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+The Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Römische Geschichte Book 3
+
+Author: Theodor Mommsen
+
+Release Date: February, 2002 [Etext #3062]
+[Most recently updated: January 15, 2020]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
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+Römische Geschichte
+
+Drittes Buch
+Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der
+griechischen Staaten
+
+von Theodor Mommsen
+
+The following e-text of Mommsen’s Roemische Geschichte contains some
+(ancient) Greek quotations. The character set used for those quotations is a
+modern Greek character set. Therefore, aspirations are not marked in Greek
+words, nor is there any differentiation between the different accents of
+ancient Greek and the subscript iotas are missing as well.
+
+Contents
+
+ Drittes Buch—Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung
+ Karthagos und der griechischen Staaten
+ KAPITEL I. Karthago
+ KAPITEL II. Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago
+ KAPITEL III. Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen
+ KAPITEL IV. Hamilkar und Hannibal
+ KAPITEL V. Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae
+ KAPITEL VI. Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama
+ KAPITEL VII. Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode
+ KAPITEL VIII. Die östlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg
+ KAPITEL IX. Der Krieg gegen Antiochos von Asien
+ KAPITEL X. Der Dritte Makedonische Krieg
+ KAPITEL XI. Regiment und Regierte
+ KAPITEL XII. Boden- und Geldwirtschaft
+ KAPITEL XIII. Glaube und Sitte
+ KAPITEL XIV. Literatur und Kunst
+
+
+
+
+Drittes Buch
+Von der Einigung Italiens bis auf die Unterwerfung Karthagos und der
+griechischen Staaten
+
+
+arduum res gestas scribere
+
+arg beschwerlich ist es, Geschichte zu schreiben
+
+Sallust
+
+
+
+
+KAPITEL I.
+Karthago
+
+
+Der semitische Stamm steht inmitten und doch auch ausserhalb der
+Voelker der alten klassischen Welt. Der Schwerpunkt liegt fuer jenen im
+Osten, fuer diese am Mittelmeer, und wie auch Krieg und Wanderung die
+Grenze verschoben und die Staemme durcheinanderwarfen, immer schied und
+scheidet ein tiefes Gefuehl der Fremdartigkeit die indogermanischen
+Voelker von den syrischen, israelitischen, arabischen Nationen. Dies
+gilt auch von demjenigen semitischen Volke, das mehr als irgendein
+anderes gegen Westen sich ausgebreitet hat, von den Phoenikern. Ihre
+Heimat ist der schmale Kuestenstreif zwischen Kleinasien, dem syrischen
+Hochland und Aegypten, die Ebene genannt, das heisst Kanaan. Nur mit
+diesem Namen hat die Nation sich selber genannt - noch in der
+christlichen Zeit nannte der afrikanische Bauer sich einen Kanaaniter;
+den Hellenen aber hiess Kanaan das “Purpurland” oder auch das “Land der
+roten Maenner”, Phoenike, und Punier pflegten auch die Italiker,
+Phoeniker oder Punier pflegen wir noch die Kanaaniter zu heissen. Das
+Land ist wohl geeignet zum Ackerbau; aber vor allen Dingen sind die
+vortrefflichen Haefen und der Reichtum an Holz und Metallen dem Handel
+guenstig, der hier, wo das ueberreiche oestliche Festland hinantritt an
+die weithin sich ausbreitende insel- und hafenreiche Mittellaendische
+See, vielleicht zuerst in seiner ganzen Grossartigkeit dem Menschen
+aufgegangen ist. Was Mut, Scharfsinn und Begeisterung vermoegen, haben
+die Phoeniker aufgeboten, um dem Handel und was aus ihm folgt, der
+Schiffahrt, Fabrikation, Kolonisierung, die volle Entwicklung zu geben
+und Osten und Westen zu vermitteln. In unglaublich frueher Zeit finden
+wir sie in Kypros und Aegypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika
+und Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meer und der Nordsee. Ihr
+Handelsgebiet reicht von Sierra Leone und Cornwall im Westen bis
+oestlich zur malabarischen Kueste; durch ihre Haende gehen das Gold und
+die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein,
+die Loewen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische
+Weihrauch, das Linnen Aegyptens, Griechenlands Tongeschirr und edle
+Weine, das kyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn,
+das Eisen von Elba. Jedem Volke bringen die phoenikischen Schiffer, was
+es brauchen kann oder doch kaufen mag, und ueberall kommen sie herum,
+um immer wieder zurueckzukehren zu der engen Heimat, an der ihr Herz
+haengt. Die Phoeniker haben wohl ein Recht, in der Geschichte genannt
+zu werden neben der hellenischen und der latinischen Nation; aber auch
+an ihnen und vielleicht an ihnen am meisten bewaehrt es sich, dass das
+Altertum die Kraefte der Voelker einseitig entwickelte. Die
+grossartigen und dauernden Schoepfungen, welche auf dem geistigen
+Gebiete innerhalb des aramaeischen Stammes entstanden sind, gehoeren
+nicht zunaechst den Phoenikern an; wenn Glauben und Wissen in gewissem
+Sinn den aramaeischen Nationen vor allen anderen eigen und den
+Indogermanen erst aus dem Osten zugekommen sind, so hat doch weder die
+phoenikische Religion noch die phoenikische Wissenschaft und Kunst,
+soviel wir sehen, jemals unter den aramaeischen einen selbstaendigen
+Rang eingenommen. Die religioesen Vorstellungen der Phoeniker sind
+formlos und unschoen, und ihr Gottesdienst schien Luesternheit und
+Grausamkeit mehr zu naehren als zu baendigen bestimmt; von einer
+besonderen Einwirkung phoenikischer Religion auf andere Voelker wird
+wenigstens in der geschichtlich klaren Zeit nichts wahrgenommen.
+Ebensowenig begegnet eine auch nur der italischen, geschweige denn
+derjenigen der Mutterlaender der Kunst vergleichbare phoenikische
+Tektonik oder Plastik. Die aelteste Heimat der wissenschaftlichen
+Beobachtung und ihrer praktischen Verwertung ist Babylon oder doch das
+Euphratland gewesen: hier wahrscheinlich folgte man zuerst dem Lauf der
+Sterne; hier schied und schrieb man zuerst die Laute der Sprache; hier
+begann der Mensch ueber Zeit und Raum und ueber die in der Natur
+wirkenden Kraefte zu denken; hierhin fuehren die aeltesten Spuren der
+Astronomie und Chronologie, des Alphabets, der Masse und Gewichte. Die
+Phoeniker haben wohl von den kunstreichen und hoch entwickelten
+babylonischen Gewerken fuer ihre Industrie, von der Sternbeobachtung
+fuer ihre Schiffahrt, von der Lautschrift und der Ordnung der Masse
+fuer ihren Handel Vorteil gezogen und manchen wichtigen Keim der
+Zivilisation mit ihren Waren vertrieben; aber dass das Alphabet oder
+irgendein anderes jener genialen Erzeugnisse des Menschengeistes ihnen
+eigentuemlich angehoere, laesst sich nicht erweisen, und was durch sie
+von religioesen und wissenschaftlichen Gedanken den Hellenen zukam, das
+haben sie mehr wie der Vogel das Samenkorn als wie der Ackersmann die
+Saat ausgestreut. Die Kraft die bildungsfaehigen Voelker, mit denen sie
+sich beruehrten, zu zivilisieren und sich zu assimilieren, wie sie die
+Hellenen und selbst die Italiker besitzen, fehlte den Phoenikern
+gaenzlich. Im Eroberungsgebiet der Roemer sind vor der romanischen
+Zunge die iberischen und die keltischen Sprachen verschollen; die
+Berber Afrikas reden heute noch dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der
+Hannos und der Barkiden. Aber vor allem mangelt den Phoenikern, wie
+allen aramaeischen Nationen im Gegensatz zu den indogermanischen, der
+staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber regierenden
+Freiheit. Waehrend der hoechsten Bluete von Sidon und Tyros ist das
+phoenikische Land der ewige Zankapfel der am Euphrat und am Nil
+herrschenden Maechte und bald den Assyrern, bald den Aegyptern
+untertan. Mit der halben Macht haetten hellenische Staedte sich
+unabhaengig gemacht; aber die vorsichtigen sidonischen Maenner,
+berechnend, dass die Sperrung der Karawanenstrassen nach dem Osten oder
+der aegyptischen Haefen ihnen weit hoeher zu stehen komme als der
+schwerste Tribut, zahlten lieber puenktlich ihre Steuern, wie es fiel
+nach Ninive oder nach Memphis, und fochten sogar, wenn es nicht anders
+sein konnte, mit ihren Schiffen die Schlachten der Koenige mit. Und wie
+die Phoeniker daheim den Druck der Herren gelassen ertrugen, waren sie
+auch draussen keineswegs geneigt, die friedlichen Bahnen der
+kaufmaennischen mit der erobernden Politik zu vertauschen. Ihre
+Niederlassungen sind Faktoreien; es liegt ihnen mehr daran, den
+Eingeborenen Waren abzunehmen und zuzubringen, als weite Gebiete in
+fernen Laendern zu erwerben und daselbst die schwere und langsame
+Arbeit der Kolonisierung durchzufuehren. Selbst mit ihren Konkurrenten
+vermeiden sie den Krieg; aus Aegypten, Griechenland, Italien, dem
+oestlichen Sizilien lassen sie fast ohne Widerstand sich verdraengen
+und in den grossen Seeschlachten, die in frueher Zeit um die Herrschaft
+im westlichen Mittelmeer geliefert worden sind, bei Alalia (217 537)
+und Kyme (280 474), sind es die Etrusker, nicht die Phoeniker, die die
+Schwere des Kampfes gegen die Griechen tragen. Ist die Konkurrenz
+einmal nicht zu vermeiden, so gleicht man sich aus, so gut es gehen
+will; es ist nie von den Phoenikern ein Versuch gemacht worden, Caere
+oder Massalia zu erobern. Noch weniger natuerlich sind die Phoeniker
+zum Angriffskrieg geneigt. Das einzige Mal, wo sie in der aelteren Zeit
+offensiv auf dem Kampfplatze erscheinen, in der grossen sizilischen
+Expedition der afrikanischen Phoeniker, welche mit der Niederlage bei
+Himera durch Gelon von Syrakus endigte (274 480), sind sie nur als
+gehorsame Untertanen des Grosskoenigs und um der Teilnahme an dem
+Feldzug gegen die oestlichen Hellenen auszuweichen, gegen die Hellepen
+des Westens ausgerueckt; wie denn ihre syrischen Stammgenossen in der
+Tat in demselben Jahr sich mit den Persern bei Salamis mussten schlagen
+lassen.
+
+Es ist das nicht Feigheit; die Seefahrt in unbekannten Gewaessern und
+mit bewaffneten Schiffen fordert tapfere Herzen, und dass diese unter
+den Phoenikern zu finden waren, haben sie oft bewiesen. Es ist noch
+weniger Mangel an Zaehigkeit und Eigenartigkeit des Nationalgefuehls;
+vielmehr haben die Aramaeer mit einer Hartnaeckigkeit, welche kein
+indogermanisches Volk je erreicht hat und welche uns Okzidentalen bald
+mehr, bald weniger als menschlich zu sein duenkt, ihre Nationalitaet
+gegen alle Lockungen der griechischen Zivilisation wie gegen alle
+Zwangsmittel der orientalischen und okzidentalischen Despoten mit den
+Waffen des Geistes wie mit ihrem Blute verteidigt. Es ist der Mangel an
+staatlichem Sinn, der bei dem lebendigsten Stammgefuehl, bei der
+treuesten Anhaenglichkeit an die Vaterstadt doch das eigenste Wesen der
+Phoeniker bezeichnet. Die Freiheit lockte sie nicht und es geluestete
+sie nicht nach der Herrschaft; “ruhig lebten sie”, sagt das Buch der
+Richter, “nach der Weise der Sidonier, sicher und wohlgemut und im
+Besitz von Reichtum”.
+
+Unter allen phoenikischen Ansiedlungen gediehen keine schneller und
+sicherer als die von den Tyriern und Sidoniern an der Suedkueste
+Spaniens und an der nordafrikanischen gegruendeten, in welche Gegenden
+weder der Arm des Grosskoenigs noch die gefaehrliche Rivalitaet der
+griechischen Seefahrer reichte, die Eingeborenen aber den Fremdlingen
+gegenueberstanden wie in Amerika die Indianer den Europaeern. Unter den
+zahlreichen und bluehenden phoenikischen Staedten an diesen Gestaden
+ragte vor allem hervor die “Neustadt”, Karthada oder, wie die
+Okzidentalen sie nennen, Karchedon oder Karthago. Nicht die frueheste
+Niederlassung der Phoeniker in dieser Gegend und urspruenglich
+vielleicht schutzbefohlene Stadt des nahen Utica, der aeltesten
+Phoenikerstadt in Libyen, ueberfluegelte sie bald ihre Nachbarn, ja die
+Heimat selbst durch die unvergleichlich guenstige Lage und die rege
+Taetigkeit ihrer Bewohner. Gelegen unfern der (ehemaligen) Muendung des
+Bagradas (Medscherda), der die reichste Getreidelandschaft Nordafrikas
+durchstroemt, auf einer fruchtbaren noch heute mit Landhaeusern
+besetzten und mit Oliven- und Orangenwaeldern bedeckten Anschwellung
+des Bodens, der gegen die Ebene sanft sich abdacht und an der Seeseite
+als meerumflossenes Vorgebirg endigt, inmitten des grossen Hafens von
+Nordafrika, des Golfes von Tunis, da wo dies schoene Bassin den besten
+Ankergrund fuer groessere Schiffe und hart am Strande trinkbares
+Quellwasser darbietet, ist dieser Platz fuer Ackerbau und Handel und
+die Vermittlung beider so einzig guenstig, dass nicht bloss die
+tyrische Ansiedlung daselbst die erste phoenikische Kaufstadt ward,
+sondern auch in der roemischen Zeit Karthago, kaum wiederhergestellt,
+die dritte Stadt des Kaiserreichs wurde und noch heute unter nicht
+guenstigen Verhaeltnissen und an einer weit weniger gut gewaehlten
+Stelle dort eine Stadt von hunderttausend Einwohnern besteht und
+gedeiht. Die agrikole, merkantile, industrielle Bluete einer Stadt in
+solcher Lage und mit solchen Bewohnern erklaert sich selbst; wohl aber
+fordert die Frage eine Antwort, auf welchem Weg diese Ansiedlung zu
+einer politischen Machtentwicklung gelangte, wie sie keine andere
+phoenikische Stadt besessen hat.
+
+Dass der phoenikische Stamm seine politische Passivitaet auch in
+Karthago nicht verleugnet hat, dafuer fehlt es keineswegs an Beweisen.
+Karthago bezahlte bis in die Zeiten seiner Bluete hinab fuer den Boden,
+den die Stadt einnahm, Grundzins an die einheimischen Berber, den Stamm
+der Maxyer oder Maxitaner; und obwohl das Meer und die Wueste die Stadt
+hinreichend schuetzten vor jedem Angriff der oestlichen Maechte,
+scheint Karthago doch die Herrschaft des Grosskoenigs wenn auch nur dem
+Namen nach anerkannt und ihm gelegentlich gezinst zu haben, um sich die
+Handelsverbindungen mit Tyros und dem Osten zu sichern.
+
+Aber bei allem guten Willen, sich zu fuegen und zu schmiegen, traten
+doch Verhaeltnisse ein, die diese Phoeniker in eine energischere
+Politik draengten. Vor dem Strom der hellenischen Wanderung, der sich
+unaufhaltsam gegen Westen ergoss, der die Phoeniker schon aus dem
+eigentlichen Griechenland und von Italien verdraengt hatte und eben
+sich anschickte, in Sizilien, in Spanien, ja in Libyen selbst das
+gleiche zu tun, mussten die Phoeniker doch irgendwo standhalten, wenn
+sie nicht gaenzlich sich wollten erdruecken lassen. Hier, wo sie mit
+griechischen Kaufleuten und nicht mit dem Grosskoenig zu tun hatten,
+genuegte es nicht, sich zu unterwerfen, um gegen Schoss und Zins Handel
+und Industrie in alter Weise fortzufuehren. Schon waren Massalia und
+Kyrene gegruendet; schon das ganze oestliche Sizilien in den Haenden
+der Griechen; es war fuer die Phoeniker die hoechste Zeit zu
+ernstlicher Gegenwehr. Die Karthager nahmen sie auf; in langen und
+hartnaeckigen Kriegen setzten sie dem Vordringen der Kyrenaeer eine
+Grenze und der Hellenismus vermochte nicht sich westwaerts der Wueste
+von Tripolis festzusetzen. Mit karthagischer Hilfe erwehrten ferner die
+phoenikischen Ansiedler auf der westlichen Spitze Siziliens sich der
+Griechen und begaben sich gern und freiwillig in die Klientel der
+maechtigen stammverwandten Stadt. Diese wichtigen Erfolge, die ins
+zweite Jahrhundert Roms fallen und die den suedwestlichen Teil des
+Mittelmeers den Phoenikern retteten, gaben der Stadt, die sie erfochten
+hatte, von selbst die Hegemonie der Nation und zugleich eine
+veraenderte politische Stellung. Karthago war nicht mehr eine blosse
+Kaufstadt; sie zielte nach der Herrschaft ueber Libyen und ueber einen
+Teil des Mittelmeers, weil sie es musste. Wesentlich trug
+wahrscheinlich bei zu diesen Erfolgen das Aufkommen der Soeldnerei, die
+in Griechenland etwa um die Mitte des vierten Jahrhunderts der Stadt in
+Uebung kam, bei den Orientalen aber, namentlich bei den Karern weit
+aelter ist und vielleicht eben durch die Phoeniker emporkam. Durch das
+auslaendische Werbesystem ward der Krieg zu einer grossartigen
+Geldspekulation, die eben recht im Sinn des phoenikischen Wesens ist.
+
+Es war wohl erst die Rueckwirkung dieser auswaertigen Erfolge, welche
+die Karthager veranlasste, in Afrika von Miet- und Bitt- zum
+Eigenbesitz und zur Eroberung ueberzugehen. Erst um 300 Roms (450)
+scheinen die karthagischen Kaufleute sich des Bodenzinses entledigt zu
+haben, den sie bisher den Einheimischen hatten entrichten muessen.
+Dadurch ward eine eigene Ackerwirtschaft im grossen moeglich. Von jeher
+hatten die Phoeniker es sich angelegen sein lassen, ihre Kapitalien
+auch als Grundbesitzer zu nutzen und den Feldbau im grossen Massstab zu
+betreiben durch Sklaven oder gedungene Arbeiter; wie denn ein grosser
+Teil der Juden in dieser Art den tyrischen Kaufherren um Tagelohn
+dienstbar war. Jetzt konnten die Karthager unbeschraenkt den reichen
+libyschen Boden ausbeuten durch ein System, das dem der heutigen
+Plantagenbesitzer verwandt ist: gefesselte Sklaven bestellten das Land
+- wir finden, dass einzelne Buerger deren bis zwanzigtausend besassen.
+Man ging weiter. Die ackerbauenden Doerfer der Umgegend - der Ackerbau
+scheint bei den Libyern sehr frueh und wahrscheinlich schon vor der
+phoenikischen Ansiedlung, vermutlich von Aegypten aus, eingefuehrt zu
+sein - wurden mit Waffengewalt unterworfen und die freien libyschen
+Bauern umgewandelt in Fellahs, die ihren Herren den vierten Teil der
+Bodenfruechte als Tribut entrichteten und zur Bildung eines eigenen
+karthagischen Heeres einem regelmaessigen Rekrutierungssystem
+unterworfen wurden. Mit den schweifenden Hirtenstaemmen (νομάδες) an
+den Grenzen waehrten die Fehden bestaendig; indes sicherte eine
+verschanzte Postenkette das befriedete Gebiet und langsam wurden jene
+zurueckgedraengt in die Wuesten und Berge oder gezwungen, die
+karthagische Oberherrschaft anzuerkennen, Tribut zu zahlen und Zuzug zu
+stellen. Um die Zeit des Ersten Punischen Krieges ward ihre grosse
+Stadt Theveste (Tebessa, an den Quellen des Medscherda) von den
+Karthagern erobert. Dies sind die “Staedte und Staemme (έθνη) der
+Untertanen”, die in den karthagischen Staatsvertraegen erscheinen;
+jenes die unfreien libyschen Doerfer, dieses die untertaenigen Nomaden.
+
+Hierzu kam endlich die Herrschaft Karthagos ueber die uebrigen
+Phoeniker in Afrika oder die sogenannten Libyphoeniker. Es gehoerten zu
+diesen teils die von Karthago aus an die ganze afrikanische Nord- und
+einen Teil der Nordwestkueste gefuehrten kleineren Ansiedelungen, die
+nicht unbedeutend gewesen sein koennen, da allein am Atlantischen Meer
+auf einmal 30000 solcher Kolonisten sesshaft gemacht wurden, teils die
+besonders an der Kueste der heutigen Provinz Constantine und des Beylik
+von Tunis zahlreichen altphoenikischen Niederlassungen, zum Beispiel
+Hippo, spaeter regius zugenannt (Bona), Hadrumetum (Susa), Klein-Leptis
+(suedlich von Susa) - die zweite Stadt der afrikanischen Phoeniker -,
+Thapsus (ebendaselbst), Gross-Leptis (Lebda westlich von Tripolis). Wie
+es gekommen ist, dass sich all diese Staedte unter karthagische
+Botmaessigkeit begaben, ob freiwillig, etwa um sich zu schirmen vor den
+Angriffen der Kyrenaeer und Numidier, oder gezwungen, ist nicht mehr
+nachzuweisen; sicher aber ist es, dass sie als Untertanen der Karthager
+selbst in offiziellen Aktenstuecken bezeichnet werden, ihre Mauern
+hatten niederreissen muessen und Steuer und Zuzug nach Karthago zu
+leisten hatten. Indes waren sie weder der Rekrutierung noch der
+Grundsteuer unterworfen, sondern leisteten ein Bestimmtes an Mannschaft
+und Geld, Klein-Leptis zum Beispiel jaehrlich die ungeheure Summe von
+465 Talenten (574000 Taler); ferner lebten sie nach gleichem Recht mit
+den Karthagern und konnten mit ihnen in gleiche Ehe treten ^1. Einzig
+Utica war, wohl weniger durch seine Macht als durch die Pietaet der
+Karthager gegen ihre alten Beschuetzer, dem gleichen Schicksal
+entgangen und hatte seine Mauern und seine Selbstaendigkeit bewahrt;
+wie denn die Phoeniker fuer solche Verhaeltnisse eine merkwuerdige, von
+der griechischen Gleichgueltigkeit wesentlich abstechende Ehrfurcht
+hegten. Selbst im auswaertigen Verkehr sind es stets “Karthago und
+Utica”, die zusammen festsetzen und versprechen; was natuerlich nicht
+ausschliesst, dass die weit groessere Neustadt der Tat nach auch ueber
+Utica die Hegemonie behauptete. So ward aus der tyrischen Faktorei die
+Hauptstadt eines maechtigen nordafrikanischen Reiches, das von der
+tripolitanischen Wueste sich erstreckte bis zum Atlantischen Meer, im
+westlichen Teil (Marokko und Algier) zwar mit zum Teil oberflaechlicher
+Besetzung der Kuestensaeume sich begnuegend, aber in dem reicheren
+oestlichen, den heutigen Distrikten von Constantine und Tunis, auch das
+Binnenland beherrschend und seine Grenze bestaendig weiter gegen Sueden
+vorschiebend; die Karthager waren, wie ein alter Schriftsteller
+bezeichnend sagt, aus Tyriern Libyer geworden. Die phoenikische
+Zivilisation herrschte in Libyen aehnlich wie in Kleinasien und Syrien
+die griechische nach den Zuegen Alexanders, wenn auch nicht mit
+gleicher Gewalt. An den Hoefen der Nomadenscheichs ward phoenikisch
+gesprochen und geschrieben und die zivilisierteren einheimischen
+Staemme nahmen fuer ihre Sprache das phoenikische Alphabet an ^2; sie
+vollstaendig zu phoenikisieren lag indes weder im Geiste der Nation
+noch in der Politik Karthagos.
+
+———————————————————————
+
+^1 Die schaerfste Bezeichnung dieser wichtigen Klasse findet sich in
+dem karthagischen Staatsvertrag (Polyb. 7, 9), wo sie im Gegensatz
+einerseits zu den Uticensern, anderseits zu den libyschen Untertanen
+heissen: οι Καρχ ηδονίων ύπαρχη όσοι τοίς αυτοίς νόμοις χρώνται. Sonst
+heissen sie auch Bundes- συμμαχίδες πόλεις Diod. 20, 10) oder
+steuerpflichtige Staedte (Liv. 34, 62; Iust. 22, 7, 3). Ihr Conubium
+mit den Karthagern erwaehnt Diodoros 20, 55; das Commercium folgt aus
+den “gleichen Gesetzen”. Dass die altphoenikischen Kolonien zu den
+Libyphoenikern gehoeren, beweist die Bezeichnung Hippos als einer
+libyphoenikischen Stadt (Liv. 25, 40); anderseits heisst es
+hinsichtlich der von Karthago aus gegruendeten Ansiedlungen zum
+Beispiel im Periplus des Hanno: “Es beschlossen die Karthager, dass
+Hanno jenseits der Saeulen des Herkules schiffe und Staedte der
+Libyphoeniker gruende”. Im wesentlichen bezeichnen die Libyphoeniker
+bei den Karthagern nicht eine nationale, sondern eine staatsrechtliche
+Kategorie. Damit kann es recht wohl bestehen, dass der Name grammatisch
+die mit Libyern gemischten Phoeniker bezeichnet (Liv. 21, 22, Zusatz
+zum Text des Polybios); wie denn in der Tat wenigstens bei der Anlage
+sehr exponierter Kolonien den Phoenikern haeufig Libyer beigegeben
+wurden (Diod. 13, 79; Cic. Scaur. 42). Die Analogie im Namen und im
+Rechtsverhaeltnis zwischen den Latinern Roms und den Libyphoenikern
+Karthagos ist unverkennbar.
+
+^2 Das libysche oder numidische Alphabet, das heisst dasjenige, womit
+die Berber ihre nichtsemitische Sprache schrieben und schreiben, eines
+der zahllosen aus dem aramaeischen Uralphabet abgeleiteten, scheint
+allerdings diesem in einzelnen Formen naeher zu stehen als das
+phoenikische; aber es folgt daraus noch keineswegs, dass die Libyer die
+Schrift nicht von den Phoenikern, sondern von aelteren Einwanderern
+erhielten, so wenig als die teilweise aelteren Formen der italischen
+Alphabete diese aus dem griechischen abzuleiten verbieten. Vielmehr
+wird die Ableitung des libyschen Alphabets aus dem phoenikischen einer
+Periode des letzteren angehoeren, welche aelter ist als die, in der die
+auf uns gekommenen Denkmaeler der phoenikischen Sprache geschrieben
+wurden.
+
+————————————————————————-
+
+Die Epoche, in der diese Umwandlung Karthagos in die Hauptstadt von
+Libyen stattgefunden hat, laesst sich um so weniger bestimmen, als die
+Veraenderung ohne Zweifel stufenweise erfolgt ist. Der eben erwaehnte
+Schriftsteller nennt als den Reformator der Nation den Hanno; wenn dies
+derselbe ist, der zur Zeit des ersten Krieges mit Rom lebte, so kann er
+nur als Vollender des neuen Systems angesehen werden, dessen
+Durchfuehrung vermutlich das vierte und fuenfte Jahrhundert Roms
+ausgefuellt hat.
+
+Mit dem Aufbluehen Karthagos Hand in Hand ging das Sinken der grossen
+phoenikischen Staedte in der Heimat, von Sidon und besonders von Tyros,
+dessen Bluete teils infolge innerer Bewegungen, teils durch die
+Drangsale von aussen, namentlich die Belagerungen durch Salmanassar im
+ersten, Nabukodrossor im zweiten, Alexander im fuenften Jahrhundert
+Roms zugrunde gerichtet ward. Die edlen Geschlechter und die alten
+Firmen von Tyros siedelten groesstenteils ueber nach der gesicherten
+und bluehenden Tochterstadt und brachten dorthin ihre Intelligenz, ihre
+Kapitalien und ihre Traditionen. Als die Phoeniker mit Rom in
+Beruehrung kamen, war Karthago ebenso entschieden die erste
+kanaanitische Stadt wie Rom die erste der latinischen Gemeinden.
+
+Aber die Herrschaft ueber Libyen war nur die eine Haelfte der
+karthagischen Macht; ihre See- und Kolonialherrschaft hatte
+gleichzeitig nicht minder gewaltig sich entwickelt.
+
+In Spanien war der Hauptplatz der Phoeniker die uralte tyrische
+Ansiedlung in Gades (Cadiz); ausserdem besassen sie westlich und
+oestlich davon eine Kette von Faktoreien und im Innern das Gebiet der
+Silbergruben, so dass sie etwa das heutige Andalusien und Granada oder
+doch wenigstens die Kueste davon innehatten. Das Binnenland den
+einheimischen kriegerischen Nationen abzugewinnen war man nicht
+bemueht; man begnuegte sich mit dem Besitz der Bergwerke und der
+Stationen fuer den Handel und fuer den Fisch- und Muschelfang und hatte
+Muehe auch nur hier sich gegen die anwohnenden Staemme zu behaupten. Es
+ist wahrscheinlich, dass diese Besitzungen nicht eigentlich karthagisch
+waren, sondern tyrisch, und Gades nicht mitzaehlte unter den
+tributpflichtigen Staedten Karthagos; doch stand es wie alle westlichen
+Phoeniker tatsaechlich unter karthagischer Hegemonie, wie die von
+Karthago den Gaditanern gegen die Eingeborenen gesandte Hilfe und die
+Anlegung karthagischer Handelsniederlassungen westlich von Gades
+beweist. Ebusus und die Balearen wurden dagegen von den Karthagern
+selbst in frueher Zeit besetzt, teils der Fischereien wegen, teils als
+Vorposten gegen die Massalioten, mit denen von hier aus die heftigsten
+Kaempfe gefuehrt wurden.
+
+Ebenso setzten die Karthager schon am Ende des zweiten Jahrhunderts
+Roms sich fest auf Sardinien, welches ganz in derselben Art wie Libyen
+von ihnen ausgebeutet ward. Waehrend die Eingeborenen sich in dem
+gebirgigen Innern der Insel der Verknechtung zur Feldsklaverei entzogen
+wie die Numidier in Afrika an dem Saum der Wueste, wurden nach Karalis
+(Cagliari) und anderen wichtigen Punkten phoenikische Kolonien gefuehrt
+und die fruchtbaren Kuestenlandschaften durch eingefuehrte libysche
+Ackerbauern verwertet.
+
+In Sizilien endlich war zwar die Strasse von Messana und die groessere
+oestliche Haelfte der Insel in frueher Zeit den Griechen in die Haende
+gefallen; allein den Phoenikern blieben unter dem Beistand der
+Karthager teils die kleineren Inseln in der Naehe, die Aegaten, Melite,
+Gaulos, Kossyra, unter denen namentlich die Ansiedlung auf Malta reich
+und bluehend war, teils die West- und Nordwestkueste Siziliens, wo sie
+von Motye, spaeter von Lilybaeon aus die Verbindung mit Afrika, von
+Panormos und Soloeis aus die mit Sardinien unterhielten. Das Innere der
+Insel blieb in dem Besitz der Eingeborenen, der Elymer, Sikaner,
+Sikeler. Es hatte sich in Sizilien, nachdem das weitere Vordringen der
+Griechen gebrochen war, ein verhaeltnismaessig friedlicher Zustand
+hergestellt, den selbst die von den Persern veranlasste Heerfahrt der
+Karthager gegen ihre griechischen Nachbarn auf der Insel (274 480)
+nicht auf die Dauer unterbrach und der im ganzen fortbestand bis auf
+die attische Expedition nach Sizilien (339-341 415-413). Die beiden
+rivalisierenden Nationen bequemten sich, einander zu dulden, und
+beschraenkten sich im wesentlichen jede auf ihr Gebiet.
+
+Alle diese Niederlassungen und Besitzungen waren an sich wichtig genug;
+allein noch von weit groesserer Bedeutung insofern, als sie die Pfeiler
+der karthagischen Seeherrschaft wurden. Durch den Besitz Suedspaniens,
+der Balearen, Sardiniens, des westlichen Sizilien und Melites in
+Verbindung mit der Verhinderung hellenischer Kolonisierung, sowohl an
+der spanischen Ostkueste als auf Korsika und in der Gegend der Syrten
+machten die Herren der nordafrikanischen Kueste ihre See zu einer
+geschlossenen und monopolisierten die westliche Meerenge. Nur das
+Tyrrhenische und gallische Meer mussten die Phoeniker mit andern
+Nationen teilen. Es war dies allenfalls zu ertragen, solange die
+Etrusker und die Griechen sich hier das Gleichgewicht hielten; mit den
+ersteren als den minder gefaehrlichen Nebenbuhlern trat Karthago sogar
+gegen die Griechen in Buendnis. Indes als nach dem Sturz der
+etruskischen Macht, den, wie es zu gehen pflegt bei derartigen
+Notbuendnissen, Karthago wohl schwerlich mit aller Macht abzuwenden
+bestrebt gewesen war, und nach der Vereitelung der grossen Entwuerfe
+des Alkibiades Syrakus unbestritten dastand als die erste griechische
+Seemacht, fingen begreiflicherweise nicht nur die Herren von Syrakus
+an, nach der Herrschaft ueber Sizilien und Unteritalien und zugleich
+ueber das Tyrrhenische und Adriatische Meer zu streben, sondern wurden
+auch die Karthager gewaltsam in eine energischere Politik gedraengt.
+Das naechste Ergebnis der langen und hartnaeckigen Kaempfe zwischen
+ihnen und ihrem ebenso maechtigen als schaendlichen Gegner Dionysios
+von Syrakus (348-389 406-365) war die Vernichtung oder Schwaechung der
+sizilischen Mittelstaaten, die im Interesse beider Parteien lag und die
+Teilung der Insel zwischen den Syrakusanern und den Karthagern. Die
+bluehendsten Staedte der Insel: Selinus, Himera, Akragas, Gela,
+Messana, wurden im Verlauf dieser heillosen Kaempfe von den Karthagern
+von Grund aus zerstoert; nicht ungern sah Dionysios, wie das
+Hellenentum hier zugrunde ging oder doch geknickt ward, um sodann,
+gestuetzt auf die fremden, aus Italien, Gallien und Spanien
+angeworbenen Soeldner, die veroedeten oder mit Militaerkolonien
+belegten Landschaften desto sicherer zu beherrschen. Der Friede, der
+nach des karthagischen Feldherrn Mago Sieg bei Kronion 371 (383)
+abgeschlossen ward und den Karthagern die griechischen Staedte Thermae
+(das alte Himera), Egesta, Herakleia Minoa, Selinus und einen Teil des
+Gebietes von Akragas bis an den Halykos unterwarf, galt den beiden um
+den Besitz der Insel ringenden Maechten nur als vorlaeufiges Abkommen;
+immer von neuem wiederholten sich beiderseits die Versuche, den
+Nebenbuhler ganz zu verdraengen. Viermal - zur Zeit des aelteren
+Dionysios 360 (394), in der Timoleons 410 (344), in der des Agathokles
+445 (309), in der pyrrhischen 476 (278) - waren die Karthager Herren
+von ganz Sizilien bis auf Syrakus und scheiterten an dessen festen
+Mauern; fast ebenso oft schienen die Syrakusaner unter tuechtigen
+Fuehrern, wie der aeltere Dionysios, Agathokles und Pyrrhos waren,
+ihrerseits ebenso nahe daran, die Afrikaner von der Insel zu
+verdraengen. Mehr und mehr aber neigte sich das Uebergewicht auf die
+Seite der Karthager, von denen regelmaessig der Angriff ausging und
+die, wenn sie auch nicht mit roemischer Stetigkeit ihr Ziel verfolgten,
+doch mit weit groesserer Planmaessigkeit und Energie den Angriff
+betrieben als die von Parteien zerrissene und abgehetzte Griechenstadt
+die Verteidigung. Mit Recht durften die Phoeniker erwarten, dass nicht
+immer eine Pest oder ein fremder Condottiere die Beute ihnen entreissen
+wuerde; und vorlaeufig war wenigstens zur See der Kampf schon
+entschieden: Pyrrhos’ Versuch, die syrakusanische Flotte
+wiederherzustellen, war der letzte. Nachdem dieser gescheitert war,
+beherrschte die karthagische Flotte ohne Nebenbuhler das ganze
+westliche Mittelmeer; und ihre Versuche, Syrakus, Rhegion, Tarent zu
+besetzen, zeigten, was man vermochte und wohin man zielte. Hand in Hand
+damit ging das Bestreben, den Seehandel dieser Gegend immer mehr sowohl
+dem Ausland wie den eigenen Untertanen gegenueber zu monopolisieren;
+und es war nicht karthagische Art, vor irgendeiner zum Zwecke
+fuehrenden Gewaltsamkeit zurueckzuscheuen. Ein Zeitgenosse der
+Punischen Kriege, der Vater der Geographie Eratosthenes (479-560
+275-194), bezeugt es, dass jeder fremde Schiffer, welcher nach
+Sardinien oder nach der Gaditanischen Strasse fuhr, wenn er den
+Karthagern in die Haende fiel, von ihnen ins Meer gestuerzt ward; und
+damit stimmt es voellig ueberein, dass Karthago den roemischen
+Handelsschiffen die spanischen, sardinischen und libyschen Haefen durch
+den Vertrag vom Jahre 406 (348) freigab, dagegen durch den vom Jahre
+448 (306) sie ihnen mit Ausnahme des eigenen karthagischen saemtlich
+schloss.
+
+Die Verfassung Karthagos bezeichnet Aristoteles, der etwa fuenfzig
+Jahre vor dein Anfang des Ersten Punischen Krieges starb, als
+uebergegangen aus der monarchischen in eine Aristokratie oder in eine
+zur Oligarchie sich neigende Demokratie; denn mit beiden Namen benennt
+er sie. Die Leitung der Geschaefte stand zunaechst bei dem Rat der
+Alten, welcher gleich der spartanischen Gerusia bestand aus den beiden
+jaehrlich von der Buergerschaft ernannten Koenigen und achtundzwanzig
+Gerusiasten, die auch, wie es scheint, Jahr fuer Jahr von der
+Buergerschaft erwaehlt wurden. Dieser Rat ist es, der im wesentlichen
+die Staatsgeschaefte erledigt, zum Beispiel die Einleitungen zum Kriege
+trifft, die Aushebungen und Werbungen anordnet, den Feldherrn ernennt
+und ihm eine Anzahl Gerusiasten beiordnet, aus denen dann regelmaessig
+die Unterbefehlshaber genommen werden; an ihn werden die Depeschen
+adressiert. Ob neben diesem kleinen Rat noch ein grosser stand, ist
+zweifelhaft; auf keinen Fall hatte er viel zu bedeuten. Ebensowenig
+scheint den Koenigen ein besonderer Einfluss zugestanden zu haben;
+hauptsaechlich funktionierten sie als Oberrichter, wie sie nicht selten
+auch heissen (Schofeten, praetores). Groesser war die Gewalt des
+Feldherrn; Isokrates, Aristoteles’ aelterer Zeitgenosse, sagt, dass die
+Karthager sich daheim oligarchisch, im Felde aber monarchisch regierten
+und so mag das Amt des karthagischen Feldherrn mit Recht von roemischen
+Schriftstellern als Diktatur bezeichnet werden, obgleich die ihm
+beigegebenen Gerusiasten tatsaechlich wenigstens seine Macht
+beschraenken mussten, und ebenso nach Niederlegung des Amtes ihn eine
+den Roemern unbekannte ordentliche Rechenschaftslegung erwartete. Eine
+feste Zeitgrenze bestand fuer das Amt des Feldherrn nicht, und es ist
+derselbe also schon deshalb vom Jahrkoenig unzweifelhaft verschieden
+gewesen, von dem ihn auch Aristoteles ausdruecklich unterscheidet; doch
+war die Vereinigung mehrerer Aemter in einer Person bei den Karthagern
+ueblich, und so kann es nicht befremden, dass oft derselbe Mann
+zugleich als Feldherr und als Schofet erscheint.
+
+Aber ueber der Gerusia und ueber den Beamten stand die Koerperschaft
+der Hundertvier-, kuerzer Hundertmaenner oder der Richter, das
+Hauptbollwerk der karthagischen Oligarchie. In der urspruenglichen
+karthagischen Verfassung fand sie sich nicht, sondern sie war gleich
+dem spartanischen Ephorat hervorgegangen aus der aristokratischen
+Opposition gegen die monarchischen Elemente derselben. Bei der
+Kaeuflichkeit der Aemter und der geringen Mitgliederzahl der hoechsten
+Behoerde drohte eine einzige durch Reichtum und Kriegsruhm vor allen
+hervorleuchtende karthagische Familie, das Geschlecht des Mago, die
+Verwaltung in Krieg und Frieden und die Rechtspflege in ihren Haenden
+zu vereinigen; dies fuehrte ungefaehr um die Zeit der Dezemvirn zu
+einer Aenderung der Verfassung und zur Einsetzung dieser neuen
+Behoerde. Wir wissen, dass die Bekleidung der Quaestur ein Anrecht gab
+zum Eintritt in die Richterschaft, dass aber dennoch der Kandidat einer
+Wahl unterlag durch gewisse sich selbst ergaenzende
+Fuenfmaennerschaften; ferner dass die Richter, obwohl sie rechtlich
+vermutlich von Jahr zu Jahr gewaehlt wurden, doch tatsaechlich laengere
+Zeit, ja lebenslaenglich im Amt blieben, weshalb sie bei den Roemern
+und Griechen gewoehnlich Senatoren genannt werden. So dunkel das
+einzelne ist, so klar erkennt man das Wesen der Behoerde als einer aus
+aristokratischer Kooptation hervorgehenden oligarchischen; wovon eine
+vereinzelte, aber charakteristische Spur ist, dass in Karthago neben
+dem gemeinen Buerger- ein eigenes Richterbad bestand. Zunaechst waren
+sie bestimmt zu fungieren als politische Geschworene, die namentlich
+die Feldherren, aber ohne Zweifel vorkommendenfalls auch die Schofeten
+und Gerusiasten nach Niederlegung ihres Amtes zur Verantwortung zogen
+und nach Gutduenken, oft in ruecksichtslos grausamer Weise, selbst mit
+dem Tode bestraften. Natuerlich ging hier wie ueberall, wo die
+Verwaltungsbehoerden unter Kontrolle einer anderen Koerperschaft
+gestellt werden, der Schwerpunkt der Macht ueber von der kontrollierten
+auf die kontrollierende Behoerde; und es begreift sich leicht, teils
+dass die letztere allenthalben in die Verwaltung eingriff, wie denn zum
+Beispiel die Gerusia wichtige Depeschen erst den Richtern vorlegt und
+dann dem Volke, teils dass die Furcht vor der regelmaessig nach dem
+Erfolg abgemessenen Kontrolle daheim den karthagischen Staatsmann wie
+den Feldherrn in Rat und Tat laehmte.
+
+Die karthagische Buergerschaft scheint, wenn auch nicht wie in Sparta
+ausdruecklich auf die passive Assistenz bei den Staatshandlungen
+beschraenkt, doch tatsaechlich dabei nur in einem sehr geringen Grade
+von Einfluss gewesen zu sein. Bei den Wahlen in die Gerusia war ein
+offenkundiges Bestechungssystem Regel; bei der Ernennung eines
+Feldherrn wurde das Volk zwar befragt, aber wohl erst, wenn durch
+Vorschlag der Gerusia der Sache nach die Ernennung erfolgt war; und in
+anderen Faellen ging man nur an das Volk, wenn die Gerusia es fuer gut
+fand oder sich nicht einigen konnte. Volksgerichte kannte man in
+Karthago nicht. Die Machtlosigkeit der Buergerschaft ward
+wahrscheinlich wesentlich durch ihre politische Organisierung bedingt;
+die karthagischen Tischgenossenschaften, die hierbei genannt und den
+spartanischen Pheiditien verglichen werden, moegen oligarchisch
+geleitete Zuenfte gewesen sein. Sogar ein Gegensatz zwischen
+“Stadtbuergern” und “Handarbeitern” wird erwaehnt, der auf eine sehr
+niedrige, vielleicht rechtlose Stellung der letzteren schliessen
+laesst.
+
+Fassen wir die einzelnen Momente zusammen, so erscheint die
+karthagische Verfassung als ein Kapitalistenregiment, wie es
+begreiflich ist bei einer Buergergemeinde ohne wohlhabende Mittelklasse
+und bestehend einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den
+Mund lebenden staedtischen Menge, anderseits aus Grosshaendlern,
+Plantagenbesitzern und vornehmen Voegten. Das System, die
+heruntergekommenen Herren auf Kosten der Untertanen wieder zu Vermoegen
+zu bringen, indem sie als Schatzungsbeamte und Fronvoegte in die
+abhaengigen Gemeinden ausgesendet werden, dieses unfehlbare Kennzeichen
+einer verrotteten staedtischen Oligarchie, fehlt auch in Karthago
+nicht; Aristoteles bezeichnet es als die wesentliche Ursache der
+erprobten Dauerhaftigkeit der karthagischen Verfassung. Bis auf seine
+Zeit hatte in Karthago weder von oben noch von unten eine nennenswerte
+Revolution stattgefunden; die Menge blieb fuehrerlos infolge der
+materiellen Vorteile, welche die regierende Oligarchie allen
+ehrgeizigen oder bedraengten Vornehmen zu bieten imstande war und ward
+abgefunden mit den Brosamen, die in Form der Wahlbestechung oder sonst
+von dem Herrentisch fuer sie abfielen. Eine demokratische Opposition
+konnte freilich bei solchem Regiment nicht mangeln; aber noch zur Zeit
+des Ersten Punischen Krieges war dieselbe voellig machtlos. Spaeterhin,
+zum Teil unter dem Einfluss der erlittenen Niederlagen, erscheint ihr
+politischer Einfluss im Steigen und in weit rascherem, als gleichzeitig
+der der gleichartigen roemischen Partei: die Volksversammlungen
+begannen in politischen Fragen die letzte Entscheidung zu geben und
+brachen die Allmacht der karthagischen Oligarchie. Nach Beendigung des
+Hannibalischen Krieges ward auf Hannibals Vorschlag sogar durchgesetzt,
+dass kein Mitglied des Rates der Hundert zwei Jahre nacheinander im
+Amte sein koenne und damit die volle Demokratie eingefuehrt, welche
+allerdings nach der Lage der Dinge allein Karthago zu retten vermochte,
+wenn es dazu ueberhaupt noch Zeit war. In dieser Opposition herrschte
+ein maechtiger patriotischer und reformierender Schwung; doch darf
+darueber nicht uebersehen werden, auf wie fauler und morscher Grundlage
+sie ruhte. Die karthagische Buergerschaft, die von kundigen Griechen
+der alexandrinischen verglichen wird, war so zuchtlos, dass sie
+insofern es wohl verdient hatte, machtlos zu sein; und wohl durfte
+gefragt werden, was da aus Revolutionen fuer Heil kommen solle, wo, wie
+in Karthago, die Buben sie machen halfen.
+
+In finanzieller Hinsicht behauptet Karthago in jeder Beziehung unter
+den Staaten des Altertums den ersten Platz. Zur Zeit des
+Peloponnesischen Krieges war diese phoenikische Stadt nach dem Zeugnis
+des ersten Geschichtschreibers der Griechen allen griechischen Staaten
+finanziell ueberlegen und werden ihre Einkuenfte denen des Grosskoenigs
+verglichen; Polybios nennt sie die reichste Stadt der Welt. Von der
+Intelligenz der karthagischen Landwirtschaft, welche Feldherren und
+Staatsmaenner dort wie spaeter in Rom wissenschaftlich zu betreiben und
+zu lehren nicht verschmaehten, legt ein Zeugnis ab die agronomische
+Schrift des Karthagers Mago, welche von den spaeteren griechischen und
+roemischen Landwirten durchaus als der Grundkodex der rationellen
+Ackerwirtschaft betrachtet und nicht bloss ins Griechische uebersetzt,
+sondern auch auf Befehl des roemischen Senats lateinisch bearbeitet und
+den italischen Gutsbesitzern offiziell anempfohlen ward.
+Charakteristisch ist die enge Verbindung dieser phoenikischen Acker-
+mit der Kapitalwirtschaft; es wird als eine Hauptmaxime der
+phoenikischen Landwirtschaft angefuehrt, nie mehr Land zu erwerben, als
+man intensiv zu bewirtschaften vermoege. Auch der Reichtum des Landes
+an Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen, worin Libyen infolge seiner
+Nomadenwirtschaft es nach Polybios’ Zeugnis vielleicht allen uebrigen
+Laendern der Erde damals zuvortat, kam den Karthagern zugute. Wie in
+der Ausnutzung des Bodens die Karthager die Lehrmeister der Roemer
+waren, wurden sie es auch in der Ausbeutung der Untertanen; durch diese
+floss nach Karthago mittelbar die Grundrente “des besten Teils von
+Europa” und der reichen, zum Teil, zum Beispiel in der Byzakitis und an
+der Kleinen Syrte, ueberschwenglich gesegneten nordafrikanischen
+Landschaft. Der Handel, der in Karthago von jeher als ehrenhaftes
+Gewerbe galt, und die auf Grund des Handels aufbluehende Reederei und
+Fabrikation brachten schon im natuerlichen Laufe der Dinge den dortigen
+Ansiedlern jaehrlich goldene Ernten, und es ist frueher schon
+bezeichnet worden, wie man durch ausgedehnte und immer gesteigerte
+Monopolisierung nicht bloss aus dem Aus-, sondern auch aus dem Inland
+allen Handel des westlichen Mittelmeeres und den ganzen Zwischenhandel
+zwischen dem Westen und Osten mehr und mehr in diesem einzigen Hafen zu
+konzentrieren verstand. Wissenschaft und Kunst scheinen in Karthago,
+wie spaeterhin in Rom, zwar wesentlich durch hellenischen Einfluss
+bestimmt, aber nicht vernachlaessigt worden zu sein; es gab eine
+ansehnliche phoenikische Literatur und bei Eroberung der Stadt fanden
+sich reiche, freilich nicht in Karthago geschaffene, sondern aus den
+sizilischen Tempeln weggefuehrte Kunstschaetze und betraechtliche
+Bibliotheken vor. Aber auch der Geist stand hier im Dienste des
+Kapitals; was von der Literatur hervorgehoben wird, sind vornehmlich
+die agronomischen und geographischen Schriften, wie das schon erwaehnte
+Werk des Mago und der noch in Uebersetzung vorhandene, urspruenglich in
+einem der karthagischen Tempel oeffentlich aufgestellte Bericht des
+Admirals Hanno von seiner Beschiffung der westafrikanischen Kueste.
+Selbst die allgemeine Verbreitung gewisser Kenntnisse und besonders der
+Kunde fremder Sprachen ^3, worin das Karthago dieser Zeit ungefaehr mit
+dem kaiserlichen Rom auf einer Linie gestanden haben mag, zeugt von der
+durchaus praktischen Richtung, welche der hellenischen Bildung in
+Karthago gegeben ward. Wenn es schlechterdings unmoeglich ist, von der
+Kapitalmasse sich eine Vorstellung zu machen, die in diesem London des
+Altertums zusammenstroemte, so kann wenigstens von den oeffentlichen
+Einnahmequellen einigermassen einen Begriff geben, dass trotz des
+kostspieligen Systems, nach dem Karthago sein Kriegswesen organisiert
+hatte, und trotz der sorg- und treulosen Verwaltung des Staatsguts
+dennoch die Beisteuern der Untertanen und die Zollgefaelle die Ausgaben
+vollstaendig deckten und von den Buergern direkte Steuern nicht erhoben
+wurden; ja dass noch nach dem Zweiten Punischen Kriege, als die Macht
+des Staates schon gebrochen war, die laufenden Ausgaben und eine
+jaehrliche Abschlagszahlung nach Rom von 340000 Talern ohne
+Steuerausschreibung bloss durch eine einigermassen geregelte
+Finanzwirtschaft gedeckt werden konnten und vierzehn Jahre nach dem
+Frieden der Staat zur sofortigen Erlegung der noch uebrigen
+sechsunddreissig Termine sich erbot. Aber es ist nicht bloss die Summe
+der Einkuenfte, in der sich die Ueberlegenheit der karthagischen
+Finanzwirtschaft ausspricht; auch die oekonomischen Grundsaetze einer
+spaeteren und vorgeschritteneren Zeit finden wir hier allein unter
+allen bedeutenderen Staaten des Altertums: es ist von auslaendischen
+Staatsanleihen die Rede, und im Geldsystem finden wir neben Gold- und
+Silber- ein dem Stoff nach wertloses Zeichengeld erwaehnt, welches in
+dieser Weise sonst dem Altertum fremd ist. In der Tat, wenn der Staat
+eine Spekulation waere, nie haette einer glaenzender seine Aufgabe
+geloest als Karthago.
+
+——————————————————
+
+^3 Der Wirtschafter auf dem Landgut, obwohl Sklave, muss dennoch, nach
+der Vorschrift des karthagischen Agronomen Mago (bei Varro rast. 1,
+17), lesen koennen und einige Bildung besitzen. Im Prolog des
+Plautinischen ‘Poeners’ heisst es von dem Titelhelden:
+
+Die Sprachen alle kann er, aber tut, als koenn’
+
+Er keine - ein Poener ist es durchaus; was wollt ihr mehr?
+
+——————————————————-
+
+Vergleichen wir die Macht der Karthager und der Roemer. Beide waren
+Acker- und Kaufstaedte und lediglich dieses; die durchaus
+untergeordnete und durchaus praktische Stellung von Kunst und
+Wissenschaft war in beiden wesentlich dieselbe, nur dass in dieser
+Hinsicht Karthago weiter vorgeschritten war als Rom. Aber in Karthago
+hatte die Geld- ueber die Grundwirtschaft, in Rom damals noch die
+Grund- ueber die Geldwirtschaft das Uebergewicht, und wenn die
+karthagischen Ackerwirte durchgaengig grosse Guts- und Sklavenbesitzer
+waren, bebaute in dem Rom dieser Zeit die grosse Masse der
+Buergerschaft noch selber das Feld. Die Mehrzahl der Bevoelkerung war
+in Rom besitzend, das ist konservativ, in Karthago besitzlos und dem
+Golde der Reichen wie dem Reformruf der Demokraten zugaenglich. In
+Karthago herrschte schon die ganze, maechtigen Handelsstaedten eigene
+Opulenz, waehrend Sitte und Polizei in Rom wenigstens aeusserlich noch
+altvaeterische Strenge und Sparsamkeit aufrecht erhielten. Als die
+karthagischen Gesandten von Rom zurueckkamen, erzaehlten sie ihren
+Kollegen, dass das innige Verhaeltnis der roemischen Ratsherren
+zueinander alle Vorstellung uebersteige; ein einziges silbernes
+Tafelgeschirr reiche aus fuer den ganzen Rat und sei in jedem Haus, wo
+man sie zu Gaste geladen, ihnen wieder begegnet. Der Spott ist
+bezeichnend fuer die beiderseitigen wirtschaftlichen Zustaende.
+
+Beider Verfassung war aristokratisch; wie der Senat in Rom regierten
+die Richter in Karthago und beide nach dem gleichen Polizeisystem. Die
+strenge Abhaengigkeit, in welcher die karthagische Regierungsbehoerde
+den einzelnen Beamten hielt, der Befehl derselben an die Buerger, sich
+des Erlernens der griechischen Sprache unbedingt zu enthalten und mit
+einem Griechen nur vermittels des oeffentlichen Dolmetschers zu
+verkehren, sind aus demselben Geiste geflossen wie das roemische
+Regierungssystem; aber gegen die grausame Haerte und die ans Alberne
+streifende Unbedingtheit solcher karthagischen Staatsbevormundung
+erscheint das roemische Bruechen- und Ruegesystem mild und verstaendig.
+Der roemische Senat, welcher der eminenten Tuechtigkeit sich oeffnete
+und im besten Sinn die Nation vertrat, durfte ihr auch vertrauen und
+brauchte die Beamten nicht zu fuerchten. Der karthagische Senat dagegen
+beruhte auf einer eifersuechtigen Kontrolle der Verwaltung durch die
+Regierung und vertrat ausschliesslich die vornehmen Familien; sein
+Wesen war das Misstrauen noch oben wie nach unten und darum konnte er
+weder sicher sein, dass das Volk ihm folgte, wohin er fuehrte, noch
+unbesorgt vor Usurpationen der Beamten. Daher der feste Gang der
+roemischen Politik, die im Unglueck keinen Schritt zurueckwich und die
+Gunst des Glueckes nicht verscherzte durch Fahrlaessigkeit und
+Halbheit; waehrend die Karthager vom Kampf abstanden, wo eine letzte
+Anstrengung vielleicht alles gerettet haette, und, der grossen
+nationalen Aufgaben ueberdruessig oder vergessen, den halbfertigen Bau
+einstuerzen liessen, um nach wenigen Jahren von vorn zu beginnen. Daher
+ist der tuechtige Beamte in Rom regelmaessig im Einverstaendnis mit
+seiner Regierung, in Karthago haeufig in entschiedener Fehde mit den
+Herren daheim und gedraengt, sich ihnen verfassungswidrig zu
+widersetzen und mit der opponierenden Reformpartei gemeinschaftliche
+Sache zu machen.
+
+Karthago wie Rom beherrschten ihre Stammgenossen und zahlreiche
+stammfremde Gemeinden. Aber Rom hatte einen Distrikt nach dem andern in
+sein Buergerrecht aufgenommen und den latinischen Gemeinden selbst
+gesetzlich Zugaenge zu demselben eroeffnet; Karthago schloss von Haus
+aus sich ab und liess den abhaengigen Distrikten nicht einmal die
+Hoffnung auf dereinstige Gleichstellung. Rom goennte den
+stammverwandten Gemeinden Anteil an den Fruechten des Sieges,
+namentlich an den gewonnenen Domaenen, und suchte in den uebrigen
+untertaenigen Staaten durch materielle Beguenstigung der Vornehmen und
+Reichen wenigstens eine Partei in das Interesse Roms zu ziehen;
+Karthago behielt nicht bloss fuer sich, was die Siege einbrachten,
+sondern entriss sogar den Staedten besten Rechts die Handelsfreiheit.
+Rom nahm der Regel nach nicht einmal den unterworfenen Gemeinden die
+Selbstaendigkeit ganz und legte keiner eine feste Steuer auf; Karthago
+sandte seine Voegte ueberall hin und belastete selbst die
+altphoenikischen Staedte mit schwerem Zins, waehrend die unterworfenen
+Staemme faktisch als Staatssklaven behandelt wurden. So war im
+karthagisch-afrikanischen Staatsverband nicht eine einzige Gemeinde mit
+Ausnahme von Utica, die nicht durch den Sturz Karthagos politisch und
+materiell sich verbessert haben wuerde; in dem roemisch-italischen
+nicht eine einzige, die bei der Auflehnung gegen ein Regiment, das die
+materiellen Interessen sorgfaeltig schonte und die politische
+Opposition wenigstens nirgend durch aeusserste Massregeln zum Kampf
+herausforderte, nicht noch mehr zu verlieren gehabt haette als zu
+gewinnen. Wenn die karthagischen Staatsmaenner meinten, die
+phoenikischen Untertanen durch die groessere Furcht vor den empoerten
+Libyern, die saemtlichen Besitzenden durch das Zeichengeld an das
+karthagische Interesse geknuepft zu haben, so uebertrugen sie einen
+kaufmaennischen Kalkuel dahin, wo er nicht hingehoert; die Erfahrung
+bewies, dass die roemische Symmachie trotz ihrer scheinbar loseren
+Fuegung gegen Pyrrhos zusammenhielt wie eine Mauer aus Felsenstuecken,
+die karthagische dagegen wie Spinneweben zerriss, sowie ein feindliches
+Heer den afrikanischen Boden betrat. So geschah es bei den Landungen.
+von Agathokles und von Regulus und ebenso im Soeldnerkrieg; von dem
+Geiste, der in Afrika herrschte, zeugt zum Beispiel, dass die libyschen
+Frauen den Soeldnern freiwillig ihren Schmuck steuerten zum Kriege
+gegen Karthago. Nur in Sizilien scheinen die Karthager milder
+aufgetreten zu sein und darum auch bessere Ergebnisse erlangt zu haben.
+Sie gestatteten ihren Untertanen hier verhaeltnismaessige Freiheit im
+Handel mit dem Ausland und liessen sie ihren inneren Verkehr wohl von
+Anfang an und ausschliesslich mit Metallgeld treiben, ueberhaupt bei
+weitem freier sich bewegen, als dies den Sarden und Libyern erlaubt
+ward. Waere Syrakus in ihre Haende gefallen, so haette sich freilich
+dies bald geaendert; indes dazu kam es nicht, und so bestand, bei der
+wohlberechneten Milde des karthagischen Regiments und bei der unseligen
+Zerrissenheit der sizilischen Griechen, in Sizilien in der Tat eine
+ernstlich phoenikisch gesinnte Partei - wie denn zum Beispiel noch nach
+dem Verlust der Insel an die Roemer Philinos von Akragas die Geschichte
+des grossen Krieges durchaus im phoenikischen Sinne schrieb. Aber im
+ganzen mussten doch auch die Sizilianer als Untertanen wie als Hellenen
+ihren phoenikischen Herren wenigstens ebenso abgeneigt sein wie den
+Roemern die Samniten und Tarentiner.
+
+Finanziell ueberstiegen die karthagischen Staatseinkuenfte ohne Zweifel
+um vieles die roemischen; allein dies glich zum Teil sich wieder
+dadurch aus, dass die Quellen der karthagischen Finanzen, Tribute und
+Zoelle weit eher und eben, wenn man sie am noetigsten brauchte,
+versiegten als die roemischen, und dass die karthagische Kriegfuehrung
+bei weitem kostspieliger war als die roemische.
+
+Die militaerischen Hilfsmittel der Roemer und Karthager waren sehr
+verschieden, jedoch in vieler Beziehung nicht ungleich abgewogen. Die
+karthagische Buergerschaft betrug noch bei Eroberung der Stadt 700000
+Koepfe mit Einschluss der Frauen und Kinder ^4 und mochte am Ende des
+fuenften Jahrhunderts wenigstens ebenso zahlreich sein; sie vermochte
+im fuenften Jahrhundert im Notfall ein Buergerheer von 40 000 Hopliten
+auf die Beine zu bringen. Ein ebenso starkes Buergerheer hatte Rom
+schon im Anfang des fuenften Jahrhunderts unter gleichen Verhaeltnissen
+ins Feld geschickt; seit den grossen Erweiterungen des Buergergebiets
+im Laufe des fuenften Jahrhunderts musste die Zahl der waffenfaehigen
+Vollbuerger mindestens sich verdoppelt haben. Aber weit mehr noch als
+der Zahl der Waffenfaehigen nach war Rom in dem Effektivstand des
+Buergermilitaers ueberlegen. So sehr die karthagische Regierung auch es
+sich angelegen sein liess, die Buerger zum Waffendienst zu bestimmen,
+so konnte sie doch weder dem Handwerker und Fabrikarbeiter den
+kraeftigen Koerper des Landmanns geben noch den angeborenen Widerwillen
+der Phoeniker vor dem Kriegswerk ueberwinden. Im fuenften Jahrhundert
+focht in den sizilischen Heeren noch eine “heilige Schar” von 2500
+Karthagern als Garde des Feldherrn; im sechsten findet sich in den
+karthagischen Heeren, zum Beispiel in dem spanischen, mit Ausnahme der
+Offiziere nicht ein einziger Karthager. Dagegen standen die roemischen
+Bauern keineswegs bloss in den Musterrollen, sondern auch auf den
+Schlachtfeldern. Aehnlich verhielt es sich mit den Stammverwandten der
+beiden Gemeinden; waehrend die Latiner den Roemern nicht mindere
+Dienste leisteten als ihre Buergertruppen, waren die Libyphoeniker
+ebensowenig kriegstuechtig wie die Karthager und begreiflicherweise
+noch weit weniger kriegslustig, und so verschwinden auch sie aus den
+Heeren, indem die zuzugspflichtigen Staedte ihre Verbindlichkeit
+vermutlich mit Geld abkauften. In dem eben erwaehnten spanischen Heer
+von etwa 15000 Mann bestand nur eine einzige Reiterschar von 450 Mann
+und auch diese nur zum Teil aus Libyphoenikern. Den Kern der
+karthagischen Armeen bildeten die libyscher. Untertanen, aus deren
+Rekruten sich unter tuechtigen Offizieren ein gutes Fussvolk bilden
+liess und deren leichte Reiterei in ihrer Art unuebertroffen war. Dazu
+kamen die Mannschaften der mehr oder minder abhaengigen Voelkerschaften
+Libyens und Spaniens und die beruehmten Schleuderer von den Balearen,
+deren Stellung zwischen Bundeskontingenten und Soeldnerscharen die
+Mitte gehalten zu haben scheint; endlich im Notfall die im Ausland
+angeworbene Soldateska. Ein solches Heer konnte der Zahl nach ohne
+Muehe fast auf jede beliebige Staerke gebracht werden und auch an
+Tuechtigkeit der Offiziere, an Waffenkunde und Mut faehig sein, mit dem
+roemischen sich zu messen; allein nicht bloss verstrich, wenn Soeldner
+angenommen werden mussten, ehe dieselben bereit standen, eine
+gefaehrlich lange Zeit, waehrend die roemische Miliz jeden Augenblick
+auszuruecken imstande war, sondern, was die Hauptsache ist, waehrend
+die karthagischen Heere nichts zusammenhielt als die Fahnenehre und der
+Vorteil, fanden sich die roemischen durch alles vereinigt, was sie an
+das gemeinsame Vaterland band. Dem karthagischen Offizier gewoehnlichen
+Schlages galten seine Soeldner, ja selbst die libyschen Bauern
+ungefaehr soviel wie heute im Krieg die Kanonenkugeln; daher
+Schaendlichkeiten, wie zum Beispiel der Verrat der libyschen Truppen
+durch ihren Feldherrn Himilko 358 (396), der einen gefaehrlichen
+Aufstand der Libyer zur Folge hatte, und daher jener zum Sprichwort
+gewordene Ruf der “punischen Treue”, der den Karthagern nicht wenig
+geschadet hat. Alles Unheil, welches Fellah- und Soeldnerheere ueber
+einen Staat bringen koennen, hat Karthago in vollem Masse erfahren und
+mehr als einmal seine bezahlten Knechte gefaehrlicher erfunden als
+seine Feinde.
+
+—————————————————————————-
+
+^4 Man hat an der Richtigkeit dieser Zahl gezweifelt und mit Ruecksicht
+auf den Raum die moegliche Einwohnerzahl auf hoechstens 250000 Koepfe
+berechnet. Abgesehen von der Unsicherheit derartiger Berechnungen,
+namentlich in einer Handelsstadt mit sechsstoeckigen Haeusern, ist
+dagegen zu erinnern, dass die Zaehlung wohl politisch zu verstehen ist,
+nicht staedtisch, ebenso wie die roemischen Zensuszahlen, und dass
+dabei also alle Karthager gezaehlt sind, mochten sie in der Stadt oder
+in der Umgegend wohnen oder im untertaenigen Gebiet oder im Ausland
+sich aufhalten. Solcher Abwesenden gab es natuerlich eine grosse Zahl
+in Karthago; wie denn ausdruecklich berichtet wird, dass in Gades aus
+gleichem Grunde die Buergerliste stets eine weit hoehere Ziffer wies
+als die der in Gades ansaessigen Buerger war.
+
+———————————————————————
+
+Die Maengel dieses Heerwesens konnte die karthagische Regierung nicht
+verkennen und suchte sie allerdings auf jede Weise wieder einzubringen.
+Man hielt auf gefuellte Kassen und gefuellte Zeughaeuser, um jederzeit
+Soeldner ausstatten zu koennen. Man wandte grosse Sorgfalt auf das, was
+bei den Alten die heutige Artillerie vertrat: den Maschinenbau, in
+welcher Waffe wir die Karthager den Sikelioten regelmaessig ueberlegen
+finden, und die Elefanten, seit diese im Kriegswesen die aelteren
+Streitwagen verdraengt hatten; in den Kasematten Karthagos befanden
+sich Stallungen fuer 300 Elefanten. Die abhaengigen Staedte zu
+befestigen, konnte man freilich nicht wagen und musste es geschehen
+lassen, dass jedes in Afrika gelandete feindliche Heer mit dem offenen
+Lande auch die Staedte und Flecken gewann; recht im Gegensatz zu
+Italien, wo die meisten unterworfenen Staedte ihre Mauern behalten
+hatten und eine Kette roemischer Festungen die ganze Halbinsel
+beherrschte. Dagegen fuer die Befestigung der Hauptstadt bot man auf,
+was Geld und Kunst vermochten; und mehrere Male rettete den Staat
+nichts als die Staerke der karthagischen Mauern, waehrend Rom politisch
+und militaerisch so gesichert war, dass es eine foermliche Belagerung
+niemals erfahren hat. Endlich das Hauptbollwerk des Staats war die
+Kriegsmarine, auf die man die groesste Sorgfalt verwandte. Im Bau wie
+in der Fuehrung der Schiffe waren die Karthager den Griechen
+ueberlegen; in Karthago zuerst baute man Schiffe mit mehr als drei
+Ruderverdecken, und die karthagischen Kriegsfahrzeuge, in dieser Zeit
+meistens Fuenfdecker, waren in der Regel bessere Segler als die
+griechischen, die Ruderer, saemtlich Staatssklaven, die nicht von den
+Galeeren kamen, vortrefflich eingeschult und die Kapitaene gewandt und
+furchtlos. In dieser Beziehung war Karthago entschieden den Roemern
+ueberlegen, die mit den wenigen Schiffen der verbuendeten Griechen und
+den wenigeren eigenen nicht imstande waren, sich in der offenen See
+auch nur zu zeigen gegen die Flotte, die damals unbestritten das
+westliche Meer beherrschte.
+
+Fassen wir schliesslich zusammen, was die Vergleichung der Mittel der
+beiden grossen Maechte ergibt, so rechtfertigt sich wohl das Urteil
+eines einsichtigen und unparteiischen Griechen, dass Karthago und Rom,
+da der Kampf zwischen ihnen begann, im allgemeinen einander gewachsen
+waren. Allein wir koennen nicht unterlassen hinzuzufuegen, dass
+Karthago wohl aufgeboten hatte, was Geist und Reichtum vermochten, um
+kuenstliche Mittel zum Angriff und zur Verteidigung sich zu erschaffen,
+aber dass es nicht imstande gewesen war, die Grundmaengel des fehlenden
+eigenen Landheers und der nicht auf eigenen Fuessen stehenden Symmachie
+in irgend ausreichender Weise zu ersetzen. Dass Rom nur in Italien,
+Karthago nur in Libyen ernstlich angegriffen werden konnte, liess sich
+nicht verkennen; und ebensowenig, dass Karthago auf die Dauer einem
+solchen Angriff nicht entgehen konnte. Die Flotten waren in jener Zeit
+der Kindheit der Schiffahrt noch nicht bleibendes Erbgut der Nationen,
+sondern liessen sich herstellen, wo es Baeume, Eisen und Wasser gab;
+dass selbst maechtige Seestaaten nicht imstande waren, den zur See
+schwaecheren Feinden die Landung zu wehren, war einleuchtend und in
+Afrika selbst mehrfach erprobt worden. Seit Agathokles den Weg dahin
+gezeigt hatte, konnte auch ein roemischer General ihn finden, und
+waehrend in Italien mit dem Einruecken einer Invasionsarmee der Krieg
+begann, war er in Libyen im gleichen Fall zu Ende und verwandelte sich
+in eine Belagerung, in der, wenn nicht besondere Zufaelle eintraten,
+auch der hartnaeckigste Heldenmut endlich unterliegen musste.
+
+
+
+
+KAPITEL II.
+Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago
+
+
+Seit mehr als einem Jahrhundert verheerte die Fehde zwischen den
+Karthagern und den syrakusanischen Herren die schoene sizilische Insel.
+Von beiden Seiten ward der Krieg gefuehrt einerseits mit politischem
+Propagandismus, indem Karthago Verbindungen unterhielt mit der
+aristokratisch-republikanischen Opposition in Syrakus, die
+syrakusanischen Dynasten mit der Nationalpartei in den Karthago
+zinspflichtig gewordenen Griechenstaedten; anderseits mit
+Soeldnerheeren, mit welchen Timoleon und Agathokles ebensowohl ihre
+Schlachten schlugen wie die phoenikischen Feldherren. Und wie man auf
+beiden Seiten mit gleichen Mitteln focht, ward auch auf beiden Seiten
+mit gleicher, in der okzidentalischen Geschichte beispielloser Ehr- und
+Treulosigkeit gestritten. Die unterliegende Partei waren die
+Syrakusier. Noch im Frieden von 440 (314) hatte Karthago sich
+beschraenkt auf das Drittel der Insel westlich von Herakleia, Minoa und
+Himera und hatte ausdruecklich die Hegemonie der Syrakusier ueber
+saemtliche oestliche Staedte anerkannt. Pyrrhos’ Vertreibung aus
+Sizilien und Italien (479 275) liess die bei weitem groessere Haelfte
+der Insel und vor allem das wichtige Akragas in Karthagos Haenden; den
+Syrakusiern blieb nichts als Tauromenion und der Suedosten der Insel.
+In der zweiten grossen Stadt an der Ostkueste, in Messana, hatte eine
+fremdlaendische Soldatenschar sich festgesetzt und behauptete die
+Stadt, unabhaengig von den Syrakusiern wie von den Karthagern. Es waren
+kampanische Landsknechte, die in Messana geboten. Das bei den in und um
+Capua angesiedelten Sabellern eingerissene wueste Wesen (I, 368) hatte
+im vierten und fuenften Jahrhundert aus Kampanien gemacht, was spaeter
+Aetolien, Kreta, Lakonien waren: den allgemeinen Werbeplatz fuer die
+soeldnersuchenden Fuersten und Staedte. Die von den kampanischen
+Griechen dort ins Leben gerufene Halbkultur, die barbarische Ueppigkeit
+des Lebens in Capua und den uebrigen kampanischen Staedten, die
+politische Ohnmacht, zu der die roemische Hegemonie sie verurteilte,
+ohne ihnen doch durch ein straffes Regiment die Verfuegung ueber sich
+selbst vollstaendig zu entziehen - alles dies trieb die kampanische
+Jugend scharenweise unter die Fahnen der Werbeoffiziere; und es
+versteht sich, dass der leichtsinnige und gewissenlose Selbstverkauf
+hier wie ueberall die Entfremdung von der Heimat, die Gewoehnung an
+Gewalttaetigkeit und Soldatenunfug und die Gleichgueltigkeit gegen den
+Treuebruch im Gefolge hatte. Warum eine Soeldnerschar sich der ihrer
+Hut anvertrauten Stadt nicht fuer sich selbst bemaechtigen solle,
+vorausgesetzt nur, dass sie dieselbe zu behaupten imstande sei,
+leuchtete diesen Kampanern nicht ein - hatten doch die Samniten in
+Capua selbst, die Lucaner in einer Reihe griechischer Staedte ihre
+Herrschaft in nicht viel ehrenhafterer Weise begruendet. Nirgend luden
+die politischen Verhaeltnisse mehr zu solchen Unternehmungen ein als in
+Sizilien; schon die waehrend des Peloponnesischen Krieges nach Sizilien
+gelangten kampanischen Hauptleute hatten in Entella und Aetna in
+solcher Art sich eingenistet. Etwa um das Jahr 470 (284) setzte ein
+kampanischer Trupp, der frueher unter Agathokles gedient hatte und nach
+dessen Tode (465 289) das Raeuberhandwerk auf eigene Rechnung trieb,
+sich fest in Messana, der zweiten Stadt des griechischen Siziliens und
+dem Hauptsitz der antisyrakusanischen Partei in dem noch von Griechen
+beherrschten Teile der Insel. Die Buerger wurden erschlagen oder
+vertrieben, die Frauen und Kinder und die Haeuser derselben unter die
+Soldaten verteilt und die neuen Herren der Stadt, die “Marsmaenner”,
+wie sie sich nannten, oder die Mamertiner wurden bald die dritte Macht
+der Insel, deren nordoestlichen Teil sie in den wuesten Zeiten nach
+Agathokles’ Tode sich unterwarfen. Die Karthager sahen nicht ungern
+diese Vorgaenge, durch welche die Syrakusier anstatt einer
+stammverwandten und in der Regel ihnen verbuendeten oder untertaenigen
+Stadt einen neuen und maechtigen Gegner in naechster Naehe erhielten;
+mit karthagischer Hilfe behaupteten die Mamertiner sich gegen Pyrrhos
+und der unzeitige Abzug des Koenigs gab ihnen ihre ganze Macht zurueck.
+
+Es ziemt der Historie weder, den treulosen Frevel zu entschuldigen,
+durch den sie der Herrschaft sich bemaechtigten, noch zu vergessen,
+dass der Gott, der die Suende der Vaeter straft bis ins vierte Glied,
+nicht der Gott der Geschichte ist. Wer sich berufen fuehlt, die Suenden
+anderer zu richten, mag die Menschen verdammen; fuer Sizilien konnte es
+heilbringend sein, dass hier eine streitkraeftige und der Insel eigene
+Macht sich zu bilden anfing, die schon bis achttausend Mann ins Feld zu
+stellen vermochte und die allmaehlich sich in den Stand setzte, den
+Kampf, welchem die trotz der ewigen Kriege sich immer mehr der Waffen
+entwoehnenden Hellenen nicht mehr gewachsen waren, zu rechter Zeit
+gegen die Auslaender mit eigenen Kraeften aufzunehmen.
+
+Zunaechst indes kam es anders. Ein junger syrakusanischer Offizier, der
+durch seine Abstammung aus dem Geschlechte Gelons und durch seine engen
+verwandtschaftlichen Beziehungen zum Koenig Pyrrhos ebenso sehr wie
+durch die Auszeichnung, mit der er in dessen Feldzuegen gefochten
+hatte, die Blicke seiner Mitbuerger wie die der syrakusanischen
+Soldateska auf sich gelenkt hatte, Hieron, des Hierokles Sohn, ward
+durch eine militaerische Wahl an die Spitze des mit den Buergern
+hadernden Heeres gerufen (479/80 275/74). Durch seine kluge Verwaltung,
+sein adliges Wesen und seinen maessigen Sinn gewann er schnell sich die
+Herzen der syrakusanischen, des schaendlichsten Despotenunfugs
+gewohnten Buergerschaft und ueberhaupt der sizilischen Griechen. Er
+entledigte sich, freilich auf treulose Weise, des unbotmaessigen
+Soeldnerheeres, regenerierte die Buergermiliz und versuchte, anfangs
+mit dem Titel als Feldherr, spaeter als Koenig, mit den Buergertruppen
+und frischen und lenksameren Geworbenen die tiefgesunkene hellenische
+Macht wiederherzustellen. Mit den Karthagern, die im Einverstaendnis
+mit den Griechen den Koenig Pyrrhos von der Insel vertrieben hatten,
+war damals Friede; die naechsten Feinde der Syrakusier waren die
+Mamertiner, die Stammgenossen der verhassten, vor kurzem ausgerotteten
+Soeldner, die Moerder ihrer griechischen Wirte, die Schmaelerer des
+syrakusanischen Gebiets, die Zwingherren und Brandschatzer einer Menge
+kleinerer griechischer Staedte. Im Bunde mit den Roemern, die eben um
+diese Zeit gegen die Bundes-, Stamm- und Frevelgenossen der Mamertiner,
+die Kampaner in Rhegion, ihre Legionen schickten, wandte Hieron sich
+gegen Messana. Durch einen grossen Sieg, nach welchem Hieron zum Koenig
+der Sikelioten ausgerufen ward (484 270), gelang es, die Mamertiner in
+ihre Staedte einzuschliessen, und nachdem die Belagerung einige Jahre
+gewaehrt hatte, sahen die Mamertiner sich aufs aeusserste gebracht und
+ausserstande, die Stadt gegen Hieron laenger mit eigenen Kraeften zu
+behaupten. Dass eine Uebergabe auf Bedingungen nicht moeglich war und
+das Henkerbeil, das die rheginischen Kampaner in Rom getroffen hatte,
+ebenso sicher in Syrakus der messanischen wartete, leuchtete ein; die
+einzige Rettung war die Auslieferung der Stadt entweder an die
+Karthager oder an die Roemer, denen beiden hinreichend gelegen sein
+musste an der Eroberung des wichtigen Platzes, um ueber alle anderen
+Bedenken hinwegzusehen. Ob es vorteilhafter sei, den Herren Afrikas
+oder den Herren Italiens sich zu ergeben, war zweifelhaft; nach langem
+Schwanken entschied sich endlich die Majoritaet der kampanischen
+Buergerschaft, den Besitz der meerbeherrschenden Festung den Roemern
+anzutragen.
+
+Es war ein weltgeschichtlicher Moment von der tiefsten Bedeutung, als
+die Boten der Mamertiner im roemischen Senat erschienen. Zwar was alles
+an dem ueberschreiten des schmalen Meerarms hing, konnte damals niemand
+ahnen; aber dass an diese Entscheidung, wie sie immer ausfiel, ganz
+andere und wichtigere Folgen sich knuepfen wuerden als an irgendeinen
+der bisher vom Senat gefassten Beschluesse, musste jedem der
+ratschlagenden Vaeter der Stadt offenbar sein. Streng rechtliche
+Maenner freilich mochten fragen, wie es moeglich sei, ueberhaupt zu
+ratschlagen; wie man daran denken koenne, nicht bloss das Buendnis mit
+Hieron zu brechen, sondern, nachdem eben erst die rheginischen Kampaner
+mit gerechter Haerte von den Roemern bestraft worden waren, jetzt ihre
+nicht weniger schuldigen sizilischen Spiessgesellen zum Buendnis und
+zur Freundschaft von Staats wegen zuzulassen und sie der verdienten
+Strafe zu entziehen. Man gab damit ein Aergernis, das nicht bloss den
+Gegnern Stoff zu Deklamationen liefern, sondern auch sittliche Gemueter
+ernstlich empoeren musste. Allein wohl mochte auch der Staatsmann, dem
+die politische Moral keineswegs bloss eine Phrase war, zurueckfragen,
+wie man roemische Buerger, die den Fahneneid gebrochen und roemische
+Bundesgenossen hinterlistig gemordet hatten, gleichstellen koenne mit
+Fremden, die gegen Fremde gefrevelt haetten, wo jenen zu Richtern,
+diesen zu Raechern die Roemer niemand bestellt habe. Haette es sich nur
+darum gehandelt, ob die Syrakusaner oder die Mamertiner in Messana
+geboten, so konnte Rom allerdings sich diese wie jene gefallen lassen.
+Rom strebte nach dem Besitz Italiens, wie Karthago nach dem Siziliens;
+schwerlich gingen beider Maechte Plaene damals weiter. Allein eben
+darin lag es begruendet, dass jede an ihrer Grenze eine Mittelmacht zu
+haben und zu halten wuenschte - so die Karthager Tarent, die Roemer
+Syrakus und Messana - und dass sie, als dies unmoeglich geworden war,
+die Grenzplaetze lieber sich goennten als der anderen Grossmacht. Wie
+Karthago in Italien versucht hatte, als Rhegion und Tarent von den
+Roemern in Besitz genommen werden sollten, diese Staedte fuer sich zu
+gewinnen und nur durch Zufall daran gehindert worden war, so bot jetzt
+in Sizilien sich fuer Rom die Gelegenheit dar, die Stadt Messana in
+seine Symmachie zu ziehen; schlug man sie aus, so durfte man nicht
+erwarten, dass die Stadt selbstaendig blieb oder syrakusanisch ward,
+sondern man warf sie selbst den Phoenikern in die Arme. War es
+gerechtfertigt, die Gelegenheit entschluepfen zu lassen, die sicher so
+nicht wiederkehrte, sich des natuerlichen Brueckenkopfs zwischen
+Italien und Sizilien zu bemaechtigen und ihn durch eine tapfere und aus
+guten Gruenden zuverlaessige Besatzung zu sichern? gerechtfertigt, mit
+dem Verzicht auf Messana die Herrschaft ueber den letzten freien Pass
+zwischen der Ost- und Westsee und die Handelsfreiheit Italiens
+aufzuopfern? Zwar liessen sich gegen die Besetzung Messanas auch
+Bedenken anderer Art geltend machen, als die der Gefuehls- und
+Rechtlichkeitspolitik waren. Dass sie zu einem Kriege mit Karthago
+fuehren musste, war das geringste derselben; so ernst ein solcher war,
+Rom hatte ihn nicht zu fuerchten. Aber wichtiger war es, dass man mit
+dem Ueberschreiten der See abwich von der bisherigen rein italischen
+und rein kontinentalen Politik; man gab das System auf, durch welches
+die Vaeter Roms Groesse gegruendet hatten, um ein anderes zu erwaehlen,
+dessen Ergebnisse vorherzusagen niemand vermochte. Es war einer der
+Augenblicke, wo die Berechnung aufhoert und wo der Glaube an den
+eigenen Stern und an den Stern des Vaterlandes allein den Mut gibt, die
+Hand zu fassen, die aus dem Dunkel der Zukunft winkt, und ihr zu
+folgen, es weiss keiner wohin. Lange und ernst beriet der Senat ueber
+den Antrag der Konsuln, die Legionen den Mamertinern zu Hilfe zu
+fuehren; er kam zu keinem entscheidenden Beschluss. Aber in der
+Buergerschaft, an welche die Sache verwiesen ward, lebte das frische
+Gefuehl der durch eigene Kraft gegruendeten Grossmacht. Die Eroberung
+Italiens gab den Roemern, wie die Griechenlands den Makedoniern, wie
+die Schlesiens den Preussen, den Mut, eine neue politische Bahn zu
+betreten; formell motiviert war die Unterstuetzung der Mamertiner durch
+die Schutzherrschaft, die Rom ueber saemtliche Italiker ansprach. Die
+ueberseeischen Italiker wurden in die italische Eidgenossenschaft
+aufgenommen ^1 und auf Antrag der Konsuln von der Buergerschaft
+beschlossen, ihnen Hilfe zu senden (489 265).
+
+——————————————————————-
+
+^1 Die Mamertiner traten voellig in dieselbe Stellung zu Rom wie die
+italischen Gemeinden, verpflichteten sich, Schiffe zu stellen (Cic.
+Verr. 5, 19, 50) und besassen, wie die Muenzen beweisen, das Recht der
+Silberpraegung nicht.
+
+——————————————————————-
+
+Es kam darauf an, wie die beiden durch diese Intervention der Roemer in
+die Angelegenheiten der Insel zunaechst betroffenen und beide bisher
+dem Namen nach mit Rom verbuendeten sizilischen Maechte dieselbe
+aufnehmen wuerden. Hieron hatte Grund genug, die an ihn ergangene
+Aufforderung der Roemer, gegen ihre neuen Bundesgenossen in Messana die
+Feindseligkeiten einzustellen, ebenso zu behandeln, wie die Samniten
+und die Lucaner in gleichem Fall die Besetzung von Capua und Thurii
+aufgenommen hatten und den Roemern mit einer Kriegserklaerung zu
+antworten; blieb er indes allein, so war ein solcher Krieg eine Torheit
+und von seiner vorsichtigen und gemaessigten Politik konnte man
+erwarten, dass er in das Unvermeidliche sich fuegen werde, wenn
+Karthago sich ruhig verhielt. Unmoeglich schien dies nicht. Eine
+roemische Gesandtschaft ging jetzt (489 265), sieben Jahre nach dem
+Versuch der phoenikischen Flotte, sich Tarents zu bemaechtigen, nach
+Karthago, um Aufklaerung wegen dieser Vorgaenge zu verlangen; die nicht
+unbegruendeten, aber halb vergessenen Beschwerden tauchten auf einmal
+wieder auf - es schien nicht ueberfluessig, unter anderen
+Kriegsvorbereitungen auch die diplomatische Ruestkammer mit
+Kriegsgruenden zu fuellen und fuer die kuenftigen Manifeste sich, wie
+die Roemer es pflegten, die Rolle des angegriffenen Teils zu
+reservieren. Wenigstens das konnte man mit vollem Rechte sagen, dass
+die beiderseitigen Unternehmungen auf Tarent und auf Messana der
+Absicht und dem Rechtsgrund nach vollkommen gleichstanden und nur der
+zufaellige Erfolg den Unterschied machte. Karthago vermied den offenen
+Bruch. Die Gesandten brachten nach Rom die Desavouierung des
+karthagischen Admirals zurueck, der den Versuch auf Tarent gemacht
+hatte, nebst den erforderlichen falschen Eiden; auch die karthagischen
+Gegenbeschuldigungen, die natuerlich nicht fehlten, waren gemaessigt
+gehalten und unterliessen es, die beabsichtigte Invasion Siziliens als
+Kriegsgrund zu bezeichnen. Sie war es indes; denn wie Rom die
+italischen, so betrachtete Karthago die sizilischen Angelegenheiten als
+innere, in die eine unabhaengige Macht keinen Eingriff gestatten kann,
+und war entschlossen, hiernach zu handeln. Nur ging die phoenikische
+Politik einen leiseren Gang, als der der offenen Kriegsdrohung war. Als
+die Vorbereitungen zu der roemischen Hilfesendung an die Mamertiner
+endlich so weit gediehen waren, dass die Flotte, gebildet aus den
+Kriegsschiffen von Neapel, Tarent, Velia und Lokri, und die Vorhut des
+roemischen Landheeres unter dem Kriegstribun Gaius Claudius in Rhegion
+erschienen (Fruehling 490 264), kam ihnen von Messana die unerwartete
+Botschaft, dass die Karthager im Einverstaendnis mit der antiroemischen
+Partei in Messana, als neutrale Macht einen Frieden zwischen Hieron und
+den Mamertinern vermittelt haetten; dass die Belagerung also aufgehoben
+sei und dass im Hafen von Messana eine karthagische Flotte, in der Burg
+karthagische Besatzung liege, beide unter dem Befehl des Admirals
+Hanno. Die jetzt vom karthagischen Einfluss beherrschte mamertinische
+Buergerschaft liess, unter verbindlichem Dank fuer die schleunig
+gewaehrte Bundeshilfe, den roemischen Befehlshabern anzeigen, dass man
+sich freue, derselben nicht mehr zu beduerfen. Der gewandte und
+verwegene Offizier, der die roemische Vorhut befehligte, ging
+nichtsdestoweniger mit seinen Truppen unter Segel. Die Karthager wiesen
+die roemischen Schiffe zurueck und brachten sogar einige derselben auf;
+doch sandte der karthagische Admiral, eingedenk der strengen Befehle,
+keine Veranlassung zum Ausbruch der Feindseligkeiten zugeben, den guten
+Freunden jenseits der Meerenge dieselben zurueck. Es schien fast, als
+haetten die Roemer vor Messana sich ebenso nutzlos kompromittiert wie
+die Karthager vor Tarent. Aber Claudius liess sich nicht abschrecken,
+und bei einem zweiten Versuch gelang die Landung. Kaum angelangt,
+berief er die Buergerschaft zur Versammlung, und auf seinen Wunsch
+erschien in derselben gleichfalls der karthagische Admiral, noch immer
+waehnend, den offenen Bruch vermeiden zu koennen. Allein in der
+Versammlung selbst bemaechtigten die Roemer sich seiner Person, und
+Hanno sowie die schwache und fuehrerlose phoenikische Besatzung auf der
+Burg waren kleinmuetig genug, jener, seinen Truppen den Befehl zum
+Abzug zu geben, diese, dem Befehl des gefangenen Feldherrn nachzukommen
+und mit ihm die Stadt zu raeumen. So war der Brueckenkopf der Insel in
+den Haenden der Roemer.
+
+Die karthagischen Behoerden, mit Recht erzuernt ueber die Torheit und
+Schwaeche ihres Feldherrn, liessen ihn hinrichten und erklaerten den
+Roemern den Krieg. Vor allem galt es, den verlorenen Platz
+wiederzugewinnen. Eine starke karthagische Flotte, gefuehrt von Hanno,
+Hannibals Sohn, erschien auf der Hoehe von Messana. Waehrend sie selber
+die Meerenge sperrte, begann die von ihr ans Land gesetzte karthagische
+Armee die Belagerung von der Nordseite; Hieron, der nur auf das
+Losschlagen der Karthager gewartet hatte, um den Krieg gegen Rom zu
+beginnen, fuehrte sein kaum zurueckgezogenes Heer wieder gegen Messana
+und uebernahm den Angriff auf die Suedseite der Stadt.
+
+Allein mittlerweile war auch der roemische Konsul Appius Claudius
+Caudex mit dem Hauptheer in Rhegion erschienen, und in einer dunklen
+Nacht gelang die Ueberfahrt trotz der karthagischen Flotte. Kuehnheit
+und Glueck waren mit den Roemern; die Verbuendeten, nicht gefasst auf
+einen Angriff des gesamten roemischen Heeres und daher nicht vereinigt,
+wurden von den aus der Stadt ausrueckenden roemischen Legionen einzeln
+geschlagen und damit die Belagerung aufgehoben. Den Sommer ueber
+behauptete das roemische Heer das Feld und machte sogar einen Versuch
+auf Syrakus; allein nachdem dieser gescheitert war und auch die
+Belagerung von Echetla (an der Grenze der Gebiete von Syrakus und
+Karthago) mit Verlust hatte aufgegeben werden muessen, kehrte das
+roemische Heer zurueck nach Messana und von da unter Zuruecklassung
+einer starken Besatzung nach Italien. Die Erfolge dieses ersten
+ausseritalischen Feldzugs der Roemer moegen daheim der Erwartung nicht
+ganz entsprochen haben, da der Konsul nicht triumphierte; indes konnte
+das kraeftige Auftreten der Roemer in Sizilien nicht verfehlen, auf die
+Griechen daselbst grossen Eindruck zu machen. Im folgenden Jahre
+betraten beide Konsuln und ein doppelt so starkes Heer ungehindert die
+Insel. Der eine derselben, Marcus Valerius Maximus, seitdem von diesem
+Feldzug “der von Messana” (Messalla) genannt, erfocht einen glaenzenden
+Sieg ueber die verbuendeten Karthager und Syrakusaner; und als nach
+dieser Schlacht das phoenikische Heer nicht mehr gegen die Roemer das
+Feld zu halten wagte, da fielen nicht bloss Alaesa, Kentoripa und
+ueberhaupt die kleineren griechischen Staedte den Roemern zu, sondern
+Hieron selbst verliess die karthagische Partei und machte Frieden und
+Buendnis mit den Roemern (491 263). Er folgte einer richtigen Politik,
+indem er, sowie sich gezeigt hatte, dass es den Roemern mit dem
+Einschreiten in Sizilien Ernst war, sich sofort ihnen anschloss, als es
+noch Zeit war, den Frieden ohne Abtretungen und Opfer zu erkaufen. Die
+sizilischen Mittelstaaten, Syrakus und Messana, die eine eigene Politik
+nicht durchfuehren konnten und nur zwischen roemischer und
+karthagischer Hegemonie zu waehlen hatten, mussten jedenfalls die
+erstere vorziehen, da die Roemer damals sehr wahrscheinlich noch nicht
+die Insel fuer sich zu erobern beabsichtigten, sondern nur sie nicht
+von Karthago erobern zu lassen, und auf alle Faelle anstatt des
+karthagischen Tyrannisier- und Monopolisiersystems von Rom eine
+leidlichere Behandlung und Schutz der Handelsfreiheit zu erwarten war.
+Hieron blieb seitdem der wichtigste, standhafteste und geachtetste
+Bundesgenosse der Roemer auf der Insel.
+
+Fuer die Roemer war hiermit das naechste Ziel erreicht. Durch das
+Doppelbuendnis mit Messana und Syrakus und den festen Besitz der ganzen
+Ostkueste war die Landung auf der Insel und die bis dahin sehr
+schwierige Unterhaltung der Heere gesichert und verlor der bisher
+bedenkliche und unberechenbare Krieg einen grossen Teil seines
+waglichen Charakters. Man machte denn auch fuer denselben nicht
+groessere Anstrengungen als fuer die Kriege in Samnium und Etrurien;
+die zwei Legionen, die man fuer das naechste Jahr (492 262) nach der
+Insel hinuebersandte, reichten aus, um im Einverstaendnis mit den
+sizilischen Griechen die Karthager ueberall in die Festungen
+zurueckzutreiben. Der Oberbefehlshaber der Karthager, Hannibal, Gisgons
+Sohn, warf mit dem Kern seiner Truppen sich in Akragas, um diese
+wichtigste karthagische Landstadt aufs aeusserste zu verteidigen.
+Unfaehig, die feste Stadt zu stuermen, blockierten die Roemer sie mit
+verschanzten Linien und einem doppelten Lager; die Eingeschlossenen,
+die bis 50000 Koepfe zaehlten, litten bald Mangel am Notwendigen. Zum
+Entsatz landete der karthagische Admiral Hanno bei Herakleia und
+schnitt seinerseits der roemischen Belagerungsarmee die Zufuhr ab. Auf
+beiden Seiten war die Not gross; man entschloss sich endlich zu einer
+Schlacht, um aus den Bedraengnissen und der Ungewissheit
+herauszukommen. In dieser zeigte sich die numidische Reiterei
+ebensosehr der roemischen ueberlegen wie der phoenikischen Infanterie
+das roemische Fussvolk; das letztere entschied den Sieg, allein die
+Verluste auch der Roemer waren sehr betraechtlich. Der Erfolg der
+gewonnenen Schlacht ward zum Teil dadurch verscherzt, dass es nach der
+Schlacht waehrend der Verwirrung und der Ermuedung der Sieger der
+belagerten Armee gelang, aus der Stadt zu entkommen und die Flotte zu
+erreichen; dennoch war der Sieg von Bedeutung. Akragas fiel dadurch in
+die Haende der Roemer und damit war die ganze Insel in ihrer Gewalt mit
+Ausnahme der Seefestungen, in denen der karthagische Feldherr Hamilkar,
+Hannos Nachfolger im Oberbefehl, sich bis an die Zaehne verschanzte und
+weder durch Gewalt noch durch Hunger zu vertreiben war. Der Krieg spann
+von da an sich nur fort durch die Ausfaelle der Karthager aus den
+sizilischen Festungen und durch ihre Landungen an den italischen
+Kuesten.
+
+In der Tat empfanden die Roemer erst jetzt die wirklichen
+Schwierigkeiten des Krieges. Wenn die karthagischen Diplomaten, wie
+erzaehlt wird, vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten die Roemer
+warnten, es nicht bis zum Bruche zu treiben, denn wider ihren Willen
+koenne kein Roemer auch nur die Haende sich im Meer waschen, so war
+diese Drohung wohl begruendet. Die karthagische Flotte beherrschte ohne
+Nebenbuhler die See und hielt nicht bloss die sizilischen
+Kuestenstaedte im Gehorsam und mit allem Notwendigen versehen, sondern
+bedrohte auch Italien mit einer Landung, weswegen schon 492 (262) dort
+eine konsularische Armee hatte zurueckbleiben muessen. Zwar zu einer
+groesseren Invasion kam es nicht; allein wohl landeten kleinere
+karthagische Abteilungen an den italischen Kuesten und brandschatzten
+die Bundesgenossen und, was schlimmer als alles Uebrige war, der Handel
+Roms und seiner Bundesgenossen war voellig gelaehmt; es brauchte nicht
+lange so fortzugehen, um Caere, Ostia, Neapel, Tarent, Syrakus
+vollstaendig zugrunde zu richten, waehrend die Karthager ueber die
+Kontributionssummen und den reichen Kaperfang die ausbleibenden
+sizilischen Tribute leicht verschmerzten. Die Roemer erfuhren jetzt,
+was Dionysios, Agathokles und Pyrrhos erfahren hatten, dass es ebenso
+leicht war, die Karthager aus dem Felde zu schlagen, als schwierig, sie
+zu ueberwinden. Man sah es ein, dass alles darauf ankam, eine Flotte zu
+schaffen und beschloss eine solche von zwanzig Drei- und hundert
+Fuenfdeckern herzustellen. Die Ausfuehrung indes dieses energischen
+Beschlusses war nicht leicht. Zwar die aus den Rhetorschulen stammende
+Darstellung, die glauben machen moechte, als haetten damals zuerst die
+Roemer die Ruder ins Wasser getaucht, ist eine kindische Phrase;
+Italiens Handelsmarine musste um diese Zeit sehr ausgedehnt sein, und
+auch an italischen Kriegsschiffen fehlte es keineswegs. Aber es waren
+dies Kriegsbarken und Dreidecker, wie sie in frueherer Zeit ueblich
+gewesen waren; Fuenfdecker, die nach dem neueren, besonders von
+Karthago ausgehenden System des Seekrieges fast ausschliesslich in der
+Linie verwendet wurden, hatte man in Italien noch nicht gebaut. Die
+Massregel der Roemer war also ungefaehr derart, wie wenn jetzt ein
+Seestaat von Fregatten und Kuttern uebergehen wollte zum Bau von
+Linienschiffen; und eben wie man heute in solchem Fall womoeglich ein
+fremdes Linienschiff zum Muster nehmen wuerde, ueberwiesen auch die
+Roemer ihren Schiffsbaumeistern eine gestrandete karthagische Pentere
+als Modell. Ohne Zweifel haetten die Roemer, wenn sie gewollt haetten,
+mit Hilfe der Syrakusaner und Massalioten schneller zum Ziele gelangen
+koennen; allein ihre Staatsmaenner waren zu einsichtig, um Italien
+durch eine nichtitalische Flotte verteidigen zu wollen. Dagegen wurden
+die italischen Bundesgenossen stark angezogen sowohl fuer die
+Schiffsoffiziere, die man groesstenteils aus der italischen
+Handelsmarine genommen haben wird, als fuer die Matrosen, deren Name
+(socii navales) beweist, dass sie eine Zeitlang ausschliesslich von den
+Bundesgenossen gestellt wurden; daneben wurden spaeter Sklaven, die der
+Staat und die reicheren Familien lieferten, und bald auch die aermere
+Klasse der Buerger verwandt. Unter solchen Verhaeltnissen, und wenn man
+teils den damaligen, verhaeltnismaessig niedrigen Stand des
+Schiffsbaus, teils die roemische Energie wie billig in Anschlag bringt,
+wird es begreiflich, dass die Roemer die Aufgabe, an der Napoleon
+gescheitert ist, eine Kontinental- in eine Seemacht umzuwandeln,
+innerhalb eines Jahres loesten und ihre Flotte von hundertundzwanzig
+Segeln in der Tat im Fruehjahr 494 (260) vom Stapel lief. Freilich kam
+dieselbe der karthagischen an Zahl und Segeltuechtigkeit keineswegs
+gleich; und es fiel dies um so mehr ins Gewicht, als die Seetaktik
+dieser Zeit vorwiegend im Manoevrieren bestand. Dass Schwergeruestete
+und Bogenschuetzen vom Verdeck herab fochten, oder dass Wurfmaschinen
+von demselben aus arbeiteten, gehoerte zwar auch zum Seegefecht dieser
+Zeit; allein der gewoehnliche und eigentlich entscheidende Kampf
+bestand im Niedersegeln der feindlichen Schiffe, zu welchem Zwecke die
+Vorderteile mit schweren Eisenschnaebeln versehen waren; die
+kaempfenden Schiffe pflegten einander zu umkreisen, bis dem einen oder
+dem andern der Stoss gelang, der gewoehnlich entschied. Deshalb
+befanden sich unter der Bemannung eines gewoehnlichen griechischen
+Dreideckers von etwa 200 Mann nur etwa zehn Soldaten, dagegen 170
+Ruderer, 50 bis 60 fuer jedes Deck; die des Fuenfdeckers zaehlte etwa
+300 Ruderer, und Soldaten nach Verhaeltnis.
+
+Man kam auf den gluecklichen Gedanken, das, was den roemischen Schiffen
+bei ihren ungeuebten Schiffsoffizieren und Rudermannschaften an
+Manoevrierfaehigkeit notwendig abgehen musste, dadurch zu ersetzen,
+dass man den Soldaten im Seegefecht wiederum eine bedeutendere Rolle
+zuteilte. Man brachte auf dem Vorderteil des Schiffes eine fliegende
+Bruecke an, welche nach vorn wie nach beiden Seiten hin niedergelassen
+werden konnte; sie war zu beiden Seiten mit Brustwehren versehen und
+hatte Raum fuer zwei Mann in der Front. Wenn das feindliche Schiff zum
+Stoss auf das roemische heransegelte oder, nachdem der Stoss vermieden
+war, demselben zur Seite lag, schlug diese Bruecke auf dessen Verdeck
+nieder und mittels eines eisernen Stachels in dasselbe ein; wodurch
+nicht bloss das Niedersegeln verhindert, sondern es auch den roemischen
+Schiffssoldaten moeglich ward, ueber die Bruecke auf das feindliche
+Verdeck hinueberzugehen und dasselbe wie im Landgefecht zu erstuermen.
+Eine eigene Schiffsmiliz ward nicht gebildet, sondern nach Beduerfnis
+die Landtruppen zu diesem Schiffsdienst verwandt; es kommt vor, dass in
+einer grossen Seeschlacht, wo freilich die roemische Flotte zugleich
+die Landungsarmee an Bord hat, bis 120 Legionarier auf den einzelnen
+Schiffen fechten.
+
+So schufen sich die Roemer eine Flotte, die der karthagischen gewachsen
+war. Diejenigen irren, die aus dem roemischen Flottenbau ein
+Feenmaerchen machen, und verfehlen ueberdies ihren Zweck; man muss
+begreifen um zu bewundern. Der Flottenbau der Roemer war eben gar
+nichts als ein grossartiges Nationalwerk, wo durch Einsicht in das
+Noetige und Moegliche, durch geniale Erfindsamkeit, durch Energie in
+Entschluss und Ausfuehrung das Vaterland aus einer Lage gerissen ward,
+die uebler war, als sie zunaechst schien.
+
+Der Anfang indes war den Roemern nicht guenstig. Der roemische Admiral,
+der Konsul Gnaeus Cornelius Scipio, der mit den ersten siebzehn
+segelfertigen Fahrzeugen nach Messana in See gegangen war (494 260),
+meinte auf der Fahrt Lipara durch einen Handstreich wegnehmen zu
+koennen. Allein eine Abteilung der bei Panormos stationierten
+karthagischen Flotte sperrte den Hafen der Insel, in dem die roemischen
+Schiffe vor Anker gegangen waren, und nahm die ganze Eskadre mit dem
+Konsul ohne Kampf gefangen. Indes dies schreckte die Hauptflotte nicht
+ab, sowie die Vorbereitungen beendigt waren, gleichfalls nach Messana
+unter Segel zu gehen. Auf der Fahrt laengs der italischen Kueste traf
+sie auf ein schwaecheres karthagisches Rekognoszierungsgeschwader, dem
+sie das Glueck hatte, einen den ersten roemischen mehr als aufwiegenden
+Verlust zuzufuegen, und traf also gluecklich und siegreich im Hafen von
+Messana ein, wo der zweite Konsul Gaius Duilius das Kommando an der
+Stelle seines gefangenen Kollegen uebernahm. An der Landspitze von
+Mylae, nordwestlich von Messana, traf die karthagische Flotte, die
+unter Hannibal von Panormos herankam, auf die roemische, welche hier
+ihre erste groessere Probe bestand. Die Karthager, in den schlecht
+segelnden und unbehilflichen roemischen Schiffen eine leichte Beute
+erblickend, stuerzten sich in aufgeloester Linie auf dieselben; aber
+die neu erfundenen Enterbruecken bewaehrten sich vollkommen. Die
+roemischen Schiffe fesselten und stuermten die feindlichen, wie sie
+einzeln heransegelten; es war ihnen weder von vorn, noch von den Seiten
+beizukommen, ohne dass die gefaehrliche Bruecke sich niedersenkte auf
+das feindliche Verdeck. Als die Schlacht zu Ende war, waren gegen
+fuenfzig karthagische Schiffe, fast die Haelfte der Flotte, von den
+Roemern versenkt oder genommen, unter den letzteren das Admiralsschiff
+Hannibals, einst das des Koenigs Pyrrhos. Der Gewinn war gross; noch
+groesser der moralische Eindruck. Rom war ploetzlich eine Seemacht
+geworden und hatte das Mittel in der Hand, den Krieg, der endlos sich
+hinauszuspinnen und dem italischen Handel den Ruin zu drohen schien,
+energisch zu Ende zu fuehren.
+
+Es gab dazu einen doppelten Weg. Man konnte entweder Karthago auf den
+italischen Inseln angreifen und ihm die Kuestenfestungen Siziliens und
+Sardiniens eine nach der andern entreissen, was vielleicht durch gut
+kombinierte Operationen zu Lande und zur See ausfuehrbar war; war dies
+durchgesetzt, so konnte entweder mit Karthago auf Grund der Abtretung
+dieser Inseln Friede geschlossen, oder, wenn dies misslang oder nicht
+genuegte, der zweite Akt des Krieges nach Afrika verlegt werden. Oder
+man konnte die Inseln vernachlaessigen und sich gleich mit aller Macht
+auf Afrika werfen, nicht in Agathokles’ abenteuernder Art die Schiffe
+hinter sich verbrennend und alles setzend auf den Sieg eines
+verzweifelten Haufens, sondern durch eine starke Flotte die
+Verbindungen der afrikanischen Invasionsarmee mit Italien deckend; in
+diesem Falle liess sich entweder von der Bestuerzung der Feinde nach
+den ersten Erfolgen ein maessiger Friede erwarten oder, wenn man
+wollte, mit aeusserster Gewalt den Feind zu vollstaendiger Ergebung
+noetigen.
+
+Man waehlte zunaechst den ersten Operationsplan. Im Jahre nach der
+Schlacht von Mylae (495 259) erstuermte der Konsul Lucius Scipio den
+Hafen Aleria auf Korsika - wir besitzen noch den Grabstein des
+Feldherrn, der dieser Tat gedenkt - und machte aus Korsika eine
+Seestation gegen Sardinien. Ein Versuch, sich auf der Nordkueste dieser
+Insel in Ulbia festzusetzen, misslang, da es der Flotte an
+Landungstruppen fehlte. Im folgenden Jahre (496 258) ward er zwar mit
+besserem Erfolg wiederholt und die offenen Flecken an der Kueste
+gepluendert; aber zu einer bleibenden Festsetzung der Roemer kam es
+nicht. Ebensowenig kam man in Sizilien vorwaerts. Hamilkar fuehrte
+energisch und geschickt den Krieg nicht bloss mit Waffen zu Lande und
+zur See, sondern auch mit der politischen Propaganda; von den zahllosen
+kleinen Landstaedten fielen jaehrlich einige von den Roemern ab und
+mussten den Phoenikern muehsam wieder entrissen werden, und in den
+Kuestenfestungen behaupteten die Karthager sich unangefochten,
+namentlich in ihrem Hauptquartier Panormos und in ihrem neuen
+Waffenplatz Drepana, wohin der leichteren Seeverteidigung wegen
+Hamilkar die Bewohner des Eryx uebergesiedelt hatte. Ein zweites
+grosses Seetreffen am Tyndarischen Vorgebirg (497 257), in dem beide
+Teile sich den Sieg zuschrieben, aenderte nichts an der Lage der Dinge.
+In dieser Weise kam man nicht vom Fleck, mochte die Schuld nun an dem
+geteilten und schnell wechselnden Oberbefehl der roemischen Truppen
+liegen, der die konzentrierte Gesamtleitung einer Reihe kleinerer
+Operationen ungemein erschwerte, oder auch an den allgemeinen
+strategischen Verhaeltnissen, welche allerdings in einem solchen Fall
+nach dem damaligen Stande der Kriegswissenschaft sich fuer den
+Angreifer ueberhaupt (I, 426) und ganz besonders fuer die noch im
+Anfang der wissenschaftlichen Kriegskunst stehenden Roemer unguenstig
+stellten. Mittlerweile litt, wenn auch die Brandschatzung der
+italischen Kuesten aufgehoert hatte, doch der italische Handel nicht
+viel weniger als vor dem Flottenbau. Muede des erfolglosen Ganges der
+Operationen und ungeduldig, dem Kriege ein Ziel zu setzen, beschloss
+der Senat, das System zu aendern und Karthago in Afrika anzugreifen. Im
+Fruehjahr 498 (256) ging eine Flotte von 330 Linienschiffen unter Segel
+nach der libyschen Kueste; an der Muendung des Himeraflusses am
+suedlichen Ufer Siziliens nahm sie das Landungsheer an Bord: es waren
+vier Legionen unter der Fuehrung der beiden Konsuln Marcus Atilius
+Regulus und Lucius Manlius Volso, beides erprobte Generale. Der
+karthagische Admiral liess es geschehen, dass die feindlichen Truppen
+sich einschifften; aber auf der weiteren Fahrt nach Afrika fanden die
+Roemer die feindliche Flotte auf der Hoehe von Eknomos in
+Schlachtordnung aufgestellt, um die Heimat vor der Invasion zu decken.
+Nicht leicht haben groessere Massen zur See gefochten als in dieser
+Schlacht gegeneinander standen. Die roemische Flotte von 330 Segeln
+zaehlte mindestens 100000 Mann an Schiffsbemannung ausser der etwa
+40000 Mann starken Landungsarmee; die karthagische von 350 Schiffen
+trug an Bemannung mindestens die gleiche Zahl, so dass gegen
+dreimalhunderttausend Menschen an diesem Tage aufgeboten waren, um
+zwischen den beiden maechtigen Buergerschaften zu entscheiden. Die
+Phoeniker standen in einfacher weitausgedehnter Linie, mit dem linken
+Fluegel gelehnt an die sizilische Kueste. Die Roemer ordneten sich ins
+Dreieck, die Admiralschiffe der beiden Konsuln an der Spitze, in
+schraeger Linie rechts und links neben ihnen das erste und zweite
+Geschwader, endlich das dritte mit den zum Transport der Reiterei
+gebauten Fahrzeugen im Schlepptau in der Linie, die das Dreieck
+schloss. Also segelten sie dichtgeschlossen auf den Feind. Langsamer
+folgte ein viertes in Reserve gestelltes Geschwader. Der keilfoermige
+Angriff durchbrach ohne Muehe die karthagische Linie, da das zunaechst
+angegriffene Zentrum derselben absichtlich zurueckwich, und die
+Schlacht loeste sich auf in drei gesonderte Treffen. Waehrend die
+Admirale mit den beiden auf den Fluegeln aufgestellten Geschwadern dem
+karthagischen Zentrum nachsetzten und mit ihm handgemein wurden,
+schwenkte der linke, an der Kueste aufgestellte Fluegel der Karthager
+auf das dritte roemische Geschwader ein, welches durch die
+Schleppschiffe gehindert ward, den beiden vorderen zu folgen, und
+draengte dasselbe in heftigem und ueberlegenem Angriff gegen das Ufer;
+gleichzeitig wurde die roemische Reserve von dem rechten karthagischen
+Fluegel auf der hohen See umgangen und von hinten angefallen. Das erste
+dieser drei Treffen war bald zu Ende: die Schiffe des karthagischen
+Mitteltreffens, offenbar viel schwaecher als die beiden gegen sie
+fechtenden roemischen Geschwader, wandten sich zur Flucht. Mittlerweile
+hatten die beiden anderen Abteilungen der Roemer einen harten Stand
+gegen den ueberlegenen Feind; allein im Nahgefecht kamen die
+gefuerchteten Enterbruecken ihnen zustatten, und mit deren Hilfe gelang
+es, sich so lange zu halten, bis die beiden Admirale mit ihren Schiffen
+herankommen konnten. Dadurch erhielt die roemische Reserve Luft, und
+die karthagischen Schiffe des rechten Fluegels suchten vor der
+Uebermacht das Weite. Nun, nachdem auch dieser Kampf zum Vorteil der
+Roemer entschieden, fielen alle noch seefaehigen roemischen Schiffe dem
+hartnaeckig seinen Vorteil verfolgenden karthagischen linken Fluegel in
+den Ruecken, so dass dieser umzingelt und fast alle Schiffe desselben
+genommen wurden. Der uebrige Verlust war ungefaehr gleich. Von der
+roemischen Flotte waren 24 Segel versenkt, von der karthagischen 30
+versenkt, 64 genommen. Die karthagische Flotte gab trotz des
+betraechtlichen Verlustes es nicht auf, Afrika zu decken und ging zu
+diesem Ende zurueck an den Golf von Karthago, wo sie die Landung
+erwartete und eine zweite Schlacht zu liefern gedachte. Allein die
+Roemer landeten statt an der westlichen Seite der Halbinsel, die den
+Golf bilden hilft, vielmehr an der oestlichen, wo die Bai von Clupea
+ihnen einen fast bei allen Winden Schutz bietenden geraeumigen Hafen
+und die Stadt, hart am Meere auf einem schildfoermig aus der Ebene
+aufsteigenden Huegel gelegen, eine vortreffliche Hafenfestung darbot.
+Ungehindert vom Feinde schifften sie die Truppen aus und setzten sich
+auf dem Huegel fest; in kurzer Zeit war ein verschanztes Schiffslager
+errichtet, und das Landheer konnte seine Operationen beginnen. Die
+roemischen Truppen durchstreiften und brandschatzten das Land; bis
+20000 Sklaven konnten nach Rom gefuehrt werden. Durch die ungeheuersten
+Gluecksfaelle war der kuehne Plan auf den ersten Wurf und mit geringen
+Opfern gelungen; man schien am Ziele zu stehen. Wie sicher die Roemer
+sich fuehlten, beweist der Beschluss des Senats, den groessten Teil der
+Flotte und die Haelfte der Armee nach Italien zurueckzuschicken; Marcus
+Regulus blieb allein in Afrika mit 40 Schiffen, 15000 Mann zu Fuss und
+500 Reitern. Es schien indes die Zuversicht nicht uebertrieben. Die
+karthagische Armee, die entmutigt sich in die Ebene nicht wagte, erlitt
+erst recht eine Schlappe in den waldigen Defileen, in denen sie ihre
+beiden besten Waffen, die Reiterei und die Elefanten nicht verwenden
+konnte. Die Staedte ergaben sich in Masse, die Numidier standen auf und
+ueberschwemmten weithin das offene Land. Regulus konnte hoffen, den
+naechsten Feldzug zu beginnen mit der Belagerung der Hauptstadt, zu
+welchem Ende er dicht bei derselben, in Tunes sein Winterlager
+aufschlug.
+
+Der Karthager Mut war gebrochen; sie baten um Frieden. Allein die
+Bedingungen, die der Konsul stellte: nicht bloss Abtretung von Sizilien
+und Sardinien, sondern Eingehung eines ungleichen Buendnisses mit Rom,
+welches die Karthager verpflichtet haette, auf eine eigene Kriegsmarine
+zu verzichten und zu den roemischen Kriegen Schiffe zu stellen - diese
+Bedingungen, welche Karthago mit Neapel und Tarent gleichgestellt haben
+wuerden, konnten nicht angenommen werden, solange noch ein
+karthagisches Heer im Felde, eine karthagische Flotte auf der See, und
+die Hauptstadt unerschuettert stand. Die gewaltige Begeisterung, wie
+sie in den orientalischen Voelkern, auch den tief gesunkenen, bei dem
+Herannahen aeusserster Gefahren grossartig aufzuflammen pflegt, diese
+Energie der hoechsten Not trieb die Karthager zu Anstrengungen, wie man
+sie den Budenleuten nicht zugetraut haben mochte. Hamilkar, der in
+Sizilien den kleinen Krieg gegen die Roemer so erfolgreich gefuehrt
+hatte, erschien in Libyen mit der Elite der sizilischen Truppen, die
+fuer die neuausgehobene Mannschaft einen trefflichen Kern abgab; die
+Verbindungen und das Gold der Karthager fuehrten ihnen ferner die
+trefflichen numidischen Reiter scharenweise zu und ebenso zahlreiche
+griechische Soeldner, darunter den gefeierten Hauptmann Xanthippos von
+Sparta, dessen Organisierungstalent und strategische Einsicht seinen
+neuen Dienstherren von grossem Nutzen war ^2. Waehrend also im Lauf des
+Winters die Karthager ihre Vorbereitungen trafen, stand der roemische
+Feldherr untaetig bei Tunes. Mochte er nicht ahnen, welcher Sturm sich
+ueber seinem Haupt zusammenzog, oder mochte militaerisches Ehrgefuehl
+ihm zu tun verbieten, was seine Lage erheischte - statt zu verzichten
+auf eine Belagerung, die er doch nicht imstande war, auch nur zu
+versuchen, und sich einzuschliessen in die Burg von Clupea, blieb er
+mit einer Handvoll Leute vor den Mauern der feindlichen Hauptstadt
+stehen, sogar seine Rueckzugslinie zu dem Schiffslager zu sichern
+versaeumend, und versaeumend sich zu schaffen, was ihm vor allen Dingen
+fehlte und was durch Verhandlungen mit den aufstaendischen Staemmen der
+Numidier so leicht zu erreichen war, eine gute leichte Reiterei.
+Mutwillig brachte er sich und sein Heer also in dieselbe Lage, in der
+einst Agathokles auf seinem verzweifelten Abenteurerzug sich befunden
+hatte. Als das Fruehjahr kam (499 255), hatten sich die Dinge schon so
+veraendert, dass jetzt die Karthager es waren, die zuerst ins Feld
+rueckten und den Roemern eine Schlacht anboten; natuerlich, denn es lag
+alles daran, mit dem Heer des Regulus fertig zu werden, ehe von Italien
+Verstaerkung kommen konnte. Aus demselben Grunde haetten die Roemer
+zoegern sollen; allein im Vertrauen auf ihre Unueberwindlichkeit im
+offenen Felde nahmen sie sofort die Schlacht an trotz ihrer geringeren
+Staerke - denn obwohl die Zahl des Fussvolks auf beiden Seiten
+ungefaehr dieselbe war, gaben doch den Karthagern die 4000 Reiter und
+100 Elefanten ein entschiedenes Uebergewicht - und trotz des
+unguenstigen Terrains - die Karthager hatten sich auf einem weiten
+Blachfeld, vermutlich unweit Tunes, aufgestellt. Xanthippos, der an
+diesem Tage die Karthager kommandierte, warf zunaechst seine Reiterei
+auf die feindliche, die wie gewoehnlich auf den beiden Fluegeln der
+Schlachtlinie stand; die wenigen roemischen Schwadronen zerstoben im Nu
+vor den feindlichen Kavalleriemassen und das roemische Fussvolk sah
+sich von demselben ueberfluegelt und umschwaermt. Die Legionen,
+hierdurch nicht erschuettert, gingen zum Angriff vor gegen die
+feindliche Linie; und obwohl die zur Deckung vor derselben aufgestellte
+Elefantenreihe den rechten Fluegel und das Zentrum der Roemer hemmte,
+fasste wenigstens der linke roemische Fluegel, an den Elefanten
+vorbeimarschierend, die Soeldnerinfanterie auf dem rechten feindlichen
+und warf sie vollstaendig. Allein eben dieser Erfolg zerriss die
+roemischen Reihen. Die Hauptmasse, vorn von den Elefanten, an den
+Seiten und im Ruecken von der Reiterei angegriffen, formierte sich zwar
+ins Viereck und verteidigte sich heldenmuetig, allein endlich wurden
+doch die geschlossenen Massen gesprengt und aufgerieben. Der siegreiche
+linke Fluegel traf auf das noch frische karthagische Zentrum, wo die
+libysche Infanterie ihm gleiches Schicksal bereitete. Bei der
+Beschaffenheit des Terrains und der Ueberzahl der feindlichen Reiterei
+ward niedergehauen oder gefangen, was in diesen Massen gefochten hatte;
+nur zweitausend Mann, vermutlich vorzugsweise die zu Anfang
+zersprengten leichten Truppen und Reiter, gewannen, waehrend die
+roemischen Legionen sich niedermachen liessen, soviel Vorsprung, um mit
+Not Clupea zu erreichen. Unter den wenigen Gefangenen war der Konsul
+selbst, der spaeter in Karthago starb; seine Familie, in der Meinung,
+dass er von den Karthagern nicht nach Kriegsgebrauch behandelt worden
+sei, nahm an zwei edlen karthagischen Gefangenen die empoerendste
+Rache, bis es selbst die Sklaven erbarmte und auf deren Anzeige die
+Tribune der Schaendlichkeit steuerten ^3.
+
+—————————————————————
+
+^2 Der Bericht, dass zunaechst Xanthippos’ militaerisches Talent
+Karthago gerettet habe, ist wahrscheinlich gefaerbt; die karthagischen
+Offiziere werden schwerlich auf den Fremden gewartet haben, um zu
+lernen, dass die leichte afrikanische Kavallerie zweckmaessiger auf der
+Ebene verwandt werde als in Huegeln und Waeldern. Von solchen
+Wendungen, dem Echo der griechischen Wachtstubengespraeche, ist selbst
+Polybios nicht frei. Dass Xanthippos nach dem Siege von den Karthagern
+ermordet worden sei, ist eine Erfindung; er ging freiwillig fort,
+vielleicht in aegyptische Dienste.
+
+^3 Weiter ist ueber Regulus’ Ende nichts mit Sicherheit bekannt; selbst
+seine Sendung nach Rom, die bald 503 (251), bald 513 (241) gesetzt
+wird, ist sehr schlecht beglaubigt, Die spaetere Zeit, die in dem
+Glueck und Unglueck der Vorfahren nur nach Stoffen suchte fuer
+Schulakte, hat aus Regulus den Prototyp des ungluecklichen wie aus
+Fabricius das des duerftigen Helden gemacht und eine Menge obligat
+erfundener Anekdoten auf seinen Namen in Umlauf gesetzt; widerwaertige
+Flitter, die uebel kontrastieren mit der ernsten und schlichten
+Geschichte.
+
+—————————————————————————-
+
+Wie die Schreckenspost nach Rom gelangte, war die erste Sorge
+natuerlich gerichtet auf die Rettung der in Clupea eingeschlossenen
+Mannschaft. Eine roemische Flotte von 350 Segeln lief sofort aus, und
+nach einem schoenen Sieg am Hermaeischen Vorgebirg, bei welchem die
+Karthager 114 Schiffe einbuessten, gelangte sie nach Clupea eben zur
+rechten Zeit, um die dort verschanzten Truemmer der geschlagenen Armee
+aus ihrer Bedraengnis zu befreien. Waere sie gesandt worden, ehe die
+Katastrophe eintrat, so haette sie die Niederlage in einen Sieg
+verwandeln moegen, der wahrscheinlich den phoenikischen Kriegen ein
+Ende gemacht haben wuerde. So vollstaendig aber hatten jetzt die Roemer
+den Kopf verloren, dass sie nach einem gluecklichen Gefecht vor Clupea
+saemtliche Truppen auf die Schiffe setzten und heimsegelten, freiwillig
+den wichtigen und leicht zu verteidigenden Platz raeumend, der ihnen
+die Moeglichkeit der Landung in Afrika sicherte, und der Rache der
+Karthager ihre zahlreichen afrikanischen Bundesgenossen schutzlos
+preisgebend. Die Karthager versaeumten die Gelegenheit nicht, ihre
+leeren Kassen zu fuellen und den Untertanen die Folgen der Untreue
+deutlich zu machen. Eine ausserordentliche Kontribution von 1000
+Talenten Silber (1740000 Taler) und 20000 Rindern ward ausgeschrieben
+und in saemtlichen abgefallenen Gemeinden die Scheiche ans Kreuz
+geschlagen - es sollen ihrer dreitausend gewesen sein und dieses
+entsetzliche Wueten der karthagischen Beamten wesentlich den Grund
+gelegt haben zu der Revolution, welche einige Jahre spaeter in Afrika
+ausbrach. Endlich, als wollte wie frueher das Glueck, so jetzt das
+Unglueck den Roemern das Mass fuellen, gingen auf der Rueckfahrt der
+Flotte in einem schweren Sturm drei Vierteile der roemischen Schiffe
+mit der Mannschaft zugrunde; nur achtzig gelangten in den Hafen (Juli
+499 255). Die Kapitaene hatten das Unheil wohl vorausgesagt, aber die
+improvisierten roemischen Admirale die Fahrt einmal also befohlen.
+
+Nach so ungeheuren Erfolgen konnten die Karthager die lange
+eingestellte Offensive wiederum ergreifen. Hasdrubal, Hannos Sohn,
+landete in Lilybaeon mit einem starken Heer, das besonders durch die
+gewaltige Elefantenmasse - es waren ihrer 140 - in den Stand gesetzt
+wurde, gegen die Roemer das Feld zu halten; die letzte Schlacht hatte
+gezeigt, wie es moeglich war, den Mangel eines guten Fussvolks durch
+Elefanten und Reiterei einigermassen zu ersetzen. Auch die Roemer
+nahmen den sizilischen Krieg von neuem auf: die Vernichtung des
+Landungsheeres hatte, wie die freiwillige Raeumung von Clupea beweist,
+im roemischen Senat sofort wieder der Partei die Oberhand gegeben, die
+den afrikanischen Krieg nicht wollte und sich begnuegte, die Inseln
+allmaehlich zu unterwerfen. Allein auch hierzu bedurfte man einer
+Flotte; und da diejenige zerstoert war, mit der man bei Mylae, bei
+Eknomos und am Hermaeischen Vorgebirge gesiegt hatte, baute man eine
+neue. Zu zweihundertundzwanzig neuen Kriegsschiffen wurde auf einmal
+der Kiel gelegt - nie hatte man bisher gleichzeitig so viele zu bauen
+unternommen -, und in der unglaublich kurzen Zeit von drei Monaten
+standen sie saemtlich segelfertig. Im Fruehjahr 500 (254) erschien die
+roemische Flotte, dreihundert groesstenteils neue Schiffe zaehlend, an
+der sizilischen Nordkueste. Durch einen gluecklichen Angriff von der
+Seeseite ward die bedeutendste Stadt des karthagischen Siziliens,
+Panormos, erobert, und ebenso fielen hier die kleineren Plaetze Solus,
+Kephaloedion, Tyndaris den Roemern in die Haende, so dass am ganzen
+noerdlichen Gestade der Insel nur noch Thermae den Karthagern verblieb.
+Panormos ward seitdem eine der Hauptstationen der Roemer auf Sizilien.
+Der Landkrieg daselbst stockte indes; die beiden Armeen standen vor
+Lilybaeon einander gegenueber, ohne dass die roemischen Befehlshaber,
+die der Elefantenmasse nicht beizukommen wussten, eine Hauptschlacht zu
+erzwingen versucht haetten.
+
+Im folgenden Jahre (501 253) zogen die Konsuln es vor, statt die
+sicheren Vorteile in Sizilien zu verfolgen, eine Expedition nach Afrika
+zu machen, nicht um zu landen, sondern um die Kuestenstaedte zu
+pluendern. Ungehindert kamen sie damit zustande; allein nachdem sie
+schon in den schwierigen und ihren Piloten unbekannten Gewaessern der
+Kleinen Syrte auf die Untiefen aufgelaufen und mit Muehe wieder
+losgekommen waren, traf die Flotte zwischen Sizilien und Italien ein
+Sturm, der ueber 150 roemische Schiffe kostete; auch diesmal hatten die
+Piloten, trotz ihrer Vorstellungen und Bitten, den Weg laengs der
+Kueste zu waehlen, auf Befehl der Konsuln von Panormos gerades Weges
+durch das offene Meer nach Ostia zu steuern muessen.
+
+Da ergriff Kleinmut die Vaeter der Stadt; sie beschlossen, die
+Kriegsflotte abzuschaffen bis auf 60 Segel und den Seekrieg auf die
+Kuestenverteidigung und die Geleitung der Transporte zu beschraenken.
+Zum Glueck nahm eben jetzt der stockende Landkrieg auf Sizilien eine
+guenstigere Wendung. Nachdem im Jahre 502 (252) Thermae, der letzte
+Punkt, den die Karthager an der Nordkueste besassen, und die wichtige
+Insel Lipara den Roemern in die Haende gefallen waren, erfocht im Jahre
+darauf der Konsul Lucius Caecilius Metellus unter den Mauern von
+Panormos einen glaenzenden Sieg ueber das Elefantenheer (Sommer 503
+251). Die unvorsichtig vorgefuehrten Tiere wurden von den im
+Stadtgraben aufgestellten leichten Truppen der Roemer geworfen und
+stuerzten teils in den Graben hinab, teils zurueck auf ihre eigenen
+Leute, die in wilder Verwirrung mit den Elefanten zugleich sich zum
+Strande draengten, um von den phoenikischen Schiffen aufgenommen zu
+werden. 120 Elefanten wurden gefangen, und das karthagische Heer,
+dessen Staerke auf den Tieren beruhte, musste sich wiederum in die
+Festungen einschliessen. Es blieb, nachdem auch noch der Eryx den
+Roemern in die Haende gefallen war (505 249), auf der Insel den
+Karthagern nichts mehr als Drepana und Lilybaeon. Karthago bot zum
+zweitenmal den Frieden an; allein der Sieg des Metellus und die
+Ermattung des Feindes gab der energischeren Partei im Senat die
+Oberhand. Der Friede ward zurueckgewiesen und beschlossen, die
+Belagerung der beiden sizilischen Staedte ernsthaft anzugreifen und zu
+diesem Ende wiederum eine Flotte von 200 Segeln in See gehen zu lassen.
+Die Belagerung von Lilybaeon, die erste grosse und regelrechte, die Rom
+unternahm, und eine der hartnaeckigsten, die die Geschichte kennt,
+wurde von den Roemern mit einem wichtigen Erfolg eroeffnet: ihrer
+Flotte gelang es, sich in den Hafen der Stadt zu legen und dieselbe von
+der Seeseite zu blockieren. Indes vollstaendig die See zu sperren,
+vermochten die Belagerer nicht. Trotz ihrer Versenkungen und Palisaden
+und trotz der sorgfaeltigsten Bewachung unterhielten gewandte und der
+Untiefen und Fahrwaesser genau kundige Schnellsegler eine regelmaessige
+Verbindung zwischen den Belagerten in der Stadt und der karthagischen
+Flotte im Hafen von Drepana; ja nach einiger Zeit glueckte es einem
+karthagischen Geschwader von 50 Segeln, in den Hafen einzufahren,
+Lebensmittel in Menge und Verstaerkung von 10000 Mann in die Stadt zu
+werfen und unangefochten wieder heimzukehren. Nicht viel gluecklicher
+war die belagernde Landarmee. Man begann mit regelrechtem Angriff; die
+Maschinen wurden errichtet, und in kurzer Zeit hatten die Batterien
+sechs Mauertuerme eingeworfen; die Bresche schien bald gangbar. Allein
+der tuechtige karthagische Befehlshaber Himilko wehrte diesen Angriff
+ab, indem auf seine Anordnung hinter der Bresche sich ein zweiter Wall
+erhob. Ein Versuch der Roemer, mit der Besatzung ein Einverstaendnis
+anzuknuepfen, ward ebenso noch zur rechten Zeit vereitelt. Ja es gelang
+den Karthagern, nachdem ein erster, zu diesem Zwecke gemachter Ausfall
+abgeschlagen worden war, waehrend einer stuermischen Nacht die
+roemische Maschinenreihe zu verbrennen. Die Roemer gaben hierauf die
+Vorbereitungen zum Sturm auf und begnuegten sich, die Mauer zu Wasser
+und zu Lande zu blockieren. Freilich waren dabei die Aussichten auf
+Erfolg sehr fern, solange man nicht imstande war, den feindlichen
+Schiffen den Zugang gaenzlich zu verlegen; und einen nicht viel
+leichteren Stand als in der Stadt die Belagerten hatte das Landheer der
+Belagerer, welchem die Zufuhren durch die starke und verwegene leichte
+Reiterei der Karthager haeufig abgefangen wurden und das die Seuchen,
+die in der ungesunden Gegend einheimisch sind, zu dezimieren begannen.
+Die Eroberung Lilybaeons war nichtsdestoweniger wichtig genug, um
+geduldig bei der muehseligen Arbeit auszuharren, die denn doch mit der
+Zeit der. gewuenschten Erfolg verhiess. Allein dem neuen Konsul Publius
+Claudius schien die Aufgabe, Lilybaeon eingeschlossen zu halten, allzu
+gering; es gefiel ihm besser, wieder einmal den Operationsplan zu
+aendern und mit seinen zahlreichen neu bemannten Schiffen die
+karthagische in dem nahen Hafen von Drepana verweilende Flotte
+unversehens zu ueberfallen. Mit dem ganzen Blockadegeschwader, das
+Freiwillige aus den Legionen an Bord genommen hatte, fuhr er um
+Mitternacht ab und erreichte, in guter Ordnung segelnd, den rechten
+Fluegel am Lande, den linken in der hohen See, gluecklich mit
+Sonnenaufgang den Hafen von Drepana. Hier kommandierte der phoenikische
+Admiral Atarbas. Obwohl ueberrascht, verlor er die Besonnenheit nicht
+und liess sich nicht in den Hafen einschliessen, sondern wie die
+roemischen Schiffe in den nach Sueden sichelfoermig sich oeffnenden
+Hafen an der Landseite einfuhren, zog er an der noch freien Seeseite
+seine Schiffe aus dem Hafen heraus und stellte sich ausserhalb
+desselben in Linie. Dem roemischen Admiral blieb nichts uebrig, als die
+vordersten Schiffe moeglichst schnell aus dem Hafen zurueckzunehmen und
+sich gleichfalls vor demselben zur Schlacht zu ordnen; allein ueber
+dieser rueckgaengigen Bewegung verlor er die freie Wahl seiner
+Aufstellung und musste die Schlacht annehmen in einer Linie, die teils
+von der feindlichen um fuenf Schiffe ueberfluegelt ward, da es an Zeit
+gebrach, die Schiffe wieder aus dem Hafen vollstaendig zu entwickeln,
+teils so dicht an die Kueste gedraengt war, dass seine Fahrzeuge weder
+zurueckweichen noch hinter der Linie hinsegelnd sich untereinander zu
+Hilfe kommen konnten. Die Schlacht war nicht bloss verloren, ehe sie
+begann, sondern die roemische Flotte so vollstaendig umstrickt, dass
+sie fast ganz den Feinden in die Haende fiel. Zwar der Konsul entkam,
+indem er zuerst davonfloh; aber 93 roemische Schiffe, mehr als drei
+Viertel der Blockadeflotte, mit dem Kern der roemischen Legionen an
+Bord, fielen den Phoenikern in die Haende. Es war der erste und einzige
+grosse Seesieg, den die Karthager ueber die Roemer erfochten haben.
+Lilybaeon war der Tat nach von der Seeseite entsetzt, denn wenn auch
+die Truemmer der roemischen Flotte in ihre fruehere Stellung
+zurueckkehrten, so war diese doch jetzt viel zu schwach, um den nie
+ganz geschlossenen Hafen ernstlich zu versperren, und konnte vor dem
+Angriff der karthagischen Schiffe sich selbst nur retten durch den
+Beistand des Landheers. Die eine Unvorsichtigkeit eines unerfahrenen
+und frevelhaft leichtsinnigen Offiziers hatte alles vereitelt, was in
+dem langen und aufreibenden Festungskrieg muehsam erreicht worden war;
+und was dessen Uebermut noch an Kriegsschiffen den Roemern gelassen
+hatte, ging kurz darauf durch den Unverstand seines Kollegen zugrunde.
+Der zweite Konsul, Lucius Iunius Pullus, der den Auftrag erhalten
+hatte, die fuer das Heer in Lilybaeon bestimmten Zufuhren in Syrakus zu
+verladen und die Transportflotte laengs der suedlichen Kueste der Insel
+mit der zweiten roemischen Flotte von 120 Kriegsschiffen zu geleiten,
+beging, statt seine Schiffe zusammenzuhalten, den Fehler, den ersten
+Transport allein abgehen zu lassen und erst spaeter mit dem zweiten zu
+folgen. Als der karthagische Unterbefehlshaber Karthalo, der mit
+hundert auserlesenen Schiffen die roemische Flotte im Hafen von
+Lilybaeon blockierte, davon Nachricht erhielt, wandte er sich nach der
+Suedkueste der Insel, schnitt die beiden roemischen Geschwader, sich
+zwischen sie legend, voneinander ab und zwang sie, an den unwirtlichen
+Gestaden von Gela und Kamarina in zwei Nothaefen sich zu bergen. Die
+Angriffe der Karthager wurden freilich von den Roemern tapfer
+zurueckgewiesen mit Hilfe der hier wie ueberall an der Kueste schon
+seit laengerer Zeit errichteten Strandbatterien; allein da an
+Vereinigung und Fortsetzung der Fahrt fuer die Roemer nicht zudenken
+war, konnte Karthago die Vollendung seines Werkes den Elementen
+ueberlassen. Der naechste grosse Sturm vernichtete denn auch beide
+roemische Flotten auf ihren schlechten Reeden vollstaendig, waehrend
+der phoenikische Admiral auf der hohen See mit seinen unbeschwerten und
+gut gefuehrten Schiffen ihm leicht entging. Die Mannschaft und die
+Ladung gelang es den Roemern indes groesstenteils zu retten (505 249).
+
+Der roemische Senat war ratlos. Der Krieg waehrte nun ins sechzehnte
+Jahr, und von dem Ziele schien man im sechzehnten weiter ab zu sein als
+im ersten. Vier grosse Flotten waren in diesem Kriege zugrunde
+gegangen, drei davon mit roemischen Heeren an Bord; ein viertes
+ausgesuchtes Landheer hatte der Feind in Libyen vernichtet, ungerechnet
+die zahllosen Opfer, die die kleinen Gefechte zur See, die in Sizilien
+die Schlachten und mehr noch der Postenkrieg und die Seuchen gefordert
+hatten. Welche Zahl von Menschenleben der Krieg wegraffte, ist daraus
+zuerkennen, dass die Buergerrolle bloss von 502 (252) auf 507 (247) um
+etwa 40000 Koepfe, den sechsten Teil der Gesamtzahl, sank; wobei die
+Verluste der Bundesgenossen, die die ganze Schwere des Seekriegs und
+daneben der Landkrieg mindestens in gleichem Verhaeltnis wie die Roemer
+traf, noch nicht mit eingerechnet sind. Von der finanziellen Einbusse
+ist es nicht moeglich, sich eine Vorstellung zu machen; aber sowohl der
+unmittelbare Schaden an Schiffen und Material als der mittelbare durch
+die Laehmung des Handels muessen ungeheuer gewesen sein. Allein
+schlimmer als dies alles war die Abnutzung aller Mittel, durch die man
+den Krieg hatte endigen wollen. Man hatte eine Landung in Afrika mit
+frischen Kraeften, im vollen Siegeslauf versucht und war gaenzlich
+gescheitert. Man hatte Sizilien Stadt um Stadt zu erstuermen
+unternommen; die geringeren Plaetze waren gefallen, aber die beiden
+gewaltigen Seeburgen Lilybaeon und Drepana standen unbezwinglicher als
+je zuvor. Was sollte man beginnen? In der Tat, der Kleinmut behielt
+gewissermassen Recht. Die Vaeter der Stadt verzagten; sie liessen die
+Sachen eben gehen, wie sie gehen mochten, wohl wissend, dass ein ziel-
+und endlos sich hinspinnender Krieg fuer Italien verderblicher war als
+die Anstrengung des letzten Mannes und des letzten Silberstuecks, aber
+ohne den Mut und die Zuversicht zu dem Volk und zu dem Glueck, um zu
+den alten, nutzlos vergeudeten neue Opfer zu fordern. Man schaffte die
+Flotte ab; hoechstens foerderte man die Kaperei und stellte den
+Kapitaenen, die auf ihre eigene Hand den Korsarenkrieg zu beginnen
+bereit waren, zu diesem Behuf Kriegsschiffe des Staates zur Verfuegung.
+Der Landkrieg ward dem Namen nach fortgefuehrt, weil man eben nicht
+anders konnte; allein man begnuegte sich, die sizilischen Festungen zu
+beobachten, und was man besass, notduerftig zu behaupten, was dennoch,
+seit die Flotte fehlte, ein sehr zahlreiches Heer und aeusserst
+kostspielige Anstalten erforderte.
+
+Wenn jemals, so war jetzt die Zeit gekommen, wo Karthago den gewaltigen
+Gegner zu demuetigen imstande war. Dass auch dort die Erschoepfung der
+Kraefte gefuehlt ward, versteht sich; indes wie die Sachen standen,
+konnten die phoenikischen Finanzen unmoeglich so im Verfall sein, dass
+die Karthager den Krieg, der ihnen hauptsaechlich nur Geld kostete,
+nicht haetten offensiv und nachdruecklich fortfuehren koennen. Allein
+die karthagische Regierung war eben nicht energisch, sondern schwach
+und laessig, wenn nicht ein leichter und sicherer Gewinn oder die
+aeusserste Not sie trieb. Froh, der roemischen Flotte los zu sein,
+liess man toericht auch die eigene verfallen und fing an, nach dem
+Beispiel der Feinde sich zu Lande und zur See auf den kleinen Krieg in
+und um Sizilien zu beschraenken.
+
+So folgten sechs tatenlose Kriegsjahre (506-511 248-243), die
+ruhmlosesten, welche die roemische Geschichte dieses Jahrhunderts
+kennt, und ruhmlos auch fuer das Volk der Karthager. Indes ein Mann von
+diesen dachte und handelte anders als seine Nation. Hamilkar, genannt
+Barak oder Barkas, das ist der Blitz, ein junger, vielversprechender
+Offizier, uebernahm im Jahre 507 (247) den Oberbefehl in Sizilien. Es
+fehlte in seiner Armee wie in jeder karthagischen an einer
+zuverlaessigen und kriegsgeuebten Infanterie; und die Regierung, obwohl
+sie vielleicht eine solche zu schaffen imstande und auf jeden Fall es
+zu versuchen verpflichtet gewesen waere, begnuegte sich, den
+Niederlagen zuzusehen und hoechstens die geschlagenen Feldherren ans
+Kreuz heften zu lassen. Hamilkar beschloss, sich selber zu helfen. Er
+wusste es wohl, dass seinen Soeldnern Karthago so gleichgueltig war wie
+Rom, und dass er von seiner Regierung nicht phoenikische oder libysche
+Konskribierte, sondern im besten Fall die Erlaubnis zu erwarten hatte,
+mit seinen Leuten das Vaterland auf eigene Faust zu retten,
+vorausgesetzt, dass es nichts koste. Allein er kannte auch sich und die
+Menschen. An Karthago lag seinen Soeldnern freilich nichts; aber der
+echte Feldherr vermag es, den Soldaten an die Stelle des Vaterlandes
+seine eigene Persoenlichkeit zu setzen, und ein solcher war der junge
+General. Nachdem er die Seinigen im Postenkrieg vor Drepana und
+Lilybaeon gewoehnt hatte, dem Legionaer ins Auge zu sehen, setzte er
+auf dem Berge Eirkte (Monte Pellegrino bei Palermo), der gleich einer
+Festung das umliegende Land beherrscht, sich mit seinen Leuten fest und
+liess sie hier haeuslich mit ihren Frauen und Kindern sich einrichten
+und das platte Land durchstreifen, waehrend phoenikische Kaper die
+italische Kueste bis Cumae brandschatzten. So ernaehrte er seine Leute
+reichlich, ohne von den Karthagern Geld zu begehren, und bedrohte, mit
+Drepana die Verbindung zur See unterhaltend, das wichtige Panormos in
+naechster Naehe mit Ueberrumpelung. Nicht bloss vermochten die Roemer
+nicht, ihn von seinem Felsen zu vertreiben, sondern nachdem an der
+Eirkte der Kampf eine Weile gedauert hatte, schuf sich Hamilkar eine
+zweite aehnliche Stellung am Eryx. Diesen Berg, der auf der halben
+Hoehe die gleichnamige Stadt, auf der Spitze den Tempel der Aphrodite
+trug, hatten bis dahin die Roemer in Haenden gehabt und von da aus
+Drepana beunruhigt. Hamilkar nahm die Stadt weg und belagerte das
+Heiligtum, waehrend die Roemer von der Ebene her ihn ihrerseits
+blockierten. Die von den Roemern auf den verlorenen Posten des Tempels
+gestellten keltischen Ueberlaeufer aus dem karthagischen Heer, ein
+schlimmes Raubgesindel, das waehrend dieser Belagerung den Tempel
+pluenderte und Schaendlichkeiten aller Art veruebte, verteidigten die
+Felsenspitze mit verzweifeltem Mut; aber auch Hamilkar liess sich nicht
+wieder aus der Stadt verdraengen und hielt mit der Flotte und der
+Besatzung von Drepana stets sich zur See die Verbindung offen. Der
+sizilische Krieg schien eine immer unguenstigere Wendung fuer die
+Roemer zu nehmen. Der roemische Staat kam in demselben um sein Geld und
+seine Soldaten und die roemischen Feldherren um ihr Ansehen: es war
+schon klar, dass dem Hamilkar kein roemischer General gewachsen war,
+und die Zeit liess sich berechnen, wo auch der karthagische Soeldner
+sich dreist wuerde messen koennen mit dem Legionaer. Immer verwegener
+zeigten sich die Kaper Hamilkars an der italischen Kueste - schon hatte
+gegen eine dort gelandete karthagische Streifpartei ein Praetor
+ausruecken muessen. Noch einige Jahre, so tat Hamilkar von Sizilien aus
+mit der Flotte, was spaeter auf dem Landweg von Spanien aus sein Sohn
+unternahm.
+
+Indes der roemische Senat verharrte in seiner Untaetigkeit; die Partei
+der Kleinmuetigen hatte einmal in ihm die Mehrzahl. Da entschlossen
+sich eine Anzahl einsichtiger und hochherziger Maenner, den Staat auch
+ohne Regierungsbeschluss zu retten und dem heillosen Sizilischen Krieg
+ein Ende zu machen. Die gluecklichen Korsarenfahrten hatten wenn nicht
+den Mut der Nation gehoben, doch in engeren Kreisen die Energie und die
+Hoffnung geweckt; man hatte sich schon in Geschwader zusammengetan,
+Hippo an der afrikanischen Kueste niedergebrannt, den Karthagern vor
+Panormos ein glueckliches Seegefecht geliefert. Durch
+Privatunterzeichnung, wie sie auch wohl in Athen, aber nie in so
+grossartiger Weise vorgekommen ist, stellten die vermoegenden und
+patriotisch gesinnten Roemer eine Kriegsflotte her, deren Kern die fuer
+den Kaperdienst gebauten Schiffe und die darin geuebten Mannschaften
+abgaben und die ueberhaupt weit sorgfaeltiger hergestellt wurde, als
+dies bisher bei dem Staatsbau geschehen war. Diese Tatsache, dass eine
+Anzahl Buerger im dreiundzwanzigsten Jahre eines schweren Krieges
+zweihundert Linienschiffe mit einer Bemannung von 60000 Matrosen
+freiwillig dem Staate darboten, steht vielleicht ohne Beispiel da in
+den Annalen der Geschichte. Der Konsul Gaius Lutatius Catulus, dem die
+Ehre zuteil ward, diese Flotte in die sizilische See zu fuehren, fand
+dort kaum einen Gegner; die paar karthagischen Schiffe, mit denen
+Hamilkar seine Korsarenzuege gemacht, verschwanden vor der Uebermacht,
+und fast ohne Widerstand besetzten die Roemer die Haefen von Lilybaeon
+und Drepana, deren Belagerung zu Wasser und zu Lande jetzt energisch
+begonnen ward. Karthago war vollstaendig ueberrumpelt; selbst die
+beiden Festungen, schwach verproviantiert, schwebten in grosser Gefahr.
+Man ruestete daheim an einer Flotte, aber so eilig man tat, ging das
+Jahr zu Ende, ohne dass in Sizilien karthagische Segel sich gezeigt
+haetten; und als endlich im Fruehjahr 513 (241) die zusammengerafften
+Schiffe auf der Hoehe von Drepana erschienen, war es doch mehr eine
+Transport- als eine schlagfertige Kriegsflotte zu nennen. Die Phoeniker
+hatten gehofft, ungestoert landen, die Vorraete ausschiffen und die
+fuer ein Seegefecht erforderlichen Truppen an Bord nehmen zu koennen;
+allein die roemischen Schiffe verlegten ihnen den Weg und zwangen sie,
+da sie von der heiligen Insel (jetzt Maritima) nach Drepana segeln
+wollten, bei der kleinen Insel Aegusa (Favignana), die Schlacht
+anzunehmen (10. Maerz 513 241). Der Ausgang war keinen Augenblick
+zweifelhaft, die roemische Flotte, gut gebaut und bemannt und, da die
+vor Drepana erhaltene Wunde den Konsul Catulus noch an das Lager
+fesselte, von dem tuechtigen Praetor Publius Valerius Falto
+vortrefflich gefuehrt, warf im ersten Augenblick die schwer beladenen,
+schlecht und schwach bemannten Schiffe der Feinde; fuenfzig wurden
+versenkt, mit siebzig eroberten fuhren die Sieger ein in den Hafen von
+Lilybaeon. Die letzte grosse Anstrengung der roemischen Patrioten hatte
+Frucht getragen; sie brachte den Sieg und mit ihm den Frieden.
+
+Die Karthager kreuzigten zunaechst den ungluecklichen Admiral, was die
+Sache nicht anders machte, und schickten alsdann dem sizilischen
+Feldherrn unbeschraenkte Vollmacht, den Frieden zu schliessen.
+Hamilkar, der, seine siebenjaehrige Heldenarbeit durch fremde Fehler
+vernichtet sah, fuegte hochherzig sich in das Unvermeidliche, ohne
+darum weder seine Soldatenehre noch sein Volk noch seine Entwuerfe
+aufzugeben. Sizilien freilich war nicht zu halten, seit die Roemer die
+See beherrschten, und dass die karthagische Regierung, die ihre leere
+Kasse vergeblich durch ein Staatsanlehen in Aegypten zu fuellen
+versucht hatte, auch nur einen Versuch noch machen wuerde, die
+roemische Flotte zu ueberwaeltigen, liess sich nicht erwarten. Er gab
+also die Insel auf. Dagegen ward die Selbstaendigkeit und Integritaet
+des karthagischen Staats und Gebiets ausdruecklich anerkannt in der
+ueblichen Form, dass Rom sich verpflichtete, nicht mit der
+karthagischen, Karthago, nicht mit der roemischen Bundesgenossenschaft,
+das heisst mit den beiderseitigen untertaenigen und abhaengigen
+Gemeinden, in Sonderbuendnis zu treten oder Krieg zu beginnen oder in
+diesem Gebiet Hoheitsrechte auszuueben oder Werbungen vorzunehmen ^4.
+Was die Nebenbedingungen anlangt, so verstand sich die unentgeltliche
+Rueckgabe der roemischen Gefangenen und die Zahlung einer
+Kriegskontribution von selbst; dagegen die Forderung des Catulus, dass
+Hamilkar die Waffen und die roemischen Ueberlaeufer ausliefern solle,
+wies der Karthager entschlossen zurueck, und mit Erfolg. Catulus
+verzichtete auf das zweite Begehren und gewaehrte den Phoenikern freien
+Abzug aus Sizilien gegen das maessige Loesegeld von 18 Denaren (4
+Taler) fuer den Mann.
+
+——————————————————————————-
+
+^4 Dass die Karthager versprechen mussten, keine Kriegsschiffe in das
+Gebiet der roemischen Symmachie - also auch nicht nach Syrakus,
+vielleicht selbst nicht nach Massalia - zu senden (Zon. 8, 17), klingt
+glaublich genug; allein der Text des Vertrages schweigt davon (Polyb.
+3, 27).
+
+——————————————————————————-
+
+Wenn den Karthagern die Fortfuehrung des Krieges nicht wuenschenswert
+erschien, so hatten sie Ursache, mit diesen Bedingungen zufrieden zu
+sein. Es kann sein, dass das natuerliche Verlangen, dem Vaterland mit
+dem Triumph auch den Frieden zu bringen, die Erinnerung an Regulus und
+den wechselvollen Gang des Krieges, die Erwaegung, dass ein
+patriotischer Aufschwung, wie er zuletzt den Sieg entschieden hatte,
+sich nicht gebieten noch wiederholen laesst, vielleicht selbst
+Hamilkars Persoenlichkeit mithalfen, den roemischen Feldherrn zu
+solcher Nachgiebigkeit zu bestimmen. Gewiss ist es, dass man in Rom mit
+dem Friedensentwurf unzufrieden war und die Volksversammlung, ohne
+Zweifel unter dem Einfluss der Patrioten, die die letzte
+Schiffsruestung durchgesetzt hatten, anfaenglich die Ratifikation
+verweigerte. In welchem Sinne dies geschah, wissen wir nicht und
+vermoegen also nicht zu entscheiden, ob die Opponenten den Frieden nur
+verwarfen, um dem Feinde noch einige Konzessionen mehr abzudringen,
+oder ob sie sich erinnerten, dass Regulus von Karthago den Verzicht auf
+die politische Unabhaengigkeit gefordert hatte, und entschlossen waren,
+den Krieg fortzufuehren, bis man an diesem Ziel stand und es sich nicht
+mehr um Frieden handelte, sondern um Unterwerfung. Erfolgte die
+Weigerung in dem ersten Sinne, so war sie vermutlich fehlerhaft; gegen
+den Gewinn Siziliens verschwand jedes andere Zugestaendnis, und es war
+bei Hamilkars Entschlossenheit und erfinderischem Geist sehr gewagt,
+die Sicherung des Hauptgewinns an Nebenzwecke zu setzen. Wenn dagegen
+die gegen den Frieden opponierende Partei in der vollstaendigen
+politischen Vernichtung Karthagos das einzige fuer die roemische
+Gemeinde genuegende Ende des Kampfes erblickte, so zeigte sie
+politischen Takt und Ahnung der kommenden Dinge; ob aber auch Roms
+Kraefte noch ausreichten, um den Zug des Regulus zu erneuern und soviel
+nachzusetzen, als erforderlich war, um nicht bloss den Mut, sondern die
+Mauern der maechtigen Phoenikerstadt zu brechen, ist eine andere Frage,
+welche in dem einen oder dem andern Sinn zu beantworten jetzt niemand
+wagen kann.
+
+Schliesslich uebertrug man die Erledigung der wichtigen Frage einer
+Kommission, die in Sizilien an Ort und Stelle entscheiden sollte. Sie
+bestaetigte im wesentlichen den Entwurf; nur ward die fuer die
+Kriegskosten von Karthago zu zahlende Summe erhoeht auf 3200 Talente
+(5½ Mill. Taler), davon ein Drittel gleich, der Rest in zehn
+Jahreszielern zu entrichten. Wenn ausser der Abtretung von Sizilien
+auch noch die der Inseln zwischen Italien und Sizilien in den
+definitiven Traktat aufgenommen ward, so kann hierin nur eine
+redaktionelle Veraenderung gefunden werden; denn dass Karthago, wenn es
+Sizilien hingab, sich die laengst von der roemischen Flotte besetzte
+Insel Lipara nicht konnte vorbehalten wollen, versteht sich von selbst,
+und dass man mit Ruecksicht auf Sardinien und Korsika absichtlich eine
+zweideutige Bestimmung in den Vertrag gesetzt habe, ist ein unwuerdiger
+und unwahrscheinlicher Verdacht.
+
+So war man endlich einig. Der unbesiegte Feldherr einer ueberwundenen
+Nation stieg herab von seinen langverteidigten Bergen und uebergab den
+neuen Herren der Insel die Festungen, die die Phoeniker seit wenigstens
+vierhundert Jahren in ununterbrochenem Besitz gehabt hatten und von
+deren Mauern alle Stuerme der Hellenen erfolglos abgeprallt waren. Der
+Westen hatte Frieden (513 241).
+
+Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem Kampfe, welcher die
+roemische Grenze vorrueckte ueber den Meeresring, der die Halbinsel
+einfasst. Es ist einer der laengsten und schwersten, welchen die Roemer
+gefuehrt haben; die Soldaten, welche die entscheidende Schlacht
+schlugen, waren, als er begann, zum guten Teil noch nicht geboren.
+Dennoch und trotz der unvergleichlich grossartigen Momente, die er
+darbietet, ist kaum ein anderer Krieg zu nennen, den die Roemer
+militaerisch sowohl wie politisch so schlecht und so unsicher gefuehrt
+haben. Es konnte das kaum anders sein; er steht inmitten eines Wechsels
+der politischen Systeme, zwischen der nicht mehr ausreichenden
+italischen Politik und der noch nicht gefundenen des Grossstaats. Der
+roemische Senat und das roemische Kriegswesen waren unuebertrefflich
+organisiert fuer die rein italische Politik. Die Kriege, welche diese
+hervorrief, waren reine Kontinentalkriege und ruhten stets auf der in
+der Mitte der Halbinsel gelegenen Hauptstadt als der letzten
+Operationsbasis und demnaechst auf der roemischen Festungskette. Die
+Aufgaben waren vorzugsweise taktisch, nicht strategisch; Maersche und
+Operationen zaehlten nur an zweiter Stelle, an erster die Schlachten;
+der Festungskrieg war in der Kindheit; die See und der Seekrieg kamen
+kaum einmal beilaeufig in Betracht. Es ist begreiflich, zumal wenn man
+nicht vergisst, dass in den damaligen Schlachten bei dem Vorherrschen
+der blanken Waffe wesentlich das Handgemenge entschied, dass eine
+Ratsversammlung diese Operationen zu dirigieren und wer eben
+Buergermeister war, die Truppen zu befehligen imstande war. Auf einen
+Schlag war das alles umgewandelt. Das Schlachtfeld dehnte sich aus in
+unabsehbare Ferne, in unbekannte Landstriche eines andern Erdteils
+hinein und hinaus ueber weite Meeresflaechen; jede Welle war dem Feinde
+eine Strasse, von jedem Hafen konnte man seinen Anmarsch erwarten. Die
+Belagerung der festen Plaetze, namentlich der Kuestenfestungen, an der
+die ersten Taktiker Griechenlands gescheitert waren, hatten die Roemer
+jetzt zum erstenmal zu versuchen. Man kam nicht mehr aus mit dem
+Landheer und mit dem Buergermilizwesen. Es galt, eine Flotte zu
+schaffen und, was schwieriger war, sie zu gebrauchen, es galt, die
+wahren Angriffs- und Verteidigungspunkte zu finden, die Massen zu
+vereinigen und zu richten, auf lange Zeit und weite Ferne die Zuege zu
+berechnen und ineinanderzupassen; geschah dies nicht, so konnte auch
+der taktisch weit schwaechere Feind leicht den staerkeren Gegner
+besiegen. Ist es ein Wunder, dass die Zuegel eines solchen Regiments
+der Ratversammlung und den kommandierenden Buergermeistern
+entschluepften?
+
+Offenbar wusste man beim Beginn des Krieges nicht, was man begann; erst
+im Laufe des Kampfes draengten die Unzulaenglichkeiten des roemischen
+Systems eine nach der anderen sich auf: der Mangel einer Seemacht, das
+Fehlen einer festen militaerischen Leitung, die Unzulaenglichkeit der
+Feldherren, die vollstaendige Unbrauchbarkeit der Admirale. Zum Teil
+half man ihnen ab durch Energie und durch Glueck; so dem Mangel einer
+Flotte. Aber auch diese gewaltige Schoepfung war ein grossartiger
+Notbehelf und ist es zu allen Zeiten geblieben. Man bildete eine
+roemische Flotte, aber man nationalisierte sie nur dem Namen nach und
+behandelte sie stets stiefmuetterlich: der Schiffsdienst blieb gering
+geschaetzt neben dem hochgeehrten Dienst in den Legionen, die
+Seeoffiziere waren grossenteils italische Griechen, die Bemannung
+Untertanen oder gar Sklaven und Gesindel. Der italische Bauer war und
+blieb wasserscheu; unter den drei Dingen, die Cato in seinem Leben
+bereute, war das eine, dass er einmal zu Schiff gefahren sei, wo er zu
+Fuss habe gehen koennen. Es lag dies zum Teil wohl in der Natur der
+Sache, da die Schiffe Rudergaleeren waren und der Ruderdienst kaum
+geadelt werden kann; allein, eigene Seelegionen wenigstens haette man
+bilden und auf die Errichtung eines roemischen Seeoffizierstandes
+hinwirken koennen. Man haette, den Impuls der Nation benutzend,
+allmaehlich darauf ausgehen sollen, eine nicht bloss durch die Zahl,
+sondern durch Segelfaehigkeit und Routine bedeutende Seemacht
+herzustellen, wozu in dem waehrend des langen Krieges entwickelten
+Kaperwesen ein wichtiger Anfang schon gemacht war; allein es geschah
+nichts derart von der Regierung. Dennoch ist das roemische Flottenwesen
+in seiner unbehilflichen Grossartigkeit noch die genialste Schoepfung
+dieses Krieges und hat wie im Anfang so zuletzt fuer Rom den Ausschlag
+gegeben. Viel schwieriger zu ueberwinden waren diejenigen Maengel, die
+sich ohne Aenderung der Verfassung nicht beseitigen liessen. Dass der
+Senat je nach dem Stande der in ihm streitenden Parteien von einem
+System der Kriegfuehrung zum andern absprang und so unglaubliche Fehler
+beging, wie die Raeumung von Clupea und die mehrmalige Einziehung der
+Flotte waren; dass der Feldherr des einen Jahres sizilische Staedte
+belagerte und sein Nachfolger, statt dieselben zur Uebergabe zu
+zwingen, die afrikanische Kueste brandschatzte oder ein Seetreffen zu
+liefern fuer gut fand; dass ueberhaupt der Oberbefehl jaehrlich von
+Rechts wegen wechselte - das alles liess sich nicht abstellen, ohne
+Verfassungsfragen anzuregen, deren Loesung schwieriger war als der Bau
+einer Flotte, aber freilich ebensowenig zu vereinigen mit den
+Forderungen eines solchen Krieges. Vor allen Dingen aber wusste niemand
+noch in die neue Kriegfuehrung sich zu finden, weder der Senat noch die
+Feldherren. Regulus’ Feldzug ist ein Beispiel davon, wie seltsam man in
+dem Gedanken befangen war, dass die taktische Ueberlegenheit alles
+entscheide. Es gibt nicht leicht einen Feldherrn, dem das Glueck so wie
+ihm die Erfolge in den Schoss geworfen hat; er stand im Jahr 498 (256)
+genau da, wo fuenfzig Jahre spaeter Scipio, nur dass ihm kein Hannibal
+und keine erprobte feindliche Armee gegenueberstand. Allein der Senat
+zog die halbe Armee zurueck, sowie man sich von der taktischen
+Ueberlegenheit der Roemer ueberzeugt hatte; im blinden Vertrauen auf
+diese blieb der Feldherr stehen, wo er eben stand, um strategisch, und
+nahm er die Schlacht an, wo man sie ihm anbot, um auch taktisch sich
+ueberwinden zu lassen. Es war dies um so bezeichnender, als Regulus in
+seiner Art ein tuechtiger und erprobter Feldherr war. Eben die
+Bauernmanier, durch die Etrurien und Samnium genommen worden waren, war
+die Ursache der Niederlage in der Ebene von Tunes. Der in seinem
+Bereiche ganz richtige Satz, dass jeder rechte Buergersmann zum General
+tauge, war irrig geworden; in dem neuen Kriegssystem konnte man nur
+Feldherren von militaerischer Schule und militaerischem Blicke
+brauchen, und das freilich war nicht jeder Buergermeister. Noch viel
+aerger aber war es, dass man das Oberkommando der Flotte als eine
+Dependenz des Oberbefehls der Landarmee behandelte und der erste beste
+Stadtvorsteher meinte, nicht bloss General, sondern auch Admiral
+spielen zu koennen. An den schlimmsten Niederlagen, die Rom in diesem
+Krieg erlitten hat, sind nicht die Stuerme schuld und noch weniger die
+Karthager, sondern der anmassliche Unverstand seiner Buergeradmirale.
+
+Rom hat endlich gesiegt; aber das Bescheiden mit einem weit geringeren
+Gewinn, als er zu Anfang gefordert, ja geboten worden war, sowie die
+energische Opposition, auf welche in Rom der Friede stiess, bezeichnen
+sehr deutlich die Halbheit und die Oberflaechlichkeit des Sieges wie
+des Friedens; und wenn Rom gesiegt hat, so verdankt es diesen Sieg zwar
+auch der Gunst der Goetter und der Energie seiner Buerger, aber mehr
+als beiden den die Maengel der roemischen Kriegfuehrung noch weit
+uebertreffenden Fehlern seiner Feinde.
+
+
+
+
+KAPITEL III.
+Die Ausdehnung Italiens bis an seine natürlichen Grenzen
+
+
+Die italische Eidgenossenschaft, wie sie aus den Krisen des fuenften
+Jahrhunderts hervorgegangen war, oder der Staat Italien vereinigte
+unter roemischer Hegemonie die Stadt- und Gaugemeinden vom Apennin bis
+an das Ionische Meer. Allein bevor noch das fuenfte Jahrhundert zu Ende
+ging, waren diese Grenzen bereits nach beiden Seiten hin
+ueberschritten, waren jenseits des Apennin wie jenseits des Meeres
+italische, der Eidgenossenschaft angehoerige Gemeinden entstanden. Im
+Norden hatte die Republik, alte und neue Unbill zu raechen, bereits im
+Jahre 471 (283) die keltischen Senonen vernichtet, im Sueden in dem
+grossen Kriege 490-513 (264-241) die Phoeniker von der sizilischen
+Insel verdraengt. Dort gehoerte ausser der Buergeransiedlung Sena
+namentlich die latinische Stadt Ariminum, hier die Mamertinergemeinde
+in Messana zu der von Rom geleiteten Verbindung, und wie beide national
+italischen Ursprungs waren, so hatten auch beide teil an den gemeinen
+Rechten und Pflichten der italischen Eidgenossenschaft. Es mochten mehr
+die augenblicklich draengenden Ereignisse als eine umfassende
+politische Berechnung diese Erweiterungen hervorgerufen haben; aber
+begreiflicherweise brach wenigstens jetzt, nach den grossen, gegen
+Karthago erstrittenen Erfolgen, bei der roemischen Regierung eine neue
+und weitere politische Idee sich Bahn, welche die natuerliche
+Beschaffenheit der Halbinsel ohnehin schon nahe genug legte. Politisch
+und militaerisch war es wohl gerechtfertigt, die Nordgrenze von dem
+niedrigen und leicht zu ueberschreitenden Apennin an die maechtige
+Scheidewand Nord- und Suedeuropas, die Alpen, zu verlegen und mit der
+Herrschaft ueber Italien die ueber die Meere und Inseln im Westen und
+Osten der Halbinsel zu vereinigen; und nachdem durch die Vertreibung
+der Phoeniker aus Sizilien der schwerste Teil getan war, vereinigten
+sich mancherlei Umstaende, um der roemischen Regierung die Vollendung
+des Werkes zu erleichtern.
+
+In der Westsee, die fuer Italien bei weitem mehr in Betracht kam als
+das Adriatische Meer, war die wichtigste Stellung, die grosse
+fruchtbare und hafenreiche Insel Sizilien, durch den karthagischen
+Frieden zum groesseren Teil in den Besitz der Roemer uebergegangen.
+Koenig Hieron von Syrakus, der in den letzten zweiundzwanzig
+Kriegsjahren unerschuetterlich an dem roemischen Buendnis festgehalten
+hatte, haette auf eine Gebietserweiterung billigen Anspruch gehabt;
+allein wenn die roemische Politik den Krieg in dem Entschluss begonnen
+hatte, nur sekundaere Staaten auf der Insel zu dulden, so ging bei
+Beendigung desselben ihre Absicht entschieden schon auf den Eigenbesitz
+Siziliens. Hieron mochte zufrieden sein, dass ihm sein Gebiet - das
+heisst ausser dem unmittelbaren Bezirk von Syrakus die Feldmarken von
+Eloros, Neeton, Akrae, Leontini, Megara und Tauromenion - und seine
+Selbstaendigkeit gegen das Ausland, in Ermangelung jeder Veranlassung,
+ihm diese zu schmaelern, beides im bisherigen Umfang gelassen ward, und
+dass der Krieg der beiden Grossmaechte nicht mit dem voelligen Sturz
+der einen oder der anderen geendigt hatte und also fuer die sizilische
+Mittelmacht wenigstens noch die Moeglichkeit des Bestehens blieb. In
+dem uebrigen bei weitem groesseren Teile Siziliens, in Panormos,
+Lilybaeon, Akragas, Messana, richteten die Roemer sich haeuslich ein.
+Sie bedauerten nur, dass der Besitz des schoenen Eilandes doch nicht
+ausreichte, um die westliche See in ein roemisches Binnenmeer zu
+verwandeln, solange noch Sardinien karthagisch blieb. Da eroeffnete
+sich bald nach dem Friedensschluss eine unerwartete Aussicht, auch
+diese zweite Insel des Mittelmeeres den Karthagern zu entreissen. In
+Afrika hatten unmittelbar nach dem Abschluss des Friedens mit Rom die
+Soeldner und die Untertanen gemeinschaftlich gegen die Phoeniker sich
+empoert. Die Schuld der gefaehrlichen Insurrektion trug wesentlich die
+karthagische Regierung. Hamilkar hatte in den letzten Kriegsjahren
+seinen sizilischen Soeldnern den Sold nicht wie frueher aus eigenen
+Mitteln auszahlen koennen und vergeblich Geldsendungen von daheim
+erbeten; er moege, hiess es, die Mannschaft nur zur Abloehnung nach
+Afrika senden. Er gehorchte, aber da er die Leute kannte, schiffte er
+sie vorsichtig in kleineren Abteilungen ein, damit man sie truppweise
+abloehnen oder mindestens auseinanderlegen koenne, und legte selber
+hierauf den Oberbefehl nieder. Allein alle Vorsicht scheiterte, nicht
+so sehr an den leeren Kassen als an dem kollegialischen Geschaeftsgang
+und dem Unverstand der Buerokratie. Man wartete, bis das gesamte Heer
+wieder in Libyen vereinigt stand und versuchte dann, den Leuten an dem
+versprochenen Solde zu kuerzen. Natuerlich entstand eine Meuterei unter
+den Truppen, und das unsichere und feige Benehmen der Behoerden zeigte
+den Meuterern, was sie wagen konnten. Die meisten von ihnen waren
+gebuertig aus den von Karthago beherrschten oder abhaengigen
+Distrikten; sie kannten die Stimmung, welche die von der Regierung
+dekretierte Schlaechterei nach dem Zuge des Regulus und der
+fuerchterliche Steuerdruck dort ueberall hervorgerufen hatten, und
+kannten auch ihre Regierung, die nie Wort hielt und nie verzieh: sie
+wussten, was ihrer wartete, wenn sie mit dem meuterisch erpressten
+Solde sich nach Hause zerstreuten. Seit langem hatte man in Karthago
+sich die Mine gegraben und bestellte jetzt selbst die Leute, die nicht
+anders konnten, als sie anzuenden. Wie ein Lauffeuer ergriff die
+Revolution Besatzung um Besatzung, Dorf um Dorf; die libyschen Frauen
+trugen ihren Schmuck herbei, um den Soeldnern die Loehnung zu zahlen;
+eine Menge karthagischer Buerger, darunter einige der ausgezeichnetsten
+Offiziere des sizilischen Heeres, wurden das Opfer der erbitterten
+Menge; schon war Karthago von zwei Seiten belagert und das aus der
+Stadt ausrueckende karthagische Heer durch die Verkehrtheit des
+ungeschickten Fuehrers gaenzlich geschlagen.
+
+Wie man also in Rom den gehassten und immer noch gefuerchteten Feindin
+groesserer Gefahr schweben sah, als je die roemischen Kriege ueber ihn
+gebracht hatten, fing man an, mehr und mehr den Friedensschluss von 513
+(241) zu bereuen, der, wenn er nicht wirklich voreilig war, jetzt
+wenigstens allen voreilig erschien, und zu vergessen, wie erschoepft
+damals der eigene Staat gewesen war, wie maechtig der karthagische
+damals dagestanden hatte. Die Scham verbot zwar, mit den karthagischen
+Rebellen offen in Verbindung zu treten, ja man gestattete den
+Karthagern ausnahmsweise, zu diesem Krieg in Italien Werbungen zu
+veranstalten, und untersagte den italischen Schiffern, mit den Libyern
+zu verkehren. Indes darf bezweifelt werden, ob es der Regierung von Rom
+mit diesen bundesfreundlichen Verfuegungen sehr ernst war. Denn als
+nichtsdestoweniger der Verkehr der afrikanischen Insurgenten mit den
+roemischen Schiffern fortging und Hamilkar, den die aeusserste Gefahr
+wieder an die Spitze der karthagischen Armee zurueckgefuehrt hatte,
+eine Anzahl dabei betroffener italischer Kapitaene aufgriff und
+einsteckte, verwandte sich der Senat fuer dieselben bei der
+karthagischen Regierung und bewirkte ihre Freigebung. Auch die
+Insurgenten selbst schienen in den Roemern ihre natuerlichen
+Bundesgenossen zu erkennen; die sardinischen Besatzungen, welche gleich
+der uebrigen karthagischen Armee sich fuer die Aufstaendischen erklaert
+hatten, boten, als sie sich ausserstande sahen, die Insel gegen die
+Angriffe der unbezwungenen Gebirgsbewohner aus dem Innern zu halten,
+den Besitz derselben den Roemern an (um 515 239); und aehnliche
+Anerbietungen kamen sogar von der Gemeinde Utica, welche ebenfalls an
+dem Aufstand teilgenommen hatte und nun durch die Waffen Hamilkars aufs
+aeusserste bedraengt ward. Das letztere Anerbieten wies man in Rom
+zurueck, hauptsaechlich wohl, weil es ueber die natuerlichen Grenzen
+Italiens hinaus und also weitergefuehrt haben wuerde, als die roemische
+Regierung damals zu gehen gedachte; dagegen ging sie auf die
+Anerbietungen der sardinischen Meuterer ein und uebernahm von ihnen,
+was von Sardinien in den Haenden der Karthager gewesen war (516 238).
+Mit schwererem Gewicht als in der Angelegenheit der Mamertiner trifft
+die Roemer hier der Tadel, dass die grosse und siegreiche Buergerschaft
+es nicht verschmaehte, mit dem feilen Soeldnergesindel Bruederschaft zu
+machen und den Raub zu teilen, und es nicht ueber sich gewann, dem
+Gebote des Rechtes und der Ehre den augenblicklichen Gewinn
+nachzusetzen. Die Karthager, deren Bedraengnis eben um die Zeit der
+Besetzung Sardiniens aufs hoechste gestiegen war, schwiegen vorlaeufig
+ueber die unbefugte Vergewaltigung; nachdem indes diese Gefahr wider
+Erwarten und wahrscheinlich wider Verhoffen der Roemer durch Hamilkars
+Genie abgewendet und Karthago in Afrika wieder in seine volle
+Herrschaft eingesetzt worden war (517 237), erschienen sofort in Rom
+karthagische Gesandte, um die Rueckgabe Sardiniens zu fordern. Allein
+die Roemer, nicht geneigt, den Raub wieder herauszugeben, antworteten
+mit nichtigen oder doch nicht hierher gehoerenden Beschwerden ueber
+allerlei Unbill, die die Karthager roemischen Handelsleuten zugefuegt
+haben sollten, und eilten, den Krieg zu erklaeren ^1; der Satz, dass in
+der Politik jeder darf, was er kann, trat hervor in seiner
+unverhuellten Schamlosigkeit. Die gerechte Erbitterung hiess die
+Karthager, den gebotenen Krieg annehmen; haette Catulus fuenf Jahre
+zuvor auf Sardiniens Abtretung bestanden, der Krieg wuerde
+wahrscheinlich seinen Fortgang gehabt haben. Allein jetzt, wo beide
+Inseln verloren, Libyen in Gaerung, der Staat durch den
+vierundzwanzigjaehrigen Krieg mit Rom und den fast fuenfjaehrigen
+entsetzlichen Buergerkrieg aufs aeusserste geschwaecht war, musste man
+wohl sich fuegen. Nur auf wiederholte flehentliche Bitten und nachdem
+die Phoeniker sich verpflichtet hatten, fuer die mutwillig veranlassten
+Kriegsruestungen eine Entschaedigung von 1200 Talenten (2 Mill. Taler)
+nach Rom zu zahlen, standen die Roemer widerwillig vom Kriege ab. So
+erwarb Rom fast ohne Kampf Sardinien, wozu man Korsika fuegte, die alte
+etruskische Besitzung, in der vielleicht noch vom letzten Kriege her
+einzelne roemische Besatzungen standen. Indes beschraenkten die Roemer,
+eben wie es die Phoeniker getan hatten, sich in Sardinien und mehr noch
+in dem rauhen Korsika auf die Besetzung der Kuesten. Mit den
+Eingeborenen im Innern fuehrte man bestaendige Kriege, oder vielmehr
+man trieb dort die Menschenjagd: man hetzte sie mit Hunden und fuehrte
+die gefangene Ware auf den Sklavenmarkt, aber an eine ernstliche
+Unterwerfung ging man nicht. Nicht um ihrer selbst willen hatte man die
+Inseln besetzt, sondern zur Sicherung Italiens. Seit sie die drei
+grossen Eilande besass, konnte die Eidgenossenschaft das Tyrrhenische
+Meer das ihrige nennen.
+
+——————————————————————-
+
+^1 Dass die Abtretung der zwischen Sizilien und Italien liegenden
+Inseln, die der Friede von 513 (241) den Karthagern vorschrieb, die
+Abtretung Sardiniens nicht einschloss, ist ausgemacht (vgl. 2, 60); es
+ist aber auch schlecht beglaubigt, dass die Roemer die Besetzung der
+Insel drei Jahre nach dem Frieden damit motivierten. Haetten sie es
+getan, so wuerden sie bloss der politischen Schamlosigkeit eine
+diplomatische Albernheit hinzugefuegt haben.
+
+——————————————————————-
+
+Die Gewinnung der Inseln in der italischen Westsee fuehrte in das
+roemische Staatswesen einen Gegensatz ein, der zwar allem Anschein nach
+aus blossen Zweckmaessigkeitsruecksichten und fast zufaellig
+entstanden, aber darum nicht minder fuer die ganze Folgezeit von der
+tiefsten Bedeutung geworden ist; den Gegensatz der festlaendischen und
+der ueberseeischen Verwaltungsform oder, um die spaeter gelaeufigen
+Bezeichnungen zu brauchen, den Gegensatz Italiens und der Provinzen.
+Bis dahin hatten die beiden hoechsten Beamten der Gemeinde, die
+Konsuln, einen gesetzlich abgegrenzten Sprengel nicht gehabt, sondern
+ihr Amtsbezirk sich soweit erstreckt wie ueberhaupt das roemische
+Regiment; wobei es sich natuerlich von selbst versteht, dass sie
+faktisch sich in das Amtsgebiet teilten, und ebenso sich von selbst
+versteht, dass sie in jedem einzelnen Bezirk ihres Sprengels durch die
+dafuer bestehenden Bestimmungen gebunden waren, also zum Beispiel die
+Gerichtsbarkeit ueber roemische Buerger ueberall dem Praetor zu
+ueberlassen und in den latinischen und sonst autonomen Gemeinden die
+bestehenden Vertraege einzuhalten hatten. Die seit 487 (267) durch
+Italien verteilten vier Quaestoren beschraenkten die konsularische
+Amtsgewalt formell wenigstens nicht, indem sie in Italien ebenso wie in
+Rom lediglich als von den Konsuln abhaengige Hilfsbeamte betrachtet
+wurden. Man scheint diese Verwaltungsweise anfaenglich auch auf die
+Karthago abgenommenen Gebiete erstreckt und Sizilien wie Sardinien
+einige Jahre durch Quaestoren unter Oberaufsicht der Konsuln regiert zu
+haben; allein sehr bald wusste man sich praktisch von der
+Unentbehrlichkeit eigener Oberbehoerden fuer die ueberseeischen
+Landschaften ueberzeugen. Wie man die Konzentrierung der roemischen
+Jurisdiktion in der Person des Praetors bei der Erweiterung der
+Gemeinde hatte aufgeben und in die entfernteren Bezirke
+stellvertretende Gerichtsherren hatte senden muessen, ebenso masste
+jetzt (527 227) auch die administrativ-militaerische Konzentration in
+der Person der Konsuln aufgegeben werden. Fuer jedes der neuen
+ueberseeischen Gebiete, sowohl fuer Sizilien wie fuer Sardinien nebst
+Korsika, ward ein besonderer Nebenkonsul eingesetzt, welcher an Rang
+und Titel dem Konsul nach- und dem Praetor gleichstand, uebrigens aber,
+gleich dem Konsul der aelteren Zeit vor Einsetzung der Praetur, in
+seinem Sprengel zugleich Oberfeldherr, Oberamtmann und Oberrichter war.
+Nur die unmittelbare Kassenverwaltung ward wie von Haus aus den
+Konsuln, so auch diesen neuen Oberbeamten entzogen und ihnen ein oder
+mehrere Quaestoren zugegeben, die zwar in alle Wege ihnen untergeordnet
+und in der Rechtspflege wie im Kommando ihre Gehilfen waren, aber doch
+die Kassenverwaltung zu fuehren und darueber nach Niederlegung ihres
+Amtes dem Senat Rechnung zu legen hatten.
+
+Diese Verschiedenheit in der Oberverwaltung schied wesentlich die
+ueberseeischen Besitzungen Roms von den festlaendischen. Die
+Grundsaetze, nach denen Rom die abhaengigen Landschaften in Italien
+organisiert hatte, wurden grossenteils auch auf die ausseritalischen
+Besitzungen uebertragen. Dass die Gemeinden ohne Ausnahme die
+Selbstaendigkeit dem Auslands gegenueber verloren, versteht sich von
+selbst. Was den inneren Verkehr anlangt, so durfte fortan kein
+Provinziale ausserhalb seiner eigenen Gemeinde in der Provinz rechtes
+Eigentum erwerben, vielleicht auch nicht eine rechte Ehe schliessen.
+Dagegen gestattete die roemische Regierung wenigstens den sizilischen
+Staedten, die man nicht zu fuerchten hatte, eine gewisse foederative
+Organisation und wohl selbst allgemeine sikeliotische Landtage mit
+einem unschaedlichen Petitions- und Beschwerderecht ^2. Im Muenzwesen
+war es zwar nicht wohl moeglich, das roemische Courant sofort auch auf
+den Inseln zum allein gueltigen zu erklaeren; aber gesetzlichen Kurs
+scheint dasselbe doch von vornherein erhalten zu haben und ebenso,
+wenigstens in der Regel, den Staedten im roemischen Sizilien das Recht,
+in edlen Metallen, zu muenzen, entzogen worden zu sein ^3. Dagegen
+blieb nicht bloss das Grundeigentum in ganz Sizilien unangetastet - der
+Satz, dass das ausseritalische Land durch Kriegsrecht den Roemern zu
+Privateigentum verfallen sei, war diesem Jahrhundert noch unbekannt -,
+sondern es behielten auch die saemtlichen sizilischen und sardinischen
+Gemeinden die Selbstverwaltung und eine gewisse Autonomie, die freilich
+nicht in rechtsverbindlicher Weise ihnen zugesichert, sondern
+provisorisch zugelassen ward. Wenn die demokratischen
+Gemeindeverfassungen ueberall beseitigt und in jeder Stadt die Macht in
+die Haende des die staedtische Aristokratie repraesentierenden
+Gemeinderates gelegt ward; wenn ferner wenigstens die sizilischen
+Gemeinden angewiesen wurden, jedes fuenfte Jahr dem roemischen Zensus
+korrespondierend eine Gemeindeschaetzung zu veranstalten, so war beides
+nur eine notwendige Folge der Unterordnung unter den roemischen Senat,
+welcher mit griechischen Ekklesien und ohne Uebersicht der finanziellen
+und militaerischen Hilfsmittel einer jeden abhaengigen Gemeinde in der
+Tat nicht regieren konnte; und auch in den italischen Landschaften war
+in dieser wie in jener Hinsicht das gleiche geschehen.
+
+—————————————————————————-
+
+^2 Dahin fuehren teils das Auftretender “Siculer” gegen Marcellus (Liv.
+26, 26 f.), teils die “Gesamteingaben aller sizilischen Gemeinden”
+(Cic. Verr. 2, 42, 102; 45, 114; 50,146; 3, 88, 204), teils bekannte
+Analogien (Marquardt, Landbuch Bd. 3 1, S. 267). Aus dem mangelnden
+commercium zwischen den einzelnen Staedten folgt der Mangel des
+concilium noch keineswegs.
+
+^3 So streng wie in Italien ward das Gold- und Silbermuenzrecht in den
+Provinzen nicht von Rom monopolisiert, offenbar weil auf das nicht auf
+roemischen Fuss geschlagene Gold- und Silbergeld es weniger ankam. Doch
+sind unzweifelhaft auch hier die Praegstaetten in der Regel auf Kupfer-
+oder hoechstens silberne Kleinmuenze beschraenkt worden; eben die am
+besten gestellten Gemeinden des roemischen Sizilien, wie die
+Mamertiner, die Kentoripiner, die Halaesiner, die Segestaner,
+wesentlich auch die Panormitaner haben nur Kupfer geschlagen.
+
+———————————————————————
+
+Aber neben dieser wesentlichen Rechtsgleichheit stellte sich zwischen
+den italischen einer- und den ueberseeischen Gemeinden andererseits ein
+folgenreicher Unterschied fest. Waehrend die mit den italischen
+Staedten abgeschlossenen Vertraege denselben ein festes Kontingent zu
+dem Heer oder der Flotte der Roemer auferlegten, wurden den
+ueberseeischen Gemeinden, mit denen eine bindende Paktierung ueberhaupt
+nicht eingegangen ward, dergleichen Zuzug nicht auferlegt, sondern sie
+verloren das Waffenrecht ^4, nur dass sie nach Aufgebot des roemischen
+Praetors zur Verteidigung ihrer eigenen Heimat verwendet werden
+konnten. Die roemische Regierung sandte regelmaessig italische Truppen
+in der von ihr festgesetzten Staerke auf die Inseln; dafuer wurde der
+Zehnte der sizilischen Feldfruechte und ein Zoll von fuenf Prozent des
+Wertes aller in den sizilischen Haefen aus- und eingehenden
+Handelsartikel nach Rom entrichtet. Den Insulanern waren diese Abgaben
+nichts Neues. Die Abgaben, welche die karthagische Republik und der
+persische Grosskoenig sich zahlen liessen, waren jenem Zehnten
+wesentlich gleichartig; und auch in Griechenland war eine solche
+Besteuerung nach orientalischem Muster von jeher mit der Tyrannis und
+oft auch mit der Hegemonie verknuepft gewesen. Die Sizilianer hatten
+laengst in dieser Weise den Zehnten entweder nach Syrakus oder nach
+Karthago entrichtet und laengst auch die Hafenzoelle nicht mehr fuer
+eigene Rechnung erhoben. “Wir haben”, sagt Cicero, “die sizilischen
+Gemeinden also in unsere Klientel und in unseren Schutz aufgenommen,
+dass sie bei dem Rechte blieben, nach welchem sie bisher gelebt hatten,
+und unter denselben Verhaeltnissen der roemischen Gemeinde gehorchten,
+wie sie bisher ihren eigenen Herren gehorcht hatten.” Es ist billig,
+dies nicht zu vergessen; aber im Unrecht fortfahren heisst auch Unrecht
+tun. Nicht fuer die Untertanen, die nur den Herrn wechselten, aber wohl
+fuer ihre neuen Herren war das Aufgeben des ebenso weisen wie
+grossherzigen Grundsatzes der roemischen Staatsordnung, von den
+Untertanen nur Kriegshilfe und nie statt derselben Geldentschaedigung
+anzunehmen, von verhaengnisvoller Bedeutung, gegen die alle Milderungen
+in den Ansaetzen und der Erhebungsweise sowie alle Ausnahmen im
+einzelnen verschwanden. Solche Ausnahmen wurden allerdings mehrfach
+gemacht. Messana trat geradezu in die Eidgenossenschaft der Togamaenner
+ein und stellte wie die griechischen Staedte in Italien sein Kontingent
+zu der roemischen Flotte. Einer Reihe anderer Staedte wurde zwar nicht
+der Eintritt in die italische Wehrgenossenschaft, aber ausser anderen
+Beguenstigungen Freiheit von Steuer und Zehnten zugestanden, so dass
+ihre Stellung in finanzieller Hinsicht selbst noch guenstiger war als
+die der italischen Gemeinden. Es waren dies Egesta und Halikyae, welche
+zuerst unter den Staedten des karthagischen Sizilien zum roemischen
+Buendnis uebergetreten waren; Kentoripa im oestlichen Binnenland, das
+bestimmt war, das syrakusanische Gebiet in naechster Naehe zu
+ueberwachen ^5; an der Nordkueste Halaesa, das zuerst von den freien
+griechischen Staedten den Roemern sich angeschlossen hatte; und vor
+allem Panormos, bisher die Hauptstadt des karthagischen Sizilien und
+jetzt bestimmt, die des roemischen zu werden. Den alten Grundsatz ihrer
+Politik, die abhaengigen Gemeinden in sorgfaeltig abgestufte Klassen
+verschiedenen Rechts zu gliedern, wandten die Roemer also auch auf
+Sizilien an; aber durchschnittlich standen die sizilischen und
+sardinischen Gemeinden nicht im bundesgenoessischen, sondern in dem
+offenkundigen Verhaeltnis steuerpflichtiger Untertaenigkeit.
+
+—————————————————————————-
+
+^4 Darauf geht Hierons Aeusserung (Liv. 22, 37): es sei ihm bekannt,
+dass die Roemer sich keiner anderen Infanterie und Reiterei als
+roemischer oder latinischer bedienten und “Auslaender” nur hoechstens
+unter den Leichtbewaffneten verwendeten.
+
+^5 Das zeigt schon ein Blick auf die Karte, aber ebenso die
+merkwuerdige Bestimmung, dass es den Kentoripinern ausnahmsweise
+gestattet blieb, sich in ganz Sizilien anzukaufen. Sie bedurften als
+roemische Aufpasser der freiesten Bewegung. Uebrigens scheint Kentoripa
+auch unter den ersten zu Rom uebergetretenen Staedten gewesen zu sein
+(Diod. 1, 23 p. 501).
+
+—————————————————————————
+
+Allerdings fiel dieser tiefgreifende Gegensatz zwischen den zuzug- und
+den steuer- oder doch wenigstens nicht zuzugpflichtigen Gemeinden mit
+dem Gegensatz zwischen Italien und den Provinzen nicht in rechtlich
+notwendiger Weise zusammen. Es konnten auch ueberseeische Gemeinden der
+italischen Eidgenossenschaft angehoeren, wie denn die Mamertiner mit
+den italischen Sabellern wesentlich auf einer Linie standen, und selbst
+der Neugruendung von Gemeinden latinischen Rechts stand in Sizilien und
+Sardinien rechtlich so wenig etwas im Wege wie in dem Lande jenseits
+des Apennin. Es konnten auch festlaendische Gemeinden des Waffenrechts
+entbehren und tributaer sein, wie dies fuer einzelne keltische
+Distrikte am Po wohl schon jetzt galt und spaeter in ziemlich
+ausgedehntem Umfange eingefuehrt ward. Allein der Sache nach ueberwogen
+die zuzugpflichtigen Gemeinden ebenso entschieden auf dem Festlande wie
+die steuerpflichtigen auf den Inseln; und waehrend weder in dem
+hellenisch zivilisierten Sizilien noch auf Sardinien italische
+Ansiedelungen roemischerseits beabsichtigt wurden, stand es bei der
+roemischen Regierung ohne Zweifel schon jetzt fest, das barbarische
+Land zwischen Apennin und Alpen nicht bloss sich zu unterwerfen,
+sondern auch, wie die Eroberung fortschritt, dort neue Gemeinden
+italischen Ursprungs und italischen Rechts zu konstituieren. Also
+wurden die ueberseeischen Besitzungen nicht bloss Untertanenland,
+sondern sie waren auch bestimmt, es fuer alle Zukunft zu bleiben;
+dagegen der neu abgegrenzte gesetzliche Amtsbezirk der Konsuln oder,
+was dasselbe ist, das festlaendische roemische Gebiet sollte ein neues
+und weiteres Italien werden, das von den Alpen bis zum Ionischen Meere
+reichte. Vorerst freilich fiel dies Italien als wesentlich
+geographischer Begriff mit dem politischen der italischen
+Eidgenossenschaft nicht durchaus zusammen und war teils weiter, teils
+enger. Aber schon jetzt betrachtete man den ganzen Raum bis zur
+Alpengrenze als Italia, das heisst als gegenwaertiges oder kuenftiges
+Gebiet der Togatraeger und steckte, aehnlich wie es in Nordamerika
+geschah und geschieht, die Grenze vorlaeufig geographisch ab, um sie
+mit der weiter vorschreitenden Kolonisierung allmaehlich auch politisch
+vorzuschieben ^6.
+
+—————————————————————-
+
+^6 Dieser Gegensatz zwischen Italien als dem roemischen Festland oder
+dem konsularischen Sprengel einer- und dem ueberseeischen Gebiet oder
+den Praetorensprengeln andererseits erscheint schon im sechsten
+Jahrhundert in mehrfachen Anwendungen. Die Religionsvorschrift, dass
+gewisse Priester Rom nicht verlassen durften (Val. Max. 1, 1, 2), ward
+dahin ausgelegt, dass es ihnen nicht gestattet sei, das Meer zu
+ueberschreiten (Liv. ep. 19; 36; 51; Tac. ann. 3, 58; 71; Cic. Phil.
+11, 8; 18; vgl. Liv. 28, 38; 44; ep. 59). Bestimmter noch gehoert
+hierher die Auslegung, welche von der alten Vorschrift, dass der Konsul
+nur “auf roemischem Boden” den Diktator ernennen duerfe, im Jahre 544
+vorgetragen wird: der roemische Boden begreife ganz Italien in sich
+(Liv. 27, 5). Die Einrichtung des keltischen Landes zwischen den Alpen
+und dem Apennin zu einem eigenen, vom konsularischen verschiedenen und
+einem besonderen staendigen Oberbeamten unterworfenen Sprengel gehoert
+erst Sulla an. Es wird natuerlich dagegen niemand geltend machen, dass
+schon im sechsten Jahrhundert sehr haeufig Gallia oder Ariminum als
+“Amtsbezirk” (provincia) gewoehnlich eines der Konsuln genannt wird.
+Provincia ist bekanntlich in der aelteren Sprache nicht, was es spaeter
+allein bedeutet, ein raeumlich abgegrenzter, einem staendigen
+Oberbeamten unterstellter Sprengel, sondern die fuer den einzelnen
+Konsul zunaechst durch Uebereinkommen mit seinem Kollegen unter
+Mitwirkung des Senats festgestellte Kompetenz; und in diesem Sinn sind
+haeufig einzelne norditalische Landschaften oder auch Norditalien
+ueberhaupt einzelnen Konsuln als provincia ueberwiesen worden.
+
+——————————————————————
+
+Im Adriatischen Meer, an dessen Eingang die wichtige und laengst
+vorbereitete Kolonie Brundisium endlich noch waehrend des Krieges mit
+Karthago gegruendet worden war (510 244), war Roms Suprematie von
+vornherein entschieden. In der Westsee hatte Rom den Rivalen beseitigen
+muessen; in der oestlichen sorgte schon die hellenische Zwietracht
+dafuer, dass alle Staaten auf der griechischen Halbinsel ohnmaechtig
+blieben oder wurden. Der bedeutendste derselben, der makedonische, war
+unter dem Einfluss Aegyptens vom oberen Adriatischen Meer durch die
+Aetoler wie aus dem Peloponnes durch die Achaeer verdraengt worden und
+kaum noch imstande, die Nordgrenze gegen die Barbaren zu schuetzen. Wie
+sehr den Roemern daran gelegen war, Makedonien und dessen natuerlichen
+Verbuendeten, den syrischen Koenig, niederzuhalten, und wie eng sie
+sich anschlossen an die eben darauf gerichtete aegyptische Politik,
+beweist das merkwuerdige Anerbieten, das sie nach dem Ende des Krieges
+mit Karthago dem Koenig Ptolemaeos III. Euergetes machten, ihn in dem
+Kriege zu unterstuetzen, den er wegen Berenikes Ermordung gegen
+Seleukos II. Kallinikos von Syrien (reg. 507-529 247-225) fuehrte und
+bei dem wahrscheinlich Makedonien fuer den letztern Partei genommen
+hatte. Ueberhaupt werden die Beziehungen Roms zu den hellenistischen
+Staaten enger; auch mit Syrien verhandelte der Senat schon und
+verwandte sich bei dem ebengenannten Seleukos fuer die stammverwandten
+Ilier.
+
+Einer unmittelbaren Einmischung in die Angelegenheiten der oestlichen
+Maechte bedurfte es zunaechst nicht. Die achaeische Eidgenossenschaft,
+die im Aufbluehen geknickt ward durch die engherzige Coteriepolitik des
+Aratos, die aetolische Landsknechtrepublik, das verfallene
+Makedonierreich hielten selber einer den andern nieder; und
+ueberseeischen Laendergewinn vermied man damals eher in Rom, als dass
+man ihn suchte. Als die Akarnanen, sich darauf berufend, dass sie
+allein unter allen Griechen nicht teilgenommen haetten an der
+Zerstoerung Ilions, die Nachkommen des Aeneas um Hilfe baten gegen die
+Aetoler, versuchte der Senat zwar eine diplomatische Verwendung; allein
+da die Aetoler darauf eine nach ihrer Weise abgefasste, das heisst
+unverschaemte Antwort erteilten, ging das antiquarische Interesse der
+roemischen Herren doch keineswegs so weit, um dafuer einen Krieg
+anzufangen, durch den sie die Makedonier von ihrem Erbfeind befreit
+haben wuerden (um 515 239).
+
+Selbst den Unfug der Piraterie, die bei solcher Lage der Dinge
+begreiflicherweise das einzige Gewerbe war, das an der adriatischen
+Kueste bluehte und vor der auch der italische Handel viel zu leiden
+hatte, liessen sich die Roemer mit einer Geduld, die mit ihrer
+gruendlichen Abneigung gegen den Seekrieg und ihrem schlechten
+Flottenwesen eng zusammenhing, laenger als billig gefallen. Allein
+endlich ward es doch zu arg. Unter Beguenstigung Makedoniens, das keine
+Veranlassung mehr fand, sein altes Geschaeft der Beschirmung des
+hellenischen Handels vor den adriatischen Korsaren zu Gunsten seiner
+Feinde fortzufuehren, hatten die Herren von Skodra die illyrischen
+Voelkerschaften, etwa die heutigen Dalmatiner, Montenegriner und
+Nordalbanesen, zu gemeinschaftlichen Piratenzuegen im grossen Stil
+vereinigt; mit ganzen Geschwadern ihrer schnellsegelnden Zweidecker,
+der bekannten “liburnischen” Schiffe, fuehrten die Illyrier den Krieg
+gegen jedermann zur See und an den Kuesten. Die griechischen
+Ansiedlungen in diesen Gegenden, die Inselstaedte Issa (Lissa) und
+Pharos (Lesina), die wichtigen Kuestenplaetze Epidamnos (Durazzo) und
+Apollonia (noerdlich von Avlona am Aoos), hatten natuerlich vor allem
+zu leiden und sahen sich wiederholt von den Barbaren belagert. Aber
+noch weiter suedlich, in Phoenike, der bluehendsten Stadt von Epeiros,
+setzten die Korsaren sich fest; halb gezwungen, halb freiwillig traten
+die Epeiroten und Akarnanen mit den fremden Raeubern in eine
+unnatuerliche Symmachie; bis nach Elis und Messene hin waren die
+Kuesten unsicher. Vergeblich vereinigten die Aetoler und Achaeer, was
+sie an Schiffen hatten, um dem Unwesen zu steuern; in offener
+Seeschlacht wurden sie von den Seeraeubern und deren griechischen
+Bundesgenossen geschlagen; die Korsarenflotte vermochte endlich sogar
+die reiche und wichtige Insel Kerkyra (Korfu) einzunehmen. Die Klagen
+der italischen Schiffer, die Hilfsgesuche der altverbuendeten
+Apolloniaten, die flehenden Bitten der belagerten Issaer noetigten
+endlich den roemischen Senat, wenigstens Gesandte nach Skodra zu
+schicken. Die Brueder Gaius und Lucius Coruncanius kamen, um von dem
+Koenig Agron Abstellung des Unwesens zu fordern. Der Koenig gab zur
+Antwort, dass nach illyrischem Landrecht der Seeraub ein erlaubtes
+Gewerbe sei und die Regierung nicht das Recht habe, der Privatkaperei
+zu wehren; worauf Lucius Coruncanius erwiderte, dass dann Rom es sich
+angelegen sein lassen werde, den Illyriern ein besseres Landrecht
+beizubringen. Wegen dieser, allerdings nicht sehr diplomatischen Replik
+wurde, wie die Roemer behaupteten, auf Geheiss des Koenigs, einer der
+Gesandten auf der Heimkehr ermordet und die Auslieferung der Moerder
+verweigert. Der Senat hatte jetzt keine Wahl mehr. Mit dem Fruehjahr
+525 (229) erschien vor Apollonia eine Flotte von 200 Linienschiffen mit
+einer Landungsarmee an Bord; vor jener zerstoben die Korsarenboote,
+waehrend diese die Raubburgen brach; die Koenigin Teuta, die nach ihres
+Gemahls Agron Tode die Regierung fuer ihren unmuendigen Sohn Pinnes
+fuehrte, musste, in ihrem letzten Zufluchtsort belagert, die
+Bedingungen annehmen, die Rom diktierte. Die Herren von Skodra wurden
+wieder im Norden wie im Sueden auf ihr urspruengliches engbegrenztes
+Gebiet beschraenkt und hatten nicht bloss alle griechischen Staedte,
+sondern auch die Ardiaeer in Dalmatien, die Parthiner um Epidamnos, die
+Atintanen im noerdlichen Epeiros aus ihrer Botmaessigkeit zu entlassen;
+suedlich von Lissos (Alessio zwischen Scutari und Durazzo) sollten
+kuenftig illyrische Kriegsfahrzeuge ueberhaupt nicht und nicht armierte
+nicht ueber zwei zusammen fahren duerfen. Roms Seeherrschaft auf dem
+Adriatischen Meer war in der loeblichsten und dauerhaftesten Weise zur
+vollen Anerkennung gebracht durch die rasche und energische
+Unterdrueckung des Piratenunfugs. Allein man ging weiter und setzte
+sich zugleich an der Ostkueste fest. Die Illyrier von Skodra wurden
+tributpflichtig nach Rom; auf den dalmatinischen Inseln und Kuesten
+wurde Demetrios von Pharos, der aus den Diensten der Teuta in roemische
+getreten war, als abhaengiger Dynast und roemischer Bundesgenosse
+eingesetzt; die griechischen Staedte Kerkyra, Apollonia, Epidamnos und
+die Gemeinden der Atintanen und Parthiner wurden in milden Formen der
+Symmachie an Rom geknuepft. Diese Erwerbungen an der Ostkueste des
+Adriatischen Meeres waren nicht ausgedehnt genug, um einen eigenen
+Nebenkonsul fuer sie einzusetzen: nach Kerkyra und vielleicht auch nach
+anderen Plaetzen scheinen Statthalter untergeordneten Ranges gesandt
+und die Oberaufsicht ueber diese Besitzungen den Oberbeamten, welche
+Italien verwalteten, mit uebertragen worden zu sein ^7. Also traten
+gleich Sizilien und Sardinien auch die wichtigsten Seestationen im
+Adriatischen Meer in die roemische Botmaessigkeit ein. Wie haette es
+auch anders kommen sollen? Rom brauchte eine gute Seestation im oberen
+Adriatischen Meere, welche ihm seine Besitzungen an dem italischen Ufer
+nicht gewaehrten; die neuen Bundesgenossen, namentlich die griechischen
+Handelsstaedte, sahen in den Roemern ihre Retter und taten ohne
+Zweifel, was sie konnten, sich des maechtigen Schutzes dauernd zu
+versichern; im eigentlichen Griechenland, war nicht bloss niemand
+imstande zu widersprechen, sondern das Lob der Befreier auf allen
+Lippen. Man kann fragen, ob der Jubel in Hellas groesser war oder die
+Scham, als statt der zehn Linienschiffe der Achaeischen
+Eidgenossenschaft, der streitbarsten Macht Griechenlands, jetzt
+zweihundert Segel der Barbaren in ihre Haefen einliefen und mit einem
+Schlage die Aufgabe loesten, die den Griechen zukam und an der diese so
+klaeglich gescheitert waren. Aber wenn man sich schaemte, dass die
+Rettung den bedraengten Landsleuten vom Ausland hatte kommen muessen,
+so geschah es wenigstens mit guter Manier; man saeumte nicht, die
+Roemer durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen und den Eleusinischen
+Mysterien feierlich in den hellenischen Nationalverband aufzunehmen.
+
+—————————————————————-
+
+^7 Ein stehender roemischer Kommandant von Kerkyra scheint bei Polyb.
+22,15, 6 (falsch uebersetzt von Liv. 38, 11; vgl. 42, 37), ein solcher
+von Issa bei Liv. 43, 9 vorzukommen. Dazu kommt die Analogie des
+Praefectus pro legato insularem Baliarum (Orelli 732) und des
+Statthalters von Pandataria (IRN 3528). Es scheint danach ueberhaupt in
+der roemischen Verwaltung Regel gewesen zu sein, fuer die entfernteren
+Inseln nicht senatorische praefecti zu bestellen. Diese
+“Stellvertreter” aber setzen ihrem Wesen nach einen Oberbeamten voraus,
+der sie ernennt und beaufsichtigt; und dies koennen in dieser Zeit nur
+die Konsuln gewesen sein. Spaeter, seit Einrichtung der Provinzen
+Makedonien und Gallia Cisalpina, kam die Oberverwaltung an den einen
+dieser beiden Statthalter; wie denn das hier in Rede stehende Gebiet,
+der Kern des spaeteren roemischen Illyricum, bekanntlich zum Teil zu
+Caesars Verwaltungssprengel mit gehoerte.
+
+————————————————————
+
+Makedonien schwieg; es war nicht in der Verfassung, mit den Waffen zu
+protestieren, und verschmaehte, es mit Worten zu tun. Auf Widerstand
+traf man nirgend; aber nichtsdestoweniger hatte Rom, indem es die
+Schluessel zum Hause des Nachbarn an sich nahm, in diesem sich einen
+Gegner geschaffen, von dem, wenn er wieder zu Kraeften oder eine
+guenstige Gelegenheit ihm vorkam, sich erwarten liess, dass er sein
+Schweigen zu brechen wissen werde. Haette der kraeftige und besonnene
+Koenig Antigonos Doson laenger gelebt, so wuerde wohl er schon den
+hingeworfenen Handschuh aufgehoben haben; denn als einige Jahre spaeter
+der Dynast Demetrios von Pharos sich der roemischen, Hegemonie entzog,
+im Einverstaendnis mit den Istriern vertragswidrig Seeraub trieb und
+die von den Roemern fuer unabhaengig erklaerten Atintanen sich
+unterwarf, machte Antigonos Buendnis mit ihm, und Demetrios’ Truppen
+fochten mit in Antigonos’ Heer in der Schlacht bei Sellasia (532 222).
+Allein Antigonos starb (Winter 533/34 221/20); sein Nachfolger
+Philippos, noch ein Knabe, liess es geschehen, dass der Konsul Lucius
+Aemilius Paullus den Verbuendeten Makedoniens angriff, seine Hauptstadt
+zerstoerte und ihn landfluechtig aus seinem Reiche trieb (535 219).
+
+Auf dem Festland des eigentlichen Italien suedlich vom Apennin war
+tiefer Friede seit dem Fall von Tarent; der sechstaegige Krieg mit
+Falerii (513 241) ist kaum etwas mehr als eine Kuriositaet. Aber gegen
+Norden dehnte zwischen dem Gebiet der Eidgenossenschaft und der
+Naturgrenze Italiens, der Alpenkette, noch eine weite Strecke sich aus,
+die den Roemern nicht botmaessig war. Als Grenze Italiens galt an der
+adriatischen Kueste der Aesisfluss, unmittelbar oberhalb Ancona.
+Jenseits dieser Grenze gehoerte die naechstliegende, eigentlich
+gallische Landschaft bis Ravenna einschliesslich in aehnlicher Weise
+wie das eigentliche Italien zu dem roemischen Reichsverband; die
+Senonen, die hier ehemals gesessen hatten, waren in dem Kriege 471/72
+(283/82) ausgerottet und die einzelnen Ortschaften entweder als
+Buergerkolonien, wie Sena gallica, oder als Bundesstaedte, sei es
+latinischen Rechts, wie Ariminum, sei es italischen, wie Ravenna, mit
+Rom verknuepft worden. Auf dem weiten Gebiet jenseits Ravenna bis zu
+der Alpengrenze sassen nichtitalische Voelkerschaften. Suedlich vom Po
+behauptete sich noch der maechtige Keltenstamm der Boier (von Parma bis
+Bologna), neben denen oestlich die Lingonen, westlich (im Gebiet von
+Parma) die Anaren, zwei kleinere, vermutlich in der Klientel der Boier
+stehende keltische Kantone die Ebene ausfuellten. Wo diese aufhoert,
+begannen die Ligurer, die mit einzelnen keltischen Staemmen gemischt
+auf dem Apennin von oberhalb Arezzo und Pisa an sitzend, das
+Quellgebiet des Po innehatten. Von der Ebene nordwaerts vom Po hatten
+die Veneter, verschiedenen Stammes von den Kelten und wohl illyrischer
+Abkunft, den oestlichen Teil etwa von Verona bis zur Kueste im Besitz;
+zwischen ihnen und den westlichen Gebirgen sassen die Cenomanen (um
+Brescia und Cremona), die selten mit der keltischen Nation hielten und
+wohl stark mit Venetern gemischt waren, und die Insubrer (um Mailand),
+dieser der bedeutendste der italischen Keltengaue und in stetiger
+Verbindung nicht bloss mit den kleineren, in den Alpentaelern
+zerstreuten Gemeinden teils keltischer, teils anderer Abkunft, sondern
+auch mit den Keltengauen jenseits der Alpen. Die Pforten der Alpen, der
+maechtige, auf fuenfzig deutsche Meilen schiffbare Strom, die groesste
+und fruchtbarste Ebene des damaligen zivilisierten Europas, waren nach
+wie vor in den Haenden der Erbfeinde des italischen Namens, die, wohl
+gedemuetigt und geschwaecht, doch immer noch kaum dem Namen nach
+abhaengig und immer noch unbequeme Nachbarn, in ihrer Barbarei
+verharrten und duenngesaet in den weiten Flaechen ihre Herden- und
+Plunderwirtschaft fortfuehrten. Man durfte erwarten, dass die Roemer
+eilen wuerden, sich dieser Gebiete zu bemaechtigen; um so mehr als die
+Kelten allmaehlich anfingen, ihrer Niederlagen in den Feldzuegen von
+471 und 472 (283 282) zu vergessen und sich wieder zu regen, ja was
+noch bedenklicher war, die transalpinischen Kelten aufs neue begannen,
+diesseits der Alpen sich zu zeigen. In der Tat hatten bereits im Jahre
+516 (238) die Boier den Krieg erneuert und deren Herren Atis und
+Galatas, freilich ohne Auftrag der Landesgemeinde, die Transalpiner
+aufgefordert, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen; zahlreich
+waren diese dem Ruf gefolgt und im Jahre 518 (236) lagerte ein
+Keltenheer vor Ariminum, wie Italien es lange nicht gesehen hatte. Die
+Roemer, fuer den Augenblick viel zu schwach, um die Schlacht zu
+versuchen, schlossen Waffenstillstand und liessen, um Zeit zu gewinnen,
+Boten der Kelten nach Rom gehen, die im Senat die Abtretung von
+Ariminum zu fordern wagten - es schien, als seien die Zeiten des
+Brennus wiedergekehrt. Aber ein unvermuteter Zwischenfall machte dem
+Krieg ein Ende, bevor er noch recht begonnen hatte. Die Boier,
+unzufrieden mit den ungebetenen Bundesgenossen und wohl fuer ihr
+eigenes Gebiet fuerchtend, gerieten in Haendel mit den Transalpinern;
+es kam zwischen den beiden Keltenheeren zu offener Feldschlacht, und
+nachdem die boischen Haeuptlinge von ihren eigenen Leuten erschlagen
+waren, kehrten die Transalpiner heim. Damit waren die Boier den Roemern
+in die Haende gegeben, und es hing nur von diesen ab, sie gleich den
+Senonen auszutreiben und wenigstens bis an den Po vorzudringen; allein
+es ward vielmehr denselben gegen die Abtretung einiger Landstriche der
+Friede gewaehrt (518 236). Das mag damals geschehen sein, weil man eben
+den Wiederausbruch des Kriegs mit Karthago erwartete; aber nachdem
+dieser durch die Abtretung Sardiniens abgewandt worden war, forderte es
+die richtige Politik der roemischen Regierung, das Land bis an die
+Alpen so rasch und so vollstaendig wie moeglich in Besitz zu nehmen.
+Die bestaendigen Besorgnisse der Kelten vor einer solchen roemischen
+Invasion sind darum hinreichend gerechtfertigt; indes die Roemer
+beeilten sich eben nicht. So begannen denn die Kelten ihrerseits den
+Krieg, sei es, dass die roemischen Ackerverteilungen an der Ostkueste
+(522 232), obwohl zunaechst nicht gegen sie gerichtet, sie besorgt
+gemacht hatten, sei es, dass sie die Unvermeidlichkeit eines Krieges
+mit Rom um den Besitz der Lombardei begriffen, sei es, was vielleicht
+das Wahrscheinlichste ist, dass das ungeduldige Kelterwolk wieder
+einmal des Sitzens muede war und eine neue Heerfahrt zu ruesten
+beliebte. Mit Ausschluss der Cenomanen, die mit den Venetern hielten
+und sich fuer die Roemer erklaerten, traten dazu saemtliche italische
+Kelten zusammen, und ihnen schlossen sich unter den Fuehrern
+Concolitanus und Aneroestus zahlreich die Kelten des oberen Rhonetals
+oder vielmehr deren Reislaeufer an ^8. Mit 50000 zu Fuss und 20000 zu
+Ross oder zu Wagen kaempfenden Streitern rueckten die Fuehrer der
+Kelten auf den Apennin zu (529 225). Von dieser Seite hatte man in Rom
+sich des Angriffs nicht versehen und nicht erwartet, dass die Kelten
+mit Vernachlaessigung der roemischen Festungen an der Ostkueste und des
+Schutzes der eigenen Stammesgenossen geradeswegs gegen die Hauptstadt
+vorzugehen wagen wuerden. Nicht gar lange vorher hatte ein aehnlicher
+Keltenschwarm in ganz gleicher Weise Griechenland ueberschwemmt; die
+Gefahr war ernst und schien noch ernster, als sie war. Der Glaube, dass
+Roms Untergang diesmal unvermeidlich und der roemische Boden vom
+Verhaengnis gallisch zu werden bestimmt sei, war selbst in Rom unter
+der Menge so allgemein verbreitet, dass sogar die Regierung es nicht
+unter ihrer Wuerde hielt, den krassen Aberglauben des Poebels durch
+einen noch krasseren zu bannen und zur Erfuellung des Schicksalspruchs
+einen gallischen Mann und eine gallische Frau auf dem roemischen Markt
+lebendig begraben zu lassen. Daneben traf man ernstlichere Anstalten.
+Von den beiden konsularischen Heeren, deren jedes etwa 25000 Mann zu
+Fuss und 1100 Reiter zaehlte, stand das eine unter Gaius Atilius
+Regulus in Sardinien, das zweite unter Lucius Aemilius Papus bei
+Ariminum; beide erhielten Befehl, sich so schnell wie moeglich nach dem
+zunaechst bedrohten Etrurien zu begeben. Schon hatten gegen die mit Rom
+verbuendeten Cenomanen und Veneter die Kelten eine Besatzung in der
+Heimat zuruecklassen muessen; jetzt ward auch der Landsturm der Umbrer
+angewiesen, von den heimischen Bergen herab in die Ebene der Boier
+einzuruecken und dem Feinde auf seinen eigenen Aeckern jeden
+erdenklichen Schaden zuzufuegen. Die Landwehr der Etrusker und Sabiner
+sollte den Apennin besetzen und womoeglich sperren, bis die regulaeren
+Truppen eintreffen koennten. In Rom bildete sich eine Reserve von 50000
+Mann; durch ganz Italien, das diesmal in Rom seinen rechten Vorkaempfer
+sah, wurde die dienstfaehige Mannschaft verzeichnet, Vorraete und
+Kriegsmaterial zusammengebracht.
+
+——————————————————————-
+
+^8 Dieselben, die Polybios bezeichnet als “die Kelten in den Alpen und
+an der Rhone, die man wegen ihrer Reislaeuferei Gaesaten (Landsknechte)
+nenne”, werden in den kapitolinischen Fasten Germani genannt. Moeglich
+ist es, dass die gleichzeitige Geschichtschreibung hier nur Kelten
+genannt und erst die historische Spekulation der caesarischen und
+augustischen Zeit die Redaktoren jener Fasten bewogen hat, daraus
+“Germanen” zu machen. Wofern dagegen die Nennung der Germanen in den
+Fasten auf gleichzeitige Aufzeichnungen zurueckgeht - in welchem Falle
+dies die aelteste Erwaehnung dieses Namens ist -, wird man hier doch
+nicht an die spaeter so genannten deutschen Staemme denken duerfen,
+sondern an einen keltischen Schwarm.
+
+———————————————————————
+
+Indes alles das forderte Zeit; man hatte einmal sich ueberrumpeln
+lassen, und wenigstens Etrurien zu retten, war es zu spaet. Die Kelten
+fanden den Apennin kaum verteidigt und pluenderten unangefochten die
+reichen Ebenen des tuskischen Gebietes, das lange keinen Feind gesehen.
+Schon standen sie bei Clusium, drei Tagemaersche von Rom, als das Heer
+von Ariminum unter dem Konsul Papus ihnen in der Flanke erschien,
+waehrend die etruskische Landwehr, die sich nach der Ueberschreitung
+des Apennin im Ruecken der Gallier zusammengezogen hatte, dem Marsch
+der Feinde folgte. Eines Abends, nachdem bereits beide Heere sich
+gelagert und die Biwakfeuer angezuendet hatten, brach das keltische
+Fussvolk ploetzlich wieder auf und zog in rueckwaertiger Richtung ab
+auf der Strasse gegen Faesulae (Fiesole); die Reiterei besetzte die
+Nacht hindurch die Vorposten und folgte am andern Morgen der
+Hauptmacht. Als die tuskische Landwehr, die dicht am Feinde lagerte,
+seines Abzugs inneward, meinte sie, dass der Schwarm anfange sich zu
+verlaufen und brach auf zu eiligem Nachsetzen. Eben darauf hatten die
+Gallier gerechnet; ihr ausgeruhtes und geordnetes Fussvolk empfing auf
+dem wohl gewaehlten Schlachtfeld die roemische Miliz, die ermattet und
+aufgeloest von dem Gewaltmarsch herankam. 6000 Mann fielen nach
+heftigem Kampf, und auch der Rest des Landsturms, der notduerftig auf
+einem Huegel Zuflucht gefunden, waere verloren gewesen, wenn nicht
+rechtzeitig das konsularische Heer erschienen waere. Dies bewog die
+Gallier, sich nach der Heimat zurueckzuwenden. Ihr geschickt angelegter
+Plan, die Vereinigung der beiden roemischen Heere zu hindern und das
+schwaechere einzeln zu vernichten, war nur halb gelungen; fuer jetzt
+schien es ihnen geraten, zunaechst die betraechtliche Beute in
+Sicherheit zu bringen. Des bequemeren Marsches wegen zogen sie sich aus
+der Gegend von Chiusi, wo sie standen, an die ebene Kueste und
+marschierten am Strande hin, als sie unvermutet hier sich den Weg
+verlegt fanden. Es waren die sardinischen Legionen, die bei Pisae
+gelandet waren und, da sie zu spaet kamen, um den Apennin zu sperren,
+sich sofort auf demselben Kuestenweg, den die Gallier verfolgten, in
+der entgegengesetzten Richtung in Bewegung gesetzt hatten. Bei Telamon
+(an der Muendung des Ombrone) trafen sie auf den Feind. Waehrend das
+roemische Fussvolk in geschlossener Front auf der grossen Strasse
+vorrueckte, ging die Reiterei, vom Konsul Gaius Atilius Regulus selber
+gefuehrt, seitwaerts vor, um den Galliern in die Flanke zu kommen und
+so bald wie moeglich dem anderen roemischen Heer unter Papus Kunde von
+ihrem Eintreffen zu geben. Es entspann sich ein heftiges Reitergefecht,
+in dem mit vielen tapferen Roemern auch Regulus fiel; aber nicht
+umsonst hatte er sein Leben aufgeopfert: sein Zweck war erreicht. Papus
+gewahrte das Gefecht und ahnte den Zusammenhang; schleunig ordnete er
+seine Scharen und von beiden Seiten drangen nun roemische Legionen auf
+das Keltenheer ein. Mutig stellte dieses sich zum Doppelkampf, die
+Transalpiner und Insubrer gegen die Truppen des Papus, die alpinischen
+Taurisker und die Boier gegen das sardinische Fussvolk; das
+Reitergefecht ging davon gesondert auf dem Fluegel seinen Gang. Die
+Kraefte waren der Zahl nach nicht ungleich gemessen, und die
+verzweifelte Lage der Gallier zwang sie zur hartnaeckigsten Gegenwehr.
+Aber die Transalpiner, nur des Nahkampfes gewohnt, wichen vor den
+Geschossen der roemischen Plaenkler; im Handgemenge setzte die bessere
+Staehlung der roemischen Waffen die Gallier in Nachteil; endlich
+entschied der Flankenangriff der siegreichen roemischen Reiterei den
+Tag. Die keltischen Berittenen entrannen; fuer das Fussvolk, das
+zwischen dem Meere und den drei roemischen Heeren eingekeilt war, gab
+es keine Flucht. 10000 Kelten mit dem Koenig Concolitanus wurden
+gefangen; 40000 andere lagen tot auf dem Schlachtfeld; Aneroestus und
+sein Gefolge hatten sich nach keltischer Sitte selber den Tod gegeben.
+
+Der Sieg war vollstaendig und die Roemer fest entschlossen, die
+Wiederholung solcher Einfaelle durch die voellige Ueberwaeltigung der
+Kelten diesseits der Alpen unmoeglich zu machen. Ohne Widerstand
+ergaben im folgenden Jahr (530 224) sich die Boier nebst den Lingonen,
+das Jahr darauf (531 223) die Anaren; damit war das Flachland bis zum
+Padus in roemischen Haenden. Ernstlichere Kaempfe kostete die Eroberung
+des noerdlichen Ufers. Gaius Flaminius ueberschritt in dem
+neugewonnenen anarischen Gebiet (etwa bei Piacenza) den Fluss (531
+223); allein bei dem Uebergang und mehr noch bei der Festsetzung am
+anderen Ufer erlitt er so schwere Verluste und fand sich, den Fluss im
+Ruecken, in einer so gefaehrlichen Lage, dass er mit dem Feind um
+freien Abzug kapitulierte, den die Insubrer toerichterweise
+zugestanden. Kaum war er indes entronnen, als er vom Gebiet der
+Cenomanen aus und mit diesen vereinigt von Norden her in den Gau der
+Insubrer zum zweitenmal einrueckte. Zu spaet begriffen diese, um was es
+sich jetzt handle; sie nahmen aus dem Tempel ihrer Goettin die goldenen
+Feldzeichen, “die unbeweglichen” genannt, und mit ihrem ganzen
+Aufgebot, 50000 Mann stark, boten sie den Roemern die Schlacht. Die
+Lage dieser war gefaehrlich: sie standen mit dem Ruecken an einem Fluss
+(vielleicht dem Oglio), von der Heimat getrennt durch das feindliche
+Gebiet und fuer den Beistand im Kampf wie fuer die Rueckzugslinie
+angewiesen auf die unsichere Freundschaft der Cenomanen. Indes es gab
+keine Wahl. Man zog die in den roemischen Reihen fechtenden Gallier auf
+das linke Ufer des Flusses; auf dem rechten, den Insubrern gegenueber,
+stellte man die Legionen auf und brach die Bruecken ab, um von den
+unsicheren Bundesgenossen wenigstens nicht im Ruecken angefallen zu
+werden.
+
+Freilich schnitt also der Fluss den Rueckzug ab und ging der Weg zur
+Heimat durch das feindliche Heer. Aber die Ueberlegenheit der
+roemischen Waffen und der roemischen Disziplin erfocht den Sieg und das
+Heer schlug sich durch; wieder einmal hatte die roemische Taktik die
+strategischen Fehler gutgemacht. Der Sieg gehoerte den Soldaten und
+Offizieren, nicht den Feldherren, die gegen den gerechten Beschluss des
+Senats nur durch Volksgunst triumphierten. Gern haetten die Insubrer
+Frieden gemacht; aber Rom forderte unbedingte Unterwerfung, und so weit
+war man noch nicht. Sie versuchten, sich mit Hilfe der noerdlichen
+Stammgenossen zu halten, und mit 30000 von ihnen geworbenen Soeldnern
+derselben und ihrer eigenen Landwehr empfingen sie die beiden im
+folgenden Jahr (532 222) abermals aus dem cenomanischen Gebiet in das
+ihrige einrueckenden konsularischen Heere. Es gab noch manches harte
+Gefecht; bei einer Diversion, welche die Insubrer gegen die roemische
+Festung Clastidium (Casteggio, unterhalb Pavia) am rechten Poufer
+versuchten, fiel der gallische Koenig Virdumarus von der Hand des
+Konsuls Marcus Marcellus. Allein nach einer halb von den Kelten schon
+gewonnenen, aber endlich doch fuer die Roemer entschiedenen Schlacht
+erstuermte der Konsul Gnaeus Scipio die Hauptstadt der Insubrer,
+Mediolanum, und die Einnahme dieser und der Stadt Comum machte der
+Gegenwehr ein Ende. Damit waren die italischen Kelten vollstaendig
+besiegt, und wie eben vorher die Roemer den Hellenen im Piratenkrieg
+den Unterschied zwischen roemischer und griechischer Seebeherrschung
+gezeigt, so hatten sie jetzt glaenzend bewiesen, dass Rom Italiens
+Pforten anders gegen den Landraub zu wahren wusste als Makedonien die
+Tore Griechenlands und dass trotz allen inneren Haders Italien dem
+Nationalfeinde gegenueber ebenso einig wie Griechenland zerrissen
+dastand.
+
+Die Alpengrenze war erreicht, insofern als das ganze Flachland am Po
+entweder den Roemern untertaenig oder, wie das cenomanische und
+venetische Gebiet, von abhaengigen Bundesgenossen besessen war; es
+bedurfte indes der Zeit, um die Konsequenzen dieses Sieges zu ziehen
+und die Landschaft zu romanisieren. Man verfuhr dabei nicht in
+derselben Weise. In dem gebirgigen Nordwesten Italiens und in den
+entfernteren Distrikten zwischen den Alpen und dem Po duldete man im
+ganzen die bisherigen Bewohner; die zahlreichen sogenannten Kriege, die
+namentlich gegen die Ligurer gefuehrt wurden (zuerst 516 238), scheinen
+mehr Sklavenjagden gewesen zu sein, und wie oft auch die Gaue und
+Taeler den Roemern sich unterwarfen, war die roemische Herrschaft doch
+hier kaum mehr als ein Name. Auch die Expedition nach Istrien (533 221)
+scheint nicht viel mehr bezweckt zu haben, als die letzten
+Schlupfwinkel der adriatischen Piraten zu vernichten und laengs der
+Kueste zwischen den italischen Eroberungen und den Erwerbungen an dem
+anderen Ufer eine Kontinentalverbindung herzustellen. Dagegen die
+Kelten in den Landschaften suedlich vom Po waren der Vernichtung
+rettungslos verfallen; denn bei dem losen Zusammenhang der keltischen
+Nation nahm keiner der noerdlichen Kettengaue ausser fuer Geld sich der
+italischen Stammgenossen an, und die Roemer sahen in denselben nicht
+bloss ihre Nationalfeinde, sondern auch die Usurpatoren ihres
+natuerlichen Erbes. Die ausgedehnte Ackerverteilung von 522 (332) hatte
+schon das gesamte Gebiet zwischen Ancona und Ariminum mit roemischen
+Kolonisten gefuellt, die ohne kommunale Organisation in Marktflecken
+und Doerfern hier sich ansiedelten. Auf diesem Wege ging man weiter,
+und es war nicht schwer, eine halbbarbarische, dem Ackerbau nur
+nebenher obliegende und ummauerter Staedte entbehrende Bevoelkerung,
+wie die keltische war, zu verdraengen und auszurotten. Die grosse
+Nordchaussee, die wahrscheinlich schon achtzig Jahre frueher ueber
+Otricoli nach Narni gefuehrt und kurz vorher bis an die neubegruendete
+Festung Spoletium (514 240) verlaengert worden war, wurde jetzt (534
+220) unter dem Namen der Flaminischen Strasse ueber den neu angelegten
+Marktflecken Forum Flaminii (bei Foligno) durch den Furlopass an die
+Kueste und an dieser entlang von Fanum (Fano) bis nach Ariminum
+gefuehrt; es war die erste Kunststrasse, die den Apennin ueberschritt
+und die beiden italischen Meere verband. Man war eifrig beschaeftigt,
+das neugewonnene fruchtbare Gebiet mit roemischen Ortschaften zu
+bedecken. Schon war zur Deckung des Uebergangs ueber den Po auf dem
+rechten Ufer die starke Festung Placentia (Piacenza) gegruendet, nicht
+weit davon am linken Cremona angelegt, ferner auf dem den Boiern
+abgenommenen Gebiet der Mauerbau von Mutina (Modena) weit
+vorgeschritten; schon bereitete man weitere Landanweisungen und die
+Fortfuehrung der Chaussee vor, als ein ploetzliches Ereignis die Roemer
+in der Ausbeutung ihrer Erfolge unterbrach.
+
+
+
+
+KAPITEL IV.
+Hamilkar und Hannibal
+
+
+Der Vertrag mit Rom von 513 (241) gab den Karthagern Frieden, aber um
+einen teuren Preis. Dass die Tribute des groessten Teils von Sizilien
+jetzt in den Schatz des Feindes flossen statt in die karthagische
+Staatskasse, war der geringste Verlust. Viel empfindlicher war es, dass
+man nicht bloss die Hoffnung hatte aufgeben muessen, deren Erfuellung
+so nahe geschienen, die saemtlichen Seestrassen aus dem oestlichen in
+das westliche Mittelmeer zu monopolisieren, sondern dass das ganze
+handelspolitische System gesprengt, das bisher ausschliesslich
+beherrschte suedwestliche Becken des Mittelmeers seit Siziliens Verlust
+fuer alle Nationen ein offenes Fahrwasser, Italiens Handel von dem
+phoenikischen vollstaendig unabhaengig geworden war. Indes die ruhigen
+sidonischen Maenner haetten auch darueber vielleicht sich zu beruhigen
+vermocht. Man hatte schon aehnliche Schlaege erfahren; man hatte mit
+den Massalioten, den Etruskern, den sizilischen Griechen teilen
+muessen, was man frueher allein besessen; auch das, was man jetzt noch
+hatte, Afrika, Spanien, die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte
+aus, um maechtig und wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer buergte
+dafuer, dass wenigstens dies blieb?
+
+Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um das, was er
+forderte, zu erreichen, konnte nur vergessen, wer vergessen wollte; und
+wenn Rom den Versuch, den es von Italien aus mit so grossem Erfolg
+unternommen hatte, jetzt von Lilybaeon aus erneuerte, so war Karthago,
+wenn nicht die Verkehrtheit des Feindes oder ein besonderer Gluecksfall
+dazwischen trat, unzweifelhaft verloren. Zwar man hatte jetzt Frieden;
+aber es hatte an einem Haar gehangen, dass dem Frieden die Ratifikation
+verweigert ward, und man wusste, wie die oeffentliche Meinung in Rom
+diesen Friedensschluss beurteilte. Es mochte sein, dass Rom an die
+Eroberung Afrikas jetzt noch nicht dachte und noch Italien ihm
+genuegte; aber wenn die Existenz des karthagischen Staats an dieser
+Genuegsamkeit hing, so sah es uebel damit aus, und wer buergte dafuer,
+dass die Roemer nicht eben ihrer italischen Politik es angemessen
+fanden, den afrikanischen Nachbar zwar nicht sich zu unterwerfen, aber
+doch zu vertilgen?
+
+Kurz, Karthago durfte den Frieden von 513 (241) nur als einen
+Waffenstillstand betrachten und musste ihn benutzen zur Vorbereitung
+fuer die unvermeidliche Erneuerung des Krieges; nicht, um die erlittene
+Niederlage zu raechen, nicht einmal zunaechst, um das Verlorene
+zurueckzugewinnen, sondern um sich eine nicht von dem Gutfinden des
+Landesfeindes abhaengige Existenz zu erfechten. Allein wenn einem
+schwaecheren Staat ein gewisser, aber der Zeit nach unbestimmter
+Vernichtungskrieg bevorsteht, werden die kluegeren, entschlosseneren,
+hingebenderen Maenner, die zu dem unvermeidlichen Kampf sich sogleich
+fertig machen, ihn zur guenstigen Stunde aufnehmen und so die
+politische Defensive durch die strategische Offensive verdecken
+moechten, ueberall sich gehemmt sehen durch die traege und feige Masse
+der Geldesknechte, der Altersschwachen, der Gedankenlosen, welche nur
+Zeit zu gewinnen, nur in Frieden zu leben und zu sterben, nur den
+letzten Kampf um jeden Preis hinauszuschieben bedacht sind. So gab es
+auch in Karthago eine Friedens- und eine Kriegspartei, die beide wie
+natuerlich sich anschlossen an den schon zwischen den Konservativen und
+den Reformisten bestehenden politischen Gegensatz: jene fand ihre
+Stuetze in den Regierungsbehoerden, dem Rat der Alten und der
+Hundertmaenner, an deren Spitze Hanno, der sogenannte Grosse, stand,
+diese in den Leitern der Menge, namentlich dem angesehenen Hasdrubal,
+und in den Offizieren des sizilischen Heeres, dessen grosse Erfolge
+unter Hamilkars Fuehrung, wenn sie auch sonst vergeblich gewesen waren,
+doch den Patrioten einen Weg gezeigt hatten, der Rettung aus der
+ungeheuren Gefahr zu versprechen schien. Schon lange mochte zwischen
+diesen Parteien heftige Fehde bestehen, als der libysche Krieg zwischen
+sie hineinschlug. Wie er entstand, ist schon erzaehlt worden. Nachdem
+die Regierungspartei die Meuterei durch die unfaehige, alle
+Vorsichtsmassregeln der sizilischen Offiziere vereitelnde Verwaltung
+angezettelt hatte, durch die Nachwirkung ihres unmenschlichen
+Regierungssystems diese Meuterei in eine Revolution umgeschlagen und
+endlich durch ihre und namentlich ihres Fuehrers, des Heerverderbers
+Hanno militaerische Unfaehigkeit das Land an den Rand des Abgrundes
+gebracht worden war, ward der Held von der Eirkte, Hamilkar Barkas, in
+der hoechsten Not von der Regierung selbst ersucht, sie von den Folgen
+ihrer Fehler und Verbrechen zu retten. Er nahm das Kommando an und
+dachte hochsinnig genug, es selbst dann nicht niederzulegen, als man
+ihm den Hanno zum Kollegen gab; ja als die erbitterte Armee denselben
+heimschickte, vermochte er es ueber sich, ihm auf die flehentliche
+Bitte der Regierung zum zweitenmal den Mitoberbefehl einzuraeumen und
+trotz der Feinde wie trotz des Kollegen durch seinen Einfluss bei den
+Aufstaendischen, seine geschickte Behandlung der numidischen Scheichs,
+sein unvergleichliches Organisatoren- und Feldherrngenie in unglaublich
+kurzer Zeit den Aufstand voellig niederzuwerfen und das empoerte Afrika
+zum Gehorsam zurueckzubringen (Ende 517 237).
+
+Die Patriotenpartei hatte waehrend dieses Krieges geschwiegen; jetzt
+sprach sie um so lauter. Einerseits war bei dieser Katastrophe die
+ganze Verderbtheit und Verderblichkeit der herrschenden Oligarchie an
+den Tag gekommen, ihre Unfaehigkeit, ihre Coteriepolitik, ihre
+Hinneigung zu den Roemern; anderseits zeigte die Wegnahme Sardiniens
+und die drohende Stellung, welche Rom dabei einnahm, deutlich auch dem
+geringsten Mann, dass das Damoklesschwert der roemischen
+Kriegserklaerung stets ueber Karthago hing, und dass, wenn Karthago
+unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen mit Rom zum Kriege kam, dieser
+notwendig den Untergang der phoenikischen Herrschaft in Libyen zur
+Folge haben muesse. Es mochte in Karthago nicht wenige geben, die, an
+der Zukunft des Vaterlandes verzweifelnd, die Auswanderung nach den
+Inseln des Atlantischen Meeres anrieten; wer durfte sie schelten? Aber
+edlere Gemueter verschmaehen es, ohne die Nation sich selber zu bergen,
+und grosse Naturen geniessen das Vorrecht, aus dem, worueber die Menge
+der Guten verzweifelt, Begeisterung zu schoepfen. Man nahm die neuen
+Bedingungen an, wie sie Rom eben diktierte; es blieb nichts uebrig, als
+sich zu fuegen und den neuen Hass zu dem alten schlagend ihn
+sorgfaeltig zu sammeln und zu sparen, dieses letzte Kapitel einer
+gemisshandelten Nation. Dann aber schritt man zu einer politischen
+Reform ^1. Von der Unverbesserlichkeit der Regimentspartei hatte man
+sich hinreichend ueberzeugt; dass die regierenden Herren auch im
+letzten Krieg weder ihren Groll vergessen noch groessere Weisheit
+gelernt hatten, zeigte zum Beispiel die ans Naive grenzende
+Unverschaemtheit, dass sie jetzt dem Hamilkar den Prozess machten als
+dem Urheber des Soeldnerkrieges, insofern er ohne Vollmacht der
+Regierung seinen sizilischen Soldaten Geldversprechungen gemacht habe.
+Wenn der Klub der Offiziere und Volksfuehrer die morschen Stuehle
+dieses Missregiments haette umstossen wollen, so wuerde er in Karthago
+selbst schwerlich auf grosse Schwierigkeiten gestossen sein; allein auf
+desto groessere in Rom, mit dem die regierenden Herren von Karthago
+schon in Verbindungen standen, die an Landesverrat grenzten. Zu allen
+uebrigen Schwierigkeiten der Lage kam noch die hinzu, dass die Mittel
+zur Rettung des Vaterlandes geschaffen werden mussten, ohne dass weder
+die Roemer noch die eigene roemisch gesinnte Regierung recht darum
+gewahr wurden.
+
+—————————————————————————-
+
+^1 Wir sind ueber diese Vorgaenge nicht bloss unvollkommen berichtet,
+sondern auch einseitig, da natuerlich die Version der karthagischen
+Friedenspartei die der roemischen Annalisten wurde. Indes selbst in
+unsern zertruemmerten und getruebten Berichten - die wichtigsten sind
+Fabius bei Polyb. 3, 8; App. Hisp. 4 und Diod. 25 p. 567 - erscheinen
+die Verhaeltnisse der Parteien deutlich genug. Von dem gemeinen
+Klatsch, mit dem die “revolutionaere Verbindung” (εταιρεία τών
+πονηροτάτων ανθρώπων) von ihren Gegnern beschmutzt ward, kann man bei
+Nepos (Ham. 3) Proben lesen, die ihresgleichen suchen, vielleicht auch
+finden.
+
+——————————————————————————
+
+So liess man die Verfassung unangetastet und die regierenden Herren im
+vollen Genuss ihrer Sonderrechte und des gemeinen Gutes. Es ward bloss
+beantragt und durchgesetzt, von den beiden Oberfeldherren, die am Ende
+des libyschen Krieges an der Spitze der karthagischen Truppen standen,
+Hanno und Hamilkar, den ersteren abzurufen und den letzteren zum
+Oberfeldherrn fuer ganz Afrika auf unbestimmte Zeit in der Art zu
+ernennen, dass er eine von den Regierungskollegien unabhaengige
+Stellung - eine verfassungswidrige monarchische Gewalt nannten es die
+Gegner, Cato eine Diktatur - erhielt und er nur von der
+Volksversammlung abberufen und zur Verantwortung gezogen werden durfte
+^2. Selbst die Wahl eines Nachfolgers ging nicht von den Behoerden der
+Hauptstadt aus, sondern vom Heere, das heisst von den im Heere als
+Gerusiasten oder Offiziere dienenden Karthagern, die auch bei
+Vertraegen neben dem Feldherrn genannt werden; natuerlich blieb der
+Volksversammlung daheim das Bestaetigungsrecht. Mag dies Usurpation
+sein oder nicht, es bezeichnet deutlich, wie die Kriegspartei das Heer
+als ihre Domaene ansah und behandelte.
+
+——————————————————————-
+
+^2 Die Barkas schliessen die wichtigsten Staatsvertraege ab und die
+Ratifikation der Behoerde ist eine Formalitaet (Polyb. 3, 21); Rom
+protestiert bei ihnen und beim Senat (Polyb. 3, 15). Die Stellung der
+Barkas zu Karthago hat manche Aehnlichkeit mit der der Oranier gegen
+die Generalstaaten.
+
+——————————————————————————
+
+Der Auftrag, den Hamilkar also empfing, klang nicht eben verfaenglich.
+Die Kriege mit den numidischen Staemmen ruhten an der Grenze nie; vor
+kurzem erst war im Binnenland die “Stadt der hundert Tore” Theveste
+(Tebessa) von den Karthagern besetzt worden. Die Fortfuehrung dieser
+Grenzfehden, die dem neuen Oberfeldherrn von Afrika zufiel, war an sich
+nicht von solcher Bedeutung, dass nicht die karthagische Regierung, die
+man ja in ihrem naechsten Kreise gewaehren liess, zu den darueber von
+der Volksversammlung getroffenen Beliebungen haette stillschweigen
+koennen, waehrend die Roemer die Tragweite derselben vielleicht nicht
+einmal erkannten.
+
+So stand an der Spitze des Heeres der eine Mann, der im sizilischen und
+im libyschen Kriege es bewaehrt hatte, dass die Geschicke ihn oder
+keinen zum Retter des Vaterlandes bestimmten. Grossartiger als von ihm
+ist vielleicht niemals der grossartige Kampf des Menschen gegen das
+Schicksal gefuehrt worden. Das Heer sollte den Staat retten; aber was
+fuer ein Heer? Die karthagische Buergerwehr hatte unter Hamilkars
+Fuehrung im libyschen Kriege sich nicht schlecht geschlagen; allein er
+wusste wohl, dass es ein anderes ist, die Kaufleute und Fabrikanten
+einer Stadt, die in der hoechsten Gefahr schwebt, einmal zum Kampf
+hinauszufuehren, und ein anderes, Soldaten aus ihnen zu bilden. Die
+karthagische Patriotenpartei lieferte ihm vortreffliche Offiziere, aber
+in ihr war natuerlich fast ausschliesslich die gebildete Klasse
+vertreten - Buergermiliz hatte er nicht, hoechstens einige
+libyphoenikische Reiterschwadronen. Es galt ein Heer zu schaffen aus
+den libyschen Zwangsrekruten und aus Soeldnern; was einem Feldherrn wie
+Hamilkar moeglich war, allein auch ihm nur, wenn er seinen Leuten
+puenktlich und reichlich den Sold zu zahlen vermochte. Aber dass die
+karthagischen Staatseinkuenfte in Karthago selbst zu viel noetigeren
+Dingen gebraucht wurden als fuer die gegen den Feind fechtenden Heere,
+hatte er in Sizilien erfahren. Es musste also dieser Krieg sich selber
+ernaehren und im grossen ausgefuehrt werden, was auf dem Monte
+Pellegrino im kleinen versucht worden war. Aber noch mehr. Hamilkar war
+nicht bloss Militaer-, er war auch Parteichef; gegen die
+unversoehnliche und der Gelegenheit, ihn zu stuerzen, begierig und
+geduldig harrende Regierungspartei musste er auf die Buergerschaft sich
+stuetzen, und mochten deren Fuehrer noch so rein und edel sein, die
+Masse war tief verdorben und durch das unselige Korruptionssystem
+gewoehnt, nichts fuer nichts zu geben. In einzelnen Momenten schlug
+wohl die Not oder die Begeisterung einmal durch, wie das ueberall
+selbst in den feilsten Koerperschaften vorkommt; wollte aber Hamilkar
+fuer seinen im besten Fall erst nach einer Reihe von Jahren
+durchfuehrbaren Plan die Unterstuetzung der karthagischen Gemeinde
+dauernd sich sichern, so musste er seinen Freunden in der Heimat durch
+regelmaessige Geldsendungen die Mittel geben, den Poebel bei guter
+Laune zu erhalten. So genoetigt, von der lauen und feilen Menge die
+Erlaubnis, sie zu retten, zu erbetteln oder zu erkaufen; genoetigt, dem
+Uebermut der Verhassten seines Volkes, der stets von ihm Besiegten
+durch Demut und Schweigsamkeit die unentbehrliche Gnadenfrist
+abzudingen; genoetigt, den verachteten Vaterlandsverraetern, die sich
+die Herren seiner Stadt nannten, mit seinen Plaenen seine Verachtung zu
+bergen - so stand der hohe Mann mit wenigen gleichgesinnten Freunden
+zwischen den Feinden von aussen und den Feinden von innen, auf die
+Unentschlossenheit der einen und der andern bauend, zugleich beide
+taeuschend und beiden trotzend, um nur erst die Mittel, Geld und
+Soldaten zu gewinnen zum Kampf gegen ein Land, das, selbst wenn das
+Heer schlagfertig dastand, mit diesem zu erreichen schwierig, zu
+ueberwinden kaum moeglich schien. Er war noch ein junger Mann, wenig
+hinaus ueber die Dreissig; aber er schien zu ahnen, als er sich
+anschickte zu seinem Zuge, dass es ihm nicht vergoennt sein werde, das
+Ziel seiner Arbeit zu erreichen und das Land der Erfuellung anders als
+von weitem zu schauen. Seinen neunjaehrigen Sohn Hannibal hiess er, da
+er Karthago verliess, am Altar des hoechsten Gottes dem roemischen
+Namen ewigen Hass schwoeren, und zog ihn und die juengeren Soehne
+Hasdrubal und Mago, die “Loewenbrut”, wie er sie nannte, im Feldlager
+auf als die Erben seiner Entwuerfe, seines Genies und seines Hasses.
+
+Der neue Oberfeldherr von Libyen brach unmittelbar nach der Beendigung
+des Soeldnerkrieges von Karthago auf (etwa im Fruehjahr 518 236). Er
+schien einen Zug gegen die freien Libyer im Westen zu beabsichtigen;
+sein Heer, das besonders an Elefanten stark war, zog an der Kueste hin,
+neben ihm segelte die Flotte, gefuehrt von seinem treuen Bundesgenossen
+Hasdrubal. Ploetzlich vernahm man, er sei bei den Saeulen des Herkules
+ueber das Meer gegangen und in Spanien gelandet, wo er Krieg fuehre mit
+den Eingeborenen; mit Leuten, die ihm nichts zuleide getan und ohne
+Auftrag seiner Regierung, klagten die karthagischen Behoerden. Sie
+konnten wenigstens nicht klagen, dass er die afrikanischen
+Angelegenheiten vernachlaessige; als die Numidier wieder einmal
+aufstanden, trieb sein Unterfeldherr Hasdrubal sie so nachdruecklich zu
+Paaren, dass auf lange Zeit an der Grenze Ruhe war und mehrere bisher
+unabhaengige Staemme sich bequemten, Tribut zu zahlen. Was er selbst in
+Spanien getan, koennen wir im einzelnen nicht mehr verfolgen; dem alten
+Cato, der ein Menschenalter nach Hamilkars Tode in Spanien die noch
+frischen Spuren seines Wirkens sah, zwangen sie trotz allem Poenerhass
+den Ausruf ab, dass kein Koenig wert sei, neben Hamilkar Barkas genannt
+zu werden. In den Erfolgen liegt auch uns wenigstens im allgemeinen
+noch vor, was von Hamilkar als Militaer und als Staatsmann in den neun
+letzten Jahren seines Lebens (518-526 236-228) geleistet worden ist,
+bis er im besten Mannesalter in offener Feldschlacht tapfer kaempfend
+den Tod fand, wie Scharnhorst, eben als seine Plaene zu reifen
+begannen, und was alsdann waehrend der naechsten acht Jahre (527-534
+227-220) der Erbe seines Amtes und seiner Plaene, sein Tochtermann
+Hasdrubal an dem angefangenen Werke im Sinne des Meisters weiter
+geschaffen hat. Statt der kleinen Entrepôts fuer den Handel, die nebst
+dem Schutzrecht ueber Gades bis dahin Karthago an der spanischen Kueste
+allein besessen und als Dependenz von Libyen behandelt hatte, ward ein
+karthagisches Reich in Spanien durch Hamilkars Feldherrnkunst
+begruendet und durch Hasdrubals staatsmaennische Gewandtheit befestigt.
+Die schoensten Landschaften Spaniens, die Sued- und Ostkueste wurden
+phoenikisches Provinzialgebiet; Staedte wurden gegruendet, vor allem an
+dem einzigen guten Hafen der Suedkueste Spanisch-Karthago (Cartagena)
+von Hasdrubal angelegt, mit des Gruenders praechtiger “Koenigsburg”;
+der Ackerbau bluehte auf und mehr noch die Grubenwirtschaft in den
+gluecklich aufgefundenen Silberminen von Cartagena, die ein Jahrhundert
+spaeter ueber 2½ Mill. Taler (36 Mill. Sesterzen) jaehrlich eintrugen.
+Die meisten Gemeinden bis zum Ebro wurden abhaengig von Karthago und
+zahlten ihm Zins; Hasdrubal verstand es, die Haeuptlinge auf alle
+Weise, selbst durch Zwischenheiraten in das karthagische Interesse zu
+ziehen. So erhielt Karthago hier fuer seinen Handel und seine Fabriken
+eine reiche Absatzquelle, und die Einnahmen der Provinz naehrten nicht
+bloss das Heer, sondern es blieb noch uebrig, nach Hause zu senden und
+fuer die Zukunft zurueckzulegen. Aber die Provinz bildete und schulte
+zugleich die Armee. In dem Karthago unterworfenen Gebiet fanden
+regelmaessige Aushebungen statt; die Kriegsgefangenen wurden
+untergesteckt in die karthagischen Korps; von den abhaengigen Gemeinden
+kam Zuzug und kamen Soeldner, soviel man begehrte. In dem langen
+Kriegsleben fand der Soldat im Lager eine zweite Heimat und als Ersatz
+fuer den Patriotismus den Fahnensinn und die begeisterte
+Anhaenglichkeit an seine grossen Fuehrer; die ewigen Kaempfe mit den
+tapferen Iberern und Kelten schufen zu der vorzueglichen numidischen
+Reiterei ein brauchbares Fussvolk.
+
+Von Karthago aus liess man die Barkas machen. Da der Buergerschaft
+regelmaessige Leistungen nicht abverlangt wurden, sondern vielmehr fuer
+sie noch etwas abfiel, auch der Handel in Spanien wiederfand, was er in
+Sizilien und Sardinien verloren, wurde der spanische Krieg und das
+spanische Heer mit seinen glaenzenden Siegen und wichtigen Erfolgen
+bald so populaer, dass es sogar moeglich ward, in einzelnen Krisen, zum
+Beispiel nach Hamilkars Fall, bedeutende Nachsendungen afrikanischer
+Truppen nach Spanien durchzusetzen, und die Regierungspartei wohl oder
+uebel dazu schweigen oder doch sich begnuegen musste, unter sich und
+gegen die Freunde in Rom auf die demagogischen Offiziere und den Poebel
+zu schelten.
+
+Auch von Rom aus geschah nichts, um den spanischen Angelegenheiten
+ernstlich eine andere Wendung zu geben. Die erste und vornehmste
+Ursache der Untaetigkeit der Roemer war unzweifelhaft eben ihre
+Unbekanntschaft mit den Verhaeltnissen der entlegenen Halbinsel, welche
+sicher auch die Hauptursache gewesen ist, weshalb Hamilkar zur
+Ausfuehrung seines Planes Spanien und nicht, wie es sonst wohl auch
+moeglich gewesen waere, Afrika selbst erwaehlte. Zwar die Erklaerungen,
+mit denen die karthagischen Feldherren den roemischen, um Erkundigungen
+an Ort und Stelle einzuziehen nach Spanien gesandten Kommissarien
+entgegenkamen, die Versicherungen, dass alles dies nur geschehe, um die
+roemischen Kriegskontributionen prompt zahlen zu koennen, konnten im
+Senat unmoeglich Glauben finden; allein man erkannte wahrscheinlich von
+Hamilkars Plaenen nur den naechsten Zweck: fuer die Tribute und den
+Handel der verlorenen Inseln in Spanien Ersatz zu schaffen, und hielt
+einen Angriffskrieg der Karthager, und namentlich eine Invasion
+Italiens von Spanien aus, wie das sowohl ausdrueckliche Angaben als die
+ganze Lage der Sache bezeugen, fuer schlechterdings unmoeglich. Dass
+unter der Friedenspartei in Karthago manche weiter sahen, versteht
+sich; allein wie sie dachten, konnten sie schwerlich sehr geneigt sein,
+ueber den drohenden Sturm, den zu beschwoeren die karthagischen
+Behoerden laengst ausserstande waren, ihre roemischen Freunde
+aufzuklaeren und damit die Krise nicht abzuwenden, sondern zu
+beschleunigen; und wenn es dennoch geschah, so mochte man in Rom solche
+Parteidenunziationen mit Fug sehr vorsichtig aufnehmen. Allmaehlich
+allerdings musste die unbegreiflich rasche und gewaltige Ausbreitung
+der karthagischen Macht in Spanien die Aufmerksamkeit und die
+Besorgnisse der Roemer erwecken; wie sie ihr denn auch in den letzten
+Jahren vor dem Ausbruch des Krieges in der Tat Schranken zu setzen
+versuchten. Um das Jahr 528 (226) schlossen sie, ihres jungen
+Hellenentums eingedenk, mit den beiden griechischen oder
+halbgriechischen Staedten an der spanischen Ostkueste, Zakynthos oder
+Saguntum (Murviedro unweit Valencia) und Emporiae (Ampurias) Buendnis,
+und indem sie den karthagischen Feldherrn Hasdrubal davon in Kenntnis
+setzten, wiesen sie ihn zugleich an, den Ebro nicht erobernd zu
+ueberschreiten, was auch zugesagt ward. Es geschah dies keineswegs, um
+einen Einfall in Italien auf dem Landweg zu hindern - den Feldherrn,
+der diesen unternahm, konnte ein Vertrag nicht fesseln -, sondern teils
+um der materiellen Macht der spanischen Karthager, die gefaehrlich zu
+werden begann, eine Grenze zu stecken, teils um sich an den freien
+Gemeinden zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen, die Rom damit unter
+seinen Schutz nahm, einen sicheren Anhalt zu bereiten fuer den Fall,
+dass eine Landung und ein Krieg in Spanien notwendig werden sollte.
+Fuer den bevorstehenden Krieg mit Karthago, ueber dessen
+Unvermeidlichkeit der Senat sich nie getaeuscht hat, besorgte man von
+den spanischen Ereignissen schwerlich groessere Nachteile, als dass man
+genoetigt werden koenne, einige Legionen nach Spanien zu senden, und
+dass der Feind mit Geld und Soldaten etwas besser versehen sein werde,
+als er ohne Spanien es gewesen waere - war man doch fest entschlossen,
+wie der Feldzugsplan von 536 (218) beweist und wie es auch gar nicht
+anders sein konnte, den naechsten Krieg in Afrika zu beginnen und zu
+beendigen, womit dann ueber Spanien zugleich entschieden war. Dazu
+kamen in den ersten Jahren die karthagischen Kontributionen, welche die
+Kriegserklaerung abgeschnitten haette, alsdann der Tod Hamilkars, von
+dem Freunde und Feinde urteilen mochten, dass seine Entwuerfe mit ihm
+gestorben seien, endlich in den letzten Jahren, wo der Senat allerdings
+zu begreifen anfing, dass es nicht weise sei, mit der Erneuerung des
+Krieges noch lange zu zoegern, der sehr erklaerliche Wunsch, zuvor mit
+den Galliern im Potal fertig zu werden, da diese, mit der Ausrottung
+bedroht, voraussichtlich jeden ernstlichen Krieg, den Rom unternahm,
+benutzt haben wuerden, um die transalpinischen Voelkerschaften aufs
+neue nach Italien zu locken und die immer noch aeusserst gefaehrlichen
+Keltenzuege zu erneuern. Dass weder Ruecksichten auf die karthagische
+Friedenspartei noch auf die bestehenden Vertraege die Roemer abhielten,
+versteht sich; ueberdies boten, wenn man den Krieg wollte, die
+spanischen Fehden jeden Augenblick einen Vorwand dazu dar.
+Unbegreiflich ist das Verhalten Roms demnach keineswegs; aber
+ebensowenig laesst sich leugnen, dass der roemische Senat diese
+Verhaeltnisse kurzsichtig und schlaff behandelt hat - Fehler, wie sie
+seine Fuehrung der gallischen Angelegenheiten in der gleichen Zeit noch
+viel unverzeihlicher aufweist. Ueberall ist die roemische Staatskunst
+mehr ausgezeichnet durch Zaehigkeit, Schlauheit und Konsequenz, als
+durch eine grossartige Auffassung und rasche Ordnung der Dinge, worin
+ihr vielmehr die Feinde Roms von Pyrrhos bis auf Mithradates oft
+ueberlegen gewesen sind.
+
+So gab dem genialen Entwurf Hamilkars das Glueck die Weihe. Die Mittel
+zum Kriege waren gewonnen, ein starkes kampf- und sieggewohntes Heer
+und eine stetig sich fuellende Kasse; aber wie fuer den Kampf der
+rechte Augenblick, die rechte Richtung gefunden werden sollte, fehlte
+der Fuehrer. Der Mann, dessen Kopf und Herz in verzweifelter Lage unter
+einem verzweifelnden Volke den Weg zur Rettung gebahnt hatte, war nicht
+mehr, als es moeglich ward, ihn zu betreten. Ob sein Nachfolger
+Hasdrubal den Angriff unterliess, weil ihm der Zeitpunkt noch nicht
+gekommen schien, oder ob er, mehr Staatsmann als Feldherr, sich der
+Oberleitung des Unternehmens nicht gewachsen glaubte, vermoegen wir
+nicht zu entscheiden. Als er im Anfang des Jahres 534 (220) von
+Moerderhand gefallen war, beriefen die karthagischen Offiziere des
+spanischen Heeres an seine Stelle Hamilkars aeltesten Sohn, den
+Hannibal. Er war noch ein junger Mann - geboren 505 (249), also damals
+im neunundzwanzigsten Lebensjahr; aber er hatte schon viel gelebt.
+Seine ersten Erinnerungen zeigten ihm den Vater im entlegenen Lande
+fechtend und siegend auf der Eirkte; er hatte den Frieden des Catulus,
+die bittere Heimkehr des unbesiegten Vaters, die Greuel des libyschen
+Krieges mit durchempfunden. Noch ein Knabe, war er dem Vater ins Lager
+gefolgt; bald zeichnete er sich aus. Sein leichter und festgebauter
+Koerper machte aus ihm einen vortrefflichen Laeufer und Fechter und
+einen verwegenen Galoppreiter; sich den Schlaf zu versagen, griff ihn
+nicht an und Speise wusste er nach Soldatenart zu geniessen und zu
+entbehren. Trotz seiner im Lager verflossenen Jugend besass er die
+Bildung der vornehmen Phoeniker jener Zeit; im Griechischen brachte er,
+wie es scheint, erst als Feldherr, unter der Leitung seines Vertrauten
+Sosilos von Sparta, es weit genug, um Staatsschriften in dieser Sprache
+selber abfassen zu koennen. Wie er heranwuchs, trat er in das Heer
+seines Vaters ein, um unter dessen Augen seinen ersten Waffendienst zu
+tun, um ihn in der Schlacht neben sich fallen zu sehen. Nachher hatte
+er unter seiner Schwester Gemahl Hasdrubal die Reiterei befehligt und
+durch glaenzende persoenliche Tapferkeit wie durch sein Fuehrertalent
+sich ausgezeichnet. Jetzt rief ihn, den erprobten jugendlichen General,
+die Stimme seiner Kameraden an ihre Spitze und er konnte nun
+ausfuehren, wofuer sein Vater und sein Schwager gelebt und gestorben.
+Er trat die Erbschaft an, und er durfte es. Seine Zeitgenossen haben
+auf seinen Charakter Makel mancherlei Art zu werfen versucht: den
+Roemern hiess er grausam, den Karthagern habsuechtig; freilich hasste
+er, wie nur orientalische Naturen zu hassen verstehen, und ein
+Feldherr, dem niemals Geld und Vorraete ausgegangen sind, musste wohl
+suchen zu haben. Indes, wenn auch Zorn, Neid und Gemeinheit seine
+Geschichte geschrieben haben, sie haben das reine und grosse Bild nicht
+zu trueben vermocht. Von schlechten Erfindungen, die sich selber
+richten, und von dem abgesehen, was durch Schuld seiner
+Unterfeldherren, namentlich des Hannibal Monomachos und Mago des
+Samniten, in seinem Namen geschehen ist, liegt in den Berichten ueber
+ihn nichts vor, was nicht unter den damaligen Verhaeltnissen und nach
+dem damaligen Voelkerrecht zu verantworten waere; und darin stimmen sie
+alle zusammen, dass er wie kaum ein anderer Besonnenheit und
+Begeisterung, Vorsicht und Tatkraft miteinander zu vereinigen
+verstanden hat. Eigentuemlich ist ihm die erfinderische
+Verschmitztheit, die einen der Grundzuege des phoenikischen Charakters
+bildet; er ging gern eigentuemliche und ungeahnte Wege, Hinterhalte und
+Kriegslisten aller Art waren ihm gelaeufig, und den Charakter der
+Gegner studierte er mit beispielloser Sorgfalt. Durch eine Spionage
+ohnegleichen - er hatte stehende Kundschafter sogar in Rom - hielt er
+von den Vornahmen des Feindes sich unterrichtet; ihn selbst sah man
+haeufig in Verkleidungen und mit falschem Haar, dies oder jenes
+auskundschaftend. Von seinem strategischen Genie zeugt jedes Blatt der
+Geschichte dieser Zeit und nicht minder von seiner staatsmaennischen
+Begabung, die er noch nach dem Frieden mit Rom durch seine Reform der
+karthagischen Verfassung und durch den beispiellosen Einfluss
+bekundete, den er als Iandfluechtiger Fremdling in den Kabinetten der
+oestlichen Maechte ausuebte. Welche Macht ueber die Menschen er besass,
+beweist seine unvergleichliche Gewalt ueber ein buntgemischtes und
+vielsprachiges Heer, das in den schlimmsten Zeiten niemals gegen ihn
+gemeutert hat. Er war ein grosser Mann; wohin er kam, ruhten auf ihm
+die Blicke aller.
+
+Hannibal beschloss sofort nach seiner Ernennung (Fruehling 534 220) den
+Beginn des Krieges. Er hatte gute Gruende, jetzt, da das Keltenland
+noch in Gaerung war und ein Krieg zwischen Rom und Makedonien vor der
+Tuer schien, ungesaeumt loszuschlagen und den Krieg dahin zu tragen,
+wohin es ihm beliebte, bevor die Roemer ihn begannen, wie es ihnen
+bequem war, mit einer Landung in Afrika. Sein Heer war bald
+marschfertig, die Kasse durch einige Razzias in grossem Massstab
+gefuellt; allein die karthagische Regierung zeigte nichts weniger als
+Lust, die Kriegserklaerung nach Rom abgehen zu lassen. Hasdrubals, des
+patriotischer Volksfuehrers Platz war in Karthago schwerer zu ersetzen
+als der Platz des Feldherrn Hasdrubal in Spanien; die Partei des
+Friedens hatte jetzt daheim die Oberhand und verfolgte die Fuehrer der
+Kriegspartei mit politischen Prozessen. Sie, die schon Hamilkars Plaene
+beschnitten und bemaengelt hatte, war keineswegs gemeint, den
+unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf
+Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen; und Hannibal
+scheute doch davor zurueck, den Krieg in offener Widersetzlichkeit
+gegen die legitimen Behoerden selber zu erklaeren; er versuchte die
+Saguntiner zum Friedensbruch zu reizen; allein sie begnuegten sich, in
+Rom Klage zu fuehren. Er versuchte, als darauf von Rom eine Kommission
+erschien, nun diese durch schnoede Behandlung zur Kriegserklaerung zu
+treiben; allein die Kommissarien sahen, wie die Dinge standen; sie
+schwiegen in Spanien, um in Karthago Beschwerde zu fuehren und daheim
+zu berichten, dass Hannibal schlagfertig stehe und der Krieg vor der
+Tuer sei. So verfloss die Zeit; schon traf die Nachricht ein von dem
+Tode des Antigonos Doson, der etwa gleichzeitig mit Hasdrubal
+ploetzlich gestorben war; im italischen Kettenland ward die Gruendung
+der Festungen mit verdoppelter Schnelligkeit und Energie von den
+Roemern betrieben; der Schilderhebung in Illyrien schickte man in Rom
+sich an, im naechsten Fruehjahr ein rasches Ende zu bereiten. Jeder Tag
+war kostbar; Hannibal entschloss sich. Er meldete kurz und gut nach
+Karthago, dass die Saguntiner karthagischen Untertanen, den Torboleten,
+zu nahe traeten und er sie darum angreifen muesse; und ohne die Antwort
+abzuwarten, begann er im Fruehjahr 535 (219) die Belagerung der mit Rom
+verbuendeten Stadt, das heisst den Krieg gegen Rom. Was man in Karthago
+dachte und beriet, mag man sich etwa vorstellen nach dem Eindruck, den
+Yorks Kapitulation in gewissen Kreisen machte. Alle “angesehenen
+Maenner”, heisst es, missbilligten den “ohne Auftrag” geschehenen
+Angriff; es war die Rede von Desavouierung, von Auslieferung des
+dreisten Offiziers. Aber sei es, dass im karthagischen Rat die naehere
+Furcht vor dem Heer und der Menge die vor Rom ueberwog; sei es, dass
+man die Unmoeglichkeit begriff, einen solchen Schritt, einmal getan,
+zurueckzutun; sei es, dass die blosse Macht der Traegheit ein
+bestimmtes Auftreten hinderte - man entschloss sich endlich, sich zu
+nichts zu entschliessen und den Krieg, wenn nicht zu fuehren, doch
+fuehren zu lassen. Sagunt verteidigte sich, wie nur spanische Staedte
+sich zu verteidigen verstehen; haetten die Roemer nur einen geringen
+Teil der Energie ihrer Schutzbefohlenen entwickelt und nicht waehrend
+der achtmonatlichen Belagerung Sagunts mit dem elenden illyrischen
+Raeuberkrieg die Zeit verdorben, so haetten sie, Herren der See und
+geeigneter Landungsplaetze, sich die Schande des zugesagten und nicht
+gewaehrten Schutzes ersparen und dem Krieg vielleicht eine andere
+Wendung geben koennen. Indes sie saeumten, und die Stadt ward endlich
+erstuermt. Wie Hannibal die Beute nach Karthago zur Verteilung sandte,
+ward der Patriotismus und die Kriegslust bei vielen rege, die davon
+bisher nichts gespuert hatten, und die Austeilung schnitt jede
+Versoehnung mit Rom ab. Als daher nach der Zerstoerung Sagunts eine
+roemische Gesandtschaft in Karthago erschien und die Auslieferung des
+Feldherrn und der im Lager anwesenden Gerusiasten forderte, und als der
+roemische Sprecher, die versuchte Rechtfertigung unterbrechend, die
+Diskussion abschnitt und, sein Gewand zusammenfassend, sprach, dass er
+darin Frieden und Krieg halte und dass die Gerusia waehlen moege, da
+ermannten sich die Gerusiasten zu der Antwort, dass man es ankommen
+lasse auf die Wahl des Roemers; und als dieser den Krieg bot, nahm man
+ihn an (Fruehling 536 218). Hannibal, der durch den hartnaeckigen
+Widerstand der Saguntiner ein volles Jahr verloren hatte, war fuer den
+Winter 535/36 (219/18) wie gewoehnlich zurueckgegangen nach Cartagena,
+um alles teils zum Angriff vorzubereiten, teils zur Verteidigung von
+Spanien und Afrika; denn da er wie sein Vater und sein Schwager den
+Oberbefehl in beiden Gebieten fuehrte, lag es ihm ob, auch zum Schutz
+der Heimat die Anstalten zu treffen. Die gesamte Masse seiner
+Streitkraefte betrug ungefaehr 120000 Mann zu Fuss, 16000 zu Pferd;
+ferner 58 Elefanten und 32 bemannte, achtzehn unbemannte Fuenfdecker
+ausser den in der Hauptstadt befindlichen Elefanten und Schiffen. Mit
+Ausnahme weniger Ligurer unter den leichten Truppen gab es in diesem
+karthagischen Heere Soeldner gar nicht; die Truppen bestanden ausser
+einigen phoenikischen Schwadronen im wesentlichen aus den zum Dienst
+ausgehobenen karthagischen Untertanen, Libyern und Spaniern. Der Treue
+der letzteren sich zu versichern gab der menschenkundige Feldherr ihnen
+ein Zeichen des Vertrauens, allgemeinen Urlaub waehrend des ganzen
+Winters; den Libyern versprach der Feldherr, der den engherzigen
+phoenikischen Sonderpatriotismus nicht teilte, eidlich das karthagische
+Buergerrecht, wenn sie als Sieger nach Afrika zurueckkehren wuerden.
+Indes war diese Truppenmasse nur zum Teil fuer die italische Expedition
+bestimmt. Etwa 20000 Mann kamen nach Afrika, der kleinere Teil nach der
+Hauptstadt und dem eigentlich phoenikischen Gebiet, der groessere an
+die westliche Spitze von Afrika. Zur Deckung von Spanien blieben 12000
+Mann zu Fuss zurueck nebst 2500 Pferden und fast der Haelfte der
+Elefanten, ausserdem die dort stationierte Flotte; den Oberbefehl und
+das Regiment uebernahm hier Hannibals juengerer Bruder Hasdrubal. Das
+unmittelbar karthagische Gebiet ward verhaeltnismaessig schwach
+besetzt, da die Hauptstadt im Notfall Hilfsmittel genug bot; ebenso
+genuegte in Spanien, wo neue Aushebungen sich mit Leichtigkeit
+veranstalten liessen, fuer jetzt eine maessige Zahl von Fusssoldaten,
+waehrend dagegen ein verhaeltnismaessig starker Teil der eigentlich
+afrikanischen Waffen, der Pferde und Elefanten dort zurueckblieb. Die
+Hauptsorgfalt wurde darauf gewendet, die Verbindungen zwischen Spanien
+und Afrika zu sichern, weshalb in Spanien die Flotte blieb und
+Westafrika von einer sehr starken Truppenmasse gehuetet ward. Fuer die
+Treue der Truppen buergte, ausser den in dem festen Sagunt versammelten
+Geiseln der spanischen Gemeinden, die Verlegung der Soldaten ausserhalb
+ihrer Aushebungsbezirke, indem die ostafrikanische Landwehr vorwiegend
+nach Spanien, die spanische nach Westafrika, die westafrikanische nach
+Karthago kamen. So war fuer die Verteidigung hinreichend gesorgt. Was
+den Angriff anlangt, so sollte von Karthago aus ein Geschwader von 20
+Fuenfdeckern mit 1000 Soldaten an Bord nach der italischen Westkueste
+segeln und diese verheeren, ein zweites von 25 Segeln womoeglich sich
+wieder in Lilybaeon festsetzen; dieses bescheidene Mass von
+Anstrengungen glaubte Hannibal seiner Regierung zumuten zu koennen. Mit
+der Hauptarmee beschloss er selbst in Italien einzuruecken, wie das
+ohne Zweifel schon in Hamilkars urspruenglichem Plan lag. Ein
+entscheidender Angriff auf Rom war nur in Italien moeglich wie auf
+Karthago nur in Libyen; so gewiss Rom seinen naechsten Feldzug mit dem
+letzteren begann, so gewiss durfte auch Karthago sich nicht von
+vornherein entweder auf ein sekundaeres Operationsobjekt, wie zum
+Beispiel Sizilien, oder gar auf die Verteidigung beschraenken - die
+Niederlagen brachten in all diesen Faellen das gleiche Verderben, nicht
+aber der Sieg die gleiche Frucht.
+
+Aber wie konnte Italien angegriffen werden? Es mochte gelingen, die
+Halbinsel zu Wasser oder zu Lande zu erreichen; aber sollte der Zug
+nicht ein verzweifeltes Abenteuer sein, sondern eine militaerische
+Expedition mit strategischem Ziel, so bedurfte man dort einer naeheren
+Operationsbasis, als Spanien oder Afrika waren. Auf eine Flotte und
+eine Hafenfestung konnte Hannibal sich nicht stuetzen, da jetzt Rom das
+Meer beherrschte. Aber ebensowenig bot sich in dem Gebiet der
+italischen Eidgenossenschaft irgendein haltbarer Stuetzpunkt. Hatte sie
+zu ganz anderen Zeiten und trotz der hellenischen Sympathien dem Stoss
+des Pyrrhos gestanden, so war nicht zu erwarten, dass sie jetzt auf das
+Erscheinen des phoenikischen Feldherrn hin zusammenbrechen werde;
+zwischen dem roemischen Festungsnetz und der festgeschlossenen
+Bundesgenossenschaft ward das Invasionsheer ohne Zweifel erdrueckt.
+Einzig das Ligurer- und Keltenland konnte fuer Hannibal sein, was fuer
+Napoleon in seinen sehr aehnlichen russischen Feldzuegen Polen gewesen
+ist; diese, noch von dem kaum beendigten Unabhaengigkeitskampf
+gaerenden Voelkerschaften, den Italikern stammfremd und in ihrer
+Existenz bedroht, um die eben jetzt sich die ersten Ringe der
+roemischen Festungs- und Chausseenkette legten, mussten in dem
+phoenikischen Heere, das zahlreiche spanische Kelten in seinen Reihen
+zaehlte, ihre Retter erkennen und ihm als erster Rueckhalt, als
+Verpflegungs- und Rekrutierungsbezirk dienen. Schon waren foermliche
+Vertraege mit den Boiern und Insubrern abgeschlossen, wodurch sie sich
+anheischig machten, dem karthagischen Heer Wegweiser entgegenzusenden,
+ihnen gute Aufnahme bei ihren Stammgenossen und Zufuhr unterwegs
+auszuwirken und gegen die Roemer sich zu erheben, sowie das
+karthagische Heer auf italischem Boden stehe. Eben in diese Gegend
+fuehrten endlich die Beziehungen zum Osten. Makedonien, das durch den
+Sieg von Sellasia seine Herrschaft im Peloponnes neu befestigt hatte,
+stand mit Rom in gespannten Verhaeltnissen; Demetrios von Pharos, der
+das roemische Buendnis mit dem makedonischen vertauscht hatte und von
+den Roemern vertrieben worden war, lebte als Fluechtling am
+makedonischen Hof, und dieser hatte den Roemern die begehrte
+Auslieferung verweigert. Wenn es moeglich war, die Heere vom
+Guadalquivir und vom Karasu irgendwo zu vereinigen gegen den
+gemeinschaftlichen Feind, so konnte das nur am Po geschehen. So wies
+alles nach Norditalien; und dass schon des Vaters Blick dahin gerichtet
+gewesen, zeigt die karthagische Streifpartei, der die Roemer zu ihrer
+grossen Verwunderung im Jahre 524 (230) in Ligurien begegnet waren.
+
+Weniger deutlich ist, warum Hannibal dem Land- vor dem Seeweg den
+Vorzug gab; denn dass weder die Seeherrschaft der Roemer noch ihr Bund
+mit Massalia eine Landung in Genua unmoeglich machte, leuchtet ein und
+hat die Folge bewiesen. In unserer Ueberlieferung fehlen, um diese
+Frage genuegend zu entscheiden, nicht wenige Faktoren, auf die es
+ankommen wuerde und die sich nicht durch Vermutung ergaenzen lassen.
+Hannibal hatte unter zwei Uebeln zu waehlen. Statt den ihm unbekannten
+und weniger zu berechnenden Wechselfaellen der Seefahrt und des
+Seekrieges sich auszusetzen, muss es ihm geratener erschienen sein,
+lieber die unzweifelhaft ernstlich gemeinten Zusicherungen der Boier
+und Insubrer anzunehmen, um so mehr, als auch das bei Genua gelandete
+Heer noch die Berge haette ueberschreiten muessen; schwerlich konnte er
+genau wissen, wie viel geringere Schwierigkeiten der Apennin bei Genua
+darbietet als die Hauptkette der Alpen. War doch der Weg, den er
+einschlug, die uralte Keltenstrasse, auf der viel groessere Schwaerme
+die Alpen ueberstiegen hatten; der Verbuendete und Erretter des
+Keltenvolkes durfte ohne Verwegenheit diesen betreten.
+
+So vereinigte Hannibal die fuer die grosse Armee bestimmten Truppen mit
+dem Anfang der guten Jahreszeit in Cartagena; es waren ihrer 90000 Mann
+zu Fuss und 12000 Reiter, darunter etwa zwei Drittel Afrikaner und ein
+Drittel Spanier - die mitgefuehrten 37 Elefanten mochten mehr bestimmt
+sein, den Galliern zu imponieren, als zum ernstlichen Krieg. Hannibals
+Fussvolk war nicht mehr wie das, welches Xanthippos fuehrte, genoetigt,
+sich hinter einen Vorhang von Elefanten zu verbergen, und der Feldherr
+einsichtig genug, um dieser zweischneidigen Waffe, die ebenso oft die
+Niederlage des eigenen wie die des feindlichen Heeres herbeigefuehrt
+hatte, sich nur sparsam und vorsichtig zu bedienen. Mit diesem Heere
+brach Hannibal im Fruehling 536 (218) von Cartagena auf gegen den Ebro.
+Von den getroffenen Massregeln, namentlich den mit den Kelten
+angeknuepften Verbindungen, von den Mitteln und dem Ziel des Zuges
+liess er die Soldaten soviel erfahren, dass auch der Gemeine, dessen
+militaerischen Instinkt der lange Krieg entwickelt haette, den klaren
+Blick und die sichere Hand des Fuehrers ahnte und mit festem Vertrauen
+ihm in die unbekannte Weite folgte; und die feurige Rede, in der er die
+Lage des Vaterlandes und die Forderungen der Roemer vor ihnen darlegte,
+die gewisse Knechtung der teuren Heimat, das schmachvolle Ansinnen der
+Auslieferung des geliebten Feldherrn und seines Stabes, entflammte den
+Soldaten- und den Buergersinn in den Herzen aller.
+
+Der roemische Staat war in einer Verfassung, wie sie auch in
+festgegruendeten und einsichtigen Aristokratien wohl eintritt. Was man
+wollte, wusste man wohl; es geschah auch manches, aber nichts recht
+noch zur rechten Zeit. Laengst haette man Herr der Alpentore und mit
+den Kelten fertig sein koennen; noch waren diese furchtbar und jene
+offen. Man haette mit Karthago entweder Freundschaft haben koennen,
+wenn man den Frieden von 513 (241) ehrlich einhielt, oder, wenn man das
+nicht wollte, konnte Karthago laengst unterworfen sein; jener Friede
+ward durch die Wegnahme Sardiniens tatsaechlich gebrochen und Karthagos
+Macht liess man zwanzig Jahre hindurch sich ungestoert regenerieren.
+Mit Makedonien Frieden zu halten war nicht schwer; um geringen Gewinn
+hatte man diese Freundschaft verscherzt. An einem leitenden, die
+Verhaeltnisse im Zusammenhang beherrschenden Staatsmann muss es gefehlt
+haben; ueberall war entweder zu wenig geschehen oder zu viel. Nun
+begann der Krieg, zu dem man Zeit und Ort den Feind hatte bestimmen
+lassen; und im wohlbegruendeten Vollgefuehl militaerischer
+Ueberlegenheit war man ratlos ueber Ziel und Gang der naechsten
+Operationen. Man disponierte ueber eine halbe Million brauchbarer
+Soldaten - nur die roemische Reiterei war minder gut und
+verhaeltnismaessig minder zahlreich als die karthagische, jene etwa ein
+Zehntel, diese ein Achtel der Gesamtzahl der ausrueckenden Truppen. Der
+roemischen Flotte von 220 Fuenfdeckern, die eben aus dem Adriatischen
+Meere in die Westsee zurueckfuhr, hatte keiner der von diesem Kriege
+beruehrten Staaten eine entsprechende entgegenzustellen. Die
+natuerliche und richtige Verwendung dieser erdrueckenden Uebermacht
+ergab sich von selbst. Seit langem stand es fest, dass der Krieg
+eroeffnet werden sollte mit einer Landung in Afrika; die spaetere
+Wendung der Ereignisse hatte die Roemer gezwungen, eine gleichzeitige
+Landung in Spanien in den Kriegsplan aufzunehmen, vornehmlich, um nicht
+die spanische Armee vor den Mauern von Karthago zu finden. Nach diesem
+Plan wusste man, als der Krieg durch Hannibals Angriff auf Sagunt zu
+Anfang 535 (219) tatsaechlich eroeffnet war, vor allen Dingen ein
+roemisches Heer nach Spanien werfen, ehe die Stadt fiel; allein man
+versaeumte das Gebot des Vorteils nicht minder wie der Ehre. Acht
+Monate lang hielt Sagunt sich umsonst - als die Stadt ueberging, hatte
+Rom zur Landung in Spanien nicht einmal geruestet. Indes noch war das
+Land zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen frei, dessen Voelkerschaften
+nicht bloss die natuerlichen Verbuendeten der Roemer waren, sondern
+auch von roemischen Emissaeren gleich den Saguntinern Versprechungen
+schleunigen Beistandes empfangen hatten. Nach Katalonien gelangt man zu
+Schiff von Italien nicht viel weniger rasch wie von Cartagena zu Lande;
+wenn nach der inzwischen erfolgten foermlichen Kriegserklaerung die
+Roemer wie die Phoeniker im April aufbrachen, konnte Hannibal den
+roemischen Legionen an der Ebrolinie begegnen.
+
+Allerdings wurde denn auch der groessere Teil des Heeres und der Flotte
+fuer den Zug nach Afrika verfuegbar gemacht und der zweite Konsul
+Publius Cornelius Scipio an den Ebro beordert; allein er nahm sich
+Zeit, und als am Po ein Aufstand ausbrach, liess er das zur
+Einschiffung bereitstehende Heer dort verwenden und bildete fuer die
+spanische Expedition neue Legionen. So fand Hannibal am Ebro zwar den
+heftigsten Widerstand, aber nur von den Eingeborenen; mit diesen ward
+er, dem unter den obwaltenden Umstaenden die Zeit noch kostbarer war
+als das Blut seiner Leute, mit Verlust des vierten Teiles seiner Armee
+in einigen Monaten fertig und erreichte die Linie der Pyrenaeen. Dass
+durch jene Zoegerung die spanischen Bundesgenossen Roms zum zweitenmal
+aufgeopfert wurden, konnte man ebenso sicher vorhersehen, als die
+Zoegerung selbst sich leicht vermeiden liess; wahrscheinlich aber waere
+selbst der Zug nach Italien, den man in Rom noch im Fruehling 536 (218)
+nicht geahnt haben muss, durch zeitiges Erscheinen der Roemer in
+Spanien abgewendet worden. Hannibal hatte keineswegs die Absicht, sein
+spanisches “Koenigreich” aufgebend, sich wie ein Verzweifelter nach
+Italien zu werfen; die Zeit, die er an Sagunts Erstuermung und an die
+Unterwerfung Kataloniens gewandt hatte, das betraechtliche Korps, das
+er zur Besetzung des neugewonnenen Gebiets zwischen dem Ebro und den
+Pyrenaeen zurueckliess, beweisen zur Genuege, dass, wenn ein roemisches
+Heer ihm den Besitz Spaniens streitig gemacht haette, er sich nicht
+begnuegt haben wuerde, sich demselben zu entziehen; und was die
+Hauptsache war, wenn die Roemer seinen Abmarsch aus Spanien auch nur um
+einige Wochen zu verzoegern imstande waren, so schloss der Winter die
+Alpenpaesse, ehe Hannibal sie erreichte, und die afrikanische
+Expedition ging ungehindert nach ihrem Ziele ab.
+
+An den Pyrenaeen angelangt, entliess Hannibal einen Teil seiner Truppen
+in die Heimat; eine von Anfang an beschlossene Massregel, die den
+Feldherrn den Soldaten gegenueber des Erfolges sicher zeigen und dem
+Gefuehl steuern sollte, dass sein Unternehmen eines von denen sei, von
+welchen man nicht heimkehrt. Mit einem Heer von 50000 Mann zu Fuss und
+9000 zu Pferd, lauter alten Soldaten, ward das Gebirg ohne
+Schwierigkeit ueberschritten und alsdann der Kuestenweg ueber Narbonne
+und Nîmes eingeschlagen durch das keltische Gebiet, das teils die
+frueher angeknuepften Verbindungen, teils das karthagische Gold, teils
+die Waffen dem Heere oeffneten. Erst als dieses Ende Juli Avignon
+gegenueber an die Rhone gelangte, schien seiner hier ein ernstlicher
+Widerstand zu warten. Der Konsul Scipio, der auf seiner Fahrt nach
+Spanien in Massalia angelegt hatte (etwa Ende Juni), war dort berichtet
+worden, dass er zu spaet komme und Hannibal schon nicht bloss den Ebro,
+sondern auch die Pyrenaeen passiert habe. Auf diese Nachrichten, welche
+zuerst die Roemer ueber die Richtung und das Ziel Hannibals aufgeklaert
+zu haben scheinen, hatte der Konsul seine spanische Expedition
+vorlaeufig aufgegeben und sich entschlossen, in Verbindung mit den
+keltischen Voelkerschaften dieser Gegend, welche unter dem Einfluss der
+Massalioten und dadurch unter dem roemischen standen, die Phoeniker an
+der Rhone zu empfangen und ihnen den Uebergang ueber den Fluss und den
+Einmarsch in Italien zu verwehren. Zum Glueck fuer Hannibal stand
+gegenueber dem Punkte, wo er ueberzugehen gedachte, fuer jetzt nur der
+keltische Landsturm, waehrend der Konsul selbst mit seinem Heer von
+22000 Mann zu Fuss und 2000 Reitern noch in Massalia selbst vier
+Tagemaersche stromabwaerts davon sich befand. Die Boten des gallischen
+Landsturms eilten, ihn zu benachrichtigen. Hannibal sollte das Heer mit
+der starken Reiterei und den Elefanten unter den Augen des Feindes und
+bevor Scipio eintraf ueber den reissenden Strom fuehren; und er besass
+nicht einen Nachen. Sogleich wurden auf seinen Befehl von den
+zahlreichen Rhoneschiffern in der Umgegend alle ihre Barken zu jedem
+Preise aufgekauft und was an Kaehnen noch fehlte, aus gefaellten
+Baeumen gezimmert; und in der Tat konnte die ganze zahlreiche Armee an
+einem Tage uebergesetzt werden. Waehrend dies geschah, marschierte eine
+starke Abteilung unter Hanno, Bomilkars Sohn, in Gewaltmaerschen
+stromaufwaerts bis zu einem zwei kleine Tagemaersche oberhalb Avignon
+gelegenen Uebergangspunkt, den sie unverteidigt fanden. Hier
+ueberschritten sie auf schleunig zusammengeschlagenen Floessen den
+Fluss, um dann stromabwaerts sich wendend die Gallier in den Ruecken zu
+fassen, die dem Hauptheer den Uebergang verwehrten. Schon am Morgen des
+fuenften Tages nach der Ankunft an der Rhone, des dritten nach Hannos
+Abmarsch, stiegen die Rauchsignale der entsandten Abteilung am
+gegenueberliegenden Ufer auf, fuer Hannibal das sehnlich erwartete
+Zeichen zum Uebergang: Eben als die Gallier, sehend, dass die
+feindliche Kahnflotte in Bewegung kam, das Ufer zu besetzen eilten,
+loderte ploetzlich ihr Lager hinter ihnen in Flammen auf; ueberrascht
+und geteilt, vermochten sie weder dem Angriff zu stehen noch dem
+Uebergang zu wehren und zerstreuten sich in eiliger Flucht.
+
+Scipio hielt waehrenddessen in Massalia Kriegsratsitzungen ueber die
+geeignete Besetzung der Rhôneuebergaenge und liess sich nicht einmal
+durch die dringenden Botschaften der Keltenfuehrer zum Aufbruch
+bestimmen. Er traute ihren Nachrichten nicht und begnuegte sich, eine
+schwache roemische Reiterabteilung zur Rekognoszierung auf dem linken
+Rhoneufer zu entsenden. Diese traf bereits die gesamte feindliche Armee
+auf dies Ufer uebergegangen und beschaeftigt, die allein noch am
+rechten Ufer zurueckgebliebenen Elefanten nachzuholen; nachdem sie in
+der Gegend von Avignon, um nur die Rekognoszierung beendigen zu
+koennen, einigen karthagischen Schwadronen ein hitziges Gefecht
+geliefert hatte - das erste, in dem die Roemer und Phoeniker in diesem
+Krieg aufeinandertrafen -, machte sie sich eiligst auf den Rueckweg, um
+im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Scipio brach nun Hals ueber Kopf
+mit all seinen Truppen gegen Avignon auf; allein als er dort eintraf,
+war selbst die zur Deckung des Uebergangs der Elefanten
+zurueckgelassene karthagische Reiterei bereits seit drei Tagen
+abmarschiert, und es blieb dem Konsul nichts uebrig, als mit ermuedeten
+Truppen und geringem Ruhm nach Massalia heimzukehren und auf die “feige
+Flucht” des Puniers zu schmaelen. So hatte man erstens zum drittenmal
+durch reine Laessigkeit die Bundesgenossen und eine wichtige
+Verteidigungslinie preisgegeben, zweitens, indem man nach diesem ersten
+Fehler vom verkehrten Rasten zu verkehrtem Hasten ueberging und ohne
+irgendeine Aussicht auf Erfolg nun doch noch tat, was mit so sicherer
+einige Tage zuvor geschehen konnte, eben dadurch das wirkliche Mittel,
+den Fehler wiedergutzumachen, aus den Haenden gegeben. Seit Hannibal
+diesseits der Rhone im Keltenland stand, war es nicht mehr zu hindern,
+dass er an die Alpen gelangte; allein wenn sich Scipio auf die erste
+Kunde hin mit seinem ganzen Heer nach Italien wandte - in sieben Tagen
+war ueber Genua der Po zu erreichen - und mit seinem Korps die
+schwachen Abteilungen im Potal vereinigte, so konnte er wenigstens dort
+dem Feind einen gefaehrlichen Empfang bereiten. Allein nicht bloss
+verlor er die kostbare Zeit mit dem Marsch nach Avignon, sondern es
+fehlte sogar dem sonst tuechtigen Manne, sei es der politische Mut, sei
+es die militaerische Einsicht, die Bestimmung seines Korps den
+Umstaenden gemaess zu veraendern; er sandte das Gros desselben unter
+seinem Bruder Gnaeus nach Spanien und ging selbst mit weniger
+Mannschaft zurueck nach Pisae.
+
+Hannibal, der nach dem Uebergang ueber die Rhone in einer grossen
+Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges auseinandergesetzt
+und den aus dem Potal angelangten Keltenhaeuptling Magilus selbst durch
+den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen, setzte inzwischen
+ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpaessen fort. Welchen derselben
+er waehlte, darueber konnte weder die Kuerze des Weges noch die
+Gesinnung der Einwohner zunaechst entscheiden, wenngleich er weder mit
+Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlieren hatte. Den Weg musste er
+einschlagen, der fuer seine Bagage, seine starke Reiterei und die
+Elefanten praktikabel war und in dem ein Heer hinreichende
+Subsistenzmittel, sei es im guten oder mit Gewalt, sich verschaffen
+konnte - denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte, Lebensmittel
+auf Saumtieren sich nachzufuehren, so konnten bei einem Heere, das
+immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mann zaehlte, diese doch
+notwendig nur fuer einige Tage ausreichen. Abgesehen von dem
+Kuestenweg, den Hannibal nicht einschlug, nicht weil die Roemer ihn
+sperrten, sondern weil er ihn von seinem Ziel abgefuehrt haben wuerde,
+fuehrten in alter Zeit ^3 von Gallien nach Italien nur zwei namhafte
+Alpenuebergaenge: der Pass ueber die Kottische Alpe (Mont Genèvre) in
+das Gebiet der Tauriner (ueber Susa oder Fenestrelles nach Turin) und
+der ueber die Graische (Kleiner St. Bernhard) in das der Salasser (nach
+Aosta und Ivrea). Der erstere Weg ist der kuerzere; allein von da an,
+wo er das Rhonetal verlaesst, fuehrt er in den unwegsamen und
+unfruchtbaren Flusstaelern des Drak, der Romanche und der oberen
+Durance durch ein schwieriges und armes Bergland und erfordert einen
+mindestens sieben- bis achttaegigen Gebirgsmarsch; eine Heerstrasse hat
+erst Pompeius hier angelegt, um zwischen der dies- und der jenseitigen
+gallischen Provinz eine kuerzere Verbindung herzustellen.
+
+————————————————————————-
+
+^3 Der Weg ueber den Mont Cenis ist erst im Mittelalter eine
+Heerstrasse geworden. Die oestlichen Paesse, wie zum Beispiel der ueber
+die Poeninische Alpe oder den Grossen St. Bernhard, der uebrigens auch
+erst durch Caesar und Augustus Militaerstrasse ward, kommen natuerlich
+hier nicht in Betracht.
+
+————————————————————————-
+
+Der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard ist etwas laenger; allein
+nachdem er die erste, das Rhonetal oestlich begrenzende Alpenwand
+ueberstiegen hat, haelt er sich in dem Tale der oberen Isère, das von
+Grenoble ueber Chambéry bis hart an den Fuss des Kleinen St. Bernhard,
+das heisst der Hochalpenkette sich hinzieht und unter allen
+Alpentaelern das breiteste, fruchtbarste und bevoelkertste ist. Es ist
+ferner der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard unter allen natuerlichen
+Alpenpassagen zwar nicht die niedrigste, aber bei weitem die bequemste;
+obwohl dort keine Kunststrasse angelegt ist, ueberschritt auf ihr noch
+im Jahre 1815 ein oesterreichisches Korps mit Artillerie die Alpen.
+Dieser Weg, der bloss ueber zwei Bergkaemme fuehrt, ist endlich von den
+aeltesten Zeiten an die grosse Heerstrasse aus dem keltischen in das
+italische Land gewesen. Die karthagische Armee hatte also in der Tat
+keine Wahl; es war ein glueckliches Zusammentreffen, aber kein
+bestimmendes Motiv fuer Hannibal, dass die ihm verbuendeten keltischen
+Staemme in Italien bis an den Kleinen St. Bernhard wohnten, waehrend
+ihn der Weg ueber den Mont Genèvre zunaechst in das Gebiet der Tauriner
+gefuehrt haben wuerde, die seit alten Zeiten mit den Insubrern in Fehde
+lagen.
+
+So marschierte das karthagische Heer zunaechst an der Rhone hinauf
+gegen das Tal der oberen Isère zu, nicht, wie man vermuten koennte, auf
+dem naechsten Weg, an dem linken Ufer der unteren Isère hinauf, von
+Valence nach Grenoble, sondern durch die “Insel” der Allobrogen, die
+reiche und damals schon dichtbevoelkerte Niederung, die noerdlich und
+westlich von der Rhone, suedlich von der Isère, oestlich von den Alpen
+umfasst wird. Es geschah dies wieder deshalb, weil die naechste Strasse
+durch ein unwegsames und armes Bergland gefuehrt haette, waehrend die
+Insel eben und aeusserst fruchtbar ist und nur eine einfache Bergwand
+sie von dem oberen Isèretal scheidet. Der Marsch an der Rhone in und
+quer durch die Insel bis an den Fuss der Alpenwand war in sechzehn
+Tagen vollendet; er bot geringe Schwierigkeit und auf der Insel selbst
+wusste Hannibal durch geschickte Benutzung einer zwischen zwei
+allobrogischen Haeuptlingen ausgebrochenen Fehde sich einen der
+bedeutendsten derselben zu verpflichten, dass derselbe den Karthagern
+nicht bloss durch die ganze Ebene das Geleit gab, sondern auch ihnen
+die Vorraete ergaenzte und die Soldaten mit Waffen, Kleidung und
+Schuhzeug versah. Allein an dem Uebergang ueber die erste Alpenkette,
+die steil und wandartig emporsteigt und ueber die nur ein einziger
+gangbarer Pfad (ueber den Mont du Chat beim Dorfe Chevelu) fuehrt,
+waere fast der Zug gescheitert. Die allobrogische Bevoelkerung hatte
+den Pass stark besetzt. Hannibal erfuhr es frueh genug, um einen
+Ueberfall zu vermeiden, und lagerte am Fuss, bis nach Sonnenuntergang
+die Kelten sich in die Haeuser der naechsten Stadt zerstreuten, worauf
+er in der Nacht den Pass einnahm. So war die Hoehe gewonnen; allein auf
+dem aeusserst steilen Weg, der von der Hoehe nach dem See von Bourget
+hinabfuehrt, glitten und stuerzten die Maultiere und die Pferde. Die
+Angriffe, die an geeigneten Stellen von den Kelten auf die
+marschierende Armee gemacht wurden, waren weniger an sich als durch das
+in Folge derselben entstehende Getuemmel sehr unbequem; und als
+Hannibal sich mit seinen leichten Truppen von oben herab auf die
+Allobrogen warf, wurden diese zwar ohne Muehe und mit starkem Verlust
+den Berg hinuntergejagt, allein die Verwirrung, besonders in dem Train,
+ward noch erhoeht durch den Laerm des Gefechts. So nach starkem Verlust
+in der Ebene angelangt, ueberfiel Hannibal sofort die naechste Stadt,
+um die Barbaren zu zuechtigen und zu schrecken und zugleich seinen
+Verlust an Saumtieren und Pferden moeglichst wieder zu ersetzen. Nach
+einem Rasttag in dem anmutigen Tal von Chambéry setzte die Armee an der
+Isère hinauf ihren Marsch fort, ohne in dem breiten und reichen Grund
+durch Mangel oder Angriffe aufgehalten zu werden. Erst als man am
+vierten Tage eintrat in das Gebiet der Ceutronen (die heutige
+Tarantaise), wo allmaehlich das Tal sich verengt, hatte man wiederum
+mehr Veranlassung, auf seiner Hut zu sein. Die Ceutronen empfingen das
+Heer an der Landesgrenze (etwa bei Conflans) mit Zweigen und Kraenzen,
+stellten Schlachtvieh, Fuehrer und Geiseln, und wie durch Freundesland
+zog man durch ihr Gebiet. Als jedoch die Truppen unmittelbar am Fuss
+der Alpen angelangt waren, da wo der Weg die Isère verlaesst und durch
+ein enges und schwieriges Defilee an den Bach Reclus hinauf sich zu dem
+Gipfel des Bernhard emporwindet, erschien auf einmal die Landwehr der
+Ceutronen teils im Ruecken der Armee, teils auf den rechts und links
+den Pass einschliessenden Bergraendern, in der Hoffnung, den Tross und
+das Gepaeck abzuschneiden. Allein Hannibal, dessen sicherer Takt in all
+jenem Entgegenkommen der Ceutronen nichts gesehen hatte als die
+Absicht, zugleich Schonung ihres Gebiets und die reiche Beute zu
+gewinnen, hatte in Erwartung eines solchen Angriffs den Tross und die
+Reiterei voraufgeschickt und deckte den Marsch mit dem gesamten
+Fussvolk; die Absicht der Feinde wurde dadurch vereitelt, obwohl er
+nicht verhindern konnte, dass sie, auf den Bergabhaengen den Marsch des
+Fussvolks begleitend, ihm durch geschleuderte oder herabgerollte Steine
+sehr betraechtlichen Verlust zufuegten. An dem “weissen Stein” (noch
+jetzt la roche blanche), einem hohen, am Fusse des Bernhard einzeln
+stehenden und den Aufweg auf denselben beherrschenden Kreidefels,
+lagerte Hannibal mit seinem Fussvolk, den Abzug der die ganze Nacht
+hindurch muehsam hinaufklimmenden Pferde und Saumtiere zu decken, und
+erreichte unter bestaendigen, sehr blutigen Gefechten endlich am
+folgenden Tage die Passhoehe. Hier, auf der geschuetzten Hochebene, die
+sich um einen kleinen See, die Quelle der Doria, in einer Ausdehnung
+von etwa 2½ Miglien ausbreitet, liess er die Armee rasten. Die
+Entmutigung hatte angefangen, sich der Gemueter der Soldaten zu
+bemaechtigen. Die immer schwieriger werdenden Wege, die zu Ende
+gehenden Vorraete, die Defileenmaersche unter bestaendigen Angriffen
+des unerreichbaren Feindes, die arg gelichteten Reihen, die
+hoffnungslose Lage der Versprengten und Verwundeten, das nur der
+Begeisterung des Fuehrers und seiner Naechsten nicht chimaerisch
+erscheinende Ziel, fingen an, auch auf die afrikanischen und spanischen
+Veteranen zu wirken. Indes die Zuversicht des Feldherrn blieb sich
+immer gleich; zahlreiche Versprengte fanden sich wieder ein; die
+befreundeten Gallier waren nah, die Wasserscheide erreicht und der dem
+Bergwanderer so erfreuliche Blick auf den absteigenden Pfad eroeffnet;
+nach kurzer Rast schickte man mit erneutem Mute zu dem letzten und
+schwierigsten Unternehmen, dem Hinabmarsch sich an. Von Feinden ward
+das Heer dabei nicht wesentlich beunruhigt; aber die vorgerueckte
+Jahreszeit - man war schon im Anfang September - vertrat bei dem
+Niederweg das Ungemach, das bei dem Aufweg die Ueberfaelle der Anwohner
+bereitet hatten. Auf dem steilen und schluepfrigen Berghang laengs der
+Doria, wo der frischgefallene Schnee die Pfade verborgen und verdorben
+hatte, verirrten und glitten Menschen und Tiere und stuerzten in die
+Abgruende; ja gegen das Ende des ersten Tagemarsches gelangte man an
+eine Wegstrecke von etwa 200 Schritt Laenge, auf welche von den steil
+darueber haengenden Felsen des Cramont bestaendig Lawinen hinabstuerzen
+und wo in kalten Sommern der Schnee das ganze Jahr liegt. Das Fussvolk
+kam hinueber; aber Pferde und Elefanten vermochten die glatten
+Eismassen, ueber welche nur eine duenne Decke frischgefallenen Schnees
+sich hinzog, nicht zu passieren und mit dem Trosse, der Reiterei und
+den Elefanten nahm der Feldherr oberhalb der schwierigen Stelle das
+Lager. Am folgenden Tag bahnten die Reiter durch angestrengtes Schanzen
+den Weg fuer Pferde und Saumtiere; allein erst nach einer ferneren
+dreitaegigen Arbeit mit bestaendiger Abloesung der Haende konnten
+endlich die halbverhungerten Elefanten hinuebergefuehrt werden. So war
+nach viertaegigem Aufenthalt die ganze Armee wieder vereinigt und nach
+einem weiteren dreitaegigen Marsch durch das immer breiter und
+fruchtbarer sich entwickelnde Tal der Doria, dessen Einwohner, die
+Salasser, Klienten der Insubrer, in den Karthagern ihre Verbuendeten
+und ihre Befreier begruessten, gelangte die Armee um die Mitte des
+September in die Ebene von Ivrea, wo die erschoepften Truppen in den
+Doerfern einquartiert wurden, um durch gute Verpflegung und eine
+vierzehntaegige Rast von den beispiellosen Strapazen sich zu erholen.
+Haetten die Roemer, wie sie es konnten, ein Korps von 30000 ausgeruhten
+und kampffertigen Leuten etwa bei Turin gehabt und die Schlacht sofort
+erzwungen, so haette es misslich ausgesehen um Hannibals grossen Plan;
+zum Glueck fuer ihn waren sie wieder einmal nicht, wo sie sein sollten,
+und stoerten die feindlichen Truppen nicht in der Ruhe, deren sie so
+sehr bedurften ^4.
+
+—————————————————————-
+
+^4 Die vielbestrittenen topographischen Fragen, die an diese beruehmte
+Expedition sich knuepfen, koennen als erledigt und im wesentlichen als
+geloest gelten durch die musterhaft gefuehrte Untersuchung der Herren
+Wickham und Gramer. Ueber die chronologischen, die gleichfalls
+Schwierigkeiten darbieten, moegen hier ausnahmsweise einige Bemerkungen
+stehen.
+
+Als Hannibal auf den Gipfel des Bernhard gelangte, “fingen die Spitzen
+schon an, sich dicht mit Schnee zu bedecken” (Polyb. 3, 54); auf dem
+Wege lag Schnee (Polyb. 3, 55), aber vielleicht groesstenteils nicht
+frisch gefallener, sondern Schnee von herabgestuerzten Lawinen. Auf dem
+Bernhard beginnt der Winter um Michaelis, der Schneefall im September;
+als Ende August die genannten Englaender den Berg ueberstiegen, fanden
+sie fast gar keinen Schnee auf ihrem Wege, aber zu beiden Seiten die
+Bergabhaenge davon bedeckt. Hiernach scheint Hannibal Anfang September
+auf dem Pass angelangt zu sein; womit auch wohl vereinbar ist, dass er
+dort eintraf, “als schon der Winter herannahte” - denn mehr ist
+ςυνάπτειν τήν τής πλειάδος δύσιν (Polyb. 3, 54) nicht, am wenigsten der
+Tag des Fruehuntergangs der Plejaden (etwa 26. Oktober); vgl. C. L.
+Ideler, Lehrbuch der Chronologie. Berlin 1831. Bd. 1, S. 241.
+
+Kam Hannibal neun Tage spaeter, also Mitte September in Italien an, so
+ist auch Platz fuer die von da bis zur Schlacht an der Trebia gegen
+Ende Dezember (περί χειμερινάς τροπάς Polyb. 3, 72) eingetretenen
+Ereignisse, namentlich die Translokation des nach Afrika bestimmten
+Heeres von Lilybaeon nach Placentia. Es passt dazu ferner, dass in
+einer Heerversammlung υπό τήν εαρινήν ώραν (Polyb. 3, 34), also gegen
+Ende Maerz, der Tag des Abmarsches bekannt gemacht ward und der Marsch
+fuenf (oder nach App. Hisp. 7, 4 sechs) Monate waehrte. Wenn also
+Hannibal Anfang September auf dem Bernhard war, so war er, da er von
+der Rhone bis dahin 30 Tage gebraucht, an der Rhône Anfang August
+eingetroffen, wo denn freilich Scipio, der im Anfang des Sommers
+(Polyb. 3, 41), also spaetestens Anfang Juni sich einschiffte unterwegs
+sich sehr verweilt oder in Massalia in seltsamer Untaetigkeit laengere
+Zeit gesessen haben muss.
+
+——————————————————————
+
+Das Ziel war erreicht, aber mit schweren Opfern. Von den 50000 zu Fuss,
+den 9000 zu Ross dienenden alten Soldaten, welche die Armee nach dem
+Pyrenaeenuebergang zaehlte, waren mehr als die Haelfte das Opfer der
+Gefechte, der Maersche und der Flussuebergaenge geworden; Hannibal
+zaehlte nach seiner eigenen Angabe jetzt nicht mehr als 20000 zu Fuss -
+davon drei Fuenftel Libyer, zwei Fuenftel Spanier - und 6000 zum Teil
+wohl demontierte Reiter, deren verhaeltnismaessig geringer Verlust
+nicht minder fuer die Trefflichkeit der numidischen Kavallerie spricht
+wie fuer die wohlueberlegte Schonung, mit der der Feldherr diese
+ausgesuchte Truppe verwandte. Ein Marsch von 526 Miglien oder etwa 33
+maessigen Tagemaerschen, dessen Fortsetzung und Beendigung durch keinen
+besonderen, nicht vorherzusehenden groesseren Unfall gestoert, vielmehr
+nur durch unberechenbare Gluecksfaelle und noch unberechenbarere Fehler
+des Feindes moeglich ward und der dennoch nicht bloss solche Opfer
+kostete, sondern die Armee so strapazierte und demoralisierte, dass sie
+einer laengeren Rast bedurfte, um wieder kampffaehig zu werden, ist
+eine militaerische Operation von zweifelhaftem Werte, und es darf in
+Frage gestellt werden, ob Hannibal sie selber als gelungen betrachtete.
+Nur duerfen wir daran nicht unbedingt einen Tadel des Feldherrn
+knuepfen; wir sehen wohl die Maengel des von ihm befolgten
+Operationsplans, koennen aber nicht entscheiden, ob er imstande war,
+sie vorherzusehen - fuehrte doch sein Weg durch unbekanntes
+Barbarenland -, und ob ein anderer Plan, etwa die Kuestenstrasse
+einzuschlagen oder in Cartagena oder Karthago sich einzuschiffen, ihn
+geringeren Gefahren ausgesetzt haben wuerde. Die umsichtige und
+meisterhafte Ausfuehrung des Planes im einzelnen ist auf jeden Fall
+bewundernswert, und worauf am Ende alles ankam - sei es nun mehr durch
+die Gunst des Schicksals oder sei es mehr durch die Kunst des
+Feldherrn, Hamilkars grosser Gedanke, in Italien den Kampf mit Rom
+aufzunehmen, war jetzt zur Tat geworden. Sein Geist ist es, der diesen
+Zug entwarf; und wie Steins und Scharnhorsts Aufgabe schwieriger und
+grossartiger war als die von York und Bluecher, so hat auch der sichere
+Takt geschichtlicher Erinnerung das letzte Glied der grossen Kette von
+vorbereitenden Taten, den Uebergang ueber die Alpen, stets mit
+groesserer Bewunderung genannt als die Schlachten am Trasimenischen See
+und auf der Ebene von Cannae.
+
+
+
+
+KAPITEL V.
+Der Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae
+
+
+Durch das Erscheinen der karthagischen Armee diesseits der Alpen war
+mit einem Schlag die Lage der Dinge verwandelt und der roemische
+Kriegsplan gesprengt. Von den beiden roemischen Hauptarmeen war die
+eine in Spanien gelandet und dort schon mit dem Feinde handgemein; sie
+zurueckzuziehen, war nicht mehr moeglich. Die zweite, die unter dem
+Oberbefehl des Konsuls Tiberius Sempronius nach Afrika bestimmt war,
+stand gluecklicherweise noch in Sizilien; die roemische Zauderei bewies
+sich hier einmal von Nutzen. Von den beiden karthagischen nach Italien
+und Sizilien bestimmten Geschwadern war das erste durch den Sturm
+zerstreut und einige der Schiffe desselben bei Messana von den
+syrakusanischen aufgebracht worden; das zweite hatte vergeblich
+versucht, Lilybaeon zu ueberrumpeln und darauf in einem Seegefecht vor
+diesem Hafen den kuerzeren gezogen. Doch war das Verweilen der
+feindlichen Geschwader in den italischen Gewaessern so unbequem, dass
+der Konsul beschloss, bevor er nach Afrika ueberfuhr, die kleinen
+Inseln um Sizilien zu besetzen und die gegen Italien operierende
+karthagische Flotte zu vertreiben. Mit der Eroberung von Melite und dem
+Aufsuchen des feindlichen Geschwaders, das er bei den Liparischen
+Inseln vermutete, waehrend es bei Vibo (Monteleone) gelandet die
+brettische Kueste brandschatzte, endlich mit der Erkundung eines
+geeigneten Landungsplatzes an der afrikanischen Kueste war ihm der
+Sommer vergangen, und so traf der Befehl des Senats, so schleunig wie
+moeglich zur Verteidigung der Heimat zurueckzukehren, Heer und Flotte
+noch in Lilybaeon.
+
+Waehrend also die beiden grossen, jede fuer sich der Armee Hannibals an
+Zahl gleichen roemischen Armeen in weiter Ferne von dem Potal
+verweilten, war man hier auf einen Angriff schlechterdings nicht
+gefasst. Zwar stand dort ein roemisches Heer infolge der unter den
+Kelten schon vor Ankunft der karthagischen Armee ausgebrochenen
+Insurrektion. Die Gruendung der beiden roemischen Zwingburgen Placentia
+und Cremona, von denen jede 6000 Kolonisten erhielt, und namentlich die
+Vorbereitungen zur Gruendung von Mutina im boischen Lande hatten schon
+im Fruehling 536 (218), vor der mit Hannibal verabredeten Zeit, die
+Boier zum Aufstand getrieben, dem sich die Insubrer sofort anschlossen.
+Die schon auf dem mutinensischen Gebiet angesiedelten Kolonisten,
+ploetzlich ueberfallen, fluechteten sich in die Stadt. Der Praetor
+Lucius Manlius, der in Ariminum den Oberbefehl fuehrte, eilte schleunig
+mit seiner einzigen Legion herbei, um die blockierten Kolonisten zu
+entsetzen; allein in den Waeldern ueberrascht, blieb ihm nach starkem
+Verlust nichts anderes uebrig, als sich auf einem Huegel festzusetzen
+und hiervon den Boiern sich gleichfalls belagern zu lassen, bis eine
+zweite von Rom gesandte Legion unter dem Praetor Lucius Atilius Heer
+und Stadt gluecklich befreite und den gallischen Aufstand fuer den
+Augenblick daempfte. Dieser voreilige Aufstand der Boier, der
+einerseits, insofern er Scipios Abfahrt nach Spanien verzoegerte,
+Hannibals Plan wesentlich gefoerdert hatte, war anderseits die Ursache,
+dass er das Potal nicht bis auf die Festungen voellig unbesetzt fand.
+Allein das roemische Korps, dessen zwei stark dezimierte Legionen keine
+20000 Soldaten zaehlten, hatte genug zu tun, die Kelten im Zaum zu
+halten, und dachte nicht daran, die Alpenpaesse zu besetzen, deren
+Bedrohung man auch in Rom erst erfuhr, als im August der Konsul Publius
+Scipio ohne sein Heer von Massalia nach Italien zurueckkam, und
+vielleicht selbst damals wenig beachtete, da ja das tollkuehne Beginnen
+allein an den Alpen scheitern werde. Also stand in der entscheidenden
+Stunde an dem entscheidenden Platz nicht einmal ein roemischer
+Vorposten; Hannibal hatte volle Zeit, sein Heer auszuruhen, die
+Hauptstadt der Tauriner, die ihm die Tore verschloss, nach dreitaegiger
+Belagerung zu erstuermen und alle ligurischen und keltischen Gemeinden
+im oberen Potal zum Buendnis zu bewegen oder zu schrecken, bevor
+Scipio, der das Kommando im Potal uebernommen hatte, ihm in den Weg
+trat. Dieser, dem die schwierige Aufgabe zufiel, mit einem bedeutend
+geringeren, namentlich an Reiterei sehr schwachen Heer das Vordringen
+der ueberlegenen feindlichen Armee auf- und die ueberall sich regende
+keltische Insurrektion niederzuhalten, war, vermutlich bei Placentia,
+ueber den Po gegangen und rueckte an diesem hinauf dem Feind entgegen,
+waehrend Hannibal nach der Einnahme von Turin flussabwaerts
+marschierte, um den Insubrern und Boiern Luft zu machen. In der Ebene
+zwischen dem Ticino und der Sesia unweit Vercellae traf die roemische
+Reiterei, die mit dem leichten Fussvolk zu einer forcierten
+Rekognoszierung vorgegangen war, auf die zu gleichem Zwecke
+ausgesendete phoenikische, beide gefuehrt von den Feldherren in Person.
+Scipio nahm das angebotene Gefecht trotz der Ueberlegenheit des Feindes
+an; allein sein leichtes Fussvolk, das vor der Front der Reiter
+aufgestellt war, riss vor dem Stoss der feindlichen schweren Reiterei
+aus und waehrend diese von vorn die roemischen Reitermassen engagierte,
+nahm die leichte numidische Kavallerie, nachdem sie die zersprengten
+Scharen des feindlichen Fussvolks beiseite gedraengt hatte, die
+roemischen Reiter in die Flanken und den Ruecken. Dies entschied das
+Gefecht. Der Verlust der Roemer war sehr betraechtlich; der Konsul
+selbst, der als Soldat gutmachte, was er als Feldherr gefehlt hatte,
+empfing eine gefaehrliche Wunde und verdankte seine Rettung nur der
+Hingebung seines siebzehnjaehrigen Sohnes, der mutig in die Feinde
+hineinsprengend seine Schwadron zwang, ihm zu folgen und den Vater
+heraushieb. Scipio, durch dies Gefecht aufgeklaert ueber die Staerke
+des Feindes, begriff den Fehler, den er gemacht hatte, mit einer
+schwaecheren Armee sich in der Ebene mit dem Ruecken gegen den Fluss
+aufzustellen und entschloss sich, unter den Augen des Gegners auf das
+rechte Poufer zurueckzukehren. Wie die Operationen sich auf einen
+engeren Raum zusammenzogen und die Illusionen der roemischen
+Unwiderstehlichkeit von ihm wichen, fand er sein bedeutendes
+militaerisches Talent wieder, das der bis zur Abenteuerlichkeit
+verwegene Plan seines jugendlichen Gegners auf einen Augenblick
+paralysiert hatte. Waehrend Hannibal sich zur Feldschlacht bereit
+machte, gelangte Scipio durch einen rasch entworfenen und sicher
+ausgefuehrten Marsch gluecklich auf das zur Unzeit verlassene rechte
+Ufer des Flusses und brach die Pobruecke hinter dem Heere ab, wobei
+freilich das mit der Deckung des Abbruchs beauftragte roemische
+Detachement von 600 Mann abgeschnitten und gefangen wurde. Indes
+konnte, da der obere Lauf des Flusses in Hannibals Haenden war, es
+diesem nicht verwehrt werden, dass er stromaufwaerts marschierend auf
+einer Schiffbruecke uebersetzte und in wenigen Tagen auf dem rechten
+Ufer dem roemischen Heere gegenuebertrat. Dies hatte in der Ebene
+vorwaerts von Placentia Stellung genommen; allein die Meuterei einer
+keltischen Abteilung im roemischen Lager und die ringsum aufs neue
+ausbrechende gallische Insurrektion zwang den Konsul, die Ebene zu
+raeumen und sich auf den Huegeln hinter der Trebia festzusetzen, was
+ohne namhaften Verlust bewerkstelligt ward, da die nachsetzenden
+numidischen Reiter mit dem Pluendern und Anzuenden des verlassenen
+Lagers die Zeit verdarben. In dieser starken Stellung, den linken
+Fluegel gelehnt an den Apennin, den rechten an den Po und die Festung
+Placentia, von vorn gedeckt durch die in dieser Jahreszeit nicht
+unbedeutende Trebia, vermochte er zwar die reichen Magazine von
+Clastidium (Casteggio), von dem ihn in dieser Stellung die feindliche
+Armee abschnitt, nicht zu retten und die insurrektionelle Bewegung fast
+aller gallischen Kantone mit Ausnahme der roemisch gesinnten Cenomanen
+nicht abzuwenden. Aber Hannibals Weitermarsch war voellig gehemmt und
+derselbe genoetigt, sein Lager dem roemischen gegenueber zu schlagen;
+ferner hinderte die von Scipio genommene Stellung sowie die Bedrohung
+der insubrischen Grenzen durch die Cenomanen die Hauptmasse der
+gallischen Insurgenten, sich unmittelbar dem Feinde anzuschliessen, und
+gab dem zweiten roemischen Heer, das mittlerweile von Lilybaeon in
+Ariminum eingetroffen war, Gelegenheit, mitten durch das insurgierte
+Land ohne wesentliche Hinderung Placentia zu erreichen und mit der
+Poarmee sich zu vereinigen. Scipio hatte also seine schwierige Aufgabe
+vollstaendig und glaenzend geloest. Das roemische Heer, jetzt nahe an
+40000 Mann stark und dem Gegner wenn auch an Reiterei nicht gewachsen,
+doch an Fussvolk wenigstens gleich, brauchte bloss da stehen zu
+bleiben, wo es stand, um den Feind entweder zu noetigen, in der
+winterlichen Jahreszeit den Flussuebergang und den Angriff auf das
+roemische Lager zu versuchen oder sein Vorruecken einzustellen und den
+Wankelmut der Gallier durch die laestigen Winterquartiere auf die Probe
+zu setzen. Indes so einleuchtend dies war, so war es nicht minder
+unzweifelhaft, dass man schon im Dezember stand und bei jenem Verfahren
+zwar vielleicht Rom den Sieg gewann, aber nicht der Konsul Tiberius
+Sempronius, der infolge von Scipios Verwundung den Oberbefehl allein
+fuehrte und dessen Amtsjahr in wenigen Monaten ablief. Hannibal kannte
+den Mann und versaeumte nichts, ihn zum Kampf zu reizen; die den
+Roemern treugebliebenen keltischen Doerfer wurden grausam verheert und
+als darueber ein Reitergefecht sich entspann, gestattete Hannibal den
+Gegnern, sich des Sieges zu ruehmen. Bald darauf, an einem rauhen
+regnerischen Tage, kam es, den Roemern unvermutet, zu der
+Hauptschlacht. Vom fruehesten Morgen an hatten die roemischen leichten
+Truppen herumgeplaenkelt mit der leichten Reiterei der Feinde; diese
+wich langsam, und hitzig eilten die Roemer ihr nach durch die
+hochangeschwollene Trebia, den errungenen Vorteil zu verfolgen.
+Ploetzlich standen die Reiter; die roemische Vorhut fand sich auf dem
+von Hannibal gewaehlten Schlachtfeld seiner zur Schlacht geordneten
+Armee gegenueber - sie war verloren, wenn nicht das Gros der Armee
+schleunigst ueber den Bach folgte. Hungrig, ermuedet und durchnaesst
+kamen die Roemer an und eilten sich, in Reihe und Glied zu stellen; die
+Reiter wie immer auf den Fluegeln, das Fussvolk im Mitteltreffen. Die
+leichten Truppen, die auf beiden Seiten die Vorhut bildeten, begannen
+das Gefecht; allein die roemischen hatten fast schon gegen die Reiterei
+sich verschossen und wichen sofort, ebenso auf den Fluegeln die
+Reiterei, welche die Elefanten von vorn bedraengten und die weit
+zahlreicheren karthagischen Reiter links und rechts ueberfluegelten.
+Aber das roemische Fussvolk bewies sich seines Namens wert; es focht zu
+Anfang der Schlacht mit der entschiedensten Ueberlegenheit gegen die
+feindliche Infanterie, und selbst als die Zurueckdraengung der
+roemischen Reiter der feindlichen Kavallerie und den Leichtbewaffneten
+gestattete, ihre Angriffe gegen das roemische Fussvolk zu kehren, stand
+dasselbe zwar vom Vordringen ab, aber zum Weichen war es nicht zu
+bringen. Da ploetzlich erschien eine auserlesene karthagische Schar,
+1000 Mann zu Fuss und ebensoviele zu Pferd unter der Fuehrung von Mago,
+Hannibals juengstem Bruder, aus einem Hinterhalt in dem Ruecken der
+roemischen Armee und hieb ein in die dicht verwickelten Massen. Die
+Fluegel der Armee und die letzten Glieder des roemischen Zentrums
+wurden durch diesen Angriff aufgeloest und zersprengt. Das erste
+Treffen, 10000 Mann stark, durchbrach, sich eng zusammenschliessend,
+die karthagische Linie und bahnte mitten durch die Feinde sich
+seitwaerts einen Ausweg, der der feindlichen Infanterie, namentlich den
+gallischen Insurgenten teuer zu stehen kam; diese tapfere Truppe
+gelangte also, nur schwach verfolgt, nach Placentia. Die uebrige Masse
+ward zum groessten Teil bei dem Versuch, den Fluss zu ueberschreiten,
+von den Elefanten und den leichten Truppen des Feindes niedergemacht;
+nur ein Teil der Reiterei und einige Abteilungen des Fussvolks
+vermochten den Fluss durchwatend das Lager zu gewinnen, wohin ihnen die
+Karthager nicht folgten, und erreichten von da gleichfalls Placentia
+^1. Wenige Schlachten machen dem roemischen Soldaten mehr Ehre als
+diese an der Trebia und wenige zugleich sind eine schwerere Anklage
+gegen den Feldherrn, der sie schlug; obwohl der billig Urteilende nicht
+vergessen wird, dass die an einem bestimmten Tage ablaufende
+Feldhauptmannschaft eine unmilitaerische Institution war und von Dornen
+sich einmal keine Feigen ernten lassen. Auch den Siegern kam der Sieg
+teuer zu stehen. Wenngleich der Verlust im Kampfe hauptsaechlich auf
+die keltischen Insurgenten gefallen war, so erlagen doch nachher den
+infolge des rauhen und nassen Wintertages entstandenen Krankheiten eine
+Menge von Hannibals alten Soldaten und saemtliche Elefanten bis auf
+einen einzigen.
+
+—————————————————————-
+
+^1 Polybios’ Bericht ueber die Schlacht an der Trebia ist vollkommen
+klar. Wenn Placentia auf dem rechten Ufer der Trebia an deren Muendung
+in den Po lag, und wenn die Schlacht auf dem linken Ufer geliefert
+ward, waehrend das roemische Lager auf dem rechten geschlagen war - was
+beides wohl bestritten worden, aber nichtsdestoweniger unbestreitbar
+ist -, so mussten allerdings die roemischen Soldaten, ebensogut um
+Placentia wie um das Lager zu gewinnen, die Trebia passieren. Allein
+bei dem Uebergang in das Lager haetten sie durch die aufgeloesten Teile
+der eigenen Armee und durch das feindliche Umgehungskorps sich den Weg
+bahnen und dann fast im Handgemenge mit dem Feinde den Fluss
+ueberschreiten muessen. Dagegen ward der Uebergang bei Placentia
+bewerkstelligt, nachdem die Verfolgung nachgelassen hatte, das Korps
+mehrere Meilen vom Schlachtfeld entfernt und im Bereiche einer
+roemischen Festung angelangt war; es kann sogar sein, obwohl es sich
+nicht beweisen laesst, dass hier eine Bruecke ueber die Trebia fuehrte
+und der Brueckenkopf am anderen Ufer von der placentinischen Garnison
+besetzt war. Es ist einleuchtend, dass die erste Passage ebenso
+schwierig wie die zweite leicht war und Polybios also, Militaer wie er
+war, mit gutem Grunde von dem Korps der Zehntausend bloss sagt, dass es
+in geschlossenen Kolonnen nach Placentia sich durchschlug (3, 74, 6),
+ohne des hier gleichgueltigen Uebergangs ueber den Fluss zu gedenken.
+
+Die Verkehrtheit der Livianischen Darstellung, welche das phoenikische
+Lager auf das rechte, das roemische auf das linke Ufer der Trebia
+verlegt, ist neuerdings mehrfach hervorgehoben worden. Es mag nur noch
+daran erinnert werden, dass die Lage von Clastidium bei dem heutigen
+Casteggio jetzt durch Inschriften festgestellt ist (Orelli-Henzen
+5117).
+
+—————————————————————
+
+Die Folge dieses ersten Sieges der Invasionsarmee war, dass die
+nationale Insurrektion sich nun im ganzen Kettenland ungestoert erhob
+und organisierte. Die Ueberreste der roemische Poarmee warfen sich in
+die Festungen Placentia und Cremona; vollstaendig abgeschnitten von der
+Heimat, mussten sie ihre Zufuhren auf dem Fluss zu Wasser beziehen. Nur
+wie durch ein Wunder entging der Konsul Tiberius Sempronius der
+Gefangenschaft, als er mit einem schwachen Reitertrupp der Wahlen wegen
+nach Rom ging. Hannibal, der nicht durch weitere Maersche in der rauben
+Jahreszeit die Gesundheit seiner Truppen aufs Spiel setzen wollte,
+bezog, wo er war, das Winterbiwak und begnuegte sich, da ein
+ernstlicher Versuch auf die groesseren Festungen zu nichts gefuehrt
+haben wuerde, durch Angriffe auf den Flusshafen von Placentia und
+andere kleinere roemische Positionen den Feind zu necken.
+Hauptsaechlich beschaeftigte er sich damit, den gallischen Aufstand zu
+organisieren; ueber 60000 Fusssoldaten und 4000 Berittene sollen von
+den Kelten sich seinem Heer angeschlossen haben.
+
+Fuer den Feldzug des Jahres 537 (217) wurden in Rom keine
+ausserordentlichen Anstrengungen gemacht; der Senat betrachtete, und
+nicht mit Unrecht, trotz der verlorenen Schlacht die Lage noch
+keineswegs als ernstlich gefahrvoll. Ausser den Kuestenbesatzungen, die
+nach Sardinien, Sizilien und Tarent, und den Verstaerkungen, die nach
+Spanien abgingen, erhielten die beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius
+und Gnaeus Servilius nur soviel Mannschaft, als noetig war, um die vier
+Legionen wieder vollzaehlig zu machen; einzig die Reiterei wurde
+verstaerkt. Sie sollten die Nordgrenze decken und stellten sich deshalb
+an den beiden Kunststrassen auf, die von Rom nach Norden fuehrten, und
+von denen die westliche damals bei Arretium, die oestliche bei Ariminum
+endigte; jene besetzte Gaius Flaminius, diese Gnaeus Servilius. Hier
+zogen sie die Truppen aus den Pofestungen, wahrscheinlich zu Wasser,
+wieder an sich und erwarteten den Beginn der besseren Jahreszeit, um in
+der Defensive die Apenninpaesse zu besetzen und, zur Offensive
+uebergehend, in das Potal hinabzusteigen und etwa bei Placentia sich
+die Hand zu reichen. Allein Hannibal hatte keineswegs die Absicht, das
+Potal zu verteidigen. Er kannte Rom besser vielleicht, als die Roemer
+selbst es kannten, und wusste sehr genau, wie entschieden er der
+Schwaechere war und es blieb trotz der glaenzenden Schlacht an der
+Trebia; er wusste auch, dass sein letztes Ziel, die Demuetigung Roms,
+von dem zaehen roemischen Trotz weder durch Schreck noch durch
+Ueberraschung zu erreichen sei, sondern nur durch die tatsaechliche
+Ueberwaeltigung der stolzen Stadt. Es lag klar am Tage, wie unendlich
+ihm, dem von daheim nur unsichere und unregelmaessige Unterstuetzung
+zukam und der in Italien zunaechst nur auf das schwankende und
+latinische Kelterwolk sich zu lehnen vermochte, die italische
+Eidgenossenschaft an politischer Festigkeit und an militaerischen
+Hilfsmitteln ueberlegen war; und wie tief trotz aller angewandten Muehe
+der phoenikische Fusssoldat unter dem Legionaer taktisch stand, hatte
+die Defensive Scipios und der glaenzende Rueckzug der geschlagenen
+Infanterie an der Trebia vollkommen erwiesen. Aus dieser Einsicht
+flossen die beiden Grundgedanken, die Hannibals ganze Handlungsweise in
+Italien bestimmt haben: den Krieg mit stetem Wechsel des
+Operationsplans und des Schauplatzes, gewissermassen abenteuernd zu
+fuehren, die Beendigung desselben aber nicht von den militaerischen
+Erfolgen, sondern von den politischen, von der allmaehlichen Lockerung
+und der endlichen Sprengung der italischen Eidgenossenschaft zu
+erwarten. Jene Fuehrung war notwendig, weil das einzige, was Hannibal
+gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu werfen hatte, sein
+militaerisches Genie nur dann vollstaendig ins Gewicht fiel, wenn er
+seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen deroutierte, und er
+verloren war, sowie der Krieg zum Stehen kam. Dieses Ziel war das von
+der richtigen Politik ihm gebotene, weil er, der gewaltige
+Schlachtensieger, sehr deutlich einsah, dass er jedesmal die Generale
+ueberwand und nicht die Stadt, und nach jeder neuen Schlacht die Roemer
+den Karthagern ebenso ueberlegen blieben, wie er den roemischen
+Feldherren. Dass Hannibal selbst auf dem Gipfel des Gluecks sich nie
+hierueber getaeuscht hat, ist bewunderungswuerdiger als seine
+bewundertsten Schlachten.
+
+Dies und nicht die Bitten der Gallier um Schonung ihres Landes, die ihn
+nicht bestimmen durften, ist auch die Ursache, warum Hannibal seine
+neugewonnene Operationsbasis gegen Italien jetzt gleichsam fallen liess
+und den Kriegsschauplatz nach Italien selbst verlegte. Vorher hiess er
+alle Gefangenen sich vorfuehren. Die Roemer liess er aussondern und mit
+Sklavenfesseln belasten - dass Hannibal alle waffenfaehigen Roemer, die
+ihm hier und sonst in die Haende fielen, habe niedermachen lassen, ist
+ohne Zweifel mindestens stark uebertrieben; dagegen wurden die
+saemtlichen italischen Bundesgenossen ohne Loesegeld entlassen, um
+daheim zu berichten, dass Hannibal nicht gegen Italien Krieg fuehre,
+sondern gegen Rom; dass er jeder italischen Gemeinde die alte
+Unabhaengigkeit und die alten Grenzen wieder zusichere und dass den
+Befreiten der Befreier auf dem Fusse folge als Retter und als Raecher.
+In der Tat bracher, da der Winter zu Ende ging, aus dem Potal auf, um
+sich einen Weg durch die schwierigen Defileen des Apennin zu suchen.
+Gaius Flaminius mit der etruskischen Armee stand vorlaeufig noch bei
+Arezzo, um von hier aus zur Deckung des Arnotales und der Apenninpaesse
+etwa nach Lucca abzuruecken, sowie es die Jahreszeit erlaubte. Allein
+Hannibal kam ihm zuvor. Der Apenninuebergang ward in moeglichst
+westlicher Richtung, das heisst moeglichst weit vom Feinde, ohne grosse
+Schwierigkeit bewerkstelligt; allein die sumpfigen Niederungen zwischen
+dem Serchio und dem Arno waren durch die Schneeschmelze und die
+Fruehlingsregen so ueberstaut, dass die Armee vier Tage im Wasser zu
+marschieren hatte, ohne auch nur zur naechtlichen Rast einen anderen
+trockenen Platz zu finden, als den das zusammengehaeufte Gepaeck und
+die gefallenen Saumtiere darboten. Die Truppen litten unsaeglich,
+namentlich das gallische Fussvolk, das hinter dem karthagischen in den
+schon grundlosen Wegen marschierte; es murrte laut und waere ohne
+Zweifel in Masse ausgerissen, wenn nicht die karthagische Reiterei
+unter Mago, die den Zug beschloss, ihm die Flucht unmoeglich gemacht
+haette. Die Pferde, unter denen die Klauenseuche ausbrach, fielen
+haufenweise; andere Seuchen dezimierten die Soldaten; Hannibal selbst
+verlor infolge einer Entzuendung das eine Auge. Indes das Ziel ward
+erreicht; Hannibal lagerte bei Fiesole, waehrend Gaius Flaminius noch
+bei Arezzo abwartete, dass die Wege gangbar wuerden, um sie zu sperren.
+Nachdem die roemische Defensivstellung somit umgangen war, konnte der
+Konsul, der vielleicht stark genug gewesen waere, um die Bergpaesse zu
+verteidigen, aber sicher nicht imstande war, Hannibal jetzt im offenen
+Felde zu stehen, nichts Besseres tun als warten, bis das zweite, nun
+bei Ariminum voellig ueberfluessig gewordene Heer herankam. Indes er
+selber urteilte anders. Er war ein politischer Parteifuehrer, durch
+seine Bemuehungen, die Macht des Senats zu beschraenken, in die Hoehe
+gekommen, durch die gegen ihn waehrend seiner Konsulate gesponnenen
+aristokratischen Intrigen auf die Regierung erbittert, durch die wohl
+gerechtfertigte Opposition gegen deren parteilichen Schlendrian
+fortgerissen zu trotziger Ueberhebung ueber Herkommen und Sitte,
+berauscht zugleich von der blinden Liebe des gemeinen Mannes und ebenso
+sehr von dem bitteren Hass der Herrenpartei, und ueber alles dies mit
+der fixen Idee behaftet, dass er ein militaerisches Genie sei. Sein
+Feldzug gegen die Insubrer von 531 (223), der fuer unbefangene Urteiler
+nur bewies, dass tuechtige Soldaten oefters gutmachen, was schlechte
+Generale verderben, galt ihm und seinen Anhaengern als der
+unumstoessliche Beweis, dass man nur den Gaius Flaminius an die Spitze
+des Heeres zu stellen brauche, um dem Hannibal ein schnelles Ende zu
+bereiten. Solche Reden hatten ihm das zweite Konsulat verschafft, und
+solche Hoffnungen hatten jetzt eine derartige Menge von unbewaffneten
+Beutelustigen in sein Lager gefuehrt, dass deren Zahl nach der
+Versicherung nuechterner Geschichtschreiber die der Legionarier
+ueberstieg. Zum Teil hierauf gruendete Hannibal seinen Plan. Weit
+entfernt, ihn anzugreifen, marschierte er an ihm vorbei und liess durch
+die Kelten, die das Pluendern gruendlich verstanden, und die zahlreiche
+Reiterei die Landschaft rings umher brandschatzen. Die Klagen und die
+Erbitterung der Menge, die sich musste auspluendern lassen unter den
+Augen des Helden, der sie zu bereichern versprochen; das Bezeigen des
+Feindes, dass er ihm weder die Macht noch den Entschluss zutraue, vor
+der Ankunft seines Kollegen etwas zu unternehmen, mussten einen solchen
+Mann bestimmen, sein strategisches Genie zu entwickeln und dem
+unbesonnenen hochmuetigen Feind eine derbe Lektion zu erteilen. Nie ist
+ein Plan vollstaendiger gelungen. Eilig folgte der Konsul dem Marsch
+des Feindes, der an Arezzo vorueber langsam durch das reiche Chianatal
+gegen Perugia zog; er erreichte ihn in der Gegend von Cortona, wo
+Hannibal, genau unterrichtet von dem Marsch seines Gegners, volle Zeit
+gehabt hatte, sein Schlachtfeld zu waehlen, ein enges Defilee zwischen
+zwei steilen Bergwaenden, das am Ausgang ein hoher Huegel, am Eingang
+der Trasimenische See schloss. Mit dem Kern seiner Infanterie verlegte
+er den Ausweg; die leichten Truppen und die Reiterei stellten zu beiden
+Seiten verdeckt sich auf. Unbedenklich rueckten die roemischen Kolonnen
+in den unbesetzten Pass; der dichte Morgennebel verbarg ihnen die
+Stellung des Feindes. Wie die Spitze des roemischen Zuges sich dein
+Huegel naeherte, gab Hannibal das Zeichen zur Schlacht; zugleich
+schloss die Reiterei, hinter den Huegeln vorrueckend, den Eingang des
+Passes und auf den Raendern rechts und links zeigten die verziehenden
+Nebel ueberall phoenikische Waffen. Es war kein Treffen, sondern nur
+eine Niederlage. Was ausserhalb des Defilees geblieben war, wurde von
+den Reitern in den See gesprengt, der Hauptzug in dem Passe selbst fast
+ohne Gegenwehr vernichtet und die meisten, darunter der Konsul selbst,
+in der Marschordnung niedergehauen. Die Spitze der roemischen
+Heersaeule, 6000 Mann zu Fuss schlugen sich zwar durch das feindliche
+Fussvolk durch und bewiesen wiederum die unwiderstehliche Gewalt der
+Legionen; allein abgeschnitten und ohne Kunde von dem uebrigen Heer,
+marschierten sie aufs Geratewohl weiter, wurden am folgenden Tag auf
+einem Huegel, den sie besetzt hatten, von einem karthagischen
+Reiterkorps umzingelt und da die Kapitulation, die ihnen freien Abzug
+versprach, von Hannibal verworfen ward, saemtlich als kriegsgefangen
+behandelt. 15000 Roemer waren gefallen, ebenso viele gefangen, das
+heisst das Heer war vernichtet; der geringe karthagische Verlust - 1500
+Mann - traf wieder vorwiegend die Gallier ^2. Und als waere dies nicht
+genug, so ward gleich nach der Schlacht am Trasimenischen See die
+Reiterei des ariminensischen Heeres unter Gaius Centenius, 4000 Mann
+stark, die Gnaeus Servilius, selber langsam nachrueckend, vorlaeufig
+seinem Kollegen zu Hilfe sandte, gleichfalls von dem phoenikischen Heer
+umzingelt und teils niedergemacht, teils gefangen. Ganz Etrurien war
+verloren und ungehindert konnte Hannibal auf Rom marschieren. Dort
+machte man sich auf das Aeusserste gefasst; man brach die Tiberbruecken
+ab und ernannte den Quintus Fabius Maximus zum Diktator, um die Mauern
+instand zu setzen und die Verteidigung zu leiten, fuer welche ein
+Reserveheer gebildet ward. Zugleich wurden zwei neue Legionen anstatt
+der vernichteten unter die Waffen gerufen und die Flotte, die im Fall
+einer Belagerung wichtig werden konnte, instand gesetzt.
+
+———————————————————————-
+
+^2 Das Datum der Schlacht, 23. Juni nach dem unberichtigten Kalender,
+muss nach dem berichtigten etwa in den April fallen, da Quintus Fabius
+seine Diktatur nach sechs Monaten in der Mitte des Herbstes (Liv. 22,
+31, 7; 32, 1) niederlegte, also sie etwa Anfang Mai antrat. Die
+Kalenderverwirrung war schon in dieser Zeit in Rom sehr arg.
+
+————————————————————————
+
+Allein Hannibal sah weiter als Koenig Pyrrhos. Er marschierte nicht auf
+Rom; auch nicht gegen Gnaeus Servilius, der, ein tuechtiger Feldherr,
+seine Armee mit Hilfe der Festungen an der Nordstrasse auch jetzt
+unversehrt erhalten und vielleicht den Gegner sich gegenueber
+festgehalten haben wuerde. Es geschah wieder einmal etwas ganz
+Unerwartetes. An der Festung Spoletium vorbei, deren Ueberrumpelung
+fehlschlug, marschierte Hannibal durch Umbrien, verheerte entsetzlich
+das ganz mit roemischen Bauernhoefen bedeckte picenische Gebiet und
+machte Halt an den Ufern des Adriatischen Meeres. Menschen und Pferde
+in seinem Heer hatten noch die Nachwehen der Fruehlingskampagne nicht
+verwunden; hier hielt er eine laengere Rast, um in der anmutigen Gegend
+und der schoenen Jahreszeit sein Heer sich erholen zu lassen und sein
+libysches Fussvolk in roemischer Weise zu reorganisieren, wozu die
+Masse der erbeuteten roemischen Waffen ihm die Mittel darbot. Von hier
+aus knuepfte er ferner die lange unterbrochenen Verbindungen mit der
+Heimat wieder an, indem er zu Wasser seine Siegesbotschaften nach
+Karthago sandte. Endlich, als sein Heer hinreichend sich
+wiederhergestellt hatte und der neue Waffendienst genugsam geuebt war,
+brach er auf und marschierte langsam an der Kueste hinab in das
+suedliche Italien hinein.
+
+Er hatte richtig gerechnet, als er zu dieser Umgestaltung der
+Infanterie sich jetzt entschloss; die Ueberraschung der bestaendig
+eines Angriffs auf die Hauptstadt gewaertigen Gegner liess ihm
+mindestens vier Wochen ungestoerter Musse zur Verwirklichung des
+beispiellos verwegenen Experiments, im Herzen des feindlichen Landes
+mit einer noch immer verhaeltnismaessig geringen Armee sein
+militaerisches System vollstaendig zu aendern und den Versuch zu
+machen, den unbesiegbaren italischen afrikanische Legionen
+gegenueberzustellen. Allein seine Hoffnung, dass die Eidgenossenschaft
+nun anfangen werde, sich zu lockern, erfuellte sich nicht. Auf die
+Etrusker, die schon ihre letzten Unabhaengigkeitskriege vorzugsweise
+mit gallischen Soeldnern gefuehrt hatten, kam es hierbei am wenigsten
+an; der Kern der Eidgenossenschaft, namentlich in militaerischer
+Hinsicht, waren naechst den latinischen die sabellischen Gemeinden, und
+mit gutem Grund hatte Hannibal jetzt diesen sich genaehert. Allein eine
+Stadt nach der andern schloss ihre Tore; nicht eine einzige italische
+Gemeinde machte Buendnis mit dem Phoeniker. Damit war fuer die Roemer
+viel, ja alles gewonnen; indes man begriff in der Hauptstadt, wie
+unvorsichtig es sein wuerde, die Treue der Bundesgenossen auf eine
+solche Probe zu stellen, ohne dass ein roemisches Heer das Feld hielt.
+Der Diktator Quintus Fabius zog die beiden in Rom gebildeten
+Ersatzlegionen und das Heer von Ariminum zusammen, und als Hannibal an
+der roemischen Festung Luceria vorbei gegen Arpi marschierte, zeigten
+sich in seiner rechten Flanke bei Aeca die roemischen Feldzeichen. Ihr
+Fuehrer indes verfuhr anders als seine Vorgaenger. Quintus Fabius war
+ein hochbejahrter Mann, von einer Bedachtsamkeit und Festigkeit, die
+nicht wenigen als Zauderei und Eigensinn erschien; ein eifriger
+Verehrer der guten alten Zeit, der politischen Allmacht des Senats und
+des Buergermeisterkommandos erwartete er das Heil des Staates naechst
+Opfern und Gebeten von der methodischen Kriegfuehrung. Politischer
+Gegner des Gaius Flaminius und durch die Reaktion gegen dessen
+toerichte Kriegsdemagogie an die Spitze der Geschaefte gerufen, ging er
+ins Lager ab, ebenso fest entschlossen, um jeden Preis eine
+Hauptschlacht zu vermeiden, wie sein Vorgaenger, um jeden Preis eine
+solche zu liefern, und ohne Zweifel ueberzeugt, dass die ersten
+Elemente der Strategik Hannibal verbieten wuerden vorzuruecken, solange
+das roemische Heer intakt ihm gegenueberstehe, und dass es also nicht
+schwer halten werde, die auf das Fouragieren angewiesene feindliche
+Armee im kleinen Gefecht zu schwaechen und allmaehlich auszuhungern.
+Hannibal, wohlbedient von seinen Spionen in Rom und im roemischen Heer,
+erfuhr den Stand der Dinge sofort und richtete wie immer seinen
+Feldzugsplan ein nach der Individualitaet des feindlichen Anfuehrers.
+An dem roemischen Heer vorbei marschierte er ueber den Apennin in das
+Herz von Italien nach Benevent, nahm die offene Stadt Telesia an der
+Grenze von Samnium und Kampanien und wandte sich von da gegen Capua,
+das als die bedeutendste unter allen von Rom abhaengigen italischen
+Staedten und die einzige Rom einigermassen ebenbuertige darum den Druck
+des roemischen Regiments schwerer als irgendeine andere empfand. Er
+hatte dort Verbindungen angeknuepft, die den Abfall der Kampaner vom
+roemischen Buendnis hoffen liessen: allein diese Hoffnung schlug ihm
+fehl. So wieder rueckwaerts sich wendend schlug er die Strasse nach
+Apulien ein. Der Diktator war waehrend dieses ganzen Zuges der
+karthagischen Armee auf die Hoehen gefolgt und hatte seine Soldaten zu
+der traurigen Rolle verurteilt, mit den Waffen in der Hand zuzusehen,
+wie die numidischen Reiter weit und breit die treuen Bundesgenossen
+pluenderten und in der ganzen Ebene die Doerfer in Flammen aufgingen.
+Endlich eroeffnete er der erbitterten roemischen Armee die sehnlich
+herbeigewuenschte Gelegenheit, an den Feind zu kommen. Wie Hannibal den
+Rueckmarsch angetreten, sperrte ihm Fabius den Weg bei Casilinum (dem
+heutigen Capua), indem er auf dem linken Ufer des Volturnus diese Stadt
+stark besetzte und auf dem rechten die kroenenden Hoehen mit seiner
+Hauptarmee einnahm, waehrend eine Abteilung von 4000 Mann auf der am
+Fluss hinfuehrenden Strasse selbst sich lagerte. Allein Hannibal hiess
+seine Leichtbewaffneten die Anhoehen, die unmittelbar neben der Strasse
+sich erhoben, erklimmen und von hier aus eine Anzahl Ochsen mit
+angezuendeten Reisbuendeln auf den Hoernern vortreiben, so dass es
+schien, als zoege dort die karthagische Armee in naechtlicher Weile bei
+Fackelschein ab. Die roemische Abteilung, die die Strasse sperrte, sich
+umgangen und die fernere Deckung der Strasse ueberfluessig waehnend,
+zog sich seitwaerts auf dieselben Anhoehen; auf der dadurch
+freigewordenen Strasse zog Hannibal dann mit dem Gros seiner Armee ab,
+ohne dem Feind zu begegnen, worauf er am anderen Morgen ohne Muehe und
+mit starkem Verlust fuer die Roemer seine leichten Truppen degagierte
+und zuruecknahm. Ungehindert setzte Hannibal darauf seinen Marsch in
+nordoestlicher Richtung fort und kam auf weiten Umwegen, nachdem er die
+Landschaften der Hirpiner, Kampaner, Samniten, Paeligner und Frentaner
+ohne Widerstand durchzogen und gebrandschatzt hatte, mit reicher Beute
+und voller Kasse wieder in der Gegend von Luceria an, als dort eben die
+Ernte beginnen sollte. Nirgend auf dem weiten Marsch hatte er taetigen
+Widerstand, aber nirgend auch Bundesgenossen gefunden. Wohl erkennend,
+dass ihm nichts uebrig blieb, als sich auf Winterquartiere im offenen
+Felde einzurichten, begann er die schwierige Operation, den
+Winterbedarf des Heeres durch dieses selbst von den Feldern der Feinde
+einbringen zu lassen. Die weite, groesstenteils flache nordapulische
+Landschaft, die Getreide und Futter im Ueberfluss darbot und von seiner
+ueberlegenen Reiterei gaenzlich beherrscht werden konnte, hatte er
+hierzu sich ausersehen. Bei Gerunium, fuenf deutsche Meilen noerdlich
+von Luceria, ward ein verschanztes Lager angelegt, aus dem zwei Drittel
+des Heeres taeglich zum Einbringen der Vorraete ausgesendet wurden,
+waehrend Hannibal mit dem Rest Stellung nahm, um das Lager und die
+ausgesendeten Detachements zu decken. Der Reiterfuehrer Marcus
+Minucius, der im roemischen Lager in Abwesenheit des Diktators den
+Oberbefehl stellvertretend fuehrte, hielt die Gelegenheit geeignet, um
+naeher an den Feind heranzuruecken und bezog ein Lager im larinatischen
+Gebiet, wo er auch teils durch seine blosse Anwesenheit die
+Detachierungen und dadurch die Verproviantierung des feindlichen Heeres
+hinderte, teils in einer Reihe gluecklicher Gefechte, die seine Truppen
+gegen einzelne phoenikische Abteilungen und sogar gegen Hannibal selbst
+bestanden, die Feinde aus ihren vorgeschobenen Stellungen verdraengte
+und sie noetigte, sich bei Gerunium zu konzentrieren. Auf die Nachricht
+von diesen Erfolgen, die begreiflich bei der Darstellung nicht
+verloren, brach in der Hauptstadt der Sturm gegen Quintus Fabius los.
+Er war nicht ganz ungerechtfertigt. So weise es war, sich
+roemischerseits verteidigend zu verhalten und den Haupterfolg von dem
+Abschneiden der Subsistenzmittel des Feindes zu erwarten, so war es
+doch ein seltsames Verteidigungs- und Aushungerungssystem, das dem
+Feind gestattete, unter den Augen einer an Zahl gleichen roemischen
+Armee ganz Mittelitalien ungehindert zu verwuesten und durch eine
+geordnete Fouragierung im groessten Massstab sich fuer den Winter
+hinreichend zu verproviantieren. So hatte Publius Scipio, als er im
+Potal kommandierte, die defensive Haltung nicht verstanden, und der
+Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei Casilinum auf eine
+Weise gescheitert, die den staedtischen Spottvoegeln reichlichen Stoff
+gab. Es war bewundernswert, dass die italischen Gemeinden nicht
+wankten, als ihnen Hannibal die Ueberlegenheit der Phoeniker, die
+Nichtigkeit der roemischen Hilfe so fuehlbar dartat; allein wie lange
+konnte man ihnen zumuten, die zwiefache Kriegslast zu ertragen und sich
+unter den Augen der roemischen Truppen und ihrer eigenen Kontingente
+auspluendern zu lassen? Endlich, was das roemische Heer anlangte, so
+konnte man nicht sagen, dass es den Feldherrn zu dieser Kriegfuehrung
+noetigte; es bestand seinem Kerne nach aus den tuechtigen Legionen von
+Ariminum und daneben aus einberufener, groesstenteils ebenfalls
+dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt, durch die letzten
+Niederlagen entmutigt zu sein, war es erbittert ueber die wenig
+ehrenvolle Aufgabe, die sein Feldherr, “Hannibals Lakai”, ihm zuwies,
+und verlangte mit lauter Stimme, gegen den Feind gefuehrt zu werden. Es
+kam zu den heftigsten Auftritten in den Buergerversammlungen gegen den
+eigensinnigen alten Mann; seine politischen Gegner, an ihrer Spitze der
+gewesene Praetor Gaius Terentius Varro, bemaechtigten sich des Haders -
+wobei man nicht vergessen darf, dass der Diktator tatsaechlich vom
+Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das Palladium der
+konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen Soldaten
+und den Besitzern der gepluenderten Gueter den verfassungs- und
+sinnwidrigen Volksbeschluss durch: die Diktatur, die dazu bestimmt war,
+in Zeiten der Gefahr die Uebelstaende des geteilten Oberbefehls zu
+beseitigen, in gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen
+bisherigem Unterfeldherrn Marcus Minucius zu erteilen ^3. So wurde die
+roemische Armee, nachdem ihre gefaehrliche Spaltung in zwei
+abgesonderte Korps eben erst zweckmaessig beseitigt worden war, nicht
+bloss wiederum geteilt, sondern auch an die Spitze der beiden Haelften
+Fuehrer gestellt, welche offenkundig geradezu entgegengesetzte
+Kriegsplaene befolgten. Quintus Fabius blieb natuerlich mehr als je bei
+seinem methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genoetigt, seinen
+Diktatortitel auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff uebereilt
+und mit geringen Streitkraeften an und waere vernichtet worden, wenn
+nicht hier sein Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines
+frischen Korps groesseres Unglueck abgewandt haette. Diese letzte
+Wendung der Dinge gab dem System des passiven Widerstandes
+gewissermassen Recht. Allein in der Tat hatte Hannibal in diesem
+Feldzug vollstaendig erreicht, was mit den Waffen erreicht werden
+konnte: nicht eine einzige wesentliche Operation hatten weder der
+stuermische noch der bedaechtige Gegner ihm vereitelt, und seine
+Verproviantierung war, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, doch im
+wesentlichen so vollstaendig gelungen, dass dem Heer in dem Lager bei
+Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorueberging. Nicht der Zauderer
+hat Rom gerettet, sondern das feste Gefuege seiner Eidgenossenschaft
+und vielleicht nicht minder der Nationalhass der Okzidentalen gegen den
+phoenikischen Mann.
+
+————————————————————————
+
+^3 Die Inschrift des von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei
+Gerunium dem Hercules Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei
+sacrom M. Minuci(us) C. f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei
+S. Lorenzo aufgefunden worden.
+
+————————————————————————
+
+Trotz aller Unfaelle stand der roemische Stolz nicht minder aufrecht
+als die roemische Symmachie. Die Geschenke, welche der Koenig Hieron
+von Syrakus und die griechischen Staedte in Italien fuer den naechsten
+Feldzug anboten - die letzteren traf der Krieg minder schwer als die
+uebrigen italischen Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer
+stellten -, wurden mit Dank abgelehnt; den illyrischen Haeuptlingen
+zeigte man an, dass sie nicht saeumen moechten mit Entrichtung des
+Tributs; ja man beschickte den Koenig von Makedonien abermals um die
+Auslieferung des Demetrios von Pharos. Die Majoritaet des Senats war
+trotz der Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem
+Zaudersystem des Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von
+dieser den Staat zwar langsam, aber sicher zugrunde richtenden
+Kriegfuehrung abzugehen; wenn der Volksdiktator mit seiner
+energischeren Kriegfuehrung gescheitert war, so schob man, und nicht
+mit Unrecht, die Ursache darauf, dass man eine halbe Massregel
+getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe. Diesen Fehler
+beschloss man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie Rom noch
+keines ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fuenftel ueber die
+Normalzahl verstaerkt, und die entsprechende Anzahl Bundesgenossen,
+genug, um den nicht halb so starken Gegner zu erdruecken. Ausserdem
+ward eine Legion unter dem Praetor Lucius Postumius nach dem Potal
+bestimmt, um womoeglich die in Hannibals Heer dienenden Kelten nach der
+Heimat zurueckzuziehen. Diese Beschluesse waren verstaendig; es kam nur
+darauf an, auch ueber den Oberbefehl angemessen zu bestimmen. Das
+starre Auftreten des Quintus Fabius und die daran sich anspinnenden
+demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und ueberhaupt den Senat
+unpopulaerer gemacht als je; im Volke ging, wohl nicht ohne Schuld
+seiner Fuehrer, die toerichte Rede, dass der Senat den Krieg
+absichtlich in die Laenge ziehe. Da also an die Ernennung eines
+Diktators nicht zu denken war, versuchte der Senat die Wahl der Konsuln
+angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und den Eigensinn erst
+recht rege machte. Mit Muehe brachte der Senat den einen seiner
+Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535 (219)
+den Illyrischen Krieg verstaendig gefuehrt hatte; die ungeheure
+Majoritaet der Buerger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der
+Volkspartei Gaius Terentius Varro, einen unfaehigen Mann, der nur durch
+seine verbissene Opposition gegen den Senat und namentlich als
+Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum Mitdiktator bekannt war,
+und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige Geburt und seine
+rohe Unverschaemtheit.
+
+Waehrend diese Vorbereitungen zu dem naechsten Feldzug in Rom getroffen
+wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien wieder begonnen. Sowie die
+Jahreszeit es gestattete, die Winterquartiere zu verlassen, brach
+Hannibal, wie immer den Krieg bestimmend und die Offensive fuer sich
+nehmend, von Gerunium in der Richtung nach Sueden auf, ueberschritt an
+Luceria vorbeimarschierend den Aufidus und nahm das Kastell von Cannae
+(zwischen Canosa und Barletta), das die canusinische Ebene beherrschte
+und den Roemern bis dahin als Hauptmagazin gedient hatte. Die roemische
+Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des Herbstes
+verfassungsmaessig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt von Gnaeus
+Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als Prokonsuln
+kommandiert wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht abzuwenden
+gewusst; aus militaerischen wie aus politischen Ruecksichten ward es
+immer notwendiger, den Fortschritten Hannibals durch eine Feldschlacht
+zu begegnen. Mit diesem bestimmten Auftrag des Senats trafen denn auch
+die beiden neuen Oberbefehlshaber Paullus und Varro im Anfang des
+Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier neuen Legionen und dem
+entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie heranfuehrten, stieg
+die roemische Armee auf 80000 Mann zu Fuss, halb Buerger, halb
+Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Buerger, zwei
+Drittel Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000
+Reiter, aber nur etwa 40000 Mann zu Fuss zaehlte. Hannibal wuenschte
+nichts mehr als eine Schlacht, nicht bloss aus den allgemeinen, frueher
+eroerterten Gruenden, sondern auch besonders deshalb, weil das weite
+apulische Blachfeld ihm gestattete, die ganze Ueberlegenheit seiner
+Reiterei zu entwickeln und weil die Verpflegung seiner zahlreichen
+Armee, hart an dem doppelt so starken und auf eine Reihe von Festungen
+gestuetzten Feind, trotz seiner ueberlegenen Reiterei sehr bald
+ungemein schwierig zu werden drohte. Auch die Fuehrer der roemischen
+Streitmacht waren, wie gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen
+und naeherten in dieser Absicht sich dem Feinde; allein die
+einsichtigeren unter ihnen erkannten Hannibals Lage und beabsichtigten
+daher, zunaechst zu warten und nur nahe am Feinde sich aufzustellen, um
+ihn zum Abzug und zur Annahme der Schlacht auf einem ihm minder
+guenstigen Terrain zu noetigen. Hannibal lagerte bei Cannae am rechten
+Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein Lager an beiden Ufern des Flusses
+auf, so dass die Hauptmacht am linken Ufer zu stehen kam, ein starkes
+Korps aber am rechten unmittelbar dem Feind gegenueber Stellung nahm,
+um ihm die Zufuhren zu erschweren, vielleicht auch Cannae zu bedrohen.
+Hannibal, dem alles daran lag, bald zum Schlagen zu kommen,
+ueberschritt mit dem Gros seiner Truppen den Strom und bot auf dem
+linken Ufer die Schlacht an, die Paullus nicht annahm. Allein dem
+demokratischen Konsul missfiel dergleichen militaerische Pedanterie; es
+war so viel davon geredet worden, dass man ausziehe, nicht um Posten zu
+stehen, sondern um die Schwerter zu gebrauchen; er befahl, auf den
+Feind zu gehen, wo und wie man ihn eben fand. Nach der alten
+toerichterweise beibehaltenen Sitte wechselte die entscheidende Stimme
+im Kriegsrat zwischen dem Oberfeldherren Tag um Tag; man musste also am
+folgenden Tage sich fuegen und dem Helden von der Gasse seinen Willen
+tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite Blachfeld der ueberlegenen
+Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte allerdings auch er
+nicht schlagen; aber er beschloss, die gesamten roemischen
+Streitkraefte auf dem rechten zu vereinigen und hier, zwischen den
+karthagischen Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses ernstlich
+bedrohend, die Schlacht anzubieten. Eine Abteilung von 10000 Mann blieb
+in dem roemischen Hauptlager zurueck mit dem Auftrag, das karthagische
+waehrend des Gefechts wegzunehmen und damit dem feindlichen Heere den
+Rueckzug ueber den Fluss abzuschneiden; das Gros der roemischen Armee
+ueberschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August nach dem
+unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender, den in dieser
+Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht wesentlich
+hindernden Fluss und stellte bei dem kleineren roemischen Lager
+westlich von Cannae sich in Linie auf. Die karthagische Armee folgte
+und ueberschritt gleichfalls den Strom, an den der rechte roemische wie
+der linke karthagische Fluegel sich lehnten. Die roemische Reiterei
+stand auf den Fluegeln, die schwaechere der Buergerwehr auf dem rechten
+am Fluss, gefuehrt von Paullus, die staerkere bundesgenoessische auf
+dem linken gegen die Ebene, gefuehrt von Varro. Im Mitteltreffen stand
+das Fussvolk in ungewoehnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl des
+Konsuls des Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenueber ordnete
+Hannibal sein Fussvolk in halbmondfoermiger Stellung, so dass die
+keltischen und iberischen Truppen in ihrer nationalen Ruestung die
+vorgeschobene Mitte, die roemisch geruesteten Libyer auf beiden Seiten
+die zurueckgenommenen Fluegel bildeten. An der Flussseite stellte die
+gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der Seite nach
+der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem
+Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im
+Gefecht. Wo die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere
+Kavallerie focht, zog das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier
+ohne Entscheidung sich hin. Dagegen im Mitteltreffen warfen die
+Legionen die ihnen zuerst begegnenden spanischen und gallischen Truppen
+vollstaendig; eilig draengten die Sieger nach und verfolgten ihren
+Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Fluegel das Glueck
+sich gegen die Roemer gewandt. Hannibal hatte den linken Reiterfluegel
+der Feinde bloss beschaeftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen
+regulaeren Reiterei gegen den schwaecheren rechten zu verwenden und
+diesen zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die roemischen
+Reiter und was nicht niedergehauen ward, wurde den Fluss hinaufgejagt
+und in die Ebene versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem
+Mitteltreffen, das Schicksal der Legionen zu wenden oder doch zu
+teilen. Diese hatten, um den Sieg ueber die vorgeschobene feindliche
+Infanterie besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in eine
+Angriffskolonne verwandelt, die keilfoermig eindrang in das feindliche
+Zentrum. In dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links
+einschwenkenden libyschen Fussvolk von beiden Seiten heftig angegriffen
+und ein Teil von ihnen gezwungen, Halt zu machen, um gegen die
+Flankenangriffe sich zu verteidigen, wodurch das Vorruecken ins Stocken
+kam und die ohnehin schon uebermaessig dicht gereihte Infanteriemasse
+nun gar nicht mehr Raum fand, sich zu entwickeln. Inzwischen hatte
+Hasdrubal, nachdem er mit dem Fluegel des Paullus fertig war, seine
+Reiter aufs neue gesammelt und geordnet und sie hinter dem feindlichen
+Mitteltreffen weg gegen den Fluegel des Varro gefuehrt. Dessen
+italische Reiterei, schon mit den Numidiern hinreichend beschaeftigt,
+stob vor dem doppelten Angriff schnell auseinander. Hasdrubal, die
+Verfolgung der Fluechtigen den Numidiern ueberlassend, ordnete zum
+drittenmal seine Schwadronen, um sie dem roemischen Fussvolk in den
+Ruecken zu fuehren. Dieser letzte Stoss entschied. Flucht war nicht
+moeglich und Quartier ward nicht gegeben; es ist vielleicht nie ein
+Heer von dieser Groesse so vollstaendig und mit so geringem Verlust des
+Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet worden wie das roemische
+bei Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000 Mann eingebuesst, wovon zwei
+Drittel auf die Kelten kamen, die der erste Stoss der Legionen traf.
+Dagegen von den 76000 Roemern, die in der Schlachtlinie gestanden
+hatten, deckten 70000 das Feld, darunter der Konsul Lucius Paullus, der
+Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel der Stabsoffiziere, achtzig
+Maenner senatorischen Ranges. Nur den Konsul Marcus Varro rettete sein
+rascher Entschluss und sein gutes Pferd nach Venusia, und er ertrug es
+zu leben. Auch die Besatzung des roemischen Lagers, 10000 Mann stark,
+ward groesstenteils kriegsgefangen; nur einige tausend Mann, teils aus
+diesen Truppen, teils aus der Linie, entkamen nach Canusium. Ja als
+sollte in diesem Jahre durchaus mit Rom ein Ende gemacht werden, fiel
+noch vor Ablauf desselben die nach Gallien gesandte Legion in einen
+Hinterhalt und wurde mit ihrem Feldherrn Lucius Postumius, dem fuer das
+naechste Jahr ernannten Konsul, von den Galliern gaenzlich vernichtet.
+
+Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die grosse politische
+Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach Italien gegangen
+war. Er hatte seinen Plan wohl zunaechst auf sein Heer gebaut; allein
+in richtiger Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht sollte dies in
+seinem Sinn nur die Vorhut sein, mit der die Kraefte des Westens und
+Ostens allmaehlich sich vereinigen wuerden, um der stolzen Stadt den
+Untergang zu bereiten. Zwar diejenige Unterstuetzung, die die
+gesichertste schien, die Nachsendungen von Spanien her, hatte das
+kuehne und feste Auftreten des dorthin gesandten roemischen Feldherrn
+Gnaeus Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Uebergang ueber die Rhone
+war dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Kueste
+zwischen den Pyrenaeen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch
+des Binnenlandes bemaechtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537
+217) die karthagische Flotte an der Ebromuendung voellig geschlagen,
+hatte, nachdem sein Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals,
+mit Verstaerkung von 8000 Mann zu ihm gestossen war, sogar den Ebro
+ueberschritten und war vorgedrungen bis gegen Sagunt. Zwar hatte
+Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus Afrika
+Verstaerkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders
+gemaess eine Armee ueber die Pyrenaeen zu fuehren; allein die Scipionen
+verlegten ihm den Uebergang ueber den Ebro und schlugen ihn
+vollstaendig, etwa um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae
+siegte. Die maechtige Voelkerschaft der Keltiberer und zahlreiche
+andere spanische Staemme hatten den Scipionen sich zugewandt; diese
+beherrschten das Meer und die Pyrenaeenpaesse und durch die
+zuverlaessigen Massalioten auch die gallische Kueste. So war von
+Spanien aus fuer Hannibal jetzt weniger als je Unterstuetzung zu
+erwarten.
+
+Von Karthago war bisher zur Unterstuetzung des Feldherrn in Italien so
+viel geschehen, wie man erwarten konnte: phoenikische Geschwader
+bedrohten die Kuesten Italiens und der roemischen Inseln und hueteten
+Afrika vor einer roemischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren
+Beistand verhinderte nicht sowohl die Ungewissheit, wo Hannibal zu
+finden sei, und der Mangel eines Landeplatzes in Italien, als die
+langjaehrige Gewohnheit, dass das spanische Heer sich selbst genuege,
+vor allem aber die grollende Friedenspartei. Hannibal empfand schwer
+die Folgen dieser unverzeihlichen Untaetigkeit; trotz allen Sparens des
+Geldes und der mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen allmaehlich
+leer, der Sold kam in Rueckstand und die Reihen seiner Veteranen fingen
+an sich zu lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae
+selbst die faktioese Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische
+Senat beschloss dem Feldherrn betraechtliche Unterstuetzungen an Geld
+und Mannschaft, teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000
+numidische Reiter und 40 Elefanten zur Verfuegung zu stellen und in
+Spanien wie in Italien den Krieg energisch zu betreiben.
+
+Die laengstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien
+war anfangs durch Antigonos’ ploetzlichen Tod, dann durch seines
+Nachfolgers Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner
+hellenischen Bundesgenossen unzeitigen Krieg gegen die Aetoler (534-537
+220-217) verzoegert worden. Erst jetzt, nach der Cannensischen
+Schlacht, fand Demetrios von Pharos Gehoer bei Philippos mit dem
+Antrag, seine illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten - sie
+massten freilich erst den Roemern entrissen werden -, und erst jetzt
+schloss der Hof von Pella ab mit Karthago. Makedonien uebernahm es,
+eine Landungsarmee an die italische Ostkueste zu werfen, wogegen ihm
+die Rueckgabe der roemischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward.
+
+In Sizilien hatte Koenig Hieron zwar waehrend der Friedensjahre, soweit
+es mit Sicherheit geschehen konnte, eine Neutralitaetspolitik
+eingehalten, und auch den Karthagern waehrend der gefaehrlichen Krisen
+nach dem Frieden mit Rom namentlich durch Kornsendungen sich gefaellig
+erwiesen. Es ist kein Zweifel, dass er den abermaligen Bruch zwischen
+Karthago und Rom hoechst ungern sah; aber ihn abzuwenden vermochte er
+nicht, und als er eintrat, hielt er mit wohlberechneter Treue fest an
+Rom. Allein bald darauf (Herbst 538 216) rief der Tod den alten Mann
+nach vierundfuenfzigjaehriger Regierung ab. Der Enkel und Nachfolger
+des klugen Greises, der junge unfaehige Hieronymus, liess sich sogleich
+mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit
+machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische
+Grenze, dann sogar, da sein Uebermut stieg, den Besitz der ganzen Insel
+vertragsmaessig zuzusichern, trat er in Buendnis mit Karthago und liess
+mit der karthagischen Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen,
+die syrakusanische sich vereinigen. Die Lage der roemischen Flotte bei
+Lilybaeon, die schon mit dem zweiten, bei den aegatischen Inseln
+postierten karthagischen Geschwader zu tun gehabt hatte, ward auf
+einmal sehr bedenklich, waehrend zugleich die in Rom zur Einschiffung
+nach Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen
+Niederlage fuer andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden
+musste.
+
+Was aber vor allem entscheidend war, jetzt endlich begann das Gebaeude
+der roemischen Eidgenossenschaft aus den Fugen zu weichen, nachdem es
+die Stoesse zweier schwerer Kriegsjahre unerschuettert ueberstanden
+hatte. Es traten auf Hannibals Seite Arpi in Apulien und Uzentum in
+Messapien, zwei alte, durch die roemischen Kolonien Luceria und
+Brundisium schwer beeintraechtigte Staedte; die saemtlichen Staedte der
+Brettier - diese zuerst von allen - mit Ausnahme der Peteliner und der
+Consentiner, die erst belagert werden mussten; die Lucaner
+groesstenteils; die in die Gegend von Salernum verpflanzten Picenter;
+die Hirpiner; die Samniten mit Ausnahme der Pentrer; endlich und
+vornehmlich Capua, die zweite Stadt Italiens, die 30000 Mann zu Fuss
+und 4000 Berittene ins Feld zu stellen vermochte und deren Uebertritt
+den der Nachbarstaedte Atella und Calatia entschied. Freilich
+widersetzte sich die vielfach an das roemische Interesse gefesselte
+Adelspartei ueberall und namentlich in Capua dem Parteiwechsel sehr
+ernstlich, und die hartnaeckigen inneren Kaempfe, die hierueber
+entstanden, minderten nicht wenig den Vorteil, den Hannibal von diesen
+Uebertritten zog. Er sah sich zum Beispiel genoetigt, in Capua einen
+der Fuehrer der Adelspartei, den Decius Magius, der noch nach dem
+Einruecken der Phoeniker hartnaeckig das roemische Buendnis verfocht,
+festnehmen und nach Karthago abfuehren zu lassen, um so den ihm selbst
+sehr ungelegenen Beweis zu liefern, was es auf sich habe mit der von
+dem karthagischen Feldherrn soeben den Kampanern feierlich
+zugesicherten Freiheit und Souveraenitaet. Dagegen hielten die
+sueditalischen Griechen fest am roemischen Buendnis, wobei die
+roemischen Besatzungen freilich auch das Ihrige taten, aber mehr noch
+der sehr entschiedene Widerwille der Hellenen gegen die Phoeniker
+selbst und deren neue lucanische und brettische Bundesgenossen, und
+ihre Anhaenglichkeit an Rom, das jede Gelegenheit, seinen Hellenismus
+zu betaetigen, eifrig benutzt und gegen die Griechen in Italien eine
+ungewohnte Milde gezeigt hatte. So widerstanden die kampanischen
+Griechen, namentlich Neapel, mutig Hannibals eigenem Angriff; dasselbe
+taten in Grossgriechenland trotz ihrer sehr gefaehrdeten Stellung
+Rhegion, Thurii, Metapont und Tarent. Kroton und Lokri dagegen wurden
+von den vereinigten Brettiern und Phoenikern teils erstuermt, teils zur
+Kapitulation gezwungen und die Krotoniaten nach Lokri gefuehrt, worauf
+brettische Kolonisten jene wichtige Seestation besetzten. Dass die
+sueditalischen Latiner, wie Brundisium, Venusia, Paestum, Cosa, Cales,
+unerschuettert mit Rom hielten, versteht sich von selbst. Waren sie
+doch die Zwingburgen der Eroberer im fremden Land, angesiedelt auf dem
+Acker der Umwohner, mit ihren Nachbarn verfehdet; traf es doch sie
+zunaechst, wenn Hannibal sein Wort wahr machte und jeder italischen
+Gemeinde die alten Grenzen zurueckgab. In gleicher Weise gilt dies von
+ganz Mittelitalien, dem. aeltesten Sitz der roemischen Herrschaft, wo
+latinische Sitte und Sprache schon ueberall vorwog und man sich als
+Genosse der Herrscher, nicht als Untertan fuehlte. Hannibals Gegner im
+karthagischen Senat unterliessen nicht, daran zu erinnern, dass nicht
+ein roemischer Buerger, nicht eine latinische Gemeinde sich Karthago in
+die Arme geworfen habe. Dieses Grundwerk der roemischen Macht konnte
+gleich der kyklopischen Mauer nur Stein um Stein zertruemmert werden.
+
+Das waren die Folgen des Tages von Cannae, an dem die Bluete der
+Soldaten und Offiziere der Eidgenossenschaft, ein Siebentel der
+gesamten Zahl der kampffaehigen Italiker zugrunde ging. Es war eine
+grausame, aber gerechte Strafe der schweren politischen
+Versuendigungen, die sich nicht etwa bloss einzelne toerichte oder
+elende Maenner, sondern die roemische Buergerschaft selbst hatte zu
+Schulden kommen lassen. Die fuer die kleine Landstadt zugeschnittene
+Verfassung passte der Grossmacht nirgend mehr; es war eben nicht
+moeglich, ueber die Frage, wer die Heere der Stadt in einem solchen
+Kriege fuehren solle, Jahr fuer Jahr die Pandorabuechse des
+Stimmkastens entscheiden zu lassen. Da eine gruendliche
+Verfassungsrevision, wenn sie ueberhaupt ausfuehrbar war, jetzt
+wenigstens nicht begonnen werden durfte, so haette zunaechst der
+einzigen Behoerde, die dazu imstande war, dem Senat die tatsaechliche
+Oberleitung des Krieges und namentlich die Vergebung und Verlaengerung
+des Kommandos ueberlassen werden und den Komitien nur die formelle
+Bestaetigung verbleiben sollen. Die glaenzenden Erfolge der Scipionen
+auf dem schwierigen spanischen Kriegsschauplatz zeigten, was auf diesem
+Wege sich erreichen liess. Allein die politische Demagogie, die bereits
+an dem aristokratischen Grundbau der Verfassung nagte, hatte sich der
+italischen Kriegfuehrung bemaechtigt; die unvernuenftige Beschuldigung,
+dass die Vornehmen mit dem auswaertigen Feinde konspirierten, hatte auf
+das “Volk” Eindruck gemacht. Die Heilande des politischen
+Koehlerglaubens, die Gaius Flaminius und Gaius Varro, beide “neue
+Maenner” und Volksfreunde vom reinsten Wasser, waren demnach zur
+Ausfuehrung ihrer unter dem Beifall der Menge auf dem Markt
+entwickelten Operationsplaene von eben dieser Menge beauftragt worden,
+und die Ergebnisse waren die Schlachten am Trasimenischen See und bei
+Cannae. Dass der Senat, der begreiflicherweise seine Aufgabe jetzt
+besser fasste, als da er des Regulus halbe Armee aus Afrika
+zurueckberief, die Leitung der Angelegenheiten fuer sich begehrte und
+jenem Unwesen sich widersetzte, war pflichtgemaess; allein auch er
+hatte, als die erste jener beiden Niederlagen ihm fuer den Augenblick
+das Ruder in die Hand gab, gleichfalls nicht unbefangen von
+Parteiinteressen gehandelt. So wenig Quintus Fabius mit jenen
+roemischen Kleonen verglichen werden darf, so hatte doch auch er den
+Krieg nicht bloss als Militaer gefuehrt, sondern seine starre Defensive
+vor allem als politischer Gegner des Gaius Flaminius festgehalten und
+in der Behandlung des Zerwuerfnisses mit seinem Unterfeldherrn getan,
+was an ihm lag, um in einer Zeit, die Einigkeit forderte, zu erbittern.
+Die Folge war erstlich, dass das wichtigste Instrument, das eben fuer
+solche Faelle die Weisheit der Vorfahren dem Senat in die Hand gegeben
+hatte, die Diktatur ihm unter den Haenden zerbrach; und zweitens
+mittelbar wenigstens die Cannensische Schlacht. Den jaehen Sturz der
+roemischen Macht verschuldeten aber weder Quintus Fabius noch Gaius
+Varro, sondern das Misstrauen zwischen dem Regiment und den Regierten,
+die Spaltung zwischen Rat und Buergerschaft. Wenn noch Rettung und
+Wiedererhebung des Staates moeglich war, musste sie daheim beginnen mit
+Wiederherstellung der Einigkeit und des Vertrauens. Dies begriffen und,
+was schwerer wiegt, dies getan zu haben, getan mit Unterdrueckung aller
+an sich gerechten Rekriminationen, ist die herrliche und
+unvergaengliche Ehre des roemischen Senats. Als Varro - allein von
+allen Generalen, die in der Schlacht kommandiert hatten - nach Rom
+zurueckkehrte, und die roemischen Senatoren bis an das Tor ihm
+entgegengingen und ihm dankten, dass er an der Rettung des Vaterlandes
+nicht verzweifelt habe, waren dies weder leere Reden, um mit grossen
+Worten das Unheil zu verhuellen, noch bitterer Spott ueber einen
+Armseligen; es war der Friedensschluss zwischen dem Regiment und den
+Regierten. Vor dem Ernst der Zeit und dem Ernst eines solchen Aufrufs
+verstummte das demagogische Geklatsch; fortan gedachte man in Rom nur,
+wie man gemeinsam die Not zu wenden vermoege. Quintus Fabius, dessen
+zaeher Mut in diesem entscheidenden Augenblick dem Staat mehr genuetzt
+hat als all seine Kriegstaten, und die anderen angesehenen Senatoren
+gingen dabei in allem voran und gaben den Buergern das Vertrauen auf
+sich und auf die Zukunft zurueck. Der Senat bewahrte seine feste und
+strenge Haltung, waehrend die Boten von allen Seiten nach Rom eilten,
+um die verlorenen Schlachten, den Uebertritt der Bundesgenossen, die
+Aufhebung von Posten und Magazinen zu berichten, um Verstaerkung zu
+begehren fuer das Potal und fuer Sizilien, da doch Italien preisgegeben
+und Rom selbst fast unbesetzt war. Das Zusammenstroemen der Menge an
+den Toren ward untersagt, die Gaffer und die Weiber in die Haeuser
+gewiesen, die Trauerzeit um die Gefallenen auf dreissig Tage
+beschraenkt, damit der Dienst der freudigen Goetter, von dem das
+Trauergewand ausschloss, nicht allzulange unterbrochen werde - denn so
+gross war die Zahl der Gefallenen, dass fast in keiner Familie die
+Totenklage fehlte. Was vom Schlachtfeld sich gerettet hatte, war indes
+durch zwei tuechtige Kriegstribune, Appius Claudius und Publius Scipio
+den Sohn, in Canusium gesammelt worden; der letztere verstand es, durch
+seine stolze Begeisterung und durch die drohend erhobenen Schwerter
+seiner Getreuen, diejenigen vornehmen jungen Herren auf andere Gedanken
+zu bringen, die in bequemer Verzweiflung an die Rettung des Vaterlandes
+ueber das Meer zu entweichen gedachten. Zu ihnen begab sich mit einer
+Handvoll Leute der Konsul Gaius Varro; allmaehlich fanden sich dort
+etwa zwei Legionen zusammen, die der Senat zu reorganisieren und zu
+schimpflichem und unbesoldetem Kriegsdienst zu degradieren befahl. Der
+unfaehige Feldherr ward unter einem schicklichen Vorwand nach Rom
+zurueckberufen; der in den gallischen Kriegen erprobte Praetor Marcus
+Claudius Marcellus, der bestimmt gewesen war, mit der Flotte von Ostia
+nach Sizilien abzugehen, uebernahm den Oberbefehl. Die aeussersten
+Kraefte wurden angestrengt, um eine kampffaehige Armee zu organisieren.
+Die Latiner wurden beschickt um Hilfe in der gemeinschaftlichen Gefahr;
+Rom selbst ging mit dem Beispiel voran und rief die ganze Mannschaft
+bis ins Knabenalter unter die Waffen, bewaffnete die Schuldknechte und
+die Verbrecher, ja stellte sogar achttausend vom Staate angekaufte
+Sklaven in das Heer ein. Da es an Waffen fehlte, nahm man die alten
+Beutestuecke aus den Tempeln und setzte Fabriken und Gewerbe ueberall
+in Taetigkeit. Der Senat ward ergaenzt - nicht, wie aengstliche
+Patrioten forderten, aus den Latinern, sondern aus den
+naechstberechtigten roemischen Buergern. Hannibal bot die Loesung der
+Gefangenen auf Kosten des roemischen Staatsschatzes an; man lehnte sie
+ab und liess den mit der Abordnung der Gefangenen angelangten
+karthagischen Boten nicht in die Stadt; es durfte nicht scheinen, als
+denke der Senat an Frieden. Nicht bloss die Bundesgenossen sollten
+nicht glauben, dass Rom sich anschicke zu transigieren, sondern es
+musste auch dem letzten Buerger begreiflich gemacht werden, dass fuer
+ihn wie fuer alle es keinen Frieden gebe und Rettung nur im Siege sei.
+
+
+
+
+KAPITEL VI.
+Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama
+
+
+Hannibals Ziel bei seinem Zug nach Italien war die Sprengung der
+italischen Eidgenossenschaft gewesen; nach drei Feldzuegen war dasselbe
+erreicht, soweit es ueberhaupt erreichbar war. Dass die griechischen
+und die latinischen oder latinisierten Gemeinden Italiens, nachdem sie
+durch den Tag von Cannae nicht irre geworden waren, ueberhaupt nicht
+dem Schreck, sondern nur der Gewalt weichen wuerden, lag am Tage, und
+der verzweifelte Mut, mit dem selbst in Sueditalien einzelne kleine und
+rettungslos verlorene Landstaedte, wie das brettische Petelia, gegen
+den Phoeniker sich wehrten, zeigte sehr klar, was seiner bei den
+Marsern und Latinern warte. Wenn Hannibal gemeint hatte, auf diesem
+Wege mehr erreichen und auch die Latiner gegen Rom fuehren zu koennen,
+so hatten diese Hoffnungen sich als eitel erwiesen. Aber es scheint,
+als habe auch sonst die italische Koalition keineswegs die gehofften
+Resultate fuer Hannibal geliefert. Capua hatte sofort sich ausbedungen,
+dass Hannibal das Recht nicht haben solle, kampanische Buerger
+zwangsweise unter die Waffen zu rufen; die Staedter hatten nicht
+vergessen, wie Pyrrhos in Tarent aufgetreten war, und meinten
+toerichterweise, zugleich der roemischen und der phoenikischen
+Herrschaft sich entziehen zu koennen. Samnium und Lucanien waren nicht
+mehr, was sie gewesen, als Koenig Pyrrhos gedacht hatte, an der Spitze
+der sabellischen Jugend in Rom einzuziehen. Nicht bloss zerschnitt das
+roemische Festungsnetz ueberall den Landschaften Sehnen und Nerven,
+sondern es hatte auch die vieljaehrige roemische Herrschaft die
+Einwohner der Waffen entwoehnt - nur maessiger Zuzug kam von hier zu
+den roemischen Heeren -, den alten Hass beschwichtigt, ueberall eine
+Menge einzelner in das Interesse der herrschenden Gemeinde gezogen. Man
+schloss sich wohl dem Ueberwinder der Roemer an, nachdem Roms Sache
+einmal verloren schien; allein man fuehlte doch, dass es jetzt nicht
+mehr um die Freiheit sich handle, sondern um die Vertauschung des
+italischen mit dem phoenikischen Herrn, und nicht Begeisterung, sondern
+Kleinmut warf die sabellischen Gemeinden dem Sieger in die Arme. Unter
+solchen Umstaenden stockte in Italien der Krieg. Hannibal, der den
+suedlichen Teil der Halbinsel beherrschte bis hinauf zum Volturnus und
+zum Garganus und diese Landschaften nicht wie das Keltenland einfach
+wieder aufgeben konnte, hatte jetzt gleichfalls eine Grenze zu decken,
+die nicht ungestraft entbloesst ward; und, um die gewonnenen
+Landschaften gegen die ueberall ihm trotzenden Festungen und die von
+Norden her anrueckenden Heere zu verteidigen und gleichzeitig die
+schwierige Offensive gegen Mittelitalien zu ergreifen, reichten seine
+Streitkraefte, ein Heer von etwa 40000 Mann, ohne die italischen
+Zuzuege zu rechnen, bei weitem nicht aus. Vor allen Dingen aber fand er
+andere Gegner sich gegenueber. Durch furchtbare Erfahrungen belehrt,
+gingen die Roemer ueber zu einem verstaendigeren System der
+Kriegfuehrung, stellten nur erprobte Offiziere an die Spitze ihrer
+Armeen und liessen dieselben, wenigstens wo es not tat, auf laengere
+Zeit bei dem Kommando. Diese Feldherren sahen weder den feindlichen
+Bewegungen noch den Bergen herab zu, noch warfen sie sich auf den
+Gegner, wo sie ihn eben fanden, sondern, die rechte Mitte zwischen
+Zauderei und Vorschnelligkeit haltend, stellten sie in verschanzten
+Lagern, unter den Mauern der Festungen sich auf und nahmen den Kampf da
+an, wo der Sieg zu Resultaten, die Niederlage nicht zur Vernichtung
+fuehrte. Die Seele dieser neuen Kriegfuehrung war Marcus Claudius
+Marcellus. Mit richtigem Instinkt hatten nach dem unheilvollen Tag von
+Cannae Senat und Volk auf diesen tapferen und krieggewohnten Mann die
+Blicke gewandt und ihm zunaechst den faktischen Oberbefehl uebertragen.
+Er hatte in dem schwierigen Sizilischen Kriege gegen Hamilkar seine
+Schule gemacht und in den letzten Feldzuegen gegen die Kelten sein
+Fuehrertalent wie seine persoenliche Tapferkeit glaenzend bewaehrt.
+Obwohl ein hoher Fuenfziger, brannte er doch vom jugendlichsten
+Soldatenfeuer und hatte erst wenige Jahre zuvor als Feldherr den
+feindlichen Feldherrn vom Pferde gehauen - der erste und einzige
+roemische Konsul, dem eine solche Waffentat gelang. Sein Leben war den
+beiden Gottheiten geweiht, denen er den glaenzenden Doppeltempel am
+Capenischen Tore errichtete, der Ehre und der Tapferkeit; und wenn die
+Rettung Roms aus dieser hoechsten Gefahr nicht das Verdienst eines
+einzelnen ist, sondern der roemischen Buergerschaft insgemein und
+vorzugsweise dem Senat gebuehrt, so hat doch kein einzelner Mann bei
+dem gemeinsamen Bau mehr geschafft als Marcus Marcellus.
+
+Vom Schlachtfeld hatte Hannibal sich nach Kampanien gewandt. Er kannte
+Rom besser als die naiven Leute, die in alter und neuer Zeit gemeint
+haben, dass er mit einem Marsch auf die feindliche Hauptstadt den Kampf
+haette beendigen koennen. Die heutige Kriegskunst zwar entscheidet den
+Krieg auf dem Schlachtfeld; allein in der alten Zeit, wo der
+Angriffskrieg gegen die Festungen weit minder entwickelt war als das
+Verteidigungssystem, ist unzaehlige Male der vollstaendigste Erfolg im
+Feld an den Mauern der Hauptstaedte zerschellt. Rat und Buergerschaft
+in Karthago waren weitaus nicht zu vergleichen mit Senat und Volk in
+Rom, Karthagos Gefahr nach Regulus’ erstem Feldzug unendlich dringender
+als die Roms nach der Schlacht bei Cannae; und Karthago hatte
+standgehalten und vollstaendig gesiegt. Mit welchem Schein konnte man
+meinen, dass Rom jetzt dem Sieger die Schluessel entgegentragen oder
+auch nur einen billigen Frieden annehmen werde? Statt also ueber solche
+leeren Demonstrationen moegliche und wichtige Erfolge zu verscherzen
+oder die Zeit zu verlieren mit der Belagerung der paar tausend
+roemischer Fluechtlinge in den Mauern von Canusium, hatte sich Hannibal
+sofort nach Capua begeben, bevor die Roemer Besatzung hineinwerfen
+konnten, und hatte durch sein Anruecken diese zweite Stadt Italiens
+nach langem Schwanken zum Uebertritt bestimmt. Er durfte hoffen, von
+Capua aus sich eines der kampanischen Haefen bemaechtigen zu koennen,
+um dort die Verstaerkungen an sich zu ziehen, welche seine grossartigen
+Siege der Opposition daheim abgerungen hatten. Als die Roemer erfuhren,
+wohin Hannibal sich gewendet habe, verliessen auch sie Apulien, wo nur
+eine schwache Abteilung zurueckblieb und sammelten die ihnen
+gebliebenen Streitkraefte auf dem rechten Ufer des Volturnus. Mit den
+zwei cannensischen Legionen marschierte Marcus Marcellus nach Teanum
+Sidicinum, wo er von Rom und Ostia die zunaechst verfuegbaren Truppen
+an sich zog, und ging, waehrend der Diktator Marcus Junius mit der
+schleunigst neu gebildeten Hauptarmee langsam nachfolgte, bis an den
+Volturnus nach Casilinum vor, um womoeglich Capua zu retten. Dies zwar
+fand er schon in der Gewalt des Feindes; dagegen waren dessen Versuche
+auf Neapel an dem mutigen Widerstand der Buergerschaft gescheitert, und
+die Roemer konnten noch rechtzeitig in den wichtigen Hafenplatz eine
+Besatzung werfen. Ebenso treu hielten zu Rom die beiden anderen
+groesseren Kuestenstaedte, Cumae und Nuceria. In Nola schwankte der
+Kampf zwischen der Volks- und der Senatspartei wegen des Anschlusses an
+die Karthager oder an die Roemer. Benachrichtigt, dass die erstere die
+Oberhand gewinne, ging Marcellus bei Caiatia ueber den Fluss und, an
+den Hoehen von Suessula hin um die feindliche Armee herum marschierend,
+erreichte er Nola frueh genug, um es gegen die aeusseren und die
+inneren Feinde zu behaupten. Ja bei einem Ausfall schlug er Hannibal
+selber mit namhaftem Verlust zurueck; ein Erfolg, der als die erste
+Niederlage, die Hannibal erlitt, moralisch von weit groesserer
+Bedeutung war als durch seine materiellen Resultate. Zwar wurden in
+Kampanien Nuceria, Acerrae und nach einer hartnaeckigen, bis ins
+folgende Jahr (539 215) sich hinziehenden Belagerung auch der
+Schluessel der Volturnuslinie, Casilinum, von Hannibal erobert und
+ueber die Senate dieser Staedte, die zu Rom gehalten hatten, die
+schwersten Blutgerichte verhaengt. Aber das Entsetzen macht schlechte
+Propaganda; es gelang den Roemern, mit verhaeltnismaessig geringer
+Einbusse den gefaehrlichen Moment der ersten Schwaeche zu ueberwinden.
+Der Krieg kam in Kampanien zum Stehen, bis der Winter einbrach und
+Hannibal in Capua Quartier nahm, durch dessen Ueppigkeit seine seit
+drei Jahren nicht unter Dach gekommenen Truppen keineswegs gewannen. Im
+naechsten Jahre (539 215) erhielt der Krieg schon ein anderes Ansehen.
+Der bewaehrte Feldherr Marcus Marcellus und Tiberius Sempronius
+Gracchus, der sich im vorjaehrigen Feldzug als Reiterfuehrer des
+Diktators ausgezeichnet hatte, ferner der alte Quintus Fabius Maximus
+traten, Marcellus als Prokonsul, die beiden andern als Konsuln, an die
+Spitze der drei roemische Heere, welche bestimmt waren, Capua und
+Hannibal zu umringen; Marcellus auf Nola und Suessula gestuetzt,
+Maximus am rechten Ufer des Volturnus bei Cales sich aufstellend,
+Gracchus an der Kueste, wo er Neapel und Cumae deckend bei Liternum
+Stellung nahm. Die Kampaner, welche nach Hamae, drei Miglien von Cumae,
+ausrueckten, um die Cumaner zu ueberrumpeln, wurden von Gracchus
+nachdruecklich geschlagen; Hannibal, der, um die Scharte auszuwetzen,
+vor Cumae erschienen war, zog selbst in einem Gefecht den kuerzeren,
+und kehrte, da die von ihm angebotene Hauptschlacht verweigert ward,
+unmutig nach Capua zurueck. Waehrend so die Roemer in Kampanien nicht
+bloss behaupteten, was sie besassen, sondern auch Compulteria und
+andere kleinere Plaetze wieder gewannen, erschollen von Hannibals
+oestlichen Verbuendeten laute Klagen. Ein roemisches Heer unter dem
+Praetor Marcus Valerius hatte bei Luceria sich aufgestellt, teils um in
+Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die Ostkueste und die Bewegungen
+der Makedonier zu beobachten, teils um in Verbindung mit der Armee von
+Nola die aufstaendigen Samniten, Lucaner und Hirpiner zu brandschatzen.
+Um diesen Luft zu machen, wandte Hannibal zunaechst sich gegen seinen
+taetigsten Gegner Marcus Marcellus; allein derselbe erfocht unter den
+Mauern von Nola einen nicht unbedeutenden Sieg ueber die phoenikische
+Armee, und diese musste, ohne die Scharte wieder ausgewetzt zu haben,
+um den Fortschritten des feindlichen Heeres in Apulien endlich zu
+steuern, von Kampanien nach Arpi aufbrechen. Ihr folgte Tiberius
+Gracchus mit seinem Korps, waehrend die beiden anderen roemischen Heere
+in Kampanien sich anschickten, mit dem naechsten Fruehjahr zum Angriff
+auf Capua ueberzugehen.
+
+Hannibals klaren Blick hatten die Siege nicht geblendet. Es ward immer
+deutlicher, dass er so nicht zum Ziele kam. Jene raschen Maersche,
+jenes fast abenteuerliche Hin- und Herwerfen des Krieges, denen
+Hannibal im wesentlichen seine Erfolge verdankte, waren zu Ende, der
+Feind gewitzigt, weitere Unternehmungen durch die unumgaengliche
+Verteidigung des Gewonnenen selbst fast unmoeglich gemacht. An die
+Offensive liess sich nicht denken, die Defensive war schwierig und
+drohte jaehrlich es mehr zu werden; er konnte es sich nicht verleugnen,
+dass die zweite Haelfte seines grossen Tagwerks, die Unterwerfung der
+Latiner und die Eroberung Roms, nicht mit seinen und der italischen
+Bundesgenossen Kraeften allein beendigt werden konnte. Die Vollendung
+stand bei dem Rat von Karthago, bei dem Hauptquartier in Cartagena, bei
+den Hoefen von Pella und Syrakus. Wenn in Afrika, Spanien, Sizilien,
+Makedonien jetzt alle Kraefte gemeinschaftlich angestrengt wurden gegen
+den gemeinschaftlichen Feind; wenn Unteritalien der grosse Sammelplatz
+ward fuer die Heere und Flotten von Westen, Sueden und Osten, so konnte
+er hoffen, gluecklich zu Ende zu fuehren, was die Vorhut unter seiner
+Leitung so glaenzend begonnen hatte. Das Natuerlichste und Leichteste
+waere gewesen, ihm von daheim genuegende Unterstuetzung zuzusenden; und
+der karthagische Staat, der vom Kriege fast unberuehrt geblieben und
+von einer auf eigene Rechnung und Gefahr handelnden kleinen Zahl
+entschlossener Patrioten aus tiefem Verfall dem vollen Sieg so nahe
+gefuehrt war, haette dies ohne Zweifel vermocht. Dass es moeglich
+gewesen waere, eine phoenikische Flotte von jeder beliebigen Staerke
+bei Lokri oder Kroton landen zu lassen, zumal solange, als der Hafen
+von Syrakus den Karthagern offenstand und durch Makedonien die
+brundisinische Flotte in Schach gehalten ward, beweist die ungehinderte
+Ausschiffung von 4000 Afrikanern, die Bomilkar dem Hannibal um diese
+Zeit von Karthago zufuehrte, in Lokri, und mehr noch Hannibals
+ungestoerte Ueberfahrt, als schon jenes alles verloren gegangen war.
+Allein nachdem der erste Eindruck des Sieges von Cannae sich verwischt
+hatte, wies die karthagische Friedenspartei, die zu allen Zeiten bereit
+war, den Sturz der politischen Gegner mit dem des Vaterlandes zu
+erkaufen, und die in der Kurzsichtigkeit und Laessigkeit der
+Buergerschaft treue Verbuendete fand, die Bitten des Feldherrn um
+nachdruecklichere Unterstuetzung ab mit der halb einfaeltigen, halb
+tueckischen Antwort, dass er ja keine Hilfe brauche, wofern er wirklich
+Sieger sei, und half so nicht viel weniger als der roemische Senat Rom
+erretten. Hannibal, im Lager erzogen und dem staedtischen
+Parteigetriebe fremd, fand keinen Volksfuehrer, auf den er sich haette
+stuetzen koennen wie sein Vater auf Hasdrubal, und musste die Mittel
+zur Rettung der Heimat, die diese selbst in reicher Fuelle besass, im
+Ausland suchen.
+
+Hier durfte er, und wenigstens mit mehr Aussicht auf Erfolg, rechnen
+auf die Fuehrer des spanischen Patriotenheeres, auf die in Syrakus
+angeknuepften Verbindungen und auf Philippos’ Intervention. Es kam
+alles darauf an, von Spanien, Syrakus oder Makedonien neue
+Streitkraefte gegen Rom auf den italischen Kampfplatz zu fuehren; und
+um dies zu erreichen oder zu hindern, sind die Kriege in Spanien,
+Sizilien und Griechenland gefuehrt worden. Sie sind alle nur Mittel zum
+Zweck, und sehr mit Unrecht hat man sie oft hoeher angeschlagen. Fuer
+die Roemer sind es wesentlich Defensivkriege, deren eigentliche Aufgabe
+ist, die Pyrenaeenpaesse zu behaupten, die makedonische Armee in
+Griechenland festzuhalten, Messana zu verteidigen und die Verbindung
+zwischen Italien und Sizilien zu sperren; es versteht sich, dass diese
+Defensive womoeglich offensiv gefuehrt wird und im guenstigen Fall sich
+entwickelt zur Verdraengung der Phoeniker aus Spanien und Sizilien und
+zur Sprengung der Buendnisse Hannibals mit Syrakus und mit Philippos.
+Der italische Krieg an sich tritt zunaechst in den Hintergrund und
+loest sich auf in Festungskaempfe und Razzias, die in der Hauptsache
+nichts entscheiden. Allein Italien bleibt dennoch, solange die
+Phoeniker ueberhaupt die Offensive festhalten, stets das Ziel der
+Operationen, und alle Anstrengung wie alles Interesse knuepft sich
+daran, die Isolierung Hannibals im suedlichen Italien aufzuheben oder
+zu verewigen.
+
+Waere es moeglich gewesen, unmittelbar nach der Cannensischen Schlacht
+alle die Hilfsmittel heranzuziehen, auf die Hannibal sich Rechnung
+machen durfte, so konnte er des Erfolges ziemlich gewiss sein. Allein
+in Spanien war Hasdrubals Lage eben damals nach der Schlacht am Ebro so
+bedenklich, dass die Leistungen von Geld und Mannschaft, zu denen der
+cannensische Sieg die karthagische Buergerschaft angespannt hatte,
+groesstenteils fuer Spanien verwendet wurden, ohne dass doch die Lage
+der Dinge dort dadurch viel besser geworden waere. Die Scipionen
+verlegten den Kriegsschauplatz im folgenden Feldzug (539 215) vom Ebro
+an den Guadalquivir und erfochten in Andalusien, mitten im eigentlich
+karthagischen Gebiet, bei Illiturgi und Intibili zwei glaenzende Siege.
+In Sardinien mit den Eingeborenen angeknuepfte Verbindungen liessen die
+Karthager hoffen, dass sie sich der Insel wuerden bemaechtigen koennen,
+die als Zwischenstation zwischen Spanien und Italien von Wichtigkeit
+gewesen waere. Indes Titus Manlius Torquatus, der mit einem roemischen
+Heer nach Sardinien gesendet ward, vernichtete die karthagische
+Landungsarmee vollstaendig und sicherte den Roemern aufs neue den
+unbestrittenen Besitz der Insel (539 215). Die nach Sizilien
+geschickten cannensischen Legionen behaupteten im Norden und Osten der
+Insel sich mutig und gluecklich gegen die Karthager und Hieronymos,
+welcher letztere schon gegen Ende des Jahres 539 (215) durch
+Moerderhand seinen Tod fand. Selbst mit Makedonien verzoegerte sich die
+Ratifikation des Buendnisses, hauptsaechlich weil die makedonischen an
+Hannibal gesendeten Boten auf der Rueckreise von den roemischen
+Kriegsschiffen aufgefangen wurden. So unterblieb vorlaeufig die
+gefuerchtete Invasion der Ostkueste, und die Roemer gewannen Zeit, die
+wichtigste Station Brundisium zuerst mit der Flotte, alsdann auch mit
+dem vor der Ankunft des Gracchus zur Deckung von Apulien verwendeten
+Landheer zu sichern und fuer den Fall der Kriegserklaerung einen
+Einfall in Makedonien selbst vorzubereiten. Waehrend also in Italien
+der Kampf zum Stehen und Stocken kam, war ausserhalb Italien
+karthagischerseits nichts geschehen, was neue Heere oder Flotten rasch
+nach Italien gefoerdert haette. Roemischerseits hatte man sich dagegen
+mit der groessten Energie ueberall in Verteidigungszustand gesetzt und
+in dieser Abwehr da, wo Hannibals Genie fehlte, groesstenteils mit
+Erfolg gefochten. Darueber verrauchte der kurzlebige Patriotismus, den
+der Cannensische Sieg in Karthago erweckt hatte; die nicht
+unbedeutenden Streitkraefte, welche man dort disponibel gemacht hatte,
+waren, sei es durch faktioese Opposition, sei es bloss durch
+ungeschickte Ausgleichung der verschiedenen, im Rat laut gewordenen
+Meinungen, so zersplittert worden, dass sie nirgend wesentlich
+foerderten und da, wo sie am nuetzlichsten gewesen waeren, eben der
+kleinste Teil hinkam. Am Ende des Jahres 539 (215) durfte auch der
+besonnene roemische Staatsmann sich sagen, dass die dringende Gefahr
+vorueber sei und die heldenmuetig begonnene Gegenwehr nur auf
+saemtlichen Punkten mit Anspannung aller Kraefte auszuharren habe, um
+zum Ziel zu gelangen.
+
+Am ersten ging der Krieg in Sizilien zu Ende. Es hatte nicht zunaechst
+in Hannibals Plan gelegen, auf der Insel einen Kampf anzuspinnen,
+sondern halb zufaellig, hauptsaechlich durch die knabenhafte Eitelkeit
+des unverstaendigen Hieronymos war hier ein Landkrieg ausgebrochen,
+dessen, ohne Zweifel eben aus diesem Grunde, der karthagische Rat mit
+besonderem Eifer sich annahm. Nachdem Hieronymos zu Ende 539 (215)
+getoetet war, schien es mehr als zweifelhaft, ob die Buergerschaft bei
+der von ihm befolgten Politik verbleiben werde. Wenn irgend eine Stadt,
+so hatte Syrakus Ursache an Rom festzuhalten, da der Sieg der Karthager
+ueber die Roemer unzweifelhaft jenen wenigstens die Herrschaft ueber
+ganz Sizilien geben musste und an eine wirkliche Einhaltung der von
+Karthago den Syrakusanern gemachten Zusagen kein ernsthafter Mann
+glauben konnte. Teils hierdurch bewogen, teils geschreckt durch die
+drohenden Anstalten der Roemer, die alles aufboten, um die wichtige
+Insel, die Bruecke zwischen Italien und Afrika, wieder vollstaendig in
+ihre Gewalt zu bringen, und jetzt fuer den Feldzug 540 (214) ihren
+besten Feldherrn, den Marcus Marcellus nach Sizilien gesandt hatten,
+zeigte die syrakusanische Buergerschaft sich geneigt, durch
+rechtzeitige Rueckkehr zum roemischen Buendnis das Geschehene vergessen
+zu machen. Allein bei der entsetzlichen Verwirrung in der Stadt, wo
+nach Hieronymos’ Tode die Versuche zur Wiederherstellung der alten
+Volksfreiheit und die Handstreiche der zahlreichen Praetendenten auf
+den erledigten Thron wild durcheinander wogten, die Hauptleute der
+fremden Soeldnerscharen aber die eigentlichen Herren der Stadt waren,
+fanden Hannibals gewandte Emissaere Hippokrates und Epikydes
+Gelegenheit, die Friedensversuche zu vereiteln. Durch den Namen der
+Freiheit regten sie die Masse auf; masslos uebertriebene Schilderungen
+von der fuerchterlichen Bestrafung, die den soeben wieder unterworfenen
+Leontinern von den Roemern zuteil geworden sein sollte, erweckten auch
+in dem bessern Teil der Buergerschaft den Zweifel, ob es nicht zu spaet
+sei, um das alte Verhaeltnis mit Rom wiederherzustellen; unter den
+Soeldnern endlich wurden die zahlreichen roemischen Ueberlaeufer,
+meistens durchgegangene Ruderer von der Flotte, leicht ueberzeugt, dass
+der Friede der Buergerschaft mit Rom ihr Todesurteil sei. So wurden die
+Vorsteher der Buergerschaft erschlagen, der Waffenstillstand gebrochen
+und Hippokrates und Epikydes uebernahmen das Regiment der Stadt. Es
+blieb dem Konsul nichts uebrig, als zur Belagerung zu schreiten; indes
+die geschickte Leitung der Verteidigung, wobei der als gelehrter
+Mathematiker beruehmte syrakusanische Ingenieur Archimedes sich
+besonders hervortat, zwang die Roemer nach achtmonatlicher Belagerung,
+dieselbe in eine Blockade zu Wasser und zu Lande umzuwandeln.
+Mittlerweile war von Karthago aus, das bisher nur mit seinen Flotten
+die Syrakusaner unterstuetzt hatte, auf die Nachricht von der
+abermaligen Schilderhebung derselben gegen die Roemer ein starkes
+Landheer unter Himilko nach Sizilien gesendet worden, das ungehindert
+bei Herakleia Minoa landete und sofort die wichtige Stadt Akragas
+besetzte. Um dem Himilko die Hand zu reichen, rueckte der kuehne und
+faehige Hippokrates aus Syrakus mit einer Armee aus; Marcellus’ Lage
+zwischen der Besatzung von Syrakus und den beiden feindlichen Heeren
+fing an bedenklich zu werden. Indes mit Hilfe einiger Verstaerkungen,
+die von Italien eintrafen, behauptete er seine Stellung auf der Insel
+und setzte die Blockade von Syrakus fort. Dagegen trieb mehr noch als
+die feindlichen Armeen die fuerchterliche Strenge, mit der die Roemer
+auf der Insel verfuhren, namentlich die Niedermetzelung der des Abfalls
+verdaechtigen Buergerschaft von Enna durch die roemische Besatzung
+daselbst, den groessten Teil der kleinen Landstaedte den Karthagern in
+die Arme. Im Jahre 542 (212) gelang es den Belagerern von Syrakus
+waehrend eines Festes in der Stadt, einen von den Wachen verlassenen
+Teil der weitlaeuftigen Aussenmauern zu ersteigen und in die Vorstaedte
+einzudringen, die von der Insel und der eigentlichen Stadt am Strande
+(Achradina) sich gegen das innere Land hin erstreckten. Die Festung
+Euryalos, die, am aeussersten westlichen Ende der Vorstaedte gelegen,
+diese und die vom Binnenland nach Syrakus fuehrende Hauptstrasse
+deckte, war hiermit abgeschnitten und fiel nicht lange nachher. Als so
+die Belagerung der Stadt eine den Roemern guenstige Wendung zu nehmen
+begann, rueckten die beiden Heere unter Himilko und Hippokrates zum
+Entsatz heran und versuchten einen gleichzeitigen, ueberdies noch mit
+einem Landungsversuch der karthagischen Flotte und einem Ausfall der
+syrakusanischen Besatzung kombinierten Angriff auf die roemischen
+Stellungen; allein er ward allerseits abgeschlagen, und die beiden
+Entsatzheere mussten sich begnuegen, vor der Stadt ihr Lager
+aufzuschlagen, in den sumpfigen Niederringen des Anapos, die im
+Hochsommer und im Herbst den darin Verweilenden toedliche Seuchen
+erzeugen. Oft hatten diese die Stadt gerettet, oefter als die
+Tapferkeit der Buerger; zu den Zeiten des ersten Dionys waren zwei
+phoenikische Heere, damals die Stadt belagernd, unter ihren Mauern
+durch diese Seuchen vernichtet worden. Jetzt wendete der Stadt das
+Schicksal die eigene Schutzwehr zum Verderben; waehrend Marcellus’
+Heer, in den Vorstaedten einquartiert, nur wenig litt, veroedeten die
+Fieber die phoenikischen und syrakusanischen Biwaks. Hippokrates starb,
+desgleichen Himilko und die meisten Afrikaner; die Ueberbleibsel der
+beiden Heere, groesstenteils eingeborene Sikeler, verliefen sich in die
+benachbarten Staedte. Noch machten die Karthager einen Versuch, die
+Stadt von der Seeseite zu retten; allein der Admiral Bomilkar entwich,
+als die roemische Flotte ihm die Schlacht anbot. Jetzt gab selbst
+Epikydes, der in der Stadt befehligte, dieselbe verloren und entrann
+nach Akragas. Gern haette Syrakus sich den Roemern ergeben; die
+Verhandlungen hatten schon begonnen. Allein zum zweitenmal scheiterten
+sie an den Ueberlaeufern; in einer abermaligen Meuterei der Soldaten
+wurden die Vorsteher der Buergerschaft und eine Anzahl angesehener
+Buerger erschlagen und das Regiment und die Verteidigung der Stadt von
+den fremden Truppen ihren Hauptleuten uebertragen. Nun knuepfte
+Marcellus mit einem von diesen eine Unterhandlung an, die ihm den einen
+der beiden noch freien Stadtteile, die Insel, in die Haende lieferte;
+worauf die Buergerschaft ihm freiwillig auch die Tore von Achradina
+auftat (Herbst 542 212). Wenn irgendwo, haette gegen diese Stadt, die
+offenbar nicht in ihrer eigenen Gewalt gewesen war und mehrfach die
+ernstlichsten Versuche gemacht hatte, sich der Tyrannei des fremden
+Militaers zu entziehen, selbst nach den nicht loeblichen Grundsaetzen
+des roemischen Staatsrechts ueber die Behandlung bundbruechiger
+Gemeinden die Gnade walten koennen. Allein nicht bloss beflecke
+Marcellus seine Kriegerehre durch die Gestattung einer allgemeinen
+Pluenderung der reichen Kaufstadt, bei der mit zahlreichen anderen
+Buergern auch Archimedes den Tod fand, sondern es hatte auch der
+roemische Senat kein Ohr fuer die verspaeteten Beschwerden der
+Syrakusaner ueber den gefeierten Feldherrn und gab weder den einzelnen
+die Beute zurueck noch der Stadt ihre Freiheit. Syrakus und die frueher
+von ihm abhaengigen Staedte traten unter die den Roemern
+steuerpflichtigen Gemeinden ein - nur Tauromenion und Neeton erhielten
+das Recht von Messana, waehrend die leontinische Mark roemische Domaene
+und die bisherigen Eigentuemer roemische Paechter wurden -, und in dem
+den Hafen beherrschenden Stadtteil, der “Insel”, durfte fortan kein
+syrakusanischer Buerger wohnen.
+
+Sizilien schien also fuer die Karthager verloren; allein Hannibals
+Genie war auch hier aus der Ferne taetig. Er sandte zu dem
+karthagischen Heer, das unter Hanno und Epikydes rat- und tatlos bei
+Akragas stand, einen libyschen Reiteroffizier, den Muttines, der den
+Befehl der numidischen Reiterei uebernahm und mit seinen fluechtigen
+Scharen den bitteren Hass, den die roemische Zwingherrschaft auf der
+ganzen Insel gesaet hatte, zu offener Flamme anfachend, einen
+Guerillakrieg in der weitesten Ausdehnung und mit dem gluecklichsten
+Erfolg begann, ja sogar, als am Himerafluss die karthagische und
+roemische Armee aufeinandertrafen, gegen Marcellus selbst mit Glueck
+einige Gefechte bestand. Indes das Verhaeltnis, das zwischen Hannibal
+und dem karthagischen Rat obwaltete, wiederholte hier sich im kleinen.
+Der vom Rat bestellte Feldherr verfolgte mit eifersuechtigem Neid den
+von Hannibal gesandten Offizier und bestand darauf, dem Prokonsul eine
+Schlacht zu liefern ohne Muttines und die Numidier. Hannos Wille
+geschah und er ward vollstaendig geschlagen. Muttines liess sich
+dadurch nicht irren; er behauptete sich im Innern des Landes, besetzte
+mehrere kleine Staedte und konnte, da von Karthago nicht
+unbetraechtliche Verstaerkungen ihm zukamen, seine Operationen
+allmaehlich ausdehnen. Seine Erfolge waren so glaenzend, dass endlich
+der Oberfeldherr, da er den Reiteroffizier nicht anders hindern konnte,
+ihn zu verdunkeln, demselben kurzweg das Kommando ueber die leichte
+Reiterei abnahm und es seinem Sohn uebertrug. Der Numidier, der nun
+seit zwei Jahren seinen phoenikischen Herren die Insel erhalten hatte,
+fand hiermit das Mass seiner Geduld erschoepft; er und seine Reiter,
+die dem juengeren Hanno zu folgen sich weigerten, traten in
+Unterhandlungen mit dem roemischen Feldherrn Marcus Valerius Laevinus
+und lieferten ihm Akragas aus. Hanno entwich in einem Nachen und ging
+nach Karthago, um den schaendlichen Vaterlandsverrat des hannibalischen
+Offiziers den Seinen zu berichten; die phoenikische Besatzung in der
+Stadt ward von den Roemern niedergemacht und die Buergerschaft in die
+Sklaverei verkauft (544 210). Zur Sicherung der Insel vor aehnlichen
+Ueberfaellen, wie die Landung von 540 (214) gewesen war, erhielt die
+Stadt eine neue, aus den roemisch gesinnten Sizilianern ausgelesene
+Einwohnerschaft; die alte herrliche Akragas war gewesen. Nachdem also
+ganz Sizilien unterworfen war, ward roemischerseits dafuer gesorgt,
+dass einige Ruhe und Ordnung auf die zerruettete Insel zurueckkehrte.
+Man trieb das Raeubergesindel, das im Innern hauste, in Masse zusammen
+und schaffte es hinueber nach Italien, um von Rhegion aus in Hannibals
+Bundesgenossengebiet zu sengen und zu brennen; die Regierung tat ihr
+Moegliches, um den gaenzlich darniederliegenden Ackerbau wieder auf der
+Insel in Aufnahme zu bringen. Im karthagischen Rat war wohl noch oefter
+die Rede davon, eine Flotte nach Sizilien zu senden und den Krieg zu
+erneuern; allein es blieb bei Entwuerfen.
+
+Entscheidender als Syrakus haette Makedonien in den Gang der Ereignisse
+eingreifen koennen. Von den oestlichen Maechten war fuer den Augenblick
+weder Foerderung noch Hinderung zu erwarten. Antiochos der Grosse,
+Philippos’ natuerlicher Bundesgenosse, hatte nach dem entscheidenden
+Siege der Aegypter bei Raphia 537 (217) sich gluecklich schaetzen
+muessen, von dem schlaffen Philopator Frieden auf Basis des Status quo
+ante zu erhalten; teils die Rivalitaet der Lagiden und der stets
+drohende Wiederausbruch des Krieges, teils Praetendentenaufstaende im
+Innern und Unternehmungen aller Art in Kleinasien, Baktrien und den
+oestlichen Satrapien hinderten ihn, jener grossen antiroemische Allianz
+sich anzuschliessen, wie Hannibal sie im Sinne trug. Der aegyptische
+Hof stand entschieden auf der Seite Roms, mit dem er das Buendnis 544
+(210) erneuerte; allein es war von Ptolemaeos Philopator nicht zu
+erwarten, dass er Rom anders als durch Kornschiffe unterstuetzen werde.
+In den grossen italischen Kampf ein entscheidendes Gewicht zu werfen,
+waren somit Makedonien und Griechenland durch nichts gehindert als
+durch die eigene Zwietracht; sie konnten den hellenischen Namen retten,
+wenn sie es ueber sich gewannen, nur fuer wenige Jahre gegen den
+gemeinschaftlichen Feind zusammenzustehen. Wohl gingen solche
+Stimmungen durch Griechenland. Des Agelaos von Naupaktos prophetisches
+Wort, dass er fuerchte, es moege mit den Kampfspielen, die jetzt die
+Hellenen unter sich auffuehrten, demnaechst vorbei sein; seine ernste
+Mahnung, nach Westen die Blicke zu richten und nicht zuzulassen, dass
+eine staerkere Macht allen jetzt streitenden Parteien den Frieden des
+gleichen Joches bringe - diese Reden hatten wesentlich dazu
+beigetragen, den Frieden zwischen Philippos und den Aetolern
+herbeizufuehren (537 217), und fuer dessen Tendenz war es bezeichnend,
+dass der aetolische Bund sofort eben den Agelaos zu seinem Strategen
+ernannte. Der nationale Patriotismus regte sich in Griechenland wie in
+Karthago; einen Augenblick schien es moeglich, einen hellenischen
+Volkskrieg gegen Rom zu entfachen. Allein der Feldherr eines solchen
+Heerzuges konnte nur Philippos von Makedonien sein und ihm fehlte die
+Begeisterung und der Glaube an die Nation, womit ein solcher Krieg
+allein gefuehrt werden konnte. Er verstand die schwierige Aufgabe
+nicht, sich aus dem Unterdruecker in den Vorfechter Griechenlands
+umzuwandeln. Schon sein Zaudern bei dem Abschluss des Buendnisses mit
+Hannibal verdarb den ersten und besten Eifer der griechischen
+Patrioten; und als er dann in den Kampf gegen Rom eintrat, war die Art
+der Kriegfuehrung noch weniger geeignet, Sympathie und Zuversicht zu
+erwecken. Gleich der erste Versuch, der schon im Jahre der
+cannensischen Schlacht (538 216) gemacht ward, sich der Stadt Apollonia
+zu bemaechtigen, scheiterte in einer fast laecherlichen Weise, indem
+Philippos schleunigst umkehrte auf das gaenzlich unbegruendete
+Geruecht, dass eine roemische Flotte in das Adriatische Meer steuere.
+Dies geschah, noch ehe es zum foermlichen Bruch mit Rom kam; als dieser
+endlich erfolgt war, erwarteten Freund und Feind eine makedonische
+Landung in Unteritalien. Seit 539 (215) standen bei Brundisium eine
+roemische Flotte und ein roemisches Heer, um derselben zu begegnen;
+Philippos, der ohne Kriegsschiffe war, zimmerte an einer Flottille von
+leichten illyrischen Barken, um sein Heer hinueberzufuehren. Allein als
+es Ernst werden sollte, entsank ihm der Mut, den gefuerchteten
+Fuenfdeckern zur See zu begegnen; er brach das seinem Bundesgenossen
+Hannibal gegebene Versprechen, einen Landungsversuch zu machen, und um
+doch etwas zu tun, entschloss er sich, auf seinen Teil der Beute, die
+roemischen Besitzungen in Epeiros, einen Angriff zu machen (540 214).
+Im besten Falle waere dabei nichts herausgekommen; allein die Roemer,
+die wohl wussten, dass die offensive Deckung vorzueglicher ist als die
+defensive, begnuegten sich keineswegs, wie Philippos gehofft haben
+mochte, dem Angriff vom andern Ufer her zuzusehen. Die roemische Flotte
+fuehrte eine Heerabteilung von Brundisium nach Epeiros; Orikon ward dem
+Koenig wieder abgenommen, nach Apollonia Besatzung geworfen und das
+makedonische Lager erstuermt, worauf Philippos vom halben Tun zur
+voelligen Untaetigkeit ueberging und einige Jahre in tatenlosem
+Kriegszustand verstreichen liess, trotz aller Beschwerden Hannibals,
+der umsonst solcher Lahmheit und Kurzsichtigkeit sein Feuer und seine
+Klarheit einzuhauchen versuchte. Auch war es nicht Philippos, der dann
+die Feindseligkeiten erneuerte. Der Fall von Tarent (542 212), womit
+Hannibal einen vortrefflichen Hafen an denjenigen Kuesten gewann, die
+zunaechst sich zur Landung eines makedonischen Heeres eigneten,
+veranlasste die Roemer, den Schlag von weitem zu parieren und den
+Makedoniern daheim so viel zu schaffen zu machen, dass sie an einen
+Versuch auf Italien nicht denken konnten. In Griechenland war der
+nationale Aufschwung natuerlich laengst verraucht. Mit Hilfe der alten
+Opposition gegen Makedonien und der neuen Unvorsichtigkeiten und
+Ungerechtigkeiten, die Philippos sich hatte zu Schulden kommen lassen,
+fiel es dem roemischen Admiral Laevinus nicht schwer, gegen Makedonien
+eine Koalition der Mittel- und Kleinmaechte unter roemischem Schutz
+zustande zu bringen. An der Spitze derselben standen die Aetoler, auf
+deren Landtag Laevinus selber erschienen war und sie durch Zusicherung
+des seit langem von ihnen begehrten akarnanischen Gebiets gewonnen
+hatte. Sie schlossen mit Rom den ehrbaren Vertrag die uebrigen Hellenen
+auf gemeinschaftliche Rechnung an Land und Leuten zu pluendern, so dass
+das Land den Aetolern, die Leute und die fahrende Habe den Roemern
+gehoeren sollten. Ihnen schlossen sich im eigentlichen Griechenland die
+antimakedonisch oder vielmehr zunaechst antiachaeisch gesinnten Staaten
+an: in Attika Athen, im Peloponnes Elis und Messene, besonders aber
+Sparta, dessen altersschwache Verfassung eben um diese Zeit ein
+dreister Soldat Machanidas ueber den Haufen geworfen hatte, um unter
+dem Namen des unmuendigen Koenigs Pelops selbst despotisch zu regieren
+und ein auf gedungene Soeldnerscharen gestuetztes Abenteurerregiment zu
+begruenden. Es traten ferner hinzu die ewigen Gegner Makedoniens, die
+Haeuptlinge der halb wilden thrakischen und illyrischen Staemme und
+endlich Koenig Attalos von Pergamon, der in dem Ruin der beiden
+griechischen Grossstaaten, die ihn einschlossen, den eigenen Vorteil
+mit Einsicht und Energie verfolgte und scharfsichtig genug war, sich
+der roemischen Klientel schon jetzt anzuschliessen, wo seine Teilnahme
+noch etwas wert war. Es ist weder erfreulich noch erforderlich, den
+Wechselfaellen dieses ziellosen Kampfes zu folgen. Philippos, obwohl er
+jedem einzelnen seiner Gegner ueberlegen war und nach allen Seiten hin
+die Angriffe mit Energie und persoenlicher Tapferkeit zurueckwies, rieb
+sich dennoch auf in dieser heillosen Defensive. Bald galt es, sich
+gegen die Aetoler zu wenden, die in Gemeinschaft mit der roemischen
+Flotte die ungluecklichen Akarnanen vernichteten und Lokris und
+Thessalien bedrohten; bald rief ihn ein Einfall der Barbaren in die
+noerdlichen Landschaften; bald sandten die Achaeer um Hilfe gegen die
+aetolischen und spartanischen Raubzuege; bald bedrohten Koenig Attalos
+von Pergamon und der roemische Admiral Publius Sulpicius mit ihren
+vereinigten Flotten die oestliche Kueste oder setzten Truppen ans Land
+in Euboea. Der Mangel einer Kriegsflotte laehmte Philippos in allen
+seinen Bewegungen; es kam so weit, dass er von seinem Bundesgenossen
+Prusias in Bithymen, ja von Hannibal Kriegsschiffe erbat. Erst gegen
+das Ende des Krieges entschloss er sich zu dem, womit er haette
+anfangen muessen, hundert Kriegsschiffe bauen zu lassen; Gebrauch ist
+indes von denselben nicht mehr gemacht worden, wenn ueberhaupt der
+Befehl zur Ausfuehrung kam. Alle, die Griechenlands Lage begriffen und
+ein Herz dafuer hatten, beklagten den unseligen Krieg, in dem
+Griechenlands letzte Kraefte sich selbst zerfleischten und der
+Wohlstand des Landes zugrunde ging; wiederholt hatten die
+Handelsstaaten Rhodos, Chios, Mytilene, Byzanz, Athen, ja selbst
+Aegypten versucht zu vermitteln. In der Tat lag es beiden Parteien nahe
+genug, sich zu vertragen. Wie die Makedonier hatten auch die Aetoler,
+auf die es von den roemischen Bundesgenossen hauptsaechlich ankam, viel
+unter dem Krieg zu leiden; besonders seit der kleine Koenig der
+Athamanen von Philippos gewonnen worden und dadurch das innere Aetolien
+den makedonischen Einfaellen geoeffnet war. Auch von ihnen gingen
+allmaehlich manchem die Augen auf ueber die ehrlose und verderbliche
+Rolle, zu der sie das roemische Buendnis verurteilte; es ging ein
+Schrei der Empoerung durch die ganze griechische Nation, als die
+Aetoler in Gemeinschaft mit den Roemern hellenische Buergerschaften,
+wie die von Antikyra, Oreos, Dyme, Aegina, in Masse in die Sklaverei
+verkauften. Allein die Aetoler waren schon nicht mehr frei: sie wagten
+viel, wenn sie auf eigene Hand mit Philippos Frieden schlossen, und
+fanden die Roemer keineswegs geneigt, zumal bei der guenstigen Wendung
+der Dinge in Spanien und in Italien, von einem Kriege abzustehen, den
+sie ihrerseits bloss mit einigen Schiffen fuehrten und dessen Last und
+Nachteil wesentlich auf die Aetoler fiel. Endlich entschlossen diese
+sich doch, den vermittelnden Staedten Gehoer zu geben; trotz der
+Gegenbestrebungen der Roemer kam im Winter 548/49 (206/05) ein Friede
+zwischen den griechischen Maechten zustande. Aetolien hatte einen
+uebermaechtigen Bundesgenossen in einen gefaehrlichen Feind verwandelt;
+indes es schien dem roemischen Senat, der eben damals die Kraefte des
+erschoepften Staates zu der entscheidenden afrikanischen Expedition
+aufbot, nicht der geeignete Augenblick, den Bruch des Buendnisses zu
+ahnden. Selbst den Krieg mit Philippos, den nach dem Ruecktritt der
+Aetoler die Roemer nicht ohne bedeutende eigene Anstrengungen haetten
+fuehren koennen, erschien es zweckmaessig, durch einen Frieden zu
+beendigen, durch den der Zustand vor dem Kriege im wesentlichen
+wiederhergestellt ward und namentlich Rom mit Ausnahme des wertlosen
+atintanischen Gebiets seine saemtlichen Besitzungen an der
+epeirotischen Kueste behielt. Unter den Umstaenden musste Philippos
+sich noch gluecklich schaetzen, solche Bedingungen zu erhalten; allein
+es war damit ausgesprochen, was sich freilich nicht laenger verbergen
+liess, dass all das unsaegliche Elend, welches die zehn Jahre eines mit
+widerwaertiger Unmenschlichkeit gefuehrten Krieges ueber Griechenland
+gebracht hatten, nutzlos erduldet, und dass die grossartige und
+richtige Kombination, die Hannibal entworfen und ganz Griechenland
+einen Augenblick geteilt hatte, unwiederbringlich gescheitert war.
+
+In Spanien, wo der Geist Hamilkars und Hannibals maechtig war, war der
+Kampf ernster. Er bewegt sich in seltsamen Wechselfaellen, wie die
+eigentuemliche Beschaffenheit des Landes und die Sitte des Volkes sie
+mit sich bringen. Die Bauern und Hirten, die in dem schoenen Ebrotal
+und dem ueppig fruchtbaren Andalusien wie in dem rauhen von zahlreichen
+Waldgebirgen durchschnittenen Hochland zwischen jenem und diesem
+wohnten, waren ebenso leicht als bewaffneter Landsturm
+zusammenzutreiben wie schwer gegen den Feind zu fuehren und ueberhaupt
+nur zusammenzuhalten. Die Staedte waren ebensowenig zu festem und
+gemeinschaftlichem Handeln zu vereinigen, so hartnaeckig jede einzelne
+Buergerschaft hinter ihren Waellen dem Draenger Trotz bot. Sie alle
+scheinen zwischen den Roemern und den Karthagern wenig Unterschied
+gemacht zu haben; ob die laestigen Gaeste, die sich im Ebrotal, oder
+die, welche am Guadalquivir sich festgesetzt hatten, ein groesseres
+oder kleineres Stueck der Halbinsel besassen, mag den Eingeborenen
+ziemlich gleichgueltig gewesen sein, weshalb von der eigentuemlich
+spanischen Zaehigkeit im Parteinehmen mit einzelnen Ausnahmen, wie
+Sagunt auf roemischer, Astapa auf karthagischer Seite, in diesem Krieg
+wenig hervortritt. Dennoch ward der Krieg von beiden Seiten, da weder
+die Roemer noch die Afrikaner hinreichende eigene Mannschaft mit sich
+gefuehrt hatten, notwendig zum Propagandakrieg, in dem selten
+festgegruendete Anhaenglichkeit, gewoehnlich Furcht, Geld oder Zufall
+entschied, und der, wenn er zu Ende schien, sich in einen endlosen
+Festungs- und Guerillakrieg aufloeste, um bald aus der Asche wieder
+aufzulodern. Die Armeen erscheinen und verschwinden wie die Duenen am
+Strand; wo gestern ein Berg stand, findet man heute seine Spur nicht
+mehr. Im allgemeinen ist das Uebergewicht auf Seiten der Roemer, teils
+weil sie in Spanien zunaechst wohl auftraten als Befreier des Landes
+von der phoenikischen Zwingherrschaft, teils durch die glueckliche Wahl
+ihrer Fuehrer und durch den staerkeren Kern mitgebrachter
+zuverlaessiger Truppen; doch ist es bei unserer sehr unvollkommenen und
+namentlich in der Zeitrechnung tiefzerruetteten Ueberlieferung nicht
+wohl moeglich, von einem also gefuehrten Kriege eine befriedigende
+Darstellung zu geben.
+
+Die beiden Statthalter der Roemer auf der Halbinsel, Gnaeus und Publius
+Scipio, beide, namentlich Gnaeus, gute Generale und vortreffliche
+Verwalter, vollzogen ihre Aufgabe mit dem glaenzendsten Erfolg. Nicht
+bloss war der Riegel der Pyrenaeen durchstehend behauptet und der
+Versuch, die gesprengte Landverbindung zwischen dem feindlichen
+Oberfeldherrn und seinem Hauptquartier wiederherzustellen, blutig
+zurueckgewiesen worden, nicht bloss in Tarraco durch umfassende
+Festungswerke und Hafenanlagen nach dem Muster des spanischen
+Neukarthago ein spanisches Neurom erschaffen, sondern es hatten auch
+die roemischen Heere schon 539 (215) in Andalusien mit Glueck
+gefochten. Der Zug dorthin ward das Jahr darauf (540 214) mit noch
+groesserem Erfolg wiederholt; die Roemer trugen ihre Waffen fast bis zu
+den Saeulen des Herakles, breiteten ihre Klientel im suedlichen Spanien
+aus und sicherten endlich durch die Wiedergewinnung und
+Wiederherstellung von Sagunt sich eine wichtige Station auf der Linie
+vom Ebro nach Cartagena, indem sie zugleich eine alte Schuld der Nation
+soweit moeglich bezahlten. Waehrend die Scipionen so die Karthager aus
+Spanien fast verdraengten, wussten sie ihnen im westlichen Afrika
+selbst einen gefaehrlichen Feind zu erwecken an dem maechtigen
+westafrikanischen Fuersten Syphax in den heutigen Provinzen Oran und
+Algier, welcher mit den Roemern in Verbindung trat (um 541 213). Waere
+es moeglich gewesen, ein roemisches Heer ihm zuzufuehren, so haette man
+auf grosse Erfolge hoffen duerfen; allein in Italien konnte man eben
+damals keinen Mann entbehren und das spanische Heer war zu schwach, um
+sich zu teilen. Indes schon Syphax’ eigene Truppen, geschult und
+gefuehrt von roemischen Offizieren, erregten unter den libyschen
+Untertanen Karthagos so ernstliche Gaerung, dass der stellvertretende
+Oberkommandant von Spanien und Afrika, Hasdrubal Barkas, selbst mit dem
+Kern der spanischen Truppen nach Afrika ging. Vermutlich durch ihn trat
+dort eine Wendung ein; der Koenig Gala in der heutigen Provinz
+Constantine, seit langem der Rival des Syphax, erklaerte sich fuer
+Karthago, und sein tapferer Sohn Massinissa schlug den Syphax und
+noetigte ihn zum Frieden. Ueberliefert ist uebrigens von diesem
+libyschen Krieg wenig mehr als die Erzaehlung der grausamen Rache, die
+Karthago, wie es pflegte, nach Massinissas Siege an den Aufstaendischen
+nahm.
+
+Diese Wendung der Dinge in Afrika ward auch folgenreich fuer den
+spanischen Krieg. Hasdrubal konnte abermals nach Spanien sich wenden
+(543 211), wohin bald betraechtliche Verstaerkungen und Massinissa
+selbst ihm folgten. Die Scipionen, die waehrend der Abwesenheit des
+feindlichen Oberfeldherrn (541 542 213 212) im karthagischen Gebiet
+Beute und Propaganda zu machen fortgefahren hatten, sahen sich
+unerwartet von so ueberlegenen Streitkraeften angegriffen, dass sie
+entweder hinter den Ebro zurueckweichen oder die Spanier aufbieten
+mussten. Sie waehlten das letztere und nahmen 20000 Keltiberer in Sold,
+worauf sie dann, um den drei feindlichen Armeen unter Hasdrubal Barkas,
+Hasdrubal Gisgons Sohn, und Mago besser zu begegnen, ihr Heer teilten
+und nicht einmal ihre roemischen Truppen zusammenhielten. Damit
+bereiteten sie sich den Untergang. Waehrend Gnaeus mit seinem Korps,
+einem Drittel der roemischen und den saemtlichen spanischen Truppen,
+Hasdrubal Barkas gegenueber lagerte, bestimmte dieser ohne Muehe durch
+eine Summe Geldes die Spanier im roemischen Heere zum Abzuge, was ihnen
+nach ihrer Landsknechtmoral vielleicht nicht einmal als Treubruch
+erschien, da sie ja nicht zu den Feinden ihres Soldherrn ueberliefen.
+Dem roemischen Feldherrn blieb nichts uebrig, als in moeglichster Eile
+seinen Rueckzug zu beginnen, wobei der Feind ihm auf dem Fusse folgte.
+Mittlerweile sah sich das zweite roemische Korps unter Publius von den
+beiden anderen phoenikischen Armeen unter Hasdrubal Gisgons Sohn und
+Mago lebhaft angegriffen, und Massinissas kecke Reiterscharen setzten
+die Karthager in entschiedenen Vorteil. Schon war das roemische Lager
+fast eingeschlossen; wenn noch die bereits im Anzuge begriffenen
+spanischen Hilfstruppen eintrafen, waren die Roemer vollstaendig
+umzingelt. Der kuehne Entschluss des Prokonsuls, mit seinen besten
+Truppen den Spaniern entgegenzugehen, bevor deren Erscheinen die Luecke
+in der Blockade fuellte, endigte nicht gluecklich. Die Roemer waren
+wohl anfangs im Vorteil; allein die numidischen Reiter, die den
+Ausfallenden rasch waren nachgesandt worden, erreichten sie bald und
+hemmten sowohl die Verfolgung des halb schon erfochtenen Sieges, als
+auch den Rueckmarsch, bis dass die phoenikische Infanterie herankam und
+endlich der Fall des Feldherrn die verlorene Schlacht in eine
+Niederlage verwandelte. Nachdem Publius also erlegen war, fand Gnaeus,
+der langsam zurueckweichend sich des einen karthagischen Heeres muehsam
+erwehrt hatte, ploetzlich von dreien zugleich sich angefallen und durch
+die numidische Reiterei jeden Rueckzug sich abgeschnitten. Auf einen
+nackten Huegel gedraengt, der nicht einmal die Moeglichkeit bot, ein
+Lager zu schlagen, wurde das ganze Korps niedergehauen oder
+kriegsgefangen; von dem Feldherrn selbst ward nie wieder sichere Kunde
+vernommen. Eine kleine Abteilung allein rettete ein trefflicher
+Offizier aus Gnaeus’ Schule, Gaius Marcius, hinueber auf das andere
+Ufer des Ebro und ebendahin gelang es dem Legaten Titus Fonteius, den
+von dem Korps des Publius im Lager gebliebenen Teil in Sicherheit zu
+bringen; sogar die meisten im suedlichen Spanien zerstreuten roemischen
+Besatzungen vermochten sich dorthin zu fluechten. Bis zum Ebro
+herrschten die Phoeniker in ganz Spanien ungestoert und der Augenblick
+schien nicht fern, wo der Fluss ueberschritten, die Pyrenaeen frei und
+die Verbindung mit Italien hergestellt sein wuerde. Da fuehrte die Not
+im roemischen Lager den rechten Mann an die Spitze. Die Wahl der
+Soldaten berief mit Umgehung aelterer, nicht untuechtiger Offiziere zum
+Fuehrer des Heeres jenen Gaius Marcius, und seine gewandte Leitung und
+vielleicht ebenso sehr der Neid und Hader unter den drei karthagischen
+Feldherren entrissen diesen die weiteren Fruechte des wichtigen Sieges.
+Was von den Karthagern den Fluss ueberschritten, wurde zurueckgeworfen
+und zunaechst die Ebrolinie behauptet, bis Rom Zeit gewann, ein neues
+Heer und einen neuen Feldherrn zu senden. Zum Glueck gestattete dies
+die Wendung des Krieges in Italien, wo soeben Capua gefallen war; es
+kam eine starke Legion - 12000 Mann - unter dem Propraetor Gaius
+Claudius Nero, die das Gleichgewicht der Waffen wieder herstellte. Eine
+Expedition nach Andalusien im folgenden Jahr (544 210) hatte den besten
+Erfolg; Hasdrubal Barkas ward umstellt und eingeschlossen und entrann
+der Kapitulation nur durch unfeine List und offenen Wortbruch. Allein
+Nero war der rechte Feldherr nicht fuer den Spanischen Krieg. Er war
+ein tuechtiger Offizier, aber ein harter auffahrender unpopulaerer
+Mann, wenig geschickt, die alten Verbindungen wieder anzuknuepfen und
+neue einzuleiten und Vorteil zu ziehen aus der Unbill und dem Uebermut,
+womit die Punier nach dem Tode der Scipionen Freund und Feind im
+Jenseitigen Spanien behandelt und alle gegen sich erbittert hatten. Der
+Senat, der die Bedeutung und die Eigentuemlichkeit des Spanischen
+Krieges richtig beurteilte und durch die von der roemischen Flotte
+gefangen eingebrachten Uticenser von den grossen Anstrengungen erfahren
+hatte, die man in Karthago machte, um Hasdrubal und Massinissa mit
+einem starken Heer ueber die Pyrenaeen zu senden, beschloss, nach
+Spanien neue Verstaerkungen zu schicken und einen ausserordentlichen
+Feldherrn hoeheren Ranges, dessen Ernennung man dem Volke anheimzugeben
+fuer gut fand. Lange Zeit - so lautet der Bericht - meldete sich
+niemand zur Uebernahme des verwickelten und gefaehrlichen Geschaefts,
+bis endlich ein junger siebenundzwanzigjaehriger Offizier, Publius
+Scipio, der Sohn des in Spanien gefallenen gleichnamigen Generals,
+gewesener Kriegstribun und Aedil, als Bewerber auftrat. Es ist ebenso
+unglaublich, dass der roemische Senat in diesen von ihm veranlassten
+Komitien eine Wahl von solchem Belang dem Zufall anheimgestellt haben
+sollte, als dass Ehrgeiz und Vaterlandsliebe in Rom so ausgestorben
+gewesen, dass fuer den wichtigen Posten kein versuchter Offizier sich
+angeboten haette. Wenn dagegen die Blicke des Senats sich wandten auf
+den jungen talentvollen und erprobten Offizier, der in den heissen
+Tagen am Ticinus und bei Cannae sich glaenzend ausgezeichnet hatte, dem
+aber noch der erforderliche Rang abging, um als Nachfolger von
+gewesenen Praetoren und Konsuln aufzutreten, so war es sehr natuerlich,
+diesen Weg einzuschlagen, der das Volk auf gute Art noetigte, den
+einzigen Bewerber trotz seiner mangelnden Qualifikation zuzulassen und
+zugleich ihn und die ohne Zweifel sehr unpopulaere spanische Expedition
+bei der Menge beliebt machen musste. War der Effekt dieser angeblich
+improvisierten Kandidatur berechnet, so gelang er vollstaendig. Der
+Sohn, der den Tod des Vaters zu raechen ging, dem er neun Jahre zuvor
+am Ticinus das Leben gerettet hatte, der maennlich schoene junge Mann
+mit den langen Locken, der bescheiden erroetend in Ermangelung eines
+Besseren sich darbot fuer den Posten der Gefahr, der einfache
+Kriegstribun, den nun auf einmal die Stimmen der Zenturien zu der
+hoechsten Amtstaffel erhoben - das alles machte auf die roemischen
+Buerger und Bauern einen wunderbaren und unausloeschlichen Eindruck.
+Und in der Tat, Publius Scipio war eine begeisterte und begeisternde
+Natur. Er ist keiner jener wenigen, die mit ihrem eisernen Willen die
+Welt auf Jahrhunderte hinaus durch Menschenkraft in neue Gleise
+zwingen; oder die doch auf Jahre dem Schicksal in die Zuegel fallen,
+bis die Raeder ueber sie hinrollen. Publius Scipio hat im Auftrag des
+Senats Schlachten gewonnen und Laender eroberter hat mit Hilfe seiner
+militaerischen Lorbeeren auch als Staatsmann in Rom eine hervorragende
+Stellung eingenommen; aber es ist weit von da bis zu Alexander und
+Caesar. Als Offizier ist er seinem Vaterlande wenigstens nicht mehr
+gewesen als Marcus Marcellus, und politisch hat er, wenn auch
+vielleicht ohne seiner unpatriotischen und persoenlichen Politik sich
+deutlich bewusst zu sein, seinem Lande mindestens ebensoviel geschadet,
+als er ihm durch seine Feldherrngaben genutzt hat. Dennoch ruht ein
+besonderer Zauber auf dieser anmutigen Heldengestalt; von der heiteren
+und sicheren Begeisterung, die Scipio halb glaeubig halb geschickt vor
+sich hertrug, ist sie durchaus wie von einer blendenden Aureole
+umflossen. Mit gerade genug Schwaermerei, um die Herzen zu erwaermen,
+und genug Berechnung, um das Verstaendige ueberall entscheiden und das
+Gemeine nicht aus dem Ansatz wegzulassen; nicht naiv genug, um den
+Glauben der Menge an seine goettlichen Inspirationen zu teilen, noch
+schlicht genug, ihn zu beseitigen, und doch im stillen innig
+ueberzeugt, ein Mann vom Gottes besonderen Gnaden zu sein - mit einem
+Wort eine echte Prophetennatur; ueber dem Volke stehend und nicht
+minder ausser dem Volke; ein Mann felsenfesten Worts und koeniglichen
+Sinns, der durch Annahme des gemeinen Koenigtitels sich zu erniedrigen
+meinte, aber ebensowenig begreifen konnte, dass die Verfassung der
+Republik auch ihn band; seiner Groesse so sicher, dass er nichts wusste
+von Neid und Hass und fremdes Verdienst leutselig anerkannte, fremde
+Fehler mitleidig verzieh; ein vorzueglicher Offizier und feingebildeter
+Diplomat, ohne das abstossende Sondergepraege dieses oder jenes Berufs,
+hellenische Bildung einigend mit dem vollsten roemischen
+Nationalgefuehl, redegewandt und anmutiger Sitte, gewann Publius Scipio
+die Herzen der Soldaten und der Frauen, seiner Landsleute und der
+Spanier, seiner Nebenbuhler im Senat und seines groesseren
+karthagischen Gegners. Bald war sein Name auf allen Lippen und er der
+Stern, der seinem Lande Sieg und Frieden zu bringen bestimmt schien.
+
+Publius Scipio ging nach Spanien 544/45 (210/09) ab, begleitet von dem
+Propraetor Marcus Silanus, der an Neros Stelle treten und dem jungen
+Oberfeldherrn als Beistand und Rat dienen sollte, und von seinem
+Flottenfuehrer und Vertrauten Gaius Laelius, ausgeruestet abermals mit
+einer ueberzaehlig starken Legion und einer wohlgefuellten Kasse.
+Gleich sein erstes Auftreten bezeichnet einer der kuehnsten und
+gluecklichsten Handstreiche, die die Geschichte kennt. Die drei
+karthagischen Heerfuehrer standen Hasdrubal Barkas an den Quellen,
+Hasdrubal Gisgons Sohn an der Muendung des Tajo, Mago an den Saeulen
+des Herakles; der naechste von ihnen um zehn Tagemaersche entfernt von
+der phoenikischen Hauptstadt Neukarthago. Ploetzlich im Fruehjahr 545
+(209), ehe noch die feindlichen Heere sich in Bewegung setzten, brach
+Scipio gegen diese Stadt, die er von der Ebromuendung aus in wenigen
+Tagen auf dem Kuestenweg erreichen konnte, mit seiner ganzen Armee von
+ungefaehr 30000 Mann und der Flotte auf und ueberraschte die nicht
+ueber 1000 Mann starke phoenikische Besatzung mit einem kombinierten
+Angriff zu Wasser und zu Lande. Die Stadt, auf einer in den Hafen
+hinein vorspringenden Landspitze gelegen, sah sich zugleich auf drei
+Seiten von der roemischen Flotte, auf der vierten von den Legionen
+bedroht und jede Hilfe war weit entfernt; aber der Kommandant Mago
+wehrte sich mit Entschlossenheit und bewaffnete die Buergerschaft, da
+die Soldaten nicht ausreichten, um die Mauern zu besetzen. Es ward ein
+Ausfall versucht, welchen indes die Roemer ohne Muehe zurueckschlugen
+und ihrerseits, ohne zu der Eroeffnung einer regelmaessigen Belagerung
+sich die Zeit zu nehmen, den Sturm auf der Landseite begannen. Heftig
+draengten die Stuermenden auf dem schmalen Landweg gegen die Stadt;
+immer neue Kolonnen loesten die ermuedeten ab; die schwache Besatzung
+war aufs aeusserste erschoepft, aber einen Erfolg hatten die Roemer
+nicht gewonnen. Scipio hatte auch keinen erwartet; der Sturm hatte
+bloss den Zweck, die Besatzung von der Hafenseite wegzuziehen, wo er,
+unterrichtet davon, dass ein Teil des Hafens zur Ebbezeit trocken
+liege, einen zweiten Angriff beabsichtigte. Waehrend an der Landseite
+der Sturm tobte, sandte Scipio eine Abteilung mit Leitern ueber das
+Watt, “wo Neptun ihnen selbst den Weg zeige”, und sie hatte in der Tat
+das Glueck, die Mauern hier unverteidigt zu finden. So war am ersten
+Tage die Stadt gewonnen, worauf Mago in der Burg kapitulierte. Mit der
+karthagischen Hauptstadt fielen achtzehn abgetakelte Kriegs- und 63
+Lastschiffe, das gesamte Kriegsmaterial, bedeutende Getreidevorraete,
+die Kriegskasse von 600 Talenten (ueber 1 Million Taler), zehntausend
+Gefangene, darunter achtzehn karthagische Gerusiasten oder Richter, und
+die Geiseln der saemtlichen spanischen Bundesgenossen Karthagos in die
+Gewalt der Roemer. Scipio verhiess den Geiseln die Erlaubnis zur
+Heimkehr, sowie die Gemeinde eines jeden mit Rom in Buendnis getreten
+sein wuerde, und nutzte die Hilfsmittel, die die Stadt ihm darbot, sein
+Heer zu verstaerken und in besseren Stand zu bringen, indem er die
+neukarthagischen Handwerker, zweitausend an der Zahl, fuer das
+roemische Heer arbeiten hiess gegen das Versprechen der Freiheit bei
+der Beendigung des Krieges, und aus der uebrigen Menge die faehigen
+Leute zum Ruderdienst auf den Schiffen auslas. Die Stadtbuerger aber
+wurden geschont und ihnen die Freiheit und die bisherige Stellung
+gelassen; Scipio kannte die Phoeniker und wusste, dass sie gehorchen
+wuerden, und es war wichtig, die Stadt mit dem einzigen vortrefflichen
+Hafen an der Ostkueste und den reichen Silberbergwerken nicht bloss
+durch eine Besatzung zu sichern.
+
+So war die verwegene Unternehmung gelungen, verwegen deshalb, weil es
+Scipio nicht unbekannt war, dass Hasdrubal Barkas von seiner Regierung
+den Befehl erhalten hatte, nach Gallien vorzudringen, und diesen
+auszufuehren beschaeftigt war, und weil die schwache, am Ebro
+zurueckgelassene Abteilung unmoeglich imstande war, ihm dies ernstlich
+zu wehren, wenn Scipios Rueckkehr sich auch nur verzoegerte. Indes er
+war zurueck in Tarraco, ehe Hasdrubal sich am Ebro gezeigt hatte; das
+gefaehrliche Spiel, das der junge Feldherr spielte, als er seine
+naechste Aufgabe im Stich liess, um einen lockenden Streich
+auszufuehren, ward verdeckt durch den fabelhaften Erfolg, den Neptunus
+und Scipio gemeinschaftlich gewonnen hatten. Die wunderhafte Einnahme
+der phoenikischen Hauptstadt rechtfertigte so ueber die Massen alles,
+was man daheim von dem wunderbaren Juengling sich versprochen hatte,
+dass jedes andere Urteil verstummen musste. Scipios Kommando wurde auf
+unbestimmte Zeit verlaengert; er selber beschloss, sich nicht mehr auf
+die duerftige Aufgabe zu beschraenken, der Hueter der Pyrenaeenpaesse
+zu sein. Schon hatten infolge des Falles von Neukarthago nicht bloss
+die diesseitigen Spanier sich voellig unterworfen, sondern auch
+jenseits des Ebro die maechtigsten Fuersten die karthagische Klientel
+mit der roemischen vertauscht. Scipio nutzte den Winter 545/46 (209/08)
+dazu, seine Flotte aufzuloesen und mit den dadurch gewonnenen Leuten
+sein Landheer so zu vermehren, dass er zugleich den Norden bewachen und
+im Sueden die Offensive nachdruecklicher als bisher ergreifen koenne,
+und marschierte im Jahre 546 (208) nach Andalusien. Hier traf er auf
+Hasdrubal Barkas, der in Ausfuehrung des lange gehegten Planes, dem
+Bruder zu Hilfe zu kommen, nordwaerts zog. Bei Baecula kam es zur
+Schlacht, in der sich die Roemer den Sieg zuschrieben und 10000
+Gefangene gemacht haben sollen; aber Hasdrubal erreichte, wenn auch mit
+Aufopferung eines Teils seiner Armee, im wesentlichen seinen Zweck. Mit
+seiner Kasse, seinen Elefanten und dem besten Teil seiner Truppen
+schlug er sich durch an die spanische Nordkueste, erreichte am Ozean
+hinziehend die westlichen, wie es scheint, nicht besetzten
+Pyrenaeenpaesse und stand noch vor dem Eintritt der schlechten
+Jahreszeit in Gallien, wo er Winterquartier nahm. Es zeigte sich, dass
+Scipios Entschluss, mit der ihm aufgetragenen Defensive die Offensive
+zu verbinden, unueberlegt und unweise gewesen war; der naechsten
+Aufgabe des spanischen Heeres, die nicht bloss Scipios Vater und Oheim,
+sondern selbst Gaius Marcius und Gaius Nero mit viel geringeren Mitteln
+geloest hatten, hatte der siegreiche Feldherr an der Spitze einer
+starken Armee in seinem Uebermut nicht genuegt, und wesentlich er
+verschuldete die aeusserst gefaehrliche Lage Roms im Sommer 547 (207),
+als Hannibals Plan eines kombinierten Angriffs auf die Roemer endlich
+dennoch sich realisierte. Indes die Goetter deckten die Fehler ihres
+Lieblings mit Lorbeeren zu. In Italien ging die Gefahr gluecklich
+vorueber; man liess sich das Bulletin des zweideutigen Sieges von
+Baecula gefallen und gedachte, als neue Siegesberichte aus Spanien
+einliefen, nicht weiter des Umstandes, dass man den faehigsten
+Feldherrn und den Kern der spanisch-phoenikischen Armee in Italien zu
+bekaempfen gehabt hatte.
+
+Nach Hasdrubal Barkas’ Entfernung beschlossen die beiden in Spanien
+zurueckbleibenden Feldherren, vorlaeufig zurueckzuweichen, Hasdrubal
+Gisgons Sohn nach Lusitanien, Mago gar auf die Balearen, und bis neue
+Verstaerkungen aus Afrika anlangten, nur Massinissas leichte Reiterei
+in Spanien streifen zu lassen, aehnlich wie es Muttines in Sizilien mit
+so grossem Erfolge getan. So geriet die ganze Ostkueste in die Gewalt
+der Roemer. Im folgenden Jahre (547 207) erschien wirklich aus Afrika
+Hanno mit einem dritten Heere, worauf auch Mago und Hasdrubal sich
+wieder nach Andalusien wandten. Allein Marcus Silanus schlug Magos und
+Hannos vereinigte Heere und nahm den letzteren selbst gefangen.
+Hasdrubal gab darauf die Behauptung des offenen Feldes auf und
+verteilte seine Truppen in die andalusischen Staedte, von denen Scipio
+in diesem Jahr nur noch eine, Oringis, erstuermen konnte. Die Phoeniker
+schienen ueberwaeltigt; aber dennoch vermochten sie das Jahr darauf
+(548 206) wieder ein gewaltiges Heer ins Feld zu senden, 32 Elefanten,
+4000 Mann zu Pferde, 70000 zu Fuss, freilich zum allergroessten Teil
+zusammengeraffte spanische Landwehr. Wieder bei Baecula kam es zur
+Schlacht. Das roemische Heer zaehlte wenig mehr als die Haelfte des
+feindlichen und auch von ihm war ein guter Teil Spanier. Scipio
+stellte, wie Wellington in gleichem Fall, seine Spanier so auf, dass
+sie nicht zum Schlagen kamen - die einzige Moeglichkeit, ihr Ausreissen
+zu verhindern -, waehrend er umgekehrt seine roemischen Truppen zuerst
+auf die Spanier warf. Der Tag war dennoch hart bestritten; doch siegten
+endlich die Roemer, und wie sich von selbst versteht, war die
+Niederlage eines solchen Heeres gleichbedeutend mit der voelligen
+Aufloesung desselben - einzeln retteten sich Hasdrubal und Mago nach
+Gades. Die Roemer standen jetzt ohne Nebenbuhler auf der Halbinsel; die
+wenigen nicht gutwillig sich fuegenden Staedte wurden einzeln bezwungen
+und zum Teil mit grausamer Haerte bestraft. Scipio konnte sogar auf der
+afrikanischen Kueste dem Syphax einen Besuch abstatten und mit ihm, ja
+selbst mit Massinissa fuer den Fall einer Expedition nach Afrika
+Verbindungen einleiten - ein tollkuehnes Wagstueck, das durch keinen
+entsprechenden Zweck gerechtfertigt ward, so sehr auch der Bericht
+davon den neugierigen Hauptstaedtern daheim behagen mochte. Nur Gades,
+wo Mago den Befehl fuehrte, war noch phoenikisch. Einen Augenblick
+schien es, als ob, nachdem die Roemer die karthagische Erbschaft
+angetreten und die hier und da in Spanien genaehrte Hoffnung nach
+Beendigung des phoenikischen Regiments auch der roemischen Gaeste
+loszuwerden und die alte Freiheit wieder zu erlangen, hinreichend
+widerlegt hatten, in Spanien eine allgemeine Insurrektion gegen die
+Roemer ausbrechen wuerde, bei welcher die bisherigen Verbuendeten Roms
+vorangingen. Die Erkrankung des roemischen Feldherrn und die Meuterei
+eines seiner Korps, veranlasst durch den seit vielen Jahren
+rueckstaendigen Sold, beguenstigten den Aufstand. Indes Scipio genas
+schneller als man gemeint hatte und daempfte mit Gewandtheit den
+Soldatentumult; worauf auch die Gemeinden, die bei der Nationalerhebung
+vorangegangen waren, alsbald niedergeworfen wurden, ehe die
+Insurrektion Boden gewann. Da es also auch damit nichts und Gades doch
+auf die Laenge nicht zu halten war, befahl die karthagische Regierung
+dem Mago zusammenzuraffen, was dort an Schiffen, Truppen und Geld sich
+vorfinde, und damit womoeglich dem Krieg in Italien eine andere Wendung
+zu geben. Scipio konnte dies nicht wehren - es raechte sich jetzt, dass
+er seine Flotte aufgeloest hatte - und musste zum zweitenmal die ihm
+anvertraute Beschirmung der Heimat gegen neue Invasion seinen Goettern
+anheimstellen. Unbehindert verliess der letzte von Hamilkars Soehnen
+die Halbinsel. Nach seinem Abzug ergab sich auch Gades, die aelteste
+und letzte Besitzung der Phoeniker auf spanischem Boden, unter
+guenstigen Bedingungen den neuen Herren. Spanien war nach
+dreizehnjaehrigem Kampfe aus einer karthagischen in eine roemische
+Provinz verwandelt worden, in der zwar noch jahrhundertelang die stets
+besiegte und nie ueberwundene Insurrektion den Kampf gegen die Roemer
+fortfuehrte, aber doch im Augenblick kein Feind den Roemern
+gegenueberstand. Scipio ergriff den ersten Moment der Scheinruhe, um
+sein Kommando abzugeben (Ende 548 206) und in Rom persoenlich von den
+erfochtenen Siegen und den gewonnenen Landschaften zu berichten.
+
+Waehrend also Marcellus in Sizilien, Publius Sulpicius in Griechenland,
+Scipio in Spanien den Krieg beendigten, ging auf der italischen
+Halbinsel der gewaltige Kampf ununterbrochen weiter. Hier standen,
+nachdem die Cannensische Schlacht geschlagen war und deren Folgen an
+Verlust und Gewinn sich allmaehlich uebersehen liessen, im Anfang des
+Jahres 540 (214), des fuenften Kriegsjahres, die Roemer und Phoeniker
+folgendermassen sich gegenueber. Norditalien hatten die Roemer nach
+Hannibals Abzug wieder besetzt und deckten es mit drei Legionen, wovon
+zwei im Keltenlande standen, die dritte als Rueckhalt in Picenum.
+Unteritalien bis zum Garganus und Volturnus war mit Ausnahme der
+Festungen und der meisten Haefen in Hannibals Haenden. Er stand mit der
+Hauptarmee bei Arpi, ihm in Apulien gegenueber, gestuetzt auf die
+Festungen Luceria und Benevent, Tiberius Gracchus mit vier Legionen. Im
+brettischen Lande, dessen Einwohner sich Hannibal gaenzlich in die Arme
+geworfen hatten und wo auch die Haefen, mit Ausnahme von Rhegion, das
+die Roemer von Messana aus schuetzten, von den Phoenikern besetzt
+worden waren, stand ein zweites karthagisches Heer unter Hanno, ohne
+zunaechst einen Feind sich gegenueber zu sehen. Die roemische
+Hauptarmee von vier Legionen unter den beiden Konsuln Quintus Fabius
+und Marcus Marcellus war im Begriff, die Wiedergewinnung Capuas zu
+versuchen. Dazu kam roemischerseits die Reserve von zwei Legionen in
+der Hauptstadt, die in alle Seehaefen gelegte Besatzung, welche in
+Tarent und Brundisium wegen der dort befuerchteten makedonischen
+Landung durch eine Legion verstaerkt worden war, endlich die starke,
+das Meer ohne Widerstreit beherrschende Flotte. Rechnet man dazu die
+roemischen Heere in Sizilien, Sardinien und Spanien, so laesst sich die
+Gesamtzahl der roemischen Streitkraefte, auch abgesehen von dem
+Besatzungsdienst, den in den unteritalischen Festungen die dort
+angesiedelte Buergerschaft zu versehen hatte, nicht unter 200000 Mann
+anschlagen, darunter ein Drittel fuer dies Jahr neu einberufene Leute
+und etwa die Haelfte roemische Buerger. Man darf annehmen, dass die
+gesamte dienstfaehige Mannschaft vom 17. bis zum 46. Jahre unter den
+Waffen stand und die Felder, wo der Krieg sie zu bearbeiten erlaubte,
+von den Sklaven, den Alten, den Kindern und Weibern bestellt wurden.
+Dass unter solchen Verhaeltnissen auch die Finanzen in der peinlichsten
+Verlegenheit waren, ist begreiflich; die Grundsteuer, auf die man
+hauptsaechlich angewiesen war, ging natuerlich nur sehr unregelmaessig
+ein. Aber trotz dieser Not um Mannschaft und Geld vermochten die Roemer
+dennoch, das rasch Verlorene zwar langsam und mit Anspannung aller
+Kraefte, aber doch zurueckzuerobern; ihre Heere jaehrlich zu vermehren,
+waehrend die phoenikischen zusammenschwanden; gegen Hannibals italische
+Bundesgenossen, die Kampaner, Apuler, Samniten, Brettier, die weder wie
+die roemischen Festungen in Unteritalien sich selber genuegten noch von
+Hannibals schwachem Heer hinreichend gedeckt werden konnten, jaehrlich
+Boden zu gewinnen; endlich mittels der von Marcus Marcellus
+begruendeten Kriegsweise das Talent der Offiziere zu entwickeln und die
+Ueberlegenheit des roemischen Fussvolks in vollem Umfange ins Spiel zu
+bringen. Hannibal durfte wohl noch auf Siege hoffen, aber nicht mehr
+auf Siege wie am Trasimenischen See und am Aufidus; die Zeiten der
+Buergergenerale waren vorbei. Es blieb ihm nichts uebrig, als
+abzuwarten, bis entweder Philippos die laengst versprochene Landung
+ausfuehren oder die Brueder aus Spanien ihm die Hand reichen wuerden,
+und mittlerweile sich, seine Armee und seine Klientel soweit moeglich
+unversehrt und bei guter Laune zu erhalten. Man erkennt in der zaehen
+Defensive, die jetzt beginnt, mit Muehe den Feldherrn wieder, der wie
+kaum ein anderer stuermisch und verwegen die Offensive gefuehrt hat; es
+ist psychologisch wie militaerisch bewundernswert, dass derselbe Mann
+die beiden ihm gestellten Aufgaben ganz entgegengesetzter Art in
+gleicher Vollkommenheit geloest hat.
+
+Zunaechst zog der Krieg sich vornehmlich nach Kampanien. Hannibal
+erschien rechtzeitig zum Schutz der Hauptstadt, deren Einschliessung er
+hinderte; allein weder vermochte er irgendeine der kampanischen
+Staedte, die die Roemer besassen, den starken roemischen Besatzungen zu
+entreissen, noch konnte er wehren, dass ausser einer Menge minder
+wichtiger Landstaedte auch Casilinum, das ihm den Uebergang ueber den
+Volturnus sicherte, von den beiden Konsularheeren nach hartnaeckiger
+Gegenwehr genommen ward. Ein Versuch Hannibals Tarent zu gewinnen,
+wobei es namentlich auf einen sicheren Landungsplatz fuer die
+makedonische Armee abgesehen war, schlug ihm fehl. Das brettische Heer
+der Karthager unter Hanno schlug sich inzwischen in Lucanien mit der
+roemischen Armee von Apulien herum; Tiberius Gracchus bestand hier mit
+Erfolg den Kampf und gab nach einem gluecklichen Gefecht unweit
+Benevent, bei dem die zum Dienst gepressten Sklavenlegionen sich
+ausgezeichnet hatten, den Sklavensoldaten im Namen des Volks die
+Freiheit und das Buergerrecht.
+
+Im folgenden Jahr (541 213) gewannen die Roemer das reiche und wichtige
+Arpi zurueck, dessen Buergerschaft, nachdem die roemischen Soldaten
+sich in die Stadt eingeschlichen hatten, mit ihnen gegen die
+karthagische Besatzung gemeinschaftliche Sache machte. Ueberhaupt
+lockerten sich die Bande der Hannibalischen Symmachie; eine Anzahl der
+vornehmsten Capuaner und mehrere brettische Staedte gingen ueber zu
+Rom; sogar eine spanische Abteilung des phoenikischen Heeres trat,
+durch spanische Emissaere von dem Gang der Ereignisse in der Heimat in
+Kenntnis gesetzt, aus karthagischen in roemische Dienste.
+
+Unguenstiger war fuer die Roemer das Jahr 542 (212) durch neue
+politische und militaerische Fehler, die Hannibal auszubeuten nicht
+unterliess. Die Verbindungen, welche Hannibal in den grossgriechischen
+Staedten unterhielt, hatten zu keinem ernstlichen Resultat gefuehrt;
+nur die in Rom befindlichen tarentinischen und thurinischen Geiseln
+liessen sich durch seine Emissaere zu einem tollen Fluchtversuch
+bestimmen, wobei sie schleunig von den roemischen Posten wieder
+aufgegriffen wurden. Allein die unverstaendige Rachsucht der Roemer
+foerderte Hannibal mehr als seine Intrigen; die Hinrichtung der
+saemtlichen entwichenen Geiseln beraubte sie eines kostbaren
+Unterpfandes, und die erbitterten Griechen sannen seitdem, wie sie
+Hannibal die Tore oeffnen moechten. Wirklich ward Tarent durch
+Einverstaendnis mit der Buergerschaft und durch die Nachlaessigkeit des
+roemischen Kommandanten von den Karthagern besetzt; kaum dass die
+roemische Besatzung sich in der Burg behauptete. Dem Beispiel Tarents
+folgten Herakleia, Thurii und Metapont, aus welcher Stadt zur Rettung
+der Tarentiner Akropolis die Besatzung hatte weggezogen werden muessen.
+Damit war die Gefahr einer makedonischen Landung so nahe gerueckt, dass
+Rom sich genoetigt sah, dem fast gaenzlich vernachlaessigten
+griechischen Krieg neue Aufmerksamkeit und neue Anstrengungen
+zuzuwenden, wozu gluecklicherweise die Einnahme von Syrakus und der
+guenstige Stand des spanischen Krieges die Moeglichkeit gewaehrte. Auf
+dem Hauptkriegsschauplatz, in Kampanien, ward mit sehr abwechselndem
+Erfolge gefochten. Die in der Naehe von Capua postierten Legionen
+hatten zwar die Stadt noch nicht eigentlich eingeschlossen, aber doch
+die Bestellung des Ackers und die Einbringung der Ernte so sehr
+gehindert, dass die volkreiche Stadt auswaertiger Zufuhr dringend
+bedurfte. Hannibal brachte also einen betraechtlichen Getreidetransport
+zusammen und wies die Kampaner an, ihn bei Benevent in Empfang zu
+nehmen; allein deren Saumseligkeit gab den Konsuln Quintus Flaccus und
+Appius Claudius Zeit herbeizukommen, dem Hanno, der den Transport
+deckte, eine schwere Niederlage beizubringen und sich seines Lagers und
+der gesamten Vorraete zu bemaechtigen. Die beiden Konsuln schlossen
+darauf die Stadt ein, waehrend Tiberius Gracchus sich auf der Appischen
+Strasse aufstellte, um Hannibal den Weg zum Entsatz zu verlegen. Aber
+der tapfere Mann fiel durch die schaendliche List eines treulosen
+Lucaners, und sein Tod kam einer voelligen Niederlage gleich, da sein
+Heer, groesstenteils bestehend aus jenen von ihm freigesprochenen
+Sklaven, nach dem Tode des geliebten Fuehrers auseinanderlief. So fand
+Hannibal die Strasse nach Capua offen und noetigte durch sein
+unvermutetes Erscheinen die beiden Konsuln, die kaum begonnene
+Einschliessung wieder aufzuheben, nachdem noch vor Hannibals Eintreffen
+ihre Reiterei von der phoenikischen, die unter Hanno und Bostar als
+Besatzung in Capua lag, und der ebenso vorzueglichen kampanischen
+nachdruecklich geschlagen worden war. Die totale Vernichtung der von
+Marcus Centenius, einem vom Unteroffizier zum Feldherrn unvorsichtig
+befoerderten Mann, angefuehrten regulaeren Truppen und Freischaren in
+Lucanien, und die nicht viel weniger vollstaendige Niederlage des
+nachlaessigen und uebermuetigen Praetors Gnaeus Fulvius Flaccus in
+Apulien beschlossen die lange Reihe der Unfaelle dieses Jahres. Aber
+das zaehe Ausharren der Roemer machte wenigstens an dem entscheidenden
+Punkte den raschen Erfolg Hannibals doch wieder zunichte. Sowie
+Hannibal Capua den Ruecken wandte, um sich nach Apulien zu begeben,
+zogen die roemischen Heere sich abermals um Capua zusammen, bei Puteoli
+und Volturnum unter Appius Claudius, bei Casilinum unter Quintus
+Fulvius, auf der Nolanischen Strasse unter dem Praetor Gaius Claudius
+Nero; die drei wohlverschanzten und durch befestigte Linien miteinander
+verbundenen Lager sperrten jeden Zugang, und die grosse, ungenuegend
+verproviantierte Stadt musste durch blosse Umstellung in nicht
+entfernter Zeit sich zur Kapitulation gezwungen sehen, wenn kein
+Entsatz kam. Wie der Winter 542/43 (212/11) zu Ende ging, waren auch
+die Vorraete fast erschoepft, und dringende Boten, die kaum imstande
+waren, durch die wohlbewachten roemischen Linien sich
+durchzuschleichen, begehrten schleunige Hilfe von Hannibal, der, mit
+der Belagerung der Burg beschaeftigt, in Tarent stand. In Eilmaerschen
+brach er mit 33 Elefanten und seinen besten Truppen von Tarent nach
+Kampanien auf, hob den roemischen Posten in Calatia auf und nahm sein
+Lager am Berge Tifata unmittelbar bei Capua, in der sicheren Erwartung,
+dass die roemischen Feldherren eben wie im vorigen Jahre daraufhin die
+Belagerung aufheben wuerden. Allein die Roemer, die Zeit gehabt hatten,
+ihre Lager und ihre Linien festungsartig zu verschanzen, ruehrten sich
+nicht und sahen unbeweglich von den Waellen aus zu, wie auf der einen
+Seite die kampanischen Reiter, auf der anderen die numidischen
+Schwaerme an ihre Linien anprallten. An einen ernstlichen Sturm durfte
+Hannibal nicht denken; er konnte voraussehen, dass sein Anruecken bald
+die anderen roemischen Heere nach Kampanien nachziehen wuerde, wenn
+nicht schon frueher der Mangel an Futter in dem systematisch
+ausfouragierten Lande ihn aus Kampanien vertrieb. Dagegen liess sich
+nichts machen. Hannibal versuchte noch einen Ausweg, den letzten, der
+seinem erfinderischen Geist sich darbot, um die wichtige Stadt zu
+retten. Er brach mit dem Entsatzheer, nachdem er den Kampanern von
+seinem Vorhaben Nachricht gegeben und sie zum Ausharren ermahnt hatte,
+von Capua auf und schlug die Strasse nach Rom ein. Mit derselben
+gewandten Kuehnheit wie in seinen ersten italischen Feldzuegen warf er
+sich mit einem schwachen Heer zwischen die feindlichen Armeen und
+Festungen und fuehrte seine Truppen durch Samnium und auf der
+Valerischen Strasse an Tibur vorbei bis zur Aniobruecke, die er
+passierte und auf dem anderen Ufer ein Lager nahm, eine deutsche Meile
+von der Stadt. Den Schreck empfanden noch die Enkel der Enkel, wenn
+ihnen erzaehlt ward von “Hannibal vor dem Tor”; eine ernstliche Gefahr
+war nicht vorhanden. Die Landhaeuser und Aecker in der Naehe der Stadt
+wurden von den Feinden verheert; die beiden Legionen in der Stadt, die
+gegen sie ausrueckten, verhinderten die Berennung der Mauern. Durch
+einen Handstreich, wie ihn Scipio bald nachher gegen Neukarthago
+ausfuehrte, Rom zu ueberrumpeln, hatte Hannibal uebrigens nie gemeint
+und noch weniger an eine ernstliche Belagerung gedacht; seine Hoffnung
+war einzig darauf gestellt, dass im ersten Schreck ein Teil des
+Belagerungsheeres von Capua nach Rom marschieren und ihm also
+Gelegenheit geben werde, die Blockade zu sprengen. Darum brach er nach
+kurzem Verweilen wieder auf. Die Roemer sahen in seiner Umkehr ein
+Wunder der goettlichen Gnade, die durch Zeichen und Gesichte den argen
+Mann zum Abzug bestimmt habe, wozu ihn die roemischen Legionen freilich
+zu noetigen nicht vermochten; an der Stelle, wo Hannibal der Stadt am
+naechsten gekommen war, von dem Capenischen Tor an dem zweiten
+Miglienstein der Appischen Strasse, errichteten die dankbaren
+Glaeubigen dem Gott “Rueckwender Beschuetzer” (Rediculus Tutanus) einen
+Altar. In der Tat zog Hannibal ab, weil es so in seinem Plane lag, und
+schlug die Richtung nach Capua ein. Allein die roemischen Feldherren
+hatten den Fehler nicht begangen, auf den ihr Gegner gerechnet hatte;
+unbeweglich standen die Legionen in den Linien um Capua und nur ein
+schwaches Korps war auf die Kunde von Hannibals Marsch nach Rom
+detachiert worden. Wie Hannibal dies erfuhr, wandte er sich ploetzlich
+um gegen den Konsul Publius Galba, der ihm von Rom her unbesonnen
+gefolgt war, und mit dem er bisher vermieden hatte zu schlagen,
+ueberwand ihn und erstuermte sein Lager; aber es war das ein geringer
+Ersatz fuer Capuas jetzt unvermeidlichen Fall. Lange schon hatte die
+Buergerschaft daselbst, namentlich die besseren Klassen derselben, mit
+bangen Ahnungen der Zukunft entgegengesehen; den Fuehrern der Rom
+feindlichen Volkspartei blieb das Rathaus und die staedtische
+Verwaltung fast ausschliesslich ueberlassen. Jetzt ergriff die
+Verzweiflung Vornehme und Geringe, Kampaner und Phoeniker ohne
+Unterschied. Achtundzwanzig vom Rat waehlten den freiwilligen Tod; die
+uebrigen uebergaben die Stadt dem Gutfinden eines unversoehnlich
+erbitterten Feindes. Dass Blutgerichte folgen mussten, verstand sich
+von selbst; man stritt nur ueber langen oder kurzen Prozess: ob es
+klueger und zweckmaessiger sei, die weiteren Verzweigungen des
+Hochverrats auch ausserhalb Capuas gruendlich zu ermitteln oder durch
+rasche Exekution der Sache ein Ende zu machen. Ersteres wollten Appius
+Claudius und der roemische Senat; die letztere Meinung, vielleicht die
+weniger unmenschliche, siegte ob. Dreiundfuenfzig capuanische Offiziere
+und Beamte wurden auf den Marktplaetzen von Cales und Teanum auf Befehl
+und vor den Augen des Prokonsuls Quintus Flaccus ausgepeitscht und
+enthauptet, der Rest des Rates eingekerkert, ein zahlreicher Teil der
+Buergerschaft in die Sklaverei verkauft, das Vermoegen der
+Wohlhabenderen konfisziert. Aehnliche Gerichte ergingen ueber Atella
+und Calatia. Diese Strafen waren hart; allein mit Ruecksicht auf das,
+was Capuas Abfall fuer Rom bedeutet, und auf das, was der
+Kriegsgebrauch jener Zeit wenn nicht recht, doch ueblich gemacht hatte,
+sind sie begreiflich. Und hatte nicht durch den Mord der saemtlichen in
+Capua zur Zeit des Abfalls anwesenden roemischen Buerger unmittelbar
+nach dem uebertritt die Buergerschaft sich selber ihr Urteil
+gesprochen? Arg aber war es, dass Rom diese Gelegenheit benutzte, um
+die stille Rivalitaet, die lange zwischen den beiden groessten Staedten
+Italiens bestanden hatte, zu befriedigen und durch die Aufhebung der
+kampanischen Stadtverfassung die gehasste und beneidete Nebenbuhlerin
+vollstaendig politisch zu vernichten.
+
+Ungeheuer war der Eindruck von Capuas Fall, und nur um so mehr, weil er
+nicht durch Ueberraschung, sondern durch eine zweijaehrige, allen
+Anstrengungen Hannibals zum Trotze durchgefuehrte Belagerung
+herbeigefuehrt worden war. Er war ebenso sehr das Signal der den
+Roemern wiedergewonnenen Oberhand in Italien, wie sechs Jahre zuvor der
+Uebertritt Capuas zu Hannibal das Signal der verlorenen gewesen war.
+Vergeblich hatte Hannibal versucht, dem Eindruck dieser Nachricht auf
+die Bundesgenossen entgegenzuarbeiten durch die Einnahme von Rhegion
+oder der tarentinischen Burg. Sein Gewaltmarsch, um Rhegion zu
+ueberraschen, hatte nichts gefruchtet und in der Burg von Tarent war
+der Mangel zwar gross, seit das tarentinisch-karthagische Geschwader
+den Hafen sperrte, aber da die Roemer mit ihrer weit staerkeren Flotte
+jenem Geschwader selbst die Zufuhr abzuschneiden vermochten, und das
+Gebiet, das Hannibal beherrschte, kaum genuegte, sein Heer zu
+ernaehren, so litten die Belagerer auf der Seeseite nicht viel weniger
+als die Belagerten in der Burg und verliessen endlich den Hafen. Es
+gelang nichts mehr; das Glueck selbst schien von dem Karthager
+gewichen. Diese Folgen von Capuas Fall, die tiefe Erschuetterung des
+Ansehens und Vertrauens, das Hannibal bisher bei den italischen
+Verbuendeten genossen, und die Versuche jeder nicht allzusehr
+kompromittierten Gemeinde, auf leidliche Bedingungen in die roemische
+Symmachie wieder zurueckzutreten, waren noch weit empfindlicher fuer
+Hannibal als der unmittelbare Verlust. Er hatte die Wahl, in die
+schwankenden Staedte entweder Besatzung zu werfen, wodurch er sein
+schon zu schwaches Heer noch mehr schwaechte und seine zuverlaessigen
+Truppen der Aufreibung in kleinen Abteilungen und dem Verrat preisgab -
+so wurden ihm im Jahre 544 (210) bei dem Abfall der Stadt Salapia 500
+auserlesene numidische Reiter niedergemacht; oder die unsicheren
+Staedte zu schleifen und anzuzuenden, um sie dem Feind zu entziehen,
+was denn auch die Stimmung unter seiner italischen Klientel nicht heben
+konnte. Mit Capuas Fall fuehlten die Roemer des endlichen Ausganges des
+Krieges in Italien sich wiederum sicher; sie entsandten betraechtliche
+Verstaerkungen nach Spanien, wo durch den Fall der beiden Scipionen die
+Existenz der roemischen Armee gefaehrdet war, und gestatteten zum
+erstenmal seit dem Beginn des Krieges sich eine Verminderung der
+Gesamtzahl der Truppen, die bisher trotz der jaehrlich steigenden
+Schwierigkeit der Aushebung jaehrlich vermehrt worden und zuletzt bis
+auf 23 Legionen gestiegen war. Darum ward denn auch im naechsten Jahr
+(544 210 ) der italische Krieg laessiger als bisher von den Roemern
+gefuehrt, obwohl Marcus Marcellus nach Beendigung des sizilischen
+Krieges wieder den Oberbefehl der Hauptarmee uebernommen hatte; er
+betrieb in den inneren Landschaften den Festungskrieg und lieferte den
+Karthagern unentschiedene Gefechte. Auch der Kampf um die tarentinische
+Akropole blieb ohne entscheidendes Resultat. In Apulien gelang Hannibal
+die Besiegung des Prokonsuls Gnaeus Fulvius Centumalus bei Herdoneae.
+Das Jahr darauf (545 209) schritten die Roemer dazu, der zweiten
+Grossstadt, die zu Hannibal uebergetreten war, der Stadt Tarent sich
+wieder zu bemaechtigen. Waehrend Marcus Marcellus den Kampf gegen
+Hannibal selbst mit gewohnter Zaehigkeit und Energie fortsetzte - in
+einer zweitaegigen Schlacht erfocht er, am ersten Tage geschlagen, am
+zweiten einen schweren und blutigen Sieg; waehrend der Konsul Quintus
+Fulvius die schon schwankenden Lucaner und Hirpiner zum Wechsel der
+Partei und zur Auslieferung der phoenikischen Besatzungen bestimmte;
+waehrend gut geleitete Razzias von Rhegion aus Hannibal noetigten, den
+bedraengten Brettiern zu Hilfe zu eilen, setzte der alte Quintus
+Fabius, der noch einmal - zum fuenftenmal - das Konsulat und damit den
+Auftrag, Tarent wieder zu erobern, angenommen hatte, sich fest in dem
+nahen messapischen Gebiet, und der Verrat einer brettischen Abteilung
+der Besatzung ueberlieferte ihm die Stadt, in der von den erbitterten
+Siegern fuerchterlich gehaust ward. Was von der Besatzung oder von der
+Buergerschaft ihnen vorkam, wurde niedergemacht und die Haeuser
+gepluendert. Es sollen 30000 Tarentiner als Sklaven verkauft, 3000
+Talente (5 Mill. Taler) in den Staatsschatz geflossen sein. Es war die
+letzte Waffentat des achtzigjaehrigen Feldherrn; Hannibal kam zum
+Entsatz, als alles vorbei war, und zog sich zurueck nach Metapont.
+
+Nachdem also Hannibal seine wichtigsten Eroberungen eingebuesst
+
+hatte und allmaehlich sich auf die suedwestliche Spitze der Halbinsel
+beschraenkt sah, hoffte Marcus Marcellus, der fuer das naechste Jahr
+(546 208) zum Konsul gewaehlt worden war, in Verbindung mit seinem
+tuechtigen Kollegen Titus Quinctius Crispinus dem Krieg durch einen
+entscheidenden Angriff ein Ende zu machen. Den alten Soldaten fochten
+seine sechzig Jahre nicht an; wachend und traeumend verfolgte ihn der
+eine Gedanke, Hannibal zu schlagen und Italien zu befreien. Allein das
+Schicksal sparte diesen Kranz fuer ein juengeres Haupt. Bei einer
+unbedeutenden Rekognoszierung wurden beide Konsuln in der Gegend von
+Venusia von einer Abteilung afrikanischer Reiter ueberfallen. Marcellus
+focht den ungleichen Kampf, wie er vor vierzig Jahren gegen Hamilkar,
+vor vierzehn bei Clastidium gefochten hatte, bis er sterbend vom Pferde
+sank; Crispinus entkam, starb aber an den im Gefecht empfangenen Wunden
+(546 208).
+
+Man stand jetzt im elften Kriegsjahr. Die Gefahr schien geschwunden,
+die einige Jahre zuvor die Existenz des Staates bedroht hatte; aber nur
+um so mehr fuehlte man den schweren und jaehrlich schwerer werdenden
+Druck des endlosen Krieges. Die Staatsfinanzen litten unsaeglich. Man
+hatte nach der Schlacht von Cannae (538 216) eine eigene Bankkommission
+(tres viri mensarii) aus den angesehensten Maennern niedergesetzt, um
+fuer die oeffentlichen Finanzen in diesen schweren Zeiten eine dauernde
+und umsichtige Oberbehoerde zu haben; sie mag getan haben, was moeglich
+war, aber die Verhaeltnisse waren von der Art, dass alle Finanzweisheit
+daran zuschanden ward. Gleich zu Anfang des Krieges hatte man die
+Silber- und die Kupfermuenze verringert, den Legalkurs des
+Silberstueckes um mehr als ein Drittel erhoeht und eine Goldmuenze weit
+ueber den Metallwert ausgegeben. Sehr bald reichte dies nicht aus; man
+musste von den Lieferanten auf Kredit nehmen und sah ihnen durch die
+Finger, weil man sie brauchte, bis der arge Unterschleif zuletzt die
+Aedilen veranlasste, durch Anklage vor dem Volk an einigen der
+schlimmsten ein Exempel zu statuieren. Man nahm den Patriotismus der
+Vermoegenden, die freilich verhaeltnismaessig eben am meisten litten,
+oft in Anspruch und nicht umsonst. Die Soldaten aus den besseren
+Klassen und die Unteroffiziere und Reiter insgesamt schlugen,
+freiwillig oder durch den Geist der Korps gezwungen, die Annahme des
+Soldes aus. Die Eigentuemer der von der Gemeinde bewaffneten und nach
+dem Treffen bei Benevent freigesprochenen Sklaven erwiderten der
+Bankkommission, die ihnen Zahlung anbot, dass sie dieselbe bis zum Ende
+des Krieges anstehen lassen wollten (540 214). Als fuer die Ausrichtung
+der Volksfeste und die Instandhaltung der oeffentlichen Gebaeude kein
+Geld mehr in der Staatskasse war, erklaerten die Gesellschaften, die
+diese Geschaefte bisher in Akkord gehabt hatten, sich bereit, dieselben
+vorlaeufig unentgeltlich fortzufuehren (540 214). Es ward sogar, ganz
+wie im Ersten Punischen Kriege, mittels einer freiwilligen Anleihe bei
+den Reichen eine Flotte ausgeruestet und bemannt (544 210). Man
+verbrauchte die Muendelgelder, ja man griff endlich im Jahre der
+Eroberung von Tarent den letzten, lange gesparten Notpfennig (1144000
+Taler) an. Dennoch genuegte der Staat seinen notwendigsten Zahlungen
+nicht; die Entrichtung des Soldes stockte namentlich in den
+entfernteren Landschaften in besorglicher Weise. Aber die Bedraengnis
+des Staats war nicht der schlimmste Teil des materiellen Notstandes.
+ueberall lagen die Felder brach; selbst wo der Krieg nicht hauste,
+fehlte es an Haenden fuer die Hacke und die Sichel. Der Preis des
+Medimnos (1 preussischer Scheffel) war gestiegen bis auf 15 Denare (3
+1/3 Taler), mindestens das Dreifache des hauptstaedtischen
+Mittelpreises, und viele waeren geradezu Hungers gestorben, wenn nicht
+aus Aegypten Zufuhr gekommen waere und nicht vor allem der in Sizilien
+wieder aufbluehende Feldbau der aergsten Not gesteuert haette. Wie aber
+solche Zustaende die kleinen Bauernwirtschaften zerstoeren, den sauer
+zurueckgelegten Sparschatz verzehren, die bluehenden Doerfer in
+Bettler- und Raeubernester verwandeln, das lehren aehnliche Kriege, aus
+denen sich anschaulichere Berichte erhalten haben.
+
+Bedenklicher noch als diese materielle Not war die steigende Abneigung
+der Bundesgenossen gegen den roemischen Krieg, der ihnen Gut und Blut
+frass. Zwar auf die nichtlatinischen Gemeinden kam es dabei weniger an.
+Der Krieg selber bewies es, dass sie nichts vermochten, solange die
+latinische Nation zu Rom stand; an ihrer groesseren oder geringeren
+Widerwilligkeit war nicht viel gelegen. Jetzt indes fing auch Latium an
+zu schwanken. Die meisten latinischen Kommunen in Etrurien, Latium, dem
+Marsergebiet und dem noerdlichen Kampanien, also eben in denjenigen
+latinischen Landschaften, die unmittelbar am wenigsten von dem Kriege
+gelitten hatten, erklaerten im Jahre 545 (209) dem roemischen Senat,
+dass sie von jetzt an weder Kontingente noch Steuern mehr schicken und
+es den Roemern ueberlassen wuerden, den in ihrem Interesse gefuehrten
+Krieg selber zu bestreiten. Die Bestuerzung in Rom war gross; allein
+fuer den Augenblick gab es kein Mittel, die Widerspenstigen zu zwingen.
+Zum Glueck handelten nicht alle latinischen Gemeinden so. Die
+gallischen, picenischen und sueditalischen Kolonien, an ihrer Spitze
+das maechtige und patriotische Fregellae, erklaerten im Gegenteil, dass
+sie um so enger und treulicher an Rom sich anschloessen - freilich war
+es diesen allen sehr deutlich dargetan, dass bei dem gegenwaertigen
+Kriege ihre Existenz womoeglich noch mehr auf dem Spiele stand als die
+der Hauptstadt und dass dieser Krieg wahrlich nicht bloss fuer Rom,
+sondern fuer die latinische Hegemonie in Italien, ja fuer Italiens
+nationale Unabhaengigkeit gefuehrt ward. Auch jener halbe Abfall war
+sicherlich nicht Landesverrat, sondern Kurzsichtigkeit und
+Erschoepfung; ohne Zweifel wuerden dieselben Staedte ein Buendnis mit
+den Phoenikern mit Abscheu zurueckgewiesen haben. Allein immer war es
+eine Spaltung zwischen Roemern und Latinern, und der Rueckschlag auf
+die unterworfene Bevoelkerung der Landschaften blieb nicht aus. In
+Arretium zeigte sich sogleich eine bedenkliche Gaerung; eine im
+Interesse Hannibals unter den Etruskern angestiftete Verschwoerung ward
+entdeckt und schien so gefaehrlich, dass man deswegen roemische Truppen
+marschieren liess. Militaer und Polizei unterdrueckten diese Bewegung
+zwar ohne Muehe; allein sie war ein ernstes Zeichen, was in jenen
+Landschaften kommen koenne, seit die latinischen Zwingburgen nicht mehr
+schreckten.
+
+In diese schwierigen und gespannten Verhaeltnisse schlug ploetzlich die
+Nachricht hinein, dass Hasdrubal im Herbst des Jahres 546 (208) die
+Pyrenaeen ueberschritten habe und man sich darauf gefasst machen
+muesse, im naechsten Jahr in Italien den Krieg mit den beiden Soehnen
+Hamilkars zu fuehren. Nicht umsonst hatte Hannibal die langen schweren
+Jahre hindurch auf seinem Posten ausgeharrt; was die faktioese
+Opposition daheim, was der kurzsichtige Philippos ihm versagt hatte,
+das fuehrte endlich der Bruder ihm heran, in dem wie in ihm selbst
+Hamilkars Geist maechtig war. Schon standen achttausend Ligurer, durch
+phoenikisches Gold geworben, bereit, sich mit Hasdrubal zu vereinigen;
+wenn er die erste Schlacht gewann, so durfte er hoffen, gleich dem
+Bruder die Gallier, vielleicht die Etrusker gegen Rom unter die Waffen
+zu bringen. Italien war aber nicht mehr, was es vor elf Jahren gewesen;
+der Staat und die einzelnen waren erschoepft, der latinische Bund
+gelockert, der beste Feldherr soeben auf dem Schlachtfeld gefallen und
+Hannibal nicht bezwungen. In der Tat, Scipio mochte die Gunst seines
+Genius preisen, wenn er die Folgen seines unverzeihlichen Fehlers von
+ihm und dem Lande abwandte.
+
+Wie in den Zeiten der schwersten Gefahr bot Rom wieder dreiundzwanzig
+Legionen auf; man rief Freiwillige zu den Waffen und zog die gesetzlich
+vom Kriegsdienst Befreiten zur Aushebung mit heran. Dennoch wurde man
+ueberrascht. Freunden und Feinden ueber alle Erwartung frueh stand
+Hasdrubal diesseits der Alpen (547 207); die Gallier, der Durchmaersche
+jetzt gewohnt, oeffneten fuer gutes Geld willig ihre Paesse und
+lieferten, was das Heer bedurfte. Wenn man in Rom beabsichtigt hatte,
+die Ausgaenge der Alpenpaesse zu besetzen, so kam man damit wieder zu
+spaet; schon vernahm man, dass Hasdrubal am Padus stehe, dass er die
+Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder zu den Waffen rufe,
+dass Placentia berannt werde. Schleunigst begab der Konsul Marcus
+Livius sich zu der Nordarmee; und es war hohe Zeit, dass er erschien.
+Etrurien und Umbrien waren in dumpfer Gaerung; Freiwillige von dort
+verstaerkten das phoenikische Heer. Sein Kollege Gaius Nero zog aus
+Venusia den Praetor Gaius Hostilius Tubulus an sich und eilte mit einem
+Heere von 40000 Mann, Hannibal den Weg nach Norden zu verlegen. Dieser
+sammelte seine ganze Macht im brettischen Gebiet, und auf der grossen,
+von Rhegion nach Apulien fuehrenden Strasse vorrueckend traf er bei
+Grumentum auf den Konsul. Es kam zu einem hartnaeckigen Gefecht, in
+welchem Nero sich den Sieg zuschrieb; allein Hannibal vermochte
+wenigstens, wenn auch mit Verlust, durch einen seiner gewoehnlichen
+geschickten Seitenmaersche sich dem Feinde zu entziehen und ungehindert
+Apulien zu erreichen. Hier blieb er stehen und lagerte anfangs bei
+Venusia, alsdann bei Canusium, Nero, der ihm auf dem Fuss gefolgt war,
+dort wie hier ihm gegenueber. Dass Hannibal freiwillig stehenblieb und
+nicht von der roemischen Armee am Vorruecken gehindert ward, scheint
+nicht zu bezweifeln; der Grund, warum er gerade hier und nicht weiter
+noerdlich sich aufstellte, muss gelegen haben in Verabredungen
+Hannibals mit Hasdrubal oder in Mutmassungen ueber dessen Marschroute,
+die wir nicht kennen. Waehrend also hier die beiden Heere sich untaetig
+gegenueberstanden, ward die im Hannibalischen Lager sehnlich erwartete
+Depesche Hasdrubals von Neros Posten aufgefangen; sie ergab, dass
+Hasdrubal beabsichtigte, die Flaminische Strasse einzuschlagen, also
+zunaechst sich an der Kueste zu halten und dann bei Fanum ueber den
+Apennin gegen Narnia sich zu wenden, an welchem Orte er Hannibal zu
+treffen gedenke. Sofort liess Nero nach Narnia als dem zur Vereinigung
+der beiden phoenikischen Heere ausersehenen Punkt die hauptstaedtische
+Reserve vorgehen, wogegen die bei Capua stehende Abteilung nach der
+Hauptstadt kam und dort eine neue Reserve gebildet ward. Ueberzeugt,
+dass Hannibal die Absicht des Bruders nicht kenne und fortfahren werde,
+ihn in Apulien zu erwarten, entschloss sich Nero zu dem kuehnen Wagnis,
+mit einem kleinen, aber auserlesenen Korps von 7000 Mann in
+Gewaltmaerschen nordwaerts zu eilen und womoeglich in Gemeinschaft mit
+dem Kollegen den Hasdrubal zur Schlacht zu zwingen; er konnte es, denn
+das roemische Heer, das er zurueckliess, blieb immer stark genug, um
+Hannibal entweder standzuhalten, wenn er angriff, oder ihn zu geleiten
+und mit ihm zugleich an dem Orte der Entscheidung einzutreffen, wenn er
+abzog. Nero fand den Kollegen Marcus Livius bei Sena gallica, den Feind
+erwartend. Sofort rueckten beide Konsuln aus gegen Hasdrubal, den sie
+beschaeftigt fanden, den Metaurus zu ueberschreiten. Hasdrubal
+wuenschte die Schlacht zu vermeiden und sich seitwaerts den Roemern zu
+entziehen; allein seine Fuehrer liessen ihn im Stich, er verirrte sich
+auf dem ihm fremden Terrain und wurde endlich auf dem Marsch von der
+roemischen Reiterei angegriffen und so lange festgehalten, bis auch das
+roemische Fussvolk eintraf und die Schlacht unvermeidlich ward.
+Hasdrubal stellte die Spanier auf den rechten Fluegel, davor seine zehn
+Elefanten, die Gallier auf den linken, den er versagte. Lange schwankte
+das Gefecht auf dem rechten Fluegel und der Konsul Livius, der hier
+befehligte, ward hart gedraengt, bis Nero, seine strategische Operation
+taktisch wiederholend, den ihm unbeweglich gegenueberstehenden Feind
+stehen liess und, um die eigene Armee herum marschierend, den Spaniern
+in die Flanke fiel. Dies entschied. Der schwer erkaempfte und sehr
+blutige Sieg war vollstaendig; das Heer, das keinen Rueckzug hatte,
+ward vernichtet, das Lager erstuermt, Hasdrubal, da er die vortrefflich
+geleitete Schlacht verloren sah, suchte und fand gleich seinem Vater
+einen ehrlichen Reitertod. Als Offizier und als Mann war er wert,
+Hannibals Bruder zu sein.
+
+Am Tage nach der Schlacht brach Nero wieder auf und stand nach kaum
+vierzehntaegiger Abwesenheit abermals in Apulien Hannibal gegenueber,
+den keine Botschaft erreicht und der sich nicht geruehrt hatte. Die
+Botschaft brachte ihm der Konsul mit; es war der Kopf des Bruders, den
+der Roemer den feindlichen Posten hinwerfen liess, also dem grossen
+Gegner, der den Krieg mit Toten verschmaehte, die ehrenvolle Bestattung
+des Paullus, Gracchus und Marcellus vergeltend. Hannibal erkannte, dass
+er umsonst gehofft hatte und dass alles vorbei war. Er gab Apulien und
+Lucanien, sogar Metapont auf und zog mit seinen Truppen zurueck in das
+brettische Land, dessen Haefen sein einziger Rueckzug waren. Durch die
+Energie der roemischen Feldherren und mehr noch durch eine beispiellos
+glueckliche Fuegung war eine Gefahr von Rom abgewandt, deren Groesse
+Hannibals zaehes Ausharren in Italien rechtfertigt und die mit der
+Groesse der cannensischen den Vergleich vollkommen aushaelt. Der Jubel
+in Rom war grenzenlos; die Geschaefte begannen wieder wie in
+Friedenszeit; jeder fuehlte, dass die Gefahr des Krieges verschwunden
+sei.
+
+Indes ein Ende zu machen beeilte man sich in Rom eben nicht. Der Staat
+und die Buerger waren erschoepft durch die uebermaessige moralische und
+materielle Anspannung aller Kraefte; gern gab man der Sorglosigkeit und
+der Ruhe sich hin. Heer und Flotte wurden vermindert, die roemischen
+und latinischen Bauern auf ihre veroedeten Hoefe zurueckgefuehrt, die
+Kasse durch den Verkauf eines Teils der kampanischen Domaene gefuellt.
+Die Staatsverwaltung wurde neu geregelt und die eingerissenen
+Unordnungen abgestellt; man fing an, das freiwillige Kriegsanlehen
+zurueckzuzahlen, und zwang die im Rueckstand gebliebenen latinischen
+Gemeinden, ihren versaeumten Pflichten mit schweren Zinsen zu genuegen.
+
+Der Krieg in Italien stockte. Es war ein glaenzender Beweis von
+Hannibals strategischem Talent sowie freilich auch von der Unfaehigkeit
+der jetzt ihm gegenueberstehenden roemischen Feldherren, dass er von da
+an noch durch vier Jahre im brettischen Lande das Feld behaupten und
+von dem weit ueberlegenen Gegner weder gezwungen werden konnte, sich in
+die Festungen einzuschliessen noch sich einzuschiffen. Freilich musste
+er immer weiter zurueckweichen, weniger in Folge der ihm von den
+Roemern gelieferten, nichts entscheidenden Gefechte, als weil seine
+brettischen Bundesgenossen immer schwieriger wurden und er zuletzt nur
+auf die Staedte noch zaehlen konnte, die sein Heer besetzt hielt. So
+gab er Thurii freiwillig auf; Lokri ward auf Publius Scipios
+Veranstaltung von Rhegion aus wieder eingenommen (549 205). Als sollten
+seine Entwuerfe noch schliesslich von den karthagischen Behoerden, die
+sie ihm verdorben hatten, selbst eine glaenzende Rechtfertigung
+erhalten, suchten diese in der Angst vor der erwarteten Landung der
+Roemer jene Plaene nun selbst wieder hervor (548, 549 206, 205) und
+sandten an Hannibal nach Italien, an Mago nach Spanien Verstaerkung und
+Subsidien mit dem Befehl, den Krieg in Italien aufs neue zu entflammen
+und den zitternden Besitzern der libyschen Landhaeuser und der
+karthagischen Buden noch einige Frist zu erfechten. Ebenso ging eine
+Gesandtschaft nach Makedonien, um Philippos zur Erneuerung des
+Buendnisses und zur Landung in Italien zu bestimmen (549 205). Allein
+es war zu spaet. Philippos hatte wenige Monate zuvor mit Rom Frieden
+geschlossen; die bevorstehende politische Vernichtung Karthagos war ihm
+zwar unbequem, aber er tat oeffentlich wenigstens nichts gegen Rom. Es
+ging ein kleines makedonisches Korps nach Afrika, das nach der
+Behauptung der Roemer Philippos aus seiner Tasche bezahlte; begreiflich
+waere es, allein Beweise wenigstens hatten, wie der spaetere Verlauf
+der Ereignisse zeigt, die Roemer dafuer nicht. An eine makedonische
+Landung in Italien ward nicht gedacht.
+
+Ernstlicher griff Mago, Hamilkars juengster Sohn, seine Aufgabe an. Mit
+den Truemmern der spanischen Armee, die er zunaechst nach Minorca
+gefuehrt hatte, landete er im Jahre 549 (205) bei Genua, zerstoerte die
+Stadt und rief die Ligurer und Gallier zu den Waffen, die das Gold und
+die Neuheit des Unternehmens wie immer scharenweise herbeizog; seine
+Verbindungen gingen sogar durch ganz Etrurien, wo die politischen
+Prozesse nicht ruhten. Allein was er an Truppen mitgebracht, war zu
+wenig fuer eine ernstliche Unternehmung gegen das eigentliche Italien,
+und Hannibal war gleichfalls viel zu schwach und sein Einfluss in
+Unteritalien viel zu sehr gesunken, als dass er mit Erfolg haette
+vorgehen koennen. Die karthagischen Herren hatten die Rettung der
+Heimat nicht gewollt, da sie moeglich war; jetzt, da sie sie wollten,
+war sie nicht mehr moeglich.
+
+Wohl niemand zweifelte im roemischen Senat, weder daran, dass der Krieg
+Karthagos gegen Rom zu Ende sei, noch daran, dass nun der Krieg Roms
+gegen Karthago begonnen werden muesse; allein die afrikanische
+Expedition, so unvermeidlich sie war, scheute man sich anzuordnen. Man
+bedurfte dazu vor allem eines faehigen und beliebten Fuehrers; und man
+hatte keinen. Die besten Generale waren entweder auf dem Schlachtfeld
+gefallen oder sie waren, wie Quintus Fabius und Quintus Fulvius, fuer
+einen solchen ganz neuen und wahrscheinlich langwierigen Krieg zu alt.
+Die Sieger von Sena, Gaius Nero und Marcus Livius, waeren der Aufgabe
+schon gewachsen gewesen, allein sie waren beide im hoechsten Grade
+unpopulaere Aristokraten; es war zweifelhaft, ob es gelingen wuerde,
+ihnen das Kommando zu verschaffen - so weit war man ja schon, dass die
+Tuechtigkeit allein nur in den Zeiten der Angst die Wahlen entschied -,
+und mehr als zweifelhaft, ob dies die Maenner waren, die dem
+erschoepften Volke neue Anstrengungen ansinnen durften. Da kam Publius
+Scipio aus Spanien zurueck, und der Liebling der Menge, der seine von
+ihr empfangene Aufgabe so glaenzend erfuellt hatte oder doch erfuellt
+zu haben schien, ward sogleich fuer das naechste Jahr zum Konsul
+gewaehlt. Er trat sein Amt an (549 205) mit dem festen Entschluss, die
+schon in Spanien entworfene afrikanische Expedition jetzt zu
+verwirklichen. Indes im Senat wollte nicht bloss die Partei der
+methodischen Kriegfuehrung von einer afrikanischen Expedition so lange
+nichts wissen, als Hannibal noch in Italien stand, sondern es war auch
+die Majoritaet dem jungen Feldherrn selbst keineswegs guenstig gesinnt.
+Seine griechische Eleganz und moderne Bildung und Gesinnung sagte den
+strengen und etwas baeurischen Vaetern der Stadt sehr wenig zu und
+gegen seine Kriegfuehrung in Spanien bestanden ebenso ernste Bedenken
+wie gegen seine Soldatenzucht. Wie begruendet der Vorwurf war, dass er
+gegen seine Korpschefs allzugrosse Nachsicht zeige, bewiesen sehr bald
+die Schaendlichkeiten, die Gaius Pleminius in Lokri veruebte, und die
+Scipio allerdings durch seine fahrlaessige Beaufsichtigung in der
+aergerlichsten Weise mittelbar mit verschuldet hatte. Dass bei den
+Verhandlungen im Senat ueber die Anordnung des afrikanischen Feldzugs
+und die Bestellung des Feldherrn dafuer der neue Konsul nicht uebel
+Lust bezeigte, wo immer Brauch und Verfassung mit seinen
+Privatabsichten in Konflikt gerieten, solche Hemmnisse beiseite zu
+schieben, und dass er sehr deutlich zu verstehen gab, wie er sich
+aeussersten Falls der Regierungsbehoerde gegenueber auf seinen Ruhm und
+seine Popularitaet bei dem Volke zu stuetzen gedenke, musste den Senat
+nicht bloss kraenken, sondern auch die ernstliche Besorgnis erwecken,
+ob ein solcher Oberfeldherr bei dem bevorstehenden Entscheidungskrieg
+und den etwaigen Friedensverhandlungen mit Karthago sich an die ihm
+gewordenen Instruktionen binden werde; eine Besorgnis, welche die
+eigenmaechtige Fuehrung der spanischen Expedition keineswegs zu
+beschwichtigen geeignet war. Indes bewies man auf beiden Seiten
+Einsicht genug, um es nicht zum Aeussersten kommen zu lassen. Auch der
+Senat konnte nicht verkennen, dass die afrikanische Expedition
+notwendig und es nicht weise war, dieselbe ins Unbestimmte
+hinauszuschieben; nicht verkennen, dass Scipio ein aeusserst faehiger
+Offizier und insofern zum Fuehrer eines solchen Krieges wohl geeignet
+war und dass, wenn einer, er es vermochte, vom Volke die Verlaengerung
+seines Oberbefehls so lange als noetig und die Aufbietung der letzten
+Kraefte zu erlangen. Die Majoritaet kam zu dem Entschluss, Scipio den
+gewuenschten Auftrag nicht zu versagen, nachdem derselbe zuvor die der
+hoechsten Regierungsbehoerde schuldige Ruecksicht wenigstens der Form
+nach beobachtet und im Voraus sich dem Beschluss des Senats unterworfen
+hatte. Scipio sollte dies Jahr nach Sizilien gehen, um den Bau der
+Flotte, die Herstellung des Belagerungsmaterials und die Bildung der
+Expeditionsarmee zu betreiben, und dann im naechsten Jahr in Afrika
+landen. Es ward ihm hierzu die sizilische Armee - noch immer jene
+beiden aus den Truemmern des cannensischen Heeres gebildeten Legionen -
+zur Disposition gestellt, da zur Deckung der Insel eine schwache
+Besatzung und die Flotte vollstaendig ausreichten, und ausserdem ihm
+gestattet, in Italien Freiwillige aufzubieten. Es war augenscheinlich,
+dass der Senat die Expedition nicht anordnete, sondern vielmehr
+geschehen liess; Scipio erhielt nicht die Haelfte der Mittel, die man
+einst Regulus zu Gebot gestellt hatte, und ueberdies eben dasjenige
+Korps, das seit Jahren vom Senat mit berechneter Zuruecksetzung
+behandelt worden war. Die afrikanische Armee war im Sinne der
+Majoritaet des Senats ein verlorener Posten von Strafkompanien und
+Volontaers, deren Untergang der Staat allenfalls verschmerzen konnte.
+
+Ein anderer Mann als Scipio haette vielleicht erklaert, dass die
+afrikanische Expedition entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht
+unternommen werden muesse; allein Scipios Zuversicht ging auf die
+Bedingungen ein, wie sie immer waren, um nur zu dem heissersehnten
+Kommando zu gelangen. Sorgfaeltig vermied er, soweit es anging, das
+Volk unmittelbar zu belaestigen, um nicht der Popularitaet der
+Expedition zu schaden. Die Kosten derselben, namentlich die
+betraechtlichen des Flottenbaus, wurden teils beigeschafft durch eine
+sogenannte freiwillige Kontribution der etruskischen Staedte, das
+heisst durch eine den Arretinern und den sonstigen phoenikisch
+gesinnten Gemeinden zur Strafe auferlegte Kriegssteuer, teils auf die
+sizilischen Staedte gelegt; in vierzig Tagen war die Flotte
+segelfertig. Die Mannschaft verstaerkten Freiwillige, deren bis
+siebentausend aus allen Teilen Italiens dem Rufe des geliebten
+Offiziers folgten. So ging Scipio im Fruehjahr 550 (204) mit zwei
+starken Veteranenlegionen (etwa 30000 Mann), 40 Kriegs- und 400
+Transportschiffen nach Afrika unter Segel und landete gluecklich, ohne
+den geringsten Widerstand zu finden, am Schoenen Vorgebirge in der
+Naehe von Utica.
+
+Die Karthager, die seit langem erwarteten, dass auf die
+Pluenderungszuege, welche die roemischen Geschwader in den letzten
+Jahren haeufig nach der afrikanischen Kueste gemacht hatten, ein
+ernstlicher Einfall folgen werde, hatten, um dessen sich zu erwehren,
+nicht bloss den italisch-makedonischen Krieg aufs neue in Gang zu
+bringen versucht, sondern auch daheim geruestet, um die Roemer zu
+empfangen. Es war gelungen, von den beiden rivalisierenden
+Berberkoenigen, Massinissa von Cirta (Constantine), dem Herrn der
+Massyler, und Syphax von Siga (an der Tafnamuendung, westlich von
+Oran), dem Herrn der Massaesyler, den letzteren, den bei weitem
+maechtigeren und bisher den Roemern befreundeten, durch Vertrag und
+Verschwaegerung eng an Karthago zu knuepfen, indem man den anderen, den
+alten Nebenbuhler des Syphax und Bundesgenossen der Karthager, fallen
+liess. Massinissa war nach verzweifelter Gegenwehr der vereinigten
+Macht der Karthager und des Syphax erlegen und hatte seine Laender dem
+letzteren zur Beute lassen muessen; er selbst irrte mit wenigen Reitern
+in der Wueste. Ausser dem Zuzug, der von Syphax zu erwarten war, stand
+ein karthagisches Heer von 20000 Mann zu Fuss, 6000 Reitern und 140
+Elefanten - Hanno war eigens deshalb auf Elefantenjagd ausgeschickt
+worden - schlagfertig zum Schutz der Hauptstadt, unter der Fuehrung des
+in Spanien erprobten Feldherrn Hasdrubal, Gisgons Sohn; im Hafen lag
+eine starke Flotte. Ein makedonisches Korps unter Sopater und eine
+Sendung keltiberischer Soeldner wurden demnaechst erwartet.
+
+Auf das Geruecht von Scipios Landung traf Massinissa sofort in dem
+Lager des Feldherrn ein, dem er vor nicht langem in Spanien als Feind
+gegenuebergestanden hatte; allein der laenderlose Fuerst brachte
+zunaechst den Roemern nichts als seine persoenliche Tuechtigkeit, und
+die Libyer, obwohl der Aushebungen und Steuern herzlich muede, hatten
+doch in aehnlichen Faellen zu bittere Erfahrungen gemacht, um sich
+sofort fuer die Roemer zu erklaeren. So begann Scipio den Feldzug.
+Solange er nur die schwaechere karthagische Armee gegen sich hatte, war
+er im Vorteil und konnte nach einigen gluecklichen Reitergefechten zur
+Belagerung von Utica schreiten; allein als Syphax eintraf, angeblich
+mit 50000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern, musste die Belagerung
+aufgehoben und auf einem leicht zu verschanzenden Vorgebirg zwischen
+Utica und Karthago ein befestigtes Schiffslager geschlagen werden. Hier
+verging dem roemischen General der Winter 550/51 (204/03). Aus der
+ziemlich unbequemen Lage, in der das Fruehjahr ihn fand, befreite er
+sich durch einen gluecklichen Handstreich. Die Afrikaner,
+eingeschlaefert durch die von Scipio mehr listig als ehrlich
+angesponnenen Friedensverhandlungen, liessen sich in einer und
+derselben Nacht in ihren beiden Lagern ueberfallen: die Rohrhuetten der
+Numidier loderten in Flammen auf, und als die Karthager eilten zu
+helfen, traf ihr eigenes Lager dasselbe Schicksal; wehrlos wurden die
+Fluechtenden von den roemischen Abteilungen niedergemacht. Dieser
+naechtliche Ueberfall war verderblicher als manche Schlacht. Indes die
+Karthager liessen den Mut nicht sinken und verwarfen sogar den Rat der
+Furchtsamen, oder vielmehr der Verstaendigen, Mago und Hannibal
+zurueckzurufen. Eben jetzt waren die erwarteten keltiberischen und
+makedonischen Hilfstruppen angelangt; man beschloss, auf den “grossen
+Feldern”, fuenf Tagemaersche von Utica, noch einmal die offene
+Feldschlacht zu versuchen. Scipio eilte, sie anzunehmen; mit leichter
+Muehe zerstreuten seine Veteranen und Freiwilligen die
+zusammengerafften karthagischen und numidischen Schwaerme und auch die
+Keltiberer, die bei Scipio auf Gnade nicht rechnen durften, wurden nach
+hartnaeckiger Gegenwehr zusammengehauen. Die Afrikaner konnten nach
+dieser doppelten Niederlage nirgend mehr das Feld halten. Ein Angriff
+auf das roemische Schiffslager, den die karthagische Flotte versuchte,
+lieferte zwar kein unguenstiges, aber doch auch kein entscheidendes
+Resultat und ward weit aufgewogen durch die Gefangennahme des Syphax,
+die dem Scipio sein beispielloser Gluecksstern zuwarf und durch welche
+Massinissa das fuer die Roemer ward, was anfangs Syphax den Karthagern
+gewesen war.
+
+Nach solchen Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die
+seit sechzehn Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt
+erheben und sich offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der
+Patrioten. Hasdrubal, Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum
+Tode verurteilt und ein Versuch gemacht, von Scipio Waffenstillstand
+und Frieden zu erlangen. Er forderte Abtretung der spanischen
+Besitzungen und der Inseln des Mittelmeeres, Uebergabe des Reiches des
+Syphax an Massinissa, Auslieferung der Kriegsschiffe bis auf zwanzig
+und eine Kriegskontribution von 4000 Talenten (fast 7 Mill. Taler) -
+Bedingungen, die fuer Karthago so beispiellos guenstig erscheinen, dass
+die Frage sich aufdraengt, ob sie Scipio mehr in seinem oder mehr in
+Roms Interesse anbot. Die karthagischen Bevollmaechtigten nahmen
+dieselben an unter Vorbehalt der Ratifikation ihrer Behoerden, und es
+ging eine karthagische Gesandtschaft deshalb nach Rom ab. Allein die
+karthagische Patriotenpartei war nicht gemeint, so leichten Kaufs auf
+den Kampf zu verzichten; der Glaube an die edle Sache, das Vertrauen
+auf den grossen Feldherrn, selbst das Beispiel, das Rom gegeben hatte,
+feuerten sie an auszuharren, auch davon abgesehen, dass der Friede
+notwendig die Gegenpartei ans Ruder und damit ihnen selbst den
+Untergang bringen musste. In der Buergerschaft hatte die
+Patriotenpartei das Uebergewicht; man beschloss, die Opposition ueber
+den Frieden verhandeln zu lassen und mittlerweile sich zu einer letzten
+und entscheidenden Anstrengung vorzubereiten. An Mago und an Hannibal
+erging der Befehl, schleunigst nach Afrika heimzukehren. Mago, der seit
+drei Jahren (459-551 205-203) daran arbeitete, in Norditalien eine
+Koalition gegen Rom ins Leben zu rufen, war eben damals im Gebiet der
+Insubrer (um Mailand) dem weit ueberlegenen roemischen Doppelheer
+unterlegen. Die roemische Reiterei war zum Weichen und das Fussvolk ins
+Gedraenge gebracht worden und der Sieg schien sich fuer die Karthager
+zu erklaeren, als der kuehne Angriff eines roemischen Trupps auf die
+feindlichen Elefanten und vor allem die schwere Verwundung des
+geliebten und faehigen Fuehrers das Glueck der Schlacht wandte: das
+phoenikische Heer musste an die ligurische Kueste zurueckweichen. Hier
+erhielt es den Befehl zur Einschiffung und vollzog ihn; Mago aber starb
+waehrend der Ueberfahrt an seiner Wunde. Hannibal waere dem Befehl
+wahrscheinlich zuvorgekommen, wenn nicht die letzten Verhandlungen mit
+Philipp ihm eine neue Aussicht dargeboten haetten, seinem Vaterland in
+Italien nuetzlicher sein zu koennen als in Libyen; als er in Kroton, wo
+er in der letzten Zeit gestanden hatte, ihn empfing, saeumte er nicht,
+ihm nachzukommen. Er liess seine Pferde niederstossen sowie die
+italischen Soldaten, die sich weigerten, ihm ueber das Meer zu folgen,
+und bestieg die auf der Rede von Kroton laengst in Bereitschaft
+stehenden Transportschiffe. Die roemischen Buerger atmeten auf, da der
+gewaltige libysche Loewe, den zum Abzug zu zwingen selbst jetzt noch
+niemand sich getraute, also freiwillig dem italischen Boden den Ruecken
+wandte; bei diesem Anlass ward dem einzigen ueberlebenden unter den
+roemischen Feldherren, welche die schwere Zeit mit Ehren bestanden
+hatten, dem fast neunzigjaehrigen Quintus Fabius von Rat und
+Buergerschaft der Graskranz verehrt. Dieser Kranz, welchen nach
+roemischer Sitte das durch den Feldherrn gerettete Heer seinem Retter
+darbrachte, von der ganzen Gemeinde zu empfangen, war die hoechste
+Auszeichnung, die einem roemischen Buerger je zuteil geworden ist, und
+der letzte Ehrenschmuck des alten Feldherrn, der noch in demselben
+Jahre aus dem Leben schied (551 203). Hannibal aber gelangte, ohne
+Zweifel nicht unter dem Schutz des Waffenstillstandes, sondern allein
+durch seine Schnelligkeit und sein Glueck, ungehindert nach Leptis und
+betrat, der letzte von Hamilkars “Loewenbrut”, hier abermals nach
+sechsunddreissigjaehriger Abwesenheit den Boden der Heimat, die er,
+fast noch ein Knabe, verlassen hatte, um seine grossartige und doch so
+durchaus vergebliche Heldenlaufbahn zu beginnen und westwaerts
+ausziehend von Osten her heimzukehren, rings um die karthagische See
+einen weiten Siegeskreis beschreibend. Jetzt, wo geschehen war, was er
+hatte verhueten wollen und was er verhuetet haette, wenn er gedurft,
+jetzt sollte er, wenn moeglich, retten und helfen; und er tat es, ohne
+zu klagen und zu schelten. Mit seiner Ankunft trat die Patriotenpartei
+offen auf; das schaendliche Urteil gegen Hasdrubal ward kassiert, neue
+Verbindungen mit den numidischen Scheichs durch Hannibals Gewandtheit
+angeknuepft und nicht bloss dem tatsaechlich abgeschlossenen Frieden in
+der Volksversammlung die Bestaetigung verweigert, sondern auch durch
+die Pluenderung einer an der afrikanischen Kueste gestrandeten
+roemischen Transportflotte, ja sogar durch den ueberfall eines
+roemische Gesandte fuehrenden roemischen Kriegsschiffs der
+Waffenstillstand gebrochen. In gerechter Erbitterung brach Scipio aus
+seinem Lager bei Tunis auf (552 202) und durchzog das reiche Tal des
+Bagradas (Medscherda), indem er den Ortschaften keine Kapitulation mehr
+gewaehrte, sondern die Einwohnerschaften der Flecken und Staedte in
+Masse aufgreifen und verkaufen liess. Schon war er tief ins Binnenland
+eingedrungen und stand bei Naraggara (westlich von Sicca, jetzt el Kef,
+an der Grenze von Tunis und Algier), als Hannibal, der ihm von
+Hadrumetum aus entgegengezogen war, mit ihm zusammentraf. Der
+karthagische Feldherr versuchte von dem roemischen in einer
+persoenlichen Zusammenkunft bessere Bedingungen zu erlangen; allein
+Scipio, der schon bis an die aeusserste Grenze der Zugestaendnisse
+gegangen war, konnte nach dem Bruch des Waffenstillstandes unmoeglich
+zu weiterer Nachgiebigkeit sich verstehen, und es ist nicht glaublich,
+dass Hannibal bei diesem Schritt etwas anderes bezweckte, als der Menge
+zu zeigen, dass die Patrioten keineswegs unbedingt gegen den Frieden
+seien. Die Konferenz fuehrte zu keinem Ergebnis und so kam es zu der
+Entscheidungsschlacht bei Zama (vermutlich unweit Sicca) ^1. In drei
+Linien ordnete Hannibal sein Fussvolk: in das erste Glied die
+karthagischen Mietstruppen, in das zweite die afrikanische Land- und
+die phoenikische Buergerwehr nebst dem makedonischen Korps, in das
+dritte die Veteranen, die ihm aus Italien gefolgt waren. Vor der Linie
+standen die achtzig Elefanten, die Reiter auf den Fluegeln. Scipio
+stellte gleichfalls seine Legionen in drei Glieder, wie die Roemer
+pflegten, und ordnete sie so, dass die Elefanten durch und neben der
+Linie weg ausbrechen konnten, ohne sie zu sprengen. Dies gelang nicht
+bloss vollstaendig, sondern die seitwaerts ausweichenden Elefanten
+brachten auch die karthagischen Reiterfluegel in Unordnung, so dass
+gegen diese Scipios Reiterei, die ueberdies durch das Eintreffen von
+Massinissas Scharen dem Feinde weit ueberlegen war, leichtes Spiel
+hatte und bald in vollem Nachsetzen begriffen war. Ernster war der
+Kampf des Fussvolks. Lange stand das Gefecht zwischen den
+beiderseitigen ersten Gliedern; in dem aeusserst blutigen Handgemenge
+gerieten endlich beide Teile in Verwirrung und mussten an den zweiten
+Gliedern einen Halt suchen. Die Roemer fanden ihn; die karthagische
+Miliz aber zeigte sich so unsicher und schwankend, dass sich die
+Soeldner verraten glaubten und es zwischen ihnen und der karthagischen
+Buergerwehr zum Handgemenge kam. Indes Hannibal zog eilig, was von den
+beiden ersten Linien noch uebrig war, auf die Fluegel zurueck und schob
+seine italischen Kerntruppen auf der ganzen Linie vor. Scipio draengte
+dagegen in der Mitte zusammen, was von der ersten Linie noch
+kampffaehig war und liess das zweite und dritte Glied rechts und links
+an das erste sich anschliessen. Abermals begann auf derselben Walstatt
+ein zweites, noch fuerchterlicheres Gemetzel; Hannibals alte Soldaten
+wankten nicht trotz der Ueberzahl der Feinde, bis die Reiterei der
+Roemer und des Massinissa, von der Verfolgung der geschlagenen
+feindlichen zurueckkehrend, sie von allen Seiten umringte. Damit war
+nicht bloss der Kampf zu Ende, sondern das phoenikische Heer
+vernichtet; dieselben Soldaten, die vierzehn Jahre zuvor bei Cannae
+gewichen waren, hatten ihren Ueberwindern bei Zama vergolten. Mit einer
+Handvoll Leute gelangte Hannibal fluechtig nach Hadrumetum.
+
+———————————————————————————-
+
+^1 Von den beiden diesen Namen fuehrenden Orten ist wahrscheinlich der
+westlichere, etwa 60 Miglien westlich von Hadrumetum gelegene,
+derjenige der Schlacht (vgl. Hermes 20, 1885, S. 144, 318). Die Zeit
+ist der Fruehling oder Sommer des Jahres 552 (202); die Bestimmung des
+Tages auf den 19. Oktober wegen der angeblichen Sonnenfinsternis ist
+nichtig.
+
+———————————————————————————
+
+Nach diesem Tage konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur
+Fortsetzung des Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des
+roemischen Feldherrn, sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen,
+die weder gedeckt noch verproviantiert war, und, wenn nicht
+unberechenbare Zwischenfaelle eintraten, das Schicksal, welches
+Hannibal ueber Rom hatte bringen wollen, jetzt ueber Karthago walten zu
+lassen. Scipio hat es nicht getan; er gewaehrte den Frieden (553 201),
+freilich nicht mehr auf die frueheren Bedingungen. Ausser den
+Abtretungen, die schon bei den letzen Verhandlungen fuer Rom wie fuer
+Massinissa gefordert worden waren, wurde den Karthagern auf fuenfzig
+Jahre eine jaehrliche Kontribution von 200 Talenten (340000 Taler)
+aufgelegt und mussten sie sich anheischig machen, nicht gegen Rom oder
+seine Verbuendeten und ueberhaupt ausserhalb Afrika gar nicht, in
+Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes nur nach eingeholter Erlaubnis
+Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich darauf hinauslief, dass
+Karthago tributpflichtig ward und seine politische Selbstaendigkeit
+verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager unter Umstaenden
+verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen Flotte zu stellen.
+
+Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der Beendigung des
+schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit dem Oberbefehl an
+einen Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu guenstige
+Bedingungen gewaehrte. Die Anklage moechte gegruendet sein, wenn der
+erste Entwurf zustande gekommen waere; gegen den zweiten scheint sie
+nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom die Verhaeltnisse so, dass
+der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die Abberufung
+ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem Siege ein
+Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und von dieser
+entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die Bedingungen
+selbst diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem ihr also
+die Haende gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite gestellt
+war, nie auch nur einen Versuch gemacht, sich der roemischen Suprematie
+zu entziehen, geschweige denn, mit Rom zu rivalisieren; es wusste
+ueberdies jeder, der es wissen wollte, dass der soeben beendigte Krieg
+viel mehr von Hannibal unternommen worden war als von Karthago und dass
+der Riesenplan der Patriotenpartei sich schlechterdings nicht erneuern
+liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern wenig duenken, dass nur
+die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen aufloderten
+und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und
+Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der
+vernichtete Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das
+Verbrechen, die Roemer zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte,
+gruendlicher zu bestrafen. Scipio dachte anders und wir haben keinen
+Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in diesem Fall die gemeinen
+Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und hochsinnigen,
+die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der etwaigen
+Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings
+nicht fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges
+haben den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch alles
+unbegreiflich gelungen war, abgehalten, die Exekution an der
+ungluecklichen Stadt zu vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem
+Adoptivenkel aufgetragen wurde und die freilich wohl jetzt gleich schon
+vollzogen werde konnte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die beiden
+grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die politische Entscheidung
+stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um dort der
+ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem
+Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu
+setzen; der Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen
+Gegner zeigt sich nicht minder in Hannibals grossartiger Fuegung in das
+Unvermeidliche als in Scipios weisem Zuruecktreten von dem
+Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges. Sollte er, der
+hochherzige und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was es
+denn dem Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der
+Karthagerstadt vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und
+Ackerbaus voellig zu verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen
+Zivilisation frevelhaft niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht
+gekommen, wo die ersten Maenner Roms sich hergaben zu Henkern der
+Zivilisation der Nachbarn und die ewige Schande der Nation leichtfertig
+glaubten von sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen.
+
+So war der Zweite Punische Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger
+nennen, der Hannibalische Krieg beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom
+Hellespont bis zu den Saeulen des Herkules die Inseln und Landschaften
+verheert hatte. Vor diesem Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht
+hoeher gesteckt als bis zu der Beherrschung des Festlandes der
+italischen Halbinsel innerhalb ihrer natuerlichen Grenzen und der
+italischen Inseln und Meere. Dass man den Krieg auch beendigte mit dem
+Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die Staaten am Mittelmeer oder die
+sogenannte Weltmonarchie begruendet, sondern einen gefaehrlichen
+Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien bequeme Nachbarn gegeben
+zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas beim Friedensschluss
+deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere Ergebnisse des
+Krieges, namentlich die Eroberung von Spanien, diesem Gedanken wenig
+entsprachen; aber die Erfolge fuehrten eben ueber die eigentliche
+Absicht hinaus, und zu dem Besitz von Spanien sind die Roemer in der
+Tat man moechte sagen zufaellig gelangt. Die Herrschaft ueber Italien
+haben die Roemer errungen, weil sie sie erstrebt haben; die Hegemonie
+und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das Mittelmeergebiet ist
+ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die Verhaeltnisse
+zugeworfen worden.
+
+Die unmittelbaren Resultate des Krieges waren ausserhalb Italien die
+Verwandlung Spaniens in eine roemische, freilich in ewiger Auflehnung
+begriffene Doppelprovinz; die Vereinigung des bis dahin abhaengigen
+syrakusanischen Reiches mit der roemischen Provinz Sizilien; die
+Begruendung des roemischen statt des karthagischen Patronats ueber die
+bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich die Verwandlung
+Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose Kaufstadt;
+mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den Westen des
+Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige
+Ineinandergreifen des oestlichen und des westlichen Staatensystems, das
+im Ersten Punischen Krieg sich nur erst angedeutet hatte, und damit das
+demnaechst bevorstehende entscheidende Eingreifen Roms in die Konflikte
+der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde dadurch zunaechst das
+Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum Untergang
+bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution
+vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft war
+die Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden
+latinischen Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner
+Schwankungen doch im ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr
+geprueft und bewaehrt hatte, und die steigende Unterdrueckung der nicht
+latinischen oder nicht latinisierten Italiker, namentlich der Etrusker
+und der unteritalischen Sabeller. Am schwersten traf die Strafe oder
+vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils den zugleich ersten und
+letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und die Landschaft
+der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und Capua aus
+der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar
+die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen.
+Den gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen
+Auswaertiger oder roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur
+oeffentlichen Domaene und gab ihn seitdem an kleine Leute
+parzellenweise in Zeitpacht. Aehnlich wurden die Picenter am Silarus
+behandelt; ihre Hauptstadt wurde geschleift und die Bewohner zerstreut
+in die umliegenden Doerfer. Der Brettier Los war noch haerter; sie
+wurden in Masse gewissermassen zu Leibeigenen der Roemer gemacht und
+fuer ewige Zeiten vom Waffenrecht ausgeschlossen. Aber auch die
+uebrigen Verbuendeten Hannibals buessten schwer, so die griechischen
+Staedte mit Ausnahme der wenigen, die bestaendig zu Rom gehalten
+hatten, wie die kampanischen Griechen und die Rheginer. Nicht viel
+weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer apulischer,
+lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils Stuecke ihrer
+Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker wurden neue
+Kolonien angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe
+Buergerkolonien an den besten Haefen Unteritaliens, unter denen
+Sipontum (bei Manfredonia) und Kroton zu nennen sind, ferner Salernum
+in dem ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter und diesen zur
+Zwingburg bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der
+vornehmen Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels
+ward. Ferner ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia
+(560 194), ebenso die reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen
+Valentia (562 192). Auf anderen Grundstuecken in Samnium und Apulien
+wurden die Veteranen der siegreichen Armee von Afrika einzeln
+angesiedelt; der Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze der
+vornehmen Herren in Rom ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der
+Bauern. Es versteht sich, dass ausserdem in allen Gemeinden der
+Halbinsel die namhaften, nicht gut roemisch gesinnten Leute soweit
+beseitigt wurden, als dies durch politische Prozesse und
+Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall in Italien fuehlten
+die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name eitel und dass sie
+fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung Hannibals ward als eine
+zweite Unterjochung Italiens empfunden und alle Erbitterung wie aller
+Uebermut des Siegers vornehmlich an den italischen, nichtlatinischen
+Bundesgenossen ausgelassen. Selbst die farblose und wohlpolizierte
+roemische Komoedie dieser Zeit traegt davon die Spuren; wenn die
+niedergeworfenen Staedte Capua und Atella dem zuegellosen Witz der
+roemischen Posse polizeilich freigegeben und die letztere geradezu
+deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter darueber spassten,
+dass in der todbringenden Luft, wo selbst die ausdauerndste Rasse der
+Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die kampanische Sklavenschaft schon
+gelernt habe auszuhalten, so hallt aus solchen gefuehllosen
+Spoettereien der Hohn der Sieger, freilich auch der Jammerlaut der
+zertretenen Nationen wieder. Wie die Dinge standen, zeigt die
+aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden Makedonischen
+Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die
+Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200),
+Narnia 555 (199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom
+aus zugesandt wurden.
+
+Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen der italischen
+Bevoelkerung gerissen hatten, zeigt das Beispiel der roemischen
+Buergerschaft, deren Zahl waehrend des Krieges fast um den vierten Teil
+geschwunden war; die Angabe der Gesamtzahl der im Hannibalischen Krieg
+gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe scheint danach durchaus nicht
+uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust vorwiegend auf den Kern
+der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie die Masse der Streiter
+stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich lichtete, zeigt die
+Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae, wo derselbe auf 123
+Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch eine
+ausserordentliche Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen
+Normalstand gebracht ward. Dass endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der
+zugleich in allen Landschaften Italiens und nach allen vier
+Weltgegenden im Ausland gefuehrt worden war, die Volkswirtschaft im
+tiefsten Grund erschuettert haben muss, ist im allgemeinen klar; zur
+Ausfuehrung im einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der
+Staat gewann durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische
+Gebiet blieb seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen;
+allein durch diese Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich
+der Volkswohlstand um ebenso viel zurueck, als er in anderen Zeiten
+gewonnen hatte durch die Zerschlagung der Staatslaendereien. Eine Menge
+bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert - war vernichtet und
+verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die Bevoelkerung
+durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition
+buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das
+letzte Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in
+Raeuberbanden zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff
+gibt, dass in einem einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000
+Menschen wegen Strassenraubs verurteilt werden mussten; die sich
+ausdehnenden Weiden mit den halb wilden Hirtensklaven beguenstigten
+diese heillose Verwilderung des Landes. Der italische Ackerbau sah sich
+in seiner Existenz bedroht durch das zuerst in diesem Kriege
+aufgestellte Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst
+geerntetem auch von sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt
+werden koenne. Dennoch durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden
+hatten, das Ende dieses Riesenkampfes zu erleben, stolz in die
+Vergangenheit und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es war viel
+verschuldet, aber auch viel erduldet worden; das Volk, dessen gesamte
+dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre hindurch Schild und Schwert nicht
+abgelegt hatte, durfte manches sich verzeihen. Jenes wenn auch durch
+wechselseitige Befehdung unterhaltene, doch im ganzen friedliche und
+freundliche Zusammenleben der verschiedenen Nationen, wie es das Ziel
+der neueren Voelkerentwicklungen zu sein scheint, ist dem Altertum
+fremd: damals galt es Amboss zu sein oder Hammer; und in dem Wettkampf
+der Sieger war der Sieg den Roemern geblieben. Ob man verstehen werde
+ihn zu benutzen, die latinische Nation immer fester an Rom zu ketten,
+Italien allmaehlich zu latinisieren, die Unterworfenen in den Provinzen
+als Untertanen zu beherrschen, nicht als Knechte auszunutzen, die
+Verfassung zu reformieren, den schwankenden Mittelstand neu zu
+befestigen und zu erweitern - das mochte mancher fragen; wenn man es
+verstand, so durfte Italien gluecklichen Zeiten entgegensehen, in denen
+der auf eigene Arbeit unter guenstigen Verhaeltnissen gegruendete
+Wohlstand und die entschiedenste politische Suprematie ueber die
+damalige zivilisierte Welt jedem Gliede des grossen Ganzen ein
+gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges Ziel, jedem Talent
+eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn nicht, nicht.
+Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen Stimmen und die
+trueben Besorgnisse, als von allen Seiten die Krieger und Sieger in
+ihre Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und Lustbarkeiten, Geschenke
+an Soldaten und Buerger an der Tagesordnung waren, die geloesten
+Gefangenen heimgesandt wurden aus Gallien, Afrika, Griechenland und
+endlich der jugendliche Sieger im glaenzenden Zuge durch die
+geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine Palme in dem Haus
+des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen
+zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen
+hatte.
+
+
+
+
+KAPITEL VII.
+Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode
+
+
+In der Erstreckung der roemischen Herrschaft bis an die Alpen- oder,
+wie man jetzt schon sagte, bis an die italische Grenze und in der
+Ordnung und Kolonisierung der keltischen Landschaften war Rom durch den
+Hannibalischen Krieg unterbrochen worden. Es verstand sich von selbst,
+dass man jetzt da fortfahren wuerde, wo man aufgehoert hatte, und die
+Kelten begriffen es wohl. Schon im Jahre des Friedensschlusses mit
+Karthago (553 201) hatten im Gebiet der zunaechst bedrohten Boier die
+Kaempfe wieder begonnen; und ein erster Erfolg, der ihnen gegen den
+eilig aufgebotenen roemischen Landsturm gelang, sowie das Zureden eines
+karthagischen Offiziers Hamilkar, der von Magos Expedition her in
+Norditalien zurueckgeblieben war, veranlassten im folgenden Jahr (554
+200) eine allgemeine Schilderhebung nicht bloss der beiden zunaechst
+bedrohten Staemme, der Boier und Insubrer; auch die Ligurer trieb die
+naeherrueckende Gefahr in die Waffen, und selbst die cenomanische
+Jugend hoerte diesmal weniger auf die Stimme ihrer vorsichtigen
+Behoerden als auf den Notruf der bedrohten Stammgenossen. Von “den
+beiden Riegeln gegen die gallischen Zuege”, Placentia und Cremona, ward
+der erste niedergeworfen - von der placentinischen Einwohnerschaft
+retteten nicht mehr als 2000 das Leben -, der zweite berannt. Eilig
+marschierten die Legionen heran, um zu retten, was noch zu retten war.
+Vor Cremona kam es zu einer grossen Schlacht. Die geschickte und
+kriegsmaessige Leistung derselben von seiten des phoenikischen Fuehrers
+vermochte es nicht, die Mangelhaftigkeit seiner Truppen zu ersetzen;
+dem Andrang der Legionen hielten die Gallier nicht stand und unter den
+Toten, welche zahlreich das Schlachtfeld bedeckten, war auch der
+karthagische Offizier. Indes setzten die Kelten den Kampf fort;
+dasselbe roemische Heer, welches bei Cremona gesiegt, wurde das
+naechste Jahr (555 199), hauptsaechlich durch die Schuld des sorglosen
+Fuehrers, von den Insubrern fast aufgerieben und erst 556 (198) konnte
+Placentia notduerftig wiederhergestellt werden. Aber der Bund der zu
+dem Verzweiflungskampf vereinigten Kantone ward in sich uneins; die
+Boier und die Insubrer gerieten in Zwist, und die Cenomanen traten
+nicht bloss zurueck von dem Nationalbunde, sondern erkauften sich auch
+Verzeihung von den Roemern durch schimpflichen Verrat der Landsleute,
+indem sie waehrend einer Schlacht, die die Insubrer den Roemern am
+Mincius lieferten, ihre Bundes- und Kampfgenossen von hinten angriffen
+und aufreiben halfen (557 197). So gedemuetigt und im Stich gelassen,
+bequemten sich die Insubrer nach dem Fall von Comum gleichfalls zu
+einem Sonderfrieden (558 196). Die Bedingungen, welche Rom den
+Cenomanen und Insubrern vorschrieb, waren allerdings haerter, als sie
+den Gliedern der italischen Eidgenossenschaft gewaehrt zu werden
+pflegten; namentlich vergass man nicht, die Scheidewand zwischen
+Italikern und Kelten gesetzlich zu befestigen und zu verordnen, dass
+nie ein Buerger dieser beiden Keltenstaemme das roemische Buergerrecht
+solle gewinnen koennen. Indes liess man diesen transpadanischen
+Keltendistrikten ihre Existenz und ihre nationale Verfassung, so dass
+sie nicht Stadtgebiete, sondern Voelkergaue bildeten, und legte ihnen
+auch wie es scheint keinen Tribut auf; sie sollten den roemischen
+Ansiedlungen suedlich vom Po als Bollwerk dienen und die nachrueckenden
+Nordlaender wie die raeuberischen Alpenbewohner, welche regelmaessige
+Razzias in diese Gegenden zu unternehmen pflegten, von Italien
+abhalten. Uebrigens griff auch in diesen Landschaften die Latinisierung
+mit grosser Schnelligkeit um sich; die keltische Nationalitaet
+vermochte offenbar bei weitem nicht den Widerstand zu leisten wie die
+der zivilisierten Sabeller und Etrusker. Der gefeierte lateinische
+Lustspieldichter Statius Caecilius, der im Jahre 586 (168) starb, war
+ein freigelassener Insubrer; und Polybios, der gegen Ausgang des
+sechsten Jahrhunderts diese Gegenden bereiste, versichert, vielleicht
+nicht ohne eigene Uebertreibung, dass daselbst nur noch wenige Doerfer
+unter den Alpen keltisch geblieben seien. Die Veneter dagegen scheinen
+ihre Nationalitaet laenger behauptet zu haben.
+
+Das hauptsaechliche Bestreben der Roemer war in diesen Landschaften
+begreiflicherweise darauf gerichtet, dem Nachruecken der
+transalpinischen Kelten zu steuern und die natuerliche Scheidewand der
+Halbinsel und des inneren Kontinents auch zur politischen Grenze zu
+machen. Dass die Furcht vor dem roemischen Namen schon zu den
+naechstliegenden keltischen Kantonen jenseits der Alpen gedrungen war,
+zeigt nicht bloss die vollstaendige Untaetigkeit, mit der dieselben der
+Vernichtung oder Unterjochung ihrer diesseitigen Landsleute zusahen,
+sondern mehr noch die offizielle Missbilligung und Desavouierung,
+welche die transalpinischen Kantone - man wird zunaechst an die
+Helvetier (zwischen dem Genfer See und dem Main) und an die Karner oder
+Taurisker (in Kaernten und Steiermark) zu denken haben - gegen die
+beschwerdefuehrenden roemischen Gesandten aussprachen ueber die
+Versuche einzelner keltischer Haufen, sich diesseits der Alpen in
+friedlicher Weise anzusiedeln, nicht minder die demuetige Art, in
+welcher diese Auswandererhaufen selbst zuerst bei dem roemischen Senat
+um Landanweisung bittend einkamen, alsdann aber dem strengen Gebot,
+ueber die Alpen zurueckzugehen, ohne Widerrede sich fuegten (568 f.,
+575 186, 179) und die Stadt, die sie unweit des spaeteren Aquileia
+schon angelegt hatten, wieder zerstoeren liessen. Mit weiser Strenge
+gestattete der Senat keinerlei Ausnahme von dem Grundsatz, dass die
+Alpentore fuer die keltische Nation fortan geschlossen seien, und
+schritt mit schweren Strafen gegen diejenigen roemischen Untertanen
+ein, die solche Uebersiedlungsversuche von Italien aus veranlasst
+hatten. Ein Versuch dieser Art, welcher auf einer bis dahin den Roemern
+wenig bekannten Strasse im innersten Winkel des Adriatischen Meeres
+stattfand, mehr aber noch, wie es scheint, der Plan Philipps von
+Makedonien, wie Hannibal von Westen so seinerseits von Osten her in
+Italien einzufallen, veranlassten die Gruendung einer Festung in dem
+aeussersten nordoestlichen Winkel Italien, der noerdlichsten italischen
+Kolonie Aquileia (571-573 183-181), die nicht bloss diesen Weg den
+Fremden fuer immer zu verlegen, sondern auch die fuer die dortige
+Schiffahrt vorzueglich bequem gelegene Meeresbucht zu sichern und der
+immer noch nicht ganz ausgerotteten Piraterie in diesen Gewaessern zu
+steuern bestimmt war. Die Anlage Aquileias veranlasste einen Krieg
+gegen die Istrier (576, 577 178, 177), der mit der Erstuermung einiger
+Kastelle und dem Fall des Koenigs Aepulo schnell beendigt war und durch
+nichts merkwuerdig ist als durch den panischen Schreck, den die Kunde
+von der Ueberrumpelung des roemischen Lagers durch eine Handvoll
+Barbaren bei der Flotte und sodann in ganz Italien hervorrief.
+
+Anders verfuhr man in der Landschaft diesseits des Padus, die der
+roemische Senat beschlossen hatte Italien einzuverleiben. Die Boier,
+die dies zunaechst traf, wehrten sich mit verzweifelter
+Entschlossenheit. Es ward sogar der Padus von ihnen ueberschritten und
+ein Versuch gemacht, die Insubrer wieder unter die Waffen zu bringen
+(560 194); ein Konsul ward in seinem Lager von ihnen blockiert und
+wenig fehlte, dass er unterlag; Placentia hielt sich muehsam gegen die
+ewigen Angriffe der erbitterten Eingeborenen. Bei Mutina endlich ward
+die letzte Schlacht geliefert; sie war lang und blutig, aber die Roemer
+siegten (561 193), und seitdem war der Kampf kein Krieg mehr, sondern
+eine Sklavenhetze. Die einzige Freistatt im boischen Gebiet war bald
+das roemische Lager, in das der noch uebrige bessere Teil der
+Bevoelkerung sich zu fluechten begann; die Sieger konnten nach Rom
+berichten, ohne sehr zu uebertreiben, dass von der Nation der Boier
+nichts mehr uebrig sei als Kinder und Greise. So freilich musste sie
+sich ergeben in das Schicksal, das ihr bestimmt war. Die Roemer
+forderten Abtretung des halben Gebiets (563 191); sie konnte nicht
+verweigert werden, aber auch auf dem geschmaelerten Bezirk, der den
+Boiern blieb, verschwanden sie bald und verschmolzen mit ihren
+Besiegern ^1.
+
+———————————————————-
+
+^1 Nach Strabons Bericht waeren diese italischen Boier von den Roemern
+ueber die Alpen verstossen worden und aus ihnen die boische Ansiedlung
+im heutigen Ungarn um Steinamanger und Oedenburg hervorgegangen, welche
+in der augustischen Zeit von den ueber die Donau gegangenen Geten
+angegriffen und vernichtet wurde, dieser Landschaft aber den Namen der
+boischen Einoede hinterliess. Dieser Bericht passt sehr wenig zu der
+wohlbeglaubigten Darstellung der roemischen Jahrbuecher, nach der man
+sich roemischerseits begnuegte mit der Abtretung des halben Gebietes;
+und um das Verschwinden der italischen Boier zu erklaeren, bedarf es in
+der Tat der Annahme einer gewaltsamen Vertreibung nicht - verschwinden
+doch auch die uebrigen keltischen Voelkerschaften, obwohl von Krieg und
+Kolonisierung in weit minderem Grade heimgesucht, nicht viel weniger
+rasch und vollstaendig aus der Reihe der italischen Nationen.
+Anderseits fuehren andere Berichte vielmehr darauf, jene Boier am
+Neusiedler See herzuleiten von dem Hauptstock der Nation, der ehemals
+in Bayern und Boehmen sass, bis deutsche Staemme ihn suedwaerts
+draengten. Ueberall aber ist es sehr zweifelhaft, ob die Boier, die man
+bei Bordeaux, am Po, in Boehmen findet, wirklich auseinandergesprengte
+Zweige eines Stammes sind und nicht bloss eine Namensgleichheit
+obwaltet. Strabons Annahme duerfte auf nichts anderem beruhen als auf
+einem Rueckschluss aus der Namensgleichheit, wie die Alten ihn bei den
+Kimbern, Venetern und sonst oft unueberlegt anwandten.
+
+————————————————————
+
+Nachdem die Roemer also sich reinen Boden geschaffen hatten, wurden die
+Festungen Placentia und Cremona, deren Kolonisten die letzten unruhigen
+Jahre grossenteils hingerafft oder zerstreut hatten, wieder organisiert
+und neue Ansiedler dorthin gesandt; neu gegruendet wurden in und bei
+dem ehemaligen senonischen Gebiet Potentia (bei Recanati unweit Ancona;
+570 184) und Pisaurum (Pesaro; 570 184), ferner in der neu gewonnenen
+boischen Landschaft die Festungen Bonoma (565 189), Mutina (571 183)
+und Parma (571 183), von denen die Kolonie Mutina schon vor dem
+Hannibalischen Krieg angelegt und nur der Abschluss der Gruendung durch
+diesen unterbrochen worden war. Wie immer verband sich mit der Anlage
+der Festungen auch die von Militaerchausseen. Es wurde die Flaminische
+Strasse von ihrem noerdlichen Endpunkt Ariminum unter dem Namen der
+Aemilischen bis Placentia verlaengert (567 187). Ferner ward die
+Strasse von Rom nach Arretium oder die Cassische, die wohl schon
+laengst Munizipalchaussee gewesen war, wahrscheinlich im Jahre 583
+(171) von der roemischen Gemeinde uebernommen und neu angelegt, schon
+567 (187) aber die Strecke von Arretium ueber den Apennin nach Bononia
+bis an die neue Aemilische Strasse hergestellt, wodurch man eine
+kuerzere Verbindung zwischen Rom und den Pofestungen erhielt. Durch
+diese durchgreifenden Massnahmen wurde der Apennin als die Grenze des
+keltischen und des italischen Gebiets tatsaechlich beseitigt und
+ersetzt durch den Po. Diesseits des Po herrschte fortan wesentlich die
+italische Stadt-, jenseits desselben wesentlich die keltische
+Gauverfassung, und es war ein leerer Name, wenn auch jetzt noch das
+Gebiet zwischen Apennin und Po zur keltischen Landschaft gerechnet
+ward.
+
+In dem nordwestlichen italischen Gebirgsland, dessen Taeler und Huegel
+hauptsaechlich von dem vielgeteilten ligurischen Stamm eingenommen
+waren, verfuhren die Roemer in aehnlicher Weise. Was zunaechst
+nordwaerts vom Arno wohnte, ward vertilgt. Es traf dies hauptsaechlich
+die Apuaner, die, auf dem Apennin zwischen dem Arno und der Magra
+wohnend, einerseits das Gebiet von Pisae, anderseits das von Bononia
+und Mutina unaufhoerlich pluenderten. Was hier nicht dem Schwert der
+Roemer erlag, ward nach Unteritalien in die Gegend von Benevent
+uebergesiedelt (574 180), und durch energische Massregeln die
+ligurische Nation, weicher man noch im Jahre 578 (175) die von ihr
+eroberte Kolonie Mutina wieder abnehmen musste, in den Bergen, die das
+Potal von dem des Arno scheiden, vollstaendig unterdrueckt. Die 577
+(177) auf dem ehemals apuanischen Gebiet angelegte Festung Luna unweit
+Spezzia deckte die Grenze gegen die Ligurer aehnlich wie Aquileia gegen
+die Transalpiner und gab zugleich den Roemern einen vortrefflichen
+Hafen, der seitdem fuer die Ueberfahrt nach Massalia und nach Spanien
+die gewoehnliche Station ward. Die Chaussierung der Kuesten- oder
+Aurelischen Strasse von Rom nach Luna und der von Luca ueber Florenz
+nach Arretium gefuehrten Querstrasse zwischen der Aurelischen und
+Cassischen gehoert wahrscheinlich in dieselbe Zeit.
+
+Gegen die westlicheren ligurischen Staemme, die die genuesischen
+Apenninen und die Seealpen innehatten, ruhten die Kaempfe nie. Es waren
+unbequeme Nachbarn, die zu Lande und zur See zu pluendern pflegten; die
+Pisaner und die Massalioten hatten von ihren Einfaellen und ihren
+Korsarenschiffen nicht wenig zu leiden. Bleibende Ergebnisse wurden
+indes bei den ewigen Fehden nicht gewonnen, vielleicht auch nicht
+bezweckt; ausser dass man, wie es scheint, um mit dem transalpinischen
+Gallien und Spanien neben der regelmaessigen See- auch eine
+Landverbindung zu haben, bemueht war, die grosse Kuestenstrasse von
+Luna ueber Massalia nach Emporiae wenigstens bis an die Alpen
+freizumachen - jenseits der Alpen lag es dann den Massalioten ob, den
+roemischen Schiffen die Kuestenfahrt und den Landreisenden die
+Uferstrasse offen zu halten. Das Binnenland mit seinen unwegsamen
+Taelern und seinen Felsennestern, mit seinen armen, aber gewandten und
+verschlagenen Bewohnern diente den Roemern hauptsaechlich als
+Kriegsschule zur Uebung und Abhaertung der Soldaten wie der Offiziere.
+
+Aehnliche sogenannte Kriege wie gegen die Ligurer fuehrte man gegen die
+Korsen und mehr noch gegen die Bewohner des inneren Sardinien, welche
+die gegen sie gerichteten Raubzuege durch Ueberfaelle der
+Kuestenstriche vergalten. Im Andenken geblieben ist die Expedition des
+Tiberius Gracchus gegen die Sarden 577 (177) nicht so sehr, weil er der
+Provinz den “Frieden” gab, sondern weil er bis 80000 der Insulaner
+erschlagen oder gefangen zu haben behauptete und Sklaven von dort in
+solcher Masse nach Rom schleppte, dass es Sprichwort ward:
+“spottwohlfeil wie ein Sarde”.
+
+In Afrika ging die roemische Politik wesentlich auf in dem einen,
+ebenso kurzsichtigen wie engherzigen Gedanken, das Wiederaufkommen der
+karthagischen Macht zu verhindern und deshalb die unglueckliche Stadt
+bestaendig unter dem Druck und unter dem Damoklesschwert einer
+roemischen Kriegserklaerung zu erhalten. Schon die Bestimmung des
+Friedensvertrags, dass den Karthagern zwar ihr Gebiet ungeschmaelert
+bleiben, aber ihrem Nachbarn Massinissa alle diejenigen Besitzungen
+garantiert sein sollten, die er oder sein Vorweser innerhalb der
+karthagischen Grenzen besessen haetten, sieht fast so aus, als waere
+sie hineingesetzt, um Streitigkeiten nicht zu beseitigen, sondern zu
+erwecken. Dasselbe gilt von der durch den roemischen Friedenstraktat
+den Karthagern auferlegten Verpflichtung, nicht gegen roemische
+Bundesgenossen Krieg zu fuehren, so dass nach dem Wortlaut des Vertrags
+sie nicht einmal befugt waren, aus ihrem eigenen und unbestrittenen
+Gebiet den numidischen Nachbarn zu vertreiben. Bei solchen Vertraegen
+und bei der Unsicherheit der afrikanischen Grenzverhaeltnisse
+ueberhaupt konnte Karthagos Lage gegenueber einem ebenso maechtigen wie
+ruecksichtslosen Nachbarn einem Oberherrn, der zugleich Schiedsrichter
+und Partei war, nicht anders als peinlich sein; aber die Wirklichkeit
+war aerger als die aergsten Erwartungen. Schon 561 (193) sah Karthago
+sich unter nichtigen Vorwaenden ueberfallen und den reichsten Teil
+seines Gebiets, die Landschaft Emporiae an der Kleinen Syrte, teils von
+den Numidiern gepluendert, teils sogar von ihnen in Besitz genommen. So
+gingen die Uebergriffe bestaendig weiter; das platte Land kam in die
+Haende der Numidier, und mit Muehe behaupteten die Karthager sich in
+den groesseren Ortschaften. Bloss in den letzten zwei Jahren,
+erklaerten die Karthager im Jahre 582 (172), seien ihnen wieder siebzig
+Doerfer vertragswidrig entrissen worden. Botschaft ueber Botschaft ging
+nach Rom; die Karthager beschworen den roemischen Senat, ihnen entweder
+zu gestatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, oder ein
+Schiedsgericht mit Spruchgewalt zu bestellen, oder die Grenze neu zu
+regulieren, damit sie wenigstens ein- fuer allemal erfuehren, wieviel
+sie einbuessen sollten; besser sei es sonst, sie geradezu zu roemischen
+Untertanen zumachen, als sie so allmaehlich den Libyern auszuliefern.
+Aber die roemische Regierung, die schon 554 (200) ihrem Klienten
+geradezu Gebietserweiterungen, natuerlich auf Kosten Karthagos, in
+Aussicht gestellt hatte, schien wenig dagegen zuhaben, dass er die ihm
+bestimmte Beute sich selber nahm; sie maessigte wohl zuweilen das
+allzugrosse Ungestuem der Libyer, die ihren alten Peinigern jetzt das
+Erlittene reichlich vergalten, aber im Grunde war ja eben dieser
+Quaelerei wegen Massinissa von den Roemern Karthago zum Nachbar gesetzt
+worden. Alle Bitten und Beschwerden hatten nur den Erfolg, dass
+entweder roemische Kommissionen in Afrika erschienen, die nach
+gruendlicher Untersuchung zu keiner Entscheidung kamen, oder bei den
+Verhandlungen in Rom Massinissas Beauftragte Mangel an Instruktionen
+vorschuetzten und die Sache vertagt ward. Nur phoenikische Geduld war
+imstande, sich in eine solche Lage mit Ergebung zu schicken, ja dabei
+den Machthabern jeden Dienst und jede Artigkeit, die sie begehrten und
+nicht begehrten, mit unermuedlicher Beharrlichkeit zu erweisen und
+namentlich durch Kornsendungen um die roemische Gunst zu buhlen.
+
+Indes war diese Fuegsamkeit der Besiegten doch nicht bloss Geduld und
+Ergebung. Es gab noch in Karthago eine Patriotenpartei und an ihrer
+Spitze stand der Mann, der, wo immer das Schicksal ihn hinstellte, den
+Roemern furchtbar blieb. Sie hatte es nicht aufgegeben, unter Benutzung
+der leicht vorauszusehenden Verwicklungen zwischen Rom und den
+oestlichen Maechten noch einmal den Kampf aufzunehmen und, nachdem der
+grossartige Plan Hamilkars und seiner Soehne wesentlich an der
+karthagischen Oligarchie gescheitert war, fuer diesen neuen Kampf vor
+allem das Vaterland innerlich zu erneuern. Die bessernde Macht der Not
+und wohl auch Hannibals klarer, grossartiger und der Menschen
+maechtiger Geist bewirkten politische und finanzielle Reformen. Die
+Oligarchie, die durch Erhebung der Kriminaluntersuchung gegen den
+grossen Feldherrn wegen absichtlich unterlassener Einnahme Roms und
+Unterschlagung der italischen Beute das Mass ihrer verbrecherischen
+Torheiten voll gemacht hatte - diese verfaulte Oligarchie wurde auf
+Hannibals Antrag ueber den Haufen geworfen und ein demokratisches
+Regiment eingefuehrt, wie es den Verhaeltnissen der Buergerschaft
+angemessen war (vor 559 195). Die Finanzen wurden durch Beitreibung der
+rueckstaendigen und unterschlagenen Gelder und durch Einfuehrung einer
+besseren Kontrolle so schnell wieder geordnet, dass die roemische
+Kontribution gezahlt werden konnte, ohne die Buerger irgendwie mit
+ausserordentlichen Steuern zu belasten. Die roemische Regierung, eben
+damals im Begriff, den bedenklichen Krieg mit dem Grosskoenig von Asien
+zu beginnen, folgte diesen Vorgaengen mit begreiflicher Besorgnis; es
+war keine eingebildete Gefahr, dass die karthagische Flotte in Italien
+landen und ein zweiter Hannibalischer Krieg dort sich entspinnen
+koenne, waehrend die roemischen Legionen in Kleinasien fochten. Man
+kann darum die Roemer kaum tadeln, wenn sie eine Gesandtschaft nach
+Karthago schickten (559 195), die vermutlich beauftragt war, Hannibals
+Auslieferung zu fordern. Die grollenden karthagischen Oligarchen, die
+Briefe ueber Briefe nach Rom sandten, um den Mann, der sie gestuerzt,
+wegen geheimer Verbindungen mit den antiroemisch gesinnten Maechten dem
+Landesfeind zu denunzieren, sind veraechtlich, aber ihre Meldungen
+waren wahrscheinlich richtig; und so wahr es auch ist, dass in jener
+Gesandtschaft ein demuetigendes Eingestaendnis der Furcht des
+maechtigen Volkes vor dem einfachen Schofeten von Karthago lag, so
+begreiflich und ehrenwert es ist, dass der stolze Sieger von Zama im
+Senat Einspruch tat gegen diesen erniedrigenden Schritt, so war doch
+jenes Eingestaendnis eben nichts anderes als die schlichte Wahrheit,
+und Hannibal eine so ausserordentliche Natur, dass nur roemische
+Gefuehlspolitiker ihn laenger an der Spitze des karthagischen Staats
+dulden konnten. Die eigentuemliche Anerkennung, die er bei der
+feindlichen Regierung fand, kam ihm selbst schwerlich ueberraschend.
+Wie Hannibal und nicht Karthago den letzten Krieg gefuehrt hatte, so
+hatte auch Hannibal das zu tragen, was den Besiegten trifft. Die
+Karthager konnten nichts tun als sich fuegen und ihrem Stern danken,
+dass Hannibal, durch seine rasche und besonnene Flucht nach dem Orient
+die groessere Schande ihnen ersparend, seiner Vaterstadt bloss die
+mindere liess, ihren groessten Buerger auf ewige Zeiten aus der Heimat
+verbannt, sein Vermoegen eingezogen und sein Haus geschleift zu haben.
+Das tiefsinnige Wort aber, dass diejenigen die Lieblinge der Goetter
+sind, denen sie die unendlichen Freuden und die unendlichen Leiden ganz
+verleihen, hat also an Hannibal in vollem Masse sich bewaehrt.
+
+Schwerer als das Einschreiten gegen Hannibal laesst es sich
+verantworten, dass die roemische Regierung nach dessen Entfernung nicht
+aufhoerte, die Stadt zu beargwohnen und zu plagen. Zwar gaerten dort
+die Parteien nach wie vor; allein nach der Entfernung des
+ausserordentlichen Mannes, der fast die Geschicke der Welt gewendet
+haette, bedeutete die Patriotenpartei nicht viel mehr in Karthago als
+in Aetolien und in Achaia. Die verstaendigste Idee unter denen, welche
+damals die unglueckliche Stadt bewegten, war ohne Zweifel die, sich an
+Massinissa anzuschliessen und aus dem Draenger den Schutzherrn der
+Phoeniker zu machen. Allein weder die nationale noch die libysch
+gesinnte Faktion der Patrioten gelangte an das Ruder, sondern es blieb
+das Regiment bei den roemisch gesinnten Oligarchen, welche, soweit sie
+nicht ueberhaupt aller Gedanken an die Zukunft sich begaben, einzig die
+Idee festhielten, die materielle Wohlfahrt und die Kommunalfreiheit
+Karthagos unter dem Schutze Roms zu retten. Hierbei haette man in Rom
+wohl sich beruhigen koennen. Allein weder die Menge noch selbst die
+regierenden Herren vom gewoehnlichen Schlag vermochten sich der
+gruendlichen Angst vom Hannibalischen Kriege her zu entschlagen; die
+roemischen Kaufleute aber sahen mit neidischen Augen die Stadt auch
+jetzt, wo ihre politische Macht dahin war, im Besitz einer ausgedehnten
+Handelsklientel und eines festgegruendeten, durch nichts zu
+erschuetternden Reichtums. Schon im Jahre 567 (187) erbot sich die
+karthagische Regierung die saemtlichen im Frieden von 553 (201)
+stipulierten Terminzahlungen sofort zu entrichten, was die Roemer,
+denen an der Tributpflichtigkeit Karthagos weit mehr gelegen war als an
+den Geldsummen selbst, begreiflicherweise ablehnten und daraus nur die
+Ueberzeugung gewannen, dass aller angewandten Muehe ungeachtet die
+Stadt nicht ruiniert und nicht zu ruinieren sei. Immer aufs neue liefen
+Geruechte ueber die Umtriebe der treulosen Phoeniker durch Rom. Bald
+hatte ein Emissaer Hannibals, Ariston von Tyros, sich in Karthago
+blicken lassen, um die Buergerschaft auf die Landung einer asiatischen
+Kriegsflotte vorzubereiten (561 193); bald hatte der Rat in geheimer
+nächtlicher Sitzung im Tempel des Heilgottes den Gesandten des Perseus
+Audienz gegeben (581 173); bald sprach man von der gewaltigen Flotte,
+die in Karthago fuer den Makedonischen Krieg geruestet werde (583 171).
+Es ist nicht wahrscheinlich, dass diesen und aehnlichen Dingen mehr als
+hoechstens die Unbesonnenheiten einzelner zugrunde lagen; immer aber
+waren sie das Signal zu neuen diplomatischen Misshandlungen von
+roemischer, zu neuen Uebergriffen von Massinissas Seite, und die
+Meinung stellte immer mehr sich fest, je weniger Sinn und Verstand in
+ihr war, dass ohne einen dritten punischen Krieg mit Karthago nicht
+fertig zu werden sei.
+
+Waehrend also die Macht der Phoeniker in dem Lande ihrer Wahl ebenso
+dahinsank wie sie laengst in ihrer Heimat erlegen war, erwuchs neben
+ihnen ein neuer Staat. Seit unvordenklichen Zeiten wie noch heutzutage
+ist das nordafrikanische Kuestenland bewohnt von dem Volke, das sich
+selber Schilah oder Tamazigt heisst und welches die Griechen und Roemer
+die Nomaden oder Numidier, das ist das Weidevolk, die Araber Berber
+nennen, obwohl auch sie dieselben wohl als “Hirten” (Schâwie)
+bezeichnen, und das wir Berber oder Kabylen zu nennen gewohnt sind.
+Dasselbe ist, soweit seine Sprache bis jetzt erforscht ist, keiner
+anderen bekannten Nation verwandt. In der karthagischen Zeit hatten
+diese Staemme mit Ausnahme der unmittelbar um Karthago oder unmittelbar
+an der Kueste hausenden wohl im ganzen ihre Unabhaengigkeit behauptet,
+aber auch bei ihrem Hirten- und Reiterleben, wie es noch jetzt die
+Bewohner des Atlas fuehren, im wesentlichen beharrt, obwohl das
+phoenikische Alphabet und ueberhaupt die phoenikische Zivilisation
+ihnen nicht fremd blieb und es wohl vorkam, dass die Berberscheichs
+ihre Soehne in Karthago erziehen liessen und mit phoenikischen
+Adelsfamilien sich verschwaegerten. Die roemische Politik wollte
+unmittelbare Besitzungen in Afrika nicht haben und zog es vor, einen
+Staat dort grosszuziehen, der nicht genug bedeutete, um Roms Schutz
+entbehren zu koennen und doch genug, um Karthagos Macht, nachdem
+dieselbe auf Afrika beschraenkt war, auch hier niederzuhalten und der
+gequaelten Stadt jede freie Bewegung unmoeglich zu machen. Was man
+suchte, fand man bei den eingeborenen Fuersten. Um die Zeit des
+Hannibalischen Krieges standen die nordafrikanischen Eingeborenen unter
+drei Oberkoenigen, deren jedem nach dortiger Art eine Menge Fuersten
+gefolgspflichtig waren: dem Koenig der Mauren, Bocchar, der, vom
+Atlantischen Meer bis zum Fluss Molochath (jetzt Mluia an der
+marokkanisch-franzoesischen Grenze), dem Koenig der Massaesyler,
+Syphax, der von da bis an das sogenannte Durchbohrte Vorgebirge
+(Siebenkap zwischen Djidjeli und Bona) in den heutigen Provinzen Oran
+und Algier, und dem Koenig der Massyler, Massinissa, der von dem
+Durchbohrten Vorgebirge bis an die karthagische Grenze in der heutigen
+Provinz Constantine gebot. Der maechtigste von diesen, der Koenig von
+Siga, Syphax, war in dem letzten Krieg zwischen Rom und Karthago
+ueberwunden und gefangen nach Italien abgefuehrt worden, wo er in der
+Haft starb; sein weites Gebiet kam im wesentlichen an Massinissa - der
+Sohn des Syphax, Vermina, obwohl er durch demuetiges Bitten von den
+Roemern einen kleinen Teil des vaeterlichen Besitzes zurueckerlangte
+(554 200), vermochte doch den aelteren roemischen Bundesgenossen nicht
+um die Stellung des bevorzugten Draengens von Karthago zu bringen.
+Massinissa ward der Gruender des Numidischen Reiches; und nicht oft hat
+Wahl oder Zufall so den rechten Mann an die rechte Stelle gesetzt.
+Koerperlich gesund und gelenkig bis in das hoechste Greisenalter,
+maessig und nuechtern wie ein Araber, faehig, jede Strapaze zu
+ertragen, vom Morgen bis zum Abend auf demselben Flecke zu stehen und
+vierundzwanzig Stunden zu Pferde zu sitzen, in den abenteuerlichen
+Glueckswechseln seiner Jugend wie auf den Schlachtfeldern Spaniens als
+Soldat und als Feldherr gleich erprobt, und ebenso ein Meister der
+schwereren Kunst, in seinem zahlreichen Hause Zucht und in seinem Lande
+Ordnung zu erhalten, gleich bereit, sich dem maechtigen Beschuetzer
+ruecksichtslos zu Fuessen zu werfen wie den schwaecheren Nachbar
+ruecksichtslos unter die Fuesse zu treten und zu alledem mit den
+Verhaeltnissen Karthagos, wo er erzogen und in den vornehmsten Haeusern
+aus- und eingegangen war, ebenso genau bekannt wie von afrikanisch
+bitterem Hasse gegen seine und seiner Nation Bedraengen erfuellt, ward
+dieser merkwuerdige Mann die Seele des Aufschwungs seiner, wie es
+schien, im Verkommen begriffenen Nation, deren Tugenden und Fehler in
+ihm gleichsam verkoerpert erschienen. Das Glueck beguenstigte ihn wie
+in allem so auch darin, dass es ihm zu seinem Werke die Zeit liess. Er
+starb im neunzigsten Jahr seines Lebens (516-605 238-149), im
+sechzigsten seiner Regierung, bis an sein Lebensende im vollen Besitz
+seiner koerperlichen und geistigen Kraefte, und hinterliess einen
+einjaehrigen Sohn und den Ruf, der staerkste Mann und der beste und
+gluecklichste Koenig seiner Zeit gewesen zu sein. Es ist schon erzaehlt
+worden, mit welcher berechneten Deutlichkeit die Roemer in ihrer
+Oberleitung der afrikanischen Angelegenheiten ihre Parteinahme fuer
+Massinissa hervortreten liessen, und wie dieser die stillschweigende
+Erlaubnis, auf Kosten Karthagos sein Gebiet zu vergroessern, eifrig und
+stetig benutzte. Das ganze Binnenland bis an den Wuestensaum fiel dem
+einheimischen Herrscher gleichsam von selber zu, und selbst das obere
+Tal des Bagradas (Medscherda) mit der reichen Stadt Vaga ward dem
+Koenig untertan; aber auch an der Kueste oestlich von Karthago besetzte
+er die alte Sidonierstadt Gross-Leptis und andere Strecken, so dass
+sein Reich sich von der mauretanischen bis zur kyrenaeischen Grenze
+erstreckte, das karthagische Gebiet zu Lande von allen Seiten umfasste
+und ueberall in naechster Naehe auf die Phoeniker drueckte. Es leidet
+keinen Zweifel, dass er in Karthago seine kuenftige Hauptstadt sah; die
+libysche Partei daselbst ist bezeichnend. Aber nicht allein durch die
+Schmaelerung des Gebiets geschah Karthagos Eintrag. Die schweifenden
+Hirten wurden durch ihren grossen Koenig ein anderes Volk. Nach dem
+Beispiel des Koenigs, der weithin die Felder urbar machte und jedem
+seiner Soehne bedeutende Ackergueter hinterliess, fingen auch seine
+Untertanen an, sich ansaessig zu machen und Ackerbau zu treiben. Wie
+seine Hirten in Buerger, verwandelte er seine Plunderhorden in
+Soldaten, die von Rom neben den Legionen zu fechten gewuerdigt wurden,
+und hinterliess seinen Nachfolgern eine reich gefuellte Schatzkammer,
+ein wohldiszipliniertes Heer und sogar eine Flotte. Seine Residenz
+Cirta (Constantine) ward die lebhafte Hauptstadt eines maechtigen
+Staates und ein Hauptsitz der phoenikischen Zivilisation, die an dem
+Hofe des Berberkoenigs eifrige und wohl auch auf das kuenftige
+karthagisch-numidische Reich berechnete Pflege fand. Die bisher
+unterdrueckte libysche Nationalitaet hob sich dadurch in ihren eigenen
+Augen, und selbst in die altphoenikischen Staedte, wie Gross-Leptis,
+drang einheimische Sitte und Sprache ein. Der Berber fing an, unter der
+Aegide Roms sich dem Phoeniker gleich, ja ueberlegen zu fuehlen; die
+karthagischen Gesandten mussten in Rom es hoeren, dass sie in Afrika
+Fremdlinge seien und das Land den Libyern gehoere. Die selbst in der
+nivellierenden Kaiserzeit noch lebensfaehig und kraeftig dastehende
+phoenikisch-nationale Zivilisation Nordafrikas ist bei weitem weniger
+das Werk der Karthager als das des Massinissa.
+
+In Spanien fuegten die griechischen und phoenikischen Staedte an der
+Kueste, wie Emporiae, Saguntum, Neukarthago, Malaca, Gades, sich um so
+bereitwilliger der roemischen Herrschaft, als sie sich selber
+ueberlassen, kaum imstande gewesen waeren, sich gegen die Eingeborenen
+zu schuetzen; wie aus gleichen Gruenden Massalia, obwohl bei weitem
+bedeutender und wehrhafter als jene Staedte, es doch nicht versaeumte,
+durch engen Anschluss an die Roemer, denen Massalia wieder als
+Zwischenstation zwischen Italien und Spanien vielfach nuetzlich wurde,
+sich einen maechtigen Rueckhalt zu sichern. Die Eingeborenen dagegen
+machten den Roemern unsaeglich zu schaffen. Zwar fehlte es keineswegs
+an Ansaetzen zu einer national-iberischen Zivilisation, von deren
+Eigentuemlichkeit freilich es uns nicht wohl moeglich ist, eine
+deutliche Vorstellung zu gewinnen. Wir finden bei den Iberern eine
+weitverbreitete nationale Schrift, die sich in zwei Hauptarten, die des
+Ebrotals und die andalusische, und jede von diesen vermutlich wieder in
+mannigfache Verzweigungen spaltet und deren Ursprung in sehr fruehe
+Zeit hinaufzureichen und eher auf das altgriechische als auf das
+phoenikische Alphabet zurueckzugehen scheint. Von den Turdetanern (um
+Sevilla) ist sogar ueberliefert, dass sie Lieder aus uralter Zeit, ein
+metrisches Gesetzbuch von 6000 Verszeilen, ja sogar geschichtliche
+Aufzeichnungen besassen; allerdings wird diese Voelkerschaft die
+zivilisierteste unter allen spanischen genannt und zugleich die am
+wenigsten kriegerische, wie sie denn auch ihre Kriege regelmaessig mit
+fremden Soeldnern fuehrte. Auf dieselbe Gegend werden wohl auch
+Polybios’ Schilderungen zu beziehen sein von dem bluehenden Stand des
+Ackerbaus und der Viehzucht in Spanien, weshalb bei dem Mangel an
+Ausfuhrgelegenheit Korn und Fleisch dort um Spottpreise zu haben war,
+und von den praechtigen Koenigspalaesten mit den goldenen und silbernen
+Kruegen voll “Gerstenwein”. Auch die Kulturelemente, die die Roemer
+mitbrachten, fasste wenigstens ein Teil der Spanier eifrig auf, so dass
+frueher als irgendwo sonst in den ueberseeischen Provinzen sich in
+Spanien die Latinisierung vorbereitete. So kam zum Beispiel schon in
+dieser Epoche der Gebrauch der warmen Baeder nach italischer Weise bei
+den Eingeborenen auf. Auch das roemische Geld ist allem Anschein nach
+weit frueher als irgendwo sonst ausserhalb Italien in Spanien nicht
+bloss gangbar, sondern auch nachgemuenzt worden; was durch die reichen
+Silberbergwerke des Landes einigermassen begreiflich wird. Das
+sogenannte “Silber von Osca” (jetzt Huesca in Aragonien), das heisst
+spanische Denare mit iberischen Aufschriften, wird schon 559 (195)
+erwaehnt, und viel spaeter kann der Anfang der Praegung schon deshalb
+nicht gesetzt werden, weil das Gepraege dem der aeltesten roemischen
+Denare nachgeahmt ist. Allein mochte auch in den suedlichen und
+oestlichen Landschaften die Gesittung der Eingeborenen der roemischen
+Zivilisation und der roemischen Herrschaft soweit vorgearbeitet haben,
+dass diese dort nirgend auf ernstliche Schwierigkeiten stiessen, so war
+dagegen der Westen und Norden und das ganze Binnenland besetzt von
+zahlreichen, mehr oder minder rohen Voelkerschaften, die von keinerlei
+Zivilisation viel wussten - in Intercatia zum Beispiel war noch um 600
+(154) der Gebrauch des Goldes und Silbers unbekannt - und sich
+ebensowenig untereinander wie mit den Roemern vertrugen.
+Charakteristisch ist fuer diese freien Spanier der ritterliche Sinn der
+Maenner und wenigstens ebenso sehr der Frauen. Wenn die Mutter den Sohn
+in die Schlacht entliess, begeisterte sie ihn durch die Erzaehlung von
+den Taten seiner Ahnen, und dem tapfersten Mann reichte die schoenste
+Jungfrau unaufgefordert als Braut die Hand. Zweikaempfe waren
+gewoehnlich, sowohl um den Preis der Tapferkeit wie zur Ausmachung von
+Rechtshaendeln - selbst Erbstreitigkeiten zwischen fuerstlichen Vettern
+wurden auf diesem Wege erledigt. Es kam auch nicht selten vor, dass ein
+bekannter Krieger vor die feindlichen Reihen trat und sich einen Gegner
+bei Namen herausforderte; der Besiegte uebergab dann dem Gegner Mantel
+und Schwert und machte auch wohl noch mit ihm Gastfreundschaft. Zwanzig
+Jahre nach dem Ende des Hannibalischen Krieges sandte die kleine
+keltiberische Gemeinde von Complega (in der Gegend der Tajoquellen) dem
+roemischen Feldherrn Botschaft zu, dass er ihnen fuer jeden gefallenen
+Mann ein Pferd, einen Mantel und ein Schwert senden moege, sonst werde
+es ihm uebel ergehen. Stolz auf ihre Waffenehre, so dass sie haeufig es
+nicht ertrugen, die Schmach der Entwaffnung zu ueberleben, waren die
+Spanier dennoch geneigt, jedem Werber zu folgen und fuer jeden fremden
+Span ihr Leben einzusetzen - bezeichnend ist die Botschaft, die ein der
+Landessitte wohl kundiger roemischer Feldherr einem keltiberischen, im
+Solde der Turdetaner gegen die Roemer fechtenden Schwarm zusandte:
+entweder nach Hause zu kehren, oder fuer doppelten Sold in roemische
+Dienste zu treten, oder Tag und Ort zur Schlacht zu bestimmen. Zeigte
+sich kein Werbeoffizier, so trat man auch wohl auf eigene Hand zu
+Freischaren zusammen, um die friedlicheren Landschaften zu
+brandschatzen, ja sogar die Staedte einzunehmen und zu besetzen, ganz
+in kampanischer Weise. Wie wild und unsicher das Binnenland war, davon
+zeugt zum Beispiel, dass die Internierung westlich von Cartagena bei
+den Roemern als schwere Strafe galt, und dass in einigermassen
+aufgeregten Zeiten die roemischen Kommandanten des jenseitigen Spaniens
+Eskorten bis zu 6000 Mann mit sich nahmen. Deutlicher noch zeigt es der
+seltsame Verkehr, den in der griechisch-spanischen Doppelstadt Emporiae
+an der oestlichen Spitze der Pyrenaeen die Griechen mit ihren
+spanischen Nachbarn pflogen. Die griechischen Ansiedler, die auf der
+Spitze der Halbinsel, von dem spanischen Stadtteil durch eine Mauer
+getrennt wohnten, liessen diese jede Nacht durch den dritten Teil ihrer
+Buergerwehr besetzen und an dem einzigen Tor einen hoeheren Beamten
+bestaendig die Wache versehen; kein Spanier durfte die griechische
+Stadt betreten und die Griechen brachten den Eingeborenen die Waren nur
+zu in starken und wohleskortierten Abteilungen. Diese Eingeborenen voll
+Unruhe und Kriegslust, voll von dem Geiste des Cid wie des Don Quixote
+sollten denn nun von den Roemern gebaendigt und womoeglich gesittigt
+werden. Militaerisch war die Aufgabe nicht schwer. Zwar bewiesen die
+Spanier nicht bloss hinter den Mauern ihrer Staedte oder unter
+Hannibals Fuehrung, sondern selbst allein und in offener Feldschlacht
+sich als nicht veraechtliche Gegner; mit ihrem kurzen zweischneidigen
+Schwert, welches spaeter die Roemer von ihnen annahmen, und ihren
+gefuerchteten Sturmkolonnen brachten sie nicht selten selbst die
+roemischen Legionen zum Wanken. Haetten sie es vermocht, sich
+militaerisch zu disziplinieren und politisch zusammenzuschliessen, so
+haetten sie vielleicht der aufgedrungenen Fremdherrschaft sich
+entledigen koennen; aber ihre Tapferkeit war mehr die des Guerillas als
+des Soldaten und es mangelte ihr voellig der politische Verstand. So
+kam es in Spanien zu keinem ernsten Krieg, aber ebensowenig zu einem
+ernstlichen Frieden; die Spanier haben sich, wie Caesar spaeter ganz
+richtig ihnen vorhielt, nie im Frieden ruhig und nie im Kriege tapfer
+erwiesen. So leicht der roemische Feldherr mit den Insurgentenhaufen
+fertig ward, so schwer war es dem roemischen Staatsmanne, ein
+geeignetes Mittel zu bezeichnen, um Spanien wirklich zu beruhigen und
+zu zivilisieren: in der Tat konnte er, da das einzige wirklich
+genuegende, eine umfassende latinische Kolonisierung, dem allgemeinen
+Ziel der roemischen Politik dieser Epoche zuwiderlief, hier nur mit
+Palliativen verfahren.
+
+Das Gebiet, welches die Roemer im Laufe des Hannibalischen Krieges in
+Spanien erwarben, zerfiel von Haus aus in zwei Massen; die ehemals
+karthagische Provinz, die zunaechst die heutigen Landschaften
+Andalusien, Granada, Murcia und Valencia umfasste, und die
+Ebrolandschaft oder das heutige Aragonien und Katalonien, das
+Standquartier des roemischen Heeres waehrend des letzten Krieges; aus
+welchen Gebieten die beiden roemischen Provinzen des Jen- und
+Diesseitigen Spaniens hervorgingen. Das Binnenland, ungefaehr den
+beiden Kastilien entsprechend, das die Roemer unter dem Namen
+Keltiberien zusammenfassten, suchte man allmaehlich unter roemische
+Botmaessigkeit zu bringen, waehrend man die Bewohner der westlichen
+Landschaften, namentlich die Lusitaner im heutigen Portugal und dem
+spanischen Estremadura, von Einfaellen in das roemische Gebiet
+abzuhalten sich begnuegte und mit den Staemmen an der Nordkueste, den
+Callaekern, Asturern und Kantabrern ueberhaupt noch gar nicht sich
+beruehrte. Die Behauptung und Befestigung der gewonnenen Erfolge war
+indes nicht durchzufuehren ohne eine stehende Besatzung, indem dem
+Vorsteher des diesseitigen Spaniens namentlich die Baendigung der
+Keltiberer und dem des jenseitigen die Zurueckweisung der Lusitaner
+jaehrlich zu schaffen machten. Es ward somit noetig, in Spanien ein
+roemisches Heer von vier starken Legionen oder etwa 40000 Mann Jahr aus
+Jahr ein auf den Beinen zu halten; wobei dennoch sehr haeufig zur
+Verstaerkung der Truppen in den von Rom besetzten Landschaften der
+Landsturm aufgeboten werden musste. Es war dies in doppelter Weise von
+grosser Wichtigkeit, indem hier zuerst, wenigstens zuerst in groesserem
+Umfang, die militaerische Besetzung des Landes bleibend und
+infolgedessen auch der Dienst anfaengt dauernd zu werden. Die alte
+roemische Weise, nur dahin Truppen zu senden, wohin das augenblickliche
+Kriegsbeduerfnis sie rief, und ausser in sehr schweren und wichtigen
+Kriegen die einberufenen Leute nicht ueber ein Jahr bei der Fahne zu
+halten, erwies sich als unvertraeglich mit der Behauptung der
+unruhigen, fernen und ueberseeischen spanischen Aemter; es war
+schlechterdings unmoeglich, die Truppen von da wegzuziehen, und sehr
+gefaehrlich, sie auch nur in Masse abzuloesen. Die roemische
+Buergerschaft fing an innezuwerden, dass die Herrschaft ueber ein
+fremdes Volk nicht bloss fuer den Knecht eine Plage ist, sondern auch
+fuer den Herrn, und murrte laut ueber den verhassten spanischen
+Kriegsdienst. Waehrend die neuen Feldherren mit gutem Grund sich
+weigerten, die Gesamtabloesung der bestehenden Korps zu gestatten,
+meuterten diese und drohten, wenn man ihnen den Abschied nicht gebe,
+ihn sich selber zu nehmen.
+
+Den Kriegen selbst, die in Spanien von den Roemern gefuehrt wurden,
+kommt nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Sie begannen schon mit
+Scipios Abreise und waehrten, solange der Hannibalische Krieg dauerte.
+Nach dem Frieden mit Karthago (553 201) ruhten auch auf der Halbinsel
+die Waffen, jedoch nur auf kurze Zeit. Im Jahre 557 (197) brach in
+beiden Provinzen eine allgemeine Insurrektion aus; der Befehlshaber der
+Jenseitigen ward hart gedraengt, der der Diesseitigen voellig
+ueberwunden und selber erschlagen. Es ward noetig, den Krieg mit Ernst
+anzugreifen, und obwohl inzwischen der tuechtige Praetor Quintus
+Minucius ueber die erste Gefahr Herr geworden war, beschloss doch der
+Senat im Jahre 559 (195), den Konsul Marcus Cato selbst nach Spanien zu
+senden. Er fand auch in der Tat bei der Landung in Emporiae das ganze
+Diesseitige Spanien von den Insurgenten ueberschwemmt; kaum dass diese
+Hafenstadt und im inneren Land ein paar Burgen noch fuer Rom behauptet
+wurden. Es kam zur offenen Feldschlacht zwischen den Insurgenten und
+dem konsularischen Heer, in der nach hartem Kampf Mann gegen Mann
+endlich die roemische Kriegskunst mit der gesparten Reserve den Tag
+entschied. Das ganze Diesseitige Spanien sandte darauf seine
+Unterwerfung ein; indes es war mit derselben so wenig ernstlich
+gemeint, dass auf das Geruecht von der Heimkehr des Konsuls nach Rom
+sofort der Aufstand abermals begann. Allein das Geruecht war falsch,
+und nachdem Cato die Gemeinden, die zum zweitenmal sich aufgelehnt
+hatten, schnell bezwungen und in Masse in die Sklaverei verkauft hatte,
+ordnete er eine allgemeine Entwaffnung der Spanier in der diesseitigen
+Provinz an und erliess an die saemtlichen Staedte der Eingeborenen von
+den Pyrenaeen bis zum Guadalquivir den Befehl, ihre Mauern an einem und
+demselben Tage niederzureissen. Niemand wusste, wie weit das Gebot sich
+erstreckte, und es war keine Zeit sich zu verstaendigen; die meisten
+Gemeinden gehorchten und auch von den wenigen widerspenstigen wagten es
+nicht viele, als das roemische Heer demnaechst vor ihren Mauern
+erschien, es auf den Sturm ankommen zu lassen.
+
+Diese energischen Massregeln waren allerdings nicht ohne nachhaltigen
+Erfolg. Allein nichtsdestoweniger hatte man fast jaehrlich in der
+“friedlichen Provinz” ein Gebirgstal oder ein Bergkastell zum Gehorsam
+zu bringen, und die stetigen Einfaelle der Lusitaner in die jenseitige
+Provinz fuehrten gelegentlich zu derben Niederlagen der Roemer; wie zum
+Beispiel 563 (191) ein roemisches Heer nach starkem Verlust sein Lager
+im Stich lassen und in Eilmaerschen in die ruhigeren Landschaften
+zurueckkehren musste. Erst ein Sieg, den der Praetor Lucius Aemilius
+Paullus 565 (189) ^2, und ein zweiter noch bedeutenderer, den der
+tapfere Praetor Gaius Calpurnius jenseits des Tagus 569 (185) ueber die
+Lusitaner erfocht, schafften auf einige Zeit Ruhe. Im diesseitigen
+Spanien ward die bis dahin fast nominelle Herrschaft der Roemer ueber
+die keltiberischen Voelkerschaften fester begruendet durch Quintus
+Fulvius Flaccus, der nach einem grossen Siege ueber dieselben 573 (181)
+wenigstens die naechstliegenden Kantone zur Unterwerfung zwang, und
+besonders durch seinen Nachfolger Tiberius Gracchus (575, 576 179,
+178), welcher mehr noch als durch die Waffen, mit denen er dreihundert
+spanische Ortschaften sich unterwarf, durch sein geschicktes Eingehen
+auf die Weise der schlichten und stolzen Nation dauernde Erfolge
+erreichte. Indem er angesehene Keltiberer bestimmte, im roemischen Heer
+Dienste zu nehmen, schuf er sich eine Klientel; indem er den
+schweifenden Leuten Land anwies und sie in Staedten zusammenzog - die
+spanische Stadt Graccurris bewahrte des Roemers Namen -, ward dem
+Freibeuterwesen ernstlich gesteuert; indem er die Verhaeltnisse der
+einzelnen Voelkerschaften zu den Roemern durch gerechte und weise
+Vertraege regelte, verstopfte er soweit moeglich die Quelle kuenftiger
+Empoerungen. Sein Name blieb bei den Spaniern in gesegnetem Andenken,
+und es trat in dem Lande seitdem, wenn auch die Keltiberer noch manches
+Mal unter dem Joch zuckten, doch vergleichungsweise Ruhe ein.
+
+————————————————————-
+
+^2 Von diesem Statthalter ist kuerzlich das folgende Dekret auf einer
+in der Naehe von Gibraltar aufgefundenen, jetzt im Pariser Museum
+aufbewahrten Kupfertafel zum Vorschein gekommen: “L. Aimilius, des
+Lucius Sohn, Imperator, hat verfuegt, dass die in dem Turm von Laskuta
+[durch Muenzen und Plin. 3, 1, 15 bekannt, aber ungewisser Lage]
+wohnhaften Sklaven der Hastenser [Hasta regia, unweit Jerez de la
+Frontera] frei sein sollen. Den Boden und die Ortschaft, die sie zur
+Zeit besitzen, sollen sie auch ferner besitzen und haben, so lange es
+dem Volk und dem Rat der Roemer belieben wird. Verhandelt im Lager am
+12. Januar [564 oder 565 der Stadt]. “ (L. Aimilius L. f. inpeirator
+decreivit, utei quei Hastensium seruei in turri Lascutana habitarent,
+leiberei essent. Agrum oppidumqu[eJ, quod ea tempestate posedisent,
+item possidere habereque iousit, dum poplus senatusque Romanus vellet.
+Act. in castreis a. d. XII k. Febr.) Es ist dies die aelteste roemische
+Urkunde, die wir im Original besitzen, drei Jahre frueher abgefasst als
+der bekannte Erlass der Konsuln des Jahres 568 (186) in der
+Bacchanalienangelegenheit.
+
+———————————————————-
+
+Das Verwaltungssystem der beiden spanischen Provinzen war dem
+sizilisch-sardinischen aehnlich, aber nicht gleich. Die Oberverwaltung
+ward wie hier so dort in die Haende zweier Nebenkonsuln gelegt, die
+zuerst im Jahr 557 (197) ernannt wurden, in welches Jahr auch die
+Grenzregulierung und die definitive Organisierung der neuen Provinzen
+faellt. Die verstaendige Anordnung des Baebischen Gesetzes (573 181),
+dass die spanischen Praetoren immer auf zwei Jahre ernannt werden
+sollten, kam infolge des steigenden Zudrangs zu den hoechsten
+Beamtenstellen und mehr noch infolge der eifersuechtigen Ueberwachung
+der Beamtengewalt durch den Senat nicht ernstlich zur Ausfuehrung, und
+es blieb, soweit nicht in ausserordentlichem Wege Abweichungen
+eintraten, auch hier bei dem fuer diese entfernten und schwer
+kennenzulernenden Provinzen besonders unvernuenftigen jaehrlichen
+Wechsel der roemischen Statthalter. Die abhaengigen Gemeinden wurden
+durchgaengig zinspflichtig; allein statt der sizilischen und
+sardinischen Zehnten und Zoelle wurden in Spanien vielmehr von den
+Roemern, eben wie frueher hier von den Karthagern, den einzelnen
+Staedten und Staemmen feste Abgaben an Geld oder sonstigen Leistungen
+auferlegt, welche auf militaerischere Wege beizutreiben der Senat
+infolge der Beschwerdefuehrung der spanischen Gemeinden im Jahr 583
+(171) untersagte. Getreidelieferungen wurden hier nicht anders als
+gegen Entschaedigung geleistet, und auch hierbei durfte der Statthalter
+nicht mehr als das zwanzigste Korn erheben und ueberdies gemaess der
+eben erwaehnten Vorschrift der Oberbehoerde den Taxpreis nicht
+einseitig feststellen. Dagegen hatte die Verpflichtung der spanischen
+Untertanen, zu den roemischen Heeren Zuzug zu leisten, hier eine ganz
+andere Wichtigkeit als wenigstens in dem friedlichen Sizilien, und es
+ward dieselbe auch in den einzelnen Vertraegen genau geordnet. Auch das
+Recht der Praegung von Silbermuenzen roemischer Waehrung scheint den
+spanischen Staedten sehr haeufig zugestanden und das Muenzmonopol hier
+keineswegs so wie in Sizilien von der roemischen Regierung in Anspruch
+genommen worden zu sein. Ueberall bedurfte man in Spanien zu sehr der
+Untertanen, um hier nicht die Provinzialverfassung in moeglichst
+schonender Weise einzufuehren und zu handhaben. Zu den besonders von
+Rom beguenstigten Gemeinden zaehlten namentlich die grossen
+Kuestenplaetze griechischer, phoenikischer oder roemischer Gruendung,
+wie Saguntum, Gades, Tarraco, die als die natuerlichen Pfeiler der
+roemischen Herrschaft auf der Halbinsel zum Buendnis mit Rom zugelassen
+wurden. Im ganzen war Spanien fuer die roemische Gemeinde militaerisch
+sowohl wie finanziell mehr eine Last als ein Gewinn; und die Frage
+liegt nahe, weshalb die roemische Regierung, in deren damaliger Politik
+der ueberseeische Laendererwerb offenbar noch nicht lag, sich dieser
+beschwerlichen Besitzungen nicht entledigt hat. Die nicht unbedeutenden
+Handelsverbindungen, die wichtigen Eisen- und die noch wichtigeren,
+selbst im fernen Orient seit alter Zeit beruehmten Silbergruben ^3,
+welche Rom wie Karthago fuer sich nahm und deren Bewirtschaftung
+namentlich Marcus Cato regulierte (559 195), werden dabei ohne Zweifel
+mitbestimmend gewesen sein; allein die Hauptursache, weshalb man die
+Halbinsel in unmittelbarem Besitz behielt, war die, dass es dort an
+Staaten mangelte, wie im Keltenland die massaliotische Republik, in
+Libyen das numidische Koenigreich waren, und dass man Spanien nicht
+loslassen konnte, ohne die Erneuerung des spanischen Koenigreichs der
+Barleiden jedem unternehmenden Kriegsmann freizugeben.
+
+————————————————————————-
+
+^3 1. Makk. 8, 3: “Und Judas hoerte, was die Roemer getan hatten im
+Lande Hispanien, um Herren zu werden der Silber- und Goldgruben
+daselbst.”
+
+
+
+
+KAPITEL VIII.
+Die östlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg
+
+
+Das Werk, welches Koenig Alexander von Makedonien begonnen hatte, ein
+Jahrhundert zuvor, ehe die Roemer in dem Gebiet, das er sein genannt,
+den ersten Fussbreit Landes gewonnen, dies Werk hatte im Verlauf der
+Zeit, bei wesentlicher Festhaltung des grossen Grundgedankens, den
+Orient zu hellenisieren, sich veraendert und erweitert zu dem Aufbau
+eines hellenisch-asiatischen Staatensystems. Die unbezwingliche Wander-
+und Siedellust der griechischen Nation, die einst ihre Handelsleute
+nach Massalia und Kyrene, an den Nil und in das Schwarze Meer gefuehrt
+hatte, hielt jetzt fest, was der Koenig gewonnen hatte, und ueberall in
+dem alten Reich der Achaemeniden liess unter dem Schutz der Sarissen
+griechische Zivilisation sich friedlich nieder. Die Offiziere, die den
+grossen Feldherrn beerbten, vertrugen allmaehlich sich untereinander
+und es stellte ein Gleichgewichtssystem sich her, dessen Schwankungen
+selbst eine gewisse Regelmaessigkeit zeigen. Von den drei Staaten
+ersten Ranges, die demselben angehoeren, Makedonien, Asien und
+Aegypten, war Makedonien unter Philippos dem Fuenften, der seit 534
+(220) dort den Koenigsthron einnahm, im ganzen, aeusserlich wenigstens,
+was es gewesen war unter dem zweiten Philippos, dem Vater Alexanders:
+ein gut arrondierter Militaerstaat mit wohlgeordneten Finanzen. An der
+Nordgrenze hatten die ehemaligen Verhaeltnisse sich wiederhergestellt,
+nachdem die Fluten der gallischen Ueberschwemmung verlaufen waren; die
+Grenzwache hielt die illyrischen Barbaren wenigstens in gewoehnlichen
+Zeiten ohne Muehe im Zaum. Im Sueden war Griechenland nicht bloss
+ueberhaupt von Makedonien abhaengig, sondern ein grosser Teil
+desselben: ganz Thessalien im weitesten Sinn von Olympos bis zum
+Spercheios und der Halbinsel Magnesia, die grosse und wichtige Insel
+Euboea, die Landschaften Lokris, Doris und Phokis, endlich in Attika
+und im Peloponnes eine Anzahl einzelner Plaetze, wie das Vorgebirge
+Sunion, Korinth, Orchomenos, Heraea, das triphylische Gebiet - alle
+diese Land- und Ortschaften waren Makedonien geradezu untertaenig und
+empfingen makedonische Besatzung, vor allen Dingen die drei wichtigen
+Festungen Demetrias in Magnesia, Chalkis auf Euboea und Korinth, “die
+drei Fesseln der Hellenen”. Die Macht des Staates aber lag vor allem in
+dem Stammland, in der makedonischen Landschaft. Zwar die Bevoelkerung
+dieses weiten Gebiets war auffallend duenn; mit Anstrengung aller
+Kraefte vermochte Makedonien kaum soviel Mannschaft aufzubringen als
+ein gewoehnliches konsularisches Heer von zwei Legionen zaehlte, und es
+ist unverkennbar, dass in dieser Hinsicht sich das Land noch nicht von
+der durch die Zuege Alexanders und den gallischen Einfall
+hervorgebrachten Entvoelkerung erholt hatte. Aber waehrend im
+eigentlichen Griechenland die sittliche und staatliche Kraft der Nation
+zerruettet war und dort, da es mit dem Volke doch vorbei und das Leben
+kaum mehr der Muehe wert schien, selbst von den Besseren der eine ueber
+dem Becher, der andere mit dem Rapier, der dritte bei der Studierlampe
+den Tag verdarb, waehrend im Orient und in Alexandreia die Griechen
+unter die dichte einheimische Bevoelkerung wohl befruchtende Elemente
+aussaeen und ihre Sprache wie ihre Maulfertigkeit, ihre Wissenschaft
+und Afterwissenschaft dort ausbreiten konnten, aber ihre Zahl kaum
+genuegte, um den Nationen die Offiziere, die Staatsmaenner und die
+Schulmeister zu liefern, und viel zu gering war, um einen Mittelstand
+rein griechischen Schlages auch nur in den Staedten zu bilden, bestand
+dagegen im noerdlichen Griechenland noch ein guter Teil der alten
+kernigen Nationalitaet, aus der die Marathonkaempfer hervorgegangen
+waren. Daher ruehrt die Zuversicht, mit der die Makedonier, die
+Aetoler, die Akarnanen, ueberall wo sie im Osten auftreten, als ein
+besserer Schlag sich geben und genommen werden, und die ueberlegene
+Rolle, welche sie deswegen an den Hoefen von Alexandreia und Antiocheia
+spielen. Die Erzaehlung ist bezeichnend von dem Alexandriner, der
+laengere Zeit in Makedonien gelebt und dort Landessitte und
+Landestracht angenommen hat, und nun, da er in seine Vaterstadt
+heimkehrt, sich selber einen Mann und die Alexandriner gleich Sklaven
+achtet. Diese derbe Tuechtigkeit und der ungeschwaechte Nationalsinn
+kamen vor allem dem makedonischen als dem maechtigsten und geordnetsten
+der nordgriechischen Staaten zugute. Wohl ist auch hier der
+Absolutismus emporgekommen gegen die alte gewissermassen staendische
+Verfassung; allein Herr und Untertanen stehen doch in Makedonien
+keineswegs zueinander wie in Asien und Aegypten, und das Volk fuehlt
+sich noch selbstaendig und frei. In festem Mut gegen den Landesfeind,
+wie er auch heisse, in unerschuetterlicher Treue gegen die Heimat und
+die angestammte Regierung, in mutigem Ausharren unter den schwersten
+Bedraengnissen steht unter allen Voelkern der alten Geschichte keines
+dem roemischen so nah wie das makedonische, und die an das Wunderbare
+grenzende Regeneration des Staates nach der gallischen Invasion
+gereicht den leitenden Maennern wie dem Volke, das sie leiteten, zu
+unvergaenglicher Ehre.
+
+Der zweite von den Grossstaaten, Asien, war nichts als das
+oberflaechlich umgestaltete und hellenisierte Persien, das Reich des
+“Koenigs der Koenige”, wie sein Herr sich, bezeichnend fuer seine
+Anmassung wie fuer seine Schwaeche, zu nennen pflegte, mit denselben
+Anspruechen von Hellespont bis zum Pandschab zu gebieten und mit
+derselben kernlosen Organisation, ein Buendel von mehr oder minder
+abhaengigen Dependenzstaaten, unbotmaessigen Satrapien und halbfreien
+griechischen Staedten. Von Kleinasien namentlich, das nominell zum
+Reich der Seleukiden gezaehlt ward, war tatsaechlich die ganze
+Nordkueste und der groessere Teil des oestlichen Binnenlandes in den
+Haenden einheimischer Dynastien oder der aus Europa eingedrungenen
+Keltenhaufen, von dem Westen ein guter Teil im Besitz der Koenige von
+Pergamon, und die Inseln und Kuestenstaedte teils aegyptisch, teils
+frei, so dass dem Grosskoenig hier wenig mehr blieb als das innere
+Kilikien, Phrygien und Lydien und eine grosse Anzahl nicht wohl zu
+realisierender Rechtstitel gegen freie Staedte und Fuersten - ganz und
+gar wie seiner Zeit die Herrschaft des deutschen Kaisers ausser seinem
+Hausgebiet bestellt war. Das Reich verzehrte sich in den vergeblichen
+Versuchen, die Aegypter aus den Kuestenlandschaften zu verdraengen, in
+dem Grenzhader mit den oestlichen Voelkern, den Parthern und Baktriern,
+in den Fehden mit den zum Unheil Kleinasiens daselbst ansaessig
+gewordenen Kelten, in den bestaendigen Bestrebungen, den
+Emanzipationsversuchen der oestlichen Satrapen und der kleinasiatischen
+Griechen zu steuern, und in den Familienzwisten und
+Praetendentenaufstaenden, an denen es zwar in keinem der
+Diadochenstaaten fehlt, wie ueberhaupt an keinem der Greuel, welche die
+absolute Monarchie in entarteter Zeit in ihrem Gefolge fuehrt, allein
+die in dem Staate Asien deshalb verderblicher waren als anderswo, weil
+sie hier bei der losen Zusammenfuegung des Reiches zu der Abtrennung
+einzelner Landesteile auf kuerzere oder laengere Zeit zu fuehren
+pflegten.
+
+Im entschiedensten Gegensatz gegen Asien war Aegypten ein
+festgeschlossener Einheitsstaat, in dem die intelligente Staatskunst
+der ersten Lagiden unter geschickter Benutzung des alten nationalen und
+religioesen Herkommens eine vollkommen absolute Kabinettsherrschaft
+begruendet hatte und wo selbst das schlimmste Missregiment weder
+Emanzipations- noch Zerspaltungsversuche herbeizufuehren vermochte.
+Sehr verschieden von dem nationalen Royalismus der Makedonier, der auf
+ihrem Selbstgefuehl ruhte und dessen politischer Ausdruck war, war in
+Aegypten das Land vollstaendig passiv, die Hauptstadt dagegen alles und
+diese Hauptstadt Dependenz des Hofes; weshalb hier mehr noch als in
+Makedonien und Asien die Schlaffheit und Traegheit der Herrscher den
+Staat laehmte, waehrend umgekehrt in den Haenden von Maennern, wie der
+erste Ptolemaeos und Ptolemaeos Euergetes, diese Staatsmaschine sich
+aeusserst brauchbar erwies. Zu den eigentuemlichen Vorzuegen Aegyptens
+vor den beiden grossen Rivalen gehoert es, dass die aegyptische Politik
+nicht nach Schatten griff, sondern klare und erreichbare Zwecke
+verfolgte. Makedonien, die Heimat Alexanders; Asien, das Land, in dem
+Alexander seinen Thron gegruendet hatte, hoerten nicht auf, sich als
+unmittelbare Fortsetzungen der alexandrischen Monarchie zu betrachten
+und lauter oder leiser den Anspruch zu erheben, dieselbe wenn nicht
+her-, so doch wenigstens darzustellen. Die Lagiden haben nie eine
+Weltmonarchie zu gruenden versucht und nie von Indiens Eroberung
+getraeumt; dafuer aber zogen sie den ganzen Verkehr zwischen Indien und
+dem Mittelmeer von den phoenikischen Haefen nach Alexandreia und
+machten Aegypten zu dem ersten Handels- und Seestaat dieser Epoche und
+zum Herrn des oestlichen Mittelmeeres und seiner Kuesten und Inseln. Es
+ist bezeichnend, dass Ptolemaeos III. Euergetes alle seine Eroberungen
+freiwillig an Seleukos Kallinikos zurueckgab bis auf die Hafenstadt von
+Antiocheia. Teils hierdurch, teils durch die guenstige geographische
+Lage kam Aegypten den beiden Kontinentalmaechten gegenueber in eine
+vortreffliche militaerische Stellung zur Verteidigung wie zum Angriff.
+Waehrend der Gegner selbst nach gluecklichen Erfolgen kaum imstande
+war, das ringsum fuer Landheere fast unzugaengliche Aegypten ernstlich
+zu bedrohen, konnten die Aegypter von der See aus nicht bloss in Kyrene
+sich festsetzen, sondern auch auf Kypros und den Kykladen, auf der
+phoenikisch-syrischen und auf der ganzen Sued- und Westkueste von
+Kleinasien, ja sogar in Europa auf dem thrakischen Chersonesos. Durch
+die beispiellose Ausbeutung des fruchtbaren Niltals zum unmittelbaren
+Besten der Staatskasse und durch eine die materiellen Interessen
+ernstlich und geschickt foerdernde und ebenso ruecksichtslose wie
+einsichtige Finanzwirtschaft war der alexandrinische Hof seinen Gegner
+auch als Geldmacht bestaendig ueberlegen. Endlich die intelligente
+Munifizenz, mit der die Lagiden der Tendenz des Zeitalters nach ernster
+Forschung in allen Gebieten des Koennens und Wissens entgegenkamen und
+diese Forschungen in die Schranken der absoluten Monarchie einzuhegen
+und in die Interessen derselben zu verflechten verstanden, nuetzte
+nicht bloss unmittelbar dem Staat, dessen Schiff- und Maschinenbau den
+Einfluss der alexandrinischen Mathematik zu ihrem Frommen verspuerten,
+sondern machte auch diese neue geistige Macht, die bedeutendste und
+grossartigste, welche das hellenische Volk nach seiner politischen
+Zersplitterung in sich hegte, soweit sie sich ueberhaupt zur
+Dienstbarkeit bequemen wollte, zur Dienerin des alexandrinischen Hofes.
+Waere Alexanders Reich stehengeblieben, so haette die griechische Kunst
+und Wissenschaft einen Staat gefunden, wuerdig und faehig, sie zu
+fassen; jetzt wo die Nation in Truemmer gefallen war, wucherte in ihr
+der gelehrte Kosmopolitismus, und sehr bald ward dessen Magnet
+Alexandreia, wo die wissenschaftlichen Mittel und Sammlungen
+unerschoepflich waren, die Koenige Tragoedien und die Minister
+Kommentare dazu schrieben und die Pensionen und Akademien florierten.
+
+Das Verhaeltnis der drei Grossstaaten zueinander ergibt sich aus dem
+Gesagten. Die Seemacht, welche die Kuesten beherrschte und das Meer
+monopolisierte, musste nach dem ersten grossen Erfolg, der politischen
+Trennung des europaeischen Kontinents von dem asiatischen, weiter
+hinarbeiten auf die Schwaechung der beiden Grossstaaten des Festlandes
+und also auf die Beschuetzung der saemtlichen kleineren Staaten,
+waehrend umgekehrt Makedonien und Asien zwar auch untereinander
+rivalisierten, aber doch vor allen Dingen in Aegypten ihren
+gemeinschaftlichen Gegner fanden und ihm gegenueber zusammenhielten
+oder doch haetten zusammenhalten sollen.
+
+Unter den Staaten zweiten Ranges ist fuer die Beruehrungen des Ostens
+mit dem Westen zunaechst nur mittelbar von Bedeutung die Staatenreihe,
+welche vom suedlichen Ende des Kaspischen Meeres zum Hellespont sich
+hinziehend das Innere und die Nordkueste Kleinasiens ausfuellt:
+Atropatene (im heutigen Aserbeidschan suedwestlich vom Kaspischen
+Meer), daneben Armenien, Kappadokien im kleinasiatischen Binnenland,
+Pontos am suedoestlichen, Bithynien am suedwestlichen Ufer des
+Schwarzen Meeres - sie alle Splitter des grossen Perserreiches und
+beherrscht von morgenlaendischen, meistens altpersischen Dynastien, die
+entlegene Berglandschaft Atropatene namentlich die rechte
+Zufluchtsstaette des alten Persertums, an der selbst Alexanders Zug
+spurlos voruebergebraust war, und alle auch in derselben zeitweiligen
+und oberflaechlichen Abhaengigkeit von der griechischen Dynastie, die
+in Asien an die Stelle der Grosskoenige getreten war oder sein wollte.
+
+Von groesserer Wichtigkeit fuer die allgemeinen Verhaeltnisse ist der
+Keltenstaat in dem kleinasiatischen Binnenland. Hier mitten inne
+zwischen Bithynien, Paphlagonien, Kappadokien und Phrygien hatten drei
+keltische Voelkerschaften, die Tolistoager, Tectosagen und Trocmer sich
+ansaessig gemacht, ohne darum weder von der heimischen Sprache und
+Sitte noch von ihrer Verfassung und ihrem Freibeuterhandwerk zu lassen.
+Die zwoelf Vierfuersten, jeder einem der vier Kantone eines der drei
+Staemme vorgesetzt, bildeten mit ihrem Rate von dreihundert Maennern
+die hoechste Autoritaet der Nation und traten auf der “heiligen
+Staette” (Drunemetum) namentlich zur Faellung von Bluturteilen
+zusammen. Seltsam wie diese keltische Gauverfassung den Asiaten
+erschien, ebenso fremdartig duenkte ihnen der Wagemut und die
+Landsknechtsitte der nordischen Eindringlinge, welche teils ihren
+unkriegerischen Nachbarn die Soeldner zu jedem Krieg lieferten, teils
+die umliegenden Landschaften auf eigene Faust pluenderten oder
+brandschatzten. Diese rohen aber kraeftigen Barbaren waren der
+allgemeine Schreck der verweichlichten umwohnenden Nationen, ja der
+asiatischen Grosskoenige selbst, welche, nachdem manches asiatische
+Heer von den Kelten war aufgerieben worden, und Koenig Antiochos I.
+Soter sogar im Kampf gegen sie sein Leben verloren hatte (493 261)
+zuletzt selber zur Zinszahlung sich verstanden.
+
+Dem kuehnen und gluecklichen Auftreten gegen diese gallischen Horden
+verdankte es ein reicher Buerger von Pergamon, Attalos, dass er von
+seiner Vaterstadt den Koenigstitel empfing und ihn auf seine Nachkommen
+vererbte. Dieser neue Hof war im kleinen was der alexandrinische im
+grossen; auch hier war die Foerderung der materiellen Interessen, die
+Pflege von Kunst und Literatur an der Tagesordnung und das Regiment
+eine umsichtige und nuechterne Kabinettspolitik, deren wesentlicher
+Zweck war, teils die Macht der beiden gefaehrlichen festlaendischen
+Nachbarn zu schwaechen, teils einen selbstaendigen Griechenstaat im
+westlichen Kleinasien zu begruenden. Der wohlgefuellte Schatz trug viel
+zu der Bedeutung dieser pergamenischen Herren bei; sie schossen den
+syrischen Koenigen bedeutende Summen vor, deren Rueckzahlung spaeter
+unter den roemischen Friedensbedingungen eine Rolle spielte, und selbst
+Gebietserwerbungen gelangen auf diesem Wege, wie zum Beispiel Aegina,
+das die verbuendeten Roemer und Aetoler im letzten Krieg den
+Bundesgenossen Philipps, den Achaeern, entrissen hatten, von den
+Aetolern, denen es vertragsmaessig zufiel, um 30 Talente (51000 Taler)
+an Attalos verkauft ward. Indes trotz des Hofglanzes und des
+Koenigstitels behielt das pergamenische Gemeinwesen immer etwas vom
+staedtischen Charakter, wie es denn auch in seiner Politik gewoehnlich
+mit den Freistaedten zusammenging. Attalos selbst, der Lorenzo de’
+Medici des Altertums, blieb sein lebelang ein reicher Buergersmann, und
+das Familienleben der Attaliden, aus deren Hause ungeachtet des
+Koenigstitels die Eintracht und Innigkeit nicht gewichen war, stach
+sehr ab gegen die wueste Schandwirtschaft der adligeren Dynastien.
+
+In dem europaeischen Griechenland waren ausser den roemischen
+Besitzungen an der Ostkueste, von denen in den wichtigsten, namentlich
+in Kerkyra roemische Beamte residiert zu haben scheinen, und dem
+unmittelbar makedonischen Gebiet noch mehr oder minder imstande, eine
+eigene Politik zu verfolgen, die Epeiroten, Akarnanen und Aetoler im
+noerdlichen, die Boeoter und Athener im mittleren Griechenland und die
+Achaeer, Lakedaemonier, Messenier und Eleer im Peloponnes. Unter diesen
+waren die Republiken der Epeiroten, Akarnanen und Boeoter in vielfacher
+Weise eng an Makedonien geknuepft, namentlich die Akarnanen, weil sie
+der von den Aetolern drohenden Unterdrueckung einzig durch
+makedonischen Schutz zu entgehen vermochten; von Bedeutung war keine
+von ihnen. Die inneren Zustaende waren sehr verschieden; wie es zum
+Teil aussah, dafuer mag als Beispiel dienen, dass bei den Boeotern, wo
+es freilich am aergsten zuging, es Sitte geworden war, jedes Vermoegen,
+das nicht in gerader Linie vererbte, an die Kneipgesellschaften zu
+vermachen, und es fuer die Bewerber um die Staatsaemter manches
+Jahrzehnt die erste Wahlbedingung war, dass sie sich verpflichteten,
+keinem Glaeubiger, am wenigsten einem Auslaender, die Ausklagung seiner
+Schuldner zu gestatten.
+
+Die Athener pflegten von Alexandreia aus gegen Makedonien unterstuetzt
+zu werden und standen im engen Bunde mit den Aetolern; auch sie indes
+waren voellig machtlos, und fast nur der Nimbus attischer Kunst und
+Poesie hob diese unwuerdigen Nachfolger einer herrlichen Vorzeit unter
+einer Reihe von Kleinstaedten gleichen Schlages hervor.
+
+Nachhaltiger war die Macht der aetolischen Eidgenossenschaft; das
+kraeftige Nordgriechentum war hier noch ungebrochen, aber freilich
+ausgeartet in wueste Zucht- und Regimentlosigkeit - es war
+Staatsgesetz, dass der aetolische Mann gegen jeden, selbst gegen den
+mit den Aetolern verbuendeten Staat als Reislaeufer dienen koenne, und
+auf die dringenden Bitten der uebrigen Griechen, dies Unwesen
+abzustellen, erklaerte die aetolische Tagsatzung, eher koenne man
+Aetolien aus Aetolien wegschaffen als diesen Grundsatz aus ihrem
+Landrecht. Die Aetoler haetten dem griechischen Volke von grossem
+Nutzen sein koennen, wenn sie ihm nicht durch diese organisierte
+Raeuberwirtschaft, durch ihre gruendliche Verfeindung mit der
+achaeischen Eidgenossenschaft und durch die unselige Opposition gegen
+den makedonischen Grossstaat noch viel mehr geschadet haetten.
+
+Im Peloponnes hatte der Achaeische Bund die besten Elemente des
+eigentlichen Griechenlands zusammengefasst zu einer auf Gesittung,
+Nationalsinn und friedliche Schlagfertigkeit gegruendeten
+Eidgenossenschaft. Indes die Bluete und namentlich die Wehrhaftigkeit
+derselben war trotz der aeusserlichen Erweiterung geknickt worden durch
+Aratos’ diplomatischen Egoismus, welcher den Achaeischen Bund durch die
+leidigen Verwicklungen mit Sparta und die noch leidigere Anrufung
+makedonischer Intervention im Peloponnes der makedonischen Suprematie
+so vollstaendig unterworfen hatte, dass die Hauptfestungen der
+Landschaft seitdem makedonische Besatzungen empfingen und dort
+jaehrlich Philippos der Eid der Treue geschworen wurde. Die
+schwaecheren Staaten im Peloponnes, Elis, Messene und Sparta, wurden
+durch ihre alte, namentlich durch Grenzstreitigkeiten genaehrte
+Verfeindung mit der achaeischen Eidgenossenschaft in ihrer Politik
+bestimmt und waren aetolisch und antimakedonisch gesinnt, weil die
+Achaeer es mit Philippos hielten. Einige Bedeutung unter diesen Staaten
+hatte einzig das spartanische Soldatenkoenigtum, das nach dem Tode des
+Machanidas an einen gewissen Nabis gekommen war; er stuetzte sich immer
+dreister auf die Vagabunden und fahrenden Soeldner, denen er nicht
+bloss die Haeuser und Aecker, sondern auch die Frauen und Kinder der
+Buerger ueberwies, und unterhielt emsig Verbindungen, ja schloss
+geradezu eine Assoziation zum Seeraub auf gemeinschaftliche Rechnung
+mit der grossen Soeldner- und Piratenherberge, der Insel Kreta, wo er
+auch einige Ortschaften besass. Seine Raubzuege zu Lande wie seine
+Piratenschiffe am Vorgebirge Malea waren weit und breit gefuerchtet, er
+selbst als niedrig und grausam verhasst; aber seine Herrschaft breitete
+sich aus, und um die Zeit der Schlacht bei Zama war es ihm sogar
+gelungen, sich in den Besitz von Messene zu setzen.
+
+Endlich die unabhaengigste Stellung unter den Mittelstaaten hatten die
+freien griechischen Kaufstaedte an dem europaeischen Ufer der Propontis
+sowie auf der ganzen kleinasiatischen Kueste und auf den Inseln des
+Aegaeischen Meeres; sie sind zugleich die lichteste Seite in dieser
+trueben Mannigfaltigkeit des hellenischen Staatensystems, namentlich
+drei unter ihnen, die seit Alexanders Tode wieder volle Freiheit
+genossen und durch ihren taetigen Seehandel auch zu einer achtbaren
+politischen Macht und selbst zu bedeutendem Landgebiet gelangt waren:
+Byzantion, die Herrin des Bosporos, reich und maechtig durch die
+Sundzoelle und den wichtigen Kornhandel nach dem Schwarzen Meer;
+Kyzikos an der asiatischen Propontis, die Tochterstadt und die Erbin
+Milets, in engsten Beziehungen zu dem Hofe von Pergamon, und endlich
+und vor allen Rhodos. Die Rhodier, die gleich nach Alexanders Tode die
+makedonische Besatzung vertrieben hatten, waren durch ihre glueckliche
+Lage fuer Handel und Schiffahrt Vermittler des Verkehrs in dem ganzen
+oestlichen Mittelmeer geworden und die tuechtige Flotte wie der in der
+beruehmten Belagerung von 450 (304) bewaehrte Mut der Buerger setzten
+sie in den Stand, in jener Zeit ewiger Fehden aller gegen alle
+vorsichtig und energisch eine neutrale Handelspolitik zu vertreten und
+wenn es galt zu verfechten; wie sie denn zum Beispiel die Byzantier mit
+den Waffen zwangen, den rhodischen Schiffen Zollfreiheit im Bosporos zu
+gestatten, und ebensowenig den pergamenischen Dynasten das Schwarze
+Meer zu sperren erlaubten. Vom Landkrieg hielten sie sich dagegen
+womoeglich fern, obwohl sie an der gegenueberliegenden karischen Kueste
+nicht unbetraechtliche Besitzungen erworben hatten, und fuehrten ihn,
+wenn es nicht anders sein konnte, mit Soeldnern. Nach allen Seiten hin,
+mit Syrakus, Makedonien und Syrien, vor allem aber mit Aegypten standen
+sie in freundschaftlichen Beziehungen und genossen hoher Achtung bei
+den Hoefen, so dass nicht selten in den Kriegen der Grossstaaten ihre
+Vermittlung angerufen ward. Ganz besonders aber nahmen sie sich der
+griechischen Seestaedte an, deren es an den Gestaden des Pontischen,
+Bithynischen und Pergamenischen Reiches wie auf den von Aegypten den
+Seleukiden entrissenen kleinasiatischen Kuesten und Inseln unzaehlige
+gab, wie zum Beispiel Sinope, Herakleia Pontike, Kios, Lampsakos,
+Abydos, Mytilene, Chios, Smyrna, Samos, Halikarnassos und andere mehr.
+Alle diese waren im wesentlichen frei und hatten mit ihren Grundherren
+nichts zu schaffen, als die Bestaetigung ihrer Privilegien von ihnen zu
+erbitten und hoechstens ihnen einen maessigen Zins zu entrichten; gegen
+etwaige Uebergriffe der Dynasten wusste man bald schmiegsam, bald
+energisch sich zu wehren. Hauptsaechlich hilfreich hierbei waren die
+Rhodier, welche zum Beispiel Sinope gegen Mithradates von Pontos
+nachdruecklich unterstuetzten. Wie fest sich unter dem Hader und eben
+durch die Zwiste der Monarchen die Freiheiten dieser kleinasiatischen
+Staedte gegruendet hatten, beweist zum Beispiel, dass einige Jahre
+nachher zwischen Antiochos und den Roemern nicht ueber die Freiheit der
+Staedte selbst gestritten ward, sondern darueber, ob sie die
+Bestaetigung ihrer Freibriefe vom Koenig nachzusuchen haetten oder
+nicht. Dieser Staedtebund war wie in allem so auch in dieser
+eigentuemlichen Stellung zu den Landesherren eine foermliche Hansa,
+sein Haupt Rhodos, das in Vertraegen fuer sich und seine Bundesgenossen
+verhandelte und stipulierte. Hier ward die staedtische Freiheit gegen
+die monarchischen Interessen vertreten, und waehrend um die Mauern
+herum die Kriege tobten, blieb hier in verhaeltnismaessiger Ruhe
+Buergersinn und buergerlicher Wohlstand heimisch, und es gediehen hier
+Kunst und Wissenschaft, ohne durch wueste Soldatenwirtschaft zertreten
+oder von der Hofluft korrumpiert zu werden.
+
+Also standen die Dinge im Osten, als die politische Scheidewand
+zwischen dem Orient und dem Okzident fiel und die oestlichen Maechte,
+zunaechst Philippos von Makedonien, veranlasst wurden, in die
+Verhaeltnisse des Westens einzugreifen. Wie es geschah und wie der
+Erste Makedonische Krieg (540-549 214-205) verlief, ist zum Teil schon
+erzaehlt und angedeutet worden, was Philippos im Hannibalischen Kriege
+haette tun koennen und wie wenig von dem geschah, was Hannibal hatte
+erwarten und berechnen duerfen. Es hatte wieder einmal sich gezeigt,
+dass unter allen Wuerfelspielen keines verderblicher ist als die
+absolute Erbmonarchie. Philippos war nicht der Mann, dessen Makedonien
+damals bedurfte; indes eine unbedeutende Natur war er nicht. Er war ein
+rechter Koenig, in dem besten und dem schlimmsten Sinne des Wortes. Das
+lebhafte Gefuehl, selbst und allein zu herrschen, war der Grundzug
+seines Wesens; er war stolz auf seinen Purpur, aber nicht bloss auf
+ihn, und er durfte stolz sein. Er bewies nicht allein die Tapferkeit
+des Soldaten und den Blick des Feldherrn, sondern auch einen hohen Sinn
+in der Leitung der oeffentlichen Angelegenheiten, wo immer sein
+makedonisches Ehrgefuehl verletzt ward. Voll Verstand und Witz gewann
+er, wen er gewinnen wollte, vor allem eben die faehigsten und
+gebildetsten Maenner, so zum Beispiel Flamininus und Scipio; er war ein
+guter Gesell beim Becher und den Frauen nicht bloss durch seinen Rang
+gefaehrlich. Allein er war zugleich eine der uebermuetigsten und
+frevelhaftesten Naturen, die jenes freche Zeitalter erzeugt hat. Er
+pflegte zu sagen, dass er niemand fuerchte als die Goetter; aber es
+schien fast, als seien diese Goetter dieselben, denen sein
+Flottenfuehrer Dikaearchos regelmaessige Opfer darbrachte, die
+Gottlosigkeit (Asebeia) und der Frevel (Paranomia). Weder das Leben
+seiner Ratgeber und der Beguenstiger seiner Plaene war ihm heilig, noch
+verschmaehte er es, seine Erbitterung gegen die Athener und Attalos
+durch Zerstoerung ehrwuerdiger Denkmaeler und namhafter Kunstwerke zu
+befriedigen; es wird als Staatsmaxime von ihm angefuehrt, dass, wer den
+Vater ermorden lasse, auch die Soehne toeten muesse. Es mag sein, dass
+ihm nicht eigentlich die Grausamkeit eine Wollust war; allein fremdes
+Leben und Leiden war ihm gleichgueltig, und die Inkonsequenz, die den
+Menschen allein ertraeglich macht, fand nicht Raum in seinem starren
+und harten Herzen. Er hat den Satz, dass fuer den absoluten Koenig kein
+Versprechen und kein Moralgebot bindend sei, so schroff und grell zur
+Schau getragen, dass er eben dadurch seinen Plaenen die wesentlichsten
+Hindernisse in den Weg legte. Einsicht und Entschlossenheit kann
+niemand ihm absprechen; aber es ist damit in seltsamer Weise Zauderei
+und Fahrigkeit vereinigt; was vielleicht zum Teil dadurch sich
+erklaert, dass er schon im achtzehnten Jahr zum absoluten Herrscher
+berufen ward und dass sein unbaendiges Wueten gegen jeden, der durch
+Widerreden und Widerraten ihn in seinem Selbstregieren stoerte, alle
+selbstaendigen Ratgeber von ihm verscheuchte. Was alles in seiner Seele
+mitgewirkt haben mag, um die schwache und schmaehliche Fuehrung des
+Ersten Makedonischen Krieges hervorzurufen, laesst sich nicht sagen -
+vielleicht jene Laessigkeit der Hoffart, die erst gegen die
+nahegerueckte Gefahr ihre volle Kraft entwickelt, vielleicht selbst
+Gleichgueltigkeit gegen den nicht von ihm entworfenen Plan und
+Eifersucht auf Hannibals ihn beschaemende Groesse. Gewiss ist, dass
+sein spaeteres Benehmen nicht den Philippos wiedererkennen laesst, an
+dessen Saumseligkeit Hannibals Plan scheiterte.
+
+Philippos schloss den Vertrag mit den Aetolern und den Roemern 548/49
+(206/05) in der ernsten Absicht, mit Rom einen dauernden Frieden zu
+machen und sich kuenftig ausschliesslich den Angelegenheiten des Ostens
+zu widmen. Es leidet keinen Zweifel, dass er Karthagos rasche
+Ueberwaeltigung ungern sah; es kann auch sein, dass Hannibal auf eine
+zweite makedonische Kriegserklaerung hoffte und dass Philippos im
+stillen das letzte karthagische Heer mit Soeldnern verstaerkte. Allein
+sowohl die weitschichtigen Dinge, in die er mittlerweile im Osten sich
+einliess, als auch die Art der Unterstuetzung und besonders das
+voellige Stillschweigen der Roemer ueber diesen Friedensbruch, da sie
+doch nach Kriegsgruenden suchten, setzen es ausser Zweifel, dass
+Philippos keineswegs im Jahre 551 (203) nachholen wollte, was er zehn
+Jahre zuvor haette tun sollen.
+
+Er hatte sein Auge nach einer ganz anderen Seite gewendet. Ptolemaeos
+Philopator von Aegypten war 549 (205) gestorben. Gegen seinen
+Nachfolger Ptolemaeos Epiphanes, ein fuenfjaehriges Kind, hatten die
+Koenige von Makedonien und Asien Philippos und Antiochos sich
+vereinigt, um den alten Groll der Kontinentalmonarchien gegen den
+Seestaat gruendlich zu saettigen. Der aegyptische Staat sollte
+aufgeloest werden, Aegypten und Kypros an Antiochos, Kyrene, Ionien und
+die Kykladen an Philippos fallen. Recht in Philippos’ Art, der ueber
+solche Ruecksichten lachte, begannen die Koenige den Krieg, nicht bloss
+ohne Ursache, sondern selbst ohne Vorwand, “eben wie die grossen Fische
+die kleinen auffressen”. Die Verbuendeten hatten uebrigens richtig
+gerechnet, besonders Philippos. Aegypten hatte genug zu tun, sich des
+naeheren Feindes in Syrien zu erwehren, und musste die kleinasiatischen
+Besitzungen und die Kykladen unverteidigt preisgeben, als Philippos auf
+diese als auf seinen Anteil an der Beute sich warf. In dem Jahr, wo
+Karthago mit Rom den Frieden abschloss (553 201), liess derselbe eine
+von den ihm untertaenigen Staedten ausgeruestete Flotte Truppen an Bord
+nehmen und an der thrakischen Kueste hinauf segeln. Hier ward
+Lysimacheia der aetolischen Besatzung entrissen, und Perinthos, das zu
+Byzanz im Klientelverhaeltnis stand, gleichfalls besetzt. So war mit
+den Byzantiern der Friede gebrochen, mit den Aetolern, die soeben mit
+Philippos Frieden gemacht, wenigstens das gute Einvernehmen gestoert.
+Die Ueberfahrt nach Asien stiess auf keine Schwierigkeiten, da Koenig
+Prusias von Bithynien mit Makedonien im Bunde war; zur Vergeltung half
+Philippos ihm die griechischen Kaufstaedte in seinem Gebiet bezwingen.
+Kalchedon unterwarf sich. Kios, das widerstand, wurde erstuermt und dem
+Boden gleich, ja die Einwohner zu Sklaven gemacht - eine zwecklose
+Barbarei, ueber die Prusias selbst, der die Stadt unbeschaedigt zu
+besitzen wuenschte, verdriesslich war und die die ganze hellenische
+Welt aufs tiefste erbitterte. Besonders verletzt noch waren abermals
+die Aetoler, deren Strateg in Kios kommandiert hatte, und die Rhodier,
+deren Vermittlungsversuche von dem Koenig schnoede und arglistig
+vereitelt worden waren. Aber waere auch dies nicht gewesen, es standen
+die Interessen aller griechischen Kaufstaedte auf dem Spiel. Unmoeglich
+konnte man zugeben, dass die milde und fast nur nominelle aegyptische
+Herrschaft verdraengt ward durch das makedonische Zwingherrentum, mit
+dem die staedtische Selbstregierung und der freie Handelsverkehr sich
+nimmermehr vertrug; und die furchtbare Behandlung der Kianer zeigte,
+dass es hier sich nicht um das Bestaetigungsrecht der staedtischen
+Freibriefe handelte, sondern um Tod und Leben fuer einen und fuer alle.
+Schon war Lampsakos gefallen und Thasos behandelt worden wie Kios; man
+musste sich eilen. Der wackere Strateg von Rhodos, Theophiliskos,
+ermahnte seine Buerger der gemeinsamen Gefahr durch gemeinsame Abwehr
+zu begegnen und nicht geschehen zu lassen, dass die Staedte und Inseln
+einzeln dem Feinde zur Beute wuerden. Rhodos entschloss sich und
+erklaerte Philippos den Krieg. Byzanz schloss sich an; ebenso der
+hochbejahrte Koenig Attalos von Pergamon, Philippos’ persoenlicher und
+politischer Feind. Waehrend die Flotte der Verbuendeten sich an der
+aeolischen Kueste sammelte, liess Philippos durch einen Teil der
+seinigen Chios und Samos wegnehmen. Mit dem anderen erschien er selbst
+vor Pergamon, das er indes vergeblich berannte; er musste sich
+begnuegen, das platte Land zu durchstreifen und an den weit und breit
+zerstoerten Tempeln die Spuren makedonischer Tapferkeit
+zurueckzulassen. Ploetzlich brach er auf und ging wieder zu Schiff, um
+sich mit seinem Geschwader, das bei Samos stand, zu vereinigen. Allein
+die rhodisch-pergamenische Flotte folgte ihm und zwang ihn zur Schlacht
+in der Meerenge von Chios. Die Zahl der makedonischen Deckschiffe war
+geringer, allein die Menge ihrer offenen Kaehne glich dies wieder aus
+und Philippos’ Soldaten fochten mit grossem Mute; doch unterlag. er
+endlich. Fast die Haelfte seiner Deckschiffe, vierundzwanzig Segel,
+wurden versenkt oder genommen, 6000 makedonische Matrosen, 3000
+Soldaten kamen um, darunter der Admiral Demokrates, 2000 wurden
+gefangen. Den Bundesgenossen kostete der Sieg nicht mehr als 800 Mann
+und sechs Segel. Aber von den Fuehrern der Verbuendeten war Attalos von
+seiner Flotte abgeschnitten und gezwungen worden, sein Admiralschiff
+bei Erythrae auf den Strand laufen zu lassen; und Theophiliskos von
+Rhodos, dessen Buergermut den Krieg und dessen Tapferkeit die Schlacht
+entschieden hatte, starb den Tag nach derselben an seinen Wunden. So
+konnte, waehrend Attalos’ Flotte in die Heimat ging und die rhodische
+vorlaeufig bei Chios blieb, Philippos, der faelschlich sich den Sieg
+zuschrieb, seine Fahrt weiter fortsetzen und sich nach Samos wenden, um
+die karischen Staedte zu besetzen. An der karischen Kueste lieferten
+die Rhodier, diesmal von Attalos nicht unterstuetzt, der makedonischen
+Flotte unter Herakleides ein zweites Treffen bei der kleinen Insel Lade
+vor dem Hafen von Milet. Der Sieg, den wieder beide Teile sich
+zuschrieben, scheint hier von den Makedoniern gewonnen zu sein, denn
+waehrend die Rhodier nach Myndos und von da nach Kos zurueckwichen,
+besetzten jene Milet und ein Geschwader unter dem Aetoler Dikaearchos
+die Kykladen. Philippos inzwischen verfolgte auf dem karischen Festland
+die Eroberung der rhodischen Besitzungen daselbst und der griechischen
+Staedte; haette er Ptolemaeos selbst angreifen wollen und es nicht
+vorgezogen, sich auf die Gewinnung seines Beuteanteils zu beschraenken,
+so wuerde er jetzt selbst an einen Zug nach Aegypten haben denken
+koennen. In Karien stand zwar kein Heer den Makedoniern gegenueber, und
+Philippos durchzog ungehindert die Gegend von Magnesia bis Mylasa; aber
+jede Stadt in dieser Landschaft war eine Festung, und der
+Belagerungskrieg zog sich in die Laenge, ohne erhebliche Resultate zu
+geben oder zu versprechen. Der Satrap von Lydien, Zeuxis, unterstuetzte
+den Bundesgenossen seines Herren ebenso lau, wie Philippos sich lau in
+der Foerderung der Interessen des syrischen Koenigs bewiesen hatte, und
+die griechischen Staedte gaben Unterstuetzung nur aus Furcht oder
+Zwang. Die Verproviantierung des Heeres ward immer schwieriger;
+Philippos musste heute den pluendern, der ihm gestern freiwillig
+gegeben hatte, und dann wieder gegen seine Natur sich bequemen zu
+bitten. So ging allmaehlich die gute Jahreszeit zu Ende, und in der
+Zwischenzeit hatten die Rhodier ihre Flotte verstaerkt und auch die des
+Attalos wieder an sich gezogen, so dass sie zur See entschieden
+ueberlegen waren. Es schien fast, als koennten sie dem Koenig den
+Rueckzug abschneiden und ihn zwingen, Winterquartier in Karien zu
+nehmen, waehrend doch die Angelegenheiten daheim, namentlich die
+drohende Intervention der Aetoler und der Roemer, seine Rueckkehr
+dringend erheischten. Philippos sah die Gefahr; er liess Besatzungen,
+zusammen bis 3000 Mann, teils in Myrina, um Pergamon in Schach zu
+halten, teils in den kleinen Staedten um Mylasa: Iassos, Bargylia,
+Euromos, Pedasa, um den trefflichen Hafen und einen Landungsplatz in
+Karien sich zu sichern; mit der Flotte gelang es ihm bei der
+Nachlaessigkeit, mit welcher die Bundesgenossen das Meer bewachten,
+gluecklich die thrakische Kueste zu erreichen und noch vor dem Winter
+553/54 (201/00) zu Hause zu sein.
+
+In der Tat zog sich gegen Philipp im Westen ein Gewitter zusammen,
+welches ihm nicht laenger gestattete, die Pluenderung des wehrlosen
+Aegyptens fortzusetzen. Die Roemer, die in demselben Jahre endlich den
+Frieden mit Karthago auf ihre Bedingungen abgeschlossen hatten, fingen
+an, sich ernstlich um diese Verwicklungen im Osten zu bekuemmern. Es
+ist oft gesagt worden, dass sie nach der Eroberung des Westens sofort
+daran gegangen seien, den Osten sich zu unterwerfen; eine ernstliche
+Erwaegung wird zu einem gerechteren Urteil fuehren. Nur die stumpfe
+Unbilligkeit kann es verkennen, dass Rom in dieser Zeit noch keineswegs
+nach der Herrschaft ueber die Mittelmeerstaaten griff, sondern nichts
+weiter begehrte, als in Afrika und in Griechenland ungefaehrliche
+Nachbarn zu haben; und eigentlich gefaehrlich fuer Rom war Makedonien
+nicht. Seine Macht war allerdings nicht gering und es ist
+augenscheinlich, dass der roemische Senat den Frieden von 548/49
+(206/05), der sie ganz in ihrer Integritaet beliess, nur ungern
+gewaehrte; allein wie wenig man ernstliche Besorgnisse vor Makedonien
+in Rom hegte und hegen durfte, beweist am besten die geringe und doch
+nie gegen Uebermacht zu fechten genoetigte Truppenzahl, mit welcher Rom
+den naechsten Krieg gefuehrt hat. Der Senat haette wohl eine
+Demuetigung Makedoniens gern gesehen; allein um den Preis eines in
+Makedonien mit roemischen Truppen gefuehrten Landkrieges war sie ihm zu
+teuer, und darum machte er nach dem Ruecktritt der Aetoler sofort
+freiwillig Frieden auf Grundlage des Status quo. Es ist darum auch
+nichts weniger als ausgemacht, dass die roemische Regierung diesen
+Frieden in der bestimmten Absicht schloss, den Krieg bei gelegenerer
+Zeit wieder zu beginnen, und sehr gewiss, dass augenblicklich bei der
+gruendlichen Erschoepfung des Staats und der aeussersten Unlust der
+Buergerschaft auf einen zweiten ueberseeischen Krieg sich einzulassen,
+der Makedonische Krieg den Roemern in hohem Grade unbequem kam. Aber
+jetzt war er unvermeidlich. Den makedonischen Staat, wie er im Jahre
+549 (205) war, konnte man sich als Nachbar gefallen lassen; allein
+unmoeglich durfte man gestatten, dass derselbe den besten Teil des
+kleinasiatischen Griechenlands und das wichtige Kyrene hinzuerwarb, die
+neutralen Handelsstaaten erdrueckte und damit seine Macht verdoppelte.
+Es kam hinzu, dass der Sturz Aegyptens, die Demuetigung, vielleicht die
+Ueberwaeltigung von Rhodos auch dem sizilischen und italischen Handel
+tiefe Wunden geschlagen haben wuerden; und konnte man ueberhaupt ruhig
+zusehen, wie der italische Verkehr mit dem Osten von den beiden grossen
+Kontinentalmaechten abhaengig ward? Gegen Attalos, den treuen
+Bundesgenossen aus dem Ersten Makedonischen Krieg, hatte Rom ueberdies
+die Ehrenpflicht zu wahren und zu hindern, dass Philippos, der ihn
+schon in seiner Hauptstadt belagert hatte, ihn nicht von Land und
+Leuten vertrieb. Endlich war der Anspruch Roms, den schuetzenden Arm
+ueber alle Hellenen auszustrecken, keineswegs bloss Phrase; die
+Neapolitaner, Rheginer, Massalioten und Emporiten konnten bezeugen,
+dass dieser Schutz sehr ernst gemeint war, und gar keine Frage ist es,
+dass in dieser Zeit die Roemer den Griechen naeher standen als jede
+andere Nation und wenig ferner als die hellenisierten Makedonier. Es
+ist seltsam, den Roemern das Recht zu bestreiten, ueber die frevelhafte
+Behandlung der Kianer und Thasier in ihren menschlichen wie in ihren
+hellenischen Sympathien sich empoert zu fuehlen. So vereinigten sich in
+der Tat alle politischen, kommerziellen und sittlichen Motive, um Rom
+zu dem zweiten Kriege gegen Philippos zu bestimmen, einem der
+gerechtesten, die die Stadt je gefuehrt hat. Es gereicht dem Senat zur
+hohen Ehre, dass er sofort sich entschloss und sich weder durch die
+Erschoepfung des Staates noch durch die Impopularitaet einer solchen
+Kriegserklaerung abhalten liess, seine Anstalten zu treffen - schon 553
+(201) erschien der Propraetor Marcus Valerius Laevinus mit der
+sizilischen Flotte von 38 Segeln in der oestlichen See. Indes war die
+Regierung in Verlegenheit, einen ostensibeln Kriegsgrund ausfindig zu
+machen, dessen sie dem Volk gegenueber notwendig bedurfte, auch wenn
+sie nicht ueberhaupt viel zu einsichtig gewesen waere, um die
+rechtliche Motivierung des Krieges in Philippos’ Art gering zu
+schaetzen. Die Unterstuetzung, die Philippos nach dem Frieden mit Rom
+den Karthagern gewaehrt haben sollte, war offenbar nicht erweislich.
+Die roemischen Untertanen in der illyrischen Landschaft beschwerten
+sich zwar schon seit laengerer Zeit ueber die makedonischen Obergriffe.
+Schon 551 (203) hatte ein roemischer Gesandter an der Spitze des
+illyrischen Aufgebots Philippos’ Scharen aus dem illyrischen Gebiet
+hinausgeschlagen und der Senat deswegen den Gesandten des Koenigs 552
+(202) erklaert, wenn er Krieg suche, werde er ihn frueher finden, als
+ihm lieb sei. Allein diese Uebergriffe waren eben nichts als die
+gewoehnlichen Frevel, wie Philippos sie gegen seine Nachbarn uebte;
+eine Verhandlung darueber haette im gegenwaertigen Augenblick zur
+Demuetigung und Suehnung, aber nicht zum Kriege gefuehrt. Mit den
+saemtlichen kriegfuehrenden Maechten im Osten stand die roemische
+Gemeinde dem Namen nach in Freundschaft und haette ihnen Beistand gegen
+den Angriff gewaehren koennen. Allein Rhodos und Pergamon, die
+begreiflicherweise nicht saeumten, die roemische Hilfe zu erbitten,
+waren formell die Angreifer, und Aegypten, wenn auch alexandrinische
+Gesandte den roemischen Senat ersuchten, die Vormundschaft ueber das
+koenigliche Kind zu uebernehmen, scheint doch auch nicht eben sich
+beeilt zu haben, durch Anrufung unmittelbarer roemischer Intervention
+zwar die augenblickliche Bedraengnis zu beendigen, aber zugleich der
+grossen westlichen Macht das Ostmeer zu oeffnen. Vor allen Dingen aber
+haette die Hilfe fuer Aegypten zunaechst in Syrien geleistet werden
+muessen und wuerde Rom in einen Krieg mit Asien und Makedonien zugleich
+verwickelt haben, was man natuerlich um so mehr zu vermeiden wuenschte,
+als man fest entschlossen war, wenigstens in die asiatischen
+Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Es blieb nichts uebrig, als
+vorlaeufig eine Gesandtschaft nach dem Osten abzuordnen, um teils von
+Aegypten zu erlangen, was den Umstaenden nach nicht schwer war, dass es
+die Einmischung der Roemer in die griechischen Angelegenheiten
+geschehen liess, teils den Koenig Antiochos zu beschwichtigen, indem
+man ihm Syrien preisgab, teils endlich den Bruch mit Philippos
+moeglichst zu beschleunigen und die Koalition der
+griechisch-asiatischen Kleinstaaten gegen ihn zu foerdern (Ende 553
+201). In Alexandreia erreichte man ohne Muehe, was man wuenschte; der
+Hof hatte keine Wahl und musste dankbar den Marcus Aemilius Lepidus
+aufnehmen, den der Senat abgesandt hatte, um als “Vormund des Koenigs”
+dessen Interessen zu vertreten, soweit dies ohne eigentliche
+Intervention moeglich war. Antiochos loeste zwar seinen Bund mit
+Philipp nicht auf und gab den Roemern nicht die bestimmten
+Erklaerungen, welche sie wuenschten; uebrigens aber, sei es aus
+Schlaffheit, sei es bestimmt durch die Erklaerung der Roemer, in Syrien
+nicht intervenieren zu wollen, verfolgte er seine Plaene daselbst und
+liess die Dinge in Griechenland und Kleinasien gehen.
+
+Darueber war das Fruehjahr 554 (200) herangekommen, und der Krieg hatte
+aufs neue begonnen. Philippos warf sich zunaechst wieder auf Thrakien,
+wo er die saemtlichen Kuestenplaetze, namentlich Maroneia, Aenos,
+Elaeos, Sestos besetzte; er wollte seine europaeischen Besitzungen vor
+einer roemischen Landung gesichert wissen. Alsdann griff er an der
+asiatischen Kueste Abydos an, an dessen Gewinn ihm gelegen sein musste,
+da er durch den Besitz von Sestos und Abydos mit seinem Bundesgenossen
+Antiochos in festere Verbindung kam und nicht mehr zu fuerchten
+brauchte, dass die Flotte der Bundesgenossen ihm den Weg nach oder aus
+Kleinasien sperre. Diese beherrschte das Aegaeische Meer, nachdem das
+schwaechere makedonische Geschwader sich zurueckgezogen hatte;
+Philippos beschraenkte zur See sich darauf, auf dreien der Kykladen,
+Andros, Kythnos und Paros, Besatzungen zu unterhalten und Kaperschiffe
+auszuruesten. Die Rhodier gingen nach Chios und von da nach Tenedos, wo
+Attalos, der den Winter ueber bei Aegina gestanden und mit den
+Deklamationen der Athener sich die Zeit vertrieben hatte, mit seinem
+Geschwader zu ihnen stiess. Es waere wohl moeglich gewesen, den
+Abydenern, die sich heldenmuetig verteidigten, zu Hilfe zu kommen;
+allein die Verbuendeten ruehrten sich nicht, und so ergab sich endlich
+die Stadt, nachdem fast alle Waffenfaehigen im Kampf vor den Mauern und
+nach der Kapitulation ein grosser Teil der Einwohner durch eigene Hand
+gefallen waren, der Gnade des Siegers; sie bestand darin, dass den
+Abydenern drei Tage Frist gegeben wurden, um freiwillig zu sterben.
+Hier im Lager von Abydos traf die roemische Gesandtschaft, die nach
+Beendigung ihrer Geschaefte in Syrien und Aegypten die griechischen
+Kleinstaaten besucht und bearbeitet hatte, mit dem Koenig zusammen und
+entledigte sich ihrer vom Senat erhaltenen Auftraege: der Koenig solle
+gegen keinen griechischen Staat einen Angriffskrieg fuehren, die dem
+Ptolemaeos entrissenen Besitzungen zurueckgeben und wegen der den
+Pergamenern und Rhodiern zugefuegten Schaedigung sich ein
+Schiedsgericht gefallen lassen. Die Absicht des Senats, den Koenig zur
+foermlichen Kriegserklaerung zu reizen, ward nicht erreicht; der
+roemische Gesandte Marcus Aemilius erhielt vom Koenig nichts als die
+feine Antwort, dass er dem jungen schoenen roemischen Mann wegen dieser
+seiner drei Eigenschaften das Gesagte zugute halten wolle.
+
+Indes war mittlerweile die von Rom gewuenschte Veranlassung von einer
+anderen Seite her gekommen. Die Athener hatten in ihrer albernen und
+grausamen Eitelkeit zwei unglueckliche Akarnanen hinrichten lassen,
+weil dieselben sich zufaellig in ihre Mysterien verirrt hatten. Als die
+Akarnanen in begreiflicher Erbitterung von Philippos begehrten, dass er
+ihnen Genugtuung verschaffe, konnte dieser das gerechte Begehren seiner
+treuesten Bundesgenossen nicht weigern und gestattete ihnen, in
+Makedonien Mannschaft auszuheben und damit und mit ihren eigenen Leuten
+ohne foermliche Kriegserklaerung in Attika einzufallen. Zwar war dies
+nicht bloss kein eigentlicher Krieg, sondern es liess auch der Fuehrer
+der makedonischen Schar, Nikanor, auf die drohenden Worte der gerade in
+Athen anwesenden roemischen Gesandten sofort seine Truppen den
+Rueckmarsch antreten (Ende 553 201). Aber es war zu spaet. Eine
+athenische Gesandtschaft ging nach Rom, um ueber den Angriff Philipps
+auf einen alten Bundesgenossen Roms zu berichten, und aus der Art, wie
+der Senat sie empfing, sah Philippos deutlich, was ihm bevorstand;
+weshalb er zunaechst, gleich im Fruehling 554 (200) seinen
+Oberbefehlshaber in Griechenland, Philokles, anwies, das attische
+Gebiet zu verwuesten und die Stadt moeglichst zu bedraengen.
+
+Der Senat hatte jetzt, was er bedurfte, und konnte im Sommer 554 (200)
+die Kriegserklaerung “wegen Angriffs auf einen mit Rom verbuendeten
+Staat” vor die Volksversammlung bringen. Sie wurde das erstemal fast
+einstimmig verworfen; toerichte oder tueckische Volkstribunen
+querulierten ueber den Rat, der den Buergern keine Ruhe goennen wolle;
+aber der Krieg war einmal notwendig und genau genommen schon begonnen,
+so dass der Senat unmoeglich zuruecktreten konnte. Die Buergerschaft
+ward durch Vorstellungen und Konzessionen zum Nachgeben bewogen. Es ist
+bemerkenswert, dass diese Konzessionen wesentlich auf Kosten der
+Bundesgenossen erfolgten. Aus ihren im aktiven Dienst befindlichen
+Kontingenten wurden - ganz entgegen den sonstigen roemischen Maximen -
+die Besatzungen von Gallien, Unteritalien, Sizilien und Sardinien,
+zusammen 20000 Mann, ausschliesslich genommen, die saemtlichen vom
+Hannibalischen Krieg her unter Waffen stehenden Buergertruppen aber
+entlassen; nur Freiwillige sollten daraus zum Makedonischen Krieg
+aufgeboten werden duerfen, welches denn freilich, wie sich nachher
+fand, meistens gezwungene Freiwillige waren - es rief dies spaeter im
+Herbst 555 (199) einen bedenklichen Militaeraufstand im Lager von
+Apollonia hervor. Aus neu einberufenen Leuten wurden sechs Legionen
+gebildet, von denen je zwei in Rom und in Etrurien blieben und nur zwei
+in Brundisium nach Makedonien eingeschifft wurden, gefuehrt von dem
+Konsul Publius Sulpicius Galba.
+
+So hatte sich wieder einmal recht deutlich gezeigt, dass fuer die
+weitlaeufigen und schwierigen Verhaeltnisse, in welche Rom durch seine
+Siege gebracht war, die souveraenen Buergerversammlungen mit ihren
+kurzsichtigen und vom Zufall abhaengigen Beschluessen schlechterdings
+nicht mehr passten und dass deren verkehrtes Eingreifen in die
+Staatsmaschine zu gefaehrlichen Modifikationen der militaerisch
+notwendigen Massregeln und zu noch gefaehrlicherer Zuruecksetzung der
+latinischen Bundesgenossen fuehrte.
+
+Philippos’ Lage war sehr uebel. Die oestlichen Staaten, die gegen jede
+Einmischung Roms haetten zusammenstehen muessen und unter anderen
+Umstaenden auch vielleicht zusammengestanden waeren, waren
+hauptsaechlich durch seine Schuld so untereinander verhetzt, dass sie
+die roemische Invasion entweder nicht zu hindern oder sogar zu foerdern
+geneigt waren. Asien, Philipps natuerlicher und wichtiger
+Bundesgenosse, war von ihm vernachlaessigt worden und ueberdies
+zunaechst durch die Verwicklung mit Aegypten und den syrischen Krieg an
+taetigem Eingreifen gehindert. Aegypten hatte ein dringendes Interesse
+daran, dass die roemische Flotte dem Ostmeer fern blieb; selbst jetzt
+noch gab eine aegyptische Gesandtschaft in Rom sehr deutlich zu
+verstehen, wie bereit der alexandrinische Hof sei, den Roemern die
+Muehe abzunehmen, in Attika zu intervenieren. Allein der zwischen Asien
+und Makedonien abgeschlossene Teilungsvertrag ueber Aegypten warf
+diesen wichtigen Staat geradezu den Roemern in die Arme und erzwang die
+Erklaerung des Kabinetts von Alexandreia, dass es in die
+Angelegenheiten des europaeischen Griechenlands sich nur mit
+Einwilligung der Roemer mischen werde. Aehnlich, aber noch bedraengter
+gestellt waren die griechischen Handelsstaedte, an ihrer Spitze Rhodos,
+Pergamon, Byzanz; sie haetten unter anderen Umstaenden ohne Zweifel das
+Ihrige getan, um den Roemern das Ostmeer zu verschliessen, aber
+Philippos’ grausame und vernichtende Eroberungspolitik hatte sie zu
+einem ungleichen Kampf gezwungen, in den sie ihrer Selbsterhaltung
+wegen alles anwenden mussten, die italische Grossmacht zu verwickeln.
+Im eigentlichen Griechenland fanden die roemischen Gesandten, die dort
+eine zweite Ligue gegen Philippos zu stiften beauftragt waren,
+gleichfalls vom Feinde wesentlich vorgearbeitet. Von der
+antimakedonischen Partei, den Spartanern, Eleern, Athenern und
+Aetolern, haette Philippos die letzten vielleicht zu gewinnen vermocht,
+da der Friede von 548 (206) in ihren Freundschaftsbund mit Rom einen
+tiefen und keineswegs aufgeheilten Riss gemacht hatte; allein abgesehen
+von den alten Differenzen, die wegen der von Makedonien der aetolischen
+Eidgenossenschaft entzogenen thessalischen Staedte Echinos, Larissa
+Kremaste, Pharsalos und des phthiotischen Thebae zwischen den beiden
+Staaten bestanden, hatte die Vertreibung der aetolischen Besatzungen
+aus Lysimacheia und Kios bei den Aetolern neue Erbitterung gegen
+Philippos hervorgerufen. Wenn sie zauderten, sich der Ligue gegen ihn
+anzuschliessen, so lag der Grund wohl hauptsaechlich in der
+fortwirkenden Verstimmung zwischen ihnen und den Roemern.
+
+Bedenklicher noch war es, dass selbst unter den fest an das
+makedonische Interesse geknuepften griechischen Staaten, den Epeiroten,
+Akarnanen, Boeotern und Achaeern, nur die Akarnanen und Boeoter
+unerschuettert zu Philippos standen. Mit den Epeiroten verhandelten die
+roemischen Gesandten nicht ohne Erfolg und namentlich der Koenig der
+Athamanen, Amynander, schloss an Rom sich fest an. Sogar von den
+Achaeern hatte Philippos durch die Ermordung des Aratos teils viele
+verletzt, teils ueberhaupt einer freieren Entwicklung der
+Eidgenossenschaft wieder Raum gegeben; sie hatte unter Philopoemens
+(502-571 252-183, Strateg zuerst 546 208) Leitung ihr Heerwesen
+regeneriert, in gluecklichen Kaempfen gegen Sparta das Zutrauen zu sich
+selber wiedergefunden und folgte nicht mehr, wie zu Aratos’ Zeit, blind
+der makedonischen Politik. Einzig in ganz Hellas sah die achaeische
+Eidgenossenschaft, die von Philippos’ Vergroesserungssucht weder Nutzen
+noch zunaechst Nachteil zu erwarten hatte, diesen Krieg vom
+unparteiischen und nationalhellenischen Gesichtspunkte an; sie begriff,
+was zu begreifen nicht schwer war, dass die hellenische Nation damit
+den Roemern selber sich auslieferte, sogar ehe diese es wuenschten und
+begehrten, und versuchte darum, zwischen Philippos und den Rhodiern zu
+vermitteln; allein es war zu spaet. Der nationale Patriotismus, der
+einst den Bundesgenossenkrieg beendigt und der. ersten Krieg zwischen
+Makedonien und Rom wesentlich mit herbeigefuehrt hatte, war erloschen;
+die achaeische Vermittlung blieb ohne Erfolg, und vergeblich bereiste
+Philippos die Staedte und Inseln, um die Nation wieder zu entflammen -
+es war das die Nemesis fuer Kios und Abydos. Die Achaeer, da sie nicht
+aendern konnten und nicht helfen mochten, blieben neutral.
+
+Im Herbst des Jahres 554 (200) landete der Konsul Publius Sulpicius
+Galba mit seinen beiden Legionen und 1000 numidischen Reitern, ja sogar
+mit Elefanten, die aus der karthagischen Beute herruehrten, bei
+Apollonia; auf welche Nachricht der Koenig eilig vom Hellespont nach
+Thessalien zurueckkehrte. Indes teils die schon weit vorgerueckte
+Jahreszeit, teils die Erkrankung des roemischen Feldherrn bewirkten,
+dass zu Lande dies Jahr nichts weiter vorgenommen ward als eine starke
+Rekognoszierung, bei der die naechstliegenden Ortschaften, namentlich
+die makedonische Kolonie Antipatreia, von den Roemern besetzt wurden.
+Fuer das naechste Jahr ward mit den noerdlichen Barbaren, namentlich
+mit Pleuratos, dem damaligen Herrn von Skodra, und dem Dardanerfuersten
+Bato, die selbstverstaendlich eilten, die gute Gelegenheit zu nutzen,
+ein gemeinschaftlicher Angriff auf Makedonien verabredet.
+
+Wichtiger waren die Unternehmungen der roemischen Flotte, die 100 Deck-
+und 80 leichte Schiffe zaehlte. Waehrend die uebrigen Schiffe bei
+Kerkyra fuer den Winter Station nahmen, ging eine Abteilung unter Gaius
+Claudius Cento nach dem Peiraeeus, um den bedraengten Athenern Beistand
+zu leisten. Da Cento indes die attische Landschaft gegen die
+Streifereien der korinthischen Besatzung und die makedonischen Korsaren
+schon hinreichend gedeckt fand, segelte er weiter und erschien
+ploetzlich vor Chalkis auf Euboea, dem Hauptwaffenplatz Philipps in
+Griechenland, wo die Magazine, die Waffenvorraete und die Gefangenen
+aufbewahrt wurden und der Kommandant Sopater nichts weniger als einen
+roemischen Angriff erwartete. Die unverteidigte Mauer ward erstiegen,
+die Besatzung niedergemacht, die Gefangenen befreit und die Vorraete
+verbrannt; leider fehlte es an Truppen, um die wichtige Position zu
+halten. Auf die Kunde von diesem ueberfall brach Philippos in
+ungestuemer Erbitterung sofort von Demetrias in Thessalien auf nach
+Chalkis, und da er hier nichts von dem Feind mehr fand als die
+Brandstaette, weiter nach Athen, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
+Allein die Ueberrumpelung misslang und auch der Sturm war vergeblich,
+so sehr der Koenig sein Leben preisgab; das Herannahen von Gaius
+Claudius vom Peiraeeus, des Attalos von Aegina her zwangen ihn zum
+Abzug. Philippos verweilte indes noch einige Zeit in Griechenland; aber
+politisch und militaerisch waren seine Erfolge gleich gering. Umsonst
+versuchte er die Achaeer fuer sich in Waffen zu bringen; und ebenso
+vergeblich waren seine Angriffe auf Eleusis und den Peiraeeus sowie ein
+zweiter auf Athen selbst. Es blieb ihm nichts uebrig, als seine
+begreifliche Erbitterung in unwuerdiger Weise durch Verwuestung der
+Landschaft und Zerstoerung, der Baeume des Akademos zu befriedigen und
+nach dem Norden zurueckzukehren. So verging der Winter. Mit dem
+Fruehjahr 555 (199) brach der Prokonsul Publius Sulpicius aus seinem
+Winterlager auf, entschlossen, seine Legionen von Apollonia auf der
+kuerzesten Linie in das eigentliche Makedonien zu fuehren. Diesen
+Hauptangriff von Westen her sollten drei Nebenangriffe unterstuetzen:
+in noerdlicher Richtung der Einfall der Dardaner und Illyrier, in
+oestlicher ein Angriff der kombinierten Flotte der Roemer und der
+Bundesgenossen, die bei Aegina sich sammelte; endlich von Sueden her
+sollten die Athamanen vordringen und, wenn es gelang, sie zur Teilnahme
+am Kampfe zu bestimmen, zugleich die Aetoler. Nachdem Galba die Berge,
+die der Apsos (jetzt Beratinó) durchschneidet, ueberschritten hatte und
+durch die fruchtbare dassaretische Ebene gezogen war, gelangte er an
+die Gebirgskette, die Illyrien und Makedonien scheidet und betrat,
+diese uebersteigend, das eigentliche makedonische Gebiet. Philippos war
+ihm entgegengegangen; allein in den ausgedehnten und schwach
+bevoelkerten Landschaften Makedoniens suchten sich die Gegner einige
+Zeit vergeblich, bis sie endlich in der lynkestischen Provinz, einer
+fruchtbaren aber sumpfigen Ebene, unweit der nordwestlichen
+Landesgrenze aufeinandertrafen und keine 1000 Schritt voneinander die
+Lager schlugen. Philippos’ Heer zaehlte, nachdem er das zur Besetzung
+der noerdlichen Paesse detachierte Korps an sich gezogen hatte, etwa
+20000 Mann zu Fuss und 2000 Reiter; das roemische war ungefaehr ebenso
+stark. Indes die Makedonier hatten den grossen Vorteil, dass sie, in
+der Heimat fechtend und mit Weg und Steg bekannt, mit leichter Muehe
+den Proviant zugefuehrt erhielten, waehrend sie sich so dicht an die
+Roemer gelagert hatten, dass diese es nicht wagen konnten, zu
+ausgedehnter Fouragierung sich zu zerstreuen. Der Konsul bot die
+Schlacht wiederholt an, allein der Koenig versagte sie beharrlich und
+die Gefechte zwischen den leichten Truppen, wenn auch die Roemer darin
+einige Vorteile erfochten, aenderten in der Hauptsache nichts. Galba
+war genoetigt, sein Lager abzubrechen und anderthalb Meilen weiter bei
+Oktolophos ein anderes aufzuschlagen, von wo er leichter sich
+verproviantieren zu koennen meinte. Aber auch hier wurden die
+ausgeschickten Abteilungen von den leichten Truppen und der Reiterei
+der Makedonier vernichtet; die Legionen mussten zu Hilfe kommen und
+trieben dann freilich die makedonische Vorhut, die zu weit vorgegangen
+war, mit starkem Verlust in das Lager zurueck, wobei der Koenig selbst
+das Pferd verlor und nur durch die hochherzige Hingebung eines seiner
+Reiter das Leben rettete. Aus dieser gefaehrlichen Lage befreite die
+Roemer der bessere Erfolg der von Galba veranlassten Nebenangriffe der
+Bundesgenossen oder vielmehr die Schwaeche der makedonischen
+Streitkraefte. Obwohl Philippos in seinem Gebiet moeglichst starke
+Aushebungen vorgenommen und roemische Ueberlaeufer und andere Soeldner
+hinzugeworben hatte, hatte er doch nicht vermocht, ausser den
+Besatzungen in Kleinasien und Thrakien, mehr als das Heer, womit er
+selbst dem Konsul gegenueberstand, auf die Beine zu bringen, und
+ueberdies noch, um dieses zu bilden, die Nordpaesse in der
+pelagonischen Landschaft entbloessen muessen. Fuer die Deckung der
+Ostkueste verliess er sich teils auf die von ihm angeordnete
+Verwuestung der Inseln Skiathos und Peparethos, die der feindlichen
+Flotte eine Station haetten bieten koennen, teils auf die Besatzung von
+Thasos und der Kueste und auf die unter Herakleides bei Demetrias
+aufgestellte Flotte. Fuer die Suedgrenze hatte er gar auf die mehr als
+zweifelhafte Neutralitaet der Aetoler rechnen muessen. Jetzt traten
+diese ploetzlich dem Bunde gegen Makedonien bei und drangen sofort mit
+den Athamanen vereinigt in Thessalien ein, waehrend zugleich die
+Dardaner und Illyrier die noerdlichen Landschaften ueberschwemmten und
+die roemische Flotte unter Lucius Apustius, von Kerkyra aufbrechend, in
+den oestlichen Gewaessern erschien, wo die Schiffe des Attalos, der
+Rhodier und der Istrier sich mit ihr vereinigten.
+
+Philippos gab hiernach freiwillig seine Stellung auf und wich in
+oestlicher Richtung zurueck: ob es geschah, um den wahrscheinlich
+unvermuteten Einfall der Aetoler zurueckzuschlagen oder um das
+roemische Heer sich nach und ins Verderben zu ziehen oder um je nach
+den Umstaenden das eine oder das andere zu tun, ist nicht wohl zu
+entscheiden. Er bewerkstelligte seinen Rueckzug so geschickt, dass
+Galba, der den verwegenen Entschluss fasste, ihm zu folgen, seine Spur
+verlor und es Philippos moeglich ward, den Engpass, der die
+Landschaften Lynkestis und Eordaea scheidet, auf Seitenwegen zu
+erreichen und zu besetzen, um die Roemer hier zu erwarten und ihnen
+einen heissen Empfang zu bereiten. Es kam an der von ihm gewaehlten
+Stelle zur Schlacht. Aber die langen makedonischen Speere erwiesen sich
+unbrauchbar auf dem waldigen und ungleichen Terrain; die Makedonier
+wurden teils umgangen, teils durchbrochen und verloren viele Leute.
+Indes wenn auch Philippos’ Heer nach diesem ungluecklichen Treffen
+nicht laenger imstande war, den Roemern das weitere Vordringen zu
+wehren, so scheuten sich doch diese selber in dem unwegsamen und
+feindlichen Land, weiteren unbekannten Gefahren entgegenzuziehen, und
+kehrten zurueck nach Apollonia, nachdem sie die fruchtbaren
+Landschaften Hochmakedoniens Eordaea, Elimea, Orestis verwuestet und
+die bedeutendste Stadt von Orestis, Keletron (jetzt Kastoria auf einer
+Halbinsel in dem gleichnamigen See), sich ihnen ergeben hatte - es war
+die einzige makedonische Stadt, die den Roemern ihre Tore oeffnete. Im
+illyrischen Land ward die Stadt der Dassaretier, Pelion, an den oberen
+Zufluessen des Apsos, erstuermt und stark besetzt, um auf einem
+aehnlichen Zug kuenftig als Basis zu dienen.
+
+Philippos stoerte die roemische Hauptarmee auf ihrem Rueckzug nicht,
+sondern wandte sich in Gewaltmaerschen gegen die Aetoler und Athamanen,
+die in der Meinung, dass die Legionen den Koenig beschaeftigten, das
+reiche Tal des Peneios furcht- und ruecksichtslos pluenderten, schlug
+sie vollstaendig und noetigte, was nicht fiel, sich einzeln auf den
+wohlbekannten Bergpfaden zu, retten. Durch diese Niederlage und ebenso
+sehr durch die starken Werbungen, die in Aetolien fuer aegyptische
+Rechnung stattfanden, schwand die Streitkraft der Eidgenossenschaft
+nicht wenig zusammen. Die Dardaner wurden von dem Fuehrer der leichten
+Truppen Philipps, Athenagoras, ohne Muehe und mit starkem Verlust ueber
+die Berge zurueckgejagt. Die roemische Flotte richtete auch nicht viel
+aus; sie vertrieb die makedonische Besatzung von Andros, suchte Euboea
+und Skiathos heim und machte dann Versuche auf die chalkidische
+Halbinsel, die aber die makedonische Besatzung bei Mende kraeftig
+zurueckwies. Der Rest des Sommers verging mit der Einnahme von Oreos
+auf Euboea, welche durch die entschlossene Verteidigung der
+makedonischen Besatzung lange verzoegert ward. Die schwache
+makedonische Flotte unter Herakleides stand untaetig bei Herakleia und
+wagte nicht den Feinden das Meer streitig zu machen. Fruehzeitig gingen
+diese in die Winterquartiere, die Roemer nach dem Peiraeeus und
+Kerkyra, die Rhodier und Pergamener in die Heimat.
+
+Im ganzen konnte Philipp zu den Ereignissen dieses Feldzuges sich
+Glueck wuenschen. Die roemischen Truppen standen nach einem aeusserst
+beschwerlichen Feldzug im Herbst genau da, von wo sie im Fruehling
+aufgebrochen waren, und ohne das rechtzeitige Dareinschlagen der
+Aetoler und die unerwartet glueckliche Schlacht am Pass von Eordaea
+haette von der gesamten Macht vielleicht kein Mann das roemische Gebiet
+wiedergesehen. Die vierfache Offensive hatte ueberall ihren Zweck
+verfehlt und Philippos sah im Herbste nicht bloss sein ganzes Gebiet
+vom Feind gereinigt, sondern er konnte noch einen, freilich
+vergeblichen, Versuch machen, die an der aetolisch-thessalischen Grenze
+gelegene und die Peneiosebene beherrschende feste Stadt Thaumakoi den
+Aetolern zu entreissen. Wenn Antiochos, um dessen Kommen Philippos
+vergeblich zu den Goettern flehte, sich im naechsten Feldzug mit ihm
+vereinigte, so durfte er grosse Erfolge erwarten. Es schien einen
+Augenblick, als schicke dieser sich dazu an; sein Heer erschien in
+Kleinasien und besetzte einige Ortschaften des Koenigs Attalos, der von
+den Roemern militaerischen Schutz erbat. Diese indes beeilten sich
+nicht, den Grosskoenig jetzt zum Bruch zu draengen; sie schickten
+Gesandte, die in der Tat es erreichten, dass Attalos’ Gebiet geraeumt
+ward. Von daher hatte Philippos nichts zu hoffen.
+
+Indes der glueckliche Ausgang des letzten Feldzugs hatte Philipps Mut
+oder Uebermut so gehoben, dass, nachdem er der Neutralitaet der Achaeer
+und der Treue der Makedonier sich durch die Aufopferung einiger festen
+Plaetze und des verabscheuten Admirals Herakleides aufs neue versichert
+hatte, im naechsten Fruehling 556 (198) er es war, der die Offensive
+ergriff und in die atintanische Landschaft einrueckte, um in dem engen
+Pass, wo sich der Aoos (Viosa) zwischen den Bergen Aeropos und Asmaos
+durchwindet, ein wohlverschanztes Lager zu beziehen. Ihm gegenueber
+lagerte das durch neue Truppensendungen verstaerkte roemische Heer,
+ueber das zuerst der Konsul des vorigen Jahres, Publius Villius, sodann
+seit dem Sommer 556 (198) der diesjaehrige Konsul Titus Quinctius
+Flamininus den Oberbefehl fuehrte. Flamininus, ein talentvoller, erst
+dreissigjaehriger Mann, gehoerte zu der juengeren Generation, welche
+mit dem altvaeterischen Wesen auch den altvaeterischen Patriotismus von
+sich abzutun anfing und zwar auch noch an das Vaterland, aber mehr an
+sich und an das Hellenentum dachte. Ein geschickter Offizier und
+besserer Diplomat, war er in vieler Hinsicht fuer die Behandlung der
+schwierigen griechischen Verhaeltnisse vortrefflich geeignet; dennoch
+waere es vielleicht fuer Rom wie fuer Griechenland besser gewesen, wenn
+die Wahl auf einen minder von hellenischen Sympathien erfuellten Mann
+gefallen und ein Feldherr dorthin gesandt worden waere, den weder feine
+Schmeichelei bestochen noch beissende Spottrede verletzt haette, der
+die Erbaermlichkeit der hellenischen Staatsverfassungen nicht ueber
+literarischen und kuenstlerischen Reminiszenzen vergessen und der
+Hellas nach Verdienst behandelt, den Roemern aber es erspart haette,
+unausfuehrbaren Idealen nachzustreben.
+
+Der neue Oberbefehlshaber hatte mit dem Koenig sogleich eine
+Zusammenkunft, waehrend die beiden Heere untaetig sich
+gegenueberstanden. Philippos machte Friedensvorschlaege; er erbot sich,
+alle eigenen Eroberungen zurueckzugeben und wegen des den griechischen
+Staedten zugefuegten Schadens sich einem billigen Austrag zu
+unterwerfen; aber an dem Begehren, altmakedonische Besitzungen,
+namentlich Thessalien, aufzugeben, scheiterten die Verhandlungen.
+Vierzig Tage standen die beiden Heere in dem Engpass des Aoos, ohne
+dass Philippos wich oder Flamininus sich entschliessen konnte, entweder
+den Sturm anzuordnen oder den Koenig stehenzulassen und die vorjaehrige
+Expedition wieder zu versuchen. Da half dem roemischen General die
+Verraeterei einiger Vornehmer unter den sonst gut makedonisch gesinnten
+Epeiroten, namentlich des Charops, aus der Verlegenheit. Sie fuehrten
+auf Bergpfaden ein roemisches Korps von 4000 Mann zu Fuss und 300
+Reitern auf die Hoehen oberhalb des makedonischen Lagers und wie
+alsdann der Konsul das feindliche Herr von vorn angriff, entschied das
+Anruecken jener unvermutet von den beherrschenden Bergen
+herabsteigenden roemischen Abteilung die Schlacht. Philippos verlor
+Lager und Verschanzung und gegen 2000 Mann und wich eilig zurueck bis
+an den Pass Tempel die Pforte des eigentlichen Makedoniens. Allen
+anderen Besitz gab er auf bis auf die Festungen; die thessalischen
+Staedte, die er nicht verteidigen konnte, zerstoerte er selbst - nur
+Pherae schloss ihm die Tore und entging dadurch dem Verderben. Teils
+durch diese Erfolge der roemischen Waffen, teils durch Flamininus’
+geschickte Milde bestimmt, traten zunaechst die Epeiroten vom
+makedonischen Buendnis ab. In Thessalien waren auf die erste Nachricht
+vom Siege der Roemer sogleich die Athamanen und Aetoler eingebrochen,
+und die Roemer folgten bald; das platte Land war leicht ueberschwemmt,
+allein die festen Staedte, die gut makedonisch gesinnt waren und von
+Philippos Unterstuetzung empfingen, fielen nur nach tapferem Widerstand
+oder widerstanden sogar dem ueberlegenen Feind; so vor allem Atrax am
+linken Ufer des Peneios, wo in der Bresche die Phalanx statt der Mauer
+stand. Bis auf diese thessalischen Festungen und das Gebiet der treuen
+Akarnanen war somit ganz Nordgriechenland in den Haenden der Koalition.
+
+Dagegen war der Sueden durch die Festungen Chalkis und Korinth, die
+durch das Gebiet der makedonisch gesinnten Boeoter miteinander die
+Verbindung unterhielten, und durch die achaeische Neutralitaet noch
+immer wesentlich in makedonischer Gewalt, und Flamininus entschloss
+sich, da es doch zu spaet war, um dies Jahr noch in Makedonien
+einzudringen, zunaechst Landheer und Flotte gegen Korinth und die
+Achaeer zu wenden. Die Flotte, die wieder die rhodischen und
+pergamenischen Schiffe an sich gezogen hatte, war bisher damit
+beschaeftigt gewesen, zwei kleinere Staedte auf Euboea, Eretria und
+Karystos, einzunehmen und daselbst Beute zu machen; worauf beide indes
+ebenso wie Oreos wieder aufgegeben und von dem makedonischen
+Kommandanten von Chalkis, Philokles, aufs neue besetzt wurden. Die
+vereinigte Flotte wandte sich von da nach Kenchreae, dem oestlichen
+Hafen von Korinth, um diese starke Festung zu bedrohen. Von der anderen
+Seite rueckte Flamininus in Phokis ein und besetzte die Landschaft, in
+der nur Elateia eine laengere Belagerung aushielt; diese Gegend,
+namentlich Antikyra am Korinthischen Meerbusen, war zum Winterquartier
+ausersehen. Die Achaeer, die also auf der einen Seite die roemischen
+Legionen sich naehern, auf der anderen die roemische Flotte schon an
+ihrem eigenen Gestade sahen, verzichteten auf ihre sittlich ehrenwerte,
+aber politisch unhaltbare Neutralitaet; nachdem die Gesandten der am
+engsten an Makedonien geknuepften Staedte Dyme, Megalopolis und Argos
+die Tagsatzung verlassen hatten, beschloss dieselbe den Beitritt zu der
+Koalition gegen Philippos. Kykliades und andere Fuehrer der
+makedonischen Partei verliessen die Heimat; die Truppen der Achaeer
+vereinigten sich sofort mit der roemischen Flotte und eilten, Korinth
+zu Lande einzuschliessen, welche Stadt, die Zwingburg Philipps gegen
+die Achaeer, ihnen roemischerseits fuer ihren Beitritt zu dem Bunde
+zugesichert worden war. Die makedonische Besatzung indes, die 1300 Mann
+stark war und grossenteils aus italischen Ueberlaeufern bestand,
+verteidigte entschlossen die fast uneinnehmbare Stadt; ueberdies kam
+von Chalkis Philokles herbei mit einer Abteilung von 1500 Mann, die
+nicht bloss Korinth entsetzte, sondern auch in das Gebiet der Achaeer
+eindrang und im Einverstaendnis mit der makedonisch gesinnten
+Buergerschaft ihnen Argos entriss. Allein der Lohn solcher Hingebung
+war, dass der Koenig die treuen Argeier der Schreckensherrschaft des
+Nabis von Sparta auslieferte. Diesen, den bisherigen Bundesgenossen der
+Roemer, hoffte er nach dem Beitritt der Achaeer zu der roemischen
+Koalition zu sich hinueberzuziehen; denn er war hauptsaechlich nur
+deshalb roemischer Bundesgenosse geworden, weil er in Opposition zu den
+Achaeern und seit 550 (204) sogar in offenem Kriege mit ihnen sich
+befand. Allein Philippos’ Angelegenheiten standen zu verzweifelt, als
+dass irgend jemand jetzt sich auf seine Seite zu schlagen Lust
+verspuert haette. Nabis nahm zwar Argos von Philippos an, allein er
+verriet den Verraeter und blieb im Buendnis mit Flamininus, welcher in
+der Verlegenheit, jetzt mit zwei untereinander im Krieg begriffenen
+Maechten verbuendet zu sein, vorlaeufig zwischen den Spartanern und
+Achaeern einen Waffenstillstand auf vier Monate vermittelte.
+
+So kam der Winter heran. Philippos benutzte ihn abermals, um womoeglich
+einen billigen Frieden zu erhalten. Auf einer Konferenz, die in Nikaea
+am Malischen Meerbusen abgehalten ward, erschien der Koenig persoenlich
+und versuchte, mit Flamininus zu einer Verstaendigung zu gelangen,
+indem er den petulanten Uebermut der kleinen Herren mit Stolz und
+Feinheit zurueckwies und durch markierte Deferenz gegen die Roemer als
+die einzigen ihm ebenbuertigen Gegner von diesen ertraegliche
+Bedingungen zu erhalten suchte. Flamininus war gebildet genug, um durch
+die Urbanitaet des Besiegten gegen ihn und die Hoffart gegen die
+Bundesgenossen, welche der Roemer wie der Koenig gleich verachten
+gelernt hatten, sich geschmeichelt zu fuehlen; allein seine Vollmacht
+ging nicht so weit wie das Begehren des Koenigs: er gestand ihm gegen
+Einraeumung von Phokis und Lokris einen zweimonatlichen
+Waffenstillstand zu und wies ihn in der Hauptsache an seine Regierung.
+Im roemischen Senat war man sich laengst einig, dass Makedonien alle
+seine auswaertigen Besitzungen aufgeben muesse; als daher Philippos’
+Gesandte in Rom erschienen, begnuegte man sich zu fragen, ob sie
+Vollmacht haetten, auf ganz Griechenland, namentlich auf Korinth,
+Chalkis und Demetrias zu verzichten, und da sie dies verneinten, brach
+man sofort die Unterhandlungen ab und beschloss die energische
+Fortsetzung des Krieges. Mit Hilfe der Volkstribunen gelang es dem
+Senat, den so nachteiligen Wechsel des Oberbefehls zu verhindern und
+Flamininus das Kommando zu verlaengern; er erhielt bedeutende
+Verstaerkung, und die beiden frueheren Oberbefehlshaber Publius Galba
+und Publius Villius wurden angewiesen, sich ihm zur Verfuegung zu
+stellen. Auch Philippos entschloss sich, noch eine Feldschlacht zu
+wagen. Um Griechenland zu sichern, wo jetzt alle Staaten mit Ausnahme
+der Akarnanen und Boeoter gegen ihn in Waffen standen, wurde die
+Besatzung von Korinth bis auf 6000 Mann verstaerkt, waehrend er selbst,
+die letzten Kraefte des erschoepften Makedoniens anstrengend und Kinder
+und Greise in die Phalanx einreihend, ein Heer von etwa 26000 Mann,
+darunter 16000 makedonische Phalangiten, auf die Beine brachte. So
+begann der vierte Feldzug 557 (197). Flamininus schickte einen Teil der
+Flotte gegen die Akarnanen, die in Leukas belagert wurden; im
+eigentlichen Griechenland bemaechtigte er sich durch List der
+boeotischen Hauptstadt Thebae, wodurch sich die Boeoter gezwungen
+sahen, dem Buendnis gegen Makedonien wenigstens dem Namen nach
+beizutreten. Zufrieden, hierdurch die Verbindung zwischen Korinth und
+Chalkis gesprengt zu haben, wandte er sich nach Norden, wo allein die
+Entscheidung fallen konnte. Die grossen Schwierigkeiten der Verpflegung
+des Heeres in dem feindlichen und grossenteils oeden Lande, die schon
+oft die Operationen gehemmt hatten, sollte jetzt die Flotte beseitigen,
+indem sie das Heer laengs der Kueste begleitete und ihm die aus Afrika,
+Sizilien und Sardinien gesandten Vorraete nachfuehrte. Indes die
+Entscheidung kam frueher, als Flamininus gehofft hatte. Philippos,
+ungeduldig und zuversichtlich wie er war, konnte es nicht aushalten,
+den Feind an der makedonischen Grenze zu erwarten; nachdem er bei Dion
+sein Heer gesammelt hatte, rueckte er durch den Tempepass in Thessalien
+ein und traf mit dem ihm entgegenrueckenden feindlichen Heer in der
+Gegend von Skotussa zusammen. Beide Heere, das makedonische und das
+roemische, das durch Zuzuege der Apolloniaten und Athamanen und die von
+Nabis gesandten Kretenser, besonders aber durch einen ansehnlichen
+aetolischen Haufen verstaerkt worden war, zaehlten ungefaehr gleich
+viel Streiter, jedes etwa 26000 Mann; doch waren die Roemer an Reiterei
+dem Gegner ueberlegen. Vorwaerts Skotussa, auf dem Plateau des
+Karadagh, traf waehrend eines trueben Regentages der roemische Vortrab
+unvermutet auf den feindlichen, der einen zwischen beiden Lagern
+gelegenen, hohen und steilen Huegel, die Kynoskephalae genannt, besetzt
+hielt. Zurueckgetrieben in die Ebene, erhielten die Roemer Verstaerkung
+aus dem Lager von den leichten Truppen und dem trefflichen Korps der
+aetolischen Reiterei und draengten nun ihrerseits den makedonischen
+Vortrab auf und ueber die Hoehe zurueck. Hier aber fanden wiederum die
+Makedonier Unterstuetzung an ihrer gesamten Reiterei und dem groessten
+Teil der leichten Infantrie; die Roemer, die unvorsichtig sich
+vorgewagt hatten, wurden mit grossem Verlust bis hart an ihr Lager
+zurueckgejagt und haetten sich voellig zur Flucht gewandt, wenn nicht
+die aetolischen Ritter in der Ebene den Kampf so lange hingehalten
+haetten, bis Flamininus die schnell geordneten Legionen herbeifuehrte.
+Dem ungestuemen Ruf der siegreichen, die Fortsetzung des Kampfes
+fordernden Truppen gab der Koenig nach und ordnete auch seine
+Schwerbewaffneten eilig zu der Schlacht, die weder Feldherr noch
+Soldaten an diesem Tage erwartet hatten. Es galt, den Huegel zu
+besetzen, der augenblicklich von Truppen ganz entbloesst war. Der
+rechte Fluegel der Phalanx unter des Koenigs eigener Fuehrung kam frueh
+genug dort an, um sich ungestoert auf der Hoehe in Schlachtordnung zu
+stellen; der linke aber war noch zurueck, als schon die leichten
+Truppen der Makedonier, von den Legionen gescheucht, den Huegel
+heraufstuermten. Philipp schob die fluechtigen Haufen rasch an der
+Phalanx vorbei in das Mitteltreffen, und ohne zu erwarten, bis auf dem
+linken Fluegel Nikanor mit der anderen, langsamer folgenden Haelfte der
+Phalanx eingetroffen war, hiess er die rechte Phalanx mit gesenkten
+Speeren den Huegel hinab sich auf die Legionen stuerzen und
+gleichzeitig die wieder geordnete leichte Infanterie sie umgehen und
+ihnen in die Flanke fallen. Der am guenstigen Orte unwiderstehliche
+Angriff der Phalanx zersprengte das roemische Fussvolk, und der linke
+Fluegel der Roemer ward voellig geschlagen. Auf dem anderen Fluegel
+liess Nikanor, als er den Koenig angreifen sah, die andere Haelfte der
+Phalanx schleunig nachruecken; sie geriet dabei auseinander, und
+waehrend die ersten Reihen schon den Berg hinab eilig dem siegreichen
+rechten Fluegel folgten und durch das ungleiche Terrain noch mehr in
+Unordnung kamen, gewannen die letzten Glieder eben erst die Hoehe. Der
+rechte Fluegel der Roemer ward unter diesen Umstaenden leicht mit dem
+feindlichen linken fertig; die Elefanten allein, die auf diesem Fluegel
+standen, vernichteten die aufgeloesten makedonischen Scharen. Waehrend
+hier ein fuerchterliches Gemetzel entstand, nahm ein entschlossener
+roemischer Offizier zwanzig Faehnlein zusammen und warf sich mit diesen
+auf den siegreichen makedonischen Fluegel, der, den roemischen linken
+verfolgend, so weit vorgedrungen war, dass der roemische rechte ihm im
+Ruecken stand. Gegen den Angriff von hinten war die Phalanx wehrlos und
+mit dieser Bewegung die Schlacht zu Ende. Bei der vollstaendigen
+Aufloesung der beiden Phalangen ist es begreiflich, dass man 13000
+teils gefangene, teils gefallene Makedonier zaehlte, meistens
+gefallene, weil die roemischen Soldaten das makedonische Zeichen der
+Ergebung, das Aufheben der Sarissen, nicht kannten; der Verlust der
+Sieger war gering. Philippos entkam nach Larissa und nachdem er alle
+seine Papiere verbrannt hatte, um niemanden zu kompromittieren, raeumte
+er Thessalien und ging in seine Heimat zurueck.
+
+Gleichzeitig mit dieser grossen Niederlage erlitten die Makedonier noch
+andere Nachteile auf allen Punkten, die sie noch besetzt hielten: in
+Karien schlugen die rhodischen Soeldner das dort stehende makedonische
+Korps und zwangen dasselbe, sich in Stratonikeia einzuschliessen; die
+korinthische Besatzung ward von Nikostratos und seinen Achaeern mit
+starkem Verlust geschlagen, das akarnanische Leukas nach heldenmuetiger
+Gegenwehr erstuermt. Philippos war vollstaendig ueberwunden; seine
+letzten Verbuendeten, die Akarnanen, ergaben sich auf die Nachricht von
+der Schlacht bei Kynoskephalae.
+
+Es lag vollstaendig in der Hand der Roemer, den Frieden zu diktieren:
+sie nutzten ihre Macht, ohne sie zu missbrauchen. Man konnte das Reich
+Alexanders vernichten; auf der Konferenz der Bundesgenossen ward dies
+Begehren von aetolischer Seite ausdruecklich gestellt. Allein was hiess
+das anders als den Wall hellenischer Bildung gegen Thraker und Kelten
+niederreissen? Schon war waehrend des eben beendigten Krieges das
+bluehende Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersonesos von den Thrakern
+gaenzlich zerstoert worden - eine ernste Warnung fuer die Zukunft.
+Flamininus, der tiefe Blicke in die widerwaertigen Verfehdungen der
+griechischen Staaten getan hatte, konnte nicht die Hand dazu bieten,
+dass die roemische Grossmacht fuer den Groll der aetolischen
+Eidgenossenschaft die Exekution uebernahm, auch wenn nicht seine
+hellenischen Sympathien fuer den feinen und ritterlichen Koenig ebenso
+sehr gewonnen gewesen waeren wie sein roemisches Nationalgefuehl
+verletzt war durch die Prahlerei der Aetoler, der “Sieger von
+Kynoskephalae”, wie sie sich nannten. Den Aetolern erwiderte er, dass
+es nicht roemische Sitte sei, Besiegte zu vernichten, uebrigens seien
+sie ja ihre eigenen Herren und stehe es ihnen frei, mit Makedonien ein
+Ende zu machen, wenn sie koennten. Der Koenig ward mit aller moeglichen
+Ruecksicht behandelt, und nachdem er sich bereit erklaert hatte, auf
+die frueher gestellten Forderungen jetzt einzugehen, ihm von Flamininus
+gegen Zahlung einer Geldsumme und Stellung von Geiseln, darunter seines
+Sohnes Demetrios, ein laengerer Waffenstillstand bewilligt, den
+Philippos hoechst noetig brauchte, um die Dardaner aus Makedonien
+hinauszuschlagen.
+
+Die definitive Regulierung der verwickelten griechischen
+Angelegenheiten ward vom Senat einer Kommission von zehn Personen
+uebertragen, deren Haupt und Seele wieder Flamininus war. Philippos
+erhielt von ihr aehnliche Bedingungen, wie sie Karthago gestellt worden
+waren. Er verlor alle auswaertigen Besitzungen in Kleinasien, Thrakien,
+Griechenland und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres; dagegen blieb
+das eigentliche Makedonien ungeschmaelert bis auf einige unbedeutende
+Grenzstriche und die Landschaft Orestis, welche frei erklaert ward -
+eine Bestimmung, die Philippos aeusserst empfindlich fiel, allein die
+die Roemer nicht umhin konnten, ihm vorzuschreiben, da bei seinem
+Charakter es unmoeglich war, ihm die freie Verfuegung ueber einmal von
+ihm abgefallene Untertanen zu lassen. Makedonien wurde ferner
+verpflichtet, keine auswaertigen Buendnisse ohne Vorwissen Roms
+abzuschliessen noch nach auswaerts Besatzungen zu schicken; ferner
+nicht ausserhalb Makedoniens gegen zivilisierte Staaten noch ueberhaupt
+gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren und kein Heer ueber
+5000 Mann, keine Elefanten und nicht ueber fuenf Deckschiffe zu
+unterhalten, die uebrigen an die Roemer auszuliefern. Endlich trat
+Philippos mit den Roemern in Symmachie, die ihn verpflichtete, auf
+Verlangen Zuzug zu senden, wie denn gleich nachher die makedonischen
+Truppen mit den Legionen zusammen fochten. Ausserdem zahlte er eine
+Kontribution von 1000 Talenten (1700000 Taler).
+
+Nachdem Makedonien also zu vollstaendiger politischer Nullitaet
+herabgedrueckt und ihm nur so viel Macht gelassen war, als es bedurfte,
+um die Grenze von Hellas gegen die Barbaren zu hueten, schritt man
+dazu, ueber die vom Koenig abgetretenen Besitzungen zu verfuegen. Die
+Roemer, die eben damals in Spanien erfuhren, dass ueberseeische
+Provinzen ein sehr zweifelhafter Gewinn seien, und die ueberhaupt
+keineswegs des Laendererwerbes wegen den Krieg begonnen hatten, nahmen
+nichts von der Beute fuer sich und zwangen dadurch auch ihre
+Bundesgenossen zur Maessigung. Sie beschlossen, saemtliche Staaten
+Griechenlands, die bisher unter Philippos gestanden, frei zu erklaeren;
+und Flamininus erhielt den Auftrag, das desfaellige Dekret den zu den
+Isthmischen Spielen versammelten Griechen zu verlesen (558 196).
+Ernsthafte Maenner freilich mochten fragen, ob denn die Freiheit ein
+verschenkbares Gut sei und was Freiheit ohne Einigkeit und Einheit der
+Nation bedeute; doch war der Jubel gross und aufrichtig, wie die
+Absicht aufrichtig war, in der der Senat die Freiheit verlieh ^1.
+
+—————————————————————————-
+
+^1 Wir haben noch Goldstater mit dem Kopf des Flamininus und der
+Inschrift “T. Quincti(us)”, unter dem Regiment des Befreiers der
+Hellenen in Griechenland geschlagen. Der Gebrauch der lateinischen
+Sprache ist eine bezeichnende Artigkeit.
+
+——————————————————————————
+
+Ausgenommen waren von dieser gemeinen Massregel nur die illyrischen
+Landschaften oestlich von Epidamnos, die an den Herrn von Skodra,
+Pleuratos, fielen und diesen, ein Menschenalter zuvor von den Roemern
+gedemuetigten Land- und Seeraeuberstaat wieder zu der maechtigsten
+unter all den kleinen Herrschaften in diesen Strichen machten; ferner
+einige Ortschaften im westlichen Thessalien, die Amynander besetzt
+hatte und die man ihm liess, und die drei Inseln Paros, Skyros und
+Imbros, welche Athen fuer seine vielen Drangsale und seine noch
+zahlreicheren Dankadressen und Hoeflichkeiten aller Art zum Geschenk
+erhielt. Dass die Rhodier ihre karischen Besitzungen behielten und
+Aegina den Pergamenern blieb, versteht sich. Sonst ward den
+Bundesgenossen nur mittelbar gelohnt durch den Zutritt der neu
+befreiten Staedte zu den verschiedenen Eidgenossenschaften. Am besten
+wurden die Achaeer bedacht, die doch am spaetesten der Koalition gegen
+Philippos beigetreten waren; wie es scheint, aus dem ehrenwerten
+Grunde, dass dieser Bundesstaat unter allen griechischen der
+geordnetste und ehrbarste war. Die saemtlichen Besitzungen Philipps auf
+dem Peloponnes und dem Isthmos, also namentlich Korinth, wurden ihrem
+Bunde einverleibt. Mit den Aetolern dagegen machte man wenig Umstaende;
+sie durften die phokischen und lokrischen Staedte in ihre Symmachie
+aufnehmen, allein ihre Versuche, dieselbe auch auf Akarnanien und
+Thessalien auszudehnen, wurden teils entschieden zurueckgewiesen, teils
+in die Ferne geschoben, und die thessalischen Staedte vielmehr in vier
+kleine selbstaendige Eidgenossenschaften geordnet. Dem Rhodischen
+Staedtebund kam die Befreiung von Thasos und Lemnos, der thrakischen
+und kleinasiatischen Staedte zugute.
+
+Schwierigkeit machte die Ordnung der inneren Verhaeltnisse
+Griechenlands, sowohl der Staaten zueinander, als der einzelnen Staaten
+in sich. Die dringendste Angelegenheit war der zwischen den Spartanern
+und Achaeern seit 550 (204) gefuehrte Krieg, dessen Vermittlung den
+Roemern notwendig zufiel. Allein nach vielfachen Versuchen, Nabis zum
+Nachgeben, namentlich zur Herausgabe der von Philippos ihm
+ausgelieferten achaeischen Bundesstadt Argos zu bestimmen, blieb
+Flamininus doch zuletzt nichts uebrig, als dem eigensinnigen kleinen
+Raubherrn, der auf den offenkundigen Groll der Aetoler gegen die Roemer
+und auf Antiochos’ Einruecken in Europa rechnete und die Rueckstellung
+von Argos beharrlich weigerte, endlich von den saemtlichen Hellenen auf
+einer grossen Tagfahrt in Korinth den Krieg erklaeren zu lassen und mit
+der Flotte und dem roemisch-bundesgenoessischen Heere, darunter auch
+einem von Philippos gesandten Kontingent und einer Abteilung
+lakedaemonischer Emigranten unter dem legitimen Koenig von Sparta,
+Agesipolis, in den Peloponnes einzuruecken (559 195). Um den Gegner
+durch die ueberwaeltigende Uebermacht sogleich zu erdruecken, wurden
+nicht weniger als 50000 Mann auf die Beine gebracht und mit
+Vernachlaessigung der uebrigen Staedte sogleich die Hauptstadt selbst
+umstellt; allein der gewuenschte Erfolg ward dennoch nicht erreicht.
+Nabis hatte eine betraechtliche Armee, bis 15000 Mann, darunter 5000
+Soeldner, ins Feld gestellt und seine Herrschaft durch ein
+vollstaendiges Schreckensregiment, die Hinrichtung in Masse der ihm
+verdaechtigen Offiziere und Bewohner der Landschaft, aufs neue
+befestigt. Sogar als er selber nach den ersten Erfolgen der roemischen
+Armee und Flotte sich entschloss, nachzugeben und die von Flamininus
+ihm gestellten verhaeltnismaessig sehr guenstigen Bedingungen
+anzunehmen, verwarf “das Volk”, das heisst das von Nabis in Sparta
+angesiedelte Raubgesindel, nicht mit Unrecht die Rechenschaft nach dem
+Siege fuerchtend und getaeuscht durch obligate Luegen ueber die
+Beschaffenheit der Friedensbedingungen und das Heranruecken der Aetoler
+und der Asiaten, den von dem roemischen Feldherrn gebotenen Frieden,
+und der Kampf begann aufs neue. Es kam zu einer Schlacht vor den Mauern
+und zu einem Sturm auf dieselben; schon waren sie von den Roemern
+erstiegen, als das Anzuenden der genommenen Strassen die Stuermenden
+wieder zur Umkehr zwang. Endlich nahm denn doch der eigensinnige
+Widerstand ein Ende. Sparta behielt seine Selbstaendigkeit und ward
+weder gezwungen, die Emigranten wieder aufzunehmen, noch dem
+Achaeischen Bunde beizutreten; sogar die bestehende monarchische
+Verfassung und Nabis selbst blieben unangetastet. Dagegen musste Nabis
+seine auswaertigen Besitzungen, Argos, Messene, die kretischen Staedte
+und ueberdies noch die ganze Kueste, abtreten, sich verpflichten, weder
+auswaertige Buendnisse zu schliessen noch Krieg zu fuehren und keine
+anderen Schiffe zu halten als zwei offene Kaehne, endlich alles Raubgut
+wieder abzuliefern, den Roemern Geiseln zu stellen und eine
+Kriegskontribution zu zahlen. Den spartanischen Emigranten wurden die
+Staedte an der lakonischen Kueste gegeben und diese neue Volksgemeinde,
+die im Gegensatz zu den monarchisch regierten Spartanern sich die der
+“freien Lakonen” nannte, angewiesen, in den Achaeischen Bund
+einzutreten. Ihr Vermoegen erhielten die Emigrierten nicht zurueck,
+indem die ihnen angewiesene Landschaft dafuer als Ersatz angesehen
+ward; wogegen verfuegt wurde, dass ihre Weiber und Kinder nicht wider
+deren Willen in Sparta zurueckgehalten werden sollten. Die Achaeer,
+obwohl sie durch diese Verfuegung ausser Argos noch die freien Lakonen
+erhielten, waren dennoch wenig zufrieden; sie hatten die Beseitigung
+des gefuerchteten und gehassten Nabis, die Rueckfuehrung der
+Emigrierten und die Ausdehnung der achaeischen Symmachie auf den ganzen
+Peloponnes erwartet. Der Unbefangene wird indes nicht verkennen, dass
+Flamininus diese schwierigen Angelegenheiten so billig und gerecht
+regelte, wie es moeglich ist, wo zwei beiderseits unbillige und
+ungerechte politische Parteien sich gegenueberstehen. Bei der alten und
+tiefen Verfeindung zwischen den Spartanern und Achaeern waere die
+Einverleibung Spartas in den Achaeischen Bund einer Unterwerfung
+Spartas unter die Achaeer gleichgekommen, was der Billigkeit nicht
+minder zuwiderlief als der Klugheit. Die Rueckfuehrung der Emigranten
+und die vollstaendige Restauration eines seit zwanzig Jahren
+beseitigten Regiments wuerde nur ein Schreckensregiment an die Stelle
+eines anderen gesetzt haben; der Ausweg, den Flamininus ergriff, war
+eben darum der rechte, weil er beide extreme Parteien nicht
+befriedigte. Endlich schien dafuer gruendlich gesorgt, dass es mit dem
+spartanischen See- und Landraub ein Ende hatte und das Regiment
+daselbst, wie es nun eben war, nur der eigenen Gemeinde unbequem fallen
+konnte. Es ist moeglich, dass Flamininus, der den Nabis kannte und
+wissen musste, wie wuenschenswert dessen persoenliche Beseitigung war,
+davon abstand, um nur einmal zu Ende zu kommen und nicht durch
+unabsehbar sich fortspinnende Verwicklungen den reinen Eindruck seiner
+Erfolge zu trueben; moeglich auch, dass er ueberdies an Sparta ein
+Gegengewicht gegen die Macht der Achaeischen Eidgenossenschaft im
+Peloponnes zu konservieren suchte. Indes der erste Vorwurf trifft einen
+Nebenpunkt und in letzterer Hinsicht ist es wenig wahrscheinlich, dass
+die Roemer sich herabliessen, die Achaeer zu fuerchten.
+
+Aeusserlich wenigstens war somit zwischen den kleinen griechischen
+Staaten Friede gestiftet. Aber auch die inneren Verhaeltnisse der
+einzelnen Gemeinden gaben dem roemischen Schiedsrichter zu tun. Die
+Boeoter trugen ihre makedonische Gesinnung selbst noch nach der
+Verdraengung der Makedonier aus Griechenland offen zur Schau; nachdem
+Flamininus auf ihre Bitten ihren in Philippos’ Diensten gestandenen
+Landsleuten die Rueckkehr verstattet hatte, ward der entschiedenste der
+makedonischen Parteigaenger, Brachyllas, zum Vorstand der Boeotischen
+Genossenschaft erwaehlt und auch sonst Flamininus auf alle Weise
+gereizt. Er ertrug es mit beispielloser Geduld: indes die roemisch
+gesinnten Boeoter, die wussten, was nach dem Abzug der Roemer ihrer
+warte, beschlossen den Tod des Brachyllas, und Flamininus, dessen
+Erlaubnis sie sich dazu erbitten zu muessen glaubten, sagte wenigstens
+nicht nein. Brachyllas ward demnach ermordet; worauf die Boeoter sich
+nicht begnuegten, die Moerder zu verfolgen, sondern auch den einzeln
+durch ihr Gebiet passierenden roemischen Soldaten auflauerten und deren
+an 500 erschlugen. Dies war denn doch zu arg; Flamininus legte ihnen
+eine Busse von einem Talent fuer jeden Soldaten auf, und da sie diese
+nicht zahlten, nahm er die naechstliegenden Truppen zusammen und
+belagerte Koroneia (558 196). Nun verlegte man sich auf Bitten; in der
+Tat liess Flamininus auf die Verwendung der Achaeer und Athener gegen
+eine sehr maessige Busse von den Schuldigen ab, und obwohl die
+makedonische Partei fortwaehrend in der kleinen Landschaft am Ruder
+blieb, setzten die Roemer ihrer knabenhaften Opposition nichts entgegen
+als die Langmut der Uebermacht. Auch im uebrigen Griechenland begnuegte
+sich Flamininus, soweit es ohne Gewalttaetigkeit anging, auf die
+inneren Verhaeltnisse namentlich der neubefreiten Gemeinden
+einzuwirken, den Rat und die Gerichte in die Haende der Reicheren und
+die antimakedonisch gesinnte Partei ans Ruder zu bringen und die
+staedtischen Gemeinwesen dadurch, dass er das, was in jeder Gemeinde
+nach Kriegsrecht an die Roemer gefallen war, zu dem Gemeindegut der
+betreffenden Stadt schlug, moeglichst an das roemische Interesse zu
+knuepfen. Im Fruehjahr 560 (194) war die Arbeit beendigt: Flamininus
+versammelte noch einmal in Korinth die Abgeordneten der saemtlichen
+griechischen Gemeinden, ermahnte sie zu verstaendigem und maessigem
+Gebrauch der ihnen verliehenen Freiheit und erbat sich als einzige
+Gegengabe fuer die Roemer, dass man die italischen Gefangenen, die
+waehrend des Hannibalischen Krieges nach Griechenland verkauft worden
+waren, binnen dreissig Tagen ihm zusende. Darauf raeumte er die letzten
+Festungen, in denen noch roemische Besatzung stand, Demetrias, Chalkis
+nebst den davon abhaengigen kleineren Forts auf Euboea, und
+Akrokorinth, also die Rede der Aetoler, dass Rom die Fesseln
+Griechenlands von Philippos geerbt, tatsaechlich Luege strafend, und
+zog mit den saemtlichen roemischen Truppen und den befreiten Gefangenen
+in die Heimat.
+
+Nur von der veraechtlichen Unredlichkeit oder der schwaechlichen
+Sentimentalitaet kann es verkannt werden, dass es mit der Befreiung
+Griechenlands den Roemern vollkommen ernst war, und die Ursache,
+weshalb der grossartig angelegte Plan ein so kuemmerliches Gebaeude
+lieferte, einzig zu suchen ist in der vollstaendigen sittlichen und
+staatlichen Aufloesung der hellenischen Nation. Es war nichts Geringes,
+dass eine maechtige Nation das Land, welches sie sich gewoehnt hatte,
+als ihre Urheimat und als das Heiligtum ihrer geistigen und hoeheren
+Interessen zu betrachten, mit ihrem maechtigen Arm ploetzlich zur
+vollen Freiheit fuehrte und jeder Gemeinde desselben die Befreiung von
+fremder Schatzung und fremder Besatzung und die unbeschraenkte
+Selbstregierung verlieh; bloss die Jaemmerlichkeit sieht hierin nichts
+als politische Berechnung. Der politische Kalkuel machte den Roemern
+die Befreiung Griechenlands moeglich, zur Wirklichkeit wurde sie durch
+die eben damals in Rom und vor allem in Flamininus selbst
+unbeschreiblich maechtigen hellenischen Sympathien. Wenn ein Vorwurf
+die Roemer trifft, so ist es der, dass sie alle und vor allem den
+Flamininus, der die wohlbegruendeten Bedenken des Senats ueberwand, der
+Zauber des hellenischen Namens hinderte, die Erbaermlichkeit des
+damaligen griechischen Staatenwesens in ihrem ganzen Umfang zu
+erkennen, und dass sie all den Gemeinden, die mit ihren in sich und
+gegeneinander gaerenden ohnmaechtigen Antipathien weder zu handeln noch
+sich ruhig zu halten verstanden, ihr Treiben auch ferner gestatteten.
+Wie die Dinge einmal standen, war es vielmehr noetig, dieser ebenso
+kuemmerlichen als schaedlichen Freiheit durch eine an Ort und Stelle
+dauernd anwesende Uebermacht ein- fuer allemal ein Ende zu machen; die
+schwaechliche Gefuehlspolitik war bei all ihrer scheinbaren Humanitaet
+weit grausamer, als die strengste Okkupation gewesen sein wuerde. In
+Boeotien zum Beispiel musste Rom einen politischen Mord, wenn nicht
+veranlassen, doch zulassen, weil man sich einmal entschlossen hatte,
+die roemischen Truppen aus Griechenland wegzuziehen und somit den
+roemisch gesinnten Griechen nicht wehren konnte, dass sie landueblicher
+Weise sich selber halfen. Aber auch Rom selbst litt unter den Folgen
+dieser Halbheit. Der Krieg mit Antiochos waere nicht entstanden ohne
+den politischen Fehler der Befreiung Griechenlands, und er waere
+ungefaehrlich geblieben ohne den militaerischen Fehler, aus den
+Hauptfestungen an der europaeischen Grenze die Besatzungen wegzuziehen.
+Die Geschichte hat eine Nemesis fuer jede Suende, fuer den impotenten
+Freiheitsdrang wie fuer den unverstaendigen Edelmut.
+
+
+
+
+KAPITEL IX.
+Der Krieg gegen Antiochos von Asien
+
+
+In dem Reiche Asien trug das Diadem der Seleukiden seit dem Jahre 531
+(223) der Koenig Antiochos der Dritte, der Urenkel des Begruenders der
+Dynastie. Auch er war gleich Philippos mit neunzehn Jahren zur
+Regierung gekommen und hatte Taetigkeit und Unternehmungsgeist genug
+namentlich in seinen ersten Feldzuegen im Osten entwickelt, um ohne
+allzu arge Laecherlichkeit im Hofstil der Grosse zu heissen. Mehr indes
+durch die Schlaffheit seiner Gegner, namentlich des aegyptischen
+Philopator, als durch seine eigene Tuechtigkeit war es ihm gelungen,
+die Integritaet der Monarchie einigermassen wiederherzustellen und
+zuerst die oestlichen Satrapien Medien und Parthyene, dann auch den von
+Achaeos diesseits des Tauros in Kleinasien begruendeten Sonderstaat
+wieder mit der Krone zu vereinigen. Ein erster Versuch, das schmerzlich
+entbehrte syrische Kuestenland den Aegyptern zu entreissen, war im
+Jahre der Trasimenischen Schlacht von Philopator bei Raphia blutig
+zurueckgewiesen worden, und Antiochos hatte sich wohl gehuetet, mit
+Aegypten den Streit wieder aufzunehmen, solange dort ein Mann, wenn
+auch ein schlaffer, auf dem Thron sass. Aber nach Philopators Tode (549
+205) schien der rechte Augenblick gekommen, mit Aegypten ein Ende zu
+machen; Antiochos verband sich zu diesem Zweck mit Philippos und hatte
+sich auf Koilesyrien geworfen, waehrend dieser die kleinasiatischen
+Staedte angriff. Als die Roemer hier intervenierten, schien es einen
+Augenblick, als werde Antiochos gegen sie mit Philippos
+gemeinschaftliche Sache machen, wie die Lage der Dinge und der
+Buendnisvertrag es mit sich brachten. Allein nicht weitsichtig genug,
+um ueberhaupt die Einmischung der Roemer in die Angelegenheiten des
+Ostens sofort mit aller Energie zurueckzuweisen, glaubte Antiochos
+seinen Vorteil am besten zu wahren, wenn er Philippos’ leicht
+vorauszusehende Ueberwaeltigung durch die Roemer dazu nutzte, um das
+Aegyptische Reich, das er mit Philippos hatte teilen wollen, nun fuer
+sich allein zu gewinnen. Trotz der engen Beziehungen Roms zu dem
+alexandrinischen Hof und dem koeniglichen Muendel hatte doch der Senat
+keineswegs die Absicht, wirklich, wie er sich nannte, dessen
+“Beschuetzer” zu sein; fest entschlossen, sich um die asiatischen
+Angelegenheiten nicht anders als im aeussersten Notfall zu bekuemmern
+und den Kreis der roemischen Macht mit den Saeulen des Herakles und dem
+Hellespont zu begrenzen, liess er den Grosskoenig machen. Mit der
+Eroberung des eigentlichen Aegypten, die leichter gesagt als getan war,
+mochte es freilich diesem selbst nicht recht ernst sein; dagegen ging
+er daran, die auswaertigen Besitzungen Aegyptens eine nach der andern
+zu unterwerfen und griff zunaechst die kilikischen sowie die syrischen
+und palaestinensischen an. Der grosse Sieg, den er im Jahre 556 (198)
+am Berge Panion bei den Jordanquellen ueber den aegyptischen Feldherrn
+Skopas erfocht, gab ihm nicht bloss den vollstaendigen Besitz dieses
+Gebiets bis an die Grenze des eigentlichen Aegypten, sondern schreckte
+die aegyptischen Vormuender des jungen Koenigs so sehr, dass dieselben,
+um Antiochos vom Einruecken in Aegypten abzuhalten, sich zum Frieden
+bequemten und durch das Verloebnis ihres Muendels mit der Tochter des
+Antiochos, Kleopatra, den Frieden besiegelten. Nachdem also das
+naechste Ziel erreicht war, ging Antiochos in dem folgenden Jahr, dem
+der Schlacht von Kynoskephalae, mit einer starken Flotte von 100 Deck-
+und 100 offenen Schiffen nach Kleinasien, um die ehemals aegyptischen
+Besitzungen an der Sued- und Westkueste Kleinasiens in Besitz zu nehmen
+- wahrscheinlich hatte die aegyptische Regierung diese Distrikte, die
+faktisch in Philippos’ Haenden waren, im Frieden an Antiochos
+abgetreten und ueberhaupt auf die saemtlichen auswaertigen Besitzungen
+zu dessen Gunsten verzichtet - und um ueberhaupt die kleinasiatischen
+Griechen wieder zum Reiche zu bringen. Zugleich sammelte sich ein
+starkes syrisches Landheer in Sardes.
+
+Dieses Beginnen war mittelbar gegen die Roemer gerichtet, welche von
+Anfang an Philippos die Bedingung gestellt hatten, seine Besatzungen
+aus Kleinasien wegzuziehen und den Rhodiern und Pergamenern ihr Gebiet,
+den Freistaedten die bisherige Verfassung ungekraenkt zu lassen, und
+nun an Philippos’ Stelle sich Antiochos derselben bemaechtigen sehen
+mussten. Unmittelbar aber sahen sich Attalos und die Rhodier jetzt von
+Antiochos durchaus mit derselben Gefahr bedroht, die sie wenige Jahre
+zuvor zum Kriege gegen Philippos getrieben hatte; und natuerlich
+suchten sie die Roemer in diesen Krieg ebenso wie in den eben
+beendigten zu verwickeln. Schon 555/56 (199/98) hatte Attalos von den
+Roemern militaerische Hilfe begehrt gegen Antiochos, der sein Gebiet
+besetzt habe, waehrend Attalos’ Truppen in dem roemischen Kriege
+beschaeftigt seien. Die energischeren Rhodier erklaerten sogar dem
+Koenig Antiochos, als im Fruehjahr 557 (197) dessen Flotte an der
+kleinasiatischen Kueste hinauf segelte, dass sie die Ueberschreitung
+der Chelidonischen Inseln (an der lykischen Kueste) als
+Kriegserklaerung betrachten wuerden, und als Antiochos sich hieran
+nicht kehrte, hatten sie, ermutigt durch die eben eintreffende Kunde
+von der Schlacht bei Kynoskephalae, sofort den Krieg begonnen und die
+wichtigsten karischen Staedte Kaunos, Halikarnassos, Myndos, ferner die
+Insel Samos in der Tat vor dem Koenig geschuetzt. Auch von den
+halbfreien Staedten hatten zwar die meisten sich demselben gefuegt,
+allein einige derselben, namentlich die wichtigen Staedte Smyrna,
+Alexandreia, Trogs und Lampsakos hatten auf die Kunde von der
+Ueberwaeltigung Philipps gleichfalls Mut bekommen, sich dem Syrer zu
+widersetzen, und ihre dringenden Bitten vereinigten sich mit denen der
+Rhodier. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Antiochos, soweit er
+ueberhaupt faehig war, einen Entschluss zu fassen und festzuhalten,
+schon jetzt es bei sich festgestellt hatte, nicht bloss die
+aegyptischen Besitzungen in Asien an sich zu bringen, sondern auch in
+Europa fuer sich zu erobern und einen Krieg deswegen mit Rom wo nicht
+zu suchen, doch es darauf ankommen zu lassen. Die Roemer hatten
+insofern alle Ursache, jenem Ansuchen ihrer Bundesgenossen zu
+willfahren und in Asien unmittelbar zu intervenieren; aber sie
+bezeigten sich dazu wenig geneigt. Nicht bloss zauderte man, solange
+der Makedonische Krieg waehrte, und gab dem Attalos nichts als den
+Schutz diplomatischer Verwendung, die uebrigens zunaechst sich wirksam
+erwies; sondern auch nach dem Siege sprach man wohl es aus, dass die
+Staedte, die Ptolemaeos und Philippos in Haenden gehabt, nicht von
+Antiochos sollten in Besitz genommen werden, und die Freiheit der
+asiatischen Staedte Myrina, Abydos, Lampsakos ^1, Kios figurierte in
+den roemischen Aktenstuecken, allein man tat nicht das Geringste, um
+sie durchzusetzen und liess es geschehen, dass Koenig Antiochos die
+gute Gelegenheit des Abzugs der makedonischen Besatzungen aus denselben
+benutzte, um die seinigen hineinzulegen. Ja man ging so weit, sich
+selbst dessen Landung in Europa im Fruehjahr 557 (197) und sein
+Einruecken in den Thrakischen Chersonesos gefallen zu lassen, wo er
+Sestos und Madytos in Besitz nahm und laengere Zeit verwandte auf die
+Zuechtigung der thrakischen Barbaren und die Wiederherstellung des
+zerstoerten Lysimacheia, das er zu seinem Hauptwaffenplatz und zur
+Hauptstadt der neugegruendeten Satrapie Thrakien ausersehen hatte.
+Flamininus, in dessen Haenden die Leitung dieser Angelegenheiten sich
+befand, schickte wohl nach Lysimacheia an den Koenig Gesandte, die von
+der Integritaet des aegyptischen Gebiets und von der Freiheit der
+saemtlichen Hellenen redeten; allein es kam dabei nichts heraus. Der
+Koenig redete wiederum von seinen unzweifelhaften Rechtstiteln auf das
+alte, von seinem Ahnherrn Seleukos eroberte Reich des Lysimachos,
+setzte auseinander, dass er nicht beschaeftigt sei, Land zu erobern,
+sondern einzig die Integritaet seines angestammten Gebiets zu wahren,
+und lehnte die roemische Vermittlung in seinen Streitigkeiten mit den
+ihm untertaenigen Staedten in Kleinasien ab. Mit Recht konnte er
+hinzufuegen, dass mit Aegypten bereits Friede geschlossen sei und es
+den Roemern insofern an einem formellen Grund fehle zu intervenieren
+^2. Die ploetzliche Heimkehr des Koenigs nach Asien, veranlasst durch
+die falsche Nachricht von dem Tode des jungen Koenigs von Aegypten und
+die dadurch hervorgerufenen Projekte einer Landung auf Kypros oder gar
+in Alexandreia, beendigte die Konferenzen, ohne dass man auch nur zu
+einem Abschluss, geschweige denn zu einem Resultat gekommen waere. Das
+folgende Jahr 559 (195) kam Antiochos wieder nach Lysimacheia mit
+verstaerkter Flotte und Armee und beschaeftigte sich mit der
+Einrichtung der neuen Satrapie, die er seinem Sohne Seleukos bestimmte;
+in Ephesos kam Hannibal zu ihm, der von Karthago hatte landfluechtig
+werden muessen, und der ungemein ehrenvolle Empfang, der ihm zuteil
+ward, war so gut wie eine Kriegserklaerung gegen Rom.
+Nichtsdestoweniger zog noch im Fruehjahr 560 (194) Flamininus
+saemtliche roemische Besatzungen aus Griechenland heraus. Es war dies
+unter den obwaltenden Verhaeltnissen wenigstens eine arge Verkehrtheit,
+wenn nicht ein straefliches Handeln wider das eigene bessere Wissen;
+denn der Gedanke laesst sich nicht abweisen, dass Flamininus, um nur
+den Ruhm des gaenzlich beendigten Krieges und des befreiten Hellas
+ungeschmaelert heimzubringen, sich begnuegte, das glimmende Feuer des
+Aufstandes und des Krieges vorlaeufig oberflaechlich zu verschuetten.
+Der roemische Staatsmann mochte vielleicht recht haben, wenn er jeden
+Versuch, Griechenland unmittelbar in roemische Botmaessigkeit zu
+bringen und jede Intervention der Roemer in die asiatischen
+Angelegenheiten fuer einen politischen Fehler erklaerte; aber die
+gaerende Opposition in Griechenland, der schwaechliche Uebermut des
+Asiaten, das Verweilen des erbitterten Roemerfeindes, der schon den
+Westen gegen Rom in Waffen gebracht hatte, im syrischen Hauptquartier,
+alles dies waren deutliche Anzeichen des Herannahens einer neuen
+Schilderhebung des hellenischen Ostens, deren Ziel mindestens sein
+musste, Griechenland aus der roemischen Klientel in die der
+antiroemisch gesinnten Staaten zu bringen und, wenn dies erreicht
+worden waere, sofort sich weiter gesteckt haben wuerde. Es ist
+einleuchtend, dass Rom dies nicht geschehen lassen konnte. Indem
+Flamininus, all jene sicheren Kriegsanzeichen ignorierend, aus
+Griechenland die Besatzungen wegzog und gleichzeitig dennoch an den
+Koenig von Asien Forderungen stellte, fuer die marschieren zu lassen er
+nicht gesonnen war, tat er in Worten zu viel, was in Taten zu wenig und
+vergass seiner Feldherrn- und Buergerpflicht ueber der eigenen
+Eitelkeit, die Rom den Frieden und den Griechen in beiden Weltteilen
+die Freiheit geschenkt zu haben wuenschte und waehnte.
+
+———————————————————————————
+
+^1 Nach einem kuerzlich aufgefundenen Dekret der Stadt Lampsakos (AM 6,
+1891, S. 95) schickten die Lampsakener nach der Niederlage Philipps
+Gesandte an den roemischen Senat mit der Bitte, dass die Stadt in den
+zwischen Rom und dem Koenig (Philippos) abgeschlossenen Vertrag mit
+einbezogen werden moege (όπως συμπεριληφθώμεν [εν ταίς συνθήκαις] ταίς
+γενομέναις Ρωμαίοις πρός τόν [βασιλέα]), welche der Senat, wenigstens
+nach der Auffassung der Bittsteller, denselben gewaehrte und sie im
+uebrigen an Flamininus und die zehn Gesandten wies. Von diesem erbitten
+dann dieselben in Korinth Garantie ihrer Verfassung und Briefe an die
+Koenige. Flamininus gibt ihnen auch dergleichen Schreiben; ueber den
+Inhalt erfahren wir nichts Genaueres, als dass in dem Dekret die
+Gesandtschaft als erfolgreich bezeichnet wird. Aber wenn der Senat und
+Flamininus die Autonomie und Demokratie der Lampsakener formell und
+positiv garantiert haetten, wuerde das Dekret schwerlich so
+ausfuehrlich bei den hoeflichen Antworten verweilen, welche die
+unterwegs um Verwendung bei dem Senat angesprochenen roemischen
+Befehlshaber den Gesandten erteilten.
+
+Bemerkenswert ist in dieser Urkunde noch die gewiss auf die troische
+Legende zurueckgehende “Bruederschaft” der Lampsakener und der Roemer
+und die von jenen mit Erfolg angerufene Vermittlung der Bundesgenossen
+und Freunde Roms, der Massalioten, welche mit den Lampsakenern durch
+die gemeinsame Mutterstadt Phokaea verbunden waren.
+
+^2 Das bestimmte Zeugnis des Hieronymos, welcher das Verloebnis der
+syrischen Kleopatra mit Ptolemaeos Epiphanes in das Jahr 556 (198)
+setzt, in Verbindung mit den Andeutungen bei Livius (33, 40) und Appian
+(Syr. 3) und mit dem wirklichen Vollzug der Vermaehlung im Jahre 561
+(193) setzen es ausser Zweifel dass die Einmischung der Roemer in die
+aegyptischen Angelegenheiten in diesem Fall eine formell unberufene
+war.
+
+——————————————————————————-
+
+Antiochos nuetzte die unerwartete Frist, um im Innern und mit seinen
+Nachbarn die Verhaeltnisse zu befestigen, bevor er den Krieg beginnen
+wuerde, zu dem er seinerseits entschlossen war und immer mehr es ward,
+je mehr der Feind zu zoegern schien. Er vermaehlte jetzt (561 193) dem
+jungen Koenig von Aegypten dessen Verlobte, seine Tochter Kleopatra;
+dass er zugleich seinem Schwiegersohn die Rueckgabe der ihm entrissenen
+Provinzen versprochen habe, ward zwar spaeter aegyptischerseits
+behauptet, allein wahrscheinlich mit Unrecht, und jedenfalls blieb
+faktisch das Land bei dem Syrischen Reiche ^3. Er bot dem Eumenes, der
+im Jahre 557 (197) seinem Vater Attalos auf dem Thron von Pergamon
+gefolgt war, die Zurueckgabe der ihm abgenommenen Staedte und
+gleichfalls eine seiner Toechter zur Gemahlin, wenn er von dem
+roemischen Buendnis lassen wolle. Ebenso vermaehlte er eine Tochter dem
+Koenig Ariarathes von Kappadokien und gewann die Galater durch
+Geschenke, waehrend er die stets aufruehrerischen Pisidier und andere
+kleine Voelkerschaften mit den Waffen bezwang. Den Byzantiern wurden
+ausgedehnte Privilegien bewilligt; in Hinsicht der kleinasiatischen
+Staedte erklaerte der Koenig, dass er die Unabhaengigkeit der alten
+Freistaedte wie Rhodos und Kyzikos, zugestehen und hinsichtlich der
+uebrigen sich begnuegen wolle mit einer bloss formellen Anerkennung
+seiner landesherrlichen Gewalt; er gab sogar zu verstehen, dass er
+bereit sei, sich dem Schiedsspruch der Rhodier zu unterwerfen. Im
+europaeischen Griechenland war er der Aetoler gewiss und hoffte auch
+Philippos wieder unter die Waffen zu bringen. Ja es erhielt ein Plan
+Hannibals die koenigliche Genehmigung, wonach dieser von Antiochos eine
+Flotte von 100 Segeln und ein Landheer von 10000 Mann zu Fuss und 1000
+Reitern erhalten und damit zuerst in Karthago den Dritten Punischen und
+sodann in Italien den Zweiten Hannibalischen Krieg erwecken sollte;
+tyrische Emissaere gingen nach Karthago, um die Schilderhebung daselbst
+einzuleiten. Man hoffte endlich auf Erfolge der spanischen
+Insurrektion, die eben als Hannibal Karthago verliess auf ihrem
+Hoehepunkt stand.
+
+—————————————————————
+
+^3 Wir haben dafuer das Zeugnis des Polybios (28, 1), das die weitere
+Geschichte Judaeas vollkommen bestaetigt; Eusebios (chron. p. 117 Mai)
+irrt, wenn er Philometor zum Herrn von Syrien macht. Allerdings finden
+wir, dass um 567 (187) syrische Steuerpaechter ihre Abgaben nach
+Alexandreia zahlen (Ios. ant. Iud. 12, 4, 7); allein ohne Zweifel
+geschah dies unbeschadet der Souveraenitaetsrechte nur deswegen, weil
+die Mitgift der Kleopatra auf diese Stadtgefaelle angewiesen war; und
+eben daher entsprang spaeter vermutlich der Streit.
+
+—————————————————————-
+
+Waehrend also von langer Hand und im weitesten Umfang der Sturm gegen
+Rom vorbereitet ward, waren es wie immer die in diese Unternehmung
+verwickelten Hellenen, die am wenigsten bedeuteten und am wichtigsten
+und ungeduldigsten taten. Die erbitterten und uebermuetigen Aetoler
+fingen nachgerade selber an zu glauben, dass Philippos von ihnen und
+nicht von den Roemern ueberwunden worden sei, und konnten es gar nicht
+erwarten, dass Antiochos in Griechenland einruecke. Ihre Politik ist
+charakterisiert durch die Antwort, die ihr Strateg bald darauf dem
+Flamininus gab, da derselbe eine Abschrift der Kriegserklaerung gegen
+Rom begehrte: die werde er selber ihm ueberbringen, wenn das aetolische
+Heer am Tiber lagern werde. Die Aetoler machten die Geschaeftstraeger
+des syrischen Koenigs fuer Griechenland und taeuschten beide Teile,
+indem sie dem Koenig vorspiegelten, dass alle Hellenen die Arme nach
+ihm als ihrem rechten Erloeser, ausstreckten, und denen, die in
+Griechenland auf sie hoeren wollten, dass die Landung des Koenigs
+naeher sei, als sie wirklich war. So gelang es ihnen in der Tat, den
+einfaeltigen Eigensinn des Nabis zum Losschlagen zu bestimmen und damit
+in Griechenland das Kriegsfeuer zwei Jahre nach Flamininus’ Entfernung,
+im Fruehling 562 (192) wieder anzufachen; allein sie verfehlten damit
+ihren Zweck. Nabis warf sich auf Gythion, eine der durch den letzten
+Vertrag an die Achaeer gekommenen Staedte der freien Lakonen und nahm
+sie ein, allein der kriegserfahrene Strateg, der Achaeer Philopoemen,
+schlug ihn an den Barbosthenischen Bergen und kaum den vierten Teil
+seines Heeres brachte der Tyrann wieder in seine Hauptstadt zurueck, in
+der Philopoemen ihn einschloss. Da ein solcher Anfang freilich nicht
+genuegte, um Antiochos nach Europa zufuehren, beschlossen die Aetoler,
+sich selber in den Besitz von Sparta, Chalkis und Demetrias zu setzen
+und durch den Gewinn dieser wichtigen Staedte den Koenig zur
+Einschiffung zu bestimmen. Zunaechst gedachte man sich Spartas dadurch
+zu bemaechtigen, dass der Aetoler Alexamenos, unter dem Vorgeben,
+bundesmaessigen Zuzug zu bringen, mit 1000 Mann in die Stadt
+einrueckend, bei dieser Gelegenheit den Nabis aus dem Wege raeume und
+die Stadt besetze. Es geschah so und Nabis ward bei einer Heerschau
+erschlagen; allein als die Aetoler darauf, um die Stadt zu pluendern,
+sich zerstreuten, fanden die Lakedaemonier Zeit sich zu sammeln und
+machten sie bis auf den letzten Mann nieder. Die Stadt liess darauf von
+Philopoemen sich bestimmen, in den Achaeischen Bund einzutreten.
+Nachdem den Aetolern dies loebliche Projekt also verdientermassen nicht
+bloss gescheitert war, sondern gerade den entgegengesetzten Erfolg
+gehabt hatte, fast den ganzen Peloponnes in den Haenden der Gegenpartei
+zu einigen, ging es ihnen auch in Chalkis wenig besser, indem die
+roemische Partei daselbst gegen die Aetoler und die chalkidischen
+Verbannten die roemisch gesinnten Buergerschaften von Eretria und
+Karystos auf Euboea rechtzeitig herbeirief. Dagegen glueckte die
+Besetzung von Demetrias, da die Magneten, denen die Stadt zugefallen
+war, nicht ohne Grund fuerchteten, dass sie von den Roemern dem
+Philippos als Preis fuer die Hilfe gegen Antiochos versprochen sei; es
+kam hinzu, dass mehrere Schwadronen aetolischer Reiter unter dem
+Vorwende, dem Eurylochos, dem zurueckgerufenen Haupt der Opposition
+gegen Rom, das Geleite zu geben, sich in die Stadt einzuschleichen
+wussten. So traten die Magneten halb freiwillig, halb gezwungen auf die
+Seite der Aetoler, und man saeumte nicht, dies bei dem Seleukiden
+geltend zu machen.
+
+Antiochos entschloss sich. Der Bruch mit Rom, so sehr man auch bemueht
+war, ihn durch das diplomatische Palliativ der Gesandtschaften
+hinauszuschieben, liess sich nicht laenger vermeiden. Schon im
+Fruehling 561 (193) hatte Flamininus, der fortfuhr, im Senat in den
+oestlichen Angelegenheiten das entscheidende Wort zu haben, gegen die
+Boten des Koenigs Menippos und Hegesianax das roemische Ultimatum
+ausgesprochen: entweder aus Europa zu weichen und in Asien nach seinem
+Gutduenken zu schalten, oder Thrakien zu behalten und das Schutzrecht
+der Roemer ueber Smyrna, Lampsakos und Alexandreia Troas sich gefallen
+zu lassen. Dieselben Forderungen waren in Ephesos, dem Hauptwaffenplatz
+und Standquartier des Koenigs in Kleinasien, im Fruehling 562 (192)
+noch einmal zwischen Antiochos und den Gesandten des Senats Publius
+Sulpicius und Publius Villius, verhandelt worden, und von beiden Seiten
+hatte man sich getrennt mit der Ueberzeugung, dass eine friedliche
+Einigung nicht mehr moeglich sei. In Rom war seitdem der Krieg
+beschlossen. Schon im Sommer 562 (192) erschien eine roemische Flotte
+von 30 Segeln mit 3000 Soldaten an Bord unter Aulus Atilius Serranus
+vor Gythion, wo ihr Eintreffen den Abschluss des Vertrags zwischen den
+Achaeern und Spartanern beschleunigte; die sizilische und italische
+Ostkueste wurde stark besetzt, um gegen etwaige Landungsversuche
+gesichert zu sein; fuer den Herbst ward in Griechenland ein Landheer
+erwartet. Flamininus bereiste im Auftrag des Senats seit dem Fruehjahr
+562 (192) Griechenland, um die Intrigen der Gegenpartei zu
+hintertreiben und soweit moeglich die unzeitige Raeumung Griechenlands
+wiedergutzumachen. Bei den Aetolern war es schon so weit gekommen, dass
+die Tagsatzung foermlich den Krieg gegen Rom beschloss. Dagegen gelang
+es dem Flamininus, Chalkis fuer die Roemer zu retten, indem er eine
+Besatzung von 500 Achaeern und 500 Pergamenern hineinwarf. Er machte
+ferner einen Versuch, Demetrias wieder zu gewinnen; und die Magneten
+schwankten. Wenn auch einige kleinasiatische Staedte, die Antiochos vor
+dem Beginn des grossen Krieges zu bezwingen sich vorgenommen, noch
+widerstanden, er durfte jetzt nicht laenger mit der Landung zoegern,
+wofern er nicht die Roemer all die Vorteile wiedergewinnen lassen
+wollte, die sie durch die Wegziehung ihrer Besatzungen aus Griechenland
+zwei Jahre zuvor aufgegeben hatten. Antiochos nahm die Schiffe und
+Truppen zusammen, die er eben unter der Hand hatte - es waren nur 40
+Deckschiffe und 10000 Mann zu Fuss nebst 500 Pferden und sechs
+Elefanten - und brach vom thrakischen Chersonesos nach Griechenland
+auf, wo er im Herbst 562 (192) bei Pteleon am Pagasaeischen Meerbusen
+an das Land stieg und sofort das nahe Demetrias besetzte. Ungefaehr um
+dieselbe Zeit landete auch ein roemisches Heer von etwa 25000 Mann
+unter dem Praetor Marcus Baebius bei Apollonia. Also war von beiden
+Seiten der Krieg begonnen.
+
+Es kam darauf an, wie weit jene umfassend angelegte Koalition gegen
+Rom, als deren Haupt Antiochos auftrat, sich realisieren werde. Was
+zunaechst den Plan betraf, in Karthago und Italien den Roemern Feinde
+zu erwecken, so traf Hannibal wie ueberall so auch am Hof zu Ephesos
+das Los, seine grossartigen und hochherzigen Plaene fuer
+kleinkraemerischer und niedriger Leute Rechnung entworfen zu haben. Zu
+ihrer Ausfuehrung geschah nichts, als dass man einige karthagische
+Patrioten kompromittierte; den Karthagern blieb keine andere Wahl, als
+sich den Roemern unbedingt botmaessig zu erweisen. Die Kamarilla wollte
+eben den Hannibal nicht - der Mann war der Hofkabale zu unbequem gross,
+und nachdem sie allerlei abgeschmackte Mittel versucht hatte, zum
+Beispiel den Feldherrn, mit dessen Namen die Roemer ihre Kinder
+schreckten, des Einverstaendnisses mit den roemischen Gesandten zu
+bezichtigen, gelang es ihr, den grossen Antiochos, der wie alle
+unbedeutenden Monarchen auf seine Selbstaendigkeit sich viel zugute tat
+und mit nichts so leicht zu beherrschen war wie mit der Furcht,
+beherrscht zu werden, auf den weisen Gedanken zu bringen, dass er sich
+nicht durch den vielgenannten Mann duerfe verdunkeln lassen; worauf
+denn im hohen Rat beschlossen ward, den Phoeniker kuenftig nur fuer
+untergeordnete Aufgaben und zum Ratgeben zu verwenden, vorbehaltlich
+natuerlich den Rat nie zu befolgen. Hannibal raechte sich an dem
+Gesindel, indem er jeden Auftrag annahm und jeden glaenzend ausfuehrte.
+
+In Asien hielt Kappadokien zu dem Grosskoenig; dagegen trat Prusias von
+Bithynien wie immer auf die Seite des Maechtigeren. Koenig Eumenes
+blieb der alten Politik seines Hauses getreu, die ihm erst jetzt die
+rechte Frucht tragen sollte. Er hatte Antiochos’ Anerbietungen nicht
+bloss beharrlich zurueckgewiesen, sondern auch die Roemer bestaendig zu
+einem Kriege gedraengt, von dem er die Vergroesserung seines Reiches
+erwartete. Ebenso schlossen die Rhodier und die Byzantier sich ihren
+alten Bundesgenossen an. Auch Aegypten trat auf die Seite Roms und bot
+Unterstuetzung an Zufuhr und Mannschaft an, welche man indes
+roemischerseits nicht annahm.
+
+In Europa kam es vor allem an auf die Stellung, die Philippos von
+Makedonien einnehmen wuerde. Vielleicht waere es die richtige Politik
+fuer ihn gewesen, sich, alles Geschehenen und nicht Geschehenen
+ungeachtet, mit Antiochos zu vereinigen; allein Philippos ward in der
+Regel nicht durch solche Ruecksichten bestimmt, sondern durch Neigung
+und Abneigung, und begreiflicherweise traf sein Hass viel mehr den
+treulosen Bundesgenossen, der ihn gegen den gemeinschaftlichen Feind im
+Stich gelassen hatte, um dafuer auch seinen Anteil an der Beute
+einzuziehen und ihm in Thrakien ein laestiger Nachbar zu werden, als
+seinen Besieger, der ihn ruecksichts- und ehrenvoll behandelt hatte. Es
+kam hinzu, dass Antiochos durch Aufstellung abgeschmackter
+Praetendenten auf die makedonische Krone und durch die prunkvolle
+Bestattung der bei Kynoskephalae bleichenden makedonischen Gebeine den
+leidenschaftlichen Mann tief verletzte. Er stellte seine ganze
+Streitmacht mit aufrichtigem Eifer den Roemern zur Verfuegung. Ebenso
+entschieden wie die erste Macht Griechenlands hielt die zweite, die
+Achaeische Eidgenossenschaft fest am roemischen Buendnis; von den
+kleineren Gemeinden blieben ausserdem dabei die Thessaler und die
+Athener, bei welchen letzteren eine von Flamininus in die Burg gelegte
+achaeische Besatzung die ziemlich starke Patriotenpartei zur Vernunft
+brachte. Die Epeiroten gaben sich Muehe, es womoeglich beiden Teilen
+recht zu machen. Sonach traten auf Antiochos’ Seite ausser den Aetolern
+und den Magneten, denen ein Teil der benachbarten Perrhaeber sich
+anschloss, nur der schwache Koenig der Athamanen, Amynander, der sich
+durch toerichte Aussichten auf die makedonische Koenigskrone blenden
+liess, die Boeoter, bei denen die Opposition gegen Rom noch immer am
+Ruder war, und im Peloponnes die Eleer und Messenier, gewohnt, mit den
+Aetolern gegen die Achaeer zu stehen. Das war denn freilich ein
+erbaulicher Anfang; und der Oberfeldherrntitel mit unumschraenkter
+Gewalt, den die Aetoler dem Grosskoenig dekretierten, schien zu dem
+Schaden der Spott. Man hatte sich eben wie gewoehnlich beiderseits
+belogen: statt der unzaehlbaren Scharen Asiens fuehrte der Koenig eine
+Armee heran, kaum halb so stark wie ein gewoehnliches konsularisches
+Heer, und statt der offenen Arme, die saemtliche Hellenen ihrem
+Befreier vom roemischen Joch entgegenstrecken sollten, trugen ein paar
+Klephtenhaufen und einige verliederlichte Buergerschaften dem Koenig
+Waffenbruederschaft an.
+
+Fuer den Augenblick freilich war Antiochos den Roemern im eigentlichen
+Griechenland zuvorgekommen. Chalkis hatte Besatzung von den
+griechischen Verbuendeten der Roemer und wies die erste Aufforderung
+zurueck; allein die Festung ergab sich, als Antiochos mit seiner ganzen
+Macht davorrueckte, und eine roemische Abteilung, die zu spaet kam, um
+sie zu besetzen, wurde beim Delion von Antiochos vernichtet. Euboea
+also war fuer die Roemer verloren. Noch machte schon im Winter
+Antiochos in Verbindung mit den Aetolern und Athamanen einen Versuch,
+Thessalien zu gewinnen; die Thermopylen wurden auch besetzt, Pherae und
+andere Staedte genommen, aber Appius Claudius kam mit 2000 Mann von
+Apollonia heran, entsetzte Larisa und nahm hier Stellung. Antiochos,
+des Winterfeldzugs muede, zog es vor, in sein lustiges Quartier nach
+Chalkis zurueckzugehen, wo es hoch herging und der Koenig sogar trotz
+seiner fuenfzig Jahre und seiner kriegerischen Plaene mit einer
+huebschen Chalkidierin Hochzeit machte. So verstrich der Winter 562/63
+(192/91), ohne dass Antiochos viel mehr getan haette als in
+Griechenland hin- und herschreiben - er fuehre den Krieg mit Tinte und
+Feder, sagte ein roemischer Offizier. Mit dem ersten Fruehjahr 563
+(191) traf der roemische Stab bei Apollonia ein, der Oberfeldherr
+Manius Acilius Glabrio, ein Mann von geringer Herkunft, aber ein
+tuechtiger, von den Feinden wie von seinen Soldaten gefuerchteter
+Feldherr, der Admiral Gaius Livius, unter den Kriegstribunen Marcus
+Porcius Cato, der Ueberwinder Spaniens, und Lucius Valerius Flaccus,
+die nach altroemischer Weise es nicht verschmaehten, obwohl gewesene
+Konsuln, wieder als einfache Kriegstribune in das Heer einzutreten. Mit
+sich brachten sie Verstaerkungen an Schiffen und Mannschaft, darunter
+numidische Reiter und libysche Elefanten, von Massinissa gesendet, und
+die Erlaubnis des Senats, von den ausseritalischen Verbuendeten bis zu
+5000 Mann Hilfstruppen anzunehmen, wodurch die Gesamtzahl der
+roemischen Streitkraefte auf etwa 40000 Mann stieg. Der Koenig, der im
+Anfang des Fruehjahrs sich zu den Aetolern begeben und von da aus eine
+zwecklose Expedition nach Akarnanien gemacht hatte, kehrte auf die
+Nachricht von Glabrios Landung in sein Hauptquartier zurueck, um nun in
+allem Ernst den Feldzug zu beginnen. Allein durch seine und seiner
+Stellvertreter in Asien Saumseligkeit waren unbegreiflicherweise ihm
+alle Verstaerkungen ausgeblieben, so dass er nichts hatte als das
+schwache und nun noch durch Krankheit und Desertion in den liederlichen
+Winterquartieren dezimierte Heer, womit er im Herbst des vorigen Jahres
+bei Pteleon gelandet war. Auch die Aetoler, die so ungeheure Massen
+hatten ins Feld stellen wollen, fuehrten jetzt, da es galt, ihrem
+Oberfeldherrn nicht mehr als 4000 Mann zu. Die roemischen Truppen
+hatten bereits die Operationen in Thessalien begonnen, wo die Vorhut in
+Verbindung mit dem makedonischen Heer die Besatzungen des Antiochos aus
+den thessalischen Staedten hinausschlug und das Gebiet der Athamanen
+besetzte. Der Konsul mit der Hauptarmee folgte nach; die Gesamtmacht
+der Roemer sammelte sich in Larisa. Statt eilig nach Asien
+zurueckzukehren und vor dem in jeder Hinsicht ueberlegenen Feind das
+Feld zu raeumen, beschloss Antiochos, sich in den von ihm besetzten
+Thermopylen zu verschanzen und dort die Ankunft des grossen Heeres aus
+Asien abzuwarten. Er selbst stellte in dem Hauptpass sich auf und
+befahl den Aetolern, den Hochpfad zu besetzen, auf welchem es einst
+Xerxes gelungen war, die Spartaner zu umgehen. Allein nur der Haelfte
+des aetolischen Zuzugs gefiel es, diesem Befehl des Oberfeldherrn
+nachzukommen; die uebrigen 2000 Mann warfen sich in die nahe Stadt
+Herakleia, wo sie an der Schlacht keinen andern Teil nahmen, als dass
+sie versuchten, waehrend derselben das roemische Lager zu ueberfallen
+und auszurauben. Auch die auf dem Gebirg postierten Aetoler betrieben
+den Wachdienst laessig und widerwillig; ihr Posten auf dem Kallidromos
+liess sich von Cato ueberrumpeln, und die asiatische Phalanx, die der
+Konsul mittlerweile von vorn angegriffen hatte, stob auseinander, als
+ihr die Roemer den Berg hinabeilend in die Flanke fielen. Da Antiochos
+fuer nichts gesorgt und an den Rueckzug nicht gedacht hatte, so ward
+das Heer teils auf dem Schlachtfeld, teils auf der Flucht vernichtet;
+kaum dass ein kleiner Haufen Demetrias, und der Koenig selbst mit 500
+Mann Chalkis erreichte. Eilig schiffte er sich nach Ephesos ein; Europa
+war bis auf die thrakischen Besitzungen ihm verloren und nicht einmal
+die Festungen laenger zu verteidigen. Chalkis ergab sich an die Roemer,
+Demetrias an Philippos, dem als Entschaedigung fuer die fast schon von
+ihm vollendete und dann auf Befehl des Konsuls aufgegebene Eroberung
+der Stadt Lamia in Achaia Phthiotis die Erlaubnis ward, sich der
+saemtlichen zu Antiochos uebergetretenen Gemeinden im eigentlichen
+Thessalien und selbst des aetolischen Grenzgebiets, der dolopischen und
+aperantischen Landschaften, zu bemaechtigen. Was sich in Griechenland
+fuer Antiochos ausgesprochen hatte, eilte, seinen Frieden zu machen:
+die Epeiroten baten demuetig um Verzeihung fuer ihr zweideutiges
+Benehmen, die Boeoter ergaben sich auf Gnade und Ungnade, die Eleer und
+Messenier fuegten, die letzteren nach einigem Straeuben, sich den
+Achaeern. Es erfuellte sich, was Hannibal dem Koenig vorhergesagt
+hatte, dass auf die Griechen, die jedem Sieger sich unterwerfen
+wuerden, schlechterdings gar nichts ankomme. Selbst die Aetoler
+versuchten, nachdem ihr in Herakleia eingeschlossenes Korps nach
+hartnaeckiger Gegenwehr zur Kapitulation gezwungen worden war, mit den
+schwer gereizten Roemern ihren Frieden zu machen; indes die strengen
+Forderungen des roemischen Konsuls und eine rechtzeitig von Antiochos
+einlaufende Geldsendung gaben ihnen den Mut, die Verhandlungen noch
+einmal abzubrechen und waehrend zwei ganzer Monate die Belagerung in
+Naupaktos auszuhalten. Schon war die Stadt aufs Aeusserste gebracht und
+die Erstuermung oder die Kapitulation nicht mehr fern, als Flamininus,
+fortwaehrend bemueht, jede hellenische Gemeinde vor den aergsten Folgen
+ihres eigenen Unverstandes und vor der Strenge seiner rauheren Kollegen
+zu bewahren, sich ins Mittel schlug und zunaechst einen leidlichen
+Waffenstillstand zustande brachte. Damit ruhten in ganz Griechenland,
+vorlaeufig wenigstens, die Waffen.
+
+Ein ernsterer Krieg stand in Asien bevor, den nicht so sehr der Feind,
+als die weite Entfernung und die unsichere Verbindung mit der Heimat in
+sehr bedenklichem Licht erscheinen liessen, waehrend doch bei
+Antiochos’ kurzsichtigem Eigensinn der Krieg nicht wohl anders als
+durch einen Angriff im eigenen Lande des Feindes beendet werden konnte.
+Es galt zunaechst, sich der See zu versichern. Die roemische Flotte,
+die waehrend des Feldzugs in Griechenland die Aufgabe gehabt hatte, die
+Verbindung zwischen Griechenland und Kleinasien zu unterbrechen, und
+der es auch gelungen war, um die Zeit der Schlacht bei den Thermopylen
+einen starken asiatischen Transport bei Andros aufzugreifen, war
+seitdem beschaeftigt, den Uebergang der Roemer nach Asien fuer das
+naechste Jahr vorzubereiten und zunaechst die feindliche Flotte aus dem
+Aegaeischen Meer zu vertreiben. Dieselbe lag im Hafen von Kyssus auf
+dem suedlichen Ufer der gegen Chios auslaufenden Landzunge Ioniens;
+dort suchte die roemische sie auf, bestehend aus 75 roemischen, 23
+pergamenischen und sechs karthagischen Deckschiffen unter der Fuehrung
+des Gaius Livius. Der syrische Admiral Polyxenidas, ein rhodischer
+Emigrierter, hatte nur 70 Deckschiffe entgegenzustellen; allein da die
+roemische Flotte noch die rhodischen Schiffe erwartete und Polyxenidas
+auf die ueberlegene Seetuechtigkeit namentlich der tyrischen und
+sidonischen Schiffe vertraute, nahm er den Kampf sogleich an. Zu Anfang
+zwar gelang es den Asiaten, eines der karthagischen Schiffe zu
+versenken; allein sowie es zum Entern kam, siegte die roemische
+Tapferkeit und nur der Schnelligkeit ihrer Ruder und Segel verdankten
+es die Gegner, dass sie nicht mehr als 23 Schiffe verloren. Noch
+waehrend des Nachsetzens stiessen zu der roemischen Flotte 25 rhodische
+Schiffe und die Ueberlegenheit der Roemer in diesen Gewaessern war nun
+zwiefach entschieden. Die feindliche Flotte verhielt sich seitdem ruhig
+im Hafen von Ephesos, und da es nicht gelang, sie zu einer zweiten
+Schlacht zu bestimmen, loeste die roemisch-bundesgenoessische Flotte
+fuer den Winter sich auf; die roemischen Kriegsschiffe gingen nach dem
+Hafen von Kane in der Naehe von Pergamon. Beiderseits war man waehrend
+des Winters fuer den naechsten Feldzug Vorbereitungen zu treffen
+bemueht. Die Roemer suchten die kleinasiatischen Griechen auf ihre
+Seite zu bringen: Smyrna, das alle Versuche des Koenigs, der Stadt sich
+zu bemaechtigen, beharrlich zurueckgewiesen hatte, nahm die Roemer mit
+offenen Armen auf und auch in Samos, Chios, Erythrae, Klazomenae,
+Phokaea, Kyme und sonst gewann die roemische Partei die Oberhand.
+Antiochos war entschlossen, den Roemern womoeglich den Uebergang nach
+Asien zu wehren, weshalb er eifrig zur See ruestete und teils durch
+Polyxenidas die bei Ephesos stationierende Flotte herstellen und
+vermehren, teils durch Hannibal in Lykien, Syrien und Phoenikien eine
+neue Flotte ausruesten liess, ausserdem aber ein gewaltiges Landheer
+aus allen Gegenden seines weitlaeufigen Reiches in Kleinasien
+zusammentrieb. Frueh im naechsten Jahre (564 190) nahm die roemische
+Flotte ihre Operationen wieder auf. Gaius Livius liess durch die
+rhodische Flotte, die diesmal, 36 Segel stark, rechtzeitig erschienen
+war, die feindliche auf der Hoehe von Ephesos beobachten und ging mit
+dem groessten Teil der roemischen und den pergamenischen Schiffen nach
+dem Hellespont, um seinem Auftrag gemaess durch die Wegnahme der
+Festungen daselbst den Uebergang des Landheeres vorzubereiten. Schon
+war Sestos besetzt und Abydos aufs Aeusserste gebracht, als ihn die
+Kunde von der Niederlage der rhodischen Flotte zurueckrief. Der
+rhodische Admiral Pausistratos, eingeschlaefert durch die
+Vorspiegelungen seines Landsmannes, von Antiochos abfallen zu wollen,
+hatte sich im Hafen von Samos ueberrumpeln lassen, er selbst war
+gefallen, seine saemtlichen Schiffe bis auf fuenf rhodische und zwei
+troische Segel waren vernichtet, Samos, Phokaea, Kyme auf diese
+Botschaft zu Seleukos uebergetreten, der in diesen Gegenden fuer seinen
+Vater den Oberbefehl zu Lande fuehrte. Indes als die roemische Flotte
+teils von Kane, teils vom Hellespont herbeikam und nach einiger Zeit
+zwanzig neue Schiffe der Rhodier bei Samos sich mit ihr vereinigten,
+ward Polyxenidas abermals genoetigt, sich in den Hafen von Ephesos
+einzuschliessen. Da er die angebotene Seeschlacht verweigerte und bei
+der geringen Zahl der roemischen Mannschaften an einen Angriff von der
+Landseite nicht zu denken war, blieb auch der roemischen Flotte nichts
+uebrig, als gleichfalls sich bei Samos aufzustellen. Eine Abteilung
+ging inzwischen nach Patara an die lykische Kueste, um teils den
+Rhodiern gegen die sehr beschwerlichen, von dorther auf sie gerichteten
+Angriffe Ruhe zu verschaffen, teils und vornehmlich, um die feindliche
+Flotte, die Hannibal heranfuehren sollte, vom Aegaeischen Meer
+abzusperren. Als dieses Geschwader gegen Patara nichts ausrichtete,
+erzuernte der neue Admiral Lucius Aemilius Regillus, der mit 20
+Kriegsschiffen von Rom angelangt war und bei Samos den Gaius Livius
+abgeloest hatte, sich darueber so sehr, dass er mit der ganzen Flotte
+dorthin aufbrach; kaum gelang es seinen Offizieren, ihm unterwegs
+begreiflich zu machen, dass es zunaechst nicht auf die Eroberung von
+Patara ankomme, sondern auf die Beherrschung des Aegaeischen Meeres,
+und ihn zur Umkehr nach Samos zu bestimmen. Auf dem kleinasiatischen
+Festland hatte mittlerweile Seleukos die Belagerung von Pergamon
+begonnen, waehrend Antiochos mit dem Hauptheer das pergamenische Gebiet
+und die Besitzungen der Mytilenaeer auf dem Festland verwuestete; man
+hoffte, mit den verhassten Attaliden fertig zu werden, bevor die
+roemische Hilfe erschien. Die roemische Flotte ging nach Elaea und dem
+Hafen von Adramyttion, um den Bundesgenossen zu helfen; allein da es
+dem Admiral an Truppen fehlte, richtete er nichts aus. Pergamon schien
+verloren; aber die schlaff und nachlaessig geleitete Belagerung
+gestattete dem Eumenes, achaeische Hilfstruppen unter Diophanes in die
+Stadt zu werfen, deren kuehne und glueckliche Ausfaelle die mit der
+Belagerung beauftragten gallischen Soeldner des Antiochos dieselbe
+aufzuheben zwangen. Auch in den suedlichen Gewaessern wurden die
+Entwuerfe des Antiochos vereitelt. Die von Hannibal geruestete und
+gefuehrte Flotte versuchte, nachdem sie lange durch die stehenden
+Westwinde zurueckgehalten worden war, endlich in das Aegaeische Meer zu
+gelangen; allein an der Muendung des Eurymedon vor Aspendos in
+Pamphylien traf sie auf ein rhodisches Geschwader unter Eudamos, und in
+der Schlacht, die die beiden Flotten sich hier lieferten, trug ueber
+Hannibals Taktik und ueber die numerische Ueberzahl die Vorzueglichkeit
+der rhodischen Schiffe und Seeoffiziere den Sieg davon - es war dies
+die erste Seeschlacht und die letzte Schlacht gegen Rom, die der grosse
+Karthager schlug. Die siegreiche rhodische Flotte stellte darauf sich
+bei Patara auf und hemmte hier die beabsichtigte Vereinigung der beiden
+asiatischen Flotten. Im Aegaeischen Meer ward die roemisch-rhodische
+Flotte bei Samos, nachdem sie durch die Entsendung der pergamenischen
+Schiffe in den Hellespont zur Unterstuetzung des dort eben anlangenden
+Landheers sich geschwaecht hatte, nun ihrerseits von der des
+Polyxenidas angegriffen, der jetzt neun Segel mehr zaehlte als der
+Gegner. Am 23. Dezember des unberichtigten Kalenders, nach dem
+berichtigten etwa Ende August 564 (190), kam es zur Schlacht am
+Vorgebirg Myonnesos zwischen Teos und Kolophon; die Roemer durchbrachen
+die feindliche Schlachtlinie und umzingelten den linken Fluegel
+gaenzlich, so dass 42 Schiffe von ihnen genommen wurden oder sanken.
+Viele Jahrhunderte nachher verkuendigte den Roemern die Inschrift in
+saturnischem Mass ueber dem Tempel der Seegeister, der zum Andenken
+dieses Sieges auf dem Marsfeld erbaut ward, wie vor den Augen des
+Koenigs Antiochos und seines ganzen Landheers die Flotte der Asiaten
+geschlagen worden und die Roemer also “den grossen Zwist schlichteten
+und die Koenige bezwangen”. Seitdem wagten die feindlichen Schiffe
+nicht mehr, sich auf der offenen See zu zeigen und versuchten nicht
+weiter, den Uebergang des roemischen Landheers zu erschweren.
+
+Zur Fuehrung des Krieges auf dem asiatischen Kontinent war in Rom der
+Sieger von Zama ausersehen worden, der in der Tat den Oberbefehl
+fuehrte fuer den nominellen Hoechstkommandierenden, seinen geistig
+unbedeutenden und militaerisch unfaehigen Bruder Lucius Scipio. Die
+bisher in Unteritalien stehende Reserve ward nach Griechenland, das
+Heer des Glabrio nach Asien bestimmt; als es bekannt ward, wer dasselbe
+befehligen werde, meldeten sich freiwillig 5000 Veteranen aus dem
+Hannibalischen Krieg, um noch einmal unter ihrem geliebten Fuehrer zu
+fechten. Im roemischen Juli, nach der richtigen Zeit im Maerz fanden
+die Scipionen sich bei dem Heere ein, um den asiatischen Feldzug zu
+beginnen; allein man war unangenehm ueberrascht, als man statt dessen
+sich zunaechst in einen endlosen Kampf mit den verzweifelnden Aetolern
+verwickelt fand. Der Senat, der Flamininus’ grenzenlose Ruecksichten
+gegen die Hellenen uebertrieben fand, hatte den Aetolern die Wahl
+gelassen zwischen Zahlung einer voellig unerschwinglichen
+Kriegskontribution und unbedingter Ergebung, was sie aufs neue unter
+die Waffen getrieben hatte; es war nicht abzusehen, wann dieser
+Gebirgs- und Festungskrieg zu Ende gehen werde. Scipio beseitigte das
+unbequeme Hindernis durch Verabredung eines sechsmonatlichen
+Waffenstillstandes und trat darauf den Marsch nach Asien an. Da die
+eine feindliche Flotte in dem Aegaeischen Meere nur blockiert war und
+die zweite, die aus dem Suedmeer herankam, trotz des mit ihrer
+Fernhaltung beauftragten Geschwaders taeglich dort eintreffen konnte,
+schien es ratsam, den Landweg durch Makedonien und Thrakien
+einzuschlagen und ueber den Hellespont zu gehen; hier waren keine
+wesentlichen Hindernisse zu erwarten, da Koenig Philippos von
+Makedonien vollstaendig zuverlaessig, auch Koenig Prusias von Bithynien
+mit den Roemern in Buendnis war und die roemische Flotte leicht sich in
+der Meerenge festzusetzen vermochte. Der lange und muehselige Weg
+laengs der makedonischen und thrakischen Kueste ward ohne wesentlichen
+Verlust zurueckgelegt; Philippos sorgte teils fuer Zufuhr, teils fuer
+freundliche Aufnahme bei den thrakischen Wilden. Indes hatte man teils
+mit den Aetolern, teils auf dem Marsch soviel Zeit verloren, dass das
+Heer erst etwa um die Zeit der Schlacht von Myonnesos an dem
+Thrakischen Chersonesos anlangte. Aber Scipios wunderbares Glueck
+raeumte wie einst in Spanien und Afrika so jetzt in Asien alle
+Schwierigkeiten vor ihm aus dem Wege. Auf die Kunde von der Schlacht
+bei Myonnesos verlor Antiochos so vollstaendig den Kopf, dass er in
+Europa die starkbesetzte und verproviantierte Festung Lysimacheia von
+der Besatzung und der dem Wiederhersteller ihrer Stadt treu ergebenen
+Einwohnerschaft raeumen liess und dabei sogar vergass, die Besatzungen
+aus Aenos und Maroneia gleichfalls herauszuziehen, ja die reichen
+Magazine zu vernichten, am asiatischen Ufer aber der Landung der Roemer
+nicht den geringsten Widerstand entgegensetzte, sondern waehrend
+derselben sich in Sardes damit die Zeit vertrieb, auf das Schicksal zu
+schelten. Es ist kaum zweifelhaft, dass, wenn er nur bis zu dem nicht
+mehr fernen Ende des Sommers Lysimacheia haette verteidigen und sein
+grosses Heer an den Hellespont vorruecken lassen, Scipio genoetigt
+worden waere, auf dem europaeischen Ufer Winterquartier zu nehmen, in
+einer militaerisch wie politisch keineswegs gesicherten Lage.
+
+Waehrend die Roemer, am asiatischen Ufer ausgeschifft, einige Tage
+stillstanden, um sich zu erholen und ihren durch religioese Pflichten
+zurueckgehaltenen Fuehrer zu erwarten, trafen in ihrem Lager Gesandte
+des Grosskoenigs ein, um ueber den Frieden zu unterhandeln. Antiochos
+bot die Haelfte der Kriegskosten und die Abtretung seiner europaeischen
+Besitzungen sowie der saemtlichen in Kleinasien zu Rom uebergetretenen
+griechischen Staedte; allein Scipio forderte Kriegskosten und die
+Aufgebung von ganz Kleinasien. Jene Bedingungen, erklaerte er, waeren
+annehmbar gewesen, wenn das Heer noch vor Lysimacheia oder auch
+diesseits des Hellespont staende; jetzt aber reichten sie nicht, wo das
+Ross schon den Zaum, ja den Reiter fuehle. Die Versuche des
+Grosskoenigs, von dem feindlichen Feldherrn in morgenlaendischer Art
+den Frieden durch Geldsummen zu erkaufen - er bot die Haelfte seiner
+Jahreseinkuenfte! -, scheiterten wie billig; fuer die unentgeltliche
+Rueckgabe seines in Gefangenschaft geratenen Sohnes gab der stolze
+Buerger dem Grosskoenig als Lohn den Freundesrat, auf jede Bedingung
+Frieden zu schliessen. In der Tat stand es nicht so; haette der Koenig
+sich zu entschliessen vermocht, den Krieg in die Laenge und in das
+innere Asien zurueckweichend den Feind sich nachzuziehen, so war ein
+guenstiger Ausgang noch keineswegs unmoeglich. Allein Antiochos,
+gereizt durch den vermutlich berechneten Uebermut des Gegners und fuer
+jede dauernde und konsequente Kriegfuehrung zu schlaff, eilte, seine
+ungeheure, aber ungleiche und undisziplinierte Heermasse je eher desto
+lieber dem Stoss der roemischen Legionen darzubieten. Im Tale des
+Hermos bei Magnesia am Sipylos unweit Smyrna trafen im Spaetherbst 564
+(190) die roemischen Truppen auf den Feind. Er zaehlte nahe an 80000
+Mann, darunter 12000 Reiter; die Roemer, die von Achaeern, Pergamenern
+und makedonischen Freiwilligen etwa 5000 Mann bei sich hatten, bei
+weitem nicht die Haelfte; allein sie waren des Sieges so gewiss, dass
+sie nicht einmal die Genesung ihres krank in Elaea zurueckgebliebenen
+Feldherrn abwarteten, an dessen Stelle Gnaeus Domitius das Kommando
+uebernahm. Um nur seine ungeheure Truppenzahl aufstellen zu koennen,
+bildete Antiochos zwei Treffen; im ersten stand die Masse der leichten
+Truppen, die Peltasten, Bogentraeger, Schleuderer, die berittenen
+Schuetzen der Myser, Daher und Elymaeer, die Araber auf ihren
+Dromedaren und die Sichelwagen; im zweiten hielt auf den beiden
+Fluegeln die schwere Kavallerie (die Kataphrakten, eine Art
+Kuerassiere), neben ihnen im Mitteltreffen das gallische und
+kappadokische Fussvolk und im Zentrum die makedonisch bewaffnete
+Phalanx, 16000 Mann stark, der Kern des Heeres, die aber auf dem engen
+Raum nicht Platz fand und sich in Doppelgliedern 32 Mann tief
+aufstellen musste. In dem Zwischenraum der beiden Treffen standen 54
+Elefanten, zwischen die Haufen der Phalanx und der schweren Reiterei
+verteilt. Die Roemer stellten auf den linken Fluegel, wo der Fluss
+Deckung gab, nur wenige Schwadronen, die Masse der Reiterei und die
+saemtlichen Leichtbewaffneten kamen auf den rechten, den Eumenes
+fuehrte; die Legionen standen im Mitteltreffen. Eumenes begann die
+Schlacht damit, dass er seine Schuetzen und Schleuderer gegen die
+Sichelwagen schickte mit dem Befehl, auf die Bespannung zu halten; in
+kurzer Zeit waren nicht bloss diese zersprengt, sondern auch die
+naechststehenden Kamelreiter mit fortgerissen; schon geriet sogar im
+zweiten Treffen der dahinterstehende linke Fluegel der schweren
+Reiterei in Verwirrung. Nun warf sich Eumenes mit der ganzen roemischen
+Reiterei, die 3000 Pferde zaehlte, auf die Soeldnerinfanterie, die im
+zweiten Treffen zwischen der Phalanx und dem linken Fluegel der
+schweren Reiterei stand, und da diese wich, flohen auch die schon in
+Unordnung geratenen Kuerassiere. Die Phalanx, die eben die leichten
+Truppen durchgelassen hatte und sich fertig machte, gegen die
+roemischen Legionen vorzugehen, wurde durch den Angriff der Reiterei in
+der Flanke gehemmt und genoetigt, stehenzubleiben und nach beiden
+Seiten Front zu machen, wobei die tiefe Aufstellung ihr wohl zustatten
+kam. Waere die schwere asiatische Reiterei zur Hand gewesen, so haette
+die Schlacht wiederhergestellt werden koennen, aber der linke Fluegel
+war zersprengt, und der rechte, den Antiochos selber anfuehrte, hatte,
+die kleine, ihm gegenueberstehende roemische Reiterabteilung vor sich
+hertreibend, das roemische Lager erreicht, wo man des Angriffs sich mit
+grosser Muehe erwehrte. Darueber fehlten auf der Walstatt jetzt im
+entscheidenden Augenblick die Reiter. Die Roemer hueteten sich wohl,
+die Phalanx mit den Legionen anzugreifen, sondern sandten gegen sie die
+Schuetzen und Schleuderer, denen in der dichtgedraengten Masse kein
+Geschoss fehlging. Die Phalanx zog sich nichtsdestoweniger langsam und
+geordnet zurueck, bis die in den Zwischenraeumen stehenden Elefanten
+scheu wurden und die Glieder zerrissen. Damit loeste das ganze Heer
+sich auf in wilder Flucht; ein Versuch, das Lager zu halten, misslang
+und mehrte nur die Zahl der Toten und Gefangenen. Die Schaetzung des
+Verlustes des Antiochos auf 50000 Mann ist bei der grenzenlosen
+Verwirrung nicht unglaublich; den Roemern, deren Legionen gar nicht zum
+Schlagen gekommen waren, kostete der Sieg, der ihnen den dritten
+Weltteil ueberlieferte, 24 Reiter und 300 Fusssoldaten. Kleinasien
+unterwarf sich, selbst Ephesos, von wo der Admiral die Flotte eilig
+fluechten musste, und die Residenzstadt Sardes. Der Koenig bat um
+Frieden und ging ein auf die von den Roemern gestellten Bedingungen,
+die, wie gewoehnlich, keine anderen waren als die vor der Schlacht
+gebotenen, als namentlich die Abtretung Kleinasiens enthielten. Bis zu
+deren Ratifikation blieb das Heer in Kleinasien auf Kosten des Koenigs,
+was ihm auf nicht weniger als 3000 Talente (5 Mill. Taler) zu stehen
+kam. Antiochos selber nach seiner liederlichen Art verschmerzte bald
+den Verlust der Haelfte seines Reiches; es sieht ihm gleich, dass er
+den Roemern fuer die Abnahme der Muehe, ein allzugrosses Reich zu
+regieren, dankbar zu sein behauptete. Aber Asien war mit dem Tage. von
+Magnesia aus der Reihe der Grossstaaten gestrichen; und wohl niemals
+ist eine Grossmacht so rasch, so voellig und so schmaehlich zugrunde
+gegangen wie das Seleukidenreich unter diesem Antiochos dem Grossen. Er
+selbst ward bald darauf (567 187) in Elymais oberhalb des Persischen
+Meerbusens bei der Pluenderung des Beltempels, mit dessen Schaetzen er
+seine leeren Kassen zu fuellen gekommen war, von den erbitterten
+Einwohnern erschlagen.
+
+Die roemische Regierung hatte, nachdem der Sieg erfochten war, die
+Angelegenheiten Kleinasiens und Griechenlands zu ordnen. Sollte hier
+die roemische Herrschaft auf fester Grundlage errichtet werden, so
+genuegte dazu keineswegs, dass Antiochos der Oberherrschaft in
+Vorderasien entsagt hatte. Die politischen Verhaeltnisse daselbst sind
+oben dargelegt worden. Die griechischen Freistaedte an der ionischen
+und aeolischen Kueste sowie das ihnen wesentlich gleichartige
+pergamenische Koenigreich waren allerdings die natuerlichen Traeger der
+neuen roemischen Obergewalt, die auch hier wesentlich auftrat als
+Schirmherr der stammverwandten Hellenen. Aber die Dynasten im inneren
+Kleinasien und an der Nordkueste des Schwarzen Meeres hatten den
+Koenigen von Asien laengst kaum noch ernstlich gehorcht, und der
+Vertrag mit Antiochos allein gab den Roemern keine Gewalt ueber das
+Binnenland. Es war unabweislich eine gewisse Grenze zu ziehen,
+innerhalb deren der roemische Einfluss fortan massgebend sein sollte.
+Dabei fiel vor allem ins Gewicht das Verhaeltnis der asiatischen
+Hellenen zu den seit einem Jahrhundert daselbst angesiedelten Kelten.
+Diese hatten die kleinasiatischen Landschaften foermlich unter sich
+verteilt und ein jeder der drei Gaue erhob in seinem
+Brandschatzungsgebiet die festgesetzten Tribute. Wohl hatte die
+Buergerschaft von Pergamon unter der kraeftigen Fuehrung ihrer dadurch
+zu erblichem Fuerstentum gelangten Vorsteher sich des unwuerdigen
+Joches entledigt, und die schoene Nachbluete der hellenischen Kunst,
+welche kuerzlich der Erde wieder entstiegen ist, ist erwachsen aus
+diesen letzten, von nationalem Buergersinn getragenen hellenischen
+Kriegen. Aber es war ein kraeftiger Gegenschlag, kein entscheidender
+Erfolg; wieder und wieder hatten die Pergamener ihren staedtischen
+Frieden gegen die Einfaelle der wilden Horden aus den oestlichen
+Gebirgen mit den Waffen zu vertreten gehabt, und die grosse Mehrzahl
+der uebrigen Griechenstaedte ist wahrscheinlich in der alten
+Abhaengigkeit verblieben ^4. Wenn Roms Schirmherrschaft ueber die
+Hellenen auch in Asien mehr als ein Name sein sollte, so musste dieser
+Tributpflichtigkeit ihrer neuen Klienten ein Ziel gesetzt werden; und
+da die roemische Politik den Eigenbesitz und die damit verknuepfte
+stehende Besetzung des Landes zur Zeit in Asien noch viel mehr als auf
+der griechisch-makedonischen Halbinsel ablehnte, so blieb in der Tat
+nichts anderes uebrig, als bis zu der Grenze, welche Roms Machtgebiet
+gesteckt werden sollte, auch Roms Waffen zu tragen und bei den
+Kleinasiaten ueberhaupt, vor allem aber in den Keltengauen die neue
+Oberherrlichkeit mit der Tat einzusetzen.
+
+—————————————————
+
+^4 Aus dem erwaehnten Dekret von Lampsakos geht mit ziemlicher
+Sicherheit hervor, dass die Lampsakener bei den Massalioten nicht bloss
+Verwendung in Rom erbaten, sondern auch Verwendung bei den
+Tolistoagiern (so heissen die sonst Tolistoboger genannten Kelten in
+dieser Urkunde und in der pergamenischen Inschrift CIG 3536, den
+aeltesten Denkmaelern, die sie erwaehnen). Danach sind wahrscheinlich
+die Lampsakener noch um die Zeit des Philippischen Krieges diesem Gau
+zinsbar gewesen (vgl. Liv. 38, 16).
+
+————————————————-
+
+Dies hat der neue roemische Oberfeldherr Gnaeus Manlius Volso getan,
+der den Lucius Scipio in Kleinasien abloeste. Es ist ihm dies zum
+schweren Vorwurf gemacht worden; die der neuen Wendung der Politik
+abgeneigten Maenner im Senat vermissten bei dem Kriege den Zweck wie
+den Grund. Den ersteren Tadel gegen diesen Zug insbesondere zu erheben,
+ist nicht gerechtfertigt; derselbe war vielmehr, nachdem der roemische
+Staat sich in die hellenischen Verhaeltnisse, so, wie es geschehen war,
+eingemischt hatte, eine notwendige Konsequenz dieser Politik. Ob das
+hellenische Gesamtpatronat fuer Rom das richtige war, kann gewiss in
+Zweifel gezogen werden; aber von dem Standpunkt aus betrachtet, den
+Flamininus und die von ihm gefuehrte Majoritaet nun einmal genommen
+hatten, war die Niederwerfung der Galater in der Tat eine Pflicht der
+Klugheit wie der Ehre. Besser begruendet ist der Vorwurf, dass es zur
+Zeit an einem rechten Kriegsgrund gegen dieselben fehlte; denn
+eigentlich im Bunde mit Antiochos hatten sie nicht gestanden, sondern
+ihn nur nach ihrem Brauch in ihrem Lande Mietstruppen anwerben lassen.
+Aber dagegen fiel entscheidend ins Gewicht, dass die Sendung einer
+roemischen Truppenmacht nach Asien der roemischen Buergerschaft nur
+unter ganz ausserordentlichen Verhaeltnissen angesonnen werden konnte
+und, wenn einmal eine derartige Expedition notwendig war, alles dafuer
+sprach, sie sogleich und mit dem einmal in Asien stehenden siegreichen
+Heere auszufuehren. So wurde, ohne Zweifel unter dem Einfluss des
+Flamininus und seiner Gesinnungsgenossen im Senat, im Fruehjahr 565
+(189) der Feldzug in das innere Kleinasien unternommen. Der Konsul
+brach von Ephesos auf, brandschatzte die Staedte und Fuersten am oberen
+Maeander und in Pamphylien ohne Mass und wandte sich darauf nordwaerts
+gegen die Kelten. Der westliche Kanton derselben, die Tolistoager,
+hatte sich auf den Berg Olympos, der mittlere, die Tectosagen, auf den
+Berg Magaba mit Hab und Gut zurueckgezogen, in der Hoffnung, dass sie
+sich hier wuerden verteidigen koennen, bis der Winter die Fremden zum
+Abzug zwaenge. Allein die Geschosse der roemischen Schleuderer und
+Schuetzen, die gegen die damit unbekannten Kelten so oft den Ausschlag
+gaben, fast wie in neuerer Zeit das Feuergewehr gegen die wilden
+Voelker, erzwangen die Hoehen, und die Kelten unterlagen in einer jener
+Schlachten, wie sie gar oft frueher und spaeter am Po und an der Seine
+geliefert worden sind, die aber hier so seltsam erscheint wie das ganze
+Auftreten des nordischen Stammes unter den griechischen und phrygischen
+Nationen. Die Zahl der Erschlagenen und mehr noch die der Gefangenen
+war an beiden Stellen ungeheuer. Was uebrig blieb, rettete sich ueber
+den Halys zu dem dritten keltischen Gau der Trocmer, welche der Konsul
+nicht angriff. Dieser Fluss war die Grenze, an welcher die damaligen
+Leiter der roemischen Politik beschlossen hatten innezuhalten.
+Phrygien, Bithynien, Paphlagonien sollten von Rom abhaengig werden; die
+weiter oestlich gelegenen Landschaften ueberliess man sich selber.
+
+Die Regulierung der kleinasiatischen Verhaeltnisse erfolgte teils durch
+den Frieden mit Antiochos (565 189), teils durch die Festsetzungen
+einer roemischen Kommission, der der Konsul Volso vorstand. Ausser der
+Stellung von Geiseln, darunter seines juengeren gleichnamigen Sohnes,
+und einer nach dem Mass der Schaetze Asiens bemessenen
+Kriegskontribution von 15000 euboeischen Talenten (25½ Mill. Taler),
+davon der fuenfte Teil sogleich, der Rest in zwoelf Jahreszielern zu
+entrichten war, wurde Antiochos auferlegt die Abtretung seines gesamten
+europaeischen Laenderbesitzes und in Kleinasien aller seiner
+Besitzungen und Rechtsansprueche noerdlich vom Taurusgebirge und
+westlich von der Muendung des Kestros zwischen Aspendos und Perge in
+Pamphylien, so dass ihm in Vorderasien nichts blieb als das oestliche
+Pamphylien und Kilikien. Mit dem Patronat ueber die vorderasiatischen
+Koenigreiche und Herrschaften war es natuerlich vorbei. Asien oder, wie
+das Reich der Seleukiden von da an gewoehnlich und angemessener genannt
+wird, Syrien verlor das Recht, gegen die westlichen Staaten
+Angriffskriege zu fuehren und im Fall eines Verteidigungskrieges von
+ihnen beim Frieden Land zu gewinnen, das Recht, das Meer westlich von
+der Kalykadnosmuendung in Kilikien mit Kriegsschiffen zu befahren,
+ausser um Gesandte, Geiseln oder Tribut zu bringen, ueberhaupt
+Deckschiffe ueber zehn zu halten, ausser im Fall eines
+Verteidigungskrieges, und Kriegselefanten zu zaehmen, endlich das
+Recht, in den westlichen Staaten Werbungen zu veranstalten oder
+politische Fluechtlinge und Ausreisser daraus bei sich aufzunehmen. Die
+Kriegsschiffe, die er ueber die bestimmte Zahl besass, die Elefanten
+und die politischen Fluechtlinge, welche bei ihm sich befanden,
+lieferte er aus. Zur Entschaedigung erhielt der Grosskoenig den Titel
+eines Freundes der roemischen Buergergemeinde. Der Staat Syrien war
+hiermit zu Lande und auf dem Meer vollstaendig aus dem Westen
+verdraengt und fuer immer; es ist bezeichnend fuer die kraft- und
+zusammenhanglose Organisation des Seleukidenreichs, dass dasselbe
+allein unter allen von Rom ueberwundenen Grossstaaten nach der ersten
+Ueberwindung niemals eine zweite Entscheidung durch die Waffen begehrt
+hat.
+
+Die beiden Armenien, bisher wenigstens dem Namen nach asiatische
+Satrapien, verwandelten sich, wenn nicht gerade in Gemaessheit des
+roemischen Friedensvertrages, doch unter dessen Einfluss in
+selbstaendige Koenigreiche und ihre Inhaber Artaxias und Zariadris
+wurden Gruender neuer Dynastien.
+
+Koenig Ariarathes von Kappadokien kam, da sein Land ausserhalb der von
+den Roemern bezeichneten Grenze ihrer Klientel lag, mit einer Geldbusse
+von 600 Talenten (1 Mill. Taler) davon, die dann noch auf die Fuerbitte
+seines Schwiegersohnes Eumenes auf die Haelfte herabgesetzt ward.
+
+Koenig Prusias von Bithynien behielt sein Gebiet, wie es war, ebenso
+die Kelten; doch mussten diese geloben, nicht ferner bewaffnete Haufen
+ueber die Grenze zu senden, und die schimpflichen Tribute der
+kleinasiatischen Staedte hatten ein Ende. Die asiatischen Griechen
+ermangelten nicht, diese allerdings allgemein und nachhaltig empfundene
+Wohltat mit goldenen Kraenzen und den transzendentalsten Lobreden zu
+vergelten.
+
+In Vorderasien war die Besitzregulierung nicht ohne Schwierigkeit,
+zumal da hier die dynastische Politik des Eumenes mit der der
+griechischen Hansa kollidierte; endlich gelang es, sich in folgender
+Art zu verstaendigen. Allen griechischen Staedten, die am Tage der
+Schlacht von Magnesia frei und den Roemern beigetreten waren, wurde
+ihre Freiheit bestaetigt und sie alle mit Ausnahme der bisher dem
+Eumenes zinspflichtigen der Tributzahlung an die verschiedenen Dynasten
+fuer die Zukunft enthoben. So wurden namentlich frei die Staedte
+Dardanos und Ilion, die alten Stammgenossen der Roemer von Aeneas’
+Zeiten her, ferner Kyme, Smyrna, Klazomenae, Erythrae, Chios, Kolophon,
+Miletos und andere altberuehmte Namen. Phokaea, das gegen die
+Kapitulation von den roemischen Flottensoldaten gepluendert worden war,
+erhielt zum Ersatz dafuer, obwohl es nicht unter die im Vertrag
+bezeichnete Kategorie fiel, ausnahmsweise gleichfalls seine Mark
+zurueck und die Freiheit. Den meisten Staedten der
+griechisch-asiatischen Hansa wurden ueberdies Gebietserweiterungen und
+andere Vorteile zuteil. Am besten ward natuerlich Rhodos bedacht, das
+Lykien mit Ausschluss von Telmissos und den groesseren Teil von Karien
+suedlich vom Maeander empfing; ausserdem garantierte Antiochos in
+seinem Reiche den Rhodiern ihr Eigentum und ihre Forderungen sowie die
+bisher genossene Zollfreiheit.
+
+Alles uebrige, also bei weitem der groesste Teil der Beute, fiel an die
+Attaliden, deren alte Treue gegen Rom sowie die von Eumenes in diesem
+Kriege bestandene Drangsal und sein persoenliches Verdienst um den
+Ausfall der entscheidenden Schlacht von Rom so belohnt ward, wie nie
+ein Koenig seinen Verbuendeten gelohnt hat. Eumenes empfing in Europa
+den Chersonesos mit Lysimacheia; in Asien ausser Mysien, das er schon
+besass, die Provinzen Phrygien am Hellespont, Lydien mit Ephesos und
+Sardes, den noerdlichen Streif von Karien bis zum Maeander mit Tralles
+und Magnesia, Grossphrygien und Lykaonien nebst einem Stueck von
+Kilikien, die milysche Landschaft zwischen Phrygien und Lykien und als
+Hafenplatz am suedlichen Meer die lykische Stadt Telmissos; ueber
+Pamphylien ward spaeter zwischen Eumenes und Antiochos gestritten,
+inwieweit es dies- oder jenseits der gesteckten Grenze liege und also
+jenem oder diesem zukomme. Ausserdem erhielt er die Schutzherrschaft
+und das Zinsrecht ueber diejenigen griechischen Staedte, die nicht
+unbeschraenkt die Freiheit empfingen; doch wurde auch hier bestimmt,
+dass den Staedten ihre Freibriefe bleiben und die Abgabe nicht erhoeht
+werden solle. Ferner musste Antiochos sich anheischig machen, die 350
+Talente (600000 Taler), die er dem Vater Attalos schuldig geworden war,
+dem Eumenes zu entrichten, ebenso ihn mit 127 Talenten (218000 Taler)
+fuer die rueckstaendigen Getreidelieferungen zu entschaedigen. Endlich
+erhielt Eumenes die koeniglichen Forsten und die von Antiochos
+abgelieferten Elefanten, nicht aber die Kriegsschiffe, die verbrannt
+wurden; eine Seemacht litten die Roemer nicht neben sich. Hierdurch war
+das Reich der Attaliden in Osteuropa und Asien das geworden, was
+Numidien in Afrika war, ein von Rom abhaengiger maechtiger Staat mit
+absoluter Verfassung, bestimmt und faehig, sowohl Makedonien als Syrien
+in Schranken zu halten, ohne anders als in ausserordentlichen Faellen
+roemischer Unterstuetzung zu beduerfen. Mit dieser durch die roemische
+Politik gebotenen Schoepfung hatte man die durch republikanische und
+nationale Sympathie und Eitelkeit gebotene Befreiung der asiatischen
+Griechen soweit moeglich vereinigt. Um die Angelegenheiten des ferneren
+Ostens jenseits des Tauros und Halys war man fest entschlossen, sich
+nicht zu bekuemmern; es zeigen dies sehr deutlich die Bedingungen des
+Friedens mit Antiochos und noch entschiedener die bestimmte Weigerung
+des Senats, der Stadt Soloi in Kilikien die von den Rhodiern fuer sie
+erbetene Freiheit zu gewaehren. Ebenso getreu blieb man dem
+festgestellten Grundsatz, keine unmittelbaren ueberseeischen
+Besitzungen zu erwerben. Nachdem die roemische Flotte noch eine
+Expedition nach Kreta gemacht und die Freigebung der dorthin in die
+Sklaverei verkauften Roemer durchgesetzt hatte, verliessen Flotte und
+Landheer im Nachsommer 566 (188) Asien, wobei das Landheer, das wieder
+durch Thrakien zog, durch die Nachlaessigkeit des Feldherrn unterwegs
+von den Ueberfaellen der Wilden viel zu leiden hatte. Die Roemer
+brachten nichts heim aus dem Osten als Ehre und Gold, die in dieser
+Zeit sich schon beide in der praktischen Form der Dankadresse, dem
+goldenen Kranze, zusammenzufinden pflegten.
+
+Auch das europaeische Griechenland war von diesem asiatischen Krieg
+erschuettert worden und bedurfte neuer Ordnung. Die Aetoler, die immer
+noch nicht gelernt hatten, sich in ihre Nichtigkeit zu finden, hatten
+nach dem im Fruehling 564 (190) mit Scipio abgeschlossenen
+Waffenstillstand nicht bloss durch ihre kephallenischen Korsaren den
+Verkehr zwischen Italien und Griechenland schwierig und unsicher
+gemacht, sondern vielleicht noch waehrend des Waffenstillstandes,
+getaeuscht durch falsche Nachrichten ueber den Stand der Dinge in
+Asien, die Tollheit begangen, den Amynander wieder auf seinen
+athamanischen Thron zu setzen und mit Philippos in den von diesem
+besetzten aetolischen und thessalischen Grenzlandschaften sich
+herumzuschlagen, wobei der Koenig mehrere Nachteile erlitt. Es versteht
+sich, dass hiernach Rom ihre Bitte um Frieden mit der Landung des
+Konsuls Marcus Fulvius Nobilior beantwortete. Er traf im Fruehling 565
+(189) bei den Legionen ein und nahm nach fuenfzehntaegiger Belagerung
+durch eine fuer die Besatzung ehrenvolle Kapitulation Ambrakia,
+waehrend zugleich die Makedonier, die Illyrier, die Epeiroten, die
+Akarnanen und Achaeer ueber die Aetoler herfielen. Von eigentlichem
+Widerstand konnte nicht die Rede sein; auf die wiederholten
+Friedensgesuche der Aetoler standen denn auch die Roemer vom Kriege ab
+und gewaehrten Bedingungen, welche solchen erbaermlichen und
+tueckischen Gegnern gegenueber billig genannt werden muessen. Die
+Aetoler verloren alle Staedte und Gebiete, die in den Haenden ihrer
+Gegner waren, namentlich Ambrakia, welches infolge einer gegen Marcus
+Fulvius in Rom gesponnenen Intrige spaeter frei und selbstaendig ward,
+ferner Oinia, das den Akarnanen gegeben wurde; ebenso traten sie
+Kephallenia ab. Sie verloren das Recht, Krieg und Frieden zu schliessen
+und wurden in dieser Hinsicht von den auswaertigen Beziehungen Roms
+abhaengig; endlich zahlten sie eine starke Geldsumme. Kephallenia
+setzte sich auf eigene Hand gegen diesen Vertrag und fuegte sich erst,
+als Marcus Fulvius auf der Insel landete; ja die Einwohner von Same,
+die befuerchteten, aus ihrer wohlgelegenen Stadt durch eine roemische
+Kolonie ausgetrieben zu werden, fielen nach der ersten Unterwerfung
+wieder ab und hielten eine viermonatliche Belagerung aus, worauf die
+Stadt endlich genommen und die Einwohner saemtlich in die Sklaverei
+verkauft wurden.
+
+Rom blieb auch hier dabei, sich grundsaetzlich auf Italien und die
+italischen Inseln zu beschraenken. Es nahm von der Beute nichts fuer
+sich als die beiden Inseln Kephallenia und Zakynthos, welche den Besitz
+von Kerkyra und anderen Seestationen am Adriatischen Meer
+wuenschenswert ergaenzten. Der uebrige Laendererwerb kam an die
+Verbuendeten Roms; indes die beiden bedeutendsten derselben, Philippos
+und die Achaeer, waren keineswegs befriedigt durch den ihnen an der
+Beute gegoennten Anteil. Philippos fuehlte sich nicht ohne Grund
+verletzt. Er durfte sagen, dass in dem letzten Krieg die eigentlichen
+Schwierigkeiten, die nicht in dem Feinde, sondern in der Entfernung und
+der Unsicherheit der Verbindungen lagen, wesentlich durch seinen
+loyalen Beistand ueberwunden waren. Der Senat erkannte dies auch an,
+indem er ihm den noch rueckstaendigen Tribut erliess und seine Geiseln
+ihm zuruecksandte; allein Gebietserweiterungen, wie er sie gehofft,
+empfing er nicht. Er erhielt das magnetische Gebiet mit Demetrias, das
+er den Aetolern abgenommen hatte; ausserdem blieben tatsaechlich in
+seinen Haenden die dolopische und athamanische Landschaft und ein Teil
+von Thessalien, aus denen gleichfalls die Aetoler von ihm vertrieben
+worden waren. In Thrakien blieb zwar das Binnenland in makedonischer
+Klientel, aber ueber die Kuestenstaedte und die Inseln Thasos und
+Lemnos, die faktisch in Philipps Haenden waren, ward nichts bestimmt,
+der Chersonesos sogar ausdruecklich an Eumenes gegeben; und es war
+nicht schwer zu erkennen, dass Eumenes nur deshalb auch Besitzungen in
+Europa empfing, um nicht bloss Asien, sondern auch Makedonien im
+Notfall niederzuhalten. Die Erbitterung des stolzen und in vieler
+Hinsicht ritterlichen Mannes ist natuerlich; allein es war nicht
+Schikane, was die Roemer bestimmte, sondern eine unabweisliche
+politische Notwendigkeit. Makedonien buesste dafuer, dass es einmal
+eine Macht ersten Ranges gewesen war und mit Rom auf gleichem Fuss
+Krieg gefuehrt hatte: man hatte hier, und hier mit viel besserem Grund
+als gegen Karthago, sich vorzusehen, dass die alte Machtstellung nicht
+wiederkehre.
+
+Anders stand es mit den Achaeern. Sie hatten im Laufe des Krieges gegen
+Antiochos ihren lange genaehrten Wunsch befriedigt, den Peloponnes ganz
+in ihre Eidgenossenschaft zu bringen, indem zuerst Sparta, dann, nach
+der Vertreibung der Asiaten aus Griechenland, auch Elis und Messene
+mehr oder weniger gezwungen beigetreten waren. Die Roemer hatten dies
+geschehen lassen und es sogar geduldet, dass man dabei mit
+absichtlicher Ruecksichtslosigkeit gegen Rom verfuhr. Flamininus hatte,
+als Messene erklaerte, sich den Roemern zu unterwerfen, aber nicht in
+die Eidgenossenschaft eintreten zu wollen und diese darauf Gewalt
+brauchte, zwar nicht unterlassen, den Achaeern zu Gemuete zu fuehren,
+dass solche Sonderverfuegungen ueber einen Teil der Beute an sich
+unrecht und in dem Verhaeltnis der Achaeer zu den Roemern mehr als
+unpassend seien, aber denn doch in seiner sehr unpolitischen
+Nachgiebigkeit gegen die Hellenen im wesentlichen den Achaeern ihren
+Willen getan. Allein damit hatte die Sache kein Ende. Die Achaeer, von
+ihrer zwerghaften Vergroesserungssucht gepeinigt, liessen die Stadt
+Pleuron in Aetolien, die sie waehrend des Krieges besetzt hatten, nicht
+fahren, machten sie vielmehr zum unfreiwilligen Mitgliede ihrer
+Eidgenossenschaft; sie kauften Zakynthos von dem Statthalter des
+letzten Besitzers Amynander und haetten gern noch Aegina dazu gehabt.
+Nur widerwillig gaben sie jene Insel an Rom heraus und hoerten sehr
+unmutig Flamininus’ guten Ratschlag, sich mit ihrem Peloponnes zu
+begnuegen. Sie glaubten es sich schuldig zu sein, die Unabhaengigkeit
+ihres Staates um so mehr zur Schau zu tragen, je weniger daran war; man
+sprach von Kriegsrecht, von der treuen Beihilfe der Achaeer in den
+Kriegen der Roemer; man fragte die roemischen Gesandten auf der
+achaeischen Tagsatzung, warum Rom sich um Messene bekuemmere, da Achaia
+ja nicht nach Capua frage, und der hochherzige Patriot, der also
+gesprochen, wurde beklatscht und war der Stimmen bei den Wahlen sicher.
+Das alles wuerde sehr recht und sehr erhaben gewesen sein, wenn es
+nicht noch viel laecherlicher gewesen waere. Es lag wohl eine tiefe
+Gerechtigkeit und ein noch tieferer Jammer darin, dass Rom, so
+ernstlich es die Freiheit der Hellenen zu gruenden und den Dank der
+Hellenen zu verdienen bemueht war, dennoch ihnen nichts gab als die
+Anarchie und nichts erntete als den Undank. Es lagen auch den
+hellenischen Antipathien gegen die Schutzmacht sicher sehr edle
+Gefuehle zugrunde, und die persoenliche Bravheit einzelner
+tonangebender Maenner ist ausser Zweifel. Aber darum bleibt dieser
+achaeische Patriotismus nicht minder eine Torheit und eine wahre
+historische Fratze. Bei all jenem Ehrgeiz und all jener nationalen
+Empfindlichkeit geht durch die ganze Nation vom ersten bis zum letzten
+Mann das gruendlichste Gefuehl der Ohnmacht. Stets horcht jeder nach
+Rom, der liberale Mann nicht weniger wie der servile; man dankt dem
+Himmel, wenn das gefuerchtete Dekret ausbleibt; man mault, wenn der
+Senat zu verstehen gibt, dass man wohl tun werde, freiwillig
+nachzugeben, um es nicht gezwungen zu tun; man tut, was man muss
+womoeglich in einer fuer die Roemer verletzenden Weise, “um die Formen
+zu retten”; man berichtet, erlaeutert, verschiebt, weicht aus, und wenn
+das endlich alles nicht mehr gehen will, so wird mit einem
+patriotischen Seufzer nachgegeben. Das Treiben haette Anspruch wo nicht
+auf Billigung doch auf Nachsicht, wenn die Fuehrer zum Kampf
+entschlossen gewesen waeren und den Untergang der Nation der
+Knechtschaft vorgezogen haetten; aber weder Philopoemen noch Lykortas
+dachten an einen solchen politischen Selbstmord - man wollte womoeglich
+frei sein, aber denn doch vor allem leben. Zu allem diesem aber sind es
+niemals die Roemer, die die gefuerchtete roemische Intervention in die
+inneren Angelegenheiten Griechenlands hervorrufen, sondern stets die
+Griechen selbst, die wie die Knaben den Stock, den sie fuerchten,
+selber einer ueber den andern bringen. Der von dem gelehrten Poebel
+hellenischer und nachhellenischer Zeit bis zum Ekel wiederholte
+Vorwurf, dass die Roemer bestrebt gewesen waeren, inneren Zwist in
+Griechenland zu stiften, ist eine der tollsten Abgeschmacktheiten,
+welche politisierende Philologen nur je ausgesonnen haben. Nicht die
+Roemer trugen den Hader nach Griechenland - wahrlich Eulen nach Athen
+-, sondern die Griechen ihre Zwistigkeiten nach Rom. Namentlich die
+Achaeer, die ueber ihren Arrondierungsgeluesten gaenzlich uebersahen,
+wie sehr zu ihrem eigenen Besten es gewesen, dass Flamininus die
+aetolisch gesinnten Staedte nicht der Eidgenossenschaft einverleibt
+hatte, erwarben in Lakedaemon und Messene sich eine wahre Hydra inneren
+Zwistes. Unaufhoerlich baten und flehten Mitglieder dieser Gemeinden in
+Rom, sie aus der verhassten Gemeinschaft zu loesen, darunter
+charakteristisch genug selbst diejenigen, die die Rueckkehr in die
+Heimat den Achaeern verdankten. Unaufhoerlich ward von dem Achaeischen
+Bunde in Sparta und Messene regeneriert und restauriert: die
+wuetendsten Emigrierten von dort bestimmten die Massregeln der
+Tagsatzung. Vier Jahre nach dem nominellen Eintritt Spartas in die
+Eidgenossenschaft kam es sogar zum offenen Kriege und zu einer bis zum
+Wahnsinn vollstaendigen Restauration, wobei die saemtlichen von Nabis
+mit dem Buergerrecht beschenkten Sklaven wieder in die Knechtschaft
+verkauft und aus dem Erloes ein Saeulengang in der Achaeerstadt
+Megalopolis gebaut, ferner die alten Gueterverhaeltnisse in Sparta
+wiederhergestellt, die Lykurgischen Gesetze durch die achaeischen
+ersetzt, die Mauern niedergerissen wurden (566 188). Ueber alle diese
+Wirtschaft ward dann zuletzt von allen Seiten der roemische Senat zum
+Schiedsspruch aufgefordert - eine Belaestigung, die die gerechte Strafe
+fuer die befolgte sentimentale Politik war. Weit entfernt, sich zu viel
+in diese Angelegenheiten zu mischen, ertrug der Senat nicht bloss die
+Nadelstiche der achaeischen Gesinnungstuechtigkeit mit musterhafter
+Indifferenz, sondern liess selbst die aergsten Dinge mit straeflicher
+Gleichgueltigkeit geschehen. Man freute sich herzlich in Achaia, als
+nach jener Restauration die Nachricht von Rom einlief, dass der Senat
+darueber zwar gescholten, aber nichts kassiert habe. Fuer die
+Lakedaemonier geschah von Rom aus nichts, als dass der Senat, empoert
+ueber den von den Achaeern verfuegten Justizmord von beilaeufig sechzig
+bis achtzig Spartanern, der Tagsatzung die Kriminaljustiz ueber die
+Spartaner nahm - freilich ein empoerender Eingriff in die inneren
+Angelegenheiten eines unabhaengigen Staates! Die roemischen
+Staatsmaenner kuemmerten sich so wenig wie moeglich um diese Suendflut
+in der Nussschale, wie am besten die vielfachen Klagen beweisen ueber
+die oberflaechlichen, widersprechenden und unklaren Entscheidungen des
+Senats; freilich, wie sollte er klar antworten, wenn auf einmal vier
+Parteien aus Sparta zugleich im Senat gegeneinander redeten! Dazu kam
+der persoenliche Eindruck, den die meisten dieser peloponnesischen
+Staatsmaenner in Rom machten; selbst Flamininus schuettelte den Kopf,
+als ihm einer derselben heute etwas vortanzte und den andern Tag ihn
+von Staatsgeschaeften unterhielt. Es kam so weit, dass dem Senat
+zuletzt die Geduld voellig ausging und er die Peloponnesier dahin
+beschied, dass er sie nicht mehr bescheiden werde und sie machen
+koennten, was sie wollten (572 182). Begreiflich ist dies, aber nicht
+recht; wie die Roemer einmal standen, hatten sie die sittliche und
+politische Verpflichtung, hier mit Ernst und Konsequenz einen
+leidlichen Zustand herzustellen. Jener Achaeer Kallikrates, der im
+Jahre 575 (179) an den Senat ging, um ihn ueber die Zustaende im
+Peloponnes aufzuklaeren und eine folgerechte und gehaltene Intervention
+zu fordern, mag als Mensch noch etwas weniger getaugt haben als sein
+Landsmann Philopoemen, der jene Patriotenpolitik wesentlich begruendet
+hat; aber er hatte recht.
+
+So umfasste die Klientel der roemischen Gemeinde jetzt die saemtlichen
+Staaten von dem oestlichen zu dem westlichen Ende des Mittelmeeres;
+nirgend bestand ein Staat, den man der Muehe wert gehalten haette zu
+fuerchten. Aber noch lebte ein Mann, dem Rom diese seltene Ehre erwies:
+der heimatlose Karthager, der erst den ganzen Westen, alsdann den
+ganzen Osten gegen Rom in Waffen gebracht hatte und der vielleicht nur
+gescheitert war, dort an der ehrlosen Aristokraten-, hier an der
+kopflosen Hofpolitik. Antiochos hatte sich im Frieden verpflichten
+muessen, den Hannibal auszuliefern; allein derselbe war zuerst nach
+Kreta, dann nach Bithynien entronnen ^5 und lebte jetzt am Hof des
+Koenigs Prusias, beschaeftigt, diesen in seinen Kriegen gegen Eumenes
+zu unterstuetzen und wie immer siegreich zu Wasser und zu Lande. Es
+wird behauptet, dass er auch den Prusias zum Kriege gegen Rom habe
+reizen wollen; eine Torheit, die so, wie sie erzaehlt wird, sehr wenig
+glaublich klingt. Gewisser ist es, dass zwar der roemische Senat es
+unter seiner Wuerde hielt, den Greis in seinem letzten Asyl aufjagen zu
+lassen - denn die Ueberlieferung, die auch den Senat beschuldigt,
+scheint keinen Glauben zu verdienen -, dass aber Flamininus, der in
+seiner unruhigen Eitelkeit nach neuen Zielen fuer grosse Taten suchte,
+auf seine eigene Hand es unternahm, wie die Griechen von ihren Ketten,
+so Rom von Hannibal zu befreien und gegen den groessten Mann seiner
+Zeit den Dolch zwar nicht zu fuehren, was nicht diplomatisch ist, aber
+ihn zu schleifen und zu richten. Prusias, der jaemmerlichste unter den
+Jammerprinzen Asiens, machte sich ein Vergnuegen daraus, dem roemischen
+Gesandten die kleine Gefaelligkeit zu erweisen, die derselbe mit halben
+Worten erbat, und da Hannibal sein Haus von Moerdern umstellt sah, nahm
+er Gift. Er war seit langem gefasst darauf, fuegt ein Roemer hinzu,
+denn er kannte die Roemer und das Wort der Koenige. Sein Todesjahr ist
+nicht gewiss; wahrscheinlich starb er in der zweiten Haelfte des Jahres
+571 (183), siebenundsechzig Jahre alt. Als er geboren ward, stritt Rom
+mit zweifelhaftem Erfolg um den Besitz von Sizilien; er hatte gerade
+genug gelebt, um den Westen vollstaendig unterworfen zu sehen, um noch
+selber seine letzte Roemerschlacht gegen die Schiffe seiner roemisch
+gewordenen Vaterstadt zu schlagen, um dann zuschauen zu muessen, wie
+Rom auch den Osten ueberwand gleichwie der Sturm das fuehrerlose
+Schiff, und zu fuehlen, dass er allein imstande war, es zu lenken. Es
+konnte ihm keine Hoffnung weiter fehlschlagen, als er starb; aber
+redlich hatte er in fuenfzigjaehrigem Kampfe den Knabenschwur gehalten.
+
+————————————————————————-
+
+^5 Dass er auch nach Armenien gekommen sei und auf Bitten des Koenigs
+Artaxias die Stadt Artaxata am Araxes erbaut habe (Strab. 11 p. 528;
+Plut. Luc. 31), ist sicher Erfindung; aber es ist bezeichnend, wie
+Hannibal, fast wie Alexander, mit den orientalischen Fabeln verwachsen
+ist.
+
+————————————————————————-
+
+Um dieselbe Zeit, wahrscheinlich in demselben Jahre, starb auch der
+Mann, den die Roemer seinen Ueberwinder zu nennen pflegten, Publius
+Scipio. Ihn hatte das Glueck mit allen den Erfolgen ueberschuettet, die
+seinem Gegner versagt blieben, mit Erfolgen, die ihm gehoerten und
+nicht gehoerten. Spanien, Afrika, Asien hatte er zum Reiche gebracht
+und Rom, das er als die erste Gemeinde Italiens gefunden, war bei
+seinem Tode die Gebieterin der zivilisierten Welt. Er selbst hatte der
+Siegestitel so viele, dass deren ueberblieben fuer seinen Bruder und
+seinen Vetter ^6. Und doch verzehrte auch ihn durch seine letzten Jahre
+bitterer Gram, und er starb, wenig ueber fuenfzig Jahre alt, in
+freiwilliger Verbannung, mit dem Befehl an die Seinigen, seine Leiche
+nicht in der Vaterstadt beizusetzen, fuer die er gelebt hatte und in
+der seine Ahnen ruhten. Es ist nicht genau bekannt, was ihn aus der
+Stadt trieb. Die Anschuldigungen wegen Bestechung und unterschlagener
+Gelder, die gegen ihn und mehr noch gegen seinen Bruder Lucius
+gerichtet wurden, waren ohne Zweifel nichtige Verleumdungen, die solche
+Verbitterung nicht hinreichend erklaeren; obwohl es charakteristisch
+fuer den Mann ist, dass er seine Rechnungsbuecher, statt sich einfach
+aus ihnen zu rechtfertigen, im Angesicht des Volks und der Anklaeger
+zerriss und die Roemer aufforderte, ihn zum Tempel des Jupiter zu
+begleiten und den Jahrestag seines Sieges bei Zama zu feiern. Das Volk
+liess den Anklaeger stehen und folgte dem Scipio auf das Kapitol; aber
+es war dies der letzte schoene Tag des hohen Mannes. Sein stolzer Sinn,
+seine Meinung, ein anderer und besserer zu sein als die uebrigen
+Menschen, seine sehr entschiedene Familienpolitik, die namentlich in
+seinem Bruder Lucius den widerwaertigen Strohmann eines Helden
+grosszog, verletzten viele und nicht ohne Grund. Wie der echte Stolz
+das Herz beschirmt, so legt es die Hoffart jedem Schlag und jedem
+Nadelstich bloss und zerfrisst auch den urspruenglichen Hochsinn.
+Ueberall aber gehoert es zur Eigentuemlichkeit solcher, aus echtem Gold
+und schimmerndem Flitter seltsam gemischter Naturen, wie Scipio eine
+war, dass sie des Glueckes und des Glanzes der Jugend beduerfen, um
+ihren Zauber zu ueben, und dass, wenn dieser Zauber zu schwinden
+anfaengt, unter allen am schmerzlichsten der Zauberer selbst erwacht.
+
+—————————————————————————-
+
+^6 Africanus, Asiagenus, Hispallus.
+
+
+
+
+KAPITEL X.
+Der Dritte Makedonische Krieg
+
+
+Philippos von Makedonien war empfindlich gekraenkt durch die
+Behandlung, die er nach dem Frieden mit Antiochos von den Roemern
+erfahren hatte; und der weitere Verlauf der Dinge war nicht geeignet,
+seinen Groll zu beschwichtigen. Seine Nachbarn in Griechenland und
+Thrakien, grossenteils Gemeinden, die einst vor dem makedonischen Namen
+nicht minder gezittert hatten wie jetzt vor dem roemischen, machten es
+sich wie billig zum Geschaeft, der gefallenen Grossmacht all die Tritte
+zurueckzugeben, die sie seit Philippos’ des Zweiten Zeiten von
+Makedonien empfangen hatten; der nichtige Hochmut und der wohlfeile
+antimakedonische Patriotismus der Hellenen dieser Zeit machte sich Luft
+auf den Tagsatzungen der verschiedenen Eidgenossenschaften und in
+unaufhoerlichen Beschwerden bei dem roemischen Senat. Philippos war von
+den Roemern zugestanden worden, was er den Aetolern abgenommen habe;
+allein foermlich an die Aetoler angeschlossen hatte sich in Thessalien
+nur die Eidgenossenschaft der Magneten, wogegen diejenigen Staedte, die
+Philippos in zwei anderen der thessalischen Eidgenossenschaften, der
+thessalischen im engeren Sinn und der perrhaebischen, den Aetolern
+entrissen hatte, von ihren Buenden zurueckverlangt wurden aus dem
+Grunde, dass Philippos diese Staedte nur befreit, nicht erobert habe.
+Auch die Athamanen glaubten ihre Freiheit begehren zu koennen; auch
+Eumenes forderte die Seestaedte, die Antiochos im eigentlichen Thrakien
+besessen hatte, namentlich Aenos und Maroneia, obwohl ihm im Frieden
+mit Antiochos nur der Thrakische Chersonesos ausdruecklich zugesprochen
+war. All diese Beschwerden und zahllose geringere seiner saemtlichen
+Nachbarn, ueber Unterstuetzung des Koenigs Prusias gegen Eumenes, ueber
+Handelskonkurrenz, ueber verletzte Kontrakte und geraubtes Vieh
+stroemten nach Rom; vor dem roemischen Senat musste der Koenig von
+Makedonien von dem souveraenen Gesindel sich verklagen lassen und Recht
+nehmen oder Unrecht, wie es fiel; er musste sehen, dass das Urteil
+stets gegen ihn ausfiel, musste knirschend von der thrakischen Kueste,
+aus den thessalischen und perrhaebischen Staedten die Besatzungen
+wegziehen und die roemischen Kommissare hoeflich empfangen, welche
+nachzusehen kamen, ob auch alles vorschriftsmaessig ausgefuehrt sei.
+Man war in Rom nicht so erbittert gegen Philippos wie gegen Karthago,
+ja in vieler Hinsicht dem makedonischen Herrn sogar geneigt; man
+verletzte hier nicht so ruecksichtslos wie in Libyen die Formen, aber
+im Grunde war die Lage Makedoniens wesentlich dieselbe wie die von
+Karthago. Indes Philippos war keineswegs der Mann, diese Pein mit
+phoenikischer Geduld ueber sich ergehen zu lassen. Leidenschaftlich wie
+er war, hatte er nach seiner Niederlage mehr dem treulosen
+Bundesgenossen gezuernt als dem ehrenwerten Gegner, und seit langem
+gewohnt, nicht makedonische, sondern persoenliche Politik zu treiben,
+hatte er in dem Kriege mit Antiochos nichts gesehen als eine
+vortreffliche Gelegenheit, sich an dem Alliierten, der ihn schmaehlich
+im Stich gelassen und verraten hatte, augenblicklich zu raechen. Dies
+Ziel hatte er erreicht; allein die Roemer, die sehr gut begriffen, dass
+den Makedonier nicht die Freundschaft fuer Rom, sondern die Feindschaft
+gegen Antiochos bestimmte, und die ueberdies keineswegs nach solchen
+Stimmungen der Neigung und Abneigung ihre Politik zu regeln pflegten,
+hatten sich wohl gehuetet, irgend etwas Wesentliches zu Philippos’
+Gunsten zu tun, und hatten vielmehr die Attaliden, die von ihrer ersten
+Erhebung an mit Makedonien in heftiger Fehde lagen und von dem Koenig
+Philippos politisch und persoenlich aufs bitterste gehasst wurden, die
+Attaliden, die unter allen oestlichen Maechten am meisten dazu
+beigetragen hatten, Makedonien und Syrien zu zertruemmern und die
+roemische Klientel auf den Osten auszudehnen, die Attaliden, die in dem
+letzten Krieg, wo Philippos es freiwillig und loyal mit Rom gehalten,
+um ihrer eigenen Existenz willen wohl mit Rom hatten halten muessen,
+hatten diese Attaliden dazu benutzt, um im wesentlichen das Reich des
+Lysimachos wieder aufzubauen, dessen Vernichtung der wichtigste Erfolg
+der makedonischen Herrscher nach Alexander gewesen war, und Makedonien
+einen Staat an die Seite zu stellen, der zugleich ihm an Macht
+ebenbuertig und Roms Klient war.
+
+Dennoch haette vielleicht, wie die Verhaeltnisse einmal standen, ein
+weiser und sein Volk mit Hingebung beherrschender Regent sich
+entschlossen, den ungleichen Kampf gegen Rom nicht wieder aufzunehmen;
+allein Philippos, in dessen Charakter von allen edlen Motiven das
+Ehrgefuehl, von allen unedlen die Rachsucht am maechtigsten waren, war
+taub fuer die Stimme sei es der Feigheit, sei es der Resignation, und
+naehrte tief im Herzen den Entschluss, abermals die Wuerfel zu werfen.
+Als ihm wieder einmal Schmaehungen hinterbracht wurden, wie sie auf den
+thessalischen Tagsatzungen gegen Makedonien zu fallen pflegten,
+antwortete er mit der Theokritischen Zeile, dass noch die letzte Sonne
+nicht untergegangen sei ^1.
+
+————————————————————————-
+
+^1 Ηδη γάρ φράσδη πάνθ' άλιον άμμι δεδύκειν. (1, 102).
+
+————————————————————————-
+
+Philippos bewies bei der Vorbereitung und der Verbergung seiner
+Entschluesse eine Ruhe, einen Ernst und eine Konsequenz, die, wenn er
+in besseren Zeiten sie bewaehrt haette, vielleicht den Geschicken der
+Welt eine andere Richtung gegeben haben wuerden. Namentlich die
+Fuegsamkeit gegen die Roemer, mit der er sich die unentbehrliche Frist
+erkaufte, war fuer den harten und stolzen Mann eine schwere Pruefung,
+die er doch mutig ertrug - seine Untertanen freilich und die
+unschuldigen Gegenstaende des Haders, wie das unglueckliche Maroneia,
+buessten schwer den verhaltenen Groll. Schon im Jahre 571 (183) schien
+der Krieg ausbrechen zu muessen; aber auf Philippos’ Geheiss bewirkte
+sein juengerer Sohn Demetrios eine Ausgleichung des Vaters mit Rom, wo
+er einige Jahre als Geisel gelebt hatte und sehr beliebt war. Der
+Senat, namentlich Flamininus, der die griechischen Angelegenheiten
+leitete, suchte in Makedonien eine roemische Partei zu bilden, die
+Philippos’ natuerlich den Roemern nicht unbekannte Bestrebungen zu
+paralysieren imstande waere, und hatte zu deren Haupt, ja vielleicht
+zum kuenftigen Koenig Makedoniens, den juengeren, leidenschaftlich an
+Rom haengenden Prinzen ausersehen. Man gab mit absichtlicher
+Deutlichkeit zu verstehen, dass der Senat dem Vater um des Sohnes
+willen verzeihe; wovon natuerlich die Folge war, dass im koeniglichen
+Hause selbst Zwistigkeiten entstanden und namentlich des Koenigs
+aelterer und vom Vater zum Nachfolger bestimmter, aber in ungleicher
+Ehe erzeugter Sohn Perseus in seinem Bruder den kuenftigen Nebenbuhler
+zu verderben suchte. Es scheint nicht, dass Demetrios sich in die
+roemischen Intrigen einliess; erst der falsche Verdacht des Verbrechens
+zwang ihn, schuldig zu werden, und auch da beabsichtigte er, wie es
+scheint, nichts weiter als die Flucht nach Rom. Indes Perseus sorgte
+dafuer, dass der Vater diese Absicht auf die rechte Weise erfuhr; ein
+untergeschobener Brief von Flamininus an Demetrios tat das uebrige und
+lockte dem Vater den Befehl ab, den Sohn aus dem Wege zu raeumen. Zu
+spaet erfuhr Philippos die Raenke, die Perseus gesponnen hatte, und der
+Tod ereilte ihn ueber der Absicht, den Brudermoerder zu strafen und von
+der Thronfolge auszuschliessen. Er starb im Jahre 575 (179) in
+Demetrias, im neunundfuenfzigsten Lebensjahre. Das Reich hinterliess er
+zerschmettert, das Haus zerruettet, und gebrochenen Herzens gestand er
+sich ein, dass all seine Muehsal und all seine Frevel vergeblich
+gewesen waren.
+
+Sein Sohn Perseus trat darauf die Regierung an, ohne in Makedonien oder
+bei dem roemischen Senat Widerspruch zu finden. Er war ein stattlicher
+Mann, in allen Leibesuebungen wohl erfahren, im Lager aufgewachsen und
+des Befehlens gewohnt, gleich seinem Vater herrisch und nicht
+bedenklich in der Wahl seiner Mittel. Ihn reizten nicht der Wein und
+die Frauen, ueber die Philippos seines Regiments nur zu oft vergass; er
+war stetig und beharrlich wie sein Vater leichtsinnig und
+leidenschaftlich. Philippos, schon als Knabe Koenig und in den ersten
+zwanzig Jahren seiner Herrschaft vom Glueck begleitet, war vom
+Schicksal verwoehnt und verdorben worden; Perseus bestieg den Thron in
+seinem einunddreissigsten Jahr, und wie er schon als Knabe mitgenommen
+worden war in den ungluecklichen roemischen Krieg, wie er aufgewachsen
+war im Druck der Erniedrigung und in dem Gedanken einer nahen
+Wiedergeburt des Staates, so erbte er von seinem Vater mit dem Reich
+seine Drangsale, seine Erbitterung und seine Hoffnungen. In der Tat
+griff er mit aller Entschlossenheit die Fortsetzung des vaeterlichen
+Werkes an und ruestete eifriger, als es vorher geschehen war, zum
+Kriege gegen Rom; kam doch fuer ihn noch hinzu, dass es wahrlich nicht
+die Schuld der Roemer war, wenn er das makedonische Diadem trug. Mit
+Stolz sah die stolze makedonische Nation auf den Prinzen, den sie an
+der Spitze ihrer Jugend stehen und fechten zu sehen gewohnt war; seine
+Landsleute und viele Hellenen aller Staemme meinten in ihm den rechten
+Feldherrn fuer den nahen Befreiungskrieg gefunden zu haben. Aber er war
+nicht, was er schien; ihm fehlte Philipps Genialitaet und Philipps
+Spannkraft, die wahrhaft koeniglichen Eigenschaften, die das Glueck
+verdunkelt und geschaendet, aber die reinigende Macht der Not wieder zu
+Ehren gebracht hatte. Philippos liess sich und die Dinge gehen; aber
+wenn es galt, fand er in sich die Kraft zu raschem und ernstlichem
+Handeln. Perseus spann weite und feine Plaene und verfolgte sie mit
+unermuedlicher Beharrlichkeit; aber wenn die Stunde schlug und das, was
+er angelegt und vorbereitet hatte, ihm in der lebendigen Wirklichkeit
+entgegentrat, erschrak er vor seinem eigenen Werke. Wie es
+beschraenkten Naturen eigen ist, ward ihm das Mittel zum Zweck; er
+haeufte Schaetze auf Schaetze fuer den Roemerkrieg und als die Roemer
+im Lande standen, vermochte er nicht von seinen Goldstuecken sich zu
+trennen. Es ist bezeichnend, dass nach der Niederlage der Vater zuerst
+eilte, die kompromittierenden Papiere in seinem Kabinett zu vernichten,
+der Sohn dagegen seine Kassen nahm und sich einschiffte. In
+gewoehnlichen Zeiten haette er einen Koenig vom Dutzendschlag so gut
+und besser wie mancher andere abgeben koennen; aber er war nicht
+geschaffen, ein Unternehmen zu leiten, das von Haus aus verloren war,
+wenn nicht ein ausserordentlicher Mann es beseelte.
+
+Makedoniens Macht war nicht gering. Die Ergebenheit des Landes gegen
+das Haus der Antigoniden war ungebrochen, das Nationalgefuehl hier
+allein nicht durch den Hader politischer Parteien paralysiert. Den
+grossen Vorteil der monarchischen Verfassung, dass jeder
+Regierungswechsel den alten Groll und Zank beseitigt und eine neue Aera
+anderer Menschen und frischer Hoffnungen herauffuehrt, hatte der Koenig
+verstaendig benutzt und seine Regierung begonnen mit allgemeiner
+Amnestie, mit Zurueckberufung der fluechtigen Bankerottierer und Erlass
+der rueckstaendigen Steuern. Die gehaessige Haerte des Vaters brachte
+also dem Sohn nicht bloss Vorteil, sondern auch Liebe. Sechsundzwanzig
+Friedensjahre hatten die Luecken in der makedonischen Bevoelkerung
+teils von selbst ausgefuellt, teils der Regierung gestattet, hierfuer
+als fuer den eigentlichen wunden Fleck des Landes ernstliche Fuersorge
+zu treffen. Philippos hielt die Makedonier an zur Ehe und
+Kinderzeugung; er besetzte die Kuestenstaedte, aus denen er die
+Einwohner in das Innere zog, mit thrakischen Kolonisten von
+zuverlaessiger Wehrhaftigkeit und Treue; er zog, um die verheerenden
+Einfaelle der Dardaner ein fuer allemal abzuwehren, gegen Norden eine
+Scheidewand, indem er das Zwischenland jenseits der Landesgrenze bis an
+das barbarische Gebiet zu Einoede machte, und gruendete neue Staedte in
+den noerdlichen Provinzen. Kurz, er tat Zug fuer Zug dasselbe fuer
+Makedonien, wodurch spaeter Augustus das Roemische Reich zum zweitenmal
+gruendete. Die Armee war zahlreich - 30 000 Mann, ohne die Zuzuege und
+die Mietstruppen zu rechnen - und die junge Mannschaft geuebt durch den
+bestaendigen Grenzkrieg gegen die thrakischen Barbaren. Seltsam ist es,
+dass Philippos nicht wie Hannibal es versuchte, sein Heer roemisch zu
+organisieren; allein es begreift sich, wenn man sich erinnert, was den
+Makedoniern ihre zwar oft ueberwundene, aber doch noch immer
+unueberwindlich geglaubte Phalanx galt. Durch die neuen Finanzquellen,
+die Philippos in Bergwerken, Zoellen und Zehnten sich geschaffen hatte,
+und den aufbluehenden Ackerbau und Handel war es gelungen, den Schatz,
+die Speicher und die Arsenale zu fuellen; als der Krieg begann, lag im
+makedonischen Staatsschatz Geld genug, um fuer das dermalige Heer und
+fuer 10000 Mann Mietstruppen auf zehn Jahre den Sold zu zahlen und
+fanden sich in den oeffentlichen Magazinen Getreidevorraete auf ebenso
+lange Zeit (18 Mill. Medimnen oder preussische Scheffel) und Waffen
+fuer ein dreifach so starkes Heer, als das gegenwaertige war. In der
+Tat war Makedonien ein ganz anderer Staat geworden, als da es durch den
+Ausbruch des zweiten Krieges mit Rom ueberrascht ward; die Macht des
+Reiches war in allen Beziehungen mindestens verdoppelt - mit einer in
+jeder Hinsicht weit geringeren hatte Hannibal es vermocht, Rom bis in
+seine Grundfesten zu erschuettern.
+
+Nicht so guenstig standen die aeusseren Verhaeltnisse. Es lag in der
+Natur der Sache, dass Makedonien jetzt die Plaene von Hannibal und von
+Antiochos wieder aufnehmen und versuchen musste, sich an die Spitze
+einer Koalition aller unterdrueckten Staaten gegen Roms Suprematie zu
+stellen; und allerdings gingen die Faeden vom Hofe zu Pydna nach allen
+Seiten. Indes der Erfolg war gering. Dass die Treue der Italiker
+schwankte, ward wohl behauptet; allein es konnte weder Freund noch
+Feind entgehen, dass zunaechst die Wiederaufnahme der Samnitenkriege
+nicht gerade wahrscheinlich sei. Die naechtlichen Konferenzen
+makedonischer Abgeordneter mit dem karthagischen Senat, die Massinissa
+in Rom denunzierte, konnten gleichfalls ernsthafte und einsichtige
+Maenner nicht erschrecken, selbst wenn sie nicht, wie es sehr moeglich
+ist, voellig erfunden waren. Die Koenige von Syrien und Bithynien
+suchte der makedonische Hof durch Zwischenheiraten in das makedonische
+Interesse zu ziehen; allein es kam dabei weiter nichts heraus, als dass
+die unsterbliche Naivitaet der Diplomatie, die Laender mit Liebschaften
+erobern zu wollen, sich einmal mehr prostituierte. Den Eumenes, den
+gewinnen zu wollen laecherlich gewesen waere, haetten Perseus’ Agenten
+gern beseitigt; er sollte auf der Rueckkehr von Rom, wo er gegen
+Makedonien gewirkt hatte, bei Delphi ermordet werden, allein der
+saubere Plan misslang.
+
+Von groesserer Bedeutung waren die Bestrebungen, die noerdlichen
+Barbaren und die Hellenen gegen Rom aufzuwiegeln. Philippos hatte den
+Plan entworfen, die alten Feinde Makedoniens, die Dardaner in dem
+heutigen Serbien, zu erdruecken durch einen anderen, vom linken Ufer
+der Donau herbeigezogenen, noch wilderen Schwarm deutscher Abstammung,
+den der Bastarner, sodann mit diesen und der ganzen dadurch in Bewegung
+gesetzten Voelkerlawine selbst nach Italien auf dem Landweg zu ziehen
+und in die Lombardei einzufallen, wohin er die Alpenpaesse bereits
+erkunden liess - ein grossartiger, Hannibals wuerdiger Entwurf, welchen
+auch ohne Zweifel Hannibals Alpenuebergang unmittelbar angeregt hat. Es
+ist mehr als wahrscheinlich, dass hiermit die Gruendung der roemischen
+Festung Aquileia zusammenhaengt, die eben in Philippos’ letzte Zeit
+faellt (573 181) und nicht passt zu dem sonst von den Roemern bei ihren
+italischen Festungsanlagen befolgten System. Der Plan scheiterte indes
+an dem verzweifelten Widerstand der Dardaner und der mitbetroffenen
+naechstwohnenden Voelkerschaften; die Bastarner mussten wieder abziehen
+und der ganze Haufen ertrank auf der Heimkehr unter dem einbrechenden
+Eise der Donau. Der Koenig suchte nun wenigstens unter den Haeuptlingen
+des illyrischen Landes, des heutigen Dalmatiens und des noerdlichen
+Albaniens, seine Klientel auszubreiten. Nicht ohne Perseus’ Vorwissen
+kam einer derselben, der treulich zu Rom hielt, Arthetauros, durch
+Moerderhand um. Der bedeutendste von allen, Genthios, der Sohn und Erbe
+des Pleuratos, stand zwar dem Namen nach gleich seinem Vater in
+Buendnis mit Rom, allein die Boten von Issa, einer griechischen Stadt
+auf einer der dalmatinischen Inseln, berichteten dem Senat, dass Koenig
+Perseus mit dem jungen, schwachen, trunkfaelligen Menschen in
+heimlichem Einverstaendnis stehe und Genthios’ Gesandte in Rom dem
+Perseus als Spione dienten.
+
+In den Landschaften oestlich von Makedonien gegen die untere Donau zu
+stand der maechtigste unter den thrakischen Haeuptlingen, der Fuerst
+der Orysen und Herr des ganzen oestlichen Thrakiens von der
+makedonischen Grenze am Hebros (Maritza) bis an den mit griechischen
+Staedten bedeckten Kuestensaum, der kluge und tapfere Kotys, mit
+Perseus im engsten Buendnis; von den anderen kleineren Haeuptlingen,
+die es hier mit Rom hielten, ward einer, der Fuerst der Sagaeer,
+Abrupolis, infolge eines gegen Amphipolis am Strymon gerichteten
+Raubzugs von Perseus geschlagen und aus dem Lande getrieben. Von
+hierher hatte Philipp zahlreiche Kolonisten gezogen und standen
+Soeldner zu jeder Zeit in beliebiger Zahl zu Gebot.
+
+Unter der ungluecklichen hellenischen Nation ward von Philippos und
+Perseus lange vor der Kriegserklaerung gegen Rom ein zwiefacher
+Propagandakrieg lebhaft gefuehrt, indem man teils die nationale, teils
+- man gestatte den Ausdruck - die kommunistische Partei auf die Seite
+Makedoniens zu bringen versuchte. Dass alle national Gesinnten unter
+den asiatischen wie unter den europaeischen Griechen jetzt im Herzen
+makedonisch waren, versteht sich von selbst; nicht wegen einzelner
+Ungerechtigkeiten der roemischen Befreier, sondern weil die Herstellung
+der hellenischen Nationalitaet durch eine fremde den Widerspruch in
+sich selbst trug, und jetzt, wo es freilich zu spaet war, jeder es
+begriff, dass die abscheulichste makedonische Regierung minder
+unheilvoll fuer Griechenland war als die aus den edelsten Absichten
+ehrenhafter Auslaender hervorgegangene freie Verfassung. Dass die
+tuechtigsten und rechtschaffensten Leute in ganz Griechenland gegen Rom
+Partei ergriffen, war in der Ordnung; roemisch gesinnt war nur die
+feile Aristokratie und hier und da ein einzelner ehrlicher Mann, der
+ausnahmsweise sich ueber den Zustand und die Zukunft der Nation nicht
+taeuschte. Am schmerzlichsten empfand dies Eumenes von Pergamon, der
+Traeger jener fremdlaendischen Freiheit unter den Griechen. Vergeblich
+behandelte er die ihm unterworfenen Staedte mit Ruecksichten aller Art;
+vergeblich buhlte er um die Gunst der Gemeinden und der Tagsatzungen
+mit wohlklingenden Worten und noch besser klingendem Golde - er musste
+vernehmen, dass man seine Geschenke zurueckgewiesen, ja dass man eines
+schoenen Tages im ganzen Peloponnes nach Tagsatzungsbeschluss alle
+frueher ihm errichteten Statuen zerschlagen und die Ehrentafeln
+eingeschmolzen habe (584 170), waehrend Perseus’ Name auf allen Lippen
+war; waehrend selbst die ehemals am entschiedensten antimakedonisch
+gesinnten Staaten, wie die Achaeer, ueber die Aufhebung der gegen
+Makedonien gerichteten Gesetze berieten; waehrend Byzantion, obwohl
+innerhalb des Pergamenischen Reiches gelegen, nicht von Eumenes,
+sondern von Perseus Schutz und Besatzung gegen die Thraker erbat und
+empfing, und ebenso Lampsakos am Hellespont sich dem Makedonier
+anschloss; waehrend die maechtigen und besonnenen Rhodier dem Koenig
+Perseus seine syrische Braut, da die syrischen Kriegsschiffe im
+Aegaeischen Meer sich nicht zeigen durften, mit ihrer ganzen
+praechtigen Kriegsflotte von Antiocheia her zufuehrten und hochgeehrt
+und reich beschenkt, namentlich mit Holz zum Schiffbau, wieder
+heimkehrten; waehrend Beauftragte der asiatischen Staedte, also der
+Untertanen des Eumenes, in Samothrake mit makedonischen Abgeordneten
+geheime Konferenzen hielten. Jene Sendung der rhodischen Kriegsflotte
+schien wenigstens eine Demonstration; und sicher war es eine, dass der
+Koenig Perseus unter dem Vorwand einer gottesdienstlichen Handlung bei
+Delphi den Hellenen sich und seine ganze Armee zur Schau stellte. Dass
+der Koenig sich auf diese nationale Propaganda bei dem bevorstehenden
+Kriege zu stuetzen gedachte, war in der Ordnung. Arg aber war es, dass
+er die fuerchterliche oekonomische Zerruettung Griechenlands benutzte,
+um alle diejenigen, die eine Umwaelzung der Eigentums- und
+Schuldverhaeltnisse wuenschten, an Makedonien zu ketten. Von der
+beispiellosen Ueberschuldung der Gemeinden wie der einzelnen im
+europaeischen Griechenland, mit Ausnahme des in dieser Hinsicht etwas
+besser geordneten Peloponnes, ist es schwer, sich einen hinreichenden
+Begriff zu machen; es kam vor, dass eine Stadt die andere ueberfiel und
+auspluenderte, bloss um Geld zu machen, so zum Beispiel die Athener
+Oropos, und bei den Aetolern, den Perrhaebern, den Thessalern lieferten
+die Besitzenden und die Nichtbesitzenden sich foermliche Schlachten.
+Die aergsten Greueltaten verstehen sich bei solchen Zustaenden von
+selbst; so wurde bei den Aetolern eine allgemeine Versoehnung
+verkuendet und ein neuer Landfriede gemacht, einzig zu dem Zweck, eine
+Anzahl von Emigranten ins Garn zu locken und zu ermorden. Die Roemer
+versuchten zu vermitteln; aber ihre Gesandten kehrten unverrichteter
+Sache zurueck und meldeten, dass beide Parteien gleich schlecht und die
+Erbitterung nicht zu bezaehmen sei. Hier half in der Tat nichts anderes
+mehr als der Offizier und der Scharfrichter; der sentimentale
+Hellenismus fing an, ebenso grauenvoll zu werden, wie er von Anfang an
+laecherlich gewesen war. Koenig Perseus aber bemaechtigte sich dieser
+Partei, wenn sie den Namen verdient, der Leute, die nichts, am
+wenigsten einen ehrlichen Namen zu verlieren hatten, und erliess nicht
+bloss Verfuegungen zu Gunsten der makedonischen Bankerottierer, sondern
+liess auch in Larisa, Delphi und Delos Plakate anschlagen, welche
+saemtliche wegen politischer oder anderer Verbrechen oder ihrer
+Schulden wegen landfluechtig gewordene Griechen aufforderten, nach
+Makedonien zu kommen und volle Einsetzung in ihre ehemaligen Ehren und
+Gueter zu gewaertigen. Dass sie kamen, kann man sich denken; ebenso
+dass in ganz Nordgriechenland die glimmende soziale Revolution nun in
+offene Flammen ausschlug und die national-soziale Partei daselbst um
+Hilfe zu Perseus sandte. Wenn die hellenische Nationalitaet nur mit
+solchen Mitteln zu retten war, so durfte bei aller Verehrung fuer
+Sophokles und Pheidias man sich die Frage erlauben, ob das Ziel des
+Preises wert sei.
+
+Der Senat begriff, dass er schon zu lange gezoegert habe und dass es
+Zeit sei, dem Treiben ein Ende zu machen. Die Vertreibung des
+thrakischen Haeuptlings Abrupolis, der mit den Roemern in Buendnis
+stand, die Buendnisse Makedoniens mit den Byzantiern, Aetolern und
+einem Teil der boeotischen Staedte waren ebensoviel Verletzungen des
+Friedens von 557 (197) und genuegten fuer das offizielle
+Kriegsmanifest; der wahre Grund des Krieges war, dass Makedonien im
+Begriff stand, seine formelle Souveraenitaet in eine reelle zu
+verwandeln und Rom aus dem Patronat ueber die Hellenen zu verdraengen.
+Schon 581 (173) sprachen die roemischen Gesandten auf der achaeischen
+Tagsatzung es ziemlich unumwunden aus, dass ein Buendnis mit Perseus
+mit dem Abfall von dem roemischen gleichbedeutend sei. Im Jahr 582
+(172) kam Koenig Eumenes persoenlich nach Rom mit einem langen
+Beschwerdenregister und deckte die ganze Lage der Dinge im Senat auf,
+worauf dieser wider Erwarten in geheimer Sitzung sofort die
+Kriegserklaerung beschloss und die Landungsplaetze in Epeiros mit
+Besatzungen versah. Der Form wegen ging noch eine Gesandtschaft nach
+Makedonien, deren Botschaft aber derart war, dass Perseus, erkennend,
+dass er nicht zurueck koenne, die Antwort gab, er sei bereit, ein neues
+wirklich gleiches Buendnis mit Rom zu schliessen, allein den Vertrag
+von 557 (197) sehe er als aufgehoben an, und die Gesandten anwies,
+binnen drei Tagen das Reich zu verlassen. Damit war der Krieg
+tatsaechlich erklaert. Es war im Herbst 582 (172); wenn Perseus wollte,
+konnte er ganz Griechenland besetzen und die makedonische Partei
+ueberall ans Regiment bringen, ja vielleicht die bei Apollonia stehende
+roemische Division von 5000 Mann unter Gnaeus Sicinius erdruecken und
+den Roemern die Landung streitig machen. Allein der Koenig, dem schon
+vor dem Ernst der Dinge zu grauen begann, liess sich mit seinem
+Gastfreund, dem Konsular Quintus Marcius Philippus, ueber die
+Frivolitaet der roemischen Kriegserklaerung in Verhandlungen ein und
+sich durch diese bestimmen, den Angriff zu verschieben und noch einmal
+einen Friedensversuch in Rom zu machen, den, wie begreiflich, der Senat
+nur beantwortete mit der Ausweisung saemtlicher Makedonier aus Italien
+und der Einschiffung der Legionen. Zwar tadelten die Senatoren der
+aelteren Schule die “neue Weisheit” ihres Kollegen und die unroemische
+List; allein der Zweck war erreicht und der Winter verfloss, ohne dass
+Perseus sich ruehrte. Desto eifriger nutzten die roemischen Diplomaten
+die Zwischenzeit, um Perseus eines jeden Anhaltes in Griechenland zu
+berauben. Der Achaeer war man sicher. Nicht einmal die Patriotenpartei
+daselbst, die weder mit jenen sozialen Bewegungen einverstanden war
+noch ueberhaupt sich weiter verstieg als zu der Sehnsucht nach einer
+weisen Neutralitaet, dachte daran, sich Perseus in die Arme zu werfen;
+und ueberdies war dort jetzt durch roemischen Einfluss die Gegenpartei
+ans Ruder gekommen, die unbedingt sich an Rom anschloss. Der Aetolische
+Bund hatte zwar in seinen inneren Unruhen von Perseus Hilfe erbeten;
+aber der unter den Augen der roemischen Gesandten gewaehlte neue
+Strateg Lykiskos war roemischer gesinnt als die Roemer selbst. Auch bei
+den Thessalern behielt die roemische Partei die Oberhand. Sogar die von
+Alters her makedonisch gesinnten und oekonomisch aufs tiefste
+zerruetteten Boeoter hatten in ihrer Gesamtheit sich nicht offen fuer
+Perseus erklaert; doch liessen wenigstens drei ihrer Staedte, Thisbae,
+Haliartos und Koroneia auf eigene Hand sich mit Perseus ein. Da auf die
+Beschwerde des roemischen Gesandten die Regierung der boeotischen
+Eidgenossenschaft ihm den Stand der Dinge mitteilte, erklaerte jener,
+dass sich am besten zeigen werde, welche Stadt es mit Rom halte und
+welche nicht, wenn jede sich einzeln ihm gegenueber ausspreche; und
+daraufhin lief die Boeotische Eidgenossenschaft geradezu auseinander.
+Es ist nicht wahr, dass Epaminondas’ grosser Bau von den Roemern
+zerstoert worden ist; er fiel tatsaechlich zusammen, ehe sie daran
+ruehrten, und ward also freilich das Vorspiel fuer die Aufloesung der
+uebrigen, noch fester geschlossenen griechischen Staedtebuende ^2. Mit
+der Mannschaft der roemisch gesinnten boeotischen Staedte belagerte der
+roemische Gesandte Publius Lentulus Haliartos, noch ehe die roemische
+Flotte im Aegaeischen Meer erschien.
+
+———————————————————-
+
+^2 Die rechtliche Aufloesung der Boeotischen Eidgenossenschaft erfolgte
+uebrigens wohl noch nicht jetzt, sondern erst nach der Zerstoerung
+Korinths (Paus. 7, 14, 4; 16, 6.)
+
+———————————————————-
+
+Chalkis ward mit achaeischer, die orestische Landschaft mit
+epeirotischer Mannschaft, die dassaretischen und illyrischen Kastelle
+an der makedonischen Westgrenze von den Truppen des Gnaeus Sicinius
+besetzt, und sowie die Schiffahrt wieder begann, erhielt Larisa eine
+Besatzung von 2000 Mann. Perseus sah dem allem untaetig zu und hatte
+keinen Fussbreit Landes ausserhalb seines eigenen Gebietes inne, als im
+Fruehling oder nach dem offiziellen Kalender im Juni 583 (171) die
+roemischen Legionen an der Westkueste landeten. Es ist zweifelhaft, ob
+Perseus namhafte Bundesgenossen gefunden haben wuerde, auch wenn er
+soviel Energie gezeigt haette, als er Schlaffheit bewies; unter diesen
+Umstaenden blieb er natuerlich voellig allein, und jene weitlaeufigen
+Propagandaversuche fuehrten vorlaeufig wenigstens zu gar nichts.
+Karthago, Genthios von Illyrien, Rhodos und die kleinasiatischen
+Freistaedte, selbst das mit Perseus bisher so eng befreundete Byzanz,
+boten den Roemern Kriegsschiffe an, welche diese indes ablehnten.
+Eumenes machte sein Landheer und seine Schiffe mobil. Koenig Ariarathes
+von Kappadokien schickte ungeheissen Geiseln nach Rom. Perseus’
+Schwager, Koenig Prusias II. von Bithynien, blieb neutral. In ganz
+Griechenland ruehrte sich niemand. Koenig Antiochos IV. von Syrien, im
+Kurialstil “der Gott, der glaenzende Siegbringer” genannt zur
+Unterscheidung von seinem Vater, dem “Grossen”, ruehrte sich zwar, aber
+nur um dem ganz ohnmaechtigen Aegypten waehrend dieses Krieges das
+syrische Kuestenland zu entreissen.
+
+Indes wenn Perseus auch fast allein stand, so war er doch ein nicht
+veraechtlicher Gegner. Sein Heer zaehlte 43000 Mann, darunter 21000
+Phalangiten und 4000 makedonische und thrakische Reiter, der Rest
+groesstenteils Soeldner. Die Gesamtmacht der Roemer in Griechenland
+betrug zwischen 30- und 40000 Mann italischer Truppen, ausserdem ueber
+10000 Mann numidischen, ligurischen, griechischen, kretischen und
+besonders pergamenischen Zuzugs. Dazu kam die Flotte, die nur 40
+Deckschiffe zaehlte, da ihr keine feindliche gegenueberstand - Perseus,
+dem der Vertrag mit Rom Kriegsschiffe zu bauen verboten hatte, richtete
+erst jetzt Werften in Thessalonike ein -, die aber bis 10000 Mann
+Truppen an Bord hatte, da sie hauptsaechlich bei Belagerungen
+mitzuwirken bestimmt war. Die Flotte fuehrte Gaius Lucretius, das
+Landheer der Konsul Publius Licinius Crassus. Derselbe liess eine
+starke Abteilung in Illyrien, um von Westen aus Makedonien zu
+beunruhigen, waehrend er mit der Hauptmacht wie gewoehnlich von
+Apollonia nach Thessalien aufbrach. Perseus dachte nicht daran, den
+schwierigen Marsch zu stoeren, sondern begnuegte sich, in Perrhaebien
+einzuruecken und die naechsten Festungen zu besetzen. Am Ossa erwartete
+er den Feind und unweit Larisa erfolgte das erste Gefecht zwischen den
+beiderseitigen Reitern und leichten Truppen. Die Roemer wurden
+entschieden geschlagen. Kotys mit der thrakischen Reiterei hatte die
+italische, Perseus mit der makedonischen die griechische geworfen und
+zersprengt; die Roemer hatten 2000 Mann zu Fuss, 2000 Reiter an Toten,
+600 Reiter an Gefangenen verloren und mussten sich gluecklich
+schaetzen, unbehindert den Peneios ueberschreiten zu koennen. Perseus
+benutzte den Sieg, um auf dieselben Bedingungen, die Philippos erhalten
+hatte, den Frieden zu erbitten; sogar dieselbe Summe zu zahlen war er
+bereit. Die Roemer schlugen die Forderung ab; sie schlossen nie Frieden
+nach einer Niederlage, und hier haette der Friedensschluss allerdings
+folgeweise den Verlust Griechenlands nach sich gezogen. Indes
+anzugreifen verstand der elende roemische Feldherr auch nicht; man zog
+hin und her in Thessalien, ohne dass etwas von Bedeutung geschah.
+Perseus konnte die Offensive ergreifen; er sah die Roemer schlecht
+gefuehrt und zaudernd; wie ein Lauffeuer war die Nachricht durch
+Griechenland gegangen, dass das griechische Heer im ersten Treffen
+glaenzend gesiegt habe - ein zweiter Sieg konnte zur allgemeinen
+Insurrektion der Patriotenpartei fuehren und durch die Eroeffnung eines
+Guerillakrieges unberechenbare Erfolge bewirken. Allein Perseus war ein
+guter Soldat, aber kein Feldherr wie sein Vater; er hatte sich auf
+einen Verteidigungskrieg gefasst gemacht, und wie die Dinge anders
+gingen, fand er sich wie gelaehmt. Einen unbedeutenden Erfolg, den die
+Roemer in einem zweiten Reitergefecht bei Phalanna davontrugen, nahm er
+zum Vorwand, um nun doch, wie es beschraenkten und eigensinnigen
+Naturen eigen ist, zu dem ersten Plan zurueckzukehren und Thessalien zu
+raeumen. Das hiess natuerlich soviel, als auf jeden Gedanken einer
+hellenischen Insurrektion verzichten; was sonst sich haette erreichen
+lassen, zeigt der dennoch erfolgte Parteiwechsel der Epeiroten. Von
+beiden Seiten geschah seitdem nichts Ernstliches mehr; Perseus
+ueberwand den Koenig Genthios, zuechtigte die Dardaner und liess durch
+Kotys die roemisch gesinnten Thraker und die pergamenischen Truppen aus
+Thrakien hinausschlagen. Dagegen nahm die roemische Westarmee einige
+illyrische Staedte, und der Konsul beschaeftigte sich damit, Thessalien
+von den makedonischen Besatzungen zu reinigen und sich der unruhigen
+Aetoler und Akarnanen durch Besetzung von Ambrakia zu versichern. Am
+schwersten aber empfanden den roemischen Heldenmut die ungluecklichen
+boeotischen Staedte, die mit Perseus hielten; die Einwohner sowohl von
+Thisbae, das sich ohne Widerstand ergab, sowie der roemische Admiral
+Gaius Lucretius vor der Stadt erschien, wie von Haliartos, das ihm die
+Tore schloss und erstuermt werden musste, wurden von ihm in die
+Sklaverei verkauft, Koroneia von dem Konsul Crassus gar der
+Kapitulation zuwider ebenso behandelt. Noch nie hatte ein roemisches
+Heer so schlechte Mannszucht gehalten wie unter diesen Befehlshabern.
+Sie hatten das Heer so zerruettet, dass auch im naechsten Feldzug 584
+(170) der neue Konsul Aulus Hostilius an ernstliche Unternehmungen
+nicht denken konnte, zumal da der neue Admiral Lucius Hortensius sich
+ebenso unfaehig und gewissenlos erwies wie sein Vorgaenger. Die Flotte
+lief ohne allen Erfolg in den thrakischen Kuestenplaetzen an. Die
+Westarmee unter Appius Claudius, dessen Hauptquartier in Lychnidos im
+dassaretischen Gebiet war, erlitt eine Schlappe ueber die andere;
+nachdem eine Expedition nach Makedonien hinein voellig verunglueckt
+war, griff gegen Anfang des Winters der Koenig mit den an der
+Suedgrenze durch den tiefen, alle Paesse sperrenden Schnee entbehrlich
+gewordenen Truppen den Appius seinerseits an, nahm ihm zahlreiche
+Ortschaften und eine Menge Gefangene ab und knuepfte Verbindungen mit
+dem Koenig Genthios an; ja er konnte einen Versuch machen, in Aetolien
+einzufallen, waehrend Appius sich in Epeiros von der Besatzung einer
+Festung, die er vergeblich belagert hatte, noch einmal schlagen liess.
+Die roemische Hauptarmee machte ein paar Versuche, erst ueber die
+Kambunischen Berge, dann durch die thessalischen Paesse in Makedonien
+einzudringen, aber sie wurden schlaff angestellt und beide von Perseus
+zurueckgewiesen. Hauptsaechlich beschaeftigte der Konsul sich mit der
+Reorganisierung des Heeres, die freilich auch vor allen Dingen noetig
+war, aber einen strengeren Mann und einen namhafteren Offizier
+erforderte. Abschied und Urlaub waren kaeuflich geworden, die
+Abteilungen daher niemals vollzaehlig; die Mannschaft ward im Sommer
+einquartiert, und wie die Offiziere im grossen Stil, stahlen die
+Gemeinen im kleinen; die befreundeten Voelkerschaften wurden in
+schmaehlicher Weise beargwohnt - so waelzte man die Schuld der
+schimpflichen Niederlage bei Larisa auf die angebliche Verraeterei der
+aetolischen Reiterei und sandte unerhoerterweise deren Offiziere zur
+Kriminaluntersuchung nach Rom; so draengte man die Molotter in Epeiros.
+durch falschen Verdacht zum wirklichen Abfall; die verbuendeten Staedte
+wurden, als waeren sie erobert, mit Kriegskontributionen belegt, und
+wenn sie auf den roemischen Senat provozierten, die Buerger
+hingerichtet oder zu Sklaven verkauft - so in Abdera und aehnlich in
+Chalkis. Der Senat schritt sehr ernstlich ein ^3: er befahl die
+Befreiung der ungluecklichen Koroneier und Abderiten und verbot den
+roemischen Beamten, ohne Erlaubnis des Senats Leistungen von den
+Bundesgenossen zu verlangen. Gaius Lucretius ward von der Buergerschaft
+einstimmig verurteilt. Allein das konnte nicht aendern, dass das
+Ergebnis dieser beiden ersten Feldzuege militaerisch null, politisch
+ein Schandfleck fuer die Roemer war, deren ungemeine Erfolge im Osten
+nicht zum wenigsten darauf beruhten, dass sie der hellenischen
+Suendenwirtschaft gegenueber sittlich rein und tuechtig auftraten.
+Haette an Perseus’ Stelle Philippos kommandiert, so wuerde dieser Krieg
+vermutlich mit der Vernichtung des roemischen Heeres und dem Abfall der
+meisten Hellenen begonnen haben; allein Rom war so gluecklich, in den
+Fehlern stets von seinen Gegnern ueberboten zu werden. Perseus
+begnuegte sich in Makedonien, das nach Sueden und Westen eine wahre
+Bergfestung ist, gleichwie in einer belagerten Stadt sich zu
+verschanzen.
+
+—————————————————————————-
+
+^3 Der kuerzlich aufgefundene Senatsbeschluss vom 9. Oktober 584 (170),
+der die Rechtsverhaeltnisse von Thisbae regelt (Eph. epigr. 1872, S.
+278 f.; AM 4, 1889, S. 235f.), gibt einen deutlichen Einblick in diese
+Verhaeltnisse.
+
+——————————————————————————
+
+Auch der dritte Oberfeldherr, den Rom 585 (169) nach Makedonien sandte,
+Quintus Marcius Philippus, jener schon erwaehnte ehrliche Gastfreund
+des Koenigs, war seiner keineswegs leichten Aufgabe durchaus nicht
+gewachsen. Er war ehrgeizig und unternehmend, aber ein schlechter
+Offizier. Sein Wagestueck, durch den Pass Lapathus westlich von Tempe
+den Uebergang ueber den Olympos in der Art zu gewinnen, dass er gegen
+die Besatzung des Passes eine Abteilung zurueckliess und mit der
+Hauptmacht durch unwegsame Abhaenge nach Herakleion zu den Weg sich
+bahnte, wird dadurch nicht entschuldigt, dass es gelang. Nicht bloss
+konnte eine Handvoll entschlossener Leute ihm den Weg verlegen, wo dann
+an keinen Rueckzug zu denken war, sondern noch nach dem Uebergang stand
+er mit der makedonischen Hauptmacht vor sich, hinter sich die stark
+befestigten Bergfestungen Tempe und Lapathus, eingekeilt in eine
+schmale Strandebene und ohne Zufuhr wie ohne Moeglichkeit zu
+fouragieren, in einer nicht minder verzweifelten Lage, als da er in
+seinem ersten Konsulat in den ligurischen Engpaessen, die seitdem
+seinen Namen behielten, sich gleichfalls hatte umzingeln lassen. Allein
+wie damals ihn ein Zufall rettete, so jetzt Perseus’ Unfaehigkeit. Als
+ob er den Gedanken nicht fassen koenne, gegen die Roemer anders als
+durch Sperrung der Paesse sich zu verteidigen, gab er sich
+seltsamerweise verloren, sowie er die Roemer diesseits derselben
+erblickte, fluechtete eiligst nach Pydna und befahl, seine Schiffe zu
+verbrennen und seine Schaetze zu versenken. Aber selbst dieser
+freiwillige Abzug der makedonischen Armee befreite den Konsul noch
+nicht aus seiner peinlichen Lage. Er ging zwar ungehindert vor, musste
+aber nach vier Tagemaerschen wegen Mangels an Lebensmitteln sich wieder
+rueckwaerts wenden; und da auch der Koenig zur Besinnung kam und
+schleunigst umkehrte, um in die verlassene Position wieder
+einzuruecken, so waere das roemische Heer in grosse Gefahr geraten,
+wenn nicht zur rechten Zeit das unueberwindliche Tempe kapituliert und
+seine reichen Vorraete dem Feind ueberliefert haette. Die Verbindung
+mit dem Sueden war nun zwar dadurch dem roemischen Heere gesichert;
+aber auch Perseus hatte sich in seiner frueheren wohlgewaehlten
+Stellung an dem Ufer des kleinen Flusses Elpios stark verbarrikadiert
+und hemmte hier den weiteren Vormarsch der Roemer. So verblieb das
+roemische Heer den Rest des Sommers und den Winter eingeklemmt in den
+aeussersten Winkel Thessaliens; und wenn die Ueberschreitung der Paesse
+allerdings ein Erfolg und der erste wesentliche in diesem Krieg war, so
+verdankte man ihn doch nicht der Tuechtigkeit des roemischen, sondern
+der Verkehrtheit des feindlichen Feldherrn. Die roemische Flotte
+versuchte vergebens Demetrias zu nehmen und richtete ueberhaupt gar
+nichts aus. Perseus’ leichte Schiffe streiften kuehn zwischen den
+Kykladen, beschuetzten die nach Makedonien bestimmten Kornschiffe und
+griffen die feindlichen Transporte auf. Bei der Westarmee stand es noch
+weniger gut; Appius Claudius konnte mit seiner geschwaechten Abteilung
+nichts ausrichten, und der von ihm begehrte Zuzug aus Achaia ward durch
+die Eifersucht des Konsuls abgehalten zu kommen. Dazu kam, dass
+Genthios sich von Perseus durch das Versprechen einer grossen Geldsumme
+hatte erkaufen lassen, mit Rom zu brechen, und die roemischen Gesandten
+einkerkern liess; worauf uebrigens der sparsame Koenig es ueberfluessig
+fand, die zugesicherten Gelder zu zahlen, da Genthios nun allerdings
+ohnehin gezwungen war, statt der bisherigen zweideutigen eine
+entschieden feindliche Stellung gegen Rom einzunehmen. So hatte man
+also einen kleinen Krieg mehr neben dem grossen, der nun schon drei
+Jahre sich hinzog. Ja haette Perseus sich von seinem Golde zu trennen
+vermocht, er haette den Roemern noch gefaehrlichere Feinde erwecken
+koennen. Ein Keltenschwarm unter Clondicus, 10000 Mann zu Pferde und
+ebenso viele zu Fuss, bot in Makedonien selbst sich an, bei ihm Dienste
+zu nehmen; allein man konnte sich ueber den Sold nicht einigen. Auch in
+Hellas gaerte es so, dass ein Guerillakrieg sich mit einiger
+Geschicklichkeit und einer vollen Kasse leicht haette entzuenden
+lassen; allein da Perseus nicht Lust hatte zu geben und die Griechen
+nichts umsonst taten, blieb das Land ruhig.
+
+Endlich entschloss man sich in Rom, den rechten Mann nach Griechenland
+zu senden. Es war Lucius Aemilius Paullus, der Sohn des gleichnamigen
+Konsuls, der bei Cannae fiel; ein Mann von altem Adel, aber geringem
+Vermoegen und deshalb auf dem Wahlplatz nicht so gluecklich wie auf dem
+Schlachtfeld, wo er in Spanien und mehr noch in Ligurien sich
+ungewoehnlich hervorgetan. Ihn waehlte das Volk fuer das Jahr 586 (168)
+zum zweitenmal zum Konsul seiner Verdienste wegen, was damals schon
+eine seltene Ausnahme war. Er war in jeder Beziehung der rechte: ein
+vorzueglicher Feldherr von der alten Schule, streng gegen sich und
+seine Leute und trotz seiner sechzig Jahre noch frisch und kraeftig,
+ein unbestechlicher Beamter - “einer der wenigen Roemer jener Zeit,
+denen man kein Geld bieten konnte”, sagt ein Zeitgenosse von ihm - und
+ein Mann von hellenischer Bildung, der noch als Oberfeldherr die
+Gelegenheit benutzte, um Griechenland der Kunstwerke wegen zu bereisen.
+
+Sowie der neue Feldherr im Lager bei Herakleion eingetroffen war, liess
+er, waehrend Vorpostengefechte im Flussbett des Elpios die Makedonier
+beschaeftigten, den schlecht bewachten Pass bei Pythion durch Publius
+Nasica ueberrumpeln; der Feind war dadurch umgangen und musste nach
+Pydna zurueckweichen. Hier, am roemischen 4. September 586 (168) oder
+am 22. Juni des Julianischen Kalenders - eine Mondfinsternis, die ein
+kundiger roemischer Offizier dem Heer voraussagte, damit kein boeses
+Anzeichen darin gefunden werde, gestattet hier die genaue
+Zeitbestimmung - wurden beim Traenken der Rosse nach Mittag zufaellig
+die Vorposten handgemein, und beide Teile entschlossen sich, die
+eigentlich erst auf den naechsten Tag angesetzte Schlacht sofort zu
+liefern. Ohne Helm und Panzer durch die Reihen schreitend ordnete der
+greise Feldherr der Roemer selber seine Leute. Kaum standen sie, so
+stuermte die furchtbare Phalanx auf sie ein; der Feldherr selber, der
+doch manchen harten Kampf gesehen hatte, gestand spaeter ein, dass er
+gezittert habe. Die roemische Vorhut zerstob, eine paelignische Kohorte
+ward niedergerannt und fast vernichtet, die Legionen selbst wichen
+eilig zurueck, bis sie einen Huegel erreicht hatten, bis hart an das
+roemische Lager. Hier wandte sich das Glueck. Das unebene Terrain und
+die eilige Verfolgung hatte die Glieder der Phalanx geloest; in
+einzelnen Kohorten drangen die Roemer in jede Luecke ein, griffen von
+der Seite und von hinten an, und da die makedonische Reiterei, die
+allein noch haette Hilfe bringen koennen, ruhig zusah und bald sich in
+Massen davonmachte, mit ihr unter den ersten der Koenig, so war in
+weniger als einer Stunde das Geschick Makedoniens entschieden. Die 3000
+erlesenen Phalangiten liessen sich niederhauen bis auf den letzten
+Mann; es war, als wolle die Phalanx, die ihre letzte grosse Schlacht
+bei Pydna schlug, hier selber untergehen. Die Niederlage war furchtbar;
+20000 Makedonier lagen auf dem Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Der
+Krieg war zu Ende, am fuenfzehnten Tage nachdem Paullus den Oberbefehl
+uebernommen hatte; ganz Makedonien unterwarf sich in zwei Tagen. Der
+Koenig fluechtete mit seinem Golde - noch hatte er ueber 6000 Talente
+(10 Mill. Taler) in seiner Kasse - nach Samothrake, begleitet von
+wenigen Getreuen. Allein da er selbst von diesen noch einen ermordete,
+den Euandros von Kreta, der als Anstifter des gegen Eumenes versuchten
+Mordes zur Rechenschaft gezogen werden sollte, verliessen ihn auch die
+koeniglichen Pagen und die letzten Gefaehrten. Einen Augenblick hoffte
+er, dass das Asylrecht ihn schuetzen werde; allein selbst er begriff,
+dass er sich an einen Strohhalm halte. Ein Versuch, zu Kotys zu
+fluechten, misslang. So schrieb er an den Konsul; allein der Brief ward
+nicht angenommen, da er sich darin Koenig genannt hatte. Er erkannte
+sein Schicksal und lieferte auf Gnade und Ungnade den Roemern sich aus
+mit seinen Kindern und seinen Schaetzen, kleinmuetig und weinend, den
+Siegern selbst zum Ekel. Mit ernster Freude und mehr der Wandelbarkeit
+der Geschicke als dem gegenwaertigen Erfolg nachsinnend empfing der
+Konsul den vornehmsten Gefangenen, den je ein roemischer Feldherr
+heimgebracht hat. Perseus starb wenige Jahre darauf als
+Staatsgefangener in Alba am Fuciner See ^4; sein Sohn lebte in
+spaeteren Jahren in derselben italischen Landstadt als Schreiber.
+
+————————————————————————
+
+^4 Dass die Roemer, um zugleich ihm das Wort zu halten, das ihm sein
+Leben verbuergte, und Rache an ihm zu nehmen, ihn durch Entziehung des
+Schlafs getoetet, ist sicher eine Fabel.
+
+———————————————————————-
+
+So ging das Reich Alexanders des Grossen, das den Osten bezwungen und
+hellenisiert hatte, 144 Jahre nach seinem Tode zugrunde.
+
+Damit aber zu dem Trauerspiel die Posse nicht fehlte, ward gleichzeitig
+auch der Krieg gegen den “Koenig” Genthios von Illyrien von dem Praetor
+Lucius Anicius binnen dreissig Tagen begonnen und beendet, die
+Piratenflotte genommen, die Hauptstadt Skodra erobert, und die beiden
+Koenige, der Erbe des grossen Alexander und der des Pleuratos, zogen
+nebeneinander gefangen in Rom ein.
+
+Es war im Senat beschlossen worden, dass die Gefahr nicht wiederkehren
+duerfe, die Flamininus’ unzeitige Milde ueber Rom gebracht hatte.
+Makedonien ward vernichtet. Auf der Konferenz zu Amphipolis am Strymon
+verfuegte die roemische Kommission die Aufloesung des
+festgeschlossenen, durch und durch monarchischen Einheitsstaates in
+vier, nach dem Schema der griechischen Eidgenossenschaften
+zugeschnittene republikanisch-foederative Gemeindebuende, den von
+Amphipolis in den oestlichen Landschaften, den von Thessalonike mit der
+chalkidischen Halbinsel, den von Pella an der thessalischen Grenze und
+den von Pelagonia im Binnenland. Zwischenheiraten unter den
+Angehoerigen der verschiedenen Eidgenossenschaften waren ungueltig, und
+keiner durfte in mehr als einer derselben ansaessig sein. Alle
+koeniglichen Beamten sowie deren erwachsene Soehne mussten das Land
+verlassen und sich nach Italien begeben, bei Todesstrafe - man
+fuerchtete noch immer, und mit Recht, die Zuckungen der alten
+Loyalitaet. Das Landrecht und die bisherige Verfassung blieb uebrigens
+bestehen; die Beamten wurden natuerlich durch Gemeindewahlen ernannt
+und innerhalb der Gemeinden wie der Buende die Macht in die Haende der
+Vornehmen gelegt. Die koeniglichen Domaenen und die Regalien wurden den
+Eidgenossenschaften nicht zugestanden, namentlich die Gold- und
+Silbergruben, ein Hauptreichtum des Landes, zu bearbeiten untersagt;
+doch ward 596 (138) wenigstens die Ausbeutung der Silbergruben wieder
+gestattet ^5. Die Einfuhr von Salz, die Ausfuhr von Schiffbauholz
+wurden verboten. Die bisher an den Koenig gezahlte Grundsteuer fiel
+weg, und es blieb den Eidgenossenschaften und den Gemeinden
+ueberlassen, sich selber zu besteuern; doch hatten diese die Haelfte
+der bisherigen Grundsteuer nach einem ein fuer allemal festgestellten
+Satz, zusammen jaehrlich 100 Talente (170000 Taler), nach Rom zu
+entrichten ^6. Das ganze Land ward fuer ewige Zeiten entwaffnet, die
+Festung Demetrias geschleift; nur an der Nordgrenze sollte eine
+Postenkette gegen die Einfaelle der Barbaren bestehen bleiben. Von den
+abgelieferten Waffen wurden die kupfernen Schilde nach Rom gesandt, der
+Rest verbrannt.
+
+—————————————————————
+
+^5 Die Angabe Cassiodors, dass im Jahre 596 (158) die makedonischen
+Bergwerke wieder eroeffnet wurden, erhaelt ihre naehere Bestimmung
+durch die Muenzen. Goldmuenzen der vier Makedonien sind nicht
+vorhanden; die Goldgruben also blieben entweder geschlossen oder es
+wurde das gewonnene Gold als Barren verwertet. Dagegen finden sich
+allerdings Silbermuenzen des ersten Makedoniens (Amphipolis), in
+welchem Bezirk die Silbergruben belegen sind; fuer die kurze Zeit in
+der sie geschlagen sein muessen (596-608 158-146) ist die Zahl
+derselben auffallend gross und zeugt entweder von einem sehr
+energischen Betrieb der Gruben oder von massenhafter Umpraegung des
+alten Koeniggeldes.
+
+^6 Wenn das makedonische Gemeinwesen durch die Roemer der
+“herrschaftlichen Auflagen und Abgaben entlastet ward” (Polyb. 37, 4),
+so braucht deshalb noch nicht notwendig ein spaeterer Erlass dieser
+Steuer angenommen zu werden; es genuegt zur Erklaerung von Polybios’
+Worten, dass die bisher herrschaftliche jetzt Gemeindesteuer ward. Der
+Fortbestand der der Provinz Makedonien von Paullus gegebenen Verfassung
+bis wenigstens in die augustische Zeit (Liv. 45, 32; Iust. 33, 2)
+wuerde freilich sich auch mit dem Erlass der Steuer vereinigen lassen.
+
+————————————————————
+
+Man erreichte seinen Zweck. Das makedonische Land hat zweimal noch auf
+den Ruf von Prinzen aus dem alten Herrscherhause zu den Waffen
+gegriffen, und ist uebrigens von jener Zeit bis auf den heutigen Tag
+ohne Geschichte geblieben.
+
+Aehnlich ward Illyrien behandelt. Das Reich des Genthios ward in drei
+kleine Freistaaten zerschnitten; auch hier zahlten die Ansaessigen die
+Haelfte der bisherigen Grundsteuer an ihre neuen Herren, mit Ausnahme
+der Staedte, die es mit den Roemern gehalten hatten und dafuer
+Grundsteuerfreiheit erhielten - eine Ausnahme, die zu machen Makedonien
+keine Veranlassung bot. Die illyrische Piratenflotte ward konfisziert
+und den angeseheneren griechischen Gemeinden an dieser Kueste
+geschenkt. Die ewigen Quaelereien, welche die Illyrier den Nachbarn
+namentlich durch ihre Korsaren zufuegten, hatten hiermit wenigstens auf
+lange hinaus ein Ende.
+
+Kotys in Thrakien, der schwer zu erreichen und gelegentlich gegen
+Eumenes zu brauchen war, erhielt Verzeihung und seinen gefangenen Sohn
+zurueck.
+
+So waren die noerdlichen Verhaeltnisse geordnet und auch Makedonien
+endlich von dem Joch der Monarchie erloest - in der Tat, Griechenland
+war freier als je, ein Koenig nirgend mehr vorhanden.
+
+Aber man beschraenkte sich nicht darauf, Makedonien Sehnen und Nerven
+zu zerschneiden. Es war im Senat beschlossen, die saemtlichen
+hellenischen Staaten, Freund und Feind, ein fuer allemal unschaedlich
+zu machen und sie miteinander in dieselbe demuetige Klientel
+hinabzudruecken. Die Sache selbst mag sich rechtfertigen lassen; allein
+die Art der Ausfuehrung namentlich gegen die maechtigeren unter den
+griechischen Klientelstaaten ist einer Grossmacht nicht wuerdig und
+zeigt, dass die Epoche der Fabier und Scipionen zu Ende ist. Am
+schwersten traf dieser Rollenwechsel denjenigen Staat, der von Rom
+geschaffen und grossgezogen war, um Makedonien im Zaum zu halten, und
+dessen man jetzt nach Makedoniens Vernichtung freilich nicht mehr
+bedurfte, das Reich der Attaliden. Es war nicht leicht, gegen den
+klugen und besonnenen Eumenes einen ertraeglichen Vorwand zu finden, um
+ihn aus seiner bevorzugten Stellung zu verdraengen und ihn in Ungnade
+fallen zu lassen. Auf einmal kamen um die Zeit, da die Roemer im Lager
+bei Herakleion standen, seltsame Geruechte ueber ihn in Umlauf; er
+stehe mit Perseus im heimlichen Verkehr; ploetzlich sei seine Flotte
+wie weggeweht gewesen; fuer seine Nichtteilnahme am Feldzug seien ihm
+500, fuer die Vermittlung des Friedens 1500 Talente geboten worden, und
+nur an Perseus’ Geiz habe sich der Vertrag zerschlagen. Was die
+pergamenische Flotte anlangt, so ging der Koenig mit ihr, als die
+roemische sich ins Winterquartier begab, gleichfalls heim, nachdem er
+dem Konsul seine Aufwartung gemacht hatte. Die Bestechungsgeschichte
+ist so sicher ein Maerchen wie nur irgendeine heutige Zeitungsente;
+denn dass der reiche, schlaue und konsequente Attalide, der den Bruch
+zwischen Rom und Makedonien durch seine Reise 582 (172) zunaechst
+veranlasst hatte, und fast deswegen von Perseus’ Banditen ermordet
+worden waere, in dem Augenblick, wo die wesentlichen Schwierigkeiten
+eines Krieges ueberwunden waren, an dessen endlichem Ausgang er
+ueberdies nie ernstlich gezweifelt haben konnte, dass er seinen Anteil
+an der Beute seinem Moerder um einige Talente verkauft und das Werk
+langer Jahre an eine solche Erbaermlichkeit gesetzt haben sollte, ist
+denn doch nicht bloss gelogen, sondern sehr albern gelogen. Dass kein
+Beweis weder in Perseus’ Papieren noch sonst sich vorfand, ist sicher
+genug; denn selbst die Roemer wagten nicht, jene Verdaechtigungen laut
+auszusprechen. Aber sie hatten ihren Zweck. Was man wollte, zeigt das
+Benehmen der roemischen Grossen gegen Attalos, Eumenes’ Bruder, der die
+pergamenischen Hilfstruppen in Griechenland befehligt hatte. Mit
+offenen Armen ward der wackere und treue Kamerad in Rom empfangen und
+aufgefordert, nicht fuer seinen Bruder, sondern fuer sich zu bitten -
+gern werde der Senat ihm ein eigenes Reich gewaehren, Attalos erbat
+nichts als Aenos und Maroneia. Der Senat meinte, dass dies nur eine
+vorlaeufige Bitte sei und gestand sie mit grosser Artigkeit zu. Als er
+aber abreiste, ohne weitere Forderungen gestellt zu haben, und der
+Senat zu der Einsicht kam, dass die pergamenische Regentenfamilie unter
+sich nicht so lebe, wie es in den fuerstlichen Haeusern hergebracht
+war, wurden Aenos und Maroneia zu Freistaedten erklaert. Nicht einen
+Fussbreit Landes erhielten die Pergamener von der makedonischen Beute;
+hatte man nach Antiochos’ Besiegung Philippos gegenueber noch die
+Formen geschont, so wollte man jetzt verletzen und demuetigen. Um diese
+Zeit scheint der Senat Pamphylien, ueber dessen Besitz Eumenes und
+Antiochos bisher gestritten, unabhaengig erklaert zu haben. Wichtiger
+war es, dass die Galater, bisher im wesentlichen in der Gewalt des
+Eumenes, nachdem derselbe den pontischen Koenig mit Waffengewalt aus
+Galatien vertrieben und im Frieden ihm die Zusage abgenoetigt hatte,
+mit den galatischen Fuersten keine Verbindung ferner unterhalten zu
+wollen, jetzt, ohne Zweifel rechnend auf die zwischen Eumenes und den
+Roemern eingetretene Spannung, wenn nicht geradezu von diesen
+veranlasst, sich gegen Eumenes erhoben, sein Reich ueberschwemmten und
+ihn in grosse Gefahr brachten. Eumenes erbat die roemische Vermittlung;
+der roemische Gesandte war dazu bereit, meinte aber, dass Attalos, der
+das pergamenische Heer befehligte, besser nicht mitgehe, um die Wilden
+nicht zu verstimmen, und merkwuerdigerweise richtete er gar nichts aus,
+ja er erzaehlte bei der Rueckkehr, dass seine Vermittlung die Wilden
+erst recht erbittert habe. Es waehrte nicht lange, so ward die
+Unabhaengigkeit der Galater von dem Senat ausdruecklich anerkannt und
+gewaehrleistet. Eumenes entschloss sich, persoenlich nach Rom zu gehen
+und im Senat seine Sache zu fuehren. Da beschloss dieser ploetzlich,
+wie vom boesen Gewissen geplagt, dass Koenige kuenftig nicht mehr nach
+Rom sollten kommen duerfen, und schickte ihm nach Brundisium einen
+Quaestor entgegen, ihm diesen Senatsbeschluss vorzulegen, ihn zu
+fragen, was er wolle, und ihm anzudeuten, dass man seine schleunige
+Abreise gern sehen werde. Der Koenig schwieg lange; er begehre, sagte
+er endlich, weiter nichts und schiffte sich wieder ein. Er sah, wie es
+stand: die Epoche der halbmaechtigen und halbfreien
+Bundesgenossenschaft war zu Ende; es begann die der ohnmaechtigen
+Untertaenigkeit.
+
+Aehnlich erging es den Rhodiern. Ihre Stellung war ungemein bevorzugt;
+sie standen mit Rom nicht in eigentlicher Symmachie, sondern in einem
+gleichen Freundschaftsverhaeltnis, das sie nicht hinderte, Buendnisse
+jeder Art einzugehen und nicht noetigte, den Roemern auf Verlangen
+Zuzug zu leisten. Vermutlich war eben dies die letzte Ursache, weshalb
+ihr Einverstaendnis mit Rom schon seit einiger Zeit getruebt war. Die
+ersten Zerwuerfnisse mit Rom hatten stattgefunden infolge des
+Aufstandes der nach Antiochos’ Ueberwindung ihnen zugeteilten Lykier
+gegen ihre Zwingherren, die sie (576 178) als abtruennige Untertanen in
+grausamer Weise knechteten; diese aber behaupteten, nicht Untertanen,
+sondern Bundesgenossen der Rhodier zu sein und drangen damit im
+roemischen Senat durch, als derselbe aufgefordert war, den
+zweifelhaften Sinn des Friedensinstruments festzustellen. Hierbei hatte
+indes ein gerechtfertigtes Mitleid mit den, arg gedrueckten Leuten wohl
+das meiste getan; wenigstens geschah von Rom nichts weiter, und man
+liess diesen wie anderen hellenischen Hader gehen. Als der Krieg mit
+Perseus ausbrach, sahen ihn die Rhodier zwar wie alle uebrigen
+verstaendigen Griechen ungern, und namentlich Eumenes als Anstifter
+desselben war uebel berufen, so dass sogar seine Festgesandtschaft bei
+der Heliosfeier in Rhodos abgewiesen ward. Allein dies hinderte sie
+nicht, fest an Rom zu halten und die makedonische Partei, die es wie
+allerorts so auch in Rhodos gab, nicht an das Ruder zu lassen; die noch
+585 (169) ihnen erteilte Erlaubnis, Getreide aus Sizilien auszufuehren,
+beweist die Fortdauer des guten Vernehmens mit Rom. Ploetzlich
+erschienen kurz vor der Schlacht bei Pydna rhodische Gesandte im
+roemischen Hauptquartier und im roemischen Senat mit der Erklaerung,
+dass die Rhodier nicht laenger diesen Krieg dulden wuerden, der auf
+ihren makedonischen Handel und auf die Hafeneinnahme druecke, und dass
+sie der Partei, die sich weigere, Frieden zu schliessen, selbst den
+Krieg zu erklaeren gesonnen seien, auch zu diesem Ende bereits mit
+Kreta und mit den asiatischen Staedten ein Buendnis abgeschlossen
+haetten. In einer Republik mit Urversammlungen ist vieles moeglich;
+aber diese wahnsinnige Intervention einer Handelsstadt, die erst
+beschlossen sein kann, als man in Rhodos den Fall des Tempepasses
+kannte, verlangt eine naehere Erklaerung. Den Schluessel gibt die wohl
+beglaubigte Nachricht, dass der Konsul Quintus Marcius, jener Meister
+der “neumodischen Diplomatie”, im Lager bei Herakleion, also nach
+Besetzung des Tempepasses, den rhodischen Gesandten Agepolis mit
+Artigkeiten ueberhaeuft und ihn unter der Hand ersucht hatte, den
+Frieden zu vermitteln. Republikanische Verkehrtheit und Eitelkeit taten
+das uebrige; man meinte, die Roemer gaeben sich verloren, man haette
+gern zwischen vier Grossmaechten zugleich den Vermittler gespielt -
+Verbindungen mit Perseus spannen sich an; rhodische Gesandte von
+makedonischer Gesinnung sagten mehr, als sie sagen sollten; und man war
+gefangen. Der Senat, der ohne Zweifel groesstenteils selbst von jenen
+Intrigen nichts wusste, vernahm die wundersame Botschaft mit
+begreiflicher Indignation und war erfreut ueber die gute Gelegenheit
+zur Demuetigung der uebermuetigen Kaufstadt. Ein kriegslustiger Praetor
+ging gar so weit, bei dem Volk die Kriegserklaerung gegen Rhodos zu
+beantragen. Umsonst beschworen die rhodischen Gesandten einmal ueber
+das andere kniefaellig den Senat, der hundertundvierzigjaehrigen
+Freundschaft mehr als des einen Verstosses zu gedenken; umsonst
+schickten sie die Haeupter der makedonischen Partei auf das Schafott
+oder nach Rom; umsonst sandten sie einen schweren Goldkranz zum Dank
+fuer die unterbliebene Kriegserklaerung. Der ehrliche Cato bewies zwar,
+dass die Rhodier eigentlich gar nichts verbrochen haetten und fragte,
+ob man anfangen wolle, Wuensche und Gedanken zu strafen und ob man den
+Voelkern die Besorgnis verargen koenne, dass die Roemer sich alles
+erlauben moechten, wenn sie niemanden mehr fuerchten wuerden. Seine
+Worte und Warnungen waren vergeblich. Der Senat nahm den Rhodiern ihre
+Besitzungen auf dem Festland, die einen jaehrlichen Ertrag von 120
+Talenten (200000 Taler) abwarfen. Schwerer noch fielen die Schlaege
+gegen den rhodischen Handel. Schon die Verbote der Salzeinfuhr nach und
+der Ausfuhr von Schiffbauholz aus Makedonien scheinen gegen Rhodos
+gerichtet. Unmittelbarer noch traf den rhodischen Handel die Errichtung
+des delischen Freihafens; der rhodische Hafenzoll, der bis dahin
+jaehrlich 1 Mill. Drachmen (286000 Taler) abgeworfen hatte, sank in
+kuerzester Zeit auf 150000 Drachmen (43000 Taler). Ueberhaupt aber
+waren die Rhodier in ihrer Freiheit und dadurch in ihrer freien und
+kuehnen Handelspolitik gelaehmt, und der Staat fing an zu siechen.
+Selbst das erbetene Buendnis ward anfangs abgeschlagen und erst 590
+(164) nach wiederholten Bitten erneuert. Die gleich schuldigen, aber
+machtlosen Kreter kamen mit einem derben Verweis davon.
+
+Mit Syrien und Aegypten konnte man kuerzer zu Werke gehen. Zwischen
+beiden war Krieg ausgebrochen, wieder einmal ueber Koilesyrien und
+Palaestina. Nach der Behauptung der Aegypter waren diese Provinzen bei
+der Vermaehlung der syrischen Kleopatra an Aegypten abgetreten worden;
+was der Hof von Babylon indes, der sich im faktischen Besitz befand, in
+Abrede stellte. Wie es scheint, gab die Anweisung der Mitgift auf die
+Steuern der koilesyrischen Staedte die Veranlassung zu dem Hader und
+war das Recht auf syrischer Seite; den Ausbruch des Krieges veranlasste
+der Tod der Kleopatra im Jahr 581 (173), mit dem spaetestens die
+Rentenzahlungen aufhoerten. Der Krieg scheint von Aegypten begonnen zu
+sein; allein auch Koenig Antiochos Epiphanes ergriff die Gelegenheit
+gern, um das traditionelle Ziel der Seleukidenpolitik, die Erwerbung
+Aegyptens, waehrend der Beschaeftigung der Roemer in Makedonien noch
+einmal - es sollte das letzte Mal sein - anzustreben. Das Glueck schien
+ihm guenstig. Der damalige Koenig von Aegypten, Ptolemaeos VI.
+Philometor, der Sohn jener Kleopatra, hatte kaum das Knabenalter
+ueberschritten und war schlecht beraten; nach einem grossen Sieg an der
+syrisch-aegyptischen Grenze konnte Antiochos in demselben Jahr, in
+welchem die Legionen in Griechenland landeten (583 171), in das Gebiet
+seines Neffen einruecken und bald war dieser selbst in seiner Gewalt.
+Es gewann den Anschein, als gedenke Antiochos unter Philometors Namen,
+sich in den Besitz von ganz Aegypten zu setzen; Alexandreia schloss ihm
+deshalb die Tore, setzte den Philometor ab und ernannte an seiner
+Stelle den juengeren Bruder, Euergetes II. oder der Dicke genannt, zum
+Koenig. Unruhen in seinem Reiche riefen den syrischen Koenig aus
+Aegypten ab; als er zurueckkam, hatten in seiner Abwesenheit die
+Brueder sich miteinander vertragen, und er setzte nun gegen beide den
+Krieg fort. Wie er eben vor Alexandreia stand, nicht lange nach der
+Schlacht von Pydna (586 168), traf ihn der roemische Gesandte Gaius
+Popillius, ein harter, barscher Mann, und insinuierte ihm den Befehl
+des Senats, alles Eroberte zurueckzugeben und Aegypten in einer
+bestimmten Frist zu raeumen. Der Koenig erbat sich Bedenkzeit; aber der
+Konsular zog mit dem Stabe einen Kreis um ihn und hiess ihn sich
+erklaeren, bevor er den Kreis ueberschreite. Antiochos erwiderte, dass
+er gehorche und zog ab nach seiner Residenz, um dort als der Gott, der
+glaenzende Siegbringer, der er war, die Bezwingung Aegyptens nach
+roemischer Sitte zu feiern und den Triumph des Paullus zu parodieren.
+
+Aegypten fuegte sich freiwillig in die roemische Klientel; aber auch
+die Koenige von Babylon standen hiermit ab von dem letzten Versuch,
+ihre Unabhaengigkeit gegen Rom zu behaupten. Wie Makedonien im Krieg
+des Perseus, so machten die Seleukiden im koilesyrischen den gleichen
+und gleich letzten Versuch, sich ihre ehemalige Macht wiederzugewinnen;
+aber es ist bezeichnend fuer den Unterschied der beiden Reiche, dass
+dort die Legionen, hier das barsche Wort eines Diplomaten entschied.
+
+In Griechenland selbst waren als Verbuendete des Perseus, nachdem die
+boeotischen Staedte schon mehr als genug gebuesst hatten, nur noch die
+Molotter zu strafen. Auf geheimen Befehl des Senats gab Paullus an
+einem Tage siebzig Ortschaften in Epeiros der Pluenderung preis und
+verkaufte die Einwohner, 150000 an der Zahl, in die Sklaverei. Die
+Aetoler verloren Amphipolis, die Akarnanen Leukas wegen ihres
+zweideutigen Benehmens; wogegen die Athener, die fortfuhren, den
+bettelnden Poeten ihres Aristophanes zu spielen, nicht bloss Delos und
+Lemnos geschenkt erhielten, sondern sogar sich nicht schaemten, um die
+oede Staette von Haliartos zu petitionieren, die ihnen denn auch zuteil
+ward. So war etwas fuer die Musen geschehen, aber mehr war zu tun fuer
+die Justiz. Eine makedonische Partei gab es in jeder Stadt und also
+begannen durch ganz Griechenland die Hochverratsprozesse. Wer in
+Perseus’ Heer gedient hatte, ward sofort hingerichtet; nach Rom ward
+beschieden, wen die Papiere des Koenigs oder die Angabe der zum
+Denunzieren herbeistroemenden politischen Gegner konpromittierten - der
+Achaeer Kallikrates und der Aetoler Lykiskos zeichneten sich aus in
+diesem Gewerbe. So wurden die namhafteren Patrioten unter den
+Thessalern, Aetolern, Akarnanen, Lesbiern und so weiter aus der Heimat
+entfernt; namentlich aber ueber tausend Achaeer, wobei man nicht so
+sehr den Zweck verfolgte, den weggefuehrten Leuten den Prozess, als die
+kindische Opposition der Hellenen mundtot zu machen. Den Achaeern, die
+wie gewoehnlich sich nicht zufrieden gaben, bis sie die Antwort hatten,
+die sie ahnten, erklaerte der Senat, ermuedet durch die ewigen Bitten
+um Einleitung der Untersuchung, endlich rundheraus, dass bis auf weiter
+die Leute in Italien bleiben wuerden. Sie wurden hier in den
+Landstaedten interniert und leidlich gehalten, Fluchtversuche indes mit
+dem Tode bestraft; aehnlich wird die Lage der aus Makedonien
+weggefuehrten ehemaligen Beamten gewesen sein. Wie die Dinge einmal
+standen, war dieser Ausweg, so gewaltsam er war, noch der
+ertraeglichste und die enragierten Griechen der Roemerpartei sehr wenig
+zufrieden damit, dass man nicht haeufiger koepfte. Lykiskos hatte es
+deshalb zweckmaessig gefunden, in der Ratsversammlung vorlaeufig 500
+der vornehmsten Maenner der aetolischen Patriotenpartei niederstossen
+zu lassen; die roemische Kommission, die den Menschen brauchte, liess
+es hingehen und tadelte nur, dass man diesen hellenischen
+Landesgebrauch durch roemische Soldaten habe vollstrecken lassen. Aber
+man darf glauben, dass sie zum Teil, um solche Greuel abzuschneiden,
+jenes italische Internierungssystem aufstellte. Da ueberhaupt im
+eigentlichen Griechenland keine Macht auch nur von der Bedeutung von
+Rhodos oder Pergamon bestand, so bedurfte es hier einer Demuetigung
+weiter nicht, sondern was man tat, geschah nur, um Gerechtigkeit,
+freilich im roemischen Sinne, zu ueben und die aergerlichsten
+Ausbrueche des Parteihaders zu beseitigen.
+
+Es waren hiermit die hellenistischen Staaten saemtlich der roemischen
+Klientel vollstaendig untertan geworden und das gesamte Reich
+Alexanders des Grossen, gleich als waere die Stadt seiner Erben Erbe
+geworden, an die roemische Buergergemeinde gefallen. Von allen Seiten
+stroemten die Koenige und die Gesandten nach Rom, um Glueck zu
+wuenschen, und es zeigte sich, dass niemals kriechender geschmeichelt
+wird, als wenn Koenige antichambrieren. Koenig Massinissa, der nur auf
+ausdruecklichen Befehl davon abgestanden war, selber zu erscheinen,
+liess durch seinen Sohn erklaeren, dass er sich nur als den
+Nutzniesser, die Roemer aber als die wahren Eigentuemer seines Reiches
+betrachte und dass er stets mit dem zufrieden sein werde, was sie ihm
+uebrig lassen wuerden. Darin war wenigstens Wahrheit. Koenig Prusias
+von Bithynien aber, der seine Neutralitaet abzubuessen hatte, trug die
+Palme in diesem Wettkampf davon; er fiel auf sein Antlitz nieder, als
+er in den Senat gefuehrt ward, und huldigte den “rettenden Goettern”.
+Da er so sehr veraechtlich war, sagt Polybios, gab man ihm eine artige
+Antwort und schenkte ihm die Flotte des Perseus.
+
+Der Augenblick wenigstens fuer solche Huldigungen war wohlgewaehlt. Von
+der Schlacht von Pydna rechnet Polybios die Vollendung der roemischen
+Weltherrschaft. Sie ist in der Tat die letzte Schlacht, in der ein
+zivilisierter Staat als ebenbuertige Grossmacht Rom auf der Walstatt
+gegenuebergetreten ist; alle spaeteren Kaempfe sind Rebellionen oder
+Kriege gegen Voelker, die ausserhalb des Kreises der
+roemisch-griechischen Zivilisation stehen, gegen sogenannte Barbaren.
+Die ganze zivilisierte Welt erkennt fortan in dem roemischen Senat den
+obersten Gerichtshof, dessen Kommissionen in letzter Instanz zwischen
+Koenigen und Voelkern entscheiden, um dessen Sprache und Sitte sich
+anzueignen fremde Prinzen und vornehme junge Maenner in Rom verweilen.
+Ein klarer und ernstlicher Versuch, sich dieser Herrschaft zu
+entledigen, ist in der Tat nur ein einziges Mal gemacht worden, von dem
+grossen Mithradates von Pontos. Die Schlacht bei Pydna bezeichnet aber
+auch zugleich den letzten Moment, wo der Senat noch festhaelt an der
+Staatsmaxime, wo irgend moeglich jenseits der italischen Meere keine
+Besitzungen und keine Besatzungen zu uebernehmen, sondern jene
+zahllosen Klientelstaaten durch die blosse politische Suprematie in
+Ordnung zu halten. Dieselben durften also weder sich in voellige
+Schwaeche und Anarchie aufloesen, wie es dennoch in Griechenland
+geschah, noch aus ihrer halbfreien Stellung sich zur vollen
+Unabhaengigkeit entwickeln, wie es doch nicht ohne Erfolg Makedonien
+versuchte. Kein Staat durfte ganz zugrunde gehen, aber auch keiner sich
+auf eigene Fuesse stellen; weshalb der besiegte Feind wenigstens die
+gleiche, oft eine bessere Stellung bei den roemischen Diplomaten hatte
+als der treue Bundesgenosse, und der Geschlagene zwar aufgerichtet,
+aber wer selber sich aufrichtete, erniedrigt ward - die Aetoler,
+Makedonien nach dem Asiatischen Krieg, Rhodos, Pergamon machten die
+Erfahrung. Aber diese Beschuetzerrolle ward nicht bloss bald den Herren
+ebenso unleidlich wie den Dienern, sondern es erwies sich auch das
+roemische Protektorat mit seiner undankbaren, stets von vorn wieder
+beginnenden Sisyphusarbeit als innerlich unhaltbar. Die Anfaenge eines
+Systemwechsels und der steigenden Abneigung Roms, auch nur
+Mittelstaaten in der ihnen moeglichen Unabhaengigkeit neben sich zu
+dulden, zeigen sich schon deutlich nach der Schlacht von Pydna in der
+Vernichtung der makedonischen Monarchie. Die immer haeufigere und immer
+unvermeidlichere Intervention in die inneren Angelegenheiten der
+griechischen Kleinstaaten mit ihrer Missregierung und ihrer politischen
+wie sozialen Anarchie, die Entwaffnung Makedoniens, wo doch die
+Nordgrenze notwendig einer anderen Wehr als blosser Posten bedurfte,
+endlich die beginnende Grundsteuerentrichtung nach Rom aus Makedonien
+und Illyrien sind ebensoviel Anfaenge der nahenden Verwandlung der
+Klientelstaaten in Untertanen Roms.
+
+Werfen wir zum Schluss einen Blick zurueck auf den von Rom seit der
+Einigung Italiens bis auf Makedoniens Zertruemmerung durchmessenen
+Lauf, so erscheint die roemische Weltherrschaft keineswegs als ein von
+unersaettlicher Laendergier entworfener und durchgefuehrter Riesenplan,
+sondern als ein Ergebnis, das der roemischen Regierung sich ohne, ja
+wider ihren Willen aufgedrungen hat. Freilich liegt jene Auffassung
+nahe genug - mit Recht laesst Sallustius den Mithradates sagen, dass
+die Kriege Roms mit Staemmen, Buergerschaften und Koenigen aus einer
+und derselben uralten Ursache, aus der nie zu stillenden Begierde nach
+Herrschaft und Reichtum hervorgegangen seien; aber mit Unrecht hat man
+dieses durch die Leidenschaft und den Erfolg bestimmte Urteil als eine
+geschichtliche Tatsache in Umlauf gesetzt. Es ist offenbar fuer jede
+nicht oberflaechliche Betrachtung, dass die roemische Regierung
+waehrend dieses ganzen Zeitraums nichts wollte und begehrte als die
+Herrschaft ueber Italien, dass sie bloss wuenschte, nicht
+uebermaechtige Nachbarn neben sich zu haben, und dass sie, nicht aus
+Humanitaet gegen die Besiegten, sondern in dem sehr richtigen Gefuehl,
+den Kern des Reiches nicht von der Umlage erdruecken zu lassen, sich
+ernstlich dagegen stemmte, erst Afrika, dann Griechenland, endlich
+Asien in den Kreis der roemischen Klientel hineinzuziehen, bis die
+Umstaende jedesmal die Erweiterung des Kreises erzwangen oder
+wenigstens mit unwiderstehlicher Gewalt nahelegten. Die Roemer haben
+stets behauptet, dass sie nicht Eroberungspolitik trieben und stets die
+Angegriffenen gewesen seien; es ist dies doch etwas mehr als eine
+Redensart. Zu allen grossen Kriegen mit Ausnahme des Krieges um
+Sizilien, zu dem Hannibalischen und dem Antiochischen nicht minder als
+zu denen mit Philippos und Perseus, sind sie in der Tat entweder durch
+einen unmittelbaren Angriff oder durch eine unerhoerte Stoerung der
+bestehenden politischen Verhaeltnisse genoetigt und daher auch in der
+Regel von ihrem Ausbruch ueberrascht worden. Dass sie nach dem Sieg
+sich nicht so gemaessigt haben, wie sie vor allem im eigenen Interesse
+Italiens es haette tun sollen, dass zum Beispiel die Festhaltung
+Spaniens, die Uebernahme der Vormundschaft ueber Afrika, vor allem der
+halb phantastische Plan, den Griechen ueberall die Freiheit zu bringen,
+schwere Fehler waren gegen die italische Politik, ist deutlich genug.
+Allein die Ursachen davon sind teils die blinde Furcht vor Karthago,
+teils der noch viel blindere hellenische Freiheitsschwindel;
+Eroberungslust haben die Roemer in dieser Epoche so wenig bewiesen,
+dass sie vielmehr eine sehr verstaendige Eroberungsfurcht zeigen.
+Ueberall ist die roemische Politik nicht entworfen von einem einzigen
+gewaltigen Kopfe und traditionell auf die folgenden Geschlechter
+vererbt, sondern die Politik einer sehr tuechtigen, aber etwas
+beschraenkten Ratsherrenversammlung die, um Plaene in Caesars oder
+Napoleons Sinn zu entwerfen, der grossartigen Kombination viel zu wenig
+und des richtigen Instinkts fuer die Erhaltung des eigenen Gemeinwesens
+viel zu viel gehabt hat. Die roemische Weltherrschaft beruht in ihrem
+letzten Grunde auf der staatlichen Entwicklung des Altertums
+ueberhaupt. Die alte Welt kannte das Gleichgewicht der Nationen nicht
+und deshalb war jede Nation, die sich im Innern geeinigt hatte, ihre
+Nachbarn entweder geradezu zu unterwerfen bestrebt, wie die
+hellenischen Staaten, oder doch unschaedlich zu machen, wie Rom, was
+denn freilich schliesslich auch auf die Unterwerfung hinauslief.
+Aegypten ist vielleicht die einzige Grossmacht des Altertums, die
+ernstlich ein System des Gleichgewichts verfolgt hat; in dem
+entgegengesetzten trafen Seleukos und Antigonos, Hannibal und Scipio
+zusammen, und wenn es uns jammervoll erscheint, dass all die andern
+reich begabten und hochentwickelten Nationen des Altertums haben
+vergehen muessen, um eine unter allen zu bereichern, und dass alle am
+letzten Ende nur entstanden scheinen, um bauen zu helfen an Italiens
+Groesse und, was dasselbe ist, an Italiens Verfall, so muss doch die
+geschichtliche Gerechtigkeit es anerkennen, dass hierin nicht die
+militaerische Ueberlegenheit der Legion ueber die Phalanx, sondern die
+notwendige Entwicklung der Voelkerverhaeltnisse des Altertums
+ueberhaupt gewaltet, also nicht der peinliche Zufall entschieden,
+sondern das unabaenderliche und darum ertraegliche Verhaengnis sich
+erfuellt hat.
+
+
+
+
+KAPITEL XI.
+Regiment und Regierte
+
+
+Der Sturz des Junkertums nahm dem roemischen Gemeinwesen seinen
+aristokratischen Charakter keineswegs. Es ist schon frueher darauf
+hingewiesen worden, dass die Plebejerpartei von Haus aus denselben
+gleichfalls, ja in gewissem Sinne noch entschiedener an sich trug als
+das Patriziat; denn wenn innerhalb des alten Buergertums die unbedingte
+Gleichberechtigung gegolten hatte, so ging die neue Verfassung von
+Anfang an aus von dem Gegensatz der in den buergerlichen Rechten wie in
+den buergerlichen Nutzungen bevorzugten senatorischen Haeuser zu der
+Masse der uebrigen Buerger. Unmittelbar mit der Beseitigung des
+Junkertums und mit der formellen Feststellung der buergerlichen
+Gleichheit bildeten sich also eine neue Aristokratie und die derselben
+entsprechende Opposition; und es ist frueher dargestellt worden, wie
+jene dem gestuerzten Junkertum sich gleichsam aufpfropfte und darum
+auch die ersten Regungen der neuen Fortschrittspartei sich mit den
+letzten der alten staendischen Opposition verschlangen. Die Anfaenge
+dieser Parteibildung gehoeren also dem fuenften, ihre bestimmte
+Auspraegung erst dem folgenden Jahrhundert an. Aber es wird diese
+innere Entwicklung nicht bloss von dem Waffenlaerm der grossen Kriege
+und Siege gleichsam uebertaeubt, sondern es entzieht sich auch ihr
+Bildungsprozess mehr als irgendein anderer in der roemischen Geschichte
+dem Auge. Wie eine Eisdecke unvermerkt ueber den Strom sich legt und
+unvermerkt denselben mehr und mehr einengt, so entsteht diese neue
+roemische Aristokratie; und ebenso unvermerkt tritt ihr die neue
+Fortschrittspartei gegenueber gleich der im Grunde sich verbergenden
+und langsam sich wieder ausdehnenden Stroemung. Die einzelnen jede fuer
+sich geringen Spuren dieser zwiefachen und entgegengesetzten Bewegung,
+deren historisches Fazit fuer jetzt noch in keiner eigentlichen
+Katastrophe tatsaechlich vor Augen tritt, zur allgemeinen
+geschichtlichen Anschauung zusammenzufassen, ist sehr schwer. Aber der
+Untergang der bisherigen Gemeindefreiheit und die Grundlegung zu den
+kuenftigen Revolutionen fallen in diese Epoche; und die Schilderung
+derselben sowie der Entwicklung Roms ueberhaupt bleibt unvollstaendig,
+wenn es nicht gelingt, die Maechtigkeit jener Eisdecke sowohl wie die
+Zunahme der Unterstroemung anschaulich darzulegen und in dem
+furchtbaren Droehnen und Krachen die Gewalt des kommenden Bruches ahnen
+zu lassen.
+
+Die roemische Nobilitaet knuepfte auch formell an aeltere, noch der
+Zeit des Patriziats angehoerende Institutionen an. Die gewesenen
+ordentlichen hoechsten Gemeindebeamten genossen nicht bloss, wie
+selbstverstaendlich, von jeher tatsaechlich hoeherer Ehre, sondern es
+knuepften sich daran schon frueh gewisse Ehrenvorrechte. Das aelteste
+derselben war wohl, dass den Nachkommen solcher Beamten gestattet ward,
+im Familiensaal an der Wand, wo der Stammbaum gemalt war, die
+Wachsmasken dieser ihrer erlauchten Ahnen nach dem Tode derselben
+aufzustellen und diese Bilder bei Todesfaellen von Familiengliedern im
+Leichenkondukt aufzufuehren; wobei man sich erinnern muss, dass die
+Verehrung des Bildes nach italisch-hellenischer Anschauung als
+unrepublikanisch galt, und die roemische Staatspolizei darum die
+Ausstellung der Bilder von Lebenden ueberall nicht duldete und die der
+Bilder Verstorbener streng ueberwachte. Hieran schlossen mancherlei
+aeussere, solchen Beamten und ihren Nachkommen durch Gesetz oder
+Gebrauch reservierte Abzeichen sich an: der goldene Fingerring der
+Maenner, der silberbeschlagene Pferdeschmuck der Juenglinge, der
+Purpurbesatz des Oberkleides und die goldene Amulettkapsel der Knaben
+^1 - geringe Dinge, aber dennoch wichtige in einer Gemeinde, wo die
+buergerliche Gleichheit auch im aeusseren Auftreten so streng
+festgehalten und noch waehrend des Hannibalischen Krieges ein Buerger
+eingesperrt und jahrelang im Gefaengnis gehalten ward, weil er
+unerlaubter Weise mit einem Rosenkranz auf dem Haupte oeffentlich
+erschienen war ^2. Diese Auszeichnungen moegen teilweise schon in der
+Zeit des Patrizierregiments bestanden und, solange innerhalb des
+Patriziats noch vornehme und geringe Familien unterschieden wurden, den
+ersteren als aeussere Abzeichen gedient haben; politische Wichtigkeit
+erhielten sie sicher erst durch die Verfassungsaenderung vom Jahre 387
+(367), wo durch zu den jetzt wohl schon durchgaengig Ahnenbilder
+fuehrenden patrizischen die zum Konsulat gelangenden plebejischen
+Familien mit der gleichen Berechtigung hinzutraten. Jetzt stellte
+ferner sich fest, dass zu den Gemeindeaemtern, woran diese erblichen
+Ehrenrechte geknuepft waren, weder die niederen noch die
+ausserordentlichen noch die Vorstandschaft der Plebs gehoere, sondern
+lediglich das Konsulat, die diesem gleichstehende Praetur und die an
+der gemeinen Rechtspflege, also an der Ausuebung der
+Gemeindeherrlichkeit teilnehmende kurulische Aedilitaet ^3. Obwohl
+diese plebejische Nobilitaet im strengen Sinne des Wortes sich erst hat
+bilden koennen, seit die kurulischen Aemter sich den Plebejern
+geoeffnet hatten, steht sie doch in kurzer Zeit, um nicht zu sagen von
+vornherein, in einer gewissen Geschlossenheit da - ohne Zweifel weil
+laengst in den altsenatorischen Plebejerfamilien sich eine solche
+Adelschaft vorgebildet hatte. Das Ergebnis der Licinischen Gesetze
+kommt also der Sache nach nahezu hinaus auf das, was man jetzt einen
+Pairsschub nennen wuerde. Wie die durch ihre kurulischen Ahnen
+geadelten plebejischen Familien mit den patrizischen sich
+koerperschaftlich zusammenschlossen und eine gesonderte Stellung und
+ausgezeichnete Macht im Gemeinwesen errangen, war man wieder auf dem
+Punkte angelangt, von wo man ausgegangen war, gab es wieder nicht bloss
+eine regierende Aristokratie und einen erblichen Adel, welche beide in
+der Tat nie verschwunden waren, sondern einen regierenden Erbadel, und
+musste die Fehde zwischen den die Herrschaft okkupierenden
+Geschlechtern und den gegen die Geschlechter sich auflehnenden Gemeinen
+abermals beginnen. Und so weit war man sehr bald. Die Nobilitaet
+begnuegte sich nicht mit ihren gleichgueltigen Ehrenrechten, sondern
+rang nach politischer Sonder- und Alleinmacht und suchte die
+wichtigsten Institutionen des Staats, den Senat und die Ritterschaft,
+aus Organen des Gemeinwesens in Organe des altneuen Adels zu
+verwandeln.
+
+———————————————————————-
+
+^1 All diese Abzeichen kommen, seit sie ueberhaupt aufkommen, zunaechst
+wahrscheinlich nur der eigentlichen Nobilitaet, d. h. den agnatischen
+Deszendenten kurulischer Beamten zu, obwohl sie nach der Art solcher
+Dekorationen im Laufe der Zeit alle auf einen weiteren Kreis ausgedehnt
+worden sind. Bestimmt nachzuweisen ist dies fuer den goldenen
+Fingerring, den im fuenften Jahrhundert nur die Nobilitaet (Plin. nat.
+33, 1, 18), im sechsten schon jeder Senator und Senatorensohn (Liv. 26,
+36), im siebenten jeder von Ritterzensus, in der Kaiserzeit jeder
+Freigeborene traegt; ferner von dem silbernen Pferdeschmuck, der noch
+im Hannibalischen Kriege nur der Nobilitaet zukommt (Liv. 26, 37); von
+dem Purpurbesatz der Knabentoga, der anfangs nur den Soehnen der
+kurulischen Magistrate, dann auch denen der Ritter, spaeterhin denen
+aller Freigeborenen endlich, aber doch schon zur Zeit des
+Hannibalischen Krieges, selbst den Soehnen der Freigelassenen gestattet
+ward (Macr. Sat. 1, 6). Die goldene Amulettkapsel (bulla) war Abzeichen
+der Senatorenkinder in der Zeit des Hannibalischen Krieges (Macr. Sat.
+a.a.O.; Liv. 26, 36), in der ciceronischen der Kinder von Ritterzensus
+(Cic. Verr. 1, 58, 152), wogegen die Geringeren das Lederamulett
+(lorum) tragen.
+
+Der Purpurstreif (clavus) an der Tunika ist Abzeichen der Senatoren und
+der Ritter, so dass wenigstens in spaeterer Zeit ihn jene breit, diese
+schmal trugen; mit der Nobilitaet hat der Clavus nichts zu schaffen.
+
+^2 Plin. nat. 21, 3, 6. Das Recht, oeffentlich bekraenzt zu erscheinen,
+ward durch Auszeichnung im Kriege erworben (Polyb. 6, 39, 9; Liv. 10,
+41), das unbefugte Kranztragen war also ein aehnliches Vergehen, wie
+wenn heute jemand ohne Berechtigung einen Militaerverdienstorden
+anlegen wuerde.
+
+^3 Ausgeschlossen bleiben also das Kriegstribunat mit konsularischer
+Gewalt, das Prokonsulat, die Quaestur, das Volkstribunat und andere
+mehr. Was die Zensur anlangt, so scheint sie trotz des kurulischen
+Sessels der Zensoren (Liv. 40, 45 ; vergl. 27, 8) nicht als kurulisches
+Amt gegolten zu haben; fuer die spaetere Zeit indes, wo nur der
+Konsular Zensor werden kann, ist die Frage ohne praktischen Wert. Die
+plebejische Aedilitaet hat urspruenglich sicher nicht zu den
+kurulischen Magistraturen gezaehlt (Liv. 23, 23); doch kann es sein,
+dass sie spaeter mit in den Kreis derselben hineingezogen ward.
+
+———————————————————————-
+
+Die rechtliche Abhaengigkeit des roemischen Senats der Republik,
+namentlich des weiteren patrizisch-plebejischen, von der Magistratur,
+hatte sich rasch gelockert, ja in das Gegenteil verwandelt. Die durch
+die Revolution von 244 (510) eingeleitete Unterwerfung der
+Gemeindeaemter unter den Gemeinderat, die Uebertragung der Berufung in
+den Rat vom Konsul auf den Zensor, endlich und vor allem die
+gesetzliche Feststellung des Anrechts gewesener kurulischer Beamten auf
+Sitz und Stimme im Senat hatten den Senat aus einer, von den Beamten
+berufenen und in vieler Hinsicht von ihnen abhaengigen Ratsmannschaft
+in ein so gut wie unabhaengiges und in gewissem Sinn sich selber
+ergaenzendes Regierungskollegium umgewandelt; denn die beiden Wege,
+durch welche man in den Senat gelangte: die Wahl zu einem kurulischen
+Amte und die Berufung durch den Zensor, standen der Sache nach beide
+bei der Regierungsbehoerde selbst. Zwar war in dieser Epoche die
+Buergerschaft noch zu unabhaengig, um die Nichtadligen aus dem Senat
+vollstaendig ausschliessen zu lassen, auch wohl die Adelschaft noch zu
+verstaendig, um dies auch nur zu wollen; allein bei der streng
+aristokratischen Gliederung des Senats in sich selbst, der scharfen
+Unterscheidung sowohl der gewesenen kurulischen Beamten nach ihren drei
+Rangklassen der Konsulare, Praetorier und Aedilizier, als auch
+namentlich der nicht durch ein kurulisches Amt in den Senat gelangten
+und darum von der Debatte ausgeschlossenen Senatoren, wurden doch die
+Nichtadligen, obgleich sie wohl in ziemlicher Anzahl im Senate sassen,
+zu einer unbedeutenden und verhaeltnismaessig einflusslosen Stellung in
+demselben herabgedrueckt und ward der Senat wesentlich Traeger der
+Nobilitaet.
+
+Zu einem zweiten, zwar minder wichtigen, aber darum nicht unwichtigen
+Organ der Nobilitaet wurde das Institut der Ritterschaft entwickelt.
+Dem neuen Erbadel musste, da er nicht die Macht hatte, sich des
+Alleinbesitzes der Komitien anzumassen, es in hohem Grade
+wuenschenswert sein, wenigstens eine Sonderstellung innerhalb der
+Gemeindevertretung zu erhalten. In der Quartierversammlung fehlte dazu
+jede Handhabe; dagegen schienen die Ritterzenturien in der
+Servianischen Ordnung fuer diesen Zweck wie geschaffen. Die
+achtzehnhundert Pferde, welche die Gemeinde lieferte ^4, wurden
+verfassungsmaessig ebenfalls von den Zensoren vergeben. Zwar sollten
+diese die Ritter nach militaerischen Ruecksichten erlesen und bei den
+Musterungen alle durch Alter oder sonst unfaehigen oder ueberhaupt
+unbrauchbaren Reiter anhalten, ihr Staatspferd abzugeben; aber dass die
+Ritterpferde vorzugsweise den Vermoegenden gegeben wurden, lag im Wesen
+der Einrichtung selbst, und ueberall war den Zensoren nicht leicht zu
+wehren, dass sie mehr auf vornehme Geburt sahen als auf Tuechtigkeit
+und den einmal aufgenommenen ansehnlichen Leuten, namentlich den
+Senatoren, auch ueber die Zeit ihr Pferd liessen. Vielleicht ist es
+sogar gesetzlich festgestellt worden, dass der Senator dasselbe
+behalten konnte, so lange er wollte. So wurde es denn wenigstens
+tatsaechlich Regel, dass die Senatoren in den achtzehn Ritterzenturien
+stimmten und die uebrigen Plaetze in denselben vorwiegend an die jungen
+Maenner der Nobilitaet kamen. Das Kriegswesen litt natuerlich darunter,
+weniger noch durch die effektive Dienstunfaehigkeit eines nicht ganz
+geringen Teils der Legionarreiterei, als durch die dadurch
+herbeigefuehrte Vernichtung der militaerischen Gleichheit, indem die
+vornehme Jugend sich von dem Dienst im Fussvolk mehr und mehr
+zurueckzog. Das geschlossene adlige Korps der eigentlichen Ritterschaft
+wurde tonangebend fuer die gesamte, den durch Herkunft und Vermoegen
+hoechstgestellten Buergern entnommene Legionarreiterei. Man wird es
+danach ungefaehr verstehen, weshalb die Ritter schon waehrend des
+Sizilischen Krieges dem Befehl des Konsuls Gaius Aurelius Cotta, mit
+den Legionariern zu schanzen, den Gehorsam verweigerten (502 252), und
+weshalb Cato als Oberfeldherr des spanischen Heeres seiner Reiterei
+eine ernste Strafrede zu halten sich veranlasst fand. Aber diese
+Umwandlung der Buergerreiterei in eine berittene Nobelgarde gereichte
+dem Gemeinwesen nicht entschiedener zum Nachteil als zum Vorteil der
+Nobilitaet, welche in den achtzehn Ritterzenturien nicht bloss ein
+gesondertes, sondern auch das tonangebende Stimmrecht erwarb.
+
+————————————————————————————————-
+
+^4 Die gangbare Annahme, wonach die sechs Adelszenturien allein 1200
+die gesamte Reiterei also 3600 Pferde gezaehlt haben soll, ist nicht
+haltbar. Die Zahl der Ritter nach der Anzahl der von den Annalisten
+aufgefuehrten Verdoppelungen zu bestimmen, ist ein methodischer Fehler;
+jede dieser Erzaehlungen ist vielmehr fuer sich entstanden und zu
+erklaeren. Bezeugt aber ist weder die erste Zahl, die nur in der selbst
+von den Verfechtern dieser Meinung als verschrieben anerkannten Stelle
+Ciceros (rep. 2, 20), noch die zweite, die ueberhaupt nirgend bei den
+Alten erscheint. Dagegen spricht fuer die im Text vorgetragene Annahme
+einmal und vor allem die nicht durch Zeugnisse, sondern durch die
+Institutionen selbst angezeigte Zahl; denn es ist gewiss, dass die
+Zenturie 100 Mann zaehlt und es urspruenglich drei, dann sechs, endlich
+seit der Servianischen Reform achtzehn Ritterzenturien gab. Die
+Zeugnisse gehen nur scheinbar davon ab. Die alte, in sich
+zusammenhaengende Tradition, die W. A. Becker (Handbuch, Bd. 2,1, S.
+243) entwickelt hat, setzt nicht die achtzehn patrizisch-plebejischen,
+sondern die sechs patrizischen Zenturien auf 1800 Koepfe an: und dieser
+sind Livius (1, 36, nach der handschriftlich allein beglaubigten und
+durchaus nicht nach Livius’ Einzelansaetzen zu korrigierenden Lesung)
+und Cicero a.a.O. (nach der grammatisch allein zulaessigen Lesung
+MDCCC, s. Becker, a.a.O., S. 244) offenbar gefolgt. Allein eben. Cicero
+deutet zugleich sehr verstaendlich an, dass hiermit der damalige
+Bestand der roemischen Ritterschaft ueberhaupt bezeichnet werden soll.
+Es ist also die Zahl der Gesamtheit auf den hervorragendsten Teil
+uebertragen worden durch eine Prolepsis, wie sie den alten nicht allzu
+nachdenklichen Annalisten gelaeufig ist - ganz in gleicher Art werden
+ja auch schon der Stammgemeinde, mit Antizipation des Kontingents der
+Titier und der Lucerer, 300 Reiter statt 100 beigelegt (Becker, a.a.O.,
+S. 238). Endlich ist der Antrag Catos (p. 66 Jordan), die Zahl der
+Ritterpferde auf 2200 zu erhoehen, eine ebenso bestimmte Bestaetigung
+der oben vorgetragenen wie Widerlegung der entgegengesetzten Ansicht.
+Die geschlossene Zahl der Ritterschaft hat wahrscheinlich fortbestanden
+bis auf Sulla, wo mit dem faktischen Wegfall der Zensur die Grundlage
+derselben wegfiel und allem Anschein nach an die Stelle der
+zensorischen Erteilung des Ritterpferdes die Erwerbung desselben durch
+Erbrecht trat: fortan ist der Senatorensohn geborener Ritter. Indes
+neben dieser geschlossenen Ritterschaft, den equites equo publico,
+stehen seit fruehrepublikanischer Zeit die zum Rossdienst auf eigenem
+Pferd pflichtigen Buerger, welche nichts sind als die hoechste
+Zensusklasse; sie stimmen nicht in den Ritterzenturien, aber gelten
+sonst als Ritter und nehmen die Ehrenrechte der Ritterschaft ebenfalls
+in Anspruch.
+
+In der Augustischen Ordnung bleibt den senatorischen Haeusern das
+erbliche Ritterrecht; daneben aber wird die zensorische Verleihung des
+Ritterpferdes als Kaiserrecht und ohne Beschraenkung auf eine bestimmte
+Zahl erneuert und faellt damit fuer die erste Zensusklasse als solche
+die Ritterbenennung weg.
+
+————————————————————————————————-
+
+Verwandter Art ist die foermliche Trennung der Plaetze des
+senatorischen Standes von denjenigen, von welchen aus die uebrige Menge
+den Volksfesten zuschaute. Es war der grosse Scipio, der in seinem
+zweiten Konsulat 560 (194) sie bewirkte. Auch das Volksfest war eine
+Volksversammlung so gut wie die zur Abstimmung berufene der Zenturien;
+und dass jene nichts zu beschliessen hatte, machte die hierin liegende
+offizielle Ankuendigung der Scheidung von Herrenstand und
+Untertanenschaft nur um so praegnanter. Die Neuerung fand darum auch
+auf Seiten der Regierung vielfachen Tadel, weil sie nur gehaessig und
+nicht nuetzlich war und dem Bestreben des kluegeren Teiles der
+Aristokratie ihr Sonderregiment unter den Formen der buergerlichen
+Gleichheit zu verstecken, ein sehr offenkundiges Dementi gab. Hieraus
+erklaert es sich, weshalb die Zensur der Angelpunkt der spaeteren
+republikanischen Verfassung ward; warum dieses urspruenglich keineswegs
+in erster Reihe stehende Amt sich allmaehlich mit einem ihm an sich
+durchaus nicht zukommenden aeusseren Ehrenschmuck und einer ganz
+einzigen aristokratisch-republikanischen Glorie umgab und als der
+Gipfelpunkt und die Erfuellung einer wohlgefuehrten oeffentlichen
+Laufbahn erschien; warum die Regierung jeden Versuch der Opposition,
+ihre Maenner in dieses Amt zu bringen oder gar den Zensor waehrend oder
+nach seiner Amtsfuehrung wegen derselben vor dem Volke zur
+Verantwortung zu ziehen, als einen Angriff auf ihr Palladium ansah und
+gegen jedes derartige Beginnen wie ein Mann in die Schranken trat - es
+genuegt in dieser Beziehung an den Sturm zu erinnern, den die Bewerbung
+Catos um die Zensur hervorrief und an die ungewoehnlich
+ruecksichtslosen und formverletzenden Massregeln, wodurch der Senat die
+gerichtliche Verfolgung der beiden unbeliebten Zensoren des Jahres 550
+(204) verhinderte. Dabei verbindet mit dieser Glorifizierung der Zensur
+sich ein charakteristisches Misstrauen der Regierung gegen dieses ihr
+wichtigstes und eben darum gefaehrlichstes Werkzeug. Es war durchaus
+notwendig, den Zensoren das unbedingte Schalten ueber das Senatoren-
+und Ritterpersonal zu belassen, da das Ausschliessungs- von dem
+Berufungsrecht nicht wohl getrennt und auch jenes nicht wohl entbehrt
+werden konnte, weniger um oppositionelle Kapazitaeten aus dem Senat zu
+beseitigen, was das leisetretende Regiment dieser Zeit vorsichtig
+vermied, als um der Aristokratie ihren sittlichen Nimbus zu bewahren,
+ohne den sie rasch eine Beute der Opposition werden musste. Das
+Ausstossungsrecht blieb; aber man brauchte hauptsaechlich den Glanz der
+blanken Waffe - die Schneide, die man fuerchtete, stumpfte man ab.
+Ausser der Schranke, welche in dem Amte selbst lag, insofern die
+Mitgliederlisten der adligen Koerperschaften nur von fuenf zu fuenf
+Jahren der Revision unterlagen, und ausser den in dem
+Interzessionsrecht des Kollegen und dem Kassationsrecht des Nachfolgers
+gegebenen Beschraenkungen trat noch eine weitere sehr fuehlbare hinzu,
+indem eine dem Gesetz gleichstehende Observanz es dem Zensor zur
+Pflicht machte, keinen Senator und keinen Ritter ohne Angabe
+schriftlicher Entscheidungsgruende und in der Regel nicht ohne ein
+gleichsam gerichtliches Verfahren von der Liste zu streichen.
+
+In dieser hauptsaechlich auf den Senat, die Ritterschaft und die Zensur
+gestuetzten politischen Stellung riss die Nobilitaet nicht bloss das
+Regiment wesentlich an sich, sondern gestaltete auch die Verfassung in
+ihrem Sinne um. Es gehoert schon hierher, dass man, um die
+Gemeindeaemter im Preise zu halten, die Zahl derselben so wenig wie
+irgend moeglich und keineswegs in dem Grade vermehrte, wie die
+Erweiterung der Grenzen und die Vermehrung der Geschaefte es erfordert
+haetten. Nur dem allerdringlichsten Beduerfnis ward notduerftig
+abgeholfen durch die Teilung der bisher von dem einzigen Praetor
+verwalteten Gerichtsgeschaefte unter zwei Gerichtsherren, von denen der
+eine die Rechtssachen unter roemischen Buergern, der andere diejenigen
+unter Nichtbuergern oder zwischen Buergern und Nichtbuergern uebernahm,
+im Jahre 511 (243), und durch die Ernennung von vier Nebenkonsuln fuer
+die vier ueberseeischen Aemter Sizilien (527 227), Sardinien und
+Korsika (527 227), das Dies- und das Jenseitige Spanien (557 197). Die
+allzu summarische Art der roemischen Prozesseinleitung sowie der
+steigende Einfluss des Bueropersonals gehen wohl zum grossen Teil
+zurueck auf die materielle Unzulaenglichkeit der roemischen
+Magistratur.
+
+Unter den von der Regierung veranlassten Neuerungen, die darum, weil
+sie fast durchgaengig nicht den Buchstaben, sondern nur die Uebung der
+bestehenden Verfassung aendern, nicht weniger Neuerungen sind, treten
+am bestimmtesten die Massregeln hervor, wodurch die Bekleidung der
+Offiziersstellen wie der buergerlichen Aemter nicht, wie der Buchstabe
+der Verfassung es gestattete und deren Geist es forderte, lediglich von
+Verdienst und Tuechtigkeit, sondern mehr und mehr von Geburt und
+Anciennetaet abhaengig gemacht ward. Bei der Ernennung der
+Stabsoffiziere geschah dies nicht der Form, um so mehr aber der Sache
+nach. Sie war schon im Laufe der vorigen Periode grossenteils vom
+Feldherrn auf die Buergerschaft uebergegangen; in dieser Zeit kam es
+weiter auf, dass die saemtlichen Stabsoffiziere der regelmaessigen
+jaehrlichen Aushebung, die vierundzwanzig Kriegstribune der vier
+ordentlichen Legionen, in den Quartierversammlungen ernannt wurden.
+Immer unuebersteiglicher zog sich also die Schranke zwischen den
+Subalternen, die ihre Posten durch puenktlichen und tapferen Dienst vom
+Feldherrn, und dem Stab, der seine bevorzugte Stelle durch Bewerbung
+von der Buergerschaft sich erwarb. Um nur den aergsten Missbraeuchen
+dabei zu steuern und ganz ungepruefte junge Menschen von diesen
+wichtigen Posten fernzuhalten, wurde es noetig, die Vergebung der
+Stabsoffiziersstellen an den Nachweis einer gewissen Zahl von
+Dienstjahren zu knuepfen. Nichtsdestoweniger wurde, seit das
+Kriegstribunat, die rechte Saeule des roemischen Heerwesens, den jungen
+Adligen als erster Schrittstein auf ihrer politischen Laufbahn
+hingestellt war, die Dienstpflicht unvermeidlich sehr haeufig eludiert
+und die Offizierswahl abhaengig von allen Uebelstaenden des
+demokratischen Aemterbettels und der aristokratischen
+Junkerexklusivitaet. Es war eine schneidende Kritik der neuen
+Institution, dass bei ernsthaften Kriegen (zum Beispiel 583 171) es
+notwendig befunden ward, diese demokratische Offizierswahl zu
+suspendieren und die Ernennung des Stabes wieder dem Feldherrn zu
+ueberlassen.
+
+Bei den buergerlichen Aemtern ward zunaechst und vor allem die
+Wiederwahl zu den hoechsten Gemeindestellen beschraenkt. Es war dies
+allerdings notwendig, wenn das Jahrkoenigtum nicht ein leerer Name
+werden sollte; und schon in der vorigen Periode war die abermalige Wahl
+zum Konsulat erst nach Ablauf von zehn Jahren gestattet und die zur
+Zensur ueberhaupt untersagt worden. Gesetzlich ging man in dieser
+Epoche nicht weiter; wohl aber lag eine fuehlbare Steigerung darin,
+dass das Gesetz hinsichtlich des zehnjaehrigen Intervalls zwar im Jahre
+537 (217) fuer die Dauer des Krieges in Italien suspendiert, nachher
+aber davon nicht weiter dispensiert, ja gegen das Ende dieses
+Zeitabschnitts die Wiederwahl ueberhaupt schon selten ward. Weiter
+erging gegen das Ende dieser Periode (574 180) ein Gemeindebeschluss,
+der die Bewerber um Gemeindeaemter verpflichtete, dieselben in einer
+festen Stufenfolge zu uebernehmen und bei jedem gewisse Zwischenzeiten
+und Altersgrenzen einzuhalten. Die Sitte freilich hatte beides laengst
+vorgeschrieben; aber es war doch eine empfindliche Beschraenkung der
+Wahlfreiheit, dass die uebliche Qualifikation zur rechtlichen erhoben
+und der Waehlerschaft das Recht entzogen ward, in ausserordentlichen
+Faellen sich ueber jene Erfordernisse wegzusetzen. Ueberhaupt wurde den
+Angehoerigen der regierenden Familien ohne Unterschied der Tuechtigkeit
+der Eintritt in den Senat eroeffnet, waehrend nicht bloss der aermeren
+und geringeren Schichten der Bevoelkerung der Eintritt in die
+regierenden Behoerden sich voellig verschloss, sondern auch alle nicht
+zu der erblichen Aristokratie gehoerenden roemischen Buerger zwar nicht
+gerade aus der Kurie, aber wohl von den beiden hoechsten
+Gemeindeaemtern, dem Konsulat und der Zensur, tatsaechlich ferngehalten
+wurden. Nach Manius Curius und Gaius Fabricius ist kein nicht der
+sozialen Aristokratie angehoeriger Konsul nachzuweisen und
+wahrscheinlich ueberhaupt kein einziger derartiger Fall vorgekommen.
+Aber auch die Zahl der Geschlechter, die in dem halben Jahrhundert vom
+Anfang des Hannibalischen bis zum Ende des Perseischen Krieges zum
+ersten Male in den Konsular- und Zensorenlisten erscheinen, ist
+aeusserst beschraenkt; und bei weitem die meisten derselben, wie zum
+Beispiel die Flaminier, Terentier, Porcier, Acilier, Laelier lassen
+sich auf Oppositionswahlen zurueckfuehren oder gehen zurueck auf
+besondere aristokratische Konnexionen, wie denn die Wahl des Gaius
+Laelius 564 (190) offenbar durch die Scipionen gemacht worden ist. Die
+Ausschliessung der Aermeren vom Regiment war freilich durch die
+Verhaeltnisse geboten. Seit Rom ein rein italischer Staat zu sein
+aufgehoert und die hellenische Bildung adoptiert hatte, war es nicht
+laenger moeglich, einen kleinen Bauersmann vom Pfluge weg an die Spitze
+der Gemeinde zu stellen. Aber das war nicht notwendig und nicht
+wohlgetan, dass die Wahlen fast ohne Ausnahme in dem engen Kreis der
+kurulischen Haeuser sich bewegten und ein “neuer Mensch” nur durch eine
+Art Usurpation in denselben einzudringen vermochte ^5. Wohl lag eine
+gewisse Erblichkeit nicht bloss in dem Wesen des senatorischen
+Instituts, insofern dasselbe von Haus aus auf einer Vertretung der
+Geschlechter beruhte, sondern in dem Wesen der Aristokratie ueberhaupt,
+insofern staatsmaennische Weisheit und staatsmaennische Erfahrung von
+dem tuechtigen Vater auf den tuechtigen Sohn sich vererben und der
+Anhauch des Geistes hoher Ahnen jeden edlen Funken in der Menschenbrust
+rascher und herrlicher zur Flamme entfacht. In diesem Sinne war die
+roemische Aristokratie zu allen Zeiten erblich gewesen, ja sie hatte in
+der alten Sitte, dass der Senator seine Soehne mit sich in den Rat nahm
+und der Gemeindebeamte mit den Abzeichen der hoechsten Amtsehre, dem
+konsularischen Purpurstreif und der goldenen Amulettkapsel des
+Triumphators, seine Soehne gleichsam vorweisend schmueckte, ihre
+Erblichkeit mit grosser Naivitaet zur Schau getragen. Aber wenn in der
+aelteren Zeit die Erblichkeit der aeusseren Wuerde bis zu einem
+gewissen Grade durch die Vererbung der inneren Wuerdigkeit bedingt
+gewesen war und die senatorische Aristokratie den Staat nicht zunaechst
+kraft Erbrechts gelenkt hatte, sondern kraft des hoechsten aller
+Vertretungsrechte, des Rechtes der trefflichen gegenueber den
+gewoehnlichen Maennern, so sank sie in dieser Epoche, und namentlich
+mit reissender Schnelligkeit seit dem Ende des Hannibalischen Krieges,
+von ihrer urspruenglichen hohen Stellung als dem Inbegriff der in Rat
+und Tat erprobtesten Maenner der Gemeinde herab zu einem durch Erbfolge
+sich ergaenzenden und kollegialisch missregierenden Herrenstand. Ja, so
+weit war es in dieser Zeit bereits gekommen, dass aus dem schlimmen
+Uebel der Oligarchie das noch schlimmere der Usurpation der Gewalt
+durch einzelne Familien sich entwickelte. Von der widerwaertigen
+Hauspolitik des Siegers von Zama und von seinem leider erfolgreichen
+Bestreben, mit den eigenen Lorbeeren die Unfaehigkeit und
+Jaemmerlichkeit des Bruders zuzudecken, ist schon die Rede gewesen; und
+der Nepotismus der Flaminine war womoeglich noch unverschaemter und
+aergerlicher als der der Scipionen. Die unbedingte Wahlfreiheit
+gereichte in der Tat weit mehr solchen Koterien zum Vorteil als der
+Waehlerschaft. Dass Marcus Valerius Corvus mit dreiundzwanzig Jahren
+Konsul geworden war, war ohne Zweifel zum Besten der Gemeinde gewesen;
+aber wenn jetzt Scipio mit dreiundzwanzig Jahren zur Aedilitaet, mit
+dreissig zum Konsulat gelangte, wenn Flamininus noch nicht dreissig
+Jahre alt von der Quaestur zum Konsulat emporstieg, so lag darin eine
+ernste Gefahr fuer die Republik. Man war schon dahin gelangt, den
+einzigen wirksamen Damm gegen die Familienregierung und ihre
+Konsequenzen in einem streng oligarchischen Regiment finden zu muessen;
+und das ist der Grund, weshalb auch diejenige Partei, die sonst der
+Oligarchie opponierte, zu der Beschraenkung der Wahlfreiheit die Hand
+bot.
+
+———————————————————————————
+
+5 Die Stabilitaet des roemischen Adels kann man namentlich fuer die
+patrizischen Geschlechter in den konsularischen und aedilizischen
+Fasten deutlich verfolgen. Bekanntlich haben in den Jahren 388-581
+(366-173) (mit Ausnahme der Jahre 399, 400, 401, 403, 405, 409, 411, in
+denen beide Konsuln Patrizier waren) je ein Patrizier und ein Plebejer
+das Konsulat bekleidet. Ferner sind die Kollegien der kurulischen
+Aedilen in den varronisch ungeraden Jahren wenigstens bis zum Ausgang
+des sechsten Jahrhunderts ausschliesslich aus den Patriziern gewaehlt
+worden und sind fuer die sechzehn Jahre 541, 545, 547, 549, 551, 553,
+555, 557, 561, 565, 567, 575, 585, 589, 591, 593 bekannt. Diese
+patrizischen Konsuln und Aedilen verteilen sich folgendermassen nach
+den Geschlechtern:
+
+
+Konsuln 388-500 Konsuln 501-581 Kurulische Aedilen jener
+
+ (366-254): (253-173): 16 patrizische
+ Kollegien
+
+
+Cornelier 15 15 14
+
+Valerier 10 8 4
+
+Claudier 4 8 2
+
+Aemilier 9 6 2
+
+Fabier 6 6 1
+
+Manlier 4 6 1
+
+Postumier 2 6 2
+
+Servilier 3 4 2
+
+Quinctier 2 3 1
+
+Furier 2 3 -
+
+Sulpicier 6 2 2
+
+Veturier - 2 -
+
+Papirier 3 1 -
+
+Nautier 2 - -
+
+Julier 1 - 1
+
+Foslier 1 - -
+
+—————————————————————————
+
+ 70 70 32
+
+Also die fuenfzehn bis sechzehn hohen Adelsgeschlechter, die zur Zeit
+der Licinischen Gesetze in der Gemeinde maechtig waren, haben ohne
+wesentliche Aenderung des Bestandes, freilich zum Teil wohl durch
+Adoption aufrecht erhalten, die naechsten zwei Jahrhunderte, ja bis zum
+Ende der Republik sich behauptet. Zu dem Kreise der plebejischen
+Nobilitaet treten zwar von Zeit zu Zeit neue Geschlechter hinzu; indes
+auch die alten plebejischen Haeuser, wie die Licinier, Fulvier,
+Atilier, Domitier, Marcier, Junier, herrschen in den Fasten in der
+entschiedensten Weise durch drei Jahrhunderte vor.
+
+———————————————————————————
+
+Von diesem allmaehlich sich veraendernden Geiste der Regierung trug den
+Stempel das Regiment. Zwar in der Verwaltung der aeusseren
+Angelegenheiten ueberwog in dieser Zeit noch diejenige Folgerichtigkeit
+und Energie, durch welche die Herrschaft der roemischen Gemeinde ueber
+Italien gegruendet worden war. In der schweren Lehrzeit des Krieges um
+Sizilien hatte die roemische Aristokratie sich allmaehlich auf die
+Hoehe ihrer neuen Stellung erhoben; und wenn sie das von Rechts wegen
+lediglich zwischen den Gemeindebeamten und der Gemeindeversammlung
+geteilte Regiment verfassungswidrig fuer den Gemeinderat usurpierte, so
+legitimierte sie sich dazu durch ihre zwar nichts weniger als geniale,
+aber klare und feste Steuerung des Staats waehrend des hannibalischen
+Sturmes und der daraus sich entspinnenden weiteren Verwicklungen, und
+bewies es der Welt, dass den weiten Kreis der italisch-hellenischen
+Staaten zu beherrschen einzig der roemische Senat vermochte und in
+vieler Hinsicht einzig verdiente: Allein ueber dem grossartigen und mit
+den grossartigsten Erfolgen gekroenten Auftreten des regierenden
+roemischen Gemeinderats gegen den aeusseren Feind darf es nicht
+uebersehen werden, dass in der minder scheinbaren und doch weit
+wichtigeren und weit schwereren Verwaltung der inneren Angelegenheiten
+des Staates sowohl die Handhabung der bestehenden Ordnungen wie die
+neuen Einrichtungen einen fast entgegengesetzten Geist offenbaren,
+oder, richtiger gesagt, die entgegengesetzte Richtung hier bereits das
+Uebergewicht gewonnen hat.
+
+Vor allem dem einzelnen Buerger gegenueber ist das Regiment nicht mehr,
+was es gewesen. Magistrat heisst der Mann, der mehr ist als die andern;
+und wenn er der Diener der Gemeinde ist, so ist er eben darum der Herr
+eines jeden Buergers. Aber diese straffe Haltung laesst jetzt sichtlich
+nach. Wo das Koteriewesen und der Aemterbettel so in Bluete steht wie
+in dem damaligen Rom, huetet man sich, die Gegendienste der
+Standesgenossen und die Gunst der Menge durch strenge Worte und
+ruecksichtslose Amtspflege zu verscherzen. Wo einmal ein Beamter mit
+altem Ernst und alter Strenge auftritt, da sind es in der Regel, wie
+zum Beispiel Cotta (502 252) und Cato, neue, nicht aus dem Schosse des
+Herrenstandes hervorgegangene Maenner. Es war schon etwas, dass
+Paullus, als er zum Oberfeldherrn gegen Perseus ernannt worden war,
+statt nach beliebter Art sich bei der Buergerschaft zu bedanken,
+derselben erklaerte, er setze voraus, dass sie ihn zum Feldherrn
+gewaehlt haetten, weil sie ihn fuer den faehigsten zum Kommando
+gehalten, und ersuche sie deshalb, ihm nun nicht kommandieren zu
+helfen, sondern stillzuschweigen und zu gehorchen. Roms Suprematie und
+Hegemonie im Mittelmeergebiet ruhte nicht zum wenigsten auf der Strenge
+seiner Kriegszucht und seiner Rechtspflege. Unzweifelhaft war es auch,
+im grossen und ganzen genommen, den ohne Ausnahme tief zerruetteten
+hellenischen, phoenikischen und orientalischen Staaten in diesen
+Beziehungen damals noch unendlich ueberlegen; dennoch kamen schon arge
+Dinge auch in Rom vor. Wie die Erbaermlichkeit der Oberfeldherren, und
+zwar nicht etwa von der Opposition gewaehlter Demagogen, wie Gaius
+Flaminius und Gaius Varro, sondern gut aristokratischer Maenner,
+bereits im dritten Makedonischen Krieg das Wohl des Staates auf das
+Spiel gesetzt hatte, ist frueher erzaehlt worden. Und in welcher Art
+die Rechtspflege schon hin und wieder gehandhabt ward, das zeigt der
+Auftritt im Lager des Konsuls Lucius Quinctius Flamininus bei Placentia
+(562 192) - um seinen Buhlknaben fuer die ihm zuliebe versaeumten
+Fechterspiele in der Hauptstadt zu entschaedigen, hatte der hohe Herr
+einen in das roemische Lager gefluechteten, vornehmen Boier herbeirufen
+lassen und ihn mit eigener Hand beim Gelage niedergestossen. Schlimmer
+als der Vorgang selber, dem mancher aehnliche sich an die Seite stellen
+liesse, war es noch, dass der Taeter nicht bloss nicht vor Gericht
+gestellt ward, sondern, als ihn der Zensor Cato deswegen aus der Liste
+der Senatoren strich, seine Standesgenossen den Ausgestossenen im
+Theater einluden, seinen Senatorenplatz wieder einzunehmen - freilich
+war er der Bruder des Befreiers der Griechen und eines der maechtigsten
+Koteriehaeupter des Senats.
+
+Auch das Finanzwesen der roemischen Gemeinde ging in dieser Epoche eher
+zurueck als vorwaerts. Zwar der Betrag der Einnahmen war zusehends im
+Wachsen. Die indirekten Abgaben - direkte gab es in Rom nicht - stiegen
+infolge der erweiterten Ausdehnung des roemischen Gebietes, welche es
+zum Beispiel noetig machte, in den Jahren 555, 575 (199, 179) an der
+kampanischen und brettischen Kueste neue Zollbueros in Puteoli, Castra
+(Squillace) und anderswo einzurichten. Auf demselben Grunde beruht der
+neue, die Salzverkaufspreise nach den verschiedenen Distrikten Italiens
+abstufende Salztarif vom Jahre 550 (204), indem es nicht laenger
+moeglich war, den jetzt durch ganz Italien zerstreuten roemischen
+Buergern das Salz zu einem und demselben Preise abzugeben; da indes die
+roemische Regierung wahrscheinlich den Buergern dasselbe zum
+Produktionspreis, wenn nicht darunter abgab, so ergab diese
+Finanzmassregel fuer den Staat keinen Gewinn. Noch ansehnlicher war die
+Steigerung des Ertrages der Domaenen. Die Abgabe freilich, welche von
+dem zur Okkupation verstatteten italischen Domanialland dem Aerar von
+Rechts wegen zukam, ward zum allergroessten Teil wohl weder gefordert
+noch geleistet. Dagegen blieb nicht bloss das Hutgeld bestehen, sondern
+es wurden auch die infolge des Hannibalischen Krieges neu gewonnenen
+Domaenen, namentlich der groessere Teil des Gebiets von Capua und das
+von Leontini, nicht zum Okkupieren hingegeben, sondern parzelliert und
+an kleine Zeitpaechter ausgetan und der auch hier versuchten Okkupation
+von der Regierung mit mehr Nachdruck als gewoehnlich entgegengetreten;
+wodurch dem Staate eine betraechtliche und sichere Einnahmequelle
+entstand. Auch die Bergwerke des Staats, namentlich die wichtigen
+spanischen, wurden durch Verpachtung verwertet. Endlich traten zu den
+Einnahmen die Abgaben der ueberseeischen Untertanen hinzu.
+Ausserordentlicherweise flossen waehrend dieser Epoche sehr bedeutende
+Summen in den Staatsschatz, namentlich an Beutegeld aus dem
+Antiochischen Kriege 200 (14500000 Taler), aus dem Perseischen 210
+Mill. Sesterzen (15 Mill. Taler) - letzteres die groesste Barsumme, die
+je auf einmal in die roemische Kasse gelangt ist.
+
+Indes ward diese Zunahme der Einnahme durch die steigenden Ausgaben
+groesstenteils wieder ausgeglichen. Die Provinzen, etwa mit Ausnahme
+Siziliens, kosteten wohl ungefaehr ebensoviel als sie eintrugen; die
+Ausgaben fuer Wege- und andere Bauten stiegen im Verhaeltnis mit der
+Ausdehnung des Gebiets; auch die Rueckzahlung der von den ansaessigen
+Buergern waehrend der schweren Kriegszeiten erhobenen Vorschuesse
+(tributa) lastete noch manches Jahr nachher auf dem roemischen Aerar.
+Dazu kamen die durch die verkehrte Wirtschaft und die schlaffe
+Nachsicht der Oberbehoerden dem gemeinen Wesen verursachten sehr
+namhaften Verluste. Von dem Verhalten der Beamten in den Provinzen, von
+ihrer ueppigen Wirtschaft aus gemeinem Saeckel, von den Unterschleifen
+namentlich am Beutegut, von dem beginnenden Bestechungs- und
+Erpressungssystem wird unten noch die Rede sein. Wie der Staat bei den
+Verpachtungen seiner Gefaelle und den Akkorden ueber Lieferungen und
+Bauten im allgemeinen wegkam, kann man ungefaehr danach ermessen, dass
+der Senat im Jahre 587 (167) beschloss, von dem Betrieb der an Rom
+gefallenen makedonischen Bergwerke abzusehen, weil die Grubenpaechter
+doch entweder die Untertanen pluendern oder die Kasse bestehlen wuerden
+- freilich ein naives Armutszeugnis, das die kontrollierende Behoerde
+sich selber ausstellte. Man liess nicht bloss, wie schon gesagt ward,
+die Abgabe von dem okkupierten Domanialland stillschweigend fallen,
+sondern man litt es auch, dass bei Privatanlagen in der Hauptstadt und
+sonst auf oeffentlichen Grund und Boden uebergegriffen und das Wasser
+aus den oeffentlichen Leitungen zu Privatzwecken abgeleitet ward; es
+machte sehr boeses Blut, wenn einmal ein Zensor gegen solche
+Kontravenienten ernstlich einschritt und sie zwang, entweder auf die
+Sondernutzung des gemeinen Gutes zu verzichten oder dafuer das
+gesetzliche Boden- und Wassergeld zu zahlen. Der Gemeinde gegenueber
+bewies das sonst so peinliche oekonomische Gewissen der Roemer eine
+merkwuerdige Weite. “Wer einen Buerger bestiehlt”, sagt Cato,
+“beschliesst sein Leben in Ketten und Banden; in Gold und Purpur aber,
+wer die Gemeinde bestiehlt.” Wenn trotz dessen, dass das oeffentliche
+Gut der roemischen Gemeinde ungestraft und ungescheut von Beamten und
+Spekulanten gepluendert ward, noch Polybios es hervorhebt, wie selten
+in Rom der Unterschleif sei, waehrend man in Griechenland kaum hier und
+da einen Beamten finde, der nicht in die Kasse greife; wie der
+roemische Kommissar und Beamte auf sein einfaches Treuwort hin
+ungeheure Summen redlich verwalte, waehrend in Griechenland der
+kleinsten Summe wegen zehn Briefe besiegelt und zwanzig Zeugen
+aufgeboten wuerden und doch jedermann betruege, so liegt hierin nur,
+dass die soziale und oekonomische Demoralisation in Griechenland noch
+viel weiter vorgeschritten war als in Rom und namentlich hier noch
+nicht wie dort der unmittelbare und offenbare Kassendefekt florierte.
+Das allgemeine finanzielle Resultat spricht sich fuer uns am
+deutlichsten in dem Stand der oeffentlichen Bauten und in dem
+Barbestand des Staatsschatzes aus. Fuer das oeffentliche Bauwesen
+finden wir in Friedenszeiten ein Fuenftel, in Kriegszeiten ein Zehntel
+der Einkuenfte verwendet, was den Umstaenden nach nicht gerade
+reichlich gewesen zu sein scheint. Es geschah mit diesen Summen sowie
+mit den nicht in die Staatskasse unmittelbar fallenden Bruchgeldern
+wohl manches fuer die Pflasterung der Wege in und vor der Hauptstadt,
+fuer die Chaussierung der italischen Hauptstrassen ^6, fuer die Anlage
+oeffentlicher Gebaeude. Wohl die bedeutendste unter den aus dieser
+Periode bekannten hauptstaedtischen Bauten war die wahrscheinlich im
+Jahre 570 (184) verdungene grosse Reparatur und Erweiterung des
+hauptstaedtischen Kloakennetzes, wofuer auf einmal 1700000 Taler (24
+Mill. Sesterzen) angewiesen wurden und der vermutlich der Hauptsache
+nach angehoert, was von den Kloaken heute noch vorhanden ist. Aber
+allem Anschein nach stand in dem oeffentlichen Bauwesen, auch abgesehen
+von den schweren Kriegszeiten, diese Periode hinter dem letzten
+Abschnitt der vorigen zurueck; zwischen 482 und 607 (272 und 147) ist
+in Rom keine neue Wasserleitung angelegt worden. Der Staatsschatz nahm
+freilich zu: die letzte Reserve betrug im Jahre 545 (209), wo man sich
+genoetigt sah, sie anzugreifen, nur 1144000 Taler (4000 Pfund Gold; 2,
+171), wogegen kurze Zeit nach dem Schluss dieser Periode (597 157) nahe
+an 6 Mill. Taler in edlen Metallen in der Staatskasse vorraetig waren.
+Allein bei den ungeheuren ausserordentlichen Einnahmen, welche in dem
+Menschenalter nach dem Ende des Hannibalischen Krieges der roemischen
+Staatskasse zuflossen, befremdet die letztere Summe mehr durch ihre
+Niedrigkeit als durch ihre Hoehe. Soweit bei den vorliegenden, mehr als
+duerftigen Angaben es zulaessig ist, hier von Resultaten zu sprechen,
+zeigen die roemischen Staatsfinanzen wohl einen Ueberschuss der
+Einnahme ueber die Ausgabe, aber darum doch nichts weniger als ein
+glaenzendes Gesamtergebnis.
+
+————————————————————-
+
+^6 Die Kosten von diesen sind indes wohl grossenteils auf die Anlieger
+geworfen worden. Das alte System, Fronen anzusagen, war nicht
+abgeschafft; es muss nicht selten vorgekommen sein, dass man den
+Gutsbesitzern die Sklaven wegnahm, um sie beim Strassenbau zu verwenden
+(Cato agr. 2).
+
+————————————————————-
+
+Am bestimmtesten tritt der veraenderte Geist der Regierung hervor in
+der Behandlung der italischen und ausseritalischen Untertanen der
+roemischen Gemeinde. Man hatte sonst in Italien unterschieden die
+gewoehnlichen und die latinischen bundesgenoessischen Gemeinden, die
+roemischen Passiv- und die roemischen Vollbuerger. Von diesen vier
+Klassen wurde die dritte im Laufe dieser Periode so gut wie
+vollstaendig beseitigt, indem das, was frueher schon fuer die
+Passivbuergergemeinden in Latium und in der Sabina geschehen war, jetzt
+auch auf die des ehemaligen volskischen Gebiets Anwendung fand und
+diese allmaehlich, zuletzt vielleicht im Jahre 566 (188) Arpinum, Fundi
+und Formiae, das volle Buergerrecht empfingen. In Kampanien wurde Capua
+nebst einer Anzahl benachbarter kleinerer Gemeinden infolge seines
+Abfalls von Rom im Hannibalischen Kriege aufgeloest. Wenn auch einige
+wenige Gemeinden, wie Velitrae im Volskergebiet, Teanum und Cumae in
+Kampanien, in dem frueheren Rechtsverhaeltnis verblieben sein moegen,
+so darf doch, im grossen und ganzen betrachtet, dies Buergerrecht
+zweiter Klasse jetzt als beseitigt gelten.
+
+Dagegen trat neu hinzu eine besonders zurueckgesetzte, der
+Kommunalfreiheit und des Waffenrechts entbehrende und zum Teil fast den
+Gemeindesklaven gleich behandelte Klasse (peregrini dediticii), wozu
+namentlich die Angehoerigen der ehemaligen, mit Hannibal verbuendet
+gewesenen kampanischen, suedlichen picentischen und brettischen
+Gemeinden gehoerten. Ihnen schlossen sich die diesseits der Alpen
+geduldeten Kettenstaemme an, deren Stellung zu der italischen
+Eidgenossenschaft zwar nur unvollkommen bekannt ist, aber doch durch
+die in ihre Bundesvertraege mit Rom aufgenommene Klausel, dass keiner
+aus diesen Gemeinden je das roemische Buergerrecht solle gewinnen
+duerfen, hinreichend als eine zurueckgesetzte charakterisiert wird.
+
+Die Stellung der nichtlatinischen Bundesgenossen hatte, wie schon
+frueher angedeutet ward, durch den Hannibalischen Krieg sich sehr zu
+ihrem Nachteil veraendert. Nur wenige Gemeinden dieser Kategorie, wie
+zum Beispiel Neapel, Nola, Rhegion, Herakleia, hatten waehrend aller
+Wechselfaelle dieses Krieges unveraendert auf der Seite Roms gestanden
+und darum ihr bisheriges Bundesrecht unveraendert behalten; bei weitem
+die meisten mussten infolge ihres Parteiwechsels sich eine nachteilige
+Revision der bestehenden Vertraege gefallen lassen. Von der gedrueckten
+Stellung der nichtlatinischen Bundesgenossen zeugt die Auswanderung aus
+ihren Gemeinden in die latinischen; als im Jahre 577 (177) die Samniten
+und Paeligner bei dem Senat um Herabsetzung ihrer Kontingente einkamen,
+wurde dies damit motiviert, dass waehrend der letzten Jahre 4000
+samnitische und paelignische Familien nach der latinischen Kolonie
+Fregellae uebergesiedelt seien.
+
+Dass die Latiner, das heisst jetzt die wenigen noch ausserhalb des
+roemischen Buergerverbandes stehenden Staedte im alten Latium wie Tibur
+und Praeneste, die ihnen rechtlich gleichgestellten Bundesstaedte, wie
+namentlich einzelne der Herniker, und die durch ganz Italien
+zerstreuten latinischen Kolonien auch jetzt noch besser gestellt waren,
+ist hierin enthalten; doch hatten auch sie im Verhaeltnis kaum weniger
+sich verschlechtert. Die ihnen auferlegten Lasten wurden unbillig
+gesteigert und der Druck des Kriegsdienstes mehr und mehr von der
+Buergerschaft ab auf sie und die anderen italischen Bundesgenossen
+gewaelzt. So wurden zum Beispiel 536 (218) fast doppelt soviel
+Bundesgenossen aufgeboten als Buerger; so nach dem Ende des
+Hannibalischen Krieges die Buerger alle, nicht aber die Bundesgenossen
+verabschiedet; so die letzteren vorzugsweise fuer den Besatzungs- und
+den verhassten spanischen Dienst verwandt; so bei dem Triumphalgeschenk
+577 (177) den Bundesgenossen nicht wie sonst die gleiche Verehrung mit
+den Buergern, sondern nur die Haelfte gegeben, so dass inmitten des
+ausgelassenen Jubels dieses Soldatenkarnevals die zurueckgesetzten
+Abteilungen stumm dem Siegeswagen folgten: so erhielten bei
+Landanweisungen in Norditalien die Buerger je zehn, die Nichtbuerger je
+drei Morgen Ackerlandes. Die unbeschraenkte Freizuegigkeit war den
+latinischen Gemeinden bereits frueher (486 268) genommen und ihnen die
+Auswanderung nach Rom nur dann gestattet worden, wenn sie leibliche
+Kinder und einen Teil ihres Vermoegens in der Heimatgemeinde
+zurueckliessen. Indes diese laestigen Vorschriften wurden auf vielfache
+Weise umgangen oder uebertreten, und der massenhafte Zudrang der
+Buerger der latinischen Ortschaften nach Rom und die Klagen ihrer
+Behoerden ueber die zunehmende Entvoelkerung der Staedte und die
+Unmoeglichkeit, unter solchen Umstaenden das festgesetzte Kontingent zu
+leisten, veranlassten die roemische Regierung, polizeiliche
+Ausweisungen aus der Hauptstadt in grossem Umfang zu veranstalten (567,
+577 187, 177). Die Massregel mochte unvermeidlich sein, ward aber darum
+nicht weniger schwer empfunden. Weiter fingen die von Rom im italischen
+Binnenland angelegten Staedte gegen das Ende dieser Periode an, statt
+des latinischen, das volle Buergerrecht zu empfangen, was bis dahin nur
+hinsichtlich der Seekolonien geschehen war, und die bisher fast
+regelmaessige Erweiterung der Latinerschaft durch neu hinzutretende
+Gemeinden hatte damit ein Ende. Aquileia, dessen Gruendung 571 (183)
+begann, ist die juengste der italischen Kolonien Roms geblieben, welche
+mit latinischem Recht beliehen wurden; den ungefaehr gleichzeitig
+ausgefuehrten Kolonien Potentia, Pisaurum, Mutina, Parma, Luna (570-577
+184-177) ward schon das volle Buergerrecht gegeben. Die Ursache war
+offenbar das Sinken des latinischen im Vergleich mit dem roemischen
+Buergerrecht. Die in die neuen Pflanzstaedte ausgefuehrten Kolonisten
+wurden von jeher und jetzt mehr als je vorwiegend aus der roemischen
+Buergerschaft ausgewaehlt, und es fehlten selbst unter dem aermeren
+Teile derselben die Leute, die willig gewesen waeren, auch mit
+Erwerbung bedeutender materieller Verteile ihr Buerger- gegen
+latinisches Recht zu vertauschen.
+
+Endlich ward den Nichtbuergern, Gemeinden wie Einzelnen, der Eintritt
+in das roemische Buergerrecht fast vollstaendig gesperrt. Das aeltere
+Verfahren, die unterworfenen Gemeinden der roemischen einzuverleiben,
+hatte man um 400 (350) fallenlassen, um nicht durch uebermaessige
+Ausdehnung der roemischen Buergerschaft dieselbe allzusehr zu
+dezentralisieren, und deshalb die Halbbuergergemeinden eingerichtet.
+Jetzt gab man die Zentralisation der Gemeinde auf, indem teils die
+Halbbuergergemeinden das Vollbuergerrecht empfingen, teils zahlreiche
+entferntere Buergerkolonien zu der Gemeinde hinzutraten; aber auf das
+aeltere Inkorporationssystem kam man den verbuendeten Gemeinden
+gegenueber nicht zurueck. Dass nach der vollendeten Unterwerfung
+Italiens auch nur eine einzige italische Gemeinde das
+bundesgenoessische mit dem roemischen Buergerrecht vertauscht haette,
+laesst sich nicht nachweisen; wahrscheinlich hat in der Tat seitdem
+keine mehr dieses erhalten. Auch der Uebertritt einzelner Italiker in
+das roemische Buergerrecht fand fast allein noch statt fuer die
+latinischen Gemeindebeamten und durch besondere Beguenstigung fuer
+einzelne der bei Gruendung von Buergerkolonien mit zugelassenen
+Nichtbuerger ^7.
+
+———————————————————————
+
+^7 So wurde bekanntlich dem Rudiner Ennius bei Gelegenheit der
+Gruendung der Buergerkolonien Potentia und Pisaurum von einem der
+Triumvirn, Q. Fulvius Nobilior, das Buergerrecht geschenkt (Cic. Brut.
+20, 79); worauf er denn auch nach bekannter Sitte dessen Vornamen
+annahm. Von Rechts wegen erwarben, wenigstens in dieser Epoche, die in
+die Buergerkolonie mit deduzierten Nichtbuerger dadurch die roemische
+Civitaet keineswegs, wenn sie auch haeufig dieselbe sich anmassten
+(Liv. 34, 42); es wurde aber den mit der Gruendung einer Kolonie
+beauftragten Beamten durch eine Klausel in dem jedesmaligen
+Volksschluss die Verleihung des Buergerrechts an eine beschraenkte
+Anzahl von Personen gestattet (Cic. Balb. 21, 48).
+
+———————————————————————
+
+Diesen tatsaechlichen und rechtlichen Umgestaltungen der Verhaeltnisse
+der italischen Untertanen kann wenigstens innerer Zusammenhang und
+Folgerichtigkeit nicht abgesprochen wer den. Die Lage der
+Untertanenklassen wurde im Verhaeltnis ihrer bisherigen Abstufung
+durchgaengig verschlechtert und, waehrend die Regierung sonst die
+Gegensaetze zu mildern und durch Uebergaenge zu vermitteln bemueht
+gewesen war, wuerden jetzt ueberall die Mittelglieder beseitigt und die
+verbindenden Bruecken abgebrochen. Wie innerhalb der roemischen
+Buergerschaft der Herrenstand von dem Volke sich absonderte, den
+oeffentlichen Lasten durchgaengig sich entzog und die Ehren und
+Vorteile durchgaengig fuer sich nahm, so trat die Buergerschaft
+ihrerseits der italischen Eidgenossenschaft gegenueber und schloss
+diese mehr und mehr von dem Mitgenuss der Herrschaft aus, waehrend sie
+an den gemeinen Lasten doppelten und dreifachen Anteil ueberkam. Wie
+die Nobilitaet gegenueber den Plebejern, so lenkte die Buergerschaft
+gegenueber den Nichtbuergern zurueck in die Abgeschlossenheit des
+verfallenen Patriziats; das Plebejat, das durch die Liberalitaet seiner
+Institutionen grossgeworden war, schnuerte jetzt selbst sich ein in die
+starren Satzungen des Junkertums. Die Aufhebung der
+Passivbuergerschaften kann an sich nicht getadelt werden und gehoert
+auch ihrem Motiv nach vermutlich in einen anderen, spaeter noch zu
+eroerternden Zusammenhang; dennoch ging schon dadurch ein vermittelndes
+Zwischenglied verloren. Bei weitem bedenklicher aber war das Schwinden
+des Unterschieds zwischen den latinischen und den uebrigen italischen
+Gemeinden. Die Grundlage der roemischen Macht war die bevorzugte
+Stellung der latinischen Nation innerhalb Italiens; sie wich unter den
+Fuessen, seit die latinischen Staedte anfingen, sich nicht mehr als die
+bevorzugten Teilhaber an der Herrschaft der maechtigen stammverwandten
+Gemeinde, sondern wesentlich gleich den uebrigen als Untertanen Roms zu
+empfinden und alle Italiker ihre Lage gleich unertraeglich zu finden
+begannen. Denn dass die Brettier und ihre Leidensgenossen schon voellig
+wie Sklaven behandelt wurden und voellig wie Sklaven sich verhielten,
+zum Beispiel von der Flotte, auf der sie als Ruderknechte dienten,
+ausrissen, wo sie konnten und gern gegen Rom Dienste nahmen; dass
+ferner in den keltischen und vor allem den ueberseeischen Untertanen
+eine noch gedruecktere und von der Regierung in berechneter Absicht der
+Verachtung und Misshandlung durch die Italiker preisgegebene Klasse den
+Italikern zur Seite gestellt ward, schloss freilich auch eine Abstufung
+innerhalb der Untertanenschaft in sich, konnte aber doch fuer den
+frueheren Gegensatz zwischen den stammverwandten und den stammfremden
+italischen Untertanen nicht entfernt einen Ersatz gewaehren. Eine tiefe
+Verstimmung bemaechtigte sich der gesamten italischen
+Eidgenossenschaft, und nur die Furcht hielt sie ab, laut sich zu
+aeussern. Der Vorschlag, der nach der Schlacht bei Cannae im Senat
+gemacht ward, aus jeder latinischen Gemeinde zwei Maennern das
+roemische Buergerrecht und Sitz im Senat zu gewaehren, war freilich zur
+Unzeit gestellt und ward mit Recht abgelehnt; aber er zeigt doch, mit
+welcher Besorgnis man schon damals in der herrschenden Gemeinde auf das
+Verhaeltnis zwischen Latium und Rom blickte. Wenn jetzt ein zweiter
+Hannibal den Krieg nach Italien getragen haette, so durfte man
+zweifeln, ob auch er an dem felsenfesten Widerstand des latinischen
+Namens gegen die Fremdherrschaft gescheitert sein wuerde.
+
+Aber bei weitem die wichtigste Institution, welche diese Epoche in das
+roemische Gemeinwesen eingefuehrt hat, und zugleich diejenige, welche
+am entschiedensten und verhaengnisvollsten aus der bisher eingehaltenen
+Bahn wich, waren die neuen Vogteien. Das aeltere roemische Staatsrecht
+kannte zinspflichtige Untertanen nicht; die ueberwundenen
+Buergerschaften wurden entweder in die Sklaverei verkauft oder in der
+roemischen aufgehoben oder endlich zu einem Buendnis zugelassen, das
+ihnen wenigstens die kommunale Selbstaendigkeit und die Steuerfreiheit
+sicherte. Allein die karthagischen Besitzungen in Sizilien, Sardinien
+und Spanien sowie Hierons Reich hatten ihren frueheren Herren gesteuert
+und gezinst; wenn Rom diese Besitzungen einmal behalten wollte, war es
+nach dem Urteil der Kurzsichtigen das Verstaendigste und unzweifelhaft
+das Bequemste, die neuen Gebiete lediglich nach den bisherigen Normen
+zu verwalten. Man behielt also die karthagisch-hieronische
+Provinzialverfassung einfach bei und organisierte nach derselben auch
+diejenigen Landschaften, die man, wie das Diesseitige Spanien, den
+Barbaren entriss. Es war das Hemd des Nessos, das man vom Feind erbte.
+Ohne Zweifel war es anfaenglich die Absicht der roemischen Regierung,
+durch die Abgaben der Untertanen nicht eigentlich sich zu bereichern,
+sondern nur die Kosten der Verwaltung und Verteidigung damit zu decken;
+doch wich man auch hiervon schon ab, als man Makedonien und Illyrien
+tributpflichtig machte, ohne daselbst die Regierung und die
+Grenzbesetzung zu uebernehmen. Ueberhaupt aber kam es weit weniger
+darauf an, dass man noch in der Belastung Mass hielt, als darauf, dass
+man ueberhaupt die Herrschaft in ein nutzbares Recht verwandelte; fuer
+den Suendenfall ist es gleich, ob man nur den Apfel nimmt oder gleich
+den Baum pluendert. Die Strafe folgte dem Unrecht auf dem Fuss. Das
+neue Provinzialregiment noetigte zu der Einsetzung von Voegten, deren
+Stellung nicht bloss mit der Wohlfahrt der Vogteien, sondern auch mit
+der roemischen Verfassung schlechthin unvertraeglich war. Wie die
+roemische Gemeinde in den Provinzen an die Stelle des frueheren
+Landesherrn trat, so war ihr Vogt daselbst an Koenigs Statt; wie denn
+auch zum Beispiel der sizilische Praetor in dem Hieronischen Palast zu
+Syrakus residierte. Von Rechts wegen sollte nun zwar der Vogt
+nichtsdestoweniger sein Amt mit republikanischer Ehrbarkeit und
+Sparsamkeit verwalten. Cato erschien als Statthalter von Sardinien in
+den ihm untergebenen Staedten zu Fuss und von einem einzigen Diener
+begleitet, welcher ihm den Rock und die Opferschale nachtrug, und als
+er von seiner spanischen Statthalterschaft heimkehrte, verkaufte er
+vorher sein Schlachtross, weil er sich nicht befugt hielt, die
+Transportkosten desselben dem Staate in Rechnung zu bringen. Es ist
+auch keine Frage, dass die roemischen Statthalter, obgleich sicherlich
+nur wenige von ihnen die Gewissenhaftigkeit so wie Cato bis an die
+Grenze der Knauserei und Laecherlichkeit trieben, doch zum guten Teil
+durch ihre altvaeterliche Froemmigkeit, durch die bei ihren Mahlzeiten
+herrschende ehrbare Stille, durch die verhaeltnismaessig rechtschaffene
+Amts- und Rechtspflege, namentlich die angemessene Strenge gegen die
+schlimmsten unter den Blutsaugern der Provinzialen, die roemischen
+Steuerpaechter und Bankiers, ueberhaupt durch den Ernst und die Wuerde
+ihres Auftretens den Untertanen, vor allen den leichtfertigen und
+haltungslosen Griechen nachdruecklich imponierten. Auch die
+Provinzialen befanden sich unter ihnen verhaeltnismaessig leidlich. Man
+war durch die karthagischen Voegte und syrakusanischen Herren nicht
+verwoehnt und sollte bald Gelegenheit finden, im Vergleich mit den
+nachkommenden Skorpionen der gegenwaertigen Ruten sich dankbar zu
+erinnern; es ist wohl erklaerlich, wie spaeterhin das sechste
+Jahrhundert der Stadt als die goldene Zeit der Provinzialherrschaft
+erschien. Aber es war auf die Laenge nicht durchfuehrbar, zugleich
+Republikaner und Koenig zu sein. Das Landvogtspielen demoralisierte mit
+furchtbarer Geschwindigkeit den roemischen Herrenstand. Hoffart und
+Uebermut gegen die Provinzialen lagen so sehr in der Rolle, dass daraus
+dem einzelnen Beamten kaum ein Vorwurf gemacht werden darf. Aber schon
+war es selten, und um so seltener, als die Regierung mit Strenge an dem
+alten Grundsatz festhielt, die Gemeindebeamten nicht zu besolden, dass
+der Vogt ganz reine Haende aus der Provinz wieder mitbrachte; dass
+Paullus, der Sieger von Pydna, kein Geld nahm, wird bereits als etwas
+Besonderes angemerkt. Die ueble Sitte, dem Amtmann “Ehrenwein” und
+andere “freiwillige” Gaben zu verabreichen, scheint so alt wie die
+Provinzialverfassung selbst und mag wohl auch ein karthagisches
+Erbstueck sein; schon Cato musste in seiner Verwaltung Sardiniens 556
+(198) sich begnuegen, diese Hebungen zu regulieren und zu ermaessigen.
+Das Recht der Beamten und ueberhaupt der in Staatsgeschaeften Reisenden
+auf freies Quartier und freie Befoerderung ward schon als Vorwand zu
+Erpressungen benutzt. Das wichtigere Recht des Beamten,
+Getreidelieferungen teils zu seinem und seiner Leute Unterhalt (in
+cellam), teils im Kriegsfall zur Ernaehrung des Heeres oder bei anderen
+besonderen Anlaessen gegen einen billigen Taxpreis in seiner Provinz
+auszuschreiben, wurde schon so arg gemissbraucht, dass auf die Klagen
+der Spanier der Senat im Jahre 583 (171) die Feststellung des
+Taxpreises fuer beiderlei Lieferungen den Amtsleuten zu entziehen sich
+veranlasst fand. Selbst fuer die Volksfeste in Rom fing schon an bei
+den Untertanen requiriert zu werden; die masslosen Tribulationen, die
+der Aedil Tiberius Sempronius Gracchus fuer die von ihm auszurichtende
+Festlichkeit ueber italische wie ausseritalische Gemeinden ergehen
+liess, veranlassten den Senat, offiziell dagegen einzuschreiten (572
+182). Was ueberhaupt der roemische Beamte sich am Schlusse dieser
+Periode nicht bloss gegen die ungluecklichen Untertanen, sondern selbst
+gegen die abhaengigen Freistaaten und Koenigreiche herausnahm, das
+zeigen die Raubzuege des Gnaeus Volso in Kleinasien und vor allem die
+heillose Wirtschaft in Griechenland waehrend des Krieges gegen Perseus.
+Die Regierung hatte kein Recht, sich darueber zu verwundern, da sie es
+an jeder ernstlichen Schranke gegen die uebergriffe dieses
+militaerischen Willkuerregiments fehlen liess. Zwar die gerichtliche
+Kontrolle mangelte nicht ganz. Konnte auch der roemische Vogt nach dem
+allgemeinen und mehr als bedenklichen Grundsatz: gegen den
+Oberfeldherrn waehrend der Amtsverwaltung keine Beschwerdefuehrung zu
+gestatten, regelmaessig erst dann zur Rechenschaft gezogen werden, wenn
+das Uebel geschehen war, so war doch an sich sowohl eine Kriminal- als
+eine Zivilverfolgung gegen ihn moeglich. Um jene einzuleiten, musste
+ein Volkstribun kraft der ihm zustehenden richterlichen Gewalt die
+Sache in die Hand nehmen und sie an das Volksgericht bringen; die
+Zivilklage wurde von dem Senator, der die betreffende Praetur
+verwaltete, an eine nach der damaligen Gerichtsverfassung aus dem
+Schosse des Senats bestellte Jury gewiesen. Dort wie hier lag also die
+Kontrolle in den Haenden des Herrenstandes, und obwohl dieser noch
+rechtlich und ehrenhaft genug war, um gegruendete Beschwerden nicht
+unbedingt beiseite zu legen, der Senat sogar verschiedene Male auf
+Anrufen der Geschaedigten die Einleitung eines Zivilverfahrens selber
+zu veranlassen sich herbeiliess, so konnten doch Klagen von Niedrigen
+und Fremden gegen maechtige Glieder der regierenden Aristokratie vor
+weit entfernten und wenn nicht in gleicher Schuld befangenen, doch
+mindestens dem gleichen Stande angehoerigen Richtern und Geschworenen
+von Anfang an nur dann auf Erfolg rechnen, wenn das Unrecht klar und
+schreiend war; und vergeblich zu klagen, war fast gewisses Verderben.
+Einen gewissen Anhalt fanden die Geschaedigten freilich in den
+erblichen Klientelverhaeltnissen, welche die Staedte und Landschaften
+der Untertanen mit ihren Besiegern und andern ihnen naeher getretenen
+Roemern verknuepften. Die spanischen Statthalter empfanden es, dass an
+Catos Schutzbefohlenen sich niemand ungestraft vergriff; und dass die
+Vertreter der drei von Paullus ueberwundenen Nationen, der Spanier,
+Ligurer und Makedonier, sich es nicht nehmen liessen, seine Bahre zum
+Scheiterhaufen zu tragen, war die schoenste Totenklage um den edlen
+Mann. Allein dieser Sonderschutz gab nicht bloss den Griechen
+Gelegenheit, ihr ganzes Talent, sich ihren Herren gegenueber
+wegzuwerfen, in Rom zu entfalten und durch ihre bereitwillige
+Servilitaet auch ihre Herren zu demoralisieren - die Beschluesse der
+Syrakusaner zu Ehren des Marcellus, nachdem er ihre Stadt zerstoert und
+gepluendert und sie ihn vergeblich deshalb beim Senat verklagt hatten,
+sind eines der schandbarsten Blaetter in den wenig ehrbaren Annalen von
+Syrakus -, sondern es hatte auch bei der schon gefaehrlichen
+Familienpolitik dieses Hauspatronat seine politisch bedenkliche Seite.
+Immer wurde auf diesem Wege wohl bewirkt, dass die roemischen Beamten
+die Goetter und den Senat einigermassen fuerchteten und im Stehlen
+meistenteils Mass hielten, allein man stahl denn doch, und ungestraft,
+wenn man mit Bescheidenheit stahl. Die heillose Regel stellte sich
+fest, dass bei geringen Erpressungen und maessiger Gewalttaetigkeit der
+roemische Beamte gewissermassen in seiner Kompetenz und von Rechts
+wegen straffrei sei, die Beschaedigten also zu schweigen haetten;
+woraus denn die Folgezeit die verhaengnisvollen Konsequenzen zu ziehen
+nicht unterlassen hat. Indes waeren auch die Gerichte so streng
+gewesen, wie sie schlaff waren, es konnte doch die gerichtliche
+Rechenschaft nur den aergsten Uebelstaenden steuern. Die wahre
+Buergschaft einer guten Verwaltung liegt in der strengen und
+gleichmaessigen Oberaufsicht der hoechsten Verwaltungsbehoerde; und
+hieran liess der Senat es vollstaendig mangeln. Hier am fruehesten
+machte die Schlaffheit und Unbeholfenheit des kollegialischen Regiments
+sich geltend. Von Rechts wegen haetten die Voegte einer weit strengeren
+und spezielleren Aufsicht unterworfen werden sollen, als sie fuer die
+italischen Munizipalverwaltungen ausgereicht hatte, und mussten jetzt,
+wo das Reich grosse ueberseeische Gebiete umfasste, die Anstalten
+gesteigert werden, durch welche die Regierung sich die Uebersicht ueber
+das Ganze bewahrte. Von beidem geschah das Umgekehrte. Die Voegte
+herrschten so gut wie souveraen, und das wichtigste der fuer den
+letzteren Zweck dienenden Institute, die Reichsschatzung, wurde noch
+auf Sizilien, aber auf keine der spaeter erworbenen Provinzen mehr
+erstreckt. Diese Emanzipation der obersten Verwaltungsbeamten von der
+Zentralgewalt war mehr als bedenklich. Der roemische Vogt, an der
+Spitze der Heere des Staats und im Besitz bedeutender Finanzmittel,
+dazu einer schlaffen gerichtlichen Kontrolle unterworfen und von der
+Oberverwaltung tatsaechlich unabhaengig, endlich mit einer gewissen
+Notwendigkeit dahin gefuehrt, sein und seiner Administrierten Interesse
+von dem der roemischen Gemeinde zu scheiden und ihm entgegenzustellen,
+glich weit mehr einem persischen Satrapen als einem der Mandatare des
+roemischen Senats in der Zeit der Samnitischen Kriege, und kaum konnte
+der Mann, der eben im Auslande eine gesetzliche Militaertyrannis
+gefuehrt hatte, von da den Weg wieder zurueck in die buergerliche
+Gemeinschaft finden, die wohl Befehlende und Gehorchende, aber nicht
+Herren und Knechte unterschied. Auch die Regierung empfand es, dass die
+beiden fundamentalen Saetze die Gleichheit innerhalb der Aristokratie
+und die Unterordnung der Beamtengewalt unter das Senatskollegium, ihr
+hier unter den Haenden zu schwinden begannen. Aus der Abneigung der
+Regierung gegen Erwerbung neuer Vogteien und gegen das ganze
+Vogteiwesen, der Einrichtung der Provinzialquaesturen, die wenigstens
+die Finanzgewalt den Voegten aus den Haenden zu nehmen bestimmt waren,
+der Beseitigung der an sich so zweckmaessigen Einrichtung laengerer
+Statthalterschaften leuchtet sehr deutlich die Besorgnis hervor, welche
+die weiterblickenden roemischen Staatsmaenner vor der hier gesaeten
+Saat empfanden. Aber Diagnose ist nicht Heilung. Das innere Regiment
+der Nobilitaet entwickelte sich weiter in der einmal angegebenen
+Richtung, und der Verfall der Verwaltung und des Finanzwesens, die
+Vorbereitung kuenftiger Revolutionen und Usurpationen hatten ihren wenn
+nicht unbemerkten, doch ungehemmten stetigen Fortgang.
+
+Wenn die neue Nobilitaet weniger scharf als die alte
+Geschlechtsaristokratie formuliert war und wenn diese gesetzlich, jene
+nur tatsaechlich die uebrige Buergerschaft im Mitgenuss der politischen
+Rechte beeintraechtigte, so war eben darum die zweite Zuruecksetzung
+nur schwerer zu ertragen und schwerer zu sprengen als die erste. An
+Versuchen zu dem letzteren fehlte es natuerlich nicht. Die Opposition
+ruhte auf der Gemeindeversammlung wie die Nobilitaet auf dem Senat; um
+jene zu verstehen, ist zunaechst die damalige roemische Buergerschaft
+nach ihrem Geist und ihrer Stellung im Gemeinwesen zu schildern.
+
+Was von einer Buergerversammlung wie die roemische war, nicht dem
+bewegenden Triebrad, sondern dem festen Grund des Ganzen, gefordert
+werden kann: ein sicherer Blick fuer das gemeine Beste, eine
+einsichtige Folgsamkeit gegenueber dem richtigen Fuehrer, ein festes
+Herz in guten und boesen Tagen und vor allem die Aufopferungsfaehigkeit
+des Einzelnen fuer das Ganze, des gegenwaertigen Wohlbehagens fuer das
+Glueck der Zukunft - das alles hat die roemische Gemeinde in so hohem
+Grade geleistet, dass, wo der Blick auf das Ganze sich richtet, jede
+Bemaekelung in bewundernder Ehrfurcht verstummt. Auch jetzt war der
+gute und verstaendige Sinn noch durchaus in ihr vorwiegend. Das ganze
+Verhalten der Buergerschaft der Regierung wie der Opposition gegenueber
+beweist mit vollkommener Deutlichkeit, dass dasselbe gewaltige
+Buergertum, vor dem selbst Hannibals Genie das Feld raeumen musste,
+auch in den roemischen Komitien entschied; die Buergerschaft hat wohl
+oft geirrt, jedoch nicht geirrt in Poebeltuecke, sondern in
+buergerlicher und baeuerlicher Beschraenktheit. Aber allerdings wurde
+die Maschinerie, mittels welcher die Buergerschaft in den Gang der
+oeffentlichen Angelegenheiten eingriff, immer unbehilflicher und
+wuchsen ihr durch ihre eigenen Grosstaten die Verhaeltnisse
+vollstaendig ueber den Kopf. Dass im Laufe dieser Epoche teils die
+meisten bisherigen Passivbuergergemeinden, teils eine betraechtliche
+Anzahl neuangelegter Pflanzstaedte das volle roemische Buergerrecht
+empfingen, ist schon angegeben worden. Am Ende derselben erfuellte die
+roemische Buergerschaft in ziemlich geschlossener Masse Latium im
+weitesten Sinn, die Sabina und einen Teil Kampaniens, so dass sie an
+der Westkueste noerdlich bis Caere, suedlich bis Cumae reichte;
+innerhalb dieses Gebiets standen nur wenige Staedte, wie Tibur,
+Praeneste, Signia, Norba, Ferentinum ausser derselben. Dazu kamen die
+Seekolonien an den italischen Kuesten, welche durchgaengig das
+roemische Vollbuergerrecht besassen, die picenischen und
+transapenninischen Kolonien der juengsten Zeit, denen das Buergerrecht
+hatte eingeraeumt werden muessen, und eine sehr betraechtliche Anzahl
+roemischer Buerger, die, ohne eigentliche, gesonderte Gemeinwesen zu
+bilden, in Marktflecken und Doerfern (fora et conciliabula) durch ganz
+Italien zerstreut lebten. Wenn man der Unbehilflichkeit einer also
+beschaffenen Stadtgemeinde auch fuer die Zwecke der Rechtspflege ^8 und
+der Verwaltung teils durch die frueher schon erwaehnten
+stellvertretenden Gerichtsherren einigermassen abhalf, teils wohl auch
+schon, namentlich in den See- und den neuen picenischen und
+transapenninischen Kolonien, zu der spaeteren Organisation kleinerer
+staedtischer Gemeinwesen innerhalb der grossen roemischen Stadtgemeinde
+wenigstens die ersten Grundlinien zog, so blieb doch in allen
+politischen Fragen die Urversammlung auf dem roemischen Marktplatz
+allein berechtigt; und es springt in die Augen, dass diese in ihrer
+Zusammensetzung wie in ihrem Zusammenhandeln jetzt nicht mehr war, was
+sie gewesen, als die saemtlichen Stimmberechtigten ihre buergerliche
+Berechtigung in der Art ausuebten, dass sie am Morgen von ihren Hoefen
+weggehen und an demselben Abend wieder zurueck sein konnten. Es kam
+hinzu, dass die Regierung - ob aus Unverstand, Schlaffheit oder boeser
+Absicht, laesst sich nicht sagen - die nach dem Jahre 513 (241) in den
+Buergerverband eintretenden Gemeinden nicht mehr wie frueher in
+neuerrichtete Wahlbezirke, sondern in die alten mit einschrieb; so dass
+allmaehlich jeder Bezirk aus verschiedenen, ueber das ganze roemische
+Gebiet zerstreuten Ortschaften sich zusammensetzte. Wahlbezirke wie
+diese, von durchschnittlich 8000, die staedtischen natuerlich von mehr,
+die laendlichen von weniger Stimmberechtigten, und ohne oertlichen
+Zusammenhang und innere Einheit, liessen schon keine bestimmte Leitung
+und keine genuegende Vorbesprechung mehr zu; was um so mehr vermisst
+werden musste, als den Abstimmungen selbst keine freie Debatte
+voranging. Wenn ferner die Buergerschaft vollkommen die Faehigkeit.
+hatte, ihre Gemeindeinteressen wahrzunehmen, so war es doch sinnlos und
+geradezu laecherlich, in den hoechsten und schwierigsten Fragen, welche
+die herrschende Weltmacht zu loesen ueberkam, einem wohlgesinnten, aber
+zufaellig zusammengetriebenen Haufen italischer Bauern das
+entscheidende Wort einzuraeumen und ueber Feldherrnernennungen und
+Staatsvertraege in letzter Instanz Leute urteilen zu lassen, die weder
+die Gruende noch die Folgen ihrer Beschluesse begriffen. In allen ueber
+eigentliche Gemeindesachen hinausgehenden Dingen haben denn auch die
+roemischen Urversammlungen eine unmuendige und selbst alberne Rolle
+gespielt. In der Regel standen die Leute da und sagten ja zu allen
+Dingen; und wenn sie ausnahmsweise aus eigenem Antrieb nein sagten, wie
+zum Beispiel bei der Kriegserklaerung gegen Makedonien 554 (200), so
+machte sicher die Kirchturms- der Staatspolitik eine kuemmerliche und
+kuemmerlich auslaufende Opposition.
+
+————————————————————————-
+
+^8 In der bekanntlich zunaechst auf ein Landgut in der Gegend von
+Venafrum sich beziehenden landwirtschaftlichen Anweisung Catos wird die
+rechtliche Eroerterung der etwa entstehenden Prozesse nur fuer einen
+bestimmten Fall nach Rom gewiesen: wenn naemlich der Gutsherr die
+Winterweide an den Besitzer einer Schafherde verpachtet, also mit einem
+in der Regel nicht in der Gegend domizilierten Paechter zu tun hat
+(agr. 149). Es laesst sich daraus schliessen. dass in dem gewoehnlichen
+Fall, wo mit einem in der Gegend domizilierten Manne kontrahiert ward,
+die etwa entspringenden Prozesse schon zu Catos Zeit nicht in Rom,
+sondern vor den Ortsrichtern entschieden wurden.
+
+————————————————————————-
+
+Endlich stellte dem unabhaengigen Buergerstand sich der Klientenpoebel
+formell gleichberechtigt und tatsaechlich oft schon uebermaechtig zur
+Seite. Die Institutionen, aus denen er hervorging, waren uralt. Seit
+unvordenklicher Zeit uebte der vornehme Roemer auch ueber seine
+Freigelassenen und Zugewandten eine Art Regiment aus und ward von
+denselben bei allen ihren wichtigeren Angelegenheiten zu Rate gezogen,
+wie denn zum Beispiel ein solcher Klient nicht leicht seine Kinder
+verheiratete, ohne die Billigung seines Patrons erlangt zu haben, und
+sehr oft dieser die Partien geradezu machte. Aber wie aus der
+Aristokratie ein eigener Herrenstand ward, der in seiner Hand nicht
+bloss die Macht, sondern auch den Reichtum vereinigte, so wurden aus
+den Schutzbefohlenen Guenstlinge und Bettler; und der neue Anhang der
+Reichen unterhoehlte aeusserlich und innerlich den Buergerstand. Die
+Aristokratie duldete nicht bloss diese Klientel, sondern beutete
+finanziell und politisch sie aus. So zum Beispiel wurden die alten
+Pfennigkollekten, welche bisher hauptsaechlich nur zu religioesen
+Zwecken und bei der Bestattung verdienter Maenner stattgefunden hatten,
+jetzt von angesehenen Herren - zuerst 568 (186) von Lucius Scipio in
+Veranlassung eines von ihm beabsichtigten Volksfestes - benutzt, um bei
+ausserordentlichen Gelegenheiten vom Publikum eine Beisteuer zu
+erheben. Die Schenkungen wurden besonders deshalb gesetzlich
+beschraenkt (550 204), weil die Senatoren anfingen, unter diesem Namen
+von ihren Klienten regelmaessigen Tribut zu nehmen. Aber vor allen
+Dingen diente der Schweif dem Herrenstande dazu, die Komitien zu
+beherrschen; und der Ausfall der Wahlen zeigt es deutlich, welche
+maechtige Konkurrenz der abhaengige Poebel bereits in dieser Zeit dem
+selbstaendigen Mittelstand machte.
+
+Die reissend schnelle Zunahme des Gesindels, namentlich in der
+Hauptstadt, welche hierdurch vorausgesetzt wird, ist auch sonst
+nachweisbar. Die steigende Zahl und Bedeutung der Freigelassenen
+beweisen die schon im vorigen Jahrhundert gepflogenen und in diesem
+sich fortsetzenden, sehr ernsten Eroerterungen ueber ihr Stimmrecht in
+den Gemeindeversammlungen, und der waehrend des Hannibalischen Krieges
+vom Senat gefasste merkwuerdige Beschluss, die ehrbaren freigelassenen
+Frauen zur Beteiligung bei den oeffentlichen Kollekten zuzulassen und
+den rechten Kindern freigelassener Vaeter die bisher nur den Kindern
+der Freigeborenen zukommenden Ehrenzeichen zu gestatten. Wenig besser
+als die Freigelassenen mochte die Majoritaet der nach Rom
+uebersiedelnden Hellenen und Orientalen sein, denen die nationale
+Servilitaet ebenso unvertilgbar wie jenen die rechtliche anhaftete.
+
+Aber es wirkten nicht bloss diese natuerlichen Ursachen mit zu dem
+Aufkommen eines hauptstaedtischen Poebels, sondern es kann auch weder
+die Nobilitaet noch die Demagogie von dem Vorwurf freigesprochen
+werden, systematisch denselben grossgezogen und durch Volksschmeichelei
+und noch schlimmere Dinge den alten Buergersinn, soviel an ihnen war,
+unterwuehlt zu haben. Noch war die Waehlerschaft durchgaengig zu
+achtbar, als dass unmittelbare Wahlbestechung im grossen sich haette
+zeigen duerfen; aber indirekt ward schon in unloeblichster Weise um die
+Gunst der Stimmberechtigten geworben. Die alte Verpflichtung der
+Beamten, namentlich der Aedilen, fuer billige Kornpreise zu sorgen und
+die Spiele zu beaufsichtigen, fing an, in das auszuarten, woraus
+endlich die entsetzliche Parole des kaiserlichen Stadtpoebels
+hervorging: Brot umsonst und ewiges Volksfest. Grosse Kornsendungen,
+welche entweder die Provinzialstatthalter zur Verfuegung der roemischen
+Marktbehoerde stellten oder auch wohl die Provinzen selbst, um sich bei
+einzelnen roemischen Beamten in Gunst zu setzen, unentgeltlich nach Rom
+lieferten, machten es seit der Mitte des sechsten Jahrhunderts den
+Aedilen moeglich, an die hauptstaedtische Buergerbevoelkerung das
+Getreide zu Schleuderpreisen abzugeben. Es sei kein Wunder, meinte
+Cato, dass die Buergerschaft nicht mehr auf guten Rat hoere - der Bauch
+habe eben keine Ohren. Die Volkslustbarkeiten nahmen in erschreckender
+Weise zu. Fuenfhundert Jahre hatte die Gemeinde sich mit einem
+Volksfest im Jahr und mit einem Spielplatz begnuegt; der erste
+roemische Demagoge von Profession, Gaius Flaminius, fuegte ein zweites
+Volksfest und einen zweiten Spielplatz hinzu (534 220) ^9, und mag sich
+mit diesen Einrichtungen, deren Tendenz schon der Name des neuen
+Festes: “plebejische Spiele” hinreichend bezeichnet, die Erlaubnis
+erkauft haben, die Schlacht am Trasimenischen See zu liefern. Rasch
+ging man weiter in der einmal eroeffneten Bahn. Das Fest zu Ehren der
+Ceres, der Schutzgottheit des Plebejertums, kann, wenn ueberhaupt, doch
+nur wenig juenger sein als das plebejische. Weiter ward nach Anleitung
+der Sibyllinischen und Marcischen Weissagungen schon 542 (212) ein
+viertes Volksfest zu Ehren Apollons, 550 (204) ein fuenftes zu Ehren
+der neu aus Phrygien nach Rom uebergesiedelten Grossen Mutter
+hinzugefuegt. Es waren dies die schweren Jahre des Hannibalischen
+Krieges - bei der ersten Feier der Apollospiele ward die Buergerschaft
+von dem Spielplatz weg zu den Waffen gerufen; die eigentuemlich
+italische Deisidaemonie war fieberhaft aufgeregt, und es fehlte nicht
+an solchen, welche sie nutzten, um Sibyllen- und Prophetenorakel in
+Umlauf zu setzen und durch deren Inhalt und Vertretung sich der Menge
+zu empfehlen; kaum darf man es tadeln, dass die Regierung, welche der
+Buergerschaft so ungeheure Opfer zumuten musste, in solchen Dingen
+nachgab. Was man aber einmal nachgegeben, blieb bestehen; ja selbst in
+ruhigeren Zeiten (581 173) kam noch ein freilich geringeres Volksfest,
+die Spiele zu Ehren der Flora hinzu. Die Kosten dieser neuen
+Festlichkeiten bestritten die mit der Ausrichtung der einzelnen Feste
+beauftragten Beamten aus eigenen Mitteln - so die kurulischen Aedilen
+zu dem alten Volksfest noch das Fest der Goettermutter und das der
+Flora, die plebejischen das Plebejer- und das Ceresfest, der
+staedtische Praetor die Apollinarischen Spiele. Man mag damit, dass die
+neuen Volksfeste wenigstens dem gemeinen Saeckel nicht zur Last fielen,
+sich vor sich selber entschuldigt haben; in der Tat waere es weit
+weniger nachteilig gewesen, das Gemeindebudget mit einer Anzahl
+unnuetzer Ausgaben zu belasten, als zu gestatten, dass die Ausrichtung
+einer Volkslustbarkeit tatsaechlich zur Qualifikation fuer die
+Bekleidung des hoechsten Gemeindeamtes ward. Die kuenftigen
+Konsularkandidaten machten bald in dem Aufwande fuer diese Spiele
+einander eine Konkurrenz, die die Kosten derselben ins Unglaubliche
+steigerte; und es schadete begreiflicherweise nicht, wenn der Konsul in
+Hoffnung noch ausser dieser gleichsam gesetzlichen eine freiwillige
+“Leistung” (munus), ein Fechterspiel auf seine Kosten zum besten gab.
+Die Pracht der Spiele wurde allmaehlich der Massstab, nach dem die
+Waehlerschaft die Tuechtigkeit der Konsulatsbewerber bemass. Die
+Nobilitaet hatte freilich schwer zu zahlen - ein anstaendiges
+Fechterspiel kostete 750000 Sesterzen (50000 Taler); allein sie zahlte
+gern, da sie ja damit den unvermoegenden Leuten die politische Laufbahn
+verschloss. Aber die Korruption beschraenkte sich nicht auf den Markt,
+sondern uebertrug sich auch schon auf das Lager. Die alte Buergerwehr
+hatte sich gluecklich geschaetzt, eine Entschaedigung fuer die
+Kriegsarbeit und im gluecklichen Fall eine geringe Siegesgabe
+heimzubringen; die neuen Feldherren, an ihrer Spitze Scipio Africanus,
+warfen das roemische wie das Beutegeld mit vollen Haenden unter sie aus
+- es war darueber, dass Cato waehrend der letzten Feldzuege gegen
+Hannibal in Afrika mit Scipio brach. Die Veteranen aus dem Zweiten
+Makedonischen und dem kleinasiatischen Krieg kehrten bereits
+durchgaengig als wohlhabende Leute heim; schon fing der Feldherr an,
+auch von den Besseren gepriesen zu werden, der die Gaben der
+Provinzialen und den Kriegsgewinn nicht bloss fuer sich und sein
+unmittelbares Gefolge nahm und aus dessen Lager nicht wenige Maenner
+mit Golde, sondern viele mit Silber in den Taschen zurueckkamen - dass
+auch die bewegliche Beute des Staates sei, fing an in Vergessenheit zu
+geraten. Als Lucius Paullus wieder in alter Weise mit derselben
+verfuhr, da fehlte wenig, dass seine eigenen Soldaten, namentlich die
+durch die Aussicht auf reichen Raub zahlreich herbeigelockten
+Freiwilligen, nicht durch Volksbeschluss dem Sieger von Pydna die Ehre
+des Triumphes aberkannt haetten, die man schon an jeden Bezwinger von
+drei ligurischen Doerfern wegwarf.
+
+————————————————————————-
+
+^9 Die Anlage des Circus ist bezeugt. Ueber die Entstehung der
+plebejischen Spiele gibt es keine alte Ueberlieferung, denn was der
+falsche Asconius (p. 143 Orelli) sagt, ist keine; aber da sie in dem
+Flaminischen Circus gefeiert wurden (Val. Max. 1, 7, 4) und zuerst
+sicher im Jahre 538 (216), vier Jahre nach dessen Erbauung, vorkommen
+(Liv. 23, 30), so wird das oben Gesagte dadurch hinreichend bewiesen.
+
+————————————————————————-
+
+Wie sehr die Kriegszucht und der kriegerische Geist der Buergerschaft
+unter diesem Uebergang der Kriegs- in das Raubhandwerk litten, kann man
+an den Feldzuegen gegen Perseus verfolgen; und fast in skurriler Weise
+offenbarte die einreissende Feigheit der unbedeutende Istrische Krieg
+(576 178), wo ueber ein geringes, vom Geruechte lawinenhaft
+vergroessertes Scharmuetzel das Landheer und die Seemacht der Roemer,
+ja die Italiker daheim ins Weglaufen kamen und Cato seinen Landsleuten
+ueber ihre Feigheit eine eigene Strafpredigt zu halten noetig fand.
+Auch hier ging die vornehme Jugend voran. Schon waehrend des
+Hannibalischen Krieges (545 200) sahen die Zensoren sich veranlasst,
+gegen die Laessigkeit der Militaerpflichtigen von Ritterschatzung mit
+ernsten Strafen einzuschreiten. Gegen das Ende dieser Periode (574 ?
+180) stellte ein Buergerschaftsbeschluss den Nachweis von zehn
+Dienstjahren als Qualifikation fuer die Bekleidung eines jeden
+Gemeindeamtes fest, um die Soehne der Nobilitaet dadurch zum Eintritt
+in das Heer zu noetigen.
+
+Aber wohl nichts spricht so deutlich fuer den Verfall des rechten
+Stolzes und der rechten Ehre bei Hohen wie bei Geringen als das Jagen
+nach Abzeichen und Titeln, das im Ausdruck verschieden, aber im Wesen
+gleichartig bei allen Staenden und Klassen erscheint. Zu der Ehre des
+Triumphes draengte man sich so, dass es kaum gelang, die alte Regel
+aufrecht zu erhalten, welche nur dem die Macht der Gemeinde in offener
+Feldschlacht mehrenden, ordentlichen hoechsten Gemeindebeamten
+verstattete zu triumphieren und dadurch allerdings nicht selten eben
+die Urheber der wichtigsten Erfolge von dieser Ehre ausschloss. Man
+musste es schon sich gefallen lassen, dass diejenigen Feldherren,
+welche vergeblich versucht oder keine Aussicht hatten, den Triumph vom
+Senat oder der Buergerschaft zu erlangen, auf eigene Hand wenigstens
+auf dem Albanischen Berg triumphierend aufzogen (zuerst 523 231). Schon
+war kein Gefecht mit einem ligurischen oder korsischen Haufen zu
+unbedeutend, um nicht daraufhin den Triumph zu erbitten. Um den
+friedlichen Triumphatoren, wie zum Beispiel die Konsuln des Jahres 570
+(184) gewesen waren, das Handwerk zu legen, wurde die Gestattung des
+Triumphes an den Nachweis einer Feldschlacht geknuepft, die wenigstens
+5000 Feinden das Leben gekostet; aber auch dieser Nachweis ward oefter
+durch falsche Bulletins umgangen - sah man doch auch schon in den
+vornehmen Haeusern manche feindliche Ruestung prangen, die keineswegs
+vom Schlachtfeld dahin kam. Wenn sonst der Oberfeldherr des einen
+Jahres es sich zur Ehre gerechnet hatte, das naechste Jahr in den Stab
+seines Nachfolgers einzutreten, so war es jetzt eine Demonstration
+gegen die neumodische Hoffart, dass der Konsular Cato unter Tiberius
+Sempronius Longus (560 194) und Manius Glabrio (563 191; 2, 258) als
+Kriegstribun Dienste nahm. Sonst hatte fuer den der Gemeinde erwiesenen
+Dienst der Dank der Gemeinde ein- fuer allemal genuegt; jetzt schien
+jedes Verdienst eine bleibende Auszeichnung zu fordern. Bereits der
+Sieger von Mylae (494 260) Gaius Duilius hatte es durchgesetzt, dass
+ihm, wenn er abends durch die Strassen der Hauptstadt ging,
+ausnahmsweise ein Fackeltraeger und ein Pfeifer voraufzog. Statuen und
+Denkmaeler, sehr oft auf Kosten des Geehrten errichtet, wurden so
+gemein, dass man es spoettisch fuer eine Auszeichnung erklaeren konnte,
+ihrer zu entbehren. Aber nicht lange genuegten derartige bloss
+persoenliche Ehren. Es kam auf, aus den gewonnenen Siegen dem Sieger
+und seinen Nachkommen einen bleibenden Zunamen zu schoepfen; welchen
+Gebrauch vornehmlich der Sieger von Zama begruendet hat, indem er sich
+selber den Mann von Afrika, seinen Bruder den von Asien, seinen Vetter
+den von Spanien nennen liess ^10. Dem Beispiel der Hohen folgten die
+Niederen nach. Wenn der Herrenstand es nicht verschmaehte, die
+Rangklassen der Leichenordnung festzustellen und dem gewesenen Zensor
+ein purpurnes Sterbekleid zu dekretieren, so konnte man es den
+Freigelassenen nicht veruebeln, dass auch sie verlangten, wenigstens
+ihre Soehne mit dem vielbeneideten Purpurstreif schmuecken zu duerfen.
+Der Rock, der Ring und die Amulettkapsel unterschieden nicht bloss den
+Buerger und die Buergerin von dem Fremden und dem Sklaven, sondern auch
+den Freigeborenen von dem gewesenen Knecht, den Sohn freigeborener von
+dem freigelassener Eltern, den Ritter- und den Senatorensohn von dem
+gemeinen Buerger, den Sproessling eines kurulischen Hauses von dem
+gemeinen Senator - und das in derjenigen Gemeinde, in der alles, was
+gut und gross, das Werk der buergerlichen Gleichheit war!
+
+———————————————————————————-
+
+^10 2, 276. Das erste sichere Beispiel eines solchen Beinamens ist das
+des Manius Valerius Maximus, Konsul 491 (263), der als Sieger von
+Messana den Namen Messala annahm; dass der Konsul von 419 (335) in
+aehnlicher Weise Calenus genannt worden sei, ist falsch. Die Beinamen
+Maximus im Valerischen und Fabischen Geschlecht sind nicht durchaus
+gleichartig.
+
+———————————————————————————-
+
+Die Zwiespaeltigkeit innerhalb der Gemeinde wiederholt sich in der
+Opposition. Gestuetzt auf die Bauernschaft erheben die Patrioten den
+lauten Ruf nach Reform; gestuetzt auf die hauptstaedtische Menge
+beginnt die Demagogie ihr Werk. Obwohl die beiden Richtungen sich nicht
+voellig trennen lassen, sondern mehrfach Hand in Hand gehen, wird es
+doch notwendig sein, sie in der Betrachtung voneinander zu sondern.
+
+Die Reformpartei tritt uns gleichsam verkoerpert entgegen in der Person
+des Marcus Porcius Cato (520-605 234-149). Cato, der letzte namhafte
+Staatsmann des aelteren, noch auf Italien sich beschraenkenden und dem
+Weltregiment abgeneigten Systems, galt darum spaeterhin als das Muster
+des echten Roemers von altem Schrot und Korn; mit groesserem Recht wird
+man ihn betrachten als den Vertreter der Opposition des roemischen
+Mittelstandes gegen die neue hellenisch-kosmopolitische Nobilitaet.
+Beim Pfluge hergekommen, ward er durch seinen Gutsnachbarn, einen der
+wenigen dem Zuge der Zeit abholden Adligen, Lucius Valerius Flaccus, in
+die politische Laufbahn gezogen; der derbe sabinische Bauer schien dem
+rechtschaffenen Patrizier der rechte Mann, um dem Strom der Zeit sich
+entgegenzustemmen; und er hatte in ihm sich nicht getaeuscht. Unter
+Flaccus’ Aegide und nach guter alter Sitte mit Rat und Tat den
+Mitbuergern und dem Gemeinwesen dienend, focht er sich empor bis zum
+Konsulat und zum Triumph, ja sogar bis zur Zensur. Mit dem siebzehnten
+Jahre eingetreten in die Buergerwehr, hatte er den ganzen
+Hannibalischen Krieg von der Schlacht am Trasimenischen See bis zu der
+bei Zama durchgemacht, unter Marcellus und Fabius, unter Nero und
+Scipio gedient und bei Tarent und Sena, in Afrika, Sardinien, Spanien,
+Makedonien sich als Soldat, als Stabsoffizier und als Feldherr gleich
+tuechtig bewaehrt. Wie auf der Walstatt stand er auf dem Marktplatz.
+Seine furchtlose und schlagfertige Rede, sein derber treffender
+Bauernwitz, seine Kenntnis des roemischen Rechts und der roemischen
+Verhaeltnisse, seine unglaubliche Ruehrigkeit und sein eiserner Koerper
+machten ihn zuerst in den Nachbarstaedten angesehen, alsdann, nachdem
+er auf dem Markt und in der Kurie der Hauptstadt auf einen groesseren
+Schauplatz getreten war, zu dem einflussreichsten Sachwalter und
+Staatsredner seiner Zeit. Er nahm den Ton auf, den zuerst Manius
+Curius, unter den roemischen Staatsmaennern sein Ideal, angeschlagen
+hatte; sein langes Leben hat er daran gesetzt, dem einreissenden
+Verfall redlich, wie er es verstand, nach allen Seiten hin zu begegnen,
+und noch in seinem fuenfundachtzigsten Jahre auf dem Marktplatz dem
+neuen Zeitgeist Schlachten geliefert. Er war nichts weniger als schoen
+- gruene Augen habe er, behaupteten seine Feinde, und rote Haare - und
+kein grosser Mann, am wenigsten ein weitblickender Staatsmann.
+Politisch und sittlich gruendlich borniert und stets das Ideal der
+guten alten Zeit vor den Augen und auf den Lippen, verachtete er
+eigensinnig alles Neue. Durch seine Strenge gegen sich vor sich selber
+legitimiert zu mitleidloser Schaerfe und Haerte gegen alles und alle,
+rechtschaffen und ehrbar, aber ohne Ahnung einer jenseits der
+polizeilichen Ordnung und der kaufmaennischen Redlichkeit liegenden
+Pflicht, ein Feind aller Bueberei und Gemeinheit wie aller Eleganz und
+Genialitaet und vor allen Dingen der Feind seiner Feinde, hat er nie
+einen Versuch gemacht, die Quellen des Uebels zu verstopfen, und sein
+Leben lang gegen nichts gefochten als gegen Symptome und namentlich
+gegen Personen. Die regierenden Herren sahen zwar auf den ahnenlosen
+Beller vornehm herab und glaubten nicht mit Unrecht, ihn weit zu
+uebersehen; aber die elegante Korruption in und ausser dem Senat
+zitterte doch im geheimen vor dem alten Sittenmeisterer von stolzer
+republikanischer Haltung, vor dem narbenbedeckten Veteranen aus dem
+Hannibalischen Krieg, vor dem hoechst einflussreichen Senator und dem
+Abgott der roemischen Bauernschaft. Einem nach dem andern seiner
+vornehmen Kollegen hielt er oeffentlich sein Suendenregister vor,
+allerdings ohne es mit den Beweisen sonderlich genau zu nehmen, und
+allerdings auch mit besonderem Genuss denjenigen, die ihn persoenlich
+gekreuzt oder gereizt hatten. Ebenso ungescheut verwies und beschalt er
+oeffentlich auch der Buergerschaft jede neue Unrechtfertigkeit und
+jeden neuen Unfug. Seine bitterboesen Angriffe erweckten ihm zahllose
+Feinde und mit den maechtigsten Adelskoterien der Zeit, namentlich den
+Scipionen und den Flamininen, lebte er in ausgesprochener
+unversoehnlicher Fehde; vierundvierzigmal ist er oeffentlich angeklagt
+worden. Aber die Bauernschaft - und es ist dies bezeichnend dafuer, wie
+maechtig noch in dieser Zeit in dem roemischen Mittelstand derjenige
+Geist war, der den Tag von Cannae hatte uebertragen machen - liess den
+ruecksichtslosen Verfechter der Reform in ihren Abstimmungen niemals
+fallen; ja als im Jahre 570 (184) Cato mit seinem adligen
+Gesinnungsgenossen Lucius Flaccus sich um die Zensur bewarb und im
+voraus ankuendigte, dass sie in diesem Amte eine durchgreifende
+Reinigung der Buergerschaft an Haupt und Gliedern vorzunehmen
+beabsichtigten, wurden die beiden gefuerchteten Maenner von der
+Buergerschaft gewaehlt ungeachtet aller Anstrengungen des Adels, und
+derselbe musste es hinnehmen, dass in der Tat das grosse Fegefest
+stattfand und dabei unter anderen der Bruder des Afrikaners von der
+Ritter-, der Bruder des Befreiers der Griechen von der Senatorenliste
+gestrichen wurden.
+
+Dieser Krieg gegen die Personen und die vielfachen Versuche, mit Justiz
+und Polizei den Geist der Zeit zu bannen, wie achtungswert auch die
+Gesinnung war, aus der sie hervorgingen, konnten doch hoechstens den
+Strom der Korruption auf eine kurze Weile zurueckstauen; und wenn es
+bemerkenswert ist, dass Cato dem zum Trotz oder vielmehr dadurch seine
+politische Rolle zu spielen vermocht hat, so ist es ebenso bezeichnend,
+dass es so wenig ihm gelang, die Koryphaeen der Gegenpartei wie diesen
+ihn zu beseitigen, und die von ihm und seinem Gesinnungsgenossen vor
+der Buergerschaft angestellten Rechenschaftsprozesse wenigstens in den
+politisch wichtigen Faellen durchgaengig ganz ebenso erfolglos
+geblieben sind wie die gegen Cato gerichteten Anklagen. Nicht viel mehr
+als diese Anklagen haben die Polizeigesetze gewirkt, welche namentlich
+zur Beschraenkung des Luxus und zur Herbeifuehrung eines sparsamen und
+ordentlichen Haushaltes in dieser Epoche in ungemeiner Anzahl erlassen
+wurden und die zum Teil in der Darstellung der Volkswirtschaft noch zu
+beruehren sein werden.
+
+Bei weitem praktischer und nuetzlicher waren die Versuche, dem
+einreissenden Verfall mittelbar zu steuern, unter denen die
+Ausweisungen von neuen Bauernhufen aus dem Domanialland ohne Zweifel
+den ersten Platz einnehmen. Dieselben haben in der Zeit zwischen dem
+ersten und zweiten Kriege mit Karthago und wieder vom Ende des
+letzteren bis gegen den Schluss dieses Zeitabschnitts in grosser Anzahl
+und in bedeutendem Umfange stattgefunden; die wichtigsten darunter sind
+die Aufteilung der picenischen Possessionen durch Gaius Flaminius im
+Jahre 522 (232),die Anlage von acht neuen Seekolonien im Jahre 560
+(194) und vor allem die umfassende Kolonisation der Landschaft zwischen
+dem Apennin und dem Po durch die Anlage der latinischen Pflanzstaedte
+Placentia, Cremona, Bononia und Aquileia und der Buergerkolonien
+Potentia, Pisaurum, Mutina, Parma und Luna in den Jahren 536 (218) und
+565-577 (189-177). Bei weitem die meisten dieser segensreichen
+Gruendungen duerfen der Reformpartei zugeschrieben werden. Hinweisend
+einerseits auf die Verwuestung Italiens durch den Hannibalischen Krieg
+und das erschreckende Hinschwindender Bauernstellen und ueberhaupt der
+freien italischen Bevoelkerung, anderseits auf die weit ausgedehnten,
+neben und gleich Eigentum besessenen Possessionen der Vornehmen im
+Cisalpinischen Gallien, in Samnium, in der apulischen und brettischen
+Landschaft haben Cato und seine Gesinnungsgenossen sie gefordert; und
+obwohl die roemische Regierung diesen Forderungen wahrscheinlich nicht
+in dem Massstab nachkam, wie sie es gekonnt und gesollt haette, so
+blieb sie doch nicht taub gegen die warnende Stimme des verstaendigen
+Mannes.
+
+Verwandter Art ist der Vorschlag, den Cato im Senat stellte, dem
+Verfall der Buergerreiterei durch Errichtung von vierhundert neuen
+Reiterstellen Einhalt zu tun. An den Mitteln dazu kann es der
+Staatskasse nicht gefehlt haben; doch scheint der Vorschlag an dem
+exklusiven Geiste der Nobilitaet und ihrem Bestreben, diejenigen, die
+nur Reiter und nicht Ritter waren, aus der Buergerreiterei zu
+verdraengen, gescheitert zu sein. Dagegen erzwangen die schweren
+Kriegslaeufte, welche ja sogar die roemische Regierung zu dem
+gluecklicherweise verunglueckenden Versuch bestimmten, ihre Heere nach
+orientalischer Art vom Sklavenmarkt zu rekrutieren, die Milderung der
+fuer den Dienst im Buergerheer bisher geforderten Qualifikationen: des
+Minimalzensus von 11000 Assen (300 Taler) und der Freigeborenheit.
+Abgesehen davon, dass man die zwischen 4000 (115 Taler) und 1500 Assen
+(43 Taler) geschaetzten Freigeborenen und saemtliche Freigelassene zum
+Flottendienst anzog, wurde der Minimalzensus fuer den Legionaer auf
+4000 Asse (115 Taler) ermaessigt und wurden im Notfall auch sowohl die
+Flottendienstpflichtigen als sogar die zwischen 1500 (43 Taler) und 375
+Asse (11 Taler) geschaetzten Freigeborenen in das Buergerfussvolk
+miteingestellt. Diese vermutlich dem Ende der vorigen oder dem Anfang
+dieser Epoche angehoerenden Neuerungen sind ohne Zweifel ebensowenig
+wie die servianische Militaerreform aus Parteibestrebungen
+hervorgegangen; allein sie taten doch der demokratischen Partei
+insofern wesentlichen Vorschub, als mit den buergerlichen Belastungen
+zuerst die buergerlichen Ansprueche und sodann auch die buergerlichen
+Rechte sich notwendig ins Gleichgewicht setzten. Die Armen und
+Freigelassenen fingen an in dem Gemeinwesen etwas zu bedeuten, seit sie
+ihm dienten; und hauptsaechlich daraus entsprang eine der wichtigsten
+Verfassungsaenderungen dieser Zeit, die Umgestaltung der
+Zenturiatkomitien, welche hoechst wahrscheinlich in demselben Jahre
+erfolgte, in welchem der Krieg um Sizilien zu Ende ging (513 241).
+
+Nach der bisherigen Stimmordnung hatten in den Zenturiatkomitien wenn
+auch nicht mehr, wie bis auf die Reform des Appius Claudius, allein die
+Ansaessigen gestimmt, aber doch die Vermoegenden ueberwogen: es hatten
+zuerst die Ritter gestimmt, das heisst der patrizisch-plebejische Adel,
+sodann die Hoechstbesteuerten, das heisst diejenigen, die ein Vermoegen
+von mindestens 100000 Assen (2900 Taler) dem Zensor nachgewiesen hatten
+^11; und diese beiden Abteilungen hatten, wenn sie zusammenhielten,
+jede Abstimmung entschieden. Das Stimmrecht der Steuerpflichtigen der
+vier folgenden Klassen war von zweifelhaftem Gewicht, das derjenigen,
+deren Schaetzung unter dem niedrigsten Klassensatz von 11000 Assen (300
+Taler) geblieben war, wesentlich illusorisch gewesen. Nach der neuen
+Ordnung wurde der Ritterschaft, obwohl sie ihre gesonderten Abteilungen
+behielt, das Vorstimmrecht entzogen und dasselbe auf eine aus der
+ersten Klasse durch das Los erwaehlte Stimmabteilung uebertragen. Die
+Wichtigkeit jenes adligen Vorstimmrechts kann nicht hoch genug
+angeschlagen werden, zumal in einer Epoche, in der tatsaechlich der
+Einfluss des Adels auf die Gesamtbuergerschaft in stetigem Steigen war.
+War doch selbst der eigentliche Junkerstand noch in dieser Zeit
+maechtig genug, um die gesetzlich den Patriziern wie den Plebejern
+offenstehende zweite Konsul- und zweite Zensorstelle, jene bis an den
+Schluss dieser Periode (bis 582 172), diese noch ein Menschenalter
+darueber hinaus (bis 623 131), lediglich aus den Seinigen zu besetzen,
+ja in dem gefaehrlichsten Moment, den die roemische Republik erlebt
+hat, in der Krise nach der Cannensischen Schlacht, die vollkommen
+gesetzlich erfolgte Wahl des nach aller Ansicht faehigsten Offiziers,
+des Plebejers Marcellus, zu der durch des Patriziers Paullus Tod
+erledigten Konsulstelle einzig seines Plebejertums wegen rueckgaengig
+zu machen. Dabei ist es freilich charakteristisch fuer das Wesen auch
+dieser Reform, dass das Vorstimmrecht nur dem Adel, nicht aber den
+Hoechstbesteuerten entzogen ward, das den Ritterzenturien entzogene
+Vorstimmrecht nicht auf eine etwa durch das Los aus der ganzen
+Buergerschaft erwaehlte Abteilung, sondern ausschliesslich auf die
+erste Klasse ueberging. Diese sowie ueberhaupt die fuenf Stufen blieben
+wie sie waren; nur die Grenze nach unter, wurde wahrscheinlich in der
+Weise verschoben, dass der Minimalzensus wie fuer den Dienst in der
+Legion so auch fuer das Stimmrecht in den Zenturien von 11000 auf 4000
+Asse herabgesetzt ward. Ueberdies lag schon in der formeller
+Beibehaltung der frueheren Saetze bei dem allgemeinen Steigen des
+Vermoegensstandes gewissermassen eine Ausdehnung des Stimmrechts im
+demokratischen Sinn. Die Gesamtzahl der Abteilungen blieb gleichfalls
+unveraendert; aber wenn bis dahin, wie gesagt, die achtzehn
+Ritterzenturien und die 80 der ersten Klasse in den 193 Stimmzenturien
+allein die Majoritaet gehabt hatten, so wurden in der reformierten
+Ordnung die Stimmen der ersten Klasse auf 70 herabgesetzt und dadurch
+bewirkt, dass unter allen Umstaenden wenigstens die zweite Stufe zur
+Abstimmung gelangte. Wichtiger noch und der eigentliche Schwerpunkt der
+Reform war die Verbindung, in welche die neuen Stimmabteilungen mit der
+Tribusordnung gesetzt wurden. Von jeher sind die Zenturien aus den
+Tribus in der Weise hervorgegangen, dass wer einer Tribus angehoerte,
+von dem Zensor in eine der Zenturien eingeschrieben werden musste.
+Seitdem die nicht ansaessigen Buerger in die Tribus eingeschrieben
+worden waren, gelangten also auch sie in die Zenturien, und waehrend
+sie in den Tribusversammlungen selbst auf die vier staedtischen
+Abteilungen beschraenkt waren, hatten sie in denen der Zenturien mit
+den ansaessigen Buergern formell das gleiche Recht, wenngleich
+wahrscheinlich die zensorische Willkuer in der Zusammensetzung der
+Zenturien dazwischen trat und den in die Landtribus eingeschriebenen
+Buergern das Uebergewicht auch in der Zenturienversammlung gewaehrte.
+Dieses Uebergewicht wurde durch die reformierte Ordnung rechtlich in
+der Weise festgestellt, dass von den 70 Zenturien der ersten Klasse
+jeder Tribus zwei zugewiesen wurden, demnach die nicht ansaessigen
+Buerger davon nur acht erhielten; in aehnlicher Weise muss auch in den
+vier anderen Stufen den ansaessigen Buergern das Uebergewicht
+eingeraeumt worden sein. Im gleichen Sinne wurde die bisherige
+Gleichstellung der Freigelassenen mit den Freigeborenen im Stimmrecht
+in dieser Zeit beseitigt und wurden auch die ansaessigen Freigelassenen
+in die vier staedtischen Tribus gewiesen. Dies geschah im Jahre 534
+(220) durch einen der namhaftesten Maenner der Reformpartei, den Zensor
+Gaius Flaminius, und wurde dann von dem Zensor Tiberius Sempronius
+Gracchus, dem Vater der beiden Urheber der roemischen Revolution,
+fuenfzig Jahre spaeter (585 169) wiederholt und verschaerft. Diese
+Reform der Zenturien, die vielleicht in ihrer Gesamtheit ebenfalls von
+Flaminius ausgegangen ist, war die erste wichtige Verfassungsaenderung,
+die die neue Opposition der Nobilitaet abgewann, der erste Sieg der
+eigentlichen Demokratie. Der Kern derselben besteht teils in der
+Beschraenkung des zensorischen Willkuerregiments, teils in der
+Beschraenkung des Einflusses einerseits der Nobilitaet, anderseits der
+Nichtansaessigen und der Freigelassenen, also in der Umgestaltung der
+Zenturiatkomitien nach dem fuer die Tributkomitien schon geltenden
+Prinzip; was sich schon dadurch empfahl, dass Wahlen,
+Gesetzvorschlaege, Kriminalanklagen und ueberhaupt alle die Mitwirkung
+der Buergerschaft erfordernde Angelegenheiten durchgaengig an die
+Tributkomitien gebracht und die schwerfaelligeren Zenturien nicht
+leicht anders zusammengerufen wurden, als wo es verfassungsmaessig
+notwendig oder doch ueblich war, um die Zensoren, Konsuln und Praetoren
+zu waehlen und um einen Angriffskrieg zu beschliessen. Es ward also
+durch diese Reform nicht ein neues Prinzip in die Verfassung hinein,
+sondern ein laengst in der praktisch haeufigeren und wichtigeren
+Kategorie der Buergerschaftsversammlungen massgebendes zu allgemeiner
+Geltung gebracht. Ihre wohl demokratische, aber keineswegs demagogische
+Tendenz zeigt sich deutlich in ihrer Stellungnahme zu den eigentlichen
+Stuetzen jeder wirklich revolutionaeren Partei, dem Proletariat und der
+Freigelassenschaft. Darum darf denn auch die praktische Bedeutung
+dieser Abaenderung der fuer die Urversammlungen massgebenden
+Stimmordnung nicht allzu hoch angeschlagen werden. Das neue Wahlgesetz
+hat die gleichzeitige Bildung eines neuen politisch privilegierten
+Standes nicht verhindert und vielleicht nicht einmal wesentlich
+erschwert. Es ist sicher nicht bloss Schuld der allerdings mangelhaften
+Ueberlieferung, dass wir nirgend eine tatsaechliche Einwirkung der
+vielbesprochenen Reform auf den politischen Verlauf der Dinge
+nachzuweisen vermoegen. Innerlich haengt uebrigens mit dieser Reform
+noch die frueher schon erwaehnte Beseitigung der nicht
+stimmberechtigten roemischen Buergergemeinden und deren allmaehliches
+Aufgehen in die Vollbuergergemeinde zusammen. Es lag in dem
+nivellierenden Geiste der Fortschrittspartei, die Gegensaetze innerhalb
+des Mittelstandes zu beseitigen, waehrend die Kluft zwischen Buergern
+und Nichtbuergern sich gleichzeitig breiter und tiefer zog.
+
+———————————————————————-
+
+^11 Ueber die urspruenglichen roemischen Zensussaetze ist es schwierig,
+etwas Bestimmtes aufzustellen. Spaeterhin galten bekanntlich als
+Minimalzensus der ersten Klasse 100000 As, wozu die Zensus der vier
+uebrigen Klassen in dem (wenigstens ungefaehren) Verhaeltnis von ¾, ½,
+¼, 1/9 stehen. Diese Saetze aber versteht bereits Polybios und
+verstehen alle spaeteren Schriftsteller von dem leichten As (zu 1/10
+Denar), und es scheint hieran festgehalten werden zu muessen, wenn auch
+in Beziehung auf das Voconische Gesetz dieselben Summen als schwere
+Asse (zu ¼ Denar) in Ansatz gebracht werden (Geschichte des Roemischen
+Muenzwesens, S. 302). Appius Claudius aber, der zuerst im Jahre 442
+(312) die Zensussaetze in Geld statt in Grundbesitz ausdrueckte, kann
+sich dabei nicht des leichten As bedient haben, der erst 485 (269)
+aufkam. Entweder also hat er dieselben Betraege in schweren Assen
+ausgedrueckt und sind diese bei der Muenzreduktion in leichte umgesetzt
+worden, oder er stellte die spaeteren Ziffern auf, und es blieben
+dieselben trotz der Muenzreduktion, welche in diesem Falle eine
+Herabsetzung der Klassensaetze um mehr als die Haelfte enthalten haben
+wuerde. Gegen beide Annahmen lassen sich gueltige Bedenken erheben;
+doch scheint die erstere glaublicher, da ein so exorbitanter
+Fortschritt in der demokratischen Entwicklung weder fuer das Ende des
+fuenften Jahrhunderts noch als beilaeufige Konsequenz einer bloss
+administrativen Massregel wahrscheinlich ist, auch wohl schwerlich ganz
+aus der Ueberlieferung verschwunden sein wuerde. 100000 leichte As oder
+40000 Sesterzen koennen uebrigens fueglich als Aequivalent der
+urspruenglichen roemischen Vollhufe von vielleicht 20 Morgen angesehen
+werden; so dass danach die Schatzungssaetze ueberhaupt nur im Ausdruck,
+nicht aber im Wert gewechselt haben wuerden.
+
+———————————————————————-
+
+Fasst man zusammen, was von der Reformpartei dieser Zeit gewollt und
+erreicht ward, so hat sie dem einreissenden Verfall, vor allem dem
+Einschwinden des Bauernstandes und der Lockerung der alten, strengen
+und sparsamen Sitte, aber auch dem uebermaechtigen politischen Einfluss
+der neuen Nobilitaet unzweifelhaft patriotisch und energisch zu steuern
+sich bemueht und bis zu einem gewissen Grade auch gesteuert. Allein man
+vermisst ein hoeheres politisches Ziel. Das Missbehagen der Menge, der
+sittliche Unwille der Besseren fanden wohl in dieser Opposition ihren
+angemessenen und kraeftigen Ausdruck; aber man sieht weder eine
+deutliche Einsicht in die Quelle des Uebels noch einen festen Plan, im
+grossen und ganzen zu bessern. Eine gewisse Gedankenlosigkeit geht
+hindurch durch all diese sonst so ehrenwerten Bestrebungen, und die
+rein defensive Haltung der Verteidiger weissagt wenig Gutes fuer den
+Erfolg. Ob die Krankheit ueberhaupt durch Menschenwitz geheilt werden
+konnte, bleibt billig dahingestellt; die roemischen Reformatoren dieser
+Zeit aber scheinen mehr gute Buerger als gute Staatsmaenner gewesen zu
+sein und den grossen Kampf des alten Buergertums gegen den neuen
+Kosmopolitismus auf ihrer Seite einigermassen unzulaenglich und
+spiessbuergerlich gefuehrt zu haben.
+
+Aber wie neben der Buergerschaft der Poebel in dieser Zeit emporkam, so
+trat auch schon neben die achtbare und nuetzliche Oppositionspartei die
+volksschmeichelnde Demagogie. Bereits Cato kennt das Gewerbe der Leute,
+die an der Redesucht kranken wie andere an der Trink- und der
+Schlafsucht; die sich Zuhoerer mieten, wenn sich keine freiwillig
+einfinden, und die man wie den Marktschreier anhoert, ohne auf sie zu
+hoeren, geschweige denn, wenn man Hilfe braucht, sich ihnen
+anzuvertrauen. In seiner derben Art schildert der Alte diese nach dem
+Muster der griechischen Schwaetzer des Marktes gebildeten spassigen und
+witzelnden, singenden und tanzenden, allezeit bereiten Herrchen; zu
+nichts, meint er, ist so einer zu brauchen, als um sich im Zuge als
+Hanswurst zu produzieren und mit dem Publikum Reden zu wechseln - fuer
+ein Stueck Brot ist ihm ja das Reden wie das Schweigen feil. In der
+Tat, diese Demagogen waren die schlimmsten Feinde der Reform. Wie diese
+vor allen Dingen und nach allen Seiten hin auf sittliche Besserung
+drang, so hielt die Demagogie vielmehr hin auf Beschraenkung der
+Regierungs- und Erweiterung der Buergerschaftskompetenz. In ersterer
+Beziehung ist die wichtigste Neuerung die tatsaechliche Abschaffung der
+Diktatur. Die durch Quintus Fabius und seine populaeren Gegner 537
+(217) hervorgerufene Krise gab diesem von Haus aus unpopulaeren
+Institut den Todesstoss. Obwohl die Regierung einmal nachher noch (538
+216) unter dem unmittelbaren Eindruck der Schlacht von Cannae einen mit
+aktivem Kommando ausgestatteten Diktator ernannt hat, so durfte sie
+dies doch in ruhigeren Zeiten nicht wieder wagen, und nachdem noch ein
+paar Male (zuletzt 552 202), zuweilen nach vorgaengiger Bezeichnung der
+zu ernennenden Person durch die Buergerschaft, ein Diktator fuer
+staedtische Geschaefte eingesetzt worden war, kam dieses Amt, ohne
+foermlich abgeschafft zu werden, tatsaechlich ausser Gebrauch. Damit
+ging dem kuenstlich ineinander gefugten roemischen Verfassungssystem
+ein fuer dessen eigentuemliche Beamtenkollegialitaet sehr
+wuenschenswertes Korrektiv verloren und buesste die Regierung, von der
+das Eintreten der Diktatur, das heisst die Suspension der Konsuln,
+durchaus und in der Regel auch die Bezeichnung des zu ernennenden
+Diktators abgehangen hatte, eines ihrer wichtigsten Werkzeuge ein - nur
+unvollkommen ward dasselbe ersetzt durch die vom Senat seitdem in
+Anspruch genommene Befugnis, in ausserordentlichen Faellen, namentlich
+bei ploetzlich ausbrechendem Aufstand oder Krieg, den zeitigen
+hoechsten Beamten gleichsam diktatorische Gewalt zu verleihen durch die
+Instruktion: nach Ermessen fuer das gemeine Wohl Massregeln zu treffen,
+und damit einen dem heutigen Standrecht aehnlichen Zustand
+herbeizufuehren. Daneben dehnte die formelle Kompetenz des Volkes in
+der Beamtenernennung wie in Regierungs-, Verwaltungs- und Finanzfragen
+in bedenklicher Weise sich aus. Die Priesterschaften, namentlich die
+politisch wichtigsten Kollegien der Sachverstaendigen, ergaenzten sich
+nach altem Herkommen selber und ernannten selber ihre Vorsteher, soweit
+diese Koerperschaften ueberhaupt Vorsteher hatten; und in der Tat war
+fuer diese zur Ueberlieferung der Kunde goettlicher Dinge von
+Geschlecht zu Geschlecht bestimmten Institute die einzige ihrem Geist
+entsprechende Wahlform die Kooptation. Es ist darum zwar nicht von
+grossem politischen Gewicht, aber bezeichnend fuer die beginnende
+Desorganisation der republikanischen Ordnungen, dass in dieser Zeit
+(vor 542 212) zwar noch nicht die Wahl in die Kollegien selbst, aber
+wohl die Bezeichnung der Vorstaende der Curionen und der Pontifices aus
+dem Schosse dieser Koerperschatten von den Kollegien auf die Gemeinde
+ueberging; wobei ueberdies noch, mit echt roemischer formaler
+Goetterfurcht, um ja nichts zu versehen, nur die kleinere Haelfte der
+Bezirke, also nicht das “Volk” den Wahlakt vollzog. Von groesserer
+Bedeutung war das zunehmende Eingreifen der Buergerschaft in
+persoenliche und sachliche Fragen aus dem Kreise der Militaerverwaltung
+und der aeusseren Politik. Hierher gehoert der Uebergang der Ernennung
+der ordentlichen Stabsoffiziere vom Feldherrn auf die Buergerschaft,
+dessen schon gedacht ward; hierher die Wahlen der Fuehrer der
+Opposition zu Oberfeldherren gegen Hannibal; hierher der verfassungs-
+und vernunftwidrige Buergerschaftsbeschluss von 537 (217), wodurch das
+hoechste Kommando zwischen dem unpopulaeren Generalissimus und seinem
+populaeren und ihm im Lager wie daheim opponierenden Unterfeldherrn
+geteilt ward; hierher das gegen einen Offizier wie Marcellus vor der
+Buergerschaft verfuehrte tribunizische Gequengel wegen unverstaendiger
+und unredlicher Kriegfuehrung (545 209), welches denselben doch schon
+noetigte, aus dem Lager nach der Hauptstadt zu kommen und sich wegen
+seiner militaerischen Befaehigung vor dem Publikum der Hauptstadt
+auszuweisen; hierher die noch skandaloeseren Versuche, dem Sieger von
+Pydna durch Buergerschaftsbeschluss den Triumph abzuerkennen; hierher
+die allerdings wohl vom Senat veranlasste Bekleidung eines Privatmanns
+mit ausserordentlicher konsularischer Amtsgewalt (544 210); hierher die
+bedenkliche Drohung Scipios, den Oberbefehl in Afrika, wenn der Senat
+ihm denselben verweigere, sich von der Buergerschaft bewilligen zu
+lassen (549 205); hierher der Versuch eines vor Ehrgeiz. halb
+naerrischen Menschen, der Buergerschaft wider Willen der Regierung eine
+in jeder Hinsicht ungerechtfertigte Kriegserklaerung gegen die Rhodier
+zu entreissen (587 167); hierher das neue staatsrechtliche Axiom, dass
+jeder Staatsvertrag erst durch Ratifikation der Gemeinde vollgueltig
+werde. Dieses Mitregieren und Mitkommandieren der Buergerschaft war in
+hohem Grade bedenklich, aber weit bedenklicher noch ihr Eingreifen in
+das Finanzwesen der Gemeinde; nicht bloss, weil die Macht des Senats in
+der Wurzel getroffen wurde durch jeden Angriff auf das aelteste und
+wichtigste Recht der Regierung: die ausschliessliche Verwaltung des
+Gemeindevermoegens, sondern weil die Unterstellung der wichtigsten
+hierher gehoerigen Angelegenheit, der Aufteilung der Gemeindedomaenen,
+unter die Urversammlungen der Buergerschaft mit Notwendigkeit der
+Republik ihr Grab grub. Die Urversammlung aus dem Gemeingut
+unbeschraenkt in den eigenen Beutel hineindekretieren zu lassen, ist
+reicht bloss verkehrt, sondern der Anfang vom Ende; es demoralisiert
+die bestgesinnte Buergerschaft und gibt dem Antragsteller eine mit
+keinem freien Gemeinwesen vertraegliche Macht. Wie heilsam auch die
+Aufteilung des Gemeinlandes und wie zwiefachen Tadels darum der Senat
+wert war, indem er es unterliess, durch freiwillige Aufteilung des
+okkupierten Landes dies gefaehrlichste aller Agitationsmittel
+abzuschneiden, so hat doch Gaius Flaminius, indem er mit dem Antrag auf
+Aufteilung der picenischen Domaenen im Jahre 522 (232) an die
+Buergerschaft ging, durch das Mittel ohne Zweifel dem Gemeinwesen mehr
+geschadet, als durch den Zweck ihm genuetzt. Wohl hatte
+zweihundertundfuenfzig Jahre zuvor Spurius Cassius dasselbe beantragt;
+aber die beiden Massregeln, wie genau sie auch dem Buchstaben nach
+zusammenstimmten, waren dennoch insofern voellig verschieden, als
+Cassius eine Gemeindesache an die lebendige und noch sich selber
+regierende Gemeinde, Flaminius eine Staatsfrage an die Urversammlung
+eines grossen Staates brachte. Mit vollem Recht betrachtete nicht etwa
+bloss die Regierungs-, sondern auch die Reformpartei das militaerische,
+administrative und finanzielle Regiment als legitime Domaene des Senats
+und huetete sie sich wohl, von der formellen Macht der innerlich in
+unabwendbarer Aufloesung begriffenen Urversammlungen vollen Gebrauch zu
+machen, geschweige denn sie zu steigern. Wenn nie, selbst nicht in der
+beschraenktesten Monarchie, dem Monarchen eine so voellig nichtige
+Rolle zugefallen ist, wie sie dem souveraenen roemischen Volke
+zugeteilt ward, so war dies zwar in mehr als einer Hinsicht zu
+bedauern, aber bei dem dermaligen Stande der Komitialmaschine auch nach
+der Ansicht der Reformfreunde eine Notwendigkeit. Darum haben Cato und
+seine Gesinnungsgenossen nie eine Frage an die Buergerschaft gebracht,
+welche in das eigentliche Regiment eingegriffen haette, niemals die von
+ihnen gewuenschten politischen oder finanziellen Massregeln, wie zum
+Beispiel die Kriegserklaerung gegen Karthago und die Ackerauslegungen,
+mittelbar oder unmittelbar durch Buergerschaftsbeschluss dem Senat
+abgezwungen. Die Regierung des Senats mochte schlecht sein; die
+Urversammlungen konnten nicht regieren. Nicht als haette in ihnen eine
+boeswillige Majoritaet vorgeherrscht; im Gegenteil fand das Wort eines
+angesehenen Mannes, fand der laute Ruf der Ehre und der lautere der Not
+in der Regel in den Komitien noch Gehoer und wendete die aeussersten
+Schaedigungen und Schaendlichkeiten ab - die Buergerschaft, vor der
+Marcellus sich verantwortete, liess den Anklaeger schimpflich
+durchfallen und waehlte den Angeklagten zum Konsul fuer das folgende
+Jahr; auch von der Notwendigkeit des Krieges gegen Philippos liess die
+Versammlung sich ueberzeugen, endigte den Krieg gegen Perseus durch die
+Wahl des Paullus und bewilligte diesem den wohlverdienten Triumph. Aber
+zu solchen Wahlen und solchen Beschluessen bedurfte es doch schon eines
+besonderen Aufschwungs; durchgaengig folgte die Masse willenlos dem
+naechsten Impulse, und Unverstand und Zufall entschieden.
+
+Im Staate wie in jedem Organismus ist das Organ, welches nicht mehr
+wirkt, schon auch schaedlich; auch die Nichtigkeit der souveraenen
+Volksversammlung schloss keine geringe Gefahr ein. Jede Minoritaet im
+Senat konnte der Majoritaet gegenueber verfassungsmaessig an die
+Komitien appellieren. Jedem einzelnen Manne, der die leichte Kunst
+besass, unmuendigen Ohren zu predigen oder auch nur Geld wegzuwerfen,
+war ein Weg eroeffnet, um sich eine Stellung zu verschaffen oder einen
+Beschluss zu erwirken, denen gegenueber Beamte und Regierung formell
+gehalten waren zu gehorchen. Daher denn jene Buergergenerale, gewohnt,
+im Weinhaus Schlachtplaene auf den Tisch zu zeichnen und kraft ihres
+angeborenen strategischen Genies mitleidig auf den Gamaschendienst
+herabzusehen; daher jene Stabsoffiziere, die ihr Kommando dem
+hauptstaedtischen Aemterbettel verdankten und, wenn es einmal Ernst
+galt, vor allen Dingen in Masse verabschiedet werden mussten - und
+daher die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae und die
+schimpfliche Kriegfuehrung gegen Perseus. Auf Schritt und Tritt ward
+die Regierung durch jene unberechenbaren Buergerschaftsbeschluesse
+gekreuzt und beirrt, und begreiflicherweise eben da am meisten, wo sie
+am meisten in ihrem guten Recht war.
+
+Aber die Schwaechung der Regierung und der Gemeinde selbst waren noch
+die geringere unter den aus dieser Demagogie sich entwickelnden
+Gefahren. Unmittelbarer noch draengte unter der Aegide der
+verfassungsmaessigen Rechte der Buergerschaft die faktioese Gewalt der
+einzelnen Ehrgeizigen sich empor. Was formell als Wille der hoechsten
+Autoritaet im Staate auftrat, war der Sache nach sehr oft nichts als
+das persoenliche Belieben des Antragstellers; und was sollte werden aus
+einem Gemeinwesen, in welchem Krieg und Frieden, Ernennung und
+Absetzung des Feldherrn und der Offiziere, die gemeine Kasse und das
+gemeine Gut von den Launen der Menge und ihrer zufaelligen Fuehrer
+abhingen? Das Gewitter war noch nicht ausgebrochen; aber dicht und
+dichter ballten die Wolken sich zusammen und einzelne Donnerschlaege
+rollten bereits durch die schwuele Luft. Dabei trafen in zwiefach
+bedenklicher Weise die scheinbar entgegengesetztesten Richtungen in
+ihren aeussersten Spitzen sowohl hinsichtlich der Zwecke wie
+hinsichtlich der Mittel zusammen. In der Poebelklientel und dem
+Poebelkultus machten Familienpolitik und Demagogie sich eine
+gleichartige und gleich gefaehrliche Konkurrenz. Gaius Flaminius galt
+den Staatsmaennern der folgenden Generation als der Eroeffner
+derjenigen Bahn, aus welcher die Gracchischen Reformen und - setzen wir
+hinzu - weiterhin die demokratisch-monarchische Revolution hervorging.
+Aber auch Publius Scipio, obwohl tonangebend in der Hoffart, der
+Titeljagd, der Klientelmacherei der Nobilitaet, stuetzte sich in seiner
+persoenlichen und fast dynastischen Politik gegen den Senat auf die
+Menge, die er nicht bloss durch den Schimmer seiner Individualitaet
+bezauberte, sondern auch durch seine Kornsendungen bestach, auf die
+Legionen, deren Gunst er durch rechte und unrechte Mittel sich erwarb,
+und vor allen Dingen auf die ihm persoenlich anhaengende hohe und
+niedere Klientel - nur die traeumerische Unklarheit, auf welcher der
+Reiz wie die Schwaeche dieses merkwuerdigen Mannes grossenteils beruht,
+liessen ihn aus dem Glauben: nichts zu sein noch sein zu wollen als der
+erste Buerger von Rom, nicht oder doch nicht voellig erwachen.
+
+Die Moeglichkeit einer Reform zu behaupten, wuerde ebenso verwegen
+sein, wie sie zu leugnen; dass eine durchgreifende Verbesserung des
+Staats an Haupt und Gliedern dringendes Beduerfnis war und dass von
+keiner Seite dazu ein ernstlicher Versuch gemacht ward, ist gewiss.
+Zwar im einzelnen geschah von seiten des Senats wie von seiten der
+buergerschaftlichen Opposition mancherlei. Dort wie hier waren die
+Majoritaeten noch wohlgesinnt und boten ueber den Riss weg, der die
+Parteien trennte, noch haeufig sich die Haende, um gemeinschaftlich die
+schlimmsten Uebelstaende zu beseitigen. Aber da man die Quellen nicht
+verstopfte, so half es wenig, dass die besseren Maenner mit Besorgnis
+auf das dumpfe Tosen der anschwellenden Flut lauschten und an Deichen
+und Daemmen arbeiteten. Indem auch sie sich mit Palliativen begnuegten
+und selbst diese, namentlich eben die wichtigsten, wie die Verbesserung
+der Justiz und die Aufteilung des Domaniallandes, nicht rechtzeitig und
+umfaenglich genug anwandten, halfen sie mit dazu, den Nachkommen eine
+boese Zukunft zu bereiten. Indem sie versaeumten, den Acker umzubrechen
+waehrend es Zeit war, zeitigten Unkraut auch, die es nicht saeten. Den
+spaeteren Geschlechtern, die die Stuerme der Revolution erlebten,
+erschien die Zeit nach dem Hannibalischen Kriege als die goldene Roms
+und Cato als das Muster des roemischen Staatsmanns. Es war vielmehr die
+Windstille vor dem Sturm und die Epoche der politischen
+Mittelmaessigkeiten, eine Zeit wie die des Walpoleschen Regiments in
+England; und kein Chatham fand sich in Rom, der die stockenden Adern
+der Nation wieder in frische Wallung gebracht haette. Wo man den Blick
+hinwendet, klaffen in dem alten Bau Risse und Spalten; man sieht die
+Arbeiter geschaeftig, bald sie zu verstreichen, bald sie zu erweitern;
+von Vorbereitungen aber zu einem ernstlichen Um- oder Neubau gewahrt
+man nirgend eine Spur, und es fragt sich nicht mehr, ob, sondern nur
+noch, wann das Gebaeude einstuerzen wird. In keiner Epoche ist die
+roemische Verfassung formell so stabil geblieben wie in der vom
+Sizilischen Kriege bis auf den Dritten Makedonischen und noch ein
+Menschenalter darueber hinaus; aber die Stabilitaet der Verfassung war
+hier wie ueberall nicht ein Zeichen der Gesundheit des Staats, sondern
+der beginnenden Erkrankung und der Vorbote der Revolution.
+
+
+
+
+KAPITEL XII.
+Boden- und Geldwirtschaft
+
+
+Wie mit dem sechsten Jahrhundert der Stadt zuerst eine einigermassen
+pragmatisch zusammenhaengende Geschichte derselben moeglich wird, so
+treten auch in dieser Zeit zuerst die oekonomischen Zustaende mit
+groesserer Bestimmtheit und Anschaulichkeit hervor. Zugleich stellt die
+Grosswirtschaft im Ackerbau wie im Geldwesen in ihrer spaeteren Weise
+und Ausdehnung jetzt zuerst sich fest, ohne dass sich genau scheiden
+liesse, was darin auf aelteres Herkommen, was auf Nachahmung der Boden-
+und Geldwirtschaft der frueher zivilisierten Nationen, namentlich der
+Phoeniker, was auf die steigende Kapitalmasse und die steigende
+Intelligenz der Nation zurueckgeht. Zur richtigen Einsicht in die
+innere Geschichte Roms wird es beitragen, diese wirtschaftlichen
+Verhaeltnisse hier zusammenfassend zu schildern.
+
+Die Bodenwirtschaft ^1 war entweder Guts- oder Weide- oder
+Kleinwirtschaft, wovon die erste in der von Cato entworfenen
+Schilderung uns mit grosser Anschaulichkeit entgegentritt.
+
+————————————————————————
+
+^1 Um uebrigens von dem alten Italien ein richtiges Bild zu gewinnen,
+ist es notwendig, sich zu erinnern, welche grossen Veraenderungen auch
+hier durch die neuere Kultur entstanden sind. Von den Getreidearten
+ward im Altertum Roggen nicht gebaut und des als Unkraut wohlbekannten
+Hafers sah man in der Kaiserzeit mit Verwunderung die Deutschen sich
+zum Brei bedienen. Der Reis ward in Italien zuerst am Ende des
+fuenfzehnten, der Mais daselbst zuerst am Anfang des siebzehnten
+Jahrhunderts kultiviert. Die Kartoffeln und Tomaten stammen aus
+Amerika; die Artischocken scheinen nichts als eine durch Kultur
+entstandene Varietaet der den Roemern bekannten Cardonen, aber doch in
+ihrer Eigentuemlichkeit neueren Ursprungs zu sein. Die Mandel dagegen
+oder die “griechische Nuss”, der Pfirsich oder die “persische”, auch
+die “weiche Nuss” (nux mollusca) sind zwar Italien urspruenglich fremd,
+aber begegnen wenigstens schon hundertfuenfzig Jahre vor Christus. Die
+Dattelpalme, in Italien aus Griechenland, wie in Griechenland aus dem
+Orient eingefuehrt und ein lebendiger Zeuge des uralten
+kommerziell-religioesen Verkehrs des Okzidents mit den Orientalen, ward
+in Italien bereits dreihundert Jahre vor Christus gezogen (Liv. 10, 47;
+Pallad. 5, 5, 2; 11, 12, 1), nicht der Fruechte wegen (Plin. nat. 13,
+4, 26), sondern eben wie heutzutage, als Prachtgewaechs und um der
+Blaetter bei oeffentlichen Festlichkeiten sich zu bedienen. Juenger ist
+die Kirsche oder die Frucht von Kerasus am Schwarzen Meer, die erst in
+der ciceronischen Zeit in Italien gepflanzt zu werden anfing, obwohl
+der wilde Kirschbaum daselbst einheimisch ist; noch juenger vielleicht
+die Aprikose oder die “armenische Pflaume”. Der Zitronenbaum ward erst
+in der spaeteren Kaiserzeit in Italien kultiviert; die Orange kam gar
+erst durch die Mauren im zwoelften oder dreizehnten Jahrhundert dahin,
+ebenso erst im sechzehnten von Amerika die Aloe (Agave americana). Die
+Baumwolle ist in Europa zuerst von Arabern gebaut worden. Auch der
+Bueffel und der Seidenwurm sind nur dem neuen, nicht dem alten Italien
+eigen.
+
+Wie man sieht, sind die mangelnden grossenteils eben diejenigen
+Produkte, die uns recht “italienisch” scheinen; und wenn das heutige
+Deutschland, verglichen mit demjenigen, welches Caesar betrat, ein
+suedliches Land genannt werden kann, so ist auch Italien in nicht
+minderem Grade seitdem “suedlicher” geworden.
+
+Die roemischen Landgueter waren, als groesserer Grundbesitz betrachtet,
+durchgaengig von beschraenktem Umfang. Das von Cato beschriebene hatte
+ein Areal von 240 Morgen; ein sehr gewoehnliches Mass war die
+sogenannte Centuria von 200 Morgen. Wo die muehsame Rebenzucht
+betrieben ward, wurde die Wirtschaftseinheit noch kleiner gemacht; Cato
+setzt fuer diesen Fall einen Flaecheninhalt von 100 Morgen voraus. Wer
+mehr Kapital in die Landwirtschaft stecken wollte, vergroesserte nicht
+sein Gut, sondern erwarb mehrere Gueter; wie denn wohl schon der
+Maximalsatz des Okkupationsbesitzes von 500 Morgen als Inbegriff von
+zwei oder drei Landguetern gedacht worden ist.
+
+————————————————————————
+
+Vererbpachtung ist der italischen Privat- wie der roemischen
+Gemeindewirtschaft fremd; nur bei den abhaengigen Gemeinden kam sie
+vor. Verpachtung auf kuerzere Zeit, sowohl gegen eine feste Geldsumme
+als auch in der Art, dass der Paechter alle Betriebskosten trug und
+dafuer einen Anteil, in der Regel wohl die Haelfte der Fruechte,
+empfing ^2, war nicht unbekannt, aber Ausnahme und Notbehelf; ein
+eigener Paechterstand hat sich deshalb in Italien nicht gebildet ^3.
+Regelmaessig leitete also der Eigentuemer selber den Betrieb seiner
+Gueter; indes wirtschaftete er nicht eigentlich selbst, sondern
+erschien nur von Zeit zu Zeit auf dem Gute, um den Wirtschaftsplan
+festzustellen, die Ausfuehrung zu beaufsichtigen und seinen Leuten die
+Rechnung abzunehmen, wodurch es ihm moeglich ward, teils eine Anzahl
+Gueter gleichzeitig zu nutzen, teils sich nach Umstaenden den
+Staatsgeschaeften zu widmen.
+
+——————————————————————-
+
+^2 Nach Cato (agr. 137, vgl. 16) wird bei der Teilpacht der
+Bruttoertrag des Gutes, nach Abzug des fuer die Pflugstiere benoetigten
+Futters, zwischen Verpaechter und Paechter (colonus partiarius) zu den
+zwischen ihnen ausgemachten Teilen geteilt. Dass die Teile in der Regel
+gleich waren, laesst die Analogie des franzoesischen bail à cheptel und
+der aehnlichen italienischen Pachtung auf halb und halb sowie die
+Abwesenheit jeder Spur anderer Quotenteilung vermuten. Denn unrichtig
+hat man den politor, der das fuenfte Korn, oder, wenn vor dem Dreschen
+geteilt wird, den sechsten bis neunten Aehrenkorb erhaelt (Cato agr.
+136, vgl. 5), hierher gezogen; er ist nicht Teilpaechter, sondern ein
+in der Erntezeit angenommener Arbeiter, der seinen Tagelohn durch jenen
+Gesellschaftsvertrag erhaelt.
+
+^3 Eigentliche Bedeutung hat die Pacht erst gewonnen, als die
+roemischen Kapitalisten anfingen, ueberseeische Besitzungen in grossem
+Umfang zu erwerben; wo man es denn auch zu schaetzen wusste, wenn eine
+Zeitpacht durch mehrere Generationen fortging (Colum. 1, 7, 3).
+
+———————————————————————————-
+
+Von Getreide wurden namentlich Spelt und Weizen, auch Gerste und Hirse
+gebaut; daneben Rueben, Rettiche, Knoblauch, Mohn und, besonders zum
+Viehfutter, Lupinen, Bohnen, Erbsen, Wicken und andere Futterkraeuter.
+In der Regel ward im Herbst, nur ausnahmsweise im Fruehjahr gesaet.
+Fuer die Bewaesserung und Entwaesserung war man sehr taetig und zum
+Beispiel die Drainage durch geblendete Graeben frueh im Gebrauch. Auch
+Wiesen zur Heugewinnung fehlten nicht und schon zu Catos Zeit wurden
+sie haeufig kuenstlich berieselt. Von gleicher, wo nicht von groesserer
+wirtschaftlicher Bedeutung als Korn und Kraut waren der Oelbaum und der
+Rebstock, von denen jener zwischen die Saaten, dieser fuer sich auf
+eigenen Weinbergen gepflanzt ward ^4. Auch Feigen-, Apfel-, Birn- und
+andere Fruchtbaeume wurden gezogen und ebenso, teils zum Holzschlag,
+teils wegen des zur Streu und zum Viehfutter nuetzlichen Laubes, Ulmen,
+Pappeln und andere Laubbaeume und Buesche. Dagegen hat bei den
+Italikern, bei denen durchgaengig Vegetabilien, Fleischspeisen nur
+ausnahmsweise und dann fast nur Schweine- und Lammfleisch auf den Tisch
+kamen, die Viehzucht eine weit geringere Rolle gespielt als in der
+heutigen Oekonomie. Obwohl man den oekonomischen Zusammenhang des
+Ackerbaus und der Viehzucht und namentlich die Wichtigkeit der
+Duengerproduktion nicht verkannte, so war doch die heutige Verbindung
+von Acker- und Viehwirtschaft dem Altertum fremd. An Grossvieh ward nur
+gehalten, was zur Bestellung des Ackers erforderlich war, und dasselbe
+nicht auf eigenem Weideland, sondern im Sommer durchaus und meistens
+auch im Winter im Stall gefuettert. Dagegen wurden auf die Stoppelweide
+Schafe aufgetrieben, von denen Cato 100 Stueck auf 240 Morgen rechnet;
+haeufig indes zog der Eigentuemer es vor, die Winterweide an einen
+grossen Herdenbesitzer in Pacht zu geben oder auch seine Schafherde
+einem Teilpaechter gegen Ablieferung einer bestimmten Anzahl von
+Laemmern und eines gewissen Masses von Kaese und Milch zu ueberlassen.
+Schweine - Cato rechnet auf das groessere Landgut zehn Staelle -,
+Huehner, Tauben wurden auf dem Hofe gehalten und nach Beduerfnis
+gemaestet, auch, wo Gelegenheit dazu war, eine kleine Hasenschonung und
+ein Fischkasten eingerichtet - die bescheidenen Anfaenge der spaeter so
+unermesslich sich ausdehnenden Wild- und Fischhegung und Zuechtung.
+
+——————————————————————————-
+
+^4 Dass zwischen den Rebstoecken kein Getreide gebaut ward, sondern
+hoechstens leicht im Schatten fortkommende Futterkraeuter, geht aus
+Cato (agr. 33, vgl. 137) hervor; und darum rechnet auch Columella (3,
+3) bei dem Weinberg keinen anderen Nebengewinn als den Ertrag der
+verkauften Ableger. Dagegen die Baumpflanzung (arbustum) wird wie jedes
+Getreidefeld besaet (Colum. 2, 9, 6). Nur wo der Wein an lebendigen
+Baeumen gezogen wird, baut man auch zwischen diesen Getreide.
+
+——————————————————————————-
+
+Die Feldarbeit ward beschafft mit Ochsen, die zum Pfluegen, und Eseln,
+die besonders zum Duengerschleppen und zum Treiben der Muehle verwandt
+wurden; auch ward wohl noch, wie es scheint fuer den Herrn, ein Pferd
+gehalten. Man zog diese Tiere nicht auf dem Gut, sondern kaufte sie;
+durchgaengig waren wenigstens Ochsen und Pferde verschnitten. Auf das
+Gut von 100 Morgen rechnet Cato ein, auf das von 240 drei Joch Ochsen,
+ein juengerer Landwirt Saserna auf 200 Morgen zwei Joch; Esel wurden
+nach Catos Anschlag fuer das kleinere Grundstueck drei, fuer das
+groessere vier erfordert.
+
+Die Menschenarbeit ward regelmaessig durch Sklaven beschafft. An der
+Spitze der Gutssklavenschaft (familia rustica) stand der Wirtschafter
+(vilicus, von villa), der einnimmt und ausgibt, kauft und verkauft, die
+Instruktionen des Herrn entgegennimmt und in dessen Abwesenheit
+anordnet und straft. Unter ihm stehen die Wirtschafterin (vilica), die
+Haus, Kueche und Speisekammer, Huehnerhof und Taubenschlag besorgt;
+eine Anzahl Pflueger (bubulci) und gemeiner Knechte, ein Eseltreiber,
+ein Schweine- und, wo es eine Schafherde gab, ein Schafhirt. Die Zahl
+schwankte natuerlich je nach der Bewirtschaftungsweise. Auf ein
+Ackergut von 200 Morgen ohne Baumpflanzungen werden zwei Pflueger und
+sechs Knechte, auf ein gleiches mit Baumpflanzungen zwei Pflueger und
+neun Knechte, auf ein Gut von 240 Morgen mit Olivenpflanzungen und
+Schafherde drei Pflueger, fuenf Knechte und drei Hirten gerechnet. Fuer
+den Weinberg brauchte man natuerlich mehr Arbeitskraefte: auf ein Gut
+von 100 Morgen mit Rebpflanzungen kommen ein Pflueger, elf Knechte und
+zwei Hirten. Der Wirtschafter stand natuerlich freier als die uebrigen
+Knechte; die Magonischen Buecher rieten, ihm Ehe, Kinderzeugung und
+eigene Kasse zu gestatten, und Cato, ihn mit der Wirtschafterin zu
+verheiraten; er allein wird auch Aussicht gehabt haben, im Fall des
+Wohlverhaltens von dem Herrn die Freiheit zu erlangen. Im uebrigen
+bildeten alle einen gemeinschaftlichen Hausstand. Die Knechte wurden
+eben wie das Grossvieh nicht auf dem Gut gezogen, sondern in
+arbeitsfaehigem Alter auf dem Sklavenmarkt gekauft, auch wohl, wenn sie
+durch Alter oder Krankheit arbeitsunfaehig geworden waren, mit anderem
+Ausschuss wieder auf den Markt geschickt ^5. Das Wirtschaftsgebaeude
+(villa rustica) war zugleich Stallung fuer das Vieh, Speicher fuer die
+Fruechte und Wohnung des Wirtschafters wie der Knechte; wogegen fuer
+den Herrn haeufig auf dem Gut ein abgesondertes Landhaus (villa urbana)
+eingerichtet war. Ein jeder Sklave, auch der Wirtschafter selbst,
+erhielt seine Beduerfnisse auf Rechnung des Herrn in gewissen Fristen
+nach festen Saetzen geliefert, womit er dann auszukommen hatte; so
+Kleider und Schuhzeug, die auf dem Markte gekauft wurden und von denen
+die Empfaenger nur die Instandhaltung selber beschafften; so monatlich
+eine Quantitaet Weizen, die jeder selbst zu mahlen hatte, ferner Salz,
+Zukost - Oliven oder Salzfisch -, Wein und Oel. Die Quantitaet richtete
+sich nach der Arbeit, weshalb zum Beispiel der Wirtschafter, der
+leichtere Arbeit hat als die Knechte, knapperes Mass als diese empfing.
+Alles Backen und Kochen besorgte die Wirtschafterin und alle assen
+gemeinschaftlich dieselbe Kost. Es war nicht Regel, die Sklaven zu
+fesseln; wer aber Strafe verwirkt hatte oder einen Entweichungsversuch
+befuerchten liess, ward angeschlossen auf die Arbeit geschickt und des
+Nachts in den Sklavenkerker gesperrt ^6. Regelmaessig reichten diese
+Gutssklaven hin; im Notfall halfen, wie sich von selbst versteht, die
+Nachbarn mit ihren Sklaven gegen Tagelohn einer dem andern aus. Fremde
+Arbeiter wurden sonst fuer gewoehnlich nicht verwandt, ausser in
+besonders ungesunden Gegenden, wo man es vorteilhaft fand, den
+Sklavenstand zu beschraenken und dafuer gemietete Leute zu verwenden,
+und zur Einbringung der Ernte, fuer welche die stehenden Arbeitskraefte
+nirgend genuegten. Bei der Korn- und Heuernte nahm man gedungene
+Schnitter hinzu, die oft an Lohnes Statt von ihrem Eingebrachten die
+sechste bis neunte Garbe oder, wenn sie auch droschen, das fuenfte Korn
+empfingen - so zum Beispiel gingen jaehrlich umbrische Arbeiter in
+grosser Zahl in das Tal von Rieti, um hier die Ernte einbringen zu
+helfen. Die Trauben- und Olivenernte ward in der Regel einem
+Unternehmer in Akkord gegeben, welcher durch seine Mannschaften,
+gedungene Freie oder auch fremde oder eigene Sklaven, unter Aufsicht
+einiger vom Gutsbesitzer dazu angestellter Leute das Lesen und Pressen
+besorgte und den Ertrag an den Herrn ablieferte ^7; sehr haeufig
+verkaufte auch der Gutsbesitzer die Ernte auf dem Stock oder Zweig und
+liess den Kaeufer die Einbringung besorgen.
+
+——————————————————————-
+
+^5 Mago oder sein Uebersetzer (bei Varro tust. 1, 17, 3) raet, die
+Sklaven nicht zu zuechten, sondern nicht juenger als
+zweiundzwanzigjaehrig zu kaufen; und ein aehnliches Verfahren muss auch
+Cato im Sinn gehabt haben, wie der Personalbestand seiner
+Musterwirtschaft deutlich beweist, obwohl er es nicht geradezu sagt.
+Den Verkauf der alten und kranken Sklaven raet Cato (agr. 2)
+ausdruecklich an. Die Sklavenzuechtung, wie sie Columella (1, 8)
+beschreibt, wobei die Sklavinnen, welche drei Soehne haben, von der
+Arbeit befreit, die Muetter von vier Soehnen sogar freigelassen werden,
+ist wohl mehr eine selbstaendige Spekulation als ein Teil des
+regelmaessigen Gutsbetriebes, aehnlich wie das von Cato selbst
+betriebene Geschaeft, Sklaven zur Abrichtung und zum Wiederverkauf
+aufzukaufen (Plut. Cato mai. 21). Die ebendaselbst erwaehnte
+charakteristische Besteuerung bezieht sich wohl auf die eigentliche
+Dienerschaft (familia urbana).
+
+^6 In dieser Beschraenkung ist die Fesselung der Sklaven und selbst der
+Haussoehne (Dion. Hal. 2, 26) uralt; und also als Ausnahme erscheinen
+auch bei Cato die gefesselten Feldarbeiter, denen, da sie nicht selbst
+mahlen koennen, statt des Kornes Brot verabreicht werden muss (56).
+Sogar in der Kaiserzeit tritt die Fesselung der Sklaven durchgaengig
+noch auf als eine definitiv von dem Herrn, provisorisch von dem
+Wirtschafter zuerkannte Bestrafung (Colum. 1, 8; Gaius inst. 1, 13;
+Ulp. reg. 1, 11). Wenn dennoch die Bestellung der Felder durch
+gefesselte Sklaven in spaeterer Zeit als eigenes Wirtschaftssystem
+vorkommt und der Arbeiterzwinger (ergastulum), ein Kellergeschoss mit
+vielen aber schmalen und nicht vom Boden aus mit der Hand zu
+erreichenden Fensteroeffnungen (Colum. 1, 6), ein notwendiges Stueck
+des Wirtschaftsgebaeudes wird, so vermittelt sich dies dadurch, dass
+die Lage der Gutssklaven haerter war als die der uebrigen Knechte und
+darum vorwiegend diejenigen Sklaven dazu genommen wurden, welche sich
+vergangen hatten oder zu haben schienen. Dass grausame Herren uebrigens
+auch ohne jeden Anlass die Fesselung eintreten liessen, soll damit
+nicht geleugnet werden und liegt auch klar darin angedeutet, dass die
+Rechtsbuecher die den Verbrechersklaven treffenden Nachteile nicht
+ueber die Gefesselten, sondern die Strafe halber Gefesselten
+verhaengen. Ganz ebenso stand es mit der Brandmarkung; sie sollte
+eigentlich Strafe sein; aber es wurde auch wohl die ganze Herde
+gezeichnet (Diod. 35, 5; J. Bernays, Ueber das Phokylideische Gedicht.
+Berlin 1856, S. XXXI).
+
+^7 Von der Weinlese sagt dies Cato nicht ausdruecklich wohl aber Varro
+(rust. 1, 17), und es liegt auch in der Sache. Es waere oekonomisch
+fehlerhaft gewesen, den Stand der Gutssklavenschaft nach dem Mass der
+Erntearbeiten einzurichten, und am wenigsten wuerde man, wenn es
+dennoch geschehen waere, die Trauben auf dem Stock verkauft haben, was
+doch haeufig vorkam (Cato agr. 147).
+
+—————————————————————————-
+
+Die ganze Wirtschaft ist durchdrungen von der unbedingten
+Ruecksichtslosigkeit der Kapitalmacht. Knecht und Vieh stehen auf einer
+Linie; ein guter Kettenhund, heisst es bei einem roemischen Landwirt,
+muss nicht zu freundlich gegen seine “Mitsklaven” sein. Man naehrt
+gehoerig den Knecht wie den Stier, solange sie arbeiten koennen, weil
+es nicht wirtschaftlich waere, sie hungern zu lassen; und man verkauft
+sie wie die abgaengige Pflugschar, wenn sie arbeitsunfaehig geworden
+sind, weil es ebenfalls nicht wirtschaftlich waere, sie laenger zu
+behalten. In aelterer Zeit hatten religioese Ruecksichten auch hier
+mildernd eingegriffen und den Knecht wie den Pflugstier an den
+gebotenen Fest- und Rasttagen ^8 von der Arbeit entbunden; nichts ist
+bezeichnender fuer den Geist Catos und seiner Gesinnungsgenossen als
+die Art, wie sie die Heiligung des Feiertags dem Buchstaben nach
+einschaerften und der Sache nach umgingen, naemlich anrieten, den Pflug
+an jenen Tagen allerdings ruhen zu lassen, aber mit anderen nicht
+ausdruecklich verpoenten Arbeiten auch an diesen Tagen die
+Sklavenschaft rastlos zu beschaeftigen. Grundsaetzlich ward ihr
+keinerlei freie Regung gestattet - der Sklave, lautet einer von Catos
+Wahrspruechen, muss entweder arbeiten oder schlafen -, und durch
+menschliche Beziehungen die Knechte an das Gut oder an den Herrn zu
+knuepfen, ward nicht einmal versucht. Der Rechtsbuchstabe waltete in
+unverhuellter Scheusslichkeit, und man machte sich keine Illusionen
+ueber die Folgen. “Soviel Sklaven, soviel Feinde”, sagt ein roemisches
+Sprichwort. Es war ein oekonomischer Grundsatz, Spaltungen innerhalb
+der Sklavenschaft eher zu hegen als zu unterdruecken; in demselben
+Sinne warnten schon Platon und Aristoteles und nicht minder das Orakel
+der Ackerwirte, der Karthager Mago, davor, Sklaven gleicher
+Nationalitaet zusammenzubringen, um nicht landsmannschaftliche
+Verbindungen und vielleicht Komplotte herbeizufuehren. Es ward, wie
+schon gesagt, die Sklavenschaft von den Gutsherren ganz ebenso regiert,
+wie die roemische Gemeinde die Untertanenschaften regierte in den
+“Landguetern des roemischen Volkes”, den Provinzen; und die Welt hat es
+empfunden, dass der herrschende Staat sein neues Regierungs- nach dem
+Sklavenhaltersystem entwickelte. Wenn man uebrigens sich zu jener wenig
+beneidenswerten Hoehe des Denkens emporgeschwungen hat, wo in der
+Wirtschaft durchaus nichts gilt als das darin steckende Kapital, so
+kann man der roemischen Gutswirtschaft das Lob der Folgerichtigkeit,
+Taetigkeit, Puenktlichkeit, Sparsamkeit und Soliditaet nicht versagen.
+Der kernige, praktische Landmann spiegelt sich in der Catonischen
+Schilderung des Wirtschafters, wie er sein soll, der zuerst im Hofe auf
+und zuletzt im Bette ist, der streng gegen sich ist wie gegen seine
+Leute und vor allem die Wirtschafterin in Respekt zu halten weiss, aber
+auch die Arbeiter und das Vieh, insbesondere den Pflugstier wohl
+versorgt, der oft und bei jeder Arbeit mit anfasst, aber sich nie wie
+ein Knecht muede arbeitet, der stets zu Hause ist, nicht borgt noch
+verborgt, keine Gastereien gibt, um keinen anderen Gottesdienst als um
+den der eignen Haus- und Feldgoetter sich kuemmert und als rechter
+Sklave allen Verkehr mit den Goettern wie mit den Menschen dem Herrn
+anheimstellt, der endlich vor allen Dingen demselben bescheiden
+begegnet und den von ihm empfangenen Instruktionen, ohne zu wenig und
+ohne zu viel zu denken, getreulich und einfach nachlebt. Der ist ein
+schlechter Landmann, heisst es anderswo, der das kauft, was er auf
+seinem Gute erzeugen kann; ein schlechter Hausvater, welcher bei Tage
+vornimmt, was bei Licht sich beschaffen laesst, es sei denn, dass das
+Wetter schlecht ist; ein noch schlechterer, welcher am Werkeltag tut,
+was am Feiertag getan werden kann; der schlechteste von allen aber der,
+welcher bei gutem Wetter zu Hause statt im Freien arbeiten laesst. Auch
+die charakteristische Duengerbegeisterung mangelt nicht; und wohl sind
+es goldene Regeln, dass fuer den Landmann der Boden nicht da ist zum
+Scheuern und Fegen, sondern zum Saeen und Ernten, dass man also zuvor
+Reben und Oelbaeume pflanzen und erst nachher und nicht in allzu
+frueher Jugend ein Landhaus sich einrichten soll. Eine gewisse
+Bauernhaftigkeit ist der Wirtschaft freilich eigen und anstatt der
+rationellen Ermittlung der Ursachen und Wirkungen treten durchgaengig
+die bekannten baeurischen Erfahrungssaetze auf; doch ist man sichtbar
+bestrebt, sich fremde Erfahrungen und auslaendische Produkte
+anzueignen, wie denn schon in Catos Verzeichnis der Fruchtbaumsorten
+griechische, afrikanische und spanische erscheinen.
+
+———————————————————————
+
+^8 Columella (2, 12, 9) rechnet auf das Jahr durchschnittlich 45 Regen-
+und Feiertage; und damit stimmt ueberein, dass nach Tertullian (idol.
+14) die Zahl der heidnischen Festtage noch nicht die fuenfzig Tage der
+christlichen Freudenzeit von Ostern bis Pfingsten erreicht. Dazu kommt
+dann die Rastzeit des Mittwinters nach vollbrachter Herbstsaat, welche
+Columella auf dreissig Tage anschlaegt. In diese fiel ohne Zweifel
+durchgaengig das wandelbare “Saatfest” (feriae sementivae; vgl. 1, 201
+und Ov. fast. 1, 661). Mit den Gerichtsferien in der Ernte (Plin.
+epist. 8, 21, 2 und sonst) und Weinlesezeit darf dieser Rastmonat nicht
+verwechselt werden.
+
+———————————————————————
+
+Die Bauernwirtschaft war von der des Gutsbesitzers hauptsaechlich nur
+verschieden durch den kleineren Massstab. Der Eigentuemer selbst und
+seine Kinder arbeiteten hier mit den Sklaven oder auch an deren Statt.
+Der Viehstand zog sich zusammen, und wo das Gut nicht laenger die
+Kosten des Pfluges und seiner Bespannung deckte, trat dafuer die Hacke
+ein. Oel- und Weinbau traten zurueck oder fielen ganz weg. In der Naehe
+Roms oder eines anderen groesseren Absatzplatzes bestanden auch
+sorgfaeltig berieselte Blumen- und Gemuesegaerten, aehnlich etwa wie
+man sie jetzt um Neapel sieht, und gaben sehr reichlichen Ertrag.
+
+Die Weidewirtschaft ward bei weitem mehr ins Grosse getrieben als der
+Feldbau. Das Weidelandgut (saltus) musste auf jeden Fall betraechtlich
+mehr Flaechenraum haben als das Ackergut - man rechnete mindestens 800
+Morgen - und konnte mit Vorteil fuer das Geschaeft fast ins Unendliche
+ausgedehnt werden. Nach den klimatischen Verhaeltnissen Italiens
+ergaenzen sich daselbst gegenseitig die Sommerweide in den Bergen und
+die Winterweide in den Ebenen; schon in jener Zeit wurden, eben wie
+jetzt noch und grossenteils wohl auf denselben Pfaden, die Herden im
+Fruehjahr von Apulien nach Samnium und im Herbst wieder zurueck von da
+nach Apulien getrieben. Die Winterweide indes fand, wie schon bemerkt
+ist, nicht durchaus auf besonderem Weideland statt, sondern war zum
+Teil Stoppelweide. Man zog Pferde, Rinder, Esel Maulesel,
+hauptsaechlich um den Gutsbesitzern, Frachtfuehrern, Soldaten und so
+weiter die benoetigten Tiere zu liefern; auch Schweine- und
+Ziegenherden fehlten nicht. Weit selbstaendiger aber und weit hoeher
+entwickelt war infolge des fast durchgaengigen Tragens von Wollstoffen
+die Schafzucht. Der Betrieb ward durch Sklaven beschafft und war im
+ganzen dem Gutsbetrieb aehnlich, so dass der Viehmeister (magister
+pecoris) an die Stelle des Wirtschafters trat. Den Sommer ueber kamen
+die Hirtensklaven meistenteils nicht unter Dach, sondern hausten, oft
+meilenweit von menschlichen Wohnungen entfernt, unter Schuppen und
+Huerden; es lag also in den Verhaeltnissen, dass man die kraeftigsten
+Maenner dazu auslas, ihnen Pferde und Waffen gab und ihnen eine bei
+weitem freiere Bewegung gestattete, als dies bei der Gutsmannschaft
+geschah.
+
+Um die oekonomischen Resultate dieser Bodenwirtschaft einigermassen zu
+wuerdigen, sind die Preisverhaeltnisse und namentlich die Kornpreise
+dieser Zeit zu erwaegen. Durchschnittlich sind dieselben zum
+Erschrecken gering, und zum guten Teil durch Schuld der roemischen
+Regierung, welche in dieser wichtigen Frage, nicht so sehr durch ihre
+Kurzsichtigkeit, als durch eine unverzeihliche Beguenstigung des
+hauptstaedtischen Proletariats auf Kosten der italischen Bauernschaft,
+zu den furchtbarsten Fehlgriffen gefuehrt worden ist. Es handelt sich
+hier vor allem um den Konflikt des ueberseeischen und des italischen
+Korns. Das Getreide, das von den Provinzialen teils unentgeltlich,
+teils gegen eine maessige Verguetigung der roemischen Regierung
+geliefert ward, wurde von dieser teils an Ort und Stelle zur
+Verpflegung des roemischen Beamtenpersonals und der roemischen Heere
+verwandt, teils an die Zehntpaechter in der Art abgetreten, dass diese
+dafuer entweder Geldzahlung leisteten oder auch es uebernahmen, gewisse
+Quantitaeten Getreide nach Rom oder wohin es sonst erforderlich war zu
+liefern. Seit dem Zweiten Makedonischen Kriege wurden die roemischen
+Heere durchgaengig mit ueberseeischem Korne unterhalten, und wenn dies
+auch der roemischen Staatskasse zum Vorteil gereichte, so verschloss
+sich doch damit eine wichtige Absatzquelle fuer den italischen
+Landmann. Indes dies war das geringste. Der Regierung, welche laengst
+wie billig auf die Kornpreise ein wachsames Auge gehabt hatte und bei
+drohenden Teuerungen durch rechtzeitigen Einkauf im Ausland
+eingeschritten war, lag es nahe, seit die Kornlieferungen der
+Untertanen ihr alljaehrlich grosse Getreidemassen und wahrscheinlich
+groessere, als man in Friedenszeiten brauchte, in die Haende fuehrten,
+und seit ihr ueberdies die Gelegenheit geboten war, auslaendisches
+Getreide in fast unbegrenzter Quantitaet zu maessigen Preisen zu
+erwerben, mit solchem Getreide die hauptstaedtischen Maerkte zu
+ueberfuehren und dasselbe zu Saetzen abzugeben, die entweder an sich
+oder doch verglichen mit den italischen Schleuderpreise waren. Schon in
+den Jahren 551-554 (203-200) und, wie es scheint, zunaechst auf
+Veranstaltung Scipios, wurde in Rom der preussische Scheffel (sechs
+Modii) spanischen und afrikanischen Weizens von Gemeinde wegen an die
+Buerger zu 24, ja zu 12 Assen (17-8½ Groschen) abgegeben; einige Jahre
+nachher (558 196) kamen ueber 160000 Scheffel sizilischen Getreides zu
+dem letzteren Spottpreis in der Hauptstadt zur Verteilung. Umsonst
+eiferte Cato gegen diese kurzsichtige Politik; die beginnende Demagogie
+mischte sich hinein, und diese ausserordentlichen, aber vermutlich sehr
+haeufigen Austeilungen von Korn unter dem Marktpreis durch die
+Regierung oder einzelne Beamte, sind der Keim der spaeteren
+Getreidegesetze geworden. Aber auch wenn das ueberseeische Korn nicht
+auf diesem ausserordentlichen Wege an die Konsumenten gelangte,
+drueckte es auf den italischen Ackerbau. Nicht bloss wurden die
+Getreidemassen, die der Staat an die Zehntpaechter losschlug, ohne
+Zweifel in der Regel von diesen so billig erworben, dass sie beim
+Wiederverkauf unter dem Produktionspreis weggegeben werden konnten;
+sondern wahrscheinlich war auch in den. Provinzen, namentlich in
+Sizilien, teils infolge der guenstigen Bodenverhaeltnisse, teils der
+ausgedehnten Gross- und Sklavenwirtschaft nach karthagischem System der
+Produktionspreis ueberhaupt betraechtlich niedriger als in Italien, der
+Transport aber des sizilischen und sardinischen Getreides nach Latium
+wenigstens ebenso billig, wenn nicht billiger wie der Transport dahin
+aus Etrurien, Kampanien oder gar Norditalien. Es musste also schon im
+natuerlichen Laufe der Dinge das ueberseeische Korn nach der Halbinsel
+stroemen und das dort erzeugte im Preise herabdruecken. Unter diesen
+durch die leidige Sklavenwirtschaft unnatuerlich verschobenen
+Verhaeltnissen waere es vielleicht gerechtfertigt gewesen, zu Gunsten
+des italischen Getreides auf das ueberseeische einen Schutzzoll zu
+legen; aber es scheint vielmehr das Umgekehrte geschehen und zu Gunsten
+der Einfuhr des ueberseeischen Korns nach Italien in den Provinzen ein
+Prohibitivsystem in Anwendung gebracht zu sein - denn wenn die Ausfuhr
+einer Quantitaet Getreide aus Sizilien den Rhodiern als besondere
+Verguenstigung gestattet ward, so muss wohl der Regel nach die
+Kornausfuhr aus den Provinzen nur nach Italien hin frei gewesen und
+also das ueberseeische Korn fuer das Mutterland monopolisiert worden
+sein. Die Wirkungen dieser Wirtschaft liegen deutlich vor. Ein Jahr
+ausserordentlicher Fruchtbarkeit wie 504 (250), wo man in der
+Hauptstadt fuer 6 roemische Modii (= 1 preuss. Scheffel) Spelt nicht
+mehr als 3/5 Denar (4 Groschen) zahlte und zu demselben Preise 180
+roemische Pfund (zu 22 Lot preussisch) trockene Feigen, 60 Pfund Oel,
+72 Pfund Fleisch und 6 Congii (= 17 preuss. Quart) Wein verkauft
+wurden, kommt freilich eben seiner Ausserordentlichkeit wegen wenig in
+Betracht; aber bestimmter sprechen andere Tatsachen. Schon zu Catos
+Zeit heisst Sizilien die Kornkammer Roms. In fruchtbaren Jahren wurde
+in den italischen Haefen das sizilische und sardinische Korn um die
+Fracht losgeschlagen. In den reichsten Kornlandschaften der Halbinsel,
+in der heutigen Romagna und Lombardei zahlte man zu Polybios’ Zeit fuer
+Kost und Nachtquartier im Wirtshaus durchschnittlich den Tag einen
+halben As (1/3 Groschen); der preussische Scheffel Weizen galt hier
+einen halben Denar (3½ Groschen). Der letztere Durchschnittspreis, etwa
+der zwoelfte Teil des sonstigen Normalpreises ^9, zeigt mit
+unwidersprechlicher Deutlichkeit, dass es der italischen
+Getreideproduktion an Absatzquellen voellig mangelte und infolgedessen
+das Korn wie das Kornland daselbst so gut wie entwertet war.
+
+—————————————————————
+
+^9 Als hauptstaedtischer Mittelpreis des Getreides kann wenigstens fuer
+das siebente und achte Jahrhundert Roms angenommen werden 1 Denar fuer
+den roemischen Modius oder 1/3 Taler fuer den preussischen Scheffel
+Weizen, wofuer heutzutage (nach dem Durchschnitt der Preise in den
+Provinzen Brandenburg und Pommern von 1816- 1841) ungefaehr 1 Taler 24
+Silbergroschen gezahlt wird. Ob diese nicht sehr bedeutende Differenz
+der roemischen und der heutigen Preise auf dem Steigen des Korn- oder
+dem Sinken des Silberwertes beruht, laesst sich schwerlich entscheiden.
+
+Uebrigens duerfte es sehr zweifelhaft sein, ob in dem Rom dieser und
+der spaeteren Zeit die Kornpreise wirklich staerker geschwankt haben,
+als dies heutzutage der Fall ist. Vergleicht man Preise wie die oben
+angefuehrten von 4 und 7 Groschen den preussischen Scheffel mit denen
+der aergsten Kriegsteuerung und Hungersnot, wo zum Beispiel im
+Hannibalischen Kriege der preussische Scheffel auf 99 (1 Medimnos = 15
+Drachmen: Polyb. 9, 44), im Buergerkriege auf 198 (1 Modius = 5 Denare:
+Cic. Verr. E, 92; 214), in der grossen Teuerung unter Augustus gar auf
+218 Groschen (5 Modii = 27; Denare: Euseb. chron. p. Chr. 7 Scal.)
+stieg, so ist der Abstand freilich ungeheuer; allein solche Extreme
+sind wenig belehrend und koennten nach beiden Seiten hin unter gleichen
+Bedingungen auch heute noch sich wiederholen.
+
+——————————————————————-
+
+In einem grossen Industriestaat, dessen Ackerbau die Bevoelkerung nicht
+zu ernaehren vermag, haette ein solches Ergebnis als nuetzlich oder
+doch nicht unbedingt als nachteilig betrachtet werden moegen; ein Land
+wie Italien, wo die Industrie unbedeutend, die Landwirtschaft durchaus
+Hauptsache war, ward auf diesem Wege systematisch ruiniert und den
+Interessen der wesentlich unproduktiven hauptstaedtischen Bevoelkerung,
+der freilich das Brot nicht billig genug werden konnte, das Wohl des
+Ganzen auf die schmaehlichste Weise geopfert. Nirgend vielleicht liegt
+es so deutlich wie hier zutage, wie schlecht die Verfassung und wie
+unfaehig die Verwaltung dieser sogenannten goldenen Zeit der Republik
+war. Das duerftigste Repraesentativsystem haette wenigstens zu
+ernstlichen Beschwerden und zur Einsicht in den Sitz des Uebels
+gefuehrt; aber in jenen Urversammlungen der Buergerschaft machte alles
+andere eher sich geltend als die warnende Stimme des vorahnenden
+Patrioten. Jede Regierung, die diesen Namen verdiente, wuerde von
+selber eingeschritten sein; aber die Masse des roemischen Senats mag in
+gutem Koehlerglauben in den niedrigen Kornpreisen das wahre Glueck des
+Volkes gesehen haben, und die Scipionen und Flaminine hatten ja
+wichtigere Dinge zu tun, die Griechen zu emanzipieren und die
+republikanische Koenigskontrolle zu besorgen - so trieb das Schiff
+ungehindert in die Brandung hinein.
+
+Seit der kleine Grundbesitz keinen wesentlichen Reinertrag mehr
+lieferte, war die Bauernschaft rettungslos verloren, und um so mehr,
+als allmaehlich auch aus ihr, wenngleich langsamer als aus den uebrigen
+Staenden, die sittliche Haltung und sparsame Wirtschaft der frueheren
+republikanischen Zeit entwich. Es war nur noch eine Zeitfrage, wie
+rasch die italischen Bauernhufen durch Aufkaufen und Niederlegen in den
+groesseren Grundbesitz aufgehen wuerden.
+
+Eher als der Bauer war der Gutsbesitzer imstande, sich zu behaupten.
+Derselbe produzierte an sich schon billiger als jener, wenn er sein
+Land nicht nach dem aelteren System an kleinere Zeitpaechter abgab,
+sondern es nach dem neueren durch seine Knechte bewirtschaften liess;
+wo dies also nicht schon frueher geschehen war, zwang die Konkurrenz
+des sizilischen Sklavenkorns den italischen Gutsherrn, zu folgen und
+anstatt mit freien Arbeiterfamilien mit Sklaven ohne Weib und Kind zu
+wirtschaften. Es konnte der Gutsbesitzer ferner sich eher durch
+Steigerung oder auch durch Aenderung der Kultur den Konkurrenten
+gegenueber halten und eher auch mit einer geringeren Bodenrente sich
+begnuegen als der Bauer, dem Kapital wie Intelligenz mangelten und der
+nur eben hatte, was er brauchte, um zu leben. Hierauf beruht in der
+roemischen Gutswirtschaft das Zuruecktreten des Getreidebaus, der
+vielfach sich auf die Gewinnung der fuer das Arbeiterpersonal
+erforderlichen Quantitaet beschraenkt zu haben scheint ^10, und die
+Steigerung der Oel- und Weinproduktion sowie der Viehzucht. Diese
+hatten bei den guenstigen klimatischen Verhaeltnissen Italiens die
+auslaendische Konkurrenz nicht zu fuerchten: der italische Wein, das
+italische Oel, die italische Wolle beherrschten nicht bloss die eigenen
+Maerkte, sondern gingen bald auch ins Ausland; das Potal, das sein
+Getreide nicht abzusetzen vermochte, versorgte halb Italien mit
+Schweinen und Schinken. Dazu stimmt recht wohl, was uns ueber die
+oekonomischen Resultate der roemischen Bodenwirtschaft berichtet wird.
+Es ist einiger Grund zu der Annahme vorhanden, dass das in
+Grundstuecken angelegte Kapital mit sechs Prozent sich gut zu verzinsen
+schien; was auch der damaligen, um das Doppelte hoeheren
+durchschnittlichen Kapitalrente angemessen erscheint. Die Viehzucht
+lieferte im ganzen bessere Ergebnisse als die Feldwirtschaft; in dieser
+rentierte am besten der Weinberg, demnaechst der Gemuesegarten und die
+Olivenpflanzung, am wenigsten Wiese und Kornfeld ^11. Natuerlich wird
+die Betreibung einer jeden Wirtschaftsgattung unter den ihr
+angemessenen Verhaeltnissen und auf ihrem naturgemaessen Boden
+vorausgesetzt. Diese Verhaeltnisse reichten an sich schon aus, um
+allmaehlich an die Stelle der Bauernwirtschaft ueberall die
+Grosswirtschaft zu setzen; und auf dem Wege der Gesetzgebung ihnen
+entgegenzuwirken war schwer. Aber arg war es, dass man durch das
+spaeter noch zu erwaehnende Claudische Gesetz (kurz vor 536 218) die
+senatorischen Haeuser von der Spekulation ausschloss und dadurch deren
+ungeheure Kapitalien kuenstlich zwang, vorzugsweise in Grund und Boden
+sich anzulegen, das heisst die alten Bauernstellen durch Meierhoefe und
+Viehweiden zu ersetzen. Es kamen ferner der dem Staat weit
+nachteiligeren Viehwirtschaft, gegenueber dem Gutsbetrieb, noch
+besondere Foerderungen zustatten. Einmal entsprach sie als die einzige
+Art der Bodennutzung, welche in der Tat den Betrieb im grossen
+erheischte und lohnte, allein der Kapitalienmasse und dem
+Kapitalistensinn dieser Zeit. Die Gutswirtschaft forderte zwar nicht
+die dauernde Anwesenheit des Herrn auf dem Gut, aber doch sein
+haeufiges Erscheinen daselbst und gestattete die Erweiterung der Gueter
+nicht wohl und die Vervielfaeltigung des Besitzes nur in beschraenkten
+Grenzen; wogegen das Weidegut sich unbegrenzt ausdehnen liess und den
+Eigentuemer wenig in Anspruch nahm. Aus diesem Grunde fing man schon
+an, gutes Ackerland selbst mit oekonomischem Verlust in Weide zu
+verwandeln - was die Gesetzgebung freilich, wir wissen nicht wann,
+vielleicht um diese Zeit, aber schwerlich mit Erfolg, untersagte. Dazu
+kamen die Folgen der Domaenenokkupation. Durch dieselbe entstanden
+nicht bloss, da regelmaessig in groesseren Stuecken okkupiert ward,
+ausschliesslich grosse Gueter, sondern es scheuten sich auch die
+Besitzer, in diesen auf beliebigen Widerruf stehenden und rechtlich
+immer unsicheren Besitz bedeutende Bestellungskosten zu stecken,
+namentlich Reben und Oelbaeume zu pflanzen; wovon denn die Folge war,
+dass man diese Laendereien vorwiegend als Viehweide nutzte.
+
+————————————————————————-
+
+^10 Darum nennt Cato die beiden Gueter, die er schildert, kurzweg
+Olivenpflanzung (olivetum) und Weinberg (vinea), obwohl darauf
+keineswegs bloss Wein und Oel, sondern auch Getreide und anderes mehr
+gebaut ward. Waeren freilich die 800 culei, auf die der Besitzer des
+Weinbergs angewiesen wird, sich mit Faessern zu versehen (11), das
+Maximum einer Jahresernte, so muessten alle 100 Morgen mit Reben
+bepflanzt gewesen sein, da der Ertrag von 8 culei fuer den Morgen schon
+ein fast unerhoerter war (Colum. 3, 3); allein Varro (rust. 1, 22)
+verstand, und offenbar mit Recht, die Angabe, dass der Weinbergbesitzer
+in den Fall kommen kann, die neue Lese eintun zu muessen, bevor die
+alte verkauft ist.
+
+^11 Dass der roemische Landwirt von seinem Kapital durchschnittlich
+sechs Prozent machte, laesst Columella (3, 3, 9) schliessen. Einen
+genaueren Anschlag fuer Kosten und Ertrag haben wir nur fuer den
+Weinberg, wofuer Columella auf den Morgen folgende Kostenberechnung
+aufstellt:
+
+Kaufpreis des Bodens 1000 Sesterzen
+
+Kaufpreis der Arbeitssklaven
+
+auf den Morgen repartiert 1143 Sesterzen
+
+Reben und Pfaehle 2000 Sesterzen
+
+Verlorene Zinsen waehrend
+
+der ersten zwei Jahre 497 Sesterzen
+
+Zusammen 4640 Sesterzen
+
+ = 336 Taler.
+
+Den Ertrag berechnet er auf wenigstens 60 Amphoren von mindestens 900
+Sesterzen (65 Taler) Wert, was also eine Rente von 17 Prozent
+darstellen wuerde. Indes ist dieselbe zum Teil illusorisch, da, auch
+von Missernten abgesehen, die Kosten der Einbringung und die fuer
+Instandhaltung der Reben, Pfaehle und Sklaven. aus dem Ansatz gelassen
+worden sind.
+
+Den Bruttoertrag von Wiese, Weide und Wald berechnet derselbe Landwirt
+auf hoechstens 100 Sesterzen den Morgen und den des Getreidefeldes eher
+auf weniger als auf mehr; wie denn ja auch der Durchschnittsertrag von
+25 roemischen Scheffeln Weizen auf den Morgen schon nach dem
+hauptstaedtischen Durchschnittspreis von 1 Denar den Scheffel nicht
+mehr als 100 Sesterzen Bruttoertrag gibt und am Produktionsplatz der
+Preis noch niedriger gestanden haben muss. Varro (3, 2) rechnet als
+gewoehnlichen guten Bruttoertrag eines groesseren Gutes 150 Sesterzen
+vom Morgen. Entsprechende Kostenanschlaege sind hierfuer nicht
+ueberliefert; dass die Bewirtschaftung hier bei weitem weniger Kosten
+machte als bei dem Weinberg, versteht sich von selbst.
+
+Alle diese Angaben fallen uebrigens ein Jahrhundert und laenger nach
+Catos Tod. Von ihm haben wir nur die allgemeine Angabe, dass sich
+Viehwirtschaft besser rentiere als Ackerbau (bei Cic. off. 2,25; 89;
+Colum. 6 praef. 4, vgl. 2, 16, 2; Plin. nat. 18, 5, 30; Plut. Cato mai.
+21); was natuerlich nicht heissen soll, dass es ueberall raetlich ist,
+Ackerland in Weide zu verwandeln, sondern relativ zu verstehen ist
+dahin, dass das fuer die Herdenwirtschaft auf Bergweiden und sonst
+geeignetem Weideland angelegte Kapital, verglichen mit dem in die
+Feldwirtschaft auf geeignetem Kornland gesteckten, hoehere Zinsen
+trage. Vielleicht ist dabei auch noch darauf Ruecksicht genommen, dass
+die mangelnde Taetigkeit und Intelligenz des Grundherrn bei Weideland
+weniger nachteilig wirkt als bei der hoch gesteigerten Reben- und
+Olivenkultur. Innerhalb des Ackergutes stellt sich nach Cato die
+Bodenrente folgendermassen in absteigender Reihe: 1. Weinberg; 2.
+Gemuesegarten; 3. Weidenbusch, der infolge der Rebenkultur hohen Ertrag
+abwarf; 4. Olivenpflanzung; 5. Wiese zur Heugewinnung; 6. Kornfeld; 7.
+Busch; 8. Schlagforst; 9. Eichenwald zur Viehfuetterung - welche neun
+Bestandteile in dem Wirtschaftsplan der catonischen Mustergueter
+saemtlich wiederkehren.
+
+Von dem hoeheren Reinertrag des Weinbaues gegenueber dem Kornbau zeugt
+auch, dass nach dem im Jahre 637 (117) zwischen der Stadt Genua und den
+ihr zinspflichtigen Doerfern ausgefaellten Schiedsspruch die Stadt von
+dem Wein den Sechsten, von dem Getreide den Zwanzigsten als Erbzins
+empfaengt.
+
+———————————————————————-
+
+Von der roemischen Geldwirtschaft in aehnlicher Weise eine
+zusammenfassende Darstellung zu geben, verbietet teils der Mangel von
+Fachschriften aus dem roemischen Altertum ueber dieselbe, teils ihre
+Natur selbst, die bei weitem mannigfaltiger und vielseitiger ist als
+die Bodennutzung. Was sich ermitteln laesst, gehoert seinen Grundzuegen
+nach vielleicht weniger noch als die Bodenwirtschaft den Roemern
+eigentuemlich an, sondern ist vielmehr Gemeingut der gesamten antiken
+Zivilisation, deren Grosswirtschaft begreiflicherweise eben wie die
+heutige ueberall zusammenfiel. Im Geldwesen namentlich scheint das
+kaufmaennische Schema zunaechst von den Griechen festgestellt und von
+den Roemern nur aufgenommen worden zu sein. Dennoch sind die Schaerfe
+der Durchfuehrung und die Weite des Massstabes eben hier so
+eigentuemlich roemisch, dass der Geist der roemischen Oekonomie und
+ihre Grossartigkeit im Guten wie im Schlimmen vor allem in der
+Geldwirtschaft sich offenbart.
+
+Der Ausgangspunkt der roemischen Geldwirtschaft war natuerlich das
+Leihgeschaeft, und kein Zweig der kommerziellen Industrie ist von den
+Roemern eifriger gepflegt worden als das Geschaeft des gewerbmaessigen
+Geldverleihers (fenerator) und des Geldhaendlers oder des Bankiers
+(argentarius). Das Kennzeichen einer entwickelten Geldwirtschaft, der
+Uebergang der groesseren Kassefuehrung von den einzelnen Kapitalisten
+auf den vermittelnden Bankier, der fuer seine Kunden Zahlung empfaengt
+und leistet, Gelder belegt und aufnimmt und im In- und Ausland ihre
+Geldgeschaefte vermittelt, ist schon in der catonischen Zeit
+vollstaendig entwickelt. Aber die Bankiers machten nicht bloss die
+Kassierer der Reichen in Rom, sondern drangen schon ueberall in die
+kleinen Geschaefte ein und liessen immer haeufiger in den Provinzen und
+Klientelstaaten sich nieder. Den Geldsuchenden vorzuschiessen fing
+schon im ganzen Umfange des Reiches an sozusagen Monopol der Roemer zu
+werden.
+
+Eng damit verwandt war das unermessliche Gebiet der Entreprise. Das
+System der mittelbaren Geschaeftsfuehrung durchdrang den ganzen
+roemischen Verkehr. Der Staat ging voran, indem er all seine
+komplizierteren Hebungen, alle Lieferungen, Leistungen und Bauten gegen
+eine feste zu empfangende oder zu zahlende Summe an Kapitalisten oder
+Kapitalistengesellschaften abgab. Aber auch Private gaben durchgaengig
+in Akkord, was irgend in Akkord sich geben liess: die Bauten und die
+Einbringung der Ernte und sogar die Regulierung der Erbschafts- und der
+Konkursmasse, wobei der Unternehmer - gewoehnlich ein Bankier - die
+saemtlichen Aktiva erhielt und dagegen sich verpflichtete, die Passiva
+vollstaendig oder bis zu einem gewissen Prozentsatz zu berichtigen und
+nach Umstaenden noch daraufzuzahlen.
+
+Welche hervorragende Rolle in der roemischen Volkswirtschaft der
+ueberseeische Handel bereits frueh gespielt hatte, ist seinerzeit
+gezeigt worden; von dem weiteren Aufschwung, den derselbe in dieser
+Periode nahm, zeugt die steigende Bedeutung der italischen Hafenzoelle
+in der roemischen Finanzwirtschaft. Ausser den keiner weiteren
+Auseinandersetzung beduerfenden Ursachen, durch die die Bedeutung des
+ueberseeischen Handels stieg, ward derselbe noch kuenstlich gesteigert
+durch die bevorrechtete Stellung, die die herrschende italische Nation
+in den Provinzen einnahm, und durch die wohl jetzt schon in vielen
+Klientelstaaten den Roemern und Latinern vertragsmaessig zustehende
+Zollfreiheit.
+
+Dagegen blieb die Industrie verhaeltnismaessig zurueck. Die Gewerke
+waren freilich unentbehrlich, und es zeigen sich wohl auch Spuren, dass
+sie bis zu einem gewissen Grade in Rom sich konzentrierten, wie denn
+Cato dem kampanischen Landwirt anraet, seinen Bedarf an Sklavenkleidung
+und Schuhzeug, an Pfluegen, Faessern und Schloessern in Rom zu kaufen.
+Auch kann bei dem starken Verbrauch von Wollstoffen die Ausdehnung und
+Eintraeglichkeit der Tuchfabrikation nicht bezweifelt werden ^12. Doch
+zeigen sich keine Versuche, die gewerbsmaessige Industrie, wie sie in
+Aegypten und Syrien bestand, nach Italien zu verpflanzen oder auch nur
+sie im Auslande mit italischem Kapital zu betreiben. Zwar wurde auch in
+Italien Flachs gebaut und Purpur bereitet, aber wenigstens die letztere
+Industrie gehoerte wesentlich dem griechischen Tarent an, und ueberall
+ueberwog hier wohl schon jetzt die Einfuhr von aegyptischem Linnen und
+milesischem oder tyrischem Purpur die einheimische Fabrikation.
+
+————————————————————————————————-
+
+^12 Die industrielle Bedeutung des roemischen Tuchgewerks ergibt sich
+schon aus der merkwuerdigen Rolle, die die Walker in der roemischen
+Komoedie spielen. Die Eintraeglichkeit der Walkergruben bezeugt Cato
+(bei Plut. Cato mai. 21).
+
+————————————————————————————————-
+
+Dagegen gehoert gewissermassen hierher die Pachtung oder der Kauf
+ausseritalischer Laendereien durch roemische Kapitalisten, um daselbst
+den Kornbau und die Viehzucht im grossen zu betreiben. Die Anfaenge
+dieser spaeterhin in so enormen Verhaeltnissen sich entwickelnden
+Spekulation fallen, namentlich auf Sizilien, wahrscheinlich schon in
+diese Zeit; zumal da die den Sikelioten auferlegten
+Verkehrsbeschraenkungen, wenn sie nicht dazu eingefuehrt waren, doch
+wenigstens dahin wirken mussten, den davon befreiten roemischen
+Spekulanten eine Art von Monopol fuer den Grundbesitzerwerb in die
+Haende zu geben.
+
+Der Geschaeftsbetrieb in all diesen verschiedenen Zweigen erfolgte
+durchgaengig durch Sklaven. Der Geldverleiher und der Bankier
+richteten, soweit ihr Geschaeftskreis reichte, Nebenkontore und
+Zweigbanken unter Direktion ihrer Sklaven und Freigelassenen ein. Die
+Gesellschaft, die vom Staate Hafenzoelle gepachtet hatte, stellte fuer
+das Hebegeschaeft in jedem Bureau hauptsaechlich ihre Sklaven und
+Freigelassenen an. Wer in Bauunternehmungen machte, kaufte sich
+Architektensklaven; wer sich damit abgab, die Schauspiele oder
+Fechterspiele fuer Rechnung der Beikommenden zu besorgen, erhandelte
+oder erzog sich eine spielkundige Sklaventruppe oder eine Bande zum
+Fechthandwerk abgerichteter Knechte. Der Kaufmann liess sich seine
+Waren auf eigenen Schiffen unter der Fuehrung von Sklaven oder
+Freigelassenen kommen und vertrieb sie wieder in derselben Weise im
+Gross- oder Kleinverkehr. Dass der Betrieb der Bergwerke und der
+Fabriken lediglich durch Sklaven erfolgte, braucht danach kaum gesagt
+zu werden. Die Lage dieser Sklaven war freilich auch nicht
+beneidenswert und durchgaengig unguenstiger als die der griechischen;
+dennoch befanden, wenn von den letzten Klassen abgesehen wird, die
+Industriesklaven sich im ganzen ertraeglicher als die Gutsknechte. Sie
+hatten haeufiger Familie und faktisch selbstaendige Wirtschaft und die
+Moeglichkeit, Freiheit und eigenes Vermoegen zu erwerben, lag ihnen
+nicht fern. Daher waren diese Verhaeltnisse die rechte Pflanzschule der
+Emporkoemmlinge aus dem Sklavenstand, welche durch Bediententugend und
+oft durch Bedientenlaster in die Reihen der roemischen Buerger und
+nicht selten zu grossem Wohlstand gelangten und sittlich, oekonomisch
+und politisch wenigstens ebensoviel wie die Sklaven selbst zum Ruin des
+roemischen Gemeinwesens beigetragen haben.
+
+Der roemische Geschaeftsverkehr dieser Epoche ist der gleichzeitigen
+politischen Machtentwicklung vollkommen ebenbuertig und in seiner Art
+nicht minder grossartig. Wer ein anschauliches Bild von der
+Lebendigkeit des Verkehrs mit dem Ausland zu haben wuenscht, braucht
+nur die Literatur, namentlich die Lustspiele dieser Zeit aufzuschlagen,
+in denen der phoenikische Handelsmann phoenikisch redend auf die Buehne
+gebracht wird und der Dialog von griechischen und halbgriechischen
+Worten und Phrasen wimmelt. Am bestimmtesten aber laesst sich die
+Ausdehnung und Intensitaet des roemischen Geschaeftsverkehrs in den
+Muenz- und Geldverhaeltnissen verfolgen. Der roemische Denar hielt
+voellig Schritt mit den roemischen Legionen. Dass die sizilischen
+Muenzstaetten, zuletzt im Jahre 542 (212) die syrakusanische, infolge
+der roemischen Eroberung geschlossen oder doch auf Kleinmuenze
+beschraenkt wurden und in Sizilien und Sardinien der Denar wenigstens
+neben dem aelteren Silbercourant und wahrscheinlich sehr bald
+ausschliesslich gesetzlichen Kurs erhielt, wurde schon gesagt. Ebenso
+rasch, wo nicht noch rascher, drang die roemische Silbermuenze in
+Spanien ein, wo die grossen Silbergruben bestanden und eine aeltere
+Landesmuenze so gut wie nicht vorhanden war; sehr frueh haben die
+spanischen Staedte sogar angefangen, auf roemischen Fuss zu muenzen.
+Ueberhaupt bestand, da Karthago nur in beschraenktem Umfang muenzte,
+ausser der roemischen keine einzige bedeutende Muenzstaette im
+westlichen Mittelmeergebiet mit Ausnahme derjenigen von Massalia und
+etwa noch der Muenzstaetten der illyrischen Griechen in Apollonia und
+Dyrrhachion. Diese wurden demnach, als die Roemer anfingen sich im
+Pogebiet festzusetzen, um 525 (229) dem roemischen Fuss in der Art
+unterworfen, dass ihnen zwar die Silberpraegung blieb, sie aber
+durchgaengig, namentlich die Massalioten, veranlasst wurden, ihre
+Drachme auf das Gewicht des roemischen Dreivierteldenars zu regulieren,
+den denn auch die roemische Regierung ihrerseits unter dem Namen der
+Victoriamuenze (victoriatus) zunaechst fuer Oberitalien zu praegen
+begann. Dieses neue von dem roemischen abhaengige System beherrschte
+nicht bloss das massaliotische, oberitalische und illyrische Gebiet,
+sondern es gingen auch diese Muenzen in die noerdlichen
+Barbarenlandschaften, namentlich die massaliotischen in die
+Alpengegenden das ganze Rhonegebiet hinauf und die illyrischen bis
+hinein in das heutige Siebenbuergen. Auf die oestliche Haelfte des
+Mittelmeergebiets erstreckte in dieser Epoche wie die unmittelbare
+roemische Herrschaft so auch die roemische Muenze sich noch nicht;
+dafuer aber trat hier der rechte und naturgemaesse Vermittler des
+internationalen und ueberseeischen Handels, das Gold, ein. Zwar die
+roemische Regierung hielt in ihrer streng konservativen Art, abgesehen
+von einer voruebergehenden, durch die Finanzbedraengnis waehrend des
+Hannibalischen Krieges veranlassten Goldpraegung, unwandelbar daran
+fest, ausser dem national-italischen Kupfer nichts als Silber zu
+schlagen; aber der Verkehr hatte bereits solche Verhaeltnisse
+angenommen, dass er auch ohne Muenze mit dem Golde nach dem Gewicht
+auszukommen vermochte. Von dem Barbestande, der im Jahre 597 (157) in
+der roemischen Staatskasse lag, war kaum ein Sechstel gepraegtes oder
+ungepraegtes Silber, fuenf Sechstel Gold in Barren ^13, und ohne
+Zweifel fanden sich in allen Kassen der groesseren roemischen
+Kapitalisten die edlen Metalle wesentlich in dem gleichen
+Verhaeltnisse. Bereits damals also nahm das Gold im Grossverkehr die
+erste Stelle ein und ueberwog, wie hieraus weiter geschlossen werden
+darf, im allgemeinen Verkehr derjenige mit dem Ausland und namentlich
+mit dem seit Philipp und Alexander dem Grossen zum Goldcourant
+uebergegangenen Osten.
+
+—————————————————————-
+
+^13 Es lagen in der Kasse 17410 roemische Pfund Gold, 22070 Pfund
+ungepraegten, 18230 Pfund gepraegten Silbers. Das Legalverhaeltnis des
+Goldes zum Silber war 1 Pfund Gold = 4000 Sesterzen oder 1:11,91.
+
+———————————————————————
+
+Der Gesamtgewinn aus diesem ungeheuren Geschaeftsverkehr der roemischen
+Kapitalisten floss ueber kurz oder lang in Rom zusammen; denn soviel
+dieselben auch ins Ausland gingen, siedelten sie doch sich dort nicht
+leicht dauernd an, sondern kehrten frueher oder spaeter zurueck nach
+Rom, indem sie ihr gewonnenes Vermoegen entweder realisierten und in
+Italien anlegten oder auch mit den erworbenen Kapitalien und
+Verbindungen den Geschaeftsbetrieb von Rom aus fortsetzten. Die
+Gelduebermacht Roms gegen die uebrige zivilisierte Welt war denn auch
+vollkommen ebenso entschieden wie seine politische und militaerische.
+Rom stand in dieser Beziehung den uebrigen Laendern aehnlich gegenueber
+wie heutzutage England dem Kontinent - wie denn ein Grieche von dem
+juengeren Scipio Africanus sagt, dass er “fuer einen Roemer” nicht
+reich gewesen sei. Was man in dem damaligen Rom unter Reichtum
+verstand, kann man ungefaehr danach abnehmen, dass Lucius Paullus bei
+einem Vermoegen von 100000 Talern (60 Talente) nicht fuer einen reichen
+Senator galt, und dass eine Mitgift, wie jede der Toechter des aelteren
+Scipio Africanus sie erhielt, von 90000 Talern (50 Talente) als
+angemessene Aussteuer eines vornehmen Maedchens angesehen ward,
+waehrend der reichste Grieche dieses Jahrhunderts nicht mehr als eine
+halbe Million Taler (300 Talente) im Vermoegen hatte.
+
+Es war denn auch kein Wunder, dass der kaufmaennische Geist sich der
+Nation bemaechtigte, oder vielmehr - denn er war nicht neu in Rom -,
+dass daselbst das Kapitalistentum jetzt alle uebrigen Richtungen und
+Stellungen des Lebens durchdrang und verschlang und der Ackerbau wie
+das Staatsregiment anfingen, Kapitalistenentreprisen zu werden. Die
+Erhaltung und Mehrung des Vermoegens war durchaus ein Teil der
+oeffentlichen und der Privatmoral. “Einer Witwe Habe mag sich mindern”,
+schrieb Cato in dem fuer seinen Sohn aufgesetzten Lebenskatechismus,
+“der Mann muss sein Vermoegen mehren, und derjenige ist ruhmwuerdig und
+goettlichen Geistes voll, dessen Rechnungsbuecher bei seinem Tode
+nachweisen, dass er mehr hinzuerworben als ererbt hat”. Wo darum
+Leistung und Gegenleistung sich gegenueberstehen, wird jedes auch ohne
+irgendwelche Foermlichkeit abgeschlossene Geschaeft respektiert, und
+wenn nicht durch das Gesetz, doch durch kaufmaennische Gewohnheit und
+Gerichtsgebrauch erforderlichenfalls dem verletzten Teil das Klagerecht
+zugestanden ^14; aber das formlose Schenkungsversprechen ist nichtig in
+der rechtlichen Theorie wie in der Praxis. In Rom, sagt Polybios,
+schenkt keiner keinem, wenn er nicht muss, und niemand zahlt einen
+Pfennig vor dem Verfalltag, auch unter nahen Angehoerigen nicht. Sogar
+die Gesetzgebung ging ein auf diese kaufmaennische Moral, die in allem
+Weggeben ohne Entgelt eine Verschleuderung findet; das Geben von
+Geschenken und Vermaechtnissen, die Uebernahme von Buergschaften wurden
+in dieser Zeit durch Buergerschaftsschluss beschraenkt, die
+Erbschaften, wenn sie nicht an die naechsten Verwandten fielen,
+wenigstens besteuert. Im engsten Zusammenhang damit durchdrang die
+kaufmaennische Puenktlichkeit, Ehrlichkeit und Respektabilitaet das
+ganze roemische Leben. Buch ueber seine Ausgabe und Einnahme zu
+fuehren, ist jeder ordentliche Mann sittlich verpflichtet - wie es denn
+auch in jedem wohleingerichteten Hause ein besonderes Rechnungszimmer
+(tablinum) gab -, und jeder traegt Sorge, dass er nicht ohne letzten
+Willen aus der Welt scheide; es gehoerte zu den drei Dingen, die Cato
+in seinem Leben bereut zu haben bekennt, dass er einen Tag ohne
+Testament gewesen sei. Die gerichtliche Beweiskraft, ungefaehr wie wir
+sie den kaufmaennischen Buechern beizulegen pflegen, kam nach
+roemischer Uebung jenen Hausbuechern durchgaengig zu. Das Wort des
+unbescholtenen Mannes galt nicht bloss gegen ihn, sondern auch zu
+seinen eigenen Gunsten: bei Differenzen unter rechtschaffenen Leuten
+war nichts gewoehnlicher als sie durch einen, von der einen Partei
+geforderten und von der anderen geleisteten Eid zu schlichten, womit
+sie sogar rechtlich als erledigt galten; und den Geschworenen schrieb
+eine traditionelle Regel vor, in Ermangelung von Beweisen zunaechst
+fuer den unbescholtenen gegen den bescholtenen Mann und nur bei
+gleicher Reputierlichkeit beider Parteien fuer den Beklagten zu
+sprechen ^15. Die konventionelle Respektabilitaet tritt namentlich in
+der scharfen und immer schaerferen Auspraegung des Satzes hervor, dass
+kein anstaendiger Mann sich fuer persoenliche Dienstleistungen bezahlen
+lassen duerfe. Darum erhielten denn nicht bloss Beamte, Offiziere,
+Geschworene, Vormuender und ueberhaupt alle mit oeffentlichen
+Verrichtungen beauftragten anstaendigen Maenner keine andere Verguetung
+fuer ihre Dienstleistungen als hoechstens den Ersatz ihrer Auslagen,
+sondern es wurden auch die Dienste, welche Bekannte (amici) sich
+untereinander leisten: Verbuergung, Vertretung im Prozess, Aufbewahrung
+(depositum), Gebrauchsueberlassung der nicht zum Vermieten bestimmten
+Gegenstaende (commodatum), ueberhaupt Geschaeftsverwaltung und
+Besorgung (procuratio) nach demselben Grundsatz behandelt, so dass es
+unschicklich war, dafuer eine Verguetung zu empfangen, und eine Klage
+selbst auf die versprochene nicht gestattet ward. Wie vollstaendig der
+Mensch im Kaufmann aufging, zeigt wohl am schaerfsten die Ersetzung des
+Duells, auch des politischen, in dem roemischen Leben dieser Zeit durch
+die Geldwette und den Prozess. Die gewoehnliche Form, um persoenliche
+Ehrenfragen zu erledigen, war die, dass zwischen dem Beleidiger und dem
+Beleidigten um die Wahrheit oder Falschheit der beleidigenden
+Behauptung gewettet und im Wege der Einklagung der Wettsumme die
+Tatfrage in aller Form rechtens vor die Geschworenen gebracht ward; die
+Annahme einer solchen, von dem Beleidigten oder dem Beleidiger
+angebotenen Wette war, ganz wie heutzutage die der Ausforderung zum
+Zweikampf rechtlich freigestellt, aber ehrenhafterweise oft nicht zu
+vermeiden.
+
+———————————————————————-
+
+^14 Darauf beruht die Klagbarkeit des Kauf-, Miet-,
+Gesellschaftsvertrags und ueberhaupt die ganze Lehre von den nicht
+formalen klagbaren Vertraegen.
+
+^15 Die Hauptstelle darueber ist das Fragment Catos bei Gell. 14, 2.
+Auch fuer den Literalkontrakt, das heisst die lediglich auf die
+Eintragung des Schuldpostens in das Rechnungsbuch des Glaeubigers
+basierte Forderung, gibt diese rechtliche Beruecksichtigung der
+persoenlichen Glaubwuerdigkeit der Partei, selbst wo es sich um ihr
+Zeugnis in eigener Sache handelt, den Schluessel; und daher ist auch,
+als spaeter diese kaufmaennische Reputierlichkeit aus dem roemischen
+Leben entwich, der Literalkontrakt nicht gerade abgeschafft worden,
+aber von selber verschwunden.
+
+———————————————————————
+
+Eine der wichtigsten Folgen dieses mit einer dem Nichtgeschaeftsmann
+schwer fasslichen Intensitaet auftretenden Kaufmannstums war die
+ungemeine Steigerung des Assoziationswesens. In Rom erhielt dasselbe
+noch besondere Nahrung durch das schon oft erwaehnte System der
+Regierung, ihre Geschaefte durch Mittelsmaenner beschaffen zu lassen;
+denn bei dem Umfang dieser Verrichtungen war es natuerlich und wohl
+auch der groesseren Sicherheit wegen oft vom Staate vorgeschrieben,
+dass nicht einzelne Kapitalisten, sondern Kapitalistengesellschaften
+diese Pachtungen und Lieferungen uebernahmen. Nach dem Muster dieser
+Unternehmungen organisierte sich der gesamte Grossverkehr. Es finden
+sogar sich Spuren, dass fuer das Assoziationswesen so charakteristische
+Zusammentreten der konkurrierenden Gesellschaften zur
+gemeinschaftlichen Aufstellung von Monopolpreisen auch bei den Roemern
+vorgekommen ist ^16. Namentlich in den ueberseeischen und den sonst mit
+bedeutendem Risiko verbundenen Geschaeften nahm das Assoziationswesen
+eine solche Ausdehnung an, dass es praktisch an die Stelle der dem
+Altertum unbekannten Assekuranzen trat. Nichts war gewoehnlicher als
+das sogenannte Seedarlehen, das heutige Grossaventurgeschaeft, wodurch
+Gefahr und Gewinn des ueberseeischen Handels sich auf die Eigentuemer
+von Schiff und Ladung und die saemtlichen fuer diese Fahrt
+kreditierenden Kapitalisten verhaeltnismaessig verteilt. Es war aber
+ueberhaupt roemische Wirtschaftsregel, sich lieber bei vielen
+Spekulationen mit kleinen Parten zu beteiligen, als selbstaendig zu
+spekulieren; Cato riet dem Kapitalisten, nicht ein einzelnes Schiff mit
+seinem Gelde auszuruesten, sondern mit neunundvierzig andern
+Kapitalisten zusammen fuenfzig Schiffe auszusenden und an jedem zum
+fuenfzigsten Teil sich zu interessieren. Die hierdurch herbeigefuehrte
+groessere Verwicklung der Geschaeftsfuehrung uebertrug der roemische
+Kaufmann durch seine puenktliche Arbeitsamkeit und seine - vom reinen
+Kapitalistenstandpunkt aus freilich unserem Kontorwesen bei weitem
+vorzuziehende - Sklaven- und Freigelassenenwirtschaft. So griffen diese
+kaufmaennischen Assoziationen mit hundertfachen Faeden in die Oekonomie
+eines jeden angesehenen Roemers ein. Es gab nach Polybios’ Zeugnis kaum
+einen vermoegenden Mann in Rom, der nicht als offener oder stiller
+Gesellschafter bei den Staatspachtungen beteiligt gewesen waere; und um
+soviel mehr wird ein jeder durchschnittlich einen ansehnlichen Teil
+seines Kapitals in den kaufmaennischen Assoziationen ueberhaupt stecken
+gehabt haben.
+
+———————————————————————
+
+^16 In dem merkwuerdigen Musterkontrakt Catos (agr. 144) fuer den wegen
+der Olivenlese abzuschliessenden Akkord findet sich folgender
+Paragraph: “Es soll [bei der Lizitation von den Unternehmungslustigen]
+niemand zuruecktreten, um zu bewirken, dass die Olivenlese und Presse
+teurer verdungen werde; ausser wenn [der Mitbieter den andern Bieter]
+sofort als seinen Kompagnon namhaft macht. Wenn dagegen gefehlt zu sein
+scheint, so sollen auf Verlangen des Gutsherrn oder des von ihm
+bestellten Aufsehers alle Kompagnons [derjenigen Assoziation, mit
+welcher der Akkord abgeschlossen worden ist,] beschwoeren, [nicht zu
+jener Beseitigung der Konkurrenz mitgewirkt zu haben]. Wenn sie den Eid
+nicht schwoeren, wird der Akkordpreis nicht gezahlt.” Dass der
+Unternehmer eine Gesellschaft, nicht ein einzelner Kapitalist ist, wird
+stillschweigend vorausgesetzt.
+
+——————————————————————-
+
+Auf allem diesem aber beruht die Dauer der roemischen Vermoegen, die
+vielleicht noch merkwuerdiger ist als deren Groesse. Die frueher
+hervorgehobene, in dieser Art vielleicht einzige Erscheinung, dass der
+Bestand der grossen Geschlechter durch mehrere Jahrhunderte sich fast
+gleich bleibt, findet hier, in den einigermassen engen, aber soliden
+Grundsaetzen der kaufmaennischen Vermoegensverwaltung ihre Erklaerung.
+
+Bei der einseitigen Hervorhebung des Kapitals in der roemischen
+Oekonomie konnten die von der reinen Kapitalistenwirtschaft
+unzertrennlichen Uebelstaende nicht ausbleiben. Die buergerliche
+Gleichheit, welche bereits durch das Emporkommen des regierenden
+Herrenstandes eine toedliche Wunde empfangen hatte, erlitt einen gleich
+schweren Schlag durch die scharf und immer schaerfer sich zeichnende
+soziale Abgrenzung der Reichen und der Armen. Fuer die Scheidung nach
+unten hin ist nichts folgenreicher geworden als der schon erwaehnte,
+anscheinend gleichgueltige, in der Tat einen Abgrund von
+Kapitalistenuebermut und Kapitalistenfrevel in sich schliessende Satz,
+dass es schimpflich sei, fuer die Arbeit Geld zu nehmen - es zog sich
+damit die Scheidewand nicht bloss zwischen dem gemeinen Tageloehner und
+Handwerker und dem respektablen Guts- und Fabrikbesitzer, sondern
+ebenso auch zwischen dem Soldaten und Unteroffizier und dem
+Kriegstribun, zwischen dem Schreiber und Boten und dem Beamten. Nach
+oben hin zog eine aehnliche Schranke das von Gaius Flaminius
+veranlasste Claudische Gesetz (kurz vor 536 218), welches Senatoren und
+Senatorensoehnen untersagte, Seeschiffe ausser zum Transport des
+Ertrags ihrer Landgueter zu besitzen und wahrscheinlich auch sich bei
+den oeffentlichen Lizitationen zu beteiligen, ueberhaupt ihnen alles
+das zu betreiben verbot, was die Roemer unter “Spekulation” (quaestus)
+verstanden ^17. Zwar ward diese Bestimmung nicht von den Senatoren
+hervorgerufen, sondern war ein Werk der demokratischen Opposition,
+welche damit zunaechst wohl nur den Uebelstand beseitigen wollte, dass
+Regierungsmitglieder mit der Regierung selbst Geschaefte machten; es
+kann auch sein, dass die Kapitalisten hier schon, wie spaeter so oft,
+mit der demokratischen Partei gemeinschaftliche Sache gemacht und die
+Gelegenheit wahrgenommen haben, durch den Ausschluss der Senatoren die
+Konkurrenz zu vermindern. Jener Zweck ward natuerlich nur sehr
+unvollkommen erreicht, da das Assoziationswesen den Senatoren Wege
+genug eroeffnete, im stillen weiter zu spekulieren; aber wohl hat
+dieser Volksschluss eine gesetzliche Grenze zwischen den nicht oder
+doch nicht offen spekulierenden und den spekulierenden Vornehmen
+gezogen und der zunaechst politischen eine reine Finanzaristokratie an
+die Seite gestellt, den spaeter so genannten Ritterstand, dessen
+Rivalitaeten mit dem Herrenstand die Geschichte des folgenden
+Jahrhunderts erfuellen.
+
+——————————————————————————-
+
+^17 Liv. 21, 63 (vgl. Cic. Verr. 5, 18, 45) spricht nur von der
+Verordnung ueber die Seeschiffe; aber dass auch die Staatsentreprisen
+(redemptiones) dem Senator gesetzlich untersagt waren, sagen Asconius
+(tog. cand. p. 94 Orelli) und Dio Cassius (55, 10, 5), und da nach
+Livius “jede Spekulation fuer den Senator unschicklich gefunden ward”,
+so hat das Claudische Gesetz wahrscheinlich weiter gereicht.
+
+——————————————————————————
+
+Eine weitere Folge der einseitigen Kapitalmacht war das
+unverhaeltnismaessige Hervortreten eben der sterilsten und fuer die
+Volkswirtschaft im ganzen und grossen am wenigsten produktiven
+Verkehrszweige. Die Industrie, die in erster Stelle haette erscheinen
+sollen, stand vielmehr an der letzten. Der Handel bluehte; aber er war
+durchgaengig passiv. Nicht einmal an der Nordgrenze scheint man
+imstande gewesen zu sein, fuer die Sklaven, welche aus den keltischen
+und wohl auch schon aus den deutschen Laendern nach Ariminum und den
+anderen norditalischen Maerkten stroemten, mit Waren Deckung zu geben;
+wenigstens wurde schon 523 (231) die Ausfuhr des Silbergeldes in das
+Keltenland von der roemischen Regierung untersagt. In dem Verkehr nun
+gar mit Griechenland, Syrien, Aegypten, Kyrene, Karthago musste die
+Bilanz notwendig zum Nachteil Italiens sich stellen. Rom fing an, die
+Hauptstadt der Mittelmeerstaaten und Italien Roms Weichbild zu werden;
+mehr wollte man eben auch nicht sein und liess den Passivhandel, wie
+jede Stadt, die nichts weiter als Hauptstadt ist, notwendig ihn fuehrt,
+mit opulenter Gleichgueltigkeit sich gefallen - besass man doch Geld
+genug, um damit alles zu bezahlen, was man brauchte und nicht brauchte.
+Dagegen die unproduktivsten aller Geschaefte, der Geldhandel und das
+Hebungswesen, waren der rechte Sitz und die feste Burg der roemischen
+Oekonomie. Was endlich in dieser noch an Elementen zur Emporbringung
+eines wohlhabenden Mittel- und auskoemmlichen Kleinstandes enthalten
+war, verkuemmerte unter dem unseligen Sklavenbetrieb oder steuerte im
+besten Fall zur Vermehrung des leidigen Freigelassenenstandes bei.
+
+Aber vor allem zehrte die tiefe Unsittlichkeit, welche der reinen
+Kapitalwirtschaft inwohnt, an dem Marke der Gesellschaft und des
+Gemeinwesens und ersetzte die Menschen- und die Vaterlandsliebe durch
+den unbedingten Egoismus. Der bessere Teil der Nation empfand es sehr
+lebendig, welche Saat des Verderbens in jenem Spekulantentreiben lag;
+und vor allem richteten sich der instinktmaessige Hass des grossen
+Haufens wie die Abneigung des wohlgesinnten Staatsmanns gegen das seit
+langem von den Gesetzen verfolgte und dem Buchstaben des Rechtes nach
+immer noch verpoente gewerbsmaessige Leihgeschaeft. Es heisst in einem
+Lustspiel dieser Zeit:
+
+Wahrhaftig gleich eracht’ ich ganz die Kuppler und euch Wuchrer;
+
+Wenn jene feilstehn insgeheim, tut ihr’s auf offnem Markte.
+
+Mit Kneipen die, mit Zinsen ihr, schindet die Leut’ ihr beide.
+
+Gesetze gnug hat eurethalb die Buergerschaft erlassen;
+
+Ihr bracht’ sie, wie man sie erliess; ein Schlupf ist stets gefunden.
+
+Wie heisses Wasser, das verkuehlt, so achtet das Gesetz ihr.
+
+Energischer noch als der Lustspieldichter sprach der Fuehrer der
+Reformpartei Cato sich aus. “Es hat manches fuer sich”, heisst es in
+der Vorrede seiner Anweisung zum Ackerbau, “Geld auf Zinsen zu leihen;
+aber es ist nicht ehrenhaft. Unsere Vorfahren haben also geordnet und
+in dem Gesetze geschrieben, dass der Dieb zwiefachen, der Zinsnehmer
+vierfachen Ersatz zu leisten schuldig sei; woraus man abnehmen kann,
+ein wieviel schlechterer Buerger als der Dieb der Zinsnehmer von ihnen
+erachtet ward”. Der Unterschied, meint er anderswo, zwischen einem
+Geldverleiher und einem Moerder sei nicht gross; und man muss es ihm
+lassen, dass er in seinen Handlungen nicht hinter seinen Reden
+zurueckblieb - als Statthalter in Sardinien hat er durch seine strenge
+Rechtspflege die roemischen Bankiers geradezu zum Lande
+hinausgetrieben. Der regierende Herrenstand betrachtete ueberhaupt
+seiner ueberwiegenden Majoritaet nach die Wirtschaft der Spekulanten
+mit Widerwillen und fuehrte sich nicht bloss durchschnittlich
+rechtschaffener und ehrbarer in den Provinzen als diese Geldleute,
+sondern tat auch oefter ihnen Einhalt; nur brachen der haeufige Wechsel
+der roemischen Oberbeamten und die unvermeidliche Ungleichheit ihrer
+Gesetzhandhabung dem Bemuehen, jenem Treiben zu steuern, notwendig die
+Spitze ab. Man begriff es auch wohl, was zu begreifen nicht schwer war,
+dass es weit weniger darauf ankam, die Spekulation polizeilich zu
+ueberwachen, als der ganzen Volkswirtschaft eine veraenderte Richtung
+zu geben; hauptsaechlich in diesem Sinne wurde von Maennern, wie Cato
+war, durch Lehre und Beispiel der Ackerbau gepredigt. “Wenn unsere
+Vorfahren”, faehrt Cato in der eben angefuehrten Vorrede fort, “einem
+tuechtigen Mann die Lobrede hielten, so lobten sie ihn als einen
+tuechtigen Bauern und einen tuechtigen Landwirt; wer also gelobt ward,
+schien das hoechste Lob erhalten zu haben. Den Kaufmann halte ich fuer
+wacker und erwerbsfleissig; aber sein Geschaeft ist Gefahren und
+Ungluecksfaellen allzusehr ausgesetzt. Dagegen die Bauern geben die
+tapfersten Leute und die tuechtigsten Soldaten; kein Erwerb ist wie
+dieser ehrbar, sicher und niemandem gehaessig, und die damit sich
+abgeben, kommen am wenigsten auf boese Gedanken”. Von sich selber
+pflegte er zu sagen, dass sein Vermoegen lediglich aus zwei
+Erwerbsquellen herstamme: aus dem Ackerbau und aus der Sparsamkeit; und
+wenn das auch weder sehr logisch gedacht noch genau der Wahrheit
+gemaess war ^18, so hat er doch nicht mit Unrecht seinen Zeitgenossen
+wie der Nachwelt als das Muster eines roemischen Gutsbesitzers
+gegolten. Leider ist es eine ebenso merkwuerdige wie schmerzliche
+Wahrheit, dass dieses soviel und sicher im besten Glauben gepriesene
+Heilmittel der Landwirtschaft selber durchdrungen war von dem Gifte der
+Kapitalistenwirtschaft. Bei der Weidewirtschaft liegt dies auf der
+Hand; sie war darum auch bei dem Publikum am meisten beliebt und bei
+der Partei der sittlichen Reform am wenigsten gut angeschrieben. Aber
+wie war es denn mit dem Ackerbau selbst? Der Krieg, den vom dritten bis
+zum fuenften Jahrhundert der Stadt das Kapital gegen die Arbeit in der
+Art gefuehrt hatte, dass es mittels des Schuldzinses die Bodenrente den
+arbeitenden Bauern entzog und den muessig zehrenden Rentiers in die
+Haende fuehrte, war ausgeglichen worden hauptsaechlich durch die
+Erweiterung der roemischen Oekonomie und das Hinueberwerfen des in
+Latium vorhandenen Kapitals auf die in dem ganzen Mittelmeergebiet
+taetige Spekulation. Jetzt vermochte auch das ausgedehnte
+Geschaeftsgebiet die gesteigerte Kapitalmasse nicht mehr zu fassen; und
+eine wahnwitzige Gesetzgebung arbeitete zugleich daran, teils die
+senatorischen Kapitalien auf kuenstlichem Wege zur Anlage in italischem
+Grundbesitz zu draengen, teils durch die Einwirkung auf die Kornpreise
+das italische Ackerland systematisch zu entwerten. So begann denn der
+zweite Feldzug des Kapitals gegen die freie Arbeit oder, was im
+Altertum wesentlich dasselbe ist, gegen die Bauernwirtschaft; und war
+der erste arg gewesen, so schien er mit dem zweiten verglichen milde
+und menschlich. Die Kapitalisten liehen nicht mehr an den Bauern auf
+Zinsen aus, was an sich schon nicht anging, da der Kleinbesitzer keinen
+Ueberschuss von Belang mehr erzielte, und auch nicht einfach und nicht
+radikal genug war, sondern sie kauften die Bauernstellen auf und
+verwandelten sie im besten Fall in Meierhoefe mit Sklavenwirtschaft.
+Man nannte das ebenfalls Ackerbau; in der Tat war es wesentlich die
+Anwendung der Kapitalwirtschaft auf die Erzeugung der Bodenfruechte.
+Die Schilderung der Ackerbauer, die Cato gibt, ist vortrefflich und
+vollkommen richtig; aber wie passt sie auf die Wirtschaft selbst, die
+er schildert und anraet? Wenn ein roemischer Senator, wie das nicht
+selten gewesen sein kann, solcher Landgueter wie das von Cato
+beschriebene vier besass, so lebten auf dem gleichen Raum, der zur Zeit
+der alten Kleinherrschaft hundert bis hundertundfuenfzig Bauernfamilien
+ernaehrt hatte, jetzt eine Familie freier Leute und etwa fuenfzig
+groesstenteils unverheiratete Sklaven. Wenn dies das Heilmittel war, um
+die sinkende Volkswirtschaft zu bessern, so sah es leider der Krankheit
+selber bis zum Verwechseln aehnlich.
+
+——————————————————————-
+
+^18 Einen Teil seines Vermoegens steckte Cato wie jeder andere Roemer
+in Viehzucht und Handels- und andere Unternehmungen. Aber es war nicht
+seine Art, geradezu die Gesetze zu verletzen; er hat weder in
+Staatspachtungen spekuliert, was er als Senator nicht durfte, noch
+Zinsgeschaefte betrieben. Man tut ihm Unrecht, wenn man ihm in letzter
+Beziehung eine von seiner Theorie abweichende Praxis vorwirft: das
+Seedarlehen, mit dem er allerdings sich abgab, ist vor dem Gesetz kein
+verbotener Zinsbetrieb und gehoert auch der Sache nach wesentlich zu
+den Reederei- und Befrachtungsgeschaeften.
+
+————————————————————————-
+
+Das Gesamtergebnis dieser Wirtschaft liegt in den veraenderten
+Bevoelkerungsverhaeltnissen nur zu deutlich vor Augen. Freilich war der
+Zustand der italischen Landschaften sehr ungleich und zum Teil sogar
+gut. Die bei der Kolonisation des Gebietes zwischen den Apenninen und
+dem Po in grosser Anzahl daselbst gegruendeten Bauernstellen
+verschwanden nicht so schnell. Polybios, der nicht lange nach dem Ende
+dieser Periode die Gegend bereiste, ruehmt ihre zahlreiche, schoene und
+kraeftige Bevoelkerung; bei einer richtigen Korngesetzgebung waere es
+wohl moeglich gewesen, nicht Sizilien, sondern die Polandschaft zur
+Kornkammer der Hauptstadt zu machen. Aehnlich hatte Picenum und der
+sogenannte “gallische Acker” durch die Aufteilungen des Domaniallandes
+in Gemaessheit des Flaminischen Gesetzes 522 (232) eine zahlreiche
+Bauernschaft erhalten, welche freilich im Hannibalischen Krieg arg
+mitgenommen ward. In Etrurien und wohl auch in Umbrien waren die
+inneren Verhaeltnisse der untertaenigen Gemeinden dem Gedeihen eines
+freien Bauernstandes unguenstig. Besser stand es in Latium, dem die
+Vorteile des hauptstaedtischen Marktes doch nicht ganz entzogen werden
+konnten und das der Hannibalische Krieg im ganzen verschont hatte,
+sowie in den abgeschlossenen Bergtaelern der Marser und Sabeller.
+Sueditalien dagegen hatte der Hannibalische Krieg furchtbar heimgesucht
+und ausser einer Menge kleinerer Ortschaften die beiden groessten
+Staedte, Capua und Tarent, beide einst imstande, Heere von 30000 Mann
+ins Feld zu stellen, zugrunde gerichtet. Samnium hatte von den schweren
+Kriegen des fuenften Jahrhunderts sich wieder erholt; nach der Zaehlung
+von 529 (225) war es imstande, halb soviel Waffenfaehige zu stellen als
+die saemtlichen latinischen Staedte und wahrscheinlich damals nach dem
+roemischen Buergerdistrikt die bluehendste Landschaft der Halbinsel.
+Allein der Hannibalische Krieg hatte das Land aufs neue veroedet und
+die Ackeranweisungen daselbst an die Soldaten des Scipionischen Heeres,
+obwohl bedeutend, deckten doch wahrscheinlich nicht den Verlust. Noch
+uebler waren in demselben Kriege Kampanien und Apulien, beides bis
+dahin wohlbevoelkerte Landschaften, von Freund und Feind zugerichtet
+worden. In Apulien fanden spaeter zwar Ackeranweisungen statt, allein
+die hier angelegten Kolonien wollten nicht gedeihen. Bevoelkerter blieb
+die schoene kampanische Ebene; doch ward die Mark von Capua und der
+anderen, im Hannibalischen Kriege aufgeloesten Gemeinden Staatsbesitz
+und waren die Inhaber derselben durchgaengig nicht Eigentuemer, sondern
+kleine Zeitpaechter. Endlich in dem weiten lucanischen und brettischen
+Gebiet ward die schon vor dem Hannibalischen Krieg sehr duenne
+Bevoelkerung von der ganzen Schwere des Krieges selbst und der daran
+sich reihenden Strafexekutionen getroffen; und auch von Rom aus geschah
+nicht viel, um hier den Ackerbau wieder in die Hoehe zu bringen - mit
+Ausnahme etwa von Valentia (Vibo, jetzt Monteleone) kam keine der dort
+angelegten Kolonien recht in Aufnahme. Bei aller Ungleichheit der
+politischen und oekonomischen Verhaeltnisse der verschiedenen
+Landschaften und dem verhaeltnismaessig bluehenden Zustand einzelner
+derselben ist im ganzen doch der Rueckgang unverkennbar, und er wird
+durch die unverwerflichsten Zeugnisse ueber den allgemeinen Zustand
+Italiens bestaetigt. Cato und Polybios stimmen darin ueberein, dass
+Italien am Ende des sechsten Jahrhunderts weit schwaecher als am Ende
+des fuenften bevoelkert und keineswegs mehr imstande war, Heermassen
+aufzubringen wie im Ersten Punischen Kriege. Die steigende
+Schwierigkeit der Aushebung, die Notwendigkeit, die Qualifikation zum
+Dienst in den Legionen herabzusetzen, die Klagen der Bundesgenossen
+ueber die Hoehe der von ihnen zu stellenden Kontingente bestaetigen
+diese Angaben; und was die roemische Buergerschaft anlangt, so reden
+die Zahlen. Sie zaehlte im Jahre 502 (252), kurz nach Regulus’ Zug nach
+Afrika, 298000 waffenfaehige Maenner; dreissig Jahre spaeter, kurz vor
+dem Anfang des Hannibalischen Krieges (534 220), war sie auf 270000
+Koepfe, also um ein Zehntel, wieder zwanzig Jahre weiter, kurz vor dem
+Ende desselben Krieges (550 204) auf 214000 Koepfe, also um ein Viertel
+gesunken; und ein Menschenalter nachher, waehrend dessen keine
+ausserordentlichen Verluste eingetreten waren, wohl aber die Anlage
+besonders der grossen Buergerkolonien in der norditalischen Ebene einen
+fuehlbaren ausserordentlichen Zuwachs gebracht hatte, war dennoch kaum
+die Ziffer wieder erreicht, auf der die Buergerschaft zu Anfang dieser
+Periode gestanden hatte. Haetten wir aehnliche Ziffern fuer die
+italische Bevoelkerung ueberhaupt, so wuerden sie ohne allen Zweifel
+ein verhaeltnismaessig noch ansehnlicheres Defizit aufweisen. Das
+Sinken der Volkskraft laesst sich weniger belegen, doch ist es von
+landwirtschaftlichen Schriftstellern bezeugt, dass Fleisch und Milch
+aus der Nahrung des gemeinen Mannes mehr und mehr verschwanden. Daneben
+wuchs die Sklavenbevoelkerung, wie die freie sank. In Apulien, Lucanien
+und dem Brettierland muss schon zu Catos Zeit die Viehwirtschaft den
+Ackerbau ueberwogen haben; die halbwilden Hirtensklaven waren hier
+recht eigentlich die Herren im Hause. Apulien ward durch sie so
+unsicher gemacht, dass starke Besatzung dorthin gelegt werden musste;
+im Jahre 569 (185) wurde daselbst eine im groessten Massstab angelegte,
+auch mit dem Bacchanalienwesen sich verzweigende Sklavenverschwoerung
+entdeckt und gegen 7000 Menschen kriminell verurteilt. Aber auch in
+Etrurien mussten roemische Truppen gegen eine Sklavenbande marschieren
+(558 196, und sogar in Latium kam es vor, dass Staedte wie Setia und
+Praeneste Gefahr liefen, von einer Bande entlaufener Knechte
+ueberrumpelt zu werden (556 198). Zusehends schwand die Nation zusammen
+und loeste die Gemeinschaft der freien Buerger sich auf in eine Herren-
+und Sklavenschaft; und obwohl es zunaechst die beiden langjaehrigen
+Kriege mit Karthago waren, welche die Buerger- wie die
+Bundesgenossenschaft dezimierten und ruinierten, so haben zu dem Sinken
+der italischen Volkskraft und Volkszahl die roemischen Kapitalisten
+ohne Zweifel ebensoviel beigetragen wie Hamilkar und Hannibal. Es kann
+niemand sagen, ob die Regierung haette helfen koennen; aber
+erschreckend und beschaemend ist es, dass in den doch grossenteils
+wohlmeinenden und tatkraeftigen Kreisen der roemischen Aristokratie
+nicht einmal die Einsicht in den ganzen Ernst der Situation und die
+Ahnung von der ganzen Hoehe der Gefahr sich offenbart. Als eine
+roemische Dame vom hohen Adel, die Schwester eines der zahlreichen
+Buergeradmirale, die im Ersten Punischen Krieg die Flotten der Gemeinde
+zugrunde gerichtet hatten, eines Tages auf dem roemischen Markt ins
+Gedraenge geriet, sprach sie es laut vor den Umstehenden aus, dass es
+hohe Zeit sei, ihren Bruder wieder an die Spitze einer Flotte zu
+stellen und durch einen neuen Aderlass der Buergerschaft auf dem Markte
+Luft zu machen (508 246). So dachten und sprachen freilich die
+wenigsten; aber es war diese frevelhafte Rede doch nichts als der
+schneidende Ausdruck der straeflichen Gleichgueltigkeit, womit die
+gesamte hohe und reiche Welt auf die gemeine Buerger- und Bauernschaft
+herabsah. Man wollte nicht gerade ihr Verderben, aber man liess es
+geschehen; und so kam denn ueber das eben noch in maessiger und
+verdienter Wohlfahrt unzaehliger freier und froehlicher Menschen
+bluehende italische Land mit Riesenschnelle die Veroedung.
+
+
+
+
+KAPITEL XIII.
+Glaube und Sitte
+
+
+In strenger Bedingtheit verfloss dem Roemer das Leben und je vornehmer
+er war, desto weniger war er ein freier Mann. Die allmaechtige Sitte
+bannte ihn in einen engen Kreis des Denkens und Handelns und streng und
+ernst oder, um die bezeichnenden lateinischen Ausdruecke zu brauchen,
+traurig und schwer gelebt zu haben, war sein Ruhm. Keiner hatte mehr
+und keiner weniger zu tun, als sein Haus in guter Zucht zu halten und
+in Gemeideangelegenheiten mit Tat und Rat seinen Mann zu stehen. Indem
+aber der einzelne nichts sein wollte noch sein konnte als ein Glied der
+Gemeinde, ward der Ruhm und die Macht der Gemeinde auch von jedem
+einzelnen Buerger als persoenlicher Besitz empfunden und ging zugleich
+mit dem Namen und dern Hof auf die Nachfahren ueber; und wie also ein
+Geschlecht nach dem anderen in die Gruft gelegt. ward und jedes
+folgende zu dem alten Ehrenbestande neuen Erwerb haeufte, schwoll das
+Gesamtgefuehl der edlen roemischen Familien zu jenem gewaltigen
+Buergerstolz an, dessengleichen die Erde wohl nicht wieder gesehen hat
+und dessen so fremd- wie grossartige Spuren, wo wir ihnen begegnen, uns
+gleichsam einer anderen Welt anzugehoeren scheinen. Zwar gehoerte zu
+dem eigentuemlichen Gepraege dieses maechtigen Buergersinnes auch dies,
+dass er durch die starre buergerliche Einfachheit und Gleichheit
+waehrend des Lebens nicht unterdrueckt, aber gezwungen ward, sich in
+die schweigende Brust zu verschliessen und dass er erst nach dem Tode
+sich aeussern durfte; dann aber trat er auch in dem Leichenbegaengnis
+des angesehenen Mannes mit einer sinnlichen Gewaltigkeit hervor, die
+mehr als jede andere Erscheinung im roemischen Leben geeignet ist, uns
+Spaeteren von diesem wunderbaren Roemergeist eine Ahnung zu geben. Es
+war ein seltsamer Zug, dem beizuwohnen die Buergerschaft geladen ward
+durch den Ruf des Weibels der Gemeinde: “Jener Wehrmann ist Todes
+verblichen; wer da kann, der komme, dem Lucius Aemilius das Geleite zu
+geben; er wird weggetragen aus seinem Hause”. Es eroeffneten ihn die
+Scharen der Klageweiber, der Musikanten und der Taenzer, von welchen
+letzteren einer in Kleidung und Maske als des Verstorbenen Konterfei
+erschien, auch wohl gestikulierend und agierend den wohlbekannten Mann
+noch einmal der Menge vergegenwaertigte. Sodann folgte der
+grossartigste und eigentuemlichste Teil dieser Feierlichkeit, die
+Ahnenprozession, gegen die alles uebrige Gepraenge so verschwand, dass
+wahrhaft vornehme roemische Maenner wohl ihren Erben vorschrieben, die
+Leichenfeier lediglich darauf zu beschraenken. Es ist schon frueher
+gesagt worden, dass von denjenigen Ahnen, die die kurulische Aedilitaet
+oder ein hoeheres ordentliches Amt bekleidet hatten, die in Wachs
+getriebenen und bemalten Gesichtsmasken, soweit moeglich nach dem Leben
+gefertigt, aber auch fuer die fruehere Zeit bis in und ueber die der
+Koenige hinauf nicht mangelnd, an den Waenden des Familiensaales in
+hoelzernen Schreinen aufgestellt zu werden pflegten und als der
+hoechste Schmuck des Hauses galten. Wenn ein Todesfall in der Familie
+eintrat, so wurden mit diesen Gesichtsmasken und der entsprechenden
+Amtstracht geeignete Leute, namentlich Schauspieler, fuer das
+Leichenbegaengnis staffiert, so dass die Vorfahren, jeder in dem bei
+Lebzeiten von ihm gefuehrten vornehmsten Schmuck, der Triumphator im
+goldgestickten, der Zensor im purpurnen, der Konsul im purpurgesaeumten
+Mantel, mit ihren Liktoren und den sonstigen Abzeichen ihres Amtes,
+alle zu Wagen dem Toten das letzte Geleite gaben. Auf der mit schweren
+purpurnen und goldgestickten Decken und feinen Leintuechern
+ueberspreiteten Bahre lag dieser selbst, gleichfalls in dem vollen
+Schmuck des hoechsten von ihm bekleideten Amtes und umgeben von den
+Ruestungen der von ihm erlegten Feinde und den in Scherz und Ernst ihm
+gewonnenen Kraenzen. Hinter der Bahre kamen die Leidtragenden, alle in
+schwarzem Gewande und ohne Schmuck, die Soehne des Verstorbenen mit
+verhuelltem Haupt, die Toechter ohne Schleier, die Verwandter. und
+Geschlechtsgenossen, die Freunde, Klienten: und Freigelassenen. So ging
+der Zug auf den Markt. Hier wurde die Leiche in die Hoehe gerichtet;
+die Ahnen stiegen von den Wagen herab und liessen auf den kurulischen
+Stuehlen sich nieder, und des verstorbenen Sohn oder der naechste
+Geschlechtsgenosse betrat die Rednerbuehne, um in schlichter
+Aufzaehlung die Namen und Taten eines jeden der im Kreise
+herumsitzenden Maenner und zuletzt die des juengst Verstorbenen der
+versammelten Menge zu verlautbaren.
+
+Man mag das Barbarensitte nennen, und eine kuenstlerisch empfindende
+Nation haette freilich diese wunderliche Auferstehung der Toter,
+sicherlich nicht bis in die Epoche der voll entwickelten Zivilisation
+hinein ertragen; aber selbst sehr kuehle und sehr wenig ehrfuerchtig
+geartete Griechen, wie zum Beispiel Polybios, liessen doch durch die
+grandiose Naivitaet dieser Totenfeier sich imponieren. Zu der ernsten
+Feierlichkeit, zu dem gleichfoermigen Zuge, zu der stolzen Wuerdigkeit
+des roemischen Lebens gehoerte es notwendig mit, dass die
+abgeschiedenen Geschlechter fortfuhren, gleichsam koerperlich unter dem
+gegenwaertigen zu wandeln und dass, wenn ein Buerger, der Muehsal und
+der Ehren satt, zu seinen Vaetern versammelt ward, diese Vaeter selbst
+auf dem Markte erschienen, um ihn in ihrer Mitte zu empfangen.
+
+Aber man war jetzt an einem Wendepunkt angelangt. Soweit Roms Macht
+sich nicht mehr auf Italien beschraenkte, sondern weithin nach Osten
+und Westen uebergriff, war es auch mit der alten italischen
+Eigenartigkeit vorbei und trat an deren Stelle die hellenisierende
+Zivilisation. Zwar unter griechischem Einfluss hatte Italien gestanden,
+seit es ueberhaupt eine Geschichte hatte. Es ist frueher dargestellt
+worden, wie das jugendliche Griechenland und das jugendliche Italien,
+beide mit einer gewissen Naivitaet und Originalitaet, geistige
+Anregungen gaben und empfingen; wie in spaeterer Zeit in mehr
+aeusserlicher Weise Rom sich die Sprache und die Erfindungen der
+Griechen zum praktischen Gebrauche anzueignen bemueht war. Aber der
+Hellenismus der Roemer dieser Zeit war dennoch in seinen Ursachen wie
+in seinen Folgen etwas wesentlich Neues. Man fing an, das Beduerfnis
+nach einem reicheren Geistesleben zu empfinden und vor der eigenen
+geistigen Nichtigkeit gleichsam zu erschrecken; und wenn selbst
+kuenstlerisch begabte Nationen, wie die englische und die deutsche, in
+den Pausen ihrer Produktivitaet es nicht verschmaeht haben, sich der
+armseligen franzoesischen Kultur als Lueckenbuesser zu bedienen, so
+kann es nicht befremden, dass die italische jetzt sich mit brennendem
+Eifer auf die herrlichen Schaetze wie auf den wuesten Unflat der
+geistigen Entwicklung von Hellas warf. Aber es war doch noch etwas
+Tieferes und Innerlicheres, was die Roemer unwiderstehlich in den
+hellenischen Strudel hineinriss. Die hellenische Zivilisation nannte
+wohl noch sich hellenisch, aber sie war es nicht mehr, sondern vielmehr
+humanistisch und kosmopolitisch. Sie hatte auf dem geistigen Gebiete
+vollstaendig und bis zu einem gewissen Grade auch politisch das Problem
+geloest, aus einer Masse verschiedener Nationen ein Ganzes zu
+gestalten; und indem dieselbe Aufgabe in weiteren Grenzen jetzt auf Rom
+ueberging, uebernahm es mit der anderen Erbschaft Alexanders des
+Grossen auch den Hellenismus. Darum ist derselbe jetzt weder bloss
+Anregung mehr noch Nebensache, sondern durchdringt das innerste Mark
+der italischen Nation. Natuerlich straeubte die lebenskraeftige
+italische Eigenartigkeit sich gegen das fremde Element. Erst nach dem
+heftigsten Kampfe raeumte der italische Bauer dem weltbuergerlichen
+Grossstaedter das Feld; und wie bei uns der franzoesische Frack den
+germanischen Deutschrock ins Leben gerufen hat, so hat auch der
+Rueckschlag des Hellenismus in Rom eine Richtung erweckt, die sich in
+einer den frueheren Jahrhunderten durchaus fremden Weise dem
+griechischen Einfluss prinzipiell opponierte und dabei ziemlich haeufig
+in derbe Albernheiten und Laecherlichkeiten verfiel.
+
+Es gab kein Gebiet des menschlichen Tuns und Sinnens, auf dem dieser
+Kampf der alten und der neuen Weise nicht gefuehrt worden waere. Selbst
+die politischen Verhaeltnisse wurden davon beherrscht. Das wunderliche
+Projekt, die Hellenen zu emanzipieren, dessen wohlverdienter
+Schiffbruch frueher dargestellt ward; der verwandte gleichfalls
+hellenische Gedanke der Solidaritaet der Republiken den Koenigen
+gegenueber und die Propaganda hellenischer Politie gegen orientalische
+Despotie, welche beide zum Beispiel fuer die Behandlung Makedoniens mit
+massgebend gewesen sind, sind die fixen Ideen der neuen Schule, eben
+wie die Karthagerfurcht die fixe Idee der alten war; und wenn Cato die
+letztere bis zur Laecherlichkeit gepredigt hat, so ward auch mit dem
+Philhellenentum hier und da wenigstens ebenso albern kokettiert - so
+zum Beispiel liess der Besieger des Koenigs Antiochos nicht bloss sich
+in griechischer Tracht seine Bildsaeule auf dem Kapitol errichten,
+sondern legte auch, statt auf gut lateinisch sich Asiaticus zu nennen,
+den freilich sinn- und sprachwidrigen, aber doch praechtigen und
+beinahe griechischen Beinamen Asiagenus sich zu ^1. Eine wichtigere
+Konsequenz dieser Stellung der herrschenden Nation zu dem Hellenentum
+war es, dass die Latinisierung in Italien ueberall, nur nicht den
+Hellenen gegenueber Boden gewann. Die Griechenstaedte in Italien,
+soweit der Krieg sie nicht zernichtete, blieben griechisch. In Apulien,
+um das die Roemer sich freilich wenig bekuemmerten, scheint eben in
+dieser Epoche der Hellenismus vollstaendig durchgedrungen zu sein und
+die dortige lokale Zivilisation mit der verbluehenden hellenischen sich
+ins Niveau gesetzt zu haben. Die Ueberlieferung schweigt zwar davon;
+aber die zahlreichen, durchgaengig mit griechischer Aufschrift
+versehenen Stadtmuenzen und die hier allein in Italien mehr schwunghaft
+und praechtig als geschmackvoll betriebene Fabrikation bemalter
+Tongefaesse nach griechischer Art zeigen uns Apulien vollstaendig
+eingegangen in griechische Art und griechische Kunst.
+
+—————————————————————————-
+
+^1 Dass Asiagenus die urspruengliche Titulatur des Helden von Magnesia
+und seiner Deszendenten war, ist durch Muenzen und Inschriften
+festgestellt; wenn die kapitolinischen Fasten ihn Asiaticus nennen, so
+stellt sich dies zu den mehrfach vorkommenden Spuren nicht
+gleichzeitiger Redaktion. Es kann jener Beiname nichts sein als eine
+Korruption von Ασιαγένης. wie auch spaetere Schriftsteller wohl dafuer
+schreiben, was aber nicht den Sieger von Asia bezeichnet, sondern den
+geborenen Asiaten.
+
+——————————————————————————
+
+Aber der eigentliche Kampfplatz des Hellenismus und seiner nationalen
+Antagonisten war in der gegenwaertigen Periode das Gebiet des Glaubens
+und der Sitte und der Kunst und Literatur; und es darf nicht
+unterlassen werden, von dieser freilich in tausenderlei Richtungen
+zugleich sich bewegenden und schwer zu einer Anschauung
+zusammenzufassenden grossen Prinzipienfehde eine Darstellung zu
+versuchen.
+
+Wie der alte einfache Glaube noch jetzt in den Italikern lebendig war,
+zeigt am deutlichsten die Bewunderung oder Verwunderung, welche dies
+Problem der italischen Froemmigkeit bei den hellenischen Zeitgenossen
+erregte. Bei dem Zwiste mit den Aetolern bekam es der roemische
+Oberfeldherr zu hoeren, dass er waehrend der Schlacht nichts getan habe
+als wie ein Pfaffe beten und opfern; wogegen Polybios mit seiner etwas
+platten Gescheitheit seine Landsleute auf die politische Nuetzlichkeit
+dieser Gottesfurcht aufmerksam macht und sie belehrt, dass der Staat
+nun einmal nicht aus lauter klugen Leuten bestehen koenne und
+dergleichen Zeremonien um der Menge willen sehr zweckmaessig seien.
+
+Aber wenn man in Italien noch besass, was in Hellas laengst eine
+Antiquitaet war, eine nationale Religion, so fing sie doch schon
+sichtlich an, sich zur Theologie zu verknoechern. In nichts vielleicht
+tritt die beginnende Erstarrung des Glaubens so bestimmt hervor wie in
+den veraenderten oekonomischen Verhaeltnissen des Gottesdienstes und
+der Priesterschaft. Der oeffentliche Gottesdienst wurde nicht bloss
+immer weitschichtiger, sondern vor allem auch immer kostspieliger.
+Lediglich zu dem wichtigen Zweck, die Ausrichtung der Goetterschmaeuse
+zu beaufsichtigen, wurde im Jahre 558 (196) zu den drei alten Kollegien
+der Augurn, Pontifices und Orakelbewahrer ein viertes der drei
+Schmausherren (tres viri epulones) hinzugefuegt. Billig schmausen nicht
+bloss die Goetter, sondern auch ihre Priester; neuer Stiftungen indes
+bedurfte es hierfuer nicht, da ein jedes Kollegium sich seiner
+Schmausangelegenheiten mit Eifer und Andacht befliss. Neben den
+klerikalen Gelagen fehlt auch die klerikale Immunitaet nicht. Die
+Priester nahmen selbst in Zeiten schwerer Bedraengnis es als ihr Recht
+in Anspruch, zu den oeffentlichen Abgaben nicht beizutragen und liessen
+erst nach sehr aergerlichen Kontroversen sich zur Nachzahlung der
+rueckstaendigen Steuern zwingen (558 196). Wie fuer die Gemeinde wurde
+auch fuer den einzelnen Mann die Froemmigkeit mehr und mehr ein
+kostspieliger Artikel. Die Sitte der Stiftungen und ueberhaupt der
+Uebernahme dauernder pekuniaerer Verpflichtungen zu religioesen Zwecken
+war bei den Roemern in aehnlicher Weise wie heutzutage in den
+katholischen Laendern verbreitet; diese Stiftungen, namentlich seit sie
+von der hoechsten geistlichen und zugleich hoechsten Rechtsautoritaet
+der Gemeinde, den Pontifices, als eine auf jeden Erben und sonstigen
+Erwerber des Gutes von Rechts wegen uebergehende Reallast betrachtet
+wurden, fingen an, eine hoechst drueckende Vermoegenslast zu werden -
+“Erbschaft ohne Opferschuld” ward bei den Roemern sprichwoertlich
+gesagt, etwa wie bei uns “Rose ohne Dornen”. Das Geluebde des Zehnten
+der Habe wurde so gemein, dass jeden Monat ein paar Male infolgedessen
+auf dem Rindermarkt in Rom oeffentliches Gastgebot abgehalten ward. Mit
+dem orientalischen Kult der Goettermutter gelangten unter anderem
+gottseligen Unfug auch die jaehrlich an festen Tagen wiederkehrenden,
+von Haus zu Haus geheischten Pfennigkollekten (stipem cogere) nach Rom.
+Endlich die untergeordnete Priester- und Prophetenschaft gab wie billig
+nichts fuer nichts; und es ist ohne Zweifel aus dem Leben gegriffen,
+wenn auf der roemischen Buehne in der ehelichen Gardinenkonversation
+neben der Kuechen-, Hebammen- und Praesentenrechnung auch das fromme
+Konto mit erscheint:
+
+Gleichfalls, Mann, muss ich was haben auf den naechsten Feiertag
+
+Fuer die Kuesterin, fuer die Wahrsagerin, fuer die Traum- und die kluge
+Frau;
+
+Saehst du nur, wie die mich anguckt! Eine Schand’ ist’s, schick’ ich
+nichts.
+
+Auch der Opferfrau durchaus mal geben muss ich ordentlich.
+
+Man schuf zwar in dieser Zeit in Rom nicht wie frueher einen Silber- so
+jetzt einen Goldgott; aber in der Tat regierte er dennoch in den
+hoechsten wie in den niedrigsten Kreisen des religioesen Lebens. Der
+alte Stolz der latinischen Landesreligion, die Billigkeit ihrer
+oekonomischen Anforderungen, war unwiederbringlich dahin. Aber
+gleichzeitig war es auch mit der alten Einfachheit aus. Das Bastardkind
+von Vernunft und Glauben, die Theologie, war bereits geschaeftig, die
+ihr eigene beschwerliche Weitlaeufigkeit und feierliche
+Gedankenlosigkeit in den alten Landesglauben hinein und dessen Geist
+damit auszutreiben. Der Katalog der Verpflichtungen und Vorrechte des
+Jupiterpriesters zum Beispiel koennte fueglich im Talmud stehen. Mit
+der natuerlichen Regel, dass nur die fehlerlos verrichtete religioese
+Pflicht den Goettern genehm sei, trieb man es praktisch so weit, dass
+ein einzelnes Opfer wegen wieder und wieder begangener Versehen bis
+dreissigmal hintereinander wiederholt wird, dass die Spiele, die ja
+auch Gottesdienst waren, wenn der leitende Beamte sich versprochen oder
+vergriffen oder die Musik einmal eine unrichtige Pause gemacht hatte,
+als nicht geschehen galten und von vorne, oft mehrere, ja bis zu sieben
+Malen hintereinander wieder begonnen werden massten. In dieser
+Uebertreibung der Gewissenhaftigkeit liegt an sich schon ihre
+Erstarrung; und die Reaktion dagegen, die Gleichgueltigkeit und der
+Unglaube liessen auch nicht auf sich warten. Schon im Ersten Punischen
+Kriege (505 249) kam es vor, dass mit den vor der Schlacht zu
+befragenden Auspizien der Konsul selber offenkundigen Spott trieb -
+freilich ein Konsul aus dem absonderlichen und im Guten und Boesen der
+Zeit voraneilenden Geschlecht der Claudier. Gegen das Ende dieser
+Epoche werden schon Klagen laut, dass die Augurallehre vernachlaessigt
+werde und dass, mit Cato zu reden, eine Menge alter Vogelkunden und
+Vogelschauungen durch die Traegheit des Kollegiums in Vergessenheit
+geraten sei. Ein Augur wie Lucius Paullus, der in dem Priestertum eine
+Wissenschaft und nicht einen Titel sah, war bereits eine seltene
+Ausnahme und musste es auch wohl sein, wenn die Regierung immer offener
+und ungescheuter die Auspizien zur Durchsetzung ihrer politischen
+Absichten benutzte, das heisst die Landesreligion nach Polybios’
+Auffassung als einen zur Prellung des grossen Publikums brauchbaren
+Aberglauben behandelte. Wo also vorgearbeitet war, fand die
+hellenistische Irreligiositaet offene Bahn. Mit der beginnenden
+Kunstliebhaberei fingen schon zu Catos Zeit die heiligen Bildnisse der
+Goetter an, die Zimmer der Reichen gleich anderem Hausgeraet zu
+schmuecken. Gefaehrlichere Wunden schlug der Religion die beginnende
+Literatur. Zwar offene Angriffe durfte sie nicht wagen, und was
+geradezu durch sie zu den religioesen Vorstellungen hinzukam, wie zum
+Beispiel durch Ennius, der in Nachbildung des griechischen Uranos dem
+roemischen Saturnus geschoepfte Vater Caelus, war wohl auch
+hellenistisch, aber nicht von grosser Bedeutung. Folgenreich dagegen
+war die Verbreitung der Epicharmischen und Euhemeristischen Lehren in
+Rom. Die poetische Philosophie, welche die spaeteren Pythagoreer aus
+den Schriften des alten sizilischen Lustspieldichters Epicharmos von
+Megara (um 280 470) ausgezogen oder vielmehr, wenigstens
+groesstenteils, ihm untergeschoben hatten, sah in den griechischen
+Goettern Natursubstanzen, in Zeus die Luft, in der Seele ein
+Sonnenstaeubchen und so weiter; insofern diese Naturphilosophie,
+aehnlich wie in spaeterer Zeit die stoische Lehre, in ihren
+allgemeinsten Grundzuegen der roemischen Religion wahlverwandt war, war
+sie geeignet, die allegorisierende Aufloesung der Landesreligion
+einzuleiten. Eine historisierende Zersetzung der Religion lieferten die
+“heiligen Memoiren” des Euhemeros von Messene (um 450 300), die in Form
+von Berichten ueber die von dem Verfasser in das wunderbare Ausland
+getanen Reisen die von den sogenannten Goettern umlaufenden Nachrichten
+gruendlich und urkundlich sichteten und im Resultat darauf
+hinausliefen, dass es Goetter weder gegeben habe noch gebe. Zur
+Charakteristik des Buches mag das eine genuegen, dass die Geschichte
+von Kronos’ Kinderverschlingung erklaert wird aus der in aeltester Zeit
+bestehenden und durch Koenig Zeus abgeschafften Menschenfresserei.
+Trotz oder auch durch seine Plattheit und Tendenzmacherei machte das
+Produkt in Griechenland ein unverdientes Glueck und half in
+Gemeinschaft mit den gangbaren Philosophien dort die tote Religion
+begraben. Es ist ein merkwuerdiges Zeichen des ausgesprochenen und
+wohlbewussten Antagonismus zwischen der Religion und der neuen
+Literatur, dass bereits Ennius diese notorisch destruktiven
+Epicharmischen und Euhemeristischen Schriften ins Lateinische
+uebertrug. Die Uebersetzer moegen vor der roemischen Polizei sich damit
+gerechtfertigt haben, dass die Angriffe sich nur gegen die griechischen
+und nicht gegen die latinischen Goetter wandten; aber die Ausrede war
+ziemlich durchsichtig. In seinem Sinne hatte Cato ganz recht, diese
+Tendenzen, wo immer sie ihm vorkamen, ohne Unterschied mit der ihm
+eigenen Bitterkeit zu verfolgen und auch den Sokrates einen
+Sittenverderber und Religionsfrevler zu heissen.
+
+So ging es mit der alten Landesreligion zusehends auf die Neige; und
+wie man die maechtigen Staemme des Urwaldes rodete, bedeckte sich der
+Boden mit wucherndem Domgestruepp und bis dahin nicht gesehenem
+Unkraut. Inlaendischer Aberglaube und auslaendische Afterweisheit
+gingen buntscheckig durch-, neben- und gegeneinander. Kein italischer
+Stamm blieb frei von der Umwandlung alten Glaubens in neuen
+Aberglauben. Wie bei den Etruskern die Gedaerme- und Blitzweisheit, so
+stand bei den Sabellern, besonders den Marsern, die freie Kunst des
+Vogelguckens und Schlangenbeschwoerens in ueppigem Flor. Sogar bei der
+latinischen Nation, ja in Rom selbst begegnen, obwohl hier
+verhaeltnismaessig am wenigsten, doch auch aehnliche Erscheinungen - so
+die praenestinischen Spruchlose und in Rom im Jahre 573 (181) die
+merkwuerdige Entdeckung des Grabes und der hinterlassenen Schriften des
+Koenigs Numa, welche ganz unerhoerten und seltsamen Gottesdienst
+vorgeschrieben haben sollen. Mehr als dies und dass die Buecher sehr
+neu ausgesehen haetten, erfuhren die Glaubensdurstigen zu ihrem
+Leidwesen nicht; denn der Senat legte die Hand auf den Schatz und liess
+die Rollen kurzweg ins Feuer werfen. Die inlaendische Fabrikation
+reichte also vollkommen aus, um jeden billigerweise zu verlangenden
+Bedarf von Unsinn zu decken; allein man war weit entfernt, sich daran
+genuegen zu lassen. Der damalige, bereits denationalisierte und von
+orientalischer Mystik durchdrungene Hellenismus brachte wie den
+Unglauben so auch den Aberglauben in seinen aergerlichsten und
+gefaehrlichsten Gestaltungen nach Italien, und eben als auslaendischer
+hatte dieser Schwindel noch einen ganz besonderen Reiz. Die
+chaldaeischen Astrologen und Nativitaetensteller waren schon im
+sechsten Jahrhundert durch ganz Italien verbreitet; noch weit
+bedeutender aber, ja weltgeschichtlich epochemachend war die Aufnahme
+der phrygischen Goettermutter unter die oeffentlich anerkannten Goetter
+der roemischen Gemeinde, zu der die Regierung waehrend der letzten
+bangen Jahre des Hannibalischen Krieges (550 204) sich hatte verstehen
+muessen. Es ging deswegen eine eigene Gesandtschaft nach Pessinus,
+einer Stadt des kleinasiatischen Keltenlandes, und der raube Feldstein,
+den die dortige Priesterschaft als die richtige Mutter Kybele den
+Fremden freigebig verehrte, ward mit unerhoertem Gepraenge von der
+Gemeinde eingeholt, ja es wurden zur ewigen Erinnerung an das
+froehliche Ereignis unter den hoeheren Staenden Klubgesellschaften mit
+umgehender Bewirtung der Mitglieder untereinander gestiftet, welche das
+beginnende Cliquentreiben wesentlich gefoerdert zu haben scheinen. Mit
+der Konzessionierung dieses Kybelekultes fusste die Gottesverehrung der
+Orientalen offiziell Fuss in Rom, und wenn auch die Regierung noch
+streng darauf hielt, dass die Kastratenpriester der neuen Goetter
+Kelten (Galli), wie sie hiessen, auch blieben und noch kein roemischer
+Buerger zu diesem frommen Eunuchentum sich hergab, so musste dennoch
+der wueste Apparat der “Grossen Mutter”, diese, mit dem Obereunuchen an
+der Spitze unter fremdlaendischer Musik von Pfeifen und Pauken in
+orientalischer Kleiderpracht durch die Gassen aufziehende und von Haus
+zu Haus bettelnde Priesterschaft und das ganze sinnlich-moenchische
+Treiben vom wesentlichsten Einfluss auf die Stimmung und Anschauung des
+Volkes sein. Wohin das fuehrte, zeigte sich nur zu rasch und nur zu
+schrecklich. Wenige Jahre spaeter (568 186) kam eine Muckerwirtschaft
+der scheusslichsten Art bei den roemischen Behoerden zur Anzeige, eine
+geheime naechtliche Feier zu Ehren des Gottes Bakchos, die durch einen
+griechischen Pfaffen zuerst nach Etrurien gekommen war und, wie ein
+Krebsschaden um sich fressend, sich rasch nach Rom und ueber ganz
+Italien verbreitet, ueberall die Familien zerruettet und die aergsten
+Verbrechen, unerhoerte Unzucht, Testamentsfaelschungen, Giftmorde
+hervorgerufen hatte. Ueber 7000 Menschen wurden deswegen kriminell,
+grossenteils mit dem Tode bestraft und strenge Vorschriften fuer die
+Zukunft erlassen; dennoch gelang es nicht, der Wirtschaft Herr zu
+werden, und sechs Jahre spaeter (574 180) klagte der betreffende
+Beamte, dass wieder 3000 Menschen verurteilt seien und noch kein Ende
+sich absehen lasse.
+
+Natuerlich waren in der Verdammung dieser ebenso unsinnigen wie
+gemeinschaedlichen Afterfroemmigkeit alle vernuenftigen Leute sich
+einig; die altglaeubigen Frommen wie die Angehoerigen der hellenischen
+Aufklaerung trafen hier im Spott wie im Aerger zusammen. Cato setzte
+seinem Wirtschafter in die Instruktion, “dass er ohne Vorwissen und
+Auftrag des Herrn kein Opfer darbringen noch fuer sich darbringen
+lassen solle ausser an dem Hausherd und am Flurfest auf dem Fluraltar,
+und dass er nicht sich Rats erholen duerfe weder bei einem
+Eingeweidebeschauer noch bei einem klugen Mann noch bei einem
+Chaldaeer”. Auch die bekannte Frage, wie nur der Priester es anfange,
+das Lachen zu verbeissen, wenn er seinem Kollegen begegne, ist ein
+Catonisches Wort und urspruenglich auf den etruskischen
+Gedaermebetrachter angewandt worden. Ziemlich in demselben Sinn schilt
+Ennius in echt euripideischem Stil auf die Bettelpropheten und ihren
+Anhang:
+
+Diese aberglaeubischen Pfaffen, dieses freche Prophetenpack,
+
+Die verrueckt und die aus Faulheit, die gedraengt von Hungerpein,
+
+Wollen andern Wege weisen, die sie sich nicht finden aus,
+
+Schenken Schaetze dem, bei dem sie selbst den Pfennig betteln gehn.
+
+Aber in solchen Zeiten hat die Vernunft von vornherein gegen die
+Unvernunft verlorenes Spiel. Die Regierung schritt freilich ein; die
+frommen Preller wurden polizeilich gestraft und ausgewiesen, jede
+auslaendische nicht besonders konzessionierte Gottesverehrung
+untersagt, selbst die Befragung des verhaeltnismaessig unschuldigen
+Spruchorakels in Praeneste noch 512 (242) von Amts wegen verhindert
+und, wie schon gesagt ward, das Muckerwesen streng verfolgt. Aber wenn
+die Koepfe einmal gruendlich verrueckt sind, so setzt auch der hoehere
+Befehl sie nicht wieder in die Richte. Wieviel die Regierung dennoch
+nachgeben musste oder wenigstens nachgab, geht gleichfalls aus dem
+Gesagten hervor. Die roemische Sitte, die etruskischen Weisen in
+vorkommenden Faellen von Staats wegen zu befragen und deshalb auch auf
+die Fortpflanzung der etruskischen Wissenschaft in den vornehmen
+etruskischen Familien von Regierungs wegen hinzuwirken, sowie die
+Gestattung des nicht unsittlichen und auf die Frauen beschraenkten
+Geheimdienstes der Demeter moegen wohl noch der aelteren, unschuldigen
+und verhaeltnismaessig gleichgueltigen Uebernahme auslaendischer
+Satzungen beizuzaehlen sein. Aber die Zulassung des
+Goettermutterdienstes ist ein arges Zeichen davon, wie schwach dem
+neuen Aberglauben gegenueber sich die Regierung fuehlte, vielleicht
+auch davon, wie tief er in sie selber eingedrungen war; und ebenso ist
+es entweder eine unverzeihliche Nachlaessigkeit oder etwas noch
+Schlimmeres, dass gegen eine Wirtschaft, wie die Bacchanalien waren,
+erst so spaet und auch da noch auf eine zufaellige Anzeige hin von den
+Behoerden eingeschritten ward.
+
+Wie nach der Vorstellung der achtbaren Buergerschaft dieser Zeit das
+roemische Privatleben beschaffen sein sollte, laesst sich im
+wesentlichen abnehmen aus dem Bilde, das uns von dem des aelteren Cato
+ueberliefert worden ist. Wie taetig Cato als Staatsmann, Sachwalter,
+Schriftsteller und Spekulant auch war, so war und blieb das
+Familienleben der Mittelpunkt seiner Existenz - besser ein guter
+Ehemann sein, meinte er, als ein grosser Senator. Die haeusliche Zucht
+war streng. Die Dienerschaft durfte nicht ohne Befehl das Haus
+verlassen noch ueber die haeuslichen Vorgaenge mit Fremden schwatzen.
+Schwerere Strafen wurden nicht mutwillig auferlegt, sondern nach einer
+gleichsam gerichtlichen Verhandlung zuerkannt und vollzogen; wie scharf
+es dabei herging, kann man daraus abnehmen, dass einer seiner Sklaven
+wegen eines ohne Auftrag von ihm abgeschlossenen und dem Herrn zu Ohren
+gekommenen Kaufhandels sich erhing. Wegen leichter Vergehen, zum
+Beispiel bei Beschickung der Tafel vorgekommener Versehen, pflegte der
+Konsular dem Fehlbaren die verwirkten Hiebe nach Tische eigenhaendig
+mit dem Riemen aufzuzaehlen. Nicht minder streng hielt er Frau und
+Kinder in Zucht, aber in anderer Art; denn an die erwachsenen Kinder
+und an die Frau Hand anzulegen wie an die Sklaven, erklaerte er fuer
+suendhaft. Bei der Wahl der Frau missbilligte er die Geldheiraten und
+empfahl, auf gute Herkunft zu sehen, heiratete uebrigens selbst im
+Alter die Tochter eines seiner armen Klienten. Uebrigens nahm er es mit
+der Enthaltsamkeit auf Seiten des Mannes so, wie man es damit ueberall
+in Sklavenlaendern nimmt; auch galt ihm die Ehefrau durchaus nur als
+ein notwendiges Uebel. Seine Schriften fliessen ueber von Scheltreden
+gegen das schwatzhafte, putzsuechtige, unregierliche schoene
+Geschlecht; “ueberlaestig und hoffaertig sind die Frauen alle” - meinte
+der alte Herr - und “waeren die Menschen der Weiber los, so moechte
+unser Leben wohl minder gottlos sein”. Dagegen war die Erziehung der
+ehelichen Kinder ihm Herzens- und Ehrensache und die Frau in seinen
+Augen eigentlich nur der Kinder wegen da. Sie naehrte in der Regel
+selbst, und wenn sie ihre Kinder an der Brust von Sklavinnen saugen
+liess, so legte sie dafuer auch wohl selbst deren Kinder an die eigene
+Brust - einer der wenigen Zuege, worin das Bestreben hervortritt, durch
+menschliche Beziehungen, Muttergemeinschaft und Milchbruederschaft die
+Institution der Sklaverei zu mildern. Bei dem Waschen und Wickeln der
+Kinder war der alte Feldherr, wenn irgend moeglich, selber zugegen. Mit
+Ehrfurcht wachte er ueber die kindliche Unschuld; wie in Gegenwart der
+vestalischen Jungfrauen, versichert er, habe er in Gegenwart seiner
+Kinder sich gehuetet, ein schaendliches Wort in den Mund zu nehmen und
+nie vor den Augen seiner Tochter die Mutter umfasst, ausser wenn diese
+bei einem Gewitter in Angst geraten sei. Die Erziehung seines Sohnes
+ist wohl der schoenste Teil seiner mannigfaltigen und vielfach
+ehrenwerten Taetigkeit. Seinem Grundsatz getreu, dass der rotbackige
+Bube besser tauge als der blasse, leitete der alte Soldat seinen Knaben
+selbst zu allen Leibesuebungen an und lehrte ihn ringen, reiten,
+schwimmen und fechten und Hitze und Frost ertragen. Aber er empfand
+auch sehr richtig, dass die Zeit vorbei war, wo der Roemer damit
+auskam, ein tuechtiger Bauer und Soldat zu sein, und ebenso den
+nachteiligen Einfluss, den es auf das Gemuet des Knaben haben musste,
+wenn er in dem Lehrer, der ihn gescholten und gestraft und ihm
+Ehrerbietung abgewonnen hatte, spaeterhin einen Sklaven erkannte. Darum
+lehrte er selbst den Knaben, was der Roemer zu lernen pflegte, lesen
+und schreiben und das Landrecht kennen; ja er arbeitete noch in spaeten
+Jahren sich in die allgemeine Bildung der Hellenen soweit hinein, dass
+er imstande war, das, was er daraus dem Roemer brauchbar erachtete,
+seinem Sohn in der Muttersprache zu ueberliefern. Auch seine ganze
+Schriftstellerei war zunaechst auf den Sohn berechnet, und sein
+Geschichtswerk schrieb er fuer diesen mit grossen deutlichen Buchstaben
+eigenhaendig ab. Er lebte schlicht und sparsam. Seine strenge
+Wirtschaftlichkeit litt keine Luxusausgaben. Kein Sklave durfte ihn
+mehr kosten als 1500 (460 Taler), kein Kleid mehr als 100 Denare (30
+Taler); in seinem Haus sah man keinen Teppich und lange Zeit an den
+Zimmerwaenden keine Tuenche. Fuer gewoehnlich ass und trank er dieselbe
+Kost mit seinem Gesinde und litt nicht, dass die Mahlzeit ueber 30 Asse
+(21 Groschen) an baren Auslagen zu stehen kam; im Kriege war sogar der
+Wein durchgaengig von seinem Tisch verbannt und trank er Wasser oder
+nach Umstaenden Wasser mit Essig gemischt. Dagegen war er kein Feind
+von Gastereien; sowohl mit seiner Klubgesellschaft in der Stadt als
+auch auf dem Lande mit seinen Gutsnachbarn sass er gern und lange bei
+Tafel, und wie seine mannigfaltige Erfahrung und sein schlagfertiger
+Witz ihn zu einem beliebten Gesellschafter machten, so verschmaehte er
+auch weder die Wuerfel noch die Flasche, teilte sogar in seinem
+Wirtschaftsbuch unter anderen Rezepten ein erprobtes Hausmittel mit
+fuer den Fall, dass man eine ungewoehnlich starke Mahlzeit und einen
+allzutiefen Trunk getan. Sein ganzes Sein bis ins hoechste Alter hinauf
+war Taetigkeit. Jeder Augenblick war eingeteilt und ausgefuellt, und
+jeden Abend pflegte er bei sich zu rekapitulieren, was er den Tag ueber
+gehoert, gesagt und getan hatte. So blieb denn Zeit fuer die eigenen
+Geschaefte wie fuer die der Bekannten und der Gemeinde und nicht minder
+fuer Gespraech und Vergnuegen; alles ward rasch und ohne viel Reden
+abgetan, und in echtem Taetigkeitsinn war ihm nichts so verhasst als
+die Vielgeschaeftigkeit und die Wichtigtuerei mit Kleinigkeiten.
+
+So lebte der Mann, der den Zeitgenossen und den Nachkommen als der
+rechte roemische Musterbuerger galt und in dem, gegenueber dem
+griechischen Muessiggang und der griechischen Sittenlosigkeit, die
+roemische, allerdings etwas grobdraehtige Taetigkeit und Bravheit
+gleichsam verkoerpert erschienen - wie denn ein spaeter roemischer
+Dichter sagt:
+
+Nichts ist an der fremden Sitt’ als tausendfache Schwindelei;
+
+Besser als der roemische Buerger fuehrt sich keiner auf der Welt;
+
+Mehr als hundert Sokratesse gilt der eine Cato mir.
+
+Solche Urteile wird die Geschichte nicht unbedingt sich aneignen; aber
+wer die Revolution ins Auge fasst, welche der entartete Hellenismus
+dieser Zeit in dem Leben und Denken der Roemer vollzog, wird geneigt
+sein, die Verurteilung der fremden Sitte eher zu schaerfen als zu
+mildern.
+
+Die Bande der Familie lockerten sich mit grauenvoller Geschwindigkeit.
+Pestartig griff die Grisetten- und Buhlknabenwirtschaft um sich, und
+wie die Verhaeltnisse lagen, war es nicht einmal moeglich, gesetzlich
+dagegen. etwas Wesentliches zu tun - die hohe Steuer, welche Cato als
+Zensor (570 184) auf diese abscheulichste Gattung der Luxussklaven
+legte, wollte nicht viel bedeuten und ging ueberdies ein paar Jahre
+darauf mit der Vermoegenssteuer ueberhaupt tatsaechlich ein. Die
+Ehelosigkeit, ueber die schon zum Beispiel im Jahre 520 (234) schwere
+Klage gefuehrt ward, und die Ehescheidungen nahmen natuerlich im
+Verhaeltnis zu. Im Schosse der vornehmsten Familien kamen grauenvolle
+Verbrechen vor, wie zum Beispiel der Konsul Gaius Calpurnius Piso von
+seiner Gemahlin und seinem Stiefsohn vergiftet ward, um eine Nachwahl
+zum Konsulat herbeizufuehren und dadurch dem letzeren das hoechste Amt
+zu verschaffen, was auch gelang (574 180). Es beginnt ferner die
+Emanzipation der Frauen. Nach alter Sitte stand die verheiratete Frau
+von Rechts wegen unter der eheherrlichen, mit der vaeterlichen
+gleichstehenden Gewalt, die unverheiratete unter der Vormundschaft
+ihrer naechsten maennlichen Agnaten, die der vaeterlichen Gewalt wenig
+nachgab; eigenes Vermoegen hatte die Ehefrau nicht, die vaterlose
+Jungfrau und die Witwe wenigstens nicht dessen Verwaltung. Aber jetzt
+fingen die Frauen an, nach vermoegensrechtlicher Selbstaendigkeit zu
+streben und teils auf Advokatenschleichwegen, namentlich durch
+Scheinehen, sich der agnatischen Vormundschaft entledigend die
+Verwaltung ihres Vermoegens selbst in die Hand zu nehmen, teils bei der
+Verheiratung sich auf nicht viel bessere Weise der nach der Strenge des
+Rechts notwendigen eheherrlichen Gewalt zu entziehen. Die Masse von
+Kapital, die in den Haenden der Frauen sich zusammenfand, schien den
+Staatsmaennern der Zeit so bedenklich, dass man zu dem exorbitanten
+Mittel griff, die testamentarische Erbeseinsetzung der Frauen
+gesetzlich zu untersagen (585 169), ja sogar durch eine hoechst
+willkuerliche Praxis auch die ohne Testament auf Frauen fallenden
+Kollateralerbschaften denselben groesstenteils zu entziehen. Ebenso
+wurden die Familiengerichte ueber die Frau, die an jene eheherrliche
+und vormundschaftliche Gewalt anknuepften, praktisch mehr und mehr zur
+Antiquitaet. Aber auch in oeffentlichen Dingen fingen die Frauen schon
+an, einen Willen zu haben und gelegentlich, wie Cato meinte, “die
+Herrscher der Welt zu beherrschen”; in der Buergerschaftsversammlung
+war ihr Einfluss zu spueren, ja es erhoben sich bereits in den
+Provinzen Statuen roemischer Damen.
+
+Die Ueppigkeit stieg in Tracht, Schmuck und Geraet, in den Bauten und
+in der Tafel; namentlich seit der Expedition nach Kleinasien im Jahre
+564 (190) trug der asiatisch-hellenische Luxus, wie er in Ephesos und
+Alexandreia herrschte, sein leeres Raffinement und seine geld-, tag-
+und freudenverderbende Kleinkraemerei ueber nach Rom. Auch hier waren
+die Frauen voran; sie setzten es trotz Catos eifrigem Schelten durch,
+dass der bald nach der Schlacht von Cannae (539 215) gefasste
+Buergerschaftsbeschluss, welcher ihnen den Goldschmuck, die bunten
+Gewaender und die Wagen untersagte, nach dem Frieden mit Karthago (559
+195) wieder aufgehoben ward; ihrem eifrigen Gegner blieb nichts uebrig,
+als auf diese Artikel eine hohe Steuer zu legen (570 184). Eine Masse
+neuer und groesstenteils frivoler Gegenstaende, zierlich figuriertes
+Silbergeschirr, Tafelsofas mit Bronzebeschlag, die sogenannten
+attalischen Gewaender und Teppiche von schwerem Goldbrokat fanden jetzt
+ihren Weg nach Rom. Vor allem war es die Tafel, um die dieser neue
+Luxus sich drehte. Bisher hatte man ohne Ausnahme nur einmal am Tage
+warm gegessen; jetzt wurden auch bei dem zweiten Fruehstueck (prandium)
+nicht selten warme Speisen aufgetragen, und fuer die Hauptmahlzeit
+reichten die bisherigen zwei Gaenge nicht mehr aus. Bisher hatten die
+Frauen im Hause das Brotbacken und die Kueche selber beschafft und nur
+bei Gastereien hatte man einen Koch von Profession besonders gedungen,
+der dann Speisen wie Gebaeck gleichmaessig besorgte. Jetzt dagegen
+begann die wissenschaftliche Kochkunst. In den guten Haeusern ward ein
+eigener Koch gehalten. Die Arbeitsteilung ward notwendig, und aus dem
+Kuechenhandwerk zweigte das des Brot- und Kuchenbackens sich ab - um
+583 (171) entstanden die ersten Baeckerlaeden in Rom. Gedichte ueber
+die Kunst, gut zu essen, mit langen Verzeichnissen der essenswertesten
+Seefische und Meerfruechte fanden ihr Publikum; und es blieb nicht bei
+der Theorie. Auslaendische Delikatessen, pontische Sardellen,
+griechischer Wein fingen an, in Rom geschaetzt zu werden, und Catos
+Rezept, dem gewoehnlichen Landwein mittels Salzlake den Geschmack des
+koischen zu geben, wird den roemischen Weinhaendlern schwerlich
+erheblichen Abbruch getan haben. Das alte ehrbare Singen und Sagen der
+Gaeste und ihrer Knaben wurde verdraengt durch die asiatischen
+Harfenistinnen. Bis dahin hatte man in Rom wohl bei der Mahlzeit tapfer
+getrunken, aber eigentliche Trinkgelage nicht gekannt; jetzt kam das
+foermliche Kneipen in Schwung, wobei der Wein wenig oder gar nicht
+gemischt und aus grossen Bechern getrunken ward und das Vortrinken mit
+obligater Nachfolge regierte, das “griechisch Trinken” (Graeco more
+bibere) oder “griechen” (pergraecari, congraecare), wie die Roemer es
+nennen. Im Gefolge dieser Zechwirtschaft nahm das Wuerfelspiel, das
+freilich bei den Roemern laengst ueblich war, solche Verhaeltnisse an,
+dass die Gesetzgebung es noetig fand, dagegen einzuschreiten. Die
+Arbeitsscheu und das Herumlungern griffen zusehends um sich ^2. Cato
+schlug vor, den Markt mit spitzen Steinen pflastern zu lassen, um den
+Tagedieben das Handwerk zu legen; man lachte ueber den Spass und kam
+der Lust zu lottern und zu gaffen von allen Seher. her entgegen. Der
+erschreckenden Ausdehnung der Volkslustbarkeiten waehrend dieser Epoche
+wurde bereits gedacht. Zu Anfang derselben ward, abgesehen von einigen
+unbedeutenden, mehr den religioesen Zeremonien beizuzaehlenden
+Wettrennen und Wettfahrten, nur im Monat September ein einziges
+allgemeines Volksfest von viertaegiger Dauer und mit einem fest
+bestimmten Kostenmaximum abgehalten; am Schlusse derselben hatte dieses
+Volksfest wenigstens schon sechstaegige Dauer und wurden ueberdies
+daneben zu Anfang April das Fest der Goettermutter oder die sogenannten
+megalensischen, gegen Ende April das Ceres- und das Flora-, im Juni das
+Apollo-, im November das Plebejerfest und wahrscheinlich alle diese
+bereits mehrtaegig gefeiert. Dazu kamen die zahlreichen Instaurationen,
+bei denen die fromme Skrupulositaet vermutlich oft bloss als Vorwand
+diente, und die unaufhoerlichen ausserordentlichen Volksfeste, unter
+denen die schon erwaehnten Schmaeuse von den Geloebniszehnten (2.,
+391), die Goetterschmaeuse, die Triumphal- und die Leichenfeste und vor
+allem die Festlichkeiten hervortreten, welche nach dem Abschluss eines
+der laengeren, durch die etruskisch-roemische Religion abgegrenzten
+Zeitraeume, der sogenannten Saecula, zuerst im Jahre 505 (249),
+gefeiert wurden. Gleichzeitig mehrten sich die Hausfeste. Waehrend des
+Zweiten Punischen Krieges kamen unter den Vornehmen die schon
+erwaehnten Schmausereien an dem Einzugstag der Goettermutter auf (seit
+550 204), unter den geringeren Leuten die aehnlichen Saturnalien (seit
+537 217); beide unter dem Einfluss der fortan festverbuendeten Gewalten
+des fremden Pfaffen und des fremden Kochs. Man war ganz nahe an dem
+idealen Zustand, dass jeder Tagedieb wusste, wo er jeden Tag verderben
+konnte; und das in einer Gemeinde, wo sonst fuer jeden einzelnen wie
+fuer alle zusammen die Taetigkeit Lebenszweck und das muessige
+Geniefeen von der Sitte wie vom Gesetz geaechtet gewesen war! Dabei
+machten innerhalb dieser Festlichkeiten die schlechten und
+demoralisierenden Elemente mehr und mehr sich geltend. Den Glanz- und
+Schlusspunkt der Volksfeste bildeten freilich nach wie vor noch die
+Wettfahrten; und ein Dichter dieser Zeit schildert sehr anschaulich die
+Spannung, womit die Augen der Menge an dem Konsul hingen, wenn er den
+Wagen das Zeichen zum Abfahren zu geben im Begriff war. Aber die
+bisherigen Lustbarkeiten genuegten doch schon nicht mehr; man verlangte
+nach neuen und mannigfaltigeren. Neben den einheimischen Ringern und
+Kaempfern treten jetzt (zuerst 568 186) auch griechische Athleten auf.
+Von den dramatischen Auffuehrungen wird spaeter die Rede sein; es war
+wohl auch ein Gewinn von zweifelhaftem Wert, aber doch auf jeden Fall
+der beste bei dieser Gelegenheit gemachte Erwerb, dass die griechische
+Komoedie und Tragoedie nach Rom verpflanzt ward. Den Spass, Hasen und
+Fuechse vor dem Publikum laufen und hetzen zu lassen, mochte man schon
+lange sich gemacht haben; jetzt wurden aus diesen unschuldigen Jagden
+foermliche Tierhetzen, und die wilden Bestien Afrikas, Loewen und
+Panther, wurden (zuerst nachweislich 568 186) mit grossen Kosten nach
+Rom transportiert, um toetend oder sterbend den hauptstaedtischen
+Gaffern zur Augenweide zu dienen. Die noch abscheulicheren
+Fechterspiele, wie sie in Etrurien und Kampanien gangbar waren, fanden
+jetzt auch in Rom Eingang; zuerst im Jahre 490 (264) wurde auf dem
+roemischen Markt Menschenblut zum Spasse vergossen. Natuerlich trafen
+diese entsittlichenden Belustigungen auch auf strengen Tadel; der
+Konsul des Jahres 476 (268), Publius Sempronius Sophus, sandte seiner
+Frau den Scheidebrief zu, weil sie einem Leichenspiel beigewohnt hatte;
+die Regierung setzte es durch, dass die Ueberfuehrung der
+auslaendischen Bestien nach Rom durch Buergerbeschluss untersagt ward
+und hielt mit Strenge darauf, dass bei den Gemeindefesten keine
+Gladiatoren erschienen. Allein auch hier fehlte ihr doch sei es die
+rechte Macht oder die rechte Energie; es gelang zwar, wie es scheint,
+die Tierhetzen niederzuhalten, aber das Auftreten von Fechterpaaren bei
+Privatfesten, namentlich bei Leichenfeiern, ward nicht unterdrueckt.
+Noch weniger war es zu verhindern, dass das Publikum dem Tragoeden den
+Komoedianten, dem Komoedianten den Seiltaenzer, dem Seiltaenzer den
+Fechter vorzog und die Schaubuehne sich mit Vorliebe in dem Schmutze
+des hellenischen Lebens herumtrieb. Was von bildenden Elementen in den
+szenischen und musischen Spielen enthalten war, gab man von vornherein
+preis; die Absicht der roemischen Festgeber ging ganz und gar nicht
+darauf, durch die Macht der Poesie die gesamte Zuschauerschaft wenn
+auch nur voruebergehend auf die Hoehe der Empfindung der Besten zu
+erheben, wie es die griechische Buehne in ihrer Bluetezeit tat, oder
+einem ausgewaehlten Kreise einen Kunstgenuss zu bereiten, wie unsere
+Theater es versuchen. Wie in Rom Direktion und Zuschauer beschaffen
+waren, zeigt der Auftritt bei den Triumphalspielen 587 (167), wo die
+ersten griechischen Floetenspieler, da sie mit ihren Melodien
+durchfielen, vom Regisseur angewiesen wurden, statt zu musizieren
+miteinander zu boxen, worauf denn der Jubel kein Ende nehmen wollte.
+
+————————————————————
+
+^2 Eine Art Parabase in dem Plautinischen ‘Curculio’ schildert das
+derzeitige Treiben auf dem hauptstaedtischen Markte, zwar mit wenig
+Witz, aber mit grosser Anschaulichkeit:
+
+Lasst euch weisen, welchen Orts ihr welche Menschen finden moegt,
+
+Dass nicht seine Zeit verliere, wer von euch zu sprechen wuenscht
+
+Einen rechten oder schlechten, guten oder schlimmen Mann.
+
+Suchst Du einen Eidesfaelscher? auf die Dingstatt schick’ ich Dich.
+
+Einen Luegensack und Prahlhans? geh zur Cluacina hin.
+
+[Reiche wueste Ehemaenner sind zu haben im Bazar;
+
+Auch der Lustknab’ ist zu Haus dort und wer auf Geschaeftchen passt.]
+
+Doch am Fischmarkt sind, die gehen kneipen aus gemeinem Topf.
+
+Brave Maenner, gute Zahler wandeln auf dem untern Markt,
+
+In der Mitt’ am Graben aber die, die nichts als Schwindler sind.
+
+Dreiste Schwaetzer, boese Buben stehn zusammen am Bassin;
+
+Mit der frechen Zunge schimpfen sie um nichts die Leute aus
+
+Und doch liefern wahrlich selber gnug, das man ruegen mag.
+
+Unter den alten Buden sitzen, welche Geld auf Zinsen leihn;
+
+Unterm Kastortempel, denen rasch zu borgen schlecht bekommt;
+
+Auf der Tuskergasse sind die Leute, die sich bieten feil;
+
+Im Velabrum hat es Baecker, Fleischer, Opferpfaffen auch,
+
+Schuldner den Termin verlaengernd, Wuchrer verhelfend zum Ganttermin:
+
+Reiche wueste Ehemaenner bei Leucadia Oppia.
+
+Die eingeklammerten Verse sind ein spaeterer, erst nach Erbauung des
+ersten roemischen Basars (570 184) eingelegter Zusatz.
+
+Mit dem Geschaeft des Baeckers (pistor, woertlich Mueller) war in
+dieser Zeit Delikatessenverkauf und Kneipgelegenheit verbunden (Fest.
+v. alicariae p. 7 Mueller; Plaut. Capt. 160; Poen. 1, 2, 54; Trin.
+407). Dasselbe gilt von den Fleischern. Leucadia Oppia mag ein
+schlechtes Haus gehalten haben.
+
+———————————————————————————-
+
+Schon verdarb nicht mehr bloss die hellenische Ansteckung die
+roemischen Sitten, sondern umgekehrt fingen die Schueler an, die
+Lehrmeister zu demoralisieren. Die Fechterspiele, die in Griechenland
+unbekannt waren, fuehrte Koenig Antiochos Epiphanes (579-590 175-164),
+der Roemeraffe von Profession, zuerst am syrischen Hofe ein, und obwohl
+sie dem menschlicheren und kunstsinnigeren griechischen Publikum
+anfangs mehr Abscheu als Freude erregten, so hielten sie sich doch dort
+ebenfalls und kamen allmaehlich in weiteren Kreisen in Gebrauch.
+
+Selbstverstaendlich hatte diese Revolution in Leben und Sitte auch eine
+oekonomische Revolution in ihrem Gefolge. Die Existenz in der
+Hauptstadt ward immer begehrter wie immer kostspieliger. Die Mieten
+stiegen zu unerhoerter Hoehe. Die neuen Luxusartikel wurden mit
+Schwindelpreisen bezahlt; das Faesschen Sardellen aus dem Schwarzen
+Meer mit 1600 Sesterzen (120 Taler) hoeher als ein Ackerknecht, ein
+huebscher Knabe mit 24000 Sesterzen (1800 Taler) hoeher als mancher
+Bauernhof. Geld also und nichts als Geld war die Losung fuer hoch und
+niedrig. Schon lange tat in Griechenland niemand etwas umsonst, wie die
+Griechen selber mit unloeblicher Naivitaet einraeumten; seit dem
+Zweiten Makedonischen Krieg fingen die Roemer an, auch in dieser
+Hinsicht zu hellenisieren. Die Respektabilitaet musste mit gesetzlichen
+Notstuetzen versehen und zum Beispiel durch Volksschluss den
+Sachwaltern untersagt werden, fuer ihre Dienste Geld zu nehmen; eine
+schoene Ausnahme machten nur die Rechtsverstaendigen, die bei ihrer
+ehrbaren Sitte, guten Rat umsonst zu geben, nicht durch
+Buergerbeschluss festgehalten zu werden brauchten. Man stahl womoeglich
+nicht geradezu; aber alle krummen Wege, zu schnellem Reichtum zu
+gelangen, schienen erlaubt: Pluenderung und Bettel, Lieferantenbetrug
+und Spekulantenschwindel, Zins- und Kornwucher, selbst die oekonomische
+Ausnutzung rein sittlicher Verhaeltnisse wie der Freundschaft und der
+Ehe. Vor allem die letztere wurde auf beiden Seiten Gegenstand der
+Spekulation; Geldheiraten waren gewoehnlich und es zeigte sich noetig,
+den Schenkungen, welche die Ehegatten sich untereinander machten, die
+rechtliche Gueltigkeit abzuerkennen. Dass unter Verhaeltnissen dieser
+Art Plaene zur Anzeige kamen, die Hauptstadt an allen Ecken
+anzuzuenden, kann nicht befremden. Wenn der Mensch keinen Genuss mehr
+in der Arbeit findet und bloss arbeitet, um so schnell wie moeglich zum
+Genuss zu gelangen, so ist es nur ein Zufall, wenn er kein Verbrecher
+wird. Alle Herrlichkeiten der Macht und des Reichtums hatte das
+Schicksal ueber die Roemer mit voller Hand ausgeschuettet; aber
+wahrlich, die Pandorabuechse war eine Gabe von zweifelhaftem Wert.
+
+
+
+
+KAPITEL XIV.
+Literatur und Kunst
+
+
+Die roemische Literatur beruht auf ganz eigentuemlichen, in dieser Art
+kaum bei einer anderen Nation wiederkehrenden Anregungen. Um sie
+richtig zu wuerdigen, ist es notwendig, zuvoerderst den Volksunterricht
+und die Volksbelustigungen dieser Zeit ins Auge zu fassen.
+
+Alle geistige Bildung geht aus von der Sprache; und es gilt dies vor
+allem fuer Rom. In einer Gemeinde, wo die Rede und die Urkunde so viel
+bedeutete, wo der Buerger in einem Alter, in welchem man nach heutigen
+Begriffen noch Knabe ist, bereits ein Vermoegen zu unbeschraenkter
+Verwaltung ueberkam und in den Fall kommen konnte, vor der versammelten
+Gemeinde Standreden halten zu muessen, hat man nicht bloss auf den
+freien und feinen Gebrauch der Muttersprache von jeher grossen Wert
+gelegt, sondern auch frueh sich bemueht, denselben in den Knabenjahren
+sich anzueignen. Auch die griechische Sprache war bereits in der
+hannibalischen Zeit in Italien allgemein verbreitet. In den hoeheren
+Kreisen war die Kunde der allgemein vermittelnden Sprache der alten
+Zivilisation laengst haeufig gewesen und jetzt, bei dem durch die
+veraenderte Weltstellung ungeheuer gesteigerten roemischen Verkehr mit
+Auslaendern und im Auslande, dem Kaufmann wie dem Staatsmann wo nicht
+notwendig, doch vermutlich schon sehr wesentlich. Durch die italische
+Sklaven- und Freigelassenschaft aber, die zu einem sehr grossen Teil
+aus geborenen Griechen oder Halbgriechen bestand, drang griechische
+Sprache und griechisches Wissen bis zu einem gewissen Grade ein auch in
+die unteren Schichten namentlich der hauptstaedtischen Bevoelkerung.
+Aus den Lustspielen dieser Zeit kann man sich ueberzeugen, dass eben
+der nicht vornehmen hauptstaedtischen Menge ein Latein mundgerecht war,
+welches zum rechten Verstaendnis das Griechische so notwendig
+voraussetzt wie Sternes Englisch und Wielands Deutsch das Franzoesische
+^1. Die Maenner der senatorischen Familien aber redeten nicht bloss
+griechisch vor einem griechischen Publikum, sondern machten auch diese
+Reden bekannt - so Tiberius Gracchus (Konsul 577, 591 177,163) eine von
+ihm auf Rhodos gehaltene - und schrieben in der hannibalischen Zeit
+ihre Chroniken griechisch, von welcher Schriftstellerei spaeter noch zu
+sprechen sein wird. Einzelne gingen noch weiter. Den Flamininus ehrten
+die Griechen durch Huldigungen in roemischer Sprache; aber auch er
+erwiderte das Kompliment: der “grosse Feldherr der Aeneiaden” brachte
+den griechischen Goettern nach griechischer Sitte mit griechischen
+Distichen seine Weihgeschenke dar ^2. Einem anderen Senator rueckte
+Cato es vor, dass er bei griechischen Trinkgelagen griechische
+Rezitative mit der gehoerigen Modulation vorzutragen sich nicht
+geschaemt habe.
+
+—————————————————————————————
+
+^1 Ein bestimmter Kreis griechischer Ausdruecke, wie stratioticus,
+machaera, nauclerus, trapezita, danista, drapeta, oenopolium, bolus,
+malacus, morus, graphicus, logus, apologus, techna, schema, gehoert
+durchaus zum Charakter der Plautinischen Sprache; Uebersetzungen werden
+selten dazu gefuegt und nur bei Woertern, die ausserhalb des durch jene
+Anfuehrungen bezeichneten Ideenkreises stehen, wie zum Beispiel es im
+‘Wilden’ (1, 1, 60), freilich in einem vielleicht erst spaeter
+eingefuegten Verse heisst: φρόνησις est sapientia [Edelmut ist
+Weisheit]. Auch griechische Brocken sind gemein, zum Beispiel in der
+‘Casina’ (3, 6, 9):
+
+πράγματά μοι παρέχεις - Dabo μέγα κακόν, ut opinor;
+
+ebenso griechische Wortspiele, zum Beispiel in ‘Die beiden Bacchis’
+(240):
+
+opus est chryso Chrysalo;
+
+wie denn auch Ennius die etymologische Bedeutung von Alexandros,
+Andromache als den Zuschauern bekannt voraussetzt (Varro ling. 7, 82).
+Am bezeichnendsten sind die halbgriechischen Bildungen wie ferritribax,
+plagipatida, pugilice oder im ‘Bramarbas’ (213):
+
+euge! euscheme hercle astitit sic dulice et comoedice!
+
+Ei die Tenuere! Holla, seht mir den Farceur da, den Akteur!
+
+^2 Eines dieser im Namen des Flamininus gedichteten Epigramme lautet
+also: Dioskuren, o hoert, ihr freudigen Tummler der Rosse!
+
+Knaben des Zeus, o hoert, Spartas tyndarische Herrn!
+
+Titus der Aeneiade verehrt euch die herrliche Gabe,
+
+Als Freiheit verliehn er dem hellenischen Stamm.
+
+—————————————————————————————
+
+Unter dem Einfluss dieser Verhaeltnisse entwickelte sich der roemische
+Unterricht. Es ist ein Vorurteil, dass in der allgemeinen Verbreitung
+der elementaren Kenntnisse das Altertum hinter unserer Zeit wesentlich
+zurueckgestanden habe. Auch unter den niederen Klassen und den Sklaven
+wurde viel gelesen, geschrieben und gerechnet; bei dem
+Wirtschaftersklaven zum Beispiel setzt Cato nach Magos Vorgang die
+Faehigkeit zu lesen und zu schreiben voraus. Der Elementarunterricht
+sowie der Unterricht im Griechischen muessen lange vor dieser Zeit in
+sehr ausgedehntem Umfang in Rom erteilt worden sein. Dieser Epoche aber
+gehoeren die Anfaenge eines Unterrichts an, der statt einer bloss
+aeusserlichen Abrichtung eine wirkliche Geistesbildung bezweckt. Bisher
+hatte in Rom die Kenntnis des Griechischen im buergerlichen und
+geselligen Leben so wenig einen Vorzug gegeben, wie etwa heutzutage in
+einem Dorfe der deutschen Schweiz die Kenntnis des Franzoesischen ihn
+gibt; und die aeltesten Schreiber griechischer Chroniken mochten unter
+den uebrigen Senatoren stehen wie in den holsteinischen Marschen der
+Bauer, welcher studiert hat und des Abends, wenn er vom Pfluge nach
+Hause kommt, den Virgilius vom Schranke nimmt. Wer mit seinem
+Griechisch mehr vorstellen wollte, galt als schlechter Patriot und als
+Geck; und gewiss konnte noch in Catos Zeit auch wer schlecht oder gar
+nicht griechisch sprach, ein vornehmer Mann sein und Senator oder
+Konsul werden. Aber es ward doch schon anders. Der innerliche
+Zersetzungsprozess der italischen Nationalitaet war bereits, namentlich
+in der Aristokratie, weit genug gediehen, um das Surrogat der
+Nationalitaet, die allgemein humane Bildung, auch fuer Italien
+unvermeidlich zu machen; und auch der Drang nach einer gesteigerten
+Zivilisation regte bereits sich maechtig. Diesem kam der griechische
+Sprachunterricht gleichsam von selber entgegen. Von jeher ward dabei
+die klassische Literatur, namentlich die ‘Ilias’ und mehr noch die
+‘Odyssee’ zu Grunde gelegt; die ueberschwenglichen Schaetze
+hellenischer Kunst und Wissenschaft lagen damit bereits ausgebreitet
+vor den Augen der Italiker da. Ohne eigentlich aeusserliche Umwandlung
+des Unterrichts ergab es sich von selbst, dass aus dem empirischen
+Sprach- ein hoeherer Literaturunterricht wurde, dass die an die
+Literatur sich knuepfende allgemeine Bildung den Schuelern in
+gesteigertem Mass ueberliefert, dass die erlangte Kunde von diesen
+benutzt ward, um einzudringen in die den Geist der Zeit beherrschende
+griechische Literatur, die Euripideischen Tragoedien und die Lustspiele
+Menanders.
+
+In aehnlicher Weise gewann auch der lateinische Unterricht ein
+groesseres Schwergewicht. Man fing an, in der hoeheren Gesellschaft
+Roms das Beduerfnis zu empfinden, die Muttersprache wo nicht mit der
+griechischen zu vertauschen, doch wenigstens zu veredeln und dem
+veraenderten Kulturstand anzuschmiegen; und auch hierfuer sah man in
+jeder Beziehung sich angewiesen auf die Griechen. Die oekonomische
+Gliederung der roemischen Wirtschaft legte, wie jedes andere geringe
+und um Lohn geleistete Geschaeft, so auch den Elementarunterricht in
+der Muttersprache vorwiegend in die Haende von Sklaven, Freigelassenen
+oder Fremden, das heisst vorwiegend von Griechen oder Halbgriechen ^3;
+es hatte dies um so weniger Schwierigkeit, als das lateinische Alphabet
+dem griechischen fast gleich, die beiden Sprachen nahe und auffaellig
+verwandt waren. Aber dies war das wenigste; weit tiefer griff die
+formelle Bedeutung des griechischen Unterrichts in den lateinischen
+ein. Wer da weiss, wie unsaeglich schwer es ist, fuer die hoehere
+geistige Bildung der Jugend geeignete Stoffe und geeignete Formen zu
+finden und wie noch viel schwieriger man von den einmal gefundenen
+Stoffen und Formen sich losmacht, wird es begreifen, dass man dem
+Beduerfnis eines gesteigerten lateinischen Unterrichts nicht anders zu
+genuegen wusste, als indem man diejenige Loesung dieses Problems,
+welche der griechische Sprach- und Literaturunterricht darstellte, auf
+den Unterricht im Lateinischen einfach uebertrug - geht doch heutzutage
+in der Uebertragung der Unterrichtsmethode von den toten auf die
+lebenden Sprachen ein ganz aehnlicher Prozess unter unseren Augen vor.
+
+——————————————————————-
+
+^3 Ein solcher war zum Beispiel der Sklave des aelteren Cato, Chilon,
+der als Kinderlehrer fuer seinen Herrn Geld erwarb (Plut. Cato mai.
+20).
+
+——————————————————————-
+
+Aber leider fehlte es zu einer solchen Uebertragung eben am Besten.
+Lateinisch lesen und schreiben konnte man freilich an den Zwoelf Tafeln
+lernen; aber eine lateinische Bildung setzte eine Literatur voraus und
+eine solche war in Rom nicht vorhanden.
+
+Hierzu kam ein Zweites. Die Ausdehnung der roemischen Volkslustbarkeit
+ist frueher dargestellt worden. Laengst spielte bei denselben die
+Buehne eine bedeutende Rolle; die Wagenrennen waren wohl bei allen die
+eigentliche Hauptbelustigung, fanden aber doch durchgaengig nur einmal,
+am Schlusstage statt, waehrend die ersten Tage wesentlich dem
+Buehnenspiel anheimfielen. Allein lange Zeit bestanden diese
+Buehnenvorstellungen hauptsaechlich in Taenzen und Gaukelspiel; die
+improvisierten Lieder, die bei denselben auch vorgetragen wurden, waren
+ohne Dialog und ohne Handlung. Jetzt erst sah man fuer sie sich nach
+einem wirklichen Schauspiel um. Die roemischen Volksfestlichkeiten
+standen durchaus unter der Herrschaft der Griechen, die ihr Talent des
+Zeitvertreibs und Tageverderbes von selber den Roemern zu
+Plaesiermeistern bestellte. Keine Volksbelustigung aber war in
+Griechenland beliebter und keine mannigfaltiger als das Theater;
+dasselbe musste bald die Blicke der roemischen Festgeber und ihres
+Hilfspersonals auf sich ziehen. Wohl lag nun in dem aelteren roemischen
+Buehnenlied ein dramatischer, der Entwicklung vielleicht faehiger Keim;
+allein daraus das Drama herauszubilden, forderte vom Dichter wie vom
+Publikum eine Genialitaet im Geben und Empfangen, wie sie bei den
+Roemern ueberhaupt nicht und am wenigsten in dieser Zeit zu finden war;
+und waere sie zu finden gewesen, so wuerde die Hastigkeit der mit dem
+Amuesement der Menge betrauten Leute schwerlich der edlen Frucht Ruhe
+und Weile zur Zeitigung gegoennt haben. Auch hier war ein aeusserliches
+Beduerfnis vorhanden, dem die Nation nicht zu genuegen vermochte; man
+wuenschte sich ein Theater und es mangelten die Stuecke.
+
+Auf diesen Elementen beruht die roemische Literatur; und ihre
+Mangelhaftigkeit war damit von vornherein und notwendig gegeben. Alle
+wirkliche Kunst beruht auf der individuellen Freiheit und dem
+froehlichen Lebensgenuss, und die Keime zu einer solchen hatten in
+Italien nicht gefehlt; allein indem die roemische Entwicklung die
+Freiheit und Froehlichkeit durch das Gemeingefuehl und das
+Pflichtbewusstsein ersetzte, ward die Kunst von ihr erdrueckt und
+musste statt sich zu entwickelt. verkuemmern. Der Hoehepunkt der
+roemischen Entwicklung ist die literaturlose Zeit. Erst als die
+roemische Nationalitaet sich aufzuloesen und die
+hellenisch-kosmopolitischen Tendenzen sich geltend zu machen anfingen,
+stellte im Gefolge derselben die Literatur in Rom sich ein; und darum
+steht sie von Haus aus und mit zwingender innerlicher Noetigung auf
+griechischem Boden und in schroffem Gegensatz gegen den spezifisch
+roemischen Nationalsinn. Vor allem die roemische Poesie ging. zunaechst
+gar nicht aus dem innerlichen Dichtertriebe hervor, sondern aus den
+aeusserlichen Anforderungen der Schule, welche lateinische Lehrbuecher,
+und der Buehne, die lateinische Schauspiele brauchte. Beide
+Institutionen aber, die Schule wie die Buehne, waren durch und durch
+antiroemisch und revolutionaer. Der gaffende Theatermuessiggang war dem
+Philisterernst wie dem Taetigkeitssinn der Roemer alten Schlags ein
+Greuel; und wenn es der tiefste und grossartigste Gedanke in dem
+roemischen Gemeinwesen war, dass es innerhalb der roemischen
+Buergerschaft keinen Herrn und keinen Knecht, keinen Millionaer und
+keinen Bettler geben, vor allem aber der gleiche Glaube und die gleiche
+Bildung alle Roemer umfassen sollte, so war die Schule und die
+notwendig exklusive Schulbildung noch bei weitem gefaehrlicher, ja fuer
+das Gleichheitsgefuehl geradezu zerstoerend. Schule und Theater wurden
+die wirksamsten Hebel des neuen Geistes der Zeit und nur um so mehr,
+weil sie lateinisch redeten. Man konnte vielleicht griechisch sprechen
+und schreiben, ohne darum aufzuhoeren, ein Roemer zu sein; hier aber
+gewoehnte man sich, mit roemischen Worten zu reden, waehrend das ganze
+innere Sein und Leben griechisch ward. Es ist nicht eine der
+erfreulichsten Tatsachen in diesem glaenzenden Saeculum des roemischen
+Konservativismus, aber wohl eine der merkwuerdigsten und geschichtlich
+belehrendsten, wie waehrend desselben in dem gesamten nicht unmittelbar
+politischen geistigen Gebiet der Hellenismus Wurzel geschlagen und wie
+der Maître de Plaisir des grossen Publikums und der Kinderlehrer im
+engen Bunde miteinander eine roemische Literatur erschaffen haben.
+
+Gleich in dem aeltesten roemischen Schriftsteller erscheint die
+spaetere Entwicklung gleichsam in der Nuss. Der Grieche Andronikos (vor
+482 bis nach 547 272-207), spaeter als roemischer Buerger Lucius ^4
+Livius Andronicus genannt, kam in fruehem Alter im Jahre 482 (272)
+unter den anderen tarentinischen Gefangenen nach Rom in den Besitz des
+Siegers von Sena, Marcus Livius Salinator (Konsul 535, 547 219, 207).
+Sein Sklavengewerbe war teils die Schauspielerei und Textschreiberei,
+teils der Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache,
+welchen er sowohl den Kindern seines Herrn als auch anderen Knaben
+vermoegender Maenner in und ausser dem Hause erteilte; er zeichnete
+sich dabei so aus, dass sein Herr ihn freigab, und selbst die Behoerde,
+die sich seiner nicht selten bedient, zum Beispiel nach der
+gluecklichen Wendung des Hannibalischen Krieges 547 (207) ihm die
+Verfertigung des Dankliedes uebertragen hatte, aus Ruecksicht fuer ihn
+der Poeten- und Schauspielerzunft einen Platz fuer ihren gemeinsamen
+Gottesdienst im Minervatempel auf dem Aventin einraeumte. Seine
+Schriftstellerei ging hervor aus seinem zwiefachen Gewerbe. Als
+Schulmeister uebersetzte er die Odyssee ins Lateinische, um den
+lateinischen Text ebenso bei seinem lateinischen wie den griechischen
+bei seinem griechischen Unterricht zu Grunde zu legen; und es hat
+dieses aelteste roemische Schulbuch seinen Platz im Unterricht durch
+Jahrhunderte behauptet. Als Schauspieler schrieb er nicht bloss wie
+jeder andere sich die Texte selbst, sondern er machte sie auch als
+Buecher bekannt, das heisst, er las sie oeffentlich vor und verbreitete
+sie durch Abschriften. Was aber noch wichtiger war, er setzte an die
+Stelle des alten wesentlich lyrischen Buehnengedichts das griechische
+Drama. Es war im Jahre 514 (240), ein Jahr nach dem Ende des Ersten
+Punischen Krieges, dass das erste Schauspiel auf der roemischen Buehne
+aufgefuehrt ward. Diese Schoepfung eines Epos, einer Tragoedie, einer
+Komoedie in roemischer Sprache und von einem Mann, der mehr Roemer als
+Grieche war, war geschichtlich ein Ereignis; von einem kuenstlerischen
+Wert der Arbeiten kann nicht die Rede sein. Sie verzichten auf jeden
+Anspruch an Originalitaet; als Uebersetzungen aber betrachtet, sind sie
+von einer Barbarei, die nur um so empfindlicher ist, als diese Poesie
+nicht naiv ihre eigene Einfalt vortraegt, sondern die hohe Kunstbildung
+des Nachbarvolkes schulmeisterhaft nachstammelt. Die starken
+Abweichungen vom Original sind nicht aus der Freiheit, sondern aus der
+Roheit der Nachdichtung hervorgegangen; die Behandlung ist bald platt,
+bald schwuelstig, die Sprache hart und verzwickt ^5. Man glaubt es ohne
+Muehe, was die alten Kunstrichter versichern, dass, von den
+Zwangslesern in der Schule abgesehen, keiner die Livischen Gedichte zum
+zweiten Male in die Hand nahm. Dennoch wurden diese Arbeiten in
+mehrfacher Hinsicht massgebend fuer die Folgezeit. Sie eroeffneten die
+roemische Uebersetzungsliteratur und buergerten die griechischen
+Versmasse in Latium ein. Wenn dies nur hinsichtlich der Dramen geschah
+und die Livische ‘Odyssee’ vielmehr in dem nationalen saturnischen
+Masse geschrieben ward, so war der Grund offenbar, dass die Jamben und
+Trochaeen der Tragoedie und Komoedie weit leichter sich im Lateinischen
+nachbilden liessen als die epischen Daktylen.
+
+————————————————————————————
+
+^4 Die spaetere Regel, dass der Freigelassene notwendig den Vornamen
+des Patrons fuehrt, gilt fuer das republikanische Rom noch nicht.
+
+^5 In einem der Trauerspiele des Livius hiess es:
+
+quem ego néfrendem álui lácteam immulgéns opem.
+
+Milchfuell’ ein Zahnlosem melkend ihm aufnaehrt’ ich ihn.
+
+Die Homerischen Verse (Od. 12, 16)
+
+Ούδ' άρα Κίρκην
+
+εξ Αίδεω ελθόντες ελήθομεν, αλλά μάλ' 'ωκα
+
+ηλθ' εντυναμένη. άμα δ΄ αμφίπολοι φέρον αυτή
+
+σίτον καί κρέα πολλά καί αίθοπα οίνον ερυθρον.
+
+aber verborgen
+
+Kehrten der Kirke wir nicht vom Hades, sondern gar hurtig
+
+Kam sie gewaertig herbei; es trugen die dienenden Jungfraun
+
+Brot ihr und Fleisch in Fuell’ und den tiefrot funkelnden Wein her.
+
+werden also verdolmetscht:
+
+tópper cíti ad aédis - vénimús Círcae:
+
+simúl dúona córam (?) - pórtant ád návis.
+
+mília ália in ísdem - ínserínúntur.
+
+In Eil’ geschwinde kaemmen - wir zu Kirkes Hause.
+
+Zugleich vor uns die Gueter - bringt man zu den Schiffen
+
+Auch wurden aufgeladen - tausend andere Dinge.
+
+Am merkwuerdigsten ist nicht so sehr die Barbarei als die
+Gedankenlosigkeit des Uebersetzers, der statt Kirke zum Odysseus
+vielmehr den Odysseus zur Kirke schickt. Ein zweites, noch
+laecherlicheres Quiproquo ist die Uebersetzung von αιδοίοιςιν έδωκα
+(Od. 15, 373) durch lusi (Fest. v. affatim p. 11). Dergleichen ist auch
+geschichtlich nicht gleichgueltig; man erkennt darin die Stufe der
+Geistesbildung, auf der diese aeltesten roemischen versezimmernden
+Schulmeister standen; und nebenbei auch, dass dem Andronikos, wenn er
+gleich in Tarent geboren war, doch das Griechische nicht eigentlich
+Muttersprache gewesen sein kann.
+
+———————————————————————
+
+Indes diese Vorstufe der literarischen Entwicklung ward bald
+ueberschritten. Die Livischen Epen und Dramen galten den Spaeteren, und
+ohne Zweifel mit gutem Recht, gleich den daedalischen Statuen von
+bewegungs- und ausdrucksloser Starrheit mehr als Kuriositaeten denn als
+Kunstwerke. In der folgenden Generation aber baute auf den einmal
+festgestellten Grundlagen eine lyrische, epische und dramatische Kunst
+sich auf; und auch geschichtlich ist es von hoher Wichtigkeit, dieser
+poetischen Entwicklung zu folgen.
+
+Sowohl dem Umfang der Produktion nach wie in der Wirkung auf das
+Publikum stand an der Spitze der poetischen Entwicklung das Drama. Ein
+stehendes Theater mit festem Eintrittsgeld gab es im Altertum nicht; in
+Griechenland wie in Rom trat das Schauspiel nur als Bestandteil der
+jaehrlich wiederkehrenden oder auch ausserordentlichen buergerlichen
+Lustbarkeiten auf. Zu den Massregeln, wodurch die Regierung der mit
+Recht besorglich erscheinenden Ausdehnung der Volksfeste entgegenwirkte
+oder entgegenzuwirken sich einbildete, gehoerte es mit, dass sie die
+Errichtung eines steinernen Theatergebaeudes nicht zugab ^6. Statt
+dessen wurde fuer jedes Fest ein Brettergeruest mit einer Buehne fuer
+die Akteure (proscaenium, pulpitum) und einem dekorierten Hintergrund
+(scaena) aufgeschlagen und im Halbzirkel vor derselben der
+Zuschauerplatz (cavea) abgesteckt, welcher ohne Stufen und Sitze bloss
+abgeschraegt ward, so dass die Zuschauer, soweit sie nicht Sessel sich
+mitbringen liessen, kauerten, lagen oder standen ^7. Die Frauen moegen
+frueh abgesondert und auf die obersten und schlechtesten Plaetze
+beschraenkt worden sein; sonst waren gesetzlich die Plaetze nicht
+geschieden, bis man seit dem Jahre 560 (194), wie schon gesagt ward,
+den Senatoren die untersten und besten Plaetze reservierte.
+
+——————————————————————-
+
+^6 Zwar wurde schon 575 (179) ein solches fuer die Apollinarischen
+Spiele am Flaminischen Rennplatz erbaut (Liv. 40, 51; W. A. Becker,
+Topographie der Stadt Rom, S. 605), aber wahrscheinlich bald darauf
+wieder niedergerissen.
+
+^7 Noch 599 (155) gab es Sitzplaetze im Theater nicht (F. W. Ritschl,
+Parerga zu Plautus und Terentius. Bd. 1. Leipzig 1845, S. XVII, XX,
+214; vgl. O. Ribbeck, Die roemische Tragoedie im Zeitalter der
+Republik. Leipzig 1875, S. 285); wenn dennoch nicht bloss die Verfasser
+der plautinischen Prologe, sondern schon Plautus selbst mehrfach auf
+ein sitzendes Publikum hindeutet (Mil. 82; 83; Aul. 4, 9, 6; Truc. a.
+E.; Epid. a. E.), so muessen wohl die meisten Zuschauer sich Stuehle
+mitgebracht oder sich auf den Boden gesetzt haben.
+
+——————————————————————-
+
+Das Publikum war nichts weniger als vornehm. Allerdings zogen die
+besseren Staende sich nicht von den allgemeinen Volkslustbarkeiten
+zurueck; die Vaeter der Stadt scheinen sogar anstandshalber
+verpflichtet gewesen zu sein, sich bei denselben zu zeigen. Aber wie es
+im Wesen eines Buergerfestes liegt, wurden zwar Sklaven und wohl auch
+Auslaender ausgeschlossen, aber jedem Buerger mit Frau und Kindern der
+Zutritt unentgeltlich verstattet ^8, und es kann darum die
+Zuschauerschaft nicht viel anders gewesen sein, als wie man sie
+heutzutage bei oeffentlichen Feuerwerken und Gratisvorstellungen sieht.
+Natuerlich ging es denn auch nicht allzu ordentlich her: Kinder
+schrien, Frauen schwatzten und kreischten, hier und da machte eine
+Dirne Anstalt, sich auf die Buehne zu draengen; die Gerichtsdiener
+hatten an diesen Festtagen nichts weniger als Feiertag und Gelegenheit
+genug hier einen Mantel abzupfaenden und da mit der Rute zu wirken.
+
+———————————————————————
+
+^8 Frauen und Kinder scheinen zu allen Zeiten im roemischen Theater
+zugelassen worden zu sein (Val. Man.. 6, 3, 12; Plut. Quaest. conv. 14;
+Cic. har. resp. 12, 24; Vitr. 5, 3, 1; Suet. Aug. 44 usw.); aber
+Sklaven waren von Rechts wegen ausgeschlossen (Cic, har. resp. 12, 26;
+Ritschl, Parerga, Bd. 1, S. XIX, 223) und dasselbe muss wohl von den
+Fremden gelten, abgesehen natuerlich von den Gaesten der Gemeinde, die
+unter oder neben den Senatoren Platz nahmen (Varro 5, 155; Tust. 43, 5,
+10; Suet. Aug. 44).
+
+———————————————————————
+
+Durch die Einfuehrung des griechischen Dramas steigerten sich wohl die
+Anforderungen an das Buehnenpersonal und es scheint an faehigen Leuten
+kein Oberfluss gewesen zu sein - ein Stueck des Naevius musste einmal
+in Ermangelung von Schauspielern durch Dilettanten aufgefuehrt werden.
+Allein. in der Stellung des Kuenstlers aenderte sich dadurch nichts;
+der Poet oder, wie er in dieser Zeit genannt ward, der “Schreiber”, der
+Schauspieler und der Komponist gehoerten nach wie vor nicht bloss zu
+der an sich gering geachteten Klasse der Lohnarbeiter, sondern wurden
+auch vor wie nach in der oeffentlichen Meinung auf die markierteste
+Weise zurueckgesetzt und polizeilich misshandelt (l, 475). Natuerlich
+hielten sich alle reputierlichen Leute von diesem Gewerbe fern - der
+Direktor der Truppe (dominus gregis, factionis, auch choragus), in der
+Regel zugleich der Hauptschauspieler, war meist ein Freigelassener,
+ihre Glieder in der Regel seine Sklaven; die Komponisten, die uns
+genannt werden, sind saemtlich Unfreie. Der Lohn war nicht bloss gering
+- ein Buehnendichterhonorar von 8000 Sesterzen (600 Taler) wird kurz
+nach dem Ende dieser Periode als ein ungewoehnlich hohes bezeichnet -,
+sondern ward ueberdies von den festgebenden Beamten nur gezahlt, wenn
+das Stueck nicht durchfiel. Mit der Bezahlung war alles abgetan: von
+Dichterkonkurrenz und Ehrenpreisen, wie sie in Attika vorkamen, war in
+Rom noch nicht die Rede - man scheint daselbst in dieser Zeit, wie bei
+uns, nur geklatscht oder ausgepfiffen, auch an jedem Tage nur ein
+einziges Stueck zur Auffuehrung gebracht zu haben ^9. Unter solchen
+Verhaeltnissen, wo die Kunst um Tagelohn ging und es statt der
+Kuenstlerehre nur eine Kuenstlerschande gab, konnte das neue roemische
+Nationaltheater weder originell noch ueberhaupt nur kuenstlerisch sich
+entwickeln; und wenn der edle Wetteifer der edelsten Athener die
+attische Buehne ins Leben gerufen hatte, so konnte die roemische, im
+ganzen genommen, nichts werden als eine Sudelkopie davon, bei der man
+nur sich wundert, dass sie im einzelnen noch so viel Anmut und Witz zu
+entfalten vermocht hat.
+
+———————————————————————
+
+^9 Aus den plautinischen Prologen (Cas. 17; Amph. 65) darf auf eine
+Preisverteilung nicht geschlossen werden (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S.
+229); aber auch Trin. 706 kann sehr wohl dem griechischen Original,
+nicht dem Uebersetzer angehoeren, und das voellige Stillschweigen der
+Didaskalien und Prologe sowie der gesamten Ueberlieferung ueber
+Preisgerichte und Preise ist entscheidend.
+
+Dass an jedem Tage nur ein Stueck gegeben wird, folgt daraus, dass die
+Zuschauer am Beginn des Stuecks von Hause kommen (Poen. 10) und nach
+dem Ende nach Hause gehen (Epid. Pseud. Rud. Stich. Truc. a. E.). Man
+kam, wie dieselben Stellen zeigen, nach dem zweiten Fruehstueck ins
+Theater und war zur Mittagszeit wieder zu Hause; es waehrte das
+Schauspiel also nach unserer Rechnung etwa von Mittag bis halb drei
+Uhr, und so lange mag ein Plautinisches Stueck mit der Musik in den
+Zwischenakten auch ungefaehr spielen (vgl. Hor. epist. 2, 1. 1891. Wenn
+Tacitus (arm. 14 20) die Zuschauer “ganze Tage” im Theater zubringen
+laesst, so sind dies Zustaende einer spaeteren Zeit.
+
+———————————————————————
+
+In der Buehnenwelt ward das Trauerspiel bei weitem durch die Komoedie
+ueberwogen; die Stirnen der Zuschauer runzelten sich, wenn statt des
+gehofften Lustspiels ein Trauerspiel begann. So ist es gekommen, dass
+diese Zeit wohl eigene Komoediendichter, wie Plautus und Caecilius,
+aufweist, eigene Tragoediendichter aber nicht begegnen, und dass unter
+den dem Namen nach uns bekannten Dramen dieser Epoche auf ein
+Trauerspiel drei Lustspiele kommen. Natuerlich griffen die roemischen
+I.ustspieldichter oder vielmehr Uebersetzer zunaechst nach den
+Stuecken, welche die hellenische Schaubuehne der Zeit beherrschten; und
+damit fanden sie sich ausschliesslich ^10 gebannt in den Kreis der
+neueren attischen Komoedie und zunaechst ihrer namhaftesten Dichter
+Philemon von Soioi in Kilikien (394? - 492 360 - 262) und Menandros von
+Athen (412-462 342-292). Dieses Lustspiel ist nicht bloss fuer die
+roemische Literatur-, sondern selbst fuer die ganze Volksentwicklung so
+wichtig geworden, dass auch die Geschichte Ursache hat, dabei zu
+verweilen.
+
+—————————————————————
+
+^10 Die sparsame Benutzung der sogenannten mittleren Komoedie der
+Attiker kommt geschichtlich nicht in Betracht, da diese nichts war als
+das minder entwickelte menandrische Lustspiel. Vor. einer Benutzung der
+aelteren Komoedie mangelt jede Spur. Die roemische Hilarotragoedie, die
+Gattung des Plautinischen Amphitryon, heisst zwar den roemischen
+Literarhistorikern die Rhinthonische; aber auch die neueren Attiker
+dichteten dergleichen Parodien und es ist nicht abzusehen, warum die
+Roemer fuer ihre Uebersetzungen, statt auf diese naechstliegenden
+Dichter, vielmehr auf Rinthon und die aelteren zurueckgegriffen haben
+sollten.
+
+—————————————————————
+
+Die Stuecke sind von ermuedender Einfoermigkeit. Fast ohne Ausnahme
+drehen sie sich darum, einem jungen Menschen auf Kosten entweder seines
+Vaters oder auch des Bordellhalters zum Besitze eines Liebchens von
+unzweifelhafter Anmut und sehr zweifelhafter Sittlichkeit zu verhelfen.
+Der Weg zum Liebesglueck geht regelmaessig durch irgendeine
+Geldprellerei, und der verschmitzte Bediente, der die benoetigte Summe
+und die erforderliche Schwindelei liefert, waehrend der Liebhaber ueber
+seine Liebes- und Geldnot jammert, ist das eigentliche Triebrad des
+Stueckes. Es ist kein Mangel an obligaten Betrachtungen ueber Freude
+und Leid der Liebe, an traenenreichen Abschiedsszenen, an Liebhabern,
+die vor Herzenspein sich ein Leides anzutun drohen; die Liebe oder
+vielmehr die Verliebtheit war, wie die alten Kunstrichter sagen, der
+eigentliche Lebenshauch der Menandrischen Poesie. Den Schluss macht die
+wenigstens bei Menander unvermeidliche Hochzeit; wobei noch zu mehrerer
+Erbauung und Befriedigung der Zuschauer die Tugend des Maedchens sich
+herauszustellen pflegt als wenn nicht ganz, doch so gut wie
+unbeschaedigt und das Maedchen selbst als die abhanden gekommene
+Tochter eines reichen Mannes, demnach als eine in jeder Hinsicht gute
+Partie. Neben diesen liebes- finden sich auch Ruehrstuecke; wie denn
+zum Beispiel unter den Plautinischen Komoedien der ‘Strick’ sich um
+Schiffbruch und Asylrecht bewegt, das ‘Dreitalerstueck’ und ‘Die
+Gefangenen’ gar keine Maedchenintrige enthalten, sondern die
+edelmuetige Aufopferung des Freundes fuer den Freund, des Sklaven fuer
+den Herrn schildern. Personen und Situationen wiederholen sich dabei
+wie auf einer Tapete bis ins einzelne herab, wie man denn gar nicht
+herauskommt aus den Apartes ungesehener Horcher, aus dem Anpochen an
+die Haustueren, aus den mit irgendeinem Gewerbe durch die Strassen
+fegenden Sklaven; die stehenden Masken, deren es eine gewisse feste
+Zahl, zum Beispiel acht Greisen-, sieben Bedientenmasken gab, aus
+denen, in der Regel wenigstens, der Dichter nur auszuwaehlen hatte,
+beguenstigten weiter die schablonenartige Behandlung. Eine solche
+Komoedie musste wohl das lyrische Element in der aelteren, den Chor,
+wegwerfen und sich von Haus aus auf Gespraech und hoechstens Rezitation
+beschraenken - mangelte ihr doch nicht bloss das politische Element,
+sondern ueberhaupt jede wahre Leidenschaft und jede poetische Hebung.
+Auf eine grossartige und eigentlich poetische Wirkung legten es die
+Stuecke auch verstaendigerweise gar nicht an; ihr Reiz bestand
+zunaechst in der Verstandesbeschaeftigung durch den Stoff sowohl, wobei
+die neuere Komoedie sich von der aelteren ebenso sehr durch die
+groessere innerliche Leere wie durch die groessere aeusserliche
+Verschlungenheit der Fabel unterschied, als besonders durch die
+Ausfuehrung im Detail, wobei namentlich die fein zugespitzte
+Konversation der Triumph des Dichters und das Entzuecken des Publikums
+war. Verwirrungen und Verwechslungen, womit sich ein Hinuebergreifen in
+den tollen, oft zuegellosen Schwank sehr gut vertraegt - wie denn zum
+Beispiel die Casina mit dem Abzug der beiden Braeutigame und des als
+Braut aufgeputzten Soldaten echt falstaffisch schliesst -, Scherze,
+Schnurren und Raetsel, welche ja auch an der attischen Tafel dieser
+Zeit in Ermangelung eines wirklichen Gespraechs die stehenden
+Unterhaltungstoffe hergaben, fuellen zum guten Teil diese Komoedien
+aus. Die Dichter derselben schrieben nicht wie Eupolis und Aristophanes
+fuer eine grosse Nation, sondern vielmehr fuer eine gebildete und, wie
+andere geistreiche und in tatenloser Geistreichigkeit verkommende
+Zirkel, in Rebusraten und Scharadenspiel aufgehende Gesellschaft. Sie
+geben darum auch kein Bild ihrer Zeit - von der grossen geschichtlichen
+und geistigen Bewegung derselben ist in diesen Komoedien nichts zu
+spueren, und man muss erst daran erinnert werden, dass Philemon und
+Menander wirklich Zeitgenossen von Alexander und Aristoteles gewesen
+sind -, aber wohl ein ebenso elegantes wie treues Bild der gebildeten
+attischen Gesellschaft, aus deren Kreisen die Komoedie auch niemals
+heraustritt. Noch in dem getruebten lateinischen Abbild, aus dem wir
+sie hauptsaechlich kennen, ist die Anmut des Originals nicht voellig
+verwischt und namentlich in den Stuecken, die dem talentvollsten unter
+diesen Dichtern, dem Menander, nachgebildet sind, das Leben, das der
+Dichter leben sah und selber lebte, nicht so sehr in seinen Verirrungen
+und Verzerrungen, als in seiner liebenswuerdigen Alltaeglichkeit artig
+widergespiegelt. Die freundlichen haeuslichen Verhaeltnisse zwischen
+Vater und Tochter, Mann und Frau, Herrn und Diener, mit ihren
+Liebschaften und sonstigen kleinen Krisen sind so allgemeingueltig
+abkonterfeit, dass sie noch heute ihre Wirkung nicht verfehlen; der
+Bedientenschmaus zum Beispiel, womit der ‘Stichus’ schliesst, ist in
+der Beschraenktheit seiner Verhaeltnisse und der Eintracht der beiden
+Liebhaber und des einen Schaetzchens in seiner Art von
+unuebertrefflicher Zierlichkeit. Von grosser Wirkung sind die eleganten
+Grisetten, die gesalbt und geschmueckt, mit modischem Haarputz und im
+bunten goldgestickten Schleppgewande erscheinen oder besser noch auf
+der Buehne Toilette machen. In ihrem Gefolge stellen die
+Gelegenheitsmacherinnen sich ein, bald von der gemeinsten Sorte, wie
+deren eine im ‘Curculio’ auftritt, bald Duennen gleich Goethes alter
+Barbara, wie die Scapha in der Wunderkomoedie; auch an hilfreichen
+Bruedern und Kumpanen ist kein Mangel. Sehr reichlich und mannigfaltig
+besetzt sind die alten Rollen; es erscheinen umeinander der strenge und
+geizige, der zaertliche und weichmuetige, der nachsichtige
+gelegenheitsmachende Papa, der verliebte Greis, der alte bequeme
+Junggesell, die eifersuechtige bejahrte Hausehre mit ihrer alten, gegen
+den Herrn mit der Frau haltenden Magd; wogegen die Juenglingsrollen
+zuruecktreten und weder der erste Liebhaber noch der hie und da
+begegnende tugendhafte Mustersohn viel bedeuten wollen. Die
+Bedientenwelt: der verschmitzte Kammerdiener, der strenge Hausmeister,
+der alte wackere Erzieher, der knoblauchduftende Ackerknecht, das
+impertinente Juengelchen - leitet schon hinueber zu den sehr
+zahlreichen Gewerberollen. Eine stehende Figur darunter ist der
+Spassmacher (parasitus), welcher fuer die Erlaubnis, an der Tafel des
+Reichen mitzuschmausen, die Gaeste mit Schnurren und Scharaden zu
+belustigen, auch nach Umstaenden sich die Scherben an den Kopf werfen
+zu lassen hat - es war dies damals in Athen ein foermliches Gewerbe,
+und sicher ist es auch keine poetische Fiktion, wenn ein solcher
+Schmarotzer auftritt, aus seinen Witz- und Anekdotenbuechern sich
+eigens praeparierend. Beliebte Rollen sind ferner der Koch, der nicht
+bloss mit unerhoerten Saucen zu renommieren versteht, sondern auch wie
+ein gelernter Dieb zu stipitzen; der freche, zu jedem Laster sich mit
+Vergnuegen bekennende Bordellwirt, wovon der Ballio im ‘Luegenbold’ ein
+Musterexemplar ist; der militaerische Bramarbas, in dem die
+Landsknechtwirtschaft der Diadochenzeit sehr bestimmt anklingt; der
+gewerbsmaessige Industrieritter oder der Sykophant, der schuftige
+Wechsler, der feierlich alberne Arzt, der Priester, Schiffer, Fischer
+und dergleichen mehr. Dazu kommen endlich die eigentlichen
+Charakterrollen, wie der Aberglaeubige Menanders, der Geizige in der
+Plautinischen Topfkomoedie. Die nationalhellenische Poesie hat auch in
+dieser ihrer letzten Schoepfung ihre unverwuestliche plastische Kraft
+noch bewaehrt; aber die Seelenmalerei ist hier doch schon mehr
+aeusserlich kopiert als innerlich nachempfunden und um so mehr, je mehr
+die Aufgabe sich den wahrhaft poetischen naehert - es ist bezeichnend,
+dass in den eben angefuehrten Charakterrollen die psychologische
+Wahrheit grossenteils durch die abstrakte Begriffsentwicklung vertreten
+wird, der Geizige hier die Nagelschnitze sammelt und die vergossene
+Traene als verschwendetes Wasser beklagt. Indes dieser Mangel an tiefer
+Charakteristik und ueberhaupt die ganze poetische und sittliche
+Hohlheit dieser neueren Komoedie faellt weniger den Lustspieldichtern
+zur Last als der gesamten Nation. Das spezifische Griechentum war im
+Verscheiden; Vaterland, Volksglaube, Haeuslichkeit, alles edle Tun und
+Sinnen war gewichen, Poesie, Historie und Philosophie innerlich
+erschoepft und dem Athener nichts uebrig geblieben, als die Schule, der
+Fischmarkt und das Bordell - es ist kein Wunder und kaum ein Tadel,
+wenn die Poesie, die die menschliche Existenz zu verklaeren bestimmt
+ist, aus einem solchen Leben nichts weiter machen konnte, als was das
+Menandrische Lustspiel uns darstellt. Sehr merkwuerdig ist dabei, wie
+die Poesie dieser Zeit, wo immer sie dem zerruetteten attischen Leben
+einigermassen den Ruecken zu wenden vermochte, ohne doch in.
+schulmaessige Nachdichtung zu verfallen, sofort sich am Ideal staerkt
+und erfrischt. In dem einzigen Ueberrest des parodisch-heroischen
+Lustspiels dieser Zeit, in Plautus’ ‘Amphitryon’ weht durchaus eine
+reinere und poetischere Luft als in allen uebrigen Truemmern der
+gleichzeitigen Schaubuehne; die gutmuetigen, leise ironisch gehaltenen
+Goetter, die edlen Gestalten aus der Heroenwelt, die possierlich feigen
+Sklaven machen zueinander den wundervollsten Gegensatz und nach dem
+drolligen Verlauf der Handlung die Geburt des Goettersohnes unter
+Donner und Blitz eine beinahe grossartige Schlusswirkung. Diese Aufgabe
+der Mythenironisierung war aber auch verhaeltnismaessig unschuldig und
+poetisch, verglichen mit der des gewoehnlichen das attische Leben der
+Zeit schildernden Lustspiels. Eine besondere Anklage darf vom
+geschichtlich-sittlichen Standpunkt aus gegen die Poeten keineswegs
+erhoben und dem einzelnen Dichter kein individueller Vorwurf daraus
+gemacht werden, dass er im Niveau seiner Epoche steht; die Komoedie war
+nicht Ursache, sondern Wirkung der in dem Volksleben waltenden
+Verdorbenheit. Aber wohl ist es, namentlich um den Einfluss dieser
+Lustspiele auf das roemische Volksleben richtig zu beurteilen,
+notwendig, auf den Abgrund hinzuweisen, der unter all jener Feinheit
+und Zierlichkeit sich auftut. Die Flegeleien und Zoten, welche zwar
+Menander einigermassen vermied, an denen aber bei den anderen Poeten
+kein Mangel ist, sind das wenigste; weit schlimmer ist die grauenvolle
+Lebensoede, deren einzige Oasen die Verliebtheit und der Rausch sind,
+die fuerchterliche Prosa, worin was einigermassen wie Enthusiasmus
+aussieht allein bei den Gaunern zu finden ist, denen der eigene
+Schwindel den Kopf verdreht hat und die das Prellergewerbe mit einer
+gewissen Begeisterung treiben, und vor allem jene unsittliche
+Sittlichkeit, mit welcher namentlich die menandrischen Stuecke
+staffiert sind. Das Laster wird abgestraft, die Tugend belohnt und
+etwaige Peccadillos durch Bekehrung bei oder nach der Hochzeit
+zugedeckt. Es gibt Stuecke, wie die Plautinische ‘Dreitalerkomoedie’
+und mehrere Terenzische, in denen allen Personen bis auf die Sklaven
+hinab eine Portion Tugendhaftigkeit beigemischt ist; alle wimmeln von
+ehrlichen Leuten, die fuer sich betruegen lassen, von Maedchentugend
+womoeglich, von gleich beguenstigten und Kompagnie machenden
+Liebhabern; moralische Gemeinplaetze und wohl gedrechselte
+Sittensprueche sind gemein wie die Brombeeren. In einem versoehnenden
+Finale, wie das in ‘Die beiden Bacchis’ ist, wo die prellenden Soehne
+und die geprellten Vaeter zu guter Letzt alle miteinander ins Bordell
+kneipen gehen, steckt eine voellig Kotzebuesche Sittenfaeulnis.
+
+Auf diesen Grundlagen und aus diesen Elementen erwuchs das roemische
+Lustspiel. Originalitaet ward bei demselben nicht bloss durch
+aesthetische, sondern wahrscheinlich zunaechst durch polizeiliche
+Unfreiheit ausgeschlossen. Unter der betraechtlichen Masse der
+lateinischen Lustspiele dieser Gattung, die uns bekannt sind, findet
+sich nicht ein einziges, das sich nicht als Nachbildung eines
+bestimmten griechischen ankuendigte; es gehoert zum vollstaendigen
+Titel, dass der Name des griechischen Stueckes und Verfassers mit
+genannt wird, und wenn, wie das wohl vorkam, ueber die “Neuheit” eines
+Stueckes gestritten ward, so handelte es sich darum, ob dasselbe schon
+frueher uebersetzt worden sei. Die Komoedie spielt nicht etwa bloss
+haeufig im Ausland, sondern es ist eine zwingende Notwendigkeit und die
+ganze Kunstgattung (fabula palliata) danach benannt, dass der
+Schauplatz ausserhalb Roms, gewoehnlich in Athen ist und dass die
+handelnden Personen Griechen oder doch Nichtroemer sind. Selbst im
+einzelnen wird, besonders in denjenigen Dingen, worin auch der
+ungebildete Roemer den Gegensatz bestimmt empfand, das auslaendische
+Kostuem streng durchgefuehrt. So wird der Name Roms und der Roemer
+vermieden und wo ihrer gedacht wird, heissen sie auf gut griechisch
+“Auslaender” (barbari); ebenso erscheint unter den unzaehlige Male
+vorkommenden Geld- und Muenzbezeichnungen auch nicht ein einziges Mal
+die roemische Muenze. Man macht sich von so grossen und so gewandten
+Talenten, wie Naevius und Plautus waren, eine seltsame Vorstellung,
+wenn man dergleichen auf ihre freie Wahl zurueckfuehrt; diese krasse
+und sonderbare Exterritorialitaet der roemischen Komoedie war ohne
+Zweifel durch ganz andere als aesthetische Ruecksichten bedingt. Die
+Verlegung solcher gesellschaftlicher Verhaeltnisse, wie sie die
+neuattische Komoedie durchgaengig zeichnet, nach dem Rom der
+hannibalischen Epoche wuerde geradezu ein Attentat auf dessen
+buergerliche Ordnung und Sitte gewesen sein. Da aber die Schauspiele in
+dieser Zeit regelmaessig von den Aedilen und Praetoren gegeben wurden,
+die gaenzlich vom Senat abhingen, und selbst die ausserordentlichen
+Festlichkeiten, zum Beispiel die Leichenspiele, nicht ohne
+Regierungserlaubnis stattfanden, und da ferner die roemische Polizei
+ueberall nicht und am wenigsten mit den Komoedianten Umstaende zu
+machen gewohnt war, so ergibt es sich von selbst, weshalb diese
+Komoedie, selbst nachdem sie unter die roemischen Volkslustbarkeiten
+aufgenommen war, doch noch keinen Roemer auf die Buehne bringen durfte
+und gleichsam in das Ausland verbannt blieb.
+
+Noch viel entschiedener ward den Bearbeitern das Recht, einen Lebenden
+lobend oder tadelnd zu nennen, sowie jede verfaengliche Anspielung auf
+die Zeitverhaeltnisse untersagt. In dem ganzen plautinischen und
+nachplautinischen Komoedienrepertoire ist, soweit wir es kennen, nicht
+zu einer einzigen Injurienklage Stoff. Ebenso begegnet uns von den bei
+dem lebhaften Munizipalsinn der Italiker besonders bedenklichen
+Invektiven gegen Gemeinden - wenn von einigen ganz unschuldigen
+Scherzen abgesehen wird - kaum eine andere Spur als der bezeichnende
+Hohn auf die ungluecklichen Capuaner und Atellaner und
+merkwuerdigerweise verschiedene Spottreden ueber die Hoffart wie ueber
+das schlechte Latein der Praenestiner ^11. Ueberhaupt findet sich in
+den Plautinischen Stuecken von Beziehungen auf die Ereignisse und
+Verhaeltnisse der Gegenwart nichts als Glueckwuensche fuer die
+Kriegfuehrung ^12 oder zu den friedlichen Zeiten; allgemeine Ausfaelle
+gegen Korn- und Zinswucher, gegen Verschwendung, gegen
+Kandidatenbestechung, gegen die allzu haeufigen Triumphe, gegen die
+gewerbsmaessigen Beitreiber verwirkter Geldbussen, gegen pfaendende
+Steuerpaechter, gegen die teuren Preise der Oelhaendler, ein einziges
+Mal - im ‘Curculio’ - eine an die Parabasen der aelteren attischen
+Komoedie erinnernde, uebrigens wenig verfaengliche laengere Diatribe
+ueber das Treiben auf dem roemischen Markt. Aber selbst in solchen
+hoechst polizeilich normal patriotischen Bestrebungen unterbricht sich
+wohl der Dichter:
+
+Doch bin ich nicht naerrisch, mich zu kuemmern um den Staat,
+
+Da die Obrigkeit da ist, die sich hat zu kuemmern drum?
+
+und im ganzen genommen ist kaum ein politisch zahmeres Lustspiel zu
+denken, als das roemische des sechsten Jahrhunderts gewesen ist ^13.
+Eine merkwuerdige Ausnahme macht allein der aelteste namhafte roemische
+Lustspieldichter Gnaeus Naevius. Wenn er auch nicht gerade roemische
+Originallustspiele schrieb, so sind doch noch die wenigen Truemmer, die
+wir von ihm besitzen, voll von Beziehungen auf roemische Zustaende und
+Personen. Er nahm es unter anderm sich heraus, nicht bloss einen
+gewissen Maler Theodotos mit Namen zu verhoehnen, sondern selbst an den
+Sieger von Zama folgende Verse zu richten, deren Aristophanes sich
+nicht haette schaemen duerfen:
+
+Jenen selbst, der grosse Dinge ruhmvoll oft zu Ende fuehrte,
+
+Dessen Taten lebendig leben, der bei den Voelkern allen allein gilt,
+
+Den hat nach Haus der eigene Vater von dem Liebchen geholt im Hemde.
+
+Wie in den Worten:
+
+Heute wollen freie Worte reden wir am Freiheitsfest,
+
+so mag er oefter polizeiwidrig angesetzt und bedenkliche Fragen getan
+haben, wie zum Beispiel:
+
+Wie ward ein so gewaltiger Staat nur so geschwind euch ruiniert?
+
+worauf denn mit einem politischen Suendenregister geantwortet ward, zum
+Beispiel:
+
+Es taten neue Redner sich, einfaeltige junge Menschen auf.
+
+————————————————————————————————-
+
+^11 Bacch. 24; Trin. 609; Truc. 3, 2, 23. Auch Naevius, der es freilich
+ueberall nicht so genau nahm, spottet ueber Praenestiner und Lanuviner
+(com. 21 R.) Eine gewisse Spannung zwischen Praenestinern und Roemern
+tritt oefter hervor (Liv. 23, 20, 42, 1); und die Exekutionen in der
+pyrrhischen sowie die Katastrophe der sullanischen Zeit stehen sicher
+damit im Zusammenhang. Unschuldige Scherze wie Capt. 160; 881
+passierten natuerlich die Zensur. Bemerkenswert ist auch das Kompliment
+fuer Massalia (Cas. 5, 4, 1).
+
+^12 So schliesst der Prolog der Kaestchenkomoedie mit folgenden Worten,
+die hier stehen moegen als die einzige gleichzeitige Erwaehnung des
+Hannibalischen Krieges in der auf uns gekommenen Literatur:
+
+Also verhaelt sich dieses. Lebet wohl und siegt
+
+Mit Maennermut, so wie ihr dies bisher getan.
+
+Bewahret eure Verbuendeten alten und neuen Bunds,
+
+Zuleget Zuzug ihnen, eurem rechten Schluss gemaess,
+
+Verderbt die Verhassten, wirket Lorbeer euch und Lob,
+
+Damit besiegt gewaehre der Poener euch die Poen.
+
+Die vierte Zeile (augete auxilia vostris iustis legibus) geht auf die
+den saeumigen latinischen Kolonien im Jahre 550 (204) auferlegten
+Nachleistungen (Liv. 29, 15; oben 2, 175).
+
+^13 Man kann darum auch bei Plautus kaum mit der Annahme von
+Anspielungen auf Zeitereignisse vorsichtig genug sein. Vielen
+verkehrten Scharfsinn dieser Art hat die neueste Untersuchung
+beseitigt; aber sollte nicht auch die Beziehung auf die Bacchanalien,
+welche im Cas. 5, 4, 11 gefunden wird (Ritschl, Parerga, Bd. 1, S.
+192), zensurwidrig sein? Man koennte sogar die Sache umkehren und aus
+den Erwaehnungen des Bacchusfestes in der ‘Casina’ und einigen anderen
+Stuecken (Amph. 703; Aul. 3, 1, 3; Bacch. 53, 371; Mil. 1016 und
+besonders Men. 836) den Schluss ziehen, dass dieselben zu einer Zeit
+geschrieben sind, wo es noch nicht verfaenglich war, von Bacchanalien
+zu reden.
+
+————————————————————————-
+
+Allein die roemische Polizei war nicht gemeint, gleich der attischen
+die Buehneninvektiven und politischen Diatriben zu privilegieren oder
+auch nur zu dulden. Naevius ward wegen solcher und aehnlicher Ausfaelle
+in den Block geschlossen und musste sitzen, bis er in anderen Komoedien
+oeffentlich Busse und Abbitte getan hatte. Ihn trieben diese Haendel,
+wie es scheint, aus. der Heimat; seine Nachfolger aber liessen durch
+sein Beispiel sich warnen - einer derselben deutet sehr verstaendlich
+an, dass er ganz und gar nicht Lust habe, gleich dem Kollegen Naevius
+der unfreiwilligen Maulsperre zu unterliegen. So ward es durchgesetzt,
+was in seiner Art nicht viel weniger einzig ist als die Besiegung
+Hannibals, dass in einer Epoche der fieberhaftesten Volksaufregung eine
+volkstuemliche Schaubuehne von der vollstaendigsten politischen
+Farblosigkeit entstand.
+
+Aber innerhalb dieser von Sitte und Polizei eng und peinlich gezogenen
+Schranken ging der Poesie der Atem aus. Nicht mit Unrecht mochte
+Naevius die Lage des Dichters unter dem Szepter der Lagiden und
+Seleukiden, verglichen mit derjenigen in dem freien Rom, beneidenswert
+nennen ^14. Der Erfolg im einzelnen ward natuerlich bestimmt durch die
+Beschaffenheit des eben vorliegenden Originals und das Talent des
+einzelnen Bearbeiters; doch muss bei aller individuellen
+Verschiedenheit dies ganze Uebersetzungsrepertoire in gewissen
+Grundzuegen uebereingestimmt haben, insofern saemtliche Lustspiele
+denselben Bedingungen der Auffuehrung und demselben Publikum angepasst
+wurden. Durchgaengig war die Behandlung im ganzen wie im einzelnen im
+hoechsten Grade frei; und sie musste es wohl sein. Wenn die
+Originalstuecke vor derselben Gesellschaft spielten, die sie kopierten,
+und eben hierin ihr hauptsaechlichster Reiz lag, so war das roemische
+Publikum dieser Zeit von dem attischen so verschieden, dass es jene
+auslaendische Welt nicht einmal imstande war recht zu verstehen. Von
+dem haeuslichen Leben der Hellenen fasste der Roemer weder die Anmut
+und Humanitaet noch die Sentimentalitaet und die uebertuenchte Leere.
+Die Sklavenwelt war eine voellig andere; der roemische Sklave war ein
+Stueck Hausrat, der attische ein Bedienter - wo Sklavenehen vorkommen,
+oder der Herr mit dem Sklaven ein humanes Gespraech fuehrt, erinnern
+die roemischen Uebersetzer ihr Publikum daran, sich an dergleichen in
+Athen gewoehnliche Dinge nicht zu stossen ^15; und als man spaeter
+Lustspiele in roemischem Kostuem zu schreiben anfing, musste die Rolle
+des pfiffigen Bedienten herausgeworfen werden, weil das roemische
+Publikum solche, ihre Herren uebersehende und gaengelnde Sklaven nicht
+vertrug. Eher als die feinen Alltagsfiguren hielten die an sich derber
+und possenhafter zugeschnittenen Staende- und Charakterbilder die
+Uebertragung aus; aber auch von diesen musste doch der roemische
+Bearbeiter manche und wahrscheinlich eben die feinsten und
+originellsten, wie zum Beispiel die Thais, die Hochzeitskoechin, die
+Mondbeschwoererin, den Bettelpfaffen Menanders, ganz liegen lassen und
+sich vorwiegend an diejenigen auslaendischen Gewerbe halten, mit
+welchen der bereits sehr allgemein in Rom verbreitete griechische
+Tafelluxus sein Publikum vertraut gemacht hatte. Wenn der Kochkuenstler
+und der Spassmacher in dem Plautinischen Lustspiel mit so auffallender
+Vorliebe und Lebendigkeit geschildert sind, so liegt der Schluessel
+dazu darin, dass griechische Koeche ihre Dienste schon damals auf dem
+roemischen Markt taeglich ausboten und dass Cato das Verbot, einen
+Spassmacher zu halten, sogar seinem Wirtschafter in die Instruktion zu
+setzen noetig fand. In gleicher Weise konnte der Uebersetzer von der
+eleganten attischen Konversation seiner Originale einen sehr grossen
+Teil nicht brauchen. Zu der raffinierten Kneip- und Bordellwirtschaft
+Athens stand der roemische Buerger- und Bauersmann ungefaehr wie der
+deutsche Kleinstaedter zu den Mysterien des Palais Royal. Die
+eigentliche Kuechengelehrsamkeit ging nicht in seinen Kopf; die
+Esspartien blieben freilich auch in der roemischen Nachbildung sehr
+zahlreich, aber ueberall dominiert ueber die mannigfaltige Baeckerei
+und die raffinierten Saucen und Fischgerichte der derbe roemische
+Schweinebraten. Von den Raetselreden und Trinkliedern, von der
+griechischen Rhetorik und Philosophie, die in den Originalen eine so
+grosse Rolle spielten, begegnet in der Bearbeitung nur hier und da eine
+verlorene Spur.
+
+—————————————————————-
+
+^14 Etwas anderes kann die merkwuerdige Stelle in dem ‘Maedel von
+Tarent’ nicht bedeuten:
+
+Was im Theater hier mir gerechten Beifall fand,
+
+Dass das kein Koenig irgend anzufechten wagt -
+
+Wie viel besser als hier der Freie hat’s darin der Knecht!
+
+^15 Wie das moderne Hellas ueber Sklaventum dachte, kann man zum
+Beispiel bei Euripides (Ion. 854; vgl. Hel. 728) sehen:
+
+Dem Sklaven bringt das eine einzig Schande nur:
+
+Der Name; in allem andern ist nicht schlechter als
+
+Der freie Mann der Sklave, welcher brav sich fuehrt.
+
+————————————————————-
+
+Die Verwuestung, welche die roemischen Bearbeiter durch die Ruecksicht
+auf ihr Publikum in den Originalen anzurichten genoetigt waren,
+draengte sie unvermeidlich in eine Weise des Zusammenstreichens und
+Durcheinanderwerfens hinein, mit der keine kuenstlerische Komposition
+sich vertrug. Es war gewoehnlich, nicht bloss ganze Rollen des
+Originals herauszuwerfen, sondern auch dafuer andere aus anderen
+Lustspielen desselben oder auch eines anderen Dichters wieder
+einzustuecken; was freilich bei der aeusserlich rationellen Komposition
+der Originale und ihren stehenden Figuren und Motiven nicht voellig so
+arg war, wie es scheint. Es gestatteten ferner wenigstens in der
+aelteren Zeit sich die Dichter hinsichtlich der Komposition die
+seltsamsten Lizenzen. Die Handlung des sonst so vortrefflichen
+‘Stichus’ (aufgefuehrt 554 200) besteht darin, dass zwei Schwestern,
+welche der Vater veranlassen moechte, sich von ihren abwesenden
+Ehemaennern zu scheiden, die Penelopen spielen, bis die Maenner mit
+reichem Kaufmannsgewinn und als Praesent fuer den Schwiegervater mit
+einem huebschen Maedchen wieder nach Hause kommen. In der ‘Casina’, die
+bei dem Publikum ganz besonders Glueck machte, kommt die Braut, von der
+das Stueck heisst und um die es sich dreht, gar nicht zum Vorschein,
+und die Aufloesung wird ganz naiv als “spaeter drinnen vor sich gehend”
+vom Epilog erzaehlt. Ueberhaupt wird sehr oft die Verwicklung ueber das
+Knie gebrochen, ein angesponnener Faden fallengelassen und was
+dergleichen Zeichen einer unfertigen Kunst mehr sind. Die Ursache
+hiervon ist wahrscheinlich weit weniger in der Ungeschicklichkeit der
+roemischen Bearbeiter zu suchen als in der Gleichgueltigkeit des
+roemischen Publikums gegen die aesthetischen Gesetze. Allmaehlich indes
+bildete sich der Geschmack. In den spaeteren Stuecken hat Plautus
+offenbar mehr Sorgfalt auf die Komposition gewendet und ‘Die
+Gefangenen’ zum Beispiel, der ‘Luegenbold’, ‘Die beiden Bacchis’ sind
+in ihrer Art meisterhaft gefuehrt; seinem Nachfolger Caecilius, von dem
+wir keine Stuecke mehr besitzen, wird es nachgeruehmt, dass er sich
+vorzugsweise durch die kunstmaessigere Behandlung des Sujets
+auszeichnete.
+
+In der Behandlung des einzelnen fuehren das Bestreben des Poeten,
+seinen roemischen Zuhoerern die Dinge moeglichst vor die Augen zu
+bringen, und die Vorschrift der Polizei, die Stuecke auslaendisch zu
+halten, die wunderlichsten Kontraste herbei. Die roemischen Goetter,
+die sakralen, militaerischen, juristischen Ausdruecke der Roemer,
+nehmen sich seltsam aus in der griechischen Welt; bunt durcheinander
+gehen die roemischen Aedilen und Dreiherren mit den Agoranomen und
+Demarchen; in Aetolien oder Epidamnos spielende Stuecke schicken den
+Zuschauer ohne Bedenken nach dem Velabrum und dem Kapitol. Schon eine
+solche klecksartige Aufsetzung der roemischen Lokaltoene auf den
+griechischen Grund ist eine Barbarisierung; aber diese in ihrer naiven
+Art oft sehr spasshaften Interpolationen sind weit ertraeglicher als
+die durchgaengige Umstimmung der Stuecke ins Rohe, welche bei der
+keineswegs attischen Bildung des Publikums den Bearbeitern notwendig
+schien. Freilich mochten schon von den neuattischen Poeten manche in
+der Ruepelhaftigkeit keiner Nachhilfe beduerfen; Stuecke wie die
+Plautinische ‘Eselskomoedie’ werden ihre unuebertreffliche Plattheit
+und Gemeinheit nicht erst dem Uebersetzer verdanken. Aber es walten
+doch in den roemischen Komoedien die rohen Motive in einer Weise vor,
+dass die Uebersetzer hierin entweder interpoliert oder mindestens sehr
+einseitig kompiliert haben muessen. In der unendlichen Pruegelfuelle
+und der stets ueber dem Ruecken der Sklaven schwebenden Peitsche
+erkennt man deutlich das catonische Hausregiment, sowie die catonische
+Opposition gegen die Frauen in dem nimmer endenden Heruntermachen der
+Weiber. Unter den Spaessen eigener Erfindung, mit welchen die
+roemischen Bearbeiter die elegante attische Konversation zu wuerzen
+fuer gut befunden haben, finden sich manche von einer kaum glaublichen
+Gedankenlosigkeit und Roheit ^16.
+
+——————————————————————————
+
+^16 So ist zum Beispiel in das sonst sehr artige Examen, welches in dem
+Plautinischen ‘Stichus’ der Vater mit seinen Toechtern ueber die
+Eigenschaften einer guten Ehefrau anstellt, die ungehoerige Frage
+eingelegt, ob es besser sei, eine Jungfrau oder eine Witwe zu heiraten,
+bloss um darauf mit einem nicht minder ungehoerigen und im Munde der
+Sprecherin geradezu unsinnigen Gemeinplatz gegen die Frauen zu
+antworten. Aber das ist Kleinigkeit gegen den folgenden Fall. In
+Menanders ‘Halsband’ klagt ein Ehemann dem Freunde seine Not:
+
+A: Ich freite die reiche Erbin Lamia, du weisst
+
+Es doch? - B: Ja freilich. - A: Sie, der dieses Haus gehoert
+
+Und die Felder und alles andre hier umher. Sie duenkt,
+
+Gott weiss es! von allem Ungemach das aergste uns;
+
+Zur Last ist sie all’ und jedem, nicht bloss mir allein,
+
+Dem Sohn auch und gar der Tochter. - B: Allerdings, ich weiss,
+
+So ist es.
+
+In der lateinischen Bearbeitung des Caecilius ist aus diesem, in seiner
+grossen Einfachheit eleganten Gespraech der folgende Flegeldialog
+geworden:
+
+B: Deine Frau ist also zaenkisch, nicht? - A: Ei schweig davon! -
+
+B: Wieso? - A: Ich mag nichts davon hoeren. Komm’ ich etwa dir
+
+Nach Haus und setze mich, augenblicks versetzt sie mir
+
+Einen nuechternen Kuss. - B: Ei nun, mit dem Kusse trifft sie’s schon;
+
+Ausspeien sollst du, meint sie, was du auswaerts trankst.
+
+————————————————————————-
+
+Was dagegen die metrische Behandlung anlangt, so macht im ganzen der
+geschmeidige und klingende Vers den Bearbeitern alle Ehre. Wenn die
+jambischen Trimeter, die in den Originalen vorherrschten und ihrem
+maessigen Konversationston allein angemessen waren, in der lateinischen
+Bearbeitung sehr haeufig durch jambische oder trochaeische Tetrameter
+ersetzt worden sind, so wird auch hiervon die Ursache weniger in der
+Ungeschicklichkeit der Bearbeiter zu suchen sein, die den Trimeter gar
+wohl zu handhaben wussten, als in dem ungebildeten Geschmack des
+roemischen Publikums, dem der praechtige Vollklang der Langverse auch
+da gefiel, wo er nicht hingehoerte.
+
+Endlich traegt auch die Inszenierung der Stuecke den gleichen Stempel
+der Gleichgueltigkeit der Direktion wie des Publikums gegen die
+aesthetischen Anforderungen. Die griechische Schaubuehne, welche schon
+wegen des Umfangs des Theaters und des Spielens bei Tage auf ein
+eigentliches Gebaerdenspiel verzichtete, die Frauenrollen mit Maennern
+besetzte und einer kuenstlichen Verstaerkung der Stimme des
+Schauspielers notwendig bedurfte, ruhte in szenischer wie in
+akustischer Hinsicht durchaus auf dem Gebrauch der Gesichts- und
+Schallmasken. Diese waren auch in Rom wohlbekannt; bei den
+Dilettantenauffuehrungen erschienen die Spieler ohne Ausnahme maskiert.
+Dennoch wurden den Schauspielern, welche die griechischen Lustspiele in
+Rom auffuehren sollten, die dafuer notwendigen, freilich ohne Zweifel
+viel kuenstlicheren Masken nicht gegeben; was denn, von allem andern
+abgesehen, in Verbindung mit der mangelhaften akustischen Einrichtung
+der Buehne ^17 den Schauspieler nicht bloss noetigte seine Stimme ueber
+die Gebuehr anzustrengen, sondern schon den Livius zu dem hoechst
+unkuenstlerischen, aber unvermeidlichen Ausweg zwang, die Gesangstuecke
+durch einen ausserhalb des Spielerpersonals stehenden Saenger vortragen
+und von dem Schauspieler, in dessen Rolle sie fielen, nur durch stummes
+Spiel darstellen zu lassen. Ebensowenig fanden die roemischen Festgeber
+ihre Rechnung dabei, sich fuer Dekorationen und Maschinerie in
+wesentliche Kosten zu setzen. Auch die attische Buehne stellte
+regelmaessig eine Strasse mit Haeusern im Hintergrunde vor und hatte
+keine wandelbaren Dekorationen; allein man besass doch ausser anderem
+mannigfaltigen Apparat namentlich eine Vorrichtung, um eine kleinere,
+das Innere eines Hauses vorstellende Buehne auf die Hauptszene
+hinauszuschieben. Das roemische Theater aber ward damit nicht versehen,
+und man kann es darum dem Poeten kaum zum Vorwurf machen, wenn alles,
+sogar das Wochenbett auf der Strasse abgehalten wird.
+
+——————————————————————————
+
+^17 Selbst als man steinerne Theater baute, mangelten diesen die
+Schallgefaesse, wodurch die griechischen Baumeister die Schauspieler
+unterstuetzten (Vitr. 5, 5, 8).
+
+——————————————————————————
+
+So war das roemische Lustspiel des sechsten Jahrhunderts beschaffen.
+Die Art und Weise, wie man die griechischen Schauspiele nach Rom
+uebertrug, gewaehrt von dem verschiedenartigen Kulturstand ein
+geschichtlich unschaetzbares Bild; in aesthetischer wie in sittlicher
+Hinsicht aber stand das Original nicht hoch und das Nachbild noch
+tiefer. Die Welt bettelhaften Gesindels, wie sehr auch die roemischen
+Bearbeiter sie unter der Wohltat des Inventars antraten, erschien doch
+in Rom verschlagen und fremdartig, die feine Charakteristik gleichsam
+weggeworfen; die Komoedie stand nicht mehr auf dem Boden der
+Wirklichkeit, sondern die Personen und Situationen schienen wie ein
+Kartenspiel, willkuerlich und gleichgueltig gemischt; im Original ein
+Lebens-, ward sie in der Bearbeitung ein Zerrbild. Bei einer Direktion,
+die imstande war, einen griechischen Agon mit Floetenspiel,
+Taenzerchoeren, Tragoeden und Athleten anzukuendigen und schliesslich
+denselben in eine Pruegelei zu verwandeln, vor einem Publikum, welches,
+wie noch spaetere Dichter klagen, in Masse aus dem Schauspiel weglief,
+wenn es Faustkaempfer oder Seiltaenzer oder gar Fechter zu sehen gab,
+mussten Dichter, wie die roemischen waren, Lohnarbeiter von
+gesellschaftlich niedriger Stellung, wohl selbst wider die eigene
+bessere Einsicht und den eigenen besseren Geschmack sich der
+herrschenden Frivolitaet und Roheit mehr oder minder fuegen. Es ist
+alles Moegliche, dass nichtsdestoweniger einzelne lebende und frische
+Talente unter ihnen aufstanden, die das Fremdlaendische und Gemachte in
+der Poesie wenigstens zurueckzudraengen und in den einmal gewiesenen
+Bahnen zu erfreulichen und selbst bedeutenden Schoepfungen zu gelangen
+vermochten. An ihrer Spitze steht Gnaeus Naevius, der erste Roemer, der
+es verdient, ein Dichter zu heissen und, soweit die ueber ihn
+erhaltenen Berichte und die geringen Bruchstuecke seiner Werke uns ein
+Urteil gestatten, allem Anschein nach eines der merkwuerdigsten und
+bedeutendsten Talente in der roemischen Literatur ueberhaupt. Er war
+des Andronicus juengerer Zeitgenosse - seine poetische Taetigkeit
+begann bedeutend vor und endigte wahrscheinlich erst nach dem
+Hannibalischen Kriege - und im allgemeinen von ihm abhaengig; auch er
+war, wie das in gemachten Literaturen zu sein pflegt, in allen von
+seinem Vorgaenger aufgebrachten Kunstgattungen, im Epos, im Trauer- und
+Lustspiel, zugleich taetig und schloss auch im Metrischen sich eng an
+ihn an. Nichtsdestoweniger trennt die Dichter wie die Dichtungen eine
+ungeheure Kluft. Naevius war kein Freigelassener, kein Schulmeister und
+kein Schauspieler, sondern ein zwar nicht vornehmer, aber
+unbescholtener Buerger, wahrscheinlich einer der latinischen Gemeinden
+Kampaniens, und Soldat im Ersten Punischen Kriege ^18. Recht im
+Gegensatz zu Livius ist Naevius’ Sprache bequem und klar, frei von
+aller Steifheit und von aller Affektion und scheint selbst im
+Trauerspiel dem Pathos gleichsam absichtlich aus dem Wege zu gehen; die
+Verse, trotz des nicht seltenen Hiatus und mancher anderen, spaeterhin
+beseitigten Lizenzen, fliessen leicht und schoen ^19. Wenn die
+Quasipoesie des Livius etwa wie bei uns die Gottschedische aus rein
+aeusserlichen Impulsen hervor- und durchaus am Gaengelbande der
+Griechen ging, so emanzipierte sein Nachfolger die roemische Poesie und
+traf mit der wahren Wuenschelrute des Dichters diejenigen Quellen, aus
+denen allein in Italien eine volkstuemliche Dichtung entspringen
+konnte: die Nationalgeschichte und die Komik. Die epische Dichtung
+lieferte nicht mehr bloss dem Schulmeister ein Lesebuch, sondern wandte
+sich selbstaendig an das hoerende und lesende Publikum. Die
+Buehnendichtung war bisher, gleich der Kostuemverfertigung, ein
+Nebengeschaeft des Schauspielers oder eine Handlangerei fuer denselben
+gewesen; mit Naevius wandte das Verhaeltnis sich um und der
+Schauspieler ward nun der Diener des Dichters. Durchaus bezeichnet
+seine poetische Taetigkeit ein volkstuemliches Gepraege. Es tritt am
+bestimmtesten hervor in seinem ernsten Nationalschauspiel und in seinem
+Nationalepos, wovon spaeter noch die Rede sein wird; aber auch in den
+Lustspielen, die unter allen seinen poetischen Leistungen die seinem
+Talent am meisten zusagenden und erfolgreichsten gewesen zu sein
+scheinen, haben, wie schon gesagt ward, wahrscheinlich nur aeussere
+Ruecksichten den Dichter bestimmt, sich so, wie er es tat, den
+griechischen Originalen anzuschliessen und dennoch ihn nicht gehindert,
+in frischer Lustigkeit und im vollen Leben in der Gegenwart seine
+Nachfolger und wahrscheinlich selbst die matten Originale weit hinter
+sich zurueckzulassen, ja in gewissem Sinne in die Bahnen des
+Aristophanischen Lustspiels einzulenken. Er hat es wohl empfunden und
+in seiner Grabschrift auch ausgesprochen, was er seiner Nation gewesen
+ist:
+
+Wenn Goettern um den Menschen - Totentrauer ziemte,
+
+Den Dichter Naevius klagten - goettliche Camenen;
+
+Dieweil, seit er hinunter - zu den Schatten abschied,
+
+Verschollen ist in Rom der - Ruhm der roemischen Rede.
+
+————————————————————————-
+
+^18 Die Personalnotizen ueber Naevius sind arg verwirrt. Da er im
+Ersten Punischen Kriege focht, kann er nicht nach 495 (259) geboren
+sein. 519 (235) wurden Schauspiele, wahrscheinlich die ersten, von ihm
+gegeben (Gell. 12, 21, 45). Dass er schon 550 (204) gestorben sei, wie
+gewoehnlich angegeben wird, bezweifelte Varro (bei Cic. Brut. 15, 60)
+gewiss mit Recht; waere es wahr, so muesste er waehrend des
+Hannibalischen Krieges in Feindesland entwichen sein. Auch die
+Spottverse auf Scipio koennen nicht vor der Schlacht bei Zama
+geschrieben sein. Man wird sein Leben zwischen 490 (264) und 560 (194)
+setzen duerfen, so dass er Zeitgenosse der beiden 543 (211) gefallenen
+Scipionen (Cic. rep. 4, 10), zehn Jahre juenger als Andronicus und
+vielleicht zehn Jahre aelter als Plautus war. Seine kampanische
+Herkunft deutet Gellius, seine latinische Nationalitaet, wenn es dafuer
+der Beweise beduerfte, er selbst in der Grabschrift an. wenn er nicht
+roemischer Buerger, sondern etwa Buerger von Cales oder einer anderen
+latinischen Stadt Kampaniens war, so erklaert es sich leichter, dass
+ihn die roemische Polizei so ruecksichtslos behandelte. Schauspieler
+war er auf keinen Fall, da er im Heere diente.
+
+^19 Man vergleiche zum Beispiel mit den livianischen das Bruchstueck
+aus Naevius’ Trauerspiel ‘Lycurgus’:
+
+Die ihr des koeniglichen Leibes haltet Wacht,
+
+Sogleich zum laubesreichen Platze macht euch auf,
+
+Wo willig ungepflanzt emporsprosst das Gebuesch.
+
+Oder die beruehmten Worte, die in ‘Hektors Abschied’ Hektor zu Priamos
+sagt:
+
+Lieblich, Vater, klingt von dir mir Lob, dem vielgelobten Mann.
+
+und den reizenden Vers aus dem ‘Maedel von Tarent’:
+
+Alii adnutat, alii adnictat; alium amat, alium tenet.
+
+Zu diesem nickt sie, nach jenem blickt sie; diesen im Herzen, den im
+Arm.
+
+———————————————————————
+
+Und solcher Maenner- und Dichterstolz ziemte wohl dem Manne, der die
+Kaempfe gegen Hamilkar und gegen Hannibal teils miterlebte, teils
+selber mitfocht, und der fuer die tief bewegte und in gewaltigem
+Freudenjubel gehobene Zeit nicht gerade den poetisch hoechsten, aber
+wohl einen tuechtigen, gewandten und volkstuemlichen dichterischen
+Ausdruck fand. Es ist schon erzaehlt worden, in welche Haendel mit den
+Behoerden er darueber geriet und wie er, vermutlich dadurch von Rom
+vertrieben, sein Leben in Utica beschloss. Auch hier ging das
+individuelle Leben ueber dem gemeinen Besten, das Schoene ueber dem
+Nuetzlichen zugrunde.
+
+In der aeusseren Stellung wie in der Auffassung seines Dichterberufs
+scheint ihm sein juengerer Zeitgenosse, Titus Maccius Plautus (500? -
+570 254-184). weit nachgestanden zu haben. Gebuertig aus dem kleinen,
+urspruenglich umbrischen, aber damals, vielleicht schon latinisierten
+Staedtchen Sassina, lebte er in Rom als Schauspieler und, nachdem er
+den damit gemachten Gewinn in kaufmaennischen Spekulationen wieder
+eingebuesst hatte, als Theaterdichter von der Bearbeitung griechischer
+Lustspiele, ohne in einem anderen Fache der Literatur taetig zu sein
+und wahrscheinlich ohne Anspruch auf eigentliches Schriftstellertum zu
+machen. Solcher handwerksmaessigen Komoedienbearbeiter scheint es in
+Rom damals eine ziemliche Zahl gegeben zu haben; allein ihre Namen
+sind, zumal da sie wohl durchgaengig ihre Stuecke nicht publizierten
+^20, so gut wie verschollen, und was von diesem Repertoire sich
+erhielt, ging spaeterhin auf den Namen des populaersten unter ihnen,
+des Plautus. Die Literatoren des folgenden Jahrhunderts zaehlten bis
+hundertunddreissig solcher “plautinischer Stuecke”, von denen indes auf
+jeden Fall ein grosser Teil nur von Plautus durchgesehen oder ihm ganz
+fremd war; der Kern derselben ist noch vorhanden. Ein gegruendetes
+Urteil ueber die poetische Eigentuemlichkeit des Bearbeiters zu
+faellen, ist dennoch sehr schwer, wo nicht unmoeglich, da die Originale
+uns nicht erhalten sind. Dass die Bearbeitung ohne Auswahl gute wie
+schlechte Stuecke uebertrug, dass sie der Polizei wie dem Publikum
+gegenueber untertaenig und untergeordnet dastand, dass sie gegen die
+aesthetischen Anforderungen sich ebenso gleichgueltig verhielt wie ihr
+Publikum und diesem zuliebe die Originale ins Possenhafte und Gemeine
+umstimmte, sind Vorwuerfe, die mehr gegen die ganze Uebersetzungsfabrik
+als gegen den einzelnen Bearbeiter sich richten. Dagegen darf als dem
+Plautus eigentuemlich gelten die meisterliche Behandlung der Sprache
+und der mannigfachen Rhythmen, ein seltenes Geschick, die Situation
+buehnengerecht zu gestalten und zu nutzen, der fast immer gewandte und
+oft vortreffliche Dialog und vor allen Dingen eine derbe und frische
+Lustigkeit, die in gluecklichen Spaessen, in einem reichen
+Schimpfwoerterlexikon, in launigen Wortbildungen, in drastischen, oft
+mimischen Schilderungen und Situationen unwiderstehlich komisch wirkt -
+Vorzuege, in denen man den gewesenen Schauspieler zu erkennen meint.
+Ohne Zweifel hat der Bearbeiter auch hierin mehr das Gelungene der
+Originale festgehalten als selbstaendig geschaffen - was in den
+Stuecken sicher auf den Uebersetzer zurueckgefuehrt werden kann, ist
+milde gesagt mittelmaessig; allein es wird dadurch begreiflich, warum
+Plautus der eigentliche roemische Volkspoet und der rechte Mittelpunkt
+der roemischen Buehne geworden und geblieben, ja noch nach dem
+Untergang der roemischen Welt das Theater mehrfach auf ihn
+zurueckgekommen ist.
+
+————————————————————————
+
+^20 Diese Annahme scheint deshalb notwendig, weil man sonst unmoeglich
+in der Art, wie die Alten es tun, ueber die Echtheit oder Unechtheit
+der Plautinischen Stuecke haette schwanken koennen; bei keinem
+eigentlichen Schriftsteller des roemischen Altertums begegnet eine auch
+nur annaehernd aehnliche Ungewissheit ueber das literarische Eigentum.
+Auch in dieser Hinsicht wie in so vielen anderen aeusserlichen Dingen
+besteht die merkwuerdigste Analogie zwischen Plautus und Shakespeare.
+
+————————————————————————-
+
+Noch weit weniger vermoegen wir zu einem eigenen Urteil ueber den
+dritten und letzten - denn Ennius schrieb wohl Komoedien, aber durchaus
+ohne Erfolg - namhaften Lustspieldichter dieser Epoche, Statius
+Caecilius, zu gelangen. Der Lebensstellung und dem Gewerbe nach stand
+er mit Plautus gleich. Geboren im Keltenland in der Gegend von
+Mediolanum kam er unter den insubrischen Kriegsgefangenen nach Rom und
+lebte dort als Sklave, spaeter als Freigelassener von der Bearbeitung
+griechischer Komoedien fuer das Theater bis zu seinem wahrscheinlich
+fruehen Tode (586 168). Dass seine Sprache nicht rein war, ist bei
+seiner Herkunft begreiflich; dagegen bemuehte er sich, wie schon gesagt
+ward, um strengere Komposition. Bei den Zeitgenossen fanden seine
+Stuecke nur schwer Eingang, und auch das spaetere Publikum liess gegen
+Plautus und Terenz den Caecilius fallen; wenn dennoch die Kritiker der
+eigentlichen Literaturzeit Roms, der varronischen und augustinischen
+Epoche, unter den roemischen Bearbeitern griechischer Lustspiele dem
+Caecilius die erste Stelle eingeraeumt haben, so scheint dies darauf zu
+beruhen, dass die kunstrichterliche Mittelmaessigkeit gern der
+geistesverwandten poetischen vor dem einseitig Vortrefflichen den
+Vorzug gibt. Wahrscheinlich hat jene Kunstkritik den Caecilius nur
+deshalb unter ihre Fluegel genommen, weil et regelrechter als Plautus
+und kraeftiger als Terenz war; wobei er immer noch recht wohl weit
+geringer als beide gewesen sein kann.
+
+Wenn also der Literarhistoriker bei aller Anerkennung des sehr
+achtbaren Talents der roemischen Lustspieldichter doch in ihrem reinen
+Uebersetzungsrepertoire weder eine kuenstlerisch bedeutende noch eine
+kuenstlerisch reine Leistung erkennen kann, so muss das
+geschichtlich-sittliche Urteil ueber dasselbe notwendig noch bei weitem
+haerter ausfallen. Das griechische Lustspiel, das demselben zu Grunde
+liegt, war sittlich insofern gleichgueltig, als es eben nur im Niveau
+der Korruption seines Publikums stand; die roemische Schaubuehne aber
+war in dieser zwischen der alten Strenge und der neuen Verderbnis
+schwankenden Epoche die hohe Schule zugleich des Hellenismus und des
+Lasters. Dieses attisch-roemische Lustspiel mit seiner in der Frechheit
+wie in der Sentimentalitaet gleich unsittlichen, den Namen der Liebe
+usurpierenden Leibes- und Seelenprostitution, mit seiner widerlichen
+und widernatuerlichen Edelmuetigkeit, mit seiner durchgaengigen
+Verherrlichung des Kneipenlebens, mit seiner Mischung von Bauernroheit
+und auslaendischem Raffinement, war eine fortlaufende Predigt
+roemisch-hellenischer Demoralisation und ward auch als solche
+empfunden. Ein Zeugnis bewahrt der Epilog der Plautinischen
+‘Gefangenen’:
+
+Dieses Lustspiel, da ihr schautet, ist anstaendig ganz und gar:
+
+Nicht wird darin ausgegriffen, Liebeshaendel hat es nicht,
+
+Keine Kinderunterschiebung, keine Geldabschwindelung;
+
+Nicht kauft drin der Sohn sein Maedchen ohne des Vaters Willen frei.
+
+Selten nur ersinnt ein Dichter solcherlei Komoedien,
+
+Die die Guten besser machen. Wenn drum euch dies Stueck gefiel,
+
+Wenn wir Spieler euch gefallen, lasst uns dies das Zeichen sein:
+
+Wer auf Anstand haelt, der klatsche nun zum Lohn uns unserm Spiel.
+
+Man sieht hier, wie die Partei der sittlichen Reform ueber das
+griechische Lustspiel geurteilt hat; und es kann hinzugesetzt werden,
+dass auch in jenen weissen Raben, den moralischen Lustspielen, die
+Moralitaet von derjenigen Art ist, die nur dazu taugt, die Unschuld
+gewisser zu betoeren. Wer kann es bezweifeln, dass diese Schauspiele
+der Korruption praktischen Vorschub getan haben? Als Koenig Alexander
+an einem Lustspiel dieser Art, das der Verfasser ihm vorlas, keinen
+Geschmack fand, entschuldigte sich der Dichter, dass das nicht an ihm
+sondern an dem Koenige liege; um ein solches Stueck zu geniessen,
+muesse man gewohnt sein, Kneipgelage abzuhalten und eines Maedchens
+wegen Schlaege auszuteilen und zu empfangen. Der Mann kannte sein
+Handwerk; wenn also die roemische Buergerschaft allmaehlich an diesen
+griechischen Komoedien Geschmack fand, so sieht man, um weichen Preis
+es geschah. Es gereicht der roemischen Regierung zum Vorwurf, nicht,
+dass sie fuer diese Poesie so wenig tat, sondern dass sie dieselbe
+ueberhaupt duldete. Das Laster ist zwar auch ohne Kanzel maechtig; aber
+damit ist es noch nicht entschuldigt, demselben eine Kanzel zu
+errichten. Es war mehr eine Ausrede als eine ernstliche Verteidigung,
+dass man das hellenisierende Lustspiel von der unmittelbaren Beruehrung
+der Personen und Institutionen Roms fernhielt. Vielmehr haette die
+Komoedie wahrscheinlich sittlich weniger geschadet, wenn man sie freier
+haette walten, den Beruf des Poeten sich veredeln und eine
+einigermassen selbstaendige roemische Poesie sich entwickeln lassen;
+denn die Poesie ist auch eine sittliche Macht, und wenn sie tiefe
+Wunden schlaegt, so vermag sie auch viel zu heilen. Wie es war, geschah
+auch auf diesem Gebiet von der Regierung zu wenig und zu viel; die
+politische Halbheit und die moralische Heuchelei ihrer Buehnenpolizei
+hat zu der furchtbar raschen Aufloesung der roemischen Nation das
+Ihrige beigetragen.
+
+Wenn indes die Regierung dem roemischen Lustspieldichter nicht
+gestattete, die Zustaende seiner Vaterstadt darzustellen und seine
+Mitbuerger auf die Buehne zu bringen, so war doch dadurch die
+Entstehung eines lateinischen Nationallustspiels nicht unbedingt
+abgeschnitten; denn die roemische Buergerschaft war in dieser Zeit noch
+nicht mit der latinischen Nation zusammengefallen, und es stand dem
+Dichter frei, seine Stuecke wie in Athen und Massalia, ebenso auch in
+den italischen Staedten latinischen Rechts spielen zu lassen. In der
+Tat entstand auf diesem Wege das lateinische Originallustspiel (fabula
+togata ^21; der nachweislich aelteste Verfasser solcher Stuecke,
+Titinius, bluehte wahrscheinlich um das Ende dieser Epoche ^22. Auch
+diese Komoedie ruhte auf der Grundlage des neuattischen
+Intrigenstuecks; aber sie war nicht Uebersetzung, sondern Nachdichtung:
+der Schauplatz des Stuecks war in Italien und die Schauspieler
+erschienen in dem nationalen Gewande, in der Toga. Hier waltet das
+latinische Leben und Treiben in eigentuemlicher Frische. Die Stuecke
+bewegen sich in dem buergerlichen Leben der Mittelstaedte Latiums, wie
+schon die Titel zeigen: ‘Die Harfenistin oder das Maedchen von
+Ferentinum’, ‘Die Floetenblaeserin’, ‘Die Juristin’, ‘Die Walker’, und
+manche einzelne Situationen noch weiter bestaetigen, wie zum Beispiel
+ein Spiessbuerger sich darin seine Schuhe nach dem Muster der
+albanischen Koenigssandalen machen laesst. In auffallender Weise treten
+die maennlichen gegen die Frauenrollen zurueck ^23. Mit echt nationalem
+Stolze gedenkt der Dichter der grossen Zeit des Pyrrhischen Krieges und
+sieht herab auf die neulatinischen Nachbarn,
+
+Welche oskisch und volskisch reden, denn Latein verstehn sie nicht.
+
+—————————————————————
+
+^21 Togatus bezeichnet in der juristischen und ueberhaupt in der
+technischen Sprache den Italiker im Gegensatz nicht bloss zu dem
+Auslaender, sondern auch zu dem roemischen Buerger. So ist vor allen
+Dingen formula togatorum (CIL I, 200, von 21; 50) das Verzeichnis
+derjenigen italischen Militaerpflichtigen, die nicht in den Legionen
+dienen. Auch die Benennung des Cisalpinischen oder Diesseitigen
+Galliens als Gallia togata, die zuerst bei Hirtius vorkommt und nicht
+lange nachher aus dem gemeinen Sprachgebrauch wieder verschwindet,
+bezeichnet diese Landschaft vermutlich nach ihrer rechtlichen Stellung,
+insofern in der Epoche vom Jahre 665 (89) bis zum Jahre 705 (49) die
+grosse Mehrzahl ihrer Gemeinden latinisches Recht besass. Virgil (Aen.
+1, 282) scheint ebenfalls bei der gens togata, die er neben den Roemern
+nennt, an die latinische Nation gedacht zu haben.
+
+Danach wird man auch in der fabula togata dasjenige Lustspiel zu
+erkennen haben, das in Latium spielte wie die fabula palliata in
+Griechenland; beiden aber ist die Verlegung des Schauplatzes in das
+Ausland gemeinsam, und die Stadt und die Buergerschaft Roms auf die
+Buehne zu bringen, bleibt ueberhaupt dem Lustspieldichter untersagt.
+Dass in der Tat die togata nur in den Staedten latinischen Rechts
+spielen durfte, zeigt die Tatsache, dass alle Staedte, in denen unseres
+Wissens Stuecke des Titinius und Afranius spielen, Setia, Ferentinum,
+Velitrae, Brundisium nachweislich bis auf den Bundesgenossenkrieg
+latinisches oder doch bundesgenoessisches Recht gehabt haben. Durch die
+Erstreckung des Buergerrechts auf ganz Italien ging den
+Lustspieldichtern diese latinische Inszenierung verloren, da das
+Cisalpinische Gallien, das rechtlich an die Stelle der latinischen
+Gemeinden gesetzt ward fuer den hauptstaedtischen Buehnendichter zu
+fern lag, und es scheint damit auch die fabula togata in der Tat
+verschwunden zu sein. Indes traten die rechtlich untergegangenen
+Gemeinden Italiens, wie Capua und Atella, in diese Luecke ein, und
+insofern ist die fabula Atellana gewissermassen die Fortsetzung der
+togata.
+
+^22 Ueber Titinius fehlt es an allen literarischen Angaben; ausser
+dass, nach einem Varronischen Fragment zu schliessen, er aelter als
+Terenz (558-595 196-159) gewesen zu sein scheint (Ritschl, Parerga, Bd.
+1, S. 194) - denn mehr moechte freilich auch aus dieser Stelle nicht
+entnommen werden koennen und, wenn auch von den beiden hier
+verglichenen Gruppen die zweite (Trabea, Atilius, Caecilius) im ganzen
+aelter ist als die erste (Titinius, Terentius, Atta), darum noch nicht
+gerade der aelteste der juengeren Gruppe juenger zu erachten sein als
+der juengste der aelteren.
+
+^23 Von den fuenfzehn Titinischen Komoedien, die wir kennen, sind sechs
+nach Maenner- (baratus?, caecus, fullo nes, Hortensius, Quintus,
+varus), neun nach Frauenrollen benannt (Gemma, iurisperita, prilia?,
+privigna, psaltria oder Ferentinatis, Setina, tibicina, Veliterna,
+Ulubrana ?), von denen zwei, die ‘Juristin’ und die ‘Floetenblaeserin’
+offenbar Maennergewerbe parodierten. Auch in den Bruchstuecken waltet
+die Frauenwelt vor.
+
+————————————————————
+
+Der hauptstaedtischen Buehne gehoert dieses Lustspiel ebenso an wie das
+griechische; immer aber mag in demselben etwas von der landschaftlichen
+Opposition gegen das grossstaedtische Wesen und Unwesen geherrscht
+haben, wie sie gleichzeitig bei Cato und spaeterhin bei Varro
+hervortritt. Wie in der deutschen Komoedie, die in ganz aehnlicher
+Weise von der franzoesischen ausgegangen war wie die roemische von der
+attischen, sehr bald die franzoesische Lisette durch das
+Frauenzimmerchen Franziska abgeloest ward, so trat, wenn nicht mit
+gleicher poetischer Gewalt, doch in derselben Richtung und vielleicht
+mit aehnlichem Erfolg, in Rom neben das hellenisierende das latinische
+Nationallustspiel.
+
+Wie das griechische Lustspiel kam auch das griechische Trauerspiel im
+Laufe dieser Epoche nach Rom. Dasselbe war ein wertvollerer und in
+gewisser Hinsicht auch ein leichterer Erwerb als die Komoedie. Die
+Grundlage des Trauerspiels, das griechische, namentlich das Homerische
+Epos, war den Roemern nicht fremd und bereits mit ihrer eigenen
+Stammsage verflochten; und ueberhaupt ward der empfaengliche Fremde
+weit leichter heimisch in der idealen Welt der heroischen Mythen als
+auf dem Fischmarkt von Athen. Dennoch hat auch das Trauerspiel, nur
+minder schroff und minder gemein, die antinationale und hellenisierende
+Weise gefoerdert; wobei es von der entscheidendsten Wichtigkeit war,
+dass die griechische tragische Buehne dieser Zeit vorwiegend von
+Euripides (274, 348 480, 406) beherrscht ward. Diesen merkwuerdigen
+Mann und seine noch viel merkwuerdigere Wirkung auf Mit- und Nachwelt
+erschoepfend darzustellen, ist dieses Ortes nicht; aber die geistige
+Bewegung der spaeteren griechischen und der griechisch-roemischen
+Epoche ward so sehr durch ihn bestimmt, dass es unerlaesslich ist, sein
+Wesen wenigstens in den Grundzuegen zu skizzieren. Euripides gehoert zu
+denjenigen Dichtern, welche die Poesie zwar auf eine hoehere Stufe
+heben, aber in diesem Fortschritt bei weitem mehr das richtige Gefuehl
+dessen, was sein sollte, als die Macht offenbaren, dies poetisch zu
+erschaffen. Das tiefe Wort, welches sittlich wie poetisch die Summe
+aller Tragik zieht, dass Handeln Leiden ist, gilt freilich auch fuer
+die antike Tragoedie; den handelnden Menschen stellt sie dar, aber
+eigentliche Individualisierung ist ihr fremd. Die unuebertroffene
+Grossheit, womit der Kampf des Menschen und des Schicksals bei
+Aeschylos sich vollzieht, beruht wesentlich darauf, dass jede der
+ringenden Maechte nur im ganzen aufgefasst wird; das wesenhafte
+Menschliche ist im ‘Prometheus’ und ‘Agamemnon’ nur leicht angehaucht
+von dichterischer Individualisierung. Sophokles fasst wohl die
+Menschennatur in ihrer allgemeinen Bedingtheit, den Koenig, den Greis,
+die Schwester; aber den Mikrokosmos des Menschen in seiner
+Allseitigkeit, den Charakter bringt keine einzelne seiner Gestalten zu
+Anschauung. Es ist hier ein hohes Ziel erreicht, aber nicht das
+hoechste; die Schilderung des Menschen in seiner Ganzheit und die
+Verflechtung dieser einzelnen, in sich fertigen Gestalten zu einer
+hoeheren poetischen Totalitaet ist eine Steigerung und darum sind,
+gegen Shakespeare gehalten, Aeschylos und Sophokles unvollkommene
+Entwicklungsstufen. Allein wie Euripides es unternimmt, den Menschen
+darzustellen wie er ist, liegt darin mehr ein logischer und in gewissem
+Sinn ein geschichtlicher als ein dichterischer Fortschritt. Er hat die
+antike Tragoedie zu zerstoeren, nicht die moderne zu erschaffen
+vermocht. Ueberall blieb er auf halbem Wege stehen. Die Masken, durch
+welche die Aeusserung des Seelenlebens gleichsam aus dem Besonderen ins
+Allgemeine uebersetzt wird, sind fuer die typische Tragoedie des
+Altertums ebenso notwendig wie mit dem Charaktertrauerspiel
+unvertraeglich; Euripides aber behielt sie bei. Mit bewundernswert
+feinem Gefuehl hatte die aeltere Tragoedie das dramatische Element, das
+frei walten zu lassen sie nicht vermochte, niemals rein dargestellt,
+sondern es stets durch die epischen Stoffe aus der Uebermenschenwelt
+der Goetter und Heroen und durch die lyrischen Choere gewissermassen
+gebunden. Man fuehlt es, dass Euripides an diesen Ketten riss: er ging
+mit seinen Stoffen wenigstens bis in die halb historische Zeit hinab
+und seine Chorlieder traten so zurueck, dass man bei spaeteren
+Auffuehrungen sie haeufig und wohl kaum zum Nachteil der Stuecke
+wegliess - aber doch hat er weder seine Gestalten voellig auf den Boden
+der Wirklichkeit gestellt noch den Chor ganz beiseite geworfen.
+Durchaus und nach allen Seiten hin ist er der volle Ausdruck einer Zeit
+einerseits der grossartigsten geschichtlichen und philosophischen
+Bewegung, anderseits der Truebung des Urquells aller Poesie, der reinen
+und schlichten Volkstuemlichkeit. Wenn die ehrfuerchtige Froemmigkeit
+der aelteren Tragiker deren Stuecke gleichsam mit einem Abglanz des
+Himmels ueberstroemt, wenn die Abgeschlossenheit des engen Horizontes
+der aelteren Hellenen auch ueber den Hoerer ihre befriedende Macht
+uebt, so erscheint die Euripideische Welt in dem fahlen Schimmer der
+Spekulation so entgoettlicht wie durchgeistigt, und truebe
+Leidenschaften zucken wie die Blitze durch die grauen Wolken hin. Der
+alte, tiefe innerliche Schicksalsglaube ist verschwunden; das Fatum
+regiert als aeusserlich despotische Macht, und knirschend tragen die
+Knechte ihre Fesseln. Derjenige Unglaube, welcher der verzweifelnde
+Glaube ist, redet aus diesem Dichter mit daemonischer Gewalt.
+Notwendigerweise gelangt also der Dichter niemals zu einer ihn selber
+ueberwaeltigenden plastischen Konzeption und niemals zu einer wahrhaft
+poetischen Wirkung im ganzen; weshalb er auch sich gegen die
+Komposition seiner Trauerspiele gewissermassen gleichgueltig verhalten,
+ja hierin nicht selten geradezu gesudelt und seinen Stuecken weder in
+einer Handlung noch in einer Persoenlichkeit einen Mittelpunkt gegeben
+hat - die liederliche Manier, den Knoten durch den Prolog zu schuerzen
+und durch eine Goettererscheinung oder eine aehnliche Plumpheit zu
+loesen, hat recht eigentlich Euripides aufgebracht. Alle Wirkung liegt
+bei ihm im Detail, und mit allerdings grosser Kunst ist hierin von
+allen Seiten alles aufgeboten, um den unersetzlichen Mangel poetischer
+Totalitaet zu verdecken. Euripides ist Meister in den sogenannten
+Effekten, welche in der Regel sinnlich sentimental gefaerbt sind und
+oft noch durch einen besonderen Hautgout, zum Beispiel durch Verwehung
+von Liebesstoffen mit Mord oder Inzest, die Sinnlichkeit stacheln. Die
+Schilderungen der willig sterbenden Polyxena, der vor geheimem
+Liebesgram vergehenden Phaedra, vor allem die prachtvolle der mystisch
+verzueckten Bakchen sind in ihrer Art von der groessten Schoenheit;
+aber sie sind weder kuenstlerisch noch sittlich rein und Aristophanes’
+Vorwurf, dass der Dichter keine Penelope zu schildern vermoege,
+vollkommen begruendet. Verwandter Art ist das Hineinziehen des gemeinen
+Mitleids in die Euripideische Tragoedie. Wenn seine verkuemmerten
+Heroen, wie der Menelaos in der ‘Helena’, die Andromache, die Elektra
+als arme Baeuerin, der kranke und ruinierte Kaufmann Telephos,
+widerwaertig oder laecherlich und in der Regel beides zugleich sind, so
+machen dagegen diejenigen Stuecke, die mehr in der Atmosphaere der
+gemeinen Wirklichkeit sich halten und aus dem Trauerspiel in das
+ruehrende Familienstueck und beinahe schon in die sentimentale Komoedie
+uebergehen, wie die ‘Iphigenie in Aulis’, der ‘Ion’, die ‘Alkestis’
+vielleicht unter all seinen zahlreichen Werken die erfreulichste
+Wirkung. Ebenso oft, aber mit geringerem Glueck versucht der Dichter
+das Verstandesinteresse ins Spiel zu bringen. Dahin gehoert die
+verwickelte Handlung, welche darauf berechnet ist, nicht wie die
+aeltere Tragoedie das Gemuet zu bewegen, sondern vielmehr die Neugierde
+zu spannen; dahin der dialektisch zugespitzte, fuer uns Nichtathener
+oft geradezu unertraegliche Dialog; dahin die Sentenzen, die wie die
+Blumen im Ziergarten durch die Euripideischen Stuecke ausgestreut sind;
+dahin vor allem die Euripideische Psychologie, die keineswegs auf
+unmittelbar menschlicher Nachempfindung, sondern auf rationeller
+Erwaegung beruht. Seine Medeia ist insofern allerdings nach dem Leben
+geschildert, als sie vor ihrer Abfahrt gehoerig mit Reisegeld versehen
+wird; von dem Seelenkampf zwischen Mutterliebe und Eifersucht wird der
+unbefangene Leser nicht viel bei Euripides finden. Vor allem aber ist
+in den Euripideischen Tragoedien die poetische Wirkung ersetzt durch
+die tendenzioese. Ohne eigentlich unmittelbar in die Tagesfragen
+einzutreten und durchaus mehr die sozialen als die politischen Fragen
+ins Auge fassend, trifft doch Euripides in seinen innerlichen
+Konsequenzen zusammen mit dem gleichzeitigen politischen und
+philosophischen Radikalismus und ist der erste und oberste Apostel der
+neuen, die alte attische Volkstuemlichkeit aufloesenden
+kosmopolitischen Humanitaet. Hierauf beruht wie die Opposition, auf die
+der ungoettliche und unattische Dichter bei seinen Zeitgenossen stiess,
+so auch der wunderbare Enthusiasmus, mit welchem die juengere
+Generation und das Ausland dem Dichter der Ruehrung und der Liebe, der
+Sentenz und der Tendenz, der Philosophie und der Humanitaet sich
+hingab. Das griechische Trauerspiel schritt mit Euripides ueber sich
+selber hinaus und brach also zusammen; aber des weltbuergerlichen
+Dichters Erfolg ward dadurch nur gefoerdert, da gleichzeitig auch die
+Nation ueber sich hinausschritt und gleichfalls zusammenbrach. Die
+Aristophanische Kritik mochte sittlich wie poetisch vollkommen das
+Richtige treffen; aber die Dichtung wirkt nun einmal geschichtlich
+nicht in dem Masse ihres absoluten Wertes, sondern in dem Masse, wie
+sie den Geist der Zeit vorzufuehlen vermag, und in dieser Hinsicht ist
+Euripides unuebertroffen. So ist es denn gekommen, dass Alexander ihn
+fleissig las, dass Aristoteles den Begriff des tragischen Dichters im
+Hinblick auf ihn entwickelte, dass die juengste dichtende wie bildende
+Kunst in Attika aus ihm gleichsam hervorging, das neuattische Lustspiel
+nichts tat, als den Euripides ins Komische uebertragen, und die in den
+spaeteren Vasenbildern uns entgegentretende Malerschule ihre Stoffe
+nicht mehr den alten Epen, sondern der Euripideischen Tragoedie
+entnahm, dass endlich, je mehr das alte Hellas dem neuen Hellenismus
+wich, des Dichters Ruhm und Einfluss mehr und mehr stieg und das
+Griechentum im Auslande, in Aegypten wie in Rom, unmittelbar oder
+mittelbar wesentlich durch Euripides bestimmt ward.
+
+Der Euripideische Hellenismus ist durch die verschiedenartigsten
+Kanaele nach Rom geflossen und mag daselbst wohl rascher und tiefer
+mittelbar gewirkt haben als geradezu in der Form der Uebersetzung. Die
+tragische Schaubuehne ist in Rom nicht gerade spaeter eroeffnet worden
+als die komische; allein sowohl die bei weitem groesseren Kosten der
+tragischen Inszenierung, worauf doch, wenigstens waehrend des
+Hannibalischen Krieges, ohne Zweifel Ruecksicht genommen worden ist,
+als auch die Beschaffenheit des Publikums hielten die Entwicklung der
+Tragoedie zurueck. In den Plautinischen Lustspielen wird auf Tragoedien
+nicht gerade oft hingedeutet, und die meisten Anfuehrungen der Art
+moegen aus den Originalen heruebergenommen sein. Der erste und einzig
+erfolgreiche Tragoediendichter dieser Zeit war des Naevius und Plautus
+juengerer Zeitgenosse Quintus Ennius (515-585 239-169), dessen Stuecke
+schon von den gleichzeitigen Lustspieldichtern parodiert und von den
+Spaeteren bis in die Kaiserzeit hinein geschaut und deklamiert wurden.
+
+Uns ist die tragische Schaubuehne der Roemer weit weniger bekannt als
+die komische; im ganzen genommen wiederholen dieselben Erscheinungen,
+die bei dieser wahrgenommen wurden, sich auch bei jener. Das Repertoire
+ging gleichfalls wesentlich aus Uebersetzungen griechischer Stuecke
+hervor. Die Stoffe werden mit Vorliebe der Belagerung von Troja und den
+unmittelbar damit zusammenhaengenden Sagen entnommen, offenbar weil
+dieser Mythenkreis allein dem roemischen Publikum durch den
+Schulunterricht gelaeufig war; daneben ueberwiegen die
+sinnlich-grausamen Motive, der Mutter- oder Kindermord in den
+‘Eumeniden’, im ‘Alkmaeon’, im ‘Kresphontes’, in der ‘Melanippe’, in
+der ‘Medeia’, die Jungfrauenopfer in der ‘Polyxena’, den ‘Erechthiden’,
+der ‘Andromeda’, der ‘Iphigeneia’ - man kann nicht umhin, sich dabei zu
+erinnern, dass das Publikum dieser Tragoedien Fechterspielen
+zuzuschauen gewohnt war. Frauen- und Geisterrollen scheinen den
+tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Die bemerkenswerteste Abweichung
+der roemischen Bearbeitung von dem Original betrifft ausser dem Wegfall
+der Masken den Chor. Der roemischen, zunaechst wohl fuer das komische
+chorlose Spiel eingerichteten Buehne mangelte der besondere Tanzplatz
+(orchestra) mit dem Altar in der Mitte, auf dem der griechische Chor
+sich bewegte, oder vielmehr es diente derselbe bei den Roemern als eine
+Art Parkett; danach muss wenigstens der kunstvoll gegliederte und mit
+der Musik und der Deklamation verschlungene Chortanz in Rom weggefallen
+sein, und wenn der Chor auch blieb, so hatte er doch wenig zu bedeuten.
+Im einzelnen fehlte es natuerlich an Vertauschungen der Masse, an
+Verkuerzungen und Verunstaltungen nicht; in der lateinischen
+Bearbeitung der Euripideischen ‘Iphigeneia’ zum Beispiel ist, sei es
+nach dem Muster einer anderen Tragoedie, sei es nach eigener Erfindung
+des Bearbeiters, aus dem Frauen- ein Soldatenchor gemacht. Gute
+Uebersetzungen in unserem Sinn koennen die lateinischen Tragoedien des
+sechsten Jahrhunderts freilich nicht genannt werden ^24, doch gab
+wahrscheinlich ein Trauerspiel des Ennius von dem Euripideischen
+Original ein weit minder getruebtes Bild als ein Plautinisches
+Lustspiel von dem des Menander.
+
+Die geschichtliche Stellung und Wirkung des griechischen Trauerspiels
+in Rom ist derjenigen der griechischen Komoedie vollstaendig
+gleichartig; und wenn, wie das der Unterschied der Dichtgattungen mit
+sich bringt, in dem Trauerspiel die hellenistische Richtung geistiger
+und reinlicher auftritt, so trug dagegen die tragische Buehne dieser
+Zeit und ihr hauptsaechlicher Vertreter Ennius noch weit entschiedener
+die antinationale und mit Bewusstsein propagandistische Tendenz zur
+Schau. Ennius, schwerlich der bedeutendste, aber sicher der
+einflussreichste Dichter des sechsten Jahrhunderts, war kein geborener
+Latiner, sondern von Haus aus ein Halbgrieche; messapischer Abkunft und
+hellenischer Bildung, siedelte er in seinem fuenfunddreissigsten Jahre
+nach Rom ueber und lebte dort, anfangs als Insasse, seit 570 (184) als
+Buerger in beschraenkten Verhaeltnissen, teils von dem Unterricht im
+Lateinischen und Griechischen, teils von dem Ertrag seiner Stuecke,
+teils von den Verehrungen derjenigen roemischen Grossen, welche, wie
+Publius Scipio, Titus Flaminius, Marcus Fulvius Nobilior, geneigt
+waren, den modernen Hellenismus zu foerdern und dem Poeten zu lohnen,
+der ihr eigenes und ihrer Ahnen Lob sang, und auch wohl einzelne von
+ihnen, gewissermassen als im voraus fuer die zu verrichtenden
+Grosstaten bestellter Hofpoet, ins Feldlager begleitete. Das
+Klientennaturell, das fuer einen solchen Beruf erforderlich war, hat er
+selbst zierlich geschildert ^25. Von Haus aus und seiner ganzen
+Lebensstellung nach Kosmopolit, verstand er es, die Nationalitaeten,
+unter denen er lebte, die griechische, launische, ja sogar die oskische
+sich anzueignen, ohne doch einer von ihnen sich zu eigen zu geben; und
+wenn bei den frueheren roemischen Poeten der Hellenismus mehr
+folgeweise aus ihrer dichterischen Wirksamkeit hervorgegangen als ihr
+deutliches Ziel gewesen war, und sie darum auch mehr oder minder
+wenigstens versucht hatten, sich auf einen volkstuemlichen Boden zu
+stellen, so ist sich Ennius vielmehr seiner revolutionaeren Tendenz mit
+merkwuerdiger Klarheit bewusst und arbeitet sichtlich darauf hin, die
+neologisch-hellenische Richtung bei den Italikern energisch zur Geltung
+zu bringen. Sein brauchbarstes Werkzeug war die Tragoedie. Die Truemmer
+seiner Trauerspiele zeigen, dass ihm das gesamte tragische Repertoire
+der Griechen und namentlich auch Aeschylos und Sophokles sehr wohl
+bekannt waren; um so weniger ist es zufaellig, dass er bei weitem die
+meisten und darunter alle seiner gefeierten Stuecke dem Euripides
+nachgebildet hat. Bei der Auswahl und Behandlung bestimmten ihn
+freilich zum Teil aeussere Ruecksichten; aber nicht dadurch allein kann
+es veranlasst sein, dass er so entschieden den Euripides im Euripides
+hervorhob, die Choere noch mehr vernachlaessigte als sein Original, die
+sinnliche Wirkung noch schaerfer als der Grieche akzentuierte, dass er
+Stuecke aufgriff wie den ‘Thyestes’ und den aus Aristophanes’
+unsterblichem Spott so wohlbekannten ‘Telephos’ und deren Prinzenjammer
+und Jammerprinzen, ja sogar ein Stueck wie ‘Menalippe die Philosophin’,
+wo die ganze Handlung sich um die Verkehrtheit der Volksreligion dreht
+und die Tendenz, dieselbe vom naturphilosophischen Standpunkte aus zu
+befehden, auf der flachen Hand liegt. Gegen den Wunderglauben fliegen
+ueberall, zum Teil in nachweislich eingelegten Stellen ^26, die
+schaerfsten Pfeile, und von Tiraden, wie die folgende ist:
+
+Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch;
+
+Doch sie kuemmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los,
+
+Sonst ging’s gut den Guten, schlecht den Boesen; doch dem ist nicht so.
+
+wundert man sich fast, dass sie die roemische Buehnenzensur passierten.
+Dass Ennius in einem eigenen Lehrgedicht dieselbe Irreligiositaet
+wissenschaftlich predigte, ward schon bemerkt; und offenbar ist es ihm
+mit dieser Aufklaerung Herzenssache gewesen. Dazu stimmt vollkommen die
+hier und da hervortretende radikal gefaerbte politische Opposition ^27,
+die Verherrlichung der griechischen Tafelfreuden, vor allem die
+Vernichtung des letzten nationalen Elements in der lateinischen Poesie,
+des saturnischen Masses, und dessen Ersetzung durch den griechischen
+Hexameter. Dass der “vielgestaltige” Poet alle diese Aufgaben mit
+gleicher Sauberkeit ausfuehrte, dass er der keineswegs daktylisch
+angelegten Sprache den Hexameter abrang und ohne den natuerlichen Fluss
+der Rede zu hemmen sich mit Sicherheit und Freiheit in den ungewohnten
+Massen und Formen bewegte, zeugt von seinem ungemeinen, in der Tat mehr
+griechischen als roemischen Formtalent ^28; wo man bei ihm anstoesst,
+verletzt viel haeufiger griechische Sprachdiftelei ^29 als roemische
+Roheit. Er war kein grosser Dichter, aber ein anmutiges und heiteres
+Talent, durchaus eine lebhaft anempfindende poetische Natur, die
+freilich des poetischen Kothurnes bedurfte, um sich als Dichter zu
+fuehlen, und der die komische Ader vollstaendig abging. Man begreift
+den Stolz, womit der hellenisierende Poet auf die rauhen Weisen
+herabsieht, “in denen die Waldgeister und die Barden ehemals sangen”,
+und die Begeisterung, womit er die eigene Kunstpoesie feiert:
+
+Heil Dichter Ennius! welcher du den Sterblichen
+
+Das Feuerlied kredenzest aus der tiefen Brust.
+
+————————————————————————————————————
+
+^24 Zur Vergleichung stehe hier der Anfang der Euripideischen und der
+Ennianischen ‘Medeia’:
+
+Είθ' ώφελ' Αργούς διασπάσθαι σκάφος
+
+Κόλχων ες αίαν κυανέας Συπληγάδας
+
+
+Μήδ' τέν νάπαισι Πηλίου πεσείν ποτε Utinam ne in nemore Pelio
+securibus
+
+Τμηθείσα πεύκη, μηδ' ερετμώσαι χέρας Caesa accidisset abiegna ad
+terram
+
+ trabes,
+
+ Neve inde navis inchoandae
+ exordium
+
+ Coepisset, quae nunc nominatur
+
+ nomine
+
+Ανδρών αρίστων, οι τό πάγχρυσον θέρος Argo, quia Argivi in ea dilecti
+
+ viri
+
+ Vecti petebant pellem inauratam
+
+ arietis
+
+Πελία μετήλθον. Ου γάρ άν δέσποιν εμή Colchis, imperio regis Peliae,
+per
+
+ dolum.
+
+Μηδεία πύργους γής έπλευσα Ιωλκίας Nam nunquam era errans mea domo
+
+ efferret pedem
+
+Έρωτι θυμόν εκπλαγείσ' Ιάσονος. Medea, animo aegra, amore saevo
+
+saucia.
+
+
+Nie durch die schwarzen Symplegaden
+
+haette hin
+
+Fliegen gesollt ins Kolcherland der
+
+Argo Schiff,
+
+Noch stuerzen in des Pelion O waer’ im Pelionhaine von den
+
+Waldesschlucht jemals Beilen nie
+
+Gefaellt die Fichte, noch berudern Gehaun zur Erde hingestuerzt
+
+sie die Hand der Tannenstamm
+
+ Und haette damit der Angriff
+
+ angefangen nie
+
+ Zum Beginn des Schiffes, das
+
+ man jetzt mit Namen nennt
+
+
+Der Tapfern, die das goldne Vliess Argo weil drin fuhr Argos
+
+dem Pelias auserlesne Schar,
+
+ Von Kolchi nach Gebot des
+
+ Koenigs Pelias
+
+Zu holen gingen! Nicht die Herrin Mit List zu holen uebergueldetes
+
+waere mir Widdervliess!
+
+Medeia zu des Iolkerlandes Tuermen Vors Haus dann irr den Fuss mir
+
+dann Herrin setzte nie,
+
+Von Iasons Liebe sinnbetoert Medea, krank im Herzen, wund
+von
+
+hinweggeschifft. Liebespein.
+
+Die Abweichungen der Uebersetzung vom Original sind belehrend, nicht
+bloss die Tautologien und Periphrasen, sondern auch die Beseitigung
+oder Erlaeuterung der weniger bekannten mythologischen Namen: der
+Symplegaden, des Kolcherlandes, der Argo. Eigentliche
+Missverstaendnisse des Originals aber sind bei Ennius selten.
+
+^25 Ohne Zweifel mit Recht galt den Alten als Selbstcharakteristik des
+Dichters die Stelle im siebenten Buch der Chronik, wo der Konsul den
+Vertrauten zu sich ruft,
+
+mit welchem er gern und
+
+Oftmals Tisch und Gespraech und seiner Geschaefte Eroertrung
+
+Teilte, wenn heim er kam, ermuedet von wichtigen Dingen,
+
+Drob er geratschlagt hatte die groessere Haelfte des Tags durch
+
+Auf dem Markte sowohl wie im ehrwuerdigen Stadtrat;
+
+Welchem das Gross’ und das Klein’ und den Scherz auch er mitteilen
+
+Durft’ und alles zugleich, was gut und was uebel man redet,
+
+Schuetten ihm aus, wenn er mocht’, und anvertrauen ihm sorglos;
+
+Welcher geteilt mit ihm viel Freud’ im Hause und draussen;
+
+Den nie schaendlicher Rat aus Leichtsinn oder aus Bosheit
+
+Uebel zu handeln verlockt; ein Mann, unterrichtet, ergeben,
+
+Angenehm, redegewandt und genuegsam froehlichen Herzens,
+
+Redend zur richtigen Zeit und das Passende, klueglich und kuerzlich,
+
+Im Verkehre bequem und bewandert verschollener Dinge,
+
+Denn ihn lehrten die Jahre die Sitten der Zeit und der Vorzeit,
+
+Von vielfaeltigen Sachen der Goetter und Menschen Gesetz auch,
+
+Und ein Gespraech zu berichten verstand er sowie zu verschweigen.
+
+In der vorletzten Zeile ist wohl zu schreiben multarum rerum leges
+divumque hominumque.
+
+^26 Vgl. 2, 393. Aus der Definition des Wahrsagers bei Euripides (Iph.
+Aul. 956), dass er ein Mann sei,
+
+Der wenig Wahres unter vielem Falschen sagt
+
+Im besten Fall; und trifft er’s nicht, es geht ihm hin.
+
+hat der lateinische Uebersetzer folgende Diatribe gegen die
+Horoskopsteller gemacht:
+
+Sterneguckerzeichen sucht er auf am Himmel, passt, ob wo
+
+Jovis Zieg’ oder Krebs ihm aufgeh’ oder einer Bestie Licht.
+
+Nicht vor seine Fuesse schaut man und durchforscht den Himmelsraum.
+
+^27 Im ‘Telephus’ heisst es:
+
+Palam mutire plebeis piaculum est.
+
+Verbrechen ist gemeinem Mann ein lautes Wort.
+
+^28 Die folgenden, in Form und Inhalt vortrefflichen Worte gehoeren der
+Bearbeitung des Euripideischen ‘Phoenix’ an:
+
+Doch dem Mann mit Mute maechtig ziemt’s zu wirken in der Welt
+
+Und den Schuldigen zu laden tapfer vor den Richterstuhl.
+
+Das ist Freiheit, wo im Busen rein und fest wem schlaegt das Herz;
+
+Sonst in dunkler Nacht verborgen bleibt die frevelhafte Tat.
+
+In dem wahrscheinlich der Sammlung der vermischten Gedichte
+einverleibten ‘Scipio’ standen die malerischen Zeilen:
+
+— munduscaeli vastus constitit silentio;
+
+Et Neptunus saevus undis asperis pausam dedit,
+
+Sol equis iter repressit ungulis volantibus,
+
+Constitere amnes perennes, arbores vento vacant.
+
+[Iovis winkt’;] es ging ein Schweigen durch des Himmels weiten Raum.
+
+Rasten hiess die Meereswogen streng die grollenden Neptun,
+
+Seiner Rosse fliegende Hufe hielt zurueck der Sonnengott,
+
+Inne haelt der Fluss im Fluten, im Gezweig nicht weht der Wind.
+
+Die letzte Stelle gibt auch einen Einblick in die Art, wie der Dichter
+seine Originalpoesien arbeitete: sie ist nichts als eine Ausfuehrung
+der Worte, die in der urspruenglich wohl Sophokleischen Tragoedie
+‘Hektors Loesung’ ein dem Kampfe zwischen Hephaestos und dem Skamander
+Zuschauender spricht:
+
+Constitit Credo Scamander, arbores vento vacant.
+
+Inne haelt, schau! der Skamander, im Gezweig nicht weht der Wind.
+
+und das Motiv ruehrt schliesslich aus der Ilias (21, 381) her.
+
+^29 So heisst es im ‘Phoenix’:
+
+- - stultust, qui cupita cupiens cupienter cupit.
+
+Toericht, wer Begehrtes begehrend ein Begieriger begehrt,
+
+und es ist dies noch nicht das tollste Radschlagen der Art. Auch
+akrostichische Spielereien kommen vor (Cic. div. 2, 54, 111).
+
+——————————————————————————
+
+Der geistreiche Mann war eben sich bewusst, mit vollen Segeln zu
+fahren; das griechische Trauerspiel ward und blieb fortan ein Besitztum
+der launischen Nation.
+
+Einsamere Wege und mit minder guenstigem Winde steuerte ein kuehnerer
+Schiffer nach einem hoeheren Ziel. Naevius bearbeitete nicht bloss
+gleich Ennius, wenngleich mit weit geringerem Erfolg, griechische
+Trauerspiele fuer die roemische Buehne, sondern er versuchte auch ein
+ernstes Nationalschauspiel (fabula praetextata) selbstaendig zu
+schaffen. Aeusserliche Hindernisse standen hier nicht im Weg; er
+brachte Stoffe sowohl aus der roemischen Sage als aus der
+gleichzeitigen Landesgeschichte auf die Buehne seiner Heimat. Derart
+sind seine ‘Erziehung des Romulus und Remus’ oder der ‘Wolf’, worin der
+Koenig Amulius von Alba auftrat, und sein ‘Clastidium’, worin der Sieg
+des Marcellus ueber die Kelten 532 (222) gefeiert ward. Nach seinem
+Vorgang hat auch Ennius in der ‘Ambrakia’ die Belagerung der Stadt
+durch seinen Goenner Nobilior 565 (189; 2, 273) nach eigener Anschauung
+geschildert. Die Zahl dieser Nationalschauspiele blieb indes gering und
+die Gattung verschwand rasch wieder vom Theater; die duerftige Sage und
+die farblose Geschichte Roms vermochten mit dem hellenischen Sagenkreis
+nicht auf die Dauer zu konkurrieren. Ueber den dichterischen Gehalt der
+Stuecke haben wir kein Urteil mehr; aber wenn die poetische Intention
+im ganzen in Anschlag kommen darf, so gibt es in der roemischen
+Literatur wenige Griffe von solcher Genialitaet, wie die Schoepfung
+eines roemischen Nationalschauspiels war. Nur die griechischen
+Tragoedien der aeltesten, den Goettern noch sich naeher fuehlenden
+Zeit, nur Dichter wie Phrynichos und Aeschylos hatten den Mut gehabt,
+die von ihnen miterlebten und mitverrichteten Grosstaten neben denen
+der Sagenzeit auf die Buehne zu bringen; und wenn irgendwo es uns
+lebendig entgegentritt, was die Punischen Kriege waren und wie sie
+wirkten; so ist es hier, wo ein Dichter, der wie Aeschylos die
+Schlachten, die er sang, selber geschlagen, die Koenige und Konsuln
+Roms auf diejenige Buehne fuehrte, auf der man bis dahin einzig Goetter
+und Heroen zu sehen gewohnt war.
+
+Auch die Lesepoesie beginnt in dieser Epoche in Rom; schon Livius
+buergerte die Sitte, welche bei den Alten die heutige Publikation
+vertrat, die Vorlesung neuer Werke durch den Verfasser, auch in Rom
+wenigstens insofern ein, als er dieselben in seiner Schule vortrug. Da
+die Dichtkunst hier nicht oder doch nicht geradezu nach Brot ging, ward
+dieser Zweig derselben nicht so wie die Buehnendichtung von der Ungunst
+der oeffentlichen Meinung betroffen; gegen das Ende dieser Epoche sind
+auch schon der eine oder der andere vornehme Roemer in dieser Art als
+Dichter oeffentlich aufgetreten ^30. Vorwiegend indes ward die
+rezitative Poesie kultiviert von denselben Dichtern, die mit der
+szenischen sich abgaben, und ueberhaupt hat jene neben der
+Buehnendichtung eine untergeordnete Rolle gespielt, wie es denn auch
+ein eigentliches dichterisches Lesepublikum in dieser Zeit nur noch in
+sehr beschraenktem Masse in Rom gegeben haben kann. Vor allem schwach
+vertreten war die lyrische, didaktische, epigrammatische Poesie. Die
+religioesen Festkantaten, von denen die Jahrbuecher dieser Zeit
+allerdings bereits den Verfasser namhaft zu machen der Muehe wert
+halten, sowie die monumentalen Tempel- und Grabinschriften, fuer welche
+das saturnische Mass das stehende blieb, gehoerten kaum der
+eigentlichen Literatur an. Soweit ueberhaupt in dieser die kleinere
+Poesie erscheint, tritt sie in der Regel und schon bei Naevius unter
+dem Namen der Satura auf - eine Bezeichnung, die urspruenglich dem
+alten, seit Livius durch das griechische Drama von der Buehne
+verdraengten handlungslosen Buehnengedicht zukam, nun aber in der
+rezitativen Poesie einigermassen unseren “vermischten Gedichten”
+entspricht und gleich diesen nicht eigentlich eine positive
+Kunstgattung und Kunstweise anzeigt, sondern nur Gedichte nicht
+epischer und nicht dramatischer Art von beliebigem, meist subjektivem
+Stoff und beliebiger Form. Ausser Catos spaeter noch zu erwaehnendem
+‘Gedicht von den Sitten’, welches vermutlich, anknuepfend an die
+aelteren Anfaenge volkstuemlich didaktischer Poesie, in saturnischen
+Versen geschrieben war, gehoeren hierher besonders die kleineren
+Gedichte des Ennius, welche der auf diesem Gebiet sehr fruchtbare
+Dichter teils in seiner Saturensammlung, teils abgesondert
+veroeffentlichte: kuerzere erzaehlende Poesien aus der vaterlaendischen
+Sagen- oder gleichzeitigen Geschichte, Bearbeitungen des religioesen
+Romans des Euhemeros, der auf den Namen des Epicharmos laufenden
+naturphilosophischen Poesien, der Gastronomie des Archestratos von
+Gela, eines Poeten der hoeheren Kochkunst; ferner einen Dialog zwischen
+dem Leben und dem Tode, Aesopische Fabeln, eine Sammlung von
+Sittenspruechen, parodische und epigrammatische Kleinigkeiten - geringe
+Sachen, aber bezeichnend wie fuer die Mannigfaltigkeit so auch fuer die
+didaktisch-neologische Tendenz des Dichters, der auf diesem Gebiete,
+wohin die Zensur nicht reichte, sich offenbar am freiesten gehen liess.
+
+————————————————————
+
+^30 Ausser Cato werden noch aus dieser Zeit zwei “Konsulare und Poeten”
+genannt (Suet. vita Ter. 4): Quintus Labeo, Konsul 571 (183), und
+Marcus Popillius, Konsul 581 (173). Doch bleibt es dahingestellt, ob
+sie ihre Gedichte auch publizierten. Selbst von Cato duerfte letzteres
+zweifelhaft sein.
+
+————————————————————
+
+Groessere dichterische wie geschichtliche Bedeutung nehmen die Versuche
+in Anspruch, die Landeschronik metrisch zu behandeln. Wieder war es
+Naevius, der dichterisch formte, was sowohl von der Sagen- als von der
+gleichzeitigen Geschichte einer zusammenhaengenden Erzaehlung faehig
+war und namentlich den Ersten Punischen Krieg einfach und klar, so
+schlecht und recht, wie die Dinge waren, ohne irgend etwas als
+unpoetisch zu verschmaehen und ohne irgendwie, namentlich in der
+Schilderung der geschichtlichen Zeit, auf poetische Hebung oder gar
+Verzierungen auszugehen, durchaus in der gegenwaertigen Zeit
+berichtend, in dem halb prosaischen saturnischen Nationalversmass
+heruntererzaehlte ^31. Es gilt von dieser Arbeit wesentlich dasselbe,
+was von dem Nationalschauspiel desselben Dichters gesagt ward. Die
+epische Poesie der Griechen bewegt sich wie die tragische voellig und
+wesentlich in der heroischen Zeit; es war ein durchaus neuer und
+wenigstens der Anlage nach ein beneidenswert grossartiger Gedanke, mit
+dem Glanze der Poesie die Gegenwart zu durchleuchten. Mag immerhin in
+der Ausfuehrung die Naevische Chronik nicht viel mehr gewesen sein als
+die in mancher Hinsicht verwandten mittelalterlichen Reimchroniken, so
+hatte doch sicher mit gutem Grund der Dichter sein ganz besonderes
+Wohlgefallen an diesem seinem Werke. Es war nichts Kleines in einer
+Zeit, wo es eine historische Literatur ausser den offiziellen
+Aufzeichnungen noch schlechterdings nicht gab, seinen Landsleuten ueber
+die Taten der Zeit und der Vorzeit einen zusammenhaengenden Bericht
+gedichtet und daneben die grossartigsten Momente daraus ihnen
+dramatisch zur Anschauung gebracht zu haben.
+
+———————————————————————————-
+
+^31 Den Ton werden folgende Bruchstuecke veranschaulichen. Von der
+Dido:
+
+Freundlich und kundig fragt sie - welcher Art Aeneas
+
+Von Troia schied.
+
+spaeter:
+
+Die Haende sein zum Himmel - hob empor der Koenig
+
+Amulius, dankt den Goettern -
+
+aus einer Rede, wo die indirekte Fassung bemerkenswert ist:
+
+Doch liessen sie im Stiche - jene tapfren Maenner,
+
+Das wuerde Schmach dem Volk sein - jeglichem Geschlechte.
+
+bezueglich auf die Landung in Malta im Jahre 498 (256):
+
+Nach Meute schifft der Roemer, - ganz und gar die Insel
+
+Brennt ab, verheert, zerstoert er, - macht den Feind zunichte.
+
+endlich von dem Frieden, der den Krieg um Sizilien beendigte:
+
+Bedungen wird es auch durch - Gaben des Lutatius
+
+Zu suehnen; er bedingt noch, - dass sie viel Gefangne
+
+Und aus Sizilien gleichfalls - rueck die Geiseln geben.
+
+————————————————————————————
+
+Eben dieselbe Aufgabe wie Naevius stellte sich auch Ennius; aber die
+Gleichheit des Gegenstandes laesst den politischen und poetischen
+Gegensatz des nationalen und des antinationalen Dichters nur um so
+greller hervortreten. Naevius suchte fuer den neuen Stoff eine neue
+Form; Ennius fuegte oder zwaengte denselben in die Formen des
+hellenischen Epos. Der Hexameter ersetzt den saturnischen Vers, die
+aufgeschmueckte, nach plastischer Anschaulichkeit ringende
+Homeridenmanier die schlichte Geschichtserzaehlung. Wo es irgend
+angeht, wird geradezu Homer uebertragen, wie zum Beispiel die
+Bestattung der bei Herakleia Gefallenen nach dem Muster der Bestattung
+des Patroklos geschildert wird und in der Kappe des mit den Istriern
+fechtenden Kriegstribuns Marcus Livius Stolo kein anderer steckt als
+der Homerische Aias - nicht einmal die Homerische Anrufung der Muse
+wird dem Leser erlassen. Die epische Maschinerie ist vollstaendig im
+Gange; nach der Schlacht von Cannae zum Beispiel verzeiht Juno in
+vollem Goetterrat den Roemern und verheisst ihnen Jupiter nach
+erlangter ehefraeulicher Einwilligung den endlichen Sieg ueber die
+Karthager. Auch die neologische und hellenistische Tendenz ihres
+Verfassers verleugnen die ‘Jahrbuecher’ keineswegs. Schon die bloss
+dekorative Verwendung der Goetterwelt traegt diesen Stempel. In dem
+merkwuerdigen Traumgesicht, womit das Gedicht sich einfuehrt, wird auf
+gut pythagoreisch berichtet, dass die jetzt im Quintus Ennius wohnhafte
+Seele vor diesem in Horneros und noch frueher in einem Pfau sesshaft
+gewesen sei, und alsdann auf gut naturphilosophisch das Wesen der Dinge
+und das Verhaeltnis des Koerpers zum Geiste auseinandergesetzt. Selbst
+die Wahl des Stoffes dient den gleichen Zwecken - haben doch die
+hellenischen Literaten aller Zeiten eine vorzueglich geeignete Handhabe
+fuer ihre griechisch-kosmopolitischen Tendenzen eben in der
+Zurechtmachung der roemischen Geschichte gefunden. Ennius betont es,
+dass man die Roemer
+
+Griechen ja immer genannt und Graier sie pflege zu heissen.
+
+Der poetische Wert der vielgefeierten Jahrbuecher ist nach den
+frueheren Bemerkungen ueber die Vorzuege und Maengel des Dichters im
+allgemeinen leicht abzumessen. Dass durch den Aufschwung, den die
+grosse Zeit der Punischen Kriege dem italischen Volksgefuehl gab, auch
+dieser lebhaft mitempfindende Poet sich gehoben fuehlte und er nicht
+bloss die Homerische Einfachheit oft gluecklich traf, sondern auch noch
+oefter die roemische Feierlichkeit und Ehrenhaftigkeit aus seinen
+Zeilen ergreifend widerhallt, ist ebenso natuerlich wie die
+Mangelhaftigkeit der epischen Komposition, die notwendig sehr lose und
+gleichgueltig gewesen sein muss, wenn es dem Dichter moeglich war,
+einem sonst verschollenen Helden und Patron zuliebe ein eigenes Buch
+nachtraeglich einzufuegen. Im ganzen aber waren die ‘Jahrbuecher’ ohne
+Frage Ennius’ verfehltestes Werk. Der Plan, eine ‘Ilias’ zu machen,
+kritisiert sich selbst. Ennius ist es gewesen, welcher mit diesem
+Gedicht zum erstenmal jenen Wechselbalg von Epos und Geschichte in die
+Literatur eingefuehrt hat, der von da an bis auf den heutigen Tag als
+Gespenst, das weder zu leben noch zu sterben vermag, in ihr umgeht.
+Einen Erfolg aber hat das Gedicht allerdings gehabt. Ennius gab sich
+mit noch groesserer Unbefangenheit fuer den roemischen Homer als
+Klopstock fuer den deutschen, und ward von den Zeitgenossen und mehr
+noch von der Nachwelt dafuer genommen. Die Ehrfurcht vor dem Vater der
+roemischen Poesie erbte fort von Geschlecht zu Geschlecht: den Ennius,
+sagt noch der feine Quintilian, wollen wir verehren wie einen
+altersgrauen heiligen Hain, dessen maechtige tausendjaehrige Eichen
+mehr ehrwuerdig als schoen sind; und wer darueber sich wundern sollte,
+der moege an verwandte Erscheinungen, an den Erfolg der Aeneide, der
+Henriade, der Messiade sich erinnern. Eine maechtige poetische
+Entwicklung der Nation freilich wuerde jene beinahe komische offizielle
+Parallelisierung der Homerischen ‘Ilias’ und der Ennianischen
+‘Jahrbuecher’ so gut abgeschuettelt haben wie wir die Sappho-Karschin
+und den Pindar-Willamov; aber eine solche hat in Rom nicht
+stattgefunden. Bei dem stofflichen Interesse des Gedichts besonders
+fuer die aristokratischen Kreise und dem grossen Formtalent des
+Dichters blieben die ‘Jahrbuecher’ das aelteste roemische
+Originalgedicht, welches den spaeteren gebildeten Generationen
+lesenswert und lesbar erschien; und so ist es wunderlicherweise
+gekommen, dass in diesem durchaus antinationalen Epos eines
+halbgriechischen Literaten die spaetere Zeit das rechte roemische
+Mustergedicht verehrt hat.
+
+Nicht viel spaeter als die roemische Poesie, aber in sehr verschiedener
+Weise entstand in Rom eine prosaische Literatur. Es fielen bei dieser
+sowohl die kuenstlichen Foerderungen hinweg, wodurch die Schule und die
+Buehne vor der Zeit eine roemische Poesie grosszogen, als auch die
+kuenstliche Hemmung, worauf namentlich die roemische Komoedie in der
+strengen und beschraenkten Buehnenzensur traf. Es war ferner diese
+schriftstellerische Taetigkeit nicht durch den dem “Baenkelsaenger”
+anhaftenden Makel von vornherein bei der guten Gesellschaft in den Bann
+getan. Darum ist denn auch die prosaische Schriftstellerei zwar bei
+weitem weniger ausgedehnt und weniger rege als die gleichzeitige
+poetische, aber weit naturgemaesser entwickelt; und wenn die Poesie
+fast voellig in den Haenden der geringen Leute ist und kein einziger
+vornehmer Roemer unter den gefeierten Dichtern dieser Zeit erscheint,
+so ist umgekehrt unter den Prosaikern dieser Epoche kaum ein nicht
+senatorischer Norne und sind es durchaus die Kreise der hoechsten
+Aristokratie, gewesene Konsuln und Zensoren, die Fabier, die Gracchen,
+die Scipionen, von denen diese Literatur ausgeht. Dass die konservative
+und nationale Tendenz sich besser mit dieser Prosaschriftstellerei
+vertrug als mit der Poesie, liegt in der Sache; doch hat auch hier, und
+namentlich in dem wichtigsten Zweige dieser Literatur, in der
+Geschichtschreibung, die hellenistische Richtung auf Stoff und Form
+maechtig, ja uebermaechtig eingewirkt.
+
+Bis in die Zeit des Hannibalischen Krieges gab es in Rom eine
+Geschichtschreibung nicht; denn die Anzeichnungen des Stadtbuchs
+gehoerten zu den Akten, nicht zu der Literatur, und verzichteten von
+Haus aus auf jede Entwicklung des Zusammenhanges der Dinge. Es ist
+bezeichnend fuer die Eigentuemlichkeit des roemischen Wesens, dass
+trotz der weit ueber die Grenzen Italiens ausgedehnten Macht der
+roemischen Gemeinde und trotz der stetigen Beruehrung der vornehmen
+roemischen Gesellschaft mit den literarisch so fruchtbaren Griechen
+dennoch nicht vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts das Beduerfnis
+sich regte, die Taten und Geschicke der roemischen Buergerschaft auf
+schriftstellerischem Wege zur Kunde der Mit- und Nachwelt zu bringen.
+Als nun aber dies Beduerfnis endlich empfunden ward, fehlte es fuer die
+roemische Geschichte an fertigen schriftstellerischem Formen und an
+einem fertigen Lesepublikum; und grosses Talent und laengere Zeit waren
+erforderlich, um beide zu erschaffen. Zunaechst wurden daher diese
+Schwierigkeiten gewissermassen umgangen dadurch, dass man die
+Landesgeschichte entweder in der Muttersprache, aber in Versen, oder in
+Prosa, aber griechisch schrieb. Von den metrischen Chroniken des
+Naevius (geschrieben um 550? 204) und Ennius (geschrieben um 581 173)
+ist schon die Rede gewesen; sie gehoeren zugleich zu der aeltesten
+historischen Literatur der Roemer, ja die des Naevius darf als das
+ueberhaupt aelteste roemische Geschichtswerk angesehen werden.
+Ungefaehr gleichzeitig entstanden die griechischen Geschichtsbuecher
+des Quintus Fabius Pictor ^32 (nach 553 201), eines waehrend des
+Hannibalischen Krieges in Staatsgeschaeften taetigen Mannes aus
+vornehmem Geschlecht, und des Sohnes des Scipio Africanus, Publius
+Scipio († um 590 164). Dort also bediente man sich der bis zu einem
+gewissen Grade bereits entwickelten Dichtkunst und wandte sich an das
+nicht gaenzlich mangelnde poetische Publikum; hier fand man die
+fertigen griechischen Formen vor und richtete die Mitteilungen, wie
+schon das weit hinaus ueber die Grenzen Latiums sich erstreckende
+stoffliche Interesse derselben es nahelegte, zunaechst an das gebildete
+Ausland. Den ersten Weg schlugen die plebejischen, den zweiten die
+vornehmeren Schriftsteller ein; eben wie in der Zeit Friedrichs des
+Grossen neben der vaterlaendischen Pastoren- und
+Professorenschriftstellerei eine aristokratische Literatur in
+franzoesischer Sprache stand und die Gleim und Ramler deutsche
+Kriegslieder, die Koenige und Feldherren franzoesische
+Kriegsgeschichten verfassten. Weder die metrischen Chroniken, noch die
+griechischen roemischer Verfasser waren eine eigentliche lateinische
+Geschichtschreibung; diese begann erst mit Cato, dessen nicht vor dem
+Schluss dieser Epoche publizierte ‘Ursprungsgeschichten’ zugleich das
+aelteste lateinisch geschriebene Geschichts- und das erste bedeutende
+prosaische Werk der roemischen Literatur sind ^33.
+
+———————————————————————-
+
+^32 Die griechische Abfassung dieses aeltesten prosaischen roemischen
+Geschichtswerkes ist durch Dionys (1, 6) und Cicero (div. 1, 27 , 43)
+ausser Zweifel gestellt. Ein Problem bleiben die unter demselben Namen
+von Quintilian und spaeteren Grammatikern angefuehrten lateinischen
+Annalen, und es wird die Schwierigkeit noch dadurch gesteigert, dass
+unter demselben Namen auch eine sehr ausfuehrliche Darstellung des
+pontifizischen Rechts in lateinischer Sprache angefuehrt wird. Indes
+die letztere Schrift wird von keinem, der die Entwicklung der
+roemischen Literatur im Zusammenhang verfolgt hat, einem Verfasser aus
+der Zeit des Hannibalischen Krieges beigelegt werden; und auch
+lateinische Annalen aus dieser Zeit erscheinen problematisch, obwohl es
+dahingestellt bleiben muss, ob hier eine Verwechslung mit dem juengeren
+Annalisten Quintus Fabius Maximus Servilianus (Konsul 612 142)
+obwaltet, oder ob von den griechischen Annalen des Fabius wie von denen
+des Acilius und des Albinus eine alte lateinische Bearbeitung
+existiert, oder ob es zwei Annalisten des Namens Fabius Pictor gegeben
+hat.
+
+Das dem Lucius Cincius Alimentus, einem Zeitgenossen des Fabius,
+beigelegte, ebenfalls griechische Geschichtswerk scheint untergeschoben
+und ein Machwerk aus augustischer Zeit.
+
+^33 Catos gesamte literarische Taetigkeit gehoert erst in sein
+Greisenalter (Cic. Cat. 11 38; Nep. Cato 3); die Abfassung auch der
+frueheren Buecher der ‘Ursprungsgeschichten’ faellt nicht vor, aber
+wahrscheinlich auch nicht lange nach 586 (168) (Plin. nat. 3, 14, 114).
+
+———————————————————————-
+
+Alle diese Werke waren freilich nicht im Sinne der Griechen ^34, wohl
+aber im Gegensatz zu der rein notizenhaften Fassung des Stadtbuchs
+pragmatische Geschichten von zusammenhaengender Erzaehlung und mehr
+oder minder geordneter Darstellung. Sie umfassten, soviel wir sehen
+saemtlich, die Landesgeschichte von der Erbauung Roms bis auf die Zeit
+des Schreibers, obwohl dem Titel nach das Werk des Naevius nur den
+ersten Krieg mit Karthago, das Catos nur die Ursprungsgeschichten
+betraf; danach zerfielen sie von selbst in die drei Abschnitte der
+Sagenzeit, der Vor- und der Zeitgeschichte. Bei der Sagenzeit war fuer
+die Entstehungsgeschichte der Stadt Rom, die ueberall mit grosser
+Ausfuehrlichkeit dargestellt ward, die eigentuemliche Schwierigkeit zu
+ueberwinden, dass davon, wie frueher ausgefuehrt ward, zwei voellig
+unvereinbare Fassungen vorlagen: die nationale, welche wenigstens in
+den Hauptumrissen wahrscheinlich schon im Stadtbuch schriftlich fixiert
+war, und die griechische des Timaeos, die diesen roemischen
+Chronikschreibern nicht unbekannt geblieben sein kann. Jene sollte Rom
+an Alba, diese Rom an Troia anknuepfen; dort ward es also von dem
+albanischen Koenigssohn Romulus, hier von dem troischen Fuersten Aeneas
+erbaut. Der gegenwaertigen Epoche, wahrscheinlich entweder dem Naevius
+oder dem Pictor, gehoert die Verklitterung der beiden Maerchen an. Der
+albanische Koenigssohn Romulus bleibt der Gruender Roms, aber wird
+zugleich Aeneas Tochtersohn; Aeneas gruendet Rom nicht, bringt aber
+dafuer die roemischen Penaten nach Italien und erbaut diesen zum Sitze
+Lavinium, sein Sohn Ascanius die Mutterstadt von Rom und die alte
+Metropole Latiums, das Lange Alba. Das alles war recht uebel und
+ungeschickt erfunden. Dass die urspruenglichen Penaten Roms nicht, wie
+man bisher geglaubt, in ihrem Tempel am roemischen Markte, sondern in
+dem zu Lavinium aufbewahrt seien, musste dem Roemer ein Greuel sein,
+und die griechische Dichtung kam noch schlimmer weg, indem die Goetter
+erst dem Enkel verliehen, was sie dem Ahn zugeschieden hatten. Indes
+die Redaktion genuegte ihrem Zweck: ohne geradezu den nationalen
+Ursprung Roms zu verleugnen, trug sie doch auch der hellenisierenden
+Tendenz Rechnung und legalisierte einigermassen das in dieser Zeit
+bereits stark im Schwunge gehende Kokettieren mit dem Aeneadentum; und
+so wurde dies die stereotype und bald die offizielle
+Ursprungsgeschichte der maechtigen Gemeinde.
+
+———————————————————————-
+
+^34 Offenbar im Gegensatz gegen Fabius hebt Polybios (40, 6, 4) es
+hervor, dass der Graecomane Albinus sich Muehe gegeben habe, seine
+Geschichte pragmatisch zu schreiben.
+
+———————————————————————-
+
+Von der Ursprungsfabel abgesehen, hatten im uebrigen die griechischen
+Historiographen sich um die roemische Gemeinde wenig oder gar nicht
+gekuemmert, so dass die weitere Darstellung der Landesgeschichte
+vorwiegend aus einheimischen Quellen geflossen sein muss, ohne dass in
+der uns zugekommenen duerftigen Kunde mit Bestimmtheit auseinander
+traete, welcherlei Ueberlieferungen ausser dem Stadtbuch den aeltesten
+Chronisten zu Gebote gestanden und was sie etwa von dem Ihrigen
+hinzugetan haben. Die aus Herodot eingelegten Anekdoten ^35 sind diesen
+aeltesten Annalisten wohl noch fremd gewesen und eine unmittelbare
+Entlehnung griechischen Stoffes in diesem Abschnitt nicht nachweisbar.
+Um so bemerkenswerter ist die ueberall, selbst bei dem Griechenfeind
+Cato, mit grosser Bestimmtheit hervortretende Tendenz, nicht bloss Rom
+an Hellas anzuknuepfen, sondern Italiker und Griechen als ein
+urspruenglich gleiches Volk darzustellen - hierher gehoeren die aus
+Griechenland eingewanderten Uritaliker oder Aboriginer sowie die nach
+Italien wandernden Urgriechen oder Pelasger.
+
+—————————————————————————-
+
+^35 So ist die Geschichte der Belagerung von Gabii aus Herodotischen
+Anekdoten von Zopyros und dem Tyrannen Thrasybulos zusammengeschrieben,
+eine Version der Aussetzungsgeschichte des Romulus, ueber den Leisten
+der Herodotischen Erzaehlung von Kyros’ Jugend geschlagen.
+
+————————————————-
+
+Die landlaeufige Erzaehlung fuehrte in einem, wenn auch schwach und
+lose geknuepften Faden, doch einigermassen zusammenhaengend durch die
+Koenigszeit bis hinab auf die Einsetzung der Republik; hier aber
+versiegte die Sage ganz, und es war nicht bloss schwierig, sondern wohl
+geradezu unmoeglich, aus den Beamtenverzeichnissen und den ihnen
+angehaengten duerftigen Vermerken eine irgendwie zusammenhaengende und
+lesbare Erzaehlung zu gestalten. Am meisten empfanden dies die Dichter.
+Naevius scheint deshalb von der Koenigszeit sogleich auf den Krieg um
+Sizilien uebergegangen zu sein; Ennius, der im dritten seiner achtzehn
+Buecher noch die Koenigszeit, im sechsten schon den Krieg mit Pyrrhos
+beschrieb, kann die ersten zwei Jahrhunderte der Republik hoechstens in
+den allgemeinsten Umrissen behandelt haben. Wie die griechisch
+schreibenden Annalisten sich geholfen haben, wissen wir nicht. Einen
+eigentuemlichen Weg schlug Cato ein. Auch er verspuerte keine Lust, wie
+er selber sagt, “zu berichten, was auf der Tafel im Hause des
+Oberpriesters steht: wie oft der Weizen teuer gewesen und wann Mond und
+Sonne sich verfinstert haetten”; und so bestimmte er denn das zweite
+und dritte Buch seines Geschichtswerkes fuer die Berichte ueber die
+Entstehung der uebrigen italischen Gemeinden und deren Eintritt in die
+roemische Eidgenossenschaft. Er machte sich also los aus den Fesseln
+der Chronik, welche Jahr fuer Jahr nach Voranstellung der jedesmaligen
+Beamten die Ereignisse berichtet; namentlich hierher wird die Angabe
+gehoeren, dass Catos Geschichtswerk die Vorgaenge “abschnittsweise”
+erzaehlte. Diese in einem roemischen Werke auffallende
+Beruecksichtigung der uebrigen italischen Gemeinden griff teils in die
+oppositionelle Stellung des Verfassers ein, welcher gegen das
+hauptstaedtische Treiben sich durchaus auf das munizipale Italien
+stuetzte, teils gewaehrte sie einen gewissen Ersatz fuer die mangelnde
+Geschichte Roms von der Vertreibung des Koenigs Tarquinius bis auf den
+Pyrrhischen Krieg, indem sie deren wesentliches Ergebnis, die Einigung
+Italiens unter Rom, in ihrer Art gleichfalls darstellte.
+
+Dagegen die Zeitgeschichte wurde wiederum zusammenhaengend und
+eingehend behandelt: nach eigener Kunde schilderten Naevius den ersten,
+Fabius den zweiten Krieg mit Karthago; Ennius widmete wenigstens
+dreizehn von den achtzehn Buechern seiner Chronik der Epoche von
+Pyrrhos bis auf den Istrischen Krieg; Cato erzaehlte im vierten und
+fuenften Buche seines Geschichtswerkes die Kriege vom Ersten Punischen
+bis auf den mit Perseus und in den beiden letzten, wahrscheinlich
+anders und ausfuehrlicher angelegten die Ereignisse aus den letzten
+zwanzig Lebensjahren des Verfassers. Fuer den Pyrrhischen Krieg mag
+Ennius den Timaeos oder andere griechische Quellen benutzt haben; im
+ganzen aber beruhten die Berichte teils auf eigener Wahrnehmung oder
+Mitteilungen von Augenzeugen, teils einer auf dem andern.
+
+Gleichzeitig mit der historischen und gewissermassen als ein Anhang
+dazu begann die Rede- und Briefliteratur, welche ebenfalls Cato
+eroeffnet - denn aus der frueheren Zeit besass man nichts als einige,
+meistenteils wohl erst in spaeterer Zeit aus den Familienarchiven an
+das Licht gezogene Leichenreden, wie zum Beispiel diejenige, die der
+alte Quintus Fabius, der Gegner Hannibals, als Greis seinem im besten
+Mannesalter verstorbenen Sohn gehalten hatte. Cato dagegen zeichnete
+von den unzaehligen Reden, die er waehrend seiner langen und taetigen
+oeffentlichen Laufbahn gehalten, die geschichtlich wichtigen in seinem
+Alter auf, gewissermassen als politische Memoiren, und machte sie teils
+in seinem Geschichtswerk, teils, wie es scheint, als selbstaendige
+Nachtraege dazu, bekannt. Auch eine Briefsammlung hat es von ihm schon
+gegeben.
+
+Mit der nichtroemischen Geschichte befasste man sich wohl insoweit, als
+eine gewisse Kenntnis derselben dem gebildeten Roemer nicht mangeln
+durfte; schon von dem alten Fabius heisst es, dass ihm nicht bloss die
+roemischen, sondern auch die auswaertigen Kriege gelaeufig gewesen, und
+dass Cato den Thukydides und die griechischen Historiker ueberhaupt
+fleissig las, ist bestimmt bezeugt. Allein wenn man von der Anekdoten-
+und Spruchsammlung absieht, welche Cato als Fruechte dieser Lektuere
+fuer sich zusammenstellte, ist von einer schriftstellerischen
+Taetigkeit auf diesem Gebiet nichts wahrzunehmen.
+
+Dass durch diese beginnende historische Literatur insgesamt eine
+harmlose Unkritik durchgeht, versteht sich von selbst; weder
+Schriftsteller noch Leser nahmen an inneren oder aeusseren
+Widerspruechen leicht Anstoss. Koenig Tarquinius der Zweite, obwohl bei
+dem Tode seines Vaters schon erwachsen und neununddreissig Jahre nach
+demselben zur Regierung gelangend, besteigt nichtsdestoweniger noch als
+Juengling den Thron. Pythagoras, der etwa ein Menschenalter vor
+Vertreibung der Koenige nach Italien kam, gilt den roemischen
+Historikern darum nicht minder als Freund des weisen Numa. Die im Jahre
+262 (492) der Stadt nach Syrakus geschickten Staatsboten verhandeln
+dort mit dem aelteren Dionysios, der sechsundachtzig Jahre nachher (348
+406) den Thron bestieg. Vornehmlich tritt diese naive Akrisie hervor in
+der Behandlung der roemischen Chronologie. Da nach der - wahrscheinlich
+in ihren Grundzuegen schon in der vorigen Epoche festgestellten -
+roemischen Zeitrechnung die Gruendung Roms 240 Jahre vor die Einweihung
+des Kapitolinischen Tempels, 360 Jahre vor den gallischen Brand und das
+letztere, auch in griechischen Geschichtswerken erwaehnte Ereignis nach
+diesen in das Jahr des athenischen Archonten Pyrgion 388 v. Chr. (Ol.
+98, 1) fiel, so stellt sich hiernach die Erbauung Roms auf Ol. 8, 1.
+Dieses war, nach der damals bereits als kanonisch geltenden
+Eratosthenischen Zeitrechnung, das Jahr nach Troias Fall 436;
+nichtsdestoweniger blieb in der gemeinen Erzaehlung der Gruender Roms
+der Tochtersohn des troischen Aeneas. Cato, der als guter Finanzmann
+hier nachrechnete, machte freilich in diesem Fall auf den Widerspruch
+aufmerksam; eine Aushilfe aber scheint auch er nicht vorgeschlagen zu
+haben - das spaeter zu diesem Zweck eingeschobene Verzeichnis der
+albanischen Koenige ruehrt sicher nicht von ihm her.
+
+Dieselbe Unkritik, wie sie hier obwaltet, beherrschte bis zu einem
+gewissen Grade auch die Darstellung der historischen Zeit. Die Berichte
+trugen sicher ohne Ausnahme diejenige starke Parteifaerbung, wegen
+welcher der fabische ueber die Anfaenge des zweiten Krieges mit
+Karthago von Polybios mit der ihm eigenen kuehlen Bitterkeit
+durchgezogen wird. Das Misstrauen indes ist hier besser am Platz als
+der Vorwurf. Es ist einigermassen laecherlich, von den roemischen
+Zeitgenossen Hannibals ein gerechtes Urteil ueber ihre Gegner zu
+verlangen; eine bewusste Entstellung der Tatsachen aber, soweit der
+naive Patriotismus nicht von selber eine solche einschliesst, ist den
+Vaetern der roemischen Geschichte doch nicht nachgewiesen worden.
+
+Auch von wissenschaftlicher Bildung und selbst von dahin einschlagender
+Schriftstellerei gehoeren die Anfaenge in diese Epoche. Der bisherige
+Unterricht hatte sich wesentlich auf Lesen und Schreiben und auf die
+Kenntnis des Landrechts beschraenkt ^36. Allmaehlich aber ging den
+Roemern in der innigen Beruehrung mit den Griechen der Begriff einer
+allgemeineren Bildung auf und regte sich das Bestreben, nicht gerade
+diese griechische Bildung unmittelbar nach Rom zu verpflanzen, aber
+doch nach ihr die roemische einigermassen zu modifizieren.
+
+—————————————————————-
+
+^36 Plautus sagt (Most. 126) von den Eltern, dass sie die Kinder “lesen
+und die Rechte und Gesetze kennen lehren”; und dasselbe zeigt Plut.
+Cato mai. 20.
+
+—————————————————————-
+
+Vor allen Dingen fing die Kenntnis der Muttersprache an sich zur
+lateinischen Grammatik auszubilden; die griechische Sprachwissenschaft
+uebertrug sich auf das verwandte italische Idiom. Die grammatische
+Taetigkeit begann ungefaehr gleichzeitig mit der roemischen
+Schriftstellerei. Schon um 520 (234) scheint ein Schreiblehrer Spurius
+Carvilius das lateinische Alphabet reguliert und dem ausserhalb
+desselben stehenden Buchstaben g (I, 487) den Platz des entbehrlich
+gewordenen z gegeben zu haben, welchen derselbe noch in den heutigen
+okzidentalischen Alphabeten behauptet. An der Feststellung der
+Rechtschreibung werden die roemischen Schulmeister fortwaehrend
+gearbeitet haben; und auch die lateinischen Musen haben ihre
+schulmeisterliche Hippokrene nie verleugnet und zu allen Zeiten neben
+der Poesie sich der Orthographie beflissen. Namentlich Ennius hat, auch
+hierin Klopstock gleich, nicht bloss das anklingende Etymologienspiel
+schon ganz in alexandrinischer Art geuebt ^37, sondern auch fuer die
+bis dahin uebliche einfache Bezeichnung der Doppelkonsonanten die
+genauere griechische Doppelschreibung eingefuehrt. Von Naevius und
+Plautus freilich ist nichts dergleichen bekannt - die volksmaessigen
+Poeten werden gegen Rechtschreibung und Etymologie auch in Rom sich so
+gleichgueltig verhalten haben, wie Dichter es pflegen.
+
+———————————————————-
+
+^37 So heisst ihm in den Epicharmischen Gedichten Jupiter davon quod
+invat, Ceres davon quod gerit fruges.
+
+————————————————————
+
+Rhetorik und Philosophie blieben den Roemern dieser Zeit noch fern. Die
+Rede stand bei ihnen zu entschieden im Mittelpunkt des oeffentlichen
+Lebens, als dass der fremde Schulmeister ihr haette beikommen koennen;
+der echte Redner Cato goss ueber das alberne Isokrateische “ewig reden
+lernen und niemals reden koennen” die ganze Schale seines zornigen
+Spottes aus. Die griechische Philosophie, obwohl sie durch Vermittlung
+der lehrhaften und vor allem der tragischen Poesie einen gewissen
+Einfluss auf die Roemer gewann, wurde doch mit einer aus baeurischer
+Ignoranz und ahnungsvollem Instinkt gemischten Apprehension betrachtet.
+Cato nannte den Sokrates unverbluemt einen Schwaetzer und einen als
+Frevler an dem Glauben und den Gesetzen seiner Heimat mit Recht
+hingerichteten Revolutionaer; und wie selbst die der Philosophie
+geneigten Roemer von ihr dachten, moegen wohl die Worte des Ennius
+aussprechen:
+
+Philosophieren will ich, doch kurz und nicht die ganze Philosophie;
+
+Gut ist’s von ihr nippen, aber sich in sie versenken schlimm.
+
+Dennoch duerfen die poetische Sittenlehre und die Anweisung zur
+Redekunst, die sich unter den Catonischen Schriften befanden, angesehen
+werden als die roemische Quintessenz oder, wenn man lieber will, das
+roemische Caput mortuum der griechischen Philosophie und Rhetorik. Die
+naechsten Quellen Catos waren fuer das Sittengedicht neben der
+selbstverstaendlichen Anpreisung der einfachen Vaetersitte vermutlich
+die Pythagoreischen Moralschriften, fuer das Rednerbuch die
+Thukydideischen und besonders die Demosthenischen Reden, welche alle
+Cato eifrig studierte. Von dem Geiste dieser Handbuecher kann man
+ungefaehr sich eine Vorstellung machen nach der goldenen, von den
+Nachfahren oefter angefuehrten als befolgten Regel fuer den Redner, “an
+die Sache zu denken und daraus die Worte sich ergeben zu lassen” ^38.
+
+——————————————————————————-
+
+^38 Rem tene, verba sequentur.
+
+——————————————————————————-
+
+Aehnliche allgemein propaedeutische Handbuecher verfasste Cato auch
+fuer die Heilkunst, die Kriegswissenschaft, die Landwirtschaft und die
+Rechtswissenschaft, welche Disziplinen alle ebenfalls mehr oder minder
+unter griechischem Einfluss standen. Wenn nicht die Physik und
+Mathematik, so fanden doch die damit zusammenhaengenden
+Nuetzlichkeitswissenschaften bis zu einem gewissen Grade Eingang in
+Rom. Am meisten gilt dies von der Medizin. Nachdem im Jahre 535 (219)
+der erste griechische Arzt, der Peloponnesier Archagathos in Rom sich
+niedergelassen und dort durch seine chirurgischen Operationen solches
+Ansehen erworben hatte, dass ihm von Staats wegen ein Lokal angewiesen
+und das roemische Buergerrecht geschenkt ward, stroemten seine Kollegen
+scharenweise nach Italien. Cato freilich machte nicht bloss die fremden
+Heilkuenstler mit einem Eifer herunter, der einer besseren Sache
+wuerdig war, sondern versuchte auch, durch sein aus eigener Erfahrung
+und daneben wohl auch aus der medizinischen Literatur der Griechen
+zusammengestelltes medizinisches Hilfsbuechlein die gute alte Sitte
+wieder emporzubringen, wo der Hausvater zugleich der Hausarzt war. Die
+Aerzte und das Publikum kuemmerten wie billig sich wenig um dieses
+eigensinnige Gekeife; doch blieb das Gewerbe, eines der
+eintraeglichsten, die es in Rom gab, Monopol der Auslaender, und
+Jahrhunderte lang hat es in Rom nur griechische Aerzte gegeben.
+
+Von der barbarischen Gleichgueltigkeit, womit man bisher in Rom die
+Zeitmessung behandelt hatte, kam man wenigstens einigermassen zurueck.
+Mit der Aufstellung der ersten Sonnenuhr auf dem roemischen Markt im
+Jahre 491 (263) fing die griechische Stunde (ώρα, hora) auch bei den
+Roemern an gebraucht zu werden; freilich begegnete es dabei, dass man
+in Rom eine fuer das um vier Grade suedlicher liegende Katane
+gearbeitete Sonnenuhr aufstellte und ein Jahrhundert lang sich danach
+richtete. Gegen Ende dieser Epoche erscheinen einzelne vornehme
+Maenner, die sich fuer mathematische Dinge interessierten. Manius
+Acilius Glabrio (Konsul 563 191) versuchte der Kalenderverwirrung durch
+ein Gesetz zu steuern, das dem Pontifikalkollegium gestattete, nach
+Ermessen Schaltmonate einzulegen und wegzulassen; wenn dies seinen
+Zweck verfehlte, ja uebel aerger machte, so lag die Ursache davon wohl
+weniger in dem Unverstand als in der Gewissenlosigkeit der roemischen
+Theologen. Auch der griechisch gebildete Marcus Fulvius Nobilior
+(Konsul 565 189) gab sich Muehe wenigstens um allgemeine Kundmachung
+des roemischen Kalenders. Gaius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166), der
+nicht bloss die Mondfinsternis von 586 (168) vorhergesagt, sondern auch
+ausgerechnet hatte, wie weit es von der Erde bis zum Monde sei und der
+selbst als astronomischer Schriftsteller aufgetreten zu sein scheint,
+wurde deshalb von seinen Zeitgenossen als ein Wunder des Fleisses und
+des Scharfsinnes angestaunt.
+
+Dass fuer die Landwirtschaft und die Kriegskunst zunaechst die ererbte
+und die eigene Erfahrung massgebend war, versteht sich von selbst und
+spricht auch in derjenigen der zwei Catonischen Anleitungen zur
+Landwirtschaft, die auf unsere Zeit gekommen ist, sehr bestimmt sich
+aus. Dennoch fielen auch auf diesen untergeordneten eben wie in den
+hoeheren geistigen Gebieten die Resultate der griechischen und der
+lateinischen, ja selbst der phoenikischen Kultur zusammen und kann
+schon darum die einschlagende auslaendische Literatur nicht ganz
+unberuecksichtigt geblieben sein.
+
+Dagegen gilt dasselbe nur in untergeordnetem Grade von der
+Rechtswissenschaft. Die Taetigkeit der Rechtsgelehrten dieser Zeit ging
+noch wesentlich auf in der Bescheidung der anfragenden Parteien und in
+der Belehrung der juengeren Zuhoerer; doch bildete in dieser
+muendlichen Unterweisung schon sich ein traditioneller Regelstamm und
+auch schriftstellerische Taetigkeit mangelt nicht ganz. Wichtiger als
+Catos kuerzer Abriss wurde fuer die Rechtswissenschaft das von Sextus
+Aelius Paetus, genannt der “Schlaue” (catus), welcher der erste
+praktische Jurist seiner Zeit war und infolge dieser seiner
+gemeinnuetzigen Taetigkeit zum Konsulat (556 198) und zur Zensur (560
+194) emporstieg, veroeffentlichte sogenannte “dreiteilige Buch”, das
+heisst eine Arbeit ueber die Zwoelf Tafeln, welche zu jedem Satze
+derselben eine Erlaeuterung, hauptsaechlich wohl der veralteten und
+unverstaendlichen Ausdruecke, und das entsprechende Klagformular
+hinzufuegte. Wenn dabei in jener Glossierung der Einfluss der
+griechischen grammatischen Studien unleugbar hervortritt, so knuepfte
+die Klagformulierung vielmehr an die aeltere Sammlung des Appius und
+die ganze volkstuemliche und prozessualische Rechtsentwicklung an.
+
+Im allgemeinen tritt der Wissenschaftsbestand dieser Epoche mit grosser
+Bestimmtheit hervor in der Gesamtheit jener von Cato fuer seinen Sohn
+aufgesetzten Handbuecher, die als eine Art Enzyklopaedie in kurzen
+Saetzen darlegen sollten, was ein “tuechtiger Mann” (vir bonus) als
+Redner, Arzt, Landwirt, Kriegsmann und Rechtskundiger sein muesse. Ein
+Unterschied zwischen propaedeutischen und Fachwissenschaften wurde noch
+nicht gemacht, sondern was von der Wissenschaft ueberhaupt notwendig
+und nuetzlich erschien, von jedem rechten Roemer gefordert.
+Ausgeschlossen ist dabei teils die lateinische Grammatik, die also
+damals noch nicht diejenige formale Entwicklung gehabt haben kann,
+welche der eigentliche wissenschaftliche Sprachunterricht voraussetzt,
+teils die Musik und der ganze Kreis der mathematischen und physischen
+Wissenschaften. Durchaus sollte in der Wissenschaft das unmittelbar
+Praktische, aber auch nichts als dies und dieses moeglichst kurz und
+schlicht zusammengefasst werden. Die griechische Literatur wurde dabei
+wohl benutzt, aber nur um aus der Masse von Spreu und Wust einzelne
+brauchbare Erfahrungssaetze zu gewinnen - “die griechischen Buecher
+muss man einsehen, aber nicht durchstudieren”, lautet einer von Catos
+Weidspruechen. So entstanden jene haeuslichen Not- und Hilfsbuecher,
+die freilich mit der griechischen Spitzfindigkeit und Unklarheit auch
+den griechischen Scharf- und Tiefsinn austrieben, aber eben dadurch
+fuer die Stellung der Roemer zu den griechischen Wissenschaften fuer
+alle Zeiten massgebend geworden sind.
+
+So zog denn mit der Weltherrschaft zugleich Poesie und Literatur in Rom
+ein, oder, mit einem Dichter der ciceronischen Zeit zu reden:
+
+Als wir Hannibal bezwungen, nahte mit beschwingtem Schritt
+
+Der Quiriten hartem Volke sich die Mus’ im Kriegsgewand.
+
+Auch in den sabellisch und etruskisch redenden Landschaften wird es
+gleichzeitig an geistiger Bewegung nicht gemangelt haben. Wenn
+Trauerspiele in etruskischer Sprache erwaehnt werden, wenn Tongefaesse
+mit oskischen Inschriften Bekanntschaft ihrer Verfertiger mit der
+griechischen Komoedie verraten, so draengt die Frage sich auf, ob nicht
+gleichzeitig mit Naevius und Cato auch am Arnus und Volturnus eine
+gleich der roemischen hellenisierende Literatur in der Bildung
+begriffen gewesen ist. Indes jede Kunde darueber ist verschollen, und
+die Geschichte kann hier nur die Luecke bezeichnen.
+
+Die roemische Literatur, ueber die allein uns ein Urteil noch
+verstattet ist, wie problematisch ihr absoluter Wert dem Aesthetiker
+erscheinen mag, bleibt dennoch fuer denjenigen, der die Geschichte Roms
+erkennen will, von einzigem Wert als das Spiegelbild des inneren
+Geisteslebens Italiens in dem waffenklirrenden und zukunftsvollen
+sechsten Jahrhundert, in welchem die italische Entwicklung abschloss
+und das Land anfing einzutreten in die allgemeinere der antiken
+Zivilisation. Auch in ihr herrscht diejenige Zwiespaeltigkeit, die
+ueberall in dieser Epoche das Gesamtleben der Nation durchdringt und
+die Uebergangszeit charakterisiert. Ueber die Mangelhaftigkeit der
+hellenistisch-roemischen Literatur kann kein unbefangenes und durch den
+ehrwuerdigen Rost zweier Jahrtausende unbeirrtes Auge sich taeuschen.
+Die roemische Literatur steht neben der griechischen wie die deutsche
+Orangerie neben dem sizilischen Orangenwald; man kann an beiden sich
+erfreuen, aber nebeneinander sie auch nur zu denken, geht nicht an.
+Womoeglich noch entschiedener als von der roemischen Schriftstellerei
+in der fremden Sprache gilt dies von derjenigen in der Muttersprache
+der Latiner; zu einem sehr grossen Teil ist dieselbe gar nicht das Werk
+von Roemern, sondern von Fremdlingen, von Halbgriechen, Kelten, bald
+auch Afrikanern, die das Latein sich erst aeusserlich angeeignet hatten
+- unter denen, die in dieser Zeit als Dichter vor das Publikum traten,
+ist nicht bloss, wie gesagt, nicht ein nachweislich vornehmer Mann,
+sondern auch keiner, dessen Heimat erweislich das eigentliche Latium
+waere. Selbst die Benennung des Dichters ist auslaendisch; schon Ennius
+nennt sich mit Nachdruck einen Poeten ^39. Aber diese Poesie ist nicht
+bloss auslaendisch, sondern sie ist auch mit allen denjenigen Maengeln
+behaftet, welche da sich einfinden, wo die Schulmeister schriftstellern
+und der grosse Haufe das Publikum ausmacht. Es ist gezeigt worden, wie
+die Komoedie durch die Ruecksicht auf die Menge kuenstlerisch
+vergroebert wurde, ja in poebelhafte Roheit verfiel; es ist ferner
+gezeigt worden, dass zwei der einflussreichsten roemischen
+Schriftsteller zunaechst Schulmeister und erst folgeweise Poeten waren,
+und dass, waehrend die griechische erst nach dem Abbluehen der
+volkstuemlichen Literatur erwachsene Philologie nur am toten Koerper
+experimentierte, in Latium Begruendung der Grammatik und Grundlegung
+der Literatur, fast wie bei den heutigen Heidenmissionen, von Haus aus
+Hand in Hand gegangen sind. In der Tat, wenn man diese hellenistische
+Literatur des sechsten Jahrhunderts unbefangen ins Auge fasst, jene
+handwerksmaessige, jeder eigenen Produktivitaet bare Poesie, jene
+durchgaengige Nachahmung eben der flachsten Kunstgattungen des
+Auslandes, jenes Uebersetzungsrepertoire, jenen Wechselbalg von Epos,
+so fuehlt man sich versucht sie rein zu den Krankheitssymptomen dieser
+Epoche zu rechnen.
+
+———————————————————-
+
+^39 Vgl. 2, 445:
+
+Enni poeta salve, qui mortalibus
+
+Versus propinas flammeos medullitus.
+
+Die Bildung des Namens poeta aus dem vulgar-griechischen ποητής statt
+ποιητής - wie επόησεν den attischen Toepfern gelaeufig war - ist
+charakteristisch. Uebrigens bezeichnet poeta technisch nur den
+Verfasser epischer und rezitativer Gedichte, nicht den Buehnendichter,
+welcher in dieser Zeit vielmehr scriba heisst (Fest. v. scriba, p. 333
+M.).
+
+————————————————————-
+
+Dennoch wuerde ein solches Urteil, wenn nicht ungerecht, doch nur sehr
+einseitig gerecht sein. Vor allen Dingen ist wohl zu bedenken, dass
+diese gemachte Literatur in einer Nation emporkam, die nicht bloss
+keine volkstuemliche Dichtkunst besass, sondern auch nie mehr zu einer
+solchen gelangen konnte. In dem Altertum, welchem die moderne Poesie
+des Individuums fremd ist, faellt die schoepferisch poetische
+Taetigkeit wesentlich in die unbegreifliche Zeit des Werdebangens und
+der Werdelust der Nation; unbeschadet der Groesse der griechischen
+Epiker und Tragiker darf man es aussprechen, dass ihr Dichten
+wesentlich bestand in der Redaktion der uralten Erzaehlungen von
+menschlichen Goettern und goettlichen Menschen. Diese Grundlage der
+antiken Poesie mangelte in Latium gaenzlich; wo die Goetterwelt
+gestaltlos und die Sage nichtig blieb, konnten auch die goldenen Aepfel
+der Poesie freiwillig nicht gedeihen. Hierzu kommt ein Zweites und
+Wichtigeres. Die innerliche geistige Entwicklung wie die aeusserliche
+staatliche Entfaltung Italiens waren gleichmaessig auf einem Punkte
+angelangt, wo es nicht laenger moeglich war, die auf dem Ausschluss
+aller hoeheren und individuellen Geistesbildung beruhende roemische
+Nationalitaet festzuhalten und den Hellenismus von sich abzuwehren.
+Zunaechst auf dieser allerdings revolutionaeren und
+denationalisierenden, aber fuer die notwendige geistige Ausgleichung
+der Nationen unerlaesslichen Propaganda des Hellenismus in Italien
+beruht die geschichtliche und selbst die dichterische Berechtigung der
+roemisch-hellenistischen Literatur. Es ist aus ihrer Werkstatt nicht
+ein einziges neues und echtes Kunstwerk hervorgegangen, aber sie hat
+den geistigen Horizont von Hellas ueber Italien erstreckt. Schon rein
+aeusserlich betrachtet setzt die griechische Poesie bei dem Hoerer eine
+gewisse Summe positiver Kenntnisse voraus. Die voellige
+Abgeschlossenheit in sich, die zu den wesentlichsten
+Eigentuemlichkeiten zum Beispiel des Shakespeareschen Dramas gehoert,
+ist der antiken Dichtung fremd; wem der griechische Sagenkreis nicht
+bekannt ist, der wird fuer jede Rhapsodie wie fuer jede Tragoedie den
+Hintergrund und oft selbst das gemeine Verstaendnis vermissen. Wenn dem
+roemischen Publikum dieser Zeit, wie das die Plautinischen Lustspiele
+zeigen, die Homerischen Gedichte und die Heraklessagen einigermassen
+gelaeufig und von den uebrigen Mythen wenigstens die allgemeingueltigen
+bekannt waren ^40, so wird diese Kunde neben der Schule zunaechst durch
+die Buehne ins Publikum gedrungen und damit zum Verstaendnis der
+hellenischen Dichtung wenigstens ein Anfang gemacht sein. Aber weit
+tiefer noch wirkte, worauf schon die geistreichsten Literatoren des
+Altertums mit Recht den Ton gelegt haben, die Einbuergerung
+griechischer Dichtersprache und griechischer Masse in Latium. Wenn “das
+besiegte Griechenland den rauhen Sieger durch die Kunst ueberwand”, so
+geschah dies zunaechst dadurch, dass dem ungefuegen lateinischen Idiom
+eine gebildete und gehobene Dichtersprache abgewonnen ward, dass
+anstatt der eintoenigen und gehackten Saturnier der Senar floss und der
+Hexameter rauschte, dass die gewaltigen Tetrameter, die jubelnden
+Anapaeste, die kunstvoll verschlungenen lyrischen Rhythmen das
+lateinische Ohr in der Muttersprache trafen. Die Dichtersprache ist der
+Schluessel zu der idealen Welt der Poesie, das Dichtmass der Schluessel
+zu der poetischen Empfindung; wem das beredte Beiwort stumm und das
+lebendige Gleichnis tot ist, wem die Takte der Daktylen und Jamben
+nicht innerlich erklingen, fuer den haben Homer und Sophokles umsonst
+gedichtet. Man sage nicht, dass das poetische und rhythmische Gefuehl
+sich von selber verstehen. Die idealen Empfindungen sind freilich von
+der Natur in die Menschenbrust gepflanzt, aber um zu keimen brauchen
+sie guenstigen Sonnenscheins; und vor allem in der poetisch wenig
+angeregten latinischen Nation bedurften sie auch aeusserlicher Pflege.
+Man sage auch nicht, dass bei der weitverbreiteten Kenntnis der
+griechischen Sprache deren Literatur fuer das empfaengliche roemische
+Publikum ausgereicht haette. Der geheimnisvolle Zauber, den die Sprache
+ueber den Menschen ausuebt und von dem Dichtersprache und Rhythmus nur
+Steigerungen sind, haengt nicht jeder zufaellig angelernten, sondern
+einzig der Muttersprache an. Von diesem Gesichtspunkt aus wird man die
+hellenistische Literatur und namentlich die Poesie der Roemer dieser
+Zeit gerechter beurteilen. Wenn ihr Bestreben darauf hinausging, den
+Euripideischen Radikalismus nach Rom zu verpflanzen, die Goetter
+entweder in verstorbene Menschen oder in gedachte Begriffe aufzuloesen,
+ueberhaupt dem denationalisierten Hellas ein denationalisiertes Latium
+an die Seite zu setzen und alle rein und scharf entwickelten
+Volkstuemlichkeiten in den problematischen Begriff der allgemeinen
+Zivilisation aufzuloesen, so steht diese Tendenz erfreulich oder
+widerwaertig zu finden in eines jeden Belieben, in niemandes aber, ihre
+historische Notwendigkeit zu bezweifeln. Von diesem Gesichtspunkte aus
+laesst selbst die Mangelhaftigkeit der roemischen Poesie zwar
+nimmermehr sich verleugnen, aber sich erklaeren und damit
+gewissermassen sich rechtfertigen. Wohl geht durch sie hindurch ein
+Missverhaeltnis zwischen dem geringfuegigen und oft verhunzten Inhalt
+und der verhaeltnismaessig vollendeten Form, aber die eigentliche
+Bedeutung dieser Poesie war auch eben formeller und vor allen Dingen
+sprachlicher und metrischer Art. Es war nicht schoen, dass die Poesie
+in Rom vorwiegend in den Haenden von Schulmeistern und Auslaendern und
+vorwiegend Uebersetzung oder Nachdichtung war; aber wenn die Poesie
+zunaechst nur eine Bruecke von Latium nach Hellas schlagen sollte, so
+waren Livius und Ennius allerdings berufen zum poetischen Pontifikat in
+Rom und die Uebersetzungsliteratur das einfachste Mittel zum Ziele. Es
+war noch weniger schoen, dass die roemische Poesie sich mit Vorliebe
+auf die verschliffensten und geringhaltigsten Originale warf; aber in
+diesem Sinne war es zweckgemaess. Niemand wird die Euripideische Poesie
+der Homerischen an die Seite stellen wollen; aber geschichtlich
+betrachtet sind Euripides und Menander voellig ebenso die Bibel des
+kosmopolitischen Hellenismus wie die ‘Ilias’ und die ‘Odyssee’
+diejenige des volkstuemlichen Hellenentums, und insofern hatten die
+Vertreter dieser Richtung guten Grund, ihr Publikum vor allem in diesen
+Literaturkreis einzufuehren. Zum Teil mag auch das instinktmaessige
+Gefuehl der beschraenkten poetischen Kraft die roemischen Bearbeiter
+bewogen haben, sich vorzugsweise an Euripides und Menander zu halten
+und den Sophokles und gar den Aristophanes beiseite liegen zu lassen;
+denn waehrend die Poesie wesentlich national und schwer zu verpflanzen
+ist, so sind Verstand und Witz, auf denen die Euripideische wie die
+Menandrische Dichtung beruhte, von Haus aus kosmopolitisch. Immer
+verdient es noch ruehmliche Anerkennung, dass die roemischen Poeten des
+sechsten Jahrhunderts nicht an die hellenische Tagesliteratur oder den
+sogenannten Alexandrinismus sich anschlossen, sondern lediglich in der
+aelteren klassischen Literatur, wenn auch nicht gerade in deren
+reichsten und reinsten Bereichen, ihre Muster sich suchten. Ueberhaupt,
+wie unzaehlige falsche Akkommodationen und kunstwidrige Missgriffe man
+auch denselben nachweisen mag, es sind eben nur diejenigen
+Versuendigungen an dem Evangelium, welche das nichts weniger als
+reinliche Missionsgeschaeft mit zwingender Notwendigkeit begleiten; und
+sie werden geschichtlich und selbst aesthetisch einigermassen
+aufgewogen durch den von dem Propagandatum ebenso unzertrennlichen
+Glaubenseifer. Ueber das Evangelium mag man anders urteilen als Ennius
+getan; aber wenn es bei dem Glauben nicht so sehr darauf ankommt, was,
+als wie geglaubt wird, so kann auch den roemischen Dichtern des
+sechsten Jahrhunderts Anerkennung und Bewunderung nicht versagt werden.
+Ein frisches und maechtiges Gefuehl fuer die Gewalt der hellenischen
+Weltliteratur, eine heilige Sehnsucht, den Wunderbaum in das fremde
+Land zu verpflanzen, durchdrangen die gesamte Poesie des sechsten
+Jahrhunderts und flossen in eigentuemlicher Weise zusammen mit dem
+durchaus gehobenen Geiste dieser grossen Zeit. Der spaetere gelaeuterte
+Hellenismus sah auf die poetischen Leistungen derselben mit einer
+gewissen Verachtung herab; eher vielleicht haette er zu den Dichtern
+hinaufsehen moegen, die bei aller Unvollkommenheit doch in einem
+innerlicheren Verhaeltnis zu der griechischen Poesie standen und der
+echten Dichtkunst naeher kamen als ihre hoeher gebildeten Nachfahren.
+In der verwegenen Nacheiferung, in den klingenden Rhythmen, selbst in
+dem maechtigen Dichterstolz der Poeten dieser Zeit ist mehr als in
+irgendeiner anderen Epoche der roemischen Literatur eine imponierende
+Grandiositaet, und auch wer ueber die Schwaechen dieser Poesie sich
+nicht taeuscht, darf das stolze Wort auf sie anwenden, mit dem sie
+selber sich gefeiert hat, dass sie den Sterblichen
+
+das Feuerlied kredenzt hat aus der tiefen Brust.
+
+——————————————————————————-
+
+^40 Aus dem troischen und dem Herakles-Kreise kommen selbst
+untergeordnete Figuren vor, zum Beispiel Talthybios (Stich. 305),
+Autolykos (Bacch. 275), Parthaon (Men. 745). In den allgemeinsten
+Umrissen muessen ferner zum Beispiel die thebanische und die
+Argonautensage, die Geschichten von Bellerophon (Bacch. 810), Pentheus
+(Merc. 467), Prokne und Philomele (Rud. 604), Sappho und Phaon (Mil.
+1247) bekannt gewesen sein.
+
+——————————————————————————-
+
+Wie die hellenisch-roemische Literatur dieser Zeit wesentlich
+tendenzioes ist, so beherrscht die Tendenz auch ihr Widerspiel, die
+gleichzeitige nationale Schriftstellerei. Wenn jene nichts mehr und
+nichts weniger wollte, als die latinische Nationalitaet durch
+Schoepfung einer lateinisch redenden, aber in Form und Geist
+hellenischen Poesie vernichten, so musste eben der beste und reinste
+Teil der latinischen Nation mit dem Hellenismus selbst die
+entsprechende Literatur gleichfalls von sich werfen und in Acht und
+Bann tun. Man stand zu Catos Zeit in Rom der griechischen Literatur
+gegenueber ungefaehr wie in der Zeit der Caesaren dem Christentum:
+Freigelassene und Fremde bildeten den Kern der poetischen wie spaeter
+den Kern der christlichen Gemeinde; der Adel der Nation und vor allem
+die Regierung sahen in der Poesie wie im Christentum lediglich
+feindliche Maechte; ungefaehr aus denselben Ursachen sind Plautus und
+Ennius von der roemischen Aristokratie zum Gesindel gestellt und die
+Apostel und Bischoefe von der roemischen Regierung hingerichtet worden.
+Natuerlich war es auch hier vor allem Cato, der die Heimat gegen die
+Fremde mit Lebhaftigkeit vertrat. Die griechischen Literaten und Aerzte
+sind ihm der gefaehrlichste Abschaum des grundverdorbenen Griechenvolks
+^41, und mit unaussprechlicher Verachtung werden die roemischen
+Baenkelsaenger von ihm behandelt. Man hat ihn und seine
+Gesinnungsgenossen deswegen oft und hart getadelt und allerdings sind
+die Aeusserungen seines Unwillens nicht selten bezeichnet von der ihm
+eigenen schroffen Borniertheit; bei genauerer Erwaegung indes wird man
+nicht bloss im einzelnen ihm wesentlich Recht geben, sondern auch
+anerkennen muessen, dass die nationale Opposition auf diesem Boden mehr
+als irgendwo sonst ueber die Unzulaenglichkeit der bloss ablehnenden
+Verteidigung hinausgegangen ist. Wenn sein juengerer Zeitgenosse Aulus
+Postumius Albinus, der durch sein widerliches Hellenisieren den
+Hellenen selbst zum Gespoett ward und der zum Beispiel schon
+griechische Verse zimmerte - wenn dieser Albinus sich in der Vorrede zu
+seinem Geschichtswerk wegen des mangelhaften Griechisch damit
+verteidigte, dass er ein geborener Roemer sei, war da die Frage nicht
+voellig an ihrem Orte, ob er rechtskraeftig verurteilt worden sei,
+Dinge zu treiben, .die er nicht verstehe? oder waren etwa die Gewerbe
+des fabrikmaessigen Komoedienuebersetzers und des um Brot und
+Protektion singenden Heldendichters vor zweitausend Jahren ehrenhafter,
+als sie es jetzt sind? oder hatte Cato nicht Ursache, es dem Nobilior
+vorzuruecken, dass er den Ennius, welcher uebrigens in seinen Versen
+die roemischen Potentaten ohne Ansehen der Person glorifizierte und
+auch den Cato selbst mit Lob ueberhaeufte, als den Saenger seiner
+kuenftigen Grosstaten mit sich nach Ambrakia nahm? oder nicht Ursache
+die Griechen, die er in Rom und Athen kennenlernte, ein unverbesserlich
+elendes Gesindel zu schelten? Diese Opposition gegen die Bildung der
+Zeit und den Tageshellenismus war wohl berechtigt; einer Opposition
+aber gegen die Bildung und das Hellenentum ueberhaupt hat Cato
+keineswegs sich schuldig gemacht. Vielmehr ist es das hoechste Lob der
+Nationalpartei, dass auch sie mit grosser Klarheit die Notwendigkeit
+begriff, eine lateinische Literatur zu erschaffen und dabei die
+Anregungen des Hellenismus ins Spiel zu bringen; nur sollte ihrer
+Absicht nach die lateinische Schriftstellerei nicht nach der
+griechischen abgeklatscht und der roemischen Volkstuemlichkeit
+aufgezwaengt, sondern unter griechischer Befruchtung der italischen
+Nationalitaet gemaess entwickelt werden. Mit einem genialen Instinkt,
+der weniger von der Einsicht der einzelnen als von dem Schwung der
+Epoche ueberhaupt zeugt, erkannte man, dass fuer Rom bei dem
+gaenzlichen Mangel der poetischen Vorschoepfung der einzige Stoff zur
+Entwicklung eines eigenen geistigen Lebens in der Geschichte lag. Rom
+war, was Griechenland nicht war, ein Staat; und auf dieser gewaltigen
+Empfindung beruht sowohl der kuehne Versuch, den Naevius machte,
+mittels der Geschichte zu einem roemischen Epos und einem roemischen
+Schauspiel zu gelangen, als auch die Schoepfung der lateinischen Prosa
+durch Cato. Das Beginnen freilich, die Goetter und Heroen der Sage
+durch Roms Koenige und Konsuln zu ersetzen, gleicht dem Unterfangen der
+Giganten, mit aufeinander getuermten Bergen den Himmel zu stuermen;
+ohne eine Goetterwelt gibt es kein antikes Epos und kein antikes Drama,
+und die Poesie kennt keine Surrogate. Maessiger und verstaendiger
+ueberliess Cato die eigentliche Poesie als unrettbar verloren der
+Gegenpartei, obwohl sein Versuch, nach dem Muster der aelteren
+roemischen, des appischen Sitten- und des Ackerbaugedichts eine
+didaktische Poesie in nationalem Versmass zu erschaffen, wenn nicht dem
+Erfolge, doch der Absicht nach bedeutsam und achtungswert bleibt. Einen
+guenstigeren Boden gewaehrte ihm die Prosa, und er hat denn auch die
+ganze ihm eigene Vielseitigkeit und Energie daran gesetzt, eine
+prosaische Literatur in der Muttersprache zu erschaffen. Es ist dies
+Bestreben nur um so roemischer und nur um so achtbarer, als er sein
+Publikum zunaechst im Familienkreise erblickte und als er damit in
+seiner Zeit ziemlich alleinstand. So entstanden seine
+‘Ursprungsgeschichten’, seine aufgezeichneten Staatsreden, seine
+fachwissenschaftlichen Werke. Allerdings sind sie vom nationalen Geiste
+getragen und bewegen sich in nationalen Stoffen; allein sie sind nichts
+weniger als antihellenisch, sondern vielmehr wesentlich, nur freilich
+in anderer Art als die Schriften der Gegenpartei, unter griechischem
+Einfluss entstanden. Die Idee und selbst der Titel seines Hauptwerkes
+ist den griechischen “Gruendungsgeschichten” (κτίσεις) entlehnt.
+Dasselbe gilt von seiner Redeschriftstellerei - er hat den Isokrates
+verspottet, aber vom Thukydides und Demosthenes zu lernen versucht.
+Seine ‘Enzyklopaedie’ ist wesentlich das Resultat seines Studiums der
+griechischen Literatur. Von allem, was der ruehrige und patriotische
+Mann angegriffen hat, ist nichts folgenreicher und nichts seinem
+Vaterlande nuetzlicher gewesen als diese von ihm selbst wohl
+verhaeltnismaessig gering angeschlagene literarische Taetigkeit. Er
+fand zahlreiche und wuerdige Nachfolger in der Rede- und der
+wissenschaftlichen Schriftstellerei; und wenn auf seine originellen, in
+ihrer Art wohl der griechischen Logographie vergleichbaren
+‘Ursprungsgeschichten’ auch kein Herodot und Thukydides gefolgt ist, so
+ward es doch von ihm und durch ihn festgestellt, dass die literarische
+Beschaeftigung mit den Nuetzlichkeitswissenschaften wie mit der
+Geschichte fuer den Roemer nicht bloss ehrenhaft, sondern ehrenvoll
+sei.
+
+————————————————————————
+
+^41 “Von diesen Griechen”, heisst es bei ihm, “werde ich an seinem Orte
+sagen, mein Sohn Marcus, was ich zu Athen ueber sie in Erfahrung
+gebracht habe; und will es beweisen, dass es nuetzlich ist, ihre
+Schriften einzusehen, nicht sie durchzustudieren. Es ist eine
+grundverdorbene und unregierliche Rasse - glaube mir, das ist wahr wie
+ein Orakel; und wenn das Volk seine Bildung herbringt, so wird es alles
+verderben und ganz besonders, wenn es seine Aerzte hierher schickt. Sie
+haben sich verschworen, alle Barbaren umzubringen mit Arzeneiung, aber
+sie lassen sich dafuer noch bezahlen, damit man ihnen vertraue und sie
+uns leicht zugrunde richten moegen. Auch uns nennen sie Barbaren, ja
+schimpfen uns mit dem noch gemeineren Namen der Opiker. Auf die
+Heilkuenstler also lege ich dir Acht und Bann.”
+
+Der eifrige Mann wusste nicht, dass der Name der Opiker, der im
+Lateinischen eine schmutzige Bedeutung hat, im Griechischen ganz
+unverfaenglich ist, und dass die Griechen auf die unschuldigste Weise
+dazu gekommen waren, die Italiker mit demselben zu bezeichnen.
+
+———————————————————————-
+
+Werfen wir schliesslich noch einen Blick auf den Stand der bauenden und
+bildenden Kuenste, so macht, was die ersten anlangt, der beginnende
+Luxus sich weniger in dem oeffentlichen als im Privatbauwesen
+bemerklich. Erst gegen den Schluss dieser Periode, namentlich mit der
+Catonischen Zensur (570 184) faengt man in jenem an, neben der gemeinen
+Notdurft auch die gemeine Bequemlichkeit ins Auge zu fassen, die aus
+den Wasserleitungen gespeisten Bassins (lacus) mit Stein auszulegen
+(570 184), Saeulengaenge aufzufuehren (575, 580 179, 174) und vor allem
+die attischen Gerichts- und Geschaeftshallen, die sogenannten Basiliken
+nach Rom zu uebertragen. Das erste dieser etwa unseren heutigen Basaren
+entsprechende Gebaeude, die porcische oder Silberschmiedhalle, wurde
+von Cato im Jahre 570 (184) neben dem Rathaus errichtet, woran dann
+rasch andere sich anschlossen, bis allmaehlich an den Langseiten des
+Marktes die Privatlaeden durch diese glaenzenden saeulengetragenen
+Hallen ersetzt waren. Tiefer aber griff in das taegliche Leben die
+Umwandlung des Hausbaues ein, welche spaetestens in diese Epoche
+gesetzt werden muss: es schieden sich allmaehlich Wohnsaal (atrium),
+Hof (cavum aedium), Garten und Gartenhallen (peristylium), der Raum zur
+Aufbewahrung der Papiere (tablinum), Kapelle, Kueche, Schlafzimmer; und
+in der inneren Einrichtung fing die Saeule an sowohl im Hofe wie im
+Wohnsaal zur Stuetzung der offenen Decke und auch fuer die Gartenhallen
+verwandt zu werden - wobei wohl ueberall griechische Muster kopiert
+oder doch benutzt wurden. Doch blieb das Baumaterial einfach; “unsere
+Vorfahren”, sagt Varro, “wohnten in Haeusern aus Backsteinen und legten
+nur, um die Feuchtigkeit abzuwehren, ein maessiges Quaderfundament”.
+
+Von roemischer Plastik begegnet kaum eine andere Spur als etwa die
+Wachsbossierung der Ahnenbilder. Etwas oefter ist von Malerei und
+Malern die Rede: Manius Valerius liess den Sieg ueber die Karthager und
+Hieron, den er im Jahre 491 (263) vor Messana erfochten, auf der
+Seitenwand des Rathauses abschildern - die ersten historischen Fresken
+in Rom, denn viele gleichartige folgten und die im Gebiet der bildenden
+Kunst das sind, was nicht viel spaeter das Nationalepos und das
+Nationalschauspiel im Gebiet der Poesie wurden. Es werden als Maler
+genannt, ein gewisser Theodotos, der, wie Naevius spottete,
+
+verschanzt, in Decken sitzend, drinnen im heiligen Raum
+
+die scherzenden Laren malte mit dem Ochsenschwanz.
+
+Marcus Pacuvius von Brundisium, welcher in dem Herkulestempel auf dem
+Rindermarkt malte - derselbe, der im hoeheren Alter als Bearbeiter
+griechischer Tragoedien sich einen Namen gemacht hat; der Kleinasiate
+Marcus Plautius Lyco, dem fuer seine schoenen Malereien im Junotempel
+zu Ardea diese Gemeinde ihr Buergerrecht verlieh ^42. Aber es tritt
+doch eben darin sehr deutlich hervor, dass die Kunstuebung in Rom nicht
+bloss ueberhaupt untergeordnet und mehr Handwerk als Kunst war, sondern
+dass sie auch, wahrscheinlich noch ausschliesslicher als die Poesie,
+den Griechen und Halbgriechen anheimfiel.
+
+———————————————————————————
+
+^42 Plautius gehoert in diese oder in den Anfang der folgenden Periode,
+da die Beischrift bei seinen Bildern (Plin. nat. 35, 10, 115) als
+hexametrisch nicht fueglich aelter sein kann als Ennius und die
+Schenkung des ardeatischen Buergerrechts notwendig vor dem
+Bundesgenossenkrieg stattgefunden haben muss, durch den Ardea seine
+Selbstaendigkeit verlor.
+
+———————————————————————————-
+
+Dagegen zeigen sich in den vornehmen Kreisen die ersten Spuren des
+spaeteren dilettantischen und Sammlerinteresses. Man bewunderte schon
+die Pracht der korinthischen und athenischen Tempel und sah die
+altmodischen Tonbilder auf den roemischen Tempeldaechern mit
+Geringschaetzung an; selbst ein Mann wie Lucius Paullus, eher Catos
+Gesinnungsgenosse als Scipios, betrachtete und beurteilte den Zeus des
+Pheidias mit Kennerblick. Mit dem Wegfuehren der Kunstschaetze aus den
+eroberten griechischen Staedten machte in groesserem Massstab den
+ersten Anfang Marcus Marcellus nach der Einnahme von Syrakus (542 212);
+und obwohl dies bei den Maennern alter Zucht scharfen Tadel fand und
+zum Beispiel der alte strenge Quintus Maximus nach der Einnahme von
+Tarent (545 209) die Bildsaeulen der Tempel nicht anzuruehren, sondern
+den Tarentinern ihre erzuernten Goetter zu lassen gebot, so wurden doch
+dergleichen Tempelpluenderungen immer haeufiger. Namentlich durch Titus
+Flamininus (560 194) und Marcus Fulvius Nobilior (567 187), zwei
+Hauptvertreter des roemischen Hellenismus, sowie durch Lucius Paullus
+(587 167) fuellten sich die oeffentlichen Gebaeude Roms mit den
+Meisterwerken des griechischen Meissels. Auch hier ging den Roemern die
+Ahnung auf, dass das Kunstinteresse so gut wie das poetische einen
+wesentlichen Teil der hellenischen Bildung, das heisst der modernen
+Zivilisation ausmache; allein waehrend die Aneignung der griechischen
+Poesie ohne eine gewisse poetische Taetigkeit unmoeglich war, schien
+hier das blosse Beschauen und Herbeischaffen auszureichen, und darum
+ist eine eigene Literatur in Rom auf kuenstlichem Wege gestaltet, zur
+Entwicklung einer eigenen Kunst aber nicht einmal ein Versuch gemacht
+worden.
+
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+End of the Project Gutenberg EBook of Römische Geschichte Book 3 by Theodor Mommsen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÖMISCHE GESCHICHTE ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
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+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
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+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
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+or entity providing it to you may choose to give you a second
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+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
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+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
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+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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