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diff --git a/3062-0.txt b/3062-0.txt new file mode 100644 index 0000000..868b872 --- /dev/null +++ b/3062-0.txt @@ -0,0 +1,19511 @@ +The Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most +other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Römische Geschichte Book 3 + +Author: Theodor Mommsen + +Release Date: February, 2002 [Etext #3062] +[Most recently updated: January 15, 2020] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + + + + +Römische Geschichte + +Drittes Buch +Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der +griechischen Staaten + +von Theodor Mommsen + +The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some +(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a +modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek +words, nor is there any differentiation between the different accents of +ancient Greek and the subscript iotas are missing as well. + +Contents + + Drittes Buch—Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung + Karthagos und der griechischen Staaten + KAPITEL I. Karthago + KAPITEL II. Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago + KAPITEL III. Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen + KAPITEL IV. Hamilkar und Hannibal + KAPITEL V. Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae + KAPITEL VI. Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama + KAPITEL VII. Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode + KAPITEL VIII. Die östlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg + KAPITEL IX. Der Krieg gegen Antiochos von Asien + KAPITEL X. Der Dritte Makedonische Krieg + KAPITEL XI. Regiment und Regierte + KAPITEL XII. Boden- und Geldwirtschaft + KAPITEL XIII. Glaube und Sitte + KAPITEL XIV. Literatur und Kunst + + + + +Drittes Buch +Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der +griechischen Staaten + + +arduum res gestas scribere + +arg beschwerlich ist es, Geschichte zu schreiben + +Sallust + + + + +KAPITEL I. +Karthago + + +Der semitische Stamm steht inmitten und doch auch ausserhalb der +Voelker der alten klassischen Welt. Der Schwerpunkt liegt fuer jenen im +Osten, fuer diese am Mittelmeer, und wie auch Krieg und Wanderung die +Grenze verschoben und die Staemme durcheinanderwarfen, immer schied und +scheidet ein tiefes Gefuehl der Fremdartigkeit die indogermanischen +Voelker von den syrischen, israelitischen, arabischen Nationen. Dies +gilt auch von demjenigen semitischen Volke, das mehr als irgendein +anderes gegen Westen sich ausgebreitet hat, von den Phoenikern. Ihre +Heimat ist der schmale Kuestenstreif zwischen Kleinasien, dem syrischen +Hochland und Aegypten, die Ebene genannt, das heisst Kanaan. Nur mit +diesem Namen hat die Nation sich selber genannt - noch in der +christlichen Zeit nannte der afrikanische Bauer sich einen Kanaaniter; +den Hellenen aber hiess Kanaan das “Purpurland” oder auch das “Land der +roten Maenner”, Phoenike, und Punier pflegten auch die Italiker, +Phoeniker oder Punier pflegen wir noch die Kanaaniter zu heissen. Das +Land ist wohl geeignet zum Ackerbau; aber vor allen Dingen sind die +vortrefflichen Haefen und der Reichtum an Holz und Metallen dem Handel +guenstig, der hier, wo das ueberreiche oestliche Festland hinantritt an +die weithin sich ausbreitende insel- und hafenreiche Mittellaendische +See, vielleicht zuerst in seiner ganzen Grossartigkeit dem Menschen +aufgegangen ist. Was Mut, Scharfsinn und Begeisterung vermoegen, haben +die Phoeniker aufgeboten, um dem Handel und was aus ihm folgt, der +Schiffahrt, Fabrikation, Kolonisierung, die volle Entwicklung zu geben +und Osten und Westen zu vermitteln. In unglaublich frueher Zeit finden +wir sie in Kypros und Aegypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika +und Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meer und der Nordsee. Ihr +Handelsgebiet reicht von Sierra Leone und Cornwall im Westen bis +oestlich zur malabarischen Kueste; durch ihre Haende gehen das Gold und +die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein, +die Loewen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische +Weihrauch, das Linnen Aegyptens, Griechenlands Tongeschirr und edle +Weine, das kyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn, +das Eisen von Elba. Jedem Volke bringen die phoenikischen Schiffer, was +es brauchen kann oder doch kaufen mag, und ueberall kommen sie herum, +um immer wieder zurueckzukehren zu der engen Heimat, an der ihr Herz +haengt. Die Phoeniker haben wohl ein Recht, in der Geschichte genannt +zu werden neben der hellenischen und der latinischen Nation; aber auch +an ihnen und vielleicht an ihnen am meisten bewaehrt es sich, dass das +Altertum die Kraefte der Voelker einseitig entwickelte. Die +grossartigen und dauernden Schoepfungen, welche auf dem geistigen +Gebiete innerhalb des aramaeischen Stammes entstanden sind, gehoeren +nicht zunaechst den Phoenikern an; wenn Glauben und Wissen in gewissem +Sinn den aramaeischen Nationen vor allen anderen eigen und den +Indogermanen erst aus dem Osten zugekommen sind, so hat doch weder die +phoenikische Religion noch die phoenikische Wissenschaft und Kunst, +soviel wir sehen, jemals unter den aramaeischen einen selbstaendigen +Rang eingenommen. Die religioesen Vorstellungen der Phoeniker sind +formlos und unschoen, und ihr Gottesdienst schien Luesternheit und +Grausamkeit mehr zu naehren als zu baendigen bestimmt; von einer +besonderen Einwirkung phoenikischer Religion auf andere Voelker wird +wenigstens in der geschichtlich klaren Zeit nichts wahrgenommen. +Ebensowenig begegnet eine auch nur der italischen, geschweige denn +derjenigen der Mutterlaender der Kunst vergleichbare phoenikische +Tektonik oder Plastik. Die aelteste Heimat der wissenschaftlichen +Beobachtung und ihrer praktischen Verwertung ist Babylon oder doch das +Euphratland gewesen: hier wahrscheinlich folgte man zuerst dem Lauf der +Sterne; hier schied und schrieb man zuerst die Laute der Sprache; hier +begann der Mensch ueber Zeit und Raum und ueber die in der Natur +wirkenden Kraefte zu denken; hierhin fuehren die aeltesten Spuren der +Astronomie und Chronologie, des Alphabets, der Masse und Gewichte. Die +Phoeniker haben wohl von den kunstreichen und hoch entwickelten +babylonischen Gewerken fuer ihre Industrie, von der Sternbeobachtung +fuer ihre Schiffahrt, von der Lautschrift und der Ordnung der Masse +fuer ihren Handel Vorteil gezogen und manchen wichtigen Keim der +Zivilisation mit ihren Waren vertrieben; aber dass das Alphabet oder +irgendein anderes jener genialen Erzeugnisse des Menschengeistes ihnen +eigentuemlich angehoere, laesst sich nicht erweisen, und was durch sie +von religioesen und wissenschaftlichen Gedanken den Hellenen zukam, das +haben sie mehr wie der Vogel das Samenkorn als wie der Ackersmann die +Saat ausgestreut. Die Kraft die bildungsfaehigen Voelker, mit denen sie +sich beruehrten, zu zivilisieren und sich zu assimilieren, wie sie die +Hellenen und selbst die Italiker besitzen, fehlte den Phoenikern +gaenzlich. Im Eroberungsgebiet der Roemer sind vor der romanischen +Zunge die iberischen und die keltischen Sprachen verschollen; die +Berber Afrikas reden heute noch dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der +Hannos und der Barkiden. Aber vor allem mangelt den Phoenikern, wie +allen aramaeischen Nationen im Gegensatz zu den indogermanischen, der +staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber regierenden +Freiheit. Waehrend der hoechsten Bluete von Sidon und Tyros ist das +phoenikische Land der ewige Zankapfel der am Euphrat und am Nil +herrschenden Maechte und bald den Assyrern, bald den Aegyptern +untertan. Mit der halben Macht haetten hellenische Staedte sich +unabhaengig gemacht; aber die vorsichtigen sidonischen Maenner, +berechnend, dass die Sperrung der Karawanenstrassen nach dem Osten oder +der aegyptischen Haefen ihnen weit hoeher zu stehen komme als der +schwerste Tribut, zahlten lieber puenktlich ihre Steuern, wie es fiel +nach Ninive oder nach Memphis, und fochten sogar, wenn es nicht anders +sein konnte, mit ihren Schiffen die Schlachten der Koenige mit. Und wie +die Phoeniker daheim den Druck der Herren gelassen ertrugen, waren sie +auch draussen keineswegs geneigt, die friedlichen Bahnen der +kaufmaennischen mit der erobernden Politik zu vertauschen. Ihre +Niederlassungen sind Faktoreien; es liegt ihnen mehr daran, den +Eingeborenen Waren abzunehmen und zuzubringen, als weite Gebiete in +fernen Laendern zu erwerben und daselbst die schwere und langsame +Arbeit der Kolonisierung durchzufuehren. Selbst mit ihren Konkurrenten +vermeiden sie den Krieg; aus Aegypten, Griechenland, Italien, dem +oestlichen Sizilien lassen sie fast ohne Widerstand sich verdraengen +und in den grossen Seeschlachten, die in frueher Zeit um die Herrschaft +im westlichen Mittelmeer geliefert worden sind, bei Alalia (217 537) +und Kyme (280 474), sind es die Etrusker, nicht die Phoeniker, die die +Schwere des Kampfes gegen die Griechen tragen. Ist die Konkurrenz +einmal nicht zu vermeiden, so gleicht man sich aus, so gut es gehen +will; es ist nie von den Phoenikern ein Versuch gemacht worden, Caere +oder Massalia zu erobern. Noch weniger natuerlich sind die Phoeniker +zum Angriffskrieg geneigt. Das einzige Mal, wo sie in der aelteren Zeit +offensiv auf dem Kampfplatze erscheinen, in der grossen sizilischen +Expedition der afrikanischen Phoeniker, welche mit der Niederlage bei +Himera durch Gelon von Syrakus endigte (274 480), sind sie nur als +gehorsame Untertanen des Grosskoenigs und um der Teilnahme an dem +Feldzug gegen die oestlichen Hellenen auszuweichen, gegen die Hellepen +des Westens ausgerueckt; wie denn ihre syrischen Stammgenossen in der +Tat in demselben Jahr sich mit den Persern bei Salamis mussten schlagen +lassen. + +Es ist das nicht Feigheit; die Seefahrt in unbekannten Gewaessern und +mit bewaffneten Schiffen fordert tapfere Herzen, und dass diese unter +den Phoenikern zu finden waren, haben sie oft bewiesen. Es ist noch +weniger Mangel an Zaehigkeit und Eigenartigkeit des Nationalgefuehls; +vielmehr haben die Aramaeer mit einer Hartnaeckigkeit, welche kein +indogermanisches Volk je erreicht hat und welche uns Okzidentalen bald +mehr, bald weniger als menschlich zu sein duenkt, ihre Nationalitaet +gegen alle Lockungen der griechischen Zivilisation wie gegen alle +Zwangsmittel der orientalischen und okzidentalischen Despoten mit den +Waffen des Geistes wie mit ihrem Blute verteidigt. Es ist der Mangel an +staatlichem Sinn, der bei dem lebendigsten Stammgefuehl, bei der +treuesten Anhaenglichkeit an die Vaterstadt doch das eigenste Wesen der +Phoeniker bezeichnet. Die Freiheit lockte sie nicht und es geluestete +sie nicht nach der Herrschaft; “ruhig lebten sie”, sagt das Buch der +Richter, “nach der Weise der Sidonier, sicher und wohlgemut und im +Besitz von Reichtum”. + +Unter allen phoenikischen Ansiedlungen gediehen keine schneller und +sicherer als die von den Tyriern und Sidoniern an der Suedkueste +Spaniens und an der nordafrikanischen gegruendeten, in welche Gegenden +weder der Arm des Grosskoenigs noch die gefaehrliche Rivalitaet der +griechischen Seefahrer reichte, die Eingeborenen aber den Fremdlingen +gegenueberstanden wie in Amerika die Indianer den Europaeern. Unter den +zahlreichen und bluehenden phoenikischen Staedten an diesen Gestaden +ragte vor allem hervor die “Neustadt”, Karthada oder, wie die +Okzidentalen sie nennen, Karchedon oder Karthago. Nicht die frueheste +Niederlassung der Phoeniker in dieser Gegend und urspruenglich +vielleicht schutzbefohlene Stadt des nahen Utica, der aeltesten +Phoenikerstadt in Libyen, ueberfluegelte sie bald ihre Nachbarn, ja die +Heimat selbst durch die unvergleichlich guenstige Lage und die rege +Taetigkeit ihrer Bewohner. Gelegen unfern der (ehemaligen) Muendung des +Bagradas (Medscherda), der die reichste Getreidelandschaft Nordafrikas +durchstroemt, auf einer fruchtbaren noch heute mit Landhaeusern +besetzten und mit Oliven- und Orangenwaeldern bedeckten Anschwellung +des Bodens, der gegen die Ebene sanft sich abdacht und an der Seeseite +als meerumflossenes Vorgebirg endigt, inmitten des grossen Hafens von +Nordafrika, des Golfes von Tunis, da wo dies schoene Bassin den besten +Ankergrund fuer groessere Schiffe und hart am Strande trinkbares +Quellwasser darbietet, ist dieser Platz fuer Ackerbau und Handel und +die Vermittlung beider so einzig guenstig, dass nicht bloss die +tyrische Ansiedlung daselbst die erste phoenikische Kaufstadt ward, +sondern auch in der roemischen Zeit Karthago, kaum wiederhergestellt, +die dritte Stadt des Kaiserreichs wurde und noch heute unter nicht +guenstigen Verhaeltnissen und an einer weit weniger gut gewaehlten +Stelle dort eine Stadt von hunderttausend Einwohnern besteht und +gedeiht. Die agrikole, merkantile, industrielle Bluete einer Stadt in +solcher Lage und mit solchen Bewohnern erklaert sich selbst; wohl aber +fordert die Frage eine Antwort, auf welchem Weg diese Ansiedlung zu +einer politischen Machtentwicklung gelangte, wie sie keine andere +phoenikische Stadt besessen hat. + +Dass der phoenikische Stamm seine politische Passivitaet auch in +Karthago nicht verleugnet hat, dafuer fehlt es keineswegs an Beweisen. +Karthago bezahlte bis in die Zeiten seiner Bluete hinab fuer den Boden, +den die Stadt einnahm, Grundzins an die einheimischen Berber, den Stamm +der Maxyer oder Maxitaner; und obwohl das Meer und die Wueste die Stadt +hinreichend schuetzten vor jedem Angriff der oestlichen Maechte, +scheint Karthago doch die Herrschaft des Grosskoenigs wenn auch nur dem +Namen nach anerkannt und ihm gelegentlich gezinst zu haben, um sich die +Handelsverbindungen mit Tyros und dem Osten zu sichern. + +Aber bei allem guten Willen, sich zu fuegen und zu schmiegen, traten +doch Verhaeltnisse ein, die diese Phoeniker in eine energischere +Politik draengten. Vor dem Strom der hellenischen Wanderung, der sich +unaufhaltsam gegen Westen ergoss, der die Phoeniker schon aus dem +eigentlichen Griechenland und von Italien verdraengt hatte und eben +sich anschickte, in Sizilien, in Spanien, ja in Libyen selbst das +gleiche zu tun, mussten die Phoeniker doch irgendwo standhalten, wenn +sie nicht gaenzlich sich wollten erdruecken lassen. Hier, wo sie mit +griechischen Kaufleuten und nicht mit dem Grosskoenig zu tun hatten, +genuegte es nicht, sich zu unterwerfen, um gegen Schoss und Zins Handel +und Industrie in alter Weise fortzufuehren. Schon waren Massalia und +Kyrene gegruendet; schon das ganze oestliche Sizilien in den Haenden +der Griechen; es war fuer die Phoeniker die hoechste Zeit zu +ernstlicher Gegenwehr. Die Karthager nahmen sie auf; in langen und +hartnaeckigen Kriegen setzten sie dem Vordringen der Kyrenaeer eine +Grenze und der Hellenismus vermochte nicht sich westwaerts der Wueste +von Tripolis festzusetzen. Mit karthagischer Hilfe erwehrten ferner die +phoenikischen Ansiedler auf der westlichen Spitze Siziliens sich der +Griechen und begaben sich gern und freiwillig in die Klientel der +maechtigen stammverwandten Stadt. Diese wichtigen Erfolge, die ins +zweite Jahrhundert Roms fallen und die den suedwestlichen Teil des +Mittelmeers den Phoenikern retteten, gaben der Stadt, die sie erfochten +hatte, von selbst die Hegemonie der Nation und zugleich eine +veraenderte politische Stellung. Karthago war nicht mehr eine blosse +Kaufstadt; sie zielte nach der Herrschaft ueber Libyen und ueber einen +Teil des Mittelmeers, weil sie es musste. Wesentlich trug +wahrscheinlich bei zu diesen Erfolgen das Aufkommen der Soeldnerei, die +in Griechenland etwa um die Mitte des vierten Jahrhunderts der Stadt in +Uebung kam, bei den Orientalen aber, namentlich bei den Karern weit +aelter ist und vielleicht eben durch die Phoeniker emporkam. Durch das +auslaendische Werbesystem ward der Krieg zu einer grossartigen +Geldspekulation, die eben recht im Sinn des phoenikischen Wesens ist. + +Es war wohl erst die Rueckwirkung dieser auswaertigen Erfolge, welche +die Karthager veranlasste, in Afrika von Miet- und Bitt- zum +Eigenbesitz und zur Eroberung ueberzugehen. Erst um 300 Roms (450) +scheinen die karthagischen Kaufleute sich des Bodenzinses entledigt zu +haben, den sie bisher den Einheimischen hatten entrichten muessen. +Dadurch ward eine eigene Ackerwirtschaft im grossen moeglich. Von jeher +hatten die Phoeniker es sich angelegen sein lassen, ihre Kapitalien +auch als Grundbesitzer zu nutzen und den Feldbau im grossen Massstab zu +betreiben durch Sklaven oder gedungene Arbeiter; wie denn ein grosser +Teil der Juden in dieser Art den tyrischen Kaufherren um Tagelohn +dienstbar war. Jetzt konnten die Karthager unbeschraenkt den reichen +libyschen Boden ausbeuten durch ein System, das dem der heutigen +Plantagenbesitzer verwandt ist: gefesselte Sklaven bestellten das Land +- wir finden, dass einzelne Buerger deren bis zwanzigtausend besassen. +Man ging weiter. Die ackerbauenden Doerfer der Umgegend - der Ackerbau +scheint bei den Libyern sehr frueh und wahrscheinlich schon vor der +phoenikischen Ansiedlung, vermutlich von Aegypten aus, eingefuehrt zu +sein - wurden mit Waffengewalt unterworfen und die freien libyschen +Bauern umgewandelt in Fellahs, die ihren Herren den vierten Teil der +Bodenfruechte als Tribut entrichteten und zur Bildung eines eigenen +karthagischen Heeres einem regelmaessigen Rekrutierungssystem +unterworfen wurden. Mit den schweifenden Hirtenstaemmen (νομάδες) an +den Grenzen waehrten die Fehden bestaendig; indes sicherte eine +verschanzte Postenkette das befriedete Gebiet und langsam wurden jene +zurueckgedraengt in die Wuesten und Berge oder gezwungen, die +karthagische Oberherrschaft anzuerkennen, Tribut zu zahlen und Zuzug zu +stellen. Um die Zeit des Ersten Punischen Krieges ward ihre grosse +Stadt Theveste (Tebessa, an den Quellen des Medscherda) von den +Karthagern erobert. Dies sind die “Staedte und Staemme (έθνη) der +Untertanen”, die in den karthagischen Staatsvertraegen erscheinen; +jenes die unfreien libyschen Doerfer, dieses die untertaenigen Nomaden. + +Hierzu kam endlich die Herrschaft Karthagos ueber die uebrigen +Phoeniker in Afrika oder die sogenannten Libyphoeniker. Es gehoerten zu +diesen teils die von Karthago aus an die ganze afrikanische Nord- und +einen Teil der Nordwestkueste gefuehrten kleineren Ansiedelungen, die +nicht unbedeutend gewesen sein koennen, da allein am Atlantischen Meer +auf einmal 30000 solcher Kolonisten sesshaft gemacht wurden, teils die +besonders an der Kueste der heutigen Provinz Constantine und des Beylik +von Tunis zahlreichen altphoenikischen Niederlassungen, zum Beispiel +Hippo, spaeter regius zugenannt (Bona), Hadrumetum (Susa), Klein-Leptis +(suedlich von Susa) - die zweite Stadt der afrikanischen Phoeniker -, +Thapsus (ebendaselbst), Gross-Leptis (Lebda westlich von Tripolis). Wie +es gekommen ist, dass sich all diese Staedte unter karthagische +Botmaessigkeit begaben, ob freiwillig, etwa um sich zu schirmen vor den +Angriffen der Kyrenaeer und Numidier, oder gezwungen, ist nicht mehr +nachzuweisen; sicher aber ist es, dass sie als Untertanen der Karthager +selbst in offiziellen Aktenstuecken bezeichnet werden, ihre Mauern +hatten niederreissen muessen und Steuer und Zuzug nach Karthago zu +leisten hatten. Indes waren sie weder der Rekrutierung noch der +Grundsteuer unterworfen, sondern leisteten ein Bestimmtes an Mannschaft +und Geld, Klein-Leptis zum Beispiel jaehrlich die ungeheure Summe von +465 Talenten (574000 Taler); ferner lebten sie nach gleichem Recht mit +den Karthagern und konnten mit ihnen in gleiche Ehe treten ^1. Einzig +Utica war, wohl weniger durch seine Macht als durch die Pietaet der +Karthager gegen ihre alten Beschuetzer, dem gleichen Schicksal +entgangen und hatte seine Mauern und seine Selbstaendigkeit bewahrt; +wie denn die Phoeniker fuer solche Verhaeltnisse eine merkwuerdige, von +der griechischen Gleichgueltigkeit wesentlich abstechende Ehrfurcht +hegten. Selbst im auswaertigen Verkehr sind es stets “Karthago und +Utica”, die zusammen festsetzen und versprechen; was natuerlich nicht +ausschliesst, dass die weit groessere Neustadt der Tat nach auch ueber +Utica die Hegemonie behauptete. So ward aus der tyrischen Faktorei die +Hauptstadt eines maechtigen nordafrikanischen Reiches, das von der +tripolitanischen Wueste sich erstreckte bis zum Atlantischen Meer, im +westlichen Teil (Marokko und Algier) zwar mit zum Teil oberflaechlicher +Besetzung der Kuestensaeume sich begnuegend, aber in dem reicheren +oestlichen, den heutigen Distrikten von Constantine und Tunis, auch das +Binnenland beherrschend und seine Grenze bestaendig weiter gegen Sueden +vorschiebend; die Karthager waren, wie ein alter Schriftsteller +bezeichnend sagt, aus Tyriern Libyer geworden. Die phoenikische +Zivilisation herrschte in Libyen aehnlich wie in Kleinasien und Syrien +die griechische nach den Zuegen Alexanders, wenn auch nicht mit +gleicher Gewalt. An den Hoefen der Nomadenscheichs ward phoenikisch +gesprochen und geschrieben und die zivilisierteren einheimischen +Staemme nahmen fuer ihre Sprache das phoenikische Alphabet an ^2; sie +vollstaendig zu phoenikisieren lag indes weder im Geiste der Nation +noch in der Politik Karthagos. + +——————————————————————— + +^1 Die schaerfste Bezeichnung dieser wichtigen Klasse findet sich in +dem karthagischen Staatsvertrag (Polyb. 7, 9), wo sie im Gegensatz +einerseits zu den Uticensern, anderseits zu den libyschen Untertanen +heissen: οι Καρχ ηδονίων ύπαρχη όσοι τοίς αυτοίς νόμοις χρώνται. Sonst +heissen sie auch Bundes- συμμαχίδες πόλεις Diod. 20, 10) oder +steuerpflichtige Staedte (Liv. 34, 62; Iust. 22, 7, 3). Ihr Conubium +mit den Karthagern erwaehnt Diodoros 20, 55; das Commercium folgt aus +den “gleichen Gesetzen”. Dass die altphoenikischen Kolonien zu den +Libyphoenikern gehoeren, beweist die Bezeichnung Hippos als einer +libyphoenikischen Stadt (Liv. 25, 40); anderseits heisst es +hinsichtlich der von Karthago aus gegruendeten Ansiedlungen zum +Beispiel im Periplus des Hanno: “Es beschlossen die Karthager, dass +Hanno jenseits der Saeulen des Herkules schiffe und Staedte der +Libyphoeniker gruende”. Im wesentlichen bezeichnen die Libyphoeniker +bei den Karthagern nicht eine nationale, sondern eine staatsrechtliche +Kategorie. Damit kann es recht wohl bestehen, dass der Name grammatisch +die mit Libyern gemischten Phoeniker bezeichnet (Liv. 21, 22, Zusatz +zum Text des Polybios); wie denn in der Tat wenigstens bei der Anlage +sehr exponierter Kolonien den Phoenikern haeufig Libyer beigegeben +wurden (Diod. 13, 79; Cic. Scaur. 42). Die Analogie im Namen und im +Rechtsverhaeltnis zwischen den Latinern Roms und den Libyphoenikern +Karthagos ist unverkennbar. + +^2 Das libysche oder numidische Alphabet, das heisst dasjenige, womit +die Berber ihre nichtsemitische Sprache schrieben und schreiben, eines +der zahllosen aus dem aramaeischen Uralphabet abgeleiteten, scheint +allerdings diesem in einzelnen Formen naeher zu stehen als das +phoenikische; aber es folgt daraus noch keineswegs, dass die Libyer die +Schrift nicht von den Phoenikern, sondern von aelteren Einwanderern +erhielten, so wenig als die teilweise aelteren Formen der italischen +Alphabete diese aus dem griechischen abzuleiten verbieten. Vielmehr +wird die Ableitung des libyschen Alphabets aus dem phoenikischen einer +Periode des letzteren angehoeren, welche aelter ist als die, in der die +auf uns gekommenen Denkmaeler der phoenikischen Sprache geschrieben +wurden. + +————————————————————————- + +Die Epoche, in der diese Umwandlung Karthagos in die Hauptstadt von +Libyen stattgefunden hat, laesst sich um so weniger bestimmen, als die +Veraenderung ohne Zweifel stufenweise erfolgt ist. Der eben erwaehnte +Schriftsteller nennt als den Reformator der Nation den Hanno; wenn dies +derselbe ist, der zur Zeit des ersten Krieges mit Rom lebte, so kann er +nur als Vollender des neuen Systems angesehen werden, dessen +Durchfuehrung vermutlich das vierte und fuenfte Jahrhundert Roms +ausgefuellt hat. + +Mit dem Aufbluehen Karthagos Hand in Hand ging das Sinken der grossen +phoenikischen Staedte in der Heimat, von Sidon und besonders von Tyros, +dessen Bluete teils infolge innerer Bewegungen, teils durch die +Drangsale von aussen, namentlich die Belagerungen durch Salmanassar im +ersten, Nabukodrossor im zweiten, Alexander im fuenften Jahrhundert +Roms zugrunde gerichtet ward. Die edlen Geschlechter und die alten +Firmen von Tyros siedelten groesstenteils ueber nach der gesicherten +und bluehenden Tochterstadt und brachten dorthin ihre Intelligenz, ihre +Kapitalien und ihre Traditionen. Als die Phoeniker mit Rom in +Beruehrung kamen, war Karthago ebenso entschieden die erste +kanaanitische Stadt wie Rom die erste der latinischen Gemeinden. + +Aber die Herrschaft ueber Libyen war nur die eine Haelfte der +karthagischen Macht; ihre See- und Kolonialherrschaft hatte +gleichzeitig nicht minder gewaltig sich entwickelt. + +In Spanien war der Hauptplatz der Phoeniker die uralte tyrische +Ansiedlung in Gades (Cadiz); ausserdem besassen sie westlich und +oestlich davon eine Kette von Faktoreien und im Innern das Gebiet der +Silbergruben, so dass sie etwa das heutige Andalusien und Granada oder +doch wenigstens die Kueste davon innehatten. Das Binnenland den +einheimischen kriegerischen Nationen abzugewinnen war man nicht +bemueht; man begnuegte sich mit dem Besitz der Bergwerke und der +Stationen fuer den Handel und fuer den Fisch- und Muschelfang und hatte +Muehe auch nur hier sich gegen die anwohnenden Staemme zu behaupten. Es +ist wahrscheinlich, dass diese Besitzungen nicht eigentlich karthagisch +waren, sondern tyrisch, und Gades nicht mitzaehlte unter den +tributpflichtigen Staedten Karthagos; doch stand es wie alle westlichen +Phoeniker tatsaechlich unter karthagischer Hegemonie, wie die von +Karthago den Gaditanern gegen die Eingeborenen gesandte Hilfe und die +Anlegung karthagischer Handelsniederlassungen westlich von Gades +beweist. Ebusus und die Balearen wurden dagegen von den Karthagern +selbst in frueher Zeit besetzt, teils der Fischereien wegen, teils als +Vorposten gegen die Massalioten, mit denen von hier aus die heftigsten +Kaempfe gefuehrt wurden. + +Ebenso setzten die Karthager schon am Ende des zweiten Jahrhunderts +Roms sich fest auf Sardinien, welches ganz in derselben Art wie Libyen +von ihnen ausgebeutet ward. Waehrend die Eingeborenen sich in dem +gebirgigen Innern der Insel der Verknechtung zur Feldsklaverei entzogen +wie die Numidier in Afrika an dem Saum der Wueste, wurden nach Karalis +(Cagliari) und anderen wichtigen Punkten phoenikische Kolonien gefuehrt +und die fruchtbaren Kuestenlandschaften durch eingefuehrte libysche +Ackerbauern verwertet. + +In Sizilien endlich war zwar die Strasse von Messana und die groessere +oestliche Haelfte der Insel in frueher Zeit den Griechen in die Haende +gefallen; allein den Phoenikern blieben unter dem Beistand der +Karthager teils die kleineren Inseln in der Naehe, die Aegaten, Melite, +Gaulos, Kossyra, unter denen namentlich die Ansiedlung auf Malta reich +und bluehend war, teils die West- und Nordwestkueste Siziliens, wo sie +von Motye, spaeter von Lilybaeon aus die Verbindung mit Afrika, von +Panormos und Soloeis aus die mit Sardinien unterhielten. Das Innere der +Insel blieb in dem Besitz der Eingeborenen, der Elymer, Sikaner, +Sikeler. Es hatte sich in Sizilien, nachdem das weitere Vordringen der +Griechen gebrochen war, ein verhaeltnismaessig friedlicher Zustand +hergestellt, den selbst die von den Persern veranlasste Heerfahrt der +Karthager gegen ihre griechischen Nachbarn auf der Insel (274 480) +nicht auf die Dauer unterbrach und der im ganzen fortbestand bis auf +die attische Expedition nach Sizilien (339-341 415-413). Die beiden +rivalisierenden Nationen bequemten sich, einander zu dulden, und +beschraenkten sich im wesentlichen jede auf ihr Gebiet. + +Alle diese Niederlassungen und Besitzungen waren an sich wichtig genug; +allein noch von weit groesserer Bedeutung insofern, als sie die Pfeiler +der karthagischen Seeherrschaft wurden. Durch den Besitz Suedspaniens, +der Balearen, Sardiniens, des westlichen Sizilien und Melites in +Verbindung mit der Verhinderung hellenischer Kolonisierung, sowohl an +der spanischen Ostkueste als auf Korsika und in der Gegend der Syrten +machten die Herren der nordafrikanischen Kueste ihre See zu einer +geschlossenen und monopolisierten die westliche Meerenge. Nur das +Tyrrhenische und gallische Meer mussten die Phoeniker mit andern +Nationen teilen. Es war dies allenfalls zu ertragen, solange die +Etrusker und die Griechen sich hier das Gleichgewicht hielten; mit den +ersteren als den minder gefaehrlichen Nebenbuhlern trat Karthago sogar +gegen die Griechen in Buendnis. Indes als nach dem Sturz der +etruskischen Macht, den, wie es zu gehen pflegt bei derartigen +Notbuendnissen, Karthago wohl schwerlich mit aller Macht abzuwenden +bestrebt gewesen war, und nach der Vereitelung der grossen Entwuerfe +des Alkibiades Syrakus unbestritten dastand als die erste griechische +Seemacht, fingen begreiflicherweise nicht nur die Herren von Syrakus +an, nach der Herrschaft ueber Sizilien und Unteritalien und zugleich +ueber das Tyrrhenische und Adriatische Meer zu streben, sondern wurden +auch die Karthager gewaltsam in eine energischere Politik gedraengt. +Das naechste Ergebnis der langen und hartnaeckigen Kaempfe zwischen +ihnen und ihrem ebenso maechtigen als schaendlichen Gegner Dionysios +von Syrakus (348-389 406-365) war die Vernichtung oder Schwaechung der +sizilischen Mittelstaaten, die im Interesse beider Parteien lag und die +Teilung der Insel zwischen den Syrakusanern und den Karthagern. Die +bluehendsten Staedte der Insel: Selinus, Himera, Akragas, Gela, +Messana, wurden im Verlauf dieser heillosen Kaempfe von den Karthagern +von Grund aus zerstoert; nicht ungern sah Dionysios, wie das +Hellenentum hier zugrunde ging oder doch geknickt ward, um sodann, +gestuetzt auf die fremden, aus Italien, Gallien und Spanien +angeworbenen Soeldner, die veroedeten oder mit Militaerkolonien +belegten Landschaften desto sicherer zu beherrschen. Der Friede, der +nach des karthagischen Feldherrn Mago Sieg bei Kronion 371 (383) +abgeschlossen ward und den Karthagern die griechischen Staedte Thermae +(das alte Himera), Egesta, Herakleia Minoa, Selinus und einen Teil des +Gebietes von Akragas bis an den Halykos unterwarf, galt den beiden um +den Besitz der Insel ringenden Maechten nur als vorlaeufiges Abkommen; +immer von neuem wiederholten sich beiderseits die Versuche, den +Nebenbuhler ganz zu verdraengen. Viermal - zur Zeit des aelteren +Dionysios 360 (394), in der Timoleons 410 (344), in der des Agathokles +445 (309), in der pyrrhischen 476 (278) - waren die Karthager Herren +von ganz Sizilien bis auf Syrakus und scheiterten an dessen festen +Mauern; fast ebenso oft schienen die Syrakusaner unter tuechtigen +Fuehrern, wie der aeltere Dionysios, Agathokles und Pyrrhos waren, +ihrerseits ebenso nahe daran, die Afrikaner von der Insel zu +verdraengen. Mehr und mehr aber neigte sich das Uebergewicht auf die +Seite der Karthager, von denen regelmaessig der Angriff ausging und +die, wenn sie auch nicht mit roemischer Stetigkeit ihr Ziel verfolgten, +doch mit weit groesserer Planmaessigkeit und Energie den Angriff +betrieben als die von Parteien zerrissene und abgehetzte Griechenstadt +die Verteidigung. Mit Recht durften die Phoeniker erwarten, dass nicht +immer eine Pest oder ein fremder Condottiere die Beute ihnen entreissen +wuerde; und vorlaeufig war wenigstens zur See der Kampf schon +entschieden: Pyrrhos’ Versuch, die syrakusanische Flotte +wiederherzustellen, war der letzte. Nachdem dieser gescheitert war, +beherrschte die karthagische Flotte ohne Nebenbuhler das ganze +westliche Mittelmeer; und ihre Versuche, Syrakus, Rhegion, Tarent zu +besetzen, zeigten, was man vermochte und wohin man zielte. Hand in Hand +damit ging das Bestreben, den Seehandel dieser Gegend immer mehr sowohl +dem Ausland wie den eigenen Untertanen gegenueber zu monopolisieren; +und es war nicht karthagische Art, vor irgendeiner zum Zwecke +fuehrenden Gewaltsamkeit zurueckzuscheuen. Ein Zeitgenosse der +Punischen Kriege, der Vater der Geographie Eratosthenes (479-560 +275-194), bezeugt es, dass jeder fremde Schiffer, welcher nach +Sardinien oder nach der Gaditanischen Strasse fuhr, wenn er den +Karthagern in die Haende fiel, von ihnen ins Meer gestuerzt ward; und +damit stimmt es voellig ueberein, dass Karthago den roemischen +Handelsschiffen die spanischen, sardinischen und libyschen Haefen durch +den Vertrag vom Jahre 406 (348) freigab, dagegen durch den vom Jahre +448 (306) sie ihnen mit Ausnahme des eigenen karthagischen saemtlich +schloss. + +Die Verfassung Karthagos bezeichnet Aristoteles, der etwa fuenfzig +Jahre vor dein Anfang des Ersten Punischen Krieges starb, als +uebergegangen aus der monarchischen in eine Aristokratie oder in eine +zur Oligarchie sich neigende Demokratie; denn mit beiden Namen benennt +er sie. Die Leitung der Geschaefte stand zunaechst bei dem Rat der +Alten, welcher gleich der spartanischen Gerusia bestand aus den beiden +jaehrlich von der Buergerschaft ernannten Koenigen und achtundzwanzig +Gerusiasten, die auch, wie es scheint, Jahr fuer Jahr von der +Buergerschaft erwaehlt wurden. Dieser Rat ist es, der im wesentlichen +die Staatsgeschaefte erledigt, zum Beispiel die Einleitungen zum Kriege +trifft, die Aushebungen und Werbungen anordnet, den Feldherrn ernennt +und ihm eine Anzahl Gerusiasten beiordnet, aus denen dann regelmaessig +die Unterbefehlshaber genommen werden; an ihn werden die Depeschen +adressiert. Ob neben diesem kleinen Rat noch ein grosser stand, ist +zweifelhaft; auf keinen Fall hatte er viel zu bedeuten. Ebensowenig +scheint den Koenigen ein besonderer Einfluss zugestanden zu haben; +hauptsaechlich funktionierten sie als Oberrichter, wie sie nicht selten +auch heissen (Schofeten, praetores). Groesser war die Gewalt des +Feldherrn; Isokrates, Aristoteles’ aelterer Zeitgenosse, sagt, dass die +Karthager sich daheim oligarchisch, im Felde aber monarchisch regierten +und so mag das Amt des karthagischen Feldherrn mit Recht von roemischen +Schriftstellern als Diktatur bezeichnet werden, obgleich die ihm +beigegebenen Gerusiasten tatsaechlich wenigstens seine Macht +beschraenken mussten, und ebenso nach Niederlegung des Amtes ihn eine +den Roemern unbekannte ordentliche Rechenschaftslegung erwartete. Eine +feste Zeitgrenze bestand fuer das Amt des Feldherrn nicht, und es ist +derselbe also schon deshalb vom Jahrkoenig unzweifelhaft verschieden +gewesen, von dem ihn auch Aristoteles ausdruecklich unterscheidet; doch +war die Vereinigung mehrerer Aemter in einer Person bei den Karthagern +ueblich, und so kann es nicht befremden, dass oft derselbe Mann +zugleich als Feldherr und als Schofet erscheint. + +Aber ueber der Gerusia und ueber den Beamten stand die Koerperschaft +der Hundertvier-, kuerzer Hundertmaenner oder der Richter, das +Hauptbollwerk der karthagischen Oligarchie. In der urspruenglichen +karthagischen Verfassung fand sie sich nicht, sondern sie war gleich +dem spartanischen Ephorat hervorgegangen aus der aristokratischen +Opposition gegen die monarchischen Elemente derselben. Bei der +Kaeuflichkeit der Aemter und der geringen Mitgliederzahl der hoechsten +Behoerde drohte eine einzige durch Reichtum und Kriegsruhm vor allen +hervorleuchtende karthagische Familie, das Geschlecht des Mago, die +Verwaltung in Krieg und Frieden und die Rechtspflege in ihren Haenden +zu vereinigen; dies fuehrte ungefaehr um die Zeit der Dezemvirn zu +einer Aenderung der Verfassung und zur Einsetzung dieser neuen +Behoerde. Wir wissen, dass die Bekleidung der Quaestur ein Anrecht gab +zum Eintritt in die Richterschaft, dass aber dennoch der Kandidat einer +Wahl unterlag durch gewisse sich selbst ergaenzende +Fuenfmaennerschaften; ferner dass die Richter, obwohl sie rechtlich +vermutlich von Jahr zu Jahr gewaehlt wurden, doch tatsaechlich laengere +Zeit, ja lebenslaenglich im Amt blieben, weshalb sie bei den Roemern +und Griechen gewoehnlich Senatoren genannt werden. So dunkel das +einzelne ist, so klar erkennt man das Wesen der Behoerde als einer aus +aristokratischer Kooptation hervorgehenden oligarchischen; wovon eine +vereinzelte, aber charakteristische Spur ist, dass in Karthago neben +dem gemeinen Buerger- ein eigenes Richterbad bestand. Zunaechst waren +sie bestimmt zu fungieren als politische Geschworene, die namentlich +die Feldherren, aber ohne Zweifel vorkommendenfalls auch die Schofeten +und Gerusiasten nach Niederlegung ihres Amtes zur Verantwortung zogen +und nach Gutduenken, oft in ruecksichtslos grausamer Weise, selbst mit +dem Tode bestraften. Natuerlich ging hier wie ueberall, wo die +Verwaltungsbehoerden unter Kontrolle einer anderen Koerperschaft +gestellt werden, der Schwerpunkt der Macht ueber von der kontrollierten +auf die kontrollierende Behoerde; und es begreift sich leicht, teils +dass die letztere allenthalben in die Verwaltung eingriff, wie denn zum +Beispiel die Gerusia wichtige Depeschen erst den Richtern vorlegt und +dann dem Volke, teils dass die Furcht vor der regelmaessig nach dem +Erfolg abgemessenen Kontrolle daheim den karthagischen Staatsmann wie +den Feldherrn in Rat und Tat laehmte. + +Die karthagische Buergerschaft scheint, wenn auch nicht wie in Sparta +ausdruecklich auf die passive Assistenz bei den Staatshandlungen +beschraenkt, doch tatsaechlich dabei nur in einem sehr geringen Grade +von Einfluss gewesen zu sein. Bei den Wahlen in die Gerusia war ein +offenkundiges Bestechungssystem Regel; bei der Ernennung eines +Feldherrn wurde das Volk zwar befragt, aber wohl erst, wenn durch +Vorschlag der Gerusia der Sache nach die Ernennung erfolgt war; und in +anderen Faellen ging man nur an das Volk, wenn die Gerusia es fuer gut +fand oder sich nicht einigen konnte. Volksgerichte kannte man in +Karthago nicht. Die Machtlosigkeit der Buergerschaft ward +wahrscheinlich wesentlich durch ihre politische Organisierung bedingt; +die karthagischen Tischgenossenschaften, die hierbei genannt und den +spartanischen Pheiditien verglichen werden, moegen oligarchisch +geleitete Zuenfte gewesen sein. Sogar ein Gegensatz zwischen +“Stadtbuergern” und “Handarbeitern” wird erwaehnt, der auf eine sehr +niedrige, vielleicht rechtlose Stellung der letzteren schliessen +laesst. + +Fassen wir die einzelnen Momente zusammen, so erscheint die +karthagische Verfassung als ein Kapitalistenregiment, wie es +begreiflich ist bei einer Buergergemeinde ohne wohlhabende Mittelklasse +und bestehend einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den +Mund lebenden staedtischen Menge, anderseits aus Grosshaendlern, +Plantagenbesitzern und vornehmen Voegten. Das System, die +heruntergekommenen Herren auf Kosten der Untertanen wieder zu Vermoegen +zu bringen, indem sie als Schatzungsbeamte und Fronvoegte in die +abhaengigen Gemeinden ausgesendet werden, dieses unfehlbare Kennzeichen +einer verrotteten staedtischen Oligarchie, fehlt auch in Karthago +nicht; Aristoteles bezeichnet es als die wesentliche Ursache der +erprobten Dauerhaftigkeit der karthagischen Verfassung. Bis auf seine +Zeit hatte in Karthago weder von oben noch von unten eine nennenswerte +Revolution stattgefunden; die Menge blieb fuehrerlos infolge der +materiellen Vorteile, welche die regierende Oligarchie allen +ehrgeizigen oder bedraengten Vornehmen zu bieten imstande war und ward +abgefunden mit den Brosamen, die in Form der Wahlbestechung oder sonst +von dem Herrentisch fuer sie abfielen. Eine demokratische Opposition +konnte freilich bei solchem Regiment nicht mangeln; aber noch zur Zeit +des Ersten Punischen Krieges war dieselbe voellig machtlos. Spaeterhin, +zum Teil unter dem Einfluss der erlittenen Niederlagen, erscheint ihr +politischer Einfluss im Steigen und in weit rascherem, als gleichzeitig +der der gleichartigen roemischen Partei: die Volksversammlungen +begannen in politischen Fragen die letzte Entscheidung zu geben und +brachen die Allmacht der karthagischen Oligarchie. Nach Beendigung des +Hannibalischen Krieges ward auf Hannibals Vorschlag sogar durchgesetzt, +dass kein Mitglied des Rates der Hundert zwei Jahre nacheinander im +Amte sein koenne und damit die volle Demokratie eingefuehrt, welche +allerdings nach der Lage der Dinge allein Karthago zu retten vermochte, +wenn es dazu ueberhaupt noch Zeit war. In dieser Opposition herrschte +ein maechtiger patriotischer und reformierender Schwung; doch darf +darueber nicht uebersehen werden, auf wie fauler und morscher Grundlage +sie ruhte. Die karthagische Buergerschaft, die von kundigen Griechen +der alexandrinischen verglichen wird, war so zuchtlos, dass sie +insofern es wohl verdient hatte, machtlos zu sein; und wohl durfte +gefragt werden, was da aus Revolutionen fuer Heil kommen solle, wo, wie +in Karthago, die Buben sie machen halfen. + +In finanzieller Hinsicht behauptet Karthago in jeder Beziehung unter +den Staaten des Altertums den ersten Platz. Zur Zeit des +Peloponnesischen Krieges war diese phoenikische Stadt nach dem Zeugnis +des ersten Geschichtschreibers der Griechen allen griechischen Staaten +finanziell ueberlegen und werden ihre Einkuenfte denen des Grosskoenigs +verglichen; Polybios nennt sie die reichste Stadt der Welt. Von der +Intelligenz der karthagischen Landwirtschaft, welche Feldherren und +Staatsmaenner dort wie spaeter in Rom wissenschaftlich zu betreiben und +zu lehren nicht verschmaehten, legt ein Zeugnis ab die agronomische +Schrift des Karthagers Mago, welche von den spaeteren griechischen und +roemischen Landwirten durchaus als der Grundkodex der rationellen +Ackerwirtschaft betrachtet und nicht bloss ins Griechische uebersetzt, +sondern auch auf Befehl des roemischen Senats lateinisch bearbeitet und +den italischen Gutsbesitzern offiziell anempfohlen ward. +Charakteristisch ist die enge Verbindung dieser phoenikischen Acker- +mit der Kapitalwirtschaft; es wird als eine Hauptmaxime der +phoenikischen Landwirtschaft angefuehrt, nie mehr Land zu erwerben, als +man intensiv zu bewirtschaften vermoege. Auch der Reichtum des Landes +an Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen, worin Libyen infolge seiner +Nomadenwirtschaft es nach Polybios’ Zeugnis vielleicht allen uebrigen +Laendern der Erde damals zuvortat, kam den Karthagern zugute. Wie in +der Ausnutzung des Bodens die Karthager die Lehrmeister der Roemer +waren, wurden sie es auch in der Ausbeutung der Untertanen; durch diese +floss nach Karthago mittelbar die Grundrente “des besten Teils von +Europa” und der reichen, zum Teil, zum Beispiel in der Byzakitis und an +der Kleinen Syrte, ueberschwenglich gesegneten nordafrikanischen +Landschaft. Der Handel, der in Karthago von jeher als ehrenhaftes +Gewerbe galt, und die auf Grund des Handels aufbluehende Reederei und +Fabrikation brachten schon im natuerlichen Laufe der Dinge den dortigen +Ansiedlern jaehrlich goldene Ernten, und es ist frueher schon +bezeichnet worden, wie man durch ausgedehnte und immer gesteigerte +Monopolisierung nicht bloss aus dem Aus-, sondern auch aus dem Inland +allen Handel des westlichen Mittelmeeres und den ganzen Zwischenhandel +zwischen dem Westen und Osten mehr und mehr in diesem einzigen Hafen zu +konzentrieren verstand. Wissenschaft und Kunst scheinen in Karthago, +wie spaeterhin in Rom, zwar wesentlich durch hellenischen Einfluss +bestimmt, aber nicht vernachlaessigt worden zu sein; es gab eine +ansehnliche phoenikische Literatur und bei Eroberung der Stadt fanden +sich reiche, freilich nicht in Karthago geschaffene, sondern aus den +sizilischen Tempeln weggefuehrte Kunstschaetze und betraechtliche +Bibliotheken vor. Aber auch der Geist stand hier im Dienste des +Kapitals; was von der Literatur hervorgehoben wird, sind vornehmlich +die agronomischen und geographischen Schriften, wie das schon erwaehnte +Werk des Mago und der noch in Uebersetzung vorhandene, urspruenglich in +einem der karthagischen Tempel oeffentlich aufgestellte Bericht des +Admirals Hanno von seiner Beschiffung der westafrikanischen Kueste. +Selbst die allgemeine Verbreitung gewisser Kenntnisse und besonders der +Kunde fremder Sprachen ^3, worin das Karthago dieser Zeit ungefaehr mit +dem kaiserlichen Rom auf einer Linie gestanden haben mag, zeugt von der +durchaus praktischen Richtung, welche der hellenischen Bildung in +Karthago gegeben ward. Wenn es schlechterdings unmoeglich ist, von der +Kapitalmasse sich eine Vorstellung zu machen, die in diesem London des +Altertums zusammenstroemte, so kann wenigstens von den oeffentlichen +Einnahmequellen einigermassen einen Begriff geben, dass trotz des +kostspieligen Systems, nach dem Karthago sein Kriegswesen organisiert +hatte, und trotz der sorg- und treulosen Verwaltung des Staatsguts +dennoch die Beisteuern der Untertanen und die Zollgefaelle die Ausgaben +vollstaendig deckten und von den Buergern direkte Steuern nicht erhoben +wurden; ja dass noch nach dem Zweiten Punischen Kriege, als die Macht +des Staates schon gebrochen war, die laufenden Ausgaben und eine +jaehrliche Abschlagszahlung nach Rom von 340000 Talern ohne +Steuerausschreibung bloss durch eine einigermassen geregelte +Finanzwirtschaft gedeckt werden konnten und vierzehn Jahre nach dem +Frieden der Staat zur sofortigen Erlegung der noch uebrigen +sechsunddreissig Termine sich erbot. Aber es ist nicht bloss die Summe +der Einkuenfte, in der sich die Ueberlegenheit der karthagischen +Finanzwirtschaft ausspricht; auch die oekonomischen Grundsaetze einer +spaeteren und vorgeschritteneren Zeit finden wir hier allein unter +allen bedeutenderen Staaten des Altertums: es ist von auslaendischen +Staatsanleihen die Rede, und im Geldsystem finden wir neben Gold- und +Silber- ein dem Stoff nach wertloses Zeichengeld erwaehnt, welches in +dieser Weise sonst dem Altertum fremd ist. In der Tat, wenn der Staat +eine Spekulation waere, nie haette einer glaenzender seine Aufgabe +geloest als Karthago. + +—————————————————— + +^3 Der Wirtschafter auf dem Landgut, obwohl Sklave, muss dennoch, nach +der Vorschrift des karthagischen Agronomen Mago (bei Varro rast. 1, +17), lesen koennen und einige Bildung besitzen. Im Prolog des +Plautinischen ‘Poeners’ heisst es von dem Titelhelden: + +Die Sprachen alle kann er, aber tut, als koenn’ + +Er keine - ein Poener ist es durchaus; was wollt ihr mehr? + +——————————————————- + +Vergleichen wir die Macht der Karthager und der Roemer. Beide waren +Acker- und Kaufstaedte und lediglich dieses; die durchaus +untergeordnete und durchaus praktische Stellung von Kunst und +Wissenschaft war in beiden wesentlich dieselbe, nur dass in dieser +Hinsicht Karthago weiter vorgeschritten war als Rom. Aber in Karthago +hatte die Geld- ueber die Grundwirtschaft, in Rom damals noch die +Grund- ueber die Geldwirtschaft das Uebergewicht, und wenn die +karthagischen Ackerwirte durchgaengig grosse Guts- und Sklavenbesitzer +waren, bebaute in dem Rom dieser Zeit die grosse Masse der +Buergerschaft noch selber das Feld. Die Mehrzahl der Bevoelkerung war +in Rom besitzend, das ist konservativ, in Karthago besitzlos und dem +Golde der Reichen wie dem Reformruf der Demokraten zugaenglich. In +Karthago herrschte schon die ganze, maechtigen Handelsstaedten eigene +Opulenz, waehrend Sitte und Polizei in Rom wenigstens aeusserlich noch +altvaeterische Strenge und Sparsamkeit aufrecht erhielten. Als die +karthagischen Gesandten von Rom zurueckkamen, erzaehlten sie ihren +Kollegen, dass das innige Verhaeltnis der roemischen Ratsherren +zueinander alle Vorstellung uebersteige; ein einziges silbernes +Tafelgeschirr reiche aus fuer den ganzen Rat und sei in jedem Haus, wo +man sie zu Gaste geladen, ihnen wieder begegnet. Der Spott ist +bezeichnend fuer die beiderseitigen wirtschaftlichen Zustaende. + +Beider Verfassung war aristokratisch; wie der Senat in Rom regierten +die Richter in Karthago und beide nach dem gleichen Polizeisystem. Die +strenge Abhaengigkeit, in welcher die karthagische Regierungsbehoerde +den einzelnen Beamten hielt, der Befehl derselben an die Buerger, sich +des Erlernens der griechischen Sprache unbedingt zu enthalten und mit +einem Griechen nur vermittels des oeffentlichen Dolmetschers zu +verkehren, sind aus demselben Geiste geflossen wie das roemische +Regierungssystem; aber gegen die grausame Haerte und die ans Alberne +streifende Unbedingtheit solcher karthagischen Staatsbevormundung +erscheint das roemische Bruechen- und Ruegesystem mild und verstaendig. +Der roemische Senat, welcher der eminenten Tuechtigkeit sich oeffnete +und im besten Sinn die Nation vertrat, durfte ihr auch vertrauen und +brauchte die Beamten nicht zu fuerchten. Der karthagische Senat dagegen +beruhte auf einer eifersuechtigen Kontrolle der Verwaltung durch die +Regierung und vertrat ausschliesslich die vornehmen Familien; sein +Wesen war das Misstrauen noch oben wie nach unten und darum konnte er +weder sicher sein, dass das Volk ihm folgte, wohin er fuehrte, noch +unbesorgt vor Usurpationen der Beamten. Daher der feste Gang der +roemischen Politik, die im Unglueck keinen Schritt zurueckwich und die +Gunst des Glueckes nicht verscherzte durch Fahrlaessigkeit und +Halbheit; waehrend die Karthager vom Kampf abstanden, wo eine letzte +Anstrengung vielleicht alles gerettet haette, und, der grossen +nationalen Aufgaben ueberdruessig oder vergessen, den halbfertigen Bau +einstuerzen liessen, um nach wenigen Jahren von vorn zu beginnen. Daher +ist der tuechtige Beamte in Rom regelmaessig im Einverstaendnis mit +seiner Regierung, in Karthago haeufig in entschiedener Fehde mit den +Herren daheim und gedraengt, sich ihnen verfassungswidrig zu +widersetzen und mit der opponierenden Reformpartei gemeinschaftliche +Sache zu machen. + +Karthago wie Rom beherrschten ihre Stammgenossen und zahlreiche +stammfremde Gemeinden. Aber Rom hatte einen Distrikt nach dem andern in +sein Buergerrecht aufgenommen und den latinischen Gemeinden selbst +gesetzlich Zugaenge zu demselben eroeffnet; Karthago schloss von Haus +aus sich ab und liess den abhaengigen Distrikten nicht einmal die +Hoffnung auf dereinstige Gleichstellung. Rom goennte den +stammverwandten Gemeinden Anteil an den Fruechten des Sieges, +namentlich an den gewonnenen Domaenen, und suchte in den uebrigen +untertaenigen Staaten durch materielle Beguenstigung der Vornehmen und +Reichen wenigstens eine Partei in das Interesse Roms zu ziehen; +Karthago behielt nicht bloss fuer sich, was die Siege einbrachten, +sondern entriss sogar den Staedten besten Rechts die Handelsfreiheit. +Rom nahm der Regel nach nicht einmal den unterworfenen Gemeinden die +Selbstaendigkeit ganz und legte keiner eine feste Steuer auf; Karthago +sandte seine Voegte ueberall hin und belastete selbst die +altphoenikischen Staedte mit schwerem Zins, waehrend die unterworfenen +Staemme faktisch als Staatssklaven behandelt wurden. So war im +karthagisch-afrikanischen Staatsverband nicht eine einzige Gemeinde mit +Ausnahme von Utica, die nicht durch den Sturz Karthagos politisch und +materiell sich verbessert haben wuerde; in dem roemisch-italischen +nicht eine einzige, die bei der Auflehnung gegen ein Regiment, das die +materiellen Interessen sorgfaeltig schonte und die politische +Opposition wenigstens nirgend durch aeusserste Massregeln zum Kampf +herausforderte, nicht noch mehr zu verlieren gehabt haette als zu +gewinnen. Wenn die karthagischen Staatsmaenner meinten, die +phoenikischen Untertanen durch die groessere Furcht vor den empoerten +Libyern, die saemtlichen Besitzenden durch das Zeichengeld an das +karthagische Interesse geknuepft zu haben, so uebertrugen sie einen +kaufmaennischen Kalkuel dahin, wo er nicht hingehoert; die Erfahrung +bewies, dass die roemische Symmachie trotz ihrer scheinbar loseren +Fuegung gegen Pyrrhos zusammenhielt wie eine Mauer aus Felsenstuecken, +die karthagische dagegen wie Spinneweben zerriss, sowie ein feindliches +Heer den afrikanischen Boden betrat. So geschah es bei den Landungen. +von Agathokles und von Regulus und ebenso im Soeldnerkrieg; von dem +Geiste, der in Afrika herrschte, zeugt zum Beispiel, dass die libyschen +Frauen den Soeldnern freiwillig ihren Schmuck steuerten zum Kriege +gegen Karthago. Nur in Sizilien scheinen die Karthager milder +aufgetreten zu sein und darum auch bessere Ergebnisse erlangt zu haben. +Sie gestatteten ihren Untertanen hier verhaeltnismaessige Freiheit im +Handel mit dem Ausland und liessen sie ihren inneren Verkehr wohl von +Anfang an und ausschliesslich mit Metallgeld treiben, ueberhaupt bei +weitem freier sich bewegen, als dies den Sarden und Libyern erlaubt +ward. Waere Syrakus in ihre Haende gefallen, so haette sich freilich +dies bald geaendert; indes dazu kam es nicht, und so bestand, bei der +wohlberechneten Milde des karthagischen Regiments und bei der unseligen +Zerrissenheit der sizilischen Griechen, in Sizilien in der Tat eine +ernstlich phoenikisch gesinnte Partei - wie denn zum Beispiel noch nach +dem Verlust der Insel an die Roemer Philinos von Akragas die Geschichte +des grossen Krieges durchaus im phoenikischen Sinne schrieb. Aber im +ganzen mussten doch auch die Sizilianer als Untertanen wie als Hellenen +ihren phoenikischen Herren wenigstens ebenso abgeneigt sein wie den +Roemern die Samniten und Tarentiner. + +Finanziell ueberstiegen die karthagischen Staatseinkuenfte ohne Zweifel +um vieles die roemischen; allein dies glich zum Teil sich wieder +dadurch aus, dass die Quellen der karthagischen Finanzen, Tribute und +Zoelle weit eher und eben, wenn man sie am noetigsten brauchte, +versiegten als die roemischen, und dass die karthagische Kriegfuehrung +bei weitem kostspieliger war als die roemische. + +Die militaerischen Hilfsmittel der Roemer und Karthager waren sehr +verschieden, jedoch in vieler Beziehung nicht ungleich abgewogen. Die +karthagische Buergerschaft betrug noch bei Eroberung der Stadt 700000 +Koepfe mit Einschluss der Frauen und Kinder ^4 und mochte am Ende des +fuenften Jahrhunderts wenigstens ebenso zahlreich sein; sie vermochte +im fuenften Jahrhundert im Notfall ein Buergerheer von 40 000 Hopliten +auf die Beine zu bringen. Ein ebenso starkes Buergerheer hatte Rom +schon im Anfang des fuenften Jahrhunderts unter gleichen Verhaeltnissen +ins Feld geschickt; seit den grossen Erweiterungen des Buergergebiets +im Laufe des fuenften Jahrhunderts musste die Zahl der waffenfaehigen +Vollbuerger mindestens sich verdoppelt haben. Aber weit mehr noch als +der Zahl der Waffenfaehigen nach war Rom in dem Effektivstand des +Buergermilitaers ueberlegen. So sehr die karthagische Regierung auch es +sich angelegen sein liess, die Buerger zum Waffendienst zu bestimmen, +so konnte sie doch weder dem Handwerker und Fabrikarbeiter den +kraeftigen Koerper des Landmanns geben noch den angeborenen Widerwillen +der Phoeniker vor dem Kriegswerk ueberwinden. Im fuenften Jahrhundert +focht in den sizilischen Heeren noch eine “heilige Schar” von 2500 +Karthagern als Garde des Feldherrn; im sechsten findet sich in den +karthagischen Heeren, zum Beispiel in dem spanischen, mit Ausnahme der +Offiziere nicht ein einziger Karthager. Dagegen standen die roemischen +Bauern keineswegs bloss in den Musterrollen, sondern auch auf den +Schlachtfeldern. Aehnlich verhielt es sich mit den Stammverwandten der +beiden Gemeinden; waehrend die Latiner den Roemern nicht mindere +Dienste leisteten als ihre Buergertruppen, waren die Libyphoeniker +ebensowenig kriegstuechtig wie die Karthager und begreiflicherweise +noch weit weniger kriegslustig, und so verschwinden auch sie aus den +Heeren, indem die zuzugspflichtigen Staedte ihre Verbindlichkeit +vermutlich mit Geld abkauften. In dem eben erwaehnten spanischen Heer +von etwa 15000 Mann bestand nur eine einzige Reiterschar von 450 Mann +und auch diese nur zum Teil aus Libyphoenikern. Den Kern der +karthagischen Armeen bildeten die libyscher. Untertanen, aus deren +Rekruten sich unter tuechtigen Offizieren ein gutes Fussvolk bilden +liess und deren leichte Reiterei in ihrer Art unuebertroffen war. Dazu +kamen die Mannschaften der mehr oder minder abhaengigen Voelkerschaften +Libyens und Spaniens und die beruehmten Schleuderer von den Balearen, +deren Stellung zwischen Bundeskontingenten und Soeldnerscharen die +Mitte gehalten zu haben scheint; endlich im Notfall die im Ausland +angeworbene Soldateska. Ein solches Heer konnte der Zahl nach ohne +Muehe fast auf jede beliebige Staerke gebracht werden und auch an +Tuechtigkeit der Offiziere, an Waffenkunde und Mut faehig sein, mit dem +roemischen sich zu messen; allein nicht bloss verstrich, wenn Soeldner +angenommen werden mussten, ehe dieselben bereit standen, eine +gefaehrlich lange Zeit, waehrend die roemische Miliz jeden Augenblick +auszuruecken imstande war, sondern, was die Hauptsache ist, waehrend +die karthagischen Heere nichts zusammenhielt als die Fahnenehre und der +Vorteil, fanden sich die roemischen durch alles vereinigt, was sie an +das gemeinsame Vaterland band. Dem karthagischen Offizier gewoehnlichen +Schlages galten seine Soeldner, ja selbst die libyschen Bauern +ungefaehr soviel wie heute im Krieg die Kanonenkugeln; daher +Schaendlichkeiten, wie zum Beispiel der Verrat der libyschen Truppen +durch ihren Feldherrn Himilko 358 (396), der einen gefaehrlichen +Aufstand der Libyer zur Folge hatte, und daher jener zum Sprichwort +gewordene Ruf der “punischen Treue”, der den Karthagern nicht wenig +geschadet hat. Alles Unheil, welches Fellah- und Soeldnerheere ueber +einen Staat bringen koennen, hat Karthago in vollem Masse erfahren und +mehr als einmal seine bezahlten Knechte gefaehrlicher erfunden als +seine Feinde. + +—————————————————————————- + +^4 Man hat an der Richtigkeit dieser Zahl gezweifelt und mit Ruecksicht +auf den Raum die moegliche Einwohnerzahl auf hoechstens 250000 Koepfe +berechnet. Abgesehen von der Unsicherheit derartiger Berechnungen, +namentlich in einer Handelsstadt mit sechsstoeckigen Haeusern, ist +dagegen zu erinnern, dass die Zaehlung wohl politisch zu verstehen ist, +nicht staedtisch, ebenso wie die roemischen Zensuszahlen, und dass +dabei also alle Karthager gezaehlt sind, mochten sie in der Stadt oder +in der Umgegend wohnen oder im untertaenigen Gebiet oder im Ausland +sich aufhalten. Solcher Abwesenden gab es natuerlich eine grosse Zahl +in Karthago; wie denn ausdruecklich berichtet wird, dass in Gades aus +gleichem Grunde die Buergerliste stets eine weit hoehere Ziffer wies +als die der in Gades ansaessigen Buerger war. + +——————————————————————— + +Die Maengel dieses Heerwesens konnte die karthagische Regierung nicht +verkennen und suchte sie allerdings auf jede Weise wieder einzubringen. +Man hielt auf gefuellte Kassen und gefuellte Zeughaeuser, um jederzeit +Soeldner ausstatten zu koennen. Man wandte grosse Sorgfalt auf das, was +bei den Alten die heutige Artillerie vertrat: den Maschinenbau, in +welcher Waffe wir die Karthager den Sikelioten regelmaessig ueberlegen +finden, und die Elefanten, seit diese im Kriegswesen die aelteren +Streitwagen verdraengt hatten; in den Kasematten Karthagos befanden +sich Stallungen fuer 300 Elefanten. Die abhaengigen Staedte zu +befestigen, konnte man freilich nicht wagen und musste es geschehen +lassen, dass jedes in Afrika gelandete feindliche Heer mit dem offenen +Lande auch die Staedte und Flecken gewann; recht im Gegensatz zu +Italien, wo die meisten unterworfenen Staedte ihre Mauern behalten +hatten und eine Kette roemischer Festungen die ganze Halbinsel +beherrschte. Dagegen fuer die Befestigung der Hauptstadt bot man auf, +was Geld und Kunst vermochten; und mehrere Male rettete den Staat +nichts als die Staerke der karthagischen Mauern, waehrend Rom politisch +und militaerisch so gesichert war, dass es eine foermliche Belagerung +niemals erfahren hat. Endlich das Hauptbollwerk des Staats war die +Kriegsmarine, auf die man die groesste Sorgfalt verwandte. Im Bau wie +in der Fuehrung der Schiffe waren die Karthager den Griechen +ueberlegen; in Karthago zuerst baute man Schiffe mit mehr als drei +Ruderverdecken, und die karthagischen Kriegsfahrzeuge, in dieser Zeit +meistens Fuenfdecker, waren in der Regel bessere Segler als die +griechischen, die Ruderer, saemtlich Staatssklaven, die nicht von den +Galeeren kamen, vortrefflich eingeschult und die Kapitaene gewandt und +furchtlos. In dieser Beziehung war Karthago entschieden den Roemern +ueberlegen, die mit den wenigen Schiffen der verbuendeten Griechen und +den wenigeren eigenen nicht imstande waren, sich in der offenen See +auch nur zu zeigen gegen die Flotte, die damals unbestritten das +westliche Meer beherrschte. + +Fassen wir schliesslich zusammen, was die Vergleichung der Mittel der +beiden grossen Maechte ergibt, so rechtfertigt sich wohl das Urteil +eines einsichtigen und unparteiischen Griechen, dass Karthago und Rom, +da der Kampf zwischen ihnen begann, im allgemeinen einander gewachsen +waren. Allein wir koennen nicht unterlassen hinzuzufuegen, dass +Karthago wohl aufgeboten hatte, was Geist und Reichtum vermochten, um +kuenstliche Mittel zum Angriff und zur Verteidigung sich zu erschaffen, +aber dass es nicht imstande gewesen war, die Grundmaengel des fehlenden +eigenen Landheers und der nicht auf eigenen Fuessen stehenden Symmachie +in irgend ausreichender Weise zu ersetzen. Dass Rom nur in Italien, +Karthago nur in Libyen ernstlich angegriffen werden konnte, liess sich +nicht verkennen; und ebensowenig, dass Karthago auf die Dauer einem +solchen Angriff nicht entgehen konnte. Die Flotten waren in jener Zeit +der Kindheit der Schiffahrt noch nicht bleibendes Erbgut der Nationen, +sondern liessen sich herstellen, wo es Baeume, Eisen und Wasser gab; +dass selbst maechtige Seestaaten nicht imstande waren, den zur See +schwaecheren Feinden die Landung zu wehren, war einleuchtend und in +Afrika selbst mehrfach erprobt worden. Seit Agathokles den Weg dahin +gezeigt hatte, konnte auch ein roemischer General ihn finden, und +waehrend in Italien mit dem Einruecken einer Invasionsarmee der Krieg +begann, war er in Libyen im gleichen Fall zu Ende und verwandelte sich +in eine Belagerung, in der, wenn nicht besondere Zufaelle eintraten, +auch der hartnaeckigste Heldenmut endlich unterliegen musste. + + + + +KAPITEL II. +Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago + + +Seit mehr als einem Jahrhundert verheerte die Fehde zwischen den +Karthagern und den syrakusanischen Herren die schoene sizilische Insel. +Von beiden Seiten ward der Krieg gefuehrt einerseits mit politischem +Propagandismus, indem Karthago Verbindungen unterhielt mit der +aristokratisch-republikanischen Opposition in Syrakus, die +syrakusanischen Dynasten mit der Nationalpartei in den Karthago +zinspflichtig gewordenen Griechenstaedten; anderseits mit +Soeldnerheeren, mit welchen Timoleon und Agathokles ebensowohl ihre +Schlachten schlugen wie die phoenikischen Feldherren. Und wie man auf +beiden Seiten mit gleichen Mitteln focht, ward auch auf beiden Seiten +mit gleicher, in der okzidentalischen Geschichte beispielloser Ehr- und +Treulosigkeit gestritten. Die unterliegende Partei waren die +Syrakusier. Noch im Frieden von 440 (314) hatte Karthago sich +beschraenkt auf das Drittel der Insel westlich von Herakleia, Minoa und +Himera und hatte ausdruecklich die Hegemonie der Syrakusier ueber +saemtliche oestliche Staedte anerkannt. Pyrrhos’ Vertreibung aus +Sizilien und Italien (479 275) liess die bei weitem groessere Haelfte +der Insel und vor allem das wichtige Akragas in Karthagos Haenden; den +Syrakusiern blieb nichts als Tauromenion und der Suedosten der Insel. +In der zweiten grossen Stadt an der Ostkueste, in Messana, hatte eine +fremdlaendische Soldatenschar sich festgesetzt und behauptete die +Stadt, unabhaengig von den Syrakusiern wie von den Karthagern. Es waren +kampanische Landsknechte, die in Messana geboten. Das bei den in und um +Capua angesiedelten Sabellern eingerissene wueste Wesen (I, 368) hatte +im vierten und fuenften Jahrhundert aus Kampanien gemacht, was spaeter +Aetolien, Kreta, Lakonien waren: den allgemeinen Werbeplatz fuer die +soeldnersuchenden Fuersten und Staedte. Die von den kampanischen +Griechen dort ins Leben gerufene Halbkultur, die barbarische Ueppigkeit +des Lebens in Capua und den uebrigen kampanischen Staedten, die +politische Ohnmacht, zu der die roemische Hegemonie sie verurteilte, +ohne ihnen doch durch ein straffes Regiment die Verfuegung ueber sich +selbst vollstaendig zu entziehen - alles dies trieb die kampanische +Jugend scharenweise unter die Fahnen der Werbeoffiziere; und es +versteht sich, dass der leichtsinnige und gewissenlose Selbstverkauf +hier wie ueberall die Entfremdung von der Heimat, die Gewoehnung an +Gewalttaetigkeit und Soldatenunfug und die Gleichgueltigkeit gegen den +Treuebruch im Gefolge hatte. Warum eine Soeldnerschar sich der ihrer +Hut anvertrauten Stadt nicht fuer sich selbst bemaechtigen solle, +vorausgesetzt nur, dass sie dieselbe zu behaupten imstande sei, +leuchtete diesen Kampanern nicht ein - hatten doch die Samniten in +Capua selbst, die Lucaner in einer Reihe griechischer Staedte ihre +Herrschaft in nicht viel ehrenhafterer Weise begruendet. Nirgend luden +die politischen Verhaeltnisse mehr zu solchen Unternehmungen ein als in +Sizilien; schon die waehrend des Peloponnesischen Krieges nach Sizilien +gelangten kampanischen Hauptleute hatten in Entella und Aetna in +solcher Art sich eingenistet. Etwa um das Jahr 470 (284) setzte ein +kampanischer Trupp, der frueher unter Agathokles gedient hatte und nach +dessen Tode (465 289) das Raeuberhandwerk auf eigene Rechnung trieb, +sich fest in Messana, der zweiten Stadt des griechischen Siziliens und +dem Hauptsitz der antisyrakusanischen Partei in dem noch von Griechen +beherrschten Teile der Insel. Die Buerger wurden erschlagen oder +vertrieben, die Frauen und Kinder und die Haeuser derselben unter die +Soldaten verteilt und die neuen Herren der Stadt, die “Marsmaenner”, +wie sie sich nannten, oder die Mamertiner wurden bald die dritte Macht +der Insel, deren nordoestlichen Teil sie in den wuesten Zeiten nach +Agathokles’ Tode sich unterwarfen. Die Karthager sahen nicht ungern +diese Vorgaenge, durch welche die Syrakusier anstatt einer +stammverwandten und in der Regel ihnen verbuendeten oder untertaenigen +Stadt einen neuen und maechtigen Gegner in naechster Naehe erhielten; +mit karthagischer Hilfe behaupteten die Mamertiner sich gegen Pyrrhos +und der unzeitige Abzug des Koenigs gab ihnen ihre ganze Macht zurueck. + +Es ziemt der Historie weder, den treulosen Frevel zu entschuldigen, +durch den sie der Herrschaft sich bemaechtigten, noch zu vergessen, +dass der Gott, der die Suende der Vaeter straft bis ins vierte Glied, +nicht der Gott der Geschichte ist. Wer sich berufen fuehlt, die Suenden +anderer zu richten, mag die Menschen verdammen; fuer Sizilien konnte es +heilbringend sein, dass hier eine streitkraeftige und der Insel eigene +Macht sich zu bilden anfing, die schon bis achttausend Mann ins Feld zu +stellen vermochte und die allmaehlich sich in den Stand setzte, den +Kampf, welchem die trotz der ewigen Kriege sich immer mehr der Waffen +entwoehnenden Hellenen nicht mehr gewachsen waren, zu rechter Zeit +gegen die Auslaender mit eigenen Kraeften aufzunehmen. + +Zunaechst indes kam es anders. Ein junger syrakusanischer Offizier, der +durch seine Abstammung aus dem Geschlechte Gelons und durch seine engen +verwandtschaftlichen Beziehungen zum Koenig Pyrrhos ebenso sehr wie +durch die Auszeichnung, mit der er in dessen Feldzuegen gefochten +hatte, die Blicke seiner Mitbuerger wie die der syrakusanischen +Soldateska auf sich gelenkt hatte, Hieron, des Hierokles Sohn, ward +durch eine militaerische Wahl an die Spitze des mit den Buergern +hadernden Heeres gerufen (479/80 275/74). Durch seine kluge Verwaltung, +sein adliges Wesen und seinen maessigen Sinn gewann er schnell sich die +Herzen der syrakusanischen, des schaendlichsten Despotenunfugs +gewohnten Buergerschaft und ueberhaupt der sizilischen Griechen. Er +entledigte sich, freilich auf treulose Weise, des unbotmaessigen +Soeldnerheeres, regenerierte die Buergermiliz und versuchte, anfangs +mit dem Titel als Feldherr, spaeter als Koenig, mit den Buergertruppen +und frischen und lenksameren Geworbenen die tiefgesunkene hellenische +Macht wiederherzustellen. Mit den Karthagern, die im Einverstaendnis +mit den Griechen den Koenig Pyrrhos von der Insel vertrieben hatten, +war damals Friede; die naechsten Feinde der Syrakusier waren die +Mamertiner, die Stammgenossen der verhassten, vor kurzem ausgerotteten +Soeldner, die Moerder ihrer griechischen Wirte, die Schmaelerer des +syrakusanischen Gebiets, die Zwingherren und Brandschatzer einer Menge +kleinerer griechischer Staedte. Im Bunde mit den Roemern, die eben um +diese Zeit gegen die Bundes-, Stamm- und Frevelgenossen der Mamertiner, +die Kampaner in Rhegion, ihre Legionen schickten, wandte Hieron sich +gegen Messana. Durch einen grossen Sieg, nach welchem Hieron zum Koenig +der Sikelioten ausgerufen ward (484 270), gelang es, die Mamertiner in +ihre Staedte einzuschliessen, und nachdem die Belagerung einige Jahre +gewaehrt hatte, sahen die Mamertiner sich aufs aeusserste gebracht und +ausserstande, die Stadt gegen Hieron laenger mit eigenen Kraeften zu +behaupten. Dass eine Uebergabe auf Bedingungen nicht moeglich war und +das Henkerbeil, das die rheginischen Kampaner in Rom getroffen hatte, +ebenso sicher in Syrakus der messanischen wartete, leuchtete ein; die +einzige Rettung war die Auslieferung der Stadt entweder an die +Karthager oder an die Roemer, denen beiden hinreichend gelegen sein +musste an der Eroberung des wichtigen Platzes, um ueber alle anderen +Bedenken hinwegzusehen. Ob es vorteilhafter sei, den Herren Afrikas +oder den Herren Italiens sich zu ergeben, war zweifelhaft; nach langem +Schwanken entschied sich endlich die Majoritaet der kampanischen +Buergerschaft, den Besitz der meerbeherrschenden Festung den Roemern +anzutragen. + +Es war ein weltgeschichtlicher Moment von der tiefsten Bedeutung, als +die Boten der Mamertiner im roemischen Senat erschienen. Zwar was alles +an dem ueberschreiten des schmalen Meerarms hing, konnte damals niemand +ahnen; aber dass an diese Entscheidung, wie sie immer ausfiel, ganz +andere und wichtigere Folgen sich knuepfen wuerden als an irgendeinen +der bisher vom Senat gefassten Beschluesse, musste jedem der +ratschlagenden Vaeter der Stadt offenbar sein. Streng rechtliche +Maenner freilich mochten fragen, wie es moeglich sei, ueberhaupt zu +ratschlagen; wie man daran denken koenne, nicht bloss das Buendnis mit +Hieron zu brechen, sondern, nachdem eben erst die rheginischen Kampaner +mit gerechter Haerte von den Roemern bestraft worden waren, jetzt ihre +nicht weniger schuldigen sizilischen Spiessgesellen zum Buendnis und +zur Freundschaft von Staats wegen zuzulassen und sie der verdienten +Strafe zu entziehen. Man gab damit ein Aergernis, das nicht bloss den +Gegnern Stoff zu Deklamationen liefern, sondern auch sittliche Gemueter +ernstlich empoeren musste. Allein wohl mochte auch der Staatsmann, dem +die politische Moral keineswegs bloss eine Phrase war, zurueckfragen, +wie man roemische Buerger, die den Fahneneid gebrochen und roemische +Bundesgenossen hinterlistig gemordet hatten, gleichstellen koenne mit +Fremden, die gegen Fremde gefrevelt haetten, wo jenen zu Richtern, +diesen zu Raechern die Roemer niemand bestellt habe. Haette es sich nur +darum gehandelt, ob die Syrakusaner oder die Mamertiner in Messana +geboten, so konnte Rom allerdings sich diese wie jene gefallen lassen. +Rom strebte nach dem Besitz Italiens, wie Karthago nach dem Siziliens; +schwerlich gingen beider Maechte Plaene damals weiter. Allein eben +darin lag es begruendet, dass jede an ihrer Grenze eine Mittelmacht zu +haben und zu halten wuenschte - so die Karthager Tarent, die Roemer +Syrakus und Messana - und dass sie, als dies unmoeglich geworden war, +die Grenzplaetze lieber sich goennten als der anderen Grossmacht. Wie +Karthago in Italien versucht hatte, als Rhegion und Tarent von den +Roemern in Besitz genommen werden sollten, diese Staedte fuer sich zu +gewinnen und nur durch Zufall daran gehindert worden war, so bot jetzt +in Sizilien sich fuer Rom die Gelegenheit dar, die Stadt Messana in +seine Symmachie zu ziehen; schlug man sie aus, so durfte man nicht +erwarten, dass die Stadt selbstaendig blieb oder syrakusanisch ward, +sondern man warf sie selbst den Phoenikern in die Arme. War es +gerechtfertigt, die Gelegenheit entschluepfen zu lassen, die sicher so +nicht wiederkehrte, sich des natuerlichen Brueckenkopfs zwischen +Italien und Sizilien zu bemaechtigen und ihn durch eine tapfere und aus +guten Gruenden zuverlaessige Besatzung zu sichern? gerechtfertigt, mit +dem Verzicht auf Messana die Herrschaft ueber den letzten freien Pass +zwischen der Ost- und Westsee und die Handelsfreiheit Italiens +aufzuopfern? Zwar liessen sich gegen die Besetzung Messanas auch +Bedenken anderer Art geltend machen, als die der Gefuehls- und +Rechtlichkeitspolitik waren. Dass sie zu einem Kriege mit Karthago +fuehren musste, war das geringste derselben; so ernst ein solcher war, +Rom hatte ihn nicht zu fuerchten. Aber wichtiger war es, dass man mit +dem Ueberschreiten der See abwich von der bisherigen rein italischen +und rein kontinentalen Politik; man gab das System auf, durch welches +die Vaeter Roms Groesse gegruendet hatten, um ein anderes zu erwaehlen, +dessen Ergebnisse vorherzusagen niemand vermochte. Es war einer der +Augenblicke, wo die Berechnung aufhoert und wo der Glaube an den +eigenen Stern und an den Stern des Vaterlandes allein den Mut gibt, die +Hand zu fassen, die aus dem Dunkel der Zukunft winkt, und ihr zu +folgen, es weiss keiner wohin. Lange und ernst beriet der Senat ueber +den Antrag der Konsuln, die Legionen den Mamertinern zu Hilfe zu +fuehren; er kam zu keinem entscheidenden Beschluss. Aber in der +Buergerschaft, an welche die Sache verwiesen ward, lebte das frische +Gefuehl der durch eigene Kraft gegruendeten Grossmacht. Die Eroberung +Italiens gab den Roemern, wie die Griechenlands den Makedoniern, wie +die Schlesiens den Preussen, den Mut, eine neue politische Bahn zu +betreten; formell motiviert war die Unterstuetzung der Mamertiner durch +die Schutzherrschaft, die Rom ueber saemtliche Italiker ansprach. Die +ueberseeischen Italiker wurden in die italische Eidgenossenschaft +aufgenommen ^1 und auf Antrag der Konsuln von der Buergerschaft +beschlossen, ihnen Hilfe zu senden (489 265). + +——————————————————————- + +^1 Die Mamertiner traten voellig in dieselbe Stellung zu Rom wie die +italischen Gemeinden, verpflichteten sich, Schiffe zu stellen (Cic. +Verr. 5, 19, 50) und besassen, wie die Muenzen beweisen, das Recht der +Silberpraegung nicht. + +——————————————————————- + +Es kam darauf an, wie die beiden durch diese Intervention der Roemer in +die Angelegenheiten der Insel zunaechst betroffenen und beide bisher +dem Namen nach mit Rom verbuendeten sizilischen Maechte dieselbe +aufnehmen wuerden. Hieron hatte Grund genug, die an ihn ergangene +Aufforderung der Roemer, gegen ihre neuen Bundesgenossen in Messana die +Feindseligkeiten einzustellen, ebenso zu behandeln, wie die Samniten +und die Lucaner in gleichem Fall die Besetzung von Capua und Thurii +aufgenommen hatten und den Roemern mit einer Kriegserklaerung zu +antworten; blieb er indes allein, so war ein solcher Krieg eine Torheit +und von seiner vorsichtigen und gemaessigten Politik konnte man +erwarten, dass er in das Unvermeidliche sich fuegen werde, wenn +Karthago sich ruhig verhielt. Unmoeglich schien dies nicht. Eine +roemische Gesandtschaft ging jetzt (489 265), sieben Jahre nach dem +Versuch der phoenikischen Flotte, sich Tarents zu bemaechtigen, nach +Karthago, um Aufklaerung wegen dieser Vorgaenge zu verlangen; die nicht +unbegruendeten, aber halb vergessenen Beschwerden tauchten auf einmal +wieder auf - es schien nicht ueberfluessig, unter anderen +Kriegsvorbereitungen auch die diplomatische Ruestkammer mit +Kriegsgruenden zu fuellen und fuer die kuenftigen Manifeste sich, wie +die Roemer es pflegten, die Rolle des angegriffenen Teils zu +reservieren. Wenigstens das konnte man mit vollem Rechte sagen, dass +die beiderseitigen Unternehmungen auf Tarent und auf Messana der +Absicht und dem Rechtsgrund nach vollkommen gleichstanden und nur der +zufaellige Erfolg den Unterschied machte. Karthago vermied den offenen +Bruch. Die Gesandten brachten nach Rom die Desavouierung des +karthagischen Admirals zurueck, der den Versuch auf Tarent gemacht +hatte, nebst den erforderlichen falschen Eiden; auch die karthagischen +Gegenbeschuldigungen, die natuerlich nicht fehlten, waren gemaessigt +gehalten und unterliessen es, die beabsichtigte Invasion Siziliens als +Kriegsgrund zu bezeichnen. Sie war es indes; denn wie Rom die +italischen, so betrachtete Karthago die sizilischen Angelegenheiten als +innere, in die eine unabhaengige Macht keinen Eingriff gestatten kann, +und war entschlossen, hiernach zu handeln. Nur ging die phoenikische +Politik einen leiseren Gang, als der der offenen Kriegsdrohung war. Als +die Vorbereitungen zu der roemischen Hilfesendung an die Mamertiner +endlich so weit gediehen waren, dass die Flotte, gebildet aus den +Kriegsschiffen von Neapel, Tarent, Velia und Lokri, und die Vorhut des +roemischen Landheeres unter dem Kriegstribun Gaius Claudius in Rhegion +erschienen (Fruehling 490 264), kam ihnen von Messana die unerwartete +Botschaft, dass die Karthager im Einverstaendnis mit der antiroemischen +Partei in Messana, als neutrale Macht einen Frieden zwischen Hieron und +den Mamertinern vermittelt haetten; dass die Belagerung also aufgehoben +sei und dass im Hafen von Messana eine karthagische Flotte, in der Burg +karthagische Besatzung liege, beide unter dem Befehl des Admirals +Hanno. Die jetzt vom karthagischen Einfluss beherrschte mamertinische +Buergerschaft liess, unter verbindlichem Dank fuer die schleunig +gewaehrte Bundeshilfe, den roemischen Befehlshabern anzeigen, dass man +sich freue, derselben nicht mehr zu beduerfen. Der gewandte und +verwegene Offizier, der die roemische Vorhut befehligte, ging +nichtsdestoweniger mit seinen Truppen unter Segel. Die Karthager wiesen +die roemischen Schiffe zurueck und brachten sogar einige derselben auf; +doch sandte der karthagische Admiral, eingedenk der strengen Befehle, +keine Veranlassung zum Ausbruch der Feindseligkeiten zugeben, den guten +Freunden jenseits der Meerenge dieselben zurueck. Es schien fast, als +haetten die Roemer vor Messana sich ebenso nutzlos kompromittiert wie +die Karthager vor Tarent. Aber Claudius liess sich nicht abschrecken, +und bei einem zweiten Versuch gelang die Landung. Kaum angelangt, +berief er die Buergerschaft zur Versammlung, und auf seinen Wunsch +erschien in derselben gleichfalls der karthagische Admiral, noch immer +waehnend, den offenen Bruch vermeiden zu koennen. Allein in der +Versammlung selbst bemaechtigten die Roemer sich seiner Person, und +Hanno sowie die schwache und fuehrerlose phoenikische Besatzung auf der +Burg waren kleinmuetig genug, jener, seinen Truppen den Befehl zum +Abzug zu geben, diese, dem Befehl des gefangenen Feldherrn nachzukommen +und mit ihm die Stadt zu raeumen. So war der Brueckenkopf der Insel in +den Haenden der Roemer. + +Die karthagischen Behoerden, mit Recht erzuernt ueber die Torheit und +Schwaeche ihres Feldherrn, liessen ihn hinrichten und erklaerten den +Roemern den Krieg. Vor allem galt es, den verlorenen Platz +wiederzugewinnen. Eine starke karthagische Flotte, gefuehrt von Hanno, +Hannibals Sohn, erschien auf der Hoehe von Messana. Waehrend sie selber +die Meerenge sperrte, begann die von ihr ans Land gesetzte karthagische +Armee die Belagerung von der Nordseite; Hieron, der nur auf das +Losschlagen der Karthager gewartet hatte, um den Krieg gegen Rom zu +beginnen, fuehrte sein kaum zurueckgezogenes Heer wieder gegen Messana +und uebernahm den Angriff auf die Suedseite der Stadt. + +Allein mittlerweile war auch der roemische Konsul Appius Claudius +Caudex mit dem Hauptheer in Rhegion erschienen, und in einer dunklen +Nacht gelang die Ueberfahrt trotz der karthagischen Flotte. Kuehnheit +und Glueck waren mit den Roemern; die Verbuendeten, nicht gefasst auf +einen Angriff des gesamten roemischen Heeres und daher nicht vereinigt, +wurden von den aus der Stadt ausrueckenden roemischen Legionen einzeln +geschlagen und damit die Belagerung aufgehoben. Den Sommer ueber +behauptete das roemische Heer das Feld und machte sogar einen Versuch +auf Syrakus; allein nachdem dieser gescheitert war und auch die +Belagerung von Echetla (an der Grenze der Gebiete von Syrakus und +Karthago) mit Verlust hatte aufgegeben werden muessen, kehrte das +roemische Heer zurueck nach Messana und von da unter Zuruecklassung +einer starken Besatzung nach Italien. Die Erfolge dieses ersten +ausseritalischen Feldzugs der Roemer moegen daheim der Erwartung nicht +ganz entsprochen haben, da der Konsul nicht triumphierte; indes konnte +das kraeftige Auftreten der Roemer in Sizilien nicht verfehlen, auf die +Griechen daselbst grossen Eindruck zu machen. Im folgenden Jahre +betraten beide Konsuln und ein doppelt so starkes Heer ungehindert die +Insel. Der eine derselben, Marcus Valerius Maximus, seitdem von diesem +Feldzug “der von Messana” (Messalla) genannt, erfocht einen glaenzenden +Sieg ueber die verbuendeten Karthager und Syrakusaner; und als nach +dieser Schlacht das phoenikische Heer nicht mehr gegen die Roemer das +Feld zu halten wagte, da fielen nicht bloss Alaesa, Kentoripa und +ueberhaupt die kleineren griechischen Staedte den Roemern zu, sondern +Hieron selbst verliess die karthagische Partei und machte Frieden und +Buendnis mit den Roemern (491 263). Er folgte einer richtigen Politik, +indem er, sowie sich gezeigt hatte, dass es den Roemern mit dem +Einschreiten in Sizilien Ernst war, sich sofort ihnen anschloss, als es +noch Zeit war, den Frieden ohne Abtretungen und Opfer zu erkaufen. Die +sizilischen Mittelstaaten, Syrakus und Messana, die eine eigene Politik +nicht durchfuehren konnten und nur zwischen roemischer und +karthagischer Hegemonie zu waehlen hatten, mussten jedenfalls die +erstere vorziehen, da die Roemer damals sehr wahrscheinlich noch nicht +die Insel fuer sich zu erobern beabsichtigten, sondern nur sie nicht +von Karthago erobern zu lassen, und auf alle Faelle anstatt des +karthagischen Tyrannisier- und Monopolisiersystems von Rom eine +leidlichere Behandlung und Schutz der Handelsfreiheit zu erwarten war. +Hieron blieb seitdem der wichtigste, standhafteste und geachtetste +Bundesgenosse der Roemer auf der Insel. + +Fuer die Roemer war hiermit das naechste Ziel erreicht. Durch das +Doppelbuendnis mit Messana und Syrakus und den festen Besitz der ganzen +Ostkueste war die Landung auf der Insel und die bis dahin sehr +schwierige Unterhaltung der Heere gesichert und verlor der bisher +bedenkliche und unberechenbare Krieg einen grossen Teil seines +waglichen Charakters. Man machte denn auch fuer denselben nicht +groessere Anstrengungen als fuer die Kriege in Samnium und Etrurien; +die zwei Legionen, die man fuer das naechste Jahr (492 262) nach der +Insel hinuebersandte, reichten aus, um im Einverstaendnis mit den +sizilischen Griechen die Karthager ueberall in die Festungen +zurueckzutreiben. Der Oberbefehlshaber der Karthager, Hannibal, Gisgons +Sohn, warf mit dem Kern seiner Truppen sich in Akragas, um diese +wichtigste karthagische Landstadt aufs aeusserste zu verteidigen. +Unfaehig, die feste Stadt zu stuermen, blockierten die Roemer sie mit +verschanzten Linien und einem doppelten Lager; die Eingeschlossenen, +die bis 50000 Koepfe zaehlten, litten bald Mangel am Notwendigen. Zum +Entsatz landete der karthagische Admiral Hanno bei Herakleia und +schnitt seinerseits der roemischen Belagerungsarmee die Zufuhr ab. Auf +beiden Seiten war die Not gross; man entschloss sich endlich zu einer +Schlacht, um aus den Bedraengnissen und der Ungewissheit +herauszukommen. In dieser zeigte sich die numidische Reiterei +ebensosehr der roemischen ueberlegen wie der phoenikischen Infanterie +das roemische Fussvolk; das letztere entschied den Sieg, allein die +Verluste auch der Roemer waren sehr betraechtlich. Der Erfolg der +gewonnenen Schlacht ward zum Teil dadurch verscherzt, dass es nach der +Schlacht waehrend der Verwirrung und der Ermuedung der Sieger der +belagerten Armee gelang, aus der Stadt zu entkommen und die Flotte zu +erreichen; dennoch war der Sieg von Bedeutung. Akragas fiel dadurch in +die Haende der Roemer und damit war die ganze Insel in ihrer Gewalt mit +Ausnahme der Seefestungen, in denen der karthagische Feldherr Hamilkar, +Hannos Nachfolger im Oberbefehl, sich bis an die Zaehne verschanzte und +weder durch Gewalt noch durch Hunger zu vertreiben war. Der Krieg spann +von da an sich nur fort durch die Ausfaelle der Karthager aus den +sizilischen Festungen und durch ihre Landungen an den italischen +Kuesten. + +In der Tat empfanden die Roemer erst jetzt die wirklichen +Schwierigkeiten des Krieges. Wenn die karthagischen Diplomaten, wie +erzaehlt wird, vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten die Roemer +warnten, es nicht bis zum Bruche zu treiben, denn wider ihren Willen +koenne kein Roemer auch nur die Haende sich im Meer waschen, so war +diese Drohung wohl begruendet. Die karthagische Flotte beherrschte ohne +Nebenbuhler die See und hielt nicht bloss die sizilischen +Kuestenstaedte im Gehorsam und mit allem Notwendigen versehen, sondern +bedrohte auch Italien mit einer Landung, weswegen schon 492 (262) dort +eine konsularische Armee hatte zurueckbleiben muessen. Zwar zu einer +groesseren Invasion kam es nicht; allein wohl landeten kleinere +karthagische Abteilungen an den italischen Kuesten und brandschatzten +die Bundesgenossen und, was schlimmer als alles Uebrige war, der Handel +Roms und seiner Bundesgenossen war voellig gelaehmt; es brauchte nicht +lange so fortzugehen, um Caere, Ostia, Neapel, Tarent, Syrakus +vollstaendig zugrunde zu richten, waehrend die Karthager ueber die +Kontributionssummen und den reichen Kaperfang die ausbleibenden +sizilischen Tribute leicht verschmerzten. Die Roemer erfuhren jetzt, +was Dionysios, Agathokles und Pyrrhos erfahren hatten, dass es ebenso +leicht war, die Karthager aus dem Felde zu schlagen, als schwierig, sie +zu ueberwinden. Man sah es ein, dass alles darauf ankam, eine Flotte zu +schaffen und beschloss eine solche von zwanzig Drei- und hundert +Fuenfdeckern herzustellen. Die Ausfuehrung indes dieses energischen +Beschlusses war nicht leicht. Zwar die aus den Rhetorschulen stammende +Darstellung, die glauben machen moechte, als haetten damals zuerst die +Roemer die Ruder ins Wasser getaucht, ist eine kindische Phrase; +Italiens Handelsmarine musste um diese Zeit sehr ausgedehnt sein, und +auch an italischen Kriegsschiffen fehlte es keineswegs. Aber es waren +dies Kriegsbarken und Dreidecker, wie sie in frueherer Zeit ueblich +gewesen waren; Fuenfdecker, die nach dem neueren, besonders von +Karthago ausgehenden System des Seekrieges fast ausschliesslich in der +Linie verwendet wurden, hatte man in Italien noch nicht gebaut. Die +Massregel der Roemer war also ungefaehr derart, wie wenn jetzt ein +Seestaat von Fregatten und Kuttern uebergehen wollte zum Bau von +Linienschiffen; und eben wie man heute in solchem Fall womoeglich ein +fremdes Linienschiff zum Muster nehmen wuerde, ueberwiesen auch die +Roemer ihren Schiffsbaumeistern eine gestrandete karthagische Pentere +als Modell. Ohne Zweifel haetten die Roemer, wenn sie gewollt haetten, +mit Hilfe der Syrakusaner und Massalioten schneller zum Ziele gelangen +koennen; allein ihre Staatsmaenner waren zu einsichtig, um Italien +durch eine nichtitalische Flotte verteidigen zu wollen. Dagegen wurden +die italischen Bundesgenossen stark angezogen sowohl fuer die +Schiffsoffiziere, die man groesstenteils aus der italischen +Handelsmarine genommen haben wird, als fuer die Matrosen, deren Name +(socii navales) beweist, dass sie eine Zeitlang ausschliesslich von den +Bundesgenossen gestellt wurden; daneben wurden spaeter Sklaven, die der +Staat und die reicheren Familien lieferten, und bald auch die aermere +Klasse der Buerger verwandt. Unter solchen Verhaeltnissen, und wenn man +teils den damaligen, verhaeltnismaessig niedrigen Stand des +Schiffsbaus, teils die roemische Energie wie billig in Anschlag bringt, +wird es begreiflich, dass die Roemer die Aufgabe, an der Napoleon +gescheitert ist, eine Kontinental- in eine Seemacht umzuwandeln, +innerhalb eines Jahres loesten und ihre Flotte von hundertundzwanzig +Segeln in der Tat im Fruehjahr 494 (260) vom Stapel lief. Freilich kam +dieselbe der karthagischen an Zahl und Segeltuechtigkeit keineswegs +gleich; und es fiel dies um so mehr ins Gewicht, als die Seetaktik +dieser Zeit vorwiegend im Manoevrieren bestand. Dass Schwergeruestete +und Bogenschuetzen vom Verdeck herab fochten, oder dass Wurfmaschinen +von demselben aus arbeiteten, gehoerte zwar auch zum Seegefecht dieser +Zeit; allein der gewoehnliche und eigentlich entscheidende Kampf +bestand im Niedersegeln der feindlichen Schiffe, zu welchem Zwecke die +Vorderteile mit schweren Eisenschnaebeln versehen waren; die +kaempfenden Schiffe pflegten einander zu umkreisen, bis dem einen oder +dem andern der Stoss gelang, der gewoehnlich entschied. Deshalb +befanden sich unter der Bemannung eines gewoehnlichen griechischen +Dreideckers von etwa 200 Mann nur etwa zehn Soldaten, dagegen 170 +Ruderer, 50 bis 60 fuer jedes Deck; die des Fuenfdeckers zaehlte etwa +300 Ruderer, und Soldaten nach Verhaeltnis. + +Man kam auf den gluecklichen Gedanken, das, was den roemischen Schiffen +bei ihren ungeuebten Schiffsoffizieren und Rudermannschaften an +Manoevrierfaehigkeit notwendig abgehen musste, dadurch zu ersetzen, +dass man den Soldaten im Seegefecht wiederum eine bedeutendere Rolle +zuteilte. Man brachte auf dem Vorderteil des Schiffes eine fliegende +Bruecke an, welche nach vorn wie nach beiden Seiten hin niedergelassen +werden konnte; sie war zu beiden Seiten mit Brustwehren versehen und +hatte Raum fuer zwei Mann in der Front. Wenn das feindliche Schiff zum +Stoss auf das roemische heransegelte oder, nachdem der Stoss vermieden +war, demselben zur Seite lag, schlug diese Bruecke auf dessen Verdeck +nieder und mittels eines eisernen Stachels in dasselbe ein; wodurch +nicht bloss das Niedersegeln verhindert, sondern es auch den roemischen +Schiffssoldaten moeglich ward, ueber die Bruecke auf das feindliche +Verdeck hinueberzugehen und dasselbe wie im Landgefecht zu erstuermen. +Eine eigene Schiffsmiliz ward nicht gebildet, sondern nach Beduerfnis +die Landtruppen zu diesem Schiffsdienst verwandt; es kommt vor, dass in +einer grossen Seeschlacht, wo freilich die roemische Flotte zugleich +die Landungsarmee an Bord hat, bis 120 Legionarier auf den einzelnen +Schiffen fechten. + +So schufen sich die Roemer eine Flotte, die der karthagischen gewachsen +war. Diejenigen irren, die aus dem roemischen Flottenbau ein +Feenmaerchen machen, und verfehlen ueberdies ihren Zweck; man muss +begreifen um zu bewundern. Der Flottenbau der Roemer war eben gar +nichts als ein grossartiges Nationalwerk, wo durch Einsicht in das +Noetige und Moegliche, durch geniale Erfindsamkeit, durch Energie in +Entschluss und Ausfuehrung das Vaterland aus einer Lage gerissen ward, +die uebler war, als sie zunaechst schien. + +Der Anfang indes war den Roemern nicht guenstig. Der roemische Admiral, +der Konsul Gnaeus Cornelius Scipio, der mit den ersten siebzehn +segelfertigen Fahrzeugen nach Messana in See gegangen war (494 260), +meinte auf der Fahrt Lipara durch einen Handstreich wegnehmen zu +koennen. Allein eine Abteilung der bei Panormos stationierten +karthagischen Flotte sperrte den Hafen der Insel, in dem die roemischen +Schiffe vor Anker gegangen waren, und nahm die ganze Eskadre mit dem +Konsul ohne Kampf gefangen. Indes dies schreckte die Hauptflotte nicht +ab, sowie die Vorbereitungen beendigt waren, gleichfalls nach Messana +unter Segel zu gehen. Auf der Fahrt laengs der italischen Kueste traf +sie auf ein schwaecheres karthagisches Rekognoszierungsgeschwader, dem +sie das Glueck hatte, einen den ersten roemischen mehr als aufwiegenden +Verlust zuzufuegen, und traf also gluecklich und siegreich im Hafen von +Messana ein, wo der zweite Konsul Gaius Duilius das Kommando an der +Stelle seines gefangenen Kollegen uebernahm. An der Landspitze von +Mylae, nordwestlich von Messana, traf die karthagische Flotte, die +unter Hannibal von Panormos herankam, auf die roemische, welche hier +ihre erste groessere Probe bestand. Die Karthager, in den schlecht +segelnden und unbehilflichen roemischen Schiffen eine leichte Beute +erblickend, stuerzten sich in aufgeloester Linie auf dieselben; aber +die neu erfundenen Enterbruecken bewaehrten sich vollkommen. Die +roemischen Schiffe fesselten und stuermten die feindlichen, wie sie +einzeln heransegelten; es war ihnen weder von vorn, noch von den Seiten +beizukommen, ohne dass die gefaehrliche Bruecke sich niedersenkte auf +das feindliche Verdeck. Als die Schlacht zu Ende war, waren gegen +fuenfzig karthagische Schiffe, fast die Haelfte der Flotte, von den +Roemern versenkt oder genommen, unter den letzteren das Admiralsschiff +Hannibals, einst das des Koenigs Pyrrhos. Der Gewinn war gross; noch +groesser der moralische Eindruck. Rom war ploetzlich eine Seemacht +geworden und hatte das Mittel in der Hand, den Krieg, der endlos sich +hinauszuspinnen und dem italischen Handel den Ruin zu drohen schien, +energisch zu Ende zu fuehren. + +Es gab dazu einen doppelten Weg. Man konnte entweder Karthago auf den +italischen Inseln angreifen und ihm die Kuestenfestungen Siziliens und +Sardiniens eine nach der andern entreissen, was vielleicht durch gut +kombinierte Operationen zu Lande und zur See ausfuehrbar war; war dies +durchgesetzt, so konnte entweder mit Karthago auf Grund der Abtretung +dieser Inseln Friede geschlossen, oder, wenn dies misslang oder nicht +genuegte, der zweite Akt des Krieges nach Afrika verlegt werden. Oder +man konnte die Inseln vernachlaessigen und sich gleich mit aller Macht +auf Afrika werfen, nicht in Agathokles’ abenteuernder Art die Schiffe +hinter sich verbrennend und alles setzend auf den Sieg eines +verzweifelten Haufens, sondern durch eine starke Flotte die +Verbindungen der afrikanischen Invasionsarmee mit Italien deckend; in +diesem Falle liess sich entweder von der Bestuerzung der Feinde nach +den ersten Erfolgen ein maessiger Friede erwarten oder, wenn man +wollte, mit aeusserster Gewalt den Feind zu vollstaendiger Ergebung +noetigen. + +Man waehlte zunaechst den ersten Operationsplan. Im Jahre nach der +Schlacht von Mylae (495 259) erstuermte der Konsul Lucius Scipio den +Hafen Aleria auf Korsika - wir besitzen noch den Grabstein des +Feldherrn, der dieser Tat gedenkt - und machte aus Korsika eine +Seestation gegen Sardinien. Ein Versuch, sich auf der Nordkueste dieser +Insel in Ulbia festzusetzen, misslang, da es der Flotte an +Landungstruppen fehlte. Im folgenden Jahre (496 258) ward er zwar mit +besserem Erfolg wiederholt und die offenen Flecken an der Kueste +gepluendert; aber zu einer bleibenden Festsetzung der Roemer kam es +nicht. Ebensowenig kam man in Sizilien vorwaerts. Hamilkar fuehrte +energisch und geschickt den Krieg nicht bloss mit Waffen zu Lande und +zur See, sondern auch mit der politischen Propaganda; von den zahllosen +kleinen Landstaedten fielen jaehrlich einige von den Roemern ab und +mussten den Phoenikern muehsam wieder entrissen werden, und in den +Kuestenfestungen behaupteten die Karthager sich unangefochten, +namentlich in ihrem Hauptquartier Panormos und in ihrem neuen +Waffenplatz Drepana, wohin der leichteren Seeverteidigung wegen +Hamilkar die Bewohner des Eryx uebergesiedelt hatte. Ein zweites +grosses Seetreffen am Tyndarischen Vorgebirg (497 257), in dem beide +Teile sich den Sieg zuschrieben, aenderte nichts an der Lage der Dinge. +In dieser Weise kam man nicht vom Fleck, mochte die Schuld nun an dem +geteilten und schnell wechselnden Oberbefehl der roemischen Truppen +liegen, der die konzentrierte Gesamtleitung einer Reihe kleinerer +Operationen ungemein erschwerte, oder auch an den allgemeinen +strategischen Verhaeltnissen, welche allerdings in einem solchen Fall +nach dem damaligen Stande der Kriegswissenschaft sich fuer den +Angreifer ueberhaupt (I, 426) und ganz besonders fuer die noch im +Anfang der wissenschaftlichen Kriegskunst stehenden Roemer unguenstig +stellten. Mittlerweile litt, wenn auch die Brandschatzung der +italischen Kuesten aufgehoert hatte, doch der italische Handel nicht +viel weniger als vor dem Flottenbau. Muede des erfolglosen Ganges der +Operationen und ungeduldig, dem Kriege ein Ziel zu setzen, beschloss +der Senat, das System zu aendern und Karthago in Afrika anzugreifen. Im +Fruehjahr 498 (256) ging eine Flotte von 330 Linienschiffen unter Segel +nach der libyschen Kueste; an der Muendung des Himeraflusses am +suedlichen Ufer Siziliens nahm sie das Landungsheer an Bord: es waren +vier Legionen unter der Fuehrung der beiden Konsuln Marcus Atilius +Regulus und Lucius Manlius Volso, beides erprobte Generale. Der +karthagische Admiral liess es geschehen, dass die feindlichen Truppen +sich einschifften; aber auf der weiteren Fahrt nach Afrika fanden die +Roemer die feindliche Flotte auf der Hoehe von Eknomos in +Schlachtordnung aufgestellt, um die Heimat vor der Invasion zu decken. +Nicht leicht haben groessere Massen zur See gefochten als in dieser +Schlacht gegeneinander standen. Die roemische Flotte von 330 Segeln +zaehlte mindestens 100000 Mann an Schiffsbemannung ausser der etwa +40000 Mann starken Landungsarmee; die karthagische von 350 Schiffen +trug an Bemannung mindestens die gleiche Zahl, so dass gegen +dreimalhunderttausend Menschen an diesem Tage aufgeboten waren, um +zwischen den beiden maechtigen Buergerschaften zu entscheiden. Die +Phoeniker standen in einfacher weitausgedehnter Linie, mit dem linken +Fluegel gelehnt an die sizilische Kueste. Die Roemer ordneten sich ins +Dreieck, die Admiralschiffe der beiden Konsuln an der Spitze, in +schraeger Linie rechts und links neben ihnen das erste und zweite +Geschwader, endlich das dritte mit den zum Transport der Reiterei +gebauten Fahrzeugen im Schlepptau in der Linie, die das Dreieck +schloss. Also segelten sie dichtgeschlossen auf den Feind. Langsamer +folgte ein viertes in Reserve gestelltes Geschwader. Der keilfoermige +Angriff durchbrach ohne Muehe die karthagische Linie, da das zunaechst +angegriffene Zentrum derselben absichtlich zurueckwich, und die +Schlacht loeste sich auf in drei gesonderte Treffen. Waehrend die +Admirale mit den beiden auf den Fluegeln aufgestellten Geschwadern dem +karthagischen Zentrum nachsetzten und mit ihm handgemein wurden, +schwenkte der linke, an der Kueste aufgestellte Fluegel der Karthager +auf das dritte roemische Geschwader ein, welches durch die +Schleppschiffe gehindert ward, den beiden vorderen zu folgen, und +draengte dasselbe in heftigem und ueberlegenem Angriff gegen das Ufer; +gleichzeitig wurde die roemische Reserve von dem rechten karthagischen +Fluegel auf der hohen See umgangen und von hinten angefallen. Das erste +dieser drei Treffen war bald zu Ende: die Schiffe des karthagischen +Mitteltreffens, offenbar viel schwaecher als die beiden gegen sie +fechtenden roemischen Geschwader, wandten sich zur Flucht. Mittlerweile +hatten die beiden anderen Abteilungen der Roemer einen harten Stand +gegen den ueberlegenen Feind; allein im Nahgefecht kamen die +gefuerchteten Enterbruecken ihnen zustatten, und mit deren Hilfe gelang +es, sich so lange zu halten, bis die beiden Admirale mit ihren Schiffen +herankommen konnten. Dadurch erhielt die roemische Reserve Luft, und +die karthagischen Schiffe des rechten Fluegels suchten vor der +Uebermacht das Weite. Nun, nachdem auch dieser Kampf zum Vorteil der +Roemer entschieden, fielen alle noch seefaehigen roemischen Schiffe dem +hartnaeckig seinen Vorteil verfolgenden karthagischen linken Fluegel in +den Ruecken, so dass dieser umzingelt und fast alle Schiffe desselben +genommen wurden. Der uebrige Verlust war ungefaehr gleich. Von der +roemischen Flotte waren 24 Segel versenkt, von der karthagischen 30 +versenkt, 64 genommen. Die karthagische Flotte gab trotz des +betraechtlichen Verlustes es nicht auf, Afrika zu decken und ging zu +diesem Ende zurueck an den Golf von Karthago, wo sie die Landung +erwartete und eine zweite Schlacht zu liefern gedachte. Allein die +Roemer landeten statt an der westlichen Seite der Halbinsel, die den +Golf bilden hilft, vielmehr an der oestlichen, wo die Bai von Clupea +ihnen einen fast bei allen Winden Schutz bietenden geraeumigen Hafen +und die Stadt, hart am Meere auf einem schildfoermig aus der Ebene +aufsteigenden Huegel gelegen, eine vortreffliche Hafenfestung darbot. +Ungehindert vom Feinde schifften sie die Truppen aus und setzten sich +auf dem Huegel fest; in kurzer Zeit war ein verschanztes Schiffslager +errichtet, und das Landheer konnte seine Operationen beginnen. Die +roemischen Truppen durchstreiften und brandschatzten das Land; bis +20000 Sklaven konnten nach Rom gefuehrt werden. Durch die ungeheuersten +Gluecksfaelle war der kuehne Plan auf den ersten Wurf und mit geringen +Opfern gelungen; man schien am Ziele zu stehen. Wie sicher die Roemer +sich fuehlten, beweist der Beschluss des Senats, den groessten Teil der +Flotte und die Haelfte der Armee nach Italien zurueckzuschicken; Marcus +Regulus blieb allein in Afrika mit 40 Schiffen, 15000 Mann zu Fuss und +500 Reitern. Es schien indes die Zuversicht nicht uebertrieben. Die +karthagische Armee, die entmutigt sich in die Ebene nicht wagte, erlitt +erst recht eine Schlappe in den waldigen Defileen, in denen sie ihre +beiden besten Waffen, die Reiterei und die Elefanten nicht verwenden +konnte. Die Staedte ergaben sich in Masse, die Numidier standen auf und +ueberschwemmten weithin das offene Land. Regulus konnte hoffen, den +naechsten Feldzug zu beginnen mit der Belagerung der Hauptstadt, zu +welchem Ende er dicht bei derselben, in Tunes sein Winterlager +aufschlug. + +Der Karthager Mut war gebrochen; sie baten um Frieden. Allein die +Bedingungen, die der Konsul stellte: nicht bloss Abtretung von Sizilien +und Sardinien, sondern Eingehung eines ungleichen Buendnisses mit Rom, +welches die Karthager verpflichtet haette, auf eine eigene Kriegsmarine +zu verzichten und zu den roemischen Kriegen Schiffe zu stellen - diese +Bedingungen, welche Karthago mit Neapel und Tarent gleichgestellt haben +wuerden, konnten nicht angenommen werden, solange noch ein +karthagisches Heer im Felde, eine karthagische Flotte auf der See, und +die Hauptstadt unerschuettert stand. Die gewaltige Begeisterung, wie +sie in den orientalischen Voelkern, auch den tief gesunkenen, bei dem +Herannahen aeusserster Gefahren grossartig aufzuflammen pflegt, diese +Energie der hoechsten Not trieb die Karthager zu Anstrengungen, wie man +sie den Budenleuten nicht zugetraut haben mochte. Hamilkar, der in +Sizilien den kleinen Krieg gegen die Roemer so erfolgreich gefuehrt +hatte, erschien in Libyen mit der Elite der sizilischen Truppen, die +fuer die neuausgehobene Mannschaft einen trefflichen Kern abgab; die +Verbindungen und das Gold der Karthager fuehrten ihnen ferner die +trefflichen numidischen Reiter scharenweise zu und ebenso zahlreiche +griechische Soeldner, darunter den gefeierten Hauptmann Xanthippos von +Sparta, dessen Organisierungstalent und strategische Einsicht seinen +neuen Dienstherren von grossem Nutzen war ^2. Waehrend also im Lauf des +Winters die Karthager ihre Vorbereitungen trafen, stand der roemische +Feldherr untaetig bei Tunes. Mochte er nicht ahnen, welcher Sturm sich +ueber seinem Haupt zusammenzog, oder mochte militaerisches Ehrgefuehl +ihm zu tun verbieten, was seine Lage erheischte - statt zu verzichten +auf eine Belagerung, die er doch nicht imstande war, auch nur zu +versuchen, und sich einzuschliessen in die Burg von Clupea, blieb er +mit einer Handvoll Leute vor den Mauern der feindlichen Hauptstadt +stehen, sogar seine Rueckzugslinie zu dem Schiffslager zu sichern +versaeumend, und versaeumend sich zu schaffen, was ihm vor allen Dingen +fehlte und was durch Verhandlungen mit den aufstaendischen Staemmen der +Numidier so leicht zu erreichen war, eine gute leichte Reiterei. +Mutwillig brachte er sich und sein Heer also in dieselbe Lage, in der +einst Agathokles auf seinem verzweifelten Abenteurerzug sich befunden +hatte. Als das Fruehjahr kam (499 255), hatten sich die Dinge schon so +veraendert, dass jetzt die Karthager es waren, die zuerst ins Feld +rueckten und den Roemern eine Schlacht anboten; natuerlich, denn es lag +alles daran, mit dem Heer des Regulus fertig zu werden, ehe von Italien +Verstaerkung kommen konnte. Aus demselben Grunde haetten die Roemer +zoegern sollen; allein im Vertrauen auf ihre Unueberwindlichkeit im +offenen Felde nahmen sie sofort die Schlacht an trotz ihrer geringeren +Staerke - denn obwohl die Zahl des Fussvolks auf beiden Seiten +ungefaehr dieselbe war, gaben doch den Karthagern die 4000 Reiter und +100 Elefanten ein entschiedenes Uebergewicht - und trotz des +unguenstigen Terrains - die Karthager hatten sich auf einem weiten +Blachfeld, vermutlich unweit Tunes, aufgestellt. Xanthippos, der an +diesem Tage die Karthager kommandierte, warf zunaechst seine Reiterei +auf die feindliche, die wie gewoehnlich auf den beiden Fluegeln der +Schlachtlinie stand; die wenigen roemischen Schwadronen zerstoben im Nu +vor den feindlichen Kavalleriemassen und das roemische Fussvolk sah +sich von demselben ueberfluegelt und umschwaermt. Die Legionen, +hierdurch nicht erschuettert, gingen zum Angriff vor gegen die +feindliche Linie; und obwohl die zur Deckung vor derselben aufgestellte +Elefantenreihe den rechten Fluegel und das Zentrum der Roemer hemmte, +fasste wenigstens der linke roemische Fluegel, an den Elefanten +vorbeimarschierend, die Soeldnerinfanterie auf dem rechten feindlichen +und warf sie vollstaendig. Allein eben dieser Erfolg zerriss die +roemischen Reihen. Die Hauptmasse, vorn von den Elefanten, an den +Seiten und im Ruecken von der Reiterei angegriffen, formierte sich zwar +ins Viereck und verteidigte sich heldenmuetig, allein endlich wurden +doch die geschlossenen Massen gesprengt und aufgerieben. Der siegreiche +linke Fluegel traf auf das noch frische karthagische Zentrum, wo die +libysche Infanterie ihm gleiches Schicksal bereitete. Bei der +Beschaffenheit des Terrains und der Ueberzahl der feindlichen Reiterei +ward niedergehauen oder gefangen, was in diesen Massen gefochten hatte; +nur zweitausend Mann, vermutlich vorzugsweise die zu Anfang +zersprengten leichten Truppen und Reiter, gewannen, waehrend die +roemischen Legionen sich niedermachen liessen, soviel Vorsprung, um mit +Not Clupea zu erreichen. Unter den wenigen Gefangenen war der Konsul +selbst, der spaeter in Karthago starb; seine Familie, in der Meinung, +dass er von den Karthagern nicht nach Kriegsgebrauch behandelt worden +sei, nahm an zwei edlen karthagischen Gefangenen die empoerendste +Rache, bis es selbst die Sklaven erbarmte und auf deren Anzeige die +Tribune der Schaendlichkeit steuerten ^3. + +————————————————————— + +^2 Der Bericht, dass zunaechst Xanthippos’ militaerisches Talent +Karthago gerettet habe, ist wahrscheinlich gefaerbt; die karthagischen +Offiziere werden schwerlich auf den Fremden gewartet haben, um zu +lernen, dass die leichte afrikanische Kavallerie zweckmaessiger auf der +Ebene verwandt werde als in Huegeln und Waeldern. Von solchen +Wendungen, dem Echo der griechischen Wachtstubengespraeche, ist selbst +Polybios nicht frei. Dass Xanthippos nach dem Siege von den Karthagern +ermordet worden sei, ist eine Erfindung; er ging freiwillig fort, +vielleicht in aegyptische Dienste. + +^3 Weiter ist ueber Regulus’ Ende nichts mit Sicherheit bekannt; selbst +seine Sendung nach Rom, die bald 503 (251), bald 513 (241) gesetzt +wird, ist sehr schlecht beglaubigt, Die spaetere Zeit, die in dem +Glueck und Unglueck der Vorfahren nur nach Stoffen suchte fuer +Schulakte, hat aus Regulus den Prototyp des ungluecklichen wie aus +Fabricius das des duerftigen Helden gemacht und eine Menge obligat +erfundener Anekdoten auf seinen Namen in Umlauf gesetzt; widerwaertige +Flitter, die uebel kontrastieren mit der ernsten und schlichten +Geschichte. + +—————————————————————————- + +Wie die Schreckenspost nach Rom gelangte, war die erste Sorge +natuerlich gerichtet auf die Rettung der in Clupea eingeschlossenen +Mannschaft. Eine roemische Flotte von 350 Segeln lief sofort aus, und +nach einem schoenen Sieg am Hermaeischen Vorgebirg, bei welchem die +Karthager 114 Schiffe einbuessten, gelangte sie nach Clupea eben zur +rechten Zeit, um die dort verschanzten Truemmer der geschlagenen Armee +aus ihrer Bedraengnis zu befreien. Waere sie gesandt worden, ehe die +Katastrophe eintrat, so haette sie die Niederlage in einen Sieg +verwandeln moegen, der wahrscheinlich den phoenikischen Kriegen ein +Ende gemacht haben wuerde. So vollstaendig aber hatten jetzt die Roemer +den Kopf verloren, dass sie nach einem gluecklichen Gefecht vor Clupea +saemtliche Truppen auf die Schiffe setzten und heimsegelten, freiwillig +den wichtigen und leicht zu verteidigenden Platz raeumend, der ihnen +die Moeglichkeit der Landung in Afrika sicherte, und der Rache der +Karthager ihre zahlreichen afrikanischen Bundesgenossen schutzlos +preisgebend. Die Karthager versaeumten die Gelegenheit nicht, ihre +leeren Kassen zu fuellen und den Untertanen die Folgen der Untreue +deutlich zu machen. Eine ausserordentliche Kontribution von 1000 +Talenten Silber (1740000 Taler) und 20000 Rindern ward ausgeschrieben +und in saemtlichen abgefallenen Gemeinden die Scheiche ans Kreuz +geschlagen - es sollen ihrer dreitausend gewesen sein und dieses +entsetzliche Wueten der karthagischen Beamten wesentlich den Grund +gelegt haben zu der Revolution, welche einige Jahre spaeter in Afrika +ausbrach. Endlich, als wollte wie frueher das Glueck, so jetzt das +Unglueck den Roemern das Mass fuellen, gingen auf der Rueckfahrt der +Flotte in einem schweren Sturm drei Vierteile der roemischen Schiffe +mit der Mannschaft zugrunde; nur achtzig gelangten in den Hafen (Juli +499 255). Die Kapitaene hatten das Unheil wohl vorausgesagt, aber die +improvisierten roemischen Admirale die Fahrt einmal also befohlen. + +Nach so ungeheuren Erfolgen konnten die Karthager die lange +eingestellte Offensive wiederum ergreifen. Hasdrubal, Hannos Sohn, +landete in Lilybaeon mit einem starken Heer, das besonders durch die +gewaltige Elefantenmasse - es waren ihrer 140 - in den Stand gesetzt +wurde, gegen die Roemer das Feld zu halten; die letzte Schlacht hatte +gezeigt, wie es moeglich war, den Mangel eines guten Fussvolks durch +Elefanten und Reiterei einigermassen zu ersetzen. Auch die Roemer +nahmen den sizilischen Krieg von neuem auf: die Vernichtung des +Landungsheeres hatte, wie die freiwillige Raeumung von Clupea beweist, +im roemischen Senat sofort wieder der Partei die Oberhand gegeben, die +den afrikanischen Krieg nicht wollte und sich begnuegte, die Inseln +allmaehlich zu unterwerfen. Allein auch hierzu bedurfte man einer +Flotte; und da diejenige zerstoert war, mit der man bei Mylae, bei +Eknomos und am Hermaeischen Vorgebirge gesiegt hatte, baute man eine +neue. Zu zweihundertundzwanzig neuen Kriegsschiffen wurde auf einmal +der Kiel gelegt - nie hatte man bisher gleichzeitig so viele zu bauen +unternommen -, und in der unglaublich kurzen Zeit von drei Monaten +standen sie saemtlich segelfertig. Im Fruehjahr 500 (254) erschien die +roemische Flotte, dreihundert groesstenteils neue Schiffe zaehlend, an +der sizilischen Nordkueste. Durch einen gluecklichen Angriff von der +Seeseite ward die bedeutendste Stadt des karthagischen Siziliens, +Panormos, erobert, und ebenso fielen hier die kleineren Plaetze Solus, +Kephaloedion, Tyndaris den Roemern in die Haende, so dass am ganzen +noerdlichen Gestade der Insel nur noch Thermae den Karthagern verblieb. +Panormos ward seitdem eine der Hauptstationen der Roemer auf Sizilien. +Der Landkrieg daselbst stockte indes; die beiden Armeen standen vor +Lilybaeon einander gegenueber, ohne dass die roemischen Befehlshaber, +die der Elefantenmasse nicht beizukommen wussten, eine Hauptschlacht zu +erzwingen versucht haetten. + +Im folgenden Jahre (501 253) zogen die Konsuln es vor, statt die +sicheren Vorteile in Sizilien zu verfolgen, eine Expedition nach Afrika +zu machen, nicht um zu landen, sondern um die Kuestenstaedte zu +pluendern. Ungehindert kamen sie damit zustande; allein nachdem sie +schon in den schwierigen und ihren Piloten unbekannten Gewaessern der +Kleinen Syrte auf die Untiefen aufgelaufen und mit Muehe wieder +losgekommen waren, traf die Flotte zwischen Sizilien und Italien ein +Sturm, der ueber 150 roemische Schiffe kostete; auch diesmal hatten die +Piloten, trotz ihrer Vorstellungen und Bitten, den Weg laengs der +Kueste zu waehlen, auf Befehl der Konsuln von Panormos gerades Weges +durch das offene Meer nach Ostia zu steuern muessen. + +Da ergriff Kleinmut die Vaeter der Stadt; sie beschlossen, die +Kriegsflotte abzuschaffen bis auf 60 Segel und den Seekrieg auf die +Kuestenverteidigung und die Geleitung der Transporte zu beschraenken. +Zum Glueck nahm eben jetzt der stockende Landkrieg auf Sizilien eine +guenstigere Wendung. Nachdem im Jahre 502 (252) Thermae, der letzte +Punkt, den die Karthager an der Nordkueste besassen, und die wichtige +Insel Lipara den Roemern in die Haende gefallen waren, erfocht im Jahre +darauf der Konsul Lucius Caecilius Metellus unter den Mauern von +Panormos einen glaenzenden Sieg ueber das Elefantenheer (Sommer 503 +251). Die unvorsichtig vorgefuehrten Tiere wurden von den im +Stadtgraben aufgestellten leichten Truppen der Roemer geworfen und +stuerzten teils in den Graben hinab, teils zurueck auf ihre eigenen +Leute, die in wilder Verwirrung mit den Elefanten zugleich sich zum +Strande draengten, um von den phoenikischen Schiffen aufgenommen zu +werden. 120 Elefanten wurden gefangen, und das karthagische Heer, +dessen Staerke auf den Tieren beruhte, musste sich wiederum in die +Festungen einschliessen. Es blieb, nachdem auch noch der Eryx den +Roemern in die Haende gefallen war (505 249), auf der Insel den +Karthagern nichts mehr als Drepana und Lilybaeon. Karthago bot zum +zweitenmal den Frieden an; allein der Sieg des Metellus und die +Ermattung des Feindes gab der energischeren Partei im Senat die +Oberhand. Der Friede ward zurueckgewiesen und beschlossen, die +Belagerung der beiden sizilischen Staedte ernsthaft anzugreifen und zu +diesem Ende wiederum eine Flotte von 200 Segeln in See gehen zu lassen. +Die Belagerung von Lilybaeon, die erste grosse und regelrechte, die Rom +unternahm, und eine der hartnaeckigsten, die die Geschichte kennt, +wurde von den Roemern mit einem wichtigen Erfolg eroeffnet: ihrer +Flotte gelang es, sich in den Hafen der Stadt zu legen und dieselbe von +der Seeseite zu blockieren. Indes vollstaendig die See zu sperren, +vermochten die Belagerer nicht. Trotz ihrer Versenkungen und Palisaden +und trotz der sorgfaeltigsten Bewachung unterhielten gewandte und der +Untiefen und Fahrwaesser genau kundige Schnellsegler eine regelmaessige +Verbindung zwischen den Belagerten in der Stadt und der karthagischen +Flotte im Hafen von Drepana; ja nach einiger Zeit glueckte es einem +karthagischen Geschwader von 50 Segeln, in den Hafen einzufahren, +Lebensmittel in Menge und Verstaerkung von 10000 Mann in die Stadt zu +werfen und unangefochten wieder heimzukehren. Nicht viel gluecklicher +war die belagernde Landarmee. Man begann mit regelrechtem Angriff; die +Maschinen wurden errichtet, und in kurzer Zeit hatten die Batterien +sechs Mauertuerme eingeworfen; die Bresche schien bald gangbar. Allein +der tuechtige karthagische Befehlshaber Himilko wehrte diesen Angriff +ab, indem auf seine Anordnung hinter der Bresche sich ein zweiter Wall +erhob. Ein Versuch der Roemer, mit der Besatzung ein Einverstaendnis +anzuknuepfen, ward ebenso noch zur rechten Zeit vereitelt. Ja es gelang +den Karthagern, nachdem ein erster, zu diesem Zwecke gemachter Ausfall +abgeschlagen worden war, waehrend einer stuermischen Nacht die +roemische Maschinenreihe zu verbrennen. Die Roemer gaben hierauf die +Vorbereitungen zum Sturm auf und begnuegten sich, die Mauer zu Wasser +und zu Lande zu blockieren. Freilich waren dabei die Aussichten auf +Erfolg sehr fern, solange man nicht imstande war, den feindlichen +Schiffen den Zugang gaenzlich zu verlegen; und einen nicht viel +leichteren Stand als in der Stadt die Belagerten hatte das Landheer der +Belagerer, welchem die Zufuhren durch die starke und verwegene leichte +Reiterei der Karthager haeufig abgefangen wurden und das die Seuchen, +die in der ungesunden Gegend einheimisch sind, zu dezimieren begannen. +Die Eroberung Lilybaeons war nichtsdestoweniger wichtig genug, um +geduldig bei der muehseligen Arbeit auszuharren, die denn doch mit der +Zeit der. gewuenschten Erfolg verhiess. Allein dem neuen Konsul Publius +Claudius schien die Aufgabe, Lilybaeon eingeschlossen zu halten, allzu +gering; es gefiel ihm besser, wieder einmal den Operationsplan zu +aendern und mit seinen zahlreichen neu bemannten Schiffen die +karthagische in dem nahen Hafen von Drepana verweilende Flotte +unversehens zu ueberfallen. Mit dem ganzen Blockadegeschwader, das +Freiwillige aus den Legionen an Bord genommen hatte, fuhr er um +Mitternacht ab und erreichte, in guter Ordnung segelnd, den rechten +Fluegel am Lande, den linken in der hohen See, gluecklich mit +Sonnenaufgang den Hafen von Drepana. Hier kommandierte der phoenikische +Admiral Atarbas. Obwohl ueberrascht, verlor er die Besonnenheit nicht +und liess sich nicht in den Hafen einschliessen, sondern wie die +roemischen Schiffe in den nach Sueden sichelfoermig sich oeffnenden +Hafen an der Landseite einfuhren, zog er an der noch freien Seeseite +seine Schiffe aus dem Hafen heraus und stellte sich ausserhalb +desselben in Linie. Dem roemischen Admiral blieb nichts uebrig, als die +vordersten Schiffe moeglichst schnell aus dem Hafen zurueckzunehmen und +sich gleichfalls vor demselben zur Schlacht zu ordnen; allein ueber +dieser rueckgaengigen Bewegung verlor er die freie Wahl seiner +Aufstellung und musste die Schlacht annehmen in einer Linie, die teils +von der feindlichen um fuenf Schiffe ueberfluegelt ward, da es an Zeit +gebrach, die Schiffe wieder aus dem Hafen vollstaendig zu entwickeln, +teils so dicht an die Kueste gedraengt war, dass seine Fahrzeuge weder +zurueckweichen noch hinter der Linie hinsegelnd sich untereinander zu +Hilfe kommen konnten. Die Schlacht war nicht bloss verloren, ehe sie +begann, sondern die roemische Flotte so vollstaendig umstrickt, dass +sie fast ganz den Feinden in die Haende fiel. Zwar der Konsul entkam, +indem er zuerst davonfloh; aber 93 roemische Schiffe, mehr als drei +Viertel der Blockadeflotte, mit dem Kern der roemischen Legionen an +Bord, fielen den Phoenikern in die Haende. Es war der erste und einzige +grosse Seesieg, den die Karthager ueber die Roemer erfochten haben. +Lilybaeon war der Tat nach von der Seeseite entsetzt, denn wenn auch +die Truemmer der roemischen Flotte in ihre fruehere Stellung +zurueckkehrten, so war diese doch jetzt viel zu schwach, um den nie +ganz geschlossenen Hafen ernstlich zu versperren, und konnte vor dem +Angriff der karthagischen Schiffe sich selbst nur retten durch den +Beistand des Landheers. Die eine Unvorsichtigkeit eines unerfahrenen +und frevelhaft leichtsinnigen Offiziers hatte alles vereitelt, was in +dem langen und aufreibenden Festungskrieg muehsam erreicht worden war; +und was dessen Uebermut noch an Kriegsschiffen den Roemern gelassen +hatte, ging kurz darauf durch den Unverstand seines Kollegen zugrunde. +Der zweite Konsul, Lucius Iunius Pullus, der den Auftrag erhalten +hatte, die fuer das Heer in Lilybaeon bestimmten Zufuhren in Syrakus zu +verladen und die Transportflotte laengs der suedlichen Kueste der Insel +mit der zweiten roemischen Flotte von 120 Kriegsschiffen zu geleiten, +beging, statt seine Schiffe zusammenzuhalten, den Fehler, den ersten +Transport allein abgehen zu lassen und erst spaeter mit dem zweiten zu +folgen. Als der karthagische Unterbefehlshaber Karthalo, der mit +hundert auserlesenen Schiffen die roemische Flotte im Hafen von +Lilybaeon blockierte, davon Nachricht erhielt, wandte er sich nach der +Suedkueste der Insel, schnitt die beiden roemischen Geschwader, sich +zwischen sie legend, voneinander ab und zwang sie, an den unwirtlichen +Gestaden von Gela und Kamarina in zwei Nothaefen sich zu bergen. Die +Angriffe der Karthager wurden freilich von den Roemern tapfer +zurueckgewiesen mit Hilfe der hier wie ueberall an der Kueste schon +seit laengerer Zeit errichteten Strandbatterien; allein da an +Vereinigung und Fortsetzung der Fahrt fuer die Roemer nicht zudenken +war, konnte Karthago die Vollendung seines Werkes den Elementen +ueberlassen. Der naechste grosse Sturm vernichtete denn auch beide +roemische Flotten auf ihren schlechten Reeden vollstaendig, waehrend +der phoenikische Admiral auf der hohen See mit seinen unbeschwerten und +gut gefuehrten Schiffen ihm leicht entging. Die Mannschaft und die +Ladung gelang es den Roemern indes groesstenteils zu retten (505 249). + +Der roemische Senat war ratlos. Der Krieg waehrte nun ins sechzehnte +Jahr, und von dem Ziele schien man im sechzehnten weiter ab zu sein als +im ersten. Vier grosse Flotten waren in diesem Kriege zugrunde +gegangen, drei davon mit roemischen Heeren an Bord; ein viertes +ausgesuchtes Landheer hatte der Feind in Libyen vernichtet, ungerechnet +die zahllosen Opfer, die die kleinen Gefechte zur See, die in Sizilien +die Schlachten und mehr noch der Postenkrieg und die Seuchen gefordert +hatten. Welche Zahl von Menschenleben der Krieg wegraffte, ist daraus +zuerkennen, dass die Buergerrolle bloss von 502 (252) auf 507 (247) um +etwa 40000 Koepfe, den sechsten Teil der Gesamtzahl, sank; wobei die +Verluste der Bundesgenossen, die die ganze Schwere des Seekriegs und +daneben der Landkrieg mindestens in gleichem Verhaeltnis wie die Roemer +traf, noch nicht mit eingerechnet sind. Von der finanziellen Einbusse +ist es nicht moeglich, sich eine Vorstellung zu machen; aber sowohl der +unmittelbare Schaden an Schiffen und Material als der mittelbare durch +die Laehmung des Handels muessen ungeheuer gewesen sein. Allein +schlimmer als dies alles war die Abnutzung aller Mittel, durch die man +den Krieg hatte endigen wollen. Man hatte eine Landung in Afrika mit +frischen Kraeften, im vollen Siegeslauf versucht und war gaenzlich +gescheitert. Man hatte Sizilien Stadt um Stadt zu erstuermen +unternommen; die geringeren Plaetze waren gefallen, aber die beiden +gewaltigen Seeburgen Lilybaeon und Drepana standen unbezwinglicher als +je zuvor. Was sollte man beginnen? In der Tat, der Kleinmut behielt +gewissermassen Recht. Die Vaeter der Stadt verzagten; sie liessen die +Sachen eben gehen, wie sie gehen mochten, wohl wissend, dass ein ziel- +und endlos sich hinspinnender Krieg fuer Italien verderblicher war als +die Anstrengung des letzten Mannes und des letzten Silberstuecks, aber +ohne den Mut und die Zuversicht zu dem Volk und zu dem Glueck, um zu +den alten, nutzlos vergeudeten neue Opfer zu fordern. Man schaffte die +Flotte ab; hoechstens foerderte man die Kaperei und stellte den +Kapitaenen, die auf ihre eigene Hand den Korsarenkrieg zu beginnen +bereit waren, zu diesem Behuf Kriegsschiffe des Staates zur Verfuegung. +Der Landkrieg ward dem Namen nach fortgefuehrt, weil man eben nicht +anders konnte; allein man begnuegte sich, die sizilischen Festungen zu +beobachten, und was man besass, notduerftig zu behaupten, was dennoch, +seit die Flotte fehlte, ein sehr zahlreiches Heer und aeusserst +kostspielige Anstalten erforderte. + +Wenn jemals, so war jetzt die Zeit gekommen, wo Karthago den gewaltigen +Gegner zu demuetigen imstande war. Dass auch dort die Erschoepfung der +Kraefte gefuehlt ward, versteht sich; indes wie die Sachen standen, +konnten die phoenikischen Finanzen unmoeglich so im Verfall sein, dass +die Karthager den Krieg, der ihnen hauptsaechlich nur Geld kostete, +nicht haetten offensiv und nachdruecklich fortfuehren koennen. Allein +die karthagische Regierung war eben nicht energisch, sondern schwach +und laessig, wenn nicht ein leichter und sicherer Gewinn oder die +aeusserste Not sie trieb. Froh, der roemischen Flotte los zu sein, +liess man toericht auch die eigene verfallen und fing an, nach dem +Beispiel der Feinde sich zu Lande und zur See auf den kleinen Krieg in +und um Sizilien zu beschraenken. + +So folgten sechs tatenlose Kriegsjahre (506-511 248-243), die +ruhmlosesten, welche die roemische Geschichte dieses Jahrhunderts +kennt, und ruhmlos auch fuer das Volk der Karthager. Indes ein Mann von +diesen dachte und handelte anders als seine Nation. Hamilkar, genannt +Barak oder Barkas, das ist der Blitz, ein junger, vielversprechender +Offizier, uebernahm im Jahre 507 (247) den Oberbefehl in Sizilien. Es +fehlte in seiner Armee wie in jeder karthagischen an einer +zuverlaessigen und kriegsgeuebten Infanterie; und die Regierung, obwohl +sie vielleicht eine solche zu schaffen imstande und auf jeden Fall es +zu versuchen verpflichtet gewesen waere, begnuegte sich, den +Niederlagen zuzusehen und hoechstens die geschlagenen Feldherren ans +Kreuz heften zu lassen. Hamilkar beschloss, sich selber zu helfen. Er +wusste es wohl, dass seinen Soeldnern Karthago so gleichgueltig war wie +Rom, und dass er von seiner Regierung nicht phoenikische oder libysche +Konskribierte, sondern im besten Fall die Erlaubnis zu erwarten hatte, +mit seinen Leuten das Vaterland auf eigene Faust zu retten, +vorausgesetzt, dass es nichts koste. Allein er kannte auch sich und die +Menschen. An Karthago lag seinen Soeldnern freilich nichts; aber der +echte Feldherr vermag es, den Soldaten an die Stelle des Vaterlandes +seine eigene Persoenlichkeit zu setzen, und ein solcher war der junge +General. Nachdem er die Seinigen im Postenkrieg vor Drepana und +Lilybaeon gewoehnt hatte, dem Legionaer ins Auge zu sehen, setzte er +auf dem Berge Eirkte (Monte Pellegrino bei Palermo), der gleich einer +Festung das umliegende Land beherrscht, sich mit seinen Leuten fest und +liess sie hier haeuslich mit ihren Frauen und Kindern sich einrichten +und das platte Land durchstreifen, waehrend phoenikische Kaper die +italische Kueste bis Cumae brandschatzten. So ernaehrte er seine Leute +reichlich, ohne von den Karthagern Geld zu begehren, und bedrohte, mit +Drepana die Verbindung zur See unterhaltend, das wichtige Panormos in +naechster Naehe mit Ueberrumpelung. Nicht bloss vermochten die Roemer +nicht, ihn von seinem Felsen zu vertreiben, sondern nachdem an der +Eirkte der Kampf eine Weile gedauert hatte, schuf sich Hamilkar eine +zweite aehnliche Stellung am Eryx. Diesen Berg, der auf der halben +Hoehe die gleichnamige Stadt, auf der Spitze den Tempel der Aphrodite +trug, hatten bis dahin die Roemer in Haenden gehabt und von da aus +Drepana beunruhigt. Hamilkar nahm die Stadt weg und belagerte das +Heiligtum, waehrend die Roemer von der Ebene her ihn ihrerseits +blockierten. Die von den Roemern auf den verlorenen Posten des Tempels +gestellten keltischen Ueberlaeufer aus dem karthagischen Heer, ein +schlimmes Raubgesindel, das waehrend dieser Belagerung den Tempel +pluenderte und Schaendlichkeiten aller Art veruebte, verteidigten die +Felsenspitze mit verzweifeltem Mut; aber auch Hamilkar liess sich nicht +wieder aus der Stadt verdraengen und hielt mit der Flotte und der +Besatzung von Drepana stets sich zur See die Verbindung offen. Der +sizilische Krieg schien eine immer unguenstigere Wendung fuer die +Roemer zu nehmen. Der roemische Staat kam in demselben um sein Geld und +seine Soldaten und die roemischen Feldherren um ihr Ansehen: es war +schon klar, dass dem Hamilkar kein roemischer General gewachsen war, +und die Zeit liess sich berechnen, wo auch der karthagische Soeldner +sich dreist wuerde messen koennen mit dem Legionaer. Immer verwegener +zeigten sich die Kaper Hamilkars an der italischen Kueste - schon hatte +gegen eine dort gelandete karthagische Streifpartei ein Praetor +ausruecken muessen. Noch einige Jahre, so tat Hamilkar von Sizilien aus +mit der Flotte, was spaeter auf dem Landweg von Spanien aus sein Sohn +unternahm. + +Indes der roemische Senat verharrte in seiner Untaetigkeit; die Partei +der Kleinmuetigen hatte einmal in ihm die Mehrzahl. Da entschlossen +sich eine Anzahl einsichtiger und hochherziger Maenner, den Staat auch +ohne Regierungsbeschluss zu retten und dem heillosen Sizilischen Krieg +ein Ende zu machen. Die gluecklichen Korsarenfahrten hatten wenn nicht +den Mut der Nation gehoben, doch in engeren Kreisen die Energie und die +Hoffnung geweckt; man hatte sich schon in Geschwader zusammengetan, +Hippo an der afrikanischen Kueste niedergebrannt, den Karthagern vor +Panormos ein glueckliches Seegefecht geliefert. Durch +Privatunterzeichnung, wie sie auch wohl in Athen, aber nie in so +grossartiger Weise vorgekommen ist, stellten die vermoegenden und +patriotisch gesinnten Roemer eine Kriegsflotte her, deren Kern die fuer +den Kaperdienst gebauten Schiffe und die darin geuebten Mannschaften +abgaben und die ueberhaupt weit sorgfaeltiger hergestellt wurde, als +dies bisher bei dem Staatsbau geschehen war. Diese Tatsache, dass eine +Anzahl Buerger im dreiundzwanzigsten Jahre eines schweren Krieges +zweihundert Linienschiffe mit einer Bemannung von 60000 Matrosen +freiwillig dem Staate darboten, steht vielleicht ohne Beispiel da in +den Annalen der Geschichte. Der Konsul Gaius Lutatius Catulus, dem die +Ehre zuteil ward, diese Flotte in die sizilische See zu fuehren, fand +dort kaum einen Gegner; die paar karthagischen Schiffe, mit denen +Hamilkar seine Korsarenzuege gemacht, verschwanden vor der Uebermacht, +und fast ohne Widerstand besetzten die Roemer die Haefen von Lilybaeon +und Drepana, deren Belagerung zu Wasser und zu Lande jetzt energisch +begonnen ward. Karthago war vollstaendig ueberrumpelt; selbst die +beiden Festungen, schwach verproviantiert, schwebten in grosser Gefahr. +Man ruestete daheim an einer Flotte, aber so eilig man tat, ging das +Jahr zu Ende, ohne dass in Sizilien karthagische Segel sich gezeigt +haetten; und als endlich im Fruehjahr 513 (241) die zusammengerafften +Schiffe auf der Hoehe von Drepana erschienen, war es doch mehr eine +Transport- als eine schlagfertige Kriegsflotte zu nennen. Die Phoeniker +hatten gehofft, ungestoert landen, die Vorraete ausschiffen und die +fuer ein Seegefecht erforderlichen Truppen an Bord nehmen zu koennen; +allein die roemischen Schiffe verlegten ihnen den Weg und zwangen sie, +da sie von der heiligen Insel (jetzt Maritima) nach Drepana segeln +wollten, bei der kleinen Insel Aegusa (Favignana), die Schlacht +anzunehmen (10. Maerz 513 241). Der Ausgang war keinen Augenblick +zweifelhaft, die roemische Flotte, gut gebaut und bemannt und, da die +vor Drepana erhaltene Wunde den Konsul Catulus noch an das Lager +fesselte, von dem tuechtigen Praetor Publius Valerius Falto +vortrefflich gefuehrt, warf im ersten Augenblick die schwer beladenen, +schlecht und schwach bemannten Schiffe der Feinde; fuenfzig wurden +versenkt, mit siebzig eroberten fuhren die Sieger ein in den Hafen von +Lilybaeon. Die letzte grosse Anstrengung der roemischen Patrioten hatte +Frucht getragen; sie brachte den Sieg und mit ihm den Frieden. + +Die Karthager kreuzigten zunaechst den ungluecklichen Admiral, was die +Sache nicht anders machte, und schickten alsdann dem sizilischen +Feldherrn unbeschraenkte Vollmacht, den Frieden zu schliessen. +Hamilkar, der, seine siebenjaehrige Heldenarbeit durch fremde Fehler +vernichtet sah, fuegte hochherzig sich in das Unvermeidliche, ohne +darum weder seine Soldatenehre noch sein Volk noch seine Entwuerfe +aufzugeben. Sizilien freilich war nicht zu halten, seit die Roemer die +See beherrschten, und dass die karthagische Regierung, die ihre leere +Kasse vergeblich durch ein Staatsanlehen in Aegypten zu fuellen +versucht hatte, auch nur einen Versuch noch machen wuerde, die +roemische Flotte zu ueberwaeltigen, liess sich nicht erwarten. Er gab +also die Insel auf. Dagegen ward die Selbstaendigkeit und Integritaet +des karthagischen Staats und Gebiets ausdruecklich anerkannt in der +ueblichen Form, dass Rom sich verpflichtete, nicht mit der +karthagischen, Karthago, nicht mit der roemischen Bundesgenossenschaft, +das heisst mit den beiderseitigen untertaenigen und abhaengigen +Gemeinden, in Sonderbuendnis zu treten oder Krieg zu beginnen oder in +diesem Gebiet Hoheitsrechte auszuueben oder Werbungen vorzunehmen ^4. +Was die Nebenbedingungen anlangt, so verstand sich die unentgeltliche +Rueckgabe der roemischen Gefangenen und die Zahlung einer +Kriegskontribution von selbst; dagegen die Forderung des Catulus, dass +Hamilkar die Waffen und die roemischen Ueberlaeufer ausliefern solle, +wies der Karthager entschlossen zurueck, und mit Erfolg. Catulus +verzichtete auf das zweite Begehren und gewaehrte den Phoenikern freien +Abzug aus Sizilien gegen das maessige Loesegeld von 18 Denaren (4 +Taler) fuer den Mann. + +——————————————————————————- + +^4 Dass die Karthager versprechen mussten, keine Kriegsschiffe in das +Gebiet der roemischen Symmachie - also auch nicht nach Syrakus, +vielleicht selbst nicht nach Massalia - zu senden (Zon. 8, 17), klingt +glaublich genug; allein der Text des Vertrages schweigt davon (Polyb. +3, 27). + +——————————————————————————- + +Wenn den Karthagern die Fortfuehrung des Krieges nicht wuenschenswert +erschien, so hatten sie Ursache, mit diesen Bedingungen zufrieden zu +sein. Es kann sein, dass das natuerliche Verlangen, dem Vaterland mit +dem Triumph auch den Frieden zu bringen, die Erinnerung an Regulus und +den wechselvollen Gang des Krieges, die Erwaegung, dass ein +patriotischer Aufschwung, wie er zuletzt den Sieg entschieden hatte, +sich nicht gebieten noch wiederholen laesst, vielleicht selbst +Hamilkars Persoenlichkeit mithalfen, den roemischen Feldherrn zu +solcher Nachgiebigkeit zu bestimmen. Gewiss ist es, dass man in Rom mit +dem Friedensentwurf unzufrieden war und die Volksversammlung, ohne +Zweifel unter dem Einfluss der Patrioten, die die letzte +Schiffsruestung durchgesetzt hatten, anfaenglich die Ratifikation +verweigerte. In welchem Sinne dies geschah, wissen wir nicht und +vermoegen also nicht zu entscheiden, ob die Opponenten den Frieden nur +verwarfen, um dem Feinde noch einige Konzessionen mehr abzudringen, +oder ob sie sich erinnerten, dass Regulus von Karthago den Verzicht auf +die politische Unabhaengigkeit gefordert hatte, und entschlossen waren, +den Krieg fortzufuehren, bis man an diesem Ziel stand und es sich nicht +mehr um Frieden handelte, sondern um Unterwerfung. Erfolgte die +Weigerung in dem ersten Sinne, so war sie vermutlich fehlerhaft; gegen +den Gewinn Siziliens verschwand jedes andere Zugestaendnis, und es war +bei Hamilkars Entschlossenheit und erfinderischem Geist sehr gewagt, +die Sicherung des Hauptgewinns an Nebenzwecke zu setzen. Wenn dagegen +die gegen den Frieden opponierende Partei in der vollstaendigen +politischen Vernichtung Karthagos das einzige fuer die roemische +Gemeinde genuegende Ende des Kampfes erblickte, so zeigte sie +politischen Takt und Ahnung der kommenden Dinge; ob aber auch Roms +Kraefte noch ausreichten, um den Zug des Regulus zu erneuern und soviel +nachzusetzen, als erforderlich war, um nicht bloss den Mut, sondern die +Mauern der maechtigen Phoenikerstadt zu brechen, ist eine andere Frage, +welche in dem einen oder dem andern Sinn zu beantworten jetzt niemand +wagen kann. + +Schliesslich uebertrug man die Erledigung der wichtigen Frage einer +Kommission, die in Sizilien an Ort und Stelle entscheiden sollte. Sie +bestaetigte im wesentlichen den Entwurf; nur ward die fuer die +Kriegskosten von Karthago zu zahlende Summe erhoeht auf 3200 Talente +(5½ Mill. Taler), davon ein Drittel gleich, der Rest in zehn +Jahreszielern zu entrichten. Wenn ausser der Abtretung von Sizilien +auch noch die der Inseln zwischen Italien und Sizilien in den +definitiven Traktat aufgenommen ward, so kann hierin nur eine +redaktionelle Veraenderung gefunden werden; denn dass Karthago, wenn es +Sizilien hingab, sich die laengst von der roemischen Flotte besetzte +Insel Lipara nicht konnte vorbehalten wollen, versteht sich von selbst, +und dass man mit Ruecksicht auf Sardinien und Korsika absichtlich eine +zweideutige Bestimmung in den Vertrag gesetzt habe, ist ein unwuerdiger +und unwahrscheinlicher Verdacht. + +So war man endlich einig. Der unbesiegte Feldherr einer ueberwundenen +Nation stieg herab von seinen langverteidigten Bergen und uebergab den +neuen Herren der Insel die Festungen, die die Phoeniker seit wenigstens +vierhundert Jahren in ununterbrochenem Besitz gehabt hatten und von +deren Mauern alle Stuerme der Hellenen erfolglos abgeprallt waren. Der +Westen hatte Frieden (513 241). + +Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem Kampfe, welcher die +roemische Grenze vorrueckte ueber den Meeresring, der die Halbinsel +einfasst. Es ist einer der laengsten und schwersten, welchen die Roemer +gefuehrt haben; die Soldaten, welche die entscheidende Schlacht +schlugen, waren, als er begann, zum guten Teil noch nicht geboren. +Dennoch und trotz der unvergleichlich grossartigen Momente, die er +darbietet, ist kaum ein anderer Krieg zu nennen, den die Roemer +militaerisch sowohl wie politisch so schlecht und so unsicher gefuehrt +haben. Es konnte das kaum anders sein; er steht inmitten eines Wechsels +der politischen Systeme, zwischen der nicht mehr ausreichenden +italischen Politik und der noch nicht gefundenen des Grossstaats. Der +roemische Senat und das roemische Kriegswesen waren unuebertrefflich +organisiert fuer die rein italische Politik. Die Kriege, welche diese +hervorrief, waren reine Kontinentalkriege und ruhten stets auf der in +der Mitte der Halbinsel gelegenen Hauptstadt als der letzten +Operationsbasis und demnaechst auf der roemischen Festungskette. Die +Aufgaben waren vorzugsweise taktisch, nicht strategisch; Maersche und +Operationen zaehlten nur an zweiter Stelle, an erster die Schlachten; +der Festungskrieg war in der Kindheit; die See und der Seekrieg kamen +kaum einmal beilaeufig in Betracht. Es ist begreiflich, zumal wenn man +nicht vergisst, dass in den damaligen Schlachten bei dem Vorherrschen +der blanken Waffe wesentlich das Handgemenge entschied, dass eine +Ratsversammlung diese Operationen zu dirigieren und wer eben +Buergermeister war, die Truppen zu befehligen imstande war. Auf einen +Schlag war das alles umgewandelt. Das Schlachtfeld dehnte sich aus in +unabsehbare Ferne, in unbekannte Landstriche eines andern Erdteils +hinein und hinaus ueber weite Meeresflaechen; jede Welle war dem Feinde +eine Strasse, von jedem Hafen konnte man seinen Anmarsch erwarten. Die +Belagerung der festen Plaetze, namentlich der Kuestenfestungen, an der +die ersten Taktiker Griechenlands gescheitert waren, hatten die Roemer +jetzt zum erstenmal zu versuchen. Man kam nicht mehr aus mit dem +Landheer und mit dem Buergermilizwesen. Es galt, eine Flotte zu +schaffen und, was schwieriger war, sie zu gebrauchen, es galt, die +wahren Angriffs- und Verteidigungspunkte zu finden, die Massen zu +vereinigen und zu richten, auf lange Zeit und weite Ferne die Zuege zu +berechnen und ineinanderzupassen; geschah dies nicht, so konnte auch +der taktisch weit schwaechere Feind leicht den staerkeren Gegner +besiegen. Ist es ein Wunder, dass die Zuegel eines solchen Regiments +der Ratversammlung und den kommandierenden Buergermeistern +entschluepften? + +Offenbar wusste man beim Beginn des Krieges nicht, was man begann; erst +im Laufe des Kampfes draengten die Unzulaenglichkeiten des roemischen +Systems eine nach der anderen sich auf: der Mangel einer Seemacht, das +Fehlen einer festen militaerischen Leitung, die Unzulaenglichkeit der +Feldherren, die vollstaendige Unbrauchbarkeit der Admirale. Zum Teil +half man ihnen ab durch Energie und durch Glueck; so dem Mangel einer +Flotte. Aber auch diese gewaltige Schoepfung war ein grossartiger +Notbehelf und ist es zu allen Zeiten geblieben. Man bildete eine +roemische Flotte, aber man nationalisierte sie nur dem Namen nach und +behandelte sie stets stiefmuetterlich: der Schiffsdienst blieb gering +geschaetzt neben dem hochgeehrten Dienst in den Legionen, die +Seeoffiziere waren grossenteils italische Griechen, die Bemannung +Untertanen oder gar Sklaven und Gesindel. Der italische Bauer war und +blieb wasserscheu; unter den drei Dingen, die Cato in seinem Leben +bereute, war das eine, dass er einmal zu Schiff gefahren sei, wo er zu +Fuss habe gehen koennen. Es lag dies zum Teil wohl in der Natur der +Sache, da die Schiffe Rudergaleeren waren und der Ruderdienst kaum +geadelt werden kann; allein, eigene Seelegionen wenigstens haette man +bilden und auf die Errichtung eines roemischen Seeoffizierstandes +hinwirken koennen. Man haette, den Impuls der Nation benutzend, +allmaehlich darauf ausgehen sollen, eine nicht bloss durch die Zahl, +sondern durch Segelfaehigkeit und Routine bedeutende Seemacht +herzustellen, wozu in dem waehrend des langen Krieges entwickelten +Kaperwesen ein wichtiger Anfang schon gemacht war; allein es geschah +nichts derart von der Regierung. Dennoch ist das roemische Flottenwesen +in seiner unbehilflichen Grossartigkeit noch die genialste Schoepfung +dieses Krieges und hat wie im Anfang so zuletzt fuer Rom den Ausschlag +gegeben. Viel schwieriger zu ueberwinden waren diejenigen Maengel, die +sich ohne Aenderung der Verfassung nicht beseitigen liessen. Dass der +Senat je nach dem Stande der in ihm streitenden Parteien von einem +System der Kriegfuehrung zum andern absprang und so unglaubliche Fehler +beging, wie die Raeumung von Clupea und die mehrmalige Einziehung der +Flotte waren; dass der Feldherr des einen Jahres sizilische Staedte +belagerte und sein Nachfolger, statt dieselben zur Uebergabe zu +zwingen, die afrikanische Kueste brandschatzte oder ein Seetreffen zu +liefern fuer gut fand; dass ueberhaupt der Oberbefehl jaehrlich von +Rechts wegen wechselte - das alles liess sich nicht abstellen, ohne +Verfassungsfragen anzuregen, deren Loesung schwieriger war als der Bau +einer Flotte, aber freilich ebensowenig zu vereinigen mit den +Forderungen eines solchen Krieges. Vor allen Dingen aber wusste niemand +noch in die neue Kriegfuehrung sich zu finden, weder der Senat noch die +Feldherren. Regulus’ Feldzug ist ein Beispiel davon, wie seltsam man in +dem Gedanken befangen war, dass die taktische Ueberlegenheit alles +entscheide. Es gibt nicht leicht einen Feldherrn, dem das Glueck so wie +ihm die Erfolge in den Schoss geworfen hat; er stand im Jahr 498 (256) +genau da, wo fuenfzig Jahre spaeter Scipio, nur dass ihm kein Hannibal +und keine erprobte feindliche Armee gegenueberstand. Allein der Senat +zog die halbe Armee zurueck, sowie man sich von der taktischen +Ueberlegenheit der Roemer ueberzeugt hatte; im blinden Vertrauen auf +diese blieb der Feldherr stehen, wo er eben stand, um strategisch, und +nahm er die Schlacht an, wo man sie ihm anbot, um auch taktisch sich +ueberwinden zu lassen. Es war dies um so bezeichnender, als Regulus in +seiner Art ein tuechtiger und erprobter Feldherr war. Eben die +Bauernmanier, durch die Etrurien und Samnium genommen worden waren, war +die Ursache der Niederlage in der Ebene von Tunes. Der in seinem +Bereiche ganz richtige Satz, dass jeder rechte Buergersmann zum General +tauge, war irrig geworden; in dem neuen Kriegssystem konnte man nur +Feldherren von militaerischer Schule und militaerischem Blicke +brauchen, und das freilich war nicht jeder Buergermeister. Noch viel +aerger aber war es, dass man das Oberkommando der Flotte als eine +Dependenz des Oberbefehls der Landarmee behandelte und der erste beste +Stadtvorsteher meinte, nicht bloss General, sondern auch Admiral +spielen zu koennen. An den schlimmsten Niederlagen, die Rom in diesem +Krieg erlitten hat, sind nicht die Stuerme schuld und noch weniger die +Karthager, sondern der anmassliche Unverstand seiner Buergeradmirale. + +Rom hat endlich gesiegt; aber das Bescheiden mit einem weit geringeren +Gewinn, als er zu Anfang gefordert, ja geboten worden war, sowie die +energische Opposition, auf welche in Rom der Friede stiess, bezeichnen +sehr deutlich die Halbheit und die Oberflaechlichkeit des Sieges wie +des Friedens; und wenn Rom gesiegt hat, so verdankt es diesen Sieg zwar +auch der Gunst der Goetter und der Energie seiner Buerger, aber mehr +als beiden den die Maengel der roemischen Kriegfuehrung noch weit +uebertreffenden Fehlern seiner Feinde. + + + + +KAPITEL III. +Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen + + +Die italische Eidgenossenschaft, wie sie aus den Krisen des fuenften +Jahrhunderts hervorgegangen war, oder der Staat Italien vereinigte +unter roemischer Hegemonie die Stadt- und Gaugemeinden vom Apennin bis +an das Ionische Meer. Allein bevor noch das fuenfte Jahrhundert zu Ende +ging, waren diese Grenzen bereits nach beiden Seiten hin +ueberschritten, waren jenseits des Apennin wie jenseits des Meeres +italische, der Eidgenossenschaft angehoerige Gemeinden entstanden. Im +Norden hatte die Republik, alte und neue Unbill zu raechen, bereits im +Jahre 471 (283) die keltischen Senonen vernichtet, im Sueden in dem +grossen Kriege 490-513 (264-241) die Phoeniker von der sizilischen +Insel verdraengt. Dort gehoerte ausser der Buergeransiedlung Sena +namentlich die latinische Stadt Ariminum, hier die Mamertinergemeinde +in Messana zu der von Rom geleiteten Verbindung, und wie beide national +italischen Ursprungs waren, so hatten auch beide teil an den gemeinen +Rechten und Pflichten der italischen Eidgenossenschaft. Es mochten mehr +die augenblicklich draengenden Ereignisse als eine umfassende +politische Berechnung diese Erweiterungen hervorgerufen haben; aber +begreiflicherweise brach wenigstens jetzt, nach den grossen, gegen +Karthago erstrittenen Erfolgen, bei der roemischen Regierung eine neue +und weitere politische Idee sich Bahn, welche die natuerliche +Beschaffenheit der Halbinsel ohnehin schon nahe genug legte. Politisch +und militaerisch war es wohl gerechtfertigt, die Nordgrenze von dem +niedrigen und leicht zu ueberschreitenden Apennin an die maechtige +Scheidewand Nord- und Suedeuropas, die Alpen, zu verlegen und mit der +Herrschaft ueber Italien die ueber die Meere und Inseln im Westen und +Osten der Halbinsel zu vereinigen; und nachdem durch die Vertreibung +der Phoeniker aus Sizilien der schwerste Teil getan war, vereinigten +sich mancherlei Umstaende, um der roemischen Regierung die Vollendung +des Werkes zu erleichtern. + +In der Westsee, die fuer Italien bei weitem mehr in Betracht kam als +das Adriatische Meer, war die wichtigste Stellung, die grosse +fruchtbare und hafenreiche Insel Sizilien, durch den karthagischen +Frieden zum groesseren Teil in den Besitz der Roemer uebergegangen. +Koenig Hieron von Syrakus, der in den letzten zweiundzwanzig +Kriegsjahren unerschuetterlich an dem roemischen Buendnis festgehalten +hatte, haette auf eine Gebietserweiterung billigen Anspruch gehabt; +allein wenn die roemische Politik den Krieg in dem Entschluss begonnen +hatte, nur sekundaere Staaten auf der Insel zu dulden, so ging bei +Beendigung desselben ihre Absicht entschieden schon auf den Eigenbesitz +Siziliens. Hieron mochte zufrieden sein, dass ihm sein Gebiet - das +heisst ausser dem unmittelbaren Bezirk von Syrakus die Feldmarken von +Eloros, Neeton, Akrae, Leontini, Megara und Tauromenion - und seine +Selbstaendigkeit gegen das Ausland, in Ermangelung jeder Veranlassung, +ihm diese zu schmaelern, beides im bisherigen Umfang gelassen ward, und +dass der Krieg der beiden Grossmaechte nicht mit dem voelligen Sturz +der einen oder der anderen geendigt hatte und also fuer die sizilische +Mittelmacht wenigstens noch die Moeglichkeit des Bestehens blieb. In +dem uebrigen bei weitem groesseren Teile Siziliens, in Panormos, +Lilybaeon, Akragas, Messana, richteten die Roemer sich haeuslich ein. +Sie bedauerten nur, dass der Besitz des schoenen Eilandes doch nicht +ausreichte, um die westliche See in ein roemisches Binnenmeer zu +verwandeln, solange noch Sardinien karthagisch blieb. Da eroeffnete +sich bald nach dem Friedensschluss eine unerwartete Aussicht, auch +diese zweite Insel des Mittelmeeres den Karthagern zu entreissen. In +Afrika hatten unmittelbar nach dem Abschluss des Friedens mit Rom die +Soeldner und die Untertanen gemeinschaftlich gegen die Phoeniker sich +empoert. Die Schuld der gefaehrlichen Insurrektion trug wesentlich die +karthagische Regierung. Hamilkar hatte in den letzten Kriegsjahren +seinen sizilischen Soeldnern den Sold nicht wie frueher aus eigenen +Mitteln auszahlen koennen und vergeblich Geldsendungen von daheim +erbeten; er moege, hiess es, die Mannschaft nur zur Abloehnung nach +Afrika senden. Er gehorchte, aber da er die Leute kannte, schiffte er +sie vorsichtig in kleineren Abteilungen ein, damit man sie truppweise +abloehnen oder mindestens auseinanderlegen koenne, und legte selber +hierauf den Oberbefehl nieder. Allein alle Vorsicht scheiterte, nicht +so sehr an den leeren Kassen als an dem kollegialischen Geschaeftsgang +und dem Unverstand der Buerokratie. Man wartete, bis das gesamte Heer +wieder in Libyen vereinigt stand und versuchte dann, den Leuten an dem +versprochenen Solde zu kuerzen. Natuerlich entstand eine Meuterei unter +den Truppen, und das unsichere und feige Benehmen der Behoerden zeigte +den Meuterern, was sie wagen konnten. Die meisten von ihnen waren +gebuertig aus den von Karthago beherrschten oder abhaengigen +Distrikten; sie kannten die Stimmung, welche die von der Regierung +dekretierte Schlaechterei nach dem Zuge des Regulus und der +fuerchterliche Steuerdruck dort ueberall hervorgerufen hatten, und +kannten auch ihre Regierung, die nie Wort hielt und nie verzieh: sie +wussten, was ihrer wartete, wenn sie mit dem meuterisch erpressten +Solde sich nach Hause zerstreuten. Seit langem hatte man in Karthago +sich die Mine gegraben und bestellte jetzt selbst die Leute, die nicht +anders konnten, als sie anzuenden. Wie ein Lauffeuer ergriff die +Revolution Besatzung um Besatzung, Dorf um Dorf; die libyschen Frauen +trugen ihren Schmuck herbei, um den Soeldnern die Loehnung zu zahlen; +eine Menge karthagischer Buerger, darunter einige der ausgezeichnetsten +Offiziere des sizilischen Heeres, wurden das Opfer der erbitterten +Menge; schon war Karthago von zwei Seiten belagert und das aus der +Stadt ausrueckende karthagische Heer durch die Verkehrtheit des +ungeschickten Fuehrers gaenzlich geschlagen. + +Wie man also in Rom den gehassten und immer noch gefuerchteten Feindin +groesserer Gefahr schweben sah, als je die roemischen Kriege ueber ihn +gebracht hatten, fing man an, mehr und mehr den Friedensschluss von 513 +(241) zu bereuen, der, wenn er nicht wirklich voreilig war, jetzt +wenigstens allen voreilig erschien, und zu vergessen, wie erschoepft +damals der eigene Staat gewesen war, wie maechtig der karthagische +damals dagestanden hatte. Die Scham verbot zwar, mit den karthagischen +Rebellen offen in Verbindung zu treten, ja man gestattete den +Karthagern ausnahmsweise, zu diesem Krieg in Italien Werbungen zu +veranstalten, und untersagte den italischen Schiffern, mit den Libyern +zu verkehren. Indes darf bezweifelt werden, ob es der Regierung von Rom +mit diesen bundesfreundlichen Verfuegungen sehr ernst war. Denn als +nichtsdestoweniger der Verkehr der afrikanischen Insurgenten mit den +roemischen Schiffern fortging und Hamilkar, den die aeusserste Gefahr +wieder an die Spitze der karthagischen Armee zurueckgefuehrt hatte, +eine Anzahl dabei betroffener italischer Kapitaene aufgriff und +einsteckte, verwandte sich der Senat fuer dieselben bei der +karthagischen Regierung und bewirkte ihre Freigebung. Auch die +Insurgenten selbst schienen in den Roemern ihre natuerlichen +Bundesgenossen zu erkennen; die sardinischen Besatzungen, welche gleich +der uebrigen karthagischen Armee sich fuer die Aufstaendischen erklaert +hatten, boten, als sie sich ausserstande sahen, die Insel gegen die +Angriffe der unbezwungenen Gebirgsbewohner aus dem Innern zu halten, +den Besitz derselben den Roemern an (um 515 239); und aehnliche +Anerbietungen kamen sogar von der Gemeinde Utica, welche ebenfalls an +dem Aufstand teilgenommen hatte und nun durch die Waffen Hamilkars aufs +aeusserste bedraengt ward. Das letztere Anerbieten wies man in Rom +zurueck, hauptsaechlich wohl, weil es ueber die natuerlichen Grenzen +Italiens hinaus und also weitergefuehrt haben wuerde, als die roemische +Regierung damals zu gehen gedachte; dagegen ging sie auf die +Anerbietungen der sardinischen Meuterer ein und uebernahm von ihnen, +was von Sardinien in den Haenden der Karthager gewesen war (516 238). +Mit schwererem Gewicht als in der Angelegenheit der Mamertiner trifft +die Roemer hier der Tadel, dass die grosse und siegreiche Buergerschaft +es nicht verschmaehte, mit dem feilen Soeldnergesindel Bruederschaft zu +machen und den Raub zu teilen, und es nicht ueber sich gewann, dem +Gebote des Rechtes und der Ehre den augenblicklichen Gewinn +nachzusetzen. Die Karthager, deren Bedraengnis eben um die Zeit der +Besetzung Sardiniens aufs hoechste gestiegen war, schwiegen vorlaeufig +ueber die unbefugte Vergewaltigung; nachdem indes diese Gefahr wider +Erwarten und wahrscheinlich wider Verhoffen der Roemer durch Hamilkars +Genie abgewendet und Karthago in Afrika wieder in seine volle +Herrschaft eingesetzt worden war (517 237), erschienen sofort in Rom +karthagische Gesandte, um die Rueckgabe Sardiniens zu fordern. Allein +die Roemer, nicht geneigt, den Raub wieder herauszugeben, antworteten +mit nichtigen oder doch nicht hierher gehoerenden Beschwerden ueber +allerlei Unbill, die die Karthager roemischen Handelsleuten zugefuegt +haben sollten, und eilten, den Krieg zu erklaeren ^1; der Satz, dass in +der Politik jeder darf, was er kann, trat hervor in seiner +unverhuellten Schamlosigkeit. Die gerechte Erbitterung hiess die +Karthager, den gebotenen Krieg annehmen; haette Catulus fuenf Jahre +zuvor auf Sardiniens Abtretung bestanden, der Krieg wuerde +wahrscheinlich seinen Fortgang gehabt haben. Allein jetzt, wo beide +Inseln verloren, Libyen in Gaerung, der Staat durch den +vierundzwanzigjaehrigen Krieg mit Rom und den fast fuenfjaehrigen +entsetzlichen Buergerkrieg aufs aeusserste geschwaecht war, musste man +wohl sich fuegen. Nur auf wiederholte flehentliche Bitten und nachdem +die Phoeniker sich verpflichtet hatten, fuer die mutwillig veranlassten +Kriegsruestungen eine Entschaedigung von 1200 Talenten (2 Mill. Taler) +nach Rom zu zahlen, standen die Roemer widerwillig vom Kriege ab. So +erwarb Rom fast ohne Kampf Sardinien, wozu man Korsika fuegte, die alte +etruskische Besitzung, in der vielleicht noch vom letzten Kriege her +einzelne roemische Besatzungen standen. Indes beschraenkten die Roemer, +eben wie es die Phoeniker getan hatten, sich in Sardinien und mehr noch +in dem rauhen Korsika auf die Besetzung der Kuesten. Mit den +Eingeborenen im Innern fuehrte man bestaendige Kriege, oder vielmehr +man trieb dort die Menschenjagd: man hetzte sie mit Hunden und fuehrte +die gefangene Ware auf den Sklavenmarkt, aber an eine ernstliche +Unterwerfung ging man nicht. Nicht um ihrer selbst willen hatte man die +Inseln besetzt, sondern zur Sicherung Italiens. Seit sie die drei +grossen Eilande besass, konnte die Eidgenossenschaft das Tyrrhenische +Meer das ihrige nennen. + +——————————————————————- + +^1 Dass die Abtretung der zwischen Sizilien und Italien liegenden +Inseln, die der Friede von 513 (241) den Karthagern vorschrieb, die +Abtretung Sardiniens nicht einschloss, ist ausgemacht (vgl. 2, 60); es +ist aber auch schlecht beglaubigt, dass die Roemer die Besetzung der +Insel drei Jahre nach dem Frieden damit motivierten. Haetten sie es +getan, so wuerden sie bloss der politischen Schamlosigkeit eine +diplomatische Albernheit hinzugefuegt haben. + +——————————————————————- + +Die Gewinnung der Inseln in der italischen Westsee fuehrte in das +roemische Staatswesen einen Gegensatz ein, der zwar allem Anschein nach +aus blossen Zweckmaessigkeitsruecksichten und fast zufaellig +entstanden, aber darum nicht minder fuer die ganze Folgezeit von der +tiefsten Bedeutung geworden ist; den Gegensatz der festlaendischen und +der ueberseeischen Verwaltungsform oder, um die spaeter gelaeufigen +Bezeichnungen zu brauchen, den Gegensatz Italiens und der Provinzen. +Bis dahin hatten die beiden hoechsten Beamten der Gemeinde, die +Konsuln, einen gesetzlich abgegrenzten Sprengel nicht gehabt, sondern +ihr Amtsbezirk sich soweit erstreckt wie ueberhaupt das roemische +Regiment; wobei es sich natuerlich von selbst versteht, dass sie +faktisch sich in das Amtsgebiet teilten, und ebenso sich von selbst +versteht, dass sie in jedem einzelnen Bezirk ihres Sprengels durch die +dafuer bestehenden Bestimmungen gebunden waren, also zum Beispiel die +Gerichtsbarkeit ueber roemische Buerger ueberall dem Praetor zu +ueberlassen und in den latinischen und sonst autonomen Gemeinden die +bestehenden Vertraege einzuhalten hatten. Die seit 487 (267) durch +Italien verteilten vier Quaestoren beschraenkten die konsularische +Amtsgewalt formell wenigstens nicht, indem sie in Italien ebenso wie in +Rom lediglich als von den Konsuln abhaengige Hilfsbeamte betrachtet +wurden. Man scheint diese Verwaltungsweise anfaenglich auch auf die +Karthago abgenommenen Gebiete erstreckt und Sizilien wie Sardinien +einige Jahre durch Quaestoren unter Oberaufsicht der Konsuln regiert zu +haben; allein sehr bald wusste man sich praktisch von der +Unentbehrlichkeit eigener Oberbehoerden fuer die ueberseeischen +Landschaften ueberzeugen. Wie man die Konzentrierung der roemischen +Jurisdiktion in der Person des Praetors bei der Erweiterung der +Gemeinde hatte aufgeben und in die entfernteren Bezirke +stellvertretende Gerichtsherren hatte senden muessen, ebenso masste +jetzt (527 227) auch die administrativ-militaerische Konzentration in +der Person der Konsuln aufgegeben werden. Fuer jedes der neuen +ueberseeischen Gebiete, sowohl fuer Sizilien wie fuer Sardinien nebst +Korsika, ward ein besonderer Nebenkonsul eingesetzt, welcher an Rang +und Titel dem Konsul nach- und dem Praetor gleichstand, uebrigens aber, +gleich dem Konsul der aelteren Zeit vor Einsetzung der Praetur, in +seinem Sprengel zugleich Oberfeldherr, Oberamtmann und Oberrichter war. +Nur die unmittelbare Kassenverwaltung ward wie von Haus aus den +Konsuln, so auch diesen neuen Oberbeamten entzogen und ihnen ein oder +mehrere Quaestoren zugegeben, die zwar in alle Wege ihnen untergeordnet +und in der Rechtspflege wie im Kommando ihre Gehilfen waren, aber doch +die Kassenverwaltung zu fuehren und darueber nach Niederlegung ihres +Amtes dem Senat Rechnung zu legen hatten. + +Diese Verschiedenheit in der Oberverwaltung schied wesentlich die +ueberseeischen Besitzungen Roms von den festlaendischen. Die +Grundsaetze, nach denen Rom die abhaengigen Landschaften in Italien +organisiert hatte, wurden grossenteils auch auf die ausseritalischen +Besitzungen uebertragen. Dass die Gemeinden ohne Ausnahme die +Selbstaendigkeit dem Auslands gegenueber verloren, versteht sich von +selbst. Was den inneren Verkehr anlangt, so durfte fortan kein +Provinziale ausserhalb seiner eigenen Gemeinde in der Provinz rechtes +Eigentum erwerben, vielleicht auch nicht eine rechte Ehe schliessen. +Dagegen gestattete die roemische Regierung wenigstens den sizilischen +Staedten, die man nicht zu fuerchten hatte, eine gewisse foederative +Organisation und wohl selbst allgemeine sikeliotische Landtage mit +einem unschaedlichen Petitions- und Beschwerderecht ^2. Im Muenzwesen +war es zwar nicht wohl moeglich, das roemische Courant sofort auch auf +den Inseln zum allein gueltigen zu erklaeren; aber gesetzlichen Kurs +scheint dasselbe doch von vornherein erhalten zu haben und ebenso, +wenigstens in der Regel, den Staedten im roemischen Sizilien das Recht, +in edlen Metallen, zu muenzen, entzogen worden zu sein ^3. Dagegen +blieb nicht bloss das Grundeigentum in ganz Sizilien unangetastet - der +Satz, dass das ausseritalische Land durch Kriegsrecht den Roemern zu +Privateigentum verfallen sei, war diesem Jahrhundert noch unbekannt -, +sondern es behielten auch die saemtlichen sizilischen und sardinischen +Gemeinden die Selbstverwaltung und eine gewisse Autonomie, die freilich +nicht in rechtsverbindlicher Weise ihnen zugesichert, sondern +provisorisch zugelassen ward. Wenn die demokratischen +Gemeindeverfassungen ueberall beseitigt und in jeder Stadt die Macht in +die Haende des die staedtische Aristokratie repraesentierenden +Gemeinderates gelegt ward; wenn ferner wenigstens die sizilischen +Gemeinden angewiesen wurden, jedes fuenfte Jahr dem roemischen Zensus +korrespondierend eine Gemeindeschaetzung zu veranstalten, so war beides +nur eine notwendige Folge der Unterordnung unter den roemischen Senat, +welcher mit griechischen Ekklesien und ohne Uebersicht der finanziellen +und militaerischen Hilfsmittel einer jeden abhaengigen Gemeinde in der +Tat nicht regieren konnte; und auch in den italischen Landschaften war +in dieser wie in jener Hinsicht das gleiche geschehen. + +—————————————————————————- + +^2 Dahin fuehren teils das Auftretender “Siculer” gegen Marcellus (Liv. +26, 26 f.), teils die “Gesamteingaben aller sizilischen Gemeinden” +(Cic. Verr. 2, 42, 102; 45, 114; 50,146; 3, 88, 204), teils bekannte +Analogien (Marquardt, Landbuch Bd. 3 1, S. 267). Aus dem mangelnden +commercium zwischen den einzelnen Staedten folgt der Mangel des +concilium noch keineswegs. + +^3 So streng wie in Italien ward das Gold- und Silbermuenzrecht in den +Provinzen nicht von Rom monopolisiert, offenbar weil auf das nicht auf +roemischen Fuss geschlagene Gold- und Silbergeld es weniger ankam. Doch +sind unzweifelhaft auch hier die Praegstaetten in der Regel auf Kupfer- +oder hoechstens silberne Kleinmuenze beschraenkt worden; eben die am +besten gestellten Gemeinden des roemischen Sizilien, wie die +Mamertiner, die Kentoripiner, die Halaesiner, die Segestaner, +wesentlich auch die Panormitaner haben nur Kupfer geschlagen. + +——————————————————————— + +Aber neben dieser wesentlichen Rechtsgleichheit stellte sich zwischen +den italischen einer- und den ueberseeischen Gemeinden andererseits ein +folgenreicher Unterschied fest. Waehrend die mit den italischen +Staedten abgeschlossenen Vertraege denselben ein festes Kontingent zu +dem Heer oder der Flotte der Roemer auferlegten, wurden den +ueberseeischen Gemeinden, mit denen eine bindende Paktierung ueberhaupt +nicht eingegangen ward, dergleichen Zuzug nicht auferlegt, sondern sie +verloren das Waffenrecht ^4, nur dass sie nach Aufgebot des roemischen +Praetors zur Verteidigung ihrer eigenen Heimat verwendet werden +konnten. Die roemische Regierung sandte regelmaessig italische Truppen +in der von ihr festgesetzten Staerke auf die Inseln; dafuer wurde der +Zehnte der sizilischen Feldfruechte und ein Zoll von fuenf Prozent des +Wertes aller in den sizilischen Haefen aus- und eingehenden +Handelsartikel nach Rom entrichtet. Den Insulanern waren diese Abgaben +nichts Neues. Die Abgaben, welche die karthagische Republik und der +persische Grosskoenig sich zahlen liessen, waren jenem Zehnten +wesentlich gleichartig; und auch in Griechenland war eine solche +Besteuerung nach orientalischem Muster von jeher mit der Tyrannis und +oft auch mit der Hegemonie verknuepft gewesen. Die Sizilianer hatten +laengst in dieser Weise den Zehnten entweder nach Syrakus oder nach +Karthago entrichtet und laengst auch die Hafenzoelle nicht mehr fuer +eigene Rechnung erhoben. “Wir haben”, sagt Cicero, “die sizilischen +Gemeinden also in unsere Klientel und in unseren Schutz aufgenommen, +dass sie bei dem Rechte blieben, nach welchem sie bisher gelebt hatten, +und unter denselben Verhaeltnissen der roemischen Gemeinde gehorchten, +wie sie bisher ihren eigenen Herren gehorcht hatten.” Es ist billig, +dies nicht zu vergessen; aber im Unrecht fortfahren heisst auch Unrecht +tun. Nicht fuer die Untertanen, die nur den Herrn wechselten, aber wohl +fuer ihre neuen Herren war das Aufgeben des ebenso weisen wie +grossherzigen Grundsatzes der roemischen Staatsordnung, von den +Untertanen nur Kriegshilfe und nie statt derselben Geldentschaedigung +anzunehmen, von verhaengnisvoller Bedeutung, gegen die alle Milderungen +in den Ansaetzen und der Erhebungsweise sowie alle Ausnahmen im +einzelnen verschwanden. Solche Ausnahmen wurden allerdings mehrfach +gemacht. Messana trat geradezu in die Eidgenossenschaft der Togamaenner +ein und stellte wie die griechischen Staedte in Italien sein Kontingent +zu der roemischen Flotte. Einer Reihe anderer Staedte wurde zwar nicht +der Eintritt in die italische Wehrgenossenschaft, aber ausser anderen +Beguenstigungen Freiheit von Steuer und Zehnten zugestanden, so dass +ihre Stellung in finanzieller Hinsicht selbst noch guenstiger war als +die der italischen Gemeinden. Es waren dies Egesta und Halikyae, welche +zuerst unter den Staedten des karthagischen Sizilien zum roemischen +Buendnis uebergetreten waren; Kentoripa im oestlichen Binnenland, das +bestimmt war, das syrakusanische Gebiet in naechster Naehe zu +ueberwachen ^5; an der Nordkueste Halaesa, das zuerst von den freien +griechischen Staedten den Roemern sich angeschlossen hatte; und vor +allem Panormos, bisher die Hauptstadt des karthagischen Sizilien und +jetzt bestimmt, die des roemischen zu werden. Den alten Grundsatz ihrer +Politik, die abhaengigen Gemeinden in sorgfaeltig abgestufte Klassen +verschiedenen Rechts zu gliedern, wandten die Roemer also auch auf +Sizilien an; aber durchschnittlich standen die sizilischen und +sardinischen Gemeinden nicht im bundesgenoessischen, sondern in dem +offenkundigen Verhaeltnis steuerpflichtiger Untertaenigkeit. + +—————————————————————————- + +^4 Darauf geht Hierons Aeusserung (Liv. 22, 37): es sei ihm bekannt, +dass die Roemer sich keiner anderen Infanterie und Reiterei als +roemischer oder latinischer bedienten und “Auslaender” nur hoechstens +unter den Leichtbewaffneten verwendeten. + +^5 Das zeigt schon ein Blick auf die Karte, aber ebenso die +merkwuerdige Bestimmung, dass es den Kentoripinern ausnahmsweise +gestattet blieb, sich in ganz Sizilien anzukaufen. Sie bedurften als +roemische Aufpasser der freiesten Bewegung. Uebrigens scheint Kentoripa +auch unter den ersten zu Rom uebergetretenen Staedten gewesen zu sein +(Diod. 1, 23 p. 501). + +————————————————————————— + +Allerdings fiel dieser tiefgreifende Gegensatz zwischen den zuzug- und +den steuer- oder doch wenigstens nicht zuzugpflichtigen Gemeinden mit +dem Gegensatz zwischen Italien und den Provinzen nicht in rechtlich +notwendiger Weise zusammen. Es konnten auch ueberseeische Gemeinden der +italischen Eidgenossenschaft angehoeren, wie denn die Mamertiner mit +den italischen Sabellern wesentlich auf einer Linie standen, und selbst +der Neugruendung von Gemeinden latinischen Rechts stand in Sizilien und +Sardinien rechtlich so wenig etwas im Wege wie in dem Lande jenseits +des Apennin. Es konnten auch festlaendische Gemeinden des Waffenrechts +entbehren und tributaer sein, wie dies fuer einzelne keltische +Distrikte am Po wohl schon jetzt galt und spaeter in ziemlich +ausgedehntem Umfange eingefuehrt ward. Allein der Sache nach ueberwogen +die zuzugpflichtigen Gemeinden ebenso entschieden auf dem Festlande wie +die steuerpflichtigen auf den Inseln; und waehrend weder in dem +hellenisch zivilisierten Sizilien noch auf Sardinien italische +Ansiedelungen roemischerseits beabsichtigt wurden, stand es bei der +roemischen Regierung ohne Zweifel schon jetzt fest, das barbarische +Land zwischen Apennin und Alpen nicht bloss sich zu unterwerfen, +sondern auch, wie die Eroberung fortschritt, dort neue Gemeinden +italischen Ursprungs und italischen Rechts zu konstituieren. Also +wurden die ueberseeischen Besitzungen nicht bloss Untertanenland, +sondern sie waren auch bestimmt, es fuer alle Zukunft zu bleiben; +dagegen der neu abgegrenzte gesetzliche Amtsbezirk der Konsuln oder, +was dasselbe ist, das festlaendische roemische Gebiet sollte ein neues +und weiteres Italien werden, das von den Alpen bis zum Ionischen Meere +reichte. Vorerst freilich fiel dies Italien als wesentlich +geographischer Begriff mit dem politischen der italischen +Eidgenossenschaft nicht durchaus zusammen und war teils weiter, teils +enger. Aber schon jetzt betrachtete man den ganzen Raum bis zur +Alpengrenze als Italia, das heisst als gegenwaertiges oder kuenftiges +Gebiet der Togatraeger und steckte, aehnlich wie es in Nordamerika +geschah und geschieht, die Grenze vorlaeufig geographisch ab, um sie +mit der weiter vorschreitenden Kolonisierung allmaehlich auch politisch +vorzuschieben ^6. + +—————————————————————- + +^6 Dieser Gegensatz zwischen Italien als dem roemischen Festland oder +dem konsularischen Sprengel einer- und dem ueberseeischen Gebiet oder +den Praetorensprengeln andererseits erscheint schon im sechsten +Jahrhundert in mehrfachen Anwendungen. Die Religionsvorschrift, dass +gewisse Priester Rom nicht verlassen durften (Val. Max. 1, 1, 2), ward +dahin ausgelegt, dass es ihnen nicht gestattet sei, das Meer zu +ueberschreiten (Liv. ep. 19; 36; 51; Tac. ann. 3, 58; 71; Cic. Phil. +11, 8; 18; vgl. Liv. 28, 38; 44; ep. 59). Bestimmter noch gehoert +hierher die Auslegung, welche von der alten Vorschrift, dass der Konsul +nur “auf roemischem Boden” den Diktator ernennen duerfe, im Jahre 544 +vorgetragen wird: der roemische Boden begreife ganz Italien in sich +(Liv. 27, 5). Die Einrichtung des keltischen Landes zwischen den Alpen +und dem Apennin zu einem eigenen, vom konsularischen verschiedenen und +einem besonderen staendigen Oberbeamten unterworfenen Sprengel gehoert +erst Sulla an. Es wird natuerlich dagegen niemand geltend machen, dass +schon im sechsten Jahrhundert sehr haeufig Gallia oder Ariminum als +“Amtsbezirk” (provincia) gewoehnlich eines der Konsuln genannt wird. +Provincia ist bekanntlich in der aelteren Sprache nicht, was es spaeter +allein bedeutet, ein raeumlich abgegrenzter, einem staendigen +Oberbeamten unterstellter Sprengel, sondern die fuer den einzelnen +Konsul zunaechst durch Uebereinkommen mit seinem Kollegen unter +Mitwirkung des Senats festgestellte Kompetenz; und in diesem Sinn sind +haeufig einzelne norditalische Landschaften oder auch Norditalien +ueberhaupt einzelnen Konsuln als provincia ueberwiesen worden. + +—————————————————————— + +Im Adriatischen Meer, an dessen Eingang die wichtige und laengst +vorbereitete Kolonie Brundisium endlich noch waehrend des Krieges mit +Karthago gegruendet worden war (510 244), war Roms Suprematie von +vornherein entschieden. In der Westsee hatte Rom den Rivalen beseitigen +muessen; in der oestlichen sorgte schon die hellenische Zwietracht +dafuer, dass alle Staaten auf der griechischen Halbinsel ohnmaechtig +blieben oder wurden. Der bedeutendste derselben, der makedonische, war +unter dem Einfluss Aegyptens vom oberen Adriatischen Meer durch die +Aetoler wie aus dem Peloponnes durch die Achaeer verdraengt worden und +kaum noch imstande, die Nordgrenze gegen die Barbaren zu schuetzen. Wie +sehr den Roemern daran gelegen war, Makedonien und dessen natuerlichen +Verbuendeten, den syrischen Koenig, niederzuhalten, und wie eng sie +sich anschlossen an die eben darauf gerichtete aegyptische Politik, +beweist das merkwuerdige Anerbieten, das sie nach dem Ende des Krieges +mit Karthago dem Koenig Ptolemaeos III. Euergetes machten, ihn in dem +Kriege zu unterstuetzen, den er wegen Berenikes Ermordung gegen +Seleukos II. Kallinikos von Syrien (reg. 507-529 247-225) fuehrte und +bei dem wahrscheinlich Makedonien fuer den letztern Partei genommen +hatte. Ueberhaupt werden die Beziehungen Roms zu den hellenistischen +Staaten enger; auch mit Syrien verhandelte der Senat schon und +verwandte sich bei dem ebengenannten Seleukos fuer die stammverwandten +Ilier. + +Einer unmittelbaren Einmischung in die Angelegenheiten der oestlichen +Maechte bedurfte es zunaechst nicht. Die achaeische Eidgenossenschaft, +die im Aufbluehen geknickt ward durch die engherzige Coteriepolitik des +Aratos, die aetolische Landsknechtrepublik, das verfallene +Makedonierreich hielten selber einer den andern nieder; und +ueberseeischen Laendergewinn vermied man damals eher in Rom, als dass +man ihn suchte. Als die Akarnanen, sich darauf berufend, dass sie +allein unter allen Griechen nicht teilgenommen haetten an der +Zerstoerung Ilions, die Nachkommen des Aeneas um Hilfe baten gegen die +Aetoler, versuchte der Senat zwar eine diplomatische Verwendung; allein +da die Aetoler darauf eine nach ihrer Weise abgefasste, das heisst +unverschaemte Antwort erteilten, ging das antiquarische Interesse der +roemischen Herren doch keineswegs so weit, um dafuer einen Krieg +anzufangen, durch den sie die Makedonier von ihrem Erbfeind befreit +haben wuerden (um 515 239). + +Selbst den Unfug der Piraterie, die bei solcher Lage der Dinge +begreiflicherweise das einzige Gewerbe war, das an der adriatischen +Kueste bluehte und vor der auch der italische Handel viel zu leiden +hatte, liessen sich die Roemer mit einer Geduld, die mit ihrer +gruendlichen Abneigung gegen den Seekrieg und ihrem schlechten +Flottenwesen eng zusammenhing, laenger als billig gefallen. Allein +endlich ward es doch zu arg. Unter Beguenstigung Makedoniens, das keine +Veranlassung mehr fand, sein altes Geschaeft der Beschirmung des +hellenischen Handels vor den adriatischen Korsaren zu Gunsten seiner +Feinde fortzufuehren, hatten die Herren von Skodra die illyrischen +Voelkerschaften, etwa die heutigen Dalmatiner, Montenegriner und +Nordalbanesen, zu gemeinschaftlichen Piratenzuegen im grossen Stil +vereinigt; mit ganzen Geschwadern ihrer schnellsegelnden Zweidecker, +der bekannten “liburnischen” Schiffe, fuehrten die Illyrier den Krieg +gegen jedermann zur See und an den Kuesten. Die griechischen +Ansiedlungen in diesen Gegenden, die Inselstaedte Issa (Lissa) und +Pharos (Lesina), die wichtigen Kuestenplaetze Epidamnos (Durazzo) und +Apollonia (noerdlich von Avlona am Aoos), hatten natuerlich vor allem +zu leiden und sahen sich wiederholt von den Barbaren belagert. Aber +noch weiter suedlich, in Phoenike, der bluehendsten Stadt von Epeiros, +setzten die Korsaren sich fest; halb gezwungen, halb freiwillig traten +die Epeiroten und Akarnanen mit den fremden Raeubern in eine +unnatuerliche Symmachie; bis nach Elis und Messene hin waren die +Kuesten unsicher. Vergeblich vereinigten die Aetoler und Achaeer, was +sie an Schiffen hatten, um dem Unwesen zu steuern; in offener +Seeschlacht wurden sie von den Seeraeubern und deren griechischen +Bundesgenossen geschlagen; die Korsarenflotte vermochte endlich sogar +die reiche und wichtige Insel Kerkyra (Korfu) einzunehmen. Die Klagen +der italischen Schiffer, die Hilfsgesuche der altverbuendeten +Apolloniaten, die flehenden Bitten der belagerten Issaer noetigten +endlich den roemischen Senat, wenigstens Gesandte nach Skodra zu +schicken. Die Brueder Gaius und Lucius Coruncanius kamen, um von dem +Koenig Agron Abstellung des Unwesens zu fordern. Der Koenig gab zur +Antwort, dass nach illyrischem Landrecht der Seeraub ein erlaubtes +Gewerbe sei und die Regierung nicht das Recht habe, der Privatkaperei +zu wehren; worauf Lucius Coruncanius erwiderte, dass dann Rom es sich +angelegen sein lassen werde, den Illyriern ein besseres Landrecht +beizubringen. Wegen dieser, allerdings nicht sehr diplomatischen Replik +wurde, wie die Roemer behaupteten, auf Geheiss des Koenigs, einer der +Gesandten auf der Heimkehr ermordet und die Auslieferung der Moerder +verweigert. Der Senat hatte jetzt keine Wahl mehr. Mit dem Fruehjahr +525 (229) erschien vor Apollonia eine Flotte von 200 Linienschiffen mit +einer Landungsarmee an Bord; vor jener zerstoben die Korsarenboote, +waehrend diese die Raubburgen brach; die Koenigin Teuta, die nach ihres +Gemahls Agron Tode die Regierung fuer ihren unmuendigen Sohn Pinnes +fuehrte, musste, in ihrem letzten Zufluchtsort belagert, die +Bedingungen annehmen, die Rom diktierte. Die Herren von Skodra wurden +wieder im Norden wie im Sueden auf ihr urspruengliches engbegrenztes +Gebiet beschraenkt und hatten nicht bloss alle griechischen Staedte, +sondern auch die Ardiaeer in Dalmatien, die Parthiner um Epidamnos, die +Atintanen im noerdlichen Epeiros aus ihrer Botmaessigkeit zu entlassen; +suedlich von Lissos (Alessio zwischen Scutari und Durazzo) sollten +kuenftig illyrische Kriegsfahrzeuge ueberhaupt nicht und nicht armierte +nicht ueber zwei zusammen fahren duerfen. Roms Seeherrschaft auf dem +Adriatischen Meer war in der loeblichsten und dauerhaftesten Weise zur +vollen Anerkennung gebracht durch die rasche und energische +Unterdrueckung des Piratenunfugs. Allein man ging weiter und setzte +sich zugleich an der Ostkueste fest. Die Illyrier von Skodra wurden +tributpflichtig nach Rom; auf den dalmatinischen Inseln und Kuesten +wurde Demetrios von Pharos, der aus den Diensten der Teuta in roemische +getreten war, als abhaengiger Dynast und roemischer Bundesgenosse +eingesetzt; die griechischen Staedte Kerkyra, Apollonia, Epidamnos und +die Gemeinden der Atintanen und Parthiner wurden in milden Formen der +Symmachie an Rom geknuepft. Diese Erwerbungen an der Ostkueste des +Adriatischen Meeres waren nicht ausgedehnt genug, um einen eigenen +Nebenkonsul fuer sie einzusetzen: nach Kerkyra und vielleicht auch nach +anderen Plaetzen scheinen Statthalter untergeordneten Ranges gesandt +und die Oberaufsicht ueber diese Besitzungen den Oberbeamten, welche +Italien verwalteten, mit uebertragen worden zu sein ^7. Also traten +gleich Sizilien und Sardinien auch die wichtigsten Seestationen im +Adriatischen Meer in die roemische Botmaessigkeit ein. Wie haette es +auch anders kommen sollen? Rom brauchte eine gute Seestation im oberen +Adriatischen Meere, welche ihm seine Besitzungen an dem italischen Ufer +nicht gewaehrten; die neuen Bundesgenossen, namentlich die griechischen +Handelsstaedte, sahen in den Roemern ihre Retter und taten ohne +Zweifel, was sie konnten, sich des maechtigen Schutzes dauernd zu +versichern; im eigentlichen Griechenland, war nicht bloss niemand +imstande zu widersprechen, sondern das Lob der Befreier auf allen +Lippen. Man kann fragen, ob der Jubel in Hellas groesser war oder die +Scham, als statt der zehn Linienschiffe der Achaeischen +Eidgenossenschaft, der streitbarsten Macht Griechenlands, jetzt +zweihundert Segel der Barbaren in ihre Haefen einliefen und mit einem +Schlage die Aufgabe loesten, die den Griechen zukam und an der diese so +klaeglich gescheitert waren. Aber wenn man sich schaemte, dass die +Rettung den bedraengten Landsleuten vom Ausland hatte kommen muessen, +so geschah es wenigstens mit guter Manier; man saeumte nicht, die +Roemer durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen und den Eleusinischen +Mysterien feierlich in den hellenischen Nationalverband aufzunehmen. + +—————————————————————- + +^7 Ein stehender roemischer Kommandant von Kerkyra scheint bei Polyb. +22,15, 6 (falsch uebersetzt von Liv. 38, 11; vgl. 42, 37), ein solcher +von Issa bei Liv. 43, 9 vorzukommen. Dazu kommt die Analogie des +Praefectus pro legato insularem Baliarum (Orelli 732) und des +Statthalters von Pandataria (IRN 3528). Es scheint danach ueberhaupt in +der roemischen Verwaltung Regel gewesen zu sein, fuer die entfernteren +Inseln nicht senatorische praefecti zu bestellen. Diese +“Stellvertreter” aber setzen ihrem Wesen nach einen Oberbeamten voraus, +der sie ernennt und beaufsichtigt; und dies koennen in dieser Zeit nur +die Konsuln gewesen sein. Spaeter, seit Einrichtung der Provinzen +Makedonien und Gallia Cisalpina, kam die Oberverwaltung an den einen +dieser beiden Statthalter; wie denn das hier in Rede stehende Gebiet, +der Kern des spaeteren roemischen Illyricum, bekanntlich zum Teil zu +Caesars Verwaltungssprengel mit gehoerte. + +———————————————————— + +Makedonien schwieg; es war nicht in der Verfassung, mit den Waffen zu +protestieren, und verschmaehte, es mit Worten zu tun. Auf Widerstand +traf man nirgend; aber nichtsdestoweniger hatte Rom, indem es die +Schluessel zum Hause des Nachbarn an sich nahm, in diesem sich einen +Gegner geschaffen, von dem, wenn er wieder zu Kraeften oder eine +guenstige Gelegenheit ihm vorkam, sich erwarten liess, dass er sein +Schweigen zu brechen wissen werde. Haette der kraeftige und besonnene +Koenig Antigonos Doson laenger gelebt, so wuerde wohl er schon den +hingeworfenen Handschuh aufgehoben haben; denn als einige Jahre spaeter +der Dynast Demetrios von Pharos sich der roemischen, Hegemonie entzog, +im Einverstaendnis mit den Istriern vertragswidrig Seeraub trieb und +die von den Roemern fuer unabhaengig erklaerten Atintanen sich +unterwarf, machte Antigonos Buendnis mit ihm, und Demetrios’ Truppen +fochten mit in Antigonos’ Heer in der Schlacht bei Sellasia (532 222). +Allein Antigonos starb (Winter 533/34 221/20); sein Nachfolger +Philippos, noch ein Knabe, liess es geschehen, dass der Konsul Lucius +Aemilius Paullus den Verbuendeten Makedoniens angriff, seine Hauptstadt +zerstoerte und ihn landfluechtig aus seinem Reiche trieb (535 219). + +Auf dem Festland des eigentlichen Italien suedlich vom Apennin war +tiefer Friede seit dem Fall von Tarent; der sechstaegige Krieg mit +Falerii (513 241) ist kaum etwas mehr als eine Kuriositaet. Aber gegen +Norden dehnte zwischen dem Gebiet der Eidgenossenschaft und der +Naturgrenze Italiens, der Alpenkette, noch eine weite Strecke sich aus, +die den Roemern nicht botmaessig war. Als Grenze Italiens galt an der +adriatischen Kueste der Aesisfluss, unmittelbar oberhalb Ancona. +Jenseits dieser Grenze gehoerte die naechstliegende, eigentlich +gallische Landschaft bis Ravenna einschliesslich in aehnlicher Weise +wie das eigentliche Italien zu dem roemischen Reichsverband; die +Senonen, die hier ehemals gesessen hatten, waren in dem Kriege 471/72 +(283/82) ausgerottet und die einzelnen Ortschaften entweder als +Buergerkolonien, wie Sena gallica, oder als Bundesstaedte, sei es +latinischen Rechts, wie Ariminum, sei es italischen, wie Ravenna, mit +Rom verknuepft worden. Auf dem weiten Gebiet jenseits Ravenna bis zu +der Alpengrenze sassen nichtitalische Voelkerschaften. Suedlich vom Po +behauptete sich noch der maechtige Keltenstamm der Boier (von Parma bis +Bologna), neben denen oestlich die Lingonen, westlich (im Gebiet von +Parma) die Anaren, zwei kleinere, vermutlich in der Klientel der Boier +stehende keltische Kantone die Ebene ausfuellten. Wo diese aufhoert, +begannen die Ligurer, die mit einzelnen keltischen Staemmen gemischt +auf dem Apennin von oberhalb Arezzo und Pisa an sitzend, das +Quellgebiet des Po innehatten. Von der Ebene nordwaerts vom Po hatten +die Veneter, verschiedenen Stammes von den Kelten und wohl illyrischer +Abkunft, den oestlichen Teil etwa von Verona bis zur Kueste im Besitz; +zwischen ihnen und den westlichen Gebirgen sassen die Cenomanen (um +Brescia und Cremona), die selten mit der keltischen Nation hielten und +wohl stark mit Venetern gemischt waren, und die Insubrer (um Mailand), +dieser der bedeutendste der italischen Keltengaue und in stetiger +Verbindung nicht bloss mit den kleineren, in den Alpentaelern +zerstreuten Gemeinden teils keltischer, teils anderer Abkunft, sondern +auch mit den Keltengauen jenseits der Alpen. Die Pforten der Alpen, der +maechtige, auf fuenfzig deutsche Meilen schiffbare Strom, die groesste +und fruchtbarste Ebene des damaligen zivilisierten Europas, waren nach +wie vor in den Haenden der Erbfeinde des italischen Namens, die, wohl +gedemuetigt und geschwaecht, doch immer noch kaum dem Namen nach +abhaengig und immer noch unbequeme Nachbarn, in ihrer Barbarei +verharrten und duenngesaet in den weiten Flaechen ihre Herden- und +Plunderwirtschaft fortfuehrten. Man durfte erwarten, dass die Roemer +eilen wuerden, sich dieser Gebiete zu bemaechtigen; um so mehr als die +Kelten allmaehlich anfingen, ihrer Niederlagen in den Feldzuegen von +471 und 472 (283 282) zu vergessen und sich wieder zu regen, ja was +noch bedenklicher war, die transalpinischen Kelten aufs neue begannen, +diesseits der Alpen sich zu zeigen. In der Tat hatten bereits im Jahre +516 (238) die Boier den Krieg erneuert und deren Herren Atis und +Galatas, freilich ohne Auftrag der Landesgemeinde, die Transalpiner +aufgefordert, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen; zahlreich +waren diese dem Ruf gefolgt und im Jahre 518 (236) lagerte ein +Keltenheer vor Ariminum, wie Italien es lange nicht gesehen hatte. Die +Roemer, fuer den Augenblick viel zu schwach, um die Schlacht zu +versuchen, schlossen Waffenstillstand und liessen, um Zeit zu gewinnen, +Boten der Kelten nach Rom gehen, die im Senat die Abtretung von +Ariminum zu fordern wagten - es schien, als seien die Zeiten des +Brennus wiedergekehrt. Aber ein unvermuteter Zwischenfall machte dem +Krieg ein Ende, bevor er noch recht begonnen hatte. Die Boier, +unzufrieden mit den ungebetenen Bundesgenossen und wohl fuer ihr +eigenes Gebiet fuerchtend, gerieten in Haendel mit den Transalpinern; +es kam zwischen den beiden Keltenheeren zu offener Feldschlacht, und +nachdem die boischen Haeuptlinge von ihren eigenen Leuten erschlagen +waren, kehrten die Transalpiner heim. Damit waren die Boier den Roemern +in die Haende gegeben, und es hing nur von diesen ab, sie gleich den +Senonen auszutreiben und wenigstens bis an den Po vorzudringen; allein +es ward vielmehr denselben gegen die Abtretung einiger Landstriche der +Friede gewaehrt (518 236). Das mag damals geschehen sein, weil man eben +den Wiederausbruch des Kriegs mit Karthago erwartete; aber nachdem +dieser durch die Abtretung Sardiniens abgewandt worden war, forderte es +die richtige Politik der roemischen Regierung, das Land bis an die +Alpen so rasch und so vollstaendig wie moeglich in Besitz zu nehmen. +Die bestaendigen Besorgnisse der Kelten vor einer solchen roemischen +Invasion sind darum hinreichend gerechtfertigt; indes die Roemer +beeilten sich eben nicht. So begannen denn die Kelten ihrerseits den +Krieg, sei es, dass die roemischen Ackerverteilungen an der Ostkueste +(522 232), obwohl zunaechst nicht gegen sie gerichtet, sie besorgt +gemacht hatten, sei es, dass sie die Unvermeidlichkeit eines Krieges +mit Rom um den Besitz der Lombardei begriffen, sei es, was vielleicht +das Wahrscheinlichste ist, dass das ungeduldige Kelterwolk wieder +einmal des Sitzens muede war und eine neue Heerfahrt zu ruesten +beliebte. Mit Ausschluss der Cenomanen, die mit den Venetern hielten +und sich fuer die Roemer erklaerten, traten dazu saemtliche italische +Kelten zusammen, und ihnen schlossen sich unter den Fuehrern +Concolitanus und Aneroestus zahlreich die Kelten des oberen Rhonetals +oder vielmehr deren Reislaeufer an ^8. Mit 50000 zu Fuss und 20000 zu +Ross oder zu Wagen kaempfenden Streitern rueckten die Fuehrer der +Kelten auf den Apennin zu (529 225). Von dieser Seite hatte man in Rom +sich des Angriffs nicht versehen und nicht erwartet, dass die Kelten +mit Vernachlaessigung der roemischen Festungen an der Ostkueste und des +Schutzes der eigenen Stammesgenossen geradeswegs gegen die Hauptstadt +vorzugehen wagen wuerden. Nicht gar lange vorher hatte ein aehnlicher +Keltenschwarm in ganz gleicher Weise Griechenland ueberschwemmt; die +Gefahr war ernst und schien noch ernster, als sie war. Der Glaube, dass +Roms Untergang diesmal unvermeidlich und der roemische Boden vom +Verhaengnis gallisch zu werden bestimmt sei, war selbst in Rom unter +der Menge so allgemein verbreitet, dass sogar die Regierung es nicht +unter ihrer Wuerde hielt, den krassen Aberglauben des Poebels durch +einen noch krasseren zu bannen und zur Erfuellung des Schicksalspruchs +einen gallischen Mann und eine gallische Frau auf dem roemischen Markt +lebendig begraben zu lassen. Daneben traf man ernstlichere Anstalten. +Von den beiden konsularischen Heeren, deren jedes etwa 25000 Mann zu +Fuss und 1100 Reiter zaehlte, stand das eine unter Gaius Atilius +Regulus in Sardinien, das zweite unter Lucius Aemilius Papus bei +Ariminum; beide erhielten Befehl, sich so schnell wie moeglich nach dem +zunaechst bedrohten Etrurien zu begeben. Schon hatten gegen die mit Rom +verbuendeten Cenomanen und Veneter die Kelten eine Besatzung in der +Heimat zuruecklassen muessen; jetzt ward auch der Landsturm der Umbrer +angewiesen, von den heimischen Bergen herab in die Ebene der Boier +einzuruecken und dem Feinde auf seinen eigenen Aeckern jeden +erdenklichen Schaden zuzufuegen. Die Landwehr der Etrusker und Sabiner +sollte den Apennin besetzen und womoeglich sperren, bis die regulaeren +Truppen eintreffen koennten. In Rom bildete sich eine Reserve von 50000 +Mann; durch ganz Italien, das diesmal in Rom seinen rechten Vorkaempfer +sah, wurde die dienstfaehige Mannschaft verzeichnet, Vorraete und +Kriegsmaterial zusammengebracht. + +——————————————————————- + +^8 Dieselben, die Polybios bezeichnet als “die Kelten in den Alpen und +an der Rhone, die man wegen ihrer Reislaeuferei Gaesaten (Landsknechte) +nenne”, werden in den kapitolinischen Fasten Germani genannt. Moeglich +ist es, dass die gleichzeitige Geschichtschreibung hier nur Kelten +genannt und erst die historische Spekulation der caesarischen und +augustischen Zeit die Redaktoren jener Fasten bewogen hat, daraus +“Germanen” zu machen. Wofern dagegen die Nennung der Germanen in den +Fasten auf gleichzeitige Aufzeichnungen zurueckgeht - in welchem Falle +dies die aelteste Erwaehnung dieses Namens ist -, wird man hier doch +nicht an die spaeter so genannten deutschen Staemme denken duerfen, +sondern an einen keltischen Schwarm. + +——————————————————————— + +Indes alles das forderte Zeit; man hatte einmal sich ueberrumpeln +lassen, und wenigstens Etrurien zu retten, war es zu spaet. Die Kelten +fanden den Apennin kaum verteidigt und pluenderten unangefochten die +reichen Ebenen des tuskischen Gebietes, das lange keinen Feind gesehen. +Schon standen sie bei Clusium, drei Tagemaersche von Rom, als das Heer +von Ariminum unter dem Konsul Papus ihnen in der Flanke erschien, +waehrend die etruskische Landwehr, die sich nach der Ueberschreitung +des Apennin im Ruecken der Gallier zusammengezogen hatte, dem Marsch +der Feinde folgte. Eines Abends, nachdem bereits beide Heere sich +gelagert und die Biwakfeuer angezuendet hatten, brach das keltische +Fussvolk ploetzlich wieder auf und zog in rueckwaertiger Richtung ab +auf der Strasse gegen Faesulae (Fiesole); die Reiterei besetzte die +Nacht hindurch die Vorposten und folgte am andern Morgen der +Hauptmacht. Als die tuskische Landwehr, die dicht am Feinde lagerte, +seines Abzugs inneward, meinte sie, dass der Schwarm anfange sich zu +verlaufen und brach auf zu eiligem Nachsetzen. Eben darauf hatten die +Gallier gerechnet; ihr ausgeruhtes und geordnetes Fussvolk empfing auf +dem wohl gewaehlten Schlachtfeld die roemische Miliz, die ermattet und +aufgeloest von dem Gewaltmarsch herankam. 6000 Mann fielen nach +heftigem Kampf, und auch der Rest des Landsturms, der notduerftig auf +einem Huegel Zuflucht gefunden, waere verloren gewesen, wenn nicht +rechtzeitig das konsularische Heer erschienen waere. Dies bewog die +Gallier, sich nach der Heimat zurueckzuwenden. Ihr geschickt angelegter +Plan, die Vereinigung der beiden roemischen Heere zu hindern und das +schwaechere einzeln zu vernichten, war nur halb gelungen; fuer jetzt +schien es ihnen geraten, zunaechst die betraechtliche Beute in +Sicherheit zu bringen. Des bequemeren Marsches wegen zogen sie sich aus +der Gegend von Chiusi, wo sie standen, an die ebene Kueste und +marschierten am Strande hin, als sie unvermutet hier sich den Weg +verlegt fanden. Es waren die sardinischen Legionen, die bei Pisae +gelandet waren und, da sie zu spaet kamen, um den Apennin zu sperren, +sich sofort auf demselben Kuestenweg, den die Gallier verfolgten, in +der entgegengesetzten Richtung in Bewegung gesetzt hatten. Bei Telamon +(an der Muendung des Ombrone) trafen sie auf den Feind. Waehrend das +roemische Fussvolk in geschlossener Front auf der grossen Strasse +vorrueckte, ging die Reiterei, vom Konsul Gaius Atilius Regulus selber +gefuehrt, seitwaerts vor, um den Galliern in die Flanke zu kommen und +so bald wie moeglich dem anderen roemischen Heer unter Papus Kunde von +ihrem Eintreffen zu geben. Es entspann sich ein heftiges Reitergefecht, +in dem mit vielen tapferen Roemern auch Regulus fiel; aber nicht +umsonst hatte er sein Leben aufgeopfert: sein Zweck war erreicht. Papus +gewahrte das Gefecht und ahnte den Zusammenhang; schleunig ordnete er +seine Scharen und von beiden Seiten drangen nun roemische Legionen auf +das Keltenheer ein. Mutig stellte dieses sich zum Doppelkampf, die +Transalpiner und Insubrer gegen die Truppen des Papus, die alpinischen +Taurisker und die Boier gegen das sardinische Fussvolk; das +Reitergefecht ging davon gesondert auf dem Fluegel seinen Gang. Die +Kraefte waren der Zahl nach nicht ungleich gemessen, und die +verzweifelte Lage der Gallier zwang sie zur hartnaeckigsten Gegenwehr. +Aber die Transalpiner, nur des Nahkampfes gewohnt, wichen vor den +Geschossen der roemischen Plaenkler; im Handgemenge setzte die bessere +Staehlung der roemischen Waffen die Gallier in Nachteil; endlich +entschied der Flankenangriff der siegreichen roemischen Reiterei den +Tag. Die keltischen Berittenen entrannen; fuer das Fussvolk, das +zwischen dem Meere und den drei roemischen Heeren eingekeilt war, gab +es keine Flucht. 10000 Kelten mit dem Koenig Concolitanus wurden +gefangen; 40000 andere lagen tot auf dem Schlachtfeld; Aneroestus und +sein Gefolge hatten sich nach keltischer Sitte selber den Tod gegeben. + +Der Sieg war vollstaendig und die Roemer fest entschlossen, die +Wiederholung solcher Einfaelle durch die voellige Ueberwaeltigung der +Kelten diesseits der Alpen unmoeglich zu machen. Ohne Widerstand +ergaben im folgenden Jahr (530 224) sich die Boier nebst den Lingonen, +das Jahr darauf (531 223) die Anaren; damit war das Flachland bis zum +Padus in roemischen Haenden. Ernstlichere Kaempfe kostete die Eroberung +des noerdlichen Ufers. Gaius Flaminius ueberschritt in dem +neugewonnenen anarischen Gebiet (etwa bei Piacenza) den Fluss (531 +223); allein bei dem Uebergang und mehr noch bei der Festsetzung am +anderen Ufer erlitt er so schwere Verluste und fand sich, den Fluss im +Ruecken, in einer so gefaehrlichen Lage, dass er mit dem Feind um +freien Abzug kapitulierte, den die Insubrer toerichterweise +zugestanden. Kaum war er indes entronnen, als er vom Gebiet der +Cenomanen aus und mit diesen vereinigt von Norden her in den Gau der +Insubrer zum zweitenmal einrueckte. Zu spaet begriffen diese, um was es +sich jetzt handle; sie nahmen aus dem Tempel ihrer Goettin die goldenen +Feldzeichen, “die unbeweglichen” genannt, und mit ihrem ganzen +Aufgebot, 50000 Mann stark, boten sie den Roemern die Schlacht. Die +Lage dieser war gefaehrlich: sie standen mit dem Ruecken an einem Fluss +(vielleicht dem Oglio), von der Heimat getrennt durch das feindliche +Gebiet und fuer den Beistand im Kampf wie fuer die Rueckzugslinie +angewiesen auf die unsichere Freundschaft der Cenomanen. Indes es gab +keine Wahl. Man zog die in den roemischen Reihen fechtenden Gallier auf +das linke Ufer des Flusses; auf dem rechten, den Insubrern gegenueber, +stellte man die Legionen auf und brach die Bruecken ab, um von den +unsicheren Bundesgenossen wenigstens nicht im Ruecken angefallen zu +werden. + +Freilich schnitt also der Fluss den Rueckzug ab und ging der Weg zur +Heimat durch das feindliche Heer. Aber die Ueberlegenheit der +roemischen Waffen und der roemischen Disziplin erfocht den Sieg und das +Heer schlug sich durch; wieder einmal hatte die roemische Taktik die +strategischen Fehler gutgemacht. Der Sieg gehoerte den Soldaten und +Offizieren, nicht den Feldherren, die gegen den gerechten Beschluss des +Senats nur durch Volksgunst triumphierten. Gern haetten die Insubrer +Frieden gemacht; aber Rom forderte unbedingte Unterwerfung, und so weit +war man noch nicht. Sie versuchten, sich mit Hilfe der noerdlichen +Stammgenossen zu halten, und mit 30000 von ihnen geworbenen Soeldnern +derselben und ihrer eigenen Landwehr empfingen sie die beiden im +folgenden Jahr (532 222) abermals aus dem cenomanischen Gebiet in das +ihrige einrueckenden konsularischen Heere. Es gab noch manches harte +Gefecht; bei einer Diversion, welche die Insubrer gegen die roemische +Festung Clastidium (Casteggio, unterhalb Pavia) am rechten Poufer +versuchten, fiel der gallische Koenig Virdumarus von der Hand des +Konsuls Marcus Marcellus. Allein nach einer halb von den Kelten schon +gewonnenen, aber endlich doch fuer die Roemer entschiedenen Schlacht +erstuermte der Konsul Gnaeus Scipio die Hauptstadt der Insubrer, +Mediolanum, und die Einnahme dieser und der Stadt Comum machte der +Gegenwehr ein Ende. Damit waren die italischen Kelten vollstaendig +besiegt, und wie eben vorher die Roemer den Hellenen im Piratenkrieg +den Unterschied zwischen roemischer und griechischer Seebeherrschung +gezeigt, so hatten sie jetzt glaenzend bewiesen, dass Rom Italiens +Pforten anders gegen den Landraub zu wahren wusste als Makedonien die +Tore Griechenlands und dass trotz allen inneren Haders Italien dem +Nationalfeinde gegenueber ebenso einig wie Griechenland zerrissen +dastand. + +Die Alpengrenze war erreicht, insofern als das ganze Flachland am Po +entweder den Roemern untertaenig oder, wie das cenomanische und +venetische Gebiet, von abhaengigen Bundesgenossen besessen war; es +bedurfte indes der Zeit, um die Konsequenzen dieses Sieges zu ziehen +und die Landschaft zu romanisieren. Man verfuhr dabei nicht in +derselben Weise. In dem gebirgigen Nordwesten Italiens und in den +entfernteren Distrikten zwischen den Alpen und dem Po duldete man im +ganzen die bisherigen Bewohner; die zahlreichen sogenannten Kriege, die +namentlich gegen die Ligurer gefuehrt wurden (zuerst 516 238), scheinen +mehr Sklavenjagden gewesen zu sein, und wie oft auch die Gaue und +Taeler den Roemern sich unterwarfen, war die roemische Herrschaft doch +hier kaum mehr als ein Name. Auch die Expedition nach Istrien (533 221) +scheint nicht viel mehr bezweckt zu haben, als die letzten +Schlupfwinkel der adriatischen Piraten zu vernichten und laengs der +Kueste zwischen den italischen Eroberungen und den Erwerbungen an dem +anderen Ufer eine Kontinentalverbindung herzustellen. Dagegen die +Kelten in den Landschaften suedlich vom Po waren der Vernichtung +rettungslos verfallen; denn bei dem losen Zusammenhang der keltischen +Nation nahm keiner der noerdlichen Kettengaue ausser fuer Geld sich der +italischen Stammgenossen an, und die Roemer sahen in denselben nicht +bloss ihre Nationalfeinde, sondern auch die Usurpatoren ihres +natuerlichen Erbes. Die ausgedehnte Ackerverteilung von 522 (332) hatte +schon das gesamte Gebiet zwischen Ancona und Ariminum mit roemischen +Kolonisten gefuellt, die ohne kommunale Organisation in Marktflecken +und Doerfern hier sich ansiedelten. Auf diesem Wege ging man weiter, +und es war nicht schwer, eine halbbarbarische, dem Ackerbau nur +nebenher obliegende und ummauerter Staedte entbehrende Bevoelkerung, +wie die keltische war, zu verdraengen und auszurotten. Die grosse +Nordchaussee, die wahrscheinlich schon achtzig Jahre frueher ueber +Otricoli nach Narni gefuehrt und kurz vorher bis an die neubegruendete +Festung Spoletium (514 240) verlaengert worden war, wurde jetzt (534 +220) unter dem Namen der Flaminischen Strasse ueber den neu angelegten +Marktflecken Forum Flaminii (bei Foligno) durch den Furlopass an die +Kueste und an dieser entlang von Fanum (Fano) bis nach Ariminum +gefuehrt; es war die erste Kunststrasse, die den Apennin ueberschritt +und die beiden italischen Meere verband. Man war eifrig beschaeftigt, +das neugewonnene fruchtbare Gebiet mit roemischen Ortschaften zu +bedecken. Schon war zur Deckung des Uebergangs ueber den Po auf dem +rechten Ufer die starke Festung Placentia (Piacenza) gegruendet, nicht +weit davon am linken Cremona angelegt, ferner auf dem den Boiern +abgenommenen Gebiet der Mauerbau von Mutina (Modena) weit +vorgeschritten; schon bereitete man weitere Landanweisungen und die +Fortfuehrung der Chaussee vor, als ein ploetzliches Ereignis die Roemer +in der Ausbeutung ihrer Erfolge unterbrach. + + + + +KAPITEL IV. +Hamilkar und Hannibal + + +Der Vertrag mit Rom von 513 (241) gab den Karthagern Frieden, aber um +einen teuren Preis. Dass die Tribute des groessten Teils von Sizilien +jetzt in den Schatz des Feindes flossen statt in die karthagische +Staatskasse, war der geringste Verlust. Viel empfindlicher war es, dass +man nicht bloss die Hoffnung hatte aufgeben muessen, deren Erfuellung +so nahe geschienen, die saemtlichen Seestrassen aus dem oestlichen in +das westliche Mittelmeer zu monopolisieren, sondern dass das ganze +handelspolitische System gesprengt, das bisher ausschliesslich +beherrschte suedwestliche Becken des Mittelmeers seit Siziliens Verlust +fuer alle Nationen ein offenes Fahrwasser, Italiens Handel von dem +phoenikischen vollstaendig unabhaengig geworden war. Indes die ruhigen +sidonischen Maenner haetten auch darueber vielleicht sich zu beruhigen +vermocht. Man hatte schon aehnliche Schlaege erfahren; man hatte mit +den Massalioten, den Etruskern, den sizilischen Griechen teilen +muessen, was man frueher allein besessen; auch das, was man jetzt noch +hatte, Afrika, Spanien, die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte +aus, um maechtig und wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer buergte +dafuer, dass wenigstens dies blieb? + +Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um das, was er +forderte, zu erreichen, konnte nur vergessen, wer vergessen wollte; und +wenn Rom den Versuch, den es von Italien aus mit so grossem Erfolg +unternommen hatte, jetzt von Lilybaeon aus erneuerte, so war Karthago, +wenn nicht die Verkehrtheit des Feindes oder ein besonderer Gluecksfall +dazwischen trat, unzweifelhaft verloren. Zwar man hatte jetzt Frieden; +aber es hatte an einem Haar gehangen, dass dem Frieden die Ratifikation +verweigert ward, und man wusste, wie die oeffentliche Meinung in Rom +diesen Friedensschluss beurteilte. Es mochte sein, dass Rom an die +Eroberung Afrikas jetzt noch nicht dachte und noch Italien ihm +genuegte; aber wenn die Existenz des karthagischen Staats an dieser +Genuegsamkeit hing, so sah es uebel damit aus, und wer buergte dafuer, +dass die Roemer nicht eben ihrer italischen Politik es angemessen +fanden, den afrikanischen Nachbar zwar nicht sich zu unterwerfen, aber +doch zu vertilgen? + +Kurz, Karthago durfte den Frieden von 513 (241) nur als einen +Waffenstillstand betrachten und musste ihn benutzen zur Vorbereitung +fuer die unvermeidliche Erneuerung des Krieges; nicht, um die erlittene +Niederlage zu raechen, nicht einmal zunaechst, um das Verlorene +zurueckzugewinnen, sondern um sich eine nicht von dem Gutfinden des +Landesfeindes abhaengige Existenz zu erfechten. Allein wenn einem +schwaecheren Staat ein gewisser, aber der Zeit nach unbestimmter +Vernichtungskrieg bevorsteht, werden die kluegeren, entschlosseneren, +hingebenderen Maenner, die zu dem unvermeidlichen Kampf sich sogleich +fertig machen, ihn zur guenstigen Stunde aufnehmen und so die +politische Defensive durch die strategische Offensive verdecken +moechten, ueberall sich gehemmt sehen durch die traege und feige Masse +der Geldesknechte, der Altersschwachen, der Gedankenlosen, welche nur +Zeit zu gewinnen, nur in Frieden zu leben und zu sterben, nur den +letzten Kampf um jeden Preis hinauszuschieben bedacht sind. So gab es +auch in Karthago eine Friedens- und eine Kriegspartei, die beide wie +natuerlich sich anschlossen an den schon zwischen den Konservativen und +den Reformisten bestehenden politischen Gegensatz: jene fand ihre +Stuetze in den Regierungsbehoerden, dem Rat der Alten und der +Hundertmaenner, an deren Spitze Hanno, der sogenannte Grosse, stand, +diese in den Leitern der Menge, namentlich dem angesehenen Hasdrubal, +und in den Offizieren des sizilischen Heeres, dessen grosse Erfolge +unter Hamilkars Fuehrung, wenn sie auch sonst vergeblich gewesen waren, +doch den Patrioten einen Weg gezeigt hatten, der Rettung aus der +ungeheuren Gefahr zu versprechen schien. Schon lange mochte zwischen +diesen Parteien heftige Fehde bestehen, als der libysche Krieg zwischen +sie hineinschlug. Wie er entstand, ist schon erzaehlt worden. Nachdem +die Regierungspartei die Meuterei durch die unfaehige, alle +Vorsichtsmassregeln der sizilischen Offiziere vereitelnde Verwaltung +angezettelt hatte, durch die Nachwirkung ihres unmenschlichen +Regierungssystems diese Meuterei in eine Revolution umgeschlagen und +endlich durch ihre und namentlich ihres Fuehrers, des Heerverderbers +Hanno militaerische Unfaehigkeit das Land an den Rand des Abgrundes +gebracht worden war, ward der Held von der Eirkte, Hamilkar Barkas, in +der hoechsten Not von der Regierung selbst ersucht, sie von den Folgen +ihrer Fehler und Verbrechen zu retten. Er nahm das Kommando an und +dachte hochsinnig genug, es selbst dann nicht niederzulegen, als man +ihm den Hanno zum Kollegen gab; ja als die erbitterte Armee denselben +heimschickte, vermochte er es ueber sich, ihm auf die flehentliche +Bitte der Regierung zum zweitenmal den Mitoberbefehl einzuraeumen und +trotz der Feinde wie trotz des Kollegen durch seinen Einfluss bei den +Aufstaendischen, seine geschickte Behandlung der numidischen Scheichs, +sein unvergleichliches Organisatoren- und Feldherrngenie in unglaublich +kurzer Zeit den Aufstand voellig niederzuwerfen und das empoerte Afrika +zum Gehorsam zurueckzubringen (Ende 517 237). + +Die Patriotenpartei hatte waehrend dieses Krieges geschwiegen; jetzt +sprach sie um so lauter. Einerseits war bei dieser Katastrophe die +ganze Verderbtheit und Verderblichkeit der herrschenden Oligarchie an +den Tag gekommen, ihre Unfaehigkeit, ihre Coteriepolitik, ihre +Hinneigung zu den Roemern; anderseits zeigte die Wegnahme Sardiniens +und die drohende Stellung, welche Rom dabei einnahm, deutlich auch dem +geringsten Mann, dass das Damoklesschwert der roemischen +Kriegserklaerung stets ueber Karthago hing, und dass, wenn Karthago +unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen mit Rom zum Kriege kam, dieser +notwendig den Untergang der phoenikischen Herrschaft in Libyen zur +Folge haben muesse. Es mochte in Karthago nicht wenige geben, die, an +der Zukunft des Vaterlandes verzweifelnd, die Auswanderung nach den +Inseln des Atlantischen Meeres anrieten; wer durfte sie schelten? Aber +edlere Gemueter verschmaehen es, ohne die Nation sich selber zu bergen, +und grosse Naturen geniessen das Vorrecht, aus dem, worueber die Menge +der Guten verzweifelt, Begeisterung zu schoepfen. Man nahm die neuen +Bedingungen an, wie sie Rom eben diktierte; es blieb nichts uebrig, als +sich zu fuegen und den neuen Hass zu dem alten schlagend ihn +sorgfaeltig zu sammeln und zu sparen, dieses letzte Kapitel einer +gemisshandelten Nation. Dann aber schritt man zu einer politischen +Reform ^1. Von der Unverbesserlichkeit der Regimentspartei hatte man +sich hinreichend ueberzeugt; dass die regierenden Herren auch im +letzten Krieg weder ihren Groll vergessen noch groessere Weisheit +gelernt hatten, zeigte zum Beispiel die ans Naive grenzende +Unverschaemtheit, dass sie jetzt dem Hamilkar den Prozess machten als +dem Urheber des Soeldnerkrieges, insofern er ohne Vollmacht der +Regierung seinen sizilischen Soldaten Geldversprechungen gemacht habe. +Wenn der Klub der Offiziere und Volksfuehrer die morschen Stuehle +dieses Missregiments haette umstossen wollen, so wuerde er in Karthago +selbst schwerlich auf grosse Schwierigkeiten gestossen sein; allein auf +desto groessere in Rom, mit dem die regierenden Herren von Karthago +schon in Verbindungen standen, die an Landesverrat grenzten. Zu allen +uebrigen Schwierigkeiten der Lage kam noch die hinzu, dass die Mittel +zur Rettung des Vaterlandes geschaffen werden mussten, ohne dass weder +die Roemer noch die eigene roemisch gesinnte Regierung recht darum +gewahr wurden. + +—————————————————————————- + +^1 Wir sind ueber diese Vorgaenge nicht bloss unvollkommen berichtet, +sondern auch einseitig, da natuerlich die Version der karthagischen +Friedenspartei die der roemischen Annalisten wurde. Indes selbst in +unsern zertruemmerten und getruebten Berichten - die wichtigsten sind +Fabius bei Polyb. 3, 8; App. Hisp. 4 und Diod. 25 p. 567 - erscheinen +die Verhaeltnisse der Parteien deutlich genug. Von dem gemeinen +Klatsch, mit dem die “revolutionaere Verbindung” (εταιρεία τών +πονηροτάτων ανθρώπων) von ihren Gegnern beschmutzt ward, kann man bei +Nepos (Ham. 3) Proben lesen, die ihresgleichen suchen, vielleicht auch +finden. + +—————————————————————————— + +So liess man die Verfassung unangetastet und die regierenden Herren im +vollen Genuss ihrer Sonderrechte und des gemeinen Gutes. Es ward bloss +beantragt und durchgesetzt, von den beiden Oberfeldherren, die am Ende +des libyschen Krieges an der Spitze der karthagischen Truppen standen, +Hanno und Hamilkar, den ersteren abzurufen und den letzteren zum +Oberfeldherrn fuer ganz Afrika auf unbestimmte Zeit in der Art zu +ernennen, dass er eine von den Regierungskollegien unabhaengige +Stellung - eine verfassungswidrige monarchische Gewalt nannten es die +Gegner, Cato eine Diktatur - erhielt und er nur von der +Volksversammlung abberufen und zur Verantwortung gezogen werden durfte +^2. Selbst die Wahl eines Nachfolgers ging nicht von den Behoerden der +Hauptstadt aus, sondern vom Heere, das heisst von den im Heere als +Gerusiasten oder Offiziere dienenden Karthagern, die auch bei +Vertraegen neben dem Feldherrn genannt werden; natuerlich blieb der +Volksversammlung daheim das Bestaetigungsrecht. Mag dies Usurpation +sein oder nicht, es bezeichnet deutlich, wie die Kriegspartei das Heer +als ihre Domaene ansah und behandelte. + +——————————————————————- + +^2 Die Barkas schliessen die wichtigsten Staatsvertraege ab und die +Ratifikation der Behoerde ist eine Formalitaet (Polyb. 3, 21); Rom +protestiert bei ihnen und beim Senat (Polyb. 3, 15). Die Stellung der +Barkas zu Karthago hat manche Aehnlichkeit mit der der Oranier gegen +die Generalstaaten. + +—————————————————————————— + +Der Auftrag, den Hamilkar also empfing, klang nicht eben verfaenglich. +Die Kriege mit den numidischen Staemmen ruhten an der Grenze nie; vor +kurzem erst war im Binnenland die “Stadt der hundert Tore” Theveste +(Tebessa) von den Karthagern besetzt worden. Die Fortfuehrung dieser +Grenzfehden, die dem neuen Oberfeldherrn von Afrika zufiel, war an sich +nicht von solcher Bedeutung, dass nicht die karthagische Regierung, die +man ja in ihrem naechsten Kreise gewaehren liess, zu den darueber von +der Volksversammlung getroffenen Beliebungen haette stillschweigen +koennen, waehrend die Roemer die Tragweite derselben vielleicht nicht +einmal erkannten. + +So stand an der Spitze des Heeres der eine Mann, der im sizilischen und +im libyschen Kriege es bewaehrt hatte, dass die Geschicke ihn oder +keinen zum Retter des Vaterlandes bestimmten. Grossartiger als von ihm +ist vielleicht niemals der grossartige Kampf des Menschen gegen das +Schicksal gefuehrt worden. Das Heer sollte den Staat retten; aber was +fuer ein Heer? Die karthagische Buergerwehr hatte unter Hamilkars +Fuehrung im libyschen Kriege sich nicht schlecht geschlagen; allein er +wusste wohl, dass es ein anderes ist, die Kaufleute und Fabrikanten +einer Stadt, die in der hoechsten Gefahr schwebt, einmal zum Kampf +hinauszufuehren, und ein anderes, Soldaten aus ihnen zu bilden. Die +karthagische Patriotenpartei lieferte ihm vortreffliche Offiziere, aber +in ihr war natuerlich fast ausschliesslich die gebildete Klasse +vertreten - Buergermiliz hatte er nicht, hoechstens einige +libyphoenikische Reiterschwadronen. Es galt ein Heer zu schaffen aus +den libyschen Zwangsrekruten und aus Soeldnern; was einem Feldherrn wie +Hamilkar moeglich war, allein auch ihm nur, wenn er seinen Leuten +puenktlich und reichlich den Sold zu zahlen vermochte. Aber dass die +karthagischen Staatseinkuenfte in Karthago selbst zu viel noetigeren +Dingen gebraucht wurden als fuer die gegen den Feind fechtenden Heere, +hatte er in Sizilien erfahren. Es musste also dieser Krieg sich selber +ernaehren und im grossen ausgefuehrt werden, was auf dem Monte +Pellegrino im kleinen versucht worden war. Aber noch mehr. Hamilkar war +nicht bloss Militaer-, er war auch Parteichef; gegen die +unversoehnliche und der Gelegenheit, ihn zu stuerzen, begierig und +geduldig harrende Regierungspartei musste er auf die Buergerschaft sich +stuetzen, und mochten deren Fuehrer noch so rein und edel sein, die +Masse war tief verdorben und durch das unselige Korruptionssystem +gewoehnt, nichts fuer nichts zu geben. In einzelnen Momenten schlug +wohl die Not oder die Begeisterung einmal durch, wie das ueberall +selbst in den feilsten Koerperschaften vorkommt; wollte aber Hamilkar +fuer seinen im besten Fall erst nach einer Reihe von Jahren +durchfuehrbaren Plan die Unterstuetzung der karthagischen Gemeinde +dauernd sich sichern, so musste er seinen Freunden in der Heimat durch +regelmaessige Geldsendungen die Mittel geben, den Poebel bei guter +Laune zu erhalten. So genoetigt, von der lauen und feilen Menge die +Erlaubnis, sie zu retten, zu erbetteln oder zu erkaufen; genoetigt, dem +Uebermut der Verhassten seines Volkes, der stets von ihm Besiegten +durch Demut und Schweigsamkeit die unentbehrliche Gnadenfrist +abzudingen; genoetigt, den verachteten Vaterlandsverraetern, die sich +die Herren seiner Stadt nannten, mit seinen Plaenen seine Verachtung zu +bergen - so stand der hohe Mann mit wenigen gleichgesinnten Freunden +zwischen den Feinden von aussen und den Feinden von innen, auf die +Unentschlossenheit der einen und der andern bauend, zugleich beide +taeuschend und beiden trotzend, um nur erst die Mittel, Geld und +Soldaten zu gewinnen zum Kampf gegen ein Land, das, selbst wenn das +Heer schlagfertig dastand, mit diesem zu erreichen schwierig, zu +ueberwinden kaum moeglich schien. Er war noch ein junger Mann, wenig +hinaus ueber die Dreissig; aber er schien zu ahnen, als er sich +anschickte zu seinem Zuge, dass es ihm nicht vergoennt sein werde, das +Ziel seiner Arbeit zu erreichen und das Land der Erfuellung anders als +von weitem zu schauen. Seinen neunjaehrigen Sohn Hannibal hiess er, da +er Karthago verliess, am Altar des hoechsten Gottes dem roemischen +Namen ewigen Hass schwoeren, und zog ihn und die juengeren Soehne +Hasdrubal und Mago, die “Loewenbrut”, wie er sie nannte, im Feldlager +auf als die Erben seiner Entwuerfe, seines Genies und seines Hasses. + +Der neue Oberfeldherr von Libyen brach unmittelbar nach der Beendigung +des Soeldnerkrieges von Karthago auf (etwa im Fruehjahr 518 236). Er +schien einen Zug gegen die freien Libyer im Westen zu beabsichtigen; +sein Heer, das besonders an Elefanten stark war, zog an der Kueste hin, +neben ihm segelte die Flotte, gefuehrt von seinem treuen Bundesgenossen +Hasdrubal. Ploetzlich vernahm man, er sei bei den Saeulen des Herkules +ueber das Meer gegangen und in Spanien gelandet, wo er Krieg fuehre mit +den Eingeborenen; mit Leuten, die ihm nichts zuleide getan und ohne +Auftrag seiner Regierung, klagten die karthagischen Behoerden. Sie +konnten wenigstens nicht klagen, dass er die afrikanischen +Angelegenheiten vernachlaessige; als die Numidier wieder einmal +aufstanden, trieb sein Unterfeldherr Hasdrubal sie so nachdruecklich zu +Paaren, dass auf lange Zeit an der Grenze Ruhe war und mehrere bisher +unabhaengige Staemme sich bequemten, Tribut zu zahlen. Was er selbst in +Spanien getan, koennen wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; dem alten +Cato, der ein Menschenalter nach Hamilkars Tode in Spanien die noch +frischen Spuren seines Wirkens sah, zwangen sie trotz allem Poenerhass +den Ausruf ab, dass kein Koenig wert sei, neben Hamilkar Barkas genannt +zu werden. In den Erfolgen liegt auch uns wenigstens im allgemeinen +noch vor, was von Hamilkar als Militaer und als Staatsmann in den neun +letzten Jahren seines Lebens (518-526 236-228) geleistet worden ist, +bis er im besten Mannesalter in offener Feldschlacht tapfer kaempfend +den Tod fand, wie Scharnhorst, eben als seine Plaene zu reifen +begannen, und was alsdann waehrend der naechsten acht Jahre (527-534 +227-220) der Erbe seines Amtes und seiner Plaene, sein Tochtermann +Hasdrubal an dem angefangenen Werke im Sinne des Meisters weiter +geschaffen hat. Statt der kleinen Entrepôts fuer den Handel, die nebst +dem Schutzrecht ueber Gades bis dahin Karthago an der spanischen Kueste +allein besessen und als Dependenz von Libyen behandelt hatte, ward ein +karthagisches Reich in Spanien durch Hamilkars Feldherrnkunst +begruendet und durch Hasdrubals staatsmaennische Gewandtheit befestigt. +Die schoensten Landschaften Spaniens, die Sued- und Ostkueste wurden +phoenikisches Provinzialgebiet; Staedte wurden gegruendet, vor allem an +dem einzigen guten Hafen der Suedkueste Spanisch-Karthago (Cartagena) +von Hasdrubal angelegt, mit des Gruenders praechtiger “Koenigsburg”; +der Ackerbau bluehte auf und mehr noch die Grubenwirtschaft in den +gluecklich aufgefundenen Silberminen von Cartagena, die ein Jahrhundert +spaeter ueber 2½ Mill. Taler (36 Mill. Sesterzen) jaehrlich eintrugen. +Die meisten Gemeinden bis zum Ebro wurden abhaengig von Karthago und +zahlten ihm Zins; Hasdrubal verstand es, die Haeuptlinge auf alle +Weise, selbst durch Zwischenheiraten in das karthagische Interesse zu +ziehen. So erhielt Karthago hier fuer seinen Handel und seine Fabriken +eine reiche Absatzquelle, und die Einnahmen der Provinz naehrten nicht +bloss das Heer, sondern es blieb noch uebrig, nach Hause zu senden und +fuer die Zukunft zurueckzulegen. Aber die Provinz bildete und schulte +zugleich die Armee. In dem Karthago unterworfenen Gebiet fanden +regelmaessige Aushebungen statt; die Kriegsgefangenen wurden +untergesteckt in die karthagischen Korps; von den abhaengigen Gemeinden +kam Zuzug und kamen Soeldner, soviel man begehrte. In dem langen +Kriegsleben fand der Soldat im Lager eine zweite Heimat und als Ersatz +fuer den Patriotismus den Fahnensinn und die begeisterte +Anhaenglichkeit an seine grossen Fuehrer; die ewigen Kaempfe mit den +tapferen Iberern und Kelten schufen zu der vorzueglichen numidischen +Reiterei ein brauchbares Fussvolk. + +Von Karthago aus liess man die Barkas machen. Da der Buergerschaft +regelmaessige Leistungen nicht abverlangt wurden, sondern vielmehr fuer +sie noch etwas abfiel, auch der Handel in Spanien wiederfand, was er in +Sizilien und Sardinien verloren, wurde der spanische Krieg und das +spanische Heer mit seinen glaenzenden Siegen und wichtigen Erfolgen +bald so populaer, dass es sogar moeglich ward, in einzelnen Krisen, zum +Beispiel nach Hamilkars Fall, bedeutende Nachsendungen afrikanischer +Truppen nach Spanien durchzusetzen, und die Regierungspartei wohl oder +uebel dazu schweigen oder doch sich begnuegen musste, unter sich und +gegen die Freunde in Rom auf die demagogischen Offiziere und den Poebel +zu schelten. + +Auch von Rom aus geschah nichts, um den spanischen Angelegenheiten +ernstlich eine andere Wendung zu geben. Die erste und vornehmste +Ursache der Untaetigkeit der Roemer war unzweifelhaft eben ihre +Unbekanntschaft mit den Verhaeltnissen der entlegenen Halbinsel, welche +sicher auch die Hauptursache gewesen ist, weshalb Hamilkar zur +Ausfuehrung seines Planes Spanien und nicht, wie es sonst wohl auch +moeglich gewesen waere, Afrika selbst erwaehlte. Zwar die Erklaerungen, +mit denen die karthagischen Feldherren den roemischen, um Erkundigungen +an Ort und Stelle einzuziehen nach Spanien gesandten Kommissarien +entgegenkamen, die Versicherungen, dass alles dies nur geschehe, um die +roemischen Kriegskontributionen prompt zahlen zu koennen, konnten im +Senat unmoeglich Glauben finden; allein man erkannte wahrscheinlich von +Hamilkars Plaenen nur den naechsten Zweck: fuer die Tribute und den +Handel der verlorenen Inseln in Spanien Ersatz zu schaffen, und hielt +einen Angriffskrieg der Karthager, und namentlich eine Invasion +Italiens von Spanien aus, wie das sowohl ausdrueckliche Angaben als die +ganze Lage der Sache bezeugen, fuer schlechterdings unmoeglich. Dass +unter der Friedenspartei in Karthago manche weiter sahen, versteht +sich; allein wie sie dachten, konnten sie schwerlich sehr geneigt sein, +ueber den drohenden Sturm, den zu beschwoeren die karthagischen +Behoerden laengst ausserstande waren, ihre roemischen Freunde +aufzuklaeren und damit die Krise nicht abzuwenden, sondern zu +beschleunigen; und wenn es dennoch geschah, so mochte man in Rom solche +Parteidenunziationen mit Fug sehr vorsichtig aufnehmen. Allmaehlich +allerdings musste die unbegreiflich rasche und gewaltige Ausbreitung +der karthagischen Macht in Spanien die Aufmerksamkeit und die +Besorgnisse der Roemer erwecken; wie sie ihr denn auch in den letzten +Jahren vor dem Ausbruch des Krieges in der Tat Schranken zu setzen +versuchten. Um das Jahr 528 (226) schlossen sie, ihres jungen +Hellenentums eingedenk, mit den beiden griechischen oder +halbgriechischen Staedten an der spanischen Ostkueste, Zakynthos oder +Saguntum (Murviedro unweit Valencia) und Emporiae (Ampurias) Buendnis, +und indem sie den karthagischen Feldherrn Hasdrubal davon in Kenntnis +setzten, wiesen sie ihn zugleich an, den Ebro nicht erobernd zu +ueberschreiten, was auch zugesagt ward. Es geschah dies keineswegs, um +einen Einfall in Italien auf dem Landweg zu hindern - den Feldherrn, +der diesen unternahm, konnte ein Vertrag nicht fesseln -, sondern teils +um der materiellen Macht der spanischen Karthager, die gefaehrlich zu +werden begann, eine Grenze zu stecken, teils um sich an den freien +Gemeinden zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen, die Rom damit unter +seinen Schutz nahm, einen sicheren Anhalt zu bereiten fuer den Fall, +dass eine Landung und ein Krieg in Spanien notwendig werden sollte. +Fuer den bevorstehenden Krieg mit Karthago, ueber dessen +Unvermeidlichkeit der Senat sich nie getaeuscht hat, besorgte man von +den spanischen Ereignissen schwerlich groessere Nachteile, als dass man +genoetigt werden koenne, einige Legionen nach Spanien zu senden, und +dass der Feind mit Geld und Soldaten etwas besser versehen sein werde, +als er ohne Spanien es gewesen waere - war man doch fest entschlossen, +wie der Feldzugsplan von 536 (218) beweist und wie es auch gar nicht +anders sein konnte, den naechsten Krieg in Afrika zu beginnen und zu +beendigen, womit dann ueber Spanien zugleich entschieden war. Dazu +kamen in den ersten Jahren die karthagischen Kontributionen, welche die +Kriegserklaerung abgeschnitten haette, alsdann der Tod Hamilkars, von +dem Freunde und Feinde urteilen mochten, dass seine Entwuerfe mit ihm +gestorben seien, endlich in den letzten Jahren, wo der Senat allerdings +zu begreifen anfing, dass es nicht weise sei, mit der Erneuerung des +Krieges noch lange zu zoegern, der sehr erklaerliche Wunsch, zuvor mit +den Galliern im Potal fertig zu werden, da diese, mit der Ausrottung +bedroht, voraussichtlich jeden ernstlichen Krieg, den Rom unternahm, +benutzt haben wuerden, um die transalpinischen Voelkerschaften aufs +neue nach Italien zu locken und die immer noch aeusserst gefaehrlichen +Keltenzuege zu erneuern. Dass weder Ruecksichten auf die karthagische +Friedenspartei noch auf die bestehenden Vertraege die Roemer abhielten, +versteht sich; ueberdies boten, wenn man den Krieg wollte, die +spanischen Fehden jeden Augenblick einen Vorwand dazu dar. +Unbegreiflich ist das Verhalten Roms demnach keineswegs; aber +ebensowenig laesst sich leugnen, dass der roemische Senat diese +Verhaeltnisse kurzsichtig und schlaff behandelt hat - Fehler, wie sie +seine Fuehrung der gallischen Angelegenheiten in der gleichen Zeit noch +viel unverzeihlicher aufweist. Ueberall ist die roemische Staatskunst +mehr ausgezeichnet durch Zaehigkeit, Schlauheit und Konsequenz, als +durch eine grossartige Auffassung und rasche Ordnung der Dinge, worin +ihr vielmehr die Feinde Roms von Pyrrhos bis auf Mithradates oft +ueberlegen gewesen sind. + +So gab dem genialen Entwurf Hamilkars das Glueck die Weihe. Die Mittel +zum Kriege waren gewonnen, ein starkes kampf- und sieggewohntes Heer +und eine stetig sich fuellende Kasse; aber wie fuer den Kampf der +rechte Augenblick, die rechte Richtung gefunden werden sollte, fehlte +der Fuehrer. Der Mann, dessen Kopf und Herz in verzweifelter Lage unter +einem verzweifelnden Volke den Weg zur Rettung gebahnt hatte, war nicht +mehr, als es moeglich ward, ihn zu betreten. Ob sein Nachfolger +Hasdrubal den Angriff unterliess, weil ihm der Zeitpunkt noch nicht +gekommen schien, oder ob er, mehr Staatsmann als Feldherr, sich der +Oberleitung des Unternehmens nicht gewachsen glaubte, vermoegen wir +nicht zu entscheiden. Als er im Anfang des Jahres 534 (220) von +Moerderhand gefallen war, beriefen die karthagischen Offiziere des +spanischen Heeres an seine Stelle Hamilkars aeltesten Sohn, den +Hannibal. Er war noch ein junger Mann - geboren 505 (249), also damals +im neunundzwanzigsten Lebensjahr; aber er hatte schon viel gelebt. +Seine ersten Erinnerungen zeigten ihm den Vater im entlegenen Lande +fechtend und siegend auf der Eirkte; er hatte den Frieden des Catulus, +die bittere Heimkehr des unbesiegten Vaters, die Greuel des libyschen +Krieges mit durchempfunden. Noch ein Knabe, war er dem Vater ins Lager +gefolgt; bald zeichnete er sich aus. Sein leichter und festgebauter +Koerper machte aus ihm einen vortrefflichen Laeufer und Fechter und +einen verwegenen Galoppreiter; sich den Schlaf zu versagen, griff ihn +nicht an und Speise wusste er nach Soldatenart zu geniessen und zu +entbehren. Trotz seiner im Lager verflossenen Jugend besass er die +Bildung der vornehmen Phoeniker jener Zeit; im Griechischen brachte er, +wie es scheint, erst als Feldherr, unter der Leitung seines Vertrauten +Sosilos von Sparta, es weit genug, um Staatsschriften in dieser Sprache +selber abfassen zu koennen. Wie er heranwuchs, trat er in das Heer +seines Vaters ein, um unter dessen Augen seinen ersten Waffendienst zu +tun, um ihn in der Schlacht neben sich fallen zu sehen. Nachher hatte +er unter seiner Schwester Gemahl Hasdrubal die Reiterei befehligt und +durch glaenzende persoenliche Tapferkeit wie durch sein Fuehrertalent +sich ausgezeichnet. Jetzt rief ihn, den erprobten jugendlichen General, +die Stimme seiner Kameraden an ihre Spitze und er konnte nun +ausfuehren, wofuer sein Vater und sein Schwager gelebt und gestorben. +Er trat die Erbschaft an, und er durfte es. Seine Zeitgenossen haben +auf seinen Charakter Makel mancherlei Art zu werfen versucht: den +Roemern hiess er grausam, den Karthagern habsuechtig; freilich hasste +er, wie nur orientalische Naturen zu hassen verstehen, und ein +Feldherr, dem niemals Geld und Vorraete ausgegangen sind, musste wohl +suchen zu haben. Indes, wenn auch Zorn, Neid und Gemeinheit seine +Geschichte geschrieben haben, sie haben das reine und grosse Bild nicht +zu trueben vermocht. Von schlechten Erfindungen, die sich selber +richten, und von dem abgesehen, was durch Schuld seiner +Unterfeldherren, namentlich des Hannibal Monomachos und Mago des +Samniten, in seinem Namen geschehen ist, liegt in den Berichten ueber +ihn nichts vor, was nicht unter den damaligen Verhaeltnissen und nach +dem damaligen Voelkerrecht zu verantworten waere; und darin stimmen sie +alle zusammen, dass er wie kaum ein anderer Besonnenheit und +Begeisterung, Vorsicht und Tatkraft miteinander zu vereinigen +verstanden hat. Eigentuemlich ist ihm die erfinderische +Verschmitztheit, die einen der Grundzuege des phoenikischen Charakters +bildet; er ging gern eigentuemliche und ungeahnte Wege, Hinterhalte und +Kriegslisten aller Art waren ihm gelaeufig, und den Charakter der +Gegner studierte er mit beispielloser Sorgfalt. Durch eine Spionage +ohnegleichen - er hatte stehende Kundschafter sogar in Rom - hielt er +von den Vornahmen des Feindes sich unterrichtet; ihn selbst sah man +haeufig in Verkleidungen und mit falschem Haar, dies oder jenes +auskundschaftend. Von seinem strategischen Genie zeugt jedes Blatt der +Geschichte dieser Zeit und nicht minder von seiner staatsmaennischen +Begabung, die er noch nach dem Frieden mit Rom durch seine Reform der +karthagischen Verfassung und durch den beispiellosen Einfluss +bekundete, den er als Iandfluechtiger Fremdling in den Kabinetten der +oestlichen Maechte ausuebte. Welche Macht ueber die Menschen er besass, +beweist seine unvergleichliche Gewalt ueber ein buntgemischtes und +vielsprachiges Heer, das in den schlimmsten Zeiten niemals gegen ihn +gemeutert hat. Er war ein grosser Mann; wohin er kam, ruhten auf ihm +die Blicke aller. + +Hannibal beschloss sofort nach seiner Ernennung (Fruehling 534 220) den +Beginn des Krieges. Er hatte gute Gruende, jetzt, da das Keltenland +noch in Gaerung war und ein Krieg zwischen Rom und Makedonien vor der +Tuer schien, ungesaeumt loszuschlagen und den Krieg dahin zu tragen, +wohin es ihm beliebte, bevor die Roemer ihn begannen, wie es ihnen +bequem war, mit einer Landung in Afrika. Sein Heer war bald +marschfertig, die Kasse durch einige Razzias in grossem Massstab +gefuellt; allein die karthagische Regierung zeigte nichts weniger als +Lust, die Kriegserklaerung nach Rom abgehen zu lassen. Hasdrubals, des +patriotischer Volksfuehrers Platz war in Karthago schwerer zu ersetzen +als der Platz des Feldherrn Hasdrubal in Spanien; die Partei des +Friedens hatte jetzt daheim die Oberhand und verfolgte die Fuehrer der +Kriegspartei mit politischen Prozessen. Sie, die schon Hamilkars Plaene +beschnitten und bemaengelt hatte, war keineswegs gemeint, den +unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf +Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen; und Hannibal +scheute doch davor zurueck, den Krieg in offener Widersetzlichkeit +gegen die legitimen Behoerden selber zu erklaeren; er versuchte die +Saguntiner zum Friedensbruch zu reizen; allein sie begnuegten sich, in +Rom Klage zu fuehren. Er versuchte, als darauf von Rom eine Kommission +erschien, nun diese durch schnoede Behandlung zur Kriegserklaerung zu +treiben; allein die Kommissarien sahen, wie die Dinge standen; sie +schwiegen in Spanien, um in Karthago Beschwerde zu fuehren und daheim +zu berichten, dass Hannibal schlagfertig stehe und der Krieg vor der +Tuer sei. So verfloss die Zeit; schon traf die Nachricht ein von dem +Tode des Antigonos Doson, der etwa gleichzeitig mit Hasdrubal +ploetzlich gestorben war; im italischen Kettenland ward die Gruendung +der Festungen mit verdoppelter Schnelligkeit und Energie von den +Roemern betrieben; der Schilderhebung in Illyrien schickte man in Rom +sich an, im naechsten Fruehjahr ein rasches Ende zu bereiten. Jeder Tag +war kostbar; Hannibal entschloss sich. Er meldete kurz und gut nach +Karthago, dass die Saguntiner karthagischen Untertanen, den Torboleten, +zu nahe traeten und er sie darum angreifen muesse; und ohne die Antwort +abzuwarten, begann er im Fruehjahr 535 (219) die Belagerung der mit Rom +verbuendeten Stadt, das heisst den Krieg gegen Rom. Was man in Karthago +dachte und beriet, mag man sich etwa vorstellen nach dem Eindruck, den +Yorks Kapitulation in gewissen Kreisen machte. Alle “angesehenen +Maenner”, heisst es, missbilligten den “ohne Auftrag” geschehenen +Angriff; es war die Rede von Desavouierung, von Auslieferung des +dreisten Offiziers. Aber sei es, dass im karthagischen Rat die naehere +Furcht vor dem Heer und der Menge die vor Rom ueberwog; sei es, dass +man die Unmoeglichkeit begriff, einen solchen Schritt, einmal getan, +zurueckzutun; sei es, dass die blosse Macht der Traegheit ein +bestimmtes Auftreten hinderte - man entschloss sich endlich, sich zu +nichts zu entschliessen und den Krieg, wenn nicht zu fuehren, doch +fuehren zu lassen. Sagunt verteidigte sich, wie nur spanische Staedte +sich zu verteidigen verstehen; haetten die Roemer nur einen geringen +Teil der Energie ihrer Schutzbefohlenen entwickelt und nicht waehrend +der achtmonatlichen Belagerung Sagunts mit dem elenden illyrischen +Raeuberkrieg die Zeit verdorben, so haetten sie, Herren der See und +geeigneter Landungsplaetze, sich die Schande des zugesagten und nicht +gewaehrten Schutzes ersparen und dem Krieg vielleicht eine andere +Wendung geben koennen. Indes sie saeumten, und die Stadt ward endlich +erstuermt. Wie Hannibal die Beute nach Karthago zur Verteilung sandte, +ward der Patriotismus und die Kriegslust bei vielen rege, die davon +bisher nichts gespuert hatten, und die Austeilung schnitt jede +Versoehnung mit Rom ab. Als daher nach der Zerstoerung Sagunts eine +roemische Gesandtschaft in Karthago erschien und die Auslieferung des +Feldherrn und der im Lager anwesenden Gerusiasten forderte, und als der +roemische Sprecher, die versuchte Rechtfertigung unterbrechend, die +Diskussion abschnitt und, sein Gewand zusammenfassend, sprach, dass er +darin Frieden und Krieg halte und dass die Gerusia waehlen moege, da +ermannten sich die Gerusiasten zu der Antwort, dass man es ankommen +lasse auf die Wahl des Roemers; und als dieser den Krieg bot, nahm man +ihn an (Fruehling 536 218). Hannibal, der durch den hartnaeckigen +Widerstand der Saguntiner ein volles Jahr verloren hatte, war fuer den +Winter 535/36 (219/18) wie gewoehnlich zurueckgegangen nach Cartagena, +um alles teils zum Angriff vorzubereiten, teils zur Verteidigung von +Spanien und Afrika; denn da er wie sein Vater und sein Schwager den +Oberbefehl in beiden Gebieten fuehrte, lag es ihm ob, auch zum Schutz +der Heimat die Anstalten zu treffen. Die gesamte Masse seiner +Streitkraefte betrug ungefaehr 120000 Mann zu Fuss, 16000 zu Pferd; +ferner 58 Elefanten und 32 bemannte, achtzehn unbemannte Fuenfdecker +ausser den in der Hauptstadt befindlichen Elefanten und Schiffen. Mit +Ausnahme weniger Ligurer unter den leichten Truppen gab es in diesem +karthagischen Heere Soeldner gar nicht; die Truppen bestanden ausser +einigen phoenikischen Schwadronen im wesentlichen aus den zum Dienst +ausgehobenen karthagischen Untertanen, Libyern und Spaniern. Der Treue +der letzteren sich zu versichern gab der menschenkundige Feldherr ihnen +ein Zeichen des Vertrauens, allgemeinen Urlaub waehrend des ganzen +Winters; den Libyern versprach der Feldherr, der den engherzigen +phoenikischen Sonderpatriotismus nicht teilte, eidlich das karthagische +Buergerrecht, wenn sie als Sieger nach Afrika zurueckkehren wuerden. +Indes war diese Truppenmasse nur zum Teil fuer die italische Expedition +bestimmt. Etwa 20000 Mann kamen nach Afrika, der kleinere Teil nach der +Hauptstadt und dem eigentlich phoenikischen Gebiet, der groessere an +die westliche Spitze von Afrika. Zur Deckung von Spanien blieben 12000 +Mann zu Fuss zurueck nebst 2500 Pferden und fast der Haelfte der +Elefanten, ausserdem die dort stationierte Flotte; den Oberbefehl und +das Regiment uebernahm hier Hannibals juengerer Bruder Hasdrubal. Das +unmittelbar karthagische Gebiet ward verhaeltnismaessig schwach +besetzt, da die Hauptstadt im Notfall Hilfsmittel genug bot; ebenso +genuegte in Spanien, wo neue Aushebungen sich mit Leichtigkeit +veranstalten liessen, fuer jetzt eine maessige Zahl von Fusssoldaten, +waehrend dagegen ein verhaeltnismaessig starker Teil der eigentlich +afrikanischen Waffen, der Pferde und Elefanten dort zurueckblieb. Die +Hauptsorgfalt wurde darauf gewendet, die Verbindungen zwischen Spanien +und Afrika zu sichern, weshalb in Spanien die Flotte blieb und +Westafrika von einer sehr starken Truppenmasse gehuetet ward. Fuer die +Treue der Truppen buergte, ausser den in dem festen Sagunt versammelten +Geiseln der spanischen Gemeinden, die Verlegung der Soldaten ausserhalb +ihrer Aushebungsbezirke, indem die ostafrikanische Landwehr vorwiegend +nach Spanien, die spanische nach Westafrika, die westafrikanische nach +Karthago kamen. So war fuer die Verteidigung hinreichend gesorgt. Was +den Angriff anlangt, so sollte von Karthago aus ein Geschwader von 20 +Fuenfdeckern mit 1000 Soldaten an Bord nach der italischen Westkueste +segeln und diese verheeren, ein zweites von 25 Segeln womoeglich sich +wieder in Lilybaeon festsetzen; dieses bescheidene Mass von +Anstrengungen glaubte Hannibal seiner Regierung zumuten zu koennen. Mit +der Hauptarmee beschloss er selbst in Italien einzuruecken, wie das +ohne Zweifel schon in Hamilkars urspruenglichem Plan lag. Ein +entscheidender Angriff auf Rom war nur in Italien moeglich wie auf +Karthago nur in Libyen; so gewiss Rom seinen naechsten Feldzug mit dem +letzteren begann, so gewiss durfte auch Karthago sich nicht von +vornherein entweder auf ein sekundaeres Operationsobjekt, wie zum +Beispiel Sizilien, oder gar auf die Verteidigung beschraenken - die +Niederlagen brachten in all diesen Faellen das gleiche Verderben, nicht +aber der Sieg die gleiche Frucht. + +Aber wie konnte Italien angegriffen werden? Es mochte gelingen, die +Halbinsel zu Wasser oder zu Lande zu erreichen; aber sollte der Zug +nicht ein verzweifeltes Abenteuer sein, sondern eine militaerische +Expedition mit strategischem Ziel, so bedurfte man dort einer naeheren +Operationsbasis, als Spanien oder Afrika waren. Auf eine Flotte und +eine Hafenfestung konnte Hannibal sich nicht stuetzen, da jetzt Rom das +Meer beherrschte. Aber ebensowenig bot sich in dem Gebiet der +italischen Eidgenossenschaft irgendein haltbarer Stuetzpunkt. Hatte sie +zu ganz anderen Zeiten und trotz der hellenischen Sympathien dem Stoss +des Pyrrhos gestanden, so war nicht zu erwarten, dass sie jetzt auf das +Erscheinen des phoenikischen Feldherrn hin zusammenbrechen werde; +zwischen dem roemischen Festungsnetz und der festgeschlossenen +Bundesgenossenschaft ward das Invasionsheer ohne Zweifel erdrueckt. +Einzig das Ligurer- und Keltenland konnte fuer Hannibal sein, was fuer +Napoleon in seinen sehr aehnlichen russischen Feldzuegen Polen gewesen +ist; diese, noch von dem kaum beendigten Unabhaengigkeitskampf +gaerenden Voelkerschaften, den Italikern stammfremd und in ihrer +Existenz bedroht, um die eben jetzt sich die ersten Ringe der +roemischen Festungs- und Chausseenkette legten, mussten in dem +phoenikischen Heere, das zahlreiche spanische Kelten in seinen Reihen +zaehlte, ihre Retter erkennen und ihm als erster Rueckhalt, als +Verpflegungs- und Rekrutierungsbezirk dienen. Schon waren foermliche +Vertraege mit den Boiern und Insubrern abgeschlossen, wodurch sie sich +anheischig machten, dem karthagischen Heer Wegweiser entgegenzusenden, +ihnen gute Aufnahme bei ihren Stammgenossen und Zufuhr unterwegs +auszuwirken und gegen die Roemer sich zu erheben, sowie das +karthagische Heer auf italischem Boden stehe. Eben in diese Gegend +fuehrten endlich die Beziehungen zum Osten. Makedonien, das durch den +Sieg von Sellasia seine Herrschaft im Peloponnes neu befestigt hatte, +stand mit Rom in gespannten Verhaeltnissen; Demetrios von Pharos, der +das roemische Buendnis mit dem makedonischen vertauscht hatte und von +den Roemern vertrieben worden war, lebte als Fluechtling am +makedonischen Hof, und dieser hatte den Roemern die begehrte +Auslieferung verweigert. Wenn es moeglich war, die Heere vom +Guadalquivir und vom Karasu irgendwo zu vereinigen gegen den +gemeinschaftlichen Feind, so konnte das nur am Po geschehen. So wies +alles nach Norditalien; und dass schon des Vaters Blick dahin gerichtet +gewesen, zeigt die karthagische Streifpartei, der die Roemer zu ihrer +grossen Verwunderung im Jahre 524 (230) in Ligurien begegnet waren. + +Weniger deutlich ist, warum Hannibal dem Land- vor dem Seeweg den +Vorzug gab; denn dass weder die Seeherrschaft der Roemer noch ihr Bund +mit Massalia eine Landung in Genua unmoeglich machte, leuchtet ein und +hat die Folge bewiesen. In unserer Ueberlieferung fehlen, um diese +Frage genuegend zu entscheiden, nicht wenige Faktoren, auf die es +ankommen wuerde und die sich nicht durch Vermutung ergaenzen lassen. +Hannibal hatte unter zwei Uebeln zu waehlen. Statt den ihm unbekannten +und weniger zu berechnenden Wechselfaellen der Seefahrt und des +Seekrieges sich auszusetzen, muss es ihm geratener erschienen sein, +lieber die unzweifelhaft ernstlich gemeinten Zusicherungen der Boier +und Insubrer anzunehmen, um so mehr, als auch das bei Genua gelandete +Heer noch die Berge haette ueberschreiten muessen; schwerlich konnte er +genau wissen, wie viel geringere Schwierigkeiten der Apennin bei Genua +darbietet als die Hauptkette der Alpen. War doch der Weg, den er +einschlug, die uralte Keltenstrasse, auf der viel groessere Schwaerme +die Alpen ueberstiegen hatten; der Verbuendete und Erretter des +Keltenvolkes durfte ohne Verwegenheit diesen betreten. + +So vereinigte Hannibal die fuer die grosse Armee bestimmten Truppen mit +dem Anfang der guten Jahreszeit in Cartagena; es waren ihrer 90000 Mann +zu Fuss und 12000 Reiter, darunter etwa zwei Drittel Afrikaner und ein +Drittel Spanier - die mitgefuehrten 37 Elefanten mochten mehr bestimmt +sein, den Galliern zu imponieren, als zum ernstlichen Krieg. Hannibals +Fussvolk war nicht mehr wie das, welches Xanthippos fuehrte, genoetigt, +sich hinter einen Vorhang von Elefanten zu verbergen, und der Feldherr +einsichtig genug, um dieser zweischneidigen Waffe, die ebenso oft die +Niederlage des eigenen wie die des feindlichen Heeres herbeigefuehrt +hatte, sich nur sparsam und vorsichtig zu bedienen. Mit diesem Heere +brach Hannibal im Fruehling 536 (218) von Cartagena auf gegen den Ebro. +Von den getroffenen Massregeln, namentlich den mit den Kelten +angeknuepften Verbindungen, von den Mitteln und dem Ziel des Zuges +liess er die Soldaten soviel erfahren, dass auch der Gemeine, dessen +militaerischen Instinkt der lange Krieg entwickelt haette, den klaren +Blick und die sichere Hand des Fuehrers ahnte und mit festem Vertrauen +ihm in die unbekannte Weite folgte; und die feurige Rede, in der er die +Lage des Vaterlandes und die Forderungen der Roemer vor ihnen darlegte, +die gewisse Knechtung der teuren Heimat, das schmachvolle Ansinnen der +Auslieferung des geliebten Feldherrn und seines Stabes, entflammte den +Soldaten- und den Buergersinn in den Herzen aller. + +Der roemische Staat war in einer Verfassung, wie sie auch in +festgegruendeten und einsichtigen Aristokratien wohl eintritt. Was man +wollte, wusste man wohl; es geschah auch manches, aber nichts recht +noch zur rechten Zeit. Laengst haette man Herr der Alpentore und mit +den Kelten fertig sein koennen; noch waren diese furchtbar und jene +offen. Man haette mit Karthago entweder Freundschaft haben koennen, +wenn man den Frieden von 513 (241) ehrlich einhielt, oder, wenn man das +nicht wollte, konnte Karthago laengst unterworfen sein; jener Friede +ward durch die Wegnahme Sardiniens tatsaechlich gebrochen und Karthagos +Macht liess man zwanzig Jahre hindurch sich ungestoert regenerieren. +Mit Makedonien Frieden zu halten war nicht schwer; um geringen Gewinn +hatte man diese Freundschaft verscherzt. An einem leitenden, die +Verhaeltnisse im Zusammenhang beherrschenden Staatsmann muss es gefehlt +haben; ueberall war entweder zu wenig geschehen oder zu viel. Nun +begann der Krieg, zu dem man Zeit und Ort den Feind hatte bestimmen +lassen; und im wohlbegruendeten Vollgefuehl militaerischer +Ueberlegenheit war man ratlos ueber Ziel und Gang der naechsten +Operationen. Man disponierte ueber eine halbe Million brauchbarer +Soldaten - nur die roemische Reiterei war minder gut und +verhaeltnismaessig minder zahlreich als die karthagische, jene etwa ein +Zehntel, diese ein Achtel der Gesamtzahl der ausrueckenden Truppen. Der +roemischen Flotte von 220 Fuenfdeckern, die eben aus dem Adriatischen +Meere in die Westsee zurueckfuhr, hatte keiner der von diesem Kriege +beruehrten Staaten eine entsprechende entgegenzustellen. Die +natuerliche und richtige Verwendung dieser erdrueckenden Uebermacht +ergab sich von selbst. Seit langem stand es fest, dass der Krieg +eroeffnet werden sollte mit einer Landung in Afrika; die spaetere +Wendung der Ereignisse hatte die Roemer gezwungen, eine gleichzeitige +Landung in Spanien in den Kriegsplan aufzunehmen, vornehmlich, um nicht +die spanische Armee vor den Mauern von Karthago zu finden. Nach diesem +Plan wusste man, als der Krieg durch Hannibals Angriff auf Sagunt zu +Anfang 535 (219) tatsaechlich eroeffnet war, vor allen Dingen ein +roemisches Heer nach Spanien werfen, ehe die Stadt fiel; allein man +versaeumte das Gebot des Vorteils nicht minder wie der Ehre. Acht +Monate lang hielt Sagunt sich umsonst - als die Stadt ueberging, hatte +Rom zur Landung in Spanien nicht einmal geruestet. Indes noch war das +Land zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen frei, dessen Voelkerschaften +nicht bloss die natuerlichen Verbuendeten der Roemer waren, sondern +auch von roemischen Emissaeren gleich den Saguntinern Versprechungen +schleunigen Beistandes empfangen hatten. Nach Katalonien gelangt man zu +Schiff von Italien nicht viel weniger rasch wie von Cartagena zu Lande; +wenn nach der inzwischen erfolgten foermlichen Kriegserklaerung die +Roemer wie die Phoeniker im April aufbrachen, konnte Hannibal den +roemischen Legionen an der Ebrolinie begegnen. + +Allerdings wurde denn auch der groessere Teil des Heeres und der Flotte +fuer den Zug nach Afrika verfuegbar gemacht und der zweite Konsul +Publius Cornelius Scipio an den Ebro beordert; allein er nahm sich +Zeit, und als am Po ein Aufstand ausbrach, liess er das zur +Einschiffung bereitstehende Heer dort verwenden und bildete fuer die +spanische Expedition neue Legionen. So fand Hannibal am Ebro zwar den +heftigsten Widerstand, aber nur von den Eingeborenen; mit diesen ward +er, dem unter den obwaltenden Umstaenden die Zeit noch kostbarer war +als das Blut seiner Leute, mit Verlust des vierten Teiles seiner Armee +in einigen Monaten fertig und erreichte die Linie der Pyrenaeen. Dass +durch jene Zoegerung die spanischen Bundesgenossen Roms zum zweitenmal +aufgeopfert wurden, konnte man ebenso sicher vorhersehen, als die +Zoegerung selbst sich leicht vermeiden liess; wahrscheinlich aber waere +selbst der Zug nach Italien, den man in Rom noch im Fruehling 536 (218) +nicht geahnt haben muss, durch zeitiges Erscheinen der Roemer in +Spanien abgewendet worden. Hannibal hatte keineswegs die Absicht, sein +spanisches “Koenigreich” aufgebend, sich wie ein Verzweifelter nach +Italien zu werfen; die Zeit, die er an Sagunts Erstuermung und an die +Unterwerfung Kataloniens gewandt hatte, das betraechtliche Korps, das +er zur Besetzung des neugewonnenen Gebiets zwischen dem Ebro und den +Pyrenaeen zurueckliess, beweisen zur Genuege, dass, wenn ein roemisches +Heer ihm den Besitz Spaniens streitig gemacht haette, er sich nicht +begnuegt haben wuerde, sich demselben zu entziehen; und was die +Hauptsache war, wenn die Roemer seinen Abmarsch aus Spanien auch nur um +einige Wochen zu verzoegern imstande waren, so schloss der Winter die +Alpenpaesse, ehe Hannibal sie erreichte, und die afrikanische +Expedition ging ungehindert nach ihrem Ziele ab. + +An den Pyrenaeen angelangt, entliess Hannibal einen Teil seiner Truppen +in die Heimat; eine von Anfang an beschlossene Massregel, die den +Feldherrn den Soldaten gegenueber des Erfolges sicher zeigen und dem +Gefuehl steuern sollte, dass sein Unternehmen eines von denen sei, von +welchen man nicht heimkehrt. Mit einem Heer von 50000 Mann zu Fuss und +9000 zu Pferd, lauter alten Soldaten, ward das Gebirg ohne +Schwierigkeit ueberschritten und alsdann der Kuestenweg ueber Narbonne +und Nîmes eingeschlagen durch das keltische Gebiet, das teils die +frueher angeknuepften Verbindungen, teils das karthagische Gold, teils +die Waffen dem Heere oeffneten. Erst als dieses Ende Juli Avignon +gegenueber an die Rhone gelangte, schien seiner hier ein ernstlicher +Widerstand zu warten. Der Konsul Scipio, der auf seiner Fahrt nach +Spanien in Massalia angelegt hatte (etwa Ende Juni), war dort berichtet +worden, dass er zu spaet komme und Hannibal schon nicht bloss den Ebro, +sondern auch die Pyrenaeen passiert habe. Auf diese Nachrichten, welche +zuerst die Roemer ueber die Richtung und das Ziel Hannibals aufgeklaert +zu haben scheinen, hatte der Konsul seine spanische Expedition +vorlaeufig aufgegeben und sich entschlossen, in Verbindung mit den +keltischen Voelkerschaften dieser Gegend, welche unter dem Einfluss der +Massalioten und dadurch unter dem roemischen standen, die Phoeniker an +der Rhone zu empfangen und ihnen den Uebergang ueber den Fluss und den +Einmarsch in Italien zu verwehren. Zum Glueck fuer Hannibal stand +gegenueber dem Punkte, wo er ueberzugehen gedachte, fuer jetzt nur der +keltische Landsturm, waehrend der Konsul selbst mit seinem Heer von +22000 Mann zu Fuss und 2000 Reitern noch in Massalia selbst vier +Tagemaersche stromabwaerts davon sich befand. Die Boten des gallischen +Landsturms eilten, ihn zu benachrichtigen. Hannibal sollte das Heer mit +der starken Reiterei und den Elefanten unter den Augen des Feindes und +bevor Scipio eintraf ueber den reissenden Strom fuehren; und er besass +nicht einen Nachen. Sogleich wurden auf seinen Befehl von den +zahlreichen Rhoneschiffern in der Umgegend alle ihre Barken zu jedem +Preise aufgekauft und was an Kaehnen noch fehlte, aus gefaellten +Baeumen gezimmert; und in der Tat konnte die ganze zahlreiche Armee an +einem Tage uebergesetzt werden. Waehrend dies geschah, marschierte eine +starke Abteilung unter Hanno, Bomilkars Sohn, in Gewaltmaerschen +stromaufwaerts bis zu einem zwei kleine Tagemaersche oberhalb Avignon +gelegenen Uebergangspunkt, den sie unverteidigt fanden. Hier +ueberschritten sie auf schleunig zusammengeschlagenen Floessen den +Fluss, um dann stromabwaerts sich wendend die Gallier in den Ruecken zu +fassen, die dem Hauptheer den Uebergang verwehrten. Schon am Morgen des +fuenften Tages nach der Ankunft an der Rhone, des dritten nach Hannos +Abmarsch, stiegen die Rauchsignale der entsandten Abteilung am +gegenueberliegenden Ufer auf, fuer Hannibal das sehnlich erwartete +Zeichen zum Uebergang: Eben als die Gallier, sehend, dass die +feindliche Kahnflotte in Bewegung kam, das Ufer zu besetzen eilten, +loderte ploetzlich ihr Lager hinter ihnen in Flammen auf; ueberrascht +und geteilt, vermochten sie weder dem Angriff zu stehen noch dem +Uebergang zu wehren und zerstreuten sich in eiliger Flucht. + +Scipio hielt waehrenddessen in Massalia Kriegsratsitzungen ueber die +geeignete Besetzung der Rhôneuebergaenge und liess sich nicht einmal +durch die dringenden Botschaften der Keltenfuehrer zum Aufbruch +bestimmen. Er traute ihren Nachrichten nicht und begnuegte sich, eine +schwache roemische Reiterabteilung zur Rekognoszierung auf dem linken +Rhoneufer zu entsenden. Diese traf bereits die gesamte feindliche Armee +auf dies Ufer uebergegangen und beschaeftigt, die allein noch am +rechten Ufer zurueckgebliebenen Elefanten nachzuholen; nachdem sie in +der Gegend von Avignon, um nur die Rekognoszierung beendigen zu +koennen, einigen karthagischen Schwadronen ein hitziges Gefecht +geliefert hatte - das erste, in dem die Roemer und Phoeniker in diesem +Krieg aufeinandertrafen -, machte sie sich eiligst auf den Rueckweg, um +im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Scipio brach nun Hals ueber Kopf +mit all seinen Truppen gegen Avignon auf; allein als er dort eintraf, +war selbst die zur Deckung des Uebergangs der Elefanten +zurueckgelassene karthagische Reiterei bereits seit drei Tagen +abmarschiert, und es blieb dem Konsul nichts uebrig, als mit ermuedeten +Truppen und geringem Ruhm nach Massalia heimzukehren und auf die “feige +Flucht” des Puniers zu schmaelen. So hatte man erstens zum drittenmal +durch reine Laessigkeit die Bundesgenossen und eine wichtige +Verteidigungslinie preisgegeben, zweitens, indem man nach diesem ersten +Fehler vom verkehrten Rasten zu verkehrtem Hasten ueberging und ohne +irgendeine Aussicht auf Erfolg nun doch noch tat, was mit so sicherer +einige Tage zuvor geschehen konnte, eben dadurch das wirkliche Mittel, +den Fehler wiedergutzumachen, aus den Haenden gegeben. Seit Hannibal +diesseits der Rhone im Keltenland stand, war es nicht mehr zu hindern, +dass er an die Alpen gelangte; allein wenn sich Scipio auf die erste +Kunde hin mit seinem ganzen Heer nach Italien wandte - in sieben Tagen +war ueber Genua der Po zu erreichen - und mit seinem Korps die +schwachen Abteilungen im Potal vereinigte, so konnte er wenigstens dort +dem Feind einen gefaehrlichen Empfang bereiten. Allein nicht bloss +verlor er die kostbare Zeit mit dem Marsch nach Avignon, sondern es +fehlte sogar dem sonst tuechtigen Manne, sei es der politische Mut, sei +es die militaerische Einsicht, die Bestimmung seines Korps den +Umstaenden gemaess zu veraendern; er sandte das Gros desselben unter +seinem Bruder Gnaeus nach Spanien und ging selbst mit weniger +Mannschaft zurueck nach Pisae. + +Hannibal, der nach dem Uebergang ueber die Rhone in einer grossen +Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges auseinandergesetzt +und den aus dem Potal angelangten Keltenhaeuptling Magilus selbst durch +den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen, setzte inzwischen +ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpaessen fort. Welchen derselben +er waehlte, darueber konnte weder die Kuerze des Weges noch die +Gesinnung der Einwohner zunaechst entscheiden, wenngleich er weder mit +Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlieren hatte. Den Weg musste er +einschlagen, der fuer seine Bagage, seine starke Reiterei und die +Elefanten praktikabel war und in dem ein Heer hinreichende +Subsistenzmittel, sei es im guten oder mit Gewalt, sich verschaffen +konnte - denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte, Lebensmittel +auf Saumtieren sich nachzufuehren, so konnten bei einem Heere, das +immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mann zaehlte, diese doch +notwendig nur fuer einige Tage ausreichen. Abgesehen von dem +Kuestenweg, den Hannibal nicht einschlug, nicht weil die Roemer ihn +sperrten, sondern weil er ihn von seinem Ziel abgefuehrt haben wuerde, +fuehrten in alter Zeit ^3 von Gallien nach Italien nur zwei namhafte +Alpenuebergaenge: der Pass ueber die Kottische Alpe (Mont Genèvre) in +das Gebiet der Tauriner (ueber Susa oder Fenestrelles nach Turin) und +der ueber die Graische (Kleiner St. Bernhard) in das der Salasser (nach +Aosta und Ivrea). Der erstere Weg ist der kuerzere; allein von da an, +wo er das Rhonetal verlaesst, fuehrt er in den unwegsamen und +unfruchtbaren Flusstaelern des Drak, der Romanche und der oberen +Durance durch ein schwieriges und armes Bergland und erfordert einen +mindestens sieben- bis achttaegigen Gebirgsmarsch; eine Heerstrasse hat +erst Pompeius hier angelegt, um zwischen der dies- und der jenseitigen +gallischen Provinz eine kuerzere Verbindung herzustellen. + +————————————————————————- + +^3 Der Weg ueber den Mont Cenis ist erst im Mittelalter eine +Heerstrasse geworden. Die oestlichen Paesse, wie zum Beispiel der ueber +die Poeninische Alpe oder den Grossen St. Bernhard, der uebrigens auch +erst durch Caesar und Augustus Militaerstrasse ward, kommen natuerlich +hier nicht in Betracht. + +————————————————————————- + +Der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard ist etwas laenger; allein +nachdem er die erste, das Rhonetal oestlich begrenzende Alpenwand +ueberstiegen hat, haelt er sich in dem Tale der oberen Isère, das von +Grenoble ueber Chambéry bis hart an den Fuss des Kleinen St. Bernhard, +das heisst der Hochalpenkette sich hinzieht und unter allen +Alpentaelern das breiteste, fruchtbarste und bevoelkertste ist. Es ist +ferner der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard unter allen natuerlichen +Alpenpassagen zwar nicht die niedrigste, aber bei weitem die bequemste; +obwohl dort keine Kunststrasse angelegt ist, ueberschritt auf ihr noch +im Jahre 1815 ein oesterreichisches Korps mit Artillerie die Alpen. +Dieser Weg, der bloss ueber zwei Bergkaemme fuehrt, ist endlich von den +aeltesten Zeiten an die grosse Heerstrasse aus dem keltischen in das +italische Land gewesen. Die karthagische Armee hatte also in der Tat +keine Wahl; es war ein glueckliches Zusammentreffen, aber kein +bestimmendes Motiv fuer Hannibal, dass die ihm verbuendeten keltischen +Staemme in Italien bis an den Kleinen St. Bernhard wohnten, waehrend +ihn der Weg ueber den Mont Genèvre zunaechst in das Gebiet der Tauriner +gefuehrt haben wuerde, die seit alten Zeiten mit den Insubrern in Fehde +lagen. + +So marschierte das karthagische Heer zunaechst an der Rhone hinauf +gegen das Tal der oberen Isère zu, nicht, wie man vermuten koennte, auf +dem naechsten Weg, an dem linken Ufer der unteren Isère hinauf, von +Valence nach Grenoble, sondern durch die “Insel” der Allobrogen, die +reiche und damals schon dichtbevoelkerte Niederung, die noerdlich und +westlich von der Rhone, suedlich von der Isère, oestlich von den Alpen +umfasst wird. Es geschah dies wieder deshalb, weil die naechste Strasse +durch ein unwegsames und armes Bergland gefuehrt haette, waehrend die +Insel eben und aeusserst fruchtbar ist und nur eine einfache Bergwand +sie von dem oberen Isèretal scheidet. Der Marsch an der Rhone in und +quer durch die Insel bis an den Fuss der Alpenwand war in sechzehn +Tagen vollendet; er bot geringe Schwierigkeit und auf der Insel selbst +wusste Hannibal durch geschickte Benutzung einer zwischen zwei +allobrogischen Haeuptlingen ausgebrochenen Fehde sich einen der +bedeutendsten derselben zu verpflichten, dass derselbe den Karthagern +nicht bloss durch die ganze Ebene das Geleit gab, sondern auch ihnen +die Vorraete ergaenzte und die Soldaten mit Waffen, Kleidung und +Schuhzeug versah. Allein an dem Uebergang ueber die erste Alpenkette, +die steil und wandartig emporsteigt und ueber die nur ein einziger +gangbarer Pfad (ueber den Mont du Chat beim Dorfe Chevelu) fuehrt, +waere fast der Zug gescheitert. Die allobrogische Bevoelkerung hatte +den Pass stark besetzt. Hannibal erfuhr es frueh genug, um einen +Ueberfall zu vermeiden, und lagerte am Fuss, bis nach Sonnenuntergang +die Kelten sich in die Haeuser der naechsten Stadt zerstreuten, worauf +er in der Nacht den Pass einnahm. So war die Hoehe gewonnen; allein auf +dem aeusserst steilen Weg, der von der Hoehe nach dem See von Bourget +hinabfuehrt, glitten und stuerzten die Maultiere und die Pferde. Die +Angriffe, die an geeigneten Stellen von den Kelten auf die +marschierende Armee gemacht wurden, waren weniger an sich als durch das +in Folge derselben entstehende Getuemmel sehr unbequem; und als +Hannibal sich mit seinen leichten Truppen von oben herab auf die +Allobrogen warf, wurden diese zwar ohne Muehe und mit starkem Verlust +den Berg hinuntergejagt, allein die Verwirrung, besonders in dem Train, +ward noch erhoeht durch den Laerm des Gefechts. So nach starkem Verlust +in der Ebene angelangt, ueberfiel Hannibal sofort die naechste Stadt, +um die Barbaren zu zuechtigen und zu schrecken und zugleich seinen +Verlust an Saumtieren und Pferden moeglichst wieder zu ersetzen. Nach +einem Rasttag in dem anmutigen Tal von Chambéry setzte die Armee an der +Isère hinauf ihren Marsch fort, ohne in dem breiten und reichen Grund +durch Mangel oder Angriffe aufgehalten zu werden. Erst als man am +vierten Tage eintrat in das Gebiet der Ceutronen (die heutige +Tarantaise), wo allmaehlich das Tal sich verengt, hatte man wiederum +mehr Veranlassung, auf seiner Hut zu sein. Die Ceutronen empfingen das +Heer an der Landesgrenze (etwa bei Conflans) mit Zweigen und Kraenzen, +stellten Schlachtvieh, Fuehrer und Geiseln, und wie durch Freundesland +zog man durch ihr Gebiet. Als jedoch die Truppen unmittelbar am Fuss +der Alpen angelangt waren, da wo der Weg die Isère verlaesst und durch +ein enges und schwieriges Defilee an den Bach Reclus hinauf sich zu dem +Gipfel des Bernhard emporwindet, erschien auf einmal die Landwehr der +Ceutronen teils im Ruecken der Armee, teils auf den rechts und links +den Pass einschliessenden Bergraendern, in der Hoffnung, den Tross und +das Gepaeck abzuschneiden. Allein Hannibal, dessen sicherer Takt in all +jenem Entgegenkommen der Ceutronen nichts gesehen hatte als die +Absicht, zugleich Schonung ihres Gebiets und die reiche Beute zu +gewinnen, hatte in Erwartung eines solchen Angriffs den Tross und die +Reiterei voraufgeschickt und deckte den Marsch mit dem gesamten +Fussvolk; die Absicht der Feinde wurde dadurch vereitelt, obwohl er +nicht verhindern konnte, dass sie, auf den Bergabhaengen den Marsch des +Fussvolks begleitend, ihm durch geschleuderte oder herabgerollte Steine +sehr betraechtlichen Verlust zufuegten. An dem “weissen Stein” (noch +jetzt la roche blanche), einem hohen, am Fusse des Bernhard einzeln +stehenden und den Aufweg auf denselben beherrschenden Kreidefels, +lagerte Hannibal mit seinem Fussvolk, den Abzug der die ganze Nacht +hindurch muehsam hinaufklimmenden Pferde und Saumtiere zu decken, und +erreichte unter bestaendigen, sehr blutigen Gefechten endlich am +folgenden Tage die Passhoehe. Hier, auf der geschuetzten Hochebene, die +sich um einen kleinen See, die Quelle der Doria, in einer Ausdehnung +von etwa 2½ Miglien ausbreitet, liess er die Armee rasten. Die +Entmutigung hatte angefangen, sich der Gemueter der Soldaten zu +bemaechtigen. Die immer schwieriger werdenden Wege, die zu Ende +gehenden Vorraete, die Defileenmaersche unter bestaendigen Angriffen +des unerreichbaren Feindes, die arg gelichteten Reihen, die +hoffnungslose Lage der Versprengten und Verwundeten, das nur der +Begeisterung des Fuehrers und seiner Naechsten nicht chimaerisch +erscheinende Ziel, fingen an, auch auf die afrikanischen und spanischen +Veteranen zu wirken. Indes die Zuversicht des Feldherrn blieb sich +immer gleich; zahlreiche Versprengte fanden sich wieder ein; die +befreundeten Gallier waren nah, die Wasserscheide erreicht und der dem +Bergwanderer so erfreuliche Blick auf den absteigenden Pfad eroeffnet; +nach kurzer Rast schickte man mit erneutem Mute zu dem letzten und +schwierigsten Unternehmen, dem Hinabmarsch sich an. Von Feinden ward +das Heer dabei nicht wesentlich beunruhigt; aber die vorgerueckte +Jahreszeit - man war schon im Anfang September - vertrat bei dem +Niederweg das Ungemach, das bei dem Aufweg die Ueberfaelle der Anwohner +bereitet hatten. Auf dem steilen und schluepfrigen Berghang laengs der +Doria, wo der frischgefallene Schnee die Pfade verborgen und verdorben +hatte, verirrten und glitten Menschen und Tiere und stuerzten in die +Abgruende; ja gegen das Ende des ersten Tagemarsches gelangte man an +eine Wegstrecke von etwa 200 Schritt Laenge, auf welche von den steil +darueber haengenden Felsen des Cramont bestaendig Lawinen hinabstuerzen +und wo in kalten Sommern der Schnee das ganze Jahr liegt. Das Fussvolk +kam hinueber; aber Pferde und Elefanten vermochten die glatten +Eismassen, ueber welche nur eine duenne Decke frischgefallenen Schnees +sich hinzog, nicht zu passieren und mit dem Trosse, der Reiterei und +den Elefanten nahm der Feldherr oberhalb der schwierigen Stelle das +Lager. Am folgenden Tag bahnten die Reiter durch angestrengtes Schanzen +den Weg fuer Pferde und Saumtiere; allein erst nach einer ferneren +dreitaegigen Arbeit mit bestaendiger Abloesung der Haende konnten +endlich die halbverhungerten Elefanten hinuebergefuehrt werden. So war +nach viertaegigem Aufenthalt die ganze Armee wieder vereinigt und nach +einem weiteren dreitaegigen Marsch durch das immer breiter und +fruchtbarer sich entwickelnde Tal der Doria, dessen Einwohner, die +Salasser, Klienten der Insubrer, in den Karthagern ihre Verbuendeten +und ihre Befreier begruessten, gelangte die Armee um die Mitte des +September in die Ebene von Ivrea, wo die erschoepften Truppen in den +Doerfern einquartiert wurden, um durch gute Verpflegung und eine +vierzehntaegige Rast von den beispiellosen Strapazen sich zu erholen. +Haetten die Roemer, wie sie es konnten, ein Korps von 30000 ausgeruhten +und kampffertigen Leuten etwa bei Turin gehabt und die Schlacht sofort +erzwungen, so haette es misslich ausgesehen um Hannibals grossen Plan; +zum Glueck fuer ihn waren sie wieder einmal nicht, wo sie sein sollten, +und stoerten die feindlichen Truppen nicht in der Ruhe, deren sie so +sehr bedurften ^4. + +—————————————————————- + +^4 Die vielbestrittenen topographischen Fragen, die an diese beruehmte +Expedition sich knuepfen, koennen als erledigt und im wesentlichen als +geloest gelten durch die musterhaft gefuehrte Untersuchung der Herren +Wickham und Gramer. Ueber die chronologischen, die gleichfalls +Schwierigkeiten darbieten, moegen hier ausnahmsweise einige Bemerkungen +stehen. + +Als Hannibal auf den Gipfel des Bernhard gelangte, “fingen die Spitzen +schon an, sich dicht mit Schnee zu bedecken” (Polyb. 3, 54); auf dem +Wege lag Schnee (Polyb. 3, 55), aber vielleicht groesstenteils nicht +frisch gefallener, sondern Schnee von herabgestuerzten Lawinen. Auf dem +Bernhard beginnt der Winter um Michaelis, der Schneefall im September; +als Ende August die genannten Englaender den Berg ueberstiegen, fanden +sie fast gar keinen Schnee auf ihrem Wege, aber zu beiden Seiten die +Bergabhaenge davon bedeckt. Hiernach scheint Hannibal Anfang September +auf dem Pass angelangt zu sein; womit auch wohl vereinbar ist, dass er +dort eintraf, “als schon der Winter herannahte” - denn mehr ist +ςυνάπτειν τήν τής πλειάδος δύσιν (Polyb. 3, 54) nicht, am wenigsten der +Tag des Fruehuntergangs der Plejaden (etwa 26. Oktober); vgl. C. L. +Ideler, Lehrbuch der Chronologie. Berlin 1831. Bd. 1, S. 241. + +Kam Hannibal neun Tage spaeter, also Mitte September in Italien an, so +ist auch Platz fuer die von da bis zur Schlacht an der Trebia gegen +Ende Dezember (περί χειμερινάς τροπάς Polyb. 3, 72) eingetretenen +Ereignisse, namentlich die Translokation des nach Afrika bestimmten +Heeres von Lilybaeon nach Placentia. Es passt dazu ferner, dass in +einer Heerversammlung υπό τήν εαρινήν ώραν (Polyb. 3, 34), also gegen +Ende Maerz, der Tag des Abmarsches bekannt gemacht ward und der Marsch +fuenf (oder nach App. Hisp. 7, 4 sechs) Monate waehrte. Wenn also +Hannibal Anfang September auf dem Bernhard war, so war er, da er von +der Rhone bis dahin 30 Tage gebraucht, an der Rhône Anfang August +eingetroffen, wo denn freilich Scipio, der im Anfang des Sommers +(Polyb. 3, 41), also spaetestens Anfang Juni sich einschiffte unterwegs +sich sehr verweilt oder in Massalia in seltsamer Untaetigkeit laengere +Zeit gesessen haben muss. + +—————————————————————— + +Das Ziel war erreicht, aber mit schweren Opfern. Von den 50000 zu Fuss, +den 9000 zu Ross dienenden alten Soldaten, welche die Armee nach dem +Pyrenaeenuebergang zaehlte, waren mehr als die Haelfte das Opfer der +Gefechte, der Maersche und der Flussuebergaenge geworden; Hannibal +zaehlte nach seiner eigenen Angabe jetzt nicht mehr als 20000 zu Fuss - +davon drei Fuenftel Libyer, zwei Fuenftel Spanier - und 6000 zum Teil +wohl demontierte Reiter, deren verhaeltnismaessig geringer Verlust +nicht minder fuer die Trefflichkeit der numidischen Kavallerie spricht +wie fuer die wohlueberlegte Schonung, mit der der Feldherr diese +ausgesuchte Truppe verwandte. Ein Marsch von 526 Miglien oder etwa 33 +maessigen Tagemaerschen, dessen Fortsetzung und Beendigung durch keinen +besonderen, nicht vorherzusehenden groesseren Unfall gestoert, vielmehr +nur durch unberechenbare Gluecksfaelle und noch unberechenbarere Fehler +des Feindes moeglich ward und der dennoch nicht bloss solche Opfer +kostete, sondern die Armee so strapazierte und demoralisierte, dass sie +einer laengeren Rast bedurfte, um wieder kampffaehig zu werden, ist +eine militaerische Operation von zweifelhaftem Werte, und es darf in +Frage gestellt werden, ob Hannibal sie selber als gelungen betrachtete. +Nur duerfen wir daran nicht unbedingt einen Tadel des Feldherrn +knuepfen; wir sehen wohl die Maengel des von ihm befolgten +Operationsplans, koennen aber nicht entscheiden, ob er imstande war, +sie vorherzusehen - fuehrte doch sein Weg durch unbekanntes +Barbarenland -, und ob ein anderer Plan, etwa die Kuestenstrasse +einzuschlagen oder in Cartagena oder Karthago sich einzuschiffen, ihn +geringeren Gefahren ausgesetzt haben wuerde. Die umsichtige und +meisterhafte Ausfuehrung des Planes im einzelnen ist auf jeden Fall +bewundernswert, und worauf am Ende alles ankam - sei es nun mehr durch +die Gunst des Schicksals oder sei es mehr durch die Kunst des +Feldherrn, Hamilkars grosser Gedanke, in Italien den Kampf mit Rom +aufzunehmen, war jetzt zur Tat geworden. Sein Geist ist es, der diesen +Zug entwarf; und wie Steins und Scharnhorsts Aufgabe schwieriger und +grossartiger war als die von York und Bluecher, so hat auch der sichere +Takt geschichtlicher Erinnerung das letzte Glied der grossen Kette von +vorbereitenden Taten, den Uebergang ueber die Alpen, stets mit +groesserer Bewunderung genannt als die Schlachten am Trasimenischen See +und auf der Ebene von Cannae. + + + + +KAPITEL V. +Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae + + +Durch das Erscheinen der karthagischen Armee diesseits der Alpen war +mit einem Schlag die Lage der Dinge verwandelt und der roemische +Kriegsplan gesprengt. Von den beiden roemischen Hauptarmeen war die +eine in Spanien gelandet und dort schon mit dem Feinde handgemein; sie +zurueckzuziehen, war nicht mehr moeglich. Die zweite, die unter dem +Oberbefehl des Konsuls Tiberius Sempronius nach Afrika bestimmt war, +stand gluecklicherweise noch in Sizilien; die roemische Zauderei bewies +sich hier einmal von Nutzen. Von den beiden karthagischen nach Italien +und Sizilien bestimmten Geschwadern war das erste durch den Sturm +zerstreut und einige der Schiffe desselben bei Messana von den +syrakusanischen aufgebracht worden; das zweite hatte vergeblich +versucht, Lilybaeon zu ueberrumpeln und darauf in einem Seegefecht vor +diesem Hafen den kuerzeren gezogen. Doch war das Verweilen der +feindlichen Geschwader in den italischen Gewaessern so unbequem, dass +der Konsul beschloss, bevor er nach Afrika ueberfuhr, die kleinen +Inseln um Sizilien zu besetzen und die gegen Italien operierende +karthagische Flotte zu vertreiben. Mit der Eroberung von Melite und dem +Aufsuchen des feindlichen Geschwaders, das er bei den Liparischen +Inseln vermutete, waehrend es bei Vibo (Monteleone) gelandet die +brettische Kueste brandschatzte, endlich mit der Erkundung eines +geeigneten Landungsplatzes an der afrikanischen Kueste war ihm der +Sommer vergangen, und so traf der Befehl des Senats, so schleunig wie +moeglich zur Verteidigung der Heimat zurueckzukehren, Heer und Flotte +noch in Lilybaeon. + +Waehrend also die beiden grossen, jede fuer sich der Armee Hannibals an +Zahl gleichen roemischen Armeen in weiter Ferne von dem Potal +verweilten, war man hier auf einen Angriff schlechterdings nicht +gefasst. Zwar stand dort ein roemisches Heer infolge der unter den +Kelten schon vor Ankunft der karthagischen Armee ausgebrochenen +Insurrektion. Die Gruendung der beiden roemischen Zwingburgen Placentia +und Cremona, von denen jede 6000 Kolonisten erhielt, und namentlich die +Vorbereitungen zur Gruendung von Mutina im boischen Lande hatten schon +im Fruehling 536 (218), vor der mit Hannibal verabredeten Zeit, die +Boier zum Aufstand getrieben, dem sich die Insubrer sofort anschlossen. +Die schon auf dem mutinensischen Gebiet angesiedelten Kolonisten, +ploetzlich ueberfallen, fluechteten sich in die Stadt. Der Praetor +Lucius Manlius, der in Ariminum den Oberbefehl fuehrte, eilte schleunig +mit seiner einzigen Legion herbei, um die blockierten Kolonisten zu +entsetzen; allein in den Waeldern ueberrascht, blieb ihm nach starkem +Verlust nichts anderes uebrig, als sich auf einem Huegel festzusetzen +und hiervon den Boiern sich gleichfalls belagern zu lassen, bis eine +zweite von Rom gesandte Legion unter dem Praetor Lucius Atilius Heer +und Stadt gluecklich befreite und den gallischen Aufstand fuer den +Augenblick daempfte. Dieser voreilige Aufstand der Boier, der +einerseits, insofern er Scipios Abfahrt nach Spanien verzoegerte, +Hannibals Plan wesentlich gefoerdert hatte, war anderseits die Ursache, +dass er das Potal nicht bis auf die Festungen voellig unbesetzt fand. +Allein das roemische Korps, dessen zwei stark dezimierte Legionen keine +20000 Soldaten zaehlten, hatte genug zu tun, die Kelten im Zaum zu +halten, und dachte nicht daran, die Alpenpaesse zu besetzen, deren +Bedrohung man auch in Rom erst erfuhr, als im August der Konsul Publius +Scipio ohne sein Heer von Massalia nach Italien zurueckkam, und +vielleicht selbst damals wenig beachtete, da ja das tollkuehne Beginnen +allein an den Alpen scheitern werde. Also stand in der entscheidenden +Stunde an dem entscheidenden Platz nicht einmal ein roemischer +Vorposten; Hannibal hatte volle Zeit, sein Heer auszuruhen, die +Hauptstadt der Tauriner, die ihm die Tore verschloss, nach dreitaegiger +Belagerung zu erstuermen und alle ligurischen und keltischen Gemeinden +im oberen Potal zum Buendnis zu bewegen oder zu schrecken, bevor +Scipio, der das Kommando im Potal uebernommen hatte, ihm in den Weg +trat. Dieser, dem die schwierige Aufgabe zufiel, mit einem bedeutend +geringeren, namentlich an Reiterei sehr schwachen Heer das Vordringen +der ueberlegenen feindlichen Armee auf- und die ueberall sich regende +keltische Insurrektion niederzuhalten, war, vermutlich bei Placentia, +ueber den Po gegangen und rueckte an diesem hinauf dem Feind entgegen, +waehrend Hannibal nach der Einnahme von Turin flussabwaerts +marschierte, um den Insubrern und Boiern Luft zu machen. In der Ebene +zwischen dem Ticino und der Sesia unweit Vercellae traf die roemische +Reiterei, die mit dem leichten Fussvolk zu einer forcierten +Rekognoszierung vorgegangen war, auf die zu gleichem Zwecke +ausgesendete phoenikische, beide gefuehrt von den Feldherren in Person. +Scipio nahm das angebotene Gefecht trotz der Ueberlegenheit des Feindes +an; allein sein leichtes Fussvolk, das vor der Front der Reiter +aufgestellt war, riss vor dem Stoss der feindlichen schweren Reiterei +aus und waehrend diese von vorn die roemischen Reitermassen engagierte, +nahm die leichte numidische Kavallerie, nachdem sie die zersprengten +Scharen des feindlichen Fussvolks beiseite gedraengt hatte, die +roemischen Reiter in die Flanken und den Ruecken. Dies entschied das +Gefecht. Der Verlust der Roemer war sehr betraechtlich; der Konsul +selbst, der als Soldat gutmachte, was er als Feldherr gefehlt hatte, +empfing eine gefaehrliche Wunde und verdankte seine Rettung nur der +Hingebung seines siebzehnjaehrigen Sohnes, der mutig in die Feinde +hineinsprengend seine Schwadron zwang, ihm zu folgen und den Vater +heraushieb. Scipio, durch dies Gefecht aufgeklaert ueber die Staerke +des Feindes, begriff den Fehler, den er gemacht hatte, mit einer +schwaecheren Armee sich in der Ebene mit dem Ruecken gegen den Fluss +aufzustellen und entschloss sich, unter den Augen des Gegners auf das +rechte Poufer zurueckzukehren. Wie die Operationen sich auf einen +engeren Raum zusammenzogen und die Illusionen der roemischen +Unwiderstehlichkeit von ihm wichen, fand er sein bedeutendes +militaerisches Talent wieder, das der bis zur Abenteuerlichkeit +verwegene Plan seines jugendlichen Gegners auf einen Augenblick +paralysiert hatte. Waehrend Hannibal sich zur Feldschlacht bereit +machte, gelangte Scipio durch einen rasch entworfenen und sicher +ausgefuehrten Marsch gluecklich auf das zur Unzeit verlassene rechte +Ufer des Flusses und brach die Pobruecke hinter dem Heere ab, wobei +freilich das mit der Deckung des Abbruchs beauftragte roemische +Detachement von 600 Mann abgeschnitten und gefangen wurde. Indes +konnte, da der obere Lauf des Flusses in Hannibals Haenden war, es +diesem nicht verwehrt werden, dass er stromaufwaerts marschierend auf +einer Schiffbruecke uebersetzte und in wenigen Tagen auf dem rechten +Ufer dem roemischen Heere gegenuebertrat. Dies hatte in der Ebene +vorwaerts von Placentia Stellung genommen; allein die Meuterei einer +keltischen Abteilung im roemischen Lager und die ringsum aufs neue +ausbrechende gallische Insurrektion zwang den Konsul, die Ebene zu +raeumen und sich auf den Huegeln hinter der Trebia festzusetzen, was +ohne namhaften Verlust bewerkstelligt ward, da die nachsetzenden +numidischen Reiter mit dem Pluendern und Anzuenden des verlassenen +Lagers die Zeit verdarben. In dieser starken Stellung, den linken +Fluegel gelehnt an den Apennin, den rechten an den Po und die Festung +Placentia, von vorn gedeckt durch die in dieser Jahreszeit nicht +unbedeutende Trebia, vermochte er zwar die reichen Magazine von +Clastidium (Casteggio), von dem ihn in dieser Stellung die feindliche +Armee abschnitt, nicht zu retten und die insurrektionelle Bewegung fast +aller gallischen Kantone mit Ausnahme der roemisch gesinnten Cenomanen +nicht abzuwenden. Aber Hannibals Weitermarsch war voellig gehemmt und +derselbe genoetigt, sein Lager dem roemischen gegenueber zu schlagen; +ferner hinderte die von Scipio genommene Stellung sowie die Bedrohung +der insubrischen Grenzen durch die Cenomanen die Hauptmasse der +gallischen Insurgenten, sich unmittelbar dem Feinde anzuschliessen, und +gab dem zweiten roemischen Heer, das mittlerweile von Lilybaeon in +Ariminum eingetroffen war, Gelegenheit, mitten durch das insurgierte +Land ohne wesentliche Hinderung Placentia zu erreichen und mit der +Poarmee sich zu vereinigen. Scipio hatte also seine schwierige Aufgabe +vollstaendig und glaenzend geloest. Das roemische Heer, jetzt nahe an +40000 Mann stark und dem Gegner wenn auch an Reiterei nicht gewachsen, +doch an Fussvolk wenigstens gleich, brauchte bloss da stehen zu +bleiben, wo es stand, um den Feind entweder zu noetigen, in der +winterlichen Jahreszeit den Flussuebergang und den Angriff auf das +roemische Lager zu versuchen oder sein Vorruecken einzustellen und den +Wankelmut der Gallier durch die laestigen Winterquartiere auf die Probe +zu setzen. Indes so einleuchtend dies war, so war es nicht minder +unzweifelhaft, dass man schon im Dezember stand und bei jenem Verfahren +zwar vielleicht Rom den Sieg gewann, aber nicht der Konsul Tiberius +Sempronius, der infolge von Scipios Verwundung den Oberbefehl allein +fuehrte und dessen Amtsjahr in wenigen Monaten ablief. Hannibal kannte +den Mann und versaeumte nichts, ihn zum Kampf zu reizen; die den +Roemern treugebliebenen keltischen Doerfer wurden grausam verheert und +als darueber ein Reitergefecht sich entspann, gestattete Hannibal den +Gegnern, sich des Sieges zu ruehmen. Bald darauf, an einem rauhen +regnerischen Tage, kam es, den Roemern unvermutet, zu der +Hauptschlacht. Vom fruehesten Morgen an hatten die roemischen leichten +Truppen herumgeplaenkelt mit der leichten Reiterei der Feinde; diese +wich langsam, und hitzig eilten die Roemer ihr nach durch die +hochangeschwollene Trebia, den errungenen Vorteil zu verfolgen. +Ploetzlich standen die Reiter; die roemische Vorhut fand sich auf dem +von Hannibal gewaehlten Schlachtfeld seiner zur Schlacht geordneten +Armee gegenueber - sie war verloren, wenn nicht das Gros der Armee +schleunigst ueber den Bach folgte. Hungrig, ermuedet und durchnaesst +kamen die Roemer an und eilten sich, in Reihe und Glied zu stellen; die +Reiter wie immer auf den Fluegeln, das Fussvolk im Mitteltreffen. Die +leichten Truppen, die auf beiden Seiten die Vorhut bildeten, begannen +das Gefecht; allein die roemischen hatten fast schon gegen die Reiterei +sich verschossen und wichen sofort, ebenso auf den Fluegeln die +Reiterei, welche die Elefanten von vorn bedraengten und die weit +zahlreicheren karthagischen Reiter links und rechts ueberfluegelten. +Aber das roemische Fussvolk bewies sich seines Namens wert; es focht zu +Anfang der Schlacht mit der entschiedensten Ueberlegenheit gegen die +feindliche Infanterie, und selbst als die Zurueckdraengung der +roemischen Reiter der feindlichen Kavallerie und den Leichtbewaffneten +gestattete, ihre Angriffe gegen das roemische Fussvolk zu kehren, stand +dasselbe zwar vom Vordringen ab, aber zum Weichen war es nicht zu +bringen. Da ploetzlich erschien eine auserlesene karthagische Schar, +1000 Mann zu Fuss und ebensoviele zu Pferd unter der Fuehrung von Mago, +Hannibals juengstem Bruder, aus einem Hinterhalt in dem Ruecken der +roemischen Armee und hieb ein in die dicht verwickelten Massen. Die +Fluegel der Armee und die letzten Glieder des roemischen Zentrums +wurden durch diesen Angriff aufgeloest und zersprengt. Das erste +Treffen, 10000 Mann stark, durchbrach, sich eng zusammenschliessend, +die karthagische Linie und bahnte mitten durch die Feinde sich +seitwaerts einen Ausweg, der der feindlichen Infanterie, namentlich den +gallischen Insurgenten teuer zu stehen kam; diese tapfere Truppe +gelangte also, nur schwach verfolgt, nach Placentia. Die uebrige Masse +ward zum groessten Teil bei dem Versuch, den Fluss zu ueberschreiten, +von den Elefanten und den leichten Truppen des Feindes niedergemacht; +nur ein Teil der Reiterei und einige Abteilungen des Fussvolks +vermochten den Fluss durchwatend das Lager zu gewinnen, wohin ihnen die +Karthager nicht folgten, und erreichten von da gleichfalls Placentia +^1. Wenige Schlachten machen dem roemischen Soldaten mehr Ehre als +diese an der Trebia und wenige zugleich sind eine schwerere Anklage +gegen den Feldherrn, der sie schlug; obwohl der billig Urteilende nicht +vergessen wird, dass die an einem bestimmten Tage ablaufende +Feldhauptmannschaft eine unmilitaerische Institution war und von Dornen +sich einmal keine Feigen ernten lassen. Auch den Siegern kam der Sieg +teuer zu stehen. Wenngleich der Verlust im Kampfe hauptsaechlich auf +die keltischen Insurgenten gefallen war, so erlagen doch nachher den +infolge des rauhen und nassen Wintertages entstandenen Krankheiten eine +Menge von Hannibals alten Soldaten und saemtliche Elefanten bis auf +einen einzigen. + +—————————————————————- + +^1 Polybios’ Bericht ueber die Schlacht an der Trebia ist vollkommen +klar. Wenn Placentia auf dem rechten Ufer der Trebia an deren Muendung +in den Po lag, und wenn die Schlacht auf dem linken Ufer geliefert +ward, waehrend das roemische Lager auf dem rechten geschlagen war - was +beides wohl bestritten worden, aber nichtsdestoweniger unbestreitbar +ist -, so mussten allerdings die roemischen Soldaten, ebensogut um +Placentia wie um das Lager zu gewinnen, die Trebia passieren. Allein +bei dem Uebergang in das Lager haetten sie durch die aufgeloesten Teile +der eigenen Armee und durch das feindliche Umgehungskorps sich den Weg +bahnen und dann fast im Handgemenge mit dem Feinde den Fluss +ueberschreiten muessen. Dagegen ward der Uebergang bei Placentia +bewerkstelligt, nachdem die Verfolgung nachgelassen hatte, das Korps +mehrere Meilen vom Schlachtfeld entfernt und im Bereiche einer +roemischen Festung angelangt war; es kann sogar sein, obwohl es sich +nicht beweisen laesst, dass hier eine Bruecke ueber die Trebia fuehrte +und der Brueckenkopf am anderen Ufer von der placentinischen Garnison +besetzt war. Es ist einleuchtend, dass die erste Passage ebenso +schwierig wie die zweite leicht war und Polybios also, Militaer wie er +war, mit gutem Grunde von dem Korps der Zehntausend bloss sagt, dass es +in geschlossenen Kolonnen nach Placentia sich durchschlug (3, 74, 6), +ohne des hier gleichgueltigen Uebergangs ueber den Fluss zu gedenken. + +Die Verkehrtheit der Livianischen Darstellung, welche das phoenikische +Lager auf das rechte, das roemische auf das linke Ufer der Trebia +verlegt, ist neuerdings mehrfach hervorgehoben worden. Es mag nur noch +daran erinnert werden, dass die Lage von Clastidium bei dem heutigen +Casteggio jetzt durch Inschriften festgestellt ist (Orelli-Henzen +5117). + +————————————————————— + +Die Folge dieses ersten Sieges der Invasionsarmee war, dass die +nationale Insurrektion sich nun im ganzen Kettenland ungestoert erhob +und organisierte. Die Ueberreste der roemische Poarmee warfen sich in +die Festungen Placentia und Cremona; vollstaendig abgeschnitten von der +Heimat, mussten sie ihre Zufuhren auf dem Fluss zu Wasser beziehen. Nur +wie durch ein Wunder entging der Konsul Tiberius Sempronius der +Gefangenschaft, als er mit einem schwachen Reitertrupp der Wahlen wegen +nach Rom ging. Hannibal, der nicht durch weitere Maersche in der rauben +Jahreszeit die Gesundheit seiner Truppen aufs Spiel setzen wollte, +bezog, wo er war, das Winterbiwak und begnuegte sich, da ein +ernstlicher Versuch auf die groesseren Festungen zu nichts gefuehrt +haben wuerde, durch Angriffe auf den Flusshafen von Placentia und +andere kleinere roemische Positionen den Feind zu necken. +Hauptsaechlich beschaeftigte er sich damit, den gallischen Aufstand zu +organisieren; ueber 60000 Fusssoldaten und 4000 Berittene sollen von +den Kelten sich seinem Heer angeschlossen haben. + +Fuer den Feldzug des Jahres 537 (217) wurden in Rom keine +ausserordentlichen Anstrengungen gemacht; der Senat betrachtete, und +nicht mit Unrecht, trotz der verlorenen Schlacht die Lage noch +keineswegs als ernstlich gefahrvoll. Ausser den Kuestenbesatzungen, die +nach Sardinien, Sizilien und Tarent, und den Verstaerkungen, die nach +Spanien abgingen, erhielten die beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius +und Gnaeus Servilius nur soviel Mannschaft, als noetig war, um die vier +Legionen wieder vollzaehlig zu machen; einzig die Reiterei wurde +verstaerkt. Sie sollten die Nordgrenze decken und stellten sich deshalb +an den beiden Kunststrassen auf, die von Rom nach Norden fuehrten, und +von denen die westliche damals bei Arretium, die oestliche bei Ariminum +endigte; jene besetzte Gaius Flaminius, diese Gnaeus Servilius. Hier +zogen sie die Truppen aus den Pofestungen, wahrscheinlich zu Wasser, +wieder an sich und erwarteten den Beginn der besseren Jahreszeit, um in +der Defensive die Apenninpaesse zu besetzen und, zur Offensive +uebergehend, in das Potal hinabzusteigen und etwa bei Placentia sich +die Hand zu reichen. Allein Hannibal hatte keineswegs die Absicht, das +Potal zu verteidigen. Er kannte Rom besser vielleicht, als die Roemer +selbst es kannten, und wusste sehr genau, wie entschieden er der +Schwaechere war und es blieb trotz der glaenzenden Schlacht an der +Trebia; er wusste auch, dass sein letztes Ziel, die Demuetigung Roms, +von dem zaehen roemischen Trotz weder durch Schreck noch durch +Ueberraschung zu erreichen sei, sondern nur durch die tatsaechliche +Ueberwaeltigung der stolzen Stadt. Es lag klar am Tage, wie unendlich +ihm, dem von daheim nur unsichere und unregelmaessige Unterstuetzung +zukam und der in Italien zunaechst nur auf das schwankende und +latinische Kelterwolk sich zu lehnen vermochte, die italische +Eidgenossenschaft an politischer Festigkeit und an militaerischen +Hilfsmitteln ueberlegen war; und wie tief trotz aller angewandten Muehe +der phoenikische Fusssoldat unter dem Legionaer taktisch stand, hatte +die Defensive Scipios und der glaenzende Rueckzug der geschlagenen +Infanterie an der Trebia vollkommen erwiesen. Aus dieser Einsicht +flossen die beiden Grundgedanken, die Hannibals ganze Handlungsweise in +Italien bestimmt haben: den Krieg mit stetem Wechsel des +Operationsplans und des Schauplatzes, gewissermassen abenteuernd zu +fuehren, die Beendigung desselben aber nicht von den militaerischen +Erfolgen, sondern von den politischen, von der allmaehlichen Lockerung +und der endlichen Sprengung der italischen Eidgenossenschaft zu +erwarten. Jene Fuehrung war notwendig, weil das einzige, was Hannibal +gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu werfen hatte, sein +militaerisches Genie nur dann vollstaendig ins Gewicht fiel, wenn er +seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen deroutierte, und er +verloren war, sowie der Krieg zum Stehen kam. Dieses Ziel war das von +der richtigen Politik ihm gebotene, weil er, der gewaltige +Schlachtensieger, sehr deutlich einsah, dass er jedesmal die Generale +ueberwand und nicht die Stadt, und nach jeder neuen Schlacht die Roemer +den Karthagern ebenso ueberlegen blieben, wie er den roemischen +Feldherren. Dass Hannibal selbst auf dem Gipfel des Gluecks sich nie +hierueber getaeuscht hat, ist bewunderungswuerdiger als seine +bewundertsten Schlachten. + +Dies und nicht die Bitten der Gallier um Schonung ihres Landes, die ihn +nicht bestimmen durften, ist auch die Ursache, warum Hannibal seine +neugewonnene Operationsbasis gegen Italien jetzt gleichsam fallen liess +und den Kriegsschauplatz nach Italien selbst verlegte. Vorher hiess er +alle Gefangenen sich vorfuehren. Die Roemer liess er aussondern und mit +Sklavenfesseln belasten - dass Hannibal alle waffenfaehigen Roemer, die +ihm hier und sonst in die Haende fielen, habe niedermachen lassen, ist +ohne Zweifel mindestens stark uebertrieben; dagegen wurden die +saemtlichen italischen Bundesgenossen ohne Loesegeld entlassen, um +daheim zu berichten, dass Hannibal nicht gegen Italien Krieg fuehre, +sondern gegen Rom; dass er jeder italischen Gemeinde die alte +Unabhaengigkeit und die alten Grenzen wieder zusichere und dass den +Befreiten der Befreier auf dem Fusse folge als Retter und als Raecher. +In der Tat bracher, da der Winter zu Ende ging, aus dem Potal auf, um +sich einen Weg durch die schwierigen Defileen des Apennin zu suchen. +Gaius Flaminius mit der etruskischen Armee stand vorlaeufig noch bei +Arezzo, um von hier aus zur Deckung des Arnotales und der Apenninpaesse +etwa nach Lucca abzuruecken, sowie es die Jahreszeit erlaubte. Allein +Hannibal kam ihm zuvor. Der Apenninuebergang ward in moeglichst +westlicher Richtung, das heisst moeglichst weit vom Feinde, ohne grosse +Schwierigkeit bewerkstelligt; allein die sumpfigen Niederungen zwischen +dem Serchio und dem Arno waren durch die Schneeschmelze und die +Fruehlingsregen so ueberstaut, dass die Armee vier Tage im Wasser zu +marschieren hatte, ohne auch nur zur naechtlichen Rast einen anderen +trockenen Platz zu finden, als den das zusammengehaeufte Gepaeck und +die gefallenen Saumtiere darboten. Die Truppen litten unsaeglich, +namentlich das gallische Fussvolk, das hinter dem karthagischen in den +schon grundlosen Wegen marschierte; es murrte laut und waere ohne +Zweifel in Masse ausgerissen, wenn nicht die karthagische Reiterei +unter Mago, die den Zug beschloss, ihm die Flucht unmoeglich gemacht +haette. Die Pferde, unter denen die Klauenseuche ausbrach, fielen +haufenweise; andere Seuchen dezimierten die Soldaten; Hannibal selbst +verlor infolge einer Entzuendung das eine Auge. Indes das Ziel ward +erreicht; Hannibal lagerte bei Fiesole, waehrend Gaius Flaminius noch +bei Arezzo abwartete, dass die Wege gangbar wuerden, um sie zu sperren. +Nachdem die roemische Defensivstellung somit umgangen war, konnte der +Konsul, der vielleicht stark genug gewesen waere, um die Bergpaesse zu +verteidigen, aber sicher nicht imstande war, Hannibal jetzt im offenen +Felde zu stehen, nichts Besseres tun als warten, bis das zweite, nun +bei Ariminum voellig ueberfluessig gewordene Heer herankam. Indes er +selber urteilte anders. Er war ein politischer Parteifuehrer, durch +seine Bemuehungen, die Macht des Senats zu beschraenken, in die Hoehe +gekommen, durch die gegen ihn waehrend seiner Konsulate gesponnenen +aristokratischen Intrigen auf die Regierung erbittert, durch die wohl +gerechtfertigte Opposition gegen deren parteilichen Schlendrian +fortgerissen zu trotziger Ueberhebung ueber Herkommen und Sitte, +berauscht zugleich von der blinden Liebe des gemeinen Mannes und ebenso +sehr von dem bitteren Hass der Herrenpartei, und ueber alles dies mit +der fixen Idee behaftet, dass er ein militaerisches Genie sei. Sein +Feldzug gegen die Insubrer von 531 (223), der fuer unbefangene Urteiler +nur bewies, dass tuechtige Soldaten oefters gutmachen, was schlechte +Generale verderben, galt ihm und seinen Anhaengern als der +unumstoessliche Beweis, dass man nur den Gaius Flaminius an die Spitze +des Heeres zu stellen brauche, um dem Hannibal ein schnelles Ende zu +bereiten. Solche Reden hatten ihm das zweite Konsulat verschafft, und +solche Hoffnungen hatten jetzt eine derartige Menge von unbewaffneten +Beutelustigen in sein Lager gefuehrt, dass deren Zahl nach der +Versicherung nuechterner Geschichtschreiber die der Legionarier +ueberstieg. Zum Teil hierauf gruendete Hannibal seinen Plan. Weit +entfernt, ihn anzugreifen, marschierte er an ihm vorbei und liess durch +die Kelten, die das Pluendern gruendlich verstanden, und die zahlreiche +Reiterei die Landschaft rings umher brandschatzen. Die Klagen und die +Erbitterung der Menge, die sich musste auspluendern lassen unter den +Augen des Helden, der sie zu bereichern versprochen; das Bezeigen des +Feindes, dass er ihm weder die Macht noch den Entschluss zutraue, vor +der Ankunft seines Kollegen etwas zu unternehmen, mussten einen solchen +Mann bestimmen, sein strategisches Genie zu entwickeln und dem +unbesonnenen hochmuetigen Feind eine derbe Lektion zu erteilen. Nie ist +ein Plan vollstaendiger gelungen. Eilig folgte der Konsul dem Marsch +des Feindes, der an Arezzo vorueber langsam durch das reiche Chianatal +gegen Perugia zog; er erreichte ihn in der Gegend von Cortona, wo +Hannibal, genau unterrichtet von dem Marsch seines Gegners, volle Zeit +gehabt hatte, sein Schlachtfeld zu waehlen, ein enges Defilee zwischen +zwei steilen Bergwaenden, das am Ausgang ein hoher Huegel, am Eingang +der Trasimenische See schloss. Mit dem Kern seiner Infanterie verlegte +er den Ausweg; die leichten Truppen und die Reiterei stellten zu beiden +Seiten verdeckt sich auf. Unbedenklich rueckten die roemischen Kolonnen +in den unbesetzten Pass; der dichte Morgennebel verbarg ihnen die +Stellung des Feindes. Wie die Spitze des roemischen Zuges sich dein +Huegel naeherte, gab Hannibal das Zeichen zur Schlacht; zugleich +schloss die Reiterei, hinter den Huegeln vorrueckend, den Eingang des +Passes und auf den Raendern rechts und links zeigten die verziehenden +Nebel ueberall phoenikische Waffen. Es war kein Treffen, sondern nur +eine Niederlage. Was ausserhalb des Defilees geblieben war, wurde von +den Reitern in den See gesprengt, der Hauptzug in dem Passe selbst fast +ohne Gegenwehr vernichtet und die meisten, darunter der Konsul selbst, +in der Marschordnung niedergehauen. Die Spitze der roemischen +Heersaeule, 6000 Mann zu Fuss schlugen sich zwar durch das feindliche +Fussvolk durch und bewiesen wiederum die unwiderstehliche Gewalt der +Legionen; allein abgeschnitten und ohne Kunde von dem uebrigen Heer, +marschierten sie aufs Geratewohl weiter, wurden am folgenden Tag auf +einem Huegel, den sie besetzt hatten, von einem karthagischen +Reiterkorps umzingelt und da die Kapitulation, die ihnen freien Abzug +versprach, von Hannibal verworfen ward, saemtlich als kriegsgefangen +behandelt. 15000 Roemer waren gefallen, ebenso viele gefangen, das +heisst das Heer war vernichtet; der geringe karthagische Verlust - 1500 +Mann - traf wieder vorwiegend die Gallier ^2. Und als waere dies nicht +genug, so ward gleich nach der Schlacht am Trasimenischen See die +Reiterei des ariminensischen Heeres unter Gaius Centenius, 4000 Mann +stark, die Gnaeus Servilius, selber langsam nachrueckend, vorlaeufig +seinem Kollegen zu Hilfe sandte, gleichfalls von dem phoenikischen Heer +umzingelt und teils niedergemacht, teils gefangen. Ganz Etrurien war +verloren und ungehindert konnte Hannibal auf Rom marschieren. Dort +machte man sich auf das Aeusserste gefasst; man brach die Tiberbruecken +ab und ernannte den Quintus Fabius Maximus zum Diktator, um die Mauern +instand zu setzen und die Verteidigung zu leiten, fuer welche ein +Reserveheer gebildet ward. Zugleich wurden zwei neue Legionen anstatt +der vernichteten unter die Waffen gerufen und die Flotte, die im Fall +einer Belagerung wichtig werden konnte, instand gesetzt. + +———————————————————————- + +^2 Das Datum der Schlacht, 23. Juni nach dem unberichtigten Kalender, +muss nach dem berichtigten etwa in den April fallen, da Quintus Fabius +seine Diktatur nach sechs Monaten in der Mitte des Herbstes (Liv. 22, +31, 7; 32, 1) niederlegte, also sie etwa Anfang Mai antrat. Die +Kalenderverwirrung war schon in dieser Zeit in Rom sehr arg. + +———————————————————————— + +Allein Hannibal sah weiter als Koenig Pyrrhos. Er marschierte nicht auf +Rom; auch nicht gegen Gnaeus Servilius, der, ein tuechtiger Feldherr, +seine Armee mit Hilfe der Festungen an der Nordstrasse auch jetzt +unversehrt erhalten und vielleicht den Gegner sich gegenueber +festgehalten haben wuerde. Es geschah wieder einmal etwas ganz +Unerwartetes. An der Festung Spoletium vorbei, deren Ueberrumpelung +fehlschlug, marschierte Hannibal durch Umbrien, verheerte entsetzlich +das ganz mit roemischen Bauernhoefen bedeckte picenische Gebiet und +machte Halt an den Ufern des Adriatischen Meeres. Menschen und Pferde +in seinem Heer hatten noch die Nachwehen der Fruehlingskampagne nicht +verwunden; hier hielt er eine laengere Rast, um in der anmutigen Gegend +und der schoenen Jahreszeit sein Heer sich erholen zu lassen und sein +libysches Fussvolk in roemischer Weise zu reorganisieren, wozu die +Masse der erbeuteten roemischen Waffen ihm die Mittel darbot. Von hier +aus knuepfte er ferner die lange unterbrochenen Verbindungen mit der +Heimat wieder an, indem er zu Wasser seine Siegesbotschaften nach +Karthago sandte. Endlich, als sein Heer hinreichend sich +wiederhergestellt hatte und der neue Waffendienst genugsam geuebt war, +brach er auf und marschierte langsam an der Kueste hinab in das +suedliche Italien hinein. + +Er hatte richtig gerechnet, als er zu dieser Umgestaltung der +Infanterie sich jetzt entschloss; die Ueberraschung der bestaendig +eines Angriffs auf die Hauptstadt gewaertigen Gegner liess ihm +mindestens vier Wochen ungestoerter Musse zur Verwirklichung des +beispiellos verwegenen Experiments, im Herzen des feindlichen Landes +mit einer noch immer verhaeltnismaessig geringen Armee sein +militaerisches System vollstaendig zu aendern und den Versuch zu +machen, den unbesiegbaren italischen afrikanische Legionen +gegenueberzustellen. Allein seine Hoffnung, dass die Eidgenossenschaft +nun anfangen werde, sich zu lockern, erfuellte sich nicht. Auf die +Etrusker, die schon ihre letzten Unabhaengigkeitskriege vorzugsweise +mit gallischen Soeldnern gefuehrt hatten, kam es hierbei am wenigsten +an; der Kern der Eidgenossenschaft, namentlich in militaerischer +Hinsicht, waren naechst den latinischen die sabellischen Gemeinden, und +mit gutem Grund hatte Hannibal jetzt diesen sich genaehert. Allein eine +Stadt nach der andern schloss ihre Tore; nicht eine einzige italische +Gemeinde machte Buendnis mit dem Phoeniker. Damit war fuer die Roemer +viel, ja alles gewonnen; indes man begriff in der Hauptstadt, wie +unvorsichtig es sein wuerde, die Treue der Bundesgenossen auf eine +solche Probe zu stellen, ohne dass ein roemisches Heer das Feld hielt. +Der Diktator Quintus Fabius zog die beiden in Rom gebildeten +Ersatzlegionen und das Heer von Ariminum zusammen, und als Hannibal an +der roemischen Festung Luceria vorbei gegen Arpi marschierte, zeigten +sich in seiner rechten Flanke bei Aeca die roemischen Feldzeichen. Ihr +Fuehrer indes verfuhr anders als seine Vorgaenger. Quintus Fabius war +ein hochbejahrter Mann, von einer Bedachtsamkeit und Festigkeit, die +nicht wenigen als Zauderei und Eigensinn erschien; ein eifriger +Verehrer der guten alten Zeit, der politischen Allmacht des Senats und +des Buergermeisterkommandos erwartete er das Heil des Staates naechst +Opfern und Gebeten von der methodischen Kriegfuehrung. Politischer +Gegner des Gaius Flaminius und durch die Reaktion gegen dessen +toerichte Kriegsdemagogie an die Spitze der Geschaefte gerufen, ging er +ins Lager ab, ebenso fest entschlossen, um jeden Preis eine +Hauptschlacht zu vermeiden, wie sein Vorgaenger, um jeden Preis eine +solche zu liefern, und ohne Zweifel ueberzeugt, dass die ersten +Elemente der Strategik Hannibal verbieten wuerden vorzuruecken, solange +das roemische Heer intakt ihm gegenueberstehe, und dass es also nicht +schwer halten werde, die auf das Fouragieren angewiesene feindliche +Armee im kleinen Gefecht zu schwaechen und allmaehlich auszuhungern. +Hannibal, wohlbedient von seinen Spionen in Rom und im roemischen Heer, +erfuhr den Stand der Dinge sofort und richtete wie immer seinen +Feldzugsplan ein nach der Individualitaet des feindlichen Anfuehrers. +An dem roemischen Heer vorbei marschierte er ueber den Apennin in das +Herz von Italien nach Benevent, nahm die offene Stadt Telesia an der +Grenze von Samnium und Kampanien und wandte sich von da gegen Capua, +das als die bedeutendste unter allen von Rom abhaengigen italischen +Staedten und die einzige Rom einigermassen ebenbuertige darum den Druck +des roemischen Regiments schwerer als irgendeine andere empfand. Er +hatte dort Verbindungen angeknuepft, die den Abfall der Kampaner vom +roemischen Buendnis hoffen liessen: allein diese Hoffnung schlug ihm +fehl. So wieder rueckwaerts sich wendend schlug er die Strasse nach +Apulien ein. Der Diktator war waehrend dieses ganzen Zuges der +karthagischen Armee auf die Hoehen gefolgt und hatte seine Soldaten zu +der traurigen Rolle verurteilt, mit den Waffen in der Hand zuzusehen, +wie die numidischen Reiter weit und breit die treuen Bundesgenossen +pluenderten und in der ganzen Ebene die Doerfer in Flammen aufgingen. +Endlich eroeffnete er der erbitterten roemischen Armee die sehnlich +herbeigewuenschte Gelegenheit, an den Feind zu kommen. Wie Hannibal den +Rueckmarsch angetreten, sperrte ihm Fabius den Weg bei Casilinum (dem +heutigen Capua), indem er auf dem linken Ufer des Volturnus diese Stadt +stark besetzte und auf dem rechten die kroenenden Hoehen mit seiner +Hauptarmee einnahm, waehrend eine Abteilung von 4000 Mann auf der am +Fluss hinfuehrenden Strasse selbst sich lagerte. Allein Hannibal hiess +seine Leichtbewaffneten die Anhoehen, die unmittelbar neben der Strasse +sich erhoben, erklimmen und von hier aus eine Anzahl Ochsen mit +angezuendeten Reisbuendeln auf den Hoernern vortreiben, so dass es +schien, als zoege dort die karthagische Armee in naechtlicher Weile bei +Fackelschein ab. Die roemische Abteilung, die die Strasse sperrte, sich +umgangen und die fernere Deckung der Strasse ueberfluessig waehnend, +zog sich seitwaerts auf dieselben Anhoehen; auf der dadurch +freigewordenen Strasse zog Hannibal dann mit dem Gros seiner Armee ab, +ohne dem Feind zu begegnen, worauf er am anderen Morgen ohne Muehe und +mit starkem Verlust fuer die Roemer seine leichten Truppen degagierte +und zuruecknahm. Ungehindert setzte Hannibal darauf seinen Marsch in +nordoestlicher Richtung fort und kam auf weiten Umwegen, nachdem er die +Landschaften der Hirpiner, Kampaner, Samniten, Paeligner und Frentaner +ohne Widerstand durchzogen und gebrandschatzt hatte, mit reicher Beute +und voller Kasse wieder in der Gegend von Luceria an, als dort eben die +Ernte beginnen sollte. Nirgend auf dem weiten Marsch hatte er taetigen +Widerstand, aber nirgend auch Bundesgenossen gefunden. Wohl erkennend, +dass ihm nichts uebrig blieb, als sich auf Winterquartiere im offenen +Felde einzurichten, begann er die schwierige Operation, den +Winterbedarf des Heeres durch dieses selbst von den Feldern der Feinde +einbringen zu lassen. Die weite, groesstenteils flache nordapulische +Landschaft, die Getreide und Futter im Ueberfluss darbot und von seiner +ueberlegenen Reiterei gaenzlich beherrscht werden konnte, hatte er +hierzu sich ausersehen. Bei Gerunium, fuenf deutsche Meilen noerdlich +von Luceria, ward ein verschanztes Lager angelegt, aus dem zwei Drittel +des Heeres taeglich zum Einbringen der Vorraete ausgesendet wurden, +waehrend Hannibal mit dem Rest Stellung nahm, um das Lager und die +ausgesendeten Detachements zu decken. Der Reiterfuehrer Marcus +Minucius, der im roemischen Lager in Abwesenheit des Diktators den +Oberbefehl stellvertretend fuehrte, hielt die Gelegenheit geeignet, um +naeher an den Feind heranzuruecken und bezog ein Lager im larinatischen +Gebiet, wo er auch teils durch seine blosse Anwesenheit die +Detachierungen und dadurch die Verproviantierung des feindlichen Heeres +hinderte, teils in einer Reihe gluecklicher Gefechte, die seine Truppen +gegen einzelne phoenikische Abteilungen und sogar gegen Hannibal selbst +bestanden, die Feinde aus ihren vorgeschobenen Stellungen verdraengte +und sie noetigte, sich bei Gerunium zu konzentrieren. Auf die Nachricht +von diesen Erfolgen, die begreiflich bei der Darstellung nicht +verloren, brach in der Hauptstadt der Sturm gegen Quintus Fabius los. +Er war nicht ganz ungerechtfertigt. So weise es war, sich +roemischerseits verteidigend zu verhalten und den Haupterfolg von dem +Abschneiden der Subsistenzmittel des Feindes zu erwarten, so war es +doch ein seltsames Verteidigungs- und Aushungerungssystem, das dem +Feind gestattete, unter den Augen einer an Zahl gleichen roemischen +Armee ganz Mittelitalien ungehindert zu verwuesten und durch eine +geordnete Fouragierung im groessten Massstab sich fuer den Winter +hinreichend zu verproviantieren. So hatte Publius Scipio, als er im +Potal kommandierte, die defensive Haltung nicht verstanden, und der +Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei Casilinum auf eine +Weise gescheitert, die den staedtischen Spottvoegeln reichlichen Stoff +gab. Es war bewundernswert, dass die italischen Gemeinden nicht +wankten, als ihnen Hannibal die Ueberlegenheit der Phoeniker, die +Nichtigkeit der roemischen Hilfe so fuehlbar dartat; allein wie lange +konnte man ihnen zumuten, die zwiefache Kriegslast zu ertragen und sich +unter den Augen der roemischen Truppen und ihrer eigenen Kontingente +auspluendern zu lassen? Endlich, was das roemische Heer anlangte, so +konnte man nicht sagen, dass es den Feldherrn zu dieser Kriegfuehrung +noetigte; es bestand seinem Kerne nach aus den tuechtigen Legionen von +Ariminum und daneben aus einberufener, groesstenteils ebenfalls +dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt, durch die letzten +Niederlagen entmutigt zu sein, war es erbittert ueber die wenig +ehrenvolle Aufgabe, die sein Feldherr, “Hannibals Lakai”, ihm zuwies, +und verlangte mit lauter Stimme, gegen den Feind gefuehrt zu werden. Es +kam zu den heftigsten Auftritten in den Buergerversammlungen gegen den +eigensinnigen alten Mann; seine politischen Gegner, an ihrer Spitze der +gewesene Praetor Gaius Terentius Varro, bemaechtigten sich des Haders - +wobei man nicht vergessen darf, dass der Diktator tatsaechlich vom +Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das Palladium der +konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen Soldaten +und den Besitzern der gepluenderten Gueter den verfassungs- und +sinnwidrigen Volksbeschluss durch: die Diktatur, die dazu bestimmt war, +in Zeiten der Gefahr die Uebelstaende des geteilten Oberbefehls zu +beseitigen, in gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen +bisherigem Unterfeldherrn Marcus Minucius zu erteilen ^3. So wurde die +roemische Armee, nachdem ihre gefaehrliche Spaltung in zwei +abgesonderte Korps eben erst zweckmaessig beseitigt worden war, nicht +bloss wiederum geteilt, sondern auch an die Spitze der beiden Haelften +Fuehrer gestellt, welche offenkundig geradezu entgegengesetzte +Kriegsplaene befolgten. Quintus Fabius blieb natuerlich mehr als je bei +seinem methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genoetigt, seinen +Diktatortitel auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff uebereilt +und mit geringen Streitkraeften an und waere vernichtet worden, wenn +nicht hier sein Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines +frischen Korps groesseres Unglueck abgewandt haette. Diese letzte +Wendung der Dinge gab dem System des passiven Widerstandes +gewissermassen Recht. Allein in der Tat hatte Hannibal in diesem +Feldzug vollstaendig erreicht, was mit den Waffen erreicht werden +konnte: nicht eine einzige wesentliche Operation hatten weder der +stuermische noch der bedaechtige Gegner ihm vereitelt, und seine +Verproviantierung war, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, doch im +wesentlichen so vollstaendig gelungen, dass dem Heer in dem Lager bei +Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorueberging. Nicht der Zauderer +hat Rom gerettet, sondern das feste Gefuege seiner Eidgenossenschaft +und vielleicht nicht minder der Nationalhass der Okzidentalen gegen den +phoenikischen Mann. + +———————————————————————— + +^3 Die Inschrift des von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei +Gerunium dem Hercules Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei +sacrom M. Minuci(us) C. f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei +S. Lorenzo aufgefunden worden. + +———————————————————————— + +Trotz aller Unfaelle stand der roemische Stolz nicht minder aufrecht +als die roemische Symmachie. Die Geschenke, welche der Koenig Hieron +von Syrakus und die griechischen Staedte in Italien fuer den naechsten +Feldzug anboten - die letzteren traf der Krieg minder schwer als die +uebrigen italischen Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer +stellten -, wurden mit Dank abgelehnt; den illyrischen Haeuptlingen +zeigte man an, dass sie nicht saeumen moechten mit Entrichtung des +Tributs; ja man beschickte den Koenig von Makedonien abermals um die +Auslieferung des Demetrios von Pharos. Die Majoritaet des Senats war +trotz der Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem +Zaudersystem des Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von +dieser den Staat zwar langsam, aber sicher zugrunde richtenden +Kriegfuehrung abzugehen; wenn der Volksdiktator mit seiner +energischeren Kriegfuehrung gescheitert war, so schob man, und nicht +mit Unrecht, die Ursache darauf, dass man eine halbe Massregel +getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe. Diesen Fehler +beschloss man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie Rom noch +keines ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fuenftel ueber die +Normalzahl verstaerkt, und die entsprechende Anzahl Bundesgenossen, +genug, um den nicht halb so starken Gegner zu erdruecken. Ausserdem +ward eine Legion unter dem Praetor Lucius Postumius nach dem Potal +bestimmt, um womoeglich die in Hannibals Heer dienenden Kelten nach der +Heimat zurueckzuziehen. Diese Beschluesse waren verstaendig; es kam nur +darauf an, auch ueber den Oberbefehl angemessen zu bestimmen. Das +starre Auftreten des Quintus Fabius und die daran sich anspinnenden +demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und ueberhaupt den Senat +unpopulaerer gemacht als je; im Volke ging, wohl nicht ohne Schuld +seiner Fuehrer, die toerichte Rede, dass der Senat den Krieg +absichtlich in die Laenge ziehe. Da also an die Ernennung eines +Diktators nicht zu denken war, versuchte der Senat die Wahl der Konsuln +angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und den Eigensinn erst +recht rege machte. Mit Muehe brachte der Senat den einen seiner +Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535 (219) +den Illyrischen Krieg verstaendig gefuehrt hatte; die ungeheure +Majoritaet der Buerger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der +Volkspartei Gaius Terentius Varro, einen unfaehigen Mann, der nur durch +seine verbissene Opposition gegen den Senat und namentlich als +Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum Mitdiktator bekannt war, +und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige Geburt und seine +rohe Unverschaemtheit. + +Waehrend diese Vorbereitungen zu dem naechsten Feldzug in Rom getroffen +wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien wieder begonnen. Sowie die +Jahreszeit es gestattete, die Winterquartiere zu verlassen, brach +Hannibal, wie immer den Krieg bestimmend und die Offensive fuer sich +nehmend, von Gerunium in der Richtung nach Sueden auf, ueberschritt an +Luceria vorbeimarschierend den Aufidus und nahm das Kastell von Cannae +(zwischen Canosa und Barletta), das die canusinische Ebene beherrschte +und den Roemern bis dahin als Hauptmagazin gedient hatte. Die roemische +Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des Herbstes +verfassungsmaessig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt von Gnaeus +Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als Prokonsuln +kommandiert wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht abzuwenden +gewusst; aus militaerischen wie aus politischen Ruecksichten ward es +immer notwendiger, den Fortschritten Hannibals durch eine Feldschlacht +zu begegnen. Mit diesem bestimmten Auftrag des Senats trafen denn auch +die beiden neuen Oberbefehlshaber Paullus und Varro im Anfang des +Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier neuen Legionen und dem +entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie heranfuehrten, stieg +die roemische Armee auf 80000 Mann zu Fuss, halb Buerger, halb +Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Buerger, zwei +Drittel Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000 +Reiter, aber nur etwa 40000 Mann zu Fuss zaehlte. Hannibal wuenschte +nichts mehr als eine Schlacht, nicht bloss aus den allgemeinen, frueher +eroerterten Gruenden, sondern auch besonders deshalb, weil das weite +apulische Blachfeld ihm gestattete, die ganze Ueberlegenheit seiner +Reiterei zu entwickeln und weil die Verpflegung seiner zahlreichen +Armee, hart an dem doppelt so starken und auf eine Reihe von Festungen +gestuetzten Feind, trotz seiner ueberlegenen Reiterei sehr bald +ungemein schwierig zu werden drohte. Auch die Fuehrer der roemischen +Streitmacht waren, wie gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen +und naeherten in dieser Absicht sich dem Feinde; allein die +einsichtigeren unter ihnen erkannten Hannibals Lage und beabsichtigten +daher, zunaechst zu warten und nur nahe am Feinde sich aufzustellen, um +ihn zum Abzug und zur Annahme der Schlacht auf einem ihm minder +guenstigen Terrain zu noetigen. Hannibal lagerte bei Cannae am rechten +Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein Lager an beiden Ufern des Flusses +auf, so dass die Hauptmacht am linken Ufer zu stehen kam, ein starkes +Korps aber am rechten unmittelbar dem Feind gegenueber Stellung nahm, +um ihm die Zufuhren zu erschweren, vielleicht auch Cannae zu bedrohen. +Hannibal, dem alles daran lag, bald zum Schlagen zu kommen, +ueberschritt mit dem Gros seiner Truppen den Strom und bot auf dem +linken Ufer die Schlacht an, die Paullus nicht annahm. Allein dem +demokratischen Konsul missfiel dergleichen militaerische Pedanterie; es +war so viel davon geredet worden, dass man ausziehe, nicht um Posten zu +stehen, sondern um die Schwerter zu gebrauchen; er befahl, auf den +Feind zu gehen, wo und wie man ihn eben fand. Nach der alten +toerichterweise beibehaltenen Sitte wechselte die entscheidende Stimme +im Kriegsrat zwischen dem Oberfeldherren Tag um Tag; man musste also am +folgenden Tage sich fuegen und dem Helden von der Gasse seinen Willen +tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite Blachfeld der ueberlegenen +Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte allerdings auch er +nicht schlagen; aber er beschloss, die gesamten roemischen +Streitkraefte auf dem rechten zu vereinigen und hier, zwischen den +karthagischen Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses ernstlich +bedrohend, die Schlacht anzubieten. Eine Abteilung von 10000 Mann blieb +in dem roemischen Hauptlager zurueck mit dem Auftrag, das karthagische +waehrend des Gefechts wegzunehmen und damit dem feindlichen Heere den +Rueckzug ueber den Fluss abzuschneiden; das Gros der roemischen Armee +ueberschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August nach dem +unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender, den in dieser +Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht wesentlich +hindernden Fluss und stellte bei dem kleineren roemischen Lager +westlich von Cannae sich in Linie auf. Die karthagische Armee folgte +und ueberschritt gleichfalls den Strom, an den der rechte roemische wie +der linke karthagische Fluegel sich lehnten. Die roemische Reiterei +stand auf den Fluegeln, die schwaechere der Buergerwehr auf dem rechten +am Fluss, gefuehrt von Paullus, die staerkere bundesgenoessische auf +dem linken gegen die Ebene, gefuehrt von Varro. Im Mitteltreffen stand +das Fussvolk in ungewoehnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl des +Konsuls des Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenueber ordnete +Hannibal sein Fussvolk in halbmondfoermiger Stellung, so dass die +keltischen und iberischen Truppen in ihrer nationalen Ruestung die +vorgeschobene Mitte, die roemisch geruesteten Libyer auf beiden Seiten +die zurueckgenommenen Fluegel bildeten. An der Flussseite stellte die +gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der Seite nach +der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem +Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im +Gefecht. Wo die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere +Kavallerie focht, zog das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier +ohne Entscheidung sich hin. Dagegen im Mitteltreffen warfen die +Legionen die ihnen zuerst begegnenden spanischen und gallischen Truppen +vollstaendig; eilig draengten die Sieger nach und verfolgten ihren +Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Fluegel das Glueck +sich gegen die Roemer gewandt. Hannibal hatte den linken Reiterfluegel +der Feinde bloss beschaeftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen +regulaeren Reiterei gegen den schwaecheren rechten zu verwenden und +diesen zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die roemischen +Reiter und was nicht niedergehauen ward, wurde den Fluss hinaufgejagt +und in die Ebene versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem +Mitteltreffen, das Schicksal der Legionen zu wenden oder doch zu +teilen. Diese hatten, um den Sieg ueber die vorgeschobene feindliche +Infanterie besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in eine +Angriffskolonne verwandelt, die keilfoermig eindrang in das feindliche +Zentrum. In dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links +einschwenkenden libyschen Fussvolk von beiden Seiten heftig angegriffen +und ein Teil von ihnen gezwungen, Halt zu machen, um gegen die +Flankenangriffe sich zu verteidigen, wodurch das Vorruecken ins Stocken +kam und die ohnehin schon uebermaessig dicht gereihte Infanteriemasse +nun gar nicht mehr Raum fand, sich zu entwickeln. Inzwischen hatte +Hasdrubal, nachdem er mit dem Fluegel des Paullus fertig war, seine +Reiter aufs neue gesammelt und geordnet und sie hinter dem feindlichen +Mitteltreffen weg gegen den Fluegel des Varro gefuehrt. Dessen +italische Reiterei, schon mit den Numidiern hinreichend beschaeftigt, +stob vor dem doppelten Angriff schnell auseinander. Hasdrubal, die +Verfolgung der Fluechtigen den Numidiern ueberlassend, ordnete zum +drittenmal seine Schwadronen, um sie dem roemischen Fussvolk in den +Ruecken zu fuehren. Dieser letzte Stoss entschied. Flucht war nicht +moeglich und Quartier ward nicht gegeben; es ist vielleicht nie ein +Heer von dieser Groesse so vollstaendig und mit so geringem Verlust des +Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet worden wie das roemische +bei Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000 Mann eingebuesst, wovon zwei +Drittel auf die Kelten kamen, die der erste Stoss der Legionen traf. +Dagegen von den 76000 Roemern, die in der Schlachtlinie gestanden +hatten, deckten 70000 das Feld, darunter der Konsul Lucius Paullus, der +Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel der Stabsoffiziere, achtzig +Maenner senatorischen Ranges. Nur den Konsul Marcus Varro rettete sein +rascher Entschluss und sein gutes Pferd nach Venusia, und er ertrug es +zu leben. Auch die Besatzung des roemischen Lagers, 10000 Mann stark, +ward groesstenteils kriegsgefangen; nur einige tausend Mann, teils aus +diesen Truppen, teils aus der Linie, entkamen nach Canusium. Ja als +sollte in diesem Jahre durchaus mit Rom ein Ende gemacht werden, fiel +noch vor Ablauf desselben die nach Gallien gesandte Legion in einen +Hinterhalt und wurde mit ihrem Feldherrn Lucius Postumius, dem fuer das +naechste Jahr ernannten Konsul, von den Galliern gaenzlich vernichtet. + +Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die grosse politische +Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach Italien gegangen +war. Er hatte seinen Plan wohl zunaechst auf sein Heer gebaut; allein +in richtiger Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht sollte dies in +seinem Sinn nur die Vorhut sein, mit der die Kraefte des Westens und +Ostens allmaehlich sich vereinigen wuerden, um der stolzen Stadt den +Untergang zu bereiten. Zwar diejenige Unterstuetzung, die die +gesichertste schien, die Nachsendungen von Spanien her, hatte das +kuehne und feste Auftreten des dorthin gesandten roemischen Feldherrn +Gnaeus Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Uebergang ueber die Rhone +war dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Kueste +zwischen den Pyrenaeen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch +des Binnenlandes bemaechtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537 +217) die karthagische Flotte an der Ebromuendung voellig geschlagen, +hatte, nachdem sein Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals, +mit Verstaerkung von 8000 Mann zu ihm gestossen war, sogar den Ebro +ueberschritten und war vorgedrungen bis gegen Sagunt. Zwar hatte +Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus Afrika +Verstaerkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders +gemaess eine Armee ueber die Pyrenaeen zu fuehren; allein die Scipionen +verlegten ihm den Uebergang ueber den Ebro und schlugen ihn +vollstaendig, etwa um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae +siegte. Die maechtige Voelkerschaft der Keltiberer und zahlreiche +andere spanische Staemme hatten den Scipionen sich zugewandt; diese +beherrschten das Meer und die Pyrenaeenpaesse und durch die +zuverlaessigen Massalioten auch die gallische Kueste. So war von +Spanien aus fuer Hannibal jetzt weniger als je Unterstuetzung zu +erwarten. + +Von Karthago war bisher zur Unterstuetzung des Feldherrn in Italien so +viel geschehen, wie man erwarten konnte: phoenikische Geschwader +bedrohten die Kuesten Italiens und der roemischen Inseln und hueteten +Afrika vor einer roemischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren +Beistand verhinderte nicht sowohl die Ungewissheit, wo Hannibal zu +finden sei, und der Mangel eines Landeplatzes in Italien, als die +langjaehrige Gewohnheit, dass das spanische Heer sich selbst genuege, +vor allem aber die grollende Friedenspartei. Hannibal empfand schwer +die Folgen dieser unverzeihlichen Untaetigkeit; trotz allen Sparens des +Geldes und der mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen allmaehlich +leer, der Sold kam in Rueckstand und die Reihen seiner Veteranen fingen +an sich zu lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae +selbst die faktioese Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische +Senat beschloss dem Feldherrn betraechtliche Unterstuetzungen an Geld +und Mannschaft, teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000 +numidische Reiter und 40 Elefanten zur Verfuegung zu stellen und in +Spanien wie in Italien den Krieg energisch zu betreiben. + +Die laengstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien +war anfangs durch Antigonos’ ploetzlichen Tod, dann durch seines +Nachfolgers Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner +hellenischen Bundesgenossen unzeitigen Krieg gegen die Aetoler (534-537 +220-217) verzoegert worden. Erst jetzt, nach der Cannensischen +Schlacht, fand Demetrios von Pharos Gehoer bei Philippos mit dem +Antrag, seine illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten - sie +massten freilich erst den Roemern entrissen werden -, und erst jetzt +schloss der Hof von Pella ab mit Karthago. Makedonien uebernahm es, +eine Landungsarmee an die italische Ostkueste zu werfen, wogegen ihm +die Rueckgabe der roemischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward. + +In Sizilien hatte Koenig Hieron zwar waehrend der Friedensjahre, soweit +es mit Sicherheit geschehen konnte, eine Neutralitaetspolitik +eingehalten, und auch den Karthagern waehrend der gefaehrlichen Krisen +nach dem Frieden mit Rom namentlich durch Kornsendungen sich gefaellig +erwiesen. Es ist kein Zweifel, dass er den abermaligen Bruch zwischen +Karthago und Rom hoechst ungern sah; aber ihn abzuwenden vermochte er +nicht, und als er eintrat, hielt er mit wohlberechneter Treue fest an +Rom. Allein bald darauf (Herbst 538 216) rief der Tod den alten Mann +nach vierundfuenfzigjaehriger Regierung ab. Der Enkel und Nachfolger +des klugen Greises, der junge unfaehige Hieronymus, liess sich sogleich +mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit +machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische +Grenze, dann sogar, da sein Uebermut stieg, den Besitz der ganzen Insel +vertragsmaessig zuzusichern, trat er in Buendnis mit Karthago und liess +mit der karthagischen Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen, +die syrakusanische sich vereinigen. Die Lage der roemischen Flotte bei +Lilybaeon, die schon mit dem zweiten, bei den aegatischen Inseln +postierten karthagischen Geschwader zu tun gehabt hatte, ward auf +einmal sehr bedenklich, waehrend zugleich die in Rom zur Einschiffung +nach Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen +Niederlage fuer andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden +musste. + +Was aber vor allem entscheidend war, jetzt endlich begann das Gebaeude +der roemischen Eidgenossenschaft aus den Fugen zu weichen, nachdem es +die Stoesse zweier schwerer Kriegsjahre unerschuettert ueberstanden +hatte. Es traten auf Hannibals Seite Arpi in Apulien und Uzentum in +Messapien, zwei alte, durch die roemischen Kolonien Luceria und +Brundisium schwer beeintraechtigte Staedte; die saemtlichen Staedte der +Brettier - diese zuerst von allen - mit Ausnahme der Peteliner und der +Consentiner, die erst belagert werden mussten; die Lucaner +groesstenteils; die in die Gegend von Salernum verpflanzten Picenter; +die Hirpiner; die Samniten mit Ausnahme der Pentrer; endlich und +vornehmlich Capua, die zweite Stadt Italiens, die 30000 Mann zu Fuss +und 4000 Berittene ins Feld zu stellen vermochte und deren Uebertritt +den der Nachbarstaedte Atella und Calatia entschied. Freilich +widersetzte sich die vielfach an das roemische Interesse gefesselte +Adelspartei ueberall und namentlich in Capua dem Parteiwechsel sehr +ernstlich, und die hartnaeckigen inneren Kaempfe, die hierueber +entstanden, minderten nicht wenig den Vorteil, den Hannibal von diesen +Uebertritten zog. Er sah sich zum Beispiel genoetigt, in Capua einen +der Fuehrer der Adelspartei, den Decius Magius, der noch nach dem +Einruecken der Phoeniker hartnaeckig das roemische Buendnis verfocht, +festnehmen und nach Karthago abfuehren zu lassen, um so den ihm selbst +sehr ungelegenen Beweis zu liefern, was es auf sich habe mit der von +dem karthagischen Feldherrn soeben den Kampanern feierlich +zugesicherten Freiheit und Souveraenitaet. Dagegen hielten die +sueditalischen Griechen fest am roemischen Buendnis, wobei die +roemischen Besatzungen freilich auch das Ihrige taten, aber mehr noch +der sehr entschiedene Widerwille der Hellenen gegen die Phoeniker +selbst und deren neue lucanische und brettische Bundesgenossen, und +ihre Anhaenglichkeit an Rom, das jede Gelegenheit, seinen Hellenismus +zu betaetigen, eifrig benutzt und gegen die Griechen in Italien eine +ungewohnte Milde gezeigt hatte. So widerstanden die kampanischen +Griechen, namentlich Neapel, mutig Hannibals eigenem Angriff; dasselbe +taten in Grossgriechenland trotz ihrer sehr gefaehrdeten Stellung +Rhegion, Thurii, Metapont und Tarent. Kroton und Lokri dagegen wurden +von den vereinigten Brettiern und Phoenikern teils erstuermt, teils zur +Kapitulation gezwungen und die Krotoniaten nach Lokri gefuehrt, worauf +brettische Kolonisten jene wichtige Seestation besetzten. Dass die +sueditalischen Latiner, wie Brundisium, Venusia, Paestum, Cosa, Cales, +unerschuettert mit Rom hielten, versteht sich von selbst. Waren sie +doch die Zwingburgen der Eroberer im fremden Land, angesiedelt auf dem +Acker der Umwohner, mit ihren Nachbarn verfehdet; traf es doch sie +zunaechst, wenn Hannibal sein Wort wahr machte und jeder italischen +Gemeinde die alten Grenzen zurueckgab. In gleicher Weise gilt dies von +ganz Mittelitalien, dem. aeltesten Sitz der roemischen Herrschaft, wo +latinische Sitte und Sprache schon ueberall vorwog und man sich als +Genosse der Herrscher, nicht als Untertan fuehlte. Hannibals Gegner im +karthagischen Senat unterliessen nicht, daran zu erinnern, dass nicht +ein roemischer Buerger, nicht eine latinische Gemeinde sich Karthago in +die Arme geworfen habe. Dieses Grundwerk der roemischen Macht konnte +gleich der kyklopischen Mauer nur Stein um Stein zertruemmert werden. + +Das waren die Folgen des Tages von Cannae, an dem die Bluete der +Soldaten und Offiziere der Eidgenossenschaft, ein Siebentel der +gesamten Zahl der kampffaehigen Italiker zugrunde ging. Es war eine +grausame, aber gerechte Strafe der schweren politischen +Versuendigungen, die sich nicht etwa bloss einzelne toerichte oder +elende Maenner, sondern die roemische Buergerschaft selbst hatte zu +Schulden kommen lassen. Die fuer die kleine Landstadt zugeschnittene +Verfassung passte der Grossmacht nirgend mehr; es war eben nicht +moeglich, ueber die Frage, wer die Heere der Stadt in einem solchen +Kriege fuehren solle, Jahr fuer Jahr die Pandorabuechse des +Stimmkastens entscheiden zu lassen. Da eine gruendliche +Verfassungsrevision, wenn sie ueberhaupt ausfuehrbar war, jetzt +wenigstens nicht begonnen werden durfte, so haette zunaechst der +einzigen Behoerde, die dazu imstande war, dem Senat die tatsaechliche +Oberleitung des Krieges und namentlich die Vergebung und Verlaengerung +des Kommandos ueberlassen werden und den Komitien nur die formelle +Bestaetigung verbleiben sollen. Die glaenzenden Erfolge der Scipionen +auf dem schwierigen spanischen Kriegsschauplatz zeigten, was auf diesem +Wege sich erreichen liess. Allein die politische Demagogie, die bereits +an dem aristokratischen Grundbau der Verfassung nagte, hatte sich der +italischen Kriegfuehrung bemaechtigt; die unvernuenftige Beschuldigung, +dass die Vornehmen mit dem auswaertigen Feinde konspirierten, hatte auf +das “Volk” Eindruck gemacht. Die Heilande des politischen +Koehlerglaubens, die Gaius Flaminius und Gaius Varro, beide “neue +Maenner” und Volksfreunde vom reinsten Wasser, waren demnach zur +Ausfuehrung ihrer unter dem Beifall der Menge auf dem Markt +entwickelten Operationsplaene von eben dieser Menge beauftragt worden, +und die Ergebnisse waren die Schlachten am Trasimenischen See und bei +Cannae. Dass der Senat, der begreiflicherweise seine Aufgabe jetzt +besser fasste, als da er des Regulus halbe Armee aus Afrika +zurueckberief, die Leitung der Angelegenheiten fuer sich begehrte und +jenem Unwesen sich widersetzte, war pflichtgemaess; allein auch er +hatte, als die erste jener beiden Niederlagen ihm fuer den Augenblick +das Ruder in die Hand gab, gleichfalls nicht unbefangen von +Parteiinteressen gehandelt. So wenig Quintus Fabius mit jenen +roemischen Kleonen verglichen werden darf, so hatte doch auch er den +Krieg nicht bloss als Militaer gefuehrt, sondern seine starre Defensive +vor allem als politischer Gegner des Gaius Flaminius festgehalten und +in der Behandlung des Zerwuerfnisses mit seinem Unterfeldherrn getan, +was an ihm lag, um in einer Zeit, die Einigkeit forderte, zu erbittern. +Die Folge war erstlich, dass das wichtigste Instrument, das eben fuer +solche Faelle die Weisheit der Vorfahren dem Senat in die Hand gegeben +hatte, die Diktatur ihm unter den Haenden zerbrach; und zweitens +mittelbar wenigstens die Cannensische Schlacht. Den jaehen Sturz der +roemischen Macht verschuldeten aber weder Quintus Fabius noch Gaius +Varro, sondern das Misstrauen zwischen dem Regiment und den Regierten, +die Spaltung zwischen Rat und Buergerschaft. Wenn noch Rettung und +Wiedererhebung des Staates moeglich war, musste sie daheim beginnen mit +Wiederherstellung der Einigkeit und des Vertrauens. Dies begriffen und, +was schwerer wiegt, dies getan zu haben, getan mit Unterdrueckung aller +an sich gerechten Rekriminationen, ist die herrliche und +unvergaengliche Ehre des roemischen Senats. Als Varro - allein von +allen Generalen, die in der Schlacht kommandiert hatten - nach Rom +zurueckkehrte, und die roemischen Senatoren bis an das Tor ihm +entgegengingen und ihm dankten, dass er an der Rettung des Vaterlandes +nicht verzweifelt habe, waren dies weder leere Reden, um mit grossen +Worten das Unheil zu verhuellen, noch bitterer Spott ueber einen +Armseligen; es war der Friedensschluss zwischen dem Regiment und den +Regierten. Vor dem Ernst der Zeit und dem Ernst eines solchen Aufrufs +verstummte das demagogische Geklatsch; fortan gedachte man in Rom nur, +wie man gemeinsam die Not zu wenden vermoege. Quintus Fabius, dessen +zaeher Mut in diesem entscheidenden Augenblick dem Staat mehr genuetzt +hat als all seine Kriegstaten, und die anderen angesehenen Senatoren +gingen dabei in allem voran und gaben den Buergern das Vertrauen auf +sich und auf die Zukunft zurueck. Der Senat bewahrte seine feste und +strenge Haltung, waehrend die Boten von allen Seiten nach Rom eilten, +um die verlorenen Schlachten, den Uebertritt der Bundesgenossen, die +Aufhebung von Posten und Magazinen zu berichten, um Verstaerkung zu +begehren fuer das Potal und fuer Sizilien, da doch Italien preisgegeben +und Rom selbst fast unbesetzt war. Das Zusammenstroemen der Menge an +den Toren ward untersagt, die Gaffer und die Weiber in die Haeuser +gewiesen, die Trauerzeit um die Gefallenen auf dreissig Tage +beschraenkt, damit der Dienst der freudigen Goetter, von dem das +Trauergewand ausschloss, nicht allzulange unterbrochen werde - denn so +gross war die Zahl der Gefallenen, dass fast in keiner Familie die +Totenklage fehlte. Was vom Schlachtfeld sich gerettet hatte, war indes +durch zwei tuechtige Kriegstribune, Appius Claudius und Publius Scipio +den Sohn, in Canusium gesammelt worden; der letztere verstand es, durch +seine stolze Begeisterung und durch die drohend erhobenen Schwerter +seiner Getreuen, diejenigen vornehmen jungen Herren auf andere Gedanken +zu bringen, die in bequemer Verzweiflung an die Rettung des Vaterlandes +ueber das Meer zu entweichen gedachten. Zu ihnen begab sich mit einer +Handvoll Leute der Konsul Gaius Varro; allmaehlich fanden sich dort +etwa zwei Legionen zusammen, die der Senat zu reorganisieren und zu +schimpflichem und unbesoldetem Kriegsdienst zu degradieren befahl. Der +unfaehige Feldherr ward unter einem schicklichen Vorwand nach Rom +zurueckberufen; der in den gallischen Kriegen erprobte Praetor Marcus +Claudius Marcellus, der bestimmt gewesen war, mit der Flotte von Ostia +nach Sizilien abzugehen, uebernahm den Oberbefehl. Die aeussersten +Kraefte wurden angestrengt, um eine kampffaehige Armee zu organisieren. +Die Latiner wurden beschickt um Hilfe in der gemeinschaftlichen Gefahr; +Rom selbst ging mit dem Beispiel voran und rief die ganze Mannschaft +bis ins Knabenalter unter die Waffen, bewaffnete die Schuldknechte und +die Verbrecher, ja stellte sogar achttausend vom Staate angekaufte +Sklaven in das Heer ein. Da es an Waffen fehlte, nahm man die alten +Beutestuecke aus den Tempeln und setzte Fabriken und Gewerbe ueberall +in Taetigkeit. Der Senat ward ergaenzt - nicht, wie aengstliche +Patrioten forderten, aus den Latinern, sondern aus den +naechstberechtigten roemischen Buergern. Hannibal bot die Loesung der +Gefangenen auf Kosten des roemischen Staatsschatzes an; man lehnte sie +ab und liess den mit der Abordnung der Gefangenen angelangten +karthagischen Boten nicht in die Stadt; es durfte nicht scheinen, als +denke der Senat an Frieden. Nicht bloss die Bundesgenossen sollten +nicht glauben, dass Rom sich anschicke zu transigieren, sondern es +musste auch dem letzten Buerger begreiflich gemacht werden, dass fuer +ihn wie fuer alle es keinen Frieden gebe und Rettung nur im Siege sei. + + + + +KAPITEL VI. +Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama + + +Hannibals Ziel bei seinem Zug nach Italien war die Sprengung der +italischen Eidgenossenschaft gewesen; nach drei Feldzuegen war dasselbe +erreicht, soweit es ueberhaupt erreichbar war. Dass die griechischen +und die latinischen oder latinisierten Gemeinden Italiens, nachdem sie +durch den Tag von Cannae nicht irre geworden waren, ueberhaupt nicht +dem Schreck, sondern nur der Gewalt weichen wuerden, lag am Tage, und +der verzweifelte Mut, mit dem selbst in Sueditalien einzelne kleine und +rettungslos verlorene Landstaedte, wie das brettische Petelia, gegen +den Phoeniker sich wehrten, zeigte sehr klar, was seiner bei den +Marsern und Latinern warte. Wenn Hannibal gemeint hatte, auf diesem +Wege mehr erreichen und auch die Latiner gegen Rom fuehren zu koennen, +so hatten diese Hoffnungen sich als eitel erwiesen. Aber es scheint, +als habe auch sonst die italische Koalition keineswegs die gehofften +Resultate fuer Hannibal geliefert. Capua hatte sofort sich ausbedungen, +dass Hannibal das Recht nicht haben solle, kampanische Buerger +zwangsweise unter die Waffen zu rufen; die Staedter hatten nicht +vergessen, wie Pyrrhos in Tarent aufgetreten war, und meinten +toerichterweise, zugleich der roemischen und der phoenikischen +Herrschaft sich entziehen zu koennen. Samnium und Lucanien waren nicht +mehr, was sie gewesen, als Koenig Pyrrhos gedacht hatte, an der Spitze +der sabellischen Jugend in Rom einzuziehen. Nicht bloss zerschnitt das +roemische Festungsnetz ueberall den Landschaften Sehnen und Nerven, +sondern es hatte auch die vieljaehrige roemische Herrschaft die +Einwohner der Waffen entwoehnt - nur maessiger Zuzug kam von hier zu +den roemischen Heeren -, den alten Hass beschwichtigt, ueberall eine +Menge einzelner in das Interesse der herrschenden Gemeinde gezogen. Man +schloss sich wohl dem Ueberwinder der Roemer an, nachdem Roms Sache +einmal verloren schien; allein man fuehlte doch, dass es jetzt nicht +mehr um die Freiheit sich handle, sondern um die Vertauschung des +italischen mit dem phoenikischen Herrn, und nicht Begeisterung, sondern +Kleinmut warf die sabellischen Gemeinden dem Sieger in die Arme. Unter +solchen Umstaenden stockte in Italien der Krieg. Hannibal, der den +suedlichen Teil der Halbinsel beherrschte bis hinauf zum Volturnus und +zum Garganus und diese Landschaften nicht wie das Keltenland einfach +wieder aufgeben konnte, hatte jetzt gleichfalls eine Grenze zu decken, +die nicht ungestraft entbloesst ward; und, um die gewonnenen +Landschaften gegen die ueberall ihm trotzenden Festungen und die von +Norden her anrueckenden Heere zu verteidigen und gleichzeitig die +schwierige Offensive gegen Mittelitalien zu ergreifen, reichten seine +Streitkraefte, ein Heer von etwa 40000 Mann, ohne die italischen +Zuzuege zu rechnen, bei weitem nicht aus. Vor allen Dingen aber fand er +andere Gegner sich gegenueber. Durch furchtbare Erfahrungen belehrt, +gingen die Roemer ueber zu einem verstaendigeren System der +Kriegfuehrung, stellten nur erprobte Offiziere an die Spitze ihrer +Armeen und liessen dieselben, wenigstens wo es not tat, auf laengere +Zeit bei dem Kommando. Diese Feldherren sahen weder den feindlichen +Bewegungen noch den Bergen herab zu, noch warfen sie sich auf den +Gegner, wo sie ihn eben fanden, sondern, die rechte Mitte zwischen +Zauderei und Vorschnelligkeit haltend, stellten sie in verschanzten +Lagern, unter den Mauern der Festungen sich auf und nahmen den Kampf da +an, wo der Sieg zu Resultaten, die Niederlage nicht zur Vernichtung +fuehrte. Die Seele dieser neuen Kriegfuehrung war Marcus Claudius +Marcellus. Mit richtigem Instinkt hatten nach dem unheilvollen Tag von +Cannae Senat und Volk auf diesen tapferen und krieggewohnten Mann die +Blicke gewandt und ihm zunaechst den faktischen Oberbefehl uebertragen. +Er hatte in dem schwierigen Sizilischen Kriege gegen Hamilkar seine +Schule gemacht und in den letzten Feldzuegen gegen die Kelten sein +Fuehrertalent wie seine persoenliche Tapferkeit glaenzend bewaehrt. +Obwohl ein hoher Fuenfziger, brannte er doch vom jugendlichsten +Soldatenfeuer und hatte erst wenige Jahre zuvor als Feldherr den +feindlichen Feldherrn vom Pferde gehauen - der erste und einzige +roemische Konsul, dem eine solche Waffentat gelang. Sein Leben war den +beiden Gottheiten geweiht, denen er den glaenzenden Doppeltempel am +Capenischen Tore errichtete, der Ehre und der Tapferkeit; und wenn die +Rettung Roms aus dieser hoechsten Gefahr nicht das Verdienst eines +einzelnen ist, sondern der roemischen Buergerschaft insgemein und +vorzugsweise dem Senat gebuehrt, so hat doch kein einzelner Mann bei +dem gemeinsamen Bau mehr geschafft als Marcus Marcellus. + +Vom Schlachtfeld hatte Hannibal sich nach Kampanien gewandt. Er kannte +Rom besser als die naiven Leute, die in alter und neuer Zeit gemeint +haben, dass er mit einem Marsch auf die feindliche Hauptstadt den Kampf +haette beendigen koennen. Die heutige Kriegskunst zwar entscheidet den +Krieg auf dem Schlachtfeld; allein in der alten Zeit, wo der +Angriffskrieg gegen die Festungen weit minder entwickelt war als das +Verteidigungssystem, ist unzaehlige Male der vollstaendigste Erfolg im +Feld an den Mauern der Hauptstaedte zerschellt. Rat und Buergerschaft +in Karthago waren weitaus nicht zu vergleichen mit Senat und Volk in +Rom, Karthagos Gefahr nach Regulus’ erstem Feldzug unendlich dringender +als die Roms nach der Schlacht bei Cannae; und Karthago hatte +standgehalten und vollstaendig gesiegt. Mit welchem Schein konnte man +meinen, dass Rom jetzt dem Sieger die Schluessel entgegentragen oder +auch nur einen billigen Frieden annehmen werde? Statt also ueber solche +leeren Demonstrationen moegliche und wichtige Erfolge zu verscherzen +oder die Zeit zu verlieren mit der Belagerung der paar tausend +roemischer Fluechtlinge in den Mauern von Canusium, hatte sich Hannibal +sofort nach Capua begeben, bevor die Roemer Besatzung hineinwerfen +konnten, und hatte durch sein Anruecken diese zweite Stadt Italiens +nach langem Schwanken zum Uebertritt bestimmt. Er durfte hoffen, von +Capua aus sich eines der kampanischen Haefen bemaechtigen zu koennen, +um dort die Verstaerkungen an sich zu ziehen, welche seine grossartigen +Siege der Opposition daheim abgerungen hatten. Als die Roemer erfuhren, +wohin Hannibal sich gewendet habe, verliessen auch sie Apulien, wo nur +eine schwache Abteilung zurueckblieb und sammelten die ihnen +gebliebenen Streitkraefte auf dem rechten Ufer des Volturnus. Mit den +zwei cannensischen Legionen marschierte Marcus Marcellus nach Teanum +Sidicinum, wo er von Rom und Ostia die zunaechst verfuegbaren Truppen +an sich zog, und ging, waehrend der Diktator Marcus Junius mit der +schleunigst neu gebildeten Hauptarmee langsam nachfolgte, bis an den +Volturnus nach Casilinum vor, um womoeglich Capua zu retten. Dies zwar +fand er schon in der Gewalt des Feindes; dagegen waren dessen Versuche +auf Neapel an dem mutigen Widerstand der Buergerschaft gescheitert, und +die Roemer konnten noch rechtzeitig in den wichtigen Hafenplatz eine +Besatzung werfen. Ebenso treu hielten zu Rom die beiden anderen +groesseren Kuestenstaedte, Cumae und Nuceria. In Nola schwankte der +Kampf zwischen der Volks- und der Senatspartei wegen des Anschlusses an +die Karthager oder an die Roemer. Benachrichtigt, dass die erstere die +Oberhand gewinne, ging Marcellus bei Caiatia ueber den Fluss und, an +den Hoehen von Suessula hin um die feindliche Armee herum marschierend, +erreichte er Nola frueh genug, um es gegen die aeusseren und die +inneren Feinde zu behaupten. Ja bei einem Ausfall schlug er Hannibal +selber mit namhaftem Verlust zurueck; ein Erfolg, der als die erste +Niederlage, die Hannibal erlitt, moralisch von weit groesserer +Bedeutung war als durch seine materiellen Resultate. Zwar wurden in +Kampanien Nuceria, Acerrae und nach einer hartnaeckigen, bis ins +folgende Jahr (539 215) sich hinziehenden Belagerung auch der +Schluessel der Volturnuslinie, Casilinum, von Hannibal erobert und +ueber die Senate dieser Staedte, die zu Rom gehalten hatten, die +schwersten Blutgerichte verhaengt. Aber das Entsetzen macht schlechte +Propaganda; es gelang den Roemern, mit verhaeltnismaessig geringer +Einbusse den gefaehrlichen Moment der ersten Schwaeche zu ueberwinden. +Der Krieg kam in Kampanien zum Stehen, bis der Winter einbrach und +Hannibal in Capua Quartier nahm, durch dessen Ueppigkeit seine seit +drei Jahren nicht unter Dach gekommenen Truppen keineswegs gewannen. Im +naechsten Jahre (539 215) erhielt der Krieg schon ein anderes Ansehen. +Der bewaehrte Feldherr Marcus Marcellus und Tiberius Sempronius +Gracchus, der sich im vorjaehrigen Feldzug als Reiterfuehrer des +Diktators ausgezeichnet hatte, ferner der alte Quintus Fabius Maximus +traten, Marcellus als Prokonsul, die beiden andern als Konsuln, an die +Spitze der drei roemische Heere, welche bestimmt waren, Capua und +Hannibal zu umringen; Marcellus auf Nola und Suessula gestuetzt, +Maximus am rechten Ufer des Volturnus bei Cales sich aufstellend, +Gracchus an der Kueste, wo er Neapel und Cumae deckend bei Liternum +Stellung nahm. Die Kampaner, welche nach Hamae, drei Miglien von Cumae, +ausrueckten, um die Cumaner zu ueberrumpeln, wurden von Gracchus +nachdruecklich geschlagen; Hannibal, der, um die Scharte auszuwetzen, +vor Cumae erschienen war, zog selbst in einem Gefecht den kuerzeren, +und kehrte, da die von ihm angebotene Hauptschlacht verweigert ward, +unmutig nach Capua zurueck. Waehrend so die Roemer in Kampanien nicht +bloss behaupteten, was sie besassen, sondern auch Compulteria und +andere kleinere Plaetze wieder gewannen, erschollen von Hannibals +oestlichen Verbuendeten laute Klagen. Ein roemisches Heer unter dem +Praetor Marcus Valerius hatte bei Luceria sich aufgestellt, teils um in +Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die Ostkueste und die Bewegungen +der Makedonier zu beobachten, teils um in Verbindung mit der Armee von +Nola die aufstaendigen Samniten, Lucaner und Hirpiner zu brandschatzen. +Um diesen Luft zu machen, wandte Hannibal zunaechst sich gegen seinen +taetigsten Gegner Marcus Marcellus; allein derselbe erfocht unter den +Mauern von Nola einen nicht unbedeutenden Sieg ueber die phoenikische +Armee, und diese musste, ohne die Scharte wieder ausgewetzt zu haben, +um den Fortschritten des feindlichen Heeres in Apulien endlich zu +steuern, von Kampanien nach Arpi aufbrechen. Ihr folgte Tiberius +Gracchus mit seinem Korps, waehrend die beiden anderen roemischen Heere +in Kampanien sich anschickten, mit dem naechsten Fruehjahr zum Angriff +auf Capua ueberzugehen. + +Hannibals klaren Blick hatten die Siege nicht geblendet. Es ward immer +deutlicher, dass er so nicht zum Ziele kam. Jene raschen Maersche, +jenes fast abenteuerliche Hin- und Herwerfen des Krieges, denen +Hannibal im wesentlichen seine Erfolge verdankte, waren zu Ende, der +Feind gewitzigt, weitere Unternehmungen durch die unumgaengliche +Verteidigung des Gewonnenen selbst fast unmoeglich gemacht. An die +Offensive liess sich nicht denken, die Defensive war schwierig und +drohte jaehrlich es mehr zu werden; er konnte es sich nicht verleugnen, +dass die zweite Haelfte seines grossen Tagwerks, die Unterwerfung der +Latiner und die Eroberung Roms, nicht mit seinen und der italischen +Bundesgenossen Kraeften allein beendigt werden konnte. Die Vollendung +stand bei dem Rat von Karthago, bei dem Hauptquartier in Cartagena, bei +den Hoefen von Pella und Syrakus. Wenn in Afrika, Spanien, Sizilien, +Makedonien jetzt alle Kraefte gemeinschaftlich angestrengt wurden gegen +den gemeinschaftlichen Feind; wenn Unteritalien der grosse Sammelplatz +ward fuer die Heere und Flotten von Westen, Sueden und Osten, so konnte +er hoffen, gluecklich zu Ende zu fuehren, was die Vorhut unter seiner +Leitung so glaenzend begonnen hatte. Das Natuerlichste und Leichteste +waere gewesen, ihm von daheim genuegende Unterstuetzung zuzusenden; und +der karthagische Staat, der vom Kriege fast unberuehrt geblieben und +von einer auf eigene Rechnung und Gefahr handelnden kleinen Zahl +entschlossener Patrioten aus tiefem Verfall dem vollen Sieg so nahe +gefuehrt war, haette dies ohne Zweifel vermocht. Dass es moeglich +gewesen waere, eine phoenikische Flotte von jeder beliebigen Staerke +bei Lokri oder Kroton landen zu lassen, zumal solange, als der Hafen +von Syrakus den Karthagern offenstand und durch Makedonien die +brundisinische Flotte in Schach gehalten ward, beweist die ungehinderte +Ausschiffung von 4000 Afrikanern, die Bomilkar dem Hannibal um diese +Zeit von Karthago zufuehrte, in Lokri, und mehr noch Hannibals +ungestoerte Ueberfahrt, als schon jenes alles verloren gegangen war. +Allein nachdem der erste Eindruck des Sieges von Cannae sich verwischt +hatte, wies die karthagische Friedenspartei, die zu allen Zeiten bereit +war, den Sturz der politischen Gegner mit dem des Vaterlandes zu +erkaufen, und die in der Kurzsichtigkeit und Laessigkeit der +Buergerschaft treue Verbuendete fand, die Bitten des Feldherrn um +nachdruecklichere Unterstuetzung ab mit der halb einfaeltigen, halb +tueckischen Antwort, dass er ja keine Hilfe brauche, wofern er wirklich +Sieger sei, und half so nicht viel weniger als der roemische Senat Rom +erretten. Hannibal, im Lager erzogen und dem staedtischen +Parteigetriebe fremd, fand keinen Volksfuehrer, auf den er sich haette +stuetzen koennen wie sein Vater auf Hasdrubal, und musste die Mittel +zur Rettung der Heimat, die diese selbst in reicher Fuelle besass, im +Ausland suchen. + +Hier durfte er, und wenigstens mit mehr Aussicht auf Erfolg, rechnen +auf die Fuehrer des spanischen Patriotenheeres, auf die in Syrakus +angeknuepften Verbindungen und auf Philippos’ Intervention. Es kam +alles darauf an, von Spanien, Syrakus oder Makedonien neue +Streitkraefte gegen Rom auf den italischen Kampfplatz zu fuehren; und +um dies zu erreichen oder zu hindern, sind die Kriege in Spanien, +Sizilien und Griechenland gefuehrt worden. Sie sind alle nur Mittel zum +Zweck, und sehr mit Unrecht hat man sie oft hoeher angeschlagen. Fuer +die Roemer sind es wesentlich Defensivkriege, deren eigentliche Aufgabe +ist, die Pyrenaeenpaesse zu behaupten, die makedonische Armee in +Griechenland festzuhalten, Messana zu verteidigen und die Verbindung +zwischen Italien und Sizilien zu sperren; es versteht sich, dass diese +Defensive womoeglich offensiv gefuehrt wird und im guenstigen Fall sich +entwickelt zur Verdraengung der Phoeniker aus Spanien und Sizilien und +zur Sprengung der Buendnisse Hannibals mit Syrakus und mit Philippos. +Der italische Krieg an sich tritt zunaechst in den Hintergrund und +loest sich auf in Festungskaempfe und Razzias, die in der Hauptsache +nichts entscheiden. Allein Italien bleibt dennoch, solange die +Phoeniker ueberhaupt die Offensive festhalten, stets das Ziel der +Operationen, und alle Anstrengung wie alles Interesse knuepft sich +daran, die Isolierung Hannibals im suedlichen Italien aufzuheben oder +zu verewigen. + +Waere es moeglich gewesen, unmittelbar nach der Cannensischen Schlacht +alle die Hilfsmittel heranzuziehen, auf die Hannibal sich Rechnung +machen durfte, so konnte er des Erfolges ziemlich gewiss sein. Allein +in Spanien war Hasdrubals Lage eben damals nach der Schlacht am Ebro so +bedenklich, dass die Leistungen von Geld und Mannschaft, zu denen der +cannensische Sieg die karthagische Buergerschaft angespannt hatte, +groesstenteils fuer Spanien verwendet wurden, ohne dass doch die Lage +der Dinge dort dadurch viel besser geworden waere. Die Scipionen +verlegten den Kriegsschauplatz im folgenden Feldzug (539 215) vom Ebro +an den Guadalquivir und erfochten in Andalusien, mitten im eigentlich +karthagischen Gebiet, bei Illiturgi und Intibili zwei glaenzende Siege. +In Sardinien mit den Eingeborenen angeknuepfte Verbindungen liessen die +Karthager hoffen, dass sie sich der Insel wuerden bemaechtigen koennen, +die als Zwischenstation zwischen Spanien und Italien von Wichtigkeit +gewesen waere. Indes Titus Manlius Torquatus, der mit einem roemischen +Heer nach Sardinien gesendet ward, vernichtete die karthagische +Landungsarmee vollstaendig und sicherte den Roemern aufs neue den +unbestrittenen Besitz der Insel (539 215). Die nach Sizilien +geschickten cannensischen Legionen behaupteten im Norden und Osten der +Insel sich mutig und gluecklich gegen die Karthager und Hieronymos, +welcher letztere schon gegen Ende des Jahres 539 (215) durch +Moerderhand seinen Tod fand. Selbst mit Makedonien verzoegerte sich die +Ratifikation des Buendnisses, hauptsaechlich weil die makedonischen an +Hannibal gesendeten Boten auf der Rueckreise von den roemischen +Kriegsschiffen aufgefangen wurden. So unterblieb vorlaeufig die +gefuerchtete Invasion der Ostkueste, und die Roemer gewannen Zeit, die +wichtigste Station Brundisium zuerst mit der Flotte, alsdann auch mit +dem vor der Ankunft des Gracchus zur Deckung von Apulien verwendeten +Landheer zu sichern und fuer den Fall der Kriegserklaerung einen +Einfall in Makedonien selbst vorzubereiten. Waehrend also in Italien +der Kampf zum Stehen und Stocken kam, war ausserhalb Italien +karthagischerseits nichts geschehen, was neue Heere oder Flotten rasch +nach Italien gefoerdert haette. Roemischerseits hatte man sich dagegen +mit der groessten Energie ueberall in Verteidigungszustand gesetzt und +in dieser Abwehr da, wo Hannibals Genie fehlte, groesstenteils mit +Erfolg gefochten. Darueber verrauchte der kurzlebige Patriotismus, den +der Cannensische Sieg in Karthago erweckt hatte; die nicht +unbedeutenden Streitkraefte, welche man dort disponibel gemacht hatte, +waren, sei es durch faktioese Opposition, sei es bloss durch +ungeschickte Ausgleichung der verschiedenen, im Rat laut gewordenen +Meinungen, so zersplittert worden, dass sie nirgend wesentlich +foerderten und da, wo sie am nuetzlichsten gewesen waeren, eben der +kleinste Teil hinkam. Am Ende des Jahres 539 (215) durfte auch der +besonnene roemische Staatsmann sich sagen, dass die dringende Gefahr +vorueber sei und die heldenmuetig begonnene Gegenwehr nur auf +saemtlichen Punkten mit Anspannung aller Kraefte auszuharren habe, um +zum Ziel zu gelangen. + +Am ersten ging der Krieg in Sizilien zu Ende. Es hatte nicht zunaechst +in Hannibals Plan gelegen, auf der Insel einen Kampf anzuspinnen, +sondern halb zufaellig, hauptsaechlich durch die knabenhafte Eitelkeit +des unverstaendigen Hieronymos war hier ein Landkrieg ausgebrochen, +dessen, ohne Zweifel eben aus diesem Grunde, der karthagische Rat mit +besonderem Eifer sich annahm. Nachdem Hieronymos zu Ende 539 (215) +getoetet war, schien es mehr als zweifelhaft, ob die Buergerschaft bei +der von ihm befolgten Politik verbleiben werde. Wenn irgend eine Stadt, +so hatte Syrakus Ursache an Rom festzuhalten, da der Sieg der Karthager +ueber die Roemer unzweifelhaft jenen wenigstens die Herrschaft ueber +ganz Sizilien geben musste und an eine wirkliche Einhaltung der von +Karthago den Syrakusanern gemachten Zusagen kein ernsthafter Mann +glauben konnte. Teils hierdurch bewogen, teils geschreckt durch die +drohenden Anstalten der Roemer, die alles aufboten, um die wichtige +Insel, die Bruecke zwischen Italien und Afrika, wieder vollstaendig in +ihre Gewalt zu bringen, und jetzt fuer den Feldzug 540 (214) ihren +besten Feldherrn, den Marcus Marcellus nach Sizilien gesandt hatten, +zeigte die syrakusanische Buergerschaft sich geneigt, durch +rechtzeitige Rueckkehr zum roemischen Buendnis das Geschehene vergessen +zu machen. Allein bei der entsetzlichen Verwirrung in der Stadt, wo +nach Hieronymos’ Tode die Versuche zur Wiederherstellung der alten +Volksfreiheit und die Handstreiche der zahlreichen Praetendenten auf +den erledigten Thron wild durcheinander wogten, die Hauptleute der +fremden Soeldnerscharen aber die eigentlichen Herren der Stadt waren, +fanden Hannibals gewandte Emissaere Hippokrates und Epikydes +Gelegenheit, die Friedensversuche zu vereiteln. Durch den Namen der +Freiheit regten sie die Masse auf; masslos uebertriebene Schilderungen +von der fuerchterlichen Bestrafung, die den soeben wieder unterworfenen +Leontinern von den Roemern zuteil geworden sein sollte, erweckten auch +in dem bessern Teil der Buergerschaft den Zweifel, ob es nicht zu spaet +sei, um das alte Verhaeltnis mit Rom wiederherzustellen; unter den +Soeldnern endlich wurden die zahlreichen roemischen Ueberlaeufer, +meistens durchgegangene Ruderer von der Flotte, leicht ueberzeugt, dass +der Friede der Buergerschaft mit Rom ihr Todesurteil sei. So wurden die +Vorsteher der Buergerschaft erschlagen, der Waffenstillstand gebrochen +und Hippokrates und Epikydes uebernahmen das Regiment der Stadt. Es +blieb dem Konsul nichts uebrig, als zur Belagerung zu schreiten; indes +die geschickte Leitung der Verteidigung, wobei der als gelehrter +Mathematiker beruehmte syrakusanische Ingenieur Archimedes sich +besonders hervortat, zwang die Roemer nach achtmonatlicher Belagerung, +dieselbe in eine Blockade zu Wasser und zu Lande umzuwandeln. +Mittlerweile war von Karthago aus, das bisher nur mit seinen Flotten +die Syrakusaner unterstuetzt hatte, auf die Nachricht von der +abermaligen Schilderhebung derselben gegen die Roemer ein starkes +Landheer unter Himilko nach Sizilien gesendet worden, das ungehindert +bei Herakleia Minoa landete und sofort die wichtige Stadt Akragas +besetzte. Um dem Himilko die Hand zu reichen, rueckte der kuehne und +faehige Hippokrates aus Syrakus mit einer Armee aus; Marcellus’ Lage +zwischen der Besatzung von Syrakus und den beiden feindlichen Heeren +fing an bedenklich zu werden. Indes mit Hilfe einiger Verstaerkungen, +die von Italien eintrafen, behauptete er seine Stellung auf der Insel +und setzte die Blockade von Syrakus fort. Dagegen trieb mehr noch als +die feindlichen Armeen die fuerchterliche Strenge, mit der die Roemer +auf der Insel verfuhren, namentlich die Niedermetzelung der des Abfalls +verdaechtigen Buergerschaft von Enna durch die roemische Besatzung +daselbst, den groessten Teil der kleinen Landstaedte den Karthagern in +die Arme. Im Jahre 542 (212) gelang es den Belagerern von Syrakus +waehrend eines Festes in der Stadt, einen von den Wachen verlassenen +Teil der weitlaeuftigen Aussenmauern zu ersteigen und in die Vorstaedte +einzudringen, die von der Insel und der eigentlichen Stadt am Strande +(Achradina) sich gegen das innere Land hin erstreckten. Die Festung +Euryalos, die, am aeussersten westlichen Ende der Vorstaedte gelegen, +diese und die vom Binnenland nach Syrakus fuehrende Hauptstrasse +deckte, war hiermit abgeschnitten und fiel nicht lange nachher. Als so +die Belagerung der Stadt eine den Roemern guenstige Wendung zu nehmen +begann, rueckten die beiden Heere unter Himilko und Hippokrates zum +Entsatz heran und versuchten einen gleichzeitigen, ueberdies noch mit +einem Landungsversuch der karthagischen Flotte und einem Ausfall der +syrakusanischen Besatzung kombinierten Angriff auf die roemischen +Stellungen; allein er ward allerseits abgeschlagen, und die beiden +Entsatzheere mussten sich begnuegen, vor der Stadt ihr Lager +aufzuschlagen, in den sumpfigen Niederringen des Anapos, die im +Hochsommer und im Herbst den darin Verweilenden toedliche Seuchen +erzeugen. Oft hatten diese die Stadt gerettet, oefter als die +Tapferkeit der Buerger; zu den Zeiten des ersten Dionys waren zwei +phoenikische Heere, damals die Stadt belagernd, unter ihren Mauern +durch diese Seuchen vernichtet worden. Jetzt wendete der Stadt das +Schicksal die eigene Schutzwehr zum Verderben; waehrend Marcellus’ +Heer, in den Vorstaedten einquartiert, nur wenig litt, veroedeten die +Fieber die phoenikischen und syrakusanischen Biwaks. Hippokrates starb, +desgleichen Himilko und die meisten Afrikaner; die Ueberbleibsel der +beiden Heere, groesstenteils eingeborene Sikeler, verliefen sich in die +benachbarten Staedte. Noch machten die Karthager einen Versuch, die +Stadt von der Seeseite zu retten; allein der Admiral Bomilkar entwich, +als die roemische Flotte ihm die Schlacht anbot. Jetzt gab selbst +Epikydes, der in der Stadt befehligte, dieselbe verloren und entrann +nach Akragas. Gern haette Syrakus sich den Roemern ergeben; die +Verhandlungen hatten schon begonnen. Allein zum zweitenmal scheiterten +sie an den Ueberlaeufern; in einer abermaligen Meuterei der Soldaten +wurden die Vorsteher der Buergerschaft und eine Anzahl angesehener +Buerger erschlagen und das Regiment und die Verteidigung der Stadt von +den fremden Truppen ihren Hauptleuten uebertragen. Nun knuepfte +Marcellus mit einem von diesen eine Unterhandlung an, die ihm den einen +der beiden noch freien Stadtteile, die Insel, in die Haende lieferte; +worauf die Buergerschaft ihm freiwillig auch die Tore von Achradina +auftat (Herbst 542 212). Wenn irgendwo, haette gegen diese Stadt, die +offenbar nicht in ihrer eigenen Gewalt gewesen war und mehrfach die +ernstlichsten Versuche gemacht hatte, sich der Tyrannei des fremden +Militaers zu entziehen, selbst nach den nicht loeblichen Grundsaetzen +des roemischen Staatsrechts ueber die Behandlung bundbruechiger +Gemeinden die Gnade walten koennen. Allein nicht bloss beflecke +Marcellus seine Kriegerehre durch die Gestattung einer allgemeinen +Pluenderung der reichen Kaufstadt, bei der mit zahlreichen anderen +Buergern auch Archimedes den Tod fand, sondern es hatte auch der +roemische Senat kein Ohr fuer die verspaeteten Beschwerden der +Syrakusaner ueber den gefeierten Feldherrn und gab weder den einzelnen +die Beute zurueck noch der Stadt ihre Freiheit. Syrakus und die frueher +von ihm abhaengigen Staedte traten unter die den Roemern +steuerpflichtigen Gemeinden ein - nur Tauromenion und Neeton erhielten +das Recht von Messana, waehrend die leontinische Mark roemische Domaene +und die bisherigen Eigentuemer roemische Paechter wurden -, und in dem +den Hafen beherrschenden Stadtteil, der “Insel”, durfte fortan kein +syrakusanischer Buerger wohnen. + +Sizilien schien also fuer die Karthager verloren; allein Hannibals +Genie war auch hier aus der Ferne taetig. Er sandte zu dem +karthagischen Heer, das unter Hanno und Epikydes rat- und tatlos bei +Akragas stand, einen libyschen Reiteroffizier, den Muttines, der den +Befehl der numidischen Reiterei uebernahm und mit seinen fluechtigen +Scharen den bitteren Hass, den die roemische Zwingherrschaft auf der +ganzen Insel gesaet hatte, zu offener Flamme anfachend, einen +Guerillakrieg in der weitesten Ausdehnung und mit dem gluecklichsten +Erfolg begann, ja sogar, als am Himerafluss die karthagische und +roemische Armee aufeinandertrafen, gegen Marcellus selbst mit Glueck +einige Gefechte bestand. Indes das Verhaeltnis, das zwischen Hannibal +und dem karthagischen Rat obwaltete, wiederholte hier sich im kleinen. +Der vom Rat bestellte Feldherr verfolgte mit eifersuechtigem Neid den +von Hannibal gesandten Offizier und bestand darauf, dem Prokonsul eine +Schlacht zu liefern ohne Muttines und die Numidier. Hannos Wille +geschah und er ward vollstaendig geschlagen. Muttines liess sich +dadurch nicht irren; er behauptete sich im Innern des Landes, besetzte +mehrere kleine Staedte und konnte, da von Karthago nicht +unbetraechtliche Verstaerkungen ihm zukamen, seine Operationen +allmaehlich ausdehnen. Seine Erfolge waren so glaenzend, dass endlich +der Oberfeldherr, da er den Reiteroffizier nicht anders hindern konnte, +ihn zu verdunkeln, demselben kurzweg das Kommando ueber die leichte +Reiterei abnahm und es seinem Sohn uebertrug. Der Numidier, der nun +seit zwei Jahren seinen phoenikischen Herren die Insel erhalten hatte, +fand hiermit das Mass seiner Geduld erschoepft; er und seine Reiter, +die dem juengeren Hanno zu folgen sich weigerten, traten in +Unterhandlungen mit dem roemischen Feldherrn Marcus Valerius Laevinus +und lieferten ihm Akragas aus. Hanno entwich in einem Nachen und ging +nach Karthago, um den schaendlichen Vaterlandsverrat des hannibalischen +Offiziers den Seinen zu berichten; die phoenikische Besatzung in der +Stadt ward von den Roemern niedergemacht und die Buergerschaft in die +Sklaverei verkauft (544 210). Zur Sicherung der Insel vor aehnlichen +Ueberfaellen, wie die Landung von 540 (214) gewesen war, erhielt die +Stadt eine neue, aus den roemisch gesinnten Sizilianern ausgelesene +Einwohnerschaft; die alte herrliche Akragas war gewesen. Nachdem also +ganz Sizilien unterworfen war, ward roemischerseits dafuer gesorgt, +dass einige Ruhe und Ordnung auf die zerruettete Insel zurueckkehrte. +Man trieb das Raeubergesindel, das im Innern hauste, in Masse zusammen +und schaffte es hinueber nach Italien, um von Rhegion aus in Hannibals +Bundesgenossengebiet zu sengen und zu brennen; die Regierung tat ihr +Moegliches, um den gaenzlich darniederliegenden Ackerbau wieder auf der +Insel in Aufnahme zu bringen. Im karthagischen Rat war wohl noch oefter +die Rede davon, eine Flotte nach Sizilien zu senden und den Krieg zu +erneuern; allein es blieb bei Entwuerfen. + +Entscheidender als Syrakus haette Makedonien in den Gang der Ereignisse +eingreifen koennen. Von den oestlichen Maechten war fuer den Augenblick +weder Foerderung noch Hinderung zu erwarten. Antiochos der Grosse, +Philippos’ natuerlicher Bundesgenosse, hatte nach dem entscheidenden +Siege der Aegypter bei Raphia 537 (217) sich gluecklich schaetzen +muessen, von dem schlaffen Philopator Frieden auf Basis des Status quo +ante zu erhalten; teils die Rivalitaet der Lagiden und der stets +drohende Wiederausbruch des Krieges, teils Praetendentenaufstaende im +Innern und Unternehmungen aller Art in Kleinasien, Baktrien und den +oestlichen Satrapien hinderten ihn, jener grossen antiroemische Allianz +sich anzuschliessen, wie Hannibal sie im Sinne trug. Der aegyptische +Hof stand entschieden auf der Seite Roms, mit dem er das Buendnis 544 +(210) erneuerte; allein es war von Ptolemaeos Philopator nicht zu +erwarten, dass er Rom anders als durch Kornschiffe unterstuetzen werde. +In den grossen italischen Kampf ein entscheidendes Gewicht zu werfen, +waren somit Makedonien und Griechenland durch nichts gehindert als +durch die eigene Zwietracht; sie konnten den hellenischen Namen retten, +wenn sie es ueber sich gewannen, nur fuer wenige Jahre gegen den +gemeinschaftlichen Feind zusammenzustehen. Wohl gingen solche +Stimmungen durch Griechenland. Des Agelaos von Naupaktos prophetisches +Wort, dass er fuerchte, es moege mit den Kampfspielen, die jetzt die +Hellenen unter sich auffuehrten, demnaechst vorbei sein; seine ernste +Mahnung, nach Westen die Blicke zu richten und nicht zuzulassen, dass +eine staerkere Macht allen jetzt streitenden Parteien den Frieden des +gleichen Joches bringe - diese Reden hatten wesentlich dazu +beigetragen, den Frieden zwischen Philippos und den Aetolern +herbeizufuehren (537 217), und fuer dessen Tendenz war es bezeichnend, +dass der aetolische Bund sofort eben den Agelaos zu seinem Strategen +ernannte. Der nationale Patriotismus regte sich in Griechenland wie in +Karthago; einen Augenblick schien es moeglich, einen hellenischen +Volkskrieg gegen Rom zu entfachen. Allein der Feldherr eines solchen +Heerzuges konnte nur Philippos von Makedonien sein und ihm fehlte die +Begeisterung und der Glaube an die Nation, womit ein solcher Krieg +allein gefuehrt werden konnte. Er verstand die schwierige Aufgabe +nicht, sich aus dem Unterdruecker in den Vorfechter Griechenlands +umzuwandeln. Schon sein Zaudern bei dem Abschluss des Buendnisses mit +Hannibal verdarb den ersten und besten Eifer der griechischen +Patrioten; und als er dann in den Kampf gegen Rom eintrat, war die Art +der Kriegfuehrung noch weniger geeignet, Sympathie und Zuversicht zu +erwecken. Gleich der erste Versuch, der schon im Jahre der +cannensischen Schlacht (538 216) gemacht ward, sich der Stadt Apollonia +zu bemaechtigen, scheiterte in einer fast laecherlichen Weise, indem +Philippos schleunigst umkehrte auf das gaenzlich unbegruendete +Geruecht, dass eine roemische Flotte in das Adriatische Meer steuere. +Dies geschah, noch ehe es zum foermlichen Bruch mit Rom kam; als dieser +endlich erfolgt war, erwarteten Freund und Feind eine makedonische +Landung in Unteritalien. Seit 539 (215) standen bei Brundisium eine +roemische Flotte und ein roemisches Heer, um derselben zu begegnen; +Philippos, der ohne Kriegsschiffe war, zimmerte an einer Flottille von +leichten illyrischen Barken, um sein Heer hinueberzufuehren. Allein als +es Ernst werden sollte, entsank ihm der Mut, den gefuerchteten +Fuenfdeckern zur See zu begegnen; er brach das seinem Bundesgenossen +Hannibal gegebene Versprechen, einen Landungsversuch zu machen, und um +doch etwas zu tun, entschloss er sich, auf seinen Teil der Beute, die +roemischen Besitzungen in Epeiros, einen Angriff zu machen (540 214). +Im besten Falle waere dabei nichts herausgekommen; allein die Roemer, +die wohl wussten, dass die offensive Deckung vorzueglicher ist als die +defensive, begnuegten sich keineswegs, wie Philippos gehofft haben +mochte, dem Angriff vom andern Ufer her zuzusehen. Die roemische Flotte +fuehrte eine Heerabteilung von Brundisium nach Epeiros; Orikon ward dem +Koenig wieder abgenommen, nach Apollonia Besatzung geworfen und das +makedonische Lager erstuermt, worauf Philippos vom halben Tun zur +voelligen Untaetigkeit ueberging und einige Jahre in tatenlosem +Kriegszustand verstreichen liess, trotz aller Beschwerden Hannibals, +der umsonst solcher Lahmheit und Kurzsichtigkeit sein Feuer und seine +Klarheit einzuhauchen versuchte. Auch war es nicht Philippos, der dann +die Feindseligkeiten erneuerte. Der Fall von Tarent (542 212), womit +Hannibal einen vortrefflichen Hafen an denjenigen Kuesten gewann, die +zunaechst sich zur Landung eines makedonischen Heeres eigneten, +veranlasste die Roemer, den Schlag von weitem zu parieren und den +Makedoniern daheim so viel zu schaffen zu machen, dass sie an einen +Versuch auf Italien nicht denken konnten. In Griechenland war der +nationale Aufschwung natuerlich laengst verraucht. Mit Hilfe der alten +Opposition gegen Makedonien und der neuen Unvorsichtigkeiten und +Ungerechtigkeiten, die Philippos sich hatte zu Schulden kommen lassen, +fiel es dem roemischen Admiral Laevinus nicht schwer, gegen Makedonien +eine Koalition der Mittel- und Kleinmaechte unter roemischem Schutz +zustande zu bringen. An der Spitze derselben standen die Aetoler, auf +deren Landtag Laevinus selber erschienen war und sie durch Zusicherung +des seit langem von ihnen begehrten akarnanischen Gebiets gewonnen +hatte. Sie schlossen mit Rom den ehrbaren Vertrag die uebrigen Hellenen +auf gemeinschaftliche Rechnung an Land und Leuten zu pluendern, so dass +das Land den Aetolern, die Leute und die fahrende Habe den Roemern +gehoeren sollten. Ihnen schlossen sich im eigentlichen Griechenland die +antimakedonisch oder vielmehr zunaechst antiachaeisch gesinnten Staaten +an: in Attika Athen, im Peloponnes Elis und Messene, besonders aber +Sparta, dessen altersschwache Verfassung eben um diese Zeit ein +dreister Soldat Machanidas ueber den Haufen geworfen hatte, um unter +dem Namen des unmuendigen Koenigs Pelops selbst despotisch zu regieren +und ein auf gedungene Soeldnerscharen gestuetztes Abenteurerregiment zu +begruenden. Es traten ferner hinzu die ewigen Gegner Makedoniens, die +Haeuptlinge der halb wilden thrakischen und illyrischen Staemme und +endlich Koenig Attalos von Pergamon, der in dem Ruin der beiden +griechischen Grossstaaten, die ihn einschlossen, den eigenen Vorteil +mit Einsicht und Energie verfolgte und scharfsichtig genug war, sich +der roemischen Klientel schon jetzt anzuschliessen, wo seine Teilnahme +noch etwas wert war. Es ist weder erfreulich noch erforderlich, den +Wechselfaellen dieses ziellosen Kampfes zu folgen. Philippos, obwohl er +jedem einzelnen seiner Gegner ueberlegen war und nach allen Seiten hin +die Angriffe mit Energie und persoenlicher Tapferkeit zurueckwies, rieb +sich dennoch auf in dieser heillosen Defensive. Bald galt es, sich +gegen die Aetoler zu wenden, die in Gemeinschaft mit der roemischen +Flotte die ungluecklichen Akarnanen vernichteten und Lokris und +Thessalien bedrohten; bald rief ihn ein Einfall der Barbaren in die +noerdlichen Landschaften; bald sandten die Achaeer um Hilfe gegen die +aetolischen und spartanischen Raubzuege; bald bedrohten Koenig Attalos +von Pergamon und der roemische Admiral Publius Sulpicius mit ihren +vereinigten Flotten die oestliche Kueste oder setzten Truppen ans Land +in Euboea. Der Mangel einer Kriegsflotte laehmte Philippos in allen +seinen Bewegungen; es kam so weit, dass er von seinem Bundesgenossen +Prusias in Bithymen, ja von Hannibal Kriegsschiffe erbat. Erst gegen +das Ende des Krieges entschloss er sich zu dem, womit er haette +anfangen muessen, hundert Kriegsschiffe bauen zu lassen; Gebrauch ist +indes von denselben nicht mehr gemacht worden, wenn ueberhaupt der +Befehl zur Ausfuehrung kam. Alle, die Griechenlands Lage begriffen und +ein Herz dafuer hatten, beklagten den unseligen Krieg, in dem +Griechenlands letzte Kraefte sich selbst zerfleischten und der +Wohlstand des Landes zugrunde ging; wiederholt hatten die +Handelsstaaten Rhodos, Chios, Mytilene, Byzanz, Athen, ja selbst +Aegypten versucht zu vermitteln. In der Tat lag es beiden Parteien nahe +genug, sich zu vertragen. Wie die Makedonier hatten auch die Aetoler, +auf die es von den roemischen Bundesgenossen hauptsaechlich ankam, viel +unter dem Krieg zu leiden; besonders seit der kleine Koenig der +Athamanen von Philippos gewonnen worden und dadurch das innere Aetolien +den makedonischen Einfaellen geoeffnet war. Auch von ihnen gingen +allmaehlich manchem die Augen auf ueber die ehrlose und verderbliche +Rolle, zu der sie das roemische Buendnis verurteilte; es ging ein +Schrei der Empoerung durch die ganze griechische Nation, als die +Aetoler in Gemeinschaft mit den Roemern hellenische Buergerschaften, +wie die von Antikyra, Oreos, Dyme, Aegina, in Masse in die Sklaverei +verkauften. Allein die Aetoler waren schon nicht mehr frei: sie wagten +viel, wenn sie auf eigene Hand mit Philippos Frieden schlossen, und +fanden die Roemer keineswegs geneigt, zumal bei der guenstigen Wendung +der Dinge in Spanien und in Italien, von einem Kriege abzustehen, den +sie ihrerseits bloss mit einigen Schiffen fuehrten und dessen Last und +Nachteil wesentlich auf die Aetoler fiel. Endlich entschlossen diese +sich doch, den vermittelnden Staedten Gehoer zu geben; trotz der +Gegenbestrebungen der Roemer kam im Winter 548/49 (206/05) ein Friede +zwischen den griechischen Maechten zustande. Aetolien hatte einen +uebermaechtigen Bundesgenossen in einen gefaehrlichen Feind verwandelt; +indes es schien dem roemischen Senat, der eben damals die Kraefte des +erschoepften Staates zu der entscheidenden afrikanischen Expedition +aufbot, nicht der geeignete Augenblick, den Bruch des Buendnisses zu +ahnden. Selbst den Krieg mit Philippos, den nach dem Ruecktritt der +Aetoler die Roemer nicht ohne bedeutende eigene Anstrengungen haetten +fuehren koennen, erschien es zweckmaessig, durch einen Frieden zu +beendigen, durch den der Zustand vor dem Kriege im wesentlichen +wiederhergestellt ward und namentlich Rom mit Ausnahme des wertlosen +atintanischen Gebiets seine saemtlichen Besitzungen an der +epeirotischen Kueste behielt. Unter den Umstaenden musste Philippos +sich noch gluecklich schaetzen, solche Bedingungen zu erhalten; allein +es war damit ausgesprochen, was sich freilich nicht laenger verbergen +liess, dass all das unsaegliche Elend, welches die zehn Jahre eines mit +widerwaertiger Unmenschlichkeit gefuehrten Krieges ueber Griechenland +gebracht hatten, nutzlos erduldet, und dass die grossartige und +richtige Kombination, die Hannibal entworfen und ganz Griechenland +einen Augenblick geteilt hatte, unwiederbringlich gescheitert war. + +In Spanien, wo der Geist Hamilkars und Hannibals maechtig war, war der +Kampf ernster. Er bewegt sich in seltsamen Wechselfaellen, wie die +eigentuemliche Beschaffenheit des Landes und die Sitte des Volkes sie +mit sich bringen. Die Bauern und Hirten, die in dem schoenen Ebrotal +und dem ueppig fruchtbaren Andalusien wie in dem rauhen von zahlreichen +Waldgebirgen durchschnittenen Hochland zwischen jenem und diesem +wohnten, waren ebenso leicht als bewaffneter Landsturm +zusammenzutreiben wie schwer gegen den Feind zu fuehren und ueberhaupt +nur zusammenzuhalten. Die Staedte waren ebensowenig zu festem und +gemeinschaftlichem Handeln zu vereinigen, so hartnaeckig jede einzelne +Buergerschaft hinter ihren Waellen dem Draenger Trotz bot. Sie alle +scheinen zwischen den Roemern und den Karthagern wenig Unterschied +gemacht zu haben; ob die laestigen Gaeste, die sich im Ebrotal, oder +die, welche am Guadalquivir sich festgesetzt hatten, ein groesseres +oder kleineres Stueck der Halbinsel besassen, mag den Eingeborenen +ziemlich gleichgueltig gewesen sein, weshalb von der eigentuemlich +spanischen Zaehigkeit im Parteinehmen mit einzelnen Ausnahmen, wie +Sagunt auf roemischer, Astapa auf karthagischer Seite, in diesem Krieg +wenig hervortritt. Dennoch ward der Krieg von beiden Seiten, da weder +die Roemer noch die Afrikaner hinreichende eigene Mannschaft mit sich +gefuehrt hatten, notwendig zum Propagandakrieg, in dem selten +festgegruendete Anhaenglichkeit, gewoehnlich Furcht, Geld oder Zufall +entschied, und der, wenn er zu Ende schien, sich in einen endlosen +Festungs- und Guerillakrieg aufloeste, um bald aus der Asche wieder +aufzulodern. Die Armeen erscheinen und verschwinden wie die Duenen am +Strand; wo gestern ein Berg stand, findet man heute seine Spur nicht +mehr. Im allgemeinen ist das Uebergewicht auf Seiten der Roemer, teils +weil sie in Spanien zunaechst wohl auftraten als Befreier des Landes +von der phoenikischen Zwingherrschaft, teils durch die glueckliche Wahl +ihrer Fuehrer und durch den staerkeren Kern mitgebrachter +zuverlaessiger Truppen; doch ist es bei unserer sehr unvollkommenen und +namentlich in der Zeitrechnung tiefzerruetteten Ueberlieferung nicht +wohl moeglich, von einem also gefuehrten Kriege eine befriedigende +Darstellung zu geben. + +Die beiden Statthalter der Roemer auf der Halbinsel, Gnaeus und Publius +Scipio, beide, namentlich Gnaeus, gute Generale und vortreffliche +Verwalter, vollzogen ihre Aufgabe mit dem glaenzendsten Erfolg. Nicht +bloss war der Riegel der Pyrenaeen durchstehend behauptet und der +Versuch, die gesprengte Landverbindung zwischen dem feindlichen +Oberfeldherrn und seinem Hauptquartier wiederherzustellen, blutig +zurueckgewiesen worden, nicht bloss in Tarraco durch umfassende +Festungswerke und Hafenanlagen nach dem Muster des spanischen +Neukarthago ein spanisches Neurom erschaffen, sondern es hatten auch +die roemischen Heere schon 539 (215) in Andalusien mit Glueck +gefochten. Der Zug dorthin ward das Jahr darauf (540 214) mit noch +groesserem Erfolg wiederholt; die Roemer trugen ihre Waffen fast bis zu +den Saeulen des Herakles, breiteten ihre Klientel im suedlichen Spanien +aus und sicherten endlich durch die Wiedergewinnung und +Wiederherstellung von Sagunt sich eine wichtige Station auf der Linie +vom Ebro nach Cartagena, indem sie zugleich eine alte Schuld der Nation +soweit moeglich bezahlten. Waehrend die Scipionen so die Karthager aus +Spanien fast verdraengten, wussten sie ihnen im westlichen Afrika +selbst einen gefaehrlichen Feind zu erwecken an dem maechtigen +westafrikanischen Fuersten Syphax in den heutigen Provinzen Oran und +Algier, welcher mit den Roemern in Verbindung trat (um 541 213). Waere +es moeglich gewesen, ein roemisches Heer ihm zuzufuehren, so haette man +auf grosse Erfolge hoffen duerfen; allein in Italien konnte man eben +damals keinen Mann entbehren und das spanische Heer war zu schwach, um +sich zu teilen. Indes schon Syphax’ eigene Truppen, geschult und +gefuehrt von roemischen Offizieren, erregten unter den libyschen +Untertanen Karthagos so ernstliche Gaerung, dass der stellvertretende +Oberkommandant von Spanien und Afrika, Hasdrubal Barkas, selbst mit dem +Kern der spanischen Truppen nach Afrika ging. Vermutlich durch ihn trat +dort eine Wendung ein; der Koenig Gala in der heutigen Provinz +Constantine, seit langem der Rival des Syphax, erklaerte sich fuer +Karthago, und sein tapferer Sohn Massinissa schlug den Syphax und +noetigte ihn zum Frieden. Ueberliefert ist uebrigens von diesem +libyschen Krieg wenig mehr als die Erzaehlung der grausamen Rache, die +Karthago, wie es pflegte, nach Massinissas Siege an den Aufstaendischen +nahm. + +Diese Wendung der Dinge in Afrika ward auch folgenreich fuer den +spanischen Krieg. Hasdrubal konnte abermals nach Spanien sich wenden +(543 211), wohin bald betraechtliche Verstaerkungen und Massinissa +selbst ihm folgten. Die Scipionen, die waehrend der Abwesenheit des +feindlichen Oberfeldherrn (541 542 213 212) im karthagischen Gebiet +Beute und Propaganda zu machen fortgefahren hatten, sahen sich +unerwartet von so ueberlegenen Streitkraeften angegriffen, dass sie +entweder hinter den Ebro zurueckweichen oder die Spanier aufbieten +mussten. Sie waehlten das letztere und nahmen 20000 Keltiberer in Sold, +worauf sie dann, um den drei feindlichen Armeen unter Hasdrubal Barkas, +Hasdrubal Gisgons Sohn, und Mago besser zu begegnen, ihr Heer teilten +und nicht einmal ihre roemischen Truppen zusammenhielten. Damit +bereiteten sie sich den Untergang. Waehrend Gnaeus mit seinem Korps, +einem Drittel der roemischen und den saemtlichen spanischen Truppen, +Hasdrubal Barkas gegenueber lagerte, bestimmte dieser ohne Muehe durch +eine Summe Geldes die Spanier im roemischen Heere zum Abzuge, was ihnen +nach ihrer Landsknechtmoral vielleicht nicht einmal als Treubruch +erschien, da sie ja nicht zu den Feinden ihres Soldherrn ueberliefen. +Dem roemischen Feldherrn blieb nichts uebrig, als in moeglichster Eile +seinen Rueckzug zu beginnen, wobei der Feind ihm auf dem Fusse folgte. +Mittlerweile sah sich das zweite roemische Korps unter Publius von den +beiden anderen phoenikischen Armeen unter Hasdrubal Gisgons Sohn und +Mago lebhaft angegriffen, und Massinissas kecke Reiterscharen setzten +die Karthager in entschiedenen Vorteil. Schon war das roemische Lager +fast eingeschlossen; wenn noch die bereits im Anzuge begriffenen +spanischen Hilfstruppen eintrafen, waren die Roemer vollstaendig +umzingelt. Der kuehne Entschluss des Prokonsuls, mit seinen besten +Truppen den Spaniern entgegenzugehen, bevor deren Erscheinen die Luecke +in der Blockade fuellte, endigte nicht gluecklich. Die Roemer waren +wohl anfangs im Vorteil; allein die numidischen Reiter, die den +Ausfallenden rasch waren nachgesandt worden, erreichten sie bald und +hemmten sowohl die Verfolgung des halb schon erfochtenen Sieges, als +auch den Rueckmarsch, bis dass die phoenikische Infanterie herankam und +endlich der Fall des Feldherrn die verlorene Schlacht in eine +Niederlage verwandelte. Nachdem Publius also erlegen war, fand Gnaeus, +der langsam zurueckweichend sich des einen karthagischen Heeres muehsam +erwehrt hatte, ploetzlich von dreien zugleich sich angefallen und durch +die numidische Reiterei jeden Rueckzug sich abgeschnitten. Auf einen +nackten Huegel gedraengt, der nicht einmal die Moeglichkeit bot, ein +Lager zu schlagen, wurde das ganze Korps niedergehauen oder +kriegsgefangen; von dem Feldherrn selbst ward nie wieder sichere Kunde +vernommen. Eine kleine Abteilung allein rettete ein trefflicher +Offizier aus Gnaeus’ Schule, Gaius Marcius, hinueber auf das andere +Ufer des Ebro und ebendahin gelang es dem Legaten Titus Fonteius, den +von dem Korps des Publius im Lager gebliebenen Teil in Sicherheit zu +bringen; sogar die meisten im suedlichen Spanien zerstreuten roemischen +Besatzungen vermochten sich dorthin zu fluechten. Bis zum Ebro +herrschten die Phoeniker in ganz Spanien ungestoert und der Augenblick +schien nicht fern, wo der Fluss ueberschritten, die Pyrenaeen frei und +die Verbindung mit Italien hergestellt sein wuerde. Da fuehrte die Not +im roemischen Lager den rechten Mann an die Spitze. Die Wahl der +Soldaten berief mit Umgehung aelterer, nicht untuechtiger Offiziere zum +Fuehrer des Heeres jenen Gaius Marcius, und seine gewandte Leitung und +vielleicht ebenso sehr der Neid und Hader unter den drei karthagischen +Feldherren entrissen diesen die weiteren Fruechte des wichtigen Sieges. +Was von den Karthagern den Fluss ueberschritten, wurde zurueckgeworfen +und zunaechst die Ebrolinie behauptet, bis Rom Zeit gewann, ein neues +Heer und einen neuen Feldherrn zu senden. Zum Glueck gestattete dies +die Wendung des Krieges in Italien, wo soeben Capua gefallen war; es +kam eine starke Legion - 12000 Mann - unter dem Propraetor Gaius +Claudius Nero, die das Gleichgewicht der Waffen wieder herstellte. Eine +Expedition nach Andalusien im folgenden Jahr (544 210) hatte den besten +Erfolg; Hasdrubal Barkas ward umstellt und eingeschlossen und entrann +der Kapitulation nur durch unfeine List und offenen Wortbruch. Allein +Nero war der rechte Feldherr nicht fuer den Spanischen Krieg. Er war +ein tuechtiger Offizier, aber ein harter auffahrender unpopulaerer +Mann, wenig geschickt, die alten Verbindungen wieder anzuknuepfen und +neue einzuleiten und Vorteil zu ziehen aus der Unbill und dem Uebermut, +womit die Punier nach dem Tode der Scipionen Freund und Feind im +Jenseitigen Spanien behandelt und alle gegen sich erbittert hatten. Der +Senat, der die Bedeutung und die Eigentuemlichkeit des Spanischen +Krieges richtig beurteilte und durch die von der roemischen Flotte +gefangen eingebrachten Uticenser von den grossen Anstrengungen erfahren +hatte, die man in Karthago machte, um Hasdrubal und Massinissa mit +einem starken Heer ueber die Pyrenaeen zu senden, beschloss, nach +Spanien neue Verstaerkungen zu schicken und einen ausserordentlichen +Feldherrn hoeheren Ranges, dessen Ernennung man dem Volke anheimzugeben +fuer gut fand. Lange Zeit - so lautet der Bericht - meldete sich +niemand zur Uebernahme des verwickelten und gefaehrlichen Geschaefts, +bis endlich ein junger siebenundzwanzigjaehriger Offizier, Publius +Scipio, der Sohn des in Spanien gefallenen gleichnamigen Generals, +gewesener Kriegstribun und Aedil, als Bewerber auftrat. Es ist ebenso +unglaublich, dass der roemische Senat in diesen von ihm veranlassten +Komitien eine Wahl von solchem Belang dem Zufall anheimgestellt haben +sollte, als dass Ehrgeiz und Vaterlandsliebe in Rom so ausgestorben +gewesen, dass fuer den wichtigen Posten kein versuchter Offizier sich +angeboten haette. Wenn dagegen die Blicke des Senats sich wandten auf +den jungen talentvollen und erprobten Offizier, der in den heissen +Tagen am Ticinus und bei Cannae sich glaenzend ausgezeichnet hatte, dem +aber noch der erforderliche Rang abging, um als Nachfolger von +gewesenen Praetoren und Konsuln aufzutreten, so war es sehr natuerlich, +diesen Weg einzuschlagen, der das Volk auf gute Art noetigte, den +einzigen Bewerber trotz seiner mangelnden Qualifikation zuzulassen und +zugleich ihn und die ohne Zweifel sehr unpopulaere spanische Expedition +bei der Menge beliebt machen musste. War der Effekt dieser angeblich +improvisierten Kandidatur berechnet, so gelang er vollstaendig. Der +Sohn, der den Tod des Vaters zu raechen ging, dem er neun Jahre zuvor +am Ticinus das Leben gerettet hatte, der maennlich schoene junge Mann +mit den langen Locken, der bescheiden erroetend in Ermangelung eines +Besseren sich darbot fuer den Posten der Gefahr, der einfache +Kriegstribun, den nun auf einmal die Stimmen der Zenturien zu der +hoechsten Amtstaffel erhoben - das alles machte auf die roemischen +Buerger und Bauern einen wunderbaren und unausloeschlichen Eindruck. +Und in der Tat, Publius Scipio war eine begeisterte und begeisternde +Natur. Er ist keiner jener wenigen, die mit ihrem eisernen Willen die +Welt auf Jahrhunderte hinaus durch Menschenkraft in neue Gleise +zwingen; oder die doch auf Jahre dem Schicksal in die Zuegel fallen, +bis die Raeder ueber sie hinrollen. Publius Scipio hat im Auftrag des +Senats Schlachten gewonnen und Laender eroberter hat mit Hilfe seiner +militaerischen Lorbeeren auch als Staatsmann in Rom eine hervorragende +Stellung eingenommen; aber es ist weit von da bis zu Alexander und +Caesar. Als Offizier ist er seinem Vaterlande wenigstens nicht mehr +gewesen als Marcus Marcellus, und politisch hat er, wenn auch +vielleicht ohne seiner unpatriotischen und persoenlichen Politik sich +deutlich bewusst zu sein, seinem Lande mindestens ebensoviel geschadet, +als er ihm durch seine Feldherrngaben genutzt hat. Dennoch ruht ein +besonderer Zauber auf dieser anmutigen Heldengestalt; von der heiteren +und sicheren Begeisterung, die Scipio halb glaeubig halb geschickt vor +sich hertrug, ist sie durchaus wie von einer blendenden Aureole +umflossen. Mit gerade genug Schwaermerei, um die Herzen zu erwaermen, +und genug Berechnung, um das Verstaendige ueberall entscheiden und das +Gemeine nicht aus dem Ansatz wegzulassen; nicht naiv genug, um den +Glauben der Menge an seine goettlichen Inspirationen zu teilen, noch +schlicht genug, ihn zu beseitigen, und doch im stillen innig +ueberzeugt, ein Mann vom Gottes besonderen Gnaden zu sein - mit einem +Wort eine echte Prophetennatur; ueber dem Volke stehend und nicht +minder ausser dem Volke; ein Mann felsenfesten Worts und koeniglichen +Sinns, der durch Annahme des gemeinen Koenigtitels sich zu erniedrigen +meinte, aber ebensowenig begreifen konnte, dass die Verfassung der +Republik auch ihn band; seiner Groesse so sicher, dass er nichts wusste +von Neid und Hass und fremdes Verdienst leutselig anerkannte, fremde +Fehler mitleidig verzieh; ein vorzueglicher Offizier und feingebildeter +Diplomat, ohne das abstossende Sondergepraege dieses oder jenes Berufs, +hellenische Bildung einigend mit dem vollsten roemischen +Nationalgefuehl, redegewandt und anmutiger Sitte, gewann Publius Scipio +die Herzen der Soldaten und der Frauen, seiner Landsleute und der +Spanier, seiner Nebenbuhler im Senat und seines groesseren +karthagischen Gegners. Bald war sein Name auf allen Lippen und er der +Stern, der seinem Lande Sieg und Frieden zu bringen bestimmt schien. + +Publius Scipio ging nach Spanien 544/45 (210/09) ab, begleitet von dem +Propraetor Marcus Silanus, der an Neros Stelle treten und dem jungen +Oberfeldherrn als Beistand und Rat dienen sollte, und von seinem +Flottenfuehrer und Vertrauten Gaius Laelius, ausgeruestet abermals mit +einer ueberzaehlig starken Legion und einer wohlgefuellten Kasse. +Gleich sein erstes Auftreten bezeichnet einer der kuehnsten und +gluecklichsten Handstreiche, die die Geschichte kennt. Die drei +karthagischen Heerfuehrer standen Hasdrubal Barkas an den Quellen, +Hasdrubal Gisgons Sohn an der Muendung des Tajo, Mago an den Saeulen +des Herakles; der naechste von ihnen um zehn Tagemaersche entfernt von +der phoenikischen Hauptstadt Neukarthago. Ploetzlich im Fruehjahr 545 +(209), ehe noch die feindlichen Heere sich in Bewegung setzten, brach +Scipio gegen diese Stadt, die er von der Ebromuendung aus in wenigen +Tagen auf dem Kuestenweg erreichen konnte, mit seiner ganzen Armee von +ungefaehr 30000 Mann und der Flotte auf und ueberraschte die nicht +ueber 1000 Mann starke phoenikische Besatzung mit einem kombinierten +Angriff zu Wasser und zu Lande. Die Stadt, auf einer in den Hafen +hinein vorspringenden Landspitze gelegen, sah sich zugleich auf drei +Seiten von der roemischen Flotte, auf der vierten von den Legionen +bedroht und jede Hilfe war weit entfernt; aber der Kommandant Mago +wehrte sich mit Entschlossenheit und bewaffnete die Buergerschaft, da +die Soldaten nicht ausreichten, um die Mauern zu besetzen. Es ward ein +Ausfall versucht, welchen indes die Roemer ohne Muehe zurueckschlugen +und ihrerseits, ohne zu der Eroeffnung einer regelmaessigen Belagerung +sich die Zeit zu nehmen, den Sturm auf der Landseite begannen. Heftig +draengten die Stuermenden auf dem schmalen Landweg gegen die Stadt; +immer neue Kolonnen loesten die ermuedeten ab; die schwache Besatzung +war aufs aeusserste erschoepft, aber einen Erfolg hatten die Roemer +nicht gewonnen. Scipio hatte auch keinen erwartet; der Sturm hatte +bloss den Zweck, die Besatzung von der Hafenseite wegzuziehen, wo er, +unterrichtet davon, dass ein Teil des Hafens zur Ebbezeit trocken +liege, einen zweiten Angriff beabsichtigte. Waehrend an der Landseite +der Sturm tobte, sandte Scipio eine Abteilung mit Leitern ueber das +Watt, “wo Neptun ihnen selbst den Weg zeige”, und sie hatte in der Tat +das Glueck, die Mauern hier unverteidigt zu finden. So war am ersten +Tage die Stadt gewonnen, worauf Mago in der Burg kapitulierte. Mit der +karthagischen Hauptstadt fielen achtzehn abgetakelte Kriegs- und 63 +Lastschiffe, das gesamte Kriegsmaterial, bedeutende Getreidevorraete, +die Kriegskasse von 600 Talenten (ueber 1 Million Taler), zehntausend +Gefangene, darunter achtzehn karthagische Gerusiasten oder Richter, und +die Geiseln der saemtlichen spanischen Bundesgenossen Karthagos in die +Gewalt der Roemer. Scipio verhiess den Geiseln die Erlaubnis zur +Heimkehr, sowie die Gemeinde eines jeden mit Rom in Buendnis getreten +sein wuerde, und nutzte die Hilfsmittel, die die Stadt ihm darbot, sein +Heer zu verstaerken und in besseren Stand zu bringen, indem er die +neukarthagischen Handwerker, zweitausend an der Zahl, fuer das +roemische Heer arbeiten hiess gegen das Versprechen der Freiheit bei +der Beendigung des Krieges, und aus der uebrigen Menge die faehigen +Leute zum Ruderdienst auf den Schiffen auslas. Die Stadtbuerger aber +wurden geschont und ihnen die Freiheit und die bisherige Stellung +gelassen; Scipio kannte die Phoeniker und wusste, dass sie gehorchen +wuerden, und es war wichtig, die Stadt mit dem einzigen vortrefflichen +Hafen an der Ostkueste und den reichen Silberbergwerken nicht bloss +durch eine Besatzung zu sichern. + +So war die verwegene Unternehmung gelungen, verwegen deshalb, weil es +Scipio nicht unbekannt war, dass Hasdrubal Barkas von seiner Regierung +den Befehl erhalten hatte, nach Gallien vorzudringen, und diesen +auszufuehren beschaeftigt war, und weil die schwache, am Ebro +zurueckgelassene Abteilung unmoeglich imstande war, ihm dies ernstlich +zu wehren, wenn Scipios Rueckkehr sich auch nur verzoegerte. Indes er +war zurueck in Tarraco, ehe Hasdrubal sich am Ebro gezeigt hatte; das +gefaehrliche Spiel, das der junge Feldherr spielte, als er seine +naechste Aufgabe im Stich liess, um einen lockenden Streich +auszufuehren, ward verdeckt durch den fabelhaften Erfolg, den Neptunus +und Scipio gemeinschaftlich gewonnen hatten. Die wunderhafte Einnahme +der phoenikischen Hauptstadt rechtfertigte so ueber die Massen alles, +was man daheim von dem wunderbaren Juengling sich versprochen hatte, +dass jedes andere Urteil verstummen musste. Scipios Kommando wurde auf +unbestimmte Zeit verlaengert; er selber beschloss, sich nicht mehr auf +die duerftige Aufgabe zu beschraenken, der Hueter der Pyrenaeenpaesse +zu sein. Schon hatten infolge des Falles von Neukarthago nicht bloss +die diesseitigen Spanier sich voellig unterworfen, sondern auch +jenseits des Ebro die maechtigsten Fuersten die karthagische Klientel +mit der roemischen vertauscht. Scipio nutzte den Winter 545/46 (209/08) +dazu, seine Flotte aufzuloesen und mit den dadurch gewonnenen Leuten +sein Landheer so zu vermehren, dass er zugleich den Norden bewachen und +im Sueden die Offensive nachdruecklicher als bisher ergreifen koenne, +und marschierte im Jahre 546 (208) nach Andalusien. Hier traf er auf +Hasdrubal Barkas, der in Ausfuehrung des lange gehegten Planes, dem +Bruder zu Hilfe zu kommen, nordwaerts zog. Bei Baecula kam es zur +Schlacht, in der sich die Roemer den Sieg zuschrieben und 10000 +Gefangene gemacht haben sollen; aber Hasdrubal erreichte, wenn auch mit +Aufopferung eines Teils seiner Armee, im wesentlichen seinen Zweck. Mit +seiner Kasse, seinen Elefanten und dem besten Teil seiner Truppen +schlug er sich durch an die spanische Nordkueste, erreichte am Ozean +hinziehend die westlichen, wie es scheint, nicht besetzten +Pyrenaeenpaesse und stand noch vor dem Eintritt der schlechten +Jahreszeit in Gallien, wo er Winterquartier nahm. Es zeigte sich, dass +Scipios Entschluss, mit der ihm aufgetragenen Defensive die Offensive +zu verbinden, unueberlegt und unweise gewesen war; der naechsten +Aufgabe des spanischen Heeres, die nicht bloss Scipios Vater und Oheim, +sondern selbst Gaius Marcius und Gaius Nero mit viel geringeren Mitteln +geloest hatten, hatte der siegreiche Feldherr an der Spitze einer +starken Armee in seinem Uebermut nicht genuegt, und wesentlich er +verschuldete die aeusserst gefaehrliche Lage Roms im Sommer 547 (207), +als Hannibals Plan eines kombinierten Angriffs auf die Roemer endlich +dennoch sich realisierte. Indes die Goetter deckten die Fehler ihres +Lieblings mit Lorbeeren zu. In Italien ging die Gefahr gluecklich +vorueber; man liess sich das Bulletin des zweideutigen Sieges von +Baecula gefallen und gedachte, als neue Siegesberichte aus Spanien +einliefen, nicht weiter des Umstandes, dass man den faehigsten +Feldherrn und den Kern der spanisch-phoenikischen Armee in Italien zu +bekaempfen gehabt hatte. + +Nach Hasdrubal Barkas’ Entfernung beschlossen die beiden in Spanien +zurueckbleibenden Feldherren, vorlaeufig zurueckzuweichen, Hasdrubal +Gisgons Sohn nach Lusitanien, Mago gar auf die Balearen, und bis neue +Verstaerkungen aus Afrika anlangten, nur Massinissas leichte Reiterei +in Spanien streifen zu lassen, aehnlich wie es Muttines in Sizilien mit +so grossem Erfolge getan. So geriet die ganze Ostkueste in die Gewalt +der Roemer. Im folgenden Jahre (547 207) erschien wirklich aus Afrika +Hanno mit einem dritten Heere, worauf auch Mago und Hasdrubal sich +wieder nach Andalusien wandten. Allein Marcus Silanus schlug Magos und +Hannos vereinigte Heere und nahm den letzteren selbst gefangen. +Hasdrubal gab darauf die Behauptung des offenen Feldes auf und +verteilte seine Truppen in die andalusischen Staedte, von denen Scipio +in diesem Jahr nur noch eine, Oringis, erstuermen konnte. Die Phoeniker +schienen ueberwaeltigt; aber dennoch vermochten sie das Jahr darauf +(548 206) wieder ein gewaltiges Heer ins Feld zu senden, 32 Elefanten, +4000 Mann zu Pferde, 70000 zu Fuss, freilich zum allergroessten Teil +zusammengeraffte spanische Landwehr. Wieder bei Baecula kam es zur +Schlacht. Das roemische Heer zaehlte wenig mehr als die Haelfte des +feindlichen und auch von ihm war ein guter Teil Spanier. Scipio +stellte, wie Wellington in gleichem Fall, seine Spanier so auf, dass +sie nicht zum Schlagen kamen - die einzige Moeglichkeit, ihr Ausreissen +zu verhindern -, waehrend er umgekehrt seine roemischen Truppen zuerst +auf die Spanier warf. Der Tag war dennoch hart bestritten; doch siegten +endlich die Roemer, und wie sich von selbst versteht, war die +Niederlage eines solchen Heeres gleichbedeutend mit der voelligen +Aufloesung desselben - einzeln retteten sich Hasdrubal und Mago nach +Gades. Die Roemer standen jetzt ohne Nebenbuhler auf der Halbinsel; die +wenigen nicht gutwillig sich fuegenden Staedte wurden einzeln bezwungen +und zum Teil mit grausamer Haerte bestraft. Scipio konnte sogar auf der +afrikanischen Kueste dem Syphax einen Besuch abstatten und mit ihm, ja +selbst mit Massinissa fuer den Fall einer Expedition nach Afrika +Verbindungen einleiten - ein tollkuehnes Wagstueck, das durch keinen +entsprechenden Zweck gerechtfertigt ward, so sehr auch der Bericht +davon den neugierigen Hauptstaedtern daheim behagen mochte. Nur Gades, +wo Mago den Befehl fuehrte, war noch phoenikisch. Einen Augenblick +schien es, als ob, nachdem die Roemer die karthagische Erbschaft +angetreten und die hier und da in Spanien genaehrte Hoffnung nach +Beendigung des phoenikischen Regiments auch der roemischen Gaeste +loszuwerden und die alte Freiheit wieder zu erlangen, hinreichend +widerlegt hatten, in Spanien eine allgemeine Insurrektion gegen die +Roemer ausbrechen wuerde, bei welcher die bisherigen Verbuendeten Roms +vorangingen. Die Erkrankung des roemischen Feldherrn und die Meuterei +eines seiner Korps, veranlasst durch den seit vielen Jahren +rueckstaendigen Sold, beguenstigten den Aufstand. Indes Scipio genas +schneller als man gemeint hatte und daempfte mit Gewandtheit den +Soldatentumult; worauf auch die Gemeinden, die bei der Nationalerhebung +vorangegangen waren, alsbald niedergeworfen wurden, ehe die +Insurrektion Boden gewann. Da es also auch damit nichts und Gades doch +auf die Laenge nicht zu halten war, befahl die karthagische Regierung +dem Mago zusammenzuraffen, was dort an Schiffen, Truppen und Geld sich +vorfinde, und damit womoeglich dem Krieg in Italien eine andere Wendung +zu geben. Scipio konnte dies nicht wehren - es raechte sich jetzt, dass +er seine Flotte aufgeloest hatte - und musste zum zweitenmal die ihm +anvertraute Beschirmung der Heimat gegen neue Invasion seinen Goettern +anheimstellen. Unbehindert verliess der letzte von Hamilkars Soehnen +die Halbinsel. Nach seinem Abzug ergab sich auch Gades, die aelteste +und letzte Besitzung der Phoeniker auf spanischem Boden, unter +guenstigen Bedingungen den neuen Herren. Spanien war nach +dreizehnjaehrigem Kampfe aus einer karthagischen in eine roemische +Provinz verwandelt worden, in der zwar noch jahrhundertelang die stets +besiegte und nie ueberwundene Insurrektion den Kampf gegen die Roemer +fortfuehrte, aber doch im Augenblick kein Feind den Roemern +gegenueberstand. Scipio ergriff den ersten Moment der Scheinruhe, um +sein Kommando abzugeben (Ende 548 206) und in Rom persoenlich von den +erfochtenen Siegen und den gewonnenen Landschaften zu berichten. + +Waehrend also Marcellus in Sizilien, Publius Sulpicius in Griechenland, +Scipio in Spanien den Krieg beendigten, ging auf der italischen +Halbinsel der gewaltige Kampf ununterbrochen weiter. Hier standen, +nachdem die Cannensische Schlacht geschlagen war und deren Folgen an +Verlust und Gewinn sich allmaehlich uebersehen liessen, im Anfang des +Jahres 540 (214), des fuenften Kriegsjahres, die Roemer und Phoeniker +folgendermassen sich gegenueber. Norditalien hatten die Roemer nach +Hannibals Abzug wieder besetzt und deckten es mit drei Legionen, wovon +zwei im Keltenlande standen, die dritte als Rueckhalt in Picenum. +Unteritalien bis zum Garganus und Volturnus war mit Ausnahme der +Festungen und der meisten Haefen in Hannibals Haenden. Er stand mit der +Hauptarmee bei Arpi, ihm in Apulien gegenueber, gestuetzt auf die +Festungen Luceria und Benevent, Tiberius Gracchus mit vier Legionen. Im +brettischen Lande, dessen Einwohner sich Hannibal gaenzlich in die Arme +geworfen hatten und wo auch die Haefen, mit Ausnahme von Rhegion, das +die Roemer von Messana aus schuetzten, von den Phoenikern besetzt +worden waren, stand ein zweites karthagisches Heer unter Hanno, ohne +zunaechst einen Feind sich gegenueber zu sehen. Die roemische +Hauptarmee von vier Legionen unter den beiden Konsuln Quintus Fabius +und Marcus Marcellus war im Begriff, die Wiedergewinnung Capuas zu +versuchen. Dazu kam roemischerseits die Reserve von zwei Legionen in +der Hauptstadt, die in alle Seehaefen gelegte Besatzung, welche in +Tarent und Brundisium wegen der dort befuerchteten makedonischen +Landung durch eine Legion verstaerkt worden war, endlich die starke, +das Meer ohne Widerstreit beherrschende Flotte. Rechnet man dazu die +roemischen Heere in Sizilien, Sardinien und Spanien, so laesst sich die +Gesamtzahl der roemischen Streitkraefte, auch abgesehen von dem +Besatzungsdienst, den in den unteritalischen Festungen die dort +angesiedelte Buergerschaft zu versehen hatte, nicht unter 200000 Mann +anschlagen, darunter ein Drittel fuer dies Jahr neu einberufene Leute +und etwa die Haelfte roemische Buerger. Man darf annehmen, dass die +gesamte dienstfaehige Mannschaft vom 17. bis zum 46. Jahre unter den +Waffen stand und die Felder, wo der Krieg sie zu bearbeiten erlaubte, +von den Sklaven, den Alten, den Kindern und Weibern bestellt wurden. +Dass unter solchen Verhaeltnissen auch die Finanzen in der peinlichsten +Verlegenheit waren, ist begreiflich; die Grundsteuer, auf die man +hauptsaechlich angewiesen war, ging natuerlich nur sehr unregelmaessig +ein. Aber trotz dieser Not um Mannschaft und Geld vermochten die Roemer +dennoch, das rasch Verlorene zwar langsam und mit Anspannung aller +Kraefte, aber doch zurueckzuerobern; ihre Heere jaehrlich zu vermehren, +waehrend die phoenikischen zusammenschwanden; gegen Hannibals italische +Bundesgenossen, die Kampaner, Apuler, Samniten, Brettier, die weder wie +die roemischen Festungen in Unteritalien sich selber genuegten noch von +Hannibals schwachem Heer hinreichend gedeckt werden konnten, jaehrlich +Boden zu gewinnen; endlich mittels der von Marcus Marcellus +begruendeten Kriegsweise das Talent der Offiziere zu entwickeln und die +Ueberlegenheit des roemischen Fussvolks in vollem Umfange ins Spiel zu +bringen. Hannibal durfte wohl noch auf Siege hoffen, aber nicht mehr +auf Siege wie am Trasimenischen See und am Aufidus; die Zeiten der +Buergergenerale waren vorbei. Es blieb ihm nichts uebrig, als +abzuwarten, bis entweder Philippos die laengst versprochene Landung +ausfuehren oder die Brueder aus Spanien ihm die Hand reichen wuerden, +und mittlerweile sich, seine Armee und seine Klientel soweit moeglich +unversehrt und bei guter Laune zu erhalten. Man erkennt in der zaehen +Defensive, die jetzt beginnt, mit Muehe den Feldherrn wieder, der wie +kaum ein anderer stuermisch und verwegen die Offensive gefuehrt hat; es +ist psychologisch wie militaerisch bewundernswert, dass derselbe Mann +die beiden ihm gestellten Aufgaben ganz entgegengesetzter Art in +gleicher Vollkommenheit geloest hat. + +Zunaechst zog der Krieg sich vornehmlich nach Kampanien. Hannibal +erschien rechtzeitig zum Schutz der Hauptstadt, deren Einschliessung er +hinderte; allein weder vermochte er irgendeine der kampanischen +Staedte, die die Roemer besassen, den starken roemischen Besatzungen zu +entreissen, noch konnte er wehren, dass ausser einer Menge minder +wichtiger Landstaedte auch Casilinum, das ihm den Uebergang ueber den +Volturnus sicherte, von den beiden Konsularheeren nach hartnaeckiger +Gegenwehr genommen ward. Ein Versuch Hannibals Tarent zu gewinnen, +wobei es namentlich auf einen sicheren Landungsplatz fuer die +makedonische Armee abgesehen war, schlug ihm fehl. Das brettische Heer +der Karthager unter Hanno schlug sich inzwischen in Lucanien mit der +roemischen Armee von Apulien herum; Tiberius Gracchus bestand hier mit +Erfolg den Kampf und gab nach einem gluecklichen Gefecht unweit +Benevent, bei dem die zum Dienst gepressten Sklavenlegionen sich +ausgezeichnet hatten, den Sklavensoldaten im Namen des Volks die +Freiheit und das Buergerrecht. + +Im folgenden Jahr (541 213) gewannen die Roemer das reiche und wichtige +Arpi zurueck, dessen Buergerschaft, nachdem die roemischen Soldaten +sich in die Stadt eingeschlichen hatten, mit ihnen gegen die +karthagische Besatzung gemeinschaftliche Sache machte. Ueberhaupt +lockerten sich die Bande der Hannibalischen Symmachie; eine Anzahl der +vornehmsten Capuaner und mehrere brettische Staedte gingen ueber zu +Rom; sogar eine spanische Abteilung des phoenikischen Heeres trat, +durch spanische Emissaere von dem Gang der Ereignisse in der Heimat in +Kenntnis gesetzt, aus karthagischen in roemische Dienste. + +Unguenstiger war fuer die Roemer das Jahr 542 (212) durch neue +politische und militaerische Fehler, die Hannibal auszubeuten nicht +unterliess. Die Verbindungen, welche Hannibal in den grossgriechischen +Staedten unterhielt, hatten zu keinem ernstlichen Resultat gefuehrt; +nur die in Rom befindlichen tarentinischen und thurinischen Geiseln +liessen sich durch seine Emissaere zu einem tollen Fluchtversuch +bestimmen, wobei sie schleunig von den roemischen Posten wieder +aufgegriffen wurden. Allein die unverstaendige Rachsucht der Roemer +foerderte Hannibal mehr als seine Intrigen; die Hinrichtung der +saemtlichen entwichenen Geiseln beraubte sie eines kostbaren +Unterpfandes, und die erbitterten Griechen sannen seitdem, wie sie +Hannibal die Tore oeffnen moechten. Wirklich ward Tarent durch +Einverstaendnis mit der Buergerschaft und durch die Nachlaessigkeit des +roemischen Kommandanten von den Karthagern besetzt; kaum dass die +roemische Besatzung sich in der Burg behauptete. Dem Beispiel Tarents +folgten Herakleia, Thurii und Metapont, aus welcher Stadt zur Rettung +der Tarentiner Akropolis die Besatzung hatte weggezogen werden muessen. +Damit war die Gefahr einer makedonischen Landung so nahe gerueckt, dass +Rom sich genoetigt sah, dem fast gaenzlich vernachlaessigten +griechischen Krieg neue Aufmerksamkeit und neue Anstrengungen +zuzuwenden, wozu gluecklicherweise die Einnahme von Syrakus und der +guenstige Stand des spanischen Krieges die Moeglichkeit gewaehrte. Auf +dem Hauptkriegsschauplatz, in Kampanien, ward mit sehr abwechselndem +Erfolge gefochten. Die in der Naehe von Capua postierten Legionen +hatten zwar die Stadt noch nicht eigentlich eingeschlossen, aber doch +die Bestellung des Ackers und die Einbringung der Ernte so sehr +gehindert, dass die volkreiche Stadt auswaertiger Zufuhr dringend +bedurfte. Hannibal brachte also einen betraechtlichen Getreidetransport +zusammen und wies die Kampaner an, ihn bei Benevent in Empfang zu +nehmen; allein deren Saumseligkeit gab den Konsuln Quintus Flaccus und +Appius Claudius Zeit herbeizukommen, dem Hanno, der den Transport +deckte, eine schwere Niederlage beizubringen und sich seines Lagers und +der gesamten Vorraete zu bemaechtigen. Die beiden Konsuln schlossen +darauf die Stadt ein, waehrend Tiberius Gracchus sich auf der Appischen +Strasse aufstellte, um Hannibal den Weg zum Entsatz zu verlegen. Aber +der tapfere Mann fiel durch die schaendliche List eines treulosen +Lucaners, und sein Tod kam einer voelligen Niederlage gleich, da sein +Heer, groesstenteils bestehend aus jenen von ihm freigesprochenen +Sklaven, nach dem Tode des geliebten Fuehrers auseinanderlief. So fand +Hannibal die Strasse nach Capua offen und noetigte durch sein +unvermutetes Erscheinen die beiden Konsuln, die kaum begonnene +Einschliessung wieder aufzuheben, nachdem noch vor Hannibals Eintreffen +ihre Reiterei von der phoenikischen, die unter Hanno und Bostar als +Besatzung in Capua lag, und der ebenso vorzueglichen kampanischen +nachdruecklich geschlagen worden war. Die totale Vernichtung der von +Marcus Centenius, einem vom Unteroffizier zum Feldherrn unvorsichtig +befoerderten Mann, angefuehrten regulaeren Truppen und Freischaren in +Lucanien, und die nicht viel weniger vollstaendige Niederlage des +nachlaessigen und uebermuetigen Praetors Gnaeus Fulvius Flaccus in +Apulien beschlossen die lange Reihe der Unfaelle dieses Jahres. Aber +das zaehe Ausharren der Roemer machte wenigstens an dem entscheidenden +Punkte den raschen Erfolg Hannibals doch wieder zunichte. Sowie +Hannibal Capua den Ruecken wandte, um sich nach Apulien zu begeben, +zogen die roemischen Heere sich abermals um Capua zusammen, bei Puteoli +und Volturnum unter Appius Claudius, bei Casilinum unter Quintus +Fulvius, auf der Nolanischen Strasse unter dem Praetor Gaius Claudius +Nero; die drei wohlverschanzten und durch befestigte Linien miteinander +verbundenen Lager sperrten jeden Zugang, und die grosse, ungenuegend +verproviantierte Stadt musste durch blosse Umstellung in nicht +entfernter Zeit sich zur Kapitulation gezwungen sehen, wenn kein +Entsatz kam. Wie der Winter 542/43 (212/11) zu Ende ging, waren auch +die Vorraete fast erschoepft, und dringende Boten, die kaum imstande +waren, durch die wohlbewachten roemischen Linien sich +durchzuschleichen, begehrten schleunige Hilfe von Hannibal, der, mit +der Belagerung der Burg beschaeftigt, in Tarent stand. In Eilmaerschen +brach er mit 33 Elefanten und seinen besten Truppen von Tarent nach +Kampanien auf, hob den roemischen Posten in Calatia auf und nahm sein +Lager am Berge Tifata unmittelbar bei Capua, in der sicheren Erwartung, +dass die roemischen Feldherren eben wie im vorigen Jahre daraufhin die +Belagerung aufheben wuerden. Allein die Roemer, die Zeit gehabt hatten, +ihre Lager und ihre Linien festungsartig zu verschanzen, ruehrten sich +nicht und sahen unbeweglich von den Waellen aus zu, wie auf der einen +Seite die kampanischen Reiter, auf der anderen die numidischen +Schwaerme an ihre Linien anprallten. An einen ernstlichen Sturm durfte +Hannibal nicht denken; er konnte voraussehen, dass sein Anruecken bald +die anderen roemischen Heere nach Kampanien nachziehen wuerde, wenn +nicht schon frueher der Mangel an Futter in dem systematisch +ausfouragierten Lande ihn aus Kampanien vertrieb. Dagegen liess sich +nichts machen. Hannibal versuchte noch einen Ausweg, den letzten, der +seinem erfinderischen Geist sich darbot, um die wichtige Stadt zu +retten. Er brach mit dem Entsatzheer, nachdem er den Kampanern von +seinem Vorhaben Nachricht gegeben und sie zum Ausharren ermahnt hatte, +von Capua auf und schlug die Strasse nach Rom ein. Mit derselben +gewandten Kuehnheit wie in seinen ersten italischen Feldzuegen warf er +sich mit einem schwachen Heer zwischen die feindlichen Armeen und +Festungen und fuehrte seine Truppen durch Samnium und auf der +Valerischen Strasse an Tibur vorbei bis zur Aniobruecke, die er +passierte und auf dem anderen Ufer ein Lager nahm, eine deutsche Meile +von der Stadt. Den Schreck empfanden noch die Enkel der Enkel, wenn +ihnen erzaehlt ward von “Hannibal vor dem Tor”; eine ernstliche Gefahr +war nicht vorhanden. Die Landhaeuser und Aecker in der Naehe der Stadt +wurden von den Feinden verheert; die beiden Legionen in der Stadt, die +gegen sie ausrueckten, verhinderten die Berennung der Mauern. Durch +einen Handstreich, wie ihn Scipio bald nachher gegen Neukarthago +ausfuehrte, Rom zu ueberrumpeln, hatte Hannibal uebrigens nie gemeint +und noch weniger an eine ernstliche Belagerung gedacht; seine Hoffnung +war einzig darauf gestellt, dass im ersten Schreck ein Teil des +Belagerungsheeres von Capua nach Rom marschieren und ihm also +Gelegenheit geben werde, die Blockade zu sprengen. Darum brach er nach +kurzem Verweilen wieder auf. Die Roemer sahen in seiner Umkehr ein +Wunder der goettlichen Gnade, die durch Zeichen und Gesichte den argen +Mann zum Abzug bestimmt habe, wozu ihn die roemischen Legionen freilich +zu noetigen nicht vermochten; an der Stelle, wo Hannibal der Stadt am +naechsten gekommen war, von dem Capenischen Tor an dem zweiten +Miglienstein der Appischen Strasse, errichteten die dankbaren +Glaeubigen dem Gott “Rueckwender Beschuetzer” (Rediculus Tutanus) einen +Altar. In der Tat zog Hannibal ab, weil es so in seinem Plane lag, und +schlug die Richtung nach Capua ein. Allein die roemischen Feldherren +hatten den Fehler nicht begangen, auf den ihr Gegner gerechnet hatte; +unbeweglich standen die Legionen in den Linien um Capua und nur ein +schwaches Korps war auf die Kunde von Hannibals Marsch nach Rom +detachiert worden. Wie Hannibal dies erfuhr, wandte er sich ploetzlich +um gegen den Konsul Publius Galba, der ihm von Rom her unbesonnen +gefolgt war, und mit dem er bisher vermieden hatte zu schlagen, +ueberwand ihn und erstuermte sein Lager; aber es war das ein geringer +Ersatz fuer Capuas jetzt unvermeidlichen Fall. Lange schon hatte die +Buergerschaft daselbst, namentlich die besseren Klassen derselben, mit +bangen Ahnungen der Zukunft entgegengesehen; den Fuehrern der Rom +feindlichen Volkspartei blieb das Rathaus und die staedtische +Verwaltung fast ausschliesslich ueberlassen. Jetzt ergriff die +Verzweiflung Vornehme und Geringe, Kampaner und Phoeniker ohne +Unterschied. Achtundzwanzig vom Rat waehlten den freiwilligen Tod; die +uebrigen uebergaben die Stadt dem Gutfinden eines unversoehnlich +erbitterten Feindes. Dass Blutgerichte folgen mussten, verstand sich +von selbst; man stritt nur ueber langen oder kurzen Prozess: ob es +klueger und zweckmaessiger sei, die weiteren Verzweigungen des +Hochverrats auch ausserhalb Capuas gruendlich zu ermitteln oder durch +rasche Exekution der Sache ein Ende zu machen. Ersteres wollten Appius +Claudius und der roemische Senat; die letztere Meinung, vielleicht die +weniger unmenschliche, siegte ob. Dreiundfuenfzig capuanische Offiziere +und Beamte wurden auf den Marktplaetzen von Cales und Teanum auf Befehl +und vor den Augen des Prokonsuls Quintus Flaccus ausgepeitscht und +enthauptet, der Rest des Rates eingekerkert, ein zahlreicher Teil der +Buergerschaft in die Sklaverei verkauft, das Vermoegen der +Wohlhabenderen konfisziert. Aehnliche Gerichte ergingen ueber Atella +und Calatia. Diese Strafen waren hart; allein mit Ruecksicht auf das, +was Capuas Abfall fuer Rom bedeutet, und auf das, was der +Kriegsgebrauch jener Zeit wenn nicht recht, doch ueblich gemacht hatte, +sind sie begreiflich. Und hatte nicht durch den Mord der saemtlichen in +Capua zur Zeit des Abfalls anwesenden roemischen Buerger unmittelbar +nach dem uebertritt die Buergerschaft sich selber ihr Urteil +gesprochen? Arg aber war es, dass Rom diese Gelegenheit benutzte, um +die stille Rivalitaet, die lange zwischen den beiden groessten Staedten +Italiens bestanden hatte, zu befriedigen und durch die Aufhebung der +kampanischen Stadtverfassung die gehasste und beneidete Nebenbuhlerin +vollstaendig politisch zu vernichten. + +Ungeheuer war der Eindruck von Capuas Fall, und nur um so mehr, weil er +nicht durch Ueberraschung, sondern durch eine zweijaehrige, allen +Anstrengungen Hannibals zum Trotze durchgefuehrte Belagerung +herbeigefuehrt worden war. Er war ebenso sehr das Signal der den +Roemern wiedergewonnenen Oberhand in Italien, wie sechs Jahre zuvor der +Uebertritt Capuas zu Hannibal das Signal der verlorenen gewesen war. +Vergeblich hatte Hannibal versucht, dem Eindruck dieser Nachricht auf +die Bundesgenossen entgegenzuarbeiten durch die Einnahme von Rhegion +oder der tarentinischen Burg. Sein Gewaltmarsch, um Rhegion zu +ueberraschen, hatte nichts gefruchtet und in der Burg von Tarent war +der Mangel zwar gross, seit das tarentinisch-karthagische Geschwader +den Hafen sperrte, aber da die Roemer mit ihrer weit staerkeren Flotte +jenem Geschwader selbst die Zufuhr abzuschneiden vermochten, und das +Gebiet, das Hannibal beherrschte, kaum genuegte, sein Heer zu +ernaehren, so litten die Belagerer auf der Seeseite nicht viel weniger +als die Belagerten in der Burg und verliessen endlich den Hafen. Es +gelang nichts mehr; das Glueck selbst schien von dem Karthager +gewichen. Diese Folgen von Capuas Fall, die tiefe Erschuetterung des +Ansehens und Vertrauens, das Hannibal bisher bei den italischen +Verbuendeten genossen, und die Versuche jeder nicht allzusehr +kompromittierten Gemeinde, auf leidliche Bedingungen in die roemische +Symmachie wieder zurueckzutreten, waren noch weit empfindlicher fuer +Hannibal als der unmittelbare Verlust. Er hatte die Wahl, in die +schwankenden Staedte entweder Besatzung zu werfen, wodurch er sein +schon zu schwaches Heer noch mehr schwaechte und seine zuverlaessigen +Truppen der Aufreibung in kleinen Abteilungen und dem Verrat preisgab - +so wurden ihm im Jahre 544 (210) bei dem Abfall der Stadt Salapia 500 +auserlesene numidische Reiter niedergemacht; oder die unsicheren +Staedte zu schleifen und anzuzuenden, um sie dem Feind zu entziehen, +was denn auch die Stimmung unter seiner italischen Klientel nicht heben +konnte. Mit Capuas Fall fuehlten die Roemer des endlichen Ausganges des +Krieges in Italien sich wiederum sicher; sie entsandten betraechtliche +Verstaerkungen nach Spanien, wo durch den Fall der beiden Scipionen die +Existenz der roemischen Armee gefaehrdet war, und gestatteten zum +erstenmal seit dem Beginn des Krieges sich eine Verminderung der +Gesamtzahl der Truppen, die bisher trotz der jaehrlich steigenden +Schwierigkeit der Aushebung jaehrlich vermehrt worden und zuletzt bis +auf 23 Legionen gestiegen war. Darum ward denn auch im naechsten Jahr +(544 210 ) der italische Krieg laessiger als bisher von den Roemern +gefuehrt, obwohl Marcus Marcellus nach Beendigung des sizilischen +Krieges wieder den Oberbefehl der Hauptarmee uebernommen hatte; er +betrieb in den inneren Landschaften den Festungskrieg und lieferte den +Karthagern unentschiedene Gefechte. Auch der Kampf um die tarentinische +Akropole blieb ohne entscheidendes Resultat. In Apulien gelang Hannibal +die Besiegung des Prokonsuls Gnaeus Fulvius Centumalus bei Herdoneae. +Das Jahr darauf (545 209) schritten die Roemer dazu, der zweiten +Grossstadt, die zu Hannibal uebergetreten war, der Stadt Tarent sich +wieder zu bemaechtigen. Waehrend Marcus Marcellus den Kampf gegen +Hannibal selbst mit gewohnter Zaehigkeit und Energie fortsetzte - in +einer zweitaegigen Schlacht erfocht er, am ersten Tage geschlagen, am +zweiten einen schweren und blutigen Sieg; waehrend der Konsul Quintus +Fulvius die schon schwankenden Lucaner und Hirpiner zum Wechsel der +Partei und zur Auslieferung der phoenikischen Besatzungen bestimmte; +waehrend gut geleitete Razzias von Rhegion aus Hannibal noetigten, den +bedraengten Brettiern zu Hilfe zu eilen, setzte der alte Quintus +Fabius, der noch einmal - zum fuenftenmal - das Konsulat und damit den +Auftrag, Tarent wieder zu erobern, angenommen hatte, sich fest in dem +nahen messapischen Gebiet, und der Verrat einer brettischen Abteilung +der Besatzung ueberlieferte ihm die Stadt, in der von den erbitterten +Siegern fuerchterlich gehaust ward. Was von der Besatzung oder von der +Buergerschaft ihnen vorkam, wurde niedergemacht und die Haeuser +gepluendert. Es sollen 30000 Tarentiner als Sklaven verkauft, 3000 +Talente (5 Mill. Taler) in den Staatsschatz geflossen sein. Es war die +letzte Waffentat des achtzigjaehrigen Feldherrn; Hannibal kam zum +Entsatz, als alles vorbei war, und zog sich zurueck nach Metapont. + +Nachdem also Hannibal seine wichtigsten Eroberungen eingebuesst + +hatte und allmaehlich sich auf die suedwestliche Spitze der Halbinsel +beschraenkt sah, hoffte Marcus Marcellus, der fuer das naechste Jahr +(546 208) zum Konsul gewaehlt worden war, in Verbindung mit seinem +tuechtigen Kollegen Titus Quinctius Crispinus dem Krieg durch einen +entscheidenden Angriff ein Ende zu machen. Den alten Soldaten fochten +seine sechzig Jahre nicht an; wachend und traeumend verfolgte ihn der +eine Gedanke, Hannibal zu schlagen und Italien zu befreien. Allein das +Schicksal sparte diesen Kranz fuer ein juengeres Haupt. Bei einer +unbedeutenden Rekognoszierung wurden beide Konsuln in der Gegend von +Venusia von einer Abteilung afrikanischer Reiter ueberfallen. Marcellus +focht den ungleichen Kampf, wie er vor vierzig Jahren gegen Hamilkar, +vor vierzehn bei Clastidium gefochten hatte, bis er sterbend vom Pferde +sank; Crispinus entkam, starb aber an den im Gefecht empfangenen Wunden +(546 208). + +Man stand jetzt im elften Kriegsjahr. Die Gefahr schien geschwunden, +die einige Jahre zuvor die Existenz des Staates bedroht hatte; aber nur +um so mehr fuehlte man den schweren und jaehrlich schwerer werdenden +Druck des endlosen Krieges. Die Staatsfinanzen litten unsaeglich. Man +hatte nach der Schlacht von Cannae (538 216) eine eigene Bankkommission +(tres viri mensarii) aus den angesehensten Maennern niedergesetzt, um +fuer die oeffentlichen Finanzen in diesen schweren Zeiten eine dauernde +und umsichtige Oberbehoerde zu haben; sie mag getan haben, was moeglich +war, aber die Verhaeltnisse waren von der Art, dass alle Finanzweisheit +daran zuschanden ward. Gleich zu Anfang des Krieges hatte man die +Silber- und die Kupfermuenze verringert, den Legalkurs des +Silberstueckes um mehr als ein Drittel erhoeht und eine Goldmuenze weit +ueber den Metallwert ausgegeben. Sehr bald reichte dies nicht aus; man +musste von den Lieferanten auf Kredit nehmen und sah ihnen durch die +Finger, weil man sie brauchte, bis der arge Unterschleif zuletzt die +Aedilen veranlasste, durch Anklage vor dem Volk an einigen der +schlimmsten ein Exempel zu statuieren. Man nahm den Patriotismus der +Vermoegenden, die freilich verhaeltnismaessig eben am meisten litten, +oft in Anspruch und nicht umsonst. Die Soldaten aus den besseren +Klassen und die Unteroffiziere und Reiter insgesamt schlugen, +freiwillig oder durch den Geist der Korps gezwungen, die Annahme des +Soldes aus. Die Eigentuemer der von der Gemeinde bewaffneten und nach +dem Treffen bei Benevent freigesprochenen Sklaven erwiderten der +Bankkommission, die ihnen Zahlung anbot, dass sie dieselbe bis zum Ende +des Krieges anstehen lassen wollten (540 214). Als fuer die Ausrichtung +der Volksfeste und die Instandhaltung der oeffentlichen Gebaeude kein +Geld mehr in der Staatskasse war, erklaerten die Gesellschaften, die +diese Geschaefte bisher in Akkord gehabt hatten, sich bereit, dieselben +vorlaeufig unentgeltlich fortzufuehren (540 214). Es ward sogar, ganz +wie im Ersten Punischen Kriege, mittels einer freiwilligen Anleihe bei +den Reichen eine Flotte ausgeruestet und bemannt (544 210). Man +verbrauchte die Muendelgelder, ja man griff endlich im Jahre der +Eroberung von Tarent den letzten, lange gesparten Notpfennig (1144000 +Taler) an. Dennoch genuegte der Staat seinen notwendigsten Zahlungen +nicht; die Entrichtung des Soldes stockte namentlich in den +entfernteren Landschaften in besorglicher Weise. Aber die Bedraengnis +des Staats war nicht der schlimmste Teil des materiellen Notstandes. +ueberall lagen die Felder brach; selbst wo der Krieg nicht hauste, +fehlte es an Haenden fuer die Hacke und die Sichel. Der Preis des +Medimnos (1 preussischer Scheffel) war gestiegen bis auf 15 Denare (3 +1/3 Taler), mindestens das Dreifache des hauptstaedtischen +Mittelpreises, und viele waeren geradezu Hungers gestorben, wenn nicht +aus Aegypten Zufuhr gekommen waere und nicht vor allem der in Sizilien +wieder aufbluehende Feldbau der aergsten Not gesteuert haette. Wie aber +solche Zustaende die kleinen Bauernwirtschaften zerstoeren, den sauer +zurueckgelegten Sparschatz verzehren, die bluehenden Doerfer in +Bettler- und Raeubernester verwandeln, das lehren aehnliche Kriege, aus +denen sich anschaulichere Berichte erhalten haben. + +Bedenklicher noch als diese materielle Not war die steigende Abneigung +der Bundesgenossen gegen den roemischen Krieg, der ihnen Gut und Blut +frass. Zwar auf die nichtlatinischen Gemeinden kam es dabei weniger an. +Der Krieg selber bewies es, dass sie nichts vermochten, solange die +latinische Nation zu Rom stand; an ihrer groesseren oder geringeren +Widerwilligkeit war nicht viel gelegen. Jetzt indes fing auch Latium an +zu schwanken. Die meisten latinischen Kommunen in Etrurien, Latium, dem +Marsergebiet und dem noerdlichen Kampanien, also eben in denjenigen +latinischen Landschaften, die unmittelbar am wenigsten von dem Kriege +gelitten hatten, erklaerten im Jahre 545 (209) dem roemischen Senat, +dass sie von jetzt an weder Kontingente noch Steuern mehr schicken und +es den Roemern ueberlassen wuerden, den in ihrem Interesse gefuehrten +Krieg selber zu bestreiten. Die Bestuerzung in Rom war gross; allein +fuer den Augenblick gab es kein Mittel, die Widerspenstigen zu zwingen. +Zum Glueck handelten nicht alle latinischen Gemeinden so. Die +gallischen, picenischen und sueditalischen Kolonien, an ihrer Spitze +das maechtige und patriotische Fregellae, erklaerten im Gegenteil, dass +sie um so enger und treulicher an Rom sich anschloessen - freilich war +es diesen allen sehr deutlich dargetan, dass bei dem gegenwaertigen +Kriege ihre Existenz womoeglich noch mehr auf dem Spiele stand als die +der Hauptstadt und dass dieser Krieg wahrlich nicht bloss fuer Rom, +sondern fuer die latinische Hegemonie in Italien, ja fuer Italiens +nationale Unabhaengigkeit gefuehrt ward. Auch jener halbe Abfall war +sicherlich nicht Landesverrat, sondern Kurzsichtigkeit und +Erschoepfung; ohne Zweifel wuerden dieselben Staedte ein Buendnis mit +den Phoenikern mit Abscheu zurueckgewiesen haben. Allein immer war es +eine Spaltung zwischen Roemern und Latinern, und der Rueckschlag auf +die unterworfene Bevoelkerung der Landschaften blieb nicht aus. In +Arretium zeigte sich sogleich eine bedenkliche Gaerung; eine im +Interesse Hannibals unter den Etruskern angestiftete Verschwoerung ward +entdeckt und schien so gefaehrlich, dass man deswegen roemische Truppen +marschieren liess. Militaer und Polizei unterdrueckten diese Bewegung +zwar ohne Muehe; allein sie war ein ernstes Zeichen, was in jenen +Landschaften kommen koenne, seit die latinischen Zwingburgen nicht mehr +schreckten. + +In diese schwierigen und gespannten Verhaeltnisse schlug ploetzlich die +Nachricht hinein, dass Hasdrubal im Herbst des Jahres 546 (208) die +Pyrenaeen ueberschritten habe und man sich darauf gefasst machen +muesse, im naechsten Jahr in Italien den Krieg mit den beiden Soehnen +Hamilkars zu fuehren. Nicht umsonst hatte Hannibal die langen schweren +Jahre hindurch auf seinem Posten ausgeharrt; was die faktioese +Opposition daheim, was der kurzsichtige Philippos ihm versagt hatte, +das fuehrte endlich der Bruder ihm heran, in dem wie in ihm selbst +Hamilkars Geist maechtig war. Schon standen achttausend Ligurer, durch +phoenikisches Gold geworben, bereit, sich mit Hasdrubal zu vereinigen; +wenn er die erste Schlacht gewann, so durfte er hoffen, gleich dem +Bruder die Gallier, vielleicht die Etrusker gegen Rom unter die Waffen +zu bringen. Italien war aber nicht mehr, was es vor elf Jahren gewesen; +der Staat und die einzelnen waren erschoepft, der latinische Bund +gelockert, der beste Feldherr soeben auf dem Schlachtfeld gefallen und +Hannibal nicht bezwungen. In der Tat, Scipio mochte die Gunst seines +Genius preisen, wenn er die Folgen seines unverzeihlichen Fehlers von +ihm und dem Lande abwandte. + +Wie in den Zeiten der schwersten Gefahr bot Rom wieder dreiundzwanzig +Legionen auf; man rief Freiwillige zu den Waffen und zog die gesetzlich +vom Kriegsdienst Befreiten zur Aushebung mit heran. Dennoch wurde man +ueberrascht. Freunden und Feinden ueber alle Erwartung frueh stand +Hasdrubal diesseits der Alpen (547 207); die Gallier, der Durchmaersche +jetzt gewohnt, oeffneten fuer gutes Geld willig ihre Paesse und +lieferten, was das Heer bedurfte. Wenn man in Rom beabsichtigt hatte, +die Ausgaenge der Alpenpaesse zu besetzen, so kam man damit wieder zu +spaet; schon vernahm man, dass Hasdrubal am Padus stehe, dass er die +Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder zu den Waffen rufe, +dass Placentia berannt werde. Schleunigst begab der Konsul Marcus +Livius sich zu der Nordarmee; und es war hohe Zeit, dass er erschien. +Etrurien und Umbrien waren in dumpfer Gaerung; Freiwillige von dort +verstaerkten das phoenikische Heer. Sein Kollege Gaius Nero zog aus +Venusia den Praetor Gaius Hostilius Tubulus an sich und eilte mit einem +Heere von 40000 Mann, Hannibal den Weg nach Norden zu verlegen. Dieser +sammelte seine ganze Macht im brettischen Gebiet, und auf der grossen, +von Rhegion nach Apulien fuehrenden Strasse vorrueckend traf er bei +Grumentum auf den Konsul. Es kam zu einem hartnaeckigen Gefecht, in +welchem Nero sich den Sieg zuschrieb; allein Hannibal vermochte +wenigstens, wenn auch mit Verlust, durch einen seiner gewoehnlichen +geschickten Seitenmaersche sich dem Feinde zu entziehen und ungehindert +Apulien zu erreichen. Hier blieb er stehen und lagerte anfangs bei +Venusia, alsdann bei Canusium, Nero, der ihm auf dem Fuss gefolgt war, +dort wie hier ihm gegenueber. Dass Hannibal freiwillig stehenblieb und +nicht von der roemischen Armee am Vorruecken gehindert ward, scheint +nicht zu bezweifeln; der Grund, warum er gerade hier und nicht weiter +noerdlich sich aufstellte, muss gelegen haben in Verabredungen +Hannibals mit Hasdrubal oder in Mutmassungen ueber dessen Marschroute, +die wir nicht kennen. Waehrend also hier die beiden Heere sich untaetig +gegenueberstanden, ward die im Hannibalischen Lager sehnlich erwartete +Depesche Hasdrubals von Neros Posten aufgefangen; sie ergab, dass +Hasdrubal beabsichtigte, die Flaminische Strasse einzuschlagen, also +zunaechst sich an der Kueste zu halten und dann bei Fanum ueber den +Apennin gegen Narnia sich zu wenden, an welchem Orte er Hannibal zu +treffen gedenke. Sofort liess Nero nach Narnia als dem zur Vereinigung +der beiden phoenikischen Heere ausersehenen Punkt die hauptstaedtische +Reserve vorgehen, wogegen die bei Capua stehende Abteilung nach der +Hauptstadt kam und dort eine neue Reserve gebildet ward. Ueberzeugt, +dass Hannibal die Absicht des Bruders nicht kenne und fortfahren werde, +ihn in Apulien zu erwarten, entschloss sich Nero zu dem kuehnen Wagnis, +mit einem kleinen, aber auserlesenen Korps von 7000 Mann in +Gewaltmaerschen nordwaerts zu eilen und womoeglich in Gemeinschaft mit +dem Kollegen den Hasdrubal zur Schlacht zu zwingen; er konnte es, denn +das roemische Heer, das er zurueckliess, blieb immer stark genug, um +Hannibal entweder standzuhalten, wenn er angriff, oder ihn zu geleiten +und mit ihm zugleich an dem Orte der Entscheidung einzutreffen, wenn er +abzog. Nero fand den Kollegen Marcus Livius bei Sena gallica, den Feind +erwartend. Sofort rueckten beide Konsuln aus gegen Hasdrubal, den sie +beschaeftigt fanden, den Metaurus zu ueberschreiten. Hasdrubal +wuenschte die Schlacht zu vermeiden und sich seitwaerts den Roemern zu +entziehen; allein seine Fuehrer liessen ihn im Stich, er verirrte sich +auf dem ihm fremden Terrain und wurde endlich auf dem Marsch von der +roemischen Reiterei angegriffen und so lange festgehalten, bis auch das +roemische Fussvolk eintraf und die Schlacht unvermeidlich ward. +Hasdrubal stellte die Spanier auf den rechten Fluegel, davor seine zehn +Elefanten, die Gallier auf den linken, den er versagte. Lange schwankte +das Gefecht auf dem rechten Fluegel und der Konsul Livius, der hier +befehligte, ward hart gedraengt, bis Nero, seine strategische Operation +taktisch wiederholend, den ihm unbeweglich gegenueberstehenden Feind +stehen liess und, um die eigene Armee herum marschierend, den Spaniern +in die Flanke fiel. Dies entschied. Der schwer erkaempfte und sehr +blutige Sieg war vollstaendig; das Heer, das keinen Rueckzug hatte, +ward vernichtet, das Lager erstuermt, Hasdrubal, da er die vortrefflich +geleitete Schlacht verloren sah, suchte und fand gleich seinem Vater +einen ehrlichen Reitertod. Als Offizier und als Mann war er wert, +Hannibals Bruder zu sein. + +Am Tage nach der Schlacht brach Nero wieder auf und stand nach kaum +vierzehntaegiger Abwesenheit abermals in Apulien Hannibal gegenueber, +den keine Botschaft erreicht und der sich nicht geruehrt hatte. Die +Botschaft brachte ihm der Konsul mit; es war der Kopf des Bruders, den +der Roemer den feindlichen Posten hinwerfen liess, also dem grossen +Gegner, der den Krieg mit Toten verschmaehte, die ehrenvolle Bestattung +des Paullus, Gracchus und Marcellus vergeltend. Hannibal erkannte, dass +er umsonst gehofft hatte und dass alles vorbei war. Er gab Apulien und +Lucanien, sogar Metapont auf und zog mit seinen Truppen zurueck in das +brettische Land, dessen Haefen sein einziger Rueckzug waren. Durch die +Energie der roemischen Feldherren und mehr noch durch eine beispiellos +glueckliche Fuegung war eine Gefahr von Rom abgewandt, deren Groesse +Hannibals zaehes Ausharren in Italien rechtfertigt und die mit der +Groesse der cannensischen den Vergleich vollkommen aushaelt. Der Jubel +in Rom war grenzenlos; die Geschaefte begannen wieder wie in +Friedenszeit; jeder fuehlte, dass die Gefahr des Krieges verschwunden +sei. + +Indes ein Ende zu machen beeilte man sich in Rom eben nicht. Der Staat +und die Buerger waren erschoepft durch die uebermaessige moralische und +materielle Anspannung aller Kraefte; gern gab man der Sorglosigkeit und +der Ruhe sich hin. Heer und Flotte wurden vermindert, die roemischen +und latinischen Bauern auf ihre veroedeten Hoefe zurueckgefuehrt, die +Kasse durch den Verkauf eines Teils der kampanischen Domaene gefuellt. +Die Staatsverwaltung wurde neu geregelt und die eingerissenen +Unordnungen abgestellt; man fing an, das freiwillige Kriegsanlehen +zurueckzuzahlen, und zwang die im Rueckstand gebliebenen latinischen +Gemeinden, ihren versaeumten Pflichten mit schweren Zinsen zu genuegen. + +Der Krieg in Italien stockte. Es war ein glaenzender Beweis von +Hannibals strategischem Talent sowie freilich auch von der Unfaehigkeit +der jetzt ihm gegenueberstehenden roemischen Feldherren, dass er von da +an noch durch vier Jahre im brettischen Lande das Feld behaupten und +von dem weit ueberlegenen Gegner weder gezwungen werden konnte, sich in +die Festungen einzuschliessen noch sich einzuschiffen. Freilich musste +er immer weiter zurueckweichen, weniger in Folge der ihm von den +Roemern gelieferten, nichts entscheidenden Gefechte, als weil seine +brettischen Bundesgenossen immer schwieriger wurden und er zuletzt nur +auf die Staedte noch zaehlen konnte, die sein Heer besetzt hielt. So +gab er Thurii freiwillig auf; Lokri ward auf Publius Scipios +Veranstaltung von Rhegion aus wieder eingenommen (549 205). Als sollten +seine Entwuerfe noch schliesslich von den karthagischen Behoerden, die +sie ihm verdorben hatten, selbst eine glaenzende Rechtfertigung +erhalten, suchten diese in der Angst vor der erwarteten Landung der +Roemer jene Plaene nun selbst wieder hervor (548, 549 206, 205) und +sandten an Hannibal nach Italien, an Mago nach Spanien Verstaerkung und +Subsidien mit dem Befehl, den Krieg in Italien aufs neue zu entflammen +und den zitternden Besitzern der libyschen Landhaeuser und der +karthagischen Buden noch einige Frist zu erfechten. Ebenso ging eine +Gesandtschaft nach Makedonien, um Philippos zur Erneuerung des +Buendnisses und zur Landung in Italien zu bestimmen (549 205). Allein +es war zu spaet. Philippos hatte wenige Monate zuvor mit Rom Frieden +geschlossen; die bevorstehende politische Vernichtung Karthagos war ihm +zwar unbequem, aber er tat oeffentlich wenigstens nichts gegen Rom. Es +ging ein kleines makedonisches Korps nach Afrika, das nach der +Behauptung der Roemer Philippos aus seiner Tasche bezahlte; begreiflich +waere es, allein Beweise wenigstens hatten, wie der spaetere Verlauf +der Ereignisse zeigt, die Roemer dafuer nicht. An eine makedonische +Landung in Italien ward nicht gedacht. + +Ernstlicher griff Mago, Hamilkars juengster Sohn, seine Aufgabe an. Mit +den Truemmern der spanischen Armee, die er zunaechst nach Minorca +gefuehrt hatte, landete er im Jahre 549 (205) bei Genua, zerstoerte die +Stadt und rief die Ligurer und Gallier zu den Waffen, die das Gold und +die Neuheit des Unternehmens wie immer scharenweise herbeizog; seine +Verbindungen gingen sogar durch ganz Etrurien, wo die politischen +Prozesse nicht ruhten. Allein was er an Truppen mitgebracht, war zu +wenig fuer eine ernstliche Unternehmung gegen das eigentliche Italien, +und Hannibal war gleichfalls viel zu schwach und sein Einfluss in +Unteritalien viel zu sehr gesunken, als dass er mit Erfolg haette +vorgehen koennen. Die karthagischen Herren hatten die Rettung der +Heimat nicht gewollt, da sie moeglich war; jetzt, da sie sie wollten, +war sie nicht mehr moeglich. + +Wohl niemand zweifelte im roemischen Senat, weder daran, dass der Krieg +Karthagos gegen Rom zu Ende sei, noch daran, dass nun der Krieg Roms +gegen Karthago begonnen werden muesse; allein die afrikanische +Expedition, so unvermeidlich sie war, scheute man sich anzuordnen. Man +bedurfte dazu vor allem eines faehigen und beliebten Fuehrers; und man +hatte keinen. Die besten Generale waren entweder auf dem Schlachtfeld +gefallen oder sie waren, wie Quintus Fabius und Quintus Fulvius, fuer +einen solchen ganz neuen und wahrscheinlich langwierigen Krieg zu alt. +Die Sieger von Sena, Gaius Nero und Marcus Livius, waeren der Aufgabe +schon gewachsen gewesen, allein sie waren beide im hoechsten Grade +unpopulaere Aristokraten; es war zweifelhaft, ob es gelingen wuerde, +ihnen das Kommando zu verschaffen - so weit war man ja schon, dass die +Tuechtigkeit allein nur in den Zeiten der Angst die Wahlen entschied -, +und mehr als zweifelhaft, ob dies die Maenner waren, die dem +erschoepften Volke neue Anstrengungen ansinnen durften. Da kam Publius +Scipio aus Spanien zurueck, und der Liebling der Menge, der seine von +ihr empfangene Aufgabe so glaenzend erfuellt hatte oder doch erfuellt +zu haben schien, ward sogleich fuer das naechste Jahr zum Konsul +gewaehlt. Er trat sein Amt an (549 205) mit dem festen Entschluss, die +schon in Spanien entworfene afrikanische Expedition jetzt zu +verwirklichen. Indes im Senat wollte nicht bloss die Partei der +methodischen Kriegfuehrung von einer afrikanischen Expedition so lange +nichts wissen, als Hannibal noch in Italien stand, sondern es war auch +die Majoritaet dem jungen Feldherrn selbst keineswegs guenstig gesinnt. +Seine griechische Eleganz und moderne Bildung und Gesinnung sagte den +strengen und etwas baeurischen Vaetern der Stadt sehr wenig zu und +gegen seine Kriegfuehrung in Spanien bestanden ebenso ernste Bedenken +wie gegen seine Soldatenzucht. Wie begruendet der Vorwurf war, dass er +gegen seine Korpschefs allzugrosse Nachsicht zeige, bewiesen sehr bald +die Schaendlichkeiten, die Gaius Pleminius in Lokri veruebte, und die +Scipio allerdings durch seine fahrlaessige Beaufsichtigung in der +aergerlichsten Weise mittelbar mit verschuldet hatte. Dass bei den +Verhandlungen im Senat ueber die Anordnung des afrikanischen Feldzugs +und die Bestellung des Feldherrn dafuer der neue Konsul nicht uebel +Lust bezeigte, wo immer Brauch und Verfassung mit seinen +Privatabsichten in Konflikt gerieten, solche Hemmnisse beiseite zu +schieben, und dass er sehr deutlich zu verstehen gab, wie er sich +aeussersten Falls der Regierungsbehoerde gegenueber auf seinen Ruhm und +seine Popularitaet bei dem Volke zu stuetzen gedenke, musste den Senat +nicht bloss kraenken, sondern auch die ernstliche Besorgnis erwecken, +ob ein solcher Oberfeldherr bei dem bevorstehenden Entscheidungskrieg +und den etwaigen Friedensverhandlungen mit Karthago sich an die ihm +gewordenen Instruktionen binden werde; eine Besorgnis, welche die +eigenmaechtige Fuehrung der spanischen Expedition keineswegs zu +beschwichtigen geeignet war. Indes bewies man auf beiden Seiten +Einsicht genug, um es nicht zum Aeussersten kommen zu lassen. Auch der +Senat konnte nicht verkennen, dass die afrikanische Expedition +notwendig und es nicht weise war, dieselbe ins Unbestimmte +hinauszuschieben; nicht verkennen, dass Scipio ein aeusserst faehiger +Offizier und insofern zum Fuehrer eines solchen Krieges wohl geeignet +war und dass, wenn einer, er es vermochte, vom Volke die Verlaengerung +seines Oberbefehls so lange als noetig und die Aufbietung der letzten +Kraefte zu erlangen. Die Majoritaet kam zu dem Entschluss, Scipio den +gewuenschten Auftrag nicht zu versagen, nachdem derselbe zuvor die der +hoechsten Regierungsbehoerde schuldige Ruecksicht wenigstens der Form +nach beobachtet und im Voraus sich dem Beschluss des Senats unterworfen +hatte. Scipio sollte dies Jahr nach Sizilien gehen, um den Bau der +Flotte, die Herstellung des Belagerungsmaterials und die Bildung der +Expeditionsarmee zu betreiben, und dann im naechsten Jahr in Afrika +landen. Es ward ihm hierzu die sizilische Armee - noch immer jene +beiden aus den Truemmern des cannensischen Heeres gebildeten Legionen - +zur Disposition gestellt, da zur Deckung der Insel eine schwache +Besatzung und die Flotte vollstaendig ausreichten, und ausserdem ihm +gestattet, in Italien Freiwillige aufzubieten. Es war augenscheinlich, +dass der Senat die Expedition nicht anordnete, sondern vielmehr +geschehen liess; Scipio erhielt nicht die Haelfte der Mittel, die man +einst Regulus zu Gebot gestellt hatte, und ueberdies eben dasjenige +Korps, das seit Jahren vom Senat mit berechneter Zuruecksetzung +behandelt worden war. Die afrikanische Armee war im Sinne der +Majoritaet des Senats ein verlorener Posten von Strafkompanien und +Volontaers, deren Untergang der Staat allenfalls verschmerzen konnte. + +Ein anderer Mann als Scipio haette vielleicht erklaert, dass die +afrikanische Expedition entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht +unternommen werden muesse; allein Scipios Zuversicht ging auf die +Bedingungen ein, wie sie immer waren, um nur zu dem heissersehnten +Kommando zu gelangen. Sorgfaeltig vermied er, soweit es anging, das +Volk unmittelbar zu belaestigen, um nicht der Popularitaet der +Expedition zu schaden. Die Kosten derselben, namentlich die +betraechtlichen des Flottenbaus, wurden teils beigeschafft durch eine +sogenannte freiwillige Kontribution der etruskischen Staedte, das +heisst durch eine den Arretinern und den sonstigen phoenikisch +gesinnten Gemeinden zur Strafe auferlegte Kriegssteuer, teils auf die +sizilischen Staedte gelegt; in vierzig Tagen war die Flotte +segelfertig. Die Mannschaft verstaerkten Freiwillige, deren bis +siebentausend aus allen Teilen Italiens dem Rufe des geliebten +Offiziers folgten. So ging Scipio im Fruehjahr 550 (204) mit zwei +starken Veteranenlegionen (etwa 30000 Mann), 40 Kriegs- und 400 +Transportschiffen nach Afrika unter Segel und landete gluecklich, ohne +den geringsten Widerstand zu finden, am Schoenen Vorgebirge in der +Naehe von Utica. + +Die Karthager, die seit langem erwarteten, dass auf die +Pluenderungszuege, welche die roemischen Geschwader in den letzten +Jahren haeufig nach der afrikanischen Kueste gemacht hatten, ein +ernstlicher Einfall folgen werde, hatten, um dessen sich zu erwehren, +nicht bloss den italisch-makedonischen Krieg aufs neue in Gang zu +bringen versucht, sondern auch daheim geruestet, um die Roemer zu +empfangen. Es war gelungen, von den beiden rivalisierenden +Berberkoenigen, Massinissa von Cirta (Constantine), dem Herrn der +Massyler, und Syphax von Siga (an der Tafnamuendung, westlich von +Oran), dem Herrn der Massaesyler, den letzteren, den bei weitem +maechtigeren und bisher den Roemern befreundeten, durch Vertrag und +Verschwaegerung eng an Karthago zu knuepfen, indem man den anderen, den +alten Nebenbuhler des Syphax und Bundesgenossen der Karthager, fallen +liess. Massinissa war nach verzweifelter Gegenwehr der vereinigten +Macht der Karthager und des Syphax erlegen und hatte seine Laender dem +letzteren zur Beute lassen muessen; er selbst irrte mit wenigen Reitern +in der Wueste. Ausser dem Zuzug, der von Syphax zu erwarten war, stand +ein karthagisches Heer von 20000 Mann zu Fuss, 6000 Reitern und 140 +Elefanten - Hanno war eigens deshalb auf Elefantenjagd ausgeschickt +worden - schlagfertig zum Schutz der Hauptstadt, unter der Fuehrung des +in Spanien erprobten Feldherrn Hasdrubal, Gisgons Sohn; im Hafen lag +eine starke Flotte. Ein makedonisches Korps unter Sopater und eine +Sendung keltiberischer Soeldner wurden demnaechst erwartet. + +Auf das Geruecht von Scipios Landung traf Massinissa sofort in dem +Lager des Feldherrn ein, dem er vor nicht langem in Spanien als Feind +gegenuebergestanden hatte; allein der laenderlose Fuerst brachte +zunaechst den Roemern nichts als seine persoenliche Tuechtigkeit, und +die Libyer, obwohl der Aushebungen und Steuern herzlich muede, hatten +doch in aehnlichen Faellen zu bittere Erfahrungen gemacht, um sich +sofort fuer die Roemer zu erklaeren. So begann Scipio den Feldzug. +Solange er nur die schwaechere karthagische Armee gegen sich hatte, war +er im Vorteil und konnte nach einigen gluecklichen Reitergefechten zur +Belagerung von Utica schreiten; allein als Syphax eintraf, angeblich +mit 50000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern, musste die Belagerung +aufgehoben und auf einem leicht zu verschanzenden Vorgebirg zwischen +Utica und Karthago ein befestigtes Schiffslager geschlagen werden. Hier +verging dem roemischen General der Winter 550/51 (204/03). Aus der +ziemlich unbequemen Lage, in der das Fruehjahr ihn fand, befreite er +sich durch einen gluecklichen Handstreich. Die Afrikaner, +eingeschlaefert durch die von Scipio mehr listig als ehrlich +angesponnenen Friedensverhandlungen, liessen sich in einer und +derselben Nacht in ihren beiden Lagern ueberfallen: die Rohrhuetten der +Numidier loderten in Flammen auf, und als die Karthager eilten zu +helfen, traf ihr eigenes Lager dasselbe Schicksal; wehrlos wurden die +Fluechtenden von den roemischen Abteilungen niedergemacht. Dieser +naechtliche Ueberfall war verderblicher als manche Schlacht. Indes die +Karthager liessen den Mut nicht sinken und verwarfen sogar den Rat der +Furchtsamen, oder vielmehr der Verstaendigen, Mago und Hannibal +zurueckzurufen. Eben jetzt waren die erwarteten keltiberischen und +makedonischen Hilfstruppen angelangt; man beschloss, auf den “grossen +Feldern”, fuenf Tagemaersche von Utica, noch einmal die offene +Feldschlacht zu versuchen. Scipio eilte, sie anzunehmen; mit leichter +Muehe zerstreuten seine Veteranen und Freiwilligen die +zusammengerafften karthagischen und numidischen Schwaerme und auch die +Keltiberer, die bei Scipio auf Gnade nicht rechnen durften, wurden nach +hartnaeckiger Gegenwehr zusammengehauen. Die Afrikaner konnten nach +dieser doppelten Niederlage nirgend mehr das Feld halten. Ein Angriff +auf das roemische Schiffslager, den die karthagische Flotte versuchte, +lieferte zwar kein unguenstiges, aber doch auch kein entscheidendes +Resultat und ward weit aufgewogen durch die Gefangennahme des Syphax, +die dem Scipio sein beispielloser Gluecksstern zuwarf und durch welche +Massinissa das fuer die Roemer ward, was anfangs Syphax den Karthagern +gewesen war. + +Nach solchen Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die +seit sechzehn Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt +erheben und sich offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der +Patrioten. Hasdrubal, Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum +Tode verurteilt und ein Versuch gemacht, von Scipio Waffenstillstand +und Frieden zu erlangen. Er forderte Abtretung der spanischen +Besitzungen und der Inseln des Mittelmeeres, Uebergabe des Reiches des +Syphax an Massinissa, Auslieferung der Kriegsschiffe bis auf zwanzig +und eine Kriegskontribution von 4000 Talenten (fast 7 Mill. Taler) - +Bedingungen, die fuer Karthago so beispiellos guenstig erscheinen, dass +die Frage sich aufdraengt, ob sie Scipio mehr in seinem oder mehr in +Roms Interesse anbot. Die karthagischen Bevollmaechtigten nahmen +dieselben an unter Vorbehalt der Ratifikation ihrer Behoerden, und es +ging eine karthagische Gesandtschaft deshalb nach Rom ab. Allein die +karthagische Patriotenpartei war nicht gemeint, so leichten Kaufs auf +den Kampf zu verzichten; der Glaube an die edle Sache, das Vertrauen +auf den grossen Feldherrn, selbst das Beispiel, das Rom gegeben hatte, +feuerten sie an auszuharren, auch davon abgesehen, dass der Friede +notwendig die Gegenpartei ans Ruder und damit ihnen selbst den +Untergang bringen musste. In der Buergerschaft hatte die +Patriotenpartei das Uebergewicht; man beschloss, die Opposition ueber +den Frieden verhandeln zu lassen und mittlerweile sich zu einer letzten +und entscheidenden Anstrengung vorzubereiten. An Mago und an Hannibal +erging der Befehl, schleunigst nach Afrika heimzukehren. Mago, der seit +drei Jahren (459-551 205-203) daran arbeitete, in Norditalien eine +Koalition gegen Rom ins Leben zu rufen, war eben damals im Gebiet der +Insubrer (um Mailand) dem weit ueberlegenen roemischen Doppelheer +unterlegen. Die roemische Reiterei war zum Weichen und das Fussvolk ins +Gedraenge gebracht worden und der Sieg schien sich fuer die Karthager +zu erklaeren, als der kuehne Angriff eines roemischen Trupps auf die +feindlichen Elefanten und vor allem die schwere Verwundung des +geliebten und faehigen Fuehrers das Glueck der Schlacht wandte: das +phoenikische Heer musste an die ligurische Kueste zurueckweichen. Hier +erhielt es den Befehl zur Einschiffung und vollzog ihn; Mago aber starb +waehrend der Ueberfahrt an seiner Wunde. Hannibal waere dem Befehl +wahrscheinlich zuvorgekommen, wenn nicht die letzten Verhandlungen mit +Philipp ihm eine neue Aussicht dargeboten haetten, seinem Vaterland in +Italien nuetzlicher sein zu koennen als in Libyen; als er in Kroton, wo +er in der letzten Zeit gestanden hatte, ihn empfing, saeumte er nicht, +ihm nachzukommen. Er liess seine Pferde niederstossen sowie die +italischen Soldaten, die sich weigerten, ihm ueber das Meer zu folgen, +und bestieg die auf der Rede von Kroton laengst in Bereitschaft +stehenden Transportschiffe. Die roemischen Buerger atmeten auf, da der +gewaltige libysche Loewe, den zum Abzug zu zwingen selbst jetzt noch +niemand sich getraute, also freiwillig dem italischen Boden den Ruecken +wandte; bei diesem Anlass ward dem einzigen ueberlebenden unter den +roemischen Feldherren, welche die schwere Zeit mit Ehren bestanden +hatten, dem fast neunzigjaehrigen Quintus Fabius von Rat und +Buergerschaft der Graskranz verehrt. Dieser Kranz, welchen nach +roemischer Sitte das durch den Feldherrn gerettete Heer seinem Retter +darbrachte, von der ganzen Gemeinde zu empfangen, war die hoechste +Auszeichnung, die einem roemischen Buerger je zuteil geworden ist, und +der letzte Ehrenschmuck des alten Feldherrn, der noch in demselben +Jahre aus dem Leben schied (551 203). Hannibal aber gelangte, ohne +Zweifel nicht unter dem Schutz des Waffenstillstandes, sondern allein +durch seine Schnelligkeit und sein Glueck, ungehindert nach Leptis und +betrat, der letzte von Hamilkars “Loewenbrut”, hier abermals nach +sechsunddreissigjaehriger Abwesenheit den Boden der Heimat, die er, +fast noch ein Knabe, verlassen hatte, um seine grossartige und doch so +durchaus vergebliche Heldenlaufbahn zu beginnen und westwaerts +ausziehend von Osten her heimzukehren, rings um die karthagische See +einen weiten Siegeskreis beschreibend. Jetzt, wo geschehen war, was er +hatte verhueten wollen und was er verhuetet haette, wenn er gedurft, +jetzt sollte er, wenn moeglich, retten und helfen; und er tat es, ohne +zu klagen und zu schelten. Mit seiner Ankunft trat die Patriotenpartei +offen auf; das schaendliche Urteil gegen Hasdrubal ward kassiert, neue +Verbindungen mit den numidischen Scheichs durch Hannibals Gewandtheit +angeknuepft und nicht bloss dem tatsaechlich abgeschlossenen Frieden in +der Volksversammlung die Bestaetigung verweigert, sondern auch durch +die Pluenderung einer an der afrikanischen Kueste gestrandeten +roemischen Transportflotte, ja sogar durch den ueberfall eines +roemische Gesandte fuehrenden roemischen Kriegsschiffs der +Waffenstillstand gebrochen. In gerechter Erbitterung brach Scipio aus +seinem Lager bei Tunis auf (552 202) und durchzog das reiche Tal des +Bagradas (Medscherda), indem er den Ortschaften keine Kapitulation mehr +gewaehrte, sondern die Einwohnerschaften der Flecken und Staedte in +Masse aufgreifen und verkaufen liess. Schon war er tief ins Binnenland +eingedrungen und stand bei Naraggara (westlich von Sicca, jetzt el Kef, +an der Grenze von Tunis und Algier), als Hannibal, der ihm von +Hadrumetum aus entgegengezogen war, mit ihm zusammentraf. Der +karthagische Feldherr versuchte von dem roemischen in einer +persoenlichen Zusammenkunft bessere Bedingungen zu erlangen; allein +Scipio, der schon bis an die aeusserste Grenze der Zugestaendnisse +gegangen war, konnte nach dem Bruch des Waffenstillstandes unmoeglich +zu weiterer Nachgiebigkeit sich verstehen, und es ist nicht glaublich, +dass Hannibal bei diesem Schritt etwas anderes bezweckte, als der Menge +zu zeigen, dass die Patrioten keineswegs unbedingt gegen den Frieden +seien. Die Konferenz fuehrte zu keinem Ergebnis und so kam es zu der +Entscheidungsschlacht bei Zama (vermutlich unweit Sicca) ^1. In drei +Linien ordnete Hannibal sein Fussvolk: in das erste Glied die +karthagischen Mietstruppen, in das zweite die afrikanische Land- und +die phoenikische Buergerwehr nebst dem makedonischen Korps, in das +dritte die Veteranen, die ihm aus Italien gefolgt waren. Vor der Linie +standen die achtzig Elefanten, die Reiter auf den Fluegeln. Scipio +stellte gleichfalls seine Legionen in drei Glieder, wie die Roemer +pflegten, und ordnete sie so, dass die Elefanten durch und neben der +Linie weg ausbrechen konnten, ohne sie zu sprengen. Dies gelang nicht +bloss vollstaendig, sondern die seitwaerts ausweichenden Elefanten +brachten auch die karthagischen Reiterfluegel in Unordnung, so dass +gegen diese Scipios Reiterei, die ueberdies durch das Eintreffen von +Massinissas Scharen dem Feinde weit ueberlegen war, leichtes Spiel +hatte und bald in vollem Nachsetzen begriffen war. Ernster war der +Kampf des Fussvolks. Lange stand das Gefecht zwischen den +beiderseitigen ersten Gliedern; in dem aeusserst blutigen Handgemenge +gerieten endlich beide Teile in Verwirrung und mussten an den zweiten +Gliedern einen Halt suchen. Die Roemer fanden ihn; die karthagische +Miliz aber zeigte sich so unsicher und schwankend, dass sich die +Soeldner verraten glaubten und es zwischen ihnen und der karthagischen +Buergerwehr zum Handgemenge kam. Indes Hannibal zog eilig, was von den +beiden ersten Linien noch uebrig war, auf die Fluegel zurueck und schob +seine italischen Kerntruppen auf der ganzen Linie vor. Scipio draengte +dagegen in der Mitte zusammen, was von der ersten Linie noch +kampffaehig war und liess das zweite und dritte Glied rechts und links +an das erste sich anschliessen. Abermals begann auf derselben Walstatt +ein zweites, noch fuerchterlicheres Gemetzel; Hannibals alte Soldaten +wankten nicht trotz der Ueberzahl der Feinde, bis die Reiterei der +Roemer und des Massinissa, von der Verfolgung der geschlagenen +feindlichen zurueckkehrend, sie von allen Seiten umringte. Damit war +nicht bloss der Kampf zu Ende, sondern das phoenikische Heer +vernichtet; dieselben Soldaten, die vierzehn Jahre zuvor bei Cannae +gewichen waren, hatten ihren Ueberwindern bei Zama vergolten. Mit einer +Handvoll Leute gelangte Hannibal fluechtig nach Hadrumetum. + +———————————————————————————- + +^1 Von den beiden diesen Namen fuehrenden Orten ist wahrscheinlich der +westlichere, etwa 60 Miglien westlich von Hadrumetum gelegene, +derjenige der Schlacht (vgl. Hermes 20, 1885, S. 144, 318). Die Zeit +ist der Fruehling oder Sommer des Jahres 552 (202); die Bestimmung des +Tages auf den 19. Oktober wegen der angeblichen Sonnenfinsternis ist +nichtig. + +——————————————————————————— + +Nach diesem Tage konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur +Fortsetzung des Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des +roemischen Feldherrn, sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen, +die weder gedeckt noch verproviantiert war, und, wenn nicht +unberechenbare Zwischenfaelle eintraten, das Schicksal, welches +Hannibal ueber Rom hatte bringen wollen, jetzt ueber Karthago walten zu +lassen. Scipio hat es nicht getan; er gewaehrte den Frieden (553 201), +freilich nicht mehr auf die frueheren Bedingungen. Ausser den +Abtretungen, die schon bei den letzen Verhandlungen fuer Rom wie fuer +Massinissa gefordert worden waren, wurde den Karthagern auf fuenfzig +Jahre eine jaehrliche Kontribution von 200 Talenten (340000 Taler) +aufgelegt und mussten sie sich anheischig machen, nicht gegen Rom oder +seine Verbuendeten und ueberhaupt ausserhalb Afrika gar nicht, in +Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes nur nach eingeholter Erlaubnis +Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich darauf hinauslief, dass +Karthago tributpflichtig ward und seine politische Selbstaendigkeit +verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager unter Umstaenden +verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen Flotte zu stellen. + +Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der Beendigung des +schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit dem Oberbefehl an +einen Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu guenstige +Bedingungen gewaehrte. Die Anklage moechte gegruendet sein, wenn der +erste Entwurf zustande gekommen waere; gegen den zweiten scheint sie +nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom die Verhaeltnisse so, dass +der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die Abberufung +ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem Siege ein +Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und von dieser +entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die Bedingungen +selbst diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem ihr also +die Haende gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite gestellt +war, nie auch nur einen Versuch gemacht, sich der roemischen Suprematie +zu entziehen, geschweige denn, mit Rom zu rivalisieren; es wusste +ueberdies jeder, der es wissen wollte, dass der soeben beendigte Krieg +viel mehr von Hannibal unternommen worden war als von Karthago und dass +der Riesenplan der Patriotenpartei sich schlechterdings nicht erneuern +liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern wenig duenken, dass nur +die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen aufloderten +und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und +Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der +vernichtete Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das +Verbrechen, die Roemer zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte, +gruendlicher zu bestrafen. Scipio dachte anders und wir haben keinen +Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in diesem Fall die gemeinen +Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und hochsinnigen, +die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der etwaigen +Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings +nicht fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges +haben den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch alles +unbegreiflich gelungen war, abgehalten, die Exekution an der +ungluecklichen Stadt zu vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem +Adoptivenkel aufgetragen wurde und die freilich wohl jetzt gleich schon +vollzogen werde konnte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die beiden +grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die politische Entscheidung +stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um dort der +ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem +Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu +setzen; der Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen +Gegner zeigt sich nicht minder in Hannibals grossartiger Fuegung in das +Unvermeidliche als in Scipios weisem Zuruecktreten von dem +Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges. Sollte er, der +hochherzige und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was es +denn dem Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der +Karthagerstadt vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und +Ackerbaus voellig zu verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen +Zivilisation frevelhaft niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht +gekommen, wo die ersten Maenner Roms sich hergaben zu Henkern der +Zivilisation der Nachbarn und die ewige Schande der Nation leichtfertig +glaubten von sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen. + +So war der Zweite Punische Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger +nennen, der Hannibalische Krieg beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom +Hellespont bis zu den Saeulen des Herkules die Inseln und Landschaften +verheert hatte. Vor diesem Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht +hoeher gesteckt als bis zu der Beherrschung des Festlandes der +italischen Halbinsel innerhalb ihrer natuerlichen Grenzen und der +italischen Inseln und Meere. Dass man den Krieg auch beendigte mit dem +Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die Staaten am Mittelmeer oder die +sogenannte Weltmonarchie begruendet, sondern einen gefaehrlichen +Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien bequeme Nachbarn gegeben +zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas beim Friedensschluss +deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere Ergebnisse des +Krieges, namentlich die Eroberung von Spanien, diesem Gedanken wenig +entsprachen; aber die Erfolge fuehrten eben ueber die eigentliche +Absicht hinaus, und zu dem Besitz von Spanien sind die Roemer in der +Tat man moechte sagen zufaellig gelangt. Die Herrschaft ueber Italien +haben die Roemer errungen, weil sie sie erstrebt haben; die Hegemonie +und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das Mittelmeergebiet ist +ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die Verhaeltnisse +zugeworfen worden. + +Die unmittelbaren Resultate des Krieges waren ausserhalb Italien die +Verwandlung Spaniens in eine roemische, freilich in ewiger Auflehnung +begriffene Doppelprovinz; die Vereinigung des bis dahin abhaengigen +syrakusanischen Reiches mit der roemischen Provinz Sizilien; die +Begruendung des roemischen statt des karthagischen Patronats ueber die +bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich die Verwandlung +Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose Kaufstadt; +mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den Westen des +Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige +Ineinandergreifen des oestlichen und des westlichen Staatensystems, das +im Ersten Punischen Krieg sich nur erst angedeutet hatte, und damit das +demnaechst bevorstehende entscheidende Eingreifen Roms in die Konflikte +der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde dadurch zunaechst das +Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum Untergang +bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution +vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft war +die Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden +latinischen Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner +Schwankungen doch im ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr +geprueft und bewaehrt hatte, und die steigende Unterdrueckung der nicht +latinischen oder nicht latinisierten Italiker, namentlich der Etrusker +und der unteritalischen Sabeller. Am schwersten traf die Strafe oder +vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils den zugleich ersten und +letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und die Landschaft +der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und Capua aus +der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar +die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen. +Den gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen +Auswaertiger oder roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur +oeffentlichen Domaene und gab ihn seitdem an kleine Leute +parzellenweise in Zeitpacht. Aehnlich wurden die Picenter am Silarus +behandelt; ihre Hauptstadt wurde geschleift und die Bewohner zerstreut +in die umliegenden Doerfer. Der Brettier Los war noch haerter; sie +wurden in Masse gewissermassen zu Leibeigenen der Roemer gemacht und +fuer ewige Zeiten vom Waffenrecht ausgeschlossen. Aber auch die +uebrigen Verbuendeten Hannibals buessten schwer, so die griechischen +Staedte mit Ausnahme der wenigen, die bestaendig zu Rom gehalten +hatten, wie die kampanischen Griechen und die Rheginer. Nicht viel +weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer apulischer, +lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils Stuecke ihrer +Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker wurden neue +Kolonien angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe +Buergerkolonien an den besten Haefen Unteritaliens, unter denen +Sipontum (bei Manfredonia) und Kroton zu nennen sind, ferner Salernum +in dem ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter und diesen zur +Zwingburg bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der +vornehmen Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels +ward. Ferner ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia +(560 194), ebenso die reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen +Valentia (562 192). Auf anderen Grundstuecken in Samnium und Apulien +wurden die Veteranen der siegreichen Armee von Afrika einzeln +angesiedelt; der Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze der +vornehmen Herren in Rom ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der +Bauern. Es versteht sich, dass ausserdem in allen Gemeinden der +Halbinsel die namhaften, nicht gut roemisch gesinnten Leute soweit +beseitigt wurden, als dies durch politische Prozesse und +Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall in Italien fuehlten +die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name eitel und dass sie +fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung Hannibals ward als eine +zweite Unterjochung Italiens empfunden und alle Erbitterung wie aller +Uebermut des Siegers vornehmlich an den italischen, nichtlatinischen +Bundesgenossen ausgelassen. Selbst die farblose und wohlpolizierte +roemische Komoedie dieser Zeit traegt davon die Spuren; wenn die +niedergeworfenen Staedte Capua und Atella dem zuegellosen Witz der +roemischen Posse polizeilich freigegeben und die letztere geradezu +deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter darueber spassten, +dass in der todbringenden Luft, wo selbst die ausdauerndste Rasse der +Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die kampanische Sklavenschaft schon +gelernt habe auszuhalten, so hallt aus solchen gefuehllosen +Spoettereien der Hohn der Sieger, freilich auch der Jammerlaut der +zertretenen Nationen wieder. Wie die Dinge standen, zeigt die +aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden Makedonischen +Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die +Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200), +Narnia 555 (199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom +aus zugesandt wurden. + +Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen der italischen +Bevoelkerung gerissen hatten, zeigt das Beispiel der roemischen +Buergerschaft, deren Zahl waehrend des Krieges fast um den vierten Teil +geschwunden war; die Angabe der Gesamtzahl der im Hannibalischen Krieg +gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe scheint danach durchaus nicht +uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust vorwiegend auf den Kern +der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie die Masse der Streiter +stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich lichtete, zeigt die +Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae, wo derselbe auf 123 +Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch eine +ausserordentliche Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen +Normalstand gebracht ward. Dass endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der +zugleich in allen Landschaften Italiens und nach allen vier +Weltgegenden im Ausland gefuehrt worden war, die Volkswirtschaft im +tiefsten Grund erschuettert haben muss, ist im allgemeinen klar; zur +Ausfuehrung im einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der +Staat gewann durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische +Gebiet blieb seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen; +allein durch diese Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich +der Volkswohlstand um ebenso viel zurueck, als er in anderen Zeiten +gewonnen hatte durch die Zerschlagung der Staatslaendereien. Eine Menge +bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert - war vernichtet und +verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die Bevoelkerung +durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition +buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das +letzte Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in +Raeuberbanden zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff +gibt, dass in einem einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000 +Menschen wegen Strassenraubs verurteilt werden mussten; die sich +ausdehnenden Weiden mit den halb wilden Hirtensklaven beguenstigten +diese heillose Verwilderung des Landes. Der italische Ackerbau sah sich +in seiner Existenz bedroht durch das zuerst in diesem Kriege +aufgestellte Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst +geerntetem auch von sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt +werden koenne. Dennoch durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden +hatten, das Ende dieses Riesenkampfes zu erleben, stolz in die +Vergangenheit und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es war viel +verschuldet, aber auch viel erduldet worden; das Volk, dessen gesamte +dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre hindurch Schild und Schwert nicht +abgelegt hatte, durfte manches sich verzeihen. Jenes wenn auch durch +wechselseitige Befehdung unterhaltene, doch im ganzen friedliche und +freundliche Zusammenleben der verschiedenen Nationen, wie es das Ziel +der neueren Voelkerentwicklungen zu sein scheint, ist dem Altertum +fremd: damals galt es Amboss zu sein oder Hammer; und in dem Wettkampf +der Sieger war der Sieg den Roemern geblieben. Ob man verstehen werde +ihn zu benutzen, die latinische Nation immer fester an Rom zu ketten, +Italien allmaehlich zu latinisieren, die Unterworfenen in den Provinzen +als Untertanen zu beherrschen, nicht als Knechte auszunutzen, die +Verfassung zu reformieren, den schwankenden Mittelstand neu zu +befestigen und zu erweitern - das mochte mancher fragen; wenn man es +verstand, so durfte Italien gluecklichen Zeiten entgegensehen, in denen +der auf eigene Arbeit unter guenstigen Verhaeltnissen gegruendete +Wohlstand und die entschiedenste politische Suprematie ueber die +damalige zivilisierte Welt jedem Gliede des grossen Ganzen ein +gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges Ziel, jedem Talent +eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn nicht, nicht. +Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen Stimmen und die +trueben Besorgnisse, als von allen Seiten die Krieger und Sieger in +ihre Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und Lustbarkeiten, Geschenke +an Soldaten und Buerger an der Tagesordnung waren, die geloesten +Gefangenen heimgesandt wurden aus Gallien, Afrika, Griechenland und +endlich der jugendliche Sieger im glaenzenden Zuge durch die +geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine Palme in dem Haus +des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen +zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen +hatte. + + + + +KAPITEL VII. +Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode + + +In der Erstreckung der roemischen Herrschaft bis an die Alpen- oder, +wie man jetzt schon sagte, bis an die italische Grenze und in der +Ordnung und Kolonisierung der keltischen Landschaften war Rom durch den +Hannibalischen Krieg unterbrochen worden. Es verstand sich von selbst, +dass man jetzt da fortfahren wuerde, wo man aufgehoert hatte, und die +Kelten begriffen es wohl. Schon im Jahre des Friedensschlusses mit +Karthago (553 201) hatten im Gebiet der zunaechst bedrohten Boier die +Kaempfe wieder begonnen; und ein erster Erfolg, der ihnen gegen den +eilig aufgebotenen roemischen Landsturm gelang, sowie das Zureden eines +karthagischen Offiziers Hamilkar, der von Magos Expedition her in +Norditalien zurueckgeblieben war, veranlassten im folgenden Jahr (554 +200) eine allgemeine Schilderhebung nicht bloss der beiden zunaechst +bedrohten Staemme, der Boier und Insubrer; auch die Ligurer trieb die +naeherrueckende Gefahr in die Waffen, und selbst die cenomanische +Jugend hoerte diesmal weniger auf die Stimme ihrer vorsichtigen +Behoerden als auf den Notruf der bedrohten Stammgenossen. Von “den +beiden Riegeln gegen die gallischen Zuege”, Placentia und Cremona, ward +der erste niedergeworfen - von der placentinischen Einwohnerschaft +retteten nicht mehr als 2000 das Leben -, der zweite berannt. Eilig +marschierten die Legionen heran, um zu retten, was noch zu retten war. +Vor Cremona kam es zu einer grossen Schlacht. Die geschickte und +kriegsmaessige Leistung derselben von seiten des phoenikischen Fuehrers +vermochte es nicht, die Mangelhaftigkeit seiner Truppen zu ersetzen; +dem Andrang der Legionen hielten die Gallier nicht stand und unter den +Toten, welche zahlreich das Schlachtfeld bedeckten, war auch der +karthagische Offizier. Indes setzten die Kelten den Kampf fort; +dasselbe roemische Heer, welches bei Cremona gesiegt, wurde das +naechste Jahr (555 199), hauptsaechlich durch die Schuld des sorglosen +Fuehrers, von den Insubrern fast aufgerieben und erst 556 (198) konnte +Placentia notduerftig wiederhergestellt werden. Aber der Bund der zu +dem Verzweiflungskampf vereinigten Kantone ward in sich uneins; die +Boier und die Insubrer gerieten in Zwist, und die Cenomanen traten +nicht bloss zurueck von dem Nationalbunde, sondern erkauften sich auch +Verzeihung von den Roemern durch schimpflichen Verrat der Landsleute, +indem sie waehrend einer Schlacht, die die Insubrer den Roemern am +Mincius lieferten, ihre Bundes- und Kampfgenossen von hinten angriffen +und aufreiben halfen (557 197). So gedemuetigt und im Stich gelassen, +bequemten sich die Insubrer nach dem Fall von Comum gleichfalls zu +einem Sonderfrieden (558 196). Die Bedingungen, welche Rom den +Cenomanen und Insubrern vorschrieb, waren allerdings haerter, als sie +den Gliedern der italischen Eidgenossenschaft gewaehrt zu werden +pflegten; namentlich vergass man nicht, die Scheidewand zwischen +Italikern und Kelten gesetzlich zu befestigen und zu verordnen, dass +nie ein Buerger dieser beiden Keltenstaemme das roemische Buergerrecht +solle gewinnen koennen. Indes liess man diesen transpadanischen +Keltendistrikten ihre Existenz und ihre nationale Verfassung, so dass +sie nicht Stadtgebiete, sondern Voelkergaue bildeten, und legte ihnen +auch wie es scheint keinen Tribut auf; sie sollten den roemischen +Ansiedlungen suedlich vom Po als Bollwerk dienen und die nachrueckenden +Nordlaender wie die raeuberischen Alpenbewohner, welche regelmaessige +Razzias in diese Gegenden zu unternehmen pflegten, von Italien +abhalten. Uebrigens griff auch in diesen Landschaften die Latinisierung +mit grosser Schnelligkeit um sich; die keltische Nationalitaet +vermochte offenbar bei weitem nicht den Widerstand zu leisten wie die +der zivilisierten Sabeller und Etrusker. Der gefeierte lateinische +Lustspieldichter Statius Caecilius, der im Jahre 586 (168) starb, war +ein freigelassener Insubrer; und Polybios, der gegen Ausgang des +sechsten Jahrhunderts diese Gegenden bereiste, versichert, vielleicht +nicht ohne eigene Uebertreibung, dass daselbst nur noch wenige Doerfer +unter den Alpen keltisch geblieben seien. Die Veneter dagegen scheinen +ihre Nationalitaet laenger behauptet zu haben. + +Das hauptsaechliche Bestreben der Roemer war in diesen Landschaften +begreiflicherweise darauf gerichtet, dem Nachruecken der +transalpinischen Kelten zu steuern und die natuerliche Scheidewand der +Halbinsel und des inneren Kontinents auch zur politischen Grenze zu +machen. Dass die Furcht vor dem roemischen Namen schon zu den +naechstliegenden keltischen Kantonen jenseits der Alpen gedrungen war, +zeigt nicht bloss die vollstaendige Untaetigkeit, mit der dieselben der +Vernichtung oder Unterjochung ihrer diesseitigen Landsleute zusahen, +sondern mehr noch die offizielle Missbilligung und Desavouierung, +welche die transalpinischen Kantone - man wird zunaechst an die +Helvetier (zwischen dem Genfer See und dem Main) und an die Karner oder +Taurisker (in Kaernten und Steiermark) zu denken haben - gegen die +beschwerdefuehrenden roemischen Gesandten aussprachen ueber die +Versuche einzelner keltischer Haufen, sich diesseits der Alpen in +friedlicher Weise anzusiedeln, nicht minder die demuetige Art, in +welcher diese Auswandererhaufen selbst zuerst bei dem roemischen Senat +um Landanweisung bittend einkamen, alsdann aber dem strengen Gebot, +ueber die Alpen zurueckzugehen, ohne Widerrede sich fuegten (568 f., +575 186, 179) und die Stadt, die sie unweit des spaeteren Aquileia +schon angelegt hatten, wieder zerstoeren liessen. Mit weiser Strenge +gestattete der Senat keinerlei Ausnahme von dem Grundsatz, dass die +Alpentore fuer die keltische Nation fortan geschlossen seien, und +schritt mit schweren Strafen gegen diejenigen roemischen Untertanen +ein, die solche Uebersiedlungsversuche von Italien aus veranlasst +hatten. Ein Versuch dieser Art, welcher auf einer bis dahin den Roemern +wenig bekannten Strasse im innersten Winkel des Adriatischen Meeres +stattfand, mehr aber noch, wie es scheint, der Plan Philipps von +Makedonien, wie Hannibal von Westen so seinerseits von Osten her in +Italien einzufallen, veranlassten die Gruendung einer Festung in dem +aeussersten nordoestlichen Winkel Italien, der noerdlichsten italischen +Kolonie Aquileia (571-573 183-181), die nicht bloss diesen Weg den +Fremden fuer immer zu verlegen, sondern auch die fuer die dortige +Schiffahrt vorzueglich bequem gelegene Meeresbucht zu sichern und der +immer noch nicht ganz ausgerotteten Piraterie in diesen Gewaessern zu +steuern bestimmt war. Die Anlage Aquileias veranlasste einen Krieg +gegen die Istrier (576, 577 178, 177), der mit der Erstuermung einiger +Kastelle und dem Fall des Koenigs Aepulo schnell beendigt war und durch +nichts merkwuerdig ist als durch den panischen Schreck, den die Kunde +von der Ueberrumpelung des roemischen Lagers durch eine Handvoll +Barbaren bei der Flotte und sodann in ganz Italien hervorrief. + +Anders verfuhr man in der Landschaft diesseits des Padus, die der +roemische Senat beschlossen hatte Italien einzuverleiben. Die Boier, +die dies zunaechst traf, wehrten sich mit verzweifelter +Entschlossenheit. Es ward sogar der Padus von ihnen ueberschritten und +ein Versuch gemacht, die Insubrer wieder unter die Waffen zu bringen +(560 194); ein Konsul ward in seinem Lager von ihnen blockiert und +wenig fehlte, dass er unterlag; Placentia hielt sich muehsam gegen die +ewigen Angriffe der erbitterten Eingeborenen. Bei Mutina endlich ward +die letzte Schlacht geliefert; sie war lang und blutig, aber die Roemer +siegten (561 193), und seitdem war der Kampf kein Krieg mehr, sondern +eine Sklavenhetze. Die einzige Freistatt im boischen Gebiet war bald +das roemische Lager, in das der noch uebrige bessere Teil der +Bevoelkerung sich zu fluechten begann; die Sieger konnten nach Rom +berichten, ohne sehr zu uebertreiben, dass von der Nation der Boier +nichts mehr uebrig sei als Kinder und Greise. So freilich musste sie +sich ergeben in das Schicksal, das ihr bestimmt war. Die Roemer +forderten Abtretung des halben Gebiets (563 191); sie konnte nicht +verweigert werden, aber auch auf dem geschmaelerten Bezirk, der den +Boiern blieb, verschwanden sie bald und verschmolzen mit ihren +Besiegern ^1. + +———————————————————- + +^1 Nach Strabons Bericht waeren diese italischen Boier von den Roemern +ueber die Alpen verstossen worden und aus ihnen die boische Ansiedlung +im heutigen Ungarn um Steinamanger und Oedenburg hervorgegangen, welche +in der augustischen Zeit von den ueber die Donau gegangenen Geten +angegriffen und vernichtet wurde, dieser Landschaft aber den Namen der +boischen Einoede hinterliess. Dieser Bericht passt sehr wenig zu der +wohlbeglaubigten Darstellung der roemischen Jahrbuecher, nach der man +sich roemischerseits begnuegte mit der Abtretung des halben Gebietes; +und um das Verschwinden der italischen Boier zu erklaeren, bedarf es in +der Tat der Annahme einer gewaltsamen Vertreibung nicht - verschwinden +doch auch die uebrigen keltischen Voelkerschaften, obwohl von Krieg und +Kolonisierung in weit minderem Grade heimgesucht, nicht viel weniger +rasch und vollstaendig aus der Reihe der italischen Nationen. +Anderseits fuehren andere Berichte vielmehr darauf, jene Boier am +Neusiedler See herzuleiten von dem Hauptstock der Nation, der ehemals +in Bayern und Boehmen sass, bis deutsche Staemme ihn suedwaerts +draengten. Ueberall aber ist es sehr zweifelhaft, ob die Boier, die man +bei Bordeaux, am Po, in Boehmen findet, wirklich auseinandergesprengte +Zweige eines Stammes sind und nicht bloss eine Namensgleichheit +obwaltet. Strabons Annahme duerfte auf nichts anderem beruhen als auf +einem Rueckschluss aus der Namensgleichheit, wie die Alten ihn bei den +Kimbern, Venetern und sonst oft unueberlegt anwandten. + +———————————————————— + +Nachdem die Roemer also sich reinen Boden geschaffen hatten, wurden die +Festungen Placentia und Cremona, deren Kolonisten die letzten unruhigen +Jahre grossenteils hingerafft oder zerstreut hatten, wieder organisiert +und neue Ansiedler dorthin gesandt; neu gegruendet wurden in und bei +dem ehemaligen senonischen Gebiet Potentia (bei Recanati unweit Ancona; +570 184) und Pisaurum (Pesaro; 570 184), ferner in der neu gewonnenen +boischen Landschaft die Festungen Bonoma (565 189), Mutina (571 183) +und Parma (571 183), von denen die Kolonie Mutina schon vor dem +Hannibalischen Krieg angelegt und nur der Abschluss der Gruendung durch +diesen unterbrochen worden war. Wie immer verband sich mit der Anlage +der Festungen auch die von Militaerchausseen. Es wurde die Flaminische +Strasse von ihrem noerdlichen Endpunkt Ariminum unter dem Namen der +Aemilischen bis Placentia verlaengert (567 187). Ferner ward die +Strasse von Rom nach Arretium oder die Cassische, die wohl schon +laengst Munizipalchaussee gewesen war, wahrscheinlich im Jahre 583 +(171) von der roemischen Gemeinde uebernommen und neu angelegt, schon +567 (187) aber die Strecke von Arretium ueber den Apennin nach Bononia +bis an die neue Aemilische Strasse hergestellt, wodurch man eine +kuerzere Verbindung zwischen Rom und den Pofestungen erhielt. Durch +diese durchgreifenden Massnahmen wurde der Apennin als die Grenze des +keltischen und des italischen Gebiets tatsaechlich beseitigt und +ersetzt durch den Po. Diesseits des Po herrschte fortan wesentlich die +italische Stadt-, jenseits desselben wesentlich die keltische +Gauverfassung, und es war ein leerer Name, wenn auch jetzt noch das +Gebiet zwischen Apennin und Po zur keltischen Landschaft gerechnet +ward. + +In dem nordwestlichen italischen Gebirgsland, dessen Taeler und Huegel +hauptsaechlich von dem vielgeteilten ligurischen Stamm eingenommen +waren, verfuhren die Roemer in aehnlicher Weise. Was zunaechst +nordwaerts vom Arno wohnte, ward vertilgt. Es traf dies hauptsaechlich +die Apuaner, die, auf dem Apennin zwischen dem Arno und der Magra +wohnend, einerseits das Gebiet von Pisae, anderseits das von Bononia +und Mutina unaufhoerlich pluenderten. Was hier nicht dem Schwert der +Roemer erlag, ward nach Unteritalien in die Gegend von Benevent +uebergesiedelt (574 180), und durch energische Massregeln die +ligurische Nation, weicher man noch im Jahre 578 (175) die von ihr +eroberte Kolonie Mutina wieder abnehmen musste, in den Bergen, die das +Potal von dem des Arno scheiden, vollstaendig unterdrueckt. Die 577 +(177) auf dem ehemals apuanischen Gebiet angelegte Festung Luna unweit +Spezzia deckte die Grenze gegen die Ligurer aehnlich wie Aquileia gegen +die Transalpiner und gab zugleich den Roemern einen vortrefflichen +Hafen, der seitdem fuer die Ueberfahrt nach Massalia und nach Spanien +die gewoehnliche Station ward. Die Chaussierung der Kuesten- oder +Aurelischen Strasse von Rom nach Luna und der von Luca ueber Florenz +nach Arretium gefuehrten Querstrasse zwischen der Aurelischen und +Cassischen gehoert wahrscheinlich in dieselbe Zeit. + +Gegen die westlicheren ligurischen Staemme, die die genuesischen +Apenninen und die Seealpen innehatten, ruhten die Kaempfe nie. Es waren +unbequeme Nachbarn, die zu Lande und zur See zu pluendern pflegten; die +Pisaner und die Massalioten hatten von ihren Einfaellen und ihren +Korsarenschiffen nicht wenig zu leiden. Bleibende Ergebnisse wurden +indes bei den ewigen Fehden nicht gewonnen, vielleicht auch nicht +bezweckt; ausser dass man, wie es scheint, um mit dem transalpinischen +Gallien und Spanien neben der regelmaessigen See- auch eine +Landverbindung zu haben, bemueht war, die grosse Kuestenstrasse von +Luna ueber Massalia nach Emporiae wenigstens bis an die Alpen +freizumachen - jenseits der Alpen lag es dann den Massalioten ob, den +roemischen Schiffen die Kuestenfahrt und den Landreisenden die +Uferstrasse offen zu halten. Das Binnenland mit seinen unwegsamen +Taelern und seinen Felsennestern, mit seinen armen, aber gewandten und +verschlagenen Bewohnern diente den Roemern hauptsaechlich als +Kriegsschule zur Uebung und Abhaertung der Soldaten wie der Offiziere. + +Aehnliche sogenannte Kriege wie gegen die Ligurer fuehrte man gegen die +Korsen und mehr noch gegen die Bewohner des inneren Sardinien, welche +die gegen sie gerichteten Raubzuege durch Ueberfaelle der +Kuestenstriche vergalten. Im Andenken geblieben ist die Expedition des +Tiberius Gracchus gegen die Sarden 577 (177) nicht so sehr, weil er der +Provinz den “Frieden” gab, sondern weil er bis 80000 der Insulaner +erschlagen oder gefangen zu haben behauptete und Sklaven von dort in +solcher Masse nach Rom schleppte, dass es Sprichwort ward: +“spottwohlfeil wie ein Sarde”. + +In Afrika ging die roemische Politik wesentlich auf in dem einen, +ebenso kurzsichtigen wie engherzigen Gedanken, das Wiederaufkommen der +karthagischen Macht zu verhindern und deshalb die unglueckliche Stadt +bestaendig unter dem Druck und unter dem Damoklesschwert einer +roemischen Kriegserklaerung zu erhalten. Schon die Bestimmung des +Friedensvertrags, dass den Karthagern zwar ihr Gebiet ungeschmaelert +bleiben, aber ihrem Nachbarn Massinissa alle diejenigen Besitzungen +garantiert sein sollten, die er oder sein Vorweser innerhalb der +karthagischen Grenzen besessen haetten, sieht fast so aus, als waere +sie hineingesetzt, um Streitigkeiten nicht zu beseitigen, sondern zu +erwecken. Dasselbe gilt von der durch den roemischen Friedenstraktat +den Karthagern auferlegten Verpflichtung, nicht gegen roemische +Bundesgenossen Krieg zu fuehren, so dass nach dem Wortlaut des Vertrags +sie nicht einmal befugt waren, aus ihrem eigenen und unbestrittenen +Gebiet den numidischen Nachbarn zu vertreiben. Bei solchen Vertraegen +und bei der Unsicherheit der afrikanischen Grenzverhaeltnisse +ueberhaupt konnte Karthagos Lage gegenueber einem ebenso maechtigen wie +ruecksichtslosen Nachbarn einem Oberherrn, der zugleich Schiedsrichter +und Partei war, nicht anders als peinlich sein; aber die Wirklichkeit +war aerger als die aergsten Erwartungen. Schon 561 (193) sah Karthago +sich unter nichtigen Vorwaenden ueberfallen und den reichsten Teil +seines Gebiets, die Landschaft Emporiae an der Kleinen Syrte, teils von +den Numidiern gepluendert, teils sogar von ihnen in Besitz genommen. So +gingen die Uebergriffe bestaendig weiter; das platte Land kam in die +Haende der Numidier, und mit Muehe behaupteten die Karthager sich in +den groesseren Ortschaften. Bloss in den letzten zwei Jahren, +erklaerten die Karthager im Jahre 582 (172), seien ihnen wieder siebzig +Doerfer vertragswidrig entrissen worden. Botschaft ueber Botschaft ging +nach Rom; die Karthager beschworen den roemischen Senat, ihnen entweder +zu gestatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, oder ein +Schiedsgericht mit Spruchgewalt zu bestellen, oder die Grenze neu zu +regulieren, damit sie wenigstens ein- fuer allemal erfuehren, wieviel +sie einbuessen sollten; besser sei es sonst, sie geradezu zu roemischen +Untertanen zumachen, als sie so allmaehlich den Libyern auszuliefern. +Aber die roemische Regierung, die schon 554 (200) ihrem Klienten +geradezu Gebietserweiterungen, natuerlich auf Kosten Karthagos, in +Aussicht gestellt hatte, schien wenig dagegen zuhaben, dass er die ihm +bestimmte Beute sich selber nahm; sie maessigte wohl zuweilen das +allzugrosse Ungestuem der Libyer, die ihren alten Peinigern jetzt das +Erlittene reichlich vergalten, aber im Grunde war ja eben dieser +Quaelerei wegen Massinissa von den Roemern Karthago zum Nachbar gesetzt +worden. Alle Bitten und Beschwerden hatten nur den Erfolg, dass +entweder roemische Kommissionen in Afrika erschienen, die nach +gruendlicher Untersuchung zu keiner Entscheidung kamen, oder bei den +Verhandlungen in Rom Massinissas Beauftragte Mangel an Instruktionen +vorschuetzten und die Sache vertagt ward. Nur phoenikische Geduld war +imstande, sich in eine solche Lage mit Ergebung zu schicken, ja dabei +den Machthabern jeden Dienst und jede Artigkeit, die sie begehrten und +nicht begehrten, mit unermuedlicher Beharrlichkeit zu erweisen und +namentlich durch Kornsendungen um die roemische Gunst zu buhlen. + +Indes war diese Fuegsamkeit der Besiegten doch nicht bloss Geduld und +Ergebung. Es gab noch in Karthago eine Patriotenpartei und an ihrer +Spitze stand der Mann, der, wo immer das Schicksal ihn hinstellte, den +Roemern furchtbar blieb. Sie hatte es nicht aufgegeben, unter Benutzung +der leicht vorauszusehenden Verwicklungen zwischen Rom und den +oestlichen Maechten noch einmal den Kampf aufzunehmen und, nachdem der +grossartige Plan Hamilkars und seiner Soehne wesentlich an der +karthagischen Oligarchie gescheitert war, fuer diesen neuen Kampf vor +allem das Vaterland innerlich zu erneuern. Die bessernde Macht der Not +und wohl auch Hannibals klarer, grossartiger und der Menschen +maechtiger Geist bewirkten politische und finanzielle Reformen. Die +Oligarchie, die durch Erhebung der Kriminaluntersuchung gegen den +grossen Feldherrn wegen absichtlich unterlassener Einnahme Roms und +Unterschlagung der italischen Beute das Mass ihrer verbrecherischen +Torheiten voll gemacht hatte - diese verfaulte Oligarchie wurde auf +Hannibals Antrag ueber den Haufen geworfen und ein demokratisches +Regiment eingefuehrt, wie es den Verhaeltnissen der Buergerschaft +angemessen war (vor 559 195). Die Finanzen wurden durch Beitreibung der +rueckstaendigen und unterschlagenen Gelder und durch Einfuehrung einer +besseren Kontrolle so schnell wieder geordnet, dass die roemische +Kontribution gezahlt werden konnte, ohne die Buerger irgendwie mit +ausserordentlichen Steuern zu belasten. Die roemische Regierung, eben +damals im Begriff, den bedenklichen Krieg mit dem Grosskoenig von Asien +zu beginnen, folgte diesen Vorgaengen mit begreiflicher Besorgnis; es +war keine eingebildete Gefahr, dass die karthagische Flotte in Italien +landen und ein zweiter Hannibalischer Krieg dort sich entspinnen +koenne, waehrend die roemischen Legionen in Kleinasien fochten. Man +kann darum die Roemer kaum tadeln, wenn sie eine Gesandtschaft nach +Karthago schickten (559 195), die vermutlich beauftragt war, Hannibals +Auslieferung zu fordern. Die grollenden karthagischen Oligarchen, die +Briefe ueber Briefe nach Rom sandten, um den Mann, der sie gestuerzt, +wegen geheimer Verbindungen mit den antiroemisch gesinnten Maechten dem +Landesfeind zu denunzieren, sind veraechtlich, aber ihre Meldungen +waren wahrscheinlich richtig; und so wahr es auch ist, dass in jener +Gesandtschaft ein demuetigendes Eingestaendnis der Furcht des +maechtigen Volkes vor dem einfachen Schofeten von Karthago lag, so +begreiflich und ehrenwert es ist, dass der stolze Sieger von Zama im +Senat Einspruch tat gegen diesen erniedrigenden Schritt, so war doch +jenes Eingestaendnis eben nichts anderes als die schlichte Wahrheit, +und Hannibal eine so ausserordentliche Natur, dass nur roemische +Gefuehlspolitiker ihn laenger an der Spitze des karthagischen Staats +dulden konnten. Die eigentuemliche Anerkennung, die er bei der +feindlichen Regierung fand, kam ihm selbst schwerlich ueberraschend. +Wie Hannibal und nicht Karthago den letzten Krieg gefuehrt hatte, so +hatte auch Hannibal das zu tragen, was den Besiegten trifft. Die +Karthager konnten nichts tun als sich fuegen und ihrem Stern danken, +dass Hannibal, durch seine rasche und besonnene Flucht nach dem Orient +die groessere Schande ihnen ersparend, seiner Vaterstadt bloss die +mindere liess, ihren groessten Buerger auf ewige Zeiten aus der Heimat +verbannt, sein Vermoegen eingezogen und sein Haus geschleift zu haben. +Das tiefsinnige Wort aber, dass diejenigen die Lieblinge der Goetter +sind, denen sie die unendlichen Freuden und die unendlichen Leiden ganz +verleihen, hat also an Hannibal in vollem Masse sich bewaehrt. + +Schwerer als das Einschreiten gegen Hannibal laesst es sich +verantworten, dass die roemische Regierung nach dessen Entfernung nicht +aufhoerte, die Stadt zu beargwohnen und zu plagen. Zwar gaerten dort +die Parteien nach wie vor; allein nach der Entfernung des +ausserordentlichen Mannes, der fast die Geschicke der Welt gewendet +haette, bedeutete die Patriotenpartei nicht viel mehr in Karthago als +in Aetolien und in Achaia. Die verstaendigste Idee unter denen, welche +damals die unglueckliche Stadt bewegten, war ohne Zweifel die, sich an +Massinissa anzuschliessen und aus dem Draenger den Schutzherrn der +Phoeniker zu machen. Allein weder die nationale noch die libysch +gesinnte Faktion der Patrioten gelangte an das Ruder, sondern es blieb +das Regiment bei den roemisch gesinnten Oligarchen, welche, soweit sie +nicht ueberhaupt aller Gedanken an die Zukunft sich begaben, einzig die +Idee festhielten, die materielle Wohlfahrt und die Kommunalfreiheit +Karthagos unter dem Schutze Roms zu retten. Hierbei haette man in Rom +wohl sich beruhigen koennen. Allein weder die Menge noch selbst die +regierenden Herren vom gewoehnlichen Schlag vermochten sich der +gruendlichen Angst vom Hannibalischen Kriege her zu entschlagen; die +roemischen Kaufleute aber sahen mit neidischen Augen die Stadt auch +jetzt, wo ihre politische Macht dahin war, im Besitz einer ausgedehnten +Handelsklientel und eines festgegruendeten, durch nichts zu +erschuetternden Reichtums. Schon im Jahre 567 (187) erbot sich die +karthagische Regierung die saemtlichen im Frieden von 553 (201) +stipulierten Terminzahlungen sofort zu entrichten, was die Roemer, +denen an der Tributpflichtigkeit Karthagos weit mehr gelegen war als an +den Geldsummen selbst, begreiflicherweise ablehnten und daraus nur die +Ueberzeugung gewannen, dass aller angewandten Muehe ungeachtet die +Stadt nicht ruiniert und nicht zu ruinieren sei. Immer aufs neue liefen +Geruechte ueber die Umtriebe der treulosen Phoeniker durch Rom. Bald +hatte ein Emissaer Hannibals, Ariston von Tyros, sich in Karthago +blicken lassen, um die Buergerschaft auf die Landung einer asiatischen +Kriegsflotte vorzubereiten (561 193); bald hatte der Rat in geheimer +nächtlicher Sitzung im Tempel des Heilgottes den Gesandten des Perseus +Audienz gegeben (581 173); bald sprach man von der gewaltigen Flotte, +die in Karthago fuer den Makedonischen Krieg geruestet werde (583 171). +Es ist nicht wahrscheinlich, dass diesen und aehnlichen Dingen mehr als +hoechstens die Unbesonnenheiten einzelner zugrunde lagen; immer aber +waren sie das Signal zu neuen diplomatischen Misshandlungen von +roemischer, zu neuen Uebergriffen von Massinissas Seite, und die +Meinung stellte immer mehr sich fest, je weniger Sinn und Verstand in +ihr war, dass ohne einen dritten punischen Krieg mit Karthago nicht +fertig zu werden sei. + +Waehrend also die Macht der Phoeniker in dem Lande ihrer Wahl ebenso +dahinsank wie sie laengst in ihrer Heimat erlegen war, erwuchs neben +ihnen ein neuer Staat. Seit unvordenklichen Zeiten wie noch heutzutage +ist das nordafrikanische Kuestenland bewohnt von dem Volke, das sich +selber Schilah oder Tamazigt heisst und welches die Griechen und Roemer +die Nomaden oder Numidier, das ist das Weidevolk, die Araber Berber +nennen, obwohl auch sie dieselben wohl als “Hirten” (Schâwie) +bezeichnen, und das wir Berber oder Kabylen zu nennen gewohnt sind. +Dasselbe ist, soweit seine Sprache bis jetzt erforscht ist, keiner +anderen bekannten Nation verwandt. In der karthagischen Zeit hatten +diese Staemme mit Ausnahme der unmittelbar um Karthago oder unmittelbar +an der Kueste hausenden wohl im ganzen ihre Unabhaengigkeit behauptet, +aber auch bei ihrem Hirten- und Reiterleben, wie es noch jetzt die +Bewohner des Atlas fuehren, im wesentlichen beharrt, obwohl das +phoenikische Alphabet und ueberhaupt die phoenikische Zivilisation +ihnen nicht fremd blieb und es wohl vorkam, dass die Berberscheichs +ihre Soehne in Karthago erziehen liessen und mit phoenikischen +Adelsfamilien sich verschwaegerten. Die roemische Politik wollte +unmittelbare Besitzungen in Afrika nicht haben und zog es vor, einen +Staat dort grosszuziehen, der nicht genug bedeutete, um Roms Schutz +entbehren zu koennen und doch genug, um Karthagos Macht, nachdem +dieselbe auf Afrika beschraenkt war, auch hier niederzuhalten und der +gequaelten Stadt jede freie Bewegung unmoeglich zu machen. Was man +suchte, fand man bei den eingeborenen Fuersten. Um die Zeit des +Hannibalischen Krieges standen die nordafrikanischen Eingeborenen unter +drei Oberkoenigen, deren jedem nach dortiger Art eine Menge Fuersten +gefolgspflichtig waren: dem Koenig der Mauren, Bocchar, der, vom +Atlantischen Meer bis zum Fluss Molochath (jetzt Mluia an der +marokkanisch-franzoesischen Grenze), dem Koenig der Massaesyler, +Syphax, der von da bis an das sogenannte Durchbohrte Vorgebirge +(Siebenkap zwischen Djidjeli und Bona) in den heutigen Provinzen Oran +und Algier, und dem Koenig der Massyler, Massinissa, der von dem +Durchbohrten Vorgebirge bis an die karthagische Grenze in der heutigen +Provinz Constantine gebot. Der maechtigste von diesen, der Koenig von +Siga, Syphax, war in dem letzten Krieg zwischen Rom und Karthago +ueberwunden und gefangen nach Italien abgefuehrt worden, wo er in der +Haft starb; sein weites Gebiet kam im wesentlichen an Massinissa - der +Sohn des Syphax, Vermina, obwohl er durch demuetiges Bitten von den +Roemern einen kleinen Teil des vaeterlichen Besitzes zurueckerlangte +(554 200), vermochte doch den aelteren roemischen Bundesgenossen nicht +um die Stellung des bevorzugten Draengens von Karthago zu bringen. +Massinissa ward der Gruender des Numidischen Reiches; und nicht oft hat +Wahl oder Zufall so den rechten Mann an die rechte Stelle gesetzt. +Koerperlich gesund und gelenkig bis in das hoechste Greisenalter, +maessig und nuechtern wie ein Araber, faehig, jede Strapaze zu +ertragen, vom Morgen bis zum Abend auf demselben Flecke zu stehen und +vierundzwanzig Stunden zu Pferde zu sitzen, in den abenteuerlichen +Glueckswechseln seiner Jugend wie auf den Schlachtfeldern Spaniens als +Soldat und als Feldherr gleich erprobt, und ebenso ein Meister der +schwereren Kunst, in seinem zahlreichen Hause Zucht und in seinem Lande +Ordnung zu erhalten, gleich bereit, sich dem maechtigen Beschuetzer +ruecksichtslos zu Fuessen zu werfen wie den schwaecheren Nachbar +ruecksichtslos unter die Fuesse zu treten und zu alledem mit den +Verhaeltnissen Karthagos, wo er erzogen und in den vornehmsten Haeusern +aus- und eingegangen war, ebenso genau bekannt wie von afrikanisch +bitterem Hasse gegen seine und seiner Nation Bedraengen erfuellt, ward +dieser merkwuerdige Mann die Seele des Aufschwungs seiner, wie es +schien, im Verkommen begriffenen Nation, deren Tugenden und Fehler in +ihm gleichsam verkoerpert erschienen. Das Glueck beguenstigte ihn wie +in allem so auch darin, dass es ihm zu seinem Werke die Zeit liess. Er +starb im neunzigsten Jahr seines Lebens (516-605 238-149), im +sechzigsten seiner Regierung, bis an sein Lebensende im vollen Besitz +seiner koerperlichen und geistigen Kraefte, und hinterliess einen +einjaehrigen Sohn und den Ruf, der staerkste Mann und der beste und +gluecklichste Koenig seiner Zeit gewesen zu sein. Es ist schon erzaehlt +worden, mit welcher berechneten Deutlichkeit die Roemer in ihrer +Oberleitung der afrikanischen Angelegenheiten ihre Parteinahme fuer +Massinissa hervortreten liessen, und wie dieser die stillschweigende +Erlaubnis, auf Kosten Karthagos sein Gebiet zu vergroessern, eifrig und +stetig benutzte. Das ganze Binnenland bis an den Wuestensaum fiel dem +einheimischen Herrscher gleichsam von selber zu, und selbst das obere +Tal des Bagradas (Medscherda) mit der reichen Stadt Vaga ward dem +Koenig untertan; aber auch an der Kueste oestlich von Karthago besetzte +er die alte Sidonierstadt Gross-Leptis und andere Strecken, so dass +sein Reich sich von der mauretanischen bis zur kyrenaeischen Grenze +erstreckte, das karthagische Gebiet zu Lande von allen Seiten umfasste +und ueberall in naechster Naehe auf die Phoeniker drueckte. Es leidet +keinen Zweifel, dass er in Karthago seine kuenftige Hauptstadt sah; die +libysche Partei daselbst ist bezeichnend. Aber nicht allein durch die +Schmaelerung des Gebiets geschah Karthagos Eintrag. Die schweifenden +Hirten wurden durch ihren grossen Koenig ein anderes Volk. Nach dem +Beispiel des Koenigs, der weithin die Felder urbar machte und jedem +seiner Soehne bedeutende Ackergueter hinterliess, fingen auch seine +Untertanen an, sich ansaessig zu machen und Ackerbau zu treiben. Wie +seine Hirten in Buerger, verwandelte er seine Plunderhorden in +Soldaten, die von Rom neben den Legionen zu fechten gewuerdigt wurden, +und hinterliess seinen Nachfolgern eine reich gefuellte Schatzkammer, +ein wohldiszipliniertes Heer und sogar eine Flotte. Seine Residenz +Cirta (Constantine) ward die lebhafte Hauptstadt eines maechtigen +Staates und ein Hauptsitz der phoenikischen Zivilisation, die an dem +Hofe des Berberkoenigs eifrige und wohl auch auf das kuenftige +karthagisch-numidische Reich berechnete Pflege fand. Die bisher +unterdrueckte libysche Nationalitaet hob sich dadurch in ihren eigenen +Augen, und selbst in die altphoenikischen Staedte, wie Gross-Leptis, +drang einheimische Sitte und Sprache ein. Der Berber fing an, unter der +Aegide Roms sich dem Phoeniker gleich, ja ueberlegen zu fuehlen; die +karthagischen Gesandten mussten in Rom es hoeren, dass sie in Afrika +Fremdlinge seien und das Land den Libyern gehoere. Die selbst in der +nivellierenden Kaiserzeit noch lebensfaehig und kraeftig dastehende +phoenikisch-nationale Zivilisation Nordafrikas ist bei weitem weniger +das Werk der Karthager als das des Massinissa. + +In Spanien fuegten die griechischen und phoenikischen Staedte an der +Kueste, wie Emporiae, Saguntum, Neukarthago, Malaca, Gades, sich um so +bereitwilliger der roemischen Herrschaft, als sie sich selber +ueberlassen, kaum imstande gewesen waeren, sich gegen die Eingeborenen +zu schuetzen; wie aus gleichen Gruenden Massalia, obwohl bei weitem +bedeutender und wehrhafter als jene Staedte, es doch nicht versaeumte, +durch engen Anschluss an die Roemer, denen Massalia wieder als +Zwischenstation zwischen Italien und Spanien vielfach nuetzlich wurde, +sich einen maechtigen Rueckhalt zu sichern. Die Eingeborenen dagegen +machten den Roemern unsaeglich zu schaffen. Zwar fehlte es keineswegs +an Ansaetzen zu einer national-iberischen Zivilisation, von deren +Eigentuemlichkeit freilich es uns nicht wohl moeglich ist, eine +deutliche Vorstellung zu gewinnen. Wir finden bei den Iberern eine +weitverbreitete nationale Schrift, die sich in zwei Hauptarten, die des +Ebrotals und die andalusische, und jede von diesen vermutlich wieder in +mannigfache Verzweigungen spaltet und deren Ursprung in sehr fruehe +Zeit hinaufzureichen und eher auf das altgriechische als auf das +phoenikische Alphabet zurueckzugehen scheint. Von den Turdetanern (um +Sevilla) ist sogar ueberliefert, dass sie Lieder aus uralter Zeit, ein +metrisches Gesetzbuch von 6000 Verszeilen, ja sogar geschichtliche +Aufzeichnungen besassen; allerdings wird diese Voelkerschaft die +zivilisierteste unter allen spanischen genannt und zugleich die am +wenigsten kriegerische, wie sie denn auch ihre Kriege regelmaessig mit +fremden Soeldnern fuehrte. Auf dieselbe Gegend werden wohl auch +Polybios’ Schilderungen zu beziehen sein von dem bluehenden Stand des +Ackerbaus und der Viehzucht in Spanien, weshalb bei dem Mangel an +Ausfuhrgelegenheit Korn und Fleisch dort um Spottpreise zu haben war, +und von den praechtigen Koenigspalaesten mit den goldenen und silbernen +Kruegen voll “Gerstenwein”. Auch die Kulturelemente, die die Roemer +mitbrachten, fasste wenigstens ein Teil der Spanier eifrig auf, so dass +frueher als irgendwo sonst in den ueberseeischen Provinzen sich in +Spanien die Latinisierung vorbereitete. So kam zum Beispiel schon in +dieser Epoche der Gebrauch der warmen Baeder nach italischer Weise bei +den Eingeborenen auf. Auch das roemische Geld ist allem Anschein nach +weit frueher als irgendwo sonst ausserhalb Italien in Spanien nicht +bloss gangbar, sondern auch nachgemuenzt worden; was durch die reichen +Silberbergwerke des Landes einigermassen begreiflich wird. Das +sogenannte “Silber von Osca” (jetzt Huesca in Aragonien), das heisst +spanische Denare mit iberischen Aufschriften, wird schon 559 (195) +erwaehnt, und viel spaeter kann der Anfang der Praegung schon deshalb +nicht gesetzt werden, weil das Gepraege dem der aeltesten roemischen +Denare nachgeahmt ist. Allein mochte auch in den suedlichen und +oestlichen Landschaften die Gesittung der Eingeborenen der roemischen +Zivilisation und der roemischen Herrschaft soweit vorgearbeitet haben, +dass diese dort nirgend auf ernstliche Schwierigkeiten stiessen, so war +dagegen der Westen und Norden und das ganze Binnenland besetzt von +zahlreichen, mehr oder minder rohen Voelkerschaften, die von keinerlei +Zivilisation viel wussten - in Intercatia zum Beispiel war noch um 600 +(154) der Gebrauch des Goldes und Silbers unbekannt - und sich +ebensowenig untereinander wie mit den Roemern vertrugen. +Charakteristisch ist fuer diese freien Spanier der ritterliche Sinn der +Maenner und wenigstens ebenso sehr der Frauen. Wenn die Mutter den Sohn +in die Schlacht entliess, begeisterte sie ihn durch die Erzaehlung von +den Taten seiner Ahnen, und dem tapfersten Mann reichte die schoenste +Jungfrau unaufgefordert als Braut die Hand. Zweikaempfe waren +gewoehnlich, sowohl um den Preis der Tapferkeit wie zur Ausmachung von +Rechtshaendeln - selbst Erbstreitigkeiten zwischen fuerstlichen Vettern +wurden auf diesem Wege erledigt. Es kam auch nicht selten vor, dass ein +bekannter Krieger vor die feindlichen Reihen trat und sich einen Gegner +bei Namen herausforderte; der Besiegte uebergab dann dem Gegner Mantel +und Schwert und machte auch wohl noch mit ihm Gastfreundschaft. Zwanzig +Jahre nach dem Ende des Hannibalischen Krieges sandte die kleine +keltiberische Gemeinde von Complega (in der Gegend der Tajoquellen) dem +roemischen Feldherrn Botschaft zu, dass er ihnen fuer jeden gefallenen +Mann ein Pferd, einen Mantel und ein Schwert senden moege, sonst werde +es ihm uebel ergehen. Stolz auf ihre Waffenehre, so dass sie haeufig es +nicht ertrugen, die Schmach der Entwaffnung zu ueberleben, waren die +Spanier dennoch geneigt, jedem Werber zu folgen und fuer jeden fremden +Span ihr Leben einzusetzen - bezeichnend ist die Botschaft, die ein der +Landessitte wohl kundiger roemischer Feldherr einem keltiberischen, im +Solde der Turdetaner gegen die Roemer fechtenden Schwarm zusandte: +entweder nach Hause zu kehren, oder fuer doppelten Sold in roemische +Dienste zu treten, oder Tag und Ort zur Schlacht zu bestimmen. Zeigte +sich kein Werbeoffizier, so trat man auch wohl auf eigene Hand zu +Freischaren zusammen, um die friedlicheren Landschaften zu +brandschatzen, ja sogar die Staedte einzunehmen und zu besetzen, ganz +in kampanischer Weise. Wie wild und unsicher das Binnenland war, davon +zeugt zum Beispiel, dass die Internierung westlich von Cartagena bei +den Roemern als schwere Strafe galt, und dass in einigermassen +aufgeregten Zeiten die roemischen Kommandanten des jenseitigen Spaniens +Eskorten bis zu 6000 Mann mit sich nahmen. Deutlicher noch zeigt es der +seltsame Verkehr, den in der griechisch-spanischen Doppelstadt Emporiae +an der oestlichen Spitze der Pyrenaeen die Griechen mit ihren +spanischen Nachbarn pflogen. Die griechischen Ansiedler, die auf der +Spitze der Halbinsel, von dem spanischen Stadtteil durch eine Mauer +getrennt wohnten, liessen diese jede Nacht durch den dritten Teil ihrer +Buergerwehr besetzen und an dem einzigen Tor einen hoeheren Beamten +bestaendig die Wache versehen; kein Spanier durfte die griechische +Stadt betreten und die Griechen brachten den Eingeborenen die Waren nur +zu in starken und wohleskortierten Abteilungen. Diese Eingeborenen voll +Unruhe und Kriegslust, voll von dem Geiste des Cid wie des Don Quixote +sollten denn nun von den Roemern gebaendigt und womoeglich gesittigt +werden. Militaerisch war die Aufgabe nicht schwer. Zwar bewiesen die +Spanier nicht bloss hinter den Mauern ihrer Staedte oder unter +Hannibals Fuehrung, sondern selbst allein und in offener Feldschlacht +sich als nicht veraechtliche Gegner; mit ihrem kurzen zweischneidigen +Schwert, welches spaeter die Roemer von ihnen annahmen, und ihren +gefuerchteten Sturmkolonnen brachten sie nicht selten selbst die +roemischen Legionen zum Wanken. Haetten sie es vermocht, sich +militaerisch zu disziplinieren und politisch zusammenzuschliessen, so +haetten sie vielleicht der aufgedrungenen Fremdherrschaft sich +entledigen koennen; aber ihre Tapferkeit war mehr die des Guerillas als +des Soldaten und es mangelte ihr voellig der politische Verstand. So +kam es in Spanien zu keinem ernsten Krieg, aber ebensowenig zu einem +ernstlichen Frieden; die Spanier haben sich, wie Caesar spaeter ganz +richtig ihnen vorhielt, nie im Frieden ruhig und nie im Kriege tapfer +erwiesen. So leicht der roemische Feldherr mit den Insurgentenhaufen +fertig ward, so schwer war es dem roemischen Staatsmanne, ein +geeignetes Mittel zu bezeichnen, um Spanien wirklich zu beruhigen und +zu zivilisieren: in der Tat konnte er, da das einzige wirklich +genuegende, eine umfassende latinische Kolonisierung, dem allgemeinen +Ziel der roemischen Politik dieser Epoche zuwiderlief, hier nur mit +Palliativen verfahren. + +Das Gebiet, welches die Roemer im Laufe des Hannibalischen Krieges in +Spanien erwarben, zerfiel von Haus aus in zwei Massen; die ehemals +karthagische Provinz, die zunaechst die heutigen Landschaften +Andalusien, Granada, Murcia und Valencia umfasste, und die +Ebrolandschaft oder das heutige Aragonien und Katalonien, das +Standquartier des roemischen Heeres waehrend des letzten Krieges; aus +welchen Gebieten die beiden roemischen Provinzen des Jen- und +Diesseitigen Spaniens hervorgingen. Das Binnenland, ungefaehr den +beiden Kastilien entsprechend, das die Roemer unter dem Namen +Keltiberien zusammenfassten, suchte man allmaehlich unter roemische +Botmaessigkeit zu bringen, waehrend man die Bewohner der westlichen +Landschaften, namentlich die Lusitaner im heutigen Portugal und dem +spanischen Estremadura, von Einfaellen in das roemische Gebiet +abzuhalten sich begnuegte und mit den Staemmen an der Nordkueste, den +Callaekern, Asturern und Kantabrern ueberhaupt noch gar nicht sich +beruehrte. Die Behauptung und Befestigung der gewonnenen Erfolge war +indes nicht durchzufuehren ohne eine stehende Besatzung, indem dem +Vorsteher des diesseitigen Spaniens namentlich die Baendigung der +Keltiberer und dem des jenseitigen die Zurueckweisung der Lusitaner +jaehrlich zu schaffen machten. Es ward somit noetig, in Spanien ein +roemisches Heer von vier starken Legionen oder etwa 40000 Mann Jahr aus +Jahr ein auf den Beinen zu halten; wobei dennoch sehr haeufig zur +Verstaerkung der Truppen in den von Rom besetzten Landschaften der +Landsturm aufgeboten werden musste. Es war dies in doppelter Weise von +grosser Wichtigkeit, indem hier zuerst, wenigstens zuerst in groesserem +Umfang, die militaerische Besetzung des Landes bleibend und +infolgedessen auch der Dienst anfaengt dauernd zu werden. Die alte +roemische Weise, nur dahin Truppen zu senden, wohin das augenblickliche +Kriegsbeduerfnis sie rief, und ausser in sehr schweren und wichtigen +Kriegen die einberufenen Leute nicht ueber ein Jahr bei der Fahne zu +halten, erwies sich als unvertraeglich mit der Behauptung der +unruhigen, fernen und ueberseeischen spanischen Aemter; es war +schlechterdings unmoeglich, die Truppen von da wegzuziehen, und sehr +gefaehrlich, sie auch nur in Masse abzuloesen. Die roemische +Buergerschaft fing an innezuwerden, dass die Herrschaft ueber ein +fremdes Volk nicht bloss fuer den Knecht eine Plage ist, sondern auch +fuer den Herrn, und murrte laut ueber den verhassten spanischen +Kriegsdienst. Waehrend die neuen Feldherren mit gutem Grund sich +weigerten, die Gesamtabloesung der bestehenden Korps zu gestatten, +meuterten diese und drohten, wenn man ihnen den Abschied nicht gebe, +ihn sich selber zu nehmen. + +Den Kriegen selbst, die in Spanien von den Roemern gefuehrt wurden, +kommt nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Sie begannen schon mit +Scipios Abreise und waehrten, solange der Hannibalische Krieg dauerte. +Nach dem Frieden mit Karthago (553 201) ruhten auch auf der Halbinsel +die Waffen, jedoch nur auf kurze Zeit. Im Jahre 557 (197) brach in +beiden Provinzen eine allgemeine Insurrektion aus; der Befehlshaber der +Jenseitigen ward hart gedraengt, der der Diesseitigen voellig +ueberwunden und selber erschlagen. Es ward noetig, den Krieg mit Ernst +anzugreifen, und obwohl inzwischen der tuechtige Praetor Quintus +Minucius ueber die erste Gefahr Herr geworden war, beschloss doch der +Senat im Jahre 559 (195), den Konsul Marcus Cato selbst nach Spanien zu +senden. Er fand auch in der Tat bei der Landung in Emporiae das ganze +Diesseitige Spanien von den Insurgenten ueberschwemmt; kaum dass diese +Hafenstadt und im inneren Land ein paar Burgen noch fuer Rom behauptet +wurden. Es kam zur offenen Feldschlacht zwischen den Insurgenten und +dem konsularischen Heer, in der nach hartem Kampf Mann gegen Mann +endlich die roemische Kriegskunst mit der gesparten Reserve den Tag +entschied. Das ganze Diesseitige Spanien sandte darauf seine +Unterwerfung ein; indes es war mit derselben so wenig ernstlich +gemeint, dass auf das Geruecht von der Heimkehr des Konsuls nach Rom +sofort der Aufstand abermals begann. Allein das Geruecht war falsch, +und nachdem Cato die Gemeinden, die zum zweitenmal sich aufgelehnt +hatten, schnell bezwungen und in Masse in die Sklaverei verkauft hatte, +ordnete er eine allgemeine Entwaffnung der Spanier in der diesseitigen +Provinz an und erliess an die saemtlichen Staedte der Eingeborenen von +den Pyrenaeen bis zum Guadalquivir den Befehl, ihre Mauern an einem und +demselben Tage niederzureissen. Niemand wusste, wie weit das Gebot sich +erstreckte, und es war keine Zeit sich zu verstaendigen; die meisten +Gemeinden gehorchten und auch von den wenigen widerspenstigen wagten es +nicht viele, als das roemische Heer demnaechst vor ihren Mauern +erschien, es auf den Sturm ankommen zu lassen. + +Diese energischen Massregeln waren allerdings nicht ohne nachhaltigen +Erfolg. Allein nichtsdestoweniger hatte man fast jaehrlich in der +“friedlichen Provinz” ein Gebirgstal oder ein Bergkastell zum Gehorsam +zu bringen, und die stetigen Einfaelle der Lusitaner in die jenseitige +Provinz fuehrten gelegentlich zu derben Niederlagen der Roemer; wie zum +Beispiel 563 (191) ein roemisches Heer nach starkem Verlust sein Lager +im Stich lassen und in Eilmaerschen in die ruhigeren Landschaften +zurueckkehren musste. Erst ein Sieg, den der Praetor Lucius Aemilius +Paullus 565 (189) ^2, und ein zweiter noch bedeutenderer, den der +tapfere Praetor Gaius Calpurnius jenseits des Tagus 569 (185) ueber die +Lusitaner erfocht, schafften auf einige Zeit Ruhe. Im diesseitigen +Spanien ward die bis dahin fast nominelle Herrschaft der Roemer ueber +die keltiberischen Voelkerschaften fester begruendet durch Quintus +Fulvius Flaccus, der nach einem grossen Siege ueber dieselben 573 (181) +wenigstens die naechstliegenden Kantone zur Unterwerfung zwang, und +besonders durch seinen Nachfolger Tiberius Gracchus (575, 576 179, +178), welcher mehr noch als durch die Waffen, mit denen er dreihundert +spanische Ortschaften sich unterwarf, durch sein geschicktes Eingehen +auf die Weise der schlichten und stolzen Nation dauernde Erfolge +erreichte. Indem er angesehene Keltiberer bestimmte, im roemischen Heer +Dienste zu nehmen, schuf er sich eine Klientel; indem er den +schweifenden Leuten Land anwies und sie in Staedten zusammenzog - die +spanische Stadt Graccurris bewahrte des Roemers Namen -, ward dem +Freibeuterwesen ernstlich gesteuert; indem er die Verhaeltnisse der +einzelnen Voelkerschaften zu den Roemern durch gerechte und weise +Vertraege regelte, verstopfte er soweit moeglich die Quelle kuenftiger +Empoerungen. Sein Name blieb bei den Spaniern in gesegnetem Andenken, +und es trat in dem Lande seitdem, wenn auch die Keltiberer noch manches +Mal unter dem Joch zuckten, doch vergleichungsweise Ruhe ein. + +————————————————————- + +^2 Von diesem Statthalter ist kuerzlich das folgende Dekret auf einer +in der Naehe von Gibraltar aufgefundenen, jetzt im Pariser Museum +aufbewahrten Kupfertafel zum Vorschein gekommen: “L. Aimilius, des +Lucius Sohn, Imperator, hat verfuegt, dass die in dem Turm von Laskuta +[durch Muenzen und Plin. 3, 1, 15 bekannt, aber ungewisser Lage] +wohnhaften Sklaven der Hastenser [Hasta regia, unweit Jerez de la +Frontera] frei sein sollen. Den Boden und die Ortschaft, die sie zur +Zeit besitzen, sollen sie auch ferner besitzen und haben, so lange es +dem Volk und dem Rat der Roemer belieben wird. Verhandelt im Lager am +12. Januar [564 oder 565 der Stadt]. “ (L. Aimilius L. f. inpeirator +decreivit, utei quei Hastensium seruei in turri Lascutana habitarent, +leiberei essent. Agrum oppidumqu[eJ, quod ea tempestate posedisent, +item possidere habereque iousit, dum poplus senatusque Romanus vellet. +Act. in castreis a. d. XII k. Febr.) Es ist dies die aelteste roemische +Urkunde, die wir im Original besitzen, drei Jahre frueher abgefasst als +der bekannte Erlass der Konsuln des Jahres 568 (186) in der +Bacchanalienangelegenheit. + +———————————————————- + +Das Verwaltungssystem der beiden spanischen Provinzen war dem +sizilisch-sardinischen aehnlich, aber nicht gleich. Die Oberverwaltung +ward wie hier so dort in die Haende zweier Nebenkonsuln gelegt, die +zuerst im Jahr 557 (197) ernannt wurden, in welches Jahr auch die +Grenzregulierung und die definitive Organisierung der neuen Provinzen +faellt. Die verstaendige Anordnung des Baebischen Gesetzes (573 181), +dass die spanischen Praetoren immer auf zwei Jahre ernannt werden +sollten, kam infolge des steigenden Zudrangs zu den hoechsten +Beamtenstellen und mehr noch infolge der eifersuechtigen Ueberwachung +der Beamtengewalt durch den Senat nicht ernstlich zur Ausfuehrung, und +es blieb, soweit nicht in ausserordentlichem Wege Abweichungen +eintraten, auch hier bei dem fuer diese entfernten und schwer +kennenzulernenden Provinzen besonders unvernuenftigen jaehrlichen +Wechsel der roemischen Statthalter. Die abhaengigen Gemeinden wurden +durchgaengig zinspflichtig; allein statt der sizilischen und +sardinischen Zehnten und Zoelle wurden in Spanien vielmehr von den +Roemern, eben wie frueher hier von den Karthagern, den einzelnen +Staedten und Staemmen feste Abgaben an Geld oder sonstigen Leistungen +auferlegt, welche auf militaerischere Wege beizutreiben der Senat +infolge der Beschwerdefuehrung der spanischen Gemeinden im Jahr 583 +(171) untersagte. Getreidelieferungen wurden hier nicht anders als +gegen Entschaedigung geleistet, und auch hierbei durfte der Statthalter +nicht mehr als das zwanzigste Korn erheben und ueberdies gemaess der +eben erwaehnten Vorschrift der Oberbehoerde den Taxpreis nicht +einseitig feststellen. Dagegen hatte die Verpflichtung der spanischen +Untertanen, zu den roemischen Heeren Zuzug zu leisten, hier eine ganz +andere Wichtigkeit als wenigstens in dem friedlichen Sizilien, und es +ward dieselbe auch in den einzelnen Vertraegen genau geordnet. Auch das +Recht der Praegung von Silbermuenzen roemischer Waehrung scheint den +spanischen Staedten sehr haeufig zugestanden und das Muenzmonopol hier +keineswegs so wie in Sizilien von der roemischen Regierung in Anspruch +genommen worden zu sein. Ueberall bedurfte man in Spanien zu sehr der +Untertanen, um hier nicht die Provinzialverfassung in moeglichst +schonender Weise einzufuehren und zu handhaben. Zu den besonders von +Rom beguenstigten Gemeinden zaehlten namentlich die grossen +Kuestenplaetze griechischer, phoenikischer oder roemischer Gruendung, +wie Saguntum, Gades, Tarraco, die als die natuerlichen Pfeiler der +roemischen Herrschaft auf der Halbinsel zum Buendnis mit Rom zugelassen +wurden. Im ganzen war Spanien fuer die roemische Gemeinde militaerisch +sowohl wie finanziell mehr eine Last als ein Gewinn; und die Frage +liegt nahe, weshalb die roemische Regierung, in deren damaliger Politik +der ueberseeische Laendererwerb offenbar noch nicht lag, sich dieser +beschwerlichen Besitzungen nicht entledigt hat. Die nicht unbedeutenden +Handelsverbindungen, die wichtigen Eisen- und die noch wichtigeren, +selbst im fernen Orient seit alter Zeit beruehmten Silbergruben ^3, +welche Rom wie Karthago fuer sich nahm und deren Bewirtschaftung +namentlich Marcus Cato regulierte (559 195), werden dabei ohne Zweifel +mitbestimmend gewesen sein; allein die Hauptursache, weshalb man die +Halbinsel in unmittelbarem Besitz behielt, war die, dass es dort an +Staaten mangelte, wie im Keltenland die massaliotische Republik, in +Libyen das numidische Koenigreich waren, und dass man Spanien nicht +loslassen konnte, ohne die Erneuerung des spanischen Koenigreichs der +Barleiden jedem unternehmenden Kriegsmann freizugeben. + +————————————————————————- + +^3 1. Makk. 8, 3: “Und Judas hoerte, was die Roemer getan hatten im +Lande Hispanien, um Herren zu werden der Silber- und Goldgruben +daselbst.” + + + + +KAPITEL VIII. +Die östlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg + + +Das Werk, welches Koenig Alexander von Makedonien begonnen hatte, ein +Jahrhundert zuvor, ehe die Roemer in dem Gebiet, das er sein genannt, +den ersten Fussbreit Landes gewonnen, dies Werk hatte im Verlauf der +Zeit, bei wesentlicher Festhaltung des grossen Grundgedankens, den +Orient zu hellenisieren, sich veraendert und erweitert zu dem Aufbau +eines hellenisch-asiatischen Staatensystems. Die unbezwingliche Wander- +und Siedellust der griechischen Nation, die einst ihre Handelsleute +nach Massalia und Kyrene, an den Nil und in das Schwarze Meer gefuehrt +hatte, hielt jetzt fest, was der Koenig gewonnen hatte, und ueberall in +dem alten Reich der Achaemeniden liess unter dem Schutz der Sarissen +griechische Zivilisation sich friedlich nieder. Die Offiziere, die den +grossen Feldherrn beerbten, vertrugen allmaehlich sich untereinander +und es stellte ein Gleichgewichtssystem sich her, dessen Schwankungen +selbst eine gewisse Regelmaessigkeit zeigen. Von den drei Staaten +ersten Ranges, die demselben angehoeren, Makedonien, Asien und +Aegypten, war Makedonien unter Philippos dem Fuenften, der seit 534 +(220) dort den Koenigsthron einnahm, im ganzen, aeusserlich wenigstens, +was es gewesen war unter dem zweiten Philippos, dem Vater Alexanders: +ein gut arrondierter Militaerstaat mit wohlgeordneten Finanzen. An der +Nordgrenze hatten die ehemaligen Verhaeltnisse sich wiederhergestellt, +nachdem die Fluten der gallischen Ueberschwemmung verlaufen waren; die +Grenzwache hielt die illyrischen Barbaren wenigstens in gewoehnlichen +Zeiten ohne Muehe im Zaum. Im Sueden war Griechenland nicht bloss +ueberhaupt von Makedonien abhaengig, sondern ein grosser Teil +desselben: ganz Thessalien im weitesten Sinn von Olympos bis zum +Spercheios und der Halbinsel Magnesia, die grosse und wichtige Insel +Euboea, die Landschaften Lokris, Doris und Phokis, endlich in Attika +und im Peloponnes eine Anzahl einzelner Plaetze, wie das Vorgebirge +Sunion, Korinth, Orchomenos, Heraea, das triphylische Gebiet - alle +diese Land- und Ortschaften waren Makedonien geradezu untertaenig und +empfingen makedonische Besatzung, vor allen Dingen die drei wichtigen +Festungen Demetrias in Magnesia, Chalkis auf Euboea und Korinth, “die +drei Fesseln der Hellenen”. Die Macht des Staates aber lag vor allem in +dem Stammland, in der makedonischen Landschaft. Zwar die Bevoelkerung +dieses weiten Gebiets war auffallend duenn; mit Anstrengung aller +Kraefte vermochte Makedonien kaum soviel Mannschaft aufzubringen als +ein gewoehnliches konsularisches Heer von zwei Legionen zaehlte, und es +ist unverkennbar, dass in dieser Hinsicht sich das Land noch nicht von +der durch die Zuege Alexanders und den gallischen Einfall +hervorgebrachten Entvoelkerung erholt hatte. Aber waehrend im +eigentlichen Griechenland die sittliche und staatliche Kraft der Nation +zerruettet war und dort, da es mit dem Volke doch vorbei und das Leben +kaum mehr der Muehe wert schien, selbst von den Besseren der eine ueber +dem Becher, der andere mit dem Rapier, der dritte bei der Studierlampe +den Tag verdarb, waehrend im Orient und in Alexandreia die Griechen +unter die dichte einheimische Bevoelkerung wohl befruchtende Elemente +aussaeen und ihre Sprache wie ihre Maulfertigkeit, ihre Wissenschaft +und Afterwissenschaft dort ausbreiten konnten, aber ihre Zahl kaum +genuegte, um den Nationen die Offiziere, die Staatsmaenner und die +Schulmeister zu liefern, und viel zu gering war, um einen Mittelstand +rein griechischen Schlages auch nur in den Staedten zu bilden, bestand +dagegen im noerdlichen Griechenland noch ein guter Teil der alten +kernigen Nationalitaet, aus der die Marathonkaempfer hervorgegangen +waren. Daher ruehrt die Zuversicht, mit der die Makedonier, die +Aetoler, die Akarnanen, ueberall wo sie im Osten auftreten, als ein +besserer Schlag sich geben und genommen werden, und die ueberlegene +Rolle, welche sie deswegen an den Hoefen von Alexandreia und Antiocheia +spielen. Die Erzaehlung ist bezeichnend von dem Alexandriner, der +laengere Zeit in Makedonien gelebt und dort Landessitte und +Landestracht angenommen hat, und nun, da er in seine Vaterstadt +heimkehrt, sich selber einen Mann und die Alexandriner gleich Sklaven +achtet. Diese derbe Tuechtigkeit und der ungeschwaechte Nationalsinn +kamen vor allem dem makedonischen als dem maechtigsten und geordnetsten +der nordgriechischen Staaten zugute. Wohl ist auch hier der +Absolutismus emporgekommen gegen die alte gewissermassen staendische +Verfassung; allein Herr und Untertanen stehen doch in Makedonien +keineswegs zueinander wie in Asien und Aegypten, und das Volk fuehlt +sich noch selbstaendig und frei. In festem Mut gegen den Landesfeind, +wie er auch heisse, in unerschuetterlicher Treue gegen die Heimat und +die angestammte Regierung, in mutigem Ausharren unter den schwersten +Bedraengnissen steht unter allen Voelkern der alten Geschichte keines +dem roemischen so nah wie das makedonische, und die an das Wunderbare +grenzende Regeneration des Staates nach der gallischen Invasion +gereicht den leitenden Maennern wie dem Volke, das sie leiteten, zu +unvergaenglicher Ehre. + +Der zweite von den Grossstaaten, Asien, war nichts als das +oberflaechlich umgestaltete und hellenisierte Persien, das Reich des +“Koenigs der Koenige”, wie sein Herr sich, bezeichnend fuer seine +Anmassung wie fuer seine Schwaeche, zu nennen pflegte, mit denselben +Anspruechen von Hellespont bis zum Pandschab zu gebieten und mit +derselben kernlosen Organisation, ein Buendel von mehr oder minder +abhaengigen Dependenzstaaten, unbotmaessigen Satrapien und halbfreien +griechischen Staedten. Von Kleinasien namentlich, das nominell zum +Reich der Seleukiden gezaehlt ward, war tatsaechlich die ganze +Nordkueste und der groessere Teil des oestlichen Binnenlandes in den +Haenden einheimischer Dynastien oder der aus Europa eingedrungenen +Keltenhaufen, von dem Westen ein guter Teil im Besitz der Koenige von +Pergamon, und die Inseln und Kuestenstaedte teils aegyptisch, teils +frei, so dass dem Grosskoenig hier wenig mehr blieb als das innere +Kilikien, Phrygien und Lydien und eine grosse Anzahl nicht wohl zu +realisierender Rechtstitel gegen freie Staedte und Fuersten - ganz und +gar wie seiner Zeit die Herrschaft des deutschen Kaisers ausser seinem +Hausgebiet bestellt war. Das Reich verzehrte sich in den vergeblichen +Versuchen, die Aegypter aus den Kuestenlandschaften zu verdraengen, in +dem Grenzhader mit den oestlichen Voelkern, den Parthern und Baktriern, +in den Fehden mit den zum Unheil Kleinasiens daselbst ansaessig +gewordenen Kelten, in den bestaendigen Bestrebungen, den +Emanzipationsversuchen der oestlichen Satrapen und der kleinasiatischen +Griechen zu steuern, und in den Familienzwisten und +Praetendentenaufstaenden, an denen es zwar in keinem der +Diadochenstaaten fehlt, wie ueberhaupt an keinem der Greuel, welche die +absolute Monarchie in entarteter Zeit in ihrem Gefolge fuehrt, allein +die in dem Staate Asien deshalb verderblicher waren als anderswo, weil +sie hier bei der losen Zusammenfuegung des Reiches zu der Abtrennung +einzelner Landesteile auf kuerzere oder laengere Zeit zu fuehren +pflegten. + +Im entschiedensten Gegensatz gegen Asien war Aegypten ein +festgeschlossener Einheitsstaat, in dem die intelligente Staatskunst +der ersten Lagiden unter geschickter Benutzung des alten nationalen und +religioesen Herkommens eine vollkommen absolute Kabinettsherrschaft +begruendet hatte und wo selbst das schlimmste Missregiment weder +Emanzipations- noch Zerspaltungsversuche herbeizufuehren vermochte. +Sehr verschieden von dem nationalen Royalismus der Makedonier, der auf +ihrem Selbstgefuehl ruhte und dessen politischer Ausdruck war, war in +Aegypten das Land vollstaendig passiv, die Hauptstadt dagegen alles und +diese Hauptstadt Dependenz des Hofes; weshalb hier mehr noch als in +Makedonien und Asien die Schlaffheit und Traegheit der Herrscher den +Staat laehmte, waehrend umgekehrt in den Haenden von Maennern, wie der +erste Ptolemaeos und Ptolemaeos Euergetes, diese Staatsmaschine sich +aeusserst brauchbar erwies. Zu den eigentuemlichen Vorzuegen Aegyptens +vor den beiden grossen Rivalen gehoert es, dass die aegyptische Politik +nicht nach Schatten griff, sondern klare und erreichbare Zwecke +verfolgte. Makedonien, die Heimat Alexanders; Asien, das Land, in dem +Alexander seinen Thron gegruendet hatte, hoerten nicht auf, sich als +unmittelbare Fortsetzungen der alexandrischen Monarchie zu betrachten +und lauter oder leiser den Anspruch zu erheben, dieselbe wenn nicht +her-, so doch wenigstens darzustellen. Die Lagiden haben nie eine +Weltmonarchie zu gruenden versucht und nie von Indiens Eroberung +getraeumt; dafuer aber zogen sie den ganzen Verkehr zwischen Indien und +dem Mittelmeer von den phoenikischen Haefen nach Alexandreia und +machten Aegypten zu dem ersten Handels- und Seestaat dieser Epoche und +zum Herrn des oestlichen Mittelmeeres und seiner Kuesten und Inseln. Es +ist bezeichnend, dass Ptolemaeos III. Euergetes alle seine Eroberungen +freiwillig an Seleukos Kallinikos zurueckgab bis auf die Hafenstadt von +Antiocheia. Teils hierdurch, teils durch die guenstige geographische +Lage kam Aegypten den beiden Kontinentalmaechten gegenueber in eine +vortreffliche militaerische Stellung zur Verteidigung wie zum Angriff. +Waehrend der Gegner selbst nach gluecklichen Erfolgen kaum imstande +war, das ringsum fuer Landheere fast unzugaengliche Aegypten ernstlich +zu bedrohen, konnten die Aegypter von der See aus nicht bloss in Kyrene +sich festsetzen, sondern auch auf Kypros und den Kykladen, auf der +phoenikisch-syrischen und auf der ganzen Sued- und Westkueste von +Kleinasien, ja sogar in Europa auf dem thrakischen Chersonesos. Durch +die beispiellose Ausbeutung des fruchtbaren Niltals zum unmittelbaren +Besten der Staatskasse und durch eine die materiellen Interessen +ernstlich und geschickt foerdernde und ebenso ruecksichtslose wie +einsichtige Finanzwirtschaft war der alexandrinische Hof seinen Gegner +auch als Geldmacht bestaendig ueberlegen. Endlich die intelligente +Munifizenz, mit der die Lagiden der Tendenz des Zeitalters nach ernster +Forschung in allen Gebieten des Koennens und Wissens entgegenkamen und +diese Forschungen in die Schranken der absoluten Monarchie einzuhegen +und in die Interessen derselben zu verflechten verstanden, nuetzte +nicht bloss unmittelbar dem Staat, dessen Schiff- und Maschinenbau den +Einfluss der alexandrinischen Mathematik zu ihrem Frommen verspuerten, +sondern machte auch diese neue geistige Macht, die bedeutendste und +grossartigste, welche das hellenische Volk nach seiner politischen +Zersplitterung in sich hegte, soweit sie sich ueberhaupt zur +Dienstbarkeit bequemen wollte, zur Dienerin des alexandrinischen Hofes. +Waere Alexanders Reich stehengeblieben, so haette die griechische Kunst +und Wissenschaft einen Staat gefunden, wuerdig und faehig, sie zu +fassen; jetzt wo die Nation in Truemmer gefallen war, wucherte in ihr +der gelehrte Kosmopolitismus, und sehr bald ward dessen Magnet +Alexandreia, wo die wissenschaftlichen Mittel und Sammlungen +unerschoepflich waren, die Koenige Tragoedien und die Minister +Kommentare dazu schrieben und die Pensionen und Akademien florierten. + +Das Verhaeltnis der drei Grossstaaten zueinander ergibt sich aus dem +Gesagten. Die Seemacht, welche die Kuesten beherrschte und das Meer +monopolisierte, musste nach dem ersten grossen Erfolg, der politischen +Trennung des europaeischen Kontinents von dem asiatischen, weiter +hinarbeiten auf die Schwaechung der beiden Grossstaaten des Festlandes +und also auf die Beschuetzung der saemtlichen kleineren Staaten, +waehrend umgekehrt Makedonien und Asien zwar auch untereinander +rivalisierten, aber doch vor allen Dingen in Aegypten ihren +gemeinschaftlichen Gegner fanden und ihm gegenueber zusammenhielten +oder doch haetten zusammenhalten sollen. + +Unter den Staaten zweiten Ranges ist fuer die Beruehrungen des Ostens +mit dem Westen zunaechst nur mittelbar von Bedeutung die Staatenreihe, +welche vom suedlichen Ende des Kaspischen Meeres zum Hellespont sich +hinziehend das Innere und die Nordkueste Kleinasiens ausfuellt: +Atropatene (im heutigen Aserbeidschan suedwestlich vom Kaspischen +Meer), daneben Armenien, Kappadokien im kleinasiatischen Binnenland, +Pontos am suedoestlichen, Bithynien am suedwestlichen Ufer des +Schwarzen Meeres - sie alle Splitter des grossen Perserreiches und +beherrscht von morgenlaendischen, meistens altpersischen Dynastien, die +entlegene Berglandschaft Atropatene namentlich die rechte +Zufluchtsstaette des alten Persertums, an der selbst Alexanders Zug +spurlos voruebergebraust war, und alle auch in derselben zeitweiligen +und oberflaechlichen Abhaengigkeit von der griechischen Dynastie, die +in Asien an die Stelle der Grosskoenige getreten war oder sein wollte. + +Von groesserer Wichtigkeit fuer die allgemeinen Verhaeltnisse ist der +Keltenstaat in dem kleinasiatischen Binnenland. Hier mitten inne +zwischen Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien und Phrygien hatten drei +keltische Voelkerschaften, die Tolistoager, Tectosagen und Trocmer sich +ansaessig gemacht, ohne darum weder von der heimischen Sprache und +Sitte noch von ihrer Verfassung und ihrem Freibeuterhandwerk zu lassen. +Die zwoelf Vierfuersten, jeder einem der vier Kantone eines der drei +Staemme vorgesetzt, bildeten mit ihrem Rate von dreihundert Maennern +die hoechste Autoritaet der Nation und traten auf der “heiligen +Staette” (Drunemetum) namentlich zur Faellung von Bluturteilen +zusammen. Seltsam wie diese keltische Gauverfassung den Asiaten +erschien, ebenso fremdartig duenkte ihnen der Wagemut und die +Landsknechtsitte der nordischen Eindringlinge, welche teils ihren +unkriegerischen Nachbarn die Soeldner zu jedem Krieg lieferten, teils +die umliegenden Landschaften auf eigene Faust pluenderten oder +brandschatzten. Diese rohen aber kraeftigen Barbaren waren der +allgemeine Schreck der verweichlichten umwohnenden Nationen, ja der +asiatischen Grosskoenige selbst, welche, nachdem manches asiatische +Heer von den Kelten war aufgerieben worden, und Koenig Antiochos I. +Soter sogar im Kampf gegen sie sein Leben verloren hatte (493 261) +zuletzt selber zur Zinszahlung sich verstanden. + +Dem kuehnen und gluecklichen Auftreten gegen diese gallischen Horden +verdankte es ein reicher Buerger von Pergamon, Attalos, dass er von +seiner Vaterstadt den Koenigstitel empfing und ihn auf seine Nachkommen +vererbte. Dieser neue Hof war im kleinen was der alexandrinische im +grossen; auch hier war die Foerderung der materiellen Interessen, die +Pflege von Kunst und Literatur an der Tagesordnung und das Regiment +eine umsichtige und nuechterne Kabinettspolitik, deren wesentlicher +Zweck war, teils die Macht der beiden gefaehrlichen festlaendischen +Nachbarn zu schwaechen, teils einen selbstaendigen Griechenstaat im +westlichen Kleinasien zu begruenden. Der wohlgefuellte Schatz trug viel +zu der Bedeutung dieser pergamenischen Herren bei; sie schossen den +syrischen Koenigen bedeutende Summen vor, deren Rueckzahlung spaeter +unter den roemischen Friedensbedingungen eine Rolle spielte, und selbst +Gebietserwerbungen gelangen auf diesem Wege, wie zum Beispiel Aegina, +das die verbuendeten Roemer und Aetoler im letzten Krieg den +Bundesgenossen Philipps, den Achaeern, entrissen hatten, von den +Aetolern, denen es vertragsmaessig zufiel, um 30 Talente (51000 Taler) +an Attalos verkauft ward. Indes trotz des Hofglanzes und des +Koenigstitels behielt das pergamenische Gemeinwesen immer etwas vom +staedtischen Charakter, wie es denn auch in seiner Politik gewoehnlich +mit den Freistaedten zusammenging. Attalos selbst, der Lorenzo de’ +Medici des Altertums, blieb sein lebelang ein reicher Buergersmann, und +das Familienleben der Attaliden, aus deren Hause ungeachtet des +Koenigstitels die Eintracht und Innigkeit nicht gewichen war, stach +sehr ab gegen die wueste Schandwirtschaft der adligeren Dynastien. + +In dem europaeischen Griechenland waren ausser den roemischen +Besitzungen an der Ostkueste, von denen in den wichtigsten, namentlich +in Kerkyra roemische Beamte residiert zu haben scheinen, und dem +unmittelbar makedonischen Gebiet noch mehr oder minder imstande, eine +eigene Politik zu verfolgen, die Epeiroten, Akarnanen und Aetoler im +noerdlichen, die Boeoter und Athener im mittleren Griechenland und die +Achaeer, Lakedaemonier, Messenier und Eleer im Peloponnes. Unter diesen +waren die Republiken der Epeiroten, Akarnanen und Boeoter in vielfacher +Weise eng an Makedonien geknuepft, namentlich die Akarnanen, weil sie +der von den Aetolern drohenden Unterdrueckung einzig durch +makedonischen Schutz zu entgehen vermochten; von Bedeutung war keine +von ihnen. Die inneren Zustaende waren sehr verschieden; wie es zum +Teil aussah, dafuer mag als Beispiel dienen, dass bei den Boeotern, wo +es freilich am aergsten zuging, es Sitte geworden war, jedes Vermoegen, +das nicht in gerader Linie vererbte, an die Kneipgesellschaften zu +vermachen, und es fuer die Bewerber um die Staatsaemter manches +Jahrzehnt die erste Wahlbedingung war, dass sie sich verpflichteten, +keinem Glaeubiger, am wenigsten einem Auslaender, die Ausklagung seiner +Schuldner zu gestatten. + +Die Athener pflegten von Alexandreia aus gegen Makedonien unterstuetzt +zu werden und standen im engen Bunde mit den Aetolern; auch sie indes +waren voellig machtlos, und fast nur der Nimbus attischer Kunst und +Poesie hob diese unwuerdigen Nachfolger einer herrlichen Vorzeit unter +einer Reihe von Kleinstaedten gleichen Schlages hervor. + +Nachhaltiger war die Macht der aetolischen Eidgenossenschaft; das +kraeftige Nordgriechentum war hier noch ungebrochen, aber freilich +ausgeartet in wueste Zucht- und Regimentlosigkeit - es war +Staatsgesetz, dass der aetolische Mann gegen jeden, selbst gegen den +mit den Aetolern verbuendeten Staat als Reislaeufer dienen koenne, und +auf die dringenden Bitten der uebrigen Griechen, dies Unwesen +abzustellen, erklaerte die aetolische Tagsatzung, eher koenne man +Aetolien aus Aetolien wegschaffen als diesen Grundsatz aus ihrem +Landrecht. Die Aetoler haetten dem griechischen Volke von grossem +Nutzen sein koennen, wenn sie ihm nicht durch diese organisierte +Raeuberwirtschaft, durch ihre gruendliche Verfeindung mit der +achaeischen Eidgenossenschaft und durch die unselige Opposition gegen +den makedonischen Grossstaat noch viel mehr geschadet haetten. + +Im Peloponnes hatte der Achaeische Bund die besten Elemente des +eigentlichen Griechenlands zusammengefasst zu einer auf Gesittung, +Nationalsinn und friedliche Schlagfertigkeit gegruendeten +Eidgenossenschaft. Indes die Bluete und namentlich die Wehrhaftigkeit +derselben war trotz der aeusserlichen Erweiterung geknickt worden durch +Aratos’ diplomatischen Egoismus, welcher den Achaeischen Bund durch die +leidigen Verwicklungen mit Sparta und die noch leidigere Anrufung +makedonischer Intervention im Peloponnes der makedonischen Suprematie +so vollstaendig unterworfen hatte, dass die Hauptfestungen der +Landschaft seitdem makedonische Besatzungen empfingen und dort +jaehrlich Philippos der Eid der Treue geschworen wurde. Die +schwaecheren Staaten im Peloponnes, Elis, Messene und Sparta, wurden +durch ihre alte, namentlich durch Grenzstreitigkeiten genaehrte +Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft in ihrer Politik +bestimmt und waren aetolisch und antimakedonisch gesinnt, weil die +Achaeer es mit Philippos hielten. Einige Bedeutung unter diesen Staaten +hatte einzig das spartanische Soldatenkoenigtum, das nach dem Tode des +Machanidas an einen gewissen Nabis gekommen war; er stuetzte sich immer +dreister auf die Vagabunden und fahrenden Soeldner, denen er nicht +bloss die Haeuser und Aecker, sondern auch die Frauen und Kinder der +Buerger ueberwies, und unterhielt emsig Verbindungen, ja schloss +geradezu eine Assoziation zum Seeraub auf gemeinschaftliche Rechnung +mit der grossen Soeldner- und Piratenherberge, der Insel Kreta, wo er +auch einige Ortschaften besass. Seine Raubzuege zu Lande wie seine +Piratenschiffe am Vorgebirge Malea waren weit und breit gefuerchtet, er +selbst als niedrig und grausam verhasst; aber seine Herrschaft breitete +sich aus, und um die Zeit der Schlacht bei Zama war es ihm sogar +gelungen, sich in den Besitz von Messene zu setzen. + +Endlich die unabhaengigste Stellung unter den Mittelstaaten hatten die +freien griechischen Kaufstaedte an dem europaeischen Ufer der Propontis +sowie auf der ganzen kleinasiatischen Kueste und auf den Inseln des +Aegaeischen Meeres; sie sind zugleich die lichteste Seite in dieser +trueben Mannigfaltigkeit des hellenischen Staatensystems, namentlich +drei unter ihnen, die seit Alexanders Tode wieder volle Freiheit +genossen und durch ihren taetigen Seehandel auch zu einer achtbaren +politischen Macht und selbst zu bedeutendem Landgebiet gelangt waren: +Byzantion, die Herrin des Bosporos, reich und maechtig durch die +Sundzoelle und den wichtigen Kornhandel nach dem Schwarzen Meer; +Kyzikos an der asiatischen Propontis, die Tochterstadt und die Erbin +Milets, in engsten Beziehungen zu dem Hofe von Pergamon, und endlich +und vor allen Rhodos. Die Rhodier, die gleich nach Alexanders Tode die +makedonische Besatzung vertrieben hatten, waren durch ihre glueckliche +Lage fuer Handel und Schiffahrt Vermittler des Verkehrs in dem ganzen +oestlichen Mittelmeer geworden und die tuechtige Flotte wie der in der +beruehmten Belagerung von 450 (304) bewaehrte Mut der Buerger setzten +sie in den Stand, in jener Zeit ewiger Fehden aller gegen alle +vorsichtig und energisch eine neutrale Handelspolitik zu vertreten und +wenn es galt zu verfechten; wie sie denn zum Beispiel die Byzantier mit +den Waffen zwangen, den rhodischen Schiffen Zollfreiheit im Bosporos zu +gestatten, und ebensowenig den pergamenischen Dynasten das Schwarze +Meer zu sperren erlaubten. Vom Landkrieg hielten sie sich dagegen +womoeglich fern, obwohl sie an der gegenueberliegenden karischen Kueste +nicht unbetraechtliche Besitzungen erworben hatten, und fuehrten ihn, +wenn es nicht anders sein konnte, mit Soeldnern. Nach allen Seiten hin, +mit Syrakus, Makedonien und Syrien, vor allem aber mit Aegypten standen +sie in freundschaftlichen Beziehungen und genossen hoher Achtung bei +den Hoefen, so dass nicht selten in den Kriegen der Grossstaaten ihre +Vermittlung angerufen ward. Ganz besonders aber nahmen sie sich der +griechischen Seestaedte an, deren es an den Gestaden des Pontischen, +Bithynischen und Pergamenischen Reiches wie auf den von Aegypten den +Seleukiden entrissenen kleinasiatischen Kuesten und Inseln unzaehlige +gab, wie zum Beispiel Sinope, Herakleia Pontike, Kios, Lampsakos, +Abydos, Mytilene, Chios, Smyrna, Samos, Halikarnassos und andere mehr. +Alle diese waren im wesentlichen frei und hatten mit ihren Grundherren +nichts zu schaffen, als die Bestaetigung ihrer Privilegien von ihnen zu +erbitten und hoechstens ihnen einen maessigen Zins zu entrichten; gegen +etwaige Uebergriffe der Dynasten wusste man bald schmiegsam, bald +energisch sich zu wehren. Hauptsaechlich hilfreich hierbei waren die +Rhodier, welche zum Beispiel Sinope gegen Mithradates von Pontos +nachdruecklich unterstuetzten. Wie fest sich unter dem Hader und eben +durch die Zwiste der Monarchen die Freiheiten dieser kleinasiatischen +Staedte gegruendet hatten, beweist zum Beispiel, dass einige Jahre +nachher zwischen Antiochos und den Roemern nicht ueber die Freiheit der +Staedte selbst gestritten ward, sondern darueber, ob sie die +Bestaetigung ihrer Freibriefe vom Koenig nachzusuchen haetten oder +nicht. Dieser Staedtebund war wie in allem so auch in dieser +eigentuemlichen Stellung zu den Landesherren eine foermliche Hansa, +sein Haupt Rhodos, das in Vertraegen fuer sich und seine Bundesgenossen +verhandelte und stipulierte. Hier ward die staedtische Freiheit gegen +die monarchischen Interessen vertreten, und waehrend um die Mauern +herum die Kriege tobten, blieb hier in verhaeltnismaessiger Ruhe +Buergersinn und buergerlicher Wohlstand heimisch, und es gediehen hier +Kunst und Wissenschaft, ohne durch wueste Soldatenwirtschaft zertreten +oder von der Hofluft korrumpiert zu werden. + +Also standen die Dinge im Osten, als die politische Scheidewand +zwischen dem Orient und dem Okzident fiel und die oestlichen Maechte, +zunaechst Philippos von Makedonien, veranlasst wurden, in die +Verhaeltnisse des Westens einzugreifen. Wie es geschah und wie der +Erste Makedonische Krieg (540-549 214-205) verlief, ist zum Teil schon +erzaehlt und angedeutet worden, was Philippos im Hannibalischen Kriege +haette tun koennen und wie wenig von dem geschah, was Hannibal hatte +erwarten und berechnen duerfen. Es hatte wieder einmal sich gezeigt, +dass unter allen Wuerfelspielen keines verderblicher ist als die +absolute Erbmonarchie. Philippos war nicht der Mann, dessen Makedonien +damals bedurfte; indes eine unbedeutende Natur war er nicht. Er war ein +rechter Koenig, in dem besten und dem schlimmsten Sinne des Wortes. Das +lebhafte Gefuehl, selbst und allein zu herrschen, war der Grundzug +seines Wesens; er war stolz auf seinen Purpur, aber nicht bloss auf +ihn, und er durfte stolz sein. Er bewies nicht allein die Tapferkeit +des Soldaten und den Blick des Feldherrn, sondern auch einen hohen Sinn +in der Leitung der oeffentlichen Angelegenheiten, wo immer sein +makedonisches Ehrgefuehl verletzt ward. Voll Verstand und Witz gewann +er, wen er gewinnen wollte, vor allem eben die faehigsten und +gebildetsten Maenner, so zum Beispiel Flamininus und Scipio; er war ein +guter Gesell beim Becher und den Frauen nicht bloss durch seinen Rang +gefaehrlich. Allein er war zugleich eine der uebermuetigsten und +frevelhaftesten Naturen, die jenes freche Zeitalter erzeugt hat. Er +pflegte zu sagen, dass er niemand fuerchte als die Goetter; aber es +schien fast, als seien diese Goetter dieselben, denen sein +Flottenfuehrer Dikaearchos regelmaessige Opfer darbrachte, die +Gottlosigkeit (Asebeia) und der Frevel (Paranomia). Weder das Leben +seiner Ratgeber und der Beguenstiger seiner Plaene war ihm heilig, noch +verschmaehte er es, seine Erbitterung gegen die Athener und Attalos +durch Zerstoerung ehrwuerdiger Denkmaeler und namhafter Kunstwerke zu +befriedigen; es wird als Staatsmaxime von ihm angefuehrt, dass, wer den +Vater ermorden lasse, auch die Soehne toeten muesse. Es mag sein, dass +ihm nicht eigentlich die Grausamkeit eine Wollust war; allein fremdes +Leben und Leiden war ihm gleichgueltig, und die Inkonsequenz, die den +Menschen allein ertraeglich macht, fand nicht Raum in seinem starren +und harten Herzen. Er hat den Satz, dass fuer den absoluten Koenig kein +Versprechen und kein Moralgebot bindend sei, so schroff und grell zur +Schau getragen, dass er eben dadurch seinen Plaenen die wesentlichsten +Hindernisse in den Weg legte. Einsicht und Entschlossenheit kann +niemand ihm absprechen; aber es ist damit in seltsamer Weise Zauderei +und Fahrigkeit vereinigt; was vielleicht zum Teil dadurch sich +erklaert, dass er schon im achtzehnten Jahr zum absoluten Herrscher +berufen ward und dass sein unbaendiges Wueten gegen jeden, der durch +Widerreden und Widerraten ihn in seinem Selbstregieren stoerte, alle +selbstaendigen Ratgeber von ihm verscheuchte. Was alles in seiner Seele +mitgewirkt haben mag, um die schwache und schmaehliche Fuehrung des +Ersten Makedonischen Krieges hervorzurufen, laesst sich nicht sagen - +vielleicht jene Laessigkeit der Hoffart, die erst gegen die +nahegerueckte Gefahr ihre volle Kraft entwickelt, vielleicht selbst +Gleichgueltigkeit gegen den nicht von ihm entworfenen Plan und +Eifersucht auf Hannibals ihn beschaemende Groesse. Gewiss ist, dass +sein spaeteres Benehmen nicht den Philippos wiedererkennen laesst, an +dessen Saumseligkeit Hannibals Plan scheiterte. + +Philippos schloss den Vertrag mit den Aetolern und den Roemern 548/49 +(206/05) in der ernsten Absicht, mit Rom einen dauernden Frieden zu +machen und sich kuenftig ausschliesslich den Angelegenheiten des Ostens +zu widmen. Es leidet keinen Zweifel, dass er Karthagos rasche +Ueberwaeltigung ungern sah; es kann auch sein, dass Hannibal auf eine +zweite makedonische Kriegserklaerung hoffte und dass Philippos im +stillen das letzte karthagische Heer mit Soeldnern verstaerkte. Allein +sowohl die weitschichtigen Dinge, in die er mittlerweile im Osten sich +einliess, als auch die Art der Unterstuetzung und besonders das +voellige Stillschweigen der Roemer ueber diesen Friedensbruch, da sie +doch nach Kriegsgruenden suchten, setzen es ausser Zweifel, dass +Philippos keineswegs im Jahre 551 (203) nachholen wollte, was er zehn +Jahre zuvor haette tun sollen. + +Er hatte sein Auge nach einer ganz anderen Seite gewendet. Ptolemaeos +Philopator von Aegypten war 549 (205) gestorben. Gegen seinen +Nachfolger Ptolemaeos Epiphanes, ein fuenfjaehriges Kind, hatten die +Koenige von Makedonien und Asien Philippos und Antiochos sich +vereinigt, um den alten Groll der Kontinentalmonarchien gegen den +Seestaat gruendlich zu saettigen. Der aegyptische Staat sollte +aufgeloest werden, Aegypten und Kypros an Antiochos, Kyrene, Ionien und +die Kykladen an Philippos fallen. Recht in Philippos’ Art, der ueber +solche Ruecksichten lachte, begannen die Koenige den Krieg, nicht bloss +ohne Ursache, sondern selbst ohne Vorwand, “eben wie die grossen Fische +die kleinen auffressen”. Die Verbuendeten hatten uebrigens richtig +gerechnet, besonders Philippos. Aegypten hatte genug zu tun, sich des +naeheren Feindes in Syrien zu erwehren, und musste die kleinasiatischen +Besitzungen und die Kykladen unverteidigt preisgeben, als Philippos auf +diese als auf seinen Anteil an der Beute sich warf. In dem Jahr, wo +Karthago mit Rom den Frieden abschloss (553 201), liess derselbe eine +von den ihm untertaenigen Staedten ausgeruestete Flotte Truppen an Bord +nehmen und an der thrakischen Kueste hinauf segeln. Hier ward +Lysimacheia der aetolischen Besatzung entrissen, und Perinthos, das zu +Byzanz im Klientelverhaeltnis stand, gleichfalls besetzt. So war mit +den Byzantiern der Friede gebrochen, mit den Aetolern, die soeben mit +Philippos Frieden gemacht, wenigstens das gute Einvernehmen gestoert. +Die Ueberfahrt nach Asien stiess auf keine Schwierigkeiten, da Koenig +Prusias von Bithynien mit Makedonien im Bunde war; zur Vergeltung half +Philippos ihm die griechischen Kaufstaedte in seinem Gebiet bezwingen. +Kalchedon unterwarf sich. Kios, das widerstand, wurde erstuermt und dem +Boden gleich, ja die Einwohner zu Sklaven gemacht - eine zwecklose +Barbarei, ueber die Prusias selbst, der die Stadt unbeschaedigt zu +besitzen wuenschte, verdriesslich war und die die ganze hellenische +Welt aufs tiefste erbitterte. Besonders verletzt noch waren abermals +die Aetoler, deren Strateg in Kios kommandiert hatte, und die Rhodier, +deren Vermittlungsversuche von dem Koenig schnoede und arglistig +vereitelt worden waren. Aber waere auch dies nicht gewesen, es standen +die Interessen aller griechischen Kaufstaedte auf dem Spiel. Unmoeglich +konnte man zugeben, dass die milde und fast nur nominelle aegyptische +Herrschaft verdraengt ward durch das makedonische Zwingherrentum, mit +dem die staedtische Selbstregierung und der freie Handelsverkehr sich +nimmermehr vertrug; und die furchtbare Behandlung der Kianer zeigte, +dass es hier sich nicht um das Bestaetigungsrecht der staedtischen +Freibriefe handelte, sondern um Tod und Leben fuer einen und fuer alle. +Schon war Lampsakos gefallen und Thasos behandelt worden wie Kios; man +musste sich eilen. Der wackere Strateg von Rhodos, Theophiliskos, +ermahnte seine Buerger der gemeinsamen Gefahr durch gemeinsame Abwehr +zu begegnen und nicht geschehen zu lassen, dass die Staedte und Inseln +einzeln dem Feinde zur Beute wuerden. Rhodos entschloss sich und +erklaerte Philippos den Krieg. Byzanz schloss sich an; ebenso der +hochbejahrte Koenig Attalos von Pergamon, Philippos’ persoenlicher und +politischer Feind. Waehrend die Flotte der Verbuendeten sich an der +aeolischen Kueste sammelte, liess Philippos durch einen Teil der +seinigen Chios und Samos wegnehmen. Mit dem anderen erschien er selbst +vor Pergamon, das er indes vergeblich berannte; er musste sich +begnuegen, das platte Land zu durchstreifen und an den weit und breit +zerstoerten Tempeln die Spuren makedonischer Tapferkeit +zurueckzulassen. Ploetzlich brach er auf und ging wieder zu Schiff, um +sich mit seinem Geschwader, das bei Samos stand, zu vereinigen. Allein +die rhodisch-pergamenische Flotte folgte ihm und zwang ihn zur Schlacht +in der Meerenge von Chios. Die Zahl der makedonischen Deckschiffe war +geringer, allein die Menge ihrer offenen Kaehne glich dies wieder aus +und Philippos’ Soldaten fochten mit grossem Mute; doch unterlag. er +endlich. Fast die Haelfte seiner Deckschiffe, vierundzwanzig Segel, +wurden versenkt oder genommen, 6000 makedonische Matrosen, 3000 +Soldaten kamen um, darunter der Admiral Demokrates, 2000 wurden +gefangen. Den Bundesgenossen kostete der Sieg nicht mehr als 800 Mann +und sechs Segel. Aber von den Fuehrern der Verbuendeten war Attalos von +seiner Flotte abgeschnitten und gezwungen worden, sein Admiralschiff +bei Erythrae auf den Strand laufen zu lassen; und Theophiliskos von +Rhodos, dessen Buergermut den Krieg und dessen Tapferkeit die Schlacht +entschieden hatte, starb den Tag nach derselben an seinen Wunden. So +konnte, waehrend Attalos’ Flotte in die Heimat ging und die rhodische +vorlaeufig bei Chios blieb, Philippos, der faelschlich sich den Sieg +zuschrieb, seine Fahrt weiter fortsetzen und sich nach Samos wenden, um +die karischen Staedte zu besetzen. An der karischen Kueste lieferten +die Rhodier, diesmal von Attalos nicht unterstuetzt, der makedonischen +Flotte unter Herakleides ein zweites Treffen bei der kleinen Insel Lade +vor dem Hafen von Milet. Der Sieg, den wieder beide Teile sich +zuschrieben, scheint hier von den Makedoniern gewonnen zu sein, denn +waehrend die Rhodier nach Myndos und von da nach Kos zurueckwichen, +besetzten jene Milet und ein Geschwader unter dem Aetoler Dikaearchos +die Kykladen. Philippos inzwischen verfolgte auf dem karischen Festland +die Eroberung der rhodischen Besitzungen daselbst und der griechischen +Staedte; haette er Ptolemaeos selbst angreifen wollen und es nicht +vorgezogen, sich auf die Gewinnung seines Beuteanteils zu beschraenken, +so wuerde er jetzt selbst an einen Zug nach Aegypten haben denken +koennen. In Karien stand zwar kein Heer den Makedoniern gegenueber, und +Philippos durchzog ungehindert die Gegend von Magnesia bis Mylasa; aber +jede Stadt in dieser Landschaft war eine Festung, und der +Belagerungskrieg zog sich in die Laenge, ohne erhebliche Resultate zu +geben oder zu versprechen. Der Satrap von Lydien, Zeuxis, unterstuetzte +den Bundesgenossen seines Herren ebenso lau, wie Philippos sich lau in +der Foerderung der Interessen des syrischen Koenigs bewiesen hatte, und +die griechischen Staedte gaben Unterstuetzung nur aus Furcht oder +Zwang. Die Verproviantierung des Heeres ward immer schwieriger; +Philippos musste heute den pluendern, der ihm gestern freiwillig +gegeben hatte, und dann wieder gegen seine Natur sich bequemen zu +bitten. So ging allmaehlich die gute Jahreszeit zu Ende, und in der +Zwischenzeit hatten die Rhodier ihre Flotte verstaerkt und auch die des +Attalos wieder an sich gezogen, so dass sie zur See entschieden +ueberlegen waren. Es schien fast, als koennten sie dem Koenig den +Rueckzug abschneiden und ihn zwingen, Winterquartier in Karien zu +nehmen, waehrend doch die Angelegenheiten daheim, namentlich die +drohende Intervention der Aetoler und der Roemer, seine Rueckkehr +dringend erheischten. Philippos sah die Gefahr; er liess Besatzungen, +zusammen bis 3000 Mann, teils in Myrina, um Pergamon in Schach zu +halten, teils in den kleinen Staedten um Mylasa: Iassos, Bargylia, +Euromos, Pedasa, um den trefflichen Hafen und einen Landungsplatz in +Karien sich zu sichern; mit der Flotte gelang es ihm bei der +Nachlaessigkeit, mit welcher die Bundesgenossen das Meer bewachten, +gluecklich die thrakische Kueste zu erreichen und noch vor dem Winter +553/54 (201/00) zu Hause zu sein. + +In der Tat zog sich gegen Philipp im Westen ein Gewitter zusammen, +welches ihm nicht laenger gestattete, die Pluenderung des wehrlosen +Aegyptens fortzusetzen. Die Roemer, die in demselben Jahre endlich den +Frieden mit Karthago auf ihre Bedingungen abgeschlossen hatten, fingen +an, sich ernstlich um diese Verwicklungen im Osten zu bekuemmern. Es +ist oft gesagt worden, dass sie nach der Eroberung des Westens sofort +daran gegangen seien, den Osten sich zu unterwerfen; eine ernstliche +Erwaegung wird zu einem gerechteren Urteil fuehren. Nur die stumpfe +Unbilligkeit kann es verkennen, dass Rom in dieser Zeit noch keineswegs +nach der Herrschaft ueber die Mittelmeerstaaten griff, sondern nichts +weiter begehrte, als in Afrika und in Griechenland ungefaehrliche +Nachbarn zu haben; und eigentlich gefaehrlich fuer Rom war Makedonien +nicht. Seine Macht war allerdings nicht gering und es ist +augenscheinlich, dass der roemische Senat den Frieden von 548/49 +(206/05), der sie ganz in ihrer Integritaet beliess, nur ungern +gewaehrte; allein wie wenig man ernstliche Besorgnisse vor Makedonien +in Rom hegte und hegen durfte, beweist am besten die geringe und doch +nie gegen Uebermacht zu fechten genoetigte Truppenzahl, mit welcher Rom +den naechsten Krieg gefuehrt hat. Der Senat haette wohl eine +Demuetigung Makedoniens gern gesehen; allein um den Preis eines in +Makedonien mit roemischen Truppen gefuehrten Landkrieges war sie ihm zu +teuer, und darum machte er nach dem Ruecktritt der Aetoler sofort +freiwillig Frieden auf Grundlage des Status quo. Es ist darum auch +nichts weniger als ausgemacht, dass die roemische Regierung diesen +Frieden in der bestimmten Absicht schloss, den Krieg bei gelegenerer +Zeit wieder zu beginnen, und sehr gewiss, dass augenblicklich bei der +gruendlichen Erschoepfung des Staats und der aeussersten Unlust der +Buergerschaft auf einen zweiten ueberseeischen Krieg sich einzulassen, +der Makedonische Krieg den Roemern in hohem Grade unbequem kam. Aber +jetzt war er unvermeidlich. Den makedonischen Staat, wie er im Jahre +549 (205) war, konnte man sich als Nachbar gefallen lassen; allein +unmoeglich durfte man gestatten, dass derselbe den besten Teil des +kleinasiatischen Griechenlands und das wichtige Kyrene hinzuerwarb, die +neutralen Handelsstaaten erdrueckte und damit seine Macht verdoppelte. +Es kam hinzu, dass der Sturz Aegyptens, die Demuetigung, vielleicht die +Ueberwaeltigung von Rhodos auch dem sizilischen und italischen Handel +tiefe Wunden geschlagen haben wuerden; und konnte man ueberhaupt ruhig +zusehen, wie der italische Verkehr mit dem Osten von den beiden grossen +Kontinentalmaechten abhaengig ward? Gegen Attalos, den treuen +Bundesgenossen aus dem Ersten Makedonischen Krieg, hatte Rom ueberdies +die Ehrenpflicht zu wahren und zu hindern, dass Philippos, der ihn +schon in seiner Hauptstadt belagert hatte, ihn nicht von Land und +Leuten vertrieb. Endlich war der Anspruch Roms, den schuetzenden Arm +ueber alle Hellenen auszustrecken, keineswegs bloss Phrase; die +Neapolitaner, Rheginer, Massalioten und Emporiten konnten bezeugen, +dass dieser Schutz sehr ernst gemeint war, und gar keine Frage ist es, +dass in dieser Zeit die Roemer den Griechen naeher standen als jede +andere Nation und wenig ferner als die hellenisierten Makedonier. Es +ist seltsam, den Roemern das Recht zu bestreiten, ueber die frevelhafte +Behandlung der Kianer und Thasier in ihren menschlichen wie in ihren +hellenischen Sympathien sich empoert zu fuehlen. So vereinigten sich in +der Tat alle politischen, kommerziellen und sittlichen Motive, um Rom +zu dem zweiten Kriege gegen Philippos zu bestimmen, einem der +gerechtesten, die die Stadt je gefuehrt hat. Es gereicht dem Senat zur +hohen Ehre, dass er sofort sich entschloss und sich weder durch die +Erschoepfung des Staates noch durch die Impopularitaet einer solchen +Kriegserklaerung abhalten liess, seine Anstalten zu treffen - schon 553 +(201) erschien der Propraetor Marcus Valerius Laevinus mit der +sizilischen Flotte von 38 Segeln in der oestlichen See. Indes war die +Regierung in Verlegenheit, einen ostensibeln Kriegsgrund ausfindig zu +machen, dessen sie dem Volk gegenueber notwendig bedurfte, auch wenn +sie nicht ueberhaupt viel zu einsichtig gewesen waere, um die +rechtliche Motivierung des Krieges in Philippos’ Art gering zu +schaetzen. Die Unterstuetzung, die Philippos nach dem Frieden mit Rom +den Karthagern gewaehrt haben sollte, war offenbar nicht erweislich. +Die roemischen Untertanen in der illyrischen Landschaft beschwerten +sich zwar schon seit laengerer Zeit ueber die makedonischen Obergriffe. +Schon 551 (203) hatte ein roemischer Gesandter an der Spitze des +illyrischen Aufgebots Philippos’ Scharen aus dem illyrischen Gebiet +hinausgeschlagen und der Senat deswegen den Gesandten des Koenigs 552 +(202) erklaert, wenn er Krieg suche, werde er ihn frueher finden, als +ihm lieb sei. Allein diese Uebergriffe waren eben nichts als die +gewoehnlichen Frevel, wie Philippos sie gegen seine Nachbarn uebte; +eine Verhandlung darueber haette im gegenwaertigen Augenblick zur +Demuetigung und Suehnung, aber nicht zum Kriege gefuehrt. Mit den +saemtlichen kriegfuehrenden Maechten im Osten stand die roemische +Gemeinde dem Namen nach in Freundschaft und haette ihnen Beistand gegen +den Angriff gewaehren koennen. Allein Rhodos und Pergamon, die +begreiflicherweise nicht saeumten, die roemische Hilfe zu erbitten, +waren formell die Angreifer, und Aegypten, wenn auch alexandrinische +Gesandte den roemischen Senat ersuchten, die Vormundschaft ueber das +koenigliche Kind zu uebernehmen, scheint doch auch nicht eben sich +beeilt zu haben, durch Anrufung unmittelbarer roemischer Intervention +zwar die augenblickliche Bedraengnis zu beendigen, aber zugleich der +grossen westlichen Macht das Ostmeer zu oeffnen. Vor allen Dingen aber +haette die Hilfe fuer Aegypten zunaechst in Syrien geleistet werden +muessen und wuerde Rom in einen Krieg mit Asien und Makedonien zugleich +verwickelt haben, was man natuerlich um so mehr zu vermeiden wuenschte, +als man fest entschlossen war, wenigstens in die asiatischen +Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Es blieb nichts uebrig, als +vorlaeufig eine Gesandtschaft nach dem Osten abzuordnen, um teils von +Aegypten zu erlangen, was den Umstaenden nach nicht schwer war, dass es +die Einmischung der Roemer in die griechischen Angelegenheiten +geschehen liess, teils den Koenig Antiochos zu beschwichtigen, indem +man ihm Syrien preisgab, teils endlich den Bruch mit Philippos +moeglichst zu beschleunigen und die Koalition der +griechisch-asiatischen Kleinstaaten gegen ihn zu foerdern (Ende 553 +201). In Alexandreia erreichte man ohne Muehe, was man wuenschte; der +Hof hatte keine Wahl und musste dankbar den Marcus Aemilius Lepidus +aufnehmen, den der Senat abgesandt hatte, um als “Vormund des Koenigs” +dessen Interessen zu vertreten, soweit dies ohne eigentliche +Intervention moeglich war. Antiochos loeste zwar seinen Bund mit +Philipp nicht auf und gab den Roemern nicht die bestimmten +Erklaerungen, welche sie wuenschten; uebrigens aber, sei es aus +Schlaffheit, sei es bestimmt durch die Erklaerung der Roemer, in Syrien +nicht intervenieren zu wollen, verfolgte er seine Plaene daselbst und +liess die Dinge in Griechenland und Kleinasien gehen. + +Darueber war das Fruehjahr 554 (200) herangekommen, und der Krieg hatte +aufs neue begonnen. Philippos warf sich zunaechst wieder auf Thrakien, +wo er die saemtlichen Kuestenplaetze, namentlich Maroneia, Aenos, +Elaeos, Sestos besetzte; er wollte seine europaeischen Besitzungen vor +einer roemischen Landung gesichert wissen. Alsdann griff er an der +asiatischen Kueste Abydos an, an dessen Gewinn ihm gelegen sein musste, +da er durch den Besitz von Sestos und Abydos mit seinem Bundesgenossen +Antiochos in festere Verbindung kam und nicht mehr zu fuerchten +brauchte, dass die Flotte der Bundesgenossen ihm den Weg nach oder aus +Kleinasien sperre. Diese beherrschte das Aegaeische Meer, nachdem das +schwaechere makedonische Geschwader sich zurueckgezogen hatte; +Philippos beschraenkte zur See sich darauf, auf dreien der Kykladen, +Andros, Kythnos und Paros, Besatzungen zu unterhalten und Kaperschiffe +auszuruesten. Die Rhodier gingen nach Chios und von da nach Tenedos, wo +Attalos, der den Winter ueber bei Aegina gestanden und mit den +Deklamationen der Athener sich die Zeit vertrieben hatte, mit seinem +Geschwader zu ihnen stiess. Es waere wohl moeglich gewesen, den +Abydenern, die sich heldenmuetig verteidigten, zu Hilfe zu kommen; +allein die Verbuendeten ruehrten sich nicht, und so ergab sich endlich +die Stadt, nachdem fast alle Waffenfaehigen im Kampf vor den Mauern und +nach der Kapitulation ein grosser Teil der Einwohner durch eigene Hand +gefallen waren, der Gnade des Siegers; sie bestand darin, dass den +Abydenern drei Tage Frist gegeben wurden, um freiwillig zu sterben. +Hier im Lager von Abydos traf die roemische Gesandtschaft, die nach +Beendigung ihrer Geschaefte in Syrien und Aegypten die griechischen +Kleinstaaten besucht und bearbeitet hatte, mit dem Koenig zusammen und +entledigte sich ihrer vom Senat erhaltenen Auftraege: der Koenig solle +gegen keinen griechischen Staat einen Angriffskrieg fuehren, die dem +Ptolemaeos entrissenen Besitzungen zurueckgeben und wegen der den +Pergamenern und Rhodiern zugefuegten Schaedigung sich ein +Schiedsgericht gefallen lassen. Die Absicht des Senats, den Koenig zur +foermlichen Kriegserklaerung zu reizen, ward nicht erreicht; der +roemische Gesandte Marcus Aemilius erhielt vom Koenig nichts als die +feine Antwort, dass er dem jungen schoenen roemischen Mann wegen dieser +seiner drei Eigenschaften das Gesagte zugute halten wolle. + +Indes war mittlerweile die von Rom gewuenschte Veranlassung von einer +anderen Seite her gekommen. Die Athener hatten in ihrer albernen und +grausamen Eitelkeit zwei unglueckliche Akarnanen hinrichten lassen, +weil dieselben sich zufaellig in ihre Mysterien verirrt hatten. Als die +Akarnanen in begreiflicher Erbitterung von Philippos begehrten, dass er +ihnen Genugtuung verschaffe, konnte dieser das gerechte Begehren seiner +treuesten Bundesgenossen nicht weigern und gestattete ihnen, in +Makedonien Mannschaft auszuheben und damit und mit ihren eigenen Leuten +ohne foermliche Kriegserklaerung in Attika einzufallen. Zwar war dies +nicht bloss kein eigentlicher Krieg, sondern es liess auch der Fuehrer +der makedonischen Schar, Nikanor, auf die drohenden Worte der gerade in +Athen anwesenden roemischen Gesandten sofort seine Truppen den +Rueckmarsch antreten (Ende 553 201). Aber es war zu spaet. Eine +athenische Gesandtschaft ging nach Rom, um ueber den Angriff Philipps +auf einen alten Bundesgenossen Roms zu berichten, und aus der Art, wie +der Senat sie empfing, sah Philippos deutlich, was ihm bevorstand; +weshalb er zunaechst, gleich im Fruehling 554 (200) seinen +Oberbefehlshaber in Griechenland, Philokles, anwies, das attische +Gebiet zu verwuesten und die Stadt moeglichst zu bedraengen. + +Der Senat hatte jetzt, was er bedurfte, und konnte im Sommer 554 (200) +die Kriegserklaerung “wegen Angriffs auf einen mit Rom verbuendeten +Staat” vor die Volksversammlung bringen. Sie wurde das erstemal fast +einstimmig verworfen; toerichte oder tueckische Volkstribunen +querulierten ueber den Rat, der den Buergern keine Ruhe goennen wolle; +aber der Krieg war einmal notwendig und genau genommen schon begonnen, +so dass der Senat unmoeglich zuruecktreten konnte. Die Buergerschaft +ward durch Vorstellungen und Konzessionen zum Nachgeben bewogen. Es ist +bemerkenswert, dass diese Konzessionen wesentlich auf Kosten der +Bundesgenossen erfolgten. Aus ihren im aktiven Dienst befindlichen +Kontingenten wurden - ganz entgegen den sonstigen roemischen Maximen - +die Besatzungen von Gallien, Unteritalien, Sizilien und Sardinien, +zusammen 20000 Mann, ausschliesslich genommen, die saemtlichen vom +Hannibalischen Krieg her unter Waffen stehenden Buergertruppen aber +entlassen; nur Freiwillige sollten daraus zum Makedonischen Krieg +aufgeboten werden duerfen, welches denn freilich, wie sich nachher +fand, meistens gezwungene Freiwillige waren - es rief dies spaeter im +Herbst 555 (199) einen bedenklichen Militaeraufstand im Lager von +Apollonia hervor. Aus neu einberufenen Leuten wurden sechs Legionen +gebildet, von denen je zwei in Rom und in Etrurien blieben und nur zwei +in Brundisium nach Makedonien eingeschifft wurden, gefuehrt von dem +Konsul Publius Sulpicius Galba. + +So hatte sich wieder einmal recht deutlich gezeigt, dass fuer die +weitlaeufigen und schwierigen Verhaeltnisse, in welche Rom durch seine +Siege gebracht war, die souveraenen Buergerversammlungen mit ihren +kurzsichtigen und vom Zufall abhaengigen Beschluessen schlechterdings +nicht mehr passten und dass deren verkehrtes Eingreifen in die +Staatsmaschine zu gefaehrlichen Modifikationen der militaerisch +notwendigen Massregeln und zu noch gefaehrlicherer Zuruecksetzung der +latinischen Bundesgenossen fuehrte. + +Philippos’ Lage war sehr uebel. Die oestlichen Staaten, die gegen jede +Einmischung Roms haetten zusammenstehen muessen und unter anderen +Umstaenden auch vielleicht zusammengestanden waeren, waren +hauptsaechlich durch seine Schuld so untereinander verhetzt, dass sie +die roemische Invasion entweder nicht zu hindern oder sogar zu foerdern +geneigt waren. Asien, Philipps natuerlicher und wichtiger +Bundesgenosse, war von ihm vernachlaessigt worden und ueberdies +zunaechst durch die Verwicklung mit Aegypten und den syrischen Krieg an +taetigem Eingreifen gehindert. Aegypten hatte ein dringendes Interesse +daran, dass die roemische Flotte dem Ostmeer fern blieb; selbst jetzt +noch gab eine aegyptische Gesandtschaft in Rom sehr deutlich zu +verstehen, wie bereit der alexandrinische Hof sei, den Roemern die +Muehe abzunehmen, in Attika zu intervenieren. Allein der zwischen Asien +und Makedonien abgeschlossene Teilungsvertrag ueber Aegypten warf +diesen wichtigen Staat geradezu den Roemern in die Arme und erzwang die +Erklaerung des Kabinetts von Alexandreia, dass es in die +Angelegenheiten des europaeischen Griechenlands sich nur mit +Einwilligung der Roemer mischen werde. Aehnlich, aber noch bedraengter +gestellt waren die griechischen Handelsstaedte, an ihrer Spitze Rhodos, +Pergamon, Byzanz; sie haetten unter anderen Umstaenden ohne Zweifel das +Ihrige getan, um den Roemern das Ostmeer zu verschliessen, aber +Philippos’ grausame und vernichtende Eroberungspolitik hatte sie zu +einem ungleichen Kampf gezwungen, in den sie ihrer Selbsterhaltung +wegen alles anwenden mussten, die italische Grossmacht zu verwickeln. +Im eigentlichen Griechenland fanden die roemischen Gesandten, die dort +eine zweite Ligue gegen Philippos zu stiften beauftragt waren, +gleichfalls vom Feinde wesentlich vorgearbeitet. Von der +antimakedonischen Partei, den Spartanern, Eleern, Athenern und +Aetolern, haette Philippos die letzten vielleicht zu gewinnen vermocht, +da der Friede von 548 (206) in ihren Freundschaftsbund mit Rom einen +tiefen und keineswegs aufgeheilten Riss gemacht hatte; allein abgesehen +von den alten Differenzen, die wegen der von Makedonien der aetolischen +Eidgenossenschaft entzogenen thessalischen Staedte Echinos, Larissa +Kremaste, Pharsalos und des phthiotischen Thebae zwischen den beiden +Staaten bestanden, hatte die Vertreibung der aetolischen Besatzungen +aus Lysimacheia und Kios bei den Aetolern neue Erbitterung gegen +Philippos hervorgerufen. Wenn sie zauderten, sich der Ligue gegen ihn +anzuschliessen, so lag der Grund wohl hauptsaechlich in der +fortwirkenden Verstimmung zwischen ihnen und den Roemern. + +Bedenklicher noch war es, dass selbst unter den fest an das +makedonische Interesse geknuepften griechischen Staaten, den Epeiroten, +Akarnanen, Boeotern und Achaeern, nur die Akarnanen und Boeoter +unerschuettert zu Philippos standen. Mit den Epeiroten verhandelten die +roemischen Gesandten nicht ohne Erfolg und namentlich der Koenig der +Athamanen, Amynander, schloss an Rom sich fest an. Sogar von den +Achaeern hatte Philippos durch die Ermordung des Aratos teils viele +verletzt, teils ueberhaupt einer freieren Entwicklung der +Eidgenossenschaft wieder Raum gegeben; sie hatte unter Philopoemens +(502-571 252-183, Strateg zuerst 546 208) Leitung ihr Heerwesen +regeneriert, in gluecklichen Kaempfen gegen Sparta das Zutrauen zu sich +selber wiedergefunden und folgte nicht mehr, wie zu Aratos’ Zeit, blind +der makedonischen Politik. Einzig in ganz Hellas sah die achaeische +Eidgenossenschaft, die von Philippos’ Vergroesserungssucht weder Nutzen +noch zunaechst Nachteil zu erwarten hatte, diesen Krieg vom +unparteiischen und nationalhellenischen Gesichtspunkte an; sie begriff, +was zu begreifen nicht schwer war, dass die hellenische Nation damit +den Roemern selber sich auslieferte, sogar ehe diese es wuenschten und +begehrten, und versuchte darum, zwischen Philippos und den Rhodiern zu +vermitteln; allein es war zu spaet. Der nationale Patriotismus, der +einst den Bundesgenossenkrieg beendigt und der. ersten Krieg zwischen +Makedonien und Rom wesentlich mit herbeigefuehrt hatte, war erloschen; +die achaeische Vermittlung blieb ohne Erfolg, und vergeblich bereiste +Philippos die Staedte und Inseln, um die Nation wieder zu entflammen - +es war das die Nemesis fuer Kios und Abydos. Die Achaeer, da sie nicht +aendern konnten und nicht helfen mochten, blieben neutral. + +Im Herbst des Jahres 554 (200) landete der Konsul Publius Sulpicius +Galba mit seinen beiden Legionen und 1000 numidischen Reitern, ja sogar +mit Elefanten, die aus der karthagischen Beute herruehrten, bei +Apollonia; auf welche Nachricht der Koenig eilig vom Hellespont nach +Thessalien zurueckkehrte. Indes teils die schon weit vorgerueckte +Jahreszeit, teils die Erkrankung des roemischen Feldherrn bewirkten, +dass zu Lande dies Jahr nichts weiter vorgenommen ward als eine starke +Rekognoszierung, bei der die naechstliegenden Ortschaften, namentlich +die makedonische Kolonie Antipatreia, von den Roemern besetzt wurden. +Fuer das naechste Jahr ward mit den noerdlichen Barbaren, namentlich +mit Pleuratos, dem damaligen Herrn von Skodra, und dem Dardanerfuersten +Bato, die selbstverstaendlich eilten, die gute Gelegenheit zu nutzen, +ein gemeinschaftlicher Angriff auf Makedonien verabredet. + +Wichtiger waren die Unternehmungen der roemischen Flotte, die 100 Deck- +und 80 leichte Schiffe zaehlte. Waehrend die uebrigen Schiffe bei +Kerkyra fuer den Winter Station nahmen, ging eine Abteilung unter Gaius +Claudius Cento nach dem Peiraeeus, um den bedraengten Athenern Beistand +zu leisten. Da Cento indes die attische Landschaft gegen die +Streifereien der korinthischen Besatzung und die makedonischen Korsaren +schon hinreichend gedeckt fand, segelte er weiter und erschien +ploetzlich vor Chalkis auf Euboea, dem Hauptwaffenplatz Philipps in +Griechenland, wo die Magazine, die Waffenvorraete und die Gefangenen +aufbewahrt wurden und der Kommandant Sopater nichts weniger als einen +roemischen Angriff erwartete. Die unverteidigte Mauer ward erstiegen, +die Besatzung niedergemacht, die Gefangenen befreit und die Vorraete +verbrannt; leider fehlte es an Truppen, um die wichtige Position zu +halten. Auf die Kunde von diesem ueberfall brach Philippos in +ungestuemer Erbitterung sofort von Demetrias in Thessalien auf nach +Chalkis, und da er hier nichts von dem Feind mehr fand als die +Brandstaette, weiter nach Athen, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten. +Allein die Ueberrumpelung misslang und auch der Sturm war vergeblich, +so sehr der Koenig sein Leben preisgab; das Herannahen von Gaius +Claudius vom Peiraeeus, des Attalos von Aegina her zwangen ihn zum +Abzug. Philippos verweilte indes noch einige Zeit in Griechenland; aber +politisch und militaerisch waren seine Erfolge gleich gering. Umsonst +versuchte er die Achaeer fuer sich in Waffen zu bringen; und ebenso +vergeblich waren seine Angriffe auf Eleusis und den Peiraeeus sowie ein +zweiter auf Athen selbst. Es blieb ihm nichts uebrig, als seine +begreifliche Erbitterung in unwuerdiger Weise durch Verwuestung der +Landschaft und Zerstoerung, der Baeume des Akademos zu befriedigen und +nach dem Norden zurueckzukehren. So verging der Winter. Mit dem +Fruehjahr 555 (199) brach der Prokonsul Publius Sulpicius aus seinem +Winterlager auf, entschlossen, seine Legionen von Apollonia auf der +kuerzesten Linie in das eigentliche Makedonien zu fuehren. Diesen +Hauptangriff von Westen her sollten drei Nebenangriffe unterstuetzen: +in noerdlicher Richtung der Einfall der Dardaner und Illyrier, in +oestlicher ein Angriff der kombinierten Flotte der Roemer und der +Bundesgenossen, die bei Aegina sich sammelte; endlich von Sueden her +sollten die Athamanen vordringen und, wenn es gelang, sie zur Teilnahme +am Kampfe zu bestimmen, zugleich die Aetoler. Nachdem Galba die Berge, +die der Apsos (jetzt Beratinó) durchschneidet, ueberschritten hatte und +durch die fruchtbare dassaretische Ebene gezogen war, gelangte er an +die Gebirgskette, die Illyrien und Makedonien scheidet und betrat, +diese uebersteigend, das eigentliche makedonische Gebiet. Philippos war +ihm entgegengegangen; allein in den ausgedehnten und schwach +bevoelkerten Landschaften Makedoniens suchten sich die Gegner einige +Zeit vergeblich, bis sie endlich in der lynkestischen Provinz, einer +fruchtbaren aber sumpfigen Ebene, unweit der nordwestlichen +Landesgrenze aufeinandertrafen und keine 1000 Schritt voneinander die +Lager schlugen. Philippos’ Heer zaehlte, nachdem er das zur Besetzung +der noerdlichen Paesse detachierte Korps an sich gezogen hatte, etwa +20000 Mann zu Fuss und 2000 Reiter; das roemische war ungefaehr ebenso +stark. Indes die Makedonier hatten den grossen Vorteil, dass sie, in +der Heimat fechtend und mit Weg und Steg bekannt, mit leichter Muehe +den Proviant zugefuehrt erhielten, waehrend sie sich so dicht an die +Roemer gelagert hatten, dass diese es nicht wagen konnten, zu +ausgedehnter Fouragierung sich zu zerstreuen. Der Konsul bot die +Schlacht wiederholt an, allein der Koenig versagte sie beharrlich und +die Gefechte zwischen den leichten Truppen, wenn auch die Roemer darin +einige Vorteile erfochten, aenderten in der Hauptsache nichts. Galba +war genoetigt, sein Lager abzubrechen und anderthalb Meilen weiter bei +Oktolophos ein anderes aufzuschlagen, von wo er leichter sich +verproviantieren zu koennen meinte. Aber auch hier wurden die +ausgeschickten Abteilungen von den leichten Truppen und der Reiterei +der Makedonier vernichtet; die Legionen mussten zu Hilfe kommen und +trieben dann freilich die makedonische Vorhut, die zu weit vorgegangen +war, mit starkem Verlust in das Lager zurueck, wobei der Koenig selbst +das Pferd verlor und nur durch die hochherzige Hingebung eines seiner +Reiter das Leben rettete. Aus dieser gefaehrlichen Lage befreite die +Roemer der bessere Erfolg der von Galba veranlassten Nebenangriffe der +Bundesgenossen oder vielmehr die Schwaeche der makedonischen +Streitkraefte. Obwohl Philippos in seinem Gebiet moeglichst starke +Aushebungen vorgenommen und roemische Ueberlaeufer und andere Soeldner +hinzugeworben hatte, hatte er doch nicht vermocht, ausser den +Besatzungen in Kleinasien und Thrakien, mehr als das Heer, womit er +selbst dem Konsul gegenueberstand, auf die Beine zu bringen, und +ueberdies noch, um dieses zu bilden, die Nordpaesse in der +pelagonischen Landschaft entbloessen muessen. Fuer die Deckung der +Ostkueste verliess er sich teils auf die von ihm angeordnete +Verwuestung der Inseln Skiathos und Peparethos, die der feindlichen +Flotte eine Station haetten bieten koennen, teils auf die Besatzung von +Thasos und der Kueste und auf die unter Herakleides bei Demetrias +aufgestellte Flotte. Fuer die Suedgrenze hatte er gar auf die mehr als +zweifelhafte Neutralitaet der Aetoler rechnen muessen. Jetzt traten +diese ploetzlich dem Bunde gegen Makedonien bei und drangen sofort mit +den Athamanen vereinigt in Thessalien ein, waehrend zugleich die +Dardaner und Illyrier die noerdlichen Landschaften ueberschwemmten und +die roemische Flotte unter Lucius Apustius, von Kerkyra aufbrechend, in +den oestlichen Gewaessern erschien, wo die Schiffe des Attalos, der +Rhodier und der Istrier sich mit ihr vereinigten. + +Philippos gab hiernach freiwillig seine Stellung auf und wich in +oestlicher Richtung zurueck: ob es geschah, um den wahrscheinlich +unvermuteten Einfall der Aetoler zurueckzuschlagen oder um das +roemische Heer sich nach und ins Verderben zu ziehen oder um je nach +den Umstaenden das eine oder das andere zu tun, ist nicht wohl zu +entscheiden. Er bewerkstelligte seinen Rueckzug so geschickt, dass +Galba, der den verwegenen Entschluss fasste, ihm zu folgen, seine Spur +verlor und es Philippos moeglich ward, den Engpass, der die +Landschaften Lynkestis und Eordaea scheidet, auf Seitenwegen zu +erreichen und zu besetzen, um die Roemer hier zu erwarten und ihnen +einen heissen Empfang zu bereiten. Es kam an der von ihm gewaehlten +Stelle zur Schlacht. Aber die langen makedonischen Speere erwiesen sich +unbrauchbar auf dem waldigen und ungleichen Terrain; die Makedonier +wurden teils umgangen, teils durchbrochen und verloren viele Leute. +Indes wenn auch Philippos’ Heer nach diesem ungluecklichen Treffen +nicht laenger imstande war, den Roemern das weitere Vordringen zu +wehren, so scheuten sich doch diese selber in dem unwegsamen und +feindlichen Land, weiteren unbekannten Gefahren entgegenzuziehen, und +kehrten zurueck nach Apollonia, nachdem sie die fruchtbaren +Landschaften Hochmakedoniens Eordaea, Elimea, Orestis verwuestet und +die bedeutendste Stadt von Orestis, Keletron (jetzt Kastoria auf einer +Halbinsel in dem gleichnamigen See), sich ihnen ergeben hatte - es war +die einzige makedonische Stadt, die den Roemern ihre Tore oeffnete. Im +illyrischen Land ward die Stadt der Dassaretier, Pelion, an den oberen +Zufluessen des Apsos, erstuermt und stark besetzt, um auf einem +aehnlichen Zug kuenftig als Basis zu dienen. + +Philippos stoerte die roemische Hauptarmee auf ihrem Rueckzug nicht, +sondern wandte sich in Gewaltmaerschen gegen die Aetoler und Athamanen, +die in der Meinung, dass die Legionen den Koenig beschaeftigten, das +reiche Tal des Peneios furcht- und ruecksichtslos pluenderten, schlug +sie vollstaendig und noetigte, was nicht fiel, sich einzeln auf den +wohlbekannten Bergpfaden zu, retten. Durch diese Niederlage und ebenso +sehr durch die starken Werbungen, die in Aetolien fuer aegyptische +Rechnung stattfanden, schwand die Streitkraft der Eidgenossenschaft +nicht wenig zusammen. Die Dardaner wurden von dem Fuehrer der leichten +Truppen Philipps, Athenagoras, ohne Muehe und mit starkem Verlust ueber +die Berge zurueckgejagt. Die roemische Flotte richtete auch nicht viel +aus; sie vertrieb die makedonische Besatzung von Andros, suchte Euboea +und Skiathos heim und machte dann Versuche auf die chalkidische +Halbinsel, die aber die makedonische Besatzung bei Mende kraeftig +zurueckwies. Der Rest des Sommers verging mit der Einnahme von Oreos +auf Euboea, welche durch die entschlossene Verteidigung der +makedonischen Besatzung lange verzoegert ward. Die schwache +makedonische Flotte unter Herakleides stand untaetig bei Herakleia und +wagte nicht den Feinden das Meer streitig zu machen. Fruehzeitig gingen +diese in die Winterquartiere, die Roemer nach dem Peiraeeus und +Kerkyra, die Rhodier und Pergamener in die Heimat. + +Im ganzen konnte Philipp zu den Ereignissen dieses Feldzuges sich +Glueck wuenschen. Die roemischen Truppen standen nach einem aeusserst +beschwerlichen Feldzug im Herbst genau da, von wo sie im Fruehling +aufgebrochen waren, und ohne das rechtzeitige Dareinschlagen der +Aetoler und die unerwartet glueckliche Schlacht am Pass von Eordaea +haette von der gesamten Macht vielleicht kein Mann das roemische Gebiet +wiedergesehen. Die vierfache Offensive hatte ueberall ihren Zweck +verfehlt und Philippos sah im Herbste nicht bloss sein ganzes Gebiet +vom Feind gereinigt, sondern er konnte noch einen, freilich +vergeblichen, Versuch machen, die an der aetolisch-thessalischen Grenze +gelegene und die Peneiosebene beherrschende feste Stadt Thaumakoi den +Aetolern zu entreissen. Wenn Antiochos, um dessen Kommen Philippos +vergeblich zu den Goettern flehte, sich im naechsten Feldzug mit ihm +vereinigte, so durfte er grosse Erfolge erwarten. Es schien einen +Augenblick, als schicke dieser sich dazu an; sein Heer erschien in +Kleinasien und besetzte einige Ortschaften des Koenigs Attalos, der von +den Roemern militaerischen Schutz erbat. Diese indes beeilten sich +nicht, den Grosskoenig jetzt zum Bruch zu draengen; sie schickten +Gesandte, die in der Tat es erreichten, dass Attalos’ Gebiet geraeumt +ward. Von daher hatte Philippos nichts zu hoffen. + +Indes der glueckliche Ausgang des letzten Feldzugs hatte Philipps Mut +oder Uebermut so gehoben, dass, nachdem er der Neutralitaet der Achaeer +und der Treue der Makedonier sich durch die Aufopferung einiger festen +Plaetze und des verabscheuten Admirals Herakleides aufs neue versichert +hatte, im naechsten Fruehling 556 (198) er es war, der die Offensive +ergriff und in die atintanische Landschaft einrueckte, um in dem engen +Pass, wo sich der Aoos (Viosa) zwischen den Bergen Aeropos und Asmaos +durchwindet, ein wohlverschanztes Lager zu beziehen. Ihm gegenueber +lagerte das durch neue Truppensendungen verstaerkte roemische Heer, +ueber das zuerst der Konsul des vorigen Jahres, Publius Villius, sodann +seit dem Sommer 556 (198) der diesjaehrige Konsul Titus Quinctius +Flamininus den Oberbefehl fuehrte. Flamininus, ein talentvoller, erst +dreissigjaehriger Mann, gehoerte zu der juengeren Generation, welche +mit dem altvaeterischen Wesen auch den altvaeterischen Patriotismus von +sich abzutun anfing und zwar auch noch an das Vaterland, aber mehr an +sich und an das Hellenentum dachte. Ein geschickter Offizier und +besserer Diplomat, war er in vieler Hinsicht fuer die Behandlung der +schwierigen griechischen Verhaeltnisse vortrefflich geeignet; dennoch +waere es vielleicht fuer Rom wie fuer Griechenland besser gewesen, wenn +die Wahl auf einen minder von hellenischen Sympathien erfuellten Mann +gefallen und ein Feldherr dorthin gesandt worden waere, den weder feine +Schmeichelei bestochen noch beissende Spottrede verletzt haette, der +die Erbaermlichkeit der hellenischen Staatsverfassungen nicht ueber +literarischen und kuenstlerischen Reminiszenzen vergessen und der +Hellas nach Verdienst behandelt, den Roemern aber es erspart haette, +unausfuehrbaren Idealen nachzustreben. + +Der neue Oberbefehlshaber hatte mit dem Koenig sogleich eine +Zusammenkunft, waehrend die beiden Heere untaetig sich +gegenueberstanden. Philippos machte Friedensvorschlaege; er erbot sich, +alle eigenen Eroberungen zurueckzugeben und wegen des den griechischen +Staedten zugefuegten Schadens sich einem billigen Austrag zu +unterwerfen; aber an dem Begehren, altmakedonische Besitzungen, +namentlich Thessalien, aufzugeben, scheiterten die Verhandlungen. +Vierzig Tage standen die beiden Heere in dem Engpass des Aoos, ohne +dass Philippos wich oder Flamininus sich entschliessen konnte, entweder +den Sturm anzuordnen oder den Koenig stehenzulassen und die vorjaehrige +Expedition wieder zu versuchen. Da half dem roemischen General die +Verraeterei einiger Vornehmer unter den sonst gut makedonisch gesinnten +Epeiroten, namentlich des Charops, aus der Verlegenheit. Sie fuehrten +auf Bergpfaden ein roemisches Korps von 4000 Mann zu Fuss und 300 +Reitern auf die Hoehen oberhalb des makedonischen Lagers und wie +alsdann der Konsul das feindliche Herr von vorn angriff, entschied das +Anruecken jener unvermutet von den beherrschenden Bergen +herabsteigenden roemischen Abteilung die Schlacht. Philippos verlor +Lager und Verschanzung und gegen 2000 Mann und wich eilig zurueck bis +an den Pass Tempel die Pforte des eigentlichen Makedoniens. Allen +anderen Besitz gab er auf bis auf die Festungen; die thessalischen +Staedte, die er nicht verteidigen konnte, zerstoerte er selbst - nur +Pherae schloss ihm die Tore und entging dadurch dem Verderben. Teils +durch diese Erfolge der roemischen Waffen, teils durch Flamininus’ +geschickte Milde bestimmt, traten zunaechst die Epeiroten vom +makedonischen Buendnis ab. In Thessalien waren auf die erste Nachricht +vom Siege der Roemer sogleich die Athamanen und Aetoler eingebrochen, +und die Roemer folgten bald; das platte Land war leicht ueberschwemmt, +allein die festen Staedte, die gut makedonisch gesinnt waren und von +Philippos Unterstuetzung empfingen, fielen nur nach tapferem Widerstand +oder widerstanden sogar dem ueberlegenen Feind; so vor allem Atrax am +linken Ufer des Peneios, wo in der Bresche die Phalanx statt der Mauer +stand. Bis auf diese thessalischen Festungen und das Gebiet der treuen +Akarnanen war somit ganz Nordgriechenland in den Haenden der Koalition. + +Dagegen war der Sueden durch die Festungen Chalkis und Korinth, die +durch das Gebiet der makedonisch gesinnten Boeoter miteinander die +Verbindung unterhielten, und durch die achaeische Neutralitaet noch +immer wesentlich in makedonischer Gewalt, und Flamininus entschloss +sich, da es doch zu spaet war, um dies Jahr noch in Makedonien +einzudringen, zunaechst Landheer und Flotte gegen Korinth und die +Achaeer zu wenden. Die Flotte, die wieder die rhodischen und +pergamenischen Schiffe an sich gezogen hatte, war bisher damit +beschaeftigt gewesen, zwei kleinere Staedte auf Euboea, Eretria und +Karystos, einzunehmen und daselbst Beute zu machen; worauf beide indes +ebenso wie Oreos wieder aufgegeben und von dem makedonischen +Kommandanten von Chalkis, Philokles, aufs neue besetzt wurden. Die +vereinigte Flotte wandte sich von da nach Kenchreae, dem oestlichen +Hafen von Korinth, um diese starke Festung zu bedrohen. Von der anderen +Seite rueckte Flamininus in Phokis ein und besetzte die Landschaft, in +der nur Elateia eine laengere Belagerung aushielt; diese Gegend, +namentlich Antikyra am Korinthischen Meerbusen, war zum Winterquartier +ausersehen. Die Achaeer, die also auf der einen Seite die roemischen +Legionen sich naehern, auf der anderen die roemische Flotte schon an +ihrem eigenen Gestade sahen, verzichteten auf ihre sittlich ehrenwerte, +aber politisch unhaltbare Neutralitaet; nachdem die Gesandten der am +engsten an Makedonien geknuepften Staedte Dyme, Megalopolis und Argos +die Tagsatzung verlassen hatten, beschloss dieselbe den Beitritt zu der +Koalition gegen Philippos. Kykliades und andere Fuehrer der +makedonischen Partei verliessen die Heimat; die Truppen der Achaeer +vereinigten sich sofort mit der roemischen Flotte und eilten, Korinth +zu Lande einzuschliessen, welche Stadt, die Zwingburg Philipps gegen +die Achaeer, ihnen roemischerseits fuer ihren Beitritt zu dem Bunde +zugesichert worden war. Die makedonische Besatzung indes, die 1300 Mann +stark war und grossenteils aus italischen Ueberlaeufern bestand, +verteidigte entschlossen die fast uneinnehmbare Stadt; ueberdies kam +von Chalkis Philokles herbei mit einer Abteilung von 1500 Mann, die +nicht bloss Korinth entsetzte, sondern auch in das Gebiet der Achaeer +eindrang und im Einverstaendnis mit der makedonisch gesinnten +Buergerschaft ihnen Argos entriss. Allein der Lohn solcher Hingebung +war, dass der Koenig die treuen Argeier der Schreckensherrschaft des +Nabis von Sparta auslieferte. Diesen, den bisherigen Bundesgenossen der +Roemer, hoffte er nach dem Beitritt der Achaeer zu der roemischen +Koalition zu sich hinueberzuziehen; denn er war hauptsaechlich nur +deshalb roemischer Bundesgenosse geworden, weil er in Opposition zu den +Achaeern und seit 550 (204) sogar in offenem Kriege mit ihnen sich +befand. Allein Philippos’ Angelegenheiten standen zu verzweifelt, als +dass irgend jemand jetzt sich auf seine Seite zu schlagen Lust +verspuert haette. Nabis nahm zwar Argos von Philippos an, allein er +verriet den Verraeter und blieb im Buendnis mit Flamininus, welcher in +der Verlegenheit, jetzt mit zwei untereinander im Krieg begriffenen +Maechten verbuendet zu sein, vorlaeufig zwischen den Spartanern und +Achaeern einen Waffenstillstand auf vier Monate vermittelte. + +So kam der Winter heran. Philippos benutzte ihn abermals, um womoeglich +einen billigen Frieden zu erhalten. Auf einer Konferenz, die in Nikaea +am Malischen Meerbusen abgehalten ward, erschien der Koenig persoenlich +und versuchte, mit Flamininus zu einer Verstaendigung zu gelangen, +indem er den petulanten Uebermut der kleinen Herren mit Stolz und +Feinheit zurueckwies und durch markierte Deferenz gegen die Roemer als +die einzigen ihm ebenbuertigen Gegner von diesen ertraegliche +Bedingungen zu erhalten suchte. Flamininus war gebildet genug, um durch +die Urbanitaet des Besiegten gegen ihn und die Hoffart gegen die +Bundesgenossen, welche der Roemer wie der Koenig gleich verachten +gelernt hatten, sich geschmeichelt zu fuehlen; allein seine Vollmacht +ging nicht so weit wie das Begehren des Koenigs: er gestand ihm gegen +Einraeumung von Phokis und Lokris einen zweimonatlichen +Waffenstillstand zu und wies ihn in der Hauptsache an seine Regierung. +Im roemischen Senat war man sich laengst einig, dass Makedonien alle +seine auswaertigen Besitzungen aufgeben muesse; als daher Philippos’ +Gesandte in Rom erschienen, begnuegte man sich zu fragen, ob sie +Vollmacht haetten, auf ganz Griechenland, namentlich auf Korinth, +Chalkis und Demetrias zu verzichten, und da sie dies verneinten, brach +man sofort die Unterhandlungen ab und beschloss die energische +Fortsetzung des Krieges. Mit Hilfe der Volkstribunen gelang es dem +Senat, den so nachteiligen Wechsel des Oberbefehls zu verhindern und +Flamininus das Kommando zu verlaengern; er erhielt bedeutende +Verstaerkung, und die beiden frueheren Oberbefehlshaber Publius Galba +und Publius Villius wurden angewiesen, sich ihm zur Verfuegung zu +stellen. Auch Philippos entschloss sich, noch eine Feldschlacht zu +wagen. Um Griechenland zu sichern, wo jetzt alle Staaten mit Ausnahme +der Akarnanen und Boeoter gegen ihn in Waffen standen, wurde die +Besatzung von Korinth bis auf 6000 Mann verstaerkt, waehrend er selbst, +die letzten Kraefte des erschoepften Makedoniens anstrengend und Kinder +und Greise in die Phalanx einreihend, ein Heer von etwa 26000 Mann, +darunter 16000 makedonische Phalangiten, auf die Beine brachte. So +begann der vierte Feldzug 557 (197). Flamininus schickte einen Teil der +Flotte gegen die Akarnanen, die in Leukas belagert wurden; im +eigentlichen Griechenland bemaechtigte er sich durch List der +boeotischen Hauptstadt Thebae, wodurch sich die Boeoter gezwungen +sahen, dem Buendnis gegen Makedonien wenigstens dem Namen nach +beizutreten. Zufrieden, hierdurch die Verbindung zwischen Korinth und +Chalkis gesprengt zu haben, wandte er sich nach Norden, wo allein die +Entscheidung fallen konnte. Die grossen Schwierigkeiten der Verpflegung +des Heeres in dem feindlichen und grossenteils oeden Lande, die schon +oft die Operationen gehemmt hatten, sollte jetzt die Flotte beseitigen, +indem sie das Heer laengs der Kueste begleitete und ihm die aus Afrika, +Sizilien und Sardinien gesandten Vorraete nachfuehrte. Indes die +Entscheidung kam frueher, als Flamininus gehofft hatte. Philippos, +ungeduldig und zuversichtlich wie er war, konnte es nicht aushalten, +den Feind an der makedonischen Grenze zu erwarten; nachdem er bei Dion +sein Heer gesammelt hatte, rueckte er durch den Tempepass in Thessalien +ein und traf mit dem ihm entgegenrueckenden feindlichen Heer in der +Gegend von Skotussa zusammen. Beide Heere, das makedonische und das +roemische, das durch Zuzuege der Apolloniaten und Athamanen und die von +Nabis gesandten Kretenser, besonders aber durch einen ansehnlichen +aetolischen Haufen verstaerkt worden war, zaehlten ungefaehr gleich +viel Streiter, jedes etwa 26000 Mann; doch waren die Roemer an Reiterei +dem Gegner ueberlegen. Vorwaerts Skotussa, auf dem Plateau des +Karadagh, traf waehrend eines trueben Regentages der roemische Vortrab +unvermutet auf den feindlichen, der einen zwischen beiden Lagern +gelegenen, hohen und steilen Huegel, die Kynoskephalae genannt, besetzt +hielt. Zurueckgetrieben in die Ebene, erhielten die Roemer Verstaerkung +aus dem Lager von den leichten Truppen und dem trefflichen Korps der +aetolischen Reiterei und draengten nun ihrerseits den makedonischen +Vortrab auf und ueber die Hoehe zurueck. Hier aber fanden wiederum die +Makedonier Unterstuetzung an ihrer gesamten Reiterei und dem groessten +Teil der leichten Infantrie; die Roemer, die unvorsichtig sich +vorgewagt hatten, wurden mit grossem Verlust bis hart an ihr Lager +zurueckgejagt und haetten sich voellig zur Flucht gewandt, wenn nicht +die aetolischen Ritter in der Ebene den Kampf so lange hingehalten +haetten, bis Flamininus die schnell geordneten Legionen herbeifuehrte. +Dem ungestuemen Ruf der siegreichen, die Fortsetzung des Kampfes +fordernden Truppen gab der Koenig nach und ordnete auch seine +Schwerbewaffneten eilig zu der Schlacht, die weder Feldherr noch +Soldaten an diesem Tage erwartet hatten. Es galt, den Huegel zu +besetzen, der augenblicklich von Truppen ganz entbloesst war. Der +rechte Fluegel der Phalanx unter des Koenigs eigener Fuehrung kam frueh +genug dort an, um sich ungestoert auf der Hoehe in Schlachtordnung zu +stellen; der linke aber war noch zurueck, als schon die leichten +Truppen der Makedonier, von den Legionen gescheucht, den Huegel +heraufstuermten. Philipp schob die fluechtigen Haufen rasch an der +Phalanx vorbei in das Mitteltreffen, und ohne zu erwarten, bis auf dem +linken Fluegel Nikanor mit der anderen, langsamer folgenden Haelfte der +Phalanx eingetroffen war, hiess er die rechte Phalanx mit gesenkten +Speeren den Huegel hinab sich auf die Legionen stuerzen und +gleichzeitig die wieder geordnete leichte Infanterie sie umgehen und +ihnen in die Flanke fallen. Der am guenstigen Orte unwiderstehliche +Angriff der Phalanx zersprengte das roemische Fussvolk, und der linke +Fluegel der Roemer ward voellig geschlagen. Auf dem anderen Fluegel +liess Nikanor, als er den Koenig angreifen sah, die andere Haelfte der +Phalanx schleunig nachruecken; sie geriet dabei auseinander, und +waehrend die ersten Reihen schon den Berg hinab eilig dem siegreichen +rechten Fluegel folgten und durch das ungleiche Terrain noch mehr in +Unordnung kamen, gewannen die letzten Glieder eben erst die Hoehe. Der +rechte Fluegel der Roemer ward unter diesen Umstaenden leicht mit dem +feindlichen linken fertig; die Elefanten allein, die auf diesem Fluegel +standen, vernichteten die aufgeloesten makedonischen Scharen. Waehrend +hier ein fuerchterliches Gemetzel entstand, nahm ein entschlossener +roemischer Offizier zwanzig Faehnlein zusammen und warf sich mit diesen +auf den siegreichen makedonischen Fluegel, der, den roemischen linken +verfolgend, so weit vorgedrungen war, dass der roemische rechte ihm im +Ruecken stand. Gegen den Angriff von hinten war die Phalanx wehrlos und +mit dieser Bewegung die Schlacht zu Ende. Bei der vollstaendigen +Aufloesung der beiden Phalangen ist es begreiflich, dass man 13000 +teils gefangene, teils gefallene Makedonier zaehlte, meistens +gefallene, weil die roemischen Soldaten das makedonische Zeichen der +Ergebung, das Aufheben der Sarissen, nicht kannten; der Verlust der +Sieger war gering. Philippos entkam nach Larissa und nachdem er alle +seine Papiere verbrannt hatte, um niemanden zu kompromittieren, raeumte +er Thessalien und ging in seine Heimat zurueck. + +Gleichzeitig mit dieser grossen Niederlage erlitten die Makedonier noch +andere Nachteile auf allen Punkten, die sie noch besetzt hielten: in +Karien schlugen die rhodischen Soeldner das dort stehende makedonische +Korps und zwangen dasselbe, sich in Stratonikeia einzuschliessen; die +korinthische Besatzung ward von Nikostratos und seinen Achaeern mit +starkem Verlust geschlagen, das akarnanische Leukas nach heldenmuetiger +Gegenwehr erstuermt. Philippos war vollstaendig ueberwunden; seine +letzten Verbuendeten, die Akarnanen, ergaben sich auf die Nachricht von +der Schlacht bei Kynoskephalae. + +Es lag vollstaendig in der Hand der Roemer, den Frieden zu diktieren: +sie nutzten ihre Macht, ohne sie zu missbrauchen. Man konnte das Reich +Alexanders vernichten; auf der Konferenz der Bundesgenossen ward dies +Begehren von aetolischer Seite ausdruecklich gestellt. Allein was hiess +das anders als den Wall hellenischer Bildung gegen Thraker und Kelten +niederreissen? Schon war waehrend des eben beendigten Krieges das +bluehende Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersonesos von den Thrakern +gaenzlich zerstoert worden - eine ernste Warnung fuer die Zukunft. +Flamininus, der tiefe Blicke in die widerwaertigen Verfehdungen der +griechischen Staaten getan hatte, konnte nicht die Hand dazu bieten, +dass die roemische Grossmacht fuer den Groll der aetolischen +Eidgenossenschaft die Exekution uebernahm, auch wenn nicht seine +hellenischen Sympathien fuer den feinen und ritterlichen Koenig ebenso +sehr gewonnen gewesen waeren wie sein roemisches Nationalgefuehl +verletzt war durch die Prahlerei der Aetoler, der “Sieger von +Kynoskephalae”, wie sie sich nannten. Den Aetolern erwiderte er, dass +es nicht roemische Sitte sei, Besiegte zu vernichten, uebrigens seien +sie ja ihre eigenen Herren und stehe es ihnen frei, mit Makedonien ein +Ende zu machen, wenn sie koennten. Der Koenig ward mit aller moeglichen +Ruecksicht behandelt, und nachdem er sich bereit erklaert hatte, auf +die frueher gestellten Forderungen jetzt einzugehen, ihm von Flamininus +gegen Zahlung einer Geldsumme und Stellung von Geiseln, darunter seines +Sohnes Demetrios, ein laengerer Waffenstillstand bewilligt, den +Philippos hoechst noetig brauchte, um die Dardaner aus Makedonien +hinauszuschlagen. + +Die definitive Regulierung der verwickelten griechischen +Angelegenheiten ward vom Senat einer Kommission von zehn Personen +uebertragen, deren Haupt und Seele wieder Flamininus war. Philippos +erhielt von ihr aehnliche Bedingungen, wie sie Karthago gestellt worden +waren. Er verlor alle auswaertigen Besitzungen in Kleinasien, Thrakien, +Griechenland und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres; dagegen blieb +das eigentliche Makedonien ungeschmaelert bis auf einige unbedeutende +Grenzstriche und die Landschaft Orestis, welche frei erklaert ward - +eine Bestimmung, die Philippos aeusserst empfindlich fiel, allein die +die Roemer nicht umhin konnten, ihm vorzuschreiben, da bei seinem +Charakter es unmoeglich war, ihm die freie Verfuegung ueber einmal von +ihm abgefallene Untertanen zu lassen. Makedonien wurde ferner +verpflichtet, keine auswaertigen Buendnisse ohne Vorwissen Roms +abzuschliessen noch nach auswaerts Besatzungen zu schicken; ferner +nicht ausserhalb Makedoniens gegen zivilisierte Staaten noch ueberhaupt +gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren und kein Heer ueber +5000 Mann, keine Elefanten und nicht ueber fuenf Deckschiffe zu +unterhalten, die uebrigen an die Roemer auszuliefern. Endlich trat +Philippos mit den Roemern in Symmachie, die ihn verpflichtete, auf +Verlangen Zuzug zu senden, wie denn gleich nachher die makedonischen +Truppen mit den Legionen zusammen fochten. Ausserdem zahlte er eine +Kontribution von 1000 Talenten (1700000 Taler). + +Nachdem Makedonien also zu vollstaendiger politischer Nullitaet +herabgedrueckt und ihm nur so viel Macht gelassen war, als es bedurfte, +um die Grenze von Hellas gegen die Barbaren zu hueten, schritt man +dazu, ueber die vom Koenig abgetretenen Besitzungen zu verfuegen. Die +Roemer, die eben damals in Spanien erfuhren, dass ueberseeische +Provinzen ein sehr zweifelhafter Gewinn seien, und die ueberhaupt +keineswegs des Laendererwerbes wegen den Krieg begonnen hatten, nahmen +nichts von der Beute fuer sich und zwangen dadurch auch ihre +Bundesgenossen zur Maessigung. Sie beschlossen, saemtliche Staaten +Griechenlands, die bisher unter Philippos gestanden, frei zu erklaeren; +und Flamininus erhielt den Auftrag, das desfaellige Dekret den zu den +Isthmischen Spielen versammelten Griechen zu verlesen (558 196). +Ernsthafte Maenner freilich mochten fragen, ob denn die Freiheit ein +verschenkbares Gut sei und was Freiheit ohne Einigkeit und Einheit der +Nation bedeute; doch war der Jubel gross und aufrichtig, wie die +Absicht aufrichtig war, in der der Senat die Freiheit verlieh ^1. + +—————————————————————————- + +^1 Wir haben noch Goldstater mit dem Kopf des Flamininus und der +Inschrift “T. Quincti(us)”, unter dem Regiment des Befreiers der +Hellenen in Griechenland geschlagen. Der Gebrauch der lateinischen +Sprache ist eine bezeichnende Artigkeit. + +—————————————————————————— + +Ausgenommen waren von dieser gemeinen Massregel nur die illyrischen +Landschaften oestlich von Epidamnos, die an den Herrn von Skodra, +Pleuratos, fielen und diesen, ein Menschenalter zuvor von den Roemern +gedemuetigten Land- und Seeraeuberstaat wieder zu der maechtigsten +unter all den kleinen Herrschaften in diesen Strichen machten; ferner +einige Ortschaften im westlichen Thessalien, die Amynander besetzt +hatte und die man ihm liess, und die drei Inseln Paros, Skyros und +Imbros, welche Athen fuer seine vielen Drangsale und seine noch +zahlreicheren Dankadressen und Hoeflichkeiten aller Art zum Geschenk +erhielt. Dass die Rhodier ihre karischen Besitzungen behielten und +Aegina den Pergamenern blieb, versteht sich. Sonst ward den +Bundesgenossen nur mittelbar gelohnt durch den Zutritt der neu +befreiten Staedte zu den verschiedenen Eidgenossenschaften. Am besten +wurden die Achaeer bedacht, die doch am spaetesten der Koalition gegen +Philippos beigetreten waren; wie es scheint, aus dem ehrenwerten +Grunde, dass dieser Bundesstaat unter allen griechischen der +geordnetste und ehrbarste war. Die saemtlichen Besitzungen Philipps auf +dem Peloponnes und dem Isthmos, also namentlich Korinth, wurden ihrem +Bunde einverleibt. Mit den Aetolern dagegen machte man wenig Umstaende; +sie durften die phokischen und lokrischen Staedte in ihre Symmachie +aufnehmen, allein ihre Versuche, dieselbe auch auf Akarnanien und +Thessalien auszudehnen, wurden teils entschieden zurueckgewiesen, teils +in die Ferne geschoben, und die thessalischen Staedte vielmehr in vier +kleine selbstaendige Eidgenossenschaften geordnet. Dem Rhodischen +Staedtebund kam die Befreiung von Thasos und Lemnos, der thrakischen +und kleinasiatischen Staedte zugute. + +Schwierigkeit machte die Ordnung der inneren Verhaeltnisse +Griechenlands, sowohl der Staaten zueinander, als der einzelnen Staaten +in sich. Die dringendste Angelegenheit war der zwischen den Spartanern +und Achaeern seit 550 (204) gefuehrte Krieg, dessen Vermittlung den +Roemern notwendig zufiel. Allein nach vielfachen Versuchen, Nabis zum +Nachgeben, namentlich zur Herausgabe der von Philippos ihm +ausgelieferten achaeischen Bundesstadt Argos zu bestimmen, blieb +Flamininus doch zuletzt nichts uebrig, als dem eigensinnigen kleinen +Raubherrn, der auf den offenkundigen Groll der Aetoler gegen die Roemer +und auf Antiochos’ Einruecken in Europa rechnete und die Rueckstellung +von Argos beharrlich weigerte, endlich von den saemtlichen Hellenen auf +einer grossen Tagfahrt in Korinth den Krieg erklaeren zu lassen und mit +der Flotte und dem roemisch-bundesgenoessischen Heere, darunter auch +einem von Philippos gesandten Kontingent und einer Abteilung +lakedaemonischer Emigranten unter dem legitimen Koenig von Sparta, +Agesipolis, in den Peloponnes einzuruecken (559 195). Um den Gegner +durch die ueberwaeltigende Uebermacht sogleich zu erdruecken, wurden +nicht weniger als 50000 Mann auf die Beine gebracht und mit +Vernachlaessigung der uebrigen Staedte sogleich die Hauptstadt selbst +umstellt; allein der gewuenschte Erfolg ward dennoch nicht erreicht. +Nabis hatte eine betraechtliche Armee, bis 15000 Mann, darunter 5000 +Soeldner, ins Feld gestellt und seine Herrschaft durch ein +vollstaendiges Schreckensregiment, die Hinrichtung in Masse der ihm +verdaechtigen Offiziere und Bewohner der Landschaft, aufs neue +befestigt. Sogar als er selber nach den ersten Erfolgen der roemischen +Armee und Flotte sich entschloss, nachzugeben und die von Flamininus +ihm gestellten verhaeltnismaessig sehr guenstigen Bedingungen +anzunehmen, verwarf “das Volk”, das heisst das von Nabis in Sparta +angesiedelte Raubgesindel, nicht mit Unrecht die Rechenschaft nach dem +Siege fuerchtend und getaeuscht durch obligate Luegen ueber die +Beschaffenheit der Friedensbedingungen und das Heranruecken der Aetoler +und der Asiaten, den von dem roemischen Feldherrn gebotenen Frieden, +und der Kampf begann aufs neue. Es kam zu einer Schlacht vor den Mauern +und zu einem Sturm auf dieselben; schon waren sie von den Roemern +erstiegen, als das Anzuenden der genommenen Strassen die Stuermenden +wieder zur Umkehr zwang. Endlich nahm denn doch der eigensinnige +Widerstand ein Ende. Sparta behielt seine Selbstaendigkeit und ward +weder gezwungen, die Emigranten wieder aufzunehmen, noch dem +Achaeischen Bunde beizutreten; sogar die bestehende monarchische +Verfassung und Nabis selbst blieben unangetastet. Dagegen musste Nabis +seine auswaertigen Besitzungen, Argos, Messene, die kretischen Staedte +und ueberdies noch die ganze Kueste, abtreten, sich verpflichten, weder +auswaertige Buendnisse zu schliessen noch Krieg zu fuehren und keine +anderen Schiffe zu halten als zwei offene Kaehne, endlich alles Raubgut +wieder abzuliefern, den Roemern Geiseln zu stellen und eine +Kriegskontribution zu zahlen. Den spartanischen Emigranten wurden die +Staedte an der lakonischen Kueste gegeben und diese neue Volksgemeinde, +die im Gegensatz zu den monarchisch regierten Spartanern sich die der +“freien Lakonen” nannte, angewiesen, in den Achaeischen Bund +einzutreten. Ihr Vermoegen erhielten die Emigrierten nicht zurueck, +indem die ihnen angewiesene Landschaft dafuer als Ersatz angesehen +ward; wogegen verfuegt wurde, dass ihre Weiber und Kinder nicht wider +deren Willen in Sparta zurueckgehalten werden sollten. Die Achaeer, +obwohl sie durch diese Verfuegung ausser Argos noch die freien Lakonen +erhielten, waren dennoch wenig zufrieden; sie hatten die Beseitigung +des gefuerchteten und gehassten Nabis, die Rueckfuehrung der +Emigrierten und die Ausdehnung der achaeischen Symmachie auf den ganzen +Peloponnes erwartet. Der Unbefangene wird indes nicht verkennen, dass +Flamininus diese schwierigen Angelegenheiten so billig und gerecht +regelte, wie es moeglich ist, wo zwei beiderseits unbillige und +ungerechte politische Parteien sich gegenueberstehen. Bei der alten und +tiefen Verfeindung zwischen den Spartanern und Achaeern waere die +Einverleibung Spartas in den Achaeischen Bund einer Unterwerfung +Spartas unter die Achaeer gleichgekommen, was der Billigkeit nicht +minder zuwiderlief als der Klugheit. Die Rueckfuehrung der Emigranten +und die vollstaendige Restauration eines seit zwanzig Jahren +beseitigten Regiments wuerde nur ein Schreckensregiment an die Stelle +eines anderen gesetzt haben; der Ausweg, den Flamininus ergriff, war +eben darum der rechte, weil er beide extreme Parteien nicht +befriedigte. Endlich schien dafuer gruendlich gesorgt, dass es mit dem +spartanischen See- und Landraub ein Ende hatte und das Regiment +daselbst, wie es nun eben war, nur der eigenen Gemeinde unbequem fallen +konnte. Es ist moeglich, dass Flamininus, der den Nabis kannte und +wissen musste, wie wuenschenswert dessen persoenliche Beseitigung war, +davon abstand, um nur einmal zu Ende zu kommen und nicht durch +unabsehbar sich fortspinnende Verwicklungen den reinen Eindruck seiner +Erfolge zu trueben; moeglich auch, dass er ueberdies an Sparta ein +Gegengewicht gegen die Macht der Achaeischen Eidgenossenschaft im +Peloponnes zu konservieren suchte. Indes der erste Vorwurf trifft einen +Nebenpunkt und in letzterer Hinsicht ist es wenig wahrscheinlich, dass +die Roemer sich herabliessen, die Achaeer zu fuerchten. + +Aeusserlich wenigstens war somit zwischen den kleinen griechischen +Staaten Friede gestiftet. Aber auch die inneren Verhaeltnisse der +einzelnen Gemeinden gaben dem roemischen Schiedsrichter zu tun. Die +Boeoter trugen ihre makedonische Gesinnung selbst noch nach der +Verdraengung der Makedonier aus Griechenland offen zur Schau; nachdem +Flamininus auf ihre Bitten ihren in Philippos’ Diensten gestandenen +Landsleuten die Rueckkehr verstattet hatte, ward der entschiedenste der +makedonischen Parteigaenger, Brachyllas, zum Vorstand der Boeotischen +Genossenschaft erwaehlt und auch sonst Flamininus auf alle Weise +gereizt. Er ertrug es mit beispielloser Geduld: indes die roemisch +gesinnten Boeoter, die wussten, was nach dem Abzug der Roemer ihrer +warte, beschlossen den Tod des Brachyllas, und Flamininus, dessen +Erlaubnis sie sich dazu erbitten zu muessen glaubten, sagte wenigstens +nicht nein. Brachyllas ward demnach ermordet; worauf die Boeoter sich +nicht begnuegten, die Moerder zu verfolgen, sondern auch den einzeln +durch ihr Gebiet passierenden roemischen Soldaten auflauerten und deren +an 500 erschlugen. Dies war denn doch zu arg; Flamininus legte ihnen +eine Busse von einem Talent fuer jeden Soldaten auf, und da sie diese +nicht zahlten, nahm er die naechstliegenden Truppen zusammen und +belagerte Koroneia (558 196). Nun verlegte man sich auf Bitten; in der +Tat liess Flamininus auf die Verwendung der Achaeer und Athener gegen +eine sehr maessige Busse von den Schuldigen ab, und obwohl die +makedonische Partei fortwaehrend in der kleinen Landschaft am Ruder +blieb, setzten die Roemer ihrer knabenhaften Opposition nichts entgegen +als die Langmut der Uebermacht. Auch im uebrigen Griechenland begnuegte +sich Flamininus, soweit es ohne Gewalttaetigkeit anging, auf die +inneren Verhaeltnisse namentlich der neubefreiten Gemeinden +einzuwirken, den Rat und die Gerichte in die Haende der Reicheren und +die antimakedonisch gesinnte Partei ans Ruder zu bringen und die +staedtischen Gemeinwesen dadurch, dass er das, was in jeder Gemeinde +nach Kriegsrecht an die Roemer gefallen war, zu dem Gemeindegut der +betreffenden Stadt schlug, moeglichst an das roemische Interesse zu +knuepfen. Im Fruehjahr 560 (194) war die Arbeit beendigt: Flamininus +versammelte noch einmal in Korinth die Abgeordneten der saemtlichen +griechischen Gemeinden, ermahnte sie zu verstaendigem und maessigem +Gebrauch der ihnen verliehenen Freiheit und erbat sich als einzige +Gegengabe fuer die Roemer, dass man die italischen Gefangenen, die +waehrend des Hannibalischen Krieges nach Griechenland verkauft worden +waren, binnen dreissig Tagen ihm zusende. Darauf raeumte er die letzten +Festungen, in denen noch roemische Besatzung stand, Demetrias, Chalkis +nebst den davon abhaengigen kleineren Forts auf Euboea, und +Akrokorinth, also die Rede der Aetoler, dass Rom die Fesseln +Griechenlands von Philippos geerbt, tatsaechlich Luege strafend, und +zog mit den saemtlichen roemischen Truppen und den befreiten Gefangenen +in die Heimat. + +Nur von der veraechtlichen Unredlichkeit oder der schwaechlichen +Sentimentalitaet kann es verkannt werden, dass es mit der Befreiung +Griechenlands den Roemern vollkommen ernst war, und die Ursache, +weshalb der grossartig angelegte Plan ein so kuemmerliches Gebaeude +lieferte, einzig zu suchen ist in der vollstaendigen sittlichen und +staatlichen Aufloesung der hellenischen Nation. Es war nichts Geringes, +dass eine maechtige Nation das Land, welches sie sich gewoehnt hatte, +als ihre Urheimat und als das Heiligtum ihrer geistigen und hoeheren +Interessen zu betrachten, mit ihrem maechtigen Arm ploetzlich zur +vollen Freiheit fuehrte und jeder Gemeinde desselben die Befreiung von +fremder Schatzung und fremder Besatzung und die unbeschraenkte +Selbstregierung verlieh; bloss die Jaemmerlichkeit sieht hierin nichts +als politische Berechnung. Der politische Kalkuel machte den Roemern +die Befreiung Griechenlands moeglich, zur Wirklichkeit wurde sie durch +die eben damals in Rom und vor allem in Flamininus selbst +unbeschreiblich maechtigen hellenischen Sympathien. Wenn ein Vorwurf +die Roemer trifft, so ist es der, dass sie alle und vor allem den +Flamininus, der die wohlbegruendeten Bedenken des Senats ueberwand, der +Zauber des hellenischen Namens hinderte, die Erbaermlichkeit des +damaligen griechischen Staatenwesens in ihrem ganzen Umfang zu +erkennen, und dass sie all den Gemeinden, die mit ihren in sich und +gegeneinander gaerenden ohnmaechtigen Antipathien weder zu handeln noch +sich ruhig zu halten verstanden, ihr Treiben auch ferner gestatteten. +Wie die Dinge einmal standen, war es vielmehr noetig, dieser ebenso +kuemmerlichen als schaedlichen Freiheit durch eine an Ort und Stelle +dauernd anwesende Uebermacht ein- fuer allemal ein Ende zu machen; die +schwaechliche Gefuehlspolitik war bei all ihrer scheinbaren Humanitaet +weit grausamer, als die strengste Okkupation gewesen sein wuerde. In +Boeotien zum Beispiel musste Rom einen politischen Mord, wenn nicht +veranlassen, doch zulassen, weil man sich einmal entschlossen hatte, +die roemischen Truppen aus Griechenland wegzuziehen und somit den +roemisch gesinnten Griechen nicht wehren konnte, dass sie landueblicher +Weise sich selber halfen. Aber auch Rom selbst litt unter den Folgen +dieser Halbheit. Der Krieg mit Antiochos waere nicht entstanden ohne +den politischen Fehler der Befreiung Griechenlands, und er waere +ungefaehrlich geblieben ohne den militaerischen Fehler, aus den +Hauptfestungen an der europaeischen Grenze die Besatzungen wegzuziehen. +Die Geschichte hat eine Nemesis fuer jede Suende, fuer den impotenten +Freiheitsdrang wie fuer den unverstaendigen Edelmut. + + + + +KAPITEL IX. +Der Krieg gegen Antiochos von Asien + + +In dem Reiche Asien trug das Diadem der Seleukiden seit dem Jahre 531 +(223) der Koenig Antiochos der Dritte, der Urenkel des Begruenders der +Dynastie. Auch er war gleich Philippos mit neunzehn Jahren zur +Regierung gekommen und hatte Taetigkeit und Unternehmungsgeist genug +namentlich in seinen ersten Feldzuegen im Osten entwickelt, um ohne +allzu arge Laecherlichkeit im Hofstil der Grosse zu heissen. Mehr indes +durch die Schlaffheit seiner Gegner, namentlich des aegyptischen +Philopator, als durch seine eigene Tuechtigkeit war es ihm gelungen, +die Integritaet der Monarchie einigermassen wiederherzustellen und +zuerst die oestlichen Satrapien Medien und Parthyene, dann auch den von +Achaeos diesseits des Tauros in Kleinasien begruendeten Sonderstaat +wieder mit der Krone zu vereinigen. Ein erster Versuch, das schmerzlich +entbehrte syrische Kuestenland den Aegyptern zu entreissen, war im +Jahre der Trasimenischen Schlacht von Philopator bei Raphia blutig +zurueckgewiesen worden, und Antiochos hatte sich wohl gehuetet, mit +Aegypten den Streit wieder aufzunehmen, solange dort ein Mann, wenn +auch ein schlaffer, auf dem Thron sass. Aber nach Philopators Tode (549 +205) schien der rechte Augenblick gekommen, mit Aegypten ein Ende zu +machen; Antiochos verband sich zu diesem Zweck mit Philippos und hatte +sich auf Koilesyrien geworfen, waehrend dieser die kleinasiatischen +Staedte angriff. Als die Roemer hier intervenierten, schien es einen +Augenblick, als werde Antiochos gegen sie mit Philippos +gemeinschaftliche Sache machen, wie die Lage der Dinge und der +Buendnisvertrag es mit sich brachten. Allein nicht weitsichtig genug, +um ueberhaupt die Einmischung der Roemer in die Angelegenheiten des +Ostens sofort mit aller Energie zurueckzuweisen, glaubte Antiochos +seinen Vorteil am besten zu wahren, wenn er Philippos’ leicht +vorauszusehende Ueberwaeltigung durch die Roemer dazu nutzte, um das +Aegyptische Reich, das er mit Philippos hatte teilen wollen, nun fuer +sich allein zu gewinnen. Trotz der engen Beziehungen Roms zu dem +alexandrinischen Hof und dem koeniglichen Muendel hatte doch der Senat +keineswegs die Absicht, wirklich, wie er sich nannte, dessen +“Beschuetzer” zu sein; fest entschlossen, sich um die asiatischen +Angelegenheiten nicht anders als im aeussersten Notfall zu bekuemmern +und den Kreis der roemischen Macht mit den Saeulen des Herakles und dem +Hellespont zu begrenzen, liess er den Grosskoenig machen. Mit der +Eroberung des eigentlichen Aegypten, die leichter gesagt als getan war, +mochte es freilich diesem selbst nicht recht ernst sein; dagegen ging +er daran, die auswaertigen Besitzungen Aegyptens eine nach der andern +zu unterwerfen und griff zunaechst die kilikischen sowie die syrischen +und palaestinensischen an. Der grosse Sieg, den er im Jahre 556 (198) +am Berge Panion bei den Jordanquellen ueber den aegyptischen Feldherrn +Skopas erfocht, gab ihm nicht bloss den vollstaendigen Besitz dieses +Gebiets bis an die Grenze des eigentlichen Aegypten, sondern schreckte +die aegyptischen Vormuender des jungen Koenigs so sehr, dass dieselben, +um Antiochos vom Einruecken in Aegypten abzuhalten, sich zum Frieden +bequemten und durch das Verloebnis ihres Muendels mit der Tochter des +Antiochos, Kleopatra, den Frieden besiegelten. Nachdem also das +naechste Ziel erreicht war, ging Antiochos in dem folgenden Jahr, dem +der Schlacht von Kynoskephalae, mit einer starken Flotte von 100 Deck- +und 100 offenen Schiffen nach Kleinasien, um die ehemals aegyptischen +Besitzungen an der Sued- und Westkueste Kleinasiens in Besitz zu nehmen +- wahrscheinlich hatte die aegyptische Regierung diese Distrikte, die +faktisch in Philippos’ Haenden waren, im Frieden an Antiochos +abgetreten und ueberhaupt auf die saemtlichen auswaertigen Besitzungen +zu dessen Gunsten verzichtet - und um ueberhaupt die kleinasiatischen +Griechen wieder zum Reiche zu bringen. Zugleich sammelte sich ein +starkes syrisches Landheer in Sardes. + +Dieses Beginnen war mittelbar gegen die Roemer gerichtet, welche von +Anfang an Philippos die Bedingung gestellt hatten, seine Besatzungen +aus Kleinasien wegzuziehen und den Rhodiern und Pergamenern ihr Gebiet, +den Freistaedten die bisherige Verfassung ungekraenkt zu lassen, und +nun an Philippos’ Stelle sich Antiochos derselben bemaechtigen sehen +mussten. Unmittelbar aber sahen sich Attalos und die Rhodier jetzt von +Antiochos durchaus mit derselben Gefahr bedroht, die sie wenige Jahre +zuvor zum Kriege gegen Philippos getrieben hatte; und natuerlich +suchten sie die Roemer in diesen Krieg ebenso wie in den eben +beendigten zu verwickeln. Schon 555/56 (199/98) hatte Attalos von den +Roemern militaerische Hilfe begehrt gegen Antiochos, der sein Gebiet +besetzt habe, waehrend Attalos’ Truppen in dem roemischen Kriege +beschaeftigt seien. Die energischeren Rhodier erklaerten sogar dem +Koenig Antiochos, als im Fruehjahr 557 (197) dessen Flotte an der +kleinasiatischen Kueste hinauf segelte, dass sie die Ueberschreitung +der Chelidonischen Inseln (an der lykischen Kueste) als +Kriegserklaerung betrachten wuerden, und als Antiochos sich hieran +nicht kehrte, hatten sie, ermutigt durch die eben eintreffende Kunde +von der Schlacht bei Kynoskephalae, sofort den Krieg begonnen und die +wichtigsten karischen Staedte Kaunos, Halikarnassos, Myndos, ferner die +Insel Samos in der Tat vor dem Koenig geschuetzt. Auch von den +halbfreien Staedten hatten zwar die meisten sich demselben gefuegt, +allein einige derselben, namentlich die wichtigen Staedte Smyrna, +Alexandreia, Trogs und Lampsakos hatten auf die Kunde von der +Ueberwaeltigung Philipps gleichfalls Mut bekommen, sich dem Syrer zu +widersetzen, und ihre dringenden Bitten vereinigten sich mit denen der +Rhodier. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Antiochos, soweit er +ueberhaupt faehig war, einen Entschluss zu fassen und festzuhalten, +schon jetzt es bei sich festgestellt hatte, nicht bloss die +aegyptischen Besitzungen in Asien an sich zu bringen, sondern auch in +Europa fuer sich zu erobern und einen Krieg deswegen mit Rom wo nicht +zu suchen, doch es darauf ankommen zu lassen. Die Roemer hatten +insofern alle Ursache, jenem Ansuchen ihrer Bundesgenossen zu +willfahren und in Asien unmittelbar zu intervenieren; aber sie +bezeigten sich dazu wenig geneigt. Nicht bloss zauderte man, solange +der Makedonische Krieg waehrte, und gab dem Attalos nichts als den +Schutz diplomatischer Verwendung, die uebrigens zunaechst sich wirksam +erwies; sondern auch nach dem Siege sprach man wohl es aus, dass die +Staedte, die Ptolemaeos und Philippos in Haenden gehabt, nicht von +Antiochos sollten in Besitz genommen werden, und die Freiheit der +asiatischen Staedte Myrina, Abydos, Lampsakos ^1, Kios figurierte in +den roemischen Aktenstuecken, allein man tat nicht das Geringste, um +sie durchzusetzen und liess es geschehen, dass Koenig Antiochos die +gute Gelegenheit des Abzugs der makedonischen Besatzungen aus denselben +benutzte, um die seinigen hineinzulegen. Ja man ging so weit, sich +selbst dessen Landung in Europa im Fruehjahr 557 (197) und sein +Einruecken in den Thrakischen Chersonesos gefallen zu lassen, wo er +Sestos und Madytos in Besitz nahm und laengere Zeit verwandte auf die +Zuechtigung der thrakischen Barbaren und die Wiederherstellung des +zerstoerten Lysimacheia, das er zu seinem Hauptwaffenplatz und zur +Hauptstadt der neugegruendeten Satrapie Thrakien ausersehen hatte. +Flamininus, in dessen Haenden die Leitung dieser Angelegenheiten sich +befand, schickte wohl nach Lysimacheia an den Koenig Gesandte, die von +der Integritaet des aegyptischen Gebiets und von der Freiheit der +saemtlichen Hellenen redeten; allein es kam dabei nichts heraus. Der +Koenig redete wiederum von seinen unzweifelhaften Rechtstiteln auf das +alte, von seinem Ahnherrn Seleukos eroberte Reich des Lysimachos, +setzte auseinander, dass er nicht beschaeftigt sei, Land zu erobern, +sondern einzig die Integritaet seines angestammten Gebiets zu wahren, +und lehnte die roemische Vermittlung in seinen Streitigkeiten mit den +ihm untertaenigen Staedten in Kleinasien ab. Mit Recht konnte er +hinzufuegen, dass mit Aegypten bereits Friede geschlossen sei und es +den Roemern insofern an einem formellen Grund fehle zu intervenieren +^2. Die ploetzliche Heimkehr des Koenigs nach Asien, veranlasst durch +die falsche Nachricht von dem Tode des jungen Koenigs von Aegypten und +die dadurch hervorgerufenen Projekte einer Landung auf Kypros oder gar +in Alexandreia, beendigte die Konferenzen, ohne dass man auch nur zu +einem Abschluss, geschweige denn zu einem Resultat gekommen waere. Das +folgende Jahr 559 (195) kam Antiochos wieder nach Lysimacheia mit +verstaerkter Flotte und Armee und beschaeftigte sich mit der +Einrichtung der neuen Satrapie, die er seinem Sohne Seleukos bestimmte; +in Ephesos kam Hannibal zu ihm, der von Karthago hatte landfluechtig +werden muessen, und der ungemein ehrenvolle Empfang, der ihm zuteil +ward, war so gut wie eine Kriegserklaerung gegen Rom. +Nichtsdestoweniger zog noch im Fruehjahr 560 (194) Flamininus +saemtliche roemische Besatzungen aus Griechenland heraus. Es war dies +unter den obwaltenden Verhaeltnissen wenigstens eine arge Verkehrtheit, +wenn nicht ein straefliches Handeln wider das eigene bessere Wissen; +denn der Gedanke laesst sich nicht abweisen, dass Flamininus, um nur +den Ruhm des gaenzlich beendigten Krieges und des befreiten Hellas +ungeschmaelert heimzubringen, sich begnuegte, das glimmende Feuer des +Aufstandes und des Krieges vorlaeufig oberflaechlich zu verschuetten. +Der roemische Staatsmann mochte vielleicht recht haben, wenn er jeden +Versuch, Griechenland unmittelbar in roemische Botmaessigkeit zu +bringen und jede Intervention der Roemer in die asiatischen +Angelegenheiten fuer einen politischen Fehler erklaerte; aber die +gaerende Opposition in Griechenland, der schwaechliche Uebermut des +Asiaten, das Verweilen des erbitterten Roemerfeindes, der schon den +Westen gegen Rom in Waffen gebracht hatte, im syrischen Hauptquartier, +alles dies waren deutliche Anzeichen des Herannahens einer neuen +Schilderhebung des hellenischen Ostens, deren Ziel mindestens sein +musste, Griechenland aus der roemischen Klientel in die der +antiroemisch gesinnten Staaten zu bringen und, wenn dies erreicht +worden waere, sofort sich weiter gesteckt haben wuerde. Es ist +einleuchtend, dass Rom dies nicht geschehen lassen konnte. Indem +Flamininus, all jene sicheren Kriegsanzeichen ignorierend, aus +Griechenland die Besatzungen wegzog und gleichzeitig dennoch an den +Koenig von Asien Forderungen stellte, fuer die marschieren zu lassen er +nicht gesonnen war, tat er in Worten zu viel, was in Taten zu wenig und +vergass seiner Feldherrn- und Buergerpflicht ueber der eigenen +Eitelkeit, die Rom den Frieden und den Griechen in beiden Weltteilen +die Freiheit geschenkt zu haben wuenschte und waehnte. + +——————————————————————————— + +^1 Nach einem kuerzlich aufgefundenen Dekret der Stadt Lampsakos (AM 6, +1891, S. 95) schickten die Lampsakener nach der Niederlage Philipps +Gesandte an den roemischen Senat mit der Bitte, dass die Stadt in den +zwischen Rom und dem Koenig (Philippos) abgeschlossenen Vertrag mit +einbezogen werden moege (όπως συμπεριληφθώμεν [εν ταίς συνθήκαις] ταίς +γενομέναις Ρωμαίοις πρός τόν [βασιλέα]), welche der Senat, wenigstens +nach der Auffassung der Bittsteller, denselben gewaehrte und sie im +uebrigen an Flamininus und die zehn Gesandten wies. Von diesem erbitten +dann dieselben in Korinth Garantie ihrer Verfassung und Briefe an die +Koenige. Flamininus gibt ihnen auch dergleichen Schreiben; ueber den +Inhalt erfahren wir nichts Genaueres, als dass in dem Dekret die +Gesandtschaft als erfolgreich bezeichnet wird. Aber wenn der Senat und +Flamininus die Autonomie und Demokratie der Lampsakener formell und +positiv garantiert haetten, wuerde das Dekret schwerlich so +ausfuehrlich bei den hoeflichen Antworten verweilen, welche die +unterwegs um Verwendung bei dem Senat angesprochenen roemischen +Befehlshaber den Gesandten erteilten. + +Bemerkenswert ist in dieser Urkunde noch die gewiss auf die troische +Legende zurueckgehende “Bruederschaft” der Lampsakener und der Roemer +und die von jenen mit Erfolg angerufene Vermittlung der Bundesgenossen +und Freunde Roms, der Massalioten, welche mit den Lampsakenern durch +die gemeinsame Mutterstadt Phokaea verbunden waren. + +^2 Das bestimmte Zeugnis des Hieronymos, welcher das Verloebnis der +syrischen Kleopatra mit Ptolemaeos Epiphanes in das Jahr 556 (198) +setzt, in Verbindung mit den Andeutungen bei Livius (33, 40) und Appian +(Syr. 3) und mit dem wirklichen Vollzug der Vermaehlung im Jahre 561 +(193) setzen es ausser Zweifel dass die Einmischung der Roemer in die +aegyptischen Angelegenheiten in diesem Fall eine formell unberufene +war. + +——————————————————————————- + +Antiochos nuetzte die unerwartete Frist, um im Innern und mit seinen +Nachbarn die Verhaeltnisse zu befestigen, bevor er den Krieg beginnen +wuerde, zu dem er seinerseits entschlossen war und immer mehr es ward, +je mehr der Feind zu zoegern schien. Er vermaehlte jetzt (561 193) dem +jungen Koenig von Aegypten dessen Verlobte, seine Tochter Kleopatra; +dass er zugleich seinem Schwiegersohn die Rueckgabe der ihm entrissenen +Provinzen versprochen habe, ward zwar spaeter aegyptischerseits +behauptet, allein wahrscheinlich mit Unrecht, und jedenfalls blieb +faktisch das Land bei dem Syrischen Reiche ^3. Er bot dem Eumenes, der +im Jahre 557 (197) seinem Vater Attalos auf dem Thron von Pergamon +gefolgt war, die Zurueckgabe der ihm abgenommenen Staedte und +gleichfalls eine seiner Toechter zur Gemahlin, wenn er von dem +roemischen Buendnis lassen wolle. Ebenso vermaehlte er eine Tochter dem +Koenig Ariarathes von Kappadokien und gewann die Galater durch +Geschenke, waehrend er die stets aufruehrerischen Pisidier und andere +kleine Voelkerschaften mit den Waffen bezwang. Den Byzantiern wurden +ausgedehnte Privilegien bewilligt; in Hinsicht der kleinasiatischen +Staedte erklaerte der Koenig, dass er die Unabhaengigkeit der alten +Freistaedte wie Rhodos und Kyzikos, zugestehen und hinsichtlich der +uebrigen sich begnuegen wolle mit einer bloss formellen Anerkennung +seiner landesherrlichen Gewalt; er gab sogar zu verstehen, dass er +bereit sei, sich dem Schiedsspruch der Rhodier zu unterwerfen. Im +europaeischen Griechenland war er der Aetoler gewiss und hoffte auch +Philippos wieder unter die Waffen zu bringen. Ja es erhielt ein Plan +Hannibals die koenigliche Genehmigung, wonach dieser von Antiochos eine +Flotte von 100 Segeln und ein Landheer von 10000 Mann zu Fuss und 1000 +Reitern erhalten und damit zuerst in Karthago den Dritten Punischen und +sodann in Italien den Zweiten Hannibalischen Krieg erwecken sollte; +tyrische Emissaere gingen nach Karthago, um die Schilderhebung daselbst +einzuleiten. Man hoffte endlich auf Erfolge der spanischen +Insurrektion, die eben als Hannibal Karthago verliess auf ihrem +Hoehepunkt stand. + +————————————————————— + +^3 Wir haben dafuer das Zeugnis des Polybios (28, 1), das die weitere +Geschichte Judaeas vollkommen bestaetigt; Eusebios (chron. p. 117 Mai) +irrt, wenn er Philometor zum Herrn von Syrien macht. Allerdings finden +wir, dass um 567 (187) syrische Steuerpaechter ihre Abgaben nach +Alexandreia zahlen (Ios. ant. Iud. 12, 4, 7); allein ohne Zweifel +geschah dies unbeschadet der Souveraenitaetsrechte nur deswegen, weil +die Mitgift der Kleopatra auf diese Stadtgefaelle angewiesen war; und +eben daher entsprang spaeter vermutlich der Streit. + +—————————————————————- + +Waehrend also von langer Hand und im weitesten Umfang der Sturm gegen +Rom vorbereitet ward, waren es wie immer die in diese Unternehmung +verwickelten Hellenen, die am wenigsten bedeuteten und am wichtigsten +und ungeduldigsten taten. Die erbitterten und uebermuetigen Aetoler +fingen nachgerade selber an zu glauben, dass Philippos von ihnen und +nicht von den Roemern ueberwunden worden sei, und konnten es gar nicht +erwarten, dass Antiochos in Griechenland einruecke. Ihre Politik ist +charakterisiert durch die Antwort, die ihr Strateg bald darauf dem +Flamininus gab, da derselbe eine Abschrift der Kriegserklaerung gegen +Rom begehrte: die werde er selber ihm ueberbringen, wenn das aetolische +Heer am Tiber lagern werde. Die Aetoler machten die Geschaeftstraeger +des syrischen Koenigs fuer Griechenland und taeuschten beide Teile, +indem sie dem Koenig vorspiegelten, dass alle Hellenen die Arme nach +ihm als ihrem rechten Erloeser, ausstreckten, und denen, die in +Griechenland auf sie hoeren wollten, dass die Landung des Koenigs +naeher sei, als sie wirklich war. So gelang es ihnen in der Tat, den +einfaeltigen Eigensinn des Nabis zum Losschlagen zu bestimmen und damit +in Griechenland das Kriegsfeuer zwei Jahre nach Flamininus’ Entfernung, +im Fruehling 562 (192) wieder anzufachen; allein sie verfehlten damit +ihren Zweck. Nabis warf sich auf Gythion, eine der durch den letzten +Vertrag an die Achaeer gekommenen Staedte der freien Lakonen und nahm +sie ein, allein der kriegserfahrene Strateg, der Achaeer Philopoemen, +schlug ihn an den Barbosthenischen Bergen und kaum den vierten Teil +seines Heeres brachte der Tyrann wieder in seine Hauptstadt zurueck, in +der Philopoemen ihn einschloss. Da ein solcher Anfang freilich nicht +genuegte, um Antiochos nach Europa zufuehren, beschlossen die Aetoler, +sich selber in den Besitz von Sparta, Chalkis und Demetrias zu setzen +und durch den Gewinn dieser wichtigen Staedte den Koenig zur +Einschiffung zu bestimmen. Zunaechst gedachte man sich Spartas dadurch +zu bemaechtigen, dass der Aetoler Alexamenos, unter dem Vorgeben, +bundesmaessigen Zuzug zu bringen, mit 1000 Mann in die Stadt +einrueckend, bei dieser Gelegenheit den Nabis aus dem Wege raeume und +die Stadt besetze. Es geschah so und Nabis ward bei einer Heerschau +erschlagen; allein als die Aetoler darauf, um die Stadt zu pluendern, +sich zerstreuten, fanden die Lakedaemonier Zeit sich zu sammeln und +machten sie bis auf den letzten Mann nieder. Die Stadt liess darauf von +Philopoemen sich bestimmen, in den Achaeischen Bund einzutreten. +Nachdem den Aetolern dies loebliche Projekt also verdientermassen nicht +bloss gescheitert war, sondern gerade den entgegengesetzten Erfolg +gehabt hatte, fast den ganzen Peloponnes in den Haenden der Gegenpartei +zu einigen, ging es ihnen auch in Chalkis wenig besser, indem die +roemische Partei daselbst gegen die Aetoler und die chalkidischen +Verbannten die roemisch gesinnten Buergerschaften von Eretria und +Karystos auf Euboea rechtzeitig herbeirief. Dagegen glueckte die +Besetzung von Demetrias, da die Magneten, denen die Stadt zugefallen +war, nicht ohne Grund fuerchteten, dass sie von den Roemern dem +Philippos als Preis fuer die Hilfe gegen Antiochos versprochen sei; es +kam hinzu, dass mehrere Schwadronen aetolischer Reiter unter dem +Vorwende, dem Eurylochos, dem zurueckgerufenen Haupt der Opposition +gegen Rom, das Geleite zu geben, sich in die Stadt einzuschleichen +wussten. So traten die Magneten halb freiwillig, halb gezwungen auf die +Seite der Aetoler, und man saeumte nicht, dies bei dem Seleukiden +geltend zu machen. + +Antiochos entschloss sich. Der Bruch mit Rom, so sehr man auch bemueht +war, ihn durch das diplomatische Palliativ der Gesandtschaften +hinauszuschieben, liess sich nicht laenger vermeiden. Schon im +Fruehling 561 (193) hatte Flamininus, der fortfuhr, im Senat in den +oestlichen Angelegenheiten das entscheidende Wort zu haben, gegen die +Boten des Koenigs Menippos und Hegesianax das roemische Ultimatum +ausgesprochen: entweder aus Europa zu weichen und in Asien nach seinem +Gutduenken zu schalten, oder Thrakien zu behalten und das Schutzrecht +der Roemer ueber Smyrna, Lampsakos und Alexandreia Troas sich gefallen +zu lassen. Dieselben Forderungen waren in Ephesos, dem Hauptwaffenplatz +und Standquartier des Koenigs in Kleinasien, im Fruehling 562 (192) +noch einmal zwischen Antiochos und den Gesandten des Senats Publius +Sulpicius und Publius Villius, verhandelt worden, und von beiden Seiten +hatte man sich getrennt mit der Ueberzeugung, dass eine friedliche +Einigung nicht mehr moeglich sei. In Rom war seitdem der Krieg +beschlossen. Schon im Sommer 562 (192) erschien eine roemische Flotte +von 30 Segeln mit 3000 Soldaten an Bord unter Aulus Atilius Serranus +vor Gythion, wo ihr Eintreffen den Abschluss des Vertrags zwischen den +Achaeern und Spartanern beschleunigte; die sizilische und italische +Ostkueste wurde stark besetzt, um gegen etwaige Landungsversuche +gesichert zu sein; fuer den Herbst ward in Griechenland ein Landheer +erwartet. Flamininus bereiste im Auftrag des Senats seit dem Fruehjahr +562 (192) Griechenland, um die Intrigen der Gegenpartei zu +hintertreiben und soweit moeglich die unzeitige Raeumung Griechenlands +wiedergutzumachen. Bei den Aetolern war es schon so weit gekommen, dass +die Tagsatzung foermlich den Krieg gegen Rom beschloss. Dagegen gelang +es dem Flamininus, Chalkis fuer die Roemer zu retten, indem er eine +Besatzung von 500 Achaeern und 500 Pergamenern hineinwarf. Er machte +ferner einen Versuch, Demetrias wieder zu gewinnen; und die Magneten +schwankten. Wenn auch einige kleinasiatische Staedte, die Antiochos vor +dem Beginn des grossen Krieges zu bezwingen sich vorgenommen, noch +widerstanden, er durfte jetzt nicht laenger mit der Landung zoegern, +wofern er nicht die Roemer all die Vorteile wiedergewinnen lassen +wollte, die sie durch die Wegziehung ihrer Besatzungen aus Griechenland +zwei Jahre zuvor aufgegeben hatten. Antiochos nahm die Schiffe und +Truppen zusammen, die er eben unter der Hand hatte - es waren nur 40 +Deckschiffe und 10000 Mann zu Fuss nebst 500 Pferden und sechs +Elefanten - und brach vom thrakischen Chersonesos nach Griechenland +auf, wo er im Herbst 562 (192) bei Pteleon am Pagasaeischen Meerbusen +an das Land stieg und sofort das nahe Demetrias besetzte. Ungefaehr um +dieselbe Zeit landete auch ein roemisches Heer von etwa 25000 Mann +unter dem Praetor Marcus Baebius bei Apollonia. Also war von beiden +Seiten der Krieg begonnen. + +Es kam darauf an, wie weit jene umfassend angelegte Koalition gegen +Rom, als deren Haupt Antiochos auftrat, sich realisieren werde. Was +zunaechst den Plan betraf, in Karthago und Italien den Roemern Feinde +zu erwecken, so traf Hannibal wie ueberall so auch am Hof zu Ephesos +das Los, seine grossartigen und hochherzigen Plaene fuer +kleinkraemerischer und niedriger Leute Rechnung entworfen zu haben. Zu +ihrer Ausfuehrung geschah nichts, als dass man einige karthagische +Patrioten kompromittierte; den Karthagern blieb keine andere Wahl, als +sich den Roemern unbedingt botmaessig zu erweisen. Die Kamarilla wollte +eben den Hannibal nicht - der Mann war der Hofkabale zu unbequem gross, +und nachdem sie allerlei abgeschmackte Mittel versucht hatte, zum +Beispiel den Feldherrn, mit dessen Namen die Roemer ihre Kinder +schreckten, des Einverstaendnisses mit den roemischen Gesandten zu +bezichtigen, gelang es ihr, den grossen Antiochos, der wie alle +unbedeutenden Monarchen auf seine Selbstaendigkeit sich viel zugute tat +und mit nichts so leicht zu beherrschen war wie mit der Furcht, +beherrscht zu werden, auf den weisen Gedanken zu bringen, dass er sich +nicht durch den vielgenannten Mann duerfe verdunkeln lassen; worauf +denn im hohen Rat beschlossen ward, den Phoeniker kuenftig nur fuer +untergeordnete Aufgaben und zum Ratgeben zu verwenden, vorbehaltlich +natuerlich den Rat nie zu befolgen. Hannibal raechte sich an dem +Gesindel, indem er jeden Auftrag annahm und jeden glaenzend ausfuehrte. + +In Asien hielt Kappadokien zu dem Grosskoenig; dagegen trat Prusias von +Bithynien wie immer auf die Seite des Maechtigeren. Koenig Eumenes +blieb der alten Politik seines Hauses getreu, die ihm erst jetzt die +rechte Frucht tragen sollte. Er hatte Antiochos’ Anerbietungen nicht +bloss beharrlich zurueckgewiesen, sondern auch die Roemer bestaendig zu +einem Kriege gedraengt, von dem er die Vergroesserung seines Reiches +erwartete. Ebenso schlossen die Rhodier und die Byzantier sich ihren +alten Bundesgenossen an. Auch Aegypten trat auf die Seite Roms und bot +Unterstuetzung an Zufuhr und Mannschaft an, welche man indes +roemischerseits nicht annahm. + +In Europa kam es vor allem an auf die Stellung, die Philippos von +Makedonien einnehmen wuerde. Vielleicht waere es die richtige Politik +fuer ihn gewesen, sich, alles Geschehenen und nicht Geschehenen +ungeachtet, mit Antiochos zu vereinigen; allein Philippos ward in der +Regel nicht durch solche Ruecksichten bestimmt, sondern durch Neigung +und Abneigung, und begreiflicherweise traf sein Hass viel mehr den +treulosen Bundesgenossen, der ihn gegen den gemeinschaftlichen Feind im +Stich gelassen hatte, um dafuer auch seinen Anteil an der Beute +einzuziehen und ihm in Thrakien ein laestiger Nachbar zu werden, als +seinen Besieger, der ihn ruecksichts- und ehrenvoll behandelt hatte. Es +kam hinzu, dass Antiochos durch Aufstellung abgeschmackter +Praetendenten auf die makedonische Krone und durch die prunkvolle +Bestattung der bei Kynoskephalae bleichenden makedonischen Gebeine den +leidenschaftlichen Mann tief verletzte. Er stellte seine ganze +Streitmacht mit aufrichtigem Eifer den Roemern zur Verfuegung. Ebenso +entschieden wie die erste Macht Griechenlands hielt die zweite, die +Achaeische Eidgenossenschaft fest am roemischen Buendnis; von den +kleineren Gemeinden blieben ausserdem dabei die Thessaler und die +Athener, bei welchen letzteren eine von Flamininus in die Burg gelegte +achaeische Besatzung die ziemlich starke Patriotenpartei zur Vernunft +brachte. Die Epeiroten gaben sich Muehe, es womoeglich beiden Teilen +recht zu machen. Sonach traten auf Antiochos’ Seite ausser den Aetolern +und den Magneten, denen ein Teil der benachbarten Perrhaeber sich +anschloss, nur der schwache Koenig der Athamanen, Amynander, der sich +durch toerichte Aussichten auf die makedonische Koenigskrone blenden +liess, die Boeoter, bei denen die Opposition gegen Rom noch immer am +Ruder war, und im Peloponnes die Eleer und Messenier, gewohnt, mit den +Aetolern gegen die Achaeer zu stehen. Das war denn freilich ein +erbaulicher Anfang; und der Oberfeldherrntitel mit unumschraenkter +Gewalt, den die Aetoler dem Grosskoenig dekretierten, schien zu dem +Schaden der Spott. Man hatte sich eben wie gewoehnlich beiderseits +belogen: statt der unzaehlbaren Scharen Asiens fuehrte der Koenig eine +Armee heran, kaum halb so stark wie ein gewoehnliches konsularisches +Heer, und statt der offenen Arme, die saemtliche Hellenen ihrem +Befreier vom roemischen Joch entgegenstrecken sollten, trugen ein paar +Klephtenhaufen und einige verliederlichte Buergerschaften dem Koenig +Waffenbruederschaft an. + +Fuer den Augenblick freilich war Antiochos den Roemern im eigentlichen +Griechenland zuvorgekommen. Chalkis hatte Besatzung von den +griechischen Verbuendeten der Roemer und wies die erste Aufforderung +zurueck; allein die Festung ergab sich, als Antiochos mit seiner ganzen +Macht davorrueckte, und eine roemische Abteilung, die zu spaet kam, um +sie zu besetzen, wurde beim Delion von Antiochos vernichtet. Euboea +also war fuer die Roemer verloren. Noch machte schon im Winter +Antiochos in Verbindung mit den Aetolern und Athamanen einen Versuch, +Thessalien zu gewinnen; die Thermopylen wurden auch besetzt, Pherae und +andere Staedte genommen, aber Appius Claudius kam mit 2000 Mann von +Apollonia heran, entsetzte Larisa und nahm hier Stellung. Antiochos, +des Winterfeldzugs muede, zog es vor, in sein lustiges Quartier nach +Chalkis zurueckzugehen, wo es hoch herging und der Koenig sogar trotz +seiner fuenfzig Jahre und seiner kriegerischen Plaene mit einer +huebschen Chalkidierin Hochzeit machte. So verstrich der Winter 562/63 +(192/91), ohne dass Antiochos viel mehr getan haette als in +Griechenland hin- und herschreiben - er fuehre den Krieg mit Tinte und +Feder, sagte ein roemischer Offizier. Mit dem ersten Fruehjahr 563 +(191) traf der roemische Stab bei Apollonia ein, der Oberfeldherr +Manius Acilius Glabrio, ein Mann von geringer Herkunft, aber ein +tuechtiger, von den Feinden wie von seinen Soldaten gefuerchteter +Feldherr, der Admiral Gaius Livius, unter den Kriegstribunen Marcus +Porcius Cato, der Ueberwinder Spaniens, und Lucius Valerius Flaccus, +die nach altroemischer Weise es nicht verschmaehten, obwohl gewesene +Konsuln, wieder als einfache Kriegstribune in das Heer einzutreten. Mit +sich brachten sie Verstaerkungen an Schiffen und Mannschaft, darunter +numidische Reiter und libysche Elefanten, von Massinissa gesendet, und +die Erlaubnis des Senats, von den ausseritalischen Verbuendeten bis zu +5000 Mann Hilfstruppen anzunehmen, wodurch die Gesamtzahl der +roemischen Streitkraefte auf etwa 40000 Mann stieg. Der Koenig, der im +Anfang des Fruehjahrs sich zu den Aetolern begeben und von da aus eine +zwecklose Expedition nach Akarnanien gemacht hatte, kehrte auf die +Nachricht von Glabrios Landung in sein Hauptquartier zurueck, um nun in +allem Ernst den Feldzug zu beginnen. Allein durch seine und seiner +Stellvertreter in Asien Saumseligkeit waren unbegreiflicherweise ihm +alle Verstaerkungen ausgeblieben, so dass er nichts hatte als das +schwache und nun noch durch Krankheit und Desertion in den liederlichen +Winterquartieren dezimierte Heer, womit er im Herbst des vorigen Jahres +bei Pteleon gelandet war. Auch die Aetoler, die so ungeheure Massen +hatten ins Feld stellen wollen, fuehrten jetzt, da es galt, ihrem +Oberfeldherrn nicht mehr als 4000 Mann zu. Die roemischen Truppen +hatten bereits die Operationen in Thessalien begonnen, wo die Vorhut in +Verbindung mit dem makedonischen Heer die Besatzungen des Antiochos aus +den thessalischen Staedten hinausschlug und das Gebiet der Athamanen +besetzte. Der Konsul mit der Hauptarmee folgte nach; die Gesamtmacht +der Roemer sammelte sich in Larisa. Statt eilig nach Asien +zurueckzukehren und vor dem in jeder Hinsicht ueberlegenen Feind das +Feld zu raeumen, beschloss Antiochos, sich in den von ihm besetzten +Thermopylen zu verschanzen und dort die Ankunft des grossen Heeres aus +Asien abzuwarten. Er selbst stellte in dem Hauptpass sich auf und +befahl den Aetolern, den Hochpfad zu besetzen, auf welchem es einst +Xerxes gelungen war, die Spartaner zu umgehen. Allein nur der Haelfte +des aetolischen Zuzugs gefiel es, diesem Befehl des Oberfeldherrn +nachzukommen; die uebrigen 2000 Mann warfen sich in die nahe Stadt +Herakleia, wo sie an der Schlacht keinen andern Teil nahmen, als dass +sie versuchten, waehrend derselben das roemische Lager zu ueberfallen +und auszurauben. Auch die auf dem Gebirg postierten Aetoler betrieben +den Wachdienst laessig und widerwillig; ihr Posten auf dem Kallidromos +liess sich von Cato ueberrumpeln, und die asiatische Phalanx, die der +Konsul mittlerweile von vorn angegriffen hatte, stob auseinander, als +ihr die Roemer den Berg hinabeilend in die Flanke fielen. Da Antiochos +fuer nichts gesorgt und an den Rueckzug nicht gedacht hatte, so ward +das Heer teils auf dem Schlachtfeld, teils auf der Flucht vernichtet; +kaum dass ein kleiner Haufen Demetrias, und der Koenig selbst mit 500 +Mann Chalkis erreichte. Eilig schiffte er sich nach Ephesos ein; Europa +war bis auf die thrakischen Besitzungen ihm verloren und nicht einmal +die Festungen laenger zu verteidigen. Chalkis ergab sich an die Roemer, +Demetrias an Philippos, dem als Entschaedigung fuer die fast schon von +ihm vollendete und dann auf Befehl des Konsuls aufgegebene Eroberung +der Stadt Lamia in Achaia Phthiotis die Erlaubnis ward, sich der +saemtlichen zu Antiochos uebergetretenen Gemeinden im eigentlichen +Thessalien und selbst des aetolischen Grenzgebiets, der dolopischen und +aperantischen Landschaften, zu bemaechtigen. Was sich in Griechenland +fuer Antiochos ausgesprochen hatte, eilte, seinen Frieden zu machen: +die Epeiroten baten demuetig um Verzeihung fuer ihr zweideutiges +Benehmen, die Boeoter ergaben sich auf Gnade und Ungnade, die Eleer und +Messenier fuegten, die letzteren nach einigem Straeuben, sich den +Achaeern. Es erfuellte sich, was Hannibal dem Koenig vorhergesagt +hatte, dass auf die Griechen, die jedem Sieger sich unterwerfen +wuerden, schlechterdings gar nichts ankomme. Selbst die Aetoler +versuchten, nachdem ihr in Herakleia eingeschlossenes Korps nach +hartnaeckiger Gegenwehr zur Kapitulation gezwungen worden war, mit den +schwer gereizten Roemern ihren Frieden zu machen; indes die strengen +Forderungen des roemischen Konsuls und eine rechtzeitig von Antiochos +einlaufende Geldsendung gaben ihnen den Mut, die Verhandlungen noch +einmal abzubrechen und waehrend zwei ganzer Monate die Belagerung in +Naupaktos auszuhalten. Schon war die Stadt aufs Aeusserste gebracht und +die Erstuermung oder die Kapitulation nicht mehr fern, als Flamininus, +fortwaehrend bemueht, jede hellenische Gemeinde vor den aergsten Folgen +ihres eigenen Unverstandes und vor der Strenge seiner rauheren Kollegen +zu bewahren, sich ins Mittel schlug und zunaechst einen leidlichen +Waffenstillstand zustande brachte. Damit ruhten in ganz Griechenland, +vorlaeufig wenigstens, die Waffen. + +Ein ernsterer Krieg stand in Asien bevor, den nicht so sehr der Feind, +als die weite Entfernung und die unsichere Verbindung mit der Heimat in +sehr bedenklichem Licht erscheinen liessen, waehrend doch bei +Antiochos’ kurzsichtigem Eigensinn der Krieg nicht wohl anders als +durch einen Angriff im eigenen Lande des Feindes beendet werden konnte. +Es galt zunaechst, sich der See zu versichern. Die roemische Flotte, +die waehrend des Feldzugs in Griechenland die Aufgabe gehabt hatte, die +Verbindung zwischen Griechenland und Kleinasien zu unterbrechen, und +der es auch gelungen war, um die Zeit der Schlacht bei den Thermopylen +einen starken asiatischen Transport bei Andros aufzugreifen, war +seitdem beschaeftigt, den Uebergang der Roemer nach Asien fuer das +naechste Jahr vorzubereiten und zunaechst die feindliche Flotte aus dem +Aegaeischen Meer zu vertreiben. Dieselbe lag im Hafen von Kyssus auf +dem suedlichen Ufer der gegen Chios auslaufenden Landzunge Ioniens; +dort suchte die roemische sie auf, bestehend aus 75 roemischen, 23 +pergamenischen und sechs karthagischen Deckschiffen unter der Fuehrung +des Gaius Livius. Der syrische Admiral Polyxenidas, ein rhodischer +Emigrierter, hatte nur 70 Deckschiffe entgegenzustellen; allein da die +roemische Flotte noch die rhodischen Schiffe erwartete und Polyxenidas +auf die ueberlegene Seetuechtigkeit namentlich der tyrischen und +sidonischen Schiffe vertraute, nahm er den Kampf sogleich an. Zu Anfang +zwar gelang es den Asiaten, eines der karthagischen Schiffe zu +versenken; allein sowie es zum Entern kam, siegte die roemische +Tapferkeit und nur der Schnelligkeit ihrer Ruder und Segel verdankten +es die Gegner, dass sie nicht mehr als 23 Schiffe verloren. Noch +waehrend des Nachsetzens stiessen zu der roemischen Flotte 25 rhodische +Schiffe und die Ueberlegenheit der Roemer in diesen Gewaessern war nun +zwiefach entschieden. Die feindliche Flotte verhielt sich seitdem ruhig +im Hafen von Ephesos, und da es nicht gelang, sie zu einer zweiten +Schlacht zu bestimmen, loeste die roemisch-bundesgenoessische Flotte +fuer den Winter sich auf; die roemischen Kriegsschiffe gingen nach dem +Hafen von Kane in der Naehe von Pergamon. Beiderseits war man waehrend +des Winters fuer den naechsten Feldzug Vorbereitungen zu treffen +bemueht. Die Roemer suchten die kleinasiatischen Griechen auf ihre +Seite zu bringen: Smyrna, das alle Versuche des Koenigs, der Stadt sich +zu bemaechtigen, beharrlich zurueckgewiesen hatte, nahm die Roemer mit +offenen Armen auf und auch in Samos, Chios, Erythrae, Klazomenae, +Phokaea, Kyme und sonst gewann die roemische Partei die Oberhand. +Antiochos war entschlossen, den Roemern womoeglich den Uebergang nach +Asien zu wehren, weshalb er eifrig zur See ruestete und teils durch +Polyxenidas die bei Ephesos stationierende Flotte herstellen und +vermehren, teils durch Hannibal in Lykien, Syrien und Phoenikien eine +neue Flotte ausruesten liess, ausserdem aber ein gewaltiges Landheer +aus allen Gegenden seines weitlaeufigen Reiches in Kleinasien +zusammentrieb. Frueh im naechsten Jahre (564 190) nahm die roemische +Flotte ihre Operationen wieder auf. Gaius Livius liess durch die +rhodische Flotte, die diesmal, 36 Segel stark, rechtzeitig erschienen +war, die feindliche auf der Hoehe von Ephesos beobachten und ging mit +dem groessten Teil der roemischen und den pergamenischen Schiffen nach +dem Hellespont, um seinem Auftrag gemaess durch die Wegnahme der +Festungen daselbst den Uebergang des Landheeres vorzubereiten. Schon +war Sestos besetzt und Abydos aufs Aeusserste gebracht, als ihn die +Kunde von der Niederlage der rhodischen Flotte zurueckrief. Der +rhodische Admiral Pausistratos, eingeschlaefert durch die +Vorspiegelungen seines Landsmannes, von Antiochos abfallen zu wollen, +hatte sich im Hafen von Samos ueberrumpeln lassen, er selbst war +gefallen, seine saemtlichen Schiffe bis auf fuenf rhodische und zwei +troische Segel waren vernichtet, Samos, Phokaea, Kyme auf diese +Botschaft zu Seleukos uebergetreten, der in diesen Gegenden fuer seinen +Vater den Oberbefehl zu Lande fuehrte. Indes als die roemische Flotte +teils von Kane, teils vom Hellespont herbeikam und nach einiger Zeit +zwanzig neue Schiffe der Rhodier bei Samos sich mit ihr vereinigten, +ward Polyxenidas abermals genoetigt, sich in den Hafen von Ephesos +einzuschliessen. Da er die angebotene Seeschlacht verweigerte und bei +der geringen Zahl der roemischen Mannschaften an einen Angriff von der +Landseite nicht zu denken war, blieb auch der roemischen Flotte nichts +uebrig, als gleichfalls sich bei Samos aufzustellen. Eine Abteilung +ging inzwischen nach Patara an die lykische Kueste, um teils den +Rhodiern gegen die sehr beschwerlichen, von dorther auf sie gerichteten +Angriffe Ruhe zu verschaffen, teils und vornehmlich, um die feindliche +Flotte, die Hannibal heranfuehren sollte, vom Aegaeischen Meer +abzusperren. Als dieses Geschwader gegen Patara nichts ausrichtete, +erzuernte der neue Admiral Lucius Aemilius Regillus, der mit 20 +Kriegsschiffen von Rom angelangt war und bei Samos den Gaius Livius +abgeloest hatte, sich darueber so sehr, dass er mit der ganzen Flotte +dorthin aufbrach; kaum gelang es seinen Offizieren, ihm unterwegs +begreiflich zu machen, dass es zunaechst nicht auf die Eroberung von +Patara ankomme, sondern auf die Beherrschung des Aegaeischen Meeres, +und ihn zur Umkehr nach Samos zu bestimmen. Auf dem kleinasiatischen +Festland hatte mittlerweile Seleukos die Belagerung von Pergamon +begonnen, waehrend Antiochos mit dem Hauptheer das pergamenische Gebiet +und die Besitzungen der Mytilenaeer auf dem Festland verwuestete; man +hoffte, mit den verhassten Attaliden fertig zu werden, bevor die +roemische Hilfe erschien. Die roemische Flotte ging nach Elaea und dem +Hafen von Adramyttion, um den Bundesgenossen zu helfen; allein da es +dem Admiral an Truppen fehlte, richtete er nichts aus. Pergamon schien +verloren; aber die schlaff und nachlaessig geleitete Belagerung +gestattete dem Eumenes, achaeische Hilfstruppen unter Diophanes in die +Stadt zu werfen, deren kuehne und glueckliche Ausfaelle die mit der +Belagerung beauftragten gallischen Soeldner des Antiochos dieselbe +aufzuheben zwangen. Auch in den suedlichen Gewaessern wurden die +Entwuerfe des Antiochos vereitelt. Die von Hannibal geruestete und +gefuehrte Flotte versuchte, nachdem sie lange durch die stehenden +Westwinde zurueckgehalten worden war, endlich in das Aegaeische Meer zu +gelangen; allein an der Muendung des Eurymedon vor Aspendos in +Pamphylien traf sie auf ein rhodisches Geschwader unter Eudamos, und in +der Schlacht, die die beiden Flotten sich hier lieferten, trug ueber +Hannibals Taktik und ueber die numerische Ueberzahl die Vorzueglichkeit +der rhodischen Schiffe und Seeoffiziere den Sieg davon - es war dies +die erste Seeschlacht und die letzte Schlacht gegen Rom, die der grosse +Karthager schlug. Die siegreiche rhodische Flotte stellte darauf sich +bei Patara auf und hemmte hier die beabsichtigte Vereinigung der beiden +asiatischen Flotten. Im Aegaeischen Meer ward die roemisch-rhodische +Flotte bei Samos, nachdem sie durch die Entsendung der pergamenischen +Schiffe in den Hellespont zur Unterstuetzung des dort eben anlangenden +Landheers sich geschwaecht hatte, nun ihrerseits von der des +Polyxenidas angegriffen, der jetzt neun Segel mehr zaehlte als der +Gegner. Am 23. Dezember des unberichtigten Kalenders, nach dem +berichtigten etwa Ende August 564 (190), kam es zur Schlacht am +Vorgebirg Myonnesos zwischen Teos und Kolophon; die Roemer durchbrachen +die feindliche Schlachtlinie und umzingelten den linken Fluegel +gaenzlich, so dass 42 Schiffe von ihnen genommen wurden oder sanken. +Viele Jahrhunderte nachher verkuendigte den Roemern die Inschrift in +saturnischem Mass ueber dem Tempel der Seegeister, der zum Andenken +dieses Sieges auf dem Marsfeld erbaut ward, wie vor den Augen des +Koenigs Antiochos und seines ganzen Landheers die Flotte der Asiaten +geschlagen worden und die Roemer also “den grossen Zwist schlichteten +und die Koenige bezwangen”. Seitdem wagten die feindlichen Schiffe +nicht mehr, sich auf der offenen See zu zeigen und versuchten nicht +weiter, den Uebergang des roemischen Landheers zu erschweren. + +Zur Fuehrung des Krieges auf dem asiatischen Kontinent war in Rom der +Sieger von Zama ausersehen worden, der in der Tat den Oberbefehl +fuehrte fuer den nominellen Hoechstkommandierenden, seinen geistig +unbedeutenden und militaerisch unfaehigen Bruder Lucius Scipio. Die +bisher in Unteritalien stehende Reserve ward nach Griechenland, das +Heer des Glabrio nach Asien bestimmt; als es bekannt ward, wer dasselbe +befehligen werde, meldeten sich freiwillig 5000 Veteranen aus dem +Hannibalischen Krieg, um noch einmal unter ihrem geliebten Fuehrer zu +fechten. Im roemischen Juli, nach der richtigen Zeit im Maerz fanden +die Scipionen sich bei dem Heere ein, um den asiatischen Feldzug zu +beginnen; allein man war unangenehm ueberrascht, als man statt dessen +sich zunaechst in einen endlosen Kampf mit den verzweifelnden Aetolern +verwickelt fand. Der Senat, der Flamininus’ grenzenlose Ruecksichten +gegen die Hellenen uebertrieben fand, hatte den Aetolern die Wahl +gelassen zwischen Zahlung einer voellig unerschwinglichen +Kriegskontribution und unbedingter Ergebung, was sie aufs neue unter +die Waffen getrieben hatte; es war nicht abzusehen, wann dieser +Gebirgs- und Festungskrieg zu Ende gehen werde. Scipio beseitigte das +unbequeme Hindernis durch Verabredung eines sechsmonatlichen +Waffenstillstandes und trat darauf den Marsch nach Asien an. Da die +eine feindliche Flotte in dem Aegaeischen Meere nur blockiert war und +die zweite, die aus dem Suedmeer herankam, trotz des mit ihrer +Fernhaltung beauftragten Geschwaders taeglich dort eintreffen konnte, +schien es ratsam, den Landweg durch Makedonien und Thrakien +einzuschlagen und ueber den Hellespont zu gehen; hier waren keine +wesentlichen Hindernisse zu erwarten, da Koenig Philippos von +Makedonien vollstaendig zuverlaessig, auch Koenig Prusias von Bithynien +mit den Roemern in Buendnis war und die roemische Flotte leicht sich in +der Meerenge festzusetzen vermochte. Der lange und muehselige Weg +laengs der makedonischen und thrakischen Kueste ward ohne wesentlichen +Verlust zurueckgelegt; Philippos sorgte teils fuer Zufuhr, teils fuer +freundliche Aufnahme bei den thrakischen Wilden. Indes hatte man teils +mit den Aetolern, teils auf dem Marsch soviel Zeit verloren, dass das +Heer erst etwa um die Zeit der Schlacht von Myonnesos an dem +Thrakischen Chersonesos anlangte. Aber Scipios wunderbares Glueck +raeumte wie einst in Spanien und Afrika so jetzt in Asien alle +Schwierigkeiten vor ihm aus dem Wege. Auf die Kunde von der Schlacht +bei Myonnesos verlor Antiochos so vollstaendig den Kopf, dass er in +Europa die starkbesetzte und verproviantierte Festung Lysimacheia von +der Besatzung und der dem Wiederhersteller ihrer Stadt treu ergebenen +Einwohnerschaft raeumen liess und dabei sogar vergass, die Besatzungen +aus Aenos und Maroneia gleichfalls herauszuziehen, ja die reichen +Magazine zu vernichten, am asiatischen Ufer aber der Landung der Roemer +nicht den geringsten Widerstand entgegensetzte, sondern waehrend +derselben sich in Sardes damit die Zeit vertrieb, auf das Schicksal zu +schelten. Es ist kaum zweifelhaft, dass, wenn er nur bis zu dem nicht +mehr fernen Ende des Sommers Lysimacheia haette verteidigen und sein +grosses Heer an den Hellespont vorruecken lassen, Scipio genoetigt +worden waere, auf dem europaeischen Ufer Winterquartier zu nehmen, in +einer militaerisch wie politisch keineswegs gesicherten Lage. + +Waehrend die Roemer, am asiatischen Ufer ausgeschifft, einige Tage +stillstanden, um sich zu erholen und ihren durch religioese Pflichten +zurueckgehaltenen Fuehrer zu erwarten, trafen in ihrem Lager Gesandte +des Grosskoenigs ein, um ueber den Frieden zu unterhandeln. Antiochos +bot die Haelfte der Kriegskosten und die Abtretung seiner europaeischen +Besitzungen sowie der saemtlichen in Kleinasien zu Rom uebergetretenen +griechischen Staedte; allein Scipio forderte Kriegskosten und die +Aufgebung von ganz Kleinasien. Jene Bedingungen, erklaerte er, waeren +annehmbar gewesen, wenn das Heer noch vor Lysimacheia oder auch +diesseits des Hellespont staende; jetzt aber reichten sie nicht, wo das +Ross schon den Zaum, ja den Reiter fuehle. Die Versuche des +Grosskoenigs, von dem feindlichen Feldherrn in morgenlaendischer Art +den Frieden durch Geldsummen zu erkaufen - er bot die Haelfte seiner +Jahreseinkuenfte! -, scheiterten wie billig; fuer die unentgeltliche +Rueckgabe seines in Gefangenschaft geratenen Sohnes gab der stolze +Buerger dem Grosskoenig als Lohn den Freundesrat, auf jede Bedingung +Frieden zu schliessen. In der Tat stand es nicht so; haette der Koenig +sich zu entschliessen vermocht, den Krieg in die Laenge und in das +innere Asien zurueckweichend den Feind sich nachzuziehen, so war ein +guenstiger Ausgang noch keineswegs unmoeglich. Allein Antiochos, +gereizt durch den vermutlich berechneten Uebermut des Gegners und fuer +jede dauernde und konsequente Kriegfuehrung zu schlaff, eilte, seine +ungeheure, aber ungleiche und undisziplinierte Heermasse je eher desto +lieber dem Stoss der roemischen Legionen darzubieten. Im Tale des +Hermos bei Magnesia am Sipylos unweit Smyrna trafen im Spaetherbst 564 +(190) die roemischen Truppen auf den Feind. Er zaehlte nahe an 80000 +Mann, darunter 12000 Reiter; die Roemer, die von Achaeern, Pergamenern +und makedonischen Freiwilligen etwa 5000 Mann bei sich hatten, bei +weitem nicht die Haelfte; allein sie waren des Sieges so gewiss, dass +sie nicht einmal die Genesung ihres krank in Elaea zurueckgebliebenen +Feldherrn abwarteten, an dessen Stelle Gnaeus Domitius das Kommando +uebernahm. Um nur seine ungeheure Truppenzahl aufstellen zu koennen, +bildete Antiochos zwei Treffen; im ersten stand die Masse der leichten +Truppen, die Peltasten, Bogentraeger, Schleuderer, die berittenen +Schuetzen der Myser, Daher und Elymaeer, die Araber auf ihren +Dromedaren und die Sichelwagen; im zweiten hielt auf den beiden +Fluegeln die schwere Kavallerie (die Kataphrakten, eine Art +Kuerassiere), neben ihnen im Mitteltreffen das gallische und +kappadokische Fussvolk und im Zentrum die makedonisch bewaffnete +Phalanx, 16000 Mann stark, der Kern des Heeres, die aber auf dem engen +Raum nicht Platz fand und sich in Doppelgliedern 32 Mann tief +aufstellen musste. In dem Zwischenraum der beiden Treffen standen 54 +Elefanten, zwischen die Haufen der Phalanx und der schweren Reiterei +verteilt. Die Roemer stellten auf den linken Fluegel, wo der Fluss +Deckung gab, nur wenige Schwadronen, die Masse der Reiterei und die +saemtlichen Leichtbewaffneten kamen auf den rechten, den Eumenes +fuehrte; die Legionen standen im Mitteltreffen. Eumenes begann die +Schlacht damit, dass er seine Schuetzen und Schleuderer gegen die +Sichelwagen schickte mit dem Befehl, auf die Bespannung zu halten; in +kurzer Zeit waren nicht bloss diese zersprengt, sondern auch die +naechststehenden Kamelreiter mit fortgerissen; schon geriet sogar im +zweiten Treffen der dahinterstehende linke Fluegel der schweren +Reiterei in Verwirrung. Nun warf sich Eumenes mit der ganzen roemischen +Reiterei, die 3000 Pferde zaehlte, auf die Soeldnerinfanterie, die im +zweiten Treffen zwischen der Phalanx und dem linken Fluegel der +schweren Reiterei stand, und da diese wich, flohen auch die schon in +Unordnung geratenen Kuerassiere. Die Phalanx, die eben die leichten +Truppen durchgelassen hatte und sich fertig machte, gegen die +roemischen Legionen vorzugehen, wurde durch den Angriff der Reiterei in +der Flanke gehemmt und genoetigt, stehenzubleiben und nach beiden +Seiten Front zu machen, wobei die tiefe Aufstellung ihr wohl zustatten +kam. Waere die schwere asiatische Reiterei zur Hand gewesen, so haette +die Schlacht wiederhergestellt werden koennen, aber der linke Fluegel +war zersprengt, und der rechte, den Antiochos selber anfuehrte, hatte, +die kleine, ihm gegenueberstehende roemische Reiterabteilung vor sich +hertreibend, das roemische Lager erreicht, wo man des Angriffs sich mit +grosser Muehe erwehrte. Darueber fehlten auf der Walstatt jetzt im +entscheidenden Augenblick die Reiter. Die Roemer hueteten sich wohl, +die Phalanx mit den Legionen anzugreifen, sondern sandten gegen sie die +Schuetzen und Schleuderer, denen in der dichtgedraengten Masse kein +Geschoss fehlging. Die Phalanx zog sich nichtsdestoweniger langsam und +geordnet zurueck, bis die in den Zwischenraeumen stehenden Elefanten +scheu wurden und die Glieder zerrissen. Damit loeste das ganze Heer +sich auf in wilder Flucht; ein Versuch, das Lager zu halten, misslang +und mehrte nur die Zahl der Toten und Gefangenen. Die Schaetzung des +Verlustes des Antiochos auf 50000 Mann ist bei der grenzenlosen +Verwirrung nicht unglaublich; den Roemern, deren Legionen gar nicht zum +Schlagen gekommen waren, kostete der Sieg, der ihnen den dritten +Weltteil ueberlieferte, 24 Reiter und 300 Fusssoldaten. Kleinasien +unterwarf sich, selbst Ephesos, von wo der Admiral die Flotte eilig +fluechten musste, und die Residenzstadt Sardes. Der Koenig bat um +Frieden und ging ein auf die von den Roemern gestellten Bedingungen, +die, wie gewoehnlich, keine anderen waren als die vor der Schlacht +gebotenen, als namentlich die Abtretung Kleinasiens enthielten. Bis zu +deren Ratifikation blieb das Heer in Kleinasien auf Kosten des Koenigs, +was ihm auf nicht weniger als 3000 Talente (5 Mill. Taler) zu stehen +kam. Antiochos selber nach seiner liederlichen Art verschmerzte bald +den Verlust der Haelfte seines Reiches; es sieht ihm gleich, dass er +den Roemern fuer die Abnahme der Muehe, ein allzugrosses Reich zu +regieren, dankbar zu sein behauptete. Aber Asien war mit dem Tage. von +Magnesia aus der Reihe der Grossstaaten gestrichen; und wohl niemals +ist eine Grossmacht so rasch, so voellig und so schmaehlich zugrunde +gegangen wie das Seleukidenreich unter diesem Antiochos dem Grossen. Er +selbst ward bald darauf (567 187) in Elymais oberhalb des Persischen +Meerbusens bei der Pluenderung des Beltempels, mit dessen Schaetzen er +seine leeren Kassen zu fuellen gekommen war, von den erbitterten +Einwohnern erschlagen. + +Die roemische Regierung hatte, nachdem der Sieg erfochten war, die +Angelegenheiten Kleinasiens und Griechenlands zu ordnen. Sollte hier +die roemische Herrschaft auf fester Grundlage errichtet werden, so +genuegte dazu keineswegs, dass Antiochos der Oberherrschaft in +Vorderasien entsagt hatte. Die politischen Verhaeltnisse daselbst sind +oben dargelegt worden. Die griechischen Freistaedte an der ionischen +und aeolischen Kueste sowie das ihnen wesentlich gleichartige +pergamenische Koenigreich waren allerdings die natuerlichen Traeger der +neuen roemischen Obergewalt, die auch hier wesentlich auftrat als +Schirmherr der stammverwandten Hellenen. Aber die Dynasten im inneren +Kleinasien und an der Nordkueste des Schwarzen Meeres hatten den +Koenigen von Asien laengst kaum noch ernstlich gehorcht, und der +Vertrag mit Antiochos allein gab den Roemern keine Gewalt ueber das +Binnenland. Es war unabweislich eine gewisse Grenze zu ziehen, +innerhalb deren der roemische Einfluss fortan massgebend sein sollte. +Dabei fiel vor allem ins Gewicht das Verhaeltnis der asiatischen +Hellenen zu den seit einem Jahrhundert daselbst angesiedelten Kelten. +Diese hatten die kleinasiatischen Landschaften foermlich unter sich +verteilt und ein jeder der drei Gaue erhob in seinem +Brandschatzungsgebiet die festgesetzten Tribute. Wohl hatte die +Buergerschaft von Pergamon unter der kraeftigen Fuehrung ihrer dadurch +zu erblichem Fuerstentum gelangten Vorsteher sich des unwuerdigen +Joches entledigt, und die schoene Nachbluete der hellenischen Kunst, +welche kuerzlich der Erde wieder entstiegen ist, ist erwachsen aus +diesen letzten, von nationalem Buergersinn getragenen hellenischen +Kriegen. Aber es war ein kraeftiger Gegenschlag, kein entscheidender +Erfolg; wieder und wieder hatten die Pergamener ihren staedtischen +Frieden gegen die Einfaelle der wilden Horden aus den oestlichen +Gebirgen mit den Waffen zu vertreten gehabt, und die grosse Mehrzahl +der uebrigen Griechenstaedte ist wahrscheinlich in der alten +Abhaengigkeit verblieben ^4. Wenn Roms Schirmherrschaft ueber die +Hellenen auch in Asien mehr als ein Name sein sollte, so musste dieser +Tributpflichtigkeit ihrer neuen Klienten ein Ziel gesetzt werden; und +da die roemische Politik den Eigenbesitz und die damit verknuepfte +stehende Besetzung des Landes zur Zeit in Asien noch viel mehr als auf +der griechisch-makedonischen Halbinsel ablehnte, so blieb in der Tat +nichts anderes uebrig, als bis zu der Grenze, welche Roms Machtgebiet +gesteckt werden sollte, auch Roms Waffen zu tragen und bei den +Kleinasiaten ueberhaupt, vor allem aber in den Keltengauen die neue +Oberherrlichkeit mit der Tat einzusetzen. + +————————————————— + +^4 Aus dem erwaehnten Dekret von Lampsakos geht mit ziemlicher +Sicherheit hervor, dass die Lampsakener bei den Massalioten nicht bloss +Verwendung in Rom erbaten, sondern auch Verwendung bei den +Tolistoagiern (so heissen die sonst Tolistoboger genannten Kelten in +dieser Urkunde und in der pergamenischen Inschrift CIG 3536, den +aeltesten Denkmaelern, die sie erwaehnen). Danach sind wahrscheinlich +die Lampsakener noch um die Zeit des Philippischen Krieges diesem Gau +zinsbar gewesen (vgl. Liv. 38, 16). + +————————————————- + +Dies hat der neue roemische Oberfeldherr Gnaeus Manlius Volso getan, +der den Lucius Scipio in Kleinasien abloeste. Es ist ihm dies zum +schweren Vorwurf gemacht worden; die der neuen Wendung der Politik +abgeneigten Maenner im Senat vermissten bei dem Kriege den Zweck wie +den Grund. Den ersteren Tadel gegen diesen Zug insbesondere zu erheben, +ist nicht gerechtfertigt; derselbe war vielmehr, nachdem der roemische +Staat sich in die hellenischen Verhaeltnisse, so, wie es geschehen war, +eingemischt hatte, eine notwendige Konsequenz dieser Politik. Ob das +hellenische Gesamtpatronat fuer Rom das richtige war, kann gewiss in +Zweifel gezogen werden; aber von dem Standpunkt aus betrachtet, den +Flamininus und die von ihm gefuehrte Majoritaet nun einmal genommen +hatten, war die Niederwerfung der Galater in der Tat eine Pflicht der +Klugheit wie der Ehre. Besser begruendet ist der Vorwurf, dass es zur +Zeit an einem rechten Kriegsgrund gegen dieselben fehlte; denn +eigentlich im Bunde mit Antiochos hatten sie nicht gestanden, sondern +ihn nur nach ihrem Brauch in ihrem Lande Mietstruppen anwerben lassen. +Aber dagegen fiel entscheidend ins Gewicht, dass die Sendung einer +roemischen Truppenmacht nach Asien der roemischen Buergerschaft nur +unter ganz ausserordentlichen Verhaeltnissen angesonnen werden konnte +und, wenn einmal eine derartige Expedition notwendig war, alles dafuer +sprach, sie sogleich und mit dem einmal in Asien stehenden siegreichen +Heere auszufuehren. So wurde, ohne Zweifel unter dem Einfluss des +Flamininus und seiner Gesinnungsgenossen im Senat, im Fruehjahr 565 +(189) der Feldzug in das innere Kleinasien unternommen. Der Konsul +brach von Ephesos auf, brandschatzte die Staedte und Fuersten am oberen +Maeander und in Pamphylien ohne Mass und wandte sich darauf nordwaerts +gegen die Kelten. Der westliche Kanton derselben, die Tolistoager, +hatte sich auf den Berg Olympos, der mittlere, die Tectosagen, auf den +Berg Magaba mit Hab und Gut zurueckgezogen, in der Hoffnung, dass sie +sich hier wuerden verteidigen koennen, bis der Winter die Fremden zum +Abzug zwaenge. Allein die Geschosse der roemischen Schleuderer und +Schuetzen, die gegen die damit unbekannten Kelten so oft den Ausschlag +gaben, fast wie in neuerer Zeit das Feuergewehr gegen die wilden +Voelker, erzwangen die Hoehen, und die Kelten unterlagen in einer jener +Schlachten, wie sie gar oft frueher und spaeter am Po und an der Seine +geliefert worden sind, die aber hier so seltsam erscheint wie das ganze +Auftreten des nordischen Stammes unter den griechischen und phrygischen +Nationen. Die Zahl der Erschlagenen und mehr noch die der Gefangenen +war an beiden Stellen ungeheuer. Was uebrig blieb, rettete sich ueber +den Halys zu dem dritten keltischen Gau der Trocmer, welche der Konsul +nicht angriff. Dieser Fluss war die Grenze, an welcher die damaligen +Leiter der roemischen Politik beschlossen hatten innezuhalten. +Phrygien, Bithynien, Paphlagonien sollten von Rom abhaengig werden; die +weiter oestlich gelegenen Landschaften ueberliess man sich selber. + +Die Regulierung der kleinasiatischen Verhaeltnisse erfolgte teils durch +den Frieden mit Antiochos (565 189), teils durch die Festsetzungen +einer roemischen Kommission, der der Konsul Volso vorstand. Ausser der +Stellung von Geiseln, darunter seines juengeren gleichnamigen Sohnes, +und einer nach dem Mass der Schaetze Asiens bemessenen +Kriegskontribution von 15000 euboeischen Talenten (25½ Mill. Taler), +davon der fuenfte Teil sogleich, der Rest in zwoelf Jahreszielern zu +entrichten war, wurde Antiochos auferlegt die Abtretung seines gesamten +europaeischen Laenderbesitzes und in Kleinasien aller seiner +Besitzungen und Rechtsansprueche noerdlich vom Taurusgebirge und +westlich von der Muendung des Kestros zwischen Aspendos und Perge in +Pamphylien, so dass ihm in Vorderasien nichts blieb als das oestliche +Pamphylien und Kilikien. Mit dem Patronat ueber die vorderasiatischen +Koenigreiche und Herrschaften war es natuerlich vorbei. Asien oder, wie +das Reich der Seleukiden von da an gewoehnlich und angemessener genannt +wird, Syrien verlor das Recht, gegen die westlichen Staaten +Angriffskriege zu fuehren und im Fall eines Verteidigungskrieges von +ihnen beim Frieden Land zu gewinnen, das Recht, das Meer westlich von +der Kalykadnosmuendung in Kilikien mit Kriegsschiffen zu befahren, +ausser um Gesandte, Geiseln oder Tribut zu bringen, ueberhaupt +Deckschiffe ueber zehn zu halten, ausser im Fall eines +Verteidigungskrieges, und Kriegselefanten zu zaehmen, endlich das +Recht, in den westlichen Staaten Werbungen zu veranstalten oder +politische Fluechtlinge und Ausreisser daraus bei sich aufzunehmen. Die +Kriegsschiffe, die er ueber die bestimmte Zahl besass, die Elefanten +und die politischen Fluechtlinge, welche bei ihm sich befanden, +lieferte er aus. Zur Entschaedigung erhielt der Grosskoenig den Titel +eines Freundes der roemischen Buergergemeinde. Der Staat Syrien war +hiermit zu Lande und auf dem Meer vollstaendig aus dem Westen +verdraengt und fuer immer; es ist bezeichnend fuer die kraft- und +zusammenhanglose Organisation des Seleukidenreichs, dass dasselbe +allein unter allen von Rom ueberwundenen Grossstaaten nach der ersten +Ueberwindung niemals eine zweite Entscheidung durch die Waffen begehrt +hat. + +Die beiden Armenien, bisher wenigstens dem Namen nach asiatische +Satrapien, verwandelten sich, wenn nicht gerade in Gemaessheit des +roemischen Friedensvertrages, doch unter dessen Einfluss in +selbstaendige Koenigreiche und ihre Inhaber Artaxias und Zariadris +wurden Gruender neuer Dynastien. + +Koenig Ariarathes von Kappadokien kam, da sein Land ausserhalb der von +den Roemern bezeichneten Grenze ihrer Klientel lag, mit einer Geldbusse +von 600 Talenten (1 Mill. Taler) davon, die dann noch auf die Fuerbitte +seines Schwiegersohnes Eumenes auf die Haelfte herabgesetzt ward. + +Koenig Prusias von Bithynien behielt sein Gebiet, wie es war, ebenso +die Kelten; doch mussten diese geloben, nicht ferner bewaffnete Haufen +ueber die Grenze zu senden, und die schimpflichen Tribute der +kleinasiatischen Staedte hatten ein Ende. Die asiatischen Griechen +ermangelten nicht, diese allerdings allgemein und nachhaltig empfundene +Wohltat mit goldenen Kraenzen und den transzendentalsten Lobreden zu +vergelten. + +In Vorderasien war die Besitzregulierung nicht ohne Schwierigkeit, +zumal da hier die dynastische Politik des Eumenes mit der der +griechischen Hansa kollidierte; endlich gelang es, sich in folgender +Art zu verstaendigen. Allen griechischen Staedten, die am Tage der +Schlacht von Magnesia frei und den Roemern beigetreten waren, wurde +ihre Freiheit bestaetigt und sie alle mit Ausnahme der bisher dem +Eumenes zinspflichtigen der Tributzahlung an die verschiedenen Dynasten +fuer die Zukunft enthoben. So wurden namentlich frei die Staedte +Dardanos und Ilion, die alten Stammgenossen der Roemer von Aeneas’ +Zeiten her, ferner Kyme, Smyrna, Klazomenae, Erythrae, Chios, Kolophon, +Miletos und andere altberuehmte Namen. Phokaea, das gegen die +Kapitulation von den roemischen Flottensoldaten gepluendert worden war, +erhielt zum Ersatz dafuer, obwohl es nicht unter die im Vertrag +bezeichnete Kategorie fiel, ausnahmsweise gleichfalls seine Mark +zurueck und die Freiheit. Den meisten Staedten der +griechisch-asiatischen Hansa wurden ueberdies Gebietserweiterungen und +andere Vorteile zuteil. Am besten ward natuerlich Rhodos bedacht, das +Lykien mit Ausschluss von Telmissos und den groesseren Teil von Karien +suedlich vom Maeander empfing; ausserdem garantierte Antiochos in +seinem Reiche den Rhodiern ihr Eigentum und ihre Forderungen sowie die +bisher genossene Zollfreiheit. + +Alles uebrige, also bei weitem der groesste Teil der Beute, fiel an die +Attaliden, deren alte Treue gegen Rom sowie die von Eumenes in diesem +Kriege bestandene Drangsal und sein persoenliches Verdienst um den +Ausfall der entscheidenden Schlacht von Rom so belohnt ward, wie nie +ein Koenig seinen Verbuendeten gelohnt hat. Eumenes empfing in Europa +den Chersonesos mit Lysimacheia; in Asien ausser Mysien, das er schon +besass, die Provinzen Phrygien am Hellespont, Lydien mit Ephesos und +Sardes, den noerdlichen Streif von Karien bis zum Maeander mit Tralles +und Magnesia, Grossphrygien und Lykaonien nebst einem Stueck von +Kilikien, die milysche Landschaft zwischen Phrygien und Lykien und als +Hafenplatz am suedlichen Meer die lykische Stadt Telmissos; ueber +Pamphylien ward spaeter zwischen Eumenes und Antiochos gestritten, +inwieweit es dies- oder jenseits der gesteckten Grenze liege und also +jenem oder diesem zukomme. Ausserdem erhielt er die Schutzherrschaft +und das Zinsrecht ueber diejenigen griechischen Staedte, die nicht +unbeschraenkt die Freiheit empfingen; doch wurde auch hier bestimmt, +dass den Staedten ihre Freibriefe bleiben und die Abgabe nicht erhoeht +werden solle. Ferner musste Antiochos sich anheischig machen, die 350 +Talente (600000 Taler), die er dem Vater Attalos schuldig geworden war, +dem Eumenes zu entrichten, ebenso ihn mit 127 Talenten (218000 Taler) +fuer die rueckstaendigen Getreidelieferungen zu entschaedigen. Endlich +erhielt Eumenes die koeniglichen Forsten und die von Antiochos +abgelieferten Elefanten, nicht aber die Kriegsschiffe, die verbrannt +wurden; eine Seemacht litten die Roemer nicht neben sich. Hierdurch war +das Reich der Attaliden in Osteuropa und Asien das geworden, was +Numidien in Afrika war, ein von Rom abhaengiger maechtiger Staat mit +absoluter Verfassung, bestimmt und faehig, sowohl Makedonien als Syrien +in Schranken zu halten, ohne anders als in ausserordentlichen Faellen +roemischer Unterstuetzung zu beduerfen. Mit dieser durch die roemische +Politik gebotenen Schoepfung hatte man die durch republikanische und +nationale Sympathie und Eitelkeit gebotene Befreiung der asiatischen +Griechen soweit moeglich vereinigt. Um die Angelegenheiten des ferneren +Ostens jenseits des Tauros und Halys war man fest entschlossen, sich +nicht zu bekuemmern; es zeigen dies sehr deutlich die Bedingungen des +Friedens mit Antiochos und noch entschiedener die bestimmte Weigerung +des Senats, der Stadt Soloi in Kilikien die von den Rhodiern fuer sie +erbetene Freiheit zu gewaehren. Ebenso getreu blieb man dem +festgestellten Grundsatz, keine unmittelbaren ueberseeischen +Besitzungen zu erwerben. Nachdem die roemische Flotte noch eine +Expedition nach Kreta gemacht und die Freigebung der dorthin in die +Sklaverei verkauften Roemer durchgesetzt hatte, verliessen Flotte und +Landheer im Nachsommer 566 (188) Asien, wobei das Landheer, das wieder +durch Thrakien zog, durch die Nachlaessigkeit des Feldherrn unterwegs +von den Ueberfaellen der Wilden viel zu leiden hatte. Die Roemer +brachten nichts heim aus dem Osten als Ehre und Gold, die in dieser +Zeit sich schon beide in der praktischen Form der Dankadresse, dem +goldenen Kranze, zusammenzufinden pflegten. + +Auch das europaeische Griechenland war von diesem asiatischen Krieg +erschuettert worden und bedurfte neuer Ordnung. Die Aetoler, die immer +noch nicht gelernt hatten, sich in ihre Nichtigkeit zu finden, hatten +nach dem im Fruehling 564 (190) mit Scipio abgeschlossenen +Waffenstillstand nicht bloss durch ihre kephallenischen Korsaren den +Verkehr zwischen Italien und Griechenland schwierig und unsicher +gemacht, sondern vielleicht noch waehrend des Waffenstillstandes, +getaeuscht durch falsche Nachrichten ueber den Stand der Dinge in +Asien, die Tollheit begangen, den Amynander wieder auf seinen +athamanischen Thron zu setzen und mit Philippos in den von diesem +besetzten aetolischen und thessalischen Grenzlandschaften sich +herumzuschlagen, wobei der Koenig mehrere Nachteile erlitt. Es versteht +sich, dass hiernach Rom ihre Bitte um Frieden mit der Landung des +Konsuls Marcus Fulvius Nobilior beantwortete. Er traf im Fruehling 565 +(189) bei den Legionen ein und nahm nach fuenfzehntaegiger Belagerung +durch eine fuer die Besatzung ehrenvolle Kapitulation Ambrakia, +waehrend zugleich die Makedonier, die Illyrier, die Epeiroten, die +Akarnanen und Achaeer ueber die Aetoler herfielen. Von eigentlichem +Widerstand konnte nicht die Rede sein; auf die wiederholten +Friedensgesuche der Aetoler standen denn auch die Roemer vom Kriege ab +und gewaehrten Bedingungen, welche solchen erbaermlichen und +tueckischen Gegnern gegenueber billig genannt werden muessen. Die +Aetoler verloren alle Staedte und Gebiete, die in den Haenden ihrer +Gegner waren, namentlich Ambrakia, welches infolge einer gegen Marcus +Fulvius in Rom gesponnenen Intrige spaeter frei und selbstaendig ward, +ferner Oinia, das den Akarnanen gegeben wurde; ebenso traten sie +Kephallenia ab. Sie verloren das Recht, Krieg und Frieden zu schliessen +und wurden in dieser Hinsicht von den auswaertigen Beziehungen Roms +abhaengig; endlich zahlten sie eine starke Geldsumme. Kephallenia +setzte sich auf eigene Hand gegen diesen Vertrag und fuegte sich erst, +als Marcus Fulvius auf der Insel landete; ja die Einwohner von Same, +die befuerchteten, aus ihrer wohlgelegenen Stadt durch eine roemische +Kolonie ausgetrieben zu werden, fielen nach der ersten Unterwerfung +wieder ab und hielten eine viermonatliche Belagerung aus, worauf die +Stadt endlich genommen und die Einwohner saemtlich in die Sklaverei +verkauft wurden. + +Rom blieb auch hier dabei, sich grundsaetzlich auf Italien und die +italischen Inseln zu beschraenken. Es nahm von der Beute nichts fuer +sich als die beiden Inseln Kephallenia und Zakynthos, welche den Besitz +von Kerkyra und anderen Seestationen am Adriatischen Meer +wuenschenswert ergaenzten. Der uebrige Laendererwerb kam an die +Verbuendeten Roms; indes die beiden bedeutendsten derselben, Philippos +und die Achaeer, waren keineswegs befriedigt durch den ihnen an der +Beute gegoennten Anteil. Philippos fuehlte sich nicht ohne Grund +verletzt. Er durfte sagen, dass in dem letzten Krieg die eigentlichen +Schwierigkeiten, die nicht in dem Feinde, sondern in der Entfernung und +der Unsicherheit der Verbindungen lagen, wesentlich durch seinen +loyalen Beistand ueberwunden waren. Der Senat erkannte dies auch an, +indem er ihm den noch rueckstaendigen Tribut erliess und seine Geiseln +ihm zuruecksandte; allein Gebietserweiterungen, wie er sie gehofft, +empfing er nicht. Er erhielt das magnetische Gebiet mit Demetrias, das +er den Aetolern abgenommen hatte; ausserdem blieben tatsaechlich in +seinen Haenden die dolopische und athamanische Landschaft und ein Teil +von Thessalien, aus denen gleichfalls die Aetoler von ihm vertrieben +worden waren. In Thrakien blieb zwar das Binnenland in makedonischer +Klientel, aber ueber die Kuestenstaedte und die Inseln Thasos und +Lemnos, die faktisch in Philipps Haenden waren, ward nichts bestimmt, +der Chersonesos sogar ausdruecklich an Eumenes gegeben; und es war +nicht schwer zu erkennen, dass Eumenes nur deshalb auch Besitzungen in +Europa empfing, um nicht bloss Asien, sondern auch Makedonien im +Notfall niederzuhalten. Die Erbitterung des stolzen und in vieler +Hinsicht ritterlichen Mannes ist natuerlich; allein es war nicht +Schikane, was die Roemer bestimmte, sondern eine unabweisliche +politische Notwendigkeit. Makedonien buesste dafuer, dass es einmal +eine Macht ersten Ranges gewesen war und mit Rom auf gleichem Fuss +Krieg gefuehrt hatte: man hatte hier, und hier mit viel besserem Grund +als gegen Karthago, sich vorzusehen, dass die alte Machtstellung nicht +wiederkehre. + +Anders stand es mit den Achaeern. Sie hatten im Laufe des Krieges gegen +Antiochos ihren lange genaehrten Wunsch befriedigt, den Peloponnes ganz +in ihre Eidgenossenschaft zu bringen, indem zuerst Sparta, dann, nach +der Vertreibung der Asiaten aus Griechenland, auch Elis und Messene +mehr oder weniger gezwungen beigetreten waren. Die Roemer hatten dies +geschehen lassen und es sogar geduldet, dass man dabei mit +absichtlicher Ruecksichtslosigkeit gegen Rom verfuhr. Flamininus hatte, +als Messene erklaerte, sich den Roemern zu unterwerfen, aber nicht in +die Eidgenossenschaft eintreten zu wollen und diese darauf Gewalt +brauchte, zwar nicht unterlassen, den Achaeern zu Gemuete zu fuehren, +dass solche Sonderverfuegungen ueber einen Teil der Beute an sich +unrecht und in dem Verhaeltnis der Achaeer zu den Roemern mehr als +unpassend seien, aber denn doch in seiner sehr unpolitischen +Nachgiebigkeit gegen die Hellenen im wesentlichen den Achaeern ihren +Willen getan. Allein damit hatte die Sache kein Ende. Die Achaeer, von +ihrer zwerghaften Vergroesserungssucht gepeinigt, liessen die Stadt +Pleuron in Aetolien, die sie waehrend des Krieges besetzt hatten, nicht +fahren, machten sie vielmehr zum unfreiwilligen Mitgliede ihrer +Eidgenossenschaft; sie kauften Zakynthos von dem Statthalter des +letzten Besitzers Amynander und haetten gern noch Aegina dazu gehabt. +Nur widerwillig gaben sie jene Insel an Rom heraus und hoerten sehr +unmutig Flamininus’ guten Ratschlag, sich mit ihrem Peloponnes zu +begnuegen. Sie glaubten es sich schuldig zu sein, die Unabhaengigkeit +ihres Staates um so mehr zur Schau zu tragen, je weniger daran war; man +sprach von Kriegsrecht, von der treuen Beihilfe der Achaeer in den +Kriegen der Roemer; man fragte die roemischen Gesandten auf der +achaeischen Tagsatzung, warum Rom sich um Messene bekuemmere, da Achaia +ja nicht nach Capua frage, und der hochherzige Patriot, der also +gesprochen, wurde beklatscht und war der Stimmen bei den Wahlen sicher. +Das alles wuerde sehr recht und sehr erhaben gewesen sein, wenn es +nicht noch viel laecherlicher gewesen waere. Es lag wohl eine tiefe +Gerechtigkeit und ein noch tieferer Jammer darin, dass Rom, so +ernstlich es die Freiheit der Hellenen zu gruenden und den Dank der +Hellenen zu verdienen bemueht war, dennoch ihnen nichts gab als die +Anarchie und nichts erntete als den Undank. Es lagen auch den +hellenischen Antipathien gegen die Schutzmacht sicher sehr edle +Gefuehle zugrunde, und die persoenliche Bravheit einzelner +tonangebender Maenner ist ausser Zweifel. Aber darum bleibt dieser +achaeische Patriotismus nicht minder eine Torheit und eine wahre +historische Fratze. Bei all jenem Ehrgeiz und all jener nationalen +Empfindlichkeit geht durch die ganze Nation vom ersten bis zum letzten +Mann das gruendlichste Gefuehl der Ohnmacht. Stets horcht jeder nach +Rom, der liberale Mann nicht weniger wie der servile; man dankt dem +Himmel, wenn das gefuerchtete Dekret ausbleibt; man mault, wenn der +Senat zu verstehen gibt, dass man wohl tun werde, freiwillig +nachzugeben, um es nicht gezwungen zu tun; man tut, was man muss +womoeglich in einer fuer die Roemer verletzenden Weise, “um die Formen +zu retten”; man berichtet, erlaeutert, verschiebt, weicht aus, und wenn +das endlich alles nicht mehr gehen will, so wird mit einem +patriotischen Seufzer nachgegeben. Das Treiben haette Anspruch wo nicht +auf Billigung doch auf Nachsicht, wenn die Fuehrer zum Kampf +entschlossen gewesen waeren und den Untergang der Nation der +Knechtschaft vorgezogen haetten; aber weder Philopoemen noch Lykortas +dachten an einen solchen politischen Selbstmord - man wollte womoeglich +frei sein, aber denn doch vor allem leben. Zu allem diesem aber sind es +niemals die Roemer, die die gefuerchtete roemische Intervention in die +inneren Angelegenheiten Griechenlands hervorrufen, sondern stets die +Griechen selbst, die wie die Knaben den Stock, den sie fuerchten, +selber einer ueber den andern bringen. Der von dem gelehrten Poebel +hellenischer und nachhellenischer Zeit bis zum Ekel wiederholte +Vorwurf, dass die Roemer bestrebt gewesen waeren, inneren Zwist in +Griechenland zu stiften, ist eine der tollsten Abgeschmacktheiten, +welche politisierende Philologen nur je ausgesonnen haben. Nicht die +Roemer trugen den Hader nach Griechenland - wahrlich Eulen nach Athen +-, sondern die Griechen ihre Zwistigkeiten nach Rom. Namentlich die +Achaeer, die ueber ihren Arrondierungsgeluesten gaenzlich uebersahen, +wie sehr zu ihrem eigenen Besten es gewesen, dass Flamininus die +aetolisch gesinnten Staedte nicht der Eidgenossenschaft einverleibt +hatte, erwarben in Lakedaemon und Messene sich eine wahre Hydra inneren +Zwistes. Unaufhoerlich baten und flehten Mitglieder dieser Gemeinden in +Rom, sie aus der verhassten Gemeinschaft zu loesen, darunter +charakteristisch genug selbst diejenigen, die die Rueckkehr in die +Heimat den Achaeern verdankten. Unaufhoerlich ward von dem Achaeischen +Bunde in Sparta und Messene regeneriert und restauriert: die +wuetendsten Emigrierten von dort bestimmten die Massregeln der +Tagsatzung. Vier Jahre nach dem nominellen Eintritt Spartas in die +Eidgenossenschaft kam es sogar zum offenen Kriege und zu einer bis zum +Wahnsinn vollstaendigen Restauration, wobei die saemtlichen von Nabis +mit dem Buergerrecht beschenkten Sklaven wieder in die Knechtschaft +verkauft und aus dem Erloes ein Saeulengang in der Achaeerstadt +Megalopolis gebaut, ferner die alten Gueterverhaeltnisse in Sparta +wiederhergestellt, die Lykurgischen Gesetze durch die achaeischen +ersetzt, die Mauern niedergerissen wurden (566 188). Ueber alle diese +Wirtschaft ward dann zuletzt von allen Seiten der roemische Senat zum +Schiedsspruch aufgefordert - eine Belaestigung, die die gerechte Strafe +fuer die befolgte sentimentale Politik war. Weit entfernt, sich zu viel +in diese Angelegenheiten zu mischen, ertrug der Senat nicht bloss die +Nadelstiche der achaeischen Gesinnungstuechtigkeit mit musterhafter +Indifferenz, sondern liess selbst die aergsten Dinge mit straeflicher +Gleichgueltigkeit geschehen. Man freute sich herzlich in Achaia, als +nach jener Restauration die Nachricht von Rom einlief, dass der Senat +darueber zwar gescholten, aber nichts kassiert habe. Fuer die +Lakedaemonier geschah von Rom aus nichts, als dass der Senat, empoert +ueber den von den Achaeern verfuegten Justizmord von beilaeufig sechzig +bis achtzig Spartanern, der Tagsatzung die Kriminaljustiz ueber die +Spartaner nahm - freilich ein empoerender Eingriff in die inneren +Angelegenheiten eines unabhaengigen Staates! Die roemischen +Staatsmaenner kuemmerten sich so wenig wie moeglich um diese Suendflut +in der Nussschale, wie am besten die vielfachen Klagen beweisen ueber +die oberflaechlichen, widersprechenden und unklaren Entscheidungen des +Senats; freilich, wie sollte er klar antworten, wenn auf einmal vier +Parteien aus Sparta zugleich im Senat gegeneinander redeten! Dazu kam +der persoenliche Eindruck, den die meisten dieser peloponnesischen +Staatsmaenner in Rom machten; selbst Flamininus schuettelte den Kopf, +als ihm einer derselben heute etwas vortanzte und den andern Tag ihn +von Staatsgeschaeften unterhielt. Es kam so weit, dass dem Senat +zuletzt die Geduld voellig ausging und er die Peloponnesier dahin +beschied, dass er sie nicht mehr bescheiden werde und sie machen +koennten, was sie wollten (572 182). Begreiflich ist dies, aber nicht +recht; wie die Roemer einmal standen, hatten sie die sittliche und +politische Verpflichtung, hier mit Ernst und Konsequenz einen +leidlichen Zustand herzustellen. Jener Achaeer Kallikrates, der im +Jahre 575 (179) an den Senat ging, um ihn ueber die Zustaende im +Peloponnes aufzuklaeren und eine folgerechte und gehaltene Intervention +zu fordern, mag als Mensch noch etwas weniger getaugt haben als sein +Landsmann Philopoemen, der jene Patriotenpolitik wesentlich begruendet +hat; aber er hatte recht. + +So umfasste die Klientel der roemischen Gemeinde jetzt die saemtlichen +Staaten von dem oestlichen zu dem westlichen Ende des Mittelmeeres; +nirgend bestand ein Staat, den man der Muehe wert gehalten haette zu +fuerchten. Aber noch lebte ein Mann, dem Rom diese seltene Ehre erwies: +der heimatlose Karthager, der erst den ganzen Westen, alsdann den +ganzen Osten gegen Rom in Waffen gebracht hatte und der vielleicht nur +gescheitert war, dort an der ehrlosen Aristokraten-, hier an der +kopflosen Hofpolitik. Antiochos hatte sich im Frieden verpflichten +muessen, den Hannibal auszuliefern; allein derselbe war zuerst nach +Kreta, dann nach Bithynien entronnen ^5 und lebte jetzt am Hof des +Koenigs Prusias, beschaeftigt, diesen in seinen Kriegen gegen Eumenes +zu unterstuetzen und wie immer siegreich zu Wasser und zu Lande. Es +wird behauptet, dass er auch den Prusias zum Kriege gegen Rom habe +reizen wollen; eine Torheit, die so, wie sie erzaehlt wird, sehr wenig +glaublich klingt. Gewisser ist es, dass zwar der roemische Senat es +unter seiner Wuerde hielt, den Greis in seinem letzten Asyl aufjagen zu +lassen - denn die Ueberlieferung, die auch den Senat beschuldigt, +scheint keinen Glauben zu verdienen -, dass aber Flamininus, der in +seiner unruhigen Eitelkeit nach neuen Zielen fuer grosse Taten suchte, +auf seine eigene Hand es unternahm, wie die Griechen von ihren Ketten, +so Rom von Hannibal zu befreien und gegen den groessten Mann seiner +Zeit den Dolch zwar nicht zu fuehren, was nicht diplomatisch ist, aber +ihn zu schleifen und zu richten. Prusias, der jaemmerlichste unter den +Jammerprinzen Asiens, machte sich ein Vergnuegen daraus, dem roemischen +Gesandten die kleine Gefaelligkeit zu erweisen, die derselbe mit halben +Worten erbat, und da Hannibal sein Haus von Moerdern umstellt sah, nahm +er Gift. Er war seit langem gefasst darauf, fuegt ein Roemer hinzu, +denn er kannte die Roemer und das Wort der Koenige. Sein Todesjahr ist +nicht gewiss; wahrscheinlich starb er in der zweiten Haelfte des Jahres +571 (183), siebenundsechzig Jahre alt. Als er geboren ward, stritt Rom +mit zweifelhaftem Erfolg um den Besitz von Sizilien; er hatte gerade +genug gelebt, um den Westen vollstaendig unterworfen zu sehen, um noch +selber seine letzte Roemerschlacht gegen die Schiffe seiner roemisch +gewordenen Vaterstadt zu schlagen, um dann zuschauen zu muessen, wie +Rom auch den Osten ueberwand gleichwie der Sturm das fuehrerlose +Schiff, und zu fuehlen, dass er allein imstande war, es zu lenken. Es +konnte ihm keine Hoffnung weiter fehlschlagen, als er starb; aber +redlich hatte er in fuenfzigjaehrigem Kampfe den Knabenschwur gehalten. + +————————————————————————- + +^5 Dass er auch nach Armenien gekommen sei und auf Bitten des Koenigs +Artaxias die Stadt Artaxata am Araxes erbaut habe (Strab. 11 p. 528; +Plut. Luc. 31), ist sicher Erfindung; aber es ist bezeichnend, wie +Hannibal, fast wie Alexander, mit den orientalischen Fabeln verwachsen +ist. + +————————————————————————- + +Um dieselbe Zeit, wahrscheinlich in demselben Jahre, starb auch der +Mann, den die Roemer seinen Ueberwinder zu nennen pflegten, Publius +Scipio. Ihn hatte das Glueck mit allen den Erfolgen ueberschuettet, die +seinem Gegner versagt blieben, mit Erfolgen, die ihm gehoerten und +nicht gehoerten. Spanien, Afrika, Asien hatte er zum Reiche gebracht +und Rom, das er als die erste Gemeinde Italiens gefunden, war bei +seinem Tode die Gebieterin der zivilisierten Welt. Er selbst hatte der +Siegestitel so viele, dass deren ueberblieben fuer seinen Bruder und +seinen Vetter ^6. Und doch verzehrte auch ihn durch seine letzten Jahre +bitterer Gram, und er starb, wenig ueber fuenfzig Jahre alt, in +freiwilliger Verbannung, mit dem Befehl an die Seinigen, seine Leiche +nicht in der Vaterstadt beizusetzen, fuer die er gelebt hatte und in +der seine Ahnen ruhten. Es ist nicht genau bekannt, was ihn aus der +Stadt trieb. Die Anschuldigungen wegen Bestechung und unterschlagener +Gelder, die gegen ihn und mehr noch gegen seinen Bruder Lucius +gerichtet wurden, waren ohne Zweifel nichtige Verleumdungen, die solche +Verbitterung nicht hinreichend erklaeren; obwohl es charakteristisch +fuer den Mann ist, dass er seine Rechnungsbuecher, statt sich einfach +aus ihnen zu rechtfertigen, im Angesicht des Volks und der Anklaeger +zerriss und die Roemer aufforderte, ihn zum Tempel des Jupiter zu +begleiten und den Jahrestag seines Sieges bei Zama zu feiern. Das Volk +liess den Anklaeger stehen und folgte dem Scipio auf das Kapitol; aber +es war dies der letzte schoene Tag des hohen Mannes. Sein stolzer Sinn, +seine Meinung, ein anderer und besserer zu sein als die uebrigen +Menschen, seine sehr entschiedene Familienpolitik, die namentlich in +seinem Bruder Lucius den widerwaertigen Strohmann eines Helden +grosszog, verletzten viele und nicht ohne Grund. Wie der echte Stolz +das Herz beschirmt, so legt es die Hoffart jedem Schlag und jedem +Nadelstich bloss und zerfrisst auch den urspruenglichen Hochsinn. +Ueberall aber gehoert es zur Eigentuemlichkeit solcher, aus echtem Gold +und schimmerndem Flitter seltsam gemischter Naturen, wie Scipio eine +war, dass sie des Glueckes und des Glanzes der Jugend beduerfen, um +ihren Zauber zu ueben, und dass, wenn dieser Zauber zu schwinden +anfaengt, unter allen am schmerzlichsten der Zauberer selbst erwacht. + +—————————————————————————- + +^6 Africanus, Asiagenus, Hispallus. + + + + +KAPITEL X. +Der Dritte Makedonische Krieg + + +Philippos von Makedonien war empfindlich gekraenkt durch die +Behandlung, die er nach dem Frieden mit Antiochos von den Roemern +erfahren hatte; und der weitere Verlauf der Dinge war nicht geeignet, +seinen Groll zu beschwichtigen. Seine Nachbarn in Griechenland und +Thrakien, grossenteils Gemeinden, die einst vor dem makedonischen Namen +nicht minder gezittert hatten wie jetzt vor dem roemischen, machten es +sich wie billig zum Geschaeft, der gefallenen Grossmacht all die Tritte +zurueckzugeben, die sie seit Philippos’ des Zweiten Zeiten von +Makedonien empfangen hatten; der nichtige Hochmut und der wohlfeile +antimakedonische Patriotismus der Hellenen dieser Zeit machte sich Luft +auf den Tagsatzungen der verschiedenen Eidgenossenschaften und in +unaufhoerlichen Beschwerden bei dem roemischen Senat. Philippos war von +den Roemern zugestanden worden, was er den Aetolern abgenommen habe; +allein foermlich an die Aetoler angeschlossen hatte sich in Thessalien +nur die Eidgenossenschaft der Magneten, wogegen diejenigen Staedte, die +Philippos in zwei anderen der thessalischen Eidgenossenschaften, der +thessalischen im engeren Sinn und der perrhaebischen, den Aetolern +entrissen hatte, von ihren Buenden zurueckverlangt wurden aus dem +Grunde, dass Philippos diese Staedte nur befreit, nicht erobert habe. +Auch die Athamanen glaubten ihre Freiheit begehren zu koennen; auch +Eumenes forderte die Seestaedte, die Antiochos im eigentlichen Thrakien +besessen hatte, namentlich Aenos und Maroneia, obwohl ihm im Frieden +mit Antiochos nur der Thrakische Chersonesos ausdruecklich zugesprochen +war. All diese Beschwerden und zahllose geringere seiner saemtlichen +Nachbarn, ueber Unterstuetzung des Koenigs Prusias gegen Eumenes, ueber +Handelskonkurrenz, ueber verletzte Kontrakte und geraubtes Vieh +stroemten nach Rom; vor dem roemischen Senat musste der Koenig von +Makedonien von dem souveraenen Gesindel sich verklagen lassen und Recht +nehmen oder Unrecht, wie es fiel; er musste sehen, dass das Urteil +stets gegen ihn ausfiel, musste knirschend von der thrakischen Kueste, +aus den thessalischen und perrhaebischen Staedten die Besatzungen +wegziehen und die roemischen Kommissare hoeflich empfangen, welche +nachzusehen kamen, ob auch alles vorschriftsmaessig ausgefuehrt sei. +Man war in Rom nicht so erbittert gegen Philippos wie gegen Karthago, +ja in vieler Hinsicht dem makedonischen Herrn sogar geneigt; man +verletzte hier nicht so ruecksichtslos wie in Libyen die Formen, aber +im Grunde war die Lage Makedoniens wesentlich dieselbe wie die von +Karthago. Indes Philippos war keineswegs der Mann, diese Pein mit +phoenikischer Geduld ueber sich ergehen zu lassen. Leidenschaftlich wie +er war, hatte er nach seiner Niederlage mehr dem treulosen +Bundesgenossen gezuernt als dem ehrenwerten Gegner, und seit langem +gewohnt, nicht makedonische, sondern persoenliche Politik zu treiben, +hatte er in dem Kriege mit Antiochos nichts gesehen als eine +vortreffliche Gelegenheit, sich an dem Alliierten, der ihn schmaehlich +im Stich gelassen und verraten hatte, augenblicklich zu raechen. Dies +Ziel hatte er erreicht; allein die Roemer, die sehr gut begriffen, dass +den Makedonier nicht die Freundschaft fuer Rom, sondern die Feindschaft +gegen Antiochos bestimmte, und die ueberdies keineswegs nach solchen +Stimmungen der Neigung und Abneigung ihre Politik zu regeln pflegten, +hatten sich wohl gehuetet, irgend etwas Wesentliches zu Philippos’ +Gunsten zu tun, und hatten vielmehr die Attaliden, die von ihrer ersten +Erhebung an mit Makedonien in heftiger Fehde lagen und von dem Koenig +Philippos politisch und persoenlich aufs bitterste gehasst wurden, die +Attaliden, die unter allen oestlichen Maechten am meisten dazu +beigetragen hatten, Makedonien und Syrien zu zertruemmern und die +roemische Klientel auf den Osten auszudehnen, die Attaliden, die in dem +letzten Krieg, wo Philippos es freiwillig und loyal mit Rom gehalten, +um ihrer eigenen Existenz willen wohl mit Rom hatten halten muessen, +hatten diese Attaliden dazu benutzt, um im wesentlichen das Reich des +Lysimachos wieder aufzubauen, dessen Vernichtung der wichtigste Erfolg +der makedonischen Herrscher nach Alexander gewesen war, und Makedonien +einen Staat an die Seite zu stellen, der zugleich ihm an Macht +ebenbuertig und Roms Klient war. + +Dennoch haette vielleicht, wie die Verhaeltnisse einmal standen, ein +weiser und sein Volk mit Hingebung beherrschender Regent sich +entschlossen, den ungleichen Kampf gegen Rom nicht wieder aufzunehmen; +allein Philippos, in dessen Charakter von allen edlen Motiven das +Ehrgefuehl, von allen unedlen die Rachsucht am maechtigsten waren, war +taub fuer die Stimme sei es der Feigheit, sei es der Resignation, und +naehrte tief im Herzen den Entschluss, abermals die Wuerfel zu werfen. +Als ihm wieder einmal Schmaehungen hinterbracht wurden, wie sie auf den +thessalischen Tagsatzungen gegen Makedonien zu fallen pflegten, +antwortete er mit der Theokritischen Zeile, dass noch die letzte Sonne +nicht untergegangen sei ^1. + +————————————————————————- + +^1 Ηδη γάρ φράσδη πάνθ' άλιον άμμι δεδύκειν. (1, 102). + +————————————————————————- + +Philippos bewies bei der Vorbereitung und der Verbergung seiner +Entschluesse eine Ruhe, einen Ernst und eine Konsequenz, die, wenn er +in besseren Zeiten sie bewaehrt haette, vielleicht den Geschicken der +Welt eine andere Richtung gegeben haben wuerden. Namentlich die +Fuegsamkeit gegen die Roemer, mit der er sich die unentbehrliche Frist +erkaufte, war fuer den harten und stolzen Mann eine schwere Pruefung, +die er doch mutig ertrug - seine Untertanen freilich und die +unschuldigen Gegenstaende des Haders, wie das unglueckliche Maroneia, +buessten schwer den verhaltenen Groll. Schon im Jahre 571 (183) schien +der Krieg ausbrechen zu muessen; aber auf Philippos’ Geheiss bewirkte +sein juengerer Sohn Demetrios eine Ausgleichung des Vaters mit Rom, wo +er einige Jahre als Geisel gelebt hatte und sehr beliebt war. Der +Senat, namentlich Flamininus, der die griechischen Angelegenheiten +leitete, suchte in Makedonien eine roemische Partei zu bilden, die +Philippos’ natuerlich den Roemern nicht unbekannte Bestrebungen zu +paralysieren imstande waere, und hatte zu deren Haupt, ja vielleicht +zum kuenftigen Koenig Makedoniens, den juengeren, leidenschaftlich an +Rom haengenden Prinzen ausersehen. Man gab mit absichtlicher +Deutlichkeit zu verstehen, dass der Senat dem Vater um des Sohnes +willen verzeihe; wovon natuerlich die Folge war, dass im koeniglichen +Hause selbst Zwistigkeiten entstanden und namentlich des Koenigs +aelterer und vom Vater zum Nachfolger bestimmter, aber in ungleicher +Ehe erzeugter Sohn Perseus in seinem Bruder den kuenftigen Nebenbuhler +zu verderben suchte. Es scheint nicht, dass Demetrios sich in die +roemischen Intrigen einliess; erst der falsche Verdacht des Verbrechens +zwang ihn, schuldig zu werden, und auch da beabsichtigte er, wie es +scheint, nichts weiter als die Flucht nach Rom. Indes Perseus sorgte +dafuer, dass der Vater diese Absicht auf die rechte Weise erfuhr; ein +untergeschobener Brief von Flamininus an Demetrios tat das uebrige und +lockte dem Vater den Befehl ab, den Sohn aus dem Wege zu raeumen. Zu +spaet erfuhr Philippos die Raenke, die Perseus gesponnen hatte, und der +Tod ereilte ihn ueber der Absicht, den Brudermoerder zu strafen und von +der Thronfolge auszuschliessen. Er starb im Jahre 575 (179) in +Demetrias, im neunundfuenfzigsten Lebensjahre. Das Reich hinterliess er +zerschmettert, das Haus zerruettet, und gebrochenen Herzens gestand er +sich ein, dass all seine Muehsal und all seine Frevel vergeblich +gewesen waren. + +Sein Sohn Perseus trat darauf die Regierung an, ohne in Makedonien oder +bei dem roemischen Senat Widerspruch zu finden. Er war ein stattlicher +Mann, in allen Leibesuebungen wohl erfahren, im Lager aufgewachsen und +des Befehlens gewohnt, gleich seinem Vater herrisch und nicht +bedenklich in der Wahl seiner Mittel. Ihn reizten nicht der Wein und +die Frauen, ueber die Philippos seines Regiments nur zu oft vergass; er +war stetig und beharrlich wie sein Vater leichtsinnig und +leidenschaftlich. Philippos, schon als Knabe Koenig und in den ersten +zwanzig Jahren seiner Herrschaft vom Glueck begleitet, war vom +Schicksal verwoehnt und verdorben worden; Perseus bestieg den Thron in +seinem einunddreissigsten Jahr, und wie er schon als Knabe mitgenommen +worden war in den ungluecklichen roemischen Krieg, wie er aufgewachsen +war im Druck der Erniedrigung und in dem Gedanken einer nahen +Wiedergeburt des Staates, so erbte er von seinem Vater mit dem Reich +seine Drangsale, seine Erbitterung und seine Hoffnungen. In der Tat +griff er mit aller Entschlossenheit die Fortsetzung des vaeterlichen +Werkes an und ruestete eifriger, als es vorher geschehen war, zum +Kriege gegen Rom; kam doch fuer ihn noch hinzu, dass es wahrlich nicht +die Schuld der Roemer war, wenn er das makedonische Diadem trug. Mit +Stolz sah die stolze makedonische Nation auf den Prinzen, den sie an +der Spitze ihrer Jugend stehen und fechten zu sehen gewohnt war; seine +Landsleute und viele Hellenen aller Staemme meinten in ihm den rechten +Feldherrn fuer den nahen Befreiungskrieg gefunden zu haben. Aber er war +nicht, was er schien; ihm fehlte Philipps Genialitaet und Philipps +Spannkraft, die wahrhaft koeniglichen Eigenschaften, die das Glueck +verdunkelt und geschaendet, aber die reinigende Macht der Not wieder zu +Ehren gebracht hatte. Philippos liess sich und die Dinge gehen; aber +wenn es galt, fand er in sich die Kraft zu raschem und ernstlichem +Handeln. Perseus spann weite und feine Plaene und verfolgte sie mit +unermuedlicher Beharrlichkeit; aber wenn die Stunde schlug und das, was +er angelegt und vorbereitet hatte, ihm in der lebendigen Wirklichkeit +entgegentrat, erschrak er vor seinem eigenen Werke. Wie es +beschraenkten Naturen eigen ist, ward ihm das Mittel zum Zweck; er +haeufte Schaetze auf Schaetze fuer den Roemerkrieg und als die Roemer +im Lande standen, vermochte er nicht von seinen Goldstuecken sich zu +trennen. Es ist bezeichnend, dass nach der Niederlage der Vater zuerst +eilte, die kompromittierenden Papiere in seinem Kabinett zu vernichten, +der Sohn dagegen seine Kassen nahm und sich einschiffte. In +gewoehnlichen Zeiten haette er einen Koenig vom Dutzendschlag so gut +und besser wie mancher andere abgeben koennen; aber er war nicht +geschaffen, ein Unternehmen zu leiten, das von Haus aus verloren war, +wenn nicht ein ausserordentlicher Mann es beseelte. + +Makedoniens Macht war nicht gering. Die Ergebenheit des Landes gegen +das Haus der Antigoniden war ungebrochen, das Nationalgefuehl hier +allein nicht durch den Hader politischer Parteien paralysiert. Den +grossen Vorteil der monarchischen Verfassung, dass jeder +Regierungswechsel den alten Groll und Zank beseitigt und eine neue Aera +anderer Menschen und frischer Hoffnungen herauffuehrt, hatte der Koenig +verstaendig benutzt und seine Regierung begonnen mit allgemeiner +Amnestie, mit Zurueckberufung der fluechtigen Bankerottierer und Erlass +der rueckstaendigen Steuern. Die gehaessige Haerte des Vaters brachte +also dem Sohn nicht bloss Vorteil, sondern auch Liebe. Sechsundzwanzig +Friedensjahre hatten die Luecken in der makedonischen Bevoelkerung +teils von selbst ausgefuellt, teils der Regierung gestattet, hierfuer +als fuer den eigentlichen wunden Fleck des Landes ernstliche Fuersorge +zu treffen. Philippos hielt die Makedonier an zur Ehe und +Kinderzeugung; er besetzte die Kuestenstaedte, aus denen er die +Einwohner in das Innere zog, mit thrakischen Kolonisten von +zuverlaessiger Wehrhaftigkeit und Treue; er zog, um die verheerenden +Einfaelle der Dardaner ein fuer allemal abzuwehren, gegen Norden eine +Scheidewand, indem er das Zwischenland jenseits der Landesgrenze bis an +das barbarische Gebiet zu Einoede machte, und gruendete neue Staedte in +den noerdlichen Provinzen. Kurz, er tat Zug fuer Zug dasselbe fuer +Makedonien, wodurch spaeter Augustus das Roemische Reich zum zweitenmal +gruendete. Die Armee war zahlreich - 30 000 Mann, ohne die Zuzuege und +die Mietstruppen zu rechnen - und die junge Mannschaft geuebt durch den +bestaendigen Grenzkrieg gegen die thrakischen Barbaren. Seltsam ist es, +dass Philippos nicht wie Hannibal es versuchte, sein Heer roemisch zu +organisieren; allein es begreift sich, wenn man sich erinnert, was den +Makedoniern ihre zwar oft ueberwundene, aber doch noch immer +unueberwindlich geglaubte Phalanx galt. Durch die neuen Finanzquellen, +die Philippos in Bergwerken, Zoellen und Zehnten sich geschaffen hatte, +und den aufbluehenden Ackerbau und Handel war es gelungen, den Schatz, +die Speicher und die Arsenale zu fuellen; als der Krieg begann, lag im +makedonischen Staatsschatz Geld genug, um fuer das dermalige Heer und +fuer 10000 Mann Mietstruppen auf zehn Jahre den Sold zu zahlen und +fanden sich in den oeffentlichen Magazinen Getreidevorraete auf ebenso +lange Zeit (18 Mill. Medimnen oder preussische Scheffel) und Waffen +fuer ein dreifach so starkes Heer, als das gegenwaertige war. In der +Tat war Makedonien ein ganz anderer Staat geworden, als da es durch den +Ausbruch des zweiten Krieges mit Rom ueberrascht ward; die Macht des +Reiches war in allen Beziehungen mindestens verdoppelt - mit einer in +jeder Hinsicht weit geringeren hatte Hannibal es vermocht, Rom bis in +seine Grundfesten zu erschuettern. + +Nicht so guenstig standen die aeusseren Verhaeltnisse. Es lag in der +Natur der Sache, dass Makedonien jetzt die Plaene von Hannibal und von +Antiochos wieder aufnehmen und versuchen musste, sich an die Spitze +einer Koalition aller unterdrueckten Staaten gegen Roms Suprematie zu +stellen; und allerdings gingen die Faeden vom Hofe zu Pydna nach allen +Seiten. Indes der Erfolg war gering. Dass die Treue der Italiker +schwankte, ward wohl behauptet; allein es konnte weder Freund noch +Feind entgehen, dass zunaechst die Wiederaufnahme der Samnitenkriege +nicht gerade wahrscheinlich sei. Die naechtlichen Konferenzen +makedonischer Abgeordneter mit dem karthagischen Senat, die Massinissa +in Rom denunzierte, konnten gleichfalls ernsthafte und einsichtige +Maenner nicht erschrecken, selbst wenn sie nicht, wie es sehr moeglich +ist, voellig erfunden waren. Die Koenige von Syrien und Bithynien +suchte der makedonische Hof durch Zwischenheiraten in das makedonische +Interesse zu ziehen; allein es kam dabei weiter nichts heraus, als dass +die unsterbliche Naivitaet der Diplomatie, die Laender mit Liebschaften +erobern zu wollen, sich einmal mehr prostituierte. Den Eumenes, den +gewinnen zu wollen laecherlich gewesen waere, haetten Perseus’ Agenten +gern beseitigt; er sollte auf der Rueckkehr von Rom, wo er gegen +Makedonien gewirkt hatte, bei Delphi ermordet werden, allein der +saubere Plan misslang. + +Von groesserer Bedeutung waren die Bestrebungen, die noerdlichen +Barbaren und die Hellenen gegen Rom aufzuwiegeln. Philippos hatte den +Plan entworfen, die alten Feinde Makedoniens, die Dardaner in dem +heutigen Serbien, zu erdruecken durch einen anderen, vom linken Ufer +der Donau herbeigezogenen, noch wilderen Schwarm deutscher Abstammung, +den der Bastarner, sodann mit diesen und der ganzen dadurch in Bewegung +gesetzten Voelkerlawine selbst nach Italien auf dem Landweg zu ziehen +und in die Lombardei einzufallen, wohin er die Alpenpaesse bereits +erkunden liess - ein grossartiger, Hannibals wuerdiger Entwurf, welchen +auch ohne Zweifel Hannibals Alpenuebergang unmittelbar angeregt hat. Es +ist mehr als wahrscheinlich, dass hiermit die Gruendung der roemischen +Festung Aquileia zusammenhaengt, die eben in Philippos’ letzte Zeit +faellt (573 181) und nicht passt zu dem sonst von den Roemern bei ihren +italischen Festungsanlagen befolgten System. Der Plan scheiterte indes +an dem verzweifelten Widerstand der Dardaner und der mitbetroffenen +naechstwohnenden Voelkerschaften; die Bastarner mussten wieder abziehen +und der ganze Haufen ertrank auf der Heimkehr unter dem einbrechenden +Eise der Donau. Der Koenig suchte nun wenigstens unter den Haeuptlingen +des illyrischen Landes, des heutigen Dalmatiens und des noerdlichen +Albaniens, seine Klientel auszubreiten. Nicht ohne Perseus’ Vorwissen +kam einer derselben, der treulich zu Rom hielt, Arthetauros, durch +Moerderhand um. Der bedeutendste von allen, Genthios, der Sohn und Erbe +des Pleuratos, stand zwar dem Namen nach gleich seinem Vater in +Buendnis mit Rom, allein die Boten von Issa, einer griechischen Stadt +auf einer der dalmatinischen Inseln, berichteten dem Senat, dass Koenig +Perseus mit dem jungen, schwachen, trunkfaelligen Menschen in +heimlichem Einverstaendnis stehe und Genthios’ Gesandte in Rom dem +Perseus als Spione dienten. + +In den Landschaften oestlich von Makedonien gegen die untere Donau zu +stand der maechtigste unter den thrakischen Haeuptlingen, der Fuerst +der Orysen und Herr des ganzen oestlichen Thrakiens von der +makedonischen Grenze am Hebros (Maritza) bis an den mit griechischen +Staedten bedeckten Kuestensaum, der kluge und tapfere Kotys, mit +Perseus im engsten Buendnis; von den anderen kleineren Haeuptlingen, +die es hier mit Rom hielten, ward einer, der Fuerst der Sagaeer, +Abrupolis, infolge eines gegen Amphipolis am Strymon gerichteten +Raubzugs von Perseus geschlagen und aus dem Lande getrieben. Von +hierher hatte Philipp zahlreiche Kolonisten gezogen und standen +Soeldner zu jeder Zeit in beliebiger Zahl zu Gebot. + +Unter der ungluecklichen hellenischen Nation ward von Philippos und +Perseus lange vor der Kriegserklaerung gegen Rom ein zwiefacher +Propagandakrieg lebhaft gefuehrt, indem man teils die nationale, teils +- man gestatte den Ausdruck - die kommunistische Partei auf die Seite +Makedoniens zu bringen versuchte. Dass alle national Gesinnten unter +den asiatischen wie unter den europaeischen Griechen jetzt im Herzen +makedonisch waren, versteht sich von selbst; nicht wegen einzelner +Ungerechtigkeiten der roemischen Befreier, sondern weil die Herstellung +der hellenischen Nationalitaet durch eine fremde den Widerspruch in +sich selbst trug, und jetzt, wo es freilich zu spaet war, jeder es +begriff, dass die abscheulichste makedonische Regierung minder +unheilvoll fuer Griechenland war als die aus den edelsten Absichten +ehrenhafter Auslaender hervorgegangene freie Verfassung. Dass die +tuechtigsten und rechtschaffensten Leute in ganz Griechenland gegen Rom +Partei ergriffen, war in der Ordnung; roemisch gesinnt war nur die +feile Aristokratie und hier und da ein einzelner ehrlicher Mann, der +ausnahmsweise sich ueber den Zustand und die Zukunft der Nation nicht +taeuschte. Am schmerzlichsten empfand dies Eumenes von Pergamon, der +Traeger jener fremdlaendischen Freiheit unter den Griechen. Vergeblich +behandelte er die ihm unterworfenen Staedte mit Ruecksichten aller Art; +vergeblich buhlte er um die Gunst der Gemeinden und der Tagsatzungen +mit wohlklingenden Worten und noch besser klingendem Golde - er musste +vernehmen, dass man seine Geschenke zurueckgewiesen, ja dass man eines +schoenen Tages im ganzen Peloponnes nach Tagsatzungsbeschluss alle +frueher ihm errichteten Statuen zerschlagen und die Ehrentafeln +eingeschmolzen habe (584 170), waehrend Perseus’ Name auf allen Lippen +war; waehrend selbst die ehemals am entschiedensten antimakedonisch +gesinnten Staaten, wie die Achaeer, ueber die Aufhebung der gegen +Makedonien gerichteten Gesetze berieten; waehrend Byzantion, obwohl +innerhalb des Pergamenischen Reiches gelegen, nicht von Eumenes, +sondern von Perseus Schutz und Besatzung gegen die Thraker erbat und +empfing, und ebenso Lampsakos am Hellespont sich dem Makedonier +anschloss; waehrend die maechtigen und besonnenen Rhodier dem Koenig +Perseus seine syrische Braut, da die syrischen Kriegsschiffe im +Aegaeischen Meer sich nicht zeigen durften, mit ihrer ganzen +praechtigen Kriegsflotte von Antiocheia her zufuehrten und hochgeehrt +und reich beschenkt, namentlich mit Holz zum Schiffbau, wieder +heimkehrten; waehrend Beauftragte der asiatischen Staedte, also der +Untertanen des Eumenes, in Samothrake mit makedonischen Abgeordneten +geheime Konferenzen hielten. Jene Sendung der rhodischen Kriegsflotte +schien wenigstens eine Demonstration; und sicher war es eine, dass der +Koenig Perseus unter dem Vorwand einer gottesdienstlichen Handlung bei +Delphi den Hellenen sich und seine ganze Armee zur Schau stellte. Dass +der Koenig sich auf diese nationale Propaganda bei dem bevorstehenden +Kriege zu stuetzen gedachte, war in der Ordnung. Arg aber war es, dass +er die fuerchterliche oekonomische Zerruettung Griechenlands benutzte, +um alle diejenigen, die eine Umwaelzung der Eigentums- und +Schuldverhaeltnisse wuenschten, an Makedonien zu ketten. Von der +beispiellosen Ueberschuldung der Gemeinden wie der einzelnen im +europaeischen Griechenland, mit Ausnahme des in dieser Hinsicht etwas +besser geordneten Peloponnes, ist es schwer, sich einen hinreichenden +Begriff zu machen; es kam vor, dass eine Stadt die andere ueberfiel und +auspluenderte, bloss um Geld zu machen, so zum Beispiel die Athener +Oropos, und bei den Aetolern, den Perrhaebern, den Thessalern lieferten +die Besitzenden und die Nichtbesitzenden sich foermliche Schlachten. +Die aergsten Greueltaten verstehen sich bei solchen Zustaenden von +selbst; so wurde bei den Aetolern eine allgemeine Versoehnung +verkuendet und ein neuer Landfriede gemacht, einzig zu dem Zweck, eine +Anzahl von Emigranten ins Garn zu locken und zu ermorden. Die Roemer +versuchten zu vermitteln; aber ihre Gesandten kehrten unverrichteter +Sache zurueck und meldeten, dass beide Parteien gleich schlecht und die +Erbitterung nicht zu bezaehmen sei. Hier half in der Tat nichts anderes +mehr als der Offizier und der Scharfrichter; der sentimentale +Hellenismus fing an, ebenso grauenvoll zu werden, wie er von Anfang an +laecherlich gewesen war. Koenig Perseus aber bemaechtigte sich dieser +Partei, wenn sie den Namen verdient, der Leute, die nichts, am +wenigsten einen ehrlichen Namen zu verlieren hatten, und erliess nicht +bloss Verfuegungen zu Gunsten der makedonischen Bankerottierer, sondern +liess auch in Larisa, Delphi und Delos Plakate anschlagen, welche +saemtliche wegen politischer oder anderer Verbrechen oder ihrer +Schulden wegen landfluechtig gewordene Griechen aufforderten, nach +Makedonien zu kommen und volle Einsetzung in ihre ehemaligen Ehren und +Gueter zu gewaertigen. Dass sie kamen, kann man sich denken; ebenso +dass in ganz Nordgriechenland die glimmende soziale Revolution nun in +offene Flammen ausschlug und die national-soziale Partei daselbst um +Hilfe zu Perseus sandte. Wenn die hellenische Nationalitaet nur mit +solchen Mitteln zu retten war, so durfte bei aller Verehrung fuer +Sophokles und Pheidias man sich die Frage erlauben, ob das Ziel des +Preises wert sei. + +Der Senat begriff, dass er schon zu lange gezoegert habe und dass es +Zeit sei, dem Treiben ein Ende zu machen. Die Vertreibung des +thrakischen Haeuptlings Abrupolis, der mit den Roemern in Buendnis +stand, die Buendnisse Makedoniens mit den Byzantiern, Aetolern und +einem Teil der boeotischen Staedte waren ebensoviel Verletzungen des +Friedens von 557 (197) und genuegten fuer das offizielle +Kriegsmanifest; der wahre Grund des Krieges war, dass Makedonien im +Begriff stand, seine formelle Souveraenitaet in eine reelle zu +verwandeln und Rom aus dem Patronat ueber die Hellenen zu verdraengen. +Schon 581 (173) sprachen die roemischen Gesandten auf der achaeischen +Tagsatzung es ziemlich unumwunden aus, dass ein Buendnis mit Perseus +mit dem Abfall von dem roemischen gleichbedeutend sei. Im Jahr 582 +(172) kam Koenig Eumenes persoenlich nach Rom mit einem langen +Beschwerdenregister und deckte die ganze Lage der Dinge im Senat auf, +worauf dieser wider Erwarten in geheimer Sitzung sofort die +Kriegserklaerung beschloss und die Landungsplaetze in Epeiros mit +Besatzungen versah. Der Form wegen ging noch eine Gesandtschaft nach +Makedonien, deren Botschaft aber derart war, dass Perseus, erkennend, +dass er nicht zurueck koenne, die Antwort gab, er sei bereit, ein neues +wirklich gleiches Buendnis mit Rom zu schliessen, allein den Vertrag +von 557 (197) sehe er als aufgehoben an, und die Gesandten anwies, +binnen drei Tagen das Reich zu verlassen. Damit war der Krieg +tatsaechlich erklaert. Es war im Herbst 582 (172); wenn Perseus wollte, +konnte er ganz Griechenland besetzen und die makedonische Partei +ueberall ans Regiment bringen, ja vielleicht die bei Apollonia stehende +roemische Division von 5000 Mann unter Gnaeus Sicinius erdruecken und +den Roemern die Landung streitig machen. Allein der Koenig, dem schon +vor dem Ernst der Dinge zu grauen begann, liess sich mit seinem +Gastfreund, dem Konsular Quintus Marcius Philippus, ueber die +Frivolitaet der roemischen Kriegserklaerung in Verhandlungen ein und +sich durch diese bestimmen, den Angriff zu verschieben und noch einmal +einen Friedensversuch in Rom zu machen, den, wie begreiflich, der Senat +nur beantwortete mit der Ausweisung saemtlicher Makedonier aus Italien +und der Einschiffung der Legionen. Zwar tadelten die Senatoren der +aelteren Schule die “neue Weisheit” ihres Kollegen und die unroemische +List; allein der Zweck war erreicht und der Winter verfloss, ohne dass +Perseus sich ruehrte. Desto eifriger nutzten die roemischen Diplomaten +die Zwischenzeit, um Perseus eines jeden Anhaltes in Griechenland zu +berauben. Der Achaeer war man sicher. Nicht einmal die Patriotenpartei +daselbst, die weder mit jenen sozialen Bewegungen einverstanden war +noch ueberhaupt sich weiter verstieg als zu der Sehnsucht nach einer +weisen Neutralitaet, dachte daran, sich Perseus in die Arme zu werfen; +und ueberdies war dort jetzt durch roemischen Einfluss die Gegenpartei +ans Ruder gekommen, die unbedingt sich an Rom anschloss. Der Aetolische +Bund hatte zwar in seinen inneren Unruhen von Perseus Hilfe erbeten; +aber der unter den Augen der roemischen Gesandten gewaehlte neue +Strateg Lykiskos war roemischer gesinnt als die Roemer selbst. Auch bei +den Thessalern behielt die roemische Partei die Oberhand. Sogar die von +Alters her makedonisch gesinnten und oekonomisch aufs tiefste +zerruetteten Boeoter hatten in ihrer Gesamtheit sich nicht offen fuer +Perseus erklaert; doch liessen wenigstens drei ihrer Staedte, Thisbae, +Haliartos und Koroneia auf eigene Hand sich mit Perseus ein. Da auf die +Beschwerde des roemischen Gesandten die Regierung der boeotischen +Eidgenossenschaft ihm den Stand der Dinge mitteilte, erklaerte jener, +dass sich am besten zeigen werde, welche Stadt es mit Rom halte und +welche nicht, wenn jede sich einzeln ihm gegenueber ausspreche; und +daraufhin lief die Boeotische Eidgenossenschaft geradezu auseinander. +Es ist nicht wahr, dass Epaminondas’ grosser Bau von den Roemern +zerstoert worden ist; er fiel tatsaechlich zusammen, ehe sie daran +ruehrten, und ward also freilich das Vorspiel fuer die Aufloesung der +uebrigen, noch fester geschlossenen griechischen Staedtebuende ^2. Mit +der Mannschaft der roemisch gesinnten boeotischen Staedte belagerte der +roemische Gesandte Publius Lentulus Haliartos, noch ehe die roemische +Flotte im Aegaeischen Meer erschien. + +———————————————————- + +^2 Die rechtliche Aufloesung der Boeotischen Eidgenossenschaft erfolgte +uebrigens wohl noch nicht jetzt, sondern erst nach der Zerstoerung +Korinths (Paus. 7, 14, 4; 16, 6.) + +———————————————————- + +Chalkis ward mit achaeischer, die orestische Landschaft mit +epeirotischer Mannschaft, die dassaretischen und illyrischen Kastelle +an der makedonischen Westgrenze von den Truppen des Gnaeus Sicinius +besetzt, und sowie die Schiffahrt wieder begann, erhielt Larisa eine +Besatzung von 2000 Mann. Perseus sah dem allem untaetig zu und hatte +keinen Fussbreit Landes ausserhalb seines eigenen Gebietes inne, als im +Fruehling oder nach dem offiziellen Kalender im Juni 583 (171) die +roemischen Legionen an der Westkueste landeten. Es ist zweifelhaft, ob +Perseus namhafte Bundesgenossen gefunden haben wuerde, auch wenn er +soviel Energie gezeigt haette, als er Schlaffheit bewies; unter diesen +Umstaenden blieb er natuerlich voellig allein, und jene weitlaeufigen +Propagandaversuche fuehrten vorlaeufig wenigstens zu gar nichts. +Karthago, Genthios von Illyrien, Rhodos und die kleinasiatischen +Freistaedte, selbst das mit Perseus bisher so eng befreundete Byzanz, +boten den Roemern Kriegsschiffe an, welche diese indes ablehnten. +Eumenes machte sein Landheer und seine Schiffe mobil. Koenig Ariarathes +von Kappadokien schickte ungeheissen Geiseln nach Rom. Perseus’ +Schwager, Koenig Prusias II. von Bithynien, blieb neutral. In ganz +Griechenland ruehrte sich niemand. Koenig Antiochos IV. von Syrien, im +Kurialstil “der Gott, der glaenzende Siegbringer” genannt zur +Unterscheidung von seinem Vater, dem “Grossen”, ruehrte sich zwar, aber +nur um dem ganz ohnmaechtigen Aegypten waehrend dieses Krieges das +syrische Kuestenland zu entreissen. + +Indes wenn Perseus auch fast allein stand, so war er doch ein nicht +veraechtlicher Gegner. Sein Heer zaehlte 43000 Mann, darunter 21000 +Phalangiten und 4000 makedonische und thrakische Reiter, der Rest +groesstenteils Soeldner. Die Gesamtmacht der Roemer in Griechenland +betrug zwischen 30- und 40000 Mann italischer Truppen, ausserdem ueber +10000 Mann numidischen, ligurischen, griechischen, kretischen und +besonders pergamenischen Zuzugs. Dazu kam die Flotte, die nur 40 +Deckschiffe zaehlte, da ihr keine feindliche gegenueberstand - Perseus, +dem der Vertrag mit Rom Kriegsschiffe zu bauen verboten hatte, richtete +erst jetzt Werften in Thessalonike ein -, die aber bis 10000 Mann +Truppen an Bord hatte, da sie hauptsaechlich bei Belagerungen +mitzuwirken bestimmt war. Die Flotte fuehrte Gaius Lucretius, das +Landheer der Konsul Publius Licinius Crassus. Derselbe liess eine +starke Abteilung in Illyrien, um von Westen aus Makedonien zu +beunruhigen, waehrend er mit der Hauptmacht wie gewoehnlich von +Apollonia nach Thessalien aufbrach. Perseus dachte nicht daran, den +schwierigen Marsch zu stoeren, sondern begnuegte sich, in Perrhaebien +einzuruecken und die naechsten Festungen zu besetzen. Am Ossa erwartete +er den Feind und unweit Larisa erfolgte das erste Gefecht zwischen den +beiderseitigen Reitern und leichten Truppen. Die Roemer wurden +entschieden geschlagen. Kotys mit der thrakischen Reiterei hatte die +italische, Perseus mit der makedonischen die griechische geworfen und +zersprengt; die Roemer hatten 2000 Mann zu Fuss, 2000 Reiter an Toten, +600 Reiter an Gefangenen verloren und mussten sich gluecklich +schaetzen, unbehindert den Peneios ueberschreiten zu koennen. Perseus +benutzte den Sieg, um auf dieselben Bedingungen, die Philippos erhalten +hatte, den Frieden zu erbitten; sogar dieselbe Summe zu zahlen war er +bereit. Die Roemer schlugen die Forderung ab; sie schlossen nie Frieden +nach einer Niederlage, und hier haette der Friedensschluss allerdings +folgeweise den Verlust Griechenlands nach sich gezogen. Indes +anzugreifen verstand der elende roemische Feldherr auch nicht; man zog +hin und her in Thessalien, ohne dass etwas von Bedeutung geschah. +Perseus konnte die Offensive ergreifen; er sah die Roemer schlecht +gefuehrt und zaudernd; wie ein Lauffeuer war die Nachricht durch +Griechenland gegangen, dass das griechische Heer im ersten Treffen +glaenzend gesiegt habe - ein zweiter Sieg konnte zur allgemeinen +Insurrektion der Patriotenpartei fuehren und durch die Eroeffnung eines +Guerillakrieges unberechenbare Erfolge bewirken. Allein Perseus war ein +guter Soldat, aber kein Feldherr wie sein Vater; er hatte sich auf +einen Verteidigungskrieg gefasst gemacht, und wie die Dinge anders +gingen, fand er sich wie gelaehmt. Einen unbedeutenden Erfolg, den die +Roemer in einem zweiten Reitergefecht bei Phalanna davontrugen, nahm er +zum Vorwand, um nun doch, wie es beschraenkten und eigensinnigen +Naturen eigen ist, zu dem ersten Plan zurueckzukehren und Thessalien zu +raeumen. Das hiess natuerlich soviel, als auf jeden Gedanken einer +hellenischen Insurrektion verzichten; was sonst sich haette erreichen +lassen, zeigt der dennoch erfolgte Parteiwechsel der Epeiroten. Von +beiden Seiten geschah seitdem nichts Ernstliches mehr; Perseus +ueberwand den Koenig Genthios, zuechtigte die Dardaner und liess durch +Kotys die roemisch gesinnten Thraker und die pergamenischen Truppen aus +Thrakien hinausschlagen. Dagegen nahm die roemische Westarmee einige +illyrische Staedte, und der Konsul beschaeftigte sich damit, Thessalien +von den makedonischen Besatzungen zu reinigen und sich der unruhigen +Aetoler und Akarnanen durch Besetzung von Ambrakia zu versichern. Am +schwersten aber empfanden den roemischen Heldenmut die ungluecklichen +boeotischen Staedte, die mit Perseus hielten; die Einwohner sowohl von +Thisbae, das sich ohne Widerstand ergab, sowie der roemische Admiral +Gaius Lucretius vor der Stadt erschien, wie von Haliartos, das ihm die +Tore schloss und erstuermt werden musste, wurden von ihm in die +Sklaverei verkauft, Koroneia von dem Konsul Crassus gar der +Kapitulation zuwider ebenso behandelt. Noch nie hatte ein roemisches +Heer so schlechte Mannszucht gehalten wie unter diesen Befehlshabern. +Sie hatten das Heer so zerruettet, dass auch im naechsten Feldzug 584 +(170) der neue Konsul Aulus Hostilius an ernstliche Unternehmungen +nicht denken konnte, zumal da der neue Admiral Lucius Hortensius sich +ebenso unfaehig und gewissenlos erwies wie sein Vorgaenger. Die Flotte +lief ohne allen Erfolg in den thrakischen Kuestenplaetzen an. Die +Westarmee unter Appius Claudius, dessen Hauptquartier in Lychnidos im +dassaretischen Gebiet war, erlitt eine Schlappe ueber die andere; +nachdem eine Expedition nach Makedonien hinein voellig verunglueckt +war, griff gegen Anfang des Winters der Koenig mit den an der +Suedgrenze durch den tiefen, alle Paesse sperrenden Schnee entbehrlich +gewordenen Truppen den Appius seinerseits an, nahm ihm zahlreiche +Ortschaften und eine Menge Gefangene ab und knuepfte Verbindungen mit +dem Koenig Genthios an; ja er konnte einen Versuch machen, in Aetolien +einzufallen, waehrend Appius sich in Epeiros von der Besatzung einer +Festung, die er vergeblich belagert hatte, noch einmal schlagen liess. +Die roemische Hauptarmee machte ein paar Versuche, erst ueber die +Kambunischen Berge, dann durch die thessalischen Paesse in Makedonien +einzudringen, aber sie wurden schlaff angestellt und beide von Perseus +zurueckgewiesen. Hauptsaechlich beschaeftigte der Konsul sich mit der +Reorganisierung des Heeres, die freilich auch vor allen Dingen noetig +war, aber einen strengeren Mann und einen namhafteren Offizier +erforderte. Abschied und Urlaub waren kaeuflich geworden, die +Abteilungen daher niemals vollzaehlig; die Mannschaft ward im Sommer +einquartiert, und wie die Offiziere im grossen Stil, stahlen die +Gemeinen im kleinen; die befreundeten Voelkerschaften wurden in +schmaehlicher Weise beargwohnt - so waelzte man die Schuld der +schimpflichen Niederlage bei Larisa auf die angebliche Verraeterei der +aetolischen Reiterei und sandte unerhoerterweise deren Offiziere zur +Kriminaluntersuchung nach Rom; so draengte man die Molotter in Epeiros. +durch falschen Verdacht zum wirklichen Abfall; die verbuendeten Staedte +wurden, als waeren sie erobert, mit Kriegskontributionen belegt, und +wenn sie auf den roemischen Senat provozierten, die Buerger +hingerichtet oder zu Sklaven verkauft - so in Abdera und aehnlich in +Chalkis. Der Senat schritt sehr ernstlich ein ^3: er befahl die +Befreiung der ungluecklichen Koroneier und Abderiten und verbot den +roemischen Beamten, ohne Erlaubnis des Senats Leistungen von den +Bundesgenossen zu verlangen. Gaius Lucretius ward von der Buergerschaft +einstimmig verurteilt. Allein das konnte nicht aendern, dass das +Ergebnis dieser beiden ersten Feldzuege militaerisch null, politisch +ein Schandfleck fuer die Roemer war, deren ungemeine Erfolge im Osten +nicht zum wenigsten darauf beruhten, dass sie der hellenischen +Suendenwirtschaft gegenueber sittlich rein und tuechtig auftraten. +Haette an Perseus’ Stelle Philippos kommandiert, so wuerde dieser Krieg +vermutlich mit der Vernichtung des roemischen Heeres und dem Abfall der +meisten Hellenen begonnen haben; allein Rom war so gluecklich, in den +Fehlern stets von seinen Gegnern ueberboten zu werden. Perseus +begnuegte sich in Makedonien, das nach Sueden und Westen eine wahre +Bergfestung ist, gleichwie in einer belagerten Stadt sich zu +verschanzen. + +—————————————————————————- + +^3 Der kuerzlich aufgefundene Senatsbeschluss vom 9. Oktober 584 (170), +der die Rechtsverhaeltnisse von Thisbae regelt (Eph. epigr. 1872, S. +278 f.; AM 4, 1889, S. 235f.), gibt einen deutlichen Einblick in diese +Verhaeltnisse. + +—————————————————————————— + +Auch der dritte Oberfeldherr, den Rom 585 (169) nach Makedonien sandte, +Quintus Marcius Philippus, jener schon erwaehnte ehrliche Gastfreund +des Koenigs, war seiner keineswegs leichten Aufgabe durchaus nicht +gewachsen. Er war ehrgeizig und unternehmend, aber ein schlechter +Offizier. Sein Wagestueck, durch den Pass Lapathus westlich von Tempe +den Uebergang ueber den Olympos in der Art zu gewinnen, dass er gegen +die Besatzung des Passes eine Abteilung zurueckliess und mit der +Hauptmacht durch unwegsame Abhaenge nach Herakleion zu den Weg sich +bahnte, wird dadurch nicht entschuldigt, dass es gelang. Nicht bloss +konnte eine Handvoll entschlossener Leute ihm den Weg verlegen, wo dann +an keinen Rueckzug zu denken war, sondern noch nach dem Uebergang stand +er mit der makedonischen Hauptmacht vor sich, hinter sich die stark +befestigten Bergfestungen Tempe und Lapathus, eingekeilt in eine +schmale Strandebene und ohne Zufuhr wie ohne Moeglichkeit zu +fouragieren, in einer nicht minder verzweifelten Lage, als da er in +seinem ersten Konsulat in den ligurischen Engpaessen, die seitdem +seinen Namen behielten, sich gleichfalls hatte umzingeln lassen. Allein +wie damals ihn ein Zufall rettete, so jetzt Perseus’ Unfaehigkeit. Als +ob er den Gedanken nicht fassen koenne, gegen die Roemer anders als +durch Sperrung der Paesse sich zu verteidigen, gab er sich +seltsamerweise verloren, sowie er die Roemer diesseits derselben +erblickte, fluechtete eiligst nach Pydna und befahl, seine Schiffe zu +verbrennen und seine Schaetze zu versenken. Aber selbst dieser +freiwillige Abzug der makedonischen Armee befreite den Konsul noch +nicht aus seiner peinlichen Lage. Er ging zwar ungehindert vor, musste +aber nach vier Tagemaerschen wegen Mangels an Lebensmitteln sich wieder +rueckwaerts wenden; und da auch der Koenig zur Besinnung kam und +schleunigst umkehrte, um in die verlassene Position wieder +einzuruecken, so waere das roemische Heer in grosse Gefahr geraten, +wenn nicht zur rechten Zeit das unueberwindliche Tempe kapituliert und +seine reichen Vorraete dem Feind ueberliefert haette. Die Verbindung +mit dem Sueden war nun zwar dadurch dem roemischen Heere gesichert; +aber auch Perseus hatte sich in seiner frueheren wohlgewaehlten +Stellung an dem Ufer des kleinen Flusses Elpios stark verbarrikadiert +und hemmte hier den weiteren Vormarsch der Roemer. So verblieb das +roemische Heer den Rest des Sommers und den Winter eingeklemmt in den +aeussersten Winkel Thessaliens; und wenn die Ueberschreitung der Paesse +allerdings ein Erfolg und der erste wesentliche in diesem Krieg war, so +verdankte man ihn doch nicht der Tuechtigkeit des roemischen, sondern +der Verkehrtheit des feindlichen Feldherrn. Die roemische Flotte +versuchte vergebens Demetrias zu nehmen und richtete ueberhaupt gar +nichts aus. Perseus’ leichte Schiffe streiften kuehn zwischen den +Kykladen, beschuetzten die nach Makedonien bestimmten Kornschiffe und +griffen die feindlichen Transporte auf. Bei der Westarmee stand es noch +weniger gut; Appius Claudius konnte mit seiner geschwaechten Abteilung +nichts ausrichten, und der von ihm begehrte Zuzug aus Achaia ward durch +die Eifersucht des Konsuls abgehalten zu kommen. Dazu kam, dass +Genthios sich von Perseus durch das Versprechen einer grossen Geldsumme +hatte erkaufen lassen, mit Rom zu brechen, und die roemischen Gesandten +einkerkern liess; worauf uebrigens der sparsame Koenig es ueberfluessig +fand, die zugesicherten Gelder zu zahlen, da Genthios nun allerdings +ohnehin gezwungen war, statt der bisherigen zweideutigen eine +entschieden feindliche Stellung gegen Rom einzunehmen. So hatte man +also einen kleinen Krieg mehr neben dem grossen, der nun schon drei +Jahre sich hinzog. Ja haette Perseus sich von seinem Golde zu trennen +vermocht, er haette den Roemern noch gefaehrlichere Feinde erwecken +koennen. Ein Keltenschwarm unter Clondicus, 10000 Mann zu Pferde und +ebenso viele zu Fuss, bot in Makedonien selbst sich an, bei ihm Dienste +zu nehmen; allein man konnte sich ueber den Sold nicht einigen. Auch in +Hellas gaerte es so, dass ein Guerillakrieg sich mit einiger +Geschicklichkeit und einer vollen Kasse leicht haette entzuenden +lassen; allein da Perseus nicht Lust hatte zu geben und die Griechen +nichts umsonst taten, blieb das Land ruhig. + +Endlich entschloss man sich in Rom, den rechten Mann nach Griechenland +zu senden. Es war Lucius Aemilius Paullus, der Sohn des gleichnamigen +Konsuls, der bei Cannae fiel; ein Mann von altem Adel, aber geringem +Vermoegen und deshalb auf dem Wahlplatz nicht so gluecklich wie auf dem +Schlachtfeld, wo er in Spanien und mehr noch in Ligurien sich +ungewoehnlich hervorgetan. Ihn waehlte das Volk fuer das Jahr 586 (168) +zum zweitenmal zum Konsul seiner Verdienste wegen, was damals schon +eine seltene Ausnahme war. Er war in jeder Beziehung der rechte: ein +vorzueglicher Feldherr von der alten Schule, streng gegen sich und +seine Leute und trotz seiner sechzig Jahre noch frisch und kraeftig, +ein unbestechlicher Beamter - “einer der wenigen Roemer jener Zeit, +denen man kein Geld bieten konnte”, sagt ein Zeitgenosse von ihm - und +ein Mann von hellenischer Bildung, der noch als Oberfeldherr die +Gelegenheit benutzte, um Griechenland der Kunstwerke wegen zu bereisen. + +Sowie der neue Feldherr im Lager bei Herakleion eingetroffen war, liess +er, waehrend Vorpostengefechte im Flussbett des Elpios die Makedonier +beschaeftigten, den schlecht bewachten Pass bei Pythion durch Publius +Nasica ueberrumpeln; der Feind war dadurch umgangen und musste nach +Pydna zurueckweichen. Hier, am roemischen 4. September 586 (168) oder +am 22. Juni des Julianischen Kalenders - eine Mondfinsternis, die ein +kundiger roemischer Offizier dem Heer voraussagte, damit kein boeses +Anzeichen darin gefunden werde, gestattet hier die genaue +Zeitbestimmung - wurden beim Traenken der Rosse nach Mittag zufaellig +die Vorposten handgemein, und beide Teile entschlossen sich, die +eigentlich erst auf den naechsten Tag angesetzte Schlacht sofort zu +liefern. Ohne Helm und Panzer durch die Reihen schreitend ordnete der +greise Feldherr der Roemer selber seine Leute. Kaum standen sie, so +stuermte die furchtbare Phalanx auf sie ein; der Feldherr selber, der +doch manchen harten Kampf gesehen hatte, gestand spaeter ein, dass er +gezittert habe. Die roemische Vorhut zerstob, eine paelignische Kohorte +ward niedergerannt und fast vernichtet, die Legionen selbst wichen +eilig zurueck, bis sie einen Huegel erreicht hatten, bis hart an das +roemische Lager. Hier wandte sich das Glueck. Das unebene Terrain und +die eilige Verfolgung hatte die Glieder der Phalanx geloest; in +einzelnen Kohorten drangen die Roemer in jede Luecke ein, griffen von +der Seite und von hinten an, und da die makedonische Reiterei, die +allein noch haette Hilfe bringen koennen, ruhig zusah und bald sich in +Massen davonmachte, mit ihr unter den ersten der Koenig, so war in +weniger als einer Stunde das Geschick Makedoniens entschieden. Die 3000 +erlesenen Phalangiten liessen sich niederhauen bis auf den letzten +Mann; es war, als wolle die Phalanx, die ihre letzte grosse Schlacht +bei Pydna schlug, hier selber untergehen. Die Niederlage war furchtbar; +20000 Makedonier lagen auf dem Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Der +Krieg war zu Ende, am fuenfzehnten Tage nachdem Paullus den Oberbefehl +uebernommen hatte; ganz Makedonien unterwarf sich in zwei Tagen. Der +Koenig fluechtete mit seinem Golde - noch hatte er ueber 6000 Talente +(10 Mill. Taler) in seiner Kasse - nach Samothrake, begleitet von +wenigen Getreuen. Allein da er selbst von diesen noch einen ermordete, +den Euandros von Kreta, der als Anstifter des gegen Eumenes versuchten +Mordes zur Rechenschaft gezogen werden sollte, verliessen ihn auch die +koeniglichen Pagen und die letzten Gefaehrten. Einen Augenblick hoffte +er, dass das Asylrecht ihn schuetzen werde; allein selbst er begriff, +dass er sich an einen Strohhalm halte. Ein Versuch, zu Kotys zu +fluechten, misslang. So schrieb er an den Konsul; allein der Brief ward +nicht angenommen, da er sich darin Koenig genannt hatte. Er erkannte +sein Schicksal und lieferte auf Gnade und Ungnade den Roemern sich aus +mit seinen Kindern und seinen Schaetzen, kleinmuetig und weinend, den +Siegern selbst zum Ekel. Mit ernster Freude und mehr der Wandelbarkeit +der Geschicke als dem gegenwaertigen Erfolg nachsinnend empfing der +Konsul den vornehmsten Gefangenen, den je ein roemischer Feldherr +heimgebracht hat. Perseus starb wenige Jahre darauf als +Staatsgefangener in Alba am Fuciner See ^4; sein Sohn lebte in +spaeteren Jahren in derselben italischen Landstadt als Schreiber. + +———————————————————————— + +^4 Dass die Roemer, um zugleich ihm das Wort zu halten, das ihm sein +Leben verbuergte, und Rache an ihm zu nehmen, ihn durch Entziehung des +Schlafs getoetet, ist sicher eine Fabel. + +———————————————————————- + +So ging das Reich Alexanders des Grossen, das den Osten bezwungen und +hellenisiert hatte, 144 Jahre nach seinem Tode zugrunde. + +Damit aber zu dem Trauerspiel die Posse nicht fehlte, ward gleichzeitig +auch der Krieg gegen den “Koenig” Genthios von Illyrien von dem Praetor +Lucius Anicius binnen dreissig Tagen begonnen und beendet, die +Piratenflotte genommen, die Hauptstadt Skodra erobert, und die beiden +Koenige, der Erbe des grossen Alexander und der des Pleuratos, zogen +nebeneinander gefangen in Rom ein. + +Es war im Senat beschlossen worden, dass die Gefahr nicht wiederkehren +duerfe, die Flamininus’ unzeitige Milde ueber Rom gebracht hatte. +Makedonien ward vernichtet. Auf der Konferenz zu Amphipolis am Strymon +verfuegte die roemische Kommission die Aufloesung des +festgeschlossenen, durch und durch monarchischen Einheitsstaates in +vier, nach dem Schema der griechischen Eidgenossenschaften +zugeschnittene republikanisch-foederative Gemeindebuende, den von +Amphipolis in den oestlichen Landschaften, den von Thessalonike mit der +chalkidischen Halbinsel, den von Pella an der thessalischen Grenze und +den von Pelagonia im Binnenland. Zwischenheiraten unter den +Angehoerigen der verschiedenen Eidgenossenschaften waren ungueltig, und +keiner durfte in mehr als einer derselben ansaessig sein. Alle +koeniglichen Beamten sowie deren erwachsene Soehne mussten das Land +verlassen und sich nach Italien begeben, bei Todesstrafe - man +fuerchtete noch immer, und mit Recht, die Zuckungen der alten +Loyalitaet. Das Landrecht und die bisherige Verfassung blieb uebrigens +bestehen; die Beamten wurden natuerlich durch Gemeindewahlen ernannt +und innerhalb der Gemeinden wie der Buende die Macht in die Haende der +Vornehmen gelegt. Die koeniglichen Domaenen und die Regalien wurden den +Eidgenossenschaften nicht zugestanden, namentlich die Gold- und +Silbergruben, ein Hauptreichtum des Landes, zu bearbeiten untersagt; +doch ward 596 (138) wenigstens die Ausbeutung der Silbergruben wieder +gestattet ^5. Die Einfuhr von Salz, die Ausfuhr von Schiffbauholz +wurden verboten. Die bisher an den Koenig gezahlte Grundsteuer fiel +weg, und es blieb den Eidgenossenschaften und den Gemeinden +ueberlassen, sich selber zu besteuern; doch hatten diese die Haelfte +der bisherigen Grundsteuer nach einem ein fuer allemal festgestellten +Satz, zusammen jaehrlich 100 Talente (170000 Taler), nach Rom zu +entrichten ^6. Das ganze Land ward fuer ewige Zeiten entwaffnet, die +Festung Demetrias geschleift; nur an der Nordgrenze sollte eine +Postenkette gegen die Einfaelle der Barbaren bestehen bleiben. Von den +abgelieferten Waffen wurden die kupfernen Schilde nach Rom gesandt, der +Rest verbrannt. + +————————————————————— + +^5 Die Angabe Cassiodors, dass im Jahre 596 (158) die makedonischen +Bergwerke wieder eroeffnet wurden, erhaelt ihre naehere Bestimmung +durch die Muenzen. Goldmuenzen der vier Makedonien sind nicht +vorhanden; die Goldgruben also blieben entweder geschlossen oder es +wurde das gewonnene Gold als Barren verwertet. Dagegen finden sich +allerdings Silbermuenzen des ersten Makedoniens (Amphipolis), in +welchem Bezirk die Silbergruben belegen sind; fuer die kurze Zeit in +der sie geschlagen sein muessen (596-608 158-146) ist die Zahl +derselben auffallend gross und zeugt entweder von einem sehr +energischen Betrieb der Gruben oder von massenhafter Umpraegung des +alten Koeniggeldes. + +^6 Wenn das makedonische Gemeinwesen durch die Roemer der +“herrschaftlichen Auflagen und Abgaben entlastet ward” (Polyb. 37, 4), +so braucht deshalb noch nicht notwendig ein spaeterer Erlass dieser +Steuer angenommen zu werden; es genuegt zur Erklaerung von Polybios’ +Worten, dass die bisher herrschaftliche jetzt Gemeindesteuer ward. Der +Fortbestand der der Provinz Makedonien von Paullus gegebenen Verfassung +bis wenigstens in die augustische Zeit (Liv. 45, 32; Iust. 33, 2) +wuerde freilich sich auch mit dem Erlass der Steuer vereinigen lassen. + +———————————————————— + +Man erreichte seinen Zweck. Das makedonische Land hat zweimal noch auf +den Ruf von Prinzen aus dem alten Herrscherhause zu den Waffen +gegriffen, und ist uebrigens von jener Zeit bis auf den heutigen Tag +ohne Geschichte geblieben. + +Aehnlich ward Illyrien behandelt. Das Reich des Genthios ward in drei +kleine Freistaaten zerschnitten; auch hier zahlten die Ansaessigen die +Haelfte der bisherigen Grundsteuer an ihre neuen Herren, mit Ausnahme +der Staedte, die es mit den Roemern gehalten hatten und dafuer +Grundsteuerfreiheit erhielten - eine Ausnahme, die zu machen Makedonien +keine Veranlassung bot. Die illyrische Piratenflotte ward konfisziert +und den angeseheneren griechischen Gemeinden an dieser Kueste +geschenkt. Die ewigen Quaelereien, welche die Illyrier den Nachbarn +namentlich durch ihre Korsaren zufuegten, hatten hiermit wenigstens auf +lange hinaus ein Ende. + +Kotys in Thrakien, der schwer zu erreichen und gelegentlich gegen +Eumenes zu brauchen war, erhielt Verzeihung und seinen gefangenen Sohn +zurueck. + +So waren die noerdlichen Verhaeltnisse geordnet und auch Makedonien +endlich von dem Joch der Monarchie erloest - in der Tat, Griechenland +war freier als je, ein Koenig nirgend mehr vorhanden. + +Aber man beschraenkte sich nicht darauf, Makedonien Sehnen und Nerven +zu zerschneiden. Es war im Senat beschlossen, die saemtlichen +hellenischen Staaten, Freund und Feind, ein fuer allemal unschaedlich +zu machen und sie miteinander in dieselbe demuetige Klientel +hinabzudruecken. Die Sache selbst mag sich rechtfertigen lassen; allein +die Art der Ausfuehrung namentlich gegen die maechtigeren unter den +griechischen Klientelstaaten ist einer Grossmacht nicht wuerdig und +zeigt, dass die Epoche der Fabier und Scipionen zu Ende ist. Am +schwersten traf dieser Rollenwechsel denjenigen Staat, der von Rom +geschaffen und grossgezogen war, um Makedonien im Zaum zu halten, und +dessen man jetzt nach Makedoniens Vernichtung freilich nicht mehr +bedurfte, das Reich der Attaliden. Es war nicht leicht, gegen den +klugen und besonnenen Eumenes einen ertraeglichen Vorwand zu finden, um +ihn aus seiner bevorzugten Stellung zu verdraengen und ihn in Ungnade +fallen zu lassen. Auf einmal kamen um die Zeit, da die Roemer im Lager +bei Herakleion standen, seltsame Geruechte ueber ihn in Umlauf; er +stehe mit Perseus im heimlichen Verkehr; ploetzlich sei seine Flotte +wie weggeweht gewesen; fuer seine Nichtteilnahme am Feldzug seien ihm +500, fuer die Vermittlung des Friedens 1500 Talente geboten worden, und +nur an Perseus’ Geiz habe sich der Vertrag zerschlagen. Was die +pergamenische Flotte anlangt, so ging der Koenig mit ihr, als die +roemische sich ins Winterquartier begab, gleichfalls heim, nachdem er +dem Konsul seine Aufwartung gemacht hatte. Die Bestechungsgeschichte +ist so sicher ein Maerchen wie nur irgendeine heutige Zeitungsente; +denn dass der reiche, schlaue und konsequente Attalide, der den Bruch +zwischen Rom und Makedonien durch seine Reise 582 (172) zunaechst +veranlasst hatte, und fast deswegen von Perseus’ Banditen ermordet +worden waere, in dem Augenblick, wo die wesentlichen Schwierigkeiten +eines Krieges ueberwunden waren, an dessen endlichem Ausgang er +ueberdies nie ernstlich gezweifelt haben konnte, dass er seinen Anteil +an der Beute seinem Moerder um einige Talente verkauft und das Werk +langer Jahre an eine solche Erbaermlichkeit gesetzt haben sollte, ist +denn doch nicht bloss gelogen, sondern sehr albern gelogen. Dass kein +Beweis weder in Perseus’ Papieren noch sonst sich vorfand, ist sicher +genug; denn selbst die Roemer wagten nicht, jene Verdaechtigungen laut +auszusprechen. Aber sie hatten ihren Zweck. Was man wollte, zeigt das +Benehmen der roemischen Grossen gegen Attalos, Eumenes’ Bruder, der die +pergamenischen Hilfstruppen in Griechenland befehligt hatte. Mit +offenen Armen ward der wackere und treue Kamerad in Rom empfangen und +aufgefordert, nicht fuer seinen Bruder, sondern fuer sich zu bitten - +gern werde der Senat ihm ein eigenes Reich gewaehren, Attalos erbat +nichts als Aenos und Maroneia. Der Senat meinte, dass dies nur eine +vorlaeufige Bitte sei und gestand sie mit grosser Artigkeit zu. Als er +aber abreiste, ohne weitere Forderungen gestellt zu haben, und der +Senat zu der Einsicht kam, dass die pergamenische Regentenfamilie unter +sich nicht so lebe, wie es in den fuerstlichen Haeusern hergebracht +war, wurden Aenos und Maroneia zu Freistaedten erklaert. Nicht einen +Fussbreit Landes erhielten die Pergamener von der makedonischen Beute; +hatte man nach Antiochos’ Besiegung Philippos gegenueber noch die +Formen geschont, so wollte man jetzt verletzen und demuetigen. Um diese +Zeit scheint der Senat Pamphylien, ueber dessen Besitz Eumenes und +Antiochos bisher gestritten, unabhaengig erklaert zu haben. Wichtiger +war es, dass die Galater, bisher im wesentlichen in der Gewalt des +Eumenes, nachdem derselbe den pontischen Koenig mit Waffengewalt aus +Galatien vertrieben und im Frieden ihm die Zusage abgenoetigt hatte, +mit den galatischen Fuersten keine Verbindung ferner unterhalten zu +wollen, jetzt, ohne Zweifel rechnend auf die zwischen Eumenes und den +Roemern eingetretene Spannung, wenn nicht geradezu von diesen +veranlasst, sich gegen Eumenes erhoben, sein Reich ueberschwemmten und +ihn in grosse Gefahr brachten. Eumenes erbat die roemische Vermittlung; +der roemische Gesandte war dazu bereit, meinte aber, dass Attalos, der +das pergamenische Heer befehligte, besser nicht mitgehe, um die Wilden +nicht zu verstimmen, und merkwuerdigerweise richtete er gar nichts aus, +ja er erzaehlte bei der Rueckkehr, dass seine Vermittlung die Wilden +erst recht erbittert habe. Es waehrte nicht lange, so ward die +Unabhaengigkeit der Galater von dem Senat ausdruecklich anerkannt und +gewaehrleistet. Eumenes entschloss sich, persoenlich nach Rom zu gehen +und im Senat seine Sache zu fuehren. Da beschloss dieser ploetzlich, +wie vom boesen Gewissen geplagt, dass Koenige kuenftig nicht mehr nach +Rom sollten kommen duerfen, und schickte ihm nach Brundisium einen +Quaestor entgegen, ihm diesen Senatsbeschluss vorzulegen, ihn zu +fragen, was er wolle, und ihm anzudeuten, dass man seine schleunige +Abreise gern sehen werde. Der Koenig schwieg lange; er begehre, sagte +er endlich, weiter nichts und schiffte sich wieder ein. Er sah, wie es +stand: die Epoche der halbmaechtigen und halbfreien +Bundesgenossenschaft war zu Ende; es begann die der ohnmaechtigen +Untertaenigkeit. + +Aehnlich erging es den Rhodiern. Ihre Stellung war ungemein bevorzugt; +sie standen mit Rom nicht in eigentlicher Symmachie, sondern in einem +gleichen Freundschaftsverhaeltnis, das sie nicht hinderte, Buendnisse +jeder Art einzugehen und nicht noetigte, den Roemern auf Verlangen +Zuzug zu leisten. Vermutlich war eben dies die letzte Ursache, weshalb +ihr Einverstaendnis mit Rom schon seit einiger Zeit getruebt war. Die +ersten Zerwuerfnisse mit Rom hatten stattgefunden infolge des +Aufstandes der nach Antiochos’ Ueberwindung ihnen zugeteilten Lykier +gegen ihre Zwingherren, die sie (576 178) als abtruennige Untertanen in +grausamer Weise knechteten; diese aber behaupteten, nicht Untertanen, +sondern Bundesgenossen der Rhodier zu sein und drangen damit im +roemischen Senat durch, als derselbe aufgefordert war, den +zweifelhaften Sinn des Friedensinstruments festzustellen. Hierbei hatte +indes ein gerechtfertigtes Mitleid mit den, arg gedrueckten Leuten wohl +das meiste getan; wenigstens geschah von Rom nichts weiter, und man +liess diesen wie anderen hellenischen Hader gehen. Als der Krieg mit +Perseus ausbrach, sahen ihn die Rhodier zwar wie alle uebrigen +verstaendigen Griechen ungern, und namentlich Eumenes als Anstifter +desselben war uebel berufen, so dass sogar seine Festgesandtschaft bei +der Heliosfeier in Rhodos abgewiesen ward. Allein dies hinderte sie +nicht, fest an Rom zu halten und die makedonische Partei, die es wie +allerorts so auch in Rhodos gab, nicht an das Ruder zu lassen; die noch +585 (169) ihnen erteilte Erlaubnis, Getreide aus Sizilien auszufuehren, +beweist die Fortdauer des guten Vernehmens mit Rom. Ploetzlich +erschienen kurz vor der Schlacht bei Pydna rhodische Gesandte im +roemischen Hauptquartier und im roemischen Senat mit der Erklaerung, +dass die Rhodier nicht laenger diesen Krieg dulden wuerden, der auf +ihren makedonischen Handel und auf die Hafeneinnahme druecke, und dass +sie der Partei, die sich weigere, Frieden zu schliessen, selbst den +Krieg zu erklaeren gesonnen seien, auch zu diesem Ende bereits mit +Kreta und mit den asiatischen Staedten ein Buendnis abgeschlossen +haetten. In einer Republik mit Urversammlungen ist vieles moeglich; +aber diese wahnsinnige Intervention einer Handelsstadt, die erst +beschlossen sein kann, als man in Rhodos den Fall des Tempepasses +kannte, verlangt eine naehere Erklaerung. Den Schluessel gibt die wohl +beglaubigte Nachricht, dass der Konsul Quintus Marcius, jener Meister +der “neumodischen Diplomatie”, im Lager bei Herakleion, also nach +Besetzung des Tempepasses, den rhodischen Gesandten Agepolis mit +Artigkeiten ueberhaeuft und ihn unter der Hand ersucht hatte, den +Frieden zu vermitteln. Republikanische Verkehrtheit und Eitelkeit taten +das uebrige; man meinte, die Roemer gaeben sich verloren, man haette +gern zwischen vier Grossmaechten zugleich den Vermittler gespielt - +Verbindungen mit Perseus spannen sich an; rhodische Gesandte von +makedonischer Gesinnung sagten mehr, als sie sagen sollten; und man war +gefangen. Der Senat, der ohne Zweifel groesstenteils selbst von jenen +Intrigen nichts wusste, vernahm die wundersame Botschaft mit +begreiflicher Indignation und war erfreut ueber die gute Gelegenheit +zur Demuetigung der uebermuetigen Kaufstadt. Ein kriegslustiger Praetor +ging gar so weit, bei dem Volk die Kriegserklaerung gegen Rhodos zu +beantragen. Umsonst beschworen die rhodischen Gesandten einmal ueber +das andere kniefaellig den Senat, der hundertundvierzigjaehrigen +Freundschaft mehr als des einen Verstosses zu gedenken; umsonst +schickten sie die Haeupter der makedonischen Partei auf das Schafott +oder nach Rom; umsonst sandten sie einen schweren Goldkranz zum Dank +fuer die unterbliebene Kriegserklaerung. Der ehrliche Cato bewies zwar, +dass die Rhodier eigentlich gar nichts verbrochen haetten und fragte, +ob man anfangen wolle, Wuensche und Gedanken zu strafen und ob man den +Voelkern die Besorgnis verargen koenne, dass die Roemer sich alles +erlauben moechten, wenn sie niemanden mehr fuerchten wuerden. Seine +Worte und Warnungen waren vergeblich. Der Senat nahm den Rhodiern ihre +Besitzungen auf dem Festland, die einen jaehrlichen Ertrag von 120 +Talenten (200000 Taler) abwarfen. Schwerer noch fielen die Schlaege +gegen den rhodischen Handel. Schon die Verbote der Salzeinfuhr nach und +der Ausfuhr von Schiffbauholz aus Makedonien scheinen gegen Rhodos +gerichtet. Unmittelbarer noch traf den rhodischen Handel die Errichtung +des delischen Freihafens; der rhodische Hafenzoll, der bis dahin +jaehrlich 1 Mill. Drachmen (286000 Taler) abgeworfen hatte, sank in +kuerzester Zeit auf 150000 Drachmen (43000 Taler). Ueberhaupt aber +waren die Rhodier in ihrer Freiheit und dadurch in ihrer freien und +kuehnen Handelspolitik gelaehmt, und der Staat fing an zu siechen. +Selbst das erbetene Buendnis ward anfangs abgeschlagen und erst 590 +(164) nach wiederholten Bitten erneuert. Die gleich schuldigen, aber +machtlosen Kreter kamen mit einem derben Verweis davon. + +Mit Syrien und Aegypten konnte man kuerzer zu Werke gehen. Zwischen +beiden war Krieg ausgebrochen, wieder einmal ueber Koilesyrien und +Palaestina. Nach der Behauptung der Aegypter waren diese Provinzen bei +der Vermaehlung der syrischen Kleopatra an Aegypten abgetreten worden; +was der Hof von Babylon indes, der sich im faktischen Besitz befand, in +Abrede stellte. Wie es scheint, gab die Anweisung der Mitgift auf die +Steuern der koilesyrischen Staedte die Veranlassung zu dem Hader und +war das Recht auf syrischer Seite; den Ausbruch des Krieges veranlasste +der Tod der Kleopatra im Jahr 581 (173), mit dem spaetestens die +Rentenzahlungen aufhoerten. Der Krieg scheint von Aegypten begonnen zu +sein; allein auch Koenig Antiochos Epiphanes ergriff die Gelegenheit +gern, um das traditionelle Ziel der Seleukidenpolitik, die Erwerbung +Aegyptens, waehrend der Beschaeftigung der Roemer in Makedonien noch +einmal - es sollte das letzte Mal sein - anzustreben. Das Glueck schien +ihm guenstig. Der damalige Koenig von Aegypten, Ptolemaeos VI. +Philometor, der Sohn jener Kleopatra, hatte kaum das Knabenalter +ueberschritten und war schlecht beraten; nach einem grossen Sieg an der +syrisch-aegyptischen Grenze konnte Antiochos in demselben Jahr, in +welchem die Legionen in Griechenland landeten (583 171), in das Gebiet +seines Neffen einruecken und bald war dieser selbst in seiner Gewalt. +Es gewann den Anschein, als gedenke Antiochos unter Philometors Namen, +sich in den Besitz von ganz Aegypten zu setzen; Alexandreia schloss ihm +deshalb die Tore, setzte den Philometor ab und ernannte an seiner +Stelle den juengeren Bruder, Euergetes II. oder der Dicke genannt, zum +Koenig. Unruhen in seinem Reiche riefen den syrischen Koenig aus +Aegypten ab; als er zurueckkam, hatten in seiner Abwesenheit die +Brueder sich miteinander vertragen, und er setzte nun gegen beide den +Krieg fort. Wie er eben vor Alexandreia stand, nicht lange nach der +Schlacht von Pydna (586 168), traf ihn der roemische Gesandte Gaius +Popillius, ein harter, barscher Mann, und insinuierte ihm den Befehl +des Senats, alles Eroberte zurueckzugeben und Aegypten in einer +bestimmten Frist zu raeumen. Der Koenig erbat sich Bedenkzeit; aber der +Konsular zog mit dem Stabe einen Kreis um ihn und hiess ihn sich +erklaeren, bevor er den Kreis ueberschreite. Antiochos erwiderte, dass +er gehorche und zog ab nach seiner Residenz, um dort als der Gott, der +glaenzende Siegbringer, der er war, die Bezwingung Aegyptens nach +roemischer Sitte zu feiern und den Triumph des Paullus zu parodieren. + +Aegypten fuegte sich freiwillig in die roemische Klientel; aber auch +die Koenige von Babylon standen hiermit ab von dem letzten Versuch, +ihre Unabhaengigkeit gegen Rom zu behaupten. Wie Makedonien im Krieg +des Perseus, so machten die Seleukiden im koilesyrischen den gleichen +und gleich letzten Versuch, sich ihre ehemalige Macht wiederzugewinnen; +aber es ist bezeichnend fuer den Unterschied der beiden Reiche, dass +dort die Legionen, hier das barsche Wort eines Diplomaten entschied. + +In Griechenland selbst waren als Verbuendete des Perseus, nachdem die +boeotischen Staedte schon mehr als genug gebuesst hatten, nur noch die +Molotter zu strafen. Auf geheimen Befehl des Senats gab Paullus an +einem Tage siebzig Ortschaften in Epeiros der Pluenderung preis und +verkaufte die Einwohner, 150000 an der Zahl, in die Sklaverei. Die +Aetoler verloren Amphipolis, die Akarnanen Leukas wegen ihres +zweideutigen Benehmens; wogegen die Athener, die fortfuhren, den +bettelnden Poeten ihres Aristophanes zu spielen, nicht bloss Delos und +Lemnos geschenkt erhielten, sondern sogar sich nicht schaemten, um die +oede Staette von Haliartos zu petitionieren, die ihnen denn auch zuteil +ward. So war etwas fuer die Musen geschehen, aber mehr war zu tun fuer +die Justiz. Eine makedonische Partei gab es in jeder Stadt und also +begannen durch ganz Griechenland die Hochverratsprozesse. Wer in +Perseus’ Heer gedient hatte, ward sofort hingerichtet; nach Rom ward +beschieden, wen die Papiere des Koenigs oder die Angabe der zum +Denunzieren herbeistroemenden politischen Gegner konpromittierten - der +Achaeer Kallikrates und der Aetoler Lykiskos zeichneten sich aus in +diesem Gewerbe. So wurden die namhafteren Patrioten unter den +Thessalern, Aetolern, Akarnanen, Lesbiern und so weiter aus der Heimat +entfernt; namentlich aber ueber tausend Achaeer, wobei man nicht so +sehr den Zweck verfolgte, den weggefuehrten Leuten den Prozess, als die +kindische Opposition der Hellenen mundtot zu machen. Den Achaeern, die +wie gewoehnlich sich nicht zufrieden gaben, bis sie die Antwort hatten, +die sie ahnten, erklaerte der Senat, ermuedet durch die ewigen Bitten +um Einleitung der Untersuchung, endlich rundheraus, dass bis auf weiter +die Leute in Italien bleiben wuerden. Sie wurden hier in den +Landstaedten interniert und leidlich gehalten, Fluchtversuche indes mit +dem Tode bestraft; aehnlich wird die Lage der aus Makedonien +weggefuehrten ehemaligen Beamten gewesen sein. Wie die Dinge einmal +standen, war dieser Ausweg, so gewaltsam er war, noch der +ertraeglichste und die enragierten Griechen der Roemerpartei sehr wenig +zufrieden damit, dass man nicht haeufiger koepfte. Lykiskos hatte es +deshalb zweckmaessig gefunden, in der Ratsversammlung vorlaeufig 500 +der vornehmsten Maenner der aetolischen Patriotenpartei niederstossen +zu lassen; die roemische Kommission, die den Menschen brauchte, liess +es hingehen und tadelte nur, dass man diesen hellenischen +Landesgebrauch durch roemische Soldaten habe vollstrecken lassen. Aber +man darf glauben, dass sie zum Teil, um solche Greuel abzuschneiden, +jenes italische Internierungssystem aufstellte. Da ueberhaupt im +eigentlichen Griechenland keine Macht auch nur von der Bedeutung von +Rhodos oder Pergamon bestand, so bedurfte es hier einer Demuetigung +weiter nicht, sondern was man tat, geschah nur, um Gerechtigkeit, +freilich im roemischen Sinne, zu ueben und die aergerlichsten +Ausbrueche des Parteihaders zu beseitigen. + +Es waren hiermit die hellenistischen Staaten saemtlich der roemischen +Klientel vollstaendig untertan geworden und das gesamte Reich +Alexanders des Grossen, gleich als waere die Stadt seiner Erben Erbe +geworden, an die roemische Buergergemeinde gefallen. Von allen Seiten +stroemten die Koenige und die Gesandten nach Rom, um Glueck zu +wuenschen, und es zeigte sich, dass niemals kriechender geschmeichelt +wird, als wenn Koenige antichambrieren. Koenig Massinissa, der nur auf +ausdruecklichen Befehl davon abgestanden war, selber zu erscheinen, +liess durch seinen Sohn erklaeren, dass er sich nur als den +Nutzniesser, die Roemer aber als die wahren Eigentuemer seines Reiches +betrachte und dass er stets mit dem zufrieden sein werde, was sie ihm +uebrig lassen wuerden. Darin war wenigstens Wahrheit. Koenig Prusias +von Bithynien aber, der seine Neutralitaet abzubuessen hatte, trug die +Palme in diesem Wettkampf davon; er fiel auf sein Antlitz nieder, als +er in den Senat gefuehrt ward, und huldigte den “rettenden Goettern”. +Da er so sehr veraechtlich war, sagt Polybios, gab man ihm eine artige +Antwort und schenkte ihm die Flotte des Perseus. + +Der Augenblick wenigstens fuer solche Huldigungen war wohlgewaehlt. Von +der Schlacht von Pydna rechnet Polybios die Vollendung der roemischen +Weltherrschaft. Sie ist in der Tat die letzte Schlacht, in der ein +zivilisierter Staat als ebenbuertige Grossmacht Rom auf der Walstatt +gegenuebergetreten ist; alle spaeteren Kaempfe sind Rebellionen oder +Kriege gegen Voelker, die ausserhalb des Kreises der +roemisch-griechischen Zivilisation stehen, gegen sogenannte Barbaren. +Die ganze zivilisierte Welt erkennt fortan in dem roemischen Senat den +obersten Gerichtshof, dessen Kommissionen in letzter Instanz zwischen +Koenigen und Voelkern entscheiden, um dessen Sprache und Sitte sich +anzueignen fremde Prinzen und vornehme junge Maenner in Rom verweilen. +Ein klarer und ernstlicher Versuch, sich dieser Herrschaft zu +entledigen, ist in der Tat nur ein einziges Mal gemacht worden, von dem +grossen Mithradates von Pontos. Die Schlacht bei Pydna bezeichnet aber +auch zugleich den letzten Moment, wo der Senat noch festhaelt an der +Staatsmaxime, wo irgend moeglich jenseits der italischen Meere keine +Besitzungen und keine Besatzungen zu uebernehmen, sondern jene +zahllosen Klientelstaaten durch die blosse politische Suprematie in +Ordnung zu halten. Dieselben durften also weder sich in voellige +Schwaeche und Anarchie aufloesen, wie es dennoch in Griechenland +geschah, noch aus ihrer halbfreien Stellung sich zur vollen +Unabhaengigkeit entwickeln, wie es doch nicht ohne Erfolg Makedonien +versuchte. Kein Staat durfte ganz zugrunde gehen, aber auch keiner sich +auf eigene Fuesse stellen; weshalb der besiegte Feind wenigstens die +gleiche, oft eine bessere Stellung bei den roemischen Diplomaten hatte +als der treue Bundesgenosse, und der Geschlagene zwar aufgerichtet, +aber wer selber sich aufrichtete, erniedrigt ward - die Aetoler, +Makedonien nach dem Asiatischen Krieg, Rhodos, Pergamon machten die +Erfahrung. Aber diese Beschuetzerrolle ward nicht bloss bald den Herren +ebenso unleidlich wie den Dienern, sondern es erwies sich auch das +roemische Protektorat mit seiner undankbaren, stets von vorn wieder +beginnenden Sisyphusarbeit als innerlich unhaltbar. Die Anfaenge eines +Systemwechsels und der steigenden Abneigung Roms, auch nur +Mittelstaaten in der ihnen moeglichen Unabhaengigkeit neben sich zu +dulden, zeigen sich schon deutlich nach der Schlacht von Pydna in der +Vernichtung der makedonischen Monarchie. Die immer haeufigere und immer +unvermeidlichere Intervention in die inneren Angelegenheiten der +griechischen Kleinstaaten mit ihrer Missregierung und ihrer politischen +wie sozialen Anarchie, die Entwaffnung Makedoniens, wo doch die +Nordgrenze notwendig einer anderen Wehr als blosser Posten bedurfte, +endlich die beginnende Grundsteuerentrichtung nach Rom aus Makedonien +und Illyrien sind ebensoviel Anfaenge der nahenden Verwandlung der +Klientelstaaten in Untertanen Roms. + +Werfen wir zum Schluss einen Blick zurueck auf den von Rom seit der +Einigung Italiens bis auf Makedoniens Zertruemmerung durchmessenen +Lauf, so erscheint die roemische Weltherrschaft keineswegs als ein von +unersaettlicher Laendergier entworfener und durchgefuehrter Riesenplan, +sondern als ein Ergebnis, das der roemischen Regierung sich ohne, ja +wider ihren Willen aufgedrungen hat. Freilich liegt jene Auffassung +nahe genug - mit Recht laesst Sallustius den Mithradates sagen, dass +die Kriege Roms mit Staemmen, Buergerschaften und Koenigen aus einer +und derselben uralten Ursache, aus der nie zu stillenden Begierde nach +Herrschaft und Reichtum hervorgegangen seien; aber mit Unrecht hat man +dieses durch die Leidenschaft und den Erfolg bestimmte Urteil als eine +geschichtliche Tatsache in Umlauf gesetzt. Es ist offenbar fuer jede +nicht oberflaechliche Betrachtung, dass die roemische Regierung +waehrend dieses ganzen Zeitraums nichts wollte und begehrte als die +Herrschaft ueber Italien, dass sie bloss wuenschte, nicht +uebermaechtige Nachbarn neben sich zu haben, und dass sie, nicht aus +Humanitaet gegen die Besiegten, sondern in dem sehr richtigen Gefuehl, +den Kern des Reiches nicht von der Umlage erdruecken zu lassen, sich +ernstlich dagegen stemmte, erst Afrika, dann Griechenland, endlich +Asien in den Kreis der roemischen Klientel hineinzuziehen, bis die +Umstaende jedesmal die Erweiterung des Kreises erzwangen oder +wenigstens mit unwiderstehlicher Gewalt nahelegten. Die Roemer haben +stets behauptet, dass sie nicht Eroberungspolitik trieben und stets die +Angegriffenen gewesen seien; es ist dies doch etwas mehr als eine +Redensart. Zu allen grossen Kriegen mit Ausnahme des Krieges um +Sizilien, zu dem Hannibalischen und dem Antiochischen nicht minder als +zu denen mit Philippos und Perseus, sind sie in der Tat entweder durch +einen unmittelbaren Angriff oder durch eine unerhoerte Stoerung der +bestehenden politischen Verhaeltnisse genoetigt und daher auch in der +Regel von ihrem Ausbruch ueberrascht worden. Dass sie nach dem Sieg +sich nicht so gemaessigt haben, wie sie vor allem im eigenen Interesse +Italiens es haette tun sollen, dass zum Beispiel die Festhaltung +Spaniens, die Uebernahme der Vormundschaft ueber Afrika, vor allem der +halb phantastische Plan, den Griechen ueberall die Freiheit zu bringen, +schwere Fehler waren gegen die italische Politik, ist deutlich genug. +Allein die Ursachen davon sind teils die blinde Furcht vor Karthago, +teils der noch viel blindere hellenische Freiheitsschwindel; +Eroberungslust haben die Roemer in dieser Epoche so wenig bewiesen, +dass sie vielmehr eine sehr verstaendige Eroberungsfurcht zeigen. +Ueberall ist die roemische Politik nicht entworfen von einem einzigen +gewaltigen Kopfe und traditionell auf die folgenden Geschlechter +vererbt, sondern die Politik einer sehr tuechtigen, aber etwas +beschraenkten Ratsherrenversammlung die, um Plaene in Caesars oder +Napoleons Sinn zu entwerfen, der grossartigen Kombination viel zu wenig +und des richtigen Instinkts fuer die Erhaltung des eigenen Gemeinwesens +viel zu viel gehabt hat. Die roemische Weltherrschaft beruht in ihrem +letzten Grunde auf der staatlichen Entwicklung des Altertums +ueberhaupt. Die alte Welt kannte das Gleichgewicht der Nationen nicht +und deshalb war jede Nation, die sich im Innern geeinigt hatte, ihre +Nachbarn entweder geradezu zu unterwerfen bestrebt, wie die +hellenischen Staaten, oder doch unschaedlich zu machen, wie Rom, was +denn freilich schliesslich auch auf die Unterwerfung hinauslief. +Aegypten ist vielleicht die einzige Grossmacht des Altertums, die +ernstlich ein System des Gleichgewichts verfolgt hat; in dem +entgegengesetzten trafen Seleukos und Antigonos, Hannibal und Scipio +zusammen, und wenn es uns jammervoll erscheint, dass all die andern +reich begabten und hochentwickelten Nationen des Altertums haben +vergehen muessen, um eine unter allen zu bereichern, und dass alle am +letzten Ende nur entstanden scheinen, um bauen zu helfen an Italiens +Groesse und, was dasselbe ist, an Italiens Verfall, so muss doch die +geschichtliche Gerechtigkeit es anerkennen, dass hierin nicht die +militaerische Ueberlegenheit der Legion ueber die Phalanx, sondern die +notwendige Entwicklung der Voelkerverhaeltnisse des Altertums +ueberhaupt gewaltet, also nicht der peinliche Zufall entschieden, +sondern das unabaenderliche und darum ertraegliche Verhaengnis sich +erfuellt hat. + + + + +KAPITEL XI. +Regiment und Regierte + + +Der Sturz des Junkertums nahm dem roemischen Gemeinwesen seinen +aristokratischen Charakter keineswegs. Es ist schon frueher darauf +hingewiesen worden, dass die Plebejerpartei von Haus aus denselben +gleichfalls, ja in gewissem Sinne noch entschiedener an sich trug als +das Patriziat; denn wenn innerhalb des alten Buergertums die unbedingte +Gleichberechtigung gegolten hatte, so ging die neue Verfassung von +Anfang an aus von dem Gegensatz der in den buergerlichen Rechten wie in +den buergerlichen Nutzungen bevorzugten senatorischen Haeuser zu der +Masse der uebrigen Buerger. Unmittelbar mit der Beseitigung des +Junkertums und mit der formellen Feststellung der buergerlichen +Gleichheit bildeten sich also eine neue Aristokratie und die derselben +entsprechende Opposition; und es ist frueher dargestellt worden, wie +jene dem gestuerzten Junkertum sich gleichsam aufpfropfte und darum +auch die ersten Regungen der neuen Fortschrittspartei sich mit den +letzten der alten staendischen Opposition verschlangen. Die Anfaenge +dieser Parteibildung gehoeren also dem fuenften, ihre bestimmte +Auspraegung erst dem folgenden Jahrhundert an. Aber es wird diese +innere Entwicklung nicht bloss von dem Waffenlaerm der grossen Kriege +und Siege gleichsam uebertaeubt, sondern es entzieht sich auch ihr +Bildungsprozess mehr als irgendein anderer in der roemischen Geschichte +dem Auge. Wie eine Eisdecke unvermerkt ueber den Strom sich legt und +unvermerkt denselben mehr und mehr einengt, so entsteht diese neue +roemische Aristokratie; und ebenso unvermerkt tritt ihr die neue +Fortschrittspartei gegenueber gleich der im Grunde sich verbergenden +und langsam sich wieder ausdehnenden Stroemung. Die einzelnen jede fuer +sich geringen Spuren dieser zwiefachen und entgegengesetzten Bewegung, +deren historisches Fazit fuer jetzt noch in keiner eigentlichen +Katastrophe tatsaechlich vor Augen tritt, zur allgemeinen +geschichtlichen Anschauung zusammenzufassen, ist sehr schwer. Aber der +Untergang der bisherigen Gemeindefreiheit und die Grundlegung zu den +kuenftigen Revolutionen fallen in diese Epoche; und die Schilderung +derselben sowie der Entwicklung Roms ueberhaupt bleibt unvollstaendig, +wenn es nicht gelingt, die Maechtigkeit jener Eisdecke sowohl wie die +Zunahme der Unterstroemung anschaulich darzulegen und in dem +furchtbaren Droehnen und Krachen die Gewalt des kommenden Bruches ahnen +zu lassen. + +Die roemische Nobilitaet knuepfte auch formell an aeltere, noch der +Zeit des Patriziats angehoerende Institutionen an. Die gewesenen +ordentlichen hoechsten Gemeindebeamten genossen nicht bloss, wie +selbstverstaendlich, von jeher tatsaechlich hoeherer Ehre, sondern es +knuepften sich daran schon frueh gewisse Ehrenvorrechte. Das aelteste +derselben war wohl, dass den Nachkommen solcher Beamten gestattet ward, +im Familiensaal an der Wand, wo der Stammbaum gemalt war, die +Wachsmasken dieser ihrer erlauchten Ahnen nach dem Tode derselben +aufzustellen und diese Bilder bei Todesfaellen von Familiengliedern im +Leichenkondukt aufzufuehren; wobei man sich erinnern muss, dass die +Verehrung des Bildes nach italisch-hellenischer Anschauung als +unrepublikanisch galt, und die roemische Staatspolizei darum die +Ausstellung der Bilder von Lebenden ueberall nicht duldete und die der +Bilder Verstorbener streng ueberwachte. Hieran schlossen mancherlei +aeussere, solchen Beamten und ihren Nachkommen durch Gesetz oder +Gebrauch reservierte Abzeichen sich an: der goldene Fingerring der +Maenner, der silberbeschlagene Pferdeschmuck der Juenglinge, der +Purpurbesatz des Oberkleides und die goldene Amulettkapsel der Knaben +^1 - geringe Dinge, aber dennoch wichtige in einer Gemeinde, wo die +buergerliche Gleichheit auch im aeusseren Auftreten so streng +festgehalten und noch waehrend des Hannibalischen Krieges ein Buerger +eingesperrt und jahrelang im Gefaengnis gehalten ward, weil er +unerlaubter Weise mit einem Rosenkranz auf dem Haupte oeffentlich +erschienen war ^2. Diese Auszeichnungen moegen teilweise schon in der +Zeit des Patrizierregiments bestanden und, solange innerhalb des +Patriziats noch vornehme und geringe Familien unterschieden wurden, den +ersteren als aeussere Abzeichen gedient haben; politische Wichtigkeit +erhielten sie sicher erst durch die Verfassungsaenderung vom Jahre 387 +(367), wo durch zu den jetzt wohl schon durchgaengig Ahnenbilder +fuehrenden patrizischen die zum Konsulat gelangenden plebejischen +Familien mit der gleichen Berechtigung hinzutraten. Jetzt stellte +ferner sich fest, dass zu den Gemeindeaemtern, woran diese erblichen +Ehrenrechte geknuepft waren, weder die niederen noch die +ausserordentlichen noch die Vorstandschaft der Plebs gehoere, sondern +lediglich das Konsulat, die diesem gleichstehende Praetur und die an +der gemeinen Rechtspflege, also an der Ausuebung der +Gemeindeherrlichkeit teilnehmende kurulische Aedilitaet ^3. Obwohl +diese plebejische Nobilitaet im strengen Sinne des Wortes sich erst hat +bilden koennen, seit die kurulischen Aemter sich den Plebejern +geoeffnet hatten, steht sie doch in kurzer Zeit, um nicht zu sagen von +vornherein, in einer gewissen Geschlossenheit da - ohne Zweifel weil +laengst in den altsenatorischen Plebejerfamilien sich eine solche +Adelschaft vorgebildet hatte. Das Ergebnis der Licinischen Gesetze +kommt also der Sache nach nahezu hinaus auf das, was man jetzt einen +Pairsschub nennen wuerde. Wie die durch ihre kurulischen Ahnen +geadelten plebejischen Familien mit den patrizischen sich +koerperschaftlich zusammenschlossen und eine gesonderte Stellung und +ausgezeichnete Macht im Gemeinwesen errangen, war man wieder auf dem +Punkte angelangt, von wo man ausgegangen war, gab es wieder nicht bloss +eine regierende Aristokratie und einen erblichen Adel, welche beide in +der Tat nie verschwunden waren, sondern einen regierenden Erbadel, und +musste die Fehde zwischen den die Herrschaft okkupierenden +Geschlechtern und den gegen die Geschlechter sich auflehnenden Gemeinen +abermals beginnen. Und so weit war man sehr bald. Die Nobilitaet +begnuegte sich nicht mit ihren gleichgueltigen Ehrenrechten, sondern +rang nach politischer Sonder- und Alleinmacht und suchte die +wichtigsten Institutionen des Staats, den Senat und die Ritterschaft, +aus Organen des Gemeinwesens in Organe des altneuen Adels zu +verwandeln. + +———————————————————————- + +^1 All diese Abzeichen kommen, seit sie ueberhaupt aufkommen, zunaechst +wahrscheinlich nur der eigentlichen Nobilitaet, d. h. den agnatischen +Deszendenten kurulischer Beamten zu, obwohl sie nach der Art solcher +Dekorationen im Laufe der Zeit alle auf einen weiteren Kreis ausgedehnt +worden sind. Bestimmt nachzuweisen ist dies fuer den goldenen +Fingerring, den im fuenften Jahrhundert nur die Nobilitaet (Plin. nat. +33, 1, 18), im sechsten schon jeder Senator und Senatorensohn (Liv. 26, +36), im siebenten jeder von Ritterzensus, in der Kaiserzeit jeder +Freigeborene traegt; ferner von dem silbernen Pferdeschmuck, der noch +im Hannibalischen Kriege nur der Nobilitaet zukommt (Liv. 26, 37); von +dem Purpurbesatz der Knabentoga, der anfangs nur den Soehnen der +kurulischen Magistrate, dann auch denen der Ritter, spaeterhin denen +aller Freigeborenen endlich, aber doch schon zur Zeit des +Hannibalischen Krieges, selbst den Soehnen der Freigelassenen gestattet +ward (Macr. Sat. 1, 6). Die goldene Amulettkapsel (bulla) war Abzeichen +der Senatorenkinder in der Zeit des Hannibalischen Krieges (Macr. Sat. +a.a.O.; Liv. 26, 36), in der ciceronischen der Kinder von Ritterzensus +(Cic. Verr. 1, 58, 152), wogegen die Geringeren das Lederamulett +(lorum) tragen. + +Der Purpurstreif (clavus) an der Tunika ist Abzeichen der Senatoren und +der Ritter, so dass wenigstens in spaeterer Zeit ihn jene breit, diese +schmal trugen; mit der Nobilitaet hat der Clavus nichts zu schaffen. + +^2 Plin. nat. 21, 3, 6. Das Recht, oeffentlich bekraenzt zu erscheinen, +ward durch Auszeichnung im Kriege erworben (Polyb. 6, 39, 9; Liv. 10, +41), das unbefugte Kranztragen war also ein aehnliches Vergehen, wie +wenn heute jemand ohne Berechtigung einen Militaerverdienstorden +anlegen wuerde. + +^3 Ausgeschlossen bleiben also das Kriegstribunat mit konsularischer +Gewalt, das Prokonsulat, die Quaestur, das Volkstribunat und andere +mehr. Was die Zensur anlangt, so scheint sie trotz des kurulischen +Sessels der Zensoren (Liv. 40, 45 ; vergl. 27, 8) nicht als kurulisches +Amt gegolten zu haben; fuer die spaetere Zeit indes, wo nur der +Konsular Zensor werden kann, ist die Frage ohne praktischen Wert. Die +plebejische Aedilitaet hat urspruenglich sicher nicht zu den +kurulischen Magistraturen gezaehlt (Liv. 23, 23); doch kann es sein, +dass sie spaeter mit in den Kreis derselben hineingezogen ward. + +———————————————————————- + +Die rechtliche Abhaengigkeit des roemischen Senats der Republik, +namentlich des weiteren patrizisch-plebejischen, von der Magistratur, +hatte sich rasch gelockert, ja in das Gegenteil verwandelt. Die durch +die Revolution von 244 (510) eingeleitete Unterwerfung der +Gemeindeaemter unter den Gemeinderat, die Uebertragung der Berufung in +den Rat vom Konsul auf den Zensor, endlich und vor allem die +gesetzliche Feststellung des Anrechts gewesener kurulischer Beamten auf +Sitz und Stimme im Senat hatten den Senat aus einer, von den Beamten +berufenen und in vieler Hinsicht von ihnen abhaengigen Ratsmannschaft +in ein so gut wie unabhaengiges und in gewissem Sinn sich selber +ergaenzendes Regierungskollegium umgewandelt; denn die beiden Wege, +durch welche man in den Senat gelangte: die Wahl zu einem kurulischen +Amte und die Berufung durch den Zensor, standen der Sache nach beide +bei der Regierungsbehoerde selbst. Zwar war in dieser Epoche die +Buergerschaft noch zu unabhaengig, um die Nichtadligen aus dem Senat +vollstaendig ausschliessen zu lassen, auch wohl die Adelschaft noch zu +verstaendig, um dies auch nur zu wollen; allein bei der streng +aristokratischen Gliederung des Senats in sich selbst, der scharfen +Unterscheidung sowohl der gewesenen kurulischen Beamten nach ihren drei +Rangklassen der Konsulare, Praetorier und Aedilizier, als auch +namentlich der nicht durch ein kurulisches Amt in den Senat gelangten +und darum von der Debatte ausgeschlossenen Senatoren, wurden doch die +Nichtadligen, obgleich sie wohl in ziemlicher Anzahl im Senate sassen, +zu einer unbedeutenden und verhaeltnismaessig einflusslosen Stellung in +demselben herabgedrueckt und ward der Senat wesentlich Traeger der +Nobilitaet. + +Zu einem zweiten, zwar minder wichtigen, aber darum nicht unwichtigen +Organ der Nobilitaet wurde das Institut der Ritterschaft entwickelt. +Dem neuen Erbadel musste, da er nicht die Macht hatte, sich des +Alleinbesitzes der Komitien anzumassen, es in hohem Grade +wuenschenswert sein, wenigstens eine Sonderstellung innerhalb der +Gemeindevertretung zu erhalten. In der Quartierversammlung fehlte dazu +jede Handhabe; dagegen schienen die Ritterzenturien in der +Servianischen Ordnung fuer diesen Zweck wie geschaffen. Die +achtzehnhundert Pferde, welche die Gemeinde lieferte ^4, wurden +verfassungsmaessig ebenfalls von den Zensoren vergeben. Zwar sollten +diese die Ritter nach militaerischen Ruecksichten erlesen und bei den +Musterungen alle durch Alter oder sonst unfaehigen oder ueberhaupt +unbrauchbaren Reiter anhalten, ihr Staatspferd abzugeben; aber dass die +Ritterpferde vorzugsweise den Vermoegenden gegeben wurden, lag im Wesen +der Einrichtung selbst, und ueberall war den Zensoren nicht leicht zu +wehren, dass sie mehr auf vornehme Geburt sahen als auf Tuechtigkeit +und den einmal aufgenommenen ansehnlichen Leuten, namentlich den +Senatoren, auch ueber die Zeit ihr Pferd liessen. Vielleicht ist es +sogar gesetzlich festgestellt worden, dass der Senator dasselbe +behalten konnte, so lange er wollte. So wurde es denn wenigstens +tatsaechlich Regel, dass die Senatoren in den achtzehn Ritterzenturien +stimmten und die uebrigen Plaetze in denselben vorwiegend an die jungen +Maenner der Nobilitaet kamen. Das Kriegswesen litt natuerlich darunter, +weniger noch durch die effektive Dienstunfaehigkeit eines nicht ganz +geringen Teils der Legionarreiterei, als durch die dadurch +herbeigefuehrte Vernichtung der militaerischen Gleichheit, indem die +vornehme Jugend sich von dem Dienst im Fussvolk mehr und mehr +zurueckzog. Das geschlossene adlige Korps der eigentlichen Ritterschaft +wurde tonangebend fuer die gesamte, den durch Herkunft und Vermoegen +hoechstgestellten Buergern entnommene Legionarreiterei. Man wird es +danach ungefaehr verstehen, weshalb die Ritter schon waehrend des +Sizilischen Krieges dem Befehl des Konsuls Gaius Aurelius Cotta, mit +den Legionariern zu schanzen, den Gehorsam verweigerten (502 252), und +weshalb Cato als Oberfeldherr des spanischen Heeres seiner Reiterei +eine ernste Strafrede zu halten sich veranlasst fand. Aber diese +Umwandlung der Buergerreiterei in eine berittene Nobelgarde gereichte +dem Gemeinwesen nicht entschiedener zum Nachteil als zum Vorteil der +Nobilitaet, welche in den achtzehn Ritterzenturien nicht bloss ein +gesondertes, sondern auch das tonangebende Stimmrecht erwarb. + +————————————————————————————————- + +^4 Die gangbare Annahme, wonach die sechs Adelszenturien allein 1200 +die gesamte Reiterei also 3600 Pferde gezaehlt haben soll, ist nicht +haltbar. Die Zahl der Ritter nach der Anzahl der von den Annalisten +aufgefuehrten Verdoppelungen zu bestimmen, ist ein methodischer Fehler; +jede dieser Erzaehlungen ist vielmehr fuer sich entstanden und zu +erklaeren. Bezeugt aber ist weder die erste Zahl, die nur in der selbst +von den Verfechtern dieser Meinung als verschrieben anerkannten Stelle +Ciceros (rep. 2, 20), noch die zweite, die ueberhaupt nirgend bei den +Alten erscheint. Dagegen spricht fuer die im Text vorgetragene Annahme +einmal und vor allem die nicht durch Zeugnisse, sondern durch die +Institutionen selbst angezeigte Zahl; denn es ist gewiss, dass die +Zenturie 100 Mann zaehlt und es urspruenglich drei, dann sechs, endlich +seit der Servianischen Reform achtzehn Ritterzenturien gab. Die +Zeugnisse gehen nur scheinbar davon ab. Die alte, in sich +zusammenhaengende Tradition, die W. A. Becker (Handbuch, Bd. 2,1, S. +243) entwickelt hat, setzt nicht die achtzehn patrizisch-plebejischen, +sondern die sechs patrizischen Zenturien auf 1800 Koepfe an: und dieser +sind Livius (1, 36, nach der handschriftlich allein beglaubigten und +durchaus nicht nach Livius’ Einzelansaetzen zu korrigierenden Lesung) +und Cicero a.a.O. (nach der grammatisch allein zulaessigen Lesung +MDCCC, s. Becker, a.a.O., S. 244) offenbar gefolgt. Allein eben. Cicero +deutet zugleich sehr verstaendlich an, dass hiermit der damalige +Bestand der roemischen Ritterschaft ueberhaupt bezeichnet werden soll. +Es ist also die Zahl der Gesamtheit auf den hervorragendsten Teil +uebertragen worden durch eine Prolepsis, wie sie den alten nicht allzu +nachdenklichen Annalisten gelaeufig ist - ganz in gleicher Art werden +ja auch schon der Stammgemeinde, mit Antizipation des Kontingents der +Titier und der Lucerer, 300 Reiter statt 100 beigelegt (Becker, a.a.O., +S. 238). Endlich ist der Antrag Catos (p. 66 Jordan), die Zahl der +Ritterpferde auf 2200 zu erhoehen, eine ebenso bestimmte Bestaetigung +der oben vorgetragenen wie Widerlegung der entgegengesetzten Ansicht. +Die geschlossene Zahl der Ritterschaft hat wahrscheinlich fortbestanden +bis auf Sulla, wo mit dem faktischen Wegfall der Zensur die Grundlage +derselben wegfiel und allem Anschein nach an die Stelle der +zensorischen Erteilung des Ritterpferdes die Erwerbung desselben durch +Erbrecht trat: fortan ist der Senatorensohn geborener Ritter. Indes +neben dieser geschlossenen Ritterschaft, den equites equo publico, +stehen seit fruehrepublikanischer Zeit die zum Rossdienst auf eigenem +Pferd pflichtigen Buerger, welche nichts sind als die hoechste +Zensusklasse; sie stimmen nicht in den Ritterzenturien, aber gelten +sonst als Ritter und nehmen die Ehrenrechte der Ritterschaft ebenfalls +in Anspruch. + +In der Augustischen Ordnung bleibt den senatorischen Haeusern das +erbliche Ritterrecht; daneben aber wird die zensorische Verleihung des +Ritterpferdes als Kaiserrecht und ohne Beschraenkung auf eine bestimmte +Zahl erneuert und faellt damit fuer die erste Zensusklasse als solche +die Ritterbenennung weg. + +————————————————————————————————- + +Verwandter Art ist die foermliche Trennung der Plaetze des +senatorischen Standes von denjenigen, von welchen aus die uebrige Menge +den Volksfesten zuschaute. Es war der grosse Scipio, der in seinem +zweiten Konsulat 560 (194) sie bewirkte. Auch das Volksfest war eine +Volksversammlung so gut wie die zur Abstimmung berufene der Zenturien; +und dass jene nichts zu beschliessen hatte, machte die hierin liegende +offizielle Ankuendigung der Scheidung von Herrenstand und +Untertanenschaft nur um so praegnanter. Die Neuerung fand darum auch +auf Seiten der Regierung vielfachen Tadel, weil sie nur gehaessig und +nicht nuetzlich war und dem Bestreben des kluegeren Teiles der +Aristokratie ihr Sonderregiment unter den Formen der buergerlichen +Gleichheit zu verstecken, ein sehr offenkundiges Dementi gab. Hieraus +erklaert es sich, weshalb die Zensur der Angelpunkt der spaeteren +republikanischen Verfassung ward; warum dieses urspruenglich keineswegs +in erster Reihe stehende Amt sich allmaehlich mit einem ihm an sich +durchaus nicht zukommenden aeusseren Ehrenschmuck und einer ganz +einzigen aristokratisch-republikanischen Glorie umgab und als der +Gipfelpunkt und die Erfuellung einer wohlgefuehrten oeffentlichen +Laufbahn erschien; warum die Regierung jeden Versuch der Opposition, +ihre Maenner in dieses Amt zu bringen oder gar den Zensor waehrend oder +nach seiner Amtsfuehrung wegen derselben vor dem Volke zur +Verantwortung zu ziehen, als einen Angriff auf ihr Palladium ansah und +gegen jedes derartige Beginnen wie ein Mann in die Schranken trat - es +genuegt in dieser Beziehung an den Sturm zu erinnern, den die Bewerbung +Catos um die Zensur hervorrief und an die ungewoehnlich +ruecksichtslosen und formverletzenden Massregeln, wodurch der Senat die +gerichtliche Verfolgung der beiden unbeliebten Zensoren des Jahres 550 +(204) verhinderte. Dabei verbindet mit dieser Glorifizierung der Zensur +sich ein charakteristisches Misstrauen der Regierung gegen dieses ihr +wichtigstes und eben darum gefaehrlichstes Werkzeug. Es war durchaus +notwendig, den Zensoren das unbedingte Schalten ueber das Senatoren- +und Ritterpersonal zu belassen, da das Ausschliessungs- von dem +Berufungsrecht nicht wohl getrennt und auch jenes nicht wohl entbehrt +werden konnte, weniger um oppositionelle Kapazitaeten aus dem Senat zu +beseitigen, was das leisetretende Regiment dieser Zeit vorsichtig +vermied, als um der Aristokratie ihren sittlichen Nimbus zu bewahren, +ohne den sie rasch eine Beute der Opposition werden musste. Das +Ausstossungsrecht blieb; aber man brauchte hauptsaechlich den Glanz der +blanken Waffe - die Schneide, die man fuerchtete, stumpfte man ab. +Ausser der Schranke, welche in dem Amte selbst lag, insofern die +Mitgliederlisten der adligen Koerperschaften nur von fuenf zu fuenf +Jahren der Revision unterlagen, und ausser den in dem +Interzessionsrecht des Kollegen und dem Kassationsrecht des Nachfolgers +gegebenen Beschraenkungen trat noch eine weitere sehr fuehlbare hinzu, +indem eine dem Gesetz gleichstehende Observanz es dem Zensor zur +Pflicht machte, keinen Senator und keinen Ritter ohne Angabe +schriftlicher Entscheidungsgruende und in der Regel nicht ohne ein +gleichsam gerichtliches Verfahren von der Liste zu streichen. + +In dieser hauptsaechlich auf den Senat, die Ritterschaft und die Zensur +gestuetzten politischen Stellung riss die Nobilitaet nicht bloss das +Regiment wesentlich an sich, sondern gestaltete auch die Verfassung in +ihrem Sinne um. Es gehoert schon hierher, dass man, um die +Gemeindeaemter im Preise zu halten, die Zahl derselben so wenig wie +irgend moeglich und keineswegs in dem Grade vermehrte, wie die +Erweiterung der Grenzen und die Vermehrung der Geschaefte es erfordert +haetten. Nur dem allerdringlichsten Beduerfnis ward notduerftig +abgeholfen durch die Teilung der bisher von dem einzigen Praetor +verwalteten Gerichtsgeschaefte unter zwei Gerichtsherren, von denen der +eine die Rechtssachen unter roemischen Buergern, der andere diejenigen +unter Nichtbuergern oder zwischen Buergern und Nichtbuergern uebernahm, +im Jahre 511 (243), und durch die Ernennung von vier Nebenkonsuln fuer +die vier ueberseeischen Aemter Sizilien (527 227), Sardinien und +Korsika (527 227), das Dies- und das Jenseitige Spanien (557 197). Die +allzu summarische Art der roemischen Prozesseinleitung sowie der +steigende Einfluss des Bueropersonals gehen wohl zum grossen Teil +zurueck auf die materielle Unzulaenglichkeit der roemischen +Magistratur. + +Unter den von der Regierung veranlassten Neuerungen, die darum, weil +sie fast durchgaengig nicht den Buchstaben, sondern nur die Uebung der +bestehenden Verfassung aendern, nicht weniger Neuerungen sind, treten +am bestimmtesten die Massregeln hervor, wodurch die Bekleidung der +Offiziersstellen wie der buergerlichen Aemter nicht, wie der Buchstabe +der Verfassung es gestattete und deren Geist es forderte, lediglich von +Verdienst und Tuechtigkeit, sondern mehr und mehr von Geburt und +Anciennetaet abhaengig gemacht ward. Bei der Ernennung der +Stabsoffiziere geschah dies nicht der Form, um so mehr aber der Sache +nach. Sie war schon im Laufe der vorigen Periode grossenteils vom +Feldherrn auf die Buergerschaft uebergegangen; in dieser Zeit kam es +weiter auf, dass die saemtlichen Stabsoffiziere der regelmaessigen +jaehrlichen Aushebung, die vierundzwanzig Kriegstribune der vier +ordentlichen Legionen, in den Quartierversammlungen ernannt wurden. +Immer unuebersteiglicher zog sich also die Schranke zwischen den +Subalternen, die ihre Posten durch puenktlichen und tapferen Dienst vom +Feldherrn, und dem Stab, der seine bevorzugte Stelle durch Bewerbung +von der Buergerschaft sich erwarb. Um nur den aergsten Missbraeuchen +dabei zu steuern und ganz ungepruefte junge Menschen von diesen +wichtigen Posten fernzuhalten, wurde es noetig, die Vergebung der +Stabsoffiziersstellen an den Nachweis einer gewissen Zahl von +Dienstjahren zu knuepfen. Nichtsdestoweniger wurde, seit das +Kriegstribunat, die rechte Saeule des roemischen Heerwesens, den jungen +Adligen als erster Schrittstein auf ihrer politischen Laufbahn +hingestellt war, die Dienstpflicht unvermeidlich sehr haeufig eludiert +und die Offizierswahl abhaengig von allen Uebelstaenden des +demokratischen Aemterbettels und der aristokratischen +Junkerexklusivitaet. Es war eine schneidende Kritik der neuen +Institution, dass bei ernsthaften Kriegen (zum Beispiel 583 171) es +notwendig befunden ward, diese demokratische Offizierswahl zu +suspendieren und die Ernennung des Stabes wieder dem Feldherrn zu +ueberlassen. + +Bei den buergerlichen Aemtern ward zunaechst und vor allem die +Wiederwahl zu den hoechsten Gemeindestellen beschraenkt. Es war dies +allerdings notwendig, wenn das Jahrkoenigtum nicht ein leerer Name +werden sollte; und schon in der vorigen Periode war die abermalige Wahl +zum Konsulat erst nach Ablauf von zehn Jahren gestattet und die zur +Zensur ueberhaupt untersagt worden. Gesetzlich ging man in dieser +Epoche nicht weiter; wohl aber lag eine fuehlbare Steigerung darin, +dass das Gesetz hinsichtlich des zehnjaehrigen Intervalls zwar im Jahre +537 (217) fuer die Dauer des Krieges in Italien suspendiert, nachher +aber davon nicht weiter dispensiert, ja gegen das Ende dieses +Zeitabschnitts die Wiederwahl ueberhaupt schon selten ward. Weiter +erging gegen das Ende dieser Periode (574 180) ein Gemeindebeschluss, +der die Bewerber um Gemeindeaemter verpflichtete, dieselben in einer +festen Stufenfolge zu uebernehmen und bei jedem gewisse Zwischenzeiten +und Altersgrenzen einzuhalten. Die Sitte freilich hatte beides laengst +vorgeschrieben; aber es war doch eine empfindliche Beschraenkung der +Wahlfreiheit, dass die uebliche Qualifikation zur rechtlichen erhoben +und der Waehlerschaft das Recht entzogen ward, in ausserordentlichen +Faellen sich ueber jene Erfordernisse wegzusetzen. Ueberhaupt wurde den +Angehoerigen der regierenden Familien ohne Unterschied der Tuechtigkeit +der Eintritt in den Senat eroeffnet, waehrend nicht bloss der aermeren +und geringeren Schichten der Bevoelkerung der Eintritt in die +regierenden Behoerden sich voellig verschloss, sondern auch alle nicht +zu der erblichen Aristokratie gehoerenden roemischen Buerger zwar nicht +gerade aus der Kurie, aber wohl von den beiden hoechsten +Gemeindeaemtern, dem Konsulat und der Zensur, tatsaechlich ferngehalten +wurden. Nach Manius Curius und Gaius Fabricius ist kein nicht der +sozialen Aristokratie angehoeriger Konsul nachzuweisen und +wahrscheinlich ueberhaupt kein einziger derartiger Fall vorgekommen. +Aber auch die Zahl der Geschlechter, die in dem halben Jahrhundert vom +Anfang des Hannibalischen bis zum Ende des Perseischen Krieges zum +ersten Male in den Konsular- und Zensorenlisten erscheinen, ist +aeusserst beschraenkt; und bei weitem die meisten derselben, wie zum +Beispiel die Flaminier, Terentier, Porcier, Acilier, Laelier lassen +sich auf Oppositionswahlen zurueckfuehren oder gehen zurueck auf +besondere aristokratische Konnexionen, wie denn die Wahl des Gaius +Laelius 564 (190) offenbar durch die Scipionen gemacht worden ist. Die +Ausschliessung der Aermeren vom Regiment war freilich durch die +Verhaeltnisse geboten. Seit Rom ein rein italischer Staat zu sein +aufgehoert und die hellenische Bildung adoptiert hatte, war es nicht +laenger moeglich, einen kleinen Bauersmann vom Pfluge weg an die Spitze +der Gemeinde zu stellen. Aber das war nicht notwendig und nicht +wohlgetan, dass die Wahlen fast ohne Ausnahme in dem engen Kreis der +kurulischen Haeuser sich bewegten und ein “neuer Mensch” nur durch eine +Art Usurpation in denselben einzudringen vermochte ^5. Wohl lag eine +gewisse Erblichkeit nicht bloss in dem Wesen des senatorischen +Instituts, insofern dasselbe von Haus aus auf einer Vertretung der +Geschlechter beruhte, sondern in dem Wesen der Aristokratie ueberhaupt, +insofern staatsmaennische Weisheit und staatsmaennische Erfahrung von +dem tuechtigen Vater auf den tuechtigen Sohn sich vererben und der +Anhauch des Geistes hoher Ahnen jeden edlen Funken in der Menschenbrust +rascher und herrlicher zur Flamme entfacht. In diesem Sinne war die +roemische Aristokratie zu allen Zeiten erblich gewesen, ja sie hatte in +der alten Sitte, dass der Senator seine Soehne mit sich in den Rat nahm +und der Gemeindebeamte mit den Abzeichen der hoechsten Amtsehre, dem +konsularischen Purpurstreif und der goldenen Amulettkapsel des +Triumphators, seine Soehne gleichsam vorweisend schmueckte, ihre +Erblichkeit mit grosser Naivitaet zur Schau getragen. Aber wenn in der +aelteren Zeit die Erblichkeit der aeusseren Wuerde bis zu einem +gewissen Grade durch die Vererbung der inneren Wuerdigkeit bedingt +gewesen war und die senatorische Aristokratie den Staat nicht zunaechst +kraft Erbrechts gelenkt hatte, sondern kraft des hoechsten aller +Vertretungsrechte, des Rechtes der trefflichen gegenueber den +gewoehnlichen Maennern, so sank sie in dieser Epoche, und namentlich +mit reissender Schnelligkeit seit dem Ende des Hannibalischen Krieges, +von ihrer urspruenglichen hohen Stellung als dem Inbegriff der in Rat +und Tat erprobtesten Maenner der Gemeinde herab zu einem durch Erbfolge +sich ergaenzenden und kollegialisch missregierenden Herrenstand. Ja, so +weit war es in dieser Zeit bereits gekommen, dass aus dem schlimmen +Uebel der Oligarchie das noch schlimmere der Usurpation der Gewalt +durch einzelne Familien sich entwickelte. Von der widerwaertigen +Hauspolitik des Siegers von Zama und von seinem leider erfolgreichen +Bestreben, mit den eigenen Lorbeeren die Unfaehigkeit und +Jaemmerlichkeit des Bruders zuzudecken, ist schon die Rede gewesen; und +der Nepotismus der Flaminine war womoeglich noch unverschaemter und +aergerlicher als der der Scipionen. Die unbedingte Wahlfreiheit +gereichte in der Tat weit mehr solchen Koterien zum Vorteil als der +Waehlerschaft. Dass Marcus Valerius Corvus mit dreiundzwanzig Jahren +Konsul geworden war, war ohne Zweifel zum Besten der Gemeinde gewesen; +aber wenn jetzt Scipio mit dreiundzwanzig Jahren zur Aedilitaet, mit +dreissig zum Konsulat gelangte, wenn Flamininus noch nicht dreissig +Jahre alt von der Quaestur zum Konsulat emporstieg, so lag darin eine +ernste Gefahr fuer die Republik. Man war schon dahin gelangt, den +einzigen wirksamen Damm gegen die Familienregierung und ihre +Konsequenzen in einem streng oligarchischen Regiment finden zu muessen; +und das ist der Grund, weshalb auch diejenige Partei, die sonst der +Oligarchie opponierte, zu der Beschraenkung der Wahlfreiheit die Hand +bot. + +——————————————————————————— + +5 Die Stabilitaet des roemischen Adels kann man namentlich fuer die +patrizischen Geschlechter in den konsularischen und aedilizischen +Fasten deutlich verfolgen. Bekanntlich haben in den Jahren 388-581 +(366-173) (mit Ausnahme der Jahre 399, 400, 401, 403, 405, 409, 411, in +denen beide Konsuln Patrizier waren) je ein Patrizier und ein Plebejer +das Konsulat bekleidet. Ferner sind die Kollegien der kurulischen +Aedilen in den varronisch ungeraden Jahren wenigstens bis zum Ausgang +des sechsten Jahrhunderts ausschliesslich aus den Patriziern gewaehlt +worden und sind fuer die sechzehn Jahre 541, 545, 547, 549, 551, 553, +555, 557, 561, 565, 567, 575, 585, 589, 591, 593 bekannt. Diese +patrizischen Konsuln und Aedilen verteilen sich folgendermassen nach +den Geschlechtern: + + +Konsuln 388-500 Konsuln 501-581 Kurulische Aedilen jener + + (366-254): (253-173): 16 patrizische + Kollegien + + +Cornelier 15 15 14 + +Valerier 10 8 4 + +Claudier 4 8 2 + +Aemilier 9 6 2 + +Fabier 6 6 1 + +Manlier 4 6 1 + +Postumier 2 6 2 + +Servilier 3 4 2 + +Quinctier 2 3 1 + +Furier 2 3 - + +Sulpicier 6 2 2 + +Veturier - 2 - + +Papirier 3 1 - + +Nautier 2 - - + +Julier 1 - 1 + +Foslier 1 - - + +————————————————————————— + + 70 70 32 + +Also die fuenfzehn bis sechzehn hohen Adelsgeschlechter, die zur Zeit +der Licinischen Gesetze in der Gemeinde maechtig waren, haben ohne +wesentliche Aenderung des Bestandes, freilich zum Teil wohl durch +Adoption aufrecht erhalten, die naechsten zwei Jahrhunderte, ja bis zum +Ende der Republik sich behauptet. Zu dem Kreise der plebejischen +Nobilitaet treten zwar von Zeit zu Zeit neue Geschlechter hinzu; indes +auch die alten plebejischen Haeuser, wie die Licinier, Fulvier, +Atilier, Domitier, Marcier, Junier, herrschen in den Fasten in der +entschiedensten Weise durch drei Jahrhunderte vor. + +——————————————————————————— + +Von diesem allmaehlich sich veraendernden Geiste der Regierung trug den +Stempel das Regiment. Zwar in der Verwaltung der aeusseren +Angelegenheiten ueberwog in dieser Zeit noch diejenige Folgerichtigkeit +und Energie, durch welche die Herrschaft der roemischen Gemeinde ueber +Italien gegruendet worden war. In der schweren Lehrzeit des Krieges um +Sizilien hatte die roemische Aristokratie sich allmaehlich auf die +Hoehe ihrer neuen Stellung erhoben; und wenn sie das von Rechts wegen +lediglich zwischen den Gemeindebeamten und der Gemeindeversammlung +geteilte Regiment verfassungswidrig fuer den Gemeinderat usurpierte, so +legitimierte sie sich dazu durch ihre zwar nichts weniger als geniale, +aber klare und feste Steuerung des Staats waehrend des hannibalischen +Sturmes und der daraus sich entspinnenden weiteren Verwicklungen, und +bewies es der Welt, dass den weiten Kreis der italisch-hellenischen +Staaten zu beherrschen einzig der roemische Senat vermochte und in +vieler Hinsicht einzig verdiente: Allein ueber dem grossartigen und mit +den grossartigsten Erfolgen gekroenten Auftreten des regierenden +roemischen Gemeinderats gegen den aeusseren Feind darf es nicht +uebersehen werden, dass in der minder scheinbaren und doch weit +wichtigeren und weit schwereren Verwaltung der inneren Angelegenheiten +des Staates sowohl die Handhabung der bestehenden Ordnungen wie die +neuen Einrichtungen einen fast entgegengesetzten Geist offenbaren, +oder, richtiger gesagt, die entgegengesetzte Richtung hier bereits das +Uebergewicht gewonnen hat. + +Vor allem dem einzelnen Buerger gegenueber ist das Regiment nicht mehr, +was es gewesen. Magistrat heisst der Mann, der mehr ist als die andern; +und wenn er der Diener der Gemeinde ist, so ist er eben darum der Herr +eines jeden Buergers. Aber diese straffe Haltung laesst jetzt sichtlich +nach. Wo das Koteriewesen und der Aemterbettel so in Bluete steht wie +in dem damaligen Rom, huetet man sich, die Gegendienste der +Standesgenossen und die Gunst der Menge durch strenge Worte und +ruecksichtslose Amtspflege zu verscherzen. Wo einmal ein Beamter mit +altem Ernst und alter Strenge auftritt, da sind es in der Regel, wie +zum Beispiel Cotta (502 252) und Cato, neue, nicht aus dem Schosse des +Herrenstandes hervorgegangene Maenner. Es war schon etwas, dass +Paullus, als er zum Oberfeldherrn gegen Perseus ernannt worden war, +statt nach beliebter Art sich bei der Buergerschaft zu bedanken, +derselben erklaerte, er setze voraus, dass sie ihn zum Feldherrn +gewaehlt haetten, weil sie ihn fuer den faehigsten zum Kommando +gehalten, und ersuche sie deshalb, ihm nun nicht kommandieren zu +helfen, sondern stillzuschweigen und zu gehorchen. Roms Suprematie und +Hegemonie im Mittelmeergebiet ruhte nicht zum wenigsten auf der Strenge +seiner Kriegszucht und seiner Rechtspflege. Unzweifelhaft war es auch, +im grossen und ganzen genommen, den ohne Ausnahme tief zerruetteten +hellenischen, phoenikischen und orientalischen Staaten in diesen +Beziehungen damals noch unendlich ueberlegen; dennoch kamen schon arge +Dinge auch in Rom vor. Wie die Erbaermlichkeit der Oberfeldherren, und +zwar nicht etwa von der Opposition gewaehlter Demagogen, wie Gaius +Flaminius und Gaius Varro, sondern gut aristokratischer Maenner, +bereits im dritten Makedonischen Krieg das Wohl des Staates auf das +Spiel gesetzt hatte, ist frueher erzaehlt worden. Und in welcher Art +die Rechtspflege schon hin und wieder gehandhabt ward, das zeigt der +Auftritt im Lager des Konsuls Lucius Quinctius Flamininus bei Placentia +(562 192) - um seinen Buhlknaben fuer die ihm zuliebe versaeumten +Fechterspiele in der Hauptstadt zu entschaedigen, hatte der hohe Herr +einen in das roemische Lager gefluechteten, vornehmen Boier herbeirufen +lassen und ihn mit eigener Hand beim Gelage niedergestossen. Schlimmer +als der Vorgang selber, dem mancher aehnliche sich an die Seite stellen +liesse, war es noch, dass der Taeter nicht bloss nicht vor Gericht +gestellt ward, sondern, als ihn der Zensor Cato deswegen aus der Liste +der Senatoren strich, seine Standesgenossen den Ausgestossenen im +Theater einluden, seinen Senatorenplatz wieder einzunehmen - freilich +war er der Bruder des Befreiers der Griechen und eines der maechtigsten +Koteriehaeupter des Senats. + +Auch das Finanzwesen der roemischen Gemeinde ging in dieser Epoche eher +zurueck als vorwaerts. Zwar der Betrag der Einnahmen war zusehends im +Wachsen. Die indirekten Abgaben - direkte gab es in Rom nicht - stiegen +infolge der erweiterten Ausdehnung des roemischen Gebietes, welche es +zum Beispiel noetig machte, in den Jahren 555, 575 (199, 179) an der +kampanischen und brettischen Kueste neue Zollbueros in Puteoli, Castra +(Squillace) und anderswo einzurichten. Auf demselben Grunde beruht der +neue, die Salzverkaufspreise nach den verschiedenen Distrikten Italiens +abstufende Salztarif vom Jahre 550 (204), indem es nicht laenger +moeglich war, den jetzt durch ganz Italien zerstreuten roemischen +Buergern das Salz zu einem und demselben Preise abzugeben; da indes die +roemische Regierung wahrscheinlich den Buergern dasselbe zum +Produktionspreis, wenn nicht darunter abgab, so ergab diese +Finanzmassregel fuer den Staat keinen Gewinn. Noch ansehnlicher war die +Steigerung des Ertrages der Domaenen. Die Abgabe freilich, welche von +dem zur Okkupation verstatteten italischen Domanialland dem Aerar von +Rechts wegen zukam, ward zum allergroessten Teil wohl weder gefordert +noch geleistet. Dagegen blieb nicht bloss das Hutgeld bestehen, sondern +es wurden auch die infolge des Hannibalischen Krieges neu gewonnenen +Domaenen, namentlich der groessere Teil des Gebiets von Capua und das +von Leontini, nicht zum Okkupieren hingegeben, sondern parzelliert und +an kleine Zeitpaechter ausgetan und der auch hier versuchten Okkupation +von der Regierung mit mehr Nachdruck als gewoehnlich entgegengetreten; +wodurch dem Staate eine betraechtliche und sichere Einnahmequelle +entstand. Auch die Bergwerke des Staats, namentlich die wichtigen +spanischen, wurden durch Verpachtung verwertet. Endlich traten zu den +Einnahmen die Abgaben der ueberseeischen Untertanen hinzu. +Ausserordentlicherweise flossen waehrend dieser Epoche sehr bedeutende +Summen in den Staatsschatz, namentlich an Beutegeld aus dem +Antiochischen Kriege 200 (14500000 Taler), aus dem Perseischen 210 +Mill. Sesterzen (15 Mill. Taler) - letzteres die groesste Barsumme, die +je auf einmal in die roemische Kasse gelangt ist. + +Indes ward diese Zunahme der Einnahme durch die steigenden Ausgaben +groesstenteils wieder ausgeglichen. Die Provinzen, etwa mit Ausnahme +Siziliens, kosteten wohl ungefaehr ebensoviel als sie eintrugen; die +Ausgaben fuer Wege- und andere Bauten stiegen im Verhaeltnis mit der +Ausdehnung des Gebiets; auch die Rueckzahlung der von den ansaessigen +Buergern waehrend der schweren Kriegszeiten erhobenen Vorschuesse +(tributa) lastete noch manches Jahr nachher auf dem roemischen Aerar. +Dazu kamen die durch die verkehrte Wirtschaft und die schlaffe +Nachsicht der Oberbehoerden dem gemeinen Wesen verursachten sehr +namhaften Verluste. Von dem Verhalten der Beamten in den Provinzen, von +ihrer ueppigen Wirtschaft aus gemeinem Saeckel, von den Unterschleifen +namentlich am Beutegut, von dem beginnenden Bestechungs- und +Erpressungssystem wird unten noch die Rede sein. Wie der Staat bei den +Verpachtungen seiner Gefaelle und den Akkorden ueber Lieferungen und +Bauten im allgemeinen wegkam, kann man ungefaehr danach ermessen, dass +der Senat im Jahre 587 (167) beschloss, von dem Betrieb der an Rom +gefallenen makedonischen Bergwerke abzusehen, weil die Grubenpaechter +doch entweder die Untertanen pluendern oder die Kasse bestehlen wuerden +- freilich ein naives Armutszeugnis, das die kontrollierende Behoerde +sich selber ausstellte. Man liess nicht bloss, wie schon gesagt ward, +die Abgabe von dem okkupierten Domanialland stillschweigend fallen, +sondern man litt es auch, dass bei Privatanlagen in der Hauptstadt und +sonst auf oeffentlichen Grund und Boden uebergegriffen und das Wasser +aus den oeffentlichen Leitungen zu Privatzwecken abgeleitet ward; es +machte sehr boeses Blut, wenn einmal ein Zensor gegen solche +Kontravenienten ernstlich einschritt und sie zwang, entweder auf die +Sondernutzung des gemeinen Gutes zu verzichten oder dafuer das +gesetzliche Boden- und Wassergeld zu zahlen. Der Gemeinde gegenueber +bewies das sonst so peinliche oekonomische Gewissen der Roemer eine +merkwuerdige Weite. “Wer einen Buerger bestiehlt”, sagt Cato, +“beschliesst sein Leben in Ketten und Banden; in Gold und Purpur aber, +wer die Gemeinde bestiehlt.” Wenn trotz dessen, dass das oeffentliche +Gut der roemischen Gemeinde ungestraft und ungescheut von Beamten und +Spekulanten gepluendert ward, noch Polybios es hervorhebt, wie selten +in Rom der Unterschleif sei, waehrend man in Griechenland kaum hier und +da einen Beamten finde, der nicht in die Kasse greife; wie der +roemische Kommissar und Beamte auf sein einfaches Treuwort hin +ungeheure Summen redlich verwalte, waehrend in Griechenland der +kleinsten Summe wegen zehn Briefe besiegelt und zwanzig Zeugen +aufgeboten wuerden und doch jedermann betruege, so liegt hierin nur, +dass die soziale und oekonomische Demoralisation in Griechenland noch +viel weiter vorgeschritten war als in Rom und namentlich hier noch +nicht wie dort der unmittelbare und offenbare Kassendefekt florierte. +Das allgemeine finanzielle Resultat spricht sich fuer uns am +deutlichsten in dem Stand der oeffentlichen Bauten und in dem +Barbestand des Staatsschatzes aus. Fuer das oeffentliche Bauwesen +finden wir in Friedenszeiten ein Fuenftel, in Kriegszeiten ein Zehntel +der Einkuenfte verwendet, was den Umstaenden nach nicht gerade +reichlich gewesen zu sein scheint. Es geschah mit diesen Summen sowie +mit den nicht in die Staatskasse unmittelbar fallenden Bruchgeldern +wohl manches fuer die Pflasterung der Wege in und vor der Hauptstadt, +fuer die Chaussierung der italischen Hauptstrassen ^6, fuer die Anlage +oeffentlicher Gebaeude. Wohl die bedeutendste unter den aus dieser +Periode bekannten hauptstaedtischen Bauten war die wahrscheinlich im +Jahre 570 (184) verdungene grosse Reparatur und Erweiterung des +hauptstaedtischen Kloakennetzes, wofuer auf einmal 1700000 Taler (24 +Mill. Sesterzen) angewiesen wurden und der vermutlich der Hauptsache +nach angehoert, was von den Kloaken heute noch vorhanden ist. Aber +allem Anschein nach stand in dem oeffentlichen Bauwesen, auch abgesehen +von den schweren Kriegszeiten, diese Periode hinter dem letzten +Abschnitt der vorigen zurueck; zwischen 482 und 607 (272 und 147) ist +in Rom keine neue Wasserleitung angelegt worden. Der Staatsschatz nahm +freilich zu: die letzte Reserve betrug im Jahre 545 (209), wo man sich +genoetigt sah, sie anzugreifen, nur 1144000 Taler (4000 Pfund Gold; 2, +171), wogegen kurze Zeit nach dem Schluss dieser Periode (597 157) nahe +an 6 Mill. Taler in edlen Metallen in der Staatskasse vorraetig waren. +Allein bei den ungeheuren ausserordentlichen Einnahmen, welche in dem +Menschenalter nach dem Ende des Hannibalischen Krieges der roemischen +Staatskasse zuflossen, befremdet die letztere Summe mehr durch ihre +Niedrigkeit als durch ihre Hoehe. Soweit bei den vorliegenden, mehr als +duerftigen Angaben es zulaessig ist, hier von Resultaten zu sprechen, +zeigen die roemischen Staatsfinanzen wohl einen Ueberschuss der +Einnahme ueber die Ausgabe, aber darum doch nichts weniger als ein +glaenzendes Gesamtergebnis. + +————————————————————- + +^6 Die Kosten von diesen sind indes wohl grossenteils auf die Anlieger +geworfen worden. Das alte System, Fronen anzusagen, war nicht +abgeschafft; es muss nicht selten vorgekommen sein, dass man den +Gutsbesitzern die Sklaven wegnahm, um sie beim Strassenbau zu verwenden +(Cato agr. 2). + +————————————————————- + +Am bestimmtesten tritt der veraenderte Geist der Regierung hervor in +der Behandlung der italischen und ausseritalischen Untertanen der +roemischen Gemeinde. Man hatte sonst in Italien unterschieden die +gewoehnlichen und die latinischen bundesgenoessischen Gemeinden, die +roemischen Passiv- und die roemischen Vollbuerger. Von diesen vier +Klassen wurde die dritte im Laufe dieser Periode so gut wie +vollstaendig beseitigt, indem das, was frueher schon fuer die +Passivbuergergemeinden in Latium und in der Sabina geschehen war, jetzt +auch auf die des ehemaligen volskischen Gebiets Anwendung fand und +diese allmaehlich, zuletzt vielleicht im Jahre 566 (188) Arpinum, Fundi +und Formiae, das volle Buergerrecht empfingen. In Kampanien wurde Capua +nebst einer Anzahl benachbarter kleinerer Gemeinden infolge seines +Abfalls von Rom im Hannibalischen Kriege aufgeloest. Wenn auch einige +wenige Gemeinden, wie Velitrae im Volskergebiet, Teanum und Cumae in +Kampanien, in dem frueheren Rechtsverhaeltnis verblieben sein moegen, +so darf doch, im grossen und ganzen betrachtet, dies Buergerrecht +zweiter Klasse jetzt als beseitigt gelten. + +Dagegen trat neu hinzu eine besonders zurueckgesetzte, der +Kommunalfreiheit und des Waffenrechts entbehrende und zum Teil fast den +Gemeindesklaven gleich behandelte Klasse (peregrini dediticii), wozu +namentlich die Angehoerigen der ehemaligen, mit Hannibal verbuendet +gewesenen kampanischen, suedlichen picentischen und brettischen +Gemeinden gehoerten. Ihnen schlossen sich die diesseits der Alpen +geduldeten Kettenstaemme an, deren Stellung zu der italischen +Eidgenossenschaft zwar nur unvollkommen bekannt ist, aber doch durch +die in ihre Bundesvertraege mit Rom aufgenommene Klausel, dass keiner +aus diesen Gemeinden je das roemische Buergerrecht solle gewinnen +duerfen, hinreichend als eine zurueckgesetzte charakterisiert wird. + +Die Stellung der nichtlatinischen Bundesgenossen hatte, wie schon +frueher angedeutet ward, durch den Hannibalischen Krieg sich sehr zu +ihrem Nachteil veraendert. Nur wenige Gemeinden dieser Kategorie, wie +zum Beispiel Neapel, Nola, Rhegion, Herakleia, hatten waehrend aller +Wechselfaelle dieses Krieges unveraendert auf der Seite Roms gestanden +und darum ihr bisheriges Bundesrecht unveraendert behalten; bei weitem +die meisten mussten infolge ihres Parteiwechsels sich eine nachteilige +Revision der bestehenden Vertraege gefallen lassen. Von der gedrueckten +Stellung der nichtlatinischen Bundesgenossen zeugt die Auswanderung aus +ihren Gemeinden in die latinischen; als im Jahre 577 (177) die Samniten +und Paeligner bei dem Senat um Herabsetzung ihrer Kontingente einkamen, +wurde dies damit motiviert, dass waehrend der letzten Jahre 4000 +samnitische und paelignische Familien nach der latinischen Kolonie +Fregellae uebergesiedelt seien. + +Dass die Latiner, das heisst jetzt die wenigen noch ausserhalb des +roemischen Buergerverbandes stehenden Staedte im alten Latium wie Tibur +und Praeneste, die ihnen rechtlich gleichgestellten Bundesstaedte, wie +namentlich einzelne der Herniker, und die durch ganz Italien +zerstreuten latinischen Kolonien auch jetzt noch besser gestellt waren, +ist hierin enthalten; doch hatten auch sie im Verhaeltnis kaum weniger +sich verschlechtert. Die ihnen auferlegten Lasten wurden unbillig +gesteigert und der Druck des Kriegsdienstes mehr und mehr von der +Buergerschaft ab auf sie und die anderen italischen Bundesgenossen +gewaelzt. So wurden zum Beispiel 536 (218) fast doppelt soviel +Bundesgenossen aufgeboten als Buerger; so nach dem Ende des +Hannibalischen Krieges die Buerger alle, nicht aber die Bundesgenossen +verabschiedet; so die letzteren vorzugsweise fuer den Besatzungs- und +den verhassten spanischen Dienst verwandt; so bei dem Triumphalgeschenk +577 (177) den Bundesgenossen nicht wie sonst die gleiche Verehrung mit +den Buergern, sondern nur die Haelfte gegeben, so dass inmitten des +ausgelassenen Jubels dieses Soldatenkarnevals die zurueckgesetzten +Abteilungen stumm dem Siegeswagen folgten: so erhielten bei +Landanweisungen in Norditalien die Buerger je zehn, die Nichtbuerger je +drei Morgen Ackerlandes. Die unbeschraenkte Freizuegigkeit war den +latinischen Gemeinden bereits frueher (486 268) genommen und ihnen die +Auswanderung nach Rom nur dann gestattet worden, wenn sie leibliche +Kinder und einen Teil ihres Vermoegens in der Heimatgemeinde +zurueckliessen. Indes diese laestigen Vorschriften wurden auf vielfache +Weise umgangen oder uebertreten, und der massenhafte Zudrang der +Buerger der latinischen Ortschaften nach Rom und die Klagen ihrer +Behoerden ueber die zunehmende Entvoelkerung der Staedte und die +Unmoeglichkeit, unter solchen Umstaenden das festgesetzte Kontingent zu +leisten, veranlassten die roemische Regierung, polizeiliche +Ausweisungen aus der Hauptstadt in grossem Umfang zu veranstalten (567, +577 187, 177). Die Massregel mochte unvermeidlich sein, ward aber darum +nicht weniger schwer empfunden. Weiter fingen die von Rom im italischen +Binnenland angelegten Staedte gegen das Ende dieser Periode an, statt +des latinischen, das volle Buergerrecht zu empfangen, was bis dahin nur +hinsichtlich der Seekolonien geschehen war, und die bisher fast +regelmaessige Erweiterung der Latinerschaft durch neu hinzutretende +Gemeinden hatte damit ein Ende. Aquileia, dessen Gruendung 571 (183) +begann, ist die juengste der italischen Kolonien Roms geblieben, welche +mit latinischem Recht beliehen wurden; den ungefaehr gleichzeitig +ausgefuehrten Kolonien Potentia, Pisaurum, Mutina, Parma, Luna (570-577 +184-177) ward schon das volle Buergerrecht gegeben. Die Ursache war +offenbar das Sinken des latinischen im Vergleich mit dem roemischen +Buergerrecht. Die in die neuen Pflanzstaedte ausgefuehrten Kolonisten +wurden von jeher und jetzt mehr als je vorwiegend aus der roemischen +Buergerschaft ausgewaehlt, und es fehlten selbst unter dem aermeren +Teile derselben die Leute, die willig gewesen waeren, auch mit +Erwerbung bedeutender materieller Verteile ihr Buerger- gegen +latinisches Recht zu vertauschen. + +Endlich ward den Nichtbuergern, Gemeinden wie Einzelnen, der Eintritt +in das roemische Buergerrecht fast vollstaendig gesperrt. Das aeltere +Verfahren, die unterworfenen Gemeinden der roemischen einzuverleiben, +hatte man um 400 (350) fallenlassen, um nicht durch uebermaessige +Ausdehnung der roemischen Buergerschaft dieselbe allzusehr zu +dezentralisieren, und deshalb die Halbbuergergemeinden eingerichtet. +Jetzt gab man die Zentralisation der Gemeinde auf, indem teils die +Halbbuergergemeinden das Vollbuergerrecht empfingen, teils zahlreiche +entferntere Buergerkolonien zu der Gemeinde hinzutraten; aber auf das +aeltere Inkorporationssystem kam man den verbuendeten Gemeinden +gegenueber nicht zurueck. Dass nach der vollendeten Unterwerfung +Italiens auch nur eine einzige italische Gemeinde das +bundesgenoessische mit dem roemischen Buergerrecht vertauscht haette, +laesst sich nicht nachweisen; wahrscheinlich hat in der Tat seitdem +keine mehr dieses erhalten. Auch der Uebertritt einzelner Italiker in +das roemische Buergerrecht fand fast allein noch statt fuer die +latinischen Gemeindebeamten und durch besondere Beguenstigung fuer +einzelne der bei Gruendung von Buergerkolonien mit zugelassenen +Nichtbuerger ^7. + +——————————————————————— + +^7 So wurde bekanntlich dem Rudiner Ennius bei Gelegenheit der +Gruendung der Buergerkolonien Potentia und Pisaurum von einem der +Triumvirn, Q. Fulvius Nobilior, das Buergerrecht geschenkt (Cic. Brut. +20, 79); worauf er denn auch nach bekannter Sitte dessen Vornamen +annahm. Von Rechts wegen erwarben, wenigstens in dieser Epoche, die in +die Buergerkolonie mit deduzierten Nichtbuerger dadurch die roemische +Civitaet keineswegs, wenn sie auch haeufig dieselbe sich anmassten +(Liv. 34, 42); es wurde aber den mit der Gruendung einer Kolonie +beauftragten Beamten durch eine Klausel in dem jedesmaligen +Volksschluss die Verleihung des Buergerrechts an eine beschraenkte +Anzahl von Personen gestattet (Cic. Balb. 21, 48). + +——————————————————————— + +Diesen tatsaechlichen und rechtlichen Umgestaltungen der Verhaeltnisse +der italischen Untertanen kann wenigstens innerer Zusammenhang und +Folgerichtigkeit nicht abgesprochen wer den. Die Lage der +Untertanenklassen wurde im Verhaeltnis ihrer bisherigen Abstufung +durchgaengig verschlechtert und, waehrend die Regierung sonst die +Gegensaetze zu mildern und durch Uebergaenge zu vermitteln bemueht +gewesen war, wuerden jetzt ueberall die Mittelglieder beseitigt und die +verbindenden Bruecken abgebrochen. Wie innerhalb der roemischen +Buergerschaft der Herrenstand von dem Volke sich absonderte, den +oeffentlichen Lasten durchgaengig sich entzog und die Ehren und +Vorteile durchgaengig fuer sich nahm, so trat die Buergerschaft +ihrerseits der italischen Eidgenossenschaft gegenueber und schloss +diese mehr und mehr von dem Mitgenuss der Herrschaft aus, waehrend sie +an den gemeinen Lasten doppelten und dreifachen Anteil ueberkam. Wie +die Nobilitaet gegenueber den Plebejern, so lenkte die Buergerschaft +gegenueber den Nichtbuergern zurueck in die Abgeschlossenheit des +verfallenen Patriziats; das Plebejat, das durch die Liberalitaet seiner +Institutionen grossgeworden war, schnuerte jetzt selbst sich ein in die +starren Satzungen des Junkertums. Die Aufhebung der +Passivbuergerschaften kann an sich nicht getadelt werden und gehoert +auch ihrem Motiv nach vermutlich in einen anderen, spaeter noch zu +eroerternden Zusammenhang; dennoch ging schon dadurch ein vermittelndes +Zwischenglied verloren. Bei weitem bedenklicher aber war das Schwinden +des Unterschieds zwischen den latinischen und den uebrigen italischen +Gemeinden. Die Grundlage der roemischen Macht war die bevorzugte +Stellung der latinischen Nation innerhalb Italiens; sie wich unter den +Fuessen, seit die latinischen Staedte anfingen, sich nicht mehr als die +bevorzugten Teilhaber an der Herrschaft der maechtigen stammverwandten +Gemeinde, sondern wesentlich gleich den uebrigen als Untertanen Roms zu +empfinden und alle Italiker ihre Lage gleich unertraeglich zu finden +begannen. Denn dass die Brettier und ihre Leidensgenossen schon voellig +wie Sklaven behandelt wurden und voellig wie Sklaven sich verhielten, +zum Beispiel von der Flotte, auf der sie als Ruderknechte dienten, +ausrissen, wo sie konnten und gern gegen Rom Dienste nahmen; dass +ferner in den keltischen und vor allem den ueberseeischen Untertanen +eine noch gedruecktere und von der Regierung in berechneter Absicht der +Verachtung und Misshandlung durch die Italiker preisgegebene Klasse den +Italikern zur Seite gestellt ward, schloss freilich auch eine Abstufung +innerhalb der Untertanenschaft in sich, konnte aber doch fuer den +frueheren Gegensatz zwischen den stammverwandten und den stammfremden +italischen Untertanen nicht entfernt einen Ersatz gewaehren. Eine tiefe +Verstimmung bemaechtigte sich der gesamten italischen +Eidgenossenschaft, und nur die Furcht hielt sie ab, laut sich zu +aeussern. Der Vorschlag, der nach der Schlacht bei Cannae im Senat +gemacht ward, aus jeder latinischen Gemeinde zwei Maennern das +roemische Buergerrecht und Sitz im Senat zu gewaehren, war freilich zur +Unzeit gestellt und ward mit Recht abgelehnt; aber er zeigt doch, mit +welcher Besorgnis man schon damals in der herrschenden Gemeinde auf das +Verhaeltnis zwischen Latium und Rom blickte. Wenn jetzt ein zweiter +Hannibal den Krieg nach Italien getragen haette, so durfte man +zweifeln, ob auch er an dem felsenfesten Widerstand des latinischen +Namens gegen die Fremdherrschaft gescheitert sein wuerde. + +Aber bei weitem die wichtigste Institution, welche diese Epoche in das +roemische Gemeinwesen eingefuehrt hat, und zugleich diejenige, welche +am entschiedensten und verhaengnisvollsten aus der bisher eingehaltenen +Bahn wich, waren die neuen Vogteien. Das aeltere roemische Staatsrecht +kannte zinspflichtige Untertanen nicht; die ueberwundenen +Buergerschaften wurden entweder in die Sklaverei verkauft oder in der +roemischen aufgehoben oder endlich zu einem Buendnis zugelassen, das +ihnen wenigstens die kommunale Selbstaendigkeit und die Steuerfreiheit +sicherte. Allein die karthagischen Besitzungen in Sizilien, Sardinien +und Spanien sowie Hierons Reich hatten ihren frueheren Herren gesteuert +und gezinst; wenn Rom diese Besitzungen einmal behalten wollte, war es +nach dem Urteil der Kurzsichtigen das Verstaendigste und unzweifelhaft +das Bequemste, die neuen Gebiete lediglich nach den bisherigen Normen +zu verwalten. Man behielt also die karthagisch-hieronische +Provinzialverfassung einfach bei und organisierte nach derselben auch +diejenigen Landschaften, die man, wie das Diesseitige Spanien, den +Barbaren entriss. Es war das Hemd des Nessos, das man vom Feind erbte. +Ohne Zweifel war es anfaenglich die Absicht der roemischen Regierung, +durch die Abgaben der Untertanen nicht eigentlich sich zu bereichern, +sondern nur die Kosten der Verwaltung und Verteidigung damit zu decken; +doch wich man auch hiervon schon ab, als man Makedonien und Illyrien +tributpflichtig machte, ohne daselbst die Regierung und die +Grenzbesetzung zu uebernehmen. Ueberhaupt aber kam es weit weniger +darauf an, dass man noch in der Belastung Mass hielt, als darauf, dass +man ueberhaupt die Herrschaft in ein nutzbares Recht verwandelte; fuer +den Suendenfall ist es gleich, ob man nur den Apfel nimmt oder gleich +den Baum pluendert. Die Strafe folgte dem Unrecht auf dem Fuss. Das +neue Provinzialregiment noetigte zu der Einsetzung von Voegten, deren +Stellung nicht bloss mit der Wohlfahrt der Vogteien, sondern auch mit +der roemischen Verfassung schlechthin unvertraeglich war. Wie die +roemische Gemeinde in den Provinzen an die Stelle des frueheren +Landesherrn trat, so war ihr Vogt daselbst an Koenigs Statt; wie denn +auch zum Beispiel der sizilische Praetor in dem Hieronischen Palast zu +Syrakus residierte. Von Rechts wegen sollte nun zwar der Vogt +nichtsdestoweniger sein Amt mit republikanischer Ehrbarkeit und +Sparsamkeit verwalten. Cato erschien als Statthalter von Sardinien in +den ihm untergebenen Staedten zu Fuss und von einem einzigen Diener +begleitet, welcher ihm den Rock und die Opferschale nachtrug, und als +er von seiner spanischen Statthalterschaft heimkehrte, verkaufte er +vorher sein Schlachtross, weil er sich nicht befugt hielt, die +Transportkosten desselben dem Staate in Rechnung zu bringen. Es ist +auch keine Frage, dass die roemischen Statthalter, obgleich sicherlich +nur wenige von ihnen die Gewissenhaftigkeit so wie Cato bis an die +Grenze der Knauserei und Laecherlichkeit trieben, doch zum guten Teil +durch ihre altvaeterliche Froemmigkeit, durch die bei ihren Mahlzeiten +herrschende ehrbare Stille, durch die verhaeltnismaessig rechtschaffene +Amts- und Rechtspflege, namentlich die angemessene Strenge gegen die +schlimmsten unter den Blutsaugern der Provinzialen, die roemischen +Steuerpaechter und Bankiers, ueberhaupt durch den Ernst und die Wuerde +ihres Auftretens den Untertanen, vor allen den leichtfertigen und +haltungslosen Griechen nachdruecklich imponierten. Auch die +Provinzialen befanden sich unter ihnen verhaeltnismaessig leidlich. Man +war durch die karthagischen Voegte und syrakusanischen Herren nicht +verwoehnt und sollte bald Gelegenheit finden, im Vergleich mit den +nachkommenden Skorpionen der gegenwaertigen Ruten sich dankbar zu +erinnern; es ist wohl erklaerlich, wie spaeterhin das sechste +Jahrhundert der Stadt als die goldene Zeit der Provinzialherrschaft +erschien. Aber es war auf die Laenge nicht durchfuehrbar, zugleich +Republikaner und Koenig zu sein. Das Landvogtspielen demoralisierte mit +furchtbarer Geschwindigkeit den roemischen Herrenstand. Hoffart und +Uebermut gegen die Provinzialen lagen so sehr in der Rolle, dass daraus +dem einzelnen Beamten kaum ein Vorwurf gemacht werden darf. Aber schon +war es selten, und um so seltener, als die Regierung mit Strenge an dem +alten Grundsatz festhielt, die Gemeindebeamten nicht zu besolden, dass +der Vogt ganz reine Haende aus der Provinz wieder mitbrachte; dass +Paullus, der Sieger von Pydna, kein Geld nahm, wird bereits als etwas +Besonderes angemerkt. Die ueble Sitte, dem Amtmann “Ehrenwein” und +andere “freiwillige” Gaben zu verabreichen, scheint so alt wie die +Provinzialverfassung selbst und mag wohl auch ein karthagisches +Erbstueck sein; schon Cato musste in seiner Verwaltung Sardiniens 556 +(198) sich begnuegen, diese Hebungen zu regulieren und zu ermaessigen. +Das Recht der Beamten und ueberhaupt der in Staatsgeschaeften Reisenden +auf freies Quartier und freie Befoerderung ward schon als Vorwand zu +Erpressungen benutzt. Das wichtigere Recht des Beamten, +Getreidelieferungen teils zu seinem und seiner Leute Unterhalt (in +cellam), teils im Kriegsfall zur Ernaehrung des Heeres oder bei anderen +besonderen Anlaessen gegen einen billigen Taxpreis in seiner Provinz +auszuschreiben, wurde schon so arg gemissbraucht, dass auf die Klagen +der Spanier der Senat im Jahre 583 (171) die Feststellung des +Taxpreises fuer beiderlei Lieferungen den Amtsleuten zu entziehen sich +veranlasst fand. Selbst fuer die Volksfeste in Rom fing schon an bei +den Untertanen requiriert zu werden; die masslosen Tribulationen, die +der Aedil Tiberius Sempronius Gracchus fuer die von ihm auszurichtende +Festlichkeit ueber italische wie ausseritalische Gemeinden ergehen +liess, veranlassten den Senat, offiziell dagegen einzuschreiten (572 +182). Was ueberhaupt der roemische Beamte sich am Schlusse dieser +Periode nicht bloss gegen die ungluecklichen Untertanen, sondern selbst +gegen die abhaengigen Freistaaten und Koenigreiche herausnahm, das +zeigen die Raubzuege des Gnaeus Volso in Kleinasien und vor allem die +heillose Wirtschaft in Griechenland waehrend des Krieges gegen Perseus. +Die Regierung hatte kein Recht, sich darueber zu verwundern, da sie es +an jeder ernstlichen Schranke gegen die uebergriffe dieses +militaerischen Willkuerregiments fehlen liess. Zwar die gerichtliche +Kontrolle mangelte nicht ganz. Konnte auch der roemische Vogt nach dem +allgemeinen und mehr als bedenklichen Grundsatz: gegen den +Oberfeldherrn waehrend der Amtsverwaltung keine Beschwerdefuehrung zu +gestatten, regelmaessig erst dann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn +das Uebel geschehen war, so war doch an sich sowohl eine Kriminal- als +eine Zivilverfolgung gegen ihn moeglich. Um jene einzuleiten, musste +ein Volkstribun kraft der ihm zustehenden richterlichen Gewalt die +Sache in die Hand nehmen und sie an das Volksgericht bringen; die +Zivilklage wurde von dem Senator, der die betreffende Praetur +verwaltete, an eine nach der damaligen Gerichtsverfassung aus dem +Schosse des Senats bestellte Jury gewiesen. Dort wie hier lag also die +Kontrolle in den Haenden des Herrenstandes, und obwohl dieser noch +rechtlich und ehrenhaft genug war, um gegruendete Beschwerden nicht +unbedingt beiseite zu legen, der Senat sogar verschiedene Male auf +Anrufen der Geschaedigten die Einleitung eines Zivilverfahrens selber +zu veranlassen sich herbeiliess, so konnten doch Klagen von Niedrigen +und Fremden gegen maechtige Glieder der regierenden Aristokratie vor +weit entfernten und wenn nicht in gleicher Schuld befangenen, doch +mindestens dem gleichen Stande angehoerigen Richtern und Geschworenen +von Anfang an nur dann auf Erfolg rechnen, wenn das Unrecht klar und +schreiend war; und vergeblich zu klagen, war fast gewisses Verderben. +Einen gewissen Anhalt fanden die Geschaedigten freilich in den +erblichen Klientelverhaeltnissen, welche die Staedte und Landschaften +der Untertanen mit ihren Besiegern und andern ihnen naeher getretenen +Roemern verknuepften. Die spanischen Statthalter empfanden es, dass an +Catos Schutzbefohlenen sich niemand ungestraft vergriff; und dass die +Vertreter der drei von Paullus ueberwundenen Nationen, der Spanier, +Ligurer und Makedonier, sich es nicht nehmen liessen, seine Bahre zum +Scheiterhaufen zu tragen, war die schoenste Totenklage um den edlen +Mann. Allein dieser Sonderschutz gab nicht bloss den Griechen +Gelegenheit, ihr ganzes Talent, sich ihren Herren gegenueber +wegzuwerfen, in Rom zu entfalten und durch ihre bereitwillige +Servilitaet auch ihre Herren zu demoralisieren - die Beschluesse der +Syrakusaner zu Ehren des Marcellus, nachdem er ihre Stadt zerstoert und +gepluendert und sie ihn vergeblich deshalb beim Senat verklagt hatten, +sind eines der schandbarsten Blaetter in den wenig ehrbaren Annalen von +Syrakus -, sondern es hatte auch bei der schon gefaehrlichen +Familienpolitik dieses Hauspatronat seine politisch bedenkliche Seite. +Immer wurde auf diesem Wege wohl bewirkt, dass die roemischen Beamten +die Goetter und den Senat einigermassen fuerchteten und im Stehlen +meistenteils Mass hielten, allein man stahl denn doch, und ungestraft, +wenn man mit Bescheidenheit stahl. Die heillose Regel stellte sich +fest, dass bei geringen Erpressungen und maessiger Gewalttaetigkeit der +roemische Beamte gewissermassen in seiner Kompetenz und von Rechts +wegen straffrei sei, die Beschaedigten also zu schweigen haetten; +woraus denn die Folgezeit die verhaengnisvollen Konsequenzen zu ziehen +nicht unterlassen hat. Indes waeren auch die Gerichte so streng +gewesen, wie sie schlaff waren, es konnte doch die gerichtliche +Rechenschaft nur den aergsten Uebelstaenden steuern. Die wahre +Buergschaft einer guten Verwaltung liegt in der strengen und +gleichmaessigen Oberaufsicht der hoechsten Verwaltungsbehoerde; und +hieran liess der Senat es vollstaendig mangeln. Hier am fruehesten +machte die Schlaffheit und Unbeholfenheit des kollegialischen Regiments +sich geltend. Von Rechts wegen haetten die Voegte einer weit strengeren +und spezielleren Aufsicht unterworfen werden sollen, als sie fuer die +italischen Munizipalverwaltungen ausgereicht hatte, und mussten jetzt, +wo das Reich grosse ueberseeische Gebiete umfasste, die Anstalten +gesteigert werden, durch welche die Regierung sich die Uebersicht ueber +das Ganze bewahrte. Von beidem geschah das Umgekehrte. Die Voegte +herrschten so gut wie souveraen, und das wichtigste der fuer den +letzteren Zweck dienenden Institute, die Reichsschatzung, wurde noch +auf Sizilien, aber auf keine der spaeter erworbenen Provinzen mehr +erstreckt. Diese Emanzipation der obersten Verwaltungsbeamten von der +Zentralgewalt war mehr als bedenklich. Der roemische Vogt, an der +Spitze der Heere des Staats und im Besitz bedeutender Finanzmittel, +dazu einer schlaffen gerichtlichen Kontrolle unterworfen und von der +Oberverwaltung tatsaechlich unabhaengig, endlich mit einer gewissen +Notwendigkeit dahin gefuehrt, sein und seiner Administrierten Interesse +von dem der roemischen Gemeinde zu scheiden und ihm entgegenzustellen, +glich weit mehr einem persischen Satrapen als einem der Mandatare des +roemischen Senats in der Zeit der Samnitischen Kriege, und kaum konnte +der Mann, der eben im Auslande eine gesetzliche Militaertyrannis +gefuehrt hatte, von da den Weg wieder zurueck in die buergerliche +Gemeinschaft finden, die wohl Befehlende und Gehorchende, aber nicht +Herren und Knechte unterschied. Auch die Regierung empfand es, dass die +beiden fundamentalen Saetze die Gleichheit innerhalb der Aristokratie +und die Unterordnung der Beamtengewalt unter das Senatskollegium, ihr +hier unter den Haenden zu schwinden begannen. Aus der Abneigung der +Regierung gegen Erwerbung neuer Vogteien und gegen das ganze +Vogteiwesen, der Einrichtung der Provinzialquaesturen, die wenigstens +die Finanzgewalt den Voegten aus den Haenden zu nehmen bestimmt waren, +der Beseitigung der an sich so zweckmaessigen Einrichtung laengerer +Statthalterschaften leuchtet sehr deutlich die Besorgnis hervor, welche +die weiterblickenden roemischen Staatsmaenner vor der hier gesaeten +Saat empfanden. Aber Diagnose ist nicht Heilung. Das innere Regiment +der Nobilitaet entwickelte sich weiter in der einmal angegebenen +Richtung, und der Verfall der Verwaltung und des Finanzwesens, die +Vorbereitung kuenftiger Revolutionen und Usurpationen hatten ihren wenn +nicht unbemerkten, doch ungehemmten stetigen Fortgang. + +Wenn die neue Nobilitaet weniger scharf als die alte +Geschlechtsaristokratie formuliert war und wenn diese gesetzlich, jene +nur tatsaechlich die uebrige Buergerschaft im Mitgenuss der politischen +Rechte beeintraechtigte, so war eben darum die zweite Zuruecksetzung +nur schwerer zu ertragen und schwerer zu sprengen als die erste. An +Versuchen zu dem letzteren fehlte es natuerlich nicht. Die Opposition +ruhte auf der Gemeindeversammlung wie die Nobilitaet auf dem Senat; um +jene zu verstehen, ist zunaechst die damalige roemische Buergerschaft +nach ihrem Geist und ihrer Stellung im Gemeinwesen zu schildern. + +Was von einer Buergerversammlung wie die roemische war, nicht dem +bewegenden Triebrad, sondern dem festen Grund des Ganzen, gefordert +werden kann: ein sicherer Blick fuer das gemeine Beste, eine +einsichtige Folgsamkeit gegenueber dem richtigen Fuehrer, ein festes +Herz in guten und boesen Tagen und vor allem die Aufopferungsfaehigkeit +des Einzelnen fuer das Ganze, des gegenwaertigen Wohlbehagens fuer das +Glueck der Zukunft - das alles hat die roemische Gemeinde in so hohem +Grade geleistet, dass, wo der Blick auf das Ganze sich richtet, jede +Bemaekelung in bewundernder Ehrfurcht verstummt. Auch jetzt war der +gute und verstaendige Sinn noch durchaus in ihr vorwiegend. Das ganze +Verhalten der Buergerschaft der Regierung wie der Opposition gegenueber +beweist mit vollkommener Deutlichkeit, dass dasselbe gewaltige +Buergertum, vor dem selbst Hannibals Genie das Feld raeumen musste, +auch in den roemischen Komitien entschied; die Buergerschaft hat wohl +oft geirrt, jedoch nicht geirrt in Poebeltuecke, sondern in +buergerlicher und baeuerlicher Beschraenktheit. Aber allerdings wurde +die Maschinerie, mittels welcher die Buergerschaft in den Gang der +oeffentlichen Angelegenheiten eingriff, immer unbehilflicher und +wuchsen ihr durch ihre eigenen Grosstaten die Verhaeltnisse +vollstaendig ueber den Kopf. Dass im Laufe dieser Epoche teils die +meisten bisherigen Passivbuergergemeinden, teils eine betraechtliche +Anzahl neuangelegter Pflanzstaedte das volle roemische Buergerrecht +empfingen, ist schon angegeben worden. Am Ende derselben erfuellte die +roemische Buergerschaft in ziemlich geschlossener Masse Latium im +weitesten Sinn, die Sabina und einen Teil Kampaniens, so dass sie an +der Westkueste noerdlich bis Caere, suedlich bis Cumae reichte; +innerhalb dieses Gebiets standen nur wenige Staedte, wie Tibur, +Praeneste, Signia, Norba, Ferentinum ausser derselben. Dazu kamen die +Seekolonien an den italischen Kuesten, welche durchgaengig das +roemische Vollbuergerrecht besassen, die picenischen und +transapenninischen Kolonien der juengsten Zeit, denen das Buergerrecht +hatte eingeraeumt werden muessen, und eine sehr betraechtliche Anzahl +roemischer Buerger, die, ohne eigentliche, gesonderte Gemeinwesen zu +bilden, in Marktflecken und Doerfern (fora et conciliabula) durch ganz +Italien zerstreut lebten. Wenn man der Unbehilflichkeit einer also +beschaffenen Stadtgemeinde auch fuer die Zwecke der Rechtspflege ^8 und +der Verwaltung teils durch die frueher schon erwaehnten +stellvertretenden Gerichtsherren einigermassen abhalf, teils wohl auch +schon, namentlich in den See- und den neuen picenischen und +transapenninischen Kolonien, zu der spaeteren Organisation kleinerer +staedtischer Gemeinwesen innerhalb der grossen roemischen Stadtgemeinde +wenigstens die ersten Grundlinien zog, so blieb doch in allen +politischen Fragen die Urversammlung auf dem roemischen Marktplatz +allein berechtigt; und es springt in die Augen, dass diese in ihrer +Zusammensetzung wie in ihrem Zusammenhandeln jetzt nicht mehr war, was +sie gewesen, als die saemtlichen Stimmberechtigten ihre buergerliche +Berechtigung in der Art ausuebten, dass sie am Morgen von ihren Hoefen +weggehen und an demselben Abend wieder zurueck sein konnten. Es kam +hinzu, dass die Regierung - ob aus Unverstand, Schlaffheit oder boeser +Absicht, laesst sich nicht sagen - die nach dem Jahre 513 (241) in den +Buergerverband eintretenden Gemeinden nicht mehr wie frueher in +neuerrichtete Wahlbezirke, sondern in die alten mit einschrieb; so dass +allmaehlich jeder Bezirk aus verschiedenen, ueber das ganze roemische +Gebiet zerstreuten Ortschaften sich zusammensetzte. Wahlbezirke wie +diese, von durchschnittlich 8000, die staedtischen natuerlich von mehr, +die laendlichen von weniger Stimmberechtigten, und ohne oertlichen +Zusammenhang und innere Einheit, liessen schon keine bestimmte Leitung +und keine genuegende Vorbesprechung mehr zu; was um so mehr vermisst +werden musste, als den Abstimmungen selbst keine freie Debatte +voranging. Wenn ferner die Buergerschaft vollkommen die Faehigkeit. +hatte, ihre Gemeindeinteressen wahrzunehmen, so war es doch sinnlos und +geradezu laecherlich, in den hoechsten und schwierigsten Fragen, welche +die herrschende Weltmacht zu loesen ueberkam, einem wohlgesinnten, aber +zufaellig zusammengetriebenen Haufen italischer Bauern das +entscheidende Wort einzuraeumen und ueber Feldherrnernennungen und +Staatsvertraege in letzter Instanz Leute urteilen zu lassen, die weder +die Gruende noch die Folgen ihrer Beschluesse begriffen. In allen ueber +eigentliche Gemeindesachen hinausgehenden Dingen haben denn auch die +roemischen Urversammlungen eine unmuendige und selbst alberne Rolle +gespielt. In der Regel standen die Leute da und sagten ja zu allen +Dingen; und wenn sie ausnahmsweise aus eigenem Antrieb nein sagten, wie +zum Beispiel bei der Kriegserklaerung gegen Makedonien 554 (200), so +machte sicher die Kirchturms- der Staatspolitik eine kuemmerliche und +kuemmerlich auslaufende Opposition. + +————————————————————————- + +^8 In der bekanntlich zunaechst auf ein Landgut in der Gegend von +Venafrum sich beziehenden landwirtschaftlichen Anweisung Catos wird die +rechtliche Eroerterung der etwa entstehenden Prozesse nur fuer einen +bestimmten Fall nach Rom gewiesen: wenn naemlich der Gutsherr die +Winterweide an den Besitzer einer Schafherde verpachtet, also mit einem +in der Regel nicht in der Gegend domizilierten Paechter zu tun hat +(agr. 149). Es laesst sich daraus schliessen. dass in dem gewoehnlichen +Fall, wo mit einem in der Gegend domizilierten Manne kontrahiert ward, +die etwa entspringenden Prozesse schon zu Catos Zeit nicht in Rom, +sondern vor den Ortsrichtern entschieden wurden. + +————————————————————————- + +Endlich stellte dem unabhaengigen Buergerstand sich der Klientenpoebel +formell gleichberechtigt und tatsaechlich oft schon uebermaechtig zur +Seite. Die Institutionen, aus denen er hervorging, waren uralt. Seit +unvordenklicher Zeit uebte der vornehme Roemer auch ueber seine +Freigelassenen und Zugewandten eine Art Regiment aus und ward von +denselben bei allen ihren wichtigeren Angelegenheiten zu Rate gezogen, +wie denn zum Beispiel ein solcher Klient nicht leicht seine Kinder +verheiratete, ohne die Billigung seines Patrons erlangt zu haben, und +sehr oft dieser die Partien geradezu machte. Aber wie aus der +Aristokratie ein eigener Herrenstand ward, der in seiner Hand nicht +bloss die Macht, sondern auch den Reichtum vereinigte, so wurden aus +den Schutzbefohlenen Guenstlinge und Bettler; und der neue Anhang der +Reichen unterhoehlte aeusserlich und innerlich den Buergerstand. Die +Aristokratie duldete nicht bloss diese Klientel, sondern beutete +finanziell und politisch sie aus. So zum Beispiel wurden die alten +Pfennigkollekten, welche bisher hauptsaechlich nur zu religioesen +Zwecken und bei der Bestattung verdienter Maenner stattgefunden hatten, +jetzt von angesehenen Herren - zuerst 568 (186) von Lucius Scipio in +Veranlassung eines von ihm beabsichtigten Volksfestes - benutzt, um bei +ausserordentlichen Gelegenheiten vom Publikum eine Beisteuer zu +erheben. Die Schenkungen wurden besonders deshalb gesetzlich +beschraenkt (550 204), weil die Senatoren anfingen, unter diesem Namen +von ihren Klienten regelmaessigen Tribut zu nehmen. Aber vor allen +Dingen diente der Schweif dem Herrenstande dazu, die Komitien zu +beherrschen; und der Ausfall der Wahlen zeigt es deutlich, welche +maechtige Konkurrenz der abhaengige Poebel bereits in dieser Zeit dem +selbstaendigen Mittelstand machte. + +Die reissend schnelle Zunahme des Gesindels, namentlich in der +Hauptstadt, welche hierdurch vorausgesetzt wird, ist auch sonst +nachweisbar. Die steigende Zahl und Bedeutung der Freigelassenen +beweisen die schon im vorigen Jahrhundert gepflogenen und in diesem +sich fortsetzenden, sehr ernsten Eroerterungen ueber ihr Stimmrecht in +den Gemeindeversammlungen, und der waehrend des Hannibalischen Krieges +vom Senat gefasste merkwuerdige Beschluss, die ehrbaren freigelassenen +Frauen zur Beteiligung bei den oeffentlichen Kollekten zuzulassen und +den rechten Kindern freigelassener Vaeter die bisher nur den Kindern +der Freigeborenen zukommenden Ehrenzeichen zu gestatten. Wenig besser +als die Freigelassenen mochte die Majoritaet der nach Rom +uebersiedelnden Hellenen und Orientalen sein, denen die nationale +Servilitaet ebenso unvertilgbar wie jenen die rechtliche anhaftete. + +Aber es wirkten nicht bloss diese natuerlichen Ursachen mit zu dem +Aufkommen eines hauptstaedtischen Poebels, sondern es kann auch weder +die Nobilitaet noch die Demagogie von dem Vorwurf freigesprochen +werden, systematisch denselben grossgezogen und durch Volksschmeichelei +und noch schlimmere Dinge den alten Buergersinn, soviel an ihnen war, +unterwuehlt zu haben. Noch war die Waehlerschaft durchgaengig zu +achtbar, als dass unmittelbare Wahlbestechung im grossen sich haette +zeigen duerfen; aber indirekt ward schon in unloeblichster Weise um die +Gunst der Stimmberechtigten geworben. Die alte Verpflichtung der +Beamten, namentlich der Aedilen, fuer billige Kornpreise zu sorgen und +die Spiele zu beaufsichtigen, fing an, in das auszuarten, woraus +endlich die entsetzliche Parole des kaiserlichen Stadtpoebels +hervorging: Brot umsonst und ewiges Volksfest. Grosse Kornsendungen, +welche entweder die Provinzialstatthalter zur Verfuegung der roemischen +Marktbehoerde stellten oder auch wohl die Provinzen selbst, um sich bei +einzelnen roemischen Beamten in Gunst zu setzen, unentgeltlich nach Rom +lieferten, machten es seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts den +Aedilen moeglich, an die hauptstaedtische Buergerbevoelkerung das +Getreide zu Schleuderpreisen abzugeben. Es sei kein Wunder, meinte +Cato, dass die Buergerschaft nicht mehr auf guten Rat hoere - der Bauch +habe eben keine Ohren. Die Volkslustbarkeiten nahmen in erschreckender +Weise zu. Fuenfhundert Jahre hatte die Gemeinde sich mit einem +Volksfest im Jahr und mit einem Spielplatz begnuegt; der erste +roemische Demagoge von Profession, Gaius Flaminius, fuegte ein zweites +Volksfest und einen zweiten Spielplatz hinzu (534 220) ^9, und mag sich +mit diesen Einrichtungen, deren Tendenz schon der Name des neuen +Festes: “plebejische Spiele” hinreichend bezeichnet, die Erlaubnis +erkauft haben, die Schlacht am Trasimenischen See zu liefern. Rasch +ging man weiter in der einmal eroeffneten Bahn. Das Fest zu Ehren der +Ceres, der Schutzgottheit des Plebejertums, kann, wenn ueberhaupt, doch +nur wenig juenger sein als das plebejische. Weiter ward nach Anleitung +der Sibyllinischen und Marcischen Weissagungen schon 542 (212) ein +viertes Volksfest zu Ehren Apollons, 550 (204) ein fuenftes zu Ehren +der neu aus Phrygien nach Rom uebergesiedelten Grossen Mutter +hinzugefuegt. Es waren dies die schweren Jahre des Hannibalischen +Krieges - bei der ersten Feier der Apollospiele ward die Buergerschaft +von dem Spielplatz weg zu den Waffen gerufen; die eigentuemlich +italische Deisidaemonie war fieberhaft aufgeregt, und es fehlte nicht +an solchen, welche sie nutzten, um Sibyllen- und Prophetenorakel in +Umlauf zu setzen und durch deren Inhalt und Vertretung sich der Menge +zu empfehlen; kaum darf man es tadeln, dass die Regierung, welche der +Buergerschaft so ungeheure Opfer zumuten musste, in solchen Dingen +nachgab. Was man aber einmal nachgegeben, blieb bestehen; ja selbst in +ruhigeren Zeiten (581 173) kam noch ein freilich geringeres Volksfest, +die Spiele zu Ehren der Flora hinzu. Die Kosten dieser neuen +Festlichkeiten bestritten die mit der Ausrichtung der einzelnen Feste +beauftragten Beamten aus eigenen Mitteln - so die kurulischen Aedilen +zu dem alten Volksfest noch das Fest der Goettermutter und das der +Flora, die plebejischen das Plebejer- und das Ceresfest, der +staedtische Praetor die Apollinarischen Spiele. Man mag damit, dass die +neuen Volksfeste wenigstens dem gemeinen Saeckel nicht zur Last fielen, +sich vor sich selber entschuldigt haben; in der Tat waere es weit +weniger nachteilig gewesen, das Gemeindebudget mit einer Anzahl +unnuetzer Ausgaben zu belasten, als zu gestatten, dass die Ausrichtung +einer Volkslustbarkeit tatsaechlich zur Qualifikation fuer die +Bekleidung des hoechsten Gemeindeamtes ward. Die kuenftigen +Konsularkandidaten machten bald in dem Aufwande fuer diese Spiele +einander eine Konkurrenz, die die Kosten derselben ins Unglaubliche +steigerte; und es schadete begreiflicherweise nicht, wenn der Konsul in +Hoffnung noch ausser dieser gleichsam gesetzlichen eine freiwillige +“Leistung” (munus), ein Fechterspiel auf seine Kosten zum besten gab. +Die Pracht der Spiele wurde allmaehlich der Massstab, nach dem die +Waehlerschaft die Tuechtigkeit der Konsulatsbewerber bemass. Die +Nobilitaet hatte freilich schwer zu zahlen - ein anstaendiges +Fechterspiel kostete 750000 Sesterzen (50000 Taler); allein sie zahlte +gern, da sie ja damit den unvermoegenden Leuten die politische Laufbahn +verschloss. Aber die Korruption beschraenkte sich nicht auf den Markt, +sondern uebertrug sich auch schon auf das Lager. Die alte Buergerwehr +hatte sich gluecklich geschaetzt, eine Entschaedigung fuer die +Kriegsarbeit und im gluecklichen Fall eine geringe Siegesgabe +heimzubringen; die neuen Feldherren, an ihrer Spitze Scipio Africanus, +warfen das roemische wie das Beutegeld mit vollen Haenden unter sie aus +- es war darueber, dass Cato waehrend der letzten Feldzuege gegen +Hannibal in Afrika mit Scipio brach. Die Veteranen aus dem Zweiten +Makedonischen und dem kleinasiatischen Krieg kehrten bereits +durchgaengig als wohlhabende Leute heim; schon fing der Feldherr an, +auch von den Besseren gepriesen zu werden, der die Gaben der +Provinzialen und den Kriegsgewinn nicht bloss fuer sich und sein +unmittelbares Gefolge nahm und aus dessen Lager nicht wenige Maenner +mit Golde, sondern viele mit Silber in den Taschen zurueckkamen - dass +auch die bewegliche Beute des Staates sei, fing an in Vergessenheit zu +geraten. Als Lucius Paullus wieder in alter Weise mit derselben +verfuhr, da fehlte wenig, dass seine eigenen Soldaten, namentlich die +durch die Aussicht auf reichen Raub zahlreich herbeigelockten +Freiwilligen, nicht durch Volksbeschluss dem Sieger von Pydna die Ehre +des Triumphes aberkannt haetten, die man schon an jeden Bezwinger von +drei ligurischen Doerfern wegwarf. + +————————————————————————- + +^9 Die Anlage des Circus ist bezeugt. Ueber die Entstehung der +plebejischen Spiele gibt es keine alte Ueberlieferung, denn was der +falsche Asconius (p. 143 Orelli) sagt, ist keine; aber da sie in dem +Flaminischen Circus gefeiert wurden (Val. Max. 1, 7, 4) und zuerst +sicher im Jahre 538 (216), vier Jahre nach dessen Erbauung, vorkommen +(Liv. 23, 30), so wird das oben Gesagte dadurch hinreichend bewiesen. + +————————————————————————- + +Wie sehr die Kriegszucht und der kriegerische Geist der Buergerschaft +unter diesem Uebergang der Kriegs- in das Raubhandwerk litten, kann man +an den Feldzuegen gegen Perseus verfolgen; und fast in skurriler Weise +offenbarte die einreissende Feigheit der unbedeutende Istrische Krieg +(576 178), wo ueber ein geringes, vom Geruechte lawinenhaft +vergroessertes Scharmuetzel das Landheer und die Seemacht der Roemer, +ja die Italiker daheim ins Weglaufen kamen und Cato seinen Landsleuten +ueber ihre Feigheit eine eigene Strafpredigt zu halten noetig fand. +Auch hier ging die vornehme Jugend voran. Schon waehrend des +Hannibalischen Krieges (545 200) sahen die Zensoren sich veranlasst, +gegen die Laessigkeit der Militaerpflichtigen von Ritterschatzung mit +ernsten Strafen einzuschreiten. Gegen das Ende dieser Periode (574 ? +180) stellte ein Buergerschaftsbeschluss den Nachweis von zehn +Dienstjahren als Qualifikation fuer die Bekleidung eines jeden +Gemeindeamtes fest, um die Soehne der Nobilitaet dadurch zum Eintritt +in das Heer zu noetigen. + +Aber wohl nichts spricht so deutlich fuer den Verfall des rechten +Stolzes und der rechten Ehre bei Hohen wie bei Geringen als das Jagen +nach Abzeichen und Titeln, das im Ausdruck verschieden, aber im Wesen +gleichartig bei allen Staenden und Klassen erscheint. Zu der Ehre des +Triumphes draengte man sich so, dass es kaum gelang, die alte Regel +aufrecht zu erhalten, welche nur dem die Macht der Gemeinde in offener +Feldschlacht mehrenden, ordentlichen hoechsten Gemeindebeamten +verstattete zu triumphieren und dadurch allerdings nicht selten eben +die Urheber der wichtigsten Erfolge von dieser Ehre ausschloss. Man +musste es schon sich gefallen lassen, dass diejenigen Feldherren, +welche vergeblich versucht oder keine Aussicht hatten, den Triumph vom +Senat oder der Buergerschaft zu erlangen, auf eigene Hand wenigstens +auf dem Albanischen Berg triumphierend aufzogen (zuerst 523 231). Schon +war kein Gefecht mit einem ligurischen oder korsischen Haufen zu +unbedeutend, um nicht daraufhin den Triumph zu erbitten. Um den +friedlichen Triumphatoren, wie zum Beispiel die Konsuln des Jahres 570 +(184) gewesen waren, das Handwerk zu legen, wurde die Gestattung des +Triumphes an den Nachweis einer Feldschlacht geknuepft, die wenigstens +5000 Feinden das Leben gekostet; aber auch dieser Nachweis ward oefter +durch falsche Bulletins umgangen - sah man doch auch schon in den +vornehmen Haeusern manche feindliche Ruestung prangen, die keineswegs +vom Schlachtfeld dahin kam. Wenn sonst der Oberfeldherr des einen +Jahres es sich zur Ehre gerechnet hatte, das naechste Jahr in den Stab +seines Nachfolgers einzutreten, so war es jetzt eine Demonstration +gegen die neumodische Hoffart, dass der Konsular Cato unter Tiberius +Sempronius Longus (560 194) und Manius Glabrio (563 191; 2, 258) als +Kriegstribun Dienste nahm. Sonst hatte fuer den der Gemeinde erwiesenen +Dienst der Dank der Gemeinde ein- fuer allemal genuegt; jetzt schien +jedes Verdienst eine bleibende Auszeichnung zu fordern. Bereits der +Sieger von Mylae (494 260) Gaius Duilius hatte es durchgesetzt, dass +ihm, wenn er abends durch die Strassen der Hauptstadt ging, +ausnahmsweise ein Fackeltraeger und ein Pfeifer voraufzog. Statuen und +Denkmaeler, sehr oft auf Kosten des Geehrten errichtet, wurden so +gemein, dass man es spoettisch fuer eine Auszeichnung erklaeren konnte, +ihrer zu entbehren. Aber nicht lange genuegten derartige bloss +persoenliche Ehren. Es kam auf, aus den gewonnenen Siegen dem Sieger +und seinen Nachkommen einen bleibenden Zunamen zu schoepfen; welchen +Gebrauch vornehmlich der Sieger von Zama begruendet hat, indem er sich +selber den Mann von Afrika, seinen Bruder den von Asien, seinen Vetter +den von Spanien nennen liess ^10. Dem Beispiel der Hohen folgten die +Niederen nach. Wenn der Herrenstand es nicht verschmaehte, die +Rangklassen der Leichenordnung festzustellen und dem gewesenen Zensor +ein purpurnes Sterbekleid zu dekretieren, so konnte man es den +Freigelassenen nicht veruebeln, dass auch sie verlangten, wenigstens +ihre Soehne mit dem vielbeneideten Purpurstreif schmuecken zu duerfen. +Der Rock, der Ring und die Amulettkapsel unterschieden nicht bloss den +Buerger und die Buergerin von dem Fremden und dem Sklaven, sondern auch +den Freigeborenen von dem gewesenen Knecht, den Sohn freigeborener von +dem freigelassener Eltern, den Ritter- und den Senatorensohn von dem +gemeinen Buerger, den Sproessling eines kurulischen Hauses von dem +gemeinen Senator - und das in derjenigen Gemeinde, in der alles, was +gut und gross, das Werk der buergerlichen Gleichheit war! + +———————————————————————————- + +^10 2, 276. Das erste sichere Beispiel eines solchen Beinamens ist das +des Manius Valerius Maximus, Konsul 491 (263), der als Sieger von +Messana den Namen Messala annahm; dass der Konsul von 419 (335) in +aehnlicher Weise Calenus genannt worden sei, ist falsch. Die Beinamen +Maximus im Valerischen und Fabischen Geschlecht sind nicht durchaus +gleichartig. + +———————————————————————————- + +Die Zwiespaeltigkeit innerhalb der Gemeinde wiederholt sich in der +Opposition. Gestuetzt auf die Bauernschaft erheben die Patrioten den +lauten Ruf nach Reform; gestuetzt auf die hauptstaedtische Menge +beginnt die Demagogie ihr Werk. Obwohl die beiden Richtungen sich nicht +voellig trennen lassen, sondern mehrfach Hand in Hand gehen, wird es +doch notwendig sein, sie in der Betrachtung voneinander zu sondern. + +Die Reformpartei tritt uns gleichsam verkoerpert entgegen in der Person +des Marcus Porcius Cato (520-605 234-149). Cato, der letzte namhafte +Staatsmann des aelteren, noch auf Italien sich beschraenkenden und dem +Weltregiment abgeneigten Systems, galt darum spaeterhin als das Muster +des echten Roemers von altem Schrot und Korn; mit groesserem Recht wird +man ihn betrachten als den Vertreter der Opposition des roemischen +Mittelstandes gegen die neue hellenisch-kosmopolitische Nobilitaet. +Beim Pfluge hergekommen, ward er durch seinen Gutsnachbarn, einen der +wenigen dem Zuge der Zeit abholden Adligen, Lucius Valerius Flaccus, in +die politische Laufbahn gezogen; der derbe sabinische Bauer schien dem +rechtschaffenen Patrizier der rechte Mann, um dem Strom der Zeit sich +entgegenzustemmen; und er hatte in ihm sich nicht getaeuscht. Unter +Flaccus’ Aegide und nach guter alter Sitte mit Rat und Tat den +Mitbuergern und dem Gemeinwesen dienend, focht er sich empor bis zum +Konsulat und zum Triumph, ja sogar bis zur Zensur. Mit dem siebzehnten +Jahre eingetreten in die Buergerwehr, hatte er den ganzen +Hannibalischen Krieg von der Schlacht am Trasimenischen See bis zu der +bei Zama durchgemacht, unter Marcellus und Fabius, unter Nero und +Scipio gedient und bei Tarent und Sena, in Afrika, Sardinien, Spanien, +Makedonien sich als Soldat, als Stabsoffizier und als Feldherr gleich +tuechtig bewaehrt. Wie auf der Walstatt stand er auf dem Marktplatz. +Seine furchtlose und schlagfertige Rede, sein derber treffender +Bauernwitz, seine Kenntnis des roemischen Rechts und der roemischen +Verhaeltnisse, seine unglaubliche Ruehrigkeit und sein eiserner Koerper +machten ihn zuerst in den Nachbarstaedten angesehen, alsdann, nachdem +er auf dem Markt und in der Kurie der Hauptstadt auf einen groesseren +Schauplatz getreten war, zu dem einflussreichsten Sachwalter und +Staatsredner seiner Zeit. Er nahm den Ton auf, den zuerst Manius +Curius, unter den roemischen Staatsmaennern sein Ideal, angeschlagen +hatte; sein langes Leben hat er daran gesetzt, dem einreissenden +Verfall redlich, wie er es verstand, nach allen Seiten hin zu begegnen, +und noch in seinem fuenfundachtzigsten Jahre auf dem Marktplatz dem +neuen Zeitgeist Schlachten geliefert. Er war nichts weniger als schoen +- gruene Augen habe er, behaupteten seine Feinde, und rote Haare - und +kein grosser Mann, am wenigsten ein weitblickender Staatsmann. +Politisch und sittlich gruendlich borniert und stets das Ideal der +guten alten Zeit vor den Augen und auf den Lippen, verachtete er +eigensinnig alles Neue. Durch seine Strenge gegen sich vor sich selber +legitimiert zu mitleidloser Schaerfe und Haerte gegen alles und alle, +rechtschaffen und ehrbar, aber ohne Ahnung einer jenseits der +polizeilichen Ordnung und der kaufmaennischen Redlichkeit liegenden +Pflicht, ein Feind aller Bueberei und Gemeinheit wie aller Eleganz und +Genialitaet und vor allen Dingen der Feind seiner Feinde, hat er nie +einen Versuch gemacht, die Quellen des Uebels zu verstopfen, und sein +Leben lang gegen nichts gefochten als gegen Symptome und namentlich +gegen Personen. Die regierenden Herren sahen zwar auf den ahnenlosen +Beller vornehm herab und glaubten nicht mit Unrecht, ihn weit zu +uebersehen; aber die elegante Korruption in und ausser dem Senat +zitterte doch im geheimen vor dem alten Sittenmeisterer von stolzer +republikanischer Haltung, vor dem narbenbedeckten Veteranen aus dem +Hannibalischen Krieg, vor dem hoechst einflussreichen Senator und dem +Abgott der roemischen Bauernschaft. Einem nach dem andern seiner +vornehmen Kollegen hielt er oeffentlich sein Suendenregister vor, +allerdings ohne es mit den Beweisen sonderlich genau zu nehmen, und +allerdings auch mit besonderem Genuss denjenigen, die ihn persoenlich +gekreuzt oder gereizt hatten. Ebenso ungescheut verwies und beschalt er +oeffentlich auch der Buergerschaft jede neue Unrechtfertigkeit und +jeden neuen Unfug. Seine bitterboesen Angriffe erweckten ihm zahllose +Feinde und mit den maechtigsten Adelskoterien der Zeit, namentlich den +Scipionen und den Flamininen, lebte er in ausgesprochener +unversoehnlicher Fehde; vierundvierzigmal ist er oeffentlich angeklagt +worden. Aber die Bauernschaft - und es ist dies bezeichnend dafuer, wie +maechtig noch in dieser Zeit in dem roemischen Mittelstand derjenige +Geist war, der den Tag von Cannae hatte uebertragen machen - liess den +ruecksichtslosen Verfechter der Reform in ihren Abstimmungen niemals +fallen; ja als im Jahre 570 (184) Cato mit seinem adligen +Gesinnungsgenossen Lucius Flaccus sich um die Zensur bewarb und im +voraus ankuendigte, dass sie in diesem Amte eine durchgreifende +Reinigung der Buergerschaft an Haupt und Gliedern vorzunehmen +beabsichtigten, wurden die beiden gefuerchteten Maenner von der +Buergerschaft gewaehlt ungeachtet aller Anstrengungen des Adels, und +derselbe musste es hinnehmen, dass in der Tat das grosse Fegefest +stattfand und dabei unter anderen der Bruder des Afrikaners von der +Ritter-, der Bruder des Befreiers der Griechen von der Senatorenliste +gestrichen wurden. + +Dieser Krieg gegen die Personen und die vielfachen Versuche, mit Justiz +und Polizei den Geist der Zeit zu bannen, wie achtungswert auch die +Gesinnung war, aus der sie hervorgingen, konnten doch hoechstens den +Strom der Korruption auf eine kurze Weile zurueckstauen; und wenn es +bemerkenswert ist, dass Cato dem zum Trotz oder vielmehr dadurch seine +politische Rolle zu spielen vermocht hat, so ist es ebenso bezeichnend, +dass es so wenig ihm gelang, die Koryphaeen der Gegenpartei wie diesen +ihn zu beseitigen, und die von ihm und seinem Gesinnungsgenossen vor +der Buergerschaft angestellten Rechenschaftsprozesse wenigstens in den +politisch wichtigen Faellen durchgaengig ganz ebenso erfolglos +geblieben sind wie die gegen Cato gerichteten Anklagen. Nicht viel mehr +als diese Anklagen haben die Polizeigesetze gewirkt, welche namentlich +zur Beschraenkung des Luxus und zur Herbeifuehrung eines sparsamen und +ordentlichen Haushaltes in dieser Epoche in ungemeiner Anzahl erlassen +wurden und die zum Teil in der Darstellung der Volkswirtschaft noch zu +beruehren sein werden. + +Bei weitem praktischer und nuetzlicher waren die Versuche, dem +einreissenden Verfall mittelbar zu steuern, unter denen die +Ausweisungen von neuen Bauernhufen aus dem Domanialland ohne Zweifel +den ersten Platz einnehmen. Dieselben haben in der Zeit zwischen dem +ersten und zweiten Kriege mit Karthago und wieder vom Ende des +letzteren bis gegen den Schluss dieses Zeitabschnitts in grosser Anzahl +und in bedeutendem Umfange stattgefunden; die wichtigsten darunter sind +die Aufteilung der picenischen Possessionen durch Gaius Flaminius im +Jahre 522 (232),die Anlage von acht neuen Seekolonien im Jahre 560 +(194) und vor allem die umfassende Kolonisation der Landschaft zwischen +dem Apennin und dem Po durch die Anlage der latinischen Pflanzstaedte +Placentia, Cremona, Bononia und Aquileia und der Buergerkolonien +Potentia, Pisaurum, Mutina, Parma und Luna in den Jahren 536 (218) und +565-577 (189-177). Bei weitem die meisten dieser segensreichen +Gruendungen duerfen der Reformpartei zugeschrieben werden. Hinweisend +einerseits auf die Verwuestung Italiens durch den Hannibalischen Krieg +und das erschreckende Hinschwindender Bauernstellen und ueberhaupt der +freien italischen Bevoelkerung, anderseits auf die weit ausgedehnten, +neben und gleich Eigentum besessenen Possessionen der Vornehmen im +Cisalpinischen Gallien, in Samnium, in der apulischen und brettischen +Landschaft haben Cato und seine Gesinnungsgenossen sie gefordert; und +obwohl die roemische Regierung diesen Forderungen wahrscheinlich nicht +in dem Massstab nachkam, wie sie es gekonnt und gesollt haette, so +blieb sie doch nicht taub gegen die warnende Stimme des verstaendigen +Mannes. + +Verwandter Art ist der Vorschlag, den Cato im Senat stellte, dem +Verfall der Buergerreiterei durch Errichtung von vierhundert neuen +Reiterstellen Einhalt zu tun. An den Mitteln dazu kann es der +Staatskasse nicht gefehlt haben; doch scheint der Vorschlag an dem +exklusiven Geiste der Nobilitaet und ihrem Bestreben, diejenigen, die +nur Reiter und nicht Ritter waren, aus der Buergerreiterei zu +verdraengen, gescheitert zu sein. Dagegen erzwangen die schweren +Kriegslaeufte, welche ja sogar die roemische Regierung zu dem +gluecklicherweise verunglueckenden Versuch bestimmten, ihre Heere nach +orientalischer Art vom Sklavenmarkt zu rekrutieren, die Milderung der +fuer den Dienst im Buergerheer bisher geforderten Qualifikationen: des +Minimalzensus von 11000 Assen (300 Taler) und der Freigeborenheit. +Abgesehen davon, dass man die zwischen 4000 (115 Taler) und 1500 Assen +(43 Taler) geschaetzten Freigeborenen und saemtliche Freigelassene zum +Flottendienst anzog, wurde der Minimalzensus fuer den Legionaer auf +4000 Asse (115 Taler) ermaessigt und wurden im Notfall auch sowohl die +Flottendienstpflichtigen als sogar die zwischen 1500 (43 Taler) und 375 +Asse (11 Taler) geschaetzten Freigeborenen in das Buergerfussvolk +miteingestellt. Diese vermutlich dem Ende der vorigen oder dem Anfang +dieser Epoche angehoerenden Neuerungen sind ohne Zweifel ebensowenig +wie die servianische Militaerreform aus Parteibestrebungen +hervorgegangen; allein sie taten doch der demokratischen Partei +insofern wesentlichen Vorschub, als mit den buergerlichen Belastungen +zuerst die buergerlichen Ansprueche und sodann auch die buergerlichen +Rechte sich notwendig ins Gleichgewicht setzten. Die Armen und +Freigelassenen fingen an in dem Gemeinwesen etwas zu bedeuten, seit sie +ihm dienten; und hauptsaechlich daraus entsprang eine der wichtigsten +Verfassungsaenderungen dieser Zeit, die Umgestaltung der +Zenturiatkomitien, welche hoechst wahrscheinlich in demselben Jahre +erfolgte, in welchem der Krieg um Sizilien zu Ende ging (513 241). + +Nach der bisherigen Stimmordnung hatten in den Zenturiatkomitien wenn +auch nicht mehr, wie bis auf die Reform des Appius Claudius, allein die +Ansaessigen gestimmt, aber doch die Vermoegenden ueberwogen: es hatten +zuerst die Ritter gestimmt, das heisst der patrizisch-plebejische Adel, +sodann die Hoechstbesteuerten, das heisst diejenigen, die ein Vermoegen +von mindestens 100000 Assen (2900 Taler) dem Zensor nachgewiesen hatten +^11; und diese beiden Abteilungen hatten, wenn sie zusammenhielten, +jede Abstimmung entschieden. Das Stimmrecht der Steuerpflichtigen der +vier folgenden Klassen war von zweifelhaftem Gewicht, das derjenigen, +deren Schaetzung unter dem niedrigsten Klassensatz von 11000 Assen (300 +Taler) geblieben war, wesentlich illusorisch gewesen. Nach der neuen +Ordnung wurde der Ritterschaft, obwohl sie ihre gesonderten Abteilungen +behielt, das Vorstimmrecht entzogen und dasselbe auf eine aus der +ersten Klasse durch das Los erwaehlte Stimmabteilung uebertragen. Die +Wichtigkeit jenes adligen Vorstimmrechts kann nicht hoch genug +angeschlagen werden, zumal in einer Epoche, in der tatsaechlich der +Einfluss des Adels auf die Gesamtbuergerschaft in stetigem Steigen war. +War doch selbst der eigentliche Junkerstand noch in dieser Zeit +maechtig genug, um die gesetzlich den Patriziern wie den Plebejern +offenstehende zweite Konsul- und zweite Zensorstelle, jene bis an den +Schluss dieser Periode (bis 582 172), diese noch ein Menschenalter +darueber hinaus (bis 623 131), lediglich aus den Seinigen zu besetzen, +ja in dem gefaehrlichsten Moment, den die roemische Republik erlebt +hat, in der Krise nach der Cannensischen Schlacht, die vollkommen +gesetzlich erfolgte Wahl des nach aller Ansicht faehigsten Offiziers, +des Plebejers Marcellus, zu der durch des Patriziers Paullus Tod +erledigten Konsulstelle einzig seines Plebejertums wegen rueckgaengig +zu machen. Dabei ist es freilich charakteristisch fuer das Wesen auch +dieser Reform, dass das Vorstimmrecht nur dem Adel, nicht aber den +Hoechstbesteuerten entzogen ward, das den Ritterzenturien entzogene +Vorstimmrecht nicht auf eine etwa durch das Los aus der ganzen +Buergerschaft erwaehlte Abteilung, sondern ausschliesslich auf die +erste Klasse ueberging. Diese sowie ueberhaupt die fuenf Stufen blieben +wie sie waren; nur die Grenze nach unter, wurde wahrscheinlich in der +Weise verschoben, dass der Minimalzensus wie fuer den Dienst in der +Legion so auch fuer das Stimmrecht in den Zenturien von 11000 auf 4000 +Asse herabgesetzt ward. Ueberdies lag schon in der formeller +Beibehaltung der frueheren Saetze bei dem allgemeinen Steigen des +Vermoegensstandes gewissermassen eine Ausdehnung des Stimmrechts im +demokratischen Sinn. Die Gesamtzahl der Abteilungen blieb gleichfalls +unveraendert; aber wenn bis dahin, wie gesagt, die achtzehn +Ritterzenturien und die 80 der ersten Klasse in den 193 Stimmzenturien +allein die Majoritaet gehabt hatten, so wurden in der reformierten +Ordnung die Stimmen der ersten Klasse auf 70 herabgesetzt und dadurch +bewirkt, dass unter allen Umstaenden wenigstens die zweite Stufe zur +Abstimmung gelangte. Wichtiger noch und der eigentliche Schwerpunkt der +Reform war die Verbindung, in welche die neuen Stimmabteilungen mit der +Tribusordnung gesetzt wurden. Von jeher sind die Zenturien aus den +Tribus in der Weise hervorgegangen, dass wer einer Tribus angehoerte, +von dem Zensor in eine der Zenturien eingeschrieben werden musste. +Seitdem die nicht ansaessigen Buerger in die Tribus eingeschrieben +worden waren, gelangten also auch sie in die Zenturien, und waehrend +sie in den Tribusversammlungen selbst auf die vier staedtischen +Abteilungen beschraenkt waren, hatten sie in denen der Zenturien mit +den ansaessigen Buergern formell das gleiche Recht, wenngleich +wahrscheinlich die zensorische Willkuer in der Zusammensetzung der +Zenturien dazwischen trat und den in die Landtribus eingeschriebenen +Buergern das Uebergewicht auch in der Zenturienversammlung gewaehrte. +Dieses Uebergewicht wurde durch die reformierte Ordnung rechtlich in +der Weise festgestellt, dass von den 70 Zenturien der ersten Klasse +jeder Tribus zwei zugewiesen wurden, demnach die nicht ansaessigen +Buerger davon nur acht erhielten; in aehnlicher Weise muss auch in den +vier anderen Stufen den ansaessigen Buergern das Uebergewicht +eingeraeumt worden sein. Im gleichen Sinne wurde die bisherige +Gleichstellung der Freigelassenen mit den Freigeborenen im Stimmrecht +in dieser Zeit beseitigt und wurden auch die ansaessigen Freigelassenen +in die vier staedtischen Tribus gewiesen. Dies geschah im Jahre 534 +(220) durch einen der namhaftesten Maenner der Reformpartei, den Zensor +Gaius Flaminius, und wurde dann von dem Zensor Tiberius Sempronius +Gracchus, dem Vater der beiden Urheber der roemischen Revolution, +fuenfzig Jahre spaeter (585 169) wiederholt und verschaerft. Diese +Reform der Zenturien, die vielleicht in ihrer Gesamtheit ebenfalls von +Flaminius ausgegangen ist, war die erste wichtige Verfassungsaenderung, +die die neue Opposition der Nobilitaet abgewann, der erste Sieg der +eigentlichen Demokratie. Der Kern derselben besteht teils in der +Beschraenkung des zensorischen Willkuerregiments, teils in der +Beschraenkung des Einflusses einerseits der Nobilitaet, anderseits der +Nichtansaessigen und der Freigelassenen, also in der Umgestaltung der +Zenturiatkomitien nach dem fuer die Tributkomitien schon geltenden +Prinzip; was sich schon dadurch empfahl, dass Wahlen, +Gesetzvorschlaege, Kriminalanklagen und ueberhaupt alle die Mitwirkung +der Buergerschaft erfordernde Angelegenheiten durchgaengig an die +Tributkomitien gebracht und die schwerfaelligeren Zenturien nicht +leicht anders zusammengerufen wurden, als wo es verfassungsmaessig +notwendig oder doch ueblich war, um die Zensoren, Konsuln und Praetoren +zu waehlen und um einen Angriffskrieg zu beschliessen. Es ward also +durch diese Reform nicht ein neues Prinzip in die Verfassung hinein, +sondern ein laengst in der praktisch haeufigeren und wichtigeren +Kategorie der Buergerschaftsversammlungen massgebendes zu allgemeiner +Geltung gebracht. Ihre wohl demokratische, aber keineswegs demagogische +Tendenz zeigt sich deutlich in ihrer Stellungnahme zu den eigentlichen +Stuetzen jeder wirklich revolutionaeren Partei, dem Proletariat und der +Freigelassenschaft. Darum darf denn auch die praktische Bedeutung +dieser Abaenderung der fuer die Urversammlungen massgebenden +Stimmordnung nicht allzu hoch angeschlagen werden. Das neue Wahlgesetz +hat die gleichzeitige Bildung eines neuen politisch privilegierten +Standes nicht verhindert und vielleicht nicht einmal wesentlich +erschwert. Es ist sicher nicht bloss Schuld der allerdings mangelhaften +Ueberlieferung, dass wir nirgend eine tatsaechliche Einwirkung der +vielbesprochenen Reform auf den politischen Verlauf der Dinge +nachzuweisen vermoegen. Innerlich haengt uebrigens mit dieser Reform +noch die frueher schon erwaehnte Beseitigung der nicht +stimmberechtigten roemischen Buergergemeinden und deren allmaehliches +Aufgehen in die Vollbuergergemeinde zusammen. Es lag in dem +nivellierenden Geiste der Fortschrittspartei, die Gegensaetze innerhalb +des Mittelstandes zu beseitigen, waehrend die Kluft zwischen Buergern +und Nichtbuergern sich gleichzeitig breiter und tiefer zog. + +———————————————————————- + +^11 Ueber die urspruenglichen roemischen Zensussaetze ist es schwierig, +etwas Bestimmtes aufzustellen. Spaeterhin galten bekanntlich als +Minimalzensus der ersten Klasse 100000 As, wozu die Zensus der vier +uebrigen Klassen in dem (wenigstens ungefaehren) Verhaeltnis von ¾, ½, +¼, 1/9 stehen. Diese Saetze aber versteht bereits Polybios und +verstehen alle spaeteren Schriftsteller von dem leichten As (zu 1/10 +Denar), und es scheint hieran festgehalten werden zu muessen, wenn auch +in Beziehung auf das Voconische Gesetz dieselben Summen als schwere +Asse (zu ¼ Denar) in Ansatz gebracht werden (Geschichte des Roemischen +Muenzwesens, S. 302). Appius Claudius aber, der zuerst im Jahre 442 +(312) die Zensussaetze in Geld statt in Grundbesitz ausdrueckte, kann +sich dabei nicht des leichten As bedient haben, der erst 485 (269) +aufkam. Entweder also hat er dieselben Betraege in schweren Assen +ausgedrueckt und sind diese bei der Muenzreduktion in leichte umgesetzt +worden, oder er stellte die spaeteren Ziffern auf, und es blieben +dieselben trotz der Muenzreduktion, welche in diesem Falle eine +Herabsetzung der Klassensaetze um mehr als die Haelfte enthalten haben +wuerde. Gegen beide Annahmen lassen sich gueltige Bedenken erheben; +doch scheint die erstere glaublicher, da ein so exorbitanter +Fortschritt in der demokratischen Entwicklung weder fuer das Ende des +fuenften Jahrhunderts noch als beilaeufige Konsequenz einer bloss +administrativen Massregel wahrscheinlich ist, auch wohl schwerlich ganz +aus der Ueberlieferung verschwunden sein wuerde. 100000 leichte As oder +40000 Sesterzen koennen uebrigens fueglich als Aequivalent der +urspruenglichen roemischen Vollhufe von vielleicht 20 Morgen angesehen +werden; so dass danach die Schatzungssaetze ueberhaupt nur im Ausdruck, +nicht aber im Wert gewechselt haben wuerden. + +———————————————————————- + +Fasst man zusammen, was von der Reformpartei dieser Zeit gewollt und +erreicht ward, so hat sie dem einreissenden Verfall, vor allem dem +Einschwinden des Bauernstandes und der Lockerung der alten, strengen +und sparsamen Sitte, aber auch dem uebermaechtigen politischen Einfluss +der neuen Nobilitaet unzweifelhaft patriotisch und energisch zu steuern +sich bemueht und bis zu einem gewissen Grade auch gesteuert. Allein man +vermisst ein hoeheres politisches Ziel. Das Missbehagen der Menge, der +sittliche Unwille der Besseren fanden wohl in dieser Opposition ihren +angemessenen und kraeftigen Ausdruck; aber man sieht weder eine +deutliche Einsicht in die Quelle des Uebels noch einen festen Plan, im +grossen und ganzen zu bessern. Eine gewisse Gedankenlosigkeit geht +hindurch durch all diese sonst so ehrenwerten Bestrebungen, und die +rein defensive Haltung der Verteidiger weissagt wenig Gutes fuer den +Erfolg. Ob die Krankheit ueberhaupt durch Menschenwitz geheilt werden +konnte, bleibt billig dahingestellt; die roemischen Reformatoren dieser +Zeit aber scheinen mehr gute Buerger als gute Staatsmaenner gewesen zu +sein und den grossen Kampf des alten Buergertums gegen den neuen +Kosmopolitismus auf ihrer Seite einigermassen unzulaenglich und +spiessbuergerlich gefuehrt zu haben. + +Aber wie neben der Buergerschaft der Poebel in dieser Zeit emporkam, so +trat auch schon neben die achtbare und nuetzliche Oppositionspartei die +volksschmeichelnde Demagogie. Bereits Cato kennt das Gewerbe der Leute, +die an der Redesucht kranken wie andere an der Trink- und der +Schlafsucht; die sich Zuhoerer mieten, wenn sich keine freiwillig +einfinden, und die man wie den Marktschreier anhoert, ohne auf sie zu +hoeren, geschweige denn, wenn man Hilfe braucht, sich ihnen +anzuvertrauen. In seiner derben Art schildert der Alte diese nach dem +Muster der griechischen Schwaetzer des Marktes gebildeten spassigen und +witzelnden, singenden und tanzenden, allezeit bereiten Herrchen; zu +nichts, meint er, ist so einer zu brauchen, als um sich im Zuge als +Hanswurst zu produzieren und mit dem Publikum Reden zu wechseln - fuer +ein Stueck Brot ist ihm ja das Reden wie das Schweigen feil. In der +Tat, diese Demagogen waren die schlimmsten Feinde der Reform. Wie diese +vor allen Dingen und nach allen Seiten hin auf sittliche Besserung +drang, so hielt die Demagogie vielmehr hin auf Beschraenkung der +Regierungs- und Erweiterung der Buergerschaftskompetenz. In ersterer +Beziehung ist die wichtigste Neuerung die tatsaechliche Abschaffung der +Diktatur. Die durch Quintus Fabius und seine populaeren Gegner 537 +(217) hervorgerufene Krise gab diesem von Haus aus unpopulaeren +Institut den Todesstoss. Obwohl die Regierung einmal nachher noch (538 +216) unter dem unmittelbaren Eindruck der Schlacht von Cannae einen mit +aktivem Kommando ausgestatteten Diktator ernannt hat, so durfte sie +dies doch in ruhigeren Zeiten nicht wieder wagen, und nachdem noch ein +paar Male (zuletzt 552 202), zuweilen nach vorgaengiger Bezeichnung der +zu ernennenden Person durch die Buergerschaft, ein Diktator fuer +staedtische Geschaefte eingesetzt worden war, kam dieses Amt, ohne +foermlich abgeschafft zu werden, tatsaechlich ausser Gebrauch. Damit +ging dem kuenstlich ineinander gefugten roemischen Verfassungssystem +ein fuer dessen eigentuemliche Beamtenkollegialitaet sehr +wuenschenswertes Korrektiv verloren und buesste die Regierung, von der +das Eintreten der Diktatur, das heisst die Suspension der Konsuln, +durchaus und in der Regel auch die Bezeichnung des zu ernennenden +Diktators abgehangen hatte, eines ihrer wichtigsten Werkzeuge ein - nur +unvollkommen ward dasselbe ersetzt durch die vom Senat seitdem in +Anspruch genommene Befugnis, in ausserordentlichen Faellen, namentlich +bei ploetzlich ausbrechendem Aufstand oder Krieg, den zeitigen +hoechsten Beamten gleichsam diktatorische Gewalt zu verleihen durch die +Instruktion: nach Ermessen fuer das gemeine Wohl Massregeln zu treffen, +und damit einen dem heutigen Standrecht aehnlichen Zustand +herbeizufuehren. Daneben dehnte die formelle Kompetenz des Volkes in +der Beamtenernennung wie in Regierungs-, Verwaltungs- und Finanzfragen +in bedenklicher Weise sich aus. Die Priesterschaften, namentlich die +politisch wichtigsten Kollegien der Sachverstaendigen, ergaenzten sich +nach altem Herkommen selber und ernannten selber ihre Vorsteher, soweit +diese Koerperschaften ueberhaupt Vorsteher hatten; und in der Tat war +fuer diese zur Ueberlieferung der Kunde goettlicher Dinge von +Geschlecht zu Geschlecht bestimmten Institute die einzige ihrem Geist +entsprechende Wahlform die Kooptation. Es ist darum zwar nicht von +grossem politischen Gewicht, aber bezeichnend fuer die beginnende +Desorganisation der republikanischen Ordnungen, dass in dieser Zeit +(vor 542 212) zwar noch nicht die Wahl in die Kollegien selbst, aber +wohl die Bezeichnung der Vorstaende der Curionen und der Pontifices aus +dem Schosse dieser Koerperschatten von den Kollegien auf die Gemeinde +ueberging; wobei ueberdies noch, mit echt roemischer formaler +Goetterfurcht, um ja nichts zu versehen, nur die kleinere Haelfte der +Bezirke, also nicht das “Volk” den Wahlakt vollzog. Von groesserer +Bedeutung war das zunehmende Eingreifen der Buergerschaft in +persoenliche und sachliche Fragen aus dem Kreise der Militaerverwaltung +und der aeusseren Politik. Hierher gehoert der Uebergang der Ernennung +der ordentlichen Stabsoffiziere vom Feldherrn auf die Buergerschaft, +dessen schon gedacht ward; hierher die Wahlen der Fuehrer der +Opposition zu Oberfeldherren gegen Hannibal; hierher der verfassungs- +und vernunftwidrige Buergerschaftsbeschluss von 537 (217), wodurch das +hoechste Kommando zwischen dem unpopulaeren Generalissimus und seinem +populaeren und ihm im Lager wie daheim opponierenden Unterfeldherrn +geteilt ward; hierher das gegen einen Offizier wie Marcellus vor der +Buergerschaft verfuehrte tribunizische Gequengel wegen unverstaendiger +und unredlicher Kriegfuehrung (545 209), welches denselben doch schon +noetigte, aus dem Lager nach der Hauptstadt zu kommen und sich wegen +seiner militaerischen Befaehigung vor dem Publikum der Hauptstadt +auszuweisen; hierher die noch skandaloeseren Versuche, dem Sieger von +Pydna durch Buergerschaftsbeschluss den Triumph abzuerkennen; hierher +die allerdings wohl vom Senat veranlasste Bekleidung eines Privatmanns +mit ausserordentlicher konsularischer Amtsgewalt (544 210); hierher die +bedenkliche Drohung Scipios, den Oberbefehl in Afrika, wenn der Senat +ihm denselben verweigere, sich von der Buergerschaft bewilligen zu +lassen (549 205); hierher der Versuch eines vor Ehrgeiz. halb +naerrischen Menschen, der Buergerschaft wider Willen der Regierung eine +in jeder Hinsicht ungerechtfertigte Kriegserklaerung gegen die Rhodier +zu entreissen (587 167); hierher das neue staatsrechtliche Axiom, dass +jeder Staatsvertrag erst durch Ratifikation der Gemeinde vollgueltig +werde. Dieses Mitregieren und Mitkommandieren der Buergerschaft war in +hohem Grade bedenklich, aber weit bedenklicher noch ihr Eingreifen in +das Finanzwesen der Gemeinde; nicht bloss, weil die Macht des Senats in +der Wurzel getroffen wurde durch jeden Angriff auf das aelteste und +wichtigste Recht der Regierung: die ausschliessliche Verwaltung des +Gemeindevermoegens, sondern weil die Unterstellung der wichtigsten +hierher gehoerigen Angelegenheit, der Aufteilung der Gemeindedomaenen, +unter die Urversammlungen der Buergerschaft mit Notwendigkeit der +Republik ihr Grab grub. Die Urversammlung aus dem Gemeingut +unbeschraenkt in den eigenen Beutel hineindekretieren zu lassen, ist +reicht bloss verkehrt, sondern der Anfang vom Ende; es demoralisiert +die bestgesinnte Buergerschaft und gibt dem Antragsteller eine mit +keinem freien Gemeinwesen vertraegliche Macht. Wie heilsam auch die +Aufteilung des Gemeinlandes und wie zwiefachen Tadels darum der Senat +wert war, indem er es unterliess, durch freiwillige Aufteilung des +okkupierten Landes dies gefaehrlichste aller Agitationsmittel +abzuschneiden, so hat doch Gaius Flaminius, indem er mit dem Antrag auf +Aufteilung der picenischen Domaenen im Jahre 522 (232) an die +Buergerschaft ging, durch das Mittel ohne Zweifel dem Gemeinwesen mehr +geschadet, als durch den Zweck ihm genuetzt. Wohl hatte +zweihundertundfuenfzig Jahre zuvor Spurius Cassius dasselbe beantragt; +aber die beiden Massregeln, wie genau sie auch dem Buchstaben nach +zusammenstimmten, waren dennoch insofern voellig verschieden, als +Cassius eine Gemeindesache an die lebendige und noch sich selber +regierende Gemeinde, Flaminius eine Staatsfrage an die Urversammlung +eines grossen Staates brachte. Mit vollem Recht betrachtete nicht etwa +bloss die Regierungs-, sondern auch die Reformpartei das militaerische, +administrative und finanzielle Regiment als legitime Domaene des Senats +und huetete sie sich wohl, von der formellen Macht der innerlich in +unabwendbarer Aufloesung begriffenen Urversammlungen vollen Gebrauch zu +machen, geschweige denn sie zu steigern. Wenn nie, selbst nicht in der +beschraenktesten Monarchie, dem Monarchen eine so voellig nichtige +Rolle zugefallen ist, wie sie dem souveraenen roemischen Volke +zugeteilt ward, so war dies zwar in mehr als einer Hinsicht zu +bedauern, aber bei dem dermaligen Stande der Komitialmaschine auch nach +der Ansicht der Reformfreunde eine Notwendigkeit. Darum haben Cato und +seine Gesinnungsgenossen nie eine Frage an die Buergerschaft gebracht, +welche in das eigentliche Regiment eingegriffen haette, niemals die von +ihnen gewuenschten politischen oder finanziellen Massregeln, wie zum +Beispiel die Kriegserklaerung gegen Karthago und die Ackerauslegungen, +mittelbar oder unmittelbar durch Buergerschaftsbeschluss dem Senat +abgezwungen. Die Regierung des Senats mochte schlecht sein; die +Urversammlungen konnten nicht regieren. Nicht als haette in ihnen eine +boeswillige Majoritaet vorgeherrscht; im Gegenteil fand das Wort eines +angesehenen Mannes, fand der laute Ruf der Ehre und der lautere der Not +in der Regel in den Komitien noch Gehoer und wendete die aeussersten +Schaedigungen und Schaendlichkeiten ab - die Buergerschaft, vor der +Marcellus sich verantwortete, liess den Anklaeger schimpflich +durchfallen und waehlte den Angeklagten zum Konsul fuer das folgende +Jahr; auch von der Notwendigkeit des Krieges gegen Philippos liess die +Versammlung sich ueberzeugen, endigte den Krieg gegen Perseus durch die +Wahl des Paullus und bewilligte diesem den wohlverdienten Triumph. Aber +zu solchen Wahlen und solchen Beschluessen bedurfte es doch schon eines +besonderen Aufschwungs; durchgaengig folgte die Masse willenlos dem +naechsten Impulse, und Unverstand und Zufall entschieden. + +Im Staate wie in jedem Organismus ist das Organ, welches nicht mehr +wirkt, schon auch schaedlich; auch die Nichtigkeit der souveraenen +Volksversammlung schloss keine geringe Gefahr ein. Jede Minoritaet im +Senat konnte der Majoritaet gegenueber verfassungsmaessig an die +Komitien appellieren. Jedem einzelnen Manne, der die leichte Kunst +besass, unmuendigen Ohren zu predigen oder auch nur Geld wegzuwerfen, +war ein Weg eroeffnet, um sich eine Stellung zu verschaffen oder einen +Beschluss zu erwirken, denen gegenueber Beamte und Regierung formell +gehalten waren zu gehorchen. Daher denn jene Buergergenerale, gewohnt, +im Weinhaus Schlachtplaene auf den Tisch zu zeichnen und kraft ihres +angeborenen strategischen Genies mitleidig auf den Gamaschendienst +herabzusehen; daher jene Stabsoffiziere, die ihr Kommando dem +hauptstaedtischen Aemterbettel verdankten und, wenn es einmal Ernst +galt, vor allen Dingen in Masse verabschiedet werden mussten - und +daher die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae und die +schimpfliche Kriegfuehrung gegen Perseus. Auf Schritt und Tritt ward +die Regierung durch jene unberechenbaren Buergerschaftsbeschluesse +gekreuzt und beirrt, und begreiflicherweise eben da am meisten, wo sie +am meisten in ihrem guten Recht war. + +Aber die Schwaechung der Regierung und der Gemeinde selbst waren noch +die geringere unter den aus dieser Demagogie sich entwickelnden +Gefahren. Unmittelbarer noch draengte unter der Aegide der +verfassungsmaessigen Rechte der Buergerschaft die faktioese Gewalt der +einzelnen Ehrgeizigen sich empor. Was formell als Wille der hoechsten +Autoritaet im Staate auftrat, war der Sache nach sehr oft nichts als +das persoenliche Belieben des Antragstellers; und was sollte werden aus +einem Gemeinwesen, in welchem Krieg und Frieden, Ernennung und +Absetzung des Feldherrn und der Offiziere, die gemeine Kasse und das +gemeine Gut von den Launen der Menge und ihrer zufaelligen Fuehrer +abhingen? Das Gewitter war noch nicht ausgebrochen; aber dicht und +dichter ballten die Wolken sich zusammen und einzelne Donnerschlaege +rollten bereits durch die schwuele Luft. Dabei trafen in zwiefach +bedenklicher Weise die scheinbar entgegengesetztesten Richtungen in +ihren aeussersten Spitzen sowohl hinsichtlich der Zwecke wie +hinsichtlich der Mittel zusammen. In der Poebelklientel und dem +Poebelkultus machten Familienpolitik und Demagogie sich eine +gleichartige und gleich gefaehrliche Konkurrenz. Gaius Flaminius galt +den Staatsmaennern der folgenden Generation als der Eroeffner +derjenigen Bahn, aus welcher die Gracchischen Reformen und - setzen wir +hinzu - weiterhin die demokratisch-monarchische Revolution hervorging. +Aber auch Publius Scipio, obwohl tonangebend in der Hoffart, der +Titeljagd, der Klientelmacherei der Nobilitaet, stuetzte sich in seiner +persoenlichen und fast dynastischen Politik gegen den Senat auf die +Menge, die er nicht bloss durch den Schimmer seiner Individualitaet +bezauberte, sondern auch durch seine Kornsendungen bestach, auf die +Legionen, deren Gunst er durch rechte und unrechte Mittel sich erwarb, +und vor allen Dingen auf die ihm persoenlich anhaengende hohe und +niedere Klientel - nur die traeumerische Unklarheit, auf welcher der +Reiz wie die Schwaeche dieses merkwuerdigen Mannes grossenteils beruht, +liessen ihn aus dem Glauben: nichts zu sein noch sein zu wollen als der +erste Buerger von Rom, nicht oder doch nicht voellig erwachen. + +Die Moeglichkeit einer Reform zu behaupten, wuerde ebenso verwegen +sein, wie sie zu leugnen; dass eine durchgreifende Verbesserung des +Staats an Haupt und Gliedern dringendes Beduerfnis war und dass von +keiner Seite dazu ein ernstlicher Versuch gemacht ward, ist gewiss. +Zwar im einzelnen geschah von seiten des Senats wie von seiten der +buergerschaftlichen Opposition mancherlei. Dort wie hier waren die +Majoritaeten noch wohlgesinnt und boten ueber den Riss weg, der die +Parteien trennte, noch haeufig sich die Haende, um gemeinschaftlich die +schlimmsten Uebelstaende zu beseitigen. Aber da man die Quellen nicht +verstopfte, so half es wenig, dass die besseren Maenner mit Besorgnis +auf das dumpfe Tosen der anschwellenden Flut lauschten und an Deichen +und Daemmen arbeiteten. Indem auch sie sich mit Palliativen begnuegten +und selbst diese, namentlich eben die wichtigsten, wie die Verbesserung +der Justiz und die Aufteilung des Domaniallandes, nicht rechtzeitig und +umfaenglich genug anwandten, halfen sie mit dazu, den Nachkommen eine +boese Zukunft zu bereiten. Indem sie versaeumten, den Acker umzubrechen +waehrend es Zeit war, zeitigten Unkraut auch, die es nicht saeten. Den +spaeteren Geschlechtern, die die Stuerme der Revolution erlebten, +erschien die Zeit nach dem Hannibalischen Kriege als die goldene Roms +und Cato als das Muster des roemischen Staatsmanns. Es war vielmehr die +Windstille vor dem Sturm und die Epoche der politischen +Mittelmaessigkeiten, eine Zeit wie die des Walpoleschen Regiments in +England; und kein Chatham fand sich in Rom, der die stockenden Adern +der Nation wieder in frische Wallung gebracht haette. Wo man den Blick +hinwendet, klaffen in dem alten Bau Risse und Spalten; man sieht die +Arbeiter geschaeftig, bald sie zu verstreichen, bald sie zu erweitern; +von Vorbereitungen aber zu einem ernstlichen Um- oder Neubau gewahrt +man nirgend eine Spur, und es fragt sich nicht mehr, ob, sondern nur +noch, wann das Gebaeude einstuerzen wird. In keiner Epoche ist die +roemische Verfassung formell so stabil geblieben wie in der vom +Sizilischen Kriege bis auf den Dritten Makedonischen und noch ein +Menschenalter darueber hinaus; aber die Stabilitaet der Verfassung war +hier wie ueberall nicht ein Zeichen der Gesundheit des Staats, sondern +der beginnenden Erkrankung und der Vorbote der Revolution. + + + + +KAPITEL XII. +Boden- und Geldwirtschaft + + +Wie mit dem sechsten Jahrhundert der Stadt zuerst eine einigermassen +pragmatisch zusammenhaengende Geschichte derselben moeglich wird, so +treten auch in dieser Zeit zuerst die oekonomischen Zustaende mit +groesserer Bestimmtheit und Anschaulichkeit hervor. Zugleich stellt die +Grosswirtschaft im Ackerbau wie im Geldwesen in ihrer spaeteren Weise +und Ausdehnung jetzt zuerst sich fest, ohne dass sich genau scheiden +liesse, was darin auf aelteres Herkommen, was auf Nachahmung der Boden- +und Geldwirtschaft der frueher zivilisierten Nationen, namentlich der +Phoeniker, was auf die steigende Kapitalmasse und die steigende +Intelligenz der Nation zurueckgeht. Zur richtigen Einsicht in die +innere Geschichte Roms wird es beitragen, diese wirtschaftlichen +Verhaeltnisse hier zusammenfassend zu schildern. + +Die Bodenwirtschaft ^1 war entweder Guts- oder Weide- oder +Kleinwirtschaft, wovon die erste in der von Cato entworfenen +Schilderung uns mit grosser Anschaulichkeit entgegentritt. + +———————————————————————— + +^1 Um uebrigens von dem alten Italien ein richtiges Bild zu gewinnen, +ist es notwendig, sich zu erinnern, welche grossen Veraenderungen auch +hier durch die neuere Kultur entstanden sind. Von den Getreidearten +ward im Altertum Roggen nicht gebaut und des als Unkraut wohlbekannten +Hafers sah man in der Kaiserzeit mit Verwunderung die Deutschen sich +zum Brei bedienen. Der Reis ward in Italien zuerst am Ende des +fuenfzehnten, der Mais daselbst zuerst am Anfang des siebzehnten +Jahrhunderts kultiviert. Die Kartoffeln und Tomaten stammen aus +Amerika; die Artischocken scheinen nichts als eine durch Kultur +entstandene Varietaet der den Roemern bekannten Cardonen, aber doch in +ihrer Eigentuemlichkeit neueren Ursprungs zu sein. Die Mandel dagegen +oder die “griechische Nuss”, der Pfirsich oder die “persische”, auch +die “weiche Nuss” (nux mollusca) sind zwar Italien urspruenglich fremd, +aber begegnen wenigstens schon hundertfuenfzig Jahre vor Christus. Die +Dattelpalme, in Italien aus Griechenland, wie in Griechenland aus dem +Orient eingefuehrt und ein lebendiger Zeuge des uralten +kommerziell-religioesen Verkehrs des Okzidents mit den Orientalen, ward +in Italien bereits dreihundert Jahre vor Christus gezogen (Liv. 10, 47; +Pallad. 5, 5, 2; 11, 12, 1), nicht der Fruechte wegen (Plin. nat. 13, +4, 26), sondern eben wie heutzutage, als Prachtgewaechs und um der +Blaetter bei oeffentlichen Festlichkeiten sich zu bedienen. Juenger ist +die Kirsche oder die Frucht von Kerasus am Schwarzen Meer, die erst in +der ciceronischen Zeit in Italien gepflanzt zu werden anfing, obwohl +der wilde Kirschbaum daselbst einheimisch ist; noch juenger vielleicht +die Aprikose oder die “armenische Pflaume”. Der Zitronenbaum ward erst +in der spaeteren Kaiserzeit in Italien kultiviert; die Orange kam gar +erst durch die Mauren im zwoelften oder dreizehnten Jahrhundert dahin, +ebenso erst im sechzehnten von Amerika die Aloe (Agave americana). Die +Baumwolle ist in Europa zuerst von Arabern gebaut worden. Auch der +Bueffel und der Seidenwurm sind nur dem neuen, nicht dem alten Italien +eigen. + +Wie man sieht, sind die mangelnden grossenteils eben diejenigen +Produkte, die uns recht “italienisch” scheinen; und wenn das heutige +Deutschland, verglichen mit demjenigen, welches Caesar betrat, ein +suedliches Land genannt werden kann, so ist auch Italien in nicht +minderem Grade seitdem “suedlicher” geworden. + +Die roemischen Landgueter waren, als groesserer Grundbesitz betrachtet, +durchgaengig von beschraenktem Umfang. Das von Cato beschriebene hatte +ein Areal von 240 Morgen; ein sehr gewoehnliches Mass war die +sogenannte Centuria von 200 Morgen. Wo die muehsame Rebenzucht +betrieben ward, wurde die Wirtschaftseinheit noch kleiner gemacht; Cato +setzt fuer diesen Fall einen Flaecheninhalt von 100 Morgen voraus. Wer +mehr Kapital in die Landwirtschaft stecken wollte, vergroesserte nicht +sein Gut, sondern erwarb mehrere Gueter; wie denn wohl schon der +Maximalsatz des Okkupationsbesitzes von 500 Morgen als Inbegriff von +zwei oder drei Landguetern gedacht worden ist. + +———————————————————————— + +Vererbpachtung ist der italischen Privat- wie der roemischen +Gemeindewirtschaft fremd; nur bei den abhaengigen Gemeinden kam sie +vor. Verpachtung auf kuerzere Zeit, sowohl gegen eine feste Geldsumme +als auch in der Art, dass der Paechter alle Betriebskosten trug und +dafuer einen Anteil, in der Regel wohl die Haelfte der Fruechte, +empfing ^2, war nicht unbekannt, aber Ausnahme und Notbehelf; ein +eigener Paechterstand hat sich deshalb in Italien nicht gebildet ^3. +Regelmaessig leitete also der Eigentuemer selber den Betrieb seiner +Gueter; indes wirtschaftete er nicht eigentlich selbst, sondern +erschien nur von Zeit zu Zeit auf dem Gute, um den Wirtschaftsplan +festzustellen, die Ausfuehrung zu beaufsichtigen und seinen Leuten die +Rechnung abzunehmen, wodurch es ihm moeglich ward, teils eine Anzahl +Gueter gleichzeitig zu nutzen, teils sich nach Umstaenden den +Staatsgeschaeften zu widmen. + +——————————————————————- + +^2 Nach Cato (agr. 137, vgl. 16) wird bei der Teilpacht der +Bruttoertrag des Gutes, nach Abzug des fuer die Pflugstiere benoetigten +Futters, zwischen Verpaechter und Paechter (colonus partiarius) zu den +zwischen ihnen ausgemachten Teilen geteilt. Dass die Teile in der Regel +gleich waren, laesst die Analogie des franzoesischen bail à cheptel und +der aehnlichen italienischen Pachtung auf halb und halb sowie die +Abwesenheit jeder Spur anderer Quotenteilung vermuten. Denn unrichtig +hat man den politor, der das fuenfte Korn, oder, wenn vor dem Dreschen +geteilt wird, den sechsten bis neunten Aehrenkorb erhaelt (Cato agr. +136, vgl. 5), hierher gezogen; er ist nicht Teilpaechter, sondern ein +in der Erntezeit angenommener Arbeiter, der seinen Tagelohn durch jenen +Gesellschaftsvertrag erhaelt. + +^3 Eigentliche Bedeutung hat die Pacht erst gewonnen, als die +roemischen Kapitalisten anfingen, ueberseeische Besitzungen in grossem +Umfang zu erwerben; wo man es denn auch zu schaetzen wusste, wenn eine +Zeitpacht durch mehrere Generationen fortging (Colum. 1, 7, 3). + +———————————————————————————- + +Von Getreide wurden namentlich Spelt und Weizen, auch Gerste und Hirse +gebaut; daneben Rueben, Rettiche, Knoblauch, Mohn und, besonders zum +Viehfutter, Lupinen, Bohnen, Erbsen, Wicken und andere Futterkraeuter. +In der Regel ward im Herbst, nur ausnahmsweise im Fruehjahr gesaet. +Fuer die Bewaesserung und Entwaesserung war man sehr taetig und zum +Beispiel die Drainage durch geblendete Graeben frueh im Gebrauch. Auch +Wiesen zur Heugewinnung fehlten nicht und schon zu Catos Zeit wurden +sie haeufig kuenstlich berieselt. Von gleicher, wo nicht von groesserer +wirtschaftlicher Bedeutung als Korn und Kraut waren der Oelbaum und der +Rebstock, von denen jener zwischen die Saaten, dieser fuer sich auf +eigenen Weinbergen gepflanzt ward ^4. Auch Feigen-, Apfel-, Birn- und +andere Fruchtbaeume wurden gezogen und ebenso, teils zum Holzschlag, +teils wegen des zur Streu und zum Viehfutter nuetzlichen Laubes, Ulmen, +Pappeln und andere Laubbaeume und Buesche. Dagegen hat bei den +Italikern, bei denen durchgaengig Vegetabilien, Fleischspeisen nur +ausnahmsweise und dann fast nur Schweine- und Lammfleisch auf den Tisch +kamen, die Viehzucht eine weit geringere Rolle gespielt als in der +heutigen Oekonomie. Obwohl man den oekonomischen Zusammenhang des +Ackerbaus und der Viehzucht und namentlich die Wichtigkeit der +Duengerproduktion nicht verkannte, so war doch die heutige Verbindung +von Acker- und Viehwirtschaft dem Altertum fremd. An Grossvieh ward nur +gehalten, was zur Bestellung des Ackers erforderlich war, und dasselbe +nicht auf eigenem Weideland, sondern im Sommer durchaus und meistens +auch im Winter im Stall gefuettert. Dagegen wurden auf die Stoppelweide +Schafe aufgetrieben, von denen Cato 100 Stueck auf 240 Morgen rechnet; +haeufig indes zog der Eigentuemer es vor, die Winterweide an einen +grossen Herdenbesitzer in Pacht zu geben oder auch seine Schafherde +einem Teilpaechter gegen Ablieferung einer bestimmten Anzahl von +Laemmern und eines gewissen Masses von Kaese und Milch zu ueberlassen. +Schweine - Cato rechnet auf das groessere Landgut zehn Staelle -, +Huehner, Tauben wurden auf dem Hofe gehalten und nach Beduerfnis +gemaestet, auch, wo Gelegenheit dazu war, eine kleine Hasenschonung und +ein Fischkasten eingerichtet - die bescheidenen Anfaenge der spaeter so +unermesslich sich ausdehnenden Wild- und Fischhegung und Zuechtung. + +——————————————————————————- + +^4 Dass zwischen den Rebstoecken kein Getreide gebaut ward, sondern +hoechstens leicht im Schatten fortkommende Futterkraeuter, geht aus +Cato (agr. 33, vgl. 137) hervor; und darum rechnet auch Columella (3, +3) bei dem Weinberg keinen anderen Nebengewinn als den Ertrag der +verkauften Ableger. Dagegen die Baumpflanzung (arbustum) wird wie jedes +Getreidefeld besaet (Colum. 2, 9, 6). Nur wo der Wein an lebendigen +Baeumen gezogen wird, baut man auch zwischen diesen Getreide. + +——————————————————————————- + +Die Feldarbeit ward beschafft mit Ochsen, die zum Pfluegen, und Eseln, +die besonders zum Duengerschleppen und zum Treiben der Muehle verwandt +wurden; auch ward wohl noch, wie es scheint fuer den Herrn, ein Pferd +gehalten. Man zog diese Tiere nicht auf dem Gut, sondern kaufte sie; +durchgaengig waren wenigstens Ochsen und Pferde verschnitten. Auf das +Gut von 100 Morgen rechnet Cato ein, auf das von 240 drei Joch Ochsen, +ein juengerer Landwirt Saserna auf 200 Morgen zwei Joch; Esel wurden +nach Catos Anschlag fuer das kleinere Grundstueck drei, fuer das +groessere vier erfordert. + +Die Menschenarbeit ward regelmaessig durch Sklaven beschafft. An der +Spitze der Gutssklavenschaft (familia rustica) stand der Wirtschafter +(vilicus, von villa), der einnimmt und ausgibt, kauft und verkauft, die +Instruktionen des Herrn entgegennimmt und in dessen Abwesenheit +anordnet und straft. Unter ihm stehen die Wirtschafterin (vilica), die +Haus, Kueche und Speisekammer, Huehnerhof und Taubenschlag besorgt; +eine Anzahl Pflueger (bubulci) und gemeiner Knechte, ein Eseltreiber, +ein Schweine- und, wo es eine Schafherde gab, ein Schafhirt. Die Zahl +schwankte natuerlich je nach der Bewirtschaftungsweise. Auf ein +Ackergut von 200 Morgen ohne Baumpflanzungen werden zwei Pflueger und +sechs Knechte, auf ein gleiches mit Baumpflanzungen zwei Pflueger und +neun Knechte, auf ein Gut von 240 Morgen mit Olivenpflanzungen und +Schafherde drei Pflueger, fuenf Knechte und drei Hirten gerechnet. Fuer +den Weinberg brauchte man natuerlich mehr Arbeitskraefte: auf ein Gut +von 100 Morgen mit Rebpflanzungen kommen ein Pflueger, elf Knechte und +zwei Hirten. Der Wirtschafter stand natuerlich freier als die uebrigen +Knechte; die Magonischen Buecher rieten, ihm Ehe, Kinderzeugung und +eigene Kasse zu gestatten, und Cato, ihn mit der Wirtschafterin zu +verheiraten; er allein wird auch Aussicht gehabt haben, im Fall des +Wohlverhaltens von dem Herrn die Freiheit zu erlangen. Im uebrigen +bildeten alle einen gemeinschaftlichen Hausstand. Die Knechte wurden +eben wie das Grossvieh nicht auf dem Gut gezogen, sondern in +arbeitsfaehigem Alter auf dem Sklavenmarkt gekauft, auch wohl, wenn sie +durch Alter oder Krankheit arbeitsunfaehig geworden waren, mit anderem +Ausschuss wieder auf den Markt geschickt ^5. Das Wirtschaftsgebaeude +(villa rustica) war zugleich Stallung fuer das Vieh, Speicher fuer die +Fruechte und Wohnung des Wirtschafters wie der Knechte; wogegen fuer +den Herrn haeufig auf dem Gut ein abgesondertes Landhaus (villa urbana) +eingerichtet war. Ein jeder Sklave, auch der Wirtschafter selbst, +erhielt seine Beduerfnisse auf Rechnung des Herrn in gewissen Fristen +nach festen Saetzen geliefert, womit er dann auszukommen hatte; so +Kleider und Schuhzeug, die auf dem Markte gekauft wurden und von denen +die Empfaenger nur die Instandhaltung selber beschafften; so monatlich +eine Quantitaet Weizen, die jeder selbst zu mahlen hatte, ferner Salz, +Zukost - Oliven oder Salzfisch -, Wein und Oel. Die Quantitaet richtete +sich nach der Arbeit, weshalb zum Beispiel der Wirtschafter, der +leichtere Arbeit hat als die Knechte, knapperes Mass als diese empfing. +Alles Backen und Kochen besorgte die Wirtschafterin und alle assen +gemeinschaftlich dieselbe Kost. Es war nicht Regel, die Sklaven zu +fesseln; wer aber Strafe verwirkt hatte oder einen Entweichungsversuch +befuerchten liess, ward angeschlossen auf die Arbeit geschickt und des +Nachts in den Sklavenkerker gesperrt ^6. Regelmaessig reichten diese +Gutssklaven hin; im Notfall halfen, wie sich von selbst versteht, die +Nachbarn mit ihren Sklaven gegen Tagelohn einer dem andern aus. Fremde +Arbeiter wurden sonst fuer gewoehnlich nicht verwandt, ausser in +besonders ungesunden Gegenden, wo man es vorteilhaft fand, den +Sklavenstand zu beschraenken und dafuer gemietete Leute zu verwenden, +und zur Einbringung der Ernte, fuer welche die stehenden Arbeitskraefte +nirgend genuegten. Bei der Korn- und Heuernte nahm man gedungene +Schnitter hinzu, die oft an Lohnes Statt von ihrem Eingebrachten die +sechste bis neunte Garbe oder, wenn sie auch droschen, das fuenfte Korn +empfingen - so zum Beispiel gingen jaehrlich umbrische Arbeiter in +grosser Zahl in das Tal von Rieti, um hier die Ernte einbringen zu +helfen. Die Trauben- und Olivenernte ward in der Regel einem +Unternehmer in Akkord gegeben, welcher durch seine Mannschaften, +gedungene Freie oder auch fremde oder eigene Sklaven, unter Aufsicht +einiger vom Gutsbesitzer dazu angestellter Leute das Lesen und Pressen +besorgte und den Ertrag an den Herrn ablieferte ^7; sehr haeufig +verkaufte auch der Gutsbesitzer die Ernte auf dem Stock oder Zweig und +liess den Kaeufer die Einbringung besorgen. + +——————————————————————- + +^5 Mago oder sein Uebersetzer (bei Varro tust. 1, 17, 3) raet, die +Sklaven nicht zu zuechten, sondern nicht juenger als +zweiundzwanzigjaehrig zu kaufen; und ein aehnliches Verfahren muss auch +Cato im Sinn gehabt haben, wie der Personalbestand seiner +Musterwirtschaft deutlich beweist, obwohl er es nicht geradezu sagt. +Den Verkauf der alten und kranken Sklaven raet Cato (agr. 2) +ausdruecklich an. Die Sklavenzuechtung, wie sie Columella (1, 8) +beschreibt, wobei die Sklavinnen, welche drei Soehne haben, von der +Arbeit befreit, die Muetter von vier Soehnen sogar freigelassen werden, +ist wohl mehr eine selbstaendige Spekulation als ein Teil des +regelmaessigen Gutsbetriebes, aehnlich wie das von Cato selbst +betriebene Geschaeft, Sklaven zur Abrichtung und zum Wiederverkauf +aufzukaufen (Plut. Cato mai. 21). Die ebendaselbst erwaehnte +charakteristische Besteuerung bezieht sich wohl auf die eigentliche +Dienerschaft (familia urbana). + +^6 In dieser Beschraenkung ist die Fesselung der Sklaven und selbst der +Haussoehne (Dion. Hal. 2, 26) uralt; und also als Ausnahme erscheinen +auch bei Cato die gefesselten Feldarbeiter, denen, da sie nicht selbst +mahlen koennen, statt des Kornes Brot verabreicht werden muss (56). +Sogar in der Kaiserzeit tritt die Fesselung der Sklaven durchgaengig +noch auf als eine definitiv von dem Herrn, provisorisch von dem +Wirtschafter zuerkannte Bestrafung (Colum. 1, 8; Gaius inst. 1, 13; +Ulp. reg. 1, 11). Wenn dennoch die Bestellung der Felder durch +gefesselte Sklaven in spaeterer Zeit als eigenes Wirtschaftssystem +vorkommt und der Arbeiterzwinger (ergastulum), ein Kellergeschoss mit +vielen aber schmalen und nicht vom Boden aus mit der Hand zu +erreichenden Fensteroeffnungen (Colum. 1, 6), ein notwendiges Stueck +des Wirtschaftsgebaeudes wird, so vermittelt sich dies dadurch, dass +die Lage der Gutssklaven haerter war als die der uebrigen Knechte und +darum vorwiegend diejenigen Sklaven dazu genommen wurden, welche sich +vergangen hatten oder zu haben schienen. Dass grausame Herren uebrigens +auch ohne jeden Anlass die Fesselung eintreten liessen, soll damit +nicht geleugnet werden und liegt auch klar darin angedeutet, dass die +Rechtsbuecher die den Verbrechersklaven treffenden Nachteile nicht +ueber die Gefesselten, sondern die Strafe halber Gefesselten +verhaengen. Ganz ebenso stand es mit der Brandmarkung; sie sollte +eigentlich Strafe sein; aber es wurde auch wohl die ganze Herde +gezeichnet (Diod. 35, 5; J. Bernays, Ueber das Phokylideische Gedicht. +Berlin 1856, S. XXXI). + +^7 Von der Weinlese sagt dies Cato nicht ausdruecklich wohl aber Varro +(rust. 1, 17), und es liegt auch in der Sache. Es waere oekonomisch +fehlerhaft gewesen, den Stand der Gutssklavenschaft nach dem Mass der +Erntearbeiten einzurichten, und am wenigsten wuerde man, wenn es +dennoch geschehen waere, die Trauben auf dem Stock verkauft haben, was +doch haeufig vorkam (Cato agr. 147). + +—————————————————————————- + +Die ganze Wirtschaft ist durchdrungen von der unbedingten +Ruecksichtslosigkeit der Kapitalmacht. Knecht und Vieh stehen auf einer +Linie; ein guter Kettenhund, heisst es bei einem roemischen Landwirt, +muss nicht zu freundlich gegen seine “Mitsklaven” sein. Man naehrt +gehoerig den Knecht wie den Stier, solange sie arbeiten koennen, weil +es nicht wirtschaftlich waere, sie hungern zu lassen; und man verkauft +sie wie die abgaengige Pflugschar, wenn sie arbeitsunfaehig geworden +sind, weil es ebenfalls nicht wirtschaftlich waere, sie laenger zu +behalten. In aelterer Zeit hatten religioese Ruecksichten auch hier +mildernd eingegriffen und den Knecht wie den Pflugstier an den +gebotenen Fest- und Rasttagen ^8 von der Arbeit entbunden; nichts ist +bezeichnender fuer den Geist Catos und seiner Gesinnungsgenossen als +die Art, wie sie die Heiligung des Feiertags dem Buchstaben nach +einschaerften und der Sache nach umgingen, naemlich anrieten, den Pflug +an jenen Tagen allerdings ruhen zu lassen, aber mit anderen nicht +ausdruecklich verpoenten Arbeiten auch an diesen Tagen die +Sklavenschaft rastlos zu beschaeftigen. Grundsaetzlich ward ihr +keinerlei freie Regung gestattet - der Sklave, lautet einer von Catos +Wahrspruechen, muss entweder arbeiten oder schlafen -, und durch +menschliche Beziehungen die Knechte an das Gut oder an den Herrn zu +knuepfen, ward nicht einmal versucht. Der Rechtsbuchstabe waltete in +unverhuellter Scheusslichkeit, und man machte sich keine Illusionen +ueber die Folgen. “Soviel Sklaven, soviel Feinde”, sagt ein roemisches +Sprichwort. Es war ein oekonomischer Grundsatz, Spaltungen innerhalb +der Sklavenschaft eher zu hegen als zu unterdruecken; in demselben +Sinne warnten schon Platon und Aristoteles und nicht minder das Orakel +der Ackerwirte, der Karthager Mago, davor, Sklaven gleicher +Nationalitaet zusammenzubringen, um nicht landsmannschaftliche +Verbindungen und vielleicht Komplotte herbeizufuehren. Es ward, wie +schon gesagt, die Sklavenschaft von den Gutsherren ganz ebenso regiert, +wie die roemische Gemeinde die Untertanenschaften regierte in den +“Landguetern des roemischen Volkes”, den Provinzen; und die Welt hat es +empfunden, dass der herrschende Staat sein neues Regierungs- nach dem +Sklavenhaltersystem entwickelte. Wenn man uebrigens sich zu jener wenig +beneidenswerten Hoehe des Denkens emporgeschwungen hat, wo in der +Wirtschaft durchaus nichts gilt als das darin steckende Kapital, so +kann man der roemischen Gutswirtschaft das Lob der Folgerichtigkeit, +Taetigkeit, Puenktlichkeit, Sparsamkeit und Soliditaet nicht versagen. +Der kernige, praktische Landmann spiegelt sich in der Catonischen +Schilderung des Wirtschafters, wie er sein soll, der zuerst im Hofe auf +und zuletzt im Bette ist, der streng gegen sich ist wie gegen seine +Leute und vor allem die Wirtschafterin in Respekt zu halten weiss, aber +auch die Arbeiter und das Vieh, insbesondere den Pflugstier wohl +versorgt, der oft und bei jeder Arbeit mit anfasst, aber sich nie wie +ein Knecht muede arbeitet, der stets zu Hause ist, nicht borgt noch +verborgt, keine Gastereien gibt, um keinen anderen Gottesdienst als um +den der eignen Haus- und Feldgoetter sich kuemmert und als rechter +Sklave allen Verkehr mit den Goettern wie mit den Menschen dem Herrn +anheimstellt, der endlich vor allen Dingen demselben bescheiden +begegnet und den von ihm empfangenen Instruktionen, ohne zu wenig und +ohne zu viel zu denken, getreulich und einfach nachlebt. Der ist ein +schlechter Landmann, heisst es anderswo, der das kauft, was er auf +seinem Gute erzeugen kann; ein schlechter Hausvater, welcher bei Tage +vornimmt, was bei Licht sich beschaffen laesst, es sei denn, dass das +Wetter schlecht ist; ein noch schlechterer, welcher am Werkeltag tut, +was am Feiertag getan werden kann; der schlechteste von allen aber der, +welcher bei gutem Wetter zu Hause statt im Freien arbeiten laesst. Auch +die charakteristische Duengerbegeisterung mangelt nicht; und wohl sind +es goldene Regeln, dass fuer den Landmann der Boden nicht da ist zum +Scheuern und Fegen, sondern zum Saeen und Ernten, dass man also zuvor +Reben und Oelbaeume pflanzen und erst nachher und nicht in allzu +frueher Jugend ein Landhaus sich einrichten soll. Eine gewisse +Bauernhaftigkeit ist der Wirtschaft freilich eigen und anstatt der +rationellen Ermittlung der Ursachen und Wirkungen treten durchgaengig +die bekannten baeurischen Erfahrungssaetze auf; doch ist man sichtbar +bestrebt, sich fremde Erfahrungen und auslaendische Produkte +anzueignen, wie denn schon in Catos Verzeichnis der Fruchtbaumsorten +griechische, afrikanische und spanische erscheinen. + +——————————————————————— + +^8 Columella (2, 12, 9) rechnet auf das Jahr durchschnittlich 45 Regen- +und Feiertage; und damit stimmt ueberein, dass nach Tertullian (idol. +14) die Zahl der heidnischen Festtage noch nicht die fuenfzig Tage der +christlichen Freudenzeit von Ostern bis Pfingsten erreicht. Dazu kommt +dann die Rastzeit des Mittwinters nach vollbrachter Herbstsaat, welche +Columella auf dreissig Tage anschlaegt. In diese fiel ohne Zweifel +durchgaengig das wandelbare “Saatfest” (feriae sementivae; vgl. 1, 201 +und Ov. fast. 1, 661). Mit den Gerichtsferien in der Ernte (Plin. +epist. 8, 21, 2 und sonst) und Weinlesezeit darf dieser Rastmonat nicht +verwechselt werden. + +——————————————————————— + +Die Bauernwirtschaft war von der des Gutsbesitzers hauptsaechlich nur +verschieden durch den kleineren Massstab. Der Eigentuemer selbst und +seine Kinder arbeiteten hier mit den Sklaven oder auch an deren Statt. +Der Viehstand zog sich zusammen, und wo das Gut nicht laenger die +Kosten des Pfluges und seiner Bespannung deckte, trat dafuer die Hacke +ein. Oel- und Weinbau traten zurueck oder fielen ganz weg. In der Naehe +Roms oder eines anderen groesseren Absatzplatzes bestanden auch +sorgfaeltig berieselte Blumen- und Gemuesegaerten, aehnlich etwa wie +man sie jetzt um Neapel sieht, und gaben sehr reichlichen Ertrag. + +Die Weidewirtschaft ward bei weitem mehr ins Grosse getrieben als der +Feldbau. Das Weidelandgut (saltus) musste auf jeden Fall betraechtlich +mehr Flaechenraum haben als das Ackergut - man rechnete mindestens 800 +Morgen - und konnte mit Vorteil fuer das Geschaeft fast ins Unendliche +ausgedehnt werden. Nach den klimatischen Verhaeltnissen Italiens +ergaenzen sich daselbst gegenseitig die Sommerweide in den Bergen und +die Winterweide in den Ebenen; schon in jener Zeit wurden, eben wie +jetzt noch und grossenteils wohl auf denselben Pfaden, die Herden im +Fruehjahr von Apulien nach Samnium und im Herbst wieder zurueck von da +nach Apulien getrieben. Die Winterweide indes fand, wie schon bemerkt +ist, nicht durchaus auf besonderem Weideland statt, sondern war zum +Teil Stoppelweide. Man zog Pferde, Rinder, Esel Maulesel, +hauptsaechlich um den Gutsbesitzern, Frachtfuehrern, Soldaten und so +weiter die benoetigten Tiere zu liefern; auch Schweine- und +Ziegenherden fehlten nicht. Weit selbstaendiger aber und weit hoeher +entwickelt war infolge des fast durchgaengigen Tragens von Wollstoffen +die Schafzucht. Der Betrieb ward durch Sklaven beschafft und war im +ganzen dem Gutsbetrieb aehnlich, so dass der Viehmeister (magister +pecoris) an die Stelle des Wirtschafters trat. Den Sommer ueber kamen +die Hirtensklaven meistenteils nicht unter Dach, sondern hausten, oft +meilenweit von menschlichen Wohnungen entfernt, unter Schuppen und +Huerden; es lag also in den Verhaeltnissen, dass man die kraeftigsten +Maenner dazu auslas, ihnen Pferde und Waffen gab und ihnen eine bei +weitem freiere Bewegung gestattete, als dies bei der Gutsmannschaft +geschah. + +Um die oekonomischen Resultate dieser Bodenwirtschaft einigermassen zu +wuerdigen, sind die Preisverhaeltnisse und namentlich die Kornpreise +dieser Zeit zu erwaegen. Durchschnittlich sind dieselben zum +Erschrecken gering, und zum guten Teil durch Schuld der roemischen +Regierung, welche in dieser wichtigen Frage, nicht so sehr durch ihre +Kurzsichtigkeit, als durch eine unverzeihliche Beguenstigung des +hauptstaedtischen Proletariats auf Kosten der italischen Bauernschaft, +zu den furchtbarsten Fehlgriffen gefuehrt worden ist. Es handelt sich +hier vor allem um den Konflikt des ueberseeischen und des italischen +Korns. Das Getreide, das von den Provinzialen teils unentgeltlich, +teils gegen eine maessige Verguetigung der roemischen Regierung +geliefert ward, wurde von dieser teils an Ort und Stelle zur +Verpflegung des roemischen Beamtenpersonals und der roemischen Heere +verwandt, teils an die Zehntpaechter in der Art abgetreten, dass diese +dafuer entweder Geldzahlung leisteten oder auch es uebernahmen, gewisse +Quantitaeten Getreide nach Rom oder wohin es sonst erforderlich war zu +liefern. Seit dem Zweiten Makedonischen Kriege wurden die roemischen +Heere durchgaengig mit ueberseeischem Korne unterhalten, und wenn dies +auch der roemischen Staatskasse zum Vorteil gereichte, so verschloss +sich doch damit eine wichtige Absatzquelle fuer den italischen +Landmann. Indes dies war das geringste. Der Regierung, welche laengst +wie billig auf die Kornpreise ein wachsames Auge gehabt hatte und bei +drohenden Teuerungen durch rechtzeitigen Einkauf im Ausland +eingeschritten war, lag es nahe, seit die Kornlieferungen der +Untertanen ihr alljaehrlich grosse Getreidemassen und wahrscheinlich +groessere, als man in Friedenszeiten brauchte, in die Haende fuehrten, +und seit ihr ueberdies die Gelegenheit geboten war, auslaendisches +Getreide in fast unbegrenzter Quantitaet zu maessigen Preisen zu +erwerben, mit solchem Getreide die hauptstaedtischen Maerkte zu +ueberfuehren und dasselbe zu Saetzen abzugeben, die entweder an sich +oder doch verglichen mit den italischen Schleuderpreise waren. Schon in +den Jahren 551-554 (203-200) und, wie es scheint, zunaechst auf +Veranstaltung Scipios, wurde in Rom der preussische Scheffel (sechs +Modii) spanischen und afrikanischen Weizens von Gemeinde wegen an die +Buerger zu 24, ja zu 12 Assen (17-8½ Groschen) abgegeben; einige Jahre +nachher (558 196) kamen ueber 160000 Scheffel sizilischen Getreides zu +dem letzteren Spottpreis in der Hauptstadt zur Verteilung. Umsonst +eiferte Cato gegen diese kurzsichtige Politik; die beginnende Demagogie +mischte sich hinein, und diese ausserordentlichen, aber vermutlich sehr +haeufigen Austeilungen von Korn unter dem Marktpreis durch die +Regierung oder einzelne Beamte, sind der Keim der spaeteren +Getreidegesetze geworden. Aber auch wenn das ueberseeische Korn nicht +auf diesem ausserordentlichen Wege an die Konsumenten gelangte, +drueckte es auf den italischen Ackerbau. Nicht bloss wurden die +Getreidemassen, die der Staat an die Zehntpaechter losschlug, ohne +Zweifel in der Regel von diesen so billig erworben, dass sie beim +Wiederverkauf unter dem Produktionspreis weggegeben werden konnten; +sondern wahrscheinlich war auch in den. Provinzen, namentlich in +Sizilien, teils infolge der guenstigen Bodenverhaeltnisse, teils der +ausgedehnten Gross- und Sklavenwirtschaft nach karthagischem System der +Produktionspreis ueberhaupt betraechtlich niedriger als in Italien, der +Transport aber des sizilischen und sardinischen Getreides nach Latium +wenigstens ebenso billig, wenn nicht billiger wie der Transport dahin +aus Etrurien, Kampanien oder gar Norditalien. Es musste also schon im +natuerlichen Laufe der Dinge das ueberseeische Korn nach der Halbinsel +stroemen und das dort erzeugte im Preise herabdruecken. Unter diesen +durch die leidige Sklavenwirtschaft unnatuerlich verschobenen +Verhaeltnissen waere es vielleicht gerechtfertigt gewesen, zu Gunsten +des italischen Getreides auf das ueberseeische einen Schutzzoll zu +legen; aber es scheint vielmehr das Umgekehrte geschehen und zu Gunsten +der Einfuhr des ueberseeischen Korns nach Italien in den Provinzen ein +Prohibitivsystem in Anwendung gebracht zu sein - denn wenn die Ausfuhr +einer Quantitaet Getreide aus Sizilien den Rhodiern als besondere +Verguenstigung gestattet ward, so muss wohl der Regel nach die +Kornausfuhr aus den Provinzen nur nach Italien hin frei gewesen und +also das ueberseeische Korn fuer das Mutterland monopolisiert worden +sein. Die Wirkungen dieser Wirtschaft liegen deutlich vor. Ein Jahr +ausserordentlicher Fruchtbarkeit wie 504 (250), wo man in der +Hauptstadt fuer 6 roemische Modii (= 1 preuss. Scheffel) Spelt nicht +mehr als 3/5 Denar (4 Groschen) zahlte und zu demselben Preise 180 +roemische Pfund (zu 22 Lot preussisch) trockene Feigen, 60 Pfund Oel, +72 Pfund Fleisch und 6 Congii (= 17 preuss. Quart) Wein verkauft +wurden, kommt freilich eben seiner Ausserordentlichkeit wegen wenig in +Betracht; aber bestimmter sprechen andere Tatsachen. Schon zu Catos +Zeit heisst Sizilien die Kornkammer Roms. In fruchtbaren Jahren wurde +in den italischen Haefen das sizilische und sardinische Korn um die +Fracht losgeschlagen. In den reichsten Kornlandschaften der Halbinsel, +in der heutigen Romagna und Lombardei zahlte man zu Polybios’ Zeit fuer +Kost und Nachtquartier im Wirtshaus durchschnittlich den Tag einen +halben As (1/3 Groschen); der preussische Scheffel Weizen galt hier +einen halben Denar (3½ Groschen). Der letztere Durchschnittspreis, etwa +der zwoelfte Teil des sonstigen Normalpreises ^9, zeigt mit +unwidersprechlicher Deutlichkeit, dass es der italischen +Getreideproduktion an Absatzquellen voellig mangelte und infolgedessen +das Korn wie das Kornland daselbst so gut wie entwertet war. + +————————————————————— + +^9 Als hauptstaedtischer Mittelpreis des Getreides kann wenigstens fuer +das siebente und achte Jahrhundert Roms angenommen werden 1 Denar fuer +den roemischen Modius oder 1/3 Taler fuer den preussischen Scheffel +Weizen, wofuer heutzutage (nach dem Durchschnitt der Preise in den +Provinzen Brandenburg und Pommern von 1816- 1841) ungefaehr 1 Taler 24 +Silbergroschen gezahlt wird. Ob diese nicht sehr bedeutende Differenz +der roemischen und der heutigen Preise auf dem Steigen des Korn- oder +dem Sinken des Silberwertes beruht, laesst sich schwerlich entscheiden. + +Uebrigens duerfte es sehr zweifelhaft sein, ob in dem Rom dieser und +der spaeteren Zeit die Kornpreise wirklich staerker geschwankt haben, +als dies heutzutage der Fall ist. Vergleicht man Preise wie die oben +angefuehrten von 4 und 7 Groschen den preussischen Scheffel mit denen +der aergsten Kriegsteuerung und Hungersnot, wo zum Beispiel im +Hannibalischen Kriege der preussische Scheffel auf 99 (1 Medimnos = 15 +Drachmen: Polyb. 9, 44), im Buergerkriege auf 198 (1 Modius = 5 Denare: +Cic. Verr. E, 92; 214), in der grossen Teuerung unter Augustus gar auf +218 Groschen (5 Modii = 27; Denare: Euseb. chron. p. Chr. 7 Scal.) +stieg, so ist der Abstand freilich ungeheuer; allein solche Extreme +sind wenig belehrend und koennten nach beiden Seiten hin unter gleichen +Bedingungen auch heute noch sich wiederholen. + +——————————————————————- + +In einem grossen Industriestaat, dessen Ackerbau die Bevoelkerung nicht +zu ernaehren vermag, haette ein solches Ergebnis als nuetzlich oder +doch nicht unbedingt als nachteilig betrachtet werden moegen; ein Land +wie Italien, wo die Industrie unbedeutend, die Landwirtschaft durchaus +Hauptsache war, ward auf diesem Wege systematisch ruiniert und den +Interessen der wesentlich unproduktiven hauptstaedtischen Bevoelkerung, +der freilich das Brot nicht billig genug werden konnte, das Wohl des +Ganzen auf die schmaehlichste Weise geopfert. Nirgend vielleicht liegt +es so deutlich wie hier zutage, wie schlecht die Verfassung und wie +unfaehig die Verwaltung dieser sogenannten goldenen Zeit der Republik +war. Das duerftigste Repraesentativsystem haette wenigstens zu +ernstlichen Beschwerden und zur Einsicht in den Sitz des Uebels +gefuehrt; aber in jenen Urversammlungen der Buergerschaft machte alles +andere eher sich geltend als die warnende Stimme des vorahnenden +Patrioten. Jede Regierung, die diesen Namen verdiente, wuerde von +selber eingeschritten sein; aber die Masse des roemischen Senats mag in +gutem Koehlerglauben in den niedrigen Kornpreisen das wahre Glueck des +Volkes gesehen haben, und die Scipionen und Flaminine hatten ja +wichtigere Dinge zu tun, die Griechen zu emanzipieren und die +republikanische Koenigskontrolle zu besorgen - so trieb das Schiff +ungehindert in die Brandung hinein. + +Seit der kleine Grundbesitz keinen wesentlichen Reinertrag mehr +lieferte, war die Bauernschaft rettungslos verloren, und um so mehr, +als allmaehlich auch aus ihr, wenngleich langsamer als aus den uebrigen +Staenden, die sittliche Haltung und sparsame Wirtschaft der frueheren +republikanischen Zeit entwich. Es war nur noch eine Zeitfrage, wie +rasch die italischen Bauernhufen durch Aufkaufen und Niederlegen in den +groesseren Grundbesitz aufgehen wuerden. + +Eher als der Bauer war der Gutsbesitzer imstande, sich zu behaupten. +Derselbe produzierte an sich schon billiger als jener, wenn er sein +Land nicht nach dem aelteren System an kleinere Zeitpaechter abgab, +sondern es nach dem neueren durch seine Knechte bewirtschaften liess; +wo dies also nicht schon frueher geschehen war, zwang die Konkurrenz +des sizilischen Sklavenkorns den italischen Gutsherrn, zu folgen und +anstatt mit freien Arbeiterfamilien mit Sklaven ohne Weib und Kind zu +wirtschaften. Es konnte der Gutsbesitzer ferner sich eher durch +Steigerung oder auch durch Aenderung der Kultur den Konkurrenten +gegenueber halten und eher auch mit einer geringeren Bodenrente sich +begnuegen als der Bauer, dem Kapital wie Intelligenz mangelten und der +nur eben hatte, was er brauchte, um zu leben. Hierauf beruht in der +roemischen Gutswirtschaft das Zuruecktreten des Getreidebaus, der +vielfach sich auf die Gewinnung der fuer das Arbeiterpersonal +erforderlichen Quantitaet beschraenkt zu haben scheint ^10, und die +Steigerung der Oel- und Weinproduktion sowie der Viehzucht. Diese +hatten bei den guenstigen klimatischen Verhaeltnissen Italiens die +auslaendische Konkurrenz nicht zu fuerchten: der italische Wein, das +italische Oel, die italische Wolle beherrschten nicht bloss die eigenen +Maerkte, sondern gingen bald auch ins Ausland; das Potal, das sein +Getreide nicht abzusetzen vermochte, versorgte halb Italien mit +Schweinen und Schinken. Dazu stimmt recht wohl, was uns ueber die +oekonomischen Resultate der roemischen Bodenwirtschaft berichtet wird. +Es ist einiger Grund zu der Annahme vorhanden, dass das in +Grundstuecken angelegte Kapital mit sechs Prozent sich gut zu verzinsen +schien; was auch der damaligen, um das Doppelte hoeheren +durchschnittlichen Kapitalrente angemessen erscheint. Die Viehzucht +lieferte im ganzen bessere Ergebnisse als die Feldwirtschaft; in dieser +rentierte am besten der Weinberg, demnaechst der Gemuesegarten und die +Olivenpflanzung, am wenigsten Wiese und Kornfeld ^11. Natuerlich wird +die Betreibung einer jeden Wirtschaftsgattung unter den ihr +angemessenen Verhaeltnissen und auf ihrem naturgemaessen Boden +vorausgesetzt. Diese Verhaeltnisse reichten an sich schon aus, um +allmaehlich an die Stelle der Bauernwirtschaft ueberall die +Grosswirtschaft zu setzen; und auf dem Wege der Gesetzgebung ihnen +entgegenzuwirken war schwer. Aber arg war es, dass man durch das +spaeter noch zu erwaehnende Claudische Gesetz (kurz vor 536 218) die +senatorischen Haeuser von der Spekulation ausschloss und dadurch deren +ungeheure Kapitalien kuenstlich zwang, vorzugsweise in Grund und Boden +sich anzulegen, das heisst die alten Bauernstellen durch Meierhoefe und +Viehweiden zu ersetzen. Es kamen ferner der dem Staat weit +nachteiligeren Viehwirtschaft, gegenueber dem Gutsbetrieb, noch +besondere Foerderungen zustatten. Einmal entsprach sie als die einzige +Art der Bodennutzung, welche in der Tat den Betrieb im grossen +erheischte und lohnte, allein der Kapitalienmasse und dem +Kapitalistensinn dieser Zeit. Die Gutswirtschaft forderte zwar nicht +die dauernde Anwesenheit des Herrn auf dem Gut, aber doch sein +haeufiges Erscheinen daselbst und gestattete die Erweiterung der Gueter +nicht wohl und die Vervielfaeltigung des Besitzes nur in beschraenkten +Grenzen; wogegen das Weidegut sich unbegrenzt ausdehnen liess und den +Eigentuemer wenig in Anspruch nahm. Aus diesem Grunde fing man schon +an, gutes Ackerland selbst mit oekonomischem Verlust in Weide zu +verwandeln - was die Gesetzgebung freilich, wir wissen nicht wann, +vielleicht um diese Zeit, aber schwerlich mit Erfolg, untersagte. Dazu +kamen die Folgen der Domaenenokkupation. Durch dieselbe entstanden +nicht bloss, da regelmaessig in groesseren Stuecken okkupiert ward, +ausschliesslich grosse Gueter, sondern es scheuten sich auch die +Besitzer, in diesen auf beliebigen Widerruf stehenden und rechtlich +immer unsicheren Besitz bedeutende Bestellungskosten zu stecken, +namentlich Reben und Oelbaeume zu pflanzen; wovon denn die Folge war, +dass man diese Laendereien vorwiegend als Viehweide nutzte. + +————————————————————————- + +^10 Darum nennt Cato die beiden Gueter, die er schildert, kurzweg +Olivenpflanzung (olivetum) und Weinberg (vinea), obwohl darauf +keineswegs bloss Wein und Oel, sondern auch Getreide und anderes mehr +gebaut ward. Waeren freilich die 800 culei, auf die der Besitzer des +Weinbergs angewiesen wird, sich mit Faessern zu versehen (11), das +Maximum einer Jahresernte, so muessten alle 100 Morgen mit Reben +bepflanzt gewesen sein, da der Ertrag von 8 culei fuer den Morgen schon +ein fast unerhoerter war (Colum. 3, 3); allein Varro (rust. 1, 22) +verstand, und offenbar mit Recht, die Angabe, dass der Weinbergbesitzer +in den Fall kommen kann, die neue Lese eintun zu muessen, bevor die +alte verkauft ist. + +^11 Dass der roemische Landwirt von seinem Kapital durchschnittlich +sechs Prozent machte, laesst Columella (3, 3, 9) schliessen. Einen +genaueren Anschlag fuer Kosten und Ertrag haben wir nur fuer den +Weinberg, wofuer Columella auf den Morgen folgende Kostenberechnung +aufstellt: + +Kaufpreis des Bodens 1000 Sesterzen + +Kaufpreis der Arbeitssklaven + +auf den Morgen repartiert 1143 Sesterzen + +Reben und Pfaehle 2000 Sesterzen + +Verlorene Zinsen waehrend + +der ersten zwei Jahre 497 Sesterzen + +Zusammen 4640 Sesterzen + + = 336 Taler. + +Den Ertrag berechnet er auf wenigstens 60 Amphoren von mindestens 900 +Sesterzen (65 Taler) Wert, was also eine Rente von 17 Prozent +darstellen wuerde. Indes ist dieselbe zum Teil illusorisch, da, auch +von Missernten abgesehen, die Kosten der Einbringung und die fuer +Instandhaltung der Reben, Pfaehle und Sklaven. aus dem Ansatz gelassen +worden sind. + +Den Bruttoertrag von Wiese, Weide und Wald berechnet derselbe Landwirt +auf hoechstens 100 Sesterzen den Morgen und den des Getreidefeldes eher +auf weniger als auf mehr; wie denn ja auch der Durchschnittsertrag von +25 roemischen Scheffeln Weizen auf den Morgen schon nach dem +hauptstaedtischen Durchschnittspreis von 1 Denar den Scheffel nicht +mehr als 100 Sesterzen Bruttoertrag gibt und am Produktionsplatz der +Preis noch niedriger gestanden haben muss. Varro (3, 2) rechnet als +gewoehnlichen guten Bruttoertrag eines groesseren Gutes 150 Sesterzen +vom Morgen. Entsprechende Kostenanschlaege sind hierfuer nicht +ueberliefert; dass die Bewirtschaftung hier bei weitem weniger Kosten +machte als bei dem Weinberg, versteht sich von selbst. + +Alle diese Angaben fallen uebrigens ein Jahrhundert und laenger nach +Catos Tod. Von ihm haben wir nur die allgemeine Angabe, dass sich +Viehwirtschaft besser rentiere als Ackerbau (bei Cic. off. 2,25; 89; +Colum. 6 praef. 4, vgl. 2, 16, 2; Plin. nat. 18, 5, 30; Plut. Cato mai. +21); was natuerlich nicht heissen soll, dass es ueberall raetlich ist, +Ackerland in Weide zu verwandeln, sondern relativ zu verstehen ist +dahin, dass das fuer die Herdenwirtschaft auf Bergweiden und sonst +geeignetem Weideland angelegte Kapital, verglichen mit dem in die +Feldwirtschaft auf geeignetem Kornland gesteckten, hoehere Zinsen +trage. Vielleicht ist dabei auch noch darauf Ruecksicht genommen, dass +die mangelnde Taetigkeit und Intelligenz des Grundherrn bei Weideland +weniger nachteilig wirkt als bei der hoch gesteigerten Reben- und +Olivenkultur. Innerhalb des Ackergutes stellt sich nach Cato die +Bodenrente folgendermassen in absteigender Reihe: 1. Weinberg; 2. +Gemuesegarten; 3. Weidenbusch, der infolge der Rebenkultur hohen Ertrag +abwarf; 4. Olivenpflanzung; 5. Wiese zur Heugewinnung; 6. Kornfeld; 7. +Busch; 8. Schlagforst; 9. Eichenwald zur Viehfuetterung - welche neun +Bestandteile in dem Wirtschaftsplan der catonischen Mustergueter +saemtlich wiederkehren. + +Von dem hoeheren Reinertrag des Weinbaues gegenueber dem Kornbau zeugt +auch, dass nach dem im Jahre 637 (117) zwischen der Stadt Genua und den +ihr zinspflichtigen Doerfern ausgefaellten Schiedsspruch die Stadt von +dem Wein den Sechsten, von dem Getreide den Zwanzigsten als Erbzins +empfaengt. + +———————————————————————- + +Von der roemischen Geldwirtschaft in aehnlicher Weise eine +zusammenfassende Darstellung zu geben, verbietet teils der Mangel von +Fachschriften aus dem roemischen Altertum ueber dieselbe, teils ihre +Natur selbst, die bei weitem mannigfaltiger und vielseitiger ist als +die Bodennutzung. Was sich ermitteln laesst, gehoert seinen Grundzuegen +nach vielleicht weniger noch als die Bodenwirtschaft den Roemern +eigentuemlich an, sondern ist vielmehr Gemeingut der gesamten antiken +Zivilisation, deren Grosswirtschaft begreiflicherweise eben wie die +heutige ueberall zusammenfiel. Im Geldwesen namentlich scheint das +kaufmaennische Schema zunaechst von den Griechen festgestellt und von +den Roemern nur aufgenommen worden zu sein. Dennoch sind die Schaerfe +der Durchfuehrung und die Weite des Massstabes eben hier so +eigentuemlich roemisch, dass der Geist der roemischen Oekonomie und +ihre Grossartigkeit im Guten wie im Schlimmen vor allem in der +Geldwirtschaft sich offenbart. + +Der Ausgangspunkt der roemischen Geldwirtschaft war natuerlich das +Leihgeschaeft, und kein Zweig der kommerziellen Industrie ist von den +Roemern eifriger gepflegt worden als das Geschaeft des gewerbmaessigen +Geldverleihers (fenerator) und des Geldhaendlers oder des Bankiers +(argentarius). Das Kennzeichen einer entwickelten Geldwirtschaft, der +Uebergang der groesseren Kassefuehrung von den einzelnen Kapitalisten +auf den vermittelnden Bankier, der fuer seine Kunden Zahlung empfaengt +und leistet, Gelder belegt und aufnimmt und im In- und Ausland ihre +Geldgeschaefte vermittelt, ist schon in der catonischen Zeit +vollstaendig entwickelt. Aber die Bankiers machten nicht bloss die +Kassierer der Reichen in Rom, sondern drangen schon ueberall in die +kleinen Geschaefte ein und liessen immer haeufiger in den Provinzen und +Klientelstaaten sich nieder. Den Geldsuchenden vorzuschiessen fing +schon im ganzen Umfange des Reiches an sozusagen Monopol der Roemer zu +werden. + +Eng damit verwandt war das unermessliche Gebiet der Entreprise. Das +System der mittelbaren Geschaeftsfuehrung durchdrang den ganzen +roemischen Verkehr. Der Staat ging voran, indem er all seine +komplizierteren Hebungen, alle Lieferungen, Leistungen und Bauten gegen +eine feste zu empfangende oder zu zahlende Summe an Kapitalisten oder +Kapitalistengesellschaften abgab. Aber auch Private gaben durchgaengig +in Akkord, was irgend in Akkord sich geben liess: die Bauten und die +Einbringung der Ernte und sogar die Regulierung der Erbschafts- und der +Konkursmasse, wobei der Unternehmer - gewoehnlich ein Bankier - die +saemtlichen Aktiva erhielt und dagegen sich verpflichtete, die Passiva +vollstaendig oder bis zu einem gewissen Prozentsatz zu berichtigen und +nach Umstaenden noch daraufzuzahlen. + +Welche hervorragende Rolle in der roemischen Volkswirtschaft der +ueberseeische Handel bereits frueh gespielt hatte, ist seinerzeit +gezeigt worden; von dem weiteren Aufschwung, den derselbe in dieser +Periode nahm, zeugt die steigende Bedeutung der italischen Hafenzoelle +in der roemischen Finanzwirtschaft. Ausser den keiner weiteren +Auseinandersetzung beduerfenden Ursachen, durch die die Bedeutung des +ueberseeischen Handels stieg, ward derselbe noch kuenstlich gesteigert +durch die bevorrechtete Stellung, die die herrschende italische Nation +in den Provinzen einnahm, und durch die wohl jetzt schon in vielen +Klientelstaaten den Roemern und Latinern vertragsmaessig zustehende +Zollfreiheit. + +Dagegen blieb die Industrie verhaeltnismaessig zurueck. Die Gewerke +waren freilich unentbehrlich, und es zeigen sich wohl auch Spuren, dass +sie bis zu einem gewissen Grade in Rom sich konzentrierten, wie denn +Cato dem kampanischen Landwirt anraet, seinen Bedarf an Sklavenkleidung +und Schuhzeug, an Pfluegen, Faessern und Schloessern in Rom zu kaufen. +Auch kann bei dem starken Verbrauch von Wollstoffen die Ausdehnung und +Eintraeglichkeit der Tuchfabrikation nicht bezweifelt werden ^12. Doch +zeigen sich keine Versuche, die gewerbsmaessige Industrie, wie sie in +Aegypten und Syrien bestand, nach Italien zu verpflanzen oder auch nur +sie im Auslande mit italischem Kapital zu betreiben. Zwar wurde auch in +Italien Flachs gebaut und Purpur bereitet, aber wenigstens die letztere +Industrie gehoerte wesentlich dem griechischen Tarent an, und ueberall +ueberwog hier wohl schon jetzt die Einfuhr von aegyptischem Linnen und +milesischem oder tyrischem Purpur die einheimische Fabrikation. + +————————————————————————————————- + +^12 Die industrielle Bedeutung des roemischen Tuchgewerks ergibt sich +schon aus der merkwuerdigen Rolle, die die Walker in der roemischen +Komoedie spielen. Die Eintraeglichkeit der Walkergruben bezeugt Cato +(bei Plut. Cato mai. 21). + +————————————————————————————————- + +Dagegen gehoert gewissermassen hierher die Pachtung oder der Kauf +ausseritalischer Laendereien durch roemische Kapitalisten, um daselbst +den Kornbau und die Viehzucht im grossen zu betreiben. Die Anfaenge +dieser spaeterhin in so enormen Verhaeltnissen sich entwickelnden +Spekulation fallen, namentlich auf Sizilien, wahrscheinlich schon in +diese Zeit; zumal da die den Sikelioten auferlegten +Verkehrsbeschraenkungen, wenn sie nicht dazu eingefuehrt waren, doch +wenigstens dahin wirken mussten, den davon befreiten roemischen +Spekulanten eine Art von Monopol fuer den Grundbesitzerwerb in die +Haende zu geben. + +Der Geschaeftsbetrieb in all diesen verschiedenen Zweigen erfolgte +durchgaengig durch Sklaven. Der Geldverleiher und der Bankier +richteten, soweit ihr Geschaeftskreis reichte, Nebenkontore und +Zweigbanken unter Direktion ihrer Sklaven und Freigelassenen ein. Die +Gesellschaft, die vom Staate Hafenzoelle gepachtet hatte, stellte fuer +das Hebegeschaeft in jedem Bureau hauptsaechlich ihre Sklaven und +Freigelassenen an. Wer in Bauunternehmungen machte, kaufte sich +Architektensklaven; wer sich damit abgab, die Schauspiele oder +Fechterspiele fuer Rechnung der Beikommenden zu besorgen, erhandelte +oder erzog sich eine spielkundige Sklaventruppe oder eine Bande zum +Fechthandwerk abgerichteter Knechte. Der Kaufmann liess sich seine +Waren auf eigenen Schiffen unter der Fuehrung von Sklaven oder +Freigelassenen kommen und vertrieb sie wieder in derselben Weise im +Gross- oder Kleinverkehr. Dass der Betrieb der Bergwerke und der +Fabriken lediglich durch Sklaven erfolgte, braucht danach kaum gesagt +zu werden. Die Lage dieser Sklaven war freilich auch nicht +beneidenswert und durchgaengig unguenstiger als die der griechischen; +dennoch befanden, wenn von den letzten Klassen abgesehen wird, die +Industriesklaven sich im ganzen ertraeglicher als die Gutsknechte. Sie +hatten haeufiger Familie und faktisch selbstaendige Wirtschaft und die +Moeglichkeit, Freiheit und eigenes Vermoegen zu erwerben, lag ihnen +nicht fern. Daher waren diese Verhaeltnisse die rechte Pflanzschule der +Emporkoemmlinge aus dem Sklavenstand, welche durch Bediententugend und +oft durch Bedientenlaster in die Reihen der roemischen Buerger und +nicht selten zu grossem Wohlstand gelangten und sittlich, oekonomisch +und politisch wenigstens ebensoviel wie die Sklaven selbst zum Ruin des +roemischen Gemeinwesens beigetragen haben. + +Der roemische Geschaeftsverkehr dieser Epoche ist der gleichzeitigen +politischen Machtentwicklung vollkommen ebenbuertig und in seiner Art +nicht minder grossartig. Wer ein anschauliches Bild von der +Lebendigkeit des Verkehrs mit dem Ausland zu haben wuenscht, braucht +nur die Literatur, namentlich die Lustspiele dieser Zeit aufzuschlagen, +in denen der phoenikische Handelsmann phoenikisch redend auf die Buehne +gebracht wird und der Dialog von griechischen und halbgriechischen +Worten und Phrasen wimmelt. Am bestimmtesten aber laesst sich die +Ausdehnung und Intensitaet des roemischen Geschaeftsverkehrs in den +Muenz- und Geldverhaeltnissen verfolgen. Der roemische Denar hielt +voellig Schritt mit den roemischen Legionen. Dass die sizilischen +Muenzstaetten, zuletzt im Jahre 542 (212) die syrakusanische, infolge +der roemischen Eroberung geschlossen oder doch auf Kleinmuenze +beschraenkt wurden und in Sizilien und Sardinien der Denar wenigstens +neben dem aelteren Silbercourant und wahrscheinlich sehr bald +ausschliesslich gesetzlichen Kurs erhielt, wurde schon gesagt. Ebenso +rasch, wo nicht noch rascher, drang die roemische Silbermuenze in +Spanien ein, wo die grossen Silbergruben bestanden und eine aeltere +Landesmuenze so gut wie nicht vorhanden war; sehr frueh haben die +spanischen Staedte sogar angefangen, auf roemischen Fuss zu muenzen. +Ueberhaupt bestand, da Karthago nur in beschraenktem Umfang muenzte, +ausser der roemischen keine einzige bedeutende Muenzstaette im +westlichen Mittelmeergebiet mit Ausnahme derjenigen von Massalia und +etwa noch der Muenzstaetten der illyrischen Griechen in Apollonia und +Dyrrhachion. Diese wurden demnach, als die Roemer anfingen sich im +Pogebiet festzusetzen, um 525 (229) dem roemischen Fuss in der Art +unterworfen, dass ihnen zwar die Silberpraegung blieb, sie aber +durchgaengig, namentlich die Massalioten, veranlasst wurden, ihre +Drachme auf das Gewicht des roemischen Dreivierteldenars zu regulieren, +den denn auch die roemische Regierung ihrerseits unter dem Namen der +Victoriamuenze (victoriatus) zunaechst fuer Oberitalien zu praegen +begann. Dieses neue von dem roemischen abhaengige System beherrschte +nicht bloss das massaliotische, oberitalische und illyrische Gebiet, +sondern es gingen auch diese Muenzen in die noerdlichen +Barbarenlandschaften, namentlich die massaliotischen in die +Alpengegenden das ganze Rhonegebiet hinauf und die illyrischen bis +hinein in das heutige Siebenbuergen. Auf die oestliche Haelfte des +Mittelmeergebiets erstreckte in dieser Epoche wie die unmittelbare +roemische Herrschaft so auch die roemische Muenze sich noch nicht; +dafuer aber trat hier der rechte und naturgemaesse Vermittler des +internationalen und ueberseeischen Handels, das Gold, ein. Zwar die +roemische Regierung hielt in ihrer streng konservativen Art, abgesehen +von einer voruebergehenden, durch die Finanzbedraengnis waehrend des +Hannibalischen Krieges veranlassten Goldpraegung, unwandelbar daran +fest, ausser dem national-italischen Kupfer nichts als Silber zu +schlagen; aber der Verkehr hatte bereits solche Verhaeltnisse +angenommen, dass er auch ohne Muenze mit dem Golde nach dem Gewicht +auszukommen vermochte. Von dem Barbestande, der im Jahre 597 (157) in +der roemischen Staatskasse lag, war kaum ein Sechstel gepraegtes oder +ungepraegtes Silber, fuenf Sechstel Gold in Barren ^13, und ohne +Zweifel fanden sich in allen Kassen der groesseren roemischen +Kapitalisten die edlen Metalle wesentlich in dem gleichen +Verhaeltnisse. Bereits damals also nahm das Gold im Grossverkehr die +erste Stelle ein und ueberwog, wie hieraus weiter geschlossen werden +darf, im allgemeinen Verkehr derjenige mit dem Ausland und namentlich +mit dem seit Philipp und Alexander dem Grossen zum Goldcourant +uebergegangenen Osten. + +—————————————————————- + +^13 Es lagen in der Kasse 17410 roemische Pfund Gold, 22070 Pfund +ungepraegten, 18230 Pfund gepraegten Silbers. Das Legalverhaeltnis des +Goldes zum Silber war 1 Pfund Gold = 4000 Sesterzen oder 1:11,91. + +——————————————————————— + +Der Gesamtgewinn aus diesem ungeheuren Geschaeftsverkehr der roemischen +Kapitalisten floss ueber kurz oder lang in Rom zusammen; denn soviel +dieselben auch ins Ausland gingen, siedelten sie doch sich dort nicht +leicht dauernd an, sondern kehrten frueher oder spaeter zurueck nach +Rom, indem sie ihr gewonnenes Vermoegen entweder realisierten und in +Italien anlegten oder auch mit den erworbenen Kapitalien und +Verbindungen den Geschaeftsbetrieb von Rom aus fortsetzten. Die +Gelduebermacht Roms gegen die uebrige zivilisierte Welt war denn auch +vollkommen ebenso entschieden wie seine politische und militaerische. +Rom stand in dieser Beziehung den uebrigen Laendern aehnlich gegenueber +wie heutzutage England dem Kontinent - wie denn ein Grieche von dem +juengeren Scipio Africanus sagt, dass er “fuer einen Roemer” nicht +reich gewesen sei. Was man in dem damaligen Rom unter Reichtum +verstand, kann man ungefaehr danach abnehmen, dass Lucius Paullus bei +einem Vermoegen von 100000 Talern (60 Talente) nicht fuer einen reichen +Senator galt, und dass eine Mitgift, wie jede der Toechter des aelteren +Scipio Africanus sie erhielt, von 90000 Talern (50 Talente) als +angemessene Aussteuer eines vornehmen Maedchens angesehen ward, +waehrend der reichste Grieche dieses Jahrhunderts nicht mehr als eine +halbe Million Taler (300 Talente) im Vermoegen hatte. + +Es war denn auch kein Wunder, dass der kaufmaennische Geist sich der +Nation bemaechtigte, oder vielmehr - denn er war nicht neu in Rom -, +dass daselbst das Kapitalistentum jetzt alle uebrigen Richtungen und +Stellungen des Lebens durchdrang und verschlang und der Ackerbau wie +das Staatsregiment anfingen, Kapitalistenentreprisen zu werden. Die +Erhaltung und Mehrung des Vermoegens war durchaus ein Teil der +oeffentlichen und der Privatmoral. “Einer Witwe Habe mag sich mindern”, +schrieb Cato in dem fuer seinen Sohn aufgesetzten Lebenskatechismus, +“der Mann muss sein Vermoegen mehren, und derjenige ist ruhmwuerdig und +goettlichen Geistes voll, dessen Rechnungsbuecher bei seinem Tode +nachweisen, dass er mehr hinzuerworben als ererbt hat”. Wo darum +Leistung und Gegenleistung sich gegenueberstehen, wird jedes auch ohne +irgendwelche Foermlichkeit abgeschlossene Geschaeft respektiert, und +wenn nicht durch das Gesetz, doch durch kaufmaennische Gewohnheit und +Gerichtsgebrauch erforderlichenfalls dem verletzten Teil das Klagerecht +zugestanden ^14; aber das formlose Schenkungsversprechen ist nichtig in +der rechtlichen Theorie wie in der Praxis. In Rom, sagt Polybios, +schenkt keiner keinem, wenn er nicht muss, und niemand zahlt einen +Pfennig vor dem Verfalltag, auch unter nahen Angehoerigen nicht. Sogar +die Gesetzgebung ging ein auf diese kaufmaennische Moral, die in allem +Weggeben ohne Entgelt eine Verschleuderung findet; das Geben von +Geschenken und Vermaechtnissen, die Uebernahme von Buergschaften wurden +in dieser Zeit durch Buergerschaftsschluss beschraenkt, die +Erbschaften, wenn sie nicht an die naechsten Verwandten fielen, +wenigstens besteuert. Im engsten Zusammenhang damit durchdrang die +kaufmaennische Puenktlichkeit, Ehrlichkeit und Respektabilitaet das +ganze roemische Leben. Buch ueber seine Ausgabe und Einnahme zu +fuehren, ist jeder ordentliche Mann sittlich verpflichtet - wie es denn +auch in jedem wohleingerichteten Hause ein besonderes Rechnungszimmer +(tablinum) gab -, und jeder traegt Sorge, dass er nicht ohne letzten +Willen aus der Welt scheide; es gehoerte zu den drei Dingen, die Cato +in seinem Leben bereut zu haben bekennt, dass er einen Tag ohne +Testament gewesen sei. Die gerichtliche Beweiskraft, ungefaehr wie wir +sie den kaufmaennischen Buechern beizulegen pflegen, kam nach +roemischer Uebung jenen Hausbuechern durchgaengig zu. Das Wort des +unbescholtenen Mannes galt nicht bloss gegen ihn, sondern auch zu +seinen eigenen Gunsten: bei Differenzen unter rechtschaffenen Leuten +war nichts gewoehnlicher als sie durch einen, von der einen Partei +geforderten und von der anderen geleisteten Eid zu schlichten, womit +sie sogar rechtlich als erledigt galten; und den Geschworenen schrieb +eine traditionelle Regel vor, in Ermangelung von Beweisen zunaechst +fuer den unbescholtenen gegen den bescholtenen Mann und nur bei +gleicher Reputierlichkeit beider Parteien fuer den Beklagten zu +sprechen ^15. Die konventionelle Respektabilitaet tritt namentlich in +der scharfen und immer schaerferen Auspraegung des Satzes hervor, dass +kein anstaendiger Mann sich fuer persoenliche Dienstleistungen bezahlen +lassen duerfe. Darum erhielten denn nicht bloss Beamte, Offiziere, +Geschworene, Vormuender und ueberhaupt alle mit oeffentlichen +Verrichtungen beauftragten anstaendigen Maenner keine andere Verguetung +fuer ihre Dienstleistungen als hoechstens den Ersatz ihrer Auslagen, +sondern es wurden auch die Dienste, welche Bekannte (amici) sich +untereinander leisten: Verbuergung, Vertretung im Prozess, Aufbewahrung +(depositum), Gebrauchsueberlassung der nicht zum Vermieten bestimmten +Gegenstaende (commodatum), ueberhaupt Geschaeftsverwaltung und +Besorgung (procuratio) nach demselben Grundsatz behandelt, so dass es +unschicklich war, dafuer eine Verguetung zu empfangen, und eine Klage +selbst auf die versprochene nicht gestattet ward. Wie vollstaendig der +Mensch im Kaufmann aufging, zeigt wohl am schaerfsten die Ersetzung des +Duells, auch des politischen, in dem roemischen Leben dieser Zeit durch +die Geldwette und den Prozess. Die gewoehnliche Form, um persoenliche +Ehrenfragen zu erledigen, war die, dass zwischen dem Beleidiger und dem +Beleidigten um die Wahrheit oder Falschheit der beleidigenden +Behauptung gewettet und im Wege der Einklagung der Wettsumme die +Tatfrage in aller Form rechtens vor die Geschworenen gebracht ward; die +Annahme einer solchen, von dem Beleidigten oder dem Beleidiger +angebotenen Wette war, ganz wie heutzutage die der Ausforderung zum +Zweikampf rechtlich freigestellt, aber ehrenhafterweise oft nicht zu +vermeiden. + +———————————————————————- + +^14 Darauf beruht die Klagbarkeit des Kauf-, Miet-, +Gesellschaftsvertrags und ueberhaupt die ganze Lehre von den nicht +formalen klagbaren Vertraegen. + +^15 Die Hauptstelle darueber ist das Fragment Catos bei Gell. 14, 2. +Auch fuer den Literalkontrakt, das heisst die lediglich auf die +Eintragung des Schuldpostens in das Rechnungsbuch des Glaeubigers +basierte Forderung, gibt diese rechtliche Beruecksichtigung der +persoenlichen Glaubwuerdigkeit der Partei, selbst wo es sich um ihr +Zeugnis in eigener Sache handelt, den Schluessel; und daher ist auch, +als spaeter diese kaufmaennische Reputierlichkeit aus dem roemischen +Leben entwich, der Literalkontrakt nicht gerade abgeschafft worden, +aber von selber verschwunden. + +——————————————————————— + +Eine der wichtigsten Folgen dieses mit einer dem Nichtgeschaeftsmann +schwer fasslichen Intensitaet auftretenden Kaufmannstums war die +ungemeine Steigerung des Assoziationswesens. In Rom erhielt dasselbe +noch besondere Nahrung durch das schon oft erwaehnte System der +Regierung, ihre Geschaefte durch Mittelsmaenner beschaffen zu lassen; +denn bei dem Umfang dieser Verrichtungen war es natuerlich und wohl +auch der groesseren Sicherheit wegen oft vom Staate vorgeschrieben, +dass nicht einzelne Kapitalisten, sondern Kapitalistengesellschaften +diese Pachtungen und Lieferungen uebernahmen. Nach dem Muster dieser +Unternehmungen organisierte sich der gesamte Grossverkehr. Es finden +sogar sich Spuren, dass fuer das Assoziationswesen so charakteristische +Zusammentreten der konkurrierenden Gesellschaften zur +gemeinschaftlichen Aufstellung von Monopolpreisen auch bei den Roemern +vorgekommen ist ^16. Namentlich in den ueberseeischen und den sonst mit +bedeutendem Risiko verbundenen Geschaeften nahm das Assoziationswesen +eine solche Ausdehnung an, dass es praktisch an die Stelle der dem +Altertum unbekannten Assekuranzen trat. Nichts war gewoehnlicher als +das sogenannte Seedarlehen, das heutige Grossaventurgeschaeft, wodurch +Gefahr und Gewinn des ueberseeischen Handels sich auf die Eigentuemer +von Schiff und Ladung und die saemtlichen fuer diese Fahrt +kreditierenden Kapitalisten verhaeltnismaessig verteilt. Es war aber +ueberhaupt roemische Wirtschaftsregel, sich lieber bei vielen +Spekulationen mit kleinen Parten zu beteiligen, als selbstaendig zu +spekulieren; Cato riet dem Kapitalisten, nicht ein einzelnes Schiff mit +seinem Gelde auszuruesten, sondern mit neunundvierzig andern +Kapitalisten zusammen fuenfzig Schiffe auszusenden und an jedem zum +fuenfzigsten Teil sich zu interessieren. Die hierdurch herbeigefuehrte +groessere Verwicklung der Geschaeftsfuehrung uebertrug der roemische +Kaufmann durch seine puenktliche Arbeitsamkeit und seine - vom reinen +Kapitalistenstandpunkt aus freilich unserem Kontorwesen bei weitem +vorzuziehende - Sklaven- und Freigelassenenwirtschaft. So griffen diese +kaufmaennischen Assoziationen mit hundertfachen Faeden in die Oekonomie +eines jeden angesehenen Roemers ein. Es gab nach Polybios’ Zeugnis kaum +einen vermoegenden Mann in Rom, der nicht als offener oder stiller +Gesellschafter bei den Staatspachtungen beteiligt gewesen waere; und um +soviel mehr wird ein jeder durchschnittlich einen ansehnlichen Teil +seines Kapitals in den kaufmaennischen Assoziationen ueberhaupt stecken +gehabt haben. + +——————————————————————— + +^16 In dem merkwuerdigen Musterkontrakt Catos (agr. 144) fuer den wegen +der Olivenlese abzuschliessenden Akkord findet sich folgender +Paragraph: “Es soll [bei der Lizitation von den Unternehmungslustigen] +niemand zuruecktreten, um zu bewirken, dass die Olivenlese und Presse +teurer verdungen werde; ausser wenn [der Mitbieter den andern Bieter] +sofort als seinen Kompagnon namhaft macht. Wenn dagegen gefehlt zu sein +scheint, so sollen auf Verlangen des Gutsherrn oder des von ihm +bestellten Aufsehers alle Kompagnons [derjenigen Assoziation, mit +welcher der Akkord abgeschlossen worden ist,] beschwoeren, [nicht zu +jener Beseitigung der Konkurrenz mitgewirkt zu haben]. Wenn sie den Eid +nicht schwoeren, wird der Akkordpreis nicht gezahlt.” Dass der +Unternehmer eine Gesellschaft, nicht ein einzelner Kapitalist ist, wird +stillschweigend vorausgesetzt. + +——————————————————————- + +Auf allem diesem aber beruht die Dauer der roemischen Vermoegen, die +vielleicht noch merkwuerdiger ist als deren Groesse. Die frueher +hervorgehobene, in dieser Art vielleicht einzige Erscheinung, dass der +Bestand der grossen Geschlechter durch mehrere Jahrhunderte sich fast +gleich bleibt, findet hier, in den einigermassen engen, aber soliden +Grundsaetzen der kaufmaennischen Vermoegensverwaltung ihre Erklaerung. + +Bei der einseitigen Hervorhebung des Kapitals in der roemischen +Oekonomie konnten die von der reinen Kapitalistenwirtschaft +unzertrennlichen Uebelstaende nicht ausbleiben. Die buergerliche +Gleichheit, welche bereits durch das Emporkommen des regierenden +Herrenstandes eine toedliche Wunde empfangen hatte, erlitt einen gleich +schweren Schlag durch die scharf und immer schaerfer sich zeichnende +soziale Abgrenzung der Reichen und der Armen. Fuer die Scheidung nach +unten hin ist nichts folgenreicher geworden als der schon erwaehnte, +anscheinend gleichgueltige, in der Tat einen Abgrund von +Kapitalistenuebermut und Kapitalistenfrevel in sich schliessende Satz, +dass es schimpflich sei, fuer die Arbeit Geld zu nehmen - es zog sich +damit die Scheidewand nicht bloss zwischen dem gemeinen Tageloehner und +Handwerker und dem respektablen Guts- und Fabrikbesitzer, sondern +ebenso auch zwischen dem Soldaten und Unteroffizier und dem +Kriegstribun, zwischen dem Schreiber und Boten und dem Beamten. Nach +oben hin zog eine aehnliche Schranke das von Gaius Flaminius +veranlasste Claudische Gesetz (kurz vor 536 218), welches Senatoren und +Senatorensoehnen untersagte, Seeschiffe ausser zum Transport des +Ertrags ihrer Landgueter zu besitzen und wahrscheinlich auch sich bei +den oeffentlichen Lizitationen zu beteiligen, ueberhaupt ihnen alles +das zu betreiben verbot, was die Roemer unter “Spekulation” (quaestus) +verstanden ^17. Zwar ward diese Bestimmung nicht von den Senatoren +hervorgerufen, sondern war ein Werk der demokratischen Opposition, +welche damit zunaechst wohl nur den Uebelstand beseitigen wollte, dass +Regierungsmitglieder mit der Regierung selbst Geschaefte machten; es +kann auch sein, dass die Kapitalisten hier schon, wie spaeter so oft, +mit der demokratischen Partei gemeinschaftliche Sache gemacht und die +Gelegenheit wahrgenommen haben, durch den Ausschluss der Senatoren die +Konkurrenz zu vermindern. Jener Zweck ward natuerlich nur sehr +unvollkommen erreicht, da das Assoziationswesen den Senatoren Wege +genug eroeffnete, im stillen weiter zu spekulieren; aber wohl hat +dieser Volksschluss eine gesetzliche Grenze zwischen den nicht oder +doch nicht offen spekulierenden und den spekulierenden Vornehmen +gezogen und der zunaechst politischen eine reine Finanzaristokratie an +die Seite gestellt, den spaeter so genannten Ritterstand, dessen +Rivalitaeten mit dem Herrenstand die Geschichte des folgenden +Jahrhunderts erfuellen. + +——————————————————————————- + +^17 Liv. 21, 63 (vgl. Cic. Verr. 5, 18, 45) spricht nur von der +Verordnung ueber die Seeschiffe; aber dass auch die Staatsentreprisen +(redemptiones) dem Senator gesetzlich untersagt waren, sagen Asconius +(tog. cand. p. 94 Orelli) und Dio Cassius (55, 10, 5), und da nach +Livius “jede Spekulation fuer den Senator unschicklich gefunden ward”, +so hat das Claudische Gesetz wahrscheinlich weiter gereicht. + +—————————————————————————— + +Eine weitere Folge der einseitigen Kapitalmacht war das +unverhaeltnismaessige Hervortreten eben der sterilsten und fuer die +Volkswirtschaft im ganzen und grossen am wenigsten produktiven +Verkehrszweige. Die Industrie, die in erster Stelle haette erscheinen +sollen, stand vielmehr an der letzten. Der Handel bluehte; aber er war +durchgaengig passiv. Nicht einmal an der Nordgrenze scheint man +imstande gewesen zu sein, fuer die Sklaven, welche aus den keltischen +und wohl auch schon aus den deutschen Laendern nach Ariminum und den +anderen norditalischen Maerkten stroemten, mit Waren Deckung zu geben; +wenigstens wurde schon 523 (231) die Ausfuhr des Silbergeldes in das +Keltenland von der roemischen Regierung untersagt. In dem Verkehr nun +gar mit Griechenland, Syrien, Aegypten, Kyrene, Karthago musste die +Bilanz notwendig zum Nachteil Italiens sich stellen. Rom fing an, die +Hauptstadt der Mittelmeerstaaten und Italien Roms Weichbild zu werden; +mehr wollte man eben auch nicht sein und liess den Passivhandel, wie +jede Stadt, die nichts weiter als Hauptstadt ist, notwendig ihn fuehrt, +mit opulenter Gleichgueltigkeit sich gefallen - besass man doch Geld +genug, um damit alles zu bezahlen, was man brauchte und nicht brauchte. +Dagegen die unproduktivsten aller Geschaefte, der Geldhandel und das +Hebungswesen, waren der rechte Sitz und die feste Burg der roemischen +Oekonomie. Was endlich in dieser noch an Elementen zur Emporbringung +eines wohlhabenden Mittel- und auskoemmlichen Kleinstandes enthalten +war, verkuemmerte unter dem unseligen Sklavenbetrieb oder steuerte im +besten Fall zur Vermehrung des leidigen Freigelassenenstandes bei. + +Aber vor allem zehrte die tiefe Unsittlichkeit, welche der reinen +Kapitalwirtschaft inwohnt, an dem Marke der Gesellschaft und des +Gemeinwesens und ersetzte die Menschen- und die Vaterlandsliebe durch +den unbedingten Egoismus. Der bessere Teil der Nation empfand es sehr +lebendig, welche Saat des Verderbens in jenem Spekulantentreiben lag; +und vor allem richteten sich der instinktmaessige Hass des grossen +Haufens wie die Abneigung des wohlgesinnten Staatsmanns gegen das seit +langem von den Gesetzen verfolgte und dem Buchstaben des Rechtes nach +immer noch verpoente gewerbsmaessige Leihgeschaeft. Es heisst in einem +Lustspiel dieser Zeit: + +Wahrhaftig gleich eracht’ ich ganz die Kuppler und euch Wuchrer; + +Wenn jene feilstehn insgeheim, tut ihr’s auf offnem Markte. + +Mit Kneipen die, mit Zinsen ihr, schindet die Leut’ ihr beide. + +Gesetze gnug hat eurethalb die Buergerschaft erlassen; + +Ihr bracht’ sie, wie man sie erliess; ein Schlupf ist stets gefunden. + +Wie heisses Wasser, das verkuehlt, so achtet das Gesetz ihr. + +Energischer noch als der Lustspieldichter sprach der Fuehrer der +Reformpartei Cato sich aus. “Es hat manches fuer sich”, heisst es in +der Vorrede seiner Anweisung zum Ackerbau, “Geld auf Zinsen zu leihen; +aber es ist nicht ehrenhaft. Unsere Vorfahren haben also geordnet und +in dem Gesetze geschrieben, dass der Dieb zwiefachen, der Zinsnehmer +vierfachen Ersatz zu leisten schuldig sei; woraus man abnehmen kann, +ein wieviel schlechterer Buerger als der Dieb der Zinsnehmer von ihnen +erachtet ward”. Der Unterschied, meint er anderswo, zwischen einem +Geldverleiher und einem Moerder sei nicht gross; und man muss es ihm +lassen, dass er in seinen Handlungen nicht hinter seinen Reden +zurueckblieb - als Statthalter in Sardinien hat er durch seine strenge +Rechtspflege die roemischen Bankiers geradezu zum Lande +hinausgetrieben. Der regierende Herrenstand betrachtete ueberhaupt +seiner ueberwiegenden Majoritaet nach die Wirtschaft der Spekulanten +mit Widerwillen und fuehrte sich nicht bloss durchschnittlich +rechtschaffener und ehrbarer in den Provinzen als diese Geldleute, +sondern tat auch oefter ihnen Einhalt; nur brachen der haeufige Wechsel +der roemischen Oberbeamten und die unvermeidliche Ungleichheit ihrer +Gesetzhandhabung dem Bemuehen, jenem Treiben zu steuern, notwendig die +Spitze ab. Man begriff es auch wohl, was zu begreifen nicht schwer war, +dass es weit weniger darauf ankam, die Spekulation polizeilich zu +ueberwachen, als der ganzen Volkswirtschaft eine veraenderte Richtung +zu geben; hauptsaechlich in diesem Sinne wurde von Maennern, wie Cato +war, durch Lehre und Beispiel der Ackerbau gepredigt. “Wenn unsere +Vorfahren”, faehrt Cato in der eben angefuehrten Vorrede fort, “einem +tuechtigen Mann die Lobrede hielten, so lobten sie ihn als einen +tuechtigen Bauern und einen tuechtigen Landwirt; wer also gelobt ward, +schien das hoechste Lob erhalten zu haben. Den Kaufmann halte ich fuer +wacker und erwerbsfleissig; aber sein Geschaeft ist Gefahren und +Ungluecksfaellen allzusehr ausgesetzt. Dagegen die Bauern geben die +tapfersten Leute und die tuechtigsten Soldaten; kein Erwerb ist wie +dieser ehrbar, sicher und niemandem gehaessig, und die damit sich +abgeben, kommen am wenigsten auf boese Gedanken”. Von sich selber +pflegte er zu sagen, dass sein Vermoegen lediglich aus zwei +Erwerbsquellen herstamme: aus dem Ackerbau und aus der Sparsamkeit; und +wenn das auch weder sehr logisch gedacht noch genau der Wahrheit +gemaess war ^18, so hat er doch nicht mit Unrecht seinen Zeitgenossen +wie der Nachwelt als das Muster eines roemischen Gutsbesitzers +gegolten. Leider ist es eine ebenso merkwuerdige wie schmerzliche +Wahrheit, dass dieses soviel und sicher im besten Glauben gepriesene +Heilmittel der Landwirtschaft selber durchdrungen war von dem Gifte der +Kapitalistenwirtschaft. Bei der Weidewirtschaft liegt dies auf der +Hand; sie war darum auch bei dem Publikum am meisten beliebt und bei +der Partei der sittlichen Reform am wenigsten gut angeschrieben. Aber +wie war es denn mit dem Ackerbau selbst? Der Krieg, den vom dritten bis +zum fuenften Jahrhundert der Stadt das Kapital gegen die Arbeit in der +Art gefuehrt hatte, dass es mittels des Schuldzinses die Bodenrente den +arbeitenden Bauern entzog und den muessig zehrenden Rentiers in die +Haende fuehrte, war ausgeglichen worden hauptsaechlich durch die +Erweiterung der roemischen Oekonomie und das Hinueberwerfen des in +Latium vorhandenen Kapitals auf die in dem ganzen Mittelmeergebiet +taetige Spekulation. Jetzt vermochte auch das ausgedehnte +Geschaeftsgebiet die gesteigerte Kapitalmasse nicht mehr zu fassen; und +eine wahnwitzige Gesetzgebung arbeitete zugleich daran, teils die +senatorischen Kapitalien auf kuenstlichem Wege zur Anlage in italischem +Grundbesitz zu draengen, teils durch die Einwirkung auf die Kornpreise +das italische Ackerland systematisch zu entwerten. So begann denn der +zweite Feldzug des Kapitals gegen die freie Arbeit oder, was im +Altertum wesentlich dasselbe ist, gegen die Bauernwirtschaft; und war +der erste arg gewesen, so schien er mit dem zweiten verglichen milde +und menschlich. Die Kapitalisten liehen nicht mehr an den Bauern auf +Zinsen aus, was an sich schon nicht anging, da der Kleinbesitzer keinen +Ueberschuss von Belang mehr erzielte, und auch nicht einfach und nicht +radikal genug war, sondern sie kauften die Bauernstellen auf und +verwandelten sie im besten Fall in Meierhoefe mit Sklavenwirtschaft. +Man nannte das ebenfalls Ackerbau; in der Tat war es wesentlich die +Anwendung der Kapitalwirtschaft auf die Erzeugung der Bodenfruechte. +Die Schilderung der Ackerbauer, die Cato gibt, ist vortrefflich und +vollkommen richtig; aber wie passt sie auf die Wirtschaft selbst, die +er schildert und anraet? Wenn ein roemischer Senator, wie das nicht +selten gewesen sein kann, solcher Landgueter wie das von Cato +beschriebene vier besass, so lebten auf dem gleichen Raum, der zur Zeit +der alten Kleinherrschaft hundert bis hundertundfuenfzig Bauernfamilien +ernaehrt hatte, jetzt eine Familie freier Leute und etwa fuenfzig +groesstenteils unverheiratete Sklaven. Wenn dies das Heilmittel war, um +die sinkende Volkswirtschaft zu bessern, so sah es leider der Krankheit +selber bis zum Verwechseln aehnlich. + +——————————————————————- + +^18 Einen Teil seines Vermoegens steckte Cato wie jeder andere Roemer +in Viehzucht und Handels- und andere Unternehmungen. Aber es war nicht +seine Art, geradezu die Gesetze zu verletzen; er hat weder in +Staatspachtungen spekuliert, was er als Senator nicht durfte, noch +Zinsgeschaefte betrieben. Man tut ihm Unrecht, wenn man ihm in letzter +Beziehung eine von seiner Theorie abweichende Praxis vorwirft: das +Seedarlehen, mit dem er allerdings sich abgab, ist vor dem Gesetz kein +verbotener Zinsbetrieb und gehoert auch der Sache nach wesentlich zu +den Reederei- und Befrachtungsgeschaeften. + +————————————————————————- + +Das Gesamtergebnis dieser Wirtschaft liegt in den veraenderten +Bevoelkerungsverhaeltnissen nur zu deutlich vor Augen. Freilich war der +Zustand der italischen Landschaften sehr ungleich und zum Teil sogar +gut. Die bei der Kolonisation des Gebietes zwischen den Apenninen und +dem Po in grosser Anzahl daselbst gegruendeten Bauernstellen +verschwanden nicht so schnell. Polybios, der nicht lange nach dem Ende +dieser Periode die Gegend bereiste, ruehmt ihre zahlreiche, schoene und +kraeftige Bevoelkerung; bei einer richtigen Korngesetzgebung waere es +wohl moeglich gewesen, nicht Sizilien, sondern die Polandschaft zur +Kornkammer der Hauptstadt zu machen. Aehnlich hatte Picenum und der +sogenannte “gallische Acker” durch die Aufteilungen des Domaniallandes +in Gemaessheit des Flaminischen Gesetzes 522 (232) eine zahlreiche +Bauernschaft erhalten, welche freilich im Hannibalischen Krieg arg +mitgenommen ward. In Etrurien und wohl auch in Umbrien waren die +inneren Verhaeltnisse der untertaenigen Gemeinden dem Gedeihen eines +freien Bauernstandes unguenstig. Besser stand es in Latium, dem die +Vorteile des hauptstaedtischen Marktes doch nicht ganz entzogen werden +konnten und das der Hannibalische Krieg im ganzen verschont hatte, +sowie in den abgeschlossenen Bergtaelern der Marser und Sabeller. +Sueditalien dagegen hatte der Hannibalische Krieg furchtbar heimgesucht +und ausser einer Menge kleinerer Ortschaften die beiden groessten +Staedte, Capua und Tarent, beide einst imstande, Heere von 30000 Mann +ins Feld zu stellen, zugrunde gerichtet. Samnium hatte von den schweren +Kriegen des fuenften Jahrhunderts sich wieder erholt; nach der Zaehlung +von 529 (225) war es imstande, halb soviel Waffenfaehige zu stellen als +die saemtlichen latinischen Staedte und wahrscheinlich damals nach dem +roemischen Buergerdistrikt die bluehendste Landschaft der Halbinsel. +Allein der Hannibalische Krieg hatte das Land aufs neue veroedet und +die Ackeranweisungen daselbst an die Soldaten des Scipionischen Heeres, +obwohl bedeutend, deckten doch wahrscheinlich nicht den Verlust. Noch +uebler waren in demselben Kriege Kampanien und Apulien, beides bis +dahin wohlbevoelkerte Landschaften, von Freund und Feind zugerichtet +worden. In Apulien fanden spaeter zwar Ackeranweisungen statt, allein +die hier angelegten Kolonien wollten nicht gedeihen. Bevoelkerter blieb +die schoene kampanische Ebene; doch ward die Mark von Capua und der +anderen, im Hannibalischen Kriege aufgeloesten Gemeinden Staatsbesitz +und waren die Inhaber derselben durchgaengig nicht Eigentuemer, sondern +kleine Zeitpaechter. Endlich in dem weiten lucanischen und brettischen +Gebiet ward die schon vor dem Hannibalischen Krieg sehr duenne +Bevoelkerung von der ganzen Schwere des Krieges selbst und der daran +sich reihenden Strafexekutionen getroffen; und auch von Rom aus geschah +nicht viel, um hier den Ackerbau wieder in die Hoehe zu bringen - mit +Ausnahme etwa von Valentia (Vibo, jetzt Monteleone) kam keine der dort +angelegten Kolonien recht in Aufnahme. Bei aller Ungleichheit der +politischen und oekonomischen Verhaeltnisse der verschiedenen +Landschaften und dem verhaeltnismaessig bluehenden Zustand einzelner +derselben ist im ganzen doch der Rueckgang unverkennbar, und er wird +durch die unverwerflichsten Zeugnisse ueber den allgemeinen Zustand +Italiens bestaetigt. Cato und Polybios stimmen darin ueberein, dass +Italien am Ende des sechsten Jahrhunderts weit schwaecher als am Ende +des fuenften bevoelkert und keineswegs mehr imstande war, Heermassen +aufzubringen wie im Ersten Punischen Kriege. Die steigende +Schwierigkeit der Aushebung, die Notwendigkeit, die Qualifikation zum +Dienst in den Legionen herabzusetzen, die Klagen der Bundesgenossen +ueber die Hoehe der von ihnen zu stellenden Kontingente bestaetigen +diese Angaben; und was die roemische Buergerschaft anlangt, so reden +die Zahlen. Sie zaehlte im Jahre 502 (252), kurz nach Regulus’ Zug nach +Afrika, 298000 waffenfaehige Maenner; dreissig Jahre spaeter, kurz vor +dem Anfang des Hannibalischen Krieges (534 220), war sie auf 270000 +Koepfe, also um ein Zehntel, wieder zwanzig Jahre weiter, kurz vor dem +Ende desselben Krieges (550 204) auf 214000 Koepfe, also um ein Viertel +gesunken; und ein Menschenalter nachher, waehrend dessen keine +ausserordentlichen Verluste eingetreten waren, wohl aber die Anlage +besonders der grossen Buergerkolonien in der norditalischen Ebene einen +fuehlbaren ausserordentlichen Zuwachs gebracht hatte, war dennoch kaum +die Ziffer wieder erreicht, auf der die Buergerschaft zu Anfang dieser +Periode gestanden hatte. Haetten wir aehnliche Ziffern fuer die +italische Bevoelkerung ueberhaupt, so wuerden sie ohne allen Zweifel +ein verhaeltnismaessig noch ansehnlicheres Defizit aufweisen. Das +Sinken der Volkskraft laesst sich weniger belegen, doch ist es von +landwirtschaftlichen Schriftstellern bezeugt, dass Fleisch und Milch +aus der Nahrung des gemeinen Mannes mehr und mehr verschwanden. Daneben +wuchs die Sklavenbevoelkerung, wie die freie sank. In Apulien, Lucanien +und dem Brettierland muss schon zu Catos Zeit die Viehwirtschaft den +Ackerbau ueberwogen haben; die halbwilden Hirtensklaven waren hier +recht eigentlich die Herren im Hause. Apulien ward durch sie so +unsicher gemacht, dass starke Besatzung dorthin gelegt werden musste; +im Jahre 569 (185) wurde daselbst eine im groessten Massstab angelegte, +auch mit dem Bacchanalienwesen sich verzweigende Sklavenverschwoerung +entdeckt und gegen 7000 Menschen kriminell verurteilt. Aber auch in +Etrurien mussten roemische Truppen gegen eine Sklavenbande marschieren +(558 196, und sogar in Latium kam es vor, dass Staedte wie Setia und +Praeneste Gefahr liefen, von einer Bande entlaufener Knechte +ueberrumpelt zu werden (556 198). Zusehends schwand die Nation zusammen +und loeste die Gemeinschaft der freien Buerger sich auf in eine Herren- +und Sklavenschaft; und obwohl es zunaechst die beiden langjaehrigen +Kriege mit Karthago waren, welche die Buerger- wie die +Bundesgenossenschaft dezimierten und ruinierten, so haben zu dem Sinken +der italischen Volkskraft und Volkszahl die roemischen Kapitalisten +ohne Zweifel ebensoviel beigetragen wie Hamilkar und Hannibal. Es kann +niemand sagen, ob die Regierung haette helfen koennen; aber +erschreckend und beschaemend ist es, dass in den doch grossenteils +wohlmeinenden und tatkraeftigen Kreisen der roemischen Aristokratie +nicht einmal die Einsicht in den ganzen Ernst der Situation und die +Ahnung von der ganzen Hoehe der Gefahr sich offenbart. Als eine +roemische Dame vom hohen Adel, die Schwester eines der zahlreichen +Buergeradmirale, die im Ersten Punischen Krieg die Flotten der Gemeinde +zugrunde gerichtet hatten, eines Tages auf dem roemischen Markt ins +Gedraenge geriet, sprach sie es laut vor den Umstehenden aus, dass es +hohe Zeit sei, ihren Bruder wieder an die Spitze einer Flotte zu +stellen und durch einen neuen Aderlass der Buergerschaft auf dem Markte +Luft zu machen (508 246). So dachten und sprachen freilich die +wenigsten; aber es war diese frevelhafte Rede doch nichts als der +schneidende Ausdruck der straeflichen Gleichgueltigkeit, womit die +gesamte hohe und reiche Welt auf die gemeine Buerger- und Bauernschaft +herabsah. Man wollte nicht gerade ihr Verderben, aber man liess es +geschehen; und so kam denn ueber das eben noch in maessiger und +verdienter Wohlfahrt unzaehliger freier und froehlicher Menschen +bluehende italische Land mit Riesenschnelle die Veroedung. + + + + +KAPITEL XIII. +Glaube und Sitte + + +In strenger Bedingtheit verfloss dem Roemer das Leben und je vornehmer +er war, desto weniger war er ein freier Mann. Die allmaechtige Sitte +bannte ihn in einen engen Kreis des Denkens und Handelns und streng und +ernst oder, um die bezeichnenden lateinischen Ausdruecke zu brauchen, +traurig und schwer gelebt zu haben, war sein Ruhm. Keiner hatte mehr +und keiner weniger zu tun, als sein Haus in guter Zucht zu halten und +in Gemeideangelegenheiten mit Tat und Rat seinen Mann zu stehen. Indem +aber der einzelne nichts sein wollte noch sein konnte als ein Glied der +Gemeinde, ward der Ruhm und die Macht der Gemeinde auch von jedem +einzelnen Buerger als persoenlicher Besitz empfunden und ging zugleich +mit dem Namen und dern Hof auf die Nachfahren ueber; und wie also ein +Geschlecht nach dem anderen in die Gruft gelegt. ward und jedes +folgende zu dem alten Ehrenbestande neuen Erwerb haeufte, schwoll das +Gesamtgefuehl der edlen roemischen Familien zu jenem gewaltigen +Buergerstolz an, dessengleichen die Erde wohl nicht wieder gesehen hat +und dessen so fremd- wie grossartige Spuren, wo wir ihnen begegnen, uns +gleichsam einer anderen Welt anzugehoeren scheinen. Zwar gehoerte zu +dem eigentuemlichen Gepraege dieses maechtigen Buergersinnes auch dies, +dass er durch die starre buergerliche Einfachheit und Gleichheit +waehrend des Lebens nicht unterdrueckt, aber gezwungen ward, sich in +die schweigende Brust zu verschliessen und dass er erst nach dem Tode +sich aeussern durfte; dann aber trat er auch in dem Leichenbegaengnis +des angesehenen Mannes mit einer sinnlichen Gewaltigkeit hervor, die +mehr als jede andere Erscheinung im roemischen Leben geeignet ist, uns +Spaeteren von diesem wunderbaren Roemergeist eine Ahnung zu geben. Es +war ein seltsamer Zug, dem beizuwohnen die Buergerschaft geladen ward +durch den Ruf des Weibels der Gemeinde: “Jener Wehrmann ist Todes +verblichen; wer da kann, der komme, dem Lucius Aemilius das Geleite zu +geben; er wird weggetragen aus seinem Hause”. Es eroeffneten ihn die +Scharen der Klageweiber, der Musikanten und der Taenzer, von welchen +letzteren einer in Kleidung und Maske als des Verstorbenen Konterfei +erschien, auch wohl gestikulierend und agierend den wohlbekannten Mann +noch einmal der Menge vergegenwaertigte. Sodann folgte der +grossartigste und eigentuemlichste Teil dieser Feierlichkeit, die +Ahnenprozession, gegen die alles uebrige Gepraenge so verschwand, dass +wahrhaft vornehme roemische Maenner wohl ihren Erben vorschrieben, die +Leichenfeier lediglich darauf zu beschraenken. Es ist schon frueher +gesagt worden, dass von denjenigen Ahnen, die die kurulische Aedilitaet +oder ein hoeheres ordentliches Amt bekleidet hatten, die in Wachs +getriebenen und bemalten Gesichtsmasken, soweit moeglich nach dem Leben +gefertigt, aber auch fuer die fruehere Zeit bis in und ueber die der +Koenige hinauf nicht mangelnd, an den Waenden des Familiensaales in +hoelzernen Schreinen aufgestellt zu werden pflegten und als der +hoechste Schmuck des Hauses galten. Wenn ein Todesfall in der Familie +eintrat, so wurden mit diesen Gesichtsmasken und der entsprechenden +Amtstracht geeignete Leute, namentlich Schauspieler, fuer das +Leichenbegaengnis staffiert, so dass die Vorfahren, jeder in dem bei +Lebzeiten von ihm gefuehrten vornehmsten Schmuck, der Triumphator im +goldgestickten, der Zensor im purpurnen, der Konsul im purpurgesaeumten +Mantel, mit ihren Liktoren und den sonstigen Abzeichen ihres Amtes, +alle zu Wagen dem Toten das letzte Geleite gaben. Auf der mit schweren +purpurnen und goldgestickten Decken und feinen Leintuechern +ueberspreiteten Bahre lag dieser selbst, gleichfalls in dem vollen +Schmuck des hoechsten von ihm bekleideten Amtes und umgeben von den +Ruestungen der von ihm erlegten Feinde und den in Scherz und Ernst ihm +gewonnenen Kraenzen. Hinter der Bahre kamen die Leidtragenden, alle in +schwarzem Gewande und ohne Schmuck, die Soehne des Verstorbenen mit +verhuelltem Haupt, die Toechter ohne Schleier, die Verwandter. und +Geschlechtsgenossen, die Freunde, Klienten: und Freigelassenen. So ging +der Zug auf den Markt. Hier wurde die Leiche in die Hoehe gerichtet; +die Ahnen stiegen von den Wagen herab und liessen auf den kurulischen +Stuehlen sich nieder, und des verstorbenen Sohn oder der naechste +Geschlechtsgenosse betrat die Rednerbuehne, um in schlichter +Aufzaehlung die Namen und Taten eines jeden der im Kreise +herumsitzenden Maenner und zuletzt die des juengst Verstorbenen der +versammelten Menge zu verlautbaren. + +Man mag das Barbarensitte nennen, und eine kuenstlerisch empfindende +Nation haette freilich diese wunderliche Auferstehung der Toter, +sicherlich nicht bis in die Epoche der voll entwickelten Zivilisation +hinein ertragen; aber selbst sehr kuehle und sehr wenig ehrfuerchtig +geartete Griechen, wie zum Beispiel Polybios, liessen doch durch die +grandiose Naivitaet dieser Totenfeier sich imponieren. Zu der ernsten +Feierlichkeit, zu dem gleichfoermigen Zuge, zu der stolzen Wuerdigkeit +des roemischen Lebens gehoerte es notwendig mit, dass die +abgeschiedenen Geschlechter fortfuhren, gleichsam koerperlich unter dem +gegenwaertigen zu wandeln und dass, wenn ein Buerger, der Muehsal und +der Ehren satt, zu seinen Vaetern versammelt ward, diese Vaeter selbst +auf dem Markte erschienen, um ihn in ihrer Mitte zu empfangen. + +Aber man war jetzt an einem Wendepunkt angelangt. Soweit Roms Macht +sich nicht mehr auf Italien beschraenkte, sondern weithin nach Osten +und Westen uebergriff, war es auch mit der alten italischen +Eigenartigkeit vorbei und trat an deren Stelle die hellenisierende +Zivilisation. Zwar unter griechischem Einfluss hatte Italien gestanden, +seit es ueberhaupt eine Geschichte hatte. Es ist frueher dargestellt +worden, wie das jugendliche Griechenland und das jugendliche Italien, +beide mit einer gewissen Naivitaet und Originalitaet, geistige +Anregungen gaben und empfingen; wie in spaeterer Zeit in mehr +aeusserlicher Weise Rom sich die Sprache und die Erfindungen der +Griechen zum praktischen Gebrauche anzueignen bemueht war. Aber der +Hellenismus der Roemer dieser Zeit war dennoch in seinen Ursachen wie +in seinen Folgen etwas wesentlich Neues. Man fing an, das Beduerfnis +nach einem reicheren Geistesleben zu empfinden und vor der eigenen +geistigen Nichtigkeit gleichsam zu erschrecken; und wenn selbst +kuenstlerisch begabte Nationen, wie die englische und die deutsche, in +den Pausen ihrer Produktivitaet es nicht verschmaeht haben, sich der +armseligen franzoesischen Kultur als Lueckenbuesser zu bedienen, so +kann es nicht befremden, dass die italische jetzt sich mit brennendem +Eifer auf die herrlichen Schaetze wie auf den wuesten Unflat der +geistigen Entwicklung von Hellas warf. Aber es war doch noch etwas +Tieferes und Innerlicheres, was die Roemer unwiderstehlich in den +hellenischen Strudel hineinriss. Die hellenische Zivilisation nannte +wohl noch sich hellenisch, aber sie war es nicht mehr, sondern vielmehr +humanistisch und kosmopolitisch. Sie hatte auf dem geistigen Gebiete +vollstaendig und bis zu einem gewissen Grade auch politisch das Problem +geloest, aus einer Masse verschiedener Nationen ein Ganzes zu +gestalten; und indem dieselbe Aufgabe in weiteren Grenzen jetzt auf Rom +ueberging, uebernahm es mit der anderen Erbschaft Alexanders des +Grossen auch den Hellenismus. Darum ist derselbe jetzt weder bloss +Anregung mehr noch Nebensache, sondern durchdringt das innerste Mark +der italischen Nation. Natuerlich straeubte die lebenskraeftige +italische Eigenartigkeit sich gegen das fremde Element. Erst nach dem +heftigsten Kampfe raeumte der italische Bauer dem weltbuergerlichen +Grossstaedter das Feld; und wie bei uns der franzoesische Frack den +germanischen Deutschrock ins Leben gerufen hat, so hat auch der +Rueckschlag des Hellenismus in Rom eine Richtung erweckt, die sich in +einer den frueheren Jahrhunderten durchaus fremden Weise dem +griechischen Einfluss prinzipiell opponierte und dabei ziemlich haeufig +in derbe Albernheiten und Laecherlichkeiten verfiel. + +Es gab kein Gebiet des menschlichen Tuns und Sinnens, auf dem dieser +Kampf der alten und der neuen Weise nicht gefuehrt worden waere. Selbst +die politischen Verhaeltnisse wurden davon beherrscht. Das wunderliche +Projekt, die Hellenen zu emanzipieren, dessen wohlverdienter +Schiffbruch frueher dargestellt ward; der verwandte gleichfalls +hellenische Gedanke der Solidaritaet der Republiken den Koenigen +gegenueber und die Propaganda hellenischer Politie gegen orientalische +Despotie, welche beide zum Beispiel fuer die Behandlung Makedoniens mit +massgebend gewesen sind, sind die fixen Ideen der neuen Schule, eben +wie die Karthagerfurcht die fixe Idee der alten war; und wenn Cato die +letztere bis zur Laecherlichkeit gepredigt hat, so ward auch mit dem +Philhellenentum hier und da wenigstens ebenso albern kokettiert - so +zum Beispiel liess der Besieger des Koenigs Antiochos nicht bloss sich +in griechischer Tracht seine Bildsaeule auf dem Kapitol errichten, +sondern legte auch, statt auf gut lateinisch sich Asiaticus zu nennen, +den freilich sinn- und sprachwidrigen, aber doch praechtigen und +beinahe griechischen Beinamen Asiagenus sich zu ^1. Eine wichtigere +Konsequenz dieser Stellung der herrschenden Nation zu dem Hellenentum +war es, dass die Latinisierung in Italien ueberall, nur nicht den +Hellenen gegenueber Boden gewann. Die Griechenstaedte in Italien, +soweit der Krieg sie nicht zernichtete, blieben griechisch. In Apulien, +um das die Roemer sich freilich wenig bekuemmerten, scheint eben in +dieser Epoche der Hellenismus vollstaendig durchgedrungen zu sein und +die dortige lokale Zivilisation mit der verbluehenden hellenischen sich +ins Niveau gesetzt zu haben. Die Ueberlieferung schweigt zwar davon; +aber die zahlreichen, durchgaengig mit griechischer Aufschrift +versehenen Stadtmuenzen und die hier allein in Italien mehr schwunghaft +und praechtig als geschmackvoll betriebene Fabrikation bemalter +Tongefaesse nach griechischer Art zeigen uns Apulien vollstaendig +eingegangen in griechische Art und griechische Kunst. + +—————————————————————————- + +^1 Dass Asiagenus die urspruengliche Titulatur des Helden von Magnesia +und seiner Deszendenten war, ist durch Muenzen und Inschriften +festgestellt; wenn die kapitolinischen Fasten ihn Asiaticus nennen, so +stellt sich dies zu den mehrfach vorkommenden Spuren nicht +gleichzeitiger Redaktion. Es kann jener Beiname nichts sein als eine +Korruption von Ασιαγένης. wie auch spaetere Schriftsteller wohl dafuer +schreiben, was aber nicht den Sieger von Asia bezeichnet, sondern den +geborenen Asiaten. + +—————————————————————————— + +Aber der eigentliche Kampfplatz des Hellenismus und seiner nationalen +Antagonisten war in der gegenwaertigen Periode das Gebiet des Glaubens +und der Sitte und der Kunst und Literatur; und es darf nicht +unterlassen werden, von dieser freilich in tausenderlei Richtungen +zugleich sich bewegenden und schwer zu einer Anschauung +zusammenzufassenden grossen Prinzipienfehde eine Darstellung zu +versuchen. + +Wie der alte einfache Glaube noch jetzt in den Italikern lebendig war, +zeigt am deutlichsten die Bewunderung oder Verwunderung, welche dies +Problem der italischen Froemmigkeit bei den hellenischen Zeitgenossen +erregte. Bei dem Zwiste mit den Aetolern bekam es der roemische +Oberfeldherr zu hoeren, dass er waehrend der Schlacht nichts getan habe +als wie ein Pfaffe beten und opfern; wogegen Polybios mit seiner etwas +platten Gescheitheit seine Landsleute auf die politische Nuetzlichkeit +dieser Gottesfurcht aufmerksam macht und sie belehrt, dass der Staat +nun einmal nicht aus lauter klugen Leuten bestehen koenne und +dergleichen Zeremonien um der Menge willen sehr zweckmaessig seien. + +Aber wenn man in Italien noch besass, was in Hellas laengst eine +Antiquitaet war, eine nationale Religion, so fing sie doch schon +sichtlich an, sich zur Theologie zu verknoechern. In nichts vielleicht +tritt die beginnende Erstarrung des Glaubens so bestimmt hervor wie in +den veraenderten oekonomischen Verhaeltnissen des Gottesdienstes und +der Priesterschaft. Der oeffentliche Gottesdienst wurde nicht bloss +immer weitschichtiger, sondern vor allem auch immer kostspieliger. +Lediglich zu dem wichtigen Zweck, die Ausrichtung der Goetterschmaeuse +zu beaufsichtigen, wurde im Jahre 558 (196) zu den drei alten Kollegien +der Augurn, Pontifices und Orakelbewahrer ein viertes der drei +Schmausherren (tres viri epulones) hinzugefuegt. Billig schmausen nicht +bloss die Goetter, sondern auch ihre Priester; neuer Stiftungen indes +bedurfte es hierfuer nicht, da ein jedes Kollegium sich seiner +Schmausangelegenheiten mit Eifer und Andacht befliss. Neben den +klerikalen Gelagen fehlt auch die klerikale Immunitaet nicht. Die +Priester nahmen selbst in Zeiten schwerer Bedraengnis es als ihr Recht +in Anspruch, zu den oeffentlichen Abgaben nicht beizutragen und liessen +erst nach sehr aergerlichen Kontroversen sich zur Nachzahlung der +rueckstaendigen Steuern zwingen (558 196). Wie fuer die Gemeinde wurde +auch fuer den einzelnen Mann die Froemmigkeit mehr und mehr ein +kostspieliger Artikel. Die Sitte der Stiftungen und ueberhaupt der +Uebernahme dauernder pekuniaerer Verpflichtungen zu religioesen Zwecken +war bei den Roemern in aehnlicher Weise wie heutzutage in den +katholischen Laendern verbreitet; diese Stiftungen, namentlich seit sie +von der hoechsten geistlichen und zugleich hoechsten Rechtsautoritaet +der Gemeinde, den Pontifices, als eine auf jeden Erben und sonstigen +Erwerber des Gutes von Rechts wegen uebergehende Reallast betrachtet +wurden, fingen an, eine hoechst drueckende Vermoegenslast zu werden - +“Erbschaft ohne Opferschuld” ward bei den Roemern sprichwoertlich +gesagt, etwa wie bei uns “Rose ohne Dornen”. Das Geluebde des Zehnten +der Habe wurde so gemein, dass jeden Monat ein paar Male infolgedessen +auf dem Rindermarkt in Rom oeffentliches Gastgebot abgehalten ward. Mit +dem orientalischen Kult der Goettermutter gelangten unter anderem +gottseligen Unfug auch die jaehrlich an festen Tagen wiederkehrenden, +von Haus zu Haus geheischten Pfennigkollekten (stipem cogere) nach Rom. +Endlich die untergeordnete Priester- und Prophetenschaft gab wie billig +nichts fuer nichts; und es ist ohne Zweifel aus dem Leben gegriffen, +wenn auf der roemischen Buehne in der ehelichen Gardinenkonversation +neben der Kuechen-, Hebammen- und Praesentenrechnung auch das fromme +Konto mit erscheint: + +Gleichfalls, Mann, muss ich was haben auf den naechsten Feiertag + +Fuer die Kuesterin, fuer die Wahrsagerin, fuer die Traum- und die kluge +Frau; + +Saehst du nur, wie die mich anguckt! Eine Schand’ ist’s, schick’ ich +nichts. + +Auch der Opferfrau durchaus mal geben muss ich ordentlich. + +Man schuf zwar in dieser Zeit in Rom nicht wie frueher einen Silber- so +jetzt einen Goldgott; aber in der Tat regierte er dennoch in den +hoechsten wie in den niedrigsten Kreisen des religioesen Lebens. Der +alte Stolz der latinischen Landesreligion, die Billigkeit ihrer +oekonomischen Anforderungen, war unwiederbringlich dahin. Aber +gleichzeitig war es auch mit der alten Einfachheit aus. Das Bastardkind +von Vernunft und Glauben, die Theologie, war bereits geschaeftig, die +ihr eigene beschwerliche Weitlaeufigkeit und feierliche +Gedankenlosigkeit in den alten Landesglauben hinein und dessen Geist +damit auszutreiben. Der Katalog der Verpflichtungen und Vorrechte des +Jupiterpriesters zum Beispiel koennte fueglich im Talmud stehen. Mit +der natuerlichen Regel, dass nur die fehlerlos verrichtete religioese +Pflicht den Goettern genehm sei, trieb man es praktisch so weit, dass +ein einzelnes Opfer wegen wieder und wieder begangener Versehen bis +dreissigmal hintereinander wiederholt wird, dass die Spiele, die ja +auch Gottesdienst waren, wenn der leitende Beamte sich versprochen oder +vergriffen oder die Musik einmal eine unrichtige Pause gemacht hatte, +als nicht geschehen galten und von vorne, oft mehrere, ja bis zu sieben +Malen hintereinander wieder begonnen werden massten. In dieser +Uebertreibung der Gewissenhaftigkeit liegt an sich schon ihre +Erstarrung; und die Reaktion dagegen, die Gleichgueltigkeit und der +Unglaube liessen auch nicht auf sich warten. Schon im Ersten Punischen +Kriege (505 249) kam es vor, dass mit den vor der Schlacht zu +befragenden Auspizien der Konsul selber offenkundigen Spott trieb - +freilich ein Konsul aus dem absonderlichen und im Guten und Boesen der +Zeit voraneilenden Geschlecht der Claudier. Gegen das Ende dieser +Epoche werden schon Klagen laut, dass die Augurallehre vernachlaessigt +werde und dass, mit Cato zu reden, eine Menge alter Vogelkunden und +Vogelschauungen durch die Traegheit des Kollegiums in Vergessenheit +geraten sei. Ein Augur wie Lucius Paullus, der in dem Priestertum eine +Wissenschaft und nicht einen Titel sah, war bereits eine seltene +Ausnahme und musste es auch wohl sein, wenn die Regierung immer offener +und ungescheuter die Auspizien zur Durchsetzung ihrer politischen +Absichten benutzte, das heisst die Landesreligion nach Polybios’ +Auffassung als einen zur Prellung des grossen Publikums brauchbaren +Aberglauben behandelte. Wo also vorgearbeitet war, fand die +hellenistische Irreligiositaet offene Bahn. Mit der beginnenden +Kunstliebhaberei fingen schon zu Catos Zeit die heiligen Bildnisse der +Goetter an, die Zimmer der Reichen gleich anderem Hausgeraet zu +schmuecken. Gefaehrlichere Wunden schlug der Religion die beginnende +Literatur. Zwar offene Angriffe durfte sie nicht wagen, und was +geradezu durch sie zu den religioesen Vorstellungen hinzukam, wie zum +Beispiel durch Ennius, der in Nachbildung des griechischen Uranos dem +roemischen Saturnus geschoepfte Vater Caelus, war wohl auch +hellenistisch, aber nicht von grosser Bedeutung. Folgenreich dagegen +war die Verbreitung der Epicharmischen und Euhemeristischen Lehren in +Rom. Die poetische Philosophie, welche die spaeteren Pythagoreer aus +den Schriften des alten sizilischen Lustspieldichters Epicharmos von +Megara (um 280 470) ausgezogen oder vielmehr, wenigstens +groesstenteils, ihm untergeschoben hatten, sah in den griechischen +Goettern Natursubstanzen, in Zeus die Luft, in der Seele ein +Sonnenstaeubchen und so weiter; insofern diese Naturphilosophie, +aehnlich wie in spaeterer Zeit die stoische Lehre, in ihren +allgemeinsten Grundzuegen der roemischen Religion wahlverwandt war, war +sie geeignet, die allegorisierende Aufloesung der Landesreligion +einzuleiten. Eine historisierende Zersetzung der Religion lieferten die +“heiligen Memoiren” des Euhemeros von Messene (um 450 300), die in Form +von Berichten ueber die von dem Verfasser in das wunderbare Ausland +getanen Reisen die von den sogenannten Goettern umlaufenden Nachrichten +gruendlich und urkundlich sichteten und im Resultat darauf +hinausliefen, dass es Goetter weder gegeben habe noch gebe. Zur +Charakteristik des Buches mag das eine genuegen, dass die Geschichte +von Kronos’ Kinderverschlingung erklaert wird aus der in aeltester Zeit +bestehenden und durch Koenig Zeus abgeschafften Menschenfresserei. +Trotz oder auch durch seine Plattheit und Tendenzmacherei machte das +Produkt in Griechenland ein unverdientes Glueck und half in +Gemeinschaft mit den gangbaren Philosophien dort die tote Religion +begraben. Es ist ein merkwuerdiges Zeichen des ausgesprochenen und +wohlbewussten Antagonismus zwischen der Religion und der neuen +Literatur, dass bereits Ennius diese notorisch destruktiven +Epicharmischen und Euhemeristischen Schriften ins Lateinische +uebertrug. Die Uebersetzer moegen vor der roemischen Polizei sich damit +gerechtfertigt haben, dass die Angriffe sich nur gegen die griechischen +und nicht gegen die latinischen Goetter wandten; aber die Ausrede war +ziemlich durchsichtig. In seinem Sinne hatte Cato ganz recht, diese +Tendenzen, wo immer sie ihm vorkamen, ohne Unterschied mit der ihm +eigenen Bitterkeit zu verfolgen und auch den Sokrates einen +Sittenverderber und Religionsfrevler zu heissen. + +So ging es mit der alten Landesreligion zusehends auf die Neige; und +wie man die maechtigen Staemme des Urwaldes rodete, bedeckte sich der +Boden mit wucherndem Domgestruepp und bis dahin nicht gesehenem +Unkraut. Inlaendischer Aberglaube und auslaendische Afterweisheit +gingen buntscheckig durch-, neben- und gegeneinander. Kein italischer +Stamm blieb frei von der Umwandlung alten Glaubens in neuen +Aberglauben. Wie bei den Etruskern die Gedaerme- und Blitzweisheit, so +stand bei den Sabellern, besonders den Marsern, die freie Kunst des +Vogelguckens und Schlangenbeschwoerens in ueppigem Flor. Sogar bei der +latinischen Nation, ja in Rom selbst begegnen, obwohl hier +verhaeltnismaessig am wenigsten, doch auch aehnliche Erscheinungen - so +die praenestinischen Spruchlose und in Rom im Jahre 573 (181) die +merkwuerdige Entdeckung des Grabes und der hinterlassenen Schriften des +Koenigs Numa, welche ganz unerhoerten und seltsamen Gottesdienst +vorgeschrieben haben sollen. Mehr als dies und dass die Buecher sehr +neu ausgesehen haetten, erfuhren die Glaubensdurstigen zu ihrem +Leidwesen nicht; denn der Senat legte die Hand auf den Schatz und liess +die Rollen kurzweg ins Feuer werfen. Die inlaendische Fabrikation +reichte also vollkommen aus, um jeden billigerweise zu verlangenden +Bedarf von Unsinn zu decken; allein man war weit entfernt, sich daran +genuegen zu lassen. Der damalige, bereits denationalisierte und von +orientalischer Mystik durchdrungene Hellenismus brachte wie den +Unglauben so auch den Aberglauben in seinen aergerlichsten und +gefaehrlichsten Gestaltungen nach Italien, und eben als auslaendischer +hatte dieser Schwindel noch einen ganz besonderen Reiz. Die +chaldaeischen Astrologen und Nativitaetensteller waren schon im +sechsten Jahrhundert durch ganz Italien verbreitet; noch weit +bedeutender aber, ja weltgeschichtlich epochemachend war die Aufnahme +der phrygischen Goettermutter unter die oeffentlich anerkannten Goetter +der roemischen Gemeinde, zu der die Regierung waehrend der letzten +bangen Jahre des Hannibalischen Krieges (550 204) sich hatte verstehen +muessen. Es ging deswegen eine eigene Gesandtschaft nach Pessinus, +einer Stadt des kleinasiatischen Keltenlandes, und der raube Feldstein, +den die dortige Priesterschaft als die richtige Mutter Kybele den +Fremden freigebig verehrte, ward mit unerhoertem Gepraenge von der +Gemeinde eingeholt, ja es wurden zur ewigen Erinnerung an das +froehliche Ereignis unter den hoeheren Staenden Klubgesellschaften mit +umgehender Bewirtung der Mitglieder untereinander gestiftet, welche das +beginnende Cliquentreiben wesentlich gefoerdert zu haben scheinen. Mit +der Konzessionierung dieses Kybelekultes fusste die Gottesverehrung der +Orientalen offiziell Fuss in Rom, und wenn auch die Regierung noch +streng darauf hielt, dass die Kastratenpriester der neuen Goetter +Kelten (Galli), wie sie hiessen, auch blieben und noch kein roemischer +Buerger zu diesem frommen Eunuchentum sich hergab, so musste dennoch +der wueste Apparat der “Grossen Mutter”, diese, mit dem Obereunuchen an +der Spitze unter fremdlaendischer Musik von Pfeifen und Pauken in +orientalischer Kleiderpracht durch die Gassen aufziehende und von Haus +zu Haus bettelnde Priesterschaft und das ganze sinnlich-moenchische +Treiben vom wesentlichsten Einfluss auf die Stimmung und Anschauung des +Volkes sein. Wohin das fuehrte, zeigte sich nur zu rasch und nur zu +schrecklich. Wenige Jahre spaeter (568 186) kam eine Muckerwirtschaft +der scheusslichsten Art bei den roemischen Behoerden zur Anzeige, eine +geheime naechtliche Feier zu Ehren des Gottes Bakchos, die durch einen +griechischen Pfaffen zuerst nach Etrurien gekommen war und, wie ein +Krebsschaden um sich fressend, sich rasch nach Rom und ueber ganz +Italien verbreitet, ueberall die Familien zerruettet und die aergsten +Verbrechen, unerhoerte Unzucht, Testamentsfaelschungen, Giftmorde +hervorgerufen hatte. Ueber 7000 Menschen wurden deswegen kriminell, +grossenteils mit dem Tode bestraft und strenge Vorschriften fuer die +Zukunft erlassen; dennoch gelang es nicht, der Wirtschaft Herr zu +werden, und sechs Jahre spaeter (574 180) klagte der betreffende +Beamte, dass wieder 3000 Menschen verurteilt seien und noch kein Ende +sich absehen lasse. + +Natuerlich waren in der Verdammung dieser ebenso unsinnigen wie +gemeinschaedlichen Afterfroemmigkeit alle vernuenftigen Leute sich +einig; die altglaeubigen Frommen wie die Angehoerigen der hellenischen +Aufklaerung trafen hier im Spott wie im Aerger zusammen. Cato setzte +seinem Wirtschafter in die Instruktion, “dass er ohne Vorwissen und +Auftrag des Herrn kein Opfer darbringen noch fuer sich darbringen +lassen solle ausser an dem Hausherd und am Flurfest auf dem Fluraltar, +und dass er nicht sich Rats erholen duerfe weder bei einem +Eingeweidebeschauer noch bei einem klugen Mann noch bei einem +Chaldaeer”. Auch die bekannte Frage, wie nur der Priester es anfange, +das Lachen zu verbeissen, wenn er seinem Kollegen begegne, ist ein +Catonisches Wort und urspruenglich auf den etruskischen +Gedaermebetrachter angewandt worden. Ziemlich in demselben Sinn schilt +Ennius in echt euripideischem Stil auf die Bettelpropheten und ihren +Anhang: + +Diese aberglaeubischen Pfaffen, dieses freche Prophetenpack, + +Die verrueckt und die aus Faulheit, die gedraengt von Hungerpein, + +Wollen andern Wege weisen, die sie sich nicht finden aus, + +Schenken Schaetze dem, bei dem sie selbst den Pfennig betteln gehn. + +Aber in solchen Zeiten hat die Vernunft von vornherein gegen die +Unvernunft verlorenes Spiel. Die Regierung schritt freilich ein; die +frommen Preller wurden polizeilich gestraft und ausgewiesen, jede +auslaendische nicht besonders konzessionierte Gottesverehrung +untersagt, selbst die Befragung des verhaeltnismaessig unschuldigen +Spruchorakels in Praeneste noch 512 (242) von Amts wegen verhindert +und, wie schon gesagt ward, das Muckerwesen streng verfolgt. Aber wenn +die Koepfe einmal gruendlich verrueckt sind, so setzt auch der hoehere +Befehl sie nicht wieder in die Richte. Wieviel die Regierung dennoch +nachgeben musste oder wenigstens nachgab, geht gleichfalls aus dem +Gesagten hervor. Die roemische Sitte, die etruskischen Weisen in +vorkommenden Faellen von Staats wegen zu befragen und deshalb auch auf +die Fortpflanzung der etruskischen Wissenschaft in den vornehmen +etruskischen Familien von Regierungs wegen hinzuwirken, sowie die +Gestattung des nicht unsittlichen und auf die Frauen beschraenkten +Geheimdienstes der Demeter moegen wohl noch der aelteren, unschuldigen +und verhaeltnismaessig gleichgueltigen Uebernahme auslaendischer +Satzungen beizuzaehlen sein. Aber die Zulassung des +Goettermutterdienstes ist ein arges Zeichen davon, wie schwach dem +neuen Aberglauben gegenueber sich die Regierung fuehlte, vielleicht +auch davon, wie tief er in sie selber eingedrungen war; und ebenso ist +es entweder eine unverzeihliche Nachlaessigkeit oder etwas noch +Schlimmeres, dass gegen eine Wirtschaft, wie die Bacchanalien waren, +erst so spaet und auch da noch auf eine zufaellige Anzeige hin von den +Behoerden eingeschritten ward. + +Wie nach der Vorstellung der achtbaren Buergerschaft dieser Zeit das +roemische Privatleben beschaffen sein sollte, laesst sich im +wesentlichen abnehmen aus dem Bilde, das uns von dem des aelteren Cato +ueberliefert worden ist. Wie taetig Cato als Staatsmann, Sachwalter, +Schriftsteller und Spekulant auch war, so war und blieb das +Familienleben der Mittelpunkt seiner Existenz - besser ein guter +Ehemann sein, meinte er, als ein grosser Senator. Die haeusliche Zucht +war streng. Die Dienerschaft durfte nicht ohne Befehl das Haus +verlassen noch ueber die haeuslichen Vorgaenge mit Fremden schwatzen. +Schwerere Strafen wurden nicht mutwillig auferlegt, sondern nach einer +gleichsam gerichtlichen Verhandlung zuerkannt und vollzogen; wie scharf +es dabei herging, kann man daraus abnehmen, dass einer seiner Sklaven +wegen eines ohne Auftrag von ihm abgeschlossenen und dem Herrn zu Ohren +gekommenen Kaufhandels sich erhing. Wegen leichter Vergehen, zum +Beispiel bei Beschickung der Tafel vorgekommener Versehen, pflegte der +Konsular dem Fehlbaren die verwirkten Hiebe nach Tische eigenhaendig +mit dem Riemen aufzuzaehlen. Nicht minder streng hielt er Frau und +Kinder in Zucht, aber in anderer Art; denn an die erwachsenen Kinder +und an die Frau Hand anzulegen wie an die Sklaven, erklaerte er fuer +suendhaft. Bei der Wahl der Frau missbilligte er die Geldheiraten und +empfahl, auf gute Herkunft zu sehen, heiratete uebrigens selbst im +Alter die Tochter eines seiner armen Klienten. Uebrigens nahm er es mit +der Enthaltsamkeit auf Seiten des Mannes so, wie man es damit ueberall +in Sklavenlaendern nimmt; auch galt ihm die Ehefrau durchaus nur als +ein notwendiges Uebel. Seine Schriften fliessen ueber von Scheltreden +gegen das schwatzhafte, putzsuechtige, unregierliche schoene +Geschlecht; “ueberlaestig und hoffaertig sind die Frauen alle” - meinte +der alte Herr - und “waeren die Menschen der Weiber los, so moechte +unser Leben wohl minder gottlos sein”. Dagegen war die Erziehung der +ehelichen Kinder ihm Herzens- und Ehrensache und die Frau in seinen +Augen eigentlich nur der Kinder wegen da. Sie naehrte in der Regel +selbst, und wenn sie ihre Kinder an der Brust von Sklavinnen saugen +liess, so legte sie dafuer auch wohl selbst deren Kinder an die eigene +Brust - einer der wenigen Zuege, worin das Bestreben hervortritt, durch +menschliche Beziehungen, Muttergemeinschaft und Milchbruederschaft die +Institution der Sklaverei zu mildern. Bei dem Waschen und Wickeln der +Kinder war der alte Feldherr, wenn irgend moeglich, selber zugegen. Mit +Ehrfurcht wachte er ueber die kindliche Unschuld; wie in Gegenwart der +vestalischen Jungfrauen, versichert er, habe er in Gegenwart seiner +Kinder sich gehuetet, ein schaendliches Wort in den Mund zu nehmen und +nie vor den Augen seiner Tochter die Mutter umfasst, ausser wenn diese +bei einem Gewitter in Angst geraten sei. Die Erziehung seines Sohnes +ist wohl der schoenste Teil seiner mannigfaltigen und vielfach +ehrenwerten Taetigkeit. Seinem Grundsatz getreu, dass der rotbackige +Bube besser tauge als der blasse, leitete der alte Soldat seinen Knaben +selbst zu allen Leibesuebungen an und lehrte ihn ringen, reiten, +schwimmen und fechten und Hitze und Frost ertragen. Aber er empfand +auch sehr richtig, dass die Zeit vorbei war, wo der Roemer damit +auskam, ein tuechtiger Bauer und Soldat zu sein, und ebenso den +nachteiligen Einfluss, den es auf das Gemuet des Knaben haben musste, +wenn er in dem Lehrer, der ihn gescholten und gestraft und ihm +Ehrerbietung abgewonnen hatte, spaeterhin einen Sklaven erkannte. Darum +lehrte er selbst den Knaben, was der Roemer zu lernen pflegte, lesen +und schreiben und das Landrecht kennen; ja er arbeitete noch in spaeten +Jahren sich in die allgemeine Bildung der Hellenen soweit hinein, dass +er imstande war, das, was er daraus dem Roemer brauchbar erachtete, +seinem Sohn in der Muttersprache zu ueberliefern. Auch seine ganze +Schriftstellerei war zunaechst auf den Sohn berechnet, und sein +Geschichtswerk schrieb er fuer diesen mit grossen deutlichen Buchstaben +eigenhaendig ab. Er lebte schlicht und sparsam. Seine strenge +Wirtschaftlichkeit litt keine Luxusausgaben. Kein Sklave durfte ihn +mehr kosten als 1500 (460 Taler), kein Kleid mehr als 100 Denare (30 +Taler); in seinem Haus sah man keinen Teppich und lange Zeit an den +Zimmerwaenden keine Tuenche. Fuer gewoehnlich ass und trank er dieselbe +Kost mit seinem Gesinde und litt nicht, dass die Mahlzeit ueber 30 Asse +(21 Groschen) an baren Auslagen zu stehen kam; im Kriege war sogar der +Wein durchgaengig von seinem Tisch verbannt und trank er Wasser oder +nach Umstaenden Wasser mit Essig gemischt. Dagegen war er kein Feind +von Gastereien; sowohl mit seiner Klubgesellschaft in der Stadt als +auch auf dem Lande mit seinen Gutsnachbarn sass er gern und lange bei +Tafel, und wie seine mannigfaltige Erfahrung und sein schlagfertiger +Witz ihn zu einem beliebten Gesellschafter machten, so verschmaehte er +auch weder die Wuerfel noch die Flasche, teilte sogar in seinem +Wirtschaftsbuch unter anderen Rezepten ein erprobtes Hausmittel mit +fuer den Fall, dass man eine ungewoehnlich starke Mahlzeit und einen +allzutiefen Trunk getan. Sein ganzes Sein bis ins hoechste Alter hinauf +war Taetigkeit. Jeder Augenblick war eingeteilt und ausgefuellt, und +jeden Abend pflegte er bei sich zu rekapitulieren, was er den Tag ueber +gehoert, gesagt und getan hatte. So blieb denn Zeit fuer die eigenen +Geschaefte wie fuer die der Bekannten und der Gemeinde und nicht minder +fuer Gespraech und Vergnuegen; alles ward rasch und ohne viel Reden +abgetan, und in echtem Taetigkeitsinn war ihm nichts so verhasst als +die Vielgeschaeftigkeit und die Wichtigtuerei mit Kleinigkeiten. + +So lebte der Mann, der den Zeitgenossen und den Nachkommen als der +rechte roemische Musterbuerger galt und in dem, gegenueber dem +griechischen Muessiggang und der griechischen Sittenlosigkeit, die +roemische, allerdings etwas grobdraehtige Taetigkeit und Bravheit +gleichsam verkoerpert erschienen - wie denn ein spaeter roemischer +Dichter sagt: + +Nichts ist an der fremden Sitt’ als tausendfache Schwindelei; + +Besser als der roemische Buerger fuehrt sich keiner auf der Welt; + +Mehr als hundert Sokratesse gilt der eine Cato mir. + +Solche Urteile wird die Geschichte nicht unbedingt sich aneignen; aber +wer die Revolution ins Auge fasst, welche der entartete Hellenismus +dieser Zeit in dem Leben und Denken der Roemer vollzog, wird geneigt +sein, die Verurteilung der fremden Sitte eher zu schaerfen als zu +mildern. + +Die Bande der Familie lockerten sich mit grauenvoller Geschwindigkeit. +Pestartig griff die Grisetten- und Buhlknabenwirtschaft um sich, und +wie die Verhaeltnisse lagen, war es nicht einmal moeglich, gesetzlich +dagegen. etwas Wesentliches zu tun - die hohe Steuer, welche Cato als +Zensor (570 184) auf diese abscheulichste Gattung der Luxussklaven +legte, wollte nicht viel bedeuten und ging ueberdies ein paar Jahre +darauf mit der Vermoegenssteuer ueberhaupt tatsaechlich ein. Die +Ehelosigkeit, ueber die schon zum Beispiel im Jahre 520 (234) schwere +Klage gefuehrt ward, und die Ehescheidungen nahmen natuerlich im +Verhaeltnis zu. Im Schosse der vornehmsten Familien kamen grauenvolle +Verbrechen vor, wie zum Beispiel der Konsul Gaius Calpurnius Piso von +seiner Gemahlin und seinem Stiefsohn vergiftet ward, um eine Nachwahl +zum Konsulat herbeizufuehren und dadurch dem letzeren das hoechste Amt +zu verschaffen, was auch gelang (574 180). Es beginnt ferner die +Emanzipation der Frauen. Nach alter Sitte stand die verheiratete Frau +von Rechts wegen unter der eheherrlichen, mit der vaeterlichen +gleichstehenden Gewalt, die unverheiratete unter der Vormundschaft +ihrer naechsten maennlichen Agnaten, die der vaeterlichen Gewalt wenig +nachgab; eigenes Vermoegen hatte die Ehefrau nicht, die vaterlose +Jungfrau und die Witwe wenigstens nicht dessen Verwaltung. Aber jetzt +fingen die Frauen an, nach vermoegensrechtlicher Selbstaendigkeit zu +streben und teils auf Advokatenschleichwegen, namentlich durch +Scheinehen, sich der agnatischen Vormundschaft entledigend die +Verwaltung ihres Vermoegens selbst in die Hand zu nehmen, teils bei der +Verheiratung sich auf nicht viel bessere Weise der nach der Strenge des +Rechts notwendigen eheherrlichen Gewalt zu entziehen. Die Masse von +Kapital, die in den Haenden der Frauen sich zusammenfand, schien den +Staatsmaennern der Zeit so bedenklich, dass man zu dem exorbitanten +Mittel griff, die testamentarische Erbeseinsetzung der Frauen +gesetzlich zu untersagen (585 169), ja sogar durch eine hoechst +willkuerliche Praxis auch die ohne Testament auf Frauen fallenden +Kollateralerbschaften denselben groesstenteils zu entziehen. Ebenso +wurden die Familiengerichte ueber die Frau, die an jene eheherrliche +und vormundschaftliche Gewalt anknuepften, praktisch mehr und mehr zur +Antiquitaet. Aber auch in oeffentlichen Dingen fingen die Frauen schon +an, einen Willen zu haben und gelegentlich, wie Cato meinte, “die +Herrscher der Welt zu beherrschen”; in der Buergerschaftsversammlung +war ihr Einfluss zu spueren, ja es erhoben sich bereits in den +Provinzen Statuen roemischer Damen. + +Die Ueppigkeit stieg in Tracht, Schmuck und Geraet, in den Bauten und +in der Tafel; namentlich seit der Expedition nach Kleinasien im Jahre +564 (190) trug der asiatisch-hellenische Luxus, wie er in Ephesos und +Alexandreia herrschte, sein leeres Raffinement und seine geld-, tag- +und freudenverderbende Kleinkraemerei ueber nach Rom. Auch hier waren +die Frauen voran; sie setzten es trotz Catos eifrigem Schelten durch, +dass der bald nach der Schlacht von Cannae (539 215) gefasste +Buergerschaftsbeschluss, welcher ihnen den Goldschmuck, die bunten +Gewaender und die Wagen untersagte, nach dem Frieden mit Karthago (559 +195) wieder aufgehoben ward; ihrem eifrigen Gegner blieb nichts uebrig, +als auf diese Artikel eine hohe Steuer zu legen (570 184). Eine Masse +neuer und groesstenteils frivoler Gegenstaende, zierlich figuriertes +Silbergeschirr, Tafelsofas mit Bronzebeschlag, die sogenannten +attalischen Gewaender und Teppiche von schwerem Goldbrokat fanden jetzt +ihren Weg nach Rom. Vor allem war es die Tafel, um die dieser neue +Luxus sich drehte. Bisher hatte man ohne Ausnahme nur einmal am Tage +warm gegessen; jetzt wurden auch bei dem zweiten Fruehstueck (prandium) +nicht selten warme Speisen aufgetragen, und fuer die Hauptmahlzeit +reichten die bisherigen zwei Gaenge nicht mehr aus. Bisher hatten die +Frauen im Hause das Brotbacken und die Kueche selber beschafft und nur +bei Gastereien hatte man einen Koch von Profession besonders gedungen, +der dann Speisen wie Gebaeck gleichmaessig besorgte. Jetzt dagegen +begann die wissenschaftliche Kochkunst. In den guten Haeusern ward ein +eigener Koch gehalten. Die Arbeitsteilung ward notwendig, und aus dem +Kuechenhandwerk zweigte das des Brot- und Kuchenbackens sich ab - um +583 (171) entstanden die ersten Baeckerlaeden in Rom. Gedichte ueber +die Kunst, gut zu essen, mit langen Verzeichnissen der essenswertesten +Seefische und Meerfruechte fanden ihr Publikum; und es blieb nicht bei +der Theorie. Auslaendische Delikatessen, pontische Sardellen, +griechischer Wein fingen an, in Rom geschaetzt zu werden, und Catos +Rezept, dem gewoehnlichen Landwein mittels Salzlake den Geschmack des +koischen zu geben, wird den roemischen Weinhaendlern schwerlich +erheblichen Abbruch getan haben. Das alte ehrbare Singen und Sagen der +Gaeste und ihrer Knaben wurde verdraengt durch die asiatischen +Harfenistinnen. Bis dahin hatte man in Rom wohl bei der Mahlzeit tapfer +getrunken, aber eigentliche Trinkgelage nicht gekannt; jetzt kam das +foermliche Kneipen in Schwung, wobei der Wein wenig oder gar nicht +gemischt und aus grossen Bechern getrunken ward und das Vortrinken mit +obligater Nachfolge regierte, das “griechisch Trinken” (Graeco more +bibere) oder “griechen” (pergraecari, congraecare), wie die Roemer es +nennen. Im Gefolge dieser Zechwirtschaft nahm das Wuerfelspiel, das +freilich bei den Roemern laengst ueblich war, solche Verhaeltnisse an, +dass die Gesetzgebung es noetig fand, dagegen einzuschreiten. Die +Arbeitsscheu und das Herumlungern griffen zusehends um sich ^2. Cato +schlug vor, den Markt mit spitzen Steinen pflastern zu lassen, um den +Tagedieben das Handwerk zu legen; man lachte ueber den Spass und kam +der Lust zu lottern und zu gaffen von allen Seher. her entgegen. Der +erschreckenden Ausdehnung der Volkslustbarkeiten waehrend dieser Epoche +wurde bereits gedacht. Zu Anfang derselben ward, abgesehen von einigen +unbedeutenden, mehr den religioesen Zeremonien beizuzaehlenden +Wettrennen und Wettfahrten, nur im Monat September ein einziges +allgemeines Volksfest von viertaegiger Dauer und mit einem fest +bestimmten Kostenmaximum abgehalten; am Schlusse derselben hatte dieses +Volksfest wenigstens schon sechstaegige Dauer und wurden ueberdies +daneben zu Anfang April das Fest der Goettermutter oder die sogenannten +megalensischen, gegen Ende April das Ceres- und das Flora-, im Juni das +Apollo-, im November das Plebejerfest und wahrscheinlich alle diese +bereits mehrtaegig gefeiert. Dazu kamen die zahlreichen Instaurationen, +bei denen die fromme Skrupulositaet vermutlich oft bloss als Vorwand +diente, und die unaufhoerlichen ausserordentlichen Volksfeste, unter +denen die schon erwaehnten Schmaeuse von den Geloebniszehnten (2., +391), die Goetterschmaeuse, die Triumphal- und die Leichenfeste und vor +allem die Festlichkeiten hervortreten, welche nach dem Abschluss eines +der laengeren, durch die etruskisch-roemische Religion abgegrenzten +Zeitraeume, der sogenannten Saecula, zuerst im Jahre 505 (249), +gefeiert wurden. Gleichzeitig mehrten sich die Hausfeste. Waehrend des +Zweiten Punischen Krieges kamen unter den Vornehmen die schon +erwaehnten Schmausereien an dem Einzugstag der Goettermutter auf (seit +550 204), unter den geringeren Leuten die aehnlichen Saturnalien (seit +537 217); beide unter dem Einfluss der fortan festverbuendeten Gewalten +des fremden Pfaffen und des fremden Kochs. Man war ganz nahe an dem +idealen Zustand, dass jeder Tagedieb wusste, wo er jeden Tag verderben +konnte; und das in einer Gemeinde, wo sonst fuer jeden einzelnen wie +fuer alle zusammen die Taetigkeit Lebenszweck und das muessige +Geniefeen von der Sitte wie vom Gesetz geaechtet gewesen war! Dabei +machten innerhalb dieser Festlichkeiten die schlechten und +demoralisierenden Elemente mehr und mehr sich geltend. Den Glanz- und +Schlusspunkt der Volksfeste bildeten freilich nach wie vor noch die +Wettfahrten; und ein Dichter dieser Zeit schildert sehr anschaulich die +Spannung, womit die Augen der Menge an dem Konsul hingen, wenn er den +Wagen das Zeichen zum Abfahren zu geben im Begriff war. Aber die +bisherigen Lustbarkeiten genuegten doch schon nicht mehr; man verlangte +nach neuen und mannigfaltigeren. Neben den einheimischen Ringern und +Kaempfern treten jetzt (zuerst 568 186) auch griechische Athleten auf. +Von den dramatischen Auffuehrungen wird spaeter die Rede sein; es war +wohl auch ein Gewinn von zweifelhaftem Wert, aber doch auf jeden Fall +der beste bei dieser Gelegenheit gemachte Erwerb, dass die griechische +Komoedie und Tragoedie nach Rom verpflanzt ward. Den Spass, Hasen und +Fuechse vor dem Publikum laufen und hetzen zu lassen, mochte man schon +lange sich gemacht haben; jetzt wurden aus diesen unschuldigen Jagden +foermliche Tierhetzen, und die wilden Bestien Afrikas, Loewen und +Panther, wurden (zuerst nachweislich 568 186) mit grossen Kosten nach +Rom transportiert, um toetend oder sterbend den hauptstaedtischen +Gaffern zur Augenweide zu dienen. Die noch abscheulicheren +Fechterspiele, wie sie in Etrurien und Kampanien gangbar waren, fanden +jetzt auch in Rom Eingang; zuerst im Jahre 490 (264) wurde auf dem +roemischen Markt Menschenblut zum Spasse vergossen. Natuerlich trafen +diese entsittlichenden Belustigungen auch auf strengen Tadel; der +Konsul des Jahres 476 (268), Publius Sempronius Sophus, sandte seiner +Frau den Scheidebrief zu, weil sie einem Leichenspiel beigewohnt hatte; +die Regierung setzte es durch, dass die Ueberfuehrung der +auslaendischen Bestien nach Rom durch Buergerbeschluss untersagt ward +und hielt mit Strenge darauf, dass bei den Gemeindefesten keine +Gladiatoren erschienen. Allein auch hier fehlte ihr doch sei es die +rechte Macht oder die rechte Energie; es gelang zwar, wie es scheint, +die Tierhetzen niederzuhalten, aber das Auftreten von Fechterpaaren bei +Privatfesten, namentlich bei Leichenfeiern, ward nicht unterdrueckt. +Noch weniger war es zu verhindern, dass das Publikum dem Tragoeden den +Komoedianten, dem Komoedianten den Seiltaenzer, dem Seiltaenzer den +Fechter vorzog und die Schaubuehne sich mit Vorliebe in dem Schmutze +des hellenischen Lebens herumtrieb. Was von bildenden Elementen in den +szenischen und musischen Spielen enthalten war, gab man von vornherein +preis; die Absicht der roemischen Festgeber ging ganz und gar nicht +darauf, durch die Macht der Poesie die gesamte Zuschauerschaft wenn +auch nur voruebergehend auf die Hoehe der Empfindung der Besten zu +erheben, wie es die griechische Buehne in ihrer Bluetezeit tat, oder +einem ausgewaehlten Kreise einen Kunstgenuss zu bereiten, wie unsere +Theater es versuchen. Wie in Rom Direktion und Zuschauer beschaffen +waren, zeigt der Auftritt bei den Triumphalspielen 587 (167), wo die +ersten griechischen Floetenspieler, da sie mit ihren Melodien +durchfielen, vom Regisseur angewiesen wurden, statt zu musizieren +miteinander zu boxen, worauf denn der Jubel kein Ende nehmen wollte. + +———————————————————— + +^2 Eine Art Parabase in dem Plautinischen ‘Curculio’ schildert das +derzeitige Treiben auf dem hauptstaedtischen Markte, zwar mit wenig +Witz, aber mit grosser Anschaulichkeit: + +Lasst euch weisen, welchen Orts ihr welche Menschen finden moegt, + +Dass nicht seine Zeit verliere, wer von euch zu sprechen wuenscht + +Einen rechten oder schlechten, guten oder schlimmen Mann. + +Suchst Du einen Eidesfaelscher? auf die Dingstatt schick’ ich Dich. + +Einen Luegensack und Prahlhans? geh zur Cluacina hin. + +[Reiche wueste Ehemaenner sind zu haben im Bazar; + +Auch der Lustknab’ ist zu Haus dort und wer auf Geschaeftchen passt.] + +Doch am Fischmarkt sind, die gehen kneipen aus gemeinem Topf. + +Brave Maenner, gute Zahler wandeln auf dem untern Markt, + +In der Mitt’ am Graben aber die, die nichts als Schwindler sind. + +Dreiste Schwaetzer, boese Buben stehn zusammen am Bassin; + +Mit der frechen Zunge schimpfen sie um nichts die Leute aus + +Und doch liefern wahrlich selber gnug, das man ruegen mag. + +Unter den alten Buden sitzen, welche Geld auf Zinsen leihn; + +Unterm Kastortempel, denen rasch zu borgen schlecht bekommt; + +Auf der Tuskergasse sind die Leute, die sich bieten feil; + +Im Velabrum hat es Baecker, Fleischer, Opferpfaffen auch, + +Schuldner den Termin verlaengernd, Wuchrer verhelfend zum Ganttermin: + +Reiche wueste Ehemaenner bei Leucadia Oppia. + +Die eingeklammerten Verse sind ein spaeterer, erst nach Erbauung des +ersten roemischen Basars (570 184) eingelegter Zusatz. + +Mit dem Geschaeft des Baeckers (pistor, woertlich Mueller) war in +dieser Zeit Delikatessenverkauf und Kneipgelegenheit verbunden (Fest. +v. alicariae p. 7 Mueller; Plaut. Capt. 160; Poen. 1, 2, 54; Trin. +407). Dasselbe gilt von den Fleischern. Leucadia Oppia mag ein +schlechtes Haus gehalten haben. + +———————————————————————————- + +Schon verdarb nicht mehr bloss die hellenische Ansteckung die +roemischen Sitten, sondern umgekehrt fingen die Schueler an, die +Lehrmeister zu demoralisieren. Die Fechterspiele, die in Griechenland +unbekannt waren, fuehrte Koenig Antiochos Epiphanes (579-590 175-164), +der Roemeraffe von Profession, zuerst am syrischen Hofe ein, und obwohl +sie dem menschlicheren und kunstsinnigeren griechischen Publikum +anfangs mehr Abscheu als Freude erregten, so hielten sie sich doch dort +ebenfalls und kamen allmaehlich in weiteren Kreisen in Gebrauch. + +Selbstverstaendlich hatte diese Revolution in Leben und Sitte auch eine +oekonomische Revolution in ihrem Gefolge. Die Existenz in der +Hauptstadt ward immer begehrter wie immer kostspieliger. Die Mieten +stiegen zu unerhoerter Hoehe. Die neuen Luxusartikel wurden mit +Schwindelpreisen bezahlt; das Faesschen Sardellen aus dem Schwarzen +Meer mit 1600 Sesterzen (120 Taler) hoeher als ein Ackerknecht, ein +huebscher Knabe mit 24000 Sesterzen (1800 Taler) hoeher als mancher +Bauernhof. Geld also und nichts als Geld war die Losung fuer hoch und +niedrig. Schon lange tat in Griechenland niemand etwas umsonst, wie die +Griechen selber mit unloeblicher Naivitaet einraeumten; seit dem +Zweiten Makedonischen Krieg fingen die Roemer an, auch in dieser +Hinsicht zu hellenisieren. Die Respektabilitaet musste mit gesetzlichen +Notstuetzen versehen und zum Beispiel durch Volksschluss den +Sachwaltern untersagt werden, fuer ihre Dienste Geld zu nehmen; eine +schoene Ausnahme machten nur die Rechtsverstaendigen, die bei ihrer +ehrbaren Sitte, guten Rat umsonst zu geben, nicht durch +Buergerbeschluss festgehalten zu werden brauchten. Man stahl womoeglich +nicht geradezu; aber alle krummen Wege, zu schnellem Reichtum zu +gelangen, schienen erlaubt: Pluenderung und Bettel, Lieferantenbetrug +und Spekulantenschwindel, Zins- und Kornwucher, selbst die oekonomische +Ausnutzung rein sittlicher Verhaeltnisse wie der Freundschaft und der +Ehe. Vor allem die letztere wurde auf beiden Seiten Gegenstand der +Spekulation; Geldheiraten waren gewoehnlich und es zeigte sich noetig, +den Schenkungen, welche die Ehegatten sich untereinander machten, die +rechtliche Gueltigkeit abzuerkennen. Dass unter Verhaeltnissen dieser +Art Plaene zur Anzeige kamen, die Hauptstadt an allen Ecken +anzuzuenden, kann nicht befremden. Wenn der Mensch keinen Genuss mehr +in der Arbeit findet und bloss arbeitet, um so schnell wie moeglich zum +Genuss zu gelangen, so ist es nur ein Zufall, wenn er kein Verbrecher +wird. Alle Herrlichkeiten der Macht und des Reichtums hatte das +Schicksal ueber die Roemer mit voller Hand ausgeschuettet; aber +wahrlich, die Pandorabuechse war eine Gabe von zweifelhaftem Wert. + + + + +KAPITEL XIV. +Literatur und Kunst + + +Die roemische Literatur beruht auf ganz eigentuemlichen, in dieser Art +kaum bei einer anderen Nation wiederkehrenden Anregungen. Um sie +richtig zu wuerdigen, ist es notwendig, zuvoerderst den Volksunterricht +und die Volksbelustigungen dieser Zeit ins Auge zu fassen. + +Alle geistige Bildung geht aus von der Sprache; und es gilt dies vor +allem fuer Rom. In einer Gemeinde, wo die Rede und die Urkunde so viel +bedeutete, wo der Buerger in einem Alter, in welchem man nach heutigen +Begriffen noch Knabe ist, bereits ein Vermoegen zu unbeschraenkter +Verwaltung ueberkam und in den Fall kommen konnte, vor der versammelten +Gemeinde Standreden halten zu muessen, hat man nicht bloss auf den +freien und feinen Gebrauch der Muttersprache von jeher grossen Wert +gelegt, sondern auch frueh sich bemueht, denselben in den Knabenjahren +sich anzueignen. Auch die griechische Sprache war bereits in der +hannibalischen Zeit in Italien allgemein verbreitet. In den hoeheren +Kreisen war die Kunde der allgemein vermittelnden Sprache der alten +Zivilisation laengst haeufig gewesen und jetzt, bei dem durch die +veraenderte Weltstellung ungeheuer gesteigerten roemischen Verkehr mit +Auslaendern und im Auslande, dem Kaufmann wie dem Staatsmann wo nicht +notwendig, doch vermutlich schon sehr wesentlich. Durch die italische +Sklaven- und Freigelassenschaft aber, die zu einem sehr grossen Teil +aus geborenen Griechen oder Halbgriechen bestand, drang griechische +Sprache und griechisches Wissen bis zu einem gewissen Grade ein auch in +die unteren Schichten namentlich der hauptstaedtischen Bevoelkerung. +Aus den Lustspielen dieser Zeit kann man sich ueberzeugen, dass eben +der nicht vornehmen hauptstaedtischen Menge ein Latein mundgerecht war, +welches zum rechten Verstaendnis das Griechische so notwendig +voraussetzt wie Sternes Englisch und Wielands Deutsch das Franzoesische +^1. Die Maenner der senatorischen Familien aber redeten nicht bloss +griechisch vor einem griechischen Publikum, sondern machten auch diese +Reden bekannt - so Tiberius Gracchus (Konsul 577, 591 177,163) eine von +ihm auf Rhodos gehaltene - und schrieben in der hannibalischen Zeit +ihre Chroniken griechisch, von welcher Schriftstellerei spaeter noch zu +sprechen sein wird. Einzelne gingen noch weiter. Den Flamininus ehrten +die Griechen durch Huldigungen in roemischer Sprache; aber auch er +erwiderte das Kompliment: der “grosse Feldherr der Aeneiaden” brachte +den griechischen Goettern nach griechischer Sitte mit griechischen +Distichen seine Weihgeschenke dar ^2. Einem anderen Senator rueckte +Cato es vor, dass er bei griechischen Trinkgelagen griechische +Rezitative mit der gehoerigen Modulation vorzutragen sich nicht +geschaemt habe. + +————————————————————————————— + +^1 Ein bestimmter Kreis griechischer Ausdruecke, wie stratioticus, +machaera, nauclerus, trapezita, danista, drapeta, oenopolium, bolus, +malacus, morus, graphicus, logus, apologus, techna, schema, gehoert +durchaus zum Charakter der Plautinischen Sprache; Uebersetzungen werden +selten dazu gefuegt und nur bei Woertern, die ausserhalb des durch jene +Anfuehrungen bezeichneten Ideenkreises stehen, wie zum Beispiel es im +‘Wilden’ (1, 1, 60), freilich in einem vielleicht erst spaeter +eingefuegten Verse heisst: φρόνησις est sapientia [Edelmut ist +Weisheit]. Auch griechische Brocken sind gemein, zum Beispiel in der +‘Casina’ (3, 6, 9): + +πράγματά μοι παρέχεις - Dabo μέγα κακόν, ut opinor; + +ebenso griechische Wortspiele, zum Beispiel in ‘Die beiden Bacchis’ +(240): + +opus est chryso Chrysalo; + +wie denn auch Ennius die etymologische Bedeutung von Alexandros, +Andromache als den Zuschauern bekannt voraussetzt (Varro ling. 7, 82). +Am bezeichnendsten sind die halbgriechischen Bildungen wie ferritribax, +plagipatida, pugilice oder im ‘Bramarbas’ (213): + +euge! euscheme hercle astitit sic dulice et comoedice! + +Ei die Tenuere! Holla, seht mir den Farceur da, den Akteur! + +^2 Eines dieser im Namen des Flamininus gedichteten Epigramme lautet +also: Dioskuren, o hoert, ihr freudigen Tummler der Rosse! + +Knaben des Zeus, o hoert, Spartas tyndarische Herrn! + +Titus der Aeneiade verehrt euch die herrliche Gabe, + +Als Freiheit verliehn er dem hellenischen Stamm. + +————————————————————————————— + +Unter dem Einfluss dieser Verhaeltnisse entwickelte sich der roemische +Unterricht. Es ist ein Vorurteil, dass in der allgemeinen Verbreitung +der elementaren Kenntnisse das Altertum hinter unserer Zeit wesentlich +zurueckgestanden habe. Auch unter den niederen Klassen und den Sklaven +wurde viel gelesen, geschrieben und gerechnet; bei dem +Wirtschaftersklaven zum Beispiel setzt Cato nach Magos Vorgang die +Faehigkeit zu lesen und zu schreiben voraus. Der Elementarunterricht +sowie der Unterricht im Griechischen muessen lange vor dieser Zeit in +sehr ausgedehntem Umfang in Rom erteilt worden sein. Dieser Epoche aber +gehoeren die Anfaenge eines Unterrichts an, der statt einer bloss +aeusserlichen Abrichtung eine wirkliche Geistesbildung bezweckt. Bisher +hatte in Rom die Kenntnis des Griechischen im buergerlichen und +geselligen Leben so wenig einen Vorzug gegeben, wie etwa heutzutage in +einem Dorfe der deutschen Schweiz die Kenntnis des Franzoesischen ihn +gibt; und die aeltesten Schreiber griechischer Chroniken mochten unter +den uebrigen Senatoren stehen wie in den holsteinischen Marschen der +Bauer, welcher studiert hat und des Abends, wenn er vom Pfluge nach +Hause kommt, den Virgilius vom Schranke nimmt. Wer mit seinem +Griechisch mehr vorstellen wollte, galt als schlechter Patriot und als +Geck; und gewiss konnte noch in Catos Zeit auch wer schlecht oder gar +nicht griechisch sprach, ein vornehmer Mann sein und Senator oder +Konsul werden. Aber es ward doch schon anders. Der innerliche +Zersetzungsprozess der italischen Nationalitaet war bereits, namentlich +in der Aristokratie, weit genug gediehen, um das Surrogat der +Nationalitaet, die allgemein humane Bildung, auch fuer Italien +unvermeidlich zu machen; und auch der Drang nach einer gesteigerten +Zivilisation regte bereits sich maechtig. Diesem kam der griechische +Sprachunterricht gleichsam von selber entgegen. Von jeher ward dabei +die klassische Literatur, namentlich die ‘Ilias’ und mehr noch die +‘Odyssee’ zu Grunde gelegt; die ueberschwenglichen Schaetze +hellenischer Kunst und Wissenschaft lagen damit bereits ausgebreitet +vor den Augen der Italiker da. Ohne eigentlich aeusserliche Umwandlung +des Unterrichts ergab es sich von selbst, dass aus dem empirischen +Sprach- ein hoeherer Literaturunterricht wurde, dass die an die +Literatur sich knuepfende allgemeine Bildung den Schuelern in +gesteigertem Mass ueberliefert, dass die erlangte Kunde von diesen +benutzt ward, um einzudringen in die den Geist der Zeit beherrschende +griechische Literatur, die Euripideischen Tragoedien und die Lustspiele +Menanders. + +In aehnlicher Weise gewann auch der lateinische Unterricht ein +groesseres Schwergewicht. Man fing an, in der hoeheren Gesellschaft +Roms das Beduerfnis zu empfinden, die Muttersprache wo nicht mit der +griechischen zu vertauschen, doch wenigstens zu veredeln und dem +veraenderten Kulturstand anzuschmiegen; und auch hierfuer sah man in +jeder Beziehung sich angewiesen auf die Griechen. Die oekonomische +Gliederung der roemischen Wirtschaft legte, wie jedes andere geringe +und um Lohn geleistete Geschaeft, so auch den Elementarunterricht in +der Muttersprache vorwiegend in die Haende von Sklaven, Freigelassenen +oder Fremden, das heisst vorwiegend von Griechen oder Halbgriechen ^3; +es hatte dies um so weniger Schwierigkeit, als das lateinische Alphabet +dem griechischen fast gleich, die beiden Sprachen nahe und auffaellig +verwandt waren. Aber dies war das wenigste; weit tiefer griff die +formelle Bedeutung des griechischen Unterrichts in den lateinischen +ein. Wer da weiss, wie unsaeglich schwer es ist, fuer die hoehere +geistige Bildung der Jugend geeignete Stoffe und geeignete Formen zu +finden und wie noch viel schwieriger man von den einmal gefundenen +Stoffen und Formen sich losmacht, wird es begreifen, dass man dem +Beduerfnis eines gesteigerten lateinischen Unterrichts nicht anders zu +genuegen wusste, als indem man diejenige Loesung dieses Problems, +welche der griechische Sprach- und Literaturunterricht darstellte, auf +den Unterricht im Lateinischen einfach uebertrug - geht doch heutzutage +in der Uebertragung der Unterrichtsmethode von den toten auf die +lebenden Sprachen ein ganz aehnlicher Prozess unter unseren Augen vor. + +——————————————————————- + +^3 Ein solcher war zum Beispiel der Sklave des aelteren Cato, Chilon, +der als Kinderlehrer fuer seinen Herrn Geld erwarb (Plut. Cato mai. +20). + +——————————————————————- + +Aber leider fehlte es zu einer solchen Uebertragung eben am Besten. +Lateinisch lesen und schreiben konnte man freilich an den Zwoelf Tafeln +lernen; aber eine lateinische Bildung setzte eine Literatur voraus und +eine solche war in Rom nicht vorhanden. + +Hierzu kam ein Zweites. Die Ausdehnung der roemischen Volkslustbarkeit +ist frueher dargestellt worden. Laengst spielte bei denselben die +Buehne eine bedeutende Rolle; die Wagenrennen waren wohl bei allen die +eigentliche Hauptbelustigung, fanden aber doch durchgaengig nur einmal, +am Schlusstage statt, waehrend die ersten Tage wesentlich dem +Buehnenspiel anheimfielen. Allein lange Zeit bestanden diese +Buehnenvorstellungen hauptsaechlich in Taenzen und Gaukelspiel; die +improvisierten Lieder, die bei denselben auch vorgetragen wurden, waren +ohne Dialog und ohne Handlung. Jetzt erst sah man fuer sie sich nach +einem wirklichen Schauspiel um. Die roemischen Volksfestlichkeiten +standen durchaus unter der Herrschaft der Griechen, die ihr Talent des +Zeitvertreibs und Tageverderbes von selber den Roemern zu +Plaesiermeistern bestellte. Keine Volksbelustigung aber war in +Griechenland beliebter und keine mannigfaltiger als das Theater; +dasselbe musste bald die Blicke der roemischen Festgeber und ihres +Hilfspersonals auf sich ziehen. Wohl lag nun in dem aelteren roemischen +Buehnenlied ein dramatischer, der Entwicklung vielleicht faehiger Keim; +allein daraus das Drama herauszubilden, forderte vom Dichter wie vom +Publikum eine Genialitaet im Geben und Empfangen, wie sie bei den +Roemern ueberhaupt nicht und am wenigsten in dieser Zeit zu finden war; +und waere sie zu finden gewesen, so wuerde die Hastigkeit der mit dem +Amuesement der Menge betrauten Leute schwerlich der edlen Frucht Ruhe +und Weile zur Zeitigung gegoennt haben. Auch hier war ein aeusserliches +Beduerfnis vorhanden, dem die Nation nicht zu genuegen vermochte; man +wuenschte sich ein Theater und es mangelten die Stuecke. + +Auf diesen Elementen beruht die roemische Literatur; und ihre +Mangelhaftigkeit war damit von vornherein und notwendig gegeben. Alle +wirkliche Kunst beruht auf der individuellen Freiheit und dem +froehlichen Lebensgenuss, und die Keime zu einer solchen hatten in +Italien nicht gefehlt; allein indem die roemische Entwicklung die +Freiheit und Froehlichkeit durch das Gemeingefuehl und das +Pflichtbewusstsein ersetzte, ward die Kunst von ihr erdrueckt und +musste statt sich zu entwickelt. verkuemmern. Der Hoehepunkt der +roemischen Entwicklung ist die literaturlose Zeit. Erst als die +roemische Nationalitaet sich aufzuloesen und die +hellenisch-kosmopolitischen Tendenzen sich geltend zu machen anfingen, +stellte im Gefolge derselben die Literatur in Rom sich ein; und darum +steht sie von Haus aus und mit zwingender innerlicher Noetigung auf +griechischem Boden und in schroffem Gegensatz gegen den spezifisch +roemischen Nationalsinn. Vor allem die roemische Poesie ging. zunaechst +gar nicht aus dem innerlichen Dichtertriebe hervor, sondern aus den +aeusserlichen Anforderungen der Schule, welche lateinische Lehrbuecher, +und der Buehne, die lateinische Schauspiele brauchte. Beide +Institutionen aber, die Schule wie die Buehne, waren durch und durch +antiroemisch und revolutionaer. Der gaffende Theatermuessiggang war dem +Philisterernst wie dem Taetigkeitssinn der Roemer alten Schlags ein +Greuel; und wenn es der tiefste und grossartigste Gedanke in dem +roemischen Gemeinwesen war, dass es innerhalb der roemischen +Buergerschaft keinen Herrn und keinen Knecht, keinen Millionaer und +keinen Bettler geben, vor allem aber der gleiche Glaube und die gleiche +Bildung alle Roemer umfassen sollte, so war die Schule und die +notwendig exklusive Schulbildung noch bei weitem gefaehrlicher, ja fuer +das Gleichheitsgefuehl geradezu zerstoerend. Schule und Theater wurden +die wirksamsten Hebel des neuen Geistes der Zeit und nur um so mehr, +weil sie lateinisch redeten. Man konnte vielleicht griechisch sprechen +und schreiben, ohne darum aufzuhoeren, ein Roemer zu sein; hier aber +gewoehnte man sich, mit roemischen Worten zu reden, waehrend das ganze +innere Sein und Leben griechisch ward. Es ist nicht eine der +erfreulichsten Tatsachen in diesem glaenzenden Saeculum des roemischen +Konservativismus, aber wohl eine der merkwuerdigsten und geschichtlich +belehrendsten, wie waehrend desselben in dem gesamten nicht unmittelbar +politischen geistigen Gebiet der Hellenismus Wurzel geschlagen und wie +der Maître de Plaisir des grossen Publikums und der Kinderlehrer im +engen Bunde miteinander eine roemische Literatur erschaffen haben. + +Gleich in dem aeltesten roemischen Schriftsteller erscheint die +spaetere Entwicklung gleichsam in der Nuss. Der Grieche Andronikos (vor +482 bis nach 547 272-207), spaeter als roemischer Buerger Lucius ^4 +Livius Andronicus genannt, kam in fruehem Alter im Jahre 482 (272) +unter den anderen tarentinischen Gefangenen nach Rom in den Besitz des +Siegers von Sena, Marcus Livius Salinator (Konsul 535, 547 219, 207). +Sein Sklavengewerbe war teils die Schauspielerei und Textschreiberei, +teils der Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, +welchen er sowohl den Kindern seines Herrn als auch anderen Knaben +vermoegender Maenner in und ausser dem Hause erteilte; er zeichnete +sich dabei so aus, dass sein Herr ihn freigab, und selbst die Behoerde, +die sich seiner nicht selten bedient, zum Beispiel nach der +gluecklichen Wendung des Hannibalischen Krieges 547 (207) ihm die +Verfertigung des Dankliedes uebertragen hatte, aus Ruecksicht fuer ihn +der Poeten- und Schauspielerzunft einen Platz fuer ihren gemeinsamen +Gottesdienst im Minervatempel auf dem Aventin einraeumte. Seine +Schriftstellerei ging hervor aus seinem zwiefachen Gewerbe. Als +Schulmeister uebersetzte er die Odyssee ins Lateinische, um den +lateinischen Text ebenso bei seinem lateinischen wie den griechischen +bei seinem griechischen Unterricht zu Grunde zu legen; und es hat +dieses aelteste roemische Schulbuch seinen Platz im Unterricht durch +Jahrhunderte behauptet. Als Schauspieler schrieb er nicht bloss wie +jeder andere sich die Texte selbst, sondern er machte sie auch als +Buecher bekannt, das heisst, er las sie oeffentlich vor und verbreitete +sie durch Abschriften. Was aber noch wichtiger war, er setzte an die +Stelle des alten wesentlich lyrischen Buehnengedichts das griechische +Drama. Es war im Jahre 514 (240), ein Jahr nach dem Ende des Ersten +Punischen Krieges, dass das erste Schauspiel auf der roemischen Buehne +aufgefuehrt ward. Diese Schoepfung eines Epos, einer Tragoedie, einer +Komoedie in roemischer Sprache und von einem Mann, der mehr Roemer als +Grieche war, war geschichtlich ein Ereignis; von einem kuenstlerischen +Wert der Arbeiten kann nicht die Rede sein. Sie verzichten auf jeden +Anspruch an Originalitaet; als Uebersetzungen aber betrachtet, sind sie +von einer Barbarei, die nur um so empfindlicher ist, als diese Poesie +nicht naiv ihre eigene Einfalt vortraegt, sondern die hohe Kunstbildung +des Nachbarvolkes schulmeisterhaft nachstammelt. Die starken +Abweichungen vom Original sind nicht aus der Freiheit, sondern aus der +Roheit der Nachdichtung hervorgegangen; die Behandlung ist bald platt, +bald schwuelstig, die Sprache hart und verzwickt ^5. Man glaubt es ohne +Muehe, was die alten Kunstrichter versichern, dass, von den +Zwangslesern in der Schule abgesehen, keiner die Livischen Gedichte zum +zweiten Male in die Hand nahm. Dennoch wurden diese Arbeiten in +mehrfacher Hinsicht massgebend fuer die Folgezeit. Sie eroeffneten die +roemische Uebersetzungsliteratur und buergerten die griechischen +Versmasse in Latium ein. Wenn dies nur hinsichtlich der Dramen geschah +und die Livische ‘Odyssee’ vielmehr in dem nationalen saturnischen +Masse geschrieben ward, so war der Grund offenbar, dass die Jamben und +Trochaeen der Tragoedie und Komoedie weit leichter sich im Lateinischen +nachbilden liessen als die epischen Daktylen. + +———————————————————————————— + +^4 Die spaetere Regel, dass der Freigelassene notwendig den Vornamen +des Patrons fuehrt, gilt fuer das republikanische Rom noch nicht. + +^5 In einem der Trauerspiele des Livius hiess es: + +quem ego néfrendem álui lácteam immulgéns opem. + +Milchfuell’ ein Zahnlosem melkend ihm aufnaehrt’ ich ihn. + +Die Homerischen Verse (Od. 12, 16) + +Ούδ' άρα Κίρκην + +εξ Αίδεω ελθόντες ελήθομεν, αλλά μάλ' 'ωκα + +ηλθ' εντυναμένη. άμα δ΄ αμφίπολοι φέρον αυτή + +σίτον καί κρέα πολλά καί αίθοπα οίνον ερυθρον. + +aber verborgen + +Kehrten der Kirke wir nicht vom Hades, sondern gar hurtig + +Kam sie gewaertig herbei; es trugen die dienenden Jungfraun + +Brot ihr und Fleisch in Fuell’ und den tiefrot funkelnden Wein her. + +werden also verdolmetscht: + +tópper cíti ad aédis - vénimús Círcae: + +simúl dúona córam (?) - pórtant ád návis. + +mília ália in ísdem - ínserínúntur. + +In Eil’ geschwinde kaemmen - wir zu Kirkes Hause. + +Zugleich vor uns die Gueter - bringt man zu den Schiffen + +Auch wurden aufgeladen - tausend andere Dinge. + +Am merkwuerdigsten ist nicht so sehr die Barbarei als die +Gedankenlosigkeit des Uebersetzers, der statt Kirke zum Odysseus +vielmehr den Odysseus zur Kirke schickt. Ein zweites, noch +laecherlicheres Quiproquo ist die Uebersetzung von αιδοίοιςιν έδωκα +(Od. 15, 373) durch lusi (Fest. v. affatim p. 11). Dergleichen ist auch +geschichtlich nicht gleichgueltig; man erkennt darin die Stufe der +Geistesbildung, auf der diese aeltesten roemischen versezimmernden +Schulmeister standen; und nebenbei auch, dass dem Andronikos, wenn er +gleich in Tarent geboren war, doch das Griechische nicht eigentlich +Muttersprache gewesen sein kann. + +——————————————————————— + +Indes diese Vorstufe der literarischen Entwicklung ward bald +ueberschritten. Die Livischen Epen und Dramen galten den Spaeteren, und +ohne Zweifel mit gutem Recht, gleich den daedalischen Statuen von +bewegungs- und ausdrucksloser Starrheit mehr als Kuriositaeten denn als +Kunstwerke. In der folgenden Generation aber baute auf den einmal +festgestellten Grundlagen eine lyrische, epische und dramatische Kunst +sich auf; und auch geschichtlich ist es von hoher Wichtigkeit, dieser +poetischen Entwicklung zu folgen. + +Sowohl dem Umfang der Produktion nach wie in der Wirkung auf das +Publikum stand an der Spitze der poetischen Entwicklung das Drama. Ein +stehendes Theater mit festem Eintrittsgeld gab es im Altertum nicht; in +Griechenland wie in Rom trat das Schauspiel nur als Bestandteil der +jaehrlich wiederkehrenden oder auch ausserordentlichen buergerlichen +Lustbarkeiten auf. Zu den Massregeln, wodurch die Regierung der mit +Recht besorglich erscheinenden Ausdehnung der Volksfeste entgegenwirkte +oder entgegenzuwirken sich einbildete, gehoerte es mit, dass sie die +Errichtung eines steinernen Theatergebaeudes nicht zugab ^6. Statt +dessen wurde fuer jedes Fest ein Brettergeruest mit einer Buehne fuer +die Akteure (proscaenium, pulpitum) und einem dekorierten Hintergrund +(scaena) aufgeschlagen und im Halbzirkel vor derselben der +Zuschauerplatz (cavea) abgesteckt, welcher ohne Stufen und Sitze bloss +abgeschraegt ward, so dass die Zuschauer, soweit sie nicht Sessel sich +mitbringen liessen, kauerten, lagen oder standen ^7. Die Frauen moegen +frueh abgesondert und auf die obersten und schlechtesten Plaetze +beschraenkt worden sein; sonst waren gesetzlich die Plaetze nicht +geschieden, bis man seit dem Jahre 560 (194), wie schon gesagt ward, +den Senatoren die untersten und besten Plaetze reservierte. + +——————————————————————- + +^6 Zwar wurde schon 575 (179) ein solches fuer die Apollinarischen +Spiele am Flaminischen Rennplatz erbaut (Liv. 40, 51; W. A. Becker, +Topographie der Stadt Rom, S. 605), aber wahrscheinlich bald darauf +wieder niedergerissen. + +^7 Noch 599 (155) gab es Sitzplaetze im Theater nicht (F. W. Ritschl, +Parerga zu Plautus und Terentius. Bd. 1. Leipzig 1845, S. XVII, XX, +214; vgl. O. Ribbeck, Die roemische Tragoedie im Zeitalter der +Republik. Leipzig 1875, S. 285); wenn dennoch nicht bloss die Verfasser +der plautinischen Prologe, sondern schon Plautus selbst mehrfach auf +ein sitzendes Publikum hindeutet (Mil. 82; 83; Aul. 4, 9, 6; Truc. a. +E.; Epid. a. E.), so muessen wohl die meisten Zuschauer sich Stuehle +mitgebracht oder sich auf den Boden gesetzt haben. + +——————————————————————- + +Das Publikum war nichts weniger als vornehm. Allerdings zogen die +besseren Staende sich nicht von den allgemeinen Volkslustbarkeiten +zurueck; die Vaeter der Stadt scheinen sogar anstandshalber +verpflichtet gewesen zu sein, sich bei denselben zu zeigen. Aber wie es +im Wesen eines Buergerfestes liegt, wurden zwar Sklaven und wohl auch +Auslaender ausgeschlossen, aber jedem Buerger mit Frau und Kindern der +Zutritt unentgeltlich verstattet ^8, und es kann darum die +Zuschauerschaft nicht viel anders gewesen sein, als wie man sie +heutzutage bei oeffentlichen Feuerwerken und Gratisvorstellungen sieht. +Natuerlich ging es denn auch nicht allzu ordentlich her: Kinder +schrien, Frauen schwatzten und kreischten, hier und da machte eine +Dirne Anstalt, sich auf die Buehne zu draengen; die Gerichtsdiener +hatten an diesen Festtagen nichts weniger als Feiertag und Gelegenheit +genug hier einen Mantel abzupfaenden und da mit der Rute zu wirken. + +——————————————————————— + +^8 Frauen und Kinder scheinen zu allen Zeiten im roemischen Theater +zugelassen worden zu sein (Val. Man.. 6, 3, 12; Plut. Quaest. conv. 14; +Cic. har. resp. 12, 24; Vitr. 5, 3, 1; Suet. Aug. 44 usw.); aber +Sklaven waren von Rechts wegen ausgeschlossen (Cic, har. resp. 12, 26; +Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. XIX, 223) und dasselbe muss wohl von den +Fremden gelten, abgesehen natuerlich von den Gaesten der Gemeinde, die +unter oder neben den Senatoren Platz nahmen (Varro 5, 155; Tust. 43, 5, +10; Suet. Aug. 44). + +——————————————————————— + +Durch die Einfuehrung des griechischen Dramas steigerten sich wohl die +Anforderungen an das Buehnenpersonal und es scheint an faehigen Leuten +kein Oberfluss gewesen zu sein - ein Stueck des Naevius musste einmal +in Ermangelung von Schauspielern durch Dilettanten aufgefuehrt werden. +Allein. in der Stellung des Kuenstlers aenderte sich dadurch nichts; +der Poet oder, wie er in dieser Zeit genannt ward, der “Schreiber”, der +Schauspieler und der Komponist gehoerten nach wie vor nicht bloss zu +der an sich gering geachteten Klasse der Lohnarbeiter, sondern wurden +auch vor wie nach in der oeffentlichen Meinung auf die markierteste +Weise zurueckgesetzt und polizeilich misshandelt (l, 475). Natuerlich +hielten sich alle reputierlichen Leute von diesem Gewerbe fern - der +Direktor der Truppe (dominus gregis, factionis, auch choragus), in der +Regel zugleich der Hauptschauspieler, war meist ein Freigelassener, +ihre Glieder in der Regel seine Sklaven; die Komponisten, die uns +genannt werden, sind saemtlich Unfreie. Der Lohn war nicht bloss gering +- ein Buehnendichterhonorar von 8000 Sesterzen (600 Taler) wird kurz +nach dem Ende dieser Periode als ein ungewoehnlich hohes bezeichnet -, +sondern ward ueberdies von den festgebenden Beamten nur gezahlt, wenn +das Stueck nicht durchfiel. Mit der Bezahlung war alles abgetan: von +Dichterkonkurrenz und Ehrenpreisen, wie sie in Attika vorkamen, war in +Rom noch nicht die Rede - man scheint daselbst in dieser Zeit, wie bei +uns, nur geklatscht oder ausgepfiffen, auch an jedem Tage nur ein +einziges Stueck zur Auffuehrung gebracht zu haben ^9. Unter solchen +Verhaeltnissen, wo die Kunst um Tagelohn ging und es statt der +Kuenstlerehre nur eine Kuenstlerschande gab, konnte das neue roemische +Nationaltheater weder originell noch ueberhaupt nur kuenstlerisch sich +entwickeln; und wenn der edle Wetteifer der edelsten Athener die +attische Buehne ins Leben gerufen hatte, so konnte die roemische, im +ganzen genommen, nichts werden als eine Sudelkopie davon, bei der man +nur sich wundert, dass sie im einzelnen noch so viel Anmut und Witz zu +entfalten vermocht hat. + +——————————————————————— + +^9 Aus den plautinischen Prologen (Cas. 17; Amph. 65) darf auf eine +Preisverteilung nicht geschlossen werden (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. +229); aber auch Trin. 706 kann sehr wohl dem griechischen Original, +nicht dem Uebersetzer angehoeren, und das voellige Stillschweigen der +Didaskalien und Prologe sowie der gesamten Ueberlieferung ueber +Preisgerichte und Preise ist entscheidend. + +Dass an jedem Tage nur ein Stueck gegeben wird, folgt daraus, dass die +Zuschauer am Beginn des Stuecks von Hause kommen (Poen. 10) und nach +dem Ende nach Hause gehen (Epid. Pseud. Rud. Stich. Truc. a. E.). Man +kam, wie dieselben Stellen zeigen, nach dem zweiten Fruehstueck ins +Theater und war zur Mittagszeit wieder zu Hause; es waehrte das +Schauspiel also nach unserer Rechnung etwa von Mittag bis halb drei +Uhr, und so lange mag ein Plautinisches Stueck mit der Musik in den +Zwischenakten auch ungefaehr spielen (vgl. Hor. epist. 2, 1. 1891. Wenn +Tacitus (arm. 14 20) die Zuschauer “ganze Tage” im Theater zubringen +laesst, so sind dies Zustaende einer spaeteren Zeit. + +——————————————————————— + +In der Buehnenwelt ward das Trauerspiel bei weitem durch die Komoedie +ueberwogen; die Stirnen der Zuschauer runzelten sich, wenn statt des +gehofften Lustspiels ein Trauerspiel begann. So ist es gekommen, dass +diese Zeit wohl eigene Komoediendichter, wie Plautus und Caecilius, +aufweist, eigene Tragoediendichter aber nicht begegnen, und dass unter +den dem Namen nach uns bekannten Dramen dieser Epoche auf ein +Trauerspiel drei Lustspiele kommen. Natuerlich griffen die roemischen +I.ustspieldichter oder vielmehr Uebersetzer zunaechst nach den +Stuecken, welche die hellenische Schaubuehne der Zeit beherrschten; und +damit fanden sie sich ausschliesslich ^10 gebannt in den Kreis der +neueren attischen Komoedie und zunaechst ihrer namhaftesten Dichter +Philemon von Soioi in Kilikien (394? - 492 360 - 262) und Menandros von +Athen (412-462 342-292). Dieses Lustspiel ist nicht bloss fuer die +roemische Literatur-, sondern selbst fuer die ganze Volksentwicklung so +wichtig geworden, dass auch die Geschichte Ursache hat, dabei zu +verweilen. + +————————————————————— + +^10 Die sparsame Benutzung der sogenannten mittleren Komoedie der +Attiker kommt geschichtlich nicht in Betracht, da diese nichts war als +das minder entwickelte menandrische Lustspiel. Vor. einer Benutzung der +aelteren Komoedie mangelt jede Spur. Die roemische Hilarotragoedie, die +Gattung des Plautinischen Amphitryon, heisst zwar den roemischen +Literarhistorikern die Rhinthonische; aber auch die neueren Attiker +dichteten dergleichen Parodien und es ist nicht abzusehen, warum die +Roemer fuer ihre Uebersetzungen, statt auf diese naechstliegenden +Dichter, vielmehr auf Rinthon und die aelteren zurueckgegriffen haben +sollten. + +————————————————————— + +Die Stuecke sind von ermuedender Einfoermigkeit. Fast ohne Ausnahme +drehen sie sich darum, einem jungen Menschen auf Kosten entweder seines +Vaters oder auch des Bordellhalters zum Besitze eines Liebchens von +unzweifelhafter Anmut und sehr zweifelhafter Sittlichkeit zu verhelfen. +Der Weg zum Liebesglueck geht regelmaessig durch irgendeine +Geldprellerei, und der verschmitzte Bediente, der die benoetigte Summe +und die erforderliche Schwindelei liefert, waehrend der Liebhaber ueber +seine Liebes- und Geldnot jammert, ist das eigentliche Triebrad des +Stueckes. Es ist kein Mangel an obligaten Betrachtungen ueber Freude +und Leid der Liebe, an traenenreichen Abschiedsszenen, an Liebhabern, +die vor Herzenspein sich ein Leides anzutun drohen; die Liebe oder +vielmehr die Verliebtheit war, wie die alten Kunstrichter sagen, der +eigentliche Lebenshauch der Menandrischen Poesie. Den Schluss macht die +wenigstens bei Menander unvermeidliche Hochzeit; wobei noch zu mehrerer +Erbauung und Befriedigung der Zuschauer die Tugend des Maedchens sich +herauszustellen pflegt als wenn nicht ganz, doch so gut wie +unbeschaedigt und das Maedchen selbst als die abhanden gekommene +Tochter eines reichen Mannes, demnach als eine in jeder Hinsicht gute +Partie. Neben diesen liebes- finden sich auch Ruehrstuecke; wie denn +zum Beispiel unter den Plautinischen Komoedien der ‘Strick’ sich um +Schiffbruch und Asylrecht bewegt, das ‘Dreitalerstueck’ und ‘Die +Gefangenen’ gar keine Maedchenintrige enthalten, sondern die +edelmuetige Aufopferung des Freundes fuer den Freund, des Sklaven fuer +den Herrn schildern. Personen und Situationen wiederholen sich dabei +wie auf einer Tapete bis ins einzelne herab, wie man denn gar nicht +herauskommt aus den Apartes ungesehener Horcher, aus dem Anpochen an +die Haustueren, aus den mit irgendeinem Gewerbe durch die Strassen +fegenden Sklaven; die stehenden Masken, deren es eine gewisse feste +Zahl, zum Beispiel acht Greisen-, sieben Bedientenmasken gab, aus +denen, in der Regel wenigstens, der Dichter nur auszuwaehlen hatte, +beguenstigten weiter die schablonenartige Behandlung. Eine solche +Komoedie musste wohl das lyrische Element in der aelteren, den Chor, +wegwerfen und sich von Haus aus auf Gespraech und hoechstens Rezitation +beschraenken - mangelte ihr doch nicht bloss das politische Element, +sondern ueberhaupt jede wahre Leidenschaft und jede poetische Hebung. +Auf eine grossartige und eigentlich poetische Wirkung legten es die +Stuecke auch verstaendigerweise gar nicht an; ihr Reiz bestand +zunaechst in der Verstandesbeschaeftigung durch den Stoff sowohl, wobei +die neuere Komoedie sich von der aelteren ebenso sehr durch die +groessere innerliche Leere wie durch die groessere aeusserliche +Verschlungenheit der Fabel unterschied, als besonders durch die +Ausfuehrung im Detail, wobei namentlich die fein zugespitzte +Konversation der Triumph des Dichters und das Entzuecken des Publikums +war. Verwirrungen und Verwechslungen, womit sich ein Hinuebergreifen in +den tollen, oft zuegellosen Schwank sehr gut vertraegt - wie denn zum +Beispiel die Casina mit dem Abzug der beiden Braeutigame und des als +Braut aufgeputzten Soldaten echt falstaffisch schliesst -, Scherze, +Schnurren und Raetsel, welche ja auch an der attischen Tafel dieser +Zeit in Ermangelung eines wirklichen Gespraechs die stehenden +Unterhaltungstoffe hergaben, fuellen zum guten Teil diese Komoedien +aus. Die Dichter derselben schrieben nicht wie Eupolis und Aristophanes +fuer eine grosse Nation, sondern vielmehr fuer eine gebildete und, wie +andere geistreiche und in tatenloser Geistreichigkeit verkommende +Zirkel, in Rebusraten und Scharadenspiel aufgehende Gesellschaft. Sie +geben darum auch kein Bild ihrer Zeit - von der grossen geschichtlichen +und geistigen Bewegung derselben ist in diesen Komoedien nichts zu +spueren, und man muss erst daran erinnert werden, dass Philemon und +Menander wirklich Zeitgenossen von Alexander und Aristoteles gewesen +sind -, aber wohl ein ebenso elegantes wie treues Bild der gebildeten +attischen Gesellschaft, aus deren Kreisen die Komoedie auch niemals +heraustritt. Noch in dem getruebten lateinischen Abbild, aus dem wir +sie hauptsaechlich kennen, ist die Anmut des Originals nicht voellig +verwischt und namentlich in den Stuecken, die dem talentvollsten unter +diesen Dichtern, dem Menander, nachgebildet sind, das Leben, das der +Dichter leben sah und selber lebte, nicht so sehr in seinen Verirrungen +und Verzerrungen, als in seiner liebenswuerdigen Alltaeglichkeit artig +widergespiegelt. Die freundlichen haeuslichen Verhaeltnisse zwischen +Vater und Tochter, Mann und Frau, Herrn und Diener, mit ihren +Liebschaften und sonstigen kleinen Krisen sind so allgemeingueltig +abkonterfeit, dass sie noch heute ihre Wirkung nicht verfehlen; der +Bedientenschmaus zum Beispiel, womit der ‘Stichus’ schliesst, ist in +der Beschraenktheit seiner Verhaeltnisse und der Eintracht der beiden +Liebhaber und des einen Schaetzchens in seiner Art von +unuebertrefflicher Zierlichkeit. Von grosser Wirkung sind die eleganten +Grisetten, die gesalbt und geschmueckt, mit modischem Haarputz und im +bunten goldgestickten Schleppgewande erscheinen oder besser noch auf +der Buehne Toilette machen. In ihrem Gefolge stellen die +Gelegenheitsmacherinnen sich ein, bald von der gemeinsten Sorte, wie +deren eine im ‘Curculio’ auftritt, bald Duennen gleich Goethes alter +Barbara, wie die Scapha in der Wunderkomoedie; auch an hilfreichen +Bruedern und Kumpanen ist kein Mangel. Sehr reichlich und mannigfaltig +besetzt sind die alten Rollen; es erscheinen umeinander der strenge und +geizige, der zaertliche und weichmuetige, der nachsichtige +gelegenheitsmachende Papa, der verliebte Greis, der alte bequeme +Junggesell, die eifersuechtige bejahrte Hausehre mit ihrer alten, gegen +den Herrn mit der Frau haltenden Magd; wogegen die Juenglingsrollen +zuruecktreten und weder der erste Liebhaber noch der hie und da +begegnende tugendhafte Mustersohn viel bedeuten wollen. Die +Bedientenwelt: der verschmitzte Kammerdiener, der strenge Hausmeister, +der alte wackere Erzieher, der knoblauchduftende Ackerknecht, das +impertinente Juengelchen - leitet schon hinueber zu den sehr +zahlreichen Gewerberollen. Eine stehende Figur darunter ist der +Spassmacher (parasitus), welcher fuer die Erlaubnis, an der Tafel des +Reichen mitzuschmausen, die Gaeste mit Schnurren und Scharaden zu +belustigen, auch nach Umstaenden sich die Scherben an den Kopf werfen +zu lassen hat - es war dies damals in Athen ein foermliches Gewerbe, +und sicher ist es auch keine poetische Fiktion, wenn ein solcher +Schmarotzer auftritt, aus seinen Witz- und Anekdotenbuechern sich +eigens praeparierend. Beliebte Rollen sind ferner der Koch, der nicht +bloss mit unerhoerten Saucen zu renommieren versteht, sondern auch wie +ein gelernter Dieb zu stipitzen; der freche, zu jedem Laster sich mit +Vergnuegen bekennende Bordellwirt, wovon der Ballio im ‘Luegenbold’ ein +Musterexemplar ist; der militaerische Bramarbas, in dem die +Landsknechtwirtschaft der Diadochenzeit sehr bestimmt anklingt; der +gewerbsmaessige Industrieritter oder der Sykophant, der schuftige +Wechsler, der feierlich alberne Arzt, der Priester, Schiffer, Fischer +und dergleichen mehr. Dazu kommen endlich die eigentlichen +Charakterrollen, wie der Aberglaeubige Menanders, der Geizige in der +Plautinischen Topfkomoedie. Die nationalhellenische Poesie hat auch in +dieser ihrer letzten Schoepfung ihre unverwuestliche plastische Kraft +noch bewaehrt; aber die Seelenmalerei ist hier doch schon mehr +aeusserlich kopiert als innerlich nachempfunden und um so mehr, je mehr +die Aufgabe sich den wahrhaft poetischen naehert - es ist bezeichnend, +dass in den eben angefuehrten Charakterrollen die psychologische +Wahrheit grossenteils durch die abstrakte Begriffsentwicklung vertreten +wird, der Geizige hier die Nagelschnitze sammelt und die vergossene +Traene als verschwendetes Wasser beklagt. Indes dieser Mangel an tiefer +Charakteristik und ueberhaupt die ganze poetische und sittliche +Hohlheit dieser neueren Komoedie faellt weniger den Lustspieldichtern +zur Last als der gesamten Nation. Das spezifische Griechentum war im +Verscheiden; Vaterland, Volksglaube, Haeuslichkeit, alles edle Tun und +Sinnen war gewichen, Poesie, Historie und Philosophie innerlich +erschoepft und dem Athener nichts uebrig geblieben, als die Schule, der +Fischmarkt und das Bordell - es ist kein Wunder und kaum ein Tadel, +wenn die Poesie, die die menschliche Existenz zu verklaeren bestimmt +ist, aus einem solchen Leben nichts weiter machen konnte, als was das +Menandrische Lustspiel uns darstellt. Sehr merkwuerdig ist dabei, wie +die Poesie dieser Zeit, wo immer sie dem zerruetteten attischen Leben +einigermassen den Ruecken zu wenden vermochte, ohne doch in. +schulmaessige Nachdichtung zu verfallen, sofort sich am Ideal staerkt +und erfrischt. In dem einzigen Ueberrest des parodisch-heroischen +Lustspiels dieser Zeit, in Plautus’ ‘Amphitryon’ weht durchaus eine +reinere und poetischere Luft als in allen uebrigen Truemmern der +gleichzeitigen Schaubuehne; die gutmuetigen, leise ironisch gehaltenen +Goetter, die edlen Gestalten aus der Heroenwelt, die possierlich feigen +Sklaven machen zueinander den wundervollsten Gegensatz und nach dem +drolligen Verlauf der Handlung die Geburt des Goettersohnes unter +Donner und Blitz eine beinahe grossartige Schlusswirkung. Diese Aufgabe +der Mythenironisierung war aber auch verhaeltnismaessig unschuldig und +poetisch, verglichen mit der des gewoehnlichen das attische Leben der +Zeit schildernden Lustspiels. Eine besondere Anklage darf vom +geschichtlich-sittlichen Standpunkt aus gegen die Poeten keineswegs +erhoben und dem einzelnen Dichter kein individueller Vorwurf daraus +gemacht werden, dass er im Niveau seiner Epoche steht; die Komoedie war +nicht Ursache, sondern Wirkung der in dem Volksleben waltenden +Verdorbenheit. Aber wohl ist es, namentlich um den Einfluss dieser +Lustspiele auf das roemische Volksleben richtig zu beurteilen, +notwendig, auf den Abgrund hinzuweisen, der unter all jener Feinheit +und Zierlichkeit sich auftut. Die Flegeleien und Zoten, welche zwar +Menander einigermassen vermied, an denen aber bei den anderen Poeten +kein Mangel ist, sind das wenigste; weit schlimmer ist die grauenvolle +Lebensoede, deren einzige Oasen die Verliebtheit und der Rausch sind, +die fuerchterliche Prosa, worin was einigermassen wie Enthusiasmus +aussieht allein bei den Gaunern zu finden ist, denen der eigene +Schwindel den Kopf verdreht hat und die das Prellergewerbe mit einer +gewissen Begeisterung treiben, und vor allem jene unsittliche +Sittlichkeit, mit welcher namentlich die menandrischen Stuecke +staffiert sind. Das Laster wird abgestraft, die Tugend belohnt und +etwaige Peccadillos durch Bekehrung bei oder nach der Hochzeit +zugedeckt. Es gibt Stuecke, wie die Plautinische ‘Dreitalerkomoedie’ +und mehrere Terenzische, in denen allen Personen bis auf die Sklaven +hinab eine Portion Tugendhaftigkeit beigemischt ist; alle wimmeln von +ehrlichen Leuten, die fuer sich betruegen lassen, von Maedchentugend +womoeglich, von gleich beguenstigten und Kompagnie machenden +Liebhabern; moralische Gemeinplaetze und wohl gedrechselte +Sittensprueche sind gemein wie die Brombeeren. In einem versoehnenden +Finale, wie das in ‘Die beiden Bacchis’ ist, wo die prellenden Soehne +und die geprellten Vaeter zu guter Letzt alle miteinander ins Bordell +kneipen gehen, steckt eine voellig Kotzebuesche Sittenfaeulnis. + +Auf diesen Grundlagen und aus diesen Elementen erwuchs das roemische +Lustspiel. Originalitaet ward bei demselben nicht bloss durch +aesthetische, sondern wahrscheinlich zunaechst durch polizeiliche +Unfreiheit ausgeschlossen. Unter der betraechtlichen Masse der +lateinischen Lustspiele dieser Gattung, die uns bekannt sind, findet +sich nicht ein einziges, das sich nicht als Nachbildung eines +bestimmten griechischen ankuendigte; es gehoert zum vollstaendigen +Titel, dass der Name des griechischen Stueckes und Verfassers mit +genannt wird, und wenn, wie das wohl vorkam, ueber die “Neuheit” eines +Stueckes gestritten ward, so handelte es sich darum, ob dasselbe schon +frueher uebersetzt worden sei. Die Komoedie spielt nicht etwa bloss +haeufig im Ausland, sondern es ist eine zwingende Notwendigkeit und die +ganze Kunstgattung (fabula palliata) danach benannt, dass der +Schauplatz ausserhalb Roms, gewoehnlich in Athen ist und dass die +handelnden Personen Griechen oder doch Nichtroemer sind. Selbst im +einzelnen wird, besonders in denjenigen Dingen, worin auch der +ungebildete Roemer den Gegensatz bestimmt empfand, das auslaendische +Kostuem streng durchgefuehrt. So wird der Name Roms und der Roemer +vermieden und wo ihrer gedacht wird, heissen sie auf gut griechisch +“Auslaender” (barbari); ebenso erscheint unter den unzaehlige Male +vorkommenden Geld- und Muenzbezeichnungen auch nicht ein einziges Mal +die roemische Muenze. Man macht sich von so grossen und so gewandten +Talenten, wie Naevius und Plautus waren, eine seltsame Vorstellung, +wenn man dergleichen auf ihre freie Wahl zurueckfuehrt; diese krasse +und sonderbare Exterritorialitaet der roemischen Komoedie war ohne +Zweifel durch ganz andere als aesthetische Ruecksichten bedingt. Die +Verlegung solcher gesellschaftlicher Verhaeltnisse, wie sie die +neuattische Komoedie durchgaengig zeichnet, nach dem Rom der +hannibalischen Epoche wuerde geradezu ein Attentat auf dessen +buergerliche Ordnung und Sitte gewesen sein. Da aber die Schauspiele in +dieser Zeit regelmaessig von den Aedilen und Praetoren gegeben wurden, +die gaenzlich vom Senat abhingen, und selbst die ausserordentlichen +Festlichkeiten, zum Beispiel die Leichenspiele, nicht ohne +Regierungserlaubnis stattfanden, und da ferner die roemische Polizei +ueberall nicht und am wenigsten mit den Komoedianten Umstaende zu +machen gewohnt war, so ergibt es sich von selbst, weshalb diese +Komoedie, selbst nachdem sie unter die roemischen Volkslustbarkeiten +aufgenommen war, doch noch keinen Roemer auf die Buehne bringen durfte +und gleichsam in das Ausland verbannt blieb. + +Noch viel entschiedener ward den Bearbeitern das Recht, einen Lebenden +lobend oder tadelnd zu nennen, sowie jede verfaengliche Anspielung auf +die Zeitverhaeltnisse untersagt. In dem ganzen plautinischen und +nachplautinischen Komoedienrepertoire ist, soweit wir es kennen, nicht +zu einer einzigen Injurienklage Stoff. Ebenso begegnet uns von den bei +dem lebhaften Munizipalsinn der Italiker besonders bedenklichen +Invektiven gegen Gemeinden - wenn von einigen ganz unschuldigen +Scherzen abgesehen wird - kaum eine andere Spur als der bezeichnende +Hohn auf die ungluecklichen Capuaner und Atellaner und +merkwuerdigerweise verschiedene Spottreden ueber die Hoffart wie ueber +das schlechte Latein der Praenestiner ^11. Ueberhaupt findet sich in +den Plautinischen Stuecken von Beziehungen auf die Ereignisse und +Verhaeltnisse der Gegenwart nichts als Glueckwuensche fuer die +Kriegfuehrung ^12 oder zu den friedlichen Zeiten; allgemeine Ausfaelle +gegen Korn- und Zinswucher, gegen Verschwendung, gegen +Kandidatenbestechung, gegen die allzu haeufigen Triumphe, gegen die +gewerbsmaessigen Beitreiber verwirkter Geldbussen, gegen pfaendende +Steuerpaechter, gegen die teuren Preise der Oelhaendler, ein einziges +Mal - im ‘Curculio’ - eine an die Parabasen der aelteren attischen +Komoedie erinnernde, uebrigens wenig verfaengliche laengere Diatribe +ueber das Treiben auf dem roemischen Markt. Aber selbst in solchen +hoechst polizeilich normal patriotischen Bestrebungen unterbricht sich +wohl der Dichter: + +Doch bin ich nicht naerrisch, mich zu kuemmern um den Staat, + +Da die Obrigkeit da ist, die sich hat zu kuemmern drum? + +und im ganzen genommen ist kaum ein politisch zahmeres Lustspiel zu +denken, als das roemische des sechsten Jahrhunderts gewesen ist ^13. +Eine merkwuerdige Ausnahme macht allein der aelteste namhafte roemische +Lustspieldichter Gnaeus Naevius. Wenn er auch nicht gerade roemische +Originallustspiele schrieb, so sind doch noch die wenigen Truemmer, die +wir von ihm besitzen, voll von Beziehungen auf roemische Zustaende und +Personen. Er nahm es unter anderm sich heraus, nicht bloss einen +gewissen Maler Theodotos mit Namen zu verhoehnen, sondern selbst an den +Sieger von Zama folgende Verse zu richten, deren Aristophanes sich +nicht haette schaemen duerfen: + +Jenen selbst, der grosse Dinge ruhmvoll oft zu Ende fuehrte, + +Dessen Taten lebendig leben, der bei den Voelkern allen allein gilt, + +Den hat nach Haus der eigene Vater von dem Liebchen geholt im Hemde. + +Wie in den Worten: + +Heute wollen freie Worte reden wir am Freiheitsfest, + +so mag er oefter polizeiwidrig angesetzt und bedenkliche Fragen getan +haben, wie zum Beispiel: + +Wie ward ein so gewaltiger Staat nur so geschwind euch ruiniert? + +worauf denn mit einem politischen Suendenregister geantwortet ward, zum +Beispiel: + +Es taten neue Redner sich, einfaeltige junge Menschen auf. + +————————————————————————————————- + +^11 Bacch. 24; Trin. 609; Truc. 3, 2, 23. Auch Naevius, der es freilich +ueberall nicht so genau nahm, spottet ueber Praenestiner und Lanuviner +(com. 21 R.) Eine gewisse Spannung zwischen Praenestinern und Roemern +tritt oefter hervor (Liv. 23, 20, 42, 1); und die Exekutionen in der +pyrrhischen sowie die Katastrophe der sullanischen Zeit stehen sicher +damit im Zusammenhang. Unschuldige Scherze wie Capt. 160; 881 +passierten natuerlich die Zensur. Bemerkenswert ist auch das Kompliment +fuer Massalia (Cas. 5, 4, 1). + +^12 So schliesst der Prolog der Kaestchenkomoedie mit folgenden Worten, +die hier stehen moegen als die einzige gleichzeitige Erwaehnung des +Hannibalischen Krieges in der auf uns gekommenen Literatur: + +Also verhaelt sich dieses. Lebet wohl und siegt + +Mit Maennermut, so wie ihr dies bisher getan. + +Bewahret eure Verbuendeten alten und neuen Bunds, + +Zuleget Zuzug ihnen, eurem rechten Schluss gemaess, + +Verderbt die Verhassten, wirket Lorbeer euch und Lob, + +Damit besiegt gewaehre der Poener euch die Poen. + +Die vierte Zeile (augete auxilia vostris iustis legibus) geht auf die +den saeumigen latinischen Kolonien im Jahre 550 (204) auferlegten +Nachleistungen (Liv. 29, 15; oben 2, 175). + +^13 Man kann darum auch bei Plautus kaum mit der Annahme von +Anspielungen auf Zeitereignisse vorsichtig genug sein. Vielen +verkehrten Scharfsinn dieser Art hat die neueste Untersuchung +beseitigt; aber sollte nicht auch die Beziehung auf die Bacchanalien, +welche im Cas. 5, 4, 11 gefunden wird (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. +192), zensurwidrig sein? Man koennte sogar die Sache umkehren und aus +den Erwaehnungen des Bacchusfestes in der ‘Casina’ und einigen anderen +Stuecken (Amph. 703; Aul. 3, 1, 3; Bacch. 53, 371; Mil. 1016 und +besonders Men. 836) den Schluss ziehen, dass dieselben zu einer Zeit +geschrieben sind, wo es noch nicht verfaenglich war, von Bacchanalien +zu reden. + +————————————————————————- + +Allein die roemische Polizei war nicht gemeint, gleich der attischen +die Buehneninvektiven und politischen Diatriben zu privilegieren oder +auch nur zu dulden. Naevius ward wegen solcher und aehnlicher Ausfaelle +in den Block geschlossen und musste sitzen, bis er in anderen Komoedien +oeffentlich Busse und Abbitte getan hatte. Ihn trieben diese Haendel, +wie es scheint, aus. der Heimat; seine Nachfolger aber liessen durch +sein Beispiel sich warnen - einer derselben deutet sehr verstaendlich +an, dass er ganz und gar nicht Lust habe, gleich dem Kollegen Naevius +der unfreiwilligen Maulsperre zu unterliegen. So ward es durchgesetzt, +was in seiner Art nicht viel weniger einzig ist als die Besiegung +Hannibals, dass in einer Epoche der fieberhaftesten Volksaufregung eine +volkstuemliche Schaubuehne von der vollstaendigsten politischen +Farblosigkeit entstand. + +Aber innerhalb dieser von Sitte und Polizei eng und peinlich gezogenen +Schranken ging der Poesie der Atem aus. Nicht mit Unrecht mochte +Naevius die Lage des Dichters unter dem Szepter der Lagiden und +Seleukiden, verglichen mit derjenigen in dem freien Rom, beneidenswert +nennen ^14. Der Erfolg im einzelnen ward natuerlich bestimmt durch die +Beschaffenheit des eben vorliegenden Originals und das Talent des +einzelnen Bearbeiters; doch muss bei aller individuellen +Verschiedenheit dies ganze Uebersetzungsrepertoire in gewissen +Grundzuegen uebereingestimmt haben, insofern saemtliche Lustspiele +denselben Bedingungen der Auffuehrung und demselben Publikum angepasst +wurden. Durchgaengig war die Behandlung im ganzen wie im einzelnen im +hoechsten Grade frei; und sie musste es wohl sein. Wenn die +Originalstuecke vor derselben Gesellschaft spielten, die sie kopierten, +und eben hierin ihr hauptsaechlichster Reiz lag, so war das roemische +Publikum dieser Zeit von dem attischen so verschieden, dass es jene +auslaendische Welt nicht einmal imstande war recht zu verstehen. Von +dem haeuslichen Leben der Hellenen fasste der Roemer weder die Anmut +und Humanitaet noch die Sentimentalitaet und die uebertuenchte Leere. +Die Sklavenwelt war eine voellig andere; der roemische Sklave war ein +Stueck Hausrat, der attische ein Bedienter - wo Sklavenehen vorkommen, +oder der Herr mit dem Sklaven ein humanes Gespraech fuehrt, erinnern +die roemischen Uebersetzer ihr Publikum daran, sich an dergleichen in +Athen gewoehnliche Dinge nicht zu stossen ^15; und als man spaeter +Lustspiele in roemischem Kostuem zu schreiben anfing, musste die Rolle +des pfiffigen Bedienten herausgeworfen werden, weil das roemische +Publikum solche, ihre Herren uebersehende und gaengelnde Sklaven nicht +vertrug. Eher als die feinen Alltagsfiguren hielten die an sich derber +und possenhafter zugeschnittenen Staende- und Charakterbilder die +Uebertragung aus; aber auch von diesen musste doch der roemische +Bearbeiter manche und wahrscheinlich eben die feinsten und +originellsten, wie zum Beispiel die Thais, die Hochzeitskoechin, die +Mondbeschwoererin, den Bettelpfaffen Menanders, ganz liegen lassen und +sich vorwiegend an diejenigen auslaendischen Gewerbe halten, mit +welchen der bereits sehr allgemein in Rom verbreitete griechische +Tafelluxus sein Publikum vertraut gemacht hatte. Wenn der Kochkuenstler +und der Spassmacher in dem Plautinischen Lustspiel mit so auffallender +Vorliebe und Lebendigkeit geschildert sind, so liegt der Schluessel +dazu darin, dass griechische Koeche ihre Dienste schon damals auf dem +roemischen Markt taeglich ausboten und dass Cato das Verbot, einen +Spassmacher zu halten, sogar seinem Wirtschafter in die Instruktion zu +setzen noetig fand. In gleicher Weise konnte der Uebersetzer von der +eleganten attischen Konversation seiner Originale einen sehr grossen +Teil nicht brauchen. Zu der raffinierten Kneip- und Bordellwirtschaft +Athens stand der roemische Buerger- und Bauersmann ungefaehr wie der +deutsche Kleinstaedter zu den Mysterien des Palais Royal. Die +eigentliche Kuechengelehrsamkeit ging nicht in seinen Kopf; die +Esspartien blieben freilich auch in der roemischen Nachbildung sehr +zahlreich, aber ueberall dominiert ueber die mannigfaltige Baeckerei +und die raffinierten Saucen und Fischgerichte der derbe roemische +Schweinebraten. Von den Raetselreden und Trinkliedern, von der +griechischen Rhetorik und Philosophie, die in den Originalen eine so +grosse Rolle spielten, begegnet in der Bearbeitung nur hier und da eine +verlorene Spur. + +—————————————————————- + +^14 Etwas anderes kann die merkwuerdige Stelle in dem ‘Maedel von +Tarent’ nicht bedeuten: + +Was im Theater hier mir gerechten Beifall fand, + +Dass das kein Koenig irgend anzufechten wagt - + +Wie viel besser als hier der Freie hat’s darin der Knecht! + +^15 Wie das moderne Hellas ueber Sklaventum dachte, kann man zum +Beispiel bei Euripides (Ion. 854; vgl. Hel. 728) sehen: + +Dem Sklaven bringt das eine einzig Schande nur: + +Der Name; in allem andern ist nicht schlechter als + +Der freie Mann der Sklave, welcher brav sich fuehrt. + +————————————————————- + +Die Verwuestung, welche die roemischen Bearbeiter durch die Ruecksicht +auf ihr Publikum in den Originalen anzurichten genoetigt waren, +draengte sie unvermeidlich in eine Weise des Zusammenstreichens und +Durcheinanderwerfens hinein, mit der keine kuenstlerische Komposition +sich vertrug. Es war gewoehnlich, nicht bloss ganze Rollen des +Originals herauszuwerfen, sondern auch dafuer andere aus anderen +Lustspielen desselben oder auch eines anderen Dichters wieder +einzustuecken; was freilich bei der aeusserlich rationellen Komposition +der Originale und ihren stehenden Figuren und Motiven nicht voellig so +arg war, wie es scheint. Es gestatteten ferner wenigstens in der +aelteren Zeit sich die Dichter hinsichtlich der Komposition die +seltsamsten Lizenzen. Die Handlung des sonst so vortrefflichen +‘Stichus’ (aufgefuehrt 554 200) besteht darin, dass zwei Schwestern, +welche der Vater veranlassen moechte, sich von ihren abwesenden +Ehemaennern zu scheiden, die Penelopen spielen, bis die Maenner mit +reichem Kaufmannsgewinn und als Praesent fuer den Schwiegervater mit +einem huebschen Maedchen wieder nach Hause kommen. In der ‘Casina’, die +bei dem Publikum ganz besonders Glueck machte, kommt die Braut, von der +das Stueck heisst und um die es sich dreht, gar nicht zum Vorschein, +und die Aufloesung wird ganz naiv als “spaeter drinnen vor sich gehend” +vom Epilog erzaehlt. Ueberhaupt wird sehr oft die Verwicklung ueber das +Knie gebrochen, ein angesponnener Faden fallengelassen und was +dergleichen Zeichen einer unfertigen Kunst mehr sind. Die Ursache +hiervon ist wahrscheinlich weit weniger in der Ungeschicklichkeit der +roemischen Bearbeiter zu suchen als in der Gleichgueltigkeit des +roemischen Publikums gegen die aesthetischen Gesetze. Allmaehlich indes +bildete sich der Geschmack. In den spaeteren Stuecken hat Plautus +offenbar mehr Sorgfalt auf die Komposition gewendet und ‘Die +Gefangenen’ zum Beispiel, der ‘Luegenbold’, ‘Die beiden Bacchis’ sind +in ihrer Art meisterhaft gefuehrt; seinem Nachfolger Caecilius, von dem +wir keine Stuecke mehr besitzen, wird es nachgeruehmt, dass er sich +vorzugsweise durch die kunstmaessigere Behandlung des Sujets +auszeichnete. + +In der Behandlung des einzelnen fuehren das Bestreben des Poeten, +seinen roemischen Zuhoerern die Dinge moeglichst vor die Augen zu +bringen, und die Vorschrift der Polizei, die Stuecke auslaendisch zu +halten, die wunderlichsten Kontraste herbei. Die roemischen Goetter, +die sakralen, militaerischen, juristischen Ausdruecke der Roemer, +nehmen sich seltsam aus in der griechischen Welt; bunt durcheinander +gehen die roemischen Aedilen und Dreiherren mit den Agoranomen und +Demarchen; in Aetolien oder Epidamnos spielende Stuecke schicken den +Zuschauer ohne Bedenken nach dem Velabrum und dem Kapitol. Schon eine +solche klecksartige Aufsetzung der roemischen Lokaltoene auf den +griechischen Grund ist eine Barbarisierung; aber diese in ihrer naiven +Art oft sehr spasshaften Interpolationen sind weit ertraeglicher als +die durchgaengige Umstimmung der Stuecke ins Rohe, welche bei der +keineswegs attischen Bildung des Publikums den Bearbeitern notwendig +schien. Freilich mochten schon von den neuattischen Poeten manche in +der Ruepelhaftigkeit keiner Nachhilfe beduerfen; Stuecke wie die +Plautinische ‘Eselskomoedie’ werden ihre unuebertreffliche Plattheit +und Gemeinheit nicht erst dem Uebersetzer verdanken. Aber es walten +doch in den roemischen Komoedien die rohen Motive in einer Weise vor, +dass die Uebersetzer hierin entweder interpoliert oder mindestens sehr +einseitig kompiliert haben muessen. In der unendlichen Pruegelfuelle +und der stets ueber dem Ruecken der Sklaven schwebenden Peitsche +erkennt man deutlich das catonische Hausregiment, sowie die catonische +Opposition gegen die Frauen in dem nimmer endenden Heruntermachen der +Weiber. Unter den Spaessen eigener Erfindung, mit welchen die +roemischen Bearbeiter die elegante attische Konversation zu wuerzen +fuer gut befunden haben, finden sich manche von einer kaum glaublichen +Gedankenlosigkeit und Roheit ^16. + +—————————————————————————— + +^16 So ist zum Beispiel in das sonst sehr artige Examen, welches in dem +Plautinischen ‘Stichus’ der Vater mit seinen Toechtern ueber die +Eigenschaften einer guten Ehefrau anstellt, die ungehoerige Frage +eingelegt, ob es besser sei, eine Jungfrau oder eine Witwe zu heiraten, +bloss um darauf mit einem nicht minder ungehoerigen und im Munde der +Sprecherin geradezu unsinnigen Gemeinplatz gegen die Frauen zu +antworten. Aber das ist Kleinigkeit gegen den folgenden Fall. In +Menanders ‘Halsband’ klagt ein Ehemann dem Freunde seine Not: + +A: Ich freite die reiche Erbin Lamia, du weisst + +Es doch? - B: Ja freilich. - A: Sie, der dieses Haus gehoert + +Und die Felder und alles andre hier umher. Sie duenkt, + +Gott weiss es! von allem Ungemach das aergste uns; + +Zur Last ist sie all’ und jedem, nicht bloss mir allein, + +Dem Sohn auch und gar der Tochter. - B: Allerdings, ich weiss, + +So ist es. + +In der lateinischen Bearbeitung des Caecilius ist aus diesem, in seiner +grossen Einfachheit eleganten Gespraech der folgende Flegeldialog +geworden: + +B: Deine Frau ist also zaenkisch, nicht? - A: Ei schweig davon! - + +B: Wieso? - A: Ich mag nichts davon hoeren. Komm’ ich etwa dir + +Nach Haus und setze mich, augenblicks versetzt sie mir + +Einen nuechternen Kuss. - B: Ei nun, mit dem Kusse trifft sie’s schon; + +Ausspeien sollst du, meint sie, was du auswaerts trankst. + +————————————————————————- + +Was dagegen die metrische Behandlung anlangt, so macht im ganzen der +geschmeidige und klingende Vers den Bearbeitern alle Ehre. Wenn die +jambischen Trimeter, die in den Originalen vorherrschten und ihrem +maessigen Konversationston allein angemessen waren, in der lateinischen +Bearbeitung sehr haeufig durch jambische oder trochaeische Tetrameter +ersetzt worden sind, so wird auch hiervon die Ursache weniger in der +Ungeschicklichkeit der Bearbeiter zu suchen sein, die den Trimeter gar +wohl zu handhaben wussten, als in dem ungebildeten Geschmack des +roemischen Publikums, dem der praechtige Vollklang der Langverse auch +da gefiel, wo er nicht hingehoerte. + +Endlich traegt auch die Inszenierung der Stuecke den gleichen Stempel +der Gleichgueltigkeit der Direktion wie des Publikums gegen die +aesthetischen Anforderungen. Die griechische Schaubuehne, welche schon +wegen des Umfangs des Theaters und des Spielens bei Tage auf ein +eigentliches Gebaerdenspiel verzichtete, die Frauenrollen mit Maennern +besetzte und einer kuenstlichen Verstaerkung der Stimme des +Schauspielers notwendig bedurfte, ruhte in szenischer wie in +akustischer Hinsicht durchaus auf dem Gebrauch der Gesichts- und +Schallmasken. Diese waren auch in Rom wohlbekannt; bei den +Dilettantenauffuehrungen erschienen die Spieler ohne Ausnahme maskiert. +Dennoch wurden den Schauspielern, welche die griechischen Lustspiele in +Rom auffuehren sollten, die dafuer notwendigen, freilich ohne Zweifel +viel kuenstlicheren Masken nicht gegeben; was denn, von allem andern +abgesehen, in Verbindung mit der mangelhaften akustischen Einrichtung +der Buehne ^17 den Schauspieler nicht bloss noetigte seine Stimme ueber +die Gebuehr anzustrengen, sondern schon den Livius zu dem hoechst +unkuenstlerischen, aber unvermeidlichen Ausweg zwang, die Gesangstuecke +durch einen ausserhalb des Spielerpersonals stehenden Saenger vortragen +und von dem Schauspieler, in dessen Rolle sie fielen, nur durch stummes +Spiel darstellen zu lassen. Ebensowenig fanden die roemischen Festgeber +ihre Rechnung dabei, sich fuer Dekorationen und Maschinerie in +wesentliche Kosten zu setzen. Auch die attische Buehne stellte +regelmaessig eine Strasse mit Haeusern im Hintergrunde vor und hatte +keine wandelbaren Dekorationen; allein man besass doch ausser anderem +mannigfaltigen Apparat namentlich eine Vorrichtung, um eine kleinere, +das Innere eines Hauses vorstellende Buehne auf die Hauptszene +hinauszuschieben. Das roemische Theater aber ward damit nicht versehen, +und man kann es darum dem Poeten kaum zum Vorwurf machen, wenn alles, +sogar das Wochenbett auf der Strasse abgehalten wird. + +—————————————————————————— + +^17 Selbst als man steinerne Theater baute, mangelten diesen die +Schallgefaesse, wodurch die griechischen Baumeister die Schauspieler +unterstuetzten (Vitr. 5, 5, 8). + +—————————————————————————— + +So war das roemische Lustspiel des sechsten Jahrhunderts beschaffen. +Die Art und Weise, wie man die griechischen Schauspiele nach Rom +uebertrug, gewaehrt von dem verschiedenartigen Kulturstand ein +geschichtlich unschaetzbares Bild; in aesthetischer wie in sittlicher +Hinsicht aber stand das Original nicht hoch und das Nachbild noch +tiefer. Die Welt bettelhaften Gesindels, wie sehr auch die roemischen +Bearbeiter sie unter der Wohltat des Inventars antraten, erschien doch +in Rom verschlagen und fremdartig, die feine Charakteristik gleichsam +weggeworfen; die Komoedie stand nicht mehr auf dem Boden der +Wirklichkeit, sondern die Personen und Situationen schienen wie ein +Kartenspiel, willkuerlich und gleichgueltig gemischt; im Original ein +Lebens-, ward sie in der Bearbeitung ein Zerrbild. Bei einer Direktion, +die imstande war, einen griechischen Agon mit Floetenspiel, +Taenzerchoeren, Tragoeden und Athleten anzukuendigen und schliesslich +denselben in eine Pruegelei zu verwandeln, vor einem Publikum, welches, +wie noch spaetere Dichter klagen, in Masse aus dem Schauspiel weglief, +wenn es Faustkaempfer oder Seiltaenzer oder gar Fechter zu sehen gab, +mussten Dichter, wie die roemischen waren, Lohnarbeiter von +gesellschaftlich niedriger Stellung, wohl selbst wider die eigene +bessere Einsicht und den eigenen besseren Geschmack sich der +herrschenden Frivolitaet und Roheit mehr oder minder fuegen. Es ist +alles Moegliche, dass nichtsdestoweniger einzelne lebende und frische +Talente unter ihnen aufstanden, die das Fremdlaendische und Gemachte in +der Poesie wenigstens zurueckzudraengen und in den einmal gewiesenen +Bahnen zu erfreulichen und selbst bedeutenden Schoepfungen zu gelangen +vermochten. An ihrer Spitze steht Gnaeus Naevius, der erste Roemer, der +es verdient, ein Dichter zu heissen und, soweit die ueber ihn +erhaltenen Berichte und die geringen Bruchstuecke seiner Werke uns ein +Urteil gestatten, allem Anschein nach eines der merkwuerdigsten und +bedeutendsten Talente in der roemischen Literatur ueberhaupt. Er war +des Andronicus juengerer Zeitgenosse - seine poetische Taetigkeit +begann bedeutend vor und endigte wahrscheinlich erst nach dem +Hannibalischen Kriege - und im allgemeinen von ihm abhaengig; auch er +war, wie das in gemachten Literaturen zu sein pflegt, in allen von +seinem Vorgaenger aufgebrachten Kunstgattungen, im Epos, im Trauer- und +Lustspiel, zugleich taetig und schloss auch im Metrischen sich eng an +ihn an. Nichtsdestoweniger trennt die Dichter wie die Dichtungen eine +ungeheure Kluft. Naevius war kein Freigelassener, kein Schulmeister und +kein Schauspieler, sondern ein zwar nicht vornehmer, aber +unbescholtener Buerger, wahrscheinlich einer der latinischen Gemeinden +Kampaniens, und Soldat im Ersten Punischen Kriege ^18. Recht im +Gegensatz zu Livius ist Naevius’ Sprache bequem und klar, frei von +aller Steifheit und von aller Affektion und scheint selbst im +Trauerspiel dem Pathos gleichsam absichtlich aus dem Wege zu gehen; die +Verse, trotz des nicht seltenen Hiatus und mancher anderen, spaeterhin +beseitigten Lizenzen, fliessen leicht und schoen ^19. Wenn die +Quasipoesie des Livius etwa wie bei uns die Gottschedische aus rein +aeusserlichen Impulsen hervor- und durchaus am Gaengelbande der +Griechen ging, so emanzipierte sein Nachfolger die roemische Poesie und +traf mit der wahren Wuenschelrute des Dichters diejenigen Quellen, aus +denen allein in Italien eine volkstuemliche Dichtung entspringen +konnte: die Nationalgeschichte und die Komik. Die epische Dichtung +lieferte nicht mehr bloss dem Schulmeister ein Lesebuch, sondern wandte +sich selbstaendig an das hoerende und lesende Publikum. Die +Buehnendichtung war bisher, gleich der Kostuemverfertigung, ein +Nebengeschaeft des Schauspielers oder eine Handlangerei fuer denselben +gewesen; mit Naevius wandte das Verhaeltnis sich um und der +Schauspieler ward nun der Diener des Dichters. Durchaus bezeichnet +seine poetische Taetigkeit ein volkstuemliches Gepraege. Es tritt am +bestimmtesten hervor in seinem ernsten Nationalschauspiel und in seinem +Nationalepos, wovon spaeter noch die Rede sein wird; aber auch in den +Lustspielen, die unter allen seinen poetischen Leistungen die seinem +Talent am meisten zusagenden und erfolgreichsten gewesen zu sein +scheinen, haben, wie schon gesagt ward, wahrscheinlich nur aeussere +Ruecksichten den Dichter bestimmt, sich so, wie er es tat, den +griechischen Originalen anzuschliessen und dennoch ihn nicht gehindert, +in frischer Lustigkeit und im vollen Leben in der Gegenwart seine +Nachfolger und wahrscheinlich selbst die matten Originale weit hinter +sich zurueckzulassen, ja in gewissem Sinne in die Bahnen des +Aristophanischen Lustspiels einzulenken. Er hat es wohl empfunden und +in seiner Grabschrift auch ausgesprochen, was er seiner Nation gewesen +ist: + +Wenn Goettern um den Menschen - Totentrauer ziemte, + +Den Dichter Naevius klagten - goettliche Camenen; + +Dieweil, seit er hinunter - zu den Schatten abschied, + +Verschollen ist in Rom der - Ruhm der roemischen Rede. + +————————————————————————- + +^18 Die Personalnotizen ueber Naevius sind arg verwirrt. Da er im +Ersten Punischen Kriege focht, kann er nicht nach 495 (259) geboren +sein. 519 (235) wurden Schauspiele, wahrscheinlich die ersten, von ihm +gegeben (Gell. 12, 21, 45). Dass er schon 550 (204) gestorben sei, wie +gewoehnlich angegeben wird, bezweifelte Varro (bei Cic. Brut. 15, 60) +gewiss mit Recht; waere es wahr, so muesste er waehrend des +Hannibalischen Krieges in Feindesland entwichen sein. Auch die +Spottverse auf Scipio koennen nicht vor der Schlacht bei Zama +geschrieben sein. Man wird sein Leben zwischen 490 (264) und 560 (194) +setzen duerfen, so dass er Zeitgenosse der beiden 543 (211) gefallenen +Scipionen (Cic. rep. 4, 10), zehn Jahre juenger als Andronicus und +vielleicht zehn Jahre aelter als Plautus war. Seine kampanische +Herkunft deutet Gellius, seine latinische Nationalitaet, wenn es dafuer +der Beweise beduerfte, er selbst in der Grabschrift an. wenn er nicht +roemischer Buerger, sondern etwa Buerger von Cales oder einer anderen +latinischen Stadt Kampaniens war, so erklaert es sich leichter, dass +ihn die roemische Polizei so ruecksichtslos behandelte. Schauspieler +war er auf keinen Fall, da er im Heere diente. + +^19 Man vergleiche zum Beispiel mit den livianischen das Bruchstueck +aus Naevius’ Trauerspiel ‘Lycurgus’: + +Die ihr des koeniglichen Leibes haltet Wacht, + +Sogleich zum laubesreichen Platze macht euch auf, + +Wo willig ungepflanzt emporsprosst das Gebuesch. + +Oder die beruehmten Worte, die in ‘Hektors Abschied’ Hektor zu Priamos +sagt: + +Lieblich, Vater, klingt von dir mir Lob, dem vielgelobten Mann. + +und den reizenden Vers aus dem ‘Maedel von Tarent’: + +Alii adnutat, alii adnictat; alium amat, alium tenet. + +Zu diesem nickt sie, nach jenem blickt sie; diesen im Herzen, den im +Arm. + +——————————————————————— + +Und solcher Maenner- und Dichterstolz ziemte wohl dem Manne, der die +Kaempfe gegen Hamilkar und gegen Hannibal teils miterlebte, teils +selber mitfocht, und der fuer die tief bewegte und in gewaltigem +Freudenjubel gehobene Zeit nicht gerade den poetisch hoechsten, aber +wohl einen tuechtigen, gewandten und volkstuemlichen dichterischen +Ausdruck fand. Es ist schon erzaehlt worden, in welche Haendel mit den +Behoerden er darueber geriet und wie er, vermutlich dadurch von Rom +vertrieben, sein Leben in Utica beschloss. Auch hier ging das +individuelle Leben ueber dem gemeinen Besten, das Schoene ueber dem +Nuetzlichen zugrunde. + +In der aeusseren Stellung wie in der Auffassung seines Dichterberufs +scheint ihm sein juengerer Zeitgenosse, Titus Maccius Plautus (500? - +570 254-184). weit nachgestanden zu haben. Gebuertig aus dem kleinen, +urspruenglich umbrischen, aber damals, vielleicht schon latinisierten +Staedtchen Sassina, lebte er in Rom als Schauspieler und, nachdem er +den damit gemachten Gewinn in kaufmaennischen Spekulationen wieder +eingebuesst hatte, als Theaterdichter von der Bearbeitung griechischer +Lustspiele, ohne in einem anderen Fache der Literatur taetig zu sein +und wahrscheinlich ohne Anspruch auf eigentliches Schriftstellertum zu +machen. Solcher handwerksmaessigen Komoedienbearbeiter scheint es in +Rom damals eine ziemliche Zahl gegeben zu haben; allein ihre Namen +sind, zumal da sie wohl durchgaengig ihre Stuecke nicht publizierten +^20, so gut wie verschollen, und was von diesem Repertoire sich +erhielt, ging spaeterhin auf den Namen des populaersten unter ihnen, +des Plautus. Die Literatoren des folgenden Jahrhunderts zaehlten bis +hundertunddreissig solcher “plautinischer Stuecke”, von denen indes auf +jeden Fall ein grosser Teil nur von Plautus durchgesehen oder ihm ganz +fremd war; der Kern derselben ist noch vorhanden. Ein gegruendetes +Urteil ueber die poetische Eigentuemlichkeit des Bearbeiters zu +faellen, ist dennoch sehr schwer, wo nicht unmoeglich, da die Originale +uns nicht erhalten sind. Dass die Bearbeitung ohne Auswahl gute wie +schlechte Stuecke uebertrug, dass sie der Polizei wie dem Publikum +gegenueber untertaenig und untergeordnet dastand, dass sie gegen die +aesthetischen Anforderungen sich ebenso gleichgueltig verhielt wie ihr +Publikum und diesem zuliebe die Originale ins Possenhafte und Gemeine +umstimmte, sind Vorwuerfe, die mehr gegen die ganze Uebersetzungsfabrik +als gegen den einzelnen Bearbeiter sich richten. Dagegen darf als dem +Plautus eigentuemlich gelten die meisterliche Behandlung der Sprache +und der mannigfachen Rhythmen, ein seltenes Geschick, die Situation +buehnengerecht zu gestalten und zu nutzen, der fast immer gewandte und +oft vortreffliche Dialog und vor allen Dingen eine derbe und frische +Lustigkeit, die in gluecklichen Spaessen, in einem reichen +Schimpfwoerterlexikon, in launigen Wortbildungen, in drastischen, oft +mimischen Schilderungen und Situationen unwiderstehlich komisch wirkt - +Vorzuege, in denen man den gewesenen Schauspieler zu erkennen meint. +Ohne Zweifel hat der Bearbeiter auch hierin mehr das Gelungene der +Originale festgehalten als selbstaendig geschaffen - was in den +Stuecken sicher auf den Uebersetzer zurueckgefuehrt werden kann, ist +milde gesagt mittelmaessig; allein es wird dadurch begreiflich, warum +Plautus der eigentliche roemische Volkspoet und der rechte Mittelpunkt +der roemischen Buehne geworden und geblieben, ja noch nach dem +Untergang der roemischen Welt das Theater mehrfach auf ihn +zurueckgekommen ist. + +———————————————————————— + +^20 Diese Annahme scheint deshalb notwendig, weil man sonst unmoeglich +in der Art, wie die Alten es tun, ueber die Echtheit oder Unechtheit +der Plautinischen Stuecke haette schwanken koennen; bei keinem +eigentlichen Schriftsteller des roemischen Altertums begegnet eine auch +nur annaehernd aehnliche Ungewissheit ueber das literarische Eigentum. +Auch in dieser Hinsicht wie in so vielen anderen aeusserlichen Dingen +besteht die merkwuerdigste Analogie zwischen Plautus und Shakespeare. + +————————————————————————- + +Noch weit weniger vermoegen wir zu einem eigenen Urteil ueber den +dritten und letzten - denn Ennius schrieb wohl Komoedien, aber durchaus +ohne Erfolg - namhaften Lustspieldichter dieser Epoche, Statius +Caecilius, zu gelangen. Der Lebensstellung und dem Gewerbe nach stand +er mit Plautus gleich. Geboren im Keltenland in der Gegend von +Mediolanum kam er unter den insubrischen Kriegsgefangenen nach Rom und +lebte dort als Sklave, spaeter als Freigelassener von der Bearbeitung +griechischer Komoedien fuer das Theater bis zu seinem wahrscheinlich +fruehen Tode (586 168). Dass seine Sprache nicht rein war, ist bei +seiner Herkunft begreiflich; dagegen bemuehte er sich, wie schon gesagt +ward, um strengere Komposition. Bei den Zeitgenossen fanden seine +Stuecke nur schwer Eingang, und auch das spaetere Publikum liess gegen +Plautus und Terenz den Caecilius fallen; wenn dennoch die Kritiker der +eigentlichen Literaturzeit Roms, der varronischen und augustinischen +Epoche, unter den roemischen Bearbeitern griechischer Lustspiele dem +Caecilius die erste Stelle eingeraeumt haben, so scheint dies darauf zu +beruhen, dass die kunstrichterliche Mittelmaessigkeit gern der +geistesverwandten poetischen vor dem einseitig Vortrefflichen den +Vorzug gibt. Wahrscheinlich hat jene Kunstkritik den Caecilius nur +deshalb unter ihre Fluegel genommen, weil et regelrechter als Plautus +und kraeftiger als Terenz war; wobei er immer noch recht wohl weit +geringer als beide gewesen sein kann. + +Wenn also der Literarhistoriker bei aller Anerkennung des sehr +achtbaren Talents der roemischen Lustspieldichter doch in ihrem reinen +Uebersetzungsrepertoire weder eine kuenstlerisch bedeutende noch eine +kuenstlerisch reine Leistung erkennen kann, so muss das +geschichtlich-sittliche Urteil ueber dasselbe notwendig noch bei weitem +haerter ausfallen. Das griechische Lustspiel, das demselben zu Grunde +liegt, war sittlich insofern gleichgueltig, als es eben nur im Niveau +der Korruption seines Publikums stand; die roemische Schaubuehne aber +war in dieser zwischen der alten Strenge und der neuen Verderbnis +schwankenden Epoche die hohe Schule zugleich des Hellenismus und des +Lasters. Dieses attisch-roemische Lustspiel mit seiner in der Frechheit +wie in der Sentimentalitaet gleich unsittlichen, den Namen der Liebe +usurpierenden Leibes- und Seelenprostitution, mit seiner widerlichen +und widernatuerlichen Edelmuetigkeit, mit seiner durchgaengigen +Verherrlichung des Kneipenlebens, mit seiner Mischung von Bauernroheit +und auslaendischem Raffinement, war eine fortlaufende Predigt +roemisch-hellenischer Demoralisation und ward auch als solche +empfunden. Ein Zeugnis bewahrt der Epilog der Plautinischen +‘Gefangenen’: + +Dieses Lustspiel, da ihr schautet, ist anstaendig ganz und gar: + +Nicht wird darin ausgegriffen, Liebeshaendel hat es nicht, + +Keine Kinderunterschiebung, keine Geldabschwindelung; + +Nicht kauft drin der Sohn sein Maedchen ohne des Vaters Willen frei. + +Selten nur ersinnt ein Dichter solcherlei Komoedien, + +Die die Guten besser machen. Wenn drum euch dies Stueck gefiel, + +Wenn wir Spieler euch gefallen, lasst uns dies das Zeichen sein: + +Wer auf Anstand haelt, der klatsche nun zum Lohn uns unserm Spiel. + +Man sieht hier, wie die Partei der sittlichen Reform ueber das +griechische Lustspiel geurteilt hat; und es kann hinzugesetzt werden, +dass auch in jenen weissen Raben, den moralischen Lustspielen, die +Moralitaet von derjenigen Art ist, die nur dazu taugt, die Unschuld +gewisser zu betoeren. Wer kann es bezweifeln, dass diese Schauspiele +der Korruption praktischen Vorschub getan haben? Als Koenig Alexander +an einem Lustspiel dieser Art, das der Verfasser ihm vorlas, keinen +Geschmack fand, entschuldigte sich der Dichter, dass das nicht an ihm +sondern an dem Koenige liege; um ein solches Stueck zu geniessen, +muesse man gewohnt sein, Kneipgelage abzuhalten und eines Maedchens +wegen Schlaege auszuteilen und zu empfangen. Der Mann kannte sein +Handwerk; wenn also die roemische Buergerschaft allmaehlich an diesen +griechischen Komoedien Geschmack fand, so sieht man, um weichen Preis +es geschah. Es gereicht der roemischen Regierung zum Vorwurf, nicht, +dass sie fuer diese Poesie so wenig tat, sondern dass sie dieselbe +ueberhaupt duldete. Das Laster ist zwar auch ohne Kanzel maechtig; aber +damit ist es noch nicht entschuldigt, demselben eine Kanzel zu +errichten. Es war mehr eine Ausrede als eine ernstliche Verteidigung, +dass man das hellenisierende Lustspiel von der unmittelbaren Beruehrung +der Personen und Institutionen Roms fernhielt. Vielmehr haette die +Komoedie wahrscheinlich sittlich weniger geschadet, wenn man sie freier +haette walten, den Beruf des Poeten sich veredeln und eine +einigermassen selbstaendige roemische Poesie sich entwickeln lassen; +denn die Poesie ist auch eine sittliche Macht, und wenn sie tiefe +Wunden schlaegt, so vermag sie auch viel zu heilen. Wie es war, geschah +auch auf diesem Gebiet von der Regierung zu wenig und zu viel; die +politische Halbheit und die moralische Heuchelei ihrer Buehnenpolizei +hat zu der furchtbar raschen Aufloesung der roemischen Nation das +Ihrige beigetragen. + +Wenn indes die Regierung dem roemischen Lustspieldichter nicht +gestattete, die Zustaende seiner Vaterstadt darzustellen und seine +Mitbuerger auf die Buehne zu bringen, so war doch dadurch die +Entstehung eines lateinischen Nationallustspiels nicht unbedingt +abgeschnitten; denn die roemische Buergerschaft war in dieser Zeit noch +nicht mit der latinischen Nation zusammengefallen, und es stand dem +Dichter frei, seine Stuecke wie in Athen und Massalia, ebenso auch in +den italischen Staedten latinischen Rechts spielen zu lassen. In der +Tat entstand auf diesem Wege das lateinische Originallustspiel (fabula +togata ^21; der nachweislich aelteste Verfasser solcher Stuecke, +Titinius, bluehte wahrscheinlich um das Ende dieser Epoche ^22. Auch +diese Komoedie ruhte auf der Grundlage des neuattischen +Intrigenstuecks; aber sie war nicht Uebersetzung, sondern Nachdichtung: +der Schauplatz des Stuecks war in Italien und die Schauspieler +erschienen in dem nationalen Gewande, in der Toga. Hier waltet das +latinische Leben und Treiben in eigentuemlicher Frische. Die Stuecke +bewegen sich in dem buergerlichen Leben der Mittelstaedte Latiums, wie +schon die Titel zeigen: ‘Die Harfenistin oder das Maedchen von +Ferentinum’, ‘Die Floetenblaeserin’, ‘Die Juristin’, ‘Die Walker’, und +manche einzelne Situationen noch weiter bestaetigen, wie zum Beispiel +ein Spiessbuerger sich darin seine Schuhe nach dem Muster der +albanischen Koenigssandalen machen laesst. In auffallender Weise treten +die maennlichen gegen die Frauenrollen zurueck ^23. Mit echt nationalem +Stolze gedenkt der Dichter der grossen Zeit des Pyrrhischen Krieges und +sieht herab auf die neulatinischen Nachbarn, + +Welche oskisch und volskisch reden, denn Latein verstehn sie nicht. + +————————————————————— + +^21 Togatus bezeichnet in der juristischen und ueberhaupt in der +technischen Sprache den Italiker im Gegensatz nicht bloss zu dem +Auslaender, sondern auch zu dem roemischen Buerger. So ist vor allen +Dingen formula togatorum (CIL I, 200, von 21; 50) das Verzeichnis +derjenigen italischen Militaerpflichtigen, die nicht in den Legionen +dienen. Auch die Benennung des Cisalpinischen oder Diesseitigen +Galliens als Gallia togata, die zuerst bei Hirtius vorkommt und nicht +lange nachher aus dem gemeinen Sprachgebrauch wieder verschwindet, +bezeichnet diese Landschaft vermutlich nach ihrer rechtlichen Stellung, +insofern in der Epoche vom Jahre 665 (89) bis zum Jahre 705 (49) die +grosse Mehrzahl ihrer Gemeinden latinisches Recht besass. Virgil (Aen. +1, 282) scheint ebenfalls bei der gens togata, die er neben den Roemern +nennt, an die latinische Nation gedacht zu haben. + +Danach wird man auch in der fabula togata dasjenige Lustspiel zu +erkennen haben, das in Latium spielte wie die fabula palliata in +Griechenland; beiden aber ist die Verlegung des Schauplatzes in das +Ausland gemeinsam, und die Stadt und die Buergerschaft Roms auf die +Buehne zu bringen, bleibt ueberhaupt dem Lustspieldichter untersagt. +Dass in der Tat die togata nur in den Staedten latinischen Rechts +spielen durfte, zeigt die Tatsache, dass alle Staedte, in denen unseres +Wissens Stuecke des Titinius und Afranius spielen, Setia, Ferentinum, +Velitrae, Brundisium nachweislich bis auf den Bundesgenossenkrieg +latinisches oder doch bundesgenoessisches Recht gehabt haben. Durch die +Erstreckung des Buergerrechts auf ganz Italien ging den +Lustspieldichtern diese latinische Inszenierung verloren, da das +Cisalpinische Gallien, das rechtlich an die Stelle der latinischen +Gemeinden gesetzt ward fuer den hauptstaedtischen Buehnendichter zu +fern lag, und es scheint damit auch die fabula togata in der Tat +verschwunden zu sein. Indes traten die rechtlich untergegangenen +Gemeinden Italiens, wie Capua und Atella, in diese Luecke ein, und +insofern ist die fabula Atellana gewissermassen die Fortsetzung der +togata. + +^22 Ueber Titinius fehlt es an allen literarischen Angaben; ausser +dass, nach einem Varronischen Fragment zu schliessen, er aelter als +Terenz (558-595 196-159) gewesen zu sein scheint (Ritschl, Parerga, Bd. +1, S. 194) - denn mehr moechte freilich auch aus dieser Stelle nicht +entnommen werden koennen und, wenn auch von den beiden hier +verglichenen Gruppen die zweite (Trabea, Atilius, Caecilius) im ganzen +aelter ist als die erste (Titinius, Terentius, Atta), darum noch nicht +gerade der aelteste der juengeren Gruppe juenger zu erachten sein als +der juengste der aelteren. + +^23 Von den fuenfzehn Titinischen Komoedien, die wir kennen, sind sechs +nach Maenner- (baratus?, caecus, fullo nes, Hortensius, Quintus, +varus), neun nach Frauenrollen benannt (Gemma, iurisperita, prilia?, +privigna, psaltria oder Ferentinatis, Setina, tibicina, Veliterna, +Ulubrana ?), von denen zwei, die ‘Juristin’ und die ‘Floetenblaeserin’ +offenbar Maennergewerbe parodierten. Auch in den Bruchstuecken waltet +die Frauenwelt vor. + +———————————————————— + +Der hauptstaedtischen Buehne gehoert dieses Lustspiel ebenso an wie das +griechische; immer aber mag in demselben etwas von der landschaftlichen +Opposition gegen das grossstaedtische Wesen und Unwesen geherrscht +haben, wie sie gleichzeitig bei Cato und spaeterhin bei Varro +hervortritt. Wie in der deutschen Komoedie, die in ganz aehnlicher +Weise von der franzoesischen ausgegangen war wie die roemische von der +attischen, sehr bald die franzoesische Lisette durch das +Frauenzimmerchen Franziska abgeloest ward, so trat, wenn nicht mit +gleicher poetischer Gewalt, doch in derselben Richtung und vielleicht +mit aehnlichem Erfolg, in Rom neben das hellenisierende das latinische +Nationallustspiel. + +Wie das griechische Lustspiel kam auch das griechische Trauerspiel im +Laufe dieser Epoche nach Rom. Dasselbe war ein wertvollerer und in +gewisser Hinsicht auch ein leichterer Erwerb als die Komoedie. Die +Grundlage des Trauerspiels, das griechische, namentlich das Homerische +Epos, war den Roemern nicht fremd und bereits mit ihrer eigenen +Stammsage verflochten; und ueberhaupt ward der empfaengliche Fremde +weit leichter heimisch in der idealen Welt der heroischen Mythen als +auf dem Fischmarkt von Athen. Dennoch hat auch das Trauerspiel, nur +minder schroff und minder gemein, die antinationale und hellenisierende +Weise gefoerdert; wobei es von der entscheidendsten Wichtigkeit war, +dass die griechische tragische Buehne dieser Zeit vorwiegend von +Euripides (274, 348 480, 406) beherrscht ward. Diesen merkwuerdigen +Mann und seine noch viel merkwuerdigere Wirkung auf Mit- und Nachwelt +erschoepfend darzustellen, ist dieses Ortes nicht; aber die geistige +Bewegung der spaeteren griechischen und der griechisch-roemischen +Epoche ward so sehr durch ihn bestimmt, dass es unerlaesslich ist, sein +Wesen wenigstens in den Grundzuegen zu skizzieren. Euripides gehoert zu +denjenigen Dichtern, welche die Poesie zwar auf eine hoehere Stufe +heben, aber in diesem Fortschritt bei weitem mehr das richtige Gefuehl +dessen, was sein sollte, als die Macht offenbaren, dies poetisch zu +erschaffen. Das tiefe Wort, welches sittlich wie poetisch die Summe +aller Tragik zieht, dass Handeln Leiden ist, gilt freilich auch fuer +die antike Tragoedie; den handelnden Menschen stellt sie dar, aber +eigentliche Individualisierung ist ihr fremd. Die unuebertroffene +Grossheit, womit der Kampf des Menschen und des Schicksals bei +Aeschylos sich vollzieht, beruht wesentlich darauf, dass jede der +ringenden Maechte nur im ganzen aufgefasst wird; das wesenhafte +Menschliche ist im ‘Prometheus’ und ‘Agamemnon’ nur leicht angehaucht +von dichterischer Individualisierung. Sophokles fasst wohl die +Menschennatur in ihrer allgemeinen Bedingtheit, den Koenig, den Greis, +die Schwester; aber den Mikrokosmos des Menschen in seiner +Allseitigkeit, den Charakter bringt keine einzelne seiner Gestalten zu +Anschauung. Es ist hier ein hohes Ziel erreicht, aber nicht das +hoechste; die Schilderung des Menschen in seiner Ganzheit und die +Verflechtung dieser einzelnen, in sich fertigen Gestalten zu einer +hoeheren poetischen Totalitaet ist eine Steigerung und darum sind, +gegen Shakespeare gehalten, Aeschylos und Sophokles unvollkommene +Entwicklungsstufen. Allein wie Euripides es unternimmt, den Menschen +darzustellen wie er ist, liegt darin mehr ein logischer und in gewissem +Sinn ein geschichtlicher als ein dichterischer Fortschritt. Er hat die +antike Tragoedie zu zerstoeren, nicht die moderne zu erschaffen +vermocht. Ueberall blieb er auf halbem Wege stehen. Die Masken, durch +welche die Aeusserung des Seelenlebens gleichsam aus dem Besonderen ins +Allgemeine uebersetzt wird, sind fuer die typische Tragoedie des +Altertums ebenso notwendig wie mit dem Charaktertrauerspiel +unvertraeglich; Euripides aber behielt sie bei. Mit bewundernswert +feinem Gefuehl hatte die aeltere Tragoedie das dramatische Element, das +frei walten zu lassen sie nicht vermochte, niemals rein dargestellt, +sondern es stets durch die epischen Stoffe aus der Uebermenschenwelt +der Goetter und Heroen und durch die lyrischen Choere gewissermassen +gebunden. Man fuehlt es, dass Euripides an diesen Ketten riss: er ging +mit seinen Stoffen wenigstens bis in die halb historische Zeit hinab +und seine Chorlieder traten so zurueck, dass man bei spaeteren +Auffuehrungen sie haeufig und wohl kaum zum Nachteil der Stuecke +wegliess - aber doch hat er weder seine Gestalten voellig auf den Boden +der Wirklichkeit gestellt noch den Chor ganz beiseite geworfen. +Durchaus und nach allen Seiten hin ist er der volle Ausdruck einer Zeit +einerseits der grossartigsten geschichtlichen und philosophischen +Bewegung, anderseits der Truebung des Urquells aller Poesie, der reinen +und schlichten Volkstuemlichkeit. Wenn die ehrfuerchtige Froemmigkeit +der aelteren Tragiker deren Stuecke gleichsam mit einem Abglanz des +Himmels ueberstroemt, wenn die Abgeschlossenheit des engen Horizontes +der aelteren Hellenen auch ueber den Hoerer ihre befriedende Macht +uebt, so erscheint die Euripideische Welt in dem fahlen Schimmer der +Spekulation so entgoettlicht wie durchgeistigt, und truebe +Leidenschaften zucken wie die Blitze durch die grauen Wolken hin. Der +alte, tiefe innerliche Schicksalsglaube ist verschwunden; das Fatum +regiert als aeusserlich despotische Macht, und knirschend tragen die +Knechte ihre Fesseln. Derjenige Unglaube, welcher der verzweifelnde +Glaube ist, redet aus diesem Dichter mit daemonischer Gewalt. +Notwendigerweise gelangt also der Dichter niemals zu einer ihn selber +ueberwaeltigenden plastischen Konzeption und niemals zu einer wahrhaft +poetischen Wirkung im ganzen; weshalb er auch sich gegen die +Komposition seiner Trauerspiele gewissermassen gleichgueltig verhalten, +ja hierin nicht selten geradezu gesudelt und seinen Stuecken weder in +einer Handlung noch in einer Persoenlichkeit einen Mittelpunkt gegeben +hat - die liederliche Manier, den Knoten durch den Prolog zu schuerzen +und durch eine Goettererscheinung oder eine aehnliche Plumpheit zu +loesen, hat recht eigentlich Euripides aufgebracht. Alle Wirkung liegt +bei ihm im Detail, und mit allerdings grosser Kunst ist hierin von +allen Seiten alles aufgeboten, um den unersetzlichen Mangel poetischer +Totalitaet zu verdecken. Euripides ist Meister in den sogenannten +Effekten, welche in der Regel sinnlich sentimental gefaerbt sind und +oft noch durch einen besonderen Hautgout, zum Beispiel durch Verwehung +von Liebesstoffen mit Mord oder Inzest, die Sinnlichkeit stacheln. Die +Schilderungen der willig sterbenden Polyxena, der vor geheimem +Liebesgram vergehenden Phaedra, vor allem die prachtvolle der mystisch +verzueckten Bakchen sind in ihrer Art von der groessten Schoenheit; +aber sie sind weder kuenstlerisch noch sittlich rein und Aristophanes’ +Vorwurf, dass der Dichter keine Penelope zu schildern vermoege, +vollkommen begruendet. Verwandter Art ist das Hineinziehen des gemeinen +Mitleids in die Euripideische Tragoedie. Wenn seine verkuemmerten +Heroen, wie der Menelaos in der ‘Helena’, die Andromache, die Elektra +als arme Baeuerin, der kranke und ruinierte Kaufmann Telephos, +widerwaertig oder laecherlich und in der Regel beides zugleich sind, so +machen dagegen diejenigen Stuecke, die mehr in der Atmosphaere der +gemeinen Wirklichkeit sich halten und aus dem Trauerspiel in das +ruehrende Familienstueck und beinahe schon in die sentimentale Komoedie +uebergehen, wie die ‘Iphigenie in Aulis’, der ‘Ion’, die ‘Alkestis’ +vielleicht unter all seinen zahlreichen Werken die erfreulichste +Wirkung. Ebenso oft, aber mit geringerem Glueck versucht der Dichter +das Verstandesinteresse ins Spiel zu bringen. Dahin gehoert die +verwickelte Handlung, welche darauf berechnet ist, nicht wie die +aeltere Tragoedie das Gemuet zu bewegen, sondern vielmehr die Neugierde +zu spannen; dahin der dialektisch zugespitzte, fuer uns Nichtathener +oft geradezu unertraegliche Dialog; dahin die Sentenzen, die wie die +Blumen im Ziergarten durch die Euripideischen Stuecke ausgestreut sind; +dahin vor allem die Euripideische Psychologie, die keineswegs auf +unmittelbar menschlicher Nachempfindung, sondern auf rationeller +Erwaegung beruht. Seine Medeia ist insofern allerdings nach dem Leben +geschildert, als sie vor ihrer Abfahrt gehoerig mit Reisegeld versehen +wird; von dem Seelenkampf zwischen Mutterliebe und Eifersucht wird der +unbefangene Leser nicht viel bei Euripides finden. Vor allem aber ist +in den Euripideischen Tragoedien die poetische Wirkung ersetzt durch +die tendenzioese. Ohne eigentlich unmittelbar in die Tagesfragen +einzutreten und durchaus mehr die sozialen als die politischen Fragen +ins Auge fassend, trifft doch Euripides in seinen innerlichen +Konsequenzen zusammen mit dem gleichzeitigen politischen und +philosophischen Radikalismus und ist der erste und oberste Apostel der +neuen, die alte attische Volkstuemlichkeit aufloesenden +kosmopolitischen Humanitaet. Hierauf beruht wie die Opposition, auf die +der ungoettliche und unattische Dichter bei seinen Zeitgenossen stiess, +so auch der wunderbare Enthusiasmus, mit welchem die juengere +Generation und das Ausland dem Dichter der Ruehrung und der Liebe, der +Sentenz und der Tendenz, der Philosophie und der Humanitaet sich +hingab. Das griechische Trauerspiel schritt mit Euripides ueber sich +selber hinaus und brach also zusammen; aber des weltbuergerlichen +Dichters Erfolg ward dadurch nur gefoerdert, da gleichzeitig auch die +Nation ueber sich hinausschritt und gleichfalls zusammenbrach. Die +Aristophanische Kritik mochte sittlich wie poetisch vollkommen das +Richtige treffen; aber die Dichtung wirkt nun einmal geschichtlich +nicht in dem Masse ihres absoluten Wertes, sondern in dem Masse, wie +sie den Geist der Zeit vorzufuehlen vermag, und in dieser Hinsicht ist +Euripides unuebertroffen. So ist es denn gekommen, dass Alexander ihn +fleissig las, dass Aristoteles den Begriff des tragischen Dichters im +Hinblick auf ihn entwickelte, dass die juengste dichtende wie bildende +Kunst in Attika aus ihm gleichsam hervorging, das neuattische Lustspiel +nichts tat, als den Euripides ins Komische uebertragen, und die in den +spaeteren Vasenbildern uns entgegentretende Malerschule ihre Stoffe +nicht mehr den alten Epen, sondern der Euripideischen Tragoedie +entnahm, dass endlich, je mehr das alte Hellas dem neuen Hellenismus +wich, des Dichters Ruhm und Einfluss mehr und mehr stieg und das +Griechentum im Auslande, in Aegypten wie in Rom, unmittelbar oder +mittelbar wesentlich durch Euripides bestimmt ward. + +Der Euripideische Hellenismus ist durch die verschiedenartigsten +Kanaele nach Rom geflossen und mag daselbst wohl rascher und tiefer +mittelbar gewirkt haben als geradezu in der Form der Uebersetzung. Die +tragische Schaubuehne ist in Rom nicht gerade spaeter eroeffnet worden +als die komische; allein sowohl die bei weitem groesseren Kosten der +tragischen Inszenierung, worauf doch, wenigstens waehrend des +Hannibalischen Krieges, ohne Zweifel Ruecksicht genommen worden ist, +als auch die Beschaffenheit des Publikums hielten die Entwicklung der +Tragoedie zurueck. In den Plautinischen Lustspielen wird auf Tragoedien +nicht gerade oft hingedeutet, und die meisten Anfuehrungen der Art +moegen aus den Originalen heruebergenommen sein. Der erste und einzig +erfolgreiche Tragoediendichter dieser Zeit war des Naevius und Plautus +juengerer Zeitgenosse Quintus Ennius (515-585 239-169), dessen Stuecke +schon von den gleichzeitigen Lustspieldichtern parodiert und von den +Spaeteren bis in die Kaiserzeit hinein geschaut und deklamiert wurden. + +Uns ist die tragische Schaubuehne der Roemer weit weniger bekannt als +die komische; im ganzen genommen wiederholen dieselben Erscheinungen, +die bei dieser wahrgenommen wurden, sich auch bei jener. Das Repertoire +ging gleichfalls wesentlich aus Uebersetzungen griechischer Stuecke +hervor. Die Stoffe werden mit Vorliebe der Belagerung von Troja und den +unmittelbar damit zusammenhaengenden Sagen entnommen, offenbar weil +dieser Mythenkreis allein dem roemischen Publikum durch den +Schulunterricht gelaeufig war; daneben ueberwiegen die +sinnlich-grausamen Motive, der Mutter- oder Kindermord in den +‘Eumeniden’, im ‘Alkmaeon’, im ‘Kresphontes’, in der ‘Melanippe’, in +der ‘Medeia’, die Jungfrauenopfer in der ‘Polyxena’, den ‘Erechthiden’, +der ‘Andromeda’, der ‘Iphigeneia’ - man kann nicht umhin, sich dabei zu +erinnern, dass das Publikum dieser Tragoedien Fechterspielen +zuzuschauen gewohnt war. Frauen- und Geisterrollen scheinen den +tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Die bemerkenswerteste Abweichung +der roemischen Bearbeitung von dem Original betrifft ausser dem Wegfall +der Masken den Chor. Der roemischen, zunaechst wohl fuer das komische +chorlose Spiel eingerichteten Buehne mangelte der besondere Tanzplatz +(orchestra) mit dem Altar in der Mitte, auf dem der griechische Chor +sich bewegte, oder vielmehr es diente derselbe bei den Roemern als eine +Art Parkett; danach muss wenigstens der kunstvoll gegliederte und mit +der Musik und der Deklamation verschlungene Chortanz in Rom weggefallen +sein, und wenn der Chor auch blieb, so hatte er doch wenig zu bedeuten. +Im einzelnen fehlte es natuerlich an Vertauschungen der Masse, an +Verkuerzungen und Verunstaltungen nicht; in der lateinischen +Bearbeitung der Euripideischen ‘Iphigeneia’ zum Beispiel ist, sei es +nach dem Muster einer anderen Tragoedie, sei es nach eigener Erfindung +des Bearbeiters, aus dem Frauen- ein Soldatenchor gemacht. Gute +Uebersetzungen in unserem Sinn koennen die lateinischen Tragoedien des +sechsten Jahrhunderts freilich nicht genannt werden ^24, doch gab +wahrscheinlich ein Trauerspiel des Ennius von dem Euripideischen +Original ein weit minder getruebtes Bild als ein Plautinisches +Lustspiel von dem des Menander. + +Die geschichtliche Stellung und Wirkung des griechischen Trauerspiels +in Rom ist derjenigen der griechischen Komoedie vollstaendig +gleichartig; und wenn, wie das der Unterschied der Dichtgattungen mit +sich bringt, in dem Trauerspiel die hellenistische Richtung geistiger +und reinlicher auftritt, so trug dagegen die tragische Buehne dieser +Zeit und ihr hauptsaechlicher Vertreter Ennius noch weit entschiedener +die antinationale und mit Bewusstsein propagandistische Tendenz zur +Schau. Ennius, schwerlich der bedeutendste, aber sicher der +einflussreichste Dichter des sechsten Jahrhunderts, war kein geborener +Latiner, sondern von Haus aus ein Halbgrieche; messapischer Abkunft und +hellenischer Bildung, siedelte er in seinem fuenfunddreissigsten Jahre +nach Rom ueber und lebte dort, anfangs als Insasse, seit 570 (184) als +Buerger in beschraenkten Verhaeltnissen, teils von dem Unterricht im +Lateinischen und Griechischen, teils von dem Ertrag seiner Stuecke, +teils von den Verehrungen derjenigen roemischen Grossen, welche, wie +Publius Scipio, Titus Flaminius, Marcus Fulvius Nobilior, geneigt +waren, den modernen Hellenismus zu foerdern und dem Poeten zu lohnen, +der ihr eigenes und ihrer Ahnen Lob sang, und auch wohl einzelne von +ihnen, gewissermassen als im voraus fuer die zu verrichtenden +Grosstaten bestellter Hofpoet, ins Feldlager begleitete. Das +Klientennaturell, das fuer einen solchen Beruf erforderlich war, hat er +selbst zierlich geschildert ^25. Von Haus aus und seiner ganzen +Lebensstellung nach Kosmopolit, verstand er es, die Nationalitaeten, +unter denen er lebte, die griechische, launische, ja sogar die oskische +sich anzueignen, ohne doch einer von ihnen sich zu eigen zu geben; und +wenn bei den frueheren roemischen Poeten der Hellenismus mehr +folgeweise aus ihrer dichterischen Wirksamkeit hervorgegangen als ihr +deutliches Ziel gewesen war, und sie darum auch mehr oder minder +wenigstens versucht hatten, sich auf einen volkstuemlichen Boden zu +stellen, so ist sich Ennius vielmehr seiner revolutionaeren Tendenz mit +merkwuerdiger Klarheit bewusst und arbeitet sichtlich darauf hin, die +neologisch-hellenische Richtung bei den Italikern energisch zur Geltung +zu bringen. Sein brauchbarstes Werkzeug war die Tragoedie. Die Truemmer +seiner Trauerspiele zeigen, dass ihm das gesamte tragische Repertoire +der Griechen und namentlich auch Aeschylos und Sophokles sehr wohl +bekannt waren; um so weniger ist es zufaellig, dass er bei weitem die +meisten und darunter alle seiner gefeierten Stuecke dem Euripides +nachgebildet hat. Bei der Auswahl und Behandlung bestimmten ihn +freilich zum Teil aeussere Ruecksichten; aber nicht dadurch allein kann +es veranlasst sein, dass er so entschieden den Euripides im Euripides +hervorhob, die Choere noch mehr vernachlaessigte als sein Original, die +sinnliche Wirkung noch schaerfer als der Grieche akzentuierte, dass er +Stuecke aufgriff wie den ‘Thyestes’ und den aus Aristophanes’ +unsterblichem Spott so wohlbekannten ‘Telephos’ und deren Prinzenjammer +und Jammerprinzen, ja sogar ein Stueck wie ‘Menalippe die Philosophin’, +wo die ganze Handlung sich um die Verkehrtheit der Volksreligion dreht +und die Tendenz, dieselbe vom naturphilosophischen Standpunkte aus zu +befehden, auf der flachen Hand liegt. Gegen den Wunderglauben fliegen +ueberall, zum Teil in nachweislich eingelegten Stellen ^26, die +schaerfsten Pfeile, und von Tiraden, wie die folgende ist: + +Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch; + +Doch sie kuemmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los, + +Sonst ging’s gut den Guten, schlecht den Boesen; doch dem ist nicht so. + +wundert man sich fast, dass sie die roemische Buehnenzensur passierten. +Dass Ennius in einem eigenen Lehrgedicht dieselbe Irreligiositaet +wissenschaftlich predigte, ward schon bemerkt; und offenbar ist es ihm +mit dieser Aufklaerung Herzenssache gewesen. Dazu stimmt vollkommen die +hier und da hervortretende radikal gefaerbte politische Opposition ^27, +die Verherrlichung der griechischen Tafelfreuden, vor allem die +Vernichtung des letzten nationalen Elements in der lateinischen Poesie, +des saturnischen Masses, und dessen Ersetzung durch den griechischen +Hexameter. Dass der “vielgestaltige” Poet alle diese Aufgaben mit +gleicher Sauberkeit ausfuehrte, dass er der keineswegs daktylisch +angelegten Sprache den Hexameter abrang und ohne den natuerlichen Fluss +der Rede zu hemmen sich mit Sicherheit und Freiheit in den ungewohnten +Massen und Formen bewegte, zeugt von seinem ungemeinen, in der Tat mehr +griechischen als roemischen Formtalent ^28; wo man bei ihm anstoesst, +verletzt viel haeufiger griechische Sprachdiftelei ^29 als roemische +Roheit. Er war kein grosser Dichter, aber ein anmutiges und heiteres +Talent, durchaus eine lebhaft anempfindende poetische Natur, die +freilich des poetischen Kothurnes bedurfte, um sich als Dichter zu +fuehlen, und der die komische Ader vollstaendig abging. Man begreift +den Stolz, womit der hellenisierende Poet auf die rauhen Weisen +herabsieht, “in denen die Waldgeister und die Barden ehemals sangen”, +und die Begeisterung, womit er die eigene Kunstpoesie feiert: + +Heil Dichter Ennius! welcher du den Sterblichen + +Das Feuerlied kredenzest aus der tiefen Brust. + +———————————————————————————————————— + +^24 Zur Vergleichung stehe hier der Anfang der Euripideischen und der +Ennianischen ‘Medeia’: + +Είθ' ώφελ' Αργούς διασπάσθαι σκάφος + +Κόλχων ες αίαν κυανέας Συπληγάδας + + +Μήδ' τέν νάπαισι Πηλίου πεσείν ποτε Utinam ne in nemore Pelio +securibus + +Τμηθείσα πεύκη, μηδ' ερετμώσαι χέρας Caesa accidisset abiegna ad +terram + + trabes, + + Neve inde navis inchoandae + exordium + + Coepisset, quae nunc nominatur + + nomine + +Ανδρών αρίστων, οι τό πάγχρυσον θέρος Argo, quia Argivi in ea dilecti + + viri + + Vecti petebant pellem inauratam + + arietis + +Πελία μετήλθον. Ου γάρ άν δέσποιν εμή Colchis, imperio regis Peliae, +per + + dolum. + +Μηδεία πύργους γής έπλευσα Ιωλκίας Nam nunquam era errans mea domo + + efferret pedem + +Έρωτι θυμόν εκπλαγείσ' Ιάσονος. Medea, animo aegra, amore saevo + +saucia. + + +Nie durch die schwarzen Symplegaden + +haette hin + +Fliegen gesollt ins Kolcherland der + +Argo Schiff, + +Noch stuerzen in des Pelion O waer’ im Pelionhaine von den + +Waldesschlucht jemals Beilen nie + +Gefaellt die Fichte, noch berudern Gehaun zur Erde hingestuerzt + +sie die Hand der Tannenstamm + + Und haette damit der Angriff + + angefangen nie + + Zum Beginn des Schiffes, das + + man jetzt mit Namen nennt + + +Der Tapfern, die das goldne Vliess Argo weil drin fuhr Argos + +dem Pelias auserlesne Schar, + + Von Kolchi nach Gebot des + + Koenigs Pelias + +Zu holen gingen! Nicht die Herrin Mit List zu holen uebergueldetes + +waere mir Widdervliess! + +Medeia zu des Iolkerlandes Tuermen Vors Haus dann irr den Fuss mir + +dann Herrin setzte nie, + +Von Iasons Liebe sinnbetoert Medea, krank im Herzen, wund +von + +hinweggeschifft. Liebespein. + +Die Abweichungen der Uebersetzung vom Original sind belehrend, nicht +bloss die Tautologien und Periphrasen, sondern auch die Beseitigung +oder Erlaeuterung der weniger bekannten mythologischen Namen: der +Symplegaden, des Kolcherlandes, der Argo. Eigentliche +Missverstaendnisse des Originals aber sind bei Ennius selten. + +^25 Ohne Zweifel mit Recht galt den Alten als Selbstcharakteristik des +Dichters die Stelle im siebenten Buch der Chronik, wo der Konsul den +Vertrauten zu sich ruft, + +mit welchem er gern und + +Oftmals Tisch und Gespraech und seiner Geschaefte Eroertrung + +Teilte, wenn heim er kam, ermuedet von wichtigen Dingen, + +Drob er geratschlagt hatte die groessere Haelfte des Tags durch + +Auf dem Markte sowohl wie im ehrwuerdigen Stadtrat; + +Welchem das Gross’ und das Klein’ und den Scherz auch er mitteilen + +Durft’ und alles zugleich, was gut und was uebel man redet, + +Schuetten ihm aus, wenn er mocht’, und anvertrauen ihm sorglos; + +Welcher geteilt mit ihm viel Freud’ im Hause und draussen; + +Den nie schaendlicher Rat aus Leichtsinn oder aus Bosheit + +Uebel zu handeln verlockt; ein Mann, unterrichtet, ergeben, + +Angenehm, redegewandt und genuegsam froehlichen Herzens, + +Redend zur richtigen Zeit und das Passende, klueglich und kuerzlich, + +Im Verkehre bequem und bewandert verschollener Dinge, + +Denn ihn lehrten die Jahre die Sitten der Zeit und der Vorzeit, + +Von vielfaeltigen Sachen der Goetter und Menschen Gesetz auch, + +Und ein Gespraech zu berichten verstand er sowie zu verschweigen. + +In der vorletzten Zeile ist wohl zu schreiben multarum rerum leges +divumque hominumque. + +^26 Vgl. 2, 393. Aus der Definition des Wahrsagers bei Euripides (Iph. +Aul. 956), dass er ein Mann sei, + +Der wenig Wahres unter vielem Falschen sagt + +Im besten Fall; und trifft er’s nicht, es geht ihm hin. + +hat der lateinische Uebersetzer folgende Diatribe gegen die +Horoskopsteller gemacht: + +Sterneguckerzeichen sucht er auf am Himmel, passt, ob wo + +Jovis Zieg’ oder Krebs ihm aufgeh’ oder einer Bestie Licht. + +Nicht vor seine Fuesse schaut man und durchforscht den Himmelsraum. + +^27 Im ‘Telephus’ heisst es: + +Palam mutire plebeis piaculum est. + +Verbrechen ist gemeinem Mann ein lautes Wort. + +^28 Die folgenden, in Form und Inhalt vortrefflichen Worte gehoeren der +Bearbeitung des Euripideischen ‘Phoenix’ an: + +Doch dem Mann mit Mute maechtig ziemt’s zu wirken in der Welt + +Und den Schuldigen zu laden tapfer vor den Richterstuhl. + +Das ist Freiheit, wo im Busen rein und fest wem schlaegt das Herz; + +Sonst in dunkler Nacht verborgen bleibt die frevelhafte Tat. + +In dem wahrscheinlich der Sammlung der vermischten Gedichte +einverleibten ‘Scipio’ standen die malerischen Zeilen: + +— munduscaeli vastus constitit silentio; + +Et Neptunus saevus undis asperis pausam dedit, + +Sol equis iter repressit ungulis volantibus, + +Constitere amnes perennes, arbores vento vacant. + +[Iovis winkt’;] es ging ein Schweigen durch des Himmels weiten Raum. + +Rasten hiess die Meereswogen streng die grollenden Neptun, + +Seiner Rosse fliegende Hufe hielt zurueck der Sonnengott, + +Inne haelt der Fluss im Fluten, im Gezweig nicht weht der Wind. + +Die letzte Stelle gibt auch einen Einblick in die Art, wie der Dichter +seine Originalpoesien arbeitete: sie ist nichts als eine Ausfuehrung +der Worte, die in der urspruenglich wohl Sophokleischen Tragoedie +‘Hektors Loesung’ ein dem Kampfe zwischen Hephaestos und dem Skamander +Zuschauender spricht: + +Constitit Credo Scamander, arbores vento vacant. + +Inne haelt, schau! der Skamander, im Gezweig nicht weht der Wind. + +und das Motiv ruehrt schliesslich aus der Ilias (21, 381) her. + +^29 So heisst es im ‘Phoenix’: + +- - stultust, qui cupita cupiens cupienter cupit. + +Toericht, wer Begehrtes begehrend ein Begieriger begehrt, + +und es ist dies noch nicht das tollste Radschlagen der Art. Auch +akrostichische Spielereien kommen vor (Cic. div. 2, 54, 111). + +—————————————————————————— + +Der geistreiche Mann war eben sich bewusst, mit vollen Segeln zu +fahren; das griechische Trauerspiel ward und blieb fortan ein Besitztum +der launischen Nation. + +Einsamere Wege und mit minder guenstigem Winde steuerte ein kuehnerer +Schiffer nach einem hoeheren Ziel. Naevius bearbeitete nicht bloss +gleich Ennius, wenngleich mit weit geringerem Erfolg, griechische +Trauerspiele fuer die roemische Buehne, sondern er versuchte auch ein +ernstes Nationalschauspiel (fabula praetextata) selbstaendig zu +schaffen. Aeusserliche Hindernisse standen hier nicht im Weg; er +brachte Stoffe sowohl aus der roemischen Sage als aus der +gleichzeitigen Landesgeschichte auf die Buehne seiner Heimat. Derart +sind seine ‘Erziehung des Romulus und Remus’ oder der ‘Wolf’, worin der +Koenig Amulius von Alba auftrat, und sein ‘Clastidium’, worin der Sieg +des Marcellus ueber die Kelten 532 (222) gefeiert ward. Nach seinem +Vorgang hat auch Ennius in der ‘Ambrakia’ die Belagerung der Stadt +durch seinen Goenner Nobilior 565 (189; 2, 273) nach eigener Anschauung +geschildert. Die Zahl dieser Nationalschauspiele blieb indes gering und +die Gattung verschwand rasch wieder vom Theater; die duerftige Sage und +die farblose Geschichte Roms vermochten mit dem hellenischen Sagenkreis +nicht auf die Dauer zu konkurrieren. Ueber den dichterischen Gehalt der +Stuecke haben wir kein Urteil mehr; aber wenn die poetische Intention +im ganzen in Anschlag kommen darf, so gibt es in der roemischen +Literatur wenige Griffe von solcher Genialitaet, wie die Schoepfung +eines roemischen Nationalschauspiels war. Nur die griechischen +Tragoedien der aeltesten, den Goettern noch sich naeher fuehlenden +Zeit, nur Dichter wie Phrynichos und Aeschylos hatten den Mut gehabt, +die von ihnen miterlebten und mitverrichteten Grosstaten neben denen +der Sagenzeit auf die Buehne zu bringen; und wenn irgendwo es uns +lebendig entgegentritt, was die Punischen Kriege waren und wie sie +wirkten; so ist es hier, wo ein Dichter, der wie Aeschylos die +Schlachten, die er sang, selber geschlagen, die Koenige und Konsuln +Roms auf diejenige Buehne fuehrte, auf der man bis dahin einzig Goetter +und Heroen zu sehen gewohnt war. + +Auch die Lesepoesie beginnt in dieser Epoche in Rom; schon Livius +buergerte die Sitte, welche bei den Alten die heutige Publikation +vertrat, die Vorlesung neuer Werke durch den Verfasser, auch in Rom +wenigstens insofern ein, als er dieselben in seiner Schule vortrug. Da +die Dichtkunst hier nicht oder doch nicht geradezu nach Brot ging, ward +dieser Zweig derselben nicht so wie die Buehnendichtung von der Ungunst +der oeffentlichen Meinung betroffen; gegen das Ende dieser Epoche sind +auch schon der eine oder der andere vornehme Roemer in dieser Art als +Dichter oeffentlich aufgetreten ^30. Vorwiegend indes ward die +rezitative Poesie kultiviert von denselben Dichtern, die mit der +szenischen sich abgaben, und ueberhaupt hat jene neben der +Buehnendichtung eine untergeordnete Rolle gespielt, wie es denn auch +ein eigentliches dichterisches Lesepublikum in dieser Zeit nur noch in +sehr beschraenktem Masse in Rom gegeben haben kann. Vor allem schwach +vertreten war die lyrische, didaktische, epigrammatische Poesie. Die +religioesen Festkantaten, von denen die Jahrbuecher dieser Zeit +allerdings bereits den Verfasser namhaft zu machen der Muehe wert +halten, sowie die monumentalen Tempel- und Grabinschriften, fuer welche +das saturnische Mass das stehende blieb, gehoerten kaum der +eigentlichen Literatur an. Soweit ueberhaupt in dieser die kleinere +Poesie erscheint, tritt sie in der Regel und schon bei Naevius unter +dem Namen der Satura auf - eine Bezeichnung, die urspruenglich dem +alten, seit Livius durch das griechische Drama von der Buehne +verdraengten handlungslosen Buehnengedicht zukam, nun aber in der +rezitativen Poesie einigermassen unseren “vermischten Gedichten” +entspricht und gleich diesen nicht eigentlich eine positive +Kunstgattung und Kunstweise anzeigt, sondern nur Gedichte nicht +epischer und nicht dramatischer Art von beliebigem, meist subjektivem +Stoff und beliebiger Form. Ausser Catos spaeter noch zu erwaehnendem +‘Gedicht von den Sitten’, welches vermutlich, anknuepfend an die +aelteren Anfaenge volkstuemlich didaktischer Poesie, in saturnischen +Versen geschrieben war, gehoeren hierher besonders die kleineren +Gedichte des Ennius, welche der auf diesem Gebiet sehr fruchtbare +Dichter teils in seiner Saturensammlung, teils abgesondert +veroeffentlichte: kuerzere erzaehlende Poesien aus der vaterlaendischen +Sagen- oder gleichzeitigen Geschichte, Bearbeitungen des religioesen +Romans des Euhemeros, der auf den Namen des Epicharmos laufenden +naturphilosophischen Poesien, der Gastronomie des Archestratos von +Gela, eines Poeten der hoeheren Kochkunst; ferner einen Dialog zwischen +dem Leben und dem Tode, Aesopische Fabeln, eine Sammlung von +Sittenspruechen, parodische und epigrammatische Kleinigkeiten - geringe +Sachen, aber bezeichnend wie fuer die Mannigfaltigkeit so auch fuer die +didaktisch-neologische Tendenz des Dichters, der auf diesem Gebiete, +wohin die Zensur nicht reichte, sich offenbar am freiesten gehen liess. + +———————————————————— + +^30 Ausser Cato werden noch aus dieser Zeit zwei “Konsulare und Poeten” +genannt (Suet. vita Ter. 4): Quintus Labeo, Konsul 571 (183), und +Marcus Popillius, Konsul 581 (173). Doch bleibt es dahingestellt, ob +sie ihre Gedichte auch publizierten. Selbst von Cato duerfte letzteres +zweifelhaft sein. + +———————————————————— + +Groessere dichterische wie geschichtliche Bedeutung nehmen die Versuche +in Anspruch, die Landeschronik metrisch zu behandeln. Wieder war es +Naevius, der dichterisch formte, was sowohl von der Sagen- als von der +gleichzeitigen Geschichte einer zusammenhaengenden Erzaehlung faehig +war und namentlich den Ersten Punischen Krieg einfach und klar, so +schlecht und recht, wie die Dinge waren, ohne irgend etwas als +unpoetisch zu verschmaehen und ohne irgendwie, namentlich in der +Schilderung der geschichtlichen Zeit, auf poetische Hebung oder gar +Verzierungen auszugehen, durchaus in der gegenwaertigen Zeit +berichtend, in dem halb prosaischen saturnischen Nationalversmass +heruntererzaehlte ^31. Es gilt von dieser Arbeit wesentlich dasselbe, +was von dem Nationalschauspiel desselben Dichters gesagt ward. Die +epische Poesie der Griechen bewegt sich wie die tragische voellig und +wesentlich in der heroischen Zeit; es war ein durchaus neuer und +wenigstens der Anlage nach ein beneidenswert grossartiger Gedanke, mit +dem Glanze der Poesie die Gegenwart zu durchleuchten. Mag immerhin in +der Ausfuehrung die Naevische Chronik nicht viel mehr gewesen sein als +die in mancher Hinsicht verwandten mittelalterlichen Reimchroniken, so +hatte doch sicher mit gutem Grund der Dichter sein ganz besonderes +Wohlgefallen an diesem seinem Werke. Es war nichts Kleines in einer +Zeit, wo es eine historische Literatur ausser den offiziellen +Aufzeichnungen noch schlechterdings nicht gab, seinen Landsleuten ueber +die Taten der Zeit und der Vorzeit einen zusammenhaengenden Bericht +gedichtet und daneben die grossartigsten Momente daraus ihnen +dramatisch zur Anschauung gebracht zu haben. + +———————————————————————————- + +^31 Den Ton werden folgende Bruchstuecke veranschaulichen. Von der +Dido: + +Freundlich und kundig fragt sie - welcher Art Aeneas + +Von Troia schied. + +spaeter: + +Die Haende sein zum Himmel - hob empor der Koenig + +Amulius, dankt den Goettern - + +aus einer Rede, wo die indirekte Fassung bemerkenswert ist: + +Doch liessen sie im Stiche - jene tapfren Maenner, + +Das wuerde Schmach dem Volk sein - jeglichem Geschlechte. + +bezueglich auf die Landung in Malta im Jahre 498 (256): + +Nach Meute schifft der Roemer, - ganz und gar die Insel + +Brennt ab, verheert, zerstoert er, - macht den Feind zunichte. + +endlich von dem Frieden, der den Krieg um Sizilien beendigte: + +Bedungen wird es auch durch - Gaben des Lutatius + +Zu suehnen; er bedingt noch, - dass sie viel Gefangne + +Und aus Sizilien gleichfalls - rueck die Geiseln geben. + +———————————————————————————— + +Eben dieselbe Aufgabe wie Naevius stellte sich auch Ennius; aber die +Gleichheit des Gegenstandes laesst den politischen und poetischen +Gegensatz des nationalen und des antinationalen Dichters nur um so +greller hervortreten. Naevius suchte fuer den neuen Stoff eine neue +Form; Ennius fuegte oder zwaengte denselben in die Formen des +hellenischen Epos. Der Hexameter ersetzt den saturnischen Vers, die +aufgeschmueckte, nach plastischer Anschaulichkeit ringende +Homeridenmanier die schlichte Geschichtserzaehlung. Wo es irgend +angeht, wird geradezu Homer uebertragen, wie zum Beispiel die +Bestattung der bei Herakleia Gefallenen nach dem Muster der Bestattung +des Patroklos geschildert wird und in der Kappe des mit den Istriern +fechtenden Kriegstribuns Marcus Livius Stolo kein anderer steckt als +der Homerische Aias - nicht einmal die Homerische Anrufung der Muse +wird dem Leser erlassen. Die epische Maschinerie ist vollstaendig im +Gange; nach der Schlacht von Cannae zum Beispiel verzeiht Juno in +vollem Goetterrat den Roemern und verheisst ihnen Jupiter nach +erlangter ehefraeulicher Einwilligung den endlichen Sieg ueber die +Karthager. Auch die neologische und hellenistische Tendenz ihres +Verfassers verleugnen die ‘Jahrbuecher’ keineswegs. Schon die bloss +dekorative Verwendung der Goetterwelt traegt diesen Stempel. In dem +merkwuerdigen Traumgesicht, womit das Gedicht sich einfuehrt, wird auf +gut pythagoreisch berichtet, dass die jetzt im Quintus Ennius wohnhafte +Seele vor diesem in Horneros und noch frueher in einem Pfau sesshaft +gewesen sei, und alsdann auf gut naturphilosophisch das Wesen der Dinge +und das Verhaeltnis des Koerpers zum Geiste auseinandergesetzt. Selbst +die Wahl des Stoffes dient den gleichen Zwecken - haben doch die +hellenischen Literaten aller Zeiten eine vorzueglich geeignete Handhabe +fuer ihre griechisch-kosmopolitischen Tendenzen eben in der +Zurechtmachung der roemischen Geschichte gefunden. Ennius betont es, +dass man die Roemer + +Griechen ja immer genannt und Graier sie pflege zu heissen. + +Der poetische Wert der vielgefeierten Jahrbuecher ist nach den +frueheren Bemerkungen ueber die Vorzuege und Maengel des Dichters im +allgemeinen leicht abzumessen. Dass durch den Aufschwung, den die +grosse Zeit der Punischen Kriege dem italischen Volksgefuehl gab, auch +dieser lebhaft mitempfindende Poet sich gehoben fuehlte und er nicht +bloss die Homerische Einfachheit oft gluecklich traf, sondern auch noch +oefter die roemische Feierlichkeit und Ehrenhaftigkeit aus seinen +Zeilen ergreifend widerhallt, ist ebenso natuerlich wie die +Mangelhaftigkeit der epischen Komposition, die notwendig sehr lose und +gleichgueltig gewesen sein muss, wenn es dem Dichter moeglich war, +einem sonst verschollenen Helden und Patron zuliebe ein eigenes Buch +nachtraeglich einzufuegen. Im ganzen aber waren die ‘Jahrbuecher’ ohne +Frage Ennius’ verfehltestes Werk. Der Plan, eine ‘Ilias’ zu machen, +kritisiert sich selbst. Ennius ist es gewesen, welcher mit diesem +Gedicht zum erstenmal jenen Wechselbalg von Epos und Geschichte in die +Literatur eingefuehrt hat, der von da an bis auf den heutigen Tag als +Gespenst, das weder zu leben noch zu sterben vermag, in ihr umgeht. +Einen Erfolg aber hat das Gedicht allerdings gehabt. Ennius gab sich +mit noch groesserer Unbefangenheit fuer den roemischen Homer als +Klopstock fuer den deutschen, und ward von den Zeitgenossen und mehr +noch von der Nachwelt dafuer genommen. Die Ehrfurcht vor dem Vater der +roemischen Poesie erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht: den Ennius, +sagt noch der feine Quintilian, wollen wir verehren wie einen +altersgrauen heiligen Hain, dessen maechtige tausendjaehrige Eichen +mehr ehrwuerdig als schoen sind; und wer darueber sich wundern sollte, +der moege an verwandte Erscheinungen, an den Erfolg der Aeneide, der +Henriade, der Messiade sich erinnern. Eine maechtige poetische +Entwicklung der Nation freilich wuerde jene beinahe komische offizielle +Parallelisierung der Homerischen ‘Ilias’ und der Ennianischen +‘Jahrbuecher’ so gut abgeschuettelt haben wie wir die Sappho-Karschin +und den Pindar-Willamov; aber eine solche hat in Rom nicht +stattgefunden. Bei dem stofflichen Interesse des Gedichts besonders +fuer die aristokratischen Kreise und dem grossen Formtalent des +Dichters blieben die ‘Jahrbuecher’ das aelteste roemische +Originalgedicht, welches den spaeteren gebildeten Generationen +lesenswert und lesbar erschien; und so ist es wunderlicherweise +gekommen, dass in diesem durchaus antinationalen Epos eines +halbgriechischen Literaten die spaetere Zeit das rechte roemische +Mustergedicht verehrt hat. + +Nicht viel spaeter als die roemische Poesie, aber in sehr verschiedener +Weise entstand in Rom eine prosaische Literatur. Es fielen bei dieser +sowohl die kuenstlichen Foerderungen hinweg, wodurch die Schule und die +Buehne vor der Zeit eine roemische Poesie grosszogen, als auch die +kuenstliche Hemmung, worauf namentlich die roemische Komoedie in der +strengen und beschraenkten Buehnenzensur traf. Es war ferner diese +schriftstellerische Taetigkeit nicht durch den dem “Baenkelsaenger” +anhaftenden Makel von vornherein bei der guten Gesellschaft in den Bann +getan. Darum ist denn auch die prosaische Schriftstellerei zwar bei +weitem weniger ausgedehnt und weniger rege als die gleichzeitige +poetische, aber weit naturgemaesser entwickelt; und wenn die Poesie +fast voellig in den Haenden der geringen Leute ist und kein einziger +vornehmer Roemer unter den gefeierten Dichtern dieser Zeit erscheint, +so ist umgekehrt unter den Prosaikern dieser Epoche kaum ein nicht +senatorischer Norne und sind es durchaus die Kreise der hoechsten +Aristokratie, gewesene Konsuln und Zensoren, die Fabier, die Gracchen, +die Scipionen, von denen diese Literatur ausgeht. Dass die konservative +und nationale Tendenz sich besser mit dieser Prosaschriftstellerei +vertrug als mit der Poesie, liegt in der Sache; doch hat auch hier, und +namentlich in dem wichtigsten Zweige dieser Literatur, in der +Geschichtschreibung, die hellenistische Richtung auf Stoff und Form +maechtig, ja uebermaechtig eingewirkt. + +Bis in die Zeit des Hannibalischen Krieges gab es in Rom eine +Geschichtschreibung nicht; denn die Anzeichnungen des Stadtbuchs +gehoerten zu den Akten, nicht zu der Literatur, und verzichteten von +Haus aus auf jede Entwicklung des Zusammenhanges der Dinge. Es ist +bezeichnend fuer die Eigentuemlichkeit des roemischen Wesens, dass +trotz der weit ueber die Grenzen Italiens ausgedehnten Macht der +roemischen Gemeinde und trotz der stetigen Beruehrung der vornehmen +roemischen Gesellschaft mit den literarisch so fruchtbaren Griechen +dennoch nicht vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts das Beduerfnis +sich regte, die Taten und Geschicke der roemischen Buergerschaft auf +schriftstellerischem Wege zur Kunde der Mit- und Nachwelt zu bringen. +Als nun aber dies Beduerfnis endlich empfunden ward, fehlte es fuer die +roemische Geschichte an fertigen schriftstellerischem Formen und an +einem fertigen Lesepublikum; und grosses Talent und laengere Zeit waren +erforderlich, um beide zu erschaffen. Zunaechst wurden daher diese +Schwierigkeiten gewissermassen umgangen dadurch, dass man die +Landesgeschichte entweder in der Muttersprache, aber in Versen, oder in +Prosa, aber griechisch schrieb. Von den metrischen Chroniken des +Naevius (geschrieben um 550? 204) und Ennius (geschrieben um 581 173) +ist schon die Rede gewesen; sie gehoeren zugleich zu der aeltesten +historischen Literatur der Roemer, ja die des Naevius darf als das +ueberhaupt aelteste roemische Geschichtswerk angesehen werden. +Ungefaehr gleichzeitig entstanden die griechischen Geschichtsbuecher +des Quintus Fabius Pictor ^32 (nach 553 201), eines waehrend des +Hannibalischen Krieges in Staatsgeschaeften taetigen Mannes aus +vornehmem Geschlecht, und des Sohnes des Scipio Africanus, Publius +Scipio († um 590 164). Dort also bediente man sich der bis zu einem +gewissen Grade bereits entwickelten Dichtkunst und wandte sich an das +nicht gaenzlich mangelnde poetische Publikum; hier fand man die +fertigen griechischen Formen vor und richtete die Mitteilungen, wie +schon das weit hinaus ueber die Grenzen Latiums sich erstreckende +stoffliche Interesse derselben es nahelegte, zunaechst an das gebildete +Ausland. Den ersten Weg schlugen die plebejischen, den zweiten die +vornehmeren Schriftsteller ein; eben wie in der Zeit Friedrichs des +Grossen neben der vaterlaendischen Pastoren- und +Professorenschriftstellerei eine aristokratische Literatur in +franzoesischer Sprache stand und die Gleim und Ramler deutsche +Kriegslieder, die Koenige und Feldherren franzoesische +Kriegsgeschichten verfassten. Weder die metrischen Chroniken, noch die +griechischen roemischer Verfasser waren eine eigentliche lateinische +Geschichtschreibung; diese begann erst mit Cato, dessen nicht vor dem +Schluss dieser Epoche publizierte ‘Ursprungsgeschichten’ zugleich das +aelteste lateinisch geschriebene Geschichts- und das erste bedeutende +prosaische Werk der roemischen Literatur sind ^33. + +———————————————————————- + +^32 Die griechische Abfassung dieses aeltesten prosaischen roemischen +Geschichtswerkes ist durch Dionys (1, 6) und Cicero (div. 1, 27 , 43) +ausser Zweifel gestellt. Ein Problem bleiben die unter demselben Namen +von Quintilian und spaeteren Grammatikern angefuehrten lateinischen +Annalen, und es wird die Schwierigkeit noch dadurch gesteigert, dass +unter demselben Namen auch eine sehr ausfuehrliche Darstellung des +pontifizischen Rechts in lateinischer Sprache angefuehrt wird. Indes +die letztere Schrift wird von keinem, der die Entwicklung der +roemischen Literatur im Zusammenhang verfolgt hat, einem Verfasser aus +der Zeit des Hannibalischen Krieges beigelegt werden; und auch +lateinische Annalen aus dieser Zeit erscheinen problematisch, obwohl es +dahingestellt bleiben muss, ob hier eine Verwechslung mit dem juengeren +Annalisten Quintus Fabius Maximus Servilianus (Konsul 612 142) +obwaltet, oder ob von den griechischen Annalen des Fabius wie von denen +des Acilius und des Albinus eine alte lateinische Bearbeitung +existiert, oder ob es zwei Annalisten des Namens Fabius Pictor gegeben +hat. + +Das dem Lucius Cincius Alimentus, einem Zeitgenossen des Fabius, +beigelegte, ebenfalls griechische Geschichtswerk scheint untergeschoben +und ein Machwerk aus augustischer Zeit. + +^33 Catos gesamte literarische Taetigkeit gehoert erst in sein +Greisenalter (Cic. Cat. 11 38; Nep. Cato 3); die Abfassung auch der +frueheren Buecher der ‘Ursprungsgeschichten’ faellt nicht vor, aber +wahrscheinlich auch nicht lange nach 586 (168) (Plin. nat. 3, 14, 114). + +———————————————————————- + +Alle diese Werke waren freilich nicht im Sinne der Griechen ^34, wohl +aber im Gegensatz zu der rein notizenhaften Fassung des Stadtbuchs +pragmatische Geschichten von zusammenhaengender Erzaehlung und mehr +oder minder geordneter Darstellung. Sie umfassten, soviel wir sehen +saemtlich, die Landesgeschichte von der Erbauung Roms bis auf die Zeit +des Schreibers, obwohl dem Titel nach das Werk des Naevius nur den +ersten Krieg mit Karthago, das Catos nur die Ursprungsgeschichten +betraf; danach zerfielen sie von selbst in die drei Abschnitte der +Sagenzeit, der Vor- und der Zeitgeschichte. Bei der Sagenzeit war fuer +die Entstehungsgeschichte der Stadt Rom, die ueberall mit grosser +Ausfuehrlichkeit dargestellt ward, die eigentuemliche Schwierigkeit zu +ueberwinden, dass davon, wie frueher ausgefuehrt ward, zwei voellig +unvereinbare Fassungen vorlagen: die nationale, welche wenigstens in +den Hauptumrissen wahrscheinlich schon im Stadtbuch schriftlich fixiert +war, und die griechische des Timaeos, die diesen roemischen +Chronikschreibern nicht unbekannt geblieben sein kann. Jene sollte Rom +an Alba, diese Rom an Troia anknuepfen; dort ward es also von dem +albanischen Koenigssohn Romulus, hier von dem troischen Fuersten Aeneas +erbaut. Der gegenwaertigen Epoche, wahrscheinlich entweder dem Naevius +oder dem Pictor, gehoert die Verklitterung der beiden Maerchen an. Der +albanische Koenigssohn Romulus bleibt der Gruender Roms, aber wird +zugleich Aeneas Tochtersohn; Aeneas gruendet Rom nicht, bringt aber +dafuer die roemischen Penaten nach Italien und erbaut diesen zum Sitze +Lavinium, sein Sohn Ascanius die Mutterstadt von Rom und die alte +Metropole Latiums, das Lange Alba. Das alles war recht uebel und +ungeschickt erfunden. Dass die urspruenglichen Penaten Roms nicht, wie +man bisher geglaubt, in ihrem Tempel am roemischen Markte, sondern in +dem zu Lavinium aufbewahrt seien, musste dem Roemer ein Greuel sein, +und die griechische Dichtung kam noch schlimmer weg, indem die Goetter +erst dem Enkel verliehen, was sie dem Ahn zugeschieden hatten. Indes +die Redaktion genuegte ihrem Zweck: ohne geradezu den nationalen +Ursprung Roms zu verleugnen, trug sie doch auch der hellenisierenden +Tendenz Rechnung und legalisierte einigermassen das in dieser Zeit +bereits stark im Schwunge gehende Kokettieren mit dem Aeneadentum; und +so wurde dies die stereotype und bald die offizielle +Ursprungsgeschichte der maechtigen Gemeinde. + +———————————————————————- + +^34 Offenbar im Gegensatz gegen Fabius hebt Polybios (40, 6, 4) es +hervor, dass der Graecomane Albinus sich Muehe gegeben habe, seine +Geschichte pragmatisch zu schreiben. + +———————————————————————- + +Von der Ursprungsfabel abgesehen, hatten im uebrigen die griechischen +Historiographen sich um die roemische Gemeinde wenig oder gar nicht +gekuemmert, so dass die weitere Darstellung der Landesgeschichte +vorwiegend aus einheimischen Quellen geflossen sein muss, ohne dass in +der uns zugekommenen duerftigen Kunde mit Bestimmtheit auseinander +traete, welcherlei Ueberlieferungen ausser dem Stadtbuch den aeltesten +Chronisten zu Gebote gestanden und was sie etwa von dem Ihrigen +hinzugetan haben. Die aus Herodot eingelegten Anekdoten ^35 sind diesen +aeltesten Annalisten wohl noch fremd gewesen und eine unmittelbare +Entlehnung griechischen Stoffes in diesem Abschnitt nicht nachweisbar. +Um so bemerkenswerter ist die ueberall, selbst bei dem Griechenfeind +Cato, mit grosser Bestimmtheit hervortretende Tendenz, nicht bloss Rom +an Hellas anzuknuepfen, sondern Italiker und Griechen als ein +urspruenglich gleiches Volk darzustellen - hierher gehoeren die aus +Griechenland eingewanderten Uritaliker oder Aboriginer sowie die nach +Italien wandernden Urgriechen oder Pelasger. + +—————————————————————————- + +^35 So ist die Geschichte der Belagerung von Gabii aus Herodotischen +Anekdoten von Zopyros und dem Tyrannen Thrasybulos zusammengeschrieben, +eine Version der Aussetzungsgeschichte des Romulus, ueber den Leisten +der Herodotischen Erzaehlung von Kyros’ Jugend geschlagen. + +————————————————- + +Die landlaeufige Erzaehlung fuehrte in einem, wenn auch schwach und +lose geknuepften Faden, doch einigermassen zusammenhaengend durch die +Koenigszeit bis hinab auf die Einsetzung der Republik; hier aber +versiegte die Sage ganz, und es war nicht bloss schwierig, sondern wohl +geradezu unmoeglich, aus den Beamtenverzeichnissen und den ihnen +angehaengten duerftigen Vermerken eine irgendwie zusammenhaengende und +lesbare Erzaehlung zu gestalten. Am meisten empfanden dies die Dichter. +Naevius scheint deshalb von der Koenigszeit sogleich auf den Krieg um +Sizilien uebergegangen zu sein; Ennius, der im dritten seiner achtzehn +Buecher noch die Koenigszeit, im sechsten schon den Krieg mit Pyrrhos +beschrieb, kann die ersten zwei Jahrhunderte der Republik hoechstens in +den allgemeinsten Umrissen behandelt haben. Wie die griechisch +schreibenden Annalisten sich geholfen haben, wissen wir nicht. Einen +eigentuemlichen Weg schlug Cato ein. Auch er verspuerte keine Lust, wie +er selber sagt, “zu berichten, was auf der Tafel im Hause des +Oberpriesters steht: wie oft der Weizen teuer gewesen und wann Mond und +Sonne sich verfinstert haetten”; und so bestimmte er denn das zweite +und dritte Buch seines Geschichtswerkes fuer die Berichte ueber die +Entstehung der uebrigen italischen Gemeinden und deren Eintritt in die +roemische Eidgenossenschaft. Er machte sich also los aus den Fesseln +der Chronik, welche Jahr fuer Jahr nach Voranstellung der jedesmaligen +Beamten die Ereignisse berichtet; namentlich hierher wird die Angabe +gehoeren, dass Catos Geschichtswerk die Vorgaenge “abschnittsweise” +erzaehlte. Diese in einem roemischen Werke auffallende +Beruecksichtigung der uebrigen italischen Gemeinden griff teils in die +oppositionelle Stellung des Verfassers ein, welcher gegen das +hauptstaedtische Treiben sich durchaus auf das munizipale Italien +stuetzte, teils gewaehrte sie einen gewissen Ersatz fuer die mangelnde +Geschichte Roms von der Vertreibung des Koenigs Tarquinius bis auf den +Pyrrhischen Krieg, indem sie deren wesentliches Ergebnis, die Einigung +Italiens unter Rom, in ihrer Art gleichfalls darstellte. + +Dagegen die Zeitgeschichte wurde wiederum zusammenhaengend und +eingehend behandelt: nach eigener Kunde schilderten Naevius den ersten, +Fabius den zweiten Krieg mit Karthago; Ennius widmete wenigstens +dreizehn von den achtzehn Buechern seiner Chronik der Epoche von +Pyrrhos bis auf den Istrischen Krieg; Cato erzaehlte im vierten und +fuenften Buche seines Geschichtswerkes die Kriege vom Ersten Punischen +bis auf den mit Perseus und in den beiden letzten, wahrscheinlich +anders und ausfuehrlicher angelegten die Ereignisse aus den letzten +zwanzig Lebensjahren des Verfassers. Fuer den Pyrrhischen Krieg mag +Ennius den Timaeos oder andere griechische Quellen benutzt haben; im +ganzen aber beruhten die Berichte teils auf eigener Wahrnehmung oder +Mitteilungen von Augenzeugen, teils einer auf dem andern. + +Gleichzeitig mit der historischen und gewissermassen als ein Anhang +dazu begann die Rede- und Briefliteratur, welche ebenfalls Cato +eroeffnet - denn aus der frueheren Zeit besass man nichts als einige, +meistenteils wohl erst in spaeterer Zeit aus den Familienarchiven an +das Licht gezogene Leichenreden, wie zum Beispiel diejenige, die der +alte Quintus Fabius, der Gegner Hannibals, als Greis seinem im besten +Mannesalter verstorbenen Sohn gehalten hatte. Cato dagegen zeichnete +von den unzaehligen Reden, die er waehrend seiner langen und taetigen +oeffentlichen Laufbahn gehalten, die geschichtlich wichtigen in seinem +Alter auf, gewissermassen als politische Memoiren, und machte sie teils +in seinem Geschichtswerk, teils, wie es scheint, als selbstaendige +Nachtraege dazu, bekannt. Auch eine Briefsammlung hat es von ihm schon +gegeben. + +Mit der nichtroemischen Geschichte befasste man sich wohl insoweit, als +eine gewisse Kenntnis derselben dem gebildeten Roemer nicht mangeln +durfte; schon von dem alten Fabius heisst es, dass ihm nicht bloss die +roemischen, sondern auch die auswaertigen Kriege gelaeufig gewesen, und +dass Cato den Thukydides und die griechischen Historiker ueberhaupt +fleissig las, ist bestimmt bezeugt. Allein wenn man von der Anekdoten- +und Spruchsammlung absieht, welche Cato als Fruechte dieser Lektuere +fuer sich zusammenstellte, ist von einer schriftstellerischen +Taetigkeit auf diesem Gebiet nichts wahrzunehmen. + +Dass durch diese beginnende historische Literatur insgesamt eine +harmlose Unkritik durchgeht, versteht sich von selbst; weder +Schriftsteller noch Leser nahmen an inneren oder aeusseren +Widerspruechen leicht Anstoss. Koenig Tarquinius der Zweite, obwohl bei +dem Tode seines Vaters schon erwachsen und neununddreissig Jahre nach +demselben zur Regierung gelangend, besteigt nichtsdestoweniger noch als +Juengling den Thron. Pythagoras, der etwa ein Menschenalter vor +Vertreibung der Koenige nach Italien kam, gilt den roemischen +Historikern darum nicht minder als Freund des weisen Numa. Die im Jahre +262 (492) der Stadt nach Syrakus geschickten Staatsboten verhandeln +dort mit dem aelteren Dionysios, der sechsundachtzig Jahre nachher (348 +406) den Thron bestieg. Vornehmlich tritt diese naive Akrisie hervor in +der Behandlung der roemischen Chronologie. Da nach der - wahrscheinlich +in ihren Grundzuegen schon in der vorigen Epoche festgestellten - +roemischen Zeitrechnung die Gruendung Roms 240 Jahre vor die Einweihung +des Kapitolinischen Tempels, 360 Jahre vor den gallischen Brand und das +letztere, auch in griechischen Geschichtswerken erwaehnte Ereignis nach +diesen in das Jahr des athenischen Archonten Pyrgion 388 v. Chr. (Ol. +98, 1) fiel, so stellt sich hiernach die Erbauung Roms auf Ol. 8, 1. +Dieses war, nach der damals bereits als kanonisch geltenden +Eratosthenischen Zeitrechnung, das Jahr nach Troias Fall 436; +nichtsdestoweniger blieb in der gemeinen Erzaehlung der Gruender Roms +der Tochtersohn des troischen Aeneas. Cato, der als guter Finanzmann +hier nachrechnete, machte freilich in diesem Fall auf den Widerspruch +aufmerksam; eine Aushilfe aber scheint auch er nicht vorgeschlagen zu +haben - das spaeter zu diesem Zweck eingeschobene Verzeichnis der +albanischen Koenige ruehrt sicher nicht von ihm her. + +Dieselbe Unkritik, wie sie hier obwaltet, beherrschte bis zu einem +gewissen Grade auch die Darstellung der historischen Zeit. Die Berichte +trugen sicher ohne Ausnahme diejenige starke Parteifaerbung, wegen +welcher der fabische ueber die Anfaenge des zweiten Krieges mit +Karthago von Polybios mit der ihm eigenen kuehlen Bitterkeit +durchgezogen wird. Das Misstrauen indes ist hier besser am Platz als +der Vorwurf. Es ist einigermassen laecherlich, von den roemischen +Zeitgenossen Hannibals ein gerechtes Urteil ueber ihre Gegner zu +verlangen; eine bewusste Entstellung der Tatsachen aber, soweit der +naive Patriotismus nicht von selber eine solche einschliesst, ist den +Vaetern der roemischen Geschichte doch nicht nachgewiesen worden. + +Auch von wissenschaftlicher Bildung und selbst von dahin einschlagender +Schriftstellerei gehoeren die Anfaenge in diese Epoche. Der bisherige +Unterricht hatte sich wesentlich auf Lesen und Schreiben und auf die +Kenntnis des Landrechts beschraenkt ^36. Allmaehlich aber ging den +Roemern in der innigen Beruehrung mit den Griechen der Begriff einer +allgemeineren Bildung auf und regte sich das Bestreben, nicht gerade +diese griechische Bildung unmittelbar nach Rom zu verpflanzen, aber +doch nach ihr die roemische einigermassen zu modifizieren. + +—————————————————————- + +^36 Plautus sagt (Most. 126) von den Eltern, dass sie die Kinder “lesen +und die Rechte und Gesetze kennen lehren”; und dasselbe zeigt Plut. +Cato mai. 20. + +—————————————————————- + +Vor allen Dingen fing die Kenntnis der Muttersprache an sich zur +lateinischen Grammatik auszubilden; die griechische Sprachwissenschaft +uebertrug sich auf das verwandte italische Idiom. Die grammatische +Taetigkeit begann ungefaehr gleichzeitig mit der roemischen +Schriftstellerei. Schon um 520 (234) scheint ein Schreiblehrer Spurius +Carvilius das lateinische Alphabet reguliert und dem ausserhalb +desselben stehenden Buchstaben g (I, 487) den Platz des entbehrlich +gewordenen z gegeben zu haben, welchen derselbe noch in den heutigen +okzidentalischen Alphabeten behauptet. An der Feststellung der +Rechtschreibung werden die roemischen Schulmeister fortwaehrend +gearbeitet haben; und auch die lateinischen Musen haben ihre +schulmeisterliche Hippokrene nie verleugnet und zu allen Zeiten neben +der Poesie sich der Orthographie beflissen. Namentlich Ennius hat, auch +hierin Klopstock gleich, nicht bloss das anklingende Etymologienspiel +schon ganz in alexandrinischer Art geuebt ^37, sondern auch fuer die +bis dahin uebliche einfache Bezeichnung der Doppelkonsonanten die +genauere griechische Doppelschreibung eingefuehrt. Von Naevius und +Plautus freilich ist nichts dergleichen bekannt - die volksmaessigen +Poeten werden gegen Rechtschreibung und Etymologie auch in Rom sich so +gleichgueltig verhalten haben, wie Dichter es pflegen. + +———————————————————- + +^37 So heisst ihm in den Epicharmischen Gedichten Jupiter davon quod +invat, Ceres davon quod gerit fruges. + +———————————————————— + +Rhetorik und Philosophie blieben den Roemern dieser Zeit noch fern. Die +Rede stand bei ihnen zu entschieden im Mittelpunkt des oeffentlichen +Lebens, als dass der fremde Schulmeister ihr haette beikommen koennen; +der echte Redner Cato goss ueber das alberne Isokrateische “ewig reden +lernen und niemals reden koennen” die ganze Schale seines zornigen +Spottes aus. Die griechische Philosophie, obwohl sie durch Vermittlung +der lehrhaften und vor allem der tragischen Poesie einen gewissen +Einfluss auf die Roemer gewann, wurde doch mit einer aus baeurischer +Ignoranz und ahnungsvollem Instinkt gemischten Apprehension betrachtet. +Cato nannte den Sokrates unverbluemt einen Schwaetzer und einen als +Frevler an dem Glauben und den Gesetzen seiner Heimat mit Recht +hingerichteten Revolutionaer; und wie selbst die der Philosophie +geneigten Roemer von ihr dachten, moegen wohl die Worte des Ennius +aussprechen: + +Philosophieren will ich, doch kurz und nicht die ganze Philosophie; + +Gut ist’s von ihr nippen, aber sich in sie versenken schlimm. + +Dennoch duerfen die poetische Sittenlehre und die Anweisung zur +Redekunst, die sich unter den Catonischen Schriften befanden, angesehen +werden als die roemische Quintessenz oder, wenn man lieber will, das +roemische Caput mortuum der griechischen Philosophie und Rhetorik. Die +naechsten Quellen Catos waren fuer das Sittengedicht neben der +selbstverstaendlichen Anpreisung der einfachen Vaetersitte vermutlich +die Pythagoreischen Moralschriften, fuer das Rednerbuch die +Thukydideischen und besonders die Demosthenischen Reden, welche alle +Cato eifrig studierte. Von dem Geiste dieser Handbuecher kann man +ungefaehr sich eine Vorstellung machen nach der goldenen, von den +Nachfahren oefter angefuehrten als befolgten Regel fuer den Redner, “an +die Sache zu denken und daraus die Worte sich ergeben zu lassen” ^38. + +——————————————————————————- + +^38 Rem tene, verba sequentur. + +——————————————————————————- + +Aehnliche allgemein propaedeutische Handbuecher verfasste Cato auch +fuer die Heilkunst, die Kriegswissenschaft, die Landwirtschaft und die +Rechtswissenschaft, welche Disziplinen alle ebenfalls mehr oder minder +unter griechischem Einfluss standen. Wenn nicht die Physik und +Mathematik, so fanden doch die damit zusammenhaengenden +Nuetzlichkeitswissenschaften bis zu einem gewissen Grade Eingang in +Rom. Am meisten gilt dies von der Medizin. Nachdem im Jahre 535 (219) +der erste griechische Arzt, der Peloponnesier Archagathos in Rom sich +niedergelassen und dort durch seine chirurgischen Operationen solches +Ansehen erworben hatte, dass ihm von Staats wegen ein Lokal angewiesen +und das roemische Buergerrecht geschenkt ward, stroemten seine Kollegen +scharenweise nach Italien. Cato freilich machte nicht bloss die fremden +Heilkuenstler mit einem Eifer herunter, der einer besseren Sache +wuerdig war, sondern versuchte auch, durch sein aus eigener Erfahrung +und daneben wohl auch aus der medizinischen Literatur der Griechen +zusammengestelltes medizinisches Hilfsbuechlein die gute alte Sitte +wieder emporzubringen, wo der Hausvater zugleich der Hausarzt war. Die +Aerzte und das Publikum kuemmerten wie billig sich wenig um dieses +eigensinnige Gekeife; doch blieb das Gewerbe, eines der +eintraeglichsten, die es in Rom gab, Monopol der Auslaender, und +Jahrhunderte lang hat es in Rom nur griechische Aerzte gegeben. + +Von der barbarischen Gleichgueltigkeit, womit man bisher in Rom die +Zeitmessung behandelt hatte, kam man wenigstens einigermassen zurueck. +Mit der Aufstellung der ersten Sonnenuhr auf dem roemischen Markt im +Jahre 491 (263) fing die griechische Stunde (ώρα, hora) auch bei den +Roemern an gebraucht zu werden; freilich begegnete es dabei, dass man +in Rom eine fuer das um vier Grade suedlicher liegende Katane +gearbeitete Sonnenuhr aufstellte und ein Jahrhundert lang sich danach +richtete. Gegen Ende dieser Epoche erscheinen einzelne vornehme +Maenner, die sich fuer mathematische Dinge interessierten. Manius +Acilius Glabrio (Konsul 563 191) versuchte der Kalenderverwirrung durch +ein Gesetz zu steuern, das dem Pontifikalkollegium gestattete, nach +Ermessen Schaltmonate einzulegen und wegzulassen; wenn dies seinen +Zweck verfehlte, ja uebel aerger machte, so lag die Ursache davon wohl +weniger in dem Unverstand als in der Gewissenlosigkeit der roemischen +Theologen. Auch der griechisch gebildete Marcus Fulvius Nobilior +(Konsul 565 189) gab sich Muehe wenigstens um allgemeine Kundmachung +des roemischen Kalenders. Gaius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166), der +nicht bloss die Mondfinsternis von 586 (168) vorhergesagt, sondern auch +ausgerechnet hatte, wie weit es von der Erde bis zum Monde sei und der +selbst als astronomischer Schriftsteller aufgetreten zu sein scheint, +wurde deshalb von seinen Zeitgenossen als ein Wunder des Fleisses und +des Scharfsinnes angestaunt. + +Dass fuer die Landwirtschaft und die Kriegskunst zunaechst die ererbte +und die eigene Erfahrung massgebend war, versteht sich von selbst und +spricht auch in derjenigen der zwei Catonischen Anleitungen zur +Landwirtschaft, die auf unsere Zeit gekommen ist, sehr bestimmt sich +aus. Dennoch fielen auch auf diesen untergeordneten eben wie in den +hoeheren geistigen Gebieten die Resultate der griechischen und der +lateinischen, ja selbst der phoenikischen Kultur zusammen und kann +schon darum die einschlagende auslaendische Literatur nicht ganz +unberuecksichtigt geblieben sein. + +Dagegen gilt dasselbe nur in untergeordnetem Grade von der +Rechtswissenschaft. Die Taetigkeit der Rechtsgelehrten dieser Zeit ging +noch wesentlich auf in der Bescheidung der anfragenden Parteien und in +der Belehrung der juengeren Zuhoerer; doch bildete in dieser +muendlichen Unterweisung schon sich ein traditioneller Regelstamm und +auch schriftstellerische Taetigkeit mangelt nicht ganz. Wichtiger als +Catos kuerzer Abriss wurde fuer die Rechtswissenschaft das von Sextus +Aelius Paetus, genannt der “Schlaue” (catus), welcher der erste +praktische Jurist seiner Zeit war und infolge dieser seiner +gemeinnuetzigen Taetigkeit zum Konsulat (556 198) und zur Zensur (560 +194) emporstieg, veroeffentlichte sogenannte “dreiteilige Buch”, das +heisst eine Arbeit ueber die Zwoelf Tafeln, welche zu jedem Satze +derselben eine Erlaeuterung, hauptsaechlich wohl der veralteten und +unverstaendlichen Ausdruecke, und das entsprechende Klagformular +hinzufuegte. Wenn dabei in jener Glossierung der Einfluss der +griechischen grammatischen Studien unleugbar hervortritt, so knuepfte +die Klagformulierung vielmehr an die aeltere Sammlung des Appius und +die ganze volkstuemliche und prozessualische Rechtsentwicklung an. + +Im allgemeinen tritt der Wissenschaftsbestand dieser Epoche mit grosser +Bestimmtheit hervor in der Gesamtheit jener von Cato fuer seinen Sohn +aufgesetzten Handbuecher, die als eine Art Enzyklopaedie in kurzen +Saetzen darlegen sollten, was ein “tuechtiger Mann” (vir bonus) als +Redner, Arzt, Landwirt, Kriegsmann und Rechtskundiger sein muesse. Ein +Unterschied zwischen propaedeutischen und Fachwissenschaften wurde noch +nicht gemacht, sondern was von der Wissenschaft ueberhaupt notwendig +und nuetzlich erschien, von jedem rechten Roemer gefordert. +Ausgeschlossen ist dabei teils die lateinische Grammatik, die also +damals noch nicht diejenige formale Entwicklung gehabt haben kann, +welche der eigentliche wissenschaftliche Sprachunterricht voraussetzt, +teils die Musik und der ganze Kreis der mathematischen und physischen +Wissenschaften. Durchaus sollte in der Wissenschaft das unmittelbar +Praktische, aber auch nichts als dies und dieses moeglichst kurz und +schlicht zusammengefasst werden. Die griechische Literatur wurde dabei +wohl benutzt, aber nur um aus der Masse von Spreu und Wust einzelne +brauchbare Erfahrungssaetze zu gewinnen - “die griechischen Buecher +muss man einsehen, aber nicht durchstudieren”, lautet einer von Catos +Weidspruechen. So entstanden jene haeuslichen Not- und Hilfsbuecher, +die freilich mit der griechischen Spitzfindigkeit und Unklarheit auch +den griechischen Scharf- und Tiefsinn austrieben, aber eben dadurch +fuer die Stellung der Roemer zu den griechischen Wissenschaften fuer +alle Zeiten massgebend geworden sind. + +So zog denn mit der Weltherrschaft zugleich Poesie und Literatur in Rom +ein, oder, mit einem Dichter der ciceronischen Zeit zu reden: + +Als wir Hannibal bezwungen, nahte mit beschwingtem Schritt + +Der Quiriten hartem Volke sich die Mus’ im Kriegsgewand. + +Auch in den sabellisch und etruskisch redenden Landschaften wird es +gleichzeitig an geistiger Bewegung nicht gemangelt haben. Wenn +Trauerspiele in etruskischer Sprache erwaehnt werden, wenn Tongefaesse +mit oskischen Inschriften Bekanntschaft ihrer Verfertiger mit der +griechischen Komoedie verraten, so draengt die Frage sich auf, ob nicht +gleichzeitig mit Naevius und Cato auch am Arnus und Volturnus eine +gleich der roemischen hellenisierende Literatur in der Bildung +begriffen gewesen ist. Indes jede Kunde darueber ist verschollen, und +die Geschichte kann hier nur die Luecke bezeichnen. + +Die roemische Literatur, ueber die allein uns ein Urteil noch +verstattet ist, wie problematisch ihr absoluter Wert dem Aesthetiker +erscheinen mag, bleibt dennoch fuer denjenigen, der die Geschichte Roms +erkennen will, von einzigem Wert als das Spiegelbild des inneren +Geisteslebens Italiens in dem waffenklirrenden und zukunftsvollen +sechsten Jahrhundert, in welchem die italische Entwicklung abschloss +und das Land anfing einzutreten in die allgemeinere der antiken +Zivilisation. Auch in ihr herrscht diejenige Zwiespaeltigkeit, die +ueberall in dieser Epoche das Gesamtleben der Nation durchdringt und +die Uebergangszeit charakterisiert. Ueber die Mangelhaftigkeit der +hellenistisch-roemischen Literatur kann kein unbefangenes und durch den +ehrwuerdigen Rost zweier Jahrtausende unbeirrtes Auge sich taeuschen. +Die roemische Literatur steht neben der griechischen wie die deutsche +Orangerie neben dem sizilischen Orangenwald; man kann an beiden sich +erfreuen, aber nebeneinander sie auch nur zu denken, geht nicht an. +Womoeglich noch entschiedener als von der roemischen Schriftstellerei +in der fremden Sprache gilt dies von derjenigen in der Muttersprache +der Latiner; zu einem sehr grossen Teil ist dieselbe gar nicht das Werk +von Roemern, sondern von Fremdlingen, von Halbgriechen, Kelten, bald +auch Afrikanern, die das Latein sich erst aeusserlich angeeignet hatten +- unter denen, die in dieser Zeit als Dichter vor das Publikum traten, +ist nicht bloss, wie gesagt, nicht ein nachweislich vornehmer Mann, +sondern auch keiner, dessen Heimat erweislich das eigentliche Latium +waere. Selbst die Benennung des Dichters ist auslaendisch; schon Ennius +nennt sich mit Nachdruck einen Poeten ^39. Aber diese Poesie ist nicht +bloss auslaendisch, sondern sie ist auch mit allen denjenigen Maengeln +behaftet, welche da sich einfinden, wo die Schulmeister schriftstellern +und der grosse Haufe das Publikum ausmacht. Es ist gezeigt worden, wie +die Komoedie durch die Ruecksicht auf die Menge kuenstlerisch +vergroebert wurde, ja in poebelhafte Roheit verfiel; es ist ferner +gezeigt worden, dass zwei der einflussreichsten roemischen +Schriftsteller zunaechst Schulmeister und erst folgeweise Poeten waren, +und dass, waehrend die griechische erst nach dem Abbluehen der +volkstuemlichen Literatur erwachsene Philologie nur am toten Koerper +experimentierte, in Latium Begruendung der Grammatik und Grundlegung +der Literatur, fast wie bei den heutigen Heidenmissionen, von Haus aus +Hand in Hand gegangen sind. In der Tat, wenn man diese hellenistische +Literatur des sechsten Jahrhunderts unbefangen ins Auge fasst, jene +handwerksmaessige, jeder eigenen Produktivitaet bare Poesie, jene +durchgaengige Nachahmung eben der flachsten Kunstgattungen des +Auslandes, jenes Uebersetzungsrepertoire, jenen Wechselbalg von Epos, +so fuehlt man sich versucht sie rein zu den Krankheitssymptomen dieser +Epoche zu rechnen. + +———————————————————- + +^39 Vgl. 2, 445: + +Enni poeta salve, qui mortalibus + +Versus propinas flammeos medullitus. + +Die Bildung des Namens poeta aus dem vulgar-griechischen ποητής statt +ποιητής - wie επόησεν den attischen Toepfern gelaeufig war - ist +charakteristisch. Uebrigens bezeichnet poeta technisch nur den +Verfasser epischer und rezitativer Gedichte, nicht den Buehnendichter, +welcher in dieser Zeit vielmehr scriba heisst (Fest. v. scriba, p. 333 +M.). + +————————————————————- + +Dennoch wuerde ein solches Urteil, wenn nicht ungerecht, doch nur sehr +einseitig gerecht sein. Vor allen Dingen ist wohl zu bedenken, dass +diese gemachte Literatur in einer Nation emporkam, die nicht bloss +keine volkstuemliche Dichtkunst besass, sondern auch nie mehr zu einer +solchen gelangen konnte. In dem Altertum, welchem die moderne Poesie +des Individuums fremd ist, faellt die schoepferisch poetische +Taetigkeit wesentlich in die unbegreifliche Zeit des Werdebangens und +der Werdelust der Nation; unbeschadet der Groesse der griechischen +Epiker und Tragiker darf man es aussprechen, dass ihr Dichten +wesentlich bestand in der Redaktion der uralten Erzaehlungen von +menschlichen Goettern und goettlichen Menschen. Diese Grundlage der +antiken Poesie mangelte in Latium gaenzlich; wo die Goetterwelt +gestaltlos und die Sage nichtig blieb, konnten auch die goldenen Aepfel +der Poesie freiwillig nicht gedeihen. Hierzu kommt ein Zweites und +Wichtigeres. Die innerliche geistige Entwicklung wie die aeusserliche +staatliche Entfaltung Italiens waren gleichmaessig auf einem Punkte +angelangt, wo es nicht laenger moeglich war, die auf dem Ausschluss +aller hoeheren und individuellen Geistesbildung beruhende roemische +Nationalitaet festzuhalten und den Hellenismus von sich abzuwehren. +Zunaechst auf dieser allerdings revolutionaeren und +denationalisierenden, aber fuer die notwendige geistige Ausgleichung +der Nationen unerlaesslichen Propaganda des Hellenismus in Italien +beruht die geschichtliche und selbst die dichterische Berechtigung der +roemisch-hellenistischen Literatur. Es ist aus ihrer Werkstatt nicht +ein einziges neues und echtes Kunstwerk hervorgegangen, aber sie hat +den geistigen Horizont von Hellas ueber Italien erstreckt. Schon rein +aeusserlich betrachtet setzt die griechische Poesie bei dem Hoerer eine +gewisse Summe positiver Kenntnisse voraus. Die voellige +Abgeschlossenheit in sich, die zu den wesentlichsten +Eigentuemlichkeiten zum Beispiel des Shakespeareschen Dramas gehoert, +ist der antiken Dichtung fremd; wem der griechische Sagenkreis nicht +bekannt ist, der wird fuer jede Rhapsodie wie fuer jede Tragoedie den +Hintergrund und oft selbst das gemeine Verstaendnis vermissen. Wenn dem +roemischen Publikum dieser Zeit, wie das die Plautinischen Lustspiele +zeigen, die Homerischen Gedichte und die Heraklessagen einigermassen +gelaeufig und von den uebrigen Mythen wenigstens die allgemeingueltigen +bekannt waren ^40, so wird diese Kunde neben der Schule zunaechst durch +die Buehne ins Publikum gedrungen und damit zum Verstaendnis der +hellenischen Dichtung wenigstens ein Anfang gemacht sein. Aber weit +tiefer noch wirkte, worauf schon die geistreichsten Literatoren des +Altertums mit Recht den Ton gelegt haben, die Einbuergerung +griechischer Dichtersprache und griechischer Masse in Latium. Wenn “das +besiegte Griechenland den rauhen Sieger durch die Kunst ueberwand”, so +geschah dies zunaechst dadurch, dass dem ungefuegen lateinischen Idiom +eine gebildete und gehobene Dichtersprache abgewonnen ward, dass +anstatt der eintoenigen und gehackten Saturnier der Senar floss und der +Hexameter rauschte, dass die gewaltigen Tetrameter, die jubelnden +Anapaeste, die kunstvoll verschlungenen lyrischen Rhythmen das +lateinische Ohr in der Muttersprache trafen. Die Dichtersprache ist der +Schluessel zu der idealen Welt der Poesie, das Dichtmass der Schluessel +zu der poetischen Empfindung; wem das beredte Beiwort stumm und das +lebendige Gleichnis tot ist, wem die Takte der Daktylen und Jamben +nicht innerlich erklingen, fuer den haben Homer und Sophokles umsonst +gedichtet. Man sage nicht, dass das poetische und rhythmische Gefuehl +sich von selber verstehen. Die idealen Empfindungen sind freilich von +der Natur in die Menschenbrust gepflanzt, aber um zu keimen brauchen +sie guenstigen Sonnenscheins; und vor allem in der poetisch wenig +angeregten latinischen Nation bedurften sie auch aeusserlicher Pflege. +Man sage auch nicht, dass bei der weitverbreiteten Kenntnis der +griechischen Sprache deren Literatur fuer das empfaengliche roemische +Publikum ausgereicht haette. Der geheimnisvolle Zauber, den die Sprache +ueber den Menschen ausuebt und von dem Dichtersprache und Rhythmus nur +Steigerungen sind, haengt nicht jeder zufaellig angelernten, sondern +einzig der Muttersprache an. Von diesem Gesichtspunkt aus wird man die +hellenistische Literatur und namentlich die Poesie der Roemer dieser +Zeit gerechter beurteilen. Wenn ihr Bestreben darauf hinausging, den +Euripideischen Radikalismus nach Rom zu verpflanzen, die Goetter +entweder in verstorbene Menschen oder in gedachte Begriffe aufzuloesen, +ueberhaupt dem denationalisierten Hellas ein denationalisiertes Latium +an die Seite zu setzen und alle rein und scharf entwickelten +Volkstuemlichkeiten in den problematischen Begriff der allgemeinen +Zivilisation aufzuloesen, so steht diese Tendenz erfreulich oder +widerwaertig zu finden in eines jeden Belieben, in niemandes aber, ihre +historische Notwendigkeit zu bezweifeln. Von diesem Gesichtspunkte aus +laesst selbst die Mangelhaftigkeit der roemischen Poesie zwar +nimmermehr sich verleugnen, aber sich erklaeren und damit +gewissermassen sich rechtfertigen. Wohl geht durch sie hindurch ein +Missverhaeltnis zwischen dem geringfuegigen und oft verhunzten Inhalt +und der verhaeltnismaessig vollendeten Form, aber die eigentliche +Bedeutung dieser Poesie war auch eben formeller und vor allen Dingen +sprachlicher und metrischer Art. Es war nicht schoen, dass die Poesie +in Rom vorwiegend in den Haenden von Schulmeistern und Auslaendern und +vorwiegend Uebersetzung oder Nachdichtung war; aber wenn die Poesie +zunaechst nur eine Bruecke von Latium nach Hellas schlagen sollte, so +waren Livius und Ennius allerdings berufen zum poetischen Pontifikat in +Rom und die Uebersetzungsliteratur das einfachste Mittel zum Ziele. Es +war noch weniger schoen, dass die roemische Poesie sich mit Vorliebe +auf die verschliffensten und geringhaltigsten Originale warf; aber in +diesem Sinne war es zweckgemaess. Niemand wird die Euripideische Poesie +der Homerischen an die Seite stellen wollen; aber geschichtlich +betrachtet sind Euripides und Menander voellig ebenso die Bibel des +kosmopolitischen Hellenismus wie die ‘Ilias’ und die ‘Odyssee’ +diejenige des volkstuemlichen Hellenentums, und insofern hatten die +Vertreter dieser Richtung guten Grund, ihr Publikum vor allem in diesen +Literaturkreis einzufuehren. Zum Teil mag auch das instinktmaessige +Gefuehl der beschraenkten poetischen Kraft die roemischen Bearbeiter +bewogen haben, sich vorzugsweise an Euripides und Menander zu halten +und den Sophokles und gar den Aristophanes beiseite liegen zu lassen; +denn waehrend die Poesie wesentlich national und schwer zu verpflanzen +ist, so sind Verstand und Witz, auf denen die Euripideische wie die +Menandrische Dichtung beruhte, von Haus aus kosmopolitisch. Immer +verdient es noch ruehmliche Anerkennung, dass die roemischen Poeten des +sechsten Jahrhunderts nicht an die hellenische Tagesliteratur oder den +sogenannten Alexandrinismus sich anschlossen, sondern lediglich in der +aelteren klassischen Literatur, wenn auch nicht gerade in deren +reichsten und reinsten Bereichen, ihre Muster sich suchten. Ueberhaupt, +wie unzaehlige falsche Akkommodationen und kunstwidrige Missgriffe man +auch denselben nachweisen mag, es sind eben nur diejenigen +Versuendigungen an dem Evangelium, welche das nichts weniger als +reinliche Missionsgeschaeft mit zwingender Notwendigkeit begleiten; und +sie werden geschichtlich und selbst aesthetisch einigermassen +aufgewogen durch den von dem Propagandatum ebenso unzertrennlichen +Glaubenseifer. Ueber das Evangelium mag man anders urteilen als Ennius +getan; aber wenn es bei dem Glauben nicht so sehr darauf ankommt, was, +als wie geglaubt wird, so kann auch den roemischen Dichtern des +sechsten Jahrhunderts Anerkennung und Bewunderung nicht versagt werden. +Ein frisches und maechtiges Gefuehl fuer die Gewalt der hellenischen +Weltliteratur, eine heilige Sehnsucht, den Wunderbaum in das fremde +Land zu verpflanzen, durchdrangen die gesamte Poesie des sechsten +Jahrhunderts und flossen in eigentuemlicher Weise zusammen mit dem +durchaus gehobenen Geiste dieser grossen Zeit. Der spaetere gelaeuterte +Hellenismus sah auf die poetischen Leistungen derselben mit einer +gewissen Verachtung herab; eher vielleicht haette er zu den Dichtern +hinaufsehen moegen, die bei aller Unvollkommenheit doch in einem +innerlicheren Verhaeltnis zu der griechischen Poesie standen und der +echten Dichtkunst naeher kamen als ihre hoeher gebildeten Nachfahren. +In der verwegenen Nacheiferung, in den klingenden Rhythmen, selbst in +dem maechtigen Dichterstolz der Poeten dieser Zeit ist mehr als in +irgendeiner anderen Epoche der roemischen Literatur eine imponierende +Grandiositaet, und auch wer ueber die Schwaechen dieser Poesie sich +nicht taeuscht, darf das stolze Wort auf sie anwenden, mit dem sie +selber sich gefeiert hat, dass sie den Sterblichen + +das Feuerlied kredenzt hat aus der tiefen Brust. + +——————————————————————————- + +^40 Aus dem troischen und dem Herakles-Kreise kommen selbst +untergeordnete Figuren vor, zum Beispiel Talthybios (Stich. 305), +Autolykos (Bacch. 275), Parthaon (Men. 745). In den allgemeinsten +Umrissen muessen ferner zum Beispiel die thebanische und die +Argonautensage, die Geschichten von Bellerophon (Bacch. 810), Pentheus +(Merc. 467), Prokne und Philomele (Rud. 604), Sappho und Phaon (Mil. +1247) bekannt gewesen sein. + +——————————————————————————- + +Wie die hellenisch-roemische Literatur dieser Zeit wesentlich +tendenzioes ist, so beherrscht die Tendenz auch ihr Widerspiel, die +gleichzeitige nationale Schriftstellerei. Wenn jene nichts mehr und +nichts weniger wollte, als die latinische Nationalitaet durch +Schoepfung einer lateinisch redenden, aber in Form und Geist +hellenischen Poesie vernichten, so musste eben der beste und reinste +Teil der latinischen Nation mit dem Hellenismus selbst die +entsprechende Literatur gleichfalls von sich werfen und in Acht und +Bann tun. Man stand zu Catos Zeit in Rom der griechischen Literatur +gegenueber ungefaehr wie in der Zeit der Caesaren dem Christentum: +Freigelassene und Fremde bildeten den Kern der poetischen wie spaeter +den Kern der christlichen Gemeinde; der Adel der Nation und vor allem +die Regierung sahen in der Poesie wie im Christentum lediglich +feindliche Maechte; ungefaehr aus denselben Ursachen sind Plautus und +Ennius von der roemischen Aristokratie zum Gesindel gestellt und die +Apostel und Bischoefe von der roemischen Regierung hingerichtet worden. +Natuerlich war es auch hier vor allem Cato, der die Heimat gegen die +Fremde mit Lebhaftigkeit vertrat. Die griechischen Literaten und Aerzte +sind ihm der gefaehrlichste Abschaum des grundverdorbenen Griechenvolks +^41, und mit unaussprechlicher Verachtung werden die roemischen +Baenkelsaenger von ihm behandelt. Man hat ihn und seine +Gesinnungsgenossen deswegen oft und hart getadelt und allerdings sind +die Aeusserungen seines Unwillens nicht selten bezeichnet von der ihm +eigenen schroffen Borniertheit; bei genauerer Erwaegung indes wird man +nicht bloss im einzelnen ihm wesentlich Recht geben, sondern auch +anerkennen muessen, dass die nationale Opposition auf diesem Boden mehr +als irgendwo sonst ueber die Unzulaenglichkeit der bloss ablehnenden +Verteidigung hinausgegangen ist. Wenn sein juengerer Zeitgenosse Aulus +Postumius Albinus, der durch sein widerliches Hellenisieren den +Hellenen selbst zum Gespoett ward und der zum Beispiel schon +griechische Verse zimmerte - wenn dieser Albinus sich in der Vorrede zu +seinem Geschichtswerk wegen des mangelhaften Griechisch damit +verteidigte, dass er ein geborener Roemer sei, war da die Frage nicht +voellig an ihrem Orte, ob er rechtskraeftig verurteilt worden sei, +Dinge zu treiben, .die er nicht verstehe? oder waren etwa die Gewerbe +des fabrikmaessigen Komoedienuebersetzers und des um Brot und +Protektion singenden Heldendichters vor zweitausend Jahren ehrenhafter, +als sie es jetzt sind? oder hatte Cato nicht Ursache, es dem Nobilior +vorzuruecken, dass er den Ennius, welcher uebrigens in seinen Versen +die roemischen Potentaten ohne Ansehen der Person glorifizierte und +auch den Cato selbst mit Lob ueberhaeufte, als den Saenger seiner +kuenftigen Grosstaten mit sich nach Ambrakia nahm? oder nicht Ursache +die Griechen, die er in Rom und Athen kennenlernte, ein unverbesserlich +elendes Gesindel zu schelten? Diese Opposition gegen die Bildung der +Zeit und den Tageshellenismus war wohl berechtigt; einer Opposition +aber gegen die Bildung und das Hellenentum ueberhaupt hat Cato +keineswegs sich schuldig gemacht. Vielmehr ist es das hoechste Lob der +Nationalpartei, dass auch sie mit grosser Klarheit die Notwendigkeit +begriff, eine lateinische Literatur zu erschaffen und dabei die +Anregungen des Hellenismus ins Spiel zu bringen; nur sollte ihrer +Absicht nach die lateinische Schriftstellerei nicht nach der +griechischen abgeklatscht und der roemischen Volkstuemlichkeit +aufgezwaengt, sondern unter griechischer Befruchtung der italischen +Nationalitaet gemaess entwickelt werden. Mit einem genialen Instinkt, +der weniger von der Einsicht der einzelnen als von dem Schwung der +Epoche ueberhaupt zeugt, erkannte man, dass fuer Rom bei dem +gaenzlichen Mangel der poetischen Vorschoepfung der einzige Stoff zur +Entwicklung eines eigenen geistigen Lebens in der Geschichte lag. Rom +war, was Griechenland nicht war, ein Staat; und auf dieser gewaltigen +Empfindung beruht sowohl der kuehne Versuch, den Naevius machte, +mittels der Geschichte zu einem roemischen Epos und einem roemischen +Schauspiel zu gelangen, als auch die Schoepfung der lateinischen Prosa +durch Cato. Das Beginnen freilich, die Goetter und Heroen der Sage +durch Roms Koenige und Konsuln zu ersetzen, gleicht dem Unterfangen der +Giganten, mit aufeinander getuermten Bergen den Himmel zu stuermen; +ohne eine Goetterwelt gibt es kein antikes Epos und kein antikes Drama, +und die Poesie kennt keine Surrogate. Maessiger und verstaendiger +ueberliess Cato die eigentliche Poesie als unrettbar verloren der +Gegenpartei, obwohl sein Versuch, nach dem Muster der aelteren +roemischen, des appischen Sitten- und des Ackerbaugedichts eine +didaktische Poesie in nationalem Versmass zu erschaffen, wenn nicht dem +Erfolge, doch der Absicht nach bedeutsam und achtungswert bleibt. Einen +guenstigeren Boden gewaehrte ihm die Prosa, und er hat denn auch die +ganze ihm eigene Vielseitigkeit und Energie daran gesetzt, eine +prosaische Literatur in der Muttersprache zu erschaffen. Es ist dies +Bestreben nur um so roemischer und nur um so achtbarer, als er sein +Publikum zunaechst im Familienkreise erblickte und als er damit in +seiner Zeit ziemlich alleinstand. So entstanden seine +‘Ursprungsgeschichten’, seine aufgezeichneten Staatsreden, seine +fachwissenschaftlichen Werke. Allerdings sind sie vom nationalen Geiste +getragen und bewegen sich in nationalen Stoffen; allein sie sind nichts +weniger als antihellenisch, sondern vielmehr wesentlich, nur freilich +in anderer Art als die Schriften der Gegenpartei, unter griechischem +Einfluss entstanden. Die Idee und selbst der Titel seines Hauptwerkes +ist den griechischen “Gruendungsgeschichten” (κτίσεις) entlehnt. +Dasselbe gilt von seiner Redeschriftstellerei - er hat den Isokrates +verspottet, aber vom Thukydides und Demosthenes zu lernen versucht. +Seine ‘Enzyklopaedie’ ist wesentlich das Resultat seines Studiums der +griechischen Literatur. Von allem, was der ruehrige und patriotische +Mann angegriffen hat, ist nichts folgenreicher und nichts seinem +Vaterlande nuetzlicher gewesen als diese von ihm selbst wohl +verhaeltnismaessig gering angeschlagene literarische Taetigkeit. Er +fand zahlreiche und wuerdige Nachfolger in der Rede- und der +wissenschaftlichen Schriftstellerei; und wenn auf seine originellen, in +ihrer Art wohl der griechischen Logographie vergleichbaren +‘Ursprungsgeschichten’ auch kein Herodot und Thukydides gefolgt ist, so +ward es doch von ihm und durch ihn festgestellt, dass die literarische +Beschaeftigung mit den Nuetzlichkeitswissenschaften wie mit der +Geschichte fuer den Roemer nicht bloss ehrenhaft, sondern ehrenvoll +sei. + +———————————————————————— + +^41 “Von diesen Griechen”, heisst es bei ihm, “werde ich an seinem Orte +sagen, mein Sohn Marcus, was ich zu Athen ueber sie in Erfahrung +gebracht habe; und will es beweisen, dass es nuetzlich ist, ihre +Schriften einzusehen, nicht sie durchzustudieren. Es ist eine +grundverdorbene und unregierliche Rasse - glaube mir, das ist wahr wie +ein Orakel; und wenn das Volk seine Bildung herbringt, so wird es alles +verderben und ganz besonders, wenn es seine Aerzte hierher schickt. Sie +haben sich verschworen, alle Barbaren umzubringen mit Arzeneiung, aber +sie lassen sich dafuer noch bezahlen, damit man ihnen vertraue und sie +uns leicht zugrunde richten moegen. Auch uns nennen sie Barbaren, ja +schimpfen uns mit dem noch gemeineren Namen der Opiker. Auf die +Heilkuenstler also lege ich dir Acht und Bann.” + +Der eifrige Mann wusste nicht, dass der Name der Opiker, der im +Lateinischen eine schmutzige Bedeutung hat, im Griechischen ganz +unverfaenglich ist, und dass die Griechen auf die unschuldigste Weise +dazu gekommen waren, die Italiker mit demselben zu bezeichnen. + +———————————————————————- + +Werfen wir schliesslich noch einen Blick auf den Stand der bauenden und +bildenden Kuenste, so macht, was die ersten anlangt, der beginnende +Luxus sich weniger in dem oeffentlichen als im Privatbauwesen +bemerklich. Erst gegen den Schluss dieser Periode, namentlich mit der +Catonischen Zensur (570 184) faengt man in jenem an, neben der gemeinen +Notdurft auch die gemeine Bequemlichkeit ins Auge zu fassen, die aus +den Wasserleitungen gespeisten Bassins (lacus) mit Stein auszulegen +(570 184), Saeulengaenge aufzufuehren (575, 580 179, 174) und vor allem +die attischen Gerichts- und Geschaeftshallen, die sogenannten Basiliken +nach Rom zu uebertragen. Das erste dieser etwa unseren heutigen Basaren +entsprechende Gebaeude, die porcische oder Silberschmiedhalle, wurde +von Cato im Jahre 570 (184) neben dem Rathaus errichtet, woran dann +rasch andere sich anschlossen, bis allmaehlich an den Langseiten des +Marktes die Privatlaeden durch diese glaenzenden saeulengetragenen +Hallen ersetzt waren. Tiefer aber griff in das taegliche Leben die +Umwandlung des Hausbaues ein, welche spaetestens in diese Epoche +gesetzt werden muss: es schieden sich allmaehlich Wohnsaal (atrium), +Hof (cavum aedium), Garten und Gartenhallen (peristylium), der Raum zur +Aufbewahrung der Papiere (tablinum), Kapelle, Kueche, Schlafzimmer; und +in der inneren Einrichtung fing die Saeule an sowohl im Hofe wie im +Wohnsaal zur Stuetzung der offenen Decke und auch fuer die Gartenhallen +verwandt zu werden - wobei wohl ueberall griechische Muster kopiert +oder doch benutzt wurden. Doch blieb das Baumaterial einfach; “unsere +Vorfahren”, sagt Varro, “wohnten in Haeusern aus Backsteinen und legten +nur, um die Feuchtigkeit abzuwehren, ein maessiges Quaderfundament”. + +Von roemischer Plastik begegnet kaum eine andere Spur als etwa die +Wachsbossierung der Ahnenbilder. Etwas oefter ist von Malerei und +Malern die Rede: Manius Valerius liess den Sieg ueber die Karthager und +Hieron, den er im Jahre 491 (263) vor Messana erfochten, auf der +Seitenwand des Rathauses abschildern - die ersten historischen Fresken +in Rom, denn viele gleichartige folgten und die im Gebiet der bildenden +Kunst das sind, was nicht viel spaeter das Nationalepos und das +Nationalschauspiel im Gebiet der Poesie wurden. Es werden als Maler +genannt, ein gewisser Theodotos, der, wie Naevius spottete, + +verschanzt, in Decken sitzend, drinnen im heiligen Raum + +die scherzenden Laren malte mit dem Ochsenschwanz. + +Marcus Pacuvius von Brundisium, welcher in dem Herkulestempel auf dem +Rindermarkt malte - derselbe, der im hoeheren Alter als Bearbeiter +griechischer Tragoedien sich einen Namen gemacht hat; der Kleinasiate +Marcus Plautius Lyco, dem fuer seine schoenen Malereien im Junotempel +zu Ardea diese Gemeinde ihr Buergerrecht verlieh ^42. Aber es tritt +doch eben darin sehr deutlich hervor, dass die Kunstuebung in Rom nicht +bloss ueberhaupt untergeordnet und mehr Handwerk als Kunst war, sondern +dass sie auch, wahrscheinlich noch ausschliesslicher als die Poesie, +den Griechen und Halbgriechen anheimfiel. + +——————————————————————————— + +^42 Plautius gehoert in diese oder in den Anfang der folgenden Periode, +da die Beischrift bei seinen Bildern (Plin. nat. 35, 10, 115) als +hexametrisch nicht fueglich aelter sein kann als Ennius und die +Schenkung des ardeatischen Buergerrechts notwendig vor dem +Bundesgenossenkrieg stattgefunden haben muss, durch den Ardea seine +Selbstaendigkeit verlor. + +———————————————————————————- + +Dagegen zeigen sich in den vornehmen Kreisen die ersten Spuren des +spaeteren dilettantischen und Sammlerinteresses. Man bewunderte schon +die Pracht der korinthischen und athenischen Tempel und sah die +altmodischen Tonbilder auf den roemischen Tempeldaechern mit +Geringschaetzung an; selbst ein Mann wie Lucius Paullus, eher Catos +Gesinnungsgenosse als Scipios, betrachtete und beurteilte den Zeus des +Pheidias mit Kennerblick. Mit dem Wegfuehren der Kunstschaetze aus den +eroberten griechischen Staedten machte in groesserem Massstab den +ersten Anfang Marcus Marcellus nach der Einnahme von Syrakus (542 212); +und obwohl dies bei den Maennern alter Zucht scharfen Tadel fand und +zum Beispiel der alte strenge Quintus Maximus nach der Einnahme von +Tarent (545 209) die Bildsaeulen der Tempel nicht anzuruehren, sondern +den Tarentinern ihre erzuernten Goetter zu lassen gebot, so wurden doch +dergleichen Tempelpluenderungen immer haeufiger. Namentlich durch Titus +Flamininus (560 194) und Marcus Fulvius Nobilior (567 187), zwei +Hauptvertreter des roemischen Hellenismus, sowie durch Lucius Paullus +(587 167) fuellten sich die oeffentlichen Gebaeude Roms mit den +Meisterwerken des griechischen Meissels. Auch hier ging den Roemern die +Ahnung auf, dass das Kunstinteresse so gut wie das poetische einen +wesentlichen Teil der hellenischen Bildung, das heisst der modernen +Zivilisation ausmache; allein waehrend die Aneignung der griechischen +Poesie ohne eine gewisse poetische Taetigkeit unmoeglich war, schien +hier das blosse Beschauen und Herbeischaffen auszureichen, und darum +ist eine eigene Literatur in Rom auf kuenstlichem Wege gestaltet, zur +Entwicklung einer eigenen Kunst aber nicht einmal ein Versuch gemacht +worden. + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE *** + +***** This file should be named 3062-0.txt or 3062-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/0/6/3062/ + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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