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SECHSTER BAND*** + + +E-text prepared by Delphine Lettau, Clive Pickton, and the Project +Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this + file which includes the original illustrations. + See 30289-h.htm or 30289-h.zip: + (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h/30289-h.htm) + or + (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h.zip) + + + + + +NACH AMERIKA! + +Ein Volksbuch + +von + +FRIEDRICH GERSTÄCKER. + +Illustrirt von Carl Reinhardt. + +Sechster Band. + + + + + + + +Leipzig, +Hermann Costenoble, +Verlagsbuchhandlung + +Berlin, +Rudolph Gaertner, +Amelang'sche Sort.-Buchhandlung. + +1855. + + + + +Inhalt des sechsten Bandes. + + 1. Ein Sheriffsverkauf in Arkansas 1 + 2. Maulbeere in der Betversammlung 31 + 3. Der wandernde Krämer 63 + 4. Georg und Marie 91 + 5. Jimmy 112 + 6. Kapellmeister Eltrich 136 + 7. Meier, Pelz & Co. 169 + 8. Die Überraschung 199 + 9. Das Haus am Walde 226 + 10. Der rothe Drachen bei Heilingen 239 + + + + +Capitel 1. + +Ein Sheriffsverkauf in Arkansas. + + +Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen +verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen +gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt; +durch die blaue sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine +stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über die +Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu +Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf +flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit +ihren Reben dort empor gerankt. + +Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das +blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein +wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer ausgegossen, und die +jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjährige Blattdecke des Bodens +niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied, +das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden +Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden Schrei +eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue Heher im Busch +spöttisch den Warnungsruf nachäffte. + +Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und frisch aufkeimende +Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwischen denen hin hie und +da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grün +schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herüber und hinüber surrte, +über einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren, +schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war, +daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem +nächsten Blüthenbusch verrieth. + +Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit, +den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend +Jedes sich die Hände reicht zum schönen Ganzen; wie selbst der morsche +umgestürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier +gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen +von den tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme +entgegenstrecken, die _Lücke_ würde fühlbar, und der fallende Tropfen +selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur +Perle wo er niederfällt. + +Und doch _ein_ Miston in der Harmonie -- ein dunkler Fleck der da nicht +hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte und das Ganze störte -- ein +nasses, schmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menschenbild, mitten +im Wald, im freien schönen wundervollen Wald -- Zachäus Maulbeere, vom +Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren +in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur +durch bloßes Ansehn zu säuern. + +»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft auf einen +umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand +hielt, zusammenrollend und ausringend, »daß mich der Teufel plagen mußte +nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn -- Bäume -- Bäume -- Nichts +als Bäume in der Welt -- gerade in die Höh und gerade über den Weg. +-- Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein Schnupftuch _ausringen_ +muß, daß man sich damit _abtrocknen_ kann -- _schwabben_ nannten sie's +auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier -- keine Ahnung wo bin -- keine +Idee von einer Richtung -- ein Scheerenschleifer im Wald -- Maulbeere, +Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? -- war Dir zu wohl +draußen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und +Honig, eh? -- mußtest geschwind machen daß Du _hierher_ kamst, zwischen +Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein -- _Schöne_ +Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian -- oben in dem +verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die Glieder nicht mehr +rühren kann, und das Beest was da um mich her in den Bäumen geschrieen +hat -- daß ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. -- Romantisch +im Wald zu lagern eh? -- wenn ich nur wenigstens den verdammten +langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen +Gift auszulassen -- aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht +trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern +Morgen lügt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im +Thau baden« und »Windsbraut die Schläfe kühlen« -- na _Dir_ möcht' ich +einmal die Schläfe kühlen Du -- Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei +schiefen Beinen. -- Und der Herr Schultze -- der selige Piepvogel mit +einem Gesicht -- wenn man's auf einen Stock schnitt, könnte man einen +Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen +-- hundemüde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit +der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen +und den Hals zu brechen.« + +»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein +Herzchen -- was dumm ist muß geprügelt werden, und anstatt lieber +den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande +umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen, +mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann +Wochenlang durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an +einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn sie Einem +wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich +umzukommen.« + +Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten aufgeweichten +Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, stützte +den Kopf in die Hände und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen +Brauen eine ganze Weile vor sich nieder. + +Er sah auch traurig aus; -- den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild +im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der +Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen +Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid, +das ihr der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn +oder Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das +geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; wie die Katze die +Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand +hatte je gesehen daß er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte +er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht +an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt +und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glänzende +Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, der alte Filz, der keine Façon mehr +zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden +befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel, +und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten +ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen +das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde +starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze +semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden +Streifen über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten +Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen sie +lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen. + +In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor +verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren wie ein wild gewordener, +der Civilisation abtrünnig gewordener Scheerenschleifer, Haß und Groll +gegen die ganze Welt -- die er überhaupt noch nie lieb gehabt -- im +Herzen. + +Ein Schuß! -- Zachäus fuhr in die Höh, als ob _ihn_ die Kugel getroffen +hätte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nächste +Geräusch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige +Secunden später, sein Ohr erreichte. + +»Hallo! _hupih_! -- hallo!« schrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften, +»he! hallo! hallo! hu -- _ih_ -- _ahoy_!« + +Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich +darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte. + +»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser +gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« brummte Maulbeere +vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es so eine +verdammte Rothhaut wäre, die eben solchen Hunger hätte wie ich. Aber +einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie +hier madennaß vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein +Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.« + +Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, und nicht +lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter Hund durch die +Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn +an, und gab dann Standlaut. + +Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen sich +aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen nichts anderes thun +als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und +knackten die Büsche und ein Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen +eben geschossenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden, +wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und kam, die wunderliche +Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf +Maulbeere zu. + +»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser +Arkansanischer Freund, »wie zum Henker seid Ihr mit _dem_ Fuhrwerk da in +die Gründorn-Flat gerathen?« + +»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines +hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte, +»fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe -- hier in der Gegend +wissen die Leute wohl gar nicht was ein _Weg_ ist?« + +»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem +Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in +Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? -- was habt +Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?« + +»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen habe und +ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,« brummte +Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's bis zum nächsten Haus?« + +»Kaum eine Viertelstunde -- wenn Ihr _hier_ übernachtet habt, konntet +Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören -- wo habt Ihr geschlafen?« + +»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr den Spuren +nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewühlt, dann +kommt Ihr zuletzt zu einem Baum -- irgend ein weitläufiger Verwandter +von diesen hier -- auf dem hab' ich gesessen!« + +»Oben im Baum?« lachte der Jäger. + +»Wenn ich _drunter_ gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner +Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den +anderen sauber verscharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.« + +»Unsinn Mann -- Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde +schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzböcke nicht auffressen, +die Panther thun Euch Nichts.« + +»So? -- es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum +gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte +vorgeheult, heh?« + +»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule gewesen sein; in dieser +Jahreszeit schläft sich's wundervoll im Wald.« + +»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den Zähnen durch, +»wundervoll im Wald schlafen -- wer eine Leidenschaft dafür hat. Mir +ist's lieber ich erfahre es erst am nächsten Morgen, wenn's in der Nacht +geregnet hat.« + +»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch und durch naß +-- es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht +einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt +es nur hier herüber mir nach.« + +»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier häuslich +niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch -- »das +Dornenwerk hält wie Ankertaue.« + +»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein langes schweres +Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum +mit leichten Schlägen durchhauend, »so -- so -- so -- jetzt versucht's +einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad +nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen, +und dann habt Ihr freie Bahn -- gehts?« + +»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,« +sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend, +»so gebe ich mein Geschäft auf und gehe unter die Millionaire -- hol der +Teufel das Scheerenschleifen.« + +Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Ansätzen den +schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er +rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er +hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein +Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber +vorspannte. + +»So -- nun noch einmal -- a hoy -- alle zusammen!« + +»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von +den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen +Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere +allein fortbringen konnte. + +Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes +Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse Kaffee aber gesprächiger, +erzählte dem Jäger welcher Art sein Geschäft sei, was er thue und +treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten +schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten +Schilderungen der westlichen Staaten verführt worden sei auch _hier_ +sein Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben werde, +so rasch als möglich wieder fortzukommen. + +Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche mürrisch-drollige +Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte, +daß er sich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren +können, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nähe der +Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine +fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit +von dem Gouvernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen +Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei. + +Maulbeere horchte hoch auf -- von den Camp-Meetings des Westens hatte +er schon so viel gehört, daß er selber gespannt war einer derselben +beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden, +führten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen +verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was +da sonst noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von +solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und daß er sie +nicht versäumen würde, fest entschlossen. + +Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens keine +Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine alte Reisegefährtin, mit +ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten +um zahlreiche dort entzündete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an +der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges, +fröhliches Aussehn -- und wie ernst doch war der Zweck der sie hier +versammelt. + +Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg +nach Little Rock zurück und -- klagte nicht etwa gegen die Farmer und +Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm selber +geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen +von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den _Verkauf_ seiner Farm +wie seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes +betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und +durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den östlichen Staaten +hierhergekommenen Burschen, für den halben Werth gegen baar Geld, womit +er Arkansas verließ. + +Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove +hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin +getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen +der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt +habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn +es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, bis sie den +Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von diesem +Eigenthum ihre »#range#« verlassen solle, in andere Hände überzugehen. + +Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock +zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in seinem guten Recht« +durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stören zu +lassen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher +Proceß entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie +schützende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich über +Jahr und Tag hingezogen, _gegen_ die Squatter entschieden und ein Termin +zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki +gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit den +dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden, +Rindern und Schweinen, öffentlich und an den Meistbietenden verkauft +werden sollte. + +_Der_ Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche +Geistliche, sogenannte #circuit riders#, die von ihren Consistorien +ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten Distrikte, in denen +keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich +entschlossen für den nächsten Tag eine schon längst beabsichtigte +»Betversammlung im freien Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja +ohnedieß eine Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade _diese_ +Gelegenheit eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald nur viel +Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken +-- Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der +Geistlichen -- recht reichlich ausfiel. + +Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten, +finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die +Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich große Zahl +städtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die +theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den +Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht +gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund hinter sich, +ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch +und auf das Haus zu, in dessen Thür ein junges, bildhübsches vielleicht +vierzehnjähriges Mädchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hände +entgegenstreckte. + +»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas bleich und angegriffen +aussehende Kind entgegen -- »wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie +endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie -- Sie +würden --« + +»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, gutmüthig ihre +zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend -- »nein +mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist +deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden +verkaufen müßten, sie Dir zu erhalten -- wohin es aber nicht kommen +wird. Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?« + +»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht -- die vielen Menschen da draußen +machen ihr Angst -- sie hat stärkeres Fieber heute gehabt, und ist vor +einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.« + +»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« sagte der Jäger, +dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend -- »ein junger Truthahn, aber +feist wie Butter; die ißt Du ja so gern. Doch dem Mann da, -- ein +Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat -- mußt +Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er +sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die Sonne +legt. Hast Du etwas für ihn?« -- + +»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer, +ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.« + +»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß +schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel für +Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der +die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und +wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name? +-- Mowlbare -- wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl +mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben -- einerlei _wie_ +man uns ruft, nur nicht zu spät zum Essen!« + +Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen -- seinen Karren draußen vor +der Thür stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf, +strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene +sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die +Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte. + +»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der Eimer und das +Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig +Seifenwasser der Physiognomie und den Händen des Fremden eben nicht +schaden könne. + +»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe -- »ich bin die +Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet -- Kaffee +ist mir lieber.« + +»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen +Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend -- »Ihr seid herzlich willkommen +zu Allem was wir haben.« + +Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile wurde weiter +Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen +noch einige aus Olnitzkis Nachlaß übrig geblieben waren und über die +sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes, +weit anderen Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg +gefunden haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen +sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose und +oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben +Schiffe von Deutschland erst herübergekommen wäre. Die Lebensmittel, +besonders der heiße Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu +sehr in Anspruch, sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern, +und wieder und wieder mußte Jenny die Tasse füllen. + +»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und +sinnend über den kleinen Raum geschweift waren -- denn das vergoldete +Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das +Haus nachher zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen, +Herz.« + +»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd, »Du lieber +Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut daß wir +_Nichts_ haben auf der weiten Welt.« + +»Hast Du _gar_ kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb erstaunt aber +recht freundlich anschauend -- »_gar_ Nichts, nicht ein ganz klein +wenig?« + +»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig -- »einen +Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter schon vor langer langer +Zeit gegeben.« + +»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß Du reicher bist wie +Du Dich machst? das ist vollkommen genug.« + +»_Ein_ Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.« + +»Jawohl, und noch dazu in Silber.« + +»Aber was soll ich _damit_ anfangen?« + +»Nun die Farm und das Vieh kaufen -- ganz Arkansas kannst Du freilich +nicht dafür bekommen.« + +Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thräne zu +unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht +kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre +Schulter und sagte freundlich -- + +»Es _ist_ kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr, +Du mußt den Anfang machen. _Fürchtest_ Du Dich wenn ich dabei bin?« + +»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich -- »aber ich begreife nur +nicht --« + +»Wirst das schon Alles noch erfahren -- welche Zeit haben wir jetzt?« + +»Bald elf Uhr, nach der Sonne.« + +»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, um elf beginnt +die Auktion -- wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr. +Mowlbare können heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber« -- setzte er +ernster und fast wie drohend hinzu -- »wenn ich Ihnen zum Besten rathen +soll, so bieten Sie nicht mit.« + +»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich -- »spüre für jetzt noch +nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen -- aber hinaus +darf man doch kommen?« + +»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche Gesellschaft +da finden;« und seine Büchse schulternd, während er dem Mädchen freundlich +zunickte, verließ er rasch das Haus. + +Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die +verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch +wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn selber herbeigebrachten +Pferde, die dort ausgehobbelt -- d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen +-- an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und +immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten. + +Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen war +den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von +»Stadtleuten« versammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld +weg, denn der jetzige Eigenthümer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis +los sein, und die Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen +guten Werth. + +Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines +Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte man wohl leise hinter +ihm her, daß das der Mann sei, der den frühern Eigenthümer dieses +Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in +Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte +zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen, +selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die +Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten +mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren +Volkes hatten, so wenig als möglich in Berührung kommen, und waren +vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie +sich auch eigentlich darüber wunderten. + +»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, »es wird etwa elf +Uhr sein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die +Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurückzukehren, +Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an +dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.« + +Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese +Worte an die ihm Nächsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe +darauf zu erwiedern, seine Büchse von der Schulter. Zugleich spannte er +den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nächsten +Eichen, und bei dem Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das +sich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich +von einander geschossen herunter zu Boden. + +»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht +wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung mitten zwischen sich +machen sollten -- »ein vortrefflicher Schuß!« Der Sheriff nur wandte +sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, sagte +aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem +zu nehmen, stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte +sie, und lud sie wieder. + +Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; überall +raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den +schmetternden Hufen einer heranstürmenden Anzahl Pferde, nach denen +sich die hier um die Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt +umsehen konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten, +fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins +gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, ihre Messer an +der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne +im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten +Filz- oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme +wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden +Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem Mal von allen +Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, sämmtlich Nachbarn hier und +Squatter dieser Niederungen, herangekommen, daß der Schuß des Einen von +ihnen jedenfalls das _Signal_ für Alle gewesen sein mußte, die schon +lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen +kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach _einem_ Entschluß, +so war der jedenfalls schon früher verabredet und besprochen, und +bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt +von den Pferden, hingen die Zügel der scharrenden, stampfenden Thiere an +den nächsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann, +ihre Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise +umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie diese von allen +Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill +Jones, Sam Houston und überhaupt das ganze »#settlement#« oder die +Nachbarschaft -- Keiner fehlte. + +Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von +Little Rock diese »Demonstration«, für was er sie nicht ganz mit Unrecht +hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten +oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren +Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne +diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger eine +Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das +stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls auf keine Störung +schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der +Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die schon wußten daß +der Verkauf nicht mit dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen +fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt +entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon +genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu +hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz +abgehauenen Baumstümpfe tretend, die Versammlung besser übersehn zu +können, zeigte er dieser mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm +jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem +bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley +aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern +und Schweinen in _einem_ Gebot an den Meistbietenden losschlagen würden, +wonach es dann dem Käufer überlassen bleibe, wenn er es für gut finden +sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern. + +»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore mit seiner +tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Büchse auf +einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier +unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an +die Versammlung zu richten.« + +»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« sagte der +Sheriff -- aber von allen Seiten rief es »doch, doch! sprecht Sir -- was +giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe beißend, schwieg. + +»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, »denen nur die +es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen daß Farm, +Pferde und Vieh von dem früheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen +anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es +seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im +_falschen_ Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren wurden.« + +»Mr. Rosemore« -- unterbrach ihn der Sheriff. + +»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« sagte der alte +Mann ernst und fuhr dann langsam fort, »die Frau wie wir Alle hier +wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer +seine Squaw behandeln würde, stammte aus einer edlen und reichen Familie, +und hatte mit _ihrem_ Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und +Viehstand, von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht, +gekauft -- aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat +ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe erreichte, einen +armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen +Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er +seine arme, kränkliche Frau mishandelte und _schlug_. Der Mann hieß +Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere +Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der +Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester +nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem sämmtlichen Viehstand +geschenkt. Wir Nachbarn erklärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt +habe die Farm, die seiner Frau gehörte zu _verspielen_, die Gerichte in +Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener +Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis +gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff ist heute herübergekommen, +Land und Viehstand an den Meistbietenden öffentlich zu versteigern. +_Das_, Mitbürger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn« +-- setzte er mit lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind +die Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.« + +»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff heftig. + +»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore -- »auf die Gebote, und +ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen -- seid doch so gut und führt das +arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein -- es fürchtet sich +sonst näher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und +machen ihm Platz!« + +»Oh ja wohl -- mit dem größten Vergnügen!« riefen die dem Haus zunächst +Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm +Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflüsterte, an die Hand, und +führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine +Gasse für sie öffneten. + +»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der +Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern über +den ganzen Kreis hinüber zu -- »ich habe die Nacht einen schändlichen, +nichtsnutzigen Traum gehabt -- mir träumte ein feiner Bursche mit einem +Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er +im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen +Fleck mitten auf der Stirn.« + +»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »_Dein_ Traum hinkt, denn ich +habe geträumt _es hätte gar Niemand mitgeboten_!« + +»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung +auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff hitzig ein, »oder +ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem +Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.« + +»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore ruhig -- »es +wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden -- daß sich ein paar junge +Burschen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.« + +Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem +Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, ein späterer Termin +würde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat geführt haben, die Käufer +hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite, +und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten +Äcker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen, +die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die +Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein. + +Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen +drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen herüber, und man konnte +das _Athmen_ der Menge hören. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem +jungen Mädchen nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu +und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren, +blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter, +aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend: + +»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.« + +»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße stampfend, +»wir haben hier kein Kinderspiel für müssige Leute -- ein Viertel +Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen muß, nur den halben Werth +zu erreichen.« + +»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf hat begonnen +-- thut Euere Pflicht Sheriff!« + +»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!« +schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte +geben durfte, den Männern gegenüber. + +»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore ruhig, »Jenny +wird es wohl für den Preis bekommen.« + +»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden +Augen, »hebe ich den Verkauf auf!« + +»Ein Gebot _ist_ geschehn!« schrie da Einer der jungen Backwoodsmen, +derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der +Büchse in den Kreis springend, »wir Männer von Arkansas sind eingeladen +worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein +Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend +seid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?« + +»Nein -- Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten mögen uns +Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und uns die Farmen unter der Nase +ausbieten lassen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß +sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um +einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken sie +heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.« + +»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der alte Rosemore +wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder +glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir +noch zur #Campmeeting# zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu +Hause etwas essen.« + +»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, »Sie +werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz +und sein starker Arm _schützt_ Sie in jedem Gebot das Sie machen, und +meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der +dieß Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz +desselben gelangen soll.« + +»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman wieder über den +Kreis hinüber. + +»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff hat ja seinen Hals +verpfändet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.« + +»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten Mal der alte +Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann +thun _wir_ es -- überschreitet Euere Pflicht nicht, denn _wir_ sind hier +herbestellt, und verlangen den Zuschlag für den Käufer.« + +»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber der Sheriff, +jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich zwingen?« + +»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, »glaubt Ihr, +daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und +herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die +Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel +Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu, +so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer +seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen soll.« + +»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff zwischen den +Zähnen durch -- wagte aber selber kein höheres Gebot -- »Gentlemen ich +wiederhole es hier nochmals -- das _Gesetz_ schützt Sie in jedem Gebote +das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten _darf_ und wird +sich dem widersetzen, denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf +sein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den +Verkauf -- _zwei Bits_ sind geboten, und ich erwarte daß der zweite +Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird -- _ich_ +-- das _Gesetz_ steht ein für sein gewahrtes Recht.« + +Alles schwieg -- der Amerikaner läßt selten lange auf sich warten, wo +sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen +Gestalten hier umher -- das Blut das schon unter diesen Bäumen geflossen, +ohne daß selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die +Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten +Traum lag -- hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle +Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind -- wie das _Gesetz_ auch da +geurtheilt -- die Farm gehören müsse -- Keiner bot. + +Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu _einem_ Gebot zu +treiben, dem dann leicht andere folgen würden -- umsonst und endlich +selber gereizt, und wüthender fast über die herübergekommenen Käufer als +über die Squatter selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos +standen, denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten -- mit bleichen +Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken: + +»Gut -- wenn Ihr Alle denn zu _feige_ seid Euer _Recht_ zu wahren, +und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld +wenigstens für das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken +läßt, was kümmerts mich. Also,« und seine Hand hob sich dabei sie zum +Zuschlag sinken zu lassen, »ein Viertel Dollar ist geboten -- ein +Viertel Dollar zum ersten -- kein Gebot weiter? -- ein Viertel Dollar +zum zweiten« -- eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern +der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor +dem Hause hören -- »ein Viertel Dollar zum zweiten, und --« die Hand kam +nieder, und mit der Bewegung das Wort: »_zum_ -- _Dritten_!« + +»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen +um ihn her -- »piff, paff,« gingen die Freudenschüsse hoch in die Luft, +und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Büchse schwingend, +griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende, +und seinem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und +trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn +hinein. Alle Hände streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen +standen Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause +zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin. + + + + +Capitel 2. + +Maulbeere in der Betversammlung. + + +Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte dem jungen +Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer, +die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das +Alles nun mußten wie ein schönes Traumbild unter den Händen selbst +wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas +verdutzt und unbehaglich da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht +sie dazu machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche +Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume geflochten, +wahr machen _könnten_, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen +Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen, +und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz +zu nehmen, wär auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der +New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren. + +»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« sagte da der Eine +von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann hatte ganz recht -- man kann +doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen +wegkaufen, und sie in den Wald setzen? -- ich wenigstens möchte das +nicht auf meinem Gewissen haben.« + +»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; was für ein +hübsches Mädchen das einmal wird -- und wie bleich sie aussah.« + +»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte ein Dritter, »und +ein gutes Wort findet einen guten Ort -- die Leute waren klug genug daß +sie nicht wirklich drohten.« + +»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief der Erste wieder, +»was hätten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's +besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine +bekommen hat.« + +Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer des +Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche Verhandlung +interessirt, überlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen +Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben +solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen +stumpfen Messer und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen, +als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die +Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel sprangen und mit einem +wilden _Hupih_, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt +nach _einer_ Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte +Rosemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo +sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben. +Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem +Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er +lachend: + +»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?« + +»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie einmal wieder eine +Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben haben --« + +»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' es wohl -- aber +die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den +armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder +morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es +Euch recht ist, gehen wir zur #Camp meeting# hinüber, nicht weit von +hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in Gang, könntet Ihr +die Leute selbst hier jauchzen hören.« + +»_Jauchzen_ hören?« frug Zachäus verwundert. + +»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf +hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden +die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten, +daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen +Weideplätzen zulaufen konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und +folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, und wenn +Ihr nicht _beten_ wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß +versprechen.« + + * * * * * + +Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald; +wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den Zweigen herüber- und +hinüberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort +sonst seinen ungestörten Äsungsplatz hatte, als er heute langsam und +vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf +emporwarf, die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und +schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so freudig +wieherten und den Boden stampften, und der grüne Rasen ringsumher auf +der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich +das drängte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten +fröhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County +zusammengekommen. + +Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich, +die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier +zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen +aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher, +sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen +am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren +Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen +Seiten strömten sie herbei, die Frauen fest im Sattel -- und wenn es +auch kein Damensattel war -- ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich +auf dem Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie immer. +Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit +Rinden- oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit +herüberbrachten, die sie allein für diesen Zweck bestimmt. Hier waren +Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen +Stücken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz, +dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden +abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nässe +herzustellen; aber überall herrschte Leben und Thätigkeit. + +Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue +Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grünen rauschenden Wipfel, und +emsige Frauengestalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf +-- gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend -- so fleißig +an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten. + +Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher #Camp meeting#, +und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu +gehn und die Pferde zu suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten +tausend und tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter +keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen dürften. + +Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts -- sie +waren überdieß so lange nicht gebraucht, und #Marys colt# schon ganz +lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens, +dieses Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip -- und was für eine +süße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen +sprach -- wer hätte da ungerührt bleiben können. + +Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden +und Ungläubigen sagte, wie der dem bösen Feind, #alias# Beelzebub zu +Leibe rückte und ihn aus dem Felde schlug. + +Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn +-- lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und +ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wären, konnten sie ja +auch nur dort erfahren. + +Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben +Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die anders zeigen oder +tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten sie +nicht wenigstens einmal erst die »priesterliche Weihe« erhalten? + +Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht auch wirklich übel +dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, ja selbst in dem +einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Straße liegt, kann sich das +junge Mädchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung, +daß sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind +oft liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle +Gesichtsbildung und die, mit nur _sehr_ seltenen Ausnahmen fast +untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald +aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt +abgeschnitten, wo sollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider +zeigen, und zeigen _müssen_ sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest« +oder »#Quilting frolic?#« wie selten kommt das vor, und wenn's +geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher -- einmal, zwei Mal im +ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer. + +Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und +welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem +derartigen Fest ohne wenigstens noch _ein_ anderes Kleid, manchmal drei +und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechselt werden können. + +Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine #Camp +meeting#, die nicht nur einen einzigen Abend und im günstigsten Fall +eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten +gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute +aus der _ganzen_ Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu +sehen, miteinander zu plaudern -- und mehr als das. Mancher Funke ist +bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen, +und hat gezündet für Lebenszeit -- wenigstens gebunden; überdieß mußten +die jungen Männer dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken, +fluchen und schwören, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen +allerdings gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad +betreten, der zu der Liebe der Auserwählten führte. + +Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn +der Geist dann erst noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden +Hören oft und Sehn. + +Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; daß +hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst +eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz +der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte. +Die Lagerfeuer sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und +die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein +großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts von dem Platz, am +Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer riesigen Eiche +stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die +mit Laub und duftenden Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das +Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer, +und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren +Kreis. + +Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung +der Plätze den Kopf zu zerbrechen -- vielleicht dienten sie zu +Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem +flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen Gruppen, +schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Führer +zu kümmern, mitten in den Kreis hinein, begann plötzlich mit lauter +gellender Stimme, aber natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren, +Künste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später +die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen zu sehn. +Maulbeere war auch in der That für diese Waldbewohner ein Gegenstand; +er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter +den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende +Ähnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit +des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem +Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die +Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen +mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverstanden sein, oder ihn +vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz. + +Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer +wurden ihm so viele gebracht, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte; +auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen +vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er +sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen. +Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten, +zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über ihn kicherten, und sein +Rad schwirrte und zischte, während seine Zunge noch viel rascher ging +als das Rad. + +»_Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!_« -- ein freudiges Gemurmel lief durch +die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drängten jetzt rasch +und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben +Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich +in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast +wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann, +und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen. + +Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte für +jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder +lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem +Vieh und verirrten Schaafen -- in der geistigen Bedeutung des Wortes +-- und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Sünde +der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder +hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem +Menschen. + +Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche, +Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des +Herrn hätte vergleichen können, so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken +aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls. + + [Illustration: Capitel 2.] + +Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings ihre geistigen +Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, und es manchmal sogar für eine +Sünde zu halten schien, selbst der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften +abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und +Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem +bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lächeln +und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert +haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch +ängstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne +aus, sie zu retten. + +Mr. Sweetlip hatte übrigens die »#meeting#« zu eröffnen und zu begrüßen, +und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige +Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete +er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die +Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott +zu erheben und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen +Zusammenkunft erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen Schaafe +zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie +er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen +angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren. + +Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser Sache Scherz +treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und +Thränen standen auch schon in vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen. +Um sich dessen aber zu vergewissern, drückte er sich durch die +Andächtigen, seinen Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle +zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer +Eiche lehnen und der Rede horchen sah. + +»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, »was der fromme +Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur _bildlich_ +dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« vielleicht wirklich gebraucht +werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und +möchte mich gern belehren.« + +»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman +seufzend -- »ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben +der Leute; soviel aber ist gewiß, daß sie die Fenzen oder Pferche, wie +Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da +oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem +finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen ist +-- wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!« + +»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere etwas erstaunt, denn +das Äußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht -- + +»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack mit einem etwas +bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little +Rock, als plötzlich _der Geist_ über ihn kam, wie sie es nennen, und er +zu predigen anfing. Er hat eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und +wenn er nur anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und +Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man +bei uns die »wandernden Krämer« nennt -- betrog alle Welt mit seinen +Yankee-Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte, +und -- wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen +Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um, +wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing +ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner, +die wir hier zu hören bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn +nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich +kaum noch sehn lassen. _Ihre_ Sammlungen fallen auch -- jedenfalls die +Hauptsache -- immer am reichlichsten aus, und für ihre _milden Zwecke_ +nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und +Honig und Bärenfett. Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach +der Kanzel winkend hinzu -- »jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran -- es +wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres +Gesicht.« + +Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine Büchse, +drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den +Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern +begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich +ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern die +Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. Mit wilden +Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die +dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die +nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von +den in wilder Aufregung zitternden Lippen. + +Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig machte, war +aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, drängte sich, so weit +sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu +verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die +sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und +wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere +Krämer gewesen, der _Geist_ genügte -- wenn der Geist kam mußte der +Körper gehorchen! -- Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hörte +sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend offen, sein +inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem +Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen +»Gedankenkasten« mit einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten. + +So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der +morgenden _Schlacht_ gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und +seinen Helfershelfern angekündigt hatte; seine »Krieger,« wie er die +Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem +schweren Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen +auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus +Kampf und Ringen hervorgegangen wären. + +Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm +nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer +bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in +der That nur herübergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten +konnte, und nicht allein ziehn lassen _wollte_. Frauen sind überhaupt +in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings +aufgehoben. + +Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine Familie, +die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele +Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die +sie bei sich führten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte, +war Kirchenältester, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der +oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und +allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich +Maulbeere noch _vor_ dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, den +die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die +Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe, +mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott +und heiligen Geist empfangen habe. + +Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte sich mit zu +seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzählte ihnen dafür seine +Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefährten +Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht +verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wissen wollte -- daß nämlich nicht +etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden, +sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte ausersehen, +oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sündhaftesten Lebenswandel +heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen +hätten, und Lichter geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf +dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein +Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der +hohen natürlichen Begeisterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus +einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen +in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn. +Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen +die sündhaften Ungläubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine +Menge anderer Sekten anzukämpfen, aber das Ziel war glorreich -- sie +_mußten_ endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange +blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken. + +Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste dem mit der +gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und +wie dieser spät am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur +Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschützer heranschob, und +dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien +ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren +zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, und er kniete +immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann, +in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich +führte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den +ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und +war bald sanft und ruhig -- ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet +-- eingeschlafen. + +Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere +hätte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen, +selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, saß gleich +vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien +sich wirklich nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des +Kirchenältesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige +Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich +und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation bedürfe, und die nur +allein durch das Wort Gottes erhalten könne. Übrigens sei es ein +erfreuliches Zeichen auch unter den _Deutschen_, die sonst nicht in dem +Rufe ständen, viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden, +die eine rühmliche Ausnahme davon machten. + +Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu +ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, und es war für +Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu +sehn, wie sich die _Brüder_, in Liebe und Freundschaft darum stritten, +die ehrwürdigen Herren an _ihrem_ Frühstückstisch bewirthen zu dürfen, +wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und +Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte. + +Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die aber bis zum +Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den +allergewöhnlichsten Phrasen, in der allergewöhnlichsten Art vorgetragen; +entweder _konnten_ die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten +sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer +überhaupt mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich +sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner +Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch +seinen alten grünen und wie glasirten Rock gestört worden waren, +schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem +Redenden. + +Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen +Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die +Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und +konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei +Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit +geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer +kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann +die Predigt auf's Neue -- jetzt aber mit einem andern Geist. + +Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die +Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt hätten, wie der +Geist heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in +den vordersten Reihen. + +Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige Mr. Sweetlip +seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern die Orte auf dieser Erde zu +schildern, wo den armen schwachen Menschen Verführung umlauere, ihn von +der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den +sie auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel +größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieser Welt +durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer +unendlichen Wollust und Seligkeit fülle (und er selber führte sich dabei +zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in +einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der +Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so sie hier den +sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre Augen nur nach dem +richteten _was Gottes_ wäre. Auch hierbei ließ er sich in eine nähere +und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie +sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender +und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu +Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah +singen würden. + +Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese +fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, warf den Kopf herüber +und hinüber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von +Krämpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine +Hausapotheke die er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist +und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere +entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß kommen +konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne +auszustoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing +es an zu ächzen und zu stöhnen und die Ausrufe -- »#Oh Loooord -- glory +-- glory -- happy -- happy -- blessed Jesus!#« wurden nach allen Seiten +hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam ausgestoßenen +Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß der Predigt, die in einem +langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andächtigen, und die Frauen +hielten ihre Taschentücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das +größte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit +geschildert wäre. + +Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt, +nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf +die Kanzel, übersah mit einem, über die Massen schweifenden finster +drohenden Blick die Versammlung, und rief plötzlich, zu voller Höhe +aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder +Stimme: + +»Brüder und Schwestern -- Mitbürger -- Mitchristen -- Sünder +-- _nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder_ -- der Tag der Rache +ist nahe!« + +»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der +doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem +körperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung, +einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei. +Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er +seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung nachzudenken, +und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und +sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck +seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa +gesagt hätte -- »ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen +bekommen.« + +»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleißiger +Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und +Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glühenden +lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die +Plätze der Seligen vorgeführt, wohin die _Guten_ einst kommen werden. Es +_giebt_ einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie ich Euch +wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch weiß es -- es steht +mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst +das zu wissen -- Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen +Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der +ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten +Thatsache, überzeugt, _daß_ es einen Platz giebt, wohin die Guten, die +Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie, +geliebte Brüder und Schwestern, verleiht diesem Platz die höhere Wonne, +nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über +den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr. +Sweetlip geschildert hat -- Aber« -- rief er plötzlich, und unterbrach +damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie +gesprächsweis gehaltene Rede -- »_aber_,« donnerte er noch einmal, +mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, »aber _wer_ sind die +Gerechten? -- _wo_ sind sie? -- wie viele oder wie wenige sind es ihrer? +-- Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein +Licht findet es, wohin es schweift -- mein Ohr lauscht auch dem leisesten +Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!« + +»Oh Loooooord!« -- stöhnte Maulbeere's Nachbarin wieder. + +Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er +jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit +der ewigen Glorie zu decken -- sie wären _Alle_ Sünder, schlechte, +miserabele, elende Sünder vor dem Herrn -- keiner, der bestehen würde +vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie stürben, würden sie es den +ersten Tag bequem haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief +hinunter zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen, +dann aber -- dann -- + +»#Oh gracious Looooord!#« stöhnten die Stimmen rechts und links +-- »#merci, merci -- merci!# Gnade! -- sei gut zu uns Herr, sei gut +zu uns!« und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und +taumelten mehr als sie gingen unter dem #glory#-, #glory#- und #happy#-, +#happy#-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers +stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brünstig, nur von +einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen. + +Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn +an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer +wieder nieder. Das Gestöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je +wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder, +dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und +drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer ein ähnliches Schicksal zu +prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder +umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme, +vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch +und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die +Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen sähe, die im +ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die Arme umsonst flehend, +Hülfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da +erreichte der Aufruhr und Lärmen einen furchtbaren Grad. Die Leute +sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen +um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt +fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen Regionen +niedergeführt zu werden. + +In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die »Böcke« mehr +und mehr angesammelt -- es waren die, die sich als die größten, +nichtswürdigsten Sünder erkannten -- und lagen hier auf den Knieen, +rangen die Hände, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort +wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen, +was sie hätte halten können. + +Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren. + +»_Da_ kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger +niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, (Männer +und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) und sein Auge schoß Blitze, +seine Gestalt hob sich höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal +in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht +mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar +hineinzuspringen -- »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der +hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder +Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in sein +Reich der Verdammniß!« + +»#Oh L--o--o--o--o--o--rd -- merci -- merci!#« schrieen die Frauen +wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken anfingen ängstlich umzusehn, +und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen +-- »habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem +Teufel -- rette uns vor dem ewigen Feuer!« + +»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme +nieder in den Lärm und Aufruhr -- »Gnade wollt Ihr? -- Gnade für Euere +_Sünden_? -- Gnade für Euern _Unglauben_? Gnade für Euere verderbten und +verstockten Herzen? -- der Fluch _Gottes_ wird Euch treffen am jüngsten +Gericht -- niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch +jetzt am stolzesten und höchsten wähnt -- niederschmettern in ewige +Verdammniß und Nacht und Finsterniß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht +über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und _dort_ steht er!« +schrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen +den Wald hinauszeigend -- »dort grinst er herüber auf Euch und fletscht +die gelben fürchterlichen Zähne! -- dort steht er und schüttelt sich vor +Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald +eintreiben kann in sein höllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm +verfallen sind durch ihre eigene Sünde und Lust und rettungslos, +rettungslos verloren gehn!« + +»#Merci -- merci -- glory -- glory -- oh Looooord!#« schrie und stöhnte +die Schaar wieder, und ein solches Wüthen und Drängen und Ächzen und +Winzeln begann zwischen den Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die +Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie +im Ernst waren, oder sich nur verstellten. + +Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten Grade gestiegen. +Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten +ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er +hatte aufführen können war geschehn -- der Teufel stand mit gekrümmten +Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine Opfer; _der_ Schrecken +mußte jetzt wirken und dann _die Möglichkeit_ der eingeschüchterten +Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn. + +»Fühlt Ihr Euere Gefahr? -- erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?« +rief der lange finstere Mann plötzlich wieder mit nicht sehr lauter, +aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, »habt Ihr +das schwarze Meer, mit seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das +über Euch hereinwälzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? -- _fühlt_ +Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die +schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der Engelein +Gnadengebet ersticken könnte? -- _fühlt_ Ihr sie? wißt Ihr daß Ihr +_verloren_ sein müßtet -- rettungslos, erbarmungslos für immer und ewig, +wenn Ihr nur das bekämt was Ihr hier _verdient_? nur dem _gerechten_ +Richter gegenüber?« + +»#Oh Looooooo'od a massy!#« schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende +Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter +auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wäre. Niemand bekümmerte +sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein +Glied zu rühren. + +»Aber _noch_ ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden Stimme, +wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend durch den Wald -- »_noch_ +ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, noch hält der Engel der Gnade +die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden -- _noch_ ist es Zeit +Mitbrüder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des +Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch +Wahrheit werden -- _noch_ ist es Zeit Gentlemen -- Brüder, Schwestern, +Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in +sein altes Geschäft, das Auktioniren, gefallen wäre und eben noch Raum +fand wieder einzulenken -- »_noch_ ist es Zeit -- kommt, kommt, kommt zu +dem Herrn -- kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus -- kommt -- oh kommt +in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß +-- kommt!« + +»#Glory -- glory -- happy -- happy!#« brüllte und tobte da plötzlich die +Masse -- »#blessed be de Looo'd# Dschisos!« schrie die dicke Negerin mit +einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere +auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall +zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los +-- Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die Röcke vom Leib, +die Tücher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die +Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen, +große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen +drängend. + +Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im Entferntesten +eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, daß er sich selber +hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man selber gesehn und erlebt +haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es +wirklich geschehn sein _könne_, ob nicht ein toller Fiebertraum uns +geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns +solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres, +Unnatürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo +der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwärmer +sprechen soll, und diese sich auf der Erde wälzen, die Fingernägel in +den Boden einwühlen, den Rasen beißen und #glory, glory!# schreien, Ruhm +dem Herrn in der Höhe! + +Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem +Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der »Geist« über +sie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr +billigen Ruf großer Religiosität erlangen, vielleicht Einlaß in manche +Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben +wäre. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, _sehr_ viele in +Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur +durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung +und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewußtlosen +überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrückt und von +einem anderen, außer-, und jedenfalls überirdischen Wesen begeistert +wähnen.[2] Fieberanfälle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte +Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo +sich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte, +mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen +Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich +den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind, +und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht +tüchtig auszuschrein. + +In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die den heiligen +Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man sich mit +Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwürdigung abwendet, und +doch fühlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher +Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den +Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten _Schaafe_ +zählen, bestärkt. + +Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in _solchen_ Fällen +hinlänglich und stark genug bezeichnend ist -- er genügt mir sehr häufig +bei uns nicht einmal. + +»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger Geist komm +-- senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns -- #glory, happy, happy, +happy!#« + +»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne Stimme, so +scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, daß sich selbst von den +augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend, +nach der Stelle umsahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut +ertönte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames +Schauspiel. + +Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während die dicke +Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und +abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf +der er bisher gesessen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren +des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum +Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und +tobte ärger als Einer der Anwesenden sein #happy -- happy -- happy# dem +grünen Waldesdome entgegen. + +»Dort ist _noch_ ein Schaaf!« schrie der Geistliche von der Kanzel +nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und +mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an +dem Fremden beobachtend -- »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf +das zur Heerde zurückkehrt -- ein Lamm das sich in den Händen des Herrn +vor den Krallen des Teufels bergen will -- eine Taube, die den Fängen +des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. -- Oh komm -- komm Lamm +Gottes -- komm in den himmlischen Pferch -- komm in die Arme des +Heilands, die sich liebend und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken -- oh +komm -- oh komm! --« + +»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, plötzlich seine +Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der +dicken Schwarzen zu befreien -- »ein nichtswürdiger, verstockter Sünder +-- eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle -- der rothen, +feurigen, flammenden Hölle.« + +»#Oh do--nt -- do--nt -- oh Loooood#« schrie die Schwarze dazwischen. + +»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung +fort -- »Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die +Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den _Geist_ kommen -- ja +Brüder, ja Schwestern, ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben, +gesegneten Geist!« + +»#Oh glory -- glory -- glory -- happy -- happy!#« + +»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; _das_ ist das Feuer +das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der Sünden die jetzt +verkohlen und verfliegen -- ich komme -- ich komme -- _heih!_« + +Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus -- Augen schienen +aus ihren Höhlen herauszudrängen, die struppigen Haare sahen in diesem +Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporständen, und mit einer +gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn +umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls +#glory, glory, happy, happy# rufend, arbeitete er sich nach dem schon +vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, sprang mitten +in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewühl und Zucken +menschlicher Gliedmaßen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden. + + + + +Capitel 3. + +Der wandernde Krämer. + + +Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grünen +Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flächen, nur hie und da +von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd, +nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe, +üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, und lichte, +rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuschend ähnlich +einer ruhigen See, über die ein leiser Passat die leicht gekräußten, +eben nur sich hebenden Wogen zieht. + +Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu machen, lagen einzelne +kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und +dem Wind sich neigten, und das grüne Wasser darstellen konnten in der +Nähe des Landes, während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere +Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der +Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen Rauchstreifen, die weit über die +Fläche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, während +in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und +Rücken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an +ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe +witternd und schnüffelnd der frischen Luft entgegenhielten. + +Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen Grasspiegel +einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuschung +nicht größer zu machen, sondern mehr fast zur Bestätigung, daß dieß +nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes +Wasser sei. + +»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen +Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und +ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben +Wind und Strömung überlassend. Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt +zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die +langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen, +und gerade auf die nächste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte +zuhalten. + +Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der, +langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und +dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen beschloß. Die ganze Umgebung +des Hauses ließ ihn auch auf Landsleute als Eigenthümer schließen, und +den Zügel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die +Vorderfüße, nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter auf +der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der Hütte auf, und ein +junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübsches Mädchen von etwa +achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend. + +»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, »kann man +ein Glas Milch hier bekommen? -- es ist warm heute und das Wasser in der +Prairie schmeckt schlecht.« + +»Recht gern und so viel Ihr wollt -- grüß Euch Gott,« sagte das Mädchen, +rasch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand +gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit +her unterwegs?« frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen +hob, und einen langen durstigen Zug daraus that. + +»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,« +sagte der junge Mann. + +»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein -- wir haben viel Freunde +drüben, die mit uns über See gekommen sind -- wir wollten auch erst +dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die +Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.« + +»Und es geht Euch gut hier?« + +»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun, +die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleißig gearbeitet, +und da sieht man doch daß man vorwärts rückt.« + +»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?« + +»Ei Gott ja, _viel_ besser; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was +wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften, +daß uns das Blut unter den Nägeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es, +nicht besser; wir _konnten_ nicht erschwingen was wir brauchten, und +langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen +wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir +einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine +groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die +Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich; +was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem +großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir +bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß wir eine +Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon gut. Wo seid _Ihr_ +her, wenn man fragen darf?« + +»Aus Waldenhayn.« + +»Aus Waldenhayn -- Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn, +aber s'ist doch wohl nicht das --« + +»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann. + +»Krisheim -- und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer +von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.« + +»_Der_ Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg. + +»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen und hohe freudige +Röthe goß sich ihr über Stirn und Schläfe. + +»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden von unserem Ort.« + +Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen, +und dann drehte sie sich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen +liefen ihr an den Wimpern nieder. + +»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg endlich leise und +nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder zurück?« + +»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt, +»ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht +wenig mehr daran gedacht -- wenn ich aber den Ort wieder nennen höre, +und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich +dorthin gehört, dann -- dann fängt's freilich wieder an zu stechen, +und -- und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das +alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen könnte. -- Wenn ich an den +Kirchthurm denke und -- und was daneben liegt -- und an die großen +Linden -- nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus +dem Kopfe weinen. -- Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte sie +rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie +uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken +lassen -- aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand, +und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und +-- wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um so +lieber d'rum haben.« + +Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und selbst den Dialekt +aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz +geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und +er hätte den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, so weh +wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen +einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern +Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen +Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen, +wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die +Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden +Gesichtern, und man merkte es ihnen an, daß sie die Arbeit freute die +sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die +Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen +Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana +hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es denen ging, an denen sein +Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern +geliebt hätte, mit festen -- er fürchtete unzerreißbaren Banden hing, +und je länger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und +trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder +zuwandte. + +Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl +hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod +sauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernst dagegen +stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben +sahen, _daß_ sie vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten. + +»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,« sagte der +Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprächs lächelnd, »wie sie uns +manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir +so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen +nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann +welche, und in Deutschland ging das eben _nicht_ mehr an. Das erste Jahr +haben wir uns freilich tüchtig placken müssen, und sind bei anderen +Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander -- es war ein schweres Jahr, +aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die +Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. -- Ganz +ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's +mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der +Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.« + +Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, und mit +dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm +gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte. + +Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm +den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten +auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Straße entlang, +wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche +Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen +Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen bis dorthin, und +kein Haus lag dazwischen, kein Baum -- unabsehbar mit dem wogenden Gras +den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus. + +Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an +dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne +Hickorybäume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches +gaben. Prairiehühner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen +und die kleinen Rebhühner Nord-Amerikas -- ein Mittelding zwischen +Rebhuhn und Wachtel. + +Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst +kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden +Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, und sogar das von ihnen +übrig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz +verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und +selbst die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann +und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lücke +in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch +abzustatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hause gekommen waren, +sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen +eigentlich bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit +eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause +spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn +Jahren schien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf +sie aufzupassen. + +Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die Einförmigkeit +ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause +hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei +bunten, wunderhübschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt, +daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und +Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen +sie Manches brauchen könnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei, +und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien, +die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit +zurück, und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, trat +der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand. + +»Guten Tag Landsmann -- Ihr seid doch ein Deutscher, wie?« -- + +»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd, +»möcht's nicht verleugnen.« + +»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, »Euer Gesichtsschnitt +würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von »unsere Leut«, wie wir bei +uns zu Lande sagen?« + +»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war unser alter +Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine Umstände als Pedlar +schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren durch's Land fahren +zu können, »wir _leben_ wie die Christen, und handeln wie die Christen +-- der Mensch kann nicht mehr verlangen.« + +»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer. + +»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's _nicht_ thäten,« sagte Wald +achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn +Bohnen dabei sind.« + +»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt Ihr heut' Abend +haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte +mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie +kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was +hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.« + +»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, »da komm ich wieder +einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren +d'rin.« + + [Illustration: Capitel 3] + +»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit +zu zahlen -- na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie +ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen +das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte +Achtung geben müssen. + +»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor +einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.« + +»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine +Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.« + +»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein +Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir +hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, +ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der +Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es +gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn +sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und +ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor +holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.« + +»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und _wo_ hat er das Bein +gebrochen?« + +»Wo? -- da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr +die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen? +-- dort drüben links.« + +»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald +erstaunt. + +»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht -- er hat _fliegen_ wollen, +und das ist noch nicht recht gegangen.« + +»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren +habe auf dem ich _fahren_ kann -- fliegen, und da ist er von oben +heruntergestürzt?« + +»Wie ein Mehlsack -- er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen +etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man +sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch +nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern +gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen +wäre -- es ist auch ein Deutscher.« + +»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der +Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?« + +»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher --« + +»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell. + +»Schultze heißt er allerdings -- am Ende kennt Ihr ihn gar.« + +»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander +über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen +Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann +ich ihn einmal sehn?« + +»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er +die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir +lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.« + +»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar. + +»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer. + +»_Gerade_ elf, hm -- arme Teufel -- hat er denn Geld?« + +»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier +durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie +er sagte.« + +»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?« + +»Wahrscheinlich so -- und er bot mir ein und einen halben Dollar +wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit +seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei, +aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war, +und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja. +Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit +ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder +gesund ist und sich selber helfen mag.« + +»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß +man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann +ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne +unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.« + +»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm +die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch +sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr +denn da in Euerem Karren drin?« + +Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen +und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn +herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des +Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken +sollten. + +Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden, +Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und _mußte_ geschafft +werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende +Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die +Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste. + +Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden, +und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug +bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts +großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld +nehmen, das ginge nicht an -- »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu, +den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte +doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?« + +»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang +die Kreuz und Queer im Lande herum -- hierher bin ich aber doch noch +nicht gekommen.« + +»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge +fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen -- Jesus, +Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar +gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?« + +»Seid _Ihr_ die Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen +und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits +wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig +herausgearbeitet in der kurzen Zeit.« + +»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's +Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt +habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.« + +»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der +Läpperei -- ich wollt' ich hätt' mehr thun können.« + +»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand +reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck, +gerade wo's hingehört.« + +»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit +Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte, +»wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach +Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht +jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist; +wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht +damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde +verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie +nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand +um uns kümmerte, und es _allen_ Menschen eben ganz gleichgültig zu +sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk +brachte mir zuerst wieder, _mit_ der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von +dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden +sollen.« + +»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald. + +»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn +scharf ansehend. + +»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld +genommen zu haben, was ich nicht _verdient_ hatte,« sagte der Mann, »es +war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande +sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.« + +»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab' +ich's mir doch schon selber wieder geholt -- zurückzahlen, was sagen Sie +zu _dem_ Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und +werde den halben nicht dabei haben.« + +Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen +Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm +jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's +gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die +Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen +und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von +der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam +fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den +nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen. + +Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem +Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die +Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe. + +»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der +Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an. + +»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das +Pferd entgegenstreckend, »woher des Wegs?« + +»Vom Norden herunter -- guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis +zum nächsten Haus dahinein zu?« + +»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, »bis Ihr nicht zum +nächsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von +hier entfernt. -- Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk, +und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.« + +»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten +wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Häuschen +möcht' ich Euch auch nicht gern beschränken.« + +»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir müssen uns +eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann nicht dicht vor +Sonnenuntergang von der Thür weisen.« + +»Ja und _den_ schon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn erstens ist er +ein braver Kerl, und zweitens ein _Doktor_!« + +»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das wär schon recht!« + +»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg. + +»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der +Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf +Tage ohne ärztliche Hülfe.« + +»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann. + +»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum +über einen Zweig des nächsten Baumes werfend, »da ist's ja doch die +höchste Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geschieht.« + +»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe deshalb die +Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche +Ruhe gehabt hat.« + +»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er wacht geh' ich zu +ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn -- liegt er in diesem Haus?« + +»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.« + +Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur über die Schwelle +trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte +ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand +entgegen. + +»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an +Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; »guter Himmel, +was habe ich ausgestanden -- wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist +her zu _mir_?« + +Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und +Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel +war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen +hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es +schien, schräg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber +die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen +Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die passenden +Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst +ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hülfe, +der Manches dazu in seinem Karren mit sich führte, eine Art Schwinge +her, in der sie das Bein frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken +große Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens +verhinderte. + +Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner +Gäste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschüttet, +die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod für ihre gern bewirtheten +Gäste, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich +die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen Sturz +gekommen. -- Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er +hier für Unsinn getrieben. + +»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,« frug er +ihn, als er neben dem Bette saß und seine Hand dabei dem kleinen jetzt +überglücklichen Mann, der sich schon der schwärzesten Verzweiflung +hingegeben, überließ. + +»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich +gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war +um dritthalb Fuß zu kurz.« + +»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, auf's Äußerste +erstaunt. + +»Nun von meinem Drachen -- ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den +unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande +umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unserer alten +verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.« + +»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« lachte Georg, +als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte +erklärt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf +und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an +dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die +Fläche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und die +Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es sonst +heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt wäre, Herrn Schultze +heruntergeworfen, und sich selber im nächsten Baume wieder gefangen +hätte. + +»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber Schultze, »ich +schlage mein Leben für die Wissenschaft in die Schanze, _das_ mache ich. +Meine feste, innige Überzeugung ruht auf dem System, und ich weiß, daß +ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder +beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig +gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flug_kraft_ +am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein später +vervollkommtes Luftschiff in eine höhere oder tiefere Luftschicht zu +lenken und es dort zu _steuern_ -- was sagen Sie nun, Freundchen?« + +»Daß Sie, sobald Ihr _Bein_ wieder geheilt ist, mit _diesen_ Ideen +nächstens den _Hals_ brechen werden,« erwiederte Georg achselzuckend; +»was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglückselige, brodlose +Idee gebracht? -- was wollen Sie damit bezwecken, was _hilft_ es Ihnen, +wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit +unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden +kommen?« + +»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,« +sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe +schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, für die mich +Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir, +ja was noch mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich +bestimmt bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder vielmehr +unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. Die Kraft und +Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nicht _verloren_, sondern +nur auf eine Zeitlang _vergessen_. Es ist das Ei des Columbus; wenn +gefunden, wird die ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts -- wenn +wir das _so_ gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist +aber die, sie haben's nicht _so_ gemacht, und Schultzes Name, mein +lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.« + +»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn Sie in der Art +fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der +Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren +andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben so unmöglich +gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht +dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende +Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine mechanischen +Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen Plans zu unterstützen, +und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb +eine Warnung sein; Sie kommen dießmal noch hoffentlich mit ein paar +Monate Hinken davon -- daß es nicht später schlimmer wird.« + +Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, und that das mit +dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen +Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach +dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band, +Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande +zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt, +das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld allein seinen +Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der +Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem +Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl, +als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er +verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine +ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er +dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die +Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes +ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von +dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschäfte +gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, und vielleicht +erst zum Spätherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über +das Pferd so belästigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch +nichts nützen konnten. + +»Durch Indiana?« -- Georg fühlte wie sein Herz stärker an zu klopfen +fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobensteins +besucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde +gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing +an aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, die +er auf seinen Wanderungen angetroffen. + +Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff +zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich +entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten +verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt +waren. Die Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort +und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glück noch +in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abführen zu +sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine +tüchtige Tracht Schläge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das +Staatsgefängniß abgeliefert. + +Dann hatte er ein paar von _seinen_ Landsleuten, auch +Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als +Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer eines +Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von +seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war +ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich, +die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende +Leute verheirathet. + +Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans +zurückgegangen, der Knabe aber so krank geworden, daß er nicht mehr +singen konnte -- und erst ganz kürzlich -- vor ein paar Tagen nur +-- hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm +unweit Grahamstown in Indiana getroffen. + +»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch. + +»Sie kennen den Platz?« + +»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend. + +»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald. + +»Wie so? -- was ist mit ihnen?« frug Georg rasch. + +»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.« + +»Ist Jemand krank?« + +»Nicht daß ich wüßte -- nur so, meine ich.« + +»Aber der Professor hat doch die Farm?« + +»_Hatte_ sie,« sagte Wald. + +»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt. + +»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen wird's wohl +dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.« + +»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte ist doch gewiß +dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm +gemacht, müssen ihm wenigstens _etwas_ eingetragen haben, und so war der +Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.« + +»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte Wald, »so +viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und manches Andere verkaufen +mußte, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte, +seinen Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem +einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib +geschossen.« + +»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend. + +»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der junge Mann mit einem +andern unserer Zwischendeckspassagiere -- dem langhaarigen Burschen, der +immer die Verse an Bord machte -- auf die Jagd gegangen, und weiß der +liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der +junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie jener +Versemacher sagte, beim über einen Graben springen durch den Leib, und +starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.« + +»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg. + +»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« meinte Wald ruhig, +»denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie +etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn, +den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach +New-Orleans einschiffte.« + +»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen, _gezwungen_ zu +werden seine Farm verkaufen zu müssen?« frug Georg. + +»Wie? -- einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe weitläufig darüber +mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die +Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen +den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder +Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie wieder in +baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke +Runkelrüben und in die andere Ölsaat, verschwendete dabei ein Capital an +Arbeitslohn, für eine Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren +Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und +Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich +ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam +an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der +Mann vielleicht Manches erreichen können, so aber reichten seine Mittel +nicht aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu +gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet, +gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit +stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.« + +»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg. + +»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der Professor hat ihn +bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie für +die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit +aber auch, wie es scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und +Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm, +auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen, +und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter _recht_ gut.« + +»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich dabei von +seinem Stuhle aufspringend. + +»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte Wald, »wenn Sie aber +ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen -- Sie +wissen ja wohl wo er liegt.« + +»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten, +bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig vor sich hin, »wie soll es +denn werden, wenn Sie fortgehn?« + +Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach ihm, heute Abend +noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, daß sie +den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch +allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das +Hauptsächlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht +getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr +bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, wolle er +selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren. + + + + +Capitel 4. + +Georg und Marie. + + +Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt, +auf dem er sein Pferd nicht geschont, »Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier, +wo man ihn auf das Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was +ihm Wald schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen +des Professors _recht_ traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine +letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft, +zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten Montag -- der erste +im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wäre -- zu +verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber über die +Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich +nur entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten +für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider Erwarten, +sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn +hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und +was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen? + +Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er damals von dem +schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bös damit +übereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er +selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen +unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse des +Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten die, +so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein +konnten einen _deutschen_ Maasstab an das Land zu legen; von allem +Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht +gesäumt das zu benutzen. + +Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete, +kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh +und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen +entgegensahen. + +Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte +Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten +hin etwa die Preise der verschiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleine +#improvement# mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker +darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn +des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen; +die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute +waren auch unendlich fleißig, griffen _Alle_ zu, und arbeiteten von früh +bis spät, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch +einträglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und +die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren, +nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so +weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch +die alte Mutter, die noch am längsten an der Heimath gehangen, und +doch immer heimlich gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch +ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich +hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien +die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so kühl war der Schatten, +so lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht so gut, die +Vögel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese +nicht so grün, das Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit +Deutschland hielt »das Amerika« lange nicht aus. Aber -- sie mußte doch +zuletzt einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland +hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon zu zahlen, hier +hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu +Hause Stück gehabt, und Hühner und Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so +viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und +bequem war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß sie denn +jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schönem +Wetter unter einem breitästigen Eichbaum vor der Thür im Schatten, wo +ihr der Sohn ein großes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an +dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich, +wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr +stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute schweigend und +still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf +dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend +zu ihren Spielen fanden, wie deutschen. + +Georg hatte aber keine Ruhe hier -- ihn drängte es mehr von dem Schicksal +einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit +Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen +Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der +Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm für jetzt +umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem +Gläubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser +eigentlich in Schulden stecke. + +Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade +so still und öde lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch +verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Häuser waren wirklich +von ihren Eigenthümern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr +geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes, +trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und +zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt, +welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse nach Texas riefen, +und er Haus und Geschäft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich +aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das +Papier da nutzlos hängen zu sehn, und rissen es herunter. + +Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er +schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und öde stand und +mit den nackten Wänden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen +kleinen Stadt paßte, deren erstes Gebäude es gewesen. + +Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl für den Bau +einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt die Bevölkerung ihr in +Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo +und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem +Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder +Zweckmäßigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn +die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig +den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt noch Wasser für die +größten Boote blieb, da war es vorbei mit der _Stadt_; nicht allein +keine neuen Ansiedler ließen sich dort nieder, nein auch die, die schon +ein Grundstück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz +gesetzt hatten, suchten das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und +ließen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf +verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit +dazu im weiten Land. + +Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann +den Stand der Verhältnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander +zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die für diese Gegend kostbaren +Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen +zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier +Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. Nur erst, als +Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor +selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn, +und so weit das möglich wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein +Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von +einhundert und dreißig Dollar. + +»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« drängte Georg. + +»Nun das ist _das_ hier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' der Henker einen +solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich so lange auf mein +Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen +-- ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten. +Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.« + +»Wieviel ist aber die _ganze_ Summe, die Ihnen der Professor schuldig +ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, »wenn Sie in +solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine +Frage.« + +»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« brummte +der Pensylvanier -- »wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht +helfen -- hundert und dreißig Dollar.« + +»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen +zu verbergen. + +»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier. + +»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen +weiter?« frug der junge Mann noch einmal vorsichtig. + +»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; -- für hundert +und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle +seine wahnsinnigen Experimente durchführen nach Herzenslust.« + +»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« sagte Georg ruhig. + +»Für die ganze Summe?« + +»Ja -- bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch +schuldet.« + +»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der Pensylvanier, ging +hinter seine #bar#, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung +aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten +Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und +sorgfältig nachsah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein +dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß Georg wieder +im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefühl in +der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der »deutschen +Farm« führte. + +Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; das +fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus, +in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von +dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast +Nichts mehr übrig geblieben -- eine einzige Kuh und ein paar Schweine +ausgenommen -- da mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten +gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz +selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm +vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war. + +Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten +abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit +den unausgefüllten Lücken, verschwanden schon allmählich in dem Unkraut, +das über sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil +-- was nicht hatte verkauft werden müssen -- im Felde gelassen, und die +nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen angepickt, begannen +anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wüst und von +Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor +dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet, +und nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im Hause +brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es bescheinen +konnte. Selbst über den Weg hinüber lag ein umgestürzter Baum, und der +Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewieß, wie er schon +längere Zeit gefallen sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe +genommen, ihn hinwegzuräumen. + +Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein +menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der +aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne +scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz +verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen +Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort +sein Pferd an und -- zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen und +die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd +fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake, +den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf +eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und +Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen. + +Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber +nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe war ihm das Auge geworden, +als er die trostlose Veränderung hier erkannte, und langsam schritt er +auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang +und winselte und bellte. + +»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen Thieres Kopf +streichelnd -- »hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?« + +»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme +dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu sehn wer +da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden gesunken, +hätte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen. + +»Oh Georg -- Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche Kinderstimme +und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr älteren +Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu. +Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein +stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht +zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der +Übrigen glücklich von ihr ab. + +»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thür +erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte +-- »aber bitte, kommen Sie näher -- bleiben Sie nicht draußen auf der +Diele stehn.« + +»Mein lieber -- lieber Herr Professor!« rief Georg, dem alten Herrn +entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend -- »wie freue ich mich, +Sie so wohl und munter wiederzufinden -- aber -- wo ist die Frau +Professorin?« + +»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, aber ängstlicher +Pause -- »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal, +seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht --« + +»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl. + +»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor langsam fort +-- »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die +bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war, +und hütet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager. +Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie +-- setz einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner -- wenn Sie mit uns +vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist +heute Küchenmeister -- Sie haben es sehr unglücklich getroffen.« + +Georg -- selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag, +beginnen sollte -- setzte sich mit zu Tisch -- die Mahlzeit bestand in +Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht, +Hominy -- gequollener und in Wasser abgekochter Mais. + +»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,« rief Camilla +dazwischen -- »hätte er auch nichts Anderes gefunden.« + +»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen lächelnd, und +versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn +-- »_ich_ habe mich so daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht +von mir geworden ist.« + +»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« sagte Camilla -- »es +schmeckt gerade wie Stroh.« + +Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach +glücklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrüßte den +jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und +gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die +Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte +dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor +etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem er, durch den scharfen +Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und +den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat. + +»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?« frug Georg +nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Professor ansah, nur aber +einen ganz scheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte, +deren Auge er jedoch nicht begegnete. -- + +»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich -- »aber es +freut mich, _daß_ Sie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch +beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.« + +»Lieber Professor.« + +»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser jedoch +entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste +Nachricht bekommen, _wo_ Sie sich befänden; Sie waren auf einmal +verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz +verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden später, +vergeblich im ganzen Township suchen ließ.« + +»Herr von Hopfgarten?« + +»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal -- aber -- sind Sie +_zufällig_ wieder in unsere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht +ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?« + +»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,« +lächelte Georg, tief dabei erröthend -- »nur um recht bald hier zu +sein.« + +»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna freudig, und +Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden Blick. + +»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend fort, »so -- so +möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und -- und wenn Sie mir beweisen +wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht +manches voreilig gesprochenen Wortes wegen -- so schicken Sie mich nicht +wieder fort, sondern behalten mich hier.« + +»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl -- »da brauche ich und +Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen.« Anna +und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die +Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen +Töchtern: + +»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn +Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwärts +gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs können wir dann auch +alles Weitere viel besser und bequemer besprechen,« und ihn mit sich +die Treppe hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen +Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte, +und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern +hinführte. + +»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß +er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte -- »die +Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sich _sehr_ verändert, und +-- so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so -- so +nöthig ich sogar Jemanden dazu brauchte -- bin ich nicht mehr -- durch +die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt -- im +Stande Arbeiter zu halten und -- zu bezahlen.« + +»Aber bester Professor --« + +»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest entschlossen, die +einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen -- »ehe wir von etwas +Anderem beginnen -- ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner +Farm eine bestimmte Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen, +mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir -- thun Sie +mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht -- die mir schon +lange schwer und drückend auf dem Herzen gelegen.« + +»Lieber Herr Professor --« + +»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht +gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen fort, »und es +mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewähren, von mir ganz +offen das Geständniß zu hören, daß ich durch Schaden habe klug werden +und die Wahrheit dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten, +und gethan haben wollten.« + +»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn +nur --« + +»Sie haben _nicht_ Unrecht gehabt,« unterbrach ihn der Professor +rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden +Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als +wir Beide damals ahnen konnten, bewährt. Ich habe schwer -- fast zu +schwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht +selbst eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und wollte +es gern, wenn nicht -- wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so +schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und +aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich +mein Unrecht gegen Sie bereue.« + +Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so strengen +abgeschlossenen Mannes, das gerade _ihn_ furchtbare Überwindung mußte +gekostet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und +er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu +erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben, +wo ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen +schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine +zu Nutz gemacht, die drinne an einem Kürbiß herumbissen und, als sie +die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten. + +»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich leise, eine +direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, »man sollte kaum glauben, +daß ein einziges Jahr eine solche Veränderung hervorbringen könnte.« + +»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr seufzend, »habe ich +selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen; +selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der spätere Besitzer +der Farm mag nachholen, was ich versäumen mußte.« + +»Sie wollen fort von hier?« + +»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber +Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ich _will_ oder +nicht -- ich _muß_!« + +»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll. + +»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber +doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich +aus sicherer Quelle weiß, ein kleines #improvement# für fünfzig Dollar, +und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird +mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig +bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.« + +»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn +ernst, »_kennen_ Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen, +seinen Beschwerden, seinem Klima?« + +»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend. + +»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau +Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte +-- ich würde im Leben nicht wieder froh werden.« + +»Aber was _soll_ ich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal +Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz +erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu +machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich +nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen +unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im +Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so +wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein +Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch +meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden. +Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans +erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist +Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin +länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde +schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht +für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu +verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein +allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.« + +»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden +Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht +gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen +und müssen zu Ihrem Aufenthalt -- dann nehmen Sie mich mit und -- seien +Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr -- seien Sie mir _Vater_ +-- Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann, +als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich +die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser +Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen -- ich darf +das nicht länger mehr -- geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie +_mich_ den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir +so vertraut zu haben.« + +»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer +nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal +an das einer Familie ketten, die sich -- die sich eben nicht im Glück +befindet -- und weiß Marie --« + +»Noch keine Sylbe -- noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe +zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich +hoffen.« + +Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge -- bis sich +sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thränen dunkelte, dann nahm +er Georgs Hand, drückte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise +aber liebend an seine Brust. + +»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg. + +»Mein lieber, lieber Sohn!« + +»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald +in der Brust zu sprengen drohte, »nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer, +und mit den beiden Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen, +die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehen _nicht_ nach dem Westen Vater +-- wir bleiben _hier_, und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das +Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut, +dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Ärgern.« + +Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend: + +»Das sind _Pläne_, mein junger Freund, wie sie die _Jugend_ eben +entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit +Unmöglichkeiten ab.« + +»Und wissen Sie denn Vater -- o daß ich Sie jetzt -- daß ich Sie +_endlich_ so nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm +mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, »daß ich vom Glück begünstigt +in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel +Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer +erkrankten, rettete? -- wissen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit +in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von +Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel +Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder, +fünfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? -- Und kennen Sie +die Quittung hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen +lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? -- Da behalten +Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles +in Ordnung und -- mag mich Marie nicht -- sagt sie _nein_ -- ja dann +soll mich mein Rappe noch heute Abend fort -- weit fort von hier tragen, +gleichviel wohin. -- Sagt sie aber ja -- oder lacht oder weint sie nur +-- oder thut sie gar Nichts -- und sieht sie mich nicht einmal an, dann +-- aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit +ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Füße tragen, und +voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!« + +Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend ließ er ihn an der +hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und sprang in flüchtigen Sätzen +dem kaum verlassenen Hause wieder zu. + +Und dort? -- lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute +auf einmal in der Welt interessirt. Wie »Vielliebchen« aus _einem_ +Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei +für einander geschaffen sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut +-- selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden. + +Und Marie und Georg _waren_ selig; an dem Abend, neben dem Bett der +Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth, +neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saßen sie Hand +in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die +Glücklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände auf +den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben +ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf -- die trübe böse Zeit lag +dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprüft, so waren es +doch eben Erfahrungen geworden, und _auf_ ihnen weiter schreitend, mit +einer jungen kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der +Zukunft wieder froh in's Auge schaun. + + + + +Capitel 5 + +Jimmy. + + +Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis +»der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von +Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche +seewärts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten +die geflüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren +Wohnsitzen zurück. + +Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier +Wochen früher. Welch Drängen und Treiben überall von frischem, fröhlichem, +kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und +plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot +nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen +Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen +Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herüber und +hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die +Straßen aus? -- wie der Strom? -- wo war das Leben, das jetzt, dem +schäumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll? + +Der Wanderer, der die Stadt in _der_ Zeit, im August und September, +betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich +schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt +und traut den Augen kaum. + +New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich +die Spitze bieten kann, scheint in _der_ Zeit ein weiter offener Sarg +-- die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen +Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern +wieder -- dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am +Munde -- aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorüber -- da +zuckt der Fuß fast unwillkürlich -- es ist ein Freund, den man so lange +nicht gesehn, schon todt gewähnt -- einerlei, vorbei; die Krankheit +könnte in seiner Nähe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit +stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden. + +Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Rasseln der +schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen Irländern, das Singen und +Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaster -- wie hohl das +in den leeren Straßen klingt -- es ist nur der Leichenwagen, der im +scharfen Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon +lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige Treiben der +Läden -- die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der +Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die +Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre +Opfer herausgeholt. + +Und jetzt? -- kaum ein Monat ist verflossen, daß diese Straßen wüst +und öde lagen, und der große Vernichter seine Erndte in der scheinbar +menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwülem Flügelschlag über die +Dächer strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem +einbließ in das, in jenes Haus -- und seht, wie das wieder drängt und +wogt, und lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren +stillen Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, _Wochen_ +sind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast neue Bevölkerung +hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet +und verödet. + +Was damals freilich New-Orleans verlassen _konnte_, that es, und +die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und leer, ja man vermied die +Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am +meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon +einzuziehen. So flohen auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang +die meisten »Boarder«, aber die dort Wohnenden _konnten_ nicht alle +fort. Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer +Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie +mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit +entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort +anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt +verlassen konnte, ging, und rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise, +sich selbst für die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten. + +So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den +kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen Vaterlands«, und wie die +Seuche hereinbrach über die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten +Opfer aus der Schaar. + +Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch außerdem eine große +Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht +verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das +junge wackere Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe, +wenn sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle. + +Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe +gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß indessen die Leitung der +ganzen Wirthschaft übernehmen. Mit _dem_ Plane seines Sohnes war er im +Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen, +erklärte, er sei doch nicht ganz _so_ arm wie Franz zu glauben scheine +(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und _sein_ Sohn +könne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine +Frau aus einem anderen Hause -- und wenn es das größte Steingebäude in +der Stadt wäre -- holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine +Einwilligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse +blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem +Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Kräfte wegen, +eher noch eine Stütze in dem fleißigen, wirthschaftlichen Mädchen. + +Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es nannte, machte +ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn, +doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den +eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die +Augen schließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie +bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die +Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle und zehre. + +Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem, +und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den +Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz übergeben haben, hätte ihn +nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon +abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die +Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« Mädchen +aus allen Kräften zu hintertreiben. + +Die Seuche unterbrach das Alles -- Niemand, der nicht mußte, verkehrte +mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit +das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden +anspruchslosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgüte im reinsten +Lichte kennen. Hier war kein _Schein_ mehr, wo der Tod grinsend und +drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar, +»das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt dem +jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, zu fesseln; +unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren +stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des +Trostes und der Hülfe. + +Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im +Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens +zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann +selber, _trotz_ seinem Geiz, freiwillig erhöht, als er sich doch nicht +leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm +zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch +wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose Wittwen und +Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen +Ruhestätte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt +gestanden hätten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur +Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da +nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer +gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr +noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterstützte +sie hier mit Rath und That, löste die schon versetzten Koffer für sie +ein, und zog sich scheu und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück, +wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan. + +Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche Arbeit +wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit +Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschließen +konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest +mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser, +wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit +Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geschäftigste und +einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, und jetzt saß er, in +sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und +konnte nicht hinaus. + +Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl +gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber +doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn +die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für +ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in +seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben +wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wäre, besonders _solche_ +Hausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nicht +_fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe. + +Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem +jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein +nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und +glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als +_Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin +betreten. + +Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch +von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December +festgesetzt worden -- die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch +nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz +seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit +noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller +anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das +»deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten +diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern +ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien +ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch +besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter, +rege Besorgnisse. + +Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper +vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn +im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten, +suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das, +vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis +er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter +Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran, +und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten +Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's +Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei +seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war Franzes +_erstes_ Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber +allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit +vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu +kündigen. + +»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade +unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus +geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir +auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's +besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit +das Haus verlaßt. Heute ist der erste December -- am ersten Januar könnt +Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen; +wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier -- verstanden?« + +»Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#,« sagte Jimmy, der dabei +wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann -- die +Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch +machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen +gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.« + +»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern +nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander +behelfen.« + +»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt +gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schöne Wirthschaft hier +anrichten, Mr. Hamann _junior_.« + +»Jes, Jimmy -- denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und +verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer. + +»Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel« -- knurrte der Barkeeper finster +und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her -- »_Du_ wirst noch +Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander +sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es +müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch +was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe. _Was_, +weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa +bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn +lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.« + +»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper +rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten, +etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt. + +»Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art +Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend -- »was +trinkt Ihr?« + +»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur +Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte +im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu +geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er; +besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.« + +»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert +habt;« lachte Jimmy. + +»Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld +verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht +viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas, +und an der Levée verkaufen sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen +halben.« + +»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, »aber was führt +_Euch_ gerade _heute_ Morgen her?« + +»Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy?« frug +Messerschmidt. + +»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen +wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen +Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut, +wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand. + +»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr könnt mir wohl sagen, +wie's mit dem _Alten_ steht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.« + +»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte heute an die +junge Firma angewiesen.« + +»Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,« +brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen durch, »wenn aber der Alte +ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann +man nicht sprechen?« + +»Ertheilt Niemand Audienz.« + +»Und wo ist der Junge?« + +Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem über die Schulter +gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus. + +»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?« + +»Wenn's sein _muß_, ja,« sagte dieser. + +»Apropos Jimmy --« + +»Nun? -- was giebt's noch?« + +»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --« + +»Nun? -- kein Geld?« + +»Kein Geld?« -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte, +so weit er sie bringen konnte -- »oh Jimmy, wenn wir Beide das nur +hätten, was in den zwei grünen Koffern steckt -- nachher könnten wir +zufrieden sein.« + +»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy gleichgültig. + +»Das Große nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht hätte Amerikanisches +Gold für Dänisches geben müssen -- und das Säckchen voll, was da drin +stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die +Menschen müssen ein heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein +_Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen, +um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist. +-- Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne brauchen.« + +»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte Jimmy. + +Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thür +aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat. + +»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte Messerschmidt in +seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich +höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen +thun.« + +»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend. + +»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit +gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte Spielen, was ich schon so +oft verschworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte sogar, +wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen, +das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen +Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen +Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt +hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel +zahlen --« + +»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz. + +»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt -- »Sie haben da ganz +kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger Mädchen in's +Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu +bezahlen, mit in der Küche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb +gar nicht zu entschuldigen --« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas +Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- »das versteht sich von +selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine von +denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen, +das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa +noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so könnten wir das ja am +nächsten _Geschäfte_ abrechnen.« + +»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus +hier zu fordern haben?« sagte Franz ruhig. + +»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr +Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.« + +»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?« + +»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen früh vielleicht +--« + +»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach ihn Franz ziemlich +kalt und trocken, »daß von jetzt an jede Geschäftsverbindung zwischen +uns aufgehört hat --« + +»Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --« + +»Entschuldigen Sie, mein Name ist für _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat +heute die Führung dieses Hauses in meine Hände gelegt, und ich ersuche +Sie, alle weiteren Bemühungen für mich zu unterlassen.« + +»Hoho« -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich +hoch dabei aufrichtend -- »weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der +Alte richtig den dummen Streich, gemacht?« + +»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --« + +»Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --« + +»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, »würde auch +sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie +hinauszuwerfen.« + +»Herr Hamann!« rief der Agent drohend. + +»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen +in's Auge sehend. + +»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann +entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange Protektion +dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_ +daran verhindern kann.« + +»Sie werden zu spät zu Ihrem #Lunch#[4] kommen,« sagte Franz ziemlich +bedeutungsvoll auf die Thür zeigend. + +»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,« rief +Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden mir dafür Rede stehn +müssen, Herr Hamann.« + +»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem #Luncheon# kommen,« sagte der +junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend und mit einer ungeduldigen, +nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend. + +»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte +sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nächsten Augenblick voll +und breit gegen die Gestalten zweier anderer Männer an, die eben im +Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer +hinaufzusteigen. + +»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein Gleichgewicht +bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt nachsehend, »der hat's +verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der +freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?« + +Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden +und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch +herum und verließ das Zimmer. + +»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den früheren »Boarder« +erkennend -- »wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit +keinem Auge mehr gesehn.« + +»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« sagte der +Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog, +und mit den Achseln zuckte, »komme gerade von Milwaukie herunter, die +»balsamische Luft« des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann, +der da zur Thür hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in +Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?« + +»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen,« lachte +Jimmy ausweichend -- »soll ich Gläser aufsetzen?« + +»Hm, ja -- aber nicht hierher,« sagte Meier -- »gebt uns ein paar Glas +rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und +Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Eßzimmer an den kleinen +Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar +Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht, +schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.« + +»Ich auch,« sagte Jimmy. + +»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht +schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte +Flasche noch stecken haben.« + +Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in +das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit +diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch +dicht am Fenster und der nächsten Wand, Platz nahmen. + +»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« frug hier +Meier seinen Gefährten -- »wir sind hier ungestört.« + +»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug der Andere, eine +kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und +darüber unstät umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst +aber in anständiger behäbiger Tracht. + +»Meiner _Frau_?« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr auf die? _lebt_ +sie denn noch?« + +»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz -- auch +eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer +Schaale -- »sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.« + +»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie _war_« -- brummte Meier, »hol' der +Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer +eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden +Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?« + +»Zu Schiff fort.« + +»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend. + +»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der Andere. + +»Nach _Deutschland_ zurück; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch +geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.« + +»Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der Mann mürrisch +-- »sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und +reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch Ordentliches an sich; trug +auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir +nur verdammt elend vor.« + +»Und hat sie _Euch_ gesehn?« + +»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,« +sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's +Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorüber auf's Schiff, das +etwa eine halbe Stunde später seine Taue einholte und, von einem Dampfer +in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.« + +»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem +Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend. + +»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt _Ihr_, daß ich +fort will?« + +»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln den Barkeeper über +sein Glas ansehend, »nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt +Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum +Marschiren eingerenkt.« + +»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas +mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, »möchte hier nicht +länger _abgemalt_ sein.« + +»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier -- »aber was ist im Wind? +-- Skandal im Haus?« + +»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der +Thür -- »_moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushälterin +_endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_ +das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt +man ein Gesangbuch.« + +»_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, den Rest +seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper zu neuer Füllung +hinreichend. + +»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise -- »der Alte muß oben +einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.« + +»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig vor sich +niedersehend -- »wer das nicht weiß, glaubt's kaum -- das geht meist +Alles wieder d'rauf.« + +»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung +bezweifelt zu sehn; _ich_ weiß was da _hinauf_ gekommen ist, und daß +Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber +kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn +der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_ +liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.« + +»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier -- »mein Kamerad ist auch +fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wäre, wir haben +Durst.« + +»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück in die Bar gehend, +während die beiden Männer bedeutsame Blicke mitsammen wechselten. + +»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise und rasch. + +»Vielleicht -- vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit dem Kopf +schüttelnd -- »nur um Alles in der Welt vorsichtig.« + +»Nu versteht sich; aber _der_ weiß Hausgelegenheit --« + +»Pst -- er kommt.« + +»Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken,« sagte Jimmy, mit den +frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus +ableckend, »der ist famos.« + +»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr +fort gingt,« sagte Meier -- »wo kriegt denn der Esel von Wirth auch +gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft +von innen und außen.« + +»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig +nippend. + +»Und das Haus und die Wirthschaft --« + +»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.« + +»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend, +»ist noch Platz hier im Haus für uns Beide?« + +»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die +Höhe ziehend -- »so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit +der Einwanderung.« + +»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der Alte dazwischen +-- »je hübscher sie's drüben in Deutschland treiben, desto mehr Leute +glauben, daß sie so ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen +Kelterfaß -- je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand +fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht +wieder frisch nachgießen.« + +»Und das _Beste_ läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen +Humor die Beiden betrachtend. + +»Wenn man _uns drei_ hier ansieht,« bestätigte Pelz, »sollte man's +beinah glauben.« + +»#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte,« meinte Jimmy +in einem breiten Schmunzeln. + +»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?« nahm +Meier die vorige Frage wieder auf. + +»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wäre, +wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, ja, da wäre Platz +_gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge +Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es könnte +Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht +werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.« + +»Hm so? und erst seit heute Morgen?« + +»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben worden,« sagte +Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.« + +»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart haben,« +sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, »wenn _wir_ +das hätten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an +sein Ende zu füttern, so viel weiß ich.« + +»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an seinen Fingern +begann, »aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.« + +»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, »die +Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch +auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und _ich_ möcht' es nicht auf einmal +fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumführen.« + +»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy. + +»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere Fähigkeiten so +nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« meinte Meier, +nach kurzer Pause -- »ich wüßte eine famose Beschäftigung für Euch.« + +»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig. + +»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte Meier ausweichend, +»wenn's nur einen Platz für uns im Hause gäbe.« + +»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, sich die Sache +ein wenig überlegend -- »Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in +_einem_ Bett zu schlafen?« + +»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier. + +»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?« + +»Total.« + +»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines Käfterchen mit +einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten +oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den +Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber +wo ist Euer Gepäck?« + +»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir +eingezogen?« + +»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit dem dazu gelegten +Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn +um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines +Kämmerchen an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck hinaufzuschaffen, +und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken, +mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das +Gespräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht, +und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten. + + + + +Capitel 6. + +Kapellmeister Eltrich. + + +Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen +Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel +abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann, +jedenfalls dringende Geschäfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße +auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein +Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen +kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken. + +Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten +standen überall zusammen, Geschäfte wurden entrirt und abgeschlossen, +Aufträge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in +der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre +Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und +ordneten die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, die +draußen an der Levée durch Tausende von Händen aufgehäuft, und zugleich +wieder durch andere fortgeführt wurden, ohne sich anscheinend zu +vermindern oder zu vermehren. + +Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit Geschäften +Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn und zu erholen, +und selbst das Leben und Treiben um ihn her interessirte ihn nicht, oder +war ihm bekannt, denn er nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort +liegenden Zeitungen zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder +saß auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal die +Vorübergehenden beachtend. + +»Täuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergnügen, Herrn von +Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu können?« sagte in diesem Augenblick +eine feine, unserem alten Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch +rasch, aber zugleich erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des +vor ihm stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht +durchaus nicht besinnen konnte. + +»Ich weiß nicht« -- sagte er wirklich etwas verdutzt, von seinem Stuhle +aufstehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls seinen Namen +kannte, auf das Aufmerksamste betrachtend -- »Gestalt und Stimme erinnern +mich allerdings an einen früheren Reisegefährten, aber zu denen paßt das +Gesicht durchaus nicht.« + +»Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,« sagte wieder die nur zu wohl +bekannte Stimme, während der Mann selber vergnügt dabei mit dem Kopfe +nickte -- »ich bin es auch eigentlich nicht mehr; ich habe mich geschält +und die Haut abgeworfen, wie eine Klapperschlange. Schöner bin ich +dadurch freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Christian +Mehlmeier.« + +»Also sind Sie's _doch_!« rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand +entgegenstreckend, »aber um Gottes Willen, Mann, was ist mit Ihnen +vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.« + +»Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,« schmunzelte Mehlmeier +in seinen weichsten Tönen vor sich hin -- »sehn Sie sich einmal mein +Gesicht genauer an.« + +»Haben Sie die Blattern gehabt?« frug Hopfgarten mitleidig -- »es ist +voller Narben -- und die Augenbrauen fehlen ganz. Was in aller Welt +haben Sie mit sich angefangen?« + +»Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,« sagte Herr Mehlmeier, mit +seinem vergnügtesten Gesicht -- »ich habe ebenfalls, freilich nach einem +vorgeschriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war +jedenfalls über die unerwartete Explosion eben so erstaunt wie er. Sie +-- Sie erinnern sich vielleicht noch des -- des Geschäfts, was ich +damals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am Markt +drüben, fanden?« + +»Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre --« + +»Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener Pfeiler,« betätigte +Mehlmeier, »verkaufte übrigens ungemein wenig, und diente eigentlich, wenn +ich so recht an jene Zeit zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden, +die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden. »Danke« sagten +dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; _sie_ gingen ihren +Geschäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, über das meinige +Betrachtungen anzustellen.« + +»Sie sehen jetzt weit besser, weit behäbiger in Ihrem Äußern aus,« sagte +Hopfgarten. + +»Das wäre noch immer kein großes Lob,« meinte Mehlmeier, »denn +_schlechter_ wie ich damals aussah, kann der Mensch nicht gut +anständiger Weise in der Welt herumlaufen. Hosen und Rock hielten +gewissermaßen nur aus Gefälligkeit für mich zusammen, und außerdem +durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den +ich mit der Dämmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen +wegen. Da traf ich _Sie_ und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und +von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten änderte sich mein +Loos. Ich hatte damals schon lange bemerkt, daß die Leute, welche die +Streichhölzer fabricirten, einen recht hübschen Nutzen dabei machten, +während wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus war +ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das Material dazu +hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich +nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt, +konnte ich mir so viel davon selber nehmen, wie ich brauchte, aber -- ich +hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen +gelangten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den ganzen Tag +hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beiläufig bemerken, daß ich der +Schrecken der verschiedenen kleinen Eßbuden geworden war, in die ich, +sobald sich meine Kasse in den Umständen befand, ein Abendessen zu +zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für +eine unbedeutende Nachricht ein Stück Geld -- ein Goldstück. Herr von +Hopfgarten -- ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, was ich an +dem Tage ausgestanden habe« -- sagte Mehlmeier; seine Stimme klang dabei +leise und heiser, indeß ihm ein paar große schwere Thränen, trotzdem, +daß er mit den Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurückzudrücken +suchte, zwischen die Wimpern traten -- »es war _kein_ verdientes Geld, +ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,« setzte er dann nach +kurzer Pause hinzu, »und ich -- ich war zuletzt fest davon überzeugt, +daß ich die kleine Summe -- für mich damals ein Capital -- mehr meinen +zerissenen Hosen, als der Nachricht verdankte.« + +»Nein, lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Hopfgarten rasch dazwischen +-- »die Kunde, die Sie uns gaben, hätte tausend solcher Stücke verdient +-- der alte Herr suchte sein _Kind_ und Sie zuerst brachten ihn auf die +rechte Spur.« + +»Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn nützlich gewesen +bin,« sagte Mehlmeier ruhig, »_das_ aber war meine damalige Ansicht von +der Sache und -- hat sich auch bis jetzt noch nicht verändern können. +-- Aber meine Lage änderte sich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir +ein blaues Überhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute und Matrosen +tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt +ich noch genug übrig, mich einmal recht tüchtig satt zu essen und -- es +war vielleicht eine Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht +danach -- ein Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar +schaffte ich mir das nöthige Material an, auf _meine_ Art _gute_ +Streichhölzchen herzustellen. Mörser und sonstige Geräthschaften mußte +ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich, +jetzt einmal in anständigen Kleidern, wo ich mich wenigstens sehn lassen +konnte, möglich, und so klein die Quantität sein mußte, die ich mit +meinen geringen Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die +Qualität an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von denen +ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, mit jeder Woche +mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich größere +Mengen liefern, und war zuletzt sogar im Stande, mir erst einen, dann +zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu +begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung, +passirte mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Masse im +Mörser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen in der +entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter +keine Notiz von dem Knall und Qualm genommen. + +»Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich _boarde_ in +einem anständigen Französischen Kosthaus und beschäftige jetzt elf +Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut +bezahle, verdiene dabei ein recht hübsches Geld und beginne sogar schon +an Sparen und Zurücklegen zu denken, drohenden Alters wegen.« + +»Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von Ihnen zu +hören,« sagte Hopfgarten, dem fast die Thränen in die Augen gekommen +waren, bei der so anspruchslos und wirklich rührend vorgetragenen +Erzählung, indem er seinem alten Reisegefährten die Hand reichte und +derb und freundlich schüttelte; »es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier, +die so ernst und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem +einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wünschte in der That +recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen zu können, um Ihnen +zu zeigen, wie sehr ich Sie achte und schätze.« + +»Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, für die +freundlichen Worte,« sagte Mehlmeier, wirklich gerührt, »Sie thun mir +wohl -- und eine Bitte hätt' ich wirklich an Sie, wenn Sie dieselbe +erfüllen wollten.« + +»Von Herzen gern -- und was ist es?« + +»Sie kennen den Herrn, der -- der mir damals das Goldstück gab?« + +»Sehr gut -- ich komme jetzt gerade von dort her -- war nämlich in der +Zeit wieder in Deutschland --« + +»Sie waren in Deutschland?« frug Mehlmeier, rasch und erstaunt, »ja, hm +-- das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, denn man fährt jetzt +rasch genug herüber und hinüber, aber -- es ist doch ein eigenes, +sonderbares Gefühl, wenn man so von Deutschland sprechen hört, fortwährend +Schiffe sieht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und -- so gern +man hinüber _möchte_, und auch _könnte_, was eben die Passage betrifft, +doch auf der weiten Gottes Welt da drüben, wo man doch eigentlich zu +Hause ist, Nichts weiter zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und +nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben muß.« + +»Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?« + +»Ja,« sagte Mehlmeier rasch, »sehn Sie den Herrn -- wie war sein Name +gleich?« + +»Dollinger.« + +»Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?« + +»Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nächsten Tagen.« + +Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches Goldstück heraus +und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend: + +»Dann thun Sie mir die große Liebe, mein bester Herr von Hopfgarten, und +geben Sie ihm das _Goldstück_ nicht allein zurück, sondern sagen dem +Herrn auch _wie_ Sie mich wieder gefunden haben, und daß ich das nur +allein als _sein_ Werk betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür +sein würde.« + +»Aber mein bester Herr Mehlmeier,« rief Hopfgarten, das Goldstück +zurückweisend, »Herr Dollinger ist ein reicher, ein _sehr_ reicher Mann, +und ich weiß --« + +»Und wenn er ein Millionair wäre,« sagte Mehlmeier fest und bestimmt, +»es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der Sache wegen, das Geld hat +mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich großen +Dienst, wenn Sie es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten. Es hat +mir genug genützt, und da jetzt die _Ursache_ verschwunden ist, der ich +es verdanke« -- und Mehlmeier warf einen wehmüthigen Blick an seinen +Beinen hinunter -- »so darf ich auch mit gutem Gewissen die Wirkung +zurückgeben. Sie thun mir einen _großen_ Gefallen mit der Erfüllung +meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.« + +»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte der kleine Mann freundlich, +das Goldstück dabei nehmend und einsteckend, »ich will es besorgen; aber +Herr Dollinger glaubt sich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und +wird das auf andere Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er +Ihnen die Quittung einsenden, daß _ich_ wenigstens das Geld richtig +abgeliefert habe, und ich möchte Sie deshalb um Ihre Adresse bitten.« + +»Das wird nicht nöthig sein,« sagte Herr Mehlmeier mit einem wehmüthigen +Blick. + +»Nein, nein; es muß Alles seine Ordnung haben,« rief Hopfgarten, »also +Ihre Adresse?« + +»Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines Fabrikats zu +überreichen,« sagte Mehlmeier mit einer etwas linkischen und verlegnen +Verbeugung Hopfgarten ein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen, +auf denen seine genaue Firma angegeben stand, übergebend, »das sind +meine Visitenkarten,« setzte er lächelnd hinzu. + +»Vortreffliche Visitenkarten,« lachte Hopfgarten, sie betrachtend +und einsteckend; »aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als +wandernder Adreßkalender sind vielleicht im Stande mir wieder eine +Auskunft zu geben. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich einen +gewissen Ledermann, einen Juristen, hier in der Stadt finde?« + +»Ledermann? -- Ledermann? -- nein, der Name ist mir gänzlich unbekannt,« +sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte +aber seine schwache Seite mit den verkehrten Gesticulationen, und wußte +was er meinte. + +»Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,« +setzte er dann hinzu, »der ist aber in diesem Augenblick verreist und +sein Bureau geschlossen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand +kennen.« + +»Ledermann?« sagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in tiefem Nachdenken. + +»Eine lange hagere Gestalt,« half Hopfgarten seinem Gedächtniß nach, +»ein dünnes, mageres Gesicht und blonde Haare.« + +»Hm, ich kenne einen Herrn _Fort_mann, der etwa auf diese Beschreibung +paßte.« + +»Donnerwetter, _Fort_mann!« rief Hopfgarten, sich vor den Kopf schlagend, +»jetzt hab' ich die Namen verwechselt -- Fortmann heißt er ja auch +-- Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler Mann -- _wo_ find' ich den?« + +»Ja, wo Sie den _jetzt_ finden, wenn er nicht in seinem Bureau ist, +weiß ich allerdings auch nicht -- er müßte denn sonst vielleicht beim +Kapellmeister sein.« + +»Was für ein Kapellmeister? -- wo wohnt der?« + +»Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.« + +»Eltrich? -- _unser_ Eltrich von der Haidschnucke? -- ich glaubte, der +sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot geworden.« + +»Allerdings, im Anfang, weil ihm seine sämmtlichen Sachen, selbst seine +Violine gestohlen worden; nachher aber hat er sich ganz tüchtig wieder +herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anstellung an der hiesigen +französischen Oper erhalten.« + +»Und dort ist Ledermann zuweilen?« + +»Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Straße hinunter, und +ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.« + +»Kommen Sie nicht mit hinauf?« + +»Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,« sagte +Mehlmeier, »und ich habe mich überdieß schon zu lange von meinen Leuten +entfernt -- jedenfalls hoffe ich Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans +verlassen. Denken Sie sich lange hier aufzuhalten?« + +»Einige Tage -- doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, so viele Menschen +sind Ihnen hier vorgekommen -- wissen Sie vielleicht zufällig, wo sich +-- Herr Henkel jetzt aufhält?« + +»Nein, das ist merkwürdig, _den_ Herrn habe ich auch mit keinem Auge +wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im Anfang ging einmal ein dumpfes +Gerücht, daß doch nicht Alles mit ihm so in Ordnung -- nicht eben Alles +Gold sei, aber ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und +-- wenn ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekümmert. +Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs -- das kleine freundliche +weiße Häuschen, mit den grünen Jalousieen, und dorthinein wohne _ich_. +Also mein lieber Herr von Hopfgarten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf +das Freundlichste zu empfehlen.« + +Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann hatte etwas rührend +Hartnäckiges in seinem ganzen Wesen, mit dem er dem Unglück die Spitze +geboten und sich, allen bösen Neigungen wacker dabei begegnend, an die +Oberfläche gearbeitet. + +Noch stand er in der Straße, unfern von Eltrichs Wohnung, und sah +dem rasch und geschäftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen +abgetragenen blauen Frack geknöpftes Individuum an ihm vorüberging, +ihn scharf fixirte, und sich rasch gegen ihn wendend die rechte Hand +-- unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkistchen -- nach ihm +ausstreckte und rief. »Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des +Ibikus -- Herr von Hopfgarten; eine höchst angenehme Erscheinung beim +Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.« + +»Herr Steinert?« rief Hopfgarten erstaunt aus, »ich hätte Sie fast nicht +wieder erkannt -- wie geht es Ihnen?« + +Steinert zuckte die Achseln. + + »Durch Unglück mehr als durch Versehn, + Verlor Alcest im Handel sein Vermögen + +-- verwünschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder nicht +trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen +gemacht, Herr von Hopfgarten -- bittere Erfahrungen und -- wenn weiter +Nichts -- Menschenkenntniß gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich +sage Ihnen, ich könnte eine Geographie des menschlichen Herzens, der +menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften herausgeben.« + +Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn konnte, ohne den +Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu kränken, die vor ihm stehende +Gestalt betrachtet, und das Resultat fiel gerade nicht zu Steinerts +Vortheil aus. Sein Anzug, einst jedenfalls modern, war abgerissen, und +noch schlimmer, war schmutzig; eben so seine Wäsche. Nur den äußeren +Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring saß auf einer +ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch häßliche +farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert aus; die Augen lagen +ihm tief und durchschwärmte Nächte, wenn nicht Mangel kündend, in den +Höhlen, und flogen unruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu +haften, umher. + +»Und womit beschäftigen Sie sich jetzt,« sagte Hopfgarten endlich, dem +es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde, »haben Sie irgend eine +Anstellung? irgend ein -- ein --« + +»Ein freies Leben führen wir,« unterbrach ihn aber Steinert, den rechten +Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung zum Himmel hebend. »Ich +konnte mich erstlich nie dazu verstehen, zu irgend Jemand in ein +dienstliches Verhältniß zu treten -- der Gott, der Eisen wachsen +ließ, der wollte keine Knechte -- und dann bin ich wohl ein halb Jahr +vergebens herumgelaufen,« setzte er, wieder in eine natürlichere +Stellung zurückfallend, hinzu, »ohne irgend einen passenden Platz für +mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine famose +Quelle ächter Havanna-Cigarren entdeckt,« und er nahm bei den Worten +das Kästchen rasch unter seinem linken Arme vor, »die ich Ihnen mit +gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester Herr von Hopfgarten. Famose +Cigarren, sage ich Ihnen, und zu einem Preis,« setzte er leise flüsternd, +und mit einem scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kästchen sehr +aufmerksam und ängstlich öffnete, »wie sie kein Mensch auf der Welt +liefern _könnte_, wenn sie eben nicht -- _geschmuggelt_ wären.« + +»Sie wissen ja, bester Herr Steinert, daß ich gar nicht rauche,« sagte +Hopfgarten freundlich, »ich bin auch wirklich in diesem Augenblick so +mit meiner Zeit --« + +»Sie rauchen gar nicht?« sagte Steinert etwas bestürzt, »aber Sie haben +doch gewiß Jemand, den Sie mit einem halben Tausend Regalias glücklich +machen würden.« + +»In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist auch schon spät +geworden heute, und ich bin eben erst wieder angekommen.« + +»Ich sehe, Sie sind in Eile,« sagte der frühere Weinreisende rasch, +indem er das schon halb geleerte Kästchen -- was in Hopfgarten den +Verdacht aufsteigen ließ, daß er die Regalias auch im Einzelnen verwerthe +-- wieder an seinen früheren Platz zurückschob. »Ich will Sie nicht +länger aufhalten, aber -- ich dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit +bitten. Wir sind hier gerade in der Nähe und ich habe vergessen mein +Portemonnaie zu mir zu stecken -- bin jedoch einem Freund von mir da +drüben fünf Dollar schuldig. _Wären_ Sie wohl so freundlich, mir diese +kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?« + +»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Hopfgarten verlegen, und +unwillkürlich zugleich in seiner angeborenen Gutmüthigkeit in die +Westentasche fahrend, »ich weiß nur nicht --« + +»Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz besaß,« recitirte +Steinert. + +»Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieser Dollarnote gedient wäre.« + +»Sie sind sehr freundlich -- aber Sie erlauben mir, daß ich es mir +gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es +Ihnen jedenfalls zurück. Welches Hotel?« + +»St. Charles --« + +»Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewöhnlich -- Herr von +Hopfgarten »Haben« 1 Dollar.« + +Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche vorgenommen, +die Cigarrenkiste auf das linke emporgezogene und ziemlich geschickt +balancirte Knie gelegt, und notirte sich den Fall auf ein weißes Blatt. + +»Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergnügen Ihnen einen +angenehmen Abend zu wünschen.« + +»Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,« rief Steinert, ihm, +immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleistift freundlich +zuwinkend. + +Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und +stieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, an deren Klingel er zog, +rasch hinan. + +Ein wunderhübsches, nur etwas kränklich aussehendes, beinah weißes +Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und fast blauschwarzen +Haar dieser Race, das die Quadroonin verrieth, öffnete ihm die Thür, +frug den Erstaunten in deutscher Sprache was er wünsche, und führte +ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen +Genugthuung -- denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt -- Herrn Ledermann +#alias# Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs traf, und von den dreien +auf das Herzlichste begrüßt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war +besonders glücklich den alten Reisegefährten, der sich schon an Bord von +allen Cajütspassagieren immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei +sich zu sehn und bewirthen zu können, und verschwand gleich aus dem +Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, Küche und +Keller vermochte. + +Nach den ersten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel zu sehr daran zu +erfahren was er von Ledermann hinsichtlich seiner Nachspürungen nach +jenem Soldegg hören sollte. Eltrich wußte überdieß von der Sache, über +die Ledermann schon oft mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt +daß von Soldegg selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen +wäre, seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit +aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly, +unter einem falschen Namen in New-Orleans ertappt sei, und einen +Schlupfwinkel gestohlener Güter verrathen habe, in dem man auch einen +nicht unbeträchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte. +Nach allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war indeß +geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, doch umsonst; +entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falschen +Namen, von seinem Raube, wo es freilich dem Zufall überlassen bleiben +mußte, ihn einmal auszuspüren und zu Tag zu bringen. + +Herr _Fort_mann, der übrigens Eltrich gegenüber sein Incognito nicht +beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, wenigstens +bekannt gewesen waren, wünschte, wie sich wohl denken läßt, ebenfalls +etwas Neues von dort zu hören, das ihm Hopfgarten denn auch nicht +vorenthielt. Während Frau Eltrich nun dem Gast, der endlich eingestehn +mußte, daß er in aller Eile heute auf Amerikanischem Boden noch nicht +einmal zu Mittag gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis +herrichtete und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente, +mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort aussah, +was die Leute dort trieben und -- wie es vor allen Andern der Frau +Aktuar Ledermann ging, für die sich Frau Eltrich ganz speciell +interessirte. + +»Hm, ja,« sagte Hopfgarten lächelnd, und emsig dabei beschäftigt ein +kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, »gut -- sehr gut -- hat ihre +Trauer -- dieß Huhn ist wirklich delikat -- hat ihre Trauer abgelegt und +wohnt jetzt bei ihrem Bruder.« + +»Existirt der Lump auch noch?« frug Ledermann. + +»Wollte wieder ein Geschäft eröffnen,« fuhr Hopfgarten langsam fort, +»scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fällen, das +nöthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat sich, auf dringendes +Anrathen des Herrn J. G. Weigel entschlossen, mit seiner Schwester --« + +»Den Teufel auch!« rief Ledermann von seinem Stuhl aufspringend, und in +jäher Angst den Schluß des Satzes errathend. + +»Mit seiner Schwester,« fuhr Hopfgarten ruhig fort, »nach Amerika +auszuwandern.« + +»Was für ein rührendes Wiederfinden das werden würde, Herr Ledermann,« +lachte diesen Frau Eltrich schelmisch an. + +»Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,« rief aber der Aktuar +wirklich bestürzt -- »tollere Sachen sind schon vorgefallen, und _mir_ +bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen. +-- Aber -- nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß? +das ist Ihr Ernst nicht. -- Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau +Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?« + +»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon so gut wie +abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag +nach den nördlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier +allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie +sehen, genau nach Allem erkundigt.« + +»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend, +»wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir +getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst +einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.« + +Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen Teufels, der eine, +vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor, +sich selber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los +werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm +versicherte, der Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste +Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg +hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner +Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der Aktuar _nicht_ ertrunken, +sondern nach Amerika geflüchtet sei. Der Körper war allerdings, trotz +hartnäckigem Suchen, _nicht_ gefunden worden, aber das _Spielen vor_her, +und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung _nach_her, +schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern +keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. #Dr.# Hayde besonders +hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings +etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin +er nachwieß, daß der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner +Ausnahme-Fällen, ein durchaus _bürgerliches_ Laster sei, (und später +dafür von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse +erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch +außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die +Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn +ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele +aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte +Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche +Weise zu entziehn. + +Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von +dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger +arbeite, sich so rasch und glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser, +seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend, +gab ihm gern Bescheid. + +Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das +viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen hätten, auf dem, +von einen Neger gezogen, ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument, +gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder, +trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren +Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die +geringste ernstliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall sie +auf die Spur des Diebes bringen können. + +Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme Frau, die, von +allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth +aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest +entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal +fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit _ganz_ andern +Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen, +in der Stadt herum _Arbeit_ zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder +leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und die Seinen. Nach einiger +Anstrengung gelang ihm das auch -- er wurde zuerst auf einem Flatboot +zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das +beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war +wenigstens gesichert. + +Aber er brauchte mehr als das -- er mußte Geld verdienen, wieder eine +Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument zu kaufen; er mußte Geld +verdienen, sich wieder anständige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er +Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst +sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und +dem scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, schaffte +und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der brennenden Sonne, +und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten, +während sich die Frau ebenfalls Mühe gab Geld zu verdienen, und es +endlich möglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann +durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum +Waschen und Plätten zu bekommen. + +»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,« +erzählte Eltrich, »denn während ich meinem nächsten Ziel, mir wieder +ein Instrument und uns beiden anständige Kleider zu kaufen, wohl +entgegenrückte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst, +die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet, +ankamen, eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und dann +spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie untergegangen, oder +nur von der Strömung mit fortgerissen waren, und mußte mir zu meiner +Beschämung gestehn, daß ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände +Arbeit, als gewöhnlicher Tagelöhner, _mehr_ verdiente, wie es mir +möglich sein würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger +ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab +unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich gegen uns bewieß, +Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser +Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich +wurde von dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade +von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er +gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte, +anständige Sommerkleider besaß ich schon, Dank unseren Ersparnissen; +aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte +ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können, +im Kopf herum -- trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch +unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder +einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, mochte wohl größtentheils die +Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau +schuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu +verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt. + +»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte, +zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen Gründen, spottschlecht. +Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich -- sie +wußten ja, daß ich den Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke +geschleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine +zum Üben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und -- veranstaltete +heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging +nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch plötzlich und +eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und +einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben +beginnen konnte. Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer +rollen -- ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch +Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz. +Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die +Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die +doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Masse der gewöhnlichen +Einwanderer gehörten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich +sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame +Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht nehmen, den +Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner +Frau zusammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künstler +als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit +und Umstände so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß von +zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf +in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen +Französischen Theater, mit einem recht anständigen Gehalt, habe dabei +Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit +meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.« + +Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche Gedeihen in +Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden +früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe. + +»Herr Steinert ist ein Lump,« sagte da Eltrich, »und Mehlmeier, trotz +einigen Eigenheiten, die er an sich haben mag, ein Ehrenmann. Wie +Mehlmeier im Unglück war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten, +hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner +Bekanntschaft geschämt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet +hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier in seiner Gutmüthigkeit +läßt sich auch beschwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug +werden, und aufhören sein Geld in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.« + +»Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,« sagte Ledermann, +»davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, schon mehre +recht traurige Beispiele gesehn. So traf ich heute Morgen erst wieder +einen alten Bekannten, und früher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei +Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten +Verhältnissen in Deutschland zurückließ.« + +»Lobsich? -- hier in New-Orleans? -- was ist mit dem?« rief Hopfgarten. + +»Kennen Sie ihn?« + +»Von Milwaukie her -- das ist ja derselbe Wirth, in dessen Hause ich +verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er sein Gasthaus +aufgegeben?« + +»Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben scheint, ist ihm +gestorben,« sagte Ledermann, »und der Mann hat dann wahrscheinlich durch +den Trunk -- denn er taumelte selbst hier, als ich ihn sah -- sein +Geschäft nach und nach ruinirt.« + +»Hat er Sie gesehn?« frug Hopfgarten lächelnd. + +»Brille und Bart haben mich sehr verändert,« erwiederte Ledermann etwas +verlegen; »ich kann darin ziemlich sicher sein; dennoch fühle ich mich +nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich in nächster Zeit weiter +in das Innere zurückziehn; es kommen doch fast zu viel Bekannte +hierher.« + +Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzählen, was er von den +hiesigen Verhältnissen seiner Bekannten wußte, und besonders interessirte +ihn dabei Hedwig Loßenwerders glückliche Verbindung, die sie in eine +angenehme und unabhängige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe +für Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders bei +sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blättern veröffentlichte +Erklärung der Gerichte selber, nach denen der damals angeschuldigte, und +durch unglückliche Umstände zum Selbstmord getriebene Franz Loßenwerder +von jeder Schuld an dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen, +und sein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr +Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklärung erlassen, und +überhaupt Alles gethan, was in seinen Kräften stand, wenigstens das +Andenken des armen unglücklichen Menschen von jedem bösen Leumund zu +befreien, und seinen ehrlichen Namen wieder herzustellen. Ein einfacher +Stein auf seinem Grabe erzählte ebenfalls in kurzen schlichten Worten +seine Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen -- guter Gott, +er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das +Unrecht nicht ungeschehen machen, das ein armes, treues Menschenherz in +Gram und Schmerz gebrochen. + +Wie froh, aber auch wie schmerzlich mußte die arme Hedwig eine solche +Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau, +die sie schon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der sie auch in +New-Orleans öfter zusammengekommen, heute Abend _mit_ dem jungen Hamann +hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich verstand +sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen augenblicklich hinüber +nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen. +Ledermann hatte noch einige Geschäfte zu besorgen, versprach aber auch +gegen Abend zurückzukommen und diesen in ihrer Gesellschaft zu +verbringen. + +Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, öffnete ihnen das +junge Quadroon-Mädchen die Thür. + +»Wetter noch einmal, was ist das für ein liebes freundliches Gesicht,« +sagte Hopfgarten, als sie draußen auf der Straße waren, und dem nächsten +Omnibus zugingen, »doch mit Negerblut in den Adern.« + +»Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe thun können,« +lächelte Eltrich, »eine durch mich befreite Sclavin.« + +»Was?« rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach ihm umdrehend, »das +hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie schon Zeit zu Entführungen gehabt +-- davon haben Sie mir ja kein Wort erzählt.« + +»Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen Hintergrund +-- ich habe sie, mit Hülfe meines früheren Wirthes, der mir die Hälfte +der Summe vorgestreckt, _gekauft_, und diese zweite Hälfte arbeitet sie +nun selber ab, so daß sie, mit den Geschenken, die sie bekommt, denn +alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei +Jahren, vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin +sein wird. Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, denn hier +ist unser Omnibus, der uns hinüber nach Fayetteville nehmen soll.« + +Sie stiegen in den schon ziemlich gefüllten, auf Rädern gestellten +unförmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von einem Ende der +Stadt zum andern zu befördern, und mußten eng zusammenrücken, da der +Bursche hinten am Schlag hinein beförderte, was eben Passage bezahlte, +gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot. + +Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, daß ihre Kniee +ineinanderpreßten, saß ein sehr anständig gekleideter Mann, der Hopfgarten +ungemein bekannt vorkam. Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der +schon einbrechenden Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem +letztern die Hand entgegenstreckend sagte er freundlich: + +»Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reisegefährten sind -- Herr +Eltrich -- Herr von Hopfgarten -- nicht wahr?« + +»Leupold, wahrhaftig!« rief Eltrich, rasch und freundlich die +dargebotene Hand nehmend und schüttelnd, »wir haben uns nicht gesehn +seit wir das Schiff verlassen; wie geht es Ihnen?« + +»Körperlich _recht_ gut,« sagte Leupold, doch ein recht wehmüthiger Zug +um den Mund strafte ihn Lügen dabei, oder verbarg mehr als er sagen +wollte. + +»Sie sind hier in New-Orleans etablirt?« frug ihn Hopfgarten. + +»Ja, Herr Baron, und ich muß gestehen, ich habe viel Glück gehabt +-- wie man hier so im gemeinen Leben sagt -- in meiner Familie aber +destomehr Leid.« + +»Ist Ihre Mutter krank geworden?« frug Eltrich. + +»Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;« erwiederte Leupold, »auch +ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren, +und den ich an Kindesstatt zu mir genommen hatte, nur irgend Jemand zu +haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und +ich arbeite jetzt eigentlich für weiter Nichts, als eben zu essen und zu +trinken.« + +»Doch sonst geht es Ihnen gut?« frug Hopfgarten. + +»Was pecuniäre Verhältnisse betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber +dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkommen konnte. Ich selber hatte +eine stille Hoffnung, daß mich Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck +und Ziel sich so allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt +verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott weiß wie +vielen Leichen, fertigte Särge so viel ich mit vier bei mir ausharrenden +Gesellen fertigen konnte, und verdiente ungezähltes Geld in der Zeit +-- ich ginge auch gern zurück nach Deutschland, aber -- ich habe den Muth +nicht dazu -- ich werde die nächste gelbe Fieberzeit noch abwarten, und +sehen was da wird.« + +»Sie fühlen sich nicht wohl in Amerika?« sagte Hopfgarten mitleidig. + +»Wie soll man sich da wohl fühlen, wenn man Alles verloren hat, was +Einem noch lieb und theuer auf dieser Welt war, und für das nur einzig +und allein man arbeitete. Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu +verdienen, wenn man fleißig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es +mir in Deutschland schlecht gegangen wäre. -- Aber ich will Ihnen nicht +die Ohren voll lamentiren -- überhaupt ist hier die Straße, wo ich +aussteigen muß. Es hat mich _herzlich_ gefreut Sie wieder einmal begrüßen +zu können!« + +Er reichte ihnen die Hand, schüttelte sie freundlich, und drängte sich +dann durch die ihm mürrisch Raum gebenden Passagiere der Thüre zu, den +Omnibus zu verlassen. + +»Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,« sagte Eltrich +traurig, »lieber Gott, wenn ich mich in seine Lage setze, kann ich mir +recht gut denken, wie furchtbar es ihm sein muß, jetzt so allein und +verlassen dazustehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er +Niemanden hat, der es mit ihm theilt, für den er spart.« + +»Es ist seine eigene Schuld,« sagte aber Hopfgarten achselzuckend, +»er hat uns selbst erzählt, daß es ihm in Deutschland nicht schlecht +gegangen wäre; weshalb wandert er da aus? -- Das kommt von dem +thörichten Misvergnügtsein ohne Grund.« + +»Lieber Gott, es läßt sich da doch Manches zur Entschuldigung sagen,« +seufzte Eltrich, »wir könnten es auch den Trieb sich zu verbessern +nennen, den doch jeder Mensch in der Brust mit herum trägt -- warum ihm +den schlimmsten Namen geben? Thäten die daheim, deren _Pflicht_ es wäre, +für das wahre Glück der Völker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen +das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten sie, daß das »Von Gottes +Gnaden« nicht nur auf _ein_ Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als +auf etwas ganz Besonderem -- wie oft nur auf etwas sehr Gewöhnlichem +-- sondern niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste +unscheinbarste Wiesenblume. Stäke mit einem Wort einer Masse Menschen da +drüben nicht der verdammte Dünkel zu fest in der Stirne aus einem ganz +besonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu sein, Tausende +würden nicht daran denken, die Heimath zu verlassen, sondern in einer +möglich bürgerlichen Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth +treibt vielleicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große +Wasser, der Ekel das andere -- und _das_ gerade thut Deutschland weh +-- unendlich weh, denn _was_ für wackere Kräfte sind ihm dadurch +verloren gegangen.« + +»Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,« lachte Hopfgarten. + +»Nein, leider Gottes,« seufzte Eltrich, »_die_ liegen an zweifarbigen +Bändchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt sich in seiner Unschuld in +Nähr-, Wehr- und Lehrstand -- daß er den _Zehr_stand gar nicht dabei +berücksichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach +Deutschland zurückkamen?« + +»Wunderbar,« lachte der Gefragte, »unendlich wunderbar -- ich gebe Ihnen +mein Wort, es kam mir in einem fort so vor, als ob die Leute nur Comödie +spielten -- und sie thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien +Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen hat, +aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene Entwickelung +garantirt, wieder hinüber in das abgetheilte, angeblich _geordnete_ +Leben kommt, wo die Menschen wie in Gefachen, mit kleinen darauf +geklebten Zettelchen eingeschachtelt liegen, sieht wie die untersten, +bequemsten Gefache fortwährend herausgezogen und gebraucht werden, +während auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenstaub liegt, und dann +zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig ist, und wie es noch eine +andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und fröhlich aufathmen +dürfen; wenn man sieht, wie das dort kriecht und scharwenzelt, und auf +Kindereien sein höchstes Ziel setzt, wenn man einen Blick wieder auf +jenen Beamten-Wust wirft, der einem in das Kleinste zergliederten, +auf das peinlich kunstvollste hergestellten und berechneten Räderwerk +gleicht -- einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert +man sich wirklich, daß die eigentlichen Menschen nicht _Alle_ auswandern +und das ganze kunstvolle Beamtensystem, wie ein von Insekten +skelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.« + +»Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?« frug Eltrich. + +»Es ist ja das Vaterland,« sagte Hopfgarten herzlich, »der Himmel +ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so grün wie daheim. Sie +mögen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbst +zurückfuhr, und in der Nordsee die nackten Sanddünen, den Thurm von +Wanger-Ooge wieder sah, hab' ich geweint wie ein Kind -- es giebt doch +nur ein Deutschland.« + +»Ja, leicht können sie's nicht todtmachen,« rief Eltrich, »aber ich +kehre doch nicht dahin zurück.« + +»Verschwören Sie's nicht,« rief Hopfgarten; »es kommt doch eine Zeit, wo +es uns wieder hinüberzieht -- das Grab unserer Väter ist ein heiliger +Platz, wo wir mit beiden Händen anfassen müssen, wenn wir unser Herz +davon losreißen wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt +da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür bin ich schon zu +viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurück und +lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unsern Frühling, wenn die +Lerche an zu wirbeln fängt, wenn die Birken keimen -- werden Sie das je +vergessen können?« + +»Ich will's versuchen,« sagte Eltrich seufzend, »aber hier ist unser +Halteplatz -- dort in der Straße liegt für jetzt unser »Deutsches +Vaterland«.« + +»Ein trauriger Ersatz,« lächelte Hopfgarten, als der Wagen hielt, und +sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen mußten. + + + + +Capitel 7. + +Meier, Pelz & Co. + + +Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher das »Deutsche +Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, denn der kurzen +Dämmerung in Amerika folgt rasch und fast plötzlich die Nacht. Dicht +vor der Thür des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flüsternden +Gespräch, und als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte +er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte +Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und +Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten sich aber rasch +von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das +Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach +oben in Verbindung stand. + +Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher +die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein, +und mit verschränkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und +abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner +Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und +hörte mit großer Theilnahme, wie jener schändliche Verdacht endlich auch +öffentlich von dem unglücklichen Bruder seiner Frau gewälzt sei, und +diese sich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher +Sorge vom Herzen. + +Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei +ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens für sich selber, ablehnen, +wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die +Herren gern begleiten würde. + +»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt im Haus gehabt,« +setzte er, sich entschuldigend, hinzu, »und meinen Barkeeper, einen +nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast fürchte, auf +verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen müssen.« + +»Ihren Jimmy?« rief Eltrich -- »Gott sei Dank, daß der Bursche fort ist; +wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine böse, galgenwürdige +Physiognomie, und ich bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht +Lügen.« + +»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, »widerspräche dem +wenigstens nicht, denn ich fand ihn über Tisch in dem Zimmer einiger +meiner »Boarder,« die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei +einer sehr verdächtigen Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr +hübsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh, +den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten und +füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur muß ich +jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persönlichkeit dafür +umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen +Gefallen,« setzte er dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf +gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines +Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäste +sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen hier in der Bar bleiben; +hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute früher als gewöhnlich +geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in +meinem kleinen Wagen ab.« + +Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die +Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber +kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten +Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich +alle Gewalt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen. + +»Ach Herr von Hopfgarten -- ach Herr Kapellmeister -- welch glückliches +Zusammentreffen -- nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen, _wie_ froh +ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? -- was +machen, was treiben Sie -- Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken, +bitte meine Herren, was nehmen Sie -- ich habe ja überhaupt hier noch +eine kleine Kreide stehn --« + +»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit +einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten +messend -- »wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?« + +»Ich? -- lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwünschten Lande +hin!« rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus -- + + »Treibt auf wildbewegtem Meere + Auch mein schwank-gebrecher Nachen, + Dräut mir auch der Wogen Schwere, + Soll's mich doch nicht muthlos machen -- + +»wo kommt man hier _nicht_ hin? -- sag' ich noch einmal -- Sie kennen ja +die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in meinem Himmel mit mir +leben -- #à la bonheur#, aber auf Erden sind alle Kämmerchen vermiethet« +-- Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in +der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher +begabter Mensch auch noch mit etwas Anderem _arbeiten_ könnte, als mit +Spitzhacke und Schaufel. _Arbeiten_ schreien sie -- _arbeiten_, immer +nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen +sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht +länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und +jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser +aufgestellt -- bitte, was nehmen Sie?« + +»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend -- Theobald +sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stücke +wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ sein +ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Wesen auch noch überdieß darauf +schließen, daß er schon selber eigentlich mehr wie seine tägliche +Quantität getrunken habe -- »bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es +Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit +seinen Arbeiten vorwärts rückt.« + +»Bah -- _so_ viel für den Professor,« rief Theobald mit einer wegwerfenden +Bewegung -- »ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft +und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon +versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der +Jagd todtgeschossen --« + +»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das ist ja furchtbar, +und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste +angingen.« + +»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig -- »wenn Jemand +Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegen +_mich_; ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen +Geist geliehen; aber die Rathschläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur +noch eine Zeit lang über Wasser halten -- sein eignes Gewicht zog ihn in +die Tiefe.« + +»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten. + +»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« sagte +Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine +Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber +kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.« + +Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald +drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in Amerika für eine +Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu +trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an +den Schenktisch. + +Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem +höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen +Bewegung, den Arm ausstreckend, rief: + +»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle +Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist: + + So fließe denn dieser edle Trank, + Ein perlender Tropfen Himmelsthau, + Als Weiheopfer, als Gottes Dank, + Den schönen Augen der schönsten Frau. + Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut -- + _Sie_, deren Bild uns im Herzen ruht, + Lebe hoch!« + +»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem sie ihre Gläser +leerten. + +»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte der Kapellmeister, +»die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? -- an Bord +ging einmal ein unbestimmtes Gerücht --« + +Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend +aus: + + »Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild, + Da ruht mit dem Bild auch der Namen, + Ein düsterer Schleier decket das zu -- + _Ich_ bin zu dem Bild nur der Rahmen -- + +aber apropos« -- wandte er sich dann rascher und lebhafter plötzlich an +den Kapellmeister -- »ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum +Komponiren, lieber Eltrich -- ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige +Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das +sind aber natürlich nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie +sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den meinigen +werden Sie _Deutschen_ Geist in Amerikanischer Hülle finden, etwas +Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich fest überzeugt bin, Ihre +Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein +die Wahl zwischen einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten, +sondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu +überlassen.« + +»Sie sind _sehr_ gütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, verlegen, wie +er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmüthig, +geradezu nein zu sagen. »Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen +einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr +mit andern Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu +können --« + +»Oh gewiß -- gewiß,« rief Theobald rasch -- »aber -- mit dem Lesen, +wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern +Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript +und Vortrag ausnimmt. Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes +Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit --« er holte dabei ein +etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche +-- »einmal hier flüchtig vorläse; es würde --« + +»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wir _müssen_ hinaufgehn, es wird +die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen +wollen, und Sie wissen, ich habe _wichtige_ Sachen mit ihr zu besprechen.« + +»Sie haben recht,« rief Eltrich -- »wir müssen uns wahrhaftig heute +entschuldigen, Herr Theobald -- wenn Sie mir später das Manuscript +vielleicht einmal anvertrauen wollen, so würde ich --« + +»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen +Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch entschlossen -- »zu welcher +Zeit trifft man Sie am Besten?« + +»Es ist jetzt _sehr_ unbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken +Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend -- »vielleicht einmal +Nachmittags -- also auf Wiedersehn, Herr Theobald --« + +»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister -- auf Wiedersehn Herr von +Hopfgarten.« + +»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los sind,« sagte +Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach +oben führenden Treppe gingen, »der wäre im Stande gewesen und hätte uns +die halbe Nacht seine faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber -- alle +Wetter, Eltrich -- hier ist's dunkel -- kennen Sie den Weg?« + +»Ja -- ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da +dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie +nur -- hier ist das Geländer -- fassen Sie mich an -- so -- sehn Sie? +-- hier steigen wir hinauf, und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich +oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die +Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.« + +»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten. + +»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange leben; sehn Sie, +da sind wir schon -- fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht +ganz häßlich steil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen, +man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!« +und den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke +drinnen hell und klar ertönte. + +Alles todtenstill -- kein Laut antwortete. + +»Sie haben es nicht gehört -- ziehn Sie noch einmal,« sagte Hopfgarten. + +Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und legte dann das +Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne. + +»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herüber +-- »Hülfe!« rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedämpfter, doch +nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund +zu schließen suchte. + +»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls +gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu +thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und +führte im nächsten Augenblick einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt +gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese +gleich mit dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die +Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt, +hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem inneren +Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, aus der ein +Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden +war. + + * * * * * + +Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einen +#square# haltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme +geführten Gespräch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein +nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem +Herüber- und Hinübersuchen, anschloß. + +»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war +sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen -- »wird's noch was heute +Abend?« + +»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher Stimme, »denn +schon heut' Morgen war die Rede davon, daß sie den Alten am nächsten Tag +hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er +dort mehr Pflege hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.« + +»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch. + +»_Lohnt's?_»wiederholte Jimmy ärgerlich -- »glaubt Ihr, daß _ich_ +meinen Hals an so eine Geschichte setzen würde, _wenn's_ nicht eben +was Außerordentliches wäre?« + +»Na, ob _Dein_ Hals das gerade ist,« brummte Meier. + +»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz mürrisch, »also +Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlag _genug_ kriegen +können, Jimmy.« + +»Ich _glaube_ gar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, »ich _weiß_, +daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen Holzschrank, den er +nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht +zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung +habe, für vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und +Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den +Deckel sprengen.« + +»Und der Alte?« + +»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig +Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, weil ich nicht da bin, +in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer, +daß Niemand eine Tasse zu viel trinkt.« + +»Ich weiß nicht -- mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« meinte +Meier -- »ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und +Schliche da kennte, wo man hinausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär' +mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes +Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinführen +zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so +drückt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.« + +»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« rief Jimmy +-- »wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im +Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür -- die +schließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die +Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.« + +»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da hättet Du ja auch +die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche +stecken können.« + +»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb mürrisch, »aber +-- es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. Mit +_einer_ Hand könnte man ihn zusammendrücken, und doch -- doch _fürcht'_ +ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter, +und er schläft -- Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt -- mit einem +Auge offen.« + +»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier. + +»Daß ihn der gelbe Jack hole,« fluchte Jimmy -- »ich vergelte ihm die +heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken; +er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch +jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem +Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind +wir sicher; länger keine Secunde.« + +»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die Thüre draußen kommt und +hinein will?« frug Meier. + +»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, »und aus dieser +führt eine stets offen stehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den +andern Theil des Hauses läuft -- aber es _kommt_ auch Niemand, zum +Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wär's vielleicht der junge +Tölpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl +einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden +ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, und in der +Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, ist eine Verfolgung +ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine +einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals +ziehn.« + +Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten +Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz überkommen, doch bei Seite +gestellt zu haben, und die drei Männer schritten jetzt raschen Ganges, +sich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch am Wasser, und +dann die Straße hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte. + +Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen +besetzten Fenster des »Barrooms« konnten sie von außen ganz deutlich die +kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten über sieben zeigte. +Dennoch zögerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie +nicht zu früh kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der +junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von außen ebenfalls +deutlich erkennen; so weit stand die Sache günstig genug für sie, und +die Gäste waren jedenfalls schon drin bei Tisch. + +Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des +Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten +sich aber auch fast unwillkürlich wieder ab, und schritten dem kleinen +Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte. + +»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier Pelz zu. + +»Ja!« nickte dieser leise -- »ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts +-- im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an +der Flasche fest, und in zehn Minuten können wir wieder unten sein.« + +Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln, +rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht +brannte; an diesem zündete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine +eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten +sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange +hörten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter +und auf dieselbe Thür zukam, in der auch _ihr_ Ziel lag. + +»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin +-- »das ist die Madame -- was zum Donnerwetter hat denn _die_ heute +Abend bei dem Alten zu suchen? -- Ruhig Leute, wir müssen hier einen +Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.« + +Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herüber kam, nach dem +Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich trug, +die Thür, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe +um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu +entzünden, den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter sich +in's Schloß. + +»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier finster vor +sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Nest.« + +»Das wär' weiter keine _Gefahr_,« flüsterte Jimmy zurück, »wir gingen +nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit, +wer's gewesen ist.« + +»Und das Geld?« frug Pelz. + +»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy zwischen den +zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger +zu knacken. + +»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, doch +zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du das verdammte Knacken lassen, +das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich +als Sturmglocke dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir +zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder nicht, +wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind +unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, daß _wir_ künftig +von unseren Interessen leben können und eben nur zuzulangen brauchen, +sollte uns _das_ wenigstens nicht abhalten.« + +»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, ängstlich werdend +-- »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denn _da_mit möchte ich +Nichts zu thun haben.« + +»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? wir verlangen von +denen da drinnen weiter Nichts, als daß sie ein paar Minuten das Maul +halten, und dazu können wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den +Hals abzuschneiden.« + +»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal; +»sie _muß_ gleich wieder zurückkommen.« + +Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze +Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach +oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo +vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im +Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy +selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben +auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und +damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie +nun nicht an's Werk gingen, wolle _er_ mit der Sache nichts weiter zu +thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam +auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu +enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen +Stufen noch hinauf. + +Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so +geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel, +den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den +Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten +anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen +der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so +leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin, +wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die +Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu +gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich +nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz +warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen +Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr +mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich +gebe. + +Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets +in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon +wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben +Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt +liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment +gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah. +Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen +Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des +Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte +die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht +versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die +nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken +ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff, +führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen +Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos +zu Boden streckte. + +Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern, +die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen +Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das +er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und +leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen +Leinwandsack. + +Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei, +wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr +lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst +frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer +fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten +enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen +konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an +der Vorsaalthür ertönte. + +Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder +-- die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in +seinem Griff an Hedwig -- nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr +sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues +Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm, +dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert +um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden +Hülferuf aus. + +»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit +seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu +decken. + +»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem +Augenblick die dünne Thür zusammen. + +»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack +fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an +Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden +Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz +an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen +fest. -- + +»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den Weg mußt Du mir +wenigstens zeigen, und daß _Du_ hier, mein Täubchen, uns nicht indessen +vor der Zeit das ganze Haus über den Hals schreist, nimm _das_ indessen,« +und sie loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut +gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der +dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie nicht, die +Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich +fest an ihn angeklammert hätte. + +»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene +Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, riß sich von Meiers Griff +los, und sprang ebenfalls in die Kammer, während dieser indeß umsonst +versuchte die Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines, +nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Kräfte zu +wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert, +und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, riß ein Messer aus +seinen Gürtel, als die Stubenthür auf- und Hopfgarten in demselben +Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn +gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog. + +Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so gut das im Augenblick +ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers +so voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren, +jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln +brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest +niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit +seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen +Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und +zur Hülfe strömten. + +»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung seine Arme +wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten +Strafe, »lassen Sie mich los -- ich -- ich weiß, wen Sie suchen -- ich +weiß -- ich weiß wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt -- aber +-- heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier -- lassen +Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden können!« + +»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte man einen Wolf mit +dem andern fangen.« + +»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief aber Eltrich, der +das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fühlte, »der Bursche ist +zum Galgen reif -- Hülfe -- Hülfe hierher.« + +Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Räubers, aber +die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, und _nicht_ verschlossen +gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistürmenden +Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, während von +der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten +später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten und Eltrich, +den Gefangenen der Masse überlassend, konnten jetzt daran denken das +wild umhergestreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in +Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie +in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten +alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf +sein Bett getragen. + +Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler mitgekommen, +die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in +Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle +Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof +zuführenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber dort +wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich abgelaufenen +Sprung aus dem Fenster, verloren haben mußte. + +Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen ihres Gatten +wieder soweit erholte sprechen zu können, erfuhren sie, daß drei Männer: +der Gefangene, ein früherer Reisegefährte Pelz, und ihr heute +fortgeschickter Barkeeper, die Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der +sich indessen mit dem alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem +Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick +mehr zweifeln, daß er _todt_ sei. + +Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie +und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken festgeschnürten +Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der +Bürger geschützt werden, die große Lust hatten, ihn gleich an Ort und +Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen. + +Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthür +verschlossen gewesen, und erst von den zur Hülfe Eilenden durch +gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen +Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein, +denn aus der Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler +kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes +zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den +unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustöbern. + +Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, die +erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer +gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm +Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum +wisse, mitzutheilen. + +»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, »macht mit mir was +Ihr wollt, Ihr _habt_ mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch +_Gefälligkeiten_ von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig +gewesen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber +die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen +beantworte. Hole Euch Alle der Henker.« + +»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« sagte der eine +Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stieß. »Fort mit +Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab' +keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann, +Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß +man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange +auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor +der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem +der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau +überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hülfe, +und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.« + +Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt, +und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu +verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem +rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu +verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's +Leben zurückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der +Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeschlagen +und augenblicklichen Tod herbeigeführt. + +Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fuß hohen +Fenster hinuntergesprungen sein mußten, war indessen auch nichts weiter +zu erkennen. Das Fenster stand offen, und ließ, mit der unten gefundenen +goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich +aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten +doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen Alles derart +zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ wohin sich die +Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb übrigens, daß sie durch den +schmalen Gang auf die Straße geflohen wären, und eine Verfolgung war +dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber +konnten in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und +unbeachtet fortsetzen. + +Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte +Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr +Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden +Frauen, die sich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu +dem Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden +Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß sich dieselben +nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in +der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, ließen sich +jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder +den Sohn über den ihn betroffenen Verlust zu trösten. + +Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung +vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem +Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf +den Knieen zusammengefalteten Händen still und schweigend vor sich +nieder. + +»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend +und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin. +Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes +Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa +trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr Schmerz muß +sein Recht und seine Zeit haben -- ich weiß das gut genug, und gerade +die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen -- aber man muß ihm +auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt über sich lassen, +denn gerade dann ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß +genug gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen voll.« + +»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf so schmähliche, +schändliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in +Spannen zugemessen war.« -- + +»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,« sagte +Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen +Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau +zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele +gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er +vielleicht im Stande wäre New-Orleans zu verlassen.« + +Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick durch +das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von +seinem Stuhle auf. + +»Was haben Sie? -- was ist?« frug ihn Hopfgarten erstaunt. + +»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem Mund und +ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten +Aufmerksamkeit. + +»Hörten? -- _was_?« rief Hopfgarten, sich ebenes überall in dem leeren +Raume umschauend. + +»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte,« sagte Eltrich. + +»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, »ich will nicht +selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die +Thüren, Herr von Hopfgarten -- um des Heilands Willen an die Thüren +-- der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!« + +»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend. + +»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? -- haben Sie hier unter dem Bette +nachgesehn?« + +»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.« + +»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, »ich kenne das +unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat,« und das +Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten, +unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die +klägliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers +jedem weiteren Zweifel der Männer ein Ende machte. + +»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser mit winselnder, +kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um tausend und tausend +Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglücklichen, +verführten, zu Grunde gerichteten Menschen -- oh Jesus, oh Jesus, thun +Sie mir Nichts -- ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn, +Alles was ich weiß -- Alles herausgeben was ich habe -- thun Sie mir +nur Nichts.« + +»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als _diesen_ +Menschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, und mit +zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewiß war, ein +paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben +vorzukommen. + +»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!« +rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch verdiente wahrhaftig allein +seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.« + +»Ach bester Herr, bitten Sie -- bitten Sie für mich!« schrie Jimmy, der +jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen +Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd +rang. »Ja ich _bin_ zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich +ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich +-- o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.« + +Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und +Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum +die furchtbare Lösung der Bewegung, als er auch mit einem wilden +Aufschrei des Entsetzens, »Herr Jesus -- mein Herr Jesus,« nach dem Bette +zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn mit +unwiderstehlicher Kraft davon ab. + +»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, »feiger, +erbärmlicher Mörder -- rühre die Leiche nicht an!« + +»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.« +schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher, +gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder -- bei Allem was mir und +Ihnen heilig ist, schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem +Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und +theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.« + +Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wünschte, +forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen +und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare +Angst über sich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur +von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles +was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden +Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in +das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, die Zeit nicht zu versäumen, +eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte +er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er +über und unter der Erde zu schwören fand -- und er sprach dießmal die +Wahrheit -- daß er nur Hals über Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was +in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz +und Meier hätten es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer +befindlichen Personen indessen ruhig zu halten. + +Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, den +Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen bewachen wollten; +Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er sich wieder +vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen +bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle +»so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles +herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann +arbeiten von früh bis spät, um Nichts wie die Kost -- _nur_ keinen +Constabler. Der junge Mann mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei +machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber +ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen Hut +aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler +herbeizubringen, der wenige Minuten später den zitternden, weinenden +Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortführte. + + + + +Capitel 8. + +Die Überraschung. + + +Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht eine +peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich sie auch sein mochte, +war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte +ihn sehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm +wach gerufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß, +hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen. +Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, daß jenes Versprechen +des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei, +Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig +von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder +hatte eben die _Möglichkeit_ der Sache auch etwas Wahrscheinliches, daß +derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen +auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit +gediehen, auch gegenseitig Kenntniß von einander habe, und die +verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne. + +Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und +unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band zu lösen, das sein +unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach +Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm +vielleicht mit nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh? +-- wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den +zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und Booten, die New-Orleans +von Tagesanbruch bis in die späte Nacht verließen, umsonst umherrannte +den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht +Jahrelang dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf? +-- ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde der Gefahr, in +den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinüber +nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging? + +Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich +in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn +tolle Träume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan. +Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die, +ihm unter den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn +verfolgen, und der Sattel rutschte ab -- das Pferd stürzte, riß sich +wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schießen +wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung -- der Pfropfen +ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch +die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu +Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und +schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten +suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot saß +fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern die schäumende Fluth und in +weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug, +aus den Augen -- zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge +rissen, ein Rad brach, die Pferde stürzten -- sie kamen nicht von der +Stelle, und vor sich -- immer dicht vor sich mußte er das Hohnlachen des +Buben hören. + +In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er +endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke +Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager, +wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung +und seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor +Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland meldete und +ihn bat, sich, wenn er ihm in _irgend etwas_ dienen könne, ohne Rückhalt +und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch +in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg +abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu können. + +Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch +eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort +liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens +aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten, +in Cajüte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an, +und ob er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und _sämmtliche_ +Privat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, fand +er doch nicht den Gesuchten. + +Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord +-- von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den +besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, schien +eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge +rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. + +Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt +einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten +wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und +dieser schoß indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden +Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer +vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden. + +Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern Ufer, kam ein großer +Dampfer herüber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er +wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner +Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der: + + _CHIKASAW_ + für Little Rock. + Abfahrt _zehn_ Uhr! + +Der Chikasaw hatte in Algier Fracht für Arkansas eingenommen und jetzt +an der New-Orleans-Landung noch einmal angelegt, etwaige Passagiere für +Arkansas, oder die dazwischenliegenden Plätze, die schon durch die +Zeitungen darauf aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke +läutete dabei, rasche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte dick und +schwarz in die reine klare Luft hinauf. + +»_Nach Little Rock!_« -- Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich +durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg wirklich heute +beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, so war Nichts wahrscheinlicher, +als daß er wieder nach dem Westen gehen würde. Jedenfalls lag hier die +Möglichkeit, ihn zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend, +daß an Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand sein Gesicht erkennen +konnte, schritt er rasch über die schmale Planke an Deck und stieg auf +das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten Passagiere zu mustern. + +Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit nicht +ausgeschlossen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des +Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beschloß, +jedenfalls, bis die Planken eingezogen würden, in der Cajüte zu bleiben. + +Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwährend in der Nähe +des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick über die Levée und +Landung hatte, und besonders die Planke des Bootes selber im Auge +behielt, ohne selber auffallend sichtbar zu sein. Es konnte dieses +Niemand, ungesehn von ihm, betreten. + +Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten Mal läutete, +heran; Männer mit Koffern auf den Schultern und Hutschachteln in der +Hand, oder Reisesäcken unter dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre +schweren, riesigen, hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß +ihres Angesichts, und in der Furcht zurückgelassen zu werden, über die +Levée schleifend -- die Frauen Kinder auf Rücken und Armen. Auch ein +Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, schritt herunter +zum Boot, sich nach dem fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner, +die fast alle Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine groß +bekümmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten über die +wunderliche Kleidung. + +Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, mit breiträndigen +Hüten und weißen Halsbinden, von zwei Güterkarren begleitet, die +ihr Gepäck führten, die Levée nieder und auf das Boot zu. Es waren +jedenfalls Geistliche, und Hopfgarten wandte sich an den neben ihm +stehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse, +wer die Herren wären, und wohin sie in solcher Menge gingen. + +»Ah blos Methodistenprediger,« lachte dieser -- »ein ganzer Schwarm, den +wir vor acht Tagen von Little Rock mit herunter gebracht haben. Es sind +meist Circuit-rider aus dem Westen, die hier zu einer protestantischen +Versammlung, wirksame Maasregeln gemeinschaftlich gegen den »Antichrist« +zu berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, und jetzt +wieder auf ihre Posten zurückgehn. Es ist eine Vergnügungsreise für die +Herren, zu der sie vorher natürlich eine tüchtige »fromme Sammlung« +gemacht haben.« + +Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord und die +Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten blieb an der Thür +stehn, und sah sie einzeln neben sich vorübergehn. Es waren meist +ausdruckslose Gesichter, einzelne aber auch mit verschmitzten Augen, und +scharfgeschnittenen Zügen; der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an +ihnen, und wollte seine Aufmerksamkeit eben wieder der Levée zuwenden, +als Einer der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen +Kopfnicken grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat. + +Hopfgarten sah ihn überrascht und verwundert an; der Mann trug allerdings +einen sehr anständigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine +schneeweiße Halsbinde, blank gewichste Stiefeln und einen breiträndigen, +schwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber _das_ Gesicht war nicht zu +verkennen, und, wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen. + +»Herr Maulbeere!« rief Hopfgarten, in diesem Augenblick selbst Henkel +vergessend, »träume ich denn oder wach ich -- sind Sie es, oder sind Sie +es nicht?« + +»Mein lieber Herr von Hopfgarten,« sagte der Angeredete, dem wirklich +Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem glatt rasirten Gesicht, +die Hand reichend und feierlich schüttelnd, »es ist mir ein ungemein +wohlthuendes Gefühl, Sie nach so langer Trennung wieder einmal begrüßen +zu können -- ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich +Ihrer gedacht.« + +Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fuß und suchte sich +im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam davon zu überzeugen, daß er +nicht träume, und mit wachenden Augen den schmutzigen Scheerenschleifer +Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art +ausgekrochen und als Schmetterling -- als Braunes Ordensband -- der +Gedanke kam ihm unwillkürlich -- in der sonnigen Luft herumflattern zu +sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erstaunen +des vor ihm Stehenden zu beseitigen, sondern schien sich eher an dessen +Überraschung zu weiden. + +»Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in _diesen_ Rock, in _diese_ +Gesellschaft?« rief er endlich, jede weitere Höflichkeit bei Seite +setzend, aus -- »ja, wenn mir Jemand des Himmels Einsturz --« + +»Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so heilige, ernste +Sache« -- unterbrach ihn aber Maulbeere schnell und fast ängstlich. »Daß +der Herr da oben« -- und er warf einen frommen Blick nach der Decke +hinauf, »_Wunder_ thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht +zu sagen. _Sein_ Geist hat mich erleuchtet -- Sein Hauch den Teufel +ausgeblasen, der in mir lebte und thätig war -- der Herr hat Gräuel an +den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen -- der Gottlose +ist wie ein Wetter, das überhingeht, und nicht mehr ist, der Gerechte +aber bestehet ewiglich -- der Mund des Gerechten bringt Weisheit, +aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet -- rühme Dich nicht des +folgenden Tages, denn Du weißt nicht, was heute sich begeben mag.« + + [Illustration Capitel 8] + +»Aber wie ist es möglich gewesen, in der kurzen Zeit eine solche +Verwandlung --« + +»Der Herr ist Allen gnädig,« sagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen +Blick die Hände faltend, »und erbarmet sich aller seiner Werke -- des +Herrn Geist stieg auf seinen Knecht nieder in der Nacht des Unglaubens, +da Alles finster war, und siehe da, ein feines Lämplein wurde +aufgestellt in dem Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes +Licht trieb die Sünde aus dem gereinigten Gefäß!« + +Hopfgarten schüttelte immer noch, wie seinen Sinnen nicht recht trauend, +den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte Fleisch und Bein, und der +braune Rock so wenig, wie die schneeweiße, reine Binde ließen sich +wegleugnen. + +Die übrigen Geistlichen hatten sich indeß in der Cajüte versammelt, ein +paar Minuten leise mitsammen geflüstert, und Einer von ihnen kam jetzt +wieder der Thüre zu, wo die Beiden standen und sagte mit einem milden, +lächelnden Blick: + +»Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, an einem +stillen Dank, dem Höchsten für die glückliche Beendigung unserer frommen +Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.« + +Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann wieder zu Hopfgarten +wendend, sagte er: + +»Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zusammen die Reise nach Little +Rock zu machen?« + +»Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid,« erwiederte +dieser -- »ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu suchen.« + +»Das schmerzt mich in der That,« sagte Maulbeere, indem er in die Tasche +griff und ein kleines Paket Bücher und eine Visitenkarte herausnahm +-- »sollten Sie aber später einmal wieder in unser wildes, westliches +Land kommen, so wird es mich herzlich freuen, zu sehn, daß es Ihnen gut +geht -- diese Karte hier enthält meine Adresse -- und mich _glücklich_ +machen, zu hören, daß auch Sie den _wahren_ Frieden in Gott gefunden, +und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlassen +haben, der hinab zu Sünde und Verdammniß führt. Gott sei mit Ihnen -- er +erleuchte Sie -- er neige sein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen seinen +Frieden -- Amen!« + +Und mit einer halb segnenden, halb grüßenden Handbewegung gegen Herrn +von Hopfgarten, der Bücher und Karte fast unbewußt in der Hand behielt, +und dann ebenso in die Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm +ab, und schritt seinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu. + +Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit +unseres Freundes auf sich, die Glocke läutete dabei zum dritten Male, +und das Boot machte Anstalt zur Abfahrt. Nirgends aber ließ sich eine +Gestalt erkennen, die der des Gesuchten auch nur im Entferntesten +geglichen hätte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war, +das Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als +möglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte +dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mußte zuletzt, als +die Planken und Taue eingeholt wurden und die Räder nach rückwärts an zu +arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuschieben, an Land +springen. + +Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft +Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, indessen ungeduldig an +der Levée auf und ab. Seine rechte Hand in die Tasche schiebend, fühlte +er dort die vorher in Gedanken eingesteckten, ihm von Maulbeere +übergebenen Schriften, und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten. + +Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die Heiligkeit +des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschändung, mit einem +abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Fluß +befahren hatte und ertrunken war -- während Millionen Beispiele, +dasselbe Verbrechen jeden Sonntag verübend, glücklich abfuhren und eben +so landeten -- das andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen +über das Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am +Schlusse mit einer Bitte um die Unterstützung der frommen Männer, die in +die Wildniß, unter wilde Bestien und wildere Menschen zögen, und von +Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium zu predigen. Auf der Karte +stand: + + #The Reverend Zachäus Mulberry.# + #Little Rock. Arks.# + +Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bücher warf er fort. + +Und Ledermann kam noch immer nicht -- es war schon fast drei Viertel auf +elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angst und Ungewißheit, den +Strahlen der heißen Sonne ausgesetzt, an der Landung auf und ab. + +»Gott der Gerechte, der Herr Baron,« redete ihn da plötzlich eine Stimme +an, und als er sich rasch danach umdrehte, stand ein Mann, augenscheinlich +ein Israelit, von dessen Gesicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in +einem dunklen, anständigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor +ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber jedenfalls +sehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht erkannte und er +fuhr lächelnd fort: + +»Gottes Wunder -- hob' ich mich denn gar so sehr verändert, daß so an +lieber Herr anen alten Raisegesellschafter sollte vergessen haben. +Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?« + +»Veitel Kochmer? -- nein --« + +»Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;« lachte der Alte, mit dem Kopf +dabei schüttelnd -- »den Mann mit der Holzharmonika, dem Sie an +Concertchen zusammengebracht haben an Bord, als an guter und +freundlicher Herr.« + +»Veitel Kochmer,« rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens entsinnend, +»ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt -- Ihr seht ganz +anders aus -- tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan -- es geht +Euch gut?« + +»Gott soll gedankt sein, ja.« + +»Und Euer Sohn --« + +»Mai Sohn? -- wie haißt mai Sohn --« sagte der Mann, ungeduldig den Kopf +schüttelnd -- »das Jüngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibsche +Stimme -- wenn's ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt +hätte, lebt es _noch_.« + +»Ihr habt ihn sich todt singen lassen,« sagte Hopfgarten ernst. + +»_Ich_ hab' ihn sich todt singen lassen? -- wie haißt? -- soll sich die +Lunge beim Magen beschweren -- der Eine arbeitet mit die Händcher, der +Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten mer um ze leben, ze essen un +ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben -- hob ich en nich acht +Wochen gepflegt, als _ob_ er mai Sohn gewesen wäre, und stirbt er mer +nich zuletzt wie zum Possen? -- Soll mer Gott helfen, als ich nich hob' +Schaden gehabt an dem Jüngelche. -- Aber Herr Baron -- kennten wir zwei +Beide nich a klanes Geschäftche zesammen machen; hob' ich was ganz +Extraes von gute Staincher, vor solch einen fürnehmen Herrn, wie der +Herr Baron.« + +»Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art,« sagte +Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, »kann mich auch +augenblicklich gar nicht damit befassen -- haben Sie eine Uhr bei +sich?« + +»Ja wohl, Herr Baron -- werd' ich ka Ürche haben, un a Staatsürche is +es,« fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr aus der Tasche nehmend, +»geht se doch um drei Minuten besser wie die Sonne -- s' ist gerade +sieben Minuten über dreiviertel auf elf -- kennten wir _damit_ +vielleicht en Handelche machen?« + +»Ich danke wirklich -- ich habe selber eine ganz gute Uhr und brauche +keine, wollte auch nur sehen ob die meinige richtig ginge.« + +»Wenn Sie die Staincher emol sähen, würden Sie Appetit kriegen -- se +sain zum 'Reinbeißen,« fuhr aber Veitel, nicht so leicht abgewiesen, in +seinem Anpreisen der Juwelen fort, »hob ich die Musik doch jetzt ganz +an den Nagel gehängt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache +versteht ist's a solides, prächtiges Geschäftge hier in Amerika -- wenn +mer sai Zeit kann abpasse.« Und er nahm dabei ein kleines Etui aus +seiner Brusttasche, das er öffnete und dann, den Kopf schräg zur Seite +davon zurückhaltend, die Sonnenstrahlen auf die wirklich schönen Steine, +die in tausend Lichtern funkelten, wieder fallen ließ. + +Hopfgarten hatte indessen die Levée auf und abgesehn, den so sehnlich +Erwarteten endlich irgendwo zu erspähen, aber vergebens; Ledermann ließ +sich nirgends blicken und der Zeiger seiner Uhr, den er ungeduldig und +ununterbrochen fragte, schien nicht von der Stelle zu rücken. + +»Ich danke Euch Veitel -- ich brauche wirklich Nichts der Art,« sagte +er zerstreut, »trage weder Ringe noch Tuchnadeln, und muß hier im Lande +auf- und abreisen, wo man solche Sachen am allerwenigsten bei sich +führen kann.« + +»Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,« drängte Veitel. + +»Ja, sehr schön -- wirklich brillant,« sagte Hopfgarten, einen flüchtigen +Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derselben doch verlockt +sie aufmerksamer zu betrachten; »sehr schöne Steine in der That, aber +wie gesagt, Nichts für mich.« + +»Und _das_ Stainche hier vor a Tuchnadel -- ah?« sagte Veitel, vor +Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne blitzen lassend. + +»Mensch, wo hast Du den Stein her?« rief aber Hopfgarten unwillkürlich +erschreckt aus, als sein Blick auf einen sehr schönen großen _dreieckigen_ +Türquis fiel, den Veitel zwischen den Fingern hin und her drehte. + +»Woher? -- Gottes Wunder!« rief der Jude erschreckt, »ehrlich gekauft, +soll mer Gott helfe.« + +»Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,« rief Hopfgarten rasch, ihn zu +beruhigen, »gewiß ist er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den +Stein -- habe wenigstens von ihm, oder einem ganz ähnlichen gehört, ich +möchte gern --« + +»Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in +sein Handeln und Geschäftcher,« sagte Veitel, immer noch in der Meinung, +ein Verdacht ruhe auf ihm, »und wenn er nicht hait Morgen abgereist +wäre, kennten Se ihn selber fragen, Herr Baron -- ist en alter +Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.« + +»Heute Morgen abgereist? -- wohin Veitel?« sagte Hopfgarten, der sich +krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu +bleiben und seine Aufregung nicht zu verrathen, »wer war es denn +eigentlich -- der -- der Doktor Hückler?« + +»Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer ist er fort +nach der Havanna.« + +»Mit dem Postdampfer nach Havanna?« rief Hopfgarten, jetzt wirklich +_nicht_ mehr im Stande sich zu mäßigen -- und der ist heute Morgen +fort?« + +»_Hait_ Morgen wird er fort sain,« sagte Veitel, »Gottes Wunder was is +jetzt dermehr?« + +»Ledermann!« schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den +Freund an, der eben jetzt, so lang schon herbeigewünscht, gerade über +die Levée herüber und auf Herrn von Hopfgarten zukam, »wann, um Gottes +Willen, geht der Havanna Steamer?« + +»Die Cuba? -- um elf Uhr,« sagte dieser erstaunt. + +»Großer Gott -- es muß gleich schlagen -- so ist er noch nicht fort?« + +»Dort drüben können Sie ihn sehn,« sagte Ledermann, der von der hohen +Levée aus ein paar Momente mit den Augen in den Fluß hinein gesucht +hatte -- gerade zwischen den beiden ausgezackten Schornsteinen jenes +Bootes dort -- das große Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick +aufsteigt.« + +»Henkel ist an Bord!« war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte, +»großer Gott, daß wir nicht an das Havanna-Schiff gedacht.« + +»Gott der Gerechte!« rief Veitel, seine Steine einsteckend und in +Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »was han Se uf amol vor a Eil; +wird der Herr Henkel doch wiederkommen in vier oder fünf Woche, wie er +mer hot gesagt.« + +»Noch ist es vielleicht Zeit,« rief aber Ledermann, der indeß rasch das +Terrain überschaut hatte; »_so_ pünktlich gehen die Dampfer nicht ab; +einzelne Passagiere zögern immer etwas länger am Ufer, oder der Capitain +kann auch seine Geschäfte nicht so rasch besorgen. Dort fährt ein Cab +-- gegenüber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen +frei, daß sie an Bord unser Tücherschwenken sehen können, und wir kommen +noch zur rechten Zeit.« + +»Veitel!« rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, »kommt +morgen früh zu mir in das St. Charles Hotel -- verstanden? -- bringt +Euere Steine mit -- und nun fort Ledermann, fort!« und diesem voran +laufend winkte er schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet +zu, dessen Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Levée an der +Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte sein Pferd ein und +Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch das Pferd laufen +könne dem Havanna Steamer gegenüber die Straße niederführe. + +»Halt, dort geht ein Constable!« rief ihm aber Ledermann zu, »den nehmen +wir mit.« + +»Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,« sagte der Kutscher. + +»Du bekommst einen Dollar für jeden, wenn Du uns rasch an Ort und Stelle +bringst!« rief der Deutsche, dem Angst und Aufregung fast die Sprache zu +nehmen drohte. Ledermann lief indessen, so rasch ihn seine langen Füße +trugen, und sehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächsten Straßenecke +zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspäht hatte. Wenige Worte +genügten, diesen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei +Minuten später galopirte das eben nicht sehr kräftige Pferd, von der +wacker geführten Peitsche seines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen +die Straße nieder. Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei, +dem großen Dampfschiff gegenüber, das sie jetzt deutlich erkennen +konnten, anzuhalten, wo er Miethboote wüßte. + +»Ay ay Sir!« sagte der Mann, und hieb stärker auf sein Pferd, »kommen +noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zusammenbricht.« Das +Pferd hielt sich aber wacker, und plötzlich gegen die Levée anfahrend, +denn den Wasserrand konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes +wegen nicht sehen, hielt er an. + +»Boot Sir? -- Boot für den Steamer?« riefen ihnen hier schon vier, fünf +Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die sich herbeidrängten, die +geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff zu bringen; dieses konnte +seines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein +Stück draußen im Strom vor Anker liegen; »höchste Zeit, Gentlemen, aber +wir bringen Sie hinüber.« + +»Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.« + +»Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!« schrie Einer Hopfgarten +am Arm ergreifend. + +»Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinüber,« überschrie ihn +ein Anderer, »_meins_ ist der Clipper, Gentlemen, der über das Wasser +fliegt.« + +Der Constable hatte indessen von der Levée aus mit einem Kennerblick die +Boote rasch übersehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen, +sprang er in das, was ihm am tüchtigsten schien, hinein, und hinten an +das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem +Hohnlachen über die besiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige +Sekunden später schoß das scharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu +beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend und spritzend über den +breiten Strom dem Dampfer zu. + +»Wir kommen wahrhaftig zu spät!« rief Hopfgarten in Todesangst mit der +rechten Hand sein Tuch schwenkend, »dort pufft das Schiff schon seinen +Dampf aus, und die Räder fangen an zu arbeiten.« + +»Nur keine Furcht Sir,« sagte der eine der Bootsleute, der einen Blick +über seine Schulter weg nach dem näher und näher rückenden Fahrzeug +warf, »sie arbeiten nur gegen die Strömung langsam an, den Anker +heraufzuheben; die Kette ist noch unten.« + +»Er hat recht,« rief aber auch der Constable jetzt, »die Kette ist noch +aus und wir kommen zur rechten Zeit.« + +»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend vor sich +hin, und von dem Augenblick an schien es, als ob jede Unruhe, jedes +Schwanken von ihm genommen sei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt, +beobachtete er ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff, +und überflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend das +aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen den dort auf- und +abgehenden Passagieren den Gesuchten herauszufinden; aber er bemühte +sich nicht mehr sein Gesicht zu verbergen -- der Verbrecher konnte ihm +nicht mehr entgehen. + +An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an +die noch aushängenden Fallreeps; der eine von diesen hielt ein dünnes +zusammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute +zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank +schlug. Im nächsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf +den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht an die +steilaufsteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs an, und der +Constable rief hinan: + +»Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; er hat einen kranken +Arm und kann sich nicht halten.« + +Wenige Secunden später war dem Rufe Folge geleistet; der Constable legte +das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und während die Matrosen oben +langsam anzogen und ihn dadurch stützten, lief derselbe rasch an der +steil niederhängenden Fallreepstreppe auf. + +»Danke -- danke herzlich,« sagte dieser, während sein Blick an dem +Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht den, den er suchte, und +sich an den Steuermann des Schiffs wendend, der seine Leute eben gefragt +hatte, ob der Herren _Gepäck_ schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu +sagen wo er den _Clerk_ der Cuba fände. + +»Dort oben, Sir -- an der Starbordtreppe; der mit dem Panama-Hut auf, +Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.« + +»Sie wünschen Plätze in der Cajüte, Sir?« frug ihn dieser freundlich, +»der Steward soll Ihnen gleich Ihre #staterooms# anweisen.« + +»Bitte, mein Herr,« sagte Hopfgarten, dem seine beiden Begleiter auf dem +Fuße folgten, »können Sie mir nicht Auskunft geben, ob ein gewisser +_Soldegg_ an Bord ist?« + +»Soldegg? -- Soldegg?« sagte der Clerk nachdenkend sind dabei sein +kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene Liste mit den Augen +überfliegend, »ist noch nicht notirt, Sir.« + +»Oder Henkel?« + +»Ebenfalls nicht,« lautete die Antwort, nach kurzer Pause. + +»Oder Holwich?« + +»Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen erst in der +letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht +eingeschrieben habe. Sie werden unterwegs Zeit genug bekommen deren +Bekanntschaft zu machen; soll ich Ihnen indessen --« + +»Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,« sagte Hopfgarten ruhig; +»ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefährlichen Verbrecher, +und ich glaube, ja ich weiß ihn an Bord.« + +»Oh wenn das ist,« lachte der Clerk, »dann hat der Herr auch vielleicht +einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Constable, +der eine der Herren?« -- dieser nickte mit dem Kopf -- »#well#, dann +bemühen Sie sich nur gefälligst selber in die Cajüte hinunter, und sehn +Sie sich dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre +geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.« + +Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, so preßte ihm +die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz zusammen, äußerlich aber +war er vollkommen ruhig, und Ledermann und den Constable bittend, ihn +vorangehn zu lassen, und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er +mit festen, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die +breiten Mahagonystufen, die von da in die untere Cajüte führten, wieder +hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein +paar Worte über den Zweck dieses Besuches zugeflüstert, die Thür der +Cajüte, in der einige zwanzig Passagiere in den verschiedensten +Stellungen umhersaßen und standen, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt +des Dampfers, dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten +schienen. + +Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren +Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben sich +auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gefäß mit +großen, klaren Eisstücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlässig +blätterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekümmert die +Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß +er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis +dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem +leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz plötzlich seinen alten +Reisegefährten neben sich erkannte. + +»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich rasch sammelnd; +»das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue +Reisegefährten? -- Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da ist, für den +dritten _Mann_.« + +»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend +und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- »Herr Henkel +oder Soldegg oder Holwich -- ich weiß nicht unter welchem Namen Sie +jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen, +der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das +Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.« + +»Was soll das? -- was wollen Sie von mir?« sagte Henkel finster, sich aber +doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier +erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte +umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an +die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend, +eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehörte +-- »ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst könnte ich Ihnen +vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem +abzufinden.« + +»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig -- »wir haben ein Boot unten +liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu +erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen. +So viel genüge Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise +zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Tasche.« + +»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn +hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- »Herr von Hopfgarten will +sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet +-- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und überdieß -- wer giebt +Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen?« Seine rechte Hand glitt +dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war +dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite +beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, unter +dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm +aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: »#You are my +prisoner!#«[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter +dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber +zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste +riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie: + +»Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch +aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Constable, dem +dieser nur durch ein jähes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf +sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber, +ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen, +und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas +Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die +gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so +geschickt vor die Füße schleuderte, daß dieser im vollen Wurf darüber +hinflog. + +»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen Revolver aus +seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- »jetzt +bekommen wir den Burschen lebendig.« Und um den Stuhl flog er herum, +zwischen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg +abzuschneiden. Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut +wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel, +schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden +wieder auf und sprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig +dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der +geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben. + +»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!« + +Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, als ein +scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte +-- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die +blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die +Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere. + +»#You are my prisoner Sir!#« schrie der Constable, den Flüchtling +einholend und an der Schulter fassend. + +»#Ready for hell!#«[6] stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, drehte sich +einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen. + +»_Den_ Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« sagte der +Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- »steht bei hier, +Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von +Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch +und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?« + +»Alles klar, Sir!« + +»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein -- die Herren mögen die +Geschichte dann selber an Land ausmachen.« + +Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die +bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er +sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug, +barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handschuh aus +seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte +schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten. + +Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der +Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter +ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepäck, das +dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen. + +»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine Bootsmann, als die +Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- »dacht' es mir beinah, +wie ich den Schuß hörte.« + +»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen nieder, »das +aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!« + +Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere -- oben läutete +die Glocke, die Räder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu +wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen +weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und +während es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten +Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner +traurigen Last langsam dem Lande wieder zu. + + + + +Capitel 9. + +Das Haus im Walde. + + +Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben deutschen Vaterland; +die Wiesen hatten sich mit frischem Grün gedeckt, im Wald rauschte +und flüsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen, +saftigen Blätter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke, +und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein. + +Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie +die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme, +sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben +so froh durch den Äther strichen und die Störche, von den Kindern mit +scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzählend, +auf den Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen +schritten, alte Jagdgründe zu revidiren. + +[Illustration: Capitel 9] + +Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten, +lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel +füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder +duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer +seiner Allmacht und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh +und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf +möchte, höher und höher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit +zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort +oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen möchte auch +in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die +Seligkeit, die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und deren +Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch so lindernd da +in's Auge steigt. + +Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte, +ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der +Menschen Herzen gießend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der, +das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden +Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und +allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden +Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein scharfer +Stein sie verletzt; der Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die +weiße, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an +den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente. + +Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn +und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom +Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen +Töne nur furchtbare Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem +weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu. + +Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre fast in die Knie +gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbüschen verdeckt, +ein kleines, einsam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür +und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte +sie sich zusammen, faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere, +verlassene Gebäude zu. + +Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den +Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Töne sie mit furchtbarer, +unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und +lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder, +warf noch einen scheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende +Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Hütte. + + * * * * * + +Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und +der würdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um +ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor +der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit +dem Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen, +schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der +blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein. + +»Vater -- lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, Blätter +Papier hoch und jauchzend empor haltend -- »Brief von Georg ist gekommen +-- Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit +seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat +geheirathet und es geht ihm gut!« + +Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen +und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er +sich zu ihnen nieder und küßte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und +barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzählen +-- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor +Thränen über die Lippen -- aber es waren _Freudenthränen_. + +»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste Sohn, den +Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- »ich +bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr +seid Schwägerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!« + +»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte +Stirn wieder und wieder küssend. + +»Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« schluchzte +die Frau -- »da, lies nur selbst -- ich habe vor Thränen nicht weiter +lesen können.« + +Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, einem jungen +Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen, +und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten, +und den tiefen harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an +die sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die +glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der +lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Grüße +und Küsse weit über das Meer herübergesandt, und ihre Herzen mit Glück +und Wonne und Dank, heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte. + +-- -- »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt, +und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten +Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater +schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz +unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben +eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein +_Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick, +doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner +hat mir schon für die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten, +aber ich zögere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen +Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten +Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier +eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwärtig +kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es +eigentlich wünschte -- -- -- --« + +-- »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch +interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna, +die ältere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mädchen, hat +ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar +aus Heilingen, von dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen. +Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann +und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm +ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt herüberkommen -- ich +denke, wir werden ihn wohl nächstens hier sehn -- -- -- --« + +-- »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise +noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den +Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es +eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh, +wie mich der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und +doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn ansehe. +Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich +das Geschäft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so +einträglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme +ich mit ihr hinüber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser +Aller Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren und +dort unsere Tage beschließen zu können. -- -- -- --« + +Unten am Brief in einer Nachschrift stand: + +-- »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hieß, und von dem +ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe +ich nichts Näheres erfahren können. Auch seine Frau, die sich von ihm +getrennt hatte, ist aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit +still und fleißig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte, +spurlos verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten +zu können. --« + +»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, seufzend die +Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen +aus Geldgier oder Rache, oder sonst in böser, sündhafter Leidenschaft +_morden_ können, aber daß Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_ +auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernünftige +_Thier_ thut das ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie +in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?« + +»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, seufzend mit dem +Kopfe nickend -- »_was_ hätten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_ +wären sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten +Menschen untergebracht und versorgt.« + +Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den +Garten gerannt, rissen die Mützen vom Kopfe, und schauten mit den roth +erhitzten, dicken, gutmüthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas +sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche +saß. + +»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem er von seinem +Sitze aufstand und auf sie zuging. + +»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile +und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten Gruß vergeßend +-- »am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!« + +»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, erstaunt den Platz +gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, genannt zu hören +-- »wer hat Euch den Unsinn weiß gemacht?« + +»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus -- »Hollebens Liese und +Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der »stolzen Jule« gesehn, der +oben herumgeflogen ist.« + +Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, daß +zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade +gegenüber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der, +von den Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen Steffen +eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß sie der Geist +der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an +der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, für das wir in der sonst +so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte +lag auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die Kinder +damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten +Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben +erzählten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort. + +Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, Andere +aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen +Mädchen selber den Bericht gehört, den sie mit bleichen Wangen und +zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem +Herrn Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf +zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, das sonst leicht +mehr Nahrung gewann und von dem abergläubischen Volke ausgeschmückt +wurde, oder sich zu überzeugen, was Wahres an der Sache sei. + +Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat +sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend +und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf +hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen +Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn +entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner schloß sich ihnen +unterwegs an, sie zu begleiten. + +Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da +zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben +dem Haus saß ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen +sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinüber, und strich dann mit +seinem tief und unheimlich krächzenden »_krah -- krah_« -- von dem +Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu! + +»Das war sie -- das war sie!« flüsterten die Frauen untereinander, +indeß sie sich näher zusammendrückten, und scheu nach dem schwarzen +Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt werden sie Nichts mehr finden; die +ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten +Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich +bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine andere +Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,« +sagte Einer der Männer dann, »_ich_ wenigstens möchte nicht einmal einen +von den Balken in meinem Ofen brennen.« + +»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus und ein können,« +flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht +zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig +aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie +toll herumtanzen sehen.« + +Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien +Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur +Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause +selber zu. + +»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz +hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, »bin aber immer nicht +dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier ist -- es wundert +mich gar nicht, daß sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch +selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn -- es ist +fast, als ob man eine Richtstätte beträte.« + +»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrückter +Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen. +»Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten +murmeln schon miteinander, und glauben sonst, daß wir selber uns +fürchten, das Haus zu betreten.« + +»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, und es lag +ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, »'was Lebendiges hält +sich hier oben nicht auf, sonst hätte der scheue Rabe da nicht im Baum +gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.« + +»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken +beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die +Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem früheren Briefe +der Sohn beschrieben, »und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das +ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben +abholten, nicht betreten.« + +Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt, +der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft +hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend, +die frühere Stube des »schwarzen Steffen«. Dort aber schrak er selber +einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und +regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt. + +»Was giebt's? -- was ist?« rief der Schultze, der den unwillkürlich +ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und auf der Stelle stehen +blieb, wo er gerade stand, während sich eine Anzahl Burschen aus dem +Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch scheuer +zurückwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten. + +Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig näher zu +kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den +vor ihm ausgestreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und +der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch +das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie so +furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_. + +Jetzt rasteten die blutigen, nackten Füße von der weiten Wanderschaft, +jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche +lange furchtbare Nacht _die_ Stunde hier herbeigesehnt, mit dem Kopf +auf den zerfallenen Kasten gestützt, der dem jüngsten Kind in früherer +Zeit zu seinem Bettchen gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der +Körper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dünn, aber +ein ruhiges, seliges Lächeln zog sich um die bleichen, kalten Lippen, +die der Tod für immer geschlossen. Was sie verübt, was sie gesündigt, +sie hatte schwer gelitten -- hatte tief bereut, und wie, als ob die +Kräfte ihr nur eben noch gehorcht, _die_ Stelle zu erreichen, war hier +der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlösen +von ihren Leid. + +Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Männer im +Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran, +und der Ruf. »die stolze Jule -- die stolze Jule liegt todt im Haus!« +füllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die +Leiche immer noch scheu und furchtsam umstanden. Über ihr aber faltete +Pastor Donner die Hände und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme: + +»Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du armes verirrtes Kind +-- Du hast schwer gesündigt -- schwer und furchtbar, aber auch viel, viel +gelitten, und Gram und Reue haben ihre Züge mit scharfen Furchen in Dein +Angesicht gegraben. Er sei Deiner armen Seele gnädig!« + +Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und scheu alle Übrigen +folgten, betete er still und brünstig über der abgerufenen Sünderin. + + + + +Capitel 10. + +Der rothe Drachen bei Heilingen. + +Schluß. + + +Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein reges, geschäftiges +Leben; Kellner liefen und stürzten durcheinander hin, Tische wurden +gerückt, Stühle getragen, Tischtücher ausgebreitet, und Körbe mit Flaschen +und Getränken angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden +sollte. Im Garten, der mit einer Masse Kränze und Blumen und Guirlanden +geschmückt war, standen noch einzelne Arbeiter, die mit frischem Sand +bestreuten Gänge von den hineingefallenen Blättern und Zweigen des +Ausschmucks zu reinigen, und unter einem kleinen, erst kürzlich +aufgeschlagenen und ganz mit frischen Blumen besteckten und behangenen +Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfässer mit eingesteckten +gefälligen Hähnen, nur der Hand harrend, die sie aufdrehen würde, ihr +schäumendes, kräftiges Naß zu spenden. + +Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederführte, kam ein Bettler an +einer Krücke daher gehinkt. Es war sonst eine breitschultrige, kräftige +Gestalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das +linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tücher und Lappen eingeschlagen, +und die linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch +verbunden. + +Als er die Gartenthür erreichte, blieb er stehen, und sah hinein, betrat +aber den Garten selber nicht, und schaute still und aufmerksam nach dem +Haus hinüber. + +Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmückten Hausthür +in gerader Linie nach dem Thore zu führte, schritt der Eigenthümer des +Grundstücks, Herr Kaspar Helker, nach seinen Arbeitern zu sehn. In die +Nähe des Bettlers gekommen, zog dieser den Hut ab, und sagte mit +bittender Höflichkeit: + +»Wären Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen was heute hier los ist +im rothen Drachen, mit all den Kränzen und Blumen, und welches Fest Sie +feiern?« + +»Ja wohl Freund,« sagte Herr Kaspar Helker, den armen zerlumpten Teufel +dabei mit aufmerksamem, vielleicht nicht besonders befriedigtem Blick +betrachtend, »Herr von Hopfgarten feiert heute seine Vermählung mit des +reichen Dollinger jüngster Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr +die Geschichte kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet +war.« + +»Herr von Hopfgarten -- hm -- Herr von Hopfgarten -- der Name ist mir doch +gar bekannt; stammt er von hier?« + +»Nein, aus dem Mecklenburgischen. -- Kommt Ihr weit her? -- Ihr seht müde +und krank aus.« + +»Sehr weit -- bin aber wohl mehr hungrig und durstig, wie krank,« sagte +der Mann, mit einem scheuen Blick nach den Brod- und Kuchenkörben +hinüber. + +»So kommt herein und eßt und trinkt,« lud ihn der Wirth freundlich ein, +»und Ihr habt _mir_ nicht einmal dafür zu danken,« setzte er rasch +hinzu; »Herr von Hopfgarten hat strengen Befehl gegeben, Niemand heute, +wer es auch sei, ungespeist von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und +Essen hier im Haus.« + +»Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,« sagte der Mann, immer +aber noch zögernd den Garten zu betreten. + +»So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen +Lauben,« sagte der Wirth; »die werden heute nicht benutzt und Ihr -- Ihr +seht eben nicht appetitlich genug aus zwischen den andern Gästen zu +sitzen. Es soll Euch aber an Nichts fehlen,« fügte er rasch hinzu, »heh +Wilhelm! besorgen Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein +Mittagsessen und Bier.« + +»Bier kann ich nicht gut vertragen -- wenigstens nicht gleich auf den +leeren Magen hinein -- gäben Sie mir einen Schnaps vorher?« + +»Auch den sollt Ihr haben -- heh Wilhelm -- ein Glas Kümmel -- aber ein +großes Glas, und dann dürft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will.« + +»Danke,« sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krücke in den Garten +hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal stehn, und warf einen +scheuen Blick nach rechts und links, und wandte sich dann der kleinen +Laube zu, in deren Schatten er verschwand. + +»Dort kommen die Wagen!« rief da Einer der Kellner, der vor die Thür +getreten war, den Weg hinunter zu sehen, »hierher, Herr Helker -- sie +kommen!« + +Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thür zu, die Gäste zu empfangen, +und die Wagen rasselten unter dem fröhlichen Schmettern der Posthörner +lustig die Straße herunter. + +In dem vordersten saß Herr von Hopfgarten mit seiner jungen Frau, sein +gutmüthiges Gesicht ordentlich verklärt, seine Augen blitzend in Wonne +und Seligkeit, und auch in Claras liebe Züge war das frohe, süße Lächeln +zurückgekehrt, das ihrem Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz +verliehen. Die düstere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böser Traum, +und hell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg. + +Den zweiten Wagen füllte die Dollingersche Familie, der alte Herr mit +Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbst +an einen reichen Gutsbesitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten +von uns, verheirathet worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte +sich nach seiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen +aufgehalten, dort die schöne reiche Kaufmannstochter gesehn und kennen +gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt und seine +Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demselben Monat +noch gefeiert. + +In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmückten +Postillionen gefahren, saßen die Hochzeitsgäste aus der Stadt, bunt +gemischte, aber fröhliche Menschen, und unter ihnen das gutmüthige +Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, neben der scharfgeschnittenen +aber heute ebenfalls zufrieden lächelnden Physiognomie seines +unzertrennlichen Gesellschafters, des Apotheker Schollfeld. + +An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar geschäftiger Kellner +empfangen, stiegen die jungen Eheleute aus, und begrüßten hier zuerst +ihre Gäste, und während das, hinter einer künstlichen Blumenhecke +aufgestellte Militair-Musikchor -- eine Überraschung Kellmanns +-- plötzlich mit schmetternden Trompeten in Mendelsohns herrlichen +Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen +glücklichen Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thränen +in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, dem Hause zu. + +Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten gewöhnlich thun; eine +Menge Toaste wurden ausgebracht, und die glücklichen Menschen jubelten, +lachten und erzählten bis spät am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten +selber servirt werden sollte, und die Gäste dann zusammen in das +Dollingersche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen +Ball für den Abend arrangirt hatte. + +Im Garten, bei lustig tönenden Fanfaren, bildeten sich dann kleine +Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld hatten sich nächst +dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo sie die wundervolle Aussicht nach +dem grünen herrlichen Thal und den fernen Bergen genießen konnten, +zusammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich +auch Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die +Wagen bald wieder vorfahren würden. + +»Wer uns das damals gesagt hätte, Hopfgarten,« rief Benkendroff, seine +Hand lächelnd auf des Freundes Schulter legend, »als wir auf der +Haidschnucke zusammen Whist spielten, oder selbst als wir in New-Orleans +von einander Abschied nahmen, daß wir _heute_ hier _so_ zusammenstehen +würden.« + +»Dem wär' ich schon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,« +sagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen. + +»Es ist eine merkwürdige, mir aber höchst interessante Thatsache,« rief +da Herr Schollfeld, sich die Hände reibend, »daß _die_ Menschen, die +einmal in Amerika _gewesen_, und glücklich wieder, ein sehr seltener +Fall, zurückgekommen sind, sich am wohlsten fühlen. Und trotzdem, trotz +allen schlagenden Beweisen, will sich dieses unglückselige Menschenkind, +dieser frühere Kürschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern +ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen Menschen von +achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach diesem gottvergessenen +Lande der Freiheit ziehn, und _das_ nennt er _sich zu Ruhe setzen_. Es +wäre mehr Verstand darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger +würde.« + +»Aber bester Herr Schollfeld,« sagte Hopfgarten, »Sie wissen ja, daß +er um seine jetzige Braut erst _dort_ angehalten hat, und von Fräulein +Lobenstein doch nicht verlangen kann herüber _zu ihm_ zu kommen; er muß +sie doch wenigstens _abholen_.« + +»Ich will auch noch gar nicht verschwören, daß ich drüben _bleibe_,« +sagte Kellmann ruhig, »mir aber jedenfalls die Verhältnisse dort +ordentlich ansehn. Meines künftigen Schwagers, Georg Donners, Beschreibung +des dortigen Landes lautet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite +habe ich ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben +gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath +meiner guten Freunde unterstützt, eine ruhige, _glückliche_ Stellung +gründen, warum nicht? -- Freund Schollfeld müssen Sie aber viel zu gut +halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner +hier schon bekannt.« + +»Und hab' ich nicht recht?« rief dieser hitzig, »hatt' ich nicht recht +auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem Weigel, der +Betrügereien halber landesflüchtig werden mußte.« + +»Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab gelten,« sagte +Kellmann. + +»Lassen Sie das gut sein,« nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie, +»Herr Schollfeld hat sehr gediegene und vernünftige Ansichten über +Amerika, und Sie werden mir zugeben, daß _ich_ ebenfalls im Stande bin +ein Urtheil darüber zu fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus +eigener, persönlicher Anschauung.« + +Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmüthig lächelnden Blick, und +sagte, sich an diesen wendend: + +»Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenstein, wenn Sie dieselbe schon +so lange geliebt haben, von hier fortziehen ließen, ohne ihr Ihr Herz zu +öffnen?« + +»Weil es ein wahnsinnig, unnatürlich verschämter Kürschnermeister war,« +rief Schollfeld, die Antwort für seinen Freund aufnehmend, »wie +Lobensteins hier fort waren, ging er herum wie ein begossener Pudel, +sprach mit Niemandem, trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er +Äpfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menschen Rede stehn, beinah +zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da gestand er mir, daß +er -- sehn Sie sich den Menschen einmal an -- _keine Courage hätte_ den +Schritt zu wagen, obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei +ihm nicht ganz abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn +dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn es ist ja +langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhänger umgehn zu müssen. +Er ließ sich auch endlich überzeugen, und ist mir nachher, wie er den +Zusagebrief erhielt, um den Hals gefallen, und hat mich »sein liebes +Schollfeldchen« genannt -- und so ein Mensch will nach Amerika.« + +Die Männer lachten über Schollfelds komischen Eifer und Hopfgarten +sagte, noch immer lächelnd. »Sie reden gerade als ob Amerika ein +_Unglück_ wäre.« + +»Ist es auch,« rief Schollfeld hitzig, »ist es auch, und der arme Teufel, +der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener Kerl, wußte wohl, +was er that. _Der_ hätte auch nach Amerika gehn können, aber was ich +ihm darüber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen; +er sprang lieber in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten +Schritt that. Ist mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm etwas +Besseres gewünscht -- das verfluchte Spiel.« + +»Seine Frau ist noch in Heilingen?« sagte Hopfgarten. + +»Ja,« sagte Schollfeld mürrisch, »will aber wirklich dieses Frühjahr mit +ihrem Bruder auswandern. Das ist auch so ein Lump, hat zweimal Bankerott +gemacht, und nun natürlich nichts Gescheuteres zu thun, als daß er nach +Amerika geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige und +rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich und ihren +Familien schuldig wären.« + +»Apropos, lieber Kellmann,« sagte Hopfgarten da plötzlich an diesen +gewandt, »erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, möchte ich +Ihnen noch ein paar Zeilen an einen sehr lieben Freund von mir, einen +Herrn _Fortmann_ in New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen +sein.« + +»Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen -- Sie haben ja wohl +heute Briefe von dort bekommen?« + +»Ja -- eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; Sie wissen +doch, daß der arme, unglückliche Loßenwerder eine Schwester hatte?« + +»Lieber Gott,« sagte Kellmann, hinauf auf die Straße deutend, »an +_dieser_ Stelle trafen wir das arme Kind, Ledermann und ich, an jenem +Abend, wo sie hier allein und zu Fuß in die Stadt kam, und noch keine +Ahnung von der furchtbaren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht +ihr gut jetzt, wie Sie uns schon früher sagten.« + +»Besser jetzt wenigstens wieder -- Fortmann schreibt mir eben, daß außer +der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung Schreck und Aufregung sie +so ergriffen hätten, sie lange Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann +hat auch deshalb besonders sein Geschäft aufgegeben, und sich weiter den +Strom hinauf in ein gesünderes Klima gezogen. Der Nachlaß seines Vaters +ergab übrigens, wie es scheint, ganz unerwarteter Weise, ein gar nicht +geahntes, höchst bedeutendes Vermögen, das der alte Geizhals von dem +Schweiß und Blut armer Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und +Papieren, Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen Sachen +gar nicht gerechnet, fanden sich weit über hunderttausend Dollar. Der +junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener Kerl, der gern wieder, +wenigstens einen Theil dessen gut machen möchte, was sein Vater schlecht +gemacht, und Fortmann schreibt mir eben, daß er, besonders von seiner +Frau dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hälfte des ganzen +Vermögens zur Verfügung gestellt habe, wenn sie das andere Geld zuschießen +und ein großes Auswanderungshaus, das unter städtischer Aufsicht steht, +gründen wolle, wo der Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme +hülfsbedürftige Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt +zu decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn es zu +Stande käme, wäre es ein Segen für Tausende, und New-Orleans, als +Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine schon längst schwer auf ihm +gelegene Pflicht der Hafenstädte, Tausende von Unglücklichen, die nach +Amerika kamen, dem Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und +Untergang, wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe +seinen Segen dazu.« + +»Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,« sagte Kellmann, langsam mit dem +Kopf dazu schüttelnd; »das arme Kind, das wenige Jahre früher, ohne +einen Groschen, seine Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße +wanderte, verfügt jetzt über Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu +lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben kennt.« + +»Da kommen die Damen,« sagte von Benkendroff, der sich für die Leute +nicht im mindesten interessirte, und indessen langsam seinen Kaffee +getrunken und seine Cigarre geraucht hatte, »Schwiegermama scheint +aufbrechen zu wollen, die Anordnungen zum Ball zu revidiren. Dort +rasseln auch schon die Wagen heran,« rief er seine Cigarre wegwerfend, +»also meine Herren, auf Wiedersehn heute Abend.« + +Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörnerschmettern des +Postillions, um die Gartenwand gefahren und die erste hielt vor dem +Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzuführen, seine +junge, lächelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm. +Langsam fuhr dann der Postillion voraus, bis sämmtliche Gäste ihre Sitze +eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei der +sämmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls für den Abend hier draußen +ein Fest bereitet worden, rasch die Straße nach Heilingen hinabrollte. + +Der Wirth hatte seine »innigsten Glückwünsche« sämmtlich angebracht, und +seine tiefen und freundlichen Bücklinge noch gemacht, bis der letzte +Wagen schon lange sein Grundstück passirt war, drehte sich dann mit +demselben freundlichen Gesicht um, gab einem der in die Lehre genommenen +jungen Kellner, der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige, +und schickte den darüber auf's Äußerste Erstaunten an seine Arbeit, und +lief selber in das Haus zurück, das Wegräumen der nicht getrunkenen +Weine zu überwachen. + +Nur der Oberkellner blieb, sich vergnügt die Hände reibend, und mit +schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem Antlitz noch +einen Augenblick in der Thüre stehn, bis auch die letzte Staubwolke auf +der Straße verschwunden war, und wandte sich eben, seinem Principal zu +folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in +der dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte, +den Garten zu verlassen. + +»Nun, Alter, hat's geschmeckt?« sagte der Oberkellner mit einem +huldvollen Lächeln ihm zunickend -- »seid Ihr satt geworden?« + +»Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!« seufzte der Mann und strich sich mit +der Hand über das Gesicht -- »aber eine Frage hätt' ich noch, die Sie +mir wohl beantworten können. Jener Herr von Hopfgarten --« + +»Ja?« frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, und sich wieder +aus Leibeskräften die Hände reibend -- »der eben fortfuhr?« + +»Ja, derselbe -- war der Herr auch schon einmal in Amerika?« + +»Der? -- nun ja, gewiß; auf der Hinreise hat er ja seine jetzige Frau, +die frühere Madame Henkel kennen lernen.« + +»Hm -- ja _Henkel_,« wiederholte der Mann leise vor sich hin. + +»Dort hat er auch,« fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf folgend, der ihn +besonders interessiren mochte, fort -- »den früheren Wirth hier vom +rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, der in Milwaukie ebenfalls einen +rothen Drachen errichtet hat. Bei Tisch erzählte er uns die Geschichte +-- hahahahaha -- es war zu komisch. Na adieu Alter -- glücklichen +Marsch,« und den Mann in der Thüre stehn lassend, ging er vor allen +Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch weder Messer +noch Gabel mitgenommen und schoß dann, wieder wie vorher die Hände +reibend, als ob er sie in Feuer bringen wollte, nach dem Speisesaal +hinüber. + +Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm. + +»'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!« flüsterte er leise und tief +aufseufzend vor sich hin, und hinkte, während ihm eine große Thräne über +die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr +fernen Heilingen zu. + + + + +FUSSNOTEN -- FOOTNOTES + + + 1: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher + Schulden gepfändet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das + Gesetz an Eigenthum gestattet und für seine Existenz für nöthig + hält. Seine Wohnung, sein Bett, seine Büchse, sein Ackergeräth, + sein Pferd und zwei Kühe dürfen nicht angerührt werden, und + so gerecht und wohlthätig das Gesetz auch sein mag, läßt sich + denken daß es manchmal gemißbraucht wird, indem der Farmer sein + »überzähliges Vieh« nur auf kurze Zeit zu verleugnen und einem + andern Nachbar zuzusprechen braucht. + + 2: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte, eine + geborene Irländerin und sonst ganz vernünftige, brave Matrone, die + ebenfalls dieser Sekte angehörte, ohne jedoch selber jemals vom + »Geiste befallen zu werden,« ob sie denn wirklich glaube, daß die + in solchen Zustand verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne + ihren freien Willen, ohne jede Absicht thäten, und also wirklich + begeistert würden? -- worauf sie mir antwortete: »Ja! -- ich habe + auch früher geglaubt, die Menschen verstellten sich, wenn ich mir + auch den Schaum auf den Lippen nicht erklären konnte; ich dachte + aber doch, der _Wille_ des Menschen vermöchte auch dieß zu + bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten erfaßte + und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die + ich für Heuchelei hielt, zurück. Da kam ich eines Abends auch aus + einer solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig + mit mir selber; ich wußte nicht was ich thun, was lassen sollte, + und bat den lieben Gott noch unterwegs recht inbrünstig, er solle + mir ein Zeichen geben. Als ich mein Haus betrat hörte ich ein + Flattern und mit den Flügeln Schlagen; ich hatte ein paar kleine + zierlich gefleckte Hennen, die oft zu mir ins Haus (das Zimmer + ist in Arkansas gewöhnlich gleich das ganze Haus) kamen, und die + Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um, und fand das eine von + den beiden Hühnern unter dem Bett, anscheinend in Krämpfen, mit + den Flügeln schlagend, mit den Beinen strampelnd, die Augen + verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten + gesehen hatte, und -- es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz + -- mit Schaum am Schnabel. _Da_ war ich überzeugt; das Huhn -- ob + sich die Menschen verstellten -- das Huhn verstellte sich _nicht_; + _das_ war Natur; der Zustand _war_ also natürlich, er existirte, + und von dem Augenblick an beschloß ich zu dieser Sekte + überzutreten.« + + 3: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden Truthahn + und Rebhuhn; es erreicht die Größe eines gewöhnlichen Haushuhns, hat + aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den kurzen, + niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist nicht + besonders, ziemlich dunkel und leicht zäh; nur die Brust ist gut, + doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen über + die ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter + besonders zu Völkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht + gehen sie aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und + verlangen einen tüchtigen Schuß und schweren Schroth, erlegt zu + werden. + + 4: Zweites Frühstück + + 5: Sie sind mein Gefangener. + + 6: Fertig für die Hölle! + + + + +TRANSCRIBER'S NOTE -- ZUR KENNTNISNAHME + +The original text is printed in Fraktur type, with Roman type being +used for foreign terms or quotations. The symbol # has been used to +highlight these in this plain text version. + +Das Original wurde in Fraktur gedruckt, während Antiqua für +fremdsprachliche Ausdrücke und Zitate diente. Diese wurden in +dieser Textfassung mit dem Symbol # hervorgehoben. + +Contemporary spellings have generally been retained even when +inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been +corrected and some names regularised; missing punctuation has been +silently added. + +Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn +gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische +Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende +Zeichensetzung wurde ergänzt. + +The following additional change has been made: + +Die folgende zusätzliche Änderung wurde vorgenommen: + + das junge, ängstlich umherschauende das junge, ängstlich umherschauende + und ihrem Glück noch immer nicht und _seinem_ Glück noch immer + trauende Mädchen nicht trauende Mädchen + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND*** + + +******* This file should be named 30289-8.txt or 30289-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/2/8/30289 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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Sechster Band, by Friedrich +Gerstäcker, Illustrated by Carl Reinhardt</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Nach Amerika! Sechster Band</p> +<p> Ein Volksbuch</p> +<p>Author: Friedrich Gerstäcker</p> +<p>Release Date: October 19, 2009 [eBook #30289]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by Delphine Lettau, Clive Pickton,<br /> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1> Nach Amerika!</h1> +<p> </p> +<h3>Ein Volksbuch</h3> +<h5>von</h5> +<h2>Friedrich Gerstäcker</h2> +<p> </p> +<h3>Illustrirt von Carl Reinhardt.</h3> +<p> </p> +<p> </p> + +<h3>Sechster Band.</h3> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<table border="0" style="background-color: #fdfdfd; margin: 0 auto" cellpadding="0" summary="PUBLISHERS"> +<tr> + <td align="center" valign="top">Leipzig,</td> + <td align="center" valign="top"> </td> + <td align="center" valign="top">Berlin,</td> +</tr> +<tr> + <td align="center" valign="top"><b>Hermann Costenoble</b>,</td> + <td align="center" valign="top"> </td> + <td align="center" valign="top"><b>Rudolph Gaertner,</b></td> +</tr> +<tr> + <td align="center" valign="top"><small>Verlagsbuchhandlung.</small></td> + <td align="center" valign="top"> </td> + <td align="center" valign="top"><small>Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.</small></td> +</tr> +</table> +<p> </p> +<h4>1855.</h4> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> + +<p> </p> +<p> </p> +<h3>Inhalt des sechsten Bandes.</h3> +<p> </p> +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="Inhalt_Contents"> +<tr><td align="right" valign="top">1. </td> <td align="left"><a href="#kap1">Ein Sheriffsverkauf in Arkansas</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">2. </td> <td align="left"><a href="#kap2">Maulbeere in der Betversammlung</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">3. </td> <td align="left"><a href="#kap3">Der wandernde Krämer</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">4. </td> <td align="left"><a href="#kap4">Georg und Marie</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">5. </td> <td align="left"><a href="#kap5">Jimmy</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">6. </td> <td align="left"><a href="#kap6">Kapellmeister Eltrich</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">7. </td> <td align="left"><a href="#kap7">Meier, Pelz & Co.</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">8. </td> <td align="left"><a href="#kap8">Die Überraschung</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">9. </td> <td align="left"><a href="#kap9">Das Haus am Walde</a></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top">10. </td> <td align="left"><a href="#kap10">Der rothe Drachen bei Heilingen</a></td></tr> +</table> +</div> +<p> </p> + + +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap1" id="kap1"></a>Capitel 1.</h2> + +<h3>Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.</h3> + +<p>Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen +Vorfällen verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte +wiederum den Mais und Waizen gereift, und die Früchte und +Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt; durch die blaue +sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine +stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über +die Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die +feisten Hirsche zu Rudeln zusammenstanden, und die jungen +Truthühner in die Zweige hinauf flatterten, die ersten jungen +Weinbeeren zu versuchen, die sich mit ihren Reben dort empor +gerankt.</p> + +<p>Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie +sich das blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, +die ein wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer +ausgegossen, und die jetzt leise klopfend auf die gelbe, +noch vorjährige Blattdecke des Bodens niederschlugen. Und +die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied, das wie +das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden +Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden +Schrei eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue +Heher im Busch spöttisch den Warnungsruf nachäffte.</p> + +<p>Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und +frisch aufkeimende Waldesblumen, von Bienen und Käfern, +zwischen denen hin hie und da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, +ein blitzender gold und grün schimmernder Kolibri gedankenschnell +fast herüber und hinüber surrte, über einem duftenden +honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren, schattengleich +fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden +war, daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein +Summen an dem nächsten Blüthenbusch verrieth.</p> + +<p>Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in +der Jahreszeit, den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, +und ineinandergreifend Jedes sich die Hände reicht zum schönen +Ganzen; wie selbst der morsche umgestürzte Baum, von wilden +blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier gehört und nicht +fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen von den +tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme +entgegenstrecken, die <span class="wide">Lücke</span> würde fühlbar, und der fallende +Tropfen selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem +Glanz, und wird zur Perle wo er niederfällt.</p> + +<p>Und doch <span class="wide">ein</span> Miston in der Harmonie — ein dunkler +Fleck der da nicht hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte +und das Ganze störte — ein nasses, schmutziges, verdrießlich +unzufriedenes Menschenbild, mitten im Wald, im freien schönen +wundervollen Wald — Zachäus Maulbeere, vom Regen +durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren +in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer +Laune, Milch nur durch bloßes Ansehn zu säuern.</p> + +<p>»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft +auf einen umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, +das er in der Hand hielt, zusammenrollend und ausringend, +»daß mich der Teufel plagen mußte nach diesem Gottvergessenen +Staat zu gehn — Bäume — Bäume — Nichts +als Bäume in der Welt — gerade in die Höh und gerade über +den Weg. — Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein +Schnupftuch <span class="wide">ausringen</span> muß, daß man sich damit <span class="wide">abtrocknen</span> +kann — <span class="wide">schwabben</span> nannten sie's auf dem Schiff. Und +jetzt sitz ich hier — keine Ahnung wo bin — keine Idee von +einer Richtung — ein Scheerenschleifer im Wald — Maulbeere, +Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? — +war Dir zu wohl draußen zwischen den Ansiedlungen im +Osten, zwischen dem Waizenbrod und Honig, eh? — mußtest +geschwind machen daß Du <span class="wide">hierher</span> kamst, zwischen Maisbrod +und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein — <span class="wide">Schöne</span> +Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian — oben +in dem verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die +Glieder nicht mehr rühren kann, und das Beest was da um +mich her in den Bäumen geschrieen hat — daß ich nicht gefressen +bin ist ein reiner Zufall. — Romantisch im Wald zu +lagern eh? — wenn ich nur wenigstens den verdammten langhaarigen +Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem +meinen Gift auszulassen — aber zehn gegen eins, der Lump +hat die ganze Nacht trocken und behaglich in einem warmen +Bett geschlafen, und am andern Morgen lügt er dann wie +ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im Thau baden« und +»Windsbraut die Schläfe kühlen« — na <span class="wide">Dir</span> möcht' ich einmal +die Schläfe kühlen Du — Du Blattlaus, statt mit sechs, +mit zwei schiefen Beinen. — Und der Herr Schultze — der +selige Piepvogel mit einem Gesicht — wenn man's auf einen +Stock schnitt, könnte man einen Hund damit prügeln, dem +hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen — hundemüde +auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und +mit der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter +zu fallen und den Hals zu brechen.«</p> + +<p>»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, +mein Herzchen — was dumm ist muß geprügelt werden, und +anstatt lieber den alten verdammten Karren, den ich es zum +Sterben müde bin im Lande umherzuschieben, in den Mississippi +hineinzufahren und umzudrehen, mußt Du auch noch Fährgeld +dafür zahlen und damit herüberkommen, dann Wochenlang +durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an einem +Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn +sie Einem wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich +und Gotteserbärmlich umzukommen.«</p> + +<p>Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten +aufgeweichten Hut fester in die Stirn, stemmte beide +Ellbogen auf die Knie, stützte den Kopf in die Hände und starrte +finster und mit dicht zusammengezogenen Brauen eine ganze +Weile vor sich nieder.</p> + +<p>Er sah auch traurig aus; — den grünen Rock trug er +noch immer. Das Wild im Wald wechselt seinen Pelz oder +sein Fell mit der Jahreszeit, der Vogel hat seine Mauser, die +Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen Raum zu geben, +und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid, das ihr +der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn oder +Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn +das geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; +wie die Katze die Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen +Elementen, das Wasser; Niemand hatte je gesehen daß er sich +wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte er es in der +Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht +an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen +Stellen geflickt und ausgebessert, trug er noch bis oben an +die schwarze, matt glänzende Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, +der alte Filz, der keine Façon mehr zu verlieren hatte, +lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden befestigten +Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel, +und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch +Dornen unten ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen +niederhingen, schienen das einzig trag- und nutzbare am ganzen +Menschen. Auch der blonde starre Bart hatte seit Wochen +kein Rasirmesser gesehn, und das kurze semmelblonde struppige +Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden Streifen +über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten +Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen +Backen, auf denen sie lange Schmutzstreifen bildeten, in die +Halsbinde laufen.</p> + +<p>In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener +Humor verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren +wie ein wild gewordener, der Civilisation abtrünnig gewordener +Scheerenschleifer, Haß und Groll gegen die ganze Welt +— die er überhaupt noch nie lieb gehabt — im Herzen.</p> + +<p>Ein Schuß! — Zachäus fuhr in die Höh, als ob <span class="wide">ihn</span> +die Kugel getroffen hätte, und horchte gespannt, nach welcher +Richtung hin er das nächste Geräusch jetzt hören würde, als +auch der Fall eines Körpers, nur wenige Secunden später, +sein Ohr erreichte.</p> + +<p>»Hallo! <span class="wide">hupih!</span> — hallo!« schrie er jetzt dorthin aus +Leibeskräften, »he! hallo! hallo! hu — <span class="wide">ih</span> — <span class="wide">ahoy!</span>«</p> + +<p>Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden +Ton, dem gleich darauf der ermunternde Zuruf einer +menschlichen Stimme folgte.</p> + +<p>»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur +in dieser gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« +brummte Maulbeere vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar +Nichts, als daß es so eine verdammte Rothhaut wäre, die eben +solchen Hunger hätte wie ich. Aber einerlei, lieber an einem +warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie hier madennaß +vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch +einmal ein Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu +bringen.«</p> + +<p>Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, +und nicht lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter +Hund durch die Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein +paar tüchtige Sätze gegen ihn an, und gab dann Standlaut.</p> + +<p>Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund +nicht gegen sich aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen +nichts anderes thun als sich vollkommen ruhig verhalten; +nicht lange aber, so brachen und knackten die Büsche und ein +Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen eben geschossenen +Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden, +wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und +kam, die wunderliche Gestalt mit dem Karren dabei nicht +wenig erstaunt betrachtend, auf Maulbeere zu.</p> + +<p>»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand +anders als unser Arkansanischer Freund, »wie zum Henker +seid Ihr mit <span class="wide">dem</span> Fuhrwerk da in die Gründorn-Flat gerathen?«</p> + +<p>»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei +Jahren seines hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch +gelernt hatte, »fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe +— hier in der Gegend wissen die Leute wohl gar nicht +was ein <span class="wide">Weg</span> ist?«</p> + +<p>»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen +konnte an dem Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale +Dinger, die man, in Ermangelung besserer, Wege nennt. +Aber wo kommt Ihr her? — was habt Ihr da in der wunderlichen +Maschine und wo wollt Ihr hin?«</p> + +<p>»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen +habe und ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr +Sinn d'rin,« brummte Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's +bis zum nächsten Haus?«</p> + +<p>»Kaum eine Viertelstunde — wenn Ihr <span class="wide">hier</span> übernachtet +habt, konntet Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören — +wo habt Ihr geschlafen?«</p> + +<p>»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr +den Spuren nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten +Kasten hier aufgewühlt, dann kommt Ihr zuletzt zu einem +Baum — irgend ein weitläufiger Verwandter von diesen hier +— auf dem hab' ich gesessen!«</p> + +<p>»Oben im Baum?« lachte der Jäger.</p> + +<p>»Wenn ich <span class="wide">drunter</span> gelegen hätte fändet Ihr einen Theil +meiner Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen +eines Panthers, und den anderen sauber verscharrt für eine +zweite Mahlzeit, unter dem Laube.«</p> + +<p>»Unsinn Mann — Ihr könnt hier ein Jahr lang unter +einem Baum im Walde schlafen, und wenn Euch die Mosquitos +und Holzböcke nicht auffressen, die Panther thun Euch +Nichts.«</p> + +<p>»So? — es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem +anderen Baum gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche +Geschichte vorgeheult, heh?«</p> + +<p>»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule +gewesen sein; in dieser Jahreszeit schläft sich's wundervoll im +Wald.«</p> + +<p>»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den +Zähnen durch, »wundervoll im Wald schlafen — wer eine +Leidenschaft dafür hat. Mir ist's lieber ich erfahre es erst am +nächsten Morgen, wenn's in der Nacht geregnet hat.«</p> + +<p>»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch +und durch naß — es hat die Nacht wohl stark geregnet? und +wir zu Hause haben nicht einmal viel davon gemerkt. Aber +kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt es nur hier herüber +mir nach.«</p> + +<p>»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier +häuslich niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch +— »das Dornenwerk hält wie Ankertaue.«</p> + +<p>»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein +langes schweres Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel +nehmend, und die Dornen ringsum mit leichten Schlägen +durchhauend, »so — so — so — jetzt versucht's einmal, gleich +da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad +nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den +Reitweg kommen, und dann habt Ihr freie Bahn — gehts?«</p> + +<p>»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den +Kasten abzukaufen,« sagte Maulbeere, das Tragband wieder +einhenkend und den Versuch machend, »so gebe ich mein Geschäft +auf und gehe unter die Millionaire — hol der Teufel +das Scheerenschleifen.«</p> + +<p>Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier +Ansätzen den schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts +brachte, dann ging er rasch auf einen jungen Papaobaum zu, +von dem er die Rinde, so hoch er hinaufreichen konnte, mit +seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein Seil daraus +drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber +vorspannte.</p> + +<p>»So — nun noch einmal — a hoy — alle zusammen!«</p> + +<p>»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der +Karren frei, der von den beiden Männern jetzt mit ziemlicher +Leichtigkeit bis zu dem schmalen Pfad, und diesen hin bis in +den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere allein fortbringen +konnte.</p> + +<p>Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht +auf ein warmes Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse +Kaffee aber gesprächiger, erzählte dem Jäger welcher Art sein +Geschäft sei, was er thue und treibe und wie er sein Brod +erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten schon durchzogen +habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten Schilderungen +der westlichen Staaten verführt worden sei auch <span class="wide">hier</span> sein +Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben +werde, so rasch als möglich wieder fortzukommen.</p> + +<p>Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche +mürrisch-drollige Ausdrucksweise des Mannes, +dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte, daß er sich +hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren +können, als gerade heute, da sich fast das ganze County +in der Nähe der Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer +sogenannten Camp-Meeting (eine fromme Zusammenkunft im +Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit von dem Gouvernement +des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen +Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.</p> + +<p>Maulbeere horchte hoch auf — von den Camp-Meetings +des Westens hatte er schon so viel gehört, daß er selber gespannt +war einer derselben beizuwohnen, und Leute die sich bei +einer solchen Versammlung einfanden, führten auch stets Geld +bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen verschiedenen Branchen +durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was da sonst noch +für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von +solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und +daß er sie nicht versäumen würde, fest entschlossen.</p> + +<p>Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens +keine Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine +alte Reisegefährtin, mit ihr in so genauer Beziehung gestanden, +und eine Masse Menschen lagerten um zahlreiche dort entzündete +Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an der Gluth, und +gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges, fröhliches +Aussehn — und wie ernst doch war der Zweck der sie +hier versammelt.</p> + +<p>Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, +galopirte Soldegg nach Little Rock zurück und — klagte nicht +etwa gegen die Farmer und Squatter von Arkansas, er war +zu klug dazu, und wußte was ihm selber geschehen konnte in +dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen von Olnitzki +selber gezeichneten Papiere, die den <span class="wide">Verkauf</span> seiner Farm wie +seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen +Pferdes betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen +sonst schlauen und durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus +den östlichen Staaten hierhergekommenen Burschen, für den halben +Werth gegen baar Geld, womit er Arkansas verließ.</p> + +<p>Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres +nach Oaklandgrove hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu +nehmen, fand sich aber hierin getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis +Frau, die Einzige die nach den Begriffen der Nachbarn etwas +zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt habe, die +der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn +es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, +bis sie den Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue +und kein Huf von diesem Eigenthum ihre <i>»range«</i> verlassen +solle, in andere Hände überzugehen.</p> + +<p>Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach +Little Rock zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in +seinem guten Recht« durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie +er sie nannte, stören zu lassen, machte er die Sache in Little +Rock anhängig, und ein ordentlicher Proceß entstand, von dessen +Kosten sich die Squatter schon durch das sie schützende Gesetz<a name="fn_1r" id="fn_1r"></a><a href="#fn_1"><small><sup>1</sup></small></a> +freihielten, der aber doch, nachdem er sich über Jahr und Tag +hingezogen, <span class="wide">gegen</span> die Squatter entschieden und ein Termin +zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem +Polen Olnitzki gehörende und käuflich an Mr. John Kowley +übergegangene Farm, mit den dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief +einzeln aufgeführten Pferden, Rindern und Schweinen, +öffentlich und an den Meistbietenden verkauft werden +sollte.</p> + +<p><span class="wide">Der</span> Termin war heute, und zwei, gerade in jenem +County befindliche Geistliche, sogenannte <i>circuit riders</i>, die +von ihren Consistorien ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten +Distrikte, in denen keine Kirchen sind, zu durchziehn +und dort zu predigen, hatten sich entschlossen für den nächsten +Tag eine schon längst beabsichtigte »Betversammlung im freien +Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja ohnedieß eine +Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade <span class="wide">diese</span> Gelegenheit +eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald +nur viel Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu +ihren milden Zwecken — Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung +und Erhaltung der Geistlichen — recht reichlich +ausfiel.</p> + +<p>Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber +einen recht ernsten, finsteren Ausdruck an, als er den freien +Platz betrat auf dem die Fremden versammelt waren, und +unter diesen eine ziemlich große Zahl städtisch gekleideter Advokaten +und Kaufleute von Little Rock, die theils Neugierde, +theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den Wald getrieben, +erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht +gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund +hinter sich, ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen +der Schaar durch und auf das Haus zu, in dessen Thür ein +junges, bildhübsches vielleicht vierzehnjähriges Mädchen stand, +und ihm freudig und herzlich beide Hände entgegenstreckte.</p> + +<p>»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas +bleich und angegriffen aussehende Kind entgegen — »wie +froh, wie glücklich bin ich daß Sie endlich angekommen sind; +ich hatte schon solche Angst Sie — Sie würden —«</p> + +<p>»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, +gutmüthig ihre zarten Wangen und das goldene Haar aus +ihrer Stirn streichend — »nein mein Kind, wir verlassen Dich +nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist deine Heimath und soll +es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden verkaufen müßten, +sie Dir zu erhalten — wohin es aber nicht kommen wird. +Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?«</p> + +<p>»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht — die vielen Menschen +da draußen machen ihr Angst — sie hat stärkeres Fieber +heute gehabt, und ist vor einer halben Stunde etwa nur erst +eingeschlafen.«</p> + +<p>»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« +sagte der Jäger, dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend — +»ein junger Truthahn, aber feist wie Butter; die ißt Du ja +so gern. Doch dem Mann da, — ein Fremder der sich verirrt +und die Nacht im Walde zugebracht hat — mußt Du etwas zu +essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er +sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die +Sonne legt. Hast Du etwas für ihn?« —</p> + +<p>»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und +steht am Feuer, ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen +Minuten gebraten.«</p> + +<p>»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich +habe überdieß schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, +solch einen Vogel für Dich zu suchen, und Dir dabei +gleich den Scheerenschleifer gefangen, der die Nacht irgendwo +im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und +wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich +ihr Name? — Mowlbare — wunderliches Wort das, aber +ich denke Sie halten's wohl mit dem alten Sprichwort was +wir hier im Walde haben — einerlei <span class="wide">wie</span> man uns ruft, nur +nicht zu spät zum Essen!«</p> + +<p>Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen — seinen +Karren draußen vor der Thür stehn lassend, nahm er den alten +aufgeweichten Filz vom Kopf, strich sich die nassen struppigen +Haare aus der Stirn, und machte Miene sich ohne Weiteres +an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die Kleine eben +die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.</p> + +<p>»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der +Eimer und das Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so +vorkam, als ob ein wenig Seifenwasser der Physiognomie und den +Händen des Fremden eben nicht schaden könne.</p> + +<p>»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe — +»ich bin die Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das +Wasser verleidet — Kaffee ist mir lieber.«</p> + +<p>»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem +wunderlichen Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend — »Ihr +seid herzlich willkommen zu Allem was wir haben.«</p> + +<p>Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile +wurde weiter Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln +und Tassen, von denen noch einige aus Olnitzkis Nachlaß +übrig geblieben waren und über die sich Maulbeere allerdings +den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes, weit anderen +Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg gefunden +haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen +sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose +und oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm +auf ein und demselben Schiffe von Deutschland erst herübergekommen +wäre. Die Lebensmittel, besonders der heiße Kaffee +nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, +sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern, und wieder +und wieder mußte Jenny die Tasse füllen.</p> + +<p>»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine +Blicke ernst und sinnend über den kleinen Raum geschweift +waren — denn das vergoldete Geschirr hatte bei ihm ganz +andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das Haus nachher +zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen, Herz.«</p> + +<p>»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig +lächelnd, »Du lieber Gott, mit was sollt ich wohl bieten; +Sie wissen ja recht gut daß wir <span class="wide">Nichts</span> haben auf der weiten +Welt.«</p> + +<p>»Hast Du <span class="wide">gar</span> kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb +erstaunt aber recht freundlich anschauend — »<span class="wide">gar</span> Nichts, +nicht ein ganz klein wenig?«</p> + +<p>»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig +— »einen Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter +schon vor langer langer Zeit gegeben.«</p> + +<p>»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß +Du reicher bist wie Du Dich machst? das ist vollkommen +genug.«</p> + +<p>»<span class="wide">Ein</span> Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.«</p> + +<p>»Jawohl, und noch dazu in Silber.«</p> + +<p>»Aber was soll ich <span class="wide">damit</span> anfangen?«</p> + +<p>»Nun die Farm und das Vieh kaufen — ganz Arkansas +kannst Du freilich nicht dafür bekommen.«</p> + +<p>Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende +Thräne zu unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack +aber, der sie nicht kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte +seine Hand auf ihre Schulter und sagte freundlich —</p> + +<p>»Es <span class="wide">ist</span> kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, +ja noch mehr, Du mußt den Anfang machen. <span class="wide">Fürchtest</span> Du +Dich wenn ich dabei bin?«</p> + +<p>»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich — »aber +ich begreife nur nicht —«</p> + +<p>»Wirst das schon Alles noch erfahren — welche Zeit +haben wir jetzt?«</p> + +<p>»Bald elf Uhr, nach der Sonne.«</p> + +<p>»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, +um elf beginnt die Auktion — wenn ich Dich rufe komm zu +mir hinaus. Und Sie, Mr. Mowlbare können heut etwas +Neues sehn in Arkansas, aber« — setzte er ernster und fast +wie drohend hinzu — »wenn ich Ihnen zum Besten rathen +soll, so bieten Sie nicht mit.«</p> + +<p>»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich — »spüre +für jetzt noch nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen +— aber hinaus darf man doch kommen?«</p> + +<p>»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche +Gesellschaft da finden;« und seine Büchse schulternd, während +er dem Mädchen freundlich zunickte, verließ er rasch das Haus.</p> + +<p>Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten +sich um die verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, +oder besahen auch wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn +selber herbeigebrachten Pferde, die dort ausgehobbelt — +d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen — an hingeworfenen +Maiskolben knapperten, und munter den immer und immer +wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.</p> + +<p>Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen +war den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche +Anzahl von »Stadtleuten« versammelt; der Platz ging +jedenfalls für ein Spottgeld weg, denn der jetzige Eigenthümer +Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis los sein, und die +Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen guten +Werth.</p> + +<p>Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie +auch nur eines Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte +man wohl leise hinter ihm her, daß das der Mann sei, der den +frühern Eigenthümer dieses Platzes erschossen. Vor eine Jury +damals gestellt war er aber, da es in Selbstvertheidigung geschehen, +frei gesprochen worden; Olnitzki hatte zuerst nach ihm +geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen, selbst +ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. +Die Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; +sie wollten mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf +eines wilden unzähmbaren Volkes hatten, so wenig als möglich +in Berührung kommen, und waren vollkommen zufrieden +Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie sich auch +eigentlich darüber wunderten.</p> + +<p>»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, +»es wird etwa elf Uhr sein, und ich glaube wir können die +Auktion beginnen, damit die Herren, die noch gesonnen sind +heute nach Little Rock zurückzukehren, Zeit dazu behalten. Wir +sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an dem Kaufe +Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.«</p> + +<p>Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, +als er diese Worte an die ihm Nächsten richtete, und +nahm jetzt, ohne eine Sylbe darauf zu erwiedern, seine Büchse von +der Schulter. Zugleich spannte er den Hahn, zielte einen Augenblick +nach dem Wipfel einer der nächsten Eichen, und bei dem +Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das sich dort oben +im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich von einander +geschossen herunter zu Boden.</p> + +<p>»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die +nicht recht wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung +mitten zwischen sich machen sollten — »ein vortrefflicher Schuß!« +Der Sheriff nur wandte sich mit eben keinem freundlichen +Blick gegen den Schützen um, sagte aber Nichts und Jack, +ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem zu nehmen, +stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte +sie, und lud sie wieder.</p> + +<p>Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde +schlugen an; überall raschelte und knackte es im Wald, und +der Boden zitterte unter den schmetternden Hufen einer heranstürmenden +Anzahl Pferde, nach denen sich die hier um die +Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt umsehen +konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten, +fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte +Leggins gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, +ihre Messer an der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in +der rechten Hand, Einzelne im bloßen Kopf mit flatternden +Haaren wie Indianer, Andere mit alten Filz- oder Strohhüten +auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme wegsetzend, +herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden +Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem +Mal von allen Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, +sämmtlich Nachbarn hier und Squatter dieser Niederungen, +herangekommen, daß der Schuß des Einen von ihnen jedenfalls +das <span class="wide">Signal</span> für Alle gewesen sein mußte, die schon lange +darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen +kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach <span class="wide">einem</span> +Entschluß, so war der jedenfalls schon früher verabredet und +besprochen, und bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. +Aber Alle warfen sich jetzt von den Pferden, hingen die Zügel +der scharrenden, stampfenden Thiere an den nächsten schwingenden +Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann, ihre +Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im +Kreise umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie +diese von allen Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen +waren der alte Rosemore, Bill Jones, Sam Houston und +überhaupt das ganze <i>»settlement«</i> oder die Nachbarschaft — +Keiner fehlte.</p> + +<p>Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber +der Sheriff von Little Rock diese »Demonstration«, für was er +sie nicht ganz mit Unrecht hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, +ohne freilich dagegen einschreiten oder auch nur etwas +dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren Waffen +kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie +ohne diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger +eine Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche +sie wolle, und das stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls +auf keine Störung schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm +das plötzliche Ankommen der Leute nicht, das auch auf die +übrigen Käufer, die schon wußten daß der Verkauf nicht mit +dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen fatalen Eindruck +gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt entgegentreten, +und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand +schon genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in +seinem Amt zu hindern. So also auf einen der zahlreichen +dort umherstehenden, kurz abgehauenen Baumstümpfe tretend, +die Versammlung besser übersehn zu können, zeigte er dieser +mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm jetzt beginnen +solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem bestimmt +ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. +Kowley aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, +Pferden, Rindern und Schweinen in <span class="wide">einem</span> Gebot an den +Meistbietenden losschlagen würden, wonach es dann dem Käufer +überlassen bleibe, wenn er es für gut finden sollte, Pferde oder +Vieh wieder besonders zu versteigern.</p> + +<p>»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore +mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den +Kolben seiner Büchse auf einen andern Stumpf stemmte und +hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier unter uns, und von den +Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an die Versammlung +zu richten.«</p> + +<p>»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« +sagte der Sheriff — aber von allen Seiten rief es »doch, doch! +sprecht Sir — was giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe +beißend, schwieg.</p> + +<p>»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, +»denen nur die es noch nicht wissen, wollte ich hier blos +einfach mittheilen daß Farm, Pferde und Vieh von dem früheren +Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen anerkannten falschen +Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es seit der +Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im +<span class="wide">falschen</span> Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren +wurden.«</p> + +<p>»Mr. Rosemore« — unterbrach ihn der Sheriff.</p> + +<p>»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« +sagte der alte Mann ernst und fuhr dann langsam fort, +»die Frau wie wir Alle hier wissen, die jener Olnitzki schlimmer +behandelt hat, als ein Indianer seine Squaw behandeln würde, +stammte aus einer edlen und reichen Familie, und hatte mit +<span class="wide">ihrem</span> Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und Viehstand, +von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht, +gekauft — aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren +Jahren hat ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe +erreichte, einen armen aber rechtlichen Mann im allerdings +ordentlich abgehaltenen Zweikampf erschossen, weil dieser nicht +ruhig zusehn wollte, wie er seine arme, kränkliche Frau mishandelte +und <span class="wide">schlug.</span> Der Mann hieß Riley und hat eine +alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere Schwester +ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der +Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit +ihrer Schwester nach des Polen Tode uns verließ, die Farm +mit dem sämmtlichen Viehstand geschenkt. Wir Nachbarn erklärten +dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt habe die Farm, +die seiner Frau gehörte zu <span class="wide">verspielen,</span> die Gerichte in Little +Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann +jener Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh +zu einem Spottpreis gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff +ist heute herübergekommen, Land und Viehstand an den Meistbietenden +öffentlich zu versteigern. <span class="wide">Das,</span> Mitbürger, ist der +Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn« — setzte er mit +lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind die +Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.«</p> + +<p>»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff +heftig.</p> + +<p>»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore — »auf +die Gebote, und ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen — seid +doch so gut und führt das arme Kind einmal hier zwischen +die Herren herein — es fürchtet sich sonst näher zu treten; +Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und machen ihm +Platz!«</p> + +<p>»Oh ja wohl — mit dem größten Vergnügen!« riefen +die dem Haus zunächst Stehenden bereitwillig, und Jack Owen +schritt langsam dem Hause zu, nahm Jenny, der er einige ermuthigende +Worte zuflüsterte, an die Hand, und führte das +junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine +Gasse für sie öffneten.</p> + +<p>»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, +Einer der Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender +Bursche einem Andern über den ganzen Kreis hinüber zu — »ich +habe die Nacht einen schändlichen, nichtsnutzigen Traum +gehabt — mir träumte ein feiner Bursche mit einem Tuchrock an, +hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er im +Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, +häßlichen Fleck mitten auf der Stirn.«</p> + +<p>»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »<span class="wide">Dein</span> +Traum hinkt, denn ich habe geträumt <span class="wide">es hätte gar Niemand +mitgeboten!</span>«</p> + +<p>»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende +Einwirkung auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff +hitzig ein, »oder ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter +Sache zurückzuziehn, und dem Staatsanwalt Anzeige solchen +Benehmens zu machen.«</p> + +<p>»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore +ruhig — »es wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden — daß +sich ein paar junge Burschen ihre albernen Träume +erzählen darf Euch nicht kümmern.«</p> + +<p>Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich +in leisem Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, +ein späterer Termin würde aber ebenfalls zu keinem andern +Resultat geführt haben, die Käufer hatten jedenfalls das Gesetz +und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite, und nach kurzer +Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten Äcker, +der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen, +die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, +eröffnete er die Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot +ein.</p> + +<p>Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen +der Grillen drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen +herüber, und man konnte das <span class="wide">Athmen</span> der Menge hören. +Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem jungen Mädchen +nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu und +Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber +klaren, blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit +nicht lauter, aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden +dringend:</p> + +<p>»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.«</p> + +<p>»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit +dem Fuße stampfend, »wir haben hier kein Kinderspiel für +müssige Leute — ein Viertel Dollar, wo das Gebot in die +Hunderte steigen muß, nur den halben Werth zu erreichen.«</p> + +<p>»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf +hat begonnen — thut Euere Pflicht Sheriff!«</p> + +<p>»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen +zu lassen!« schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, +dem er doch nicht Worte geben durfte, den Männern gegenüber.</p> + +<p>»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore +ruhig, »Jenny wird es wohl für den Preis bekommen.«</p> + +<p>»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit +Zornfunkelnden Augen, »hebe ich den Verkauf auf!«</p> + +<p>»Ein Gebot <span class="wide">ist</span> geschehn!« schrie da Einer der jungen +Backwoodsmen, derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und +trotzig dabei mit der Büchse in den Kreis springend, »wir Männer +von Arkansas sind eingeladen worden dem Verkauf heute beizuwohnen; +der Verkauf hat begonnen, ein Gebot ist gemacht +worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend seid, ob +etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?«</p> + +<p>»Nein — Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten +mögen uns Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und +uns die Farmen unter der Nase ausbieten lassen, wir können +und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß sie es wagen unsere +Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um einen +einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken +sie heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.«</p> + +<p>»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der +alte Rosemore wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen +Sie weiter fragen, oder glauben Sie daß der Preis +genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir noch zur +<i>Campmeeting</i> zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu +Hause etwas essen.«</p> + +<p>»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, +»Sie werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht +gelten lassen. Das Gesetz und sein starker Arm <span class="wide">schützt</span> Sie +in jedem Gebot das Sie machen, und meinen eignen Hals +will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der dieß Gut +zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz +desselben gelangen soll.«</p> + +<p>»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman +wieder über den Kreis hinüber.</p> + +<p>»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff +hat ja seinen Hals verpfändet, und wird die Farm vielleicht +selber kaufen wollen.«</p> + +<p>»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten +Mal der alte Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion +beginnt, Sheriff, dann thun <span class="wide">wir</span> es — überschreitet Euere +Pflicht nicht, denn <span class="wide">wir</span> sind hier herbestellt, und verlangen den +Zuschlag für den Käufer.«</p> + +<p>»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber +der Sheriff, jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich +zwingen?«</p> + +<p>»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, +»glaubt Ihr, daß Ihr uns hier zum Narren haben +könnt, gerad' nach Gefallen, und herbestellen wenn es Euch +freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die Farm ist angesetzt +und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel Dollar +geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann +nicht zu, so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, +ein anderer Käufer seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen +soll.«</p> + +<p>»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff +zwischen den Zähnen durch — wagte aber selber kein höheres +Gebot — »Gentlemen ich wiederhole es hier nochmals — das +<span class="wide">Gesetz</span> schützt Sie in jedem Gebote das Sie thun, und kein +Bürger der Vereinigten Staaten <span class="wide">darf</span> und wird sich dem widersetzen, +denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf sein +eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals +den Verkauf — <span class="wide">zwei Bits</span> sind geboten, und ich erwarte +daß der zweite Bieter mit eben so viel hundert ganzen +Dollarn nachfolgen wird — <span class="wide">ich</span> — das <span class="wide">Gesetz</span> steht ein für +sein gewahrtes Recht.«</p> + +<p>Alles schwieg — der Amerikaner läßt selten lange auf +sich warten, wo sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, +aber die dunklen trotzigen Gestalten hier umher — das Blut +das schon unter diesen Bäumen geflossen, ohne daß selbst das +Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die Drohung +selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten +Traum lag — hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle +Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind — wie +das <span class="wide">Gesetz</span> auch da geurtheilt — die Farm gehören müsse — +Keiner bot.</p> + +<p>Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu +<span class="wide">einem</span> Gebot zu treiben, dem dann leicht andere folgen würden +— umsonst und endlich selber gereizt, und wüthender fast +über die herübergekommenen Käufer als über die Squatter +selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos standen, +denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten — mit bleichen +Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:</p> + +<p>»Gut — wenn Ihr Alle denn zu <span class="wide">feige</span> seid Euer <span class="wide">Recht</span> +zu wahren, und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein +ausgelegtes Geld wenigstens für das Land wieder zu bekommen, +sich gar nicht dabei blicken läßt, was kümmerts mich. Also,« +und seine Hand hob sich dabei sie zum Zuschlag sinken zu lassen, +»ein Viertel Dollar ist geboten — ein Viertel Dollar zum +ersten — kein Gebot weiter? — ein Viertel Dollar zum zweiten« +— eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern +der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen +der Hennen vor dem Hause hören — »ein Viertel Dollar zum +zweiten, und —« die Hand kam nieder, und mit der Bewegung +das Wort: »<span class="wide">zum</span> — <span class="wide">Dritten!</span>«</p> + +<p>»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten +die wilden Gesellen um ihn her — »piff, paff,« gingen die +Freudenschüsse hoch in die Luft, und Jack Owen, in der linken +Hand seine abgeschossene Büchse schwingend, griff mit dem +rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende, +und <ins title="original has ihrem">seinem</ins> Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom +Boden auf und trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen +die Schaar der Nachbarn hinein. Alle Hände streckten +sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen standen +Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt +dem Hause zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin.</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<h2><a name="kap2" id="kap2"></a>Capitel 2.</h2> +<h3>Maulbeere in der Betversammlung.</h3> + +<p>Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte +dem jungen Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, +und all die Käufer, die hergekommen waren das Land, die +Pferde zu erstehn, und sich das Alles nun mußten wie ein +schönes Traumbild unter den Händen selbst wegschwinden sehen, +standen im ersten Augenblick allerdings etwas verdutzt und unbehaglich +da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht sie dazu +machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche +Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume +geflochten, wahr machen <span class="wide">könnten,</span> daran zweifelte nicht Einer +von ihnen; des Polen Grab lag keine tausend Schritt von +dort entfernt, ein blutig Zeichen, und ein Land kaufen das der +Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz zu nehmen, wär +auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der New-Yorker +Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.</p> + +<p>»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« +sagte da der Eine von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann +hatte ganz recht — man kann doch der kranken Frau und dem +Kind das Haus nicht unter den Füßen wegkaufen, und sie in +den Wald setzen? — ich wenigstens möchte das nicht auf meinem +Gewissen haben.«</p> + +<p>»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; +was für ein hübsches Mädchen das einmal wird — und wie +bleich sie aussah.«</p> + +<p>»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte +ein Dritter, »und ein gutes Wort findet einen guten Ort — +die Leute waren klug genug daß sie nicht wirklich drohten.«</p> + +<p>»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief +der Erste wieder, »was hätten sie machen wollen wenn wir +das Haus erstanden? aber so ist's besser und hundert Dollar +sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine bekommen hat.«</p> + +<p>Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer +des Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche +Verhandlung interessirt, überlegte er doch eben, ob +er nicht besser seinen eigenen Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, +und seinen Karren herbeischieben solle, der Versammlung +mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen stumpfen Messer +und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen, +als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden +gingen, die Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel +sprangen und mit einem wilden <span class="wide">Hupih,</span> von den laut anschlagenden +Hunden gefolgt, aber jetzt nach <span class="wide">einer</span> Richtung hin, +in den Wald hineinsprengten. Nur der alte Rosemore blieb +mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo +sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin +blieben. Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen +allein zurück, und dem Scheerenschleifer freundlich auf die +Schulter klopfend, sagte er lachend:</p> + +<p>»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?«</p> + +<p>»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie +einmal wieder eine Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben +haben —«</p> + +<p>»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' +es wohl — aber die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, +so wollen wir denn den armen Thieren hier ebenfalls +wieder ihre Freiheit geben; heut oder morgen werden sie doch +nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es Euch +recht ist, gehen wir zur <i>Camp meeting</i> hinüber, nicht weit +von hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in +Gang, könntet Ihr die Leute selbst hier jauchzen hören.«</p> + +<p>»<span class="wide">Jauchzen</span> hören?« frug Zachäus verwundert.</p> + +<p>»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den +zum Verkauf hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar +erstandenen Pferden die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre +Vorderbeine zusammenhielten, daß die Thiere wieder frei zurück +in den Wald, und ihren gewöhnlichen Weideplätzen zulaufen +konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und folgt +mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, +und wenn Ihr nicht <span class="wide">beten</span> wollt dort, kann ich Euch Arbeit +ziemlich gewiß versprechen.«</p> +<p> </p> +<hr class="min" /> +<p> </p> +<p>Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so +stillen Wald; wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den +Zweigen herüber- und hinüberflogen, und zwitscherten und +riefen; wie der Hirsch, der dort sonst seinen ungestörten Äsungsplatz +hatte, als er heute langsam und vertraut wie immer auf +seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf emporwarf, +die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und +schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so +freudig wieherten und den Boden stampften, und der grüne +Rasen ringsumher auf der kleinen Waldesblöße zertreten war, +nach allen Seiten, und wie sich das drängte und schob und +durcheinander wogte, von einer bunten fröhlichen Menschenmasse, +die hier von allen Enden des County zusammengekommen.</p> + +<p>Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, +die nämlich, die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten +den heutigen Tag hier zu verbringen, und morgen früh +zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen aber am wenigsten +vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher, sondern +nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen +am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen +und besonders deren Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern +der Versammlung; von allen Seiten strömten sie herbei, die +Frauen fest im Sattel — und wenn es auch kein Damensattel +war — ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich auf dem +Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie +immer. Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings +im Wald, mit Rinden- oder Deckendach, während Andere +dagegen ordentliche Zelte mit herüberbrachten, die sie allein für +diesen Zweck bestimmt. Hier waren Männer an der Arbeit +einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen Stücken +rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz, +dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder +Zweige wurden abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach +gegen Sonne und Nässe herzustellen; aber überall herrschte Leben +und Thätigkeit.</p> + +<p>Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel +brodelten, der blaue Rauch so luftig hinauf wirbelte in die +grünen rauschenden Wipfel, und emsige Frauengestalten mit +den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf — gleichen +Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend — so fleißig +an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten.</p> + +<p>Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher +<i>Camp meeting,</i> und wenn der Mann daheim kaum daran +gedacht hätte hinaus in den Wald zu gehn und die Pferde zu +suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten tausend und +tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter +keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen +dürften.</p> + +<p>Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar +Nichts — sie waren überdieß so lange nicht gebraucht, und +<i>Marys colt</i> schon ganz lendenlahm geworden von all zu vieler +Ruhe. Dann predigte zweitens, dieses Mal ganz gewiß der +Ehrwürdige Mr. Sweetlip — und was für eine süße Stimme +der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen +sprach — wer hätte da ungerührt bleiben können.</p> + +<p>Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, +wie der es den Heiden und Ungläubigen sagte, wie der dem +bösen Feind, <i>alias</i> Beelzebub zu Leibe rückte und ihn aus dem +Felde schlug.</p> + +<p>Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit +nicht gesehn — lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit +Niemandem zusammen, und ob Bill Norton und Ann Sally +wirklich versprochen wären, konnten sie ja auch nur dort erfahren.</p> + +<p>Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem +letzten halben Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die +anders zeigen oder tragen sollen; doch nicht im Haus etwa +beim Spinnrad; und mußten sie nicht wenigstens einmal erst +die »priesterliche Weihe« erhalten?</p> + +<p>Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht +auch wirklich übel dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, +ja selbst in dem einzelnen Haus, das nur an einer begangenen +Straße liegt, kann sich das junge Mädchen nett und +geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung, daß sie wenigstens +gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind oft +liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle +Gesichtsbildung und die, mit nur <span class="wide">sehr</span> seltenen Ausnahmen +fast untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; +im Wald aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung +mit der Außenwelt abgeschnitten, wo sollen da die armen +Mädchen und Frauen ihre Kleider zeigen, und zeigen <span class="wide">müssen</span> +sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest« oder »<i>Quilting frolic?«</i> +wie selten kommt das vor, und wenn's geschieht, wie selten +ist dann Tanz nachher — einmal, zwei Mal im ganzen Jahr +und das noch dazu im Sommer.</p> + +<p>Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's +Beste, und welche es irgend von den jungen Mädchen kann, +kommt nicht zu einem derartigen Fest ohne wenigstens noch +<span class="wide">ein</span> anderes Kleid, manchmal drei und vier mitzubringen, die +während dem Tanz gewechselt werden können.</p> + +<p>Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine +<i>Camp meeting</i>, die nicht nur einen einzigen Abend und im +günstigsten Fall eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, +sondern nicht selten gleich drei und vier Tage hintereinander +weg, während die jungen Leute aus der <span class="wide">ganzen</span> Nachbarschaft +dabei Gelegenheit bekommen einander zu sehen, miteinander zu +plaudern — und mehr als das. Mancher Funke ist bei +diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und +hinübergeflogen, und hat gezündet für Lebenszeit — wenigstens +gebunden; überdieß mußten die jungen Männer dort still +und ehrbar auftreten, durften nicht trinken, fluchen und schwören, +und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen allerdings +gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad betreten, +der zu der Liebe der Auserwählten führte.</p> + +<p>Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, +und wenn der Geist dann erst noch über die +Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden Hören oft und Sehn.</p> + +<p>Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; +daß hier so viele Menschen auf einen Platz sich +versammelt hatten, der sonst eine Wildniß war, fiel ihm nicht +auf, weil er von einer Wildniß, trotz der letztverbrachten Nacht, +überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte. Die Lagerfeuer +sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und +die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. +Nur ein großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts +von dem Platz, am Rande der kleinen Waldblöße, und noch +im Schatten einer riesigen Eiche stand, und rechts und links +ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die mit Laub und duftenden +Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das Vieh +schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die +Feuer, und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht +in den inneren Kreis.</p> + +<p>Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung +der Plätze den Kopf zu zerbrechen — vielleicht dienten +sie zu Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. +Nach einem flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen +Gruppen, schob er seinen Karren, ohne sich weiter +um seinen bisherigen Führer zu kümmern, mitten in den Kreis +hinein, begann plötzlich mit lauter gellender Stimme, aber +natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren, Künste und +Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später +die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen +zu sehn. Maulbeere war auch in der That für diese +Waldbewohner ein Gegenstand; er war ein Charakter wie sie +nicht oft dort herumgezogen, selbst unter den Yankee-Pedlars. +Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende Ähnlichkeit +mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit +des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie +oft zu lautem Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und +vielleicht selbst die Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick +erwarteten Geistlichen mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit +einverstanden sein, oder ihn vielleicht gar verdammen würden, +erhöhte den Reiz.</p> + +<p>Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, +und Messer wurden ihm so viele gebracht, daß er sich +ihrer kaum erwehren konnte; auch Bestellungen bekam er genug, +dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen vielleicht, eine alte +Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er sich auch hierin +entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen. Er +war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten, +zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über +ihn kicherten, und sein Rad schwirrte und zischte, während +seine Zunge noch viel rascher ging als das Rad.</p> + +<p><span class="wide">»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!«</span> — ein freudiges +Gemurmel lief durch die ganze Versammlung, und die Frauen +besonders, drängten jetzt rasch und eifrig fort von dem +Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben Gesichter, die noch +vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich in die +blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast +wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den +frommen Mann, und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren +in der Mitte stehen.</p> + +<p>Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit +Allen, hatte für jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, +ein freundlich tadelndes oder lobendes Wort; sprach von der +Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem Vieh und verirrten +Schaafen — in der geistigen Bedeutung des Wortes — und +seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er +der Sünde der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen +und leider nicht wieder hinauszubringen war. Mr. Sweetlip +war eine wahre Seele von einem Menschen.</p> + +<p>Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere +Geistliche, Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden +mit einem Schwerte des Herrn hätte vergleichen können, +so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken aber die Schneide +und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls.</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 2"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/img1r.jpg"> + <img src="images/img1r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 2" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 2.<br /> + Click to <a href="images/img1.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p>Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings +ihre geistigen Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, +und es manchmal sogar für eine Sünde zu halten schien, selbst +der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften abzusprechen, so ging +Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und Pfeffer und +Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem +bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem +Lächeln und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, +an dem sie geschlummert haben sollten, und wenn sie den auch +nicht gleich sahen, wurden sie doch ängstlich und verzagt, und +streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne aus, sie zu +retten.</p> + +<p>Mr. Sweetlip hatte übrigens die »<i>meeting</i>« zu eröffnen +und zu begrüßen, und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf +das hohe, kanzelartige Gestell, das unter der Eiche errichtet +worden. Von hier aus richtete er eine ziemlich lange Rede, ohne +weiteren besonderen Inhalt, an die Versammlung, ermahnte +sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott zu erheben +und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen Zusammenkunft +erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen +Schaafe zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit +hier, wie er mit klaren dürren Worten andeutete, +die beiden Einpferchungen angebracht und mit weicher Streu +gefüllt waren.</p> + +<p>Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser +Sache Scherz treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber +nicht aus wie Scherz, und Thränen standen auch schon in +vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen. Um sich dessen +aber zu vergewissern, drückte er sich durch die Andächtigen, seinen +Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle zu, wo +er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an +einer Eiche lehnen und der Rede horchen sah.</p> + +<p>»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, +»was der fromme Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, +und ob die nur <span class="wide">bildlich</span> dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« +vielleicht wirklich gebraucht werden sollen? ich habe +keine rechte Idee von etwas Derartigem, und möchte mich gern +belehren.«</p> + +<p>»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman +seufzend — »ich habe auch keine rechte Idee von +dem Wesen und Treiben der Leute; soviel aber ist gewiß, daß +sie die Fenzen oder Pferche, wie Ihr sie nennen wollt, heute +oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da oben die Gemeinde +vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem finsteren +Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen +ist — wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!«</p> + +<p>»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere +etwas erstaunt, denn das Äußere der Leute hatte auf ihn den +Eindruck nicht gemacht —</p> + +<p>»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack +mit einem etwas bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr +ein Schneider in Little Rock, als plötzlich <span class="wide">der Geist</span> über ihn +kam, wie sie es nennen, und er zu predigen anfing. Er hat +eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und wenn er nur +anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und +Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein +Pedlar, wie man bei uns die »wandernden Krämer« nennt — +betrog alle Welt mit seinen Yankee-Uhren und anderem Trödel +den er zum Verkauf im Lande herumführte, und — wurde +auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen +Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu +kaufen, um, wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele +zu entreißen, und fing ebenfalls an zu predigen. Die Beiden +sind jetzt die beliebtesten Redner, die wir hier zu hören bekommen, +und haben die anderen Circuit-rider wenn nicht ganz +weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich +kaum noch sehn lassen. <span class="wide">Ihre</span> Sammlungen fallen auch +— jedenfalls die Hauptsache — immer am reichlichsten aus, +und für ihre <span class="wide">milden Zwecke</span> nehmen sie Geld und Geldes +Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und Honig und Bärenfett. +Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach der +Kanzel winkend hinzu — »jetzt kommt Herr Hottenbrocken +d'ran — es wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein +furchtbar finsteres Gesicht.«</p> + +<p>Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine +Büchse, drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt +langsam hinein in den Wald, während Mr. Hottenbrocken +allerdings von der Kanzel zu donnern begann, und mit leuchtenden +Augen und im Anfang zwar noch ziemlich ruhiger, +dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern +die Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. +Mit wilden Gesten und rollenden Augen deckte er dabei +alle Schrecknisse auf, die dort unten der Ungläubigen, der +Tauben die nicht hören, der Blinden die nicht sehen wollten, +harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von den in +wilder Aufregung zitternden Lippen.</p> + +<p>Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig +machte, war aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, +drängte sich, so weit sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein +Wort von der Predigt zu verlieren, und verrieth dabei eine +Andacht, eine Freudigkeit, die sogar mehrmals die Blicke des +Geistlichen selber auf ihn lenkte und wohlgefällig auf ihm +weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere Krämer +gewesen, der <span class="wide">Geist</span> genügte — wenn der Geist kam mußte der +Körper gehorchen! — Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere +hörte sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend +offen, sein inneres lauschte dagegen einem Chaos von +Speculationen, die sich in dem Gehirn des praktischen Scheerenschleifers +entwickelten, und ihm seinen »Gedankenkasten« mit +einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten.</p> + +<p>So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine +Vorbereitung zu der morgenden <span class="wide">Schlacht</span> gewesen, die Mr. +Hottenbrocken dem Teufel und seinen Helfershelfern angekündigt +hatte; seine »Krieger,« wie er die Frommen und Gläubigen +nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem schweren +Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen +auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich +aus Kampf und Ringen hervorgegangen wären.</p> + +<p>Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack +Owen schien ihm nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, +soviel der Scheerenschleifer bis jetzt davon gemerkt, keine Freude +an der ganzen Sache, war auch in der That nur herübergekommen, +weil er die Frauen nicht zu Hause halten konnte, +und nicht allein ziehn lassen <span class="wide">wollte.</span> Frauen sind überhaupt +in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen +Campmeetings aufgehoben.</p> + +<p>Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine +Familie, die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang +durch das viele Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten +auf sich gezogen, die sie bei sich führten. Der Mann, +wie er sich indessen erkundigt hatte, war Kirchenältester, und +ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der oft acht und vierzehn +Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und allabendlich +in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich Maulbeere +noch <span class="wide">vor</span> dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, +den die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und +bat ihn um die Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine +so fabelhafte Rednergabe, mit solchem Feuereifer und solcher +Gluth der Sprache vom lieben Herrgott und heiligen Geist +empfangen habe.</p> + +<p>Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere +mußte sich mit zu seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und +erzählte ihnen dafür seine Lebensgeschichte mit einer Phantasie, +die seinen alten Schiffsgefährten Theobald glücklich gemacht +haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Er +erfuhr dafür Alles was er wissen wollte — daß nämlich nicht +etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge +zu reden, sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte +ausersehen, oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem +sündhaftesten Lebenswandel heraus, zu der hohen Würde eines +Seelenhirten sich emporgeschwungen hätten, und Lichter +geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf dem +schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht +einmal ein Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben +weiter Nichts, als der hohen natürlichen Begeisterung, die, +für einen monatlichen Gehalt aus einer der frommen Stiftungen +und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen in die +Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des +Herrn. Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten +nicht allein gegen die sündhaften Ungläubigen, sondern auch +gegen den Antichrist wie eine Menge anderer Sekten anzukämpfen, +aber das Ziel war glorreich — sie <span class="wide">mußten</span> endlich +siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange blutete mit +zertretenem Haupte unter ihren Hacken.</p> + +<p>Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste +dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus +Maulbeere hielt, und wie dieser spät am Abend, wo sich die +Mehrzahl der hier Gelagerten zur Ruhe begeben, seinen Karren +zu seinem neuen Beschützer heranschob, und dann in das laut +gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien ein +ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen +gefahren zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, +und er kniete immer noch eine Weile allein in still versunkenem +Gebet, legte sich dann, in seine Decke gewickelt die er vorn an +den Karren geschnallt mit sich führte, ohne mit irgend Jemandem +ein Wort weiter zu wechseln, auf den ihm angewiesenen +Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und war bald +sanft und ruhig — ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet +— eingeschlafen.</p> + +<p>Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein +früh, und Maulbeere hätte heute keine Zeit bekommen seine +Geschicklichkeit zu verwerthen, selbst wenn er es gewollt; er +dachte aber gar nicht daran, saß gleich vom Morgengrauen in +den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien sich wirklich +nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des Kirchenältesten +wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige +Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht +meinte, innerlich und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation +bedürfe, und die nur allein durch das Wort Gottes erhalten +könne. Übrigens sei es ein erfreuliches Zeichen auch +unter den <span class="wide">Deutschen,</span> die sonst nicht in dem Rufe ständen, +viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden, die +eine rühmliche Ausnahme davon machten.</p> + +<p>Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen +selber, zu ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, +und es war für Maulbeere ein rührendes Bild, und +eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu sehn, wie sich die <span class="wide">Brüder,</span> +in Liebe und Freundschaft darum stritten, die ehrwürdigen +Herren an <span class="wide">ihrem</span> Frühstückstisch bewirthen zu dürfen, wo +ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus +Wald und Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.</p> + +<p>Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die +aber bis zum Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein +Mischmasch von den allergewöhnlichsten Phrasen, in der +allergewöhnlichsten Art vorgetragen; entweder <span class="wide">konnten</span> die Leute +nichts Besseres liefern, oder sie versparten sich den vollen Eindruck +auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer überhaupt +mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich +sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft +aus; Manche seiner Nachbarn und Nachbarinnen, die auch +entsetzlich in ihrer Andacht durch seinen alten grünen und +wie glasirten Rock gestört worden waren, schliefen sanft; +Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem Redenden.</p> + +<p>Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem +unreinlichen Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht +doch besonders die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; +er war auch fremd hier, und konnte nicht ohne Nahrungsmittel +gelassen werden. Maulbeere bekam drei Einladungen +an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und +mit geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch +und einer kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags +heranrückte, begann die Predigt auf's Neue — jetzt aber mit +einem andern Geist.</p> + +<p>Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag +den Anfang, und die Versammlung, als ob die Leute schon +eine Ahnung gehabt hätten, wie der Geist heute wirken würde, +war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in den vordersten +Reihen.</p> + +<p>Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige +Mr. Sweetlip seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern +die Orte auf dieser Erde zu schildern, wo den armen schwachen +Menschen Verführung umlauere, ihn von der Bahn des Guten +abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den sie +auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch +viel größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: +in dieser Welt durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das +ihnen die Brust mit einer unendlichen Wollust und Seligkeit +fülle (und er selber führte sich dabei zum Beispiel auf, wie er, +seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in einem wahren +Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der +Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so +sie hier den sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre +Augen nur nach dem richteten <span class="wide">was Gottes</span> wäre. Auch +hierbei ließ er sich in eine nähere und mehr bildliche Beschreibung +dieser einstigen Seligkeit, wie er sie sich dachte, ein, und +schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender und lebendiger +werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu Ewigkeit +oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah +singen würden.</p> + +<p>Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken +um, denn diese fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, +warf den Kopf herüber und hinüber, und gebehrdete sich etwa +so, als ob sie einen Anfall von Krämpfen erwartete. Der +Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine Hausapotheke die +er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist und Hofmann'sche +Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere +entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß +kommen konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, +ähnliche Töne auszustoßen und überall vor und hinter ihm, +und rechts und links, fing es an zu ächzen und zu stöhnen und +die Ausrufe — »<i>Oh Loooord — glory — glory — happy — +happy — blessed Jesus!</i>« wurden nach allen Seiten hin +laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam +ausgestoßenen Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß +der Predigt, die in einem langen Gebet endigte, beruhigten +sich die Andächtigen, und die Frauen hielten ihre Taschentücher +vor die Augen und weinten, als ob ihnen das größte +Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit +geschildert wäre.</p> + +<p>Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken +kletterte jetzt, nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip +heruntergelassen, auf die Kanzel, übersah mit einem, über +die Massen schweifenden finster drohenden Blick die Versammlung, +und rief plötzlich, zu voller Höhe aufgerichtet und den +rechten Arm von sich streckend, mit donnernder Stimme:</p> + +<p>»Brüder und Schwestern — Mitbürger — Mitchristen — +Sünder — <span class="wide">nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder</span> +— der Tag der Rache ist nahe!«</p> + +<p>»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres +Seite, der doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe +keineswegs einem körperlichen Gebrechen, sondern eher +einer geistigen Vervollkommnung, einer Empfänglichkeit des +Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei. Mr. Hottenbrocken +hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er +seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung +nachzudenken, und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch +herausgenommen und sich vorsichtig geschneuzt hatte, +mit einer Stimme und einem Ausdruck seine Predigt, als ob er +in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa gesagt hätte — +»ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen bekommen.«</p> + +<p>»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder +und fleißiger Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, +liebe Schwestern und Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; +er hat Euch mit glühenden lebendigen Farben, wie +den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die Plätze der Seligen +vorgeführt, wohin die <span class="wide">Guten</span> einst kommen werden. Es +<span class="wide">giebt</span> einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie +ich Euch wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch +weiß es — es steht mit klaren einfachen Worten in der Bibel, +und ist daher keine Kunst das zu wissen — Jeder kann das +wissen der nur lesen kann, oder einen Bekannten hat, von dem +er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der ihm die Geschichte +vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten +Thatsache, überzeugt, <span class="wide">daß</span> es einen Platz giebt, wohin die Guten, +die Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein +unsere Phantasie, geliebte Brüder und Schwestern, verleiht +diesem Platz die höhere Wonne, nein auch die heilige Schrift +giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über den etwaigen Zustand +dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr. Sweetlip +geschildert hat — Aber« — rief er plötzlich, und unterbrach +damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige +und wie gesprächsweis gehaltene Rede — »<span class="wide">aber,</span>« donnerte +er noch einmal, mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, +»aber <span class="wide">wer</span> sind die Gerechten? — <span class="wide">wo</span> sind sie? — wie viele +oder wie wenige sind es ihrer? — Wehe, wehe, wehe, mein +Auge streift umher, und keinen Frieden, kein Licht findet es, +wohin es schweift — mein Ohr lauscht auch dem leisesten +Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!«</p> + +<p>»Oh Loooooord!« — stöhnte Maulbeere's Nachbarin +wieder.</p> + +<p>Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, +mit der er jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten +suche, es mit der ewigen Glorie zu decken — sie wären +<span class="wide">Alle</span> Sünder, schlechte, miserabele, elende Sünder vor dem +Herrn — keiner, der bestehen würde vor seiner Gerechtigkeit, +und nur wenn sie stürben, würden sie es den ersten Tag bequem +haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief hinunter +zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen, +dann aber — dann —</p> + +<p>»<i>Oh gracious Looooord!</i>« stöhnten die Stimmen rechts +und links — »<i>merci, merci — merci!</i> Gnade! — sei gut zu +uns Herr, sei gut zu uns!« und hie und da standen Einzelne der +Mitglieder auf, und taumelten mehr als sie gingen unter dem +<i>glory-, glory-</i> und <i>happy-, happy-</i>Rufen in den einen kleinen +Pferch, der zur Linken des Predigers stand, wo sie sich auf die +Knie warfen, und laut und brünstig, nur von einzelnen +Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.</p> + +<p>Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und +sah seine Nachbarn an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, +setzte sich aber immer wieder nieder. Das Gestöhne +um ihn her wurde dabei immer toller, und je wilder und feuriger +der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder, +dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, +und lauter und drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer +ein ähnliches Schicksal zu prophezeihen, je mehr er mit den Armen +warf und seine langen Glieder umherzuschlenkern begann, +die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme, vielleicht das +Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch und +Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die +Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen +sähe, die im ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die +Arme umsonst flehend, Hülfe suchend, herausstreckten aus +dem knisternden Verderben, da erreichte der Aufruhr und Lärmen +einen furchtbaren Grad. Die Leute sprangen und heulten +auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen +um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon +jetzt fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen +Regionen niedergeführt zu werden.</p> + +<p>In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die +»Böcke« mehr und mehr angesammelt — es waren die, die +sich als die größten, nichtswürdigsten Sünder erkannten — +und lagen hier auf den Knieen, rangen die Hände, heulten, +schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort wie Verrückte. +Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen, was +sie hätte halten können.</p> + +<p>Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an +zu triumphiren.</p> + +<p>»<span class="wide">Da</span> kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und +Finger niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, +(Männer und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) +und sein Auge schoß Blitze, seine Gestalt hob sich +höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal in sich +selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht mit +einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar +hineinzuspringen — »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, +der hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, +den Einen oder Anderen noch von denen die ihm +entfliehen wollen zurückzureißen in sein Reich der Verdammniß!«</p> + +<p>»<i>Oh L—o—o—o—o—o—rd — merci — merci!</i>« +schrieen die Frauen wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken +anfingen ängstlich umzusehn, und sogar manchmal mistrauische +Blicke auf den Scheerenschleifer warfen — »habe Gnade mit +uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem Teufel +— rette uns vor dem ewigen Feuer!«</p> + +<p>»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner +Donnerstimme nieder in den Lärm und Aufruhr — »Gnade +wollt Ihr? — Gnade für Euere <span class="wide">Sünden?</span> — Gnade für +Euern <span class="wide">Unglauben?</span> Gnade für Euere verderbten und verstockten +Herzen? — der Fluch <span class="wide">Gottes</span> wird Euch treffen am +jüngsten Gericht — niederschmettern wird er Euch in den +Staub, die Ihr Euch jetzt am stolzesten und höchsten wähnt — niederschmettern +in ewige Verdammniß und Nacht und Finsterniß +und ewiges Feuer, wo Satan die Macht über Euch haben +wird und die Kraft und die Gewalt; und <span class="wide">dort</span> steht er!« schrie +er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen +den Wald hinauszeigend — »dort grinst er herüber auf Euch +und fletscht die gelben fürchterlichen Zähne! — dort steht er +und schüttelt sich vor Lachen und innerer grimmiger Lust, wie +er die Heerde sieht, die er bald eintreiben kann in sein höllisches +Reich, die Opfer sieht, die ihm verfallen sind durch ihre +eigene Sünde und Lust und rettungslos, rettungslos verloren gehn!«</p> + +<p>»<i>Merci — merci — glory — glory — oh Looooord!</i>« +schrie und stöhnte die Schaar wieder, und ein solches Wüthen +und Drängen und Ächzen und Winzeln begann zwischen den +Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die Leute von der Seite +ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie im Ernst +waren, oder sich nur verstellten.</p> + +<p>Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten +Grade gestiegen. Der Geistliche auf der Kanzel hatte +wieder eine Pause gemacht; es fehlten ihm Worte weitere +Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er hatte +aufführen können war geschehn — der Teufel stand mit gekrümmten +Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine +Opfer; <span class="wide">der</span> Schrecken mußte jetzt wirken und dann <span class="wide">die Möglichkeit</span> +der eingeschüchterten Schaar gezeigt werden, dem zu +entgehn.</p> + +<p>»Fühlt Ihr Euere Gefahr? — erkennt Ihr den Abgrund +an dem Ihr steht?« rief der lange finstere Mann plötzlich wieder +mit nicht sehr lauter, aber zu den entfernteren Stellen dringender, +bohrender Stimme, »habt Ihr das schwarze Meer, mit +seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das über Euch hereinwälzen +will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? — <span class="wide">fühlt</span> Ihr +endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, +die schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der +Engelein Gnadengebet ersticken könnte? — <span class="wide">fühlt</span> Ihr sie? +wißt Ihr daß Ihr <span class="wide">verloren</span> sein müßtet — rettungslos, erbarmungslos +für immer und ewig, wenn Ihr nur das bekämt +was Ihr hier <span class="wide">verdient?</span> nur dem <span class="wide">gerechten</span> Richter +gegenüber?«</p> + +<p>»<i>Oh Looooooo'od a massy!</i>« schrie eine dicke, vor Maulbeere +sitzende Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel +von der Bank herunter auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen +wäre. Niemand bekümmerte sich aber um sie, und sie +blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein Glied zu rühren.</p> + +<p>»Aber <span class="wide">noch</span> ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden +Stimme, wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend +durch den Wald — »<span class="wide">noch</span> ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, +noch hält der Engel der Gnade die Hand ausgestreckt +nach den Strauchelnden — <span class="wide">noch</span> ist es Zeit Mitbrüder, Mitschwestern, +der Himmel ist offen, das Licht des Heilands leuchtet +Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch Wahrheit +werden — <span class="wide">noch</span> ist es Zeit Gentlemen — Brüder, Schwestern, +Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der +Hitze der Rede in sein altes Geschäft, das Auktioniren, +gefallen wäre und eben noch Raum fand wieder einzulenken — +»<span class="wide">noch</span> ist es Zeit — kommt, kommt, kommt zu dem Herrn — +kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus — kommt — oh +kommt in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod +und Verdammniß — kommt!«</p> + +<p>»<i>Glory — glory — happy — happy!</i>« brüllte und +tobte da plötzlich die Masse — »<i>blessed be de Looo'd</i> Dschisos!« +schrie die dicke Negerin mit einem gewaltigen Ruck sich +emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere auf die Erde zu +sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall zu +gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd +los — Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die +Röcke vom Leib, die Tücher von den Schultern, rauften sich die +Haare, schlugen sich die Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, +den dicken Schaum auf den Lippen, große Schweißtropfen auf +der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen drängend.</p> + +<p>Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im +Entferntesten eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, +daß er sich selber hineindenken könnte; etwas Derartiges muß +man selber gesehn und erlebt haben, und ist es dann vorbei, +zweifelt man trotzdem wieder ob es wirklich geschehn sein +<span class="wide">könne,</span> ob nicht ein toller Fiebertraum uns geneckt, und selbst +der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns solch wildes, +tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres, Unnatürlicheres +giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese +Scenen, wo der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen +wahnsinniger Schwärmer sprechen soll, und diese sich auf der +Erde wälzen, die Fingernägel in den Boden einwühlen, den +Rasen beißen und <i>glory, glory!</i> schreien, Ruhm dem Herrn +in der Höhe!</p> + +<p>Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus +irgend einem Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als +ob der »Geist« über sie käme, mit den Armen und Beinen +werfen, und solcher Art einen sehr billigen Ruf großer Religiosität +erlangen, vielleicht Einlaß in manche Familie zu bekommen, +deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben wäre. +Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, <span class="wide">sehr</span> viele in Wirklichkeit +und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur +durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung +und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen +halb bewußtlosen überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich +der Erde entrückt und von einem anderen, außer-, und jedenfalls +überirdischen Wesen begeistert wähnen.<a name="fn_2r" id="fn_2r"></a><a href="#fn_2"><small><sup>2</sup></small></a> Fieberanfälle folgen +nicht selten demselben, und die aufgeregte Einbildungskraft ist +nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo sich etwa noch +eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte, mit +Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen +Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie +unausweichlich den Eindruck eines Haufens wahnsinniger +Menschen, die losgebrochen sind, und die kurze Zeit ihrer +Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht tüchtig auszuschrein.</p> + +<p>In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die +den heiligen Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen +zu, daß man sich mit Ekel von einem solchen Bilde menschlicher +Entwürdigung abwendet, und doch fühlen sich diese verblendeten +Menschen auf dem Gipfel menschlicher Erhöhung, +und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den +Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten <span class="wide">Schaafe</span> +zählen, bestärkt.</p> + +<p>Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in +<span class="wide">solchen</span> Fällen hinlänglich und stark genug bezeichnend ist — +er genügt mir sehr häufig bei uns nicht einmal.</p> + +<p>»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger +Geist komm — senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns +— <i>glory, happy, happy, happy!</i>«</p> + +<p>»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne +Stimme, so scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, +daß sich selbst von den augenblicklich Begeisterten Viele, halb +dabei aus ihrer Rolle fallend, nach der Stelle umsahen, von +wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut ertönte, und hier +bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames Schauspiel.</p> + +<p>Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während +die dicke Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie +umklammert hielt und abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, +stand Maulbeere auf der Bank, auf der er bisher gesessen, mit +bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren des niedergelaufenen +Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme +zum Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin +erhoben, und tobte ärger als Einer der Anwesenden +sein <i>happy — happy — happy</i> dem grünen Waldesdome +entgegen.</p> + +<p>»Dort ist <span class="wide">noch</span> ein Schaaf!« schrie der Geistliche von +der Kanzel nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer +deutend, und mit funkelnden, fast wie beutelustigen +Augen die Wirkung seiner Rede an dem Fremden beobachtend +— »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf das zur Heerde +zurückkehrt — ein Lamm das sich in den Händen des Herrn +vor den Krallen des Teufels bergen will — eine Taube, die +den Fängen des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. — Oh +komm — komm Lamm Gottes — komm in den himmlischen +Pferch — komm in die Arme des Heilands, die sich liebend +und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken — oh komm — oh +komm! —«</p> + +<p>»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, +plötzlich seine Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch +machend sich von der dicken Schwarzen zu befreien — »ein +nichtswürdiger, verstockter Sünder — eine Kerze des Satans, +ein Pflegekind der Hölle — der rothen, feurigen, flammenden +Hölle.«</p> + +<p>»<i>Oh do—nt — do—nt — oh Loooood</i>« schrie die +Schwarze dazwischen.</p> + +<p>»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in +seiner Begeisterung fort — »Alles abzuwerfen was mich bis +dahin gehalten (ausgenommen die Schwarze, die nicht von ihm +ließ), ich fühle den <span class="wide">Geist</span> kommen — ja Brüder, ja Schwestern, +ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben, gesegneten Geist!«</p> + +<p>»<i>Oh glory — glory — glory — happy — happy!</i>«</p> + +<p>»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; <span class="wide">das</span> +ist das Feuer das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der +Sünden die jetzt verkohlen und verfliegen — ich komme — ich +komme — <span class="wide">heih!</span>«</p> + +<p>Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus — +Augen schienen aus ihren Höhlen herauszudrängen, die +struppigen Haare sahen in diesem Augenblick so aus als ob sie +vor Entsetzen emporständen, und mit einer gewaltigen und +wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn umklammernden +Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls +<i>glory, glory, happy, happy</i> rufend, arbeitete er sich nach +dem schon vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, +sprang mitten in den Haufen hinein, und verschwand dort in +dem Gewühl und Zucken menschlicher Gliedmaßen, die sich auf +dem bestreuten Boden wanden.</p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap3" id="kap3"></a>Capitel 3.</h2> +<h3>Der wandernde Krämer.</h3> + +<p>Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die +weiten grünen Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren +Flächen, nur hie und da von einem dunklen Streifen hoher +Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd, nach Ost und Westen +dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe, +üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, +und lichte, rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, +täuschend ähnlich einer ruhigen See, über die ein leiser +Passat die leicht gekräußten, eben nur sich hebenden Wogen +zieht.</p> + +<p>Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu +machen, lagen einzelne kleine Farmen weit zerstreut, deren +Maisfelder gleichfalls wogten und dem Wind sich neigten, +und das grüne Wasser darstellen konnten in der Nähe des Landes, +während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere +Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen +grauen Dächer der Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen +Rauchstreifen, die weit über die Fläche zogen; Felsen gleich, an +denen sich die Brandung brach, während in den Wogen der +Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und Rücken +oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen +an ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten +gutmüthigen Köpfe witternd und schnüffelnd der frischen Luft +entgegenhielten.</p> + +<p>Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen +Grasspiegel einher; vergebens suchte das Auge nach einem +lichten Segel, die Täuschung nicht größer zu machen, sondern +mehr fast zur Bestätigung, daß dieß nicht Land- und Pflanzenwuchs, +sondern wirklich schiffbares, wogendes Wasser sei.</p> + +<p>»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, +einen dunklen Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler +dunkler Kahn dahin, und ein einzelner Ruderer sitzt darin, still +und regungslos sein Forttreiben Wind und Strömung überlassend. +Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt zwingen in +dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, +die langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden +Wege folgen, und gerade auf die nächste, von einem kleinen +Feld begrenzte Blockhütte zuhalten.</p> + +<p>Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg +Donner, der, langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte +endlich erreichte, und dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen +beschloß. Die ganze Umgebung des Hauses ließ ihn auch auf +Landsleute als Eigenthümer schließen, und den Zügel seines +klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die Vorderfüße, +nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter +auf der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der +Hütte auf, und ein junges, rothwangiges, kräftiges und auch +recht hübsches Mädchen von etwa achtzehn Jahren trat auf die +Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.</p> + +<p>»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, +»kann man ein Glas Milch hier bekommen? — es +ist warm heute und das Wasser in der Prairie schmeckt +schlecht.«</p> + +<p>»Recht gern und so viel Ihr wollt — grüß Euch Gott,« +sagte das Mädchen, rasch in das Haus zurückgehend und bald +mit einem großen, bis zum Rand gefüllten Blechmaas voll +Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit her unterwegs?« +frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die +Lippen hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.</p> + +<p>»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr +mich aufgehalten,« sagte der junge Mann.</p> + +<p>»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein — wir +haben viel Freunde drüben, die mit uns über See gekommen +sind — wir wollten auch erst dorthin, aber die Schwester wurde +hier krank, und da dem Vater die Gegend gefiel, blieben wir +da, und ließen die andern weiter ziehn.«</p> + +<p>»Und es geht Euch gut hier?«</p> + +<p>»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, +und die Jahre nun, die wir hier sind, recht sparsam gelebt und +recht fleißig gearbeitet, und da sieht man doch daß man vorwärts +rückt.«</p> + +<p>»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?«</p> + +<p>»Ei Gott ja, <span class="wide">viel</span> besser; lieber Himmel dort fraßen die +Steuern, was wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; +wir schafften und schafften, daß uns das Blut unter den Nägeln +vorkam, aber nur schlimmer wurd' es, nicht besser; wir +<span class="wide">konnten</span> nicht erschwingen was wir brauchten, und langsam +aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen +wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was +wir einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, +haben keine groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine +Taxen und Steuern, die Einem das Mark aus den Knochen +saugen. Auch das Land ist vortrefflich; was man pflanzt +gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem großen +Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir +bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß +wir eine Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon +gut. Wo seid <span class="wide">Ihr</span> her, wenn man fragen darf?«</p> + +<p>»Aus Waldenhayn.«</p> + +<p>»Aus Waldenhayn — Jesus, in unserer Gegend liegt +auch ein Waldenhayn, aber s'ist doch wohl nicht das —«</p> + +<p>»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann.</p> + +<p>»Krisheim — und Bachstetten liegt auch nicht weit von +dort, der Pfarrer von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner +Pfarr.«</p> + +<p>»<span class="wide">Der</span> Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg.</p> + +<p>»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen +und hohe freudige Röthe goß sich ihr über Stirn und +Schläfe.</p> + +<p>»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden +von unserem Ort.«</p> + +<p>Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend +dabei in die Augen, und dann drehte sie sich plötzlich ab, und +die hellen klaren Thränen liefen ihr an den Wimpern nieder.</p> + +<p>»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg +endlich leise und nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder +zurück?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch +von ihm abgewandt, »ich hatt' es schon beinah vergessen, und +seit dem letzten Weihnacht wenig mehr daran gedacht — wenn +ich aber den Ort wieder nennen höre, und nun gar wieder +Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich dorthin +gehört, dann — dann fängt's freilich wieder an zu stechen, +und — und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, +als ob ich das alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen +könnte. — Wenn ich an den Kirchthurm denke und — und +was daneben liegt — und an die großen Linden — nur an +den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus dem +Kopfe weinen. — Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte +sie rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist +ihm gerade so wie uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn +er sich's auch nicht will merken lassen — aber weinen kann er +nicht, das geht ihm nicht von der Hand, und da wird er +lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und — wenn +man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur +um so lieber d'rum haben.«</p> + +<p>Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und +selbst den Dialekt aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, +ebenfalls recht weich um's Herz geworden; ihm selber klang +die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und er hätte +den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, +so weh wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber +tönte da das Knallen einer Peitsche, Stimmen wurden laut +und der Bauer, mit seiner andern Tochter, Lisbeth, kam den +Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen Mais aus +dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen, +wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen +helfen. Die Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten +aber gesunden Gesichtern, und man merkte es +ihnen an, daß sie die Arbeit freute die sie thaten. Sie luden +auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die Nacht zu +bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen +Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn +nach Indiana hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es +denen ging, an denen sein Herz, so weh ihm auch der Mann +gethan, den er vor allen Anderen gern geliebt hätte, mit festen +— er fürchtete unzerreißbaren Banden hing, und je länger er +sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und trieb +es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder +zuwandte.</p> + +<p>Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es +that ihm wohl hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, +die dem Lande ihr Brod sauer genug abverdienen mußten, die +aber die Schultern ernst dagegen stemmten, gegen das Werk, +und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben sahen, <span class="wide">daß</span> sie +vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten.</p> + +<p>»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den +Mund,« sagte der Mann unter Anderem und im Laufe des +Gesprächs lächelnd, »wie sie uns manchmal, als wir von +Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir so etwas +erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen +nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, +und haben dann welche, und in Deutschland ging das eben +<span class="wide">nicht</span> mehr an. Das erste Jahr haben wir uns freilich tüchtig +placken müssen, und sind bei anderen Leuten in Dienst gegangen, +alle miteinander — es war ein schweres Jahr, aber +es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und +die Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. +— Ganz ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei +Jahren hoffentlich ist's mein, und mit dem Vieh was ich +indessen ziehe, und das den Werth der Farm erhöht, können +wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.«</p> + +<p>Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, +und mit dem dazu was er und seine Familie das +erste Jahr verdient, den Stamm gelegt, der ihm eine sorgenfreie +Existenz geben konnte.</p> + +<p>Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die +Hobbeln ab, legte ihm den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem +Abschied von den Leuten auf dem ausgeruhten Thiere +rascher die etwas staubige Straße entlang, wo er, wie ihm +der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche Farm +erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen +Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen +bis dorthin, und kein Haus lag dazwischen, kein Baum — +unabsehbar mit dem wogenden Gras den Horizont begrenzend, +dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.</p> + +<p>Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem +Wabasch zu, an dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, +Erlen, und einzelne Hickorybäume wuchsen, und dem Platz +etwas unendlich freundlich Heimliches gaben. Prairiehühner<a name="fn_3r" id="fn_3r"></a><a href="#fn_3"><small><sup>3</sup></small></a> +gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen und die kleinen +Rebhühner Nord-Amerikas — ein Mittelding zwischen +Rebhuhn und Wachtel.</p> + +<p>Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das +Land erst kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen +Erndte wehenden Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, +und sogar das von ihnen übrig gebliebene und dort zum +Feuer gelassene Holz noch nicht ganz verbrannt. Ebenso bestand +die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und selbst +die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, +die dann und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, +irgend wo eine Lücke in der Einfriedigung des Feldes zu +entdecken und diesem einen Besuch abzustatten, die beiden Kühe, +die zum Melken nach Hause gekommen waren, sahen aus, +als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen eigentlich +bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. +Weit eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei +vor dem Hause spielten und sich herumtummelten, und ein +junges Mädchen von etwa vierzehn Jahren schien alle Hände +voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf sie aufzupassen.</p> + +<p>Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die +Einförmigkeit ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, +denn vor dem Hause hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter +Pedlar-Wagen, mit allerlei bunten, wunderhübschen +Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt, daß er die +Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und +Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, +von denen sie Manches brauchen könnten. Indessen +zeigte er ihnen aber allerlei, und gewann ihre Herzen noch +überdieß durch ein paar kleine Spielereien, die er ihnen preisgab. +Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit zurück, +und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, +trat der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.</p> + +<p>»Guten Tag Landsmann — Ihr seid doch ein Deutscher, +wie?« —</p> + +<p>»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck +erwiedernd, »möcht's nicht verleugnen.«</p> + +<p>»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, +»Euer Gesichtsschnitt würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr +seid von »unsere Leut«, wie wir bei uns zu Lande sagen?«</p> + +<p>»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war +unser alter Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine +Umstände als Pedlar schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren +durch's Land fahren zu können, »wir <span class="wide">leben</span> wie die +Christen, und handeln wie die Christen — der Mensch kann +nicht mehr verlangen.«</p> + +<p>»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer.</p> + +<p>»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's <span class="wide">nicht</span> thäten,« +sagte Wald achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die +Probe, besonders wenn Bohnen dabei sind.«</p> + +<p>»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt +Ihr heut' Abend haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann +auch auskramen, wenn meine Alte mit Melken fertig ist; die +hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie kein Band und keinen +Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was +hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.«</p> + +<p>»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, +»da komm ich wieder einmal gerade recht, und was die Frau +braucht, steckt da Alles im Karren d'rin.«</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 3"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/img2r.jpg"> + <img src="images/img2r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 3" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 3.<br /> + Click to <a href="images/img2.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p>»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch +Alles stäk' um damit zu zahlen — na, aber so viel wird schon +da sein. Und nun Cathrine, wie ist's mit dem Kranken drin?« +wandte er sich dann an das junge Mädchen das, indessen die +Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte Achtung geben +müssen.</p> + +<p>»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, +ist aber vor einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt +ruhig.«</p> + +<p>»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, +»ich habe kleine Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da +helfen.«</p> + +<p>»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der +Bauer, »aber ein Landsmann, ein Bischen ein verkehrter +Kauz, der ein paar Wochen bei mir hier gewohnt, und hier +versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, ist dabei gefallen +und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der +Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken +so gut es gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl +nicht zum Besten geschehn sein. Wir können den armen Teufel +aber nicht so verkommen lassen, und ich will lieber morgen +nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor holen; es ist +ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.«</p> + +<p>»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und <span class="wide">wo</span> +hat er das Bein gebrochen?«</p> + +<p>»Wo? — da hinten von dem Baume herunter,« sagte +der Bauer, »seht Ihr die einzelne Eiche dort an der Prairie, +an der die Balken lehnen? — dort drüben links.«</p> + +<p>»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben +zu thun?« frug Wald erstaunt.</p> + +<p>»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht — er hat +<span class="wide">fliegen</span> wollen, und das ist noch nicht recht gegangen.«</p> + +<p>»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich +'nen Karren habe auf dem ich <span class="wide">fahren</span> kann — fliegen, und +da ist er von oben heruntergestürzt?«</p> + +<p>»Wie ein Mehlsack — er hatte sich so ein Gestell gemacht +wie ein Drachen etwa, aber ohne Bindfaden unten +d'ran,« sagte der Bauer, »woran man sonst so ein Ding hält, +daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch nicht nöthig, +denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern +gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht +gegangen wäre — es ist auch ein Deutscher.«</p> + +<p>»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche +Menschen auf der Welt giebt, und macht er da ein +Geschäft d'raus?«</p> + +<p>»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher —«</p> + +<p>»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell.</p> + +<p>»Schultze heißt er allerdings — am Ende kennt Ihr ihn +gar.«</p> + +<p>»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir +miteinander über See herübergekommen, und er hatte da schon +immer so einen kleinen Sparren; wenn's ihm nur nicht gar +am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann ich ihn einmal sehn?«</p> + +<p>»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der +Bauer, »und da er die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, +wird's wohl besser sein wir lassen ihn ruhig liegen, bis er von +selber aufwacht.«</p> + +<p>»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« +frug der Pedlar.</p> + +<p>»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer.</p> + +<p>»<span class="wide">Gerade</span> elf, hm — arme Teufel — hat er denn +Geld?«</p> + +<p>»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, +»er kam hier durch, und die Gegend gefiel ihm hier +für das was er machen wollte, wie er sagte.«</p> + +<p>»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie +herumfliegen?«</p> + +<p>»Wahrscheinlich so — und er bot mir ein und einen halben +Dollar wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen +wollte, bis er mit seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, +viel zu verdienen war da nicht dabei, aber ein Bischen baar +Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war, und sonst +ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja. +Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und +Noth mit ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, +bis er wieder gesund ist und sich selber helfen mag.«</p> + +<p>»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier +in dem Amerika weiß man nie wie Einer den Andern braucht; +aber da kommt die Frau, nun kann ich meine Sachen auspacken, +daß wir noch fertig werden eh' die Sonne unter ist; +nachher wird's dunkel im Handumdrehen.«</p> + +<p>»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar +tretend, und ihm die Hand reichend, »na das ist recht daß +endlich einmal Einer von Euch sich hierher verliert, wir haben +lange darauf gewartet. Was habt Ihr denn da in Euerem +Karren drin?«</p> + +<p>Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die +verschiedenen Kästen und Schubfache herausziehend, legte er +den Blicken der jetzt um ihn herdrängenden Familie die Herrlichkeiten +offen, die, aus den Städten des Ostens hergeführt, +die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken sollten.</p> + +<p>Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut +zu wenden, Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht +und <span class="wide">mußte</span> geschafft werden, und ging der Mann auch einmal +in die ziemlich fern liegende Stadt, konnte er's doch nie +im Leben so aussuchen wie die Frau, und die Pedlar bleiben +deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste.</p> + +<p>Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und +bezahlt worden, und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte +das Nachtquartier in Abzug bringen, wollte diese doch davon +Nichts hören. Sie hätten so Nichts großes zu bieten, und +für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld nehmen, das ginge +nicht an — »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu, den +Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, +»ich dächte doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?«</p> + +<p>»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon +ein paar Jahr lang die Kreuz und Queer im Lande herum — +hierher bin ich aber doch noch nicht gekommen.«</p> + +<p>»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer +stärker in's Auge fassend, »es war unten noch am Wasser, +gleich wie wir ankamen — Jesus, Heinrich, sieh mal, ist das +nicht der Mann, der mir den halben Dollar gab, den Kindern +Milch dafür zu kaufen?«</p> + +<p>»Seid <span class="wide">Ihr</span> die Leute, die da unten in New-Orleans an +der Levée saßen und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug +aber nun Wald seinerseits wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann +habt Ihr Euch aber tüchtig herausgearbeitet in der kurzen +Zeit.«</p> + +<p>»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich +Wald's Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' +wie ich mich danach gesehnt habe Euch wieder zu sehn, und +Euch danken zu können.«</p> + +<p>»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht +kein Aufhebens von der Läpperei — ich wollt' ich hätt' mehr +thun können.«</p> + +<p>»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem +Juden die Hand reichend und derb drückend, »Ihr habt das +Herz auf dem rechten Fleck, gerade wo's hingehört.«</p> + +<p>»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen +habt,« sagte, mit Thränen in den Augen, die Frau, als sie +an die schwere Zeit zurückdachte, »wir anderen hätten uns +helfen können, aber das Kleinste schrie nach Milch, und ich +hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht +jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden +ist; wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn +Ihr uns nicht damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, +Du magst mir die Sünde verzeihen, aber ich wäre lieber mit +ihm in's Wasser gesprungen wie nicht, so weh, so traurig +war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand um uns kümmerte, +und es <span class="wide">allen</span> Menschen eben ganz gleichgültig zu sein +schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer +Geschenk brachte mir zuerst wieder, <span class="wide">mit</span> der Hülfe, Hoffnung +in's Herz, und von dem Augenblick auch an schien's beinah, +als ob es hätte besser werden sollen.«</p> + +<p>»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald.</p> + +<p>»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte +die Frau, ihn scharf ansehend.</p> + +<p>»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele +gelegen, Geld genommen zu haben, was ich nicht <span class="wide">verdient</span> +hatte,« sagte der Mann, »es war das erste Mal gewesen, und +Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande sind es mit tausend +Dank zurückzuzahlen.«</p> + +<p>»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb +lachend, »hab' ich's mir doch schon selber wieder geholt — zurückzahlen, +was sagen Sie zu <span class="wide">dem</span> Mann; hab' mit ihm um +sieben Dollar Geschäfte gemacht, und werde den halben nicht +dabei haben.«</p> + +<p>Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, +was er für einen Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, +und der Bauer mußte ihm jetzt erzählen wie es ihm hier so +schnell geglückt. Ohne Mittel auf's gerathewohl hin, und +einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die Passage zu zahlen, +war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen +und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die +Erndte, von der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich +gerathen, und so langsam fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen +Platz, mit der Zeit ihn in den nächsten Jahren langsam +abzuzahlen, käuflich übernommen.</p> + +<p>Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer +nicht müde wurde dem Krämer von den Vorzügen des Landes +zu erzählen, kam noch ein Reiter die Straße nieder die zum +Hause führte, und hielt neben der Gruppe.</p> + +<p>»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier +mitten in der Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme +Georg Donners an.</p> + +<p>»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm +die Hand auf das Pferd entgegenstreckend, »woher des +Wegs?«</p> + +<p>»Vom Norden herunter — guten Abend Ihr Leute, wie +weit ist's noch bis zum nächsten Haus dahinein zu?«</p> + +<p>»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, +»bis Ihr nicht zum nächsten Waldstreifen kommt, und der ist +sieben englische Meilen von hier entfernt. — Dort wohnen Irische, +aber eben kein freundliches Volk, und je weniger man +mit ihnen verkehrt, desto besser.«</p> + +<p>»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht +hier behalten wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon +Besuch, und in dem Häuschen möcht' ich Euch auch nicht gern +beschränken.«</p> + +<p>»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir +müssen uns eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann +nicht dicht vor Sonnenuntergang von der Thür weisen.«</p> + +<p>»Ja und <span class="wide">den</span> schon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn +erstens ist er ein braver Kerl, und zweitens ein <span class="wide">Doktor!</span>«</p> + +<p>»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das +wär schon recht!«</p> + +<p>»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg.</p> + +<p>»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, +Herr Donner, von der Haidschnucke hat das Bein gebrochen, +und liegt im Haus drin schon elf Tage ohne ärztliche Hülfe.«</p> + +<p>»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann.</p> + +<p>»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, +und den Zaum über einen Zweig des nächsten Baumes +werfend, »da ist's ja doch die höchste Zeit daß irgend etwas +für den armen Mann geschieht.«</p> + +<p>»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe +deshalb die Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so +lange schon keine ordentliche Ruhe gehabt hat.«</p> + +<p>»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er +wacht geh' ich zu ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn — +liegt er in diesem Haus?«</p> + +<p>»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.«</p> + +<p>Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur +über die Schwelle trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf +nach ihm um, und streckte ihm dann rasch und freudig die bleiche +abgemagerte, zitternde Hand entgegen.</p> + +<p>»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' +ich an Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und +matt; »guter Himmel, was habe ich ausgestanden — wie +führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist her zu <span class="wide">mir?</span>«</p> + +<p>Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und +Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht +hatte. Viel war dabei schon in der langen Zeit, in der er +uneingerichtet gelegen hatte, verloren, und das rechte Schienbein, +das bei dem Sturze, wie es schien, schräg abgebrochen, +noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber die Hoffnung +nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen Dingen +mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die +passenden Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete +den Bruch erst ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte +dann mit Walds Hülfe, der Manches dazu in seinem Karren +mit sich führte, eine Art Schwinge her, in der sie das Bein +frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken große Erleichterung +gab, und ein wieder Verschieben des Knochens +verhinderte.</p> + +<p>Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die +beiden Pferde seiner Gäste in einen Verschlag gebracht und +ihnen dort Mais eingeschüttet, die Frau kochte emsig am Kamin +das Abendbrod für ihre gern bewirtheten Gäste, und +Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls +herzlich die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen +Sturz gekommen. — Georg Donner hatte nämlich noch +gar keine Ahnung, was er hier für Unsinn getrieben.</p> + +<p>»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber +Schultze,« frug er ihn, als er neben dem Bette saß und seine +Hand dabei dem kleinen jetzt überglücklichen Mann, der sich +schon der schwärzesten Verzweiflung hingegeben, überließ.</p> + +<p>»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich +hab' es mir gleich gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen +andern Grund, der Schwanz war um dritthalb Fuß zu kurz.«</p> + +<p>»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, +auf's Äußerste erstaunt.</p> + +<p>»Nun von meinem Drachen — ich sage Ihnen Herr Donner, +wenn ich den unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög +ich jetzt im ganzen Lande umher. Ich habe das Geheimniß +gefunden, das uns wieder zu unserer alten verlorenen Eigenschaft +verhelfen soll.«</p> + +<p>»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« +lachte Georg, als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen +Worten die ganze Geschichte erklärt hatte, wie sich Herr Schultze +mit unendlicher Mühe aus Schilf und Rohrwerk und Seide +ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an dem Baum +befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die Fläche +von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und +die Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder +wie es sonst heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt +wäre, Herrn Schultze heruntergeworfen, und sich selber im +nächsten Baume wieder gefangen hätte.</p> + +<p>»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber +Schultze, »ich schlage mein Leben für die Wissenschaft in die +Schanze, <span class="wide">das</span> mache ich. Meine feste, innige Überzeugung +ruht auf dem System, und ich weiß, daß ich es durchsetze; was +liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder beide Beine +breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig +gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die +Flug<span class="wide">kraft</span> am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im +Stande, mein später vervollkommtes Luftschiff in eine höhere +oder tiefere Luftschicht zu lenken und es dort zu <span class="wide">steuern</span> — +was sagen Sie nun, Freundchen?«</p> + +<p>»Daß Sie, sobald Ihr <span class="wide">Bein</span> wieder geheilt ist, mit <span class="wide">diesen</span> +Ideen nächstens den <span class="wide">Hals</span> brechen werden,« erwiederte Georg +achselzuckend; »was aber um des Himmels Willen hat Sie +auf diese unglückselige, brodlose Idee gebracht? — was wollen +Sie damit bezwecken, was <span class="wide">hilft</span> es Ihnen, wenn Sie wirklich +eine Strecke durch die Luft fliegen und mit unzerbrochenen, unverrenkten +Gliedern wieder auf Gottes Erdboden kommen?«</p> + +<p>»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein +junger Freund,« sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig +dabei mit dem Kopfe schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe +meines Lebens, für die mich Gott eigends geboren und +in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir, ja was noch +mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich bestimmt +bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder +vielmehr unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. +Die Kraft und Eigenschaft, die wir einst besessen, haben +wir nicht <span class="wide">verloren,</span> sondern nur auf eine Zeitlang <span class="wide">vergessen.</span> +Es ist das Ei des Columbus; wenn gefunden, wird die +ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts — wenn wir das +<span class="wide">so</span> gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist +aber die, sie haben's nicht <span class="wide">so</span> gemacht, und Schultzes Name, +mein lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich +werden.«</p> + +<p>»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn +Sie in der Art fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine +mögliche Ausführbarkeit der Luftschifffahrt gar nicht etwa +bestreiten; es sind in den letzten Jahren andere Sachen möglich +gemacht, die wir früher für eben so unmöglich gehalten; aber +ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht dazu +etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende +Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine +mechanischen Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen +Plans zu unterstützen, und der gute Willen genügt dazu nicht. +Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb eine Warnung sein; Sie kommen +dießmal noch hoffentlich mit ein paar Monate Hinken +davon — daß es nicht später schlimmer wird.«</p> + +<p>Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, +und that das mit dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er +war mit etwa zwanzig Spanischen Dollarn in der Tasche an +Land gekommen und hatte dort gleich, nach dem Beispiel seiner +Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band, Litzen, +Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande +zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der +Stadt, das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld +allein seinen Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein +kleines altes Flatboot an der Landung, das er dort ruhig auf +dem Schlamm liegen ließ, und zu einem Laden herrichtete. +Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl, als +dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber +er verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande +war, sich eine ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und +Pferd zu kaufen, mit denen er dann von New-Orleans fort zu +Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die Fieberzeit dort +wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes ging, +sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. +Von dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche +Geschäfte gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, +und vielleicht erst zum Spätherbst nach Illinois zu +kommen, da die Fliegen den Tag über das Pferd so belästigten, +und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch nichts +nützen konnten.</p> + +<p>»Durch Indiana?« — Georg fühlte wie sein Herz stärker +an zu klopfen fing, denn er dachte der Möglichkeit, der +Krämer könne auch Lobensteins besucht haben, von denen er +über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde gehabt. Wald +ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing an +aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, +die er auf seinen Wanderungen angetroffen.</p> + +<p>Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von +dem Leuchtschiff zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem +Zuchthaus wahrscheinlich entnommenen jungen Verbrecher, die +ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten verleugnen können oder +wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt waren. Die +Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort +und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem +Glück noch in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade +dazu sie abführen zu sehen), nachdem die dortigen Ansiedler +ihnen wenigstens erst eine tüchtige Tracht Schläge mit einem +schwanken Hickory verabreicht, in das Staatsgefängniß abgeliefert.</p> + +<p>Dann hatte er ein paar von <span class="wide">seinen</span> Landsleuten, auch Zwischendeckspassagiere +der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls +als Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer +eines Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, +wollte sich aber von seiner Frau scheiden lassen, weil sie +ihn mishandelte. Rechheimer war ebenfalls Pedlar geworden +und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich, die eine in +Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende +Leute verheirathet.</p> + +<p>Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder +nach New-Orleans zurückgegangen, der Knabe aber so +krank geworden, daß er nicht mehr singen konnte — und erst +ganz kürzlich — vor ein paar Tagen nur — hatte er ein ganzes +Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm unweit +Grahamstown in Indiana getroffen.</p> + +<p>»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch.</p> + +<p>»Sie kennen den Platz?«</p> + +<p>»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend.</p> + +<p>»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald.</p> + +<p>»Wie so? — was ist mit ihnen?« frug Georg rasch.</p> + +<p>»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.«</p> + +<p>»Ist Jemand krank?«</p> + +<p>»Nicht daß ich wüßte — nur so, meine ich.«</p> + +<p>»Aber der Professor hat doch die Farm?«</p> + +<p>»<span class="wide">Hatte</span> sie,« sagte Wald.</p> + +<p>»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt.</p> + +<p>»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen +wird's wohl dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's +dicht daran.«</p> + +<p>»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte +ist doch gewiß dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, +die er auf der Farm gemacht, müssen ihm wenigstens +<span class="wide">etwas</span> eingetragen haben, und so war der Platz +doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.«</p> + +<p>»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte +Wald, »so viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und +manches Andere verkaufen mußte, dem Weber, der sich bei ihm +mit seiner Familie verdingt hatte, seinen Jahrlohn zu geben. +Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem einzigen Sohn, der +sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib geschossen.«</p> + +<p>»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem +Sitz aufspringend.</p> + +<p>»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der +junge Mann mit einem andern unserer Zwischendeckspassagiere +— dem langhaarigen Burschen, der immer die Verse an Bord +machte — auf die Jagd gegangen, und weiß der liebe Gott, +was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der +junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie +jener Versemacher sagte, beim über einen Graben springen +durch den Leib, und starb ein paar Stunden darauf unter den +furchtbarsten Schmerzen.«</p> + +<p>»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg.</p> + +<p>»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« +meinte Wald ruhig, »denn wie mir der Weber erzählte, war +der junge Bengel zum Arbeiten nie etwas nutz gewesen, und +durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn, den Literaten +los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach +New-Orleans einschiffte.«</p> + +<p>»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen, +<span class="wide">gezwungen</span> zu werden seine Farm verkaufen zu müssen?« +frug Georg.</p> + +<p>»Wie? — einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe +weitläufig darüber mit dem Weber, einem ordentlichen, braven +Menschen gesprochen, der die Sache schon lange hat kommen +sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen den Starrkopf des +Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder Waizen +zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie +wieder in baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, +baute in eine Ecke Runkelrüben und in die andere Ölsaat, +verschwendete dabei ein Capital an Arbeitslohn, für eine +Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren Nutzen dabei +fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und +Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann +allwöchentlich ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger +verborgen bleiben konnte, kam an's Tageslicht. Mit einem +recht großen, tüchtigen Capital hätte der Mann vielleicht Manches +erreichen können, so aber reichten seine Mittel nicht +aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was +er zu gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn +richtig geleitet, gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, +blieb mitten in der Arbeit stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, +mit an dem übrigen Capital.«</p> + +<p>»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg.</p> + +<p>»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der +Professor hat ihn bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er +ihm und seiner Familie für die Jahresarbeit schuldete, und +seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit aber auch, wie es +scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und Brockfeld sitzt +jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm, auf +einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen +Häuschen, und es geht ihm und den Kindern und der alten +Mutter <span class="wide">recht</span> gut.«</p> + +<p>»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich +dabei von seinem Stuhle aufspringend.</p> + +<p>»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte +Wald, »wenn Sie aber ordentlich zureiten, mögen Sie in +vier Tagen den Platz erreichen — Sie wissen ja wohl wo er +liegt.«</p> + +<p>»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir +bleiben könnten, bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig +vor sich hin, »wie soll es denn werden, wenn Sie fortgehn?«</p> + +<p>Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach +ihm, heute Abend noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger +so zu unterrichten, daß sie den jetzt gut eingerichteten und fest +und sicher geschienten Bruch auch allein behandeln könnten. +Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das Hauptsächlichste +dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht getraut +hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr +bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, +wolle er selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher +zurückkehren.</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap4" id="kap4"></a>Capitel 4.</h2> +<h3>Georg und Marie.</h3> + +<p>Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg +nach scharfem Ritt, auf dem er sein Pferd nicht geschont, +»Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier, wo man ihn auf das +Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was ihm Wald +schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen +des Professors <span class="wide">recht</span> traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, +seine letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem +er die Farm gekauft, zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten +Montag — der erste im Monat September, wo Gerichtssitzung +in Hollowfield wäre — zu verauktioniren, wenn er sich +nicht vorher mit dem Wirth selber über die Rücknahme des +Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich nur +entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten +für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider +Erwarten, sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung +eine Eisenbahn hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn +schon beendet worden, und was sollte er nun mit einer mitten +im Wald liegenden Farm anfangen?</p> + +<p>Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er +damals von dem schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen +worden, und sich bös damit übereilt habe; war das aber nicht +seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er selber darin nicht Zeit +gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen unpartheiischen +Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse +des Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten +die, so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch +nur im Stande sein konnten einen <span class="wide">deutschen</span> Maasstab +an das Land zu legen; von allem Anderen verstanden sie +Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht gesäumt das +zu benutzen.</p> + +<p>Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown +noch schuldete, kannte der Weber nicht, und Georg hätte +das Herz brechen mögen vor Weh und Schmerz, wenn er der +Zukunft dachte, der jetzt die Frauen entgegensahen.</p> + +<p>Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen +Platz; er hatte Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, +und nach allen Seiten hin etwa die Preise der verschiedenen +Plätze zu erfahren. Dies kleine <i>improvement</i> mit +vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker darunter +urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn +des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen +gewesen; die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand +sich wohl dabei. Die Leute waren auch unendlich fleißig, +griffen <span class="wide">Alle</span> zu, und arbeiteten von früh bis spät, sich ihre +neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch einträglich +zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und +die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr +vermehren, nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung +aus der Heimath, so weh ihnen die im Anfang auch gethan, +nicht zu bereuen brauchten. Auch die alte Mutter, die noch +am längsten an der Heimath gehangen, und doch immer heimlich +gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch ging, +und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich +hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich +schien die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so +kühl war der Schatten, so lau die Luft nicht im Frühling, die +Blumen rochen nicht so gut, die Vögel sangen nicht so lieb, +der Himmel war nicht so blau, die Wiese nicht so grün, das +Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit Deutschland hielt +»das Amerika« lange nicht aus. Aber — sie mußte doch zuletzt +einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland +hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon +zu zahlen, hier hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend +Schweine, wie sie zu Hause Stück gehabt, und Hühner und +Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so viel Land wie daheim, +und wenn das Haus auch noch nicht so warm und bequem +war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß +sie denn jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, +oder bei schönem Wetter unter einem breitästigen Eichbaum +vor der Thür im Schatten, wo ihr der Sohn ein großes freundliches +Asterbeet angelegt, ihre Augen an dem Glanz der Herbstblumen +zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich, wenn sie +auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit +bei ihr stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute +schweigend und still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel +an, die sich munter auf dem Platz da umher tummelten, und +amerikanischen Boden gerade so passend zu ihren Spielen fanden, +wie deutschen.</p> + +<p>Georg hatte aber keine Ruhe hier — ihn drängte es mehr +von dem Schicksal einer Familie zu hören, deren Wohl ihm +warm am Herzen lag, und mit Tagesanbruch am anderen +Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen Abschied von +den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der +Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm +für jetzt umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst +vor allen Dingen mit dem Gläubiger des Professors zu +sprechen, und zu sehen wie tief dieser eigentlich in Schulden +stecke.</p> + +<p>Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen +Platz, der noch gerade so still und öde lag wie vor zwei Jahren, +ja eher noch stiller, noch verlassener, denn drei oder vier +damals gebaute Häuser waren wirklich von ihren Eigenthümern, +da alle die großen Verheißungen nicht wahr geworden, +im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes, +trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, +und zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine +Seejungfer befestigt, welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse +nach Texas riefen, und er Haus und Geschäft unter dem +Werth losschlagen wolle. Es fand sich aber kein Käufer, und +Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das Papier da nutzlos +hängen zu sehn, und rissen es herunter.</p> + +<p>Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie +Zeit genug, denn er schien der einzige Gast seines ganzen +Hauses, das leer und öde stand und mit den nackten Wänden +und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen kleinen Stadt +paßte, deren erstes Gebäude es gewesen.</p> + +<p>Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl +für den Bau einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt +die Bevölkerung ihr in Masse zu, und einzelne Beispiele wie +Cincinnati, Milwaukie, Buffalo und hundert andere zeigen, +welche Lebenskraft in dem Fall in dem Volke liegt. Wo das +aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder Zweckmäßigkeit +der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn +die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig +den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt +noch Wasser für die größten Boote blieb, da war es vorbei +mit der <span class="wide">Stadt;</span> nicht allein keine neuen Ansiedler ließen sich +dort nieder, nein auch die, die schon ein Grundstück gekauft, +und viele Hoffnungen früher auf den Platz gesetzt hatten, suchten +das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und ließen +es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit +darauf verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab +andere Gelegenheit dazu im weiten Land.</p> + +<p>Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, +dem jungen Mann den Stand der Verhältnisse zwischen ihm +und dem Professor, auseinander zu setzen; er mochte wohl Hoffnung +haben, die für diese Gegend kostbaren Meublen, wie die +andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen zu +sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da +hier Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. +Nur erst, als Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er +sei von dem Professor selber abgeschickt worden, die noch bestehenden +Rechnungen nachzusehn, und so weit das möglich +wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein Buch herbeizuholen, +und brachte eine Forderung an den Professor von einhundert +und dreißig Dollar.</p> + +<p>»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« +drängte Georg.</p> + +<p>»Nun das ist <span class="wide">das</span> hier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' +der Henker einen solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, +daß ich so lange auf mein Geld warten mußte, wär's mir +nicht eingefallen den Platz zu verkaufen — ich hätte zehn +andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten. Baar +Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.«</p> + +<p>»Wieviel ist aber die <span class="wide">ganze</span> Summe, die Ihnen der Professor +schuldig ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig +werdend, »wenn Sie in solcher Eile sind, antworten Sie mir +wenigstens einfach auf meine Frage.«</p> + +<p>»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« +brummte der Pensylvanier — »wenn Du kein Deutsch +verstehst, kann ich's nicht helfen — hundert und dreißig +Dollar.«</p> + +<p>»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande +sein Erstaunen zu verbergen.</p> + +<p>»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier.</p> + +<p>»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine +Verpflichtungen weiter?« frug der junge Mann noch einmal +vorsichtig.</p> + +<p>»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; — für +hundert und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort +wohnen bleiben, und alle seine wahnsinnigen Experimente durchführen +nach Herzenslust.«</p> + +<p>»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« +sagte Georg ruhig.</p> + +<p>»Für die ganze Summe?«</p> + +<p>»Ja — bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen +Mr. Lobenstein noch schuldet.«</p> + +<p>»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der +Pensylvanier, ging hinter seine <i>bar</i>, wo Dinte und Feder stand, +und schrieb die Quittung aus. Georg nahm indessen aus seinem +Taschenbuch die Summe in guten Indiana-Banknoten, +die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und sorgfältig nachsah, +endlich für richtig befand und den verlangten Schein dem +jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß +Georg wieder im Sattel, und galopirte rasch und mit einem +recht freudigen Gefühl in der Brust, den schmalen, schattigen +Weg hinauf, der nach der »deutschen Farm« führte.</p> + +<p>Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; +das fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, +das Haus, in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, +stand ganz leer, von dem munter blökenden Vieh, das die +Fenzen sonst umgeben, war fast Nichts mehr übrig geblieben — eine +einzige Kuh und ein paar Schweine ausgenommen — da +mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten gedeckt, die +dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz +selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand +mehr ihm vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie +er war.</p> + +<p>Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen +alten abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen +Riegel, mit den unausgefüllten Lücken, verschwanden +schon allmählich in dem Unkraut, das über sie emporwucherte. +Der Mais war gereift, aber noch zum Theil — was +nicht hatte verkauft werden müssen — im Felde gelassen, +und die nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen +angepickt, begannen anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem +Haus sah ebenfalls wüst und von Unkraut überwuchert aus; +die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor dringenderen +Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet, und +nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im +Hause brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die +Sonne es bescheinen konnte. Selbst über den Weg hinüber +lag ein umgestürzter Baum, und der Pfad, den sich die Bewohner +darum hingemacht, bewieß, wie er schon längere Zeit gefallen +sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe genommen, +ihn hinwegzuräumen.</p> + +<p>Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; +kein menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu +sehn; nur der aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, +wie ein paar einzelne scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort +bewohnt, und nicht ganz verlassen sei, und mit klopfendem +Herzen ritt er über die niedergeworfenen Stangen der Einfriedigung +hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort sein +Pferd an und — zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen +und die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er +sein Pferd fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund +an, ein junger Brake, den sich Eduard hatte zum Jagdhund +dressiren wollen, und der jetzt auf eigene Hand des Nachts +Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und Stunden +lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen.</p> + +<p>Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, +Georg konnte aber nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe +war ihm das Auge geworden, als er die trostlose Veränderung +hier erkannte, und langsam schritt er auf die Thüre zu, indeß +der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang und winselte +und bellte.</p> + +<p>»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen +Thieres Kopf streichelnd — »hast Du mich nicht vergessen in +der langen Zeit?«</p> + +<p>»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte +Stimme dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche +unten getreten, zu sehn wer da komme, brach todtenbleich in +die Knie, und wäre zu Boden gesunken, hätte sie Georg nicht +in seinem Arme aufgefangen.</p> + +<p>»Oh Georg — Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche +Kinderstimme und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, +von dem um ein Jahr älteren Carl rasch gefolgt, sprang +aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu. Auch +Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder +allein stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen +Blutes in ihr Gesicht zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene +die Aufmerksamkeit der Übrigen glücklich von ihr ab.</p> + +<p>»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls +in der Thür erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, +halb verlegen erkannte — »aber bitte, kommen Sie näher — bleiben +Sie nicht draußen auf der Diele stehn.«</p> + +<p>»Mein lieber — lieber Herr Professor!« rief Georg, dem +alten Herrn entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend — »wie +freue ich mich, Sie so wohl und munter wiederzufinden — aber — wo +ist die Frau Professorin?«</p> + +<p>»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, +aber ängstlicher Pause — »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie +schwer uns das Schicksal, seit Sie uns verlassen, in meinen +Sohne heimgesucht —«</p> + +<p>»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl.</p> + +<p>»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor +langsam fort — »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um +sich zu zerstreuen und die bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete +sie dabei mehr als ihr gut war, und hütet nun jetzt schon +seit vier Wochen ununterbrochen das Lager. Anna war gerade +hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie — setz +einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner — wenn Sie +mit uns vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber +Schmalhans ist heute Küchenmeister — Sie haben es sehr unglücklich +getroffen.«</p> + +<p>Georg — selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf +dem Herzen lag, beginnen sollte — setzte sich mit zu Tisch — die +Mahlzeit bestand in Kartoffeln mit Butter und einem sehr +einfachen Amerikanischen Gericht, Hominy — gequollener und +in Wasser abgekochter Mais.</p> + +<p>»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen +wäre,« rief Camilla dazwischen — »hätte er auch nichts Anderes +gefunden.«</p> + +<p>»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen +lächelnd, und versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes +von dem Kinde abzuziehn — »<span class="wide">ich</span> habe mich so daran +gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht von mir geworden +ist.«</p> + +<p>»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« +sagte Camilla — »es schmeckt gerade wie Stroh.«</p> + +<p>Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's +Eintritt unterbrach glücklicher Weise die naseweise Bemerkung +des Kindes. Anna begrüßte den jungen Mann auf das Herzlichste, +und auch Marie wurde zutraulicher, und gewann ihre +ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die +Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg +beseitigte dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die +der Professor etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem +er, durch den scharfen Ritt auch wirklich hungrig geworden, +tapfer zulangte, und dem Hominy und den Kartoffeln alle +nur mögliche Ehre anthat.</p> + +<p>»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen +bin?« frug Georg nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd +den Professor ansah, nur aber einen ganz scheuen, flüchtigen +Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte, deren Auge er jedoch +nicht begegnete. —</p> + +<p>»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich — »aber +es freut mich, <span class="wide">daß</span> Sie wiedergekommen sind, und mir +wenigstens dadurch beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, +wegen dem Vergangenen.«</p> + +<p>»Lieber Professor.«</p> + +<p>»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser +jedoch entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur +die geringste Nachricht bekommen, <span class="wide">wo</span> Sie sich befänden; Sie +waren auf einmal verschollen und blieben es, von dem Augenblick +an, wo Sie den Platz verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten +damals, ein paar Stunden später, vergeblich im ganzen +Township suchen ließ.«</p> + +<p>»Herr von Hopfgarten?«</p> + +<p>»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal — aber +— sind Sie <span class="wide">zufällig</span> wieder in unsere Nähe gekommen, oder +haben Sie uns noch nicht ganz vergessen gehabt, und absichtlich +aufgesucht?«</p> + +<p>»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd +laufen konnte,« lächelte Georg, tief dabei erröthend — »nur +um recht bald hier zu sein.«</p> + +<p>»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna +freudig, und Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden +Blick.</p> + +<p>»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend +fort, »so — so möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und +— und wenn Sie mir beweisen wollen, daß auch Sie keinen +Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht manches voreilig gesprochenen +Wortes wegen — so schicken Sie mich nicht wieder +fort, sondern behalten mich hier.«</p> + +<p>»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl — »da brauche +ich und Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald +herbeizuschleppen.« Anna und Marie aber sahen sich verlegen +an und der Vater sagte, ohne die Frage direkt zu beantworten +und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen Töchtern:</p> + +<p>»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, +ich muß Herrn Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit +unseren Arbeiten vorwärts gelangt sind, seit er uns verlassen, +und unterwegs können wir dann auch alles Weitere viel besser +und bequemer besprechen,« und ihn mit sich die Treppe +hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen Dingen +sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte, +und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, +der an den Feldern hinführte.</p> + +<p>»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war +ihm angenehm, daß er, neben ihm hingehend', nicht in sein +Auge zu schauen brauchte — »die Zeiten, seit wir uns nicht +gesehen, haben sich <span class="wide">sehr</span> verändert, und — so gern ich Sie +wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so — so nöthig +ich sogar Jemanden dazu brauchte — bin ich nicht mehr — durch +die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt +— im Stande Arbeiter zu halten und — zu bezahlen.«</p> + +<p>»Aber bester Professor —«</p> + +<p>»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest +entschlossen, die einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen +— »ehe wir von etwas Anderem beginnen — ehe ich +Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner Farm eine bestimmte +Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen, +mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir — +thun Sie mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht +— die mir schon lange schwer und drückend auf dem Herzen +gelegen.«</p> + +<p>»Lieber Herr Professor —«</p> + +<p>»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin +auch ungerecht gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen +fort, »und es mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung +gewähren, von mir ganz offen das Geständniß zu +hören, daß ich durch Schaden habe klug werden und die Wahrheit +dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten, und +gethan haben wollten.«</p> + +<p>»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester +Professor, wenn nur —«</p> + +<p>»Sie haben <span class="wide">nicht</span> Unrecht gehabt,« unterbrach ihn der +Professor rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten +Morgen über jenen faden Dichterling sagten, hat sich furchtbar, +viel furchtbarer freilich als wir Beide damals ahnen konnten, +bewährt. Ich habe schwer — fast zu schwer für meine +Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht selbst +eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und +wollte es gern, wenn nicht — wenn nicht meine arme Familie +jetzt auch so schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber +Donner, ich bin offen und aufrichtig gegen Sie, das mag +Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich mein Unrecht gegen +Sie bereue.«</p> + +<p>Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so +strengen abgeschlossenen Mannes, das gerade <span class="wide">ihn</span> furchtbare +Überwindung mußte gekostet haben, machte einen unendlich +wehmüthigen Eindruck auf ihn, und er brauchte Minuten, sich +selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu erwidern. Der +Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben, wo +ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen +schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich +ein paar Schweine zu Nutz gemacht, die drinne an einem +Kürbiß herumbissen und, als sie die Männer kommen hörten, +grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten.</p> + +<p>»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich +leise, eine direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, +»man sollte kaum glauben, daß ein einziges Jahr eine solche +Veränderung hervorbringen könnte.«</p> + +<p>»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr +seufzend, »habe ich selber an Allem die Lust verloren, und +nichts thun noch arbeiten mögen; selbst das Nothwendigste ist +liegen geblieben, und der spätere Besitzer der Farm mag nachholen, +was ich versäumen mußte.«</p> + +<p>»Sie wollen fort von hier?«</p> + +<p>»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, +lieber Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, +»ob ich <span class="wide">will</span> oder nicht — ich <span class="wide">muß!</span>«</p> + +<p>»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll.</p> + +<p>»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für +sie, geht aber doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen +Westen«, wo man, wie ich aus sicherer Quelle weiß, ein kleines +<i>improvement</i> für fünfzig Dollar, und vierzig Acker Land +für denselben Preis bekommen kann. So viel wird mir nach +dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig +bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.«</p> + +<p>»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« +frug Georg ihn ernst, »<span class="wide">kennen</span> Sie das Leben im +Westen, mit seinen Entbehrungen, seinen Beschwerden, seinem +Klima?«</p> + +<p>»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend.</p> + +<p>»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich +mir da die arme Frau Professorin, die zarte Anna und selbst +die kräftige Marie denken müßte — ich würde im Leben nicht +wieder froh werden.«</p> + +<p>»Aber was <span class="wide">soll</span> ich thun?« sagte der Professor, froh +endlich einmal Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, +gegen den er sein Herz erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber +brauch' ich kein Hehl daraus zu machen, denn ich weiß, +Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich nicht allein +durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen +unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht +im Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte +Farm, so wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in +Grahamstown, dem mein Mobiliar in die Augen sticht, drängt +mich mit der Zahlung, und auch meine letzte Hoffnung, Herr +von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden. Ich habe mich +nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans +erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, +so ist Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa +zurückgekehrt. Den Termin länger hinauszuschieben bin ich +ebenfalls nicht im Stande, und werde schon nächste Woche gezwungen +sein meine Farm und Mobiliar vielleicht für den sechsten +Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu verkaufen, und +mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein allerdings +vollkommen neues Leben zu beginnen.«</p> + +<p>»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, +der klopfenden Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie +auf den Lippen, noch nicht gewagt hatte damit herauszutreten, +»wenn Sie die Wildniß wählen wollen und müssen zu Ihrem +Aufenthalt — dann nehmen Sie mich mit und — seien Sie mir +mehr als Freund dann, lieber Herr — seien Sie mir <span class="wide">Vater</span> — Vater +im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« +fuhr der junge Mann, als ihn der Professor staunend ansah, +leidenschaftlicher fort, »habe ich die Qual der Ungewißheit, +die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser Welt, das +meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen — ich +darf das nicht länger mehr — geben Sie mir Marie zum +Weibe, lassen Sie <span class="wide">mich</span> den verlorenen Sohn ersetzen, und +nie, nie sollen Sie bereuen mir so vertraut zu haben.«</p> + +<p>»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der +sich noch immer nicht von seiner Überraschung erholen konnte +»Sie wollen Ihr Schicksal an das einer Familie ketten, die +sich — die sich eben nicht im Glück befindet — und weiß +Marie —«</p> + +<p>»Noch keine Sylbe — noch habe ich selber nicht gewagt, +ihr meine Liebe zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich +nicht Alles täuschte, darf ich hoffen.«</p> + +<p>Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's +Auge — bis sich sein eigener Blick in langsam aufsteigenden +Thränen dunkelte, dann nahm er Georgs Hand, drückte sie +fest und herzlich, und zog ihn endlich leise aber liebend an +seine Brust.</p> + +<p>»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg.</p> + +<p>»Mein lieber, lieber Sohn!«</p> + +<p>»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und +Freude das Herz bald in der Brust zu sprengen drohte, »nun +zur Mutter, ihr Sorge und Kummer, und mit den beiden +Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen, die sie +noch an's Lager fesselt. Wir gehen <span class="wide">nicht</span> nach dem Westen +Vater — wir bleiben <span class="wide">hier,</span> und die Fenzen werden wieder +ausgebessert, das Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, +und die Mühle fertig gebaut, dem Wirth in Grahamstown +gerad zum Trotz und Ärgern.«</p> + +<p>Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte +seufzend:</p> + +<p>»Das sind <span class="wide">Pläne,</span> mein junger Freund, wie sie die <span class="wide">Jugend</span> +eben entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr +so leicht mit Unmöglichkeiten ab.«</p> + +<p>»Und wissen Sie denn Vater — o daß ich Sie jetzt — daß +ich Sie <span class="wide">endlich</span> so nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm +ergreifend, und ihm mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, +»daß ich vom Glück begünstigt in Michigan in das Haus eines +reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel Jahr in gutem +Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer erkrankten, +rettete? — wissen Sie, daß mich der Mann aus +Dankbarkeit in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf +einer Anzahl von Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, +in den letzten drei Viertel Jahren nur durch einen theilweisen +Verkauf derselben Parcellen wieder, fünfzehnhundert Dollar an +baarem Gelde zu verdienen? — Und kennen Sie die Quittung +hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen +lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? — Da +behalten Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam +durch, hoffentlich ist Alles in Ordnung und — mag mich +Marie nicht — sagt sie <span class="wide">nein</span> — ja dann soll mich mein Rappe +noch heute Abend fort — weit fort von hier tragen, gleichviel +wohin. — Sagt sie aber ja — oder lacht oder weint sie nur — oder +thut sie gar Nichts — und sieht sie mich nicht einmal +an, dann — aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr +in der Ungewißheit ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch +Sie Ihre Füße tragen, und voraus hol' ich mir mein Glück +oder Leid aus Mariens Munde!«</p> + +<p>Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend +ließ er ihn an der hinteren Fenz und am Holzrande zurück, +und sprang in flüchtigen Sätzen dem kaum verlassenen Hause +wieder zu.</p> + +<p>Und dort? — lieber Leser, das ist eine Sache, die nur +immer zwei Leute auf einmal in der Welt interessirt. Wie +»Vielliebchen« aus <span class="wide">einem</span> Mandelkern hat der liebe Gott die +Herzen, von denen immer zwei und zwei für einander geschaffen +sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut — selig +die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.</p> + +<p>Und Marie und Georg <span class="wide">waren</span> selig; an dem Abend, +neben dem Bett der Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung +auch wieder neuer Muth, neue Kraft in das Herz gezogen, +wie es Georg gehofft, saßen sie Hand in Hand und +plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die Glücklichen, +nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände +auf den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder +jungem Leben ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf — die +trübe böse Zeit lag dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen +ihn geprüft, so waren es doch eben Erfahrungen +geworden, und <span class="wide">auf</span> ihnen weiter schreitend, mit einer jungen +kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der Zukunft +wieder froh in's Auge schaun.</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap5" id="kap5"></a>Capitel 5</h2> +<h3>Jimmy.</h3> + +<p>Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern +scherzweis »der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der +Oktober hatte, gleich von Anfang an mit kalten und scharfen +Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche seewärts geweht, und +die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten die geflüchteten +Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren +Wohnsitzen zurück.</p> + +<p>Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, +und dem, vier Wochen früher. Welch Drängen und Treiben +überall von frischem, fröhlichem, kräftigem Volk, das +herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und plaudert, +lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo +Boot nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der +neugeborenen Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in +den Straßen, den kleinen Adern des Verkehrs, in denen das +warm pulsirende Herzblut herüber und hinüber treibt, und nur +vier Wochen Unterschied, wie sahen da die Straßen aus? — wie +der Strom? — wo war das Leben, das jetzt, dem schäumenden +Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?</p> + +<p>Der Wanderer, der die Stadt in <span class="wide">der</span> Zeit, im August +und September, betrat, und das lebendige Bild von ihr im +Herzen, ein fröhlich schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden +erwartete, steht entsetzt und traut den Augen kaum.</p> + +<p>New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere +Stadt im weiten Reich die Spitze bieten kann, scheint in <span class="wide">der</span> +Zeit ein weiter offener Sarg — die Straßen liegen todt und +leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen Wanderers schallt +hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern wieder — dort +begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am +Munde — aber scheu weicht man sich aus und will aneinander +vorüber — da zuckt der Fuß fast unwillkürlich — es ist +ein Freund, den man so lange nicht gesehn, schon todt gewähnt — einerlei, +vorbei; die Krankheit könnte in seiner Nähe weilen, +sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit stummem, traurigem +Nicken fliehen sich die Beiden.</p> + +<p>Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, +das Rasseln der schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen +Irländern, das Singen und Lachen der Neger. Dort +fährt etwas über das Pflaster — wie hohl das in den leeren +Straßen klingt — es ist nur der Leichenwagen, der im scharfen +Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, +schon lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige +Treiben der Läden — die meisten sind geschlossen, wer +soll jetzt kaufen, und der Trauerflor an den Thüren dort und +hier, und da und drüben, kündet die Stelle, wo sich die Seuche +mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre Opfer herausgeholt.</p> + +<p>Und jetzt? — kaum ein Monat ist verflossen, daß diese +Straßen wüst und öde lagen, und der große Vernichter seine +Erndte in der scheinbar menschenleeren Stadt hielt; wo er mit +schwülem Flügelschlag über die Dächer strich, und rechts und +links in boshafter Lust seinen Giftodem einbließ in das, in +jenes Haus — und seht, wie das wieder drängt und wogt, und +lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren stillen +Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, <span class="wide">Wochen</span> +sind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast +neue Bevölkerung hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, +den die Seuche gelichtet und verödet.</p> + +<p>Was damals freilich New-Orleans verlassen <span class="wide">konnte,</span> +that es, und die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und +leer, ja man vermied die Schwellen derselben mit scheuer Angst, +aus Furcht, gerade dort am meisten Kranke zu treffen, und in +dem Athemzug vielleicht den Tod schon einzuziehen. So flohen +auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang die meisten +»Boarder«, aber die dort Wohnenden <span class="wide">konnten</span> nicht alle fort. +Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer +Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, +das sie mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die +in der Zeit entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die +Capitaine der wenigen dort anlegenden Dampfer wußten recht gut, +daß Alles, was jetzt die Stadt verlassen konnte, ging, und +rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise, sich selbst für die +Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.</p> + +<p>So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, +in den kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen +Vaterlands«, und wie die Seuche hereinbrach über die Stadt, +suchte sie sich schon ihre ersten Opfer aus der Schaar.</p> + +<p>Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch +außerdem eine große Veränderung vorgegangen, und Hedwig +hatte das Haus nicht allein nicht verlassen, sondern Franz +seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das junge wackere +Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe, wenn +sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle.</p> + +<p>Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er +von der Treppe gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß +indessen die Leitung der ganzen Wirthschaft übernehmen. +Mit <span class="wide">dem</span> Plane seines Sohnes war er im Anfang aber gar +nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen, erklärte, +er sei doch nicht ganz <span class="wide">so</span> arm wie Franz zu glauben scheine +(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und +<span class="wide">sein</span> Sohn könne da wohl schon noch eine bessere Parthie +machen, und sich seine Frau aus einem anderen Hause — und +wenn es das größte Steingebäude in der Stadt wäre — holen. +Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine Einwilligung +dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse +blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und +sah, wenn er dem Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner +abnehmenden Kräfte wegen, eher noch eine Stütze in dem fleißigen, +wirthschaftlichen Mädchen.</p> + +<p>Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es +nannte, machte ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an +sein Bett, und beschwor ihn, doch nur um Gottes Willen auf +sein eignes Gut mehr zu achten, den eigenen Nutzen mehr im +Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die Augen schließe, +und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie bald +seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der +die Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle +und zehre.</p> + +<p>Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu +folgen als diesem, und der Vater würde dem einzigen Sohne +auch wirklich schon lange den Willen gelassen, und die Wirthschaft +ganz übergeben haben, hätte ihn nicht Messerschmidt bis +jetzt noch immer aus allen Kräften davon abgehalten und gewarnt; +wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die Heirath +mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« +Mädchen aus allen Kräften zu hintertreiben.</p> + +<p>Die Seuche unterbrach das Alles — Niemand, der nicht +mußte, verkehrte mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat +in dieser ganzen Zeit das Haus nicht, Franz aber lernte gerade +da den Werth des holden anspruchlosen Kindes, mit seiner +Aufopferung und Herzensgüte im reinsten Lichte kennen. Hier +war kein <span class="wide">Schein</span> mehr, wo der Tod grinsend und drohend +an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung +denkbar, »das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt +dem jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, +zu fesseln; unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen +konnte, ging Hedwig ihren stillen Weg, und an den Krankenbetten +stand sie oft ein Engel des Trostes und der Hülfe.</p> + +<p>Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, +und selber im Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten +ihren Unterhalt wenigstens zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt +bezogen, den ihr der alte Hamann selber, <span class="wide">trotz</span> seinem Geiz, +freiwillig erhöht, als er sich doch nicht leugnen konnte, wie sie +arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm zusammenhielt. +Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch +wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose +Wittwen und Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet +zu seiner stillen Ruhestätte, dann aber selber verlassen +und allein in der fremden Welt gestanden hätten, die ihnen +eine Heimath werden sollte, und jetzt nur Tod und Elend +zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da nicht +das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, +einer gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, +und mehr noch vielleicht von ihren Lieben begraben +mußten; wie viele unterstützte sie hier mit Rath und That, +löste die schon versetzten Koffer für sie ein, und zog sich scheu +und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück, wenn ihr die +Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan.</p> + +<p>Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche +Arbeit wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach +Schiff traf ein, alle mit Auswanderern schwer beladen, und +da sich nicht Alle gleich entschließen konnten die eben betretene +Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest mehr zeigte, +gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser, wie das +um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit +Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die +geschäftigste und einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, +und jetzt saß er, in sein Zimmer gebannt, regungslos +fest auf seinem Stuhl, und durfte und konnte nicht hinaus.</p> + +<p>Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und +wollte es wohl gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; +endlich sah er aber doch wohl ein daß es nicht ging, +daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn die Glieder wieder +trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für ihn vorbei +sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich +in seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein +anderes Leben wenn eine <span class="wide">Hausfrau</span> in der Wirthschaft wäre, +besonders <span class="wide">solche</span> Hausfrau, und er, der Vater selber, könne +ruhiger sein, wo er nicht <span class="wide">fremden</span> Menschen nur sein Eigenthum +anzuvertrauen habe.</p> + +<p>Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und +Hedwig, die dem jungen Mann von Herzen zugethan war, +und mehr fast noch in dem Bewußtsein nun freier handeln, +noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und glücklich +fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als +<span class="wide">Herrin</span> in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als +Dienerin betreten.</p> + +<p>Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, +und wenn er auch von seinem Vater — der Termin dazu war +auf den ersten December festgesetzt worden — die ganze unbeschränkte +Führung des Hauses noch nicht überkommen hatte, +fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz seines braven, inniggeliebten +Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit noch Raum +zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller +anspruchsloser Weise — wo sie helfen konnte, half sie gern, +und das »deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz +für alle Arten diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte +von armen Einwanderern ihr Alles verloren, und nackt +in die Welt hinausgestoßen wurden, schien ein Asyl der Hülfsbedürftigen +zu werden, und erweckte deshalb auch besonders +in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter, +rege Besorgnisse.</p> + +<p>Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy +der Barkeeper vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen +den jungen Leuten ein Dorn im Fleisch geworden, und was +sie nicht mehr hintertreiben konnten, suchten sie wenigstens so +viel als möglich zu stören. Franz wußte das, vermochte aber +noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis er +nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter +Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch +mehr und mehr heran, und als der November endlich verflossen +war und der alte Hamann am 1sten Morgens, wie schon +früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's Zimmer kommen, +und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei +seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war +Franzes <span class="wide">erstes</span> Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem +darüber allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen +lautete, mit vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten +Januar des nächsten Jahres zu kündigen.</p> + +<p>»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in +den gerade unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben +Herr hier im Haus geworden, und da wir Beide nicht recht +zusammenpassen, meine Frau mir auch Manches von Euch +erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's besser, daß Ihr zu +der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit das +Haus verlaßt. Heute ist der erste December — am ersten Januar +könnt Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis +dahin Zeit Euch umzusehen; wollt Ihr aber früher fort, hält +Euch Niemand hier — verstanden?«</p> + +<p>»Das war deutlich genug Mr. Hamann, <i>anyhow</i>,« sagte +Jimmy, der dabei wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung +begann — die Finger zu knacken, »werde aber +von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch machen, <span class="wide">vor</span> der bestimmten +Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen gedenke. +Sonderbar — wollte Ihnen auch heute aufsagen.«</p> + +<p>»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir +Einer dem Andern nicht weh gethan, und können und werden +uns ziemlich gut ohne einander behelfen.«</p> + +<p>»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, +»verdammt gut, denk' ich mir so; — werden eine +<span class="wide">sehr</span> schöne Wirthschaft hier anrichten, Mr. Hamann <span class="wide">junior.</span>«</p> + +<p>»Jes, Jimmy — denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor +sich hin, und verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen +zu bekümmern, das Zimmer.</p> + +<p>»Denk' ich mir so — Einfaltspinsel« — knurrte der +Barkeeper finster und verdrießlich hinter seinem neuen Principale +her — »<span class="wide">Du</span> wirst noch Manches zu denken kriegen, +mein Bursche, bis wir Beiden auseinander sind, denk' <span class="wide">ich</span> mir +so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es müßte +doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht +noch was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung +gäbe. <span class="wide">Was,</span> weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß +Jimmy eine sich etwa bietende und ihm passende Gelegenheit +nicht unbenutzt wird vorübergehn lassen, darauf mein Juwel, +könntest Du allenfalls Gift nehmen.«</p> + +<p>»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als +sich der Barkeeper rasch nach der Thür umdrehte, sah er den +eben nur hereingesteckten, etwas dicken Kopf des Agenten Julius +Messerschmidt.</p> + +<p>»Ah — Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, +in einer Art Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei +Gläser umsetzend — »was trinkt Ihr?«</p> + +<p>»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt +jetzt ganz zur Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er +nach Amerikanischer Sitte im Munde hielt, daraus entfernend, +dem besprochenen Getränke Raum zu geben; »immer Brandy, +und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er; besonders +wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.«</p> + +<p>»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn +selbst geliefert habt;« lachte Jimmy.</p> + +<p>»Unsinn, Jimmy — baarer Unsinn — an dem Brandy +hab' ich mein Geld verloren, und such' es nur dadurch wieder +einzubringen, daß ich recht viel davon trinke. <span class="wide">Der</span> Brandy ist +spottbillig mit sechs Cent das Glas, und an der Levée verkaufen +sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen halben.«</p> + +<p>»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, +»aber was führt <span class="wide">Euch</span> gerade <span class="wide">heute</span> Morgen her?«</p> + +<p>»Mich <span class="wide">gerade</span> heute? — ist heute ein besonderer Tag, +Jimmy?« frug Messerschmidt.</p> + +<p>»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen +wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von +dem heute abgeschlossenen Vertrag zwischen dem alten und +jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut, wie Messerschmidt +bei dem letzteren angeschrieben stand.</p> + +<p>»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr +könnt mir wohl sagen, wie's mit dem <span class="wide">Alten</span> steht; ich möcht' +ihm ein Anerbieten machen.«</p> + +<p>»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte +heute an die junge Firma angewiesen.«</p> + +<p>»Hm — mit dem <span class="wide">Jungen</span> hab' ich gerade nicht gern viel +zu thun,« brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen +durch, »wenn aber der Alte ja sagt, kann <span class="wide">der</span> mir auch den +Hobel ausblasen. Also den Alten kann man nicht sprechen?«</p> + +<p>»Ertheilt Niemand Audienz.«</p> + +<p>»Und wo ist der Junge?«</p> + +<p>Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem +über die Schulter gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus.</p> + +<p>»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?«</p> + +<p>»Wenn's sein <span class="wide">muß,</span> ja,« sagte dieser.</p> + +<p>»Apropos Jimmy —«</p> + +<p>»Nun? — was giebt's noch?«</p> + +<p>»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern +zugebracht —«</p> + +<p>»Nun? — kein Geld?«</p> + +<p>»Kein Geld?« — wiederholte der Agent, indem er die +Lippen vorspitzte, so weit er sie bringen konnte — »oh Jimmy, +wenn wir Beide das nur hätten, was in den zwei grünen +Koffern steckt — nachher könnten wir zufrieden sein.«</p> + +<p>»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy +gleichgültig.</p> + +<p>»Das Große nicht sein? — wenn <span class="wide">ich</span> ihnen nicht hätte +Amerikanisches Gold für Dänisches geben müssen — und das +Säckchen voll, was da drin stand — und die goldenen Uhren +und Ketten die daneben lagen. Die Menschen müssen ein +heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein <span class="wide">Theil,</span> +denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen, +um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich +ist. — Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne +brauchen.«</p> + +<p>»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte +Jimmy.</p> + +<p>Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch +zusammen als die Thür aufging, und der junge Hamann wieder +in's Zimmer trat.</p> + +<p>»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte +Messerschmidt in seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte +an den Alten, aber da ich höre, daß er noch auf der Kante +liegt, können Sie mir auch den Gefallen thun.«</p> + +<p>»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's +Gesicht sehend.</p> + +<p>»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit +gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte +Spielen, was ich schon so oft verschworen, hat mich wieder +einmal angeführt, und ich mußte sogar, wogegen ich mich bis +jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen, das allerdings +das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen +Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler +hatte einen Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch +gut genug bezahlt; jetzt hab' ich Niemand Anderem im Haus; +Lohn möcht' ich auch nicht gern viel zahlen —«</p> + +<p>»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz.</p> + +<p>»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt — »Sie +haben da ganz kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger +Mädchen in's Haus genommen, die der jungen Frau +glaub' ich, um ihren Boarding zu bezahlen, mit in der Küche +helfen — bitte — Sie brauchen sich deshalb gar nicht zu entschuldigen +—« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas Derartiges +von dem jungen Hamann vermuthete — »das versteht sich von +selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine +von denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir +in's Haus nehmen, das zu besorgen, was ich eben zu besorgen +habe; sollte sie dann etwa noch eine Kleinigkeit im Hause +schuldig sein, so könnten wir das ja am nächsten <span class="wide">Geschäfte</span> +abrechnen.«</p> + +<p>»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht +an das Haus hier zu fordern haben?« sagte Franz +ruhig.</p> + +<p>»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger +hat mir Ihr Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals +besonders klamm.«</p> + +<p>»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?«</p> + +<p>»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen +früh vielleicht —«</p> + +<p>»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach +ihn Franz ziemlich kalt und trocken, »daß von jetzt an jede +Geschäftsverbindung zwischen uns aufgehört hat —«</p> + +<p>»Unsinn, Franz — Sie wissen ja —«</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, mein Name ist für <span class="wide">Sie</span> Mr. Hamann; +mein Vater hat heute die Führung dieses Hauses in +meine Hände gelegt, und ich ersuche Sie, alle weiteren Bemühungen +für mich zu unterlassen.«</p> + +<p>»Hoho« — rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, +und sich hoch dabei aufrichtend — »weht der Wind aus +<span class="wide">der</span> Richtung, und hat der Alte richtig den dummen Streich, +gemacht?«</p> + +<p>»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt —«</p> + +<p>»Oh Herr — ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten —«</p> + +<p>»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, +»würde auch sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit +versehn, Sie hinauszuwerfen.«</p> + +<p>»Herr Hamann!« rief der Agent drohend.</p> + +<p>»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest +und entschlossen in's Auge sehend.</p> + +<p>»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen +Mann entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange +Protektion dieses Hauses, das aber jetzt <span class="wide">kein</span> Gast mehr +betreten soll, den <span class="wide">ich</span> daran verhindern kann.«</p> + +<p>»Sie werden zu spät zu Ihrem <i>Lunch</i><a name="fn_4r" id="fn_4r"></a><a href="#fn_4"><small><sup>4</sup></small></a> kommen,« sagte +Franz ziemlich bedeutungsvoll auf die Thür zeigend.</p> + +<p>»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt +werde,« rief Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden +mir dafür Rede stehn müssen, Herr Hamann.«</p> + +<p>»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem <i>Luncheon</i> kommen,« +sagte der junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend +und mit einer ungeduldigen, nicht miszuverstehenden Bewegung +hinausdeutend.</p> + +<p>»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, +bebend vor Zorn, drückte sich den Hut fest in die Stirn, +und flog im nächsten Augenblick voll und breit gegen die Gestalten +zweier anderer Männer an, die eben im Begriff waren, die +beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer hinaufzusteigen.</p> + +<p>»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein +Gleichgewicht bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt +nachsehend, »der hat's verdammt eilig — das Gesicht sollt' +ich auch kennen, ging der freiwillig, oder <span class="wide">wurd'</span> er gegangen?«</p> + +<p>Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu +Eintretenden und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen +einzulassen, rasch herum und verließ das Zimmer.</p> + +<p>»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den +früheren »Boarder« erkennend — »wo haben Sie die Zeit gesteckt +— man hat Sie ja mit keinem Auge mehr gesehn.«</p> + +<p>»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« +sagte der Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen +in die Höhe zog, und mit den Achseln zuckte, »komme gerade +von Milwaukie herunter, die »balsamische Luft« des Südens +einzuathmen. Aber weshalb war der Mann, der da zur Thür +hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in +Eile? — irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?«</p> + +<p>»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie +vorkommen,« lachte Jimmy ausweichend — »soll ich Gläser +aufsetzen?«</p> + +<p>»Hm, ja — aber nicht hierher,« sagte Meier — »gebt +uns ein paar Glas rechten steifen kalten Punch — lieber etwas +reichlich Zucker und Citrone, aber desto mehr Arrak — dort in +das Eßzimmer an den kleinen Ecktisch — wir haben 'was mit +einander zu reden — werft auch ein paar Stück Eis hinein, +und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht, +schadet's ebenfalls Nichts — wir sind alle Beide durstig.«</p> + +<p>»Ich auch,« sagte Jimmy.</p> + +<p>»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; +uns aber nicht schlechter, verstanden? — werdet ja wohl +irgendwo so eine bestaubte Flasche noch stecken haben.«</p> + +<p>Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und +ging mit ihm in das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen +auflagen, und sie, mit diesen zwischen sich, ohne jedoch +darin zu lesen, an einem kleinen Tisch dicht am Fenster und der +nächsten Wand, Platz nahmen.</p> + +<p>»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« +frug hier Meier seinen Gefährten — »wir sind hier ungestört.«</p> + +<p>»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug +der Andere, eine kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, +grau gesprenkelten Bart und darüber unstät umhersuchenden +kleinen grauen, stechenden Augen, sonst aber in anständiger +behäbiger Tracht.</p> + +<p>»Meiner <span class="wide">Frau?</span>« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr +auf die? <span class="wide">lebt</span> sie denn noch?«</p> + +<p>»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz +— auch eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt +in anderer Schaale — »sie war noch vor acht Tagen hier +in New-Orleans.«</p> + +<p>»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie <span class="wide">war</span>« — brummte +Meier, »hol' der Teufel das Weibervolk, das flennt und heult +und wimmert und ist immer eine Kette am Fuß, wo der Mann +einmal einen raschen, entscheidenden Schritt zu thun gedenkt. +Wo ist sie hin?«</p> + +<p>»Zu Schiff fort.«</p> + +<p>»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem +Stuhle auffahrend.</p> + +<p>»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der +Andere.</p> + +<p>»Nach <span class="wide">Deutschland</span> zurück; ist sie denn toll? — aber +Ihr habt Euch geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.«</p> + +<p>»Geirrt? — ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der +Mann mürrisch — »sie sah noch dazu weit besser aus als an +Bord, ging einfach und reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch +Ordentliches an sich; trug auch keinen Schmuck mehr, weder +am Hals noch in den Ohren, und kam mir nur verdammt +elend vor.«</p> + +<p>»Und hat sie <span class="wide">Euch</span> gesehn?«</p> + +<p>»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht +kennen wollte,« sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein +paar Secunden starr in's Gesicht, und ging dann still und ernst +an mir vorüber auf's Schiff, das etwa eine halbe Stunde +später seine Taue einholte und, von einem Dampfer in's +Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.«</p> + +<p>»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm +in diesem Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug +leerend.</p> + +<p>»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt +<span class="wide">Ihr,</span> daß ich fort will?«</p> + +<p>»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln +den Barkeeper über sein Glas ansehend, »nun dazu braucht +man kein Prophet zu sein; Ihr habt Euch ja, so lange wir +hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum Marschiren eingerenkt.«</p> + +<p>»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung +nach sein Glas mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt +daran nippte, »möchte hier nicht länger <span class="wide">abgemalt</span> sein.«</p> + +<p>»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier — »aber +was ist im Wind? — Skandal im Haus?«</p> + +<p>»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen +Blick nach der Thür — »<span class="wide">moralische,</span> verstanden? — der +Sohn hat die Haushälterin <span class="wide">endlich</span> geheirathet, und nun +wird's <span class="wide">fromm</span> im Hause hergehn. <span class="wide">Wie</span> das Geld verdient +ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt man ein +Gesangbuch.«</p> + +<p>»<span class="wide">Viel</span> Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, +den Rest seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper +zu neuer Füllung hinreichend.</p> + +<p>»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise — »der +Alte muß oben einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.«</p> + +<p>»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig +vor sich niedersehend — »wer das nicht weiß, glaubt's kaum — das +geht meist Alles wieder d'rauf.«</p> + +<p>»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, +seine Behauptung bezweifelt zu sehn; <span class="wide">ich</span> weiß was da <span class="wide">hinauf</span> +gekommen ist, und daß Nichts wieder herunter geht, denn +Alles, was die Wirthschaft selber kostet, wird aus der Kasse +hier bestritten — <span class="wide">so</span> scharf geht's. Wenn der alte Hamann +in seinem Geldkasten oben nicht seine <span class="wide">Hunderttausend</span> +liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.«</p> + +<p>»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier — »mein +Kamerad ist auch fertig, und <span class="wide">Ihr</span> trinkt so langsam, als ob's +Wasser wäre, wir haben Durst.«</p> + +<p>»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück +in die Bar gehend, während die beiden Männer bedeutsame +Blicke mitsammen wechselten.</p> + +<p>»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise +und rasch.</p> + +<p>»Vielleicht — vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit +dem Kopf schüttelnd — »nur um Alles in der Welt vorsichtig.«</p> + +<p>»Nu versteht sich; aber <span class="wide">der</span> weiß Hausgelegenheit —«</p> + +<p>»Pst — er kommt.«</p> + +<p>»Da — <span class="wide">der</span> wird Euch noch besser schmecken,« sagte +Jimmy, mit den frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und +die Lippen schon im Voraus ableckend, »der ist famos.«</p> + +<p>»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich +leid thun wenn Ihr fort gingt,« sagte Meier — »wo kriegt +denn der Esel von Wirth auch gleich wieder einen solchen +Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft von innen und +außen.«</p> + +<p>»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten +Glas vorsichtig nippend.</p> + +<p>»Und das Haus und die Wirthschaft —«</p> + +<p>»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.«</p> + +<p>»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit +dem Löffel umrührend, »ist noch Platz hier im Haus für uns +Beide?«</p> + +<p>»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die +Augenbrauen in die Höhe ziehend — »so arg ist's noch beinah +nicht gewesen wie heuer, mit der Einwanderung.«</p> + +<p>»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der +Alte dazwischen — »je hübscher sie's drüben in Deutschland +treiben, desto mehr Leute glauben, daß sie so ein Glück gar +nicht verdienen. Wie bei einem vollen Kelterfaß — je mehr +man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand fort, bis +die Presse unten aufsitzt — und dann kann man vielleicht wieder +frisch nachgießen.«</p> + +<p>»Und das <span class="wide">Beste</span> läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne +einen gewissen Humor die Beiden betrachtend.</p> + +<p>»Wenn man <span class="wide">uns drei</span> hier ansieht,« bestätigte Pelz, +»sollte man's beinah glauben.«</p> + +<p>»<i>Don't flatter me, Mr. Mac Karthy</i> wie die Wittwe +sagte,« meinte Jimmy in einem breiten Schmunzeln.</p> + +<p>»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht +wahr Jimmy?« nahm Meier die vorige Frage wieder auf.</p> + +<p>»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's <span class="wide">gestern</span> +gewesen wäre, wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, +ja, da wäre Platz <span class="wide">gemacht</span> worden, wenn keiner mehr +da war; ob sich aber der gestrenge Herr von <span class="wide">Heute</span> dazu verstehen +wird, ist eine andere Frage — es könnte Einer von dem +Bauerpack dabei <span class="wide">incommodirt</span> werden, und in der Hinsicht +werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.«</p> + +<p>»Hm so? und erst seit heute Morgen?«</p> + +<p>»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben +worden,« sagte Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt +ab von seinen Interessen.«</p> + +<p>»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart +haben,« sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken +Auge zuwinkend, »wenn <span class="wide">wir</span> das hätten, Jimmy, <span class="wide">wir</span> legten's +nicht hin, einen faulen Bauch bis an sein Ende zu füttern, so +viel weiß ich.«</p> + +<p>»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an +seinen Fingern begann, »aber an unser Einen kommt so 'was +auch nicht.«</p> + +<p>»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, +»die Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, +sind doch auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und <span class="wide">ich</span> +möcht' es nicht auf einmal fortschleppen, was sie in ihren +Koffern mit herumführen.«</p> + +<p>»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy.</p> + +<p>»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere +Fähigkeiten so nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« +meinte Meier, nach kurzer Pause — »ich wüßte eine +famose Beschäftigung für Euch.«</p> + +<p>»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig.</p> + +<p>»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte +Meier ausweichend, »wenn's nur einen Platz für uns im +Hause gäbe.«</p> + +<p>»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, +sich die Sache ein wenig überlegend — »Ihr macht Euch doch +natürlich Nichts draus in <span class="wide">einem</span> Bett zu schlafen?«</p> + +<p>»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier.</p> + +<p>»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?«</p> + +<p>»Total.«</p> + +<p>»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines +Käfterchen mit einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst +nicht viel Bequemlichkeiten oben, aber famose frische Luft, +wenn Ihr <span class="wide">das</span> haben wollt, frag ich den Schlaps, den jungen +Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber wo +ist Euer Gepäck?«</p> + +<p>»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der <i>dray</i>. — +Also sind wir eingezogen?«</p> + +<p>»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit +dem dazu gelegten Geld mit fortnehmend nach der Bar. +Ohne dann weiter seinen jungen Herrn um Erlaubniß zu +fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines Kämmerchen +an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck +hinaufzuschaffen, und ging wieder in die Bar hinunter, wo +er, die Hände auf dem Rücken, mit raschen Schritten und +in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das Gespräch mit +den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht, +und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten.</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap6" id="kap6"></a>Capitel 6.</h2> + +<h3>Kapellmeister Eltrich.</h3> + +<p>Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von +den verschiedenen Passagieren desselben hatte sich Einer, der im +St.-Charles-Hotel abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine +Kleider zu wechseln und war dann, jedenfalls dringende Geschäfte +zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße auf und +ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt +sein Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der +dort befindlichen kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und +ein Glas Sherbet zu trinken.</p> + +<p>Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen +von Kaufleuten standen überall zusammen, Geschäfte wurden +entrirt und abgeschlossen, Aufträge gegeben und genommen und +selbst neben dem Glas Gefrorenen in der Bude, das oft unbeachtet +zusammenschmolz, hatten die Leute ihre Brieftafeln vor +sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und ordneten +die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, +die draußen an der Levée durch Tausende von Händen +aufgehäuft, und zugleich wieder durch andere fortgeführt wurden, +ohne sich anscheinend zu vermindern oder zu vermehren.</p> + +<p>Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit +Geschäften Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn +und zu erholen, und selbst das Leben und Treiben um +ihn her interessirte ihn nicht, oder war ihm bekannt, denn er +nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort liegenden Zeitungen +zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder saß +auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal +die Vorübergehenden beachtend.</p> + +<p>»Täuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergnügen, +Herrn von Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu +können?« sagte in diesem Augenblick eine feine, unserem alten +Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch rasch, aber zugleich +erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des vor ihm +stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht +durchaus nicht besinnen konnte.</p> + +<p>»Ich weiß nicht« — sagte er wirklich etwas verdutzt, von +seinem Stuhle aufstehend und die ganze Figur des Mannes, +der jedenfalls seinen Namen kannte, auf das Aufmerksamste +betrachtend — »Gestalt und Stimme erinnern mich allerdings +an einen früheren Reisegefährten, aber zu denen paßt das Gesicht +durchaus nicht.«</p> + +<p>»Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,« sagte wieder die +nur zu wohl bekannte Stimme, während der Mann selber +vergnügt dabei mit dem Kopfe nickte — »ich bin es auch eigentlich +nicht mehr; ich habe mich geschält und die Haut abgeworfen, +wie eine Klapperschlange. Schöner bin ich dadurch +freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Christian +Mehlmeier.«</p> + +<p>»Also sind Sie's <span class="wide">doch!</span>« rief Hopfgarten, ihm freundlich +die Hand entgegenstreckend, »aber um Gottes Willen, Mann, +was ist mit Ihnen vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht +wieder erkannt.«</p> + +<p>»Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,« schmunzelte +Mehlmeier in seinen weichsten Tönen vor sich hin — +»sehn Sie sich einmal mein Gesicht genauer an.«</p> + +<p>»Haben Sie die Blattern gehabt?« frug Hopfgarten mitleidig +— »es ist voller Narben — und die Augenbrauen fehlen +ganz. Was in aller Welt haben Sie mit sich angefangen?«</p> + +<p>»Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,« sagte Herr +Mehlmeier, mit seinem vergnügtesten Gesicht — »ich habe +ebenfalls, freilich nach einem vorgeschriebenen Recept, auf die +Art wie er, das Pulver erfunden, war jedenfalls über die unerwartete +Explosion eben so erstaunt wie er. Sie — Sie erinnern +sich vielleicht noch des — des Geschäfts, was ich damals +betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am +Markt drüben, fanden?«</p> + +<p>»Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre —«</p> + +<p>»Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener +Pfeiler,« betätigte Mehlmeier, »verkaufte übrigens ungemein +wenig, und diente eigentlich, wenn ich so recht an jene Zeit +zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden, die mich um +Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden. »Danke« sagten dann +die Leute und damit war die Sache abgemacht; <span class="wide">sie</span> gingen +ihren Geschäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, über +das meinige Betrachtungen anzustellen.«</p> + +<p>»Sie sehen jetzt weit besser, weit behäbiger in Ihrem Äußern +aus,« sagte Hopfgarten.</p> + +<p>»Das wäre noch immer kein großes Lob,« meinte Mehlmeier, +»denn <span class="wide">schlechter</span> wie ich damals aussah, kann der +Mensch nicht gut anständiger Weise in der Welt herumlaufen. +Hosen und Rock hielten gewissermaßen nur aus Gefälligkeit +für mich zusammen, und außerdem durfte ich nicht einmal vor +Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den ich mit der +Dämmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen +wegen. Da traf ich <span class="wide">Sie</span> und den fremden Herrn, der +mit Ihnen war, und von der Stunde an, mein guter Herr +von Hopfgarten änderte sich mein Loos. Ich hatte damals +schon lange bemerkt, daß die Leute, welche die Streichhölzer +fabricirten, einen recht hübschen Nutzen dabei machten, während +wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus +war ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das +Material dazu hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das +Holz brauchte ich nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine +Strecke von der Stadt entfernt, konnte ich mir so viel davon +selber nehmen, wie ich brauchte, aber — ich hatte kein Capital +um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen +gelangten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den +ganzen Tag hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beiläufig +bemerken, daß ich der Schrecken der verschiedenen kleinen +Eßbuden geworden war, in die ich, sobald sich meine Kasse in +den Umständen befand, ein Abendessen zu zahlen, hineinfiel. +An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für eine unbedeutende +Nachricht ein Stück Geld — ein Goldstück. Herr +von Hopfgarten — ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, +was ich an dem Tage ausgestanden habe« — sagte Mehlmeier; +seine Stimme klang dabei leise und heiser, indeß ihm +ein paar große schwere Thränen, trotzdem, daß er mit den +Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurückzudrücken suchte, +zwischen die Wimpern traten — »es war <span class="wide">kein</span> verdientes +Geld, ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,« setzte +er dann nach kurzer Pause hinzu, »und ich — ich war zuletzt +fest davon überzeugt, daß ich die kleine Summe — für mich +damals ein Capital — mehr meinen zerissenen Hosen, als der +Nachricht verdankte.«</p> + +<p>»Nein, lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Hopfgarten +rasch dazwischen — »die Kunde, die Sie uns gaben, hätte +tausend solcher Stücke verdient — der alte Herr suchte sein +<span class="wide">Kind</span> und Sie zuerst brachten ihn auf die rechte Spur.«</p> + +<p>»Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn +nützlich gewesen bin,« sagte Mehlmeier ruhig, »<span class="wide">das</span> aber +war meine damalige Ansicht von der Sache und — hat sich +auch bis jetzt noch nicht verändern können. — Aber meine +Lage änderte sich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir +ein blaues Überhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute +und Matrosen tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein +Halstuch. Trotzdem behielt ich noch genug übrig, mich einmal +recht tüchtig satt zu essen und — es war vielleicht eine +Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht danach — ein +Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar +schaffte ich mir das nöthige Material an, auf <span class="wide">meine</span> Art +<span class="wide">gute</span> Streichhölzchen herzustellen. Mörser und sonstige +Geräthschaften mußte ich mir allerdings im Anfang noch borgen, +aber das Alles machte ich, jetzt einmal in anständigen Kleidern, +wo ich mich wenigstens sehn lassen konnte, möglich, und +so klein die Quantität sein mußte, die ich mit meinen geringen +Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die Qualität +an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von +denen ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, +mit jeder Woche mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder +Woche konnte ich größere Mengen liefern, und war zuletzt sogar +im Stande, mir erst einen, dann zwei und mehre Arbeiter +zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu begegnen. Gleich +im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung, passirte +mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Masse +im Mörser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen +in der entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da +die Nachbarn weiter keine Notiz von dem Knall und Qualm +genommen.</p> + +<p>»Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; +ich <span class="wide">boarde</span> in einem anständigen Französischen Kosthaus und +beschäftige jetzt elf Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, +die ich mir abrichte und gut bezahle, verdiene dabei ein recht +hübsches Geld und beginne sogar schon an Sparen und Zurücklegen +zu denken, drohenden Alters wegen.«</p> + +<p>»Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von +Ihnen zu hören,« sagte Hopfgarten, dem fast die Thränen in +die Augen gekommen waren, bei der so anspruchslos und wirklich +rührend vorgetragenen Erzählung, indem er seinem alten +Reisegefährten die Hand reichte und derb und freundlich schüttelte; +»es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier, die so ernst +und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem +einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wünschte in +der That recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen +zu können, um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Sie achte +und schätze.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, +für die freundlichen Worte,« sagte Mehlmeier, wirklich +gerührt, »Sie thun mir wohl — und eine Bitte hätt' ich wirklich +an Sie, wenn Sie dieselbe erfüllen wollten.«</p> + +<p>»Von Herzen gern — und was ist es?«</p> + +<p>»Sie kennen den Herrn, der — der mir damals das +Goldstück gab?«</p> + +<p>»Sehr gut — ich komme jetzt gerade von dort her — war +nämlich in der Zeit wieder in Deutschland —«</p> + +<p>»Sie waren in Deutschland?« frug Mehlmeier, rasch und +erstaunt, »ja, hm — das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, +denn man fährt jetzt rasch genug herüber und +hinüber, aber — es ist doch ein eigenes, sonderbares Gefühl, +wenn man so von Deutschland sprechen hört, fortwährend +Schiffe sieht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und — so +gern man hinüber <span class="wide">möchte,</span> und auch <span class="wide">könnte,</span> was +eben die Passage betrifft, doch auf der weiten Gottes Welt +da drüben, wo man doch eigentlich zu Hause ist, Nichts weiter +zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und nun ganz +allein aus dem Grunde hier bleiben muß.«</p> + +<p>»Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Mehlmeier rasch, »sehn Sie den Herrn — wie war +sein Name gleich?«</p> + +<p>»Dollinger.«</p> + +<p>»Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?«</p> + +<p>»Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nächsten +Tagen.«</p> + +<p>Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches +Goldstück heraus und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:</p> + +<p>»Dann thun Sie mir die große Liebe, mein bester Herr von +Hopfgarten, und geben Sie ihm das <span class="wide">Goldstück</span> nicht allein +zurück, sondern sagen dem Herrn auch <span class="wide">wie</span> Sie mich wieder +gefunden haben, und daß ich das nur allein als <span class="wide">sein</span> Werk +betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür sein würde.«</p> + +<p>»Aber mein bester Herr Mehlmeier,« rief Hopfgarten, +das Goldstück zurückweisend, »Herr Dollinger ist ein reicher, +ein <span class="wide">sehr</span> reicher Mann, und ich weiß —«</p> + +<p>»Und wenn er ein Millionair wäre,« sagte Mehlmeier +fest und bestimmt, »es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der +Sache wegen, das Geld hat mir auf der Seele gebrannt, und +Sie erzeigen mir einen unendlich großen Dienst, wenn Sie +es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten. Es hat mir +genug genützt, und da jetzt die <span class="wide">Ursache</span> verschwunden ist, +der ich es verdanke« — und Mehlmeier warf einen wehmüthigen +Blick an seinen Beinen hinunter — »so darf ich auch +mit gutem Gewissen die Wirkung zurückgeben. Sie thun mir +einen <span class="wide">großen</span> Gefallen mit der Erfüllung meiner Bitte, mein +lieber Herr von Hopfgarten.«</p> + +<p>»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte der kleine +Mann freundlich, das Goldstück dabei nehmend und einsteckend, +»ich will es besorgen; aber Herr Dollinger glaubt sich Ihnen +nun einmal zu Dank verpflichtet, und wird das auf andere +Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er Ihnen +die Quittung einsenden, daß <span class="wide">ich</span> wenigstens das Geld richtig +abgeliefert habe, und ich möchte Sie deshalb um Ihre Adresse +bitten.«</p> + +<p>»Das wird nicht nöthig sein,« sagte Herr Mehlmeier +mit einem wehmüthigen Blick.</p> + +<p>»Nein, nein; es muß Alles seine Ordnung haben,« rief +Hopfgarten, »also Ihre Adresse?«</p> + +<p>»Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines +Fabrikats zu überreichen,« sagte Mehlmeier mit einer +etwas linkischen und verlegnen Verbeugung Hopfgarten +ein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen, auf denen +seine genaue Firma angegeben stand, übergebend, »das sind +meine Visitenkarten,« setzte er lächelnd hinzu.</p> + +<p>»Vortreffliche Visitenkarten,« lachte Hopfgarten, sie betrachtend +und einsteckend; »aber apropos, mein lieber Herr +Mehlmeier, Sie als wandernder Adreßkalender sind vielleicht +im Stande mir wieder eine Auskunft zu geben. Können Sie +mir vielleicht sagen, wo ich einen gewissen Ledermann, einen +Juristen, hier in der Stadt finde?«</p> + +<p>»Ledermann? — Ledermann? — nein, der Name ist mir +gänzlich unbekannt,« sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem +Kopf nickend; Hopfgarten kannte aber seine schwache Seite mit +den verkehrten Gesticulationen, und wußte was er meinte.</p> + +<p>»Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, +des Staatsanwalts,« setzte er dann hinzu, »der ist aber in diesem +Augenblick verreist und sein Bureau geschlossen, und von +den Hausleuten wollte ihn Niemand kennen.«</p> + +<p>»Ledermann?« sagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in +tiefem Nachdenken.</p> + +<p>»Eine lange hagere Gestalt,« half Hopfgarten seinem +Gedächtniß nach, »ein dünnes, mageres Gesicht und blonde +Haare.«</p> + +<p>»Hm, ich kenne einen Herrn <span class="wide">Fort</span>mann, der etwa auf +diese Beschreibung paßte.«</p> + +<p>»Donnerwetter, <span class="wide">Fort</span>mann!« rief Hopfgarten, sich vor +den Kopf schlagend, »jetzt hab' ich die Namen verwechselt — Fortmann +heißt er ja auch — Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler +Mann — <span class="wide">wo</span> find' ich den?«</p> + +<p>»Ja, wo Sie den <span class="wide">jetzt</span> finden, wenn er nicht in seinem +Bureau ist, weiß ich allerdings auch nicht — er müßte denn +sonst vielleicht beim Kapellmeister sein.«</p> + +<p>»Was für ein Kapellmeister? — wo wohnt der?«</p> + +<p>»Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.«</p> + +<p>»Eltrich? — <span class="wide">unser</span> Eltrich von der Haidschnucke? — ich +glaubte, der sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot +geworden.«</p> + +<p>»Allerdings, im Anfang, weil ihm seine sämmtlichen +Sachen, selbst seine Violine gestohlen worden; nachher aber +hat er sich ganz tüchtig wieder herausgearbeitet, und jetzt +eine brillante Anstellung an der hiesigen französischen Oper +erhalten.«</p> + +<p>»Und dort ist Ledermann zuweilen?«</p> + +<p>»Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Straße +hinunter, und ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.«</p> + +<p>»Kommen Sie nicht mit hinauf?«</p> + +<p>»Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,« +sagte Mehlmeier, »und ich habe mich überdieß schon +zu lange von meinen Leuten entfernt — jedenfalls hoffe ich +Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans verlassen. Denken +Sie sich lange hier aufzuhalten?«</p> + +<p>»Einige Tage — doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, +so viele Menschen sind Ihnen hier vorgekommen — wissen +Sie vielleicht zufällig, wo sich — Herr Henkel jetzt aufhält?«</p> + +<p>»Nein, das ist merkwürdig, <span class="wide">den</span> Herrn habe ich auch mit +keinem Auge wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im +Anfang ging einmal ein dumpfes Gerücht, daß doch nicht Alles +mit ihm so in Ordnung — nicht eben Alles Gold sei, aber +ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und — wenn +ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekümmert. +Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs — das +kleine freundliche weiße Häuschen, mit den grünen Jalousieen, +und dorthinein wohne <span class="wide">ich.</span> Also mein lieber Herr von Hopfgarten, +ich habe die Ehre mich Ihnen auf das Freundlichste +zu empfehlen.«</p> + +<p>Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann +hatte etwas rührend Hartnäckiges in seinem ganzen Wesen, +mit dem er dem Unglück die Spitze geboten und sich, allen +bösen Neigungen wacker dabei begegnend, an die Oberfläche +gearbeitet.</p> + +<p>Noch stand er in der Straße, unfern von Eltrichs Wohnung, +und sah dem rasch und geschäftig davongehenden Manne +nach, als ein, in einen abgetragenen blauen Frack geknöpftes +Individuum an ihm vorüberging, ihn scharf fixirte, und sich +rasch gegen ihn wendend die rechte Hand — unter dem linken +Arm trug er ein Cigarrenkistchen — nach ihm ausstreckte und +rief. »Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des Ibikus — Herr +von Hopfgarten; eine höchst angenehme Erscheinung beim +Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.«</p> + +<p>»Herr Steinert?« rief Hopfgarten erstaunt aus, »ich hätte +Sie fast nicht wieder erkannt — wie geht es Ihnen?«</p> + +<p>Steinert zuckte die Achseln.</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary=""> +<tr><td align="left" valign="top">»Durch Unglück mehr als durch Versehn,</td></tr> +<tr><td align="left" valign="top"> Verlor Alcest im Handel sein Vermögen</td></tr> +</table> +</div> + +<p class="noindent">— verwünschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder +nicht trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe +bittere Erfahrungen gemacht, Herr von Hopfgarten — bittere +Erfahrungen und — wenn weiter Nichts — Menschenkenntniß +gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich sage +Ihnen, ich könnte eine Geographie des menschlichen Herzens, +der menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften +herausgeben.«</p> + +<p>Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn +konnte, ohne den Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu +kränken, die vor ihm stehende Gestalt betrachtet, und das Resultat +fiel gerade nicht zu Steinerts Vortheil aus. Sein Anzug, +einst jedenfalls modern, war abgerissen, und noch schlimmer, +war schmutzig; eben so seine Wäsche. Nur den äußeren +Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring saß auf +einer ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte +das Tuch häßliche farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert +aus; die Augen lagen ihm tief und durchschwärmte Nächte, +wenn nicht Mangel kündend, in den Höhlen, und flogen unruhig, +ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu haften, +umher.</p> + +<p>»Und womit beschäftigen Sie sich jetzt,« sagte Hopfgarten +endlich, dem es unheimlich in der Nähe des Mannes +wurde, »haben Sie irgend eine Anstellung? irgend ein — ein —«</p> + +<p>»Ein freies Leben führen wir,« unterbrach ihn aber Steinert, +den rechten Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung +zum Himmel hebend. »Ich konnte mich erstlich nie dazu +verstehen, zu irgend Jemand in ein dienstliches Verhältniß zu +treten — der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine +Knechte — und dann bin ich wohl ein halb Jahr vergebens +herumgelaufen,« setzte er, wieder in eine natürlichere Stellung +zurückfallend, hinzu, »ohne irgend einen passenden Platz für +mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine +famose Quelle ächter Havanna-Cigarren entdeckt,« und er nahm +bei den Worten das Kästchen rasch unter seinem linken Arme vor, +»die ich Ihnen mit gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester +Herr von Hopfgarten. Famose Cigarren, sage ich Ihnen, und +zu einem Preis,« setzte er leise flüsternd, und mit einem +scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kästchen sehr +aufmerksam und ängstlich öffnete, »wie sie kein Mensch auf +der Welt liefern <span class="wide">könnte,</span> wenn sie eben nicht — <span class="wide">geschmuggelt</span> +wären.«</p> + +<p>»Sie wissen ja, bester Herr Steinert, daß ich gar nicht +rauche,« sagte Hopfgarten freundlich, »ich bin auch wirklich +in diesem Augenblick so mit meiner Zeit —«</p> + +<p>»Sie rauchen gar nicht?« sagte Steinert etwas bestürzt, +»aber Sie haben doch gewiß Jemand, den Sie mit einem halben +Tausend Regalias glücklich machen würden.«</p> + +<p>»In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist +auch schon spät geworden heute, und ich bin eben erst wieder +angekommen.«</p> + +<p>»Ich sehe, Sie sind in Eile,« sagte der frühere Weinreisende +rasch, indem er das schon halb geleerte Kästchen — was +in Hopfgarten den Verdacht aufsteigen ließ, daß er die Regalias +auch im Einzelnen verwerthe — wieder an seinen früheren +Platz zurückschob. »Ich will Sie nicht länger aufhalten, aber — ich +dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit bitten. Wir +sind hier gerade in der Nähe und ich habe vergessen mein Portemonnaie +zu mir zu stecken — bin jedoch einem Freund von mir +da drüben fünf Dollar schuldig. <span class="wide">Wären</span> Sie wohl so freundlich, +mir diese kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?«</p> + +<p>»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Hopfgarten verlegen, +und unwillkürlich zugleich in seiner angeborenen +Gutmüthigkeit in die Westentasche fahrend, »ich weiß nur +nicht —«</p> + +<p>»Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz +besaß,« recitirte Steinert.</p> + +<p>»Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieser Dollarnote +gedient wäre.«</p> + +<p>»Sie sind sehr freundlich — aber Sie erlauben mir, +daß ich es mir gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, +und morgen zahle ich es Ihnen jedenfalls zurück. Welches +Hotel?«</p> + +<p>»St. Charles —«</p> + +<p>»Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewöhnlich — Herr +von Hopfgarten »Haben« 1 Dollar.«</p> + +<p>Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche +vorgenommen, die Cigarrenkiste auf das linke +emporgezogene und ziemlich geschickt balancirte Knie gelegt, und notirte +sich den Fall auf ein weißes Blatt.</p> + +<p>»Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergnügen +Ihnen einen angenehmen Abend zu wünschen.«</p> + +<p>»Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,« +rief Steinert, ihm, immer noch in der vorigen Stellung, mit +dem Bleistift freundlich zuwinkend.</p> + +<p>Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu +erreichen, und stieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, +an deren Klingel er zog, rasch hinan.</p> + +<p>Ein wunderhübsches, nur etwas kränklich aussehendes, +beinah weißes Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln +Teint und fast blauschwarzen Haar dieser Race, das die +Quadroonin verrieth, öffnete ihm die Thür, frug den Erstaunten in +deutscher Sprache was er wünsche, und führte ihn dann in das +untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen Genugthuung — denn +Mehlmeier hatte ganz recht gehabt — Herrn +Ledermann <i>alias</i> Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs +traf, und von den dreien auf das Herzlichste begrüßt wurde. +Eltrichs kleine reizende Frau war besonders glücklich den alten +Reisegefährten, der sich schon an Bord von allen Cajütspassagieren +immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei sich +zu sehn und bewirthen zu können, und verschwand gleich aus +dem Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, +Küche und Keller vermochte.</p> + +<p>Nach den ersten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel +zu sehr daran zu erfahren was er von Ledermann hinsichtlich +seiner Nachspürungen nach jenem Soldegg hören sollte. Eltrich +wußte überdieß von der Sache, über die Ledermann schon oft +mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt daß von Soldegg +selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen wäre, +seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit +aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, +jener Goodly, unter einem falschen Namen in New-Orleans +ertappt sei, und einen Schlupfwinkel gestohlener Güter verrathen +habe, in dem man auch einen nicht unbeträchtlichen +Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte. Nach +allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war +indeß geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, +doch umsonst; entweder war er untergegangen, oder lebte +irgendwo, unter einem falschen Namen, von seinem Raube, +wo es freilich dem Zufall überlassen bleiben mußte, ihn einmal +auszuspüren und zu Tag zu bringen.</p> + +<p>Herr <span class="wide">Fort</span>mann, der übrigens Eltrich gegenüber sein Incognito +nicht beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, +wenigstens bekannt gewesen waren, wünschte, wie sich wohl +denken läßt, ebenfalls etwas Neues von dort zu hören, das ihm +Hopfgarten denn auch nicht vorenthielt. Während Frau Eltrich +nun dem Gast, der endlich eingestehn mußte, daß er in aller Eile +heute auf Amerikanischem Boden noch nicht einmal zu Mittag +gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis herrichtete +und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente, +mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es +dort aussah, was die Leute dort trieben und — wie es vor +allen Andern der Frau Aktuar Ledermann ging, für die sich +Frau Eltrich ganz speciell interessirte.</p> + +<p>»Hm, ja,« sagte Hopfgarten lächelnd, und emsig dabei +beschäftigt ein kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, »gut — sehr +gut — hat ihre Trauer — dieß Huhn ist wirklich delikat — hat +ihre Trauer abgelegt und wohnt jetzt bei ihrem +Bruder.«</p> + +<p>»Existirt der Lump auch noch?« frug Ledermann.</p> + +<p>»Wollte wieder ein Geschäft eröffnen,« fuhr Hopfgarten +langsam fort, »scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher +erfolgten Fällen, das nöthige Vertrauen gefunden zu haben, +und hat sich, auf dringendes Anrathen des Herrn J. G. Weigel +entschlossen, mit seiner Schwester —«</p> + +<p>»Den Teufel auch!« rief Ledermann von seinem Stuhl +aufspringend, und in jäher Angst den Schluß des Satzes errathend.</p> + +<p>»Mit seiner Schwester,« fuhr Hopfgarten ruhig fort, +»nach Amerika auszuwandern.«</p> + +<p>»Was für ein rührendes Wiederfinden das werden +würde, Herr Ledermann,« lachte diesen Frau Eltrich schelmisch +an.</p> + +<p>»Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,« rief +aber der Aktuar wirklich bestürzt — »tollere Sachen sind schon +vorgefallen, und <span class="wide">mir</span> bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine +Kugel vor den Kopf zu schießen. — Aber — nicht wahr, lieber +Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß? das ist Ihr +Ernst nicht. — Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau +Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu +kommen?«</p> + +<p>»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon +so gut wie abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon +erfahren konnte, lag nach den nördlichen Staaten, New-York +oder Baltimore, wo Sie denn hier allerdings nicht viel +zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie sehen, genau +nach Allem erkundigt.«</p> + +<p>»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer +auf- und abgehend, »wenn die Frau erst einmal nicht +mehr durch das ganze Weltmeer von mir getrennt ist, findet +sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst einmal eine +Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.«</p> + +<p>Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen +Teufels, der eine, vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr +schon jetzt heraufbeschwor, sich selber zu quälen; Ledermann +konnte aber den Gedanken nicht los werden, und Hopfgarten +ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm versicherte, der +Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste Jahr abgeschlossen, +bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg +hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, +seiner Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der +Aktuar <span class="wide">nicht</span> ertrunken, sondern nach Amerika geflüchtet sei. +Der Körper war allerdings, trotz hartnäckigem Suchen, <span class="wide">nicht</span> +gefunden worden, aber das <span class="wide">Spielen vor</span>her, und die kalte, +ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung <span class="wide">nach</span>her, schienen bei +den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern +keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. <i>Dr.</i> Hayde besonders +hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen +langen, allerdings etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt +zu schreiben, worin er nachwieß, daß der Selbstmord nur +eigentlich, trotz einzelner Ausnahme-Fällen, ein durchaus +<span class="wide">bürgerliches</span> Laster sei, (und später dafür von seiner Regierung +den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse erhielt;) +die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch +außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand +die Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese +Ledermann selber, wenn ihr ja einmal ein solcher Gedanke +dunkel und unbestimmt vor der Seele aufgestiegen sein sollte, +verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte Ledermann den +Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche Weise +zu entziehn.</p> + +<p>Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, +wie Eltrich, von dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er +an einem Boote als Handlanger arbeite, sich so rasch und +glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser, seine kleine Frau +dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend, gab ihm +gern Bescheid.</p> + +<p>Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, +wie sie, durch das viele Neue verwirrt, den Karren aus den +Augen gelassen hätten, auf dem, von einen Neger gezogen, +ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument, gelegen. Der +diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder, +trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der +ungeheueren Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch +Gehende auch nur die geringste ernstliche Controlle geführt +wird, hätte nur der Zufall sie auf die Spur des Diebes bringen +können.</p> + +<p>Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme +Frau, die, von allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden +Noth entgegen ging. Noth aber lehrt nicht allein beten, sondern +mehr noch arbeiten, und fest entschlossen, sich durch Nichts +beugen zu lassen, sondern dem Schicksal fest und trotzig die +Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit <span class="wide">ganz</span> andern Hoffnungen +nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen, +in der Stadt herum <span class="wide">Arbeit</span> zu suchen; Arbeit wie sie +vorkam, hart oder leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und +die Seinen. Nach einiger Anstrengung gelang ihm das auch — er +wurde zuerst auf einem Flatboot zum Ausladen der +Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das beendet +war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz +war wenigstens gesichert.</p> + +<p>Aber er brauchte mehr als das — er mußte Geld verdienen, +wieder eine Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument +zu kaufen; er mußte Geld verdienen, sich wieder anständige +Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er Besuche machen konnte, +und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst sein Brod +verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und dem +scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, +schaffte und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der +brennenden Sonne, und sparte jeden Cent, den sie nicht +nothwendig zum Leben brauchten, während sich die Frau ebenfalls +Mühe gab Geld zu verdienen, und es endlich möglich machte, +erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann durch diese empfohlen, +auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum Waschen +und Plätten zu bekommen.</p> + +<p>»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende +Zeit für mich,« erzählte Eltrich, »denn während ich meinem +nächsten Ziel, mir wieder ein Instrument und uns beiden anständige +Kleider zu kaufen, wohl entgegenrückte, sah ich doch +um mich her eine Menge Leute meiner Kunst, die mit ziemlichem +Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet, ankamen, +eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und +dann spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie +untergegangen, oder nur von der Strömung mit fortgerissen +waren, und mußte mir zu meiner Beschämung gestehn, daß +ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände Arbeit, als gewöhnlicher +Tagelöhner, <span class="wide">mehr</span> verdiente, wie es mir möglich sein +würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger +ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine +Frau gab unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich +gegen uns bewieß, Clavierunterricht, da sie dorthin unseren +Knaben mitnehmen konnte. Unser Schicksal war dabei durch +unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich wurde von +dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich +gerade von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer +Gesellschaft, die er gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich +dort vorfinden, und leichte, anständige Sommerkleider besaß +ich schon, Dank unseren Ersparnissen; aber meine Finger waren +steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte ich die ganze +Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können, +im Kopf herum — trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst +jetzt noch unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die +Sehnsucht, wieder einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, +mochte wohl größtentheils die Schuld dabei tragen. Dann +aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau schuldig, +Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu +verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.</p> + +<p>»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und +ich spielte, zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen +Gründen, spottschlecht. Nichts destoweniger waren die Leute +freundlich genug gegen mich — sie wußten ja, daß ich den +Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke geschleppt hatte; +der Wirth aber überließ mir von da an die Violine zum Üben, +bis ich mir selber eine kaufen konnte, und — veranstaltete +heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, +und es ging nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch +auch plötzlich und eigentlich ganz unerwartet in den Besitz +eines Capitals von hundert und einigen achtzig Dollarn, +mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben beginnen konnte. +Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer rollen +— ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und +hielt auch Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann +eine neue Existenz. Allerdings stand ich nicht mehr allein und +freundlos da, denn die Amerikaner und Franzosen, mit denen wir +bekannt geworden, und die doch wohl fanden, daß wir Beide +nicht in die Masse der gewöhnlichen Einwanderer gehörten, +nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich sowohl, wie +meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame +Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht +nehmen, den Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder +gab ich jetzt mit meiner Frau zusammen zwei Concerte, und +während andere, weit größere Künstler als ich, kaum die Kosten +solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit und Umstände +so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß +von zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. +Ich bekam einen Ruf in New-Orleans, und um kurz zu sein, +zuletzt die Stelle am hiesigen Französischen Theater, mit einem +recht anständigen Gehalt, habe dabei Stunden zu geben, so +viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit meiner kleinen +Familie wohl und zufrieden.«</p> + +<p>Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche +Gedeihen in Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch +wie er die beiden früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, +gefunden habe.</p> + +<p>»Herr Steinert ist ein Lump,« sagte da Eltrich, »und +Mehlmeier, trotz einigen Eigenheiten, die er an sich haben +mag, ein Ehrenmann. Wie Mehlmeier im Unglück war, und +Steinert noch Leute fand, die ihm borgten, hat er den armen +Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner Bekanntschaft +geschämt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet +hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier +in seiner Gutmüthigkeit läßt sich auch beschwatzen, er wird +aber doch endlich einmal klug werden, und aufhören sein Geld +in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.«</p> + +<p>»Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,« +sagte Ledermann, »davon habe ich in der kurzen Zeit meines +Aufenthalts hier, schon mehre recht traurige Beispiele gesehn. +So traf ich heute Morgen erst wieder einen alten Bekannten, +und früher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei Heilingen, +den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten +Verhältnissen in Deutschland zurückließ.«</p> + +<p>»Lobsich? — hier in New-Orleans? — was ist mit +dem?« rief Hopfgarten.</p> + +<p>»Kennen Sie ihn?«</p> + +<p>»Von Milwaukie her — das ist ja derselbe Wirth, in +dessen Hause ich verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat +er sein Gasthaus aufgegeben?«</p> + +<p>»Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben +scheint, ist ihm gestorben,« sagte Ledermann, »und der Mann +hat dann wahrscheinlich durch den Trunk — denn er taumelte +selbst hier, als ich ihn sah — sein Geschäft nach und nach +ruinirt.«</p> + +<p>»Hat er Sie gesehn?« frug Hopfgarten lächelnd.</p> + +<p>»Brille und Bart haben mich sehr verändert,« erwiederte +Ledermann etwas verlegen; »ich kann darin ziemlich sicher sein; +dennoch fühle ich mich nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich +in nächster Zeit weiter in das Innere zurückziehn; +es kommen doch fast zu viel Bekannte hierher.«</p> + +<p>Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzählen, +was er von den hiesigen Verhältnissen seiner Bekannten +wußte, und besonders interessirte ihn dabei Hedwig Loßenwerders +glückliche Verbindung, die sie in eine angenehme und unabhängige +Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe +für Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders +bei sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blättern +veröffentlichte Erklärung der Gerichte selber, nach denen der +damals angeschuldigte, und durch unglückliche Umstände zum +Selbstmord getriebene Franz Loßenwerder von jeder Schuld an +dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen, und sein +Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. +Herr Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklärung +erlassen, und überhaupt Alles gethan, was in seinen Kräften +stand, wenigstens das Andenken des armen unglücklichen Menschen +von jedem bösen Leumund zu befreien, und seinen ehrlichen +Namen wieder herzustellen. Ein einfacher Stein auf seinem +Grabe erzählte ebenfalls in kurzen schlichten Worten seine +Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen — guter +Gott, er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene +Worte konnten das Unrecht nicht ungeschehen machen, das +ein armes, treues Menschenherz in Gram und Schmerz gebrochen.</p> + +<p>Wie froh, aber auch wie schmerzlich mußte die arme +Hedwig eine solche Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb +ihren Mann die junge Frau, die sie schon auf dem Schiffe lieb +gewonnen, und mit der sie auch in New-Orleans öfter +zusammengekommen, heute Abend <span class="wide">mit</span> dem jungen Hamann +hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich +verstand sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen +augenblicklich hinüber nach Fayetteville zu fahren und die +jungen Leute gleich mitzubringen. Ledermann hatte noch einige +Geschäfte zu besorgen, versprach aber auch gegen Abend zurückzukommen +und diesen in ihrer Gesellschaft zu verbringen.</p> + +<p>Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, +öffnete ihnen das junge Quadroon-Mädchen die Thür.</p> + +<p>»Wetter noch einmal, was ist das für ein liebes freundliches +Gesicht,« sagte Hopfgarten, als sie draußen auf der +Straße waren, und dem nächsten Omnibus zugingen, »doch +mit Negerblut in den Adern.«</p> + +<p>»Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe +thun können,« lächelte Eltrich, »eine durch mich befreite +Sclavin.«</p> + +<p>»Was?« rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach +ihm umdrehend, »das hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie +schon Zeit zu Entführungen gehabt — davon haben Sie mir +ja kein Wort erzählt.«</p> + +<p>»Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen +Hintergrund — ich habe sie, mit Hülfe meines früheren Wirthes, +der mir die Hälfte der Summe vorgestreckt, <span class="wide">gekauft,</span> +und diese zweite Hälfte arbeitet sie nun selber ab, so daß sie, +mit den Geschenken, die sie bekommt, denn alle meine Freunde +nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei Jahren, +vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin +sein wird. Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, +denn hier ist unser Omnibus, der uns hinüber nach Fayetteville +nehmen soll.«</p> + +<p>Sie stiegen in den schon ziemlich gefüllten, auf Rädern +gestellten unförmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von +einem Ende der Stadt zum andern zu befördern, und mußten +eng zusammenrücken, da der Bursche hinten am Schlag hinein +beförderte, was eben Passage bezahlte, gleichviel wie viel Platz +der inwendige Raum bot.</p> + +<p>Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, +daß ihre Kniee ineinanderpreßten, saß ein sehr anständig +gekleideter Mann, der Hopfgarten ungemein bekannt vorkam. +Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der schon einbrechenden +Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem letztern die +Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:</p> + +<p>»Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reisegefährten +sind — Herr Eltrich — Herr von Hopfgarten — nicht wahr?«</p> + +<p>»Leupold, wahrhaftig!« rief Eltrich, rasch und freundlich +die dargebotene Hand nehmend und schüttelnd, »wir haben +uns nicht gesehn seit wir das Schiff verlassen; wie geht es +Ihnen?«</p> + +<p>»Körperlich <span class="wide">recht</span> gut,« sagte Leupold, doch ein recht +wehmüthiger Zug um den Mund strafte ihn Lügen dabei, oder +verbarg mehr als er sagen wollte.</p> + +<p>»Sie sind hier in New-Orleans etablirt?« frug ihn Hopfgarten.</p> + +<p>»Ja, Herr Baron, und ich muß gestehen, ich habe viel +Glück gehabt — wie man hier so im gemeinen Leben sagt — in +meiner Familie aber destomehr Leid.«</p> + +<p>»Ist Ihre Mutter krank geworden?« frug Eltrich.</p> + +<p>»Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;« erwiederte +Leupold, »auch ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern +an der Seuche verloren, und den ich an Kindesstatt zu mir +genommen hatte, nur irgend Jemand zu haben, den ich lieben +konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und ich arbeite jetzt +eigentlich für weiter Nichts, als eben zu essen und zu trinken.«</p> + +<p>»Doch sonst geht es Ihnen gut?« frug Hopfgarten.</p> + +<p>»Was pecuniäre Verhältnisse betrifft, allerdings. Wie +das gelbe Fieber dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkommen +konnte. Ich selber hatte eine stille Hoffnung, daß mich +Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck und Ziel sich so +allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt +verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, +Gott weiß wie vielen Leichen, fertigte Särge so viel ich +mit vier bei mir ausharrenden Gesellen fertigen konnte, und +verdiente ungezähltes Geld in der Zeit — ich ginge auch gern +zurück nach Deutschland, aber — ich habe den Muth nicht +dazu — ich werde die nächste gelbe Fieberzeit noch abwarten, +und sehen was da wird.«</p> + +<p>»Sie fühlen sich nicht wohl in Amerika?« sagte Hopfgarten +mitleidig.</p> + +<p>»Wie soll man sich da wohl fühlen, wenn man Alles +verloren hat, was Einem noch lieb und theuer auf dieser +Welt war, und für das nur einzig und allein man arbeitete. +Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu verdienen, wenn +man fleißig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es mir in +Deutschland schlecht gegangen wäre. — Aber ich will Ihnen +nicht die Ohren voll lamentiren — überhaupt ist hier die +Straße, wo ich aussteigen muß. Es hat mich <span class="wide">herzlich</span> gefreut +Sie wieder einmal begrüßen zu können!«</p> + +<p>Er reichte ihnen die Hand, schüttelte sie freundlich, und +drängte sich dann durch die ihm mürrisch Raum gebenden +Passagiere der Thüre zu, den Omnibus zu verlassen.</p> + +<p>»Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,« +sagte Eltrich traurig, »lieber Gott, wenn ich mich in seine +Lage setze, kann ich mir recht gut denken, wie furchtbar es ihm +sein muß, jetzt so allein und verlassen dazustehen. Was hilft +ihm das Geld, das er verdient, wenn er Niemanden hat, der +es mit ihm theilt, für den er spart.«</p> + +<p>»Es ist seine eigene Schuld,« sagte aber Hopfgarten +achselzuckend, »er hat uns selbst erzählt, daß es ihm in Deutschland +nicht schlecht gegangen wäre; weshalb wandert er da +aus? — Das kommt von dem thörichten Misvergnügtsein +ohne Grund.«</p> + +<p>»Lieber Gott, es läßt sich da doch Manches zur Entschuldigung +sagen,« seufzte Eltrich, »wir könnten es auch den +Trieb sich zu verbessern nennen, den doch jeder Mensch in der +Brust mit herum trägt — warum ihm den schlimmsten Namen +geben? Thäten die daheim, deren <span class="wide">Pflicht</span> es wäre, für das +wahre Glück der Völker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen +das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten sie, +daß das »Von Gottes Gnaden« nicht nur auf <span class="wide">ein</span> Haupt +niedergeht und da ruhen bleibt, als auf etwas ganz Besonderem — wie +oft nur auf etwas sehr Gewöhnlichem — sondern +niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste unscheinbarste +Wiesenblume. Stäke mit einem Wort einer Masse +Menschen da drüben nicht der verdammte Dünkel zu fest in der +Stirne aus einem ganz besonders feinen Porcellainteig geknetet +und gebrannt zu sein, Tausende würden nicht daran denken, +die Heimath zu verlassen, sondern in einer möglich bürgerlichen +Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth treibt vielleicht +nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große +Wasser, der Ekel das andere — und <span class="wide">das</span> gerade thut Deutschland +weh — unendlich weh, denn <span class="wide">was</span> für wackere Kräfte +sind ihm dadurch verloren gegangen.«</p> + +<p>»Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,« lachte Hopfgarten.</p> + +<p>»Nein, leider Gottes,« seufzte Eltrich, »<span class="wide">die</span> liegen an +zweifarbigen Bändchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt +sich in seiner Unschuld in Nähr-, Wehr- und Lehrstand — daß +er den <span class="wide">Zehr</span>stand gar nicht dabei berücksichtigt. Wie war +Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach Deutschland zurückkamen?«</p> + +<p>»Wunderbar,« lachte der Gefragte, »unendlich wunderbar — ich +gebe Ihnen mein Wort, es kam mir in einem fort +so vor, als ob die Leute nur Comödie spielten — und sie +thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien Leben, +das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen +hat, aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene +Entwickelung garantirt, wieder hinüber in das abgetheilte, +angeblich <span class="wide">geordnete</span> Leben kommt, wo die Menschen +wie in Gefachen, mit kleinen darauf geklebten Zettelchen eingeschachtelt +liegen, sieht wie die untersten, bequemsten Gefache +fortwährend herausgezogen und gebraucht werden, während +auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenstaub liegt, und dann +zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig ist, und wie es +noch eine andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und +fröhlich aufathmen dürfen; wenn man sieht, wie das dort +kriecht und scharwenzelt, und auf Kindereien sein höchstes Ziel +setzt, wenn man einen Blick wieder auf jenen Beamten-Wust +wirft, der einem in das Kleinste zergliederten, auf das peinlich +kunstvollste hergestellten und berechneten Räderwerk gleicht — einfach +einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert +man sich wirklich, daß die eigentlichen Menschen nicht +<span class="wide">Alle</span> auswandern und das ganze kunstvolle Beamtensystem, +wie ein von Insekten skelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.«</p> + +<p>»Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?« frug +Eltrich.</p> + +<p>»Es ist ja das Vaterland,« sagte Hopfgarten herzlich, +»der Himmel ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so +grün wie daheim. Sie mögen mich auslachen, lieber Eltrich, +aber wie ich im vorigen Herbst zurückfuhr, und in der Nordsee +die nackten Sanddünen, den Thurm von Wanger-Ooge wieder +sah, hab' ich geweint wie ein Kind — es giebt doch nur ein +Deutschland.«</p> + +<p>»Ja, leicht können sie's nicht todtmachen,« rief Eltrich, +»aber ich kehre doch nicht dahin zurück.«</p> + +<p>»Verschwören Sie's nicht,« rief Hopfgarten; »es kommt +doch eine Zeit, wo es uns wieder hinüberzieht — das Grab +unserer Väter ist ein heiliger Platz, wo wir mit beiden Händen +anfassen müssen, wenn wir unser Herz davon losreißen +wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt +da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür +bin ich schon zu viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich +auf das Land zurück und lebe mir und den Meinen. Denken +Sie nie an unsern Frühling, wenn die Lerche an zu wirbeln +fängt, wenn die Birken keimen — werden Sie das je vergessen können?«</p> + +<p>»Ich will's versuchen,« sagte Eltrich seufzend, »aber hier +ist unser Halteplatz — dort in der Straße liegt für jetzt unser +»Deutsches Vaterland«.«</p> + +<p>»Ein trauriger Ersatz,« lächelte Hopfgarten, als der Wagen +hielt, und sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen +mußten.</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap7" id="kap7"></a>Capitel 7.</h2> +<h3>Meier, Pelz & Co.</h3> + +<p>Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher +das »Deutsche Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, +denn der kurzen Dämmerung in Amerika folgt rasch +und fast plötzlich die Nacht. Dicht vor der Thür des Gasthauses +standen drei Leute in leisem, flüsternden Gespräch, und +als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte er +bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte +Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich +auf das Wo und Wann einer Begegnung erinnern konnte. +Die Männer wandten sich aber rasch von ihnen ab, und gingen +langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das Schenkzimmer, +sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach oben +in Verbindung stand.</p> + +<p>Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten +gleich nachher die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo +sie den jungen Hamann allein, und mit verschränkten Armen +und finster zusammengezogenen Brauen auf und abgehend, +fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner +Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen +waren, und hörte mit großer Theilnahme, wie jener +schändliche Verdacht endlich auch öffentlich von dem unglücklichen +Bruder seiner Frau gewälzt sei, und diese sich doch nun +wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher Sorge vom +Herzen.</p> + +<p>Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend +mit Hedwig bei ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens +für sich selber, ablehnen, wenn auch die Frau kein Hinderniß +hatte, und unter Eltrichs Schutz die Herren gern begleiten +würde.</p> + +<p>»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt +im Haus gehabt,« setzte er, sich entschuldigend, hinzu, +»und meinen Barkeeper, einen nichtsnutzigen, frechen Gesellen, +den ich, wie ich fast fürchte, auf verbotenen Wegen ertappte, +zum Teufel jagen müssen.«</p> + +<p>»Ihren Jimmy?« rief Eltrich — »Gott sei Dank, daß +der Bursche fort ist; wenn irgend Jemand auf der Welt, +so hatte der eine böse, galgenwürdige Physiognomie, und ich +bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht Lügen.«</p> + +<p>»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, +»widerspräche dem wenigstens nicht, denn ich fand ihn über +Tisch in dem Zimmer einiger meiner »Boarder,« die, wie vermuthet +wird, viel Geld bei sich haben, bei einer sehr verdächtigen +Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr hübsche +Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh, +den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten +und füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden +zu sein, nur muß ich jetzt, bis ich mich morgen nach einer +passenden Persönlichkeit dafür umsehen kann, selber die Stelle +verwalten. Sie thun mir übrigens einen Gefallen,« setzte er +dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf gingen +und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines +Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. +Meine Gäste sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen +hier in der Bar bleiben; hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, +was heute früher als gewöhnlich geschehen wird, komme ich +noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in meinem +kleinen Wagen ab.«</p> + +<p>Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu +leisten, als die Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, +Hopfgarten und Eltrich aber kaum erblickte, als er auch +schon mit einem lauten, etwas exaltirten Freudenruf auf sie +zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich alle Gewalt +anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.</p> + +<p>»Ach Herr von Hopfgarten — ach Herr Kapellmeister — welch +glückliches Zusammentreffen — nein, ich kann Ihnen +gar nicht sagen, <span class="wide">wie</span> froh ich bin, Sie endlich einmal wieder +zu sehn. Wie geht es Ihnen? — was machen, was treiben +Sie — Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken, bitte +meine Herren, was nehmen Sie — ich habe ja überhaupt hier +noch eine kleine Kreide stehn —«</p> + +<p>»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den +Dichter dabei mit einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen +Gunsten, von oben bis unten messend — »wie kommen Sie +wieder nach New-Orleans?«</p> + +<p>»Ich? — lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem +verwünschten Lande hin!« rief Theobald mit einer gewissen +Wehmuth aus —</p> + +<div class="center"> +<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary=""> +<tr><td align="left">»Treibt auf wildbewegtem Meere</td></tr> +<tr><td align="left"> Auch mein schwank-gebrecher Nachen,</td></tr> +<tr><td align="left"> Dräut mir auch der Wogen Schwere,</td></tr> +<tr><td align="left"> Soll's mich doch nicht muthlos machen —</td></tr> +</table> +</div> + +<p class="noindent">»wo kommt man hier <span class="wide">nicht</span> hin? — sag' ich noch einmal — Sie +kennen ja die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in +meinem Himmel mit mir leben — <i>à la bonheur</i>, aber auf +Erden sind alle Kämmerchen vermiethet« — Nichts wie Prosa, +Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in der das dumme +Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher begabter +Mensch auch noch mit etwas Anderem <span class="wide">arbeiten</span> könnte, +als mit Spitzhacke und Schaufel. <span class="wide">Arbeiten</span> schreien +sie — <span class="wide">arbeiten,</span> immer nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, +rechnen sie nicht, das nennen sie faullenzen. Aber zum Henker +mit der Bande, wenn's uns hier nicht länger gefällt, Herr von +Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und jetzt wollen +wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser aufgestellt — bitte, +was nehmen Sie?«</p> + +<p>»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend — Theobald +sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele +Sechs-Cent-Stücke wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, +und zugleich ließ sein ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes +Wesen auch noch überdieß darauf schließen, daß er schon selber +eigentlich mehr wie seine tägliche Quantität getrunken habe — »bitte, +erzählen Sie mir lieber, wie es Lobensteins geht, was +sie thun und treiben und wie der Professor mit seinen Arbeiten +vorwärts rückt.«</p> + +<p>»Bah — <span class="wide">so</span> viel für den Professor,« rief Theobald mit +einer wegwerfenden Bewegung — »ein Schwachkopf, der sich +einbildet, von Landwirthschaft und Poesie gleich viel zu verstehn, +und wirklich gleich viel davon versteht. Er ist ruinirt, +und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der Jagd todtgeschossen —«</p> + +<p>»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das +ist ja furchtbar, und Sie erzählen das hier, als ob Sie die +Leute nicht das Mindeste angingen.«</p> + +<p>»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig — »wenn +Jemand Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der +Professor gegen <span class="wide">mich;</span> ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, +ich habe ihm auch meinen Geist geliehen; aber die Rathschläge, +die ich ihm gab, konnten ihn nur noch eine Zeit lang über +Wasser halten — sein eignes Gewicht zog ihn in die Tiefe.«</p> + +<p>»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten.</p> + +<p>»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« +sagte Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls +gezwungen sein, seine Farm zu verkaufen, weil er Schulden +hat, die er nicht tilgen kann. Aber kommen Sie, meine +Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.«</p> + +<p>Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, +Theobald drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in +Amerika für eine Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man +eingeladen wird, nicht zu trinken, traten die beiden Männer, +um ihn nur loszuwerden, mit ihm an den Schenktisch.</p> + +<p>Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich +hoben sie mit einem höflichen Nicken gegen den jungen Mann, +der mit einer hochtragischen Bewegung, den Arm ausstreckend, +rief:</p> + +<p>»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und +Freunde, die edle Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der +Geist verlangt Geist:</p> + +<div class="center"> +<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary=""> +<tr><td align="left">So fließe denn dieser edle Trank,</td></tr> +<tr><td align="left">Ein perlender Tropfen Himmelsthau,</td></tr> +<tr><td align="left">Als Weiheopfer, als Gottes Dank,</td></tr> +<tr><td align="left">Den schönen Augen der schönsten Frau.</td></tr> +<tr><td align="left">Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut —</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="wide">Sie,</span> deren Bild uns im Herzen ruht</td></tr> +<tr><td align="center">Lebe hoch!«</td></tr> +</table> +</div> + +<p>»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem +sie ihre Gläser leerten.</p> + +<p>»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte +der Kapellmeister, »die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie +am Ende kennen? — an Bord ging einmal ein unbestimmtes +Gerücht —«</p> + +<p>Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den +Arm abwehrend aus:</p> + +<div class="center"> +<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary=""> +<tr><td align="left">»Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,</td></tr> +<tr><td align="left"> Da ruht mit dem Bild auch der Namen,</td></tr> +<tr><td align="left"> Ein düsterer Schleier decket das zu —</td></tr> +<tr><td align="left"> <span class="wide">Ich</span> bin zu dem Bild nur der Rahmen —</td></tr> +</table> +</div> + +<p class="noindent">aber apropos« — wandte er sich dann rascher und lebhafter +plötzlich an den Kapellmeister — »ich habe ein paar prächtige +Lieder für Sie zum Komponiren, lieber Eltrich — ich weiß, +daß Sie in neuerer Zeit einige Lieder von Heine und Freiligrath +reizend in Musik gesetzt haben, das sind aber natürlich +nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie sich in +Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den +meinigen werden Sie <span class="wide">Deutschen</span> Geist in Amerikanischer +Hülle finden, etwas Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, +wie ich fest überzeugt bin, Ihre Hörer entzücken können, und +ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein die Wahl zwischen +einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten, sondern +Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu +überlassen.«</p> + +<p>»Sie sind <span class="wide">sehr</span> gütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, +verlegen, wie er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch +wieder zu gutmüthig, geradezu nein zu sagen. »Sie werden +mir erlauben, daß ich die Sachen einmal gelegentlich durchsehe, +denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr mit andern +Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu +können —«</p> + +<p>»Oh gewiß — gewiß,« rief Theobald rasch — »aber — mit +dem Lesen, wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich +weiß zu gut, wie ungern Leute Manuscript lesen, und wie verschieden +sich auch etwas im Manuscript und Vortrag ausnimmt. +Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes +Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit —« er +holte dabei ein etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript +aus der Tasche — einmal hier flüchtig vorläse; es +würde —«</p> + +<p>»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wir <span class="wide">müssen</span> hinaufgehn, +es wird die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann +noch heute Abend mit fortnehmen wollen, und Sie wissen, ich +habe <span class="wide">wichtige</span> Sachen mit ihr zu besprechen.«</p> + +<p>»Sie haben recht,« rief Eltrich — »wir müssen uns +wahrhaftig heute entschuldigen, Herr Theobald — wenn Sie +mir später das Manuscript vielleicht einmal anvertrauen wollen, +so würde ich —«</p> + +<p>»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen +in Ihrer eigenen Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch +entschlossen — »zu welcher Zeit trifft man Sie am Besten?«</p> + +<p>»Es ist jetzt <span class="wide">sehr</span> unbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen +Winken Hopfgartens nachgebend und seinen Hut +nehmend — »vielleicht einmal Nachmittags — also auf Wiedersehn, +Herr Theobald —«</p> + +<p>»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister — auf Wiedersehn +Herr von Hopfgarten.«</p> + +<p>»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los +sind,« sagte Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der +im Hause hin zur nach oben führenden Treppe gingen, »der +wäre im Stande gewesen und hätte uns die halbe Nacht seine +faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber — alle Wetter, +Eltrich — hier ist's dunkel — kennen Sie den Weg?«</p> + +<p>»Ja — ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben +gewesen, und da dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe +gebrannt; aber kommen Sie nur — hier ist das Geländer — fassen +Sie mich an — so — sehn Sie? — hier steigen wir hinauf, +und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich oben an der +Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die +Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.«</p> + +<p>»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten.</p> + +<p>»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange +leben; sehn Sie, da sind wir schon — fallen Sie nicht wieder +rückwärts hinunter, es geht ganz häßlich steil ab. Daß die +Leute hier auch keine Laterne brennen, man könnte ja Hals +und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!« und +den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke +drinnen hell und klar ertönte.</p> + +<p>Alles todtenstill — kein Laut antwortete.</p> + +<p>»Sie haben es nicht gehört — ziehn Sie noch einmal,« +sagte Hopfgarten.</p> + +<p>Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und +legte dann das Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören +könne.</p> + +<p>»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender +Schrei zu ihm herüber — »Hülfe!« rief es noch einmal, aber +mit schwacher, gedämpfter, doch nichtsdestoweniger deutlicher +Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund zu schließen +suchte.</p> + +<p>»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei +aber ebenfalls gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne +irgend eine Frage zu thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, +fühlte er nach der Thür, und führte im nächsten Augenblick +einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt gerade nach der, +eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese gleich mit +dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die Bresche +passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt, +hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem +inneren Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, +aus der ein Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk +weiterer, nur weniger Secunden war.</p> +<p> </p> +<hr class="min" /> +<p> </p> +<p>Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die +Fronte des einen <i>square</i> haltend, zwei Männer in eifrigem, +aber mit unterdrückter Stimme geführten Gespräch, mit raschen +Schritten auf und ab. Allem Anschein nach erwarteten sie +Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem Herüber- und +Hinübersuchen, anschloß.</p> + +<p>»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, +Meier (der Andere war sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen — »wird's +noch was heute Abend?«</p> + +<p>»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher +Stimme, »denn schon heut' Morgen war die Rede davon, daß +sie den Alten am nächsten Tag hinüberbetten wollten, wo die +jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er dort mehr Pflege +hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.«</p> + +<p>»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch.</p> + +<p>»<span class="wide">Lohnt's?</span>»wiederholte Jimmy ärgerlich — »glaubt +Ihr, daß <span class="wide">ich</span> meinen Hals an so eine Geschichte setzen würde, +<span class="wide">wenn's</span> nicht eben was Außerordentliches wäre?«</p> + +<p>»Na, ob <span class="wide">Dein</span> Hals das gerade ist,« brummte Meier.</p> + +<p>»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz +mürrisch, »also Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen +Schlag <span class="wide">genug</span> kriegen können, Jimmy.«</p> + +<p>»Ich <span class="wide">glaube</span> gar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, +»ich <span class="wide">weiß,</span> daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen +Holzschrank, den er nicht gegen einen eisernen vertauscht +hat, um sich nicht in den Verdacht zu bringen, daß er wirklich +etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung habe, für vielleicht +hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und Aktien liegen +hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den +Deckel sprengen.«</p> + +<p>»Und der Alte?«</p> + +<p>»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf +und dreißig Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, +weil ich nicht da bin, in der Bar bleiben, und die Frau guckt +nach der Kaffeekanne im Eßzimmer, daß Niemand eine Tasse +zu viel trinkt.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht — mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« +meinte Meier — »ja wenn ich selber den Grund und +Boden, und die Winkel und Schliche da kennte, wo man hinausfahren +muß, wenn's Noth thut, dann wär' mir's gerade +recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes +Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, +hineinführen zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. +Passirt 'was, so drückt sich Jimmy sachte ab, und wir +Andern sitzen drin.«</p> + +<p>»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« +rief Jimmy — »wir brauchen auf der Welt weiter +Nichts zu thun, als die Treppe im Haus hinaufzugehn; +in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür — die schließen +wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und +die Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, +steht auf.«</p> + +<p>»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da +hättet Du ja auch die ganze Geschichte allein machen, und den +Profit allein in die Tasche stecken können.«</p> + +<p>»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb +mürrisch, »aber — es ist mir so ein eignes, wunderliches +Gefühl mit dem Alten. Mit <span class="wide">einer</span> Hand könnte man ihn +zusammendrücken, und doch — doch <span class="wide">fürcht</span>' ich mich vor ihm; +sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter, und er +schläft — Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt — mit +einem Auge offen.«</p> + +<p>»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier.</p> + +<p>»Daß ihn der gelbe Jack hole,« fluchte Jimmy — »ich +vergelte ihm die heutige Behandlung, oder ich will im Leben +keinen Brandy wieder trinken; er soll's noch bereuen, mich +auf diese Weise behandelt zu haben. Doch jetzt kommt, denn +wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem Schlage sieben +gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind +wir sicher; länger keine Secunde.«</p> + +<p>»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die +Thüre draußen kommt und hinein will?« frug Meier.</p> + +<p>»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, +»und aus dieser führt eine stets offen stehende Thür nach dem +Gang hinaus, der in den andern Theil des Hauses läuft — aber +es <span class="wide">kommt</span> auch Niemand, zum Donnerwetter noch einmal; +und wenn auch, so wär's vielleicht der junge Tölpel selber, +und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl +einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar +Secunden ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, +und in der Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, +ist eine Verfolgung ganz unmöglich. Ja, wenn's nach +zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine einzige Wachtmann-Rassel +ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals +ziehn.«</p> + +<p>Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, +seine letzten Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz +überkommen, doch bei Seite gestellt zu haben, und die drei Männer +schritten jetzt raschen Ganges, sich unterwegs das Weitere +überlegend, ein Stück noch am Wasser, und dann die Straße +hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte.</p> + +<p>Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen +und Karaffen besetzten Fenster des »Barrooms« konnten +sie von außen ganz deutlich die kleine Uhr im Innern erkennen, +die drei Minuten über sieben zeigte. Dennoch zögerten +sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie nicht zu früh +kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der +junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von +außen ebenfalls deutlich erkennen; so weit stand die Sache +günstig genug für sie, und die Gäste waren jedenfalls schon +drin bei Tisch.</p> + +<p>Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen +auf die Thür des Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten +sich nach ihnen um, wandten sich aber auch fast unwillkürlich +wieder ab, und schritten dem kleinen Thorweg zu, der +neben dem Schenkzimmer in das Haus führte.</p> + +<p>»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier +Pelz zu.</p> + +<p>»Ja!« nickte dieser leise — »ein paar alte Bekannte; das +schadet Nichts — im Gegentheil, die halten den jungen +Laffen da drin um so sicherer an der Flasche fest, und in zehn +Minuten können wir wieder unten sein.«</p> + +<p>Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit +ihnen zu wechseln, rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, +an der oben ein Licht brannte; an diesem zündete Pelz, wie +schon vorher verabredet, seine eigene kleine Blendlaterne an, und +bließ es dann aus, und oben wollten sie ihren Weg wieder +fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange hörten und +einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter und +auf dieselbe Thür zukam, in der auch <span class="wide">ihr</span> Ziel lag.</p> + +<p>»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig +vor sich hin — »das ist die Madame — was zum Donnerwetter +hat denn <span class="wide">die</span> heute Abend bei dem Alten zu suchen? — Ruhig +Leute, wir müssen hier einen Augenblick warten; sie wird +nicht lange bleiben.«</p> + +<p>Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang +herüber kam, nach dem Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem +Schlüssel, den sie bei sich trug, die Thür, und sah sich dabei +nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe um, unter der +die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu entzünden, +den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter +sich in's Schloß.</p> + +<p>»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier +finster vor sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet +er das ganze Nest.«</p> + +<p>»Das wär' weiter keine <span class="wide">Gefahr,</span>« flüsterte Jimmy zurück, +»wir gingen nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel +wüßte in der Dunkelheit, wer's gewesen ist.«</p> + +<p>»Und das Geld?« frug Pelz.</p> + +<p>»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy +zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder +anfing, seine Finger zu knacken.</p> + +<p>»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, +doch zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du +das verdammte Knacken lassen, das hört man ja durch's ganze +Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich als Sturmglocke +dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir +zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder +nicht, wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun +haben. Wir sind unserer drei, und mit einer solchen Aussicht +vor uns, daß <span class="wide">wir</span> künftig von unseren Interessen leben können +und eben nur zuzulangen brauchen, sollte uns <span class="wide">das</span> wenigstens +nicht abhalten.«</p> + +<p>»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, +ängstlich werdend — »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, +denn <span class="wide">da</span>mit möchte ich Nichts zu thun haben.«</p> + +<p>»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? +wir verlangen von denen da drinnen weiter Nichts, als daß +sie ein paar Minuten das Maul halten, und dazu können wir +sie schon bringen, ohne ihnen gleich den Hals abzuschneiden.«</p> + +<p>»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte +Jimmy noch einmal; »sie <span class="wide">muß</span> gleich wieder zurückkommen.«</p> + +<p>Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern +kauerten eine ganze Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, +gleich vorsichtig dabei nach oben wie unten horchend, ob sich +kein gefährliches Geräusch irgendwo vernehmen lasse. Es blieb +todtenstill, denn im Haus war Alles im Eßzimmer versammelt, +die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy selbst +fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben auszuführen, +wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, +und damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, +wenn Sie nun nicht an's Werk gingen, wolle <span class="wide">er</span> mit +der Sache nichts weiter zu thun haben, da er hier auf der +Treppe nervös würde, stand er langsam auf, bat die Männer +noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu enthalten, und stieg +langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen Stufen noch +hinauf.</p> + +<p>Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch +jetzt thaten, so geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen +und mit dem Schlüssel, den Jimmy bei sich führte, wieder +hinter sich schließen, dann über den Vorsaal schleichen, wo sie +hatten vorsichtig an der Thür des Alten anklopfen wollen, erst +zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen der Frau +diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so leise +sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin, +wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann +die Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen +alle drei zu gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen +auch wirklich nur einen Schrei der Überraschung +ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz warf sich dabei auf den +Alten, der neben seinem Bett auf einem großen Stuhle saß, +während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und +ihr mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen +Laut von sich gebe.</p> + +<p>Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte +Geizhals, stets in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß +selbst Jimmy etwas davon wußte, fortwährend ein paar geladene +Pistolen neben sich auf demselben Tisch, auf dem seine +Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt liegen, und fast +instinktartig nach diesen in demselben Moment gegriffen, als +er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah. Spannen +und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen +Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen +Knall des Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls +geschehen gewesen, hätte die Pistole, die da schon Gott weiß +wie lange geladen lag, nicht versagt. Der alte Gauner erschrak +aber doch nicht wenig über die nahe Todesgefahr, und +als Hamann, den Anspringenden mit dem linken ausgestreckten +Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff, +führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand +verborgenen Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, +daß er ihn besinnungslos zu Boden streckte.</p> + +<p>Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen +zu bekümmern, die er in guten Händen wußte, mit einem Satz +nach dem alten hölzernen Secretair, in dem des Wirthes +Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das er bei sich führte, +brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und leerte den +Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen +Leinwandsack.</p> + +<p>Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; +sie fühlte dabei, wie die Hand des Mörders, dessen +Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr lag, und vermochte keinen +Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst frei und unberührt +gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer fabelhaften Geschäftigkeit, +und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten enthoben +dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen +konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die +kleine Klingel an der Vorsaalthür ertönte.</p> + +<p>Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in +aller Glieder — die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, +und selbst Meier ließ in seinem Griff an Hedwig — nur erst +zu wissen, welcher Art die Gefahr sei, die ihnen drohe, etwas +nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues Leben durch +die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm, +dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, +unbekümmert um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, +jenen wilden gellenden Hülferuf aus.</p> + +<p>»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, +und suchte mit seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, +ihren Mund zu decken.</p> + +<p>»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte +in dem Augenblick die dünne Thür zusammen.</p> + +<p>»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den +Leinwandsack fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. +Hier aber mußte er an Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen +war allein in dem fremden Haus im Stich gelassen zu +werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz an den Beiden +vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen +fest. —</p> + +<p>»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den +Weg mußt Du mir wenigstens zeigen, und daß <span class="wide">Du</span> hier, +mein Täubchen, uns nicht indessen vor der Zeit das ganze +Haus über den Hals schreist, nimm <span class="wide">das</span> indessen,« und sie +loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut gemeinten +Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, +der dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie +nicht, die Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm +geworfen, und sich fest an ihn angeklammert hätte.</p> + +<p>»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt +um das eigene Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, +riß sich von Meiers Griff los, und sprang ebenfalls +in die Kammer, während dieser indeß umsonst versuchte die +Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines, nach +ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen +Kräfte zu wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn +fest umklammert, und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, +riß ein Messer aus seinen Gürtel, als die Stubenthür +auf- und Hopfgarten in demselben Moment auch in gänzlicher +Verachtung der eben so rasch auf ihn gerichteten Waffe, gegen +den Mörder anflog.</p> + +<p>Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so +gut das im Augenblick ging, abwehrend, warf er sich mit +dem ganzen Gewicht seines Körpers so voll und gut gewillt +gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren, jetzt aber auch noch +durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln brachte, und +Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest +niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch +Beide mit seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, +während aus dem ganzen Haus schon die Leute, durch das +Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und zur Hülfe strömten.</p> + +<p>»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung +seine Arme wenigstens frei zu bekommen, und mit +der Angst jetzt vor der gerechten Strafe, »lassen Sie mich +los — ich — ich weiß, wen Sie suchen — ich weiß — ich weiß +wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt — aber — heut +Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier — lassen +Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden +können!«</p> + +<p>»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte +man einen Wolf mit dem andern fangen.«</p> + +<p>»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief +aber Eltrich, der das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln +fühlte, »der Bursche ist zum Galgen reif — Hülfe — Hülfe hierher.«</p> + +<p>Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des +Räubers, aber die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, +und <span class="wide">nicht</span> verschlossen gewesen war, wurde in diesem Augenblick +von den herbeistürmenden Boarders, mit dem jungen +Hamann an der Spitze, gesprengt, während von der Straße +herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten +später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten +und Eltrich, den Gefangenen der Masse überlassend, konnten +jetzt daran denken das wild umhergestreute und gefährdete +Eigenthum des alten Mannes in Sicherheit zu bringen. Die +indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie in dem Schutz +ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten +alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben +und auf sein Bett getragen.</p> + +<p>Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler +mitgekommen, die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier +vor allen Dingen in Gewahrsam nahmen. Andere, die von +unten heraufkamen, hatten eine dunkle Gestalt zum Haus hinauslaufen +sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof zuführenden +Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber +dort wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich +abgelaufenen Sprung aus dem Fenster, verloren haben +mußte.</p> + +<p>Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen +ihres Gatten wieder soweit erholte sprechen zu können, +erfuhren sie, daß drei Männer: der Gefangene, ein früherer +Reisegefährte Pelz, und ihr heute fortgeschickter Barkeeper, die +Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der sich indessen mit dem +alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem Augenblick die +Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick +mehr zweifeln, daß er <span class="wide">todt</span> sei.</p> + +<p>Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, +Alles schrie und drängte durcheinander, und Meier, mit auf +dem Rücken festgeschnürten Ellbogen konnte nur wirklich durch +die Constabler vor der Wuth der Bürger geschützt werden, die +große Lust hatten, ihn gleich an Ort und Stelle, als warnendes +Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen.</p> + +<p>Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr +starke Kammerthür verschlossen gewesen, und erst von den zur +Hülfe Eilenden durch gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt +war, jedenfalls mit seinem anderen Kameraden, Pelz, aus dem +Fenster in den Hof hinunter entkommen sein, denn aus der +Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler kannten +ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes +zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, +und ihn in den unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans +hat, herauszustöbern.</p> + +<p>Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, +die erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes +Fleisch das Messer gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn +dahin zu bringen, ihm Näheres über den Aufenthalt Henkels, +von dem er behauptet, daß er darum wisse, mitzutheilen.</p> + +<p>»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, +»macht mit mir was Ihr wollt, Ihr <span class="wide">habt</span> mich einmal, doch +verlangt dann nicht auch noch <span class="wide">Gefälligkeiten</span> von mir. +Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig gewesen wären, +wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber +die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren +Fragen beantworte. Hole Euch Alle der Henker.«</p> + +<p>»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« +sagte der eine Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich +her stieß. »Fort mit Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, +werden wir schon kriegen, hab' keine Furcht; mit solcher Art +wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann, Sie werden +gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß +man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl +auch nicht lange auf sich warten lassen. Einer von unseren +Leuten mag indessen noch vor der Hand unten im Haus bleiben, +vielleicht ist doch noch etwas von Einem der andern beiden +Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau +überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher +Hülfe, und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.«</p> + +<p>Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den +Fremden geräumt, und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich +bat, ihn nur jetzt nicht zu verlassen und bei ihm und seiner +Frau zu bleiben, machte dann mit dem rasch herbeigerufenen +Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu verbinden hatte, +den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's Leben zurückzurufen. +Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in +der Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den +Schädel eingeschlagen und augenblicklichen Tod herbeigeführt.</p> + +<p>Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa +sechzehn Fuß hohen Fenster hinuntergesprungen sein mußten, +war indessen auch nichts weiter zu erkennen. Das Fenster stand +offen, und ließ, mit der unten gefundenen goldenen Uhr allerdings +keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich aber der +Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten +doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen +Alles derart zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ +wohin sich die Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb +übrigens, daß sie durch den schmalen Gang auf die Straße geflohen +wären, und eine Verfolgung war dorthin nicht mehr +möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber konnten +in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und +unbeachtet fortsetzen.</p> + +<p>Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, +deren zarte Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast +erlegen waren, auf ihr Zimmer gebracht, und sie dort der +Pflege von ein paar im Hause wohnenden Frauen, die sich +freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu dem +Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden +Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß +sich dieselben nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In +der Aufregung aber, in der noch Beide waren, dachten sie kaum +an die Fleischrisse, ließen sich jedoch von dem Arzt einen Verband +darum legen und suchten dann wieder den Sohn über +den ihn betroffenen Verlust zu trösten.</p> + +<p>Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden +Erregung vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in +der kleinen Kammer neben dem Bett, auf dem der Ermordete +lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf den Knieen zusammengefalteten +Händen still und schweigend vor sich nieder.</p> + +<p>»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich +auf ihn zutretend und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich +Ihrem Schmerze nicht also hin. Es ist ein trauriges Geschick +was Sie betroffen hat, aber es war Gottes Wille, ohne den +kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa +trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr +Schmerz muß sein Recht und seine Zeit haben — ich weiß +das gut genug, und gerade die Zeit allein kann ihn lindern, +zuletzt heilen — aber man muß ihm auch nicht in dem ersten +Moment so ganz die Gewalt über sich lassen, denn gerade dann +ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß genug +gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen +voll.«</p> + +<p>»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf +so schmähliche, schändliche Weise um sein Leben zu kommen, +das ihm überdieß nur noch in Spannen zugemessen war.« —</p> + +<p>»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe +nicht,« sagte Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung +Ihren sauberen Barkeeper wenigstens abzufangen. Er +behauptete die Schlupfwinkel genau zu kennen, die jener frequentirt, +und wir haben ihm auf die Seele gebunden, kein +Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er vielleicht im +Stande wäre New-Orleans zu verlassen.«</p> + +<p>Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick +durch das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von +einem Blitz getroffen, von seinem Stuhle auf.</p> + +<p>»Was haben Sie? — was ist?« frug ihn Hopfgarten +erstaunt.</p> + +<p>»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem +Mund und ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der +gespanntesten Aufmerksamkeit.</p> + +<p>»Hörten? — <span class="wide">was?</span>« rief Hopfgarten, sich ebenes +überall in dem leeren Raume umschauend.</p> + +<p>»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern +schnalzte,« sagte Eltrich.</p> + +<p>»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, +»ich will nicht selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken +des Buben war. An die Thüren, Herr von Hopfgarten — um +des Heilands Willen an die Thüren — der Bube ist hier +noch im Zimmer versteckt!«</p> + +<p>»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.</p> + +<p>»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? — haben Sie +hier unter dem Bette nachgesehn?«</p> + +<p>»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.«</p> + +<p>»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, +»ich kenne das unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt +verrathen hat,« und das Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er +es kaum an die Erde gehalten, unter das Bett zu leuchten, +auf dem der Ermordete lag, als auch die klägliche Stimme +des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers jedem weiteren +Zweifel der Männer ein Ende machte.</p> + +<p>»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser +mit winselnder, kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um +tausend und tausend Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen +mit einem unglücklichen, verführten, zu Grunde +gerichteten Menschen — oh Jesus, oh Jesus, thun Sie mir +Nichts — ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn, +Alles was ich weiß — Alles herausgeben was ich habe — thun +Sie mir nur Nichts.«</p> + +<p>»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als +<span class="wide">diesen</span> Menschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, +und mit zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er +seines Opfers gewiß war, ein paar Schritte von dem Bette +zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben vorzukommen.</p> + +<p>»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht +vorgekommen!« rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch +verdiente wahrhaftig allein seiner Dummheit wegen begnadigt +zu werden.«</p> + +<p>»Ach bester Herr, bitten Sie — bitten Sie für mich!« +schrie Jimmy, der jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das +Wort klammernd, indem er gegen Hopfgarten an auf den +Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd rang. »Ja +ich <span class="wide">bin</span> zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich +ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen +Streich — o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.«</p> + +<p>Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die +Leiche hin, und Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung +des Armes folgte, sah kaum die furchtbare Lösung der Bewegung, +als er auch mit einem wilden Aufschrei des Entsetzens, +»Herr Jesus — mein Herr Jesus,« nach dem Bette zufliegen +wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn +mit unwiderstehlicher Kraft davon ab.</p> + +<p>»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden +zu, »feiger, erbärmlicher Mörder — rühre die Leiche +nicht an!«</p> + +<p>»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, +ich bin unschuldig.« schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, +ein nichtsnutziger, erbärmlicher, gemeiner Dieb, Herr Hamann, +aber kein Mörder — bei Allem was mir und Ihnen heilig ist, +schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem Blut, ich +weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch +und theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.«</p> + +<p>Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen +wünschte, forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von +Anfang an, wie es gekommen und geschehn, und Jimmy, der +mit der Leiche vor sich, eine furchtbare Angst über sich kommen +fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur von einzelnen +Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles +was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen +beiden Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe +Hedwig hatten in das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, +die Zeit nicht zu versäumen, eingebrochen waren. Was +in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte er keine +Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was +er über und unter der Erde zu schwören fand — und er sprach +dießmal die Wahrheit — daß er nur Hals über Kopf gesucht +habe Schmuck und Geld, was in dem Secretair gelegen, in +seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz und Meier hätten +es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer befindlichen +Personen indessen ruhig zu halten.</p> + +<p>Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, +den Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen +bewachen wollten; Jimmy hörte aber kaum das für ihn +furchtbare Wort, als er sich wieder vor Franz auf die Erde +warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen bat, ihn +nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle +»so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und +Alles herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja +für Herrn Hamann arbeiten von früh bis spät, um Nichts +wie die Kost — <span class="wide">nur</span> keinen Constabler. Der junge Mann +mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei machen, und +Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber +ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen +Hut aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten +Constabler herbeizubringen, der wenige Minuten später den +zitternden, weinenden Jimmy in Empfang nahm, und mit sich +fortführte.</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap8" id="kap8"></a>Capitel 8.</h2> +<h3>Die Überraschung.</h3> + +<p>Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht +eine peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich +sie auch sein mochte, war doch durch das ganze Fleisch des +Oberarmes gedrungen, und schmerzte ihn sehr, und dabei +quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm wach gerufen, +daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch +hieß, hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle +wieder abzureisen. Zwar stellte er sich selber wieder und wieder +vor, daß jenes Versprechen des ertappten Räubers eben +nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei, Rettung zu finden +vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig +von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch +wieder hatte eben die <span class="wide">Möglichkeit</span> der Sache auch etwas +Wahrscheinliches, daß derartiges Gesindel, mochte es nun im +gesellschaftlichen Leben stehen auf welcher Stufe es wolle, wenn +einmal im Verbrechen erst so weit gediehen, auch gegenseitig +Kenntniß von einander habe, und die verschiedenen Schlupfwinkel +und Wege kenne.</p> + +<p>Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu +fassen und unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band +zu lösen, das sein unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er +allein zum zweiten Mal nach Amerika gekommen, jetzt hier +fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm vielleicht mit +nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh? — +wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun +auf den zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und +Booten, die New-Orleans von Tagesanbruch bis in die späte +Nacht verließen, umsonst umherrannte den Verbrecher zu finden. +Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht Jahrelang +dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf? +— ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde +der Gefahr, in den Staaten doch einmal gefangen zu werden, +mit seinem Raube hinüber nach Frankreich oder England, oder +hinunter nach Texas oder Mexico ging?</p> + +<p>Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, +und als er endlich in einen wilden, unruhigen, fieberhaften +Schlummer fiel, quälten ihn tolle Träume noch mehr, als +selbst das wachende Nachdenken es gethan. Da fand er den +Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die, ihm unter +den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn +verfolgen, und der Sattel rutschte ab — das Pferd stürzte, +riß sich wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken +blieb; schießen wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht +in Ordnung — der Pfropfen ging nicht in den Lauf hinunter, +die Zündhütchen glitten ihm durch die Finger, und als er endlich +geladen hatte, versagte das Gewehr; zu Schiff wollte er +ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und +schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube +zu retten suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; +das Dampfboot saß fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern +die schäumende Fluth und in weiter Ferne verlor er den Kahn, +der den hohnlachenden Verbrecher trug, aus den Augen — zu +Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge rissen, ein +Rad brach, die Pferde stürzten — sie kamen nicht von der +Stelle, und vor sich — immer dicht vor sich mußte er das +Hohnlachen des Buben hören.</p> + +<p>In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, +wachte er endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und +verließ, wenngleich ihm der linke Arm arg geschwollen war +und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager, wusch sich +und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung und +seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor +Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland +meldete und ihn bat, sich, wenn er ihm in <span class="wide">irgend etwas</span> +dienen könne, ohne Rückhalt und vertrauungsvoll an ihn zu +wenden. Den Brief übrigens behielt er noch in seiner Brieftasche, +erst den heutigen Tag und seinen Erfolg abzuwarten, +um seine Adresse sicher angeben zu können.</p> + +<p>Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, +nach rasch eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung +hinunter, die dort liegenden Boote zu besuchen und ihre +Passagiere zu revidiren. Vergebens aber kletterte er an Bord +aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten, in Cajüte wie +Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an, und ob +er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und <span class="wide">sämmtliche</span> +Privat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, +fand er doch nicht den Gesuchten.</p> + +<p>Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; +er ging an Bord — von Soldegg keine Spur, und Ledermann, +den er abgeholt, und der den besonderen Auftrag bekommen +hatte, die Fährboote zu überwachen, schien eben so erfolglos +gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge rasch +ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.</p> + +<p>Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von +dem Staatsanwalt einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher +bekommen, Hopfgarten wieder an der Dampfbootladung +treffen, das Weitere dort zu berathen, und dieser schoß indessen in +fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden Arm in der Binde, +hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer vergebens, +eine Spur des Gesuchten zu finden.</p> + +<p>Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern +Ufer, kam ein großer Dampfer herüber und legte an der Landung +an. Vorn am Boilerdeck trug er wie gewöhnlich ein +kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner Bestimmung +und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary=""> +<tr><td align="center" valign="top"><span class="wide"><b>Chikasaw</b></span></td></tr> +<tr><td align="center" valign="top">für Little Rock.</td></tr> +<tr><td align="center" valign="top">Abfahrt <span class="wide">zehn</span> Uhr!</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Der Chikasaw hatte in Algier Fracht für Arkansas eingenommen +und jetzt an der New-Orleans-Landung noch einmal +angelegt, etwaige Passagiere für Arkansas, oder die +dazwischenliegenden Plätze, die schon durch die Zeitungen darauf +aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke +läutete dabei, rasche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte +dick und schwarz in die reine klare Luft hinauf.</p> + +<p>»<span class="wide">Nach Little Rock!</span>« — Hopfgarten gab es ordentlich +einen Stich durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg +wirklich heute beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, +so war Nichts wahrscheinlicher, als daß er wieder nach dem +Westen gehen würde. Jedenfalls lag hier die Möglichkeit, ihn +zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend, daß an +Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand sein Gesicht erkennen +konnte, schritt er rasch über die schmale Planke an Deck +und stieg auf das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten +Passagiere zu mustern.</p> + +<p>Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit +nicht ausgeschlossen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche +Abfahrt des Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und +Hopfgarten beschloß, jedenfalls, bis die Planken eingezogen +würden, in der Cajüte zu bleiben.</p> + +<p>Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwährend +in der Nähe des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick +über die Levée und Landung hatte, und besonders die Planke +des Bootes selber im Auge behielt, ohne selber auffallend sichtbar +zu sein. Es konnte dieses Niemand, ungesehn von ihm, +betreten.</p> + +<p>Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten +Mal läutete, heran; Männer mit Koffern auf den Schultern +und Hutschachteln in der Hand, oder Reisesäcken unter +dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre schweren, riesigen, +hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß +ihres Angesichts, und in der Furcht zurückgelassen zu werden, +über die Levée schleifend — die Frauen Kinder auf Rücken +und Armen. Auch ein Transport Altenburger Bauern, in +ihrer Nationaltracht, schritt herunter zum Boot, sich nach dem +fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner, die fast alle +Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine groß +bekümmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten +über die wunderliche Kleidung.</p> + +<p>Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, +mit breiträndigen Hüten und weißen Halsbinden, von zwei +Güterkarren begleitet, die ihr Gepäck führten, die Levée nieder +und auf das Boot zu. Es waren jedenfalls Geistliche, und +Hopfgarten wandte sich an den neben ihm stehenden Clerk oder +Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse, wer die +Herren wären, und wohin sie in solcher Menge gingen.</p> + +<p>»Ah blos Methodistenprediger,« lachte dieser — »ein +ganzer Schwarm, den wir vor acht Tagen von Little Rock mit +herunter gebracht haben. Es sind meist Circuit-rider aus dem +Westen, die hier zu einer protestantischen Versammlung, wirksame +Maasregeln gemeinschaftlich gegen den »Antichrist« zu +berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, +und jetzt wieder auf ihre Posten zurückgehn. Es ist eine Vergnügungsreise +für die Herren, zu der sie vorher natürlich eine +tüchtige »fromme Sammlung« gemacht haben.«</p> + +<p>Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord +und die Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten +blieb an der Thür stehn, und sah sie einzeln neben sich vorübergehn. +Es waren meist ausdruckslose Gesichter, einzelne aber +auch mit verschmitzten Augen, und scharfgeschnittenen Zügen; +der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an ihnen, und wollte +seine Aufmerksamkeit eben wieder der Levée zuwenden, als Einer +der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen Kopfnicken +grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat.</p> + +<p>Hopfgarten sah ihn überrascht und verwundert an; der +Mann trug allerdings einen sehr anständigen, braunen, langen +Rock von feinem Tuch, eine schneeweiße Halsbinde, blank gewichste +Stiefeln und einen breiträndigen, schwarzen Filzhut, wie +die Anderen, aber <span class="wide">das</span> Gesicht war nicht zu verkennen, und, +wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.</p> + +<p>»Herr Maulbeere!« rief Hopfgarten, in diesem Augenblick +selbst Henkel vergessend, »träume ich denn oder wach ich — +sind Sie es, oder sind Sie es nicht?«</p> + +<p>»Mein lieber Herr von Hopfgarten,« sagte der Angeredete, +dem wirklich Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem +glatt rasirten Gesicht, die Hand reichend und feierlich schüttelnd, +»es ist mir ein ungemein wohlthuendes Gefühl, Sie nach so +langer Trennung wieder einmal begrüßen zu können — ich +habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich Ihrer +gedacht.«</p> + +<p>Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fuß +und suchte sich im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam +davon zu überzeugen, daß er nicht träume, und mit wachenden +Augen den schmutzigen Scheerenschleifer Maulbeere, den +Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art ausgekrochen +und als Schmetterling — als Braunes Ordensband — der +Gedanke kam ihm unwillkürlich — in der sonnigen Luft herumflattern +zu sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that +auch Nichts, das Erstaunen des vor ihm Stehenden zu beseitigen, +sondern schien sich eher an dessen Überraschung zu +weiden.</p> + +<p>»Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in <span class="wide">diesen</span> +Rock, in <span class="wide">diese</span> Gesellschaft?« rief er endlich, jede weitere Höflichkeit +bei Seite setzend, aus — »ja, wenn mir Jemand des +Himmels Einsturz —«</p> + +<p>»Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so +heilige, ernste Sache« — unterbrach ihn aber Maulbeere schnell +und fast ängstlich. »Daß der Herr da oben« — und er warf +einen frommen Blick nach der Decke hinauf, »<span class="wide">Wunder</span> thut, +brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht zu sagen. <span class="wide">Sein</span> +Geist hat mich erleuchtet — Sein Hauch den Teufel ausgeblasen, +der in mir lebte und thätig war — der Herr hat +Gräuel an den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den +Frommen — der Gottlose ist wie ein Wetter, das überhingeht, +und nicht mehr ist, der Gerechte aber bestehet ewiglich — der +Mund des Gerechten bringt Weisheit, aber das Maul des +Verkehrten wird ausgerottet — rühme Dich nicht des folgenden +Tages, denn Du weißt nicht, was heute sich begeben mag.«</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 8"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/img3r.jpg"> + <img src="images/img3r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 8" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 8.<br /> + Click to <a href="images/img3.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p>»Aber wie ist es möglich gewesen, in der kurzen Zeit eine +solche Verwandlung —«</p> + +<p>»Der Herr ist Allen gnädig,« sagte Maulbeere, mit einem +zweiten frommen Blick die Hände faltend, »und erbarmet sich +aller seiner Werke — des Herrn Geist stieg auf seinen Knecht +nieder in der Nacht des Unglaubens, da Alles finster war, +und siehe da, ein feines Lämplein wurde aufgestellt in dem +Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes Licht trieb +die Sünde aus dem gereinigten Gefäß!«</p> + +<p>Hopfgarten schüttelte immer noch, wie seinen Sinnen +nicht recht trauend, den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte +Fleisch und Bein, und der braune Rock so wenig, wie die schneeweiße, +reine Binde ließen sich wegleugnen.</p> + +<p>Die übrigen Geistlichen hatten sich indeß in der Cajüte +versammelt, ein paar Minuten leise mitsammen geflüstert, und +Einer von ihnen kam jetzt wieder der Thüre zu, wo die Beiden +standen und sagte mit einem milden, lächelnden Blick:</p> + +<p>»Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, +an einem stillen Dank, dem Höchsten für die glückliche +Beendigung unserer frommen Sendung zu bringen, Theil zu +nehmen.«</p> + +<p>Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann +wieder zu Hopfgarten wendend, sagte er:</p> + +<p>»Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zusammen +die Reise nach Little Rock zu machen?«</p> + +<p>»Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig +leid,« erwiederte dieser — »ich bin nur an Bord gekommen, +Jemand zu suchen.«</p> + +<p>»Das schmerzt mich in der That,« sagte Maulbeere, indem +er in die Tasche griff und ein kleines Paket Bücher und +eine Visitenkarte herausnahm — »sollten Sie aber später einmal +wieder in unser wildes, westliches Land kommen, so wird +es mich herzlich freuen, zu sehn, daß es Ihnen gut geht — +diese Karte hier enthält meine Adresse — und mich <span class="wide">glücklich</span> +machen, zu hören, daß auch Sie den <span class="wide">wahren</span> Frieden in +Gott gefunden, und die Bahn des Heils betretend, den breiten, +ebenen Weg verlassen haben, der hinab zu Sünde und Verdammniß +führt. Gott sei mit Ihnen — er erleuchte Sie — +er neige sein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen seinen Frieden +— Amen!«</p> + +<p>Und mit einer halb segnenden, halb grüßenden Handbewegung +gegen Herrn von Hopfgarten, der Bücher und Karte +fast unbewußt in der Hand behielt, und dann ebenso in die +Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm ab, und schritt +seinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu.</p> + +<p>Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die +Aufmerksamkeit unseres Freundes auf sich, die Glocke läutete +dabei zum dritten Male, und das Boot machte Anstalt zur +Abfahrt. Nirgends aber ließ sich eine Gestalt erkennen, die +der des Gesuchten auch nur im Entferntesten geglichen hätte, +obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war, das +Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als +möglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte +dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er +mußte zuletzt, als die Planken und Taue eingeholt wurden +und die Räder nach rückwärts an zu arbeiten fingen, das Boot +in den Strom hinauszuschieben, an Land springen.</p> + +<p>Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, +die Ankunft Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, +indessen ungeduldig an der Levée auf und ab. Seine rechte +Hand in die Tasche schiebend, fühlte er dort die vorher in Gedanken +eingesteckten, ihm von Maulbeere übergebenen Schriften, +und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.</p> + +<p>Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die +Heiligkeit des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschändung, +mit einem abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem +Sonntag einmal den Fluß befahren hatte und ertrunken war — +während Millionen Beispiele, dasselbe Verbrechen jeden Sonntag +verübend, glücklich abfuhren und eben so landeten — das +andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen über das +Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am +Schlusse mit einer Bitte um die Unterstützung der frommen +Männer, die in die Wildniß, unter wilde Bestien und wildere +Menschen zögen, und von Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium +zu predigen. Auf der Karte stand:</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary=""> +<tr><td align="center" valign="top"><i>The Reverend Zachäus Mulberry.</i></td></tr> +<tr><td align="right" valign="top"><i>Little Rock. Arks.</i></td></tr> +</table> +</div> + +<p>Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bücher +warf er fort.</p> + +<p>Und Ledermann kam noch immer nicht — es war schon +fast drei Viertel auf elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, +in Angst und Ungewißheit, den Strahlen der heißen Sonne +ausgesetzt, an der Landung auf und ab.</p> + +<p>»Gott der Gerechte, der Herr Baron,« redete ihn da plötzlich +eine Stimme an, und als er sich rasch danach umdrehte, +stand ein Mann, augenscheinlich ein Israelit, von dessen Gesicht +Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in einem dunklen, +anständigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor ihm, +und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber +jedenfalls sehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht +erkannte und er fuhr lächelnd fort:</p> + +<p>»Gottes Wunder — hob' ich mich denn gar so sehr verändert, +daß so an lieber Herr anen alten Raisegesellschafter +sollte vergessen haben. Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht +mehr?«</p> + +<p>»Veitel Kochmer? — nein —«</p> + +<p>»Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;« lachte der Alte, +mit dem Kopf dabei schüttelnd — »den Mann mit der Holzharmonika, +dem Sie an Concertchen zusammengebracht haben +an Bord, als an guter und freundlicher Herr.«</p> + +<p>»Veitel Kochmer,« rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens +entsinnend, »ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt — Ihr +seht ganz anders aus — tragt den langen Bart nicht +mehr und den Kaftan — es geht Euch gut?«</p> + +<p>»Gott soll gedankt sein, ja.«</p> + +<p>»Und Euer Sohn —«</p> + +<p>»Mai Sohn? — wie haißt mai Sohn —« sagte der +Mann, ungeduldig den Kopf schüttelnd — »das Jüngelche, +was ich bei mer hatte, mit die hibsche Stimme — wenn's +ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt hätte, lebt +es <span class="wide">noch.</span>«</p> + +<p>»Ihr habt ihn sich todt singen lassen,« sagte Hopfgarten +ernst.</p> + +<p>»<span class="wide">Ich</span> hab' ihn sich todt singen lassen? — wie haißt? — soll +sich die Lunge beim Magen beschweren — der Eine arbeitet +mit die Händcher, der Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten +mer um ze leben, ze essen un ze trinken, und an Rock auf +dem Leib ze haben — hob ich en nich acht Wochen gepflegt, +als <span class="wide">ob</span> er mai Sohn gewesen wäre, und stirbt er mer nich zuletzt +wie zum Possen? — Soll mer Gott helfen, als ich nich +hob' Schaden gehabt an dem Jüngelche. — Aber Herr Baron — kennten +wir zwei Beide nich a klanes Geschäftche zesammen +machen; hob' ich was ganz Extraes von gute Staincher, vor +solch einen fürnehmen Herrn, wie der Herr Baron.«</p> + +<p>»Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der +Art,« sagte Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, »kann +mich auch augenblicklich gar nicht damit befassen — haben Sie +eine Uhr bei sich?«</p> + +<p>»Ja wohl, Herr Baron — werd' ich ka Ürche haben, +un a Staatsürche is es,« fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr +aus der Tasche nehmend, »geht se doch um drei Minuten +besser wie die Sonne — s' ist gerade sieben Minuten +über dreiviertel auf elf — kennten wir <span class="wide">damit</span> vielleicht en +Handelche machen?«</p> + +<p>»Ich danke wirklich — ich habe selber eine ganz gute +Uhr und brauche keine, wollte auch nur sehen ob die meinige +richtig ginge.«</p> + +<p>»Wenn Sie die Staincher emol sähen, würden Sie Appetit +kriegen — se sain zum 'Reinbeißen,« fuhr aber Veitel, +nicht so leicht abgewiesen, in seinem Anpreisen der Juwelen +fort, »hob ich die Musik doch jetzt ganz an den Nagel gehängt +un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache versteht +ist's a solides, prächtiges Geschäftge hier in Amerika — wenn +mer sai Zeit kann abpasse.« Und er nahm dabei ein kleines +Etui aus seiner Brusttasche, das er öffnete und dann, den +Kopf schräg zur Seite davon zurückhaltend, die Sonnenstrahlen +auf die wirklich schönen Steine, die in tausend Lichtern +funkelten, wieder fallen ließ.</p> + +<p>Hopfgarten hatte indessen die Levée auf und abgesehn, +den so sehnlich Erwarteten endlich irgendwo zu erspähen, aber +vergebens; Ledermann ließ sich nirgends blicken und der Zeiger +seiner Uhr, den er ungeduldig und ununterbrochen fragte, +schien nicht von der Stelle zu rücken.</p> + +<p>»Ich danke Euch Veitel — ich brauche wirklich Nichts +der Art,« sagte er zerstreut, »trage weder Ringe noch +Tuchnadeln, und muß hier im Lande auf- und abreisen, wo man +solche Sachen am allerwenigsten bei sich führen kann.«</p> + +<p>»Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,« drängte +Veitel.</p> + +<p>»Ja, sehr schön — wirklich brillant,« sagte Hopfgarten, +einen flüchtigen Blick darauf werfend, und dann durch das +Feuer derselben doch verlockt sie aufmerksamer zu betrachten; +»sehr schöne Steine in der That, aber wie gesagt, Nichts für +mich.«</p> + +<p>»Und <span class="wide">das</span> Stainche hier vor a Tuchnadel — ah?« sagte +Veitel, vor Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne +blitzen lassend.</p> + +<p>»Mensch, wo hast Du den Stein her?« rief aber Hopfgarten +unwillkürlich erschreckt aus, als sein Blick auf einen +sehr schönen großen <span class="wide">dreieckigen</span> Türquis fiel, den Veitel +zwischen den Fingern hin und her drehte.</p> + +<p>»Woher? — Gottes Wunder!« rief der Jude erschreckt, +»ehrlich gekauft, soll mer Gott helfe.«</p> + +<p>»Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,« rief Hopfgarten +rasch, ihn zu beruhigen, »gewiß ist er ehrlich gekauft, aber von +wem? ich kenne den Stein — habe wenigstens von ihm, oder +einem ganz ähnlichen gehört, ich möchte gern —«</p> + +<p>»Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em +wahren Schentelmenn in sein Handeln und Geschäftcher,« sagte +Veitel, immer noch in der Meinung, ein Verdacht ruhe auf +ihm, »und wenn er nicht hait Morgen abgereist wäre, kennten +Se ihn selber fragen, Herr Baron — ist en alter Bekannter +von Sie, noch vom Schiff her.«</p> + +<p>»Heute Morgen abgereist? — wohin Veitel?« sagte +Hopfgarten, der sich krampfhaft mit der rechten Hand in die +Seite griff, nur um ruhig zu bleiben und seine Aufregung +nicht zu verrathen, »wer war es denn eigentlich — der — der +Doktor Hückler?«</p> + +<p>»Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem +Schtiemer ist er fort nach der Havanna.«</p> + +<p>»Mit dem Postdampfer nach Havanna?« rief Hopfgarten, +jetzt wirklich <span class="wide">nicht</span> mehr im Stande sich zu mäßigen — und +der ist heute Morgen fort?«</p> + +<p>»<span class="wide">Hait</span> Morgen wird er fort sain,« sagte Veitel, »Gottes +Wunder was is jetzt dermehr?«</p> + +<p>»Ledermann!« schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht +mehr beachtend, den Freund an, der eben jetzt, so lang schon +herbeigewünscht, gerade über die Levée herüber und auf Herrn +von Hopfgarten zukam, »wann, um Gottes Willen, geht der +Havanna Steamer?«</p> + +<p>»Die Cuba? — um elf Uhr,« sagte dieser erstaunt.</p> + +<p>»Großer Gott — es muß gleich schlagen — so ist er +noch nicht fort?«</p> + +<p>»Dort drüben können Sie ihn sehn,« sagte Ledermann, +der von der hohen Levée aus ein paar Momente mit den Augen +in den Fluß hinein gesucht hatte — gerade zwischen den +beiden ausgezackten Schornsteinen jenes Bootes dort — das +große Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick aufsteigt.«</p> + +<p>»Henkel ist an Bord!« war Alles was Hopfgarten +herausbringen konnte, »großer Gott, daß wir nicht an das +Havanna-Schiff gedacht.«</p> + +<p>»Gott der Gerechte!« rief Veitel, seine Steine einsteckend +und in Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »was +han Se uf amol vor a Eil; wird der Herr Henkel doch wiederkommen +in vier oder fünf Woche, wie er mer hot gesagt.«</p> + +<p>»Noch ist es vielleicht Zeit,« rief aber Ledermann, der +indeß rasch das Terrain überschaut hatte; »<span class="wide">so</span> pünktlich gehen +die Dampfer nicht ab; einzelne Passagiere zögern immer etwas +länger am Ufer, oder der Capitain kann auch seine Geschäfte +nicht so rasch besorgen. Dort fährt ein Cab — gegenüber +dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den +Schiffen frei, daß sie an Bord unser Tücherschwenken sehen +können, und wir kommen noch zur rechten Zeit.«</p> + +<p>»Veitel!« rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, +»kommt morgen früh zu mir in das St. Charles +Hotel — verstanden? — bringt Euere Steine mit — und nun +fort Ledermann, fort!« und diesem voran laufend winkte er +schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet zu, dessen +Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Levée an der +Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte sein Pferd +ein und Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch +das Pferd laufen könne dem Havanna Steamer gegenüber +die Straße niederführe.</p> + +<p>»Halt, dort geht ein Constable!« rief ihm aber Ledermann +zu, »den nehmen wir mit.«</p> + +<p>»Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,« sagte der +Kutscher.</p> + +<p>»Du bekommst einen Dollar für jeden, wenn Du uns +rasch an Ort und Stelle bringst!« rief der Deutsche, dem +Angst und Aufregung fast die Sprache zu nehmen drohte. Ledermann +lief indessen, so rasch ihn seine langen Füße trugen, und +sehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächsten Straßenecke +zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspäht hatte. +Wenige Worte genügten, diesen mit Allem bekannt zu machen +was Noth that, und zwei Minuten später galopirte das eben +nicht sehr kräftige Pferd, von der wacker geführten Peitsche +seines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen die Straße nieder. +Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei, dem großen +Dampfschiff gegenüber, das sie jetzt deutlich erkennen konnten, +anzuhalten, wo er Miethboote wüßte.</p> + +<p>»Ay ay Sir!« sagte der Mann, und hieb stärker auf sein +Pferd, »kommen noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis +dahin zusammenbricht.« Das Pferd hielt sich aber wacker, +und plötzlich gegen die Levée anfahrend, denn den Wasserrand +konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes wegen +nicht sehen, hielt er an.</p> + +<p>»Boot Sir? — Boot für den Steamer?« riefen ihnen +hier schon vier, fünf Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die +sich herbeidrängten, die geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff +zu bringen; dieses konnte seines Tiefgangs wegen hier +nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein Stück draußen +im Strom vor Anker liegen; »höchste Zeit, Gentlemen, aber +wir bringen Sie hinüber.«</p> + +<p>»Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.«</p> + +<p>»Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!« schrie +Einer Hopfgarten am Arm ergreifend.</p> + +<p>»Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinüber,« +überschrie ihn ein Anderer, »<span class="wide">meins</span> ist der Clipper, +Gentlemen, der über das Wasser fliegt.«</p> + +<p>Der Constable hatte indessen von der Levée aus mit einem +Kennerblick die Boote rasch übersehen, und den beiden +Fremden winkend ihm zu folgen, sprang er in das, was ihm +am tüchtigsten schien, hinein, und hinten an das Steuer. Die +beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem Hohnlachen +über die besiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige +Sekunden später schoß das scharfe, wackere Boot, die gelbe +Fluth zu beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend +und spritzend über den breiten Strom dem Dampfer zu.</p> + +<p>»Wir kommen wahrhaftig zu spät!« rief Hopfgarten in +Todesangst mit der rechten Hand sein Tuch schwenkend, »dort +pufft das Schiff schon seinen Dampf aus, und die Räder fangen +an zu arbeiten.«</p> + +<p>»Nur keine Furcht Sir,« sagte der eine der Bootsleute, +der einen Blick über seine Schulter weg nach dem näher und +näher rückenden Fahrzeug warf, »sie arbeiten nur gegen die +Strömung langsam an, den Anker heraufzuheben; die Kette +ist noch unten.«</p> + +<p>»Er hat recht,« rief aber auch der Constable jetzt, »die +Kette ist noch aus und wir kommen zur rechten Zeit.«</p> + +<p>»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend +vor sich hin, und von dem Augenblick an schien es, +als ob jede Unruhe, jedes Schwanken von ihm genommen +sei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt, beobachtete er +ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff, +und überflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend +das aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen +den dort auf- und abgehenden Passagieren den Gesuchten +herauszufinden; aber er bemühte sich nicht mehr sein Gesicht +zu verbergen — der Verbrecher konnte ihm nicht mehr entgehen.</p> + +<p>An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot +bemerkend, oben an die noch aushängenden Fallreeps; der eine +von diesen hielt ein dünnes zusammengerolltes Tau in der +Hand, und warf es dem einen der Bootsleute zu, der es durch +den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank schlug. +Im nächsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf +den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht +an die steilaufsteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs +an, und der Constable rief hinan:</p> + +<p>»Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; +er hat einen kranken Arm und kann sich nicht halten.«</p> + +<p>Wenige Secunden später war dem Rufe Folge geleistet; +der Constable legte das Seil um Herrn von Hopfgartens +Mitte, und während die Matrosen oben langsam anzogen +und ihn dadurch stützten, lief derselbe rasch an der steil +niederhängenden Fallreepstreppe auf.</p> + +<p>»Danke — danke herzlich,« sagte dieser, während sein +Blick an dem Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht +den, den er suchte, und sich an den Steuermann des Schiffs +wendend, der seine Leute eben gefragt hatte, ob der Herren +<span class="wide">Gepäck</span> schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu sagen wo er +den <span class="wide">Clerk</span> der Cuba fände.</p> + +<p>»Dort oben, Sir — an der Starbordtreppe; der mit +dem Panama-Hut auf, Sir, und dem kleinen Buch in der +Hand.«</p> + +<p>»Sie wünschen Plätze in der Cajüte, Sir?« frug ihn +dieser freundlich, »der Steward soll Ihnen gleich Ihre <i>staterooms</i> +anweisen.«</p> + +<p>»Bitte, mein Herr,« sagte Hopfgarten, dem seine beiden +Begleiter auf dem Fuße folgten, »können Sie mir nicht Auskunft +geben, ob ein gewisser <span class="wide">Soldegg</span> an Bord ist?«</p> + +<p>»Soldegg? — Soldegg?« sagte der Clerk nachdenkend +sind dabei sein kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene +Liste mit den Augen überfliegend, »ist noch nicht notirt, Sir.«</p> + +<p>»Oder Henkel?«</p> + +<p>»Ebenfalls nicht,« lautete die Antwort, nach kurzer +Pause.</p> + +<p>»Oder Holwich?«</p> + +<p>»Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen +erst in der letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren +Namen ich noch nicht eingeschrieben habe. Sie werden +unterwegs Zeit genug bekommen deren Bekanntschaft zu machen; +soll ich Ihnen indessen —«</p> + +<p>»Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,« sagte +Hopfgarten ruhig; »ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen +einen gefährlichen Verbrecher, und ich glaube, ja ich weiß ihn +an Bord.«</p> + +<p>»Oh wenn das ist,« lachte der Clerk, »dann hat der Herr +auch vielleicht einen andern Namen angegeben; nichts leichter +als das. Wohl ein Constable, der eine der Herren?« — dieser +nickte mit dem Kopf — »<i>well</i>, dann bemühen Sie sich nur +gefälligst selber in die Cajüte hinunter, und sehn Sie sich +dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre +geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.«</p> + +<p>Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, +so preßte ihm die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz +zusammen, äußerlich aber war er vollkommen ruhig, und Ledermann +und den Constable bittend, ihn vorangehn zu lassen, +und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er mit festen, +ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die breiten +Mahagonystufen, die von da in die untere Cajüte führten, +wieder hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, +dem der Clerk ein paar Worte über den Zweck dieses Besuches +zugeflüstert, die Thür der Cajüte, in der einige zwanzig Passagiere +in den verschiedensten Stellungen umhersaßen und standen, +und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt des Dampfers, +dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten +schienen.</p> + +<p>Aber Hopfgarten sah nur <span class="wide">Einen</span> von allen diesen; auf +dem mittleren Sopha, das eine Bein behaglich über das andere +gelegt, und neben sich auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit +Rothwein und ein Gefäß mit großen, klaren Eisstücken, ein +Buch in der Hand, in dem er nachlässig blätterte, lag <span class="wide">Henkel</span> +und schien so sorglos und unbekümmert die Abfahrt des Bootes +zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß er +nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, +bis dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit +einem leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz +plötzlich seinen alten Reisegefährten neben sich erkannte.</p> + +<p>»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich +rasch sammelnd; »das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und +wir sind auf's Neue Reisegefährten? — Schade, daß Frau von +Kaulitz nicht da ist, für den dritten <span class="wide">Mann.</span>«</p> + +<p>»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich +ruhig umsehend und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend — »Herr +Henkel oder Soldegg oder Holwich — ich +weiß nicht unter welchem Namen Sie jetzt reisen — ich +habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen, der eine +weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das +Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.«</p> + +<p>»Was soll das? — was wollen Sie von mir?« sagte +Henkel finster, sich aber doch leicht entfärbend, als er den Aktuar +von Heilingen plötzlich hier erkannte. Einen forschenden, unruhigen +Blick warf er dabei in der Cajüte umher, der indeß +weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an die +Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite +zudrehend, eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu +den Passagieren gehörte — »ich bin gerade nicht aufgelegt zu +scherzen, sonst könnte ich Ihnen vielleicht wieder meinen — Zwillingsbruder +schicken, sich mit dem abzufinden.«</p> + +<p>»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig — »wir haben +ein Boot unten liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und +ohne weiteres Aufsehn zu erregen, da hinein zu folgen, das +Weitere werden wir an Land abmachen. So viel genüge +Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise zu +handeln — ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der +Tasche.«</p> + +<p>»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe +der über ihn hereinbrechenden Gefahr klar wurde — »Herr von +Hopfgarten will sich revangiren — hahaha — aber die Herren +haben sich verrechnet — <span class="wide">lebendig</span> bekommen sie mich nicht — und +überdieß — wer giebt Ihnen das Recht, mich hier verhaften +zu wollen?« Seine rechte Hand glitt dabei rasch und +verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war dem Constable, +der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite +beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, +unter dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den +wild und drohend zu ihm aufblickenden Verbrecher zu und +wollte, mit den Worten: »<i>You are my prisoner!</i>«<a name="fn_5r" id="fn_5r"></a><a href="#fn_5"><small><sup>5</sup></small></a>, die +Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter dem Arm +fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber +zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der +Weste riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie:</p> + +<p>»Lebend nicht — Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke +Pastetenfleisch aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen +Hieb nach dem Constable, dem dieser nur durch ein jähes +Zurseitespringen entgehn konnte, und warf sich auf Hopfgarten, +wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber, ohne einen +Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen, und +bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas +Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber +zwischen die gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl +aufgriff und Henkel so geschickt vor die Füße schleuderte, daß +dieser im vollen Wurf darüber hinflog.</p> + +<p>»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen +Revolver aus seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt +zu begegnen — »jetzt bekommen wir den Burschen lebendig.« +Und um den Stuhl flog er herum, zwischen die Thür und +den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg abzuschneiden. +Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut +wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde +fiel, schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, +vom Boden wieder auf und sprang gegen die Thür an, von +der fort die zufällig dort herabkommenden Passagiere, vor der +drohenden Gestalt mit der geschwungenen Waffe scheu zur Seite +stoben.</p> + +<p>»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!«</p> + +<p>Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, +als ein scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch +den Raum füllte — ein wilder Schrei und eine blutende, +todtenbleiche Gestalt, der die blanke Waffe entfiel und klirrend +die Stufen zurückrollte, taumelte die Treppe hinauf an Deck, +zwischen die entsetzten Passagiere.</p> + +<p>»<i>You are my prisoner Sir!</i>« schrie der Constable, den +Flüchtling einholend und an der Schulter fassend.</p> + +<p>»<i>Ready for hell!</i>«<a name="fn_6r" id="fn_6r"></a><a href="#fn_6"><small><sup>6</sup></small></a> stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, +drehte sich einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, +zusammen.</p> + +<p>»<span class="wide">Den</span> Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« +sagte der Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam — »steht +bei hier, Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's +Boot hinunter, und zwei von Euch waschen die Flecken hier +weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch und ein Bischen +schnell — ist der Anker auf?«</p> + +<p>»Alles klar, Sir!«</p> + +<p>»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein — die +Herren mögen die Geschichte dann selber an Land ausmachen.«</p> + +<p>Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend +in die bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen — aber +er sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen +in der Hand trug, barg er wieder in der Scheide, und einen +kleinen weißen Handschuh aus seiner Brust nehmend, bog er +sich nieder, und netzte das zarte schneeige Leder mit dem quellenden +Blut des Gerichteten.</p> + +<p>Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie +zu der Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und +sie hinunter ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk +das Gepäck, das dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.</p> + +<p>»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine +Bootsmann, als die Seeleute die Leiche rasch nach unten +viehrten — »dacht' es mir beinah, wie ich den Schuß hörte.«</p> + +<p>»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen +nieder, »das aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!«</p> + +<p>Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere — oben +läutete die Glocke, die Räder rauschten und peitschten +den gelben Schaum zu wirbelnden Wellen auf — stromauf +arbeitete das gewaltige Schiff, einen weiten Bogen beschreibend +in der kochenden, zischenden Fluth, und während es sich stromab +wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten Staaten +lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner +traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap9" id="kap9"></a>Capitel 9.</h2> +<h3>Das Haus im Walde.</h3> + +<p>Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben +deutschen Vaterland; die Wiesen hatten sich mit frischem Grün +gedeckt, im Wald rauschte und flüsterte der Wind gar so traulich +und heimlich durch die jungen, saftigen Blätter, und schaukelte +die langen, duftenden Zweige der Birke, und trug die +wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.</p> + +<p>Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und +arbeitete; wie die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus +durften in die warme, sommerliche Flur; wie die Schwalben — die +lieben, lieben Schwalben so froh durch den Äther strichen +und die Störche, von den Kindern mit scheuer Ehrfurcht betrachtet, +klappernd und von ihren Reisen erzählend, auf den +Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen +schritten, alte Jagdgründe zu revidiren.</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 9"> + <tr> + <td align="center"> + <a href="images/img4r.jpg"> + <img src="images/img4r.jpg" height="600" + alt="Illustration Capitel 9" /></a> + </td> + </tr> + <tr> + <td align="center"> + <span class="caption">Capitel 9.<br /> + Click to <a href="images/img4.jpg">ENLARGE</a></span> + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p>Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte +in dem weiten, lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit +seinem Glanz und Jubel füllte, jeder Ton ein Loblied dem +Herrn, jedes grüne Blatt, jeder duftende Kelch, jeder Thautropfen +am schwankenden Halm, ein Dankesopfer seiner Allmacht +und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so +froh und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, +und hinauf möchte, höher und höher hinauf, der steigenden +Lerche nach, die mit zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges +Bild der Lust und Wonne, dort oben steht und betet. Wie es +da stammelnd danken und preisen möchte auch in <span class="wide">seiner</span> +Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die Seligkeit, +die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und +deren Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch +so lindernd da in's Auge steigt.</p> + +<p>Der Winter war vorbei — die Natur erwacht, und +Gottes Odem wehte, ein Segen, über das weite, wundervolle +Land, Luft und Frieden in der Menschen Herzen gießend — aber +nicht in alle. — Den schmalen Pfad der, das Dorf Waldenhayn +umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden +Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam +und allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die +bloßen, wegwunden Füße ließen hie und da in den Spuren +Blutflecken zurück, wo ein scharfer Stein sie verletzt; der +Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die weiße, fast +durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an +den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente.</p> + +<p>Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn +lockte das Rebhuhn und die Wachtel; — sie blieb stehn und +horchte dem Laut, aber nicht vom Boden nahm sie den Blick, +schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen Töne nur furchtbare +Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem weiter +ihre stille Bahn, dem Walde zu.</p> + +<p>Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre +fast in die Knie gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- +und Weidenbüschen verdeckt, ein kleines, einsam gelegenes, +ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür und ausgebrochenen +Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte sie sich zusammen, +faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere, +verlassene Gebäude zu.</p> + +<p>Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken +den Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob <span class="wide">die</span> Töne sie mit +furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen +in die Knie, und lag lange Minuten wie betend da. +Dann erhob sie sich langsam wieder, warf noch einen scheuen +Blick über das, unten das kleine Thal füllende Dorf, und verschwand +dann in dem dunklen Raum der Hütte.</p> +<p> </p> +<hr class="min" /> +<p> </p> +<p>Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst +aus, und der würdige Pastor Donner, dessen Haar +die letzten drei Winter doch um ein Bedeutendes gebleicht, kam +freundlich, rechts und links die noch vor der Kirche stehenden +Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit dem +Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem +duftigen, schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der +Nachmittagskaffee in der blühenden Fliederlaube erwartete. Aber +mehr als das harrte heute sein.</p> + +<p>»Vater — lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, +Blätter Papier hoch und jauchzend empor haltend — »Brief +von Georg ist gekommen — Brief vom Bruder Georg; +er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit seiner <span class="wide">Frau!</span> — er +hat geheirathet, Vater — Bruder Georg hat geheirathet +und es geht ihm gut!«</p> + +<p>Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen +kamen und ihm in ihrer frohen Kindeslust den +Brief entgegen hielten, bog er sich zu ihnen nieder und küßte +sie, aber die Mutter folgte ihnen, und barg ihr Haupt an des +Gatten Brust. Sie hatte sprechen — erzählen — mit den +Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor +Thränen über die Lippen — aber es waren <span class="wide">Freudenthränen.</span></p> + +<p>»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste +Sohn, den Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen +herumspringend — »ich bin jetzt ein <span class="wide">Schwager</span> geworden, und +Du, Louise und Du Trinchen, Ihr seid Schwägerinnen — hurrah, +Bruder Georg soll leben!«</p> + +<p>»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin +an ihn gelehnte Stirn wieder und wieder küssend.</p> + +<p>»Gut — recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« +schluchzte die Frau — »da, lies nur selbst — ich habe +vor Thränen nicht weiter lesen können.«</p> + +<p>Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, +einem jungen Geistlichen aus Heilingen, dem Vater +freudestrahlenden Auges entgegen, und während die Glocken +von dem alten Thurm noch klangen und tönten, und den tiefen +harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an die +sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die +glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten +der lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, +der ihnen Grüße und Küsse weit über das Meer herübergesandt, +und ihre Herzen mit Glück und Wonne und Dank, +heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte.</p> + +<p>— — »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie +vermählt, und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In +den angenehmsten Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere +Farm, die mein Schwiegervater schon im Begriff war um ein +Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz unerwartete und kaum +geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben eines +Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein +<span class="wide">Kohlen</span>lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den +Augenblick, doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. +Ein Amerikaner hat mir schon für die Bearbeitung +eine sehr bedeutende Summe baar geboten, aber ich zögere noch +sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen Willen, +und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten +Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse +der hier eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir +schon gegenwärtig kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten +so obzuliegen, wie ich es eigentlich wünschte — — — —«</p> + +<p>— »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die +auch Euch interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine +Schwägerin Anna, die ältere Schwester Mariens und ein sehr +liebes, braves Mädchen, hat ganz unerwarteter Weise einen +Heirathsantrag aus Deutschland und zwar aus Heilingen, von +dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen. Kellmann +ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann und +Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn +sie ihm ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt +herüberkommen — ich denke, wir werden ihn wohl nächstens hier +sehn — — — —«</p> + +<p>— »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem +Fenster, den mir Louise noch an jenem schmerzlichen Abend der +Trennung gegeben, hat den Ehrenplatz in unserm freundlichen +Garten, und grünt und blüht, daß es eine Lust und Freude ist, — die +einliegende Knospe hat er getragen. Oh, wie mich +der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und +doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich +ihn ansehe. Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird <span class="wide">Euch</span> +auch gefallen. Hat sich das Geschäft mit dem Kohlenlager +erst geordnet, und sich dasselbe so einträglich erwiesen, wie ich +es jetzt wirklich glauben muß, dann komme ich mit ihr hinüber, +Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser Aller +Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren +und dort unsere Tage beschließen zu können. — — — —«</p> + +<p>Unten am Brief in einer Nachschrift stand:</p> + +<p>— »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen +hieß, und von dem ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit +ihm zusammengekommen, habe ich nichts Näheres erfahren +können. Auch seine Frau, die sich von ihm getrennt hatte, ist +aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit still und fleißig, +und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte, spurlos +verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten +zu können. —«</p> + +<p>»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, +seufzend die Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen +einen Anderen aus Geldgier oder Rache, oder sonst in +böser, sündhafter Leidenschaft <span class="wide">morden</span> können, aber daß Eltern +im Stande sein sollen, ihre <span class="wide">Kinder</span> auf solche Art zu verlassen, +begreife ich <span class="wide">nicht.</span> Das unvernünftige <span class="wide">Thier</span> thut das +ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie in Gefahr, +und der <span class="wide">Mensch</span> soll schlechter sein, als das Thier?«</p> + +<p>»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, +seufzend mit dem Kopfe nickend — »<span class="wide">was</span> hätten sie von solchen +Eltern gelernt, <span class="wide">wie</span> wären sie von ihnen erzogen worden, und +jetzt sind sie bei guten Menschen untergebracht und versorgt.«</p> + +<p>Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick +athemlos an den Garten gerannt, rissen die Mützen +vom Kopfe, und schauten mit den roth erhitzten, dicken, gutmüthigen, +jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas sehr erregten +Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche saß.</p> + +<p>»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem +er von seinem Sitze aufstand und auf sie zuging.</p> + +<p>»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, +in aller Eile und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten +Gruß vergeßend — »am schwarzen Steffen seinem +Hause geht's um!«</p> + +<p>»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, +erstaunt den Platz gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, +genannt zu hören — »wer hat Euch den Unsinn +weiß gemacht?«</p> + +<p>»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus — »Hollebens +Liese und Gutegrunds Annamarie haben den Geist +von der »stolzen Jule« gesehn, der oben herumgeflogen ist.«</p> + +<p>Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende +Geistliche heraus, daß zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am +Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade gegenüber liegenden +Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der, von den +Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen +Steffen eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß +sie der Geist der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im +Grabe, und ginge dort an der Stelle um, wo sie ein Verbrechen +begangen, für das wir in der sonst so reichen deutschen +Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte lag +auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die +Kinder damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und +dem besten Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute +in den Spinnstuben erzählten sich Abends schauerliche Geschichten +von dem Ort.</p> + +<p>Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, +Andere aber aus dem Dorf kamen nach, und der +Schultze, der von den jungen Mädchen selber den Bericht gehört, +den sie mit bleichen Wangen und zitternden Lippen in's +Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem Herrn +Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm +hinauf zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, +das sonst leicht mehr Nahrung gewann und von dem +abergläubischen Volke ausgeschmückt wurde, oder sich zu überzeugen, +was Wahres an der Sache sei.</p> + +<p>Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann +begleiten, er bat sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, +seine Amtstracht ablegend und Hut und Stock nehmend, an +der Seite des Schultzen durch das Dorf hin, den kleinen, +mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen Pfad hinauf, +der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn +entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner +schloß sich ihnen unterwegs an, sie zu begleiten.</p> + +<p>Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur +hie und da zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf +dem alten Eichbaum neben dem Haus saß ein Rabe, drehte, +als er die Menschen auf sich zukommen sah, den Kopf scheu +nach rechts und links hinüber, und strich dann mit seinem tief +und unheimlich krächzenden »<span class="wide">krah — krah</span>« — von dem +Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!</p> + +<p>»Das war sie — das war sie!« flüsterten die Frauen +untereinander, indeß sie sich näher zusammendrückten, und +scheu nach dem schwarzen Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt +werden sie Nichts mehr finden; die ist fort, und in der Nacht +kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten Dach. Ich +gehe nicht weiter mit — ich auch nicht — Gott soll mich bewahren +vor <span class="wide">der</span> Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine +andere Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von +der Erde vertilgen,« sagte Einer der Männer dann, »<span class="wide">ich</span> wenigstens +möchte nicht einmal einen von den Balken in meinem +Ofen brennen.«</p> + +<p>»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus +und ein können,« flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's +da drinnen um Mitternacht zugehn — der Schornstein sieht +auch nicht umsonst so gelb und schweflig aus, und unsere +Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie toll +herumtanzen sehen.«</p> + +<p>Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den +kleinen freien Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen +Grenze stehn, und nur Pastor Donner schritt, von dem Schultzen +begleitet, langsam dem Hause selber zu.</p> + +<p>»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu +sehn, wie der Platz hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, +»bin aber immer nicht dazu gekommen. Hm, wie öde +und unheimlich das hier ist — es wundert mich gar nicht, daß +sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch selber ein ganz +eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn — es ist fast, als +ob man eine Richtstätte beträte.«</p> + +<p>»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit +halb unterdrückter Stimme, als ob er selber sich scheue, an +diesem Orte laut zu sprechen. »Aber wir wollen hier nicht +stehen bleiben; die Leute dort hinten murmeln schon miteinander, +und glauben sonst, daß wir selber uns fürchten, das Haus +zu betreten.«</p> + +<p>»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, +und es lag ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, +»'was Lebendiges hält sich hier oben nicht auf, sonst hätte der +scheue Rabe da nicht im Baum gesessen, und an Gespenster +glauben wir doch alle Beide nicht.«</p> + +<p>»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen +eigenen Gedanken beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte +in diesem Augenblick die Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, +die ihm in einem früheren Briefe der Sohn beschrieben, +»und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das ich seit +jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier +oben abholten, nicht betreten.«</p> + +<p>Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend +gefolgt, der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter +auf, mehr Licht und Luft hineinzulassen, und betrat, durch den +schmalen dunklen Gang gehend, die frühere Stube des »schwarzen +Steffen«. Dort aber schrak er selber einen Schritt zurück, +denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und regungslos +eine menschliche, weibliche Gestalt.</p> + +<p>»Was giebt's? — was ist?« rief der Schultze, der den +unwillkürlich ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und +auf der Stelle stehen blieb, wo er gerade stand, während sich +eine Anzahl Burschen aus dem Dorfe näher herandrängten, +die Frauen und Mädchen aber noch scheuer zurückwichen, und +sich schon halb zur Flucht wandten.</p> + +<p>Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und +traurig näher zu kommen, und als dieser die Schwelle betrat, +deutete er nieder auf den vor ihm ausgestreckten Körper der +Unglücklichen, die Gram und Reue, und der nagende Wurm +im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch das +weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie +so furchtbar sich vergangen — <span class="wide">zu sterben.</span></p> + +<p>Jetzt rasteten die blutigen, nackten Füße von der weiten +Wanderschaft, jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung +und Gram wohl manche lange furchtbare Nacht <span class="wide">die</span> Stunde +hier herbeigesehnt, mit dem Kopf auf den zerfallenen Kasten +gestützt, der dem jüngsten Kind in früherer Zeit zu seinem Bettchen +gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der +Körper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl +und dünn, aber ein ruhiges, seliges Lächeln zog sich um die +bleichen, kalten Lippen, die der Tod für immer geschlossen. +Was sie verübt, was sie gesündigt, sie hatte schwer gelitten — hatte +tief bereut, und wie, als ob die Kräfte ihr nur eben +noch gehorcht, <span class="wide">die</span> Stelle zu erreichen, war hier der Tod, ein +willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlösen von +ihren Leid.</p> + +<p>Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der +beiden Männer im Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner +jetzt auch nach und nach heran, und der Ruf. »die stolze Jule — die +stolze Jule liegt todt im Haus!« füllte den kleinen +Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die Leiche +immer noch scheu und furchtsam umstanden. Über ihr aber +faltete Pastor Donner die Hände und sagte mit leiser, tiefbewegter +Stimme:</p> + +<p>»Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du +armes verirrtes Kind — Du hast schwer gesündigt — schwer +und furchtbar, aber auch viel, viel gelitten, und Gram und +Reue haben ihre Züge mit scharfen Furchen in Dein Angesicht +gegraben. Er sei Deiner armen Seele gnädig!«</p> + +<p>Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und +scheu alle Übrigen folgten, betete er still und brünstig über +der abgerufenen Sünderin.</p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2><a name="kap10" id="kap10"></a>Capitel 10.</h2> +<h3>Der rothe Drachen bei Heilingen.</h3> +<h5>Schluß.</h5> + +<p>Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein +reges, geschäftiges Leben; Kellner liefen und stürzten durcheinander +hin, Tische wurden gerückt, Stühle getragen, Tischtücher +ausgebreitet, und Körbe mit Flaschen und Getränken +angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden sollte. +Im Garten, der mit einer Masse Kränze und Blumen und +Guirlanden geschmückt war, standen noch einzelne Arbeiter, die +mit frischem Sand bestreuten Gänge von den hineingefallenen +Blättern und Zweigen des Ausschmucks zu reinigen, und unter +einem kleinen, erst kürzlich aufgeschlagenen und ganz mit +frischen Blumen besteckten und behangenen Zelt, lagen eine +Reihe breitbauchiger Bierfässer mit eingesteckten gefälligen Hähnen, +nur der Hand harrend, die sie aufdrehen würde, ihr schäumendes, +kräftiges Naß zu spenden.</p> + +<p>Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederführte, kam +ein Bettler an einer Krücke daher gehinkt. Es war sonst eine +breitschultrige, kräftige Gestalt, aber mit eingefallenen Backen +und hohlliegenden Augen, das linke Bein ziemlich dick in +alte zerlumpte Tücher und Lappen eingeschlagen, und die +linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch +verbunden.</p> + +<p>Als er die Gartenthür erreichte, blieb er stehen, und sah +hinein, betrat aber den Garten selber nicht, und schaute still +und aufmerksam nach dem Haus hinüber.</p> + +<p>Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmückten +Hausthür in gerader Linie nach dem Thore zu führte, +schritt der Eigenthümer des Grundstücks, Herr Kaspar Helker, +nach seinen Arbeitern zu sehn. In die Nähe des Bettlers gekommen, +zog dieser den Hut ab, und sagte mit bittender Höflichkeit:</p> + +<p>»Wären Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen +was heute hier los ist im rothen Drachen, mit all den Kränzen +und Blumen, und welches Fest Sie feiern?«</p> + +<p>»Ja wohl Freund,« sagte Herr Kaspar Helker, den armen +zerlumpten Teufel dabei mit aufmerksamem, vielleicht +nicht besonders befriedigtem Blick betrachtend, »Herr von Hopfgarten +feiert heute seine Vermählung mit des reichen Dollinger +jüngster Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr die Geschichte +kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet war.«</p> + +<p>»Herr von Hopfgarten — hm — Herr von Hopfgarten — der +Name ist mir doch gar bekannt; stammt er von hier?«</p> + +<p>»Nein, aus dem Mecklenburgischen. — Kommt Ihr weit +her? — Ihr seht müde und krank aus.«</p> + +<p>»Sehr weit — bin aber wohl mehr hungrig und durstig, +wie krank,« sagte der Mann, mit einem scheuen Blick nach +den Brod- und Kuchenkörben hinüber.</p> + +<p>»So kommt herein und eßt und trinkt,« lud ihn der +Wirth freundlich ein, »und Ihr habt <span class="wide">mir</span> nicht einmal dafür +zu danken,« setzte er rasch hinzu; »Herr von Hopfgarten hat +strengen Befehl gegeben, Niemand heute, wer es auch sei, ungespeist +von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und Essen hier +im Haus.«</p> + +<p>»Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,« +sagte der Mann, immer aber noch zögernd den Garten zu betreten.</p> + +<p>»So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von +jenen kleinen Lauben,« sagte der Wirth; »die werden heute +nicht benutzt und Ihr — Ihr seht eben nicht appetitlich genug +aus zwischen den andern Gästen zu sitzen. Es soll Euch aber +an Nichts fehlen,« fügte er rasch hinzu, »heh Wilhelm! besorgen +Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein +Mittagsessen und Bier.«</p> + +<p>»Bier kann ich nicht gut vertragen — wenigstens nicht +gleich auf den leeren Magen hinein — gäben Sie mir einen +Schnaps vorher?«</p> + +<p>»Auch den sollt Ihr haben — heh Wilhelm — ein Glas +Kümmel — aber ein großes Glas, und dann dürft Ihr ihm +Bier geben, was er trinken will.«</p> + +<p>»Danke,« sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krücke +in den Garten hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal +stehn, und warf einen scheuen Blick nach rechts und links, und +wandte sich dann der kleinen Laube zu, in deren Schatten er +verschwand.</p> + +<p>»Dort kommen die Wagen!« rief da Einer der Kellner, +der vor die Thür getreten war, den Weg hinunter zu sehen, +»hierher, Herr Helker — sie kommen!«</p> + +<p>Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thür zu, +die Gäste zu empfangen, und die Wagen rasselten unter dem +fröhlichen Schmettern der Posthörner lustig die Straße herunter.</p> + +<p>In dem vordersten saß Herr von Hopfgarten mit seiner +jungen Frau, sein gutmüthiges Gesicht ordentlich verklärt, seine +Augen blitzend in Wonne und Seligkeit, und auch in Claras +liebe Züge war das frohe, süße Lächeln zurückgekehrt, das ihrem +Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz verliehen. Die +düstere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böser Traum, und +hell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren +Weg.</p> + +<p>Den zweiten Wagen füllte die Dollingersche Familie, der +alte Herr mit Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch +Sophie war im vorigen Herbst an einen reichen Gutsbesitzer, +aber ebenfalls einen alten Bekannten von uns, verheirathet +worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte sich nach +seiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen +aufgehalten, dort die schöne reiche Kaufmannstochter gesehn +und kennen gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt +und seine Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich +in demselben Monat noch gefeiert.</p> + +<p>In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmückten +Postillionen gefahren, saßen die Hochzeitsgäste aus +der Stadt, bunt gemischte, aber fröhliche Menschen, und unter +ihnen das gutmüthige Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, +neben der scharfgeschnittenen aber heute ebenfalls zufrieden +lächelnden Physiognomie seines unzertrennlichen Gesellschafters, +des Apotheker Schollfeld.</p> + +<p>An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar +geschäftiger Kellner empfangen, stiegen die jungen Eheleute +aus, und begrüßten hier zuerst ihre Gäste, und während das, +hinter einer künstlichen Blumenhecke aufgestellte Militair-Musikchor — eine +Überraschung Kellmanns — plötzlich mit schmetternden +Trompeten in Mendelsohns herrlichen Hochzeitsmarsch +des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen glücklichen +Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thränen +in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, +dem Hause zu.</p> + +<p>Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten gewöhnlich +thun; eine Menge Toaste wurden ausgebracht, und +die glücklichen Menschen jubelten, lachten und erzählten bis +spät am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten selber servirt +werden sollte, und die Gäste dann zusammen in das Dollingersche +Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen +kleinen Ball für den Abend arrangirt hatte.</p> + +<p>Im Garten, bei lustig tönenden Fanfaren, bildeten sich +dann kleine Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld +hatten sich nächst dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo +sie die wundervolle Aussicht nach dem grünen herrlichen Thal +und den fernen Bergen genießen konnten, zusammengefunden +ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich auch +Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die +Wagen bald wieder vorfahren würden.</p> + +<p>»Wer uns das damals gesagt hätte, Hopfgarten,« rief +Benkendroff, seine Hand lächelnd auf des Freundes Schulter +legend, »als wir auf der Haidschnucke zusammen Whist spielten, +oder selbst als wir in New-Orleans von einander Abschied +nahmen, daß wir <span class="wide">heute</span> hier <span class="wide">so</span> zusammenstehen +würden.«</p> + +<p>»Dem wär' ich schon damals vor Freude um den Hals +gefallen, Benkendroff,« sagte der kleine Mann mit leuchtenden +Augen.</p> + +<p>»Es ist eine merkwürdige, mir aber höchst interessante +Thatsache,« rief da Herr Schollfeld, sich die Hände reibend, +»daß <span class="wide">die</span> Menschen, die einmal in Amerika <span class="wide">gewesen,</span> und +glücklich wieder, ein sehr seltener Fall, zurückgekommen sind, +sich am wohlsten fühlen. Und trotzdem, trotz allen schlagenden +Beweisen, will sich dieses unglückselige Menschenkind, dieser +frühere Kürschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern +ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen +Menschen von achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach +diesem gottvergessenen Lande der Freiheit ziehn, und <span class="wide">das</span> +nennt er <span class="wide">sich zu Ruhe setzen.</span> Es wäre mehr Verstand +darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger würde.«</p> + +<p>»Aber bester Herr Schollfeld,« sagte Hopfgarten, »Sie +wissen ja, daß er um seine jetzige Braut erst <span class="wide">dort</span> angehalten +hat, und von Fräulein Lobenstein doch nicht verlangen kann +herüber <span class="wide">zu ihm</span> zu kommen; er muß sie doch wenigstens <span class="wide">abholen.</span>«</p> + +<p>»Ich will auch noch gar nicht verschwören, daß ich drüben +<span class="wide">bleibe,</span>« sagte Kellmann ruhig, »mir aber jedenfalls die +Verhältnisse dort ordentlich ansehn. Meines künftigen Schwagers, +Georg Donners, Beschreibung des dortigen Landes lautet +keineswegs entmuthigend; von anderer Seite habe ich +ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben +gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von +dem Rath meiner guten Freunde unterstützt, eine ruhige, <span class="wide">glückliche</span> +Stellung gründen, warum nicht? — Freund Schollfeld +müssen Sie aber viel zu gut halten, mein lieber Herr von +Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner hier schon bekannt.«</p> + +<p>»Und hab' ich nicht recht?« rief dieser hitzig, »hatt' ich +nicht recht auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem +Weigel, der Betrügereien halber landesflüchtig werden +mußte.«</p> + +<p>»Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab +gelten,« sagte Kellmann.</p> + +<p>»Lassen Sie das gut sein,« nahm Benkendroff hier des +Apothekers Parthie, »Herr Schollfeld hat sehr gediegene und +vernünftige Ansichten über Amerika, und Sie werden mir zugeben, +daß <span class="wide">ich</span> ebenfalls im Stande bin ein Urtheil darüber zu +fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus eigener, persönlicher +Anschauung.«</p> + +<p>Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmüthig +lächelnden Blick, und sagte, sich an diesen wendend:</p> + +<p>»Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenstein, wenn +Sie dieselbe schon so lange geliebt haben, von hier fortziehen +ließen, ohne ihr Ihr Herz zu öffnen?«</p> + +<p>»Weil es ein wahnsinnig, unnatürlich verschämter Kürschnermeister +war,« rief Schollfeld, die Antwort für seinen +Freund aufnehmend, »wie Lobensteins hier fort waren, +ging er herum wie ein begossener Pudel, sprach mit Niemandem, +trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er +Äpfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menschen Rede +stehn, beinah zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, +und da gestand er mir, daß er — sehn Sie sich den Menschen +einmal an — <span class="wide">keine Courage hätte</span> den Schritt zu wagen, +obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei ihm nicht ganz +abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn +dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn +es ist ja langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhänger +umgehn zu müssen. Er ließ sich auch endlich überzeugen, +und ist mir nachher, wie er den Zusagebrief erhielt, um den +Hals gefallen, und hat mich »sein liebes Schollfeldchen« +genannt — und so ein Mensch will nach Amerika.«</p> + +<p>Die Männer lachten über Schollfelds komischen Eifer und +Hopfgarten sagte, noch immer lächelnd. »Sie reden gerade als +ob Amerika ein <span class="wide">Unglück</span> wäre.«</p> + +<p>»Ist es auch,« rief Schollfeld hitzig, »ist es auch, und +der arme Teufel, der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener +Kerl, wußte wohl, was er that. <span class="wide">Der</span> hätte auch nach +Amerika gehn können, aber was ich ihm darüber die ganze +Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen; er sprang lieber +in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten Schritt +that. Ist mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm +etwas Besseres gewünscht — das verfluchte Spiel.«</p> + +<p>»Seine Frau ist noch in Heilingen?« sagte Hopfgarten.</p> + +<p>»Ja,« sagte Schollfeld mürrisch, »will aber wirklich dieses +Frühjahr mit ihrem Bruder auswandern. Das ist auch +so ein Lump, hat zweimal Bankerott gemacht, und nun natürlich +nichts Gescheuteres zu thun, als daß er nach Amerika +geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige +und rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich +und ihren Familien schuldig wären.«</p> + +<p>»Apropos, lieber Kellmann,« sagte Hopfgarten da plötzlich +an diesen gewandt, »erinnern Sie mich doch daran; ehe +Sie fortgehn, möchte ich Ihnen noch ein paar Zeilen an einen +sehr lieben Freund von mir, einen Herrn <span class="wide">Fortmann</span> in +New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen +sein.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen — Sie +haben ja wohl heute Briefe von dort bekommen?«</p> + +<p>»Ja — eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; +Sie wissen doch, daß der arme, unglückliche Loßenwerder +eine Schwester hatte?«</p> + +<p>»Lieber Gott,« sagte Kellmann, hinauf auf die Straße +deutend, »an <span class="wide">dieser</span> Stelle trafen wir das arme Kind, +Ledermann und ich, an jenem Abend, wo sie hier allein und zu +Fuß in die Stadt kam, und noch keine Ahnung von der furchtbaren +Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht ihr gut jetzt, +wie Sie uns schon früher sagten.«</p> + +<p>»Besser jetzt wenigstens wieder — Fortmann schreibt mir +eben, daß außer der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung +Schreck und Aufregung sie so ergriffen hätten, sie lange +Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann hat auch deshalb +besonders sein Geschäft aufgegeben, und sich weiter den Strom +hinauf in ein gesünderes Klima gezogen. Der Nachlaß seines +Vaters ergab übrigens, wie es scheint, ganz unerwarteter +Weise, ein gar nicht geahntes, höchst bedeutendes Vermögen, +das der alte Geizhals von dem Schweiß und Blut armer +Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und Papieren, +Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen +Sachen gar nicht gerechnet, fanden sich weit über hunderttausend +Dollar. Der junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener +Kerl, der gern wieder, wenigstens einen Theil dessen +gut machen möchte, was sein Vater schlecht gemacht, und Fortmann +schreibt mir eben, daß er, besonders von seiner Frau +dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hälfte des +ganzen Vermögens zur Verfügung gestellt habe, wenn sie das +andere Geld zuschießen und ein großes Auswanderungshaus, +das unter städtischer Aufsicht steht, gründen wolle, wo der +Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme hülfsbedürftige +Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt zu +decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn +es zu Stande käme, wäre es ein Segen für Tausende, und +New-Orleans, als Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine +schon längst schwer auf ihm gelegene Pflicht der Hafenstädte, +Tausende von Unglücklichen, die nach Amerika kamen, dem +Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und Untergang, +wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe +seinen Segen dazu.«</p> + +<p>»Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,« sagte Kellmann, +langsam mit dem Kopf dazu schüttelnd; »das arme +Kind, das wenige Jahre früher, ohne einen Groschen, seine +Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße wanderte, +verfügt jetzt über Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu +lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben +kennt.«</p> + +<p>»Da kommen die Damen,« sagte von Benkendroff, der +sich für die Leute nicht im mindesten interessirte, und indessen +langsam seinen Kaffee getrunken und seine Cigarre geraucht +hatte, »Schwiegermama scheint aufbrechen zu wollen, die Anordnungen +zum Ball zu revidiren. Dort rasseln auch schon die +Wagen heran,« rief er seine Cigarre wegwerfend, »also meine +Herren, auf Wiedersehn heute Abend.«</p> + +<p>Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörnerschmettern +des Postillions, um die Gartenwand gefahren und +die erste hielt vor dem Thor, in die Hopfgarten wieder, als +Ehrenpaar den Zug anzuführen, seine junge, lächelnde Frau +hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm. Langsam +fuhr dann der Postillion voraus, bis sämmtliche Gäste ihre +Sitze eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei +der sämmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls für +den Abend hier draußen ein Fest bereitet worden, rasch die +Straße nach Heilingen hinabrollte.</p> + +<p>Der Wirth hatte seine »innigsten Glückwünsche« sämmtlich +angebracht, und seine tiefen und freundlichen Bücklinge +noch gemacht, bis der letzte Wagen schon lange sein Grundstück +passirt war, drehte sich dann mit demselben freundlichen Gesicht +um, gab einem der in die Lehre genommenen jungen Kellner, +der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige, +und schickte den darüber auf's Äußerste Erstaunten an seine +Arbeit, und lief selber in das Haus zurück, das Wegräumen +der nicht getrunkenen Weine zu überwachen.</p> + +<p>Nur der Oberkellner blieb, sich vergnügt die Hände reibend, +und mit schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem +Antlitz noch einen Augenblick in der Thüre stehn, +bis auch die letzte Staubwolke auf der Straße verschwunden +war, und wandte sich eben, seinem Principal zu folgen, als +der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in der +dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte, +den Garten zu verlassen.</p> + +<p>»Nun, Alter, hat's geschmeckt?« sagte der Oberkellner +mit einem huldvollen Lächeln ihm zunickend — »seid Ihr +satt geworden?«</p> + +<p>»Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!« seufzte der Mann +und strich sich mit der Hand über das Gesicht — »aber eine +Frage hätt' ich noch, die Sie mir wohl beantworten können. +Jener Herr von Hopfgarten —«</p> + +<p>»Ja?« frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, +und sich wieder aus Leibeskräften die Hände reibend — »der +eben fortfuhr?«</p> + +<p>»Ja, derselbe — war der Herr auch schon einmal in +Amerika?«</p> + +<p>»Der? — nun ja, gewiß; auf der Hinreise hat er ja seine +jetzige Frau, die frühere Madame Henkel kennen lernen.«</p> + +<p>»Hm — ja <span class="wide">Henkel,</span>« wiederholte der Mann leise vor +sich hin.</p> + +<p>»Dort hat er auch,« fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf +folgend, der ihn besonders interessiren mochte, fort — »den +früheren Wirth hier vom rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, +der in Milwaukie ebenfalls einen rothen Drachen errichtet +hat. Bei Tisch erzählte er uns die Geschichte — hahahahaha — es +war zu komisch. Na adieu Alter — glücklichen Marsch,« +und den Mann in der Thüre stehn lassend, ging er vor allen +Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch +weder Messer noch Gabel mitgenommen und schoß dann, wieder +wie vorher die Hände reibend, als ob er sie in Feuer bringen +wollte, nach dem Speisesaal hinüber.</p> + +<p>Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.</p> + +<p>»'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!« flüsterte er leise +und tief aufseufzend vor sich hin, und hinkte, während ihm +eine große Thräne über die eine offene Backe hinunter und in +das Tuch lief, dem nicht mehr fernen Heilingen zu.</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<p> </p> + +<h3>FUSSNOTEN — FOOTNOTES</h3> + +<p class="noindent"><a name="fn_1" id="fn_1"></a><a href="#fn_1r">1</a>: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher +Schulden gepfändet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das Gesetz +an Eigenthum gestattet und für seine Existenz für nöthig hält. Seine +Wohnung, sein Bett, seine Büchse, sein Ackergeräth, sein Pferd und zwei +Kühe dürfen nicht angerührt werden, und so gerecht und wohlthätig das +Gesetz auch sein mag, läßt sich denken daß es manchmal gemißbraucht +wird, indem der Farmer sein »überzähliges Vieh« nur auf kurze Zeit zu +verleugnen und einem andern Nachbar zuzusprechen braucht.</p> + +<p class="noindent"><a name="fn_2" id="fn_2"></a><a href="#fn_2r">2</a>: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte, +eine geborene Irländerin und sonst ganz vernünftige, brave Matrone, die +ebenfalls dieser Sekte angehörte, ohne jedoch selber jemals vom »Geiste +befallen zu werden,« ob sie denn wirklich glaube, daß die in solchen Zustand +verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne ihren freien Willen, +ohne jede Absicht thäten, und also wirklich begeistert würden? — worauf +sie mir antwortete: »Ja! — ich habe auch früher geglaubt, die Menschen +verstellten sich, wenn ich mir auch den Schaum auf den Lippen nicht erklären +konnte; ich dachte aber doch, der <span class="wide">Wille</span> des Menschen vermöchte +auch dieß zu bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten +erfaßte und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die +ich für Heuchelei hielt, zurück. Da kam ich eines Abends auch aus einer +solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig mit mir +selber; ich wußte nicht was ich thun, was lassen sollte, und bat den lieben +Gott noch unterwegs recht inbrünstig, er solle mir ein Zeichen geben. +Als ich mein Haus betrat hörte ich ein Flattern und mit den Flügeln +Schlagen; ich hatte ein paar kleine zierlich gefleckte Hennen, die oft zu +mir ins Haus (das Zimmer ist in Arkansas gewöhnlich gleich das ganze +Haus) kamen, und die Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um, +und fand das eine von den beiden Hühnern unter dem Bett, anscheinend +in Krämpfen, mit den Flügeln schlagend, mit den Beinen strampelnd, +die Augen verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten +gesehen hatte, und — es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz +— mit Schaum am Schnabel. <span class="wide">Da</span> war ich überzeugt; das Huhn — +ob sich die Menschen verstellten — das Huhn verstellte sich <span class="wide">nicht;</span> <span class="wide">das</span> +war Natur; der Zustand <span class="wide">war</span> also natürlich, er existirte, und von dem +Augenblick an beschloß ich zu dieser Sekte überzutreten.«</p> + +<p class="noindent"><a name="fn_3" id="fn_3"></a><a href="#fn_3r">3</a>: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden +Truthahn und Rebhuhn; es erreicht die Größe eines gewöhnlichen Haushuhns, +hat aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den +kurzen, niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist +nicht besonders, ziemlich dunkel und leicht zäh; nur die Brust ist gut, +doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen über die +ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter besonders +zu Völkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht gehen sie +aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und verlangen einen tüchtigen +Schuß und schweren Schroth, erlegt zu werden.</p> + +<p class="noindent"><a name="fn_4" id="fn_4"></a><a href="#fn_4r">4</a>: Zweites Frühstück</p> + +<p class="noindent"><a name="fn_5" id="fn_5"></a><a href="#fn_5r">5</a>: Sie sind mein Gefangener.</p> + +<p class="noindent"><a name="fn_6" id="fn_6"></a><a href="#fn_6r">6</a>: Fertig für die Hölle!</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<table class="small" border="0" style="background-color: #E6E6FA; margin: 0 auto" cellpadding="7" summary="NOTES"> +<tr> +<td colspan="2"> +<div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE — ZUR KENNTNISNAHME</div> +</td> +</tr> +<tr> +<td valign="top"> +<p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Contemporary spellings have generally been retained even +when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been +corrected and some names regularised; missing punctuation has been silently added.<br /><br /> + +The following additional change has been made; it can be identified +in the body of the text by a grey dotted underline:</p></td> + +<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA"> +Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, +auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. +Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; +fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt.<br /><br /> + +Die folgende zusätzliche Änderung wurden vorgenommen +und ist im Text grau unterstrichelt:</p></td> +</tr> +<tr> + <td valign="top">das junge, ängstlich umherschauende, und ihrem Glück noch immer +nicht trauende Mädchen</td> + <td valign="top">das junge, ängstlich umherschauende, und <i>seinem</i> Glück noch immer +nicht trauende Mädchen </td> +</tr> +</table> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***</p> +<p>******* This file should be named 30289-h.txt or 30289-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/2/8/30289">http://www.gutenberg.org/3/0/2/8/30289</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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