahl, die Bahre des großen Gegners zur
+Feuerstätte zu tragen. Die Leichenbestattung ward beschleunigt; verhüllten
+Hauptes ward der Letzte aus dem Geschlecht des Siegers von Zama hinausgetragen,
+ohne daß jemand zuvor des Toten Antlitz hätte sehen dürfen, und die Flammen des
+Scheiterhaufens verzehrten mit der Hülle des hohen Mannes zugleich die Spuren
+des Verbrechens.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Hierher gehört ein Rede contra legem iudiciariam Ti. Gracchi, womit nicht,
+wie man gesagt hat, ein Gesetz über Quästionengerichte gemeint ist, sondern das
+Supplementargesetz zu seiner Ackerrogation: ut triumviri iudicarent, qua
+publicus ager, qua privatus esset (Liv. ep. 28; oben S. 95).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Geschichte Roms kennt manchen genialeren Mann als Scipio Aemilianus, aber
+keinen, der an sittlicher Reinheit, an völliger Abwesenheit des politischen
+Egoismus, an edelster Vaterlandsliebe ihm gleich kommt; vielleicht auch keinen,
+dem das Geschick eine tragischere Rolle zugewiesen hat. Des besten Willens und
+nicht gemeiner Fähigkeiten sich bewußt, war er dazu verurteilt, den Ruin seines
+Vaterlandes vor seinen Augen sich vollziehen zu sehen und jeden ernstlichen
+Versuch einer Rettung, in der klaren Einsicht, nur übel damit ärger zu machen,
+in sich niederzukämpfen; dazu verurteilt, Untaten wie die des Nasica gutheißen
+und zugleich das Werk des Ermordeten gegen seine Mörder verteidigen zu müssen.
+Dennoch durfte er sich sagen, nicht umsonst gelebt zu haben. Er war es,
+wenigstens ebensosehr wie der Urheber des Sempronischen Gesetzes, dem die
+römische Bürgerschaft einen Zuwachs von gegen 80000 neuen Bauernhufen
+verdankte; er war es auch, der diese Domanialteilung hemmte, als sie genützt
+hatte, was sie nützen konnte. Daß es an der Zeit war, damit abzubrechen, ward
+zwar damals auch von wohlmeinenden Männern bestritten; aber die Tatsache, daß
+auch Gaius Gracchus auf diese nach dem Gesetz seines Bruders zu verteilenden
+und unverteilt gebliebenen Besitzungen nicht ernstlich zurückkam, spricht gar
+sehr dafür, daß Scipio im wesentlichen den richtigen Moment traf. Beide
+Maßregeln wurden den Parteien abgezwungen, die erste der Aristokratie, die
+zweite den Reformfreunden; beide bezahlte ihr Urheber mit seinem Leben. Es war
+Scipio beschieden, auf manchem Schlachtfeld für sein Vaterland zu fechten und
+unverletzt heimzukehren, um dort den Tod von Mörderhand zu finden; aber er ist
+in seiner stillen Kammer nicht minder für Rom gestorben, als wenn er vor
+Karthagos Mauern gefallen wäre.
+</p>
+
+<p>
+Die Landaufteilung war zu Ende; die Revolution ging an. Die revolutionäre
+Partei, die in dem Teilungsamt gleichsam eine konstituierte Vorstandschaft
+besaß, hatte schon bei Scipios Lebzeiten hier und dort mit dem bestehenden
+Regiment geplänkelt; namentlich Carbo, eines der ausgezeichnetsten
+Rednertalente dieser Zeit, hatte als Volkstribun 623 (131) dem Senat nicht
+wenig zu schaffen gemacht, die geheime Abstimmung in den
+Bürgerschaftsversammlungen durchgesetzt, soweit es nicht bereits früher
+geschehen war, und sogar den bezeichnenden Antrag gestellt, den Volkstribunen
+die Wiederbewerbung um dasselbe Amt für das unmittelbar folgende Jahr
+freizugeben, also das Hindernis, an dem Tiberius Gracchus zunächst gescheitert
+war, gesetzlich zu beseitigen. Der Plan war damals durch den Widerstand Scipios
+vereitelt worden; einige Jahre später, wie es scheint nach dessen Tode, wurde
+das Gesetz, wenn auch mit beschränkenden Klauseln, wieder ein- und
+durchgebracht 2. Die hauptsächliche Absicht der Partei ging indes auf
+Reaktivierung des faktisch außer Tätigkeit gesetzten Teilungsamts: unter den
+Führern ward der Plan ernstlich besprochen, die Hindernisse, die die italischen
+Bundesgenossen derselben entgegenstellten, durch Erteilung des Bürgerrechts an
+dieselben zu beseitigen, und die Agitation nahm vorwiegend diese Richtung. Um
+ihr zu begegnen, ließ der Senat 628 (126) durch den Volkstribun Marcus Iunius
+Pennus die Ausweisung sämtlicher Nichtbürger aus der Hauptstadt beantragen und
+trotz des Widerstandes der Demokraten, namentlich des Gaius Gracchus, und der
+durch diese gehässige Maßregel hervorgerufenen Gärung in den latinischen
+Gemeinden ging der Vorschlag durch. Marcus Fulvius Flaccus antwortete im
+folgenden Jahr (629 125) als Konsul mit dem Antrag, den Bürgern der
+Bundesgemeinden die Gewinnung der römischen Bürgerrechte zu erleichtern und
+auch denen, die sie nicht gewonnen, gegen Straferkenntnisse die Provokation an
+die römischen Komitien einzuräumen; allein er stand fast allein - Carbo hatte
+inzwischen die Farbe gewechselt und war jetzt eifriger Aristokrat, Gaius
+Gracchus abwesend als Quästor in Sardinien - und scheiterte an dem Widerstand
+nicht bloß des Senats, sondern auch der Bürgerschaft, die der Ausdehnung ihrer
+Privilegien auf noch weitere Kreise sehr wenig geneigt war. Flaccus verließ
+Rom, um den Oberbefehl gegen die Kelten zu übernehmen; auch so durch seine
+transalpinischen Eroberungen den großen Plänen der Demokratie vorarbeitend, zog
+er zugleich sich damit aus der üblen Lage heraus, gegen die von ihm selber
+aufgestifteten Bundesgenossen die Waffen tragen zu müssen. Fregellae, an der
+Grenze von Latium und Kampanien am Hauptübergang über den Liris inmitten eines
+großen und fruchtbaren Gebiets gelegen, damals vielleicht die zweite Stadt
+Italiens und in den Verhandlungen mit Rom der gewöhnliche Wortführer für die
+sämtlichen latinischen Kolonien, begann infolge der Zurückweisung des von
+Flaccus eingebrachten Antrags den Krieg gegen Rom - seit hundertfünfzig Jahren
+der erste Fall einer ernstlichen, nicht durch auswärtige Mächte herbeigeführten
+Schilderhebung Italiens gegen die römische Hegemonie. Indes gelang es diesmal
+noch, den Brand, ehe er andere bundesgenössische Gemeinden ergriff, im Keime zu
+ersticken; nicht durch die Überlegenheit der römischen Waffen, sondern durch
+den Verrat eines Fregellaners, des Quintus Numitorius Pullus, ward der Prätor
+Lucius Opimius rasch Meister über die empörte Stadt, die ihr Stadtrecht und
+ihre Mauern verlor und gleich Capua ein Dorf ward. Auf einem Teil ihres
+Gebietes ward 630 (124) die Kolonie Fabrateria gegründet; der Rest und die
+ehemalige Stadt selbst wurden unter die umliegenden Gemeinden verteilt. Das
+schnelle und furchtbare Strafgericht schreckte die Bundesgenossenschaft, und
+endlose Hochverratsprozesse verfolgten nicht bloß die Fregellaner, sondern auch
+die Führer der Volkspartei in Rom, die begreiflicherweise der Aristokratie als
+an dieser Insurrektion mitschuldig galten. Inzwischen erschien Gaius Gracchus
+wieder in Rom. Die Aristokratie hatte den gefürchteten Mann zuerst in Sardinien
+festzuhalten gesucht, indem sie die übliche Ablösung unterließ und sodann, da
+er ohne hieran sich zu kehren dennoch zurückkam, ihn als einen der Urheber des
+Fregellanischen Aufstandes vor Gericht gezogen (629-630 125-124). Allein die
+Bürgerschaft sprach ihn frei, und nun hob auch er den Handschuh auf, bewarb
+sich um das Volkstribunat und ward in einer ungewöhnlich zahlreich besuchten
+Wahlversammlung zum Volkstribun auf das Jahr 631 (123) ernannt. Der Krieg war
+also erklärt. Die demokratische Partei, immer arm an leitenden Kapazitäten,
+hatte neun Jahre hindurch notgedrungen so gut wie gefeiert; jetzt war der
+Waffenstillstand zu Ende und es stand diesmal an ihrer Spitze ein Mann, der
+redlicher als Carbo und talentvoller als Flaccus in jeder Beziehung zur
+Führerschaft berufen war.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+2 Die Restriktion, daß die Kontinuierung nur statthaft sein solle, wenn es an
+anderen geeigneten Bewerbern fehle (App. civ. 1, 21), war nicht schwer zu
+umgehen. Das Gesetz selbst scheint nicht den älteren Ordnungen anzugehören
+(Römisches Staatsrecht, Bd. 1, 3. Aufl., S. 473), sondern erst von den
+Gracchanern eingebracht zu sein.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Gaius Gracchus (601-633 153-121) war sehr verschieden von seinem um neun Jahre
+älteren Bruder. Wie dieser war er gemeiner Lust und gemeinem Treiben abgewandt,
+ein durchgebildeter Mann und ein tapferer Soldat; er hatte vor Numantia unter
+seinem Schwager und später in Sardinien mit Auszeichnung gefochten. Allein an
+Talent, Charakter und vor allem an Leidenschaft war er dem Tiberius entschieden
+überlegen. An der Klarheit und Sicherheit, mit welcher der junge Mann sich
+später in dem Drang der verschiedenartigsten, zur praktischen Durchführung
+seiner zahlreichen Gesetze erforderlichen Geschäfte zu bewegen wußte, erkannte
+man die echte staatsmännische Begabung, wie an der leidenschaftlichen bis zum
+Tode getreuen Hingebung, mit der seine näheren Freunde an ihm hingen, die
+Liebefähigkeit dieses adligen Gemütes. Der Energie seines Wollens und Handelns
+war die durchgemachte Leidensschule, die notgedrungene Zurückhaltung während
+der letzten neun Jahre zugute gekommen; nicht mit geminderter, nur mit
+verdichteter Glut flammte in ihm die tief in die innerste Brust zurückgedrängte
+Erbitterung gegen die Partei, die das Vaterland zerrüttet und ihm den Bruder
+ermordet hatte. Durch diese furchtbare Leidenschaft seines Gemütes ist er der
+erste Redner geworden, den Rom jemals gehabt hat; ohne sie würden wir ihn
+wahrscheinlich den ersten Staatsmännern aller Zeiten beizählen dürfen. Noch
+unter den wenigen Trümmern seiner aufgezeichneten Reden sind manche selbst in
+diesem Zustande von herzerschütternder Mächtigkeit 3, und wohl begreift man,
+daß, wer sie hörte oder auch nur las, fortgerissen ward von dem brausenden
+Sturm seiner Worte. Dennoch, sosehr er der Rede Meister war, bemeisterte nicht
+selten ihn selber der Zorn, so daß dem glänzenden Sprecher die Rede trübe oder
+stockend floß. Es ist das treue Abbild seines politischen Tuns und Leidens. In
+Gaius&rsquo; Wesen ist keine Ader von der Art seines Bruders, von jener etwas
+sentimentalen und gar sehr kurzsichtigen und unklaren Gutmütigkeit, die den
+politischen Gegner mit Bitten und Tränen umstimmen möchte; mit voller
+Sicherheit betrat er den Weg der Revolution und strebte er nach dem Ziel der
+Rache. &ldquo;Auch mir&rdquo;, schrieb ihm seine Mutter, &ldquo;scheint nichts
+schöner und herrlicher, als dem Feinde zu vergelten, wofern dies geschehen
+kann, ohne daß das Vaterland zugrunde geht. Ist aber dies nicht möglich, da
+mögen unsere Feinde bestehen und bleiben, was. sie sind, tausendmal lieber, als
+daß das Vaterland verderbe.&rdquo; Cornelia kannte ihren Sohn; sein
+Glaubensbekenntnis war eben das Gegenteil. Rache wollte er nehmen an der
+elenden Regierung, Rache um jeden Preis, mochte auch er selbst, ja das
+Gemeinwesen darüber zugrunde gehen - die Ahnung, daß das Verhängnis ihn so
+sicher ereilen werde wie den Bruder, trieb ihn nur sich zu hasten, gleich dem
+tödlich Verwundeten, der sich auf den Feind wirft. Die Mutter dachte edler;
+aber auch den Sohn, diese tiefgereizte, leidenschaftlich erregte, durchaus
+italienische Natur hat die Nachwelt mehr noch beklagt als getadelt, und sie hat
+recht daran getan.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+3 So die bei der Ankündigung seiner Gesetzvorschläge gesprochenen Worte:
+&ldquo;Wenn ich zu euch redete und von euch begehrte, da ich von edler Herkunft
+bin und meinen Bruder um euretwillen eingebüßt habe und nun niemand weiter
+übrig ist von des Publius Africanus und des Tiberius Gracchus Nachkommen als
+nur ich und ein Knabe, mich für jetzt feiern zu lassen, damit nicht unser Stamm
+mit der Wurzel ausgerottet werde und ein Sprößling dieses Geschlechts übrig
+bleibe: so möchte wohl solches mir von euch bereitwillig zugestanden
+werden.&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Tiberius Gracchus war mit einer einzelnen Administrativreform vor die
+Bürgerschaft getreten. Was Gaius in einer Reihe gesonderter Vorschläge
+einbrachte, war nichts anderes als eine vollständig neue Verfassung, als deren
+erster Grundstein die schon früher durchgesetzte Neuerung erscheint, daß es dem
+Volkstribun freistehen solle, sich für das folgende Jahr wiederwählen zulassen.
+Wenn hiermit für das Volkshaupt die Möglichkeit einer dauernden und den Inhaber
+schützenden Stellung gewonnen war, so galt es weiter, demselben die materielle
+Macht zu sichern, das heißt die hauptstädtische Menge - denn daß auf das nur
+von Zeit zu Zeit nach der Stadt kommende Landvolk kein Verlaß war, hatte sich
+sattsam gezeigt - mit ihren Interessen fest an den Führer zu knüpfen. Hierzu
+diente zuvörderst die Einführung der hauptstädtischen Getreideverteilung. Schon
+früher war das dem Staat aus den Provinzialzehnten zukommende Getreide oftmals
+zu Schleuderpreisen an die Bürgerschaft abgegeben worden. Gracchus verfügte,
+daß fortan jedem persönlich in der Hauptstadt sich meldenden Bürger monatlich
+eine bestimmte Quantität - es scheint 5 Modii (5/6 preuß. Scheffel) -aus den
+öffentlichen Magazinen verabfolgt werden solle, der Modius zu 6 1/3 As (2½
+Groschen) oder noch nicht die Hälfte eines niedrigen Durchschnittspreises; zu
+welchem Ende durch Anlage der neuen Sempronischen Speicher die öffentlichen
+Kornmagazine erweitert wurden. Diese Verteilung, welche folgeweise die
+außerhalb der Hauptstadt lebenden Bürger ausschloß und notwendig die ganze
+Masse des Bürgerproletariats nach Rom ziehen mußte, sollte das hauptstädtische
+Bürgerproletariat, das bisher wesentlich von der Aristokratie abgehangen hatte,
+in die Klientel der Führer der Bewegungspartei bringen und damit dem neuen
+Herrn des Staats zugleich eine Leibwache und eine feste Majorität in den
+Komitien gewähren. Zu mehrerer Sicherheit hinsichtlich dieser wurde ferner die
+in den Zenturiatkomitien noch bestehende Stimmordnung, wonach die fünf
+Vermögensklassen in jedem Bezirk nacheinander ihre Stimmen abgaben,
+abgeschafft; statt dessen sollten in Zukunft sämtliche Zenturien durcheinander
+in einer jedesmal durch das Los festzustellenden Reihenfolge stimmen. Wenn
+diese Bestimmungen wesentlich darauf hinzielten, durch das hauptstädtische
+Proletariat dem neuen Staatsoberhaupt die vollständige Herrschaft über die
+Hauptstadt und damit über den Staat, die freieste Disposition über die Maschine
+der Komitien und die Möglichkeit zu verschaffen, den Senat und die Beamten
+nötigenfalls zu terrorisieren, so faßte doch der Gesetzgeber daneben allerdings
+auch die Heilung der bestehenden sozialen Schäden mit Ernst und Nachdruck an.
+Zwar die italische Domänenfrage war in gewissem Sinne abgetan. Das Ackergesetz
+des Tiberius und selbst das Teilungsamt bestanden rechtlich noch fort; das von
+Gaius durchgebrachte Ackergesetz kann nichts neu festgesetzt haben als die
+Zurückgabe der verlorenen Gerichtsbarkeit an die Teilherren. Daß hiermit nur
+das Prinzip gerettet werden sollte und die Ackerverteilung wenn überhaupt, doch
+nur in sehr beschränktem Umfang wiederaufgenommen ward, zeigt die Bürgerliste,
+die für die Jahre 629 (125) und 639 (115) genau dieselbe Kopfzahl ergibt.
+Unzweifelhaft ging Gaius hier deshalb nicht weiter, weil das von römischen
+Bürgern in Besitz genommene Domanialland wesentlich bereits verteilt war, die
+Frage aber wegen der von den Latinern benutzten Domänen nur in Verbindung mit
+der sehr schwierigen über die Ausdehnung des Bürgerrechts wiederaufgenommen
+werden durfte. Dagegen tat er einen wichtigen Schritt hinaus über das
+Ackergesetz des Tiberius, indem er die Gründung von Kolonien in Italien,
+namentlich in Tarent und vor allem in Capua, beantragte, also auch das von
+Gemeinde wegen verpachtete, bisher von der Aufteilung ausgeschlossene
+Domanialland zur Verteilung mitheranzog, und zwar nicht zur Verteilung nach dem
+bisherigen, die Gründung neuer Gemeinden ausschließenden Verfahren, sondern
+nach dem Kolonialsystem. Ohne Zweifel sollten auch diese Kolonien die
+Revolution, der sie ihre Existenz verdankten, dauernd verteidigen helfen.
+Bedeutender und folgenreicher noch war es, daß Gaius Gracchus zuerst dazu
+schritt, das italische Proletariat in den überseeischen Gebieten des Staats zu
+versorgen, indem er an die Stätte, wo Karthago gestanden, 6000 vielleicht nicht
+bloß aus den römischen Bürgern, sondern auch aus den italischen Bundesgenossen
+erwählte Kolonisten sendete und der neuen Stadt Iunonia das Recht einer
+römischen Bürgerkolonie verlieh. Die Anlage war wichtig, aber wichtiger noch
+das damit hingestellte Prinzip der überseeischen Emigration, womit für das
+italische Proletariat ein bleibender Abzugskanal und in der Tat eine mehr als
+provisorische Hilfe eröffnet, freilich aber auch der Grundsatz des bisherigen
+Staatsrechts aufgegeben ward, Italien als das ausschließlich regierende, das
+Provinzialgebiet als das ausschließlich regierte Land zu betrachten.
+</p>
+
+<p>
+Zu diesen auf die große Frage hinsichtlich des Proletariats unmittelbar
+bezüglichen Maßregeln kam eine Reihe von Verfügungen, die hervorgingen aus der
+allgemeinen Tendenz, gegenüber der altväterischen Strenge der bestehenden
+Verfassung gelindere und zeitgemäßere Grundsätze zur Geltung zu bringen.
+Hierher gehören die Milderungen im Militärwesen. Hinsichtlich der Länge der
+Dienstzeit bestand nach altem Recht keine andere Grenze, als daß kein Bürger
+vor vollendetem siebzehnten und nach vollendetem sechsundvierzigsten Jahre zum
+ordentlichen Felddienst pflichtig war. Als sodann infolge der Besetzung
+Spaniens der Dienst anfing stehend zu werden, scheint zuerst gesetzlich verfügt
+zu sein, daß, wer sechs Jahre hintereinander im Felde gestanden, dadurch
+zunächst ein Recht erhalte auf den Abschied, wenngleich dieser vor der
+Wiedereinberufung den Pflichtigen nicht schützte; später, vielleicht um den
+Anfang dieses Jahrhunderts, kam der Satz auf, daß zwanzigjähriger Dienst zu Fuß
+oder zehnjähriger zu Roß überhaupt vom weiteren Kriegsdienst befreie 4.
+Gracchus erneuerte die vermutlich öfter gewaltsam verletzte Vorschrift, keinen
+Bürger vor dem begonnenen achtzehnten Jahr in das Heer einzustellen, und
+beschränkte auch, wie es scheint, die zur vollen Befreiung von der
+Militärpflicht erforderliche Zahl von Feldzügen; überdies wurde den Soldaten
+die Kleidung, deren Betrag ihnen bisher am Solde gekürzt worden war, fortan vom
+Staat unentgeltlich geliefert.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+4 So möchte die Angabe Appians (Hisp. 78), daß sechsjähriger Dienst berechtige,
+den Abschied zu fordern, auszugleichen sein mit der bekannteren des Polybios
+(6, 19), über welche Marquardt (Handbuch, Bd. 6, S. 381) richtig urteilt. Die
+Zeit, wo beide Neuerungen aufkamen, läßt sich nicht weiter bestimmen, als daß
+die erste wahrscheinlich schon im Jahre 603 (K. W. Nitzsch, Die Gracchen, S.
+231), die zweite sicher schon zu Polybios&rsquo; Zeit bestand. Daß Gracchus die
+Zahl der gesetzlichen Dienstjahre herabsetzte, scheint aus Asconius (Corn. p.
+68) zu folgen; vgl. Plut. Tib. Gracch. 16; Dio fr. 83; 7 Bekker.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Hierher gehört ferner die mehrfach in der Gracchischen Gesetzgebung
+hervortretende Tendenz, die Todesstrafe wo nicht abzuschaffen, doch noch mehr,
+als es schon geschehen war, zu beschränken, die zum Teil selbst in der
+Militärgerichtsbarkeit sich geltend macht. Schon seit Einführung der Republik
+hatte der Beamte das Recht verloren, über den Bürger die Todesstrafe ohne
+Befragung der Gemeinde zu verhängen außer nach Kriegsrecht; wenn dies
+Provokationsrecht des Bürgers bald nach der Gracchenzeit auch im Lager
+anwendbar und das Recht des Feldherrn, Todesstrafen zu vollstrecken, auf
+Bundesgenossen und Untertanen beschränkt erscheint, so ist wahrscheinlich die
+Quelle hiervon zu suchen in dem Provokationsgesetz des Gaius Gracchus. Aber
+auch das Recht der Gemeinde, die Todesstrafe zu verhängen oder vielmehr zu
+bestätigen, ward mittelbar, aber wesentlich dadurch beschränkt, daß Gracchus
+diejenigen gemeinen Verbrechen, die am häufigsten zu Todesurteilen Veranlassung
+gaben, Giftmischerei und überhaupt Mord, der Bürgerschaft entzog und an
+ständige Kommissionsgerichte überwies, welche nicht wie die Volksgerichte durch
+Einschreiten eines Tribuns gesprengt werden konnten und von denen nicht bloß
+keine Appellation an die Gemeinde ging, sondern deren Wahrsprüche auch so wenig
+wie die der althergebrachten Zivilgeschworenen der Kassation durch die Gemeinde
+unterlagen. Bei den Bürgerschaftsgerichten war es, namentlich bei den
+eigentlich politischen Prozessen, zwar auch längst Regel, daß der Angeklagte
+auf freiem Fuß prozessiert und ihm gestattet ward, durch Aufgebung seines
+Bürgerrechts wenigstens Leben und Freiheit zu retten; denn die Vermögensstrafe
+so wie die Zivilverurteilung konnten auch den Exilierten noch treffen. Allein
+vorgängige Verhaftung und vollständige Exekution blieben hier wenigstens
+rechtlich möglich und wurden selbst gegen Vornehme noch zuweilen vollzogen, wie
+zum Beispiel Lucius Hostilius Tubulus, Prätor 612 (142), der wegen eines
+schweren Verbrechens auf den Tod angeklagt war, unter Verweigerung des
+Exilrechts festgenommen und hingerichtet ward. Dagegen die aus dem Zivilprozeß
+hervorgegangenen Kommissionsgerichte konnten wahrscheinlich von Haus aus
+Freiheit und Leben des Bürgers nicht antasten und höchstens auf Verbannung
+erkennen - diese, bisher eine dem schuldig befundenen Mann gestattete
+Strafmilderung, ward nun zuerst zur förmlichen Strafe. Auch dieses
+unfreiwillige Exil ließ gleich dem freiwilligen dem Verbannten das Vermögen,
+soweit es nicht zur Befriedigung der Ersatzforderungen und in Geldbußen
+daraufging.
+</p>
+
+<p>
+Im Schuldwesen endlich hat Gaius Gracchus zwar nichts geneuert; doch behaupten
+sehr achtbare Zeugen, daß er den verschuldeten Leuten auf Minderung oder Erlaß
+der Forderungen Hoffnung gemacht habe, was, wenn es richtig ist, gleichfalls
+diesen radikal populären Maßregeln beizuzählen ist.
+</p>
+
+<p>
+Während Gracchus also sich lehnte auf die Menge, die von ihm eine materielle
+Verbesserung ihrer Lage teils erwartete, teils empfing, arbeitete er mit
+gleicher Energie an dem Ruin der Aristokratie. Wohl erkennend, wie unsicher
+jede bloß auf das Proletariat gebaute Herrschaft des Staatsoberhauptes ist, war
+er vor allem darauf bedacht, die Aristokratie zu spalten und einen Teil
+derselben in sein Interesse zu ziehen. Die Elemente einer solchen Spaltung
+waren vorhanden. Die Aristokratie der Reichen, die sich wie ein Mann gegen
+Tiberius Gracchus erhoben hatte, bestand in der Tat aus zwei wesentlich
+ungleichen Massen, die man einigermaßen der Lords- und der Cityaristokratie
+Englands vergleichen kann. Die eine umfaßte den tatsächlich geschlossenen Kreis
+der regierenden senatorischen Familien, die der unmittelbaren Spekulation sich
+fernhielten und ihre ungeheuren Kapitalien teils in Grundbesitz anlegten, teils
+als stille Gesellschafter bei den großen Assoziationen verwerteten. Den Kern
+der zweiten Klasse bildeten die Spekulanten, welche als Geschäftsführer dieser
+Gesellschaften oder auf eigene Hand die Groß- und Geldgeschäfte im ganzen
+Umfang der römischen Hegemonie betrieben. Es ist schon dargestellt worden, wie
+die letztere Klasse namentlich im Laufe des sechsten Jahrhunderts allmählich
+der senatorischen Aristokratie an die Seite trat und, wie die gesetzliche
+Ausschließung der Senatoren von dem kaufmännischen Betrieb durch den von dem
+Vorläufer der Gracchen Gaius Flaminius veranlaßten Claudischen Volksschluß,
+eine äußere Scheidewand zwischen den Senatoren und den Kauf- und Geldleuten
+zog. In der gegenwärtigen Epoche beginnt die kaufmännische Aristokratie unter
+dem Namen der &ldquo;Ritterschaft&rdquo; einen entscheidenden Einfluß auch in
+politischen Angelegenheiten zu üben. Diese Bezeichnung, die ursprünglich nur
+der diensttuenden Bürgerreiterei zukam, übertrug sich allmählich, wenigstens im
+gewöhnlichen Sprachgebrauch, auf alle diejenigen, die als Besitzer eines
+Vermögens von mindestens 400000 Sesterzen zum Roßdienst im allgemeinen
+pflichtig waren, und begriff also die gesamte senatorische und
+nichtsenatorische vornehme römische Gesellschaft. Nachdem indes nicht lange vor
+Gaius Gracchus die Inkompatibilität des Sitzes in der Kurie und des
+Reiterdienstes gesetzlich festgestellt und die Senatoren also aus den
+Ritterfähigen ausgeschieden waren, konnte der Ritterstand, im großen und ganzen
+genommen, betrachtet werden als im Gegensatz zum Senat die
+Spekulantenaristokratie vertretend, obwohl die nicht in den Senat
+eingetretenen, namentlich also die jüngeren Glieder der senatorischen Familien
+nicht aufhörten, als Ritter zu dienen und also zu heißen, ja die eigentliche
+Bürgerreiterei, das heißt die achtzehn Ritterzenturien, infolge ihrer
+Zusammensetzung durch die Zensoren, fortfuhren, vorwiegend aus der jungen
+senatorischen Aristokratie sich zu ergänzen.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Stand der Ritter, das heißt wesentlich der vermögenden Kaufleute,
+berührte vielfältig sich unsanft mit dem regierenden Senat. Es war eine
+natürliche Antipathie zwischen den vornehmen Adligen und den Männern, denen mit
+dem Gelde der Rang gekommen war. Die regierenden Herren, vor allem die besseren
+von ihnen, standen der Spekulation ebenso fern, wie die politischen Fragen und
+Koteriefehden den Männern der materiellen Interessen gleichgültig waren. Jene
+und diese waren namentlich in den Provinzen schon öfter hart zusammengestoßen;
+denn wenn auch im allgemeinen die Provinzialen weit mehr Grund hatten, sich
+über die Parteilichkeit der römischen Beamten zu beschweren als die römischen
+Kapitalisten, so ließen doch die regierenden Herren vom Senat sich nicht dazu
+herbei, den Begehrlichkeiten und Unrechtfertigkeiten der Geldmänner auf Kosten
+der Untertanen so durchaus und unbedingt die Hand zu leihen, wie es von jenen
+begehrt ward. Trotz der Eintracht gegen einen gemeinschaftlichen Feind, wie
+Tiberius Gracchus gewesen war, klaffte zwischen der Adels- und Geldaristokratie
+ein tief gehender Riß; und geschickter als sein Bruder erweiterte ihn Gaius,
+bis das Bündnis gesprengt war und die Kaufmannschaft auf seiner Seite stand.
+Daß die äußeren Vorrechte, durch die späterhin die Männer von Ritterzensus von
+der übrigen Menge sich unterschieden - der goldene Fingerreif statt des
+gewöhnlichen eisernen oder kupfernen und der abgesonderte und bessere Platz bei
+den Bürgerfesten -, der Ritterschaft zuerst von Gaius Gracchus verliehen worden
+sind, ist nicht gewiß, aber nicht unwahrscheinlich. Denn aufgekommen sind sie
+auf jeden Fall um diese Zeit, und wie die Erstreckung dieser bisher im
+wesentlichen senatorischen Privilegien auf den von ihm emporgehobenen
+Ritterstand ganz in Gracchus&rsquo; Art ist, so war es auch recht eigentlich
+sein Zweck, der Ritterschaft den Stempel eines zwischen der senatorischen
+Aristokratie und der gemeinen Menge in der Mitte stehenden, ebenfalls
+geschlossenen und privilegierten Standes aufzudrücken; und ebendies haben jene
+Standesabzeichen, wie gering sie an sich auch waren und wie viele Ritterfähige
+auch ihrer sich nicht bedienen mochten, mehr gefördert als manche an sich weit
+wichtigere Verordnung. Indes die Partei der materiellen. Interessen, wenn sie
+dergleichen Ehren auch keineswegs verschmäht, ist doch dafür allein nicht zu
+haben. Gracchus erkannte es wohl, daß sie zwar dem Meistbietenden von Rechts
+wegen zufällt, aber es auch eines hohen und reellen Gebotes bedurfte; und so
+bot er ihr die asiatischen Gefälle und die Geschworenengerichte.
+</p>
+
+<p>
+Das System der römischen Finanzverwaltung, sowohl die indirekten Steuern wie
+auch die Domanialgefälle durch Mittelsmänner zu erheben, gewährte an sich schon
+dem römischen Kapitalistenstand auf Kosten der Steuerpflichtigen die
+ausgedehntesten Vorteile. Die direkten Abgaben indes bestanden entweder, wie in
+den meisten Ämtern, in festen, von den Gemeinden zu entrichtenden Geldsummen,
+was die Dazwischenkunft römischer Kapitalisten von selber ausschloß, oder, wie
+in Sizilien und Sardinien, in einem Bodenzehnten, dessen Erhebung für jede
+einzelne Gemeinde in den Provinzen selbst verpachtet ward und wobei also
+regelmäßig die vermögenden Provinzialen, und sehr häufig die zehntpflichtigen
+Gemeinden selbst, den Zehnten ihrer Distrikte pachteten und dadurch die
+gefährlichen römischen Mittelsmänner von sich abwehrten. Als sechs Jahre zuvor
+die Provinz Asia an die Römer gefallen war, hatte der Senat sie im wesentlichen
+nach dem ersten System einrichten lassen. Gaius Gracchus 5 stieß diese
+Verfügung durch einen Volksschluß um und belastete nicht bloß die bis dahin
+fast steuerfreie Provinz mit den ausgedehntesten indirekten und direkten
+Abgaben, namentlich dem Bodenzehnten, sondern er verfügte auch, daß diese
+Hebungen für die gesamte Provinz und in Rom verpachtet werden sollten - eine
+Bestimmung, die die Beteiligung der Provinzialen tatsächlich ausschloß und die
+in der Mittelsmännerschaft für Zehnten, Hutgeld und Zölle der Provinz Asia eine
+Kapitalistenassoziation von kolossaler Ausdehnung ins Leben rief.
+Charakteristisch für Gracchus&rsquo; Bestreben, den Kapitalistenstand vom Senat
+unabhängig zu machen, ist dabei noch die Bestimmung, daß der völlige oder
+teilweise Erlaß der Pachtsumme nicht mehr, wie bisher, vom Senat nach Ermessen
+bewilligt werden, sondern unter bestimmten Voraussetzungen gesetzlich eintreten
+solle. Wenn hier dem Kaufmannsstand eine Goldgrube eröffnet und in den
+Mitgliedern der neuen Gesellschaft ein selbst der Regierung imponierender Kern
+der hohen Finanz, ein &ldquo;Senat der Kaufmannschaft&rdquo; konstituiert ward,
+so ward denselben zugleich in den Geschworenengerichten eine bestimmte
+öffentliche Tätigkeit zugewiesen. Das Gebiet des Kriminalprozesses, der von
+Rechts wegen vor die Bürgerschaft gehörte, war bei den Römern von Haus aus sehr
+eng und ward, wie bemerkt, durch Gracchus noch weiter verengt; die meisten
+Prozesse, sowohl die wegen gemeiner Verbrechen als auch die Zivilsachen, wurden
+entweder von Einzelgeschworenen oder von teils stehenden, teils
+außerordentlichen Kommissionen entschieden. Bisher waren jene und diese
+ausschließlich aus dem Senat genommen worden; Gracchus überwies sowohl in den
+eigentlichen Zivilprozessen wie bei den ständigen und nichtständigen
+Kommissionen die Geschworenenfunktionen an den Ritterstand, indem er die
+Geschworenenlisten nach Analogie der Ritterzenturien aus den sämtlichen
+ritterfähigen Individuen jährlich neu formieren ließ und die Senatoren
+geradezu, die jungen Männer der senatorischen Familien durch Festsetzung einer
+gewissen Altersgrenze von den Gerichten ausschloß 6. Es ist nicht
+unwahrscheinlich, daß die Geschworenenwahl vorwiegend auf dieselben Männer
+gelenkt ward, die in den großen kaufmännischen Assoziationen namentlich der
+asiatischen und sonstigen Steuerpächter die erste Rolle spielten, eben weil
+diese ein sehr nahes eigenes Interesse daran hatten, in den Gerichten zu
+sitzen; und fielen also die Geschworenenliste und die Publikanensozietäten in
+ihren Spitzen zusammen, so begreift man um so mehr die Bedeutung des also
+konstituierten Gegensenats. Die wesentliche Folge hiervon war, daß, während
+bisher es nur zwei Gewalten im Staate gegeben hatte, die Regierung als
+verwaltende und kontrollierende, die Bürgerschaft als legislative Behörde, die
+Gerichte aber zwischen beiden geteilt waren, jetzt die Geldaristokratie nicht
+bloß auf der soliden Basis der materiellen Interessen als festgeschlossene und
+privilegierte Klasse sich zusammenfand, sondern auch als richtende und
+kontrollierende Gewalt in den Staat eintrat und der regierenden Aristokratie
+sich fast ebenbürtig zur Seite stellte. All die alten Antipathien der Kaufleute
+gegen den Adel mußten fortan in den Wahrsprüchen der Geschworenen einen nur zu
+praktischen Ausdruck finden; vor allen Dingen in den Rechenschaftsgerichten der
+Provinzialstatthalter hatte der Senator nicht mehr wie bisher von
+seinesgleichen, sondern von Großhändlern und Bankiers die Entscheidung zu
+erwarten über seine bürgerliche Existenz. Die Fehden zwischen den römischen
+Kapitalisten und den römischen Statthaltern verpflanzten sich aus der
+Provinzialverwaltung auf den bedenklichen Boden der Rechenschaftsprozesse. Die
+Aristokratie der Reichen war nicht bloß gespalten, sondern es war auch dafür
+gesorgt, daß der Zwist immer neue Nahrung und leichten Ausdruck fand.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+5 Daß er und nicht Tiberius der Urheber dieses Gesetzes ist, zeigt jetzt Fronto
+in den Briefen an Verus z.A. Vgl. Gracchus bei Gell. 11, 10; Cic. rep. 3, 29
+und Verr. 3, 6, 12; Vell. 2. 6.
+</p>
+
+<p>
+6 Die zunächst durch diese Veränderung des Richterpersonals veranlaßte neue
+Gerichtsordnung für die ständige Kommission wegen Erpressungen besitzen wir
+noch zum großen Teil: sie ist bekannt unter dem Namen des Servilischen oder
+vielmehr Acilischen Repetundengesetzes.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Mit den also bereiteten Waffen, dem Proletariat und dem Kaufmannsstand, ging
+Gracchus an sein Hauptwerk, an den Sturz der regierenden Aristokratie. Den
+Senat stürzen hieß einerseits durch gesetzliche Neuerungen eine wesentliche
+Kompetenz ihm entziehen, andererseits durch Maßregeln mehr persönlicher und
+transitorischer Art die bestehende Aristokratie zugrunde richten. Gracchus hat
+beides getan. Vor allem die Verwaltung hatte bisher dem Senat ausschließlich
+zugestanden; Gracchus nahm sie ihm ab, indem er teils die wichtigsten
+Administrativfragen durch Komitialgesetze, das heißt tatsächlich durch
+tribunizische Machtsprüche entschied, teils in den laufenden Angelegenheiten
+den Senat möglichst beschränkte, teils selbst in der umfassendsten Weise die
+Geschäfte an sich zog. Die Maßregeln der ersten Gattung sind schon erwähnt: der
+neue Herr des Staats disponierte, ohne den Senat zu fragen, über die
+Staatskasse, indem er durch die Getreideverteilung den öffentlichen Finanzen
+eine dauernde und drückende Last aufbürdete, über die Domänen, indem er
+Kolonien nicht wie bisher nach Senats- und Volks-, sondern allein nach
+Volksschluß aussandte, über die Provinzialverwaltung, indem er die vom Senat
+der Provinz Asia gegebene Steuerverfassung durch ein Volksgesetz umstieß und
+eine durchaus andere an deren Stelle setzte. Eines der wichtigsten unter den
+laufenden Geschäften des Senats, die willkürliche Feststellung der jedesmaligen
+Kompetenz der beiden Konsuln, wurde ihm zwar nicht entzogen, aber der bisher
+dabei geübte indirekte Druck auf die höchsten Beamten dadurch beschränkt, daß
+der Senat angewiesen ward, diese Kompetenzen festzustellen, bevor die
+betreffenden Konsuln gewählt seien. Mit beispielloser Tätigkeit endlich
+konzentrierte Gaius die verschiedenartigsten und verwickeltsten
+Regierungsgeschäfte in seiner Person: Er selbst überwachte die
+Getreideverteilung, erlas die Geschworenen, gründete trotz des gesetzlich an
+die Stadt ihn fesselnden Amtes persönlich die Kolonien, regulierte das
+Wegewesen und schloß die Bauverträge ab, leitete die Senatsverhandlungen,
+bestimmte die Konsulwahlen - kurz er gewöhnte das Volk daran, daß in allen
+Dingen ein Mann der erste sei, und verdunkelte die schlaffe und lahme
+Verwaltung des senatorischen Kollegiums durch sein kräftiges und gewandtes
+persönliches Regiment.
+</p>
+
+<p>
+Noch energischer als in die Verwaltung griff Gracchus ein in die senatorische
+Gerichtsallmacht. Daß er die Senatoren als Geschworene beseitigte, ward schon
+gesagt; dasselbe geschah mit der Jurisdiktion, die der Senat als oberste
+Verwaltungsbehörde sich in Ausnahmefällen gestattete. Bei scharfer Strafe
+untersagte er, wie es scheint in dem erneuerten Provokationsgesetz 7, die
+Niedersetzung außerordentlicher Hochverratskommissionen durch Senatsbeschluß,
+wie diejenige gewesen war, welche nach seines Bruders Ermordung über dessen
+Anhänger zu Gericht gesessen hatte. Die Summe dieser Maßregeln ist, daß der
+Senat die Kontrolle ganz verlor und von der Verwaltung nur behielt, was das
+Staatshaupt ihm zu lassen für gut befand. Indes diese konstitutiven Maßregeln
+genügten nicht; auch der gegenwärtig regierenden Aristokratie wurde unmittelbar
+zu Leibe gegangen. Ein bloßer Akt der Rache war es, daß dem zuletzt erwähnten
+Gesetz rückwirkende Kraft beigelegt und dadurch derjenige Aristokrat, den nach
+Nasicas inzwischen erfolgtem Tode der Haß der Demokraten hauptsächlich traf,
+Publius Popillius, genötigt ward, das Land zu meiden. Merkwürdigerweise ging
+dieser Antrag nur mit achtzehn gegen siebzehn Stimmen in der Bezirksversammlung
+durch - ein Zeichen, was wenigstens in Fragen persönlichen Interesses noch der
+Einfluß der Aristokratie bei der Menge vermochte. Ein ähnliches, aber weit
+minder zu rechtfertigendes Dekret, den gegen Marcus Octavius gerichteten
+Antrag, daß, wer durch Volksschluß sein Amt verloren habe, auf immer unfähig
+sein solle, einen öffentlichen Posten zu bekleiden, nahm Gaius zurück auf
+Bitten seiner Mutter und ersparte sich damit die Schande, durch die
+Legalisierung einer notorischen Verfassungsverletzung das Recht offen zu
+verhöhnen und an einem Ehrenmann, der kein bitteres Wort gegen Tiberius
+gesprochen und nur der Verfassung und seiner Pflicht, wie er sie verstand,
+gemäß gehandelt hatte, niedrige Rache zu nehmen. Aber von ganz anderer
+Wichtigkeit als diese Maßregeln war Gaius&rsquo; freilich wohl schwerlich zur
+Ausführung gelangter Plan, den Senat durch 300 neue Mitglieder, das heißt
+ungefähr ebenso viele als er bisher hatte, zu verstärken und diese aus dem
+Ritterstand durch Komitien wählen zu lassen - eine Pairskreierung im
+umfassendsten Stil, die den Senat in die vollständigste Abhängigkeit von dem
+Staatsoberhaupt gebracht haben würde.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+7 Dies und das Gesetz ne quis iudicio circumveniatur dürften identisch sein.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Dies ist die Staatsverfassung, welche Gaius Gracchus entworfen und während der
+beiden Jahre seines Volkstribunats (631, 632 123, 122) in ihren wesentlichsten
+Punkten durchgeführt hat, soweit wir sehen, ohne auf irgendeinen nennenswerten
+Widerstand zu stoßen und ohne zur Erreichung seiner Zwecke Gewalt anwenden zu
+müssen. Die Reihenfolge, in der die Maßregeln durchgebracht sind, läßt in der
+zerrütteten Überlieferung sich nicht mehr erkennen, und auf manche naheliegende
+Frage müssen wir die Antwort schuldig bleiben; es scheint indes nicht, daß uns
+mit dem Fehlenden sehr wesentliche Momente entgangen sind, da über die
+Hauptsachen vollkommen sichere Kunde vorliegt und Gaius keineswegs wie sein
+Bruder durch den Strom der Ereignisse weiter und weiter gedrängt ward, sondern
+offenbar einen wohl überlegten, umfassenden Plan in einer Reihe von
+Spezialgesetzen im wesentlichen vollständig realisierte.
+</p>
+
+<p>
+Daß nun Gaius Gracchus keineswegs, wie viele gutmütige Leute in alter und neuer
+Zeit gemeint haben, die römische Republik auf neue demokratische Basen stellen,
+sondern vielmehr sie abschaffen und in der Form eines durch stehende Wiederwahl
+lebenslänglich und durch unbedingte Beherrschung der formell souveränen
+Komitien absolut gemachten Amtes, eines unumschränkten Volkstribunats auf
+Lebenszeit, anstatt der Republik die Tyrannis, das heißt nach heutigem
+Sprachgebrauch die nicht feudalistische und nicht theokratische, die
+napoleonisch absolute Monarchie einführen wollte, das offenbart die
+Sempronische Verfassung selbst mit voller Deutlichkeit einem jeden, der Augen
+hat und haben will. In der Tat, wenn Gracchus, wie seine Worte deutlich und
+deutlicher seine Werke es sagen, den Sturz des Senatsregiments bezweckte, was
+blieb in einem Gemeinwesen, das über die Urversammlungen hinaus und für das der
+Parlamentarismus nicht vorhanden war, nach dem Sturz des aristokratischen
+Regiments für eine andere politische Ordnung möglich als die Tyrannis? Träumer,
+wie sein Vorgänger einer war, und Schwindler, wie sie die Folgezeit
+heraufführte, mochten dies in Abrede stellen; Gaius Gracchus aber war ein
+Staatsmann, und wenn auch die Formulierung, die der große Mann für sein großes
+Werk bei sich selber aufstellte, uns nicht überliefert und in sehr
+verschiedener Weise denkbar ist, so wußte er doch unzweifelhaft, was er tat.
+Sowenig die beabsichtigte Usurpation der monarchischen Gewalt sich verkennen
+läßt, so wenig wird, wer die Verhältnisse übersieht, den Gracchus deswegen
+tadeln. Eine absolute Monarchie ist ein großes Unglück für die Nation, aber ein
+minderes als eine absolute Oligarchie; und wer der Nation statt des größeren
+das kleinere Leiden auferlegt, den darf die Geschichte nicht schelten, am
+wenigsten eine so leidenschaftlich ernste und allem Gemeinen so fernstehende
+Natur wie Gaius Gracchus. Allein nichtsdestoweniger darf sie es nicht
+verschweigen, daß durch die ganze Gesetzgebung desselben eine Zwiespältigkeit
+verderblichster Art geht, indem sie einerseits das gemeine Beste bezweckt,
+andererseits den persönlichen Zwecken, ja der persönlichen Rache des Herrschers
+dient. Gracchus war ernstlich bemüht, für die sozialen Schäden eine Abhilfe zu
+finden und dem einreißenden Pauperismus zu steuern; dennoch zog er zugleich
+durch seine Getreideverteilungen, die für alles arbeitsscheue hungernde
+Bürgergesindel eine Prämie werden sollten und wurden, ein hauptstädtisches
+Gassenproletariat der schlimmsten Art absichtlich groß. Gracchus tadelte mit
+den bittersten Worten die Feilheit des Senats und deckte namentlich den
+skandalösen Schacher, den Manius Aquillius mit den kleinasiatischen Provinzen
+getrieben, mit schonungsloser und gerechter Strenge auf 8. Aber es war
+desselben Mannes Werk, daß der souveräne Pöbel der Hauptstadt für seine
+Regierungssorgen sich on der Untertanenschaft alimentieren ließ. Gracchus
+mißbilligte lebhaft die schändliche Ausplünderung der Provinzen und veranlaßte
+nicht bloß, daß in einzelnen Fällen mit heilsamer Strenge eingeschritten ward,
+sondern auch die Abschaffung der durchaus unzureichenden senatorischen
+Gerichte, vor denen selbst Scipio Aemilianus, um die entschiedensten Frevler
+zur Strafe zu ziehen, sein ganzes Ansehen vergeblich eingesetzt hatte. Dennoch
+überlieferte er zugleich durch die Einführung der Kaufmannsgerichte die
+Provinzialen mit gebundenen Händen der Partei der materiellen Interessen und
+damit einer noch rücksichtsloseren Despotie, als die aristokratische gewesen
+war, und führte in Asia eine Besteuerung ein, gegen welche selbst die nach
+karthagischem Muster in Sizilien geltende Steuerverfassung gelind und
+menschlich heißen konnte - beides, weil er teils der Partei der Geldmänner,
+teils für seine Getreideverteilungen und die sonstigen den Finanzen neu
+aufgebürdeten Lasten neuer und umfassender Hilfsquellen bedurfte. Gracchus
+wollte ohne Zweifel eine feste Verwaltung und eine geordnete Rechtspflege, wie
+zahlreiche durchaus zweckmäßige Anordnungen bezeugen; dennoch beruht sein neues
+Verwaltungssystem auf einer fortlaufenden Reihe einzelner, nur formell
+legalisierter Usurpationen; dennoch zog er das Gerichtswesen, das jeder
+geordnete Staat, soweit irgend möglich, zwar nicht über die politischen
+Parteien, aber doch außerhalb derselben zu stellen bemüht sein wird,
+absichtlich mitten in den Strudel der Revolution. Allerdings fällt die Schuld
+dieser Zwiespältigkeit in Gaius Gracchus&rsquo; Tendenzen zu einem sehr großen
+Teil mehr auf die Stellung als auf die Person. Gleich hier an der Schwelle der
+Tyrannis entwickelt sich das verhängnisvolle sittlich-politische Dilemma, daß
+derselbe Mann zugleich, man möchte sagen, als Räuberhauptmann sich behaupten
+und als der erste Bürger den Staat leiten soll; ein Dilemma, dem auch Perikles,
+Caesar, Napoleon bedenkliche Opfer haben bringen müssen. Indes ganz läßt sich
+Gaius Gracchus&rsquo; Verfahren aus dieser Notwendigkeit nicht erklären; es
+wirkt daneben in ihm die verzehrende Leidenschaft, die glühende Rache, die, den
+eigenen Untergang voraussehend, den Feuerbrand schleudert in das Haus des
+Feindes. Er selber hat es ausgesprochen, wie er über seine Geschworenenordnung
+und ähnliche auf die Spaltung der Aristokratie abzweckende Maßregeln dachte;
+Dolche nannte er sie, die er auf den Markt geworfen, damit die Bürger - die
+vornehmen, versteht sich - mit ihnen sich untereinander zerfleischen möchten.
+Er war ein politischer Brandstifter; nicht bloß die hundertjährige Revolution,
+die von ihm datiert, ist, soweit sie eines Menschen Werk ist, das Werk des
+Gaius Gracchus, sondern vor allem ist er der wahre Stifter jenes entsetzlichen,
+von oben herab beschmeichelten und besoldeten hauptstädtischen Proletariats,
+das durch seine aus den Getreidespenden von selber folgende Vereinigung in der
+Hauptstadt teils vollständig demoralisiert, teils seiner Macht sich bewußt ward
+und mit seinen bald pinselhaften, bald bübischen Ansprüchen und seiner Fratze
+von Volkssouveränität ein halbes Jahrtausend hindurch wie ein Alp auf dem
+römischen Gemeinwesen lastend nur mit diesem zugleich unterging. Und doch -
+dieser größte der politischen Verbrecher ist auch wieder der Regenerator seines
+Landes. Es ist kaum ein konstruktiver Gedanke in der römischen Monarchie, der
+nicht zurückreichte bis auf Gaius Gracchus. Von ihm rührt der wohl in gewissem
+Sinne im Wesen des althergebrachten Kriegsrechts begründete, aber in dieser
+Ausdehnung und in dieser praktischen Anwendung doch dem älteren Staatsrecht
+fremde Satz her, daß aller Grund und Boden der untertänigen Gemeinden als
+Privateigentum des Staats anzusehen sei - ein Satz, der zunächst benutzt ward,
+um dem Staat das Recht zu vindizieren, diesen Boden beliebig zu besteuern, wie
+es in Asien, oder auch zur Anlegung von Kolonien zu verwenden, wie es in Afrika
+geschah, und der späterhin ein fundamentaler Rechtssatz der Kaiserzeit ward.
+Von ihm rührt die Taktik der Demagogen und Tyrannen her, auf die materiellen
+Interessen sich stützend die regierende Aristokratie zu sprengen, überhaupt
+aber durch eine strenge und zweckmäßige Administration anstatt des bisherigen
+Mißregiments die Verfassungsänderung nachträglich zu legitimieren. Auf ihn
+gehen vor allem zurück die Anfänge einer Ausgleichung zwischen Rom und den
+Provinzen, wie sie die Herstellung der Monarchie unvermeidlich mit sich bringen
+mußte; der Versuch, das durch die italische Rivalität zerstörte Karthago
+wiederaufzubauen und überhaupt der italischen Emigration den Weg in die
+Provinzen zu eröffnen, ist das erste Glied in der langen Kette dieser folgen-
+und segensreichen Entwicklung. Es sind in diesem seltenen Mann und in dieser
+wunderbaren politischen Konstellation Recht und Schuld, Glück und Unglück so
+ineinander verschlungen, daß es hier sich wohl ziemen mag, was der Geschichte
+nur selten ziemt, mit dem Urteil zu verstummen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+8 Auf diesen Handel um den Besitz von Phrygien, welches nach der Einziehung des
+Attalischen Reiches von Manius Aquillius den Königen von Bithynien und von
+Pontos zu Kauf geboten und von dem letzteren durch Mehrgebot erstanden ward,
+bezieht sich ein noch vorhandenes längeres Redebruchstück des Gracchus. Er
+bemerkt darin, daß von den Senatoren keiner umsonst sich um die öffentlichen
+Angelegenheiten bekümmere, und fügt hinzu: in Beziehung auf das in Rede
+stehende Gesetz (über die Verleihung Phrygiens an König Mithradates) teile der
+Senat sich in drei Klassen: solcher, die dafür seien, solcher, die dagegen
+seien, und solcher, die stillschwiegen - die ersten seien bestochen von König
+Mithradates, die zweiten von König Nikomedes, die dritten aber seien die
+feinsten, denn diese ließen sich von den Gesandten beider Könige bezahlen und
+jede Partei glauben, daß in ihrem Interesse geschwiegen werde.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Als Gracchus die von ihm entworfene neue Staatsverfassung wesentlich vollendet
+hatte, legte er Hand an ein zweites und schwierigeres Werk. Noch schwankte die
+Frage hinsichtlich der italischen Bundesgenossen. Wie die Führer der
+demokratischen Partei darüber dachten, hatte sich sattsam gezeigt; sie
+wünschten natürlich die möglichste Ausdehnung des römischen Bürgerrechts, nicht
+bloß, um die von den Latinern okkupierten Domänen zur Verteilung bringen zu
+können, sondern vor allem, um mit der ungeheuren Masse der Neubürger ihre
+Klientel zu verstärken, um die Komitialmaschine durch immer weitere Ausdehnung
+der berechtigten Wählerschaft immer vollständiger in ihre Gewalt zu bringen,
+überhaupt um einen Unterschied zu beseitigen, der mit dem Sturz der
+republikanischen Verfassung ohnehin jede ernstliche Bedeutung verlor. Allein
+hier stießen sie auf Widerstand bei ihrer eigenen Partei und vornehmlich bei
+derjenigen Bande, die sonst bereitwillig zu allem, was sie verstand und nicht
+verstand, ihr souveränes Ja gab; aus dem einfachen Grunde, daß diesen Leuten
+das römische Bürgerrecht sozusagen wie eine Aktie erschien, die ihnen Anspruch
+gab auf allerlei sehr handgreifliche direkte und indirekte Gewinnanteile, sie
+also ganz und gar keine Lust hatten, die Zahl der Aktionäre zu vermehren. Die
+Verwerfung des Fulvischen Gesetzes im Jahre 629 (125) und der daraus
+entsprungene Aufstand der Fregellaner waren warnende Zeichen sowohl, der
+eigensinnigen Beharrlichkeit der die Komitien beherrschenden Fraktion der
+Bürgerschaft als auch des ungeduldigen Drängens der Bundesgenossen. Gegen das
+Ende seines zweiten Tribunats (632 122) wagte Gracchus, wahrscheinlich durch
+übernommene Verpflichtungen gegen die Bundesgenossen gedrängt, einen zweiten
+Versuch; in Gemeinschaft mit Marcus Flaccus, der, obwohl Konsular, um das
+früher von ihm ohne Erfolg beantragte Gesetz jetzt durchzubringen, wiederum das
+Volkstribunat übernommen hatte, stellte er den Antrag, den Latinern das volle
+Bürger-, den übrigen italischen Bundesgenossen das bisherige Recht der Latiner
+zu gewähren. Allein der Antrag stieß auf die vereinigte Opposition des Senats
+und des hauptstädtischen Pöbels; welcher Art diese Koalition war und wie sie
+focht, zeigt scharf und bestimmt ein aus der Rede, die der Konsul Gaius Fannius
+vor der Bürgerschaft gegen den Antrag hielt, zufällig erhaltenes Bruchstück.
+&ldquo;So meint ihr also&rdquo;, sprach der Optimat, &ldquo;wenn ihr den
+Latinern das Bürgerrecht erteilt, eben wie ihr jetzt dort vor mir steht, auch
+künftig in der Bürgerversammlung oder bei den Spielen und Volkslustbarkeiten
+Platz finden zu können? Glaubt ihr nicht vielmehr, daß jene Leute jeden Fleck
+besetzen werden?&rdquo; Bei der Bürgerschaft des fünften Jahrhunderts, die an
+einem Tage allen Sabinern das Bürgerrecht verlieh, hätte ein solcher Redner
+wohl mögen ausgezischt werden: die des siebenten fand seine Gründe ungemein
+einleuchtend und den von Gracchus ihr gebotenen Preis der Assignation der
+latinischen Domänen weitaus zu niedrig. Schon daß der Senat es durchsetzte, die
+sämtlichen Nichtbürger vor dem entscheidenden Abstimmungstag aus der Stadt
+weisen zu dürfen, zeigte das Schicksal, das dem Antrag selbst bevorstand. Als
+dann vor der Abstimmung ein Kollege des Gracchus, Livius Drusus, gegen das
+Gesetz einschritt, nahm das Volk dieses Veto in einer Weise auf, daß Gracchus
+nicht wagen konnte, weiterzugehen oder gar dem Drusus das Schicksal des Marcus
+Octavius zu bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Es war, wie es scheint, dieser Erfolg, der dem Senat den Mut gab, den Sturz des
+siegreichen Demagogen zu versuchen. Die Angriffsmittel waren wesentlich
+dieselben, mit denen früher Gracchus selbst operiert hatte. Gracchus&rsquo;
+Macht ruhte auf der Kaufmannschaft und dem Proletariat, zunächst auf dem
+letzteren, das in diesem Kampf, in welchem militärischer Rückhalt beiderseits
+nicht vorhanden war, gleichsam die Rolle der Armee spielte. Es war
+einleuchtend, daß der Senat weder der Kaufmannschaft noch dem Proletariat ihre
+neuen Rechte abzuzwingen mächtig genug war; jeder Versuch, die Getreidegesetze
+oder die neue Geschworenenordnung anzugreifen, hätte, in etwas plumperer oder
+etwas zivilisierterer Form, zu einem Straßenkrawall geführt, dem der Senat
+völlig wehrlos gegenüberstand. Allein es war nicht minder einleuchtend, daß
+Gracchus selbst und diese Kaufleute und Proletarier einzig zusammengehalten
+wurden durch den gegenseitigen Vorteil, und daß sowohl die Männer der
+materiellen Interessen ihre Posten als der eigentliche Pöbel sein Brotkorn
+ebenso von jedem andern zu nehmen bereit waren wie von Gaius Gracchus.
+Gracchus&rsquo; Institutionen standen, für den Augenblick wenigstens,
+unerschütterlich fest mit Ausnahme einer einzigen: seiner eigenen
+Oberhauptschaft. Die Schwäche dieser lag darin, daß in Gracchus&rsquo;
+Verfassung zwischen Haupt und Heer schlechterdings ein Treuverhältnis nicht
+bestand und in der neuen Verfassung wohl alle anderen Elemente der
+Lebensfähigkeit vorhanden waren, nur ein einziges nicht: das sittliche Band
+zwischen Herrscher und Beherrschten, ohne das jeder Staat auf tönernen Füßen
+steht. In der Verwerfung des Antrags, die Latiner in den Bürgerverband
+aufzunehmen, war es mit schneidender Deutlichkeit zu Tage gekommen, daß die
+Menge in der Tat niemals für Gracchus stimmte, sondern immer nur für sich; die
+Aristokratie entwarf den Plan, dem Urheber der Getreidespenden und
+Landanweisungen auf seinem eigenen Boden die Schlacht anzubieten. Es versteht
+sich von selbst, daß der Senat dem Proletariat nicht bloß das gleiche bot, was
+Gracchus ihm an Getreide und sonst zugesichert hatte, sondern noch mehr. Im
+Auftrag des Senats schlug der Volkstribun Marcus Livius Drusus vor, den
+Gracchischen Landempfängern den auferlegten Zins zu erlassen und ihre Landlose
+für freies und veräußerungsfähiges Eigentum zu erklären; ferner, statt in den
+überseeischen, das Proletariat zu versorgen in zwölf italischen Kolonien, jede
+von 3000 Kolonisten, zu deren Ausführung das Volk die geeigneten Männer
+ernennen möge; nur Drusus selbst verzichtete - im Gegensatz gegen das
+Gracchische Familienkollegium - auf jegliche Teilnahme an diesem ehrenvollen
+Geschäft. Als diejenigen, die die Kosten dieses Plans zu tragen hätten, wurden
+vermutlich die Latiner genannt, denn anderes okkupiertes Domanialland von
+einigem Umfang als das von ihnen benutzte scheint nicht mehr in Italien
+vorhanden gewesen zu sein. Auch finden sich einzelne Verfügungen des Drusus,
+wie die Bestimmung, daß dem latinischen Soldaten nur von seinem vorgesetzten
+latinischen, nicht von dem römischen Offizier Stockprügel sollten zuerkannt
+werden dürfen, die allem Anschein nach den Zweck hatten, die Latiner für andere
+Verluste zu entschädigen. Der Plan war nicht von den feinsten. Die
+Konkurrenzunternehmung war allzu deutlich, allzu sichtlich das Bestreben, das
+schöne Band zwischen Adel und Proletariat durch weitere gemeinschaftliche
+Tyrannisierung der Latiner noch enger zu ziehen, die Frage allzu nahe gelegt,
+wo denn auf der Halbinsel, nachdem die italischen Domänen in der Hauptsache
+schon weggegeben waren - auch wenn man die gesamten, den Latinern überwiesenen
+konfiszierte -, das für zwölf neu zu bildende, zahlreiche und geschlossene
+Bürgerschaften erforderliche, okkupierte Domanialland eigentlich belegen sein
+möge, endlich Drusus&rsquo; Erklärung, daß er mit der Ausführung seines
+Gesetzes nichts zu tun haben wolle, so verwünscht gescheit, daß sie beinahe
+herzlich albern war. Indes für das plumpe Wild, das man fangen wollte, war die
+grobe Schlinge eben recht. Es kam hinzu und war vielleicht entscheidend, daß
+Gracchus, auf dessen persönlichen Einfluß alles ankam, eben damals in Afrika
+die karthagische Kolonie einrichtete und sein Stellvertreter in der Hauptstadt,
+Marcus Flaccus, durch sein heftiges und ungeschicktes Auftreten den Gegnern in
+die Hände arbeitete. Das &ldquo;Volk&rdquo; ratifizierte demnach die Livischen
+Gesetze ebenso bereitwillig wie früher die Sempronischen. Es vergalt sodann dem
+neuesten Wohltäter wie üblich dadurch, daß es dem früheren einen mäßigen Tritt
+versetzte und, als dieser sich für das Jahr 633 (121) zum drittenmal um das
+Tribunat bewarb, ihn nicht wiederwählte; wobei übrigens auch noch
+Unrechtfertigkeiten des von Gracchus früher beleidigten wahlleitenden Tribuns
+vorgekommen sein sollen. Damit brach die Grundlage seiner Machthaberschaft
+unter ihm zusammen. Ein zweiter Schlag traf ihn durch die Konsulwahlen, die
+nicht bloß im allgemeinen gegen die Demokratie ausfielen, sondern durch welche
+in Lucius Opimius der Mann, der als Prätor 629 (125) Fregellae erobert hatte,
+an die Spitze des Staates gestellt ward, eines der entschiedensten und am
+wenigsten bedenklichen Häupter der strengen Adelspartei, ein Mann fest
+entschlossen, den gefährlichen Gegner bei erster Gelegenheit zu beseitigen. Sie
+fand sich bald. Am 10. Dezember 632 (122) hörte Gracchus auf, Volkstribun zu
+sein; am 1. Januar 633 (121) trat Opimius sein Amt an. Der erste Angriff traf
+wie billig die nützlichste und die unpopulärste Maßregel des Gracchus, die
+Wiederherstellung von Karthago. Hatte man bisher die überseeischen Kolonien nur
+mittelbar durch die lockenderen italischen angegriffen, so wühlten jetzt
+afrikanische Hyänen die neugesetzten karthagischen Grenzsteine auf, und die
+römischen Pfaffen bescheinigten auf Verlangen, daß solches Wunder und Zeichen
+ausdrücklich warnen solle vor dem Wiederaufbau der gottverfluchten Stätte. Der
+Senat fand dadurch sich in seinem Gewissen gedrungen, ein Gesetz vorschlagen zu
+lassen, das die Ausführung der Kolonie Iunonia untersagte. Gracchus, der mit
+den andern zur Anlegung derselben ernannten Männern eben damals die Kolonisten
+auslas, erschien an dem Tag der Abstimmung auf dem Kapitol, wohin die
+Bürgerschaft berufen war, um mit seinem Anhang die Verwerfung des Gesetzes zu
+bewirken. Gewalttätigkeiten wünschte er zu vermeiden, um den Gegnern nicht den
+Vorwand, den sie suchten, selbst an die Hand zu geben; indes hatte er nicht
+wehren können, daß ein großer Teil seiner Getreuen, der Katastrophe des
+Tiberius sich erinnernd und wohl bekannt mit den Absichten der Aristokratie,
+bewaffnet sich einfand, und bei der ungeheuren Aufregung auf beiden Seiten
+waren Händel kaum zu vermeiden. In der Halle des Kapitolinischen Tempels
+verrichtete der Konsul Lucius Opimius das übliche Brandopfer; einer der ihm
+dabei behilflichen Gerichtsdiener, Quintus Antullius, herrschte, die heiligen
+Eingeweide in der Hand, die &ldquo;schlechten Bürger&rdquo; an, die Halle zu
+räumen, und schien sogar an Gaius selbst Hand legen zu wollen; worauf ein
+eifriger Gracchaner das Schwert zog und den Menschen niederstieß. Es entstand
+ein furchtbarer Lärm. Gracchus suchte vergeblich zum Volk zu sprechen und die
+Urheberschaft der gotteslästerlichen Mordtat von sich abzulehnen; er lieferte
+den Gegnern nur einen formalen Anklagegrund mehr, indem er, ohne dessen in dem
+Getümmel gewahr zu werden, einem eben zum Volk sprechenden Tribun in die Rede
+fiel, worauf ein verschollenes Statut aus der Zeit des alten Ständehaders die
+schwerste Strafe gesetzt hatte. Der Konsul Lucius Opimius traf seine Maßregeln,
+um den Aufstand zum Sturz der republikanischen Verfassung, wie man die Vorgänge
+dieses Tages zu bezeichnen beliebte, mit bewaffneter Hand zu unterdrücken. Er
+selbst durchwachte die Nacht im Kastortempel am Markte; mit dem frühesten
+Morgen füllte das Kapitol sich mit kretischen Bogenschützen, Rathaus und Markt
+mit den Männern der Regierungspartei, den Senatoren und der ihnen anhängigen
+Fraktion der Ritterschaft, welche auf Geheiß des Konsuls sämtlich bewaffnet und
+jeder von zwei bewaffneten Sklaven begleitet sich eingefunden hatten. Es fehlte
+keiner von der Aristokratie; selbst der ehrwürdige, hochbejahrte und der Reform
+wohlgeneigte Quintus Metellus war mit Schild und Schwert erschienen. Ein
+tüchtiger und in den spanischen Kriegen erprobter Offizier, Decimus Brutus,
+übernahm das Kommando der bewaffneten Macht; der Rat trat in der Kurie
+zusammen. Die Bahre mit der Leiche des Gerichtsdieners ward vor der Kurie
+niedergesetzt; der Rat gleichsam überrascht, erschien in Masse an der Tür, um
+die Leiche in Augenschein zu nehmen, und zog sich sodann wieder zurück, um das
+weitere zu beschließen. Die Führer der Demokratie hatten sich vom Kapitol in
+ihre Häuser begeben; Marcus Flaccus hatte die Nacht damit zugebracht, zum
+Straßenkrieg zu rüsten, während Gracchus es zu verschmähen schien, mit dem
+Verhängnis zu kämpfen. Als man am andern Morgen die auf dem Kapitol und dem
+Markt getroffenen Anstalten der Gegner erfuhr, begaben beide sich auf den
+Aventin, die alte Burg der Volkspartei in den Kämpfen der Patrizier und
+Plebejer. Schweigend und unbewaffnet ging Gracchus dorthin; Flaccus rief die
+Sklaven zu den Waffen und verschanzte sich im Tempel der Diana, während er
+zugleich seinen jüngeren Sohn Quintus in das feindliche Lager sandte, um
+womöglich einen Vergleich zu vermitteln. Dieser kam zurück mit der Meldung, daß
+die Aristokratie unbedingte Ergebung verlange; zugleich brachte er die Ladung
+des Senats an Gracchus und Flaccus, vor demselben zu erscheinen und wegen
+Verletzung der tribunizischen Majestät sich zu verantworten. Gracchus wollte
+der Vorladung folgen, allein Flaccus hinderte ihn daran und wiederholte
+stattdessen den ebenso verkehrten wie schwächlichen Versuch, solche Gegner zu
+einem Vergleich zu bestimmen. Als statt der beiden vorgeladenen Führer bloß der
+junge Quintus Flaccus abermals sich einstellte, behandelte der Konsul die
+Weigerung jener, sich zu stellen, als den Anfang der offenen Insurrektion gegen
+die Regierung; er ließ den Boten verhaften und gab das Zeichen zum Angriff auf
+den Aventin, indem er zugleich in den Straßen ausrufen ließ, daß dem, der das
+Haupt des Gracchus oder des Flaccus bringe, die Regierung dasselbe buchstäblich
+mit Gold aufwiegen werde, sowie daß sie jedem, der vor dem Beginn des Kampfs
+den Aventin verlasse, volle Straflosigkeit gewährleiste. Die Reihen auf dem
+Aventin lichteten sich schnell; der tapfere Adel im Verein mit den Kretern und
+den Sklaven erstürmte den fast unverteidigten Berg und erschlug, wen er
+vorfand, bei 250 meist geringe Leute. Marcus Flaccus flüchtete mit seinem
+ältesten Sohn in ein Versteck, wo sie bald nachher aufgejagt und niedergemacht
+wurden. Gracchus hatte, als das Gefecht begann, sich in den Tempel der Minerva
+zurückgezogen und wollte hier sich mit dem Schwerte durchbohren, als sein
+Freund Publius Laetorius ihm in den Arm fiel und ihn beschwor, womöglich sich
+für bessere Zeiten zu erhalten. Gracchus ließ sich bewegen, einen Versuch zu
+machen, nach dem andern Ufer des Tiber zu entkommen; allein den Berg
+hinabeilend stürzte er und verstauchte sich den Fuß. Ihm Zeit zum Entrinnen zu
+geben, warfen seine beiden Begleiter, Marcus Pomponius an der Porta Trigemina
+unter dem Aventin, Publius Laetorius auf der Tiberbrücke, da wo einst Horatius
+Cocles allein gegen das Etruskerheer gestanden haben sollte, den Verfolgern
+sich entgegen und ließen sich niedermachen; so gelangte Gracchus, nur von
+seinem Sklaven Euporus begleitet, in die Vorstadt am rechten Ufer des Tiber.
+Hier im Hain der Furrina fand man später die beiden Leichen; es schien, als
+habe der Sklave zuerst dem Herrn und dann sich selber den Tod gegeben. Die
+Köpfe der beiden gefallenen Führer wurden der Regierung, wie befohlen,
+eingehändigt, auch dem Überbringer des Kopfes des Gracchus, einem vornehmen
+Mann, Lucius Septumuleius, der bedungene Preis und darüber ausgezahlt, dagegen
+die Mörder des Flaccus, geringe Leute, mit leeren Händen fortgeschickt. Die
+Körper der Getöteten wurden in den Fluß geworfen, die Häuser der Führer zur
+Plünderung der Menge preisgegeben. Gegen die Anhänger des Gracchus begann der
+Prozeßkrieg im großartigsten Stil; bis 3000 derselben sollen im Kerker
+aufgeknüpft worden sein, unter ihnen der achtzehnjährige Quintus Flaccus, der
+an dem Kampf nicht teilgenommen hatte und wegen seiner Jugend und seiner
+Liebenswürdigkeit allgemein bedauert ward. Auf dem Freiplatz unter dem Kapitol,
+wo der nach wiederhergestelltem innerem Frieden von Camillus geweihte Altar und
+andere, bei ähnlichen Veranlassungen errichtete Heiligtümer der Eintracht sich
+befanden, wurden diese kleinen Kapellen niedergerissen und aus dem Vermögen der
+getöteten oder verurteilten Hochverräter, das bis auf die Mitgift ihrer Frauen
+hin konfisziert ward, nach Beschluß des Senats von dem Konsul Lucius Opimius
+ein neuer glänzender Tempel der Eintracht mit dazugehöriger Halle errichtet -
+allerdings war es zeitgemäß, die Zeichen der alten Eintracht zu beseitigen und
+eine neue zu inaugurieren über den Leichen der drei Enkel des Siegers von Zama,
+die nun alle, zuerst Tiberius Gracchus, dann Scipio Aemilianus, endlich der
+jüngste und gewaltigste von ihnen, Gaius Gracchus, von der Revolution
+verschlungen worden waren. Der Gracchen Andenken blieb offiziell geächtet;
+nicht einmal das Trauergewand durfte Cornelia um den Tod ihres letzten Sohnes
+anlegen. Allein die leidenschaftliche Anhänglichkeit, die gar viele im Leben
+für die beiden edlen Brüder und vornehmlich für Gaius empfunden hatten, zeigte
+sich in rührender Weise auch nach ihrem Tode in der fast religiösen Verehrung,
+die die Menge ihrem Andenken und an den Stätten, wo sie gefallen waren, allen
+polizeilichen Vorkehrungen zum Trotz fortfuhr zu zollen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap04"></a>KAPITEL IV.<br/>
+Die Restaurationsherrschaft</h2>
+
+<p>
+Das neue Gebäude, das Gaius Gracchus aufgeführt hatte, war mit seinem Tode eine
+Ruine. Wohl war sein Tod wie der seines Bruders zunächst nichts als ein Akt der
+Rache; allein es war doch zugleich ein sehr wesentlicher Schritt zur
+Restauration der alten Verfassung, daß aus der Monarchie, eben da sie im
+Begriff war, sich zu begründen, die Person des Monarchen beseitigt ward; und in
+diesem Falle um so mehr, weil nach der Katastrophe des Gaius und dem
+gründlichen Opimischen Blutgericht im Augenblick schlechterdings niemand
+vorhanden war, der, sei es durch Blutsverwandtschaft mit dem gefallenen
+Staatsoberhaupt, sei es durch überwiegende Fähigkeit, auch nur zu einem
+Versuch, den erledigten Platz einzunehmen, sich legitimiert gefühlt hätte.
+Gaius war ohne Kinder aus der Welt gegangen, und auch Tiberius&rsquo;
+hinterlassener Knabe starb, bevor er zu seinen Jahren kam; die ganze sogenannte
+Volkspartei war buchstäblich ohne irgendeinen auch nur namhaft zu machenden
+Führer. Die Gracchische Verfassung glich einer Festung ohne Kommandanten;
+Mauern und Besatzung waren unversehrt, aber der Feldherr fehlte, und es war
+niemand vorhanden, der an den leeren Platz sich hätte setzen mögen als eben die
+gestürzte Regierung.
+</p>
+
+<p>
+So kam es denn auch. Nach Gaius Gracchus&rsquo; erblosem Abgang stellte das
+Regiment des Senats gleichsam von selber sich wieder her; und es war dies um so
+natürlicher, als dasselbe von dem Tribun nicht eigentlich formell abgeschafft,
+sondern nur durch die von ihm ausgehenden Ausnahmehandlungen tatsächlich
+zunichte gemacht worden war. Dennoch würde man sehr irren, wenn man in dieser
+Restauration nichts weiter sehen wollte als ein Zurückgleiten der
+Staatsmaschine in das alte, seit Jahrhunderten befahrene und ausgefahrene
+Geleise. Restauration ist immer auch Revolution; in diesem Falle aber ward
+nicht so sehr das alte Regiment restauriert als der alte Regent. Die Oligarchie
+erschien neu gerüstet in dem Heerzeug der gestürzten Tyrannis; wie der Senat
+den Gracchus mit dessen eigenen Waffen aus dem Felde geschlagen hatte, so fuhr
+er auch fort, in den wesentlichsten Stücken mit der Verfassung der Gracchen zu
+regieren, allerdings mit dem Hintergedanken, sie seiner Zeit wo nicht ganz zu
+beseitigen, doch gründlich zu reinigen von den der regierenden Aristokratie in
+der Tat feindlichen Elementen. Fürs erste reagierte man wesentlich nur gegen
+die Personen, rief den Publius Popillius nach Kassierung der ihn betreffenden
+Verfügungen aus der Verbannung zurück (633 121) und machte den Gracchanern den
+Prozeßkrieg; wogegen der Versuch der Volkspartei, den Lucius Opimius nach
+Niederlegung seines Amtes wegen Hochverrats zur Verurteilung zu bringen, von
+der Regierungspartei vereitelt ward (634 120). Es ist für den Charakter dieser
+Restaurationsregierung bezeichnend, wie die Aristokratie an
+Gesinnungstüchtigkeit fortschritt. Gaius Carbo, einst Bundesgenosse der
+Gracchen, hatte seit langem sich bekehrt und noch kürzlich als Verteidiger des
+Opimius seinen Eifer und seine Brauchbarkeit bewiesen. Aber er blieb der
+Überläufer; als gegen ihn von den Demokraten die gleiche Anklage wie gegen
+Opimius erhoben ward, ließ ihn die Regierung nicht ungern fallen, und Carbo,
+zwischen beiden Parteien sich verloren sehend, gab sich mit eigener Hand den
+Tod. So erwiesen die Männer der Reaktion in Personenfragen sich als lautere
+Aristokraten. Dagegen die Getreideverteilungen, die Besteuerung der Provinz
+Asia, die Gracchische Geschworenen- und Gerichtsordnung griff die Reaktion
+zunächst nicht an und schonte nicht bloß die Kaufmannschaft und das
+hauptstädtische Proletariat, sondern huldigte, wie bereits bei der Einbringung
+der Livischen Gesetze, so auch ferner diesen Mächten und vor allem dem
+Proletariat noch weit entschiedener, als die Gracchen dies getan hatten. Es
+geschah dies nicht bloß, weil die Gracchische Revolution in den Gemütern der
+Zeitgenossen noch lange nachzitterte und ihre Schöpfungen schützte: die Hegung
+und Pflegung wenigstens der Pöbelinteressen vertrug sich in der Tat aufs
+vollkommenste mit dem eigenen Vorteil der Aristokratie, und es ward dabei
+nichts weiter geopfert als bloß das gemeine Beste. Alle diejenigen Maßregeln,
+die von Gaius Gracchus zur Förderung des öffentlichen Wohls getroffen waren,
+eben den besten, freilich begreiflicherweise auch den unpopulärsten Teil seiner
+Gesetzgebung, ließ die Aristokratie fallen. Nichts wurde so rasch und so
+erfolgreich angegriffen wie der großartigste seiner Entwürfe: der Plan,
+zunächst die römische Bürgerschaft und Italien, sodann Italien und die
+Provinzen rechtlich gleichzustellen und, indem also der Unterschied zwischen
+bloß herrschenden und zehrenden und bloß dienenden und arbeitenden
+Staatsangehörigen weggeräumt ward, zugleich durch die umfassendste und
+systematischste Emigration, die die Geschichte kennt, die soziale Frage zu
+lösen. Mit der ganzen Verbissenheit und dem ganzen grämlichen Eigensinn der
+Altersschwäche drängte die restaurierte Oligarchie den Grundsatz der abgelebten
+Geschlechter, daß Italien das herrschende Land und Rom in Italien die
+herrschende Stadt bleiben müsse, der Gegenwart aufs neue auf. Schon bei
+Lebzeiten des Gracchus war die Zurückweisung der italischen Bundesgenossen eine
+vollendete Tatsache und war gegen den großen Gedanken der überseeischen
+Kolonisation ein sehr ernsthafter Angriff gerichtet worden, der die nächste
+Ursache zu Gracchus&rsquo; Untergang geworden war. Nach seinem Tode wurde der
+Plan der Wiederherstellung Karthagos mit leichter Mühe von der Regierungspartei
+beseitigt, obgleich die einzelnen daselbst schon verteilten Landlose den
+Empfängern geblieben sind. Zwar daß der demokratischen Partei auf einem andern
+Punkte eine ähnliche Gründung gelang, konnte sie nicht wehren: im Verlauf der
+Eroberungen jenseits der Alpen, welche Marcus Flaccus begonnen hatte, wurde
+daselbst im Jahre 636 (118) die Kolonie Narbo (Narbonne) begründet, die älteste
+überseeische Bürgerstadt im Römischen Reiche, welche trotz vielfacher
+Anfechtungen der Regierungspartei, trotz des geradezu auf Aufhebung derselben
+vom Senat gestellten Antrags dennoch, geschützt wahrscheinlich durch die
+beteiligten kaufmännischen Interessen, dauernden Bestand gehabt hat. Indes
+abgesehen von dieser, in ihrer Vereinzelung nicht sehr bedeutenden Ausnahme
+gelang es der Regierung, die Landanweisung außerhalb Italiens durchgängig zu
+verhindern.
+</p>
+
+<p>
+In gleichem Sinne wurde die italische Domanialfrage geordnet. Die italischen
+Kolonien des Gaius, vor allem Capua, wurden aufgehoben und, soweit sie bereits
+zur Ausführung gekommen waren, wieder aufgelöst; nur die unbedeutende
+tarentinische blieb in der Art bestehen, daß die neue Stadt Neptunia der
+bisherigen griechischen Gemeinde an die Seite trat. Was durch die
+nichtkoloniale Assignation von den Domänen bereits verteilt war, blieb den
+Empfängern; die darauf von Gracchus im Interesse des Gemeinwesens gelegten
+Beschränkungen, Erbzins und Veräußerungsverbot, hatte bereits Marcus Drusus
+aufgehoben. Dagegen die noch nach Okkupationsrecht besessenen Domänen, welche
+außer dem von den Latinern genutzten Domanialland zum größten Teil bestanden
+haben werden in dem gemäß des Gracchischen Maximum den Inhabern gebliebenen
+Grundbesitz, war man entschlossen, den bisherigen Okkupanten definitiv
+zuzuwenden und auch die Möglichkeit künftiger Aufteilung abzuschneiden.
+Freilich waren es zunächst diese Ländereien, aus denen die 36000 von Drusus
+verheißenen neuen Bauernhufen hätten gebildet werden sollen; allein man sparte
+sich die Untersuchung, wo denn unter dem Monde diese Hunderttausende von Morgen
+italischen Domaniallands belegen sein möchten, und legte das Livische
+Kolonialgesetz, das seinen Dienst getan, stillschweigend zu den Akten - nur
+etwa die kleine Kolonie von Scolacium (Squillace) mag auf das Koloniengesetz
+des Drusus zurückgehen. Dagegen wurde durch ein Gesetz, das im Auftrag des
+Senats der Volkstribun Spurius Thorius durchbrachte, das Teilungsamt im Jahre
+635 (119) aufgehoben und den Okkupanten des Domaniallandes ein fester Zins
+auferlegt, dessen Ertrag dem hauptstädtischen Pöbel zugute kam - es scheint,
+indem die Kornverteilung zum Teil darauf fundiert ward: noch weitergehende
+Vorschläge, vielleicht eine Steigerung der Getreidespenden, wehrte der
+verständige Volkstribun Gaius Marius ab. Acht Jahre später (643 111) geschah
+der letzte Schritt, indem durch einen neuen Volksschluß ^1 das okkupierte
+Domanialland geradezu umgewandelt ward in zinsfreies Privateigentum der
+bisherigen Okkupanten. Man fügte hinzu, daß in Zukunft Domanialland überhaupt
+nicht okkupiert, sondern entweder verpachtet werden oder als gemeine Weide
+offenstehen solle; für den letzteren Fall ward durch Feststellung eines sehr
+niedrigen Maximum von zehn Stück Groß- und fünfzig Stück Kleinvieh dafür
+gesorgt, daß nicht der große Herdenbesitzer den kleinen tatsächlich ausschließe
+- verständige Bestimmungen, in denen die Schädlichkeit des übrigen längst
+aufgegebenen Okkupationssystems nachträglich offizielle Anerkennung fand, die
+aber leider erst getroffen wurden, als dasselbe den Staat bereits wesentlich um
+seine Domanialbesitzungen gebracht hatte. Indem die römische Aristokratie also
+für sich selber sorgte und was von okkupiertem Lande noch in ihren Händen war,
+sich in Eigentum umwandeln ließ, beschwichtigte sie zugleich die italischen
+Bundesgenossen dadurch, daß sie denselben an dem von ihnen und namentlich von
+ihrer munizipalen Aristokratie genutzten latinischen Domanialland zwar nicht
+das Eigentum verlieh, aber doch das ihnen durch ihre Privilegien verbriefte
+Recht daran ungeschmälert wahrte. Die Gegenpartei war in der üblen Lage, daß in
+den wichtigsten materiellen Fragen die Interessen der Italiker denen der
+hauptstädtischen Opposition schnurstracks entgegenliefen, ja jene mit der
+römischen Regierung eine Art Bündnis eingingen und gegen die ausschweifenden
+Absichten mancher römischen Demagogen bei dem Senat Schutz suchten und fanden.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Er ist großenteils noch vorhanden und bekannt unter dem jetzt seit
+dreihundert Jahren fortgepflanzten falschen Namen des Thorischen Ackergesetzes.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Während also die restaurierte Regierung es sich angelegen sein ließ, die Keime
+zum Bessern, die in der Gracchischen Verfassung vorhanden waren, gründlich
+auszureuten, blieb sie den nicht zum Heil des Ganzen von Gracchus erweckten
+feindlichen Mächten gegenüber vollständig ohnmächtig. Das hauptstädtische
+Proletariat blieb bestehen in anerkannter Zehrberechtigung; die Geschworenen
+aus dem Kaufmannsstand ließ der Senat gleichfalls sich gefallen, so widerwärtig
+auch dieses Joch eben dem besseren und stolzeren Teil der Aristokratie fiel. Es
+waren unwürdige Fesseln, die die Aristokratie trug; aber wir finden nicht, daß
+sie ernstlich dazu tat, sich derselben zu entledigen. Das Gesetz des Marcus
+Aemilius Scaurus von 632 (122), das wenigstens die verfassungsmäßigen
+Beschränkungen des Stimmrechts der Freigelassenen einschärfte, war für lange
+Jahre der einzige, sehr zahme Versuch der senatorischen Regierung, ihren
+Pöbeltyrannen wieder zu bändigen. Der Antrag, den der Konsul Quintus Caepio
+siebzehn Jahre nach Einführung der Rittergerichte (648 106) einbrachte auf
+Zurückgabe der Prozesse an senatorische Geschworene, zeigte, was die Regierung
+wünschte, aber auch, was sie vermochte, wenn es sich nicht darum handelte,
+Domänen zu verschleudern, sondern einem einflußreichen Stande gegenüber eine
+Maßregel durchzusetzen: sie fiel damit durch 2. Zu einer Emanzipation der
+Regierung von ihren unbequemen Machtgenossen kam es nicht; wohl aber trugen
+diese Maßregeln dazu bei, das niemals aufrichtige Einverständnis der
+regierenden Aristokratie mit der Kaufmannschaft und dem Proletariat noch ferner
+zu trüben. Beide wußten sehr genau, daß der Senat alle Zugeständnisse nur aus
+Angst und widerwillig gewährte; weder durch Dankbarkeits- noch durch
+Vorteilsrücksichten an die Herrschaft des Senats dauernd gefesselt, waren beide
+sehr bereit, jedem anderen Machthaber, der ihnen mehr oder auch nur das gleiche
+bot, dieselben Dienste zu leisten, und hatten nichts dagegen, wenn sich eine
+Gelegenheit gab, den Senat zu schikanieren oder zu hemmen. So regierte die
+Restauration weiter mit den Wünschen und Gesinnungen der legitimen Aristokratie
+und mit der Verfassung und den Regierungsmitteln der Tyrannis. Ihre Herrschaft
+ruhte nicht bloß auf den gleichen Basen wie die des Gracchus, sondern sie war
+auch gleich schlecht, ja noch schlechter befestigt; sie war stark, wo sie mit
+dem Pöbel im Bunde zweckmäßige Institutionen umstieß, aber den Gassenbanden wie
+den kaufmännischen Interessen gegenüber vollkommen machtlos. Sie saß auf dem
+erledigten Thron mit bösem Gewissen und geteilten Hoffnungen, den Institutionen
+des eigenen Staates grollend und doch unfähig, auch nur planmäßig sie
+anzugreifen, unsicher im Tun und Lassen außer, wo der eigene materielle Vorteil
+sprach, ein Bild der Treulosigkeit gegen die eigene wie die entgegengesetzte
+Partei, des inneren Widerspruchs, der kläglichsten Ohnmacht, des gemeinsten
+Eigennutzes, ein unübertroffenes Ideal der Mißregierung.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+2 Das zeigt, wie bekannt, der weitere Verlauf. Man hat dagegen geltend gemacht,
+daß bei Valerius Maximus Quintus Caepio Patron des Senats genannt werde; allein
+teils beweist dies nicht genug, teils paßt, was daselbst erzählt wird,
+schlechterdings nicht auf den Konsul des Jahres 648 (106), und es muß hier eine
+Irrung sein, sei es nun im Namen oder in den berichteten Tatsachen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Es konnte nicht anders sein; die gesamte Nation war in intellektuellem und
+sittlichem Verfall, vor allem aber die höchsten Stände. Die Aristokratie vor
+der Gracchenzeit war wahrlich nicht überreich an Talenten und die Bänke des
+Senats vollgedrängt von feigem und verlottertem adligen Gesindel; indes es
+saßen doch in demselben auch Scipio Aemilianus, Gaius Laelius, Quintus
+Metellus, Publius Crassus, Publius Scaevola und zahlreiche andere achtbare und
+fähige Männer, und wer einigen guten Willen mitbrachte, konnte urteilen, daß
+der Senat in der Unrechtfertigkeit ein gewisses Maß und ein gewisses Dekorum in
+dem Mißregiment einhalte. Diese Aristokratie war gestürzt und sodann
+wiederhergestellt worden; fortan ruhte auf ihr der Fluch der Restauration.
+Hatte die Aristokratie früher regiert schlecht und recht und seit mehr als
+einem Jahrhundert ohne jede fühlbare Opposition, so hatte die durchgemachte
+Krise wie ein Blitz in dunkler Nacht ihr den Abgrund gezeigt, der vor ihren
+Füßen klaffte. War es ein Wunder, daß fortan der Groll immer und, wo sie es
+wagte, der Schrecken das Regiment der altadligen Herrenpartei bezeichnete? daß
+die Regierenden noch unendlich schroffer und gewaltsamer als bisher gegen die
+nichtregierende Menge als festgeschlossene Partei zusammenstanden? daß die
+Familienpolitik jetzt, eben wie in den schlimmsten Zeiten des Patriziats,
+wiederum sich griff und zum Beispiel die vier Söhne und (wahrscheinlich) die
+zwei Neffen des Quintus Metellus, mit einer einzigen Ausnahme lauter
+unbedeutende, zum Teil ihrer Einfalt wegen berufene Leute, innerhalb fünfzehn
+Jahren (631-645 123-109) sämtlich zum Konsulat, mit Ausnahme eines einzigen
+auch zum Triumph gelangten, von den Schwiegersöhnen und so weiter zu schweigen?
+daß, je gewalt- und grausamer einer der Ihrigen gegen die Gegenpartei
+aufgetreten war, er desto entschiedener von ihnen gefeiert, dem echten
+Aristokraten jeder Frevel, jede Schamlosigkeit verziehen ward? daß die
+Regierenden und die Regierten nur darin nicht zwei kriegführenden Parteien
+glichen, daß in ihrem Krieg kein Völkerrecht galt? Es war leider nur zu
+begreiflich, daß, wenn die alte Aristokratie das Volk mit Ruten schlug, diese
+restaurierte es mit Skorpionen züchtigte. Sie kam zurück; aber sie kam weder
+klüger noch besser. Nie hat es bis auf diese Zeit der römischen Aristokratie so
+vollständig an staatsmännischen und militärischen Kapazitäten gemangelt wie in
+dieser Restaurationsepoche zwischen der Gracchischen und der Cinnanischen
+Revolution. Bezeichnend dafür ist der Koryphäe der senatorischen Partei dieser
+Zeit, Marcus Aemilius Scaurus. Der Sohn hochadliger, aber unvermögender Eltern
+und darum genötigt, Gebrauch zu machen von seinen nicht gemeinen Talenten,
+schwang er sich auf zum Konsul (639 115) und Zensor (645 109), war lange Jahre
+Vormann des Senats und das politische Orakel seiner Standesgenossen und
+verewigte seinen Namen nicht bloß als Redner und Schriftsteller, sondern auch
+als Urheber einiger der ansehnlichsten in diesem Jahrhundert ausgeführten
+Staatsbauten. Indes wenn man näher zusieht, laufen seine vielgefeierten
+Großtaten darauf hinaus, daß er als Feldherr einige wohlfeile Dorftriumphe in
+den Alpen, als Staatsmann mit seinem Stimm- und Luxusgesetz einige ungefähr
+ebenso ernsthafte Siege über den revolutionären Zeitgeist erfocht, sein
+eigentliches Talent indes darin bestand, ganz ebenso zugänglich und bestechlich
+zu sein wie jeder andere ehrenwerte Senator, aber mit einiger Schlauheit den
+Augenblick, wo die Sache bedenklich zu werden anfing, zu wittern und vor allem
+durch seine vornehme und ehrwürdige Erscheinung vor dem Publikum den Fabricius
+zu agieren. In militärischer Hinsicht finden sich zwar einige ehrenvolle
+Ausnahmen tüchtiger Offiziere aus den höchsten Kreisen der Aristokratie; die
+Regel aber war, daß die vornehmen Herren, wenn sie an die Spitze der Armeen
+treten sollten, schleunigst aus den griechischen Kriegshandbüchern und den
+römischen Annalen zusammenlasen, was nötig war, um einen militärischen Diskurs
+zu führen und sodann im Feldlager im besten Fall das wirkliche Kommando einem
+niedrig geborenen Offizier von erprobter Fähigkeit und erprobter Bescheidenheit
+übergaben. In der Tat, wenn ein paar Jahrhunderte zuvor der Senat einer
+Versammlung von Königen glich, so spielten diese ihre Nachfahren nicht übel die
+Prinzen. Aber der Unfähigkeit dieser restaurierten Adligen hielt völlig die
+Waage ihre politische und sittliche Nichtswürdigkeit. Wenn nicht die religiösen
+Zustände, auf die zurückzukommen sein wird, von der wüsten Zerfahrenheit dieser
+Zeit ein treues Spiegelbild böten und ebenso die äußere Geschichte in dieser
+Epoche die vollkommene Schlechtigkeit des römischen Adels als einen ihrer
+wesentlichsten Faktoren aufwiese, so würden die entsetzlichsten Verbrechen, die
+in den höchsten Kreisen Roms Schlag auf Schlag zum Vorschein kamen, allein
+denselben hinreichend charakterisieren.
+</p>
+
+<p>
+Die Verwaltung war nach innen und nach außen, was sie sein konnte unter einem
+solchen Regiment. Der soziale Ruin Italiens griff mit erschreckender
+Geschwindigkeit um sich; seit die Aristokratie das Auskaufen der Kleinbesitzer
+sich gesetzlich hatte erlauben lassen, und in ihrem neuen Übermut das
+Austreiben derselben immer häufiger sich selbst erlaubte, verschwanden die
+Bauernstellen wie die Regentropfen im Meer. Wie mit der politischen die
+ökonomische Oligarchie mindestens Schritt hielt, zeigt die Äußerung, die ein
+gemäßigt demokratischer Mann, Lucius Marcius Philippus, um 650 (100) tat, daß
+es in der ganzen Bürgerschaft kaum 2000 vermögende Familien gebe. Den
+praktischen Kommentar dazu lieferten abermals die Sklavenaufstände, welche in
+den ersten Jahren des Kimbrischen Krieges alljährlich in Italien ausbrachen, so
+in Nuceria, in Capua, im Gebiet von Thurii. Diese letzte Zusammenrottung war
+schon so bedeutend, daß gegen sie der städtische Prätor mit seiner Legion hatte
+marschieren müssen und dennoch nicht durch Waffengewalt, sondern nur durch
+tückischen Verrat der Insurrektion Herr geworden war. Auch das war eine
+bedenkliche Erscheinung, daß an der Spitze derselben kein Sklave gestanden
+hatte, sondern der römische Ritter Titus Vettius, den seine Schulden zu dem
+wahnsinnigen Schritt getrieben hatten, seine Sklaven frei und sich zu ihrem
+König zu erklären (650 104). Wie gefährlich die Anhäufung der Sklavenmassen in
+Italien der Regierung erschien, beweisen die Vorsichtsmaßregeln hinsichtlich
+der Goldwäschereien von Victumulae, die seit 611 (143) für Rechnung der
+römischen Regierung betrieben wurden: die Pächter wurden zuerst verpflichtet,
+nicht über 5000 Arbeiter anzustellen, später der Betrieb durch Senatsbeschluß
+gänzlich eingestellt. Unter einem Regiment wie dem gegenwärtigen war in der Tat
+alles zu fürchten, wenn, wie dies sehr möglich war, ein Heer von Transalpinern
+in Italien eindrang und die großenteils stammverwandten Sklaven zu den Waffen
+rief.
+</p>
+
+<p>
+Verhältnismäßig mehr noch litten die Provinzen. Man versuche sich vorzustellen,
+wie es in Ostindien aussehen würde, wenn die englische Aristokratie wäre, was
+in jener Zeit die römische war, und man wird eine Vorstellung der Lage von
+Sizilien und Asia haben. Die Gesetzgebung, indem sie der Kaufmannschaft die
+Kontrolle der Beamten übertrug, nötigte diese, gewissermaßen gemeinschaftliche
+Sache mit jener zu machen und durch unbedingte Nachgiebigkeit gegen die
+Kapitalisten in den Provinzen sich unbeschränkte Plünderungsfreiheit und Schutz
+vor der Anklage zu erkaufen. Neben diesen offiziell und halboffiziell
+angestellten Räubern plünderten Land- und Seepiraten die sämtlichen
+Landschaften des Mittelmeers. Vor allem in den asiatischen Gewässern trieben
+die Flibustier es so arg, daß selbst die römische Regierung sich genötigt sah,
+im Jahre 652 (102) eine wesentlich aus den Schiffen der abhängigen Kaufstädte
+gebildete Flotte unter dem mit prokonsularischer Gewalt bekleideten Prätor
+Marcus Antonius nach Kilikien zu entsenden. Diese brachte nicht bloß eine
+Anzahl Korsarenschiffe auf und nahm einige Felsennester aus, sondern die Römer
+richteten hier sich sogar für die Dauer ein und besetzten zur Unterdrückung des
+Seeraubs in dem Hauptsitz desselben, dem rauhen oder westlichen Kilikien, feste
+militärische Positionen, was der Anfang war zur Einrichtung der seitdem unter
+den römischen Ämtern erscheinenden Provinz Kilikien 3. Die Absicht war löblich
+und der Plan an sich zweckmäßig entworfen; nur bewies leider der Fortbestand
+und die Steigerung des Korsarenunwesens in den asiatischen Gewässern und
+speziell in Kilikien, mit wie unzulänglichen Mitteln man von der neu genommenen
+Stellung aus die Piraterie bekämpfte.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+3 Vielfältig wird angenommen, daß die Einrichtung der Provinz Kilikien erst
+erfolgte nach der kilikischen Expedition des Publius Servilius 676 f. (78),
+allein mit Unrecht; denn schon 662 (92) finden wir Sulla (App. Mithr. 57; civ.
+1, 77; Aur. Vict. 75), 674 und 675 (80 79) Gnaeus Dolabella (Cic. Verr. 1, 16
+44) als Statthalter von Kilikien, wonach nichts übrig bleibt, als die
+Einrichtung der Provinz in das Jahr 652 (102) zu setzen. Hierfür spricht
+ferner, daß in dieser Zeit die Züge der Römer gegen die Korsaren, wie zum
+Beispiel die balearischen, ligurischen, dalmatischen, regelmäßig gerichtet
+erscheinen auf Besetzung der Küstenpunkte, von wo der Seeraub ausging;
+natürlich, denn da die Römer keine stehende Flotte hatten, war das einzige
+Mittel, dem Seeraub wirksam zu steuern, die Besetzung der Küsten. Übrigens ist
+daran zu erinnern, daß der Begriff der provincia nicht unbedingt Besitz der
+Landschaft in sich schließt, sondern an sich nichts ist als ein selbständiges
+militärisches Kommando; es ist sehr möglich, daß die Römer zunächst in dieser
+rauhen Landschaft nichts nahmen als Station für Schiffe und Mannschaft.
+</p>
+
+<p>
+Das ebene Ostkilikien blieb bis auf den Krieg gegen Tigranes bei dem Syrischen
+Reich (App. Syr. 48); die ehemals zu Kilikien gerechneten Landschaften nördlich
+des Tauros, das sogenannte kappadokische Kilikien und Kataonien gehörten jenes
+seit der Auflösung des Attalischen Reiches (Iust. 37, 1; oben S. 62), dieses
+wohl schon seit dem Frieden mit Antiochos zu Kappadokien.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Aber nirgends kam die Ohnmacht und die Verkehrtheit der römischen
+Provinzialverwaltung in so nackter Blöße zu Tage wie in den Insurrektionen des
+Sklavenproletariats, welche mit der Restauration der Aristokratie zugleich in
+den vorigen Stand wieder eingesetzt zu sein schienen. Jene aus Aufständen zu
+Kriegen anschwellenden Schilderhebungen der Sklavenschaft, wie sie eben um das
+Jahr 620 (134) als eine und vielleicht die nächste Ursache der Gracchischen
+Revolution aufgetreten waren, erneuern und wiederholen sich in trauriger
+Einförmigkeit. Wieder gärte es wie dreißig Jahre zuvor in der gesamten
+Sklavenschaft im Römischen Reiche. Der italischen Zusammenrottungen ward schon
+gedacht. In den attischen Silberbergwerken standen die Grubenarbeiter auf,
+besetzten das Vorgebirge Sunion und plünderten längere Zeit hindurch von dort
+aus die Umgegend; an anderen Orten zeigten sich ähnliche Bewegungen. Vor allem
+war wieder der Hauptsitz dieser fürchterlichen Vorgänge Sizilien mit seinen
+Plantagen und den dort zusammenströmenden kleinasiatischen Sklavenhorden. Es
+ist charakteristisch für die Größe des Übels, daß ein Versuch der Regierung,
+den schlimmsten Unrechtfertigkeiten der Sklavenhalter zu steuern, die nächste
+Ursache der neuen Insurrektion ward. Daß die freien Proletarier in Sizilien
+wenig besser daran waren als die Sklavenschaft, hatte schon ihr Verhalten zu
+dem ersten Aufstand gezeigt; nach der Besiegung desselben nahmen die römischen
+Spekulanten ihre Revanche und steckten die freien Provinzialen massenweise
+unter die Sklavenschaften ein. Infolge einer hiergegen im Jahre 650 (204) vom
+Senat erlassenen scharfen Verfügung setzte der damalige Statthalter von
+Sizilien, Publius Licinius Nerva, in Syrakus ein Freiheitsgericht nieder, das
+in der Tat mit Ernst durchgriff; in kurzer Zeit war in achthundert Prozessen
+gegen die Sklavenbesitzer entschieden und die Zahl der anhängig gemachten
+Sachen immer noch im Steigen. Die erschreckten Plantagenbesitzer stürmten nach
+Syrakus, um von dem römischen Statthalter die Sistierung solcher unerhörten
+Rechtspflege zu erzwingen; Nerva war schwach genug, sich terrorisieren zu
+lassen und die prozeßbittenden Unfreien mit barschen Worten anzuweisen, daß sie
+sich des lästigen Verlangens von Recht und Gerechtigkeit zu begeben und
+augenblicklich zu denen zurückzukehren hätten, die sich ihre Herren nennten.
+Die Abgewiesenen rotteten statt dessen sich zusammen und gingen in die Berge.
+Der Statthalter war auf militärische Maßregeln nicht gefaßt und selbst der
+elende Landsturm der Insel nicht sogleich zur Hand; weshalb er ein Bündnis
+abschloß mit einem der bekanntesten Räuberhauptleute auf der Insel und durch
+das Versprechen eigener Begnadigung ihn bewog, die aufständischen Sklaven durch
+Verrat den Römern in die Hand zu spielen. Dieses Schwarmes ward man also Herr.
+Allein einer anderen Bande entlaufener Sklaven gelang es, dafür eine Abteilung
+der Besatzung von Enna (Castrogiovanni) zu schlagen, und dieser erste Erfolg
+verschaffte den Insurgenten, was sie vor allem bedurften, Waffen und Zulauf.
+Das Heergerät der gefallenen und flüchtigen Gegner gab die erste Grundlage für
+ihre militärische Organisation, und bald war die Zahl der Insurgenten auf viele
+Tausende angeschwollen. Diese Syrer in der Fremde schienen bereits, gleich
+ihren Vorgängern, sich nicht unwürdig, von Königen regiert zu werden wie ihre
+Landsleute daheim und - den Lumpenkönig der Heimat bis auf den Namen
+parodierend - stellten sie den Sklaven Salvius an ihre Spitze als König
+Tryphon. In dem Strich zwischen Enna und Leontinoi (Lentini), wo diese Haufen
+ihren Hauptsitz hatten, war das offene Land ganz in den Händen der Insurgenten
+und Morgantia und andere ummauerte Städte schon von ihnen belagert, als mit den
+eiligst zusammengerafften sizilischen und italischen Scharen der römische
+Statthalter das Sklavenheer vor Morgantia überfiel. Er besetzte das
+unverteidigte Lager; allein die Sklaven, obwohl überrascht, hielten stand, und
+wie es zum Gefecht kam, wich der Landsturm der Insel nicht bloß beim ersten
+Anprall, sondern, da die Sklaven jeden, der die Waffen wegwarf, ungehindert
+entkommen ließen, benutzten die Milizen fast ohne Ausnahme die gute
+Gelegenheit, ihren Abschied zu nehmen, und das römische Heer lief vollständig
+auseinander. Hätten die Sklaven in Morgantia mit ihren Genossen vor den Toren
+gemeinschaftliche Sache machen wollen, so war die Stadt verloren; sie zogen es
+indes vor, von ihren Herren gesetzmäßig die Freiheit geschenkt zu nehmen und
+halfen ihnen durch ihre Tapferkeit die Stadt retten, worauf sodann der römische
+Statthalter das den Sklaven von den Herren feierlich gegebene
+Freiheitsversprechen als widerrechtlich erzwungen von Rechts wegen kassierte.
+</p>
+
+<p>
+Während also im Innern der Insel der Aufstand in besorglicher Weise um sich
+griff, brach ein zweiter aus auf der Westküste. An der Spitze stand hier
+Athenion. Er war, eben wie Kleon, einst ein gefürchteter Räuberhauptmann in
+seiner Heimat Kilikien gewesen und von dort als Sklave nach Sizilien geführt
+worden. Ganz wie seine Vorgänger versicherte er sich der Gemüter der Griechen
+und Syrer vor allem durch Prophezeiungen und anderen erbaulichen Schwindel;
+aber kriegskundig und einsichtig wie er war, bewaffnete er nicht, wie die
+übrigen Führer, die ganze Masse der ihm zuströmenden Leute, sondern bildete aus
+den kriegstüchtigen Mannschaften ein organisiertes Heer, während er die Masse
+zu friedlicher Beschäftigung anwies. Bei der strengen Mannszucht, die in seinen
+Truppen jedes Schwanken und jede unbotmäßige Regung niederhielt, und der milden
+Behandlung der friedlichen Landbewohner und selbst der Gefangenen errang er
+rasche und große Erfolge. Die Hoffnung, daß die beiden Führer sich veruneinigen
+würden, schlug den Römern auch diesmal fehl; freiwillig fügte sich Athenion dem
+weit minder fähigen König Tryphon und erhielt damit die Einigkeit unter den
+Insurgenten. Bald herrschten diese so gut wie unumschränkt auf dem platten
+Lande, wo die freien Proletarier wieder mehr oder minder offen mit den Sklaven
+hielten; die römischen Behörden waren nicht imstande, gegen sie das Feld zu
+nehmen, und mußten sich begnügen, mit dem sizilischen und dem eiligst
+herangezogenen afrikanischen Landsturm die Städte zu schützen, welche sich in
+der beklagenswertesten Verfassung befanden. Die Rechtspflege stockte auf der
+ganzen Insel, und es regierte einzig das Faustrecht. Da kein Ackerbürger sich
+mehr vor das Tor, kein Landmann sich in die Stadt wagte, brach die
+fürchterlichste Hungersnot herein, und die städtische Bevölkerung dieser sonst
+Italien ernährenden Insel mußte von den römischen Behörden mit
+Getreidesendungen unterstützt werden. Dazu drohten überall im Innern die
+Verschwörungen der Stadtsklaven und vor den Mauern die Insurgentenheere, wie
+denn selbst Messana um ein Haar von Athenion erobert worden wäre. So schwer es
+der Regierung fiel, während des ernsten Kimbrischen Krieges eine zweite Armee
+ins Feld zu stellen, sie konnte doch nicht umhin, im Jahre 651 (103) ein Heer
+von 14000 Römern und Italikern, umgerechnet die überseeischen Milizen, unter
+dem Prätor Lucius Lucullus nach der Insel zu entsenden. Das vereinigte
+Sklavenheer stand in den Bergen oberhalb Sciacca und nahm die Schlacht an, die
+Lucullus anbot. Die bessere militärische Organisation gab den Römern den Sieg:
+Athenion blieb für tot auf der Walstatt, Tryphon mußte sich in die Bergfestung
+Triokala werfen; die Insurgenten berieten ernstlich, ob es möglich sei, den
+Kampf länger fortzusetzen. Indes die Partei, die entschlossen war, auszuharren
+bis auf den letzten Mann, behielt die Oberhand; Athenion, der in wunderbarer
+Weise gerettet worden war, trat wieder unter die Seinigen und belebte den
+gesunkenen Mut; vor allem aber tat Lucullus unbegreiflicherweise nicht das
+geringste, um seinen Sieg zu verfolgen, ja er soll absichtlich die Armee
+desorganisiert und sein Feldgerät verbrannt haben, um die gänzliche
+Erfolglosigkeit seiner Amtsführung zu bedecken und von seinem Nachfolger nicht
+in Schatten gestellt zu werden. Mag dies wahr sein oder nicht, sein Nachfolger
+Gaius Servilius (652 102) erlangte nicht bessere Resultate, und beide Generale
+sind später ihrer Amtsführung wegen kriminell belangt und verurteilt worden,
+was freilich auch durchaus kein sicherer Beweis für ihre Schuld ist. Athenion,
+der nach Tryphons Tode (652 102) den Oberbefehl allein übernommen hatte, stand
+siegreich an der Spitze eines ansehnlichen Heeres, als im Jahre 653 (101)
+Manius Aquillius, der das Jahr zuvor unter Marius im Teutonenkriege sich
+ausgezeichnet hatte, als Konsul und Statthalter die Führung des Krieges
+übernahm. Nach zweijährigen harten Kämpfen - Aquillius soll mit Athenion
+persönlich gefochten und ihn im Zweikampf getötet haben - schlug der römische
+Feldherr endlich die verzweifelte Gegenwehr nieder und überwand die Insurgenten
+in ihren letzten Schlupfwinkeln durch Hunger. Den Sklaven auf der Insel wurde
+das Waffentragen untersagt und der Friede zog wieder auf ihr ein, das heißt die
+neuen Peiniger wurden abgelöst von den altgewohnten; wie denn namentlich der
+Sieger selbst unter den zahlreichen und energischen Räuberbeamten dieser Zeit
+eine hervorragende Stelle einnimmt. Für wen es aber noch eines Beweises
+bedurfte, wie das Regiment der restaurierten Aristokratie im Innern beschaffen
+war, den konnte man auf die Entstehung wie auf die Führung dieses zweiten
+fünfjährigen Sizilischen Sklavenkrieges verweisen.
+</p>
+
+<p>
+Wo man aber auch hinsehen mochte in dem weiten Kreis der römischen Verwaltung,
+es traten dieselben Ursachen und dieselben Wirkungen hervor. Wenn der
+sizilische Sklavenkrieg zeigt, wie wenig die Regierung auch nur der einfachsten
+Aufgabe, das Proletariat niederzuhalten, gewachsen war, so offenbarten die
+gleichzeitigen Ereignisse in Afrika, wie man jetzt in Rom es verstand,
+Klientelstaaten zu regieren. Um dieselbe Zeit, wo der Sizilische Sklavenkrieg
+ausbrach, ward auch vor den Augen der erstaunten Welt das Schauspiel
+aufgeführt, daß gegen die gewaltige Republik, die die Königreiche Makedonien
+und Asien mit einem Schlag ihres schweren Armes zerschmettert hatte, ein
+unbedeutender Klientelfürst nicht mittels Waffen, sondern mittels der
+Erbärmlichkeit ihrer regierenden Herren eine vierzehnjährige Usurpation und
+Insurrektion durchzuführen vermochte.
+</p>
+
+<p>
+Das Königreich Numidien dehnte vom Flusse Molochat sich aus bis an die Große
+Syrte, so daß es einerseits grenzte an das Mauretanische Reich von Tingis (das
+heutige Marokko), andererseits an Kyrene und Ägypten, und den schmalen
+Küstenstrich der römischen Provinz Africa westlich, südlich und östlich
+umschloß; es umfaßte außer den alten Besitzungen der numidischen Häuptlinge den
+bei weitem größten Teil desjenigen Gebiets, welches Karthago in den Zeiten
+seiner Blüte in Afrika besessen hatte, darunter mehrere bedeutende
+altphönikische Städte wie Hippo regius (Bona) und Groß-Leptis (Lebidah),
+überhaupt den größten und besten Teil des reichen nordafrikanischen
+Küstenlandes. Nächst Ägypten war ohne Frage Numidien der ansehnlichste unter
+allen römischen Klientelstaaten. Nach Massinissas Tode (605 149) hatte Scipio
+unter dessen drei Söhne, die Könige Micipsa, Gulussa und Mastanabal, die
+väterliche Herrschaft in der Art geteilt, daß der erstgeborene die Residenz und
+die Staatskasse, der zweite den Krieg, der dritte die Gerichtsbarkeit übernahm.
+Jetzt regierte nach dem Tode seiner beiden Brüder wieder allein Massinissas
+ältester Sohn Micipsa 4, ein schwacher, friedlicher Greis, der lieber als mit
+Staatsangelegenheiten sich mit dem Studium der griechischen Philosophie
+beschäftigte. Da seine Söhne noch nicht erwachsen waren, führte tatsächlich die
+Zügel der Regierung ein illegitimer Neffe des Königs, der Prinz Jugurtha.
+Jugurtha war kein unwürdiger Enkel Massinissas. Er war ein schöner Mann und ein
+gewandter und mutiger Reiter und Jäger; seine Landsleute hielten den klaren und
+einsichtigen Verwalter in hohen Ehren, und seine militärische Brauchbarkeit
+hatte er als Führer des numidischen Kontingents vor Numantia unter Scipios
+Augen erwiesen. Seine Stellung im Königreich und der Einfluß, dessen er durch
+seine zahlreichen Freunde und Kriegskameraden bei der römischen Regierung
+genoß, ließen es König Micipsa ratsam erscheinen, ihn zu adoptieren (634 120)
+und in seinem Testament zu verordnen, daß des Königs beide älteste leibliche
+Söhne Adherbal und Hiempsal und sein Adoptivsohn Jugurtha selbdritt, ebenso wie
+er selbst mit seinen beiden Brüdern, zu gesamter Hand das Reich erben und
+regieren sollten. Zu größerer Sicherheit wurde diese Verfügung unter die
+Garantie der römischen Regierung gestellt. Bald nachher, im Jahre 636 (118)
+starb König Micipsa. Das Testament trat in Kraft; allein die beiden Söhne
+Micipsas, mehr noch als der schwache ältere Bruder der heftige Hiempsal,
+gerieten bald mit ihrem Vetter, den sie als Eindringling in die legitime
+Erbfolge ansahen, so heftig zusammen, daß der Gedanke an eine Gesamtregierung
+der drei Könige aufgegeben werden mußte. Man versuchte eine Realteilung
+durchzuführen; allein die hadernden Könige vermochten über die Landes- und
+Schatzquoten sich nicht zu einigen, und die Schutzmacht, der hier von Rechts
+wegen das entscheidende Wort zustand, bekümmerte wie gewöhnlich um diese
+Angelegenheit sich nicht. Es kam zum Bruch; Adherbal und Hiempsal mochten das
+Testament des Vaters als erschlichen bezeichnen und Jugurthas Miterbrecht
+überhaupt bestreiten, wogegen Jugurtha auftrat als Prätendent auf das gesamte
+Königreich. Noch während der Verhandlungen über die Teilung ward Hiempsal durch
+gedungene Meuchelmörder aus dem Wege geschafft; zwischen Adherbal und Jugurtha
+kam es zum Bürgerkriege, in dem ganz Numidien Partei nahm. Mit seinen minder
+zahlreichen, aber besser geübten und besser geführten Truppen siegte Jugurtha
+und bemächtigte sich des gesamten Reichsgebiets unter den grausamsten
+Verfolgungen gegen die seinem Vetter anhängenden Häupter. Adherbal rettete sich
+nach der römischen Provinz und ging von da nach Rom, um dort Klage zu führen.
+Jugurtha hatte es erwartet und sich darauf eingerichtet, der drohenden
+Intervention zu begegnen. Er hatte im Lager von Numantia noch mehr von Rom
+kennengelernt als die römische Taktik: der numidische Prinz, eingeführt in die
+Kreise der römischen Aristokraten, war zugleich eingeweiht worden in die
+römischen Koterieintrigen und hatte an der Quelle studiert, was man römischen
+Adligen zumuten könne; schon damals, sechzehn Jahre vor Micipsas Tode, hatte er
+illoyale Unterhandlungen über die numidische Erbfolge mit vornehmen römischen
+Kameraden gepflogen und hatte Scipio ihn ernstlich erinnern müssen, daß es
+fremden Prinzen anständiger sei, mit dem römischen Staat als mit einzelnen
+römischen Bürgern Freundschaft zu halten. Jugurthas Gesandte erschienen in Rom,
+nicht bloß mit Worten ausgerüstet; daß sie die richtigen diplomatischen
+Überzeugungsmittel gewählt hatten, bewies der Erfolg. Die eifrigsten Vertreter
+von Adherbals gutem Recht überzeugten in unglaublicher Geschwindigkeit sich
+davon, daß Hiempsal seiner Grausamkeit halber von seinen Untertanen umgebracht
+worden und daß der Urheber des Erbfolgkrieges nicht Jugurtha sei, sondern
+Adherbal. Selbst die leitenden Männer im Senat erschraken vor dem Skandal;
+Marcus Scaurus suchte zu steuern; es war umsonst. Der Senat überging das
+Geschehene mit Stillschweigen und verfügte, daß die beiden überlebenden
+Testamentserben das Reich zu gleichen Teilen erhalten und zur Verhütung neuen
+Haders die Teilung durch eine Kommission des Senats vorgenommen werden solle.
+Sie kam; der Konsular Lucius Opimius, bekannt durch seine Verdienste um die
+Beseitigung der Revolution, hatte die Gelegenheit wahrgenommen, den Lohn für
+seinen Patriotismus einzuziehen, und sich an die Spitze dieser Kommission
+stellen lassen. Die Teilung fiel durchaus zu Jugurthas Gunsten und nicht zum
+Nachteil der Kommissarien aus; die Hauptstadt Cirta (Constantine) mit ihrem
+Hafen Rusicade (Philippeville) kam zwar an Adherbal, allein eben dadurch ward
+ihm der fast ganz aus Sandwüsten bestehende östliche Teil des Reiches, Jugurtha
+dagegen die fruchtbare und bevölkerte Westhälfte (das spätere Sitifensische und
+Cäsariensische Mauretanien) zu teil.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+4 Der Stammbaum der numidischen Fürsten ist folgender:
+</p>
+
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Es war arg; bald kam es noch schlimmer. Um mit einigem Schein im Wege der
+Verteidigung Adherbal um seine Hälfte bringen zu können, reizte Jugurtha
+denselben zum Kriege; indes da der schwache Mann, durch die gemachten
+Erfahrungen gewitzigt, Jugurthas Reiter sein Gebiet ungehindert brandschatzen
+ließ und sich begnügte, in Rom Beschwerde zu führen, begann Jugurtha,
+ungeduldig über diese Weitläufigkeiten, auch ohne Vorwand den Krieg. In der
+Gegend des heutigen Philippeville ward Adherbal vollständig geschlagen und warf
+sich in seine nahe Hauptstadt Cirta. Während die Belagerung ihren Fortgang nahm
+und Jugurthas Truppen mit den in Cirta zahlreich ansässigen und bei der
+Verteidigung der Stadt lebhafter als die Afrikaner selbst sich beteiligenden
+Italikern täglich sich herumschlugen, erschien die von dem römischen Senat auf
+Adherbals erste Beschwerden abgeordnete Kommission; natürlich junge unerfahrene
+Menschen, wie die Regierung damals sie zu gewöhnlichen Staatssendungen
+regelmäßig verwandte. Die Gesandten verlangten, daß Jugurtha sie als von der
+Schutzmacht an Adherbal abgeordnet in die Stadt einlasse, überhaupt aber den
+Kampf einstelle und ihre Vermittlung annehme. Jugurtha schlug beides kurzweg ab
+und die Gesandten zogen schleunigst heim wie die Knaben, die sie waren, um an
+die Väter der Stadt zu berichten. Die Väter hörten den Bericht an und ließen
+ihre Landsleute in Cirta eben weiter fechten, solange es ihnen beliebte. Erst
+als im fünften Monat der Belagerung ein Bote des Adherbal durch die
+Verschanzungen der Feinde sich durchschlich, und ein Schreiben des Königs voll
+der flehentlichsten Bitten an den Senat kam, raffte derselbe sich auf und faßte
+wirklich einen Beschluß - nicht etwa den Krieg zu erklären, wie die Minorität
+es verlangte, sondern eine neue Gesandtschaft zu schicken, aber eine
+Gesandtschaft mit Marcus Scaurus an der Spitze, dem großen Bezwinger der
+Taurisker und der Freigelassenen, dem imponierenden Heros der Aristokratie,
+dessen bloßes Erscheinen genügen werde, den ungehorsamen König auf andere
+Gedanken zu bringen. In der Tat erschien Jugurtha, wie geheißen, in Utica, um
+mit Scaurus zu verhandeln; endlose Debatten wurden gepflogen; als endlich die
+Konferenz geschlossen ward, war nicht das geringste Resultat erreicht. Die
+Gesandtschaft ging, ohne den Krieg erklärt zu haben, nach Rom zurück und der
+König wieder ab zur Belagerung von Cirta. Adherbal sah sich aufs Äußerste
+gebracht und verzweifelte an der römischen Unterstützung; die Italiker in
+Cirta, der Belagerung müde und für ihre eigene Sicherheit fest vertrauend auf
+die Furcht vor dem römischen Namen, drängten überdies zur Übergabe. So
+kapitulierte die Stadt. Jugurtha gab Befehl, seinen Adoptivbruder unter
+grausamen Martern hinzurichten, die sämtliche erwachsene männliche Bevölkerung
+der Stadt aber, Afrikaner wie Italiker, über die Klinge springen zu lassen (642
+112).
+</p>
+
+<p>
+Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Italien. Die Minorität des Senats
+selbst und alles, was nicht Senat war, verdammten einmütig diese Regierung, für
+die die Ehre und das Interesse des Landes nichts zu sein schienen als
+verkäufliche Artikel; am lautesten die Kaufmannschaft, die durch die
+Hinopferung der römischen und italischen Kaufleute in Cirta am nächsten
+getroffen worden war. Die Majorität des Senats sträubte sich zwar auch jetzt
+noch; sie appellierte an die Standesinteressen der Aristokratie und setzte alle
+Hebel der kollegialischen Geschäftsverschleppung in Bewegung, um den lieben
+Frieden noch ferner zu bewahren. Indes als der für 643 (111) gewählte
+Volkstribun Gaius Memmius, ein tätiger und beredter Mann, sofort nach Antritt
+seines Amtes den Handel öffentlich zur Sprache brachte und die schlimmsten
+Sünder zu gerichtlicher Verantwortung ziehen zu wollen drohte, ließ der Senat
+es geschehen, daß der Krieg an Jugurtha erklärt ward (642/43 112/11). Es schien
+ernst zu werden. Jugurthas Gesandte wurden, ohne vorgelassen zu sein, aus
+Italien ausgewiesen; der neue Konsul Lucius Calpurnius Bestia, der, unter
+seinen Standesgenossen wenigstens, durch Einsicht und Tätigkeit sich
+auszeichnete, betrieb die Rüstungen mit Energie; Marcus Scaurus selbst übernahm
+eine Befehlshaberstelle in der afrikanischen Armee; in kurzer Zeit stand ein
+römisches Heer auf afrikanischem Boden und rückte, am Bagradas (Medscherda)
+hinaufmarschierend, ein in das Numidische Königreich, wo die vor dem Sitz der
+königlichen Macht entlegensten Städte, wie Groß-Leptis, bereits freiwillig ihre
+Unterwerfung einsandten, während König Bocchus von Mauretanien, obwohl seine
+Tochter mit Jugurtha vermählt war, doch den Römern Freundschaft und Bündnis
+antrug. Jugurtha selbst verlor den Mut und sandte Boten in das römische
+Hauptquartier, um Waffenstillstand zu erbitten. Das Ende des Kampfes schien
+nahe und kam noch schneller, als man dachte. Der Vertrag mit König Bocchus
+scheiterte daran, daß der König, unbekannt mit den römischen Sitten, diesen den
+Römern vorteilhaften Vertrag umsonst abschließen zu können gemeint und deshalb
+versäumt hatte, seinen Boten den marktgängigen Preis römischer Bündnisse
+mitzugeben. Jugurtha kannte allerdings die römischen Institutionen besser und
+hatte nicht versäumt, seine Waffenstillstandsanträge durch die gehörigen
+Begleitgelder zu unterstützen; indes auch er hatte sich getäuscht. Nach den
+ersten Verhandlungen ergab es sich, daß im römischen Hauptquartier nicht bloß
+der Waffenstillstand feil sei, sondern auch der Friede. Die königliche
+Schatzkammer war noch von Massinissas Zeiten her wohl gefüllt; rasch war man
+handelseinig. Der Vertrag ward abgeschlossen, nachdem der Form halber derselbe
+dem Kriegsrat vorgelegt und nach einer unordentlichen und möglichst
+summarischen Verhandlung dessen Zustimmung erwirkt worden war. Jugurtha
+unterwarf sich auf Gnade und Ungnade; der Sieger aber übte Gnade und gab dem
+König sein Reich ungeschmälert zurück gegen eine mäßige Buße und die
+Auslieferung der römischen Oberläufer und der Kriegselefanten (643 111), welche
+letztere der König großenteils später wiedereinhandelte durch Verträge mit den
+einzelnen römischen Platzkommandanten und Offizieren.
+</p>
+
+<p>
+Auf die Kunde davon brach in Rom abermals der Sturm los. Alle Welt wußte, wie
+der Friede zustande gekommen war; selbst Scaurus also war zu haben, nur um
+einen höheren als den gemeinen senatorischen Durchschnittspreis. Die
+Rechtsbeständigkeit des Friedens ward im Senat ernstlich angefochten; Gaius
+Memmius erklärte, daß der König, wenn er wirklich unbedingt sich unterworfen
+habe, sich nicht weigern könne, in Rom zu erscheinen und man ihn demnach
+vorladen möge, um hinsichtlich der durchaus irregulären Friedensverhandlungen
+durch Vernehmung der beiden paziszierenden Teile den Tatbestand festzustellen.
+Man fügte sich der unbequemen Forderung; rechtswidrig aber, da der König nicht
+als Feind kam, sondern als unterworfener Mann, ward demselben zugleich sicheres
+Geleit zugestanden. Daraufhin erschien der König in der Tat in Rom und stellte
+sich zum Verhör vor dem versammelten Volke, das mühsam bewogen ward, das
+sichere Geleit zu respektieren und den Mörder der cirtensischen Italiker nicht
+auf der Stelle zu zerreißen. Allein kaum hatte Gaius Memmius die erste Frage an
+den König gerichtet, als einer seiner Kollegen kraft seines Veto einschritt und
+dem Könige befahl zu schweigen. Auch hier also war das afrikanische Gold
+mächtiger als der Wille des souveränen Volkes und seiner höchsten Beamten.
+Inzwischen gingen im Senat die Verhandlungen über die Gültigkeit des soeben
+abgeschlossenen Friedens weiter und der neue Konsul Spurius Postumius Albinus
+nahm eifrig Partei für den Antrag, denselben zu kassieren, in der Aussicht, daß
+dann der Oberbefehl in Afrika an ihn kommen werde. Dies veranlaßte einen in Rom
+lebenden Enkel Massinissas, den Massiva, seine Ansprüche auf das erledigte
+Numidische Reich bei dem Senat geltend zu machen; worauf Bomilkar, einer der
+Vertrauten des Königs Jugurtha, den Konkurrenten seines Herrn, ohne Zweifel in
+dessen Auftrag, meuchlerisch aus dem Wege schaffte und, da ihm dafür der Prozeß
+gemacht ward, mit Hilfe Jugurthas aus Rom entfloh. Dies neue, unter den Augen
+der römischen Regierung verübte Verbrechen bewirkte wenigstens so viel, daß der
+Senat nun den Frieden kassierte und den König aus der Stadt auswies (Winter
+643/44 111/10). Der Krieg ging also wieder an, und der Konsul Spurius Albinus
+übernahm den Oberbefehl (644 110). Allein das afrikanische Heer war bis in die
+untersten Schichten hinab in derjenigen Zerrüttung, wie sie einer solchen
+politischen und militärischen Oberleitung angemessen ist. Nicht bloß von
+Disziplin war die Rede nicht mehr und die Plünderung der numidischen
+Ortschaften, ja des römischen Provinzialgebiets während der Waffenruhe das
+Hauptgeschäft der römischen Soldateska gewesen, sondern es hatten auch nicht
+wenige Offiziere und Soldaten so gut wie ihre Generale heimliche
+Einverständnisse angeknüpft mit dem Feinde. Daß ein solches Heer im Felde
+nichts ausrichten konnte, ist begreiflich, und wenn Jugurtha auch diesmal vom
+römischen Obergeneral die Untätigkeit kaufte, wie dies später gegen denselben
+gerichtlich geltend gemacht ward, so tat er wahrlich ein übriges. Spurius
+Albinus also begnügte sich damit, nichts zu tun; dagegen sein Bruder, der nach
+seiner Abreise interimistisch den Oberbefehl übernahm, der ebenso tolldreiste
+als unfähige Aulus Postumius, kam mitten im Winter auf den Gedanken, durch
+einen kühnen Handstreich sich der Schätze des Königs zu bemächtigen, die in der
+schwer zugänglichen und schwer zu erobernden Stadt Suthul (später Calama, jetzt
+Guelma) sich befanden. Das Heer brach dahin auf und erreichte die Stadt; allein
+die Belagerung war erfolg- und aussichtslos, und als der König, der eine
+Zeitlang mit seinen Truppen vor der Stadt gestanden, in die Wüste ging, zog der
+römische Feldherr es vor, ihn zu verfolgen. Dies eben hatte Jugurtha
+beabsichtigt; durch einen nächtlichen Angriff, wobei die Schwierigkeiten des
+Terrains und Jugurthas Einverständnisse in der römischen Armee zusammenwirkten,
+eroberten die Numidier das römische Lager und trieben die großenteils
+waffenlosen Römer in der vollständigsten und schimpflichsten Flucht vor sich
+her. Die Folge war eine Kapitulation, deren Bedingungen: Abzug des römischen
+Heeres unter dem Joch, sofortige Räumung des ganzen numidischen Gebiets,
+Erneuerung des vom Senat kassierten Bündnisvertrages, von Jugurtha diktiert und
+von den Römern angenommen wurden (Anfang 645 109).
+</p>
+
+<p>
+Dies war denn doch zu arg. Während die Afrikaner jubelten und die plötzlich
+eröffnende Aussicht auf den kaum noch für möglich gehaltenen Sturz der
+Fremdherrschaft zahlreiche Stämme der freien und halbfreien Wüstenbewohner
+unter die Fahnen des siegreichen Königs führte, brauste in Italien die
+öffentliche Meinung hoch auf gegen die ebenso verdorbene wie verderbliche
+Regierungsaristokratie und brach los in einem Prozeßsturm, der, genährt durch
+die Erbitterung der Kaufmannschaft, eine Reihe von Opfern aus den höchsten
+Kreisen des Adels wegraffte. Auf den Antrag des Volkstribuns Gaius Mamilius
+Limetanus ward trotz der schüchternen Versuche des Senats, das Strafgericht
+abzuwenden, eine außerordentliche Geschworenenkommission bestellt zur
+Untersuchung des in der numidischen Sukzessionsfrage vorgekommenen
+Landesverrats, und ihre Wahlsprüche sandten die beiden bisherigen
+Oberfeldherren, Gaius Bestia und Spurius Albinus, ferner den Lucius Opimius,
+das Haupt der ersten afrikanischen Kommission und nebenbei den Henker des Gaius
+Gracchus, außerdem zahlreiche andere weniger namhafte schuldige und unschuldige
+Männer der Regierungspartei in die Verbannung. Daß indes diese Prozesse einzig
+darauf hinausliefen, durch Aufopferung einiger der am meisten kompromittierten
+Personen die aufgeregte öffentliche Meinung namentlich der Kapitalistenkreise
+zu beschwichtigen, und daß dabei von einer Auflehnung des Volkszorns gegen das
+recht- und ehrlose Regiment selbst nicht die leiseste Spur vorhanden war, zeigt
+sehr deutlich die Tatsache, daß an den schuldigsten unter den Schuldigen, an
+den klugen und mächtigen Scaurus nicht bloß niemand sich wagte, sondern daß er
+eben um diese Zeit zum Zensor, ja sogar unglaublicherweise zu einem der
+Vorstände der außerordentlichen Hochverratskommission erwählt ward. Um so
+weniger ward auch nur der Versuch gemacht, der Regierung in ihre Kompetenz zu
+greifen, und es blieb lediglich dem Senat überlassen, dem numidischen Skandal
+in der für die Aristokratie möglichst gelinden Weise ein Ende zu machen; denn
+daß dies an der Zeit war, mochte wohl selbst der adligste Adlige anfangen zu
+begreifen.
+</p>
+
+<p>
+Der Senat kassierte zunächst auch den zweiten Friedensvertrag - den
+Oberbefehlshaber, der ihn abgeschlossen, dem Feinde auszuliefern, wie dies noch
+vor dreißig Jahren geschehen war, schien nach den neuen Begriffen von der
+Heiligkeit der Verträge nicht ferner nötig -, und die Erneuerung des Krieges
+ward diesmal allen Ernstes beschlossen. Man übergab den Oberbefehl in Afrika
+zwar wie natürlich einem Aristokraten, aber noch einem der wenigen vornehmen
+Männer, die militärisch und sittlich der Aufgabe gewachsen waren. Die Wahl fiel
+auf Quintus Metellus. Er war wie die ganze mächtige Familie, der er angehörte,
+seinen Grundsätzen nach ein starrer und rücksichtsloser Aristokrat, als Beamter
+ein Mann, der es zwar sich zur Ehre rechnete, zum Besten des Staats
+Meuchelmörder zu dingen, und was Fabricius gegen Pyrrhos tat, vermutlich als
+unpraktische Donquichotterie verlacht haben würde, aber doch ein unbeugsamer,
+weder der Furcht noch der Bestechung zugänglicher Verwalter und ein
+einsichtiger und erfahrener Kriegsmann. In dieser Hinsicht war er auch von
+seinen Standesvorurteilen so weit frei, daß er sich zu seinen
+Unterbefehlshabern nicht vornehme Leute aussuchte, sondern den trefflichen
+Offizier Publius Rutilius Rufus, der wegen seiner musterhaften Mannszucht und
+als Urheber eines veränderten und verbesserten Exerzierreglements in
+militärischen Kreisen geschätzt ward, und den tapferen, von der Pike
+emporgedienten latinischen Bauernsohn Gaius Marius. Von diesen und anderen
+fähigen Offizieren begleitet, erschien Metellus im Laufe des Jahres 645 (109)
+als Konsul und Oberfeldherr bei der afrikanischen Armee, die er in einem so
+zerrütteten Zustand antraf, daß die Generale bisher nicht gewagt hatten, sie
+auf das feindliche Gebiet zu führen und sie niemand fürchterlich war als den
+unglücklichen Bewohnern der römischen Provinz. Streng und rasch wurde sie
+reorganisiert und im Frühling des Jahres 646 (108) 5 führte Metellus sie über
+die numidische Grenze. Wie Jugurtha der veränderten Lage der Dinge inne ward,
+gab er sich verloren und machte, noch ehe der Kampf begann, ernstlich gemeinte
+Vergleichsanträge, indem er schließlich nichts weiter begehrte, als daß man ihm
+das Leben zusichere. Indes Metellus war entschlossen und vielleicht selbst
+angewiesen, den Krieg nicht anders zu beendigen als mit der unbedingten
+Unterwerfung und der Hinrichtung des verwegenen Klientelfürsten; was auch in
+der Tat der einzige Ausgang war, der den Römern genügen konnte. Jugurtha galt
+seit dem Sieg über Albinus als der Erlöser Libyens von der Herrschaft der
+verhaßten Fremden; rücksichtslos und schlau, wie er, und unbeholfen, wie die
+römische Regierung war, konnte er jederzeit auch nach dem Frieden wieder in
+seiner Heimat den Krieg entzünden; die Ruhe war nicht eher gesichert und die
+Entfernung der afrikanischen Armee nicht eher möglich, als wenn König Jugurtha
+nicht mehr war. Offiziell gab Metellus ausweichende Antworten auf die Anträge
+des Königs; insgeheim stiftete er die Boten desselben auf, ihren Herrn lebend
+oder tot an die Römer auszuliefern. Indes wenn der römische General es
+unternahm, mit dem Afrikaner auf dem Gebiet des Meuchelmordes zu wetteifern, so
+fand er hier seinen Meister; Jugurtha durchschaute den Plan und rüstete sich,
+da er nicht anders konnte, zur verzweifelten Gegenwehr. Jenseits des völlig
+öden Gebirgszugs, über den der Weg der Römer in das Innere führte, erstreckte
+sich in der Breite von vier deutschen Meilen bis zu dem dem Gebirgszug parallel
+laufenden Flusse Muthul eine weite Ebene, welche bis auf die unmittelbare
+Nachbarschaft des Flusses wasser- und baumlos war und nur durch einen mit
+niedrigem Gestrüpp bedeckten Hügelrücken in der Quere durchsetzt ward. Auf
+diesem Hügelrücken erwartete Jugurtha das römische Heer. Seine Truppen standen
+in zwei Massen: die eine, ein Teil der Infanterie und die Elefanten, unter
+Bomilkar da, wo der Rücken auslief gegen den Fluß, die andere, der Kern des
+Fußvolks und die gesamte Reiterei, höher hinauf gegen den Gebirgszug, verdeckt
+durch das Gestrüpp. Aus dem Gebirge debouchierend, erblickten die Römer den
+Feind in einer ihre rechte Flanke vollständig beherrschenden Stellung und
+hatten, da sie auf dem kahlen und wasserlosen Gebirgskamm unmöglich verweilen
+konnten und den Fluß notwendig erreichen mußten, die schwierige Aufgabe zu
+lösen, durch die vier Meilen breite, ganz offene Ebene, unter den Augen der
+feindlichen Reiter und selber ohne leichte Kavallerie, an den Strom zu
+gelangen. Metellus entsandte ein Detachement unter Rufus in gerader Richtung an
+den Fluß, um daselbst ein Lager zu schlagen; die Hauptmasse marschierte aus den
+Debouchés des Gebirges in schräger Richtung durch die Ebene auf den Hügelrücken
+zu, um den Feind von demselben herunterzuwerfen. Indes dieser Marsch in der
+Ebene drohte das Verderben des Heeres zu werden, denn während numidische
+Infanterie im Rücken der Römer die Gebirgsdefileen besetzte, wie diese sie
+räumten, sah sich die römische Angriffskolonne auf allen Seiten von den
+feindlichen Reitern umschwärmt, die von dem Hügelrücken herab angriffen. Das
+stete Anprallen der feindlichen Schwärme hinderte den Vormarsch, und die
+Schlacht drohte sich in eine Anzahl verwirrter Detailgefechte aufzulösen;
+während gleichzeitig Bomilkar mit seiner Abteilung das Korps unter Rufus
+festhielt, um es zu hindern, der schwer bedrängten römischen Hauptarmee zu
+Hilfe zu eilen. Jedoch gelang es Metellus und Marius mit ein paar tausend
+Soldaten, den Fuß des Hügelrückens zu erreichen; und das numidische Fußvolk,
+das die Höhen verteidigte, lief trotz der Überzahl und der günstigen Stellung
+fast ohne Widerstand davon, als die Legionäre im Sturmschritt den Berg hinauf
+angriffen. Ebenso schlecht hielt sich das numidische Fußvolk gegen Rufus; es
+ward bei dem ersten Angriff zerstreut und die Elefanten in dem durchschnittenen
+Terrain alle getötet oder gefangen. Spät am Abend trafen die beiden römischen
+Heerhaufen, jeder für sich Sieger und jeder besorgt um das Schicksal des
+andern, zwischen den beiden Walplätzen zusammen. Es war eine Schlacht, die für
+Jugurthas ungemeines militärisches Talent ebenso zeugte wie für die
+unverwüstliche Tüchtigkeit der römischen Infanterie, welche allein die
+strategische Niederlage in einen Sieg umgewandelt hatte. Jugurtha sandte nach
+der Schlacht einen großen Teil seiner Truppen heim und beschränkte sich auf den
+kleinen Krieg, den er gleichfalls mit Gewandtheit leitete. Die beiden römischen
+Kolonnen, die eine von Metellus geführt, die andere von Marius, der, obwohl von
+Geburt und Rang der geringste, seit der Schlacht am Muthul unter den Korpschefs
+die erste Stelle einnahm, durchzogen das numidische Gebiet, besetzten die
+Städte und machten, wo eine Ortschaft die Tore nicht gutwillig geöffnet hatte,
+die erwachsene männliche Bevölkerung nieder. Allein die ansehnlichste unter den
+Städten im östlichen Binnenland, Zama, leistete den Römern ernsthaften
+Widerstand, den der König nachdrücklich unterstützte. Sogar ein Überfall des
+römischen Lagers gelang ihm, und die Römer sahen sich endlich genötigt, die
+Belagerung aufzuheben und in das Winterquartier zu gehen. Der leichteren
+Verpflegung wegen verlegte Metellus dasselbe, unter Zurücklassung von
+Besatzungen in den eroberten Städten, in die römische Provinz und benutzte die
+Waffenruhe, um wieder Unterhandlungen anzuknüpfen, indem er sich geneigt
+zeigte, dem König einen erträglichen Frieden zu bewilligen. Jugurtha ging
+darauf bereitwillig ein; bereits hatte er sich anheischig gemacht, 200000 Pfund
+Silber zu entrichten, ja sogar seine Elefanten und 300 Geiseln schon
+abgeliefert, ebenso 3000 römische Überläufer, die sofort niedergemacht wurden.
+Gleichzeitig aber wurde des Königs vertrautester Ratgeber, Bomilkar, der nicht
+mit Unrecht besorgte, daß, wenn es zum Frieden käme, Jugurtha ihn als den
+Mörder des Massiva den römischen Gerichten überliefern werde, von Metellus
+gewonnen und gegen Zusicherung der Straflosigkeit für jenen Mord und großer
+Belohnungen zu dem Versprechen bewogen, den König den Römern lebendig oder tot
+in die Hände zu liefern. Indes weder jene offizielle Verhandlung noch diese
+Intrige führte zu dem gewünschten Resultat. Als Metellus mit dem Ansinnen
+herausrückte, daß der König persönlich sich als Gefangener zu stellen habe,
+brach dieser die Unterhandlungen ab; Bomilkars Verkehr mit dem Feinde ward
+entdeckt und derselbe festgenommen und hingerichtet. Es soll keine Schutzrede
+sein für diese diplomatischen Kabalen niedrigster Art; aber die Römer hatten
+allen Grund, danach zu trachten, sich der Person ihres Gegners zu bemächtigen.
+Der Krieg war auf dem Punkt angelangt, wo man ihn weder weiterführen noch
+aufgeben konnte. Wie die Stimmung in Numidien war, beweist zum Beispiel der
+Aufstand der bedeutendsten unter den Römern besetzten Städten Vaga 6 im Winter
+646/47 (108/07), wobei die gesamte römische Besatzung, Offiziere und Gemeine,
+niedergemacht wurde mit Ausnahme des Kommandanten Titus Turpilius Silanus,
+welcher später wegen Einverständnisses mit dem Feinde, ob mit Recht oder
+Unrecht, läßt sich nicht sagen, von dem römischen Kriegsgericht zum Tode
+verurteilt und hingerichtet ward. Die Stadt wurde von Metellus am zweiten Tage
+nach dem Abfall überrumpelt und der ganzen Strenge des Kriegsgerichts
+preisgegeben; allein wenn die Gemüter der leicht erreichbaren und
+verhältnismäßig fügsamen Anwohner des Bagradas also gestimmt waren, wie mochte
+es da aussehen weiter landeinwärts und bei den schweifenden Stämmen der Wüste?
+Jugurtha war der Abgott der Afrikaner, die in ihm den doppelten Brudermörder
+gern übersahen über dem Retter und Rächer der Nation. Zwanzig Jahre nachher
+mußte ein numidisches Korps, das für die Römer in Italien focht, schleunigst
+nach Afrika zurückgesandt werden, als in den feindlichen Reihen Jugurthas Sohn
+sich zeigte: man mag daraus schließen, was er selber über die Seinen vermochte.
+Wie war ein Ende des Krieges abzusehen in Landschaften, wo die vereinigten
+Eigentümlichkeiten der Bevölkerung und des Bodens einem Führer, der sich einmal
+der Sympathien der Nation versichert hat, es gestatten, den Krieg in endlosen
+Kleingefechten fortzuspinnen oder auch gar ihn eine Zeitlang schlafen zu legen,
+um ihn im rechten Augenblick mit neuer Gewalt wiederzuerwecken?
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+5 In der spannenden und geistreichen Darstellung dieses Krieges von Sallust ist
+die Chronologie mehr als billig vernachlässigt. Der Krieg ging im Sommer 649
+(105) zu Ende (c. 114); wenn also Marius seine Kriegführung als Konsul 647
+(107) begann, so führte er dort das Kommando in drei Kampagnen. Allein die
+Erzählung schildert nur zwei, und mit Recht. Denn eben wie Metellus allem
+Anschein nach zwar schon 645 (109) nach Afrika ging, aber, da er spät eintraf
+(c. 37, 44) und die Reorganisation des Heeres Zeit kostete (c. 44), seine
+Operationen erst im folgenden Jahr begann, trat auch Marius, der gleichfalls in
+Italien längere Zeit sich mit Kriegsvorbereitungen aufhielt (c. 84), entweder
+als Konsul 647 (107) spät im Jahre und nach beendigtem Feldzug oder auch erst
+als Prokonsul 648 (106) den Oberbefehl an; so daß also die beiden Feldzüge des
+Metellus 646, 647 (108, 107) die des Marius 648, 649 (106, 105) fallen. Dazu
+paßt, daß Metellus erst im Jahre 648 (106) triumphierte (Eph. epigr. IV, S.
+257). Dazu paßt ferner, daß die Schlacht am Muthul und die Belagerung von Zama
+nach dem Verhältnis, in dem sie zu Marius&rsquo; Bewerbung um das Konsulat
+stehen, notwendig in das Jahr 646 (108) gesetzt werden müssen. Von
+Ungenauigkeiten ist der Schriftsteller auf keinen Fall freizusprechen; wie denn
+Marius sogar noch 649 (105) bei ihm Konsul genannt wird.
+</p>
+
+<p>
+Die Verlängerung des Kommandos des Metellus, die Sallustius (62, 10) berichtet,
+kann sich nach dem Platze, an dem sie steht, nur beziehen auf das Jahr 647
+(107); als im Sommer 646 (108) auf Grund des Sempronischen Gesetzes die
+Provinzen der für 647 (107) zu wählenden Konsuln festzusetzen waren, bestimmte
+der Senat zwei andere Provinzen und ließ also Numidien dem Metellus. Diesen
+Senatsschluß stieß das 72, 7 erwähnte Plebiszit um. Die folgenden in den besten
+Handschriften beider Familien lückenhaft überlieferten Worte sed Paulo ….
+decreverat: ea res frustra fuit müssen entweder die den Konsuln vom Senat
+bestimmten Provinzen genannt haben - etwa sed paulo [ante uti consulibus Italia
+et Gallia provinciae essent senatus] decreverat - oder, nach der Ergänzung der
+Vulgathandschriften: sed Paulo [ante senatus Metello Numidiam] decreverat.
+</p>
+
+<p>
+6 Jetzt Bedschah an der Medscherda.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Als Metellus im Jahre 647 (107) wieder ins Feld rückte, hielt Jugurtha ihm
+nirgends stand: bald tauchte er da auf, bald an einem andern, weit entfernten
+Punkt; es schien, als würde man ebenso leicht Herr werden über die Löwen wie
+über diese Reiter der Wüste. Eine Schlacht ward geschlagen, ein Sieg gewonnen;
+aber was man mit dem Sieg gewonnen hatte, war schwer zu sagen. Der König war
+verschwunden in die unabsehliche Weite. Im Innern des heutigen Beilek von
+Tunis, hart am Saum der großen Wüste, lag in quelliger Oase der feste Platz
+Thala 7; dorthin hatte Jugurtha sich zurückgezogen mit seinen Kindern, seinen
+Schätzen und dem Kern seiner Truppen, bessere Zeiten daselbst abzuwarten.
+Metellus wagte es, durch eine Einöde, wo das Wasser auf zehn deutsche Meilen in
+Schläuchen mitgeführt werden mußte, dem König zu folgen; Thala ward erreicht
+und fiel nach vierzigtägiger Belagerung; allein nicht bloß vernichteten die
+römischen Überläufer mit dem Gebäude, in dem sie nach Einnahme der Stadt sich
+selber verbrannten, zugleich den wertvollsten Teil der Beute, sondern, worauf
+mehr ankam, der König Jugurtha war mit seinen Kindern und seiner Kasse
+entkommen. Numidien zwar war so gut wie ganz in den Händen der Römer; aber
+statt daß man damit am Ziele gestanden hätte, schien der Krieg nur über ein
+immer weiteres Gebiet sich auszudehnen. Im Süden begannen die freien
+gätulischen Stämme der Wüste auf Jugurthas Ruf den Nationalkrieg gegen die
+Römer. Im Westen schien König Bocchus von Mauretanien, dessen Freundschaft die
+Römer in früherer Zeit verschmäht hatten, jetzt nicht abgeneigt, mit seinem
+Schwiegersohn gegen sie gemeinschaftliche Sache zu machen: er nahm ihn nicht
+bloß bei sich auf, sondern rückte auch, mit den eigenen zahllosen Reiterscharen
+Jugurthas Haufen vereinigend, in die Gegend von Cirta, wo Metellus sich im
+Winterquartier befand. Man begann zu unterhandeln; es war klar, daß er mit
+Jugurthas Person den eigentlichen Kampfpreis für Rom in Händen hielt. Was er
+aber beabsichtigte, ob den Römern den Schwiegersohn teuer zu verkaufen oder mit
+dem Schwiegersohn gemeinschaftlich den Nationalkrieg aufzunehmen, wußten weder
+die Römer noch Jugurtha und vielleicht der König selbst nicht; derselbe beeilte
+sich auch keineswegs, aus seiner zweideutigen Stellung herauszutreten. Darüber
+verließ Metellus die Provinz, die er durch Volksbeschluß genötigt worden war,
+seinem ehemaligen Unterfeldherrn, dem jetzigen Konsul Marius abzutreten und
+dieser übernahm für den nächsten Feldzug 648 (106) den Oberbefehl. Er verdankte
+ihn gewissermaßen einer Revolution. Im Vertrauen auf die von ihm geleisteten
+Dienste und nebenher auf die ihm zuteil gewordenen Orakel hatte er sich
+entschlossen, als Bewerber um das Konsulat aufzutreten. Wenn die Aristokratie
+die ebenso verfassungsmäßige wie sonst vollkommen gerechtfertigte Bewerbung des
+tüchtigen, durchaus nicht oppositionell gesinnten Mannes unterstützt hätte, so
+würde dabei nichts herausgekommen sein als die Verzeichnung eines neuen
+Geschlechts in den konsularischen Fasten; statt dessen wurde der nicht adlige
+Mann, der die höchste Gemeinwürde für sich begehrte, von der ganzen regierenden
+Kaste als ein frecher Neuerer und Revolutionär geschmäht - vollkommen wie einst
+der plebejische Bewerber von den Patriziern behandelt worden war, nur jetzt
+ohne jeden formalen Rechtsgrund -, der tapfere Offizier mit spitzen Reden von
+Metellus verhöhnt - Marius möge mit seiner Kandidatur warten, hieß es, bis
+Metellus&rsquo; Sohn, ein bartloser Knabe, mit ihm sich bewerben könne - und
+kaum im letzten Augenblick aufs ungnädigste entlassen, um für das Jahr 647
+(107), als Bewerber um das Konsulat in der Hauptstadt aufzutreten. Hier vergalt
+er das erlittene Unrecht seinem Feldherrn reichlich, indem er vor der gaffenden
+Menge die Kriegführung und Verwaltung des Metellus in Afrika in einer ebenso
+unmilitärischen wie schmählich unbilligen Weise kritisierte, ja sogar es nicht
+verschmähte, dem lieben, ewig von geheimen, höchst unerhörten und höchst
+unzweifelhaften Konspirationen der vornehmen Herren munkelnden Pöbel das platte
+Märchen aufzutischen, daß Metellus den Krieg absichtlich verschleppe, um so
+lange wie möglich Oberbefehlshaber zu bleiben. Den Gassenbuben leuchtete dies
+vollkommen ein; zahlreiche, aus guten und schlechten Ursachen der Regierung
+mißwollende Leute, namentlich die mit Grund erbitterte Kaufmannschaft,
+verlangten nichts Besseres als eine solche Gelegenheit, die Aristokratie an
+ihrer empfindlichsten Stelle zu verletzen; er wurde nicht bloß mit ungeheurer
+Majorität zum Konsul gewählt, sondern ihm auch, während sonst nach dem Gesetze
+des Gaius Gracchus die Entscheidung über die jedesmaligen Kompetenzen der
+Konsuln dem Senat zustand, unter Umstoßung der vom Senat getroffenen Verfügung,
+die den Metellus an seiner Stelle ließ, durch Beschluß der souveränen Komitien
+der Oberbefehl im Afrikanischen Krieg übertragen. Demgemäß trat er im Laufe des
+Jahres 647 (107) an Metellus&rsquo; Stelle und führte das Kommando in dem
+Feldzuge des folgenden Jahres; allein die zuversichtliche Verheißung, es besser
+zu machen als sein Vorgänger und den Jugurtha an Händen und Füßen gebunden
+schleunigst nach Rom abzuliefern, war leichter gegeben als erfüllt. Marius
+schlug sich herum mit den Gätulern; er unterwarf einzelne noch nicht besetzte
+Städte; er unternahm eine Expedition nach Capsa (Gafsa) im äußersten Südosten
+des Königreichs, welche die von Thala an Schwierigkeit noch überbot, nahm die
+Stadt durch Kapitulation und ließ trotz des Vertrages alle erwachsenen Männer
+darin töten - freilich das einzige Mittel, den Wiederabfall der fernliegenden
+Wüstenstadt zu verhüten; er griff ein am Fluß Molochath, der das numidische
+Gebiet vom mauretanischen schied, belegenes Bergkastell an, in das Jugurtha
+seine Kasse geschafft hatte, und erstürmte, eben als er schon am Erfolg
+verzweifelnd von der Belagerung abstehen wollte, durch den Handstreich einiger
+kühner Kletterer glücklich das unbezwingliche Felsennest. Wenn es bloß darauf
+angekommen wäre, durch dreiste Razzias das Heer abzuhärten und dem Soldaten
+Beute zu schaffen oder auch Metellus&rsquo; Zug in die Wüste durch eine noch
+weiter greifende Expedition zu verdunkeln, so konnte man diese Kriegführung
+gelten lassen; in der Hauptsache ward das Ziel, worauf alles ankam und das
+Metellus mit fester Konsequenz im Auge behalten hatte, die Gefangennehmung des
+Jugurtha, dabei völlig beiseite gesetzt. Der Zug des Marius nach Capsa war ein
+ebenso zweckloses wie der des Metellus nach Thala ein zweckmäßiges Wagnis; die
+Expedition aber an den Molochath, welche an, wo nicht in das mauretanische
+Gebiet streifte, war geradezu zweckwidrig. König Bocchus, in dessen Hand es
+lag, den Krieg zu einem für die Römer günstigen Ausgang zu bringen oder ihn ins
+Endlose zu verlängern, schloß jetzt mit Jugurtha einen Vertrag ab, in dem
+dieser ihm einen Teil seines Reiches abtrat, Bocchus aber versprach, den
+Schwiegersohn gegen Rom tätig zu unterstützen. Das römische Heer, das vom Fluß
+Molochath wieder zurückkehrte, sah sich eines Abends plötzlich umringt von
+ungeheuren Massen mauretanischer und numidischer Reiterei; man mußte fechten,
+wo und wie die Abteilungen eben standen, ohne daß eine eigentliche
+Schlachtordnung und ein leitendes Kommando sich hätten durchführen lassen, und
+sich glücklich schätzen, die stark gelichteten Truppen auf zwei voneinander
+nicht weit entfernten Hügeln vorläufig für die Nacht in Sicherheit zu bringen.
+Indes die arge Nachlässigkeit der von ihrem Siege trunkenen Afrikaner entriß
+ihnen die Folgen desselben; sie ließen sich von den während der Nacht
+einigermaßen wiedergeordneten römischen Truppen beim grauenden Morgen im tiefen
+Schlafe überfallen und wurden glücklich zerstreut. Darauf setzte das römische
+Heer in besserer Ordnung und mit größerer Vorsicht den Rückzug fort; allein
+noch einmal wurde es auf demselben von allen vier Seiten zugleich angefallen
+und schwebte in großer Gefahr, bis der Reiterobrist Lucius Cornelius Sulla
+zuerst die ihm gegenüberstehenden Reiterhaufen auseinanderstäubte und von deren
+Verfolgung rasch zurückkehrend sich weiter auf Jugurtha und Bocchus warf, da wo
+sie persönlich das römische Fußvolk im Rücken bedrängten. Also ward auch dieser
+Angriff glücklich abgeschlagen; Marius brachte sein Heer zurück nach Cirta und
+nahm daselbst das Winterquartier (648/49 106/05). Es ist wunderlich, aber
+freilich begreiflich, daß man römischerseits um die Freundschaft des Königs
+Bocchus, die man anfangs verschmäht, sodann wenigstens nicht eben gesucht
+hatte, jetzt, nachdem er den Krieg begonnen hatte, anfing sich aufs eifrigste
+zu bemühen, wobei es den Römern zustatten kam, daß von mauretanischer Seite
+keine förmliche Kriegserklärung stattgefunden hatte. Nicht ungern trat König
+Bocchus zurück in seine alte zweideutige Stellung; ohne den Vertrag mit
+Jugurtha aufzulösen oder diesen zu entlassen, ließ er mit dem römischen
+Feldherrn sich ein auf Verhandlungen über die Bedingungen eines Bündnisses mit
+Rom. Als man einig geworden war oder zu sein schien, erbat sich der König, daß
+Marius zum Abschluß des Vertrages und zur Übernahme des königlichen Gefangenen
+den Lucius Sulla an ihn absenden möge, der dem König bekannt und genehm sei
+teils von der Zeit her, wo er als Gesandter des Senats am mauretanischen Hofe
+erschienen war, teils durch Empfehlungen der nach Rom bestimmten mauretanischen
+Gesandten, denen Sulla unterwegs Dienste geleistet hatte. Marius war in einer
+unbequemen Lage. Lehnte er die Zumutung ab, so führte dies wahrscheinlich zum
+Bruche; nahm er sie an, so gab er seinen adligsten und tapfersten Offizier
+einem mehr als unzuverlässigen Mann in die Hände, der, wie männiglich bekannt,
+mit den Römern und mit Jugurtha doppeltes Spiel spielte, und der fast den Plan
+entworfen zu haben schien, an Jugurtha und Sulla sich vorläufig nach beiden
+Seiten hin Geiseln zu schaffen. Indes der Wunsch, den Krieg zu Ende zu bringen,
+überwog jede andere Rücksicht, und Sulla verstand sich zu der bedenklichen
+Aufgabe, die Marius ihm ansann. Dreist brach er auf, geleitet von König
+Bocchus&rsquo; Sohn Volux, und seine Entschlossenheit wankte selbst dann nicht,
+als sein Wegweiser ihn mitten durch das Lager des Jugurtha führte. Er wies die
+kleinmütigen Fluchtvorschläge seiner Begleiter zurück und zog, des Königs Sohn
+an der Seite, unverletzt durch die Feinde. Dieselbe Entschiedenheit bewährte
+der kecke Offizier in den Verhandlungen mit dem Sultan und bestimmte ihn
+endlich, ernstlich eine Wahl zu treffen. Jugurtha ward aufgeopfert. Unter dem
+Vorgeben, daß alle seine Begehren bewilligt werden sollten, wurde er von dem
+eigenen Schwiegervater in einen Hinterhalt gelockt, sein Gefolge niedergemacht
+und er selbst gefangengenommen. So fiel der große Verräter durch den Verrat
+seiner Nächsten. Gefesselt brachte Lucius Sulla den listigen und rastlosen
+Afrikaner mit seinen Kindern in das römische Hauptquartier; damit war nach
+siebenjähriger Dauer der Krieg zu Ende. Der Sieg ging zunächst auf den Namen
+des Marius; seinem Triumphalwagen schritt in königlichem Schmuck und in Fesseln
+König Jugurtha mit seinen beiden Söhnen vorauf, als der Sieger am 1. Januar 650
+(104) in Rom einzog; auf seinen Befehl starb der Sohn der Wüste wenige Tage
+darauf in dem unterirdischen Stadtgefängnis, dem alten Brunnenhaus am Kapitol,
+dem &ldquo;eisigen Badgemach&rdquo;, wie der Afrikaner es nannte, als er die
+Schwelle überschritt, um daselbst sei es erdrosselt zu werden, sei es
+umzukommen durch Kälte und Hunger. Allein es ließ sich nicht leugnen, daß
+Marius an den wirklichen Erfolgen den geringsten Anteil hatte, daß Numidiens
+Eroberung bis an den Saum der Wüste das Werk des Metellus, Jugurthas
+Gefangennahme das des Sulla war und zwischen beiden Marius eine für einen
+ehrgeizigen Emporkömmling einigermaßen kompromittierende Rolle spielte. Marius
+ertrug es ungern, daß sein Vorgänger den Namen des Siegers von Numidien annahm;
+er brauste zornig auf, als König Bocchus später ein goldnes Bildwerk auf dem
+Kapitol weihte, welches die Auslieferung des Jugurtha an Sulla darstellte; und
+doch stellten auch in den Augen unbefangener Urteiler die Leistungen dieser
+beiden des Marius Feldherrnschaft gar sehr in Schatten, vor allem Sullas
+glänzender Zug in die Wüste, der seinen Mut, seine Geistesgegenwart, seinen
+Scharfsinn, seine Macht über die Menschen vor dem Feldherrn selbst und vor der
+ganzen Armee zur Anerkennung gebracht hatte. An sich wäre auf diese
+militärischen Rivalitäten wenig angekommen, wenn sie nicht in den politischen
+Parteikampf eingegriffen hätten; wenn nicht die Opposition durch Marius den
+senatorischen General verdrängt gehabt, nicht die Regierungspartei Metellus und
+mehr noch Sulla mit erbitternder Absichtlichkeit als die militärischen
+Koryphäen gefeiert und dem nominellen Sieger vorgezogen hätte - wir werden auf
+die verhängnisvollen Folgen dieser Verhetzungen in der Darstellung der inneren
+Geschichte zurückzukommen haben.
+</p>
+
+<p>
+————————————————-
+</p>
+
+<p>
+7 Die Örtlichkeit ist nicht wiedergefunden. Die frühere Annahme, daß Thelepte
+(bei Feriana, nördlich von Capsa) gemeint sei, ist willkürlich und die
+Identifikation mit einer auch heute Thala genannten Örtlichkeit östlich von
+Capsa auch nicht gehörig begründet.
+</p>
+
+<p>
+————————————————
+</p>
+
+<p>
+Im übrigen verlief diese Insurrektion des numidischen Klientelstaats, ohne
+weder in den allgemeinen politischen Verhältnissen noch auch nur in denen der
+afrikanischen Provinz eine merkliche Veränderung hervorzubringen. Abweichend
+von der sonst in dieser Zeit befolgten Politik ward Numidien nicht in eine
+römische Provinz umgewandelt; offenbar deshalb, weil das Land nicht ohne eine
+die Grenzen gegen die Wilden der Wüste deckende Armee zu behaupten und man
+keineswegs gemeint war, in Afrika ein stehendes Heer zu unterhalten. Man
+begnügte sich deshalb, die westlichste Landschaft Numidiens, wahrscheinlich den
+Strich vom Fluß Molochath bis zum Hafen von Saldae (Bougie) - das spätere
+Mauretanien von Caesarea (Provinz Algier) - zu dem Reich des Bocchus zu
+schlagen und das darum verkleinerte Königreich Numidien auf den letzten noch
+lebenden legitimen Enkel Massinissas, Jugurthas an Körper und Geist schwachen
+Halbbruder Gauda, zu übertragen, welcher bereits im Jahre 646 (108) auf
+Veranlassung des Marius seine Ansprüche bei dem Senat geltend gemacht hatte 8.
+Zugleich wurden die gätulischen Stämme im inneren Afrika als freie
+Bundesgenossen unter die mit den Römern in Vertrag stehenden unabhängigen
+Nationen aufgenommen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+8 Sallusts politisches Genregemälde des jugurthinischen Krieges, in der sonst
+völlig verblaßten und verwaschenen Tradition dieser Epoche das einzige in
+frischen Farben übriggebliebene Bild, schließt mit Jugurthas Katastrophe,
+seiner Kompositionsweise getreu, poetisch, nicht historisch; und auch
+anderweitig fehlt es an einem zusammenhängenden Bericht über die Behandlung des
+Numidischen Reiches. Daß Gauda Jugurthas Nachfolger ward deuten Sallust (c. 64)
+und Dio Cassius (fr. 79, 4 Bekk.) an und bestätigt eine Inschrift von Cartagena
+(Orelli 630), die ihn König und Vater Hiempsals II. nennt. Daß im Westen die
+zwischen Numidien einer- und dem römischen Afrika und Kyrene andererseits
+bestehenden Grenzverhältnisse unverändert blieben, zeigt Caesar (civ. 2, 38),
+Bell. Afr. 43, 77 und die spätere Provinzialverfassung. Dagegen liegt es in der
+Natur der Sache und wird auch von Sallust (c. 97; 102; 111) angedeutet, daß
+Bocchus&rsquo; Reich bedeutend vergrößert ward; womit es unzweifelhaft
+zusammenhängt, daß Mauretanien, ursprünglich beschränkt auf die Landschaft von
+Tingis (Marokko), in späterer Zeit sich erstreckt auf die Landschaft von
+Caesarea (Provinz Algier) und die von Sitifis (westliche Hälfte der Provinz
+Constantine). Da Mauretanien zweimal von den Römern vergrößert ward, zuerst 649
+(105) nach Jugurthas Auslieferung, sodann 708 (46) nach Auflösung des
+Numidischen Reiches, so ist wahrscheinlich die Landschaft von Caesarea bei der
+ersten, die von Sitifis bei der zweiten Vergrößerung hinzugekommen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wichtiger als diese Regulierung der afrikanischen Klientel waren die
+politischen Folgen des Jugurthinischen Krieges oder vielmehr der
+Jugurthinischen Insurrektion, obgleich auch diese häufig zu hoch angeschlagen
+worden sind. Allerdings waren darin alle Schäden des Regiments in unverhüllter
+Nacktheit zu Tage gekommen; es war jetzt nicht bloß notorisch, sondern
+sozusagen gerichtlich konstatiert, daß den regierenden Herren Roms alles feil
+war, der Friedensvertrag wie das Interzessionsrecht, der Lagerwall und das
+Leben der Soldaten; der Afrikaner hatte nicht mehr gesagt als die einfache
+Wahrheit, als er bei seiner Abreise von Rom äußerte, wenn er nur Geld genug
+hätte, mache er sich anheischig, die Stadt selber zu kaufen. Allein das ganze
+äußere und innere Regiment dieser Zeit trug den gleichen Stempel teuflischer
+Erbärmlichkeit. Für uns verschiebt der Zufall, daß uns der Krieg in Afrika
+durch bessere Berichte näher gerückt ist als die anderen gleichzeitigen
+militärischen und politischen Ereignisse, die richtige Perspektive; die
+Zeitgenossen erfuhren durch jene Enthüllungen eben nichts, als was jedermann
+längst wußte und jeder unerschrockene Patriot längst mit Tatsachen zu belegen
+imstande war. Daß man für die nur durch ihre Unfähigkeit aufgewogene
+Niederträchtigkeit der restaurierten Senatsregierung jetzt einige neue, noch
+stärkere und noch unwiderleglichere Beweise in die Hände bekam, hätte dennoch
+von Wichtigkeit sein können, wenn es eine Opposition und eine öffentliche
+Meinung gegeben hätte, mit denen die Regierung genötigt gewesen wäre sich
+abzufinden. Allein dieser Krieg hatte in der Tat nicht minder die Regierung
+prostituiert als die vollständige Nichtigkeit der Opposition offenbart. Es war
+nicht möglich, schlechter zu regieren als die Restauration in den Jahren
+637-645 (117-109) es tat, nicht möglich, wehrloser und verlorener dazustehen,
+als der römische Senat im Jahre 645 (109) stand; hätte es in Rom eine wirkliche
+Opposition gegeben, das heißt eine Partei, die eine prinzipielle Abänderung der
+Verfassung wünschte und betrieb, so mußte diese notwendig jetzt wenigstens
+einen Versuch machen, den restaurierten Senat zu stürzen. Er erfolgte nicht;
+man machte aus der politischen eine Personenfrage, wechselte die Feldherren und
+schickte ein paar nichtsnutzige und unbedeutende Leute in die Verbannung. Damit
+stand es also fest, daß die sogenannte Popularpartei als solche weder regieren
+konnte, noch regieren wollte; daß es in Rom schlechterdings nur zwei mögliche
+Regierungsformen gab, die Tyrannis und die Oligarchie; daß, solange es zufällig
+an einer Persönlichkeit fehlte, die, wo nicht bedeutend, doch bekannt genug
+war, um sich zum Staatsoberhaupt aufzuwerfen, die ärgste Mißwirtschaft
+höchstens einzelne Oligarchen, aber niemals die Oligarchie gefährdete; daß
+dagegen, sowie ein solcher Prätendent auftrat, nichts leichter war, als die
+morschen kurulischen Stühle zu erschüttern. In dieser Hinsicht war das
+Auftreten des Marius bezeichnend, eben weil es an sich so völlig unmotiviert
+war. Wenn die Bürgerschaft nach Albinus&rsquo; Niederlage die Kurie gestürmt
+hätte, es wäre begreiflich, um nicht zu sagen in der Ordnung gewesen; aber nach
+der Wendung, die Metellus dem Numidischen Krieg gegeben hatte, konnte von
+schlechter Führung, geschweige denn von Gefahr für das Gemeinwesen wenigstens
+in dieser Beziehung nicht mehr die Rede sein; und dennoch gelang es dem ersten
+besten ehrgeizigen Offizier, das auszuführen, womit einst der ältere Africanus
+der Regierung gedroht, und sich eines der vornehmsten militärischen Kommandos
+gegen den bestimmt ausgesprochenen Willen der Regierung zu verschaffen. Die
+öffentliche Meinung, nichtig in den Händen der sogenannten Popularpartei, ward
+zur unwiderstehlichen Waffe in der Hand des künftigen Königs von Rom. Es soll
+damit nicht gesagt werden, daß Marius beabsichtigte, den Prätendenten zu
+spielen, am wenigsten damals schon, als er um den Oberbefehl von Afrika bei dem
+Volke warb; aber mochte er begreifen oder nicht begreifen, was er tat, es war
+augenscheinlich zu Ende mit dem restaurierten aristokratischen Regiment, wenn
+die Komitialmaschine anfing, Feldherren zu machen oder, was ungefähr dasselbe
+war, wenn jeder populäre Offizier imstande war, in legaler Weise sich selbst
+zum Feldherrn zu ernennen. Ein einziges neues Element trat in diesen
+vorläufigen Krisen auf; es war das Hineinziehen der militärischen Männer und
+der militärischen Macht in die politische Revolution. Ob Marius&rsquo;
+Auftreten unmittelbar die Einleitung sein werde zu einem neuen Versuch, die
+Oligarchie durch die Tyrannis zu verdrängen, oder ob dasselbe, wie so manches
+Ähnliche, als vereinzelter Eingriff in die Prärogative der Regierung ohne
+weitere Folgen vorübergehen werde, ließ sich noch nicht bestimmen; wohl aber
+war es vorauszusehen, daß, wenn diese Keime einer zweiten Tyrannis zur
+Entwicklung gelangten, in derselben nicht ein Staatsmann, wie Gaius Gracchus,
+sondern ein Offizier an die Spitze treten werde. Die gleichzeitige
+Reorganisation des Heerwesens, indem zuerst Marius bei der Bildung seiner nach
+Afrika bestimmten Armee von der bisher geforderten Vermögensqualifikation absah
+und auch dem ärmsten Bürger, wenn er sonst brauchbar war, als Freiwilligen den
+Eintritt in die Legion gestattete, mag von ihrem Urheber aus rein militärischen
+Rücksichten veranstaltet worden sein; allein darum war es nichtsdestoweniger
+ein folgenreiches politisches Ereignis, daß das Heer nicht mehr, wie ehemals,
+aus denen, die viel, nicht einmal mehr wie in der jüngsten Zeit aus denen, die
+etwas zu verlieren hatten, gebildet ward, sondern anfing sich zu verwandeln in
+einen Haufen von Leuten, die nichts hatten als ihre Arme und was der Feldherr
+ihnen spendete. Die Aristokratie herrschte im Jahre 650 (104) ebenso
+unumschränkt wie im Jahre 620 (134); aber die Zeichen der herannahenden
+Katastrophe hatten sich gemehrt, und am politischen Horizont war neben der
+Krone das Schwert aufgegangen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap05"></a>KAPITEL V.<br/>
+Die Völker des Nordens</h2>
+
+<p>
+Seit dem Ende des sechsten Jahrhunderts beherrschte die römische Gemeinde die
+drei großen von dem nördlichen Kontinent in das Mittelmeer hineinragenden
+Halbinseln, wenigstens im ganzen genommen; denn freilich innerhalb derselben
+fuhren im Norden und Westen Spaniens, in den Ligurischen Apenninen und
+Alpentälern, in den Gebirgen Makedoniens und Thrakiens die ganz- oder
+halbfreien Völkerschaften fort, der schlaffen römischen Regierung zu trotzen.
+Ferner war die kontinentale Verbindung zwischen Spanien und Italien wie
+zwischen Italien und Makedonien nur in der oberflächlichsten Weise hergestellt
+und die Landschaften jenseits der Pyrenäen, der Alpen und der Balkankette, die
+großen Stromgebiete der Rhone, des Rheins und der Donau lagen wesentlich
+außerhalb des politischen Gesichtskreises der Römer. Es ist hier darzustellen,
+was römischerseits geschah, um nach dieser Richtung hin das Reich zu sichern
+und zu arrondieren und wie zugleich die großen Völkermassen, die hinter jenem
+gewaltigen Gebirgsvorhang ewig auf und nieder wogten, anfingen, an die Tore der
+nördlichen Gebirge zu pochen und die griechisch-römische Welt wieder einmal
+unsanft daran zu mahnen, daß sie mit Unrecht meine, die Erde für sich allein zu
+besitzen.
+</p>
+
+<p>
+Fassen wir zunächst die Landschaft zwischen den Westalpen und den Pyrenäen ins
+Auge. Die Römer beherrschten diesen Teil der Küste des Mittelmeers seit langem
+durch ihre Klientelstadt Massalia, eine der ältesten, treuesten und mächtigsten
+der von Rom abhängigen bundesgenössischen Gemeinden, deren Seestationen,
+westlich Agathe (Agde) und Rhode (Rosas), östlich Tauroention (Ciotat), Olbia
+(Hyères?), Antipolis (Antibes) und Nikäa (Nizza), die Küstenfahrt wie den
+Landweg von den Pyrenäen zu den Alpen sicherten und deren merkantile und
+politische Verbindungen weit ins Binnenland hineinreichten. Eine Expedition in
+die Alpen oberhalb Nizza und Antibes gegen die ligurischen Oxybier und Dekieten
+ward im Jahre 600 (154) von den Römern teils auf Ansuchen der Massalioten,
+teils im eigenen Interesse unternommen und nach heftigen und zum Teil
+verlustvollen Gefechten dieser Teil des Gebirges gezwungen, den Massalioten
+fortan stehende Geiseln zu geben und ihnen jährlichen Zins zu zahlen. Es ist
+nicht unwahrscheinlich, daß um diese Zeit zugleich in dem ganzen von Massalia
+abhängigen Gebiete jenseits der Alpen der nach dem Muster des massaliotischen
+daselbst aufblühende Wein- und Ölbau im Interesse der italischen Gutsbesitzer
+und Kaufleute untersagt ward ^1. Einen ähnlichen Charakter finanzieller
+Spekulation trägt der Krieg, der wegen der Goldgruben und Goldwäschereien von
+Victumulae (in der Gegend von Vercelli und Bard und im ganzen Tal der Dora
+Baltea) von den Römern unter dem Konsul Appius Claudius im Jahre 611 (143)
+gegen die Salasser geführt ward. Die große Ausdehnung dieser Wäschereien,
+welche den Bewohnern der niedriger liegenden Landschaft das Wasser für ihre
+Äcker entzog, rief erst einen Vermittlungsversuch, sodann die bewaffnete
+Intervention der Römer hervor; der Krieg, obwohl die Römer auch ihn wie alle
+übrigen dieser Epoche mit einer Niederlage begannen, führte endlich zu der
+Unterwerfung der Salasser und der Abtretung des Goldbezirkes an das römische
+Ärar. Einige Jahrzehnte später (654 100) ward auf dem hier gewonnenen Gebiet
+die Kolonie Eporedia (Ivrea) angelegt, hauptsächlich wohl, um durch sie den
+westlichen wie durch Aquileia den östlichen Alpenpaß zu beherrschen. Einen
+ernsteren Charakter nahmen diese alpinischen Kriege erst an, als Marcus Fulvius
+Flaccus, der treue Bundesgenosse des Gaius Gracchus, als Konsul 629 (125) in
+dieser Gegend den Oberbefehl übernahm. Er zuerst betrat die Bahn der
+transalpinischen Eroberungen. In der vielgeteilten keltischen Nation war um
+diese Zeit, nachdem der Gau der Biturigen seine wirkliche Hegemonie eingebüßt
+und nur eine Ehrenvorstandschaft behalten hatte, der effektiv führende Gau in
+dem Gebiet von den Pyrenäen bis zum Rhein und vom Mittelmeer bis zur Westsee
+der Arverner 2, und es erscheint danach nicht gerade übertrieben, daß er bis
+180000 Mann ins Feld zu stellen vermocht haben soll. Mit ihnen rangen daselbst
+die Häduer (um Autun) um die Hegemonie als ungleiche Rivalen; während in dem
+nordöstlichen Gallien die Könige der Suessionen (um Soissons) den bis nach
+Britannien hinüber sich erstreckenden Völkerbund der Belgen unter ihrer
+Schutzherrschaft vereinigten. Griechische Reisende jener Zeit wußten viel zu
+erzählen von der prachtvollen Hofhaltung des Arvernerkönigs Luerius, wie
+derselbe, umgeben von seinem glänzenden Clangefolge, den Jägern mit der
+gekoppelten Meute und der wandernden Sängerschar, auf dem silberbeschlagenen
+Wagen durch die Städte seines Reiches fuhr, das Gold mit vollen Händen
+auswerfend unter die Menge, vor allen aber das Herz des Dichters mit dem
+leuchtenden Regen erfreuend - die Schilderungen von der offenen Tafel, die er
+in einem Raume von 1500 Doppelschritten ins Gevierte abhielt und zu der jeder
+des Wegs Kommende geladen war, erinnern lebhaft an die Hochzeitstafel Camachos.
+In der Tat zeugen die zahlreichen noch jetzt vorhandenen arvernischen
+Goldmünzen dieser Zeit dafür, daß der Arvernergau zu ungemeinem Reichtum und
+einer verhältnismäßig hoch gesteigerten Zivilisation gediehen war.
+Flaccus&rsquo; Angriff traf indes zunächst nicht auf die Arverner, sondern auf
+die kleineren Stämme in dem Gebiet zwischen den Alpen und der Rhone, wo die
+ursprünglich ligurischen Einwohner mit nachgerückten keltischen Scharen sich
+vermischt hatten und eine der keltiberischen vergleichbare keltoligurische
+Bevölkerung entstanden war. Er focht (629, 630 125, 124) mit Glück gegen die
+Salyer oder Salluvier in der Gegend von Aix und im Tal der Durance und gegen
+ihre nördlichen Nachbarn, die Vocontier (Dept. Vaucluse und Drôme), ebenso sein
+Nachfolger Gaius Sextius Calvinus (631, 632 123, 122) gegen die Allobrogen,
+einen mächtigen keltischen Clan in dem reichen Tal der Isère, der auf die Bitte
+des landflüchtigen Königs der Salyer, Tutomotulus, gekommen war, ihm sein Land
+wiedererobern zu helfen, aber in der Gegend von Aix geschlagen wurde. Da die
+Allobrogen indes nichtsdestoweniger sich weigerten, den Salyerkönig
+auszuliefern, drang Calvinus&rsquo; Nachfolger Gnaeus Domitius Ahenobarbus in
+ihr eigenes Gebiet ein (632 122). Bis dahin hatte der führende keltische Stamm
+dem Umsichgreifen der italischen Nachbarn zugesehen; der Arvernerkönig Betuhus,
+jenes Luerius&rsquo; Sohn, schien nicht sehr geneigt, des losen
+Schutzverhältnisses wegen, in dem die östlichen Gaue zu ihm stehen mochten, in
+einen bedenklichen Krieg sich einzulassen. Indes als die Römer Miene machten,
+die Allobrogen auf ihrem eigenen Gebiet anzugreifen, bot er seine Vermittlung
+an, deren Zurückweisung zur Folge hatte, daß er mit seiner gesamten Macht den
+Allobrogen zu Hilfe erschien; wogegen wieder die Häduer Partei ergriffen für
+die Römer. Auch die Römer sandten auf die Nachricht von der Schilderhebung der
+Arverner den Konsul des Jahres 633 (121) Quintus Fabius Maximus, um in
+Verbindung mit Ahenobarbus dem drohenden Sturm zu begegnen. An der südlichen
+Grenze des allobrogischen Kantons, am Einfluß der Isère in die Rhone, ward am
+8. August 633 (121) die Schlacht geschlagen, die über die Herrschaft im
+südlichen Gallien entschied. König Betuitus, wie er die zahllosen Haufen der
+abhängigen Clans auf der über die Rhone geschlagenen Schiffbrücke an sich
+vorüberziehen und gegen sie die dreimal schwächeren Römer sich aufstellen sah,
+soll ausgerufen haben, daß dieser ja nicht genug seien, um die Hunde des
+Keltenheeres zu sättigen. Allein Maximus, ein Enkel des Siegers von Pydna,
+erfocht dennoch einen entscheidenden Sieg, welcher, da die Schiffbrücke unter
+der Masse der Flüchtenden zusammenbrach, mit der Vernichtung des größten Teils
+der arvernischen Armee endigte. Die Allobrogen, denen ferner Beistand zu
+leisten der Arvernerkönig sich unfähig erklärte und denen er selber riet, mit
+Maximus ihren Frieden zu machen, unterwarfen sich dem Konsul, worauf derselbe,
+fortan der Allobrogiker genannt, nach Italien zurückging und die nicht mehr
+ferne Beendigung des arvernischen Krieges dem Ahenobarbus überließ. Dieser, auf
+König Betuitus persönlich erbittert, weil er die Allobrogen veranlaßt habe,
+sich dem Maximus und nicht ihm zu ergeben, bemächtigte sich in treuloser Weise
+der Person des Königs und sandte ihn nach Rom, wo der Senat den Bruch des
+Treuworts zwar mißbilligte, aber nicht bloß den verratenen Mann festhielt,
+sondern auch befahl, den Sohn desselben, Congonnetiacus, gleichfalls nach Rom
+zu senden. Dies scheint die Ursache gewesen zu sein, daß der fast schon
+beendigte arvernische Krieg noch einmal aufloderte und es bei Vindalium
+(oberhalb Avignon) am Einfluß der Sorgue in die Rhone zu einer zweiten
+Entscheidung durch die Waffen kam. Sie fiel nicht anders aus als die erste; es
+waren diesmal hauptsächlich die afrikanischen Elefanten, die das Keltenheer
+zerstreuten. Hierauf bequemten sich die Arverner zum Frieden und die Ruhe war
+in dem Keltenland wiederhergestellt 3.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Wenn Cicero, indem er dies den Africanus schon im Jahre 625 (129) sagen läßt
+(rep. 3, 9), nicht einen Anachronismus sich hat zu Schulden kommen lassen, so
+bleibt wohl nur die im Text bezeichnete Auffassung möglich. Auf Norditalien und
+Ligurien bezieht diese Verfügung sich nicht, wie schon der Weinbau der Genuaten
+im Jahre 637 (117) beweist; ebensowenig auf das unmittelbare Gebiet von
+Massalia (Just. 43, 4; Poseid. fr. 25 Müller; Strab. 4, 179). Die starke
+Ausfuhr von Öl und Wein aus Italien nach dem Rhonegebiet im siebenten
+Jahrhundert der Stadt ist bekannt.
+</p>
+
+<p>
+2 In der Auvergne. Ihre Hauptstadt, Nemetum oder Nemossus, lag nicht weit von
+Clermont.
+</p>
+
+<p>
+3 Die Schlacht bei Vindalium stellen zwar der Livianische Epitomator und
+Orosius vor die an der Isara; allein auf die umgekehrte Folge führen Florus und
+Strabon (4, 191), und sie wird bestätigt teils dadurch, daß Maximus nach dem
+Auszug des Livius und Plinius (nat. 7, 50) die Gallier als Konsul besiegte,
+teils besonders durch die Kapitolinischen Fasten, nach denen nicht bloß Maximus
+vor Ahenobarbus triumphierte, sondern auch jener über die Allobrogen und den
+Arvernerkönig, dieser nur über die Arverner. Es ist einleuchtend, daß die
+Schlacht gegen Allobrogen und Arverner früher stattgefunden haben muß als die
+gegen die Arverner allein.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Das Ergebnis dieser militärischen Operationen war die Einrichtung einer neuen
+römischen Provinz zwischen den Seealpen und den Pyrenäen. Die sämtlichen
+Völkerschaften zwischen den Alpen und der Rhone wurden von den Römern abhängig
+und, soweit sie nicht nach Massalia zinsten, vermutlich schon jetzt den Römern
+tributär. In der Landschaft zwischen der Rhone und den Pyrenäen behielten die
+Arverner zwar die Freiheit und wurden nicht den Römern zinspflichtig; allein
+sie hatten den südlichsten Teil ihres mittel- oder unmittelbaren Gebiets, den
+Strich südlich der Cevennen bis an das Mittelmeer und den oberen Lauf der
+Garonne bis nach Tolosa (Toulouse), an die Römer abzutreten. Da der nächste
+Zweck dieser Okkupationen die Herstellung einer Landverbindung zwischen Spanien
+und Italien war, so wurde unmittelbar nach der Besetzung gesorgt für die
+Chaussierung des Küstenweges. Zu diesem Ende wurde von den Alpen zur Rhone der
+Küstenstrich in der Breite von 1/5 bis 3/10 deutschen Meile den Massalioten,
+die ja bereits eine Reihe von Seestationen an dieser Küste besaßen, überwiesen
+mit der Verpflichtung, die Straße in gehörigem Stand zu halten; wogegen von der
+Rhone bis zu den Pyrenäen die Römer selbst eine Militärchaussee anlegten, die
+von ihrem Urheber Ahenobarbus den Namen der Domitischen Straße erhielt. Wie
+gewöhnlich verband mit dem Straßenbau sich die Anlage neuer Festungen. Im
+östlichen Teil fiel die Wahl auf den Platz, wo Gaius Sextius die Kelten
+geschlagen hatte und wo die Anmut und Fruchtbarkeit der Gegend wie die
+zahlreichen kalten und warmen Quellen zur Ansiedelung einluden; hier entstand
+eine römische Ortschaft, die &ldquo;Bäder des Sextius&rdquo;, Aquae Sextiae
+(Aix). Westlich von der Rhone siedelten die Römer in Narbo sich an, einer
+uralten Keltenstadt an dem schiffbaren Fluß Atax (Aude) in geringer Entfernung
+vom Meere, die bereits Hekatäos nennt und die schon vor ihrer Besetzung durch
+die Römer als lebhafter an dem britannischen Zinnhandel beteiligter
+Handelsplatz mit Massalia rivalisierte. Aquae erhielt nicht Stadtrecht, sondern
+blieb ein stehendes Lager 4; dagegen Narbo, obwohl gleichfalls wesentlich als
+Wacht- und Vorposten gegen die Kelten gegründet, ward als
+&ldquo;Marsstadt&rdquo; römische Bürgerkolonie und der gewöhnliche Sitz des
+Statthalters der neuen transalpinischen Keltenprovinz oder, wie sie noch
+häufiger genannt wird, der Provinz Narbo.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+4 Aquae ward nicht Kolonie, wie Livius (ep. 61) sagt, sondern Kastell (Strab.
+4, 180; Vell. 1, 15; J. N. Madvig, Opuscula academica. Bd. 1. Kopenhagen 1834,
+S. 303). Dasselbe gilt von Italica und vielen anderen Orten - so ist zum
+Beispiel Vindonissa rechtlich nie etwas anderes gewesen als ein keltisches
+Dorf, aber dabei zugleich ein befestigtes römisches Lager und eine sehr
+ansehnliche Ortschaft.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die Gracchische Partei, welche diese transalpinischen Gebietserwerbungen
+veranlaßte, wollte offenbar sich hier ein neues und unermeßliches Gebiet für
+ihre Kolonisationspläne eröffnen, das dieselben Vorzüge darbot wie Sizilien und
+Afrika und leichter den Eingeborenen entrissen werden konnte als die
+sizilischen und libyschen Äcker den italischen Kapitalisten. Der Sturz des
+Gaius Gracchus machte freilich auch hier sich fühlbar in der Beschränkung der
+Eroberungen und mehr noch der Stadtgründungen; indes wenn die Absicht nicht in
+vollem Umfang erreicht ward, so ward sie doch auch nicht völlig vereitelt. Das
+gewonnene Gebiet und mehr noch die Gründung von Narbo, welcher Ansiedelung der
+Senat vergeblich das Schicksal der karthagischen zu bereiten suchte, blieben
+als unfertige, aber den künftigen Nachfolger des Gracchus an die Fortsetzung
+des Baus mahnende Ansätze stehen. Offenbar schützte die römische
+Kaufmannschaft, die nur in Narbo mit Massalia in dem gallisch-britannischen
+Handel zu konkurrieren vermochte, diese Anlage vor den Angriffen der Optimaten.
+</p>
+
+<p>
+Eine ähnliche Aufgabe wie im Nordwesten war auch gestellt im Nordosten von
+Italien; sie ward gleichfalls nicht ganz vernachlässigt, aber noch
+unvollkommener als jene gelöst. Mit der Anlage von Aquileia (571 183) kam die
+Istrische Halbinsel in den Besitz der Römer; in Epirus und dem ehemaligen
+Gebiet des Herrn von Skodra geboten sie zum Teil bereits geraume Zeit früher.
+Allein nirgends reichte ihre Herrschaft ins Binnenland hinein, und selbst an
+der Küste beherrschten sie kaum dem Namen nach den unwirtlichen Ufersaum
+zwischen Istrien und Epirus, der in seinen wildverschlungenen, weder von
+Flußtälern noch von Küstenebenen unterbrochenen, schuppenartig
+aneinandergereihten Bergkesseln und in der längs des Ufers sich hinziehenden
+Kette felsiger Inseln Italien und Griechenland mehr scheidet als
+zusammenknüpft. Um die Stadt Delminium (an der Cettina bei Trigl) schloß sich
+hier die Eidgenossenschaft der Delmater oder Dalmater, deren Sitten rauh waren
+wie ihre Berge: während die Nachbarvölker bereits zu reicher Kulturentwicklung
+gelangt waren, kannte man in Dalmatien noch keine Münze und teilte den Acker,
+ohne daran ein Sondereigentum anzuerkennen, von acht zu acht Jahren neu auf
+unter die gemeinsässigen Leute. Land- und Seeraub waren die einzigen bei ihnen
+heimischen Gewerbe. Diese Völkerschaften hatten in früheren Zeiten in einem
+losen Abhängigkeitsverhältnis zu den Herren von Skodra gestanden und waren
+insofern mitbetroffen worden von den römischen Expeditionen gegen die Königin
+Teuta und Demetrios von Pharos; allein bei dem Regierungsantritt des Königs
+Genthios hatten sie sich losgemacht und waren dadurch dem Schicksal entgangen,
+das das südliche Illyrien in den Sturz des Makedonischen Reiches verflocht und
+es von Rom dauernd abhängig machte. Die Römer überließen die wenig lockende
+Landschaft gern sich selbst. Allein die Klagen der römischen Illyrier,
+namentlich der Daorser, die an der Narenta südlich von den Dalmatern wohnten,
+und der Bewohner der Insel Issa (Lissa), deren kontinentale Stationen Tragyrion
+(Trau) und Epetion (bei Spalato) von den Eingeborenen schwer zu leiden hatten,
+nötigten die römische Regierung, an diese eine Gesandtschaft abzuordnen und, da
+diese die Antwort zurückbrachte, daß die Dalmater um die Römer weder bisher
+sich gekümmert hätten noch künftig kümmern würden, im Jahre 598 (156) ein Heer
+unter dem Konsul Gaius Marcius Figulus dorthin zu senden. Er drang in Dalmatien
+ein, ward aber wieder zurückgedrängt bis auf das römische Gebiet. Erst sein
+Nachfolger Publius Scipio Nasica nahm 599 (155) die große und feste Stadt
+Delminium, worauf die Eidgenossenschaft sich zum Ziel legte und sich bekannte
+als den Römern untertänig. Indes war die arme und nur oberflächlich
+unterworfene Landschaft nicht wichtig genug, um als eigenes Amt verwaltet zu
+werden; man begnügte sich, wie man es schon für die wichtigeren Besitzungen in
+Epirus getan, sie von Italien aus mit dem diesseitigen Keltenland zugleich
+verwalten zu lassen; wobei es wenigstens als Regel auch dann blieb, als im
+Jahre 608 (146) die Provinz Makedonien eingerichtet und deren nordöstliche
+Grenze nördlich von Skodra festgestellt worden war 5.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+5 3, 49. Die Pirusten in den Tälern des Drin gehörten zur Provinz Makedonien,
+streiften aber hinüber in das benachbarte Illyricum (Caes. Gall. 5, 1).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Aber ebendiese Umwandlung Makedoniens in eine von Rom unmittelbar abhängige
+Landschaft gab den Beziehungen Roms zu den Völkern im Nordosten größere
+Bedeutung, indem sie den Römern die Verpflichtung auferlegte, die überall
+offene Nord- und Ostgrenze gegen die angrenzenden barbarischen Stämme zu
+verteidigen; und in ähnlicher Weise ging nicht lange darauf (621 133) durch die
+Erwerbung des bisher zum Reich der Attaliden gehörigen Thrakischen Chersones
+(Halbinsel von Gallipoli) die bisher den Königen von Pergamon obliegende
+Verpflichtung, die Hellenen hier gegen die Thraker zu schützen, gleichfalls auf
+die Römer über. Von der zwiefachen Basis aus, die das Potal und die
+makedonische Landschaft darboten, konnten die Römer jetzt ernstlich gegen das
+Quellgebiet des Rheins und die Donau vorgehen und der nördlichen Gebirge
+wenigstens insoweit sich bemächtigen, als die Sicherheit der südlichen
+Landschaften es erforderte. Auch in diesen Gegenden war damals die mächtigste
+Nation das große Keltenvolk, welches der einheimischen Sage zufolge aus seinen
+Sitzen am westlichen Ozean sich um dieselbe Zeit südlich der Hauptalpenkette in
+das Potal und nördlich derselben in die Landschaften am oberen Rhein und an der
+Donau ergossen hatte. Von ihren Stämmen saßen auf beiden Ufern des Oberrheins
+die mächtigen, reichen und, da sie mit den Römern nirgends sich unmittelbar
+berührten, mit ihnen in Frieden und Vertrag lebenden Helvetier, die damals vom
+Genfer See bis zum Main sich erstreckend die heutige Schweiz, Schwaben und
+Franken innegehabt zu haben scheinen. Mit ihnen grenzten die Boier, deren Sitze
+das heutige Bayern und Böhmen gewesen sein mögen 6. Südöstlich von ihnen
+begegnen wir einem anderen Keltenstamm, der in der Steiermark und Kärnten unter
+dem Namen der Taurisker, später der Noriker, in Friaul, Krain, Istrien unter
+dem der Karner auftritt. Ihre Stadt Noreia (unweit St. Veit nördlich von
+Klagenfurt) war blühend und weitbekannt durch die schon damals in dieser Gegend
+eifrig betriebenen Eisengruben; mehr noch wurden eben in dieser Zeit die
+Italiker dorthin gelockt durch die dort zu Tage gekommenen reichen Goldlager,
+bis die Eingeborenen sie ausschlossen und dies Kalifornien der damaligen Zeit
+für sich allein nahmen. Diese zu beiden Seiten der Alpen sich ergießenden
+keltischen Schwärme hatten nach ihrer Art vorwiegend nur das Flach- und
+Hügelland besetzt; die eigentliche Alpenlandschaft und ebenso das Gebiet der
+Etsch und des unteren Po war von ihnen unbesetzt und in den Händen der früher
+dort einheimischen Bevölkerung geblieben, welche, ohne daß über ihre
+Nationalität bis jetzt etwas Sicheres zu ermitteln gelungen wäre, unter dem
+Namen der Räter in den Gebirgen der Ostschweiz und Tirols, unten dem der
+Euganeer und Veneter um Padua und Venedig auftreten, so daß an diesem letzten
+Punkt die beiden großen Keltenströme fast sich berühren und nur ein schmaler
+Streif eingeborener Bevölkerung die keltischen Cenomaner um Brescia von den
+keltischen Karnern in Friaul scheidet. Die Euganeer und Veneter waren längst
+friedliche Untertanen der Römer; dagegen die eigentlichen Alpenvölker waren
+nicht bloß noch frei, sondern machten auch von ihren Bergen herab regelmäßig
+Streifzüge in die Ebene zwischen den Alpen und dem Po, wo sie sich nicht
+begnügten zu brandschatzen, sondern auch in den eingenommenen Ortschaften mit
+fürchterlicher Grausamkeit hausten und nicht selten die ganze männliche
+Bevölkerung bis zum Kinde in den Windeln niedermachten - vermutlich die
+tatsächliche Antwort auf die römischen Razzias in den Alpentälern. Wie
+gefährlich diese rätischen Einfälle waren, zeigt, daß einer derselben um das
+Jahr 660 (94) die ansehnliche Ortschaft Comum zugrunde richtete. Wenn bereits
+diese auf und jenseits der Alpenkette sitzenden keltischen und nichtkeltischen
+Stämme vielfach sich gemischt haben mögen, so ist die Völkermengung, wie
+begreiflich, noch in viel umfassenderer Weise eingetreten in den Landschaften
+an der unteren Donau, wo nicht, wie in den westlicheren, die hohen Gebirge als
+natürliche Scheidewände dienen. Die ursprünglich illyrische Bevölkerung, deren
+letzter reiner Überrest die heutigen Albanesen zu sein scheinen, war
+durchgängig wenigstens im Binnenland stark gemengt mit keltischen Elementen und
+die keltische Bewaffnung und Kriegsweise hier wohl überall eingeführt. Zunächst
+an die Taurisker schlossen sich die Japyden, die auf den Julischen Alpen im
+heutigen Kroatien bis hinab nach Fiume und Zeng saßen, ein ursprünglich wohl
+illyrischer, aber stark mit Kelten gemischter Stamm. An sie grenzten im Litoral
+die schon genannten Dalmater, in deren rauhe Gebirge die Kelten nicht
+eingedrungen zu sein scheinen; im Binnenland dagegen waren die keltischen
+Skordisker, denen das ehemals hier vor allem mächtige Volk der Triballer
+erlegen war und die schon in den Keltenzügen nach Delphi eine Hauptrolle
+gespielt hatten, an der unteren Save bis zur Morawa im heutigen Bosnien und
+Serbien um diese Zeit die führende Nation, die weit und breit nach Mösien,
+Thrakien und Makedonien streifte und von deren wilder Tapferkeit und grausamen
+Sitten man sich schreckliche Dinge erzählte. Ihr Hauptwaffenplatz war das feste
+Segestica oder Siscia an der Mündung der Kulpa in die Save. Die Völker, die
+damals in Ungarn, Siebenbürgen, Rumänien, Bulgarien saßen, blieben für jetzt
+noch außerhalb des Gesichtskreises der Römer; nur mit den Thrakern berührte man
+sich an der Ostgrenze Makedoniens in den Rhodopegebirgen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+6 &ldquo;Zwischen dem Herkynischen Walde (d. h. hier wohl der Rauhen Alb), dem
+Rhein und dem Main wohnten die Helvetier&rdquo;, sagt Tacitus (Germ. 28),
+&ldquo;weiterhin die Boier.&rdquo; Auch Poseidonios (bei Strabon 7, 293) gibt
+an, daß die Boier zu der Zeit, wo sie die Kimbrer abschlugen, den Herkynischen
+Wald bewohnten, d. h. die Gebirge von der Rauhen Alb bis zum Böhmerwald. Wenn
+Caesar sie &ldquo;jenseits des Rheines&rdquo; versetzt (Gall. 1, 5), so ist
+dies damit nicht im Widerspruch, denn da er hier von helvetischen Verhältnissen
+ausgeht, kann er sehr wohl die Landschaft nordöstlich vom Bodensee meinen;
+womit vollkommen übereinstimmt, daß Strabon die ehemals boische Landschaft als
+dem Bodensee angrenzend bezeichnet, nur daß er nicht ganz genau als Anwohner
+des Bodensees die Vindeliker daneben nennt, da diese sich dort erst
+festsetzten, nachdem die Boier diese Striche geräumt hatten. Aus diesen ihren
+Sitzen waren die Boier von den Markomannen und anderen deutschen Stämmen schon
+vor Poseidonios&rsquo; Zeit, also vor 650 (100) vertrieben; Splitter derselben
+irrten zu Caesars Zeit in Kärnten umher (Caes. Gall. 1, 5) und kamen von da zu
+den Helvetiern und in das westliche Gallien; ein anderer Schwarm fand neue
+Sitze am Plattensee, wo er dann von den Geten vernichtet ward, die Landschaft
+aber, die sogenannte &ldquo;boische Einöde&rdquo;, den Namen dieses
+geplagtesten aller keltischen Völker bewahrte. Vgl. 2, 193 A.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Es wäre für eine kräftigere Regierung, als die damalige römische es war, keine
+leichte Aufgabe gewesen, gegen diese weiten und barbarischen Gebiete eine
+geordnete und ausreichende Grenzverteidigung einzurichten; was unter den
+Auspizien der Restaurationsregierung für den wichtigen Zweck geschah, genügt
+auch den mäßigsten Anforderungen nicht. An Expeditionen gegen die Alpenbewohner
+scheint es nicht gefehlt zu haben; im Jahre 636 (118) ward triumphiert über die
+Stöner, die in den Bergen oberhalb Verona gesessen haben dürften; im Jahre 659
+(95) ließ der Konsul Lucius Crassus die Alpentäler weit und breit durchstöbern
+und die Einwohner niedermachen, und dennoch gelang es ihm nicht, derselben
+genug zu erschlagen, um einen Dorftriumph feiern und mit seinem Rednerruhm den
+Siegerlorbeer paaren zu können. Allein da man es bei derartigen Razzias
+bewenden ließ, die die Eingeborenen nur erbitterten, ohne sie unschädlich zu
+machen, und, wie es scheint, nach jedem solchen Überlauf die Truppen wieder
+wegzog, so blieb der Zustand in der Landschaft jenseits des Po im wesentlichen,
+wie er war.
+</p>
+
+<p>
+Auf der entgegengesetzten Grenze in Thrakien scheint man sich wenig um die
+Nachbarn bekümmert zu haben; kaum daß im Jahre 651 (103) Gefechte mit den
+Thrakern, im Jahre 657 (97) andere mit den Mädern in den Grenzgebirgen zwischen
+Makedonien und Thrakien erwähnt werden.
+</p>
+
+<p>
+Ernstlichere Kämpfe fanden statt im illyrischen Land, wo über die unruhigen
+Dalmater von den Nachbarn und den Schiffern auf der Adriatischen See beständig
+Beschwerde geführt ward; und an der völlig offenen Nordgrenze Makedoniens,
+welche nach dem bezeichnenden Ausdruck eines Römers so weit ging als die
+römischen Schwerter und Speere reichten, ruhten die Kämpfe mit den Nachbarn
+niemals. Im Jahre 619 (135) ward ein Zug gemacht gegen die Ardyäer oder Vardäer
+und die Pleräer oder Paralier, eine dalmatische Völkerschaft in dem Litoral
+nördlich der Narentamündung, die nicht aufhörte, auf dem Meer und an der
+gegenüberliegenden Küste Unfug zu treiben; auf Geheiß der Römer siedelten sie
+von der Küste weg im Binnenland, der heutigen Herzegowina, sich an und begannen
+den Acker zu bauen, verkümmerten aber in der rauben Gegend bei dem ungewohnten
+Beruf. Gleichzeitig ward von Makedonien aus ein Angriff gegen die Skordisker
+gerichtet, die vermutlich mit den angegriffenen Küstenbewohnern
+gemeinschaftliche Sache gemacht hatten. Bald darauf (625 129) demütigte der
+Konsul Tuditanus in Verbindung mit dem tüchtigen Decimus Brutus, dem Bezwinger
+der spanischen Callaeker, die Japyden und trug, nachdem er anfänglich eine
+Niederlage erlitten, schließlich die römischen Waffen tief nach Dalmatien
+hinein bis an den Kerkafluß, 25 deutsche Meilen abwärts von Aquileia; die
+Japyden erscheinen fortan als eine befriedete und mit Rom in Freundschaft
+lebende Nation. Dennoch erhoben zehn Jahre später (635 119) die Dalmater sich
+aufs neue, abermals in Gemeinschaft mit den Skordiskern. Während gegen diese
+der Konsul Lucius Cotta kämpfte und dabei, wie es scheint, bis Segestica
+vordrang, zog gegen die Dalmater sein Kollege, der ältere Bruder des Besiegten
+von Numidien, Lucius Metellus, seitdem der Dalmatiker genannt, überwand sie und
+überwinterte in Salona (Spalato), welche Stadt fortan als der Hauptwaffenplatz
+der Römer in dieser Gegend erscheint. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß in
+diese Zeit auch die Anlage der Gabinischen Chaussee fällt, die von Salona in
+östlicher Richtung nach Andetrium (bei Much) und von da weiter landeinwärts
+führte. Mehr den Charakter des Eroberungskrieges trug die Expedition des
+Konsuls des Jahres 539 (115), Marcus Aemilius Scaurus, gegen die Taurisker 7;
+er überstieg, der erste unter den Römern, die Kette der Ostalpen an ihrer
+niedrigsten Senkung zwischen Triest und Laibach und schloß mit den Tauriskern
+Gastfreundschaft, wodurch der nicht unwichtige Handelsverkehr gesichert ward,
+ohne daß doch die Römer, wie eine förmliche Unterwerfung dies nach sich gezogen
+haben würde, in die Völkerbewegungen nordwärts der Alpen hineingezogen worden
+wären.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+7 Galli Karni heißen sie in den Triumphalfasten, Ligures Taurisci (denn so ist
+statt des überlieferten Ligures et Cauristi zu schreiben) bei Victor.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Von den fast verschollenen Kämpfen mit den Skordiskern ist durch einen kürzlich
+in der Nähe von Thessalonike zum Vorschein gekommenen Denkstein aus dem Jahr
+Roms 636 (118) ein auch in seiner Vereinzelung deutlich redendes Blatt wieder
+zum Vorschein gekommen. Danach fiel in diesem Jahr der Statthalter Makedoniens
+Sextus Pompeius bei Argos (unweit Stobi am oberen Axios oder Vardar) in einer
+diesen Kelten gelieferten Schlacht; und nachdem dessen Quästor Marcus Annius
+mit seinen Truppen herbeigekommen und der Feinde einigermaßen Herr geworden
+war, brachen bald darauf dieselben Kelten in Verbindung mit dem König der Mäder
+(am oberen Strymon) Tipas in noch größeren Massen abermals ein, und mit Mühe
+erwehrten sich die Römer der andringenden Barbaren 8. Die Dinge nahmen bald
+eine so drohende Gestalt an, daß es nötig wurde, konsularische Heere nach
+Makedonien zu entsenden 9. Wenige Jahre darauf wurde der Konsul des Jahres 640
+(114), Gaius Porcius Cato, in den serbischen Gebirgen von denselben Skordiskern
+überfallen und sein Heer vollständig aufgerieben, während er selbst mit wenigen
+schimpflich entfloh; mühsam schirmte der Prätor Marcus Didius die römische
+Grenze. Glücklicher fochten seine Nachfolger Gaius Metellus Caprarius (641, 642
+113, 112), Marcus Livius Drusus (642, 643 112, 111), der erste römische
+Feldherr, der die Donau erreichte, und Quintus Minucius Rufus (644-647
+110-107), der die Waffen längs der Morawa ^10 trug und die Skordisker
+nachdrücklich schlug. Aber nichtsdestoweniger fielen sie bald nachher, im Bunde
+wieder mit den Mädern und den Dardanern, in das römische Gebiet und plünderten
+sogar das delphische Heiligtum; erst da machte Lucius Scipio dem
+zweiunddreißigjährigen Skordiskerkrieg ein Ende und trieb den Rest hinüber auf
+das linke Ufer der Donau ^11. Seitdem beginnen an ihrer Stelle die
+ebengenannten Dardaner (in Serbien) in dem Gebiet zwischen der Nordgrenze
+Makedoniens und der Donau die erste Rolle zu spielen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+8 Der Quästor von Makedonien M. Annius P. f., dem die Stadt Lete (Aivati, 4
+Stadien nordwestlich von Thessalonike) im Jahre 29 der Provinz, der Stadt 636
+(118) diesen Denkstein setzte (SIG 247), ist sonst nicht bekannt; der Prätor
+Sex. Pompeius, dessen Fall darin erwähnt wird, kann kein anderer sein als der
+Großvater des Pompeius, mit dem Caesar stritt, der Schwager des Dichters
+Lucilius. Die Feinde werden bezeichnet als Γαλατών έθνος. Es wird
+hervorgehoben, daß Annius aus Schonung gegen die Provinzialen es unterließ,
+ihre Kontingente aufzubieten und mit den römischen Truppen allein die Barbaren
+zurücktrieb. Allem Anschein nach hat Makedonien schon damals eine faktisch
+stehende römische Besatzung erfordert.
+</p>
+
+<p>
+9 Ist Quintus Fabius Maximus Eburnus, Konsul 638 (116) nach Makedonien gegangen
+(CIG 1534; A. Zumpt, Commentationes epigraphicae. Bd. z. Berlin 1854, S. 167),
+so muß auch er dort einen Mißerfolg erlitten haben, da Cicero (Pis. 16, 38)
+sagt: ex (Macedonia) aliquot praetorio imperio, consulari quidem nemo rediit,
+qui incolumis fuerit, quin triumpharit; denn die für diese Epoche vollständige
+Triumphalliste kennt nur die drei makedonischen Triumphe des Metellus 643
+(111), des Drusus 644 (110) und des Minucius 648 (106).
+</p>
+
+<p>
+^10 Da nach Frontinus (grom. 2, 4, 3), Velleius und Eutrop die von Minucius
+besiegte Völkerschaft die Skordisker waren, so kann es nur ein Fehler von
+Florus sein, daß er statt des Margos (Morawa) den Hebros (die Maritza) nennt.
+</p>
+
+<p>
+^11 Von dieser Vernichtung der Skordisker, während die Mäder und Dardaner zum
+Vertrag zugelassen wurden, berichtet Appian (Ill. 5), und in der Tat sind
+seitdem die Skordisker aus dieser Gegend verschwunden. Wenn die schließliche
+Überwältigung im 32. Jahr από τής πρώτης εις Κελτούς πείρας stattgefunden hat,
+so scheint dies von einem zweiunddreißigjährigen Krieg zwischen den Römern und
+den Skordiskern verstanden werden zu müssen, dessen Beginn vermutlich nicht
+lange nach der Konstituierung der Provinz Makedonien (608 146) fällt und von
+dem die oben verzeichneten Waffenereignisse (636-647 118-107) ein Teil sind.
+Daß die Überwindung kurz vor dem Ausbruch der italischen Bürgerkriege, also
+wohl spätestens 663 (91) erfolgt ist, geht aus Appians Erzählung hervor. Sie
+fällt zwischen 650 (104) und 656 (98), wenn ihr ein Triumph gefolgt ist, denn
+vor- und nachher ist das Triumphalverzeichnis vollständig; indes ist es
+möglich, daß es aus irgendeinem Grund zum Triumph nicht kam. Der Sieger ist
+weiter nicht bekannt; vielleicht ist es kein anderer als der Konsul des Jahres
+671 (83), da dieser infolge der cinnanisch-marianischen Wirren füglich
+verspätet zum Konsulat gelangt sein kann.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Indes diese Siege hatten eine Folge, welche die Sieger nicht ahnten. Schon seit
+längerer Zeit irrte ein &ldquo;unstetes Volk&rdquo; an dem nördlichen Saum der
+zu beiden Seiten der Donau von den Kelten eingenommenen Landschaft. Sie nannten
+sich die Kimbrer, das heißt die Chempho, die Kämpen oder, wie ihre Feinde
+übersetzten, die Räuber, welche Benennung indes allem Anschein nach schon vor
+ihrem Auszug zum Volksnamen geworden war. Sie kamen aus dem Norden und stießen
+unter den Kelten zuerst, soweit bekannt, auf die Boier, wahrscheinlich in
+Böhmen. Genaueres über die Ursache und die Richtung ihrer Heerfahrt haben die
+Zeitgenossen aufzuzeichnen versäumt ^12 und kann auch durch keine Mutmaßung
+ergänzt werden, da die derzeitigen Zustände nördlich von Böhmen und dem Main
+und östlich vom unteren Rheine unseren Blicken sich vollständig entziehen.
+Dagegen dafür, daß die Kimbrer und nicht minder der ihnen später sich
+anschließende gleichartige Schwarm der Teutonen ihrem Kerne nach nicht der
+keltischen Nation angehören, der die Römer sie anfänglich zurechneten, sondern
+der deutschen, sprechen die bestimmtesten Tatsachen: das Erscheinen zweier
+kleiner gleichnamiger Stämme, allem Anschein nach in den Ursitzen
+zurückgebliebener Reste, der Kimbrer im heutigen Dänemark, der Teutonen im
+nordöstlichen Deutschland in der Nähe der Ostsee, wo ihrer schon Alexanders des
+Großen Zeitgenosse Pytheas bei Gelegenheit des Bernsteinhandels gedenkt; die
+Verzeichnung der Kimbrer und Teutonen in der germanischen Völkertafel unter den
+Ingävonen neben den Chaukern; das Urteil Caesars, der zuerst die Römer den
+Unterschied der Deutschen und der Kelten kennen lehrte und die Kimbrer, deren
+er selbst noch manchen gesehen haben muß, den Deutschen beizählt; endlich die
+Völkernamen selbst und die Angaben über ihre Körperbildung und ihr sonstiges
+Wesen, die zwar auf die Nordländer überhaupt, aber doch vorwiegend auf die
+Deutschen passen. Andererseits ist es begreiflich, daß ein solcher Schwarm,
+nachdem er vielleicht Jahrzehnte auf der Wanderschaft sich befunden und auf
+seinen Zügen an und in dem Keltenland ohne Zweifel jeden Waffenbruder, der sich
+anschloß, willkommen geheißen hatte, eine Menge keltischer Elemente in sich
+schloß; so daß es nicht befremdet, wenn Männer keltischen Namens an der Spitze
+der Kimbrer stehen oder wenn die Römer sich keltisch redender Spione bedienen,
+um bei ihnen zu kundschaften. Es war ein wunderbarer Zug, dessengleichen die
+Römer noch nicht gesehen hatten; nicht eine Raubfahrt reisiger Leute, auch
+nicht ein &ldquo;heiliger Lenz&rdquo; in die Fremde wandernder junger
+Mannschaft, sondern ein wanderndes Volk, das mit Weib und Kind, mit Habe und
+Gut auszog, eine neue Heimat sich zu suchen. Der Karren, der überall bei den
+noch nicht völlig seßhaft gewordenen Völkern des Nordens eine andere Bedeutung
+hatte als bei den Hellenen und den Italikern und auch von den Kelten
+durchgängig ins Lager mitgeführt ward, war hier gleichsam das Haus, wo unter
+dem übergespannten Lederdach neben dem Gerät Platz sich fand für die Frau und
+die Kinder und selbst für den Haushund. Die Südländer sahen mit Verwunderung
+diese hohen schlanken Gestalten mit den tiefblonden Locken und den hellblauen
+Augen, die derben stattlichen Frauen, die den Männern an Größe und Stärke wenig
+nachgaben, die Kinder mit dem Greisenhaar, wie die Italiener verwundert die
+flachsköpfigen Jungen des Nordlandes bezeichneten. Das Kriegswesen war
+wesentlich das der Kelten dieser Zeit, die nicht mehr, wie einst die
+italischen, barhäuptig und bloß mit Schwert und Dolch fochten, sondern mit
+kupfernen, oft reichgeschmückten Helmen und mit einer eigentümlichen Wurfwaffe,
+der Materis; daneben war das große Schwert geblieben und der lange schmale
+Schild, neben dem man auch wohl noch einen Panzer trug. An Reiterei fehlte es
+nicht; doch waren die Römer in dieser Waffe ihnen überlegen. Die
+Schlachtordnung war wie früher eine rohe, angeblich ebensoviel Glieder tief wie
+breit gestellte Phalanx, deren erstes Glied in gefährlichen Gefechten nicht
+selten die metallenen Leibgürtel mit Stricken zusammenknüpfte. Die Sitten waren
+rauh. Das Fleisch ward häufig roh verschlungen. Heerkönig war der tapferste und
+womöglich der längste Mann. Nicht selten ward, nach Art der Kelten und
+überhaupt der Barbaren, Tag und Ort des Kampfes vorher mit dem Feinde
+ausgemacht, auch wohl vor dem Beginn der Schlacht ein einzelner Gegner zum
+Zweikampf herausgefordert. Die Einleitung zum Kampf machten Verhöhnungen des
+Feindes durch unschickliche Gebärden und ein entsetzliches Gelärm, indem die
+Männer ihr Schlachtgebrüll erhoben und die Frauen und Kinder durch Rufpauken
+auf die ledernen Wagendeckel nachhalfen. Der Kimbrer focht tapfer - galt ihm
+doch der Tod auf dem Bett der Ehre als der einzige, der des freien Mannes
+würdig war -, allein nach dem Siege hielt er sich schadlos durch die wildeste
+Bestialität und verhieß auch wohl im voraus den Schlachtgöttern, darzubringen,
+was der Sieg in die Gewalt der Sieger geben würde. Dann wurden die Geräte
+zerschlagen, die Pferde getötet, die Gefangenen aufgeknüpft oder nur
+aufbehalten, um den Göttern geopfert zu werden. Es waren die Priesterinnen,
+greise Frauen in weißen linnenen Gewändern und unbeschuht, die wie Iphigeneia
+im Skythenland diese Opfer vollzogen und aus dem rinnenden Blut des geopferten
+Kriegsgefangenen oder Verbrechers die Zukunft wiesen. Wieviel von diesen Sitten
+allgemeiner Brauch der nordischen Barbaren, wieviel von den Kelten entlehnt,
+wie viel deutsches Eigen sei, wird sich nicht ausmachen lassen; nur die Weise,
+nicht durch Priester, sondern durch Priesterinnen das Heer geleiten und leiten
+zu lassen, darf als unzweifelhaft deutsche Art angesprochen werden. So zogen
+die Kimbrer hinein in das unbekannte Land, ein ungeheures Knäuel mannigfaltigen
+Volkes, das um einen Kern deutscher Auswanderer von der Ostsee sich
+zusammengeballt hatte, nicht unvergleichbar den Emigrantenmassen, die in
+unseren Zeiten ähnlich belastet und ähnlich gemischt und nicht viel minder ins
+Blaue hinein übers Meer fahren; ihre schwerfällige Wagenburg mit der
+Gewandtheit, die ein langes Wanderleben gibt, hinüberführend über Ströme und
+Gebirge, gefährlich den zivilisierteren Nationen wie die Meereswoge und die
+Windsbraut, aber wie diese latinisch und unberechenbar, bald rasch vordringend,
+bald plötzlich stockend oder seitwärts und rückwärts sich wendend. Wie ein
+Blitz kamen und trafen sie; wie ein Blitz waren sie verschwunden, und es fand
+sich leider in der unlebendigen Zeit, in der sie erschienen, kein Beobachter,
+der es wert gehalten hätte, das wunderbare Meteor genau abzuschildern. Als man
+später anfing, die Kette zu ahnen, von welcher diese Heerfahrt, die erste
+deutsche, die den Kreis der antiken Zivilisation berührt hat, ein Glied ist,
+war die unmittelbare und lebendige Kunde von derselben lange verschollen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^12 Denn der Bericht, daß an den Küsten der Nordsee durch Sturmfluten große
+Landschaften weggerissen und dadurch die massenhafte Auswanderung der Kimbrer
+veranlaßt worden sei (Strab. 7, 293), erscheint zwar uns nicht wie denen, die
+ihn aufzeichneten, märchenhaft, allein ob er auf Überlieferung oder Vermutung
+sich gründet, ist doch nicht zu entscheiden.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Dies heimatlose Volk der Kimbrer, das bisher von den Kelten an der Donau,
+namentlich den Boiern verhindert worden war, nach Süden vorzudringen,
+durchbrach diese Schranke infolge der von den Römern gegen die Donaukelten
+gerichteten Angriffe, sei es nun, daß die Donaukelten die kimbrischen Gegner zu
+Hilfe riefen gegen die vordringenden Legionen, oder daß jene durch den Angriff
+der Römer verhindert wurden, ihre Nordgrenzen so wie bisher zu schirmen. Durch
+das Gebiet der Skordisker einrückend in das Tauriskerland, näherten sie im
+Jahre 641 (113) sich den Krainer Alpenpässen, zu deren Deckung der Konsul
+Gnaeus Papirius Carbo auf den Höhen unweit Aquileia sich aufstellte. Hier
+hatten siebzig Jahre zuvor keltische Stämme sich diesseits der Alpen
+anzusiedeln versucht, aber auf Geheiß der Römer den schon okkupierten Boden
+ohne Widerstand geräumt; auch jetzt erwies die Furcht der transalpinischen
+Völker vor dem römischen Namen sich mächtig. Die Kimbrer griffen nicht an; ja
+sie fügten sich, als Carbo sie das Gebiet der Gastfreunde Roms, der Taurisker,
+räumen hieß, wozu der Vertrag mit diesen ihn keineswegs verpflichtete, und
+folgten den Führern, die ihnen Carbo gegeben hatte, um sie über die Grenze zu
+geleiten. Allein diese Führer waren vielmehr angewiesen, die Kimbrer in einen
+Hinterhalt zu locken, wo der Konsul ihrer wartete. So kam es unweit Noreia im
+heutigen Kärnten zum Kampf, in dem die Verratenen über den Verräter siegten und
+ihm beträchtlichen Verlust beibrachten; nur ein Unwetter, das die Kämpfenden
+trennte, verhinderte die vollständige Vernichtung der römischen Armee. Die
+Kimbrer hätten sogleich ihren Angriff gegen Italien richten können; sie zogen
+es vor, sich westwärts zu wenden. Mehr durch Vertrag mit den Helvetiern und den
+Sequanern als durch Gewalt der Waffen eröffneten sie sich den Weg auf das linke
+Rheinufer und über den Jura und bedrohten hier einige Jahre nach Carbos
+Niederlage abermals in nächster Nähe das römische Gebiet. Die Rheingrenze und
+das zunächst gefährdete Gebiet der Allobrogen zu decken, erschien 645 (109) im
+südlichen Gallien ein römisches Heer unter Marcus Iunius Silanus. Die Kimbrer
+baten, ihnen Land anzuweisen, wo sie friedlich sich niederlassen könnten - eine
+Bitte, die sich allerdings nicht gewähren ließ. Der Konsul griff statt aller
+Antwort sie an; er ward vollständig geschlagen und das römische Lager erobert.
+Die neuen Aushebungen, welche durch diesen Unfall veranlaßt wurden, stießen
+bereits auf so große Schwierigkeit, daß der Senat deshalb die Aufhebung der
+vermutlich von Gaius Gracchus herrührenden, die Verpflichtung zum Kriegsdienst
+der Zeit nach einschränkenden Gesetze bewirkte. Indes die Kimbrer, statt ihren
+Sieg gegen die Römer zu verfolgen, sandten an den Senat nach Rom, die Bitte um
+Anweisung von Land zu wiederholen, und beschäftigten sich inzwischen, wie es
+scheint, mit der Unterwerfung der umliegenden keltischen Kantone. So hatten vor
+den Deutschen die römische Provinz und die neue römische Armee für den
+Augenblick Ruhe; dagegen stand ein neuer Feind auf im Keltenland selbst. Die
+Helvetier, die in den steten Kämpfen mit ihren nordöstlichen Nachbarn viel zu
+leiden hatten, fühlten durch das Beispiel der Kimbrer sich gereizt, gleichfalls
+im westlichen Gallien sich ruhigere und fruchtbarere Sitze zu suchen, und
+hatten vielleicht schon, als die Kimbrerscharen durch ihr Land zogen, sich dazu
+mit ihnen verbündet; jetzt überschritten unter Divicos Führung die Mannschaften
+der Tougener (unbekannter Lage) und der Tigoriner (am See von Murten) den Jura
+^13 und gelangten bis in das Gebiet der Nitiobrogen (um Agen an der Garonne).
+Das römische Heer unter dem Konsul Lucius Cassius Longinus, auf das sie hier
+stießen, ließ sich von den Helvetiern in einen Hinterhalt locken, wobei der
+Feldherr selber und sein Legat, der Konsular Lucius Piso, mit dem größten Teil
+der Soldaten ihren Tod fanden; der interimistische Oberbefehlshaber der
+Mannschaft, die sich in das Lager gerettet hatte, Gaius Popillius, kapitulierte
+auf Abzug unter dem Joch gegen Auslieferung der Hälfte der Habe, die die
+Truppen mit sich führten, und Stellung von Geiseln (647 107). So bedenklich
+standen die Dinge für die Römer, daß in ihrer eigenen Provinz eine der
+wichtigsten Städte, Tolosa, sich gegen sie erhob und die römische Besatzung in
+Fesseln schlug.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^13 Die gewöhnliche Annahme, daß die Tougener und Tigoriner mit den Kimbrern
+zugleich in Gallien eingerückt seien, läßt sich auf Strabon 7, 293 nicht
+stützen und stimmt wenig zu dem gesonderten Auftreten der Helvetier. Die
+Überlieferung über diesen Krieg ist übrigens in einer Weise trümmerhaft, daß
+eine zusammenhängende Geschichtserzählung, völlig wie bei den Samnitischen
+Kriegen, nur Anspruch machen kann auf ungefähre Richtigkeit.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————
+</p>
+
+<p>
+Indes da die Kimbrer fortfuhren, sich anderswo zu tun zu machen und auch die
+Helvetier vorläufig die römische Provinz nicht weiter belästigten, hatte der
+neue römische Oberfeldherr Quintus Servilius Caepio volle Zeit, sich der Stadt
+Tolosa durch Verrat wieder zu bemächtigen und das alte und berühmte Heiligtum
+des Keltischen Apollon von den darin aufgehäuften ungeheuren Schätzen mit Muße
+zu leeren - ein erwünschter Gewinn für die bedrängte Staatskasse, nur daß
+leider die Gold- und Silberfässer auf dem Wege von Tolosa nach Massalia der
+schwachen Bedeckung durch einen Räuberhaufen abgenommen wurden und spurlos
+verschwanden; wie es hieß, waren die Anstifter dieses Überfalles der Konsul
+selbst und sein Stab (648 106). Inzwischen beschränkte man sich gegen den
+Hauptfeind auf die strengste Defensive und hütete mit drei starken Heeren die
+römische Provinz, bis es den Kimbrern gefallen würde, den Angriff zu
+wiederholen. Sie kamen im Jahre 649 (105) unter ihrem König Boiorix, diesmal
+ernstlich denkend an einen Einfall in Italien. Gegen sie befehligte am rechten
+Rhoneufer der Prokonsul Caepio, am linken der Konsul Gnaeus Mallius Maximus und
+unter ihm, an der Spitze eines abgesonderten Korps, sein Legat, der Konsular
+Marcus Aurelius Scaurus. Der erste Angriff traf diesen: er ward völlig
+geschlagen und selbst gefangen in das feindliche Hauptquartier gebracht, wo der
+kimbrische König, erzürnt über die stolze Warnung des gefangenen Römers, sich
+nicht mit seinem Heer nach Italien zu wagen, ihn niederstieß. Maximus befahl
+darauf seinem Kollegen, sein Heer über die Rhone zu führen; widerwillig sich
+fügend erschien dieser endlich bei Arausio (Orange) am linken Ufer des Flusses,
+wo nun die ganze römische Streitmacht dem Kimbrerheer gegenüberstand und ihm
+durch ihre ansehnliche Zahl so imponiert haben soll, daß die Kimbrer anfingen
+zu unterhandeln. Allein die beiden Führer lebten im heftigsten Zerwürfnis.
+Maximus, ein geringer und unfähiger Mann, war als Konsul seinem stolzeren und
+besser geborenen, aber nicht besser gearteten prokonsularischen Kollegen Caepio
+von Rechts wegen übergeordnet; allein dieser weigerte sich, ein
+gemeinschaftliches Lager zu beziehen und gemeinschaftlich die Operationen zu
+beraten, und behauptete nach wie vor sein selbständiges Kommando. Vergeblich
+versuchten Abgeordnete des römischen Senats eine Ausgleichung zu bewirken; auch
+eine persönliche Zusammenkunft der Feldherren, welche die Offiziere erzwangen,
+erweiterte nur den Riß. Als Caepio den Maximus mit den Boten der Kimbrer
+verhandeln sah, meinte er diesen im Begriff, die Ehre ihrer Unterwerfung allein
+zu gewinnen, und warf mit seinem Heerteil allein sich schleunigst auf den
+Feind. Er ward völlig vernichtet, so daß auch das Lager dem Feinde in die Hände
+fiel (6. Oktober 649 105); und sein Untergang zog die nicht minder vollständige
+Niederlage der zweiten römischen Armee nach sich. Es sollen 80000 römische
+Soldaten und halb soviel von dem ungeheuren und unbehilflichen Troß gefallen,
+nur zehn Mann entkommen sein - so viel ist gewiß, daß es nur wenigen von den
+beiden Heeren gelang, sich zu retten, da die Römer mit dem Fluß im Rücken
+gefochten hatten. Es war eine Katastrophe, die materiell und moralisch den Tag
+von Cannae weit überbot. Die Niederlagen des Carbo, des Silanus, des Longinus
+waren an den Italikern ohne nachhaltigen Eindruck vorübergegangen. Man war es
+schon gewohnt, jeden Krieg mit Unfällen zu eröffnen; die Unüberwindlichkeit der
+römischen Waffen stand so unerschütterlich fest, daß es überflüssig schien, die
+ziemlich zahlreichen Ausnahmen zu beachten. Die Schlacht von Arausio aber, das
+den unverteidigten Alpenpässen in erschreckender Weise sich nähernde
+Kimbrerheer, die sowohl in der römischen Landschaft jenseits der Alpen als auch
+bei den Lusitanern aufs neue und verstärkt ausbrechende Insurrektion, der
+wehrlose Zustand Italiens rüttelten furchtbar auf aus diesen Träumen. Man
+gedachte wieder der nie völlig vergessenen Keltenstürme des vierten
+Jahrhunderts, des Tages an der Allia und des Brandes von Rom; mit der doppelten
+Gewalt zugleich ältester Erinnerung und frischester Angst kam der
+Gallierschreck über Italien; im ganzen Okzident schien man es inne zu werden,
+daß die Römerherrschaft anfange zu wanken. Wie nach der Cannensischen Schlacht
+wurde durch Senatsbeschluß die Trauerzeit abgekürzt ^14. Die neuen Werbungen
+stellten den drückendsten Menschenmangel heraus. Alle waffenfähigen Italiker
+mußten schwören, Italien nicht zu verlassen; die Kapitäne der in den italischen
+Häfen liegenden Schiffe wurden angewiesen, keinen dienstpflichtigen Mann an
+Bord zu nehmen. Es ist nicht zu sagen, was hätte kommen mögen, wenn die Kimbrer
+sogleich nach ihrem Doppelsieg durch die Alpenpforten in Italien eingerückt
+wären. Indes sie überschwemmten zunächst das Gebiet der Arverner, die mühsam in
+ihren Festungen der Feinde sich erwehrten, und zogen bald von da, der
+Belagerung müde, nicht nach Italien, sondern westwärts gegen die Pyrenäen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^14 Hierher gehört ohne Zweifel das Fragment Diodors Vat. p. 122.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wenn der erstarrte Organismus der römischen Politik noch aus sich selber zu
+einer heilsamen Krise gelangen konnte, so mußte sie jetzt eintreten, wo durch
+einen der wunderbaren Glücksfälle, an denen die Geschichte Roms so reich ist,
+die Gefahr nahe genug drohte, um alle Energie und allen Patriotismus in der
+Bürgerschaft aufzurütteln, und doch nicht so plötzlich hereinbrach, daß diesen
+Kräften kein Raum geblieben wäre, sich zu entwickeln. Allein es wiederholten
+sich nur ebendieselben Erscheinungen, die vier Jahre zuvor nach den
+afrikanischen Niederlagen eingetreten waren. In der Tat waren die afrikanischen
+und die gallischen Unfälle wesentlich gleicher Art. Es mag sein, daß zunächst
+jene mehr der Oligarchie im ganzen, diese mehr einzelnen Beamten zur Last
+fielen; allein die öffentliche Meinung erkannte mit Recht in beiden vor allen
+Dingen den Bankrott der Regierung, welche in fortschreitender Entwicklung
+zuerst die Ehre des Staats und jetzt bereits dessen Existenz in Frage stellte.
+Man täuschte sich damals so wenig wie jetzt über den wahren Sitz des Übels,
+allein jetzt so wenig wie damals brachte man es auch nur zu einem Versuch, an
+der rechten Stelle zu bessern. Man sah es wohl, daß das System die Schuld trug;
+aber man blieb auch diesmal dabei stehen, einzelne Personen zur Verantwortung
+zu ziehen - nur entlud freilich über den Häuptern der Oligarchie dies zweite
+Gewitter sich mit um so viel schwereren Schlägen, als die Katastrophe von 649
+(105) die von 645 (109) an Umfang und Gefährlichkeit übertraf. Das
+instinktmäßig sichere Gefühl des Publikums, daß es gegen die Oligarchie kein
+Mittel gebe als die Tyrannis, zeigte sich wiederum, indem dasselbe bereitwillig
+einging auf jeden Versuch namhafter Offiziere, der Regierung die Hand zu
+zwingen und unter dieser oder jener Form das oligarchische Regiment durch eine
+Diktatur zu stürzen.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst war es Quintus Caepio, gegen den die Angriffe sich richteten; mit
+Recht, insofern die Niederlage von Arausio zunächst durch seine Unbotmäßigkeit
+herbeigeführt war, auch abgesehen von der wahrscheinlich gegründeten, aber
+nicht erwiesenen Unterschlagung der tolosanischen Beute; indes trug zu der Wut,
+die die Opposition gegen ihn entwickelte, wesentlich auch das bei, daß er als
+Konsul einen Versuch gewagt hatte, den Kapitalisten die Geschworenenstellen zu
+entreißen. Um seinetwillen ward der alte ehrwürdige Grundsatz, auch im
+schlechtesten Gefäß die Heiligkeit des Amtes zu ehren, gebrochen und, während
+gegen den Urheber des cannensischen Unglückstages der Tadel in die stille Brust
+verschlossen worden war, der Urheber der Niederlage von Arausio durch
+Volksbeschluß des Prokonsulats entsetzt und - was seit den Krisen, in denen das
+Königtum untergegangen, nicht wieder vorgekommen war - sein Vermögen von der
+Staatskasse eingezogen (649? 105). Nicht lange nachher wurde derselbe durch
+einen zweiten Bürgerschluß aus dem Senat gestoßen (650 104). Aber dies genügte
+nicht; man wollte mehr Opfer und vor allem Caepios Blut. Eine Anzahl
+oppositionell gesinnter Volkstribune, an ihrer Spitze Lucius Appuleius
+Saturninus und Gaius Norbanus, beantragten im Jahre 651 (103) wegen des in
+Gallien begangenen Unterschleifs und Landesverrats ein Ausnahmegericht
+niederzusetzen; trotz der faktischen Abschaffung der Untersuchungshaft und der
+Todesstrafe für politische Vergehen wurde Caepio verhaftet und die Absicht
+unverhohlen ausgesprochen, das Todesurteil über ihn zu fällen und zu
+vollstrecken. Die Regierungspartei versuchte, durch tribunizische Interzession
+den Antrag zu beseitigen; allein die einsprechenden Tribune wurden mit Gewalt
+aus der Versammlung verjagt und bei dem heftigen Auflauf die ersten Männer des
+Senats durch Steinwürfe verletzt. Die Untersuchung war nicht zu verhindern und
+der Prozeßkrieg ging im Jahre 651 (103) seinen Gang wie sechs Jahre zuvor;
+Caepio selbst, sein Kollege im Oberbefehl Gnaeus Malbus Maximus und zahlreiche
+andere angesehene Männer wurden verurteilt; mit Mühe gelang es einem mit Caepio
+befreundeten Volkstribun, durch Aufopferung seiner eigenen bürgerlichen
+Existenz den Hauptangeklagten wenigstens das Leben zu retten ^15.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^15 Die Amtsentsetzung des Prokonsuls Caepio, mit der die Vermögenseinziehung
+verbunden war (Liv. ep. 67), ward wahrscheinlich unmittelbar nach der Schlacht
+von Arausio (6. Oktober 649 105) von der Volksversammlung ausgesprochen. Daß
+zwischen der Absetzung und der eigentlichen Katastrophe einige Zeit verstrich,
+zeigt deutlich der im Jahre 650 (104) gestellte, auf Caepio gemünzte Antrag,
+daß Amtsentsetzung den Verlust des Sitzes im Senat nach sich ziehen solle
+(Ascon. Corn. 78). Die Fragmente des Licinianus (p. 10: Cn. Manilius ob eandem
+causam quam et Caepio L. Saturnini rogatione e civitate est cito [?] eiectus;
+wodurch die Andeutung bei Cicero (De orat. 2, 28,125) klar wird, lehren jetzt,
+daß ein von Lucius Appuleius Saturninus vorgeschlagenes Gesetz diese
+Katastrophe herbeigeführt hat. Es ist dies offenbar kein anderes als das
+Appuleische Gesetz über die geschmälerte Majestät des römischen Staates (Cic.
+De orat. 2, 25, 107; 49, 201) oder, wie der Inhalt desselben schon früher (Bd.
+2, S. 193 der ersten Auflage [Orig.]) bestimmt ward, Saturninus&rsquo; Antrag
+auf Niedersetzung einer außerordentlichen Kommission zur Untersuchung der
+während der kimbrischen Unruhen vorgekommenen Landesverrätereien. Die
+Untersuchungskommission wegen des Goldes von Tolosa (Cic. nat. deor. 3, 30, 74)
+entsprang in ganz ähnlicher Weise aus dem Appuleischen Gesetz, wie die dort
+weiter genannten Spezialgerichte über eine ärgerliche Richterbestechung aus dem
+Mucischen von 613 (141), die über die Vorgänge mit den Vestalinnen aus dem
+Peducäischen von 641 (113), die über den Jugurthinischen Krieg aus dem
+Mamilischen von 644 (110). Die Vergleichung dieser Fälle lehrt auch, daß von
+dergleichen Spezialkommissionen, anders als von den ordentlichen, selbst
+Strafen an Leib und Leben erkannt werden konnten und erkannt worden sind. Wenn
+anderweitig der Volkstribun Gaius Norbanus als derjenige genannt wird, der das
+Verfahren gegen Caepio veranlaßte und dafür später zur Verantwortung gezogen
+ward (Cic. De orat. 2, 40, 167; 48, 199; 4, 200. part. 30, 105 u. a. St.), so
+ist dies damit nicht in Widerspruch; denn der Antrag ging, wie gewöhnlich, von
+mehreren Volkstribunen aus (Rhet. Her. 1, 14, 24; Cic. De orat. 2, 47, 197),
+und da Saturninus bereits tot war, als die aristokratische Partei daran denken
+konnte, Vergeltung zu üben, hielt man sich an den Kollegen. Was die Zeit dieser
+zweiten und schließlichen Verurteilung Caepios anlangt, so ist die gewöhnliche,
+sehr unüberlegte Annahme, welche dieselbe in das Jahr 650 (95), zehn Jahre nach
+der Schlacht von Arausio setzt, bereits früher zurückgewiesen worden. Sie
+beruht lediglich darauf, daß Crassus als Konsul, also 659 (95) für Caepio
+sprach (Cic. Brut. 44,162); was er aber offenbar nicht als dessen Sachwalter
+tat, sondern als Norbanus wegen seines Verfahrens gegen Caepio im Jahre 659
+(95) von Publius Sulpicius Rufus zur Verantwortung gezogen ward. Früher wurde
+für diese zweite Anklage das Jahr 650 (104) angenommen; seit wir wissen, daß
+sie aus einem Antrag des Saturninus hervorging, kann man nur schwanken zwischen
+dem Jahr 651 (103), wo dieser zum ersten (Plut. Mar. 14; Oros. hist. 5, 17;
+App. 1, 28; Diod. p. 608, 631) und 654 (100), wo er zum zweiten Male
+Volkstribun war. Ganz sicher entscheidende Momente finden sich nicht, aber die
+sehr überwiegende Wahrscheinlichkeit spricht für das erstere Jahr, teils weil
+dies den Unglücksfällen in Gallien näher steht, teils weil in den ziemlich
+ausführlichen Berichten über Saturninus&rsquo; zweites Tribunat Quintus Caepio
+des Vaters und der gegen diesen gerichteten Gewaltsamkeiten nicht gedacht wird.
+Daß die infolge der Urteilssprüche wegen der unterschlagenen tolosanischen
+Beute an den Staatsschatz zurückgezahlten Summen von Saturninus im zweiten
+Tribunat für seine Kolonisationspläne in Anspruch genommen werden (Vir. ill.
+73, 5 und dazu Orelli ind. legg. p. 137), ist an sich nicht entscheidend und
+kann überdies leicht durch Verwechslung von dem ersten afrikanischen auf das
+zweite allgemeine Ackergesetz des Saturninus übertragen worden sein.
+</p>
+
+<p>
+Daß späterhin, als Norbanus belangt ward, dies eben auf Grund des von ihm
+mitveranlaßten Gesetzes geschah, ist eine dem römischen politischen Prozeß
+dieser Zeit gewöhnliche Ironie (Cic. Brut. 89, 305) und darf etwa nicht zu dem
+Glauben verleiten, als sei das Appuleische Gesetz schon, wie das spätere
+Cornelische, ein allgemeines Hochverratsgesetz gewesen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wichtiger als diese Maßregel der Rache war die Frage, wie der gefährliche Krieg
+jenseits der Alpen ferner geführt und zunächst, wem darin die
+Oberfeldherrnschaft übertragen werden sollte. Bei unbefangener Behandlung war
+es nicht schwer, eine passende Wahl zu treffen. Rom war zwar im Vergleich mit
+früheren Zeiten an militärischen Notabilitäten nicht reich; allein es hatten
+doch Quintus Maximus in Gallien, Marcus Aemilius Scaurus und Quintus Minucius
+in den Donauländern, Quintus Metellus, Publius Rutilius Rufus, Gaius Marius in
+Afrika mit Auszeichnung kommandiert; und es handelte sich ja nicht darum, einen
+Pyrrhos oder Hannibal zu schlagen, sondern den Barbaren des Nordens gegenüber
+die oft erprobte Überlegenheit römischer Waffen und römischer Taktik wieder in
+ihr Recht einzusetzen, wozu es keines genialen, sondern nur eines strengen und
+tüchtigen Kriegsmanns bedurfte. Allein es war eben eine Zeit, in der alles eher
+möglich war als die unbefangene Erledigung einer Verwaltungsfrage. Die
+Regierung war, wie es nicht anders sein konnte und wie schon der jugurthinische
+Krieg gezeigt hatte, in der öffentlichen Meinung so vollständig bankrott, daß
+ihre tüchtigsten Feldherren in der vollen Siegeslaufbahn weichen mußten, sowie
+es einem namhaften Offizier einfiel, sie vor dem Volk herunterzumachen und als
+Kandidat der Opposition von dieser sich an die Spitze der Geschäfte stellen zu
+lassen. Es war kein Wunder, daß, was nach den Siegen des Metellus geschehen
+war, gesteigert sich wiederholte nach den Niederlagen des Gnaeus, Mallius und
+Quintus Caepio. Abermals trat Gaius Marius trotz des Gesetzes, das das Konsulat
+mehr als einmal zu übernehmen verbot, auf als Bewerber um das höchste Staatsamt
+und nicht bloß ward er, während er noch in Afrika an der Spitze des dortigen
+Heeres stand, zum Konsul ernannt und ihm der Oberbefehl in dem Gallischen Krieg
+übergeben, sondern es ward ihm auch fünf Jahre hintereinander (650-654 104-100)
+wieder und wieder das Konsulat übertragen, in einer Weise, welche aussah wie
+ein berechneter Hohn gegen den eben in Beziehung auf diesen Mann in seiner
+ganzen Torheit und Kurzsichtigkeit bewährten exklusiven Geist der Nobilität,
+aber freilich auch in den Annalen der Republik unerhört und in der Tat mit dem
+Geiste der freien Verfassung Roms schlechterdings unverträglich war. Namentlich
+in dem römischen Militärwesen, dessen im Afrikanischen Krieg begonnene
+Umgestaltung aus einer Bürgerwehr in eine Söldnerschar Marius während seines
+fünfjährigen, durch die Not der Zeit mehr noch als durch die Klauseln seiner
+Bestallung unumschränkten Oberkommandos fortsetzte und vollendete, sind die
+tiefen Spuren dieser inkonstitutionellen Oberfeldherrnschaft des ersten
+demokratischen Generals für alle Zeit sichtbar geblieben.
+</p>
+
+<p>
+Der neue Oberfeldherr Gaius Marius erschien im Jahre 650 (164) jenseits der
+Alpen, gefolgt von einer Anzahl erprobter Offiziere, unter denen der kühne
+Fänger des Jugurtha, Lucius Sulla, bald sich abermals hervortat, und von
+zahlreichen Scharen italischer und bundesgenössischer Soldaten. Zunächst fand
+er den Feind, gegen den er geschickt war, nicht vor. Die wunderlichen Leute,
+die bei Arausio gesiegt hatten, waren inzwischen, wie schon gesagt ward,
+nachdem sie die Landschaft westlich der Rhone ausgeraubt hatten, über die
+Pyrenäen gestiegen und schlugen sich eben in Spanien mit den tapferen Bewohnern
+der Nordküste und des Binnenlandes herum; es schien, als wollten die Deutschen
+ihr Talent, nicht zuzugreifen, gleich bei ihrem ersten Auftreten in der
+Geschichte beweisen. So fand Marius volle Zeit, einesteils die abgefallenen
+Tektosagen zum Gehorsam zurückzubringen, die schwankende Treue der untertänigen
+gallischen und ligurischen Gaue wieder zu befestigen und innerhalb wie
+außerhalb der römischen Provinz von den gleich den Römern durch die Kimbrer
+gefährdeten Bundesgenossen, wie zum Beispiel von den Massalioten, den
+Allobrogen, den Sequanern, Beistand und Zuzug zu erlangen; andrerseits durch
+strenge Mannszucht und unparteiische Gerechtigkeit gegen Vornehme und Geringe
+das ihm anvertraute Heer zu disziplinieren und durch Märsche und ausgedehnte
+Schanzarbeiten - insbesondere die Anlegung eines später den Massalioten
+überwiesenen Rhonekanals zur leichteren Herbeischaffung der von Italien dem
+Heer nachgesandten Transporte - die Soldaten für die ernstere Kriegsarbeit
+tüchtig zu machen. Auch er verhielt sich in strenger Defensive und überschritt
+nicht die Grenzen der römischen Provinz. Endlich, es scheint im Laufe des
+Jahres 651 (103), flutete der Kimbrenstrom, nachdem er in Spanien an dem
+tapferen Widerstand der eingeborenen Völkerschaften, namentlich der Keltiberer
+sich gebrochen hatte, wieder zurück über die Pyrenäen und von da, wie es
+scheint, am Atlantischen Ozean hinauf, wo alles den schrecklichen Männern sich
+unterwarf, von den Pyrenäen bis zur Seine. Erst hier, an der Landesgrenze der
+tapferen Eidgenossenschaft der Belgen, trafen sie auf ernstlichen Widerstand;
+allein eben auch hier, während sie im Gebiet der Veliocasser (bei Rouen)
+standen, kam ihnen ansehnlicher Zuzug. Nicht bloß drei Quartiere der Helvetier,
+darunter die Tigoriner und Tougener, welche früher an der Garonne gegen die
+Römer gefochten hatten, gesellten, wie es scheint um diese Zeit, sich zu den
+Kimbrern, sondern es stießen auch zu ihnen die stammverwandten Teutonen unter
+ihrem König Teutobod, welche durch uns nicht überlieferte Fügungen aus ihrer
+Heimat an der Ostsee hierher an die Seine verschlagen waren ^16. Aber auch die
+vereinigten Scharen vermochten den tapferen Widerstand der Belgen nicht zu
+überwältigen. Die Führer entschlossen sich daher, mit der also angeschwollenen
+Menge den schon mehrmals beratenen Zug nach Italien nun allen Ernstes
+anzutreten. Um nicht mit dem bisher zusammengeraubten Gut sich zu schleppen,
+wurde dasselbe hier zurückgelassen unter dem Schutz einer Abteilung von 6000
+Mann, aus denen später nach mancherlei Irrfahrten die Völkerschaft der
+Aduatuker an der Sambre erwachsen ist. Indes sei es wegen der schwierigen
+Verpflegung auf den Alpenstraßen, sei es aus anderen Gründen, die Massen lösten
+sich wieder auf in zwei Heerhaufen, von denen der eine, die Kimbrer und
+Tigoriner, über den Rhein zurück und durch die schon im Jahre 641 (113)
+erkundeten Pässe der Ostalpen, der andere, die neuangelangten Teutonen, die
+Tougener und die schon in der Schlacht von Arausio bewährte kimbrische
+Kernschar der Ambronen, durch das römische Gallien und die Westpässe nach
+Italien eindringen sollte. Diese zweite Abteilung war es, die im Sommer 652
+(102) abermals ungehindert die Rhone überschritt und am linken Ufer derselben
+mit den Römern den Kampf nach fast dreijähriger Pause wieder aufnahm. Marius
+erwartete sie in einem wohlgewählten und wohlverproviantierten Lager am Einfluß
+der Isère in die Rhone, in welcher Stellung er die beiden einzigen damals
+gangbaren Heerstraßen nach Italien, die über den Kleinen Bernhard und die an
+der Küste, zugleich den Barbaren verlegte. Die Teutonen griffen das Lager an,
+das ihnen den Weg sperrte; drei Tage nacheinander tobte der Sturm der Barbaren
+um die römischen Verschanzungen, aber der wilde Mut scheiterte an der
+Überlegenheit der Römer im Festungskrieg und an der Besonnenheit des Feldherrn.
+Nach hartem Verlust entschlossen sich die dreisten Gesellen, den Sturm
+aufzugeben und am Lager vorbei fürbaß nach Italien zu marschieren. Sechs Tage
+hintereinander zogen sie daran vorüber, ein Beweis mehr noch für die
+Schwerfälligkeit ihres Trosses als für ihre ungeheure Zahl. Der Feldherr ließ
+es geschehen ohne anzugreifen; daß er durch den höhnischen Zuruf der Feinde, ob
+die Römer nicht Aufträge hätten an ihre Frauen daheim, sich nicht irren ließ,
+ist begreiflich, aber daß er dies verwegene Vorbeidefilieren der feindlichen
+Kolonnen vor der konzentrierten römischen Masse nicht benutzte um zu schlagen,
+zeigt, wie wenig er seinen ungeübten Soldaten vertraute. Als der Zug vorüber
+war, brach auch er sein Lager ab und folgte dem Feinde auf dem Fuß, in strenger
+Ordnung und Nacht für Nacht sich sorgfältig verschanzend. Die Teutonen, die der
+Küstenstraße zustrebten, gelangten längs der Rhone hinabmarschierend bis in die
+Gegend von Aquae Sextiae, gefolgt von den Römern. Beim Wasserschöpfen stießen
+hier die leichten ligurischen Truppen der Römer mit der feindlichen Nachhut,
+den Ambronen, zusammen; das Gefecht ward bald allgemein; nach heftigem Kampf
+siegten die Römer und verfolgten den weichenden Feind bis an die Wagenburg.
+Dieser erste glückliche Zusammenstoß erhöhte dem Feldherrn wie den Soldaten den
+Mut; am dritten Tage nach demselben ordnete Marius auf dem Hügel, dessen Spitze
+das römische Lager trug, seine Reihen zur entscheidenden Schlacht. Die
+Teutonen, längst ungeduldig, mit ihren Gegnern sich zu messen, stürmten sofort
+den Hügel hinauf und begannen das Gefecht. Es war ernst und langwierig; bis zum
+Mittag standen die Deutschen wie die Mauern; allein die ungewohnte Glut der
+provencalischen Sonne erschlaffte ihre Sehnen und ein blinder Lärm in ihrem
+Rücken, wo ein Haufen römischer Troßbuben aus einem waldigen Versteck mit
+gewaltigem Geschrei hervorrannte, entschied vollends die Auflösung der
+schwankenden Reihen. Der ganze Schwarm ward gesprengt und, wie begreiflich in
+dem fremden Lande, entweder getötet oder gefangen; unter den Gefangenen war der
+König Teutobod, unter den Toten eine Menge Frauen, welche, nicht unbekannt mit
+der Behandlung, die ihnen als Sklavinnen bevorstand, teils auf ihren Karren in
+verzweifelter Gegenwehr sich hatten niedermachen lassen, teils in der
+Gefangenschaft, nachdem sie umsonst gebeten, sie dem Dienst der Götter und der
+heiligen Jungfrauen der Vesta zu widmen, sich selber den Tod gegeben hatten
+(Sommer 652 102).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^16 Diese Darstellung beruht im wesentlichen auf dem verhältnismäßig
+zuverlässigsten Livianischen Bericht in der Epitome (67, wo zu lesen ist:
+reversi in Galliam in Vellocassis se Teutonis coniunxerunt) und bei Obsequens,
+mit Beseitigung der geringeren Zeugnisse, die die Teutonen schon früher, zum
+Teil, wie App. Celt. 13, schon in der Schlacht von Noreia, neben den Kimbrern
+auftreten lassen. Damit sind verbunden die Notizen bei Caesar (Gall. 1, 33; 2,
+4 u. 29), da mit dem Zug der Kimbrer in die römische Provinz und nach Italien
+nur die Expedition von 652 (102) gemeint sein kann.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+So hatte Gallien Ruhe vor den Deutschen; und es war Zeit, denn schon standen
+deren Waffenbrüder diesseits der Alpen. Mit den Helvetiern verbündet, waren die
+Kimbrer ohne Schwierigkeit von der Seine in das obere Rheintal gelangt, hatten
+die Alpenkette auf dem Brennerpaß überschritten und waren von da durch die
+Täler der Eisack und Etsch hinabgestiegen in die italische Ebene. Hier sollte
+der Konsul Quintus Lutatius Catulus die Pässe bewachen; allein der Gegend nicht
+völlig kundig und fürchtend, umgangen zu werden hatte er sich nicht getraut, in
+die Alpen selbst vorzurücken, sondern unterhalb Trient am linken Ufer der Etsch
+sich aufgestellt und für alle Fälle den Rückzug auf das rechte durch Anlegung
+einer Brücke sich gesichert. Allein als nun die Kimbrer in dichten Scharen aus
+den Bergen hervordrangen, ergriff ein panischer Schreck das römische Heer und
+Legionäre und Reiter liefen davon, diese geradeswegs nach der Hauptstadt, jene
+auf die nächste Anhöhe, die Sicherheit zu gewähren schien. Mit genauer Not
+brachte Catulus wenigstens den größten Teil seines Heeres durch eine Kriegslist
+wieder an den Fluß und über die Brücke zurück, ehe es den Feinden, die den
+oberen Lauf der Etsch beherrschten und schon Bäume und Balken gegen die Brücke
+hinabtreiben ließen, gelang, diese zu zerstören und damit dem Heer den Rückzug
+abzuschneiden. Eine Legion indes hatte der Feldherr auf dem anderen Ufer
+zurücklassen müssen und bereits wollte der feige Tribun, der sie führte,
+kapitulieren, als der Rottenführer Gnaeus Petreius von Atina ihn niederstieß
+und mitten durch die Feinde auf das rechte Ufer der Etsch zu dem Hauptheer sich
+durchschlug. So war das Heer und einigermaßen selbst die Waffenehre gerettet;
+allein die Folgen der versäumten Besetzung der Pässe und des übereilten
+Rückzugs waren dennoch sehr empfindlich. Catulus mußte auf das rechte Ufer des
+Po sich zurückziehen und die ganze Ebene zwischen dem Po und den Alpen in der
+Gewalt der Kimbrer lassen, so daß man die Verbindung mit Aquileia nur zur See
+noch unterhielt. Dies geschah im Sommer 652 (102), um dieselbe Zeit, wo es
+zwischen den Teutonen und den Römern bei Aquae Sextiae zur Entscheidung kam.
+Hätten die Kimbrer ihren Angriff ununterbrochen fortgesetzt, so konnte Rom in
+eine sehr bedrängte Lage geraten; indes ihrer Gewohnheit, im Winter zu rasten,
+blieben sie auch diesmal getreu und um so mehr, als das reiche Land, die
+ungewohnten Quartiere unter Dach und Fach, die warmen Bäder, die neuen
+reichlichen Speisen und Getränke sie einluden, es sich vorläufig wohl sein zu
+lassen. Dadurch gewannen die Römer Zeit, ihnen mit vereinigten Kräften in
+Italien zu begegnen. Es war keine Zeit, was der demokratische General sonst
+wohl getan haben würde, den unterbrochenen Eroberungsplan des Keltenlandes, wie
+Gaius Gracchus ihn mochte entworfen haben, jetzt wieder aufzunehmen; von dem
+Schlachtfeld von Aix wurde das siegreiche Heer an den Po geführt und nach
+kurzem Verweilen in der Hauptstadt, wo er den ihm angetragenen Triumph bis nach
+völliger Überwindung der Barbaren zurückwies, traf auch Marius selbst bei den
+vereinigten Armeen ein. Im Frühjahr 653 (101) überschritten sie, 50000 Mann
+stark, unter dem Konsul Marius und dem Prokonsul Catulus wiederum den Po und
+zogen gegen die Kimbrer, welche ihrerseits flußaufwärts marschiert zu sein
+scheinen, um den mächtigen Strom an seiner Quelle zu überschreiten. Unterhalb
+Vercellae unweit der Mündung der Sesia in den Po ^17, ebenda, wo Hannibal seine
+erste Schlacht auf italischem Boden geschlagen hatte, trafen die beiden Heere
+aufeinander. Die Kimbrer wünschten die Schlacht und sandten, ihrer Landessitte
+gemäß, zu den Römern, Zeit und Ort dazu auszumachen: Marius willfahrte ihnen
+und nannte den nächsten Tag - es war der 30. Juli 653 (101) - und das Raudische
+Feld, eine weite Ebene, auf der die überlegene römische Reiterei einen
+vorteilhaften Spielraum fand. Hier stieß man auf den Feind, erwartet und doch
+überraschend; denn in dem dichten Morgennebel fand sich die kimbrische Reiterei
+im Handgemenge mit der stärkeren römischen, ehe sie es vermutete, und ward von
+ihr zurückgeworfen auf das Fußvolk, das eben zum Kampfe sich ordnete. Mit
+geringen Opfern ward ein vollständiger Sieg erfochten und die Kimbrer
+vernichtet. Glücklich mochte heißen, wer den Tod in der Schlacht fand, wie die
+meisten, unter ihnen der tapfere König Boiorix; glücklicher mindestens als die,
+die nachher verzweifelnd Hand an sich selbst legten oder gar auf dem
+Sklavenmarkt in Rom den Herrn suchen mußten, der dem einzelnen Nordmannen die
+Dreistigkeit vergalt, des schönen Südens begehrt zu haben, ehe denn es Zeit
+war. Die Tigoriner, die auf den Vorbergen der Alpen zurückgeblieben waren, um
+den Kimbrern später zu folgen, verliefen sich auf die Kunde von der Niederlage
+in ihre Heimat. Die Menschenlawine, die dreizehn Jahre hindurch von der Donau
+bis zum Ebro, von der Seine bis zum Po die Nationen alarmiert hatte, ruhte
+unter der Scholle oder fronte im Sklavenjoch; der verlorene Posten der
+deutschen Wanderungen hatte seine Schuldigkeit getan; das heimatlose Volk der
+Kimbrer mit seinen Genossen war nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^17 Man hat nicht wohl getan, von der Überlieferung abweichend das Schlachtfeld
+nach Verona zu verlegen; wobei übersehen ward, daß zwischen den Gefechten an
+der Etsch und dem entscheidenden Treffen ein ganzer Winter und vielfache
+Truppenbewegungen liegen, und daß Catulus nach ausdrücklicher Angabe (Plut.
+Mar. 24) bis auf das rechte Poufer zurückgewichen war. Auch die Angaben, daß am
+Po (Hier. chron. a. Abr.) und daß da, wo Stilicho später die Geten schlug, d.
+h. bei Cherasco am Tanaro, die Kimbrer geschlagen wurden, führen, obwohl beide
+ungenau, doch viel eher nach Vercellae als nach Verona.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Über den Leichen haderten die politischen Parteien Roms ihren kümmerlichen
+Hader weiter, ohne um das große Kapitel der Weltgeschichte sich zu bekümmern,
+davon hier das erste Blatt sich aufgeschlagen hatte, ohne auch nur Raum zu
+geben dem reinen Gefühl, daß an diesem Tage Roms Aristokraten wie Roms
+Demokraten ihre Schuldigkeit getan hatten. Die Rivalität der beiden Feldherren,
+die nicht bloß politische Gegner, sondern auch durch den so verschiedenen
+Erfolg der beiden vorjährigen Feldzüge militärisch gespannt waren, kam sofort
+nach der Schlacht zum widerwärtigsten Ausbruch. Catulus mochte mit Recht
+behaupten, daß das Mitteltreffen, das er befehligte, den Sieg entschieden habe
+und daß von seinen Leuten einunddreißig, von den Marianern nur zwei Feldzeichen
+eingebracht seien - seine Soldaten führten sogar die Abgeordneten der Stadt
+Parma durch die Leichenhaufen, um ihnen zu zeigen, daß Marius tausend
+geschlagen habe, Catulus aber zehntausend. Nichtsdestoweniger galt Marius als
+der eigentliche Besieger der Kimbrer, und mit Recht; nicht bloß, weil er kraft
+seines höheren Ranges an dem entscheidenden Tage den Oberbefehl geführt hatte
+und an militärischer Begabung und Erfahrung seinem Kollegen ohne Zweifel weit
+überlegen war, sondern vor allem, weil der zweite Sieg von Vercellae in der Tat
+nur möglich geworden war durch den ersten von Aquae Sextiae. Allein in der
+damaligen Zeit waren es weniger diese Erwägungen, die den Ruhm von den Kimbrern
+und Teutonen Rom errettet zu haben ganz und voll an Marius&rsquo; Namen
+knüpften, als die politischen Parteirücksichten. Catulus war ein feiner und
+gescheiter Mann, ein so anmutiger Sprecher, daß der Wohllaut seiner Worte fast
+wie Beredsamkeit klang, ein leidlicher Memoirenschreiber und Gelegenheitspoet
+und ein vortrefflicher Kunstkenner und Kunstrichter; aber er war nichts weniger
+als ein Mann des Volkes und sein Sieg ein Sieg der Aristokratie. Die Schlachten
+aber des groben Bauern, welcher von dem gemeinen Volke auf den Schild gehoben
+war und das gemeine Volk zum Siege geführt hatte, diese Schlachten waren nicht
+bloß Niederlagen der Kimbrer und Teutonen, sondern auch Niederlagen der
+Regierung; es knüpften daran sich noch ganz andere Hoffnungen als die, daß man
+wieder ungestört jenseits der Alpen Geldgeschäfte machen oder diesseits den
+Acker bauen könne. Zwanzig Jahre waren verstrichen, seit Gaius Gracchus&rsquo;
+blutende Leiche den Tiber hinabgetrieben war; seit zwanzig Jahren ward das
+Regiment der restaurierten Oligarchie ertragen und verwünscht; immer noch war
+dem Gracchus kein Rächer, seinem angefangenen Bau kein zweiter Meister
+erstanden. Es haßten und hofften viele, viele von den schlechtesten und viele
+von den besten Bürgern des Staats; war der Mann, der diese Rache und diese
+Wünsche zu erfüllen verstand, endlich gefunden in dem Sohn des Tagelöhners von
+Arpinum? Stand man wirklich an der Schwelle der neuen, vielgefürchteten und
+vielersehnten zweiten Revolution?
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap06"></a>KAPITEL VI.<br/>
+Revolutionsversuch des Marius und Reformversuch des Drusus</h2>
+
+<p>
+Gaius Marius ward, eines armen Tagelöhners Sohn, geboren im Jahre 599 (155) in
+dem damals arpinatischen Dorfe Cereatae, das später als Cereatae Marianae
+Stadtrecht erhielt und noch heute den Namen &ldquo;Mariusheimat&rdquo;
+(Casamare) trägt. Beim Pfluge war er aufgekommen, in so dürftigen
+Verhältnissen, daß sie ihm selbst zu den Gemeindeämtern von Arpinum den Zugang
+zu verschließen schienen; er lernte früh, was er später noch als Feldherr übte,
+Hunger und Durst, Sonnenbrand und Winterkälte ertragen und auf der harten Erde
+schlafen. Sowie das Alter es ihm erlaubte, war er in das Heer eingetreten und
+hatte in der schweren Schule der Spanischen Kriege sich rasch zum Offizier
+emporgedient; in Scipios Numantinischem Kriege zog er, damals
+dreiundzwanzigjährig, des strengen Feldherrn Augen auf sich durch die saubere
+Haltung seines Pferdes und seiner Waffen wie durch seine Tapferkeit im Gefecht
+und sein ehrbares Betragen im Lager. Er war heimgekehrt mit ehrenvollen Narben
+und kriegerischen Abzeichen und mit dem lebhaften Wunsch, in der rühmlich
+betretenen Laufbahn sich einen Namen zu machen; allein unter den damaligen
+Verhältnissen konnte zu den politischen Ämtern, die allein zu höheren
+Militärstellen führten, auch der verdienteste Mann nicht gelangen ohne Vermögen
+und ohne Verbindungen. Beides ward dem jungen Offizier zuteil durch glückliche
+Handelsspekulationen und durch die Verbindung mit einem Mädchen aus dem
+altadligen Geschlecht der Julier; so gelangte er unter großen Anstrengungen und
+nach vielfachen Mißerfolgen im Jahre 639 (115) bis zur Prätur, in welcher er
+als Statthalter des jenseitigen Spaniens seine militärische Tüchtigkeit aufs
+neue zu bewähren Gelegenheit fand. Wie er sodann der Aristokratie zum Trotz im
+Jahre 647 (107) das Konsulat übernahm und als Prokonsul (648, 649 106, 105) den
+Afrikanischen Krieg beendigte, wie er, nach dem Unglückstag von Arausio zur
+Oberleitung des Krieges gegen die Deutschen berufen, unter viermal vom Jahre
+650 (104) bis zum Jahre 653 (101) wiederholter, in den Annalen der Republik
+beispielloser Erneuerung des Konsulats, die Kimbrer jenseits, die Teutonen
+diesseits der Alpen überwand und vernichtete, ist bereits erzählt worden. In
+seinem Kriegsamt hatte er sich gezeigt als einen braven und rechtschaffenen
+Mann, der unparteiisch Recht sprach, über die Beute mit seltener Ehrlichkeit
+und Uneigennützigkeit verfügte und durchaus unbestechlich war; als einen
+geschickten Organisator, der die einigermaßen eingerostete Maschine des
+römischen Heerwesens wieder in brauchbaren Stand gesetzt hatte; als einen
+fähigen Feldherrn, der den Soldaten in Zucht und doch bei guter Laune erhielt
+und zugleich im kameradschaftlichen Verkehr seine Liebe gewann, dem Feinde aber
+kühn ins Auge sah und zur rechten Zeit sich mit ihm schlug. Eine militärische
+Kapazität im eminenten Sinn war er, soweit wir urteilen können, nicht; allein
+die sehr achtungswerten Eigenschaften, die er besaß, genügten unter den damals
+bestehenden Verhältnissen vollkommen, um ihm den Ruf einer solchen zu
+verschaffen, und auf diesen gestützt war er in einer beispiellos ehrenvollen
+Weise eingetreten unter die Konsulare und die Triumphatoren. Allein er paßte
+darum nicht besser in den glänzenden Kreis. Seine Stimme blieb rauh und laut,
+sein Blick wild, als sähe er noch Libyer oder Kimbrer vor sich und nicht
+wohlerzogene und parfümierte Kollegen. Daß er abergläubisch war wie ein echter
+Lanzknecht, daß er zur Bewerbung um sein erstes Konsulat sich nicht durch den
+Drang seiner Talente, sondern zunächst durch die Aussagen eines etruskischen
+Eingeweidebeschauers bestimmen ließ, und bei dem Feldzug gegen die Teutonen
+eine syrische Prophetin Martha mit ihren Orakeln dem Kriegsrat aushalf, war
+nicht eigentlich unaristokratisch; in solchen Dingen begegneten sich damals wie
+zu allen Zeiten die höchsten und die niedrigsten Schichten der Gesellschaft.
+Allein unverzeihlich war der Mangel an politischer Bildung; es war zwar
+löblich, daß er die Barbaren zu schlagen verstand, aber was sollte man denken
+von einem der verfassungsmäßigen Etikette so unkundigen Konsul, daß er im
+Triumphalkostüm im Senat erschien! Auch sonst hing die Rotüre ihm an. Er war
+nicht bloß - nach aristokratischer Terminologie - ein armer Mann, sondern, was
+schlimmer war, genügsam und ein abgesagter Feind aller Bestechung und
+Durchstecherei. Nach Soldatenart war er nicht wählerisch, aber becherte gern,
+besonders in späteren Jahren; Feste zu geben verstand er nicht und hielt einen
+schlechten Koch. Ebenso übel war es, daß der Konsular nur Lateinisch verstand
+und die griechische Konversation sich verbitten mußte; daß er bei den
+griechischen Schauspielen sich langweilte, mochte hingehen - er war vermutlich
+nicht der einzige -, aber daß er sich zu seiner Langenweile bekannte, war naiv.
+So blieb er zeit seines Lebens ein unter die Aristokraten verschlagener
+Bauersmann und geplagt von den empfindlichen Stichelworten und dem
+empfindlicheren Mitleiden seiner Kollegen, das wie diese selber zu verachten er
+denn doch nicht über sich vermochte. Nicht viel weniger wie außerhalb der
+Gesellschaft stand Marius außerhalb der Parteien. Die Maßregeln, die er in
+seinem Volkstribunat (635 119) durchsetzte, eine bessere Kontrolle bei der
+Abgabe der Stimmtäfelchen zur Abstellung der argen dabei stattfindenden
+Betrügereien und die Verhinderung ausschweifender Anträge auf Spenden an das
+Volk, tragen nicht den Stempel einer Partei, am wenigsten den der
+demokratischen, sondern zeigen nur, daß ihm Unrechtfertigkeit und Unvernunft
+verhaßt waren; und wie hätte auch ein Mann wie dieser, Bauer von Geburt und
+Soldat aus Neigung, von Haus aus revolutionär sein können? Die Anfeindungen der
+Aristokratie hatten ihn zwar später in das Lager der Gegner der Regierung
+getrieben, und rasch sah er sich hier auf den Schild gehoben zunächst als
+Feldherr der Opposition und demnächst vielleicht bestimmt zu noch höheren
+Dingen. Allein es war dies weit mehr die Folge der zwingenden Gewalt der
+Verhältnisse und des allgemeinen Bedürfnisses der Opposition nach einem Haupte
+als sein eigenes Werk; hatte er doch seit seinem Abgang nach Afrika 647/48
+(107/06) kaum vorübergehend auf kurze Zeit in der Hauptstadt verweilt. Erst in
+der zweiten Hälfte des Jahres 653 (101) kam er, Sieger wie über die Kimbrer so
+über die Teutonen, nach Rom zurück, um den verschobenen Triumph nun zwiefach zu
+feiern, entschieden der erste Mann in Rom und doch zugleich politischer
+Anfänger. Es war unwidersprechlich ausgemacht, nicht bloß daß Marius Rom
+gerettet habe, sondern daß er der einzige Mann sei, der Rom habe retten können;
+sein Name war auf allen Lippen; die Vornehmen erkannten seine Leistungen an;
+bei dem Volk war er populär wie keiner vor oder nach ihm, populär durch seine
+Tugenden wie durch seine Fehler, durch seine unaristokratische
+Uneigennützigkeit nicht minder wie durch seine bäurische Derbheit; er hieß der
+Menge der dritte Romulus und der zweite Camillus; gleich den Göttern wurden ihm
+Trankopfer gespendet. Es war kein Wunder, wenn dem Bauernsohn der Kopf mitunter
+schwindelte von all der Herrlichkeit, wenn er seinen Zug von Afrika ins
+Kettenland den Siegesfahrten des Dionysos von Erdteil zu Erdteil verglich und
+sich für seinen Gebrauch einen Becher - keinen von den kleinsten - nach dem
+Muster des Bakchischen fertigen ließ. Es war ebensoviel Hoffnung wie
+Dankbarkeit in dieser taumelnden Begeisterung des Volkes, die wohl einen Mann
+von kälterem Blut und gereifterer politischer Erfahrung zu irren vermocht
+hätte. Marius&rsquo; Werk schien seinen Bewunderern keineswegs vollendet.
+Schwerer als die Barbaren lastete auf dem Lande die elende Regierung; ihm, dem
+ersten Manne Roms, dem Liebling des Volkes, dem Haupt der Opposition kam es zu,
+Rom zum zweitenmal zu retten. Zwar war ihm, dem Bauer und Soldaten, das
+hauptstädtische politische Treiben fremd und unbequem; er sprach so schlecht,
+wie er gut kommandierte, und bewies den Lanzen und Schwertern der Feinde
+gegenüber eine weit festere Haltung als gegen die klatschende oder zischende
+Menge; aber auf seine Neigung kam wenig an. Hoffnungen binden. Seine
+militärische und politische Stellung war von der Art, daß, wenn er mit seiner
+ruhmvollen Vergangenheit nicht brechen, die Erwartungen seiner Partei, ja der
+Nation nicht täuschen, seiner eigenen Gewissenspflicht nicht untreu werden
+wollte, er der Mißverwaltung der öffentlichen Angelegenheiten steuern und dem
+Restaurationsregiment ein Ende machen mußte, und wenn er nur die inneren
+Eigenschaften eines Volkshauptes besaß, so konnte er dessen, was zum
+Volksführer ihm abging, allerdings entraten.
+</p>
+
+<p>
+Eine furchtbare Waffe hielt er in der Hand in der neu organisierten Armee. Bis
+auf seine Zeit hatte man von dem Grundgedanken der Servianischen Verfassung,
+die Aushebung lediglich auf die vermögenden Bürger zu beschränken und die
+Unterschiede der Waffengattungen allein nach den Vermögensklassen zu ordnen,
+wohl schon manches nachlassen müssen: es war das zum Eintritt in das Bürgerheer
+verpflichtende Minimalvermögen von 11000 Assen (300 Talern) herabgesetzt worden
+auf 4000 (115 Taler; 2, 345); es waren die älteren sechs in den Waffengattungen
+unterschiedenen Vermögensklassen beschränkt worden auf drei, indem man zwar wie
+nach der Servianischen Ordnung die Reiter aus den vermögendsten, die
+Leichtbewaffneten aus den ärmsten Dienstpflichtigen auslas, aber den
+Mittelstand, die eigentliche Linieninfanterie unter sich nicht mehr nach dem
+Vermögen, sondern nach dem Dienstalter in die drei Treffen der Hastaten,
+Principes und Triarier ordnet. Man hatte ferner schon längst die italischen
+Bundesgenossen in sehr ausgedehntem Maße zum Kriegsdienst mitherangezogen,
+indes auch hier, ganz wie bei der römischen Bürgerschaft, die Militärpflicht
+vorzugsweise auf die besitzenden Klassen gelegt. Nichtsdestoweniger ruhte das
+römische Militärwesen bis auf Marius im wesentlichen auf jener uralten
+Bürgerwehrordnung. Allein für die veränderten Verhältnisse paßte dieselbe nicht
+mehr. Die besseren Klassen der Gesellschaft zogen teils vom Heerdienst mehr und
+mehr sich zurück, teils schwand der römische und italische Mittelstand
+überhaupt zusammen; dagegen waren einesteils die beträchtlichen Streitmittel
+der außeritalischen Bundesgenossen und Untertanen verfügbar geworden,
+andererseits bot das italische Proletariat, richtig verwandt, ein militärisch
+wenigstens sehr brauchbares Material. Die Bürgerreiterei, die aus der Klasse
+der Wohlhabenden gebildet werden sollte, war im Felddienst schon vor Marius
+tatsächlich eingegangen. Als wirklicher Heerkörper wird sie zuletzt genannt in
+dem spanischen Feldzug von 614 (140), wo sie den Feldherrn durch ihren
+höhnischen Hochmut und ihre Unbotmäßigkeit zur Verzweiflung bringt und zwischen
+beiden ein von den Reitern wie vom Feldherrn mit gleicher Gewissenlosigkeit
+geführter Krieg ausbricht. Im Jugurthinischen Krieg erscheint sie schon nur
+noch als eine Art Nobelgarde für den Feldherrn und fremde Prinzen; von da an
+verschwindet sie ganz. Ebenso erwies sich die Ergänzung der Legionen mit
+gehörig qualifizierten Pflichtigen schon im gewöhnlichen Lauf der Dinge
+schwierig, so daß Anstrengungen, wie sie nach der Schlacht von Arausio nötig
+waren, unter Einhaltung der bestehenden Vorschriften über die Dienstpflicht
+wohl in der Tat materiell unausführbar gewesen sein würden. Andererseits wurden
+schon vor Marius, namentlich in der Kavallerie und der leichten Infanterie, die
+außeritalischen Untertanen, die schweren Berittenen Thrakiens, die leichte
+afrikanische Reiterei, das vortreffliche leichte Fußvolk der bebenden Ligurer,
+die Schleuderer von den Balearen, in immer größerer Anzahl auch außerhalb ihrer
+Provinzen bei den römischen Heeren mitverwendet; und zugleich drängten sich,
+während an qualifizierten Bürgerrekruten Mangel war, die nichtqualifizierten
+ärmeren Bürger ungerufen zum Eintritt in die Armee, wie denn bei der Masse des
+arbeitslosen oder arbeitsscheuen Bürgergesindels und bei den ansehnlichen
+Vorteilen, die der römische Kriegsdienst abwarf, die Freiwilligenwerbung nicht
+schwierig sein konnte. Es war demnach nichts als eine notwendige Konsequenz der
+politischen und sozialen Umwandlung des Staats, daß man im Militärwesen
+überging von dem System des Bürgeraufgebots zu dem Zuzug- und Werbesystem, die
+Reiterei und die leichten Truppen wesentlich aus den Kontingenten der
+Untertanen bildete, wie denn für den kimbrischen Feldzug schon bis nach
+Bithynien Zuzug angesagt ward, für die Linieninfanterie aber zwar die bisherige
+Dienstpflichtordnung nicht aufhob, allein daneben jedem freigeborenen Bürger
+den freiwilligen Eintritt in das Heer gestattete, was zuerst Marius 647 (107)
+tat.
+</p>
+
+<p>
+Hierzu kam die Nivellierung innerhalb der Linieninfanterie, die gleichfalls auf
+Marius zurückgeht. Die römische Weise aristokratischer Gliederung hatte bis
+dahin auch innerhalb der Legion geherrscht. Die vier Treffen der Leichten, der
+Hastaten, der Principes, der Triarier oder, wie man auch sagen kann, der
+Vorhut, der ersten, zweiten und dritten Linie hatten bis dahin jedes seine
+besondere Qualifikation nach Vermögens- oder Dienstalter und großenteils auch
+verschiedene Bewaffnung, jedes seinen ein für allemal bestimmten Platz in der
+Schlachtordnung, jedes seinen bestimmten militärischen Rang und sein eigenes
+Feldzeichen gehabt. Alle diese Unterschiede fielen jetzt über den Haufen. Wer
+überhaupt als Legionär zugelassen ward, bedurfte keiner weiteren Qualifikation,
+um in jeder Abteilung zu dienen; über die Einordnung entschied einzig das
+Ermessen der Offiziere. Alle Unterschiede der Bewaffnung fielen weg und somit
+wurden auch alle Rekruten gleichmäßig geschult. Ohne Zweifel in Verbindung
+damit stehen die vielfachen Verbesserungen, die in der Bewaffnung, dem Tragen
+des Gepäcks und ähnlichen Dingen von Marius herrühren und ein rühmliches
+Zeugnis ablegen von der Einsicht desselben in das praktische Detail des
+Kriegshandwerks und seiner Fürsorge für die Soldaten; vor allem aber das neue,
+von dem Kameraden des Marius im Afrikanischen Krieg, Publius Rutilius Rufus
+(Konsul 649 105), entworfene Exerzierreglement; es ist bezeichnend, daß
+dasselbe die militärische Ausbildung des einzelnen Mannes beträchtlich
+steigerte und wesentlich sich anlehnte an die in den damaligen Fechterschulen
+übliche Ausbildung der künftigen Gladiatoren. Die Gliederung der Legion ward
+eine gänzlich andere. An die Stelle der 30 Fähnlein (manipuli) schwerer
+Infanterie, die - jedes zu zwei Zügen (centuriae) von je 60 Mann in den beiden
+ersten und je 30 Mann im dritten Treffen - bisher die taktische Einheit
+gebildet hatten, traten 10 Haufen (cohortes), jeder mit eigenem Feldzeichen und
+jeder zu sechs, oft auch nur zu fünf Zügen von je 100 Mann; so daß, obgleich
+gleichzeitig durch Einziehung der leichten Infanterie der Legion 1200 Mann
+erspart wurden, dennoch die Gesamtzahl der Legion von 4200 auf 5000 bis 6000
+Mann stieg. Die Sitte, in drei Treffen zu fechten, blieb bestehen, allein wenn
+bisher jedes Treffen einen eigenen Truppenkörper gebildet hatte, so war es in
+Zukunft dem Feldherrn überlassen, die Kohorten, über die er disponierte, in die
+drei Linien nach Ermessen zu verteilen. Den militärischen Rang bestimmte einzig
+die Ordnungsnummer der Soldaten und der Abteilungen. Die vier Feldzeichen der
+einzelnen Legionsteile, der Wolf, der mannköpfige Stier, das Roß, der Eber, die
+bisher wahrscheinlich der Reiterei und den drei Treffen der schweren Infanterie
+waren vorgetragen worden, verschwanden; dafür traten die Fähnlein der neuen
+Kohorten ein und das neue Zeichen, das Marius der gesamten Legion verlieh, der
+silberne Adler. Wenn also innerhalb der Legion jede Spur der bisherigen
+bürgerlichen und aristokratischen Gliederung verschwand und unter den
+Legionären fortan nur noch rein soldatische Unterschiede vorkamen, so hatte
+sich dagegen schon einige Jahrzehnte früher aus zufälligen Anlässen eine
+bevorzugte Heeresabteilung neben den Legionen entwickelt: die Leibwache des
+Feldherrn. Bis dahin hatten ausgesuchte Mannschaften aus den bundesgenössischen
+Kontingenten die persönliche Bedeckung des Feldherrn gebildet; römische
+Legionäre oder gar freiwillig sich erbietende Mannschaften zum persönlichen
+Dienst bei dem selben zu verwenden, widerstritt der strengen Gebundenheit des
+gewaltigen Gemeinwesens. Aber als der Numantinische Krieg ein beispiellos
+demoralisiertes Heer großgezogen hatte und Scipio Aemilianus, der berufen ward,
+dem wüsten Unwesen zu steuern, es nicht bei der Regierung hatte durchsetzen
+können, völlig neue Truppen unter die Waffen zu rufen, ward es ihm wenigstens
+gewährt, außer einer Anzahl von Mannschaften, die ihm die abhängigen Könige und
+Freistädte des Auslandes zur Verfügung stellten, aus freiwilligen römischen
+Bürgern eine persönliche Bedeckungsmannschaft von 500 Mann zu bilden. Diese
+Kohorte, teils aus den besseren Ständen, teils aus der niederen persönlichen
+Klientel des Feldherrn hervorgegangen und daher bald die der Freunde, bald die
+des Hauptquartiers (praetoriani) genannt, hatte den Dienst in diesem
+(praetorium), wofür sie vom Lager- und Schanzdienst frei war, und genoß höheren
+Sold und größeres Ansehen.
+</p>
+
+<p>
+Diese vollständige Revolution der römischen Heerverfassung scheint allerdings
+wesentlich aus rein militärischen Motiven hervorgegangen und überhaupt weniger
+das Werk eines einzelnen, am wenigsten eines berechnenden Ehrgeizigen, als die
+vom Drang der Umstände gebotene Umgestaltung unhaltbar gewordener Einrichtungen
+gewesen zu sein. Es ist wahrscheinlich, daß die Einführung des inländischen
+Werbesystems durch Marius ebenso den Staat militärisch vom Untergang gerettet
+hat, wie manches Jahrhundert später Arbogast und Stilicho durch Einführung des
+ausländischen ihm noch auf eine Weile die Existenz fristeten.
+Nichtsdestoweniger lag in ihr, wenn auch noch unentwickelt, zugleich eine
+vollständige politische Revolution. Die republikanische Verfassung ruhte
+zumeist darauf, daß der Bürger zugleich Soldat, der Soldat vor allem Bürger
+war; es war mit ihr zu Ende, sowie ein Soldatenstand sich bildete. Hierzu mußte
+schon das neue Exerzierreglement führen mit seiner dem Kunstfechter abgeborgten
+Routine; der Kriegsdienst ward allmählich Kriegshandwerk. Weit rascher noch
+wirkte die wenn auch beschränkte Zuziehung des Proletariats zum Militärdienst,
+besonders in Verbindung mit den uralten Satzungen, die dem Feldherrn ein nur
+mit sehr soliden republikanischen Institutionen verträgliches arbiträres
+Belohnungsrecht seiner Soldaten einräumten und dem tüchtigen und glücklichen
+Soldaten eine Art Anrecht gaben, vom Feldherrn einen Teil der beweglichen
+Beute, vom Staat ein Stück des gewonnenen Ackers zu heischen. Wenn der
+ausgehobene Bürger und Bauer in dem Kriegsdienst nichts sah als eine für das
+gemeine Beste zu übernehmende Last und im Kriegsgewinn nichts als einen
+geringen Entgelt für den ihm aus dem Dienst erwachsenden weit ansehnlicheren
+Verlust, so war dagegen der geworbene Proletarier nicht bloß für den Augenblick
+allein angewiesen auf seinen Sold, sondern auch für die Zukunft mußte er, den
+nach der Entlassung kein Invaliden-, ja nicht einmal ein Armenhaus aufnahm,
+wünschen, zunächst bei der Fahne zu bleiben und diese nicht anders zu verlassen
+als mit Begründung seiner bürgerlichen Existenz. Seine einzige Heimat war das
+Lager, seine einzige Wissenschaft der Krieg, seine einzige Hoffnung der
+Feldherr - was hierin lag, leuchtet ein. Als Marius nach dem Treffen auf dem
+Raudischen Feld zwei Kohorten italischer Bundesgenossen ihrer tapferen Haltung
+wegen in Masse das Bürgerrecht auf dem Schlachtfeld selbst verfassungswidrig
+verlieh, rechtfertigte er später sich damit, daß er im Lärm der Schlacht die
+Stimme der Gesetze nicht habe unterscheiden können. Wenn einmal in wichtigeren
+Fragen das Interesse des Heers und des Feldherrn in verfassungswidrigem
+Begehren sich begegneten, wer mochte dafür stehen, daß alsdann nicht noch
+andere Gesetze über dem Schwertergeklirr nicht würden vernommen werden? Man
+hatte das stehende Heer, den Soldatenstand, die Garde; wie in der bürgerlichen
+Verfassung, so standen auch in der militärischen bereits alle Pfeiler der
+künftigen Monarchie: es fehlte einzig an dem Monarchen. Wie die zwölf Adler um
+den Palatinischen Hügel kreisten, da riefen sie dem Königtum; der neue Adler,
+den Gaius Marius den Legionen verlieh, verkündete das Reich der Kaiser.
+</p>
+
+<p>
+Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß Marius einging auf die glänzenden
+Aussichten, die seine militärische und politische Stellung ihm eröffnete. Es
+war eine trübe, schwere Zeit. Man hatte Frieden, aber man ward des Friedens
+nicht froh; es war nicht mehr wie einst nach dem ersten gewaltigen Anprall der
+Nordländer auf Rom, wo nach überstandener Krise im frischen Gefühl der Genesung
+alle Kräfte sich neu geregt, wo sie in üppiger Entfaltung das Verlorene rasch
+und reichlich ersetzt hatten. Alle Welt fühlte, daß, mochten auch tüchtige
+Feldherren noch aber und abermals das unmittelbare Verderben abwehren, das
+Gemeinwesen darum nur um so sicherer zu Grunde gehe unter dem Regiment der
+restaurierten Oligarchie; aber alle Welt fühlte auch, daß die Zeit nicht mehr
+war, wo in solchen Fällen die Bürgerschaft sich selber half, und daß nichts
+besser ward, solange des Gaius Gracchus Platz leer blieb. Wie tief die Menge
+die nach dem Verschwinden jener beiden hohen Jünglinge, welche der Revolution
+das Tor geöffnet hatten, zurückgebliebene Lücke empfand, freilich auch wie
+kindisch sie nach jedem Schatten des Ersatzes griff, beweist der falsche Sohn
+des Tiberius Gracchus, welcher, obwohl die eigene Schwester der beiden Gracchen
+ihn auf offenem Markte des Betruges zieh, dennoch einzig seines usurpierten
+Namens wegen vom Volke für 655 (99) zum Tribun gewählt ward. In demselben Sinne
+jubelte die Menge dem Gaius Marius entgegen; wie sollte sie nicht? Wenn
+irgendeiner, schien er der rechte Mann; war er doch der erste Feldherr und der
+populärste Name seiner Zeit, anerkannt brav und rechtschaffen und selbst durch
+seine von dem Parteitreiben entfernte Stellung zum Regenerator des Staats,
+empfohlen - wie hätte nicht das Volk, wie hätte er selbst nicht sich dafür
+halten sollen! Die öffentliche Meinung war so entschieden wie möglich
+oppositionell; es ist bezeichnend dafür, daß die Besetzung der in den höchsten
+geistlichen Kollegien erledigten Stellen durch die Bürgerschaft anstatt durch
+die Kollegien selbst, die die Regierung noch im Jahre 609 (145) durch Anregung
+der religiösen Bedenken in den Komitien zu Fall gebracht hatte, im Jahre 650
+(104) auf den Antrag des Gnaeus Domitius durchging, ohne daß der Senat es hätte
+wagen können, sich auch nur ernstlich zu widersetzen. Durchaus schien es nur an
+einem Haupte zu fehlen, das der Opposition einen festen Mittelpunkt und ein
+praktisches Ziel gab; und dies war jetzt in Marius gefunden.
+</p>
+
+<p>
+Zur Durchführung seiner Aufgabe bot sich ihm ein doppelter Weg: Marius konnte
+die Oligarchie zu stürzen versuchen als Imperator an der Spitze der Armee oder
+auf dem für konstitutionelle Änderungen verfassungsmäßig bezeichneten Weg;
+dorthin wies seine eigene Vergangenheit, hierin der Vorgang des Gracchus. Es
+ist sehr begreiflich, daß er den ersteren Weg nicht betrat, vielleicht nicht
+einmal die Möglichkeit dachte, ihn zu betreten. Der Senat war oder schien so
+macht- und ratlos, so verhaßt und verachtet, daß Marius gegen ihn kaum einer
+anderen Stütze als seiner ungeheuren Popularität zu bedürfen, nötigenfalls aber
+trotz der Auflösung des Heeres sie in den entlassenen und ihrer Belohnungen
+harrenden Soldaten zu finden meinte. Es ist wahrscheinlich, daß Marius, im
+Hinblick auf Gracchus&rsquo; leichten und scheinbar fast vollständigen Sieg und
+auf seine eigenen, denen des Gracchus weit überlegenen Hilfsmittel, den Umsturz
+einer vierhundertjährigen, mit dem nach komplizierter Hierarchie geordneten
+Staatskörper und der mannigfaltigsten Gewohnheiten und Interessen innig
+verwachsenen Verfassung für weit leichter hielt, als er war. Aber selbst wer
+tiefer in die Schwierigkeiten des Unternehmens hineinsah, als es Marius
+wahrscheinlich tat, mochte erwägen, daß das Heer, obwohl im Übergang begriffen
+von der Bürgerwehr zur Söldnerschar, doch während dieses Übergangszustandes
+noch keineswegs zum blinden Werkzeug eines Staatsstreiches sich schickte und
+daß ein Versuch, die widerstrebenden Elemente durch militärische Mittel zu
+beseitigen, die Widerstandsfähigkeit der Gegner wahrscheinlich gesteigert haben
+würde. Die organisierte Waffengewalt in den Kampf zu verwickeln, mußte auf den
+ersten Blick überflüssig, auf den zweiten bedenklich erscheinen: man war eben
+am Anfang der Krise und die Gegensätze von ihrem letzten, kürzesten und
+einfachsten Ausdruck noch weit entfernt.
+</p>
+
+<p>
+Marius entließ also der bestehenden Ordnung gemäß nach dem Triumph sein Heer
+und schlug den von Gaius Gracchus vorgezeichneten Weg ein, vermittels der
+Übernahme der verfassungsmäßigen Staatsämter die Oberhauptschaft im Staate an
+sich zu bringen. Er fand sich damit angewiesen auf die sogenannte Volkspartei
+und in deren damaligen Führern um so mehr seine Bundesgenossen, als der
+siegreiche General die zur Gassenherrschaft erforderlichen Gaben und
+Erfahrungen durchaus nicht besaß. So gelangte die demokratische Partei nach
+langer Nichtigkeit plötzlich wieder zu politischer Bedeutung. Sie hatte in dem
+langen Interim von Gaius Gracchus bis auf Marius sich wesentlich
+verschlechtert. Wohl war das Mißvergnügen über das senatorische Regiment jetzt
+nicht geringer als damals; aber manche der Hoffnungen, die den Gracchen ihre
+treuesten Anhänger zugeführt hatten, war inzwischen als Illusion erkannt worden
+und die Ahnung inzwischen manchem aufgegangen, daß diese Gracchische Agitation
+auf ein Ziel hinausliefe, wohin ein sehr großer Teil der Mißvergnügten
+keineswegs zu folgen willig war; wie denn überhaupt in dem zwanzigjährigen
+Hetzen und Treiben gar viel verschliffen und vergriffen war von der frischen
+Begeisterung, dem felsenfesten Glauben, der sittlichen Reinheit des Strebens,
+die die Anfangsstadien der Revolutionen bezeichnen. Aber wenn die demokratische
+Partei nicht mehr war, was sie unter Gaius Gracchus gewesen, so standen die
+Führer der Zwischenzeit jetzt ebenso tief unter ihrer Partei, als Gaius
+Gracchus hoch über derselben gestanden hatte. Es lag dies in der Natur der
+Sache. Bis wieder ein Mann auftraf, der es wagte, wie Gaius Gracchus nach der
+Staatsoberhauptschaft zu greifen, konnten die Führer nur Lückenbüßer sein:
+entweder politische Anfänger, die ihre jugendliche Oppositionslust austobten
+und sodann, als sprudelnde Feuerköpfe und beliebte Sprecher legitimiert, mit
+mehr oder minder Geschicklichkeit ihren Rückzug in das Lager der
+Regierungspartei bewerkstelligten; oder auch Leute, die an Vermögen und Einfluß
+nichts zu verlieren, an Ehre gewöhnlich nicht einmal etwas zu gewinnen hatten,
+und die aus persönlicher Erbitterung oder auch aus bloßer Lust am Lärmschlagen
+sich ein Geschäft daraus machten, die Regierung zu hindern und zu ärgern. Der
+ersten Gattung gehörten zum Beispiel an Gaius Memmius und der bekannte Redner
+Lucius Crassus, die ihre in den Reihen der Opposition gewonnenen oratorischen
+Lorbeern demnächst als eifrige Regierungsmänner verwerteten. Die namhaftesten
+Führer der Popularpartei aber um diese Zeit waren Männer der zweiten Gattung:
+sowohl Gaius Servilius Glaucia, von Cicero der römische Hyperbolos genannt, ein
+gemeiner Gesell niedrigster Herkunft und unverschämtester Straßenberedsamkeit,
+aber wirksam und selbst gefürchtet wegen seiner drastischen Witze, als auch
+sein besserer und fähigerer Genosse Lucius Appuleius Saturninus, der selbst
+nach den Berichten seiner Feinde ein feuriger und eindringlicher Sprecher war
+und wenigstens nicht von gemein eigennützigen Motiven geleitet ward. Ihm war
+als Quästor die in üblicher Weise ihm zugefallene Getreideverwaltung durch
+Beschluß des Senats entzogen worden, weniger wohl wegen fehlerhafter
+Amtsführung als um das eben damals populäre Amt lieber einem der Häupter der
+Regierungspartei, dem Marcus Scaurus, als einem unbekannten, keiner der
+herrschenden Familien angehörigen jungen Manne zuzuwenden. Diese Kränkung hatte
+den aufstrebenden und lebhaften Mann in die Opposition gedrängt; und er vergalt
+als Volkstribun 651 (103) das Empfangene mit Zinsen. Ein ärgerlicher Handel
+hatte damals den anderen gedrängt. Er hatte die von den Gesandten des Königs
+Mithradates in Rom bewirkten Bestechungen auf offenem Markt zur Sprache
+gebracht - diese den Senat aufs höchste kompromittierenden Enthüllungen hätten
+fast dem kühnen Tribun das Leben gekostet. Er hatte gegen den Besieger
+Numidiens Quintus Metellus, als derselbe sich für 652 (102) um die Zensur
+bewarb, einen Auflauf erregt und denselben auf dem Kapitol belagert gehalten,
+bis die Ritter ihn nicht ohne Blutvergießen befreiten; des Zensors Metellus
+Vergeltung, die schimpfliche Ausstoßung des Saturninus wie des Glaucia aus dem
+Senat bei Gelegenheit der Revision des Senatorenverzeichnisses, war nur
+gescheitert an der Schlaffheit des dem Metellus zugegebenen Kollegen. Er
+hauptsächlich hatte jenes Ausnahmegericht gegen Caepio und dessen Genossen
+trotz des heftigsten Widerstrebens der Regierungspartei, er gegen dieselben die
+lebhaft bestrittene Wiederwahl des Marius zum Konsul für 652 (102)
+durchgesetzt. Saturninus war entschieden der energischste Feind des Senats und
+der tätigste und beredteste Führer der Volkspartei seit Gaius Gracchus,
+freilich auch gewalttätig und rücksichtslos wie keiner vor ihm, immer bereit,
+in die Straße hinabzusteigen und statt mit Worten den Gegner mit Knütteln zu
+widerlegen.
+</p>
+
+<p>
+Solcher Art waren die beiden Führer der sogenannten Popularpartei, die mit dem
+siegreichen Feldherrn jetzt gemeinschaftliche Sache machten. Es war natürlich;
+die Interessen und die Zwecke gingen zusammen, und auch schon bei Marius&rsquo;
+früheren Bewerbungen hatte wenigstens Saturninus aufs entschiedenste und
+erfolgreichste für ihn Partei genommen. Sie wurden sich dahin einig, daß für
+654 (100) Marius um das sechste Konsulat, Saturninus um das zweite Tribunat,
+Glaucia um die Prätur sich bewerben sollten, um im Besitz dieser Ämter die
+beabsichtigte Staatsumwälzung durchzuführen. Der Senat ließ die Ernennung des
+minder gefährlichen Glaucia geschehen, aber tat, was er konnte, um
+Marius&rsquo; und Saturninus&rsquo; Wahl zu hindern oder doch wenigstens jenem
+in Quintus Metellus einen entschlossenen Gegner als Kollegen im Konsulat an die
+Seite zu setzen. Von beiden Parteien wurden alle Hebel, erlaubte und
+unerlaubte, in Bewegung gesetzt; allein es gelang dem Senat nicht, die
+gefährliche Verschwörung im Keim zu ersticken. Marius selbst verschmähte es
+nicht, Stimmenbettel, es heißt sogar auch Stimmenkauf zu betreiben; ja als in
+den tribunizischen Wahlen neun Männer von der Liste der Regierungspartei
+proklamiert waren und auch die zehnte Stelle bereits einem achtbaren Mann
+derselben Farbe, Quintus Nunnius, gesichert schien, ward dieser von einem
+wüsten Haufen, der vorzugsweise aus entlassenen Soldaten des Marius bestanden
+haben soll, angefallen und erschlagen. So gelangten die Verschworenen, freilich
+auf die gewaltsamste Weise, zum Ziel. Marius wurde gewählt als Konsul, Glaucia
+als Prätor, Saturninus als Volkstribun für 654 (109): nicht Quintus Metellus,
+sondern ein unbedeutender Mann, Lucius Valerius Flaccus, erhielt die zweite
+Konsulstelle; die verbündeten Männer konnten daran gehen, ihre weiter
+beabsichtigten Pläne ins Werk zu setzen und das 633 (121) unterbrochene Werk zu
+vollenden.
+</p>
+
+<p>
+Erinnern wir uns, welche Ziele Gaius Gracchus und mit welchen Mitteln er sie
+verfolgt hatte. Es galt, die Oligarchie nach innen wie nach außen zu brechen,
+also teils die vom Senat völlig abhängig gewordene Beamtengewalt in ihre
+ursprünglichen souveränen Rechte wiedereinzusetzen und die Ratsversammlung aus
+der regierenden wieder in eine beratende Behörde umzuwandeln, teils der
+aristokratischen Gliederung des Staats in die drei Klassen der herrschenden
+Bürger-, der italischen Bundesgenossen- und der Untertanenschaft durch
+allmähliche Ausgleichung dieser mit einem nichtoligarchischen Regiment
+unverträglichen Gegensätze ein Ende zu machen. Diese Gedanken nahmen die drei
+verbündeten Männer wieder auf in den Kolonialgesetzen, die Saturninus als
+Volkstribun teils schon früher (651 103) eingebracht hatte, teils jetzt (654
+100) einbrachte ^1. Schon in jenem Jahre war zunächst zu Gunsten der
+Marianischen Soldaten, der Bürger nicht bloß, sondern, wie es scheint, auch der
+italischen Bundesgenossen, die unterbrochene Verteilung des karthagischen
+Gebiets wieder aufgenommen und jedem dieser Veteranen ein Landlos von 100
+Morgen oder etwa dem fünffachen Maß eines gewöhnlichen italischen Bauernhofs in
+der Provinz Africa zugesichert worden. Jetzt ward für die römisch-italische
+Emigration nicht bloß das bereits zur Verfügung stehende Provinzialland in
+weitester Ausdehnung in Anspruch genommen, sondern auch mittels der rechtlichen
+Fiktion, daß den Römern durch die Besiegung der Kimbrer das gesamte von diesen
+besetzte Gebiet von Rechts wegen erworben sei, alles Land der noch unabhängigen
+Keltenstämme jenseits der Alpen. Zur Leitung der Landanweisungen wie der zu
+diesem Behuf etwa nötig erscheinenden weiteren Maßregeln ward Gaius Marius
+berufen; die unterschlagenen, aber von den schuldigen Aristokraten erstatteten
+oder noch zu erstattenden Tempelschätze von Tolosa wurden zur Ausstattung der
+neuen Landempfänger bestimmt. Dieses Gesetz nahm also nicht bloß die
+Eroberungspläne jenseits der Alpen und die transalpinischen und überseeischen
+Kolonisationsentwürfe, wie Gaius Gracchus und Flaccus sie entworfen hatten, im
+ausgedehntesten Umfang wieder auf, sondern indem es die Italiker neben den
+Römern zur Emigration zuließ und doch ohne Zweifel die sämtlichen neuen
+Gemeinden als Bürgerkolonien einzurichten vorschrieb, machte es einen Anfang,
+die so schwer durchzubringenden und doch unmöglich auf die Länge abzuweisenden
+Ansprüche der Italiker auf Gleichstellung mit den Römern zu befriedigen.
+Zunächst aber wurde, wenn das Gesetz durchging und Marius zur selbständigen
+Ausführung dieser ungeheuren Eroberungs- und Aufteilungspläne berufen ward,
+tatsächlich derselbe bis zur Realisierung jener Pläne oder vielmehr, bei der
+Unbestimmtheit und Schrankenlosigkeit derselben, auf zeit seines Lebens Monarch
+von Rom; wozu denn vermutlich, wie Gracchus das Tribunat, so Marius das
+Konsulat alljährlich sich erneuern zu lassen gedachte. überhaupt ist bei der
+sonstigen Übereinstimmung der für den jüngeren Gracchus und für Marius
+entworfenen politischen Stellungen in allen wesentlichen Stücken oder zwischen
+dem landanweisenden Tribun und dem landanweisenden Konsul darin ein sehr
+wesentlicher Unterschied, daß jener eine rein bürgerliche, dieser daneben eine
+militärische Stellung einnehmen sollte: ein Unterschied, der zwar mit, aber
+doch keineswegs allein aus den persönlichen Verhältnissen hervorging, unter
+denen die beiden Männer an die Spitze des Staates getreten waren.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Es ist nicht möglich, genau zu unterscheiden, was dem ersten und was dem
+zweiten Tribunat des Saturninus angehört; um so weniger, als derselbe in beiden
+offenbar dieselben Gracchischen Tendenzen verfolgte. Das afrikanische
+Ackergesetz setzt die Schrift &lsquo;De viris illustribus&rsquo; (73, 1) mit
+Bestimmtheit in 651 (103): und es pafft dies auch zu der erst kurz vorher
+erfolgten Beendigung des Jugurthinischen Krieges. Das zweite Ackergesetz gehört
+unzweifelhaft in das Jahr 654 (100). Das Majestäts- und das Getreidegesetz sind
+nur vermutungsweise jenes in 651 (103), dieses in 654 (100) gesetzt worden.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wenn also das Ziel beschaffen war, das Marius und seine Genossen sich
+vorgesteckt hatten, so fragte es sich weiter um die Mittel, durch welche man
+den voraussichtlich hartnäckigen Widerstand der Regierungspartei zu brechen
+gedachte. Gaius Gracchus hatte seine Schlachten geschlagen mit dem
+Kapitalistenstand und dem Proletariat. Seine Nachfolger versäumten zwar nicht,
+auch diesen entgegenzukommen. Den Rittern ließ man nicht bloß die Gerichte,
+sondern ihre Geschworenengewalt wurde ansehnlich gesteigert teils durch eine
+verschärfte Ordnung für die den Kaufleuten vor allem wichtige stehende
+Kommission wegen Erpressungen seitens der Staatsbeamten in den Provinzen,
+welche Glaucia, wahrscheinlich in diesem Jahr, durchbrachte, teils durch das
+wohl schon 651 (103) auf Saturninus&rsquo; Antrag niedergesetzte Spezialgericht
+über die während der kimbrischen Bewegung in Gallien vorgekommenen
+Unterschlagungen und sonstigen Amtsvergehen. Zum Frommen des hauptstädtischen
+Proletariats ferner ward der bisher bei den Getreideverteilungen für den
+römischen Scheffel zu entrichtende Schleuderpreis von 6 1/3 As herabgesetzt auf
+eine bloße Rekognitionsgebühr von 5/6 As. Indes obwohl man das Bündnis mit den
+Rittern und dem hauptstädtischen Proletariat nicht verschmähte, so ruhte doch
+die eigentlich zwingende Macht der Verbündeten wesentlich nicht darauf, sondern
+auf den entlassenen Soldaten der Marianischen Armee, welche ebendeshalb in den
+Kolonialgesetzen selbst in so ausschweifender Weise bedacht worden waren. Auch
+hierin tritt der vorwiegend militärische Charakter hervor, der hauptsächlich
+diesen Revolutionsversuch von dem voraufgehenden unterscheidet.
+</p>
+
+<p>
+Man ging also ans Werk. Das Getreide- und das Kolonialgesetz stießen bei der
+Regierung, wie begreiflich, auf die lebhafteste Gegenwehr. Man bewies im Senat
+mit schlagenden Zahlen, daß jenes die öffentlichen Kassen bankrott machen
+müsse; Saturninus kümmerte sich nicht darum. Man erwirkte gegen beide Gesetze
+tribunizische Interzession; Saturninus ließ weiterstimmen. Man zeigte den die
+Abstimmung leitenden Beamten an, daß ein Donnerschlag vernommen worden sei,
+durch welches Zeichen nach altem Glauben die Götter befahlen, die
+Volksversammlung zu entlassen; Saturninus bemerkte den Abgesandten, der Senat
+werde wohl tun, sich ruhig zu verhalten, sonst könne gar leicht nach dem Donner
+der Hagel folgen. Endlich trieb der städtische Quästor Quintus Caepio,
+vermutlich der Sohn des drei Jahre zuvor verurteilten Feldherrn 2 und gleich
+seinem Vater ein heftiger Gegner der Popularpartei, mit einem Haufen ergebener
+Leute die Stimmversammlung mit Gewalt auseinander. Allein die derben Soldaten
+des Marius, die massenweise zu dieser Abstimmung nach Rom geströmt waren,
+sprengten, rasch zusammengerafft, wieder die städtischen Haufen, und so gelang
+es, auf dem wiedereroberten Stimmfeld die Abstimmung über die Appuleischen
+Gesetze zu Ende zu führen. Der Skandal war arg; als es indes zur Frage kam, ob
+der Senat der Klausel des Gesetzes genügen werde, daß binnen fünf Tagen nach
+dessen Durchbringung jeder vom Rat bei Verlust seiner Ratsherrnstelle auf
+getreuliche Befolgung des Gesetzes einen Eid abzulegen habe, leisteten diesen
+Eid die sämtlichen Senatoren mit einziger Ausnahme des Quintus Metellus, der es
+vorzog, die Heimat zu verlassen. Nicht ungern sahen Marius und Saturninus den
+besten Feldherrn und den tüchtigsten Mann unter der Gegenpartei durch
+Selbstverbannung aus dem Staate scheiden.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+2 Dahin führen alle Spuren. Der ältere Quintus Caepio war 648 (106) Konsul, der
+jüngere 651 (103) oder 654 (100) Quästor, also jener um oder vor 605 (149),
+dieser um 624 (130) oder 627 (117) geboren; daß jener starb, ohne Söhne zu
+hinterlassen (Strab. 4, 188), widerspricht nicht, denn der jüngere Caepio fiel
+664 (90) und der ältere, der im Exil zu Smyrna sein Leben beschloß, kann gar
+wohl ihn überlebt haben.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Man schien am Ziel; dem schärfer Sehenden mußte schon jetzt das Unternehmen als
+gescheitert erscheinen. Die Ursache des Fehlschlagens lag wesentlich in der
+ungeschickten Allianz eines politisch unfähigen Feldherrn und eines fähigen,
+aber rücksichtslos heftigen, und mehr von Leidenschaft als von staatsmännischen
+Zwecken erfüllten Demagogen von der Gasse. Man hatte sich vortrefflich
+vertragen, solange es sich nur noch um Pläne handelte; als es dann aber zur
+Ausführung kam, zeigte es sich sehr bald, daß der gefeierte Feldherr in der
+Politik nichts war als eine Inkapazität; daß sein Ehrgeiz der des Bauern war,
+der den Adligen an Titeln erreichen und womöglich überbieten möchte, nicht aber
+der des Staatsmannes, der regieren will, weil er dazu in sich die Kraft fühlt;
+daß jedes Unternehmen, welches auf seine politische Persönlichkeit gebaut war,
+auch unter den sonst günstigsten Verhältnissen notwendig an ihm selber
+scheitern mußte.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte weder seine Gegner zu gewinnen noch seine Partei zu bändigen. Die
+Opposition gegen ihn und seine Genossen war an sich schon ansehnlich genug;
+denn nicht bloß die Regierungspartei in Masse gehörte dazu, sondern auch der
+große Teil der Bürgerschaft, der mit eifersüchtigen Blicken den Italikern
+gegenüber über seinen Sonderrechten Wache hielt; durch den Gang aber, den die
+Dinge nahmen, wurde noch die gesamte begüterte Klasse zu der Regierung
+hinübergedrängt. Saturninus und Glaucia waren von Haus aus Herren und Diener
+des Proletariats und darum keineswegs auf gutem Fuße mit der Geldaristokratie,
+die zwar nichts dagegen hatte, mittels des Pöbels dem Senat einmal Schach zu
+bieten, aber Straßenaufläufe und arge Gewalttätigkeiten nicht liebte. Schon in
+Saturninus&rsquo; erstem Tribunat hatten dessen bewaffnete Rotten mit den
+Rittern sich herumgeschlagen; die heftige Opposition, auf die seine Wahl zum
+Tribun für 654 (100) stieß, zeigt deutlich, wie klein die ihm günstige Partei
+war. Es wäre Marius&rsquo; Aufgabe gewesen, der bedenklichen Hilfe dieser
+Genossen sich nur mit Maßen zu bedienen und männiglich zu überzeugen, daß sie
+nicht bestimmt seien zu herrschen, sondern ihm, dem Herrscher, zu dienen. Da er
+das gerade Gegenteil davon tat und die Sache ganz das Ansehen gewann, als
+handle es sich nicht darum, einen intelligenten und kräftigen Herrn, sondern
+die reine Kanaille ans Regiment zu bringen, so schlossen dieser gemeinsamen
+Gefahr gegenüber die Männer der materiellen Interessen, zum Tode erschrocken
+über das wüste Wesen, sich wieder eng an den Senat an. Während Gaius Gracchus,
+wohl erkennend, daß mit dem Proletariat allein keine Regierung gestürzt werden
+kann, vor allen Dingen bemüht gewesen war, die besitzenden Klassen auf seine
+Seite zu ziehen, fingen diese seine Fortsetzer damit an, die Aristokratie mit
+der Bourgeoisie zu versöhnen.
+</p>
+
+<p>
+Aber noch rascher als die Versöhnung der Feinde führte den Ruin des
+Unternehmens die Uneinigkeit herbei, welche unter dessen Urhebern Marius&rsquo;
+mehr als zweideutiges Auftreten notwendigerweise hervorrief. Während die
+entscheidenden Anträge von seinen Genossen gestellt, von seinen Soldaten
+durchgefochten wurden, verhielt Marius sich vollständig leidend, gleich als ob
+der politische Führer nicht ebenso wie der militärische, wenn es zum
+Hauptangriff geht, überall und vor allen einstehen müßte mit seiner Person.
+Aber es war damit nicht genug; vor den Geistern, die er selber gerufen,
+erschrak er und nahm Reißaus. Als seine Genossen zu Mitteln griffen, die ein
+ehrlicher Mann nicht billigen konnte, ohne die aber freilich das angestrebte
+Ziel sich nicht erreichen ließ, versuchte er in der üblichen Weise
+politisch-moralischer Konfusionäre sich von der Teilnahme an jenen Verbrechen
+reinzuwaschen und zugleich das Ergebnis derselben sich zunutze zu machen. Es
+gibt ein Geschichtchen, daß der General einst in zwei verschiedenen Zimmern
+seines Hauses in dem einen mit dem Saturninus und den Seinen, in dem anderen
+mit den Abgeordneten der Oligarchie geheime Unterhandlungen gepflogen habe,
+dort über das Losschlagen gegen dem Senat, hier über das Einschreiten gegen die
+Revolte, und daß er unter einem Vorwand, wie er der Peinlichkeit der Situation
+entsprach, zwischen beiden Konferenzen ab und zu gegangen sei - ein
+Geschichtchen, so sicherlich erfunden und so sicher treffend wie nur irgendein
+Einfall des Aristophanes. Offenkundig ward die zweideutige Stellung des Marius
+bei der Eidesfrage, wobei er anfangs Miene machte, den durch die Appuleischen
+Gesetze geforderten Eid der bei ihrer Durchbringung vorgekommenen Formfehler
+halber selbst zu verweigern und dann denselben unter den Vorbehalt schwor,
+wofern die Gesetze wirklich rechtsbeständig seien; ein Vorbehalt, der den Eid
+selber aufhob, und den natürlich sämtliche Senatoren in ihren Schwur
+gleichfalls aufnahmen, so daß durch diese Weise der Beeidigung die Gültigkeit
+der Gesetze nicht gesichert, sondern vielmehr erst recht in Frage gestellt
+ward.
+</p>
+
+<p>
+Die Folgen dieses unvergleichlich kopflosen Auftretens des gefeierten Feldherrn
+entwickelten sich rasch. Saturninus und Glaucia hatten nicht deswegen die
+Revolution unternommen und dem Marius die Staatsoberhauptschaft verschafft, um
+sich von ihm verleugnen und aufopfern zu lassen; wenn Glaucia, der spaßhafte
+Volksmann, bisher den Marius mit den lustigsten Blumen seiner lustigen
+Beredsamkeit überschüttet hatte, so dufteten die Kränze, welche er jetzt ihm
+wand, keineswegs nach Rosen und Violen. Es kam zum vollständigen Bruch, womit
+beide Teile verloren waren; denn weder stand Marius fest genug, um allein das
+von ihm selbst in Frage gestellte Kolonialgesetz zu halten und der ihm darin
+bestimmten Stellung sich zu bemächtigen, noch waren Saturninus und Glaucia in
+der Lage, das für Marius begonnene Geschäft auf eigene Rechnung fortzuführen.
+Indes die beiden Demagogen waren so kompromittiert, daß sie nicht zurückkonnten
+und nur die Wahl hatten, ihre Ämter in gewöhnlicher Weise niederzulegen und
+damit ihren erbitterten Gegnern sich mit gebundenen Händen zu überliefern oder
+nun selber nach dem Szepter zu greifen, dessen Gewicht sie freilich fühlten
+nicht tragen zu können. Sie entschlossen sich zu dem letzteren; Saturninus
+wollte für 655 (99) abermals um das Volkstribunat als Bewerber auftreten,
+Glaucia, obwohl Prätor und erst nach zwei Jahren wahlfähig zum Konsulat, um
+dieses sich bewerben. In der Tat wurden die tribunizischen Wahlen durchaus in
+ihrem Sinne entschieden und Marius&rsquo; Versuch, den falschen Tiberius
+Gracchus an der Bewerbung um das Tribunat zu hindern, diente nur dazu, dem
+gefeierten Mann zu beweisen, was seine Popularität jetzt noch wert war; die
+Menge sprengte die Tür des Gefängnisses, in dem Gracchus eingesperrt saß, trug
+ihn im Triumph durch die Straßen und wählte ihn mit großer Majorität zu ihrem
+Tribun. Die wichtigere Konsulnwahl suchten Saturninus und Glaucia durch das im
+vorigen Jahr erprobte Mittel zur Beseitigung unbequemer Konkurrenzen in die
+Hand zu bekommen; der Gegenkandidat der Regierungspartei, Gaius Memmius,
+derselbe, der elf Jahre zuvor gegen sie die Opposition geführt hatte, wurde von
+einem Haufen Gesindel überfallen und mit Knütteln erschlagen. Aber die
+Regierungspartei hatte nur auf ein eklatantes Ereignis der Art gewartet, um
+Gewalt zu brauchen. Der Senat forderte den Konsul Gaius Marius auf,
+einzuschreiten, und dieser gab in der Tat sich dazu her, das Schwert, das er
+von der Demokratie erhalten und für sie zu führen versprochen hatte, nun für
+die konservative Partei zu ziehen. Die junge Mannschaft ward schleunigst
+aufgeboten, mit Waffen aus den öffentlichen Gebäuden ausgerüstet und
+militärisch geordnet; der Senat selbst erschien bewaffnet auf dem Markt, an der
+Spitze sein greiser Vormann Marcus Scaurus. Die Gegenpartei war wohl im
+Straßenlärm überlegen, aber auf einen solchen Angriff nicht vorbereitet; sie
+mußte nun sich wehren, wie es ging. Man erbrach die Tore der Gefängnisse und
+rief die Sklaven zur Freiheit und unter die Waffen; man rief - so heißt es
+wenigstens - den Saturninus zum König oder Feldherrn aus; an dem Tage, wo die
+neuen Volkstribune ihr Amt anzutreten hatten, am 10. Dezember 654 (100), kam es
+auf dem Großen Markte zur Schlacht, der ersten, die, seit Rom stand, innerhalb
+der Mauern der Hauptstadt geliefert worden ist. Der Ausgang war keinen
+Augenblick zweifelhaft. Die Popularen wurden geschlagen und hinaufgedrängt auf
+das Kapitol, wo man ihnen das Wasser abschnitt und sie dadurch nötigte, sich zu
+ergeben. Marius, der den Oberbefehl führte, hätte gern seinen ehemaligen
+Verbündeten und jetzigen Gefangenen das Leben gerettet; laut rief Saturninus
+der Menge zu, daß alles, was er beantragt, im Einverständnis mit dem Konsul
+geschehen sei; selbst einem schlechteren Mann, als Marius war, mußte grauen vor
+der ehrlosen Rolle, die er an diesem Tage spielte. Indes er war längst nicht
+mehr Herr der Dinge. Ohne Befehl erklimmte die vornehme Jugend das Dach des
+Rathauses am Markt, in das man vorläufig die Gefangenen eingesperrt hatte,
+deckte die Ziegel ab und steinigte sie mit denselben. So kam Saturninus um mit
+den meisten der namhafteren Gefangenen. Glaucia ward in einem Versteck gefunden
+und gleichfalls getötet. Ohne Urteil und Recht starben an diesem Tage vier
+Beamte des römischen Volkes. ein Prätor, ein Quästor, zwei Volkstribune und
+eine Anzahl anderer bekannter und zum Teil guten Familien angehöriger Männer.
+Trotz der schweren und blutigen Verschuldungen, die die Häupter auf sich
+geladen hatten, durfte man dennoch sie bedauern; sie fielen wie die Vorposten,
+die das Hauptheer im Stich läßt und sie nötigt, im verzweifelten Kampf zwecklos
+unterzugehen.
+</p>
+
+<p>
+Nie hatte die Regierungspartei einen vollständigeren Sieg erfochten, nie die
+Opposition eine härtere Niederlage erlitten als an diesem 10. Dezember. Es war
+das wenigste, daß man sich einiger unbequemer Schreier entledigt hatte, die
+jeden Tag durch Gesellen von gleichem Schlag ersetzt werden konnten; schwerer
+fiel ins Gewicht, daß der einzige Mann, der damals imstande war, der Regierung
+gefährlich zu werden, sich selber öffentlich und vollständig vernichtet hatte;
+am schwersten, daß die beiden oppositionellen Elemente, der Kapitalistenstand
+und das Proletariat, gänzlich entzweit aus dem Kampfe hervorgingen. Zwar das
+Werk der Regierung war dies nicht; teils die Macht der Verhältnisse, teils und
+vor allem die grobe Bauernfaust seines unfähigen Nachtreters hatten wieder
+aufgelöst, was unter Gaius Gracchus&rsquo; gewandter Hand sich zusammenfügte;
+allein im Resultat kam nichts darauf an, ob Berechnung oder Glück der Regierung
+zum Siege verhalf. Eine kläglichere Stellung ist kaum zu erdenken, als wie sie
+der Held von Aquae und Vercellae nach jener Katastrophe einnahm - nur um so
+kläglicher, weil man nicht anders konnte, als sie mit dem Glanze vergleichen,
+der nur wenige Monate zuvor denselben Mann umgab. Weder auf aristokratischer
+noch auf demokratischer Seite gedachte weiter jemand des siegreichen Feldherrn
+bei der Besetzung der Ämter; der Mann der sechs Konsulate konnte nicht einmal
+wagen, sich 656 (98) um die Zensur zu bewerben. Er ging fort in den Osten, wie
+er sagte, um ein Gelübde dort zu lösen, in der Tat, um nicht von der
+triumphierenden Rückkehr seines Todfeindes, des Quintus Metellus, Zeuge zu
+sein; man ließ ihn gehen. Er kam wieder zurück und öffnete sein Haus; seine
+Säle standen leer. Immer hoffte er, daß es wieder Kämpfe und Schlachten geben
+und man seines erprobten Armes abermals bedürfen werde; er dachte sich im
+Osten, wo die Römer allerdings Ursache genug gehabt hätten, energisch zu
+intervenieren, Gelegenheit zu einem Kriege zu machen. Aber auch dies schlug ihm
+fehl wie jeder andere seiner Wünsche; es blieb tiefer Friede. Und dabei fraß
+der einmal in ihm aufgestachelte Hunger nach Ehren, je öfter er getäuscht ward,
+immer tiefer sich ein in sein Gemüt; abergläubisch wie er war, nährte er in
+seinem Busen ein altes Orakelwort, das ihm sieben Konsulate verheißen hatte,
+und sann in finsteren Gedanken, wie es geschehen möge, daß dies Wort seine
+Erfüllung und er seine Rache bekomme, während er allen, nur sich selbst nicht,
+unbedeutend und unschädlich erschien.
+</p>
+
+<p>
+Folgenreicher noch als die Beseitigung des gefährlichen Mannes war die tiefe
+Erbitterung gegen die sogenannten Popularen, welche die Schilderhebung des
+Saturninus in der Partei der materiellen Interessen zurückließ. Mit der
+rücksichtslosesten Härte verurteilten die Rittergerichte jeden, der zu den
+oppositionellen Ansichten sich bekannte; so ward Sextus Titius mehr noch als
+wegen seines Ackergesetzes deswegen verdammt, weil er des Saturninus Bild im
+Hause gehabt hatte; so Gaius Appuleius Decianus, weil er als Volkstribun das
+Verfahren gegen Saturninus als ein ungesetzliches bezeichnet hatte. Sogar für
+ältere, von den Popularen der Aristokratien zugefügte Unbill wurde nun nicht
+ohne Aussicht auf Erfolg vor den Rittergerichten Genugtuung gefordert. Weil
+Gaius Norbanus acht Jahre zuvor in Gemeinschaft mit Saturninus den Konsular
+Quintus Caepio ins Elend getrieben hatte, wurde er jetzt (659 95) auf Grund
+seines eigenen Gesetzes des Hochverrats angeklagt, und lange schwankten die
+Geschworenen - nicht, ob der Angeklagte schuldig oder unschuldig, sondern ob
+sein Bundesgenosse oder sein Feind, Saturninus oder Caepio ihnen hassenswerter
+erscheine, bis sie denn doch zuletzt für Freisprechung sich entschieden. War
+man auch der Regierung an sich nicht geneigter als früher, so erschien doch
+nun, seit man sich, wenn auch nur einen Augenblick, am Rande der eigentlichen
+Pöbelherrschaft befunden hatte, jedem, der etwas zu verlieren hatte, das
+bestehende Regiment in einem anderen Licht es war notorisch elend und
+staatsverderberisch, aber die kümmerliche Furcht vor dem noch elenderen und
+noch staatsverderblicheren Regiment der Proletarier hatte ihm einen relativen
+Wert verliehen. So ging jetzt die Strömung, daß die Menge einen Volkstribun
+zerriß, der es gewagt hatte, die Rückkehr des Quintus Metellus zu verzögern,
+und daß die Demokraten anfingen, ihr Heil zu suchen in dem Bündnis mit Mördern
+und Giftmischern, wie sie zum Beispiel des verhaßten Metellus durch Gift sich
+entledigten, oder gar in dem Bündnis mit dem Landesfeind, wie denn einzelne von
+ihnen schon flüchteten an den Hof des Königs Mithradates, der im stillen zum
+Krieg rüstete gegen Rom.
+</p>
+
+<p>
+Auch die äußeren Verhältnisse gestalteten für die Regierung sich günstig. Die
+römischen Waffen waren in der Zeit vom Kimbrischen bis auf den
+Bundesgenossenkrieg nur wenig, überall aber mit Ehren tätig. Ernstlich
+gestritten wurde nur in Spanien, wo während der letzten für Rom so schweren
+Jahre die Lusitaner (649f. 105) und die Keltiberer sich reit ungewohnter
+Heftigkeit gegen die Römer aufgelehnt hatten; hier stellten in dem Jahre
+656-661 (98-93) der Konsul Titus Didius in der nördlichen und der Konsul
+Publius Crassus in der südlichen Provinz mit Tapferkeit und Glück nicht bloß
+das Obergewicht der römischen Waffen wieder her, sondern schleiften auch die
+wiederspenstigen Städte und versetzten, wo es nötig schien, die Bevölkerung der
+festen Bergstädte in die Ebenen. Daß um dieselbe Zeit die römische Regierung
+auch wieder des ein Menschenalter hindurch vernachlässigten Ostens gedachte und
+energischer, als seit langem erhört war, in Kyrene, Syrien, Kleinasien auftrat,
+wird später darzustellen sein. Noch niemals seit dem Beginn der Revolution war
+das Regiment der Restauration so fest begründet, so populär gewesen.
+Konsularische Gesetze lösten die tribunizischen, Freiheitsbeschränkungen die
+Fortschrittsmaßregeln ab. Die Kassierung der Gesetze des Saturninus verstand
+sich von selbst; die überseeischen Kolonien des Marius schwanden zusammen zu
+einer einzigen winzigen Ansiedelung auf der wüsten Insel Korsika. Als der
+Volkstribun Sextus Titius, ein karikierter Alkibiades, der im Tanz und
+Ballspiel stärker war als in der Politik und dessen hervorragendstes Talent
+darin bestand, nachts auf den Straßen die Götterbilder zu zerschlagen, das
+Appuleische Ackergesetz im Jahre 655 (99) wieder ein- und durchbrachte, konnte
+der Senat das neue Gesetz unter einem religiösen Vorwand kassieren, ohne daß
+jemand dafür einzustehen auch nur versucht hätte; den Urheber straften, wie
+schon erwähnt ward, die Ritter in ihren Gerichten. Das Jahr darauf (656 98)
+machte ein von den beiden Konsuln eingebrachtes Gesetz die übliche
+vierundzwanzigtägige Frist zwischen Ein- und Durchbringung eines
+Gesetzvorschlags obligatorisch und verbot, mehrere verschiedenartige
+Bestimmungen in einen Antrag zusammenzufassen; wodurch die unvernünftige
+Ausdehnung der legislatorischen Initiative wenigstens etwas beschränkt und
+offenbare Überrumpelungen der Regierung durch neue Gesetze abgewehrt wurden.
+Immer deutlicher zeigte es sich, daß die Gracchische Verfassung, die den Sturz
+ihres Urhebers überdauert hatte, jetzt, seit die Menge und die Geldaristokratie
+nicht mehr zusammengingen, in ihren Grundfesten schwankte. Wie diese Verfassung
+geruht hatte auf der Spaltung der Aristokratie, so schien die Zwiespältigkeit
+der Opposition sie zu Falle bringen zu müssen. Wenn jemals, so war jetzt die
+Zeit gekommen, um das unvollkommene Restaurationswerk von 633 (121) zu
+vollenden, um dem Tyrannen endlich auch seine Verfassung nachzusenden und die
+regierende Oligarchie in den Alleinbesitz der politischen Gewalt
+wiedereinzusetzen.
+</p>
+
+<p>
+Es kam alles an auf die Wiedergewinnung der Geschworenenstellen. Die Verwaltung
+der Provinzen, die hauptsächliche Grundlage des senatorischen Regiments, war
+von den Geschworenengerichten, namentlich von der Kommission wegen
+Erpressungen, in dem Maße abhängig geworden, daß der Statthalter die Provinz
+nicht mehr für den Senat, sondern für den Kapitalisten- und Kaufmannsstand zu
+verwalten schien. Wie bereitwillig immer die Geldaristokratie der Regierung
+entgegenkam, wenn es um Maßregeln gegen die Demokraten sich handelte, so
+unnachsichtlich ahndete sie jeden Versuch, sie in diesem ihrem wohlerworbenen
+Recht freiesten Schaltens in den Provinzen zu beschränken. Einzelne derartige
+Versuche wurden jetzt gemacht; die regierende Aristokratie fing wieder an, sich
+zu fühlen und eben ihre besten Männer hielten sich verpflichtet, der
+entsetzlichen Mißwirtschaft in den Provinzen wenigstens für ihre Person
+entgegenzutreten. Am entschlossensten tat dies Quintus Mucius Scaevola, gleich
+seinem Vater Publius Oberpontifex und im Jahre 659 (95) Konsul, der erste
+Jurist und einer der vorzüglichsten Männer seiner Zeit. Als prätorischer
+Statthalter (um 656 98) von Asia, der reichsten und gemißhandeltsten unter
+allen Provinzen, statuierte er in Gemeinschaft mit seinem älteren, als
+Offizier, Jurist und Geschichtschreiber ausgezeichneten Freunde, dem Konsular
+Publius Rutilius Rufus, ein ernstes und abschreckendes Exempel. Ohne einen
+Unterschied zwischen Italikern und Provinzialen, Vornehmen und Geringen zu
+machen, nahm er jede Klage an und zwang nicht bloß die römischen Kaufleute und
+Staatspächter wegen erwiesener Schädigungen, vollen Geldersatz zu leisten,
+sondern, als einige ihrer angesehensten und rücksichtslosesten Agenten
+todeswürdiger Verbrechen schuldig befunden wurden, ließ er diese, taub gegen
+alle Bestechungsanträge, ans Kreuz schlagen wie Rechtens. Der Senat billigte
+sein Verfahren und setzte sogar seitdem den Statthaltern von Asia es in die
+Instruktion, daß sie sich die Verwaltungsgrundsätze Scaevolas zum Muster nehmen
+möchten; allein die Ritter, wenn sie gleich an den hochadligen und
+vielvermögenden Staatsmann selber sich nicht wagten, zogen seine Gefährten vor
+Gericht, zuletzt (um 662 92) sogar den angesehensten derselben, seinen Legaten
+Publius Rufus, der nur durch Verdienste und anerkannte Rechtschaffenheit, nicht
+durch Familienanhang verteidigt war. Die Anklage, daß dieser Mann sich in Asia
+habe Erpressungen zuschulden kommen lassen, brach zwar fast zusammen unter
+ihrer eigenen Lächerlichkeit wie unter der Verworfenheit des Anklägers, eines
+gewissen Apicius; allein man ließ dennoch die willkommene Gelegenheit, den
+Konsular zu demütigen, nicht vorübergehen, und da dieser, die falsche
+Beredsamkeit, die Trauergewänder, die Tränen verschmähend, sich kurz, einfach
+und sachlich verteidigte und den souveränen Kapitalisten die begehrte Huldigung
+stolz verweigerte, ward er in der Tat verurteilt und sein mäßiges Vermögen zur
+Befriedigung erdichteter Entschädigungsansprüche eingezogen. Der Verurteilte
+begab sich in die angeblich von ihm ausgeplünderte Provinz und verlebte
+daselbst, von sämtlichen Gemeinden mit Ehrengesandtschaften empfangen und zeit
+seines Lebens gefeiert und beliebt, in literarischer Muße die ihm noch übrigen
+Tage. Und diese schmachvolle Verurteilung war wohl der ärgste, aber keineswegs
+der einzige Fall der Art. Mehr vielleicht noch als solcher Mißbrauch der Justiz
+gegen Männer fleckenlosen Wandels, aber neuen Adels erbitterte es die
+senatorische Partei, daß der reinste Adel nicht mehr genügte, die etwaigen
+Flecken der Ehrlichkeit zuzudecken. Kaum war Rufus aus dem Lande, als der
+angesehenste aller Aristokraten, seit zwanzig Jahren der Vormann des Senats,
+der siebzigjährige Marcus Scaurus, wegen Erpressungen vor Gericht gezogen ward;
+nach aristokratischen Begriffen ein Sacrilegium, selbst wenn er schuldig war.
+Das Anklägeramt fing an von schlechten Gesellen gewerbsmäßig betrieben zu
+werden und nicht Unbescholtenheit, nicht Rang, nicht Alter schützte mehr vor
+den frevelhaftesten und gefährlichsten Angriffen. Die Erpressungskommission
+ward aus einer Schutzwehr der Provinzialen ihre schlimmste Geißel; der
+offenkundige Dieb ging frei aus, wenn er nur seine Mitthebe gewähren ließ und
+sich nicht weigerte, einen Teil der erpreßten Summen den Geschworenen zufließen
+zu lassen; aber jeder Versuch, den billigen Forderungen der Provinzialen auf
+Recht und Gerechtigkeit zu entsprechen, reichte hin zur Verurteilung. Die
+römische Regierung schien in dieselbe Abhängigkeit von dem kontrollierenden
+Gericht versetzt werden zu sollen, in der einst das Richterkollegium in
+Karthago den dortigen Rat gehalten hatte. In furchtbarer Weise erfüllte sich
+Gaius Gracchus&rsquo; ahnungsvolles Wort, daß mit dem Dolche seines
+Geschworenengesetzes die vornehme Welt sich selber zerfleischen werde.
+</p>
+
+<p>
+Ein Sturm auf die Rittergerichte war unvermeidlich. Wer in der Regierungspartei
+noch Sinn dafür hatte, daß das Regieren nicht bloß Rechte, sondern auch
+Pflichten in sich schließt, ja wer nur noch edleren und stolzeren Ehrgeiz in
+sich empfand, mußte sich auflehnen gegen diese erdrückende und entehrende
+politische Kontrolle, die jede Möglichkeit, rechtschaffen zu verwalten, von
+vornherein abschnitt. Die skandalöse Verurteilung des Rutilius Rufus schien
+eine Aufforderung, den Angriff sofort zu beginnen, und Marcus Livius Drusus,
+der im Jahre 663 (91) Volkstribun war, betrachtete dieselbe als besonders an
+sich gerichtet. Der Sohn des gleichnamigen Mannes, der dreißig Jahre zuvor
+zunächst den Gaius Gracchus gestürzt und später auch als Offizier durch die
+Unterwerfung der Skordisker sich einen Namen gemacht hatte, war Drusus, gleich
+seinem Vater, streng konservativ gesinnt und hatte diese seine Gesinnung
+bereits in dem Aufstand des Saturninus tatsächlich bewährt. Er gehörte den
+Kreisen des höchsten Adels an und war Besitzer eines kolossalen Vermögens; auch
+der Gesinnung nach war er ein echter Aristokrat - ein energisch stolzer Mann,
+der es verschmähte, mit den Ehrenzeichen seiner Ämter sich zu behängen, aber
+auf dem Totenbette es aussprach, daß nicht bald ein Bürger wiederkommen werde,
+der ihm gleich sei; ein Mann, dem das schöne Wort, daß der Adel verpflichtet,
+die Richtschnur seines Lebens ward und blieb. Mit der ganzen ernsten
+Leidenschaft seines Gemütes hatte er sich abgewandt von der Eitelkeit und
+Feilheit des vornehmen Pöbels; zuverlässig und sittenstreng war er bei den
+geringen Leuten, denen seine Tür und sein Beutel immer offenstanden, mehr
+geachtet als eigentlich beliebt und trotz seiner Jugend durch die persönliche
+Würde seines Charakters von Gewicht im Senat wie auf dem Markte. Auch stand er
+nicht allein. Marcus Scaurus hatte den Mut, bei Gelegenheit seiner Verteidigung
+in dem Prozeß wegen Erpressungen den Drusus öffentlich aufzufordern, Hand zu
+legen an die Reform der Geschworenenordnung; er sowie der berühmte Redner
+Lucius Crassus waren im Senat die eifrigsten Verfechter, vielleicht die
+Miturheber seiner Anträge. Indes die Masse der regierenden Aristokratie dachte
+keineswegs wie Drusus, Scaurus und Crassus. Es fehlte im Senat nicht an
+entschiedenen Anhängern der Kapitalistenpartei, unter denen namentlich sich
+bemerkbar machten der derzeitige Konsul Lucius Marcius Philippus, der wie
+früher die Sache der Demokratie, so jetzt die des Ritterstandes mit Eifer und
+Klugheit verfocht, und der verwegene und rücksichtslose Quintus Caepio, den
+zunächst die persönliche Feindschaft gegen Drusus und Scaurus zu dieser
+Opposition bestimmte. Allein gefährlicher als diese entschiedenen Gegner war
+die feige und faule Masse der Aristokratie, die zwar die Provinzen lieber
+allein geplündert hätte, aber am Ende auch nicht viel dawider hatte, mit den
+Rittern die Beute zu teilen, und, statt den Ernst und die Gefahren des Kampfes
+gegen die übermütigen Kapitalisten zu übernehmen, es viel billiger und bequemer
+fand, sich von ihnen durch gute Worte und gelegentlich durch einen Fußfall oder
+auch eine runde Summe Straflosigkeit zu erkaufen. Nur der Erfolg konnte zeigen,
+wieweit es gelingen werde, diese Masse mit fortzureißen, ohne die es nun einmal
+nicht möglich war, zum Ziele zu gelangen.
+</p>
+
+<p>
+Drusus entwarf den Antrag, die Geschworenenstellen den Bürgern vom Ritterzensus
+zu entziehen und sie dem Senat zurückzugeben, welcher zugleich durch Aufnahme
+von 300 neuen Mitgliedern in den Stand gesetzt werden sollte, den vermehrten
+Obliegenheiten zu genügen; zur Aburteilung derjenigen Geschworenen, die der
+Bestechlichkeit sich schuldig gemacht hätten oder schuldig machen würden,
+sollte eine eigene Kriminalkommission niedergesetzt werden. Hiermit war der
+nächste Zweck erreicht, die Kapitalisten ihrer politischen Sonderrechte zu
+berauben und sie für die verübte Unbill zur Verantwortung zu ziehen. Indes
+Drusus&rsquo; Anträge und Absichten beschränkten sich hierauf keineswegs; seine
+Vorschläge waren keine Gelegenheitsmaßregeln, sondern ein umfassender und
+durchdachter Reformplan. Er beantragte ferner, die Getreideverteilung zu
+erhöhen und die Mehrkosten zu decken durch die dauernde Emission einer
+verhältnismäßigen Zahl von kupfernen plattierten neben den silbernen Denaren,
+sodann das gesamte noch unverteilte italische Ackerland, also namentlich die
+Kampanische Domäne, und den besten Teil Siziliens zur Ansiedlung von
+Bürgerkolonisten zu bestimmen; endlich ging er gegen die italischen
+Bundesgenossen die bestimmtesten Verpflichtungen ein, ihnen das römische
+Bürgerrecht zu verschaffen. So erschienen denn hier von aristokratischer Seite
+ebendieselben Herrschaftsstützen und ebendieselben Reformgedanken, auf denen
+Gaius Gracchus&rsquo; Verfassung beruht hatte - ein seltsames und doch sehr
+begreifliches Zusammentreffen. Es war nur in der Ordnung, daß, wie die Tyrannis
+gegen die Oligarchie, so diese gegen die Geldaristokratie sich stützte auf das
+besoldete und gewissermaßen organisierte Proletariat; hatte die Regierung
+früher die Ernährung des Proletariats auf Staatskosten als ein unvermeidliches
+Übel hingenommen, so dachte Drusus jetzt dasselbe, wenigstens für den
+Augenblick, gegen die Geldaristokratie zu gebrauchen. Es war nur in der
+Ordnung, daß der bessere Teil der Aristokratie, ebenwie ehemals auf das
+Ackergesetz des Tiberius Gracchus, so jetzt bereitwillig einging auf alle
+diejenigen Reformmaßregeln, die, ohne die Oberhauptsfrage zu berühren, nur
+darauf abzweckten, die alten Schäden des Staats auszuheilen. In der
+Emigrations- und Kolonisationsfrage konnte man zwar so weit nicht gehen wie die
+Demokratie, da die Herrschaft der Oligarchie wesentlich beruhte auf dem freien
+Schalten über die Provinzen und durch jedes dauernde militärische Kommando
+gefährdet ward; die Gedanken, Italien und die Provinzen gleichzustellen und
+jenseits der Alpen zu erobern, vertrugen mit den konservativen Prinzipien sich
+nicht. Allein die launischen und selbst die kampanischen Domänen so wie
+Sizilien konnte der Senat recht wohl aufopfern, um den italischen Bauernstand
+zu heben und dennoch die Regierung nach wie vor behaupten; wobei noch hinzukam,
+daß man künftigen Agitationen nicht wirksamer vorbeugen konnte als dadurch, daß
+alles irgend verfügbare Land von der Aristokratie selbst zur Aufteilung
+gebracht ward und für künftige Demagogen, nach Drusus&rsquo; eigenem Ausdruck,
+nichts zu verteilen übrig blieb als der Gassenkot und das Morgenrot. Ebenso war
+es für die Regierung, mochte dies nun ein Monarch sein oder eine geschlossene
+Anzahl herrschender Familien, ziemlich einerlei, ob halb oder ganz Italien zum
+römischen Bürgerverband gehörte; und daher mußten wohl beiderseits die
+reformierenden Männer sich in dem Gedanken begegnen, durch zweckmäßige und
+rechtzeitige Erstreckung des Bürgerrechts die Gefahr abzuwenden, daß die
+Insurrektion von Fregellae in größerem Maßstab wiederkehre, nebenher auch an
+den zahl- und einflußreichen Italikern sich Bundesgenossen für ihre Pläne
+suchen. So scharf in der Oberhauptsfrage die Ansichten und Absichten der beiden
+großen politischen Parteien sich schieden, so vielfach berührten sich in den
+Operationsmitteln und in den reformistischen Tendenzen die besten Männer aus
+beiden Lagern; und wie Scipio Aemilianus ebenso unter den Widersachern des
+Tiberius Gracchus wie unter den Förderern seiner Reformbestrebungen genannt
+werden kann, so war auch Drusus der Nachfolger und Schüler nicht minder als der
+Gegner des Gaius. Die beiden hochgeborenen und hochsinnigen jugendlichen
+Reformatoren waren sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick schien und auch
+persönlich beide nicht unwert, über dem trüben Nebel des befangenen
+Parteitreibens in reineren und höheren Anschauungen sich mit dem Kern ihrer
+patriotischen Bestrebungen zu begegnen.
+</p>
+
+<p>
+Es handelte sich um die Durchbringung der von Drusus entworfenen Gesetze, von
+denen übrigens der Antragsteller, ebenwie Gaius Gracchus, den bedenklichen
+Vorschlag, den italischen Bundesgenossen das römische Bürgerrecht zu verleihen,
+vorläufig zurückhielt und zunächst nur das Geschworenen-, Acker- und
+Getreidegesetz vorlegte. Die Kapitalistenpartei widerstand aufs heftigste und
+würde bei der Unentschlossenheit des größten Teils der Aristokratie und der
+Haltlosigkeit der Komitien ohne Frage die Verwerfung des Geschworenengesetzes
+durchgesetzt haben, wenn es allein zur Abstimmung gekommen wäre. Drusus faßte
+deshalb seine sämtlichen Anträge in einen einzigen zusammen; und indem also
+alle bei den Getreide- und Landverteilungen interessierten Bürger genötigt
+wurden, auch für das Geschworenengesetz zu stimmen, gelang es durch sie und
+durch die Italiker, welche mit Ausnahme der in ihrem Domanialbesitz bedrohten
+großen Grundbesitzer, namentlich der umbrischen und etruskischen, fest zu
+Drusus standen, das Gesetz durchzubringen - freilich erst, nachdem Drusus den
+Konsul Philippus, der nicht aufhörte zu widerstreben, hatte verhaften und durch
+den Büttel in den Kerker abführen lassen. Das Volk feierte den Tribun als
+seinen Wohltäter und empfing ihn im Theater mit Aufstehen und Beifallklatschen;
+allein die Abstimmung hatte den Kampf nicht so sehr entschieden als auf einen
+anderen Boden verlegt, da die Gegenpartei den Antrag des Drusus mit Recht als
+dem Gesetz von 656 (98) zuwiderlaufend und deshalb als nichtig bezeichnete. Der
+Hauptgegner des Tribuns, der Konsul Philippus, forderte den Senat auf, aus
+diesem Grunde das Livische Gesetz als formwidrig zu kassieren; allein die
+Majorität des Senats, erfreut, die Rittergerichte los zu sein, wies den Antrag
+zurück. Der Konsul erklärte darauf auf offenem Markte, daß mit einem solchen
+Senat zu regieren nicht möglich sei und er sich nach einem anderen Staatsrat
+umsehen werde; er schien einen Staatsstreich zu beabsichtigen. Der Senat, von
+Drusus deswegen berufen, sprach nach stürmischen Verhandlungen gegen den Konsul
+ein Tadels- und Mißtrauensvotum aus; allein im geheimen begann sich in einem
+großen Teil der Majorität die Angst vor der Revolution zu regen, mit der sowohl
+Philippus als ein großer Teil der Kapitalisten zu drohen schien. Andere
+Umstände kamen hinzu. Einer der tätigsten und angesehensten unter Drusus&rsquo;
+Gesinnungsgenossen, der Redner Lucius Crassus, starb plötzlich wenige Tage nach
+jener Senatssitzung (September 663 91). Die von Drusus mit den Italikern
+angeknüpften Verbindungen, die er anfangs nur wenigen seiner Vertrautesten
+mitgeteilt hatte, wurden allmählich ruchbar, und in das wütende Geschrei über
+Landesverrat, das die Gegner erhoben, stimmten viele, vielleicht die meisten
+Männer der Regierungspartei mit ein; selbst die edelmütige Warnung, die er dem
+Konsul Philippus zukommen ließ, bei dem Bundesfest auf dem Albanerberg vor den
+von den Italikern ausgesandten Mördern sich zu hüten, diente nur dazu, ihn
+weiter zu kompromittieren, indem sie zeigte, wie tief er in die unter den
+Italikern gärenden Verschwörungen verwickelt war. Immer heftiger drängte
+Philippus auf Kassation des Livischen Gesetzes; immer lauer ward die Majorität
+in der Verteidigung desselben. Bald erschien die Rückkehr zu den früheren
+Verhältnissen der großen Menge der Furchtsamen und Unentschiedenen im Senat als
+der einzige Ausweg, und der Kassationsbeschluß wegen formeller Mängel erfolgte.
+Drusus, nach seiner Art streng sich bescheidend, begnügte sich daran zu
+erinnern, daß der Senat also selbst die verhaßten Rittergerichte
+wiederherstelle, und begab sich seines Rechtes, den Kassationsbeschluß durch
+Interzession ungültig zu machen. Der Angriff des Senats auf die
+Kapitalistenpartei war vollständig abgeschlagen, und willig oder unwillig fügte
+man sich abermals in das bisherige Joch. Aber die hohe Finanz begnügte sich
+nicht gesiegt zu haben. Als Drusus eines Abends auf seinem Hausflur die wie
+gewöhnlich ihn begleitende Menge eben verabschieden wollte, stürzte er
+plötzlich vor dem Bilde seines Vaters zusammen; eine Mörderhand hatte ihn
+getroffen und so sicher, daß er wenige Stunden darauf den Geist aufgab. Der
+Täter war in der Abenddämmerung verschwunden, ohne daß jemand ihn erkannt
+hatte, und eine gerichtliche Untersuchung fand nicht statt; aber es brauchte
+derselben nicht, um hier jenen Dolch zu erkennen, mit dem die Aristokratie sich
+selber zerfleischte. Dasselbe gewaltsame und grauenvolle Ende, das die
+demokratischen Reformatoren weggerafft hatte, war auch dem Gracchus der
+Aristokratie bestimmt. Es lag darin eine tiefe und traurige Lehre. An dem
+Widerstand oder an der Schwäche der Aristokratie scheiterte die Reform, selbst
+wenn der Versuch zu reformieren aus ihren eigenen Reihen hervorging. Seine
+Kraft und sein Leben hatte Drusus darangesetzt, die Kaufmannsherrschaft zu
+stürzen, die Emigration zu organisieren, den drohenden Bürgerkrieg abzuwenden;
+er sah noch selbst die Kaufleute unumschränkter regieren als je, sah alle seine
+Reformgedanken vereitelt und starb mit dem Bewußtsein, daß seid jäher Tod das
+Signal zu dem fürchterlichsten Bürgerkrieg sein werde, der je das schöne
+italische Land verheert hat.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap07"></a>KAPITEL VII.<br/>
+Die Empörung der italischen Untertanen und die Sulpicische Revolution</h2>
+
+<p>
+Seitdem mit Pyrrhos&rsquo; Überwindung der letzte Krieg, den die Italiker für
+ihre Unabhängigkeit geführt hatten, zu Ende gegangen war, das heißt seit fast
+zweihundert Jahren, hatte jetzt das römische Prinzipat in Italien bestanden,
+ohne daß es selbst unter den gefährlichsten Verhältnissen ein einziges Mal in
+seiner Grundlage geschwankt hätte. Vergeblich hatte das Heldengeschlecht der
+Barleiden, vergeblich die Nachfolger des großen Alexander und der Achämeniden
+versucht, die italische Nation zum Kampf aufzurütteln gegen die übermächtige
+Hauptstadt; gehorsam war dieselbe auf den Schlachtfeldern am Guadalquivir und
+an der Medscherda, am Tempepaß und am Sipylos erschienen und hatte mit dem
+besten Blute ihrer Jugend ihren Herren die Untertänigkeit dreier Weltteile
+erfechten helfen. Ihre eigene Stellung indessen hatte sich wohl verändert, aber
+eher verschlechtert als verbessert. In materieller Hinsicht zwar hatte sie sich
+im allgemeinen nicht zu beklagen. Wenn auch der kleine und der mittlere
+Grundbesitzer durch ganz Italien infolge der unverständigen römischen
+Korngesetzgebung litt, so gediehen dafür die größeren Gutsherren und mehr noch
+der Kaufmanns- und Kapitalistenstand, da die Italiker hinsichtlich der
+finanziellen Ausbeutung der Provinzen im wesentlichen denselben Schutz und
+dieselben Vorrechte genossen wie die römischen Bürger und also die materiellen
+Vorteile des politischen Übergewichts der Römer großenteils auch ihnen zugute
+kamen. Überhaupt waren die wirtschaftlichen und sozialen Zustände Italiens
+nicht zunächst abhängig von den politischen Unterschieden; es gab vorzugsweise
+bundesgenössische Landschaften, wie Etrurien und Umbrien, in denen der freie
+Bauernstand verschwunden war, andere, wie die Abruzzentäler, in denen derselbe
+noch leidlich und zum Teil fast unberührt sich erhalten hatte - ähnlich wie
+sich gleiche Verschiedenheit auch in den verschiedenen römischen
+Bürgerdistrikten nachweisen läßt. Dagegen die politische Zurücksetzung ward
+immer herber, immer schroffer. Wohl fand ein förmlicher unverhüllter
+Rechtsbruch wenigstens in Hauptfragen nicht statt. Die Kommunalfreiheit, welche
+unter dem Namen der Souveränität den italischen Gemeinden vertragsmäßig
+zustand, wurde von der römischen Regierung im ganzen respektiert; den Angriff,
+den die römische Reformpartei im Anfang der agrarischen Bewegung auf die den
+besser gestellten Gemeinden verbrieften römischen Domänen machte, hatte nicht
+bloß die streng konservative sowie die Mittelpartei in Rom ernstlich bekämpft,
+sondern auch die römische Opposition selbst sehr bald aufgegeben. Allein die
+Rechte, welche Rom als der führenden Gemeinde zustanden und zustehen mußten,
+die oberste Leitung des Kriegswesens und die Oberaufsicht über die gesamte
+Verwaltung, wurden in einer Weise ausgeübt, die fast ebenso schlimm war, als
+wenn man die Bundesgenossen geradezu für rechtlose Untertanen erklärt hätte.
+Die zahlreichen Milderungen des furchtbar strengen römischen Kriegsrechts,
+welche im Laufe des siebenten Jahrhunderts in Rom eingeführt wurden, scheinen
+sämtlich auf die römischen Bürgersoldaten beschränkt geblieben zu sein; von der
+wichtigsten, der Abschaffung der standrechtlichen Hinrichtungen, ist dies gewiß
+und der Eindruck leicht zu ermessen, wenn, wie dies im Jugurthinischen Krieg
+geschah, angesehene latinische Offiziere nach Urteil des römischen Kriegsrats
+enthauptet wurden, dem letzten Bürgersoldaten aber im gleichen Fall das Recht
+zustand, an die bürgerlichen Gerichte Roms Berufung einzulegen. In welchem
+Verhältnis die Bürger und die italischen Bundesgenossen zum Kriegsdienst
+angezogen werden sollten, war vertragsmäßig wie billig unbestimmt geblieben;
+allein während in früherer Zeit beide durchschnittlich die gleiche Zahl
+Soldaten gestellt hatten, wurden jetzt, obwohl das Bevölkerungsverhältnis
+wahrscheinlich eher zu Gunsten als zum Nachteil der Bürgerschaft sich verändert
+hatte, die Forderungen an die Bundesgenossen allmählich unverhältnismäßig
+gesteigert, so daß man ihnen teils den schwereren und kostbareren Dienst
+vorzugsweise aufbürdete, teils jetzt regelmäßig auf einen Bürger zwei
+Bundesgenossen aushob. Ähnlich wie die militärische Oberleitung wurde die
+bürgerliche Oberaufsicht, welche mit Einschluß der davon kaum zu trennenden
+obersten Administrativjurisdiktion die römische Regierung stets und mit Recht
+über die abhängigen italischen Gemeinden sich vorbehalten hatte, in einer Weise
+ausgedehnt, daß die Italiker fast nicht minder als die Provinzialen sich der
+Willkür eines jeden der zahllosen römischen Beamten schutzlos preisgegeben
+sahen. In Teanum Sidicinum, einer der angesehensten Bundesstädte, hatte ein
+Konsul den Bürgermeister der Stadt an dem Schandpfahl auf dem Markt mit Ruten
+stäupen lassen, weil seiner Gemahlin, die in dem Männerbad zu baden verlangte,
+die Munizipalbeamten nicht schleunig genug die Badenden ausgetrieben hatten und
+ihr das Bad nicht sauber erschienen war. Ähnliche Auftritte waren in
+Ferentinum, gleichfalls einer Stadt besten Rechts, ja in der alten und
+wichtigen latinischen Kolonie Cales vorgefallen. In der latinischen Kolonie
+Venusia war ein freier Bauersmann von einem durchpassierenden jungen, amtlosen
+römischen Diplomaten wegen eines Spaßes, den er sich über dessen Sänfte erlaubt
+hatte, angehalten, niedergeworfen und mit dem Tragriemen der Sänfte zu Tode
+gepeitscht worden. Dieser Vorfälle wird um die Zeit des fregellanischen
+Aufstandes gelegentlich gedacht; es leidet keinen Zweifel, daß ähnliche
+Unrechtfertigkeiten häufig vorkamen und ebensowenig, daß eine ernstliche
+Genugtuung für solche Missetaten nirgends zu erlangen war, wogegen das nicht
+leicht ungestraft verletzte Provokationsrecht wenigstens Leib und Leben des
+römischen Bürgers einigermaßen schützte. Es konnte nicht fehlen, daß infolge
+dieser Behandlung der Italiker seitens der römischen Regierung die Spannung,
+welche die Weisheit der Ahnen zwischen den latinischen und den sonstigen
+italischen Gemeinden sorgfältig unterhalten hatte, wenn nicht verschwand, so
+doch nachließ. Die Zwingburgen Roms und die durch die Zwingburgen in Gehorsam
+erhaltenen Landschaften lebten jetzt unter dem gleichen Druck; der Latiner
+konnte den Picenter daran erinnern, daß sie beide in gleicher Weise &ldquo;den
+Beilen unterworfen&rdquo; seien; die Vögte und die Knechte von ehemals
+vereinigte jetzt der gemeinsame Haß gegen den gemeinsamen Zwingherrn.
+</p>
+
+<p>
+Wenn also der gegenwärtige Zustand der italischen Bundesgenossen aus einem
+leidlichen Abhängigkeitsverhältnis umgeschlagen war in die drückendste
+Knechtschaft, so war zugleich denselben jede Aussicht auf Erlangung besseren
+Rechts genommen worden. Schon mit der Unterwerfung Italiens hatte die römische
+Bürgerschaft sich abgeschlossen und die Erteilung des Bürgerrechts an ganze
+Gemeinden vollständig aufgegeben, die an einzelne Personen sehr beschränkt.
+Jetzt ging man noch einen Schritt weiter: bei Gelegenheit der die Erstreckung
+des römischen Bürgerrechts auf ganz Italien bezweckenden Agitation in den
+Jahren 628, 632 (126, 122) griff man das Übersiedlungsrecht selbst an und wies
+geradezu die sämtlichen in Rom sich aufhaltenden Nichtbürger durch Volks- und
+Senatbeschluß aus der Hauptstadt aus - eine ebenso durch ihre Illiberalität
+gehässige wie durch die vielfach dabei verletzten Privatinteressen gefährliche
+Maßregel. Kurz, wenn die italischen Bundesgenossen zu den Römern früher
+gestanden hatten teils als bevormundete Brüder, mehr beschützt als beherrscht
+und nicht zu ewiger Unmündigkeit bestimmt, teils als leidlich gehaltene und der
+Hoffnung auf die Freilassung nicht völlig beraubte Knechte, so standen sie
+jetzt sämtlich ungefähr in gleicher Untertänigkeit und gleicher
+Hoffnungslosigkeit unter den Ruten und Beilen ihrer Zwingherren und durften
+höchstens als bevorrechtete Knechte sich es herausnehmen, die von den Herren
+empfangenen Fußtritte an die armen Provinzialen weiterzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Es liegt in der Natur solcher Zerwürfnisse, daß sie anfangs, zurückgehalten
+durch das Gefühl der nationalen Einheit und die Erinnerung gemeinschaftlich
+überdauerter Gefahr, leise und gleichsam bescheiden auftreten, bis allmählich
+der Riß sich erweitert und zwischen den Herrschern, deren Recht lediglich ihre
+Macht ist, und den Beherrschten, deren Gehorsam nicht weiter reicht als ihre
+Furcht, das unverhohlene Gewaltverhältnis sich offenbart. Bis zu der Empörung
+und Schleifung von Fregellae im Jahre 629 (125), die gleichsam offiziell den
+veränderten Charakter der römischen Herrschaft konstatierte, trug die Gärung
+unter den Italikern nicht eigentlich einen revolutionären Charakter. Das
+Begehren nach Gleichberechtigung hatte allmählich sich gesteigert von stillem
+Wunsch zu lauter Bitte, nur um, je bestimmter es auftrat, desto entschiedener
+abgewiesen zu werden. Sehr bald konnte man erkennen, daß eine gutwillige
+Gewährung nicht zu hoffen sei, und der Wunsch, das Verweigerte zu ertrotzen,
+wird nicht gefehlt haben; allein Roms damalige Stellung ließ den Gedanken,
+diesen Wunsch zur Tat zu machen, kaum aufkommen. Obwohl das Zahlenverhältnis
+der Bürger und Nichtbürger in Italien sich nicht gehörig ermitteln läßt, so
+kann es doch als ausgemacht gelten, daß die Zahl der Bürger nicht sehr viel
+geringer war als die der italischen Bundesgenossen und auf ungefähr 400000
+waffenfähige Bürger mindestens 500000, wahrscheinlich 600000 Bundesgenossen
+kamen ^1. Solange bei einem solchen Verhältnis die Bürgerschaft einig und kein
+nennenswerter äußerer Feind vorhanden war, konnte die in eine Unzahl einzelner
+Stadt- und Gaugemeinden zersplitterte und durch tausendfache öffentliche und
+Privatverhältnisse mit Rom verknüpfte italische Bundesgenossenschaft zu einem
+gemeinschaftlichen Handeln nimmermehr gelangen und mit mäßiger Klugheit es der
+Regierung nicht fehlen, die schwierigen und grollenden Untertanenschaften teils
+durch die kompakte Masse der Bürgerschaft, teils durch die sehr ansehnlichen
+Hilfsmittel, die die Provinzen darboten, teils eine Gemeinde durch die andere
+zu beherrschen. Darum verhielten die Italiker sich ruhig, bis die Revolution
+Rom zu erschüttern begann; sowie aber diese ausgebrochen war, griffen auch sie
+ein in das Treiben und Wogen der römischen Parteien, um durch die eine oder die
+andere die Gleichberechtigung zu erlangen. Sie hatten gemeinschaftliche Sache
+gemacht erst mit der Volks-, sodann mit der Senatspartei und bei beiden gleich
+wenig erreicht. Sie hatten sich überzeugen müssen, daß zwar die besten Männer
+beider Parteien die Gerechtigkeit und Billigkeit ihrer Forderungen anerkannten,
+daß aber diese besten Männer, Aristokraten wie Populare, gleich wenig
+vermochten, bei der Masse ihrer Partei diesen Forderungen Gehör zu verschaffen.
+Sie hatten es mitangesehen, wie die begabtesten, energischsten, gefeiertsten
+Staatsmänner Roms in demselben Augenblick, wo sie als Sachwalter der Italiker
+auftraten, sich von ihren eigenen Anhängern verlassen gefunden hatten und
+deshalb gestürzt worden waren. In all den Wechselfällen der dreißigjährigen
+Revolution und Restauration waren Regierungen genug ein- und abgesetzt worden,
+aber wie auch das Programm wandelbar sein mochte, die kurzsichtige
+Engherzigkeit saß ewig am Steuer. Vor allem die neuesten Vorgänge hatten es
+deutlich offenbart, wie vergeblich die Italiker die Berücksichtigung ihrer
+Ansprüche von Rom erwarteten. Solange sich die Begehren der Italiker mit denen
+der Revolutionspartei gemischt hatten und bei dieser an dem Unverstand der
+Massen gescheitert waren, konnte man sich noch dem Glauben überlassen, als sei
+die Oligarchie nur den Antragstellern, nicht dem Antrag selbst feindlich
+gesinnt gewesen, als sei noch eine Möglichkeit vorhanden, daß der
+intelligentere Staat die mit dem Wesen der Oligarchie verträgliche und dem
+Senat heilsame Maßregel seinerseits aufnehmen werde. Allein die letzten Jahre,
+in denen der Senat wieder fast unumschränkt regierte, hatten über die Absichten
+auch der römischen Oligarchie eine nur zu leidige Klarheit verbreitet. Statt
+der gehofften Milderungen erging im Jahre 659 (95) ein konsularisches Gesetz,
+das den Nichtbürgern aufs strengste untersagte, des Bürgerrechts sich
+anzumaßen, und die Kontravenienten mit Untersuchung und Strafe bedrohte - ein
+Gesetz, das eine große Anzahl der angesehensten und bei der
+Gleichberechtigungsfrage am meisten interessierten Personen aus den Reihen der
+Römer in die der Italiker zurückwarf und das in seiner juristischen
+Unanfechtbarkeit und staatsmännischen Wahnwitzigkeit vollkommen auf einer Linie
+steht mit jener berühmten Akte, welche den Grund legte zur Trennung
+Nordamerikas vom Mutterland, und denn auch ebenwie diese die nächste Ursache
+des Bürgerkrieges ward. Es war nur um so schlimmer, daß die Urheber dieses
+Gesetzes keineswegs zu den verstockten und unverbesserlichen Optimaten
+gehörten, sondern keine anderen waren als der kluge und allgemein verehrte,
+freilich, wie Georg Grenville, von der Natur zum Rechtsgelehrten und vom
+Verhängnis zum Staatsmann bestimmte Quintus Scaevola, welcher durch seine
+ebenso ehrenwerte als schädliche Rechtlichkeit erst den Krieg zwischen Senat
+und Rittern und dann den zwischen Römern und Italikern mehr als irgendein
+zweiter entzündet hat, und der Redner Lucius Crassus, der Freund und
+Bundesgenosse des Drusus und überhaupt einer der gemäßigtsten und
+einsichtigsten Optimaten. Inmitten der heftigen Gärung, die dies Gesetz und die
+daraus entstandenen zahlreichen Prozesse in ganz Italien hervorriefen, schien
+den Italikern noch einmal der Stern der Hoffnung aufzugehen in Marcus Drusus.
+Was fast unmöglich gedünkt hatte, daß ein Konservativer die reformatorischen
+Gedanken der Gracchen aufnehmen und die Gleichberechtigung der Italiker
+durchfechten werde, war nun dennoch eingetreten; ein hocharistokratischer Mann
+hatte sich entschlossen, zugleich die Italiker von der sizilischen Meerenge bis
+an die Alpen hin und die Regierung zu emanzipieren und all seinen ernsten
+Eifer, all seine zuverlässige Hingebung an diese hochherzigen Reformpläne zu
+setzen. Ober wirklich, wie erzählt wird, sich an die Spitze eines Geheimbundes
+gestellt hat, dessen Fäden durch ganz Italien liefen und dessen Mitglieder sich
+eidlich 2 verpflichteten, zusammenzustehen für Drusus und die gemeinschaftliche
+Sache, ist nicht auszumachen; aber wenn er auch nicht zu so gefährlichen und in
+der Tat für einen römischen Beamten unverantwortlichen Dingen die Hand geboten
+hat, so ist es doch sicher nicht bei allgemeinen Verheißungen geblieben und
+sind, wenngleich vielleicht ohne und gegen seinen Willen, auf seinen Namen hin
+bedenkliche Verbindungen geknüpft worden. Jubelnd vernahm man in Italien, daß
+Drusus unter Zustimmung der großen Mehrheit des Senats seine ersten Anträge
+durchgesetzt habe; mit noch größerem Jubel feierten alle Gemeinden Italiens
+nicht lange darauf die Genesung des plötzlich schwer erkrankten Tribuns. Aber
+wie Drusus&rsquo; weitere Absichten sich enthüllten, wechselten die Dinge; er
+konnte nicht wagen, das Hauptgesetz einzubringen; er mußte verschieben, mußte
+zögern, mußte bald zurückweichen. Man vernahm, daß die Majorität des Senats
+unsicher werde und von ihrem Führer abzufallen drohe; in rascher Folge lief
+durch die Gemeinden Italiens die Kunde, daß das durchgebrachte Gesetz kassiert
+sei, daß die Kapitalisten unumschränkter schalteten als je, daß der Tribun von
+Mörderhand getroffen, daß er tot sei (Herbst 663 91).
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Diese Ziffern sind den Zensuszahlen der Jahre 639 (115) und 684 (70)
+entnommen; waffenfähige Bürger zählte man in jenem Jahr 394336, in diesem
+910000 (nach Phlegon fr. 13 Müller, welchen Satz Clinton und dessen
+Ausschreiber fälschlich auf den Zensus von 668 (86) beziehen; nach Liv. ep. 98
+wurden - nach der richtigen Lesung - 900000 Köpfe gezählt). Die einzige
+zwischen diesen beiden bekannte Zählungsziffer, die des Zensus von 668 (86),
+der nach Hieronymus 463000 Köpfe ergab, ist wohl nur deshalb so gering
+ausgefallen, weil er mitten in der Krise der Revolution stattfand. Da ein
+Steigen der Bevölkerung Italiens in der Zeit von 639 (115) bis 684 (70) nicht
+denkbar ist, und selbst die Sullanischen Landanweisungen die Lücken, die der
+Krieg gerissen, höchstens gedeckt haben können, so darf der Überschuß von
+reichlich 500000 Waffenfähigen mit Sicherheit auf die inzwischen erfolgte
+Aufnahme der Bundesgenossen zurückgeführt werden. Indes ist es möglich und
+sogar wahrscheinlich, daß in diesen verhängnisvollen Jahren der Gesamtstand der
+italischen Bevölkerung vielmehr zurückging; rechnet man das Gesamtdefizit auf
+100000 Waffenfähige, was nicht übertrieben erscheint, so kommen für die Zeit
+des Bundesgenossenkrieges in Italien auf zwei Bürger drei Nichtbürger.
+</p>
+
+<p>
+2 Die Eidesformel ist erhalten (bei Diod. Vat. p. 128); sie lautet: &ldquo;Ich
+schwöre bei dem Kapitolinischen Jupiter und bei der römischen Vesta und bei dem
+angestammten Mars und bei der zeugenden Sonne und bei der nährenden Erde und
+bei den göttlichen Gründern und Mehrern (den Penaten) der Stadt Rom, daß mir
+Freund sein soll und Feind sein soll, wer Freund und Feind ist dem Drusus;
+ingleichen daß ich weder meines eigenen noch des Lebens meiner Kinder und
+meiner Eltern schonen will, außer insoweit es dem Drusus frommt und den
+Genossen dieses Eides. Wenn ich aber Bürger werden sollte durch das Gesetz des
+Drusus, so will ich Rom achten als meine Heimat und Drusus als den größten
+meiner Wohltäter. Diesen Eid will ich abnehmen so vielen meiner Mitbürger, als
+ich vermag; und schwöre ich recht, so gehe es mir wohl, schwöre ich falsch, so
+gehe es mir übel!&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+Indes wird man Wohltun, diesen Bericht mit Vorsicht zu benutzen; er rührt
+entweder her aus den gegen Drusus von Philippus gehaltenen Reden (worauf die
+sinnlose, von dem Auszugmacher der Eidesformel vorgesetzte Überschrift
+&lsquo;Eid des Philippus&rsquo; zu führen scheint) oder im besten Fall aus den
+später über diese Verschwörung in Rom aufgenommenen Kriminalprozeßakten; und
+auch bei der letzteren Annahme bleibt es fraglich, ob diese Eidesformel aus den
+Inkulpaten heraus- oder in sie hineininquiriert ward.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die letzte Hoffnung, durch Vertrag die Aufnahme in den römischen Bürgerverband
+zu erlangen, ward den Italikern mit Marcus Drusus zu Grabe getragen. Wozu
+dieser konservative und energische Mann unter den günstigsten Verhältnissen
+seine eigene Partei nicht hatte bestimmen können, dazu war überhaupt auf dem
+Wege der Güte nicht zu gelangen. Den Italikern blieb nur die Wahl, entweder
+geduldig sich zu fügen oder den Versuch, der vor fünfunddreißig Jahren durch
+die Zerstörung von Fregellae im Keim erstickt worden war, noch einmal und
+womöglich mit gesamter Hand zu wiederholen und mit den Waffen sei es Rom zu
+vernichten und zu beerben, sei es wenigstens die Gleichberechtigung mit Rom zu
+erzwingen. Es war dieser letztere Entschluß freilich ein Entschluß der
+Verzweiflung; wie die Sachen lagen, mochte die Auflehnung der einzelnen
+Stadtgemeinden gegen die römische Regierung gar leicht noch hoffnungsloser
+erscheinen als der Aufstand der amerikanischen Pflanzstädte gegen das Britische
+Imperium; allem Anschein nach konnte die römische Regierung mit mäßiger
+Aufmerksamkeit und Tatkraft dieser zweiten Schilderhebung das Schicksal der
+früheren bereiten. Allein war es etwa minder ein Entschluß der Verzweiflung,
+wenn man stillsaß und die Dinge über sich kommen ließ? Wenn man sich erinnerte,
+wie die Römer ungereizt in Italien zu hausen gewohnt waren, was war jetzt zu
+erwarten, wo die angesehensten Männer in jeder italischen Stadt mit Drusus in
+einem Einverständnis gestanden hatten oder haben sollten - beides war
+hinsichtlich der Folgen ziemlich dasselbe -, das geradezu gegen die jetzt
+siegreiche Partei gerichtet und füglich als Hochverrat zu qualifizieren war?
+Allen denen, die an diesem Geheimbund teilgehabt, ja allen, die nur der
+Teilhaberschaft verdächtigt werden konnten, blieb keine andere Wahl, als den
+Krieg zu beginnen oder ihren Nacken unter das Henkerbeil zu beugen. Es kam
+hinzu, daß für eine allgemeine Schilderhebung durch ganz Italien der
+gegenwärtige Augenblick noch verhältnismäßig günstige Aussichten darbot. Wir
+sind nicht genau darüber unterrichtet, inwieweit die Römer die Sprengung der
+größeren italischen Eidgenossenschaften durchgeführt hatten; es ist indes nicht
+unwahrscheinlich, daß die Marser, die Paeligner, vielleicht sogar die Samniten
+und Lucaner damals noch in ihrer alten, wenn auch politisch bedeutungslos
+gewordenen, zum Teil wohl auf bloße Fest- und Opfergemeinschaft zurückgeführten
+Gemeindebünden zusammenstanden. Immer fand die beginnende Insurrektion jetzt
+noch an diesen Verbänden einen Stützpunkt; wer aber konnte sagen, wie bald die
+Römer ebendarum dazu schreiten würden, auch sie zu beseitigen? Der Geheimbund
+ferner, an dessen Spitze Drusus gestanden haben sollte, hatte sein wirkliches
+oder gehofftes Haupt an ihm verloren, aber er selber bestand und gewährte für
+die politische Organisation des Aufstandes einen wichtigen Anhalt, während die
+militärische daran anknüpfen konnte, daß jede Bundesstadt ihr eigenes Heerwesen
+und erprobte Soldaten besaß. Andrerseits war man in Rom auf nichts ernstlich
+gefaßt. Man vernahm wohl davon, daß unruhige Bewegungen in Italien stattfänden
+und die bundesgenössischen Gemeinden miteinander einen auffallenden Verkehr
+unterhielten; aber statt schleunigst die Bürger unter die Waffen zu rufen,
+begnügte das regierende Kollegium sich damit, in herkömmlicher Art die Beamten
+zur Wachsamkeit zu ermahnen und Spione auszusenden, um etwas Genaueres zu
+erfahren. Die Hauptstadt war so völlig unverteidigt, daß ein entschlossener
+marsischer Offizier Quintus Pompaedius Silo, einer von den vertrautesten
+Freunden des Drusus, den Plan entworfen haben soll, an der Spitze einer Schar
+zuverlässiger, unter den Gewändern Schwerter führender Männer sich in dieselbe
+einzuschleichen und sich ihrer durch einen Handstreich zu bemächtigen. Ein
+Aufstand bereitete also sich vor; Verträge wurden geschlossen, die Rüstungen
+still und tätig betrieben, bis endlich, wie gewöhnlich noch etwas früher, als
+die leitenden Männer beabsichtigt hatten, durch einen Zufall die Insurrektion
+zum Ausbruch kam. Der römische Prätor mit prokonsularischer Gewalt Gaius
+Servilius, durch seine Kundschafter davon benachrichtigt, daß die Stadt Asculum
+(Ascoli) in den Abruzzen an die Nachbargemeinden Geiseln sende, begab sich mit
+seinem Legaten Fonteius und wenigem Gefolge dorthin und richtete an die eben
+zur Feier der großen Spiele im Theater versammelte Menge eine donnernde
+Drohrede. Der Anblick der nur zu bekannten Beile, die Verkündigung der nur zu
+ernst gemeinten Drohungen warf den Funken in den seit Jahrhunderten
+aufgehäuften Zunder des erbitterten Hasses; die römischen Beamten wurden im
+Theater selbst von der Menge zerrissen und sofort, gleich als gelte es, durch
+einen furchtbaren Frevel jede Brücke der Versöhnung abzubrechen, die Tore auf
+Befehl der Obrigkeit geschlossen, die sämtlichen in Asculum verweilenden Römer
+niedergemacht und ihre Habe geplündert. Wie die Flamme durch die Steppe lief
+die Empörung durch die Halbinsel. Voran ging das tapfere und zahlreiche Volk
+der Marser in Verbindung mit den kleinen, aber kernigen Eidgenossenschaften in
+den Abruzzen, den Paelignern, Marrucinern, Frentanern und Vestinern; der schon
+genannte tapfere und kluge Quintus Silo war hier die Seele der Bewegung. Von
+den Marsern wurde zuerst den Römern förmlich abgesagt, wonach späterhin dem
+Krieg der Name des marsischen blieb. Dem gegebenen Beispiel folgten die
+samnitischen und überhaupt die Masse der Gemeinden vom Liris und den Abruzzen
+bis hinab nach Kalabrien und Apulien, so daß bald in ganz Mittel- und
+Süditalien gegen Rom gerüstet ward. Die Etrusker und Umbrer dagegen hielten zu
+Rom, wie sie bereits früher mit den Rittern zusammengehalten hatten gegen
+Drusus. Es ist bezeichnend, daß in diesen Landschaften seit alten Zeiten die
+Grund- und Geldaristokratie übermächtig und der Mittelstand gänzlich
+verschwunden war, wogegen in und an den Abruzzen der Bauernstand sich reiner
+und frischer bewahrt hatte als irgendwo sonst in Italien; der Bauern- und
+überhaupt der Mittelstand also war es, aus dem der Aufstand wesentlich
+hervorging, wogegen die munizipale Aristokratie auch jetzt noch Hand in Hand
+ging mit der hauptsächlichen Regierung. Danach ist es auch leicht erklärlich,
+daß in den aufständischen Distrikten einzelne Gemeinden und in den
+aufständischen Gemeinden Minoritäten festhielten an dem römischen Bündnis; wie
+zum Beispiel die Vestinerstadt Pinna für Rom eine schwere Belagerung aushielt
+und ein im Hirpinerland gebildetes Loyalistenkorps unter Minatus Magius von
+Aeclanum die römischen Operationen in Kampanien unterstützte. Endlich hielten
+fest an Rom die am besten gestellten bundesgenössischen Gemeinden, in
+Kampanien, Nola und Nuceria, und die griechischen Seestädte Neapolis und
+Rhegion, desgleichen wenigstens die meisten latinischen Kolonien, wie zum
+Beispiel Alba und Aesernia - ebenwie im Hannibalischen Kriege die latinischen
+und die griechischen Städte im ganzen für die sabellischen gegen Rom Partei
+genommen hatten. Die Vorfahren hatten Italiens Beherrschung auf die
+aristokratische Gliederung gegründet und mit geschickter Abstufung der
+Abhängigkeiten die schlechter gestellten Gemeinden durch die besseren Rechts,
+innerhalb jeder Gemeinde aber die Bürgerschaft durch die Munizipalaristokratie
+in Untertänigkeit gehalten. Erst jetzt, unter dem unvergleichlich schlechten
+Regiment der Oligarchie, erprobte es sich vollständig, wie fest und gewaltig
+die Staatsmänner des vierten und fünften Jahrhunderts ihre Werksteine
+ineinandergefügt hatten; auch diese Sturmflut hielt der vielfach erschütterte
+Bau noch aus. Freilich war damit, daß die besser gestellten Städte nicht auf
+den ersten Stoß von Rom ließen, noch keineswegs gesagt, daß sie auch jetzt, wie
+im Hannibalischen Kriege, auf die Länge und nach schweren Niederlagen ausdauern
+würden, ohne in ihrer Treue gegen Rom zu schwanken; die Feuerprobe war noch
+nicht überstanden.
+</p>
+
+<p>
+Das erste Blut war also geflossen und Italien in zwei große Heerlager
+auseinandergetreten. Zwar fehlte, wie wir sahen, noch gar viel an einer
+allgemeinen Schilderhebung der italischen Bundesgenossenschaft; dennoch hatte
+die Insurrektion schon eine vielleicht die Hoffnungen der Führer selbst
+übertreffende Ausdehnung gewonnen, und die Insurgenten konnten ohne Übermut
+daran denken, der römischen Regierung ein billiges Abkommen anzubieten. Sie
+sandten Boten nach Rom und machten sich anheischig, gegen Aufnahme in den
+Bürgerverband die Waffen niederzulegen; es war vergebens. Der Gemeinsinn, der
+so lange in Rom vermißt worden war, schien plötzlich wiedergekehrt zu sein, nun
+es sich darum handelte, einem gerechten und jetzt auch mit ansehnlicher Macht
+unterstützten Begehren der Untertanen mit starrer Borniertheit in den Weg zu
+treten. Die nächste Folge der italischen Insurrektion war, ähnlich wie nach den
+Niederlagen, die die Regierungspolitik in Afrika und Gallien erlitten hatte,
+die Eröffnung eines Prozeßkrieges, mittels dessen die Richteraristokratie Rache
+nahm an denjenigen Männern der Regierung, in denen man, mit Recht oder Unrecht,
+die nächste Ursache dieses Unheils sah. Auf den Antrag des Tribuns Quintus
+Varius ward trotz des Widerstandes der Optimaten und trotz der tribunizischen
+Interzession eine besondere Hochverratskommission, natürlich aus dem mit
+offener Gewalt für diesen Antrag kämpfenden Ritterstand, niedergesetzt zur
+Untersuchung der von Drusus angezettelten und, wie in Italien so auch in Rom,
+weitverzweigten Verschwörung, aus der die Insurrektion hervorgegangen war und
+die jetzt, da halb Italien in Waffen stand, der gesamten erbitterten und
+erschreckten Bürgerschaft als unzweifelhafter Landesverrat erschien. Die
+Urteile dieser Kommission räumten stark auf in den Reihen der senatorischen
+Vermittlungspartei; unter andern namhaften Männern ward Drusus&rsquo; genauer
+Freund, der junge talentvolle Gaius Cotta, in die Verbannung gesandt, und mit
+Not entging der greise Marcus Scaurus dem gleichen Schicksal. Der Verdacht
+gegen die den Reformen des Drusus geneigten Senatoren ging soweit, daß bald
+nachher der Konsul Lupus aus dem Lager an den Senat berichtete über die
+Verbindungen, die zwischen den Optimaten in seinem Lager und dem Feinde
+beständig unterhalten würden; ein Verdacht, der sich freilich bald durch das
+Aufgreifen marsischer Spione als unbegründet auswies. Insofern konnte der König
+Mithradates nicht mit Unrecht sagen, daß der Hader der Faktionen ärger als der
+Bundesgenossenkrieg selbst den römischen Staat zerrüttete. Zunächst indes
+stellte der Ausbruch der Insurrektion und der Terrorismus, den die
+Hochverratskommission übte, wenigstens einen Schein her von Einigkeit und
+Kraft. Die Parteifehden schwiegen; die fähigen Offiziere aller Farben,
+Demokraten wie Gaius Marius, Aristokraten wie Lucius Sulla, Freunde des Drusus
+wie Publius Sulpicius Rufus, stellten sich der Regierung zur Verfügung; die
+Getreideverteilungen wurden, wie es scheint, um diese Zeit durch Volksbeschluß
+wesentlich beschränkt, um die finanziellen Kräfte des Staates für den Krieg
+zusammenzuhalten, was um so notwendiger wir, als bei der drohenden Stellung des
+Königs Mithradates die Provinz Asia jeden Augenblick in Feindeshand geraten und
+damit eine der Hauptquellen des römischen Schatzes versiegen konnte; die
+Gerichte stellten mit Ausnahme der Hochverratskommission nach Beschluß des
+Senats vorläufig ihre Tätigkeit ein; alle Geschäfte stockten und man dachte an
+nichts als an Aushebung von Soldaten und Anfertigung von Waffen.
+</p>
+
+<p>
+Während also der führende Staat in Voraussicht des bevorstehenden schweren
+Krieges sich straffer zusammennahm, hatten die Insurgenten die schwierigere
+Aufgabe zu lösen, sich während des Kampfes politisch zu organisieren. In dem
+inmitten der marsischen, samnitischen, marrucinischen und vestinischen Gaue,
+also im Herzen der insurgierten Landschaften belegenen Gebiete der Päligner, in
+der schönen Ebene an dem Pescarafluß ward die Stadt Corfinium auserlesen zum
+Gegen-Rom oder zur Stadt Italia, deren Bürgerrecht den Bürgern sämtlicher
+insurgierter Gemeinden erteilt ward; hier wurden in entsprechender Größe Markt
+und Rathaus abgesteckt. Ein Senat von fünfhundert Mitgliedern erhielt den
+Auftrag, die Verfassung festzustellen, und die Oberleitung des Kriegswesens.
+Nach seiner Anordnung erlas die Bürgerschaft aus den Männern senatorischen
+Ranges zwei Konsuln und zwölf Prätoren, die ebenwie Roms zwei Konsuln und sechs
+Prätoren die höchste Amtsgewalt in Krieg und Frieden .übernahmen. Die
+lateinische Sprache, die damals schon bei den Marsern und Picentern die
+landübliche war, blieb in offiziellem Gebrauch, aber es trat ihr die
+samnitische als die im südlichen Italien vorherrschende gleichberechtigt zur
+Seite und beider bediente man sich abwechselnd auf den Silbermünzen, die man
+nach römischen Mustern und nach römischem Fuß auf den Namen des neuen
+italischen Staates zu schlagen anfing, also das seit zwei Jahrhunderten von Rom
+ausgeübte Münzmonopol ebenfalls ihm aneignend. Es geht aus diesen Bestimmungen
+hervor, was sich freilich schon von selbst versteht, daß die Italiker jetzt
+nicht mehr sich Gleichberechtigung von den Römern zu erstreiten, sondern diese
+zu vernichten oder zu unterwerfen und einen neuen Staat zu bilden gedachten.
+Aber es geht daraus auch hervor, daß ihre Verfassung nichts war als ein reiner
+Abklatsch der römischen oder, was dasselbe ist, die altgewohnte, bei den
+italischen Nationen seit undenklicher Zeit hergebrachte Politik: eine
+Stadtordnung statt einer Staatskonstitution, mit Urversammlungen von gleicher
+Unbehilflichkeit und Nichtigkeit, wie die römischen Komitien es waren, mit
+einem regierenden Kollegium, das dieselben Elemente der Oligarchie in sich trug
+wie der römische Senat, mit einer in gleicher Art durch eine Vielzahl
+konkurrierender höchster Beamten ausgeübten Exekutive - es geht diese
+Nachbildung bis in das kleinste Detail hinab, wie zum Beispiel der Konsul- oder
+Prätortitel des höchstkommandierenden Magistrats auch von den Feldherren der
+Italiker nach einem Siege vertauscht wird mit dem Titel Imperator. Es ändert
+sich eben nichts als der Name, ganz wie auf den Münzen der Insurgenten dasselbe
+Götterbild erscheint und nur die Beschrift nicht Roma, sondern Italia lautet.
+Nur darin unterscheidet, nicht zu seinem Vorteil, sich dies Insurgenten-Rom von
+dem ursprünglichen, daß das letztere denn doch eine städtische Entwicklung
+gehabt und seine unnatürliche Zwischenstellung zwischen Stadt und Staat
+wenigstens auf natürlichem Wege sich gebildet hatte, wogegen das neue Italia
+gar nichts war als der Kongreßplatz der Insurgenten und durch eine reine
+Legalfiktion die Bewohner der Halbinsel zu Bürgern dieser neuen Hauptstadt
+gestempelt wurden. Bezeichnend aber ist es, daß hier, wo die plötzliche
+Verschmelzung einer Anzahl einzelner Gemeinden zu einer neuen politischen
+Einheit den Gedanken einer Repräsentativverfassung im modernen Sinn so
+nahelegte, doch von einer solchen keine Spur, ja das Gegenteil sich zeigt 3 und
+nur die kommunale Organisation in einer noch widersinnigeren Weise als bisher
+reproduziert wird. Vielleicht nirgends zeigt es sich so deutlich wie hier, daß
+dem Altertum die freie Verfassung unzertrennlich ist von dem Auftreten des
+souveränen Volkes in eigener Person in den Urversammlungen oder von der Stadt,
+und daß der große Grundgedanke des heutigen republikanisch-konstitutionellen
+Staates: die Volkssouveränität auszudrücken durch eine
+Repräsentantenversammlung, dieser Gedanke, ohne den der freie Staat ein Unding
+wäre, ganz und vollkommen modern ist. Selbst die italische Staatenbildung,
+obwohl sie in den gewissermaßen repräsentativen Senaten und in dem Zurücktreten
+der Komitien dem freien Staat der Neuzeit sich nähert, hat doch weder als Rom
+noch als Italia jemals die Grenzlinie zu überschreiten vermocht.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+3 Selbst aus unserer dürftigen Kunde, worunter Diodor (p. 538) und Strabon (5,
+4, 2) noch das Beste geben, erhellt dies sehr bestimmt; wie denn zum Beispiel
+der letztere ausdrücklich sagt, daß die Bürgerschaft die Beamten wählte. Daß
+der Senat von Italia in anderer Weise gebildet werden und andere Kompetenz
+haben sollte als der römische, ist wohl behauptet, aber nicht bewiesen worden.
+Man wird bei der ersten Zusammensetzung natürlich für eine einigermaßen
+gleichmäßige Vertretung der insurgierten Städte gesorgt haben; allein daß die
+Senatoren von Rechts wegen von den Gemeinden deputiert werden sollten, ist
+nirgends überliefert. Ebensowenig schließt der Auftrag an den Senat, die
+Verfassung zu entwerfen, die Promulgation durch den Beamten und die
+Ratifikation durch die Volksversammlung aus.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+So begann wenige Monate nach Drusus&rsquo; Tode im Winter 663/64 (91/90) der
+Kampf, wie eine der Insurgentenmünzen ihn darstellt, des sabellinischen Stiers
+gegen die römische Wölfin. Beiderseits rüstete man eifrig; in Italia wurden
+große Vorräte an Waffen, Zufuhr und Geld aufgehäuft; in Rom bezog man aus den
+Provinzen, namentlich aus Sizilien, die erforderlichen Vorräte und setzte für
+alle Fälle die lange vernachlässigten Mauern in Verteidigungszustand. Die
+Streitkräfte waren einigermaßen gleich gewogen. Die Römer füllten die Lücken in
+den italischen Kontingenten teils durch gesteigerte Aushebung aus der
+Bürgerschaft und aus den schon fast ganz romanisierten Bewohnern der
+Keltenlandschaften diesseits der Alpen, von denen allein bei der kampanischen
+Armee 10000 dienten 4, teils durch die Zuzüge der Numidier und anderer
+überseeischer Nationen, und brachten mit Hilfe der griechischen und
+kleinasiatischen Freistädte eine Kriegsflotte zusammen 5. Beiderseits wurden,
+ohne die Besatzungen zu rechnen, bis 100000 Soldaten mobil gemacht 6 und an
+Tüchtigkeit der Mannschaft, an Kriegstaktik und Bewaffnung standen die Italiker
+hinter den Römern in nichts zurück. Die Führung des Krieges war für die
+Insurgenten wie für die Römer deswegen sehr schwierig, weil das aufständische
+Gebiet sehr ausgedehnt und eine große Zahl zu Rom haltender Festungen in
+demselben zerstreut war; so daß einerseits die Insurgenten sich genötigt sahen,
+einen sehr zersplitternden und zeitraubenden Festungskrieg mit einer
+ausgedehnten Grenzdeckung zu verbinden, andrerseits die Römer nicht wohl anders
+konnten, als die nirgends recht zentralisierte Insurrektion in allen
+insurgierten Landschaften zu bekämpfen. Militärisch zerfiel das insurgierte
+Land in zwei Hälften: in der nördlichen, die von Picenum und den Abruzzen bis
+an die kampanische Nordgrenze reichte und die lateinisch redenden Distrikte
+umfaßte, übernahmen italischerseits der Marser Quintus Silo, römischerseits
+Publius Rutilius Lupus, beide als Konsuln, den Oberbefehl; in der südlichen,
+welche Kampanien, Samnium und überhaupt die sabellisch redenden Landschaften in
+sich schloß, befehligte als Konsul der Insurgenten der Samnite Gaius Papius
+Mutilus, als römischer Konsul Lucius Iulius Caesar. Jedem der beiden
+Oberfeldherrn standen auf italischer Seite sechs, auf römischer fünf
+Unterbefehlshaber zur Seite, so daß ein jeder von diesen in einem bestimmten
+Bezirk den Angriff und die Verteidigung leitete, die konsularischen Heere aber
+die Bestimmung hatten, freier zu agieren und die Entscheidung zu bringen. Die
+angesehensten römischen Offiziere, wie zum Beispiel Gaius Marius, Quintus
+Catulus und die beiden im Spanischen Krieg erprobten Konsulare Titus Didius und
+Publius Crassus, stellten für diese Posten den Konsuln sich zur Verfügung; und
+wenn man auf Seiten der Italiker nicht so gefeierte Namen entgegenzustellen
+hatte, so bewies doch der Erfolg, daß ihre Führer den römischen militärisch in
+nichts nachstanden.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+4 Die Schleuderbleie von Asculum beweisen, daß auch im Heere des Strabo die
+Gallier sehr zahlreich waren.
+</p>
+
+<p>
+5 Wir haben noch einen römischen Senatsbeschluß vom 22. Mai 676 (78), welcher
+dreien griechischen Schiffskapitänen von Karystos, Klazomenä und Miletos für
+die seit dem Beginn des Italischen Krieges (664 90) geleisteten treuen Dienste
+bei ihrer Entlassung Ehren und Vorteile zuerkennt. Gleichartig ist die
+Nachricht Memnons, daß von Herakleia am Schwarzen Meer für den Italischen Krieg
+zwei Trieren aufgeboten und dieselben im elften Jahre mit reichen Ehrengaben
+heimgekehrt seien.
+</p>
+
+<p>
+6 Daß diese Angaben Appians nicht übertrieben ist, beweisen die Schleuderbleie
+von Asculum, die unter anderen die fünfzehnte Legion nennen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Offensive in diesem durchaus dezentralisierten Krieg war im ganzen auf
+seiten der Römer, tritt aber auch hier nirgends mit Entschiedenheit auf. Es
+fällt auf, daß weder die Römer ihre Truppen zusammennahmen, um einen
+überlegenen Angriff gegen die Insurgenten auszuführen, noch die Insurgenten den
+Versuch machten, in Latium einzurücken und sich auf die feindliche Hauptstadt
+zu werfen; wir sind indes mit den beiderseitigen Verhältnissen zu wenig
+bekannt; um zu beurteilen, ob und wie man anders hätte handeln können und
+inwieweit die Schlaffheit der römischen Regierung einer- und die lose
+Verbindung der föderierten Gemeinden andrerseits zu diesem Mangel an Einheit in
+der Kriegführung beigetragen haben. Es ist begreiflich, daß bei diesem System
+es wohl zu Siegen und Niederlagen kam, aber sehr lange nicht zu einer
+endgültigen Erledigung; nicht minder aber auch, saß von einem solchen Krieg,
+der in eine Reihe von Gefechten einzelner gleichzeitig, bald gesondert, bald
+kombiniert operierender Korps sich auflöste, aus unserer beispiellos
+trümmerhaften Überlieferung ein anschauliches Bild sich nicht herstellen läßt.
+</p>
+
+<p>
+Der erste Sturm traf selbstverständlich die in den insurgierten Landschaften zu
+Rom haltenden Festungen, die schleunigst ihre Tore schlossen und die bewegliche
+Habe vom Lande hereinschafften. Silo warf sich auf die Zwingburg der Marser,
+das feste Alba, Mutilus auf die im Herzen Samniums angelegte Latinerstadt
+Aesernia: dort wie hier trafen sie auf den entschlossensten Widerstand.
+Ähnliche Kämpfe mögen im Norden um Firmum, Hatria, Pinna, im Süden um Luceria,
+Benevent, Nola, Paestum getobt haben, bevor und während die römischen Heere
+sich an den Grenzen der insurgierten Landschaft aufstellten. Nachdem die
+Südarmee unter Caesar in der größtenteils noch zu Rom haltenden kampanischen
+Landschaft sich im Frühjahr 664 (90) gesammelt und Capua mit seinem für die
+Finanzen Roms so wichtigen Domanialgebiet sowie die bedeutenderen Bundesstädte
+mit Besatzung versehen hatte, versuchte sie zur Offensive überzugehen und den
+kleineren, nach Samnium und Lucanien unter Marcus Marcellus und Publius Crassus
+vorausgesandten Abteilungen zu Hilfe zu kommen. Allein Caesar ward von den
+Samniten und den Marsern unter Publius Vettius Scato mit starkem Verlust
+zurückgewiesen, und die wichtige Stadt Venafrum trat hierauf über zu den
+Insurgenten, denen sie die römische Besatzung in die Hände lieferte. Durch den
+Abfall dieser Stadt, die auf der Heerstraße von Kampanien nach Samnium lag, war
+Aesernia abgeschnitten, und die bereits hart angegriffene Festung sah sich
+jetzt ausschließlich auf den Mut und die Ausdauer ihrer Verteidiger und ihres
+Kommandanten Marcellus angewiesen. Zwar machte ein Streifzug, den Sulla mit
+derselben kühnen Verschlagenheit wie vor Jahren den Zug zu Bocchus glücklich zu
+Ende führte, den bedrängten Aeserninern für einen Augenblick Luft; allein
+dennoch wurden sie nach hartnäckiger Gegenwehr gegen Ende des Jahres durch die
+äußerste Hungersnot gezwungen zu kapitulieren. Auch in Lucanien ward Publius
+Crassus von Marcus Lamponius geschlagen und genötigt, sich in Grumentum
+einzuschließen, das nach langer und harter Belagerung fiel. Apulien und die
+südlichen Landschaften hatte man ohnehin gänzlich sich selbst überlassen
+müssen. Die Insurrektion griff um sich; wie Mutilus an der Spitze der
+samnitischen Armee in Kampanien einrückte, übergab die Bürgerschaft von Nola
+ihm ihre Stadt und lieferte die römische Besatzung aus, deren Befehlshaber auf
+Mutilus&rsquo; Befehl hingerichtet, die Mannschaft in die siegreiche Armee
+untergesteckt ward. Mit einziger Ausnahme von Nuceria, das fest an Rom hielt,
+ging ganz Kampanien bis zum Vesuv den Römern verloren; Salernum, Stabiae,
+Pompeii, Herculaneum erklärten sich für die Insurgenten; Mutilus konnte in das
+Gebiet nördlich vom Vesuv vorrücken und mit seiner samnitisch-lucanischen Armee
+Acerrae belagern. Die Numidier, die in großer Zahl bei Caesars Armee standen,
+fingen an, scharenweise zu Mutilus überzugehen oder vielmehr zu Oxyntas, dem
+Sohne Jugurthas, der bei der Übergabe von Venusia den Samniten in die Hände
+gefallen war und nun im königlichen Purpur in den Reihen der Samniten erschien,
+so daß Caesar sich genötigt sah, das ganze afrikanische Korps in die Heimat
+zurückzuschicken. Mutilus wagte sogar einen Sturm auf das römische Lager;
+allein er ward abgeschlagen, und die Samniten, denen bei dem Abzug die römische
+Reiterei in den Rücken gefallen war, ließen bei 6000 Tote auf dem Schlachtfeld.
+Es war der erste namhafte Erfolg, den in diesem Kriege die Römer errangen; das
+Heer rief den Feldherrn zum Imperator aus, und in der Hauptstadt fing der tief
+gesunkene Mut wieder an sich zu heben. Zwar ward nicht lange darauf die
+siegreiche Armee bei einem Flußübergang von Marius Egnatius angegriffen und so
+nachdrücklich geschlagen, daß sie bis Teanum zurückweichen und dort wieder
+organisiert werden mußte; indes gelang es den Anstrengungen des tätigen
+Konsuls, sein Heer noch vor Einbruch des Winters wieder in kriegsfähigen
+Zustand zu setzen und seine alte Stellung wieder einzunehmen unter den Mauern
+von Acerrae, das die samnitische Hauptarmee unter Mutilus fortfuhr zu belagern.
+</p>
+
+<p>
+Gleichzeitig hatten die Operationen auch in Mittelitalien begonnen, wo der
+Aufstand von den Abruzzen und der Landschaft am Fuciner See aus in gefährlicher
+Nähe die Hauptstadt bedrohte. Ein selbständiges Korps unter Gnaeus Pompeius
+Strabo ward ins Picenische gesandt, um, auf Firmum und Falerio gestützt,
+Asculum zu bedrohen; die Hauptmasse dagegen der römischen Nordarmee stellte
+unter dem Konsul Lupus sich auf an der Grenze des latinischen und des
+marsischen Gebietes, wo an der Valerischen und der Salarischen Chaussee der
+Feind der Hauptstadt am nächsten stand; der kleine Fluß Tolenus (Turano), der
+zwischen Tibur und Alba die Valerische Straße schneidet und bei Rieti in den
+Velino fällt, schied die beiden Heere. Ungeduldig drängte der Konsul Lupus zur
+Entscheidung und überhörte den unbequemen Rat des Marius, die des Dienstes
+ungewohnte Mannschaft erst im kleinen Krieg zu üben. Zunächst ward ihm die
+10000 Mann starke Abteilung des Gaius Perpenna vollständig geschlagen. Der
+Oberfeldherr entsetzte den geschlagenen General seines Kommandos und vereinigte
+den Rest des Korps mit dem unter Marius&rsquo; Befehl stehenden, ließ sich aber
+dadurch nicht abhalten, die Offensive zu ergreifen und in zwei teils von ihm
+selbst, teils von Marius geführten Abteilungen auf zwei nicht weit voneinander
+geschlagenen Brücken den Tolenus zu überschreiten. Ihnen gegenüber stand
+Publius Scato mit den Marsern; er hatte sein Lager an der Stelle geschlagen, wo
+Marius den Bach überschritt, allein ehe der Übergang stattfand, sich mit
+Hinterlassung der bloßen Lagerposten von dort weggezogen und weiter
+flußaufwärts eine verdeckte Stellung genommen, in welcher er das römische Korps
+unter Lupus unvermutet während des Übergehens angriff und es teils
+niedermachte, teils in den Fluß sprengte (11. Juni 664 90). Der Konsul selbst
+und 8000 der Seinen blieben. Es konnte kaum ein Ersatz heißen, daß Marius,
+Scatos Abmarsch endlich gewahrend, über den Fluß gegangen war und nicht ohne
+Verlust der Feinde deren Lager besetzt hatte. Doch zwang dieser Flußübergang
+und gleichzeitig von dem Feldherrn Servius Sulpicius über die Paeligner
+erfochtener Sieg die Marser, ihre Verteidigungslinie etwas zurückzunehmen, und
+Marius, welcher nach Beschluß des Senats als Höchstkommandierender an
+Lupus&rsquo; Stelle trat, verhinderte wenigstens, daß der Feind weitere Erfolge
+errang. Allein Quintus Caepio, der bald darauf ihm gleichberechtigt zur Seite
+gesetzt ward, weniger wegen eines glücklich von ihm bestandenen Gefechtes, als
+weil er den damals in Rom tonangebenden Rittern durch seine heftige Opposition
+gegen Drusus sich empfohlen hatte, ließ sich von Silo durch die Vorspiegelung,
+ihm sein Heer verraten zu wollen, in einen Hinterhalt locken und ward mit einem
+großen Teil seiner Mannschaft von den Marsern und Vestinern zusammengehauen.
+Marius, nach Caepios Fall wiederum alleiniger Oberbefehlshaber, hinderte durch
+seinen zähen Widerstand den Gegner, die errungenen Vorteile zu benutzen, und
+drang allmählich tief in das marsische Gebiet ein. Die Schlacht versagte er
+lange; als er endlich sie lieferte, überwand er seinen stürmischen Gegner, der
+unter anderen Toten den Hauptmann der Marruciner Herius Asinius auf der
+Walstatt zurückließ. In einem zweiten Treffen wirkten Marius&rsquo; Heer und
+das zur Südarmee gehörige Korps des Sulla zusammen, um den Marsern eine noch
+empfindlichere Niederlage beizubringen, die ihnen 6000 Mann kostete; die Ehre
+dieses Tages aber blieb dem jüngeren Offizier, denn Marius hatte zwar die
+Schlacht geliefert und gewonnen, aber Sulla den Flüchtigen den Rückzug verlegt
+und sie aufgerieben.
+</p>
+
+<p>
+Während also am Fuciner See heftig und mit wechselndem Erfolg gefochten ward,
+hatte auch das picenische Korps unter Strabo unglücklich und glücklich
+gestritten. Die Insurgentenchefs Gaius Iudacilius aus Asculum, Publius Vettius
+Scato und Titus Lafrenius hatten mit vereinten Kräften dasselbe angegriffen, es
+geschlagen und gezwungen, sich nach Firmum zu werfen, wo Lafrenius den Strabo
+belagert hielt, während Iudacilius in Apulien einrückte und Canusium, Venusia
+und die sonstigen dort noch zu Rom haltenden Städte zum Anschluß an die
+Aufständischen bestimmte. Allein auf der römischen Seite bekam Servius
+Sulpicius durch seinen Sieg über die Paeligner freie Hand, um in Picenum
+einzurücken und Strabo Hilfe zu bringen. Lafrenius ward, während von vorn
+Strabo ihn angriff, von Sulpicius in den Rücken gefaßt und sein Lager in Brand
+gesteckt; er selber fiel, der Rest seiner Truppen warf sich in aufgelöster
+Flucht nach Asculum. So vollständig hatte im Picenischen die Lage der Dinge
+sich geändert, daß wie vorher die Römer auf Firmum, so jetzt die Italiker auf
+Asculum sich beschränkt sahen und der Krieg also sich abermals in eine
+Belagerung verwandelte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich war im Laufe des Jahres zu den beiden schwierigen und vielgeteilten
+Kriegen im südlichen und mittleren Italien noch ein dritter in der nördlichen
+Landschaft gekommen, indem die für Rom so gefährliche Lage der Dinge nach den
+ersten Kriegsmonaten einen großen Teil der umbrischen und einzelne etruskische
+Gemeinden veranlaßt hatte, sich für die Insurrektion zu erklären, so daß es
+nötig geworden war, gegen die Umbrer den Aulus Plotius, gegen die Etrusker den
+Lucius Porcius Cato zu entsenden. Hier indes stießen die Römer auf einen weit
+minder energischen Widerstand als im marsischen und samnitischen Land und
+behaupteten das entschiedenste Übergewicht im Felde.
+</p>
+
+<p>
+So ging das schwere erste Kriegsjahr zu Ende, militärisch wie politisch trübe
+Erinnerungen und bedenkliche Aussichten hinterlassend. Militärisch waren beide
+Armeen der Römer, die marsische wie die kampanische, durch schwere Niederlagen
+geschwächt und entmutigt, die Nordarmee genötigt, vor allem auf die Deckung der
+Hauptstadt bedacht zu sein, die Südarmee bei Neapel in ihren Kommunikationen
+ernstlich bedroht, da die Insurgenten ohne viele Schwierigkeit aus dem
+marsischen oder samnitischen Gebiet hervorbrechen und zwischen Rom und Neapel
+sich festsetzen konnten; weswegen man es notwendig fand, wenigstens eine
+Postenkette von Cumae nach Rom zu ziehen. Politisch hatte die Insurrektion
+während dieses ersten Kampfjahres nach allen Seiten hin Boden gewonnen, der
+Obertritt von Nola, die rasche Kapitulation der festen und großen latinischen
+Kolonie Venusia, der umbrisch-etruskische Aufstand waren bedenkliche Zeichen,
+daß die römische Symmachie in ihren innersten Fugen wanke und nicht imstande
+sei, diese letzte Probe auszuhalten. Schon hatte man der Bürgerschaft das
+Äußerste zugemutet, schon, um jene Postenkette an der latinisch-kampanischen
+Küste zu bilden, gegen 6000 Freigelassene in die Bürgermiliz eingereiht, schon
+von den noch treugebliebenen Bundesgenossen die schwersten Opfer gefordert; es
+war nicht möglich, die Sehne des Bogens noch schärfer anzuziehen, ohne alles
+aufs Spiel zu setzen. Die Stimmung der Bürgerschaft war unglaublich gedrückt.
+Nach der Schlacht am Tolenus, als der Konsul und die zahlreichen mit ihm
+gefallenen namhaften Bürger von dem nahen Schlachtfeld nach der Hauptstadt als
+Leichen zurückgebracht und daselbst bestattet wurden, als die Beamten zum
+Zeichen der öffentlichen Trauer den Purpur und die Ehrenabzeichen von sich
+legten, als von der Regierung an die hauptstädtischen Bewohner der Befehl
+erging, in Masse sich zu bewaffnen, hatten nicht wenige sich der Verzweiflung
+überlassen und alles verloren gegeben. Zwar war die schlimmste Entmutigung
+gewichen nach den von Caesar bei Acerrae, von Strabo im Picenischen erfochtenen
+Siegen; auf die Meldung des ersteren hatte man in der Hauptstadt den Kriegsrock
+wieder mit dem Bürgerkleid vertauscht, auf die des zweiten die Zeichen der
+Landestrauer abgelegt; aber es war doch nicht zweifelhaft, daß im ganzen die
+Römer in diesem Waffengang den kürzeren gezogen hatten, und vor allen Dingen
+war aus dem Senat wie aus der Bürgerschaft der Geist entwichen, der sie einst
+durch alle Krisen des Hannibalischen Krieges hindurch zum Siege getragen hatte.
+Man begann den Krieg wohl noch mit dem gleichen trotzigen Übermut wie damals,
+aber man wußte ihn nicht wie damals damit zu endigen; der starre Eigensinn, die
+zähe Konsequenz hatten einer schlaffen und feigen Gesinnung Platz gemacht.
+Schon nach dem ersten Kriegsjahr wurde die äußere und innere Politik plötzlich
+eine andere und wandte sich zur Transaktion. Es ist kein Zweifel, daß man damit
+das Klügste tat, was sich tun ließ; aber nicht weil man, durch die unmittelbare
+Gewalt der Waffen genötigt, nicht umhin konnte, sich nachteilige Bedingungen
+gefallen zu lassen, sondern weil das, worum gestritten ward, die Verewigung des
+politischen Vorranges der Römer vor den übrigen Italikern, dem Gemeinwesen
+selber mehr schädlich als förderlich war. Es trifft im öffentlichen Leben wohl,
+daß ein Fehler den anderen ausgleicht; hier machte, was der Eigensinn
+verschuldet hatte, die Feigheit gewissermaßen wieder gut. Das Jahr 664 (90)
+hatte begonnen mit der schroffsten Zurückweisung des von den Insurgenten
+angebotenen Vergleichs und mit der Eröffnung eines Prozeßkrieges, in welchem
+die leidenschaftlichsten Verteidiger des patriotischen Egoismus, die
+Kapitalisten, Rache nahmen an allen denjenigen, die im Verdacht standen, der
+Mäßigung und der rechtzeitigen Nachgiebigkeit das Wort geredet zu haben.
+Dagegen brachte der Tribun Marcus Plautius Silvanus, der am 10. Dezember
+desselben Jahres sein Amt antrat, ein Gesetz durch, das die
+Hochverratskommission den Kapitalistengeschworenen entzog und anderen, aus der
+freien, nicht ständisch qualifizierten Wahl der Distrikte hervorgegangenen
+Geschworenen anvertraute; wovon die Folge war, daß diese Kommission aus einer
+Geißel der Moderierten zu einer Geißel der Ultras ward und sie unter anderen
+ihren eigenen Urheber Quintus Varius, dem die öffentliche Stimme die
+schlimmsten demokratischen Greueltaten, die Vergiftung des Quintus Metellus und
+die Ermordung des Drusus, schuld gab, in die Verbannung sandte. Wichtiger als
+diese seltsam offenherzige politische Palinodie war die veränderte Richtung,
+die man in der Politik gegen die Italiker einschlug. Genau dreihundert Jahre
+waren verflossen, seit Rom zum letzten Male sich hatte den Frieden diktieren
+lassen müssen; Rom war jetzt wieder unterlegen, und da es den Frieden begehrte,
+war derselbe nur möglich wenigstens durch teilweises Eingehen auf die
+Bedingungen der Gegner. Mit den Gemeinden, die bereits in Waffen sich erhoben
+hatten, um Rom zu unterwerfen und zu zerstören, war die Fehde zu erbittert
+geworden, als daß man in Rom es über sich gewonnen hätte, ihnen die verlangten
+Zugeständnisse zu machen; und hätte man es getan, sie wären vielleicht jetzt
+von der anderen Seite zurückgewiesen worden. Indes wenn den bis jetzt noch
+treugebliebenen Gemeinden die ursprünglichen Forderungen unter gewissen
+Einschränkungen gewährt wurden, so ward damit teils der Schein freiwilliger
+Nachgiebigkeit gerettet, teils die sonst unvermeidliche Konsolidierung der
+Konföderation verhindert und damit der Weg zu ihrer Überwindung gebahnt. So
+taten denn die Pforten des römischen Bürgertums, die der Bitte so lange
+verschlossen geblieben waren, jetzt plötzlich sich auf, als die Schwerter daran
+pochten; jedoch auch jetzt nicht voll und ganz, sondern selbst für die
+Aufgenommenen in widerwilliger und kränkender Weise. Ein von dem Konsul Lucius
+Caesar 7 durchgebrachtes Gesetz verlieh das römische Bürgerrecht den Bürgern
+aller derjenigen italischen Bundesgemeinden, die bis dahin noch nicht Rom offen
+abgesagt hatten; ein zweites der Volkstribune Marcus Plautius Silvanus und
+Gaius Papirius Carbo setzte jedem in Italien verbürgerten und domizilierten
+Mann eine zweimonatliche Frist, binnen welcher es ihm gestattet sein solle,
+durch Anmeldung bei einem römischen Beamten das römische Bürgerrecht zu
+gewinnen. Indes sollten diese Neubürger, ähnlich den Freigelassenen, im
+Stimmrecht in der Art beschränkt sein, daß von den fünfunddreißig Bezirken sie
+nur in acht, wie die Freigelassenen nur in vier, eingeschrieben werden konnten;
+ob die Beschränkung persönlich oder, wie es scheint, erblich war, ist nicht mit
+Sicherheit zu entscheiden. Diese Maßregel bezog sich zunächst auf das
+eigentliche Italien, das nördlich damals noch wenig über Ancona und Florenz
+hinausreichte. In dem Kettenland diesseits der Alpen, das zwar rechtlich
+Ausland war, aber in der Administration wie in der Kolonisierung längst als
+Teil Italiens galt, wurden sämtliche latinische Kolonien behandelt wie die
+italischen Gemeinden. Im übrigen war hier diesseits des Po der größte Teil des
+Bodens nach Auflösung der alten keltischen Stammgemeinden zwar nicht nach dem
+munizipalen Schema organisiert, stand aber doch im Eigentum römischer, meist in
+Marktflecken (fora) zusammenwohnender Bürger. Die nicht zahlreichen
+bundesgenössischen Ortschaften diesseits des Po, namentlich Ravenna, sowie die
+gesamte Landschaft zwischen dem Po und den Alpen ward infolge eines von dem
+Konsul Strabo im Jahre 665 (89) eingebrachten Gesetzes nach italischer
+Stadtverfassung organisiert, so daß die hierzu sich nicht eignenden Gemeinden,
+namentlich die Ortschaften in den Alpentälern, einzelnen Städten als abhängige
+und zinspflichtige Dörfer zugelegt wurden, diese neuen Stadtgemeinden aber
+nicht mit dem römischen Bürgertum beschenkt, sondern durch die rechtliche
+Fiktion, daß sie latinische Kolonien seien, mit denjenigen Rechten bekleidet,
+welche bisher den latinischen Städten geringeren Rechts zugestanden hatten.
+Italien endigte also damals tatsächlich am Po, während die transpadanische
+Landschaft als Vorland behandelt ward. Hier, nördlich vom Po, gab es außer
+Cremona, Eporedia und Aquileia keine Bürger- oder latinische Kolonien, und es
+waren auch die einheimischen Stämme hier keineswegs, wie südlich vom Po,
+verdrängt worden. Die Abschaffung der keltischen Gau- und die Einführung der
+italischen Stadtverfassung bahnte die Romanisierung des reichen und wichtigen
+Gebietes an; es war dies der erste Schritt zu der langen und folgenreichen
+Umgestaltung des gallischen Stammes, im Gegensatz zu dem und zu dessen Abwehr
+einstmals Italien sich zusammengefunden hatte, in Genossen ihrer italischen
+Herren.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+7 Das Julische Gesetz muß in den letzten Monaten des Jahres 664 (90) erlassen
+sein, da während der guten Jahreszeit Caesar im Felde stand; das Plautische ist
+wahrscheinlich, wie in der Regel die tribunizischen Anträge, unmittelbar nach
+dem Amtsantritt der Tribune, also Dezember 664 (90) oder Januar 665 (89)
+durchgebracht worden.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+So ansehnlich diese Zugeständnisse waren, wenn man sie vergleicht mit der seit
+mehr als hundertfünfzig Jahren festgehaltenen starren Abgeschlossenheit der
+römischen Bürgerschaft, so schlossen sie doch nichts weniger als eine
+Kapitulation mit den wirklichen Insurgenten ein, sondern sollten teils die
+schwankenden und mit dem Abfall drohenden Gemeinden festhalten, teils möglichst
+viele Überläufer aus den feindlichen Reihen herüberziehen. In welchem Umfang
+diese Gesetze, namentlich das wichtigste derselben, das des Caesar, zur
+Anwendung gekommen sind, läßt sich nicht genau sagen, da wir den Umfang der
+Insurrektion zur Zeit der Erlassung des Gesetzes nur im allgemeinen anzugeben
+vermögen. Die Hauptsache war auf jeden Fall, daß die bisher latinischen
+Gemeinden, sowohl die Überreste der alten latinischen Eidgenossenschaft, wie
+Tibur und Praeneste, als auch besonders die latinischen Kolonien, mit Ausnahme
+der wenigen zu den Insurgenten übergegangenen, dadurch eintraten in den
+römischen Bürgerverband. Außerdem fand das Gesetz Anwendung auf die
+treugebliebenen Bundesstädte in Etrurien und besonders in Süditalien, wie
+Nuceria und Neapolis. Daß einzelne bisher besonders bevorzugte Gemeinden über
+die Annahme des Bürgerrechts schwankten, Neapolis zum Beispiel Bedenken trug,
+seinen bisherigen Vertrag mit Rom, der den Bürgern Freiheit vom Landdienst und
+ihre griechische Verfassung, vielleicht auch überdies Domanialnutzungen
+garantierte, gegen das beschränkte Neubürgerrecht hinzugeben, ist begreiflich;
+es ist wahrscheinlich aus den dieser Anstände wegen geschlossenen Vergleichen
+herzuleiten, daß diese Stadt, sowie auch Rhegion und vielleicht noch andere
+griechische Gemeinden in Italien, selbst nach dem Eintritt in den Bürgerverband
+ihre bisherige Kommunalverfassung und die griechische Sprache als offizielle
+unverändert beibehalten haben. Auf alle Fälle ward infolge dieser Gesetze der
+römische Bürgerverband außerordentlich erweitert durch das Aufgehen von
+zahlreichen und ansehnlichen von der sizilischen Meerenge bis zum Po
+zerstreuten Stadtgemeinden in denselben, außerdem die Landschaft zwischen dem
+Po und den Alpen durch die Erteilung des besten bundesgenössischen Rechts
+gleichsam mit der gesetzlichen Anwartschaft auf das volle Bürgerrecht beliehen.
+</p>
+
+<p>
+Gestützt auf diese Konzessionen an die schwankenden Gemeinden nahmen die Römer
+mit neuem Mute den Kampf auf gegen die aufständischen Distrikte. Man hatte von
+den bestehenden politischen Institutionen so viel niedergerissen, als notwendig
+schien, um die Ausbreitung des Brandes zu hindern; die Insurrektion griff
+fortan wenigstens nicht weiter um sich. Namentlich in Etrurien und Umbrien, wo
+sie erst im Beginn war, wurde sie wohl mehr noch durch das Julische Gesetz als
+durch den Erfolg der römischen Waffen so auffallend rasch überwältigt. In den
+ehemaligen latinischen Kolonien, in der dicht bewohnten Polandschaft eröffneten
+sich reiche und jetzt zuverlässige Hilfsquellen; mit diesen und mit denen der
+Bürgerschaft selbst konnte man daran gehen, den jetzt isolierten Brand zu
+bewältigen. Die beiden bisherigen Oberbefehlshaber gingen nach Rom zurück,
+Caesar als erwählter Zensor, Marius, weil man seine Kriegführung als unsicher
+und langsam tadelte und den sechsundsechzigjährigen Mann für altersschwach
+erklärte. Sehr wahrscheinlich war dieser Vorwurf unbegründet; Marius bewies,
+indem er täglich in Rom auf dem Turnplatz erschien, wenigstens seine
+körperliche Frische, und auch als Oberbefehlshaber scheint er in dem letzten
+Feldzug im ganzen die alte Tüchtigkeit bewährt zu haben; aber glänzende
+Erfolge, mit denen allein er nach seinem politischen Bankrott sich hätte in der
+öffentlichen Meinung rehabilitieren können, hatte er nicht erfochten, und so
+ward der gefeierte Degen zu seinem bitteren Kummer jetzt auch als Offizier ohne
+Umstände zu dem alten Eisen geworfen. An Marius&rsquo; Stelle trat bei der
+marsischen Armee der Konsul dieses Jahres Lucius Porcius Cato, der mit
+Auszeichnungen in Etrurien gefochten hatte, an Caesars bei der kampanischen der
+Unterfeldherr Lucius Sulla, dem man einige der wesentlichsten Erfolge des
+vorigen Feldzugs verdankte; Gnaeus Strabo behielt, jetzt als Konsul, das mit so
+großem Erfolg von ihm geführte Kommando im picenischen Gebiet.
+</p>
+
+<p>
+So begann der zweite Feldzug 665 (89), den noch im Winter die Insurgenten
+eröffneten durch den kühnen, an den großartigen Gang der Samnitischen Kriege
+erinnernden Versuch, einen marsischen Heerhaufen von 15000 Mann der in
+Norditalien gärenden Insurrektion zu Hilfe nach Etrurien zu senden. Allein
+Strabo, durch dessen Bereich er zu passieren hatte, verlegte ihm den Weg und
+schlug ihn vollständig; nur wenige gelangten zurück in die weit entfernte
+Heimat. Als dann die Jahreszeit den römischen Heeren gestattete, die Offensive
+zu ergreifen, betrat Cato das marsische Gebiet und drang unter glücklichen
+Gefechten in demselben vor, allein er fiel in der Gegend des Fuciner Sees bei
+einem Sturm auf das feindliche Lager, wodurch die ausschließliche Oberleitung
+der Operationen in Mittelitalien auf Strabo überging. Dieser beschäftigte sich
+teils mit der fortgesetzten Belagerung von Asculum, teils mit der Unterwerfung
+der marsischen, sabellischen und apulischen Landschaften. Zum Entsatz seiner
+bedrängten Heimatstadt erschien vor Asculum Iudacilius mit dem picentischen
+Aufgebot und griff die belagernde Armee an, während gleichzeitig die
+ausfallende Besatzung sich auf die römischen Linien warf. Es sollen an diesem
+Tage 75000 Römer gegen 60000 Italiker gefochten haben. Der Sieg blieb den
+Römern, doch gelang es dem Iudacilius, mit einem Teil des Entsatzheeres sich in
+die Stadt zu werfen. Die Belagerung nahm ihren Fortgang; sie war langwierig 8
+durch die Festigkeit des Platzes und die verzweifelte Verteidigung der
+Bewohner, welche fochten in Erinnerung an die schreckliche Kriegserklärung
+innerhalb ihrer Mauern. Als Iudacilius endlich nach mehrmonatlicher tapferer
+Verteidigung die Kapitulation herankommen sah, ließ er die Häupter der römisch
+gesinnten Fraktion der Bürgerschaft unter Martern umbringen und gab sodann sich
+selbst den Tod. So wurden die Tore geöffnet und die römischen Exekutionen
+lösten die italischen ab: alle Offiziere und alle angesehenen Bürger wurden
+hingerichtet, die übrigen mit dem Bettelstab ausgetrieben, sämtliches Hab und
+Gut von Staats wegen eingezogen. Während der Belagerung und nach dem Fall von
+Asculum durchzogen zahlreiche römische Korps die benachbarten aufständischen
+Landschaften und bewogen eine nach der anderen zur Unterwerfung. Die Marruciner
+fügten sich, nachdem Servius Sulpicius sie bei Teate (Chieti) nachdrücklich
+geschlagen hatte. In Apulien drang der Prätor Gaius Cosconius ein, nahm Salapia
+und Cannae und belagerte Canusium. Einen samnitischen Heerhaufen, der unter
+Marius Egnatius der unkriegerischen Landschaft zu Hilfe kam und in der Tat die
+Römer zurückdrängte, gelang es dem römischen Feldherrn bei dem Übergang über
+den Aufidus zu schlagen; Egnatius fiel und der Rest des Heeres mußte in den
+Mauern von Canusium Schutz suchen. Die Römer drangen wieder vor bis nach
+Venusia und Rubi und wurden Herren von ganz Apulien. Auch am Fuciner See und am
+Majellagebirg, in den Hauptsitzen der Insurrektion, stellten die Römer ihre
+Herrschaft wieder her; die Marser ergaben sich an die Unterfeldherren Strabos,
+Quintus Metellus Pius und Gaius Cinna, die Vestiner und Paeligner im folgenden
+Jahr (666 88) an Strabo selbst; die Insurgentenhauptstadt Italia ward wieder
+die bescheidene pälignische Landstadt Corfinium; die Reste des italischen
+Senats flüchteten auf samnitisches Gebiet.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+8 Schleuderbleie mit dem Namen der Legion, die sie warf, auch wohl mit
+Verwünschungen der &ldquo;entlaufenen Sklaven&rdquo; - demnach römische - oder
+mit der Aufschrift entweder: &ldquo;triff die Picenter&rdquo; oder &ldquo;triff
+den Pompeius&rdquo; -jene römische, diese italische - finden sieh von jener
+Zeit her noch jetzt zahlreich in der Gegend von Ascoli.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die römische Südarmee, welche jetzt unter Lucius Sullas Befehlen stand, hatte
+gleichzeitig die Offensive ergriffen und war eingedrungen in das vom Feind
+besetzte südliche Kampanien. Stabiae ward von Sulla selbst erobert und zerstört
+(30. April 665 89), Herculaneum von Titus Didius, der indes, es scheint bei
+diesem Sturm, selber fiel (11. Juni). Länger widerstand Pompeii. Der
+samnitische Feldherr Lucius Cluentius kam herbei, der Stadt Entsatz zu bringen,
+allein er ward von Sulla zurückgewiesen, und als er, durch Keltenscharen
+verstärkt, seinen Versuch wiederholte, hauptsächlich durch den Wankelmut dieser
+unzuverlässigen Gesellen so vollständig geschlagen, daß sein Lager erobert und
+er selbst mit dem größten Teil der Seinigen auf der Flucht nach Nola zu
+niedergehauen ward. Das dankbare römische Heer verlieh seinem Feldherrn den
+Graskranz, mit welchem schlichten Zeichen nach Lagerbrauch der Soldat
+geschmückt wurde, der durch seine Tüchtigkeit eine Abteilung seiner Kameraden
+gerettet hatte. Ohne mit der Belagerung Nolas und den anderen von den Samniten
+noch besetzten kampanischen Städte sich aufzuhalten, rückte Sulla sofort in das
+innere Land ein, wo der Hauptherd der Insurrektion war. Die rasche Eroberung
+und fürchterliche Bestrafung von Aeclanum verbreitete Schrecken in der ganzen
+hirpinischen Landschaft; sie unterwarf sich, noch ehe der lucanische Zuzug
+herankam, der zu ihrem Beistand sich in Bewegung setzte, und Sulla konnte
+ungehindert vordringen, bis in das Gebiet der samnitischen Eidgenossenschaft.
+Der Paß, wo die samnitische Landwehr unter Mutilus ihn erwartete, wurde
+umgangen, die samnitische Armee im Rücken angegriffen und geschlagen; das Lager
+ging verloren, der Feldherr rettete sich verwundet nach Aesernia. Sulla rückte
+vor die Hauptstadt der samnitischen Landschaft Bovianum und zwang sie durch
+einen zweiten, unter ihren Mauern erfochtenen Sieg zu kapitulieren. Erst die
+vorgerückte Jahreszeit machte hier dem Feldzug ein Ende.
+</p>
+
+<p>
+Es war der vollständigste Umschwung der Dinge. So gewaltig, so siegreich, so
+vordringend die Insurrektion den Feldzug des Jahres 665 (89) begonnen hatte, so
+tiefgebeugt, so überall geschlagen, so völlig hoffnungslos ging sie aus
+demselben hervor. Ganz Norditalien war beruhigt. In Mittelitalien waren beide
+Küsten völlig in römischer Gewalt, die Abruzzen fast vollständig, Apulien bis
+auf Venusia, Kampanien bis auf Nola in den Händen der Römer und durch die
+Besetzung des hirpinischen Gebietes die Verbindung gesprengt zwischen den
+beiden einzigen noch in offener Gegenwehr beharrenden Landschaften, der
+samnitischen und der lucanisch-brettischen. Das Insurrektionsgebiet glich einer
+erlöschenden ungeheuren Brandstätte; überall traf das Auge auf Asche und
+Trümmer und verglimmende Brände, hie und da loderte noch zwischen den Ruinen
+die Flamme empor, aber man war des Feuers überall Meister und nirgends drohte
+mehr Gefahr. Es ist zu bedauern, daß wir die Ursachen dieses plötzlichen
+Umschwunges in der oberflächlichen Überlieferung nicht mehr genügend erkennen.
+So unzweifelhaft Strabos und mehr noch Sullas geschickte Führung und namentlich
+die energischere Konzentrierung der römischen Streitkräfte, die raschere
+Offensive wesentlich dazu beigetragen hat, so mögen doch neben den
+militärischen auch politische Unruhen bei dem beispiellos raschen Sturz der
+Insurgentenmacht im Spiel gewesen sein; es mag das Gesetz des Silvanus und
+Carbo seinen Zweck, Abfall und Verrat der gemeinen Sache in die Reihen der
+Feinde zu tragen, erfüllt haben, es mag, wie so oft, unter die lose verknüpften
+aufständischen Gemeinden das Unglück als Apfel der Zwietracht gefallen sein.
+Wir sehen nur - und es deutet auch dies auf eine sicher unter heftigen
+Konvulsionen erfolgte innerliche Auflösung der Italia -, daß die Samniten,
+vielleicht unter Leitung des Marsers Quintus Silo, der von Haus aus die Seele
+des Aufstandes gewesen und nach der Kapitulation der Marser landflüchtig zu dem
+Nachbarvolk gegangen war, jetzt sich eine andere, rein landschaftliche
+Organisation gaben und, nachdem die &ldquo;Italia&rdquo; überwunden war, es
+unternahmen, als &ldquo;Safinen&rdquo; oder Samniten den Kampf noch weiter
+fortzusetzen 9. Das feste Aesernia ward aus der Zwingburg der letzte Hort der
+samnitischen Freiheit; ein Heer sammelte sich von angeblich 30000 Mann zu Fuß
+und 1000 zu Pferd und ward durch Freisprechung und Einordnung von 20000 Sklaven
+verstärkt; fünf Feldherren traten an dessen Spitze, darunter als der erste Silo
+und neben ihm Mutilus. Mit Erstaunen sah man nach zweihundertjähriger Pause die
+Samnitenkriege aufs neue beginnen und das entschlossene Bauernvolk abermals,
+ganz wie im fünften Jahrhundert, nachdem die italische Konföderation
+gescheitert war, noch einen Versuch machen, seine landschaftliche
+Unabhängigkeit auf eigene Faust von Rom zu ertrotzen. Allein dieser Entschluß
+der tapfersten Verzweiflung änderte in der Hauptsache nicht viel; es mochte der
+Bergkrieg in Samnium und Lucanien noch einige Zeit und einige Opfer fordern,
+die Insurrektion war nichtsdestoweniger schon jetzt wesentlich zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+9 Dieser Epoche müssen die seltenen Denare mit Safinim und G. Mutil in
+oskischer Schrift angehören; denn solange die Italia von den Insurgenten
+festgehalten ward, konnte kein einzelner Gau als souveräne Macht Münzen mit dem
+eigenen Namen schlagen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Allerdings war inzwischen eine neue Komplikation eingetreten, indem die
+asiatischen Verwicklungen es zu einer gebieterischen Notwendigkeit gemacht
+hatten, an König Mithradates von Pontos den Krieg zu erklären und für das
+nächste Jahr (666 88) den einen Konsul und eine konsularische Armee nach
+Kleinasien zu bestimmen. Wäre dieser Krieg ein Jahr früher zum Ausbruch
+gekommen, so hätte die gleichzeitige Empörung des halben Italiens und der
+wichtigsten Provinz dem römischen Staat eine ungeheure Gefahr bereitet. Jetzt,
+nachdem in dem raschen Sturz der italischen Insurrektion das wunderbare Glück
+Roms sich abermals bewährt hatte, war dieser neu beginnende asiatische Krieg,
+trotzdem daß er mit dem verendenden italischen sich verschlang, doch nicht
+eigentlich bedrohlicher Art, um so weniger, als Mithradates in seinem Übermut
+die Aufforderung der Italiker, ihnen unmittelbaren Beistand zu leisten, von der
+Hand wies, aber freilich immer noch in hohem Grade unbequem. Die Zeiten waren
+nicht mehr, wo man einen italischen und einen überseeischen Krieg unbedenklich
+nebeneinander führte; die Staatskasse war nach zwei Kriegsjahren bereits
+vollständig erschöpft, die Bildung einer neuen Armee neben den bereits im Felde
+stehenden schien kaum ausführbar. Indes man half sich wie man konnte. Der
+Verkauf der seit alter Zeit auf und an der Burg freigebliebenen Plätze an die
+Baulustigen, woraus 9000 Pfund Gold (2½ Mill. Taler) gelöst wurden, lieferte
+die erforderlichen Geldmittel. Eine neue Armee ward nicht gebildet, sondern die
+in Kampanien unter Sulla stehende bestimmt, nach Asien sich einzuschiffen,
+sobald der Stand der Dinge im südlichen Italien es ihr gestatten würde sich zu
+entfernen; war bei den Fortschritten der im Norden unter Strabo operierenden
+Armee voraussichtlich bald geschehen konnte.
+</p>
+
+<p>
+So begann der dritte Feldzug 666 (88) unter günstigen Aussichten für Rom.
+Strabo dämpfte den letzten Widerstand, der noch in den Abruzzen geleistet ward.
+In Apulien machte Cosconius&rsquo; Nachfolger Quintus Metellus Pius, der Sohn
+des Überwinders von Numidien und an energisch konservativer Gesinnung wie an
+militärischer Begabung seinem Vater nicht ungleich, dem Widerstand ein Ende
+durch die Einnahme von Venusia, wobei 3000 Bewaffnete gefangen genommen wurden.
+In Samnium gelang zwar Silo die Wiedereinnahme von Bovianum; allein in einer
+Schlacht, die er dem römischen General Mamercus Aemilius lieferte, siegten die
+Römer, und was wichtiger war als der Sieg selbst, unter 6000 Toten, die die
+Samniten auf der Walstatt ließen, war auch Silo. In Kampanien wurden die
+kleineren Ortschaften, die die Samniten noch besetzt hielten, von Sulla ihnen
+entrissen und Nola umstellt. Auch in Lucanien drang der römische Feldherr Aulus
+Gabinius ein und errang nicht geringe Erfolge; allein nachdem er bei einem
+Angriff auf das feindliche Lager gefallen war, herrschte der Insurgentenführer
+Lamponius mit den Seinen wiederum fast ungestört in der weiten und öden
+lucanisch-brettischen Landschaft. Er machte sogar einen Versuch sich Rhegions
+zu bemächtigen, den indes der sizilische Statthalter Gaius Norbanus vereitelte.
+Trotz einzelner Unfälle näherte man sich unaufhaltsam dem Ziel; der Fall von
+Nola, die Unterwerfung von Samnium, die Möglichkeit, ansehnliche Streitkräfte
+für Asien verfügbar zu machen, schienen nicht mehr fern, als die Wendung der
+Dinge in der Hauptstadt der fast schon erstickten Insurrektion unvermutet Luft
+machte.
+</p>
+
+<p>
+Rom war in fürchterlicher Gärung. Drusus&rsquo; Angriff auf die Rittergerichte
+und sein durch die Ritterpartei bewirkter jäher Sturz, sodann der
+zweischneidige Varische Prozeßkrieg hatten die bitterste Zwietracht gesät
+zwischen Aristokratie und Bourgeoisie sowie zwischen den Gemäßigten und den
+Ultras. Die Ereignisse hatten der Partei der Nachgiebigkeit vollständig recht
+gegeben: was sie beantragt hatte, freiwillig zu verschenken, das hatte man mehr
+als halb gezwungen zugestehen müssen; allein die Art, wie dies Zugeständnis
+erfolgt war, trug eben wie die frühere Weigerung den Charakter des
+eigensinnigen und kurzsichtigen Neides. Statt allen italischen Gemeinden das
+gleiche Recht zu gewähren, hatte man die Zurücksetzung nur anders formuliert.
+Man hatte eine große Anzahl italischer Gemeinden in den römischen Bürgerverband
+aufgenommen, aber was man verlieh, wieder mit einem ehrenrührigen Makel
+behaftet, die Neu- neben die Altbürger ungefähr wie die Freigelassenen neben
+die Freigeborenen gestellt. Man hatte die Gemeinden zwischen dem Po und den
+Alpen durch das Zugeständnis des latinischen Rechts mehr gereizt als
+befriedigt. Man hatte endlich einem ansehnlichen und nicht dem schlechtesten
+Teil der Italiker, sämtlichen wieder unterworfenen insurgierten Gemeinden,
+nicht bloß das Bürgerrecht vorenthalten, sondern sogar ihre ehemaligen, durch
+den Aufstand vernichteten Verträge ihnen nicht wieder rechtlich verbrieft,
+höchstens im Gnadenweg und auf beliebigen Widerruf dieselben erneuert ^10. Die
+Zurücksetzung im Stimmrecht verletzte um so tiefer, als sie bei der damaligen
+Beschaffenheit der Komitien politisch sinnlos war und die scheinheilige
+Fürsorge der Regierung für die unbefleckte Reinheit der Wählerschaft jedem
+Unbefangenen lächerlich erscheinen mußte; all jene Beschränkungen aber waren
+insofern gefährlich, als sie jeden Demagogen dazu einluden, durch Aufnahme der
+mehr oder minder gerechten Forderungen der Neubürger sowohl wie der vom
+Bürgerrecht ausgeschlossenen Italiker seine anderweitigen Zwecke durchzusetzen.
+Wenn somit die heller sehende Aristokratie diese halben und mißgünstigen
+Konzessionen ebenso unzulänglich finden mußte wie die Neubürger und die
+Ausgeschlossenen selbst, so vermißte sie ferner schmerzlich in ihren Reihen die
+zahlreichen und vorzüglichen Männer, die die Varische Hochverratskommission ins
+Elend gesandt hatte und die zurückzurufen deswegen nur noch schwieriger war,
+weil sie nicht durch Volks-, sondern durch Geschworenengerichte verurteilt
+worden waren; denn sowenig man Bedenken trug, einen Volksschluß auch
+richterlicher Natur durch einen zweiten zu kassieren, so erschien doch die
+Kassation eines Geschworenenverdikts durch das Volk eben der besseren
+Aristokratie als ein sehr gefährliches Beispiel. So waren weder die Ultras noch
+die Gemäßigten mit dem Ausgang der italischen Krise zufrieden. Aber von noch
+tieferem Grolle schwoll das Herz des alten Mannes, der mit erfrischten
+Hoffnungen in den Italischen Krieg gezogen und daraus unfreiwillig
+zurückgekommen war, mit dem Bewußtsein, neue Dienste geleistet und dafür neue
+schwerste Kränkungen empfangen zu haben, mit dem bitteren Gefühle, von den
+Feinden nicht mehr gefürchtet, sondern geringgeschätzt zu werden, mit jenem
+Wurm der Rache im Herzen, der sich aufnährt an seinem eigenen Gifte. Auch von
+ihm galt, was von den Neubürgern und den Ausgeschlossenen: unfähig und
+unbehilflich wie er sich erwiesen hatte, war doch sein populärer Name in der
+Hand eines Demagogen ein furchtbares Werkzeug.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^10 Dediticiis, sagt Licinianus (p. 15) unter dem Jahre 667 (87), omnibus
+[ci]vita[sJ data; qui polliciti mult[aJ milia militum vix XV … cobortes
+miserunt worin der Livianische Bericht (ep. 80: Italicis populis a senatu
+civltas data est) in teilweise schärferer Fassung wiedererscheint. Dediticii
+sind nach römischem Staatsrecht diejenigen peregrinischen Freien (Gaius inst.
+13-15, 25; Ulp. 20, 14; 22, 2), die den Römern untertan geworden und zu keinem
+Bündnis zugelassen worden sind. Sie behalten nicht bloß Leben, Freiheit und
+Eigentum, sondern können auch in Gemeinden mit eigener Verfassung konstituiert
+sein. Απόλιδες, nullius certae civitatis cives (Ulp. 20, 14; vgl. Dig. 48, 19,
+17, 1), sind nur die durch rechtliche Fiktion den dediticii gleichgestellten
+Freigelassenen (ii qui dediticiorum numero sunt, nur mißbräuchlich und bei
+besseren Schriftstellern selten geradezu dediticii genannt: Gaius inst. 1, 12;
+Ulp. 1, 14; Paul. 4, 12, 6) ebenso wie die verwandten liberti Latini Juniani.
+Aber die dediticii sind dennoch dem römischen Staate gegenüber insofern
+rechtlos, als nach römischem Staatsrecht jede Dedition notwendig unbedingt ist
+(Polyb. 21,1; vgl. 20, 9 u.10; 36, 2) und alle ihnen ausdrücklich oder
+stillschweigend zugestandenen Rechte nur precario, also auf beliebigen Widerruf
+zugestanden werden (App. Hisp. 44), der römische Staat also, was er auch gleich
+oder später über seine Deditizier verhängen mag, niemals gegen sie eine
+Rechtsverletzung begehen kann. Diese Rechtlosigkeit hört erst auf durch
+Abschließung eines Bündnisvertrages (Liv. 34, 57). Darum erscheinen deditio und
+foedus als staatsrechtlich sich ausschließende Gegenstände (Liv. 4, 30; 28, 34;
+Cod. Theod. 7, 13, 16 und dazu Gothofr.), und nichts anderes ist auch der den
+Juristen geläufige Gegensatz der Quasideditizier und der Quasilatiner, denn die
+Latiner sind eben die Föderierten im eminenten Sinn (Cic. Balb. 24, 54).
+</p>
+
+<p>
+Nach dem älteren Staatsrecht gab es, mit Ausnahme der nicht zahlreichen,
+infolge des Hannibalischen Krieges ihrer Verträge verlustig erklärten
+Gemeinden, keine italischen Deditizier; noch in dem Plautischen Gesetz von
+664/65 (90/89) schloß die Bezeichnung: qui foederatis civitatibus adscripti
+fuerunt (Cic. Arch. 4, 7) wesentlich alle Italiker ein. Da nun aber unter den
+dediticii, die 667 (87) nachträglich das Bürgerrecht empfingen, doch nicht
+füglich bloß die Brettier und Picenter verstanden sein können, so wird man
+annehmen dürfen, daß alle Insurgenten, soweit sie die Waffen niedergelegt und
+nicht nach dem Plautisch-Papirischen Gesetz das Bürgerrecht erworben hatten,
+als Deditizier behandelt oder, was dasselbe ist, daß ihre durch die
+Insurrektion von selbst kassierten Verträge (darum qui foederati fuerunt in der
+angeführten Ciceronischen Stelle) ihnen bei der Ergebung nicht rechtlich
+erneuert wurden.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Elementen politischer Konvulsionen verband sich der rasch
+fortschreitende Verfall der ehrbaren Kriegssitte und der militärischen
+Disziplin. Die Keime, welche die Einstellung der Proletarier in das Heer in
+sich trug, entwickelten sich mit erschreckender Geschwindigkeit während des
+demoralisierenden Insurgentenkriegs, der jeden waffenfähigen Mann ohne
+Unterschied zum Dienst zuzulassen nötigte und der vor allem unmittelbar in das
+Hauptquartier wie in das Soldatenzelt die politische Propaganda trug. Bald
+zeigten sich die Folgen in dem Erschlaffen aller Bande der militärischen
+Hierarchie. Während der Belagerung von Pompeii ward der Befehlshaber des
+Sullanischen Belagerungskorps, der Konsular Aulus Postumius Albinus, von seinen
+Soldaten, die von ihrem Feldherrn dem Feinde verraten zu sein glaubten, mit
+Steinen und Knütteln erschlagen; und der Oberbefehlshaber Sulla begnügte sich,
+die Truppen zu ermahnen, durch tapferes Verhalten vor dem Feind die Erinnerung
+an diesen Vorgang auszulöschen. Die Urheber dieser Tat waren die
+Flottensoldaten, von jeher die am mindesten achtbare Truppe: bald folgte eine
+vorwiegend aus dem Stadtpöbel ausgehobene Abteilung der Legionäre dem gegebenen
+Beispiel. Angestiftet von einem der Helden des Marktes, Gaius Titius, vergriff
+sie sich an dem Konsul Cato. Durch einen Zufall entging derselbe diesmal dem
+Tode; Titius aber ward zwar festgesetzt, indes nicht bestraft. Als Cato dann
+bald darauf wirklich in einem Gefechte umkam, wurden seine eigenen Offiziere,
+namentlich der jüngere Gaius Marius, ob mit Recht oder mit Unrecht ist nicht
+auszumachen, als die Urheber seines Todes bezeichnet.
+</p>
+
+<p>
+Zu dieser beginnenden politischen und militärischen kam die vielleicht noch
+entsetzlichere ökonomische Krise, die im Verfolg des Bundesgenossenkrieges und
+der asiatischen Unruhen über die römischen Geldmänner hereingebrochen war. Die
+Schuldner, unfähig, auch nur die Zinsen zu erschwingen, und dennoch von ihren
+Gläubigern unerbittlich gedrängt, hatten bei dem beikommenden Gerichtsvorstand,
+dem Stadtprätor Asellio, teils Aufschub erbeten, um ihre Besitzungen verkaufen
+zu können, teils die alten verschollenen Zinsgesetze wieder hervorgesucht und
+nach der vor Zeiten festgestellten Vorschrift den vierfachen Betrag der dem
+Gesetz zuwider gezahlten Zinsen von den Gläubigern eingeklagt. Asellio gab sich
+dazu her, das tatsächlich bestehende Recht durch dessen Buchstaben zu beugen,
+und instruierte in gewöhnlicher Weise die verlangten Zinsklagen; worauf die
+verletzten Gläubiger unter Leitung des Volkstribuns Lucius Cassius sich auf dem
+Markt zusammentaten und den Prätor, da er eben in priesterlichem Schmuck ein
+Opfer darbrachte, vor dem Tempel der Eintracht überfielen und erschlugen - eine
+Freveltat, wegen deren nicht einmal eine Untersuchung stattfand (665 89).
+Andererseits ging in den Schuldnerkreisen die Rede, daß der leidenden Menge
+nicht anders geholfen werden könne als durch &ldquo;neue
+Rechnungsbücher&rdquo;, das heißt durch gesetzliche Vernichtung der Forderungen
+sämtlicher Gläubiger an sämtliche Schuldner. Es war genau wieder wie während
+des Ständestreits: wieder machten die Kapitalisten im Bunde mit der befangenen
+Aristokratie der gedrückten Menge und der zur Mäßigung des starren Rechtes
+mahnenden Mittelpartei den Krieg und den Prozeß; wieder stand man an dem Rande
+desjenigen Abgrundes, in den der verzweifelte Schuldner den Gläubiger mit sich
+hinabreißt; nur war seitdem an die Stelle der einfach bürgerlichen und
+sittlichen Ordnung einer großen Ackerstadt die soziale Zerrissenheit einer
+Kapitale vieler Nationen und diejenige Demoralisation getreten, in der der
+Prinz mit dem Bettler sich begegnet; nur waren alle Mißverhältnisse breiter,
+schroffer, in grauenhafter Weise großartiger geworden. Indem der
+Bundesgenossenkrieg all die gärenden politischen und sozialen Elemente in der
+Bürgerschaft gegeneinander rüttelte, legte er den Grund zu einer neuen
+Revolution. Zum Ausbruch brachte sie ein Zufall.
+</p>
+
+<p>
+Der Volkstribun Publius Sulpicius Rufus war es, der im Jahre 666 (88) bei der
+Bürgerschaft die Anträge stellte, jeden Senator, der über 2000 Denare (600
+Taler) schulde, seiner Ratsstelle verlustig zu erklären; den durch unfreie
+Geschworenengerichte verurteilten Bürgern die Rückkehr in die Heimat
+freizugeben; die Neubürger durch sämtliche Distrikte zu verteilen und
+ingleichen den Freigelassenen Stimmrecht in allen Distrikten zu gestatten. Es
+waren Vorschläge, die aus dem Munde dieses Mannes zum Teil wenigstens
+überraschten. Publius Sulpicius Rufus (geboren 630 124) verdankte seine
+politische Bedeutung weniger seiner adligen Geburt, seinen bedeutenden
+Verbindungen und seinem angeerbten Reichtum als seinem ungemeinen Rednertalent,
+worin von den Altersgenossen keiner ihm gleichkam; die mächtige Stimme, die
+lebhaften, zuweilen an Theateraktion streifenden Gebärden, die üppige Fülle
+seines Wortstroms ergriffen auch wen sie nicht überzeugten. Seiner
+Parteistellung nach stand er von Haus aus auf der Seite des Senats, und sein
+erstes politisches Auftreten (659 95) war die Anklage des der Regierungspartei
+tödlich verhaßten Norbanus gewesen. Unter den Konservativen gehörte er zu der
+Fraktion des Crassus und Drusus. Was ihn zunächst veranlaßte, sich für das Jahr
+666 (88) um das Volkstribunat zu bewerben und um dessentwillen seinen
+patrizischen Adel abzulegen, wissen wir nicht; doch scheint es dadurch, daß
+auch er, wie die gesamte Mittelpartei, von den Konservativen als Revolutionär
+verfolgt worden war, noch keineswegs Revolutionär geworden zu sein und
+keineswegs einen Umsturz der Verfassung im Sinne des Gaius Gracchus
+beabsichtigt zu haben. Eher mag er, als der einzige aus dem Varischen
+Prozeßsturm unversehrt hervorgegangene namhafte Mann der Partei des Crassus und
+Drusus, sich berufen gefühlt haben, das Werk des Drusus zu vollenden und die
+noch bestehenden Zurücksetzungen der Neubürger schließlich zu beseitigen, wozu
+er des Tribunats bedurfte. Noch aus seinem Tribunat werden mehrere Handlungen
+von ihm erwähnt, die das gerade Gegenteil demagogischer Absichten verraten - so
+hinderte er durch sein Einschreiten einen seiner Kollegen, die auf Grund des
+Varischen Gesetzes ergangenen Geschworenenurteile durch Volksschluß zu
+kassieren; und als der gewesene Ädil Gaius Caesar verfassungswidrig sich mit
+Überspringung der Prätur um das Konsulat für 667 (87) bewarb, wie es heißt in
+der Absicht, sich später die Führung des Asiatischen Krieges übertragen zu
+lassen, trat, entschlossener und schärfer als irgendein anderer, Sulpicius ihm
+entgegen. Ganz im Sinne des Drusus also forderte er von sich wie von andern
+zunächst und vor allem die Einhaltung der Verfassung. Aber freilich vermochte
+er ebensowenig wie Drusus das Unverträgliche zu vereinigen und die von ihm
+beabsichtigte, an sich verständige, aber von der ungeheuren Mehrzahl der
+Altbürgerschaft auf gütlichem Wege niemals zu erlangende Verfassungsänderung in
+strenger Form Rechtens durchzusetzen. Der Bruch mit der mächtigen Familie der
+Iulier, unter denen namentlich der Bruder des Gaius, der Konsular Lucius
+Caesar, im Senat sehr einflußreich war, und mit der derselben anhängenden
+Fraktion der Aristokratie hat ohne Zweifel auch wesentlich mitgewirkt und den
+zornmütigen Mann durch persönliche Erbitterung über die ursprüngliche Absicht
+hinausgeführt. Aber der Charakter der von ihm eingebrachten Anträge ist doch
+von der Art, daß sie keineswegs die Persönlichkeit und die bisherige
+Parteistellung ihres Urhebers verleugnen. Die Gleichstellung der Neubürger mit
+den Altbürgern war nichts als die teilweise Wiederaufnahme der von Drusus
+entworfenen Anträge zu Gunsten der Italiker und wie diese nur die Erfüllung der
+Vorschriften einer gesunden Politik. Die Zurückrufung der durch die Varischen
+Geschworenen Verurteilten opferte zwar den Grundsatz der Unverletzlichkeit des
+Geschworenenwahrspruchs, für den Sulpicius eben noch selbst mit der Tat
+eingestanden war, aber sie kam zunächst wesentlich den eigenen Parteigenossen
+des Antragstellers, den gemäßigten Konservativen, zugute, und es läßt sich von
+dem stürmischen Mann recht wohl begreifen, daß er bei seinem ersten Auftreten
+eine solche Maßregel entschieden bekämpfte und dann, ergrimmt über den
+Widerstand, auf den er traf, sie selber beantragte. Die Maßregel gegen die
+Überschuldung der Senatoren war ohne Zweifel herbeigeführt durch die Bloßlegung
+der trotz alles äußeren Glanzes tief zerrütteten ökonomischen Lage der
+regierenden Familien bei Gelegenheit der letzten finanziellen Krise; es war
+zwar peinlich, aber an sich doch im wohlverstandenen Interesse der
+Aristokratie, wenn, wie dies die Folge des Sulpicischen Antrags sein mußte,
+alle Individuen aus dem Senat ausschieden, die nicht vermochten, ihre Passiva
+rasch zu liquidieren, und wenn das Koteriewesen, das in der Überschuldung
+vieler Senatoren und ihrer dadurch herbeigeführten Abhängigkeit von den reichen
+Kollegen seinen hauptsächlichen Halt fand, durch die Beseitigung des notorisch
+feilen Senatorengesindels gedämpft ward - womit natürlich nicht geleugnet
+werden soll, daß Rufus eine den Senat so schroff und gehässig prostituierende
+Säuberung der Kurie, wie er sie vorschlug, ohne seine persönlichen Zerwürfnisse
+mit den herrschenden Koteriehäuptern sicher niemals beantragt haben würde.
+Endlich die Bestimmung zu Gunsten der Freigelassenen hatte unzweifelhaft
+zunächst den Zweck, den Antragsteller zum Herrn der Gasse zu machen; an sich
+aber war sie weder unmotiviert noch mit der aristokratischen Verfassung
+unvereinbar. Seitdem man angefangen hatte, die Freigelassenen zum Militärdienst
+mit hinzuzuziehen, war ihre Forderung des Stimmrechts insofern gerechtfertigt,
+als Stimmrecht und Dienstpflicht stets Hand in Hand gegangen waren. Vor allen
+Dingen aber kam bei der Nichtigkeit der Komitien politisch sehr wenig darauf
+an, ob in diesen Sumpf noch eine Kloake mehr sich entleerte. Die Möglichkeit,
+mit den Komitien zu regieren, ward für die Oligarchie eher gesteigert als
+gemindert durch die unbeschränkte Zulassung der Freigelassenen, welche ja zu
+einem sehr großen Teil von den regierenden Familien persönlich und ökonomisch
+abhängig waren und richtig verwandt eben ein Mittel für die Regierung abgeben
+konnten, die Wahlen gründlicher noch als bisher zu beherrschen. Wider die
+Tendenzen der reformistisch gesinnten Aristokratie lief diese Maßregel
+allerdings wie jede andere politische Begünstigung des Proletariats; allein sie
+war auch für Rufus schwerlich etwas anderes, als was das Getreidegesetz für
+Drusus gewesen war: ein Mittel, um das Proletariat auf seine Seite zu ziehen
+und mit dessen Hilfe den Widerstand gegen die beabsichtigten, wahrhaft
+gemeinnützigen Reformen zu brechen. Es ließ sich leicht voraussehen, daß dieser
+nicht gering sein, daß die bornierte Aristokratie und die bornierte Bourgeoisie
+ebendenselben stumpfsinnigen Neid wie vor dem Ausbruch der Insurrektion jetzt
+nach ihrer Überwindung betätigen, daß die große Majorität aller Parteien die im
+Augenblick der furchtbarsten Gefahr gemachten halben Zugeständnisse im stillen
+oder auch laut als unzeitige Nachgiebigkeit bezeichnen und jeder Ausdehnung
+derselben sich leidenschaftlich widersetzen werde. Drusus&rsquo; Beispiel hatte
+gezeigt, was dabei herauskam, wenn man konservative Reformen allein im
+Vertrauen auf die Senatsmajorität durchzusetzen unternahm; es war vollkommen
+erklärlich, daß sein Freund und Gesinnungsgenosse verwandte Absichten in
+Opposition gegen diese Mehrheit und in den Formen der Demagogie zu realisieren
+versuchte. Rufus gab demnach sich keine Mühe, durch den Köder der
+Geschworenengerichte den Senat für sich zu gewinnen. Besseren Rückhalt fand er
+bei den Freigelassenen und vor allem an dem bewaffneten Gefolge - dem Bericht
+seiner Gegner zufolge bestand es aus 3000 gedungenen Leuten und einem
+&ldquo;Gegensenat&rdquo; von 600 jungen Männern aus der besseren Klasse -, mit
+dem er in den Straßen und auf dem Markte erschien. Seine Anträge stießen denn
+auch auf den entschiedensten Widerstand bei der Majorität des Senats, welche
+zunächst, um Zeit zu gewinnen, die Konsuln Lucius Cornelius Sulla und Quintus
+Pompeius Rufus, beide abgesagte Gegner der Demagogie, bewog, außerordentliche
+religiöse Festlichkeiten anzuordnen, während deren die Volksversammlungen
+ruhten. Sulpicius antwortete mit einem heftigen Auflauf, bei welchem unter
+anderen Opfern der junge Quintus Pompeius, der Sohn des einen und Schwiegersohn
+des anderen Konsuls, den Tod fand und das Leben der beiden Konsuln selbst
+ernstlich bedroht ward - Sulla soll sogar nur dadurch gerettet worden sein, daß
+Marius ihm sein Haus öffnete. Man mußte nachgeben; Sulla verstand sich dazu,
+die angekündigten Festlichkeiten abzusagen, und die Sulpicischen Anträge gingen
+nun ohne weiteres durch. Allein es war damit ihr Schicksal noch keineswegs
+gesichert. Mochte auch in der Hauptstadt sich die Aristokratie geschlagen
+geben, so gab es jetzt - zum erstenmal seit dem Beginn der Revolution - noch
+eine andere Macht in Italien, die nicht übersehen werden durfte: die beiden
+starken und siegreichen Armeen des Prokonsuls Strabo und des Konsuls Sulla. War
+auch Strabos politische Stellung zweideutig, so stand Sulla, obwohl er der
+offenbaren Gewalt für den Augenblick gewichen war, nicht bloß mit der
+Senatsmajorität in vollem Einvernehmen, sondern war auch, unmittelbar nachdem
+er die Festlichkeiten abgesagt hatte, abgegangen nach Kampanien zu seiner
+Armee. Den unbewaffneten Konsul durch die Knüttelmänner oder die wehrlose
+Hauptstadt durch die Schwerter der Legionen zu terrorisieren, lief am Ende auf
+dasselbe hinaus; Sulpicius setzte voraus, daß der Gegner, jetzt wo er konnte,
+Gewalt mit Gewalt vergelten und an der Spitze seiner Legionen nach der
+Hauptstadt zurückkehren werde, um den konservativen Demagogen mitsamt seinen
+Gesetzen über den Haufen zu werfen. Vielleicht irrte er sich. Sulla wünschte
+den Krieg gegen Mithradates ebensosehr, wie ihm grauen mochte vor dem
+hauptstädtischen politischen Brodel; bei seinem originellen Indifferentismus
+und seiner unübertroffenen politischen Nonchalance hat es große
+Wahrscheinlichkeit, daß er den Staatsstreich, den Sulpicius erwartete,
+keineswegs beabsichtigte und daß er, wenn man ihn hätte gewähren lassen, nach
+der Einnahme von Nola, dessen Belagerung ihn noch beschäftigte, unverweilt sich
+mit seinen Truppen nach Asien eingeschifft haben würde. Indes wie dem auch sein
+mag, Sulpicius entwarf, um den vermuteten Streich zu parieren, den Plan, Sulla
+den Oberbefehl abzunehmen, und ließ zu diesem Ende mit Marius sich ein, dessen
+Name noch immer hinreichend populär war, um einen Antrag, den Oberbefehl im
+Asiatischen Kriege auf ihn zu übertragen, der Menge plausibel erscheinen zu
+lassen, und dessen militärische Stellung und Kapazität für den Fall eines
+Bruches mit Sulla eine Stütze werden konnte. Die Gefahr, die darin lag, den
+alten, ebenso unfähigen als rach- und ehrsüchtigen Mann an die Spitze der
+kampanischen Armee zu stellen, mochte Sulpicius nicht übersehen und ebensowenig
+die arge Abnormität, einem Privatmann ein außerordentliches Oberkommando durch
+Volksschluß zu übertragen; aber eben Marius&rsquo; erprobte staatsmännische
+Unfähigkeit gab eine Art Garantie dafür, daß er die Verfassung nicht ernstlich
+würde gefährden können, und vor allem war Sulpicius&rsquo; eigene Lage, wenn er
+Sullas Absichten richtig beurteilte, eine so bedrohte, daß dergleichen
+Rücksichten kaum mehr in Betracht kamen. Daß der abgestandene Held selbst
+bereitwillig jedem entgegenkam, der ihn als Condottiere gebrauchen wollte,
+versteht sich von selbst; nach dem Oberbefehl nun gar in einem asiatischen
+Krieg gelüstete sein Herz seit vielen Jahren und nicht weniger vielleicht
+danach, einmal gründlich abzurechnen mit der Senatsmajorität. Demnach erhielt
+auf Antrag des Sulpicius durch Beschluß des Volkes Gaius Marius mit
+außerordentlicher höchster oder sogenannter prokonsularischer Gewalt das
+Kommando der kampanischen Armee und den Oberbefehl in dem Krieg gegen
+Mithradates, und es wurden, um das Heer von Sulla zu übernehmen, zwei
+Volkstribune in das Lager von Nola abgesandt.
+</p>
+
+<p>
+Die Botschaft kam an den unrechten Mann. Wenn irgend jemand berufen war, den
+Oberbefehl im Asiatischen Kriege zu führen, so war es Sulla. Er hatte wenige
+Jahre zuvor mit dem größten Erfolge auf demselben Kriegsschauplatz kommandiert:
+er hatte mehr als irgendein anderer Mann beigetragen zur Überwältigung der
+gefährlichen italischen Insurrektion; ihm als Konsul des Jahres, in welchem der
+Asiatische Krieg zum Ausbruch kam, war in der hergebrachten Weise und mit
+voller Zustimmung seines ihm befreundeten und verschwägerten Kollegen das
+Kommando in demselben übertragen worden. Es war ein starkes Ansinnen, einen
+unter solchen Verhältnissen übernommenen Oberbefehl nach Beschluß der
+souveränen Bürgerschaft von Rom abzugeben an einen alten militärischen und
+politischen Antagonisten, in dessen Händen die Armee, niemand mochte sagen zu
+welchen Gewaltsamkeiten und Verkehrtheiten, mißbraucht werden konnte. Sulla war
+weder gutmütig genug, um freiwillig einem solchen Befehl Folge zu leisten, noch
+abhängig genug, um es zu müssen. Sein Heer war, teils infolge der von Marius
+herrührenden Umgestaltungen des Heerwesens, teils durch die von Sulla
+gehandhabte sittlich lockere und militärisch strenge Disziplin, wenig mehr als
+eine ihrem Führer unbedingt ergebene und in politischen Dingen indifferente
+Lanzknechtschar. Sulla selbst war ein blasierter, kalter und klarer Kopf, dem
+die souveräne römische Bürgerschaft ein Pöbelhaufen war, der Held von Aquae
+Sextiae ein bankrotter Schwindler, die formelle Legalität eine Phrase, Rom
+selbst eine Stadt ohne Besatzung und mit halbverfallenen Mauern, die viel
+leichter erobert werden konnte als Nola. In diesem Sinne handelte er. Er
+versammelte seine Soldaten - es waren sechs Legionen oder etwa 35000 Mann - und
+setzte ihnen die von Rom angelangte Botschaft auseinander, nicht vergessend,
+ihnen anzudeuten, daß der neue Oberfeldherr ohne Zweifel nicht dieses Heer,
+sondern andere, neu gebildete Truppen nach Kleinasien führen werde. Die höheren
+Offiziere, immer noch mehr Bürger als Militärs, hielten sich zurück, und nur
+ein einziger von ihnen folgte dem Feldherrn gegen die Hauptstadt; allein die
+Soldaten, die nach früheren Erfahrungen in Asien einen bequemen Krieg und
+unendliche Beute zu finden hofften, brausten auf; in einem Nu waren die beiden
+von Rom gekommenen Tribune zerrissen und von allen Seiten erscholl der Zuruf,
+daß der Feldherr sie auf Rom zu führen möge. Unverweilt brach der Konsul auf,
+und unterwegs seinen Gleichgesinnten Kollegen an sich ziehend, gelang er in
+raschen Märschen, wenig sich kümmernd um die von Rom ihm entgegeneilenden
+Abgesandten, die ihn aufzuhalten versuchten, bis unter die Mauern der
+Hauptstadt. Unerwartet sah man Sullas Heersäulen sich aufstellen an der
+Tiberbrücke und am Collinischen und Esquilinischen Tore und sodann zwei
+Legionen in Reih&rsquo; und Glied, ihre Feldzeichen voran, den Befriedeten
+Mauerring überschreiten, jenseits dessen das Gesetz den Krieg gebannt hatte. So
+viel schlimmer Hader, so viele bedeutende Fehden waren innerhalb dieser Mauern
+zum Austrag gekommen, ohne daß ein römisches Heer den heiligen Stadtfrieden
+gebrochen hätte; jetzt geschah es, zunächst um der elenden Frage willen, ob
+dieser oder jener Offizier berufen sei, im Osten zu kommandieren. Die
+einrückenden Legionen gingen vor bis auf die Höhe des Esquilin; als die von den
+Dächern heranregnenden Geschosse und Steine die Soldaten unsicher machten und
+sie zu weichen anfingen, erhob Sulla selbst die flammende Fackel und, mit
+Brandpfeilen und Anzündung der Häuser drohend, brachen die Legionen sich Bahn
+bis auf den Esquilinischen Marktplatz (unweit S. Maria Maggiore). Hier wartete
+ihrer die eiligst von Marius und Sulpicius zusammengeraffte Mannschaft und warf
+die zuerst eindringenden Kolonnen durch die Überzahl zurück. Aber von den Toren
+kam denselben Verstärkung; eine andere Abteilung der Sullaner machte Anstalt,
+auf der Suburastraße die Verteidiger zu umgehen; sie mußten zurück. Am Tempel
+der Tellus, wo der Esquilin anfängt sich gegen den Großen Marktplatz zu senken,
+versuchte Marius noch einmal sich zu setzen; er beschwor Senat und Ritter und
+die gesamte Bürgerschaft, den Legionen sich entgegenzuwerfen. Aber er selbst
+hatte dieselben aus Bürgern in Lanzknechte umgeschaffen; sein eigenes Werk
+wandte sich gegen ihn; sie gehorchten nicht der Regierung, sondern ihrem
+Feldherrn. Selbst als die Sklaven unter dem Versprechen der Freiheit
+aufgefordert wurden, sich zu bewaffnen, erschienen ihrer nicht mehr als drei.
+Es blieb den Führern nichts übrig, als eiligst durch die noch unbesetzten Tore
+zu entrinnen; nach wenigen Stunden war Sulla unumschränkter Herr von Rom. Diese
+Nacht brannten die Wachfeuer der Legionen auf dem Großen Marktplatz der
+Hauptstadt.
+</p>
+
+<p>
+Die erste militärische Intervention in den bürgerlichen Fehden hatte es zur
+vollen Evidenz gebracht, sowohl daß die politischen Kämpfe auf dem Punkt
+angekommen waren, wo nur noch offene und unmittelbare Gewalt die Entscheidung
+gibt, als auch daß die Gewalt des Knüttels nichts ist gegen die Gewalt des
+Schwertes. Es ist die konservative Partei gewesen, die das Schwert zuerst
+gezogen und an der denn auch jenes ahnungsvolle Wort des Evangeliums über den,
+der zuerst das Schwert erhebt, seinerzeit sich erfüllt hat. Für jetzt
+triumphierte sie vollständig und durfte ihren Sieg nach Belieben selber
+formulieren. Von selbst verstand es sich, daß die Sulpicischen Gesetze als von
+Rechts wegen nichtig bezeichnet wurden. Ihr Urheber und seine namhaftesten
+Anhänger hatten sich geflüchtet; sie wurden, zwölf an der Zahl, von dem Senat
+als Vaterlandsfeinde zur Fahndung und Hinrichtung ausgeschrieben. Publius
+Sulpicius ward infolgedessen bei Laurentum ergriffen und niedergemacht und das
+an Sulla gesandte Haupt des Tribuns nach dessen Anordnung auf dem Markt auf
+ebenderselben Rednerbühne zur Schau gestellt, wo er selbst noch wenige Tage
+zuvor in voller Jugend- und Rednerkraft gestanden hatte. Die anderen Geächteten
+wurden verfolgt; auch dem alten Gaius Marius waren die Mörder auf den Fersen.
+Wie der Feldherr auch die Erinnerung an seine glorreichen Tage durch eine Kette
+von Erbärmlichkeiten getrübt haben mochte, jetzt, wo der Retter des Vaterlandes
+um sein Leben lief, war er wieder der Sieger von Vercellae und mit atemloser
+Spannung vernahm man in ganz Italien die Ereignisse seiner wundersamen Flucht.
+In Ostia hatte er ein Fahrzeug bestiegen, um nach Afrika zu segeln; allein
+widrige Winde und Mangel an Vorräten zwangen ihn, am Circeischen Vorgebirg zu
+landen und auf gut Glück in die Irre zu gehen. Von wenigen begleitet und keinem
+Dach sich anvertrauend, gelangte der greise Konsular zu Fuß, oft vom Hunger
+gepeinigt, in die Nähe der römischen Kolonie Minturnae an der Mündung des
+Garigliano. Hier zeigten sich in der Ferne die verfolgenden Reiter; mit genauer
+Not ward das Ufer erreicht, und ein dort liegendes Handelsschiff entzog ihn
+seinen Verfolgern; allein die ängstlichen Schiffer legten bald wieder an und
+suchten das Weite, während Marius am Strande schlief. In dem Strandsumpf von
+Minturnae, bis zum Gürtel in den Schlamm versunken und das Haupt unter einem
+Schilfhaufen verborgen, fanden ihn seine Verfolger und lieferten ihn ab an die
+Stadtbehörde von Minturnae. Er ward ins Gefängnis gelegt und der Stadtbüttel,
+ein kimbrischer Sklave, gesandt, ihn hinzurichten; allein der Deutsche erschrak
+vor dem blitzenden Auge seines alten Besiegers und das Beil entsank ihm, als
+der General mit seiner gewaltigen Stimme ihn anherrschte, ob er der Mann sei,
+den Gaius Marius zu töten. Als man dies vernahm, ergriff die Beamten von
+Minturnae die Scham, daß der Retter Roms größere Ehrfurcht finde bei den
+Sklaven, denen er die Knechtschaft, als bei den Mitbürgern, denen er die
+Freiheit gebracht hatte; sie lösten seine Fesseln, gaben ihm Schiff und
+Reisegeld und sandten ihn nach Aenaria (Ischia). Die Verbannten mit Ausnahme
+des Sulpicius fanden in diesen Gewässern sich allmählich zusammen; sie liefen
+am Eryx und bei dem ehemaligen Karthago an, allein die römischen Beamten wiesen
+sie in Sizilien wie in Afrika zurück. So entrannen sie nach Numidien, dessen
+öde Stranddünen ihnen einen Zufluchtsort für den Winter gewährten. Allein der
+König Hiempsal II., den sie zu gewinnen hofften und der auch eine Zeitlang sich
+die Miene gegeben hatte, mit ihnen sich verbinden zu wollen, hatte es nur
+getan, um sie sicher zu machen, und versuchte jetzt, sich ihrer Personen zu
+bemächtigen. Mit genauer Not entrannen die Flüchtlinge seinen Reitern und
+fanden vorläufig eine Zuflucht auf der kleinen Insel Kerkina (Kerkena) an der
+tunesischen Küste. Wir wissen es nicht, ob Sulla seinem Glücksstern auch dafür
+dankte, daß es ihm erspart blieb, den Kimbrersieger töten zu lassen; wenigstens
+scheint es nicht, daß die minturnensischen Beamten bestraft worden sind.
+</p>
+
+<p>
+Um die vorhandenen Übelstände zu beseitigen und künftige Umwälzungen zu
+verhüten, veranlaßte Sulla eine Reihe neuer gesetzlicher Bestimmungen. Für die
+bedrängten Schuldner scheint nichts geschehen zu sein, als daß man die
+Vorschriften über das Zinsmaximum einschärfte ^11; außerdem wurde die
+Ausführung einer Anzahl von Kolonien angeordnet. Der in den Schlachten und
+Prozessen des Bundesgenossenkrieges sehr zusammengeschwundene Senat ward
+ergänzt durch die Aufnahme von 300 neuen Senatoren, deren Auswahl natürlich im
+optimatischen Interesse getroffen ward. Endlich wurden hinsichtlich des
+Wahlmodus und der legislatorischen Initiative wesentliche Änderungen
+vorgenommen. Die alte Servianische Stimmordnung der Zenturiatkomitien, nach der
+die erste Steuerklasse mit einem Vermögen von 100000 Sesterzen (7600 Talern)
+oder darüber allein fast die Hälfte der Stimmen inne hatte, trat wieder an die
+Stelle der im Jahre 513 (241) eingeführten, das Übergewicht der ersten Klasse
+mildernden Ordnungen. Tatsächlich ward damit für die Wahl der Konsuln, Prätoren
+und Zensoren ein Zensus eingeführt, der die nicht Wohlhabenden vom aktiven
+Wahlrecht der Sache nach ausschloß. Die legislatorische Initiative wurde den
+Volkstribunen dadurch beschränkt, daß jeder Antrag fortan von ihnen zunächst
+dem Senat vorgelegt werden mußte und erst, wenn dieser ihn gebilligt hatte, an
+das Volk gelangen konnte.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^11 Klar ist es nicht, was das &ldquo;Zwölftelgesetz&rsquo;, der Konsuln Sulla
+und Rufus von 666 (88) in dieser Hinsicht vorschrieb; die einfachste Annahme
+bleibt aber, darin eine Erneuerung des Gesetzes von 397 (357) zu sehen, so daß
+der höchste erlaubte Zinsfuß wieder 1/12 des Kapitals für das zehnmonatliche
+oder 10 Prozent für das zwölfmonatliche Jahr ward.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Diese durch den Sulpicischen Revolutionsversuch hervorgerufenen Verfügungen
+desjenigen Mannes, der darin als Schild und Schwert der Verfassungspartei
+aufgetreten war, des Konsuls Sulla, tragen einen ganz eigentümlichen Charakter.
+Sulla wagte es, ohne die Bürgerschaft oder Geschworene zu fragen, über zwölf
+der angesehensten Männer, darunter fungierende Beamte und den berühmtesten
+General seiner Zeit, das Todesurteil zu verhängen und öffentlich zu diesen
+Ächtungen sich zu bekennen, eine Verletzung der altheiligen
+Provokationsgesetze, die selbst von sehr konservativen Männern, wie zum
+Beispiel von Quintus Scaevola, strengen Tadel erfuhr. Er wagte es, eine seit
+anderthalb Jahrhunderten bestehende Wahlordnung umzustoßen und den seit langem
+verschollenen und verfemten Wahlzensus wiederherzustellen. Er wagte es, das
+Recht der Legislation seinen beiden uralten Faktoren, den Beamten und den
+Komitien, tatsächlich zu entziehen und es auf eine Behörde zu übertragen, die
+zu keiner Zeit formell ein anderes Recht in dieser Hinsicht besessen hatte als
+das, dabei um Rat gefragt werden zu können. Kaum hatte je ein Demokrat in so
+tyrannischen Formen Justiz geübt, mit so rücksichtsloser Kühnheit an den
+Fundamenten der Verfassung gerüttelt und gemodelt wie dieser konservative
+Reformator. Sieht man aber auf die Sache statt auf die Form, so gelangt man zu
+sehr verschiedenen Ergebnissen. Revolutionen sind nirgends und am wenigsten in
+Rom beendigt worden, ohne eine gewisse Zahl von Opfern zu fordern, welche, in
+mehr oder minder der Justiz abgeborgten Formen, die Schuld, überwunden zu sein,
+gleichsam als ein Verbrechen büßen. Wer sich erinnert an die prozessualischen
+Konsequenzen, wie sie die siegende Partei nach dem Sturz der Gracchen und des
+Saturninus gezogen hatte, der fühlt sich geneigt, dem Sieger vom Esquilinischen
+Markt das Lob der Offenheit und der relativen Mäßigung zu erteilen, indem er
+einmal ohne viel Umstände das, was Krieg war, auch als Krieg nahm und die
+geschlagenen Männer als rechtlose Feinde in die Acht erklärte; zweitens die
+Zahl der Opfer möglichst beschränkte und wenigstens das widerliche Wüten gegen
+die geringen Leute nicht gestattete. Eine ähnliche Mäßigung zeigt sich in den
+politischen Organisationen. Die Neuerung hinsichtlich der Gesetzgebung, die
+wichtigste und scheinbar durchgreifendste, brachte in der Tat nur den
+Buchstaben der Verfassung mit dem Geist derselben in Einklang. Die römische
+Legislation, wo jeder Konsul, Prätor oder Tribun jede beliebige Maßregel bei
+der Bürgerschaft beantragen und ohne Debatte zur Abstimmung bringen konnte, war
+von Haus aus unvernünftig gewesen und mit der steigenden Nullität der Komitien
+es immer mehr geworden; sie ward nur ertragen, weil faktisch der Senat sich das
+Vorberatungsrecht vindiziert hatte und regelmäßig den ohne solche Vorberatung
+zur Abstimmung ge langenden Antrag erstickte durch politische oder religiöse
+Interzession. Diese Dämme hatte die Revolution fortgeschwemmt; infolgedessen
+fing nun jenes absurde System an, seine Konsequenzen vollständig und jedem
+mutwilligen Buben den Umsturz des Staats in formell legaler Weise möglich zu
+machen. Was war unter solchen Umständen natürlicher, notwendiger, im rechten
+Sinne konservativer, als die bisher auf Umwegen realisierte Legislation des
+Senats jetzt förmlich und ausdrücklich anzuerkennen? Etwas Ähnliches gilt von
+der Erneuerung des Wahlzensus. Die ältere Verfassung ruhte durchaus auf
+demselben; auch die Reform von 513 (241) hatte die Bevorzugung der Vermögenden
+nur beschränkt. Aber seit diesem Jahr war eine ungeheure finanzielle Umwandlung
+eingetreten, welche eine Erhöhung des Wahlzensus wohl rechtfertigen konnte.
+Auch die neue Timokratie änderte also den Buchstaben der Verfassung nur, um dem
+Geiste derselben treu zu bleiben, indem sie zugleich dem schändlichen
+Stimmenkauf samt allem, was daran hing, in der möglichst milden Form zu wehren
+wenigstens versuchte. Endlich die Bestimmungen zu Gunsten der Schuldner, die
+Wiederaufnahme der Kolonisationspläne gaben den redenden Beweis, daß Sulla,
+wenn er auch nicht gemeint war, Sulpicius&rsquo; leidenschaftlichen Anträgen
+beizupflichten, doch eben wie er und wie Drusus, wie überhaupt alle heller
+sehenden Aristokraten, den materiellen Reformen an sich geneigt war; wobei
+nicht übersehen werden darf, daß er diese Maßregel nach dem Siege und durchaus
+freiwillig beantragte. Wenn man hiermit verbindet, daß Sulla die
+hauptsächlichen Fundamente der Gracchischen Verfassung bestehen ließ und weder
+an den Rittergerichten noch an den Kornverteilungen rüttelte, so wird man das
+Urteil gerechtfertigt finden, daß die Sullanische Ordnung von 666 (86) an dem
+seit dem Sturz des Gaius Gracchus bestehenden Status quo wesentlich festhielt
+und nur teils die dem bestehenden Regiment zunächst Gefahr drohenden
+überlieferten Satzungen zeitgemäß änderte, teils den vorhandenen sozialen Übeln
+nach Kräften abzuhelfen suchte, soweit beides sich tun ließ, ohne die
+tieferliegenden Schäden zu berühren. Energische Verachtung des
+konstitutionellen Formalismus in Verbindung mit einem lebendigen Gefühl für den
+inneren Gehalt der bestehenden Ordnungen, klare Einsichten und löbliche
+Absichten bezeichnen durchaus diese Gesetzgebung; ebenso aber eine gewisse
+Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit, wie denn namentlich sehr viel guter
+Wille dazu gehörte, um zu glauben, daß die Feststellung des Zinsmaximums den
+verwirrten Kreditverhältnissen aufhelfen und daß das Vorberatungsrecht des
+Senats sich gegen die künftige Demagogie widerstandsfähiger erweisen werde als
+bisher das Interzessionsrecht und die Religion.
+</p>
+
+<p>
+In der Tat stiegen an dem reinen Himmel der Konservativen sehr bald neue Wolken
+auf. Die asiatischen Verhältnisse nahmen einen immer drohenderen Charakter an.
+Schon hatte der Staat dadurch, daß die Sulpicische Revolution den Abgang des
+Heeres nach Asien verzögert hatte, den schwersten Schaden erlitten; die
+Einschiffung konnte auf keinen Fall länger verschoben werden. Inzwischen hoffte
+Sulla teils in den Konsuln, die nach der neuen Wahlordnung gewählt würden,
+teils besonders in den mit der Bezwingung der Reste der italischen Insurrektion
+beschäftigten Armeen Garanten gegen einen neuen Sturm auf die Oligarchie in
+Italien zurückzulassen. Allein in den Konsularkomitien fiel die Wahl nicht auf
+die von Sulla aufgestellten Kandidaten, sondern neben Gnaeus Octavius, einem
+allerdings streng optimatisch gesinnten Mann, auf Lucius Cornelius Cinna, der
+zur entschiedensten Opposition gehörte. Vermutlich war es hauptsächlich die
+Kapitalistenpartei, die mit dieser Wahl dem Urheber des Zinsgesetzes vergalt.
+Sulla nahm die unbequeme Wahl mit der Erklärung hin, daß es ihn freue, die
+Bürger von ihrer verfassungsmäßigen Wahlfreiheit Gebrauch machen zu sehen, und
+begnügte sich, beiden Konsuln den Schwur abzunehmen auf treue Beobachtung der
+bestehenden Verfassung. Von den Armeen kam es vornehmlich auf die Nordarmee an,
+da die kampanische größten teils nach Asien abzugehen bestimmt war. Sulla ließ
+durch Volksschluß das Kommando über jene auf seinen treuergebenen Kollegen
+Quintus Rufus übertragen und den bisherigen Feldherrn Gnaeus Strabo in
+möglichst schonender Weise zurückrufen, um so mehr als dieser der Ritterpartei
+angehörte und seine passive Haltung während der Sulpicischen Unruhen der
+Aristokratie nicht geringe Bedenken erregt hatte. Rufus traf bei dem Heer ein
+und übernahm an Strabos Stelle den Oberbefehl; allein wenige Tage nachher ward
+er von den Soldaten erschlagen und Strabo trat wieder zurück in das kaum
+abgegebene Kommando. Er galt als der Anstifter des Mordes; gewiß ist es, daß er
+ein Mann war, zu dem man solcher Tat sich versehen konnte, der die Früchte der
+Untat erntete und die wohlbekannten Urheber nur mit Worten strafte. Für Sulla
+war Rufus&rsquo; Beseitigung und Strabos Feldherrnschaft eine neue und ernste
+Gefahr; doch tat er nichts, um diesem das Kommando abzunehmen. Als bald darauf
+sein Konsulat zu Ende ging, sah er sich einerseits von seinem Nachfolger Cinna
+gedrängt, endlich nach Asien abzugehen, wo seine Anwesenheit allerdings
+dringend not tat, andererseits von einem der neuen Tribune vor das Volksgericht
+geladen; es war dem blödesten Auge klar, daß ein neuer Sturm gegen ihn und
+seine Partei sich vorbereitete und daß die Gegner seine Entfernung wünschten.
+Sulla hatte die Wahl, mit Cinna, vielleicht mit Strabo es zum Bruche zu treiben
+und abermals auf Rom zu marschieren, oder die italischen Angelegenheiten gehen
+zu lassen, wie sie konnten und mochten und nach einem andern Weltteil sich zu
+entfernen. Sulla entschied sich - ob mehr aus Patriotismus oder mehr aus
+Indifferenz, wird nie ausgemacht werden - für die letztere Alternative, übergab
+das in Samnium zurückbleibende Korps dem zuverlässigen und kriegskundigen
+Quintus Metellus Pius, der an Sullas Stelle den prokonsularischen Oberbefehl in
+Unteritalien übernahm, die Leitung der Belagerung von Nola dem Proprätor Appius
+Claudius und schiffte im Anfang des Jahres 667 (87) mit seinen Legionen nach
+dem hellenischen Osten sich ein.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap08"></a>KAPITEL VIII.<br/>
+Der Osten und König Mithradates</h2>
+
+<p>
+Die atemlose Spannung, in welcher die Revolution mit ihrem ewig sich
+erneuernden Feuerlärm und Löschruf die römische Regierung erhielt, war die
+Ursache, daß dieselbe die Provinzialverhältnisse überhaupt aus den Augen
+verlor, am meisten aber die des asiatischen Ostens, dessen ferne und
+unkriegerische Nationen nicht so unmittelbar wie Afrika, Spanien und die
+transalpinischen Nachbarn der Beachtung der Regierung sich aufdrängten. Nach
+der Einziehung des Attalischen Königreiches, die mit dem Ausbruch der
+Revolution zusammenfällt, ist ein volles Menschenalter hindurch kaum irgendeine
+ernstliche Beteiligung Roms an den orientalischen Angelegenheiten nachzuweisen,
+mit Ausnahme der durch die maßlose Dreistigkeit der kilikischen Piraterie den
+Römern abgedrungenen Einrichtung der Provinz Kilikien im Jahre 652 (102),
+welche der Sache nach auch nichts weiter war als die Anordnung einer bleibenden
+Station für eine kleine römische Heer- und Flottenabteilung in den östlichen
+Gewässern. Erst nachdem die Marianische Katastrophe im Jahre 654 (100) die
+Restaurationsregierung einigermaßen konsolidiert hatte, begann die römische
+Regierung aufs neue den Ereignissen im Osten einige Aufmerksamkeit zuzuwenden.
+</p>
+
+<p>
+In vieler Hinsicht waren die Verhältnisse noch, wie wir dreißig Jahre zuvor sie
+verließen. Das Reich Ägypten mit seinen beiden Nebenländern Kyrene und Kypros
+löste mit dem Tode Euergetes II. (637 117) teils rechtlich, teils tatsächlich
+sich auf. Kyrene kam an den natürlichen Sohn desselben, Ptolemaeos Apion, und
+trennte sich auf immer von dem Hauptland. Um die Herrschaft in diesem haderten
+die Witwe des letzten Königs, Kleopatra († 665 89), und dessen beide Söhne
+Soter II. Lathyros († 673 81) und Alexander I. († 666 88), was die Ursache
+ward, daß auch Kypros auf längere Zeit von Ägypten sich schied. Die Römer
+griffen in die Wirren nicht ein; ja als ihnen im Jahre 658 (96) das Kyrenische
+Reich durch das Testament des kinderlosen Königs Apion anfiel, schlugen sie
+diesen Erwerb zwar nicht geradezu aus, aber überließen doch die Landschaft im
+wesentlichen sich selbst, indem sie die griechischen Städte des Reiches,
+Kyrene, Ptolemais, Berenike, zu Freistädten erklärten und denselben sogar die
+Nutzung der königlichen Domänen überwiesen. Die Oberaufsicht des Statthalters
+von Africa über dieses Gebiet war bei dessen Entlegenheit noch weit mehr eine
+bloß nominelle als die des Statthalters von Makedonien über die hellenischen
+Freistädte. Die Folgen dieser Maßregel, die ohne Zweifel nicht aus dem
+Philhellenismus, sondern lediglich aus der Schwäche und Nachlässigkeit der
+römischen Regierung hervorging, waren wesentlich dieselben, die unter gleichen
+Verhältnissen in Hellas eingetreten waren: Bürgerkriege und Usurpation
+zerrissen die Landschaft so, daß, als dort zufällig im Jahre 668 (86) ein
+höherer römischer Offizier erschien, die Einwohner ihn dringend ersuchten, ihre
+Verhältnisse zu ordnen und ein dauerhaftes Regiment bei ihnen zu begründen.
+</p>
+
+<p>
+Auch in Syrien war es in der Zwischenzeit nicht viel anders, am wenigsten
+besser geworden. Während des zwanzigjährigen Erbfolgekrieges der beiden
+Halbbrüder Antiochos Grypos († 658 96) und Antiochos von Kyzikos († 659 95),
+der sich nach dem Tode derselben auf ihre Söhne forterbte, ward das Reich, um
+das man stritt, fast zu einem eitlen Namen, in dem die kilikischen Seekönige,
+die Araberscheichs der syrischen Wüste, die Fürsten der Juden und die
+Magistrate der größeren Städte in der Regel mehr zu sagen hatten als die Träger
+des Diadems. Inzwischen setzten im westlichen Kilikien die Römer sich fest und
+ging das wichtige Mesopotamien definitiv über an die Parther.
+</p>
+
+<p>
+Die Monarchie der Arsakiden hatte, hauptsächlich infolge der Einfälle
+turanischer Stämme, um die Zeit der Gracchen eine gefährliche Krise
+durchzumachen gehabt. Der neunte Arsakide, Mithradates II. oder der Große (630
+? - 667 ? 124 ? 87 ?), hatte dem Staat zwar seine überwiegende Stellung in
+Innerasien zurückgegeben, die Skythen zurückgeschlagen und gegen Syrien und
+Armenien die Grenze des Reiches vorgeschoben, allein gegen das Ende seines
+Lebens lähmten neue Unruhen sein Regiment; und während die Großen des Reiches,
+ja der eigene Bruder Orodes gegen den König sich auflehnten und endlich dieser
+Bruder ihn stürzte und töten ließ, erhob sich das bis dahin unbedeutende
+Armenien. Dieses Land, das seit seiner Selbständigkeitserklärung in die
+nordöstliche Hälfte oder das eigentliche Armenien, das Reich der Artaxiaden,
+und die südwestliche oder Sophene, das Reich der Zariadriden, geteilt gewesen
+war, wurde durch den Artaxiaden Tigranes (regierte seit 660 94) zum erstenmal
+zu einem Königreich vereinigt, und teils diese Machtverdoppelung, teils die
+Schwäche der parthischen Herrschaft machten es dem neuen König von ganz
+Armenien möglich, nicht bloß aus der Klientel der Parther sich zu lösen und die
+früher an sie abgetretenen Landschaften zurückzugewinnen, sondern sogar das
+Oberkönigtum von Asien, wie es von den Achämeniden auf die Seleukiden und von
+diesen auf die Arsakiden übergegangen war, an Armenien zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+In Kleinasien endlich bestand die Länderteilung, wie sie nach der Auflösung des
+Attalischen Reiches unter römischer Einwirkung festgestellt worden war, noch
+wesentlich ungeändert. In dem Zustande der Klientelstaaten, der Königreiche
+Bithynien, Kappadokien, Pontus, der Fürstentümer Paphlagoniens und Galatiens,
+der zahlreichen Städtebünde und Freistädte, war eine äußerliche Änderung
+zunächst nicht wahrzunehmen. Innerlich hatte dagegen der Charakter der
+römischen Herrschaft allerdings überall sich wesentlich umgestaltet. Teils
+durch die bei jedem tyrannischen Regiment naturgemäß eintretende stetige
+Steigerung des Druckes, teils durch die mittelbare Einwirkung der römischen
+Revolution - man erinnere sich an die Einziehung des Bodeneigentums in der
+Provinz Asien durch Gaius Gracchus, an die römischen Zehnten und Zölle und an
+die Menschenjagden, die die Zöllner daselbst nebenbei betrieben - lastete die
+schon von Haus aus schwer erträgliche römische Herrschaft in einer Weise auf
+Asien, daß weder die Königskrone noch die Bauernhütte daselbst mehr sicher war
+vor Konfiskation, daß jeder Halm für den römischen Zehntherrn zu wachsen, jedes
+Kind freier Eltern für die römischen Sklavenzwinger geboren zu werden schien.
+Zwar ertrug der Asiate in seiner unerschöpflichen Passivität auch diese Qual;
+allein es waren nicht Geduld und Überlegung, die ihn ruhig tragen hießen,
+sondern der eigentümlich orientalische Mangel der Initiative, und es konnten in
+diesen friedlichen Landschaften, unter diesen weichlichen Nationen wunderbare,
+schreckhafte Dinge sich ereignen, wenn einmal ein Mann unter sie trat, der es
+verstand, das Zeichen zu geben.
+</p>
+
+<p>
+Es regierte damals im Reiche Pontus König Mithradates VI. mit dem Beinamen
+Eupator (geb. um 624 130, gest. 691 63), der sein Geschlecht von väterlicher
+Seite im sechzehnten Glied auf den König Dareios Hystaspes&rsquo; Sohn, im
+achten auf den Stifter des Pontischen Reiches, Mithradates I., zurückführte,
+von mütterlicher den Alexandriden und Seleukiden entstammte. Nach dem frühen
+Tode seines Vaters Mithradates Euergetes, der in Sinope von Mörderhand fiel,
+war er um 634 (120) als elfjähriger Knabe König genannt worden; allein das
+Diadem brachte ihm nur Not und Gefahr. Die Vormünder, ja, wie es scheint, die
+eigene, durch des Vaters Testament zur Mitregierung berufene Mutter standen dem
+königlichen Knaben nach dem Leben; es wird erzählt, daß er, um den Dolchen
+seiner gesetzlichen Beschützer sich zu entziehen, freiwillig in das Elend
+gegangen sei und sieben Jahre hindurch, Nacht für Nacht die Ruhestätte
+wechselnd, ein Flüchtling in seinem eigenen Reiche, ein heimatloses Jägerleben
+geführt habe. Also ward der Knabe ein gewaltiger Mann. Wenngleich unsere
+Berichte über ihn im wesentlichen auf schriftliche Aufzeichnungen der
+Zeitgenossen zurückgehen, so hat nichtsdestoweniger die im Orient blitzschnell
+sich bildende Sage den mächtigen König früh geschmückt mit manchen der Züge
+ihrer Simson und Rustem; aber auch diese gehören zum Charakter ebenwie die
+Wolkenkrone zum Charakter der höchsten Bergspitzen: die Grundlinien des Bildes
+erscheinen in beiden Fällen nur farbiger und phantastischer, nicht getrübt noch
+wesentlich geändert. Die Waffenstücke, die dem riesengroßen Leibe des Königs
+Mithradates paßten, erregten das Staunen der Asiaten und mehr noch der
+Italiker. Als Läufer überholte er das schnellste Wild; als Reiter bändigte er
+das wilde Roß und vermochte mit gewechselten Pferden an einem Tage 25 deutsche
+Meilen zurückzulegen; als Wagenlenker fuhr er mit sechzehn und gewann im
+Wettrennen manchen Preis - freilich war es gefährlich, in solchem Spiel dem
+König obzusiegen. Auf der Jagd traf er das Wild im vollen Galopp vom Pferde
+herab, ohne zu fehlen; aber auch an der Tafel suchte er seinesgleichen - er
+veranstaltete wohl Wettschmäuse und gewann darin selber die für den derbsten
+Esser und für den tapfersten Trinker ausgesetzten Preise - und nicht minder in
+den Freuden des Harems, wie unter anderm die zügellosen Billets seiner
+griechischen Mätressen bewiesen, die sich unter seinen Papieren fanden. Seine
+geistigen Bedürfnisse befriedigte er im wüstesten Aberglauben -Traumdeuterei
+und das griechische Mysterienwesen füllten nicht wenige der Stunden des Königs
+aus - und in einer rohen Aneignung der hellenischen Zivilisation. Er liebte
+griechische Kunst und Musik, das heißt er sammelte Pretiosen, reiches Gerät,
+alte persische und griechische Prachtstücke - sein Ringkabinett war berühmt -,
+hatte stets griechische Geschichtschreiber, Philosophen, Poeten in seiner
+Umgebung und setzte bei seinen Hoffesten neben den Preisen für Esser und
+Trinker auch welche aus für den drolligsten Spaßmacher und den besten Sänger.
+So war der Mensch; der Sultan entsprach ihm. Im Orient, wo das Verhältnis des
+Herrschers und der Beherrschten mehr den Charakter des Natur- als des
+sittlichen Gesetzes trägt, ist der Untertan hündisch treu und hündisch falsch,
+der Herrscher grausam und mißtrauisch. In beiden ist Mithradates kaum
+übertroffen worden. Auf seinen Befehl starben oder verkamen in ewiger Haft
+wegen wirklicher oder angeblicher Verräterei seine Mutter, sein Bruder, seine
+ihm vermählte Schwester, drei seiner Söhne und ebenso viele seiner Töchter.
+Vielleicht noch empörender ist es, daß sich unter seinen geheimen Papieren im
+voraus aufgesetzte Todesurteile gegen mehrere seiner vertrautesten Diener
+vorfanden. Ebenso ist es echt sultanisch, daß er späterhin, nur um seinen
+Feinden die Siegestrophäen zu entziehen, seine beiden griechischen Gattinnen,
+seine Schwestern und seinen ganzen Harem töten ließ und den Frauen nur die Wahl
+der Todesart freigab. Das experimentale Studium der Gifte und Gegengifte
+betrieb er als einen wichtigen Zweig der Regierungsgeschäfte und versuchte,
+seinen Körper an einzelne Gifte zu gewöhnen. Verrat und Mord hatte er von früh
+auf von jedermann und zumeist von den Nächsten erwarten und gegen jedermann und
+zumeist gegen die Nächsten üben gelernt, wovon denn die notwendige und durch
+seine ganze Geschichte belegte Folge war, daß all seine Unternehmungen
+schließlich mißlangen durch die Treulosigkeit seiner Vertrauten. Dabei begegnen
+wohl einzelne Züge von hochherziger Gerechtigkeit; wenn er Verräter bestrafte,
+schonte er in der Regel diejenigen, welche nur durch ihr persönliches
+Verhältnis zu dem Hauptverbrecher mitschuldig geworden waren; allein
+dergleichen Anfälle von Billigkeit fehlen bei keinem rohen Tyrannen. Was
+Mithradates in der Tat auszeichnet unter der großen Anzahl gleichartiger
+Sultane, ist seine grenzenlose Rührigkeit. Eines schönen Morgens war er aus
+seiner Hofburg verschwunden und blieb Monate lang verschollen, so daß man ihn
+bereits verloren gab; als er zurückkam, hatte er unerkannt ganz Vorderasien
+durchwandert und Land und Leute überall militärisch erkundet. Von gleicher Art
+ist es, daß er nicht bloß überhaupt ein redefertiger Mann war, sondern auch den
+zweiundzwanzig Nationen, über die er gebot, jeder in ihrer Zunge Recht sprach,
+ohne eines Dolmetschers zu bedürfen - ein bezeichnender Zug für den regsamen
+Herrscher des sprachenreichen Ostens. Denselben Charakter trägt seine ganze
+Regententätigkeit. Soweit wir sie kennen - denn von der inneren Verwaltung
+schweigt unsere Überlieferung leider durchaus -, geht sie auf wie die eines
+jeden anderen Sultans im Sammeln von Schätzen, im Zusammentreiben der Heere,
+die wenigstens in seinen früheren Jahren gewöhnlich nicht der König selbst,
+sondern irgendein griechischer Condottiere gegen den Feind führt, in dem
+Bestreben, neue Satrapien zu den alten zu fügen; von höheren Elementen,
+Förderung der Zivilisation, ernstlicher Führerschaft der nationalen Opposition,
+eigenartiger Genialität finden sich, in unserer Überlieferung wenigstens, bei
+Mithradates keine bewußten Spuren, und wir haben keinen Grund, auch nur mit den
+großen Regenten der Osmanen, wie Muhamed II. und Suleiman waren, ihn auf eine
+Linie zu stellen. Trotz der hellenischen Bildung, die ihm nicht viel besser
+sitzt als seinen Kappadokiern die römische Rüstung, ist er durchaus ein
+Orientale gemeinen Schlags, roh, voll sinnlichster Begehrlichkeit,
+abergläubisch, grausam, treu- und rücksichtslos, aber so kräftig organisiert,
+so gewaltig physisch begabt, daß sein trotziges Umsichschlagen, sein
+unverwüstlicher Widerstandsmut häufig wie Talent, zuweilen sogar wie Genie
+aussieht. Wenn man auch in Anschlag bringt, daß während der Agonie der Republik
+es leichter war, Rom Widerstand zu leisten als in den Zeiten Scipios oder
+Traians, und daß nur die Verschlingung der asiatischen Ereignisse mit den
+inneren Bewegungen Italiens es Mithradates möglich machte, doppelt so lange als
+Jugurtha den Römern zu widerstehen, so bleibt es darum doch nicht minder wahr,
+daß bis auf die Partherkriege er der einzige Feind ist, der im Osten den Römern
+ernstlich zu schaffen gemacht, und daß er gegen sie sich gewehrt hat wie gegen
+den Jäger der Löwe der Wüste. Aber mehr als solchen naturkräftigen Widerstand
+sind wir nach dem, was vorliegt, auch nicht berechtigt, in ihm zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Indes wie man immer über die Individualität des Königs urteilen möge, seine
+geschichtliche Stellung bleibt in hohem Grade bedeutsam. Die Mithradatischen
+Kriege sind zugleich die letzte Regung der politischen Opposition von Hellas
+gegen Rom und der Anfang einer auf sehr verschiedenen und weit tieferen
+Gegensätzen beruhenden Auflehnung gegen die römische Suprematie, der nationalen
+Reaktion der Asiaten gegen die Okzidentalen. Wie Mithradates selbst so war auch
+sein Reich ein orientalisches, die Polygamie und das Haremwesen herrschend am
+Hofe und überhaupt unter den Vornehmen, die Religion der Landesbewohner wie die
+offizielle des Hofes vorwiegend der alte Nationalkult; der Hellenismus daselbst
+war wenig verschieden von dem Hellenismus der armenischen Tigraniden und der
+Arsakiden des Partherreichs. Es mochten die kleinasiatischen Griechen einen
+kurzen Augenblick für ihre politischen Träume an diesem König einen Halt zu
+finden meinen; in der Tat ward in seinen Schlachten um ganz andere Dinge
+gestritten, als worüber auf den Feldern von Magnesia und Pydna die Entscheidung
+fiel. Es war nach langer Waffenruhe ein neuer Gang in dem ungeheuren Zweikampf
+des Westens und des Ostens, welcher von den Kämpfen bei Marathon auf die
+heutige Generation sich vererbt hat und vielleicht seine Zukunft ebenso nach
+Jahrtausenden zählen mag wie seine Vergangenheit.
+</p>
+
+<p>
+So offenbar indes in dem ganzen Sein und Tun des kappadokischen Königs das
+fremdartige und unhellenische Wesen hervortritt, so schwierig ist es, das hier
+obwaltende nationale Element bestimmt anzugeben, und kaum wird es je gelingen,
+in dieser Hinsicht über Allgemeinheiten hinaus und zu einer wirklichen
+Anschauung zu gelangen. In dem ganzen Kreis der antiken Zivilisation gibt es
+keinen Bezirk, in welchem so zahlreiche, so verschiedenartige, so seit fernster
+Zeit mannigfaltig verschlungene Stämme neben- und durcheinander geschoben und
+wo demzufolge die Verhältnisse der Nationalitäten weniger klar wären wie in
+Kleinasien. Die semitische Bevölkerung setzt sich von Syrien her in
+ununterbrochenem Zuge nach Kypros und Kilikien fort, und es scheint ihr ferner
+auch an der Ostküste in der karischen lydischen Landschaft der Grundstock der
+Bevölkerung anzugehören, während die nordwestliche Spitze von den Bithynern,
+den Stammverwandten der europäischen Thraker, eingenommen wird. Dagegen das
+Binnenland und die Nordküste sind vorwiegend von indogermanischen, am nächsten
+den iranischen verwandten Völkerschaften erfüllt. Von der armenischen und der
+phrygischen Sprache ^1 ist es ausgemacht, von der kappadokischen
+höchstwahrscheinlich, daß sie zunächst an das Zend grenzten; und wenn von den
+Mysern angegeben wird, daß bei ihnen lydische und phrygische Sprache sich
+begegneten, so bezeichnet dies eben eine semitisch-iranische, etwa der
+assyrischen vergleichbare Mischbevölkerung. Was die zwischen Kilikien und
+Karien sich ausbreitenden Landschaften, namentlich die lykische, anlangt, so
+mangelt es, trotz der gerade hier in Fülle vorhandenen Überreste einheimischer
+Sprache und Schrift, bis jetzt über dieselbe noch an gesicherten Ergebnissen,
+und es ist nur wahrscheinlich, daß diese Stämme eher den Indogermanen als den
+Semiten zuzuzählen sind. Wie dann überall dieses Völkergewirre sich zuerst ein
+Netz griechischer Kaufstädte, sodann der durch das kriegerische wie das
+geistige Übergewicht der griechischen Nation ins Leben gerufene Hellenismus
+gelegt hat, ist in seinen Umrissen bereits früher auseinandergesetzt worden.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Die als phrygisch angeführten Wörter Βαγαίος = Zeus und der alte Königsname
+Μάνις sind unzweifelhaft richtig auf das zendische bagha = Gott und das
+deutsche Mannus, indisch Manus zurückgeführt worden. Chr. Lassen in: ZDMG, 10,
+1888, S. 329f.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In diesen Gebieten herrschte König Mithradates und zwar zunächst in Kappadokien
+am Schwarzen Meer oder der sogenannten pontischen Landschaft, da wo, am
+nordöstlichen Ende Kleinasiens gegen Armenien zu und mit diesem in steter
+Berührung, sich die iranische Nationalität vermutlich minder gemischt als
+irgendwo sonst in Kleinasien behauptet hatte. Nicht einmal der Hellenismus war
+hier tief eingedrungen. Mit Ausnahme der Küste, wo mehrere ursprünglich
+griechische Ansiedlungen bestanden, namentlich die bedeutenden Handelsplätze
+Trapezus, Amisos und vor allem die Geburts- und Residenzstadt Mithradats und
+die blühendste Stadt des Reiches, Sinope, war das Land noch in einem sehr
+primitiven Zustand. Nicht als hätte es wüst gelegen; vielmehr wie die pontische
+Landschaft noch heute eine der lachendsten der Erde ist, in der Getreidefelder
+mit Wäldern von wilden Obstbäumen wechseln, war sie ohne Zweifel auch zu
+Mithradates&rsquo; Zeit wohl bebaut und verhältnismäßig auch bevölkert. Allein
+eigentliche Städte gab es daselbst kaum, sondern nur Burgen, die den
+Ackerleuten als Zufluchtsstätten und dem König als Schatzkammern zur
+Aufbewahrung der eingehenden Steuern dienten, wie denn allein in Kleinarmenien
+fünfundsiebzig solcher kleiner königlicher Kastelle gezählt wurden. Wir finden
+nicht, daß Mithradates wesentlich dazu getan hätte, das städtische Wesen in
+seinem Reiche emporzubringen; und wie er gestellt war, in tatsächlicher, wenn
+auch vielleicht ihm selbst nicht völlig bewußter Reaktion gegen den
+Hellenismus, begreift sich dies wohl. Um so tätiger erscheint er, gleichfalls
+in ganz orientalischer Weise, bemüht, sein Reich, das schon nicht klein war,
+wenn auch der Umfang desselben wohl übertrieben auf 500 deutsche Meilen
+angegeben wird, nach allen Seiten hin zu erweitern: am Schwarzen Meer wie gegen
+Armenien und gegen Kleinasien finden wir seine Heere, seine Flotten und seine
+Botschafter tätig. Nirgends aber bot sich ihm ein so freier und so weiter
+Spielraum wie an den östlichen und den nördlichen Gestaden des Schwarzen
+Meeres, auf deren damalige Zustände hier einen Blick zu werfen nicht
+unterlassen werden darf, so schwierig oder vielmehr unmöglich es ist, ein
+wirklich anschauliches Bild davon zu geben. An dem östlichen Ufer des Schwarzen
+Meeres, das bisher fast unbekannt erst durch Mithradates der allgemeineren
+Kunde aufgeschlossen ward, wurde die kolchische Landschaft am Phasis
+(Mingrelien und Imereti) mit der wichtigen Handelsstadt Dioskurias den
+einheimischen Fürsten entrissen und verwandelt in eine pontische Satrapie.
+Folgenreicher noch waren seine Unternehmungen in den nördlichen Landschaften 2.
+Die weiten hügel- und waldlosen Steppen, die sich nördlich vom Schwarzen Meer,
+vom Kaukasus und von der Kaspischen See hinziehen, sind ihrer
+Naturbeschaffenheit zufolge, namentlich wegen der zwischen dem Klima von
+Stockholm und von dem von Madeira schwankenden Temperaturdifferenz und der
+nicht selten eintretenden und bis zu 22 Monaten und länger anhaltenden
+absoluten Regen- und Schneelosigkeit, für den Ackerbau und überhaupt für feste
+Ansiedlung wenig geeignet und waren dies immer, wenngleich vor zweitausend
+Jahren die klimatischen Verhältnisse vermutlich etwas weniger ungünstig
+standen, als dies heutzutage der Fall ist 3. Die verschiedenen Stämme, die der
+Wandertrieb in diese Gegenden geführt hatte, fügten sich diesem Gebot der Natur
+und führten und führen zum Teil noch jetzt ein wanderndes Hirtenleben, indem
+sie mit ihren Rinder- oder häufiger noch mit ihren Roßherden Wohn- und
+Weideplätze wechselten und ihr Gerät auf Wagenhäusern sich nachführten. Auch
+die Bewaffnung und Kampfweise richtete sich hiernach: die Bewohner dieser
+Steppen fochten großenteils beritten und immer aufgelöst, mit Helm und Panzer
+von Leder und lederüberzogenem Schild gerüstet, gewaffnet mit Schwert, Lanze
+und Bogen - die Vorfahren der heutigen Kosaken. Den ursprünglich hier
+ansässigen Skythen, die mongolischer Rasse und in Sitte und Körpergestalt den
+heutigen Bewohnern Sibiriens verwandt gewesen zu sein scheinen, hatten sich,
+von Osten nach Westen vorrückend, sarmatische Stämme nachgeschoben, Sauromaten,
+Roxolaner, Jazygen, die gemeiniglich für slawischer Abkunft gehalten werden,
+obwohl diejenigen Eigennamen, welche man ihnen zuzuschreiben befugt ist, mehr
+mit medischen und persischen sich verwandt zeigen und vielleicht jene Völker
+vielmehr dem großen Zendstamme angehört haben. In entgegengesetzter Richtung
+fluteten thrakische Schwärme, namentlich die Geten, die bis zum Dnjestr
+gelangten; dazwischen drängten sich, wahrscheinlich als Ausläufer der großen
+germanischen Wanderung, deren Hauptmasse das Schwarze Meer nicht berührt zu
+haben scheint, am Dnjepr sogenannte Kelten, ebendaselbst die Bastarner, an der
+Donaumündung die Peukinen. Ein eigentlicher Staat bildete sich nirgends; es
+lebte jeder Stamm unter seinen Fürsten und Ältesten für sich. Zu all diesen
+Barbaren in scharfem Gegensatz standen die hellenischen Ansiedlungen, welche
+zur Zeit des gewaltigen Aufschwungs des griechischen Handels, namentlich von
+Miletos aus, an diesen Gestaden gegründet worden waren, teils als Emporien,
+teils als Stationen für den wichtigen Fischfang und selbst für den Ackerbau,
+für welchen, wie schon gesagt ward, das nordwestliche Gestade des Schwarzen
+Meeres im Altertum minder ungünstige Verhältnisse darbot, als dies heutzutage
+der Fall ist; für die Benutzung des Bodens zahlten hier die Hellenen, wie die
+Phöniker in Libyen, den einheimischen Herren Schoß und Grundzins. Die
+wichtigsten dieser Ansiedlungen waren die Freistadt Chersonesos (unweit
+Sevastopol), auf dem Gebiet der Skythen in der Taurischen Halbinsel (Krim)
+angelegt und unter nicht vorteilhaften Verhältnissen durch ihre gute Verfassung
+und den Gemeingeist ihrer Bürger in mäßigem Wohlstand sich behauptend; ferner
+auf der gegenüberliegenden Seite der Halbinsel an der Straße von dem Schwarzen
+in das Asowsche Meer Pantikapäon (Kertsch), seit dem Jahre 457 (297) Roms
+regiert von erblichen Bürgermeistern, später bosporanische Könige genannt, den
+Archäanaktiden, Spartokiden und Pärisaden. Der Getreidebau und der Fischfang im
+Asowschen Meer hatten die Stadt schnell zur Blüte gebracht. Ihr Gebiet umfaßte
+in der Mithradatischen Zeit noch die kleinere Osthälfte der Krim mit Einschluß
+der Stadt Theodosia und auf dem gegenüberliegenden asiatischen Kontinent die
+Stadt Phanagoria und die Sindische Landschaft. In besseren Zeiten hatten die
+Herren von Pantikapäon zu Lande die Völker an der Ostküste des Asowschen Meeres
+und das Kubantal, zur See mit ihrer Flotte das Schwarze Meer beherrscht; allein
+Pantikapäon war nicht mehr, was es gewesen war. Nirgends empfand man tiefer als
+an diesen fernen Grenzposten den traurigen Rückgang der hellenischen Nation.
+Athen in seiner guten Zeit ist der einzige Griechenstaat gewesen, der hier die
+Pflichten der führenden Macht erfüllte, die allerdings auch den Athenern durch
+ihren Bedarf pontischen Getreides besonders nahegelegt wurden. Von dem Sturz
+der attischen Seemacht an blieben diese Landschaften im ganzen sich selbst
+überlassen. Die griechischen Landmächte sind nie dazu gelangt, ernstlich hier
+einzugreifen, obwohl Philippos, der Vater Alexanders, und Lysimachos einigemal
+dazu ansetzten; und auch die Römer, auf welche mit der Eroberung Makedoniens
+und Kleinasiens die politische Verpflichtung überging, hier, wo die griechische
+Zivilisation dessen bedurfte, ihr starker Schild zu sein, vernachlässigten
+völlig das Gebot des Vorteils wie der Ehre. Der Fall von Sinope, das Sinken von
+Rhodos vollendeten die Isolierung der Hellenen am Nordgestade des Schwarzen
+Meeres. Ein lebendiges Bild ihrer Lage den schweifenden Barbaren gegenüber gibt
+uns eine Inschrift von Olbia (unweit der Dnjeprmündung bei Očakov), die nicht
+allzulange vor der Mithradatischen Zeit gesetzt zu sein scheint. Die
+Bürgerschaft muß dem Barbarenkönig nicht bloß jährlichen Zins an sein Hoflager
+schicken, sondern ihm auch, wenn er vor der Stadt lagert oder auch nur
+vorbeizieht, eine Verehrung machen, in ähnlicher Weise auch geringere
+Häuptlinge, ja zuweilen den ganzen Schwarm der Barbaren mit Geschenken
+abfinden, und es geht ihr übel, wenn die Gabe zu geringfügig erscheint. Die
+Stadtkasse ist bankrott, und man muß die Tempelkleinode zum Pfand setzen.
+Inzwischen drängen draußen vor den Toren sich die Stämme der Wilden: das Gebiet
+wird verwüstet, die Feldarbeiter in Masse weggeschleppt, ja, was das ärgste
+ist, die schwächeren der barbarischen Nachbarn, die Skythen, suchen, um vor dem
+Andrang der wilderen Kelten sich selber zu bergen, der ummauerten Stadt sich zu
+bemächtigen, so daß zahlreiche Bürger dieselbe verlassen und man schon daran
+denkt, sie ganz aufzugeben.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+2 Sie sind hier zusammengefaßt, da sie freilich zum Teil erst zwischen den
+ersten und den zweiten, zum Teil aber doch schon vor den ersten Krieg mit Rom
+fallen (Memn. 30; Iust. 38, 7 a. E.; App. Mithr. 13; Eutr. 5, 5) und eine
+Erzählung nach der Zeitfolge sich hier nun einmal schlechterdings nicht
+durchführen läßt. Auch das neu gefundene Dekret von Chersonesos hat in dieser
+Hinsicht keinen Aufschluß gegeben. Danach ist Diophantos zweimal gegen die
+taurischen Skythen gesandt worden; aber daß die zweite Schilderhebung derselben
+mit dem Beschluß des römischen Senats zu Gunsten der skythischen Fürsten in
+Verbindung steht, erhellt aus der Urkunde nicht und ist nicht einmal
+wahrscheinlich.
+</p>
+
+<p>
+3 Es hat viele Wahrscheinlichkeit, daß die ungemeine Trockenheit, die
+vornehmlich jetzt den Ackerbau in der Krim und in diesen Gegenden überhaupt
+erschwert, sehr gesteigert worden ist durch das Schwinden der Wälder des
+mittleren und südlichen Rußland, die ehemals bis zu einem gewissen Grad die
+Küstenlandschaft gegen den austrocknenden Nordostwind schützten.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Diese Zustände fand Mithradates vor, als seine makedonische Phalanx den Kamm
+des Kaukasus überschreitend hinabstieg in die Täler des Kuban und Terek und
+gleichzeitig seine Flotte in den Gewässern der Krim sich zeigte. Kein Wunder,
+daß auch hier überall, wie es schon in Dioskurias geschehen war, die Hellenen
+den pontischen König mit offenen Armen empfingen und in dem Halbhellenen und
+seinen griechisch gerüsteten Kappadokiern ihre Befreier sahen. Es zeigte sich,
+was Rom hier versäumt hatte. Den Herren von Pantikapäon waren ebendamals die
+Tributforderungen zu unerschwinglicher Höhe gesteigert worden; die Stadt
+Chersonesos sah sich von dem König der auf der Halbinsel hausenden Skythen,
+Skiluros, und dessen fünfzig Söhnen hart bedrängt; gern gaben jene ihre
+Erbherrschaft, diese die lang bewahrte Freiheit hin, um ihr letztes Gut, ihr
+Hellenentum, zu retten. Es war nicht umsonst. Mithradates&rsquo; tapfere
+Feldherren Diophantos und Neoptolemos und seine disziplinierten Truppen wurden
+leicht mit den Steppenvölkern fertig. Neoptolemos schlug sie in der Straße von
+Pantikapäon teils zu Wasser, teils im Winter auf dem Eise; Chersonesos wurde
+befreit, die Burgen der Taurier gebrochen und durch zweckmäßig angelegte
+Festungen der Besitz der Halbinsel gesichert. Gegen die Reuxinaler oder, wie
+sie später heißen, die Roxolaner (zwischen Dnjepr und Don), die den Tauriern zu
+Hilfe herbeikamen, zog Diophantos; ihrer 50000 flohen vor seinen 6000
+Phalangiten und bis zum Dnjepr drangen die pontischen Waffen 4. So erwarb
+Mithradates hier sich ein zweites, mit dem pontischen verbundenes und gleich
+diesem wesentlich auf eine Anzahl griechischer Handelsstädte gegründetes
+Königreich, das Bosporanische genannt, das die heutige Krim mit der
+gegenüberliegenden asiatischen Landspitze umfaßte und jährlich 200 Talente
+(314000 Taler) und 180000 Scheffel Getreide in die königlichen Kassen und
+Magazine lieferte. Die Steppenvölker selbst vom Nordabhang des Kaukasus bis zur
+Donaumündung traten wenigstens zum großen Teil in Klientel oder in Vertrag mit
+dem pontischen König und boten ihm, wenn nicht andere Hilfe, doch wenigstens
+einen unerschöpflichen Werbeplatz für seine Armeen.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+4 Das kürzlich aufgefundene Ehrendekret der Stadt Chersonesos für diesen
+Diophantos (SIG 252) bestätigt die Überlieferung durchaus. Es zeigt uns die
+Stadt in nächster Nähe - den Hafen von Balaklava müssen die Taurer, Simferopol
+die Skythen damals in der Gewalt gehabt haben -, bedrängt teils von den Taurern
+an der Südküste der Krim, teils und vor allem von den Skythen, die das ganze
+Innere der Halbinsel und das angrenzende Festland in der Gewalt haben; es zeigt
+uns ferner, wie der Feldherr des Königs Mithradates nach allen Seiten hin der
+Griechenstadt Luft macht die Taurer niederschlägt und in ihrem Gebiet eine
+Zwingburg (wahrscheinlich Eupatorion) errichtet, die Verbindung zwischen den
+westlichen und den östlichen Hellepen der Halbinsel herstellt, im Westen die
+Dynastie des Skiluros, im Osten den Skythenfürsten Saumakos überwältigt, die
+Skythen bis auf den Kontinent verfolgt und endlich sie mit den Reuxinalern - so
+heißen hier, wo sie zuerst auftreten, die späteren Roxolaner - in der großen
+Feldschlacht besiegt, deren auch die schriftliche Überlieferung gedenkt. Eine
+formelle Unterordnung der Griechenstadt unter den König scheint nicht
+stattgefunden zu haben; Mithradates erscheint nur als schützender
+Bundesgenosse, der gegen die als unbesiegbar geltenden (τούς ανυποστάτους
+δοκούντασ ειμεν) Skythen für die Griechenstadt die Schlachten schlägt, welche
+wahrscheinlich zu ihm ungefähr in dem Verhältnis gestanden hat wie Massalia und
+Athen zu Rom. Die Skythen dagegen in der Krim werden Untertanen (υπάκοιοι) des
+Mithradates.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Während also gegen Norden die bedeutendsten Erfolge gelangen, griff der König
+zugleich um sich gegen Osten und gegen Westen. Wichtiger als die Einziehung
+Kleinarmeniens, das durch ihn aus einer abhängigen Herrschaft zum
+integrierenden Teil des Pontischen Reiches ward, war die enge Verbindung, in
+die er mit dem König von Großarmenien trat. Er gab dem Tigranes nicht bloß
+seine Tochter Kleopatra zur Gemahlin, sondern er war es auch wesentlich, durch
+dessen Unterstützung Tigranes sich der Herrschaft der Arsakiden entwand und
+ihre Stelle in Asien einnahm. Es scheint zwischen beiden eine Verabredung in
+der Art getroffen zu sein, daß Tigranes Syrien und das innere Asien,
+Mithradates Kleinasien und die Küsten des Schwarzen Meeres zu besetzen
+übernahmen unter Zusage gegenseitiger Unterstützung, und ohne Zweifel war es
+der tätigere und fähigere Mithradates, der dies Abkommen hervorrief, um sich
+den Rücken zu decken und einen mächtigen Bundesgenossen zu sichern.
+</p>
+
+<p>
+In Kleinasien endlich richtete der König die Blicke auf das binnenländische
+Paphlagonien - die Küste gehörte seit langem zum Poptischen Reich - und auf
+Kappadokien 5. Auf jenes machte man pontischerseits Ansprüche als durch
+Testament des letzten der Pylämeniden vermacht an den König Mithradates
+Euergetes; wogegen freilich legitime oder illegitime Prätendenten und das Land
+selbst protestierten. Was Kappadokien anlangt, so hatten die pontischen
+Herrscher nicht vergessen, daß dies Land und Kappadokien am Meer einst
+zusammengehört hatten, und trugen sich fortwährend mit Reunionsideen.
+Paphlagonien ward von Mithradates besetzt in Gemeinschaft mit König Nikomedes
+von Bithynien, mit dem er das Land teilte. Als der Senat dagegen Einspruch
+erhob, fügte sich Mithradates demselben, während Nikomedes einen seiner Söhne
+mit dem Namen Pylämenes ausstattete und unter diesem Titel die Landschaft an
+sich behielt. Noch schlimmere Wege ging die Politik der Verbündeten in
+Kappadokien. König Ariarathes VI. ward ermordet durch Gordios, es hieß im
+Auftrage, jedenfalls im Interesse des Schwagers, des Ariarathes Mithradates
+Eupator; sein junger Sohn Ariarathes wußte den Übergriffen des Königs von
+Bithynien nur zu begegnen vermittels der zweideutigen Hilfe seines Oheims, für
+welche dieser dann ihm ansann, dem flüchtig gewordenen Mörder seines Vaters die
+Rückkehr nach Kappadokien zu gestatten. Es kam hierüber zum Bruch und zum
+Krieg; jedoch als beide Heere zur Schlacht sich gegenüberstanden, begehrte der
+Oheim zuvor eine Zusammenkunft mit dem Neffen und stieß dabei den unbewaffneten
+Jüngling mit eigener Hand nieder. Gordios, der Mörder des Vaters, übernahm
+hierauf im Auftrage Mithradats die Regierung; und obwohl die unwillige
+Bevölkerung sich gegen ihn erhob und den jüngeren Sohn des letzten Königs zur
+Herrschaft berief, vermochte dieser doch Mithradats überlegenen Streitkräften
+keinen dauernden Widerstand zu leisten. Der baldige Tod des von dem Volke auf
+den Thron gesetzten Jünglings gab dem pontischen König um so mehr freie Hand,
+als mit diesem das kappadokische Regentenhaus erlosch. Als nomineller Regent
+ward, ebenwie in Bithynien geschehen war, ein falscher Ariarathes proklamiert,
+unter dessen Namen Gordios als Statthalter Mithradats das Reich verwaltete.
+Gewaltiger als seit langem ein einheimischer Monarch herrschte König
+Mithradates am nördlichen wie am südlichen Gestade des Schwarzen Meeres und
+weit in das innere Kleinasien hinein. Die Hilfsquellen des Königs für den Krieg
+zu Lande und zu Wasser schienen unermeßlich. Sein Werbeplatz reichte von der
+Donaumündung bis zum Kaukasus und dem Kaspischen Meer; Thraker, Skythen,
+Sauromaten, Bastarner, Kolchier, Iberer (im heutigen Georgien) drängten sich
+unter seine Fahne; vor allem rekrutierte er seine Kriegsscharen aus den
+tapferen Bastarnern. Für die Flotte lieferte ihm die kolchische Satrapie außer
+Flachs, Hanf, Pech und Wachs das trefflichste, vom Kaukasus herabgeflößte
+Bauholz; Steuermänner und Offiziere wurden in Phönikien und Syrien gedungen. In
+Kappadokien, hieß es, sei der König eingerückt mit 600 Sichelwagen, 1000
+Pferden und 8000 Mann zu Fuß; und er hatte für diesen Krieg bei weitem noch
+nicht aufgeboten, was er aufzubieten vermochte. Bei dem Mangel einer römischen
+oder sonst namhaften Seemacht beherrschte die pontische Flotte, gestützt auf
+Sinope und die Häfen der Krim, das Schwarze Meer ausschließlich.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+5 Die Chronologie der folgenden Ereignisse ist nur ungefähr zu bestimmen. Um
+640 (114) etwa scheint Mithradates Eupator tatsächlich die Regierung angetreten
+zu haben; Sullas Intervention fand 662 (92) statt (Liv. ep. 70), womit die
+Berechnung der Mithradatischen Kriege auf einen Zeitraum von dreißig Jahren
+(662-691 92-63) zusammenstimmt (Plin. nat. 7, 26, 97). In die Zwischenzeit
+fallen die paphlagonischen und kappadokischen Sukzessionshändel, mit denen die
+von Mithradates, wie es scheint, in Saturninus&rsquo; erstem Tribunat 651 (103)
+in Rom versuchte Bestechung (Diod. 631) wahrscheinlich schon zusammenhängt.
+Marius, der 655 (99) Rom verließ und nicht lange im Osten verweilte, traf
+Mithradates schon in Kappadokien und verhandelte mit ihm wegen seiner
+Übergriffe (Cic. Brut. 1, 5; Plut. Mar. 31); Ariarathes VI. war also damals
+schon ermordet.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Daß der römische Senat seine allgemeine Politik, die mehr oder minder von ihm
+abhängigen Staaten niederzuhalten, auch gegen den pontischen geltend machte,
+beweist sein Verhalten bei dem Thronwechsel nach dem plötzlichen Tode
+Mithradates V. Dem unmündigen Knaben, der ihm folgte, wurde das dem Vater für
+seine Teilnahme an dem Kriege gegen Aristonikos oder vielmehr für sein gutes
+Geld verliehene Großphrygien genommen und diese Landschaft dem unmittelbar
+römischen Gebiet hinzugefügt 6. Aber nachdem dieser Knabe dann zu seinen Jahren
+gelangt war, bewies derselbe Senat gegen dessen allseitige Übergriffe und gegen
+diese imposante Machtbildung, deren Entwicklung vielleicht einen
+zwanzigjährigen Zeitraum ausfüllt, völlige Passivität. Er ließ es geschehen,
+daß einer seiner Klientelstaaten sich militärisch zu einer Großmacht
+entwickelte, die über hunderttausend Bewaffnete gebot; daß er in die engste
+Verbindung trat mit dem neuen, zum Teil durch seine Hilfe an die Spitze der
+innerasiatischen Staaten gestellten Großkönig des Ostens; daß er die
+benachbarten asiatischen Königreiche und Fürstentümer unter Vorwänden einzog,
+die fast wie ein Hohn auf die schlecht berichtete und weit entfernte
+Schutzmacht klangen; daß er endlich sogar in Europa sich festsetzte und als
+König auf der Taurischen Halbinsel, als Schutzherr fast bis an die
+makedonisch-thrakische Grenze gebot. Wohl ward über diese Verhältnisse im Senat
+verhandelt; aber wenn das hohe Kollegium sich in der paphlagonischen
+Erbangelegenheit schließlich dabei beruhigte, daß Nikomedes sich auf seinen
+falschen Pylämenes berief, so war dasselbe offenbar nicht so sehr getäuscht als
+dankbar für jeden Vorwand, der ihm das ernstliche Einschreiten ersparte.
+Inzwischen wurden die Beschwerden immer zahlreicher und dringender. Die Fürsten
+der taurischen Skythen, die Mithradates aus der Krim verdrängt hatte, wandten
+sich um Hilfe nach Rom; wer von den Senatoren irgend noch der traditionellen
+Maximen der römischen Politik gedachte, mußte sich erinnern, daß einst unter so
+ganz anderen Verhältnissen der Übergang des Königs Antiochos nach Europa und
+die Besetzung des thrakischen Chersones durch seine Truppen das Signal zu dem
+Asiatischen Krieg geworden war, und mußte begreifen, daß die Besetzung des
+taurischen durch den pontischen König jetzt noch viel weniger geduldet werden
+konnte. Den Ausschlag gab endlich die faktische Reunion des Königreichs
+Kappadokien, wegen welcher überdies Nikomedes von Bithymen, der auch
+seinerseits durch einen andern falschen Ariarathes Kappadokien in Besitz zu
+nehmen gehofft hatte und durch den pontischen Prätendenten den seinigen
+ausgeschlossen sah, nicht ermangelt haben wird, die römische Regierung zur
+Intervention zu drängen. Der Senat beschloß, daß Mithradates die skythischen
+Fürsten wiedereinzusetzen habe - so weit war man durch die schlaffe
+Regierungsweise aus den Bahnen der richtigen Politik gedrängt, daß man jetzt,
+statt die Hellenen gegen die Barbaren, umgekehrt die Skythen gegen die halben
+Landsleute unterstützen mußte. Paphlagonien wurde abhängig erklärt und der
+falsche Pylämenes des Nikomedes angewiesen, das Land zu räumen. Ebenso sollte
+der falsche Ariarathes des Mithradates aus Kappadokien weichen und, da die
+Vertreter des Landes die angebotene Freiheit ausschlugen, durch freie Volkswahl
+ihm wiederum ein König gesetzt werden. Die Beschlüsse klangen energisch genug;
+nur war es übel, daß man, statt ein Heer zu senden, den Statthalter von
+Kilikien, Lucius Sulla, mit der Handvoll Leute, die er daselbst gegen die
+Räuber und Piraten kommandierte, anwies, in Kappadokien zu intervenieren. Zum
+Glück vertrat im Osten die Erinnerung an die ehemalige Energie der Römer besser
+ihr Interesse als ihr gegenwärtiges Regiment und ergänzte die Energie und
+Gewandtheit des Statthalters, was der Senat an beiden vermissen ließ.
+Mithradates hielt sich zurück und begnügte sich, den Großkönig Tigranes von
+Armenien, der den Römern gegenüber eine freiere Stellung hatte als er, zu
+veranlassen, Truppen nach Kappadokien zu senden. Sulla nahm rasch seine
+Mannschaft und die Zuzüge der asiatischen Bundesgenossen zusammen, überstieg
+den Taurus und schlug den Statthalter Gordios samt seinen armenischen
+Hilfstruppen aus Kappadokien hinaus. Dies wirkte. Mithradates gab in allen
+Stücken nach; Gordios mußte die Schuld der kappadokischen Wirren auf sich
+nehmen und der falsche Ariarathes verschwand; die Königswahl, die der pontische
+Anhang vergebens auf Gordios zu lenken versucht hatte, fiel auf den angesehenen
+Kappadokier Ariobarzanes. Als Sulla im Verfolg seiner Expedition in die Gegend
+des Euphrat gelangte, in dessen Wellen damals zuerst römische Feldzeichen sich
+spiegelten, fand bei dieser Gelegenheit auch die erste Berührung statt zwischen
+den Römern und den Parthern, welche letztere infolge der Spannung zwischen
+ihnen und Tigranes Ursache hatten, den Römern sich zu nähern. Beiderseits
+schien man zu fühlen, daß etwas darauf ankam bei dieser ersten Berührung der
+beiden Großmächte des Westens und des Ostens, dem Anspruch auf die Herrschaft
+der Welt nichts zu vergeben; aber Sulla, kecker als der parthische Bote, nahm
+und behauptete in der Zusammenkunft den Ehrenplatz zwischen dem König von
+Kappadokien und dem parthischen Abgesandten. Mehr als durch seine Siege im
+Osten mehrte Sullas Ruhm sich durch diese vielgefeierte Konferenz am Euphrat;
+der parthische Gesandte büßte später seinem Herrn dafür mit dem Kopfe. Indes
+für den Augenblick hatte diese Berührung keine weitere Folge. Nikomedes
+unterließ es im Vertrauen auf die Gunst der Römer, Paphlagonien zu räumen; aber
+die gegen Mithradates gefaßten Senatsbeschlüsse wurden ferner vollzogen, die
+Wiederherstellung der skythischen Häuptlinge von ihm wenigstens zugesagt; der
+frühere Status quo im Osten schien wiederhergestellt (662 92).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+6 Ein vor kurzem in dem Dorfe Aresli südlich von Synnada gefundener
+Senatsbeschluß vom Jahre 638 (116) (Viereck, sermo Graecus quo senatus Romanus
+usus sit, S. 51) bestätigt sämtliche, von dem König bis zu seinem Tode
+getroffenen Anordnungen und zeigt also, daß Großphrygien nach dem Tode des
+Vaters nicht bloß dem Sohn genommen ward, was auch Appian berichtet, sondern
+damit geradezu unter römische Botmäßigkeit kam.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+So hieß es; in der Tat war von einer ernstlichen Zurückführung der früheren
+Ordnung der Dinge wenig zu verspüren. Kaum hatte Sulla Asien verlassen, als
+König Tigranes von Großarmenien über den neuen König von Kappadokien,
+Ariobarzanes, herfiel, ihn vertrieb und an seiner Stelle den pontischen
+Prätendenten Ariarathes wiedereinsetzte. In Bithynien, wo nach dem Tode des
+alten Königs Nikomedes Il. (um 663 91) dessen Sohn Nikomedes III. Philopator
+vom Volk und vom römischen Senat als rechtmäßiger König anerkannt worden war.
+trat dessen jüngerer Bruder Sokrates als Kronprätendent auf und bemächtigte
+sich der Herrschaft. Es war klar, daß der eigentliche Urheber der
+kappadokischen wie der bithynischen Wirren kein anderer als Mithradates war,
+obwohl er sich jeder offenkundigen Beteiligung enthielt. Jedermann wußte, daß
+Tigranes nur handelte auf seinen Wink: in Bithynien aber war Sokrates mit
+pontischen Truppen eingerückt und des rechtmäßigen Königs Leben durch
+Mithradates&rsquo; Meuchelmörder bedroht. In der Krim gar und den benachbarten
+Landschaften dachte der pontische König nicht daran zurückzuweichen und trug
+vielmehr seine Waffen weiter und weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die römische Regierung, von den Königen Ariobarzanes und Nikomedes persönlich
+um Hilfe angerufen, schickte nach Kleinasien zur Unterstützung des dortigen
+Statthalters Lucius Cassius den Konsular Manius Aquillius, einen im Kimbrischen
+und im Sizilischen Krieg erprobten Offizier, jedoch nicht als Feldherrn an der
+Spitze einer Armee, sondern als Gesandten, und wies die asiatischen
+Klientelstaaten und namentlich den Mithradates an, nötigenfalls mit gewaffneter
+Hand Beistand zu leisten. Es kam eben wie zwei Jahre zuvor. Der römische
+Offizier vollzog dem ihm gewordenen Auftrag mit Hilfe des kleinen römischen
+Korps, über das der Statthalter der Provinz Asia verfügte, und des Aufgebots
+der Phryger und der Galater; König Nikomedes und König Ariobarzanes bestiegen
+wieder ihre schwankenden Throne; Mithradates entzog sich zwar der Aufforderung,
+Zuzug zu gewähren, unter verschiedenen Vorwänden, allein er leistete nicht bloß
+den Römern keinen offenen Widerstand, sondern der bithynische Prätendent
+Sokrates wurde sogar auf sein Geheiß getötet (664 90).
+</p>
+
+<p>
+Es war eine sonderbare Verwicklung. Mithradates war vollkommen überzeugt, gegen
+die Römer in offenem Kampfe nichts ausrichten zu können und es nicht zum
+offenen Bruch und zum Kriege mit ihnen kommen lassen zu dürfen. Wäre er nicht
+also entschlossen gewesen, so fand sich kein günstigerer Augenblick, den Kampf
+zu beginnen, als der gegenwärtige: eben damals, als Aquillius in Bithymen und
+Kappadokien einrückte, stand die italische Insurrektion auf dem Höhepunkt ihrer
+Macht und konnte selbst den Schwachen Mut machen, gegen Rom sich zu erklären;
+dennoch ließ Mithradates das Jahr 664 (90) ungenutzt verstreichen. Aber
+nichtsdestoweniger verfolgte er so zäh wie rührig seinen Plan, in Kleinasien
+sich auszubreiten. Diese seltsame Verbindung der Politik des Friedens um jeden
+Preis mit der der Eroberung war allerdings in sich unhaltbar und beweist nur
+aufs neue, daß Mithradates nicht zu den Staatsmännern rechter Art gehörte und
+weder zum Kampf zu rüsten wußte wie König Philippos noch sich zu fügen wie
+König Attalos, sondern in echter Sultansart ewig hin- und hergezogen ward
+zwischen begehrlicher Eroberungslust mit dem Gefühl seiner eigenen Schwäche.
+Aber auch so läßt sich sein Beginnen nur begreifen, wenn man sich erinnert, daß
+Mithradates in zwanzigjähriger Erfahrung die damalige römische Politik
+kennengelernt hatte. Er wußte sehr genau, daß die römische Regierung nichts
+weniger als kriegslustig war, ja daß sie, im Hinblick auf die ernstliche
+Gefahr, die jeder berühmte General ihrer Herrschaft bereitete, in frischer
+Erinnerung an den Kimbrischen Krieg und Marius, den Krieg womöglich noch mehr
+fürchtete als er selbst. Daraufhin handelte er. Er scheute sich nicht, in einer
+Weise aufzutreten, die jeder energischen und nicht durch egoistische
+Rücksichten gefesselten Regierung hundertfach Ursache und Anlaß zur
+Kriegserklärung gegeben haben würde; aber er vermied sorgfältig den offenen
+Bruch, der den Senat in die Notwendigkeit dazu versetzt hätte. Sowie Ernst
+gezeigt ward, wich er zurück, vor Sulla wie vor Aquillius; er hoffte
+unzweifelhaft darauf, daß nicht immer energische Feldherren ihm
+gegenüberstehen, daß auch er so gut wie Jugurtha auf seine Scaurus und Albinus
+treffen würde. Es muß zugestanden werden, daß diese Hoffnung nicht unverständig
+war, obwohl freilich eben Jugurthas Beispiel auch wieder gezeigt hatte, wie
+verkehrt es war, die Bestechung eines römischen Heerführers und die Korruption
+einer römischen Armee mit der Überwindung des römischen Volkes zu verwechseln.
+So standen die Dinge zwischen Frieden und Krieg und ließen ganz dazu an, noch
+lange sich in gleicher Art weiterzuschleppen. Aber dies zuzulassen war
+Aquillius&rsquo; Absicht nicht, und da er seine Regierung nicht zwingen konnte,
+Mithradates den Krieg zu erklären, so bediente er sich dazu des Königs
+Nikomedes. Dieser, ohnehin in die Hand des römischen Feldherrn gegeben und
+überdies noch für die abgelaufenen Kriegskosten und die dem Feldherrn
+persönlich zugesicherten Summen sein Schuldner, konnte sich dem Ansinnen
+desselben, mit Mithradates den Krieg zu beginnen, nicht entziehen. Die
+bithynische Kriegserklärung erfolgte; aber selbst als Nikomedes&rsquo; Schiffe
+den pontischen den Bosporus sperrten, seine Truppen in die pontischen
+Grenzdistrikte einrückten und die Gegend von Amastris brandschatzten, blieb
+Mithradates noch unerschüttert bei seiner Friedenspolitik; statt die Bithyner
+über die Grenze zu werfen, führte er Klage bei der römischen Gesandtschaft und
+bat dieselbe, entweder vermitteln oder ihm die Selbstverteidigung gestatten zu
+wollen. Allein er ward von Aquillius dahin beschieden, daß er unter allen
+Umständen sich des Krieges gegen Nikomedes zu enthalten habe. Das freilich war
+deutlich. Genau dieselbe Politik hatte man gegen Karthago angewendet; man ließ
+das Schlachtopfer von der römischen Meute überfallen und verbot ihm, gegen
+dieselbe sich zu wehren. Auch Mithradates erachtete sich verloren, ebenwie die
+Karthager es getan hatten; aber wenn die Phöniker sich aus Verzweiflung
+ergaben, so tat dagegen der König von Sinope das Gegenteil und rief seine
+Truppen und Schiffe zusammen - &ldquo;Wehrt nicht&rdquo;, so soll er gesagt
+haben, &ldquo;auch wer unterliegen muß, dennoch sich gegen den Räuber?&rdquo;
+Sein Sohn Ariobarzanes erhielt Befehl, in Kappadokien einzurücken; es ging noch
+einmal eine Botschaft an die römischen Gesandten, um ihnen anzuzeigen, wozu die
+Notwehr den König gezwungen habe, und eine letzte Erklärung von ihnen zu
+fordern. Sie lautete, wie zu erwarten war. Obwohl weder der römische Senat noch
+König Mithradates noch König Nikomedes den Bruch gewollt hatten, Aquillius
+wollte ihn und man hatte Krieg (Ende 665 80).
+</p>
+
+<p>
+Mit aller ihm eigenen Energie betrieb Mithradates die politischen und
+militärischen Vorbereitungen zu dem ihm aufgedrungenen Waffengang. Vor allen
+Dingen knüpfte er das Bündnis mit König Tigranes von Armenien fester und
+erlangte von ihm das Versprechen eines Hilfsheeres, das in Vorderasien
+einrücken und Grund und Boden daselbst für König Mithradates, die bewegliche
+Habe für König Tigranes in Besitz nehmen sollte. Der parthische König, verletzt
+durch das stolze Verhalten Sullas, trat wenn nicht gerade als Gegner, doch auch
+nicht als Bundesgenosse der Römer auf. Den Griechen war der König bemüht, sich
+in der Rolle des Philippos und des Perseus, als Vertreter der griechischen
+Nation gegen die römische Fremdherrschaft darzustellen. Pontische Gesandte
+gingen an den König von Ägypten und an den letzten Überrest des freien
+Griechenlands, den kretensischen Städtebund, und beschworen sie, für die Rom
+auch schon die Ketten geschmiedet, jetzt im letzten Augenblick einzustehen für
+die Rettung der hellenischen Nationalität; es war dies wenigstens auf Kreta
+nicht ganz vergeblich, und zahlreiche Kretenser nahmen Dienste im pontischen
+Heer. Man hoffte auf die sukzessive Insurrektion der kleineren und kleinsten
+Schutzstaaten, Numidiens, Syriens, der hellenischen Republiken, auf die
+Empörung der Provinzen, vor allem des maßlos gedrückten Vorderasiens. Man
+arbeitete an der Erregung eines thrakischen Aufstandes, ja an der Insurgierung
+Makedoniens. Die schon vorher blühende Piraterie wurde jetzt als willkommene
+Bundesgenossin überall entfesselt, und mit furchtbarer Raschheit erfüllten bald
+Korsarengeschwader, pontische Kaper sich nennend, weithin das Mittelmeer. Man
+vernahm mit Spannung und Freude die Kunde von den Gärungen innerhalb der
+römischen Bürgerschaft und von der zwar überwundenen, aber doch noch lange
+nicht unterdrückten italischen Insurrektion. Unmittelbare Beziehungen indes mit
+den Unzufriedenen und Insurgenten in Italien bestanden nicht; nur wurde in
+Asien ein römisch bewaffnetes und organisiertes Fremdenkorps gebildet, dessen
+Kern römische und italische Flüchtlinge waren. Streitkräfte gleich denen
+Mithradats waren seit den Perserkriegen in Asien nicht gesehen worden. Die
+Angaben, daß er, das armenische Hilfsheer ungerechnet, mit 250000 Mann zu Fuß
+und 40 000 Reitern das Feld nahm, daß 300 pontische Deck- und 100 offene
+Schiffe in See stachen, scheinen nicht allzu übertrieben bei einem Kriegsherrn,
+der über die zahllosen Steppenbewohner verfügte. Die Feldherrn, namentlich die
+Brüder Neoptolemos und Archelaos, waren erfahrene und umsichtige griechische
+Hauptleute; auch unter den Soldaten des Königs fehlte es nicht an tapferen
+todverachtenden Männern, und die gold- und silberblinkenden Rüstungen und
+reichen Gewänder der Skythen und Meder mischten sich lustig mit dem Erz und
+Stahl der griechischen Reisigen. Ein einheitlicher militärischer Organismus
+freilich hielt diese buntscheckigen Haufen nicht zusammen - auch die Armee des
+Mithradates war nichts als eine jener ungeheuerlichen asiatischen
+Kriegsmaschinen, wie sie oft schon, zuletzt, genau ein Jahrhundert zuvor, bei
+Magnesia einer höheren militärischen Organisation unterlegen waren; immer aber
+stand doch der Osten gegen die Römer in Waffen, während auch in der westlichen
+Hälfte des Reichs es nichts weniger als friedlich aussah. So sehr es an sich
+für Rom eine politische Notwendigkeit war, Mithradates den Krieg zu erklären,
+so war doch gerade dieser Augenblick so übel gewählt wie möglich, und auch aus
+diesem Grunde ist es sehr wahrscheinlich, daß Manius Aquillius zunächst aus
+Rücksichten auf seine eigenen Interessen den Bruch zwischen Rom und Mithradates
+eben jetzt herbeigeführt hat. Für den Augenblick hatte man in Asien keine
+anderen Truppen zur Verfügung als die kleine römische Abteilung unter Lucius
+Cassius und die vorderasiatischen Milizen, und bei der militärischen und
+finanziellen Klemme, in der man daheim sich infolge des Insurrektionskrieges
+befand, konnte eine römische Armee im günstigsten Fall nicht vor dem Sommer 666
+(88) in Asien landen. Bis dahin hatten die römischen Beamten daselbst einen
+schweren Stand; indes hoffte man, die römische Provinz decken und sich
+behaupten zu können, wo man stand: das bithynische Heer unter König Nikomedes
+in seiner im vorigen Jahr eingenommenen Stellung auf paphlagonischem Gebiet
+zwischen Amastris und Sinope, weiter rückwärts in der bithynischen,
+galatischen, kappadokischen Landschaft die Abteilungen unter Lucius Cassius,
+Manius Aquillius, Quintus Oppius, während die bithynisch-römische Flotte
+fortfuhr, den Bosporus zu sperren.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Beginn des Frühjahrs 666 (88) ergriff Mithradates die Offensive. An
+einem Nebenfluß des Halys, dem Amnias (bei dem heutigen Tesch köpri), stieß der
+pontische Vortrab, Reiterei und Leichtbewaffnete, auf die bithynische Armee und
+sprengte dieselbe trotz ihrer sehr überlegenen Zahl im ersten Anlauf so
+vollständig auseinander, daß das geschlagene Heer sich auflöste und Lager und
+Kriegskasse den Siegern in die Hände fielen. Es waren hauptsächlich Neoptolemos
+und Archelaos, denen der König diesen glänzenden Erfolg verdankte. Die weiter
+zurückstehenden, noch viel schlechteren asiatischen Milizen gaben hierauf sich
+überwunden, noch ehe sie mit dem Feinde zusammenstießen; wo Mithradates&rsquo;
+Feldherren sich ihnen näherten, stoben sie auseinander. Eine römische Abteilung
+ward in Kappadokien geschlagen; Cassius suchte in Phrygien mit dem Landsturm
+das Feld zu halten, allein er entließ ihn wieder, ohne mit ihm eine Schlacht
+wagen zu mögen, und warf sich mit seinen wenigen zuverlässigen Leuten in die
+Ortschaften am oberen Mäander, namentlich nach Apameia; Oppius räumte in
+gleicher Weise Pamphylien und schloß in dem phrygischen Laodikeia sich ein;
+Aquillius ward im Zurückweichen am Sangarios im bithynischen Gebiet eingeholt
+und so vollständig geschlagen, daß er sein Lager verlor und sich in die
+römische Provinz nach Pergamon retten mußte; bald war auch diese überschwemmt
+und Pergamon selbst in den Händen des Königs, ebenso der Bosporus und die
+daselbst befindlichen Schiffe. Nach jedem Sieg hatte Mithradates sämtliche
+Gefangene der kleinasiatischen Miliz entlassen und nichts versäumt, die von
+Anfang an ihm zugewandten nationalen Sympathien zu steigern. Jetzt war die
+ganze Landschaft bis zum Mäander mit Ausnahme weniger Festungen in seiner
+Gewalt; zugleich erfuhr man, daß in Rom eine neue Revolution ausgebrochen, daß
+der gegen Mithradates bestimmte Konsul Sulla, statt nach Asien sich
+einzuschiffen, gegen Rom marschiert sei, daß die gefeiertsten römischen
+Generale sich untereinander Schlachten lieferten um auszumachen, wem der
+Oberbefehl im Asiatischen Kriege gebühre. Rom schien eifrigst bemüht, sich
+selber zugrunde zu richten; es ist kein Wunder, daß, wenngleich Minoritäten
+auch jetzt noch überall zu Rom hielten, doch die große Masse der Kleinasiaten
+den Pontikern zufiel. Die Hellenen und die Asiaten vereinigten sich in dem
+Jubel, der den Befreier empfing; es ward üblich, den König, in dem wie in dem
+göttlichen Indersieger Asien und Hellas sich abermals zusammenfanden, zu
+verehren unter dem Namen des neuen Dionysos. Die Städte und Inseln sandten, wo
+er hinkam, ihm Boten entgegen, &ldquo;den rettenden Gott&rdquo; zu sich
+einzuladen, und festlich gekleidet strömte die Bürgerschaft vor die Tore, ihn
+zu empfangen. Einzelne Orte lieferten die bei ihnen verweilenden römischen
+Offiziere gebunden an den König ein, so Laodikeia den Kommandanten der Stadt
+Quintus Oppius, Mytilene auf Lesbos den Konsular Manius Aquillius 7. Die ganze
+Wut des Barbaren, der den, vor dem er gezittert hat, in seine Macht bekommt,
+entlud sich über den unglücklichen Urheber des Krieges. Bald zu Fuß an einen
+gewaltigen berittenen Bastarner angefesselt, bald auf einen Esel gebunden und
+seinen eigenen Namen abrufend ward der bejahrte Mann durch ganz Kleinasien
+geführt und, als endlich das arme Schaustück wieder am königlichen Hof in
+Pergamon anlangte, auf Befehl des Königs, um seine Habgier, die eigentlich den
+Krieg veranlaßt habe, zu sättigen, ihm geschmolzenes Gold in den Hals gegossen,
+daß er unter Qualen den Geist aufgab. Aber es blieb nicht bei diesem rohen
+Hohn, der allein hinreicht, seinen Urheber auszustreichen aus der Reihe der
+adligen Männer. Von Ephesos aus erließ König Mithradates an alle von ihm
+abhängigen Statthalter und Städte den Befehl, an einem und demselben Tage
+sämtliche in ihrem Bezirk sich aufhaltende Italiker, Freie und Unfreie, ohne
+Unterschied des Geschlechts und des Alters zu töten und bei schwerer Strafe
+keinem der Verfemten zur Rettung behilflich zu sein, die Leichen der
+Erschlagenen den Vögeln zum Fraß hinzuwerfen, die Habe einzuziehen und sie zur
+Hälfte an die Mörder, zur Hälfte an den König abzuliefern. Die entsetzlichen
+Befehle wurden mit Ausnahme weniger Bezirke, wie zum Beispiel der Insel Kos,
+pünktlich vollzogen und achtzig-, nach anderen Berichten
+hundertundfünfzigtausend wenn nicht unschuldige, so doch wehrlose Männer,
+Frauen und Kinder mit kaltem Blut an einem Tage in Kleinasien geschlachtet -
+eine grauenvolle Exekution, bei welcher die gute Gelegenheit, der Schulden sich
+zu entledigen und die dem Sultan zu jedem Henkerdienst bereite asiatische
+Schergenwillfährigkeit wenigstens ebensosehr mitgewirkt haben wie das
+vergleichungsweise edle Gefühl der Rache. Politisch war diese Maßregel nicht
+bloß ohne jeden vernünftigen Zweck - denn der finanzielle ließ auch ohne diesen
+Blutbefehl sich erreichen, und die Kleinasiaten waren selbst durch das
+Bewußtsein der ärgsten Blutschuld nicht zum kriegerischen Eifer zu treiben -,
+sondern sogar zweckwidrig, indem sie einerseits den römischen Senat, soweit er
+irgend noch der Energie fähig war, zur ernstlichen Kriegführung zwang,
+andererseits nicht bloß die Römer traf, sondern ebensogut des Königs natürliche
+Bundesgenossen, die nichtrömischen Italiker. Es ist dieser ephesische
+Mordbefehl durchaus nichts als ein zweckloser Akt der tierisch blinden Rache,
+welcher nur durch die kolossalen Proportionen, in denen hier der Sultanismus
+auftritt, einen falschen Schein von Großartigkeit erhält.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+7 Die Urheber der Gefangennehmung und Auslieferung des Aquillius traf
+fünfundzwanzig Jahre später die Vergeltung, indem sie nach Mithradates&rsquo;
+Tode dessen Sohn Pharnakes an die Römer übergab.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Überhaupt ging des Königs Sinn hoch; aus Verzweiflung hatte er den Krieg
+begonnen, aber der unerwartet leichte Sieg, das Ausbleiben des gefürchteten
+Sulla ließen ihn übergehen zu den hochfahrendsten Hoffnungen. Er richtete sich
+häuslich in Vorderasien ein; der Sitz des römischen Statthalters, Pergamon,
+ward seine neue Hauptstadt; das alte Reich von Sinope wurde als
+Statthalterschaft an des Königs Sohn Mithradates zur Verwaltung übergeben;
+Kappadokien, Phrygien, Bithymen wurden organisiert als pontische Satrapien. Die
+Großen des Reichs und des Königs Günstlinge wurden mit reichen Gaben und Lehen
+bedacht und sämtlichen Gemeinden nicht bloß die rückständigen Steuern erlassen,
+sondern auch Steuerfreiheit auf fünf Jahre zugesichert - eine Maßregel, die
+ebenso verkehrt war wie die Ermordung der Römer, wenn der König dadurch sich
+die Treue der Kleinasiaten zu sichern meinte.
+</p>
+
+<p>
+Freilich füllte des Königs Schatz ohnehin sich reichlich durch die
+unermeßlichen Summen, die aus dem Vermögen der Italiker und anderen
+Konfiskationen einkamen; wie denn z. B. allein auf Kos 800 Talente (1250000
+Taler), welche die Juden dort deponiert hatten, von Mithradates weggenommen
+wurden. Der nördliche Teil von Kleinasien und die meisten dazu gehörigen Inseln
+waren in des Königs Gewalt; außer einigen kleinen paphlagonischen Dynasten gab
+es hier kaum einen Bezirk, der noch zu Rom hielt; das gesamte Ägäische Meer
+ward beherrscht von seinen Flotten. Nur der Südwesten, die Städtebünde von
+Karien und Lykien und die Stadt Rhodos widerstanden ihm. In Karien ward zwar
+Stratonikeia mit den Waffen bezwungen; Magnesia am Sipylos aber bestand
+glücklich eine schwere Belagerung, bei welcher Mithradates&rsquo; tüchtigster
+Offizier Archelaos geschlagen und verwundet ward. Rhodos, der Zufluchtsort der
+aus Asien entkommenen Römer, unter ihnen des Statthalters Lucius Cassius, wurde
+von Mithradates zu Wasser und zu Lande mit ungeheurer Übermacht angegriffen.
+Aber seine Seeleute, so mutig sie unter den Augen des Königs ihre Pflicht
+taten, waren ungeschickte Neulinge, und es kam vor, daß rhodische Geschwader
+vielfach stärkere pontische überwanden und mit erbeuteten Schiffen heimkehrten.
+Auch zu Lande rückte die Belagerung nicht vor; nachdem ein Teil der Arbeiten
+zerstört worden war, gab Mithradates das Unternehmen auf und die wichtige Insel
+sowie das gegenüberliegende Festland blieben in den Händen der Römer.
+</p>
+
+<p>
+Aber nicht bloß die asiatische Provinz wurde, hauptsächlich infolge der zur
+ungelegensten Zeit ausbrechenden Sulpicischen Revolution, fast unverteidigt von
+Mithradates besetzt, sondern derselbe richtete schon den Angriff auch gegen
+Europa. Bereits seit dem Jahre 662 (92) hatten die Grenznachbarn Makedoniens
+gegen Norden und Osten ihre Einfälle mit auffallender Heftigkeit und
+Streitigkeit erneuert; in den Jahren 664, 665 (90, 89) überrannten die Thraker.
+Makedonien und ganz Epeiros und plünderten den Tempel von Dodona. Noch
+auffallender ist es, daß damit noch einmal der Versuch verbunden ward, einen
+Prätendenten auf den makedonischen Thron in der Person eines gewissen Euphenes
+aufzustellen. Mithradates, der von der Krim aus Verbindungen mit den Thrakern
+unterhielt, war all diesen Vorgängen schwerlich fremd. Zwar erwehrte sich der
+Prätor Gaius Sentius mit Hilfe der thrakischen Dentheleten dieser
+Eingedrungenen; allein es dauerte nicht lange, daß ihm mächtigere Gegner kamen.
+Mithradates hatte, fortgerissen von seinen Erfolgen, den kühnen Entschluß
+gefaßt, wie Antiochos den Krieg um die Herrschaft über Asien in Griechenland
+zur Entscheidung zu bringen, und zu Lande oder zur See den Kern seiner Truppen
+dorthin dirigiert. Sein Sohn Ariarathes drang von Thrakien aus in das schwach
+verteidigte Makedonien ein, unterwegs die Landschaft unterwerfend und in
+pontische Satrapien einteilend. Abdera, Philippi wurden Hauptstützpunkte der
+pontischen Waffen in Europa. Die pontische Flotte, geführt von
+Mithradates&rsquo; bestem Feldherrn Archelaos, erschien im Ägäischen Meer, wo
+kaum ein römisches Segel zu finden war. Delos, der Stapelplatz des römischen
+Handels in diesen Gewässern, ward besetzt und bei 20000 Menschen, größtenteils
+Italiker, daselbst niedergemetzelt; Euböa erlitt ein gleiches Schicksal; bald
+waren östlich vom Malfischen Vorgebirg alle Inseln in Feindes Hand; man konnte
+weitergehen zum Angriff auf das Festland selbst. Zwar den Angriff, den die
+pontische Flotte von Euböa aus auf das wichtige Demetrias machte, schlug
+Bruttius Sura, der tapfere Unterfeldherr des Statthalters von Makedonien, mit
+seiner Handvoll Leute und wenigen zusammengerafften Schiffen ab und besetzte
+sogar die Insel Skiathos: aber er konnte nicht verhindern, daß der Feind im
+eigentlichen Griechenland sich festsetzte. Auch hier wirkte Mithradates nicht
+bloß mit den Waffen, sondern zugleich mit der nationalen Propaganda. Sein
+Hauptwerkzeug für Athen war ein gewisser Aristion, seiner Geburt nach ein
+attischer Sklave, seines Handwerks ehemals Schulmeister der Epikurischen
+Philosophie, jetzt Günstling Mithradats; ein vortrefflicher Peisthetäros, der
+durch die glänzende Karriere, die er bei Hof gemacht, den Pöbel zu blenden und
+ihm mit Aplomb zu versichern verstand, daß aus dem seit beiläufig sechzig
+Jahren in Schutt liegenden Karthago die Hilfe für Mithradates schon unterwegs
+sei. Durch solche Reden des neuen Perikles ward es erreicht, daß die wenigen
+Verständigen aus Athen entwichen, der Pöbel aber und ein paar toll gewordene
+Literaten den Römern förmlich absagten. So ward aus dem Exphilosophen ein
+Gewaltherrscher, der, gestützt auf seine pontische Söldnerbande, ein Schand-
+und Blutregiment begann, und aus dem Peiräeus ein pontischer Landungsplatz.
+Sowie Mithradats Truppen auf dem griechischen Kontinent standen, fielen die
+meisten der kleinen Freistaaten ihnen zu: Achäer, Lakonen, Böoter, bis hinauf
+nach Thessalien. Sura, nachdem er aus Makedonien einige Verstärkung
+herangezogen hatte, rückte in Böotien ein, um dem belagerten Thespiä Hilfe zu
+bringen, und schlug sich bei Chäroneia in dreitägigen Gefechten mit Archelaos
+und Aristion; aber sie führten zu keiner Entscheidung und Sura mußte
+zurückgehen, als die pontischen Verstärkungen aus dem Peloponnes sich näherten
+(Ende 666, Anfang 667 88, 87).
+</p>
+
+<p>
+So gebietend war die Stellung Mithradats vor allem zur See, daß eine Botschaft
+der italischen Insurgenten ihn auffordern konnte, einen Landungsversuch in
+Italien zu machen; allein ihre Sache war damals bereits verloren und der König
+wies das Ansinnen zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Lage der römischen Regierung fing an bedenklich zu werden. Kleinasien und
+Hellas waren ganz, Makedonien zum guten Teil in Feindeshand; auf der See
+herrschte ohne Nebenbuhler die pontische Flagge. Dazu kam die italische
+Insurrektion, die, im ganzen zu Boden geschlagen, immer noch in weiten Gebieten
+Italiens unbestritten die Herrschaft führte; dazu die kaum beschwichtigte
+Revolution, die jeden Augenblick drohte, wiederum und furchtbarer
+emporzulodern; dazu endlich die durch die inneren Unruhen in Italien und die
+ungeheuren Verluste der asiatischen Kapitalisten hervorgerufene fürchterliche
+Handels- und Geldkrise und der Mangel an zuverlässigen Truppen. Die Regierung
+hätte dreier Armeen bedurft, um in Rom die Revolution niederzuhalten, in
+Italien die Insurrektion völlig zu ersticken und in Asien Krieg zu führen; sie
+hatte eine einzige, die des Sulla, denn die Nordarmee war unter dem
+unzuverlässigen Gnaeus Strabo nichts als eine Verlegenheit mehr. Die Wahl unter
+jenen drei Aufgaben stand bei Sulla; er entschied sich, wie wir sahen, für den
+asiatischen Krieg. Es war nichts Geringes, man darf vielleicht sagen eine große
+patriotische Tat, daß in diesem Konflikt des allgemeinen vaterländischen und
+des besonderen Parteiinteresses das erstere die Oberhand behielt und Sulla
+trotz der Gefahren, die seine Entfernung aus Italien für seine Verfassung und
+für seine Partei nach sich zog, dennoch im Frühling 667 (87) landete an der
+Küste von Epeiros. Aber er kam nicht, wie sonst römische Oberfeldherrn im Osten
+aufzutreten pflegten. Daß sein Heer von fünf Legionen oder höchstens 30000 Mann
+8 wenig stärker war als eine gewöhnliche Konsulararmee, war das wenigste. Sonst
+hatte in den östlichen Kriegen eine römische Flotte niemals gefehlt, ja ohne
+Ausnahme die See beherrscht; Sulla, gesandt, um zwei Kontinente und die Inseln
+des Ägäischen Meeres wiederzuerobern, kam ohne ein einziges Kriegsschiff. Sonst
+hatte der Feldherr eine volle Kasse mit sich geführt und den größten Teil
+seiner Bedürfnisse auf dem Seeweg aus der Heimat bezogen; Sulla kam mit leeren
+Händen - denn die für den Feldzug von 666 (88) mit Not flüssig gemachten Summen
+waren in Italien draufgegangen - und sah sich ausschließlich angewiesen auf
+Requisitionen. Sonst hatte der Feldherr seinen einzigen Gegner im feindlichen
+Lager gefunden und hatten dem Landesfeind gegenüber seit der Beendigung des
+Ständekampfes die politischen Faktionen ohne Ausnahme zusammengestanden; unter
+Mithradates&rsquo; Feldzeichen fochten namhafte römische Männer, große
+Landschaften Italiens begehrten, mit ihm in Bündnis zu treten, und es war
+wenigstens zweifelhaft, ob die demokratische Partei das rühmliche Beispiel, das
+Sulla ihr gegeben, befolgen und mit ihm Waffenstillstand halten werde, solange
+er gegen den asiatischen König focht. Aber der rasche General, der mit all
+diesen Verlegenheiten zu ringen hatte, war nicht gewohnt, vor Erledigung der
+nächsten Aufgabe um die ferneren Gefahren sich zu bekümmern. Da seine an den
+König gerichteten Friedensanträge, die im wesentlichen auf die
+Wiederherstellung des Zustandes vor dem Kriege hinausliefen, keine Annahme
+fanden, so rückte er, wie er gelandet war, von den epeirotischen Häfen bis nach
+Böotien vor, schlug hier am Thilphossischen Berge die Feldherren der Feinde,
+Archelaos und Aristion, und bemächtigte sich nach diesem Siege fast ohne
+Widerstand des gesamten griechischen Festlandes mit Ausnahme der Festung Athen
+und des Peiräeus, wohin Aristion und Archelaos sich geworfen hatten und die
+durch einen Handstreich zu nehmen mißlang. Eine römische Abteilung unter Lucius
+Hortensius besetzte Thessalien und streifte bis in Makedonien; eine andere
+unter Munatius stellte vor Chalkis sich auf, um das unter Neoptolemos auf Euböa
+stehende feindliche Korps abzuwehren; Sulla selbst bezog ein Lager bei Eleusis
+und Megara, von wo aus er Griechenland und den Peloponnes beherrschte und die
+Belagerung der Stadt und des Hafens von Athen betrieb. Die hellenischen Städte,
+wie immer von der nächsten Furcht regiert, unterwarfen sich den Römern auf jede
+Bedingung und waren froh, wenn sie mit Lieferungen von Vorräten und Mannschaft
+und mit Geldbußen schwerere Strafen abkaufen durften. Minder rasch gingen die
+Belagerungen in Attika vonstatten. Sulla sah sich genötigt, in aller Form das
+schwere Belagerungszeug zu rüsten, wozu die Bäume der Akademie und des Lykeion
+das Holz liefern mußten. Archelaos leitete die Verteidigung ebenso kräftig wie
+besonnen; er bewaffnete seine Schiffsmannschaft, schlug also verstärkt die
+Angriffe der Römer mit überlegener Macht ab und machte häufige und nicht selten
+glückliche Ausfälle. Zwar die zum Entsatz herbeirückende pontische Armee des
+Dromichätes ward unter den Mauern Athens nach hartem Kampf, bei dem namentlich
+Sullas tapferer Unterfeldherr Lucius Licinius Murena sich hervortat, von den
+Römern geschlagen; aber die Belagerung schritt darum nicht rascher vor. Von
+Makedonien aus, wo die Kappadokier inzwischen sich definitiv festgesetzt
+hatten, kam reichliche und regelmäßige Zufuhr zur See, die Sulla nicht imstande
+war, der Hafenfestung abzuschneiden; in Athen gingen zwar die Vorräte auf die
+Neige, doch konnte bei der Nähe der beiden Festungen Archelaos mehrfache
+Versuche machen, Getreidetransporte nach Athen zu werfen, die nicht alle
+mißlangen. So verfloß in peinlicher Resultatlosigkeit der Winter 667/68
+(87/86). Wie die Jahreszeit es erlaubte, warf Sulla sich mit Ungestüm auf den
+Peiräeus; in der Tat gelang es, durch Geschütze und Minen einen Teil der
+gewaltigen Perikleischen Mauern in Bresche zu legen, und sofort schritten die
+Römer zum Sturm; allein er ward abgeschlagen, und als er wiederholt ward,
+fanden sich hinter den eingestürzten Mauerteilen halbmondförmige Verschanzungen
+errichtet, aus denen die Eindringenden sich von drei Seiten beschossen und zur
+Umkehr gezwungen sahen. Sulla hob darauf die Belagerung auf und begnügte sich
+mit einer Blockade. In Athen waren inzwischen die Lebensmittel ganz zu Ende
+gegangen; die Besatzung versuchte eine Kapitulation zustande zu bringen, aber
+Sulla wies ihre redefertigen Boten zurück mit dem Bedeuten, daß er nicht als
+Student, sondern als General vor ihnen stehe und nur unbedingte Unterwerfung
+annehme. Als Aristion, wohl wissend, welches Schicksal dann ihm bevorstand,
+damit zögerte, wurden die Leitern angelegt und die kaum noch verteidigte Stadt
+erstürmt (1. März 668 86). Aristion warf sich in die Akropolis, wo er bald
+darauf sich ergab. Der römische Feldherr ließ die Soldateska in der eroberten
+Stadt morden und plündern und die angeseheneren Rädelsführer des Abfalls
+hinrichten; die Stadt selbst aber erhielt von ihm ihre Freiheit und ihre
+Besitzungen, sogar das wichtige Delos zurück und ward also noch einmal gerettet
+durch ihre herrlichen Toten.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+8 Man muß sich erinnern, daß seit dem Bundesgenossenkrieg auf die Legion, da
+sie nicht mehr von italischen Kontingenten begleitet ist, mindestens nur die
+halbe Mannzahl kommt wie vordem.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Über den Epikureischen Schulmeister also hatte man gesiegt; indes Sullas Lage
+blieb im höchsten Grade peinlich, ja verzweifelt. Mehr als ein Jahr stand er
+nun im Felde, ohne irgendeinen nennenswerten Schritt vorwärtsgekommen zu sein,
+ein einziger Hafenplatz spottete all seiner Anstrengungen, während Asien
+gänzlich sich selbst überlassen, die Eroberung Makedoniens von
+Mithradates&rsquo; Statthaltern kürzlich durch die Einnahme von Amphipolis
+vollendet war. Ohne Flotte - dies zeigte sich immer deutlicher - war es nicht
+bloß unmöglich, die Verbindungen und die Zufuhr von den feindlichen und den
+zahllosen Piratenschiffen zu sichern, sondern auch nur den Peiräeus, geschweige
+denn Asien und die Inseln wiederzugewinnen; und doch ließ sich nicht absehen,
+wie man zu Kriegsschiffen gelangen konnte. Schon im Winter 667/68 (87/86) hatte
+Sulla einen seiner fähigsten und gewandtesten Offiziere, Lucius Licinius
+Lucullus, in die östlichen Gewässer entsandt, um dort womöglich Schiffe
+aufzutreiben. Mit sechs offenen Booten, die er von den Rhodiern und andern
+kleinen Gemeinden zusammengeborgt hatte, lief Lucullus aus; einem
+Piratengeschwader, das die meisten seiner Boote aufbrachte, entging er selbst
+nur durch einen Zufall; mit gewechselten Schiffen den Feind täuschend, gelangte
+er über Kreta und Kyrene nach Alexandreia; allein der ägyptische Hof schlug die
+Bitte um Unterstützung mit Kriegsschiffen ebenso höflich wie entschieden ab.
+Kaum irgendwo zeigt sich so deutlich wie hier der tiefe Verfall des römischen
+Staats, der einst das Angebot der Könige von Ägypten, mit ihrer ganzen Seemacht
+den Römern beizustehen, dankbar abzulehnen vermocht hatte und jetzt selbst den
+alexandrinischen Staatsmännern schon bankrott erschien. Zu allem dem kam die
+finanzielle Bedrängnis; schon hatte Sulla die Schatzhäuser des Olympischen
+Zeus, des Delphischen Apollon, des Epidaurischen Asklepios leeren müssen, wofür
+die Götter entschädigt wurden durch die zur Straße eingezogene Halbscheid des
+thebanischen Gebiets. Aber weit schlimmer als all diese militärische und
+finanzielle Verlegenheit war der Rückschlag der politischen Umwälzung in Rom,
+deren rasche, durchgreifende, gewaltsame Vollendung die ärgsten Befürchtungen
+weit hinter sich gelassen hatte. Die Revolution führte in der Hauptstadt das
+Regiment; Sulla war abgesetzt, das asiatische Kommando an seiner Stelle dem
+demokratischen Konsul Lucius Valerius Flaccus übertragen worden, den man
+täglich in Griechenland erwarten konnte. Zwar hatte die Soldateska festgehalten
+an Sulla, der alles tat, um sie bei guter Laune zu erhalten; aber was ließ sich
+erwarten, wo Geld und Zufuhr ausblieben, wo der Feldherr abgesetzt und
+geächtet, sein Nachfolger im Anmarsch war und zu allem diesem der Krieg gegen
+den zähen seemächtigen Gegner aussichtslos sich hinspann!
+</p>
+
+<p>
+König Mithradates übernahm es, den Gegner aus seiner bedenklichen Lage zu
+befreien. Allem Anschein nach war er es, der das Defensivsystem seiner Generale
+mißbilligte und ihnen Befehl schickte, den Feind fördersamst zu überwinden.
+Schon 667 (87) war sein Sohn Ariarathes aus Makedonien aufgebrochen, um Sulla
+im eigentlichen Griechenland zu bekämpfen; nur der plötzliche Tod, der den
+Prinzen auf dem Marsch am Tisäischen Vorgebirg in Thessalien ereilte, hatte die
+Expedition damals rückgängig gemacht. Sein Nachfolger Taxiles erschien jetzt
+(668 86), das in Thessalien stehende römische Korps vor sich hertreibend, mit
+einem Heer von angeblich 100000 Mann zu Fuß und 10000 Reitern an den
+Thermopylen. Mit ihm vereinigte sich Dromichätes. Auch Archelaos räumte - es
+scheint, weniger durch Sullas Waffen gezwungen als durch Befehle seines Herrn -
+den Peiräeus erst teilweise, sodann ganz und stieß in Böotien zu der pontischen
+Hauptarmee. Sulla, nachdem der Peiräeus mit all seinen vielbewunderten
+Bauwerken auf seinen Befehl zerstört worden war, folgte der pontischen Armee in
+der Hoffnung, vor dem Eintreffen des Flaccus eine Hauptschlacht liefern zu
+können. Vergeblich riet Archelaos, sich hierauf nicht einzulassen, sondern die
+See und die Küsten besetzt und den Feind hinzuhalten; wie einst unter Dareios
+und Antiochos, so stürzten auch jetzt die Massen der Orientalen, wie
+geängstigte Tiere in die Feuersbrunst, sich rasch und blindlings in den Kampf;
+und törichter als je war dies hier angewandt, wo die Asiaten vielleicht nur
+einige Monate hätten warten dürfen, um bei einer Schlacht zwischen Sulla und
+Flaccus die Zuschauer abzugeben. In der Ebene des Kephissos unweit Chäroneia im
+März 668 (86) trafen die Heere aufeinander. Selbst mit Einschluß der aus
+Thessalien zurückgedrängten Abteilung, der es geglückt war, ihre Verbindung mit
+der römischen Hauptarmee zu bewerkstelligen, und mit Einschluß der griechischen
+Kontingente fand sich das römische Heer einem dreifach stärkeren Feind
+gegenüber und namentlich einer weit überlegenen und bei der Beschaffenheit des
+Schlachtfeldes sehr gefährlichen Reiterei, gegen die Sulla seine Flanken durch
+verschanzte Gräben zu decken nötig fand, sowie er in der Front zum Schutz gegen
+die feindlichen Streitwagen zwischen seiner ersten und zweiten Linie eine
+Palisadenkette anbringen ließ. Als die Streitwagen den Kampf zu eröffnen
+heranrollten, zog sich das erste Treffen der Römer hinter diese Pfahlreihe
+zurück; die Wagen, an ihr abprallend und gescheucht durch die römischen
+Schleuderer und Schützen, warfen sich auf die eigene Linie und brachten
+Verwirrung sowohl in die makedonische Phalanx wie in das Korps der italischen
+Flüchtlinge. Archelaos zog eilig seine Reiterei von beiden Flanken herbei und
+schickte sie dem Feinde entgegen, um Zeit zu gewinnen, sein Fußvolk wieder zu
+ordnen; sie griff mit großem Feuer an und durchbrach die römischen Reihen;
+allein die römische Infanterie formierte sich rasch in geschlossene Massen und
+hielt den von allen Seiten auf sie anstürmenden Reitern mutig stand. Inzwischen
+führte Sulla selbst auf dem rechten Flügel seine Reiterei in die entblößte
+Flanke des Feindes; die asiatische Infanterie wich, ohne eigentlich zum
+Schlagen gekommen zu sein, und ihr Weichen brachte Unruhe auch in die
+Reitermassen. Ein allgemeiner Angriff des römischen Fußvolks, das durch die
+schwankende Haltung der feindlichen Reiter wieder Luft bekam, entschied den
+Sieg. Die Schließung der Lagertore, die Archelaos anordnete, um die Flucht zu
+hemmen, bewirkte nur, daß das Blutbad um so größer ward und, als die Tore
+endlich sich auftaten, die Römer mit den Asiaten zugleich eindrangen. Nicht den
+zwölften. Mann soll Archelaos nach Chalkis gerettet haben. Sulla folgte ihm bis
+an den Euripos; den schmalen Meeresarm zu überschreiten war er nicht imstande.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein großer Sieg, aber die Resultate waren geringfügig, was wegen des
+Mangels einer Flotte, teils weil der römische Sieger sich genötigt sah, statt
+die Besiegten zu verfolgen, zunächst vor seinen Landsleuten sich zu schützen.
+Die See war noch immer ausschließlich bedeckt von den pontischen Geschwadern,
+die jetzt selbst westlich vom Malfischen Vorgebirge sich zeigten; noch nach der
+Schlacht von Chäroneia setzte Archelaos auf Zakynthos Truppen ans Land und
+machte einen Versuch, auf dieser Insel sich festzusetzen. Ferner war inzwischen
+in der Tat Lucius Flaccus mit zwei Legionen in Epeiros gelandet, nicht ohne
+unterwegs durch Stürme und durch die im Adriatischen Meer kreuzenden
+feindlichen Kriegsschiffe starken Verlust erlitten zu haben; bereits standen
+seine Truppen in Thessalien; dorthin zunächst mußte Sulla sich wenden. Bei
+Melitäa am nördlichen Abhang des Othrysgebirges lagerten beide römischen Heere
+sich gegenüber; ein Zusammenstoß schien unvermeidlich. Indes Flaccus, nachdem
+er Gelegenheit gehabt hatte sich zu überzeugen, daß Sullas Soldaten keineswegs
+geneigt war ihren siegreichen Führer an den gänzlich unbekannten demokratischen
+Oberfeldherrn zu verraten, daß vielmehr seine eigene Vorhut anfing, in das
+Sullanische Lager zu desertieren, wich dem Kampfe aus, dem er in keiner
+Hinsicht gewachsen war, und brach auf gegen Norden, um durch Makedonien und
+Thrakien nach Asien zu gelangen und dort durch Überwältigung Mithradats sich
+den Weg zu weiteren Erfolgen zu bahnen. Daß Sulla den schwächeren Gegner
+ungehindert abziehen ließ und, statt ihm zu folgen, vielmehr zurück nach Athen
+ging, wo er den Winter 668/69 (86/85) verweilt zu haben scheint, ist
+militärisch betrachtet auffallend; vielleicht darf man annehmen, daß auch hier
+politische Beweggründe ihn leiteten und er gemäßigt und
+</p>
+
+<p>
+Patriotisch genug dachte, um wenigstens so lange, als man doch mit den Asiaten
+zu tun hatte, gern einen Sieg über die Landsleute zu vermeiden und die
+erträglichste Lösung der leidigen Verwicklung darin zu finden, wenn die
+Revolutionsarmee in Asien, die der Oligarchie in Europa mit dem
+gemeinschaftlichen Feinde stritt.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Frühling 669 (85) gab es in Europa wieder neue Arbeit. Mithradates, der
+in Kleinasien seine Rüstungen unermüdlich fortsetzte, hatte eine, der bei
+Chäroneia aufgeriebenen an Zahl nicht viel nachstehende Armee unter Dorylaos
+nach Euböa gesandt; von dort war dieselbe in Verbindung mit den Überbleibseln
+der Armee des Archelaos über den Euripos nach Böotien gegangen. Der pontische
+König, der in den Siegen über die bithynische und die kappadokische Miliz den
+Maßstab fand für die Leistungsfähigkeit seiner Armee, begriff die ungünstige
+Wendung nicht, die die Dinge in Europa nahmen; schon flüsterten die Kreise der
+Höflinge von Verrat des Archelaos; peremtorischer Befehl war gegeben, mit der
+neuen Armee sofort eine zweite Schlacht zu liefern und nun unfehlbar die Römer
+zu vernichten. Der Wille des Herrn geschah, wo nicht im Siegen, doch wenigstens
+im Schlagen. Abermals in der Kephissosebene bei Orchomenos, begegneten sich die
+Römer und die Asiaten. Die zahlreiche und vortreffliche Reiterei der letzteren
+warf sich ungestüm auf das römische Fußvolk, das zu schwanken und zu weichen
+begann; die Gefahr ward so dringend, daß Sulla ein Feldzeichen ergriff und mit
+seinen Adjutanten und Ordonnanzen gegen den Feind vorgehend mit lauter Stimme
+den Soldaten zurief, wenn man daheim sie frage, wo sie ihren Feldherrn im Stich
+gelassen hätten, so möchten sie antworten: bei Orchomenos. Dies wirkte; die
+Legionen standen wieder und überwältigten die feindlichen Reiter, worauf auch
+die Infanterie mit leichter Mühe geworfen ward. Am folgenden Tage wurde das
+Lager der Asiaten umstellt und erstürmt; der weitaus größte Teil derselben fiel
+oder kam in den Kopaischen Sümpfen um; nur wenige, unter ihnen Archelaos,
+gelangten nach Euböa. Die böotischen Gemeinden hatten den abermaligen Abfall
+von Rom schwer, zum Teil bis zur Vernichtung zu büßen. Dem Einmarsch in
+Makedonien und Thrakien stand nichts im Wege: Philippi ward besetzt, Abdera von
+der pontischen Besatzung freiwillig geräumt, überhaupt das europäische Festland
+von den Feinden gesäubert. Am Ende des dritten Kriegsjahres (669 85) konnte
+Sulla Winterquartiere in Thessalien beziehen, um im Frühjahr 670 (84) 9 den
+asiatischen Feldzug zu beginnen, zu welchem Ende er Befehl gab, in den
+thessalischen Häfen Schiffe zu bauen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+9 Die Chronologie dieser Ereignisse liegt, wie alle Einzelheiten überhaupt, in
+einem Dunkel, das die Forschung höchstens bis zur Dämmerung zu zerstreuen
+vermag. Daß die Schlacht von Chäroneia, wenn auch nicht an demselben Tage wie
+die Erstürmung von Athen (Paus. 1, 20), doch bald nachher, etwa im März 668
+(86), stattfand, ist ziemlich sicher. Daß die darauf folgende thessalische und
+die zweite böotische Kampagne nicht bloß den Rest des Jahres 668 (86), sondern
+auch das ganze Jahr 669 (85) in Anspruch nahmen, ist an sich wahrscheinlich und
+wird es noch mehr dadurch, daß Sullas Unternehmungen in Asien nicht genügen, um
+mehr als einen Feldzug auszufüllen. Auch scheint Licinianus anzudeuten, daß
+Sulla für den Winter 668/69 (86/85) wieder nach Athen zurückging und hier die
+Untersuchungen und Bestrafungen vornahm; worauf dann die Schlacht von
+Orchomenos erzählt wird. Darum ist der Übergang Sullas nach Asien nicht 669
+(85), sondern 670 (84) gesetzt worden.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen hatten auch die kleinasiatischen Verhältnisse sich wesentlich
+geändert. Wenn König Mithradates einst aufgetreten war als der Befreier der
+Hellenen, wenn er mit Förderung der städtischen Unabhängigkeit und mit
+Steuererlassen seine Herrschaft eingeleitet hatte, so war auf diesen kurzen
+Taumel nur zu rasch und nur zu bitter die Enttäuschung gefolgt. Sehr bald war
+er in seinem wahren Charakter hervorgetreten und hatte eine die Tyrannei der
+römischen Vögte weit überbietende Zwingherrschaft zu üben begonnen, die sogar
+die geduldigen Kleinasiaten zu offener Auflehnung trieb. Der Sultan griff
+dagegen wieder zu den gewaltsamsten Mitteln. Seine Verordnungen verliehen den
+zugewandten Ortschaften die Selbständigkeit, den Insassen das Bürgerrecht, den
+Schuldnern vollen Schuldenerlaß, den Besitzlosen Äcker, den Sklaven die
+Freiheit; an 15000 solcher freigelassener Sklaven fochten im Heer des
+Archelaos. Die fürchterlichsten Szenen waren die Folge dieser von oben herab
+erfolgenden Umwälzung aller bestehenden Ordnung. Die ansehnlichsten Kaufstädte,
+Smyrna, Kolophon, Ephesos, Tralleis, Sardeis, schlossen den Vögten des Königs
+die Tore oder brachten sie um und erklärten sich für Rom ^10. Dagegen ließ der
+königliche Vogt Diodoros, ein namhafter Philosoph wie Aristion, von anderer
+Schule, aber gleich brauchbar zur schlimmsten Herrendienerei, im Auftrag seines
+Herrn den gesamten Stadtrat von Adramytion niedermachen. Die Chier, die der
+Hinneigung zu Rom verdächtig schienen, wurden zunächst um 2000 Talente (3150000
+Taler) gebüßt und, da die Zahlung nicht richtig befunden wurde, in Masse auf
+Schiffe gesetzt und gebunden, unter Aufsicht ihrer eigenen Sklaven, an die
+kolchische Küste deportiert, während ihre Insel mit pontischen Kolonisten
+besetzt ward. Die Häuptlinge der kleinasiatischen Kelten befahl der König
+sämtlich an einem Tage mit ihren Weibern und Kindern umzubringen und Galatien
+in eine pontische Satrapie zu verwandeln. Die meisten dieser Blutbefehle wurden
+auch entweder an Mithradates&rsquo; eigenem Hoflager oder im galatischen Lande
+vollstreckt, allein die wenigen Entronnenen stellten sich an die Spitze ihrer
+kräftigen Stämme und schlugen den Statthalter des Königs, Eumachos, aus ihren
+Grenzen hinaus. Daß diesen König die Dolche der Mörder verfolgten, ist
+begreiflich; sechzehnhundert Menschen wurden als in solche Komplotte verwickelt
+von den königlichen Untersuchungsgerichten zum Tode verurteilt.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^10 Es ist kürzlich (Waddington, Zusätze zu Lebas, 3, 136a) der desfällige
+Beschluß der Bürgerschaft von Ephesos aufgefunden worden. Sie seien, erklären
+die Bürger, in die Gewalt des &ldquo;Königs von Kappadokien&rdquo; Mithradates
+geraten, erschreckt durch die Masse seiner Streitkräfte und die Plötzlichkeit
+seines Angriffs; wie aber die Gelegenheit dazu sich darbiete, erklärten sie
+&ldquo;für die Herrschaft (ηγεμονία) der Römer und die gemeine Freiheit&rdquo;
+ihm den Krieg.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Wenn also der König durch dies selbstmörderische Wüten seine derzeitigen
+Untertanen gegen sich unter die Waffen rief, so begannen gleichzeitig die Römer
+auch in Asien, ihn zur See und zu Lande zu drängen. Lucullus hatte, nachdem der
+Versuch, die ägyptische Flotte gegen Mithradates vorzuführen, gescheitert war,
+sein Bemühen, sich Kriegsschiffe zu verschaffen, in den syrischen Seestädten
+mit besserem Erfolg wiederholt und seine werdende Flotte in den kyprischen,
+pamphylischen und rhodischen Häfen verstärkt, bis er sich stark genug fand, zum
+Angriff überzugehen. Gewandt vermied er es, mit überlegenen Streitkräften sich
+zu messen und errang dennoch nicht unbedeutende Erfolge. Die knidische Insel
+und Halbinsel wurden von ihm besetzt, Samos angegriffen, Kolophon und Chios den
+Feinden entrissen.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war auch Flaccus mit seiner Armee durch Makedonien und Thrakien nach
+Byzantion und von dort, die Meerenge passierend, nach Kalchedon gelangt (Ende
+668 86). Hier brach gegen den Feldherrn eine Militärinsurrektion aus, angeblich
+weil er den Soldaten die Beute unterschlug; die Seele derselben war einer der
+höchsten Offiziere des Heeres, ein Mann, dessen Name in Rom sprichwörtlich
+geworden war für den rechten Pöbelredner, Gaius Flavius Fimbria, welcher,
+nachdem er mit seinem Oberfeldherrn sich entzweit hatte, das auf dem Markt
+begonnene Demagogengeschäft ins Lager übertrug. Flaccus ward von dem Heer
+abgesetzt und bald nachher in Nikomedeia unweit Kalchedon getötet; an seine
+Stelle trat nach Beschluß der Soldaten Fimbria. Es versteht sich, daß er seinen
+Leuten alles nachsah: in dem befreundeten Kyzikos zum Beispiel ward der
+Bürgerschaft befohlen, ihre gesamte Habe an die Soldaten bei Todesstrafe
+auszuliefern und zum warnenden Exempel zwei der angesehensten Bürger sogleich
+vorläufig hingerichtet. Allein militärisch war der Wechsel des Oberbefehls
+dennoch ein Gewinn; Fimbria war nicht wie Flaccus ein unfähiger General,
+sondern energisch und talentvoll. Bei Miletopolis (am Rhyndakos westlich von
+Brussa) schlug er den jüngeren Mithradates, der als Statthalter der pontischen
+Satrapie ihm entgegengezogen war, vollständig in einem nächtlichen Überfall und
+öffnete sich durch diesen Sieg den Weg nach der Hauptstadt sonst der römischen
+Provinz, jetzt des pontischen Königs, Pergamon, von wo er den König vertrieb
+und ihn zwang, sich nach dem wenig entfernten Hafen Pitane zu retten, um dort
+sich einzuschiffen. Eben jetzt erschien Lucullus mit seiner Flotte in diesen
+Gewässern; Fimbria beschwor ihn, durch seinen Beistand ihm die Gefangennehmung
+des Königs möglich zu machen. Aber der Optimat war mächtiger in Lucullus als
+der Patriot; er segelte weiter, und der König entkam nach Mytilene. Auch so war
+Mithradates&rsquo; Lage bedrängt genug. Am Ende des Jahres 669 (85) war Europa
+verloren, Kleinasien gegen ihn teils im Aufstand begriffen, teils von einem
+römischen Heer eingenommen und er selbst von diesem in unmittelbarer Nähe
+bedroht. Die römische Flotte unter Lucullus hatte an der Küste der troischen
+Landschaft in zwei glücklichen Seegefechten am Vorgebirg Lekton und bei der
+Insel Tenedos ihre Stellung behauptet; sie zog daselbst die inzwischen nach
+Sullas Anordnung in Thessalien erbauten Schiffe an sich und verbürgte in ihrer
+den Hellespont beherrschenden Stellung dem Feldherrn der römischen Senatsarmee
+für das nächste Frühjahr den sicheren und bequemen Übergang nach Asien.
+</p>
+
+<p>
+Mithradates versuchte zu unterhandeln. Unter anderen Verhältnissen zwar hätte
+der Urheber des ephesischen Mordedikts nie und nimmermehr hoffen dürfen, zum
+Frieden mit Rom gelassen zu werden; allein bei den inneren Konvulsionen der
+römischen Republik, wo die herrschende Regierung den gegen Mithradates
+ausgesandten Feldherrn in die Acht erklärt hatte und daheim gegen seine
+Parteigenossen in der grauenhaftesten Weise wütete, wo ein römischer General
+gegen den andern und doch wieder beide gegen denselben Feind standen, hoffte er
+nicht bloß einen Frieden, sondern einen günstigen Frieden erlangen zu können.
+Er hatte die Wahl, sich an Sulla oder an Fimbria zu wenden; mit beiden ließ er
+unterhandeln, doch scheint seine Absicht von Haus aus gewesen zu sein, mit
+Sulla abzuschließen, der wenigstens in dem Horizont des Königs als seinem
+Nebenbuhler entschieden überlegen erschien. Sein Feldherr Archelaos forderte
+nach Anweisung seines Herrn Sulla auf, Asien an den König abzutreten und dafür
+die Hilfe desselben gegen die demokratische Partei in Rom zu gewärtigen. Aber
+Sulla, kühl und klar wie immer, wünschte zwar wegen der Lage der Dinge in
+Italien dringend die schleunige Erledigung der asiatischen Angelegenheiten,
+schlug aber die Vorteile der kappadokischen Allianz für den ihm in Italien
+bevorstehenden Krieg sehr niedrig an und war überhaupt viel zu sehr Römer, um
+in eine so entehrende und so nachteilige Abtretung zu willigen. In den
+Friedenskonferenzen, die im Winter 669/70 (85/84) zu Delion an der böotischen
+Küste, Euböa gegenüber, stattfanden, weigerte er sich bestimmt, auch nur einen
+Fußbreit Landes abzutreten, ging aber, der alten römischen Sitte, die vor dem
+Kampfe erhobenen Forderungen nach dem Siege nicht zu steigern, aus gutem Grunde
+getreu, über die früher gestellten Bedingungen nicht hinaus. Er forderte die
+Rückgabe aller von dem König gemachten und ihm noch nicht wiederentrissenen
+Eroberungen, Kappadokiens, Paphlagoniens, Galatiens, Bithyniens, Kleinasiens
+und der Inseln, die Auslieferung der Gefangenen und Überläufer, die Übergabe
+der achtzig Kriegsschiffe des Archelaos zur Verstärkung der immer noch geringen
+römischen Flotte, endlich Sold und Verpflegung für das Heer und Ersatz der
+Kriegskosten mit der sehr mäßigen Summe von 3000 Talenten (4¾ Mill. Taler). Die
+nach dem Schwarzen Meer weggeführten Chier sollten heimgesandt, den römisch
+gesinnten Makedoniern ihre weggeführten Familien zurückgegeben, den mit Rom
+verbündeten Städten eine Anzahl Kriegsschiffe zugestellt werden. Von Tigranes,
+der streng genommen gleichfalls mit in den Frieden hätte eingeschlossen werden
+sollen, schwieg man auf beiden Seiten, da an den endlosen Weiterungen, die
+seine Beiziehung machen mußte, keinem der kontrahierenden Teile gelegen war.
+Der Besitzstand also, den der König vor dem Kriege gehabt hatte, blieb ihm und
+es ward ihm keine ehrenkränkende Demütigung angesonnen ^11. Archelaos, deutlich
+erkennend, daß verhältnismäßig unerwartet viel erreicht und mehr nicht zu
+erreichen sei, schloß auf diese Bedingungen die Präliminarien und den
+Waffenstillstand ab und zog die Truppen aus den Plätzen heraus, die die Asiaten
+noch in Europa innehatten. Allein Mithradates verwarf den Frieden und begehrte
+wenigstens, daß die Römer auf die Auslieferung der Kriegsschiffe verzichten und
+ihm Paphlagonien einräumen wollten; indem er zugleich geltend machte, daß
+Fimbria ihm weit günstigere Bedingungen zu gewähren bereit sei. Sulla,
+beleidigt durch dies Gleichstellen seiner Anerbietungen mit denen eines
+amtlosen Abenteurers und bei dem äußersten Maß der Nachgiebigkeit bereits
+angelangt, brach die Unterhandlungen ab. Er hatte die Zwischenzeit benutzt, um
+Makedonien wiederzuordnen und die Dardaner, Sinter, Mäder zu züchtigen, wobei
+er zugleich seinem Heer Beute verschaffte und sich Asien näherte; denn dahin zu
+gehen war er auf jeden Fall entschlossen, um mit Fimbria abzurechnen. Nun
+setzte er sofort seine in Thrakien stehenden Legionen sowie seine Flotte in
+Bewegung nach dem Hellespont. Da endlich gelang es Archelaos, seinem
+eigensinnigen Herrn die widerstrebende Einwilligung zu dem Traktat zu
+entreißen; wofür er später am königlichen Hofe als der Urheber des nachteiligen
+Friedens scheel angesehen, ja des Verrats bezichtigt ward, so daß einige Zeit
+nachher er sich genötigt sah, das Land zu räumen und zu den Römern zu flüchten,
+die ihn bereitwillig aufnahmen und mit Ehren überhäuften. Auch die römischen
+Soldaten murrten; daß die gehoffte asiatische Kriegsbeute ihnen entging, mochte
+dazu freilich mehr beitragen als der an sich wohl gerechtfertigte Unwille, daß
+man den Barbarenfürsten, der achtzigtausend ihrer Landsleute ermordet und über
+Italien und Asien unsägliches Elend gebracht hatte, mit dem größten Teil der in
+Asien zusammengeplünderten Schätze ungestraft abziehen ließ in seine Heimat.
+Sulla selbst mag es schmerzlich empfunden haben, daß die politischen
+Verwicklungen seine militärisch so einfache Aufgabe in peinlichster Weise
+durchkreuzten und ihn zwangen, nach solchen Siegen sich mit einem solchen
+Frieden zu begnügen. Indes zeigt sich die Selbstverleugnung und die Einsicht,
+mit der er diesen ganzen Krieg geführt hat, nur aufs neue in diesem
+Friedensschluß; denn der Krieg gegen einen Fürsten, dem fast die ganze Küste
+des Schwarzen Meeres gehorchte und dessen Starrsinn noch die letzten
+Verhandlungen deutlich offenbarten, nahm selbst im günstigsten Fall Jahre in
+Anspruch, und die Lage Italiens war von der Art, daß es fast schon für Sulla zu
+spät schien, um mit den wenigen Legionen, die er besaß, der dort regierenden
+Partei entgegenzutreten ^12. Indes bevor dies geschehen konnte, war es
+schlechterdings notwendig, den kecken Offizier niederzuwerfen, der in Asien an
+der Spitze der demokratischen Armee stand, damit derselbe nicht, wie Sulla
+jetzt von Asien aus die. italische Revolution zu unterdrücken hoffte, so
+dereinst ebenfalls von Asien aus derselben zu Hilfe komme. Bei Kypsela am
+Hebros erreichte Sulla die Nachricht von der Ratifikation des Friedens durch
+Mithradates; allein der Marsch nach Asien ging weiter. Der König, hieß es,
+wünsche persönlich mit dem römischen Feldherrn zusammenzutreffen und den
+Frieden mit ihm zu vereinbaren; vermutlich war dies nichts als ein schicklicher
+Vorwand, um das Heer nach Asien überzuführen und dort mit Fimbria ein Ende zu
+machen. So überschritt Sulla, begleitet von seinen Legionen und von Archelaos,
+den Hellespont; nachdem er am asiatischen Ufer desselben in Dardanos mit
+Mithradates zusammengetroffen war und mündlich den Vertrag abgeschlossen hatte,
+ließ er den Marsch fortsetzen, bis er bei Thyateira unweit Pergamon auf das
+Lager des Fimbria traf. Hart an demselben schlug er das seinige auf. Die
+Sullanischen Soldaten, an Zahl, Zucht, Führung und Tüchtigkeit den Fimbrianern
+weit überlegen, sahen mit Verachtung auf die verzagten und demoralisierten
+Haufen und deren unberufenen Oberfeldherrn. Die Desertionen unter den
+Fimbrianern wurden immer zahlreicher. Als Fimbria anzugreifen befahl, weigerten
+die Soldaten sich, gegen ihre Mitbürger zu fechten, ja sogar den geforderten
+Eid, treulich im Kampf zusammenzustehen, in seine Hände abzulegen. Ein
+Mordversuch auf Sulla schlug fehl; zu der von Fimbria erbetenen Zusammenkunft
+erschien Sulla nicht, sondern begnügte sich, ihm durch einen seiner Offiziere
+eine Aussicht auf persönliche Rettung zu eröffnen. Fimbria war eine frevelhafte
+Natur, aber keine Memme; statt das von Sulla ihm angebotene Schiff anzunehmen
+und zu den Barbaren zu fliehen, ging er nach Pergamon und fiel im Tempel des
+Asklepios in sein eigenes Schwert. Die kompromittiertesten aus seinem Heer
+begaben sich zu Mithradates oder zu den Piraten, wo sie bereitwillige Aufnahme
+fanden; die Masse stellte sich unter die Befehle Sullas.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^11 Die Angabe, daß Mithradates den Städten, die seine Partei ergriffen hatten
+im Frieden Straflosigkeit ausbedungen habe (Memn. 35), erscheint schon nach dem
+Charakter des Siegers wie des Besiegten wenig glaublich und fehlt auch bei
+Appian wie bei Licinianus. Die schriftliche Abfassung des Friedensvertrages
+ward versäumt, was später zu vielen Entstellungen benutzt ward.
+</p>
+
+<p>
+^12 Auch die armenische Tradition kennt den Ersten Mithradatischen Krieg. König
+Ardasches von Armenien, berichtet Moses von Khorene, begnügte sich nicht mit
+dem zweiten Rang, der ihm im Persischen (Parthischen) Reich von Rechts wegen
+zukam, sondern zwang den Partherkönig Arschagan, ihm die höchste Gewalt
+abzutreten, worauf er in Persien sich einen Palast bauen und daselbst Münzen
+mit eigenem Bildnis schlagen ließ und den Arschagan zum Unterkönig Persiens,
+seinen Sohn Dicran (Tigranes) zum Unterkönig Armeniens bestellte, seine Tochter
+Ardaschama aber vermählte mit dem Großfürsten der Iberer Mihrdates
+(Mithradates), der von dem Mihrdates, Satrapen des Dareios und Statthalters
+Alexanders über die besiegten Iberer, abstammte und in den nördlichen Bergen
+sowie über das Schwarze Meer befahl. Ardasches nahm darauf den König der Lydier
+Krösos gefangen, unterwarf das Festland zwischen den beiden großen Meeren
+(Kleinasien) und ging über das Meer mit unzähligen Schiffen, um den Westen zu
+bezwingen. Da in Rom damals Anarchie war, fand er nirgends ernstlichen
+Widerstand, aber seine Soldaten brachten einander um und Ardasches fiel von der
+Hand seiner Leute. Nach Ardasches&rsquo; Tode rückte sein Nachfolger Dicran
+gegen die Armee der Griechen (d. i. der Römer), die jetzt ihrerseits in das
+armenische Land eindrangen; er setzte ihrem Vordringen ein Ziel, übergab seinem
+Schwager Mithradates die Verwaltung von Madschag (Mazaka in Kappadokien) und
+des Binnenlandes nebst einer ansehnlichen Streitmacht und kehrte zurück nach
+Armenien. Viele Jahre später zeigte man noch in den armenischen Städten Statuen
+griechischer Götter von bekannten Meistern, Siegeszeichen aus diesem Feldzug.
+</p>
+
+<p>
+Man erkennt hier verschiedene Tatsachen des Ersten Mithradatischen Kriegs ohne
+Mühe wieder, aber die ganze Erzählung ist augenscheinlich
+durcheinandergeworfen, mit fremdartigen Zusätzen ausgestattet und namentlich
+durch patriotische Fälschung auf Armenien übertragen. Ganz ebenso wird später
+der Sieg über Crassus den Armeniern beigelegt. Diese orientalischen Nachrichten
+sind mit um so größerer Vorsicht aufzunehmen, als sie keineswegs reine
+Volkssage sind, sondern teils die Nachrichten des Josephus, Eusebius und
+anderer, den Christen des fünften Jahrhunderts geläufiger Quellen darin mit den
+armenischen Traditionen verschmolzen, teils auch die historischen Romane der
+Griechen und ohne Frage auch die eigenen patriotischen Phantasien des Moses
+dafür ansehnlich in Kontribution gesetzt sind. So schlecht unsere
+okzidentalische Überlieferung an sich ist, so kann die Zuziehung der
+orientalischen in diesem und in ähnlichen Fällen, wie zum Beispiel der
+unkritische Saint-Martin sie versucht hat, doch nur dahin führen, sie noch
+stärker zu trüben.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Sulla beschloß, diese beiden Legionen, denen er für den bevorstehenden Krieg
+doch nicht traute, in Asien zurückzulassen, wo die entsetzliche Krise noch
+lange in den einzelnen Städten und Landschaften nachzitterte. Das Kommando über
+dieses Korps und die Statthalterschaft im römischen Asien übergab er seinem
+besten Offizier Lucius Licinius Murena. Die revolutionären Maßregeln
+Mithradats, wie die Befreiung der Sklaven und die Kassation der Forderungen,
+wurden natürlich aufgehoben; eine Restauration, die freilich an vielen Orten
+nicht ohne Waffengewalt durchgesetzt werden konnte. Die Städte des östlichen
+Grenzgebiets unterlagen einer durchgreifenden Reorganisation und rechneten seit
+dem Jahre 670 (84) als dem ihrer Konstituierung. Es ward ferner Gerechtigkeit
+geübt, wie die Sieger sie verstanden. Die namhaftesten Anhänger Mithradats und
+die Urheber der an den Italikern verübten Mordtaten traf die Todesstrafe. Die
+Steuerpflichtigen mußten die sämtlichen von den letzten fünf Jahren her
+rückständigen Zehnten und Zölle sofort nach Abschätzung bar erlegen; außerdem
+hatten sie eine Kriegsentschädigung von 20000 Talenten (32 Mill. Talern) zu
+entrichten, zu deren Eintreibung Lucius Lucullus zurückblieb. Es waren die
+Maßregeln von furchtbarer Strenge und schrecklichen Folgen; wenn man sich indes
+des ephesischen Dekrets und seiner Exekution erinnert, so fühlt man sich
+geneigt, dieselben als eine verhältnismäßig noch gelinde Vergeltung zu
+betrachten. Daß die sonstigen Erpressungen nicht ungewöhnlich drückend waren,
+beweist der Betrag der später im Triumph aufgeführten Beute, der an edlem
+Metall sich nur auf etwa 8 Mill. Taler belief. Die wenigen treugebliebenen
+Gemeinden dagegen, namentlich die Insel Rhodos, die lykische Landschaft,
+Magnesia am Mäander wurden reich belohnt; Rhodos erhielt wenigstens einen Teil
+der nach dem Kriege gegen Perseus ihm entzogenen Besitzungen zurück.
+Desgleichen wurden die Chier für die ausgestandene Not, die Ilienser für die
+wahnsinnig grausame Mißhandlung, die ihnen Fimbria wegen der mit Sulla
+angeknüpften Verhandlungen zugefügt hatte, nach Möglichkeit durch Freibriefe
+und Vergünstigungen entschädigt. Die Könige von Bithynien und Kappadokien hatte
+Sulla schon in Dardanos mit dem pontischen König zusammengeführt und sie alle
+Frieden und gute Nachbarschaft geloben lassen; wobei freilich der stolze
+Mithradates sich geweigert hatte, den nicht von königlichem Blute stammenden
+Ariobarzanes, den Sklaven, wie er ihn nannte, persönlich vor sich zu lassen.
+Gaius Scribonius Curio ward beauftragt, in den beiden von Mithradates geräumten
+Reichen die Wiederherstellung der gesetzlichen Zustände zu überwachen.
+</p>
+
+<p>
+So war man am Ziel. Nach vier Kriegsjahren war der pontische König wieder ein
+Klient der Römer und in Griechenland, Makedonien und Kleinasien ein
+einheitliches und geordnetes Regiment wiederhergestellt; die Gebote des
+Vorteils und der Ehre waren, wo nicht zur Genüge, doch zur Notdurft befriedigt.
+Sulla hatte nicht bloß als Soldat und Feldherr glänzend sich hervorgetan,
+sondern die schwere Mittelstraße zwischen kühnem Ausharren und klugem Nachgeben
+auf seinem von tausendfachen Hindernissen durchkreuzten Gange einzuhalten
+verstanden. Fast wie Hannibal hatte er gekriegt und gesiegt, um mit den
+Streitkräften, die der erste Sieg ihm gab, alsbald zu einem zweiten und
+schwereren Kampfe sich zu schicken. Nachdem er seine Soldaten durch die üppigen
+Winterquartiere in dem reichen Vorderasien einigermaßen für ihre ausgestandenen
+Strapazen entschädigt hatte, ging er im Frühjahr 671 (83) auf 1600 Schiffen von
+Ephesos nach dem Peiräeus und von da auf dem Landweg nach Paträ, wo die Schiffe
+wiederum bereit standen, um die Truppen nach Brundisium zu führen. Ihm vorauf
+ging ein Bericht an den Senat über seine Feldzüge in Griechenland und Asien,
+dessen Schreiber von seiner Absetzung nichts zu wissen schien; es war die
+stumme Ankündigung der bevorstehenden Restauration.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap09"></a>KAPITEL IX.<br/>
+Cinna und Sulla</h2>
+
+<p>
+Die gespannten und unklaren Verhältnisse, in denen Sulla bei seiner Abfahrt
+nach Griechenland im Anfang des Jahres 667 (87) Italien zurückließ, sind früher
+dargelegt worden: die halb erstickte Insurrektion, die Hauptarmee unter dem
+mehr als halb usurpierten Kommando eines politisch sehr zweideutigen Generals,
+die Verwirrung und die vielfach tätige Intrige in der Hauptstadt. Der Sieg der
+Oligarchie durch Waffengewalt hatte trotz oder wegen seiner Mäßigung
+vielfältige Mißvergnügte gemacht. Die Kapitalisten, von den Schlägen der
+schwersten Finanzkrise, die Rom noch erlebt hatte, schmerzlich getroffen,
+grollten der Regierung wegen des Zinsgesetzes, das sie erlassen, und wegen des
+Italischen und des Asiatischen Krieges, die sie nicht verhütet hatte. Die
+Insurgenten, soweit sie die Waffen niedergelegt, beklagten nicht bloß den
+Verlust ihrer stolzen Hoffnungen auf Erlangung gleicher Rechte mit der
+herrschenden Bürgerschaft, sondern auch den ihrer althergebrachten Verträge und
+ihre neue völlig rechtlose Untertanenstellung. Die Gemeinden zwischen Alpen und
+Po waren ebenfalls unzufrieden mit den ihnen gemachten halben Zugeständnissen
+und die Neubürger und Freigelassenen erbittert durch die Kassation der
+Sulpicischen Gesetze. Der Stadtpöbel litt unter der allgemeinen Bedrängnis und
+fand es unerlaubt, daß das Säbelregiment sich die verfassungsmäßige
+Knüttelherrschaft nicht ferner hatte wollen gefallen lassen. Der
+hauptstädtische Anhang der nach der Sulpicischen Umwälzung Geächteten, der
+infolge der ungemeinen Mäßigung Sullas sehr zahlreich geblieben war, arbeitete
+eifrig daran, diesen die Erlaubnis zur Rückkehr zu erwirken; namentlich einige
+reiche und angesehene Frauen sparten für diesen Zweck keine Mühe und kein Geld.
+Keine dieser Verstimmungen war eigentlich von der Art, daß sie einen neuen
+gewaltsamen Zusammenstoß der Parteien in nahe Aussicht stellte; größtenteils
+waren sie zielloser und vorübergehender Art: aber sie alle nährten das
+allgemeine Mißbehagen und hatten schon mehr oder minder mitgewirkt bei der
+Ermordung des Rufus, den wiederholten Mordversuchen gegen Sulla, dem zum Teil
+oppositionellen Ausfall der Konsul- und Tribunenwahlen für 667 (87). Der Name
+des Mannes, den die Mißvergnügten an die Spitze des Staats berufen hatten, des
+Lucius Cornelius Cinna, war bis dahin kaum genannt worden, außer insofern er
+als Offizier im Bundesgenossenkrieg sich gut geschlagen hatte; über die
+Persönlichkeit desselben und seine ursprünglichen Absichten sind wir weniger
+unterrichtet als über die irgendeines andern Parteiführers in der römischen
+Revolution. Die Ursache ist allem Anschein nach keine andere, als daß dieser
+ganz gemeine und durch den niedrigsten Egoismus geleitete Gesell weitergehende
+politische Pläne von Haus aus gar nicht gehabt hat. Es ward gleich bei seinem
+Auftreten behauptet, daß er gegen ein tüchtiges Stück Geld sich den Neubürgern
+und der Koterie des Marius verkauft habe, und die Beschuldigung sieht sehr
+glaublich aus; wäre sie aber auch falsch, so bleibt es nichtsdestoweniger
+charakteristisch, daß ein derartiger Verdacht, wie er nie gegen Saturninus und
+Sulpicius geäußert worden war, an Cinna haftete. In der Tat hat die Bewegung,
+an deren Spitze er sich stellte, ganz den Anschein der Geringhaltigkeit sowohl
+der Beweggründe wie der Ziele. Sie ging nicht so sehr von einer Partei aus als
+von einer Anzahl Mißvergnügter ohne eigentlich politische Zwecke und
+nennenswerten Rückhalt, die hauptsächlich die Rückberufung der Verbannten in
+gesetzlicher oder ungesetzlicher Weise durchzusetzen sich vorgenommen hatte.
+Cinna scheint in die Verschwörung nur nachträglich und nur deshalb
+hineingezogen zu sein, weil die Intrige, die infolge der Beschränkung der
+tribunizischen Gewalt zur Vorbringung ihrer Anträge einen Konsul brauchte,
+unter den Konsularkandidaten für 667 (87) in ihm das geeignetste Werkzeug ersah
+und dann ihn als den Konsul vorschob. Unter den in zweiter Linie erscheinenden
+Leitern der Bewegung fanden sich einige fähigere Köpfe, so der Volkstribun
+Gnaeus Papirius Carbo, der durch seine stürmische Volksberedsamkeit sich einen
+Namen gemacht hatte, und vor allem Quintus Sertorius, einer der talentvollsten
+römischen Offiziere und in jeder Hinsicht ein vorzüglicher Mann, welcher seit
+seiner Bewerbung um das Volkstribunat mit Sulla persönlich verfeindet und durch
+diesen Hader in die Reihen der Mißvergnügten geführt worden war, wohin er
+seiner Art nach keineswegs gehörte. Der Prokonsul Strabo, obwohl mit der
+Regierung gespannt, war dennoch weit entfernt, mit dieser Fraktion sich
+einzulassen.
+</p>
+
+<p>
+Solange Sulla in Italien stand, hielten die Verbündeten aus guten Gründen sich
+still. Als indes der gefürchtete Prokonsul, nicht den Mahnungen des Konsuls
+Cinna, sondern dem dringenden Stand der Dinge im Osten nachgebend, sich
+eingeschifft hatte, legte Cinna, unterstützt von der Majorität des
+Tribunenkollegiums, sofort die Gesetzentwürfe vor, wodurch man übereingekommen
+war, gegen die Sullanische Restauration von 666 (88) teilweise zu reagieren;
+sie enthielten die politische Gleichstellung der Neubürger und der
+Freigelassenen, wie Sulpicius sie beantragt hatte, und die Wiedereinsetzung der
+infolge der Sulpicischen Revolution Geächteten in den vorigen Stand. In Masse
+strömten die Neubürger nach der Hauptstadt, um dort mit den Freigelassenen
+zugleich die Gegner einzuschüchtern und nötigenfalls zu zwingen. Aber auch die
+Regierungspartei war entschlossen, nicht zu weichen; es stand Konsul gegen
+Konsul, Gnaeus Octavius gegen Lucius Cinna, und Tribun gegen Tribun;
+beiderseits erschien man am Tage der Abstimmung großenteils bewaffnet auf dem
+Stimmplatz. Die Tribune von der Senatspartei legten Interzession ein; als gegen
+sie auf der Rednerbühne selbst die Schwerter gezückt wurden, brauchte Octavius
+gegen die Gewalttäter Gewalt. Seine geschlossenen Haufen bewaffneter Männer
+säuberten nicht bloß die Heilige Straße und den Marktplatz, sondern wüteten
+auch, der Befehle ihres milder gesinnten Führers nicht achtend, in grauenhafter
+Weise gegen die versammelten Massen. Der Marktplatz schwamm in Blut an diesem
+&ldquo;Octaviustag&rdquo;, wie niemals vor- oder nachher - auf zehntausend
+schätzte man die Zahl der Leichen. Cinna rief die Sklaven auf, sich durch
+Teilnahme an dem Kampf die Freiheit zu erkaufen; aber sein Ruf war ebenso
+erfolglos wie der gleiche des Marius das Jahr zuvor, und es blieb den Führern
+der Bewegung nichts übrig, als zu flüchten. Weiter gegen die Häupter der
+Verschwörung, solange ihr Amtsjahr lief, zu verfahren gab die Verfassung kein
+Mittel an die Hand. Allein ein vermutlich mehr loyaler als frommer Prophet
+hatte geweissagt, daß die Verbannung des Konsuls Cinna und der sechs mit ihm
+haltenden Volkstribune dem Lande Frieden und Ruhe wiedergeben werde; und in
+Gemäßheit zwar nicht der Verfassung, aber wohl dieses glücklich von den
+Orakelbewahrern aufgefangenen Götterratschlags wurde durch Beschluß des Senats
+der Konsul Cinna seines Amtes entsetzt, an seiner Stelle Lucius Cornelius
+Merula gewählt und gegen die flüchtigen Häupter die Acht ausgesprochen. Die
+ganze Krise schien damit endigen zu sollen, daß die Zahl der ausgetretenen
+Männer in Numidien um einige Köpfe sich vermehrte.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Zweifel wäre auch bei der Bewegung nichts weiter herausgekommen, wenn
+nicht teils der Senat in seiner gewöhnlichen Schlaffheit es unterlassen hätte,
+die Flüchtlinge rasch wenigstens zur Räumung Italiens zu nötigen, teils diese
+in der Lage gewesen wären, zu ihren Gunsten als der Verfechter der Emanzipation
+der Neubürger gewissermaßen den Aufstand der Italiker zu erneuern. Ungehindert
+erschienen sie in Tibur, in Praeneste, in allen bedeutenden Neubürgergemeinden
+Latiums und Kampaniens und forderten und erhielten überall zur Durchführung der
+gemeinschaftlichen Sache Geld und Mannschaft. So unterstützt zeigten sie sich
+bei der Belagerungsarmee von Nola. Die Heere dieser Zeit waren demokratisch und
+revolutionär gesinnt, wo immer nicht der Feldherr durch seine imponierende
+Persönlichkeit sie an sich selber fesselte; die Reden der flüchtigen Beamten,
+die überdies zum Teil, wie namentlich Cinna und Sertorius, aus den letzten
+Feldzügen in gutem Andenken bei den Soldaten standen, machten tiefen Eindruck;
+die verfassungswidrige Absetzung des popularen Konsuls, der Eingriff des Senats
+in die Rechte des souveränen Volkes wirkten auf den gemeinen Mann, und den
+Offizieren machte das Gold des Konsuls oder vielmehr der Neubürger den
+Verfassungsbruch deutlich. Das kampanische Heer erkannte den Cinna als Konsul
+an und schwor ihm Mann für Mann den Eid der Treue; es ward der Kern für die von
+den Neubürgern und selbst den bundesgenössischen Gemeinden herbeiströmenden
+Scharen. Bald bewegten ansehnliche, wenn auch meistens aus Rekruten bestehende
+Haufen sich von Kampanien auf die Hauptstadt zu. Andere Schwärme nahten ihr von
+Norden. Auf Cinnas Einladung waren die das Jahr zuvor Verbannten bei Telamon an
+der etruskischen Küste gelandet. Es waren nicht mehr als etwa 500 Bewaffnete,
+größtenteils Sklaven der Flüchtlinge und geworbene numidische Reiter; aber
+Gaius Marius, wie er das Jahr zuvor mit dem hauptstädtischen Gesindel hatte
+Gemeinschaft machen wollen, ließ jetzt die Zwinghäuser erbrechen, in denen die
+Gutsbesitzer dieser Gegend ihre Feldarbeiter zur Nachtzeit einschlossen, und
+die Waffen, die er diesen bot, um sich die Freiheit zu erfechten, wurden nicht
+verschmäht. Durch diese Mannschaft und die Zuzüge der Neubürger sowie der von
+allen Seiten mit ihrem Anhang herbeiströmenden landflüchtigen Leute verstärkt,
+zählte er bald 6000 Mann unter seinen Adlern und konnte vierzig Schiffe
+bemannen, die sich vor die Tibermündung legten und auf die nach Rom segelnden
+Getreideschiffe Jagd machten. Mit diesen stellte er sich dem
+&ldquo;Konsul&rdquo; Cinna zur Verfügung. Die Führer der kampanischen Armee
+schwankten; die einsichtigeren, namentlich Sertorius, warnten ernstlich vor der
+allzuengen Gemeinschaft mit einem Manne, der durch seinen Namen an die Spitze
+der Bewegung geführt werden mußte und doch notorisch ebenso jedes
+staatsmännischen Handelns unfähig wie von wahnsinnigem Rachedurst gepeinigt
+war; indes Cinna achtete diese Bedenklichkeiten nicht und bestätigte dem Marius
+den Oberbefehl in Etrurien und zur See mit prokonsularischer Gewalt.
+</p>
+
+<p>
+So zog sich das Gewitter um die Hauptstadt zusammen, und es konnte nicht länger
+verschoben werden, zu ihrem Schutz die Regierungstruppen heranzuziehen ^1. Aber
+die Streitkräfte des Metellus wurden in Samnium und vor Nola durch die Italiker
+festgehalten; Strabo allein war imstande, der Hauptstadt zu Hilfe zu eilen. Er
+erschien auch und schlug sein Lager am Collinischen Tor; mit seiner starken und
+krieggewohnten Armee wäre er wohl imstande gewesen, die noch schwachen
+Insurgentenhaufen rasch und völlig zu vernichten; allein dies schien nicht in
+seiner Absicht zu liegen. Vielmehr ließ er es geschehen, daß Rom von den
+Insurgenten in der Tat umstellt ward. Cinna mit seinem Korps und dem des Carbo
+stellten sich am rechten Tiberufer dem Ianiculum gegenüber auf, Sertorius am
+linken, Pompeius gegenüber gegen den Servianischen Wall zu. Marius, mit seinem
+allmählich auf drei Legionen angewachsenen Haufen und im Besitz einer Anzahl
+von Kriegsschiffen, besetzte einen Küstenplatz nach dem andern, bis zuletzt
+sogar Ostia durch Verrat in seine Gewalt kam und, gleichsam zum Vorspiel der
+herannahenden Schreckensherrschaft, der wilden Bande von dem Feldherrn zu Mord
+und Plünderung preisgegeben ward. Die Hauptstadt schwebte, schon durch die
+bloße Hemmung des Verkehrs, in großer Gefahr; auf Befehl des Senats wurden
+Mauern und Tore in Verteidigungszustand gesetzt und das Bürgeraufgebot auf das
+Ianiculum befehligt. Strabos Untätigkeit erregte bei Vornehmen und Geringen
+gleichmäßig Befremden und Entrüstung. Der Verdacht, daß er mit Cinna insgeheim
+unterhandle, lag nahe, war indes wahrscheinlich unbegründet; ein ernstliches
+Gefecht, das er dem Haufen des Sertorius lieferte, und die Unterstützung, die
+er dem Konsul Octavius gewährte, als Marius durch Einverständnis mit einem der
+Offiziere der Besatzung in das Ianiculum eingedrungen war, und durch die es in
+der Tat gelang, die Insurgenten mit starkem Verlust wieder hinauszuschlagen,
+bewiesen es, daß er nichts weniger beabsichtigte, als sich den
+Insurgentenführern anzuschließen oder vielmehr unterzuordnen. Vielmehr scheint
+seine Absicht gewesen zu sein, der geängsteten hauptstädtischen Regierung und
+Bürgerschaft seinen Beistand gegen die Insurrektion um den Preis des Konsulats
+für das nächste Jahr zu verkaufen und damit das Heft des Regiments selber in
+die Hände zu bekommen. Der Senat war indes nicht geneigt, um dem einen
+Usurpator zu entgehen, sich dem andern in die Arme zu werfen, und suchte sich
+anderweitig zu helfen. Den sämtlichen, an dem Aufstand der Bundesgenossen
+beteiligten italischen Gemeinden, die die Waffen niedergelegt und infolgedessen
+ihr altes Bündnis eingebüßt hatten, wurde durch Senatsbeschluß nachträglich das
+Bürgerrecht verliehen 2. Es schien gleichsam offiziell konstatiert werden zu
+sollen, daß Rom in dem Krieg gegen die Italiker seine Existenz nicht um eines
+großen Zweckes, sondern um der eigenen Eitelkeit willen eingesetzt hatte: in
+der ersten augenblicklichen Verlegenheit wurde, um ein paar tausend Soldaten
+mehr auf die Beine zu bringen, alles aufgeopfert, was in dem
+Bundesgenossenkrieg um so fürchterlich teuren Preis errungen worden war. In der
+Tat kamen auch Truppen aus den Gemeinden, denen diese Nachgiebigkeit zugute
+kam; aber statt der versprochenen vielen Legionen betrug ihr Zuzug im ganzen
+nicht mehr als höchstens zehntausend Mann. Wichtiger noch wäre es gewesen, mit
+den Samniten und Nolanern zu einem Abkommen zu gelangen, um die Truppen des
+durchaus zuverlässigen Metellus zum Schutze der Hauptstadt verwenden zu können.
+Allein die Samniten stellten Forderungen, die an das Caudinische Joch
+erinnerten: Rückgabe des den Samniten abgenommenen Beuteguts und ihrer
+Gefangenen und Überläufer; Verzicht auf die samnitischerseits den Römern
+entrissene Beute; Bewilligung des Bürgerrechts an die Samniten selbst sowie an
+die zu ihnen übergetretenen Römer. Der Senat verwarf selbst in dieser Not so
+entehrende Friedensbedingungen, wies aber den noch den Metellus an, mit
+Zurücklassung einer kleinen Abteilung alle im südlichen Italien irgend
+entbehrlichen Truppen schleunigst selber nach Rom zu führen. Er gehorchte; aber
+die Folge war, daß die Samniten den gegen sie zurückgelassenen Legaten des
+Metellus Plautius mit seinem schwachen Haufen angriffen und schlugen, daß die
+nolanische Besatzung ausrückte und die benachbarte, mit Rom verbündete Stadt
+Abella in Brand steckte; daß ferner Cinna und Marius den Samniten alles
+bewilligten, was sie begehrten - was lag ihnen an römischer Ehre! -und
+samnitischer Zuzug die Reihen der Insurgenten verstärkte. Ein empfindlicher
+Verlust war es auch, daß nach einem für die Regierungstruppen unglücklichen
+Gefecht Ariminum von den Insurgenten besetzt und dadurch die wichtige
+Verbindung zwischen Rom und dem Potal, von wo Mannschaft und Zufuhren erwartet
+wurden, unterbrochen ward. Mangel und Hunger stellten sich ein. Die große
+volkreiche, stark mit Truppen besetzte Stadt war nur ungenügend mit Vorräten
+versehen; und namentlich Marius ließ es sich angelegen sein, ihr die Zufuhr
+mehr und mehr abzuschneiden. Schon früher hatte er den Tiber durch eine
+Schiffbrücke gesperrt; jetzt brachte er durch die Eroberung von Antium,
+Lanuvium, Aricia und anderen Ortschaften die noch offenen Landverbindungswege
+in seine Gewalt und kühlte zugleich vorläufig seine Rache, indem er, wo immer
+Gegenwehr geleistet worden war, die gesamte Bürgerschaft mit Ausnahme derer,
+die etwa die Stadt ihm verraten hatten, über die Klinge springen ließ.
+Ansteckende Krankheiten waren die Folge der Not und räumten in den dicht um die
+Hauptstadt zusammengedrängten Heermassen fürchterlich auf von Strabos
+Veteranenheer sollen 11000, von den Truppen des Octavius 6000 Mann denselben
+erlegen sein. Dennoch verzweifelte die Regierung nicht; und ein glückliches
+Ereignis für sie war Strabos plötzlicher Tod. Er starb an der Pest 3; die aus
+vielen Gründen gegen ihn erbitterten Massen rissen seinen Leichnam von der
+Bahre und schleiften ihn durch die Straßen. Was von seinen Truppen übrig war,
+vereinigte der Konsul Octavius mit seiner Armee. Nach Metellus&rsquo;
+Eintreffen und Strabos Abscheiden war die Regierungsarmee wieder ihren Gegnern
+wenigstens gewachsen und konnte am Albaner Gebirge gegen die Insurgenten zum
+Kampfe sich stellen. Allein die Gemüter der Regierungssoldaten waren tief
+erschüttert; als Cinna ihnen gegenüber erschien, empfingen sie ihn mit Zuruf,
+als wäre er noch ihr Feldherr und Konsul; Metellus fand es geraten, es nicht
+auf die Schlacht ankommen zu lassen, sondern die Truppen in das Lager
+zurückzuführen. Die Optimaten selbst wurden unsicher und unter sich uneins.
+Während eine Partei, an ihrer Spitze der ehrenwerte, aber störrige und
+kurzsichtige Konsul Octavius, sich beharrlich gegen jede Nachgiebigkeit setzte,
+versuchte der kriegskundigere und verständigere Metellus einen Vergleich
+zustande zu bringen; aber seine Zusammenkunft mit Cinna erregte den Zorn der
+Ultras beider Parteien: Cinna hieß dem Marius ein Schwächling, Metellus dem
+Octavius ein Verräter. Die Soldaten, ohnehin verstört und nicht ohne Ursache
+der Führung des unerprobten Octavius mißtrauend, sannen Metellus an, den
+Oberbefehl zu übernehmen, und begannen, da dieser sich weigerte, haufenweise
+die Waffen wegzuwerfen oder gar zum Feind zu desertieren. Die Stimmung der
+Bürgerschaft wurde täglich gedrückter und schwieriger. Auf den Ruf der Herolde
+Cinnas, daß den überlaufenden Sklaven die Freiheit zugesichert sei, strömten
+dieselben scharenweise aus der Hauptstadt in das feindliche Lager. Dem
+Vorschlage aber, daß der Senat den Sklaven, die in das Heer eintreten würden,
+die Freiheit zusichern solle, widersetzte Octavius sich entschieden. Die
+Regierung konnte es sich nicht verbergen, daß sie geschlagen war und daß nichts
+übrig blieb, als mit den Führern der Bande womöglich ein Abkommen zu treffen,
+wie der überwältigte Wanderer es trifft mit dem Räuberhauptmann. Boten gingen
+an Cinna; allein da sie törichterweise Schwierigkeiten machten, ihn als Konsul
+anzuerkennen und Cinna während dieser Weiterungen sein Lager hart vor die
+Stadttore verlegte, so griff das Überlaufen so sehr um sich, daß es nicht mehr
+möglich war, irgendwelche Bedingungen festzusetzen, sondern der Senat sich
+einfach dem in die Acht erklärten Konsul unterwarf, indem er nur die Bitte
+hinzufügte, des Blutvergießens sich zu enthalten. Cinna sagte es zu, aber
+weigerte sich, sein Versprechen eidlich zu bekräftigen; Marius, ihm zur Seite
+den Verhandlungen beiwohnend, verharrte in finsterem Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Die ganze folgende Darstellung beruht wesentlich auf dem neu aufgefundenen
+Bericht des Licinianus, der eine Anzahl früher unbekannter Tatsachen mitteilt
+und vor allem die Folge und Verknüpfung dieser Vorgänge deutlicher, als bisher
+möglich war, erkennen läßt.
+</p>
+
+<p>
+2 3, 258. Daß eine Bestätigung durch die Komitien nicht stattfand, geht aus
+Cic. Phil. 12, 11, 27 hervor. Der Senat scheint sich der Form bedient zu haben,
+die Frist des Plautisch-Papirischen Gesetzes einfach zu verlängern, was ihm
+nach Herkommen freistand und tatsächlich hinauslief auf Erteilung des
+Bürgerrechts an alle Italiker.
+</p>
+
+<p>
+3 Adflatus sidere wie Livius (nach Obsequens 56) sagt, heißt &ldquo;von der
+Pest ergriffen&rdquo; (Petr. 2; Plin. nat. 2, 41, 108; Liv. 8, 9, 12), nicht
+&ldquo;vom Blitz getroffen&rdquo;, wie die Späteren es mißverstanden haben.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die Tore der Hauptstadt öffneten sich. Der Konsul zog ein mit seinen Legionen;
+aber Marius, spöttisch erinnernd an das Achtgesetz, weigerte sich, die Stadt zu
+betreten, bevor das Gesetz es ihm gestatte, und eilig versammelten sich die
+Bürger auf dem Markt, um den kassierenden Beschluß zu fassen. So kam er denn
+und mit ihm die Schreckensherrschaft. Es war beschlossen, nicht einzelne Opfer
+auszuwählen, sondern die namhaften Männer der Optimatenpartei sämtlich
+niedermachen zu lassen und ihre Güter einzuziehen. Die Tore wurden gesperrt;
+fünf Tage und fünf Nächte währte unausgesetzt die Schlächterei; einzelne
+Entkommene oder Vergessene wurden auch nachher noch täglich erschlagen und
+monatelang ging die Blutjagd durch ganz Italien. Der Konsul Gnaeus Octavius war
+das erste Opfer. Seinem oft ausgesprochenen Grundsatz getreu, lieber den Tod zu
+leiden als den rechtlosen Leuten das geringste Zugeständnis zu machen, weigerte
+er auch jetzt sich zu fliehen, und im konsularischen Schmuck harrte er auf dem
+Ianiculum des Mörders, der nicht lange säumte. Es starben Lucius Caesar (Konsul
+644 90), der gefeierte Sieger von Acerrae; sein Bruder Gaius, dessen unzeitiger
+Ehrgeiz den Sulpicischen Tumult heraufbeschworen hatte, bekannt als Redner und
+Dichter und als liebenswürdiger Gesellschafter; Marcus Antonius (Konsul 665
+99), nach dem Tode des Lucius Crassus unbestritten der erste Sachwalter seiner
+Zeit; Publius Crassus (Konsul 657 97), der im Spanischen und im
+Bundesgenossenkrieg und noch während der Belagerung Roms mit Auszeichnung
+kommandiert hatte: überhaupt eine Menge der angesehensten Männer der
+Regierungspartei, unter denen von den gierigen Häschern namentlich die reichen
+mit besonderem Eifer verfolgt wurden. Jammervoll vor allen schien der Tod des
+Lucius Merula, der sehr wider seinen Wunsch Cinnas Nachfolger geworden war und
+nun deswegen peinlich angeklagt und vor die Komitien geladen, um der
+unvermeidlichen Verurteilung zuvorzukommen, sich die Adern öffnete und am Altar
+des Höchsten Jupiter, dessen Priester er war, nach Ablegung der priesterlichen
+Kopfbinde, wie es die religiöse Pflicht des sterbenden Flamen mit sich brachte,
+den Geist aushauchte; und mehr noch der Tod des Quintus Catulus (Konsul 652
+102), einst in besseren Tagen in dem herrlichsten Sieg und Triumph der Gefährte
+desselben Marius, der jetzt für die flehenden Verwandten seines alten Kollegen
+keine andere Antwort hatte als den einsilbigen Bescheid: &ldquo;Er muß
+sterben!&rdquo; Der Urheber all dieser Untaten war Gaius Marius. Er bezeichnete
+die Opfer und die Henker - nur ausnahmsweise ward, wie gegen Merula und
+Catulus, eine Rechtsform beobachtet; nicht selten war ein Blick oder das
+Stillschweigen, womit er die Begrüßenden empfing, das Todesurteil, das stets
+sofort vollstreckt ward. Selbst mit dem Tode des Opfers ruhte seine Rache
+nicht; er verbot, die Leichen zu bestatten; er ließ - worin freilich Sulla ihm
+vorangegangen war - die Köpfe der getöteten Senatoren an die Rednerbühne auf
+dem Marktplatz heften; einzelne Leichen ließ er über den Markt schleifen, die
+des Gaius Caesar an der Grabstätte des vermutlich einst von Caesar angeklagten
+Quintus Varius noch einmal durchbohren; er umarmte öffentlich den Menschen, der
+ihm, während er bei Tafel saß, den Kopf des Antonius überreichte, den selber in
+seinem Versteck aufzusuchen und mit eigener Hand umzubringen er kaum hatte
+abgehalten werden können. Hauptsächlich seine Sklavenlegionen, namentlich eine
+Abteilung Ardyäer, dienten ihm als Schergen und versäumten nicht, in diesen
+Saturnalien ihrer neuen Freiheit die Häuser ihrer ehemaligen Herren zu plündern
+und was ihnen darin vorkam, zu schänden und zu morden. Seine eigenen Genossen
+waren in Verzweiflung über dieses wahnsinnige Wüten; Sertorius beschwor den
+Konsul, demselben um jeden Preis Einhalt zu tun, und auch Cinna war
+erschrocken. Aber in Zeiten, wie diese waren, wird der Wahnsinn selbst eine
+Macht; man stürzt sich in den Abgrund, um vor dem Schwindel sich zu retten. Es
+war nicht leicht, dem rasenden alten Mann und seiner Bande in den Arm zu
+fallen, und am wenigsten Cinna hatte den Mut dazu; er wählte den Marius
+vielmehr für das nächste Jahr zu seinem Kollegen im Konsulat. Das
+Schreckensregiment terrorisierte die gemäßigteren Sieger nicht viel weniger als
+die geschlagene Partei; nur die Kapitalisten waren nicht unzufrieden damit, daß
+eine fremde Hand sich dazu herlieh, die stolzen Oligarchen einmal gründlich zu
+demütigen, und zugleich infolge der umfassenden Konfiskationen und
+Versteigerungen der beste Teil der Beute an sie kam - sie erwarben in diesen
+Schreckenszeiten bei dem Volke sich den Beinamen der &ldquo;Einsäckler&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+Dem Urheber dieses Terrorismus, dem alten Gaius Marius, hatte also das
+Verhängnis seine beiden höchsten Wünsche gewährt. Er hatte Rache genommen an
+der ganzen vornehmen Meute, die ihm seine Siege vergällt, seine Niederlagen
+vergiftet hatte; er hatte jeden Nadelstich mit einem Dolchstich vergelten
+können. Er trat ferner das neue Jahr noch einmal an als Konsul; das Traumbild
+des siebenten Konsulates, das der Orakelspruch ihm zugesichert, nach dem er
+seit dreizehn Jahren gegriffen hatte, war nun wirklich geworden. Was er
+wünschte, hatten die Götter ihm gewährt; aber auch jetzt noch, wie in der alten
+Sagenzeit, übten sie die verhängnisvolle Ironie, den Menschen zu verderben
+durch die Erfüllung seiner Wünsche. In seinen ersten Konsulaten der Stolz, im
+sechsten das Gespött seiner Mitbürger, stand er jetzt im siebenten belastet mit
+dem Fluche aller Parteien, mit dem Haß der ganzen Nation; er, der von Haus aus
+rechtliche, tüchtige, kernbrave Mann, gebrandmarkt als das wahnwitzige
+Oberhaupt einer ruchlosen Räuberbande. Er selbst schien es zu fühlen. Wie im
+Taumel vergingen ihm die Tage, und des Nachts versagte ihm seine Lagerstatt die
+Ruhe, so daß er zum Becher griff, um nur sich zu betäuben. Ein hitziges Fieber
+ergriff ihn; nach siebentägigem Krankenlager, in dessen wilden Phantasien er
+auf den kleinasiatischen Gefilden die Schlachten schlug, deren Lorbeer Sulla
+bestimmt war, am 13. Januar 668 (86) war er eine Leiche. Er starb, über siebzig
+Jahr alt, im Vollbesitz dessen, was er Macht und Ehre nannte, und in seinem
+Bette; aber die Nemesis ist mannigfaltig und sühnt nicht immer Blut mit Blut.
+Oder war es etwa keine Vergeltung, daß Rom und Italien bei der Nachricht von
+dem Tode des gefeierten Volkserretters jetzt aufatmeten wie kaum bei der Kunde
+von der Schlacht auf dem Raudischen Feld?
+</p>
+
+<p>
+Auch nach seinem Tode zwar kamen einzelne Auftritte vor, die an die
+Schreckenszeit erinnerten; so machte zum Beispiel Gaius Fimbria, der wie kein
+anderer bei den Marianischen Schlächtereien seine Hand in Blut getaucht hatte,
+bei dem Leichenbegängnis des Marius selbst einen Versuch, den allgemein
+verehrten und selbst von Marius verschonten Oberpontifex Quintus Scaevola
+(Konsul 659 95) umzubringen und klagte dann, als derselbe von der empfangenen
+Wunde genas, ihn peinlich an, wegen des Verbrechens, wie er scherzhaft sich
+ausdrückte, daß er sich nicht habe wollen ermorden lassen. Aber die Orgien des
+Mordens waren doch vorüber. Unter dem Vorwand der Soldzahlung rief Sertorius
+die Marianischen Banditen zusammen, umzingelte sie mit seinen zuverlässigen
+keltischen Truppen und ließ sie, nach den geringsten Angaben 4000 an der Zahl,
+sämtlich niederhauen.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Schreckensregiment zugleich war die Tyrannis gekommen. Cinna stand
+nicht bloß vier Jahre nacheinander (667-670 87-84) als Konsul an der Spitze des
+Staats, sondern er ernannte auch regelmäßig sich und seine Kollegen, ohne das
+Volk zu befragen; es war, als ob diese Demokraten die souveräne
+Volksversammlung mit absichtlicher Geringschätzung beiseite schöben. Kein
+anderes Haupt der Popularpartei vor- oder nachher hat eine so vollkommen
+absolute Gewalt in Italien wie in dem größten Teil der Provinzen so lange Zeit
+hindurch fast ungestört besessen wie Cinna; aber es ist auch keiner zu nennen,
+dessen Regiment so vollkommen nichtig und ziellos gewesen wäre. Man nahm
+natürlich das von Sulpicius und später von Cinna selbst beantragte, den
+Neubürgern und den Freigelassenen gleiches Stimmrecht mit den Altbürgern
+zusichernde Gesetz wieder auf und ließ dasselbe durch einen Senatsbeschluß
+förmlich als zu Recht bestehend bestätigen (670 84). Man ernannte Zensoren (668
+86), um demgemäß sämtliche Italiker in die fünfunddreißig Bürgerbezirke zu
+verteilen - eine seltsame Fügung dabei war es, daß infolge des Mangels von
+fähigen Kandidaten zur Zensur derselbe Philippus, der als Konsul 663 (91)
+hauptsächlich den Plan des Drusus, den Italikern das Stimmrecht zu verleihen,
+hatte scheitern machen, jetzt dazu ausersehen ward, sie als Zensor in die
+Bürgerrollen einzuschreiben. Man stieß natürlich die von Sulla im Jahre 666
+(88) begründeten reaktionären Institutionen um. Man tat einiges, um dem
+Proletariat sich gefällig zu erweisen - so wurden wahrscheinlich die vor
+einigen Jahren eingeführten Beschränkungen der Getreideverteilung jetzt
+wiederum beseitigt; so wurde nach dem Vorschlag des Volkstribuns Marcus Iunius
+Brutus die von Gaius Gracchus beabsichtigte Koloniegründung in Capua im
+Frühjahr 671 (83) in der Tat ins Werk gesetzt; so veranlaßte Lucius Valerius
+Flaccus der Jüngere ein Schuldgesetz, das jede Privatforderung auf den vierten
+Teil ihres Nominalbetrags herabsetzte und drei Viertel zu Gunsten der Schuldner
+kassierte. Diese Maßregeln aber, die einzigen konstitutiven während des ganzen
+Cinnanischen Regiments, sind ohne Ausnahme vom Augenblick diktiert; es liegt -
+und vielleicht ist dies das Entsetzlichste bei dieser ganzen Katastrophe -
+derselben nicht etwa ein verkehrter, sondern gar kein politischer Plan zu
+Grunde. Man liebkoste den Pöbel und verletzte ihn zugleich in höchst unnötiger
+Weise durch zwecklose Mißachtung der verfassungsmäßigen Wahlordnung. Man konnte
+an der Kapitalistenpartei einen Halt finden und schädigte sie aufs
+empfindlichste durch das Schuldgesetz. Die eigentliche Stütze des Regiments
+waren - durchaus ohne dessen Zutun - die Neubürger; man ließ sich ihren
+Beistand gefallen, aber es geschah nichts, um die seltsame Stellung der
+Samniten zu regeln, die dem Namen nach jetzt römische Bürger waren, aber
+offenbar tatsächlich ihre landschaftliche Unabhängigkeit als den eigentlichen
+Zweck und Preis des Kampfes betrachteten und diese gegen all und jeden zu
+verteidigen in Waffen blieben. Man schlug die angesehenen Senatoren tot wie
+tolle Hunde; aber nicht das geringste ward getan, um den Senat im Interesse der
+Regierung zu reorganisieren oder auch nur dauernd zu terrorisieren, so daß
+dieselbe auch seiner keineswegs sicher war. So hatte Gaius Gracchus den Sturz
+der Oligarchie nicht verstanden, daß der neue Herr sich auf seinem
+selbstgeschaffenen Thron verhalten könne, wie es legitime Nullkönige zu tun
+belieben. Aber diesen Cinna hatte nicht sein Wollen, sondern der reine Zufall
+emporgetragen; war es ein Wunder, daß er blieb, wo die Sturmflut der Revolution
+ihn hingespült hatte, bis eine zweite Sturmflut kam, ihn wiederfortzuschwemmen?
+</p>
+
+<p>
+Dieselbe Verbindung der gewaltigsten Machtfülle mit der vollständigsten
+Impotenz und Inkapazität der Machthaber zeigte die Kriegführung der
+revolutionären Regierung gegen die Oligarchie, an der denn doch zunächst ihre
+Existenz hing. In Italien gebot sie unumschränkt. Unter den Altbürgern war ein
+sehr großer Teil grundsätzlich demokratisch gesinnt; die noch größere Masse der
+ruhigen Leute mißbilligte zwar die Marianischen Greuel, sahen aber in einer
+oligarchischen Restauration nichts als die Eröffnung eines zweiten
+Schreckensregiments der entgegengesetzten Partei. Der Eindruck der Untaten des
+Jahres 667 (87) auf die Nation insgesamt war verhältnismäßig gering gewesen, da
+sie vorwiegend doch nur die hauptstädtische Aristokratie betroffen hatten, und
+ward überdies einigermaßen ausgelöscht durch das darauffolgende dreijährige,
+leidlich ruhige Regiment. Die gesamte Masse der Neubürger endlich, vielleicht
+drei Fünftel der Italiker, stand entschieden wo nicht für die gegenwärtige
+Regierung, doch gegen die Oligarchie.
+</p>
+
+<p>
+Gleich Italien hielten zu jener die meisten Provinzen: Sizilien, Sardinien,
+beide Gallien, beide Spanien. In Africa machte Quintus Metellus, der den
+Mördern glücklich entkommen war, einen Versuch, diese Provinz für die Optimaten
+zu halten; zu ihm begab sich aus Spanien Marcus Crassus, der jüngste Sohn des
+in dem Marianischen Blutbad umgekommenen Publius Crassus, und verstärkte ihn
+durch einen in Spanien zusammengebrachten Haufen. Allein sie mußten, da sie
+sich untereinander entzweiten, dem Statthalter der revolutionären Regierung,
+Gaius Fabius Hadrianus, weichen. Asien war in den Händen Mithradats; somit
+blieb als einzige Freistatt der verfemten Oligarchie die Provinz Makedonien,
+soweit sie in Sullas Gewalt war. Dorthin retteten sich Sullas Gemahlin und
+Kinder, die mit Mühe dem Tode entgangen waren, und nicht wenige entkommene
+Senatoren, so daß bald in seinem Hauptquartier eine Art von Senat sich bildete.
+An Dekreten gegen den oligarchischen Prokonsul ließ es die Regierung nicht
+fehlen. Sulla ward durch die Komitien seines Kommandos und seiner sonstigen
+Ehren und Würden entsetzt und geächtet, wie das in gleicher Weise auch gegen
+Metellus, Appius Claudius und andere angesehene Flüchtlinge geschah; sein Haus
+in Rom wurde geschleift, seine Landgüter verwüstet. Indes damit freilich war
+die Sache nicht erledigt. Hätte Gaius Marius länger gelebt, so wäre er ohne
+Zweifel selbst gegen Sulla dorthin marschiert, wohin noch auf seinem Todbette
+die Fieberbilder ihn führten; welche Maßregeln nach seinem Tode die Regierung
+ergriff, ward schon erzählt. Lucius Valerius Flaccus der jüngere 4, der nach
+Marius&rsquo; Tode das Konsulat und das Kommando im Osten übernahm (668 86),
+war weder Soldat noch Offizier, sein Begleiter Gaius Fimbria nicht unfähig,
+aber unbotmäßig, das ihnen mitgegebene Heer schon der Zahl nach dreifach
+schwächer als die Sullanische Armee. Man vernahm nacheinander, daß Flaccus, um
+nicht von Sulla erdrückt zu werden, an ihm vorüber nach Asien abgezogen sei
+(668 86), daß Fimbria ihn beseitigt und sich selbst an seine Stelle gesetzt
+habe (Anfang 669 85), daß Sulla Frieden geschlossen habe mit Mithradates
+(669/70 85/84). Bis dahin hatte Sulla den in der Hauptstadt regierenden
+Behörden gegenüber geschwiegen; jetzt lief ein Schreiben von ihm an den Senat
+ein, worin er die Beendigung des Krieges berichtete und seine Rückkehr nach
+Italien ankündigte; die den Neubürgern erteilten Rechte werde er achten;
+Strafexekutionen seien zwar unvermeidlich, allein sie würden nicht die Massen,
+sondern die Urheber treffen. Diese Ankündigung schreckte Cinna aus seiner
+Untätigkeit auf; wenn er bisher nichts gegen Sulla getan hatte, als daß einige
+Mannschaft unter die Waffen gestellt und eine Anzahl Schiffe im Adriatischen
+Meere versammelt worden war, so beschloß er jetzt, schleunigst nach
+Griechenland überzugehen. Aber andererseits weckte Sullas Schreiben, das den
+Umständen nach äußerst gemäßigt zu nennen war, in der Mittelpartei Hoffnungen
+auf eine friedliche Ausgleichung. Die Majorität des Senats beschloß nach dem
+Vorschlag des älteren Flaccus, einen Sühneversuch einzuleiten und zu dem Ende
+Sulla aufzufordern, sich unter Verbürgung sicheren Geleits in Italien
+einzufinden, die Konsuln Cinna und Carbo aber zu veranlassen, bis zum Eingang
+von Sullas Antwort die Rüstungen einzustellen. Sulla wies die Vorschläge nicht
+unbedingt von der Hand; er kam zwar natürlich nicht selbst, aber ließ durch
+Boten erklären, daß er nichts fordere als Wiedereinsetzung der Verbannten in
+den vorigen Stand und gerichtliche Bestrafung der begangenen Verbrechen,
+Sicherheit übrigens nicht geleistet begehre, sondern denen daheim zu bringen
+gedenke. Seine Abgesandten fanden den Stand der Dinge in Italien wesentlich
+verändert. Cinna hatte, ohne um jenen Senatsbeschluß sich weiter zu bekümmern,
+sofort nach aufgehobener Sitzung sich zum Heer begeben und die Einschiffung
+desselben betrieben. Die Aufforderung, in der bösen Jahreszeit sich dem Meer
+anzuvertrauen, rief unter den schon schwierigen Truppen im Hauptquartier zu
+Ancona eine Meuterei hervor, deren Opfer Cinna ward (Anfang 670 84), worauf
+sein Kollege Carbo sich genötigt sah, die schon übergegangenen Abteilungen
+zurückzuführen und, auf das Aufnehmen des Krieges in Griechenland verzichtend,
+Winterquartiere in Ariminum zu beziehen. Sullas Anträge aber fanden darum keine
+bessere Aufnahme: der Senat wies seine Vorschläge zurück, ohne auch nur die
+Boten nach Rom zu lassen, und befahl ihm kurzweg, die Waffen niederzulegen. Es
+war nicht zunächst die Koterie der Marianer, welche dies entschiedene Auftreten
+bewirkte. Eben jetzt, wo es galt, mußte diese Faktion die bisher usurpierte
+Besetzung des höchsten Amtes abgeben und für das entscheidende Jahr 671 (83)
+wieder Konsulwahlen veranstalten. Die Stimmen vereinigten hierbei sich nicht
+auf den bisherigen Konsul Carbo noch auf einen der fähigen Offiziere der bis
+dahin regierenden Clique, wie Quintus Sertorius oder Gaius Marius den Sohn,
+sondern auf Lucius Scipio und Gaius Norbanus, zwei Inkapazitäten, von denen
+keiner zu schlagen, Scipio nicht einmal zu sprechen verstand, und von denen
+jener nur als der Urenkel des Antiochossiegers, dieser als politischer Gegner
+der Oligarchie sich der Menge empfahlen. Die Marianer wurden nicht so sehr
+ihrer Untaten wegen verabscheut als ihrer Nichtigkeit wegen verachtet; aber
+wenn die Nation nichts von diesen, so wollte sie in ihrer großen Majorität noch
+viel weniger von Sulla und einer oligarchischen Restauration etwas wissen. Man
+dachte ernstlich an Abwehr. Während Sulla nach Asien überging, das Heer des
+Fimbria zum Übertritt bestimmte und dessen Führer durch seine eigene Hand fiel,
+benutzte die Regierung in Italien die durch diese Schritte Sullas ihr gegönnte
+weitere Jahresfrist zu energischen Rüstungen: es sollen bei Sullas Landung
+100000, später sogar die doppelte Anzahl von Bewaffneten gegen ihn gestanden
+haben.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+4 Lucius Valerius Flaccus, den die Fasten als Konsul 668 (86) nennen, ist nicht
+der Konsul des Jahres 654 (100), sondern ein gleichnamiger jüngerer Mann,
+vielleicht des vorigen Sohn. Einmal ist das Gesetz, das die Wiederwahl zum
+Konsulat untersagte, von ca. 603 (151) bis 673 (81) rechtlich in Kraft
+geblieben, und es ist nicht wahrscheinlich, daß dasselbe, war für Scipio
+Aemilianus und Marius, auch für Flaccus geschah. Zweitens wird nirgends, wo der
+eine oder der andere Flaccus genannt wird, eines doppelten Konsulats gedacht,
+auch nicht, wo es notwendig war wie Cic. Flacc. 32, 77. Drittens kann der
+Lucius Valerius Flaccus, der im Jahre 669 (85) als Vormann des Senats, also als
+Konsulat in Rom tätig war (Liv. 83), nicht der Konsul des Jahres 668 (86) sein,
+da dieser damals bereits nach Asien abgegangen und wahrscheinlich schon tot
+war. Der Konsul 654 (100), Zensor 657 (97), ist derjenige, den Cicero (Att. 8,
+3, 6) unter den 667 (87) in Rom anwesenden Konsulaten nennt; er war 669 (85)
+unzweifelhaft der älteste lebende Altzensor und also geeignet zum Vormann des
+Senats; er ist auch der Zwischenkönig und der Reiterführer von 672 (82).
+Dagegen ist der Konsul 668 (86), der in Nikomedeia umkam, der Vater des von
+Cicero verteidigten Lucius Flaccus (Flacc. 25, 61; vgl. 23, 55; 32, 77).
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Gegen diese italische Macht hatte Sulla nichts in die Waagschale zu legen als
+seine fünf Legionen, die, auch mit Einrechnung einiger in Makedonien und im
+Peloponnes aufgebotener Zuzüge, kaum auf 40000 Mann sich belaufen mochten.
+Allerdings hatte dies Heer in siebenjährigen Kämpfen in Italien, Griechenland
+und Asien des Politisierens sich entwöhnt und hing seinem Feldherrn, der den
+Soldaten alles, Schwelgerei, Bestialität, sogar Meuterei gegen die Offiziere,
+nachsah, nichts verlangte als Tapferkeit und Treue gegen den Feldherrn und für
+den Sieg die verschwenderischsten Belohnungen in Aussicht stellte, mit allem
+jenem soldatischen Enthusiasmus an, der um so gewaltiger ist, als dabei die
+edelsten und die gemeinsten Leidenschaften oft in derselben Brust sich
+begegnen. Freiwillig schworen nach römischer Sitte die Sullanischen Soldaten
+sich einander es zu, fest zusammenzuhalten, und freiwillig brachte ein jeder
+dem Feldherrn seinen Sparpfennig als Beisteuer zu den Kriegskosten. Allein so
+ansehnlich diese geschlossene Kernschar gegen die feindlichen Massen ins
+Gewicht fiel, so erkannte doch Sulla sehr wohl, daß Italien nicht mit fünf
+Legionen bezwungen werden konnte, wenn es im entschlossenen Widerstande einig
+zusammenhielt. Mit der Popularpartei und ihren unfähigen Autokraten fertig zu
+werden, wäre nicht schwierig gewesen; aber er sah sich gegenüber und mit dieser
+vereinigt die ganze Masse derer, die keine oligarchische Schreckensrestauration
+wollten, und vor allen Dingen die gesamte Neubürgerschaft, sowohl diejenigen,
+die durch das Julische Gesetz von der Teilnahme an der Insurrektion sich hatten
+abhalten lassen, als diejenigen, deren Schilderhebung vor wenigen Jahren Rom an
+den Rand des Verderbens geführt hatte. Sulla übersah vollkommen die Lage der
+Verhältnisse und war weit entfernt von der blinden Erbitterung und der
+eigensinnigen Starrheit, die die Majorität seiner Partei charakterisierten.
+Während das Staatsgebäude in vollen Flammen stand, während man seine Freunde
+ermordete, seine Häuser zerstörte, seine Familie ins Elend trieb, war er
+unbeirrt auf seinem Posten verblieben, bis der Landesfeind überwältigt und die
+römische Grenze gesichert war. In demselben Sinne patriotischer und
+einsichtiger Mäßigung behandelte er auch jetzt die italischen Verhältnisse und
+tat, was er irgend tun konnte, um die Gemäßigten und die Neubürger zu beruhigen
+und um zu verhindern, daß nicht unter dem Namen des Bürgerkrieges der weit
+gefährlichere Krieg zwischen den Altrömern und den italischen Bundesgenossen
+abermals emporlodere. Schon das erste Schreiben, das Sulla an den Senat
+richtete, hatte nichts als Recht und Gerechtigkeit gefordert und eine
+Schreckensherrschaft ausdrücklich zurückgewiesen; im Einklang damit stellte er
+nun allen denen, die noch jetzt von der revolutionären Regierung sich lossagen
+würden, unbedingte Begnadigung in Aussicht und veranlaßte seine Soldaten, Mann
+für Mann, zu schwören, daß sie den Italikern durchaus als Freunden und
+Mitbürgern begegnen würden. Die bündigsten Erklärungen sicherten den Neubürgern
+die von ihnen erworbenen politischen Rechte; so daß Carbo deshalb von jeder
+italischen Stadtgemeinde sich Geiseln wollte stellen lassen, was indes an der
+allgemeinen Indignation und an dem Widerspruch des Senats scheiterte. Die
+Hauptschwierigkeit der Lage Sullas bestand in der Tat darin, daß bei der
+eingerissenen Wort- und Treulosigkeit die Neubürger allen Grund hatten, wenn
+nicht an seinen persönlichen Absichten, doch daran zu zweifeln, ob er es
+vermögen werde, seine Partei zum Worthalten nach dem Siege zu bestimmen.
+</p>
+
+<p>
+Im Frühling 671 (83) landete Sulla mit seinen Legionen in dem Hafen von
+Brundisium. Der Senat erklärte auf die Nachricht davon das Vaterland in Gefahr
+und übertrug den Konsuln unbeschränkte Vollmacht; aber diese unfähigen Leiter
+hatten sich nicht vorgesehen und waren durch die seit Jahren in Aussicht
+stehende Landung dennoch überrascht. Das Heer befand sich noch in Ariminum, die
+Häfen waren unbesetzt und überhaupt unglaublicherweise in dem ganzen
+südöstlichen Litoral kein Mann unter den Waffen. Die Folgen zeigten sich bald.
+Gleich Brundisium selbst, eine ansehnliche Neubürgergemeinde, öffnete ohne
+Widerstand dem oligarchischen General die Tore und dem gegebenen Beispiel
+folgte ganz Messapien und Apulien. Die Armee marschierte durch diese Gegenden
+wie durch Freundesland und hielt, ihres Eides eingedenk, durchgängig die
+strengste Mannszucht. Von allen Seiten strömten die versprengten Reste der
+Optimatenpartei in das Lager Sullas. Aus den Bergschluchten Liguriens, wohin er
+von Afrika sich gerettet hatte, kam Quintus Metellus und übernahm wieder, als
+Kollege Sullas, das im Jahr 667 (87) ihm übertragene und von der Revolution ihm
+aberkannte prokonsularische Kommando; ebenso erschien von Afrika her mit einer
+kleinen Schar Bewaffneter Marcus Crassus. Die meisten Optimaten freilich kamen
+als vornehme Emigranten mit großen Ansprüchen und geringer Kampflust, so daß
+sie von Sulla selbst bittere Worte zu hören bekamen über die adligen Herren,
+die zum Heil des Staates sich wollten retten lassen und nicht einmal dazu zu
+bringen seien, ihre Sklaven zu bewaffnen. Wichtiger war es, daß schon
+Überläufer aus dem demokratischen Lager sich einstellten - so der feine und
+angesehene Lucius Philippus, nebst ein paar notorisch unfähigen Leuten der
+einzige Konsular, der mit der revolutionären Regierung sich eingelassen und
+unter ihr Ämter angenommen hatte; er fand bei Sulla die zuvorkommendste
+Aufnahme und erhielt den ehrenvollen und bequemen Auftrag, die Provinz
+Sardinien für ihn zu besetzen. Ebenso wurden Quintus Lucretius Ofelia und
+andere brauchbare Offiziere empfangen und sofort beschäftigt; selbst Publius
+Cethegus, einer der nach der Sulpicischen Erneute von Sulla geächteten
+Senatoren, erhielt Verzeihung und eine Stellung im Heer. Wichtiger noch als die
+einzelnen Übertritte war der der Landschaft Picenum, der wesentlich dem Sohne
+des Strabo, dem jungen Gnaeus Pompeius, verdankt ward. Dieser, gleich seinem
+Vater von Haus aus kein Anhänger der Oligarchie, hatte die revolutionäre
+Regierung anerkannt und sogar in Cinnas Heer Dienste genommen; allein es ward
+ihm nicht vergessen, daß sein Vater die Waffen gegen die Revolution getragen
+hatte; er sah sich vielfach angefeindet, ja sogar durch Anklage auf Herausgabe
+der nach der Einnahme von Asculum von seinem Vater wirklich oder angeblich
+unterschlagenen Beute mit dem Verlust seines sehr beträchtlichen Vermögens
+bedroht. Zwar wendete mehr als die Beredsamkeit des Konsulars Lucius Philippus
+und des jungen Quintus Hortensius der Schutz des ihm persönlich gewogenen
+Konsuls Carbo den ökonomischen Ruin von ihm ab; aber die Verstimmung blieb. Auf
+die Nachricht von Sullas Landung ging er nach Picenum, wo er ausgedehnte
+Besitzungen und von seinem Vater und dem Bundesgenossenkriege her die besten
+munizipalen Verbindungen hatte und pflanzte in Auximum (Osimo) die Fahne der
+optimatischen Partei auf. Die meistens von Altbürgern bewohnte Landschaft fiel
+ihm zu; die junge Mannschaft, welche großenteils mit ihm unter seinem Vater
+gedient hatte, stellte sich bereitwillig unter den beherzten Führer, der, noch
+nicht dreiundzwanzigjährig, ebensosehr Soldat wie General war, im Reitergefecht
+den Seinen voraussprengte und tüchtig mit in den Feind einhieb. Das picenische
+Freiwilligenkorps wuchs bald auf drei Legionen; den aus der Hauptstadt zur
+Dämpfung der picenischen Insurrektion ausgesandten Abteilungen unter Cloelius,
+Gaius Carrinas, Lucius Iunius Brutus Damasippus 5 wußte der improvisierte
+Feldherr, die unter denselben entstandenen Zwistigkeiten geschickt benutzend,
+sich zu entziehen oder sie einzeln zu schlagen und mit dem Hauptheer Sullas,
+wie es scheint in Apulien, die Verbindung herzustellen. Sulla begrüßte ihn als
+Imperator, das heißt als einen im eigenen Namen kommandierenden und nicht
+unter, sondern nehmen ihm stehenden Offizier und zeichnete den Jüngling durch
+Ehrenbezeigungen aus, wie er sie keinem seiner vornehmen Klienten erwies -
+vermutlich nicht ohne die Nebenabsicht, der charakterlosen Schwäche seiner
+eigenen Parteigenossen damit eine indirekte Züchtigung zukommen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+5 Nur an diesen kann hier gedacht werden, da Marcus Brutus, der Vater des
+sogenannten Befreiers, im Jahr 671 (83) Volkstribun war, also nicht im Felde
+kommandieren konnte.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Also moralisch und materiell ansehnlich verstärkt gelangten Sulla und Metellus
+nach Apulien durch die immer noch insurgierten samnitischen Gegenden nach
+Kampanien. Hierhin wandte sich auch die feindliche Hauptmacht, und es schien
+die Entscheidung hier fallen zu müssen. Das Heer des Konsuls Gaius Norbanus
+stand bereits bei Capua, wo eben die neue Kolonie mit allem demokratischen Pomp
+sich konstituierte; die zweite Konsulararmee rückte ebenfalls auf der Appischen
+Straße heran. Aber bevor sie eintraf, stand Sulla schon dem Norbanus gegenüber.
+Ein letzter Vermittlungsversuch, den Sulla machte, führte nur dazu, daß man an
+seinen Boten sich vergriff. In frischer Erbitterung warfen seine kampfgewohnten
+Scharen sich auf den Feind; ihr gewaltiger Stoß vom Berge Tifata herab
+zersprengte den in der Ebene aufgestellten Feind im ersten Anlauf; mit dem Rest
+seiner Mannschaft warf sich Norbanus in die revolutionäre Kolonie Capua und die
+Neubürgerstadt Neapolis und ließ dort sich blockieren. Sullas Truppen, bisher
+nicht ohne Besorgnis ihre schwache Zahl mit den feindlichen Massen
+vergleichend, hatten durch diesen Sieg das Vollgefühl militärischer
+Überlegenheit gewonnen; statt mit der Belagerung der Trümmer der geschlagenen
+Armee sich aufzuhalten, ließ Sulla die Städte umstellen, wo sie sich befanden,
+und rückte auf der Appischen Straße vor gegen Teanum, wo Scipio stand. Auch ihm
+bot er, ehe der Kampf begann, noch einmal die Hand zum Frieden; es scheint in
+gutem Ernste. Scipio, schwach wie er war, ging darauf ein; ein Waffenstillstand
+ward geschlossen; zwischen Cales und Teanum kamen die beiden Feldherren, beide
+Glieder des gleichen Adelsgeschlechts, beide gebildet und feingesittet und
+langjährige Kollegen im Senat, persönlich zusammen; man ließ sich auf die
+einzelnen Fragen ein; schon war man so weit, daß Scipio einen Boten nach Capua
+absandte, um die Meinung seines Kollegen einzuholen. Inzwischen mischten sich
+die Soldaten beider Lager; die Sullaner, von ihrem Feldherrn reichlich mit Geld
+versehen, machten es den nicht allzu kriegslustigen Rekruten beim Becher leicht
+begreiflich, daß es besser sei, sie zu Kameraden als zu Feinden zu haben;
+vergeblich warnte Sertorius den Feldherrn, diesem gefährlichen Verkehr ein Ende
+zu machen. Die Verständigung, die so nahe geschienen, trat doch nicht ein;
+Scipio war es, welcher den Waffenstillstand kündigte. Aber Sulla behauptete,
+daß es zu spät und der Vertrag bereits abgeschlossen gewesen sei; und unter dem
+Vorwand, daß ihr Feldherr den Waffenstillstand widerrechtlich aufgesagt, gingen
+Scipios Soldaten in Masse über in die feindlichen Reihen. Die Szene schloß mit
+einer allgemeinen Umarmung, der die kommandierenden Offiziere der
+Revolutionsarmee zuzusehen hatten. Sulla ließ den Konsul auffordern, sein Amt
+niederzulegen, was er tat, und ihn nebst seinem Stab durch seine Reiter dahin
+eskortieren, wohin sie begehrten; allein kaum in Freiheit gesetzt, legte Scipio
+die Abzeichen seiner Würde wieder an und begann aufs neue, Truppen
+zusammenzuziehen, ohne indes weiter etwas von Belang auszurichten. Sulla und
+Metellus nahmen Winterquartiere in Kampanien und hielten, nachdem ein zweiter
+Versuch, mit Norbanus sich zu verständigen, gescheitert war, Capua den Winter
+über blockiert.
+</p>
+
+<p>
+Die Ergebnisse des ersten Feldzugs waren für Sulla die Unterwerfung von
+Apulien, Picenum und Kampanien, die Auflösung der einen, die Besiegung und
+Blockierung der anderen konsularischen Armee. Schon traten die italischen
+Gemeinden, genötigt, zwischen ihren zwiefachen Drängern jede für sich Partei zu
+ergreifen, zahlreich mit ihm in Unterhandlung und ließen sich die von der
+Gegenpartei erworbenen politischen Rechte durch förmliche Separatverträge von
+dem Feldherrn der Oligarchie garantieren; Sulla hegte die bestimmte Erwartung
+und trug sie absichtlich zur Schau, die revolutionäre Regierung in dem nächsten
+Feldzug niederzuwerfen und wieder in Rom einzuziehen.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch der Revolution schien die Verzweiflung neue Kräfte zu geben. Das
+Konsulat übernahmen zwei ihrer entschiedensten Führer, Carbo zum dritten Male
+und Gaius Marius der Sohn; daß der letztere eben zwanzigjährige Mann
+gesetzmäßig das Konsulat nicht bekleiden konnte, achtete man so wenig wie jeden
+anderen Punkt der Verfassung. Quintus Sertorius, der in dieser und in anderen
+Angelegenheiten eine unbequeme Kritik machte, wurde angewiesen, um neue
+Werbungen vorzunehmen, nach Etrurien und von da in seine Provinz, das
+Diesseitige Spanien, abzugehen. Die Kasse zu füllen, mußte der Senat die
+Einschmelzung des goldenen und silbernen Tempelgeräts der Hauptstadt verfügen;
+wie bedeutend der Ertrag war, erhellt daraus, daß nach mehrmonatlicher
+Kriegführung davon noch über 4 Millionen Taler (14000 Pfund Gold und 6000 Pfund
+Silber) vorrätig waren. In dem beträchtlichen Teile Italiens, der gezwungen
+oder freiwillig noch zu der Revolution hielt, wurden die Rüstungen lebhaft
+betrieben. Aus Etrurien, wo die Neubürgergemeinden sehr zahlreich waren, und
+dem Pogebiet kamen ansehnliche neu gebildete Abteilungen. Auf den Ruf des
+Sohnes stellten die Marianischen Veteranen in großer Anzahl sich bei den Fahnen
+ein. Aber nirgends ward zum Kampf gegen Sulla so leidenschaftlich gerüstet wie
+in dem insurgierten Samnium und einzelnen Strichen von Lucanien. Es war nichts
+weniger als Ergebenheit gegen die revolutionäre römische Regierung, daß
+zahlreicher Zuzug aus den oskischen Gegenden ihre Heere verstärkte; wohl aber
+begriff man daselbst, daß eine von Sulla restaurierte Oligarchie sich die jetzt
+faktisch bestehende Selbständigkeit dieser Landschaften nicht so gefallen
+lassen werde wie die schlaffe Cinnanische Regierung; und darum erwachte in dem
+Kampf gegen Sulla noch einmal die uralte Rivalität der Sabeller gegen die
+Latiner. Für Samnium und Latium war dieser Krieg so gut ein Nationalkampf wie
+die Kriege des fünften Jahrhunderts; man stritt nicht um ein Mehr oder Minder
+von politischen Rechten, sondern um den lange verhaltenen Haß durch Vernichtung
+des Gegners zu sättigen. Es war darum kein Wunder, wenn dieser Teil des Krieges
+einen ganz anderen Charakter trug als die übrigen Kämpfe, wenn hier keine
+Verständigung versucht, kein Quartier gegeben oder genommen, die Verfolgung bis
+aufs äußerste fortgesetzt ward.
+</p>
+
+<p>
+So trat man den Feldzug des Jahres 672 (82) beiderseits mit verstärkten
+Streitkräften und gesteigerter Leidenschaft an. Vor allem die Revolution warf
+die Scheide weg; auf Carbos Antrag ächteten die römischen Komitien alle in
+Sullas Lager befindlichen Senatoren. Sulla schwieg; er mochte denken, daß man
+im voraus sich selber das Urteil spreche.
+</p>
+
+<p>
+Die Armee der Optimaten teilte sich. Der Prokonsul Metellus übernahm es,
+gestützt auf die picenische Insurrektion, nach Oberitalien vorzudringen,
+während Sulla von Kampanien aus geradeswegs gegen die Hauptstadt marschierte.
+Jenem warf Carbo sich entgegen; der feindlichen Hauptarmee wollte Marius in
+Latium begegnen. Auf der Launischen Straße heranrückend, traf Sulla unweit
+Signia auf den Feind, der vor ihm zurückwich bis nach dem sogenannten
+&ldquo;Hafen des Sacer&rdquo; zwischen Signia und dem Hauptwaffenplatz der
+Marianen dem festen Praeneste. Hier stellte Marius sich zur Schlacht. Sein Heer
+war etwa 40000 Mann stark und er an wildem Grimme und persönlicher Tapferkeit
+seines Vaters rechter Sohn; aber es waren nicht die wohlgeübten Scharen, mit
+denen dieser seine Schlachten geschlagen hatte, und noch minder durfte der
+unerfahrene junge Mann mit dem alten Kriegsmeister sich vergleichen. Bald
+wichen seine Truppen; der Übertritt einer Abteilung noch während des Gefechts
+beschleunigte die Niederlage. Über die Hälfte der Marianer waren tot oder
+gefangen; der Überrest, weder imstande, das Feld zu halten, noch, das andere
+Ufer des Tiber zu gewinnen, genötigt, in den benachbarten Festungen Schutz zu
+suchen; die Hauptstadt, die zu verproviantieren man versäumt hatte, unrettbar
+verloren. Infolgedessen gab Marius dem daselbst befehligten Prätor Lucius
+Brutus Damasippus den Befehl, sie zu räumen, vorher aber alle bisher noch
+verschonten angesehenen Männer der Gegenpartei niederzumachen. Der Auftrag,
+durch den der Sohn die Ächtungen des Vaters noch überbot, ward vollzogen;
+Damasippus berief unter einem Vorwand den Senat, und die bezeichneten Männer
+wurden teils in der Sitzung selbst, teils auf der Flucht vor dem Rathaus
+niedergestoßen. Trotz der vorhergegangenen gründlichen Aufräumung fanden sich
+doch noch einzelne namhaftere Opfer: so der gewesene Ädil Publius Antistius,
+der Schwiegervater des Gnaeus Pompeius, und der gewesene Prätor Gaius Carbo,
+der Sohn des bekannten Freundes und nachherigen Gegners der Gracchen, nach dem
+Tode so vieler ausgezeichneter Talente die beiden besten Gerichtsredner auf dem
+verödeten Markt; der Konsular Lucius Domitius und vor allem der ehrwürdige
+Oberpriester Quintus Scaevola, der dem Dolch des Fimbria nur entgangen war, um
+jetzt während der letzten Krämpfe der Revolution in der Halle des seiner Obhut
+anvertrauten Vestatempels zu verbluten. Mit stummem Entsetzen sah die Menge die
+Leichen dieser letzten Opfer des Terrorismus durch die Straßen schleifen und
+sie in den Fluß werfen.
+</p>
+
+<p>
+Marius&rsquo; aufgelöste Haufen warfen sich in die nahen und festen
+Neubürgerstädte Norba und Praeneste, er selbst mit der Kasse und dem größten
+Teil der Flüchtlinge in die letztere. Sulla ließ, ebenwie das Jahr zuvor vor
+Capua, vor Praeneste einen tüchtigen Offizier, den Quintus Ofelia, zurück, mit
+dem Auftrag, seine Kräfte nicht an die Belagerung der festen Stadt zu
+vergeuden, sondern sie mit einer weiten Blockadelinie einzuschließen und sie
+auszuhungern; er selbst rückte von verschiedenen Seiten auf die Hauptstadt zu,
+welche er wie die ganze Umgegend vom Feinde verlassen fand und ohne Gegenwehr
+besetzte. Kaum nahm er sich die Zeit, das Volk durch eine Ansprache zu
+beruhigen und die nötigsten Anordnungen zu treffen; sofort ging er weiter nach
+Etrurien, um in Verbindung mit Metellus die Gegner auch aus Norditalien zu
+vertreiben.
+</p>
+
+<p>
+Metellus war inzwischen am Fluß Aesis (Esino zwischen Ancona und Sinigaglia),
+der die picenische Landschaft von der gallischen Provinz schied, auf Carbos
+Unterfeldherrn Carrinas gestoßen und hatte diesen geschlagen; als Carbo selbst
+mit seiner überlegenen Armee herbeikam, hatte er das weitere Vordringen
+aufgeben müssen. Allein auf die Nachricht von der Schlacht am Sacerhafen war
+Carbo, um seine Kommunikationen besorgt, zurückgegangen bis auf die Flaminische
+Chaussee, um in deren Knotenpunkt Ariminum sein Hauptquartier zu nehmen und von
+dort teils die Pässe des Apennin, teils das Potal zu behaupten. Bei dieser
+rückgängigen Bewegung gerieten nicht bloß verschiedene Abteilungen dem Feinde
+in die Hände, sondern ward auch von Pompeius Sena gallica erstürmt und Carbos
+Nachhut in einem glänzenden Reitergefecht zersprengt; indes erreichte Carbo im
+ganzen seinen Zweck. Der Konsulat Norbanus übernahm im Potal das Kommando;
+Carbo selbst begab sich nach Etrurien. Aber der Marsch Sullas mit seinen
+siegreichen Legionen nach Etrurien änderte die Lage der Dinge: bald reichten
+von Gallien, Umbrien und Rom aus drei Sullanische Heere einander die Hände.
+Metellus ging mit der Flotte an Ariminum vorbei nach Ravenna und schnitt bei
+Faventia die Verbindung ab zwischen Ariminum und dem Potal, in das auf der
+großen Straße nach Placentia er eine Abteilung vorgehen ließ unter Marcus
+Lucullus, dem Quästor Sullas und dem Bruder seines Flottenführers im
+Mithradatischen Krieg. Der junge Pompeius und sein Altersgenosse und
+Nebenbuhler Crassus drangen aus dem Picenischen auf Bergwegen in Umbrien ein
+und gewannen die Flaminische Straße bei Spoletium, wo sie Carbos Unterfeldherrn
+Carrinas schlugen und in die Stadt einschlossen; indes gelang es diesem in
+einer regnerischen Nacht, aus derselben zu entweichen und, wenngleich nicht
+ohne Verlust, zum Heer des Carbo durchzudringen. Sulla selbst rückte von Rom
+aus in zwei Heerhaufen in Etrurien ein, von denen der eine an der Küste
+vorgehend bei Saturnia (zwischen den Flüssen Ombrone und Albegna) das ihm
+entgegenstehende Korps schlug, der zweite unter Sullas eigener Führung im
+Clanistal auf die Armee des Carbo traf und ein glückliches Gefecht mit dessen
+spanischer Reiterei bestand. Aber die Hauptschlacht, die zwischen Carbo und
+Sulla in der Gegend von Chiusi geschlagen ward, endigte zwar ohne eigentliche
+Entscheidung, jedoch insofern zu Gunsten Carbos, als Sullas siegreiches
+Vordringen gehemmt ward. Auch in der Umgegend von Rom schienen die Dinge für
+die revolutionäre Partei sich günstiger wenden und der Krieg wieder sich
+hauptsächlich nach dieser Gegend ziehen zu wollen. Denn während die
+oligarchische Partei alle ihre Kräfte um Etrurien konzentrierte, machte die
+Demokratie aller Orten die äußerste Anstrengung, um die Blockade von Praeneste
+zu sprengen. Selbst der Statthalter von Sizilien, Marcus Perpenna, machte sich
+dazu auf; es scheint indes nicht, daß er nach Praeneste gelangte. Ebensowenig
+glückte dies dem von Carbo detachierten, sehr ansehnlichen Korps unter Marcius;
+von den bei Spoletium stehenden feindlichen Truppen überfallen und geschlagen,
+durch Unordnung, Mangel an Zufuhr und Meuterei demoralisiert, ging ein Teil zu
+Carbo zurück, ein anderer nach Ariminum, der Rest verlief sich. Ernstliche
+Hilfe dagegen kam aus Süditalien. Hier brachen die Samniten unter Pontius von
+Telesia, die Lucaner unter ihrem erprobten Feldherrn Marcus Lamponius auf, ohne
+daß der Abmarsch ihnen gewehrt worden wäre, zogen im Kampanien, wo Capua noch
+immer sich hielt, eine Abteilung der Besatzung unter Gutta an sich und rückten
+also, angeblich 70000 Mann stark, auf Praeneste zu. Sulla selbst kehrte darauf,
+mit Zurücklassung eines Korps gegen Carbo, nach Latium zurück und nahm in den
+Engpässen vorwärts Praeneste 6 eine wohlgewählte Stellung, in der er dem
+Entsatzheer den Weg sperrte. Vergeblich versuchte die Besatzung, Ofelias Linien
+zu durchbrechen, vergeblich das Entsatzherr Sulla zu vertreiben; beide
+verharrten unbeweglich in ihren festen Stellungen, selbst nachdem, von Carbo
+gesendet, Damasippus mit zwei Legionen das Entsatzheer verstärkt hatte. Während
+aber der Gang des Krieges in Etrurien wie in Latium stockte, kam es im Potal
+zur Entscheidung. Hier hatte bisher der Feldherr der Demokratie Gaius Norbanus
+die Oberhand behauptet, den Unterfeldherrn des Metellus, Marcus Lucullus, mit
+überlegener Macht angegriffen und ihn genötigt, sich in Placentia
+einzuschließen, endlich sich gegen Metellus selbst gewandt. Bei Faventia traf
+er auf diesen und griff am späten Nachmittag mit seinen vom Marsch ermüdeten
+Truppen sofort an; die Folge war eine vollständige Niederlage und die totale
+Auflösung seines Korps, von dem nur etwa 1000 Mann nach Etrurien zurückkamen.
+Auf die Nachricht von dieser Schlacht fiel Lucullus aus Placentia aus und
+schlug die gegen ihn zurückgebliebene Abteilung bei Fidentia (zwischen Piacenza
+und Parma). Die lucanischen Truppen des Albinovanus traten in Masse über; ihr
+Führer machte seine anfängliche Zögerung wieder gut, indem er die vornehmsten
+Offiziere der revolutionären Armee zu einem Bankett bei sich einlud und sie
+dabei niedermachen ließ; überhaupt schloß, wer irgend nur durfte, jetzt seinen
+Frieden. Ariminum mit allen Vorräten und Kassen geriet in Metellus&rsquo;
+Gewalt; Norbanus schiffte nach Rhodos sich ein; das ganze Land zwischen Alpen
+und Apenninen erkannte das Optimatenregiment an. Die bisher dort beschäftigten
+Truppen konnten sich wenden zum Angriff auf Etrurien, die letzte Landschaft, wo
+die Gegner noch das Feld behaupteten. Als Carbo im Lager bei Clusium diese
+Nachrichten erhielt, verlor er die Fassung. Obwohl er eine noch immer
+ansehnliche Truppenmasse unter seinen Befehlen hatte, entwich er dennoch
+heimlich aus seinem Hauptquartier und schiffte nach Afrika sich ein. Die im
+Stich gelassenen Truppen befolgten teils das Beispiel, mit dem der Feldherr
+ihnen vorangegangen war, und gingen nach Hause, teils wurden sie von Pompeius
+aufgerieben; die letzten Scharen nahm Carrinas zusammen und führte sie nach
+Latium zu der Armee von Praeneste. Hier hatte inzwischen nichts sich verändert;
+und die letzte Entscheidung nahte heran. Carrinas&rsquo; Haufen waren nicht
+zahlreich genug, um Sullas Stellung zu erschüttern; schon näherte sich der
+Vortrab der bisher in Etrurien beschäftigten Armee der oligarchischen Partei
+unter Pompeius; in wenigen Tagen zog die Schlinge um das Heer der Demokraten
+und der Samniten sich zusammen. Da entschlossen sich die Führer desselben, von
+Praeneste abzulassen und mit gesamter Macht auf das nur einen starken
+Tagemarsch entfernte Rom sich zu werfen. Militärisch waren sie damit verloren;
+ihre Rückzugslinie, die Latinische Straße, geriet durch diesen Marsch in Sullas
+Hand, und wenn sie auch Roms sich bemächtigten, so wurden sie, eingeschlossen
+in die zur Verteidigung keineswegs geeignete Stadt und eingekeilt zwischen
+Metellus und Sullas weit überlegene Armeen, darin unfehlbar erdrückt. Aber es
+handelte sich auch nicht mehr um Rettung, sondern einzig um Rache bei diesem
+Zug nach Rom, dem letzten Wutausbruch der leidenschaftlichen Revolutionäre und
+vor allem der verzweifelnden sabellischen Nation. Es war Ernst, was Pontius von
+Telesia den Seinigen zurief: um der Wölfe, die Italien die Freiheit geraubt
+hätten, loszuwerden, müsse man den Wald vernichten, in dem sie hausten. Nie hat
+Rom in einer furchtbareren Gefahr geschwebt als am 1. November 672 (82), als
+Pontius, Lamponius, Carrinas, Damasippus auf der Latinischen Straße gegen Rom
+herangezogen, etwa eine Viertelmeile vom Collinischen Tor lagerten. Es drohte
+ein Tag wie der 20. Juli 365 der Stadt (389) und der 15. Juni 455 n. Chr., die
+Tage der Kelten und der Vandalen. Die Zeiten waren nicht mehr, wo ein
+Handstreich gegen Rom ein törichtes Unternehmen war, und an Verbindungen in der
+Hauptstadt konnte es den Anrückenden nicht fehlen. Die Freiwilligenschar, die
+aus der Stadt ausrückte, meist vornehme Jünglinge, zerstob wie Spreu vor der
+ungeheuren Übermacht. Die einzige Hoffnung der Rettung beruhte auf Sulla.
+Dieser war, auf die Nachricht vom Abmarsch des samnitischen Heeres in der
+Richtung auf Rom, gleichfalls eiligst aufgebrochen der Hauptstadt zu Hilfe. Den
+sinkenden Mut der Bürgerschaft belebte im Laufe des Morgens das Erscheinen
+seiner ersten Reiter unter Balbus; am Mittag erschien er selbst mit der
+Hauptmacht und ordnete sofort am Tempel der Erykinischen Aphrodite vor dem
+Collinischen Tor (unweit Porta Pia) die Reihen zur Schlacht. Seine
+Unterbefehlshaber beschworen ihn, nicht die durch den Gewaltmarsch erschöpften
+Truppen sofort in den Kampf zu schicken; aber Sulla erwog, was die Nacht über
+Rom bringen könne, und befahl noch am späten Nachmittag den Angriff. Die
+Schlacht war hart bestritten und blutig. Der linke Flügel Sullas, den er selbst
+anführte, wich zurück bis an die Stadtmauer, so daß es notwendig ward, die
+Stadttore zu schließen; schon brachten Versprengte die Nachricht an Ofelia, daß
+die Schlacht verloren sei. Allein auf den rechten Flügel warf Marcus Crassus
+den Feind und verfolgte ihn bis Antemnae, wodurch auch der andere Flügel wider
+Luft bekam und eine Stunde nach Sonnenuntergang seinerseits ebenfalls zum
+Vorrücken überging. Die ganze Nacht und noch den folgenden Morgen ward
+gefochten; erst der Übertritt einer Abteilung von 3000 Mann, die sofort die
+Waffen gegen die früheren Kameraden wandten, setzte dem Kampf ein Ziel. Rom war
+gerettet. Die Insurgentenarmee, für die es nirgends einen Rückzug gab, wurde
+vollständig aufgerieben. Die in der Schlacht gemachten Gefangenen, 3000 bis
+4000 an der Zahl, darunter die Generale Damasippus, Carrinas und den schwer
+verwundeten Pontius, ließ Sulla am dritten Tage nach der Schlacht in das
+städtische Meierhaus auf dem Marsfeld führen und daselbst bis auf den letzten
+Mann niederhauen, so daß man in dem nahen Tempel der Bellona, wo Sulla eben
+eine Senatssitzung abhielt, deutlich das Klirren der Waffen und das Stöhnen der
+Sterbenden vernahm. Es war eine gräßliche Exekution und sie soll nicht
+entschuldigt werden; aber es ist nicht gerecht zu verschweigen, daß diese
+selben Menschen, die dort starben, wie eine Räuberbande über die Hauptstadt und
+die Bürgerschaft hergefallen waren und sie, wenn sie Zeit gefunden hätten, so
+weit vernichtet haben würden, als Feuer und Schwert eine Stadt und eine
+Bürgerschaft zu vernichten vermögen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+6 Es wird gemeldet, daß Sulla in dem Engpaß stand, durch den Praeneste allein
+zugänglich war (App. I, 90); und die weiteren Ereignisse zeigen, daß sowohl ihm
+als dem Entsatzheer die Straße nach Rom offenstand. Ohne Zweifel stand Sulla
+auf der Querstraße, die von der Latinischen, auf der sie Samniten herankamen,
+bei Valmontono nach Palestrina abbiegt; in diesem Fall kommunizierte Sulla auf
+der praenestinischen, die Feinde auf der Launischen oder labicanischen mit der
+Hauptstadt.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Damit war der Krieg in der Hauptsache zu Ende. Die Besatzung von Praeneste
+ergab sich, als die aus den über die Mauer geworfenen Köpfen des Carrinas und
+anderer Offiziere den Ausgang der Schlacht von Rom erfuhr. Die Führer, der
+Konsul Gaius Marius und der Sohn des Pontius, stürzten, nachdem ein Versuch zu
+entkommen ihnen vereitelt war, sich einer in des andern Schwert. Die Menge gab
+der Hoffnung sich hin und ward durch Cethegus darin bestärkt, daß der Sieger
+für sie auch jetzt noch Gnade walten lassen werde. Aber deren Zeiten waren
+vorbei. Je unbedingter Sulla bis zum letzten Augenblick den Übertretenden volle
+Verzeihung gewährt hatte, desto unerbittlicher erwies er sich gegen die Führer
+und Gemeinden, die ausgehalten hatten bis zuletzt. Von den praenestinischen
+Gefangenen, 12000 an der Zahl, wurden zwar außer den Kindern und Frauen die
+meisten Römer und einzelne Pränestiner entlassen, aber die römischen Senatoren,
+fast alle Pränestiner und sämtliche Samniten wurden entwaffnet und
+zusammengehauen, die reiche Stadt geplündert. Es ist begreiflich, daß nach
+solchem Vorgang die noch nicht übergegangenen Neubürgerstädte den Widerstand in
+hartnäckigster Weise fortsetzten. So töteten in der latinischen Stadt Norba,
+als Aemilius Lepidus durch Verrat daselbst eindrang, die Bürger sich
+untereinander und zündeten selbst ihre Stadt an, um nur ihren Henkern die Rache
+und die Beute zu entziehen. In Unteritalien war bereits früher Neapolis
+erstürmt und, wie es scheint, Capua freiwillig aufgegeben worden; Nola aber
+wurde erst im Jahr 674 (80) von den Samniten geräumt. Auf der Flucht von hier
+fiel der letzte noch übrige namhafte Führer der Italiker, der Insurgentenkonsul
+des hoffnungsreichen Jahres 664 (90), Gaius Papius Mutilus, abgewiesen von
+seiner Gattin, zu der er verkleidet sich durchgeschlichen und bei der er einen
+Zufluchtsort zu finden gedacht hatte, vor der Tür des eigenen Hauses in Teanum
+in sein Schwert. Was die Samniten anlangt, so erklärte der Diktator, daß Rom
+nicht Ruhe haben werde, solange Samnium bestehe, und daß darum der samnitische
+Name von der Erde vertilgt werden müsse; und wie er diese Worte an den vor Rom
+und in Praeneste Gefangenen in schrecklicher Weise wahr machte, so scheint er
+auch noch einen Verheerungszug durch die Landschaft unternommen, Aesernia 7
+eingenommen (674? 80) und die bis dahin blühende und bevölkerte Landschaft in
+die Einöde umgewandelt zu haben, die sie seitdem geblieben ist. Ebenso ward in
+Umbrien Tuder durch Marcus Crassus erstürmt. Länger wehrten sich in Etrurien
+Populonium und vor allem das unbezwingliche Volaterrae, das aus den Resten der
+geschlagenen Partei ein Heer von vier Legionen um sich sammelte und eine
+zweijährige, zuerst von Sulla persönlich, sodann von dem gewesenen Prätor Gaius
+Carbo, dem Bruder des demokratischen Konsuls, geleitete Belagerung aushielt,
+bis endlich im dritten Jahre nach der Schlacht am Collinischen Tor (675 79) die
+Besatzung gegen freien Abzug kapitulierte. Aber in dieser entsetzlichen Zeit
+galt weder Kriegsrecht noch Kriegszucht; die Soldaten schrien über Verrat und
+steinigten ihren allzu nachgiebigen Feldherrn; eine von der römischen Regierung
+geschickte Reiterschar hieb die gemäß der Kapitulation abziehende Besatzung
+nieder. Das siegreiche Heer wurde durch Italien verteilt und alle unsicheren
+Ortschaften mit starken Besatzungen belegt; unter der eisernen Hand der
+Sullanischen Offiziere verendeten langsam die letzten Zuckungen der
+revolutionären und nationalen Opposition.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+7 Ein anderer Name kann wohl kaum in der Korruptel Liv. 89 miam in Samnio sich
+verbergen; vgl. Strab. 5, 3, 10.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Noch gab es in den Provinzen zu tun. Zwar Sardinien war dem Statthalter der
+revolutionären Regierung Quintus Antonius rasch durch Lucius Philippus
+entrissen worden (672 82) und auch das Transalpinische Gallien leistete
+geringen oder gar keinen Widerstand; aber in Sizilien, Spanien, Africa schien
+die Sache der in Italien geschlagenen Partei noch keineswegs verloren. Sizilien
+regierte für sie der zuverlässige Statthalter Marcus Perpenna. Quintus
+Sertorius hatte im Diesseitigen Spanien die Provinzialen an sich zu fesseln und
+aus den in Spanien ansässigen Römern eine nicht unansehnliche Armee sich zu
+bilden gewußt, welche zunächst die Pyrenäenpässe sperrte; er hatte auch hier
+wieder bewiesen, daß, wo immer man ihn hinstellte, er an seinem Platze und
+unter all den revolutionären Inkapazitäten er der einzige praktisch brauchbare
+Mann war. In Africa war der Statthalter Hadrianus zwar, da er das
+Revolutionieren allzu gründlich betrieb und den Sklaven die Freiheit zu
+schenken anfing, bei einem durch die römischen Kaufleute von Utica
+angezettelten Auflauf in seiner Amtswohnung überfallen und mit seinem Gesinde
+verbrannt worden (672 82); indes hielt die Provinz nichtsdestoweniger zu der
+revolutionären Regierung, und Cinnas Schwiegersohn, der junge fähige Gnaeus
+Domitius Ahenobarbus, übernahm daselbst den Oberbefehl. Es war sogar von dort
+aus die Propaganda in die Klientelstaaten Numidien und Mauretanien getragen
+worden. Deren legitime Regenten Hiempsal II., des Gauda, und Bogud, des Bocchus
+Sohn, hielten zwar mit Sulla; aber mit Hilfe der Cinnaner war jener durch den
+demokratischen Prätendenten Hiarbas vom Thron gestoßen worden, und ähnliche
+Fehden bewegten das Mauretanische Reich. Der aus Italien geflüchtete Konsul
+Carbo verweilte auf der Insel Kossyra (Pantellaria) zwischen Afrika und
+Sizilien, unschlüssig, wie es scheint, ob er nach Ägypten sich flüchten oder in
+einer der treuen Provinzen versuchen sollte, den Kampf zu erneuern.
+</p>
+
+<p>
+Sulla sandte nach Spanien den Gaius Annius und den Gaius Valerius Flaccus, als
+Statthalter jenen der jenseitigen, diesen der Ebroprovinz. Das schwierige
+Geschäft, die Pyrenäenpässe mit Gewalt sich zu eröffnen, ward ihnen dadurch
+erspart, daß der von Sertorius dort hingestellte General durch einen seiner
+Offiziere ermordet ward und darauf die Truppen desselben sich verliefen.
+Sertorius, viel zu schwach, um sich im gleichen Kampfe zu behaupten, raffte
+eilig die nächststehenden Abteilungen zusammen und schiffte in Neukarthago sich
+ein - wohin, wußte er selbst nicht, vielleicht an die afrikanische Küste oder
+nach den Kanarischen Inseln, nur irgendwohin, wohin Sullas Arm nicht reiche.
+Spanien unterwarf hierauf sich willig den Sullanischen Beamten (um 673 81), und
+Flaccus focht glücklich mit den Kelten, durch deren Gebiet er marschierte, und
+mit den spanischen Keltiberern (674 80).
+</p>
+
+<p>
+Nach Sizilien ward Gnaeus Pompeius als Proprätor gesandt und die Insel, als
+Pompeius mit 120 Segeln und sechs Legionen sich an der Küste zeigte, von
+Perpenna ohne Gegenwehr geräumt. Pompeius schickte von dort ein Geschwader nach
+Kossyra, das die daselbst verweilenden Marianischen Offiziere aufhob; Marcus
+Brutus und die übrigen wurden sofort hingerichtet, den Konsul Carbo aber hatte
+Pompeius befohlen, vor ihn selbst nach Lilybäon zu führen, um ihn hier,
+uneingedenk des in gefährlicher Zeit ihm von ebendiesem Manne zuteil gewordenen
+Schutzes, persönlich dem Henker zu überliefern (672 82). Von hier weiter
+beordert nach Afrika, schlug Pompeius die von Ahenobarbus und Hiarbas
+gesammelten, nicht unbedeutenden Streitkräfte mit seinem allerdings weit
+zahlreicheren Heer aus dem Felde und gab, die Begrüßung als Imperator vorläufig
+ablehnend, sogleich das Zeichen zum Sturm auf das feindliche Lager. So ward er
+an einem Tage der Feinde Herr; Ahenobarbus war unter den Gefallenen; mit Hilfe
+des Königs Bogud ward Hiarbas in Bulla ergriffen und getötet und Hiempsal in
+sein angestammtes Reich wiedereingesetzt; eine große Razzia gegen die Bewohner
+der Wüste, von denen eine Anzahl gätulischer, von Marius als frei anerkannter
+Stämme Hiempsal untergeben wurden, stellte auch hier die gesunkene Achtung des
+römischen Namens wieder her; in vierzig Tagen nach Pompeius&rsquo; Landung in
+Afrika war alles zu Ende (674? 80). Der Senat wies ihn an, sein Heer
+aufzulösen, worin die Andeutung lag, daß er nicht zum Triumph gelassen werden
+solle, auf welchen er als außerordentlicher Beamter dem Herkommen nach keinen
+Anspruch machen durfte. Der Feldherr grollte heimlich, die Soldaten laut; es
+schien einen Augenblick, als werde die afrikanische Armee gegen den Senat
+revoltieren und Sulla gegen seinen Tochtermann zu Felde ziehen. Indes Sulla gab
+nach und ließ den jungen Mann sich berühmen, der einzige Römer zu sein, der
+eher Triumphator (12. März 675 79) als Senator geworden war; ja bei der
+Heimkehr von diesen bequemen Großtaten begrüßte der &ldquo;Glückliche&rdquo;,
+vielleicht nicht ohne einige Ironie, den Jüngling als den &ldquo;Großen&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+Auch im Osten hatten nach Sullas Einschiffung im Frühling 671 (83) die Waffen
+nicht geruht. Die Restauration der alten Verhältnisse und die Unterwerfung
+einzelner Städte kostete, wie in Italien so auch in Asien, noch manchen
+blutigen Kampf; namentlich gegen die freie Stadt Mytilene mußte Lucius
+Lucullus, nachdem er alle milderen Mittel erschöpft hatte, endlich Truppen
+führen, und selbst ein Sieg im freien Felde machte dem eigensinnigen Widerstand
+der Bürgerschaft kein Ende.
+</p>
+
+<p>
+Mittlerweile war der römische Statthalter von Asien, Lucius Murena, mit dem
+König Mithradates in neue Verwicklungen geraten. Dieser hatte sich nach dem
+Frieden beschäftigt, seine auch in den nördlichen Provinzen erschütterte
+Herrschaft wieder zu befestigen; er hatte die Kolchier beruhigt, indem er
+seinen tüchtigen Sohn Mithradates ihnen zum Statthalter setzte, dann diesen
+selbst aus dem Wege geräumt, und rüstete nun zu einem Zug in sein
+Bosporanisches Reich. Auf die Versicherungen des Archelaos hin, der inzwischen
+bei Murena eine Freistatt hatte suchen müssen, daß diese Rüstungen gegen Rom
+gerichtet seien, setzte sich Murena unter dem Vorgeben, daß Mithradates noch
+kappadokische Grenzdistrikte in Besitz habe, mit seinen Truppen nach dem
+kappadokischen Komana in Bewegung, verletzte also die pontische Grenze (671
+83). Mithradates begnügte sich, bei Murena und, da dies vergeblich war, bei der
+römischen Regierung Beschwerde zu führen. In der Tat erschienen Beauftragte
+Sullas den Statthalter abzumahnen; allein er fügte sich nicht, sondern
+überschritt den Halys und betrat das unbestritten pontische Gebiet, worauf
+Mithradates beschloß, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Sein Feldherr Gordios
+mußte das römische Heer festhalten, bis der König mit weit überlegenen
+Streitkräften herankam und die Schlacht erzwang; Murena ward besiegt und mit
+großem Verlust bis über die römische Grenze nach Phrygien zurückgeworfen, die
+römischen Besatzungen aus ganz Kappadokien vertrieben. Murena hatte zwar die
+Stirn, wegen dieser Vorgänge sich Sieger zu nennen und den Imperatorentitel
+anzunehmen (672 82); indes die derbe Lektion und eine zweite Mahnung Sullas
+bewogen ihn doch endlich, die Sache nicht weiterzutreiben; der Friede zwischen
+Rom und Mithradates ward erneuert (673 81).
+</p>
+
+<p>
+Über diese törichte Fehde war die Bezwingung der Mytilenäer verzögert worden;
+erst Murenas Nachfolger gelang es nach langer Belagerung zu Lande und zur See,
+wobei die bithynische Flotte gute Dienste tat, die Stadt mit Sturm einzunehmen
+(675 79).
+</p>
+
+<p>
+Die zehnjährige Revolution und Insurrektion war im Westen und im Osten zu Ende;
+der Staat hatte wieder eine einheitliche Regierung und Frieden nach außen und
+innen. Nach den fürchterlichen Konvulsionen der letzten Jahre war schon diese
+Rast eine Erleichterung; ob sie mehr gewähren sollte, ob der bedeutende Mann,
+dem das schwere Werk der Bewältigung des Landesfeindes, das schwerere der
+Bändigung der Revolution gelungen war, auch dem schwersten von allen, der
+Wiederherstellung der in ihren Grundfesten schwankenden sozialen und
+politischen Ordnung zu genügen vermochte, mußte demnächst sich entscheiden.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap10"></a>KAPITEL X.<br/>
+Die Sullanische Verfassung</h2>
+
+<p>
+Um die Zeit, als die erste Feldschlacht zwischen Römern und Römern geschlagen
+ward, in der Nacht des 6. Juli 671 (83), war der ehrwürdige Tempel, den die
+Könige errichtet, die junge Freiheit geweiht, die Stürme eines halben
+Jahrtausends verschont hatten, der Tempel des Römischen Jupiter, auf dem
+Kapitol in Flammen aufgegangen. Es war kein Anzeichen, aber wohl ein Abbild des
+Zustandes der römischen Verfassung. Auch diese lag in Trümmern und bedurfte
+eines neuen Aufbaus. Die Revolution war zwar besiegt, aber es fehlte doch viel,
+daß damit von selber das alte Regiment wieder sich hergestellt hätte.
+Allerdings meinte die Masse der Aristokratie, daß jetzt nach dem Tode der
+beiden revolutionären Konsuln es genügen werde, die gewöhnliche Ergänzungswahl
+zu veranstalten und es dem Senat zu überlassen, was ihm zur Belohnung der
+siegreichen Armee, zur Bestrafung der schuldigsten Revolutionäre, etwa auch zur
+Verhütung ähnlicher Ausbrüche weiter erforderlich erscheinen werde. Allein
+Sulla, in dessen Händen der Sieg für den Augenblick alle Macht vereinigt hatte,
+urteilte richtiger über die Verhältnisse und die Personen. Die Aristokratie
+Roms war in ihrer besten Epoche nicht hinausgekommen über ein halb großartiges,
+halb borniertes Festhalten an den überlieferten Formen; wie sollte das
+schwerfällige kollegialische Regiment dieser Zeit dazu kommen, eine umfassende
+Staatsreform energisch und konsequent durchzuführen? Und eben jetzt, nachdem
+die letzte Krise fast alle Spitzen des Senats weggerafft hatte, war in
+demselben die zu einem solchen Beginnen erforderliche Kraft und Intelligenz
+weniger als je zu finden. Wie unbrauchbar durchgängig das aristokratische
+Vollblut und wie wenig Sulla über dessen Nichtsnutzigkeit im unklaren war,
+beweist die Tatsache, daß mit Ausnahme des ihm verschwägerten Quintus Metellus
+er sich seine Werkzeuge sämtlich auslas aus der ehemaligen Mittelpartei und den
+Überläufern aus dem demokratischen Lager - so Lucius Flaccus, Lucius Philippus,
+Quintus Ofella, Gnaeus Pompeius. Sulla war die Wiederherstellung der alten
+Verfassung so sehr Ernst wie nur dem leidenschaftlichsten aristokratischen
+Emigranten; aber er begriff, wohl auch nicht in dem ganzen und vollen Umfang -
+wie hätte er sonst überhaupt Hand ans Werk zu legen vermocht? -, aber doch
+besser als seine Partei, welchen ungeheuren Schwierigkeiten dieses
+Restaurationswerk unterlag. Als unumgänglich betrachtete er teils umfassende
+Konzessionen, soweit Nachgiebigkeit möglich war, ohne das Wesen der Oligarchie
+anzutasten, teils die Herstellung eines energischen Repressiv- und
+Präventivsystems; und er sah es deutlich, daß der Senat, wie er war, jede
+Konzession verweigern oder verstümmeln, jeden systematischen Neubau
+parlamentarisch ruinieren werde. Hatte Sulla schon nach der Sulpicischen
+Revolution, ohne viel zu fragen, in der einen und der andern Richtung
+durchgesetzt, was er für nötig erachtete, so war er auch jetzt unter weit
+schärferen und gespannteren Verhältnissen entschlossen, die Oligarchie nicht
+mit, sondern trotz der Oligarchen auf eigene Hand zu restaurieren. Sulla aber
+war nicht wie damals Konsul, sondern bloß mit prokonsularischer, das heißt rein
+militärischer Gewalt ausgestattet; er bedurfte einer möglichst nahe an den
+verfassungsmäßigen Formen sich haltenden, aber doch außerordentlichen Gewalt,
+um Freunden und Feinden seine Reform zu oktroyieren. In einem Schreiben an den
+Senat eröffnete er demselben, daß es ihm unumgänglich scheine, die Ordnung des
+Staates in die Hände eines einzigen, mit unumschränkter Machtvollkommenheit
+ausgerüsteten Mannes zu legen, und daß er sich für geeignet halte, diese
+schwierige Aufgabe zu erfüllen. Dieser Vorschlag, so unbequem er vielen kam,
+war unter den obwaltenden Umständen ein Befehl. Im Auftrag des Senats brachte
+der Vormann desselben, der Zwischenkönig Lucius Valerius Flaccus der Vater, als
+interimistischer Inhaber der höchsten Gewalt bei der Bürgerschaft den Antrag
+ein, daß dem Prokonsul Lucius Cornelius Sulla für die Vergangenheit die
+nachträgliche Billigung aller von ihm als Konsul und Prokonsul vollzogenen
+Amtshandlungen, für die Zukunft aber das Recht erteilt werden möge, über Leben
+und Eigentum der Bürger in erster und letzter Instanz zu erkennen, mit den
+Staatsdomänen nach Gutdünken zu schalten, die Grenzen Roms, Italiens, des
+Staats nach Ermessen zu verschieben, in Italien Stadtgemeinden aufzulösen oder
+zu gründen, über die Provinzen und die abhängigen Staaten zu verfügen, das
+höchste Imperium anstatt des Volkes zu vergeben und Prokonsuln und Proprätoren
+zu ernennen, endlich durch neue Gesetze für die Zukunft den Staat zu ordnen;
+daß es in sein eigenes Ermessen gestellt werden solle, wann er seine Aufgabe
+gelöst und es an der Zeit erachte, dies außerordentliche Amt niederzulegen; daß
+endlich während desselben es von seinem Gutfinden abhängen solle, die
+ordentliche höchste Magistratur daneben eintreten oder auch ruhen zu lassen. Es
+versteht sich, daß die Annahme ohne Widerspruch stattfand (November 672 82),
+und nun erst erschien der neue Herr des Staates, der bisher als Prokonsul die
+Hauptstadt zu betreten vermieden hatte, innerhalb der Mauern von Rom. Den Namen
+entlehnte dies neue Amt von der seit dem Hannibalischen Kriege tatsächlich
+abgeschafften Diktatur; aber sie außer seinem bewaffneten Gefolge ihm doppelt
+so viele Liktoren vorausschritten als dem Diktator der älteren Zeit, so war
+auch in der Tat diese neue &ldquo;Diktatur zur Abfassung von Gesetzen und zur
+Ordnung des Gemeinwesens&rdquo;, wie die offizielle Titulatur lautet, ein ganz
+anderes als jenes ehemalige, der Zeit und der Kompetenz nach beschränkte, die
+Provokation an die Bürgerschaft nicht ausschließende und die ordentliche
+Magistratur nicht annullierende Amt. Es glich dasselbe vielmehr dem der
+&ldquo;Zehnmänner zur Abfassung von Gesetzen&rdquo;, die gleichfalls als
+außerordentliche Regierung mit unbeschränkter Machtvollkommenheit unter
+Beseitigung der ordentlichen Magistratur aufgetreten waren und tatsächlich
+wenigstens ihr Amt als ein der Zeit nach unbegrenztes verwaltet hatten. Oder
+vielmehr dies neue Amt mit seiner auf einem Volksbeschluß ruhenden, durch keine
+Befristung und Kollegialität eingeengten absoluten Gewalt war nichts anderes
+als das alte Königtum, das ja eben auch beruhte auf der freien Verpflichtung
+der Bürgerschaft, einem aus ihrer Mitte als absolutem Herrn zu gehorchen.
+Selbst von Zeitgenossen wird zur Rechtfertigung Sullas es geltend gemacht, daß
+ein König besser sei als eine schlechte Verfassung ^1, und vermutlich ward auch
+der Diktatortitel nur gewählt um anzudeuten, daß, wie die ehemalige Diktatur
+eine vielfach beschränkte, so diese neue eine vollständige Wiederaufnahme der
+königlichen Gewalt in sich enthalte. So fiel denn seltsamerweise Sullas Weg
+auch hier zusammen mit dem, den in so ganz anderer Absicht Gaius Gracchus
+eingeschlagen hatte. Auch hier mußte die konservative Partei von ihren Gegnern
+borgen, der Schirmherr der oligarchischen Verfassung selbst auftreten als
+Tyrann, um die ewig andringende Tyrannis abzuwehren. Es war gar viel Niederlage
+in diesem letzten Siege der Oligarchie.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Satius est uti regibus quam uti malis legibus (Rhet. Her. 2, 22).
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Sulla hatte die schwierige und grauenvolle Arbeit des Restaurationswerkes nicht
+gesucht und nicht gewünscht; da ihm aber keine andere Wahl blieb, als sie
+gänzlich unfähigen Händen zu überlassen oder sie selber zu übernehmen, griff er
+sie an mit rücksichtsloser Energie. Vor allen Dingen mußte eine Feststellung
+hinsichtlich der Schuldigen getroffen werden. Sulla war an sich zum Verzeihen
+geneigt. Sanguinischen Temperaments wie er war, konnte er wohl zornig
+aufbrausen, und der mochte sich hüten, der sein Auge flammen und seine Wangen
+sich färben sah; aber die chronische Rachsucht, wie sie Marius in seiner
+greisenhaften Verbitterung eigen war, war seinem leichten Naturell durchaus
+fremd. Nicht bloß nach der Revolution von 666 (88) war er mit verhältnismäßig
+großer Milde aufgetreten; auch die zweite, die so furchtbare Greuel verübt und
+ihn persönlich so empfindlich getroffen hatte, hatte ihn nicht aus dem
+Gleichgewicht gebracht. In derselben Zeit, so der Henker die Körper seiner
+Freunde durch die Straßen der Hauptstadt schleifte, hatte er dem blutbefleckten
+Fimbria das Leben zu retten gesucht und, da dieser freiwillig den Tod nahm,
+Befehl gegeben, seine Leiche anständig zu bestatten. Bei der Landung in Italien
+hatte er ernstlich sich erboten, zu vergeben und zu vergessen, und keiner, der
+seinen Frieden zu machen kam, war zurückgewiesen worden. Noch nach den ersten
+Erfolgen hatte er in diesem Sinne mit Lucius Scipio verhandelt; die
+Revolutionspartei war es gewesen, die diese Verhandlungen nicht bloß
+abgebrochen, sondern nach denselben, im letzten Augenblicke vor ihrem Sturz,
+die Mordtaten abermals und grauenvoller als je wieder aufgenommen, ja zur
+Vernichtung der Stadt Rom sich mit dem uralten Landesfeind verschworen hatte.
+Nun war es genug. Kraft seiner neuen Amtsgewalt erklärte Sulla unmittelbar nach
+Übernahme der Regentschaft als Feinde des Vaterlands vogelfrei sämtliche Zivil-
+und Militärbeamte, welche nach dem, Sullas Behauptung zufolge rechtsbeständig
+abgeschlossenen, Vertrag mit Scipio noch für die Revolution tätig gewesen
+wären, und von den übrigen Bürgern diejenigen, die in auffallender Weise
+derselben Vorschub getan hätten. Wer einen dieser Vogelfreien tötete, war nicht
+bloß straffrei wie der Henker, der ordnungsmäßig eine Exekution vollzieht,
+sondern erhielt auch für die Hinrichtung eine Vergütung von 12000 Denaren (3600
+Tälern); jeder dagegen, der eines Geächteten sich annahm, selbst der nächste
+Verwandte, unterlag der schwersten Strafe. Das Vermögen der Geächteten verfiel
+dem Staat gleich der Feindesbeute; ihre Kinder und Enkel wurden von der
+politischen Laufbahn ausgeschlossen, dennoch aber, insofern sie senatorischen
+Standes waren, verpflichtet, die senatorischen Lasten für ihren Teil zu
+übernehmen. Die letzten Bestimmungen fanden auch Anwendung auf die Güter und
+die Nachkommen derjenigen, die im Kampfe für die Revolution gefallen waren; was
+noch hinausging selbst über die im ältesten Recht gegen solche, die die Waffen
+gegen ihr Vaterland getragen hatten, geordneten Strafen. Das Schrecklichste in
+diesem Schreckenssystem war die Unbestimmtheit der aufgestellten Kategorien,
+gegen die sofort im Senat remonstriert ward und der Sulla selber dadurch
+abzuhelfen suchte, daß er die Namen der Geächteten öffentlich anschlagen ließ
+und als letzten Termin für den Schluß der Ächtungsliste den 1. Juni 673 (81)
+festsetzte. Sosehr diese täglich anschwellende und zuletzt bis auf 4700 Namen
+steigende Bluttafel 2 das gerechte Entsetzen der Bürger war, so war doch damit
+der reinen Schergenwillkür in etwa gesteuert. Es war wenigstens nicht der
+persönliche Groll des Regenten, dem die Masse dieser Opfer fiel; sein grimmiger
+Haß richtete sich einzig gegen die Marier, die Urheber der scheußlichen
+Metzeleien von 667 (87) und 672 (82). Auf seinen Befehl ward das Grab des
+Siegers von Aquae Sextiae wiederaufgerissen und die Asche desselben in den Anio
+gestreut, die Denkmäler seiner Siege über Afrikaner und Deutsche umgestürzt
+und, da ihn selbst sowie seinen Sohn der Tod seiner Rache entrückt hatte, sein
+Adoptivneffe Marcus Marius Gratidianus, der zweimal Prätor gewesen und bei der
+römischen Bürgerschaft sehr beliebt war, an dem Grabe des bejammernswertesten
+der Marianischen Schlachtopfer, des Catulus, unter den grausamsten Martern
+hingerichtet. Auch sonst hatte der Tod schon die namhaftesten der Gegner
+hingerafft; von den Führern waren nur noch übrig Gaius Norbanus, der in Rhodos
+Hand an sich selbst legte, während die Ekklesia über seine Auslieferung beriet;
+Lucius Scipio, dem seine Bedeutungslosigkeit und wohl auch seine vornehme
+Geburt Schonung verschafften und die Erlaubnis, in seiner Zufluchtsstätte
+Massalia seine Tage in Ruhe beschließen zu dürfen; und Quintus Sertorius, der
+landflüchtig an der mauretanischen Küste umherirrte. Aber dennoch häuften sich
+am Servilischen Bassin, da wo die Jugarische Gasse in den Marktplatz
+einmündete, die Häupter der getöteten Senatoren, welche hier öffentlich
+auszustellen der Diktator befohlen hatte, und vor allem unter den Männern
+zweiten und dritten Ranges hielt der Tod eine furchtbare Ernte. Außer denen,
+die für Ehre Dienste in der oder für die revolutionäre Armee ohne viele Wahl,
+zuweilen wegen eines einem der Offiziere derselben gemachten Vorschusses oder
+wegen der mit einem solchen geschlossenen Gastfreundschaft, in die Liste
+eingetragen wurden, traf namentlich jene Kapitalisten, die über die Senatoren
+zu Gericht gesessen und in Marianischen Konfiskationen spekuliert hatten,
+&ldquo;die Einsäckler&rdquo;, die Vergeltung; etwa sechzehnhundert der
+sogenannten Ritter 3 waren auf der Ächtungsliste verzeichnet. Ebenso büßten die
+gewerbsmäßigen Ankläger, die schwerste Geißel der Vornehmen, die sich ein
+Geschäft daraus machten, die Männer senatorischen Standes vor die
+Rittergerichte zu ziehen - &ldquo;Wie geht es nur zu&rdquo;, fragte bald darauf
+ein Sachwalter, &ldquo;daß sie uns die Gerichtsbänke gelassen haben, da sie
+doch Ankläger und Richter totschlugen?&rdquo; Die wildesten und schändlichsten
+Leidenschaften rasten viele Monate hindurch ungefesselt durch Italien. In der
+Hauptstadt war es ein Keltentrupp, dem zunächst die Exekutionen aufgetragen
+wurden, und Sullanische Soldaten und Unteroffiziere durchzogen zu gleichem
+Zweck die verschiedenen Distrikte Italiens; aber auch jeder Freiwillige war ja
+willkommen, und vornehmes und niederes Gesindel drängte sich herbei, nicht
+bloß, um die Mordprämie zu verdienen, sondern auch, um unter dem Deckmantel der
+politischen Verfolgung die eigene Rachsucht oder Habsucht zu befriedigen. Es
+kam wohl vor, daß der Eintragung in die Ächtungsliste die Ermordung nicht
+nachfolgte, sondern voranging. Ein Beispiel zeigt, in welcher Art diese
+Exekutionen erfolgten. In Larinum, einer marianisch gesinnten Neubürgerstadt,
+trat ein gewisser Statius Albius Oppianicus, der um einer Anklage wegen Mordes
+zu entgehen in das Sullanische Hauptquartier entwichen war, nach dem Sieg auf
+als Kommissarius des Regenten, setzte die Stadtobrigkeit ab und sich und seine
+Freunde an deren Stelle und ließ den, der ihn mit der Anklage bedroht hatte,
+nebst dessen nächsten Verwandten und Freunden ächten und töten. So fielen
+unzählige, darunter nicht wenige entschiedene Anhänger der Oligarchie, als
+Opfer der Privatfeindschaft oder ihres Reichtums; die fürchterliche Verwirrung
+und die sträfliche Nachsicht, die Sulla wie überall so auch hier gegen die ihm
+näher Stehenden bewies, verhinderten jede Ahndung auch nur der hierbei mit
+untergelaufenen gemeinen Verbrechen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+2 Diese Gesamtzahl gibt Valerius Maximus 9, 2, 1. Nach Appian (civ. 1, 9.5)
+wurden von Sulla geächtet gegen 40 Senatoren, wozu nachträglich noch einige
+hinzukamen, und etwa 1600 Ritter; nach Florus (2, 9; daraus Aug. civ. 3, 28)
+2000 Senatoren und Ritter. Nach Plutarch (Sull. 31) wurden in den ersten drei
+Tagen 520, nach Orosius (hist. 5, 21) in den ersten Tagen 580 Namen in die
+Liste eingetragen. Zwischen all diesen Berichten ist ein wesentlicher
+Widerspruch nicht vorhanden, da ja teils nicht bloß Senatoren und Ritter
+getötet wurden, teils die Liste monatelang offenblieb, Wenn an einer anderen
+Stelle Appian (civ. 1, 103) als von Sulla getötet oder verbannt aufführt
+fünfzehn Konsulare, 90 Senatoren, 2600 Ritter, so sind hier, wie schon der
+Zusammenhang zeigt, die Opfer des Bürgerkriegs überhaupt und die Opfer Sullas
+verwechselt. Die fünfzehn Konsulate sind Quintus Catulus Konsul 652 (102),
+Marcus Antonius 655 (99), Publius Crassus 657 (97) Quintus Scaevola 659 (95),
+Lucius Domitius 660 (94), Lucius Caesar 664 (90), Quintus Rufus 666 (88),
+Lucius Cinna 667-670 (87-84), Gnaeus Octavius 667 (87), Lucius Merula 667 (87),
+Lucius Flaccus 668 (86), Gnaeus Carbo 669, 670, 672 (85, 84, 82), Gaius
+Norbanus 671 (83), Lucius Scipio 671 (83), Gaius Marius 672 (82), von denen
+vierzehn getötet, einer, Lucius Scipio, verbannt wurde. Wenn dagegen der
+Livianische Bericht bei Eutrop (5, 9) und Orosius (5, 22) als im
+Bundesgenossen- und Bürgerkrieg weggerafft (consumpti) angibt 24 Konsulare,
+sieben Prätorier, sechs Ädilizier, 200 Senatoren, so sind hier teils die im
+Italischen Kriege gefallenen Männer mitgezählt, wie die Konsulare Aulus
+Albinus, Konsul 655 (99), Titus Didius 656 (98), Publius Lupus 664 (90), Lucius
+Cato 665 (89), teils vielleicht Quintus Metellus Numidicus, Manius Aquillius,
+Gaius Marius der Vater, Gnaeus Strabo, die man allenfalls auch als Opfer dieser
+Zeit ansehen konnte, oder andere Männer, deren Schicksal uns nicht bekannt ist.
+Von den vierzehn getöteten Konsularen sind drei, Rufus, Cinna und Flaccus,
+durch Militärrevolten, dagegen acht Sullanische, drei Marianische Konsulate als
+Opfer der Gegenpartei gefallen. Nach der Vergleichung der oben angegebenen
+Ziffern galten als Opfer des Marius 50 Senatoren und 1000 Ritter, als Opfer des
+Sulla 40 Senatoren und 1600 Ritter; es gibt dies einen wenigstens nicht ganz
+willkürlichen Maßstab zur Abschätzung des Umfangs der beiderseitigen Frevel.
+</p>
+
+<p>
+3 Einer von diesen ist der in Ciceros Rede für Publius Quinctius öfter genannte
+Senator Sextus Alfenus.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In ähnlicher Weise ward mit dem Beutegut verfahren. Sulla wirkte aus
+politischen Rücksichten dahin, daß die angesehenen Bürger sich bei dessen
+Ersteigerung beteiligten; ein großer Teil drängte übrigens freiwillig sich
+herbei, keiner eifriger als der junge Marcus Crassus. Unter den obwaltenden
+Umständen war die ärgste Schleuderwirtschaft nicht zu vermeiden, die übrigens
+zum Teil schon aus der römischen Weise folgte, die vom Staat eingezogenen
+Vermögen gegen eine Pauschalsumme zur Realisierung zu verkaufen; es kam noch
+hinzu, daß der Regent teils sich selbst nicht vergaß, teils besonders seine
+Gemahlin Metella und andere ihm nahestehende vornehme und geringe Personen,
+selbst Freigelassene und Kneipgenossen, bald ohne Konkurrenz kaufen ließ, bald
+ihnen den Kaufschilling ganz oder teilweise erließ - so soll zum Beispiel einer
+seiner Freigelassenen ein Vermögen von 6 Millionen (457000 Talern) für 2000
+Sesterzen (152 Taler) ersteigert haben und einer seiner Unteroffiziere durch
+derartige Spekulationen zu einem Vermögen von 10 Mill. Sesterzen (761000
+Talern) gelangt sein. Der Unwille war groß und gerecht; schon während Sollas
+Regentschaft fragte ein Advokat, ob der Adel den Bürgerkrieg nur geführt habe,
+um seine Freigelassenen und Knechte zu reichen Leuten zu machen. Trotz dieser
+Schleuderei indes betrug der Gesamterlös aus den konfiszierten Gütern nicht
+weniger als 350 Mill. Sesterzen (27 Mill. Taler), was von dem ungeheuren Umfang
+dieser hauptsächlich auf den reichsten Teil der Bürgerschaft fallenden
+Einziehungen einen ungefähren Begriff gibt. Es war durchaus ein fürchterliches
+Strafgericht. Es gab keinen Prozeß, keine Begnadigung mehr; bleischwer lastete
+der dumpfe Schrecken auf dem Lande, und das freie Wort war auf dem Markte der
+Haupt- wie der Landstadt verstummt. Das oligarchische Schreckensregiment trug
+wohl einen anderen Stempel als das revolutionäre; wenn Marius seine persönliche
+Rachsucht im Blute seiner Feinde gelöscht hatte, so schien Sulla den
+Terrorismus man möchte sagen abstrakt als zur Einführung der neuen
+Gewaltherrschaft notwendig zu erachten und die Metzelei fast gleichgültig zu
+betreiben oder betreiben zu lassen. Aber nur um so entsetzlicher erschien das
+Schreckensregiment, indem es von der konservativen Seite her und gewissermaßen
+ohne Leidenschaft auftrat; nur um so unrettbarer schien das Gemeinwesen
+verloren, indem der Wahnsinn und der Frevel auf beiden Seiten im Gleichgewicht
+standen.
+</p>
+
+<p>
+In der Ordnung der Verhältnisse Italiens und der Hauptstadt hielt Sulla, obwohl
+er sonst im allgemeinen alle während der Revolution vorgenommenen, nicht bloß
+die laufenden Geschäfte erledigenden Staatshandlungen als nichtig behandelte,
+doch fest an dem von ihr aufgestellten Grundsatz, daß jeder Bürger einer
+italischen Gemeinde damit von selbst auch Bürger von Rom sei; die Unterschiede
+zwischen Bürgern und italischen Bundesgenossen, zwischen Altbürgern besseren
+und Neubürgern beschränkteren Rechts waren und blieben beseitigt. Nur den
+Freigelassenen ward das unbeschränkte Stimmrecht abermals entzogen und für sie
+das alte Verhältnis wiederhergestellt. Den aristokratischen Ultras mochte dies
+als eine große Konzession erscheinen; Sulla sah, daß den revolutionären Führern
+jene mächtigen Hebel notwendig aus der Hand gewunden werden mußten und daß die
+Herrschaft der Oligarchie durch die Vermehrung der Zahl der Bürger nicht
+wesentlich gefährdet ward. Aber mit dieser Nachgiebigkeit im Prinzip verband
+sich das härteste Gericht über die einzelnen Gemeinden in sämtlichen
+Landschaften Italiens, ausgeführt durch Spezialkommissare und unter Mitwirkung
+der durch die ganze Halbinsel verteilten Besatzungen. Manche Städte wurden
+belohnt, wie zum Beispiel die erste Gemeinde, die sich an Sulla angeschlossen
+hatte, Brundisium, jetzt die für diesen Seehafen so wichtige Zollfreiheit
+erhielt; mehrere bestraft. Den minder Schuldigen wurden Geldbußen,
+Niederreißung der Mauern, Schleifung der Burgen diktiert; den hartnäckigsten
+Gegnern konfiszierte der Regent einen Teil ihrer Feldmark, zum Teil sogar das
+ganze Gebiet, wie denn dies rechtlich allerdings als verwirkt angesehen werden
+konnte, mochte man nun sie als Bürgergemeinden behandeln, die die Waffen gegen
+ihr Vaterland getragen, oder als Bundesstaaten, die dem ewigen Friedensvertrag
+zuwider mit Rom Krieg geführt hatten. In diesem Falle ward zugleich allen aus
+dem Besitz gesetzten Bürgern, aber auch nur diesen, ihr Stadt- und zugleich das
+römische Bürgerrecht aberkannt, wogegen sie das schlechteste latinische
+empfingen 4. Man vermied also an italischen Untertanengemeinden geringeren
+Rechts der Opposition einen Kern zu gewähren; die heimatlosen Expropriierten
+mußten bald in der Masse des Proletariats sich verlieren. In Kampanien ward
+nicht bloß, wie sich von selbst versteht, die demokratische Kolonie Capua
+aufgehoben und die Domäne an den Staat zurückgegeben, sondern auch,
+wahrscheinlich um diese Zeit, der Gemeinde Neapolis die Insel Aenaria (Ischia)
+entzogen. In Latium wurde die gesamte Mark der großen und reichen Stadt
+Praeneste und vermutlich auch die von Norba eingezogen, ebenso in Umbrien die
+von Spoletium. Sulmo in der pälignischen Landschaft ward sogar geschleift. Aber
+vor allem schwer lastete des Regenten eiserner Arm auf den beiden Landschaften,
+die bis zuletzt und noch nach der Schlacht am Collinischen Tor ernstlichen
+Widerstand geleistet hatten, auf Etrurien und Samnium. Dort traf die
+Gesamtkonfiskation eine Reihe der ansehnlichsten Kommunen, zum Beispiel
+Florentia, Faesulae, Arretium, Volaterrae. Von Samniums Schicksal ward schon
+gesprochen; hier ward nicht konfisziert, sondern das Land für immer verwüstet,
+seine blühenden Städte, selbst die ehemalige latinische Kolonie Aesernia, öde
+gelegt und die Landschaft der bruttischen und lucanischen gleichgestellt.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+4 Es kam hierbei noch die eigentümliche Erschwerung hinzu, daß das latinische
+Recht sonst regelmäßig, ebenwie das peregrinische, die Mitgliedschaft in einer
+bestimmten latinischen oder peregrinischen Gemeinde in sich schloß, hier aber -
+ähnlich wie bei den späteren Freigelassenen latinischen und deditizischen
+Rechts (vgl. 3, 258 A.) - ohne ein solches eigenes Stadtrecht auftrat. Die
+Folge war, daß diese Latiner die an die Stadtverfassung geknüpften Privilegien
+entbehrten, genau genommen auch nicht testieren konnten, da niemand anders ein
+Testament errichten kann als nach dem Recht seiner Stadt; wohl aber konnten sie
+aus römischen Testamenten erwerben und unter Lebenden unter sich wie mit Römern
+oder Latinern in den Formen des römischen Rechts verkehren.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Diese Anordnungen über das italische Bodeneigentum stellten teils diejenigen
+römischen Domanialländereien, welche den ehemaligen Bundesgenossengemeinden zur
+Nutznießung übertragen waren und jetzt mit deren Auflösung an die römische
+Regierung zurückfielen, teils die eingezogenen Feldmarken der straffälligen
+Gemeinden zur Verfügung des Regenten; und er benutzte sie, um darauf die
+Soldaten der siegreichen Armee ansässig zu machen. Die meisten dieser neuen
+Ansiedlungen kamen nach Etrurien, zum Beispiel nach Faesulae und Arretium,
+andere nach Latium und Kampanien, wo unter andern Praeneste und Pompeii
+Sullanische Kolonien wurden. Samnium wiederzubevölkern lag, wie gesagt, nicht
+in der Absicht des Regenten. Ein großer Teil dieser Assignationen erfolgte in
+gracchanischer Weise, so daß die Angesiedelten zu einer schon bestehenden
+Stadtgemeinde hinzutraten. Wie umfassend die Ansiedelung war, zeigt die Zahl
+der verteilten Landlose, die auf 120000 angegeben wird; wobei dennoch einige
+Ackerkomplexe anderweitig verwandt wurden, wie zum Beispiel der Dianentempel
+auf dem Berg Tifata mit Ländereien beschenkt ward, andere, wie die
+volaterranische Mark und ein Teil der arretinischen, unverteilt blieben, andere
+endlich nach dem alten, gesetzlich untersagten, aber jetzt wiederauftauchenden
+Mißbrauch von Sullas Günstlingen nach Okkupationsrecht eingenommen wurden. Die
+Zwecke, die Sulla bei dieser Kolonisation verfolgte, waren mannigfacher Art.
+Zunächst löste er damit seinen Soldaten das gegebene Wort. Ferner nahm er damit
+den Gedanken auf, in dem die Reformpartei und die gemäßigten Konservativen
+zusammentrafen und demgemäß er selbst schon im Jahre 666 (88) die Gründung
+einer Anzahl von Kolonien angeordnet hatte: die Zahl der ackerbauenden
+Kleinbesitzer in Italien durch Zerschlagung größerer Besitzungen von Seiten der
+Regierung zu vermehren; wie ernstlich ihm hieran gelegen war, zeigt das
+erneuerte Verbot des Zusammenschlagens der Ackerlose. Endlich und vor allem sah
+er in diesen angesiedelten Soldaten gleichsam stehende Besatzungen, die mit
+ihrem Eigentumsrecht zugleich seine neue Verfassung schirmen würden; weshalb
+auch, wo nicht die ganze Mark eingezogen ward, wie zum Beispiel in Pompeii, die
+Kolonisten nicht mit der Stadtgemeinde verschmolzen, sondern die Altbürger und
+die Kolonisten als zwei in demselben Mauerring vereinigte Bürgerschaften
+konstituiert wurden. Diese Kolonialgründungen ruhten wohl auch wie die älteren
+auf Volksschluß, aber doch nur mittelbar, insofern sie der Regent auf Grund der
+desfälligen Klausel des Valerischen Gesetzes konstituierte; der Sache nach
+gingen sie hervor aus der Machtvollkommenheit des Herrschers und erinnerten
+insofern an das freie Schalten der ehemaligen königlichen Gewalt über das
+Staatsgut. Insofern aber, als der Gegensatz des Soldaten und des Bürgers, der
+sonst eben durch die Deduktion der Soldaten aufgehoben ward, bei den
+Sullanischen Kolonien noch nach ihrer Ausführung lebendig bleiben sollte und
+blieb, und als diese Kolonisten gleichsam das stehende Heer des Senats
+bildeten, werden sie nicht unrichtig im Gegensatz gegen die älteren als
+Militärkolonien bezeichnet.
+</p>
+
+<p>
+Dieser faktischen Konstituierung einer stehenden Armee des Senats verwandt ist
+die Maßregel des Regenten, aus den Sklaven der Geächteten über 10000 der
+jüngsten und kräftigsten Männer auszuwählen und insgesamt freizusprechen. Diese
+neuen Cornelier, deren bürgerliche Existenz an die Rechtsbeständigkeit der
+Institutionen ihres Patrons geknüpft war, sollten eine Art von Leibwache für
+die Oligarchie sein und ihr den städtischen Pöbel beherrschen helfen, auf den
+nun einmal in der Hauptstadt in Ermangelung einer Besatzung alles ankam.
+</p>
+
+<p>
+Diese außerordentlichen Stützen, auf die zunächst der Regent die Oligarchie
+lehnte, schwach und ephemer wie sie wohl auch ihrem Urheber erscheinen mochten,
+waren doch die einzig möglichen, wenn man nicht zu Mitteln greifen wollte, wie
+die förmliche Aufstellung eines stehendes Heeres in Rom und dergleichen
+Maßregeln mehr, die der Oligarchie noch weit eher ein Ende gemacht haben würden
+als ,die demagogischen Angriffe. Das dauernde Fundament der ordentlichen
+Regierungsgewalt der Oligarchie mußte natürlich der Senat sein mit einer so
+gesteigerten und so konzentrierten Gewalt, daß er an jedem einzelnen
+Angriffspunkt den nichtorganisierten Gegnern überlegen gegenüberstand. Das
+vierzig Jahre hindurch befolgte System der Transaktionen war zu Ende. Die
+Gracchische Verfassung, noch geschont in der ersten Sullanischen Reform von
+666, ward jetzt von Grund aus beseitigt. Seit Gaius Gracchus hatte die
+Regierung dem hauptstädtischen Proletariat gleichsam das Recht der Erneute
+zugestanden und es abgekauft durch regelmäßige Getreideverteilungen an die in
+der Hauptstadt domizilierten Bürger; Sulla schaffte dieselben ab. Durch die
+Verpachtung der Zehnten und Zölle der Provinz Asia in Rom hatte Gaius Gracchus
+den Kapitalistenstand organisiert und fundiert; Sulla hob das System der
+Mittelsmänner auf und verwandelte die bisherigen Leistungen der Asiaten in
+feste Abgaben, welche nach den zum Zweck der Nachzahlung der Rückstände
+entworfenen Schätzungslisten auf die einzelnen Bezirke umgelegt wurden 5. Gaius
+Gracchus hatte durch Übergabe der Geschworenenposten an die Männer vom
+Ritterzensus dem Kapitalistenstand eine indirekte Mitverwaltung und
+Mitregierung erwirkt, die nicht selten sich stärker als die offizielle
+Verwaltung und Regierung erwies; Sulla schaffte die Rittergerichte ab und
+stellte die senatorischen wieder her. Gaius Gracchus oder doch die gracchische
+Zeit hatte den Rittern einen Sonderstand bei den Volksfesten eingeräumt, wie
+ihn schon seit längerer Zeit die Senatoren besaßen; Sulla hob ihn auf und wies
+die Ritter zurück auf die Plebejerbänke 6. Der Ritterstand, als solcher durch
+Gaius Gracchus geschaffen, verlor seine politische Existenz durch Sulla.
+Unbedingt, ungeteilt und auf die Dauer sollte der Senat die höchste Macht in
+Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichten überkommen und auch äußerlich nicht bloß
+als privilegierter, sondern als einzig privilegierter Stand auftreten.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+5 Daß Sullas Umlage der rückständigen fünf Jahresziele und der Kriegskosten auf
+die Gemeinden von Asia (App. Mithr. 62 und sonst) auch für die Zukunft
+maßgebend war, zeigt schon die Zurückführung der Einteilung Asias in vierzig
+Distrikte auf Sulla (Cassiod. chron. 670) und die Zugrundelegung der
+sullanischen Repartition bei späteren Ausschreibungen (Cic. Flacc. 14, 32),
+ferner, daß bei dem Flottenbau 672 (81) die hierzu verwandten Summen an der
+Steuerzahlung (ex pecunia vectigali populo Romano) gekürzt werden (Cic. Verr.
+1, 35, 89). Geradezu sagt endlich Cicero (ad Q. fr. 1, 11, 33), daß die
+Griechen &ldquo;nicht imstande waren, von sich aus den von Sulla ihnen
+auferlegten Zins zu zahlen ohne Steuerpächter&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+6 Überliefert ist es freilich nicht, von wem dasjenige Gesetz erlassen ward,
+welches die Erneuerung des älteren Privilegs durch das Roscische Theatergesetz
+687 (67) nötig machte (Friedländer in Becker, Handbuch, Bd. 4, S. 531), aber
+nach der Lage der Sache war der Urheber dieses Gesetzes unzweifelhaft Sulla.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Vor allem mußte zu diesem Ende die Regierungsbehörde ergänzt und selber
+unabhängig gestellt werden. Durch die letzten Krisen war die Zahl der Senatoren
+furchtbar zusammengeschwunden. Zwar stellte Sulla den durch die Rittergerichte
+Verbannten jetzt die Rückkehr frei, wie dem Konsular Publius Rutilius Rufus,
+der übrigens von der Erlaubnis keinen Gebrauch machte, und dem Freunde des
+Drusus, Gaius Cotta; allein es war dies ein geringer Ersatz für die Lücken, die
+der revolutionäre wie der reaktionäre Terrorismus in die Reihen des Senats
+gerissen hatte. Deshalb wurde nach Sullas Anordnung der Senat
+außerordentlicherweise ergänzt durch etwa 300 neue Senatoren, welche die
+Distriktversammlung aus den Männern vom Ritterzensus zu ernennen hatte und die
+sie, wie begreiflich, vorzugsweise teils aus den jüngeren Männern der
+senatorischen Häuser, teils aus Sullanischen Offizieren und anderen, durch die
+letzte Umwälzung Emporgekommenen auslas. Aber auch für die Zukunft ward die
+Aufnahme in den Senat neu geordnet und auf wesentlich andere Grundlagen
+gestellt. Nach der bisherigen Verfassung trat man in den Senat ein entweder
+durch zensorische Berufung, was der eigentliche und ordentliche Weg war, oder
+durch die Bekleidung eines der drei kurulischen Ämter: des Konsulats, der
+Prätur oder der Ädilität, an welche seit dem Ovinischen Gesetz von Rechts wegen
+Sitz und Stimme im Senat geknüpft war; die Bekleidung eines niederen Amtes, des
+Tribunats oder der Quästur, gab wohl einen faktischen Anspruch auf einen Platz
+im Senat, insofern die zensorische Auswahl vorzugsweise auf diese Männer sich
+lenkte, aber keineswegs eine rechtliche Anwartschaft. Von diesen beiden
+Eintrittswegen hob Sulla den ersteren auf durch die wenigstens tatsächliche
+Beseitigung der Zensur und änderte den zweiten dahin ab, daß der gesetzliche
+Eintritt in den Senat statt an die Ädilität an die Quästur geknüpft und
+zugleich die Zahl der jährlich zu ernennenden Quästoren auf zwanzig 7 erhöht
+ward. Die bisher den Zensoren rechtlich zustehende, obwohl tatsächlich längst
+nicht mehr in ihrem ursprünglichen ernstlichen Sinn geübte Befugnis, bei den
+von fünf zu fünf Jahren stattfindenden Revisionen jeden Senator unter Angabe
+von Gründen von der Liste zu streichen, fiel für die Zukunft ebenfalls fort;
+die bisherige faktische Unabsetzbarkeit der Senatoren ward also von Sulla
+schließlich festgestellt. Die Gesamtzahl der Senatoren, die bis dahin
+vermutlich die alte Normalzahl von 300 nicht viel überstiegen und oft wohl
+nicht einmal erreicht hatte, ward dadurch beträchtlich, vielleicht
+durchschnittlich um das Doppelte erhöht, 8 was auch schon die durch die
+Übertragung der Geschworenenfunktionen stark vermehrten Geschäfte des Senats
+notwendig machten. Indem ferner sowohl die außerordentlich eintretenden
+Senatoren als die Quästoren ernannt wurden von den Tributkomitien, wurde der
+bisher mittelbar auf den Wahlen des Volkes ruhende Senat jetzt durchaus auf
+direkte Volkswahl gegründet, derselbe also einem repräsentativen Regiment so
+weit genähert, als dies mit dem Wesen der Oligarchie und den Begriffen des
+Altertums überhaupt sich vertrug. Aus einem nur zum Beraten der Beamten
+bestimmten Kollegium war im Laufe der Zeit der Senat eine den Beamten
+befehlende und selbstregierende Behörde geworden; es war hiervon nur eine
+konsequente Weiterentwicklung, wenn das den Beamten ursprünglich zustehende
+Recht, die Senatoren zu ernennen und zu kassieren, denselben entzogen und der
+Senat auf dieselbe rechtliche Grundlage gestellt wurde, auf welcher die
+Beamtengewalt selber ruhte. Die exorbitante Befugnis der Zensoren, die Ratliste
+zu revidieren und nach Gutdünken Namen zu streichen oder zuzusetzen, vertrug in
+der Tat sich nicht mit einer geordneten oligarchischen Verfassung. Indem jetzt
+durch die Quästorenwahl für eine genügende regelmäßige Ergänzung gesorgt ward,
+wurden die zensorischen Revisionen überflüssig und durch deren Wegfall das
+wesentliche Grundprinzip jeder Oligarchie, die Inamovibilität und
+Lebenslänglichkeit der zu Sitz und Stimme gelangten Glieder des Herrenstandes,
+endgültig konsolidiert.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+7 Wieviele Quästoren bis dahin jährlich gewählt wurden, ist nicht bekannt. Im
+Jahre 487 (267) stellte sich die Zahl auf acht: zwei städtische, zwei Militär-
+und vier Flottenquästoren; wozu dann die in den Ämtern beschäftigten Quästoren
+hinzugetreten sind. Denn die Flottenquästuren in Ostia, Cales und so weiter
+gingen keineswegs ein, und auch die Militärquästoren konnten nicht anderweitig
+verwendet werden, da sonst der Konsul, wo er als Oberfeldherr auftrat, ohne
+Quästor gewesen sein würde. Da es nun bis auf Sulla neun Ämter gab, überdies
+nach Sizilien zwei Quästoren gingen, so könnte er möglicherweise schon achtzehn
+Quästoren vorgefunden haben. Wie indes auch die Zahl der Oberbeamten dieser
+Zeit beträchtlich geringer als die ihrer Kompetenzen gewesen und hier stets
+durch Fristerstreckung und andere Aushilfen Rat geschafft worden ist, überhaupt
+die Tendenz der römischen Regierung darauf ging, die Zahl der Beamten möglichst
+zu beschränken, so mag es auch mehr quästorische Kompetenzen gegeben haben als
+Quästoren, und es kann selbst sein, daß in kleine Provinzen, wie zum Beispiel
+Kilikien, in dieser Zeit gar kein Quästor ging. Aber sicher hat es doch schon
+vor Sulla mehr als acht Quästoren gegeben.
+</p>
+
+<p>
+8 Von einer festen Zahl der Senatoren kann genau genommen überhaupt nicht die
+Rede sein. Wenn auch die Zensoren vor Sulla jedesmal eine Liste von 300 Köpfen
+anfertigten, so traten doch zu dieser immer noch diejenigen Nichtsenatoren
+hinzu, die nach Abfassung der Liste bis zur Aufstellung der nächsten ein
+kurulisches Amt bekleideten; und nach Sulla gab es so viele Senatoren, als
+gerade Quästorier am Leben waren. Wohl aber ist anzunehmen, daß Sulla den Senat
+auf ungefähr 500 bis 600 Köpfe zu bringen bedacht war; und diese Zahl ergibt
+sich, wenn jährlich 20 neue Mitglieder von durchschnittlich 30 Jahren eintraten
+und man die durchschnittliche Dauer der senatorischen Würde auf 25 bis 30 Jahre
+ansetzt. In einer stark besuchten Senatssitzung der ciceronischen Zeit waren
+417 Mitglieder anwesend.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Hinsichtlich der Gesetzgebung begnügte sich Sulla, die im Jahre 666 (88)
+getroffenen Bestimmungen wiederaufzunehmen und die legislatorische Initiative,
+wie sie längst tatsächlich dem Senat zustand, wenigstens den Tribunen gegenüber
+auch gesetzlich ihm zu sichern. Die Bürgerschaft blieb der formelle Souverän;
+allein was ihre Urversammlungen anlangt, so schien es dem Regenten notwendig,
+die Form zwar sorgfältig zu konservieren, aber jede wirkliche Tätigkeit
+derselben noch sorgfältiger zu verhüten. Sogar mit dem Bürgerrecht selbst ging
+Sulla in der geringschätzigsten Weise um; er machte keine Schwierigkeit, weder
+den Neubürgergemeinden es zuzugestehen noch Spanier und Kelten in Masse damit
+zu beschenken; ja es geschah, wahrscheinlich nicht ohne Absicht,
+schlechterdings gar nichts für die Feststellung der Bürgerliste, die doch nach
+so gewaltigen Umwälzungen einer Revision dringend bedurfte, wenn es überhaupt
+der Regierung noch mit den hieran sich knüpfenden Rechtsbefugnissen Ernst war.
+Geradezu beschränkt wurde die legislatorische Kompetenz der Komitien übrigens
+nicht; es war auch nicht nötig, da ja infolge der besser gesicherten Initiative
+des Senats das Volk ohnehin nicht leicht wider den Willen der Regierung in die
+Verwaltung, das Finanzwesen und die Kriminaljurisdiktion eingreifen konnte und
+seine legislative Mitwirkung wesentlich wieder zurückgeführt ward auf das
+Recht, zu Änderungen der Verfassung ja zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+Wichtiger war die Beteiligung der Bürgerschaft bei den Wahlen, deren man nun
+einmal nicht entbehren zu können schien, ohne mehr aufzurütteln, als Sullas
+obenhin sich haltende Restauration aufrütteln konnte und wollte. Die Eingriffe
+der Bewegungspartei in die Priesterwahlen wurden beseitigt; nicht bloß das
+Domitische Gesetz von 650 (104), das die Wahlen zu den höchsten Priesterämtern
+überhaupt dem Volke übertrug, sondern auch die älteren gleichartigen
+Verfügungen hinsichtlich des Oberpontifex und des Obercurio wurden von Sulla
+kassiert und den Priesterkollegien das Recht der Selbstergänzung in seiner
+ursprünglichen Unbeschränktheit zurückgegeben. Hinsichtlich der Wahlen zu den
+Staatsämtern aber blieb es im ganzen bei der bisherigen Weise; außer insofern
+die sogleich zu erwähnende neue Regulierung des militärischen Kommandos
+allerdings folgeweise eine wesentliche Beschränkung der Bürgerschaft in sich
+schloß, ja gewissermaßen das Vergebungsrecht der Feldherrnstellen von der
+Bürgerschaft auf den Senat übertrug. Es scheint nicht einmal, daß Sulla die
+früher versuchte Restauration der Servianischen Stimmordnung jetzt
+wiederaufnahm, sei es nun, daß er es überhaupt als gleichgültig betrachtete, ob
+die Stimmabteilungen so oder so zusammengesetzt seien, sei es, daß diese ältere
+Ordnung ihm den gefährlichen Einfluß der Kapitalisten zu steigern schien. Nur
+die Qualifikationen wurden wiederhergestellt und teilweise gesteigert. Die zur
+Bekleidung eines jeden Amtes erforderliche Altersgrenze ward aufs neue
+eingeschärft; ebenso die Bestimmung, daß jeder Bewerber um das Konsulat vorher
+die Prätur, jeder Bewerber um die Prätur vorher die Quästur bekleidet haben
+müsse, wogegen es gestattet war, die Ädilität zu übergehen. Mit besonderer
+Strenge wurde, in Hinblick auf die jüngst mehrfach vorgenommenen Versuche, in
+der Form des durch mehrere Jahre hindurch fortgesetzten Konsulats die Tyrannis
+zu begründen, gegen diesen Mißbrauch eingeschritten und verfügt, daß zwischen
+der Bekleidung zweier ungleicher Ämter mindestens zwei, zwischen der
+zweimaligen Bekleidung desselben Amtes mindestens zehn Jahre verfließen
+sollten; mit welcher letzteren Bestimmung, anstatt der in der jüngsten
+ultraoligarchischen Epoche beliebten absoluten Untersagung jeder Wiederwahl zum
+Konsulat, wieder die ältere Ordnung vom Jahre 412 (342) aufgenommen ward. Im
+ganzen aber ließ Sulla den Wahlen ihren Lauf und suchte nur die Beamtengewalt
+in der Art zu fesseln, daß, wen auch immer die unberechenbare Laune der
+Komitien zum Amte berief, der Gewählte außerstande sein würde, gegen die
+Oligarchie sich aufzulehnen.
+</p>
+
+<p>
+Die höchsten Beamten des Staats waren in dieser Zeit tatsächlich die drei
+Kollegien der Volkstribune, der Konsuln und Prätoren und der Zensoren. Sie alle
+gingen aus der Sullanischen Restauration mit wesentlich geschmälerten Rechten
+hervor; vor allem das tribunizische Amt, das dem Regenten erschien als ein zwar
+auch für das Senatsregiment unentbehrliches, aber dennoch, als von der
+Revolution erzeugt und stets geneigt, wieder Revolutionen aus sich zu erzeugen,
+strenger und dauernder Fesselung bedürftiges Werkzeug. Von dem Rechte, die
+Amtshandlungen der Magistrate durch Einschreiten zu kassieren, den
+Kontravenienten eventuell zu brächen und dessen weitere Bestrafung zu
+veranlassen, war die tribunizische Gewalt ausgegangen; dies blieb den Tribunen
+auch jetzt, nur daß auf den Mißbrauch des Interzessionsrechts eine schwere, die
+bürgerliche Existenz regelmäßig vernichtende Geldstrafe gesetzt ward. Die
+weitere Befugnis des Tribuns, mit dem Volke nach Gutdünken zu verhandeln, teils
+um Anklagen einzubringen, insbesondere gewesene Beamte vor dem Volk zur
+Rechenschaft zu ziehen, teils um Gesetze zur Abstimmung vorzulegen, war der
+Hebel gewesen, durch den die Gracchen, Saturninus, Sulpicius den Staat
+umgewälzt hatten; sie ward nicht aufgehoben, aber wohl von einer vorgängig bei
+dem Senat nachzusuchenden Erlaubnis abhängig gemacht 9. Endlich wurde
+hinzugefügt, daß die Bekleidung des Tribunats in Zukunft zur Übernahme eines
+höheren Amtes unfähig machen solle - eine Bestimmung, die wie so manches andere
+in Sullas Restauration wieder auf die altpatrizischen Satzungen zurückkam und,
+ganz wie in den Zeiten vor der Zulassung der Plebejer zu den bürgerlichen
+Ämtern, das Tribunat einer- und die kurulischen Ämter andererseits miteinander
+unvereinbar erklärte. Auf diese Weise hoffte der Gesetzgeber der Oligarchie,
+der tribunizischen Demagogie zu wehren und alle ehrgeizigen und aufstrebenden
+Männer von dem Tribunat fernzuhalten, dagegen dasselbe festzuhalten als
+Werkzeug des Senats, sowohl zur Vermittlung zwischen diesem und der
+Bürgerschaft, als auch vorkommendenfalls zur Niederhaltung der Magistratur; und
+wie die Herrschaft des Königs und später der republikanischen Beamten über die
+Bürgerschaft kaum irgendwo so klar zu Tage tritt wie in dem Satze, daß
+ausschließlich sie das Recht haben, öffentlich zum Volke zu reden, so zeigt
+sich die jetzt zuerst rechtlich festgestellte Oberherrlichkeit des Senats am
+bestimmtesten in dieser von dem Vormann des Volkes für jede Verhandlung mit
+demselben vom Senat zu erbittenden Erlaubnis.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+9 Darauf gehen die Worte des Lepidus bei Sallust (bist. 1, 41, 11 Dietsch):
+populus Romanus exutus … iure agitandi, auf die Tacitus (ann. 3, 27) anspielt:
+statim turbidis Lepidi rogationibus neque multo post tribunis reddita licentia
+quoquo vellent populum agitandi. Daß die Tribune nicht überhaupt das Recht
+verloren, mit dem Volke zu verhandeln, zeigt deutlicher als Cic. leg. 3, 4, 10
+das Plebiszit de Thermensibus, welches aber auch in der Eingangsformel sich
+bezeichnet als de senatus sententia erlassen. Daß die Konsuln dagegen auch nach
+der Sullanischen Ordnung ohne vorgängigen Senatsbeschluß Anträge an das Volk
+bringen konnten, beweist nicht bloß das Stillschweigen der Quellen, sondern
+auch der Verlauf der Revolutionen von 667 (87) und 676 (78), deren Führer eben
+aus diesem Grunde nicht Tribune, sondern Konsuln gewesen sind. Darum begegnen
+auch in dieser Zeit konsularische Gesetze über administrative Nebenfragen, wie
+zum Beispiel das Getreidegesetz von 681 (73), für die zu andern Zeiten sicher
+Plebiszite eingetreten sein würden.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Auch Konsulat und Prätur, obwohl sie von dem aristokratischen Regenerator Roms
+mit günstigeren Augen betrachtet wurden als das an sich verdächtige Tribunat,
+entgingen doch keineswegs dem Mißtrauen gegen das eigene Werkzeug, welches
+durchaus die Oligarchie bezeichnet. Sie wurden in schonenderen Formen, aber in
+sehr fühlbarer Weise beschränkt. Sulla knüpfte hier an die Geschäftsteilung an.
+Zu Anfang dieser Periode bestand dafür die folgende Ordnung. Den beiden Konsuln
+lag immer noch, wie ehemals der Inbegriff der Geschäfte des höchsten Amtes
+überhaupt, so jetzt derjenige Inbegriff der höchsten Amtsgeschäfte ob, für
+welchen nicht gesetzlich besondere Kompetenzen festgestellt waren. Dies
+letztere war der Fall mit dem hauptstädtischen Gerichtswesen, womit die Konsuln
+sich nach einer unverbrüchlich festgehaltenen Regel nicht befassen durften, und
+mit den damals bestehenden überseeischen Ämtern: Sizilien, Sardinien und den
+beiden Spanien, in denen der Konsul das Kommando zwar führen konnte, aber nur
+ausnahmsweise führte. Im ordentlichen Lauf der Dinge wurden demnach sechs
+Spezialkompetenzen, die beiden hauptstädtischen Gerichtsvorstandschaften und
+die vier überseeischen Ämter unter die sechs Prätoren vergeben, woneben den
+beiden Konsuln kraft ihrer Generalkompetenz die Leitung der hauptstädtischen
+nichtgerichtlichen Geschäfte und das militärische Kommando in den
+festländischen Besitzungen oblag. Da diese Generalkompetenz also doppelt
+besetzt war, blieb der Sache nach der eine Konsul zur Verfügung der Regierung,
+und für gewöhnliche Zeiten kam man demnach mit jenen acht höchsten
+Jahresbeamten vollständig, ja reichlich aus. Für außerordentliche Fälle blieb
+es ferner vorbehalten, teils die nicht militärischen Kompetenzen zu kumulieren,
+teils die militärischen über die Endfrist hinaus fortdauern zu lassen
+(prorogare). Es war nicht ungewöhnlich, die beiden Gerichtsvorstandschaften
+demselben Prätor zu übertragen und die regelmäßig von den Konsuln zu
+beschaffenden hauptstädtischen Geschäfte durch den Stadtprätor versehen zu
+lassen; wogegen es verständigerweise möglichst vermieden ward, mehrere
+Kommandos in derselben Hand zu vereinigen. Hier half vielmehr die Regel aus,
+daß im militärischen Imperium es kein Interregnum gab, also dasselbe, obwohl
+gesetzlich befristet, doch nach Eintritt des Endtermines von Rechts wegen noch
+so lange fortdauerte, bis der Nachfolger erschien und dem Vorgänger das
+Kommando abnahm, oder, was dasselbe ist, daß der kommandierende Konsul oder
+Prätor nach Ablauf seiner Amtszeit, wenn der Nachfolger nicht erschien, an
+Konsuls oder Prätors Statt weiter fungieren konnte und mußte. Der Einfluß des
+Senats auf diese Geschäftsverteilung bestand darin, daß es observanzmäßig von
+ihm abhing, entweder die Regel walten, also die sechs Prätoren die sechs
+Spezialkompetenzen unter sich verlosen und die Konsuln die festländischen,
+nichtgerichtlichen Geschäfte besorgen zu lassen, oder irgendeine Abweichung von
+derselben anzuordnen, etwa dem Konsul ein augenblicklich besonders wichtiges
+überseeisches Kommando zuzuweisen oder eine außerordentliche militärische und
+gerichtliche Kommission, zum Beispiel das Flottenkommando oder eine wichtige
+Kriminaluntersuchung, unter die zur Verteilung kommenden Kompetenzen
+aufzunehmen und die dadurch weiter nötig werdenden Kumulationen und
+Fristerstreckungen zu veranlassen - wobei übrigens lediglich die Absteckung der
+jedesmaligen konsularischen und respektiv prätorischen Kompetenzen, nicht die
+Bezeichnung der für das einzelne Amt eintretenden Personen dem Senate zustand,
+die letztere vielmehr durchgängig durch Vereinbarung der konkurrierenden
+Beamten oder durch das Los erfolgte. Die Bürgerschaft war in der älteren Zeit
+wohl veranlaßt worden, die in dem Unterlassen der Ablösung enthaltene
+tatsächliche Verlängerung des Kommandos durch besonderen Gemeindebeschluß zu
+regularisieren; indes war dies mehr dem Geiste, als dem Buchstaben der
+Verfassung nach notwendig und bald griff die Bürgerschaft hierbei nicht weiter
+ein. Im Laufe des siebenten Jahrhunderts traten nun allmählich zu den
+bestehenden sechs Spezialkompetenzen sechs andere hinzu; die fünf neuen
+Statthalterschaften von Makedonien, Africa, Asia, Narbo und Kilikien und die
+Vorstandschaft in dem stehenden Kommissionsgericht wegen Erpressungen. Mit dem
+immer mehr sich ausdehnenden Wirkungskreise der römischen Regierung trat
+überdies immer häufiger der Fall ein, daß die Oberbeamten für außerordentliche
+militärische oder prozessualische Kommissionen in Anspruch genommen wurden.
+Dennoch wurde die Zahl der ordentlichen höchsten Jahrbeamten nicht vermehrt;
+und es kamen also auf acht jährlich zu ernennende Beamte, von allem andern
+abgesehen, mindestens zwölf jährlich zu besetzende Spezialkompetenzen.
+Natürlich war es nicht Zufall, daß man dies Defizit nicht durch Kreierung neuer
+Prätorenstellen ein für allemal deckte. Dem Buchstaben der Verfassung gemäß
+sollten die sämtlichen höchsten Beamten Jahr für Jahr von der Bürgerschaft
+ernannt werden; nach der neuen Ordnung oder vielmehr Unordnung, derzufolge die
+entstehenden Lücken wesentlich durch Fristerstreckung ausgefüllt wurden und den
+gesetzlich ein Jahr fungierenden Beamten in der Regel vom Senat ein zweites
+Jahr zugelegt, nach Befinden dasselbe aber auch verweigert ward, besetzte die
+wichtigsten und lukrativsten Stellen im Staate nicht mehr die Bürgerschaft,
+sondern aus einer durch die Bürgerschaftswahlen gebildeten Konkurrentenliste
+der Senat. Üblich ward es dabei, da unter diesen Stellen die überseeischen
+Kommandos als die einträglichsten vor allem gesucht waren, denjenigen Beamten,
+die ihr Amt entweder rechtlich oder doch tatsächlich an die Hauptstadt
+fesselte, also den beiden Vorstehern der städtischen Gerichtsbarkeit und häufig
+auch den Konsuln, nach Ablauf ihres Amtsjahrs ein überseeisches Kommando zu
+übertragen, was mit dem Wesen der Prorogation sich vertrug, da die Amtsgewalt
+des in Rom und des in der Provinz fungierenden Oberbeamten wohl anders bezogen,
+aber nicht eigentlich staatsrechtlich eine qualitativ andere war.
+</p>
+
+<p>
+Diese Verhältnisse fand Sulla vor und sie lagen seiner neuen Ordnung zu Grunde.
+Der Grundgedanke derselben war die vollständige Scheidung der politischen
+Gewalt, welche in den Bürger-, und der militärischen, welche in den
+Nichtbürgerdistrikten regierte, und die durchgängige Erstreckung der Dauer des
+höchsten Amtes von einem Jahr auf zwei, von denen das erstere den bürgerlichen,
+das zweite den militärischen Geschäften gewidmet ward. Räumlich waren die
+bürgerliche und die militärische Gewalt allerdings längst schon durch die
+Verfassung geschieden, und endete jene an dem Pomerium, wo diese begann; allein
+immer noch hielt derselbe Mann die höchste politische und die höchste
+militärische Macht in seiner Hand vereinigt. Künftig sollte der Konsul und
+Prätor mit Rat und Bürgerschaft verhandeln, der Prokonsul und Proprätor die
+Armee kommandieren, jenem aber jede militärische, diesem jede politische
+Tätigkeit gesetzlich abgeschnitten sein. Dies führte zunächst zu der
+politischen Trennung der norditalischen Landschaft von dem eigentlichen
+Italien. Bisher hatten dieselben wohl in einem nationalen Gegensatz gestanden,
+insofern Norditalien vorwiegend von Ligurern und Kelten, Mittel- und Süditalien
+von Italikern bewohnt ward; allein politisch und administrativ stand das
+gesamte festländische Gebiet des römischen Staates von der Meerenge bis an die
+Alpen mit Einschluß der illyrischen Besitzungen, Bürger-, latinische und
+Nichtitalikergemeinden ohne Unterschied, im ordentlichen Laufe der Dinge unter
+der Verwaltung der in Rom eben fungierenden höchsten Beamten, wie denn ja auch
+die Kolonialgründungen sich durch dies ganze Gebiet erstreckten. Nach Sullas
+Ordnung wurde das eigentliche Italien, dessen Nordgrenze zugleich statt des
+Aesis der Rubico ward, als ein jetzt ohne Ausnahme von römischen Bürgern
+bewohntes Gebiet, den ordentlichen römischen Obrigkeiten untergeben und daß in
+diesem Sprengel regelmäßig keine Truppen und kein Kommandant standen, einer der
+Fundamentalsätze des römischen Staatsrechts; das Keltenland diesseits der Alpen
+dagegen, in dem schon der beständig fortwährenden Einfälle der Alpenvölker
+wegen ein Kommando nicht entbehrt werden konnte, wurde nach dem Muster der
+älteren überseeischen Kommandos als eigene Statthalterschaft konstituiert ^10.
+Indem nun endlich die Zahl der jährlich zu ernennenden Prätoren von sechs auf
+acht erhöht ward, stellte sich die neue Geschäftsordnung dahin, daß die
+jährlich zu ernennenden zehn höchsten Beamten während ihres ersten Amtsjahrs
+als Konsuln oder Prätoren den hauptstädtischen Geschäften - die beiden Konsuln
+der Regierung und Verwaltung, zwei der Prätoren der Zivilrechtspflege, die
+übrigen sechs der reorganisierten Kriminaljustiz - sich widmeten, während ihres
+zweiten Amtsjahrs als Prokonsuln oder Proprätoren das Kommando in einer der
+zehn Statthalterschaften: Sizilien, Sardinien, beiden Spanien, Makedonien,
+Asia, Africa, Narbo, Kilikien und dem italischen Keltenland übernahmen. Die
+schon erwähnte Vermehrung der Quästorenzahl durch Sulla auf zwanzig gehört
+ebenfalls in diesen Zusammenhang ^11.
+</p>
+
+<p>
+————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^10 Für diese Annahme gibt es keinen anderen Beweis, als daß das italische
+Keltenland eine Provinz in dem Sinne, wo das Wort einen geschlossenen und von
+einem jährlich erneuerten Statthalter verwalteten Sprengel bedeutet, in den
+älteren Zeiten ebenso entschieden nicht ist wie allerdings in der caesarischen
+es eine ist (vgl. Licin. p. 39: Data erat et Sullae provincia Gallia
+cisalpina).
+</p>
+
+<p>
+Nicht viel anders steht es mit der Vorschiebung der Grenze; wir wissen, daß
+ehemals der Aesis, zu Caesars Zeit der Rubico, das Keltenland von Italien
+schied, aber nicht, wann die Vorrückung stattfand. Man hat zwar daraus, daß
+Marcus Terentius Varro Lucullus als Proprätor in dem Distrikt zwischen Aesis
+und Rubico eine Grenzregulierung vornahm (Orelli 570), geschlossen, daß
+derselbe wenigstens im Jahre nach Lucullus&rsquo; Prätur 679 (75) noch
+Provinzialland gewesen sein müsse, da auf italischem Boden der Proprätor nichts
+zu schaffen habe. Indes nur innerhalb des Pomerium hört jedes prorogierte
+Imperium von selber auf; in Italien dagegen ist auch nach Sullas Ordnung ein
+solches zwar nicht regelmäßig vorhanden, aber doch zulässig, und ein
+außerordentliches ist das von Lucullus bekleidete Amt doch auf jeden Fall
+gewesen. Wir können aber auch nachweisen, wann und wie Lucullus ein solches in
+dieser Gegend bekleidet hat. Gerade er war schon vor der Sullanischen
+Reorganisation 672 (82) als kommandierender Offizier eben hier tätig und
+wahrscheinlich, ebenwie Pompeius, von Sulla mit proprätorischer Gewalt
+ausgestattet; in dieser Eigenschaft wird er 672 (82) oder 673 (81) (vgl. App.
+1, 95) die fragliche Grenze reguliert haben. Aus dieser Inschrift folgt also
+für die rechtliche Stellung Norditaliens überhaupt nichts und am wenigsten für
+die Zeit nach Sullas Diktatur. Dagegen ist es ein bemerkenswerter Fingerzeig,
+daß Sulla das römische Pomerium vorschob (Sen. dial. 10, 14; Dio Cass. 43, 50),
+was nach römischem Staatsrecht nur dem gestattet war, der nicht etwa die
+Reichs-, sondern die Stadt-, d. h. die italische Grenze vorgerückt hatte.
+</p>
+
+<p>
+^11 Da nach Sizilien zwei, in jede andere Provinz ein Quästor gingen, überdies
+die zwei städtischen und die zwei den Konsuln bei der Kriegsführung
+beigeordneten und die vier Flottenquästoren bestehen blieben, so waren hierfür
+neunzehn Beamte jährlich erforderlich. Die zwanzigste Quästorenkompetenz läßt
+sich nicht nachweisen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————
+</p>
+
+<p>
+Zunächst ward hiermit an die Stelle der bisherigen unordentlichen und zu allen
+möglichen schlechten Manövern und Intrigen einladenden Ämterverteilung eine
+klare und feste Regel gesetzt, dann aber auch den Ausschreitungen der
+Beamtengewalt nach Möglichkeit vorgebeugt und der Einfluß der obersten
+Regierungsbehörde wesentlich gesteigert. Nach der bisherigen Ordnung ward in
+dem Reiche rechtlich nur unterschieden die Stadt, welche der Mauerring
+umschloß, und die Landschaft außerhalb des Pomerium; die neue Ordnung setzte an
+die Stelle der Stadt das neue, fortan als ewig befriedet dem regelmäßigen
+Kommando entzogene Italien ^12 und ihm gegenüber das festländische und
+überseeische Gebiet, das umgekehrt notwendig unter Militärkommandanten steht,
+die von jetzt an sogenannten Provinzen. Nach der bisherigen Ordnung war
+derselbe Mann sehr häufig zwei, oft auch mehr Jahre in demselben Amte
+verblieben; die neue Ordnung beschränkte die hauptstädtischen Ämter wie die
+Statthalterposten durchaus auf ein Jahr, und die spezielle Verfügung, daß jeder
+Statthalter binnen dreißig Tagen, nachdem der Nachfolger in seinem Sprengel
+eingetroffen sei, denselben unfehlbar zu verlassen habe, zeigt sehr klar,
+namentlich wenn man damit noch das früher erwähnte Verbot der unmittelbaren
+Wiederwahl des gewesenen Beamten zu demselben oder einem anderen Volksamt
+zusammennimmt, was die Tendenz dieser Einrichtungen war: es war die alterprobte
+Maxime, durch die einst der Senat das Königtum sich dienstbar gemacht hatte,
+daß die Beschränkung der Magistratur der Kompetenz nach der Demokratie, die der
+Zeit nach der Oligarchie zugute komme. Nach der bisherigen Ordnung hatte Gaius
+Marius zugleich als Haupt des Senats und als Oberfeldherr des Staates amtiert;
+wenn er es nur seiner eigenen Ungeschicklichkeit zuzuschreiben hatte, daß es
+ihm mißlang, mittels dieser doppelten Amtsgewalt die Oligarchie zu stürzen, so
+schien nun dafür gesorgt, daß nicht etwa ein klügerer Nachfolger denselben
+Hebel besser gebrauche. Nach der bisherigen Ordnung hatte auch der vom Volke
+unmittelbar ernannte Beamte eine militärische Stellung haben können; die
+sullanische dagegen behielt diese ausschließlich denjenigen Beamten vor, die
+der Senat durch Erstreckung der Amtsfrist in ihrer Amtsgewalt bestätigte. Zwar
+war diese Amtsverlängerung jetzt stehend geworden; dennoch wurde sie den
+Auspizien und dem Namen, überhaupt der staatsrechtlichen Formulierung nach auch
+ferner als außerordentliche Fristerstreckung behandelt. Es war dies nicht
+gleichgültig. Den Konsul oder den Prätor konnte nur die Bürgerschaft seines
+Amtes entsetzen; den Prokonsul und den Proprätor ernannte und entließ der
+Senat, so daß durch diese Verfügung die gesamte Militärgewalt, auf die denn
+doch zuletzt alles ankam, formell wenigstens vom Senat abhängig wurde.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^12 Die italische Eidgenossenschaft ist viel älter; aber sie ist ein
+Staatenbund, nicht, wie das sullanische Italien, ein innerhalb des Römischen
+Reiches einheitlich abgegrenztes Staatsgebiet.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Daß endlich das höchste aller Ämter, die Zensur, nicht förmlich aufgehoben,
+aber in derselben Art beseitigt ward wie ehemals die Diktatur, ward schon
+bemerkt. Praktisch konnte man derselben allenfalls entraten. Für die Ergänzung
+des Senats war anderweitig gesorgt. Seit Italien tatsächlich steuerfrei war und
+das Heer wesentlich durch Werbung gebildet ward, hatte das Verzeichnis der
+Steuer- und Dienstpflichtigen in der Hauptsache seine Bedeutung verloren; und
+wenn in der Ritterliste und dem Verzeichnis der Stimmberechtigten Unordnung
+einriß, so mochte man dies nicht gerade ungern sehen. Es blieben also nur die
+laufenden Finanzgeschäfte, welche die Konsuln schon bisher verwaltet hatten,
+wenn, wie dies häufig vorkam, die Zensorenwahl unterblieben war, und nun als
+einen Teil ihrer ordentlichen Amtstätigkeit übernahmen. Gegen den wesentlichen
+Gewinn, daß der Magistratur in den Zensoren ihre höchste Spitze entzogen ward,
+kam nicht in Betracht und tat der Alleinherrschaft des höchsten
+Regierungskollegiums durchaus keinen Eintrag, daß, um die Ambition der jetzt so
+viel zahlreicheren Senatoren zu befriedigen, die Zahl der Pontifices und die
+der Augurn von neun, die der Orakelbewahrer von zehn auf je fünfzehn, die der
+Schmausherren von drei auf sieben vermehrt ward.
+</p>
+
+<p>
+In dem Finanzwesen stand schon nach der bisherigen Verfassung die entscheidende
+Stimme bei dem Senat; es handelte sich demnach hier um die Wiederherstellung
+einer geordneten Verwaltung. Sulla hatte anfänglich sich in nicht geringer
+Geldnot befunden; die aus Kleinasien mitgebrachten Summen waren für den Sold
+des zahlreichen und stets anschwellenden Heeres bald verausgabt. Noch nach dem
+Siege am Collinischen Tor hatte der Senat, da die Staatskasse nach Praeneste
+entführt worden war, sich zu Notschritten entschließen müssen. Verschiedene
+Bauplätze in der Hauptstadt und einzelne Stücke der kampanischen Domäne wurden
+feilgeboten, die Klientelkönige, die befreiten und bundesgenössischen Gemeinden
+außerordentlicherweise in Kontribution gesetzt, zum Teil ihnen ihr Grundbesitz
+und ihre Zölle eingezogen, anderswo denselben für Geld neue Privilegien
+zugestanden. Indes der bei der Übergabe von Praeneste vorgefundene Rest der
+Staatskasse von beiläufig 4 Mill. Talern, die bald beginnenden Versteigerungen
+und andere außerordentliche Hilfsquellen halfen der augenblicklichen
+Verlegenheit ab. Für die Zukunft aber ward gesorgt weniger durch die asiatische
+Abgabenreform, bei der vorzugsweise die Steuerpflichtigen gewannen und die
+Staatskasse wohl nur nicht verlor, als durch die Wiedereinziehung der
+kampanischen Domäne, wozu jetzt noch Aenaria gefügt ward, und vor allem durch
+die Abschaffung der Kornverteilungen, die seit Gaius Gracchus wie ein Krebs an
+den römischen Finanzen gezehrt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Dagegen ward das Gerichtswesen wesentlich umgestaltet, teils aus politischen
+Rücksichten, teils um in die bisherige sehr unzulängliche und
+unzusammenhängende Prozeßlegislation größere Einheit und Brauchbarkeit zu
+bringen. Nach der bisherigen Ordnung gingen die Prozesse zur Entscheidung teils
+an die Bürgerschaft, teils an Geschworene. Die Gerichte, in denen die ganze
+Bürgerschaft auf Provokation von dem Urteil des Magistrats hin entschied, lagen
+bis auf Sulla in den Händen in erster Reihe der Volkstribune, in zweiter der
+Ädilen, indem sämtliche Prozesse, durch die ein Beamter oder Beauftragter der
+Gemeinde wegen seiner Geschäftsführung zur Verantwortung gezogen ward, mochten
+sie auf Leib und Leben oder auf Geldbußen gehen, von den Volkstribunen, alle
+übrigen Prozesse, in denen schließlich das Volk entschied, von den kurulischen
+oder plebejischen Ädilen in erster Instanz abgeurteilt, in zweiter geleitet
+wurden. Sulla hat den tribunizischen Rechenschaftsprozeß wenn nicht geradezu
+abgeschafft, so doch, ebenwie die legislatorische Initiative der Tribune, von
+der vorgängigen Einwilligung des Senats abhängig gemacht und vermutlich auch
+den ädilizischen Strafprozeß in ähnlicher Weise beschränkt. Dagegen erweiterte
+er die Kompetenz der Geschworenengerichte. Es gab damals ein doppeltes
+Verfahren vor Geschworenen. Das ordentliche, welches anwendbar war in allen
+nach unserer Auffassung zu einem Kriminal- oder Zivilprozeß sich eignenden
+Fällen, mit Ausnahme der unmittelbar gegen den Staat gerichteten Verbrechen,
+bestand darin, daß der eine der beiden hauptstädtischen Gerichtsherren die
+Sache instruierte und ein von ihm ernannter Geschworener auf Grund dieser
+Instruktion entschied. Der außerordentliche Geschworenenprozeß trat ein in
+einzelnen wichtigen Zivil- oder Kriminalfällen, wegen welcher durch besondere
+Gesetze anstatt des Einzelgeschworenen ein eigener Geschworenenhof bestellt
+worden war. Dieser Art waren teils die für einzelne Fälle konstituierten
+Spezialgerichtsstellen; teils die stehenden Kommissionalgerichtshöfe, wie sie
+für Erpressungen, für Giftmischerei und Mord, vielleicht auch für
+Wahlbestechung und andere Verbrechen im Laufe des siebenten Jahrhunderts
+niedergesetzt worden waren; teils endlich die beiden Höfe der Zehnmänner für
+den Freiheits- und der Hundertundfünf- oder kürzer der Hundertmänner für den
+Erbschaftsprozeß, auch von dem bei allem Eigentumsstreit gebrauchten
+Lanzenschaft das Schaftgericht (hasta) genannt. Der Zehnmännerhof (decemviri
+litibus iudicandis) war eine uralte Institution zum Schutze der Plebejer gegen
+ihre Herren. Zeit und Veranlassung der Entstehung des Schaftgerichts liegen im
+Dunkeln, werden aber vermutlich ungefähr dieselben sein wie bei den oben
+erwähnten wesentlich gleichartigen Kriminalkommissionen. Über die Leitung
+dieser verschiedenen Gerichtshöfe war in den einzelnen Gerichtsordnungen
+verschieden bestimmt; so standen dem Erpressungsgericht ein Prätor, dem
+Mordgericht ein aus den gewesenen Ädilen besonders ernannter Vorstand, dem
+Schaftgericht mehrere aus den gewesenen Quästoren genommene Direktoren vor. Die
+Geschworenen wurden wenigstens für das ordentliche wie für das außerordentliche
+Verfahren in Gemäßheit der Gracchischen Ordnung aus den nichtsenatorischen
+Männern von Ritterzensus genommen; die Auswahl stand im allgemeinen den
+Magistraten zu, die die Gerichtsleitung hatten, jedoch in der Weise, daß sie
+mit dem Antritt ihres Amts die Geschworenenliste ein für allemal aufzustellen
+hatten und dann das einzelne Geschworenenkollegium aus diesen nicht durch freie
+Auswahl des Magistrats, sondern durch Losung und durch Rejektion der Parteien
+gebildet ward. Aus der Volkswahl gingen nur die Zehnmänner für den
+Freiheitsprozeß hervor.
+</p>
+
+<p>
+Sullas Reformen waren hauptsächlich dreifacher Art. Einmal vermehrte er die
+Zahl der Geschworenenhöfe sehr beträchtlich. Es gab späterhin besondere
+Geschworenenkommissionen für Erpressung; für Mord mit Einschluß von
+Brandstiftung und falschem Zeugnis; für Wahlbestechung; ferner für Hochverrat
+und jede Entehrung des römischen Namens; für die schwersten Betrugsfälle:
+Testaments- und Münzfälschung; für Ehebruch; für die schwersten
+Ehrverletzungen, namentlich Realinjurien und Störung des Hausfriedens;
+vielleicht auch für Unterschlagung öffentlicher Gelder, für Zinswucher und
+andere Vergehen; und wenigstens die meisten dieser Höfe sind von Sulla entweder
+vorgefunden oder ins Leben gerufen und von ihm mit einer besonderen Kriminal-
+und Kriminalprozeßordnung versehen worden. Übrigens blieb es der Regierung
+unbenommen, vorkommendenfalls für einzelne Gruppen von Verbrechen Spezialhöfe
+zu bestellen. Folgeweise wurden hierdurch die Volksgerichte im wesentlichen
+abgeschafft, namentlich die Hochverratsprozesse an die neue
+Hochverratskommission gewiesen, der ordentliche Geschworenenprozeß bedeutend
+beschränkt, indem ihm die schwereren Fälschungen und Injurien entzogen wurden.
+Was zweitens die Oberleitung der Gerichte anlangt, so standen, wie schon
+erwähnt ward, jetzt für die Leitung der verschiedenen Geschworenenhöfe sechs
+Prätoren zur Disposition, denen noch für die am meisten in Anspruch genommene
+Kommission für Mordtaten eine Anzahl anderer Dirigenten zugegeben wurden. In
+die Geschworenenstellen traten drittens statt der gracchischen Ritter wieder
+die Senatoren ein.
+</p>
+
+<p>
+Der politische Zweck dieser Verfügungen, der bisherigen Mitregierung der Ritter
+ein Ende zu machen, liegt klar zu Tage; aber ebensowenig läßt es sich
+verkennen, daß dieselben nicht bloß politische Tendenzmaßregeln waren, sondern
+hier der erste Versuch gemacht wurde, dem seit den ständischen Kämpfen immer
+mehr verwilderten römischen Kriminalprozeß und Kriminalrecht wiederaufzuhelfen.
+Von dieser Sullanischen Gesetzgebung datiert sich die dem älteren Recht
+unbekannte Scheidung von Kriminal- und Zivilsachen in dem Sinn, den wir noch
+heute damit verbinden: als Kriminalsache erscheint seitdem, was vor die von dem
+Prätor geleitete Geschworenenbank gehört, als Zivilsache dasjenige Verfahren,
+wo der oder die Geschworenen nicht unter prätorischem Vorsitz funktionieren.
+Die Gesamtheit der Sullanischen Quästionenordnungen läßt sich zugleich als das
+erste römische Gesetzbuch nach den Zwölf Tafeln und als das erste überhaupt je
+besonders erlassene Kriminalgesetzbuch bezeichnen. Aber auch im einzelnen zeigt
+sich ein löblicher und liberaler Geist. So seltsam es von dem Urheber der
+Proskriptionen klingen mag, so bleibt es darum nichtsdestoweniger wahr, daß er
+die Todesstrafe für politische Vergehen abgeschafft hat; denn da nach
+römischer, auch von Sulla unverändert festgehaltener Sitte nur das Volk, nicht
+die Geschworenenkommission auf Verlust des Lebens oder auf gefängliche Haft
+erkennen konnte, so kam die Übertragung der Hochverratsprozesse von der
+Bürgerschaft auf eine stehende Kommission hinaus auf die Abschaffung der
+Todesstrafe für solche Vergehen, während andererseits in der Beschränkung der
+verderblichen Spezialkommissionen für einzelne Hochverratsfälle, wie deren eine
+die Varische im Bundesgenossenkrieg gewesen war; gleichfalls ein Fortschritt
+zum Besseren lag. Die gesamte Reform ist von ungemeinem und dauerndem Nutzen
+gewesen und ein bleibendes Denkmal des praktischen, gemäßigten,
+staatsmännischen Geistes, der ihren Urheber wohl würdig machte, gleich den
+alten Dezemvirn als souveräner Vermittler mit der Rolle des Gesetzes zwischen
+die Parteien zu treten.
+</p>
+
+<p>
+Als einen Anhang zu diesen Kriminalgesetzen mag man die polizeilichen Ordnungen
+betrachten, durch welche Sulla, das Gesetz an die Stelle des Zensors setzend,
+gute Zucht und strenge Sitte wieder einschärfte und durch Feststellung neuer
+Maximalsätze anstatt der alten längst verschollenen den Luxus bei Mahlzeiten,
+Begräbnissen und sonst zu beschränken versuchte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich ist wenn nicht Sullas, doch das Werk der sullanischen Epoche die
+Entwicklung eines selbständigen römischen Munizipalwesens. Dem Altertum ist der
+Gedanke, die Gemeinde als ein untergeordnetes politisches Ganze dem höheren
+Staatsganzen organisch einzufügen, ursprünglich fremd; die Despotie des Ostens
+kennt städtische Gemeinwesen im strengen Sinne des Worts nicht und in der
+ganzen hellenisch-italischen Welt fällt Stadt und Staat notwendig zusammen.
+Insofern gibt es in Griechenland wie in Italien von Haus aus ein eigenes
+Munizipalwesen nicht. Vor allem die römische Politik hielt mit der ihr eigenen
+zähen Konsequenz hieran fest; noch im sechsten Jahrhundert wurden die
+abhängigen Gemeinden Italiens entweder, um ihnen ihre munizipale Verfassung zu
+bewahren, als formell souveräne Nichtbürgerstaaten konstituiert oder, wenn sie
+römisches Bürgerrecht erhielten, zwar nicht gehindert, sich als Gesamtheit zu
+organisieren, aber doch der eigentlich munizipalen Rechte beraubt, so daß in
+allen Bürgerkolonien und Bürgermunizipien selbst die Rechtspflege und das
+Bauwesen von den römischen Prätoren und Zensoren verwaltet ward. Das Höchste,
+wozu man sich verstand, war durch einen von Rom aus ernannten Stellvertreter
+(praefectus) des Gerichtsherrn wenigstens die dringendsten Rechtssachen an Ort
+und Stelle erledigen zu lassen. Nicht anders verfuhr man in den Provinzen,
+außer daß hier an die Stelle der hauptstädtischen Behörden der Statthalter
+trat. In den freien, das heißt formell souveränen Städten ward die Zivil- oder
+Kriminaljurisdiktion von den Munizipalbeamten nach den Lokalstatuten verwaltet;
+nur daß freilich, wo nicht ganz besondere Privilegien entgegenstanden, jeder
+Römer sowohl als Beklagter wie als Kläger verlangen konnte, seine Sache vor
+italischen Richtern nach italischem Recht entschieden zu sehen. Für die
+gewöhnlichen Provinzialgemeinden war der römische Statthalter die einzige
+regelmäßige Gerichtsbehörde, der die Instruierung aller Prozesse oblag. Es war
+schon viel, wenn, wie in Sizilien, in dem Fall, daß der Beklagte ein Siculer
+war, der Statthalter durch das Provinzialstatut gehalten war, einen
+einheimischen Geschworenen zu geben und nach Ortsgebrauch entscheiden zu
+lassen; in den meisten Provinzen scheint auch dies vom Gutfinden des
+instruierenden Beamten abgehangen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Im siebenten Jahrhundert ward diese unbedingte Zentralisation des öffentlichen
+Lebens der römischen Gemeinde in dem einen Mittelpunkt Rom wenigstens für
+Italien aufgegeben. Seit dies eine einzige städtische Gemeinde war und das
+Stadtgebiet vom Arnus und Rubico bis hinab zur sizilischen Meerenge reichte,
+mußte man wohl sich entschließen, innerhalb dieser großen wiederum kleinere
+Stadtgemeinden zu bilden. So ward Italien nach Vollbürgergemeinden organisiert,
+bei welcher Gelegenheit man zugleich die durch ihren Umfang gefährlichen
+größeren Gaue, soweit dies nicht schon früher geschehen war, in mehrere
+kleinere Stadtbezirke aufgelöst haben mag. Die Stellung dieser neuen
+Vollbürgergemeinden war ein Kompromiß zwischen derjenigen, die ihnen bis dahin
+als Bundesstaaten zugekommen war, und derjenigen, die ihnen als integrierenden
+Teilen der römischen Gemeinde nach älterem Recht zugekommen sein würde.
+Zugrunde lag im ganzen die Verfassung der bisherigen formell souveränen
+latinischen oder auch, insofern deren Verfassung in den Grundzügen der
+römischen gleich ist, die der römischen altpatrizisch-konsularischen Gemeinde;
+nur daß darauf gehalten ward, für dieselben Institutionen in dem Munizipium
+andere und geringere Namen zu verwenden als in der Hauptstadt, das heißt im
+Staat. Eine Bürgerversammlung tritt an die Spitze mit der Befugnis,
+Gemeindestatute zu erlassen und die Gemeindebeamten zu ernennen. Ein
+Gemeinderat von hundert Mitgliedern übernimmt die Rolle des römischen Senats.
+Das Gerichtswesen wird verwaltet von vier Gerichtsherren, zwei ordentlichen
+Richtern, die den beiden Konsuln, zwei Marktrichtern, die den kurulischen
+Ädilen entsprechen. Die Zensurgeschäfte, die wie in Rom von fünf zu fünf Jahr
+sich erneuerten und allem Anschein nach vorwiegend in der Leitung der
+Gemeindebauten bestanden, wurden von den höchsten Gemeindebeamten, also den
+beiden ordentlichen Gerichtsherren, mit übernommen, welche in diesem Fall den
+auszeichnenden Titel der &ldquo;Gerichtsherren mit zensorischer oder
+Fünfjahrgewalt&rdquo; annahmen. Die Gemeindekasse verwalteten zwei Quästoren.
+Für das Sakralwesen sorgten zunächst die beiden der ältesten latinischen
+Verfassung allein bekannten Kollegien priesterlicher Sachverständigen, die
+munizipalen Pontifices und Augurn.
+</p>
+
+<p>
+Was das Verhältnis dieses sekundären politischen Organismus zu dem primären des
+Staates anlangt, so standen im allgemeinen jenem wie diesem die politischen
+Befugnisse vollständig zu und band also der Gemeindebeschluß und das Imperium
+der Gemeindebeamten den Gemeindebürger ebenso wie der Volksbeschluß und das
+konsularische Imperium den Römer. Dies führte im ganzen zu einer
+konkurrierenden Tätigkeit der Staats- und der Stadtbehörden: Es hatten
+beispielsweise beide das Recht der Schatzung und Besteuerung, ohne daß bei den
+etwaigen städtischen Schatzungen und Steuern die von Rom ausgeschriebenen oder
+bei diesen jene berücksichtigt worden wären; es durften öffentliche Bauten
+sowohl von den römischen Beamten in ganz Italien als auch von den städtischen
+in ihrem Sprengel angeordnet werden, und was dessen mehr ist. Im Kollisionsfall
+wich natürlich die Gemeinde dem Staat und brach der Volksschluß den
+Stadtschluß. Eine förmliche Kompetenzteilung fand wohl nur in der Rechtspflege
+statt, wo das reine Konkurrenzsystem zu der größten Verwirrung geführt haben
+würde; hier wurden im Kriminalprozeß vermutlich alle Kapitalsachen, im
+Zivilverfahren die schwereren, und ein selbständiges Auftreten der
+dirigierenden Beamten voraussetzenden Prozesse den hauptstädtischen Behörden
+und Geschworenen vorbehalten und die italischen Stadtgerichte auf die
+geringeren und minder verwickelten oder auch sehr dringenden Rechtshändel
+beschränkt.
+</p>
+
+<p>
+Die Entstehung dieses italischen Gemeindewesens ist nicht überliefert. Es ist
+wahrscheinlich, daß sie in ihren Anfängen zurückgeht auf Ausnahmebestimmungen
+für die großen Bürgerkolonien, die am Ende des sechsten Jahrhunderts gegründet
+wurden; wenigstens deuten einzelne, an sich gleichgültige formelle Differenzen
+zwischen Bürgerkolonien und Bürgermunizipien darauf hin, daß die neue, damals
+praktisch an die Stelle der latinischen tretende Bürgerkolonie ursprünglich
+eine bessere staatsrechtliche Stellung gehabt hat als das weit ältere
+Bürgermunizipium, und diese Bevorzugung kann wohl nur bestanden haben in einer
+der latinischen sich annähernden Gemeindeverfassung, wie sie späterhin
+sämtlichen Bürgerkolonien wie Bürgermunizipien zukam. Bestimmt nachweisen läßt
+sich die neue Ordnung zuerst für die revolutionäre Kolonie Capua, und keinem
+Zweifel unterliegt es, daß sie ihre volle Anwendung erst fand, als die
+sämtlichen bisher souveränen Städte Italiens infolge des Bundesgenossenkriegs
+als Bürgergemeinden organisiert werden mußten. Ob schon das Julische Gesetz, ob
+die Zensoren von 668 (86), ob erst Sulla das einzelne geordnet hat, läßt sich
+nicht entscheiden; die Übertragung der zensorischen Geschäfte auf die
+Gerichtsherren scheint zwar nach Analogie der Sullanischen, die Zensur
+beseitigenden Ordnung eingeführt zu sein, kann aber auch ebensogut auf die
+älteste latinische Verfassung zurückgehen, die ja auch die Zensur nicht kannte.
+Auf alle Fälle ist diese dem eigentlichen Staat sich ein- und unterordnende
+Stadtverfassung eines der merkwürdigsten und folgenreichsten Erzeugnisse der
+sullanischen Zeit und des römischen Staatslebens überhaupt. Staat und Stadt
+ineinanderzufügen hat allerdings das Altertum ebensowenig vermocht, als es
+vermocht hat, das repräsentative Regiment und andere große Grundgedanken
+unseres heutigen Staatslebens aus sich zu entwickeln; aber es hat seine
+politische Entwicklung bis an diejenigen Grenzen geführt, wo diese die
+gegebenen Maße überwächst und sprengt, und vor allem ist dies in Rom geschehen,
+das in jeder Beziehung an der Scheide und in der Verbindung der alten und der
+neuen geistigen Welt steht. In der Sullanischen Verfassung sind einerseits die
+Urversammlung und der städtische Charakter des Gemeinwesens Rom fast zur
+bedeutungslosen Form zusammengeschwunden, andererseits die innerhalb des
+Staates stehende Gemeinde schon in der italischen vollständig entwickelt; bis
+auf den Namen, der freilich in solchen Dingen die Hälfte der Sache ist, hat
+diese letzte Verfassung der freien Republik das Repräsentativsystem und den auf
+den Gemeinden sich aufbauenden Staat durchgeführt.
+</p>
+
+<p>
+Das Gemeindewesen in den Provinzen ward hierdurch nicht geändert; die
+Gemeindebehörden der unfreien Städte blieben vielmehr, von besonderen Ausnahmen
+abgesehen, beschränkt auf Verwaltung und Polizei und auf diejenige
+Jurisdiktion, welche die römischen Behörden vorzogen, nicht selbst in die Hand
+zu nehmen.
+</p>
+
+<p>
+Dieses war die Verfassung, die Lucius Cornelius Sulla der Gemeinde Rom gab.
+Senat und Ritterstand, Bürgerschaft und Proletariat, Italiker und Provinzialen
+nahmen sie hin, wie sie vom Regenten ihnen diktiert ward, wenn nicht ohne zu
+grollen, doch ohne sich aufzulehnen; nicht so die Sullanischen Offiziere. Das
+römische Heer hatte seinen Charakter gänzlich verändert. Es war allerdings
+durch die Marianische Reform wieder schlagfertiger und militärisch brauchbarer
+geworden, als da es vor den Mauern von Numantia nicht focht; aber es hatte
+zugleich sich aus einer Bürgerwehr in eine Schar von Lanzknechten verwandelt,
+welche dem Staat gar keine und dem Offizier nur dann Treue bewiesen, wenn er
+verstand, sie persönlich an sich zu fesseln. Diese völlige Umgestaltung des
+Armeegeistes hatte der Bürgerkrieg in gräßlicher Weise zur Evidenz gebracht:
+sechs kommandierende Generale, Albinus, Cato, Rufus, Flaccus, Cinna und Gaius
+Carbo, waren während desselben gefallen von der Hand ihrer Soldaten; einzig
+Sulla hatte bisher es vermocht, der gefährlichen Meute Herr zu bleiben,
+freilich nur, indem er allen ihren wilden Begierden den Zügel schießen ließ wie
+noch nie vor ihm ein römischer Feldherr. Wenn deshalb ihm der Verderb der alten
+Kriegszucht schuld gegeben wird, so ist dies nicht gerade unrichtig, aber
+dennoch ungerecht; er war eben der erste römische Beamte, der seiner
+militärischen und politischen Aufgabe nur dadurch zu genügen imstande war, daß
+er auftrat als Condottiere. Aber er hatte die Militärdiktatur nicht übernommen,
+um den Staat der Soldateska untertänig zu machen, sondern vielmehr, um alles im
+Staat, vor allem aber das Heer und die Offiziere, unter die Gewalt der
+bürgerlichen Ordnung zurückzuzwingen. Wie dies offenbar ward, erhob sich gegen
+ihn eine Opposition mit seinem eigenen Stab. Mochte den übrigen Bürgern
+gegenüber die Oligarchie den Tyrannen spielen; aber daß auch die Generale, die
+mit ihrem guten Schwert die umgestürzten Senatorensessel wieder aufgerichtet
+hatten, jetzt ebendiesem Senat unweigerlichen Gehorsam zu leisten aufgefordert
+wurden, schien unerträglich. Eben die beiden Offiziere, denen Sulla das meiste
+Vertrauen geschenkt hatte, widersetzten sich der neuen Ordnung der Dinge. Als
+Gnaeus Pompeius, den Sulla mit der Eroberung von Sizilien und Afrika beauftragt
+und zu seinem Tochtermanne erkoren hatte, nach Vollzug seiner Aufgabe vom Senat
+den Befehl erhielt, sein Heer zu entlassen, unterließ er es zu gehorsamen und
+wenig fehlte an offenem Aufstand. Quintus Ofella, dessen festem Ausharren vor
+Praeneste wesentlich der Erfolg des letzten und schwersten Feldzuges verdankt
+ward, bewarb sich in ebenso offenem Widerspruch gegen die neu erlassenen
+Ordnungen um das Konsulat, ohne die niederen Ämter bekleidet zu haben. Mit
+Pompeius kam, wenn nicht eine herzliche Aussöhnung, doch ein Vergleich
+zustande. Sulla, der seinen Mann genug kannte, um ihn nicht zu fürchten, nahm
+die Impertinenz hin, die Pompeius ihm ins Gesicht sagte, daß mehr Leute sich um
+die aufgehende Sonne kümmerten als um die untergehende, und bewilligte dem
+eitlen Jüngling die leeren Ehrenbezeigungen, an denen sein Herz hing. Wenn er
+hier sich läßlich zeigte, so bewies er dagegen Ofella gegenüber, daß er nicht
+der Mann war, sich von seinen Marschällen imponieren zu lassen: So wie dieser
+verfassungswidrig als Bewerber vor das Volk trat, ließ ihn Sulla auf
+öffentlichem Marktplatz niederstoßen und setzte sodann der versammelten
+Bürgerschaft auseinander, daß die Tat auf seinen Befehl und warum sie vollzogen
+sei. So verstummte zwar für jetzt diese bezeichnende Opposition des
+Hauptquartiers gegen die neue Ordnung der Dinge; aber sie blieb bestehen und
+gab den praktischen Kommentar zu Sullas Worten, daß das, was er diesmal tue,
+nicht zum zweitenmal getan werden könne.
+</p>
+
+<p>
+Eines blieb noch übrig -vielleicht das schwerste von allem: die Zurückführung
+der Ausnahmezustände in die neualten gesetzlichen Bahnen. Sie ward dadurch
+erleichtert, daß Sulla dieses letzte Ziel nie aus den Augen verloren hatte.
+Obwohl das Valerische Gesetz ihm absolute Gewalt und jeder seiner Verordnungen
+Gesetzeskraft gegeben, hatte er dennoch dieser exorbitanten Befugnis sich nur
+bei Maßregeln bedient, die von vorübergehender Bedeutung waren und wo die
+Beteiligung Rat und Bürgerschaft bloß nutzlos kompromittiert haben würde,
+namentlich bei den Ächtungen. Regelmäßig hatte er schon selbst diejenigen
+Bestimmungen beobachtet, die er für die Zukunft vorschrieb. Daß das Volk
+befragt ward, lesen wir in dem Quästorengesetz, das zum Teil noch vorhanden
+ist, und von anderen Gesetzen, zum Beispiel dem Aufwandgesetz und denen über
+die Konfiskation der Feldmarken, ist es bezeugt. Ebenso ward bei wichtigeren
+Administrativakten, zum Beispiel bei der Entsendung und Zurückberufung der
+afrikanischen Armee und bei Erteilung von städtischen Freibriefen, der Senat
+vorangestellt. In demselben Sinn ließ Sulla schon für 673 (81) Konsuln wählen,
+wodurch wenigstens die gehässige offizielle Datierung nach der Regentschaft
+vermieden ward; doch blieb die Macht noch ausschließlich bei dem Regenten und
+ward die Wahl auf sekundäre Persönlichkeiten geleitet. Aber im Jahre darauf
+(674 80) setzte Sulla die ordentliche Verfassung wieder vollständig in
+Wirksamkeit und verwaltete als Konsul in Gemeinschaft mit seinem Waffengenossen
+Quintus Metellus den Staat, während er die Regentschaft zwar noch beibehielt,
+aber vorläufig ruhen ließ. Er begriff es wohl, wie gefährlich es eben für seine
+eigenen Institutionen war, die Militärdiktatur zu verewigen. Da die neuen
+Zustände sich haltbar zu erweisen schienen, und von den neuen Einrichtungen
+zwar manches, namentlich in der Kolonisierung, noch zurück, aber doch das
+meiste und wichtigste vollendet war, so ließ er den Wahlen für 675 (79) freien
+Lauf, lehnte die Wiederwahl zum Konsulat als mit seinen eigenen Verordnungen
+unvereinbar ab und legte, bald nachdem die neuen Konsuln Publius Servilius und
+Appius Claudius ihr Amt angetreten hatten, im Anfang des Jahres 675 (79) die
+Regentschaft nieder. Es ergriff selbst starre Herzen, als der Mann, der bis
+dahin mit dem Leben und dem Eigentum von Millionen nach Willkür geschaltet
+hatte, auf dessen Wink so viele Häupter gefallen waren, dem in jeder Gasse
+Roms, in jeder Stadt Italiens Todfeinde wohnten und der ohne einen ebenbürtigen
+Verbündeten, ja genau genommen ohne den Rückhalt einer festen Partei sein
+tausend Interessen und Meinungen verletzendes Werk der Reorganisation des
+Staates zu Ende geführt hatte, als dieser Mann auf den Marktplatz der
+Hauptstadt trat, sich seiner Machtfülle freiwillig begab, seine bewaffneten
+Begleiter verabschiedete, seine Gerichtsdiener entließ und die dichtgedrängte
+Bürgerschaft aufforderte zu reden, wenn einer von ihm Rechenschaft begehre.
+Alles schwieg; Sulla stieg herab von der Rednerbühne und zu Fuß, nur von den
+Seinigen begleitet, ging er mitten durch ebenjenen Pöbel, der ihm vor acht
+Jahren das Haus geschleift hatte, zurück nach seiner Wohnung.
+</p>
+
+<p>
+Die Nachwelt hat weder Sulla selbst noch sein Reorganisationswerk richtig zu
+würdigen verstanden, wie sie denn unbillig zu sein pflegt gegen die
+Persönlichkeiten, die dem Strom der Zeiten sich entgegenstemmen. In der Tat ist
+Sulla eine von den wunderbarsten, man darf vielleicht sagen eine einzige
+Erscheinung in der Geschichte. Physisch und psychisch ein Sanguiniker,
+blauäugig, blond, von auffallend weißer, aber bei jeder leidenschaftlichen
+Bewegung sich rötender Gesichtsfarbe, übrigens ein schöner, feurig blickender
+Mann, schien er nicht eben bestimmt, dem Staat mehr zu sein als seine Ahnen,
+die seit seines Großvaters Großvater Publius Cornelius Rufinus (Konsul 464, 477
+290, 277), einem der angesehensten Feldherrn und zugleich dem prunkliebendsten
+Mann der pyrrhischen Zeit, in Stellungen zweiten Ranges verharrt hatten. Er
+begehrte vom Leben nichts als heiteren Genuß. Aufgewachsen in dem Raffinement
+des gebildeten Luxus, wie er in jener Zeit auch in den minder reichen
+senatorischen Familien Roms einheimisch war, bemächtigte er rasch und bebend
+sich der ganzen Fülle sinnlich geistiger Genüsse, welche die Verbindung
+hellenischer Feinheit und römischen Reichtums zu gewähren vermochten. Im
+adligen Salon und unter dem Lagerzelt war er gleich willkommen als angenehmer
+Gesellschafter und guter Kamerad; vornehme und geringe Bekannte fanden in ihm
+den teilnehmenden Freund und den bereitwilligen Helfer in der Not, der sein
+Geld weit lieber seinem bedrängten Genossen als seinem reichen Gläubiger
+gönnte. Leidenschaftlich huldigte er dem Becher, noch leidenschaftlicher den
+Frauen; selbst in seinen späteren Jahren war er nicht mehr Regent, wenn er nach
+vollbrachtem Tagesgeschäft sich zur Tafel setzte. Ein Zug der Ironie, man
+könnte vielleicht sagen der Bouffonnerie, geht durch seine ganze Natur. Noch
+als Regent befahl er, während er die Versteigerung der Güter der Geächteten
+leitete, für ein ihm überreichtes schlechtes Lobgedicht dem Verfasser eine
+Verehrung aus der Beute zu verabreichen unter der Bedingung, daß er gelobe, ihn
+niemals wieder zu besingen. Als er vor der Bürgerschaft Ofenas Hinrichtung
+rechtfertigte, geschah es, indem er den Leuten die Fabel erzählte von dem
+Ackersmann und den Läusen. Seine Gesellen wählte er gern unter den
+Schauspielern und liebte es, nicht bloß mit Quintus Roscius, dem römischen
+Talma, sondern auch mit viel geringeren Bühnenleuten beim Weine zu sitzen; wie
+er denn auch selbst nicht schlecht sang und sogar zur Aufführung in seinem
+Zirkel selber Possen schrieb. Doch ging in diesen lustigen Bacchanalien ihm
+weder die körperliche noch die geistige Spannkraft verloren; noch in der
+ländlichen Muße seiner letzten Jahre lag er eifrig der Jagd ob, und daß er aus
+dem eroberten Athen die Aristotelischen Schriften nach Rom brachte, beweist
+doch wohl für sein Interesse auch an ernsterer Lektüre. Das spezifische
+Römertum stieß ihn eher ab. Von der plumpen Morgue, die die römischen Großen
+gegenüber den Griechen zu entwickeln liebten, und von der Feierlichkeit
+beschränkter großer Männer hatte Sulla nichts, vielmehr ließ er gern sich
+gehen, erschien wohl zum Skandal mancher seiner Landsleute in griechischen
+Städten in griechischer Tracht oder veranlaßte seine adligen Gesellen, bei den
+Spielen selber die Rennwagen zu lenken. Noch weniger war ihm von den halb
+patriotischen, halb egoistischen Hoffnungen geblieben, die in Ländern freier
+Verfassung jede jugendliche Kapazität auf den politischen Tummelplatz locken
+und die auch er wie jeder andere einmal empfunden haben mag; in einem Leben,
+wie das seine war, schwankend zwischen leidenschaftlichem Taumel und mehr als
+nüchternem Erwachen, verzetteln sich rasch die Illusionen. Wünschen und Streben
+mochte ihm eine Torheit erscheinen in einer Welt, die doch unbedingt vom Zufall
+regiert ward und wo, wenn überhaupt auf etwas, man ja doch auf nichts spannen
+konnte als auf diesen Zufall. Dem allgemeinen Zug der Zeit, zugleich dem
+Unglauben und dem Aberglauben, sich zu ergeben folgte auch er. Seine
+wunderliche Gläubigkeit ist nicht der plebejische Köhlerglaube des Marius, der
+von dem Pfaffen für Geld sich wahrsagen und seine Handlungen durch ihn
+bestimmen läßt; noch weniger der finstere Verhängnisglaube des Fanatikers,
+sondern jener Glaube an das Absurde, wie er bei jedem von dem Vertrauen auf
+eine zusammenhängende Ordnung der Dinge durch und durch zurückgekommenen
+Menschen notwendig sich einstellt, der Aberglaube des glücklichen Spielers, der
+sich vom Schicksal privilegiert erachtet, jedesmal und überall die rechte
+Nummer zu werfen. In praktischen Fragen verstand Sulla sehr wohl, mit den
+Anforderungen der Religion ironisch sich abzufinden. Als er die Schatzkammern
+der griechischen Tempel leerte, äußerte er, daß es demjenigen nimmermehr fehlen
+könne, dem die Götter selbst die Kasse füllten. Als die delphischen Priester
+ihm berichteten, daß sie sich scheuten, die verlangten Schätze zu senden, da
+die Zither des Gottes hell geklungen, als man sie berührt, ließ er ihnen
+zurücksagen, daß man sie nun um so mehr schicken möge, denn offenbar stimme der
+Gott seinem Vorhaben zu. Aber darum wiegte er nicht weniger gern sich in dem
+Gedanken, der auserwählte Liebling der Götter zu sein, ganz besonders jener,
+der er bis in seine späten Jahre vor allen den Preis gab, der Aphrodite. In
+seinen Unterhaltungen wie in seiner Selbstbiographie rühmte er sich vielfach
+des Verkehrs, den in Träumen und Anzeichen die Unsterblichen mit ihm gepflogen.
+Er hatte wie wenig andere ein Recht, auf seine Taten stolz zu sein; er war es
+nicht, wohl aber stolz auf sein einzig treues Glück. Er pflegte wohl zu sagen,
+daß jedes improvisierte Beginnen ihm besser ausgeschlagen sei als das planmäßig
+angelegte, und eine seiner wunderlichsten Marotten, die Zahl der in den
+Schlachten auf seiner Seite gefallenen Leute regelmäßig als null anzugeben, ist
+doch auch nichts als die Kinderei eines Glückskindes. Es war nur der Ausdruck
+der ihm natürlichen Stimmung, als er, auf dem Gipfel seiner Laufbahn angelangt
+und alle seine Zeitgenossen in schwindelnder Tiefe unter sich sehend, die
+Bezeichnung des Glücklichen, Sulla Felix, als förmlichen Beinamen annahm und
+auch seinen Kindern entsprechende Benennungen beilegte.
+</p>
+
+<p>
+Nichts lag Sulla ferner als der planmäßige Ehrgeiz. Er war zu gescheit, um
+gleich den Dutzendaristokraten seiner Zeit die Verzeichnung seines Namens in
+die konsularischen Register als das Ziel seines Lebens zu betrachten; zu
+gleichgültig und zu wenig Ideolog, um sich mit der Reform des morschen
+Staatsgebäudes freiwillig befassen zu mögen. Er blieb, wo Geburt und Bildung
+ihn hinwiesen, in dem Kreis der vornehmen Gesellschaft und machte wie üblich
+die Ämterlaufbahn durch; Ursache sich anzustrengen hatte er nicht und überließ
+dies den politischen Arbeitsbienen, an denen es ja nicht fehlte. So führte ihn
+im Jahre 647 (107) bei der Verlosung der Quästorenstellen der Zufall nach
+Afrika in das Hauptquartier des Gaius Marius. Der unversuchte hauptstädtische
+Elegant ward von dem rauben bäurischen Feldherrn und seinem erprobten Stab
+nicht zum besten empfangen. Durch diese Aufnahme gereizt, machte Sulla,
+furchtlos und anstellig wie er war, im Fluge das Waffenhandwerk sich zu eigen
+und entwickelte auf dem verwegenen Zug nach Mauretanien zuerst jene
+eigentümliche Verbindung von Keckheit und Verschmitztheit, wegen deren seine
+Zeitgenossen von ihm sagten, daß er halb Löwe, halb Fuchs und der Fuchs in ihm
+gefährlicher sei als der Löwe. Dem jungen, hochgeborenen, brillanten Offizier,
+der anerkanntermaßen der eigentliche Beendiger des lästigen Numidischen Krieges
+war, öffnete jetzt sich die glänzendste Laufbahn; er nahm auch teil am
+Kimbrischen Krieg und offenbarte in der Leitung des schwierigen
+Verpflegungsgeschäftes sein ungemeines Organisationstalent; nichtsdestoweniger
+zogen ihn auch jetzt die Freuden des hauptstädtischen Lebens weit mehr an als
+Krieg oder gar Politik. In der Prätur, welches Amt er, nachdem er sich einmal
+vergeblich beworben hatte, im Jahre 661 (93) übernahm, fügte es sich abermals,
+daß ihm in seiner Provinz, der unbedeutendsten von allen, der erste Sieg über
+König Mithradates und der erste Vertrag mit den mächtigen Arsakiden sowie deren
+erste Demütigung gelang. Der Bürgerkrieg folgte. Sulla war es wesentlich, der
+den ersten Akt desselben, die italische Insurrektion zu Roms Gunsten entschied
+und dabei mit dem Degen das Konsulat sich gewann; er war es ferner, der als
+Konsul den Sulpicischen Aufstand mit energischer Raschheit zu Boden schlug. Das
+Glück schien sich ein Geschäft daraus zu machen, den alten Helden Marius durch
+diesen jüngeren Offizier zu verdunkeln. Die Gefangennehmung Jugurthas, die
+Besiegung Mithradats, die beide Marius vergeblich erstrebt hatte, wurden in
+untergeordneten Stellungen von Sulla vollführt; im Bundesgenossenkrieg, in dem
+Marius seinen Feldherrnruhm einbüßte und abgesetzt ward, gründete Sulla seinen
+militärischen Ruf und stieg empor zum Konsulat; die Revolution von 666 (88),
+die zugleich und vor allem ein persönlicher Konflikt zwischen den beiden
+Generalen war, endigte mit Marius&rsquo; Ächtung und Flucht. Fast ohne es zu
+wollen war Sulla der berühmteste Feldherr seiner Zeit, der Hort der Oligarchie
+geworden. Es folgten neue und furchtbarere Krisen, der Mithradatische Krieg,
+die Cinnanische Revolution: Sullas Stern blieb immer im Steigen. Wie der
+Kapitän, der das brennende Schiff nicht löscht, sondern fortfährt, auf den
+Feind zu feuern, harrte Sulla, während die Revolution in Italien tobte, in
+Asien unerschüttert aus, bis der Landesfeind gezwungen war. Mit diesem fertig,
+zerschmetterte er die Anarchie und rettete die Hauptstadt vor der Brandfackel
+der verzweifelnden Samniten und Revolutionäre. Der Moment der Heimkehr war für
+Sulla ein überwältigender in Freude und in Schmerz; er selbst erzählt in seinen
+Memoiren, daß er die erste Nacht in Rom kein Auge habe zutun können, und wohl
+mag man es glauben. Aber immer noch war seine Aufgabe nicht zu Ende, sein Stern
+in weiterem Steigen. Absoluter Selbstherrscher wie nur je ein König und doch
+durchaus verharrend auf dem Boden des formellen Rechts, zügelte er die
+ultrareaktionäre Partei, vernichtete die seit vierzig Jahren die Oligarchie
+einengende Gracchische Verfassung und zwang zuerst die der Oligarchie
+Konkurrenz machenden Mächte der Kapitalisten und des hauptstädtischen
+Proletariats, endlich den im Schoße seines eigenen Stabes erwachsenen Übermut
+des Säbels wieder unter das neu befestigte Gesetz. Selbständiger als je stellte
+er die Oligarchie hin, legte die Beamtenmacht als dienendes Werkzeug in ihre
+Hände, verlieh ihr die Gesetzgebung, die Gerichte, die militärische und
+finanzielle Obergewalt und gab ihr eine Art Leibwache in den befreiten Sklaven,
+eine Art Heer in den angesiedelten Militärkolonisten. Endlich, als das Werk
+vollendet war, trat der Schöpfer zurück von seiner Schöpfung; freiwillig ward
+der absolute Selbstherrscher wieder einfacher Senator. In dieser ganzen langen
+militärischen und politischen Bahn hat Sulla nie eine Schlacht verloren, nie
+einen Schritt zurücktun müssen und ungeirrt von Feinden und Freunden sein Werk
+geführt bis an das selbstgesteckte Ziel. Wohl hatte er Ursache, seinen Stern zu
+preisen. Die launenhafte Göttin des Glücks schien hier einmal die Laune der
+Beständigkeit angewandelt und sie darin sich gefallen zu haben, auf ihren
+Liebling an Erfolgen und Ehren zu häufen, was er begehrte und nicht begehrte.
+Aber die Geschichte wird gerechter gegen ihn sein müssen, als er es gegen sich
+selber war, und ihn in eine höhere Reihe stellen als in die der bloßen
+Favoriten der Fortuna.
+</p>
+
+<p>
+Nicht als wäre die Sullanische Verfassung ein Werk politischer Genialität, wie
+zum Beispiel die Gracchische und die Caesarische. Es begegnet in ihr, wie dies
+ja schon das Wesen der Restauration mit sich bringt, auch nicht ein
+staatsmännisch neuer Gedanke; alle ihre wesentlichsten Momente: der Eintritt in
+den Senat durch Bekleidung der Quästur, die Aufhebung des zensorischen Rechts,
+den Senator aus dem Senate zu stoßen, die legislatorische Initiative des
+Senats, die Verwandlung des tribunizischen Amtes in ein Werkzeug des Senats zur
+Fesselung des Imperiums, die Erstreckung der Dauer des Oberamts auf zwei Jahre,
+der Übergang des Kommandos von dem Volksmagistrat auf den senatorischen
+Prokonsul oder Proprätor, selbst die neue Kriminal- und Munizipalordnung sind
+nicht von Sulla geschaffene, sondern früher schon aus dem oligarchischen
+Regiment entwickelte und durch ihn nur regulierte und fixierte Institutionen.
+Ja selbst die seiner Restauration anhaftenden Greuel, die Ächtungen und
+Konfiskationen, sind sie, verglichen mit den Taten der Nasica, Popillius,
+Opimius, Caepio und so weiter, etwas anderes als die rechtliche Formulierung
+der hergebrachten oligarchischen Weise, sich der Gegner zu entledigen? Über die
+römische Oligarchie dieser Zeit nun gibt es kein Urteil als unerbittliche und
+rücksichtslose Verdammung; und wie alles andere, was ihr anhängt, ist davon
+auch die Sullanische Verfassung vollständig mitbetroffen. Das von der
+Genialität des Bösen bestochene Lob versündigt sich an dem heiligen Geist der
+Geschichte; aber daran wird man doch erinnern dürfen, daß weit weniger Sulla
+die Sullanische Restauration zu verantworten hat als die seit Jahrhunderten als
+Clique regierende und mit jedem Jahr mehr der greisenhaften Entnervung und
+Verbissenheit verfallende römische Aristokratie insgesamt, und daß alles, was
+darin schal, und alles, was darin verrucht ist, am letzten Ende auf diese
+zurückfällt. Sulla hat den Staat reorganisiert, aber nicht wie der Hausherr,
+der sein zerrüttetes Gewese und Gesinde nach eigener Einsicht in Ordnung
+bringt, sondern wie der zeitweilige Geschäftsführer, der seiner Anweisung
+getreu nachkommt; es ist flach und falsch, in diesem Falle die schließliche und
+wesentliche Verantwortung von dem Geschäftsherrn ab auf den Verwalter zu
+wälzen. Man schlägt Sullas Bedeutung viel zu hoch an oder findet vielmehr mit
+jenen schauderhaften, nie wiedergutzumachenden und nie wiedergutgemachten
+Proskriptionen, Expropriationen und Restaurationen viel zu leicht sich ab, wenn
+man sie als das Werk eines zufällig an die Spitze des Staats geratenen
+Wüterichs ansieht. Adelstaten waren dies und Restaurationsterrorismus, Sulla
+aber nicht mehr dabei als, mit dem Dichter zu reden, das hinter dem bewußten
+Gedanken unbewußt herwandelnde Richtbeil. Diese Rolle hat Sulla mit
+wunderbarer, ja dämonischer Vollkommenheit durchgeführt; innerhalb der Grenzen
+aber, die sie ihm gezogen, hat er nicht bloß großartig, sondern selbst nützlich
+gewirkt. Nie wieder hat eine tief gesunkene und stetig tiefer sinkende
+Aristokratie, wie die römische damals war, einen Vormund gefunden, der so wie
+Sulla willig und fähig war, ohne jede Rücksicht auf eigenen Machtgewinn für sie
+den Degen des Feldherrn und den Griffel des Gesetzgebers zu führen. Es ist
+freilich ein Unterschied, ob ein Offizier aus Bürgersinn das Szepter verschmäht
+oder aus Blasiertheit es wegwirft; aber in der völligen Abwesenheit des
+politischen Egoismus - freilich auch nur in diesem einen - verdient Sulla neben
+Washington genannt zu werden. Aber nicht bloß die Aristokratie, das gesamte
+Land ward ihm mehr schuldig, als die Nachwelt gern sich eingestand. Sulla hat
+die italische Revolution, insoweit sie beruhte auf der Zurücksetzung einzelner
+minder berechtigter gegen andere besser berechtigte Distrikte, endgültig
+geschlossen und ist, indem er sich und seine Partei zwang, die
+Gleichberechtigung aller Italiker vor dem Gesetz anzuerkennen, der wahre und
+letzte Urheber der vollen staatlichen Einheit Italiens geworden - ein Gewinn,
+der mit endloser Not und Strömen von Blut dennoch nicht zu teuer erkauft war.
+Aber Sulla hat noch mehr getan. Seit länger als einem halben Jahrhundert war
+Roms Macht im Sinken und die Anarchie daselbst in Permanenz; denn das Regiment
+des Senats mit der Gracchischen Verfassung war Anarchie und gar das Regiment
+Cinnas und Carbos noch weit ärgere Meisterlosigkeit, deren grauenvolles Bild
+sich am deutlichsten in jenem ebenso verwirrten wie naturwidrigen Bündnis mit
+den Samniten widerspiegelt, der unklarste, unerträglichste, heilloseste aller
+denkbaren politischen Zustände, in der Tat der Anfang des Endes. Es ist nicht
+zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß das lange unterhöhlte römische
+Gemeinwesen notwendig hätte zusammenstürzen müssen, wenn nicht durch die
+Intervention in Asien und in Italien Sulla die Existenz desselben gerettet
+hätte. Freilich hat Sullas Verfassung so wenig Bestand gehabt wie die
+Cromwells, und es war nicht schwer zu sehen, daß sein Bau kein solider war;
+aber es ist eine arge Gedankenlosigkeit, darüber zu übersehen, daß ohne Sulla
+höchstwahrscheinlich der Bauplatz selbst von den Fluten wäre fortgerissen
+worden; und auch jener Tadel trifft zunächst nicht Sulla. Der Staatsmann baut
+nur, was er in dem ihm angewiesenen Kreise bauen kann. Was ein konservativ
+Gesinnter tun konnte, um die alte Verfassung zu retten, das hat Sulla getan;
+und geahnt hat er es selbst, daß er wohl eine Festung, aber keine Besatzung zu
+schaffen vermöge und die grenzenlose Nichtigkeit der Oligarchen jeden Versuch,
+die Oligarchie zu retten, vergeblich machen werde. Seine Verfassung glich einem
+in das brandende Meer hineingeworfenen Notdamm; es ist kein Vorwurf für den
+Baumeister, wenn ein Jahrzehnt später die Wellen den naturwidrigen und von den
+Geschützten selbst nicht verteidigten Bau verschlangen. Der Staatsmann wird
+nicht der Hinweisung auf höchst löbliche Einzelformen, zum Beispiel des
+asiatischen Steuerwesens und der Kriminaljustiz, bedürfen, um Sullas ephemere
+Restauration nicht geringschätzig abzufertigen, sondern wird darin eine richtig
+entworfene und unter unsäglichen Schwierigkeiten im großen und ganzen
+konsequent durchgeführte Reorganisation des römischen Gemeinwesens bewundern
+und den Retter Roms, den Vollender der italischen Einheit unter, aber doch auch
+neben Cromwell stellen.
+</p>
+
+<p>
+Freilich ist es nicht bloß der Staatsmann, der im Totengericht Stimme hat, und
+das empörte menschliche Gefühl wird mit Recht sich nie mit dem versöhnen, was
+Sulla getan oder das andere taten, gelitten hat. Sulla hat seine
+Gewaltherrschaft nicht bloß mit rücksichtsloser Gewaltsamkeit begründet,
+sondern dabei auch die Dinge mit einer gewissen zynischen Offenheit beim
+rechten Namen genannt, durch die er es unwiederbringlich verdorben hat mit der
+großen Masse der Schwachherzigen, die mehr vor dem Namen als vor der Sache sich
+entsetzen, durch die er aber allerdings auch dem sittlichen Urteil wegen der
+Kühle und Klarheit seines Frevels noch empörender erscheint als der
+leidenschaftliche Verbrecher. Ächtungen, Belohnungen der Henker,
+Güterkonfiskationen, kurzer Prozeß gegen unbotmäßige Offiziere waren hundertmal
+vorgekommen, und die stumpfe politische Sittlichkeit der antiken Zivilisation
+hatte für diese Dinge nur lauen Tadel; aber das freilich war unerhört, daß die
+Namen der vogelfreien Männer öffentlich angeschlagen und die Köpfe öffentlich
+ausgestellt wurden, daß den Banditen eine feste Summe ausgesetzt und dieselbe
+in die öffentlichen Kassenbücher ordnungsmäßig eingetragen ward, daß das
+eingezogene Gut gleich der feindlichen Beute auf offenem Markt unter den Hammer
+kam, daß der Feldherr den widerspenstigen Offizier geradezu niederhauen ließ
+und vor allem Volk sich zu der Tat bekannte. Diese öffentliche Verhöhnung der
+Humanität ist auch ein politischer Fehler; er hat nicht wenig dazu beigetragen,
+spätere revolutionäre Krisen im voraus zu vergiften, und noch jetzt ruht
+deswegen verdientermaßen ein finsterer Schatten auf dem Andenken des Urhebers
+der Proskriptionen.
+</p>
+
+<p>
+Mit Recht darf man ferner tadeln, daß Sulla, während er in allen wichtigen
+Dingen rücksichtslos durchgriff, doch in untergeordneten, namentlich in
+Personenfragen sehr häufig seinem sanguinischen Temperament nachgab und nach
+Neigung oder Abneigung verfuhr. Er hat, wo er wirklich einmal Haß empfand, wie
+gegen die Marier, ihm zügellos auch gegen Unschuldige den Lauf gelassen und von
+sich selbst gerühmt, daß niemand besser als er Freunden und Feinden vergolten
+habe ^13. Er verschmähte es nicht, bei Gelegenheit seiner Machtstellung, ein
+kolossales Vermögen zu sammeln. Der erste absolute Monarch des römischen
+Staats, bewährte er den Kernspruch des Absolutismus, daß den Fürsten die
+Gesetze nicht binden, sogleich an den von ihm selbst erlassenen Ehebruchs- und
+Verschwendungsgesetzen. Verderblicher aber als diese Nachsicht gegen sich
+selbst ward dem Staat sein läßliches Verfahren gegen seine Partei und seinen
+Kreis. Schon seine schlaffe Soldatenzucht, obwohl sie zum Teil durch politische
+Notwendigkeit geboten war, läßt sich hierher rechnen; viel schädlicher aber
+noch war die Nachsicht gegen seinen politischen Anhang. Es ist kaum glaublich,
+was er gelegentlich hinnahm; so zum Beispiel ward dem Lucius Murena für die
+durch die schlimmste Verkehrtheit und Unbotmäßigkeit erlittenen Niederlagen
+nicht bloß die Strafe erlassen, sondern auch der Triumph zugestanden; so wurde
+Gnaeus Pompeius, der sich noch schwerer vergangen hatte, von Sulla noch
+verschwenderischer geehrt. Die Ausdehnung und die ärgsten Frevel der Ächtungen
+und Konfiskationen sind wahrscheinlich weniger aus Sullas eigenem Wollen, als
+aus diesem freilich in seiner Stellung kaum verzeihlicheren Indifferentismus
+hervorgegangen. Daß Sulla bei seinem innerlich energischen und doch dabei
+gleichgültigen Wesen sehr verschieden, bald unglaublich nachsichtig, bald
+unerbittlich streng auftrat, ist begreiflich. Die tausendmal wiederholte Rede,
+daß er vor seiner Regentschaft ein guter milder Mann, als Regent ein
+blutdürstiger Wüterich gewesen sei, richtet sich selbst; wenn er als Regent das
+Gegenteil der früheren Gelindigkeit zeigte, so wird man vielmehr sagen müssen,
+daß er mit demselben nachlässigen Gleichmut strafte, mit dem er verzieh. Diese
+halb ironische Leichtfertigkeit geht überhaupt durch sein ganzes politisches
+Tun. Es ist immer, als sei dem Sieger, eben wie es ihm gefiel, sein Verdienst
+um den Sieg Glück zu schelten, auch der Sieg selber nichts wert; als habe er
+eine halbe Empfindung von der Nichtigkeit und Vergänglichkeit des eigenen
+Werkes; als ziehe er nach Verwalterart das Ausbessern dem Einreißen und Umbauen
+vor und lasse sich am Ende auch mit einer leidlichen Übertünchung der Schäden
+genügen.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^13 Euripides, Medeia, 807:
+</p>
+
+<p>
+Es soll mich keiner achten schwächlich und gering,
+</p>
+
+<p>
+Gutmütig nicht; ich bin gemacht aus anderm Stoff,
+</p>
+
+<p>
+Den Feinden schrecklich und den Freunden liebevoll.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Wie er nun aber war, dieser Don Juan der Politik war ein Mann aus einem Gusse.
+Sein ganzes Leben zeugt von dem innerlichen Gleichgewicht seines Wesens; in den
+verschiedensten Lagen blieb Sulla unverändert derselbe. Es war derselbe Sinn,
+der nach den glänzenden Erfolgen in Afrika ihn wieder den hauptstädtischen
+Müßiggang suchen und der nach dem Vollbesitz der absoluten Macht ihn Ruhe und
+Erholung finden ließ in seiner cumanischen Villa. In seinem Munde war es keine
+Phrase, daß ihm die öffentlichen Geschäfte eine Last seien, die er abwarf, so
+wie er durfte und konnte. Auch nach der Resignation blieb er völlig sich
+gleich, ohne Unmut und ohne Affektation, froh, der öffentlichen Geschäfte
+entledigt zu sein und dennoch hie und da eingreifend, wo die Gelegenheit sich
+bot. Jagd und Fischfang und die Abfassung seiner Memoiren füllten seine müßigen
+Stunden; dazwischen ordnete er auf Bitten der unter sich uneinigen Bürger die
+inneren Verhältnisse der benachbarten Kolonie Puteoli ebenso sicher und rasch
+wie früher die Verhältnisse der Hauptstadt. Seine letzte Tätigkeit auf dem
+Krankenlager bezog sich auf die Beitreibung eines Zuschusses zu dem
+Wiederaufbau des Kapitolinischen Tempels, den vollendet zu sehen ihm nicht mehr
+vergönnt war. Wenig über ein Jahr nach seinem Rücktritt, im sechzigsten
+Lebensjahr, frisch an Körper und Geist, ward er vom Tode ereilt; nach kurzem
+Krankenlager - noch zwei Tage vor seinem Tode schrieb er an seiner
+Selbstbiographie - raffte ein Blutsturz ^14 ihn hinweg (676 78). Sein getreues
+Glück verließ ihn auch im Tode nicht. Er konnte nicht wünschen, noch einmal in
+den widerwärtigen Strudel der Parteikämpfe hineingezogen zu werden und seine
+alten Krieger noch einmal gegen eine neue Revolution führen zu müssen; und nach
+dem Stande der Dinge bei seinem Tode in Spanien und in Italien hätte bei
+längerem Leben ihm dies kaum erspart bleiben können. Schon jetzt, da von seiner
+feierlichen Bestattung in der Hauptstadt die Rede war, wurden zahlreiche
+Stimmen, die bei seinen Lebzeiten geschwiegen hatten, dort gegen die letzte
+Ehre laut, die man dem Tyrannen zu erweisen gedachte. Aber noch war die
+Erinnerung zu frisch und die Furcht vor seinen alten Soldaten zu lebendig; es
+wurde beschlossen, die Leiche nach der Hauptstadt bringen zu lassen und dort
+die Exequien zu begehen. Nie hat Italien eine großartigere Trauerfeier gesehen.
+Überall wo der königlich geschmückte Tote hindurchgetragen ward, ihm vorauf
+seine wohlbekannten Feldzeichen und Rutenbündel, da schlossen die Einwohner und
+vor allem seine alten Lanzknechte an das Trauergefolge sich an; es schien, als
+wollte die gesamte Truppe um den Mann, der sie im Leben so oft und nie anders
+als zum Siege geführt hatte, noch einmal im Tode sich vereinigen. So gelangte
+der endlose Leichenzug in die Hauptstadt, wo die Gerichte feierten und alle
+Geschäfte ruhten und zweitausend goldene Kränze, als letzte Ehrengabe der
+treuen Legionen, der Städte und der näheren Freunde, des Toten harrten. Sulla
+hatte, dem Geschlechtsgebrauch der Cornelier gemäß, seinen Körper unverbrannt
+beizusetzen verordnet; aber andere waren besser als er dessen eingedenkt, was
+vergangene Tage gebracht hatten und künftige Tage bringen mochten - auf Befehl
+des Senats ward die Leiche des Mannes, der die Gebeine des Marius aus ihrer
+Ruhe im Grabe aufgestört hatte, den Flammen übergeben. Geleitet von allen
+Beamten und dem gesamten Senat, den Priestern und Priesterinnen in ihrer
+Amtstracht und der ritterlich gerüsteten adligen Knabenschar gelangte der Zug
+auf den großen Marktplatz; auf diesem von seinen Taten und fast noch von dem
+Klange seiner gefürchteten Worte erfüllten Platz ward dem Toten die Leichenrede
+gehalten und von dort die Bahre auf den Schultern der Senatoren nach dem
+Marsfeld getragen, wo der Scheiterhaufen errichtet war. Während er in Flammen
+loderte, hielten die Ritter und die Soldaten den Ehrenlauf um die Leiche; die
+Asche des Regenten aber ward auf dem Marsfeld neben den Gräbern der alten
+Könige beigesetzt, und ein Jahr hindurch haben die römischen Frauen um ihn
+getrauert.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^14 Nicht die Phthiriasis, wie ein anderer Bericht sagt; aus dem einfachen
+Grunde, daß eine solche Krankheit nur in der Phantasie existiert.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap11"></a>KAPITEL XI.<br/>
+Das Gemeinwesen und seine Ökonomie</h2>
+
+<p>
+Ein neunzigjähriger Zeitraum, vierzig Jahr tiefen Friedens, fünfzig einer fast
+permanenten Revolution liegen hinter uns. Es ist diese Epoche die ruhmloseste,
+die die römische Geschichte kennt. Zwar wurden in westlicher und östlicher
+Richtung die Alpen überschritten und gelangten die römischen Waffen auf der
+spanischen Halbinsel bis zum Atlantischen Ozean, auf der
+makedonisch-griechischen bis zur Donau; aber es waren so wohlfeile wie
+unfruchtbare Lorbeeren. Der Kreis der &ldquo;auswärtigen Völkerschaften in der
+Willkür, Botmäßigkeit, Herrschaft oder Freundschaft der römischen
+Bürgerschaft&rdquo; ^1 ward nicht wesentlich erweitert; man begnügte sich, den
+Erwerb einer besseren Zeit zu realisieren und die in loseren Formen der
+Abhängigkeit an Rom geknüpften Gemeinden mehr und mehr in die volle
+Untertänigkeit zu bringen. Hinter dem glänzenden Vorhang der
+Provinzialreunionen verbarg sich ein sehr fühlbares Sinken der römischen Macht.
+Während die gesamte antike Zivilisation immer bestimmter in dem römischen Staat
+zusammengefaßt, immer altgemeingültiger in demselben formuliert ward, fingen
+zugleich jenseits der Alpen und jenseits des Euphrat die von ihr
+ausgeschlossenen Nationen an, aus der Verteidigung zum Angriff überzugehen. Auf
+den Schlachtfeldern von Aquae Sextiae und Vercellae, von Chäroneia und
+Orchomenos wurden die ersten Schläge desjenigen Gewitters vernommen, das über
+die italisch-griechische Welt zu bringen die germanischen Stämme und die
+asiatischen Horden bestimmt waren und dessen letztes dumpfes Rollen fast noch
+bis in unsere Gegenwart hineinreicht. Aber auch in der inneren Entwicklung
+trägt diese Epoche denselben Charakter. Die alte Ordnung stürzt
+unwiederbringlich zusammen. Das römische Gemeinwesen war angelegt als eine
+Stadtgemeinde, welche durch ihre freie Bürgerschaft sich selber die Herren und
+die Gesetze gab, welche von diesen wohlberatenen Herren innerhalb dieser
+gesetzlichen Schranken mit königlicher Freiheit geleitet ward, um welche teils
+die italische Eidgenossenschaft als ein Inbegriff freier, der römischen
+wesentlich gleichartiger und stammverwandter Stadtgemeinden, teils die
+außeritalische Bundesgenossenschaft als ein Inbegriff griechischer Freistädte
+und barbarischer Völker und Herrschaften, beide von der Gemeinde Rom mehr
+bevormundet als beherrscht, in zweifachem Kreise sich schlossen. Es war das
+letzte Ergebnis der Revolution - und beide Parteien, die nominell konservative
+wie die demokratische Partei, hatten dazu mitgewirkt und trafen darin zusammen
+-, daß von diesem ehrwürdigen Bau, der am Anfang der gegenwärtigen Epoche zwar
+rissig und schwankend, aber doch noch aufrecht gestanden, am Schluß derselben
+kein Stein mehr auf dem andern geblieben war. Der souveräne Machthaber war
+jetzt entweder ein einzelner Mann oder die geschlossene Oligarchie bald der
+Vornehmen, bald der Reichen. Die Bürgerschaft hatte jeden rechtlichen Anteil am
+Regiment verloren. Die Beamten waren unselbständige Werkzeuge in der Hand des
+jedesmaligen Machthabers. Die Stadtgemeinde Rom hatte durch ihre
+widernatürliche Erweiterung sich selber zersprengt. Die italische
+Eidgenossenschaft war aufgegangen in die Stadtgemeinde. Die außeritalische
+Bundesgenossenschaft war im vollen Zug sich in eine Untertanenschaft zu
+verwandeln. Die gesamte organische Gliederung des römischen Gemeinwesens war
+zugrunde gegangen und nichts übrig geblieben, als eine rohe Masse mehr oder
+minder disparater Elemente. Der Zustand drohte in volle Anarchie und in innere
+und äußere Auflösung des Staats überzugehen. Die politische Bewegung lenkte
+durchaus nach dem Ziele der Despotie; nur darüber noch ward gestritten, ob der
+geschlossene Kreis der vornehmen Familien oder der Kapitalistensenat oder ein
+Monarch Despot sein solle. Die politische Bewegung ging durchaus die zum
+Despotismus führenden Wege: der Grundgedanke des freien Gemeinwesens, daß die
+ringenden Mächte gegenseitig sich auf mittelbaren Zwang beschränken, war allen
+Parteien gleichmäßig abhanden gekommen, und hüben und drüben fingen zuerst die
+Knüttel, bald auch die Schwerter an, um die Herrschaft zu fechten. Die
+Revolution, insofern zu Ende, als die alte Verfassung von beiden Seiten als
+definitiv beseitigt anerkannt und Ziel und Weg der neuen politischen
+Entwicklung deutlich festgestellt war, hatte doch für diese Reorganisation des
+Staates selbst bis jetzt nur provisorische Lösungen gefunden; weder die
+Gracchische noch die Sullanische Konstituierung der Gemeinde trugen einen
+abschließenden Charakter. Das aber war das Bitterste dieser bitteren Zeit, daß
+dem klarsehenden Patrioten selbst das Hoffen und das Streben sich versagten.
+Die Sonne der Freiheit mit all ihrer unendlichen Segensfülle ging unaufhaltsam
+unter, und die Dämmerung senkte sich über die eben noch so glänzende Welt. Es
+war keine zufällige Katastrophe, der Vaterlandsliebe und Genie hätten wehren
+können; es waren uralte soziale Schäden, im letzten Kern der Ruin des
+Mittelstandes durch das Sklavenproletariat, an denen das römische Gemeinwesen
+zugrunde ging. Auch der einsichtigste Staatsmann war in der Lage des Arztes,
+dem es gleich peinlich ist, die Agonie zu verlängern und zu verkürzen. Ohne
+Zweifel war Rom um so besser beraten, je rascher und durchgreifender ein Despot
+alle Reste der alten freiheitlichen Verfassung beseitigte und für das
+bescheidene Maß menschlichen Gedeihens, wofür in dem Absolutismus Raum ist, die
+neuen Formen und Formeln fand; der innere Vorzug, der der Monarchie unter den
+gegebenen Verhältnissen gegenüber jeder Oligarchie zukam, lag wesentlich
+ebendarin, daß ein solcher energisch nivellierender und energisch aufbauender
+Despotismus von einer kollegialischen Behörde nimmermehr geübt werden konnte.
+Allein diese kühlen Erwägungen machen keine Geschichte; nicht der Verstand, nur
+die Leidenschaft baut für die Zukunft. Man mußte eben erwarten, wie lange das
+Gemeinwesen fortfahren werde, nicht leben und nicht sterben zu können, und ob
+es schließlich an einer mächtigen Natur seinen Meister und, soweit dies möglich
+war, seinen Neuschöpfer finden oder in Elend und Schwäche zusammenstürzen
+werde.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+^1 Exterae nationes in arbitratu dicione potestate amicitiave populi Romani
+(Lex repetund. v. 1), die offizielle Bezeichnung der nichtitalischen Untertanen
+und Klienten im Gegensatz der italischen &ldquo;Eidgenossen und
+Stammverwandten&rdquo; (socii nominisve Latini).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Es bleibt noch übrig, die ökonomische und soziale Seite dieses Verlaufs
+hervorzuheben, insoweit dies nicht bereits früher geschehen ist.
+</p>
+
+<p>
+Der Staatshaushalt ruhte seit dem Anfang dieser Epoche wesentlich auf den
+Einkünften aus den Provinzen. In Italien ward die Grundsteuer, die hier stets
+nur neben den ordentlichen Domanial- und anderen Gefällen als außerordentliche
+Abgabe vorgekommen war, seit der Schlacht von Pydna nicht wieder erhoben, so
+daß die unbedingte Grundsteuerfreiheit anfing, als ein verfassungsmäßiges
+Vorrecht des römischen Grundbesitzers betrachtet zu werden. Die Regalien des
+Staats, wie das Salzmonopol und das Münzrecht, wurden, wenn überhaupt je, so
+wenigstens jetzt nicht als Einnahmequellen behandelt. Auch die neue
+Erbschaftssteuer ließ man wieder schwinden oder schaffte sie vielleicht
+geradezu ab. Demnach zog die römische Staatskasse aus Italien einschließlich
+des diesseitigen Galliens nichts als teils den Domänenertrag, namentlich von
+dem kampanischen Gebiet und den Goldgruben im Lande der Kelten, teils die
+Abgabe von den Freilassungen und den nicht zu eigenem Verbrauch des
+Einführenden in das römische Stadtgebiet zur See eingehenden Waren, welche
+beide wesentlich als Luxussteuern betrachtet werden können und allerdings durch
+die Ausdehnung des römischen Stadt- und zugleich Zollgebiets auf ganz Italien,
+wahrscheinlich mit Einschluß des diesseitigen Galliens, ansehnlich gesteigert
+werden mußten.
+</p>
+
+<p>
+In den Provinzen nahm der römische Staat zunächst als Privateigentum in
+Anspruch teils in den nach Kriegsrecht vernichteten Staaten die gesamte Mark,
+teils in denjenigen Staaten, wo die römische Regierung an die Stelle der
+ehemaligen Herrscher getreten war, den von diesen innegehaltenen Grundbesitz,
+kraft welches Rechts die Feldmarken von Leontinoi, Karthago, Korinth, das
+Domanialgut der Könige von Makedonien, Pergamon und Kyrene, die Gruben in
+Spanien und Makedonien als römische Domänen galten und, ähnlich wie das Gebiet
+von Capua, von den römischen Zensoren an Privatunternehmer gegen Abgabe einer
+Ertragsquote oder einer bestimmten Geldsumme verpachtet wurden. Daß Gaius
+Gracchus noch weiter ging, das gesamte Provinzialland als Domäne ansprach und
+zunächst für die Provinz Asia diesen Satz insofern praktisch durchführte, als
+er den Bodenzehnten, die Hut- und Hafengelder daselbst rechtlich motivierte
+durch das Eigentumsrecht des römischen Staats an Acker, Wiese und Küste der
+Provinz, mochten diese nun früher dem König oder Privaten gehört haben, ward
+bereits früher ausgeführt.
+</p>
+
+<p>
+Nutzbare Staatsregalien scheint es in dieser Zeit auch den Provinzen gegenüber
+noch nicht gegeben zu haben; die Untersagung des Wein- und Ölbaues im
+Transalpinischen Gallien kam der Staatskasse als solcher nicht zugute. Dagegen
+wurden direkte und indirekte Steuern in großem Umfang erhoben. Die als
+vollständig souverän anerkannten Klientelstaaten, also zum Beispiel die
+Königreiche Numidien und Kappadokien, die Bundesstädte (civitates foederatae)
+Rhodos, Messana, Tauromenion, Massalia, Gades waren rechtlich steuerfrei und
+durch ihren Vertrag nur verpflichtet, die römische Republik in Kriegszeiten
+teils durch regelmäßige Stellung einer festen Anzahl von Schiffen oder
+Mannschaften auf ihre Kosten, teils, wie natürlich, im Notfall durch
+außerordentliche Hilfsleistung jeder Art zu unterstützen. Das übrige
+Provinzialgebiet dagegen, selbst mit Einschluß der Freistädte, unterlag
+durchgängig der Besteuerung, und nur die mit römischem Bürgerrecht beliehenen
+Städte, wie Narbo, und die speziell mit der Steuerfreiheit beschenkten
+Gemeinden (civitates immunes), wie Kentoripa in Sizilien, waren hiervon
+ausgenommen. Die direkten Abgaben bestanden teils, wie in Sizilien und
+Sardinien, in einem Anrecht auf den Zehnten 2 der Garben und sonstigen
+Feldfrüchte wie der Trauben und Oliven, oder, wenn das Land zur Weide lag,
+einem entsprechenden Hutgeld; teils, wie in Makedonien, Achaia, Kyrene, dem
+größten Teil von Africa, beiden Spanien, nach Sulla auch in Asia, in einer von
+jeder einzelnen Gemeinde jährlich nach Rom zu entrichtenden festen Geldsumme
+(stipendium, tributum), welche zum Beispiel für ganz Makedonien 600000 (183000
+Taler), für die kleine Insel Gyaros bei Andros 150 Denare (46 Taler) betrug und
+allem Anschein nach im ganzen niedrig und geringer war als die vor der
+römischen Herrschaft entrichtete Abgabe. Jene Bodenzehnten und Hutgelder
+verdang der Staat gegen Lieferung fester Quantitäten Korn oder fester
+Geldsummen an Privatunternehmer; dieser Geldabgaben wegen hielt er sich an die
+einzelnen Gemeinden und überließ es diesen, den Betrag nach den von der
+römischen Regierung im allgemeinen festgestellten Prinzipien auf die
+Steuerpflichtigen zu repartieren und von diesen einzuziehen 3. Die indirekten
+Abgaben bestanden, abgesehen von den untergeordneten Chaussee-, Brücken- und
+Kanalgeldern, wesentlich in den Zöllen. Die Zölle des Altertums waren, wo nicht
+ausschließlich doch sehr vorwiegend Hafen-, seltener Landgrenzzölle auf die zur
+Feilbietung bestimmten ein- und ausgehenden Waren und wurden von jeder Gemeinde
+in ihren Häfen und ihrem Gebiet nach Ermessen erhoben. Die Römer erkannten dies
+auch insofern im allgemeinen an, als sich ihr ursprüngliches Zollgebiet nicht
+weiter erstreckte als der römische Bürgerbezirk, und die Reichsgrenze
+keineswegs Zollgrenze, ein allgemeiner Reichszoll also unbekannt war; nur auf
+dem Wege des Staatsvertrages ward in den Klientelgemeinden für den römischen
+Staat wohl durchaus Zollfreiheit, für den römischen Bürger vielfach wenigstens
+Zollbegünstigung ausbedungen. Aber in denjenigen Bezirken, die nicht zum
+Bündnis mit Rom zugelassen waren, sondern in eigentlicher Untertänigkeit
+standen, auch nicht die Immunität erworben hatten, fielen die Zölle doch
+selbstverständlich an den eigentlichen Souverän, das heißt an die römische
+Gemeinde; und infolgedessen wurden einzelne größere Gebiete innerhalb des
+Reiches als besondere römische Zolldistrikte konstituiert, in welchen die
+einzelnen verbündeten oder mit Immunität beliehenen Gemeinden als vom römischen
+Zoll befreit enklaviert wurden. So bildete Sizilien schon seit der
+karthagischen Zeit einen geschlossenen Zollbezirk, an dessen Grenze von allen
+aus- und eingehenden Waren eine Abgabe von fünf Prozent vom Wert erhoben ward;
+so ward an den Grenzen von Asia infolge des Sempronischen Gesetzes eine
+ähnliche Abgabe von zweieinhalb Prozent erhoben; so ward in ähnlicher Weise die
+Provinz Narbo, ausschließlich der Feldmark der römischen Kolonie, als römischer
+Zollbezirk organisiert. Bei dieser Einrichtung mag außer den fiskalischen
+Zwecken auch die löbliche Absicht mitgewirkt haben, der aus den mannigfaltigen
+Kommunalzöllen unvermeidlich entstehenden Verwirrung durch gleichmäßige
+Grenzzollregulierung zu steuern. Zur Erhebung wurden die Zölle gleich den
+Zehnten ohne Ausnahme an Mittelsmänner verdungen.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+2 Dieser Steuerzehnte, den der Staat von dem Privatgrundeigentum erhebt, ist
+wohl zu unterscheiden von dem Eigentümerzehnten, den er auf das Dominalland
+legt. Jener ward in Sizilien verpachtet und stand ein für allemal fest; diesen,
+insonderheit den des Leontinischen Ackers, verpachteten die Zensoren in Rom und
+regulierten die zu entrichtende Ertragsquote und die sonstigen Bedingungen nach
+Ermessen (Cic. Verr. 3, 6, 13; 5, 21, 53; leg. 1, 2, 4; 2, 18, 48). Vgl. mein
+Römisches Staatsrecht, Bd. 3, S. 730.
+</p>
+
+<p>
+3 Das Verfahren war, wie es scheint, folgendes. Die römische Regierung
+bestimmte zunächst die Gattung und die Höhe der Abgabe: so zum Beispiel ward in
+Asien auch nach der Sullanisch-Caesarischen Ordnung die zehnte Garbe erhoben
+(App. civ. 5 4); so steuerten nach Caesars Verordnung die Juden jedes andere
+Jahr ein Viertel der Aussaat (Ios. ant. Iud. 4, 10, 6; vgl. 2, 5); so ward in
+Kilikien und Syrien später 5 vom Hundert des Vermögens (App. Syr. 50) und auch
+in Africa eine, wie es scheint, ähnliche Abgabe entrichtet, wobei übrigens das
+Vermögen nach gewissen Präsumtionen, z. B. nach der Größe des Bodenbesitzes,
+der Zahl der Türöffnungen, der Kopfzahl der Kinder und Sklaven abgeschätzt
+worden zu sein scheint (exactio capitum atque ostiorum, Cic. ad fam. 3, 8, 5,
+von Kilikien; φόρος επί τή γή καί τοίς σώμασιν, App. Pun. 135, für Africa).
+Nach dieser Norm wurde von den Gemeindebehörden unter Oberaufsicht des
+römischen Statthalters (Cic. ad Q. fr. 1, 1, 8; SC. de Asclep. 22, 23)
+festgestellt, wer steuerpflichtig und was von jedem einzelnen Steuerpflichtigen
+zu leisten sei (imperata επικεφάλια Cic. Att. 5, I6); wer dies nicht
+rechtzeitig entrichtete, dessen Steuerschuld ward ebenwie in Rom verkauft, d.
+h. einem Unternehmer mit einem Zuschlag zur Einziehung übertragen (venditio
+tributorum Cic. ad fam. 3, 8, 5; ωνάς omnium venditas, ders. Att. 5, 16). Der
+Ertrag dieser Steuern floß den Hauptgemeinden zu, wie zum Beispiel die Juden
+ihr Korn nach Sidon zu senden hatten, und aus deren Kassen wurde sodann der
+festgesetzte Geldbetrag nach Rom abgeführt. Auch diese Steuern also wurden
+mittelbar erhoben, und der Vermittler behielt je nach den Umständen, entweder
+einen Teil des Ertrags der Steuer für sich oder setzte aus eigenem Vermögen zu;
+der Unterschied dieser Erhebung von der anderen durch Publikanen lag lediglich
+darin, daß dort die Gemeindebehörde der Kontribuablen, hier römische
+Privatunternehmer den Vermittler machten.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Hierauf waren die ordentlichen Lasten der römischen Steuerpflichtigen
+beschränkt, wobei übrigens nicht übersehen werden darf, daß die Erhebungskosten
+höchst beträchtlich waren und die Kontribuablen unverhältnismäßig mehr zahlten,
+als die römische Regierung empfing. Denn wenn das System der Steuereinziehung
+durch Mittelsmänner, namentlich durch Generalpächter, schon an sich von allen
+das verschwenderischste ist, so ward in Rom noch durch die geringe Teilung der
+Pachtungen und die ungeheure Assoziation des Kapitals die wirksame Konkurrenz
+aufs äußerste erschwert.
+</p>
+
+<p>
+Zu diesen ordentlichen Belastungen aber kommen noch erstlich die Requisitionen
+hinzu. Die Kosten der Militärverwaltung trug von Rechts wegen die römische
+Gemeinde. Sie versah die Kommandanten jeder Provinz mit den Transportmitteln
+und allen sonstigen Bedürfnissen; sie besoldete und versorgte die römischen
+Soldaten in der Provinz. Nur Dach und Fach, Holz, Heu und ähnliche Gegenstände
+hatten die Provinzialgemeinden den Beamten und Soldaten unentgeltlich zu
+gewähren; ja die freien Städte waren sogar auch von der Wintereinquartierung -
+feste Standlager kannte man noch nicht - regelmäßig befreit. Wenn der
+Statthalter also Getreide, Schiffe, Sklaven zu deren Bemannung, Leinwand,
+Leder, Geld oder anderes bedurfte, so stand es ihm zwar im Kriege unbedingt und
+nicht viel anders auch in Friedenszeiten frei, solche Lieferungen nach Ermessen
+und Bedürfnis von den Untertanengemeinden oder den souveränen Klientelstaaten
+einzufordern, allein dieselben wurden, gleich der römischen Grundsteuer,
+rechtlich als Käufe oder Vorschüsse behandelt und der Wert von der römischen
+Staatskasse sogleich oder später ersetzt. Aber dennoch wurden, wenn nicht in
+der staatsrechtlichen Theorie, so doch praktisch, diese Requisitionen eine der
+drückendsten Belastungen der Provinzialen; um so mehr, als die
+Entschädigungsziffer regelmäßig von der Regierung oder gar dem Statthalter
+einseitig festgesetzt ward. Es begegnen wohl einzelne gesetzliche
+Beschränkungen dieses gefährlichen Requisitionsrechts der römischen Oberbeamten
+- so die schon erwähnte Vorschrift, daß in Spanien dem Landmann durch
+Getreiderequisitionen nicht mehr als die zwanzigste Garbe entzogen und auch
+hierfür der Preis nicht einseitig ausgemacht werden dürfte; die Bestimmung
+eines Maximalquantums des von dem Statthalter für seine und seines Gefolges
+Bedürfnisse zu requirierenden Getreides; die vorgängige Anordnung einer
+festbestimmten und hochgegriffenen Vergütung für das Getreide, das wenigstens
+in Sizilien häufig für die Bedürfnisse der Hauptstadt eingefordert ward. Allein
+durch dergleichen Festsetzungen wurde der Druck jener Requisitionen auf die
+Ökonomie der Gemeinden und der einzelnen in den Provinzen wohl hier und da
+gelindert, aber keineswegs beseitigt. In außerordentlichen Krisen steigerte
+dieser Druck sich unvermeidlich und oft ins Grenzenlose, wie denn auch alsdann
+die Lieferungen nicht selten in der Form der Strafausschreibung oder in der der
+erzwungenen freiwilligen Beiträge erfolgten, die Vergütung also ganz wegfiel.
+So zwang Sulla im Jahre 670/71 (84/83) die kleinasiatischen Provinzialen, die
+allerdings sich aufs schwerste gegen Rom vergangen hatten, jedem bei ihnen
+einquartierten Gemeinen vierzigfachen (für den Tag 16 Denare = 3 2/3 Taler),
+jedem Centurio fünfundsiebzigfachen Sold zu gewähren, außerdem Kleidung und
+Tisch nebst dem Recht, nach Belieben Gäste einzuladen; so schrieb derselbe
+Sulla bald nachher eine allgemeine Umlage auf die Klientel- und
+Untertanengemeinden aus, von deren Erstattung natürlich keine Rede war.
+</p>
+
+<p>
+Ferner sind die Gemeindelasten nicht aus den Augen zu lassen. Sie müssen
+verhältnismäßig sehr ansehnlich gewesen sein 4, da die Verwaltungskosten, die
+Instandhaltung der öffentlichen Gebäude, überhaupt alle Zivilausgaben von den
+städtischen Budgets getragen wurden und die römische Regierung lediglich das
+Militärwesen aus ihrer Kasse zu bestreiten übernahm. Sogar von diesem
+Militärbudget aber wurden noch beträchtliche Posten auf die Gemeinden abgewälzt
+- so die Anlage- und Unterhaltungskosten der nichtitalischen Militärstraßen,
+die der Flotten in den nichtitalischen Meeren, ja selbst zu einem großen Teil
+die Ausgaben für das Heerwesen, insofern die Wehrmannschaft der Klientelstaaten
+wie die der Untertanen auf Kosten ihrer Gemeinden innerhalb ihrer Provinz
+regelmäßig zum Dienst herangezogen wurden und auch außerhalb derselben Thraker
+in Afrika, Afrikaner in Italien und so weiter an jedem beliebigen Ort immer
+häufiger anfingen, mitverwendet zu werden. Wenn nur die Provinzen, nicht aber
+Italien direkte Abgaben an die Regierung entrichtete, so war dies wo nicht
+politisch, doch finanziell billig, solange als Italien die Lasten und Kosten
+des Militärwesens allein trug; seit dies aber aufgegeben ward, waren die
+Provinzialen auch finanziell entschieden überlastet.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+4 Beispielsweise entrichtete in Judäa die Stadt Joppe 26075 römische Scheffel
+Korn, die übrigen Juden die zehnte Garbe an den Volksfürsten; wozu dann noch
+der Tempelschoß und die für die Römer bestimmte sidonische Abgabe kamen. Auch
+in Sizilien ward neben dem römischen Zehnten eine sehr ansehnliche
+Gemeindeschatzung vom Vermögen erhoben.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Endlich ist das große Kapitel des Unrechts nicht zu vergessen, durch das die
+römischen Beamten und Steuerpächter in der mannigfaltigsten Weise die
+Steuerlast der Provinzen steigerten. Man mochte jedes Geschenk, das der
+Statthalter nahm, gesetzlich als erpreßtes Gut behandeln, und selbst das Recht
+zu kaufen ihm durch Gesetz beschränken, seine öffentliche Tätigkeit bot ihm,
+wenn er unrecht tun wollte, dennoch der Handhaben mehr als genug. Die
+Einquartierung der Truppen; die freie Wohnung der Beamten und des Schwarmes von
+Adjutanten senatorischen oder Ritterranges, von Schreibern, Gerichtsdienern,
+Herolden, Ärzten und Pfaffen; das den Staatsboten zukommende Recht
+unentgeltlicher Beförderung; die Approbierung und der Transport der schuldigen
+Naturallieferungen; vor allem die Zwangsverkäufe und die Requisitionen gaben
+allen Beamten Gelegenheit, aus den Provinzen fürstliche Vermögen heimzubringen;
+und das Stehlen ward immer allgemeiner, je mehr die Kontrolle der Regierung
+sich als null erwies und die der Kapitalistengerichte sogar als gefährlich
+allein für den ehrlichen Beamten. Die durch die Häufigkeit der Klagen über
+Beamtenerpressung in den Provinzen veranlaßte Einrichtung einer stehenden
+Kommission für dergleichen Fälle im Jahre 605 (149) und die rasch sich
+folgenden und die Strafe stets steigernden Erpressungsgesetze zeigen, wie die
+Flutmesser den Wasserstand, die immer wachsende Höhe des Übels.
+</p>
+
+<p>
+Unter all diesen Verhältnissen konnte selbst eine der Anlage nach mäßige
+Besteuerung effektiv äußerst drückend werden, und daß sie dies war, ist außer
+Zweifel, wenngleich der ökonomische Druck, den die italischen Kaufleute und
+Bankiers auf die Provinzen übten, noch weit schwerer auf denselben gelastet
+haben mag als die Besteuerung mit allen daran hängenden Mißbräuchen.
+</p>
+
+<p>
+Fassen wir zusammen, so war die Einnahme, welche Rom aus den Provinzen zog,
+nicht eigentlich eine Besteuerung der Untertanen in dem Sinn, den wir jetzt
+damit verbinden, sondern vielmehr überwiegend eine den attischen Tributen
+vergleichbare Hebung, womit der führende Staat die Kosten des von demselben
+übernommenen Kriegswesens bestritt. Daraus erklärt sich auch die auffallende
+Geringfügigkeit des Roh- wie des Reinertrags. Es findet sich eine Angabe,
+wonach die römische Einnahme, vermutlich mit Ausschluß der italischen Einkünfte
+und des von den Zehntpächtern in Natur nach Italien abgelieferten Getreides,
+bis zum Jahr 691 (63) nicht mehr betrug als 200 Mill. Sesterzen (15 Mill.
+Taler); also nur zwei Drittel der Summe, die der König von Ägypten jährlich aus
+seinem Lande zog. Nur auf den ersten Blick kann das Verhältnis befremden. Die
+Ptolemäer beuteten das Niltal aus wie große Plantagenbesitzer und zogen
+ungeheure Summen aus dem von ihnen monopolisierten Handelsverkehr mit dem
+Orient; das römische Ärar war nicht viel mehr als die Bundeskriegskasse der
+unter Roms Schutz geeinigten Gemeinden. Der Reinertrag war wahrscheinlich
+verhältnismäßig noch geringer. Einen ansehnlichen Überschuß lieferten wohl nur
+Sizilien, wo das karthagische Besteuerungssystem galt, und vor allem Asia, seit
+Gaius Gracchus, um seine Getreideverteilung möglich zu machen, daselbst die
+Bodenkonfiskation und die allgemeine Domanialbesteuerung durchgesetzt hatte;
+nach vielfältigen Zeugnissen ruhten die römischen Staatsfinanzen wesentlich auf
+den Abgaben von Asia. Die Versicherung klingt ganz glaublich, daß die übrigen
+Provinzen durchschnittlich ungefähr so viel kosteten als sie einbrachten; ja
+diejenigen, welche eine bedeutende Besatzung erforderten, wie beide Spanien,
+das Jenseitige Gallien, Makedonien, mögen oft mehr gekostet als getragen haben.
+Im ganzen blieb dem römischen Ärar allerdings in gewöhnlichen Zeiten ein
+Überschuß, welcher es möglich machte, die Staats- und Stadtbauten reichlich zu
+bestreiten und einen Notpfennig aufzusammeln; aber auch die für diese Beträge
+vorkommenden Ziffern, zusammengehalten mit dem weiten Gebiet der römischen
+Herrschaft, sprechen für die Geringfügigkeit des Reinertrags der römischen
+Steuern. In gewissem Sinne hat also der alte, ebenso ehrenwerte wie verständige
+Grundsatz: die politische Hegemonie nicht als nutzbares Recht zu behandeln,
+ebenwie die römisch-italische so auch noch die provinziale Finanzverfassung
+beherrscht. Was die römische Gemeinde von ihren überseeischen Untertanen erhob,
+ward der Regel nach auch für die militärische Sicherung der überseeischen
+Besitzungen wieder verausgabt; und wenn diese römischen Hebungen dadurch die
+Pflichtigen schwerer trafen als die ältere Besteuerung, daß sie großenteils im
+Ausland verausgabt wurden, so schloß dagegen die Ersetzung der vielen kleinen
+Herren und Heere durch eine einzige Herrschaft und eine zentralisierte
+Militärverwaltung eine sehr ansehnliche ökonomische Ersparnis ein. Aber
+freilich erscheint dieser Grundsatz einer besseren Vorzeit in der
+Provinzialorganisation doch von vornherein innerlich zerstört und durchlöchert
+durch die zahlreichen Ausnahmen, die man davon sich gestattete. Der
+hieronisch-karthagische Bodenzehnte in Sizilien ging weit hinaus über den
+Betrag eines jährlichen Kriegsbeitrags. Mit Recht ferner sagt Scipio Aemilianus
+bei Cicero, daß es der römischen Bürgerschaft übel anstehe, zugleich den
+Gebieter und den Zöllner der Nationen zu machen. Die Aneignung der Hafenzölle
+war mit dem Grundsatz der uneigennützigen Hegemonie nicht vereinbar, und die
+Höhe der Zollsätze sowie die vexatorische Erhebungsweise nicht geeignet, das
+Gefühl des hier zugefügten Unrechts zu beschwichtigen. Es gehört wohl schon
+dieser Zeit an, daß der Name des Zöllners den östlichen Völkerschaften
+gleichbedeutend mit dem des Frevlers und des Räubers ward; keine Belastung hat
+so wie diese dazu beigetragen, den römischen Namen besonders im Osten
+widerwärtig und gehässig zu machen. Als dann aber Gaius Gracchus und diejenige
+Partei an das Regiment kam, die sich in Rom die populäre nannte, ward die
+politische Herrschaft unumwunden für ein Recht erklärt, das jedem der Teilhaber
+Anspruch gab auf eine Anzahl Scheffel Korn, ward die Hegemonie geradezu in
+Bodeneigentum verwandelt, das vollständige Exploitierungssystem nicht bloß
+eingeführt, sondern mit unverschämter Offenherzigkeit rechtlich motiviert und
+proklamiert. Sicher war es auch kein Zufall, daß dabei eben die beiden am
+wenigsten kriegerischen Provinzen Sizilien und Asia das härteste Los traf.
+</p>
+
+<p>
+Einen ungefähren Messer des römischen Finanzstandes dieser Zeit gewähren in
+Ermangelung bestimmter Angaben noch am ersten die öffentlichen Bauten. In den
+ersten Dezennien dieser Epoche wurden dieselben in größtem Umfange betrieben,
+und vor allem die Chausseeanlagen sind zu keiner Zeit so energisch gefördert
+worden. In Italien schloß sich an die große, vermutlich schon ältere
+Südchaussee, die als Verlängerung der Appischen von Rom über Capua, Beneventum,
+Venusia nach den Häfen von Tarent und Brundisium lief, eine Seitenstraße an von
+Capua bis zur sizilischen Meerenge, ein Werk des Publius Popillius, Konsul 622
+(132). An der Ostküste, wo bisher nur die Strecke von Fanum nach Ariminum als
+Teil der Flaminischen Straße chaussiert gewesen war, wurde die Küstenstraße
+südwärts bis nach Brundisium, nordwärts über Hatria am Po bis nach Aquileia
+verlängert und wenigstens das Stück von Ariminum bis Hatria von dem
+ebengenannten Popillius in dem gleichen Jahr angelegt. Auch die beiden großen
+etrurischen Chausseen, die Küsten- oder Aurelische Straße von Rom nach Pisa und
+Luna, an der unter anderem im Jahre 631 (123) gebaut ward, und die über Sutrium
+und Clusium nach Arretium und Florentia geführte Cassische, die nicht vor 583
+(171) gebaut zu sein scheint, dürften als römische Staatschausseen erst dieser
+Zeit angehören. Um Rom selbst bedurfte es neuer Anlagen nicht; doch wurde die
+Mulvische Brücke (Ponte Molle), auf der die Flaminische Straße unweit Rom den
+Tiber überschritt, im Jahre 645 (109) von Stein hergestellt. Endlich in
+Norditalien, das bis dahin keine andere als die bei Placentia endigende
+Flaminisch-Ämilische Kunststraße gehabt hatte, wurde im Jahre 606 (148) die
+große Postumische Straße gebaut, die von Genua über Dertona, wo wahrscheinlich
+gleichzeitig eine Kolonie gegründet ward, weiter über Placentia, wo sie die
+Flaminisch-Ämilische Straße aufnahm, Cremona und Verona nach Aquileia führte
+und also das Tyrrhenische und das Adriatische Meer miteinander verband; wozu
+noch die im Jahre 645 (109) durch Marcus Aemilius Scaurus hergestellte
+Verbindung zwischen Luna und Genua hinzukam, welche die Postumische Straße
+unmittelbar mit Rom verknüpfte. In einer anderen Weise war Gaius Gracchus für
+das italische Wegewesen tätig. Er sicherte die Instandhaltung der großen
+Landstraßen, indem er bei der Ackerverteilung längs derselben Grundstücke
+anwies, auf denen die Verpflichtung der Wegebesserung als dingliche Last
+haftete; auf ihn ferner oder doch auf die Ackerverteilungskommission scheint,
+wie die Sitte, die Feldgrenze durch ordentliche Marksteine zu bezeichnen, so
+auch die der Errichtung von Meilensteinen zurückzugehen; er sorgte endlich für
+gute Vizinalwege, um auch hierdurch den Ackerbau zu fördern. Aber weit
+folgenreicher noch war die ohne Zweifel eben in dieser Epoche beginnende Anlage
+von Reichschausseen in den Provinzen: die Domitische Straße stellte nach langen
+Vorbereitungen den Landweg von Italien nach Spanien sicher und hing mit der
+Gründung von Aquae Sextiae und Narbo eng zusammen; die Gabinische und die
+Egnatische führten von den Hauptplätzen an der Ostküste des Adriatischen
+Meeres, jene von Salona, diese von Apollonia und Dyrrhachion, in das Binnenland
+hinein; das unmittelbar nach der Einrichtung der asiatischen Provinz im Jahre
+625 (129) von Manius Aquillius angelegte Straßennetz führte von der Hauptstadt
+Ephesus nach verschiedenen Richtungen bis an die Reichsgrenze - alles Anlagen,
+über deren Entstehung in der trümmerhaften Überlieferung dieser Epoche keine
+Angabe zu finden ist, die aber nichtsdestoweniger mit der Konsolidierung der
+römischen Herrschaft in Gallien, Dalmatien, Makedonien und Kleinasien
+unzweifelhaft in Zusammenhang standen und für die Zentralisierung des Staats
+und die Zivilisierung der unterworfenen barbarischen Distrikte von der größten
+Bedeutung geworden sind.
+</p>
+
+<p>
+Wie für die Straßen war man wenigstens in Italien auch für die großen
+Entsumpfungsarbeiten tätig. So ward im Jahre 594 (160) die Trockenlegung der
+Pomptinischen Sümpfe, die Lebensfrage für Mittelitalien, mit großem
+Kraftaufwand und wenigstens vorübergehendem Erfolg angegriffen; so im Jahre 645
+(109) in Verbindung mit den norditalischen Chausseebauten zugleich die
+Entsumpfung der Niederungen zwischen Parma und Placentia bewerkstelligt.
+Endlich tat die Regierung viel für die zur Gesundheit und Annehmlichkeit der
+Hauptstadt ebenso unentbehrlichen wie kostspieligen römischen Wasserleitungen.
+Nicht bloß wurden die beiden seit den Jahren 442 (312) und 492 (262) bereits
+bestehenden, die Appische und die Anioleitung, im Jahre 610 (144) von Grund aus
+repariert, sondern auch zwei neue Leitungen angelegt: im Jahre 610 (144) die
+Marcische, die an Güte und Fülle des Wassers auch später unübertroffen blieb,
+und neunzehn Jahre nachher die sogenannte Laue. Welche Operationen die römische
+Staatskasse, ohne vom Kreditsystem Gebrauch zu machen, mittels reiner
+Barzahlung auszuführen vermochte, zeigt nichts deutlicher als die Art, wie die
+Marcische Leitung zustande kam: die dazu erforderliche Summe von 180 Mill.
+Sesterzen (in Gold 13½ Mill. Taler) ward innerhalb dreier Jahre disponibel
+gemacht und verwandt. Es läßt dies schließen auf eine sehr ansehnliche Reserve
+des Staatsschatzes, die denn auch schon im Anfang dieser Periode nahe an 6
+Mill. Taler betrug und ohne Zweifel beständig im Steigen war.
+</p>
+
+<p>
+Alle diese Tatsachen zusammengenommen, lassen allerdings auf einen im
+allgemeinen günstigen Stand der römischen Finanzen dieser Zeit schließen. Nur
+darf auch in finanzieller Hinsicht nicht übersehen werden, daß die Regierung
+während der ersten zwei Drittel dieses Zeitabschnitts zwar glänzende und
+großartige Bauten ausführte, aber dafür andere wenigstens ebenso notwendige
+Ausgaben zu machen unterließ. Wie ungenügend sie für das Militärwesen sorgte,
+ist bereits hervorgehoben worden: in den Grenzlandschaften, ja im Potal
+plünderten die Barbaren, im Innern hausten selbst in Kleinasien, Sizilien,
+Italien die Räuberbanden. Die Flotte gar ward völlig vernachlässigt; römische
+Kriegsschiffe gab es kaum mehr und die Kriegsschiffe, die man durch die
+Untertanenstädte bauen und erhalten ließ, reichten nicht aus, so daß man nicht
+bloß schlechterdings keinen Seekrieg zu führen, sondern nicht einmal den
+Piraten das Handwerk zu legen imstande war. In Rom selbst unterblieben eine
+Menge der notwendigsten Verbesserungen und namentlich die Flußbauten wurden
+seltsam vernachlässigt. Immer noch besaß die Hauptstadt keine andere Brücke
+über den Tiber als den uralten hölzernen Steg, der über die Tiberinsel nach dem
+Ianiculum führte; immer noch ließ man den Tiber jährlich die Straßen unter
+Wasser setzen und Häuser, ja nicht selten ganze Quartiere niederwerfen, ohne
+etwas für die Uferbefestigung zu tun; immer mehr ließ man, wie gewaltig auch
+der überseeische Handel sich entwickelte, die an sich schon schlechte Reede von
+Ostia versanden. Eine Regierung, die unter den günstigsten Verhältnissen und in
+einer Epoche vierzigjährigen Friedens nach außen und innen solche Pflichten
+versäumt, kann leicht Steuern schwinden lassen und dennoch einen jährlichen
+Überschuß der Einnahme über die Ausgabe und einen ansehnlichen Sparschatz
+erzielen; aber eine derartige Finanzverwaltung verdient keineswegs Lob wegen
+ihrer nur scheinbar glänzenden Ergebnisse, sondern vielmehr dieselben Vorwürfe
+der Schlaffheit, des Mangels an einheitlicher Leitung, der verkehrten
+Volksschmeichelei, die auf jedem andern politischen Gebiet gegen das
+senatorische Regiment dieser Epoche erhoben werden mußten.
+</p>
+
+<p>
+Weit schlimmer gestalteten sich natürlich die finanziellen Verhältnisse, als
+die Stürme der Revolution hereinbrachen. Die neue und, auch bloß finanziell
+betrachtet, höchst drückende Belastung, die dem Staat aus der durch Gaius
+Gracchus ihm auferlegten Verpflichtung erwuchs, den hauptstädtischen Bürgern
+das Getreide zu Schleuderpreisen zu verabfolgen, ward allerdings durch die in
+der Provinz Asia neu eröffneten Einnahmequellen zunächst wieder ausgeglichen.
+Nichtsdestoweniger scheinen die öffentlichen Bauten seitdem fast gänzlich ins
+Stocken gekommen zu sein. So zahlreich die erweislichermaßen von der Schlacht
+bei Pydna bis auf Gaius Gracchus angelegten öffentlichen Werke sind, so werden
+dagegen aus der Zeit nach 632 (122) kaum andere genannt als die Brücken-,
+Straßen und Entsumpfungsanlagen, die Marcus Aemilius Scaurus als Zensor 645
+(109) anordnete. Es muß dahingestellt bleiben, ob dies die Folge der
+Kornverteilungen ist oder, wie vielleicht wahrscheinlicher, die Folge des
+gesteigerten Sparschatzsystems, wie es sich schickt für ein immer mehr zur
+Oligarchie erstarrendes Regiment, und wie es angedeutet ist in der Angabe, daß
+der römische Reservefonds seinen höchsten Stand im Jahre 663 (91) erreichte.
+Der fürchterliche Insurrektions- und Revolutionssturm in Verbindung mit dem
+fünfjährigen Ausbleiben der kleinasiatischen Gefälle war die erste nach dem
+Hannibalischen Krieg wieder den römischen Finanzen zugemutete ernste Probe; sie
+haben dieselbe nicht bestanden. Nichts vielleicht zeichnet so klar den
+Unterschied der Zeiten, als daß im Hannibalischen Krieg erst im zehnten
+Kriegsjahre, als die Bürgerschaft den Steuern fast erlag, der Sparschatz
+angegriffen, dagegen der Bundesgenossenkrieg gleich von Haus aus auf den
+Kassenbestand fundiert ward und, als schon nach zwei Feldzügen derselbe bis auf
+den letzten Pfennig ausgegeben war, man lieber die öffentlichen Plätze in der
+Hauptstadt versteigerte und die Tempelschätze angriff, als eine Steuer auf die
+Bürger ausschrieb. Indes der Sturm, so arg er war, ging vorüber; Sulla stellte,
+freilich unter ungeheuren, namentlich den Untertanen und den italischen
+Revolutionären aufgebürdeten ökonomischen Opfern, die Ordnung in den Finanzen
+wieder her und sicherte, indem er die Getreidespenden aufhob, die asiatischen
+Abgaben aber, wenn auch gemindert, doch beibehielt, dem Gemeinwesen wenigstens
+in dem Sinn einen befriedigenden ökonomischen Zustand, als die ordentlichen
+Ausgaben weit unter den ordentlichen Einnahmen blieben.
+</p>
+
+<p>
+In der Privatökonomie dieser Zeit tritt kaum ein neues Moment hervor; die
+früher dargelegten Vorzüge und Nachteile der sozialen Verhältnisse Italiens
+werden nicht verändert, sondern nur weiter und schärfer entwickelt. In der
+Bodenwirtschaft sahen wir bereits früher die steigende römische Kapitalmacht
+den mittleren und kleinen Grundbesitz in Italien sowohl wie in den Provinzen
+allmählich verzehren, wie die Sonne die Regentropfen aufsaugt. Die Regierung
+sah nicht bloß zu ohne zu wehren, sondern förderte noch die schädliche
+Bodenteilung durch einzelne Maßregeln, vor allem durch das zu Gunsten der
+großen italischen Grundbesitzer und Kaufleute ausgesprochene Verbot der
+transalpinischen Wein- und Ölproduktion 5. Zwar wirkten sowohl die Opposition
+als die auf die Reformideen eingehende Fraktion der Konservativen energisch dem
+übel entgegen: indem die beiden Gracchen die Aufteilung fast des gesamten
+Domaniallandes durchsetzten, gaben sie dem Staat 80000 neue italische Bauern;
+indem Sulla 120000 Kolonisten in Italien ansiedelte, ergänzte er wenigstens
+einen Teil der von der Revolution und von ihm selbst in die Reihen der
+italischen Bauernschaft gerissenen Lücken; allein dem durch stetigen Abfluß
+sich leerenden Gefäß ist nicht durch Einschöpfen auch beträchtlicher Massen,
+sondern nur durch Herstellung eines stetigen Zuflusses zu helfen, welche
+vielfach versucht ward, aber nicht gelang. In den Provinzen nun gar geschah
+nicht das Geringste, um den dortigen Bauernstand vor dem Auskaufen durch die
+römischen Spekulanten zu retten: die Provinzialen waren ja bloß Menschen und
+keine Partei. Die Folge war, daß mehr und mehr auch die außeritalische
+Bodenrente nach Rom floß. Übrigens war die Plantagenwirtschaft, die um die
+Mitte dieser Epoche selbst in einzelnen Landschaften Italiens, zum Beispiel in
+Etrurien, bereits durchaus überwog, bei dem Zusammenwirken eines energischen
+und rationellen Betriebs und reichlicher Geldmittel in ihrer Art zu hoher Blüte
+gelangt. Die italische Weinproduktion vor allem, die teils die Eröffnung
+gezwungener Märkte in einem Teil der Provinzen, teils das zum Beispiel in dem
+Aufwandgesetz von 593 (161) ausgesprochene Verbot der ausländischen Weine in
+Italien auch künstlich förderten, erzielte sehr bedeutende Erfolge; der Amineer
+und der Falerner fingen an, neben dem Thasier und Chier genannt zu werden, und
+der &ldquo;Opimische Wein&rdquo; vom Jahre 633 (121), der römische Elfer, blieb
+im Andenken, lange nachdem der letzte Krug geleert war.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+5 3, 170. Damit mag auch die Bemerkung des nach Cato und vor Varro lebenden
+römischen Landwirts Saserna (bei Colum. 1, 1, 5) zusammenhängen, daß der Wein-
+und Ölbau sich beständig weiter nach Norden ziehe. Auch der Senatsbeschluß
+wegen Übersetzung der Magonischen Bücher gehört hierher.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Von Gewerben und Fabrikation ist nichts zu sagen, als daß die italische Nation
+in dieser Hinsicht in einer an Barbarei grenzenden Passivität verharrte. Man
+zerstörte wohl die korinthischen Fabriken, die Depositare so mancher wertvollen
+gewerblichen Tradition, aber nicht um selbst ähnliche Fabriken zu gründen,
+sondern um zu Schwindelpreisen zusammenzukaufen, was die griechischen Häuser an
+korinthischen Ton- oder Kupfergefäßen und ähnlichen &ldquo;alten
+Arbeiten&rdquo; bewahrten. Was von Gewerken noch einigermaßen gedieh, wie zum
+Beispiel die mit dem Bauwesen zusammenhängenden, trug für das Gemeinwesen
+deshalb kaum einen Nutzen, weil auch hier bei jeder größeren Unternehmung die
+Sklavenwirtschaft sich ins Mittel legte; wie denn zum Beispiel die Anlage der
+Marcischen Wasserleitung in der Art erfolgte, daß die Regierung mit 3000
+Meistern zugleich Bau- und Lieferungsverträge abschloß, von denen dann jeder
+mit seiner Sklavenschar die übernommene Arbeit beschaffte.
+</p>
+
+<p>
+Die glänzendste oder vielmehr die allein glänzende Seite der römischen
+Privatwirtschaft ist der Geldverkehr und der Handel. An der Spitze stehen die
+Domanial- und die Steuerpachtungen, durch die ein großer, vielleicht der größte
+Teil der römischen Staatseinnahmen in die Taschen der römischen Kapitalisten
+floß. Der Geldverkehr ferner war im ganzen Umfang des römischen Staats von den
+Römern monopolisiert; jeder in Gallien umgesetzte Pfennig, heißt es in einer
+bald nach dem Ende dieser Periode herausgegebenen Schrift, geht durch die
+Bücher der römischen Kaufleute, und so war es ohne Zweifel überall. Wie das
+Zusammenwirken der rohen ökonomischen Zustände und der rücksichtslosen
+Ausnutzung der politischen Übermacht zu Gunsten der Privatinteressen eines
+jeden vermögenden Römers eine wucherliche Zinswirtschaft allgemein machte,
+zeigt zum Beispiel die Behandlung der von Sulla der Provinz Asia 670 (84)
+auferlegten Kriegssteuer, die die römischen Kapitalisten vorschossen; sie
+schwoll mit gezahlten und nichtgezahlten Zinsen binnen vierzehn Jahren auf das
+Sechsfache ihres ursprünglichen Betrags an. Die Gemeinden mußten ihre
+öffentlichen Gebäude, ihre Kunstwerke und Kleinodien, die Eltern ihre
+erwachsenen Kinder verkaufen, um dem römischen Gläubiger gerecht zu werden; es
+war nichts Seltenes, daß der Schuldner nicht bloß der moralischen Tortur
+unterworfen, sondern geradezu auf die Marterbank gelegt ward. Hierzu kam
+endlich der Großhandel. Italiens Ausfuhr und Einfuhr waren sehr beträchtlich.
+Jene bestand vornehmlich in Wein und Öl, womit Italien neben Griechenland fast
+ausschließlich - die Weinproduktion in der massaliotischen und turdetanischen
+Landschaft kann damals nur gering gewesen sein - das gesamte Mittelmeergebiet
+versorgte; italischer Wein ging in bedeutenden Quantitäten nach den
+Balearischen Inseln und Keltiberien, nach Africa, das nur Acker- und Weideland
+war, nach Narbo und in das innere Gallien. Bedeutender noch war die Einfuhr
+nach Italien, wo damals aller Luxus sich konzentrierte und die meisten
+Luxusartikel, Speisen, Getränke, Stoffe, Schmuck, Bücher, Hausgerät,
+Kunstwerke, über See eingeführt wurden. Vor allem aber der Sklavenhandel nahm
+infolge der stets steigenden Nachfrage der römischen Kaufleute einen
+Aufschwung, dessengleichen man im Mittelmeergebiet noch nicht gekannt hatte und
+der mit dem Aufblühen der Piraterie im engsten Zusammenhang steht; alle Länder
+und alle Nationen wurden dafür in Kontribution gesetzt, die Hauptfangplätze
+aber waren Syrien und das innere Kleinasien. In Italien konzentrierte die
+überseeische Einfuhr sich vorzugsweise in den beiden großen Emporien am
+Tyrrhenischen Meer, Ostia und Puteoli. Nach Ostia, dessen Reede wenig taugte,
+das aber, als der nächste Hafen an Rom, für weniger werthafte Waren der
+geeignetste Stapelplatz war, zog sich die für die Hauptstadt bestimmte
+Korneinfuhr, dagegen der Luxushandel mit dem Osten überwiegend nach Puteoli,
+das durch seinen guten Hafen für Schiffe mit wertvoller Ladung sich empfahl und
+in der mehr und mehr mit Landhäusern sich füllenden Gegend von Baiae den
+Kaufleuten einen dem hauptstädtischen wenig nachstehenden Markt in nächster
+Nähe darbot. Lange Zeit ward dieser letztere Verkehr durch Korinth und nach
+dessen Vernichtung durch Delos vermittelt, wie denn in diesem Sinne Puteoli bei
+Lucilius das italische &ldquo;Klein-Delos&rdquo; heißt; nach der Katastrophe
+aber, die Delos im Mithradatischen Kriege betraf, und von der es sich nicht
+wieder erholt hat, knüpften die Puteolaner direkte Handelsverbindungen mit
+Syrien und Alexandreia an und entwickelte damit ihre Stadt immer entschiedener
+sich zu dem ersten überseeischen Handelsplatz Italiens. Aber nicht bloß der
+Gewinn, der bei der italischen Aus- und Einfuhr gemacht ward, fiel wesentlich
+den Italikern zu; auch in Narbo konkurrierten sie im keltischen Handel mit den
+Massalioten, und überhaupt leidet es keinen Zweifel, daß die überall
+fluktuierend oder ansässig anzutreffende römische Kaufmannschaft den besten
+Teil aller Spekulationen für sich nahm.
+</p>
+
+<p>
+Fassen wir diese Erscheinungen zusammen, so erkennen wir als den
+hervorstechenden Zug der Privatwirtschaft dieser Epoche die der politischen
+ebenbürtig zur Seite gehende finanzielle Oligarchie der römischen Kapitalisten.
+In ihren Händen vereinigt sich die Bodenrente fast des ganzen Italiens und der
+besten Stücke des Provinzialgebiets, die wucherliche Rente des von ihnen
+monopolisierten Kapitals, der Handelsgewinn aus dem gesamten Reiche, endlich in
+Form der Pachtnutzung ein sehr beträchtlicher Teil der römischen
+Staatseinkünfte. Die immer zunehmende Anhäufung der Kapitalien zeigt sich in
+dem Steigen des Durchschnittsatzes des Reichtums: 3 Mill. Sesterzen (228000
+Taler) war jetzt ein mäßiges senatorisches, 2 Mill. (152000 Taler) ein
+anständiges Rittervermögen; das Vermögen des reichsten Mannes der Gracchischen
+Zeit, des Publius Crassus, Konsul 623 131), ward auf 100 Mill. Sesterzen
+(7½Mill. Taler) geschätzt. Es ist kein Wunder, wenn dieser Kapitalistenstand
+die äußere Politik vorwiegend bestimmt, wenn er aus Handelsrivalität Karthago
+und Korinth zerstört, wie einst die Etrusker Alalia, die Syrakusier Caere
+zerstörten, wenn er dem Senat zum Trotz die Gründung von Narbo aufrecht erhält.
+Es ist ebenfalls kein Wunder, wenn diese Kapitalistenoligarchie in der inneren
+Politik der Adelsoligarchie eine ernstliche und oft siegreiche Konkurrenz
+macht. Es ist aber auch kein Wunder, wenn ruinierte reiche Leute sich an die
+Spitze empörter Sklavenhaufen stellen und das Publikum sehr unsanft daran
+erinnert, daß aus dem eleganten Bordell der Übergang zu der Räuberhöhle leicht
+gefunden ist. Es ist kein Wunder, wenn jeder finanzielle Babelturm mit seiner
+nicht rein ökonomischen, sondern der politischen Übermacht Roms entlehnten
+Grundlage bei jeder ernsten politischen Krise ungefähr in derselben Art
+schwankt wie unser sehr ähnlicher Staatspapierbau. Die ungeheure Finanzkrise,
+die im Verfolg der italisch-asiatischen Bewegungen 664f. (90) über den
+römischen Kapitalistenstand hereinbrach, die Bankrotte des Staates und der
+Privaten, die allgemeine Entwertung der Grundstücke und der Gesellschaftsparten
+können wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; wohl aber lassen im allgemeinen
+keinen Zweifel an ihrer Art und ihrer Bedeutung ihre Resultate: die Ermordung
+des Gerichtsherrn durch einen Gläubigerhaufen, der Versuch, alle nicht von
+Schulden freien Senatoren aus dem Senat zu stoßen, die Erneuerung des
+Zinsmaximum durch Sulla, die Kassation von 75 Prozent aller Forderungen durch
+die revolutionäre Partei. Die Folge dieser Wirtschaft war natürlich in den
+Provinzen allgemeine Verarmung und Entvölkerung, wogegen die parasitische
+Bevölkerung reisender oder auf Zeit ansässiger Italiker überall im Steigen war.
+In Kleinasien sollen an einem Tage 80000 Menschen italischer Abkunft umgekommen
+sein. Wie zahlreich dieselben auf Delos waren, beweisen die noch auf der Insel
+vorhandenen Denksteine und die Angabe, daß hier 20000 Fremde, meistens
+italische Kaufleute, auf Mithradates&rsquo; Befehl getötet wurden. In Afrika
+waren der Italiker so viele, daß sogar die numidische Stadt Cirta hauptsächlich
+durch sie gegen Jugurtha verteidigt werden konnte. Auch Gallien, heißt es, war
+angefüllt mit römischen Kaufleuten; nur für Spanien finden sich, vielleicht
+nicht zufällig, dergleichen Angaben nicht. In Italien selbst ist dagegen der
+Stand der freien Bevölkerung in dieser Epoche ohne Zweifel im ganzen
+zurückgegangen. Allerdings haben die Bürgerkriege hierzu wesentlich mitgewirkt,
+welche nach allgemeingehaltenen und freilich wenig zuverlässigen Angaben 100000
+bis 150000 Köpfe von der römischen Bürgerschaft, 300000 von der italischen
+Bevölkerung überhaupt weggerafft haben sollen; aber schlimmer wirkten der
+ökonomische Ruin des Mittelstandes und die maßlose Ausdehnung der
+kaufmännischen Emigration, die einen großen Teil der italischen Jugend während
+ihrer kräftigsten Jahre im Ausland zu verweilen veranlaßte. Einen Ersatz sehr
+zweifelhaften Wertes gewährte dafür die freie parasitische
+hellenisch-orientalische Bevölkerung, die als königliche oder
+Gemeindediplomaten, als Ärzte, Schulmeister, Pfaffen, Bediente, Schmarotzer und
+in den tausendfachen Ämtern der Industrieritter- und Gaunerschaft in der
+Hauptstadt, als Händler und Schiffer namentlich in Ostia, Puteoli und
+Brundisium verweilten. Noch bedenklicher war das unverhältnismäßige Steigen der
+Sklavenmenge auf der Halbinsel. Die italische Bürgerschaft zählte nach der
+Schätzung des Jahres 684 (70) 910000 waffenfähige Männer, wobei, um den Betrag
+der freien Bevölkerung auf der Halbinsel zu erhalten, die in der Schätzung
+zufällig übergangenen, die Latiner in der Landschaft zwischen den Alpen und dem
+Po und die in Italien domizilierten Ausländer, hinzu-, die auswärts
+domizilierten römischen Bürger dagegen abzurechnen sind. Es wird demnach kaum
+möglich sein, die freie Bevölkerung der Halbinsel höher als auf 6 bis 7 Mill.
+Köpfe anzusetzen. Wenn die damalige Gesamtbevölkerung derselben der
+gegenwärtigen gleichkam, so hätte man danach eine Sklavenmasse von 13 bis 14
+Mill. Köpfen anzunehmen. Es bedarf indes solcher trüglichen Berechnungen nicht,
+um die gefährliche Spannung dieser Verhältnisse anschaulich zu machen; laut
+genug reden die partiellen Sklaveninsurrektionen und der seit dem Beginn der
+Revolutionen am Schlusse eines jeden Aufstandes erschallende Aufruf an die
+Sklaven, die Waffen gegen ihre Herren zu ergreifen und die Freiheit sich zu
+erfechten. Wenn man sich England vorstellt mit seinen Lords, seinen Squires und
+vor allem seiner City, aber die Freeholders und Pächter in Proletarier, die
+Arbeiter und Matrosen in Sklaven verwandelt, so wird man ein ungefähres Bild
+der damaligen Bevölkerung der italischen Halbinsel gewinnen.
+</p>
+
+<p>
+Wie im klaren Spiegel liegen die ökonomischen Verhältnisse dieser Epoche noch
+heute uns vor in dem römischen Münzwesen. Die Behandlung desselben zeigt
+durchaus den einsichtigen Kaufmann. Seit langer Zeit standen Gold und Silber
+als allgemeine Zahlmittel nebeneinander, so daß zwar zum Zweck allgemeiner
+Kassebilanzen ein festes Wertverhältnis zwischen beiden Metallen gesetzlich
+normiert war, aber doch regelmäßig es nicht freistand, ein Metall für das
+andere zu geben, sondern je nach dem Inhalt der Verschreibung in Gold oder
+Silber zu zahlen war. Auf diesem Wege wurden die großen Übelstände vermieden,
+die sonst an die Aufstellung eines doppelten Wertmetalls unvermeidlich sich
+knüpfen; die starken Goldkrisen - wie denn zum Beispiel um 600 (150) infolge
+der Entdeckung der tauriskischen Goldlager das Gold gegen Silber auf einmal in
+Italien um 33 2/3 Prozent abschlug - wirkten wenigstens nicht direkt auf die
+Silbermünze und den Kleinverkehr ein. Es lag in der Natur der Sache, daß, je
+mehr der überseeische Verkehr sich ausdehnte, desto entschiedener das Gold aus
+der zweiten in die erste Stelle eintrat, was denn auch die Angaben über die
+Staatskassenbestände und die Staatskassengeschäfte bestätigen; aber die
+Regierung ließ sich dadurch nicht bewegen, das Gold auch in die Münze
+einzuführen. Die in der Not des Hannibalischen Krieges versuchte hatte man
+längst wieder fallen lassen; die wenigen Goldstücke, die Sulla als Regent
+schlug, sind kaum mehr gewesen als Gelegenheitsmünze für seine
+Triumphalgeschenke. Nach wie vor zirkulierte als wirkliche Münze ausschließlich
+das Silber; das Gold ward, mochte es nun, wie gewöhnlich, in Barren umlaufen
+oder ausländisches oder allenfalls auch inländisches Gepräge tragen, lediglich
+nach dem Gewicht genommen. Dennoch standen Gold und Silber als Verkehrsmittel
+gleich, und die betrügliche Legierung des Goldes wurde gleich der Prägung
+falscher Silbermünzen rechtlich als Münzvergehen betrachtet. Man erreichte
+hierdurch den unermeßlichen Vorteil, bei dem wichtigsten Zahlmittel selbst die
+Möglichkeit der Münzdefraude und Münzveruntreuung abzuschneiden. übrigens war
+die Münzprägung ebenso reichlich wie musterhaft. Nachdem im Hannibalischen
+Kriege das Silberstück von 1/72 auf 1/84 Pfund reduziert worden war, ist
+dasselbe mehr als drei Jahrhunderte hindurch vollkommen gleich schwer und
+gleich fein geblieben; eine Legierung fand nicht statt. Die Kupfermünze wurde
+um den Anfang dieser Periode völlig zur Scheidemünze und hörte auf, wie früher,
+im Großverkehr gebraucht zu werden; aus diesem Grunde wurde etwa seit dem
+Anfang des siebenten Jahrhunderts der As nicht mehr geschlagen und die
+Kupferprägung beschränkt auf die im Silber nicht füglich herzustellenden
+Kleinwerte von einem Semis (fast 3 Pfennig) und darunter. Die Münzsorten waren
+nach einem einfachen Prinzip geordnet und in der damals kleinsten Münze
+gewöhnlicher Prägung, dem Quadrans (1½ Pfennig), hinabgeführt bis an die Grenze
+der fühlbaren Werte. Es war ein Münzsystem, das an prinzipieller Verständigkeit
+der Grundlagen wie an eisern strenger Durchführung derselben im Altertum einzig
+dasteht und auch in der neueren Zeit nur selten erreicht worden ist. Doch hat
+auch dies seinen wunden Fleck. Nach einer im ganzen Altertum gemeinen, in ihrer
+höchsten Entwicklung in Karthago auftretenden Sitte gab auch die römische
+Regierung mit den guten silbernen Denaren zugleich kupferne, mit Silber
+plattierte aus, welche gleich jenen genommen werden mußten und nichts waren als
+ein unserem Papiergeld analoges Zeichengeld mit Zwangskurs und Fundierung auf
+die Staatskasse, insofern auch diese nicht befugt war, die plattierten Stücke
+zurückzuweisen. Eine offizielle Falschmünzerei war dies so wenig wie unsere
+Papiergeldfabrikation, da man die Sache ganz offen betrieb: Marcus Drusus
+beantragte 663 (91), um die Mittel für seine Kornspenden zu gewinnen, die
+Emission von einem plattierten auf je sieben silberne, neu aus der Münze
+hervorgehende Denare; allein nichtsdestoweniger bot diese Maßregel nicht bloß
+der privaten Falschmünzerei eine bedenkliche Handhabe, sondern sie ließ auch
+das Publikum absichtlich darüber im ungewissen, ob es Silber- oder Zeichengeld
+empfange und in welchem Gesamtbetrag das letztere in Umlauf sei. In der
+bedrängten Zeit des Bürgerkrieges und der großen finanziellen Krise scheint man
+der Planierung sich so über die Gebühr bedient zu haben, daß zu der Finanzkrise
+eine Münzkrise sich gesellte und die Masse der falschen und faktisch
+entwerteten Stücke den Verkehr höchst unsicher machte. Deshalb wurde während
+des Cinnanischen Regiments von den Prätoren und Tribunen, zunächst von Marcus
+Marius Gratidianus, die Einlösung des sämtlichen Zeichengeldes durch Silbergeld
+verfügt und zu dem Ende ein Probierbüro eingerichtet. Inwieweit die Aufrufung
+durchgeführt ward, ist nicht überliefert; die Zeichengeldprägung selbst blieb
+bestehen.
+</p>
+
+<p>
+Was die Provinzen anlangt, so ward in Gemäßheit der grundsätzlichen Beseitigung
+der Goldmünze die Goldprägung nirgends, auch in den Klientelstaaten nicht
+gestattet; so daß die Goldprägung in dieser Zeit nur vorkommt, wo Rom gar
+nichts zu sagen hatte, namentlich bei den Kelten nordwärts von den Cevennen und
+bei den gegen Rom sich auflehnenden Staaten, wie denn die Italiker sowohl wie
+auch Mithradates Eupator Goldmünzen schlugen. Auch die Silberprägung zeigt die
+Regierung sich bestrebt, mehr und mehr in ihre Hand zu bringen, vornehmlich im
+Westen. In Afrika und Sardinien mag die karthagische Gold- und Silbermünze auch
+nach dem Sturz des karthagischen Staats im Umlauf geblieben sein; aber
+geschlagen wurde daselbst in Edelmetallen weder auf karthagischen noch auf
+römischen Fuß, und sicher hat sehr bald nach der Besitzergreifung der Römer
+auch in dem Verkehr beider Landschaften der von Italien eingeführte Denar das
+Übergewicht erhalten. In Spanien und Sizilien, die früher an Rom gekommen sind
+und überhaupt eine mildere Behandlung erfuhren, ist zwar unter römischer
+Herrschaft in Silber geprägt, ja in dem ersteren Lande die Silberprägung erst
+durch die Römer und auf römischen Fuß ins Leben gerufen worden; aber es sind
+gute Gründe vorhanden für die Annahme, daß auch in diesen beiden Landschaften
+wenigstens seit dem Anfang des siebenten Jahrhunderts die provinziale und
+städtische Prägung sich auf die kupferne Scheidemünze hat beschränken müssen.
+Nur im Narbonesischen Gallien konnte der altverbündeten und ansehnlichen
+Freistadt Massalia das Recht der Silberprägung nicht entzogen werden; und
+dasselbe gilt vermutlich von den illyrischen Griechenstädten Apollonia und
+Dyrrhachion. Indes beschränkte man doch diesen Gemeinden indirekt ihr Münzrecht
+dadurch, daß der Dreivierteldenar, der nach Anordnung der römischen Regierung
+dort wie hier geprägt ward und der unter dem Namen des Victoriatus in das
+römische Münzsystem aufgenommen worden war, um die Mitte des 7. Jahrhunderts in
+diesem beseitigt ward; wovon die Folge sein mußte, daß das massaliotische und
+illyrische Courant aus Oberitalien verdrängt wurde und außer seinem
+einheimischen Gebiete nur noch etwa in den Alpen- und Donaulandschaften gangbar
+blieb. So weit war man also bereits in dieser Epoche, daß in der gesamten
+Westhälfte des römischen Staates der Denarfuß ausschließlich herrschte: denn
+Italien, Sizilien - von dem es für den Anfang der nächsten Epoche ausdrücklich
+bezeugt ist, daß daselbst kein anderes Silbergeld umlief als der Denar -,
+Sardinien, Afrika brauchten ausschließlich römisches Silbergeld, und das in
+Spanien noch umlaufende Provinzialsilber sowie die Silbermünze der Massalioten
+und Illyriker war wenigstens auf Denarfuß geschlagen. Anders war es im Osten.
+Hier, wo die Zahl der seit alter Zeit münzenden Staaten und die Masse der
+umlaufenden Landesmünze sehr ansehnlich war, drang der Denar nicht in größerem
+Umfang ein, wenn er auch vielleicht gesetzlich gangbar erklärt ward: vielmehr
+blieb hier entweder der bisherige Münzfuß, wie zum Beispiel Makedonien noch als
+Provinz, wenn auch teilweise mit Hinzufügung der Namen von römischen Beamten zu
+dem der Landschaft, seine attischen Tetradrachmen geschlagen und gewiß
+wesentlich kein anderes Geld gebracht hat; oder es wurde unter römischer
+Autorität ein den Verhältnissen entsprechender eigentümlicher Münzfuß neu
+eingeführt, wie denn bei der Einrichtung der Provinz Asia derselben ein neuer
+Stater, der sogenannte Cistophorus, von der römischen Regierung geordnet und
+dieser seitdem von den Bezirkshauptstädten daselbst unter römischer
+Oberaufsicht geschlagen ward. Diese wesentliche Verschiedenheit des
+okzidentalischen und des orientalischen Münzwesens ist von der größten
+geschichtlichen Bedeutung geworden: die Romanisierung der unterworfenen Länder
+hat in der Annahme der römischen Münze einen ihrer wichtigsten Hebel gefunden,
+und es ist kein Zufall, daß dasjenige, was wir in dieser Epoche als Gebiet des
+Denars bezeichnet haben, späterhin zu der lateinischen, dagegen das Gebiet der
+Drachme späterhin zu der griechischen Reichshälfte geworden ist. Noch
+heutigentags stellt jenes Gebiet im wesentlichen den Inbegriff der romanischen
+Kultur dar, während dieses dagegen aus der europäischen Zivilisation sich
+ausgeschieden hat.
+</p>
+
+<p>
+Wie bei solchen ökonomischen Zuständen die sozialen Verhältnisse sich gestalten
+mußten, ist im allgemeinen leicht zu ermessen, die Steigerung aber des
+Raffinements, der Preise, des Ekels und der Leere im besonderen zu verfolgen
+weder erfreulich noch lehrreich. Verschwendung und sinnlicher Genuß war die
+Losung überall, bei den Parvenus so gut wie bei den Liciniern und Metellern;
+nicht der feine Luxus gedieh, der die Blüte der Zivilisation ist, sondern
+derjenige, der in der verkommenden hellenischen Zivilisation Kleinasiens und
+Alexandreias sich entwickelt hatte, der alles Schöne und Bedeutende zur
+Dekoration entadelte und auf den Genuß studierte mit einer mühseligen
+Pedanterie, einer zopfigen Tüftelei, die ihn dem sinnlich wie dem geistig
+frischen Menschen gleich ekelhaft macht. Was die Volksfeste anlangt, so wurde,
+es scheint um die Mitte dieses Jahrhunderts, durch einen von Gnaeus Aufidius
+beantragten Bürgerschluß die in der catonischen Zeit untersagte Einfuhr
+überseeischer Bestien förmlich wieder gestattet, wodurch denn die Tierhetzen in
+schwunghaften Betrieb kamen und ein Hauptstück der Bürgerfeste wurden. Um 651
+(103) erschienen in der römischen Arena zuerst mehrere Löwen, 655 (99) die
+ersten Elefanten; 661 (93) ließ Sulla als Prätor schon hundert Löwen auftreten.
+Dasselbe gilt von den Fechterspielen. Wenn die Altvordern die Bilder großer
+Schlachten öffentlich ausgestellt hatten, so fingen die Enkel an, dasselbe von
+ihren Gladiatorenspielen zu tun und mit solchen Haupt- und Staatsaktionen der
+Zeit sich selber vor den Nachkommen zu verspotten. Welche Summen dafür und für
+die Begräbnisfeierlichkeiten überhaupt aufgingen, kann man aus dem Testament
+des Marcus Aemilius Lepidus (Konsul 567, 579 187, 175; † 592 152) abnehmen;
+derselbe befahl seinen Kindern, da die wahrhafte letzte Ehre nicht in leerem
+Gepränge, sondern in der Erinnerung an die eigenen und der Ahnen Verdienste
+bestehe, auf seine Bestattung nicht mehr als 1 Mill. Asse (76000 Taler) zu
+verwenden. Auch der Bau- und Gartenluxus war im Steigen; das prachtvolle und
+namentlich wegen der alten Bäume des Gartens berühmte Stadthaus des Redners
+Crassus († 663 91) ward mit den Bäumen auf 6 Mill. Sesterzen (457000 Taler),
+ohne diese auf die Hälfte geschätzt, während der Wert eines gewöhnlichen
+Wohnhauses in Rom etwa auf 60000 Sesterzen (4600 Taler) angeschlagen werden
+kann 6. Wie rasch die Preise der Luxusgrundstücke stiegen, zeigt das Beispiel
+der Misenischen Villa, die Cornelia, die Mutter der Gracchen, für 75000
+Sesterzen (5700 Taler), Lucius Lucullus, Konsul 680 (74) um den
+dreiunddreißigfachen Preis erstand. Die Villenbauten und das raffinierte Land-
+und Badeleben machten Baiae und überhaupt die Umgegend des Golfs von Neapel zum
+Eldorado des vornehmen Müßiggangs. Die Hasardspiele, bei denen es keineswegs
+mehr, wie bei dem italischen Knöchelspiel, um Nüsse ging, wurden gemein und
+schon 639 (115) ein zensorisches Edikt dagegen erlassen. Gazestoffe, die die
+Formen mehr zeigten als verhüllten, und seidene Kleider fingen an, bei Frauen
+und selbst bei Männern die alten wollenen Röcke zu verdrängen. Gegen die
+rasende Verschwendung, die mit ausländischen Parfümerien getrieben ward,
+stemmten sich vergeblich die Aufwandgesetze. Aber der eigentliche Glanz- und
+Brennpunkt dieses vornehmen Lebens war die Tafel. Man bezahlte Schwindelpreise
+- bis 100000 Sesterzen (7600 Taler) - für einen ausgesuchten Koch; man baute
+mit Rücksicht darauf und versah namentlich die Landhäuser an der Küste mit
+eigenen Salzwasserteichen, um Seefische und Austern jederzeit frisch auf die
+Tafel liefern zu können; man nannte es schon ein elendes Diner, wenn das
+Geflügel ganz und nicht bloß die erlesenen Stücke den Gästen vorgelegt wurden
+und wenn diesen zugemutet ward, von den einzelnen Gerichten zu essen und nicht
+bloß zu kosten; man bezog für schweres Geld ausländische Delikatessen und
+griechischen Wein, der bei jeder anständigen Mahlzeit wenigstens einmal
+herumgereicht werden mußte. Vor allem bei der Tafel glänzte die Schar der
+Luxussklaven, die Kapelle, das Ballett, das elegante Mobiliar, die
+goldstrotzenden oder gemäldeartig gestickten Teppiche, die Purpurdecken, das
+antike Bronzegerät, das reiche Silbergeschirr. Hiergegen zunächst richteten
+sich die Luxusgesetze, die häufiger (593, 639, 665, 673 161, 115, 89, 82) und
+ausführlicher als je ergingen: eine Menge Delikatessen und Weine wurden darin
+gänzlich untersagt, für andere nach Gewicht und Preis ein Maximum festgesetzt,
+ebenso die Quantität des silbernen Tafelgeschirrs gesetzlich beschränkt,
+endlich allgemeine Maximalbeträge der Kosten der gewöhnlichen und der
+Festtagsmahlzeit vorgeschrieben, zum Beispiel 593 (161) von 10 und 100 (17½
+Groschen und 5½ Taler), 673 (81) von 30 und 300 Sesterzen (1 Taler, 22 Groschen
+und 17 Taler). Zur Steuer der Wahrheit muß leider hinzugefügt werden, daß von
+allen vornehmen Römern nicht mehr als drei, und zwar keineswegs die Gesetzgeber
+selber, diese staatlichen Gesetze befolgt haben sollen; auch diesen dreien aber
+beschnitt nicht das Gesetz des Staates den Küchenzettel, sondern das der Stoa.
+Es lohnt der Mühe, einen Augenblick noch bei dem trotz all dieser Gesetze
+steigenden Luxus im Silbergerät zu verweilen. Im sechsten Jahrhundert war
+silbernes Tafelgeschirr mit Ausnahme des althergebrachten silbernen Salzfasses
+eine Ausnahme; die karthagischen Gesandtschaften spotteten darüber, daß sie in
+jedem Hause, wo man sie eingeladen, dasselbe silberne Tafelgerät wiedergefunden
+hätten. Noch Scipio Aemilianus besaß nicht mehr als 32 Pfund (800 Taler) an
+verarbeitetem Silber; sein Neffe Quintus Fabius (Konsul 633 121) brachte es
+zuerst auf 1000 (25 000 Taler), Marcus Drusus (Volkstribun 633 121) schon auf
+10000 Pfund (250000 Taler); in Sullas Zeit zählte man in der Hauptstadt bereits
+gegen 150 hundertpfündige silberne Prachtschüsseln, von denen manche ihren
+Besitzer auf die Proskriptionsliste brachte. Um die hierfür verschwendeten
+Summen zu ermessen, muß man sich erinnern, daß auch die Arbeit schon mit
+ungeheuren Preisen bezahlt ward, wie denn für ausgezeichnetes Silbergerät Gaius
+Gracchus den fünfzehn-, Lucius Crassus (Konsul 659 95) den achtzehnfachen
+Metallwert bezahlte, der letztere für ein Becherpaar eines namhaften
+Silberarbeiters 100 000 Sesterzen (7600 Taler) gab. So war es verhältnismäßig
+überall.
+</p>
+
+<p>
+Wie es um Ehe und Kinderzeugung stand, zeigen schon die Gracchischen
+Ackergesetze, die zuerst darauf eine Prämie setzten. Die Scheidung, einst in
+Rom fast unerhört, war jetzt ein alltägliches Ereignis; wenn bei der ältesten
+römischen Ehe der Mann die Frau gekauft hatte, so hätte man den jetzigen
+vornehmen Römern vorschlagen mögen, um zu der Sache auch den Namen zu haben,
+eine Ehemiete einzuführen. Selbst ein Mann .wie Metellus Macedonicus, der durch
+seine ehrenwerte Häuslichkeit und seine zahlreiche Kinderschar die Bewunderung
+seiner Zeitgenossen war, schärfte als Zensor 623 (131) den Bürgern die Pflicht,
+im Ehestande zu leben, in der Art ein, daß er denselben bezeichnete als eine
+drückende, aber von den Patrioten pflichtmäßig zu übernehmende öffentliche
+Last. 7
+</p>
+
+<p>
+———————————————————-
+</p>
+
+<p>
+6 In dem Hause, das Sulla als junger Mann bewohnte, zahlte er für das
+Erdgeschoß 3000, der Mieter des obern Stockes 2000 Sesterzen Miete (Plut. Sull.
+1), was zu 2/3 des gewöhnlichen Kapitalzinses kapitalisiert, ungefähr den
+obigen Betrag ergibt. Dies war eine wohlfeile Wohnung. Wenn ein
+hauptstädtischer Mietzins von 6000 Sesterzen (460 Taler) für das Jahr 629 (125)
+ein hoher genannt wird (Vell. 1, 10), so müssen dabei besondere Umstände
+obgewaltet haben.
+</p>
+
+<p>
+7 &ldquo;Wenn wir könnten, ihr Bürger&rdquo;, hieß es in seiner Rede, würden
+wir freilich alle von dieser Last uns befreien. Da aber die Natur es so
+eingerichtet hat, daß weder mit den Frauen sich bequem, noch ohne die Frauen
+überhaupt sich leben läßt, so ziemt es sich auf dauernde Wohlfahrt mehr zu
+sehen als auf kurzes Wohlleben.&rdquo;
+</p>
+
+<p>
+———————————————————
+</p>
+
+<p>
+Allerdings gab es Ausnahmen. Die landstädtischen Kreise, namentlich die der
+größeren Gutsbesitzer, hatten die alte ehrenwerte latinische Nationalsitte
+treuer bewahrt. In der Hauptstadt aber war die catonische Opposition zur Phrase
+geworden; die moderne Richtung herrschte souverän und, wenn auch einzelne fest
+und fein organisierte Naturen, wie Scipio Aemilianus, römische Sitte mit
+attischer Bildung zu vereinigen wußten, war doch bei der großen Menge der
+Hellenismus gleichbedeutend mit geistiger und sittlicher Verderbnis. Den
+Rückschlag dieser sozialen Übelstände auf die politischen Verhältnisse darf man
+niemals aus den Augen verlieren, wenn man die römische Revolution verstehen
+will. Es war nicht gleichgültig, daß von den beiden vornehmen Männern, die im
+Jahre 662 (92) als oberste Sittenmeister der Gemeinde fungierten, der eine dem
+andern öffentlich vorrückte, daß er einer Muräne, dem Stolz seines Fischteichs,
+bei ihrem Tode Tränen nachgeweint habe, und dieser wieder jenem, daß er drei
+Frauen begraben und um keine eine Träne geweint habe. Es war nicht
+gleichgültig, daß im Jahre 593 (161) auf offenem Markt ein Redner folgende
+Schilderung eines senatorischen Zivilgeschworenen zum besten geben konnte, den
+der angesetzte Termin in dem Kreise seiner Zechbrüder findet. &ldquo;Sie
+spielen Hasard, fein parfümiert, die Mätressen um sie herum. Wie der Nachmittag
+herankommt, lassen sie den Bedienten kommen und heißen ihn auf der Dingstätte
+sich umhören, was auf dem Markt vorgefallen sei, wer für und wer gegen den
+neuen Gesetzvorschlag gesprochen, welche Distrikte dafür, welche dagegen
+gestimmt hätten. Endlich gehen sie selbst auf den Gerichtsplatz, eben früh
+genug, um sich den Prozeß nicht selbst auf den Hals zu ziehen. Unterwegs ist in
+keinem Winkelgäßchen eine Gelegenheit, die sie nicht benutzen, denn sie haben
+sich den Leib voll Wein geschlagen. Verdrossen kommen sie auf die Dingstätte
+und geben den Parteien das Wort. Die, die es angeht, tragen ihre Sache vor. Der
+Geschworene heißt die Zeugen auftreten; er selbst geht beiseite. Wie er
+zurückkommt, erklärt er alles gehört zu haben und fordert die Urkunden. Ersieht
+hinein in die Schriften; kaum hält er vor Wein die Augen auf. Wie er sich dann
+zurückzieht, das Urteil auszufüllen, läßt er zu seinen Zechbrüdern sich
+vernehmen: &lsquo;Was gehen mich die langweiligen Leute an? Warum gehen wir
+nicht lieber einen Becher Süßen mit griechischem Wein trinken und essen dazu
+einen fetten Krammetsvogel und einen guten Fisch, einen veritablen Hecht von
+der Tiberinsel?&rsquo;&rdquo; Die den Redner hörten, lachten; aber war es nicht
+auch sehr ernsthaft, daß dergleichen Dinge belacht wurden?
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap12"></a>KAPITEL XII.<br/>
+Nationalität, Religion, Erziehung</h2>
+
+<p>
+In dem großen Kampfe der Nationalitäten innerhalb des weiten Umfangs des
+Römischen Reiches erscheinen die sekundären Nationen in dieser Zeit im
+Zurückweichen oder im Verschwinden. Die bedeutendste unter allen, die
+phönikische, empfing durch die Zerstörung Karthagos die Todeswunde, an der sie
+sich langsam verblutet hat. Die Landschaften Italiens, die ihre alte Sprache
+und Sitte bis dahin noch gewahrt hatten, Etrurien und Samnium, wurden nicht
+bloß von den schwersten Schlägen der Sullanischen Reaktion getroffen, sondern
+die politische Nivellierung Italiens nötigte ihnen auch im öffentlichen Verkehr
+die lateinische Sprache und Weise auf und drückte die alten Landessprachen
+herab zu rasch verkümmernden Volksdialekten. Nirgendmehr erscheint im ganzen
+Umfange des römischen Staates eine Nationalität als befugt, mit der römischen
+und der griechischen auch nur zu ringen. Dagegen ist extensiv wie intensiv die
+latinische Nationalität im entschiedensten Aufschwung. Wie seit dem
+Bundesgenossenkrieg jedes italische Grundstück jedem Italiker zu vollem
+römischen Eigen zustehen, jeder italische Tempelgott römische Gabe empfangen
+kann, wie in ganz Italien mit Ausnahme der transpadanischen Landschaft seitdem
+das römische Recht mit Beseitigung aller anderen Stadt- und Landrechte
+ausschließlich gilt: so ist damals die römische Sprache auch die allgemeine
+Geschäfts- und bald gleichfalls die allgemeine Sprache des gebildeten Verkehrs
+auf der ganzen Halbinsel von den Alpen bis zur Meerenge geworden. Aber sie
+beschränkte sich schon nicht mehr auf diese natürlichen Grenzen. Die in Italien
+zusammenströmende Kapitalmasse, der Reichtum seiner Produkte, die Intelligenz
+seiner Landwirte, die Gewandtheit seiner Kaufleute fand keinen hinreichenden
+Spielraum auf der Halbinsel; hierdurch und durch den öffentlichen Dienst wurden
+die Italiker massenweise in die Provinzen geführt. Ihre privilegierte Stellung
+daselbst privilegierte auch die römische Sprache und das römische Recht, selbst
+wo nicht bloß Römer miteinander verkehrten; überall standen die Italiker
+zusammen als festgeschlossene und organisierte Massen, die Soldaten in ihren
+Legionen, die Kaufleute jeder größeren Stadt als eigene Korporationen, die in
+dem einzelnen provinzialen Gerichtssprengel domizilierten oder verweilenden
+römischen Bürger als &ldquo;Kreise&rdquo; (conventus civium Romanorum) mit
+ihrer eigenen Geschworenenliste und gewissermaßen mit Gemeindeverfassung; und
+wenn auch diese provinzialen Römer regelmäßig früher oder später nach Italien
+zurückgingen, so bildete sich dennoch allmählich aus ihnen der Stamm einer
+festen, teils römischen, teils an die römische sich anlehnenden
+Mischbevölkerung der Provinzen. Daß in Spanien, wo das römische Heer zuerst
+stehend ward, auch zuerst eigene Provinzialstädte italischer Verfassung,
+Carteia 583 (171), Valentia 616 (133), später Palma und Pollentia organisiert
+worden sind, ward bereits erwähnt. Wenn das Binnenland noch wenig zivilisiert
+war, das Gebiet der Vaccäer zum Beispiel noch lange nach dieser Zeit unter den
+rauhesten und widerwärtigsten Aufenthaltsorten für den gebildeten Italiker
+genannt wird, so bezeugen dagegen Schriftsteller und Inschriftsteine, daß schon
+um die Mitte des siebenten Jahrhunderts um Neukarthago und sonst an der Küste
+die lateinische Sprache in gemeinem Gebrauch war. In bewußter Weise entwickelte
+zuerst Gaius Gracchus den Gedanken, die Provinzen des römischen Staats durch
+die italische Emigration zu kolonisieren, das heißt zu romanisieren, und legte
+Hand an die Ausführung desselben; und obgleich die konservative Opposition
+gegen den kühnen Entwurf sich auflehnte, die gemachten Anfänge größtenteils
+zerstörte und die Fortführung hemmte, so blieb doch die Kolonie Narbo erhalten,
+schon an sich eine bedeutende Erweiterung des lateinischen Sprachgebiets und
+noch bei weitem wichtiger als der Merkstein eines großen Gedankens, der
+Grundstein eines gewaltigen künftigen Baues. Der antike Gallizismus, ja das
+heutige Franzosentum sind von dort ausgegangen und in ihrem letzten Grunde
+Schöpfungen des Gaius Gracchus. Aber die latinische Nationalität erfüllte nicht
+bloß die italischen Grenzen und fing an sie zu überschreiten, sondern sie
+gelangte auch in sich zu tieferer geistiger Begründung. Wir finden sie im Zuge,
+eine klassische Literatur, einen eigenen höheren Unterricht sich zu schaffen;
+und wenn man im Vergleich mit den hellenischen Klassikern und der hellenischen
+Bildung sich versucht fühlen kann, die schwächliche italische
+Treibhausproduktion gering zu achten, so kam es doch für die geschichtliche
+Entwicklung zunächst weit weniger darauf an, wie die lateinische klassische
+Literatur und die lateinische Bildung, als darauf, daß sie neben der
+griechischen stand; und herabgekommen wie die gleichzeitigen Hellenen auch
+literarisch waren, durfte man wohl das Wort des Dichters auch hier anwenden,
+daß der lebendige Tagelöhner mehr ist als der tote Achill.
+</p>
+
+<p>
+Wie rasch und ungestüm aber die lateinische Sprache und Nationalität vorwärts
+dringt, sie erkennt zugleich die hellenische an als durchaus gleich, ja früher
+und besser berechtigt und tritt mit dieser überall in das engste Bündnis oder
+durchdringt sich mit ihr zu gemeinschaftlicher Entwicklung. Die italische
+Revolution, die sonst alle nichtlatinischen Nationalitäten auf der Halbinsel
+nivellierte, rührte nicht an die Griechenstädte Tarent, Rhegion, Neapolis,
+Lokri. Ebenso blieb Massalia, obwohl jetzt umschlossen von römischem Gebiet,
+fortwährend eine griechische Stadt und eben als solche fest verbunden mit Rom.
+Mit der vollständigen Latinisierung Italiens ging die steigende Hellenisierung
+Hand in Hand. In den höheren Schichten der italischen Gesellschaft wurde die
+griechische Bildung zum integrierenden Bestandteil der eigenen. Der Konsul des
+Jahres 623 (131), der Oberpontifex Publius Crassus, erregte des Staunen selbst
+der geborenen Griechen, da er als Statthalter von Asia seine gerichtlichen
+Entscheidungen, wie der Fall es erforderte, bald in gewöhnlichem Griechisch
+abgab, bald in einem der vier zu Schriftsprachen gewordenen Dialekte. Und wenn
+die italische Literatur und Kunst längst unverwandt nach Osten blickten, so
+begann jetzt auch die hellenische das Antlitz nach Westen zu wenden. Nicht bloß
+die griechischen Städte in Italien blieben fortwährend zu regem geistigen
+Verkehr mit Griechenland, Kleinasien, Ägypten und gönnten den dort gefeierten
+griechischen Poeten und Schauspielern auch bei sich den gleichen Verdienst und
+die gleichen Ehren; auch in Rom kamen, nach dem von dem Zerstörer Korinths bei
+seinem Triumph 608 (146) gegebenen Beispiel, die gymnastischen und musischen
+Spiele der Griechen: Wettkämpfe im Ringen sowie im Musizieren, Spielen,
+Rezitieren und Deklamieren in Aufnahme ^1. Die griechischen Literaten schlugen
+schon ihre Fäden bis in die vornehme römische Gesellschaft, vor allem in den
+Scipionischen Kreis, dessen hervorragende griechische Mitglieder, der
+Geschichtschreiber Polybios, der Philosoph Panätios, bereits mehr der römischen
+als der griechischen Entwicklungsgeschichte angehören. Aber auch in anderen,
+minderhochstehenden Zirkeln begegnen ähnliche Beziehungen. Wir gedenken eines
+anderen Zeitgenossen Scipios, des Philosophen Kleitomachos, weil in seinem
+Leben zugleich die gewaltige Völkermischung dieser Zeit sinnlich vor das Auge
+tritt: ein geborener Karthager, sodann in Athen Zuhörer des Karneades und
+später dessen Nachfolger in seiner Professur, verkehrte er von Athen aus mit
+den gebildetsten Männern Italiens, dem Historiker Aulus Albinus und dem Dichter
+Lucilius, und widmete teils dem römischen Konsul, der die Belagerung Karthagos
+eröffnete, Lucius Censorinus, ein wissenschaftliches Werk, teils seinen als
+Sklaven nach Italien geführten Mitbürgern eine philosophische Trostschrift.
+Hatten namhafte griechische Literaten bisher wohl vorübergehend als Gesandte,
+Verbannte oder sonstwie ihren Aufenthalt in Rom genommen, so fingen sie jetzt
+schon an, dort sich niederzulassen; wie zum Beispiel der schon genannte
+Panätios in Scipios Hause lebte, und der Hexametermacher Archias von Antiocheia
+im Jahre 652 (102) sich in Rom niederließ und von der Improvisierkunst und von
+Heldengedichten auf römische Konsulare sich anständig ernährte. Sogar Gaius
+Marius, der schwerlich von seinem Carmen eine Zeile verstand und überhaupt zum
+Mäzen möglichst übel sich schickte, konnte nicht umhin, den Verskünstler zu
+patronisieren. Während also das geistige und literarische Leben wenn nicht die
+reineren, doch die vornehmeren Elemente der beiden Nationen miteinander in
+Verbindung brachte, flossen andererseits durch das massenhafte Eindringen der
+kleinasiatischen und syrischen Sklavenscharen und durch die kaufmännische
+Einwanderung aus dem griechischen und halbgriechischen Osten die rohesten und
+stark mit orientalischen und überhaupt barbarischen Bestandteilen versetzten
+Schichten des Hellenismus zusammen mit dem italischen Proletariat und gaben
+auch diesem eine hellenische Färbung. Die Bemerkung Ciceros, daß neue Sprache
+und neue Weise zuerst in den Seestädten aufkommt, dürfte zunächst auf das
+halbhellenische Wesen in Ostia, Puteoli und Brundisium sich beziehen, wo mit
+der fremden Ware auch die fremde Sitte zuerst Eingang und von da aus weiteren
+Vertrieb fand.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 Daß vor 608 (146) keine &ldquo;griechischen Spiele&rdquo; in Rom gegeben
+seien (Tac. ann. 14, 21), ist nicht genau; schon 568 (186) traten griechische
+&ldquo;Künstler&rdquo; (τεχνίται) und Athleten (Liv. 39, 22), 587 (167)
+griechische Flötenspieler, Tragöden und Faustkämpfer auf (Polyb. 30, 13).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Das unmittelbare Resultat dieser vollständigen Revolution in den
+Nationalitätsverhältnissen war allerdings nichts weniger als erfreulich.
+Italien wimmelte von Griechen, Syrern, Phönikern, Juden, Ägyptern, die
+Provinzen von Römern; die scharf ausgeprägten Volkstümlichkeiten rieben sich
+überall aneinander und verschliffen sich zusehends; es schien nichts
+übrigbleiben zu sollen als der allgemeine Charakter der Vernutzung. Was das
+lateinische Wesen an Ausdehnung gewann, verlor es an Frische; vor allem in Rom
+selbst, wo der Mittelstand am frühesten und vollständigsten verschwand und
+nichts übrig blieb als die großen Herren und die Bettler, beide in gleichem
+Maße Kosmopoliten. Cicero versichert, daß um 660 (190) die allgemeine Bildung
+in den launischen Städten höher gestanden habe als in Rom; dies bestätigt die
+Literatur dieser Zeit, deren erfreulichste, gesundeste und eigentümlichste
+Erzeugnisse, wie die nationale Komödie und die Lucilische Satire, mit größerem
+Recht latinisch heißen als römisch. Daß der italische Hellenismus der unteren
+Schichten in der Tat nichts war als ein zugleich mit allen Auswüchsen der
+Kultur und mit oberflächlich übertünchter Barbarei behafteter widerwärtiger
+Kosmopolitismus, versteht sich von selbst; aber auch für die bessere
+Gesellschaft blieb der feine Sinn des Scipionischen Kreises nicht auf die Dauer
+maßgebend. Je mehr die Masse der Gesellschaft anfing, sich für das griechische
+Wesen zu interessieren, desto entschiedener griff sie statt zu der klassischen
+Literatur vielmehr zu den modernsten und frivolsten Erzeugnissen des
+griechischen Geistes; statt im hellenischen Sinn das römische Wesen zu
+gestalten, begnügte man sich mit Entlehnung desjenigen Zeitvertreibs, der den
+eigenen Geist möglichst wenig in Tätigkeit setzte. In diesem Sinn äußerte der
+arpinatische Gutsbesitzer Marcus Cicero, der Vater des Redners, daß der Römer,
+wie der syrische Sklave, immer um so weniger tauge, je mehr er griechisch
+verstehe.
+</p>
+
+<p>
+Diese nationale Dekomposition ist unerquicklich wie die ganze Zeit, aber auch
+wie diese bedeutsam und folgenreich. Der Völkerkreis, den wir die alte Welt zu
+nennen gewohnt sind, schreitet fort von der äußerlichen Einigung unter der
+Machtgewalt Roms zu der inneren unter der Herrschaft der modernen, wesentlich
+auf hellenischen Elementen ruhenden Bildung. Über den Trümmern der
+Völkerschaften zweiten Ranges vollzieht sich zwischen den beiden herrschenden
+Nationen stillschweigend der große geschichtliche Kompromiß; die griechische
+und die lateinische Nationalität schließen miteinander Frieden. Auf dem Gebiete
+der Bildung verzichten die Griechen, auf dem politischen die Römer auf ihre
+exklusive Sprachherrschaft; im Unterricht wird dem Latein eine freilich
+beschränkte und unvollständige Gleichstellung mit dem Griechischen eingeräumt;
+andererseits gestattet zuerst Sulla den fremden Gesandten, vor dem römischen
+Senat ohne Dolmetscher griechisch zu reden. Die Zeit kündigt sich an, wo das
+römische Gemeinwesen in einen zwiesprachigen Staat übergehen und der rechte
+Erbe des Thrones und der Gedanken Alexanders des Großen im Westen aufstehen
+wird, zugleich ein Römer und ein Grieche.
+</p>
+
+<p>
+Was schon der Überblick der nationalen Verhältnisse also zeigt, die
+Unterdrückung der sekundären und die gegenseitige Durchdringung der beiden
+primären Nationalitäten, das ist im Gebiete der Religion, der Volkserziehung,
+der Literatur und der Kunst noch im einzelnen genauer darzulegen.
+</p>
+
+<p>
+Die römische Religion war mit dem römischen Gemeinwesen und dem römischen
+Haushalt so innig verwachsen, so gar nichts anderes als die fromme
+Widerspiegelung der römischen Bürgerwelt, daß die politische und soziale
+Revolution notwendigerweise auch das Religionsgebäude über den Haufen warf. Der
+alte italische Volksglaube stürzt zusammen; über seinen Trümmern erheben sich,
+wie über den Trümmern des politischen Gemeinwesens Oligarchie und Tyrannis, so
+auf der einen Seite der Unglaube, die Staatsreligion, der Hellenismus, auf der
+anderen der Aberglaube, das Sektenwesen, die Religion der Orientalen.
+Allerdings gehen die Anfänge von beiden, wie ja auch die Anfänge der
+politisch-sozialen Revolution, bereits in die vorige Epoche zurück. Schon
+damals rüttelte die hellenische Bildung der höheren Kreise im stillen an dem
+Glauben der Väter; schon Ennius bürgerte die Allegorisierung und Historisierung
+der hellenischen Religion in Italien ein; schon der Senat, der Hannibal
+bezwang, mußte die Übersiedlung des kleinasiatischen Kybelekults nach Rom
+gutheißen und gegen anderen noch schlimmeren Aberglauben, namentlich das
+bakchische Muckertum, aufs ernstlichste einschreiten. Indes wie überhaupt in
+der vorhergehenden Periode die Revolution mehr in den Gemütern sich
+vorbereitete als äußerlich sich vollzog, so ist auch die religiöse Umwälzung im
+wesentlichen dort erst das Werk der gracchischen und sullanischen Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Versuchen wir zunächst die an den Hellenismus sich anlehnende Richtung zu
+verfolgen. Die hellenische Nation, weit früher als die italische erblüht und
+abgeblüht, hatte längst die Epoche des Glaubens durchmessen und seitdem sich
+ausschließlich bewegt auf dem Gebiet der Spekulation und Reflexion; seit langem
+gab es dort keine Religion mehr, sondern nur noch Philosophie. Aber auch die
+philosophische Tätigkeit des hellenischen Geistes hatte, als sie auf Rom zu
+wirken begann, die Epoche der produktiven Spekulation bereits weit hinter sich
+und war in dem Stadium angekommen, wo nicht bloß keine wahrhaft neuen Systeme
+mehr entstehen, sondern wo auch die Fassungskraft für die vollkommensten der
+älteren zu schwinden beginnt und man auf die schulmäßige und bald scholastische
+Überlieferung der unvollkommneren Philosopheme der Vorfahren sich beschränkt;
+in dem Stadium also, wo die Philosophie, statt den Geist zu vertiefen und zu
+befreien, vielmehr ihn verflacht und ihn in die schlimmsten aller Fesseln, die
+selbstgeschmiedeten, schlägt. Der Zaubertrank der Spekulation, immer
+gefährlich, ist, verdünnt und abgestanden, sicheres Gift. So schal und
+verwässert reichten die gleichzeitigen Griechen ihn den Römern, und diese
+verstanden weder ihn zurückzuweisen noch von den lebenden Schulmeistern auf die
+toten Meister zurückzugehen. Platon und Aristoteles, um von den vorsokratischen
+Weisen zu schweigen, sind ohne wesentlichen Einfluß auf die römische Bildung
+geblieben, wenngleich die erlauchten Namen gern genannt, ihre faßlicheren
+Schriften auch wohl gelesen und übersetzt wurden. So wurden denn die Römer in
+der Philosophie nichts als schlechter Lehrer schlechtere Schüler. Außer der
+historisch-rationalistischen Auffassung der Religion, welche die Mythen
+auflöste in Lebensbeschreibungen verschiedener in grauer Vorzeit lebender
+Wohltäter des Menschengeschlechtes, aus denen der Aberglaube Götter gemacht
+habe, oder dem sogenannten Euhemerismus, sind hauptsächlich drei
+Philosophenschulen für Italien von Bedeutung geworden: die beiden dogmatischen
+des Epikuros († 484 270) und des Zenon († 491 263) und die skeptische des
+Arkesilas († 513 241) und Karneades (541-625 231-129) oder mit den Schulnamen
+der Epikureismus, die Stoa und die Neuere Akademie. Die letzte dieser
+Richtungen, welche von der Unmöglichkeit des überzeugten Wissens ausging und an
+dessen Stelle nur ein für das praktische Bedürfnis ausreichendes vorläufiges
+Meinen als möglich zugab, bewegte sich hauptsächlich polemisch, indem sie jeden
+Satz des positiven Glaubens wie des philosophischen Dogmatismus in den
+Schlingen ihrer Dilemmen fing. Sie steht insofern ungefähr auf einer Linie mit
+der älteren Sophistik, nur daß begreiflicherweise die Sophisten mehr gegen den
+Volksglauben, Karneades und die Seinen mehr gegen ihre philosophischen Kollegen
+ankämpften. Dagegen trafen Epikuros und Zenon überein sowohl in dem Ziel einer
+rationellen Erklärung des Wesens der Dinge als auch in der physiologischen, von
+dem Begriff der Materie ausgehenden Methode. Auseinander gingen sie, insofern
+Epikuros, der Atomenlehre Demokrits folgend, das Urwesen als starre Materie
+faßt und diese nur durch mechanische Verschiedenheiten in die Mannigfaltigkeit
+der Dinge überführt, Zenon dagegen, sich anlehnend an den Ephesier Herakleitos,
+schon in den Urstoff eine dynamische Gegensätzlichkeit und eine auf- und
+niederwogende Bewegung hineinlegt; woraus denn die weiteren Unterschiede sich
+ableiten: daß im epikureischen System die Götter gleichsam nicht vorhanden und
+höchstens der Traum der Träume sind, die stoischen Götter die ewig rege Seele
+der Welt und als Geist, als Sonne, als Gott mächtig über den Körper, die Erde,
+die Natur; daß Epikuros nicht, wohl aber Zenon eine Weltregierung und eine
+persönliche Unsterblichkeit der Seele anerkennt; daß das Ziel des menschlichen
+Strebens nach Epikuros ist das unbedingte, weder von körperlichem Begehren noch
+von geistigem Streiten aufgeregte Gleichgewicht, dagegen nach Zenon die durch
+das stetige Gegeneinanderstreben des Geistes und Körpers immer gesteigerte und
+zu dem Einklang mit der ewig streitenden und ewig friedlichen Natur
+aufstrebende menschliche Tätigkeit. In einem Punkte aber stimmten der Religion
+gegenüber alle diese Schulen zusammen: daß der Glaube als solcher nichts sei
+und notwendig ersetzt werden müsse durch die Reflexion, mochte diese übrigens
+mit Bewußtsein darauf verzichten, zu einem Resultat zu gelangen, wie die
+Akademie, oder die Vorstellungen des Volksglaubens verwerfen, wie die Schule
+Epikurs, oder dieselben teils motiviert festhalten, teils modifizieren, wie die
+Stoiker taten.
+</p>
+
+<p>
+Es war danach nur folgerichtig, daß die erste Berührung der hellenischen
+Philosophie mit der römischen, ebenso glaubensfesten als antispekulativen
+Nation durchaus feindlicher Art war. Die römische Religion hatte vollkommen
+recht, von diesen philosophischen Systemen sowohl die Befehdung wie die
+Begründung sich zu verbitten, die beide ihr eigentliches Wesen aufhoben. Der
+römische Staat, der in der Religion instinktmäßig sich selber angegriffen
+fühlte, verhielt sich billig gegen die Philosophen wie die Festung gegen die
+Eclaireurs der anrückenden Belagerungsarmee und wies schon 593 (161) mit den
+Rhetoren auch die griechischen Philosophen aus Rom aus. In der Tat war auch
+gleich das erste größere Debüt der Philosophie in Rom eine förmliche
+Kriegserklärung gegen Glaube und Sitte. Es ward veranlaßt durch die Okkupation
+von Oropos durch die Athener, mit deren Rechtfertigung vor dem Senat diese drei
+der angesehensten Professoren der Philosophie, darunter den Meister der
+modernen Sophistik, Karneades, beauftragten (599 155). Die Wahl war insofern
+zweckmäßig, als der ganz schandbare Handel jeder Rechtfertigung im gewöhnlichen
+Verstand spottete; dagegen paßte es vollkommen für den Fall, wenn Karneades
+durch Rede und Gegenrede bewies, daß sich gerade ebenso viele und ebenso
+nachdrückliche Gründe zum Lobe der Ungerechtigkeit vorbringen ließen wie zum
+Lobe der Gerechtigkeit, und wenn er in bester logischer Form dartat, daß man
+mit gleichem Recht von den Athenern verlangen könne, Oropos herauszugeben und
+von den Römern, sich wieder zu beschränken auf ihre alten Strohhütten am
+Palatin. Die der griechischen Sprache mächtige Jugend ward durch den Skandal
+wie durch den raschen und emphatischen Vortrag des gefeierten Mannes
+scharenweise herbeigezogen; aber diesmal wenigstens konnte man Cato nicht
+unrecht geben, wenn er nicht bloß die dialektischen Gedankenreihen der
+Philosophen unhöflich genug mit den langweiligen Psalmodien der Klageweiber
+verglich, sondern auch im Senat darauf drang, einen Menschen auszuweisen, der
+die Kunst verstand, Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht zu machen, und dessen
+Verteidigung in der Tat nichts war als ein schamloses und fast höhnisches
+Eingeständnis des Unrechts. Indes dergleichen Ausweisungen reichten nicht weit,
+um so weniger, da es doch der römischen Jugend nicht verwehrt werden konnte, in
+Rhodos oder Athen philosophische Vorträge zu hören. Man gewöhnte sich, die
+Philosophie zuerst wenigstens als notwendiges Übel zu dulden, bald auch für die
+in ihrer Naivität nicht mehr haltbare römische Religion in der fremden
+Weisheitslehre eine Stütze zu suchen, die als Glauben zwar sie ruinierte, aber
+dafür doch dem gebildeten Mann gestattete, die Namen und Formen des
+Volksglaubens anständigerweise einigermaßen festzuhalten. Indes diese Stütze
+konnte weder der Euhemerismus sein noch das System des Karneades oder des
+Epikuros. Die Mythenhistorisierung trat dem Volksglauben allzu schroff
+entgegen, indem sie die Götter geradezu für Menschen erklärte; Karneades zog
+gar ihre Existenz in Zweifel, und Epikuros sprach ihnen wenigstens jeden
+Einfluß auf die Geschicke der Menschen ab. Zwischen diesen Systemen und der
+römischen Religion war ein Bündnis unmöglich; sie waren und blieben verfemt.
+Noch in Ciceros Schriften wird es für Bürgerpflicht erklärt, dem Euhemerismus
+Widerstand zu leisten, der dem Gottesdienst zu nahe trete; und von den in
+seinen Gesprächen auftretenden Akademikern und Epikureern muß jener sich
+entschuldigen, daß er als Philosoph zwar ein Jünger des Karneades, aber als
+Bürger und Pontifex ein rechtgläubiger Bekenner des Kapitolinischen Jupiter
+sei, der Epikureer sogar schließlich sich gefangen geben und sich bekehren.
+Keines dieser drei Systeme ward eigentlich populär. Die platte Begreiflichkeit
+des Euhemerismus hat wohl eine gewisse Anziehungskraft auf die Römer geübt,
+namentlich auf die konventionelle Geschichte Roms nur zu tief eingewirkt mit
+ihrer zugleich kindischen und altersschwachen Historisierung der Fabel; auf die
+römische Religion aber blieb er deshalb ohne wesentlichen Einfluß, weil diese
+von Haus aus nur allegorisierte, nicht fabulierte und es dort nicht wie in
+Hellas möglich war, Biographien Zeus des ersten, zweiten und dritten zu
+schreiben. Die moderne Sophistik konnte nur gedeihen, wo, wie in Athen, die
+geistreiche Maulfertigkeit zu Hause war und überdies die langen Reihen
+gekommener und gegangener philosophischer Systeme hohe Schuttlagen geistiger
+Brandstätten aufgeschichtet hatten. Gegen den Epikurischen Quietismus endlich
+lehnte alles sich auf, was in dem römischen, so durchaus auf Tätigkeit
+gerichteten Wesen tüchtig und brav war. Dennoch fand er mehr sein Publikum als
+der Euhemerismus und die Sophistik, und es ist wahrscheinlich dies die Ursache,
+weshalb die Polizei fortgefahren hat, ihm am längsten und ernstlichsten den
+Krieg zu machen. Indes dieser römische Epikureismus war nicht so sehr ein
+philosophisches System als eine Art philosophischen Dominos, unter dem - sehr
+gegen die Absicht seines streng sittlichen Urhebers - der gedankenlose
+Sinnesgenuß für die gute Gesellschaft sich maskierte; wie denn einer der
+frühesten Bekenner dieser Sekte, Titus Albucius, in Lucilius&rsquo; Gedichten
+figuriert als der Prototyp des übel hellenisierenden Römers.
+</p>
+
+<p>
+Gar anders stand und wirkte in Italien die stoische Philosophie. Im geraden
+Gegensatz gegen jene Richtungen schloß sie an die Landesreligion so eng sich
+an, wie das Wissen sich dem Glauben zu akkommodieren überhaupt nur vermag. An
+dem Volksglauben mit seinen Göttern und Orakeln hielt der Stoiker insofern
+grundsätzlich fest, als er darin eine instinktive Erkenntnis sah, auf welche
+die wissenschaftliche Rücksicht zu nehmen, ja in zweifelhaften Fällen sich ihr
+unterzuordnen verpflichtet sei. Er glaubte mehr anders als das Volk als
+eigentlich anderes: der wesentlich wahre und höchste Gott zwar war ihm die
+Weltseele, aber auch jede Manifestation des Urgottes war wiederum Gott, die
+Gestirne vor allem, aber auch die Erde, der Weinstock, die Seele des hohen
+Sterblichen, den das Volk als Heros ehrte, ja überhaupt jeder abgeschiedene
+Geist eines gewordenen Menschen. Diese Philosophie paßte in der Tat besser nach
+Rom als in die eigene Heimat. Der Tadel des frommen Gläubigen, daß der Gott des
+Stoikers weder Geschlecht noch Alter noch Körperlichkeit habe und aus einer
+Person in einen Begriff verwandelt sei, hatte in Griechenland einen Sinn, nicht
+aber in Rom. Die grobe Allegorisierung und sittliche Purifizierung, wie sie der
+stoischen Götterlehre eigen war, verdarb den besten Kern der hellenischen
+Mythologie; aber die auch in ihrer naiven Zeit dürftige plastische Kraft der
+Römer hatte nicht mehr erzeugt als eine leichte, ohne sonderlichen Schaden
+abzustreifende Umhüllung der ursprünglichen Anschauung oder des ursprünglichen
+Begriffes, woraus die Gottheit hervorgegangen war. Pallas Athene mochte zürnen,
+wenn sie sich plötzlich in den Begriff des Gedächtnisses verwandelt fand;
+Minerva war auch bisher eben nicht viel mehr gewesen. Die supranaturalische
+stoische und die allegorische römische Theologie fielen in ihrem Ergebnis im
+ganzen zusammen. Selbst aber wenn der Philosoph einzelne Sätze der
+Priesterlehre als zweifelhaft oder als falsch bezeichnen mußte, wie denn zum
+Beispiel die Stoiker, die Vergötterungslehre verwerfend, in Hercules, Kastor,
+Pollux nichts als die Geister ausgezeichneter Menschen sahen, und ebenso das
+Götterbild nicht als Repräsentanten der Gottheit gelten lassen konnten, so war
+es wenigstens nicht die Art der Anhänger Zenons, gegen diese Irrlehren
+anzukämpfen und die falschen Götter zu stürzen; vielmehr bewiesen sie überall
+der Landesreligion Rücksicht und Ehrfurcht, auch in ihren Schwächen. Auch die
+Richtung der Stoa auf eine kasuistische Moral und auf die rationelle Behandlung
+der Fachwissenschaften war ganz im Sinne der Römer, zumal der Römer dieser
+Zeit, welche nicht mehr wie die Väter in unbefangener Weise Zucht und gute
+Sitte übten, sondern deren naive Sittlichkeit auflösten in einen Katechismus
+erlaubter und unerlaubter Handlungen; deren Grammatik und Jurisprudenz überdies
+dringend eine methodische Behandlung erheischten, ohne jedoch die Fähigkeit zu
+besitzen, diese aus sich selber zu entwickeln. So inkorporierte diese
+Philosophie als ein zwar dem Ausland entlehntes, aber auf italischem Boden
+akklimatisiertes Gewächs sich durchaus dem römischen Volkshaushalt, und wir
+begegnen ihren Spuren auf den verschiedenartigsten Gebieten. Ihre Anfänge
+reichen ohne Zweifel weiter zurück; aber zur vollen Geltung in den höheren
+Schichten der römischen Gesellschaft gelangte die Stoa zuerst durch den Kreis,
+der sich um Scipio Aemilianus gruppierte. Panätios von Rhodos, der Lehrmeister
+Scipios und aller ihm nahestehender Männer in der stoischen Philosophie und
+beständig in seinem Gefolge, sogar auf Reisen sein gewöhnlicher Begleiter,
+verstand es, das System geistreichen Männern nahe zu bringen, dessen
+spekulative Seite zurücktreten zu lassen und die Dürre der Terminologie, die
+Flachheit des Moralkatechismus einigermaßen zu mildern, namentlich auch durch
+Herbeiziehung der älteren Philosophen, unter denen Scipio selbst den
+Xenophonteischen Sokrates vorzugsweise liebte. Seitdem bekannten zur Stoa sich
+die namhaftesten Staatsmänner und Gelehrten, unter anderen die Begründer der
+wissenschaftlichen Philologie und der wissenschaftlichen Jurisprudenz, Stilo
+und Quintus Scaevola. Der schulmäßige Schematismus, der in diesen
+Fachwissenschaften seitdem wenigstens äußerlich herrscht und namentlich
+anknüpft an eine wunderliche, scharadenhaft geistlose Etymologisiermethode,
+stammt aus der Stoa. Aber unendlich wichtiger ist die aus der Verschmelzung der
+stoischen Philosophie und der römischen Religion hervorgehende neue
+Staatsphilosophie und Staatsreligion. Das spekulative Element, von Haus aus in
+dem Zenonischen System wenig energisch ausgeprägt und schon weiter
+abgeschwächt, als dasselbe in Rom Eingang fand, nachdem bereits ein Jahrhundert
+hindurch die griechischen Schulmeister sich beflissen hatten, diese Philosophie
+in die Knabenköpfe hinein und damit den Geist aus ihr hinauszutreiben, trat
+völlig zurück in Rom, wo niemand spekulierte als der Wechsler; es war wenig
+mehr die Rede von der idealen Entwicklung des in der Seele des Menschen
+waltenden Gottes oder göttlichen Weltgesetzes. Die stoischen Philosophen
+zeigten sich nicht unempfänglich für die recht einträgliche Auszeichnung, ihr
+System zur halboffiziellen römischen Staatsphilosophie erhoben zu sehen, und
+erwiesen sich überhaupt geschmeidiger, als man es nach ihren rigorosen
+Prinzipien hätte erwarten sollen. Ihre Lehre von den Göttern und vom Staat
+zeigte bald eine seltsame Familienähnlichkeit mit den realen Institutionen
+ihrer Brotherren; statt über den kosmopolitischen Philosophenstaat stellten sie
+Betrachtungen an über die weise Ordnung des römischen Beamtenwesens; und wenn
+die feineren Stoiker, wie Panätios, die göttliche Offenbarung durch Wunder und
+Zeichen als denkbar, aber ungewiß dahingestellt, die Sterndeuterei nun gar
+entschieden verworfen hatten, so verfochten schon seine nächsten Nachfolger
+jene Offenbarungslehre, das heißt die römische Auguraldisziplin, so steif und
+fest wie jeden anderen Schulsatz und machten sogar der Astrologie höchst
+unphilosophische Zugeständnisse. Das Hauptstück des Systems ward immer mehr die
+kasuistische Pflichtenlehre. Sie kam dem hohlen Tugendstolz entgegen, bei
+welchem die Römer dieser Zeit in der vielfach demütigenden Berührung mit den
+Griechen Entschädigung suchten, und formulierte den angemessenen Dogmatismus
+der Sittlichkeit, der, wie jede wohlerzogene Moral, mit herzerstarrender
+Rigorosität im ganzen die höflichste Nachsicht im einzelnen verbindet 2. Ihre
+praktischen Resultate werden kaum viel höher anzuschlagen sein als daß, wie
+gesagt, in zwei oder drei vornehmen Häusern der Stoa zuliebe schlecht gegessen
+ward.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+2 Ein ergötzliches Exempel kann man bei Cicero (off. 3, 12. 13) nachlesen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Dieser neuen Staatsphilosophie eng verwandt oder eigentlich ihre andere Seite
+ist die neue Staatsreligion, deren wesentliches Kennzeichen das bewußte
+Festhalten der als irrationell erkannten Sätze des Volksglaubens aus äußeren
+Zweckmäßigkeitsgründen ist. Schon einer der hervorragendsten Männer des
+Scipionischen Kreises, der Grieche Polybios, spricht es unverhohlen aus, daß
+das wunderliche und schwerfällige römische Religionszeremoniell einzig der
+Menge wegen erfunden sei, die, da die Vernunft nichts über sie vermöge, mit
+Zeichen und Wundern beherrscht werden müsse, während verständige Leute
+allerdings der Religion nicht bedürften. Ohne Zweifel teilten Polybios&rsquo;
+römische Freunde im wesentlichen diese Gesinnung, wenn sie auch nicht in so
+kruder und so platter Weise Wissenschaft und Religion sich entgegensetzten.
+Weder Laelius noch Scipio Aemilianus können in der Auguraldisziplin, an die
+auch Polybios zunächst denkt, etwas anderes gesehen haben als eine politische
+Institution; doch war der Nationalsinn in ihnen zu mächtig und das
+Anstandsgefühl zu fein, als daß sie mit solchen bedenklichen Erörterungen
+öffentlich hätten auftreten mögen. Aber schon in der folgenden Generation trug
+der Oberpontifex Quintus Scaevola (Konsul 659 95; 3, 221; 336) wenigstens in
+seiner mündlichen Rechtsunterweisung unbedenklich die Sätze vor, daß es eine
+zweifache Religion gebe, eine verstandesmäßige philosophische und eine
+nichtverstandesmäßige traditionelle, daß jene sich nicht eigne zur
+Staatsreligion, da sie mancherlei enthalte, was dem Volk zu wissen unnütz oder
+sogar schädlich sei, daß demnach die überlieferte Staatsreligion bleiben müsse,
+wie sie sei. Nur eine weitere Entwicklung desselben Grundgedankens ist die
+Varronische Theologie, in der die römische Religion durchaus behandelt wird als
+ein Staatsinstitut. Der Staat, wird hier gelehrt, sei älter als die Götter des
+Staats, wie der Maler älter als das Gemälde; wenn es sich darum handelte, die
+Götter neu zu machen, würde man allerdings wohltun, sie zweckdienlicher und den
+Teilen der Weltseele prinzipmäßig entsprechender zu machen und zu benennen,
+auch die nur irrige Vorstellungen erweckenden Götterbilder 3 und das verkehrte
+Opferwesen zu beseitigen; allein da diese Einrichtungen einmal beständen, so
+müsse jeder gute Bürger sie kennen und befolgen und dazu tun, daß der
+&ldquo;gemeine Mann&rdquo; die Götter vielmehr höher achten als geringschätzen
+lerne. Daß der gemeine Mann, zu dessen Besten die Herren ihren Verstand
+gefangen gaben, diesen Glauben jetzt verschmähte und sein Heil anderswo suchte,
+versteht sich von selbst und wird weiterhin sich zeigen. So war denn die
+römische Hochkirche fertig, eine scheinheilige Priester- und Levitenschaft und
+eine glaubenslose Gemeinde. Je unverhohlener man die Landesreligion für eine
+politische Institution erklärte, desto entschiedener betrachteten die
+politischen Parteien das Gebiet der Staatskirche als Tummelplatz für Angriff
+und Verteidigung; was namentlich in immer steigendem Maße der Fall war mit der
+Auguralwissenschaft und mit den Wahlen zu den Priesterkollegien. Die alte und
+natürliche Übung, die Bürgerversammlung zu entlassen, wenn ein Gewitter
+heraufzog, hatte unter den Händen der römischen Augurn sich zu einem
+weitläufigen System verschiedener Himmelszeichen und daran sich knüpfender
+Verhaltungsregeln entwickelt; in den ersten Dezennien dieser Epoche ward sogar
+durch das Älische und das Fufische Gesetz geradezu verordnet, daß jede
+Volksversammlung auseinanderzugehen genötigt sei, wenn es einem höheren Beamten
+einfalle, nach Gewitterzeichen am Himmel zu schauen; und die römische
+Oligarchie war stolz auf den schlauen Gedanken, fortan durch eine einzige
+fromme Lüge jedem Volksbeschluß den Stempel der Nichtigkeit aufdrücken zu
+können. Umgekehrt lehnte die römische Opposition sich auf gegen die alte Übung,
+daß die vier höchsten Priesterkollegien bei entstehenden Vakanzen sich selber
+ergänzten, und forderte die Erstreckung der Volkswahl auch auf die Stellen
+selbst, wie sie für die Vorstandschaften dieser Kollegien schon früher
+eingeführt war. Es widersprach dies allerdings dem Geiste dieser
+Körperschaften, aber dieselben hatten kein Recht, darüber sich zu beklagen,
+nachdem sie ihrem Geiste selbst untreu geworden waren und zum Beispiel der
+Regierung mit religiösen Kassationsgründen politischer Akte auf Verlangen an
+die Hand gingen. Diese Angelegenheit ward ein Zankapfel der Parteien. Den
+ersten Sturm im Jahre 609 (145) schlug der Senat ab, wobei namentlich der
+Scipionische Kreis für die Verwerfung des Antrags den Ausschlag gab. Aber im
+Jahre 650 (104) ging sodann der Vorschlag durch mit der früher schon bei der
+Wahl der Vorstände gemachten Beschränkungen zum Besten bedenklicher Gewissen,
+daß nicht die ganze Bürgerschaft, sondern nur der kleinere Teil der Bezirke zu
+wählen habe. Dagegen stellte Sulla das Kooptationsrecht in vollem Umfang wieder
+her. Mit dieser Fürsorge der Konservativen für die reine Landesreligion vertrug
+es natürlich sich aufs beste, daß eben in den vornehmsten Kreisen mit derselben
+offen Spott getrieben ward. Die praktische Seite des römischen Priestertums war
+die priesterliche Küche; die Augural- und Pontifikalschmäuse waren gleichsam
+die offiziellen Silberblicke eines römischen Feinschmeckerlebens und manche
+derselben machten Epoche in der Geschichte der Gastronomie, wie zum Beispiel
+die Antrittsmahlzeit des Augurs Quintus Hortensius die Pfauenbraten aufgebracht
+hat. Sehr brauchbar ward auch die Religion befunden, um den Skandal pikanter zu
+machen. Es war ein Lieblingsvergnügen vornehmer junger Herren, zur Nachtzeit
+auf den Straßen die Götterbilder zu schänden oder zu verstümmeln. Gewöhnliche
+Liebeshändel waren längst gemein und Verhältnisse mit Ehefrauen fingen an es zu
+werden; aber ein Verhältnis zu einer Vestalin war so pikant wie in der Welt des
+Decamerone die Nonnenliebschaft und das Klosterabenteuer. Bekannt ist der arge
+Handel des Jahres 640 (114), in welchem drei Vestalinnen, Töchter der
+vornehmsten Familien, und deren Liebhaber, junge Männer gleichfalls aus den
+besten Häusern, zuerst vor dem Pontifikalkollegium und, da dies die Sache zu
+vertuschen suchte, vor einem durch eigenen Volksschluß eingesetzten
+außerordentlichen Gericht wegen Unzucht zur Verantwortung gezogen und sämtlich
+zum Tode verurteilt wurden. Solchen Skandal nun konnten freilich gesetzte Leute
+nicht billigen; aber dagegen war nichts einzuwenden, daß man die positive
+Religion im vertrauten Kreise albern fand: die Augurn konnten, wenn einer den
+andern fungieren sah, sich einander ins Gesicht lachen, unbeschadet ihrer
+religiösen Pflichten. Man gewinnt die bescheidene Heuchelei verwandter
+Richtungen ordentlich lieb, wenn man die krasse Unverschämtheit der römischen
+Priester und Leviten damit vergleicht. Ganz unbefangen ward die offizielle
+Religion behandelt als ein hohles, nur für die politischen Maschinisten noch
+brauchbares Gerüste; in dieser Eigenschaft konnte es mit seinen zahllosen
+Winkeln und Falltüren, wie es fiel, jeder Partei dienen und hat einer jeden
+gedient. Zumeist sah allerdings die Oligarchie ihr Palladium in der
+Staatsreligion, vornehmlich in der Auguraldisziplin; aber auch die Gegenpartei
+machte keine prinzipielle Opposition gegen ein Institut, das nur noch ein
+Scheinleben hatte, sondern betrachtete dasselbe im ganzen als eine Schanze, die
+aus dem Besitz des Feindes in den eigenen übergehen könne.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+3 Auch in Varros Satire &lsquo;Die Aboriginer&rsquo; wurde in spöttischer Weise
+dargestellt, wie die Urmenschen sich nicht hätten genügen lassen mit dem Gott,
+den nur der Gedanke erkennt, sondern sich gesehnt hätten nach Götterpuppen und
+Götterbilderchen.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Im scharfen Gegensatz gegen dies eben geschilderte Religionsgespenst stehen die
+verschiedenen fremden Kulte, welche diese Epoche hegte und pflegte und denen
+wenigstens eine sehr entschiedene Lebenskraft nicht abgesprochen werden kann.
+Sie begegnen überall, bei den vornehmen Damen und Herren wie in den
+Sklavenkreisen, bei dem General wie bei dem Lanzknecht, in Italien wie in den
+Provinzen. Es ist unglaublich, wie hoch hinauf dieser Aberglaube bereits
+reicht. Als im Kimbrischen Krieg eine syrische Prophetin Martha sich erbot, die
+Wege und Mittel zur Überwindung der Deutschen dem Senat an die Hand zu geben,
+wies dieser zwar sie mit Verachtung zurück; aber die römischen Damen und
+namentlich Marius&rsquo; eigene Gemahlin expedierten sie dennoch nach dem
+Hauptquartier, wo der Gemahl sie bereitwillig aufnahm und mit sich herumführte,
+bis die Teutonen geschlagen waren. Die Führer der verschiedensten Parteien im
+Bürgerkrieg, Marias, Octavius, Sulla, trafen zusammen in dem Glauben an Zeichen
+und Orakel. Selbst der Senat maßte während desselben in den Wirren des Jahres
+667 (87) sich dazu verstehen, den Faseleien einer verrückten Prophetin gemäß
+Anordnungen zu treffen. Für das Erstarren der römisch-hellenischen Religion,
+wie für das im Steigen begriffene Bedürfnis der Menge nach stärkeren religiösen
+Stimulantien ist es bezeichnend, daß der Aberglaube nicht mehr, wie in den
+Bakchenmysterien, anknüpft an die nationale Religion; selbst die etruskische
+Mystik ist bereits überflügelt; durchaus in erster Linie erscheinen die in den
+heißen Landschaften des Orients gezeitigten Kulte. Sehr viel hat dazu
+beigetragen das massenhafte Eindringen kleinasiatischer und syrischer Elemente
+in die Bevölkerung, teils durch die Sklaveneinfuhr, teils durch den
+gesteigerten Verkehr Italiens mit dem Osten. Die Macht dieser fremdländischen
+Religion tritt sehr scharf hervor in den Aufständen der sizilischen,
+größtenteils aus Syrien herstammenden Sklaven. Eunus spie Feuer, Athenion las
+in den Sternen; die von den Sklaven in diesen Kriegen geschleuderten Bleikugeln
+tragen großenteils Götternamen, neben Zeus und Artetuis besonders den der
+geheimnisvollen von Kreta nach Sizilien gewanderten und daselbst eifrig
+verehrten Mütter. Ähnlich wirkte der Handelsverkehr, namentlich seitdem die
+Waren von Berytos und Alexandreia direkt nach den italischen Häfen gingen:
+Ostia und Puteoli wurden die großen Stapelplätze wie für die syrischen Salben
+und die ägyptische Leinwand so auch für den Glauben des Ostens. Überall ist mit
+der Völker- auch die Religionsmengung beständig im Steigen. Von allen erlaubten
+Kulten war der populärste der der pessinuntischen Göttermutter, der mit seinem
+Eunuchenzölibat, mit den Schmäusen, der Musik, den Bettelprozessionen und dem
+ganzen sinnlichen Gepränge der Menge imponierte; die Hauskollekten wurden
+bereits als eine ökonomische Last empfunden. In der gefährlichsten Zeit des
+Kimbrischen Krieges erschien der Hohepriester Battakes von Pessinus in eigener
+Person in Rom, um die Interessen des dortigen, angeblich entweihten Tempels
+seiner Göttin zu vertreten, redete im besonderen Auftrag der Göttermutter zum
+römischen Volk und tat auch verschiedene Wunder. Die verständigen Leute
+ärgerten sich, aber die Weiber und die große Menge ließen es sich nicht nehmen,
+dem Propheten beim Abzug in hellen Haufen das Geleit zu geben. Gelübde, nach
+dem Osten zu wallfahrten, waren bereits nichts Seltenes mehr, wie denn selbst
+Marius also seine Pilgerfahrt nach Pessinus unternahm; ja es gaben schon
+(zuerst 653 101) römische Bürger sich zu dem Eunuchenpriestertum her. Aber weit
+populärer noch waren natürlich die unerlaubten und Geheimkulte. Schon zu Catos
+Zeit hatte der chaldäische Horoskopensteller angefangen, dem etruskischen
+Eingeweide-, dem marsischen Vogelschauer Konkurrenz zu machen; bald war die
+Sternguckerei und Sterndeuterei in Italien ebenso zu Hause wie in ihrem
+traumseligen Heimatland. Schon 615 (139) wies der römische Fremdenprätor die
+sämtlichen &ldquo;Chaldäer&rdquo; an, binnen zehn Tagen Rom und Italien zu
+räumen. Dasselbe Schicksal traf gleichzeitig die Juden, welche zu ihrem Sabbat
+italische Proselyten zugelassen hatten. Ebenso hatte Scipio das Lager von
+Numantia von Wahrsagern und frommen Industrierittern jeder Art zu reinigen.
+Einige Jahrzehnte später (657 97) sah man sogar sich genötigt, die
+Menschenopfer zu verbieten. Der wilde Kult der kappadokischen Ma oder, wie die
+Römer sie nannten, der Bellona, welcher bei den festlichen Aufzügen die
+Priester das eigene Blut zum Opfer verspritzten, und die düstere ägyptische
+Götterverehrung beginnen sich zu melden; schon Sulla erschien jene
+Kappadokierin im Traume, und von den späteren römischen Isis- und
+Osirisgemeinden führten die ältesten ihre Entstehung bis in die sullanische
+Zeit zurück. Man war irre geworden, nicht bloß an dem alten Glauben, sondern
+auch an sich selbst; die entsetzlichsten Krisen einer fünfzigjährigen
+Revolution, das instinktmäßige Gefühl, daß der Bürgerkrieg noch keineswegs am
+Ende sei, steigerten die angstvolle Spannung, die trübe Beklommenheit der
+Menge. Unruhig erklomm der irrende Gedanke jede Höhe und versenkte sich in
+jeden Abgrund, wo er neue Aus- und Einsichten in die drohenden Verhängnisse,
+neue Hoffnungen in dem verzweifelten Kampfe gegen das Geschick oder vielleicht
+auch nur neue Angst zu finden wähnte. Der ungeheuerliche Mystizismus fand in
+der allgemeinen politischen, ökonomischen, sittlichen, religiösen Zerfahrenheit
+den ihm genehmen Boden und gedieh mit erschreckender Schnelle: es war, als
+wären Riesenbäume über Nacht aus der Erde gewachsen, niemand wußte woher und
+wozu, und ebendieses wunderbar rasche Emporkommen wirkte neue Wunder und
+ergriff epidemisch alle nicht ganz befestigten Gemüter.
+</p>
+
+<p>
+In ähnlicher Weise wie auf dem religiösen Gebiet vollendete sich die in der
+vorigen Epoche begonnene Revolution auf dem der Erziehung und Bildung. Wie der
+Grundgedanke des römischen Wesens, die bürgerliche Gleichheit, bereits im Laufe
+des sechsten Jahrhunderts auch auf diesem Gebiet ins Schwanken gekommen war,
+ist früher dargestellt worden. Schon zu Pictors und Catos Zeit war die
+griechische Bildung in Rom weit verbreitet und gab es eine eigene römische
+Bildung; allein man war doch mit beiden nicht über die Anfänge hinausgelangt.
+Was man unter römisch-griechischer Musterbildung in dieser Zeit ungefähr
+verstand, zeigt Catos &lsquo;Encyklopädie&rsquo;; es ist wenig mehr als die
+Formulierung des alten römischen Hausvatertums und wahrlich, mit der damaligen
+hellenischen Bildung verglichen, dürftig genug. Auf wie niedriger Stufe noch im
+Anfang des siebenten Jahrhunderts der Jugendunterricht in Rom durchgängig
+stand, läßt aus den Äußerungen bei Polybios sich abnehmen, welcher in dieser
+einen Hinsicht gegenüber der verständigen privaten und öffentlichen Fürsorge
+seiner Landsleute die sträfliche Gleichgültigkeit der Römer tadelnd hervorhebt
+- in den dieser Gleichgültigkeit zu Grunde liegenden tieferen Gedanken der
+bürgerlichen Gleichheit hat kein Hellene, auch Polybios nicht sich zu finden
+vermocht.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt ward dies anders. Wie zu dem naiven Volksglauben der aufgeklärte stoische
+Supranaturalismus hinzutrat, so formulierte auch in der Erziehung neben dem
+einfachen Volksunterricht sich eine besondere Bildung, eine exklusive Humanitas
+und vertilgte die letzten Überreste der alten geselligen Gleichheit. Es wird
+nicht überflüssig sein, auf die Gestaltung des neuen Jugendunterrichts, sowohl
+des griechischen wie des höheren lateinischen, einen Blick zu werfen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist eine wundersame Fügung, daß derselbe Mann, der politisch die hellenische
+Nation definitiv überwand, Lucius Aemilius Paullus, zugleich zuerst oder als
+einer der ersten die hellenische Zivilisation vollständig anerkannte als das,
+was sie seitdem unwidersprochen geblieben ist, die Zivilisation der antiken
+Welt. Er selber zwar war ein Greis, bevor es ihm gestattet wurde, die
+Homerischen Lieder im Sinn, hinzutreten vor den Zeus des Pheidias; aber sein
+Herz war jung genug, um den vollen Sonnenglanz hellenischer Schönheit und die
+unbezwingliche Sehnsucht nach den goldenen Äpfeln der Hesperiden in seiner
+Seele heimzubringen; Dichter und Künstler hatten an dem fremden Mann einen
+ernsteren und innigeren Gläubigen gefunden, als irgendeiner war von den klugen
+Leuten des damaligen Griechenland. Er machte kein Epigramm auf Homeros oder
+Pheidias, aber er ließ seine Kinder einführen in die Reiche des Geistes. Ohne
+die nationale Erziehung zu vernachlässigen, soweit es eine solche gab, sorgte
+er wie die Griechen für die physische Entwicklung seiner Knaben, zwar nicht
+durch die nach römischen Begriffen unzulässigen Turnübungen, aber durch
+Unterweisung in der bei den Griechen fast kunstmäßig entwickelten Jagd, und
+steigerte den griechischen Unterricht in der Art, daß nicht mehr bloß die
+Sprache um des Sprechens willen gelernt und geübt, sondern nach griechischer
+Art der Gesamtstoff allgemeiner höherer Bildung an die Sprache geknüpft und aus
+ihr entwickelt ward - also vor allem die Kenntnis der griechischen Literatur
+mit der zu deren Verständnis nötigen mythologischen und historischen Kunde,
+sodann Rhetorik und Philosophie. Die Bibliothek des Königs Perseus war das
+einzige Stück, das Paullus aus der makedonischen Kriegsbeute für sich nahm, um
+sie seinen Söhnen zu schenken. Sogar griechische Maler und Bildner befanden
+sich in seinem Gefolge und vollendeten die musische Bildung seiner Kinder. Daß
+die Zeit vorüber war, wo man auf diesem Gebiet sich dem Hellenismus gegenüber
+bloß ablehnend verhalten konnte, hatte schon Cato empfunden; die Besseren
+mochten jetzt ahnen, daß der edle Kern römischer Art durch den ganzen
+Hellenismus weniger gefährdet werde als durch dessen Verstümmelung und
+Mißbildung: die Masse der höheren Gesellschaft Roms und Italiens machte die
+neue Weise mit. An griechischen Schulmeistern war seit langem in Rom kein
+Mangel; jetzt strömten sie scharenweise, und nicht bloß als Sprach-, sondern
+als Lehrer der Literatur und Bildung überhaupt, nach dem neu eröffneten
+ergiebigen Absatzmarkt ihrer Weisheit. Griechische Hofmeister und Lehrer der
+Philosophie, die freilich, auch wenn sie nicht Sklaven waren, regelmäßig wie
+Bediente 4 gehalten wurden, wurden jetzt stehend in den Palästen Roms; man
+raffinierte darauf, und es findet sich, daß für einen griechischen
+Literatursklaven ersten Ranges 200000 Sesterzen (15200 Taler) gezahlt worden
+sind. Schon 593 (161) bestanden in der Hauptstadt eine Anzahl besonderer
+Lehranstalten für griechische Deklamationsübung. Schon begegnen einzelne
+ausgezeichnete Namen unter diesen römischen Lehrern: des Philosophen Panätios
+ward bereits gedacht; der angesehene Grammatiker Krates von Mallos in Kilikien,
+Aristarchs Zeitgenosse und ebenbürtiger Rival, fand um 585 (169) in Rom ein
+Publikum für die Vorlesung und sprachliche und sachliche Erläuterung der
+Homerischen Gedichte. Zwar stieß diese neue Weise des Jugendunterrichts,
+revolutionär und antinational wie sie war, zum Teil auf den Widerstand der
+Regierung; allein der Ausweisungsbefehl, den die Behörden 593 (161) gegen
+Rhetoren und Philosophen schleuderten, blieb, zumal bei dem steten Wechsel der
+römischen Oberbeamten, wie alle ähnlichen Befehle ohne nennenswerten Erfolg,
+und nach des alten Cato Tode ward in seinem Sinne wohl noch öfters geklagt,
+aber nicht mehr gehandelt. Der höhere Unterricht im Griechischen und in den
+griechischen Bildungswissenschaften blieb fortan anerkannt als ein wesentlicher
+Teil der italischen Bildung.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+4 Cicero sagt, daß er seinen gelehrten Sklaven Dionysios rücksichtsvoller
+behandelt habe als Scipio den Panätios; und in gleichem Sinne hieß es bei
+Lucilius:
+</p>
+
+<p>
+Nützlicher ist mir mein Gaul, mein Reitknecht, Mantel und Zeltdach
+</p>
+
+<p>
+Als der Philosoph.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Aber ihm zur Seite entwickelte sich ein höherer lateinischer Unterricht. Es ist
+in der vorigen Epoche dargestellt worden, wie der lateinische
+Elementarunterricht sich innerlich gesteigert hatte; wie an die Stelle der
+Zwölf Tafeln gleichsam als verbesserte Fibel die lateinische Odyssee getreten
+war und nun der römische Knabe an dieser Übersetzung, wie der griechische an
+dem Original, die Kunde und den Vortrag der Muttersprache ausbildete; wie
+namhafte griechische Sprach- und Literaturlehrer, Andronicus, Ennius und andere
+mehr, die doch wahrscheinlich schon nicht eigentlich Kinder, sondern
+heranreifende Knaben und Jünglinge lehrten, es nicht verschmähten, neben der
+griechischen auch in der Muttersprache zu unterrichten. Es waren das die
+Anfänge eines höheren lateinischen Unterrichts, aber doch noch ein solcher
+nicht. Der Sprachunterricht kann den elementaren Kreis nicht überschreiten,
+solange es an einer Literatur mangelt. Erst als es nicht bloß lateinische
+Schulbücher, sondern eine lateinische Literatur gab und diese in den Werken der
+Klassiker des sechsten Jahrhunderts in einer gewissen Abgeschlossenheit vorlag,
+traten die Muttersprache und die einheimische Literatur wahrhaft ein in den
+Kreis der höheren Bildungselemente; und die Emanzipation von den griechischen
+Sprachmeistern ließ nun auch nicht lange auf sich warten. Angeregt durch die
+Homerischen Vorlesungen des Krates begannen gebildete Römer die rezitativen
+Werke auch ihrer Literatur, Naevius&rsquo; &lsquo;Punischen Krieg&rsquo;,
+Ennius&rsquo; &lsquo;Chronik&rsquo;, späterhin auch Lucilius&rsquo; Gedichte
+zuerst einem erlesenen Kreis, dann öffentlich an fest bestimmten Tagen und
+unter großem Zulauf vorzutragen, auch wohl nach dem Vorgang der homerischen
+Grammatiker sie kritisch zu bearbeiten. Diese literarischen Vorträge, die
+gebildete Dilettanten (litterati) unentgeltlich hielten, waren zwar kein
+förmlicher Jugendunterricht, aber doch ein wesentliches Mittel, die Jugend in
+das Verständnis und den Vortrag der klassischen lateinischen Literatur
+einzuführen.
+</p>
+
+<p>
+Ähnlich ging es mit der Bildung der lateinischen Rede. Die vornehme römische
+Jugend, die schon in frühem Alter mit Lob- und gerichtlichen Reden öffentlich
+aufzutreten angehalten ward, wird es an Redeübungen nie haben fehlen lassen;
+indes erst in dieser Epoche und infolge der neuen exklusiven Bildung entstand
+eine eigentliche Redekunst. Als der erste römische Sachwalter, der Sprache und
+Stoff kunstmäßig behandelte, wird Marcus Lepidus Porcina (Konsul 617 137)
+genannt; die beiden berühmten Advokaten der marianischen Zeit, der männliche
+und lebhafte Marcus Antonius (611-667143-87) und der feine, gehaltene Redner
+Lucius Crassus (614-663 140-91), waren schon vollständig Kunstredner. Die
+Übungen der Jugend im Sprechen stiegen natürlich an Umfang und Bedeutung, aber
+blieben doch, eben wie die lateinischen Literaturübungen, wesentlich darauf
+beschränkt, daß der Anfänger an den Meister der Kunst persönlich sich anschloß
+und durch sein Beispiel und seine Lehre sich ausbildete.
+</p>
+
+<p>
+Förmliche Unterweisung sowohl in lateinischer Literatur als in lateinischer
+Redekunst gab zuerst um 650 (100) Lucius Aelius Praeconinus von Lanuvium, der
+&ldquo;Griffelmann&rdquo; (Stilo) genannt, ein angesehener, streng konservativ
+gesinnter römischer Ritter, der mit einem auserlesenen Kreise jüngerer Männer -
+darunter Varro und Cicero - den Plautus und ähnliches las, auch wohl Entwürfe
+zu Reden mit den Verfassern durchging oder dergleichen seinen Freunden an die
+Hand gab. Dies war ein Unterricht; aber ein gewerbmäßiger Schulmeister war
+Stilo nicht, sondern er lehrte Literatur und Redekunst, wie in Rom die
+Rechtswissenschaft gelehrt ward, als ein älterer Freund der aufstrebenden
+jungen Leute, nicht als ein gedungener, jedem zu Gebote stehender Mann. Aber um
+seine Zeit begann auch der schulmäßige höhere Unterricht im Lateinischen,
+getrennt sowohl von dem elementaren lateinischen als von dem griechischen
+Unterricht, und von bezahlten Lehrmeistern, in der Regel freigelassenen
+Sklaven, in besonderen Anstalten erteilt. Daß Geist und Methode durchaus den
+griechischen Literatur- und Sprachübungen abgeborgt wurden, versteht sich von
+selbst; und auch die Schüler bestanden wie bei diesen aus Jünglingen, nicht aus
+Knaben. Bald schied sich dieser lateinische Unterricht, wie der griechische, in
+einen zwiefachen Kursus, indem erstlich die lateinische Literatur
+wissenschaftlich vorgetragen, sodann zu Lob-, Staats- und Gerichtsreden
+kunstmäßige Anleitung gegeben ward. Die erste römische Literaturschule
+eröffnete um Stilos Zeit Marcus Saevius Nicanor Postumus, die erste besondere
+Schule für lateinische Rhetorik um 660 (90) Lucius Plotius Gallus; doch ward in
+der Regel auch in den lateinischen Literaturschulen Anleitung zur Redekunst
+gegeben. Dieser neue lateinische Schulunterricht war von der tiefgreifendsten
+Bedeutung. Die Anleitung zur Kunde lateinischer Literatur und lateinischer
+Rede, wie sie früher von hochgestellten Kennern und Meistern erteilt worden
+war, hatte den Griechen gegenüber eine gewisse Selbständigkeit sich bewahrt.
+Die Kenner der Sprache und die Meister der Rede standen wohl unter dem Einfluß
+des Hellenismus, aber nicht unbedingt unter dem der griechischen Schulgrammatik
+und Schulrhetorik; namentlich die letztere wurde entschieden perhorresziert.
+Der Stolz wie der gesunde Menschenverstand der Römer empörte sich gegen die
+griechische Behauptung, daß die Fähigkeit, über Dinge, die der Redner verstand
+und empfand, verständig und anregend in der Muttersprache zu seinesgleichen zu
+reden, in der Schule nach Schulregeln gelernt werden könne. Dem tüchtigen
+praktischen Advokaten mußte das gänzlich dem Leben entfremdete Treiben der
+griechischen Rhetoren für den Anfänger schlimmer als gar keine Vorbereitung
+erscheinen; dem durchgebildeten und durch das Leben gereiften Manne dünkte die
+griechische Rhetorik schal und widerlich; dem ernstlich konservativ gesinnten
+entging die Wahlverwandtschaft nicht zwischen der gewerbmäßig entwickelten
+Redekunst und dem demagogischen Handwerk. So hatte denn namentlich der
+Scipionische Kreis den Rhetoren die bitterste Feindschaft geschworen, und wenn
+die griechischen Deklamationen bei bezahlten Meistern, zunächst wohl als
+Übungen im Griechischsprechen, geduldet wurden, so war doch die griechische
+Rhetorik damit weder in die lateinische Rede noch in den lateinischen
+Redeunterricht eingedrungen. In den neuen lateinischen Rhetorschulen aber
+wurden die römischen Jungen zu Männern und Staatsrednern dadurch gebildet, daß
+sie paarweise den bei der Leiche des Aias mit dem blutigen Schwerte desselben
+gefundenen Odysseus der Ermordung seines Waffengefährten anklagten und dagegen
+ihn verteidigten; daß sie den Orestes wegen Muttermordes belangten oder in
+Schutz nahmen; daß sie vielleicht auch dem Hannibal nachträglich mit einem
+guten Rat darüber aushalfen, ob er besser tue, der Vorladung nach Rom Folge zu
+leisten oder in Karthago zu bleiben oder die Flucht zu ergreifen. Es ist
+begreiflich, daß gegen diese widerwärtigen und verderblichen Wortmühlen noch
+einmal die catonische Opposition sich regte. Die Zensoren des Jahres 662 (92)
+erließen eine Warnung an Lehrer und Eltern, die jungen Menschen nicht den
+ganzen Tag mit Übungen hinbringen zu lassen, von denen die Vorfahren nichts
+gewußt hätten; und der Mann, von dem diese Warnung kam, war kein geringerer als
+der erste Gerichtsredner seiner Zeit, Lucius Licinius Crassus. Natürlich sprach
+die Kassandra vergebens; lateinische Deklamierübungen über die gangbaren
+griechischen Schulthemen wurden ein bleibender Bestandteil des römischen
+Jugendunterrichts und taten das Ihrige, um schon die Knaben zu advokatischen
+und politischen Schauspielern zu erziehen und jede ernste und wahre
+Beredsamkeit im Keime zu ersticken.
+</p>
+
+<p>
+Als Gesamtergebnis aber dieser modernen römischen Erziehung entwickelte sich
+der neue Begriff der sogenannten &ldquo;Menschlichkeit&rdquo;, der Humanität,
+welche bestand teils in der mehr oder minder oberflächlich angeeigneten
+musischen Bildung der Hellenen, teils in einer dieser nachgebildeten oder
+nachgestümperten privilegierten lateinischen. Diese neue Humanität sagte, wie
+schon der Name andeutet, sich los von dem spezifisch römischen Wesen, ja trat
+dagegen in Opposition und vereinigte in sich, ebenwie unsere eng verwandte
+&ldquo;allgemeine Bildung&rdquo;, einen national kosmopolitischen und sozial
+exklusiven Charakter. Auch hier war die Revolution, die die Stände schied und
+die Völker verschmolz.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<h2><a name="chap13"></a>KAPITEL XIII.<br/>
+Literatur und Kunst</h2>
+
+<p>
+Das sechste Jahrhundert ist, politisch wie literarisch, eine frische und große
+Zeit. Zwar begegnet auf dem schriftstellerischen Gebiet so wenig wie auf dem
+politischen ein Mann ersten Ranges; Naevius, Ennius, Plautus, Cato, begabte und
+lebendige Schriftsteller von scharf ausgeprägter Individualität, sind nicht im
+höchsten Sinn schöpferische Talente; aber nichtsdestoweniger fühlt man dem
+Schwung, der Rührigkeit, der Keckheit ihrer dramatischen, epischen,
+historischen Versuche es an, daß sie ruhen auf den Riesenkämpfen der Punischen
+Kriege. Es ist vieles nur künstlich verpflanzt, in Zeichnung und Farbe vielfach
+gefehlt, Kunstform und Sprache unrein behandelt, Griechisches und Nationales
+barock ineinandergefügt; die ganze Leistung verleugnet den Stempel des
+schulmäßigen Urspungs nicht und ist unselbständig und unvollkommen; aber
+dennoch lebt in den Dichtern und Schriftstellern dieser Zeit, wo nicht die
+volle Kraft, das hohe Ziel zu erreichen, doch der Mut und die Hoffnung, mit den
+Griechen zu wetteifern. Anders ist es in dieser Epoche. Die Morgennebel sanken;
+was man im frischen Gefühl der im Kriege gestählten Volkskraft begonnen hatte,
+mit jugendlichem Mangel an Einsicht in die Schwierigkeit des Beginnens und in
+das Maß des eigenen Talents, aber auch mit jugendlicher Lust und Liebe zum
+Werke, das vermochte man nicht weiterzuführen, als teils die dumpfe Schwüle der
+heraufziehenden revolutionären Gewitter die Luft zu erfüllen begann, teils den
+Einsichtigeren allmählich die Augen aufgingen über die unvergleichliche
+Herrlichkeit der griechischen Poesie und Kunst und über die sehr bescheidene
+künstlerische Begabung der eigenen Nation. Die Literatur des sechsten
+Jahrhunderts war hervorgegangen aus der Einwirkung der griechischen Kunst auf
+halb gebildete, aber angeregte und empfängliche Gemüter. Die gesteigerte
+hellenische Bildung des siebenten rief eine literarische Reaktion hervor,
+welche die in jenen naiven Nachdichtungsversuchen doch auch enthaltenen
+Blütenkeime mit dem Winterfrost der Reflexion verdarb und Kraut und Unkraut der
+älteren Richtung miteinander ausreutete. Diese Reaktion ging zunächst und
+hauptsächlich hervor aus dem Kreise, der um Scipio Aemilianus sich schloß und
+dessen hervorragendste Glieder unter der römischen vornehmen Welt außer Scipio
+dessen älterer Freund und Berater Gaius Laelius (Konsul 614 140) und Scipios
+jüngere Genossen, Lucius Furius Philus (Konsul 618 136) und Spurius Mummius,
+der Bruder des Zerstörers von Korinth, unter den römischen und griechischen
+Literaten der Komiker Terentius, der Satirenschreiber Lucilius, der
+Geschichtschreiber Polybios, der Philosoph Panätios waren. Wem die Ilias, wem
+Xenophon und Menandros geläufig waren, dem konnte der römische Homer nicht
+imponieren und noch weniger die schlechten Übersetzungen Euripideischer
+Tragödien, wie Ennius sie geliefert hatte und Pacuvius sie zu liefern fortfuhr.
+Mochten der Kritik gegen die vaterländische Chronik patriotische Rücksichten
+Schranken stecken, so richtete doch Lucilius sehr spitzige Pfeile gegen
+&ldquo;die traurigen Figuren aus den geschraubten Expositionen des
+Pacuvius&rdquo;; und ähnliche strenge, aber nicht ungerechte Kritiken des
+Ennius, Plautus, Pacuvius, all dieser Dichter, &ldquo;die einen Freibrief zu
+haben scheinen, schwülstig zu reden und unlogisch zu schließen&rdquo;, begegnen
+bei dem feinen Verfasser der am Schlusse dieser Periode geschriebenen, dem
+Herennius gewidmeten Rhetorik. Man zuckte die Achseln über die Interpolationen,
+mit denen der derbe römische Volkswitz die eleganten Komödien des Philemon und
+des Diphilos staffiert hatte. Halb lächelnd, halb neidisch wandte man sich ab
+von den unzulänglichen Versuchen einer dumpfen Zeit, die diesem Kreise
+erscheinen mochten etwa wie dem gereiften Manne die Gedichtblätter aus seiner
+Jugend; auf die Verpflanzung des Wunderbaumes verzichtend, ließ man in Poesie
+und Prosa die höheren Kunstgattungen wesentlich fallen und beschränkte sich
+hier darauf, der Meisterwerke des Auslandes sich einsichtig zu erfreuen. Die
+Produktivität dieser Epoche bewegt sich vorwiegend auf den untergeordneten
+Gebieten, der leichteren Komödie, der poetischen Miszelle, der politischen
+Broschüre, den Fachwissenschaften. Das literarische Stichwort wird die
+Korrektheit, im Kunststil und vor allem in der Sprache, welche, wie ein engerer
+Kreis von Gebildeten aus dem gesamten Volke sich aussondert, sich ihrerseits
+ebenfalls zersetzt in das klassische Latein der höheren Gesellschaft und das
+vulgäre des gemeinen Mannes. &ldquo;Reine Sprache&rdquo; verheißen die
+Terenzischen Prologe; Sprachfehlerpolemik ist ein Hauptelement der Lucilischen
+Satire; und ebendamit hängt es zusammen, daß die griechische Schriftstellerei
+der Römer jetzt entschieden zurücktritt. Insofern ist ein Fortschritt zum
+Besseren allerdings vorhanden; es begegnen in dieser Epoche weit seltener
+unzulängliche, weit häufiger in ihrer Art vollendete und durchaus erfreuliche
+Leistungen als vorher oder nachher; in sprachlicher Hinsicht nennt schon Cicero
+die Zeit des Laelius und des Scipio die goldene des reinen unverfälschten
+Latein. Desgleichen steigt die literarische Tätigkeit in der öffentlichen
+Meinung allmählich vom Handwerk zur Kunst empor. Noch im Anfang dieser Periode
+galt, wenn auch nicht die Veröffentlichung rezitativer Poesien, doch jedenfalls
+die Anfertigung von Theaterstücken als nicht schicklich für den vornehmen
+Römer: Pacuvius und Terentius lebten von ihren Stücken; das Dramenschreiben war
+lediglich ein Handwerk und keines mit goldenem Boden. Um die Zeit Sullas hatten
+die Verhältnisse sich völlig verwandelt. Schon die Schauspielerhonorare dieser
+Zeit beweisen, daß auch der beliebte dramatische Dichter damals auf eine
+Bezahlung Anspruch machen durfte, deren Höhe den Makel entfernte. Damit wurde
+die Bühnendichtung zur freien Kunst erhoben; und so finden wir denn auch Männer
+aus den höchsten adligen Kreisen, zum Beispiel Lucius Caesar (Ädil 664 90, †
+667 87) für die römische Bühne tätig und stolz darauf, in der römischen
+&ldquo;Dichtergilde&rdquo; neben dem ahnenlosen Accius zu sitzen. Die Kunst
+gewinnt an Teilnahme und an Ehre; aber der Schwung ist hin im Leben wie in der
+Literatur. Die nachtwandlerische Sicherheit, die den Dichter zum Dichter macht,
+und die vor allem bei Plautus sehr entschieden hervortritt, kehrt bei keinem
+der späteren wieder - die Epigonen der Hannibalskämpfer sind korrekt, aber
+matt.
+</p>
+
+<p>
+Betrachten wir zuerst die römische Bühnenliteratur und die Bühne selbst. Im
+Trauerspiel treten jetzt zuerst Spezialitäten auf; die Tragödiendichter dieser
+Epoche kultivierten nicht, wie die der vorigen, nebenbei das Lustspiel und das
+Epos. Die Wertschätzung dieses Kunstzweiges in den schreibenden und lesenden
+Kreisen war offenbar im Steigen, schwerlich aber die tragische Dichtung selbst.
+Der nationalen Tragödie (praetexta), der Schöpfung des Naevius, begegnen wir
+nur noch bei dem gleich zu erwähnenden Pacuvius, einem Spätling der
+Ennianischen Epoche. Unter den wahrscheinlich zahlreichen Nachdichtern
+griechischer Tragödie erwerben nur zwei sich einen bedeutenden Namen. Marcus
+Pacuvius aus Brundisium (535 - ca. 625 219 bis 129), der in seinen früheren
+Jahren im Rom vom Malen, erst im höheren Alter vom Trauerspieldichten lebte,
+gehört seinen Jahren wie seiner Art nach mehr dem sechsten als dem siebenten
+Jahrhundert an, obwohl seine poetische Tätigkeit in dieses fällt. Er dichtete
+im ganzen in der Weise seines Landsmanns, Oheims und Meisters Ennius. Sorgsamer
+feilend und nach höherem Schwunge strebend als sein Vorgänger, galt er
+günstigen Kunstkritikern später als Muster der Kunstpoesie und des reichen
+Stils; in den auf uns gekommenen Bruchstücken fehlt es indes nicht an Belegen,
+die Ciceros sprachlichen und Lucilius&rsquo; ästhetischen Tadel des Dichters
+rechtfertigen; seine Sprache erscheint holpriger als die seines Vorgängers,
+seine Dichtweise schwülstig und tüftelnd ^1. Es finden sich Spuren, daß er wie
+Ennius mehr auf Philosophie als auf Religion gab; aber er bevorzugte doch nicht
+wie dieser die der neologischen Richtung zusagenden sinnliche Leidenschaft oder
+moderne Aufklärung predigenden Dramen und schöpfte ohne Unterschied bei
+Sophokles und bei Euripides - von jener entschiedenen und beinahe genialen
+Tendenzpoesie des Ennius kann in dem jüngeren Dichter keine Ader gewesen sein.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^1 So hieß es im &lsquo;Paulus&rsquo;, einem Originalstück, wahrscheinlich in
+der Beschreibung des Passes von Pythion (2, 296):
+</p>
+
+<p>
+Qua vix caprigeno géneri gradilis gréssio est.
+</p>
+
+<p>
+Wo kaum
+</p>
+
+<p>
+Dem bockgeschlechtigen Geschlecht gangbar der Gang.
+</p>
+
+<p>
+Und in einem andern Stück wird den Zuhörern angesonnen, folgende Beschreibung
+zu verstehen:
+</p>
+
+<p>
+Vierfüßig, langsamwandelnd, ackerheimisch, rauh,
+</p>
+
+<p>
+Niedrig, kurzköpfig, schlangenhalsig, starr zu schaun,
+</p>
+
+<p>
+Und, ausgeweidet, leblos mit lebendigem Ton.
+</p>
+
+<p>
+Worauf dieselben natürlich erwidern:
+</p>
+
+<p>
+Mit dichtverzäuntem Worte schilderst du uns ab,
+</p>
+
+<p>
+Was ratend schwerlich auch der kluge Mann durchschaut;
+</p>
+
+<p>
+Wenn du nicht offen redest, wir verstehn dich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Es erfolgt nun das Geständnis, daß die Schildkröte gemeint ist. übrigens
+fehlten solche Rätselreden auch bei den attischen Trauerspieldichtern nicht,
+die deshalb von der Mittleren Komödie oft und derb mitgenommen wurden.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Lesbarere und gewandtere Nachbildungen der griechischen Tragödie lieferte des
+Pacuvius jüngerer Zeitgenosse Lucius Accius, eines Freigelassenen Sohn von
+Pisaurum (584 - nach 651 170-108), außer Pacuvius der einzige namhafte
+tragische Dichter des siebenten Jahrhunderts. Ohne Zweifel war er, ein auch
+literarhistorisch und grammatisch tätiger Schriftsteller, bemüht, statt der
+kruden Weise seiner Vorgänger größere Reinheit in Sprache und Stil in die
+lateinische Tragödie einzuführen; doch ward auch seine Ungleichheit und
+Inkorrektheit von den Männern der strengen Observanz, wie Lucilius,
+nachdrücklich getadelt.
+</p>
+
+<p>
+Weit größere Tätigkeit und weit bedeutendere Erfolge begegnen auf dem Gebiete
+des Lustspiels. Gleich am Anfang dieser Periode erfolgte gegen die gangbare und
+volksmäßige Lustspieldichtung eine bemerkenswerte Reaktion. Ihr Vertreter
+Terentius (558-595 196-159) ist eine der geschichtlich interessantesten
+Erscheinungen in der römischen Literatur. Geboren im phönikischen Afrika, in
+früher Jugend als Sklave nach Rom gebracht und dort in die griechische Bildung
+der Zeit eingeführt, schien er von Haus aus dazu berufen, der neuattischen
+Komödie ihren kosmopolitischen Charakter zurückzugeben, den sie in der
+Zustutzung für das römische Publikum unter Naevius, Plautus und ihrer Genossen
+derben Händen einigermaßen eingebüßt hatte. Schon in der Wahl und der
+Verwendung der Musterstücke zeigt sich der Gegensatz zwischen ihm und
+demjenigen seiner Vorgänger, den wir jetzt allein mit ihm vergleichen können.
+Plautus wählt seine Stücke aus dem ganzen Kreise der neueren attischen Komödie
+und verschmäht die keckeren und populäreren Lustspieldichter, wie zum Beispiel
+den Philemon, durchaus nicht; Terenz hält sich fast ausschließlich an
+Menandros, den zierlichsten, feinsten und züchtigsten unter allen Poeten der
+neueren Komödie. Die Weise, mehrere griechische Stücke zu einem lateinischen
+zusammenzuarbeiten, wird von Terenz zwar beibehalten, da sie nach Lage der
+Sache für den römischen Bearbeiter nun einmal unvermeidlich war, aber mit
+unvergleichlich mehr Geschicklichkeit und Sorgsamkeit gehandhabt. Der
+Plautinische Dialog entfernte sich ohne Zweifel sehr häufig von seinen Mustern;
+Terenz rühmt sich des wörtlichen Anschlusses seiner Nachbildungen an die
+Originale, wobei freilich nicht an eine wörtliche Übersetzung in unserm Sinn
+gedacht werden darf. Die nicht selten rohe, aber immer drastische Auftragung
+römischer Lokaltöne auf den griechischen Grund, wie Plautus sie liebte, wird
+vollständig und absichtlich verbannt, nicht eine Anspielung erinnert an Rom,
+nicht ein Sprichwort, kaum eine Reminiszenz 2; selbst die lateinischen Titel
+werden durch griechische ersetzt. Derselbe Unterschied zeigt sich in der
+künstlerischen Behandlung. Vor allen Dingen erhalten die Schauspieler die ihnen
+gebührenden Masken zurück und wird für eine sorgfältigere Inszenierung Sorge
+getragen, so daß nicht mehr wie bei Plautus alles, was dahin und nicht dahin
+gehört, auf der Straße vorzugehen braucht. Plautus schürzt und löst den Knoten
+leichtsinnig und lose, aber seine Fabel ist drollig und oft frappant; Terenz,
+weit minder drastisch, trägt überall, nicht selten auf Kosten der Spannung, der
+Wahrscheinlichkeit Rechnung und polemisiert nachdrücklich gegen die allerdings
+zum Teil platten und abgeschmackten stehenden Notbehelfe seiner Vorgänger, zum
+Beispiel gegen die allegorischen Träume 3. Plautus malt seine Charaktere mit
+breiten Strichen, oft schablonenhaft, immer für die Wirkung aus der Ferne und
+im ganzen und groben; Terenz behandelt die psychologische Entwicklung mit einer
+sorgfältigen und oft vortrefflichen Miniaturmalerei, wie zum Beispiel in den
+&lsquo;Brüdern&rsquo; die beiden Alten, der bequeme städtische Lebemann und der
+vielgeplackte, durchaus nicht parfümierte Gutsherr, einen meisterhaften
+Kontrast bilden. In den Motiven wie in der Sprache steht Plautus in der Kneipe,
+Terenz im guten bürgerlichen Haushalt. Die rüpelhafte Plautinische Wirtschaft,
+die sehr ungenierten, aber allerliebsten Dirnchen mit den obligaten Wirten
+dazu, die säbelrasselnden Landsknechte, die ganz besonders launig gemalte
+Bedientenwelt, deren Himmel der Keller, deren Fatum die Peitsche ist, sind bei
+Terenz verschwunden oder doch zum Besseren gewandt. Bei Plautus befindet man
+sich, im ganzen genommen, unter angehendem oder ausgebildetem Gesindel, bei
+Terenz dagegen regelmäßig unter lauter edlen Menschen; wird ja einmal ein
+Mädchenwirt ausgeplündert oder ein junger Mensch ins Bordell geführt, so
+geschieht es in moralischer Absicht, etwa aus brüderlicher Liebe oder um den
+Knaben vom Besuch schlichter Häuser abzuschrecken. In den Plautinischen Stücken
+herrscht die Philisteropposition der Kneipe gegen das Haus: überall werden die
+Frauen heruntergemacht zur Ergötzung aller zeitweilig emanzipierten und einer
+liebenswürdigen Begrüßung daheim nicht völlig versicherten Eheleute. In den
+Terenzischen Komödien herrscht nicht eine sittlichere, aber wohl eine
+schicklichere Auffassung der Frauennatur und des ehelichen Lebens. Regelmäßig
+schließen sie mit einer tugendhaften Hochzeit oder womöglich mit zweien -
+ebenwie von Menandros gerühmt wird, daß er jede Verführung durch eine Hochzeit
+wiedergutgemacht habe. Die Lobreden auf das ehelose Leben, die bei Menandros so
+häufig sind, werden von seinem römischen Bearbeiter nur mit charakteristischer
+Schüchternheit wiederholt 4, dagegen der Verliebte in seiner Pein, der
+zärtliche Ehemann am Kindbett, die liebevolle Schwester auf dem Sterbelager im
+&lsquo;Verschnittenen&rsquo; und im &lsquo;Mädchen von Andros&rsquo; gar
+anmutig geschildert; ja in der &lsquo;Schwiegermutter&rsquo; erscheint sogar am
+Schluß als rettender Engel ein tugendhaftes Freudenmädchen, ebenfalls eine echt
+Menandrische Figur, die das römische Publikum freilich wie billig auspfiff. Bei
+Plautus sind die Väter durchaus nur dazu da, um von den Söhnen gefoppt und
+geprellt zu werden; bei Terenz wird im &lsquo;Selbstquäler&rsquo; der verlorene
+Sohn durch väterliche Weisheit gebessert und, wie er überhaupt voll trefflicher
+Pädagogik ist, geht in dem vorzüglichsten seiner Stücke, den
+&lsquo;Brüdern&rsquo;, die Pointe darauf hinaus, zwischen der allzu liberalen
+Onkel- und der allzu rigorosen Vatererziehung die rechte Mitte zu finden.
+Plautus schreibt für den großen Haufen und führt gottlose und spöttische Reden
+im Munde, soweit die Bühnenzensur es irgend gestattet; Terenz bezeichnet
+vielmehr als seinen Zweck, den Guten zu gefallen und, wie Menandros, niemand zu
+verletzen. Plautus liebt den raschen, oft lärmenden Dialog, und es gehört zu
+seinen Stücken das lebhafte Körperspiel der Schauspieler; Terenz beschränkte
+sich auf &ldquo;ruhiges Gespräch&rdquo;. Plautus&rsquo; Sprache fließt über von
+burlesken Wendungen und Wortwitzen, von Alliterationen, von komischen
+Neubildungen, aristophanischen Wörterverklitterungen, spaßhaft entlehnten
+griechischen Schlagwörtern. Dergleichen Capricci kennt Terenz nicht: sein
+Dialog bewegt sich im reinsten Ebenmaß, und die Pointen sind zierliche
+epigrammatische und sentenziöse Wendungen. Kein Lustspiel des Terenz ist dem
+Plautinischen gegenüber, weder in poetischer noch in sittlicher Hinsicht, ein
+Fortschritt zu nennen. Von Originalität kann bei beiden nicht, aber wo möglich
+noch weniger bei Terenz, die Rede sein; und das zweifelhafte Lob korrekterer
+Kopierung wird wenigstens aufgewogen dadurch, daß der jüngere Dichter wohl die
+Vergnüglichkeit, aber nicht Lustigkeit Menanders wiederzugeben verstand, so daß
+die dem Menander nachgedichteten Lustspiels des Plautus, wie der
+&lsquo;Stichus&rsquo;, die Kästchenkomödie, &lsquo;Die beiden Backchis&rsquo;,
+wahrscheinlich weit mehr von dem sprudelnden Zauber des Originals bewahren als
+die Komödien des &ldquo;halbierten Menander&rdquo;. Ebensowenig wie in dem
+Übergang vom Rohen zum Matten der Ästhetiker, kann der Sittenrichter in dem
+Übergang von der Plautinischen Zote und Indifferenz zu der Terenzischen
+Akkommodierungsmoral einen Fortschritt erkennen. Aber ein sprachlicher
+Fortschritt fand allerdings statt. Die elegante Sprache war der Stolz des
+Dichters, und ihrem unnachahmlichen Reiz vor allem verdankte er es, daß die
+feinsten Kunstrichter der Folgezeit, wie Cicero, Caesar, Quintilian, unter
+allen römischen Dichtern der republikanischen Zeit ihm den Preis zuerkannten.
+Insofern ist es auch wohl gerechtfertigt, in der römischen Literatur, deren
+wesentlicher Kern ja nicht die Entwicklung der lateinischen Poesie, sondern die
+der lateinischen Sprache ist, von den Terenzischen Lustspielen als der ersten
+künstlerisch reinen Nachbildung hellenischer Kunstwerke eine neue Ära zu
+datieren. Im entschiedensten literarischen Krieg brach die moderne Komödie sich
+Bahn. Die Plautinische Dichtweise hatte in dem römischen Bürgerstand Wurzel
+gefaßt; die Terenzischen Lustspiele stießen auf den lebhaftesten Widerstand bei
+dem Publikum, das ihre &ldquo;matte Sprache&rdquo;, ihren &ldquo;schwachen
+Stil&rdquo; unleidlich fand. Der, wie es scheint, ziemlich empfindliche Dichter
+antwortete in den eigentlich keineswegs hierzu bestimmten Prologen mit
+Antikritiken voll defensiver und offensiver Polemik und provozierte von der
+Menge, die aus seiner &lsquo;Schwiegermutter&rsquo; zweimal weggelaufen war, um
+einer Fechter- und Seiltänzerbande zuzusehen, auf die gebildeten Kreise der
+vornehmen Welt. Er erklärte, nur nach dem Beifall der &ldquo;Guten&rdquo; zu
+streben, wobei freilich die Andeutung nicht fehlt, daß es durchaus nicht
+anständig sei, Kunstwerke zu mißachten, die den Beifall der
+&ldquo;Wenigen&rdquo; erhalten hätten. Er ließ die Rede sich gefallen oder
+begünstigte sie sogar, daß vornehme Leute ihn bei seinem Dichten mit Rat und
+sogar mit der Tat unterstützten 5. In der Tat drang er durch; selbst in der
+Literatur herrschte die Oligarchie und verdrängte die kunstmäßige Komödie der
+Exklusiven das volkstümliche Lustspiel: wir finden, daß um 620 (134) die
+Plautinischen Stücke vom Repertoire verschwanden. Es ist dies um so
+bezeichnender, als nach dem frühen Tode des Terenz durchaus kein
+hervorstechendes Talent weiter auf diesem Gebiet tätig war; über die Komödien
+des Turpilius († 651 hochbejahrt 103) und andere ganz oder fast ganz
+verschollene Lückenbüßer urteilte schon am Ende dieser Periode ein Kenner, daß
+die neuen Komödien noch viel schlechter seien als die schlechten neuen
+Pfennige.
+</p>
+
+<p>
+Daß wahrscheinlich bereits im Laufe des sechsten Jahrhunderts zu der
+griechisch-römischen Komödie (palliata) die nationale (togata) hinzugetreten
+war als Abbild zwar nicht des spezifischen hauptstädtischen, aber doch des Tuns
+und Treibens im latinischen Land, ist früher gezeigt worden. Natürlich
+bemächtigte die Terenzische Schule rasch sich auch dieser Gattung; es war ganz
+in ihrem Sinn, die griechische Komödie einerseits in getreuer Übersetzung,
+andererseits in rein römischer Nachdichtung in Italien einzubürgern. Der
+Hauptvertreter dieser Richtung ist Lucius Afranius (blüht um 660 90). Die
+Bruchstücke, die uns von ihm vorliegen, geben keinen bestimmten Eindruck, aber
+sie widersprechen auch nicht dem, was die römischen Kunstkritiker über ihn
+bemerken. Seine zahlreichen Nationallustspiele waren der Anlage nach durchaus
+dem griechischen Intrigenstück nachgebildet, nur daß sie, wie bei der
+Nachdichtung natürlich ist, einfacher und kürzer ausfielen. Auch im einzelnen
+borgte er, was ihm gefiel, teils von Menandros, teils aus der älteren
+Nationalliteratur. Von den latinischen Lokaltönen aber, die bei dem Schöpfer
+dieser Kunstgattung, Titinius, so bestimmt hervortreten, begegnet bei Afranius
+nicht viel 6; seine Sujets halten sich sehr allgemein und mögen wohl
+durchgängig Nachbildungen bestimmter griechischer Komödien nur mit verändertem
+Kostüm sein. Ein feiner Eklektizismus und eine gewandte Kunstdichtung -
+literarische Anspielungen kommen nicht selten vor - sind ihm eigen wie dem
+Terenz; auch die sittliche Tendenz, die seine Stücke dem Schauspiel näherte,
+die polizeimäßige Haltung, die reine Sprache hat er mit diesem gemein. Als
+Geistesverwandten des Menandros und des Terenz charakterisieren ihn hinreichend
+das Urteil der Späteren, daß er die Toga trage wie Menandros sie als Italiker
+getragen haben würde, und seine eigene Äußerung, daß ihm Terenz über alle
+andern Dichter gehe.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+2 Vielleicht die einzige Ausnahme ist im &lsquo;Mädchen von Andros&rsquo; (4,
+5) die Antwort auf die Frage, wie es gehe:
+</p>
+
+<p>
+Nun,
+</p>
+
+<p>
+Wie wir können, heißt&rsquo;s ja, da, wie wir möchten, es nicht geht,
+</p>
+
+<p>
+mit Anspielung auf die freilich auch einem griechischen Sprichwort
+nachgebildete Zeile des Caecilius:
+</p>
+
+<p>
+Geht&rsquo;s nicht so, wie du magst, so lebe wie du kannst.
+</p>
+
+<p>
+Das Lustspiel ist das älteste der Terenzischen und ward auf Empfehlung des
+Caecilius von dem Theatervorstand zur Aufführung gebracht. Der leise Dank ist
+bezeichnend.
+</p>
+
+<p>
+3 Ein Seitenstück zu der von Hunden gehetzten, weinend einen jungen Menschen um
+Hilfe anrufenden Hindin, die Terenz (Phorm. prol. 4) verspottet, wird man in
+der wenig geistreichen Plautinischen Allegorie von der Ziege und dem Affen
+(Merc. 2, 1) erkennen dürfen. Schließlich gehen auch dergleichen Auswüchse auf
+die Euripideische Rhetorik zurück (z. B. Eur. Hek. 90).
+</p>
+
+<p>
+4 Micio in den &lsquo;Brüdern&rsquo; (I, 1) preist sein Lebenslos und
+namentlich auch, daß er nie eine Frau gehabt, &ldquo;was jene (die Griechen)
+für ein Glück halten&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+5 Im Prolog des &lsquo;Selbstquälers&rsquo; läßt er von seinen Rezensenten sich
+vorwerfen:
+</p>
+
+<p>
+Er habe verlegt sich plötzlich auf die Poesie,
+</p>
+
+<p>
+Der Freunde Geist vertrauend, nicht aus eignem Drang;
+</p>
+
+<p>
+und in dem späteren (594 160) zu den &lsquo;Brüdern&rsquo; heißt es:
+</p>
+
+<p>
+Denn wenn Mißgünstige sagen, daß vornehme Herrn
+</p>
+
+<p>
+Beim Werk ihm helfen und mitschreiben an jedem Stück,
+</p>
+
+<p>
+So rechnet dies, was herber Tadel jenen scheint,
+</p>
+
+<p>
+Der Dichter zum Ruhm sich: daß den Männern er gefällt,
+</p>
+
+<p>
+Die euch und allem Volke wohlgefällig sind,
+</p>
+
+<p>
+Die in Kriegsläuften seinerzeit mit Rat und Tat
+</p>
+
+<p>
+Hilfreich erprobt ihr all&rsquo; und ohne Übermut.
+</p>
+
+<p>
+Schon in der ciceronischen Zeit war es allgemeine Annahme, daß hier Laelius und
+Scipio Aemilianus gemeint seien; man bezeichnete die Szenen die von denselben
+herrühren sollten; man erzählte von den Fahrten des armen Dichters mit seinen
+vornehmen Gönnern auf ihre Güter bei Rom und fand es unverzeihlich, daß
+dieselben für die Verbesserung seiner ökonomischen Lage gar nichts getan
+hätten. Allein die sagenbildende Kraft ist bekanntlich nirgends mächtiger als
+in der Literaturgeschichte. Es leuchtet ein, und schon besonnene römische
+Kritiker haben es erkannt, daß diese Zeilen unmöglich auf den damals 25jährigen
+Scipio und auf seinen nicht viel älteren Freund Laelius gehen können.
+Verständiger wenigstens dachten andere an die vornehmen Poeten Quintus Labeo
+(Konsul 571 183) und Marcus Popillius (Konsul 581 173) und den gelehrten
+Kunstfreund und Mathematiker Lucius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166); doch ist
+auch dies offenbar nur Vermutung. Daß Terenz dem Scipionischen Hause nahe
+stand, ist übrigens nicht zu bezweifeln; es ist bezeichnend, daß die erste
+Aufführung der &lsquo;Brüder&rsquo; und die zweite der
+&lsquo;Schwiegermutter&rsquo; stattfand bei den Begräbnisfeierlichkeiten des
+Lucius Paullus, die dessen Söhne Scipio und Fabius ausrichteten.
+</p>
+
+<p>
+6 Dabei haben vermutlich auch äußerliche Umstände mitgewirkt. Nachdem infolge
+des Bundesgenossenkrieges alle italischen Gemeinden das römische Bürgerrecht
+erlangt hatten, war es nicht mehr erlaubt, die Szene eines Lustspiels in eine
+solche zu verlegen, und mußte der Dichter sich entweder allgemein halten oder
+untergegangene oder ausländische Orte auswählen. Gewiß hat auch dieser Umstand,
+der selbst bei der Aufführung der älteren Lustspiele in Betracht kam, auf das
+Nationallustspiel ungünstig eingewirkt.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Neu trat in dieser Epoche in das Gebiet der lateinischen Literatur die Posse
+ein. Sie selbst war uralt; lange bevor Rom stand, mögen Latiums lustige
+Gesellen bei festlichen Gelegenheiten in den ein für allemal feststehenden
+Charaktermasken improvisiert haben. Einen festen lokalen Hintergrund erhielten
+diese Späße an dem lateinischen Schildburg, wozu man die im Hannibalischen
+Kriege zerstörte und damit der Komik preisgegebene ehemals oskische Stadt
+Atella ausersah; seitdem ward für diese Aufführungen der Name der
+&ldquo;Oskischen Spiele&rdquo; oder &ldquo;Spiele von Atella&rdquo; üblich 7.
+Aber mit der Bühne 8 und mit der Literatur hatten diese Scherze nichts zu tun;
+sie wurden von Dilettanten wo und wie es ihnen beliebte aufgeführt, und die
+Texte nicht geschrieben oder doch nicht veröffentlicht. Erst in dieser Periode
+überwies man das Atellanenstück an eigentliche Schauspieler 9 und verwandte es,
+ähnlich wie das griechische Satyrdrama, als Nachspiel namentlich nach den
+Tragödien; wo es denn nicht fern lag, auch die schriftstellerische Tätigkeit
+hierauf zu erstrecken. Ob die römische Kunstposse ganz selbständig sich
+entwickelte oder etwa die in mancher Hinsicht verwandte unteritalische zu ihr
+den Anstoß gegeben hat ^10, läßt sich nicht mehr entscheiden; daß die einzelnen
+Stücke durchgängig Originalarbeiten gewesen sind, ist gewiß. Als Begründer
+dieser neuen Literaturgattung trat in der ersten Hälfte des siebenten
+Jahrhunderts ^11 Lucius Pomponius aus der latinischen Kolonie Bonoma auf, neben
+dessen Stücken bald auch die eines andern Dichters, Novius, sich beliebt
+machten. Soweit die nicht zahlreichen Trümmer und die Berichte der alten
+Literatoren uns hier ein Urteil gestatten, waren es kurze, regelmäßig wohl
+einaktige Possen, deren Reiz weniger auf der tollen und locker geknüpften Fabel
+beruhte als auf der drastischen Abkonterfeiung einzelner Stände und
+Situationen. Gern wurden Festtage und öffentliche Akte komisch geschildert:
+&lsquo;Die Hochzeit&rsquo;, &lsquo;Der erste März&rsquo;, &lsquo;Pantalon
+Wahlkandidat&rsquo;; ebenso fremde Nationalitäten: die transalpinischen
+Gallier, die Syrer; vor allem häufig erschienen auf den Brettern die einzelnen
+Gewerbe: der Küster, der Wahrsager, der Vogelschauer, der Arzt, der Zöllner,
+der Maler, Fischer, Bäcker gingen über die Bühne; die Ausrufer hatten viel zu
+leiden und mehr noch die Walker, die in der römischen Narrenwelt die Rolle
+unserer Schneider gespielt zu haben scheinen. Wenn also dem mannigfaltigen
+städtischen Leben sein Recht geschah, so ward auch der Bauer mit seinen Leiden
+und Freuden nach allen Seiten dargestellt - von der Fülle dieses ländlichen
+Repertoires geben eine Ahnung die zahlreichen derartigen Titel, wie zum
+Beispiel &lsquo;Die Kuh&rsquo;, &lsquo;Der Esel&rsquo;, &lsquo;Das
+Zicklein&rsquo;, &lsquo;Die Sau&rsquo;, &lsquo;Das Schwein&rsquo;, &lsquo;Das
+kranke Schwein, &lsquo;Der Bauer, &lsquo;Der Landmann, &lsquo;Pantalon
+Landmann, &lsquo;Der Rinderknecht, &lsquo;Die Winzer, &lsquo;Der
+Feigensammler&rsquo;, &lsquo;Das Holzmachen&rsquo;, &lsquo;Das Behacken,
+&lsquo;Der Hühnerhof&rsquo;. Immer noch waren es in diesen Stücken die
+stehenden Figuren des dummen und des pfiffigen Dieners, des guten Alten, des
+weisen Mannes, die das Publikum ergötzten; namentlich der erste durfte nicht
+fehlen, der Pulcinell dieser Posse, der gefräßige, unflätige ausstaffiert
+häßliche und dabei ewig verliebte Maccus, immer im Begriff, über seine eigenen
+Füße zu fallen, von allen mit Hohn und mit Prügeln bedacht und endlich am
+Schluß der regelmäßige Sündenbock - die Titel &lsquo;Pulcinell Soldat,
+&lsquo;Pulcinell Wirt&rsquo;, &lsquo;Jungfer Pulcinell&rsquo;, &lsquo;Pulcinell
+in der Verbannung, &lsquo;Die beiden Pulcinelle&rsquo; mögen dem gutgelaunten
+Leser eine Ahnung davon geben, wie mannigfaltig es auf der römischen
+Mummenschanz herging. Obwohl diese Possen, wenigstens seit sie geschrieben
+wurden, den allgemeinen Gesetzen der Literatur sich fügten und in den Versmaßen
+zum Beispiel der griechischen Bühne sich anschlossen, so hielten sie doch sich
+natürlicherweise bei weitem latinischer und volkstümlicher als selbst das
+nationale Lustspiel; in die griechische Welt begab sich die Posse nur in der
+Form der travestierten Tragödie ^12 und auch dies Genre scheint erst von Novius
+und überhaupt nicht sehr häufig kultiviert worden zu sein. Die Posse dieses
+Dichters wagte sich auch schon, wo nicht bis in den Olymp, doch wenigstens bis
+zu dem menschlichsten der Götter, dem Hercules; er schrieb einen
+&lsquo;Hercules Auctionator&rsquo;. Daß der Ton nicht der feinste war, versteht
+sich; sehr unzweideutige Zweideutigkeiten, grobkörnige Bauernzoten, Kinder
+schreckende und gelegentlich fressende Gespenster gehörten hier einmal mit
+dazu, und persönliche Anzüglichkeiten, sogar mit Nennung der Namen, schlüpften
+nicht selten durch. Aber es fehlte auch nicht an lebendiger Schilderung, an
+grotesken Einfällen, schlagenden Späßen, kernigen Sprüchen, und die Harlekinade
+gewann sich rasch eine nicht unansehnliche Stellung im Bühnenleben der
+Hauptstadt und selbst in der Literatur.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————
+</p>
+
+<p>
+7 Es knüpfen sich an diesen Namen seit alter Zeit eine Reihe von Irrtümern. Das
+arge Versehen griechischer Berichterstatter, daß diese Possen in Rom in
+oskischer Sprache gespielt worden seien, wird mit Recht jetzt allgemein
+verworfen; allein es stellt bei genauerer Betrachtung sich nicht minder als
+unmöglich heraus diese, in der Mitte des latinischen Stadt- und Landlebens
+stehenden Stücke überhaupt auf das national oskische Wesen zu beziehen. Die
+Benennung des &ldquo;Atellanischen Spiels&rdquo; erklärt sich auf eine andere
+Weise. Die latinische Posse mit ihren festen Rollen und stehenden Späßen
+bedurfte einer bleibenden Szenerie; die Narrenwelt sucht überall sich ein
+Schildburg. Natürlich konnte bei der römischen Bühnenpolizei keine der
+römischen oder auch nur mit Rom verbündeten latinischen Gemeinden dazu genommen
+werden, obwohl die togatae in diese zu verlegen gestattet war. Atella aber, das
+mit Capua zugleich im Jahre 543 (211) rechtlich vernichtet ward, tatsächlich
+aber als ein von römischen Bauern bewohntes Dorf fortbestand, eignete sich dazu
+in jeder Beziehung. Zur Gewißheit wird diese Vermutung durch die Wahrnehmung,
+daß einzelne dieser Possen auch in anderen überhaupt oder doch rechtlich nicht
+mehr existierenden Gemeinden des lateinisch redenden Gebiets spielen: so des
+Pomponius Campani, vielleicht auch seine Adelphi und seine Quinquatria in
+Capua, des Novius milites Pometinenses in Suessa Pometia, während keine
+bestehende Gemeinde ähnlich gemißhandelt wird. Die wirkliche Heimat dieser
+Stücke ist also Latium, ihr poetischer Schauplatz die latinisierte
+Oskerlandschaft; mit der oskischen Nation haben sie nichts zu tun. Daß ein
+Stück des Naevius († nach 550 200) in Ermangelung eigentlicher Schauspieler von
+&ldquo;Atellanenspielern&rdquo; aufgeführt ward und deshalb personata hieß
+(Festus u. d. W.), beweist hiergegen in keinem Fall; die Benennung
+&ldquo;Atellanenspieler&rdquo; wird hier proleptisch stehen, und man könnte
+sogar danach vermuten, daß sie früher &ldquo;Maskenspieler&rdquo; (personati)
+hießen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz in gleicher Weise erklären sich endlich auch die &ldquo;Lieder von
+Fescennium&rdquo;, die gleichfalls zu der parodischen Poesie der Römer gehören
+und in der südetruskischen Ortschaft Fescennium lokalisiert wurden, ohne darum
+mehr zu der etruskischen Poesie gerechnet werden zu dürfen als die Atellanen
+zur oskischen. Daß Fescennium in historischer Zeit nicht Stadt, sondern Dorf
+war, läßt sich allerdings nicht unmittelbar beweisen, ist aber nach der Art,
+wie die Schriftsteller des Ortes gedenken und nach dem Schweigen der
+Inschriften im höchsten Grade wahrscheinlich.
+</p>
+
+<p>
+8 Die enge und ursprüngliche Verbindung, in die namentlich Livius die
+Atellanenposse mit der Satura und dem aus dieser sich entwickelnden Schauspiel
+bringt, ist schlechterdings nicht haltbar. Zwischen dem Histrio und dem
+Atellanenspieler war der Unterschied ungefähr ebenso groß wie heutzutage
+zwischen dem, der auf die Bühne und dem, der auf den Maskenball geht; auch
+zwischen dem Schauspiel, das bis auf Terenz keine Masken kannte, und der
+Atellane, die wesentlich auf der Charaktermaske beruhte, besteht ein
+ursprünglicher, in keiner Weise auszugleichender Unterschied. Das Schauspiel
+ging aus von dem Flötenstücke, das anfangs ohne alle Rezitation bloß auf Gesang
+und Tanz sich beschränkte, sodann einen Text (satura), endlich durch Andronicus
+ein der griechischen Schaubühne entlehntes Libretto erhielt, worin die alten
+Flötenlieder ungefähr die Stelle des griechischen Chors einnahmen. Mit der
+Dilettantenposse berührt sich dieser Entwicklungsgang in den früheren Stadien
+nirgends.
+</p>
+
+<p>
+9 In der Kaiserzeit ward die Atellane durch Schauspieler von Profession
+dargestellt (Friedländer in Beckers Handbuch, Bd. 6, S. 549). Die Zeit, wo
+diese anfingen, sich mit ihr zu befassen, ist nicht überliefert, kann aber kaum
+eine andere gewesen sein als diejenige, in welcher die Atellane unter die
+regelmäßigen Bühnenspiele eintrat, das heißt die vorciceronische Epoche, (Cic.
+ad fam. 9, 16). Damit ist nicht im Widerspruch, daß noch zu Livius&rsquo; (7,
+2) Zeit die Atellanenspieler im Gegensatz der übrigen Schauspieler ihre
+Ehrenrechte behielten; denn damit, daß Schauspieler von Profession gegen
+Bezahlung die Atellane mitaufzuführen anfingen, ist noch gar nicht gesagt, daß
+dieselbe nicht mehr, zum Beispiel in den Landstädten, von unbezahlten
+Dilettanten aufgeführt ward und das Privilegium also fortwährend anwendbar
+blieb.
+</p>
+
+<p>
+^10 Es verdient Beachtung, daß die griechische Posse nicht bloß vorzugsweise in
+Unteritalien zu Hause ist, sondern auch manche ihrer Stücke (zum Beispiel unter
+denen des Sopatros &lsquo;Das Linsengericht, &lsquo;Bakchis&rsquo; Freier,
+&lsquo;Des Mystakos Lohnlakai, &lsquo;Die Gelehrtem, &lsquo;Der
+Physiolog&rsquo;) lebhaft an die Atellanen erinnern. Auch muß diese
+Possendichtung bis in die Zeit hinabgereicht haben, wo die Griechen in und um
+Neapel eine Enklave in dem lateinisch redenden Kampanien bildeten; denn einer
+dieser Possenschreiber, Blaesus von Capreae, führt schon einen römischen Namen
+und schrieb eine Posse &lsquo;Saturnus&rsquo;.
+</p>
+
+<p>
+^11 Nach Eusebius blühte Pomponius um 664 (90); Velleius nennt ihn Zeitgenossen
+des Lucius Crassus (614-663 140-91) und Marcus Antonius (611-667 143-87). Die
+erste Ansetzung dürfte um ein Menschenalter zu spät sein; die um 650 100
+abgekommene Rechnung nach Victoriaten kommt in seinen &lsquo;Malern&rsquo; noch
+vor, und um das Ende dieser Periode begegnen auch schon die Mimen, welche die
+Atellanen von der Bühne verdrängten.
+</p>
+
+<p>
+^12 Lustig genug mochte sie auch hier sein. So hieß es in Novius&rsquo;
+&lsquo;Phönissen&rsquo;:
+</p>
+
+<p>
+Auf! waffne dich! mit der Binsenkeule schlag ich dich tot!
+</p>
+
+<p>
+ganz wie Menanders &lsquo;falscher Herakles&rsquo; auftritt.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Was endlich die Entwicklung des Bühnenwesens anlangt, so sind wir nicht
+imstande, im einzelnen darzulegen, was im ganzen klar erhellt, daß das
+allgemeine Interesse an den Bühnenspielen beständig im Steigen war und
+dieselben immer häufiger und immer prachtvoller wurden. Nicht bloß ward jetzt
+wohl kaum ein ordentliches oder außerordentliches Volksfest ohne Bühnenspiele
+begangen, auch in den Landstädten und Privathäusern wurden Vorstellungen
+gemieteter Schauspielertruppen gewöhnlich. Zwar entbehrte, während
+wahrscheinlich manche Munizipalstadt schon in dieser Zeit ein steinernes
+Theater besaß, die Hauptstadt eines solchen noch immer; den schon verdungenen
+Theaterbau hatte der Senat im Jahre 599 (185) auf Veranlassung des Publius
+Scipio Nasica wieder inhibiert. Es war das ganz im Geiste der scheinheiligen
+Politik dieser Zeit, daß man aus Respekt vor den Sitten der Väter die Erbauung
+eines stehenden Theaters verhinderte, aber nichtsdestoweniger die Theaterspiele
+reißend zunehmen und Jahr aus Jahr ein ungeheure Summen verschwenden ließ, um
+Brettergerüste für dieselben aufzuschlagen und zu dekorieren. Die
+Bühneneinrichtungen hoben sich zusehends. Die verbesserte Inszenierung und die
+Wiedereinführung der Masken um die Zeit des Terenz hängt wohl ohne Zweifel
+damit zusammen, daß die Einrichtung und Instandhaltung der Bühne und des
+Bühnenapparats im Jahre 580 (74) auf die Staatskasse übernommen ward ^13.
+Epochemachend in der Theatergeschichte wurden die Spiele, welche Lucius Mummius
+nach der Einnahme von Korinth gab (609 145). Wahrscheinlich wurde damals zuerst
+ein nach griechischer Art akustisch gebautes und mit Sitzplätzen versehenes
+Theater aufgeschlagen und überhaupt auf die Spiele mehr Sorgfalt verwandt ^14.
+Nun ist auch von Erteilung eines Siegespreises, also von Konkurrenz mehrerer
+Stücke, von lebhafter Parteinahme des Publikums für und gegen die
+Hauptschauspieler, von Clique und Claque mehrfach die Rede. Dekorationen und
+Maschinerie wurden verbessert: kunstmäßig gemalte Kulissen und hörbare
+Theaterdonner kamen unter der Ädilität des Gaius Claudius Pulcher 655 (99) auf
+^15, zwanzig Jahre später (675 79) unter der Ädilität der Brüder Lucius und
+Marcus Lucullus, die Verwandlung der Dekorationen durch Umdrehung der Kulissen.
+Dem Ende dieser Epoche gehört der größte römische Schauspieler an, der
+Freigelassene Quintus Roscius († um 692 62 hoch bejahrt), durch mehrere
+Generationen hindurch der Schmuck und Stolz der römischen Bühne ^16, Sullas
+Freund und gern gesehener Tischgenosse, auf den noch später zurückzukommen sein
+wird.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^13 Bisher hatte der Spielgeber die Bühne und den szenischen Apparat aus der
+ihm überwiesenen Pauschsumme oder auf eigene Kosten instand setzen müssen und
+wird wohl nicht oft hierauf viel Geld gewendet worden sein. Im Jahre 580 (174)
+aber gaben die Zensoren die Einrichtung der Bühne für die Spiele der Ädilen und
+Prätoren besonders in Verding (Liv. 41, 27); daß der Bühnenapparat jetzt nicht
+mehr bloß für einmal angeschafft ward, wird zu einer merklichen Verbesserung
+desselben geführt haben.
+</p>
+
+<p>
+^14 Die Berücksichtigung der akustischen Vorrichtungen der Griechen folgt wohl
+aus Vitr. 5, 5, B. Über die Sitzplätze hat F. W. Ritschl, Parerga zu Plautus
+und Terentius. Leipzig 1845. Bd. 1, S. 227, XX) gesprochen; doch dürften (nach
+Plaut. Capt. prol. 11) nur diejenigen, welche nicht capite censi waren,
+Anspruch auf einen solchen gehabt haben. Wahrscheinlich gehen übrigens zunächst
+auf diese epochemachenden Theaterspiele des Mummius (Tac. arm. 14, 21) die
+Worte des Horaz, daß &ldquo;das gefangene Griechenland den Sieger gefangen
+nahm&rdquo;.
+</p>
+
+<p>
+^15 Die Kulissen des Pulcher müssen ordentlich gemalt gewesen sein, da die
+Vögel versucht haben sollen, sich auf die Ziegel derselben zu setzen (Plin nat.
+35, 4 23; Val. Max. 2, 4, 6). Bis dahin hatte die Donnermaschinerie darin
+bestanden, daß Nägel und Steine in einem kupfernen Kessel geschüttelt wurden;
+erst Pulcher stellte einen besseren Donner durch gerollte Steine her - das
+nannte man seitdem &ldquo;Claudischen Donner&rdquo; (Festus v. Claudiana p.
+57).
+</p>
+
+<p>
+^16 Unter den wenigen, aus dieser Epoche erhaltenen kleineren Gedichten findet
+</p>
+
+<p>
+sich folgendes Epigramm auf diesen gefeierten Schauspieler:
+</p>
+
+<p>
+  Constiteram, exorientem Auroram forte salutans,
+</p>
+
+<p>
+   Cum subito a laeva Roscius exoritur.
+</p>
+
+<p>
+  Pace mihi liceat, caelestes, dicere vestra:
+</p>
+
+<p>
+   Mortalis visust pulchrior esse deo.
+</p>
+
+<p>
+  Jüngsthin stand ich, die Sonne verehrend eben im Aufgehn:
+</p>
+
+<p>
+   Da zur Linken mir, schau! plötzlich geht Roscius auf.
+</p>
+
+<p>
+  Zürnet, ihr Himmlischen, nicht, wenn was ich gedacht ich gestehe:
+</p>
+
+<p>
+   Schöner fürwahr als der Gott deuchte der Sterbliche mir.
+</p>
+
+<p>
+Der Verfasser dieses griechisch gehaltenen und von griechischem
+Kunstenthusiasmus eingegebenen Epigramms ist kein geringerer Mann als der
+Besieger der Kimbrer, Quintus Lutatius Catulus, Konsul 652 (102).
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In der rezitativen Poesie fällt vor allem die Nichtigkeit des Epos auf, das im
+sechsten Jahrhundert unter der zum Lesen bestimmten Literatur entschieden den
+ersten Platz eingenommen hatte, im siebenten zwar zahlreiche Vertreter fand,
+aber nicht einen einzigen von auch nur vorübergehendem Erfolg. Aus der
+gegenwärtigen Epoche ist kaum etwas zu nennen als eine Anzahl roher Versuche,
+den Homer zu übersetzen und einige Fortsetzungen der Ennianischen Jahrbücher,
+wie des Hostius &lsquo;Histrischer Krieg&rsquo; und des Aulus Furius (um 650
+100) &lsquo;Jahrbücher (vielleicht) des Gallischen Krieges&rsquo;, die allem
+Anschein nach unmittelbar da fortfuhren, wo Ennius in der Beschreibung des
+Histrischen Krieges von 576 (178) und 577 (177) aufgehört hatte. Auch in der
+didaktischen und elegischen Poesie erscheint nirgends ein hervorragender Name.
+Die einzigen Erfolge, welche die rezitative Dichtkunst dieser Epoche
+aufzuweisen hat, gehören dem Gebiete der sogenannten Satura an, derjenigen
+Kunstgattung, die gleich dem Briefe oder der Broschüre jede Form zuläßt und
+jeden Inhalt aufnimmt, darum auch aller eigentlichen Gattungskriterien
+ermangelnd, durchaus nach der Individualität eines jeden Dichters sich
+individualisiert und nicht bloß auf der Grenze von Poesie und Prosa, sondern
+schon mehr als zur Hälfte außerhalb der eigentlichen Literatur steht. Die
+launigen poetischen Episteln, die einer der jüngeren Männer des Scipionischen
+Kreises, Spurius Mummius, der Bruder des Zerstörers von Korinth, aus dem Lager
+von Korinth an seine Freunde daheim gesandt hatte, wurden noch ein Jahrhundert
+später gern gelesen; und es mögen dergleichen nicht zur Veröffentlichung
+bestimmte poetische Scherze aus dem reichen geselligen und geistigen Leben der
+besseren Zirkel Roms damals zahlreich hervorgegangen sein. Ihr Vertreter in der
+Literatur ist Gaius Lucilius (606-651 148-103), einer angesehenen Familie der
+latinischen Kolonie Suessa entsprossen und gleichfalls ein Glied des
+Scipionischen Kreises. Auch seine Gedichte sind gleichsam offene Briefe an das
+Publikum, ihr Inhalt, wie ein geistreicher Nachfahre anmutig sagt, das ganze
+Leben des gebildeten unabhängigen Mannes, der den Vorgängen auf der politischen
+Schaubühne vom Parkett und gelegentlich von den Kulissen aus zusieht, der mit
+den Besten seiner Zeit verkehrt als mit seinesgleichen, der Literatur und
+Wissenschaft mit Anteil und Einsicht verfolgt, ohne doch selbst für einen
+Dichter oder Gelehrten gelten zu wollen, und der endlich für alles, was im
+Guten und Bösen ihm begegnet, für politische Erfahrungen und Erwartungen, für
+Sprachbemerkungen und Kunsturteile, für eigene Erlebnisse, Besuche, Diners,
+Reisen wie für vernommene Anekdoten sein Taschenbuch zum Vertrauten nimmt.
+Kaustisch, kapriziös, durchaus individuell hat die Lucilische Poesie doch eine
+scharf ausgeprägte oppositionelle und insofern auch lehrhafte Tendenz,
+literarisch sowohl wie moralisch und politisch; auch in ihr ist etwas von der
+Auflehnung der Landschaft gegen die Hauptstadt, herrscht das Selbstgefühl des
+rein redenden und ehrenhaft lebenden Suessaners im Gegensatz gegen das große
+Babel der Sprachmengerei und Sittenverderbnis. Die Richtung des Scipionischen
+Kreises auf literarische, namentlich sprachliche Korrektheit findet kritisch
+ihren vollendetsten und geistreichsten Vertreter in Lucilius. Er widmete gleich
+sein erstes Buch dem Begründer der römischen Philologie, Lucius Stilo, und
+bezeichnete als das Publikum, für das er schrieb, nicht die gebildeten Kreise
+reiner und mustergültiger Rede, sondern die Tarentiner, die Brettier, die
+Siculer, das heißt die Halbgriechen Italiens, deren Lateinisch allerdings eines
+Korrektivs wohl bedürfen mochte. Ganze Bücher seiner Gedichte beschäftigen sich
+mit der Feststellung der lateinischen Orthographie und Prosodie, mit der
+Bekämpfung pränestinischer, sabinischer, etruskischer Provinzialismen, mit der
+Ausmerzung gangbarer Solözismen, woneben der Dichter aber keineswegs vergißt,
+den geistlos schematischen Isokrateischen Wort- und Phrasenpurismus zu
+verhöhnen ^17 und selbst dem Freunde Scipio die exklusive Feinheit seiner Rede
+in recht ernsthaften Scherzen vorzurücken ^18. Aber weit ernstlicher noch als
+das reine einfache Latein predigt der Dichter reine Sitte im Privat- und im
+öffentlichen Leben. Seine Stellung begünstigte ihn hierbei in eigener Art.
+Obwohl durch Herkunft, Vermögen und Bildung den vornehmen Römern seiner Zeit
+gleichstehend und Besitzer eines ansehnlichen Hauses in der Hauptstadt, war er
+doch nicht römischer Bürger, sondern latinischer; selbst sein Verhältnis zu
+Scipio, unter dem er in seiner ersten Jugend den Numantinischen Krieg
+mitgemacht hatte und in dessen Hause er häufig verkehrte, mag damit
+zusammenhängen, daß Scipio in vielfachen Beziehungen zu den Latinern stand und
+in den politischen Fehden der Zeit ihr Patron war. Die öffentliche Laufbahn war
+ihm hierdurch verschlossen und die Spekulantenkarriere verschmähte er - er
+mochte nicht, wie er einmal sagt, &ldquo;aufhören, Lucilius zu sein, um
+asiatischer Steuerpächter zu werden&rdquo;. So stand er in der schwülen Zeit
+der Gracchischen Reformen und des sich vorbereitenden Bundesgenossenkrieges,
+verkehrend in den Palästen und Villen der römischen Großen und doch nicht
+gerade ihr Klient, zugleich mitten in den Wogen des politischen Koterien- und
+Parteikampfes und doch nicht unmittelbar an jenem und diesem beteiligt; ähnlich
+wie Béranger, an den gar vieles in Lucilius&rsquo; politischer und poetischer
+Stellung erinnert. Von diesem Standpunkt aus sprach er mit unverwüstlichem
+gesunden Menschenverstand, mit unversiegbarer guter Laune und ewig sprudelndem
+Witz hinein in das öffentliche Leben.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt aber am Fest- und Werkeltag
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen lieben langen Tag
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Markte von früh bis Spat
+</p>
+
+<p>
+Drängen die Bürger und die sich vom Rat
+</p>
+
+<p>
+Und weichen und wanken nicht von der Statt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Handwerk einzig und allein
+</p>
+
+<p>
+Betreiben alle insgemein,
+</p>
+
+<p>
+Den andern zu prellen mit Verstand,
+</p>
+
+<p>
+Im Lügen zu haben die Vorderhand
+</p>
+
+<p>
+Und zu werden im Schmeicheln und Heucheln gewandt.
+</p>
+
+<p>
+All&rsquo; untereinandern belauern sie sich,
+</p>
+
+<p>
+Als läge jeder mit jedem im Krieg ^19.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+^17 Quam lepide λέξεις, compostae ut tesserulae omnes
+</p>
+
+<p>
+Arte pavimento atque emblemate vermiculato!
+</p>
+
+<p>
+Ei, die niedliche Phrasenfabrik!
+</p>
+
+<p>
+Gefügt so zierlich Stück für Stück,
+</p>
+
+<p>
+Wie die Stifte im bunten Mosaik.
+</p>
+
+<p>
+^18 Der Dichter rät ihm:
+</p>
+
+<p>
+Quo facetior videare et scire plus quam ceteri,
+</p>
+
+<p>
+Daß du gebildeter als die andern heißest und ein feinerer Mann,
+</p>
+
+<p>
+- nicht pertaesum, sondern pertisum zu sagen.
+</p>
+
+<p>
+^19 Nunc vero a mane ad noctem, festo atque profesto
+</p>
+
+<p>
+Toto itidem pariterque die populusque patresque
+</p>
+
+<p>
+Iactare endo foro se omnes, decedere nusquam.
+</p>
+
+<p>
+Uni se atque eidem studio omnes dedere et arti:
+</p>
+
+<p>
+Verba dare ut acute possint, pugnare dolose,
+</p>
+
+<p>
+Blanditia certare, bonun simulare virum se,
+</p>
+
+<p>
+Insidias facere ut si hostes sint omnibus omnes.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Die Erläuterungen zu diesem unerschöpflichen Text griffen schonungslos, ohne
+die Freunde, ja ohne den Dichter selbst zu vergessen, die Übelstände der Zeit
+an, das Koteriewesen, den endlosen spanischen Kriegsdienst und was dessen mehr
+war; gleich die Eröffnung seiner Satiren war eine große Debatte des olympischen
+Göttersenats über die Frage, ob Rom es noch ferner verdiene, des Schutzes der
+Himmlischen sich zu erfreuen. Körperschaften, Stände, Individuen wurden überall
+einzeln mit Namen genannt; die der römischen Bühne verschlossene Poesie der
+politischen Polemik ist das rechte Element und der Lebenshauch der Lucilischen
+Gedichte, die mit einer selbst in den auf uns gekommenen Trümmern noch
+entzückenden Macht des schlagendsten und bilderreichsten Witzes
+&ldquo;gleichwie mit gezogenem Schwerte&rdquo; auf den Feind eindringen und ihn
+zermalmen. Hier, in dem sittlichen Übergewicht und dem stolzen Freiheitsgefühl
+des Dichters von Suessa, liegt der Grund, weshalb der feine Venusianer, der in
+der alexandrinischen Zeit der römischen Poesie die Lucilische Satire
+wiederaufnahm, trotz aller Überlegenheit im Formgeschick mit richtiger
+Bescheidenheit dem älteren Poeten weicht als &ldquo;seinem Besseren&rdquo;. Die
+Sprache ist die des griechisch und lateinisch durchgebildeten Mannes, der
+durchaus sich gehen läßt; ein Poet wie Lucilius, der angeblich vor Tisch
+zweihundert und nach Tisch wieder zweihundert Hexameter machte, ist viel zu
+eilig, um knapp zu sein; unnützige Weitläufigkeit, schluderige Wiederholung
+derselben Wendung, arge Nachlässigkeiten begegnen. häufig; das erste Wort,
+lateinisch oder griechisch, ist immer das beste. Ähnlich sind die Maße,
+namentlich der sehr vorherrschende Hexameter behandelt; wenn man die Worte
+umstellt, sagt sein geistreicher Nachahmer, so würde kein Mensch merken, daß er
+etwas anderes vor sich habe als einfache Prosa; der Wirkung nach lassen sie
+sich nur mit unseren Knüttelversen vergleichen 20. Die Terenzischen und die
+Lucilischen Gedichte stehen auf demselben Bildungsniveau und verhalten sich wie
+die sorgsam gepflegte und gefeilte literarische Arbeit zu dem mit fliegender
+Feder geschriebenen Brief. Aber die unvergleichlich höhere geistige Begabung
+und freiere Lebensanschauung, die der Ritter von Suessa vor dem afrikanischen
+Sklaven voraus hatte, machten seinen Erfolg ebenso rasch und glänzend, wie der
+des Terenz mühsam und zweifelhaft gewesen war; Lucilius war sofort der Liebling
+der Nation und auch er konnte wie Béranger von seinen Gedichten sagen,
+&ldquo;daß sie allein unter allen vom Volke gelesen würden&rdquo;. Die
+ungemeine Popularität der Lucilischen Gedichte ist auch geschichtlich ein
+bemerkenswertes Ereignis; man sieht daraus, daß die Literatur schon eine Macht
+war, und ohne Zweifel würden wir die Spuren derselben, wenn eine eingehende
+Geschichte dieser Zeit sich erhalten hätte, darin mehrfach antreffen. Die
+Folgezeit hat das Urteil der Zeitgenossen nur bestätigt; die antialexandrinisch
+gesinnten römischen Kunstrichter sprachen dem Lucilius den ersten Rang unter
+allen lateinischen Dichtern zu. Soweit die Satire überhaupt als eigene
+Kunstform angesehen werden kann, hat Lucilius sie erschaffen und in ihr die
+einzige Kunstgattung, welche den Römern eigentümlich und von ihnen auf die
+Nachwelt vererbt worden ist.
+</p>
+
+<p>
+————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+20 Folgendes längere Bruchstück ist charakteristisch für die stilistische und
+metrische Behandlung, deren Lotterigkeit sich in deutschen Hexametern unmöglich
+wiedergeben läßt:
+</p>
+
+<p>
+Virtus, Albine, est pretium persolvere verum
+</p>
+
+<p>
+Queis in versamur, queis vivimu&rsquo; rebu potesse;
+</p>
+
+<p>
+Virtus est homini scire id quod quaeque habeat res;
+</p>
+
+<p>
+Virtus scire homini rectum, utile quid sit, honestum,
+</p>
+
+<p>
+Quae bona, guae mala item, quid inutile, turpe, inhonestum;
+</p>
+
+<p>
+Virtus quaerendae rei finem scire modumque;
+</p>
+
+<p>
+Virtus divitiis pretium persolvere posse;
+</p>
+
+<p>
+Virtus id dare quod re ipsa debetur honori,
+</p>
+
+<p>
+Hostem esse atque inimicum hominum morumque malorum.
+</p>
+
+<p>
+Contra defensorem hominum morumque bonorum,
+</p>
+
+<p>
+Hos magni facere, his bene velle, his vivere amicum;
+</p>
+
+<p>
+Commoda praeterea patriae sibi prima putare,
+</p>
+
+<p>
+Deinde parentum, tertia iam postremaque nostra.
+</p>
+
+<p>
+Tugend ist zahlen den rechten Preis
+</p>
+
+<p>
+Zu können nach ihrer Art und Weis
+</p>
+
+<p>
+Für jede Sach&rsquo; in unserm Kreis;
+</p>
+
+<p>
+Tugend, zu wissen, was jedes Ding
+</p>
+
+<p>
+Mit sich für den Menschen bring&rsquo;;
+</p>
+
+<p>
+Tugend, zu wissen, was nützlich und recht,
+</p>
+
+<p>
+Was gut und übel, unnütz und schlecht;
+</p>
+
+<p>
+Tugend, wenn man dem Erwerb und Fleiß
+</p>
+
+<p>
+Zu setzen die rechte Grenze weiß
+</p>
+
+<p>
+Und dem Reichtum den rechten Preis;
+</p>
+
+<p>
+Tugend, dem Rang zu geben sein Recht,
+</p>
+
+<p>
+Feind zu sein Menschen und Sitten schlecht,
+</p>
+
+<p>
+Freund Menschen und Sitten gut und recht;
+</p>
+
+<p>
+Vor solchen zu hegen Achtung und Scheu,
+</p>
+
+<p>
+Zu ihnen zu halten in Lieb&rsquo; und Treu;
+</p>
+
+<p>
+Immer zu sehen am ersten Teil
+</p>
+
+<p>
+Auf des Vaterlandes Heil,
+</p>
+
+<p>
+Sodann auf das, was den Eltern frommt,
+</p>
+
+<p>
+Und drittens der eigene Vorteil kommt.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————
+</p>
+
+<p>
+Von der an den Alexandrinismus anknüpfenden Poesie ist in Rom in dieser Epoche
+noch nichts zu nennen als kleinere, nach alexandrinischen Epigrammen übersetzte
+oder ihnen nachgebildete Gedichte, welche nicht ihrer selbst wegen, aber wohl
+als der erste Vorbote der jüngeren Literaturepoche Roms Erwähnung verdienen.
+Abgesehen von einigen wenig bekannten und auch der Zeit nach nicht mit
+Sicherheit zu bestimmenden Dichtern gehören hierher Quintus Catulus (Konsul 622
+102) und Lucius Manlius, ein angesehener Senator, der im Jahre 657 (97)
+schrieb. Der letztere scheint manche der bei den Griechen landläufigen
+geographischen Märchen, zum Beispiel die delische Latonasage, die Fabeln von
+der Europa und von dem Wundervogel Phönix zuerst bei den Römern in Umlauf
+gebracht zu haben; wie es denn auch ihm vorbehalten war, auf seinen Reisen in
+Dodona jenen merkwürdigen Dreifuß zu entdecken und abzuschreiben, worauf das
+den Pelasgern vor ihrer Wanderung in das Land der Sikeler und Aboriginer
+erteilte Orakel zu lesen war - ein Fund, den die römischen Geschichtsbücher
+nicht versäumten, andächtig zu registrieren.
+</p>
+
+<p>
+Die Geschichtschreibung dieser Epoche ist vor allen Dingen bezeichnet durch
+einen Schriftsteller, der zwar weder durch Geburt noch nach seinem geistigen
+und literarischen Standpunkt der italischen Entwicklung angehört, der aber
+zuerst oder vielmehr allein die Weltstellung Roms zur schriftstellerischen
+Geltung und Darstellung gebracht hat und dem alle späteren Geschlechter und
+auch wir das Beste verdanken, was wir von der römischen Entwicklung wissen.
+Polybios (ca. 546 - ca. 627 208-127) von Megalopolis im Peloponnes, des
+achäischen Staatsmannes Lykortas Sohn, machte, wie es scheint, schon 565 (189)
+den Zug der Römer gegen die kleinasiatischen Kelten mit und ward später,
+vielfach namentlich während des Dritten Makedonischen Krieges, von seinen
+Landsleuten in militärischen und diplomatischen Geschäften verwendet. Nach der
+durch diesen Krieg in Hellas herbeigeführten Krise wurde er mit den anderen
+achäischen Geiseln nach Italien abgeführt, wo er siebzehn Jahre (587-604
+167-150) in der Konfinierung lebte und durch die Söhne des Paullus in die
+vornehmen hauptstädtischen Kreise eingeführt ward. Die Rücksendung der
+achäischen Geiseln führte ihn in die Heimat zurück, wo er fortan den stehenden
+Vermittler zwischen seiner Eidgenossenschaft und den Römern machte. Bei der
+Zerstörung von Karthago und von Korinth (608 146) war er gegenwärtig. Er schien
+vom Schicksal gleichsam dazu erzogen, Roms geschichtliche Stellung deutlicher
+zu erfassen, als die damaligen Römer selbst es vermochten. Auf dem Platze, wo
+er stand, ein griechischer Staatsmann und ein römischer Gefangener, seiner
+hellenischen Bildung wegen geschätzt und gelegentlich beneidet von Scipio
+Aemilianus und überhaupt den ersten Männern Roms, sah er die Ströme, die so
+lange getrennt geflossen waren, zusammenrinnen in dasselbe Bett und die
+Geschichte der Mittelmeerstaaten zusammengehen in die Hegemonie der römischen
+Macht und der griechischen Bildung. So ward Polybios der erste namhafte
+Hellene, der mit ernster Überzeugung auf die Weltanschauung des Scipionischen
+Kreises einging und die Überlegenheit des Hellenismus auf dem geistigen, des
+Römertums auf dem politischen Gebiet als Tatsachen anerkannte, über die die
+Geschichte in letzter Instanz gesprochen hatte und denen man beiderseits sich
+zu unterwerfen berechtigt und verpflichtet war. In diesem Sinne handelte er als
+praktischer Staatsmann und schrieb er seine Geschichte. Mochte er in der Jugend
+dem ehrenwerten, aber unhaltbaren achäischen Lokalpatriotismus gehuldigt haben,
+so vertrat er in seinen späteren Jahren, in deutlicher Einsicht der
+unvermeidlichen Notwendigkeit, in seiner Gemeinde die Politik des engsten
+Anschlusses an Rom. Es war das eine höchst verständige und ohne Zweifel
+wohlgemeinte, aber nichts weniger als hochherzige und stolze Politik. Auch von
+der Eitelkeit und Kleinlichkeit des derzeitigen hellenischen Staatsmannstums
+hat Polybios nicht vermocht, sich persönlich völlig frei zu machen. Kaum aus
+der Konfinierung entlassen, stellte er an den Senat den Antrag, daß er den
+Entlassenen, jedem in seiner Heimat, den ehemaligen Rang noch förmlich
+verbriefen möge, worauf Cato treffend bemerkte, ihm komme das vor, als wenn
+Odysseus noch einmal in die Höhle des Polyphemos zurückkehre, um sich von dem
+Riesen Hut und Gürtel auszubitten. Sein Verhältnis zu den römischen Großen hat
+er oft zum Besten seiner Landsleute benutzt, aber die Art, wie er der hohen
+Protektion sich unterwirft und sich berühmt, nähert sich doch einigermaßen dem
+Oberkammerdienertum. Durchaus denselben Geist, den seine praktische, atmet auch
+seine literarische Tätigkeit. Es war die Aufgabe seines Lebens, die Geschichte
+der Einigung der Mittelmeerstaaten unter der Hegemonie Roms zu schreiben. Vom
+ersten Punischen Krieg bis zur Zerstörung von Karthago und Korinth faßt sein
+Werk die Schicksale der sämtlichen Kulturstaaten, das heißt Griechenlands,
+Makedoniens, Kleinasiens, Syriens, Ägyptens, Karthagos und Italiens zusammen
+und stellt deren Eintreten in die römische Schutzherrschaft im ursächlichen
+Zusammenhang dar; insofern bezeichnet er es als sein Ziel, die Zweck- und
+Vernunftmäßigkeit der römischen Hegemonie zu erweisen. In der Anlage wie in der
+Ausführung steht diese Geschichtschreibung in scharfem und bewußtem Gegensatz
+gegen die gleichzeitige römische wie gegen die gleichzeitige griechische
+Historiographie. In Rom stand man noch vollständig auf dem Chronikenstandpunkt;
+hier gab es wohl einen bedeutungsvollen geschichtlichen Stoff, aber die
+sogenannte Geschichtschreibung beschränkte sich - mit Ausnahme der sehr
+achtbaren, aber rein individuellen und doch auch nicht über die Anfänge der
+Forschung wie der Darstellung hinausgelangten Schriften Catos - teils auf
+Ammenmärchen, teils auf Notizenbündel. Die Griechen hatten eine
+Geschichtsforschung und eine Geschichtschreibung allerdings gehabt; aber der
+zerfahrenen Diadochenzeit waren die Begriffe von Nation und Staat so
+vollständig abhanden gekommen, daß es keinem der zahllosen Historiker gelang,
+der Spur der großen attischen Meister im Geiste und in der Wahrheit zu folgen
+und den weltgeschichtlichen Stoff der Zeitgeschichte weltgeschichtlich zu
+behandeln. Ihre Geschichtschreibung war entweder rein äußerliche Aufzeichnung,
+oder es durchdrang sie der Phrasen- und Lügenkram der attischen Rhetorik, und
+nur zu oft die Feilheit und die Gemeinheit, die Speichelleckerei und die
+Erbitterung der Zeit. Bei den Römern wie bei den Griechen gab es nichts als
+Stadt- oder Stammgeschichten. Zuerst Polybios, ein Peloponnesier, wie man mit
+Recht erinnert hat, und geistig den Attikern wenigstens ebensofern stehend wie
+den Römern, überschritt diese kümmerlichen Schranken, behandelte den römischen
+Stoff mit hellenisch gereifter Kritik und gab zwar nicht eine universale, aber
+doch eine von den Lokalstaaten losgelöste und den im Werden begriffenen
+römisch-griechischen Staat erfassende Geschichte. Vielleicht niemals hat ein
+Geschichtschreiber so vollständig wie Polybios alle Vorzüge eines
+Quellenschriftstellers in sich vereinigt. Der Umfang seiner Aufgabe ist ihm
+vollkommen deutlich und jeden Augenblick gegenwärtig; und durchaus haftet der
+Blick auf dem wirklich geschichtlichen Hergang. Die Sage, die Anekdote, die
+Masse der wertlosen Chroniknotizen wird beiseite geworfen; die Schilderung der
+Länder und Völker, die Darstellung der staatlichen und merkantilen
+Verhältnisse, all die so unendlich wichtigen Tatsachen, die dem Annalisten
+entschlüpfen, weil sie sich nicht auf ein bestimmtes Jahr aufnageln lassen,
+werden eingesetzt in ihr lange verkümmertes Recht. In der Herbeischaffung des
+historischen Materials zeigt Polybios eine Umsicht und Ausdauer, wie sie im
+Altertum vielleicht nicht wiedererscheinen; er benutzt die Urkunden,
+berücksichtigt umfassend die Literatur der verschiedenen Nationen, macht von
+seiner günstigen Stellung zum Einziehen der Nachrichten von Mithandelnden und
+Augenzeugen den ausgedehntesten Gebrauch, bereist endlich planmäßig das ganze
+Gebiet der Mittelmeerstaaten und einen Teil der Küste des Atlantischen Ozeans
+21. Die Wahrhaftigkeit ist ihm Natur; in allen großen Dingen hat er kein
+Interesse für diesen oder gegen jenen Staat, für diesen oder gegen jenen Mann,
+sondern einzig und allein für den wesentlichen Zusammenhang der Ereignisse, den
+im richtigen Verhältnis der Ursachen und Wirkungen darzulegen ihm nicht bloß
+die erste, sondern die einzige Aufgabe des Geschichtschreibers scheint. Die
+Erzählung endlich ist musterhaft vollständig, einfach und klar. Aber alle diese
+ungemeinen Vorzüge machen noch keineswegs einen Geschichtschreiber ersten
+Ranges. Polybios faßt seine literarische Aufgabe, wie er seine praktische
+faßte, mit großartigem Verstand, aber auch nur mit dem Verstande. Die
+Geschichte, der Kampf der Notwendigkeit und der Freiheit, ist ein sittliches
+Problem; Polybios behandelt sie, als wäre sie ein mechanisches. Nur das Ganze
+gilt für ihn, in der Natur wie im Staat; das besondere Ereignis, der
+individuelle Mensch, wie wunderbar sie auch erscheinen mögen, sind doch
+eigentlich nichts als einzelne Momente, geringe Räder in dem höchst künstlichen
+Mechanismus, den man den Staat nennt. Insofern war Polybios allerdings wie kein
+anderer geschaffen zur Darstellung der Geschichte des römischen Volkes, welches
+in der Tat das einzige Problem gelöst hat, sich zu beispielloser innerer und
+äußerer Größe zu erheben ohne auch nur einen im höchsten Sinne genialen
+Staatsmann, und das auf seinen einfachen Grundlagen mit wunderbarer fast
+mathematischer Folgerichtigkeit sich entwickelt. Aber das Moment der sittlichen
+Freiheit waltet in jeder Volksgeschichte und wurde auch in der römischen von
+Polybios nicht ungestraft verkannt. Polybios&rsquo; Behandlung aller Fragen, in
+denen Recht, Ehre, Religion zur Sprache kommen, ist nicht bloß platt, sondern
+auch gründlich falsch. Dasselbe gilt überall, wo eine genetische Konstruktion
+erfordert wird; die rein mechanischen Erklärungsversuche, die Polybios an deren
+Stelle setzt, sind mitunter geradezu zum Verzweifeln, wie es denn kaum eine
+törichtere politische Spekulation gibt, als die vortreffliche Verfassung Roms
+aus einer verständigen Mischung monarchischer, aristokratischer und
+demokratischer Elemente her- und aus der Vortrefflichkeit der Verfassung die
+Erfolge Roms abzuleiten. Die Auffassung der Verhältnisse ist überall bis zum
+Erschrecken nüchtern und phantasielos, die geringschätzige und superkluge Art,
+die religiösen Dinge zu behandeln, geradezu widerwärtig. Die Darstellung, in
+bewußter Opposition gegen die übliche, künstlerisch stilisierte griechische
+Historiographie gehalten, ist wohl richtig und deutlich, aber dünn und matt,
+öfter als billig in polemische Exkurse oder in memoirenhafte, nicht selten
+recht selbstgefällige Schilderung der eigenen Erlebnisse sich verlaufend. Ein
+oppositioneller Zug geht durch die ganze Arbeit; der Verfasser bestimmte seine
+Schrift zunächst für die Römer und fand doch auch hier nur einen sehr kleinen
+Kreis, der ihn verstand; er fühlte es, daß er den Römern ein Fremder, seinen
+Landsleuten ein Abtrünniger blieb und daß er mit seiner großartigen Auffassung
+der Verhältnisse mehr der Zukunft als der Gegenwart angehörte. Darum blieb er
+nicht frei von einer gewissen Verstimmtheit und persönlichen Bitterkeit, die in
+seiner Polemik gegen die flüchtigen oder gar feilen griechischen und die
+unkritischen römischen Historiker öfters zänkisch und kleinlich auftritt und
+aus dem Geschichtschreiber- in den Rezensententon fällt. Polybios ist kein
+liebenswürdiger Schriftsteller; aber wie die Wahrheit und Wahrhaftigkeit mehr
+ist als alle Zier und Zierlichkeit, so ist vielleicht kein Schriftsteller des
+Altertums zu nennen, dem wir so viele ernstliche Belehrung verdanken wie ihm.
+Seine Bücher sind wie die Sonne auf diesem Gebiet; wo sie anfangen, da heben
+sich die Nebelschleier, die noch die Samnitischen und den Pyrrhischen Krieg
+bedecken, und wo sie endigen, beginnt eine neue, womöglich noch lästigere
+Dämmerung.
+</p>
+
+<p>
+—————————————————————
+</p>
+
+<p>
+21 Dergleichen gelehrte Reisen waren übrigens bei den Griechen dieser Zeit
+nichts Seltenes. So fragt bei Plautus (Men. 248 vgl. 235) jemand, der das ganze
+Mittelländische Meer durchschifft hat:
+</p>
+
+<p>
+Warum geh&rsquo; ich nicht
+</p>
+
+<p>
+nach Hause, da ich doch keine Geschichte schreiben will?
+</p>
+
+<p>
+————————————————————
+</p>
+
+<p>
+In einem seltsamen Gegensatz zu dieser großartigen Auffassung und Behandlung
+der römischen Geschichte durch einen Ausländer steht die gleichzeitige
+einheimische Geschichtsliteratur. Im Anfang dieser Periode begegnen noch einige
+griechisch geschriebene Chroniken, wie die schon erwähnte des Aulus Postumius
+(Konsul 603 151), voll übler Pragmatik, und die des Gaius Acilius (schloß in
+hohem Alter um 612 142); doch gewann unter dem Einfluß teils des catonischen
+Patriotismus, teils der feineren Bildung des Scipionischen Kreises die
+lateinische Sprache auf diesem Gebiet so entschieden die Vorhand, daß nicht
+bloß unter den jüngeren Geschichtswerken kaum ein oder das andere griechisch
+geschriebene vorkommt 22, sondern auch die älteren griechischen Chroniken ins
+Lateinische übersetzt und wahrscheinlich vorwiegend in diesen Übersetzungen
+gelesen wurden. Leider ist nur an den lateinisch geschriebenen Chroniken dieser
+Epoche außer dem Gebrauch der Muttersprache kaum weiter etwas zu loben. Sie
+waren zahlreich und ausführlich genug - genannt werden zum Beispiel die des
+Lucius Cassius Hemina (um 608 146), des Lucius Calpurnius Piso (Konsul 621
+188), des Gaius Sempronius Tuditanus (Konsul 625 129), des Gaius Fannius
+(Konsul 632 122). Dazu kommt die Redaktion der offiziellen Stadtchronik in
+achtzig Büchern, welche Publius Mucius Scaevola (Konsul 621 133), ein auch als
+Jurist angesehener Mann, als Oberpontifex veranstaltete und veröffentlichte und
+damit dem Stadtbuch insofern seinen Abschluß gab, als die
+Pontifikalaufzeichnungen seitdem, wenn nicht gerade aufhörten, doch wenigstens
+bei der steigenden Betriebsamkeit der Privatchronisten nicht weiter literarisch
+in Betracht kamen. Alle diese Jahrbücher, mochten sie nun als Privat- oder als
+offizielle Werke sich ankündigen, waren wesentlich gleichartige
+Zusammenarbeitungen des vorhandenen geschichtlichen und quasigeschichtlichen
+Materials; und der Quellen- wie der formelle Wert sank ohne Zweifel in
+demselben Maße, wie ihre Ausführlichkeit stieg. Allerdings gibt es in der
+Chronik nirgends Wahrheit ohne Dichtung, und es wäre sehr töricht, mit Naevius
+und Pictor zu rechten, daß sie es nicht anders gemacht als Hekatäos und Saxo
+Grammaticus; aber die späteren Versuche, aus solchen Nebelwolken Häuser zu
+bauen, stellen auch die geprüfteste Geduld auf eine harte Probe. Keine Lücke
+der Überlieferung klafft so tief, daß diese glatte und platte Lüge sie nicht
+mit spielender Leichtigkeit überkleisterte. Ohne Anstoß werden die
+Sonnenfinsternisse, Zensuszahlen, Geschlechtsregister, Triumphe vom laufenden
+Jahre bis auf Anno eins rückwärts geführt; es steht geschrieben zu lesen, in
+welchem Jahr, Monat und Tag König Romulus gen Himmel gefahren ist und wie König
+Servius Tullius zuerst am 25. November 183 (571) und wieder am 25. Mai 187
+(567) über die Etrusker triumphiert hat. Damit steht es denn im besten
+Einklang, daß man in den römischen Docks den Gläubigen das Fahrzeug wies, auf
+welchem Aeneas von Ilion nach Latium gefahren war, ja sogar ebendieselbe Sau,
+welche Aeneas als Wegweiser gedient hatte, wohl eingepökelt im römischen
+Vestatempel konservierte. Mit dem Lügemut eines Dichters verbinden diese
+vornehmen Chronikschreiber die langweiligste Kanzlistengenauigkeit und
+behandeln durchaus ihren großen Stoff mit derjenigen Plattheit, die aus dem
+Austreiben zugleich aller poetischen und aller historischen Elemente notwendig
+resultiert. Wenn wir zum Beispiel bei Piso lesen, daß Romulus sich gehütet
+habe, dann zu pokulieren, wenn er den andern Tag eine Sitzung gehabt; daß die
+Tarpeia die Burg den Sabinern aus Vaterlandsliebe verraten habe, um die Feinde
+ihrer Schilde zu berauben: so kann das Urteil verständiger Zeitgenossen über
+diese ganze Schreiberei nicht befremden, &ldquo;daß das nicht heiße Geschichte
+schreiben, sondern den Kindern Geschichten erzählen&rdquo;. Weit vorzüglicher
+waren einzelne Werke über die Geschichte der jüngsten Vergangenheit und der
+Gegenwart, namentlich die Geschichte des Hannibalischen Krieges von Lucius
+Coelius Antipater (um 633 121) und des wenig jüngeren Publius Sempronius
+Asellio Geschichte seiner Zeit. Hier fand sich wenigstens schätzbares Material
+und ernster Wahrheitssinn, bei Antipater auch eine lebendige, wenngleich stark
+manierierte Darstellung; doch reichte, nach allen Zeugnissen und Bruchstücken
+zu schließen, keines dieser Bücher weder in markiger Form noch in Originalität
+an die &ldquo;Ursprungsgeschichten&rdquo; Catos, der leider auf dem
+historischen Gebiet so wenig wie auf dem politischen Schule gemacht hat. Stark
+vertreten sind auch, wenigsten der Masse nach, die untergeordneten, mehr
+individuellen und ephemeren Gattungen der historischen Literatur, die Memorien,
+die Briefe, die Reden. Schon zeichneten die ersten Staatsmänner Roms selbst
+ihre Erlebnisse auf: so Marcus Scaurus (Konsul 639 115), Publius Rufus (Konsul
+649 105), Quintus Catulus (Konsul 652 102), selbst der Regent Sulla; doch
+scheint keine dieser Produktionen anders als durch ihren stofflichen Gehalt für
+die Literatur von Bedeutung gewesen zu sein. Die Briefsammlung der Cornelia,
+der Mutter der Gracchen, ist bemerkenswert teils durch die musterhaft reine
+Sprache und den hohen Sinn der Schreiberin, teils als die erste in Rom
+publizierte Korrespondenz und zugleich die erste literarische Produktion einer
+römischen Frau. Die Redeschriftstellerei bewahrte in dieser Periode den von
+Cato ihr aufgedrückten Stempel; Advokatenplädoyers wurden noch nicht als
+literarische Produktion angesehen, und was von Reden veröffentlicht ward, waren
+politische Pamphlete. Während der revolutionären Bewegung nahm diese
+Broschürenliteratur an Umfang und Bedeutung zu, und unter der Masse ephemerer
+Produkte fanden sich auch einzelne, die, wie Demosthenes&rsquo; Philippiken und
+Couriers fliegende Blätter, durch die bedeutende Stellung ihrer Verfasser und
+durch ihr eigenes Schwergewicht einen bleibenden Platz in der Literatur sich
+erwarben. So die Staatsreden des Gaius Laelius und des Scipio Aemilianus,
+Musterstücke des trefflichsten Latein wie des edelsten Vaterlandsgefühls; so
+die sprudelnden Reden des Gaius Titius, von deren drastischen Lokal- und
+Zeitbildern - die Schilderung des senatorischen Geschworenen ward früher
+mitgeteilt - das nationale Lustspiel manches entlehnt hat; so vor allem die
+zahlreichen Reden des Gaius Gracchus, deren flammende Worte den
+leidenschaftlichen Ernst, die baldige Haltung und das tragische Verhängnis
+dieser hohen Natur im treuen Spiegelbild bewahrten.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+22 Die einzige wirkliche Ausnahme, soweit wir wissen, ist die griechische
+Geschichte des Gnaeus Aufidius, der in Ciceros (Tusc. 5, 38, 112) Knabenzeit,
+also um 660 (90) blühte. Die griechischen Memoiren des Publius Rutilius Rufus
+(Konsul 649 105) sind kaum als Ausnahme anzusehen, da ihr Verfasser sie im Exil
+zu Smyrna schrieb.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+In der wissenschaftlichen Literatur begegnet in der juristischen
+Gutachtensammlung des Marcus Brutus, die um das Jahr 600 (150) veröffentlicht
+ward, ein bemerkenswerter Versuch, die bei den Griechen übliche dialogische
+Behandlung fachwissenschaftlicher Stoffe nach Rom zu verpflanzen und durch eine
+nach Personen, Zeit und Ort bestimmte Szenerie des Gesprächs der Abhandlung
+eine künstlerische, halb dramatische Form zu geben. Indes die späteren
+Gelehrten, schon der Philolog Stilo und der Jurist Scaevola, ließen sowohl in
+den allgemeinen Bildungs- wie in den spezielleren Fachwissenschaften diese mehr
+poetische als praktische Methode fallen. Der steigende Wert der Wissenschaft
+als solcher und das in Rom überwiegende stoffliche Interesse an derselben
+spiegelt sich deutlich in diesem raschen Abwerfen der Fessel künstlerischer
+Form. Im einzelnen ist von den allgemein humanen Wissenschaften, der Grammatik
+oder vielmehr der Philologie, der Rhetorik und der Philosophie, insofern schon
+gesprochen worden, als dieselben jetzt wesentliche Bestandteile der
+gewöhnlichen römischen Bildung wurden und dadurch jetzt zuerst von den
+eigentlichen Fachwissenschaften anfingen sich abzusondern. Auf dem
+literarischen Gebiet blüht die lateinische Philologie fröhlich auf, im engen
+Anschluß an die längst sicher gegründete philologische Behandlung der
+griechischen Literatur. Es ward bereits erwähnt, daß um den Anfang dieses
+Jahrhunderts auch die lateinischen Epiker ihre Diaskeuasten und Textrevisoren
+fanden; ebenso ward hervorgehoben, daß nicht bloß der Scipionische Kreis
+überhaupt vor allem andern auf Korrektheit drang, sondern auch einzelne der
+namhaftesten Poeten, zum Beispiel Accius und Lucilius, sich mit Regulierung der
+Orthographie und der Grammatik beschäftigten. Gleichzeitig begegnen einzelne
+Versuche, von der historischen Seite her die Realphilologie zu entwickeln;
+freilich werden die Abhandlungen der unbeholfenen Annalisten dieser Zeit, wie
+die des Hemina &lsquo;über die Zensoren&rsquo;, des Tuditanus &lsquo;über die
+Beamten&rsquo; schwerlich besser geraten sein als ihre Chroniken. Interessanter
+sind die Bücher über die Ämter von dem Freunde des Gaius Gracchus, Marcus
+Iunius, als der erste Versuch, die Altertumsforschung für politische Zwecke
+nutzbar zu machen 23, und die metrisch abgefaßten Didaskalien des Tragikers
+Accius, ein Anlauf zu einer Literargeschichte des lateinischen Dramas. Indes
+jene Anfänge einer wissenschaftlichen Behandlung der Muttersprache tragen noch
+ein sehr dilettantisches Gepräge und erinnern lebhaft an unsere
+Orthographieliteratur der Bodmer-Klopstockischen Zeit; auch die antiquarischen
+Untersuchungen dieser Epoche wird man ohne Unbilligkeit auf einen bescheidenen
+Platz verweisen dürfen. Derjenige Römer, der die lateinische Sprach- und
+Altertumsforschung im Sinne der alexandrinischen Meister wissenschaftlich
+begründete, war Lucius Aelius Stilo um 650 (100). Er zuerst ging zurück auf die
+ältesten Sprachdenkmäler und kommentierte die Saliarischen Litaneien und das
+römische Stadtrecht. Er wandte der Komödie des sechsten Jahrhunderts seine
+besondere Aufmerksamkeit zu und stellte zuerst ein Verzeichnis der nach seiner
+Ansicht echten Plautinischen Stücke auf. Er suchte nach griechischer Art die
+Anfänge einer jeden einzelnen Erscheinung des römischen Lebens und Verkehrs
+geschichtlich zu bestimmen und für jede den &ldquo;Erfinder&rdquo; zu
+ermitteln, und zog zugleich die gesamte annalistische Überlieferung in den
+Kreis seiner Forschung. Von dem Erfolg, der ihm bei seinen Zeitgenossen ward,
+zeugen die Widmungen des bedeutendsten dichterischen und des bedeutendsten
+Geschichtswerkes seiner Zeit, der Satiren des Lucilius und der Geschichtsbücher
+des Antipater; und auch für die Zukunft hat dieser erste römische Philolog die
+Studien seiner Nation bestimmt, indem er seine zugleich sprachliche und
+sachliche Forschung auf seinen Schüler Varro vererbte.
+</p>
+
+<p>
+——————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+23 Die Behauptung zum Beispiel, daß die Quästoren in der Königszeit von der
+Bürgerschaft, nicht vom König ernannt seien, ist ebenso sicher falsch als sie
+den Parteicharakter an der Stirn trägt.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Mehr untergeordneter Art war begreiflicherweise die literarische Tätigkeit auf
+dem Gebiet der lateinischen Rhetorik; es gab hier nichts zu tun als Hand- und
+Übungsbücher nach dem Muster der griechischen Kompendien des Hermagoras und
+anderer zu schreiben, woran es denn freilich die Schulmeister, teils um des
+Bedürfnisses, teils um der Eitelkeit und des Geldes willen, nicht fehlen
+ließen. Von einem unbekannten Verfasser, der nach der damaligen Weise zugleich
+lateinische Literatur und lateinische Rhetorik lehrte und über beide schrieb,
+ist uns ein solches, unter Sullas Diktatur abgefaßtes Handbuch der Redekunst
+erhalten; eine nicht bloß durch die knappe, klare und sichere Behandlung des
+Stoffes, sondern vor allem durch die verhältnismäßige Selbständigkeit den
+griechischen Mustern gegenüber bemerkenswerte Lehrschrift. Obwohl in der
+Methode gänzlich abhängig von den Griechen, weist der Römer doch bestimmt und
+sogar schroff alles das ab, &ldquo;was die Griechen an nutzlosem Kram
+zusammengetragen haben, einzig damit die Wissenschaft schwerer zu lernen
+erscheine&rdquo;. Der bitterste Tadel trifft die haarspaltende Dialektik, diese
+&ldquo;geschwätzige Wissenschaft der Redeunkunst&rdquo;, deren vollendeter
+Meister, vor lauter Angst, sich zweideutig auszudrücken, zuletzt nicht mehr
+seinen eigenen Namen auszusprechen wagt. Die griechische Schulterminologie wird
+durchgängig und absichtlich vermieden. Sehr ernstlich warnt der Verfasser vor
+der Viellehrerei und schärft die goldene Regel ein, daß der Schüler von dem
+Lehrer vor allem dazu anzuleiten sei, sich selbst zu helfen; ebenso ernstlich
+erkennt er es an, daß die Schule Neben-, das Leben die Hauptsache ist, und gibt
+in seinen durchaus selbständig gewählten Beispielen den Widerhall derjenigen
+Sachwalterreden, die während der letzten Dezennien in der römischen
+Advokatenwelt Aufsehen gemacht hatten. Es verdient Aufmerksamkeit, daß die
+Opposition gegen die Auswüchse des Hellenismus, die früher gegen das Aufkommen
+einer eigenen lateinischen Redekunst sich gerichtet hatte, nach deren Aufkommen
+in dieser selbst sich fortsetzt und damit der römischen Beredsamkeit im
+Vergleich mit der gleichzeitigen griechischen theoretisch und praktisch eine
+höhere Würde und eine größere Brauchbarkeit sichert.
+</p>
+
+<p>
+Die Philosophie endlich ist in der Literatur noch nicht vertreten, da weder
+sich aus innerem Bedürfnis eine nationalrömische Philosophie entwickelte noch
+äußere Umstände eine lateinische philosophische Schriftstellerei hervorriefen.
+Mit Sicherheit als dieser Zeit angehörig sind nicht einmal lateinische
+Übersetzungen populärer philosophischer Kompendien nachzuweisen; wer
+Philosophie trieb, las und disputierte griechisch.
+</p>
+
+<p>
+In den Fachwissenschaften ist die Tätigkeit gering. So gut man auch in Rom
+verstand zu ackern und zu rechnen, so fand doch die physikalische und
+mathematische Forschung dort keinen Boden. Die Folgen der vernachlässigten
+Theorie zeigen sich praktisch in dem niedrigen Stande der Arzneikunde und
+einesteils der militärischen Wissenschaften. Unter allen Fachwissenschaften
+blüht nur die Jurisprudenz. Wir können ihre innerliche Entwicklung nicht
+chronologisch genau verfolgen; im ganzen trat das Sakralrecht mehr und mehr
+zurück und stand am Ende dieser Periode ungefähr wie heutzutage das kanonische;
+die feinere und tiefere Rechtsauffassung dagegen, welche an die Stelle der
+äußerlichen Kennzeichen die innerlich wirksamen Momente setzt, zum Beispiel die
+Entwicklung der Begriffe der böswilligen und der fahrlässigen Verschuldung, des
+vorläufig schutzberechtigten Besitzes, war zur Zeit der Zwölf Tafeln noch
+nicht, wohl aber in der ciceronischen Zeit vorhanden und mag der gegenwärtigen
+Epoche ihre wesentliche Ausbildung verdanken. Die Rückwirkung der politischen
+Verhältnisse auf die Rechtsentwicklung ist schon mehrfach angedeutet worden;
+sie war nicht immer vorteilhaft. Durch die Einrichtung des
+Erbschaftsgerichtshofs der Hundertmänner zum Beispiel trat auch in dem
+Vermögensrecht ein Geschworenenkollegium auf, das gleich den Kriminalbehörden,
+statt das Gesetz einfach anzuwenden, sich über dasselbe stellte und mit der
+sogenannten Billigkeit die rechtlichen Institutionen untergrub; wovon unter
+anderm eine Folge die unvernünftige Satzung war, daß es jedem, den ein
+Verwandter im Testament übergangen hat, freisteht, auf Kassierung des
+Testaments vor dem Gerichtshof anzutragen, und das Gericht nach Ermessen
+entscheidet. Bestimmter läßt die Entwicklung der juristischen Literatur sich
+erkennen. Sie hatte bisher auf Formulariensammlungen und Worterklärungen zu den
+Gesetzen sich beschränkt; in dieser Periode bildete sich zunächst eine
+Gutachtenliteratur, die ungefähr unseren heutigen Präjudikatensammlungen
+entspricht. Die Gutachten, die längst nicht mehr bloß von Mitgliedern des
+Pontifikalkollegiums, sondern von jedem, der Befrager fand, zu Hause oder auf
+offenem Markt erteilt wurden, und an die schon rationelle und polemische
+Erörterungen und die der Rechtswissenschaft eigentümlichen stehenden
+Kontroversen sich anknüpften, fingen um den Anfang des siebenten Jahrhunderts
+an, aufgezeichnet und in Sammlungen bekannt gemacht zu werden; es geschah dies
+zuerst von dem jüngeren Cato († um 600 150) und von Marcus Brutus (etwa
+gleichzeitig), und schon diese Sammlungen waren, wie es scheint, nach Materien
+geordnet 24. Bald schritt man fort zu einer eigentlich systematischen
+Darstellung des Landrechts. Ihr Begründer war der Oberpontifex Quintus Mucius
+Scaevola (Konsul 659, † 672 95, 82), in dessen Familie die Rechtswissenschaft
+wie das höchste Priestertum erblich war. Seine achtzehn Bücher &lsquo;vom
+Landrecht, welche das positive juristische Material: die gesetzlichen
+Bestimmungen, die Präjudikate und die Autoritäten teils aus den älteren
+Sammlungen, teils aus der mündlichen Überlieferung in möglichster
+Vollständigkeit zusammenfaßten, sind der Ausgangspunkt und das Muster der
+ausführlichen römischen Rechtssysteme geworden; ebenso wurde seine resümierende
+Schrift &lsquo;Definitionen&rsquo; (όρος) die Grundlage der juristischen
+Kompendien und namentlich der Regelbücher. Obwohl diese Rechtsentwicklung
+natürlich im wesentlichen von dem Hellenismus unabhängig vor sich ging, so hat
+doch die Bekanntschaft mit dem philosophisch-praktischen Schematismus der
+Griechen im allgemeinen unzweifelhaft auch zu der mehr systematischen
+Behandlung der Rechtswissenschaft den Anstoß gegeben, wie denn der griechische
+Einfluß bei der zuletzt genannten Schrift schon im Titel hervortritt. Daß in
+einzelnen mehr äußerlichen Dingen die römische Jurisprudenz durch die Stoa
+bestimmt ward, ward schon bemerkt.
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+24 Catos Buch führte wohl den Titel &lsquo;De iuris disciplina&rsquo; (Gell.
+13, 20), das des Brutus den &lsquo;De iure civili&rsquo; (Cic. Cluent. 51, 141;
+De orat. 2, 55, 223); daß es wesentlich Gutachtensammlungen waren, zeigt Cicero
+(De orat. 2, 33, 142).
+</p>
+
+<p>
+———————————————————————-
+</p>
+
+<p>
+Die Kunst weist noch weniger erfreuliche Erscheinungen auf. In der Architektur,
+Skulptur und Malerei breitete zwar das dilettantische Wohlgefallen immer
+allgemeiner sich aus, aber die eigene Übung ging eher rück- als vorwärts. Immer
+gewöhnlicher ward es bei dem Aufenthalt in griechischen Gegenden, die
+Kunstwerke sich zu betrachten, wofür namentlich die Winterquartiere der
+Sullanischen Armee in Kleinasien 670/71 (84/83) epochemachend wurden. Die
+Kunstkennerschaft entwickelte sich auch in Italien. Mit silbernem und bronzenem
+Gerät hatte man angefangen; um den Anfang dieser Epoche begann man nicht bloß
+griechische Bildsäulen, sondern auch griechische Gemälde zu schätzen. Das erste
+im Rom öffentlich aufgestellte Bild war der Bakchos des Aristeides, den Lucius
+Mummius aus der Versteigerung der korinthischen Beute zurücknahm, weil König
+Attalos bis zu 6000 Denaren (1827 Taler) darauf bot. Die Bauten wurden
+glänzender, und namentlich kam der überseeische, besonders der hymettische
+Marmor (Cipollin) dabei in Gebrauch - die italischen Marmorbrüche waren noch
+nicht in Betrieb. Der prachtvolle, noch in der Kaiserzeit bewunderte
+Säulengang, den der Besieger Makedoniens, Quintus Metellus (Konsul 611 143),
+auf dem Marsfelde anlegte, schloß den ersten Marmortempel ein, den die
+Hauptstadt sah; bald folgten ähnliche Anlagen auf dem Kapitol durch Scipio
+Nasica (Konsul 616 138), nahe dem Rennplatz durch Gnaeus Octavius (Konsul 626
+128). Das erste mit Marmorsäulen geschmückte Privathaus war das des Redners
+Lucius Crassus († 663 91) auf dem Palatin. Aber wo man plündern und kaufen
+konnte, statt selber zu schaffen, da geschah es; es ist ein schlimmes
+Armutszeugnis für die römische Architektur, daß sie schon anfing, die Säulen
+der alten griechischen Tempel zu verwenden, wie zum Beispiel das römische
+Kapitol durch Sulla mit denen des Zeustempels in Athen geschmückt ward. Was
+dennoch in Rom gearbeitet ward, ging aus den Händen von Fremden hervor; die
+wenigen römischen Künstler dieser Zeit, die namentlich erwähnt werden, sind
+ohne Ausnahme eingewanderte italische oder überseeische Griechen: so der
+Architekt Hermodoros aus dem kyprischen Salamis, der unter anderm die römischen
+Docks wiederherstellte und für Quintus Metellus (Konsul 611 143) den Tempel des
+Jupiter Stator in der von diesem angelegten Halle, für Decimus Brutus (Konsul
+616 138) den Marstempel im Flaminischen Circus baute; der Bildhauer Pasiteles
+(um 665 89) aus Großgriechenland, der für römische Tempel Götterbilder aus
+Elfenbein lieferte; der Maler und Philosoph Metrodoros von Athen, der
+verschrieben ward, um die Bilder für den Triumph des Lucius Paullus (587 168)
+zu malen. Es ist bezeichnend, daß die Münzen dieser Epoche im Vergleich mit
+denen der vorigen zwar eine größere Mannigfaltigkeit der Typen, aber im
+Stempelschnitt eher einen Rück- als einen Fortschritt zeigen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich Musik und Tanz siedelten in gleicher Weise von Hellas über nach Rom,
+einzig, um daselbst zur Erhöhung des dekorativen Luxus verwandt zu werden.
+Solche fremdländischen Künste waren allerdings nicht neu in Rom; der Staat
+hatte seit alter Zeit bei seinen Festen etruskische Flötenbläser und Tänzer
+auftreten lassen und die Freigelassenen und die niedrigste Klasse des römischen
+Volkes auch bisher schon mit diesem Gewerbe sich abgegeben. Aber neu war es,
+daß griechische Tänze und musikalische Aufführungen die stehende Begleitung
+einer vornehmen Tafel wurden; neu war eine Tanzschule, wie Scipio Aemilianus in
+einer seiner Reden sie voll Unwillen schildert, in der über fünfhundert Knaben
+und Mädchen, die Hefe des Volkes und Kinder von Männern in Amt und Würden
+durcheinander, von einem Ballettmeister Anweisung erhielten, zu wenig ehrbaren
+Kastagnettentänzen, zu entsprechenden Gesängen und zum Gebrauch der verrufenen
+griechischen Saiteninstrumente. Neu war es auch - nicht so sehr, daß ein
+Konsular und Oberpontifex, wie Publius Scaevola (Konsul 621 133), auf dem
+Spielplatz ebenso bebend die Bälle fing, wie er daheim die verwickeltsten
+Rechtsfragen löste, als daß vornehme junge Römer bei den Festspielen Sullas vor
+allem Volke ihre Jockeykünste produzierten. Die Regierung versuchte wohl
+einmal, diesem Treiben Einhalt zu tun; wie denn zum Beispiel im Jahre 639 (115)
+alle musikalischen Instrumente mit Ausnahme der in Latium einheimischen
+einfachen Flöte von den Zensoren untersagt wurden. Aber Rom war kein Sparta;
+das schlaffe Regiment signalisierte mehr die Übelstände durch solche Verbote,
+als daß es durch scharfe und folgerichtige Anwendung ihnen abzuhelfen auch nur
+versucht hätte.
+</p>
+
+<p>
+Werfen wir schließlich einen Blick zurück auf das Gesamtbild, das die Literatur
+und die Kunst Italiens von dem Tode des Ennius bis auf den Anfang der
+ciceronischen Zeit vor uns entfaltet, so begegnen wir auch hier in Vergleich
+mit der vorhergehenden Epoche dem entschiedensten Sinken der Produktivität. Die
+höheren Gattungen der Literatur sind abgestorben oder im Verkümmern, so das
+Epos, das Trauerspiel, die Geschichte. Was gedeiht, sind die untergeordneten
+Arten, die Übersetzung und die Nachbildung des Intrigenstücks, die Posse, die
+poetische und prosaische Broschüre; in diesem letzten, von der vollen
+Windsbraut der Revolution durchrasten Gebiet der Literatur begegnen wir den
+beiden größten literarischen Talenten dieser Epoche, dem Gaius Gracchus und dem
+Gaius Lucilius, die beide über eine Menge mehr oder minder mittelmäßiger
+Schriftsteller emporragen, wie in einer ähnlichen Epoche der französischen
+Literatur über eine Unzahl anspruchsvoller Nullitäten Courier und Béranger.
+Ebenso ist in den bildenden und zeichnenden Künsten die immer schwache
+Produktivität jetzt völlig null. Dagegen gedeiht der rezeptive Kunst- und
+Literaturgenuß; wie die Epigonen dieser Zeit auf dem politischen Gebiet die
+ihren Vätern angefallenen Erbschaften einziehen und ausnutzen, so finden wir
+sie auch hier als fleißige Schauspielbesucher, als Literaturfreunde, als
+Kunstkenner und mehr noch als Sammler. Die achtungswerteste Seite dieser
+Tätigkeit ist die gelehrte Forschung, die vor allem in der Rechtswissenschaft
+und in der Sprach- und Sachphilologie eigene geistige Anstrengung offenbart.
+Mit der Begründung dieser Wissenschaften, welche recht eigentlich in die
+gegenwärtige Epoche fällt, und zugleich mit den ersten geringen Anfängen der
+Nachdichtung der alexandrinischen Treibhauspoesie kündigt bereits die Epoche
+des römischen Alexandrinismus sich an. Alles, was diese Epoche geschaffen hat,
+ist glatter, fehlerfreier, systematischer als die Schöpfungen des sechsten
+Jahrhunderts; nicht ganz mit Unrecht sahen die Literaten und Literaturfreunde
+dieser Zeit auf ihre Vorgänger wie auf stümperhafte Anfänger herab. Aber wenn
+sie die Mangelhaftigkeit jener Anfängerarbeiten belächelten oder beschalten, so
+mochten doch auch eben die geistreichsten von ihnen sich es gestehen, daß die
+Jugendzeit der Nation vorüber war, und vielleicht diesen oder jenen doch wieder
+im stillen Grunde des Herzens die Sehnsucht beschleichen, den lieblichen Irrtum
+der Jugend abermals zu irren.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 4 by Theodor Mommsen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
+
+***** This file should be named 3063-h.htm or 3063-h.zip *****
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
+specific permission. If you do not charge anything for copies of this
+eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given
+away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
+not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
+trademark license, especially commercial redistribution.
+
+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
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+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
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+and accept all the terms of this license and intellectual property
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or
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+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
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+
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+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
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+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
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+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
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+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
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+
+</body>
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